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-The Project Gutenberg EBook of Die Macht der Drei, by Hans Dominik
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Die Macht der Drei
- Ein Roman aus dem Jahre 1955
-
-Author: Hans Dominik
-
-Release Date: January 20, 2016 [EBook #50984]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MACHT DER DREI ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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- Anmerkungen zur Transkription
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-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-
-
-
- Hans Dominik
-
- Die Macht der Drei
-
-
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-
- Die
- Macht der Drei
-
- Ein Roman aus dem Jahre 1955
-
- von
-
- Hans Dominik
-
- [Illustration]
-
- Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H.,
-
- Leipzig
-
-
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-
- Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten.
- Copyright 1922 by Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G.m.b.H.,
- Leipzig.
-
-
- Druck von Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H., Leipzig
-
-
-
-
-»Das Mysterium von Sing-Sing! Spezialtelegramm: Sing-Sing, 16. Juni,
-6 Uhr morgens. Dreimal auf dem elektrischen Stuhl! Dreimal versagte
-der Strom! Beim dritten Mal zerbrach die Maschine. Der Delinquent
-unversehrt.«
-
-Gellend schrien die Neuyorker Zeitungsboys die einzelnen Stichworte
-der Sensationsnachricht den Tausenden und aber Tausenden von Menschen
-in die Ohren, die in der achten Morgenstunde des Junitages von den
-überfüllten Fährbooten ans Land geworfen wurden und den Schächten der
-Untergrundbahnen entquollen, um an ihre Arbeitsstätten zu eilen. Fast
-jeder aus der tausendköpfigen Menge griff in die Tasche, um für ein
-Fünfcentstück eines der druckfeuchten Blätter zu erstehen und auf der
-Straße oder im Lift die außergewöhnliche Nachricht zu überfliegen.
-
-Nur die wenigsten in der großstädtischen Menge hatten eine Ahnung
-davon, daß an diesem Tage weit draußen im Zuchthaus des Staates
-Neuyork eine Elektrokution auf die sechste Morgenstunde angesetzt war.
-Solche Einrichtungen interessierten das Neuyorker Publikum nur, wenn
-berühmte Anwälte monatelang um das Leben des Verurteilten gekämpft
-hatten oder wenn bei der Hinrichtung etwas schief ging. Es geschah wohl
-gelegentlich, daß ein Delinquent lange Viertelstunden hindurch mit dem
-Strom bearbeitet werden mußte, bis er endlich für das Seziermesser der
-Ärzte reif war. Und auch unter dem Messer war dann noch bisweilen der
-eine oder der andere wieder schwer röchelnd erwacht.
-
-Aber die Yankees hatten niemals allzuviel Aufhebens von solchen
-Vorkommnissen gemacht. Schon damals nicht, als das Land noch von
-Präsidenten geleitet wurde, die man alle vier Jahre neu erwählte. Viel
-weniger jetzt, wo es unter der eisernen Faust des Präsident-Diktators
-Cyrus Stonard stand. Unter der Faust jenes Cyrus Stonard, der
-nach dem ersten verlorenen Kriege gegen Japan den Aufstand des
-bolschewistisch gesinnten Ostens gegen den bürgerlichen Westen mit
-eiserner Strenge niedergeschlagen und dann den zweiten Krieg gegen
-Japan siegreich durchgeführt hatte. Die unbeschränkten Vollmachten
-des Präsident-Diktators nötigten auch die amerikanischen Zeitungen zu
-einiger Zurückhaltung in allen die Regierung und Regierungsmaßnahmen
-betreffenden Notizen.
-
-Etwas Besonderes mußte passiert sein, wenn die sämtlichen Neuyorker
-Zeitungen diesem Ergebnis übereinstimmend ihre erste Seite widmeten und
-mit der Ausgabe von Extrablättern fortfuhren. -- Noch ehe die letzten
-Exemplare der eben erschienenen Ausgabe ihre Käufer gefunden hatten,
-stürmte eine neue Schar von Zeitungsboys mit der nächsten Ausgabe der
-Morgenblätter den Broadway entlang.
-
-»Das Rätsel von Sing-Sing! Sing-Sing, 6 Uhr 25 Minuten. Elektrische
-Station von Sing-Sing zerstört. Der Verurteilte heißt Logg Sar.
-Herkunft unbekannt. Kein amerikanischer Bürger! Zum Tode verurteilt
-wegen versuchter Sprengung einer Schleuse am Panamakanal!«
-
-»Sing-Sing, 6 Uhr 42 Minuten. Der Verurteilte entflohen! Die Riemen,
-mit denen er an den Stuhl gefesselt war, zerschnitten!«
-
-»Sing-Sing, 6 Uhr 50 Minuten. Ein Zeuge als Komplice! Allem Anschein
-nach ist der Delinquent mit Hilfe eines der zwölf Zeugen der
-Elektrokution entflohen.«
-
-»Sing-Sing, 7 Uhr. Letzte Nachrichten aus Sing-Sing. Im Auto
-entflohen!! Ein unglaubliches Stück! Durch Augenzeugen festgestellt,
-daß der Delinquent, kenntlich durch seinen Hinrichtungsanzug,
-in Begleitung des Zeugen Williams in ein vor dem Tor stehendes
-Auto gestiegen. Fuhren in rasender Fahrt davon. Jede Spur fehlt.
-Gefängnisverwaltung und Polizei ratlos.«
-
-Mit kurzem scharfen Ruck blieb ein Auto stehen, das in den Broadway
-an der Straßenecke einbog, wo das Flat-Iron Building seinen grotesken
-Bau in den Äther reckt. Der Insasse des Wagens riß einem der Boys das
-zweite Extrablatt aus der Hand und durchflog es, während das Auto in
-der Richtung nach der Polizeizentrale weiterrollte. Ein nervöses Zucken
-lief über die Züge des Lesenden. Es war ein Mann von unbestimmtem
-Alter. Eine jener menschlichen Zeitlosen, bei denen man nicht sagen
-kann, ob sie vierzig oder sechzig Jahre alt sind.
-
-Vor dem Gebäude der Polizeizentrale hielt der Wagen. Noch ehe er
-völlig stand, sprang der Insasse heraus und eilte über den Bürgersteig
-der Eingangspforte zu. Seine Kleidung war offensichtlich in einem
-erstklassigen Atelier gefertigt. Doch hatten alle Künste des
-Schneiders nicht vermocht, Unzulänglichkeiten der Natur vollständig zu
-korrigieren. Ein scharfer Beobachter mußte bemerken, daß die rechte
-Schulter ein wenig zu hoch, die linke Hüfte etwas nach innen gedrückt
-war, daß das linke Bein beim Gehen leicht schleifte.
-
-Er trat durch die Pforte. Hastig kreuzte er die verzweigten Korridore,
-bis ihm an einer doppelten Tür ein Policeman in den Weg trat. Der
-typische sechsfüßige Irländer mit Gummiknüppel und Filzhelm.
-
-»Hallo, Sir! Wohin?«
-
-Ein unwilliges Murren war die Antwort des eilig Weiterschreitenden.
-
-»Stop, Sir!«
-
-Breit und massig schob der irische Riese sich ihm in den Weg und hob
-den Gummiknüppel in nicht mißzuverstehender Weise.
-
-Heftig riß der Besucher eine Karte aus seiner Tasche und übergab sie
-dem Beamten.
-
-»Zum Chef, sofort!«
-
-Mehr noch als das herrisch gesprochene Wort veranlaßte der funkelnde
-Blick den Policeman, mit großer Höflichkeit die Tür zu öffnen und den
-Fremden in ein saalartiges Anmeldezimmer zu geleiten.
-
-»Edward F. Glossin, ~medicinae doctor~« stand auf dem Kärtchen, das der
-Diener dem Polizeipräsidenten MacMorland auf den Schreibtisch legte.
-Der Träger des Namens mußte ein Mann von Bedeutung sein. Kaum hatte der
-Präsident einen Blick auf die Karte geworfen, als er sich erhob, aus
-der Tür eilte und den Angemeldeten in sein Privatkabinett geleitete.
-
-»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Doktor?«
-
-»Haben Sie Bericht aus Sing-Sing?«
-
-»Nur, was die Zeitungen melden.«
-
-»Bieten Sie alles auf, um der Entflohenen habhaft zu werden. Wenn die
-Polizeiflieger nicht ausreichen, requirieren Sie Armeeflieger! Ihre
-Vollmacht langt doch für die Requisition?«
-
-»Jawohl, Herr Doktor.«
-
-»Die Flüchtigen müssen vor Einbruch der Dunkelheit gefaßt sein. Das
-Staatsinteresse erfordert es. Sie haften dafür.«
-
-»Ich tue, was ich kann.« Der Polizeichef war durch den ungewöhnlich
-barschen Ton des Besuchers verletzt, und dies Gefühl klang aus seiner
-Antwort heraus.
-
-Dr. Glossin runzelte die Stirn. Antworten, die nach Widerspruch und
-Verklausulierungen klangen, waren nicht nach seinem Geschmack.
-
-»Hoffentlich entspricht Ihr Können unseren Erwartungen. Sonst ... müßte
-man sich nach einem Mann umsehen, der noch mehr kann. Lassen Sie nach
-Sing-Sing telephonieren! Professor Curtis soll hierherkommen. Ihnen in
-meiner Gegenwart Bericht über die Vorgänge erstatten.«
-
-Der Präsident ergriff den Apparat und ließ die Verbindung herstellen.
-
-»Wann kann Curtis hier sein?«
-
-»In fünfzehn Minuten.«
-
-Dr. Glossin strich sich über die hohe Stirn und durch das volle, kaum
-von einem grauen Faden durchzogene dunkle Haupthaar, das glatt nach
-hinten gestrichen war.
-
-»Ich möchte bis dahin allein bleiben. Könnte ich ...«
-
-»Sehr wohl, Herr Doktor. Wenn ich bitten darf ...« Der Präsident
-öffnete die Tür zu einem kleinen Kabinett und ließ Dr. Glossin
-eintreten.
-
-»Danke, Herr Präsident ... Daß ich es nicht vergesse! 200000 Dollar
-Belohnung dem, der die Flüchtlinge zurückbringt. Lebendig oder tot!«
-
-»200000 ...?« MacMorland trat erstaunt einen Schritt zurück.
-
-»200000, Herr Präsident! Genau, wie ich sagte. Anschläge mit der
-Belohnung in allen Städten!«
-
-Der Präsident zog sich zurück. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, als
-plötzlich alle Straffheit aus den Zügen Dr. Glossins wich und einem
-erregten, sorgenden Ausdruck Platz machte. Mit einem leichten Stöhnen
-ließ er sich in einen Sessel fallen und bedeckte mit der Rechten die
-Augen, während die Linke nervös über das narbige Leder der Lehne glitt.
-Wie unter einem inneren Zwange kamen abgerissene Worte, halb geflüstert
-und stoßweise, von seinen Lippen.
-
-»Stehen die Toten wieder auf? ... Bursfelds Sohn! Kein Zweifel daran
-... Wer rettete ihn? ... Wer war dieser Williams? Der Vater selbst?
-... Nur der besäße die Macht, ihn zu retten ... Er war es sicher nicht
-... Die Riegel des Towers sind fester als die von Sing-Sing ... Wer
-wüßte noch um die geheimnisvolle Macht? ... Ah, Jane! ... Sie könnte
-es offenbaren. Der Versuch muß gemacht werden ... Unmöglich, jetzt
-noch nach Trenton zu fahren ... Ich muß bis zum Abend warten ... Ein
-unerträglicher Gedanke. Acht Stunden in Ungewißheit ...«
-
-Der Sprecher fuhr empor und warf einen Blick auf sein Chronometer.
-
-»Ruhe, Ruhe! Noch zehn Minuten für mich.«
-
-Einem kleinen Glasröhrchen entnahm er sorgfältig abgezählt zwei winzige
-weiße Pillen und verschluckte sie. Beinahe momentan wich die nervöse
-Spannung aus seinen gequälten Zügen und machte einer friedlichen
-Ruhe Platz. Seine Gedanken wanderten rückwärts. Bilder aus einer ein
-Menschenalter zurückliegenden Vergangenheit zogen plastisch an seinem
-Geiste vorüber ... Die großen Bahnbauten damals in Mesopotamien im
-ersten Jahrzehnt nach dem Weltkriege. Ein kleines Landhaus am Ausläufer
-der Berge ... Eine blonde Frau in weißem Kleide mit einem spielenden
-Knaben im Arm ... Wie lange, wie unendlich lange war das her, daß
-er Gerhard Bursfeld, den ehemaligen deutschen Ingenieuroffizier,
-aus seinem kurdischen Zufluchtsort hervorgelockt und für die
-mesopotamischen Bahn- und Bewässerungsbauten gewonnen hatte. Damals,
-als Hände und Köpfe im Zweistromlande knapp waren.
-
-Gerhard Bursfeld war dem Rufe zu solcher Arbeit gern gefolgt. Mit ihm
-kamen sein junger Knabe und sein blondes Weib Rokaja Bursfeld, die
-schöne Tochter eines kurdischen Häuptlings und einer zirkassischen
-Mutter.
-
-Ein glückliches Leben begann. Bis Gerhard Bursfeld die große
-gefährliche Erfindung machte. Bis Edward Glossin, in Liebe zu der
-blonden Frau entbrannt, den Freund und seine Erfindung an die englische
-Regierung verriet ... Gerhard Bursfeld verschwand hinter den Mauern
-des Towers. Sein Weib entfloh mit dem dreijährigen Knaben. In die
-Berge nach Nordosten. Ihre Spur war verloren. Und Edward Glossin war
-der betrogene Betrüger. Mit ein paar tausend Pfund speiste ihn die
-englische Regierung für ein Geheimnis ab, dessen Wert ihm unermeßlich
-schien ...
-
-Die Züge des Träumers nahmen wieder die frühere Spannung an. Der Klang
-einer elektrischen Glocke ertönte. Der Doktor erhob sich und ging
-straff aufgerichtet in das Kabinett des Polizeichefs.
-
-Kurz begrüßte er den Ankömmling Professor Curtis aus Sing-Sing und
-fragte: »Wie ist es möglich gewesen, daß die Apparatur versagte?«
-
-Stockend und nervös gab der Professor seinen Bericht.
-
-»Uns allen ganz unbegreiflich! Auf 5 Uhr 30 Minuten war die
-Elektrokution des Raubmörders Woodburne angesetzt. Sie ging glatt
-vonstatten. Um 5 Uhr 40 Minuten lag der Delinquent bereits auf dem
-Seziertisch. Die Maschine wurde stillgesetzt und um 5 Uhr 55 Minuten
-wieder angelassen. Punkt 6 Uhr brachte man den zweiten Delinquenten
-und schnallte ihn auf den Stuhl. Er trug den vorschriftsmäßigen
-Hinrichtungsanzug mit dem Schlitz im rechten Beinkleid. Die Elektrode
-wurde ihm um den Oberschenkel gelegt. Zwei Minuten nach sechs senkte
-sich die Kupferhaube auf seinen Kopf. Im Hinrichtungsraum stand
-der Gefängnisinspektor mit den zwölf vom Gesetz vorgeschriebenen
-Zeugen. Der Elektriker des Gefängnisses hatte seinen Platz an der
-Schalttafel, den Augen des Delinquenten verborgen. 6 Uhr 3 Minuten
-schlug er auf einen Wink des Scherifs den Schalthebel ein ... Ich
-will gleich bemerken, daß dies die letzte authentische Zeitangabe aus
-Sing-Sing ist. Um 6 Uhr 3 Minuten sind alle Uhren in der Anstalt mit
-magnetisierten Eisenteilen stehengeblieben. Die weiteren Zeitangaben in
-den Zeitungen stammen vom Neuyorker Telegraphenamt ...«
-
-Dr. Glossin wippte nervös mit einem Fuß. Der Professor fuhr fort.
-
-»In dem Augenblick, in dem der Elektriker den Strom auf den
-Delinquenten schaltete, blieb die Dynamomaschine, wie von einer
-Riesenfaust gepackt, plötzlich stehen. Sie stand und hielt ebenso
-momentan auch die mit ihr gekuppelte Dampfturbine fest. Mit ungeheurer
-Gewalt strömte der Frischdampf aus dem Kessel gegen die stillstehenden
-Turbinenschaufeln. Es war höchste Zeit, daß der Maschinenwärter
-zusprang und den Dampf abstellte.
-
-Während alledem saß der Delinquent ruhig auf dem Stuhl und zeigte keine
-Spur einer Stromwirkung. Erst später ist mir das eigenartige Verhalten
-des Verurteilten wieder in die Erinnerung gekommen. Er schien mit dem
-Leben abgeschlossen zu haben. Aber sobald er in den Hinrichtungsraum
-geführt wurde, kehrte eine leise Röte in seine bis dahin todblassen
-Züge zurück. Als die Maschine das erstemal versagte, glaubte ich die
-Spur eines befriedigten Lächelns auf seinen Zügen zu bemerken. Gerade
-so, als ob er diesen für uns alle so überraschenden Zwischenfall
-erwartet habe.
-
-Als die Maschine zum zweitenmal angelassen wurde, verstärkte sich diese
-rätselhafte Heiterkeit. Er verfolgte unsere Arbeiten, als ob es sich
-für ihn nur um ein wissenschaftliches Experiment handle.
-
-Beim dritten Mal kam das Unglück. Die Maschinisten hatten die
-Turbine auf höchste Tourenzahl gebracht. Sie lief mit dreitausend
-Umdrehungen, und die elektrische Spannung stand fünfzig Prozent über
-der vorgeschriebenen Höhe. Es gab einen Ruck. Die Achse zwischen Dynamo
-und Turbine zerbrach. Die Turbine, plötzlich ohne Last, ging durch.
-Ihre Schaufelräder zerrissen unter der ins Ungeheuere gesteigerten
-Zentrifugalkraft. Der Kesselfrischdampf quirlte und jagte die Trümmer
-unter greulichem Schleifen und Kreischen durch die Abdampfleitung in
-den Kondensator. Als der Dampf abgestellt war, fühlten wir alle, daß
-wir haarscharf am Tode vorbeigegangen waren ...«
-
-Der Polizeichef flüsterte ein paar Worte mit dem Doktor. Dann fragte
-er den Professor. »Haben Sie eine wissenschaftliche Erklärung für die
-Vorgänge?«
-
-»Nein, Herr! Jede Erklärung, die sich beweisen ließe, fehlt. Höchstens
-eine Vermutung. Die Magnetisierung sämtlicher Uhren deutet darauf hin,
-daß in den kritischen Minuten ein elektromagnetischer Wirbelsturm
-von unerhörter Heftigkeit durch die Räume von Sing-Sing gegangen
-ist. Es müssen extrem starke elektromagnetische Felder im freien
-Raum aufgetreten sein. Sonst wäre es nicht zu erklären, daß sogar
-die einzelnen Windungen der großen Stahlfeder in der Zentraluhr
-vollständig magnetisch zusammengebacken sind. Ein fürchterliches
-elektromagnetisches Gewitter muß wohl stattgefunden haben. Aber damit
-wissen wir wenig mehr.«
-
-Eine Handbewegung des Doktors unterbrach die wissenschaftlichen
-Erörterungen des Professors.
-
-»Wie war die Flucht möglich?«
-
-Der Bericht darüber war lückenhaft. »Als die Turbine im Nebenraum
-explodierte, suchten alle Anwesenden instinktiv Deckung. Ein Teil
-warf sich zu Boden. Ein Teil flüchtete hinter die Schalttafel. Etwa
-zwei Minuten dauerte das nervenzerreißende Heulen und Quirlen der
-Trümmerstücke in der Dampfleitung. Als endlich der Dampf abgestellt
-und Ruhe eingetreten war, merkte man, daß der Delinquent verschwunden
-war. Die starken Ochsenlederriemen, die ihn hielten, waren nicht
-aufgeschnallt, sondern mit einem scharfen Messer durchschnitten. Die
-Flucht mußte in höchster Eile in wenigen Sekunden ausgeführt worden
-sein. Erst zehn Minuten später wurde es bemerkt, daß auch einer der
-Zeugen fehlte.«
-
-Das war alles, was Professor Curtis berichten konnte.
-
-Dr. Glossin zog die Uhr.
-
-»Ich muß leider weiter! Leben Sie wohl, Herr Professor.« Er trat, von
-dem Polizeichef begleitet, auf den Gang.
-
-»Wenden Sie alle Maßregeln an, die Ihnen zweckmäßig erscheinen.
-In spätestens drei Stunden erwarte ich Meldung, wie es möglich
-war, daß ein falscher Zeuge der Elektrokution beiwohnte. Geben Sie
-telephonischen Bericht! Wellenlänge der Regierungsflugzeuge! Ich gehe
-nach Washington.«
-
-Ein Läuten des Telephons im Zimmer des Präsidenten rief diesen hinweg.
-Unwillkürlich trat Dr. Glossin mit ihm in den Raum zurück.
-
-»Vielleicht eine gute Nachricht?«
-
-Der Präsident ergriff den Hörer. Erstaunen und Spannung malten sich auf
-seinem Gesicht. Auch Dr. Glossin trat näher. »Was ist?«
-
-»Ein Armeeflugzeug verschwunden. R. F. c. 1 vom Ankerplatz entführt.«
-
-»Weiter, weiter!«
-
-Der Doktor stampfte auf den Boden.
-
-»Wer war es?«
-
-Er drang auf den Präsidenten ein, als wollte er ihm den Hörer aus der
-Hand reißen. MacMorland hatte seine Ruhe wiedergefunden. Kurz und knapp
-klangen seine Befehle in den Trichter.
-
-»Der Staatssekretär des Krieges ist benachrichtigt? ... Gut! So wird
-von dort aus die Verfolgung geleitet werden. Wie sehen die Täter aus?
-... Hat man irgendwelche Vermutungen? ... Wie? Was? ... Englische
-Agenten? Sind das leere Redensarten, oder hat man Anhaltspunkte? ...
-Was sagen Sie? Allgemeine Meinung ... Redensarten! Die Herren Chopper
-und Watkins werden gleich herauskommen und die Nachforschungen leiten.
-Ihren Anordnungen ist Folge zu leisten!«
-
-Der Präsident eilte zum Schreibtisch, warf ein paar Zeilen aufs Papier
-und übergab sie seinem Sekretär. Dann wandte er sich seinen Besuchern
-zu.
-
-»Ein ereignisreicher Morgen! Innerhalb weniger Stunden zwei Vorfälle,
-wie sie mir in meiner langen Dienstzeit noch nicht vorgekommen sind ...
-Die Meinung, daß die Engländer dahinterstecken, scheint mir nicht ganz
-unbegründet zu sein. R. F. c. 1 ist der neueste Typ der Rapid-Flyers.
-Erst vor wenigen Wochen ist es geglückt, durch eine besondere
-Verbesserung die Geschwindigkeit auf tausend Kilometer in der Stunde
-zu bringen. R. F. c. heißt die verbesserte Type. c. 1 ist das erste
-Exemplar der Type. Ich hörte, daß es erst vor drei Tagen in Dienst
-gestellt wurde. Die nächsten Exemplare brauchen noch Tage, um für die
-Probefahrt fertig zu werden. Der Gedanke, daß die englische Regierung
-sich das erste Exemplar angeeignet hat, liegt natürlich sehr nahe ...
-Es sei denn ...«
-
-»Was meinen Sie, Herr Präsident?«
-
-Die Stimme Glossins verriet seine Erregung.
-
-»Es sei denn, daß ...« MacMorland sprach langsam wie tastend ... »daß
-ein Zusammenhang zwischen der Entführung des Kreuzers und der Flucht
-jenes Logg Sar bestände. Was meinen Sie, Herr Professor?«
-
-»Ich bin versucht, das letztere für das Richtige zu halten. Es ist ganz
-ausgeschlossen, mit gewöhnlichen Mitteln ein Luftschiff wie R. F. c. 1
-von dem streng bewachten Flugplatz am hellichten Tage zu entführen.«
-
-»Was ist Ihre Meinung, Herr Doktor?«
-
-»Ich ... ich übersehe die ganze Sachlage zu wenig. Trotzdem, Herr
-Präsident, werden Sie guttun, sich umgehend mit dem Kriegsamt in
-Verbindung zu setzen und Ihre Maßnahmen für beide Fälle im Einvernehmen
-und engsten Zusammenwirken mit diesem zu treffen. Guten Morgen, meine
-Herren.«
-
- * * * * *
-
-MacMorland und Professor Curtis waren allein im Saale des
-Polizeipräsidiums zurückgeblieben.
-
-»Ein lebhafter Tag heute!«
-
-MacMorland sprach die Worte mit einer gewissen Erleichterung. Der
-Vorfall mit dem Flugzeug mußte die Sorge der Regierung auf einen
-anderen Punkt lenken.
-
-Professor Curtis griff sich mit beiden Händen an den Kopf. »Der zweite
-Vorfall ist beinahe noch mysteriöser als der erste. Bedenken Sie!
-... Der neueste schnellste Kreuzer der Armee. Auf einem Flugplatz
-hinter dreifachen, mit Hochspannung geladenen Drahtgittern. Schärfste
-Paßkontrolle. Fünfhundert Mann unserer Garde als Platzbewachung. Es
-geht mir über jedes Verstehen, wie das geschehen konnte.«
-
-Der Polizeichef war mit seinen Gedanken schon wieder bei dem Falle, der
-sein Ressort anging.
-
-»Warum war dieser Logg Sar zum Tode verurteilt? Wir von der Polizei
-wissen wieder einmal nichts. Sicherlich ein Urteil des Geheimen Rats.«
-
-Der Professor nickte.
-
-»In dem Einlieferungsschein für Sing-Sing stand: ›Zum Tode verurteilt
-wegen Hochverrats, begangen durch einen verbrecherischen Anschlag
-auf Schleusen am Panamakanal.‹ Die Unterschrift war, wie Sie richtig
-vermuteten, die des Geheimen Rats.«
-
-»Ich will gegen diese Institution nichts sagen. Sie hat sich in
-kritischen Zeiten bewährt, in denen das Staatsschiff zu scheitern
-drohte. Aber ... Menschen bleiben Menschen, und bisweilen scheint es
-mir ... ich möchte sagen ... das heißt, ich werde lieber nicht ...«
-
-Professor Curtis lachte.
-
-»Wir Leute von der Wissenschaft sind immun. Sagen Sie ruhig, daß dieser
-Logg Sar die Panamaschleusen wahrscheinlich niemals in seinem Leben
-gesehen hat, und daß der Geheime Rat ihn aus ganz anderen Gründen zum
-Teufel schickt.«
-
-MacMorland fuhr zusammen. Die Worte des Professors waren schon beinahe
-Hochverrat. Aber Curtis ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
-
-»Lassen wir den Delinquenten. Er ist doch längst über alle Berge. Aber
-brennend gern möchte ich etwas Genaueres über Doktor Glossin erfahren.
-Sie wissen, man munkelt allerlei ...«
-
-MacMorland überlegte einen Augenblick.
-
-»Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ich auf Ihre unbedingte
-Verschwiegenheit rechnen könnte, würde ich selbst das wenige, was
-ich weiß, für mich behalten. Um mit dem Namen anzufangen, so habe
-ich begründete Zweifel, ob es der seiner Eltern war. Seinen wahren
-Namen kennt außer ihm selbst vielleicht nur der Präsident-Diktator.
-Seinen Papieren nach ist er Amerikaner. Aber als ich zum erstenmal
-seine Bekanntschaft machte, glaubte ich bestimmt, starke Anklänge
-schottischen Akzents in seiner Sprache zu bemerken.«
-
-»Wann und wo war das?« fragte Curtis gespannt.
-
-»Die Gelegenheit war für Dr. Glossin nicht gerade ehrenvoll. Vor
-zwanzig Jahren. Während des ersten japanischen Krieges. Ich hatte
-einen Posten bei der politischen Polizei in San Franzisko. Kalifornien
-war von japanischen Spinnen überschwemmt. Die Burschen machten uns
-Tag und Nacht zu schaffen. Es war auch klar, daß ihre Unternehmungen
-von einer Stelle aus geleitet wurden. Einer meiner Beamten brachte
-mir den Doktor, den er unter höchst gravierenden Umständen verhaftet
-hatte. Aber es war ihm schlechterdings nichts zu beweisen. Hätten wir
-damals schon den Geheimen Rat gehabt, wäre die Sache wahrscheinlich
-anders verlaufen. So blieb nichts weiter übrig, als ihn laufen zu
-lassen. In der nach unserer Niederlage ausbrechenden Revolution soll
-er ... ich bemerke ›soll‹ ... ein Führer der Roten gewesen sein. Zu
-beweisen war auch hier nichts. Jedenfalls war er einer der ersten, die
-ihre Fahnen wechselten. Als Cyrus Stonard an der Spitze des in den
-Weststaaten gesammelten weißen Heeres die Revolution mit blutiger Hand
-niederschlug, war Dr. Glossin bereits in seiner Umgebung. Er muß dem
-Diktator damals wertvolle Dienste geleistet haben, denn sein Einfluß
-ist seitdem fast unbegrenzt.«
-
-MacMorland unterbrach seinen Bericht, um sich dem Ferndrucker
-zuzuwenden.
-
-»Hallo, da haben wir weitere Meldungen über R. F. c. 1. Versuchen Sie
-Ihren Scharfsinn, Herr Professor. Vielleicht können Sie das Rätsel
-lösen. Der Bericht lautet: ›R. F. c. 1 stand um sieben Uhr morgens
-zur Abfahrt bereit. Drei Monteure und ein Unteroffizier waren an
-Bord. Der Kommandant stand mit den Ingenieuren, die an der Fahrt
-teilnehmen sollten, dicht dabei. Zwei Minuten nach sieben erhob sich
-das Flugschiff ganz plötzlich. Seine Maschinen sprangen an. Es flog
-in geringer Höhe über einen neben dem Flugplatz liegenden Wald. Etwa
-fünf Kilometer weit. Man nahm auf dem Platz an, daß die Maschinen
-versehentlich angesprungen seien und die Monteure das Flugzeug hinter
-dem Wald wieder gelandet hätten. Ein Auto brachte den Kommandanten
-und die Ingenieure dorthin. Vom Flugzeug keine Spur. Die Monteure
-in schwerer Hypnose behaupten, es habe nie ein Flugzeug R. F. c. 1
-gegeben. Sie sind zurzeit in ärztlicher Behandlung.‹«
-
-MacMorland riß den Papierstreifen ab und legte ihn vor den Professor
-auf den Tisch.
-
-»Das ist das Tollste vom Tollen. Was sagen Sie dazu?«
-
-Der Polizeichef lief aufgeregt hin und her. Auch Professor Curtis
-konnte sich der Wirkung der neuen Nachricht nicht entziehen.
-
-»Sie haben recht, Herr Präsident. Es ist ein tolles Stück. Aber Gott
-sei Dank fällt es nicht in das Ressort von Sing-Sing und geht mich
-daher wenigstens beruflich nichts an. Es wird Sache der Armee sein, wie
-sie ihren Kreuzer wiederbekommt. Lieber noch ein paar Worte über Doktor
-Glossin. Ich hatte schon viel von ihm gehört. Heute hab ich ihn das
-erstemal gesehen. Wo wohnt er? Wie lebt er? Was treibt er?«
-
-»Sie fragen viel mehr, als ich beantworten kann. Hier in Neuyork
-besitzt er ein einfach eingerichtetes Haus in der 316ten Straße.
-Daneben hat er sicher noch an vielen anderen Orten seine
-Schlupfwinkel ...«
-
-»Ist er verheiratet?«
-
-»Nein. Obgleich er keineswegs ein Verächter des weiblichen Geschlechts
-ist. Mir ist manches darüber zu Ohren gekommen ... Na, gönnen wir ihm
-seine Vergnügungen, wenn sie auch manchem recht sonderlich vorkommen
-mögen.«
-
-»Hat er sonst gar keine Leidenschaften?«
-
-»Ich weiß, daß er Diamanten sammelt. Auserlesene schöne und große
-Steine.«
-
-»Nicht übel! Aber ein bißchen kostspielig das Vergnügen. Verfügt er
-über so große Mittel?«
-
-MacMorland zuckte mit den Achseln.
-
-»Es entzieht sich meiner Beurteilung. Ein Mann in seiner Stellung, mit
-seinem Einfluß kann wohl ... lieber Professor, ich habe schon viel
-mehr gesagt, als ich sagen durfte und wollte. Lassen wir den Doktor
-sein Leben führen, wie es ihm beliebt. Es ist am besten, so wenig wie
-möglich mit ihm zu tun zu haben. Da Sie gerade hier sind, geben Sie
-mir, bitte, über die Vorgänge in Sing-Sing einen kurzen Bericht für
-meine Akten. Wir können nachher zusammen frühstücken.«
-
- * * * * *
-
-Wie griechischer Marmor glänzten die Mauern des Weißen Hauses zu
-Washington in der grellen Mittagsonne. Aber ein dunkles Geheimnis barg
-sich hinter den schimmernden Mauern. Lange und nachdenklich hafteten
-die Blicke der Vorübergehenden auf den glatten, geraden Flächen
-des Gebäudes. Die politische Spannung war bis zur Unerträglichkeit
-gestiegen. Jede Stunde konnte den Ausbruch des schon lange gefürchteten
-Krieges mit dem englischen Weltreich bringen. Die Entscheidung lag dort
-hinter den breiten Säulen und hohen Fenstern des Weißen Hauses.
-
-In dem Vorzimmer des Präsident-Diktators saß ein Adjutant und blickte
-aufmerksam auf den Zeiger der Wanduhr. Als diese mit leisem Schlag
-zur elften Stunde ausholte, erhob er sich und trat in das Zimmer des
-Präsidenten.
-
-»Die Herren sind versammelt, Herr Präsident.«
-
-Der Angeredete nickte kurz und beugte sich wieder zum Schreibtisch,
-wo er mit dem Ordnen verschiedener Papiere beschäftigt war. Ein Mann
-mittleren Alters. Eine Art militärischen Interimsrockes umschloß den
-hageren Oberkörper. Auf einem langen, dünnen Halse saß ein gewaltiger
-Schädel, dessen vollkommen haarlose Kuppel sich langsam hin und her
-bewegte. Aus dem schmalen, durchgeistigten Aszetengesicht blitzten ein
-Paar außerordentlich große Augen, über denen sich eine zu hohe und zu
-breite Stirn weit nach vorn wölbte.
-
-Das war Cyrus Stonard, der absolute Herrscher eines Volkes von
-dreihundert Millionen. Als er sich jetzt erhob und langsam, beinahe
-zögernd der Tür zuschritt, bot er äußerlich nichts von jenen
-Herrscherfiguren, die in der Phantasie des Volkes zu leben pflegen.
-Nur das geistliche Kleid fehlte, sonst hätte man ihn wohl für eine der
-fanatischen Mönchsgestalten aus den mittelalterlichen Glaubenskämpfen
-der katholischen Kirche ansehen können.
-
-Er durchschritt das Adjutantenzimmer und betrat einen langgestreckten
-Raum, dessen Mitte von einem gewaltigen, ganz mit Plänen und Karten
-bedeckten Tisch ausgefüllt war. In der einen Ecke des Saales standen
-sechs Herren in lebhaftem Gespräch. Die Staatssekretäre der Armee,
-der Marine, der auswärtigen Angelegenheiten und des Schatzes. Die
-Oberstkommandierenden des Landheeres und der Flotte. Sie verstummten
-beim Eintritt des Diktators. Cyrus Stonard ließ sich in den Sessel am
-Kopfende des Tisches nieder und winkte den anderen, Platz zu nehmen.
-
-»Mr. Fox, geben Sie den Herren Ihren Bericht über die auswärtige Lage.«
-
-Der Staatssekretär des Auswärtigen warf einen kurzen Blick auf seine
-Papiere.
-
-»Die Spannung mit England treibt automatisch zur Entladung. Seitdem
-Kanada sich mit uns in einem Zollverband zusammengefunden hat, sind die
-Herren an der Themse verschnupft. Die Bestrebungen im australischen
-Parlament, nach kanadischem Muster mit uns zu verhandeln, haben die
-schlechte Laune in Downing Street noch verschlechtert. England sieht
-zwei seiner größten und reichsten Kolonien auf dem Wege natürlicher
-Evolution zu uns kommen. In Australien geht die Entwicklung langsamer
-vor sich, seitdem der japanische Druck verschwunden ist. Aber auch
-dort ist sie unaufhaltbar, wenn es der englischen Macht nicht vorher
-gelingt, uns niederzuwerfen ...«
-
-Ein spöttisches Lächeln glitt über die Züge des Flottenchefs.
-
-»In Asien und Südamerika stoßen unsere Handelsinteressen schwer mit
-den englischen zusammen. Der letzte Aufstand im Jangtsekiangtale war
-mit englischem Gelde inszeniert. Die afrikanische Union hält bei aller
-Wahrung ihrer politischen Selbständigkeit wirtschaftlich fest zu
-England und läßt nur englische Waren hinein. Unser letzter Versuch,
-einen Handelsvertrag mit der afrikanischen Union abzuschließen, ist
-gescheitert. Meines Erachtens treiben die Dinge einer schnellen
-Entscheidung entgegen. Die Entführung von R. F. c. 1 gibt einen
-geeigneten Anlaß. Seit zwei Stunden tobt unsere Presse gegen England.«
-
-Cyrus Stonard hatte während des Vortrages mechanisch allerlei Schnörkel
-und Ornamente auf den vor ihm liegenden Schreibblock gezeichnet.
-
-»Wie denken Sie über die Entführung des R. F. c. 1?«
-
-Er heftete seine Augen auf den Flottenchef Admiral Nichelson.
-
-»In der Nähe der Station sind zwei englische Agenten ergriffen worden.
-Sie leugnen jede Teilnahme.«
-
-»Es gibt Mittel, solche Leute zum Reden zu bringen.«
-
-»Sie hatten den Strick um den Hals und schwiegen.«
-
-»Es gibt wirksamere Mittel ... Wie lange kann sich R. F. c. 1 in der
-Luft halten?«
-
-»Die Tanks waren für zwölf Stunden gefüllt. Genug, um in voller
-Dunkelheit zu landen, wenn es nach Osten geht. Unsere Kreuzer über dem
-Nordatlantik sind avisiert. Eine Landung in England müßte noch bei
-Helligkeit erfolgen und würde gemeldet werden.«
-
-»Sie halten es für sicher, daß die Entführung auf Betreiben der
-englischen Regierung erfolgt ist?«
-
-»Ganz sicher!«
-
-»Hm! ... der Gedanke liegt nahe ... vielleicht zu nahe ... Und
-die anderen Herren? ... meinen dasselbe ... hm! Hoffentlich, nein
-sicherlich haben sie unrecht.«
-
-Die Staatssekretäre sahen den Diktator fragend an.
-
-»Der letzte Gamaschenknopf sitzt noch nicht! Ich werde erst
-losschlagen, wenn ich weiß, daß er sitzt. Das heißt, meine Herren ...«
-Die Stimme des Sprechenden hob sich. »R. F. c. 1 mag in Gottes Namen
-in England landen. Für unser Volk wird es verborgen bleiben, bis es so
-weit ist.«
-
-»Wie weit ist die Verteilung unserer U-Kreuzer durchgeführt?«
-
-»Die ganze Kreuzerflotte liegt auf dem Meridian von Island vom 60. bis
-zum 30. Breitengrad gleichmäßig verteilt.«
-
-Admiral Nichelson erhob sich, um die Lage der Kreuzerflotte an einem
-großen Globus zu demonstrieren.
-
-»Wo stehen die Luftkreuzer?«
-
-»Die leichte Beobachtungsflotte zwischen Island und den Faröer. Die
-Panzerkreuzer liegen seit drei Tagen auf dem grönländischen Inlandeis.«
-
-»Die G-Flotte ...«
-
-»Die Schiffe auf Grönland sind damit ausgerüstet.«
-
-Nur dieser Staatsrat wußte um das Geheimnis, daß die neuen Luftkreuzer
-mit Bomben versehen waren, die nach dem Abwurfe Milliarden und aber
-Milliarden von Pest- und Cholerakeimen in die Luft wirbelten. Man
-hatte noch keine Gelegenheit gehabt, den Bakterienkrieg im großen
-auszuprobieren. Aber die amerikanischen Fachleute versprachen sich viel
-davon.
-
-»Die P-Flotte ...«
-
-Ein sardonisches Lächeln lief über die sonst so unbeweglichen Züge
-des Diktators, als er das Wort aussprach. Seit mehr denn Jahresfrist
-lagen englische Banknoten im Betrage von Hunderten von Milliarden Pfund
-Sterling in den geheimen Gewölben des amerikanischen Staatsschatzes.
-Von der Tausendpfundnote an bis hinab zu den kleinsten Beträgen.
-Alles so vorzüglich gefälscht und nachgedruckt, daß die Bank von
-England selbst diese Noten für echt halten mußte. Die Aufgabe der
-P-Flotte war es, sofort bei Kriegsausbruch diese Unmengen englischen
-Papiergeldes über die ganze Welt zu zerstreuen, wo Engländer Handel
-trieben und englisches Geld Kurs hatte. Die Tätigkeit dieser Flotte
-mußte das englische Geldwesen in wenigen Tagen vollkommen zerrütten.
-Aber die P-Flotte war noch ein schwereres Staatsgeheimnis als die
-G-Flotte. Die englischen Agenten hatten nur herausbekommen, daß sie
-für Propagandazwecke bestimmt sei und im Falle eines Krieges in großen
-Massen die zuerst von Woodruf Wilson in die Kriegführung zivilisierter
-Nationen eingeführten Traktätchen über den feindlichen Linien
-abzuwerfen hätte.
-
-»Die P-Flotte übt zwischen Richmond und Norfolk«, sagte Admiral
-Nichelson trocken.
-
-Jedermann im Saale wußte, daß dieser Standort fünfzehn Flugminuten von
-den Gewölben des Staatsschatzes entfernt war.
-
-Cyrus nahm das Wort von neuem.
-
-»Wie lange wird es noch dauern, bis unsere Unterwasserstation an der
-afrikanischen Küste vollkommen gesichert ist? Die Frist ist bereits
-seit einer Woche abgelaufen.«
-
-Bei diesen nicht ohne Schärfe gesprochenen Worten erhob sich der
-Flottenchef unwillkürlich.
-
-»Die Schwierigkeiten waren größer als vorauszusehen war, Herr
-Präsident.«
-
-»Können Sie ein bestimmtes Datum angeben?«
-
-»Nein. Doch dürfte es auf keinen Fall länger als bis zum Ablauf dieses
-Monats dauern.«
-
-»Hm ... dann also, meine Herren ... dann wird man R. F. c. 1 zur
-geeigneten Zeit in England landen sehen.«
-
-Ein Adjutant trat ein und flüsterte dem Präsidenten ein Wort ins Ohr.
-
-»Gut, ich komme.«
-
-Der Präsident erhob sich, die Sitzung war beendet.
-
- * * * * *
-
-Aus dem blauen Mittagshimmel schoß ein silbern schimmernder Punkt auf
-das Weiße Haus in Washington zu, wurde größer, zeigte die schnittigen
-Formen eines Regierungsfliegers und landete sanft auf dem Dach des
-Gebäudes.
-
-Als einziger Passagier verließ Dr. Edward F. Glossin die Maschine.
-Den linken Fuß beim Gehen leicht nachziehend, schritt er an den
-martialischen Gestalten der Leibgarde vorbei. Auf den Treppenabsätzen
-und in den Korridoren standen die baumlangen blonden Kerle aus den
-westlichen Weizenstaaten in ihren malerischen Uniformen. Sie hielten
-die Wache um den Präsident-Diktator wie früher die Grenadiere der
-Potsdamer Garde um die preußischen Könige oder die Eisenseiten um
-Oliver Cromwell.
-
-Im Vorzimmer traf der Doktor den Adjutanten des Diktators und ließ
-sich melden. Nur eine knappe Minute, und der Diktator trat aus dem
-Sitzungssaale und stand vor ihm. Nach flüchtigem Gruß hieß er ihn in
-sein Arbeitszimmer mitkommen.
-
-»Wer ist Logg Sar?«
-
-Dr. Glossin fühlte die unbestimmte Drohung, die in der Frage lag, und
-trat einen Schritt zurück.
-
-»Logg Sar ist ... Silvester Bursfeld.«
-
-Tiefes Erstaunen malte sich auf den Zügen Stonards.
-
-»Bursfeld ... der im englischen Tower gefangen saß?«
-
-»Nein, sein Sohn. Der Vater hieß Gerhard.«
-
-»Mein Gedächtnis ist gut. Sie haben mir von einem Sohne Gerhard
-Bursfelds nie gesprochen. Warum nicht?«
-
-»Ich weiß es selbst erst seit drei Monaten.«
-
-»Und ich erfahre es erst heute?«
-
-Cyrus Stonard trat dicht an den Doktor heran. Ein Blick traf ihn, der
-sein Gesicht noch eine Nuance blasser werden ließ.
-
-»Erklären Sie!«
-
-»Es war vor ungefähr drei Monaten ... Ich hielt mich einige Zeit in
-Trenton auf, um in meinem Laboratorium im Hause einer Mrs. Harte an
-einem Versuch zu arbeiten. Eines Tages kommt ein junger Ingenieur, der
-in den Staatswerken von Trenton beschäftigt ist, zu Mrs. Harte und
-erkundigt sich nach ihren Familienverhältnissen. Dabei stellt sich
-heraus, daß der verstorbene Mann der Mrs. Harte ein Stiefbruder von
-Gerhard Bursfeld war.«
-
-»Ihre Erzählung scheint darauf hinauszuwollen, daß der junge Ingenieur
-der Sohn von Gerhard Bursfeld ist. Warum nannte er sich Logg Sar?«
-
-»Auf Logg Sar lauten seine Papiere. Für die Welt und für ihn beruht
-alles andere auf Vermutungen. Für mich ist der Beweis erbracht.«
-
-»Liefern Sie ihn mir!«
-
-»Sie erinnern sich an meinen früheren Bericht über die Sache, Herr
-Präsident. Heute kenne ich seine Fortsetzung. Nachdem Gerhard Bursfeld
-die unfreiwillige Reise nach England gemacht hat, verschwindet er
-für immer im Tower. Sein Weib flieht mit ihrem kleinen Knaben in die
-kurdischen Berge. Unterwegs schließt sie sich einer Karawane an:
-Kaufleute, Priester und was sonst in Karawanen nach Mittelasien zieht.
-Die junge Frau ist den Strapazen des langen Weges nicht gewachsen.
-Irgendwo auf der Strecke zwischen Bagdad und Kabul wurde sie bestattet.
-Ein tibetanischer Lama, der in sein Kloster zurückkehrt, nimmt sich der
-Sterbenden an. Ihm übergibt sie ihren Knaben, macht ihm zur Not dessen
-Namen verständlich ...«
-
-»Etwas schneller, wenn's beliebt, Herr Doktor!«
-
-»Der Lama nimmt den Knaben mit in sein Kloster Pankong Tzo und erzieht
-ihn in den Lehren Buddhas. Als der Knabe vierzehn Jahre alt ist,
-besucht eine Expedition schwedischer Gelehrter das Kloster. Der junge
-Europäer fällt auf. Von einem der Mitglieder der Expedition, dem
-Ethnologen Olaf Truwor, wird er mit nach Schweden genommen, wird mit
-dessen Sohn zusammen erzogen, wird wie dieser Ingenieur ...«
-
-Cyrus Stonard hatte während des Berichtes mechanisch allerlei Arabesken
-gemalt, wie es seine Gewohnheit war. Jetzt warf er den Bleistift
-unwillig auf das vor ihm liegende Papier.
-
-»Glauben Sie im Ernst, Herr Doktor, daß irgendein Anwalt in den Staaten
-auf Ihre Erzählung hin einen Erbschaftsprozeß übernehmen würde?«
-
-»Nur noch einen kurzen Augenblick Geduld, Herr Präsident. Die Kette
-schließt sich Glied an Glied. Auf einer Rheinreise, die er nach dem
-Abschluß seiner Studien macht, wird Logg Sar von einem alten Ehepaar
-angesprochen, dem seine überraschende Ähnlichkeit mit Gerhard Bursfeld
-auffällt. Die alten Leute sind mit Gerhard Bursfeld verwandt, haben
-ihn genau gekannt und sind von dieser Ähnlichkeit ebenso frappiert
-... wie ich es war, als Logg Sar mir das erstemal vor die Augen trat.
-Ich glaubte damals, Gerhard Bursfeld so vor mir zu sehen, wie er
-dreißig Jahre früher in Mesopotamien vor mir gestanden hat. Die alten
-Leute machen Logg Sar darauf aufmerksam, daß ein Stiefbruder Gerhard
-Bursfelds in Trenton lebt. Logg Sar findet im weiteren Laufe seiner
-Ingenieurkarriere eine Stellung in den Trentonwerken. Er erinnert sich
-der Mitteilungen der alten Leute und spricht bei Mrs. Harte vor. Ihr
-Mann ist tot. Ein Bild von Gerhard Bursfeld findet sich im Hause. Die
-Ähnlichkeit ist überzeugend.«
-
-Cyrus Stonard blickte den Erzähler durchdringend an.
-
-»Sie tischen mir da eine sehr romantische, aber wenig beglaubigte
-Geschichte auf. Es fehlt nur noch das berühmte Muttermal, und die Sache
-könnte in Harpers Weekly stehen. Herr Doktor, ich wünsche von Ihnen
-schlüssige Beweise und keine Phantastereien. Haben Sie irgendeinen
-wirklichen Beweis, daß Logg Sar und Silvester Bursfeld identisch sind?«
-
-Dr. Glossin spielte seinen Trumpf aus.
-
-»Ein Wort schließt die Kette: Logg Sar.«
-
-»Was soll das heißen?«
-
-»Logg Sar bedeutet im Tibetanischen das Jahresende. Den letzten Tag des
-Jahres. Den Tag, den die christliche Kirche dem Silvester geweiht hat.
-Die sterbende Mutter hat dem fremden Priester verständlich zu machen
-versucht, was der Name ihres Kindes bedeutet. Das Jahresende. Der
-christliche Name wurde vergessen. Seine tibetanische Übersetzung ergab
-den neuen Namen, unter welchem der Knabe in Pankong Tzo verblieb.«
-
-»Das ist kein Beweis für mich, Herr Doktor. Und ich glaube ... für Sie
-auch nicht.«
-
-Dr. Glossin trat einen Schritt näher an den Diktator heran.
-
-»Mein letzter Beweis, ein zwingender Beweis! Er kennt das Geheimnis
-seines Vaters. Es ist ihm überkommen, er hat es ausgebaut in einem
-Maße, daß ...«
-
-Die feinen Flügel der Adlernase des Diktators zitterten. Zwei lotrechte
-Falten zogen sich zwischen seinen Augenbrauen zusammen, als er den Satz
-des Doktors vollendete:
-
-»... daß er unser werden oder verschwinden muß, wie seinen Vater die
-Engländer verschwinden ließen.«
-
-»Das erstere ist wohl nicht mehr möglich.«
-
-»Nach dem Experiment in Sing-Sing ... ich glaube, daß Gründe
-vorhanden sind, die mir gestatten, Ihr Konto damit zu belasten, Herr
-Doktor! Finden Sie einen Weg, auf dem sich die andere Möglichkeit
-bewerkstelligen läßt?«
-
-Cyrus Stonard warf dem Doktor einen Blick zu, der diesen erschauern
-ließ. Ein Wink des Diktators, und er war selbst aus der Liste der
-Lebenden gestrichen, fand vielleicht schon in wenigen Stunden selbst
-sein Ende auf dem Stuhle in Sing-Sing.
-
-Cyrus Stonard ließ die Lider sinken und fuhr ruhig fort: »Wie sind Sie
-hinter sein Geheimnis gekommen?«
-
-Der Doktor schöpfte tief Atem und begann stockend zu erzählen:
-
-»Sein Gesicht war mir vom ersten Tage an verhaßt. Auch sonst hatte ich
-Grund ... seine Anwesenheit im Hause Harte unangenehm zu empfinden ...«
-
-»Hm! Hm ... so ... weiter!«
-
-»Er bat mich, mein Laboratorium in meiner Abwesenheit benutzen zu
-dürfen. Ich erlaubte es ihm. Beim Fortgehen sorgte ich dafür, daß
-zehntausend Volt an den Tischklemmen lagen. während der zugehörige
-Spannungsmesser nur hundert Volt anzeigte. Ich kam wieder, um eine
-Leiche zu finden, und sah ihn unversehrt aus dem Hause treten. Das
-Lächeln eines Siegers auf den Lippen, der soeben einen großen Erfolg
-errungen hat. Da wußte ich, daß Silvester Bursfeld der rechte Sohn
-seines Vaters ist. Er mußte wissen, daß ich ihm die Falle gestellt
-hatte. Ich durfte mich nicht mehr vor seinen Augen zeigen. Drei
-Tage später verschwand er ... Unauffällig, wie es üblich ist.
-Spezialgericht. Elektrokution. Ich glaubte, der Fall sei erledigt. Was
-weiter geschah, wissen Sie, Herr Präsident.«
-
-»Haben Sie in seinen Papieren gründlich nachgesucht?«
-
-»In jedem Winkelchen. Es sind keine Aufzeichnungen über die Erfindung
-vorhanden. Ich war dreimal in seinen Räumen. Jedes Stück Papier wurde
-umgedreht und studiert.«
-
-»Sie haben selbst gesucht ... Lassen Sie unsere Polizei suchen!
-Die versteht es vielleicht besser ... Zum zweiten Punkt unserer
-Besprechung. Wer hat R. F. c. 1 genommen?«
-
-»Ich würde sagen, sicherlich englische Agenten, wenn ich nicht ...«
-
-»Wenn Sie nicht ...«
-
-»Wenn ich nicht nach den Vorgängen dieses Morgens fürchten müßte, daß
-Silvester Bursfeld allein oder mit Komplicen in unserem schnellsten
-Kreuzer nach ... nach Schweden oder nach Tibet fährt.«
-
-»Allein ist ausgeschlossen! Komplicen? Wer sind sie?«
-
-»Ich weiß es nicht ... Bis jetzt noch nicht. Einer dieser Komplicen ist
-bestimmt der Zeuge Williams. Von dem dritten, der das Auto steuerte,
-wissen wir nur, daß er braunhäutig ist ...«
-
-»Es ist anzunehmen, daß die drei zusammenbleiben werden. Drei sind
-leichter in der Welt zu finden als einer. Nehmen Sie die politische
-Polizei zu Hilfe und suchen Sie. Das Finden liegt in eigenstem
-Interesse ... Suchen Sie, Herr Doktor Glossin!«
-
-Dr. Glossin stand in unsicherer Haltung vor dem Diktator. Zum erstenmal
-hatte er die ihm anvertrauten, so ungeheuer weitreichenden Vollmachten
-für die Zwecke einer Privatrache angewendet. Die Blankette und
-Vollmachten, die er in den Händen hielt, machten es ihm leicht, den
-jungen Ingenieur aufheben zu lassen. Bis dahin war alles in Ordnung.
-
-Aber daß er den Gefangenen sofort auf den elektrischen Stuhl brachte,
-entsprach nicht der Staatsräson. Solche Leute bewahrte Cyrus Stonard
-nach bewährter Methode an festen Orten auf und suchte hinter ihre
-Schliche zu kommen. Dr. Glossin raffte sich zusammen.
-
-»Ich bitte Sie, den Entschluß über Krieg oder Frieden um etwa fünf
-Stunden aufzuschieben. So lange, bis ich wieder hier bin.«
-
-»Warum?«
-
-»Weil ich dann sicher sagen kann, ob Logg Sar und seine Gefährten das
-Flugschiff genommen haben oder nicht.«
-
-»Und wenn es mir aus anderen Gründen gefiele, daß englische Agenten das
-Schiff genommen haben? Die Zeit ist reif! Der Zwischenfall könnte mir
-gelegen kommen.«
-
-»Ich beschwöre Eure Exzellenz. Keine bindenden Entschlüsse, bevor wir
-nicht klar sehen.«
-
-»Was klar sehen?«
-
-»Wohin die Erfindung gegangen ist. Logg Sar im Bunde mit England ...
-dann können wir den Kampf nicht wagen.«
-
-Der Diktator schüttelte abweisend das Haupt.
-
-»Der Sohn wird sich hüten, sich mit den Mördern seines Vaters zu
-verbinden.«
-
-»Ich hoffe es. Aber Sicherheit ist mehr wert als Vermutung. In wenigen
-Stunden kann ich Sicherheit haben. Hat er R. F. c. 1 nicht genommen,
-so ist er noch in den Staaten, und wir haben die Möglichkeit, ihn zu
-fassen. Solange er frei ist, bleibt er eine Macht, die wir fürchten
-müssen.«
-
-Ein Schweigen von zwei Minuten. Dann sagte Cyrus Stonard: »Ich erwarte
-Ihre Mitteilung im Laufe der nächsten drei Stunden. Unsere Presse soll
-ihre Invektiven gegen England bis auf weiteres unterlassen. Versuchen
-Sie auf jede Weise, des Erfinders habhaft zu werden. Vermeiden Sie
-Differenzen mit anderen europäischen Staaten. Wir wollen dem Gegner
-keine Bundesgenossen werben.«
-
-Eine Handbewegung des Präsident-Diktators, und Dr. Glossin war
-entlassen.
-
- * * * * *
-
-Hinter dichten Bäumen verborgen, efeuumsponnen, stand in der Johnson
-Street zu Trenton das Häuschen, welches Mrs. Harte mit ihrer Tochter
-Jane bewohnte. Die Nähe der großen Staatswerke konnte man hier
-vollkommen vergessen. Die roten Backsteinhäuser der Straße lagen
-ausnahmslos in geräumigen Gärten. Die Straße selbst war reichlich zehn
-Minuten von den Werken mit ihrem geräuschvollen Verkehr entfernt. Sie
-lag auf der entgegengesetzten Seite des Ortes und mündete in einen
-schönen, von Nordwesten her direkt an das Städtchen stoßenden Laubwald.
-
-Mrs. Harte war Witwe. Ihr Mann hatte den Tod als Ingenieur in den
-Staatswerken gefunden. Auf eine schlimme Weise. Ein Dampfrohr platzte
-und erfüllte seinen Arbeitsraum mit überhitzten Dämpfen. Frederic
-Harte war nach dem Unfall ruhig nach Hause gekommen und hatte sein
-Weib schonend auf seinen Tod vorbereitet. Sie glaubte, er spräche im
-Fieber. Erschrocken war sie auf ihn zugeeilt und hatte seine rechte
-Hand ergriffen. Hatte mit Entsetzen spüren müssen, wie das Fleisch der
-Finger sich von den Knochen löste, tot und weich, vom überhitzten Dampf
-gekocht, in ihren eigenen Händen verblieb.
-
-»Es tut nicht mehr weh ... Ich habe keine Schmerzen«, hatte Frederic
-Harte sie mit einem weltentrückten Lächeln getröstet, sich ruhig an
-seinen Schreibtisch gesetzt und seine letzten Verfügungen getroffen.
-Zwei Stunden später verlor er das Bewußtsein. Nach abermals einer
-Stunde war er tot. »Totale Verbrennung der ganzen Oberhaut, Erstickung
-infolge fehlender Hautatmung«, sagte der Arzt der verzweifelten Frau.
-
-Das furchtbare Ereignis hatte Mrs. Gladys Harte niedergeschmettert.
-Monate hindurch fürchtete man für ihren Verstand. Nur ganz allmählich
-erholte sie sich von diesem Schlage. Doch in demselben Maße, wie ihre
-geistigen Kräfte sich wieder hoben, nahmen die körperlichen ab. Jetzt
-war sie fast den ganzen Tag an den Rollstuhl gefesselt, in der Pflege
-ihrer einzigen Tochter Jane.
-
-Der seltsame Unglücksfall hatte über die nähere Umgebung hinaus
-Aufsehen erregt. Wenige Tage danach war ein Neuyorker Arzt Dr. Glossin
-nach Trenton gekommen. Aus wissenschaftlichem Interesse bat er um
-nähere Aufschlüsse über die letzten Stunden des Heimgegangenen. Mit
-großer Teilnahme bemühte er sich um die beiden von ihrem Schmerz ganz
-niedergeworfenen Frauen. Er machte Jane Harte ein hohes mehrjähriges
-Mietangebot auf das Laboratorium, das sich Frederic Harte in dem Hause
-eingerichtet hatte. Im Bewußtsein ihrer unsicheren pekuniären Lage
-hatte Jane ohne Bedenken zugesagt. Als die Mutter sich wieder erholt
-hatte, billigte sie das Abkommen mit dem Doktor gern, zumal dieser
-selten kam und sich nur immer für kurze Zeit in dem Laboratorium zu
-schaffen machte.
-
-Es wurde anders, als Logg Sar in diesen kleinen Kreis trat. Nach dem,
-was der junge Mann vorbrachte, war er ein Verwandter der beiden Frauen.
-Aber der lebendige Verkehr der Gegenwart ließ alle alten Erinnerungen
-und verstaubten Beziehungen schnell in den Hintergrund treten. Mr.
-Logg Sar oder, wie er hier bald gerufen wurde, Silvester wurde ein
-lieber Gast im Hause Harte. Nur Dr. Glossin schien darüber nicht erbaut
-zu sein. Wohl blieb er jederzeit höflich und gestattete Silvester
-bereitwillig, das Laboratorium zu benutzen. Aber die Gegenwart des
-Doktors allein wirkte störend und erkältend.
-
-Es kam, wie es das Schicksal mit den beiden jungen Menschen
-vorhatte. Aus dem Bewußtsein der Verwandtschaft erwuchs eine leichte
-Zuneigung und aus dieser eine immer tiefer und inniger werdende
-Herzensgemeinschaft. Silvester Bursfeld hätte vollkommen glücklich sein
-können, wenn Dr. Glossin nicht gewesen wäre. Nicht nur während seiner
-Anwesenheit, sondern auch noch an den nächsten Tagen war das Wesen
-Janes stets verändert. Sie zeigte dann eine so sonderbare Kälte und
-Zurückhaltung, daß Silvester oft an ihrer Liebe verzweifeln wollte.
-Erst nach Tagen stellte sich wieder das alte trauliche Benehmen ein,
-ohne daß ihr diese Veränderlichkeit selbst zum Bewußtsein zu kommen
-schien.
-
-Ein Zufall brachte Silvester die Lösung des Rätsels. Eines Tages
-fand er Jane im Laboratorium schlafend auf einem Stuhle. Trotz aller
-seiner Bemühungen erwachte sie erst nach einer Viertelstunde und
-leugnete dann, geschlafen zu haben. Da war sich Silvester seiner
-Sache sicher. Zweifellos brauchte Dr. Glossin Jane zu irgendwelchen
-hypnotischen Experimenten. Mißbrauchen nannte es Silvester. Er behielt
-seine Entdeckung für sich, nahm sich aber vor, den Doktor zur Rede zu
-stellen. Es kam anders. Wenige Tage danach war Silvester verschwunden,
-ohne vorher von einer Reise gesprochen, ohne Abschied genommen zu haben.
-
-Es war die vierte Nachmittagstunde des sechzehnten Juni. Vor der Tür
-im Schatten des alten Nußbaumes saß Mrs. Harte in ihrem Lehnstuhl,
-neben ihr in einem Korbsessel zurückgelehnt Jane. Das Köpfchen mit dem
-gleichmäßigen Profil in das Kissen gelehnt, auf welches das lichtblonde
-Haar reich und schwer niederfiel. Die Sonnenstrahlen drangen durch das
-Gezweig des alten Baumes und malten auf Haar und Wangen wechselnde
-Reflexe. Ein reizvolles Bild. Aber alles an dieser Erscheinung war
-wie hingehaucht. Man konnte vor solcher Zartheit erschrecken, die bei
-Menschen wie bei Blumen nur den vergänglichsten Blüten eigen ist.
-
-Jane Harte beschäftigte sich mit einer Stickerei. Ihre schlanken Finger
-setzten geschickt Stich neben Stich und formten in schwerer Seide das
-Muster einer roten Rose. Aber ihre Gedanken waren nicht bei dieser
-Arbeit. Ihre Miene verriet, daß eine Sorge, ein Kummer sie drückte. Die
-Schatten unter den Augen sprachen von durchwachten Nächten, die Blässe
-ihrer Wangen steigerte noch das Ätherische ihrer ganzen Erscheinung.
-Mit einem Seufzer ließ sie die Arbeit sinken.
-
-»Heute ist eine Woche vergangen, seit Silvester zum letztenmal bei uns
-war.«
-
-»Du machst dir vielleicht unnötige Sorge, mein Kind. Ich denke, er hat
-eine plötzliche Reise unternehmen müssen ... vergaß es in der Eile, uns
-zu benachrichtigen.«
-
-»Vergessen?«
-
-Ein bitterer Zug zuckte um Janes Mund.
-
-»Jane, was hast du?«
-
-»Laß, Mutter! Ich weiß, daß man in den Werken ebenfalls keine Erklärung
-für sein plötzliches Verschwinden hat. Man glaubt dort ... und ich
-fürchte es ... eine innere Stimme gibt mir die Gewißheit, daß er das
-Opfer eines Unglücksfalles oder vielleicht ... eines Verbrechens
-geworden ist.«
-
-Sie barg ihr Gesicht in die Hände und versuchte vergeblich, die
-fließenden Tränen zurückzuhalten.
-
-»Unmöglich, Kind. Der harmlose, freundliche Mensch. Wer sollte ihm
-übelgesinnt sein? Außer uns verkehrte er mit niemand im Orte. Wie
-wäre es, wenn wir Dr. Glossin um Rat fragten. Er hat doch für diesen
-Nachmittag sein Kommen in Aussicht gestellt. Vielleicht kann er uns
-helfen.«
-
-Jane ließ die Hände sinken.
-
-»Dr. Glossin?«
-
-Ein Zucken ging über ihre Züge. Ihre Augen öffneten sich weit, und ein
-Beben lief durch den schlanken Körper.
-
-»Dr. Glossin ... Ja ... Er!«
-
-Beinahe überlaut kam es von ihren Lippen. Grübelnd ruhten ihre Blicke
-auf dem dichten Blättergewirr über ihr. Die Gedanken jagten sich hinter
-ihrer Stirn. Sie versucht, einen ganz momentan und instinktartig
-aufgetauchten Verdacht zu ergründen ... Vergeblich. Sie fand keinen
-Zusammenhang. Der gespannte Ausdruck ihrer Züge wich dem einer
-Enttäuschung. Was war das, was da einen Augenblick ganz klar vor ihrer
-Seele stand und sich dann wieder verwirrte und verdunkelte, so daß alle
-Zusammenhänge verlorengingen?
-
-Das Einschnappen der Gartentür klang dazwischen und ließ sie auffahren.
-
-»Ah, Dr. Glossin!«
-
-Schreck und Erwartung kämpften in ihren Mienen.
-
-»Sie riefen mich, meine liebe Miß Jane. Da bin ich. Womit kann ich
-Ihnen helfen?«
-
-»Sie kommen zur rechten Zeit, Herr Doktor«, wandte sich Mrs. Harte an
-den Besucher. »Seit einer Woche ist Mr. Logg Sar verschwunden. Wir
-stehen vor einem Rätsel. Helfen Sie uns, es zu lösen.«
-
-Janes Blick hing unverwandt an dem Gesicht des Doktors. Ihre Augen
-blickten so fragend und angstvoll, als würde von dieser Stelle aus über
-ihr eigenes Leben entschieden.
-
-»Ja, helfen Sie uns, Herr Doktor«, schloß sie sich der Bitte der Mutter
-an.
-
-Es war klar, daß die beiden Frauen noch keine Ahnung von der Affäre in
-Sing-Sing hatten, und Dr. Glossin handelte danach.
-
-»Oh, Mr. Logg Sar ist verschwunden? Da wäre es doch wohl das
-einfachste, wenn man sich an die Polizei wendete. Freilich müßte
-man glaubhaft machen, daß der begründete Verdacht eines Verbrechens
-vorliegt, denn sonst ... man reist viel in den Staaten, und eine
-achttägige Abwesenheit eines jungen unabhängigen Mannes wäre noch kein
-Grund, den polizeilichen Apparat in Bewegung zu setzen.«
-
-Dr. Glossin hatte seine Züge in der Gewalt. Jane, die ihn gespannt
-beobachtete, merkte keine Veränderung an ihnen, während er ruhig
-fortfuhr: »Ich will mich selbst mit der Polizei in Verbindung setzen,
-aber ... aber vielleicht hat Mr. Logg Sar triftige Gründe ...«
-
-»Herr Doktor! Was soll das heißen?«
-
-Jane rief es mit fliegender Hast. Sie schaute den Besucher mit großen,
-klaren Augen an. Doch nur auf Sekunden. Vor dem magnetischen Fluidum,
-welches aus den funkelnden Augen des Doktors auf sie überströmte,
-senkten sich ihre Augenlider schwer und furchtsam.
-
-»Ich bin nur gekommen, um eine Kleinigkeit, die ich bei meinem letzten
-Hiersein vergaß, aus dem Laboratorium zu holen. Ich muß gleich wieder
-abreisen.«
-
-Im Umdrehen suchte er nochmals den Blick Janes zu fassen, den diese
-beharrlich zu Boden gerichtet hielt. Einen Augenblick nur dauerte der
-stumme Kampf. Dann schaute das Mädchen besiegt zu dem Manne empor. Ihre
-Blicke versenkten sich ineinander.
-
-»Eine kleine halbe Stunde, dann ist mein Geschäft erledigt.«
-
-Der Doktor schritt dem Hauseingang zu.
-
-»Bring mich ins Haus, liebe Jane. Die Sonne ist hinter dem Dach
-verschwunden. Mir wird kühl.«
-
-Während Jane die herabgesunkene Decke um sie schlug, strich ihr die
-Mutter liebkosend über das bleiche Gesicht.
-
-»Mein Liebling, es wird noch alles gut werden.«
-
-»Möchtest du recht haben, liebe Mutter.«
-
-Ruhig, fast eintönig sprach Jane die Worte. Im Hause bettete sie die
-Kranke auf einen Diwan und wandte sich zum Flur. Leise schloß sie die
-Tür und stand wie mit sich selbst kämpfend einen Augenblick still. Dann
-schritt sie dem Laboratorium zu.
-
-Dr. Glossin kam ihr entgegen und führte sie zu einem bequemen Stuhl.
-Der suggestive Befehl war auf die Minute genau ausgeführt. Noch einmal
-versuchte sie es, sich zu erheben, aber es gelang ihr nicht. Eine
-unüberwindliche Kraft fesselte sie an ihren Sitz. Ihr Mund öffnete
-sich, als wolle sie rufen. Dr. Glossin streckte die Hände über Janes
-Haupt aus, und kein Ton kam von ihren Lippen. Ohne Kraft und Willen
-ließ sie ihren Kopf auf die Rückenlehne sinken. Sie war in jenem
-rätselhaften Zustand, in dem das körperliche Auge geschlossen ist,
-während die Seele Dinge wahrnimmt, die räumlich oder zeitlich in weiter
-Ferne liegen. Dr. Glossin zog seine Hand zurück und fragte: »Wo hat
-Logg Sar die Aufzeichnungen über seine Erfindung gelassen?«
-
-Die Züge Janes strafften sich. Sie schien etwas zu suchen und schwer
-oder unvollkommen zu finden. Ihre Lippen öffneten sich und formten
-Worte einer fremden Sprache.
-
-»~Om mani padme hum.~«
-
-Eintönig wiederholte sie die vier Worte. Dr. Glossin hörte sie und
-verstand den Sinn nicht. Mit größter Konzentration stellte er die Frage
-noch einmal, gab er Befehl, das Versteck der Aufzeichnungen zu nennen.
-Die Antwort bestand immer wieder in diesen vier Worten, die ganz
-mechanisch, fast maschinenmäßig wiederholt wurden, wie wenn etwa ein
-Phonograph den gleichen Text ein dutzendmal herunterspielt.
-
-Der Doktor ließ die Frage fallen und stellte eine andere.
-
-»Wo ist Logg Sar jetzt? Können Sie ihn sehen? Können Sie hören, was er
-spricht?«
-
-Abgebrochen und stoßweise kamen die Worte von Janes Lippen: »Ich sehe
-... Wolken ... ein Schiff ... ein Flugschiff ... Logg Sar! Er trägt
-ein dunkles Kleid. Zwei Männer sind bei ihm ... Das Schiff landet
-... Viel Heidekraut. Die Männer verlassen das Schiff ... Das Schiff
-verschwindet. Logg Sar geht über die Heide ... Es wird neblig. Ich sehe
-nichts mehr.«
-
-Atemlos hatte Dr. Glossin Wort für Wort aufgefangen.
-
-»In welchem Lande sind sie? Wo liegt das Land?«
-
-»Ein Land im Norden ... dunkle Tannen und Heidekraut ... ein Haus an
-einem Fluß. Die Nebel steigen ... Ich sehe nichts mehr ...«
-
-Dr. Glossin zwang sich zur Ruhe. Er wußte aus früheren Erfahrungen, daß
-es vergeblich war, weiterzufragen, wenn das Bild sich verschleierte.
-So setzte er die Nachforschung in anderer Richtung fort. Viel Hoffnung
-auf einen Erfolg hatte er nicht. Wenn die Vision schon bei Vorgängen
-abbrach, die, wenn auch weit entfernt, in der Gegenwart stattfanden,
-war wenig Aussicht, zeitlich zurückliegende Dinge zu erblicken. Aber er
-beschloß, den Versuch zu machen.
-
-»Gehen Sie in Logg Sars Wohnung!«
-
-»Ich gehe ... die Johnson Street, die Washington Street ... ich bin in
-dem Hause ... ich trete in das Zimmer ...«
-
-»Blicken Sie sich genau um! Sind alle Gegenstände vorhanden? Oder fehlt
-etwas? Wurde in der letzten Zeit etwas aus dem Zimmer genommen? Blicken
-Sie rückwärts.«
-
-Jane hob die Hände, als ob sie sich in einem dunklen Raum vorwärts
-tastete.
-
-»Ich sehe ... Logg Sar ist fortgegangen. Eine Person kommt. Ich erkenne
-sie. Es ist Dr. Glossin. Er sucht und findet nichts ... Er geht wieder
-fort. Zwei andere Männer kommen. Der eine ... ein Riese, blond, mit
-blauen Augen. Der andere dunkel. Ein Neger? ... Nein, ein dunkler Mann.
-Sie suchen. Sie nehmen ... ~Om mani padme hum ... Om mani padme hum.~«
-
-Der Doktor ballte erregt die Hände.
-
-»~Om mani padme hum~? ... Schon wieder die sonderbaren Worte. Was
-bedeuten sie? Geben sie den Schlüssel? Wie finde ich die Lösung? ...
-Verdammt daß die Zeit so knapp ist! In drei Stunden muß der Diktator
-seinen Bericht haben.«
-
-»~Om mani padme hum~«, kam es automatisch von Janes Lippen.
-
-»Was nehmen die zwei? Strengen Sie sich an! Versuchen Sie, deutlich zu
-sehen. Was nehmen die beiden Männer?«
-
-»Papierstreifen ... ich sehe eine kleine Handmühle ... das Bild wird
-trübe. Die Nebel steigen.«
-
-»Eine Mühle?«
-
-Dr. Glossin zerbrach sich den Kopf. Eine Mühle? Was konnte Logg Sar
-für eine Mühle haben? Bei der Durchsuchung seines Zimmers hatte Dr.
-Glossin allerlei asiatische Erzeugnisse gesehen ... vielleicht eine
-buddhistische Gebetmühle? Gab etwa der rätselhafte Spruch die Lösung
-nach dieser Richtung?
-
-Dr. Glossin wußte, daß er es heute nicht mehr erfahren würde. Er legte
-die Hand aufs neue auf Janes Stirn. Im Augenblick vollzog sich eine
-Veränderung in ihrem Aussehen. Ihre Züge entspannten sich, und wie
-eine tief Schlafende saß sie in dem Stuhl. Der Arzt ließ sie zehn
-Minuten in dieser wohltätigen Ruhe. Dann strich er ihr wieder über die
-Augen und das Haar. Ein Strom mächtigen Willenfluidums drang durch die
-Nerven seiner Finger. Jane schlug die Augen auf und schien es für die
-selbstverständlichste Sache von der Welt zu halten, daß sie hier im
-Laboratorium saß.
-
-»Ich bitte Sie, Miß Jane, lassen Sie alles machen, was sie für
-notwendig halten, und legen Sie mir die Rechnungen bei meinem nächsten
-Besuch vor. Ich möchte, daß das Laboratorium in gutem Zustande gehalten
-wird.«
-
-»Jawohl, Herr Doktor. Es soll alles nach Ihren Wünschen besorgt werden.«
-
-Jede Erinnerung an den vorangegangenen Zustand des Hellsehens war
-bei Jane geschwunden. So befahl es die retroaktive Suggestion, die
-Dr. Glossin ihr bei der letzten Berührung erteilt hatte. Sie verließ
-das Laboratorium mit dem Bewußtsein, eine einfache geschäftliche
-Unterredung mit dem Doktor geführt zu haben. Aber auch jede Sorge um
-Logg Sar, ja jede Erinnerung an ihn war wie weggewischt. Sie stand
-für den kommenden Tag unter dem suggestiven Befehl Glossins, war in
-jenem Zustande, der Silvester früher sooft zur Verzweiflung gebracht
-hatte. Der Doktor war sicher, daß sie vor dem Ablauf der nächsten
-vierundzwanzig Stunden kein Interesse mehr an dem Schicksal des
-Verschwundenen nehmen würde. Obwohl sie ihn liebte, wie es Glossin mit
-Furcht und Eifersucht beobachtet hatte, obwohl sie sich als Silvesters
-Verlobte betrachtete, wovon Dr. Glossin noch nichts wußte.
-
-Der Arzt blieb allein zurück.
-
-»Drei Männer sind es. Ein dunkler dabei ... das stimmt mit unseren
-Beobachtungen ... Drei Personen sollen den Kraftwagen in Sing-Sing
-bestiegen haben ... Sie sind im Luftschiff entflohen. Es ist kein
-Zweifel, daß es R. F. c. 1 war ... Die anderen waren in seiner Wohnung
-und haben die Aufzeichnungen geholt und mitgenommen. Hier bricht
-die Spur ab. Ich werde sie an einem anderen Ende wieder aufnehmen
-... Telenergetische Konzentration ... Gerhard Bursfeld kannte das
-Geheimnis. Sein Sohn hat es wiedergefunden. Vererbung ... Zufall ...
-Schickung? Wer weiß?«
-
-Dr. Glossin erhob sich mit einem Ruck von dem Schemel.
-
-»Wir müssen klar sehen, bevor Cyrus Stonard den Schlag wagt. Es wäre
-unmöglich, wenn die Gegner das Geheimnis besitzen.«
-
- * * * * *
-
-Mit zweihundertachtzig Metern in der Sekunde schoß R. F. c. 1 Kurs
-Nordwest zu Nord über den Lorenzgolf dahin. Land und See lagen
-dreißig Kilometer unter dem Rapid Flyer. Automatisch arbeiteten die
-Benzolturbinen des Kreuzers, und selbsttätig regulierte die einmal
-eingestellte Steuerung den Kurs und die Höhenlage.
-
-Nur drei Personen befanden sich im Flugschiff im Zentralraum. In
-einem Korbsessel, leicht ausgestreckt, die Gestalt eines etwa
-Dreißigjährigen. Die Farbe seines Haupthaares war nicht zu erkennen.
-Es war ganz kurz geschnitten, wie rasiert. Die Farbe des Antlitzes
-zeigte eine Nuance in das Gelblich-Rötliche, wie man sie an Menschen
-der weißen Rasse kennt, die lange in den Tropen gelebt haben. Die hohe
-Stirn wies auf geistige Bedeutung. Ein schwarzer Anzug von eigenartig
-schlotterndem Schnitt umschloß die Glieder.
-
-Ein anderer machte sich an den Hebeln und Reguliervorrichtungen
-zu schaffen, die von der Zentrale aus den Gang der Turbinen
-beeinflußten. Er war blond, blauäugig, von nordischem Typus. Eine
-jener hochgewachsenen reckenhaften Gestalten, wie man sie bis auf die
-Gegenwart in den Tälern von Darlekarlien bis hinauf zum Ulea und Tornea
-findet.
-
-Ein Dritter durchspähte am Ausguck der Zentrale mit scharfem Glase
-den Raum unter dem Flugzeug. Braunhäutig, auch in seiner europäischen
-Tracht als indisches Vollblut kenntlich.
-
-Die Unterhaltung wurde in wechselnder Sprache geführt. Bald schwedisch,
-bald deutsch. Bald wurde von allen Dreien fließend und geläufig ein
-reines Tibetanisch gesprochen und bald wieder Englisch. Sie wechselten
-die Sprache in irgendeinem Satze der Unterhaltung, wie gerade irgendein
-Wort den Anstoß dazu gab.
-
-Silvester Bursfeld war es, der noch im Hinrichtungsanzug mit kahl
-geschorenem Schädel in dem Sessel ruhte.
-
-Erik Truwor, der Schwede aus altem, warägischem Dynastengeschlecht,
-bediente die Hebel für die Maschinen und die Steuerung. Noch in
-der ernsten bürgerlichen Kleidung, in der er als Zeuge zu der
-Elektrokution gegangen war.
-
-Soma Atma, der Inder, stand spähend am Ausguck. Jetzt ließ er das Glas
-sinken und wandte sich den beiden anderen zu.
-
-»Wir sind durch! Der letzte amerikanische Kreuzer ist hinter uns aus
-dem Gesichtsfeld entschwunden.«
-
-»Wir sind durch!« Erik Truwor wiederholte die Worte und stellte die
-automatische Steuerung fest ein. Mit frohem Lächeln wandte er sich zu
-Silvester Bursfeld.
-
-»Das schwerste Stück liegt hinter uns! Ich denke, Logg Sar, wir sind in
-Sicherheit. Wir fahren im schnellsten Flugschiff der Welt. Ein zweites
-Schiff der Type existiert noch nicht. Jetzt haben wir Ruhe und können
-sprechen.«
-
-Der Schwede trat ganz nahe an den Sitzenden heran und legte ihm die
-Hand auf die Schulter.
-
-»Wir sind in Sicherheit, Logg Sar. Noch wenige Stunden, und wir stehen
-auf schwedischem Boden. Armer Freund! Sie haben dir böse mitgespielt.
-Wir haben es ihnen vergolten. Sie werden in Sing-Sing noch lange an den
-heutigen Tag denken. Du mußt ihn möglichst schnell vergessen.«
-
-Silvester Bursfeld sammelte sich, bevor er stockend zu antworten
-begann. Die ungeheure Erregung der letzten vierundzwanzig Stunden
-führte jetzt zu der unausbleiblichen Reaktion.
-
-»Weißt du, was es heißt, mit dem Leben abschließen zu müssen? Den Tod,
-einen schimpflichen und qualvollen Tod unaufhaltsam heranrücken zu
-sehen?«
-
-Der Sprecher schauderte zusammen.
-
-»Die Stunden werde ich nie vergessen. Plötzlich gefangen ... eine
-Farce von einem Gericht ... zum Tode verurteilt. Im Besitze des
-Rettungsmittels und unfähig, es anzuwenden ... dann erblickte ich dich
-unter den Zeugen. Unsere Blicke trafen sich, und ich wagte ganz leise
-zu hoffen ... Haben die anderen das Geheimnis gefunden?«
-
-Erik Truwor hatte eine faustgroße Messingkapsel zwischen den Händen,
-ein reichverziertes, mit winzigen Glöckchen behangenes zylindrisches
-Gebilde. Er hielt die Kapsel in der Linken und drehte mit der Rechten
-mechanisch einen Knopf.
-
-»Sie haben es nicht entdeckt. Nach dem ersten Besuche des Dr. Glossin
-kamen wir in deine Räume. Ich suchte, und Atma fand. Er sah den
-Tschosor ...«
-
-Der Schwede fiel bei dem tibetanischen Worte wieder ins Tibetanische.
-
-»Atma öffnete die Gebetmühle und sah, daß der Text auf den Streifen
-nicht vom Kleinod im Lotos sprach. Wir lasen deine Anweisung. Einen
-halben Tag brauchte ich, um sie zu verstehen. Noch einen halben Tag, um
-die versteckten Teile zu finden und wieder zusammenzubauen. Dann hatten
-wir den Strahler! In seinem Besitze, in der Kenntnis des Geheimnisses
-war es uns leicht, die Maschine zu sprengen.«
-
-Mit zitternden Händen griff Silvester Bursfeld nach der Gebetmühle und
-streichelte sie liebkosend.
-
-»Das Geheimnis ist gerettet. Alles, was ich darüber schrieb, steht auf
-den Bändern. Ich will ihnen ...«
-
-Zorn und Erregung malten sich auf seinen Zügen.
-
-»Ich will ihnen Brände und Stürme schicken, daß sie ...«
-
-Erik Truwor hob beschwörend die Rechte. Ein goldener Schlangenring von
-alter indischer Arbeit gleißte am vierten Finger. Ein Stein schimmerte
-darin in wundersamem Farbenspiel. Bald glänzte er tiefgrün, und dann
-wieder, wenn ein Strahl der elektrischen Lampe ihn traf, sandte er
-blutrotes Rubinlicht aus.
-
-Atma trat hinzu. Der gleiche Ring erglänzte an seiner Hand wie an der
-seines Gefährten. In Überraschung und Staunen weiteten sich die Augen
-Silvesters. Zwischen den beiden Ringen wanderten seine Blicke hin und
-her und hafteten dann auf dem leeren Ringfinger der eigenen Hand.
-
-»Die drei Ringe des Tsongkapa ... Die alte Prophezeiung ... Vom Anfang
-des Bogens der Wille ... Vom Ende das Wissen ... von Mitternacht ...
-mein Ring fehlt ...«
-
-War es das Flimmern der Steine, war es der strahlende Blick des Inders,
-Silvester Bursfeld hielt stockend inne und schloß die Augen zu tiefem
-Schlaf.
-
-Atma kehrte auf seinen Beobachtungsposten zurück.
-
-Erik Truwor hantierte am Empfangsapparat der telegraphischen Station.
-Mit schnellen Blicken überflog er die Zeichen des aus dem Apparate
-quellenden Streifens. Dann ein Wink an den dunklen Gefährten. Der schob
-und drehte das schimmernde Aluminiumrad der selbsttätigen Steuerung,
-bis die schwarze Marke genau über der Spitze des nordweisenden Kreisels
-stand, der die Steuerung betätigte. In weit ausholendem Bogen gehorchte
-das Flugschiff der Steuerung und schoß über Labrador hin nordwärts
-gerichtet auf den Pol zu.
-
-Der Schwede wies auf die Telegrammstreifen.
-
-»Amerikanische Kreuzer auf Grönland und über Island. Wir müssen über
-den Pol gehen, um die Sperre zu meiden.«
-
-Atma hörte, und ein stärkerer Glanz leuchtete in seinen großen
-strahlenden Augen.
-
-»Gezwungen?«
-
-»Gezwungen!«
-
-Der Inder nahm die alte Weissagung da wieder auf, wo Silvester, in den
-Schlaf fallend, gestockt hatte.
-
-»... Von Mitternacht kommt die Macht.«
-
-Erik Truwor erschauerte. Er kannte die Weissagung. Der Moment trat ihm
-vor die Augen, als der greise Abt von Pankong Tzo ihm den Ring auf den
-Finger schob und dazu nur die Worte sprach: »Das ist der dritte!«
-
-Es ging um die alte, so schwer deutbare Prophezeiung, an der sich die
-Ausleger seit siebenhundert Jahren versuchten. Erik Truwor war ein
-moderner Mensch. Er beherrschte das Wissen der Gegenwart, kannte als
-Ingenieur die Naturwissenschaft seiner Zeit. So hatte er den Ring
-genommen und hatte ihn mit den Blicken des Naturforschers betrachtet.
-Der Stein, eine Abart des Chrysoberyll, ein gut geschliffener
-Alexandrit, der die Eigenschaft besitzt, in natürlichem Lichte grün,
-in künstlichem rot zu leuchten. Die Prophezeiung ... eine jener vielen
-aus der Vorzeit überkommenen dunklen Weissagungen, die man in jedem
-Jahrhundert auf die Ereignisse der Zeit zu deuten versucht. Erik
-Truwor wollte ihr skeptisch gegenüberstehen und brachte es doch nicht
-fertig. Zu sehr klangen die Worte des Tsongkapa mit alten dunklen
-Überlieferungen zusammen, die in seinem Vaterhaus umgingen. Zu sehr
-auch brachten sie in seinem Gemüt eine Saite zum Mitschwingen, die wohl
-nur leise angeschlagen zu werden brauchte, um zu klingen. Schon einmal
-sollten die Truwors vor mehr als tausend Jahren den Völkern in den
-weiten Steppen Rußlands einen Herrscher gegeben haben. Aber über diese
-geschichtliche Überlieferung ging die Legende hinaus, daß es nicht das
-letztemal gewesen sein sollte. Ein dunkles Grenzgebiet tat sich hier
-auf. Ein Ineinanderfließen grauer Vergangenheit und ferner Zukunft.
-
-Erik Truwor hätte lächeln mögen, wenn er nicht im fernen Osten Dinge
-gesehen hätte, die ihm das Lachen verlegten. Dinge, für die das eherne
-Kausalitätsgesetz seine Wirkung zu verlieren schien. Erscheinungen, bei
-denen Zeit und Raum ihre Ausdehnung verloren. War es blinder Zufall
-oder war es irgendeine Fügung, daß sie jetzt infolge der erzwungenen
-Abweichung vom kürzesten Kurs direkt vom Pol her genau aus Mitternacht
-in ihre Heimat stoßen mußten?
-
-»... Aus Mitternacht kommt die Macht«, sagte die alte Weissagung. Er
-entsann sich ihrer jetzt Wort für Wort.
-
-»Vom Anfang des Bogens kommt der Wille«, das ließ sich auf Atma,
-den im fernen Osten Geborenen, deuten, der die Fähigkeit der
-Willensübertragung, der telepathischen Fernwirkung in übermenschlichem
-Maße besaß.
-
-»Vom Ende das Wissen.«
-
-Das mochte wohl auf den Mann gehen, der dort ruhig im Stuhle
-schlummerte und Erfindungen von so gewaltiger Tragweite gemacht hatte.
-
-»Von Mitternacht kommt die Macht.« Wörtlich ließ es sich jetzt auf sie
-alle drei zusammen deuten ...
-
-Die Steuerung des Kreuzers wurde von Minute zu Minute unsicherer.
-Der steuernde Kreisel, dessen Achse an jedem Punkte der Erde auf den
-Polarstern weist, stand jetzt genau senkrecht.
-
-Erik Truwor blickte durch die Scheiben nach unten. Wo die Wolken einen
-Durchblick ließen, wurden unendlich ausgedehnte Eis- und Schneeflächen
-sichtbar. Der Kreuzer stand genau über dem Pol. Wohin immer er jetzt
-fuhr, er mußte nach Süden fahren und aus Mitternacht kommen.
-
-Mit fester Hand griff der Schwede in die Speichen der Steuerung. In
-weitem Bogen schwenkte das Schiff um einen Winkel von fünfundvierzig
-Grad und schlug den Kurs auf die Ostecke von Spitzbergen ein. Minuten
-verstrichen. Dann nahm der steuernde Kreisel ganz allmählich eine
-schräge Lage an. Die automatische Steuerung begann wieder zu arbeiten,
-und Erik Truwor konnte zur drahtlosen Station zurücktreten.
-
-Atma wies ihm stumm den Papierstreifen, der inzwischen viele Meter lang
-unter dem Schreibrad hervorgequollen war ... Aufregende Depeschen aus
-Amerika. Der Krieg mit England so gut wie sicher. Kühle Auslassungen
-von Washington. Dann wieder siedend heiße Telegramme der amerikanischen
-Presse. R. F. c. 1 spielte die Hauptrolle darin.
-
-Die amerikanischen Wachtflieger sollten seine Landung in Schottland
-beobachtet haben. Der Äther war voll von gefährlichen Nachrichten.
-
-Erik Truwor las, während die Stunden der Fahrt sich summten. Endlich
-hatten sie das offene Meer unter sich. Das Nordkap kam in Sicht.
-Gebirge, Fjorde, weite Flächen ... alles noch in bläulichem Nebel
-verschwommen. Jetzt schoß der Flieger mit starkem Gefälle nach unten.
-Seine Geschwindigkeit nahm ab, als er in die dichteren Luftschichten
-eindrang. Dann senkte er sich mit stehenden Maschinen im Gleitflug und
-stand auf einer weiten, nur mit Heidekraut bewachsenen Fläche still.
-
-Atma trat auf den Schläfer zu und strich ihm leicht über die Augen.
-Silvester Bursfeld erwachte und erhob sich erfrischt. Der magnetische
-Schlaf hatte die Spuren der erlittenen Anstrengungen und Leiden
-verwischt. Nur noch das kurze Haar und der ominöse Anzug erinnerten
-daran, daß er vor zehn Stunden zum Tode geführt werden sollte.
-
-Als Erster sprang Erik Truwor aus dem Schiff und stand fest und sicher
-auf dem heimatlichen Boden. Sorglich half er Silvester beim Verlassen
-des Fliegers.
-
-»Willkommen auf heimatlichem Boden! Willkommen, Silvester, im alten
-Schweden, in unserem Linnais! Ein neues Leben beginnt heute für uns
-alle. Deine Erfindung, Silvester, ist größer, als du selbst vielleicht
-denkst und ahnst. Das Schicksal hat uns viel gegeben. Wir werden uns
-der Gabe würdig zeigen müssen.«
-
-Soma Atma war als der Letzte aus dem Flugschiff gesprungen. Seine Frage
-unterbrach den Gedankenflug Erik Truwors.
-
-»Wohin mit dem Flugschiff? Hier darf es nicht stehen. Die Luft hat
-Augen.«
-
-Silvester Bursfeld trat näher und strich liebkosend über die silbern
-schimmernde Wand des Schiffes. An den Körper einer Schwalbe erinnerte
-sein Rumpf. Schmal und schnittig, daß die Luft es noch sanft umstrich,
-wenn es mit Flintenkugelgeschwindigkeit durch den Äther dahinschoß. Der
-Rumpf vom langausgezogenen Steuerschwanz bis zum Motorkopf kaum zwölf
-Meter lang. Die Schwingen zu ebener Erde jetzt zusammengefaltet und an
-den Rumpf gelegt wie die Flügel einer ruhenden Schwalbe. In der dünnen
-Atmosphäre, in dreißig Kilometer Höhe, da reckten sich diese blanken
-Flächen aus, streckten sich von innen her gespreizt weit nach beiden
-Seiten, bis sie fünfzig Meter klafterten.
-
-Auf leichten Rädern stand der zierliche Rumpf mit angefalteten
-Schwingen.
-
-»Die Yankees sollen das Schiff nicht wiederhaben! Ein Andenken sind sie
-mir für den elektrischen Stuhl schuldig.«
-
-Silvester knurrte es unwillig vor sich hin.
-
-»Du hast recht. Wir können die Maschine selbst gebrauchen. Moralische
-Verpflichtungen haben wir nach deinem Abenteuer nicht mehr. Das Schiff
-findet Platz in der Odinshöhle.«
-
-Silvester Bursfeld trug an einem Riemen an der rechten Hüfte einen
-kleinen Kasten aus poliertem Zedernholz. Er ergriff ihn, wie man nach
-einem Krimstecher greift. Einige Griffe an ein paar Stellschrauben des
-Apparates, und wie von Geisterhänden berührt, begann das Flugschiff
-auf dem ebenen Heideboden langsam voranzurollen. So gemächlich, daß
-seine drei bisherigen Passagiere ihm im bequemen Schritt zu folgen
-vermochten. Etwa wie ein gut dressierter Hund lief es vor ihnen her,
-während Silvester Bursfeld es mit seinem Apparat verfolgte wie ein
-Photograph ein Objekt, das er auf die Platte bannen will.
-
-Nun war das Ende der Hochebene erreicht. Mit steilem Gefälle führte
-der Weg mehrere hundert Meter in die Tiefe zum Torneaelf hinab. Sich
-selbst überlassen, mußte die Maschine auf diesem Pfade ins Rollen
-kommen, mußte umschlagen oder zerschellen. Aber war sie bisher wie
-ein Hund gelaufen, so kletterte sie jetzt wie eine Gemse. Vorsichtig
-wand sie sich auf dem schmalen Pfade dahin ... und jetzt ... Silvester
-Bursfeld neigte seinen Apparat nach oben, und die schwere Maschine
-hob sich vom ungangbaren Pfade in die Luft. Während ihre Propeller
-stillstanden, während ihre Schwingen dicht gefaltet am Rumpf lagen,
-gaukelte sie wie ein Schmetterling vor den Wanderern dahin, die den
-engen Pfad hinabstiegen. Nun bogen sie seitlich vom Wege in ein Gewirr
-von Blöcken und Heidekraut am Abhange ein. Noch wenige hundert Meter,
-und eine dunkle Öffnung gähnte am Hange.
-
-Silvester Bursfeld arbeitete mit seinem Apparat wie ein Künstler. Er
-hob und senkte, drehte und richtete ihn, kam im Bogen schließlich
-gerade vor jene Öffnung zu stehen. Vor ihm schwebte das schwere
-Flugschiff.
-
-In langsamer vorsichtiger Wendung kehrte es seine Spitze der Öffnung
-zu. Jetzt tauchte es in die Dunkelheit, und jetzt war es verschwunden.
-Silvester folgte ihm, während Erik Truwor einen Handscheinwerfer in
-Tätigkeit setzte, der die Höhle mit blendendem Licht erfüllte.
-
-Noch etwa hundert Meter Weg in der geräumigen, hier von der Natur in
-das Urgestein gesprengten Höhle. Eine kurze Schwenkung nach links. Das
-Flugschiff verschwand hinter gewaltigen Basaltsäulen. Wie Silvester
-jetzt den Strahler senkte, senkte sich auch das Schiff. Seine Räder
-berührten den Boden und nun stand es sicher und unbeweglich auf der
-ebenen, mit trockenem Sand bedeckten Basis der Höhle. Silvester
-Bursfeld setzte die Schrauben seines Apparates auf die Nullstellung und
-ließ ihn wieder auf seine Hüfte hinabgleiten.
-
-»So! Hier wird es niemand entdecken! Wenigstens nicht, wenn die Leute
-in der Gegend noch denselben Respekt vor der Odinshöhle haben wie
-früher.«
-
-»Sie haben ihn. Die Schäfer und Waldläufer hier glauben immer noch, daß
-allerhand Geister in der Höhle hausen.«
-
-Erik Truwor sagte es lachend.
-
-»Selbst am lichten Tage machen sie einen Bogen um die Höhle. So leicht
-wagt sich niemand hinein, so breit und offen ihr Eingang auch daliegt.
-Sie haben Respekt davor, und sollte er nachlassen, so haben wir das
-Mittel, ihn wieder aufzufrischen.«
-
-Er deutete dabei auf den Strahler an Silvesters Seite. Aus dem Dunkel
-der Höhle traten die drei wieder an den sonnigen Tag. Sie folgten dem
-Pfade flußabwärts und erreichten das alte Stammhaus der Truwors, das
-hier aus Birken und Föhren hervor auf den Torneaelf hinabschaute.
-
- * * * * *
-
-»~Britannia rules the waves, Britannia rules the winds.~« Aus
-Hunderttausenden von Kehlen drang die alte Melodie mit neuem Text und
-brauste über die blauen Wasser des Solent. Die Flotte der leichten
-englischen Luftstreitkräfte war plötzlich am Himmel sichtbar geworden.
-Ihr Erscheinen bildete den Auftakt und Anfang der großen Wettbewerbe,
-die am 11. Juni von der ~Aeronautical Federation of G. B.~ und dem
-~Imperial Aero Club~ über dem Meeresarm zwischen der Insel Wight und
-der englischen Küste veranstaltet wurden. In Geschwadern zu je hundert
-kamen die Flugzeuge angeschossen. Tauchten irgendwo in der Ferne aus
-dem Blau des Himmels oder des Ozeans auf. Bildeten zu hundert in der
-Luft ein lateinisches ~V~ wie die Zugvögel und hielten die Figur genau
-geschlossen, während sie allerlei Evolutionen vollführten.
-
-Geschwader auf Geschwader tauchte auf, bis es schließlich ihrer tausend
-waren. Bis hunderttausend Flugzeuge in einer dichten Wolke den Azur
-des Firmaments mit dem silbernen Schimmer blanken Leichtmetalles
-durchsetzten.
-
-Die Menge, welche schwarz die Ufer und Klippen des Solent umsäumte,
-sang spontan das alte Lied. Unbekümmert von aller politischen Spannung
-waren die Massen hierher gepilgert, um ein sportliches Schauspiel zu
-sehen. Aber der Anblick der unüberwindlichen englischen Luftflotte
-führte zu diesem elementaren Ausbruch patriotischen Gefühles. Geschickt
-hatten es die Regierenden verstanden, dem Empfinden der Menge
-Rechnung zu tragen und sich gleichzeitig von der Schlagfertigkeit
-und Alarmbereitschaft der Luftflotte zu überzeugen. Das Singen, das
-Schwenken von Tüchern und Hüten nahm kein Ende, solange noch ein
-Flugzeug zu sehen war. Dann ... so plötzlich wie die Flotte auftauchte,
-war sie auch wieder verschwunden. Von Yarmouth bis zum Atlantik, von
-den Orkneys bis zu den Kanalinseln stand sie wieder über den Küsten wie
-ein geschlossener Hornissenschwarm. Bereit, jeden Gegner auf dem Wasser
-und in der Luft mit giftigem Stachel anzufallen und zu vernichten.
-
-Ein Teil des Uferfeldes war von der Menge frei gehalten worden.
-Hier lagen die Luftjachten, in denen die vornehmen Mitglieder der
-veranstaltenden Klubs zu dem Schauspiele gekommen waren. Dort schwer
-und breit, mit überreichem Zierat beladen, goldglänzend die Jacht des
-Radscha von Rankure. Wenige Meter davon entfernt die wundervollen
-Flugschiffe der Norfolks, Sommersets, der Cecils und vieler anderer. In
-der Mitte von allen diesen der gestreckte Leib einer Aluminiumjacht.
-Sie gehörte dem Vierten Lord der britischen Admiralität, Seiner
-Herrlichkeit Lord Horace Maitland auf Maitland Castle.
-
-Lord Horace Maitland hatte in seiner amtlichen Stellung die Verwaltung
-der Luftstreitkräfte unter sich. Er gehörte dem Präsidium des Imperial
-Aero Club an, und der große Empfangssalon seiner Jacht bildete den
-Treffort für alle diese Aristokraten der Geburt und des Geldes, deren
-Flugschiffe das Feld bedeckten.
-
-Der Salon der Jacht bot durch große Zellonspiegelscheiben nach drei
-Seiten hin freien Ausblick. Nur die vierte Wand war massiv. Zwei
-schmale Türen führten zu den Privat- und Wirtschaftsräumen des
-Flugschiffes. Den mittleren Teil der Wand nahm eine Gruppe von Palmen
-und Blattpflanzen ein. Ein gewaltiger Löwenkopf aus schwerer Bronze war
-etwa in Brusthöhe an der Wand befestigt und warf einen Strahl frischen
-Wassers in ein Muschelbecken zwischen den Palmen. Sessel und Tische
-waren dazwischen gruppiert.
-
-Hier saß die Herrin der Jacht, Lady Diana Maitland, im Kreise ihrer
-Besucherinnen. Wie die Herren ausnahmslos im Klubanzug erschienen
-waren, so trug auch Lady Diana den Sportdreß des Aeroklubs. Schlank
-und rank erschien ihre jugendliche Gestalt in dem fußfreien Rock und
-dem enganschließenden Jackett aus marineblauem Tuch. Mit gespannter
-Aufmerksamkeit verfolgten auch die Damen die Vorgänge in den Lüften,
-mit besonderem Interesse Lady Diana selbst. Immer wieder hob sie den
-Feldstecher empor, um sich keine Einzelheit entgehen zu lassen. Ihre
-dunklen Augen blitzten erregt. Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen.
-Jeder Nerv in ihr vibrierte, als ob sie selbst an den Wettkämpfen dort
-oben teilnähme. Ein Beobachter hätte unschwer feststellen können,
-daß ihr Temperament und Wesen nicht englisch waren, daß nicht allein
-ihre Eigenschaft als Gattin des Luftministers sie besonders an diesen
-Vorführungen interessierte, sondern daß ihre andersgeartete Natur die
-Freude an den aufregenden Kampfspielen viel stärker zu erkennen gab,
-als es bei den Damen ihrer Umgebung der Fall war, deren schwerflüssiges
-englisches Blut auch hier die gewohnte kühle Reserve wahrte.
-
-Die letzten Flieger der englischen Wehrmacht waren am Horizont
-verschwunden. Alle Gäste wußten, daß man das eben gesehene Schauspiel
-den Anordnungen des Lords zu verdanken hatte, und sie hielten mit ihrer
-Anerkennung nicht zurück.
-
-»Brillant,« knurrte Kommodore Morison, »schade, daß die Amerikaner
-nicht dabei waren. Würden es sich danach überlegen, mit uns anzubinden.«
-
-»Die Amerikaner werden nicht kommen«, bemerkte Mr. Pykett, der
-australische Baumwollkönig, trocken.
-
-»Wetten, daß sie kommen?« fiel ihm der Viscount Robarts ins Wort.
-Viscount William Robarts, der nie eine Gelegenheit vorübergehen ließ,
-eine Wette zu riskieren.
-
-»Ich glaube doch nicht«, meinte Mr. Pykett.
-
-Der Viscount zog die Uhr. »Zehn Pfund darauf, daß das erste
-amerikanische Boot in fünf Minuten hier ist.«
-
-Lord Horace Maitland stand dicht dabei. Ein Zucken lief über die
-scharfgeschnittenen Züge seines glatt rasierten Gesichtes. Er kannte
-Amerika und die Amerikaner. Heute war er ein angehender Vierziger.
-Seit drei Jahren Inhaber des Lordtitels und der damit verbundenen
-Einkünfte. Aber die Lordschaft war ganz unverhofft durch eine Reihe von
-Todesfällen an ihn gekommen. Die vorangehenden zehn Jahre hatte er als
-einfacher Mr. Clinton in den Vereinigten Staaten gelebt. Nicht sehr
-begütert. Genötigt, im Strome des Lebens zu schwimmen und den Kampf
-ums Dasein zu führen. Damals, es waren jetzt fünf Jahre her, hatte er
-Diana, die eine berühmte Sängerin an der Chikagoer Metropolitan-Oper
-war, geehelicht, hatte noch zwei Jahre mit ihr in den Staaten gelebt,
-bis die Pairie an ihn fiel. Er brachte in die Stellung des englischen
-Aristokraten die Lebens- und Menschenkenntnis eines amerikanischen
-Kaufmannes mit. Was Wunder, daß er bald auch im politischen Leben eine
-Rolle spielte und verhältnismäßig jung das verantwortliche Amt eines
-Lords der Admiralität bekleidete.
-
-Weniger leicht war es seiner Gattin gemacht worden, in der englischen
-Gesellschaft festen Fuß zu fassen. Schon bei ihren ersten Schritten
-fühlte sie instinktiv eine von Mißtrauen nicht freie Zurückhaltung
-heraus, die der gewesenen Sängerin galt. Der Ton der Gesellschaft war
-wenigstens von seiten des weiblichen Teils auf vorsichtige Duldung
-eingestellt. Aber Lady Diana Maitland, die polnische Magnatentochter,
-war keinen Augenblick gewillt, sich nur dulden zu lassen. Ein stiller,
-zäher Kampf begann. Schritt für Schritt eroberte sich Lady Diana die
-Stellung, die ihr nach dem Range ihres Gatten und ihrer Geburt zukam.
-Und wenn sie heute als eine der ersten Damen des englischen Highlife
-dastand, so verdankte sie es in erster Linie den eigenen geistigen
-und körperlichen Vorzügen. Ihre Ehe galt nicht nur als mustergültig,
-sondern als glücklich, wenn ihr Nachkommenschaft auch bisher versagt
-war.
-
-Viscount Robarts wiederholte sein Angebot.
-
-»Zehn Pfund darauf, daß das erste amerikanische Boot um viertel elf
-hier ist.«
-
-Mr. Pykett nahm die Wette an.
-
-»Hundert Pfund dagegen, daß um viertel elf kein amerikanisches Boot
-hier ist. Fünfzig Pfund dagegen, daß bis Mittag überhaupt keins kommt.«
-
-Die Gedanken Lord Maitlands jagten einander. Mr. Pykett gehörte dem
-australischen Parlament an. Er mußte genau die Fäden kennen, die sich
-zwischen Amerika und Australien spannen. Es hatte sicher seine Gründe,
-wenn er auf das Nichterscheinen der Amerikaner wettete. Aber Lord
-Maitland empfing auch von Viertelstunde zu Viertelstunde die Telegramme
-aus Amerika, und er fand, daß die aufreizende Sprache der Yankeepresse
-in den Morgenstunden an Schärfe verloren hatte. Wollte man England
-einwiegen, um es dann um so sicherer überfallen zu können? Oder hatte
-sich Cyrus Stonard besonnen und die Auseinandersetzung aufgeschoben? Er
-fand keine sichere Antwort auf diese Fragen.
-
-Seine Betrachtungen wurden unterbrochen. Ein Punkt, der in den letzten
-Sekunden am Horizont sichtbar geworden war, hatte sich schnell
-vergrößert. Aus unendlicher Höhe stieß er herab und wuchs in jeder
-Sekunde, bis er sich breit und massig auf die blauen Fluten des Solent
-legte. Dort wogte das Luftschiff im Spiele der Wellen leicht auf und
-ab, rasselnd gingen die Anker in die Tiefe und legten den mächtigen
-Rumpf fest. Flatternd stieg das Sternenbanner am Heck hoch, und wie
-durch Zauberei spannte sich in wenigen Sekunden der bunte Schmuck der
-Flaggenparade längs über das Schiff. Cheerrufe aus der Menge begrüßten
-den ersten Transatlantik, dem in wenigen Minuten zwei weitere folgten.
-
-Mr. Pykett schrieb ruhig einen Scheck über 150 Pfund aus und legte
-ihn in die Hände des Viscount Robarts. Während er das tat, stellte
-er sich im stillen die gleichen Fragen wie Lord Maitland. Warum ließ
-Cyrus Stonard noch Passagierboote hinüber? Hatte er sich im letzten
-Augenblick besonnen und die Auseinandersetzung aufgeschoben?
-
-Die Atmosphäre war mit Politik geladen. Auch das Gespräch der Damen
-beeinflußte sie. In einer Pause der Gespräche hörte man deutlich die
-wohlklingende Stimme der Lady Diana:
-
-»Wie sollten England und Amerika miteinander fechten? Die gemeinsame
-Sprache verhindert es ja. Sie ist das stärkste Band, das Menschen
-aneinanderbindet.«
-
-Die Viscounteß Robarts nickte zustimmend. »Ich könnte es nicht
-begreifen, wie ~Englishspeakers~ sich gegenseitig morden sollten.«
-
-Die Damen glaubten nicht an die Möglichkeit eines Krieges. Aber sie
-wußten auch wenig von der Politik und Staatsräson eines Cyrus Stonard.
-
-Draußen begann der Wettbewerb der Tauchflieger. Von großen Höhen
-schossen die Flugschiffe herunter, durchschnitten klatschend die
-Wasserfläche, zogen noch eine kurze Spur quirlenden Propellerwassers
-hinter sich her und waren dann verschwunden. Als Unterseeboote setzten
-sie ihre Fahrt fort. Nach den Bedingungen des Wettbewerbes mußten sie
-unter Wasser eine lange Strecke zurücklegen, eine in fünfzig Meter
-Tiefe verankerte Boje aufnehmen und innerhalb vorgeschriebener Zeit an
-einer bestimmten Stelle wieder auftauchen.
-
-Um die Amerikaboote tummelten sich die Zollbarkassen. Die
-Zollabfertigung dauerte nur kurze Zeit. Schon setzten die
-Transatlantiks selbst Motorboote aus. Einzelne der soeben Angekommenen
-gingen an Land, um hier Freunde und Bekannte zu treffen.
-
-Der Weg für die Tauchflieger war lang. Deshalb schob das Programm
-ein Wettfliegen mit motorlosen Flugzeugen ein. Nach dem pomphaften
-Schauspiel der Luftflotte und dem dämonischen der Tauchflieger kam die
-Idylle. Von der höchsten Spitze der Uferklippen segelten die einzelnen
-Flieger ab. Wie die Schmetterlinge gaukelten sie mit geblähten
-Tragflächen in der Luft. Hingen oft fast bewegungslos an derselben
-Stelle, um dann plötzlich die Flügel zu recken und sich wie die
-Albatrosse in weiten Kreisen in die Höhe zu schrauben.
-
-Viscount Robarts suchte, mit wem er eine neue Wette auf den Segelflug
-eingehen könne. Die übrigen Gäste Lord Maitlands verfolgten durch
-scharfe Gläser die immer höher steigenden Segler. Auf der Bordtreppe
-der Maitlandjacht wurden Schritte vernehmbar. Neue Gäste kamen. Sir
-Arthur Vernon, der Vorgänger Lord Maitlands in der Admiralität. Er
-führte einen Fremden in diesen Kreis ein.
-
-»Herr Dr. Glossin aus Trenton in den Staaten ...«
-
-Während der Eingeführte sein Kompliment machte, fuhr Sir Arthur zu Lord
-Maitland gewendet kaum hörbar fort: »... Ein alter Freund von mir ...
-Kann vielleicht helfen, die Krise zu lösen.«
-
-Die wenigen Worte genügten, um dem Amerikaner einen Empfang zu sichern,
-dessen Herzlichkeit noch um eine Note über die übliche englische
-Gastfreundschaft hinausging.
-
-Dr. Glossin widmete sich besonders der Herrin der Jacht. Zu ihrem
-Staunen lenkte er das Gespräch sehr bald auf solche Orte und Personen,
-die sie als Sängerin kennengelernt hatte, ohne doch ihren früheren
-Beruf mit einem Worte zu erwähnen.
-
-Lady Diana wurde durch das Gespräch gefesselt und doch wieder innerlich
-abgestoßen. Sie spürte bei jedem Satz einen geheimnisvollen Doppelsinn
-und konnte sich dem Einfluß dieses Gastes doch nicht entziehen. Eine
-innere Stimme warnte sie, sich den Mann zu nah kommen zu lassen, und
-unter einem unwiderstehlichen Zwange brachten ihre Lippen gleichzeitig
-eine freundliche Einladung nach Maitland Castle zutage. Eine Einladung,
-die Lord Maitland dringend unterstützte. Es lag ihm daran, mit diesem
-einflußreichen Amerikaner in Fühlung zu bleiben.
-
-Dr. Glossin dankte für die Aufforderung. Er nahm sie mit Vorbehalt
-an. Vorerst habe er noch in London zu tun. Danach würde er gern nach
-Maitland Castle kommen. Krieg und Kriegsgefahr ... er lachte darüber.
-Das amerikanische Volk denkt nicht daran, sich mit den stammverwandten
-Briten in einen Krieg einzulassen. Preßzänkereien bedeuteten noch lange
-keinen Krieg.
-
-Lord Maitland ging gerade auf das Ziel los. Die Aufregung der
-amerikanischen Presse sei durch die Entführung eines Flugzeuges
-hervorgerufen worden. Die amerikanische Presse habe behauptet, daß die
-Engländer es entführt hätten. Ob der Zwischenfall klargestellt sei.
-
-Dr. Glossin wurde wortkarg. Die Entführung des Flugschiffes sei noch
-nicht völlig aufgeklärt. Bestimmte Beobachtungen deuteten aber auf eine
-bestimmte Spur. Er vermied es, hier in der Gegenwart so vieler Gäste
-mehr zu sagen. Aber Lord Maitland verstand, daß der Amerikaner ihm
-unter vier Augen mancherlei mitzuteilen habe, Dinge, die jedenfalls die
-größte Diskretion verlangten.
-
-Draußen nahmen die Konkurrenzen ihren Fortgang. Das Zwischenspiel der
-Segelflieger war beendet. Der Viscount Robarts hatte es zu seinem
-Leidwesen vorübergehen lassen müssen, ohne eine Wette unterbringen
-zu können. Unbelebt dehnte sich die Fläche des Solent. Aber mit den
-Stoppuhren in der Hand warteten die Preisrichter. Und jetzt ...
-Wirbelnd schoß es wie ein Fisch aus dem Wasser, reckte im Augenblick
-des Auftauchens zwei kräftige Schwingen und flog in die Höhe. Der
-erste Flugtaucher war angekommen. Den Bedingungen der Konkurrenz
-entsprechend, stieg er bis auf zehntausend Meter Höhe, ging dann im
-Gleitflug nieder und legte sich ruhig auf das Wasser. Noch während
-er niederging, stieg bereits das zweite Boot aus dem Wasser in die
-Höhe. In kurzen Intervallen folgten die anderen Wettbewerber. Die
-Konstruktionen gaben sich gegenseitig kaum etwas nach. Die wenigen
-Sekunden, die das eine Boot etwa länger als das andere nach seiner Boje
-auf dem Grunde hatte suchen müssen, gaben den Ausschlag.
-
-Jeder von den Zuschauern hier in der Jacht begriff, daß England in
-diesen Flugtauchern eine neue wirksame Waffe besaß. Diese Maschinen
-konnten in gleicher Weise U-Boote und Flugzeuge angreifen. Sie konnten
-den Ort des Kampfes nach eigenem Belieben über oder unter dem Wasser
-suchen.
-
-Lord Maitland stand mit dem Doktor Glossin an einem der Fenster.
-
-»Eine glänzende Erfindung! Ich denke, Sie werden Ihrem Präsidenten
-davon zu erzählen haben.«
-
-Dr. Glossin lächelte höflich. Die Pläne der Flugtaucher waren längst in
-Washington.
-
-»Es gibt etwas anderes, was uns gegenwärtig größere Sorge macht.«
-
-Lord Maitland blickte fragend auf.
-
-»Mein Lord, hörten Sie jemals etwas von telenergetischen
-Konzentrationen?«
-
-Lord Maitland blickte so naturgetreu verdutzt auf, daß Dr. Glossin
-einsah, der Lord wisse wirklich nichts davon. Wenn aber der Vierte Lord
-der britischen Admiralität von dieser Sache nichts wußte, dann war
-beinahe sicher anzunehmen, daß auch die Admiralität und die englische
-Regierung keine Kenntnis davon hatten. Das mußte aber zweifelsfrei
-festgestellt werden, bevor Cyrus Stonard losschlug. Darum war Dr.
-Glossin hier in England, und darum hatte Cyrus Stonard das schon
-gezückte Schwert nach einmal in die Scheide zurückgestoßen.
-
-Besaß England das Geheimnis Gerhard Bursfelds, so durfte Amerika den
-Angriff nicht wagen. Im anderen Falle konnte der Schlag mit guter
-Aussicht auf ein Gelingen geführt werden.
-
-Die Konkurrenzen gingen ihrem Ende entgegen. Im Wettbewerb um den
-Höhenflug errang ein Fahrzeug den ersten Preis, welches sich unter
-Zuhilfenahme der Raketenwirkung ausströmender Pulvergase bis zu einer
-Höhe von 100 Kilometer erhoben hatte. Aber die Konkurrenten um den
-Schnelligkeitspreis blieben weit hinter der amerikanischen Type R. F.
-c. zurück.
-
-Dann war die Konkurrenz beendet. Während die Volksmassen in
-Wasserbooten und Bahnen den Städten zuströmten, erhoben sich die
-Jachten in die Lüfte. Der indische Radscha steuerte geradeswegs dem
-Bergstock des Himalaja zu. Die Jacht des Lords Maitland flog nach
-Maitland Castle. Dr. Glossin fuhr im Kraftwagen des Sir Vernon nach
-London.
-
- * * * * *
-
-Die Schollen fielen auf den Sarg, der die sterbliche Hülle von Gladys
-Harte barg. Ihr Leben war ruhig erloschen, wie die Flamme einer Lampe,
-der das Öl fehlt. Das Ende war seit Monaten vorauszusehen. Es war
-vielleicht durch die Aufregungen beschleunigt worden, die das Schicksal
-Silvesters in das stille Haus in der Johnson Street brachte.
-
-Jane stand in einem kleinen Kreise Leidtragender an der offenen Gruft.
-Hier kam ihr erst ganz zum Bewußtsein, wie einsam sie in diesen letzten
-Jahren gelebt hatten. Nur wenige Personen gaben der Toten das Geleit.
-Freunde des verstorbenen Mannes, wie dieser in den Staatswerken
-angestellt. Einige Frauen dabei.
-
-Jane war ihnen von Herzen dankbar, daß sie jetzt noch einmal gekommen
-waren, der Toten die letzte Ehre zu erweisen. Sie fühlte sich
-grenzenlos einsam und verlassen. Während sie Beileidsworte hörte und
-Hände drückte, dachte sie daran, daß sie jetzt allein in das leere Haus
-in der Johnson Street zurückkehren müsse, und daß ... auch Silvester
-von ihr gegangen sei.
-
-Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper. Sie drohte
-umzusinken, als Dr. Glossin zu ihr trat, sie stützte und behutsam von
-dem Grabe fortführte. Sorgsam geleitete er sie durch die breiten Wege
-des Friedhofes, der in voller Junipracht grünte und blühte, als ob es
-keinen Tod und kein Sterben auf der Welt gäbe.
-
-Willenlos ließ Jane es geschehen. Jeder Mensch, der sich ihrer annahm,
-war ihr in ihrem augenblicklichen Zustande willkommen. Um wieviel
-mehr Dr. Glossin, der solange in ihrem Hause verkehrte, der ihre
-Mutter genau gekannt hatte, der versprochen hatte, ihr über Silvester
-Nachrichten zu bringen!
-
-Sie stieg vor dem Friedhof in seinen Kraftwagen und ließ sich von ihm
-in die Wohnung in der Johnson Street geleiten. Und hier im Anblick der
-altvertrauten und heute so ganz verwaisten Räume kam ihr Schmerz von
-neuem zum Ausdruck. Fassungslos sank sie auf einen Sessel und drückte
-das Taschentuch vor die Augen.
-
-Dr. Glossin ließ sie einige Minuten gewähren. Dann legte er ihr sanft
-die Hand auf das Haupt.
-
-»Meine liebe Miß Jane, versuchen Sie es, sich zu fassen. Ich weiß, es
-hat wenig Zweck, Ihnen in dieser Stunde trostreich zuzusprechen. Haben
-Sie Vertrauen zu mir. Folgen Sie meinem Rat. Nehmen Sie meine Hilfe an,
-und alles wird gut werden.«
-
-Jane ließ das Tuch sinken und blickte auf. Ein neues Gefühl
-durchrieselte sie. Ihre Tränen versiegten. Die Welt erschien ihr nicht
-mehr so vollkommen leer und trostlos.
-
-»Sie sind der einzige nähere Bekannte, Herr Doktor, den wir hatten, den
-ich jetzt noch habe.«
-
-»Sagen Sie: der einzige Freund! Lassen Sie sich von mir beraten. Sie
-müssen aus der alten Umgebung heraus. Aus den Räumen, in denen jedes
-Stück Sie an Ihren großen Verlust erinnert.«
-
-Jane würgte tapfer die wiederaufsteigenden Tränen zurück und nickte
-zustimmend.
-
-»Sie haben wohl recht, Herr Doktor! Doch wohin soll ich gehen?«
-
-»Lassen Sie das meine Sorge sein. Die Hauptsache ist, daß Sie sofort
-für ein paar Wochen in eine andere Umgebung kommen. Ich besitze in
-Kolorado am Ausgange des Gebirges eine Farm. Da haben Sie andere Luft,
-andere Gesichter und werden schneller das seelische Gleichgewicht
-wiedergewinnen. Sie sind dort mein Gast, solange es Ihnen gefällt.
-Mein Personal steht zu Ihren Befehlen, und ich selbst werde
-gelegentlich ... sooft wie möglich ... hoffentlich recht oft die Zeit
-finden, Sie zu sehen, mich von Ihrem Wohlbefinden zu überzeugen.«
-
-Dr. Glossin sprach langsam und eindringlich. Jane hörte ihm ruhig zu.
-Zuerst noch leise widerstrebend. Ein Gedanke ging ihr durch den Sinn.
-
-»Ich werde nicht hier sein. Silvester wird mich suchen und nicht
-finden.«
-
-Dr. Glossin erriet den Gedanken auch unausgesprochen.
-
-»Ich werde die Zwischenzeit benutzen, um über den Verbleib von Mr. Logg
-Sar etwas in Erfahrung zu bringen. Auch werde ich inzwischen alle Ihre
-Angelegenheiten hier ordnen. Briefe und was sonst hierherkommt, wird
-Sie in Reynolds-Farm erreichen. Dort wird die frische Bergluft des
-Felsengebirges Ihre blassen Wangen bald wieder röten.«
-
-Für einen väterlichen Freund sprach Dr. Glossin ein wenig zu eifrig
-und lebhaft. Aber Jane achtete nicht darauf. Die Worte des Arztes
-hatten ihre letzten Bedenken besiegt. Ihr Aufenthalt würde bekannt
-sein. Alle Nachrichten würden sie an der neuen Stelle erreichen. Recht
-gute hoffentlich und auch recht bald. Sie nahm die Vorschläge und die
-Einladung Glossins an.
-
-Der hatte es sich in der letzten Stunde reiflich und nach allen Seiten
-hin überlegt. Daß er Jane aus einer ganzen Reihe von Gründen mit sich
-nehmen und unter seinem Einfluß behalten wollte, stand bei ihm fest.
-Daß er zur Erreichung dieses Zieles seinen hypnotischen Einfluß auf
-Jane ausnutzen mußte, war ebenfalls sicher. Nur wie weit er diesen
-Einfluß anwenden solle, darüber war er sich zweifelhaft. Sollte er
-so weit gehen, ihr überhaupt jede Erinnerung an die tote Mutter
-wegzusuggerieren? Damit fiel auch für Jane das Gefühl der Verlassenheit
-und der Grund fort, ihm zu folgen und sich unter seinen Schutz zu
-stellen. Er mußte dann noch einen Schritt weitergehen und sie durch
-die Hypnose ganz an sich ketten.
-
-Es widerstand ihm, Jane als einen willenlosen Automaten mit sich zu
-nehmen. Er wollte aus einer eigentümlichen Stimmung heraus, daß Jane
-ihm freiwillig und in einem natürlichen Schutzbedürfnis folge. Aber
-er mochte auch keine ständig Jammernde und Klagende um sich sehen. So
-wählte er den Mittelweg. Durch seinen suggestiven Einfluß verstärkte er
-ihr Schutzbedürfnis und milderte ihren noch so frischen und heftigen
-Schmerz über den Todesfall.
-
-Der Kraftwagen brachte sie nach dem Flughafen. Dem großen umfriedeten
-Platz, auf dem die Flugschiffe der verschiedenen Staatslinien ankamen
-und abfuhren. Jane kannte den Ort. Zu Lebzeiten der Mutter war sie
-öfters von hier nach Philadelphia oder Milwaukee gefahren. Hatte damals
-bemerkt, daß reiche Leute hier auch ihre eigenen Schiffe landen ließen.
-Jetzt führte sie Dr. Glossin zu einer kleinen, aber ansprechenden
-Privatjacht. Er bemerkte ihr Staunen.
-
-»Steigen Sie ein, meine liebe Miß Jane. Wundern Sie sich nicht
-allzusehr, daß wir ein besonderes Schiff zur Verfügung haben. Ich mußte
-es in Neuyork mieten, um noch rechtzeitig nach Trenton zu kommen.«
-
-Jane dankte dem Arzte mit einem warmen Blick. Wie freundlich von ihm,
-daß er keine Unkosten scheute, um in dieser Zeit bei ihr zu sein,
-ihr helfen zu können. Von ihm geleitet, betrat sie die Kabine des
-Flugschiffes, welches sich sofort erhob, um die Fahrt nach dem Westen
-zu beginnen. Dr. Glossin ließ sich Jane gegenüber nieder.
-
-»Gestatten Sie mir, meine liebe Miß Jane, daß ich Ihnen Ihren
-zukünftigen Aufenthaltsort ein wenig schildere. Reynolds-Farm heißt
-mein Besitztum in Kolorado. In früheren Jahrzehnten war es auch
-wirklich einmal eine Farm mit ausgedehnten Äckern und Stallungen, mit
-Scheunen und Speichern. Eine richtige Farm, wie sie im Buche steht.
-Heute ist es ein ruhiges Landhaus in einem nach Osten offenen Tale der
-Felsenberge gelegen. Bergluft, Tannenduft und Ruhe. Vollkommene Ruhe,
-wie wir Großstadtmenschen sie bisweilen nötig haben, wie sie auch Ihnen
-wohltun wird.«
-
-Jane hatte mit steigendem Interesse zugehört. Schon die
-Ortsveränderung, die schnelle Fahrt, die sie jede Stunde so viele
-Meilen von ihrem alten Aufenthaltsort entfernte, gab ihren Gedanken
-eine andere Richtung, ließ sie minutenlang ihren Schmerz vergessen.
-
-»Aber Sie können selbst nur selten dort sein, Herr Doktor. Wer ist dort
-auf Ihrer Farm? Wer hält das Anwesen in Ordnung? An wen werde ich mich
-zu halten haben?«
-
-»Vor allen Dingen an meine gute alte Abigail, ein altes schwarzes
-Faktotum, das dort das Haus in Ordnung hält.«
-
-Jane nickte zustimmend. Als Amerikanerin war sie es gewöhnt, daß
-schwarze Dienerinnen es in den Häusern der Weißen zu angesehenen
-Vertrauensstellungen brachten. Als Amme kam solche schwarze Frau zu den
-Kindern, blieb als Wärterin bei ihnen, sah sie zu Männern heranwachsen
-und blieb in ihren alten Tagen immer noch die schwarze Mammy.
-
-»Ein gutes, altes, anhängliches Tier! Ihre Schönheit läßt zu wünschen.
-Dafür ist sie treu und fleißig, sie wird Ihnen jeden Wunsch von den
-Augen ablesen ...«
-
-Es kam Jane nicht zum Bewußtsein, daß es dort vielleicht noch einsamer
-sein könnte als in Trenton. Der suggestive Einfluß des Doktors
-erstickte jedes aufsteigende Bedenken.
-
-Das Schiff eilte der sinkenden Sonne nach, bis es sich selbst zu
-senken begann und die Kette der Felsenberge von Denver bis Cheyenne
-am gelbglühenden Westhimmel stand. Es landete auf einer freien
-grasbewachsenen Ebene. Dr. Glossin hatte wohl recht. Hier wehte
-eine andere Luft als in Trenton, wo die großen Werke trotz aller
-Fortschritte und Verbesserungen immer noch recht viel Ruß und Staub in
-die Atmosphäre warfen.
-
-Frische, harzgetränkte Bergluft. Mit voller Brust sog Jane die leichte
-Brise ein.
-
-Das Flugschiff war dicht neben der Farm gelandet. Auf dem Wege
-zum Hause kam ihnen schon eine alte Negerin entgegen. Von jener
-abschreckenden Häßlichkeit, die alte Negerweiber gewöhnlich
-auszeichnet. Dabei von einer unterwürfigen Vertraulichkeit, die auf
-langjährige Dienste schließen ließ.
-
-»Guten Tag, Mister Doktor. Die alte Abigail hat alles fertiggemacht.
-Das Supper ist fertig. Die Zimmer sind fertig ...«
-
-Ein breites Grinsen ließ ihre Mundwinkel bis in die Nähe der Ohren
-wandern, während sie versuchte, dem Doktor die Hand zu küssen.
-
-Dr. Glossin schob sie zurück.
-
-»Gut, Abigail. Ich erwartete es nicht anders. Meine Nichte Miß Harte
-wird einige Zeit auf der Farm wohnen. Du wirst ihr genau so zu Diensten
-sein wie mir und dafür sorgen, daß sie sich wie zu Hause fühlt.«
-
-Die Alte hatte während dieser Worte Jane prüfend betrachtet. Sie schien
-mit dem Ergebnis ihrer Prüfung zufrieden zu sein, denn sie wandte sich
-jetzt an Jane und versuchte, auch ihr die Hand zu küssen.
-
-»Laß das, Abigail!«
-
-Dr. Glossin sagte es mit einer eigentümlichen scharfen Betonung. Die
-Schwarze trat zurück und folgte dem Doktor und seiner Begleiterin die
-kurze Strecke bis zum Farmhofe.
-
-Jane fühlte sich nach dem schweren Leid der vergangenen Tage fast
-leicht und frei. War es der Einfluß des Doktors, war es wirklich die
-veränderte Umgebung, sie begann wieder mit Hoffnungen in die Zukunft zu
-blicken. In ruhigen Stunden hatte sie schon früher der Möglichkeit ins
-Auge geblickt, daß die Mutter ihr bald einmal entrissen werden könnte.
-Jetzt war es geschehen, und sie versuchte es, sich mit dem Geschehenen
-abzufinden.
-
-So trat sie am Arm Glossins in das neue Heim. Der Doktor geleitete
-sie in den Empfangsraum, gab Abigail dann einen Wink, sie in ihre
-eigenen Räume zu geleiten. Ein Halbblutboy schaffte die Koffer aus dem
-Flugschiff dorthin. Wäsche, Garderobe, alle notwendigen Gegenstände
-für den täglichen Gebrauch. Jane hatte sich auf einem Stuhl am Fenster
-niedergelassen und blickte in die dämmernde Abendlandschaft hinaus.
-Ihre Gedanken weilten bei Silvester.
-
-Die Nachricht von Sing-Sing war natürlich auch in das stille Haus nach
-Trenton gedrungen und hatte die beiden Frauen aufs äußerste erschreckt.
-Wohl lasen sie, daß er gerettet worden war. Aber die Tatsache allein,
-daß er sich des Hochverrats schuldig gemacht haben sollte, daß er in
-voller Form zum Tode verurteilt worden war, wirkte niederschmetternd.
-Jane sowohl wie ihre Mutter hatten vollkommen den Kopf verloren, bis
-ein alter Freund des Vaters sie aufrichtete. Joe Miller war damals zu
-ihnen gekommen. Fand sie verzagt und lachte.
-
-»Sorge um Logg Sar? ... Vollkommen überflüssig. ... Alle Wetter, da
-hat was dazwischengepfeffert und den Schleichern und Angebern das
-Konzept verdorben. Habe zwar keine Ahnung, was es gewesen ist. Bin aber
-sicher, daß es prachtvoll gewirkt hat. Angst brauchen Sie jedenfalls um
-Logg Sar nicht zu haben. Ich meine, der könnte jetzt sogar ganz ruhig
-in Neuyork spazierengehen. Seine Feinde würden sich bei einem neuen
-Angriff noch viel mehr blamieren.«
-
-Diese Worte wirkten tröstlich auf Jane. Das Wunderbare des
-Geschehnisses nahm sie gefangen. Durch eine unbekannte mächtige Hilfe
-war Silvester der Gefahr im letzten Augenblick entrissen worden.
-Seitdem hoffte sie auf seine Wiederkehr, hatte das sichere Gefühl, daß
-die Macht, die ihn das erstemal schützte, auch jeden weiteren Anschlag
-zunichte machen würde.
-
-Die geschwätzige Abigail riß sie aus ihren Sinnen. Welches Kleid die
-Lady anziehen wolle. Ob sie sich zum Supper nicht schmücken wolle. Der
-Herr Doktor liebe geschmückte Damen beim Supper. Vielleicht würde er
-ihr sogar ...
-
-Die Mundwinkel der Schwarzen rückten wieder bis an die Ohren. Jane
-bemerkte das Mienenspiel nicht. Nur langsam kehrten ihre Gedanken in
-die Wirklichkeit zurück.
-
-Anziehen ... Das einfache schwarze Kleid, das sie trug, schien ihr das
-richtige ... Schmücken, am Begräbnistage ihrer Mutter ... Sie gab ihr
-den Auftrag, die Garderobe in den Schränken unterzubringen, und verließ
-den Raum, um nach unten zu gehen.
-
-Abigail machte sich daran, den Auftrag zu vollziehen. Stück für Stück
-nahm sie aus den Koffern. Dabei murmelte sie allerlei vor sich hin:
-
-»Hoho, mein Täubchen ... sehr einfach, zu bescheiden. Keinen Samt,
-keine Seide. Nur so einfach ... ist nicht der Geschmack von Mister
-Doktor ... Liebt feine Damen ... gelbe, rote Seide. Keine schwarzen
-Kleider ...«
-
-Sie begann die Wäsche in die Fächer zu legen und fuhr in ihrem
-Selbstgespräch fort:
-
-»Wirst dich ändern müssen, mein Täubchen! Waren schon andere vor dir
-hier. Haben es auch gemußt. Taten alles, was Mister Doktor wollte, wenn
-Mister Doktor sie anguckte ... anguckte mit den großen, heißen Augen.«
-
-Ihre Worte gingen in ein Kichern über, während sie die letzten Stücke
-in die Kasten einräumte.
-
-Inzwischen war Jane in den Speiseraum gekommen. Der junge
-Halbblutdiener servierte. Glossin wartete, bis er den Raum verlassen
-hatte, bevor er die Unterhaltung begann.
-
-»Meine liebe Miß Jane, meine Kur beginnt schon zu wirken. Sie sehen
-viel besser aus als heute früh.«
-
-»Sie mögen recht haben, Herr Doktor. Die Reise hat mich auf andere
-Gedanken gebracht. Ich könnte beinah zufrieden sein, wenn ich ...
-Gewißheit über das Schicksal unseres Freundes Silvester hätte.«
-
-»Seien Sie zufrieden, meine liebe Miß Jane, daß unser Freund der Gefahr
-entronnen und jetzt nach menschlichem Ermessen in Sicherheit ist. Wenn
-Sie ihm etwas bedeuten, wird er gewiß von sich hören lassen.«
-
-»Er wird ... er muß ... er soll ...«
-
-Jane stieß die Worte heftig hervor. Dr. Glossin schwieg, als ob ihn
-dieser Gefühlsausbruch erschreckt hätte.
-
-»Verzeihen Sie meine Heftigkeit, Herr Doktor. Ich sorge mich um das
-Schicksal eines Abwesenden und habe Ihnen noch nicht einmal für Ihre
-Güte gedankt.«
-
-Wenn Dr. Glossin bei allen diesen Reden etwas empfand, so verstand er
-es jedenfalls meisterhaft, seine Gefühle zu verbergen. Keine Muskel in
-seinen Zügen zuckte, während er die Konversation ruhig weiterführte.
-Er sprach von Janes Zukunftsplänen. Eine längere Erholung hier, dann
-eine Reise nach Europa. Dort müßten ja auch noch Verwandte ihres Vaters
-leben.
-
-»Ich hörte, Herr Doktor, wir sollen Krieg mit England bekommen. Da kann
-doch niemand nach Europa fahren.«
-
-Dr. Glossin nickte abwesend.
-
-»Zeitungsgeschwätz, meine liebe Miß Jane. Wir denken nicht an Krieg.
-Ich selbst fahre morgen wieder nach Europa. War vorgestern erst in
-England. Man spricht allerlei vom Kriege, weil die Zeitungen uns nervös
-machen. In Wirklichkeit denkt kein Mensch daran.«
-
-»Ich entdecke immer neue Seiten an Ihnen, Herr Doktor. Ich dachte,
-daß Sie nur zwischen Neuyork und Trenton zu tun haben. Dann haben Sie
-plötzlich noch dies schöne Besitztum in Kolorado, und jetzt höre ich
-gar, daß Sie zweimal in der Woche nach Europa fahren. Es muß schön
-sein, so in der Welt herumzukommen.«
-
-»Wenn man zu seinem Vergnügen reisen kann. Nicht, wenn man es wie ich
-als Pflichtmensch von Berufs wegen tun muß.«
-
-Ein leichter Seufzer entrang sich den Lippen des Arztes.
-
-»Ich hoffe, Miß Jane, in kurzer Zeit werde ich auch etwas Ruhe finden.
-Dann fahren wir gemeinschaftlich nach Europa, und ich zeige Ihnen die
-Schönheiten der Alten Welt.«
-
-Er hob sein Glas mit altem schweren Kaliforniawein und trank Jane zu.
-
-»Auf baldige gemeinschaftliche glückliche Fahrt.«
-
-Das Mahl ging seinem Ende entgegen. Dr. Glossin benutzte die letzte
-Viertelstunde, um Jane ihr Leben für die nächsten Tage auszumalen.
-
-»Wir haben hier Pferd und Wagen. Sie können Ausfahrten unternehmen.
-Bobby ...« -- er wies auf den Diener -- »kann nicht nur servieren, er
-ist auch ein geschickter Fahrer. Er kennt die schönsten Wege in der
-Umgebung. Benutzen Sie die kleine, aber gute Bibliothek im Herrenzimmer
-... Ich vergaß, sie ist verschlossen. Darf ich Ihnen den Schlüssel ...
-nein, noch besser. Ich werde sie Ihnen an Ort und Stelle zeigen.«
-
-Er geleitete Jane in das anstoßende Zimmer und schloß selbst die
-verglasten Regale auf, welche mehrere hundert mit gutem Geschmack
-ausgesuchte Werke enthielten.
-
-»Das ist die Hauptsache, meine liebe Jane, daß Sie sich nicht in den
-müßigen Stunden von Gedanken und Erinnerungen übermannen lassen.«
-
-Dr. Glossin hatte bei den letzten Worten ihre Hände ergriffen. Ohne
-daß er ein Wort weitersprach, spürte Jane, daß er für heute Abschied
-von ihr nahm, fühlte gleichzeitig, wie in verstärktem Maße Ruhe und
-Wunschlosigkeit über sie kamen.
-
-Dr. Glossin schritt durch den Vorraum des Hauses, um zu seinem
-Flugschiff zu gehen. Wenn er am nächsten Morgen wieder in England
-sein wollte, hatte er Grund zur Eile. Abigail trat ihm in den Weg.
-Verschmitzt grinsend.
-
-»Darf die neue Lady ausgehen, Mister Doktor?«
-
-Es lag eine ganze Geschichte in dieser Frage. Wie viele mochten hier
-gewesen sein, denen man den Ausgang verweigert hatte. Glossin warf
-der Negerin einen Blick zu. Ganz langsam hob er den rechten Arm. Die
-Schwarze krümmte sich vor dem drohenden Schlage.
-
-»Ich sage dir, du schwarzes Vieh, die junge Dame ist meine Nichte. Wehe
-dir, wenn du ...«
-
-Er ließ den Arm sinken und schritt hinaus.
-
- * * * * *
-
-Sie saßen auf der mit Waldrebe umsponnenen Veranda des Truworhauses am
-Torneaelf. Durch Ranken und Reben ging die Aussicht auf den hundert
-Meter tiefer dahinströmenden Fluß und die gegenüberliegenden, mit
-Tannen bestandenen Berge. Zu dritt saßen sie hier: Erik Truwor, der
-Schwede, Soma Atma, der Inder, und Silvester Bursfeld aus deutschem
-Blute.
-
-In diesem Hause war Silvester heimisch. Hier war er zusammen mit
-Erik Truwor aufgewachsen, und die alten Mauern hatten die Spiele der
-Knaben und die Arbeit der Jünglinge gesehen. Bis dann die Studienjahre
-Silvester nach Deutschland führten, seine Ingenieurtätigkeit ihn in
-Europa und Amerika umhertrieb. Erik und Silvester widmeten sich der
-Technik. Die Art ihres Studiums, die Weise, wie sie die Wissenschaft
-trieben, war von Anfang an verschieden. Silvester versenkte sich schon
-als Student in die physikalischen Probleme. Er trieb die Wissenschaft
-um der Wissenschaft halber, von einem unersättlichen Forschungsdrang
-beseelt. Im Gegensatz dazu betrachtete Erik Truwor die Technik von
-Anfang an nur als ein Mittel zum Zweck, das menschliche Leben leichter
-und angenehmer zu gestalten, neue Lebensmöglichkeiten zu schaffen.
-
-Diese verschiedenartige Auffassung der beiden Freunde kam auch
-äußerlich zum Ausdruck. Silvester blieb fünf Studienjahre in
-Charlottenburg. Erik Truwor studierte bald in Charlottenburg, bald in
-Genf, Paris und Karlsruhe. Etwas anderes kam hinzu. Erik Truwor war
-ein reicher Erbe. Silvester Bursfeld, als Pflegesohn in das Haus Truwor
-aufgenommen, war ohne Vermögen. Als Olaf Truwor die Augen schloß, bot
-Erik seinem Freunde die Hälfte der Erbschaft an. Silvester schlug
-es aus. Er nahm nur, was er noch während der Studienzeit für seinen
-Lebensunterhalt benötigte, und außerdem das Anerbieten, das Truworhaus
-jederzeit als sein Vaterhaus zu betrachten und zu benutzen.
-
-Atma hatte seinen Lieblingsplatz auf einem Diwan im Hintergrunde der
-Veranda eingenommen. Dort saß er und gab sich seinen Meditationen hin.
-
-Erik Truwor und Silvester saßen vorn an der Brüstung an einem Tisch.
-Pläne, Zeichnungen und Schriftstücke bedeckten die Tischplatte.
-
-»Über unsere Arbeit hörte ich noch kaum, wie du, Erik, dich mit Atma
-zusammengefunden hast. Atma, der in Pankong Tzo mein Mitschüler
-war, plötzlich mit dir zusammen, in Linnais! Nur in dem Strudel der
-Ereignisse konnte ich es als ein etwas Selbstverständliches hinnehmen.«
-
-»Wie ich Atma fand? Wie Atma und ich dich fanden? Eine wunderliche
-Geschichte. Im Frühjahr kam ich nach Pankong Tzo. Kuansar erinnerte
-sich meiner noch. Er führte mich zum Abte. Jatschu, ein Greis von
-unbestimmbarem Alter, empfing mich, blickte mich starr an und sagte:
-›Das ist der Dritte.‹ Aus einem Kästchen nahm er diesen Ring und schob
-ihn mir auf den Finger.«
-
-»Jatschu ist ... er muß jetzt ...«
-
-Silvester versuchte das Alter auszurechnen.
-
-»Er war beinahe neunzig, als ich von Pankong Tzo fortging. Er muß weit
-über hundert sein.«
-
-»Mag sein. Er gab mir den Ring und deutete auf Atma. Atma wußte, daß
-du den gleichen Ring von ihm hattest. Er sagte, wir müßten dich suchen
-... Ich wollte dich wiedersehen. Atma sagte Amerika. Wir gingen nach
-den Staaten. Atma sagte Trenton. Wir fuhren nach Trenton. Wir fanden
-dich nicht, aber wir fanden Jane Harte. Sie war über dein Verschwinden
-besorgt.
-
-Atma fragte sie. Du weißt, wie er zu fragen versteht. Über Zeit und
-Raum hinweg. Mit geschlossenen Augen las sie aus weiter Ferne das
-Urteil, das über dich gefällt war. Mit vier Worten sagte sie, wo deine
-Aufzeichnungen lagen.
-
-Das andere war leicht. Joe Williams, einer der zwölf Zeugen, wurde
-im Gasthof in Sing-Sing von uns gefunden. Für tausend Dollar gab
-er mir seine Zeugenkarte. Mir, dem wißbegierigen Fremden, der eine
-Elektrokution mitansehen wollte. Ich kam in das Gefängnis. Atma hielt
-im Kraftwagen vor der Tür. Das war alles.«
-
-Silvester ergriff die Hand Erik Truwors und drückte sie innig.
-
-»Für mich wirklich alles, Erik. Kamt ihr nicht, so war ich verloren.
-Durch Jane ... durch meine Jane habt ihr mich gefunden.«
-
-»Durch deine Jane? Was ist dir Jane Harte?«
-
-»Meine Verlobte, mein alles!«
-
-Erik Truwor hörte schweigend zu, was Silvester erzählte. Wie er Jane
-kennen und lieben gelernt. Doch er vermochte es nicht, sich am Glück
-des Freundes mitzufreuen. Unbewußt empfand er, daß Silvester sich nicht
-voll der großen Aufgabe, dem weiteren Ausbau der Erfindung, widmen
-könne, wenn er durch Gedanken und Sorgen um seine Verlobte abgelenkt
-wurde.
-
-Sein Blick suchte Atma. Ein stummes Zwiegespräch der Augen. Atma
-nickte und wandte sich Silvester zu. Erik Truwor sah, wie hinter der
-gefurchten Stirn des Inders die Gedanken arbeiteten, das Hindernis aus
-dem Wege zu räumen. Er sah, wie Silvester die Hand an die Stirn preßte,
-als wollte er eine fliehende Erinnerung festhalten ...
-
-Die hypnotische Kraft Atmas siegte über die Kraft der Liebe.
-
-Erik Truwor brach das Schweigen.
-
-»Zurück zu unserer Arbeit! Ich habe deine Pläne gesehen und deine
-Berechnungen untersucht. Gib mir deine Erläuterungen dazu.«
-
-Silvester Bursfeld blickte mit der versonnenen Miene des Gelehrten auf
-die vor ihm liegenden Papiere.
-
-»Es ist das Problem der telenergetischen Konzentration, dessen Lösung
-mir gelungen ist. Nimm an, ich hätte hier in unserem Hause eine
-Maschine, die tausend Pferdestärken leistet. Es ist klar, daß ich die
-Energie hier an Ort und Stelle zu allem möglichen verwenden kann.
-Aber es war bisher kein Mittel bekannt, diese Energie an einem Punkte
-in beliebiger Entfernung konzentriert wirken zu lassen. Bei jedem
-Versuche, die Energie auszustrahlen, erfuhr sie eine der Ausbreitung
-entsprechende Schwächung. Ein zwingender Grund liegt natürlich nicht
-vor. Es muß den tausend Pferdestärken ganz gleich sein, ob sie hier
-oder an irgendeinem anderen Punkte der Erde zur Wirkung kommen.«
-
-Erik Truwor unterbrach ihn:
-
-»Wenn wir hier eine Million, wenn wir hundert Millionen Pferdestärken
-hätten, so könntest du sie auf jedem Punkt der Erde in Erscheinung
-treten lassen?«
-
-»So ist es. Auf jedem Punkte. Ich könnte die Energie an irgendeiner
-Stelle der australischen Wüste oder des Broadway in Neuyork auf den
-Raum einer Haselnuß zusammendrängen. Ich könnte sie auch in der Form
-ausgedehnter elektromagnetischer Felder auftreten lassen. Jede Wirkung
-ist möglich.«
-
-Erik Truwor wiegte den Kopf nachdenklich hin und her.
-
-»Hundert Millionen Pferdestärken auf den Raum einer Haselnuß ... in
-den Pulverkammern kriegführender Mächte ... das genügt für den ewigen
-Frieden.«
-
-Silvester Bursfeld fuhr in seinen Erklärungen fort:
-
-»Die Energiekonzentration bildete den Ausgangspunkt meiner Arbeit. Ich
-überlegte mir weiter ... Warum soll ich die Energie erst an einem Orte
-erzeugen und an einem anderen wirken lassen, da doch der ganze Raum
-mit einem Überschwang von Energie erfüllt ist ... Ich folgerte, es
-muß genügen, nur die Steuerwirkung durch den Raum zu schicken. Nur die
-winzigen Mengen einer besonderen Formenenergie, die an der entfernten
-Stelle die Raumenergie zur Explosion bringen.
-
-Meine Überlegung war folgerichtig. Die Schlußkette zeigte nirgend ein
-fehlerhaftes Glied. Aber die praktische Durchführung wollte nicht
-gelingen.
-
-Soweit war ich, als ich nach Trenton kam. Jede freie Stunde widmete ich
-dem Problem. Dr. Glossin hatte dort ein gutes Laboratorium und erlaubte
-mir, darin zu arbeiten. Damals wußte ich nicht, daß er ein Verräter
-war ...«
-
-»Der auch deinen Vater verraten hat.« Soma Atma sprach die Worte.
-
-Silvester blickte auf wie ein Träumer, der plötzlich erwacht.
-
-»Ich hörte immer, mein Vater wäre von einem aufsässigen Kurdenstamm
-überfallen worden. In Pankong Tzo erzählten sie es mir ... Kuansar ...
-unser alter Lehrer, sprach davon ...«
-
-Atma sprach in seiner ruhigen sonoren Art weiter: »Warum den klaren
-Spiegel einer jungen Seele trüben. Glossin, der Freund deines Vaters,
-war der Verräter. Die Nawutschi, die Engländer, steckten dahinter.
-Sie veranlaßten den Überfall, weil dein Vater das Geheimnis einer
-großen Erfindung besaß ... Bis hierher ist alles klar. Dann wird die
-Erkenntnis unsicher.«
-
-»Was hatte mein Vater erfunden? Wo ist er geblieben?« Erregt stieß
-Silvester die Fragen hervor.
-
-»Ich sehe nichts Klares. Sicher ist, daß er nicht mehr unter den
-Lebenden weilt. Seit langer Zeit nicht mehr. Sonst hätte meine Seele
-die seine finden müssen. Seine Erfindung gab Macht. Gab große Macht.
-Darum ließen die Nawutschi ihn rauben.«
-
-Erik Truwor unterbrach den Inder: »Laßt die Toten ruhen. Silvester,
-berichte uns weiter.«
-
-»... Ich sprach von Glossin. In seinem Laboratorium nahm ich meine
-Arbeiten wieder auf ... Mit Vorsicht, denn seine Neugier war
-verdächtig. Ich vermied es, unnötige Notizen zu machen. Was ich
-notieren mußte, schrieb ich Tibetanisch.
-
-Plötzlich kam der Erfolg. Über Nacht eine Eingebung. Im Traum sah ich
-den Strahler für die Formenergie mit greifbarer Deutlichkeit ...«
-
-Erik Truwor schüttelte mißbilligend den Kopf.
-
-»Traumlösungen ... man kennt sie. Es ist alles in Ordnung. Wacht man
-auf, so ist der Traum vergessen oder die Lösung unsinnig ... Träume
-sind Schäume ...«
-
-»Nicht immer. Es kommt vor, daß die Seele im Schlaf den Körper verläßt
-und klar sieht.« Atma machte den Einwurf. Silvester fuhr fort: »Ich sah
-die Form und die Schaltung des Strahlers noch mit voller Deutlichkeit,
-als ich erwachte. Meinen ganzen Apparat hatte ich in einen kleinen
-Kasten eingebaut ...«
-
-»Den Mahagonikasten?«
-
-»Eben den. Der Traum ließ mir keine Ruhe. Es war noch früh. Die
-Dämmerung des Sommertages begann eben erst. Um acht mußte ich in
-das Werk. Erst am Nachmittag konnte ich in das Laboratorium gehen.
-Das dauerte mir zu lange. Mit den einfachen Mitteln, die ich in der
-Wohnung hatte, formte ich den Strahler. Ich machte einen Versuch, und
-er gelang. Ein Stück Eisen auf meinem Schreibtisch stieg langsam in
-die Höhe. Ein Trinkglas schmolz zu einem Klumpen. Das Geheimnis war
-gefunden.
-
-Am Nachmittag kam ich in das Laboratorium ... Ich wollte einen
-einfachen Versuch machen. Eine elektromotorische Kraft sollte durch
-den Apparat zurückgeworfen werden. Ich brachte den Apparat in die
-richtige Stellung zu den Schaltklemmen des Experimentiertisches. Im
-selben Augenblick stieg dichter Qualm hinter der Schalttafel und an
-der Wand auf. Die schwere 10000-Volt-Leitung des Laboratoriums glühte
-hellrot auf. Die Isolation verbrannte. Ich riß meinen Apparat zurück.
-Es war nicht mehr nötig. Die Sicherungen der Hochspannungsleitung waren
-bereits durchgeschlagen und hatten den Strom abgeschaltet.
-
-Zweierlei wußte ich damals. Mein Apparat arbeitete. Und ein
-Schurkenstreich war versucht worden. Irgend jemand, der im Laboratorium
-Bescheid wußte, hatte die lebensgefährliche Hochspannung auf den
-Experimentiertisch geschaltet.
-
-Drei Tage später fuhr mir auf einem Spaziergang durch den Wald ein Auto
-nach. Plötzlich hielt es neben mir. Im selben Augenblick war ich in den
-Wagen hineingezogen, gefesselt und betäubt. Erst im Gefängnis erlangte
-ich das Bewußtsein wieder. Als ich unter den Richtern Glossin sah,
-wußte ich, wer im Laboratorium geschaltet hatte ...«
-
-Erik Truwor sprang auf.
-
-»Weg mit dem Hund! Wir haben die Macht, ihn zu vernichten. Sollen wir
-uns mit einem einzelnen aufhalten? Weg mit ihm!« Er griff nach dem
-Apparat.
-
-»Mord und Brand über den Ozean! Befreien wir uns von dem Geschmeiß!«
-
-Silvester wollte antworten, wollte als Forscher und Erfinder
-auseinandersetzen, daß ein genaues Zielen auf diese Entfernung noch
-nicht möglich sei, daß Feuer und Sturm neben einem Schuldigen tausend
-Unschuldige vernichten würden. Er kam nicht über die ersten Worte
-hinaus. Die ruhige Stimme Atmas unterbrach ihn:
-
-»Sein Schicksal ist mit dem unseren verknüpft. Es wird sich zu seiner
-Zeit erfüllen ... Noch ist die Stunde nicht gekommen. Sein Geschick
-ereilt ihn, wenn der Augenblick kommt ... Er ist ein Werkzeug des
-Schicksals wie wir. Das Ziel wird erreicht werden ... von uns ... durch
-ihn ... Wenn der Tag kommt, wird sich sein Schicksal vollenden ...«
-
-Atma sank in stilles Sinnen zurück. Erik Truwor nahm seinen Platz am
-Tisch ein und betrachtete den Apparat. Seine Erregung ließ nach.
-
-»Was kannst du mit dem Strahler hier machen?«
-
-Silvester Bursfeld ging wieder in seinem Problem auf. Nur als Physiker
-und Ingenieur sprach er weiter:
-
-»Mit dieser kleinen Apparatur kann ich die telenergetische
-Konzentration von zehntausend Kilowatt bewirken. Für größere
-Energiemengen muß der Apparat größer werden.«
-
-Erik Truwor ergriff ein Glas und beobachtete den Bergkamm auf der
-anderen Seite des Elf.
-
-»Siehst du die einzelne Tanne über dem Trollstein?«
-
-Silvester nahm das Glas. »Sie ist unverkennbar.«
-
-»Kannst du sie verbrennen?«
-
-Ein Lächeln ging über die Züge Silvesters.
-
-»Wenn die Tanne in Kanada stünde, wäre es noch möglich. So ist es ...«
-Er hatte während der Worte das Kästchen gerückt und ein paar Knöpfe
-gedreht.
-
-Erik Truwor sah durch das Glas über den Fluß, sah, wie blauer Rauch aus
-der Tannenkrone aufstieg und helle Flammen aus dem Stamme aufloderten.
-Nach zwanzig Sekunden brannte der Baum lichterloh. Nach einer Minute
-war er verschwunden, in ein winziges unsichtbares Aschenhäufchen
-verwandelt. Aber das Feuer hatte weiter gegriffen. Auch die Kronen der
-benachbarten Bäume brannten. Im trockenen Juni konnte sich dort ein
-großer Waldbrand entwickeln. Erik Truwor sah die Gefahr.
-
-»Der Wald brennt, Silvester. Kannst du des Feuers Herr werden?«
-
-Silvester war in seinem Element.
-
-»Eine gute Gelegenheit, um die Wirkung des Apparates auf den Luftdruck
-zu beobachten. Ich werde in einer senkrechten Linie über der brennenden
-Föhre Hitze konzentrieren. Die warme Luft muß mit Gewalt nach oben
-dringen. Kalte Luft muß von allen Seiten herbeiströmen. Der Sturm muß
-das Feuer löschen.«
-
-Während er die Erklärung gab, drehte er an einem Schräubchen seines
-Apparates. Man konnte auch mit unbewaffnetem Auge bemerken, wie die
-Bäume auf dem Gebirgskamm von einem plötzlichen Sturm gepeitscht
-wurden. Wild bogen sich die Stämme. Hier und dort wurde eine Krone
-geknickt. Aber der Wirbelsturm blies den Brand glatt aus. Ein mäßiger
-Wind hätte das Feuer genährt. Dieser Zyklon pfiff so scharf durch
-das brennende Geäst, daß er die Flammen im Moment auslöschte, das
-rotglühende Holz abkühlte.
-
-Eine Drehung am Schalter des Kästchens, und Ruhe herrschte wieder in
-der Natur. Nur der große, schwarze Brandfleck da weit drüben über dem
-Elf verriet, daß etwas Außergewöhnliches passiert war.
-
-Erik Truwor hatte die theoretischen Auseinandersetzungen seines
-Freundes erfaßt. Er hatte nach dessen Aufzeichnungen den Apparat selbst
-bedient, um die Maschine von Sing-Sing zu sprengen. Und doch versetzte
-ihn die Wirkung wieder in tiefstes Staunen. Seine Gedanken gingen viel
-weiter als die des Erfinders. Silvester Bursfeld war Ingenieur und nur
-Ingenieur. Den reizte das physikalische Problem und seine Durchbildung.
-Erik Truwor umfaßte mit einem Blick die praktischen Möglichkeiten, die
-die Erfindung in sich barg.
-
-Doch auch Erik Truwor war Techniker und rechnete. Zehntausend Kilowatt
-waren vernichtend für den einzelnen, den sie trafen. Aber sie
-bedeuteten nichts für hundert Millionen Menschen. Viel größere Apparate
-mußten zur Verfügung stehen. Viele Millionen von Kilowatt mußten auf
-seinen Wink an jedem Punkt der Erde wirksam werden. Nur dann würde er
-die Macht haben, von der die alte Weissagung des Tsongkapa sprach. Die
-Macht, alles Menschenleben auf Erden nach seinem Willen zu lenken.
-
-Die Unterhaltung der nächsten Stunde wurde rein technisch geführt.
-Über die Abmessungen größerer Strahler. Über die Mittel zu ihrer
-Anfertigung. Über die Zeit, die ihre Herstellung gebrauchen würde.
-
-Das alte Truworhaus war der geeignete Ort dafür. Sechs Jahrhunderte
-waren über sein Dach hingegangen. Zwei Stockwerke tief waren die
-geräumigen Keller in den Granit des Berges gesprengt. Meterstark die
-Umfassungsmauern der unteren Stockwerke aus den bei der Kellerhöhlung
-gewonnenen Granitbrocken gemauert. Die elektrische Leitung vom
-Kraftwerk des Elf brachte Licht, Wärme und Energie in jeder gewünschten
-Menge. Das Haus in seiner Abgelegenheit sollte die Werkstatt abgeben,
-in der Silvester seine Erfindung in großem Maßstabe ausführte. Nach dem
-unverrückbaren Willen Erik Truwors ausführen mußte.
-
-Silvester Bursfeld hatte die Erfindung mit dem Eifer des
-Wissenschaftlers gemacht. Wie vielleicht auch ein Physiker eine
-Kanone erfinden kann, ohne an Schußwirkungen zu denken. Er hatte alle
-Erscheinungen der Konzentration ergründet, aber auf das genaue Zielen,
-das sichere Treffen vorläufig wenig Wert gelegt. Die energetische Seite
-des Problems interessierte seine Gelehrtennatur viel mehr als die
-praktische Anwendung.
-
-Erik Truwor empfand diese Schwäche sofort. Empfand sie und zwang
-Silvester durch seine Forderungen und Fragen, nach einer Lösung zu
-suchen und sie zu finden. Wenigstens die Theorie auch eines genauen
-Zielens sofort zu entwickeln. Nur wenn man das entfernte Ziel sichtbar
-machen, die Wirkungen der Energie mit dem Auge verfolgen konnte, war
-die Macht der Waffe voll zur Wirksamkeit zu bringen.
-
-Der Tatmensch zwang den Forscher zu harter, rastloser Arbeit, um die
-große Entdeckung noch größer zu gestalten, aus ihr das Machtmittel für
-seine weitreichenden Pläne zu formen. Und Silvester ließ sich zwingen.
-Für Stunden und Tage nahmen ihn die neuen Probleme und Lösungen so
-vollkommen gefangen, daß er alles andere darüber vergaß. Bis dann
-die Lösung gelungen war, bis sich die Nervenspannung löste und die
-unausbleibliche Reaktion eintrat.
-
- * * * * *
-
-Maitland Castle, der alte Stammsitz der Maitlands, beherbergte um die
-Zeit der Sommersonnenwende zahlreiche Gäste. Der alten englischen
-Sitte entsprechend, herrschte nur der Zwang der gemeinschaftlichen
-Hauptmahlzeit. Die übrige Zeit des Tages konnten die Gäste nach ihrem
-Belieben verwenden, und die Gastgeber nahmen die gleiche Freiheit für
-sich in Anspruch, die sie den Gästen gewährten. Sie tauchten einmal bei
-dieser oder jener Gruppe auf und zogen sich in ihre Privaträume zurück,
-sobald es ihnen gefiel.
-
-Den dunklen Buchenweg, der schnurgerade von der Höhe des Schloßberges
-bis zum Gittertor am Ende des Parkes führte, kam Lady Diana Maitland
-entlang. Die Sonne war schon hinter den hohen Wipfeln der Bäume
-verschwunden. Es begann kühl zu werden.
-
-Fröstelnd zog Lady Diana den leichten Seidenschal enger um die
-Schultern zusammen. Sie bog in einen Seitenweg ab, der durch ein
-Rosenrondell führte.
-
-Von der anderen Seite kam ihr eine Gestalt entgegen, in der sie den
-Doktor Glossin zu erkennen glaubte. Unwillkürlich hemmte sie den
-Schritt. Ihr Gefühl riet ihr, einer Begegnung auszuweichen. Schon
-wollte sie stehenbleiben und sich zu der Allee zurückwenden. Doch
-der Gedanke, daß Dr. Glossin sie auch erkannt habe, gebot ihr, den
-Weg weiterzugehen, dessen Rand mit einer Einfassung der herrlichsten
-Rosenstöcke besetzt war.
-
-Nun stand Dr. Glossin dicht bei ihr.
-
-»Ich muß gestehen, Lady Diana, daß ich selten so schöne Rosen sah wie
-diese hier. Sie lieben Rosen?«
-
-»Sehr, Herr Doktor. Doch ihr Anblick ist mir lieber als ihr Geruch. Im
-Zimmer stört mich der berauschende Duft.«
-
-»Oh, wie schade um die unzähligen Rosenspenden, die Ihnen allabendlich
-zu Füßen flogen, als Sie in der Metropolitan-Opera die Zuhörer
-entzückten.«
-
-Lady Diana brach eine Rose und steckte sie in ihren Gürtel, ohne die
-Frage zu beantworten. Sie sprach wohl selbst gelegentlich von ihrem
-früheren Bühnenleben, aber sie liebte es nicht, von anderen daran
-erinnert zu werden.
-
-Dr. Glossin schien den Wink nicht zu verstehen.
-
-»Die Stunden, in denen ich Ihrer unvergleichlichen Stimme lauschen
-durfte, gehören zu den schönsten meines Lebens. In besonderer
-Erinnerung sind mir die Abende, an denen Sie mit Frederic Boyce
-zusammen auftraten. Nie klang mir Ihre Stimme schöner als damals.«
-
-Ein kurzes Erröten glitt über die Züge der Lady. Solche Worte aus dem
-Munde eines so neuen Bekannten wie Dr. Glossin konnten nur als grobe
-Taktlosigkeit aufgefaßt werden, oder ...
-
-Sie witterte den Feind und änderte ihre Taktik.
-
-»Sie sind ein Freund der Musik, Herr Doktor? Vielleicht auch einer der
-zahlreichen Rosenspender?«
-
-Sie versuchte, ihrer Stimme einen spöttischen Unterton zu geben.
-
-»Ich kann es nicht leugnen, Mylady, ich gehörte auch zu Ihren
-Verehrern. Als ich von Ihrem Abschied von der Bühne las ... ich war
-damals in San Franzisko ... war ich drauf und dran, am Tage Ihres
-letzten Auftretens nach Neuyork zu fliegen. Wenn ich nicht irre, war es
-im ›Fidelio‹, dem hohen Lied der Gattenliebe.«
-
-»Und warum kamen Sie nicht?«
-
-Lady Diana sagte es mechanisch. Ihre Sinne arbeiteten fieberhaft. Sie
-fühlte, daß dies alles nur leichtes Geplänkel war. Der Hauptangriff
-mußte von anderer Seite kommen ... Aber woher?
-
-»Warum nicht? ... Ein seltsamer Fall hielt mich einige Tage länger
-fest!«
-
-Er machte eine Pause.
-
-»Bitte, Herr Dr. Glossin, erzählen Sie, wenn es interessant ist.«
-
-»Interessant? ... Für die Allgemeinheit am Ende kaum. Wohl aber für
-die, die es angeht. Wenn ich nicht fürchtete, unangenehme Erinnerungen
-zu wecken ...«
-
-»Wozu die Umschweife, Herr Doktor, bitte ...«
-
-Lady Diana wußte, jetzt würde der Schlag erfolgen. Und trotz der
-Ungewißheit, aus welcher Richtung er kommen würde, klang ihre Stimme
-ruhig und fest.
-
-»Wenn es der Wunsch Eurer Herrlichkeit ist ... nun wohl ... Als die
-berühmte Sängerin Diana Raczinska die Ehe mit dem Sänger Frederic
-Boyce einging, prophezeiten Eingeweihte ein schnelles Ende dieses im
-Kunstrausch geschlossenen Bündnisses. Alle, welche die Spieler- und
-Trinkernatur von Frederic Boyce kannten. Schon nach einem halben Jahr
-war die Ehe derart zerrüttet, daß die Scheidung eingeleitet wurde,
-Diana Boyce wartete nur auf den gerichtlichen Spruch, um einen neuen
-Bund mit Horace Clinton einzugehen ...«
-
-»Sie wollten mir eine interessante Geschichte erzählen ... und bringen
-alte Dinge vor, die mir bei Gott zur Genüge bekannt sind.«
-
-»Die kurze Einleitung war notwendig, Mylady. Ich kam an jenem Abend
-Ihres letzten Auftretens vom Strand in San Franzisko und verirrte mich
-in dem Häusergewirr des Hafenviertels. Als ich an einer der Schenken
-vorbeikam, aus der Toben und Brüllen betrunkener Matrosen erklang,
-öffnete sich plötzlich die Tür. Von rohen Fäusten gestoßen, flog
-ein Mann die Stufen hinauf und schlug vor meinen Füßen hart auf das
-Pflaster.
-
-Angewidert von dem häßlichen Auftritt, wollte ich weitergehen. Da sah
-ich im Laternenschimmer, wie sich eine Blutlache um den Körper des
-Betrunkenen bildete. Das Blut entströmte einer starken Wunde im Nacken,
-die wohl von einem Messerstich herrührte.
-
-Nach einigem Suchen fand ich eine Patrouille, die den Verletzten nach
-der Polizeiwache brachte. Da ich den Unfall teilweise mitangesehen
-hatte, mußte ich meine Zeugenaussage darüber abgeben. Inzwischen hatte
-der Polizeiarzt dem Verwundeten einen Notverband angelegt, ihm das
-Gesicht von Schmutz und Blut befreit. Der Mann war ...«
-
-»Wer?«
-
-Lady Diana fühlte das Blut in ihrem Herzen stocken. Sie senkte
-unwillkürlich das Haupt. Jetzt mußte der Schlag kommen, der ...
-
-»... war Frederic Boyce, Ihr totgeglaubter Gatte.«
-
-»Frederic ...«
-
-Lady Diana begann zu taumeln und wäre zu Boden gestürzt, hätte Dr.
-Glossin sie nicht aufgefangen.
-
-»Fassung, Mylady! Um Gottes willen! Ich bin außer mir. Verzeihen Sie
-mein Ungeschick.«
-
-Er führte die halb Bewußtlose zu einer Bank und nahm neben ihr Platz.
-
-»Frederic ... Frederic ...«
-
-Stoßweise rangen sich die Worte wieder und wieder von den blassen
-Lippen.
-
-»Frederic Boyce ist tot, Lady Diana.«
-
-»Tot?« Die Augen der Lady öffneten sich unnatürlich weit. »Sie ...
-sagten ... eben ...«
-
-»Frederic Boyce starb zwei Stunden später. Der Stich war tödlich.«
-
-Ein tiefes Aufatmen. Der Körper Dianas straffte sich.
-
-»Ist es die Wahrheit?«
-
-Sie schaute den Doktor an, als wolle sie im Innersten seiner Seele
-lesen.
-
-Der Doktor entnahm seiner Brieftasche ein Papier und überreichte es ihr.
-
-Lady Diana schüttelte den Kopf und ließ das Blatt sinken.
-
-»Was ist es?«
-
-»Es ist eine Bescheinigung jenes Polizeiamtes in Frisko über den am 9.
-Mai 1950 erfolgten Tod von Frederic Boyce.«
-
-Lady Diana kreuzte die Hände über ihre Brust und legte den Kopf an die
-Lehne der Bank. So saß sie lange. Das Bild einer weißen Marmorstatue.
-
-»Erzählen Sie weiter, Herr Doktor.« Sie sagte es mit einer Ruhe und
-Festigkeit, die Dr. Glossin in Erstaunen versetzte.
-
-»Bei dem Toten fand man keine Papiere. Meine Angaben über die Person
-wurden von der Polizei mit Zweifeln aufgenommen. Hatten doch vor genau
-zehn Tagen die Zeitungen über den Tod des Sängers Frederic Boyce
-im städtischen Spital berichtet. Ich blieb bei meiner Behauptung.
-Nachforschungen wurden angestellt. Sie ergaben, daß der im Hospital
-Verstorbene nicht der rechtmäßige Besitzer der bei ihm gefundenen
-Papiere gewesen war. Er hatte sie dem richtigen Eigentümer in der
-Trunkenheit entwendet. So wurde der 9. Mai als der Todestag von
-Frederic Boyce festgestellt.«
-
-Dr. Glossin machte eine Pause, um die Wirkung seiner Worte auf Lady
-Diana abzuwarten. Vergeblich.
-
-Lady Diana bewahrte ihre statuenhafte Ruhe.
-
-Gereizt fuhr Dr. Glossin fort: »Es ergibt sich die eigentümliche
-Situation, daß Eure Herrlichkeit mit Lord Maitland oder, wie er damals
-noch hieß ... mit Mr. Clinton getraut wurde, während Ihr erster Gatte
-noch lebte. Nach dem Gesetz kann Ihnen kaum ein Vorwurf gemacht werden,
-da Sie im Besitz der freilich falschen Sterbeurkunde waren. Aber ...
-die Stimme der öffentlichen Meinung wiegt schwer für Angehörige des
-Highlife ...«
-
-Lauernd wartete der Sprecher auf die Wirkung seiner Worte.
-
-»Sind Sie fertig, Herr Dr. Glossin?«
-
-Glossin nickte stumm. Lady Diana maß ihn mit einem Blick.
-
-»Wieviel verlangen Sie für Ihre Verschwiegenheit?«
-
-Wie von einem Peitschenhieb getroffen fuhr der Doktor empor: »Mir das?
-... Sie wollen mir Geld anbieten ... Hüten Sie sich. Ich vergesse eine
-Beleidigung niemals.«
-
-Lady Diana nickte gleichmütig.
-
-»Was verlangen Sie sonst, Herr Doktor?«
-
-»Ich bitte nicht weiter in diesem Ton. Ich könnte in Versuchung kommen,
-das Gespräch abzubrechen ... Nicht zu meinem Schaden.«
-
-»Wozu erzählen Sie mir diese Geschichte, Herr Doktor?«
-
-Glossin biß sich wütend auf die Lippen. Er glaubte, seine Schlinge gut
-gelegt zu haben. Ein gefälschtes Todesattest einer amerikanischen
-Polizeistation ... für Dr. Glossin war die Beschaffung lächerlich
-einfach gewesen. Und er hatte Lady Diana damit einer wenn auch
-unabsichtlichen Bigamie überführt. Seine Stellung schien so stark, und
-trotzdem fühlte er sich in die Enge getrieben.
-
-»Es wird der Tag kommen, Lady Diana, an dem Sie diese Worte bereuen.
-Der Tag, an dem Sie mir freiwillig die Hand zu einem Bündnis bieten
-werden. Dann werde ich Sie an den heutigen erinnern.
-
-Heute bitte ich Sie nur um eine einfache Gefälligkeit, die Ihnen keine
-Mühe bereitet, für mich sehr viel bedeutet.«
-
-Lady Diana schaute sinnend auf ihre schlanken, weißen Hände. Sie
-zweifelte, ob sie sie jemals dem Doktor Glossin zum Bündnis reichen
-würde.
-
-Sie hatte in diesem Kampfe gesiegt. Aber innerlich war sie bewegter und
-erschütterter, als es äußerlich erschien. Wenn sie dem unbequemen Gast
-mit einer einfachen Gefälligkeit den Mund stopfen konnte, wollte sie es
-tun.
-
-»Was ist es, Herr Doktor?«
-
-»Ich muß zur Erklärung weit zurückgehen und in die Hände Eurer
-Herrlichkeit eine Beichte ablegen. Ich war nicht immer amerikanischer
-Bürger. Im Jahre 1927 lebte ich als britischer Untertan in
-Mesopotamien. Ein Ingenieur war dort tätig. Er machte eine Erfindung,
-die dem englischen Reiche gefährlich werden konnte. Ich setzte die
-britische Regierung davon in Kenntnis, und der Erfinder verschwand
-im Tower. Ihr Gemahl Lord Maitland muß darüber Bescheid wissen oder
-sich doch mit Leichtigkeit orientieren können. Helfen Sie mir. Ich muß
-wissen, ob Gerhard Bursfeld noch als Staatsgefangener im Tower lebt ...
-er wäre jetzt 65 Jahre ... oder was aus ihm geworden ist. Helfen Sie
-mir und seien Sie meiner Dankbarkeit versichert.«
-
-»Gut, Herr Doktor, ich werde mit meinem Gatten sprechen. Was geschehen
-kann, um Ihnen die gewünschte Auskunft zu geben, soll geschehen.«
-
- * * * * *
-
-Lord Gashford, der englische Premier, hatte sein Kabinett zu einer
-Besprechung bitten lassen. Die Männer, welche vor dem Lande und dem
-Parlament die Verantwortung für den gesicherten Fortbestand des
-britischen Weltreiches trugen, waren im kleinen Konferenzsaal in
-Downing Street versammelt. Lord Gashford blickte sorgenvoll und sah
-überarbeitet aus. Er eröffnete die Sitzung mit einem kurzen Überblick
-über die politische Lage.
-
-»Die Politik Großbritanniens hat seit zwei Jahrhunderten auf dem
-Grundsatze geruht, Kräfte, die dem Reiche gefährlich werden konnten,
-gegeneinander zu binden. Das Prinzip des Gleichgewichts, zuerst für
-Europa erfunden, konnte nach dem Weltkriege erfolgreich auf die
-überseeischen Mächte angewendet werden. Der Streit zwischen Amerika
-und Japan setzte uns in die Lage, Afrika von den letzten Überbleibseln
-europäischer Kolonien zu säubern. Leider haben diese Streitigkeiten mit
-dem vollkommenen Siege der nordamerikanischen Union geendet. Die Kraft
-der Union ist nicht mehr durch eine genügende Gegenkraft gebunden.
-
-Das ist die Lage seit dem zweiten Frieden von San Franzisko. Unsere
-Politik ist bestrebt gewesen, die romanischen Staaten Südamerikas in
-einen Gegensatz zur nordamerikanischen Union zu bringen. Die Erfolge
-sind leider nur gering. Unsere Bemühungen, Japan zu stützen, haben
-bedauerlicherweise beklagenswerte Folgen gehabt. Kanada ist in so enge
-Beziehungen zur Union getreten, daß es heute nur noch formell zum
-Reich gehört. Australien steht im Begriff, gleichfalls Anschluß an
-das Zollgebiet der Vereinigten Staaten zu nehmen. Diese Umwälzungen
-vollziehen sich mit der Macht elementarer Ereignisse. Wenn die Union
-weise wäre, ließe sie die Zeit ruhig für sich arbeiten. Aber an ihrer
-Spitze steht eine Person von unbezähmbarem Ehrgeiz.
-
-Wir müssen stündlich auf den Ausbruch des Krieges gefaßt sein. Wir
-stehen Erscheinungen gegenüber, die sich in keiner Weise irgendwie
-vorausberechnen lassen. Ich denke dabei an das Wort eines meiner
-Vorgänger vom politischen Alkoholismus. In jedem Falle müssen wir jeden
-Moment in der Lage sein, die Herausforderung anzunehmen und für den
-Bestand des Reiches zu kämpfen.«
-
-Vincent Rushbrook, der Erste Lord der Admiralität, erhielt das Wort:
-
-»Unsere maritimen Maßnahmen sind in erster Linie darauf gerichtet,
-den Seeweg nach Indien zu beherrschen. Eine Flotte von achthundert
-U-Booten liegt tiefgestaffelt auf dem Bogen von Lissabon nach Marokko.
-Ihre Basis wird durch unsere beiden großen Seefestungen von Gibraltar
-und Ceuta gebildet. Ihre Vorpostenboote haben auf der Länge von Island
-fremde U-Boote gesichtet. Seitdem ... es sind jetzt drei Tage ... sind
-unsere Boote und die Festungen in höchster Bereitschaft. Zwei Sekunden
-nach dem Alarm können die Rohre von Gibraltar und Ceuta feuern. Dieser
-Zustand läßt sich aber nicht monatelang aufrechterhalten. Die Nerven
-der Besatzungen leiden darunter. Meine Leute wollen lieber heute als
-morgen kämpfen. In vier Wochen werden sie zerrüttet sein, wenn es nicht
-zum Schlagen kommt.
-
-Auf der Landenge von Suez liegt eine Flotte von 30000 Flugzeugen. Ich
-sehe nicht, wie ein Gegner in das Mittelmeer eindringen könnte.«
-
-Der Premier ergriff von neuem das Wort.
-
-»Es ist gut, wenn die Flotte den Seeweg nach Indien sichert. Aber
-auch die Beherrschung des Landweges bleibt erwünscht. Warum haben
-wir Konstantinopel vor 20 Jahren genommen, wenn wir die Straße nicht
-benutzen? Die gerade Linie geht über Brüssel, Linz und Belgrad nach
-Konstantinopel.
-
-Sie lieben uns nicht auf dem Kontinent. Der Russe hat leider die
-irrtümliche Meinung, daß wir an allem seinem Unglück seit 1904 schuld
-gewesen sind. Der Deutsche wird immer noch von der eigenartigen Idee
-beherrscht, daß wir vor 40 Jahren nicht für die Heiligkeit der Verträge
-gegen ihn gekämpft haben. Der Franzose, der Spanier und der Italiener
-sind verstimmt, weil wir sie aus Afrika entfernt haben.
-
-Ich muß leider sagen, daß wir in den letzten 30 Jahren zu wenig Wert
-auf die Bildung der öffentlichen Meinung in Europa gelegt haben.
-Wir haben es nicht ungern gesehen, daß Rußland sich allmählich vom
-Bolschewismus säuberte. Es war uns bis zu einem gewissen Grade
-willkommen, daß Deutschland im Bündnis mit dem genesenden Rußland den
-Versailler Vertrag revidierte.
-
-Wir übersahen dabei, daß durch die Verständigung zwischen Deutschland
-und Rußland eine Macht geschaffen wurde, die sich im Laufe der Zeit
-automatisch zu einer Übermacht Frankreich gegenüber entwickeln
-mußte. Die Folge war die Verständigung zwischen Frankreich und den
-beiden Oststaaten. Es kam zu der Bildung der deutsch-französischen
-Industriegemeinschaft.
-
-Vom ersten Tage meiner Amtszeit an habe ich es als meine wichtigste
-Aufgabe betrachtet, diese Gemeinschaft zu lockern. Wir haben es
-versucht, den Chauvinismus in den betreffenden Ländern nach Kräften
-zu fördern. Leider sind die Erfolge nicht sehr bedeutend. Der große
-Vorteil der Industriegemeinschaft ist zu augenfällig. Immerhin müssen
-wir in dieser Richtung weiterarbeiten. Ich komme zu dem Ergebnis, daß
-England moralische Eroberungen auf dem Kontinent machen muß.«
-
-William Chopper, der Presseminister, erbat sich das Wort:
-
-»Für moralische Eroberungen braucht man eine gewisse Zeit. Außerdem
-... die kontinentale Presse ist in festen Händen. In Afrika und Asien
-können wir jeden Tag englische Zeitungen gründen. In Deutschland eine
-deutsche, in Frankreich eine französische Zeitung neu zu schaffen, ist
-sehr schwer für uns. Wir können nur den englischen Korrespondenten
-dieser Zeitungen durch unsere eigene Presse bestimmte Ansichten in
-solcher Weise einimpfen, daß sie dieselben schließlich für eigene und
-durchaus dem Vorteil des Kontinents dienende Ideen ansehen.«
-
-Lord Gashford sprach weiter:
-
-»Jede feindselige Haltung des Kontinents muß verhindert werden. Wir
-brauchen die volle Kraft der europäischen Industrie für uns. Sie werden
-auf dem Kontinent bereit sein, für beide Parteien zu liefern. Auf dem
-kurzen Wege über den Pol werden die amerikanischen Lastflugschiffe aus
-Europa an Kriegsmaterial wegschleppen, was sie kaufen können. Das muß
-verhindert werden. Der Kontinent darf nicht an beide Parteien liefern.
-Er muß ein Interesse an unserem Siege haben ...«
-
-Sir James Morrison, der Erste Lord des Schatzes, fiel seinem Kollegen
-ins Wort:
-
-»Es gibt eine Möglichkeit ... Alle Staaten des Kontinents schleppen
-die Kette amerikanischer Schulden hinter sich her. Wir müssen ihnen
-die Annullierung dieser Schulden versprechen. Dann haben sie ein
-Interesse an unserem Siege. Es wird zu überlegen sein, was sich für
-diese Versprechen einhandeln läßt. Lieferung von Kriegsmaterial
-ausschließlich an uns. Durchzugsrecht für unsere Truppen. Wenn möglich
-direkte Unterstützung. Ich glaube, daß sich viel mit dem Versprechen
-erreichen läßt ...«
-
-Die Verhandlung löste sich in lebhafte Einzelgespräche auf. Der Plan
-des Finanzministers war einleuchtend. Er war genial und wie alle
-genialen Sachen verblüffend einfach.
-
-William Chopper übernahm es, die Idee mit der nötigen Vorsicht in
-die europäische Presse gelangen zu lassen. Es war notwendig, daß von
-privaten Stellen gleichzeitig in tausend Zeitungen die Möglichkeit,
-aus der amerikanischen Verschuldung herauszukommen, in Europa
-ventiliert wurde. Von drei Monaten, die er ursprünglich für die
-Durchführung dieser Propaganda verlangte, ließ sich der Presseminister
-auf zehn Tage herunterhandeln.
-
-Lord Gashford sprach:
-
-»Es ist widersinnig, die afrikanischen Rohstoffe und Bodenschätze erst
-nach England zu schaffen und hier zu verarbeiten. Wir müssen in Afrika
-eine Kriegsindustrie aus dem Boden stampfen. In der Umgebung der großen
-Kraftwerke des Sambesi und Kongo. Meine Herren, ich halte es sogar für
-möglich, daß die britische Regierung bei Kriegsausbruch nach Äquatoria
-übersiedelt.«
-
-Betretenes Schweigen folgte dieser Mitteilung. Die englische Regierung
-sollte die britische Insel aufgeben, sollte London verlassen? Das war
-nach der politischen Tradition etwas ganz Unerhörtes.
-
-Lord Gashford bemerkte es wohl und fühlte sich zu einer Erklärung
-verpflichtet.
-
-»Es ist unseren Agenten gelungen, einen Plan unserer Gegner
-aufzudecken. Ich kann ihn nicht anders bezeichnen als eine Ausgeburt
-der Hölle. Der Diktator hat einen Teil seiner Luftflotte mit Bomben
-versehen lassen, durch die beim Aufschlagen Pest- und Cholerakeime in
-die Luft gewirbelt werden.«
-
-Rufe des Abscheus und Entsetzens kamen aus aller Munde.
-
-»Das ist Stonards würdig«, rief Vincent Rushbrook mit schneidender
-Stimme. »Möge ihn selbst die Pest befallen.« Erst nach Minuten konnte
-Lord Gashford fortfahren:
-
-»Der Plan verliert bei näherer Betrachtung an Gefährlichkeit. Wir
-wissen genau, welche Teile der Flotte mit den G-Bomben ausgerüstet
-sind. Unsere Luftstreitkräfte müssen sich bei Eröffnung der
-Feindseligkeiten augenblicklich auf diese Schiffe stürzen und sie
-vernichten, bevor sie die britische Insel vergiften können. Gelingt
-es trotzdem einigen, unser Land zu erreichen, so sind für den
-betreffenden Bezirk sanitäre Maßregeln in Aussicht genommen.
-
-Noch eins, meine Herren« -- die Sätze wurden langsam unter Betonung
-jedes einzelnen Wortes gesprochen --, »es wäre in diesem Falle nicht zu
-vermeiden, daß die Krankheiten auf das Festland übertragen würden.«
-
-»~Right or wrong, my country~«, kam es halblaut von den Lippen
-Rushbrooks, und andere Lippen flüsterten es nach. Lord Gashford sprach
-in der langsamen, betonten Weise weiter:
-
-»Gemeinsames Leid knüpft feste Bande! Meine Herren ... der Pfeil würde
-auf den Schützen zurückprallen ... das war es, was ich noch mitzuteilen
-hatte.«
-
-Drei Stunden später erschienen in einigen Blättern des Kontinents
-die ersten Betrachtungen über die Möglichkeit, die amerikanische
-Verschuldung loszuwerden. Der Apparat William Choppers arbeitete
-bereits.
-
-
-
-
-Teil II.
-
-
-Und es kam der Tag, an dem sich in Linnais drei Menschen stumm
-umarmten. Der Tag, an dem die große Erfindung vollendet war.
-
-Tage angespanntester Arbeit in Laboratorium und Werkstatt lagen
-hinter ihnen. Was jetzt kam, die Arbeit in der Werkstatt, um die
-Konstruktionen auszuführen, war körperlich leichtes Spiel, geistige
-Erholung.
-
-Die Hauptarbeit hatte Silvester getan. Hindernisse, die immer wieder
-unvermutet auftauchten, hatte sein erfinderisches Genie bewältigt.
-Wenn bei den anderen die Zweifel laut oder leise sich regten, hatte
-er das Problem mit unbeirrbarer Zuversicht von einer neuen Seite
-angefaßt. Erik Truwor sah die Arbeit nicht ohne Sorge, denn Silvester
-war körperlich nicht eben der stärkste. Es kam wohl vor, daß er die
-Hände auf das in der Entdeckerfreude übermäßig pochende Herz pressen
-mußte, daß er mit wankenden Knien Minuten ruhen mußte, bevor der Kampf
-weiterging.
-
-Nach einer letzten durcharbeiteten Nacht warf Silvester mit glückselig
-stolzem Lächeln seine Feder hin. Das Heureka des siegreichen Forschers
-kam über seine Lippen. Dann sank er zusammen und fiel in einen tiefen,
-todähnlichen Schlaf.
-
-Mit liebevollen Händen betteten sie den Zusammengesunkenen auf seinem
-Lager.
-
-Atma hielt dort die Wacht.
-
-Erik Truwor litt es nicht länger in den engen Räumen. Mit übervollem
-Herzen stürmte er hinaus, um allein und im Freien seiner Gedanken und
-Pläne Herr zu werden.
-
-Gedanken und Pläne von unerhörter Kühnheit, die seit Wochen in ihm
-brodelten, zerrissen und sich von neuem zusammenballten, wollten sich
-jetzt verdichten und Gestalt annehmen. Schon eine Stunde stürmte er
-durch den tiefen Wald und wußte nicht, wie er dorthin gekommen war.
-Auf steilen Grashalden ging es bergan. Geröll und Felsblöcke zwangen
-ihn, seine Schritte zu verlangsamen. Als er die Höhe erreichte, rang
-er nach Atem. Tief unter ihm lag der Strom. Sein Rauschen drang nur
-noch gedämpft herauf. Dichte Nebelschwaden zogen an den Talwänden.
-Ein frischer Wind pfiff über die Höhen. Erik Truwor nahm den Hut vom
-Kopf und ließ sich die erhitzte Stirn kühlen. Er ließ sich auf einem
-Felsblock am Rande des Abhanges nieder. So saß er lange still und starr
-wie der Stein unter ihm.
-
-Die lauten und verworrenen Stimmen der vergangenen Nächte begannen
-zusammenzuklingen zu einer klaren, starken Melodie. Zu einem
-unnennbaren Hochgefühl voll Zuversicht, Ruhe und Kraft, das von ihm
-ausströmte und ihm entgegenströmte aus den stummen Steinhalden, dem
-dunklen Grün der Föhren, den Spitzen der fernen Bergkämme.
-
-In diesem Augenblick umspannte sein Geist weite Räume und Zeiten,
-verknüpfte das Gegenwärtige mit dem Vergangenen und Zukünftigen. Die
-Erinnerungen an Pankong Tzo wurden lebendig. Die geheimnisvollen Lehren
-und Sprüche, immer wieder mit der gleichen Überzeugung und Gläubigkeit
-vorgetragen und immer wieder zweifelnd von ihm aufgenommen. Jetzt war
-die Stunde gekommen, die ihm der Abt in Pankong Tzo mit lächelnder
-Zuversicht vorausgesagt.
-
-Die Stunde der Wandlung! Die Stunde, die sein irdisches Dasein in zwei
-Leben teilte.
-
-Als er vor Tagen die Tragweite von Silvesters Erfindung erkannte, als
-er die Möglichkeit erblickte, mit ihrer Hilfe der Welt neue Gesetze,
-seine Gesetze vorzuschreiben, hatte ihn die Größe des Gedankens
-erschreckt und niedergedrückt. Jetzt war es entschieden.
-
-Das Schicksal hatte aus dem Alten in Pankong Tzo gesprochen und ihn zu
-seinem Werkzeug erkoren.
-
-Mit festen Schritten ging er den Weg nach Linnais zurück. Siegesgewiß.
-Von der Idee an seine Mission erfüllt und getragen.
-
-Aus langem stärkenden Schlummer war Silvester erwacht. Erfindung ...
-Strahler ... Konstruktionen, alles das lag traumhaft hinter ihm.
-
-Jetzt, wo die gewaltigste Arbeit getan, seine Schöpfung vollkommen war,
-kehrten seine Gedanken ungehemmt zu früheren Dingen zurück. Sie gingen
-nach Trenton. Sie flogen zu Jane.
-
-Er verstand sich selbst nicht mehr. Wie war es möglich, daß er in
-diesen Tagen der Arbeit Jane so vollkommen vergessen konnte. Hatte ihn
-das Problem verzaubert? War ein anderer Einfluß wirksam? Er wußte keine
-Antwort darauf.
-
-Er sah seine Verlobte. Sah sie in dem kleinen Hausgarten ihre
-Lieblinge, die Blumen, pflegen. Er erblickte sie im traulichen
-Beisammensein im Lichtschein der Lampe. Er sah, wie beim Sprechen
-ein rosiger Blutschimmer ihre zarten Wangen färbte und wie ihre
-Augen aufstrahlten. Er sah sie in stillen Abendstunden in leichtem
-schwebenden Gang an seiner Seite durch die Felder gehen.
-
-Dann sah er Dr. Glossin, und Sorge beschlich ihn. Er mußte zu Jane,
-mußte sie schützen, mußte sie in Sicherheit bringen. Liebe und Furcht
-mischten sich in seinen Gedanken.
-
-Mit Ungeduld erwartete er die Rückkehr Erik Truwors. In fliegender Hast
-trug er ihm seine Pläne und Wünsche vor. Die Erfindung war vollendet.
-Die Ausführung war eine Kleinigkeit. Wenn sie ohne seine Mitwirkung
-etwas länger dauerte, was verschlug das.
-
-Mit unbewegter Miene hörte Erik Truwor die Wünsche Silvesters.
-
-»Um eines Weibes willen willst du fahnenflüchtig werden?«
-
-»Fahnenflüchtig? Was soll dieses Wort von deiner Seite? Aus Janes Munde
-wäre es berechtigt.«
-
-»Und unsere Mission?«
-
-Erik Truwor sprach es mit starker Stimme.
-
-»Mission? Meine Aufgabe ist erfüllt. Das sagt mir mein Innerstes. Die
-Erfindung ist vollendet. Was ich zu geben hatte, habe ich gegeben. Die
-Werkstattarbeit geht ohne mich. Was kommt es auf ein paar Tage früher
-oder später an?«
-
-»In ein paar Tagen können Tausende von Männern fallen, Tausende von
-Frauen Witwen werden. In ein paar Tagen kann mehr Elend entstehen, als
-in Jahrzehnten wieder gutzumachen ist.«
-
-»Du siehst schwarz. Erwartest du schon in nächster Zeit den
-Kriegsausbruch?«
-
-»Gewiß! Täglich, stündlich können die ersten Schüsse fallen. Deshalb
-muß der Apparat so schnell wie möglich fertiggestellt werden. Wir sind
-ausgeruht. Nichts hindert uns, sofort an die Arbeit zu gehen.«
-
-Silvester stand stumm. Widerstreitende Gefühle kämpften in seinem
-Inneren. Er sah Jane in den Händen Glossins. Er sah Schlachtfelder,
-bedeckt mit Toten und Verwundeten ... Ehre und Gewissen zwangen ihn,
-seine Liebe zum Opfer zu bringen. Er tat es mit blutendem Herzen.
-
-»Aber ...« Die tiefe Erregung spiegelte sich in seinen Augen wider
-... »Aber woher nimmst du die Gewißheit, daß der Krieg schon in
-allernächster Zeit ausbrechen wird? Dein Glaube gründet sich doch nur
-auf Mutmaßungen.«
-
-Wortlos deutete Erik Truwor auf den Inder.
-
-»Du, Atma! Du sagst es?«
-
-»Ich sagte, was ich in den stillen Nächten sah, in denen ihr
-arbeitetet. Ich sah die blanken Schwerter in den Händen der feindlichen
-Brüder, bereit zum Töten.«
-
-Silvester senkte betroffen das Haupt. Die Voraussagen Atmas waren
-untrüglich. Er wendete sich ab, um seine innere Bewegung zu verbergen.
-Da fühlte er die Arme des Inders sich um seine Schultern legen.
-
-»Der Krieg wird nicht kommen, bevor sich der Mond vollendet. Als ich
-in der vergangenen Nacht an deinem Lager wachte, sah ich, wie die
-Schwerter sich in ihre Scheiden zurücksenkten. Die Hände der Männer
-blieben am Griff.«
-
-»Was sagst du, Atma? Der Krieg ist aufgeschoben?«
-
-Erik Truwor trat näher an den Inder heran. Er hielt den Papierstreifen
-des Telegraphenapparates zwischen den Fingern.
-
-»Aufgeschoben. Das würde die veränderte Sprache in diesen Telegrammen
-erklären.«
-
-»Aufgeschoben, bis der Mond sich erneut. Wir haben Zeit. Zeit, deinen
-Willen zu tun, und Zeit, die Wünsche Silvesters zu erfüllen.«
-
-Erik Truwor traf die Entscheidung. Für achtundvierzig Stunden brauchte
-er die Hilfe Silvesters noch, um alle Teile der neuen Konstruktion
-so weit fertigzumachen, daß er sie dann selbst nur zusammenzusetzen
-brauchte.
-
-Sein Befehl war zwingend. Vergeblich suchte Silvester dagegen zu
-kämpfen. Atma nahm die Partei Erik Truwors.
-
-»Zwei Tage und zwei Nächte, Silvester. Dann haben wir hier getan, was
-zu tun ist, und holen das Mädchen.«
-
-Mit einem Seufzer fügte sich Silvester dem Willen seiner Freunde. Von
-neuem begann ein Arbeiten, ein Schmieden, Feilen und Schleifen. Stahl
-und Kupfer gewannen neue Formen, und in achtundvierzig Stunden wuchsen
-die Teile, die den neuen großen Strahler bilden sollten.
-
- * * * * *
-
-Doktor Glossin saß im Gebäude der englischen Admiralität vor einem
-dickleibigen, verstaubten Aktenstück und wandte Blatt um Blatt.
-
-Da lag auf vergilbtem Papier, von seiner eigenen Hand geschrieben, die
-kurze Mitteilung, durch die er damals die Aufmerksamkeit des englischen
-Distriktskommissars auf Gerhard Bursfeld lenkte. Das Briefchen hatte
-von dort den Weg zu den nebligen Ufern der Themse gefunden, und hatte
-seine Wirkung getan. Die folgenden Schriftstücke sprachen davon.
-
-Der Bericht eines anderen Distriktskommissars an den Oberkommissar,
-daß eine Bande räubernder Eingeborener den Ingenieur Bursfeld
-entführt hätte. Mitteilungen über die Mobilmachung von Militär. Eine
-Expedition zur Befreiung des Entführten. Nebenher die Mitteilung, daß
-das Sommerhaus Bursfelds bei der Entführung in Flammen aufgegangen
-wäre. Ein Bericht, daß man den Wiedergefundenen an Bord des Kleinen
-Kreuzers »Alkyon« gebracht habe, daß seine Gattin und sein Kind nirgend
-aufzufinden seien. Bis dahin konnten die Berichte in jeder Zeitung
-stehen. Die englische Regierung spielte darin die Rolle des Befreiers,
-und nichts verriet, daß der Überfall bestellte Arbeit gewesen war. Dann
-wurden sie ernsthafter und waren nicht mehr für die Öffentlichkeit
-geeignet.
-
-Die Überführung Bursfelds in den Tower. Seine erste Vernehmung über
-seine Erfindung. Seine Weigerung, irgend etwas zu sagen. Wiederholte
-Vernehmungen im Laufe der nächsten vier Wochen. Stets das gleiche
-negative Ergebnis.
-
-Dann kam das letzte Schriftstück im Bündel. Die Mitteilung, daß man
-Gerhard Bursfeld in der fünften Woche seiner Gefangensetzung tot auf
-seinem Lager gefunden habe. Nach einem Gutachten des amtierenden Arztes
-am Herzschlag verschieden.
-
-Dr. Glossin atmete auf. Die Last einer dreißigjährigen Vergangenheit
-fiel ihm vom Herzen. Gerhard Bursfeld war tot. Er war gestorben, ohne
-daß die englische Regierung etwas von seinem Geheimnis erfahren hatte.
-Dr. Glossin suchte in seiner Erinnerung das wenige zusammen, was er
-seinem Freunde damals entlockt hatte: Die Behauptung der theoretischen
-Möglichkeit, an einem Orte erzeugte Energie ohne materielle
-Verbindungen an einer beliebigen anderen Stelle zu konzentrieren.
-Ein kleiner Versuch, bei welchem eine fünfhundert Meter entfernte
-Dynamitpatrone explodierte, als Bursfeld mit einem kleinen Apparat ein
-paar Manöver ausführte. Die strikte Weigerung des Freundes, irgend
-etwas Weiteres zu sagen.
-
-Die beiden Worte »Telenergetische Konzentration« hämmerten dem Doktor
-in den Schläfen. Gerhard Bursfeld hatte die Worte gebraucht. Er war
-einem Geheimnis auf der Spur gewesen, welches dem besitzenden Staate
-die Weltherrschaft sicherte. Jedes Sprengstofflager konnte man mit
-diesem Mittel aus der Ferne sprengen. Die Patrone im Flintenlauf des
-einzelnen Soldaten ebensogut explodieren lassen wie das Riesengeschoß
-in den großen Rohren der Flottengeschütze.
-
-Ein großes, gelbes Kuvert bildete den Schluß des Aktenstückes.
-Es enthielt die wenigen Papiere, die man bei der Leiche des
-Inhaftierten gefunden hatte. Seinen Paß und ein kleines Notizbuch mit
-Bleistiftaufzeichnungen. Mit einem Schauer blickte Dr. Glossin auf
-die ihm so vertrauten Schriftzüge. Kurze Notizen über den damaligen
-Dienst in Mesopotamien. Abgerissene Worte über den Überfall und
-die Entführung. Dann die Tragödie im Tower. Das weiße Papier des
-Notizbuches war zu Ende, und Gerhard Bursfeld hatte die letzten
-Mitteilungen in deutscher Sprache zwischen die gedruckten Zeilen des
-Kalendariums gekritzelt. So waren sie wohl der Aufmerksamkeit seiner
-Wächter entgangen.
-
-»Donnerstag, den 13. Mai. Sichere Nachricht, daß Rokaja und Silvester
-tot sind.«
-
-»Sonnabend, den 15. Mai. Sie versuchen, mir meine Erfindung durch
-Hypnose zu entreißen.«
-
-»Sonntag, den 16. Mai. Ich habe heute nacht im Schlaf gesprochen ...
-Zeit, ein Ende zu machen. Ich entrinne ihnen doch. Eine Luftblase in
-eine Vene geblasen, ich bin frei. ... Heute noch, bevor die Nacht
-kommt. Rokaja ... Silvester ... ich sehe euch wieder.«
-
-Damit brachen die Mitteilungen ab.
-
-Dr. Glossin überlegte. Sie hatten dem Gefangenen natürlich jedes
-gefährliche Stück abgenommen. Aber ein Mann wie Gerhard Bursfeld wußte
-immer noch hundert verschiedene Wege und Mittel zu finden, sich eine
-Vene anzuschlagen und Luft einzublasen. Der Herzschlag, den der Bericht
-als Todesursache angab, war dem Doktor Glossin vollkommen klar.
-
-»Ich habe in der letzten Nacht gesprochen.« Nur diese Worte bereiteten
-ihm Beklemmungen. Gerhard Bursfeld war schwer zu hypnotisieren. Es war
-anzunehmen, daß er den hypnotischen Einfluß gespürt ... während des
-Schlafes empfunden, sich instinktiv zur Wehr gesetzt hatte und darüber
-erwacht war. So konnte es sein. Doktor Glossin suchte sich einzureden,
-daß es so gewesen sein müsse. Aber ein leiser Zweifel blieb übrig.
-
-Lord Maitland trat in den Raum, um nach seinem Gast zu sehen.
-
-»Haben Sie alles gefunden, was Sie suchten?«
-
-»Ich ersah zu meinem Bedauern, daß meine damaligen Bemühungen, der
-britischen Regierung einen Dienst zu erweisen, vergeblich waren ...
-Leider. Die Welt hätte heute ein anderes Gesicht, wenn es gelungen
-wäre. Gerhard Bursfeld besaß das Mittel, die Welt aus den Angeln zu
-heben. Er hat es mit ins Grab genommen.«
-
-Dr. Glossin sprach die Worte langsam und beobachtete jeden Zug und jede
-Miene des Lords. Aber dessen Antlitz blieb völlig unverändert.
-
-»Ich habe den alten Akt auch durchgesehen. Unsere Regierung hat sich
-damals viel Mühe um den Fall gemacht. Wie Sie sehen, ganz umsonst.
-Es hat oft solche Leute gegeben, die sich einbildeten, Gott weiß was
-erfunden zu haben. Sie hätten den armen Narren ruhig bei seinem Bahnbau
-sitzen lassen können. Jedenfalls bin ich erfreut, Ihnen in dieser
-Angelegenheit gefällig gewesen zu sein. Ich bitte Sie, über mich zu
-verfügen, wenn Sie weitere Wünsche haben.«
-
-Dr. Glossin dankte. Er wäre Seiner Lordschaft aufs äußerste verbunden
-und hätte keine weiteren Wünsche. Wenn Seine Lordschaft jemals einen
-Gegendienst ...
-
-Er überschwemmte Lord Maitland mit einer Flut von Höflichkeitsfloskeln.
-Sie gingen ihm von der Zunge, ohne daß er ihren Sinn überhaupt merkte.
-Dabei aber erteilte er seinem Gegenüber mit größter Anstrengung einen
-suggestiven Befehl.
-
-»Wenn du etwas von der Erfindung weißt, so sage es.« Er hütete sich mit
-Gewalt, dabei selbst an die Erfindung zu denken, denn er kannte die
-Gefahr, daß diese Gedanken auf sein Gegenüber mitwirkten und als dessen
-eigene reproduziert wurden.
-
-Lord Maitland blieb ruhig. Er erwiderte die Höflichkeiten Amerikas
-mit denen Englands. Die Redensarten der einen Seite waren genau so
-belanglos wie die der anderen. Da wußte Dr. Glossin, daß Gerhard
-Bursfeld sein Geheimnis mit ins Grab genommen hatte.
-
- * * * * *
-
-Die Bedingung, an die Erik Truwor sein Versprechen geknüpft hatte,
-trieb Silvester zu fieberhafter Tätigkeit an. Er achtete kaum der
-Zeiteinteilung und arbeitete die Tage und die hellen Nächte, nur
-getrieben von dem einen Wunsch, den neuen Apparat fertig zu haben und
-dann zu holen und zu sich zu nehmen, was ihm das Teuerste war.
-
-In rastloser Arbeit schaffte er, bis das letzte Stück gegossen, die
-letzte Speiche geschmiedet, die letzte Schraube geschnitten war. Da
-ließ er den Drehstahl aus der Hand sinken und wandte sich zu Erik
-Truwor: »Wenn du wüßtest, in welcher Verzweiflung ich hier gestanden
-und gearbeitet habe, wenn du meine jetzige Freude verstündest. Doch du
-... du ...«
-
-»Du ...? Du weißt nicht, was Liebe heißt, wolltest du sagen.«
-
-Silvester hörte den bitteren Unterton, der in den sarkastischen Worten
-lag.
-
-»Du, Erik? Du, auch du ...«
-
-Silvester schwieg. Er sah die tiefen Falten, welche die Stirn Erik
-Truwors furchten. So hatte auch Erik Truwor, der gegen alle Anfälle des
-Lebens gefeit schien, ein Geheimnis, einen verborgenen Kummer.
-
-»Verzeih, Erik, wenn ich ungewollt eine Wunde berührte, von der ich
-nicht wußte. Ich glaubte nicht, daß dein Stahlherz je Frauenliebe
-verspürte.«
-
-»Kein Mann wird mit stählernem Herzen geboren. Der es besitzt, hat
-es nach bitterer Enttäuschung und Entsagung erworben. Die Wunde ist
-verharscht ...«
-
-Wie mit sich selbst sprechend, fuhr er leise fort: »Ganz verharscht und
-geheilt seit dem vorgestrigen Morgen. Ohne Bewegung und ohne Bedauern
-kann ich heute von einer Zeit erzählen, wo ich der glücklichste Mensch
-auf Erden war ... und dann der unglücklichste ... Es war während meines
-Pariser Aufenthalts.
-
-Die Verleumdung wagte sich an mein Ideal heran.
-
-Ich forderte den Verleumder und traf ihn tödlich. Dann ging ich zu
-meiner Verlobten. Ich forderte Aufklärung. Ihre Rechtfertigung ging an
-meinem Herzen vorbei. Ich gab ihr den Ring zurück. Ging fort von Paris,
-durchirrte die Welt.
-
-Es hat vieler Jahre bedurft, bis ich die Ruhe wiederfand. Heute denke
-ich anders darüber. Wenn ich heute ... Warum davon noch sprechen.
-
-Heute gilt es Mannestat! Was mich heute bewegt, was mir Herz und Hirn
-erfüllt, schaltet jeden Gedanken an ein Weib aus.
-
-Es gilt einen Wurf, der unsere Welt umgestalten soll ... Wenn du wieder
-zurück bist, wenn dein Herz frei von der Sorge ist, will ich dir sagen,
-wozu das Schicksal uns bestimmt hat.«
-
-»Wenn ich zurück bin, Erik. Jetzt denke an dein Versprechen. Ich habe
-getan, was ich tun sollte.«
-
-Bevor Erik Truwor zu antworten vermochte, sprach Atma: »Es ist nicht
-gut, das Mädchen in der Hand der Gewalt zu lassen.«
-
-Atma saß zurückgelehnt. Seine Augen blickten weitgeöffnet in die Ferne.
-Die Pupillen zogen sich eng und immer enger zusammen. Seine Hände
-ruhten auf einem tibetanischen Rosenkranz.
-
-»So sah er aus, als er mir riet ... nein, befahl, nach Trenton zu
-gehen.«
-
-Erik Truwor flüsterte es Silvester zu. Nach einigen Minuten
-erschütterte ein tiefer Atemzug die Brust des Regungslosen. Seine
-Pupillen bekamen wieder ihre natürliche Weite. Er sprach: »Die
-feindliche Kraft ist am Werke. Glossin hat den dritten Ring. Er sinnt
-auf Böses. Wir müssen den Ring holen ... und das Mädchen.«
-
-Erik Truwor widersprach. Was solle der Ring? Auf die Männer käme es an.
-Die wären zusammen!
-
-»Welchen Auftrag gab dir Jatschu?«
-
-Atma stellte die Frage tibetanisch, und Erik Truwor antwortete in der
-gleichen Sprache: »Er sagte: Suchet den dritten Ring!«
-
-»Das sagte er? Also müssen wir ihn suchen. Die Wege des Lebens sind
-tausendfach verflochten. Was dir Nebensache erscheint, wird zur
-Hauptsache, wenn das Rad sich dreht. Erst den Ring! Dann das Mädchen
-und dann ... alles andere. So ist es bestimmt. So wird es geschehen.«
-Atma hatte es leise und monoton, noch unter der Einwirkung des
-kataleptischen Zustandes gesprochen. Aber ein zwingender Wille ging von
-den Worten aus. Unter dem Zwange gab Erik Truwor seine Einwilligung.
-
-»So sei es denn. Ihr beide mögt gehen, den Ring und das Mädchen holen.
-Ich bleibe hier und baue den Strahler. Brecht morgen mit dem frühesten
-auf. Tut, was ihr tun müßt ...«
-
-»Noch diese Nacht. In einer Stunde. Eile tut not.«
-
-Soma Atma sagte es. Der Inder, der lange Tage und Wochen untätig
-verbringen konnte, der Stunden hindurch, in die Betrachtungen
-seiner Lehre versenkt, wie eine Bildsäule saß, während Erik Truwor
-und Silvester mit Anspannung aller Kräfte arbeiteten, der sonst so
-tatenlose Inder war jetzt ganz Willen und Tat.
-
-»In einer Stunde brechen wir auf. Die Maschinen sind nachzusehen. Das
-Schiff muß hierhergebracht werden. Den kleinsten Strahler müssen wir
-mitnehmen. Wir könnten ihn brauchen.«
-
-Atma befahl, und die Freunde gehorchten seiner Weisung.
-
-In einer Stunde läßt sich viel tun. Was Menschenkraft zu tun vermag,
-geschah in dieser Zeit. Das Flugschiff lag auf der Wiese vor dem
-Truworhaus. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen. Dann ein
-kurzer Händedruck, und ein silberner Stern schoß in die Wolken.
-
-Die hohe Gestalt Erik Truwors blieb allein auf dem Feld zurück. Die
-Strahlen der Mitternachtsonne umströmten ihn. Er stand und sah, wie die
-Sonne vom tiefsten Stand ihres Bogens in Mitternacht sich hob und stieg.
-
-Langsam schritt er seinem Hause zu und überdachte die alte Weissagung.
-Sie verhieß Gewaltiges. Sie gab ihm, der oft willens gewesen, das Leben
-wie ein unbequemes Gewand abzutun, wieder Daseinszweck.
-
-Er trat in das Haus und ging in die Bibliothek. Den alten
-Schweinslederfolianten ergriff er, der dort abseits von den anderen
-Büchern in einer Truhe lag.
-
-Die Geschichte seines Geschlechtes. Auf vergilbtem Pergament die
-handschriftlichen Aufzeichnungen seiner Ahnen und Urahnen. Zurückgehend
-bis in das zehnte Jahrhundert. Jede große europäische Bibliothek
-hätte diesen Folianten mit Gold aufgewogen. Er schlug die alte so
-oft gelesene Stelle auf. In diesem Teile war der Foliant lateinisch
-geschrieben. Ein schwerfälliges, frühmittelalterliches Latein. Der
-Schreiber brauchte lateinische Worte, aber altnordischen Satzbau. Er
-schilderte die Ereignisse, die sich zweihundert Jahre früher, um die
-Mitte des zehnten Jahrhunderts, begeben hatten.
-
-»Da schickten die Slawen von Sonnenaufgang eine Gesandtschaft zum
-Stamme Ruriks. Die sprach: Sendet uns Männer, die uns beherrschen,
-denn wir können uns nicht selbst regieren. Keiner will dem anderen
-gehorchen. Zwietracht verheert das Land ...«
-
-Ein Truwor war damals nach Rußland gegangen. Männer aus Nordland hatten
-das zwieträchtige Slawenvolk regiert und geeint. Vor tausend Jahren.
-Die Weltgeschichte wiederholt sich nicht wörtlich. Aber sie wiederholt
-sehr oft ein altes Thema mit freien Variationen.
-
-Die Eintragungen in diesem Buche gingen bis in die Gegenwart. Als
-letzte Bemerkung stand dort, von Eriks Hand geschrieben, der Tod Olaf
-Truwors eingezeichnet. Seitdem stand das Geschlecht der Truwor auf
-zwei Augen. Auf den beiden Eriks, die jetzt suchend in die helle Nacht
-blickten, als wollten sie kommende Jahre durchspähen.
-
-Je länger sich Erik Truwor in die Erfindung Silvesters vertiefte, desto
-gewaltiger erschien ihm die Macht, die sie gewährte. Immer wieder
-suchte er mit nüchternen Gründen gegen das Überwältigende der Idee
-anzukämpfen. Es schien ihm unmöglich, daß eine Erfindung einem einzigen
-Menschen die unbeschränkte Macht über die ganze Welt verleihen solle.
-Und doch gelang ihm die Widerlegung nicht.
-
-Er griff sich an die Stirn, als wolle er einen Traum verscheuchen,
-der ihn narre. Er versuchte es zum zehnten- und zwölftenmal von einer
-anderen Seite aus, und immer wieder brachte ihn die Schlußkette an das
-nämliche Ziel.
-
-Er konnte der Welt seine Befehle mitteilen. Elektromagnetisch in Form
-drahtloser Depeschen. Der Strahler ersetzte jede drahtlose Station.
-
-Die Welt konnte seine Befehle mißachten. Er konnte Strafen auf die
-Mißachtung setzen, und er war in der Lage, schwer zu strafen. Ganze
-Regierungen konnte er einäschern. Die Sprengstofflager feindlicher
-Staaten zur Explosion bringen. Eiserne Waffen elektromagnetisch
-unbrauchbar machen.
-
-Alles konnte er. Nur einen schwachen Punkt hatte seine Macht. Er war
-ein einzelner, war ein sterblicher Mensch gegen Millionen anderer
-Menschen. Ein Schuß konnte ihn töten. Eine Bombe konnte ihn mit seinem
-Hause vernichten. Nie durfte er selbst an die Öffentlichkeit treten,
-nie durften seine Gegner seinen Aufenthalt erfahren. Seine Macht war
-übermenschlich, solange sie geheimblieb und vom unbekannten Orte aus
-wirkte. Sie wurde angreifbar, sobald die Gegner ihren Sitz und Ursprung
-errieten.
-
-Erik Truwor ließ die vergilbten Pergamentblätter des alten Folianten
-durch die Finger gleiten. Kam vom Pergament zum Büttenpapier und
-schließlich zu einem Schuß glatten Maschinenpapiers, den Olaf Truwor
-dem Buche eingeheftet hatte.
-
-Wenige Zeilen in der charakteristischen Handschrift seines Vaters: »Mit
-seltener Hartnäckigkeit hat sich in unserer Familie die Sage erhalten,
-daß ein Sproß unseres Stammes der Welt noch einmal Gesetze geben wird.
-Ein Harald Truwor hat den Glauben an die Legende Anno 1542 mit seinem
-Kopf bezahlt. Ich habe es immer vermieden, von dem alten Spuk zu
-sprechen. Hoffentlich kommt die Sage jetzt endlich zur Ruhe.«
-
-Erik Truwor mußte trotz seiner ernsten Stimmung lächeln. Es war ihm
-schon klar, wie solche Sagen sich fortpflanzen. In den Dienerstuben
-wurde davon gesprochen. So hatte er selbst als Kind davon gehört,
-und die Erinnerung war bis heute haftengeblieben. Auch ohne die
-Aufzeichnungen seines Vaters hätte er darum gewußt. Etwas anderes
-erschien ihm wichtiger. War die Sage begründet? Bestimmte das Schicksal
-die Taten und Leistungen des einzelnen wirklich auf Jahrtausende im
-voraus? Die Frage quälte ihn, und er konnte die Antwort nicht finden.
-
- * * * * *
-
-Reynolds-Farm, an drei Seiten von steilen Felsen und bewaldeten Anhöhen
-umgeben, liegt eingebettet in ein Meer von Grün. Die letzten Bäume
-des Waldes berühren mit ihren Kronen beinahe die Dächer der Gebäude.
-Einzelne Rinnsale, die aus den Felsen hervorquellen, vereinigen sich
-nahe der Besitzung zu einem stattlichen Bach. Kurz vor der Farm ist er
-gezwungen, seinen Lauf zu ändern und sich einen bequemeren Weg durch
-die breiten Wiesenflächen zu bahnen, die sich nach der Ebene an die
-Besitzung anschließen.
-
-In einem blaßblauen, leichten Gewand, den Kopf von einem großen
-Schattenhut überdacht, schritt Jane über den schmalen Brettersteg,
-der den Bach überbrückte. Leichtfüßig begann sie die steinige Anhöhe
-hinaufzusteigen, auf deren Gipfel eine einzelne riesige Buche ihr
-Blätterdach weit ausbreitete. Es war ihr Lieblingsort. Zwischen den
-rippenartig ausgehenden Wurzeln des gewaltigen Stammes hatte sie ein
-Plätzchen gefunden, wo sie wie in einem Lehnsessel ruhen konnte. Von
-hier aus vermochte sie wie aus der Vogelschau Reynolds-Farm und die
-weite grüne Grasfläche zu überblicken.
-
-Wie anders als in Trenton, wo Qualm und Dunst der großen Staatswerke
-stets über dem Orte lagen. An den Stamm des Baumes zurückgelehnt, ließ
-Jane die frische Morgenluft um die Stirn wehen, während ihr trunkenes
-Auge über die weite grüne Landschaft schweifte. Wie glücklich hätte
-sie hier sein können. Wie wäre die Mutter in diesem milderen Klima
-aufgelebt, vielleicht ganz gesundet ... und Silvester? ... Wo war er?
-Lebte er noch? Warum kam kein Lebenszeichen von ihm? ... Trübe Schatten
-senkten sich auf ihre Stirn. Sie atmete unruhig. Ein Seufzer hob ihre
-Brust. Mit ganzer Seele klammerte sie sich an den Gedanken, daß er bald
-kommen und sie holen möchte.
-
-Dr. Glossin? ... Gewiß, er war stets liebevoll und zuvorkommend zu
-ihr. Aber immer wieder tauchten verworrene Gedanken in ihr auf.
-Beunruhigend, warnend, trübten sie das Gefühl der Dankbarkeit. Der
-Zwiespalt quälte sie oft so, daß sie den Gedanken erwog, die Farm für
-immer zu verlassen. Doch wohin? Und würde sie Silvester finden, wenn
-sie nicht mehr in Reynolds-Farm weilte?
-
-Um sich von dem Grübeln zu befreien, griff sie zu einem Buch, das
-sie der Bibliothek des Doktors entnommen hatte, und begann zu lesen.
-Doch nicht lange. Dann entsank es ihren Händen, und ein wohltätiger
-Schlummer umfing sie. Sie überhörte die Schritte des Doktors, der
-nach ihrem Weggange gekommen und von Abigail nach der einsamen Buche
-geschickt worden war.
-
-Glossin stand vor ihr und betrachtete entzückt diese wie von
-Bildnerhand geschaffene Gestalt, dies edel und weich gezeichnete
-Gesicht mit den rosigen Farben und dem sanften Mund. Er kniete neben
-ihr nieder, ergriff behutsam ihre Hand und fuhr fort, sie mit seinen
-Blicken zu umfassen. Dies alles gehörte jetzt ihm, wie er meinte.
-Gehörte ihm für immer. Niemand würde es ihm mehr streitig machen können.
-
-Dr. Glossin war ein Mann von eiserner Willenskraft und ungewöhnlicher
-Beharrlichkeit. Das einzige Kraftlose an ihm war sein Gewissen. Tiefere
-Herzensbedürfnisse hatte er bisher nicht gekannt. Wollte es der
-Zufall, daß ein weibliches Wesen vorübergehend die Leidenschaft in ihm
-weckte, hatte er es sich mit allen Listen einer gewissenlosen Moral
-willig gemacht. Wären die Mauern von Reynolds-Farm nicht stumm gewesen,
-sie hätten über manche Tragödie Aufschluß geben können, die irgendwo
-begann und hier ihren Abschluß fand.
-
-Nur eine große Leidenschaft hatte Dr. Glossin in seinem Leben gehabt.
-Damals, als Rokaja Bursfeld seinen Weg kreuzte.
-
-Als er Jane Harte zum erstenmal sah, hatte er das gute Medium für
-seine hypnotischen Versuche in ihr erblickt, ein wertvolles Mittel für
-die Ausführung seiner Pläne. Nur deshalb hatte er an ihrem Schicksal
-Interesse genommen. Bis er sich durch Silvester Bursfeld in ihrem
-Besitze bedroht sah und die Flamme einer plötzlichen Leidenschaft in
-dem alternden Mann aufloderte.
-
-Oft hatte er seine Schwäche verwünscht, ohne doch dieser Leidenschaft
-Herr werden zu können. Daß das Mädchen ihn, der dem Alter nach
-recht gut ihr Vater sein konnte, nicht aus vollem Herzen liebte, ja
-vielleicht nie lieben würde, wußte er. Aber der Gedanke, Jane sein
-Eigen zu wissen, ließ alle Bedenken schwinden.
-
-Dr. Glossin beugte sich über Janes Hand, die in der seinen ruhte, und
-preßte die Lippen darauf. Mit einem leichten Ausruf des Schreckens fuhr
-Jane aus ihrem Schlummer empor. In der ersten Überraschung schenkte sie
-der sonderbaren Stellung des Arztes keine Beachtung.
-
-»Ah, Sie, Herr Dr. Glossin! ... Oh, wie freue ich mich, daß Sie
-gekommen sind. Sie werden mich undankbar schelten, aber ich muß es
-Ihnen sagen, die Einsamkeit in Reynolds-Farm bedrückt mich.«
-
-»So wünschen Sie, daß ich häufiger komme, daß ich länger bleibe ... für
-immer bei Ihnen bleibe, Jane?«
-
-Jane senkte errötend den Kopf. Die fürsorgliche Liebe, die aus den
-Worten des Doktors klang, setzte sie in Verwirrung. Sie wollte sagen,
-daß er sie falsch verstanden habe, daß sie aus Reynolds-Farm weg
-wolle. Und brachte doch die Worte, die undankbar klingen mußten, nicht
-über die Lippen.
-
-Von seiner Leidenschaft verblendet, glaubte Dr. Glossin, daß Janes
-Zurückhaltung ihr nur als Schutzwehr gegen ein wärmeres Gefühl dienen
-sollte.
-
-»Jane! Darf ich, soll ich immer bei Ihnen bleiben?«
-
-Sie antwortete nicht sogleich. Ihre Hand zuckte in der seinen. Ein
-Ausdruck flehender Hilflosigkeit kam über ihr Gesicht.
-
-»Ich weiß nicht«, sagte sie tonlos. »Es ist ...« -- sie legte die Hand
-aufs Herz --, »es ist so fremd hier.«
-
-»Nicht hier allein. Überall in der Welt! Wo der eine ist, soll
-auch der andere sein. Jane, sehen Sie mich an. Ich will offen mit
-Ihnen sprechen. Ich verlange nach einem Heim, einem Weib, einer
-Friedensstätte. Der Blick Ihrer Augen, der Ton Ihrer Stimme, Ihre
-geliebte Nähe, sie werden mir alles bringen. Wert bin ich Ihrer nicht,
-ja, ich weiß, es ist unedel, wenn ich Ihr blühendes junges Leben an das
-meine ketten will. Aber ich kann nicht anders, und, Jane, ich liebe
-Sie, liebe Sie mehr, als ich Ihnen sagen kann. Wollen Sie mir folgen,
-wohin ich auch gehe, als mein Liebstes auf Erden, als mein Weib? ...
-Sie sprechen das Wort nicht, Jane? Sie entziehen mir Ihre Hand und
-wenden sich ab von mir?«
-
-Glossin schwieg. Seine Stimme war während der letzten Worte immer
-leiser geworden, sein Atem ging schwer. Er richtete sich auf und
-starrte auf Jane, welche die Hände vor das Gesicht geschlagen hatte
-und weinte. Er war enttäuscht und überrascht, aber nicht abgeschreckt,
-nicht entmutigt.
-
-»Verzeihen Sie mir, Jane. Ich habe Sie mit meiner stürmischen Werbung
-erschreckt. Ich will Ihnen Zeit lassen, mir die Antwort zu finden. Sie
-werden mich näher kennen- und liebenlernen.«
-
-»Nein, Nein! Ich liebe Sie nicht, ich werde Sie nie lieben!«
-
-Jane rief es und brach in neue Tränen aus, in leidenschaftliche,
-unaufhaltsame Tränen. Glossin wurde totenbleich.
-
-»Ist das die Antwort? Haben Sie kein Verständnis für das, was ich
-leide, kein Gefühl, kein Mitleid?«
-
-Seine Augen flammten unheimlich auf, seine Brust arbeitete heftig.
-Die Leidenschaft übermannte ihn. Er warf sich ihr zu Füßen nieder und
-flehte um Erhörung.
-
-»Nein, ich will Sie nicht länger hören.«
-
-Jane war aufgesprungen und wich abwehrend vor dem Doktor zurück.
-
-»Ich will nicht ... will nicht«, und ehe er Zeit hatte, sich zu
-erheben, hatte sie sich umgewendet und eilte in fliegender Hast den
-Abhang hinunter.
-
-Mit einem Ausruf, halb Seufzer, halb Fluch, starrte ihr Glossin nach
-... Was beginnen? Mit innerer Qual durchlebte er den Auftritt in
-Gedanken noch einmal. Und dann überkam ihn mit wütender Scham das
-Bewußtsein, daß er verschmäht war.
-
-Er schlug sich mit geballter Faust vor die Stirn, als wollte er alle
-bösen Gewalten hinter ihr wieder erwecken.
-
-»Tor, der ich war! Welcher Teufel verblendete mich? Diesem Logg Sar
-gilt ihre Liebe, nicht mir. Er soll mir nicht entgehen, und wenn die
-Hölle mit ihm und seiner Erfindung im Bunde stände!«
-
-So schnell, als es ihm möglich war, eilte er dem Hause zu. Ohne Zaudern
-trat er in Janes Stübchen.
-
-Dr. Glossin sah durch die halbgeöffnete Tür, die zu dem Schlafzimmer
-führte, daß Jane vor einer Handtasche kniete und Kleider und Wäsche
-hineinpackte.
-
-»Ah, wie ich dachte. Doch nein, mein Kind, nicht wie du willst, sondern
-wie ich will. Und ich will dich an Reynolds-Farm ketten, fester, als
-Wächter und Gitter es vermöchten.«
-
-Er streckte die Hand gegen sie aus und trat langsam auf sie zu. Jane
-drehte sich um und öffnete den Mund, als wolle sie einen lauten Schrei
-ausstoßen. Doch kein Laut kam über die Lippen, die sich langsam wieder
-schlossen.
-
-»Der Morgenspaziergang wird Sie müde gemacht haben, liebe Jane. Legen
-Sie sich auf den Diwan, und ruhen Sie bis zum zweiten Frühstück. Wir
-werden es gemeinsam in der Laube am Bach einnehmen, und danach werde
-ich mich zur Abreise rüsten. Wird es Ihnen leid tun, wenn ich wieder
-fortgehe?«
-
-»O sehr, Herr Doktor! Ich werde traurig sein, wenn ich wieder allein
-bin ... ohne Sie.«
-
-Glossin nickte, ein bitteres Lächeln grub sich um seinen Mund. Er trat
-an das Ruhebett, auf das sich Jane mit geschlossenen Augen niedergelegt
-hatte, heran und setzte sich an dem Rande nieder. Er fühlte ihren
-warmen Atem. Der Duft ihres üppigen Haares, ihres jugendschönen Körpers
-umschwebte ihn. Ihre halbgeöffneten Lippen schienen nach Küssen zu
-verlangen. Er öffnete die Arme, als wollte er sie umschlingen. Doch
-die Vernunft siegte. Er wandte das Gesicht weg und eilte, ohne sich
-umzudrehen, hinaus. Seine Lippen preßten sich aufeinander, als habe er
-einen bitteren Trunk getan.
-
- * * * * *
-
-Seit zwei Stunden saßen die Ministerpräsidenten Deutschlands,
-Frankreichs und Rußlands im Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße
-zusammen. Sie hatten sich hier getroffen, um sich über eine gemeinsame
-Haltung in dem zu erwartenden englisch-amerikanischen Konflikt zu
-verständigen. Doktor Bauer, der Vertreter Deutschlands, faßte das
-Ergebnis der langen Unterhaltung noch einmal kurz zusammen.
-
-»Die Sympathien ... oder vielleicht sage ich besser die Antipathien ...
-für die beiden Gegner sind in den von uns vertretenen Ländern ziemlich
-gleichmäßig verteilt. Wir haben keinerlei Grund, uns von dem einen
-oder dem anderen ins Schlepptau nehmen zu lassen. Wir sind an Amerika
-verschuldet, und England wird uns wahrscheinlich die Annullierung
-unserer amerikanischen Schulden als Belohnung für eine Gefolgschaft in
-Aussicht stellen. Wir sind uns klar darüber, daß dies Versprechen,
-so vorteilhaft es klingen mag, keineswegs ein günstiges Geschäft für
-unsere Staaten bedeutet. Wir müßten unsere Länder den englischen Heeren
-für den Durchzug öffnen und fast sicher auch beträchtliche Opfer
-an Gut und Blut für eine Sache bringen, die keines unserer Länder
-interessiert ...«
-
-Der baltische Baron von Fuchs, der Vertreter Rußlands, nickte
-schweigend mit dem mächtigen Schädel. Er gedachte der Zeit vor vierzig
-Jahren, als sein Vaterland sich als erstes europäisches Reich für
-englische Interessen verblutete. Der hitzigere Franzose platzte mit
-einem Zwischensatz heraus.
-
-»~C'est ça~ ... wir bluten, und England erntet.«
-
-Der Deutsche fuhr fort: »Ich rekapituliere weiter. Es ist für uns
-auch wirtschaftlich vorteilhafter, die unbedingte Neutralität zu
-wahren und für die beiden kriegführenden Parteien mit allen Kräften
-zu liefern. Die Industriegemeinschaft, welche die französische und
-deutsche Industrie seit fast einem Menschenalter verbindet, wird die
-Abmachungen über die Preise für Kriegsmaterial aller Art erleichtern.
-Um auch Einheitlichkeit mit der russischen Industrie zu sichern, wird
-so schnell wie möglich ein Industrieausschuß der drei Länder gebildet.
-Die beiden Kriegführenden müssen uns jeden Preis bewilligen. Wir werden
-die Preise so stellen, daß wir unsere Schulden loswerden und darüber
-hinaus verdienen. Das, meine Herren, wären die ersten beiden Punkte
-unserer Abmachungen. Unbedingte Neutralität und Lieferung an beide
-Teile zu vereinbarten Preisen. Es ist drittens die Möglichkeit erörtert
-worden, daß der eine oder andere der beiden Gegner unsere Neutralität
-nicht respektiert. Dann ist der ~Casus foederis~ gegeben. Unsere drei
-Länder werden jeden Neutralitätsbruch durch einen der Kriegführenden
-mit vereinten Kräften abwehren.«
-
-»Das sind unsere Abmachungen.« Der Baron von Fuchs sagte es langsam und
-bedächtig.
-
-Das war der Kern der Sache: »Neutral bleiben, verdienen und einig
-sein.« So präzisierte es der Marquis de Villaret noch einmal in drei
-Schlagworten.
-
-»Dann, meine Herren, werde ich, Ihre Zustimmung vorausgesetzt, ein
-Kommuniqué für die Abendblätter ausgeben lassen. Der telegraphische
-Bericht wird für Moskau und Paris noch zurechtkommen. Das Kommuniqué
-wird nur den Beschluß der Neutralität und die feste Entschlossenheit,
-diese mit allen Mitteln zu bewahren, enthalten. Die wirtschaftlichen
-Abmachungen bleiben vorläufig unerörtert.«
-
-Der Baron von Fuchs und der Marquis de Villaret bestiegen ihre vor dem
-Amte wartenden Kraftwagen.
-
-Allerlei Volk hatte sich vor dem Amte versammelt. Alte Veteranen aus
-dem Weltkriege, die noch die Erinnerungszeichen eines Kampfes auf der
-Brust trugen, der der jüngeren Generation wie eine Sage aus alter
-Mythenzeit klang. Blühende Jugend, die nichts mehr von den Hunger- und
-Elendsjahren Deutschlands wußte. Dazwischen Männer in bestem Alter.
-Vertreter der Industrie und des Handels. Repräsentanten großer Werke
-und Häuser. Sie verlauerten hier am Straßenrande vor dem eisernen
-Gitter ihre Stunden, die sie sich sonst minutenweise mit Gold bezahlen
-ließen. Die Nachricht von der Konferenz der drei Ministerpräsidenten
-hatte ganz Berlin, ganz Deutschland und ganz Europa in Aufregung
-gebracht. Dr. Bauer begleitete seine auswärtigen Kollegen bis an
-den Wagenschlag, und während er ihnen zum Abschied noch einmal die
-Hand schüttelte, sagte er: »Unbedingte Neutralität.« Er sprach es so
-laut, daß die Nahestehenden es deutlich verstehen konnten. Wie ein
-Lauffeuer ging das Wort die Straße hinauf. Es lief die Linden entlang
-und flatterte von Mund zu Mund durch die Leipziger Straße. »Unbedingte
-Neutralität!« ... »Wir bleiben neutral!« ... »Wir lassen uns von keinem
-an den Schlitten fahren!« ... »Die Brüder sollen ihre Sache selber
-besorgen!« ...
-
-So flogen die Worte zwischen den Straßenpassanten hin und her.
-
-»Das einzig Vernünftige, was unsere Regierung tun konnte.«
-
-»Selbstverständlich, das einzig Richtige. Wir schonen unsere Knochen
-und verdienen unser Geld.«
-
-Ein Kaufmann rief es an der Ecke der Behren- und Wilhelmstraße dem
-anderen zu.
-
-»Haben Sie schon gehört, Herr Geheimrat, wir bleiben absolut neutral.«
-
-Ein Bankdirektor sagte es einem höheren Beamten aus dem Ministerium.
-
-»Ich hörte es. Aber ich denke an die Zukunft. Einer von den beiden muß
-siegen. Dem Sieger gehört dann die ganze Welt. Wir auch, Herr Direktor.«
-
-»Nicht so pessimistisch, Herr Geheimrat. Die Kämpfenden werden sich
-furchtbar schwächen. Wie die beiden Löwen in der Sahara, die sich bis
-auf die Schwanzspitzen aufgefressen haben. Die Welt gehört dann uns,
-Herr Geheimrat.«
-
-»Der Himmel mag es geben.«
-
-Der Geheimrat ging weiter. Er war so ziemlich der einzige, der Bedenken
-hatte. Schon erschienen die ersten Extrablätter und verkündeten die
-Entschließung der Regierung.
-
-An den Fernsprechern standen die Vertreter der auswärtigen Zeitungen
-und Industriewerke und teilten den Beschluß nach dem Rheinland, nach
-Westfalen, Schlesien und Danzig mit. Die Industrie wartete seit Wochen
-auf das Stichwort, nach dem sie auftreten sollte. Jetzt war es gefallen.
-
- * * * * *
-
-Reinhard Isenbrand, der Chef der großen Essener Stahlwerke, saß mit den
-vier Generaldirektoren der Werke zu intimer Besprechung versammelt.
-
-»Meine Herren, wir müssen für unsere Werke zu der politischen
-Lage Stellung nehmen. Ich glaube nicht mehr, daß sich die
-weltgeschichtliche Auseinandersetzung zwischen England und der Union
-aufhalten läßt. Der Wetterzeichen sind zu viele, als daß ich noch an
-eine friedliche Entspannung glauben könnte.«
-
-Der junge energische Chef der Werke machte eine kurze Pause und blickte
-seine Mitarbeiter an. Unbedingte Zustimmung lag auf den Mienen von
-Philipp Jordan, der das Auslandgeschäft der Firma unter sich hatte.
-Zustimmend nickte der kaufmännische Generaldirektor Georg Baumann.
-Sie überschauten die politische Lage vollkommener als Professor
-Pistorius, der Chefkonstrukteur, und Fritz Öltjen, der Schöpfer der
-neuen Edelstahlfabrikation. Die beiden Techniker hatten noch die leise
-Hoffnung einer friedlichen Verständigung, wo die Kaufleute bereits eine
-unaufschiebbare Auseinandersetzung mit Waffengewalt erblickten.
-
-Reinhard Isenbrand fuhr fort: »Nehmen wir den Konflikt als sicher an,
-so ist die Stellung Deutschlands und Europas zu ihm das Nächstwichtige
-... für uns das Wichtigste. Nach meinen Berliner Informationen wird
-Europa neutral bleiben. Die Pressestimmen, die sich seit einigen
-Tagen mit der Annullierung der europäischen Amerikaschulden durch ein
-siegreiches England befassen, halte ich für bestellte Arbeit. Eine
-direkte Beteiligung Europas an diesem Kriege wäre selbstmörderisch. Sie
-wäre überhaupt nur an der Seite Englands denkbar, aber dann wäre unser
-Land den Einwirkungen der amerikanischen Kriegsmittel fast wehrlos
-preisgegeben. Ich glaube, wir brauchen die Möglichkeit einer direkten
-Beteiligung am Kriege überhaupt nicht ernsthaft zu erörtern. Desto mehr
-aber unsere Maßnahmen als neutraler Staat.
-
-Es ist klar, daß wir beide Parteien beliefern können, ohne unsere
-Neutralität zu verletzen. Die Sentimentalität haben wir Gott sei Dank
-verlernt. Mögen im Publikum Sympathien für diese oder jene Seite hier
-oder dort vorhanden sein. Für uns ist es reines Lieferungsgeschäft.
-Eine Möglichkeit, durch intensive Arbeit unsere Volkswirtschaft zu
-heben ... die letzten Spuren vergangener Kriegsjahre zu tilgen.
-
-Auch über die Transportfrage brauchen wir uns den Kopf nicht zu
-zerbrechen. Wir liefern frei ab Essen. Wie die Besteller die Ware
-von dort weiterschaffen, ist ihre eigene Sache. Sind die Herren der
-gleichen Meinung?«
-
-Philipp Jordan erbat das Wort.
-
-»Die Transportfrage ist für England sehr einfach. Es bringt die
-Fabrikate auf dem Landwege und durch den Kanaltunnel bequem auf die
-Insel. Bis Calais deckt die Neutralität die Transporte. Von dort der
-Unterseetunnel ... wenn er nicht wider Erwarten von amerikanischer
-Seite zerstört wird.
-
-Für die Transporte nach Amerika kommen U-Boote und Flugschiffe in
-Betracht. Ich hörte, daß die Union mit zwanzig Prozent Verlust aller
-Sendungen auf dem Luftwege durch den Kaperkrieg rechnet. Der Satz ist
-in ihren Kalkul eingestellt.
-
-Aber die Transportfrage ist nicht unsere Sorge. Sie ist nicht einmal
-die Hauptsorge der Kriegführenden. Beide Parteien werden vielfach nur
-kaufen, um die Ware für den Gegner zu sperren, und werden sie ruhig
-hier im Lande lassen.«
-
-»Dann die Frage der Preise?«
-
-Reinhard Isenbrand sagte es mit einem Blick auf Georg Baumann.
-
-»Die Preise sind durch die deutsch-französische Industriegemeinschaft
-festgelegt. Nach unten, nicht nach oben ...«
-
-Georg Baumann legte die Hand auf eine starke Preisliste.
-
-»Hier sind die Grundpreise für Stahl und alle Stahlfabrikate. Wir haben
-in der Gemeinschaft verhandelt und für den Fall des Kriegsausbruches
-einen sofortigen Aufschlag von 300% in Aussicht genommen.«
-
-»Was sollen wir verkaufen?«
-
-Die Frage des Chefs war allgemein gestellt. Professor Pistorius ging an
-ihre Beantwortung.
-
-»Das wird in der Hauptsache von der Länge des bevorstehenden Krieges
-abhängen. Für kurze Kriegsdauer Halbfabrikate. Bei längerer Kriegsdauer
-Fertigfabrikate. Sachverständige rechnen damit, daß 40% sämtlicher
-Luftstreitkräfte in den ersten zehn Kriegstagen vernichtet sein werden.
-Es wird alles davon abhängen, ob der Krieg so lange dauert, daß ein
-Ersatz des verlorenen Materials in Frage kommt. Die Amerikaner suchen
-durch die Masse zu ersetzen, was ihnen an Qualität abgeht. Sie arbeiten
-fieberhaft am Ausbau ihrer R. F. c.-Flotte. Inzwischen ist unser Typ
-ausgebildet, der die anderthalbfache Geschwindigkeit entwickelt. Die
-Kriegführenden werden uns jeden Motor der neuen Type zu jedem Preise
-aus den Händen reißen ...«
-
-Ein Klingelzeichen der pneumatischen Post auf dem Seitentisch. Ein
-Briefchen sprang aus der Kapsel. Es war an Philipp Jordan adressiert.
-Reinhard Isenbrand runzelte unwillkürlich die Brauen. Die Konferenz
-sollte nicht gestört werden.
-
-Jordan riß den Umschlag auf.
-
-»Das Wettrennen hat begonnen. Mein Vertreter meldet mir, daß Mr.
-Stamford als Bevollmächtigter von Cyrus Stonard bei ihm ist. Er will
-unsere gesamte Rohstahlerzeugung ab Kokille kaufen. Fest für zwei
-Jahre. Zweitausend Dollar die Tonne.«
-
-»Alle Wetter. Der Herr aus Amerika hat es eilig.«
-
-Der Ruf entfuhr Fritz Öltjen, der um seinen Stahl besorgt war.
-
-»Wird nicht gemacht.« Isenbrand sagte es kurz und knapp. »Nur feste
-Mengen zum Konventionspreise.«
-
-Jordan schrieb die Antwort nieder und schickte sie durch die
-pneumatische Post zurück.
-
-Professor Pistorius äußerte sich über die voraussichtliche Dauer des
-Krieges. Vier Jahre von 1914 bis 1918 der große Europäische Krieg. Zwei
-Jahre der erste Japanische Krieg. Neun Monate der zweite. Die Reihe
-konvergierte stark. Nach dieser Voraussetzung mußte auch der kommende
-Krieg kurz sein.
-
-Schon wieder meldete sich der pneumatische Apparat. Eine neue
-Mitteilung an Jordan. Mr. Stamford wollte eine Million Tonnen
-Rohstahl fest kaufen. Es war ein Auftrag von zwei Milliarden Dollar.
-Cyrus Stonard gab sich nicht mit Kleinigkeiten ab. Nahm man als das
-Wahrscheinliche an, daß seine Agenten zur gleichen Stunde bereits
-in allen anderen europäischen Stahlwerken verhandelten, so mußte er
-für rund fünfzig Milliarden Dollar kaufen. Öltjen überschlug die
-Produktionsziffern der Industriegemeinschaft. Baumann kalkulierte.
-Jordan schrieb die Frage nach der Art der Zahlung.
-
-Die Antwort kam in einer Minute zurück.
-
-»Gute Dollarschecks. Zahlbar bei den besten Banken des Kontinents.«
-
-Reinhard Isenbrand wechselte einen Blick mit Jordan.
-
-»Der Dollar wird fallen. Wir brauchen reale Werte. Verpfändung
-amerikanischer Bodenschätze. Von Erzgruben und Petroleumquellen im
-Werte von zwei Milliarden. Sonst machen wir das Geschäft nicht.«
-
-Die Antwort flog in das Postrohr. Professor Pistorius sprach weiter:
-
-»Unsere Fabrikation ist zu mehr als 99% eine Friedensfabrikation.
-Aber wir haben zwei Spezialitäten, die auch für den Krieg in Betracht
-kommen. Flugzeugmotoren. Dann unsere durch Kreisel stabilisierten
-Unterwasserboote für Handelstransporte. Unsere Stabilisierung ist
-besser als die der Kriegsboote der streitenden Mächte.«
-
-Wieder ein Zeichen der Pneupost. An Philipp Jordan. Aber diesmal
-von einem anderen Vertreter. Mr. Bellhouse verhandelte für England
-über die sofortige Lieferung von hunderttausend Motoren. Preise der
-Industriegemeinschaft. Zahlbar in Gold.
-
-Noch bevor die Herren darüber einen Beschluß fassen konnten, warf
-das Rohr einen neuen Brief aus. Mr. Stamford lehnte die Verpfändung
-amerikanischer Bodenschätze ab. Offerierte dafür den Betrag in
-deutscher, in der Union gemachter Anleihe mit Golddeckung.
-
-Reinhard Isenbrand lehnte ab.
-
-»So reich sind wir vorläufig noch nicht, daß wir unsere eigenen
-Anleihen zurücknehmen können. Verpfändung oder keinen Stahl!«
-
-Das englische Angebot war einer Diskussion wert.
-
-Der nächste Brief betraf Mr. Stamford. Er holte drahtlos neue
-Informationen von Washington ein. Würde in einer Stunde neues Angebot
-machen.
-
-Der englische Antrag war gut. Aber er war noch besser, wenn er nach
-Kriegsausbruch kam. Dann traten die 300% Zuschlag automatisch ein.
-Auch die Vollmachten Isenbrands waren durch die Industriegemeinschaft
-beschränkt. Wurde jetzt abgeschlossen, geschah es wahrscheinlich zu
-Preisen, die schon in wenigen Tagen weit überholt sein konnten.
-
-Das Rohr warf ein neues Briefchen in den Raum. An den Chef selbst.
-
-»Meine Herren, in diesem Augenblick meldet unser Berliner Vertreter:
-›Die Regierungen von Rußland, Deutschland und Frankreich haben
-unbedingte Neutralität beschlossen. Sich gegenseitigen Schutz derselben
-verbürgt!‹ Es ist so gekommen, wie ich es vermutete. Für die Abschlüsse
-folgende Gesichtspunkte: Die Valuten beider Kriegführenden werden
-stürzen. Lieferung daher nur gegen Zahlung in deutscher Währung. Oder
-gegen Verpfändung von Bodenschätzen. Gold ist mit Vorsicht in Zahlung
-zu nehmen. Sein Kurs ist Schwankungen unterworfen. Wenn die Abschlüsse
-vor Kriegsausbruch getätigt werden, ist für alles nach dem Ausbruch zu
-liefernde Material der Aufschlag der Industriegemeinschaft einzusetzen.
-
-Das große Wettrennen um die Erzeugnisse unserer Arbeit hat begonnen.
-Ich hörte, daß der linksstehende Teil unserer Arbeiterschaft
-proenglisch gegen den Gewaltherrscher Stonard ist. Sorgen Sie für
-Aufklärung. Wir haben jetzt nicht Politik zu treiben, sondern nur für
-unsere Volkswirtschaft zu arbeiten und zu verdienen. Geben Sie mir
-Bericht, sowie sich etwas von Wichtigkeit ereignet. Im Anschluß an
-größere Aufträge ist die Vermehrung der Belegschaft und der Ausbau der
-Werke sofort in Angriff zu nehmen.«
-
- * * * * *
-
-In der Dunkelheit der kurzen Sommernacht senkte sich R. F. c. 1 aus der
-Höhe auf den Wald von Trenton hinab. Noch lagen die großen Staatswerke
-leblos in der Finsternis, die Wege und Stege des Ortes und erst recht
-des Waldes waren menschenleer. Silvester Bursfeld kannte das Gehölz
-von seinem früheren Aufenthalt. Einen tiefen grabenartigen Einschnitt
-zwischen alten Eichen, der das Flugschiff bequem aufnehmen konnte, so
-daß sein Rumpf selbst in nächster Nähe unsichtbar in der Bodenfalte
-steckte. Zu allem Überfluß rafften sie das vorjährige Laub zusammen,
-das hier in hoher Schicht auf dem Boden lag, und bestreuten den Körper
-des Schiffes damit.
-
-Als zwei harmlose und unauffällige Wanderer schritten Silvester
-Bursfeld und Atma der Stadt zu. Im Scheine der Morgendämmerung gingen
-sie an den ersten Häusern des Ortes vorbei und näherten sich ihrem
-Ziele. Sie kamen zu früh. Viel zu früh, denn die Uhr der nahen Kirche
-verkündete eben erst die vierte Morgenstunde. Silvester Bursfeld
-brannte vor Ungeduld. Er gab erst Ruhe, als sie vor dem wohlbekannten
-Hause in der Johnson Street standen. Mit sehnsüchtigen Blicken
-betrachtete er die grünumsponnenen Fenster des Gebäudes. Am liebsten
-wäre er kurzerhand über den Zaun gestiegen und hätte die Bewohner aus
-dem Schlafe alarmiert.
-
-Die unerschütterliche Ruhe Atmas brachte ihn wieder zur Besinnung.
-
-»Ruhig, Logg Sar. Keine Übereilung. Wenn das Mädchen noch hier ist,
-werden wir sie auch in drei Stunden aufsuchen können.«
-
-Die Worte des Inders warfen neue quälende Zweifel in die Seele
-Silvesters. »Wenn das Mädchen noch hier ist.« Was meinte Atma damit?
-Wo sollte Jane anders sein als bei ihrer Mutter? Wußte Atma irgend
-etwas und wollte es nicht sagen? Die Pein der Ungewißheit übermannte
-ihn. Seufzend folgte er dem Inder und ließ sich neben ihm auf einer
-Bank in den nahen Parkanlagen nieder. Langsam und bleiern schlichen
-die Stunden. Vom Kirchturm schlug es fünf, sechs und nach weiteren
-qualvollen sechzig Minuten sieben Uhr. Silvester sprang auf.
-
-»Jetzt ist es Zeit. Um sieben Uhr ist Jane stets munter, schon in der
-Wirtschaft tätig.«
-
-Nach wenigen Minuten stand er vor dem Gitter und schellte. Der
-schrille Ton der elektrischen Glocke war in der Morgenstille deutlich
-zu vernehmen. Aber im Hause blieb alles ruhig. Dreimal, viermal
-wiederholte Silvester das Schellen, ohne daß sich etwas geregt hätte.
-
-Atma war ihm nur langsam gefolgt. Bedächtig, als wolle er das erste
-Wiedersehen der Liebenden nicht stören. Jetzt stand er neben Silvester,
-deutete mit der Hand auf eine Stelle der Hauswand.
-
-»Sieh!«
-
-Eine kleine weiße Tafel hing dort im Efeugewirr der Hauswand. Im
-unsicheren Licht der Morgendämmerung war sie den Blicken Silvesters
-entgangen. Jetzt war sie deutlich zu erkennen und auch zu lesen. Die
-triviale alltägliche Mitteilung, daß das Haus zu vermieten, das Nähere
-im Nachbarhause zu erfahren sei. Silvester spürte, wie seine Knie
-zitterten und ihm den Dienst versagten. Er mußte sich auf den Inder
-lehnen.
-
-»Ich ahnte es, daß wir das Mädchen hier nicht finden würden. Aber wir
-werden es finden und werden es nach Europa bringen.«
-
-Diese wenigen mit Überzeugung gesprochenen Worte Atmas gossen
-neue Kraft in Silvesters Seele. Er folgte dem Gefährten, der zum
-Nachbarhause ging, dort Einlaß begehrte und auch fand.
-
-Die Herren wünschten das zur Vermietung stehende Nachbarhaus zu sehen.
-Aber gern ... Es könne sofort geschehen.
-
-An der Seite Atmas schritt Silvester durch die ihm so wohlbekannten
-Räume. Dort stand der Nähtisch am Fenster. An ihm saß Jane, als er sie
-das letztemal vor seiner Verhaftung sah. Die Stickerei, an welcher
-sie damals arbeitete, lag auch jetzt noch dort. Geradeso, als ob die
-Stickerin eben erst aufgestanden sei. Wenn jemand ein Haus verließ, um
-seinen Wohnsitz woanders zu nehmen, dann würde er sicherlich die Arbeit
-dort nicht so liegenlassen. Silvester Bursfeld konnte eine Bemerkung
-nicht unterdrücken.
-
-»Es ging alles so schnell«, erklärte der jugendliche Führer. »Mr.
-Glossin brachte Miß Jane in seinen Kraftwagen und fuhr sofort mit ihr
-weg. Sie hatte nur wenig Gepäck bei sich.«
-
-Silvester hatte genug gesehen. Durch einen Blick verständigte er sich
-mit Atma.
-
-Ob die Herren die Wohnung mieten wollten?
-
-Vielleicht ... sie würden es sich überlegen. Im Laufe des Nachmittags
-wiederkommen. Ein kurzer Abschied, und die Freunde gingen die Johnson
-Street entlang. Silvester schritt wie im Traum dahin. Mechanisch
-wiederholten seine Lippen wohl hundertmal die letzten Worte des Inders:
-»Wir werden das Mädchen finden und sicher nach Europa bringen.« Die
-eintönige Wiederholung gab ihm allmählich das innere Gleichgewicht
-zurück. So folgte er Atma, der den Weg zum Bahnhof einschlug.
-
-»Wohin wollen wir, Atma? Was wird aus unserem Schiff?«
-
-»Das Schiff liegt gut versteckt. Nach Neuyork wollen wir. Den Doktor
-Glossin fragen, wo das Mädchen ist.«
-
-Silvester erschrak.
-
-»Das heißt, den Kopf in den Rachen des Löwen legen.«
-
-Atma blieb unbewegt und erwiderte gleichmütig: »Du trägst den Strahler
-an der Seite. Verbrenne ihn zu Asche, wenn er dir Böses tut. Aber
-verbrenne ihn erst, wenn er mir geantwortet hat.«
-
- * * * * *
-
-Dr. Glossin stand im Privatkabinett des Präsident-Diktators. Cyrus
-Stonard schob einen Stoß Briefe beiseite und ließ seinen Blick einen
-kurzen Moment auf dem Doktor ruhen.
-
-»Was haben Sie in der Affäre Bursfeld festgestellt?«
-
-»Über den Vater, daß er seit vielen Jahren tot ist.«
-
-»Kennen die Engländer sein Geheimnis?«
-
-»Ich bin überzeugt, daß sie nichts davon wissen. Als Gerhard Bursfeld
-fühlte, daß ihm sein Geheimnis auf hypnotischem Wege entrissen werden
-sollte, hat er sich selbst getötet. Ich habe prominente Leute in
-England befragt ... Sie wissen von nichts.«
-
-Ein Schimmer der Befriedigung glitt über die durchgeistigten Züge des
-Diktators.
-
-»Dann ... meine ich, können wir losschlagen, sobald die
-Unterwasserstation an der ostafrikanischen Küste in Dienst gestellt
-ist.«
-
-»Wir können es, Herr Präsident, wenn wir es nur mit England zu tun
-haben.«
-
-Der Diktator blickte verwundert auf.
-
-»Mit wem sollten wir es sonst noch zu tun bekommen?«
-
-Dr. Glossin zögerte mit der Antwort. Nur stockend brachte er die
-einzelnen Worte heraus: »Mit den Erben Bursfelds ...«
-
-Cyrus Stonard zerknitterte den Entwurf einer Staatsdepesche.
-
-»Den Erben ... die Sache scheint sich zu komplizieren. Neulich war
-es nur einer. Der famose Logg Sar, der so merkwürdig aus Sing-Sing
-entwischte und unser bestes Luftschiff mitnahm. Wer ist denn jetzt noch
-dazugekommen?«
-
-»Zwei Freunde, die auf Gedeih und Verderb mit Silvester Bursfeld
-verbunden sind.«
-
-»Drei Leute also. Drei einzelne schwache Menschen. Sie glauben im
-Ernst, daß drei Menschen unserem Dreihundert-Millionen-Volk gefährlich
-werden könnten? Herr Dr. Glossin, Sie werden alt. In früheren Jahren
-hatten Sie mehr Selbstvertrauen.«
-
-Die Worte des Präsident-Diktators trafen den Arzt wie Peitschenhiebe.
-Er erblaßte und errötete abwechselnd. Dann sprach er. Erst stockend,
-dann fließender und schließlich mit dem Feuer einer unumstößlichen
-inneren Überzeugung: »Herr Präsident, ich habe vor dreißig Jahren
-gesehen, wie Gerhard Bursfeld mit einem einfachen Apparat, nicht größer
-als meine Hand, auf große Entfernungen Dynamit sprengte. Ich sah,
-wie er Patronen in den Läufen weit entfernter Gewehre zur Explosion
-brachte, und wie er fliegende Vögel in der Luft verbrannte ... Ich
-staunte, ich hielt es für Zauberei, und ... Gerhard Bursfeld lachte und
-sagte, es wäre der erste Anfang einer neuen Erfindung. Ein schwacher
-Versuch, dem ganz andere, viel größere folgen würden.«
-
-»Gerhard Bursfeld ist seit langen Jahren tot. Sie sagten es eben
-selbst. Seine Erfindung wurde mit ihm begraben.«
-
-Cyrus Stonard sagte es. Es sollte abweisend klingen, aber seiner Stimme
-fehlte die sichere Entschiedenheit, die ihr sonst eigentümlich war.
-
-»Das Geheimnis ist nicht mehr begraben. Es war eingesargt, aber es ist
-wieder auferstanden. Logg Sar ... Silvester Bursfeld hat die Entdeckung
-von neuem gemacht und ... er muß sie bedeutend vervollkommnet
-haben. Der Vater sprach von der Möglichkeit, durch telenergetische
-Konzentration an jeder Stelle des Erdballes Millionen von Pferdestärken
-auf engstem Raume zu fesseln. Er sprach davon, daß seine Erfindung
-jedem Kriege ein Ende bereite. Der Sohn tritt in die Fußstapfen des
-Alten. Zu dritt sitzen sie in Schweden am Torneaelf und bauen an der
-Erfindung weiter. Gelingt es ihnen, sie so zu entwickeln, wie der Vater
-es vorhatte, dann ...«
-
-Cyrus Stonard hatte sich erhoben. Mit der ausgestreckten Rechten gebot
-er dem Arzte Schweigen.
-
-»Sprechen Sie es nicht aus, was mein Ohr nicht hören darf. Sie nannten
-den Ort, an dem die Erfinder ihre ... bedenklichen Künste treiben. Sie
-kennen ihn genau?«
-
-»Genau. Ein abgelegenes Haus an den Ufern des Tornea ... Acht Kilometer
-von Linnais entfernt.«
-
-»So befehle ich Ihnen, diese drei Erfinder zu vernichten ... Aber
-gründlich. Das bitte ich mir aus. Nicht wieder Pfuscharbeit wie
-neulich in Sing-Sing. In vierzehn Tagen ist die Unterwasserstation
-kriegsbereit. Ich erwarte bis dahin Ihre Meldung, daß mein Befehl
-vollzogen ist. Unauffällig ... und gründlich.«
-
-Doktor Glossin war entlassen. Die Gebärde des Diktators war nicht
-mißzuverstehen. Er ging mit schwerem Herzen. Ein unklares Gefühl
-lastete auf ihm.
-
-Während das Regierungsschiff ihn in eiligster Fahrt von Washington nach
-Neuyork brachte, suchte er des dumpfen dunklen Gefühles dadurch Herr zu
-werden, daß er seine narkotischen Pillen nahm und einen halbstündigen
-künstlichen Schlaf genoß. Aber als er durch die Straßen Neuyorks
-schritt, war das Gefühl wieder da und wurde von Minute zu Minute
-stärker.
-
-Der Doktor betrat das Haus in der 317ten Straße. Der Lift brachte ihn
-in das zehnte Stockwerk. Sein Diener nahm ihm Stock und Hut ab, und
-dann saß er in dem bequemen Schaukelstuhl seines Wohnzimmers und begann
-zu überlegen. Mit einer Objektivität, als ob es sich um eine dritte
-fremde Person handle, analysierte er seine Empfindungen und kam nach
-zehn Minuten zum Ergebnis, daß er Furcht habe.
-
-Dr. Edward Glossin, der Mann mit dem weiten Gewissen, der über Leichen
-hinweg sich jeden Weg erzwang, hatte zum erstenmal in seinem Leben
-Furcht. Cyrus Stonard hatte ihm den Auftrag gegeben, drei Menschen zu
-beseitigen. Ein einfacher Auftrag im Vergleich mit so manchem anderen.
-Das Rezept war simpel und oft bewährt. Man nahm ein Luftschiff mit
-einem Dutzend kräftiger Polizisten oder Soldaten, fuhr bei Dunkelheit
-nach Linnais, umstellte das Haus, verhaftete die Gesuchten und schlug
-sie bei der Verhaftung tot, weil sie Widerstand leisteten. Ganz
-einfach war die Sache. Der Doktor hatte sie öfter als einmal praktisch
-ausprobiert.
-
-Doch diesmal hatte Dr. Glossin Angst. Ein inneres Gefühl warnte ihn,
-mit Silvester Bursfeld und seinen Freunden anzubinden ... Aber der
-Befehl des Diktators. Wenn Cyrus Stonard befahl, gab es nur zwei
-Möglichkeiten: Zu gehorchen oder die Strafe für den Ungehorsam zu
-erleiden.
-
-Dr. Glossin sann hin und her, wie er sich aus dem Dilemma ziehen könne.
-Ausgehoben mußte das Nest in Linnais werden. Die Gefahr, daß man sich
-die Finger dabei verbrannte, war nach seiner sicheren Überzeugung
-vorhanden. Aber nur ein inneres Gefühl sagte ihm das. Äußerlich sah das
-Unternehmen ziemlich harmlos aus. Man mußte es einem Dritten plausibel
-machen. Aber wem? Wer hatte noch ein Interesse, die Erfindung und die
-Erfinder vom Erdboden zu vertilgen?
-
-So würde es gehen! Eine Möglichkeit tauchte in seinem Gehirn auf.
-
-Natürlich! Das war der richtige Weg. Die Engländer hatten genau soviel
-Interesse am Untergange Silvester Bursfelds und seiner Freunde wie die
-Amerikaner.
-
-Dr. Glossin durchdachte die weiteren Schlußfolgerungen und Ausführungen
-des Planes mit immer größerer Schwierigkeit. Es wollte ihm nicht mehr
-recht gelingen, die Schlüsse der Kette richtig aneinanderzureihen. Er
-spürte ein fremdartiges Ziehen in den Nackenmuskeln. Ein dumpfer Druck
-legte sich um seine Schläfen. Er hatte das Gefühl, als ob sein Wille
-ihm nicht mehr selber gehöre, sondern einem fremden Zwange folgen
-müsse. Mit Gewalt suchte er sich zusammenzuraffen. Er wollte aus dem
-Lehnstuhl aufstehen. Aber schwer wie Blei waren ihm Hände und Füße.
-
-Mit verzweifelter Anstrengung gelang es ihm schließlich, die Hand von
-der Stuhllehne loszulösen und bis zum Kopfe zu bringen. Er fühlte, daß
-seine Stirn mit feinen Schweißperlen bedeckt war.
-
-Der Stuhl stand in der Ecke des Arbeitzimmers. Die Türöffnung zum
-Nebenraum befand sich unmittelbar daneben. Sie hatte keine Türflügel,
-sondern war durch einen dichten Vorhang von Perlenschnüren geschlossen.
-Die Besucher, welche zu Dr. Glossin kamen, wurden von seinem Diener
-immer zuerst in dieses Zimmer geführt.
-
-Der Arzt spürte, wie ein übermächtiger fremder Wille seinen eigenen
-zu unterjochen drohte. Und er fühlte auch, daß der Strom des fremden
-Fluidums von jener Türöffnung her auf ihn eindrang. Verschwommen und
-dunkel erinnerte er sich, die Hausglocke vor irgendeinem unermeßbaren
-Zeitraum läuten gehört zu haben. Ein Willenstrom, viel stärker und
-mächtiger als sein eigener, stand im Begriff, ihn zu unterjochen.
-
-Der erste Angriff mußte in jenen Minuten erfolgt sein, in denen
-er so ganz in seinen Plänen und Kombinationen über den Befehl des
-Diktators versunken war. Während sich seine Gedanken auf diesen Plan
-konzentrierten, hatte er dem fremden Angriff eine gute Fläche geboten.
-Sonst hätte er die Wirkung wohl früher spüren müssen, hätte sich sofort
-dagegen zur Wehr setzen können. So war sie ihm erst zum Bewußtsein
-gekommen, als es schon beinahe zu spät war. Erst das Erlahmen seiner
-eigenen selbständigen Schlußfähigkeit hatte ihn den fremden Angriff
-deutlich fühlen lassen, aber da war die Lähmung durch den fremden
-Willen schon weit gediehen.
-
-Dr. Glossin kämpfte wie ein Verzweifelter. Alles, was er noch an
-Willensfähigkeit besaß, ballte er in den einzigen autosuggestiven
-Befehl zusammen:
-
-»Ich will nicht ... Ich will nicht ...«
-
-Unaufhörlich formte er den kurzen Satz im Gehirn, und empfindlich
-beinahe wie ein körperlicher Schlag traf ihn jedesmal der Gegenbefehl
-der fremden Kraft: »Du sollst ... Du mußt ... Du wirst ...«
-
-Die Minuten verstrichen. Die feine Porzellanuhr auf dem Kaminsims
-schlug ein Viertel. Dr. Glossin hörte den Schlag deutlich und raffte
-sich zu erneuter Anstrengung zusammen. Wenn es ihm nur gelingen wollte,
-aufzustehen ... Ganz unmöglich.
-
-Dr. Glossin strengte sich an, freie Bewegungen zu machen. Er blickte
-auf seine Knie. Er versuchte, den Muskelgruppen seiner Beine den Befehl
-zu geben, daß sie seinen Körper erheben sollten. Und spürte schon im
-gleichen Augenblick, daß der fremde Befehl »Du mußt« mit verstärkter
-Heftigkeit auf sein Ich hämmerte, daß er seine ganze Persönlichkeit
-ohne Deckung ließ, sobald er ein einziges seiner Glieder besonders
-beeinflussen und zur Bewegung zwingen wollte.
-
-Stärker wurde das schmerzliche Ziehen in der Gegend des Genicks.
-Der körperliche Schmerz griff weiter und verbreitete sich über die
-ganze linke Gesichtshälfte, über die Seite seines Körpers, welche dem
-Perlenvorhang zugewendet war. Dr. Glossin fühlte, daß er bald erliegen
-müsse, wenn es ihm nicht gelänge, den Körper zu drehen und Angesicht zu
-Angesicht dem fremden Willen entgegenzutreten.
-
-Schon wieder war über dem stummen, erbitterten Ringen eine
-Viertelstunde verstrichen. Die Uhr schlug zweimal. Dr. Glossin hörte
-sie nur noch wie aus der Ferne, so wie man etwa beim Einschlafen
-noch undeutlich und nur verworren die letzten Geräusche empfindet.
-Mit einer verzweifelten Anstrengung konzentrierte er den Rest der
-ihm noch gebliebenen Willensenergie in einen einzigen Befehl. Und
-der schon zu drei Vierteln gelähmte Körper gehorchte diesem Aufgebot
-an Willenskraft. Mit einem einzigen kurzen Ruck warf der Arzt
-sich in dem Stuhl herum, so daß sein Antlitz in voller Breite dem
-Perlenvorhang zugewendet war. Einen Augenblick schien es, als wolle
-die Muskelbewegung und die eigene Aktion den fremden Einfluß brechen.
-Aber nur einen Augenblick. Während Dr. Glossin seinem Körper den Befehl
-erteilte, sich umzudrehen, war sein ganzes Ich dem fremden Angriff
-schutzlos preisgegeben. Der Moment ohne Deckung hatte genügt. Mit einem
-Seufzer ließ er den Kopf auf die Brust sinken, die Augen weit geöffnet.
-
-Durch den Perlenvorhang trat Atma in das Zimmer bis dicht an den
-Schlafenden heran. Auch er sah erschöpft aus. Silvester Bursfeld,
-der ihm auf dem Fuße folgte, bemerkte es mit Erschrecken. Der Inder
-trat an den Schlafenden heran und strich ihm über die Augen und die
-Stirn. Silvester bemerkte, wie der Inder seiner eigenen Erschöpfung
-Meister zu werden versuchte, wie er sich selbst gewaltsam zwang und
-von neuem ganze Ströme seines eigenen Willenfluidums in den Körper des
-Schlafenden gleiten ließ. Dann trat er zurück und ließ sich auf einen
-Sessel fallen. Auf einen Wink von ihm trat Silvester Bursfeld hinter
-eine Portiere, so daß er den Blicken Glossins entzogen war.
-
-Wieder verstrichen Minuten. Die Uhr hob an und schlug dreimal. Da kam
-Bewegung und Leben in die schlummernde Gestalt. Dr. Glossin richtete
-sich auf wie ein Mensch, der aus tiefem Schlafe erwacht. Er fuhr sich
-über die Stirn, als müsse er seine Gedanken sammeln. Dann begann er mit
-sich selbst zu sprechen.
-
-»Was wollte ich ... Ach ja ... den Ring muß ich holen. Er ist im
-Banktresor ...«
-
-Er warf einen Blick auf die Uhr.
-
-»Dreiviertel ... Ich komme gerade noch vor Kassenschluß zurecht. Aber
-ich muß mich eilen.«
-
-Straff und rüstig erhob er sich aus dem Stuhl und schritt durch den
-Vorhang hindurch. Er ging an Atma vorüber, als ob der Inder Luft wäre,
-und verließ die Wohnung.
-
-Silvester hörte die Tür ins Schloß fallen und trat hinter dem Vorhang
-hervor.
-
-»Wo geht er hin? ... Was hat er vor?«
-
-»Er geht nach seiner Bank. Er wird den Ring holen und hierherbringen.«
-Atma sprach es leise und mit matter vibrierender Stimme. Die
-Anstrengung dieses hypnotischen Duells zitterte noch in ihm nach.
-
-»In einer halben Stunde wird er wieder hier sein. Bis dahin haben wir
-Ruhe.«
-
-»Und der Diener?«
-
-»Er schläft in seinem Winkel auf dem Flur. Glossin hat Befehl, ihn
-nicht zu vermissen.«
-
-»Du glaubst, daß Dr. Glossin gutwillig hierher zurückkommt?«
-
-Atma blickte gleichmütig vor sich hin.
-
-»Der Körper Glossins ging hinaus. Seine Seele ist gefesselt. Mein Wille
-lenkt seinen Körper.«
-
-»Warum fragtest du nicht nach dem Aufenthalt von Jane?«
-
-»Erst den Ring und dann das Mädchen. Laß mir Ruhe. Ich bin erschöpft.
-Ich brauche neue Kräfte, wenn Glossin zurückkommt.«
-
-Der Inder lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die Muskeln seiner
-Glieder erschlafften. Er schien jetzt selbst ein Schlafender zu sein.
-Es blieb Silvester Bursfeld nichts anderes übrig, als zu warten.
-
-Unruhig schritt er in dem Raume hin und her. Weiter krochen die
-Minuten. Zehn Minuten ... eine Viertelstunde ... zwanzig Minuten. Er
-hörte, wie die Tür geschlossen wurde. Dr. Glossin war zurückgekommen.
-Er blieb auf dem Flur stehen. Unschlüssig, als ob er etwas suche. Dann
-hörte Silvester, wie er den Spazierstock hinstellte. Gleich darauf
-trat er durch den Perlenvorhang in das Arbeitszimmer. Ohne von den
-beiden Besuchern Notiz zu nehmen, ging er auf den Schreibtisch zu,
-ließ sich vor ihm auf dem Sessel nieder, zog ein winziges Päckchen aus
-der Brieftasche und begann, es auszupacken. Das Seidenpapier raschelte
-zwischen seinen schmalen, wohlgepflegten Fingern. Nun kam der Ring zum
-Vorschein. Ein schwerer goldener Ring. Ein Meisterwerk alter indischer
-Goldschmiedekunst, genau von der gleichen Form wie derjenige an der
-Hand Atmas und mit dem gleichen Chrysoberyll geziert. Er hielt den Ring
-in der Hand und blickte nachdenklich auf den Stein.
-
-Der Ausdruck auf seinen Zügen wechselte. Von Minute zu Minute. Bald
-glich er einem Träumenden, schien ganz geistesabwesend zu sein. Dann
-wieder glitt der Schimmer eines Verstehens und Begreifens über seine
-Züge.
-
-Jetzt machte er Anstalten, sich selbst den Ring auf den Ringfinger der
-Rechten zu schieben.
-
-Atma sah es, und seine Augen weiteten sich. Mit vorgebeugtem Halse saß
-er da, und jeder Teil seines Körpers vibrierte vor innerer Spannung.
-
-Dr. Glossin stand im Begriff, die ihm im schwersten Kampfe
-aufgezwungene hypnotische Suggestion aus eigener Kraft zu durchbrechen.
-Der Befehl lautete, den Ring zu holen und zu übergeben. Schon das
-Zögern auf dem Flur war nicht ganz in der Ordnung. Er sollte vergessen,
-daß er einen Diener besaß. Einen Augenblick hatte er dort trotzdem
-gewartet, ob der Bediente ihm nicht Stock und Hut abnehmen würde. Das
-kurze Zögern hatte dem Inder die Gefahr verraten.
-
-Jetzt griff er zum stärksten Mittel. Er strich ihm mit beiden Händen
-über die Schläfen und Augen.
-
-Die Wirkung zeigte sich sogleich.
-
-Die Bewegung der Linken, die den Ring auf den rechten Ringfinger
-schieben wollte, wurde langsamer. Dicht vor der Fingerspitze kam sie
-ganz zur Ruhe.
-
-Dr. Glossin saß mit vorgebeugtem Oberkörper an seinem Schreibtisch.
-Beide Ellbogen waren auf die Tischplatte aufgestützt. Die Rechte
-streckte den Ringfinger vor. Die Linke spielte kaum einen Zentimeter
-entfernt mit dem breiten Goldreif vor der Fingerspitze. Es sah aus,
-als ginge vom Ringfinger eine magnetische Kraft aus, die den Reif
-heranholen wolle, und als wirke unsichtbar, aber gewaltig eine zweite
-Kraft im Raume, welche die linke Hand immer wieder zurückriß, sooft
-sie sich zu nähern versuchte. So ging das Spiel leise hin und her,
-zitternd durch lange Minuten.
-
-Silvester sah es, und siedende Angst kroch ihm zum Herzen.
-
-»Wenn Glossin den Ring auf den Ringfinger schiebt, sind wir verloren.«
-
-Es herrschte vollkommene Stille im Zimmer. Nur das Ticken der Uhr war
-zu vernehmen. Aber Silvester empfand die Worte so deutlich, als habe
-sie ihm irgendeine Stimme laut vorgesprochen.
-
-Er versuchte, sich das Unsinnige des Gedankens klarzumachen. Was
-konnte es denn für eine Wirkung haben, wenn Dr. Glossin wirklich den
-Ring auf den Finger brachte? Er faßte nach dem Strahler, den er an der
-Seite trug. Versagte die Kunst Atmas, so besaß er die Macht und das
-Mittel, den Menschen dort in einer Sekunde in Atome zu zerreißen, zu
-verbrennen, in ein Häufchen Asche und eine Dampfwolke aufzulösen. Aber
-dann ... ja dann würde er auch niemals erfahren, wohin dieser Teufel
-die arme Jane verschleppt hatte.
-
-Er ließ die Hand vom Strahler. Er begriff, daß der Sieg Atmas über
-Glossin notwendig war, sollte sein weiteres Leben noch Wert für ihn
-haben.
-
-Tausendfach waren die Fäden der Leben miteinander verflochten. Das
-hatte ihn Kuansar in Pankong Tzo gelehrt. Äußere Vorgänge, scheinbare
-Zufälligkeiten waren oft zuverlässige Zeiger, die das Spiel viel
-größerer Kräfte dem Sehenden deutlich zeigten. Und nun kam ihm klare
-Erkenntnis. In dem winzigen Raume dort zwischen Ring und Fingerspitze
-kam der Kampf zweier Mächte um die Weltherrschaft zum Ausdruck. Jeder
-Versuch, von seiner Seite einzugreifen, war zwecklos. In diesem Kampfe
-mußte er ein stiller Zuschauer bleiben, mußte abwarten, wie das
-Geschick sich erfüllen würde.
-
-Der Kampf ging zu Ende. Dr. Glossin ließ den Ring auf die Tischplatte
-fallen. Silvester wollte hinzutreten und ihn nehmen. Ein Wink Atmas
-scheuchte ihn zurück. Der Inder hatte sich erhoben und war dicht an
-den Tisch herangetreten. Silvester sah, daß er den letzten Rest seiner
-gewaltigen telepathischen Kraft zusammenraffte, um dem Gegner seinen
-Willen aufzuzwingen. Und nun trat die Wirkung ein. Dr. Glossin wickelte
-den Ring wieder in das Seidenpapier, verschnürte das Päckchen, erhob
-sich und trat dicht an Atma heran. Ruhig hielt er ihm das Paketchen hin
-und sagte mit eintöniger Stimme: »Hier bringe ich den Ring.«
-
-Atma nahm das Paketchen in Empfang und begann es langsam und gemessen
-wieder aufzumachen. Dr. Glossin war nach der Übergabe an seinen
-Schreibtisch zurückgegangen. Dort saß er ruhig und schaute wie
-geistesabwesend auf die Schreibmappe.
-
-Atma nahm den Ring und schob ihn selbst Silvester über den Ringfinger
-der Rechten. Breit und kühl legte sich das Gold des massiven Reifens
-um das Fingerglied. Silvester fühlte neue Zuversicht in sein Herz
-dringen, als er den Ring wieder an der Stelle fühlte, an der er ihn so
-lange Jahre getragen hatte. Alle Ängstlichkeit war geschwunden. Die
-Zuversicht auf sicheren Sieg erfüllte ihn.
-
-Die Stimme Atmas riß ihn jäh aus diesen Gedanken und Gefühlen.
-
-»Wo ist Jane Harte?«
-
-Der Inder sprach es, während sein Blick sich in den des Doktors bohrte.
-
-Ein kurzes Zucken durchlief die Glieder des Arztes. Es schien,
-als wolle er sich noch einmal aufbäumen. Aber sein Widerstand war
-gebrochen. Der Ausdruck einer trostlosen Müdigkeit trat auf seine Züge,
-während seine Lippen die Antwort formten.
-
-»Auf Reynolds-Farm in Elkington bei Frederikstown.«
-
-Silvester sog die Antwort Wort für Wort wie ein Verdurstender ein.
-Frederikstown in Kolorado. Den Flecken Elkington kannte er sogar
-durch Zufall. Die Farm würde sich finden lassen. Jetzt waren alle
-Schwierigkeiten überwunden. Noch eine kurze Spanne Zeit, und er würde
-Jane wiedersehen, würde sie im schnellen Flugschiff allen feindlichen
-Gewalten entziehen.
-
-Atma stand vor dem Arzt. Mit zwingender Gewalt gab er ihm seine letzten
-Befehle.
-
-»Du wirst bis vier Uhr schlafen. Wenn du aufwachst, wirst du alles
-vergessen haben. Den Ring, Logg Sar und Atma.«
-
-Der Kopf Dr. Glossins sank auf seine Arme und die Tischplatte nieder.
-Er lag in tiefem Schlafe.
-
-»Um vier weckst du deinen Herrn.« Im Vorbeigehen sagte es Atma zu dem
-Diener, der auf dem Flur schlummernd in einem Sessel saß. Flüchtig
-strich er ihm dabei über Stirn und Augen. Dann schlug die Wohnungstür
-hinter den Freunden ins Schloß.
-
- * * * * *
-
-Enttäuscht und verbittert hatte Glossin Reynolds-Farm an jenem Tage
-verlassen, an dem Jane seinen Antrag abwies. Aber auch Jane war
-durch diese Erklärung erschüttert und aus einer trügerischen Ruhe
-aufgescheucht. Sie brauchte jemand, auf den sie sich stützen, dem sie
-sich anschmiegen konnte. Nach dem Tode ihrer Mutter war ihr Glossin
-solche Stütze geworden. Ein väterlicher Freund, dem sie vertraute. In
-ihrem natürlichen Schutzbedürfnis zu vertrauen versuchte, soweit ein
-instinktives, ihr selbst unerklärliches Mißtrauen es zuließ.
-
-Die Werbung Glossins hatte das Verhältnis mit einem Schlage zerstört,
-hatte Jane von neuem in schwere seelische Kämpfe gestürzt. Das Gefühl
-tiefster Verlassenheit übermannte sie von neuem. Was blieb ihr nach
-alledem noch auf dieser Erde? Die Mutter tot ... Silvester verloren und
-verschollen ... Glossins Freundschaft falsch?! ...
-
-Dazu die Gesellschaft dieser alten Negerin, deren Anblick und Wesen
-ihr von Tag zu Tag widerlicher wurde. Das Grinsen der alten Abigail
-hatte jetzt einen besonderen Inhalt und Ausdruck gewonnen, der Jane
-erschreckte und peinigte. Dazu Redensarten der Schwarzen, die ihr zwar
-größtenteils unverständlich blieben. Aber auch das wenige, das sie
-verstand und erriet, erschreckte sie.
-
-Sie verließ das Haus nicht mehr. Die Spaziergänge und Wagenfahrten der
-früheren Wochen unterblieben. Mit müdem Hirn suchte sie die Fragen zu
-beantworten.
-
-Was sollte aus ihr werden? Was hatte Glossin mit ihr vor? Weshalb hatte
-er sie gerade hierher gebracht? ... Was sollte sie weiter beginnen?
-... Wenn sie irgendwo eine Stellung annähme ... Eine untergeordnete
-Stellung ... irgendwo ... nur fort von hier ... fort! ... Wäre sie doch
-in Trenton geblieben! Kein Brief, kein Lebenszeichen aus Trenton hatte
-sie jemals erreicht.
-
-Fort! ... Fort! ... Warum war sie nicht schon längst fort? ... Warum
-hatte sie nicht gleich nach der Werbung Glossins die Farm verlassen?
-
-Wie oft hatte sie sich diese Frage schon vorgelegt. Und jedesmal war
-sie an einen Punkt gekommen, wo sie keine Antwort auf die Frage fand.
-Warum nicht? Wie viele Versuche hatte sie schon gemacht, Reynolds-Farm
-zu verlassen. Warum hatte sie das Vorhaben niemals ausgeführt?
-
-Wie ein schwerer Alpdruck lag es auf ihr. Warum nicht ... Sie wurde
-doch nicht gefangengehalten? Nicht einmal bewacht oder kontrolliert.
-
-Sie brauchte doch nur ihr Köfferchen zu packen und das Haus zu
-verlassen. Nur bis zum nächsten Dorfe zu gehen, um in Sicherheit zu
-sein. Sogar ungesehen von Abigail konnte sie das Haus verlassen. Denn
-das hatte sie schon bald nach ihrer Ankunft hier entdeckt, daß das
-alte Negerweib der Flasche zugetan war. Gleich nach dem Auftragen des
-Mittagsmahles verschwand die Alte, und öfter als einmal hatte Jane sich
-selbst um das Abendessen kümmern müssen. Sie wußte, daß Abigail Stunden
-hindurch besinnungslos irgendwo in einem Winkel lag. Lange Stunden, in
-denen sie, von niemand verhindert, das Haus verlassen konnte.
-
-Weshalb hatte sie es nicht getan? Weshalb tat sie es nicht heute?
-
-Ihr Antlitz, so schön und jugendlich, aber blaß durch Kummer und
-Aufregung, erhielt einen tatkräftigen Zug. Die Falten zu den
-Mundwinkeln vertieften sich, ihre Augen bekamen ein neues Feuer. Alle
-Lebensenergien in ihr drängten zur Tat.
-
-Mit einem plötzlichen Ruck erhob sie sich von ihrem Sitz und schritt
-nach dem Schlafkabinett. Hastig ergriff sie ein paar der notwendigsten
-Kleidungstücke und begann sie in den kleinen Handkoffer zu stopfen. Und
-erinnerte sich zur gleichen Zeit, wie oft sie das gleiche schon früher
-versucht hatte und niemals damit zum Ziele gelangt war. Heute ging es
-viel besser. Kleiderschicht fügte sich auf Kleiderschicht, und mit
-einem Seufzer der Befriedigung drückte sie den Bügel des Handkoffers
-zusammen. So weit war sie früher noch niemals gekommen.
-
-Jetzt nur noch zuschließen! Der Schlüssel befand sich in ihrer
-Handtasche dort auf dem Tische. Sie entnahm ihn der Tasche, wandte
-sich wieder dem Koffer zu und fühlte, wie die alte Lähmung von neuem
-über sie kam. Wie Blei wurden ihr die Füße. Nur mit Mühe konnte sie
-die wenigen Schritte vom Tisch zum Koffer zurücklegen. Endlich war es
-gelungen, aber nun lag das Blei in ihren Armen. Sie versuchte es, den
-Schlüssel in das Schloß zu schieben ... Da fiel er klirrend auf die
-Diele.
-
-Einen Augenblick starrte sie hoffnungslos auf das kleine blinkende
-Eisen, das da vor ihr auf der Zimmerdiele lag. Dann durchzuckte ein
-Schluchzen ihren Körper. »... Warum ... kann ich ... nicht? ... Warum
-... o Gott! ... Warum ...«
-
-Sie fiel vornüber auf die Tasche und blieb Minuten hindurch regungslos
-liegen ... Eine Macht, ein Einfluß, ihr selbst unerklärlich und
-unfaßbar, verhinderte sie, dieses offene und unbewachte Haus zu
-verlassen ... Sie ging in das andere Zimmer und warf sich auf ihr
-Ruhebett.
-
-»Die Qual! ... Warum ... muß ich diese Qualen leiden? ... Wo bleibst
-du, Silvester? ... Mutter, ach wäre ich bei dir! ... Wäre ich mit dir
-gestorben!
-
-Sterben ... jetzt noch sterben? ... Unterhalb des Hauses ... da bildet
-der Bach einen kleinen See ... da kann ich sie finden ... die Ruhe ...
-die Erlösung von aller Qual ...«
-
-Sie raffte sich von ihrem Lager empor.
-
-»Ja! ... ja ... ja ...«
-
-Die Festigkeit des gefaßten Entschlusses prägte sich in ihren Mienen
-aus. Schnell schritt sie zur Tür, um sie zu öffnen. Mochte irgendeine
-unheimliche Kraft ihr die Flucht aus diesem Hause zu den Menschen
-hindern, die Flucht in die Ewigkeit sollte ihr niemand verbieten.
-
-Sie griff den Türdrücker und öffnete die Tür.
-
-Die keifende Stimme der schwarzen Abigail drang ihr ans Ohr. Offenbar
-war die Alte dabei, irgendeinem Besucher den Zutritt zu verwehren,
-vielleicht einen Hausierer abzuweisen.
-
-»Kann ich nicht einmal sterben?« ... Sie wollte die Tür wieder leise
-ins Schloß drücken ... Da ... ihre Hand umkrampfte den Drücker.
-
-Welche Stimme? ... Der Fremde ... Mit einem Ruck riß sie die Tür auf.
-
-»Silvester!« Ein Schrei aus tiefstem Herzen. Mit geschlossenen Augen
-lehnte sie an dem Türrahmen und streckte die Hand nach ihm aus.
-
-»Silvester ...!«
-
-Sie sah es nicht, wie Abigail, von einem kräftigen Faustschlag
-getroffen, in eine Ecke flog, wie ein Mann mit Tigersprüngen die Treppe
-hinaufdrang, sie fühlte nur, daß sie am Herzen Silvesters ruhte, daß
-eine leichte, weiche Hand ihr Gesicht streichelte, daß Worte der Liebe
-und des Glückes ihr Ohr trafen.
-
- * * * * *
-
-Erik Truwor arbeitete allein im Laboratorium zu Linnais. Nach den
-Plänen Silvesters baute er den neuen Strahler zusammen. Der Apparat
-war viel größer als der erste, den die Freunde mit auf die Reise
-genommen hatten. Der neue Strahler nahm immerhin den Raum eines mäßigen
-Schrankes ein.
-
-Aber er war geradezu lächerlich klein, wenn man seine Wirkungen
-betrachtete. Die neue Konstruktion konnte zehn Millionen Kilowatt
-telenergetisch konzentrieren. Diese Riesenleistung wurde nur dadurch
-möglich, daß der Apparat die Energie nicht mit den hergebrachten
-Mitteln erzeugte, sondern nur die überall im Raum vorhandene Energie
-freimachte.
-
-Es drehte sich um die alte, schon von Oliver Lodge zum Anfang des
-Jahrhunderts aufgestellte Hypothese, daß in jedem Kubikzentimeter
-des äthererfüllten Raumes ein Energiebetrag von zehn Milliarden
-Pferdekraftstunden in latenter Form vorhanden ist. Etwa so, wie die
-Pulverladung einer Mine Hunderttausende von Metertonnen enthält.
-Der Fingerdruck eines Kindes genügt, um diese gewaltige Energie zu
-entfesseln. Es ist nur notwendig, daß dieser schwache Druck die
-Knallkapsel zur Entzündung bringt, die dann die Mine detonieren läßt.
-
-»Das Problem der telenergetischen Konzentration ist praktisch gelöst.«
-Stolz und siegesgewiß hatte Silvester die Worte gesprochen. Wenige
-Stunden, bevor er in windender Sturmfahrt nach Westen ausbrach, um von
-dort sein Liebstes zu holen.
-
-Die letzte Schwierigkeit, die noch zu lösen blieb, betraf das genaue
-Zielen. Es war notwendig, das entfernte Objekt, auf welches der
-Energiestrom gerichtet wurde, zu sehen. Erik Truwor fühlte die reine
-Freude eines intellektuellen Genusses, als er die Aufzeichnungen
-Silvesters durchlas. Die aus dem Strahler entsandte Formenenergie
-reflektierte zu einem winzigen Teile von der Konzentrationsstelle zum
-Strahler zurück und entwarf hier ein optisches Bild dieser Stelle.
-Jetzt, da er es las, schien es ihm beinahe trivial einfach. Eine
-simple Rückmeldung, wie sie in der Technik an tausend Stellen seit
-hundert Jahren gebräuchlich war. Nach der Theorie mußte sich auf der
-weißen Mattglasscheibe des neuen Strahlers ein genaues Bild des Ortes
-zeigen, an dem die Energie sich konzentrierte.
-
-Er schaltete den Apparat ein. Nebel wallten auf der Scheibe hin und
-her. Es flimmerte durcheinander. Gestalten wollten sich bilden, doch es
-wurde kein klares Bild.
-
-Noch einmal überprüfte er die Schaltung. Dann machte er sich an die
-Arbeit. Die Stunden verrannen. Er spürte es nicht. Die Mitternacht
-verstrich, und der Morgen kam. Niels Nielsen, der alte, noch vom Vater
-überkommene Diener, fand seinen Herrn im Laboratorium in die Arbeit
-versunken.
-
-»Herr Erik, Ihr Bett blieb unberührt.«
-
-Erik Truwor winkte ab und riß ärgerlich einen Draht heraus, den er
-falsch geschaltet hatte.
-
-»Stören Sie mich nicht.« Der Diener ging.
-
-Stillschweigend erschien er wieder und stellte eine Platte mit kalter
-Küche auf einen Seitentisch.
-
-Erik Truwor hatte die Schaltung vollendet. Schaltete ein und sah noch
-weniger als zuvor. Ein schwerer Fehlschlag! Rastlos arbeitete er weiter.
-
-Erik Truwor spürte Hunger. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß er
-seit vierzehn Stunden im Laboratorium arbeitete.
-
-Automatisch begann er zu essen. Der starke schwarze Kaffee erfrischte
-ihn. Während er aß und trank, gewann er Distanz zu seiner Arbeit. Er
-fand die Kraft, völlig von neuem zu beginnen. Er prüfte die Schaltung
-Silvesters. Hier war eine Verbesserungsmöglichkeit.
-
-Die sekundären Erscheinungen mußten zurückgehalten werden. Es bestand
-Gefahr, daß sie den gewollten Effekt überwucherten.
-
-Erik Truwor arbeitete. Und aß in langen Pausen. Die zweite helle
-Nordlandsnacht brach herein.
-
-Der Diener kam. »Vielen starken Kaffee!« Mit dem Befehl jagte ihn Erik
-Truwor aus dem Laboratorium. Die Vorzüge der veränderten Schaltung
-wurden ihm immer einleuchtender, je weiter er baute und schaltete.
-
-Die zweite Nacht verging und der zweite Vormittag. Er zog die letzte
-Schraube fest und suchte seiner Aufregung Herr zu werden.
-
-Mit zitternder Hand schaltete er den Strahler ein. Nebel zogen über die
-Mattscheibe.
-
-Er regulierte an den Mikrometerschrauben. Der Nebel löste sich. Blaue
-und grüne Flächen wurden sichtbar.
-
-Er mußte sich setzen. Die Knie versagten ihm. Dann ein gewaltsames
-Aufraffen. Ein letztes Drehen an der Feinstellung. Scharf und deutlich
-zeigten sich die Föhren, die zwanzig Kilometer entfernt am Unterlaufe
-des Tornea standen. Erik Truwor kannte die Stelle.
-
-Die Mattscheibe bot ein Bild, wie man es seit langen Jahren in der
-photographischen Kamera beobachten konnte. Doch das Bild hier wurde
-auf ganz andere Weise gewonnen. Es kam nicht rein optisch, sondern
-energetisch zustande.
-
-Der Wurf war geglückt. Er stellte den Strahler ab und warf sich
-erschöpft auf das Ruhebett im Laboratorium.
-
-Mit offenen Augen lag er dort und starrte zur Decke. Die Macht lag
-jetzt in seiner Hand. Die Macht, die Menschen nach seinem Willen zu
-zwingen. Zu Asche zu verbrennen, was ihm widerstrebte. Eine Macht, wie
-sie nie zuvor ein einzelner Mensch besessen hatte.
-
-Er fühlte die furchtbare Verantwortung, die mit der Macht verbunden
-war ... und dann wurden seine Gedanken sprunghaft. Die Natur forderte
-ihr Recht. Die Augen fielen ihm zu. Nach vierzig Stunden intensivster
-Arbeit verlangte der Körper Ruhe.
-
-Es wurde nur ein fieberhafter Halbschlaf. Der Geist war zu erregt und
-riß den Körper mit.
-
-Er fuhr empor. Drei Stunden hatte er im Halbschlummer gelegen. Im
-Augenblick war er wieder vollkommen wach. Der Schreiber der drahtlosen
-Station hatte in der Zwischenzeit gearbeitet. Er las die Zeichen
-auf dem Papierstreifen: »Haben den Ring. Gehen nach Elkington,
-Reynolds-Farm, Jane zu holen.«
-
-Er rieb sich die Stirn. Jane nicht in Trenton? Aus dem Atlas entnahm er
-die genauen Koordinaten und richtete den Strahler. Die Nebel wogten.
-Jetzt ruhigere Linien. Grünes Feld. Ein Farmhof. Er regulierte und
-konnte jede Fuge und Maserung der Hoftür erkennen.
-
-Eine Gestalt schritt von links her in das Bild ... Silvester Bursfeld.
-So scharf und deutlich, als ob er in Greifweite stünde. Silvester kam
-allein und hatte nicht einmal den kleinen Strahler an der Seite.
-
-Erik Truwor wollte dem Freunde etwas zurufen und vergaß, daß er durch
-tausend Meilen von ihm getrennt war.
-
-Eine andere Gestalt hob sich auf der Bildfläche ab. Ein schwarzes,
-häßliches Negerweib. Erik Truwor sah, wie sie Silvester vom Hofe zu
-weisen versuchte, wie der Freund sie zurückdrängte und der Haustür
-zuschritt. Wie das Negerweib ihn zurückzustoßen versuchte. Wie der
-sonst so gutmütige ruhige Silvester plötzlich den Arm hob, das Weib
-weit von sich schleuderte und in das Haus stürmte. Die Tür fiel hinter
-ihm ins Schloß, und Viertelstunden verstrichen.
-
-Erik Truwor empfand eine wachsende Unruhe. Er vermißte den kleinen
-Strahler an der Seite Silvesters. Diese winzige, aber furchtbare Waffe,
-die ihn gegen jeden Angriff geschützt hätte. Und er vermißte Atma. Wo
-blieb der Inder? Die zweite Frage beunruhigte ihn fast ebenso stark wie
-die erste. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe.
-
-»Sie müssen packen ... natürlich ... es ist ja klar, daß Jane nicht,
-wie sie geht und steht, nach Europa fahren kann. ... Eine Stunde Zeit
-gebe ich ihnen ... dann ...«
-
-Er betrachtete das Dach des Farmhauses. Ob es wohl gut brennen mochte,
-wenn er den Strahler auf den Dachfirst wirken ließ? Die Holzschindeln
-sahen ganz danach aus. Rissig, von der Sonne ausgedörrt. Es mußte ein
-gewaltiges Feuer werden.
-
-Dann überdachte er die Folgen. Es konnte zu gut brennen. So schnell,
-daß die Flammen den Ausgang sperrten, bevor die Liebenden die Gefahr
-erkannten. Er durfte es nicht wagen, die Säumigen durch die Gewalt der
-telenergetischen Konzentration aus dem Hause zu treiben. So saß er mit
-steigender Ungeduld. Hoffte vergebens, daß Silvester wieder erscheinen
-oder Atma auftreten würde.
-
-Ein silberner Fleck am blauen Himmel erregte seine Aufmerksamkeit. Mit
-der Lupe betrachtete er die Stelle auf der Mattscheibe.
-
-Kein Zweifel, es war R. F. c. 1, der Rapid Flyer, der dort heranzog. Er
-kannte die Formen des Flugschiffes.
-
-Erleichtert atmete er auf.
-
-Atma kam mit R. F. c. 1, um die Säumigen zu holen. Mochte er gesteckt
-haben, wo er wolle ... Atma war da. Jetzt mußte alles zu einem guten
-Ende kommen.
-
-Das Flugschiff kam schnell heran. Hinter dem Farmhaus ging es nieder.
-Jetzt entschwand es den Blicken Eriks. Die Silhouette des Farmhauses
-schob sich dazwischen.
-
-... Warum landete Atma nicht auf dem Farmhofe? ... Vielleicht war der
-Platz hinter dem Hause für den Wiederaufflug geeigneter.
-
-Erik Truwor wartete ... und sah fünf Gestalten über den Hof laufen ...
-In das Haus verschwinden.
-
-»Atma ist da ... Atma kam zur rechten Zeit ... Es wird noch alles gut.«
-
-Mit diesen Worten suchte sich Erik Truwor zu beruhigen. Er hatte unter
-den Fünfen die Gestalt Glossins erkannt. Nach den Schilderungen, die
-ihm Silvester gegeben. Das Nachziehen des rechten Fußes. Der stechende
-Blick. Es war unverkennbar. Aber er hoffte, daß Atma mit R. F. c.
-1 hinter dem Hause lag. Hoffte, daß der Inder eingreifen und die
-Widersacher zerschmettern würde.
-
-Minuten verstrichen. Nicht viele.
-
-Die Tür des Farmhauses öffnete sich.
-
-Einer der Männer trug etwas Helles auf den Armen ... Jane ...
-bewußtlos. Ihr Antlitz war weiß. Ihr Kopf lag schlaff und kraftlos auf
-der Schulter ihres Trägers. Dann zwei andere. Sie schleppten Silvester.
-Hatten ihn gefesselt und trugen ihn wie ein Stück Holz über den Platz.
-
-Zuletzt Dr. Glossin. Ein Lächeln der Befriedigung auf den Zügen.
-
-Lodernder Zorn packte Erik Truwor. Er faßte den Strahler und gab
-Energie.
-
-Zwanzig Meter hinter dem Doktor glühte der Sand des Hofes hell auf.
-Schmolz in Weißglut und strahlte Hitze.
-
-Der Arzt warf einen Blick rückwärts und begann um sein Leben zu laufen.
-Mit schleifendem Fuß jagte er über den Hof und zog einen feurigen
-Strudel hinter sich her, denn mit der Mikrometerschraube brachte ihm
-Erik Truwor die Glut des Strahlers nach ... und zerriß dabei in der
-Aufregung einen Draht des Fernsehers.
-
-Das Bild erlosch. Tausend Meilen trennten Erik Truwor von
-Reynolds-Farm. Erst jetzt kam es ihm zum Bewußtsein.
-
-Mit fiebernden Händen suchte er nach dem zerrissenen Draht. Er mußte
-sich zur Ruhe zwingen. Mußte mit unendlicher Geduld eine Schraube
-lösen, den Draht fassen, vorziehen und wieder festschrauben. Kostbare
-Minuten verstrichen darüber. Nun endlich war die Verbindung wieder
-hergestellt. Das Bild erschien von neuem auf der Mattscheibe. -- Der
-Hof war leer.
-
-Rätsel und Geheimnisse, die er nicht zu lösen vermochte. Hatte Atma
-eingegriffen, die Gegner vernichtet? Brachte er jetzt Silvester und
-Jane im Flugschiff heim?
-
-Erik Truwor wußte es nicht. Er war verurteilt, hier zu sitzen und zu
-warten. Einen Schwur leistete er sich. Das Feuer des Strahlers auf
-Glossin niederfallen zu lassen, sobald er ihn wieder vor die Augen
-bekäme.
-
- * * * * *
-
-Im Walde von Elkington lag R. F. c. 1 zwischen Haselsträuchern und
-Brombeerranken. Wenige Schritte davon entfernt saß Atma im Gras und
-wartete. Seine Züge verrieten Unruhe. Er war blaß, soweit die dunkle
-Haut eines Inders zu erblassen vermag, und abgespannt. Die ungeheuere
-Anstrengung seines Kampfes mit Glossin wirkte noch in ihm nach. Er
-versuchte es, sich zu sammeln, neue Kraft aus den Meditationen und
-Selbstversenkungen seiner Religion zu schöpfen.
-
-Die Sonne warf ihre Strahlen von Westen her schräg durch die Zweige
-und malte streifige Schatten auf den grünen Grund. Der Inder faßte
-seinen Schatten ins Auge und beobachtete, wie der dunkle Streifen ganz
-langsam weiterkroch. Halme, die eben noch lichtgrün schimmerten, wurden
-ganz allmählich dunkel und farblos. Auf der anderen Seite tauchten
-Spitzen und Blätter ebenso sacht und allmählich wieder in leuchtendes
-Sonnengold. Die Betrachtung dieser langsamen Veränderung, des steten
-und ruhigen Wechsels der Dinge tat Atma wohl. Sein Nervensystem fand
-allmählich die Ruhe wieder. Alle seine Sinne konzentrierten sich auf
-den wandernden Schatten und einen Steinblock, der noch etwa einen Fuß
-von dem Schatten entfernt war.
-
-»Ich will warten, bis der Schatten den Stein berührt. Ist Logg Sar dann
-mit dem Mädchen noch nicht zurück, dann will ich gehen und sie holen.«
-
-Er sprach es zu sich selbst, und nachdem er sich so die Zeitspanne
-gesetzt hatte, verharrte er regungslos, von der Sonne beschienen, in
-die Betrachtung des wandernden Schattens versunken und spürte, wie ihm
-Minute um Minute die alte Kraft und Ruhe zurückkehrte. Die Eidechsen
-kamen neugierig hinzu und liefen furchtlos über seine Füße. Eine
-Haselmaus führte dicht vor ihm ihren possierlichen Tanz auf, ohne sich
-um den regungslosen Körper zu kümmern. Jetzt streifte der Schatten
-den Stein. Soma Atma erhob sich. Erschreckt entflohen die Tiere des
-Waldes. Ein kurzer Blick auf das Chronometer. Zwei Stunden waren
-verflossen, seitdem Silvester von ihm ging, hinein nach Reynolds-Farm,
-das Mädchen zu holen ... zwei Stunden. Atma erschrak. Zwanzig Minuten
-hätten genügen müssen. Auch dann noch, wenn die Liebenden ein langes
-Wiedersehen feierten.
-
-Mit langen Schritten eilte er der Farm zu. Die Flügel der Hoftür waren
-nur angelehnt. Er schritt über den Hof in das Wohnhaus und fand es
-verlassen. Der Vorraum leer. Der große Wohnraum ohne eine lebende
-Seele. Aber die Unordnung verriet deutlich einen stattgehabten Kampf.
-Drei Stühle umgeworfen. Die Tischdecke in Falten. Ein Glas zerbrochen
-am Boden. Und dort Logg Sars Hut. Seine Handschuhe ...
-
-Während er den Raum verließ und die Treppe weiter hinaufstieg, malte
-sein Geist sich plastisch die Szenen aus, die sich hier abgespielt
-hatten während der Stunden, in denen er dort draußen im Walde ruhte,
-wartete und frische Kraft sammelte.
-
-Es wäre niemals passiert, wenn er bei voller Kraft gewesen wäre. Dann
-hätte er mit wachem Nervensystem das kommende Unheil rechtzeitig
-gespürt.
-
-Nun hatte er das Ende der Treppe erreicht. Ein turmartiger Erker bot
-Aussicht nach allen Seiten. Atma trat an die Scheiben, durchspähte den
-klaren Abendhimmel und sah in der Richtung auf Westen einen hellen
-Fleck seine Bahn ziehen. Ein Flugschiff ... Zu dieser Zeit ... in
-dieser Höhe. Es konnte nur von Elkington her kommen. Noch war es Zeit.
-In langen Sätzen sprang der Inder die Treppe hinunter und eilte dem
-Walde entgegen, wo R. F. c. 1 unter Ranken und Kräutern neuen Flügen
-entgegenharrte.
-
- * * * * *
-
-R. F. c. 2 hatte Kurs West zu Nordwest. Der Kommandant Charles Boolton
-stand am Ausguck. In der Kabine saß Dr. Glossin in einem der leichten
-bequemen Korbsessel. Seine Züge trugen die Spuren von Leiden und
-Kämpfen, seine Augen waren gerötet. Er machte einen übermüdeten und
-übernächtigten Eindruck. Ihm gegenüber in einem zweiten Sessel lag
-die zierliche Gestalt Janes, von tiefer Ohnmacht umfangen. In einer
-Ecke des Raumes, auf dem Boden, mit starken Stricken schwer gefesselt,
-Silvester Bursfeld. Dr. Glossin erhob sich von seinem Stuhl. Langsam,
-als ob jeder Schritt ihm Schmerzen bereitete, ging er durch den Raum
-auf die Ohnmächtige zu.
-
-Er beugte sich über Jane und fühlte ihren Puls. Mit sanfter Gewalt
-brachte er ihre Lippen auseinander und flößte ihr aus einer kleinen
-Kristallflasche einige Tropfen einer rot schimmernden Flüssigkeit ein.
-Er fühlte, wie der Puls danach stärker ging, wie das Blut die Wangen
-der Bewußtlosen leicht rötete. Beruhigt kehrte er zu seinem Platze
-zurück und nahm selbst ein wenig von der Flüssigkeit. Dann ruhte sein
-Blick lange auf dem gefesselten Silvester.
-
-Bedingungslose Vernichtung hatte Cyrus Stonard befohlen. Den einen der
-drei hatte er. Diesmal sollte er der Vernichtung nicht entgehen.
-
-Dr. Glossin überschlug die Zeit. Noch Dreiviertelstunden. Dann war das
-Flugsschiff über Montana. Dort am Ostabhange der Rocky Mountains hatte
-er einen Schlupfwinkel. Und dann ... dann ging es mit R. F. c. 2 in
-sausender Fahrt nach Sing-Sing zurück. Der drahtlose Befehl, die neue
-Maschine dort betriebsbereit zu halten, war längst gegeben. Diesmal
-sollte die Vollziehung des Urteils schnell und glatt vonstatten gehen.
-Ohne Zeugen. Nur er wollte dabei sein und sich überzeugen, daß der
-Strom diesmal auch wirklich seine Schuldigkeit tat. Dann war die alte
-Scharte ausgewetzt. Dann konnte ihm auch Cyrus Stonard keinen Vorwurf
-mehr machen.
-
-Dr. Glossin lächelte befriedigt. Die Arznei hatte ihn körperlich
-erfrischt. Die Hoffnung, daß seine Pläne schnell zu glücklichem Ende
-kommen würden, stärkte ihn.
-
-Sein Gedankengang wurde unterbrochen. Er hörte, wie der Kommandant in
-das Telephon nach dem Motorraum sprach. R. F. c. 2 flog mit voller
-Besatzung. Es hatte außer dem Kommandanten noch einen Ingenieur und
-zwei Motorwärter an Bord.
-
-Der Kommandant sprach dringlich:
-
-»Die Umdrehung beider Turbinen ist von 8000 auf 5000 gefallen und fällt
-dauernd weiter. Was ist bei Ihnen los?«
-
-Dr. Glossin wurde aufmerksam. Jetzt irgendein Motordefekt. Ein Versagen
-der Turbinen. Das konnte seine Pläne stören.
-
-Eine leichte Erschütterung ging durch das Schiff. Die Spitze neigte
-sich etwas nach unten, und im Gleitfluge stieg es aus der gewaltigen
-Fahrthöhe hinab. Die Tür des Motorraumes öffnete sich. Der Ingenieur
-trat herein. Den Lederanzug bespritzt, Spuren von Ruß und Öl an den
-Händen.
-
-»Mr. Boolton, beide Maschinen stehen. Sie drehen sich nur noch, weil
-der Luftzug die Schrauben rotieren läßt. Die Maschinenkraft ist weg.«
-
-Der Kommandant fuhr auf, wie eine gereizte Bulldogge.
-
-»In drei Teufels Namen, Wimblington, wollen Sie uns bis auf die Knochen
-blamieren? R. F. c. 2 ist das beste Schiff unserer Flotte. Bringen Sie
-die Maschinen in Gang, oder ich bringe Sie vor das Kriegsgericht.«
-
-Der Ingenieur eilte in den Turbinenraum zurück. Er vergaß es, die Tür
-hinter sich zu schließen. Das Geräusch von allerlei Werkzeugen und
-Hantierungen drang in die Kabine. Derweil ging das Flugschiff ohne
-Motorkraft unaufhaltsam im Gleitflug zur Erde. Nur noch zehn Minuten,
-und es mußte landen, wenn die Maschinenkraft nicht wiederkam.
-
-Der Ingenieur erschien wieder im Raum.
-
-»Herr Kapitän, der Fehler sitzt in den Zündanlagen. Die Maschinen
-bekommen keinen Zündstrom.«
-
-Der Kommandant wurde blaurot im Gesicht.
-
-»In Satans Namen, Herr, Sie sollen die Maschinen in Gang bringen. Sie
-werden erschossen, wenn wir notlanden müssen.«
-
-Mit der unangenehmen Aussicht auf den Tod durch eine Kugel verließ
-Wimblington den Raum. Die Dinge erfuhren dadurch keine Änderung. Die
-Maschinenkraft blieb aus. Der Gleitflug in die Tiefe dauerte an. Schon
-befand sich R. F. c. 2 in einer dichten Atmosphäre, nur noch 3000 Meter
-über dem Boden. Noch vor kurzem waren die Sonnenstrahlen vom Westen
-her klar und kräftig in den Raum gefallen. Jetzt nicht mehr dreißig,
-sondern nur noch drei Kilometer hoch, war das Schiff bereits im
-Dämmerschatten der Erde. Kommandant Boolton durchspähte zähneknirschend
-die Gegend und suchte einen passenden Landungsplatz für das Schiff.
-Er bemerkte, daß es ihm gerade noch möglich sein würde, über einen
-Hochwald hinwegzukommen und auf einer mäßig großen grasbestandenen
-Lichtung niederzugehen.
-
-Die Aufregung des Kommandanten hatte sich auch Glossin mitgeteilt.
-Unruhig lief er mit kurzen Schritten in der Kabine hin und her.
-Sein Blick fiel auf Silvester Bursfeld. Der Gefangene hatte sich
-herumgeworfen, so daß er Jane sehen konnte, die immer noch in leichtem
-Schlummer lag. Die Blicke Glossins und Logg Sars trafen sich, und
-Schrecken kroch dem Doktor an das Herz.
-
-In diesem Augenblick fühlte er, daß der Motordefekt keine zufällige
-Panne war. Er fühlte es, daß die unheimliche, unbekannte Macht wieder
-hinter ihm her war. Er hätte einen Eid darauf geschworen, daß dieselbe
-Kraft, die damals die Maschine in Sing-Sing lähmte, jetzt auch die
-Turbinen des Rapid Flyers in ihrer Arbeit anhielt. Mechanisch faßte er
-nach der Tasche, welche die kleine wirksame Schußwaffe barg.
-
-R. F. c. 2 setzte auf die Grasnarbe auf. Mit vollendeter Steuerkunst
-hatte Kommodore Boolton das Schiff noch über die letzten Hochstämme
-des Waldes gebracht. Unmittelbar am Waldrande kam es zur Ruhe und
-wurde von den Schatten der schnell wachsenden Dämmerung umfangen.
-Boolton ließ das Steuer los und drehte sich um, als ein Geräusch seine
-Aufmerksamkeit fesselte. Wie zur Salzsäule erstarrt blieb er stehen und
-stierte durch die Seitenscheiben.
-
-Ein zweites Flugschiff schoß aus der Höhe hinab, gewann Gestalt und
-legte sich kaum hundert Meter von R. F. c. 2 entfernt auf den Rasen.
-Das von Minute zu Minute unsicherer werdende Licht der Dämmerung
-genügte noch, um die Formen erkennen zu lassen.
-
-Kommodore Boolton fand zuerst die Sprache wieder.
-
-»Ich will des Teufels Großmutter heiraten, wenn es nicht R. F. c. 1
-ist. Es fliegt kein anderer Bau von der Sorte in der Welt. R. F. c. 3
-ist noch in der Montage.«
-
-Der Kommandant hatte seinen Ärger vergessen. Die Neugier, wie R F.
-c. 1 hier plötzlich auftauchen könne, überwog alle anderen Gefühle.
-Dr. Glossin stand da, die Hand an der Schußwaffe, und blickte auf das
-fremde Schiff.
-
-Dort drüben regte sich nichts. Unheimliche Ruhe herrschte. Kommodore
-Boolton brach das Schweigen.
-
-»Was brennt hier! Habt ihr Feuer an den Maschinen?«
-
-Er schrie es nach dem Turbinenraum hin.
-
-Auf die Antwort brauchte er nicht zu warten. Dicht neben ihm öffnete
-sich die massive Metallwand von R. F. c. 2. Das Metall glühte eine
-Sekunde hellrot, die nächste grellweiß und versprühte dann als Dampf.
-Noch bevor es Zeit hatte, zu schmelzen und wegzufließen. Die innere
-Holzbekleidung flammte einen kurzen Moment, aber auch sie versprühte
-und verschwand, bevor es zu einem richtigen Feuer kommen konnte. Nur
-ein letzter Brandgeruch machte sich bemerkbar.
-
-Schon war die dem neuen Flugschiff zugekehrte Seitenwand von R. F. c. 2
-in der Größe mehrerer Quadratmeter verschwunden.
-
-Kommodore Boolton sah, wie sein gutes Schiff sich vor seinen Augen in
-Dampf und Nichts auflöste. Mit geballten Fäusten stürzte er erbittert
-auf die entstandene Öffnung zu.
-
-... Und geriet in den sengenden Strahl der telenergetischen
-Konzentration. Im Augenblick flammten die Kleider an seinem Leibe auf.
-Er wollte zurück und war doch schon tot, verbrannt, in rotglühende
-Kohle und stäubende Asche verwandelt, bevor noch der Gedanke, daß er
-bedroht sei, in seinem Gehirn Wurzel fassen konnte.
-
-Die Flamme des Strahlers fraß weiter. Schon lag die Kabine bloß. Jetzt
-versprühte die dem Angreifer zugekehrte Wand des Motorenraumes.
-
-Ingenieur Wimblington war nicht gewillt, seine Maschinen ruinieren
-zu lassen. Seine Rechte fuhr nach der Tasche. Schon lag die
-Präzisionsschußwaffe in seiner Faust. Prasselnd schlugen die Geschosse
-gegen die Flanken von R. F. c. 1.
-
-Das erste ... das zweite ... das dritte ... das vierte ging darüber
-hinweg, denn der feurige Strahl faßte den Ingenieur, fraß die Waffe in
-seiner Hand, fraß die Hand und fraß ihn selbst, bevor er ein fünftes
-Mal abdrücken konnte.
-
-Mit aufgehobenen Händen sprangen die Monteure durch die Öffnung ins
-Freie.
-
-Der eine zersprühte und verglühte im Augenblick des Absprunges. Den
-zweiten traf der Strahl in der Zehntelsekunde, die er in der Luft
-schwebte. Etwas weiße Asche fiel auf den Rasen.
-
-Dr. Glossin hatte die Katastrophe im Motorenraum nicht gesehen.
-Mit Aufbietung aller Kräfte hatte er in diesen Sekunden die
-Verschlußschrauben gelöst, die die Tür auf der Backbordseite des
-Flugschiffes verschlossen hielten.
-
-Mit einem Sprunge riß er Jane an sich. Mit einem Ruck hatte er auch die
-Schußwaffe wieder zur Hand.
-
-Der Schuß blitzte auf. Aus nächster Nähe war die Waffe auf Silvester
-gerichtet.
-
-Schmerzlich zuckte der Getroffene zusammen. Eine kräftige
-Abwehrbewegung mit den eng gefesselten Händen brachte den Doktor ins
-Wanken. Er wäre gestürzt, hätte er nicht im letzten Moment die Waffe
-fallen lassen und sich an den Türpfosten geklammert.
-
-Jetzt zeigte sich die Kraft, die in diesem mißgestalteten Körper
-vorhanden war.
-
-Die bewußtlose Jane noch immer auf dem Arm, glitt Glossin von der
-Plattform der Kabine auf der Backbordseite zum Flugschiff hinaus und
-lief auf den Wald zu.
-
-Im gleichen Augenblick, in dem Atma R. F. c. 1 verließ und in
-langgestreckten Sätzen auf R. F. c. 2 zustürmte. Als Glossin auf der
-Backbordseite den Boden berührte, sprang Atma auf der Steuerbordseite
-in das Schiff.
-
-Er sah Silvester gefesselt und durchschnitt die bindenden Stricke
-gedankenschnell. Er ließ den Strahler in Silvesters Hände fallen, glitt
-im selben Moment schon zur anderen Seite des Flugschiffs hinab und
-stürmte dem Walde zu.
-
-Es war hohe Zeit. Nur noch undeutlich schimmerte Janes weißes Kleid
-durch die Stämme. Dr. Glossin hatte einen bedeutenden Vorsprung, und
-die Schatten der Dämmerung wuchsen von Sekunde zu Sekunde. Aber Dr.
-Glossin war alt, und Atma war jung, Dr. Glossin trug eine schwere Last
-auf seiner Schulter, und Atma war ungehindert.
-
-Der Vorsprung Glossins nahm von Minute zu Minute ab. Durch das Stoßen
-und Schütteln des Laufes war Jane wieder zum Bewußtsein gekommen und
-sträubte sich mit allen Kräften. Sie schlug auf den Arzt ein, warf sich
-wild zurück und hinderte ihn schwer.
-
-Schon hörte er den keuchenden Atem des Inders hinter sich. Da packte
-ihn die Todesfurcht. Das Verhängnis kam hinter ihm. Nur noch einmal
-entrinnen!
-
-Eine kleine Schlucht öffnete sich vor ihm. Er ließ Jane zu Boden
-gleiten, sprang in die Tiefe und lief die Bodenfalte entlang. Hier
-herrschte schon Dunkelheit. In seiner dunklen Kleidung war er in dem
-dichten Unterholz nicht mehr zu sehen. Vorsichtig schlich er von Baum
-zu Baum weiter, bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden.
-
-Atma war bei Jane stehengeblieben. Vorsichtig hob er sie auf, trug und
-führte sie aus dem Walde auf das freie Feld zurück, brachte sie sicher
-in die Kabine von R. F. c. 1 und sah dann nach Silvester.
-
-Der lag ohnmächtig in sich zusammengesunken. Der Strahler war seinen
-Händen entfallen. Aus der Wunde strömte das Blut.
-
-Atma kam nicht zu früh. Das Messer, welches vor kurzem die Fesseln
-durchschnitt, zertrennte jetzt die Gewandung. Die getroffene Seite
-lag bloß. Eine Schlagader war verletzt. Im Rhythmus des Herzschlages
-spritzte der rote Lebenssaft.
-
-Es dauerte geraume Zeit, bis Atma des Unheils Herr wurde. Endlich stand
-die Blutung.
-
-Die Wundränder schlossen sich. Vorsichtig trug Atma seinen
-Jugendgespielen in das andere Schiff und bettete ihn mit unendlicher
-Sorgfalt.
-
-Jetzt wußte Atma den Freund und das Mädchen geborgen. Seine Gestalt
-straffte sich, und mit dem Strahler in der Hand wandte er sich dem
-Walde zu. In der letzten Dämmerung des entschwindenden Tages stand dort
-die Ruine von R. F. c. 2.
-
-Der Strahler wirkte. Jetzt brauchte der Inder nicht mehr so sorgfältig
-zu zielen und zu konzentrieren. Mit Gewalt explodierten zehntausend
-Kilowatt in dem Wrack. Im Augenblick glühte der ganze Rumpf hellrot
-auf. Schnell wuchs die Hitze zu blendender Weißglut. Das Aluminium des
-Körpers begann zu brennen. Millionen von Funken und Sternchen warf die
-glühende Masse nach allen Seiten in die Luft. Dann floß sie zusammen.
-Eine einzige Lache geschmolzener Tonerde, wo noch vor kurzem ein
-vollendetes Meisterwerk menschlichen Erfindungsgeistes gestanden hatte.
-
-Atma stellte den Strahler ab. Aber die hellrot glühende Schlackenmasse
-da drüben gab noch nicht Ruhe. Die Flammen sprangen auf den Waldrand
-über. Das dürre Gras brannte, einige Grenzbäume fingen Feuer.
-
-Atma sah das Schauspiel, ohne etwas dagegen zu tun.
-
-Mit schnellen Griffen ließ er die Turbinen von R. F. c. 1 angehen. Der
-Rapid Flyer stürmte in die Höhe. Weit hinter ihm lag der brennende
-Wald. Atma sah es und lächelte.
-
-»Wenn der Wind gut steht, Glossin, dann lernst du diese Nacht doch
-noch ...«
-
-Der Rest erstarb im Brausen der Turbinen.
-
-Atma trat an die Steuerung und setzte das Schiff auf reinen Nordkurs.
-Der Weg gerade über den Pol blieb der sicherste.
-
-Auf der Wiese vor dem Herrenhause in Linnais setzte R. F. c. 1 leicht
-und beinahe erschütterungsfrei auf. Mit starken Armen trug Erik Truwor
-den wunden Freund in sein Heim, während Jane am Arm Atmas folgte.
-
-Und dann kamen Tage banger Sorge. Die Verwundung Silvesters war nicht
-lebensgefährlich. Die Kugel Glossins war an einer Rippe abgeglitten und
-hatte nur eine Fleischwunde verursacht.
-
-Bedenklicher war das hohe Fieber. Der alte Arzt aus Linnais schüttelte
-ratlos den Kopf. Keine Wundinfektion, glatt fortschreitende Heilung der
-Verletzung und trotzdem diese Fieberschauer, die den Kranken bis an den
-Abgrund der Vernichtung führten. Seine Kunst und sein Latein waren hier
-zu Ende.
-
-Lange Tage und kurze, hell dämmernde Nächte folgten aufeinander, in
-denen Jane nicht vom Lager Silvesters wich, Atma sich mit ihr in die
-Pflege teilte. Atma, der die Dinge anders ansah als der schwedische
-Arzt. Atma, der die wildesten Fieberträume Silvesters beruhigte, wenn
-er ihm die Hand auf die Stirn legte.
-
-»In der fünften Nacht wird die Entscheidung fallen.«
-
-Atma hatte es Erik Truwor zugeflüstert, als sie den Verwundeten aus dem
-Rapid Flyer trugen und auf sein Lager betteten. Jane hatte die Worte
-gehört, so leise sie auch gesprochen wurden.
-
-Heute war die fünfte Nacht. In dem verdunkelten Zimmer saß Jane am
-Lager Silvesters und bewachte jede Regung des Kranken.
-
-Es war nach Mitternacht, und das fahle Licht des jungen Tages dämmerte
-durch die Schatten des Zimmers. Mit Angst und Freude bemerkte Jane
-eine Veränderung in den Zügen Silvesters. Es zuckte leise darin. Die
-geschlossenen Augenlider schienen sich heben zu wollen. Der Körper
-machte schwache Bewegungen.
-
-War das der Tod? Oder war es Erwachen zu neuem Leben?
-
-Die Sorge überwältigte Jane. Sie wollte Atma rufen, doch die Stimme
-versagte ihr. Rückhaltlos überließ sie sich den Gefühlen, die in ihr
-stürmten. Sie umschlang Silvesters Hals, sie flüsterte ihm zärtliche
-Worte zu und drückte ihre Lippen auf seine Stirn. Alle Instruktionen
-des Arztes, alle Weisungen Atmas waren in diesem Augenblick vergessen.
-
-»Silvester, verlaß mich nicht! Silvester, bleibe bei mir!«
-
-War es der Klang ihrer Stimme so nahe an seinem Ohr? Einen Augenblick
-hob er die Augenlider, als suche er mit Gewalt die Umgebung zu
-erkennen. Dann schlossen sie sich wieder. Der Kopf sank tiefer. Er lag
-ganz still und regungslos.
-
-»Silvester!«
-
-Ein Schrei aus tiefster Not war es. Leise sank sie neben dem Bett auf
-die Knie und vergrub das Antlitz in ihre Hände.
-
-Atma war in das Zimmer getreten. Seine Augen ruhten forschend auf den
-Zügen Silvesters.
-
-»Die Seele ist stärker als der Tod ... Er ist gerettet.«
-
-Er murmelte es leise und trat zurück.
-
-Von neuem öffnete der Kranke die Augen. Diesmal viel freier und
-leichter. Und sah mit freudvollem Staunen den blonden Kopf an seiner
-Brust, dessen Antlitz ihm verborgen war.
-
-»Wer ... Was ist ...«
-
-Jane war aufgesprungen.
-
-»Er lebt, er wird leben!«
-
-Noch erkannte Silvester sie nicht.
-
-»Wer ist ... wer bist ...«
-
-»Jane, deine Jane bin ich ... Jane ist bei dir! Gott hat uns wieder
-vereinigt.«
-
-Der Schimmer des Verstehens, des Wiedererkennens flog über die Züge
-Silvesters.
-
-»Jane?«
-
-»Ja, deine Jane ... für das ganze Leben!«
-
-»Jane! ... Jane!« ... Er wiederholte den Namen, als gewähre ihm das
-Aussprechen höchste Seligkeit. Er hob die Arme und legte sie um Janes
-Hals. Er zog ihr Haupt zu sich und lehnte seine Wange an die ihre.
-
-»Meine Jane«, sagte er so leise, daß sie wohl bemerken konnte, wie die
-körperliche Schwäche ihn zu übermannen drohte.
-
-»Vor Gott schon lange und jetzt auch vor den Menschen.«
-
-Seine Augen schlossen sich wieder, aber das selige Lächeln blieb auf
-seinen Lippen. Schnell und sanft schlummerte er ein.
-
-Mit unhörbaren Schritten trat Atma neben Jane.
-
-»Dein Geliebter schläft. Die Gefahr ist vorüber. Du armes Kind mußt
-auch ruhen. Komm und laß mich allein mit Silvester. Zur rechten Zeit
-will ich dich rufen.«
-
-»Er schläft, er ist gerettet!« wiederholte Jane. Sie sprach es leise.
-Einen langen Blick warf sie auf den ruhig Schlummernden und folgte dem
-Inder.
-
-Nachdem die Krisis überstanden, die Kraft des Fiebers gebrochen war,
-machte die Genesung Silvesters schnelle Fortschritte. Schon am dritten
-Tage ging er an Janes Arm über die Wege des parkartigen Gartens, der
-das Herrenhaus umschloß, und jede Stunde des Tages war eine Stunde
-des Glücks für die Liebenden. Nach einer Woche wagten sie es, den
-Pfad zum Ufer des Torneaelf zu wandern, berückt und entzückt von der
-romantischen Schönheit dieser wunderbaren Landschaft. Ein unendliches
-Glücksgefühl durchflutete ihre Herzen. In dem dichten Grase am Flußufer
-ließen sie sich nieder. Silvester lehnte seinen Kopf in Janes Schoß und
-schloß tief atmend die Augen.
-
-»Wenn ich deine liebe Gestalt nicht fühlte, möchte ich glauben, es wäre
-nur ein schöner Traum, und würde den Himmel bitten, daß er mir ein Ende
-fände. Jane, du bist bei mir«, er zog ihre Hände an seine Lippen und
-küßte sie. »Die guten Feenhände, ihnen verdanke ich mein Leben.«
-
-»O Silvester, wie gern wäre ich für dich gestorben, hätte mein Tod dir
-Rettung bringen können. Du hast so vieles, wofür du leben mußt. Ich
-habe nichts als dich. Was sollte aus mir werden, wenn ich dich nicht
-hätte.«
-
-Ihre Arme umschlossen den Geliebten. Ihre Augen versenkten sich
-ineinander ... ihre Lippen fanden sich in einem langen, langen Kuß.
-
-
-
-
-Teil III.
-
-
-»Auf die Postille gebückt zur Seite des wärmenden Ofens ...«
-
-Es war Geburtstag im Hause Termölen. Das Geburtstagskind Andreas
-Termölen trug seine acht Jahrzehnte, so gut ein Mensch sie zu tragen
-vermag. Schon am Vormittag hatte er den Festrock aus feinem schwarzen
-Tuch angelegt. Die Kriegskreuze aus dem großen Kampfe von Anno 14 bis
-18 schimmerten auf der linken Brustseite.
-
-Das volle, weiße Haar, der starke Schnurrbart gaben dem Gesicht einen
-energischen Zug. Doch die Jahre machten sich fühlbar. An der Seite
-seiner Luise, der fünf Jahre jüngeren Gattin, hatte der Jubilar in den
-Vormittagsstunden die Schar der Gratulanten empfangen. Die Wirtz, die
-Schmitz, die Raths und wie sie alle hießen. Der Duft von Blumenspenden
-erfüllte das Wohnzimmer. Der Alte hatte sich aufrechtgehalten. Mit
-alten Freunden und Kriegskameraden geplaudert und ein Gläschen
-getrunken.
-
-Danach das Mittagsmahl. Nur zu zweit mit seinem Luischen, die mit ihm
-jung gewesen und alt geworden war. Da spürte er die Anstrengungen des
-Tages. Die Hände zitterten mehr als gewöhnlich. Der Rücken schmerzte
-ein wenig.
-
-Besorgt betrachtete ihn die Gattin.
-
-»Es is also, als et Bismarck schon gesacht hat. Die ersten Siebenzig
-sind alleweil die besten. Da is nichts dran zu ändern, Luische.« So
-suchte er die Sorge der Gattin fortzuscherzen. Und war doch froh, als
-er sich nach geschehener Mahlzeit behaglich in dem alten Ledersessel
-ausstrecken konnte. Da konnten sich die alten Glieder wohlig ruhen und
-lösen.
-
-Die Termölensche Ehe war kinderlos. Die Liebe der alten Leute betätigte
-sich an Neffen und Nichten. Auch an der dritten Generation, die zum
-größten Teil schon erwerbstätig im Leben stand.
-
-Der alte Mann wollte sein Schläfchen machen. Aber die Anregungen und
-Ungewohnheiten des Tages wirkten nach. Er war zu aufgeregt dazu.
-
-»Wat meinst du, Luischen, ob de Jong, de Willem, hüt von Essen
-röwerkütt?«
-
-»Ich mein, er wird schon komme, wenn er Zeit hat.«
-
-Die Zwiesprach galt dem Oberingenieur Wilhelm Lüssenkamp von den
-Essener Stahlwerken. Der stand nun auch schon im fünfzigsten
-Lebensjahre. Aber für die beiden Alten blieb er nach wie vor »de Jong,
-de Willem«.
-
-Der Alte sann einige Zeit über die Antwort nach.
-
-»Wenn er Zeit hat. Et jibt jetzt mächtig zu don. Et jibt bald Krieg.
-Engländer und Amerikaner. Et soll mich freuen, wenn dat Volk sich
-ordentlich de Köpp zerschlägt.«
-
-Dann sprangen seine Gedanken zu einem anderen Gegenstand über.
-
-»Wer hätt dat jedacht, Luische, dat aus unserer Reisebekanntschaft auf
-dem Schiff ... damals hinter Bonn ... dat daraus wat Ernstlichet werden
-wird. Ich han mir nachher jedacht, die jungen Leut' müßten mich für
-'nen alten Schwefelkopf halten. Und da kütt dann en Brief aus Amerika.
-Un dann noch einer aus Schweden. Dat muß ich nochmal lesen.«
-
-Frau Luise Termölen brachte die Briefe. Der alte Mann versuchte zu
-lesen. Die Hand war zu zitterig, und die Schrift verschwamm ihm vor den
-Augen.
-
-»Lis du es jet, Luische. Du hast jüngere Augen.«
-
-Frau Luise setzte sich zurecht und las die fünfzigmal gelesenen Briefe
-zum einundfünfzigstenmal.
-
-
- Trenton, den 14. Dezember 1953.
-
- Geehrter Herr Termölen!
-
-Ein wunderbarer Zufall hat es gefügt, daß die Hinweise, die Sie mir
-vor Jahresfrist gaben, mir wirklich ziemlich vollkommene Klarheit über
-meine Herkunft gebracht haben. Ich bin, wie Sie aus dem Poststempel
-ersehen können, in Trenton. In denselben Staatswerken, in denen auch
-Frederic Harte bis vor zwei Jahren seine Stellung bekleidete. Er
-verlor sein Leben bei einem Unfall. Aber seine Witwe weiß über die
-Schicksale der einzelnen Familienmitglieder gut Bescheid. Ich habe
-Frau Harte und ihre Tochter Jane kennen und schätzen gelernt. Nach den
-langen Unterhaltungen, die ich mit Frau Harte hatte, ist es für mich
-Gewißheit, daß ich der Sohn von Gerhard Bursfeld bin, der im Herbst
-1922 in Mesopotamien verschollen ist. Zeit und Ort stimmen genau mit
-den Angaben, die mir von anderer Seite her über das Verschwinden meines
-Vaters bekannt wurden. Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Deutsche an
-derselben Stelle zur selben Zeit in dieser Weise verschwinden sollten,
-ist praktisch gleich Null. Auch Frau Harte bestätigte die Ähnlichkeit
-mit Gerhard Bursfeld, von dem sie gute Bilder besitzt. Ich darf Sie
-danach auch als meinen Verwandten betrachten und begrüße Sie als
-
- Ihr dankbarer
-
- Silvester Bursfeld.
-
-
-Der Brief war an den Kniffstellen mehrfach eingerissen und trug die
-Spuren häufiger Lektüre.
-
-»Wer hätte dat jedacht, Luische, dat die Menschen sich auf Jottes
-weiter Welt so zusammenfinden. Laß mich och den zweiten Brief hören.«
-
-Frau Luische rückte die Brille zurecht und las weiter. Der andere Brief
-war neuesten Datums.
-
- Linnais, den 5. Juli 1955.
-
- Mein lieber Herr Termölen!
-
-Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt und verdanke Ihnen, daß
-ich es bin. Hätten Sie mir damals nicht die Nachweise gegeben, wär ich
-nie zu Mrs. Harte gekommen. Dann wäre Jane Harte auch nicht meine liebe
-Braut und in zwei Stunden mein angetrautes Weib. Es treibt mich, Ihnen
-von meinem Glück Kenntnis zu geben. Heute nachmittag gehen wir auf die
-Hochzeitsreise. Italien, Griechenland, Ägypten bis zu den Pyramiden.
-Jane kennt die Alte Welt noch nicht. Sie hat immer in Amerika gelebt.
-Auf der Rückreise wollen wir Sie besuchen. Ich lade mich und meine
-junge Frau auf die Mitte des Monats für ein paar Tage bei Ihnen zu
-Gaste. Durch Jane, die es von ihrer Mutter weiß, erfuhr ich, daß Sie
-am 8. Juli Ihren achtzigsten Geburtstag feiern. Wir gratulieren dazu
-von den Ufern des Torneaelf her und werden unsere Glückwünsche bald
-mündlich wiederholen.
-
-Ich bleibe
-
- Ihr ergebenster ...
-
-
-Frau Luise blickte von ihrer Lektüre auf. Nun war der alte Mann doch
-eingeschlafen. Die Natur verlangte ihr Recht. Sie ließ ihn ruhig
-schlummern und bereitete leise den Kaffeetisch für den Nachmittag.
-Der Junge, der Wilhelm, wurde ja erwartet. Vielleicht kamen auch noch
-andere Gäste. -- -- --
-
- * * * * *
-
-Die Hausglocke erklang. Andreas Termölen fuhr aus seinem Schlummer
-empor. Eine kräftige männliche Stimme im Vorraum. Wilhelm Lüssenkamp
-trat in das Zimmer. Der blonde Rheinländer begrüßte den alten Oheim
-herzlich und brachte ihm seine Gabe dar. Einen Korb mit Rosen, zwischen
-denen die rotgekapselten Hälse von einem Dutzend guter Flaschen
-verheißungsvoll blinkten.
-
-»Alter Wein für alte Leute, Onkelchen. Meine besten Glückwünsche. Lange
-kann ich nicht bleiben. Wir arbeiten mit Nachtschicht. Mit List und
-Tücke bewog ich den Kollegen Andriesen, mich über den Nachmittag zu
-vertreten. Erwischte einen freien Werkflieger, der mich bis Düsseldorf
-mitnahm, und da bin ich.«
-
-Andreas Termölen ließ den Wortschwall über sich ergehen. Drückte die
-Hände seines Neffen herzlich und lange.
-
-»Et freut mich, Jong, dat du noch auf en paar Stündchen den Weg zu
-deinem alten Ohm jefunden hast. Dafür sollst du och dat erste Stück vom
-Kuchen haben.«
-
-Sie setzten sich an den Kaffeetisch, griffen zu und ließen sich
-schmecken, was Frau Luise darbot.
-
-In die idyllische Ruhe dieses stillen Heims kam Wilhelm Lüssenkamp aus
-dem sausenden Getriebe der großen Essener Stahlwerke. Kam, brachte die
-Unrast und Anspannung harter Arbeit mit, und fand bei dem alten Manne
-freudiges Verständnis. Bis vor fünfzehn Jahren hatte Andreas Termölen
-selbst eine leitende Stellung in der rheinischen Stahlindustrie
-bekleidet. Er wußte, was es bedeutet, den Gang der Schmelzöfen zu
-überwachen und Abstich auf Abstich in die Kokillen zu bringen. Begierig
-lauschte er den Erzählungen des Neffen.
-
-Daß das Werk im Laufe der letzten vierzehn Tage die Zahl der Stahlöfen
-verdreifacht habe. Tag und Nacht wurde mit riesenhaft vermehrtem
-Personal gearbeitet. Eben trocken, wurden die Ofen schon in Betrieb
-genommen. Vorsichtig begann die Beheizung. Die Gasanlage war Gott sei
-Dank auf Zuwachs gebaut und lieferte den nötigen Brennstoff.
-
-War nach vierundzwanzigstündiger Beheizung die letzte Spur von
-Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk getrieben, dann wurde der volle
-Flammenstrom angestellt. Dann stieg die Hitze im Ofeninnern in
-wenigen Stunden auf grelle Weißglut. Dann warfen die Maschinen Charge
-auf Charge in den Ofen. Gußbrocken, Schmiedeeisen und alle anderen
-Rohstoffe, aus denen in der Höllenglut der edle Stahl gekocht wurde.
-
-Der warme Betrieb mußte Tag und Nacht durchgehen, weil man die Öfen
-nicht einfrieren lassen durfte. Aber er ging jetzt forciert. Er war
-schon verdreifacht und sollte noch einmal verdreifacht werden.
-
-»Wat soll dat all? Wo wollt ihr mit der Unmasse Stahl hin?«
-
-Wilhelm Lüssenkamp zuckte mit den Achseln.
-
-»Nicht meine Sorge, Ohm. Das Schmelzwerk hat den Auftrag, soviel Stahl
-wie möglich zu liefern. Wenigstens aber eine Million Tonnen im Jahr.
-Da heißt es: Anbauen und sich dranhalten. Übrigens ... ich verrate
-damit kaum ein Geheimnis: Es ist stadtbekannt, daß die Amerikaner
-unmenschliche Stahlmengen für ein Sündengeld fest gekauft haben und in
-Deutschland stapeln.«
-
-»Et jibt Krieg, Jung. Ick hab dat schon vorher jesagt.«
-
-»Kann sein, Onkel Andreas. Es sieht so aus, als ob John Bull und Uncle
-Sam sich an die Kehle wollen. Der Amerikaner kauft Stahl. Der Engländer
-interessiert sich mehr für fertige Sachen. Im Motorenraum, unsere
-neuen Turbinen ... ich will mich nicht rühmen ... aber die haben's in
-sich und haben's auch den Englischen angetan. Bei den Probefahrten
-haben wir zwölfhundert Kilometer geschafft. Die bis jetzt schnellsten
-Maschinen, das ist die amerikanische R. F. c.-Type. Tausend Kilometer.
-Von uns um zweihundert Kilometer geschlagen. Der englische Kapitän,
-der eine Probefahrt mitmachen durfte, war einfach platt. Steckte die
-Entfernung zwischen Fredericsdal an der grönländischen Südspitze und
-der Wendemarke auf der Azoreninsel immer wieder auf dem Globus ab und
-schüttelte den Kopf. Seitdem sind die Engländer scharf hinter den
-Turbinen her. Zehntausend Stück sofort in festen Auftrag.«
-
-Wilhelm Lüssenkamp ließ den Blick auf den Kriegsorden des Oheims ruhen.
-
-»Du hast die alten Denkzeichen angelegt?«
-
-Er beugte sich vor und ließ einzelne Spangen der Dekoration durch die
-Finger gleiten.
-
-»Sommeschlacht ... Verdun ... Kemmelberg ... Ypern ... Dixmuiden ...
-Chemin des Dames ... blutige Orte. Nach dem, was wir schon als Kinder
-hörten, muß es da böse zugegangen sein.«
-
-Der alte Mann nickte zustimmend.
-
-»Jong, et is jetzt vierzig Jahre her. Aber die Tage stehen mir noch wie
-heute vor dem Gesicht. Manchmal scheint et mir noch heut unglaublich,
-dat ich damals am Leben geblieben bin ... Et war die Hölle. Et war
-mehr als die Hölle.« Der Alte schwieg, von der Erinnerung ergriffen.
-Der Neffe nahm das Thema auf.
-
-»Es war schlimm, Onkel Andreas. Aber jetzt kommt es noch viel
-schlimmer. Der Krieg, der uns bevorsteht, wird das Entsetzlichste, was
-die Welt jemals gesehen hat. Dreihundert Millionen Nordamerikaner gegen
-siebenhundert Millionen Britten. Die Industrie der Erde schon jetzt
-keuchend in voller Kriegsarbeit. Neue Mittel, neue Mordmethoden, von
-denen die meisten Menschen heute noch keine Ahnung haben. Aber ... es
-geht nicht um unsere Haut. Die beiden Weltmächte, die übriggeblieben
-sind, schneiden sich die Kehle ab. Niemand kann die Katastrophe
-aufhalten. Sie ist unabwendbar. Wenn sie nicht morgen kommt, dann
-übermorgen. Aber sie kommt. Ich glaube nicht, daß wir noch im Frieden
-den Kornschnitt erleben. Nach meiner Meinung muß der amerikanische
-Diktator ganz plötzlich und unvermutet losschlagen, wenn er die
-besseren Chancen auf seine Seite bringen will.
-
-Die Engländer sprechen seit fünfzig Jahren vom ~Saxon day~. Ich meine,
-er steht dicht vor der Tür, und kein Mensch kann das Verhängnis
-aufhalten.«
-
-»Kein Mensch ...«
-
-Der alte Mann wiederholte es nachdenklich.
-
-»Sie haben et nicht verdient, dat wir ihnen eine Träne nachweinen. Laßt
-sie sich meinetwegen die Hälse abschneiden ... janz wat anderes, Jung'!
-In zehn Tagen jibt et bei uns Besuch. Einer von den Bursfelds. Ich hab
-dir ja erzählt, wie wunderlich wir ihn entdeckt haben. Seine Jroßmutter
-war meine Schwester. Eine Schwester deiner Mutter. Er wird uns mit
-seiner jungen Frau besuchen. Sieh, dat du in den Tagen auch mal zu uns
-kommst.«
-
-Wilhelm Lüssenkamp versprach es. Sah auf die Uhr und bemerkte, daß
-es die höchste Zeit zum Aufbruch sei. Er mußte eilen, wenn er sein
-Flugzeug an der verabredeten Stelle treffen wollte. Die siedende Arbeit
-rief ihn zurück, fort aus dieser ruhigen Feierstimmung, in die Gluten
-und zu den rasselnden Maschinen industriellen Hochbetriebes.
-
- * * * * *
-
-Glockengeläut klang vom Turm der alten Kirche von Linnais. Über die
-sonnenbeschienenen Dächer des Ortes, über bestellte Felder, die
-in kurzen Sommerwochen spärlichen Ertrag brachten, zogen die Töne
-dahin, das Tal des Torneaelf entlang und verloren sich schließlich in
-bläulicher Ferne zwischen den föhrenbestandenen Ufern.
-
-In der Kirche herrschte gedämpftes Licht. In hundert Farben spielte
-es durch die bunten Fenster. Die Kirche fast leer. Nur einige
-zwanzig Personen auf den dreihundertjährigen Eichenbänken und in den
-Chorstühlen.
-
-Die Orgel setzte ein. Die Klänge des Chorals drangen durch den Raum. Es
-war der Hochzeitstag Silvesters. Der Tag seiner Vereinigung mit Jane.
-
-Die Orgel schwieg. Der alte Geistliche segnete den Bund. Jane im weißen
-Kleide, den Myrtenkranz im lichtblonden Haar, ätherisch zart. Sie glich
-den Engelsgestalten, welche die Kunst eines alten Meisters über dem
-Altar geschaffen hatte. Silvester, den Arm nach der Verwundung noch in
-der Binde, aber froh und glücklich.
-
-Dicht hinter dem Paar die beiden Zeugen der Zeremonie: Erik Truwor und
-Soma Atma.
-
-Der Inder ruhig, in sich versunken. Der freie Ritus der Zeit erlaubte
-es ihm, hier als Zeuge zu dienen. Seine Gedanken weilten bei den Lehren
-der eigenen Religion. An das Rad des Lebens dachte er, an das wir alle
-gebunden sind. An das Kämpfen und Leiden aller Kreatur, die erst nach
-tausendfacher Wiedergeburt und Bewährung zur ewigen Seligkeit des
-Nirwana eingehen darf.
-
-Erik Truwor hoch gereckt. Jede Muskel verhaltene Kraft. Glücklich beim
-Glücke des Freundes. Doch schon weitere Pläne erwägend. Ungeduldig über
-jede Verzögerung, die seine Lebensaufgabe erfuhr.
-
-Der Priester wechselte die Ringe. Leicht schob sich der goldene Reif
-auf den schlanken Finger der Braut. Hart und schwer legte er sich an
-Silvesters Hand neben den Ring von Pankong Tzo.
-
-Atma sah es, und seine Gedanken nahmen einen anderen Lauf.
-
-»Wer schon gebunden ist, soll sich nicht nochmals binden. Zwei
-Pflichten kann niemand erfüllen, zwei Herren niemand dienen.«
-
-Der christliche Priester sprach milde Worte. Daß sie nun eins seien.
-Daß jedes dem anderen gehöre, bis einst der Tod sie scheiden würde.
-
-Atma sah nur die beiden Ringe an Silvesters Hand.
-
-Auch Erik Truwors Gedanken wanderten. Fort aus dem grünen Tale,
-nordwärts über brandendes Meer und weite Eisflächen zu verschneiten
-Felsen. Nur undeutlich drangen die Worte des Priesters an sein Ohr.
-Im Geiste baute er dort nordwärts in eisigen Fernen bereits eine neue
-Zufluchtsstätte. Ein neues Heim, unentdeckbar und unangreifbar.
-
-Der Geistliche hatte geendet. Segnend legte er die Hände auf die
-Häupter der Neuvermählten. Ein voller Sonnenstrahl fand seinen Weg bis
-zum Altar und wob aus goldenem Licht eine Krone auf dem Scheitel der
-Braut. Die Orgel fiel wieder ein. Die Feier ging dem Ende zu.
-
-Kraftwagen brachten die Teilnehmer zum Hause Truwor zurück, wo das
-Mahl gerichtet war. Gäste aus dem Ort: Der Vogt von Linnais mit seiner
-Gattin. Der Königliche Richter. Besitzer freier Bauernhöfe aus der
-Umgebung von Linnais mit ihren Frauen.
-
-Eine schwedische Hochzeit mit den alten Sitten und Gebräuchen. Seit
-einem Menschenalter hatte die hohe Halle des Hauses so zahlreiche
-Gesellschaft nicht mehr beherbergt. Seitdem Erik Truwors Mutter starb
-und der Vater nur noch seiner Wissenschaft und seinen Reisen lebte.
-
-Jetzt dröhnte der Dielenboden unter den Schritten kräftiger hoher
-Gestalten. Scherzen und Lachen erklangen und verjagten die Geister der
-Einsamkeit.
-
-Amtmann Bjerkegrön führte als Respektsperson den Vorsitz und das Wort
-an der Tafel. Richter Kongsholm sekundierte ihm vom anderen Ende her.
-Es wurde geschmaust und getrunken. Der Amtmann brachte den Toast auf
-das junge Paar aus. Der Richter wollte nicht nachstehen und sprach auf
-künftige Paare, die in dieser Halle noch Hochzeit halten würden. Der
-nächste Bräutigam müsse Erik sein. Seit tausend Jahren stünde Haus
-Truwor und sei stets vom Vater auf den Sohn vererbt worden. Also ...
-
-Er schloß in nicht mißzuverstehender Weise und leerte sein Glas auf die
-noch unbekannte Braut.
-
-Um drei Uhr hatte das Mahl begonnen. Um sechs Uhr saß man noch. Viele
-Toaste waren ausgebracht, viele Gläser geleert worden. Die Köpfe waren
-rot, und die Stimmung ging hoch. Allgemeines Stimmengebraus erfüllte
-den Raum. Mancher sprach, um zu sprechen, und achtete nicht sonderlich
-mehr darauf, ob er Zuhörer fand.
-
-Erik Truwor hatte in der allgemeinen Lebhaftigkeit unbemerkt seinen
-Platz verlassen und sich halb rückwärts hinter Atma einen Stuhl
-hingezogen. Der Inder war ruhig und schweigsam wie gewöhnlich. Während
-der Richter von künftigen Hochzeiten sprach, ruhte sein Blick auf den
-altersbraunen Deckenbalken der Halle. Wieder kam ihm in jener Sekunde
-die unheimliche Gabe des Fernsehens, und er glaubte verzehrende Flammen
-um das Gebälk lecken zu sehen.
-
-»Dein brauner Kumpan ist schweigsam, Erik. Wir wollen ihm zeigen, was
-eine Hochzeit in Schweden ist. Ein Brautführer darf nicht nüchtern
-bleiben, wenn er der Braut Ehre machen soll.« Der dicke Vogt rief
-es lachend und kam dem Inder mit einem vollen Pokal vor. Atma tat
-Bescheid. Dem Vogt und vielen anderen. Nur war der Trunk, der bald
-goldglänzend, bald funkelnd wie Rubin in seinem Glase schimmerte, kein
-Wein.
-
-Erik Truwor beugte sich vor.
-
-»In dreißig Minuten muß Silvester aufbrechen, wenn er den Anschluß an
-die Regierungslinie nach Deutschland erreichen soll.«
-
-»So laß ihn gehen.«
-
-Atma sagte es ruhig und leidenschaftslos.
-
-»Du kennst meine Landsleute nicht. Sie wollen den Brauttanz. Sie wollen
-den Schleier der Braut vertanzen, wollen zuletzt aus dem Brautschuh
-trinken. Ich bedauere es jetzt, daß ich die alten Freunde und Nachbarn
-eingeladen habe. Es gibt Anstoß, wenn das Paar jetzt aufsteht.«
-
-Atma überblickte die Tafel. Sie waren alle in ihrem Element. Der
-Richter hielt dem Beisitzer einen Vortrag über einen besonders
-interessanten Fall aus der letzten Sitzung. Der Vogt machte der Frau
-Amtmann Komplimente. Der Amtmann begann auf die Regierung zu schimpfen.
-
-»Ich muß mit Silvester noch sprechen. Wir haben ihm eine Woche für
-seine Hochzeitsreise zugestanden. Ich habe mich besonnen, er mag
-vierzehn Tage reisen.«
-
-Atma wandte sich aufmerksam um.
-
-»Warum das? Du wolltest ihn zuerst nur drei Tage entbehren. Er hat dir
-die Woche abgerungen. Warum jetzt zwei Wochen?«
-
-»Weil ... ich habe meine Gründe, die ich dir später sagen werde. Ich
-muß das Paar jetzt aus dem Saal herausbekommen.«
-
-Atma ließ seinen Blick von neuem über die Tafel gehen. Er erhob sich
-und trat an die schmale Wand der Halle. Es sah aus, als ob er dort
-irgend etwas erklären oder zeigen wolle.
-
-Schon hoben einige aus der Gesellschaft die Köpfe und blickten
-angespannt auf das dunkle Getäfel der Wand. Die Frau Amtmann fiel dem
-Vogt ins Wort.
-
-»Sehen Sie ... das herrliche Bild ... ein indisches Schloß, wie es
-scheint. Wie wundervoll! Die bunten Kuppeln im stahlblauen Himmel
-... unser Erik ist ein scharmanter Gastgeber. Er bietet uns einen
-Extragenuß ... Wohl Bilder von seinen exotischen Reisen ...«
-
-Der dicke Vogt hob neugierig den Kopf und folgte der weisenden Hand
-seiner Nachbarin. Eben noch schien ihm weißer Nebel über die Wand zu
-wallen. Jetzt sah er in strahlender Schönheit den Kaiserpalast von
-Agrabad.
-
-Und machte den Nachbarn darauf aufmerksam. Und der den nächsten.
-Wie ein Lauffeuer ging es um die Tafel. Die mit dem Rücken gegen
-die Schmalwand saßen, drehten sich um. Wo Silvester und Jane nur
-das dunkle Getäfel erblickten, schimmerte den andern das wunderbare
-Bauwerk altindischer Kunst in strahlender Schöne. Aus dem stehenden
-wurde ein bewegtes Bild. Der Palast zog näher heran. Die staubige,
-sonnenbeschienene Straße dehnte sich bis in den Saal. Längst hatte
-der Richter seinen Prozeß, der Amtmann seinen Zorn auf die Regierung
-vergessen. Fasziniert starrten die Gäste auf das Schauspiel an der
-Wand. Die Elefanten des Königs kamen. Mit vergoldeten Stoßzähnen und
-purpurnen Schabracken.
-
-Es schien ein bunter Film zu sein, wie man ihn in allen Theatern hatte.
-Aber ein Film von unerhörter Farbenpracht. Und er blieb nicht an der
-Wand. Einzelne Figuren liefen bis weit in den Saal hinein.
-
-Lobbe Lobsen zog seinen Stuhl zurück, weil ein staubiger Pilger ihm
-direkt über die Füße lief. Immer wunderbarer wurde es. Atma, der eben
-noch in europäischer Kleidung da war, stand plötzlich im exotischen
-Gewand unter den Gestalten, begrüßte hier einen, nickte dort einer
-Figur zu, wurde gekannt und wieder gegrüßt.
-
-Derweil stand Erik Truwor draußen vor dem Hause am Schlage des
-Kraftwagens und tauschte den letzten Händedruck mit dem jungen Paar.
-
-»Reist glücklich! Genießt euren Honigmond! Die letzten drei Tage seid
-ihr Gäste im Hause Termölen. Am 19. hole ich dich von der Station der
-Regierungslinie ab. ~Farewell!~« Der Motor sprang an. Der Führer mußte
-sich eilen, um das Regierungsschiff nach Deutschland noch im Flughafen
-zu fassen.
-
-Erik Truwor kehrte langsam in die Halle zurück. Er fand Atma
-ruhig auf einem Sessel an der Schmalwand der Halle sitzend. Die
-Hochzeitsgesellschaft starrte mit aufgerissenen Augen auf diese Wand,
-als ob dort ein besonderes Schauspiel zu erblicken wäre. So ähnlich
-mußten wohl die Studenten in Auerbachs Keller ausgesehen haben, als
-Mephisto ihnen edle Weine aus dem trockenen Holz des Tisches fließen
-ließ. Erik Truwor konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.
-
-Atma erhob sich und ging auf seinen Platz am Tische zurück. Im gleichen
-Augenblick begann das Bild, welches die Zuschauer so fesselte, zu
-verblassen. Es wurde neblig, verlor die Farbe, und schon war wieder die
-dunkle Wand sichtbar. Nur langsam löste sich die Erstarrung der Gäste.
-Dann entlud sich der Beifall um so lauter.
-
-Herrlich ... großartig ... wundervoll. Die Plastik der Bilder. Das
-Hinaustreten der Figuren in den freien Raum. Sie waren fast alle in
-Stockholm gewesen und hatten das Kino mit allen Feinheiten gesehen.
-Farbig natürlich. Auf Nebelwände projiziert. Aber niemals hatten sie
-gesehen, daß einzelne Figuren des Bildes bis unter die Zuschauer liefen.
-
-Sie sparten nicht mit ihren Komplimenten gegen den Gastgeber.
-
-Und niemand vermißte das Brautpaar. Hin und wieder trank ihm einer
-zu, als ob Jane und Silvester noch auf ihren Plätzen säßen. Sie
-schmausten und zechten bis spät nach Mitternacht und dachten erst in
-den Morgenstunden an die Heimfahrt.
-
-Erik Truwor kannte Atmas Künste. Er wußte, daß es dem Inder ein
-leichtes war, dieser ganzen auf keinerlei Widerstand eingestellten
-Gesellschaft die unwahrscheinlichsten optischen und akustischen
-Phänomene zu suggerieren. Aber es erfüllte ihn dennoch mit Erstaunen,
-als er sah, wie der Amtmann auf den leeren Stuhl von Jane zuschritt,
-sich feierlich vor einem Nichts verbeugte, mit einem Nichts
-im Arm durch die Halle walzte und das Nichts wieder zum Stuhle
-zurückgeleitete. Als die Amtmännin sich mit geschmeicheltem Lächeln
-erhob und ebenso solo durch den Raum tanzte. In der festen Überzeugung,
-vom Bräutigam aufgefordert zu sein, von ihm geführt zu werden.
-
-Es wirkte auf Erik Truwor, weil alle Gäste diesen Tänzen besonderen
-Beifall spendeten. Weil sie alle den Schemen sahen, den der Wille Atmas
-ihnen aufzwang, weil er allein der Suggestion nicht unterworfen war und
-das unsinnig Groteske dieser Tänze voll spürte.
-
-Er war es zufrieden, als die letzten das Haus verließen.
-
-Gefolgt von Atma, ging er in das Laboratorium. Dort stand der neue
-Strahler, gekuppelt mit dem Fernseher.
-
-»Wo mag das Paar jetzt sein?«
-
-Der Inder antwortete nicht sogleich. Seine Augen blickten weit geöffnet
-in die Ferne. Langsam kamen die Worte.
-
-»Im Süden in weiter Ferne ... über schneebedeckten Bergen.«
-
-»Du meinst im deutsch-italienischen Regierungsschiff? Wir werden sehen.«
-
-Erik Truwor sagte es mit stolzer Befriedigung. Er richtete den Apparat.
-Er ließ einen leichten Energiestrom strahlen. Ein Bild erschien auf der
-Scheibe. Ziehende Wolken, schneebedeckte Gipfel. Die Alpenkette ... das
-Gotthardmassiv. Ein schimmernder Punkt darüber.
-
-Er arbeitete an den Mikrometerschrauben der Feinstellung. Er richtete
-und visierte.
-
-Da wuchs der Punkt zum großen Flugschiff. Jede Schraube, jede Niete
-wurde erkennbar. Er mußte dauernd regulieren, um das schnell fahrende
-Schiff in dieser Vergrößerung nicht aus dem Gesichtsfelde zu verlieren.
-
-Jetzt stimmten Regulierung und Flugschiffbewegung genau überein.
-Regungslos verharrte das Schiff in der Mitte der Bildfläche. Vorn
-dicht hinter der breiten Zellonscheibe der Kabine standen Silvester und
-Jane. Hand in Hand, glücklich lächelnd, blickten sie vor sich nieder in
-die fruchtbare italienische Ebene.
-
- * * * * *
-
-»Alle diese Kriegsgerüchte sind ... ich will den Ausdruck unserer
-Zeitungsleute gebrauchen ... sind stark verfrüht. Die Welt gehört den
-Anglosachsen. Sie wären Toren, wenn sie sich gegenseitig zerfleischen
-wollten. Der innere tiefliegende Grund zum Kriege fehlt, und deshalb
-wird es trotz allen Pressegeschreis und aller Nervosität keinen Krieg
-geben. Das ist meine persönliche Ansicht ... und nicht meine Ansicht
-allein.«
-
-Dr. Glossin sprach in der überzeugenden und beinahe hypnotisierenden
-Art, über die er so gut verfügte.
-
-Lord Horace Maitland saß ihm in der Bibliothek von Maitland Castle
-gegenüber. »Ihre Worte in Ehren, Herr Doktor. Aber warum versucht
-Amerika die europäische Stahlproduktion aufzukaufen?«
-
-Lord Horace ließ die scharfen grauen Augen forschend auf dem Arzte
-ruhen. Dr. Glossin hatte seine Muskeln in der Gewalt. Es war ja
-vorauszusehen, daß die Bemühungen der amerikanischen Agenten den
-Engländern nicht verborgen bleiben würden.
-
-»Es ist eine wohldurchdachte Maßnahme des Herrn Präsident-Diktators, um
-den Frieden der Welt aufrechtzuerhalten.«
-
-»Ich muß gestehen, daß mir die Zweckmäßigkeit dieses Weges nicht völlig
-einleuchtet.«
-
-»Eure Herrlichkeit wissen vielleicht nicht, daß ich geborener Schotte
-und nur durch Naturalisation Amerikaner bin. Ich betrachte es als
-meine vornehmste Aufgabe, die guten Beziehungen zwischen den beiden
-Ländern zu pflegen ... Sie werden einwenden, daß für diesen Zweck
-die gegenseitigen Botschafter der beiden Mächte vorhanden sind. In
-erster Linie gewiß! Aber ein Botschafter ist immer eine offizielle
-Persönlichkeit. Was er spricht, spricht er amtlich im Namen seines
-Standes. Vieles darf er nicht sagen, was zu sagen doch bisweilen gut
-ist.«
-
-Lord Horace strich mit beiden Händen die Zeitung auf dem Tisch glatt.
-Ein leichter Sarkasmus lag in den Worten seiner Erwiderung.
-
-»Sie dagegen, Herr Doktor, sind nicht mit der Last der Amtlichkeit
-beschwert, obwohl wir in England ziemlich genau wissen, daß Sie der
-vertraute Ratgeber des Präsident-Diktators sind. Sie sprechen ganz
-privatim als Herr Doktor Glossin mit Lord Maitland, der zufälligerweise
-der Vierte Lord der englischen Admiralität ist. So meinen Sie es?«
-
-»Genau so, Lord Horace. Und so erwidere ich denn: Wir erfuhren, daß
-die Agenten Englands auf dem Kontinent Kriegsmaterial in größtem Maße
-bestellten und kauften. Wir hätten mit gutem Rechte das gleiche tun
-können. Die Rüstungen beider Staaten wären dadurch bis zur Fieberhitze
-in die Höhe getrieben worden. Wir zogen es vor, unsere friedliche
-Gesinnung dadurch zu zeigen, daß wir nur den unverarbeiteten Rohstahl
-kauften. Es ist uns leider nicht in dem beabsichtigten Umfange
-gelungen. Ihre Regierung läßt nach unseren Ermittelungen Kriegsmaterial
-auf dem Kontinent bauen, durch das Ihre Luftstreitkräfte um fünfzig von
-Hundert verstärkt werden. Die Industrie auf dem Kontinent versteht es
-leider nur zu gut, aus der politischen Spannung Kapital zu schlagen.
-Immerhin werden Ihre Rüstungen durch unsere Stahlkäufe in solchen
-Grenzen gehalten, da wir selbst nicht neu zu rüsten brauchen.«
-
-Die Worte Dr. Glossins verfehlten ihre Wirkung auf Lord Horace nicht.
-Es war richtig, daß Amerika bisher nur Stahl gekauft hatte. Den
-freilich in ungeheuerlichen Mengen. Noch gab sich Lord Maitland nicht
-gefangen.
-
-»Sie werden die erworbenen Mengen nach den Staaten bringen und dort
-selbst die Waffen daraus schmieden.«
-
-Erstaunen malte sich auf Glossins Zügen. »Wir denken gar nicht daran,
-die zehn Millionen Tonnen Stahl, die wir bisher erwarben, nach den
-Staaten zu bringen. Es genügt uns, daß sie der Kriegsindustrie entzogen
-sind. Und ... vergessen Eure Herrlichkeit nicht ... wir haben schnell
-gekauft. Haben noch zu erträglichen Preisen gekauft.
-
-Eine Entspannung der politischen Lage wird über kurz oder lang
-eintreten. Die Völker der Welt werden sich, wie es immer nach solchen
-Situationen geschah, mit erneutem Eifer der Produktion für den Frieden
-hingeben. Aber das Rohmaterial wird dann teurer sein ...« Doktor
-Glossin fuhr mit erhobener Stimme fort: »Dann werden wir über diesen
-riesenhaften Vorrat frei verfügen. Wir haben es verhindert, daß
-Schwerter daraus gefertigt wurden, wir werden dann Pflugscharen daraus
-schmieden lassen. Die Wunden, die dieser Stahl schlagen wird, sollen
-fruchtbringende Ackerfurchen werden. So ist es die Meinung und der
-Wille meines ...«
-
-Er brach jäh ab, als habe er zuviel gesagt.
-
-»... meines Herrn, des Präsident-Diktators Cyrus Stonard«, ergänzte
-Lord Maitland die Worte Glossins in Gedanken. Jetzt war er überzeugt.
-
-Der Doktor behandelte die Kriegsgefahr als nicht vorhanden. Das konnte
-Verstellung sein, zu plump, um einen englischen Staatsmann auch nur
-eine Sekunde zu täuschen. Aber Dr. Glossin entwickelte gleichzeitig
-ein Zukunftsgeschäft, das den Amerikanern Milliarden von Golddollars
-bringen mußte, wenn die Spannung sich friedlich löste. Der Größe dieser
-wirtschaftlichen Aussichten konnte der Engländer sich nicht entziehen.
-Busineß bleibt Busineß. Der Grundsatz saß zu tief im englischen Denken
-und Fühlen, um nicht zu wirken.
-
-Eine Meldung des englischen Geheimdienstes hatte Lord Horace darüber
-unterrichtet, daß Dr. Glossin erst vor wenigen Tagen eine lange
-Unterredung mit Cyrus Stonard gehabt hatte. Es war außer Zweifel, daß
-er im Auftrage des Diktators sprach. Amerika suchte den Krieg zu
-vermeiden, machte dabei aber gleichzeitig ein Milliardengeschäft. Die
-Taktik war eines Cyrus Stonard würdig. Er vermied den Krieg, dessen
-Ausgang unter allen Umständen unsicher war, und schuf gleichzeitig
-die Prosperität, die seine Gewaltherrschaft wieder auf eine Reihe von
-Jahren sichern mußte.
-
-Blitzschnell gingen diese Gedanken Lord Horace durch den Kopf. Er
-prüfte in kurzen Minuten des Schweigens den Plan nach allen Richtungen
-und fand ihn wohldurchdacht. Das Netz war gut gewoben. Keine Masche war
-von der Nadel gefallen.
-
-Von diesem Augenblick an neigte er zu der Überzeugung, daß Cyrus
-Stonard ehrlich den Frieden wolle. Die Frage, ob auch England ihn
-wolle, stand auf einem anderen Brett. Es hatte danach jedenfalls die
-Möglichkeit, sich die Zeit für einen Konflikt nach Gefallen zu suchen.
-
-Lord Maitland hielt die Angelegenheit für wichtig genug, um zu einer
-Besprechung nach London zu fahren. Er überließ Dr. Glossin der
-Gastfreundschaft von Maitland Castle und der Gesellschaft von Lady
-Diana.
-
- * * * * *
-
-Maitland Castle war in der Tudorzeit erbaut. Spätere Umbauten hatten im
-Innern mehr Luft und Licht geschaffen, ohne das Äußere bemerkenswert
-zu verändern. Vor der Südfront des Schlosses lag eine breite Terrasse,
-gegen den Garten durch eine Sandsteinmauer begrenzt, mit Efeu und
-Monatsrosen übersponnen.
-
-Die Wasserkünste des Schlosses spielten. Aus gewaltigen Löwenrachen
-schossen die breiten Strahlen in Muschelschalen, fielen
-regenbogensprühend von Kaskade zu Kaskade die Mauerhöhe hinab, füllten
-ein großes Bassin, um schließlich in Form eines schilfumrandeten Baches
-dem See zuzufließen.
-
-Im Schatten einer Ulme saß Lady Diana in einem bequemen Korbstuhl. Das
-Buch, in welchem sie gelesen hatte, lag lässig in ihrer Hand.
-
-Ihr gegenüber saß Dr. Glossin.
-
-»Herr Doktor ... Ihr Interesse für meine Person versetzt mich in
-Erstaunen. Es geht weit über das hinaus, was meine anderen Gäste mir
-entgegenbringen, und ... was ich entgegengebracht haben möchte.
-
-Mein Gemahl sagte mir, daß Sie im Interesse unseres Vaterlandes
-nützliche Arbeit tun, den Frieden zwischen beiden Ländern erhalten
-helfen. Das ist in meinen Augen ein großes Verdienst. Es gibt Ihnen
-manche Freiheit. Aber jede Freiheit hat Grenzen ...«
-
-Diana Maitland zeigte Bewegung, als sie von der Erhaltung des Friedens
-sprach. Zum Schluß klang ihre Stimme kalt abweisend.
-
-»Eure Herrlichkeit legen meinen Worten einen falschen Sinn unter.
-Was ich sagte, hängt mit dem Wohlergehen unserer beiden Länder eng
-zusammen.«
-
-»Herr Doktor, Sie sprechen in Rätseln. Ich kann beim besten
-Willen keinen Zusammenhang zwischen meiner Mädchenzeit in Paris
-und dem Wohlergehen unserer Länder finden. Aber ich bewundere
-Ihre Quellenforschung. Sie sind wirklich recht genau über meine
-Vergangenheit unterrichtet ...«
-
-»Ich bin es in der Tat, Lady Diana. Ich bin es noch genauer, als Sie
-glauben.«
-
-»Bitte, Herr Doktor, ich habe nichts zu verbergen ...«
-
-Diana Maitland sagte es hart und spöttisch, um einen Überzudringlichen
-ein für allemal abzuweisen.
-
-»Ich sagte Eurer Herrlichkeit, daß unsere beiden Länder durch einen
-mächtigen und gefährlichen Feind bedroht sind.«
-
-»Ich hörte es bereits, Herr Doktor.«
-
-»Der Feind ist Erik Truwor.«
-
-Langsam brachte Dr. Glossin die Worte hervor. Und konnte ihre Wirkung
-Wort für Wort verfolgen.
-
-Lady Diana, eben noch das Bild sarkastischer Überlegenheit und kalt
-abweisender Ruhe, erblaßte. Ihre Augen weiteten sich bei der Nennung
-des Namens Truwor, als ob sie ein Gespenst sähe. Ihr Gesicht war sehr
-bleich. Viel mehr als die heitere Ruhe offenbarte die leidenschaftliche
-Erregung, deren Spiegel es jetzt war, alle Wunder dieses schönen
-Antlitzes. In dem prachtvollen Rahmen des reichen dunkelbraunen Haares,
-mit den halbgeöffneten Lippen und den bebenden Nasenflügeln hatte es
-etwas Dämonisches. Aus ihren Augen sprühte die Glut eines flammenden
-Zornes, eines tödlichen Hasses.
-
-»Erik?! ... Erik Truwor ...?« rief sie heftig.
-
-Sie warf den Kopf zurück und sah Glossin mit durchdringenden Blicken an.
-
-»Wie können Sie einen Namen aussprechen, dessen Nennung allein eine
-schwere Beleidigung für mich ist?«
-
-»Ich nannte den Namen eines Mannes, der heute unsere beiden Länder
-schwer bedroht ... und der vor langen Jahren, Lady Diana, auch einmal
-in Ihr Leben eingebrochen ist.«
-
-»Was sagen Sie? Erik Truwor bedroht ... bedroht das große England,
-bedroht das ganze Amerika? ... Ein einzelner Mann die mächtigsten
-Reiche der Welt? Soll das ein Scherz sein, Herr Doktor ...«
-
-Ihre Stimme bekam einen drohenden Klang. »So würde mir Ihre Anwesenheit
-in Maitland Castle von diesem Augenblick an für immer unerwünscht sein.«
-
-»Die Ungnade Eurer Herrlichkeit würde ich in Kauf nehmen, wenn ich die
-harte Tatsache zu einem leichten Scherz stempeln könnte.
-
-Ich nannte Erik Truwor. Zusammen mit zwei Freunden haust er in Schweden
-an der finnischen Grenze. Der eine seiner Freunde ist Silvester
-Bursfeld, der Sohn jenes Gerhard Bursfeld, den ich vor dreißig Jahren
-in den Tower brachte. Die beiden kennen das Geheimnis des Vaters, und
-sie entwickeln die Erfindung weiter.
-
-Bursfeld weiß, daß sein Vater als ein Opfer englischer Politik im
-Tower starb. Darum gilt seine Arbeit der Rache an England. Erik Truwor
-läßt ihn gewähren. Der Dritte im Bunde, ein Inder, hat für sein
-Vaterland auch eine ... kleine Rechnung mit England zu begleichen.
-
-Vom Torneaelf droht dem englischen Reiche eine Gefahr, viel schwerer,
-viel größer, als Cyrus Stonard mit seinem Dreihundertmillionenvolk sie
-jemals sein könnte. Erik Truwor mit seinen zwei Freunden ist mehr zu
-fürchten als Cyrus Stonard.«
-
-Lady Diana hatte ruhig zugehört. Nur ihre Blässe verriet ihre innere
-Erregung.
-
-»Wissen Sie, was Erik Truwor mir antat?«
-
-Dr. Glossin setzte die Worte vorsichtig und langsam.
-
-»Ich weiß, daß er der Verlobte der jungen Komtesse Raszinska war und
-daß er ihr ... den Verlobungsring zurücksandte.«
-
-»Sie wissen viel ... vielleicht nicht alles.«
-
-»Ich weiß auch, Lady Diana, daß Sie Erik Truwor hassen. Um so weniger
-werden Sie sich besinnen, zum Wohle Ihres Vaterlandes zu handeln und
-Ihren Gemahl auf die Gefahr aufmerksam machen, die von Linnais her der
-Welt droht.
-
-Lady Diana, fassen Sie den korrekten Sinn meiner Mitteilung: Erik
-Truwor und seine beiden Freunde sind im Besitze des Geheimnisses, um
-dessentwillen die englische Regierung Gerhard Bursfeld in den Tower
-brachte.
-
-Noch ist es Zeit! Ein einfacher Handstreich! Gut organisiert! Schnell
-unternommen und durchgeführt! Hat Ihre Regierung die Sache erst einmal
-beschlossen, wird sie auch wissen, wie sie durchzuführen ist.«
-
-Lady Diana hatte sich aufgerichtet. Widerstreitende Gefühle kämpften in
-ihr. Die Erinnerung an die glücklichen Monate in Paris wurde lebendig.
-Die Gestalt Erik Truwors traf ihr geistiges Auge. Die Zeit nach dem
-brüsken Bruch, die schrecklichste ihres ganzen Lebens, wachte auf.
-
-Glossin sah ihr Zaudern.
-
-»Hat Diana Raszinska vergessen, was ihr angetan wurde?«
-
-Diana Maitlands Augen flammten auf. Aus fremdem Munde zu hören, was sie
-im Innersten bewegte ...
-
-Dr. Glossin fuhr fort: »Ich sagte Ihnen bei unserer ersten Unterredung,
-daß Sie mir eines Tages die Hand zum Bündnis bieten würden. Der Tag ist
-gekommen. Zum Bündnis gegen den Feind unserer beiden Länder, der auch
-Ihr persönlicher Feind ist. Der Ihnen das Schwerste angetan hat, was
-ein Mann einer Frau antun kann.«
-
-Dr. Glossin streckte seine rechte Hand vor. Wenige Minuten des
-Schwankens. Dann legte Diana ihre Rechte in die des Doktors.
-
-»Es sei, Herr Doktor. Mein Gewissen bleibt unbelastet. Hegt Erik Truwor
-keine feindlichen Pläne gegen England, so wird er frei aus dieser
-Prüfung hervorgehen. Sonst ... Ich tue nur, was ich gegen jeden Feind
-meines Landes tun würde.«
-
-Lady Diana erhob sich. Ihre Erregung wich einer tiefen Abspannung. Sie
-hatte das Bedürfnis, aus Glossins Nähe zu kommen, allein zu sein, zu
-ruhen. Dr. Glossin begleitete sie bis an die Pforte des Schlosses. Dann
-kehrte er auf die Terrasse zurück.
-
- * * * * *
-
-Lord Horace Maitland war mit den Ergebnissen seiner Londoner Reise
-zufrieden. Seine Mitteilungen hatten ersichtlichen Eindruck auf das
-Kabinett gemacht. Man sah in London, wie die gefährliche Wetterwolke,
-die seit vierzehn Tagen dunkel drohend am politischen Himmel hing,
-allmählich lichter wurde. Während man vor zwei Wochen fast jede Stunde
-den Ausbruch des Krieges erwartete, schien die Gefahr jetzt von Tag zu
-Tag geringer zu werden. Man sah in London die Kriegsgefahr weichen und
-hatte keine Erklärung dafür.
-
-In diesen Stand der Dinge war Lord Horace mit den Anschauungen und
-Darlegungen getreten, die Dr. Glossin ihm entwickelt hatte.
-
-Es gibt im Schachspiel gefährliche Züge, bei denen die feindliche Figur
-den König angreift und gleichzeitig die Dame gefährdet. Solch einen
-Zug hatte Cyrus Stonard offenbar auf dem Brett. Während England Hals
-über Kopf Milliarden in neuem Kriegsgerät festlegte, kaufte er nur
-Stahl. Band starke Kräfte des Gegners und behielt die Möglichkeit, zur
-gegebenen Zeit Milliarden für die Union einzuheimsen.
-
-Nachdem man die Absicht des Gegners erkannt hatte, war es möglich,
-Abwehrpläne zu schmieden. Diese Möglichkeit dankte man den
-Informationen von Lord Horace, und die Anerkennung dafür kam zum
-Ausdruck.
-
-Lord Horace war zufrieden nach Maitland Castle zurückgekehrt. Er
-erkannte die Bedeutung und Wichtigkeit seines amerikanischen Gastes.
-Sein Entschluß, mit ihm auch fernerhin gute Beziehungen zu pflegen, ihn
-sich zu verpflichten, stand fest. In dieser Stimmung trafen ihn die
-Mitteilungen Dianas.
-
-Eine Gefahr für das Reich? ... Eine Erfindung, an der alle bekannten
-Kriegsmittel zuschanden wurden? ... Die Sache ging England und Amerika
-gleichermaßen an.
-
-Ganz dunkel spürte Lord Horace, daß die Union im Grunde selber zufassen
-und die Gefahr beseitigen könne ... Aber England hatte eine alte
-Rechnung mit diesen Leuten. Auch Lord Horace hatte damals die Akten des
-Bursfeld-Prozesses durchgesehen. Gehörte der Sohn des Mannes, der einst
-im Tower seinem Leben selber ein Ende setzte, zu diesem Kleeblatt in
-Linnais, dann mußte sich die Kraft der neuen Macht in der Tat zuerst
-gegen England richten. Dann war es in erster Linie Englands Sache,
-diese Gegner unschädlich zu machen ... aufzuheben ... und vielleicht
-die Erfindung selbst der Wehrmacht Englands dienstbar zu machen.
-
-An diese letzte Möglichkeit dachte Dr. Glossin wohl sicher nicht. Lord
-Horace zog sie in die Berechnung hinein. Ein einzelner konnte sterben,
-bevor ihm das Geheimnis entrissen war. Drei Mitwisser ... getrennt
-voneinander, in den sicheren Verliesen des Towers. Es mußte wunderbar
-zugehen, wenn es dann nicht gelang, in den Besitz des Geheimnisses zu
-kommen.
-
-Dr. Glossin hatte seine Minen gut gelegt, die Fäden durch Lady Diana
-geschickt gesponnen. Er hatte eine lange Unterredung mit seinem
-englischen Gastfreund. Als er nach zweistündigem Gespräch das Zimmer
-von Lord Horace verließ, lag die Genugtuung des großen Erfolges
-unverkennbar auf seinen Zügen. Es war ihm geglückt, was er selbst
-kaum für möglich gehalten hatte. Es war ihm gelungen, den klugen und
-weitsichtigen Engländer vor seinen Wagen zu spannen.
-
-Die Engländer hatten sich verpflichtet, die Kastanien für ihn aus dem
-Feuer zu holen. Sie nahmen ihm das schwerste Stück der Arbeit ab.
-Waren die drei erst einmal gefangen, dann brauchte man nicht mehr zu
-fürchten, daß plötzlich verzehrendes Feuer die Welt überfiel. Dann war
-die Bahn für neue Pläne frei.
-
- * * * * *
-
-Der Sonnenball berührte die stahlblauen Fluten des Tyrrhenischen Meeres
-und übergoß den Azurspiegel mit einer Flut roter und gelber Tinten.
-Auf dem Korso von Neapel wogte die Menge, Fremde und Einheimische, in
-buntem Durcheinander. Die Neapolitaner lachend und schwatzend, sich
-der Naturschönheiten ihrer Stadt und ihres Landes kaum noch bewußt.
-Die Fremden entzückt und gefesselt von einer Farbensinfonie, die ihre
-Töne von Minute zu Minute wandelte. Aber keiner von den Tausenden, die
-hier promenierten, genoß die Reize des Abends wohl so wie das Paar, das
-weitab von der Menge der Promenierenden seinen Platz auf der Straße zum
-Posilip gefunden hatte, wo das Grabmal Virgils sich neben dem alten
-Römerweg erhebt.
-
-Schon lange saßen sie dort wortlos, Hand in Hand, bis eine kühle Brise
-den Mann veranlaßte, das Schweigen zu brechen.
-
-»Wollen wir nicht lieber zurückgehen, Jane? Es weht frisch von der See.«
-
-»Nein, Silvester, laß uns noch bleiben ...«
-
-Noch fester umschloß sie Silvesters Arm.
-
-»Es ist unser letzter Abend in Italien. Du weißt ja nicht, mit welchem
-Grauen ich an die kommenden Stunden denke, in denen wir wieder zurück
-müssen, in denen du mich allein lassen wirst.«
-
-»Jane ... ich lasse dich doch nur für kurze Zeit, für wenige Tage,
-höchstens Wochen allein. Dann komme ich zu dir zurück, und dann sind
-wir für immer vereint. Noch viele, noch schönere Tage wird uns das
-Leben bescheren.«
-
-»Noch schönere Tage? ... Kann es noch Schöneres geben, als was wir
-jetzt genossen haben?
-
-Wie ein Traum, wie ein unendlich schöner Traum liegen die Tage der
-letzten Wochen hinter mir ... Unsere Hochzeit in Linnais. Wie Atma die
-ganze Gesellschaft betörte und wir ungesehen abreisen konnten ... die
-wunderbare Fahrt über die Eisgipfel der Alpen ... Dann der erste Gruß
-der sonnigen Gefilde Italiens ... das Mittelmeer, der Nilstrom, die
-Pyramiden ... Rom ... das hat mir weniger gefallen. Du sprachst viel
-von der Geschichte und Größe der Stadt. Aber ich ... bedenke nur, daß
-ich von Kindheit an immer in Trenton in unserem Haus und Garten gelebt
-habe. Rom, das war mir zuviel ...«
-
-Enger schmiegte sie sich an ihren Gatten.
-
-»Aber am meisten freue ich mich darauf, wenn wir nach dieser Reise
-erst ruhig in unserem eigenen Heim sitzen werden, wenn ich nicht mehr
-zu sorgen brauche, daß ... o warum, Silvester ... warum müssen wir uns
-noch einmal trennen, warum willst du noch einmal von mir gehen ... laß
-mich doch nicht zurück ... laß mich nicht allein in der fremden Welt
-zurück ... nimm mich mit nach Linnais. Ich will euch nicht stören. Ich
-will weder dir noch deinen Freunden in den Weg kommen, solange ihr mit
-eurer Erfindung zu tun habt. Nur laß mich bei dir bleiben.«
-
-Fester umschloß Silvester sein junges Weib.
-
-»Nein, Jane. Das ist unmöglich. Aber es sind ja nur wenige Wochen. Dann
-ist das große Werk vollendet. Dann bin ich unabhängig. Dann werden wir
-leben können, wie und wo es uns gefällt. Wo es uns am besten gefällt,
-da werden wir unser Heim gründen, nach dem ich mich ebenso sehne wie
-du.«
-
-Nach langem Schweigen hub Jane wieder an: »Ich weiß, Silvester, auch
-du gehst nur ungern. Erik Truwor ist es, der uns trennt ... Ja, Erik
-Truwor ...«
-
-Vorwurf und Bitterkeit lagen in den letzten Worten.
-
-»Jane! Du kennst Erik Truwor nicht. Und weil du ihn nicht kennst,
-kannst du ihn nicht verstehen. Unser Werk ... sein Werk ist größer
-als Menschenliebe und Menschenleid. Er arbeitet am Schicksal der
-Menschheit. Sollte das Geschick zweier Menschen ihn hindern dürfen ...
-Nein, Jane. Keinen Vorwurf für Erik Truwor.«
-
-Einen Augenblick saß Jane schweigend in sich zusammengesunken.
-Plötzlich warf sie ihre Arme um ihn.
-
-»Wenn du wüßtest, Silvester, was so manchmal bald stärker, bald
-schwächer mich beunruhigt. Bei Tag und auch bei Nacht, wenn ich in
-deinen Armen liege ...«
-
-»Jane ... liebe Jane. Was ist es, was dich quält?«
-
-»Wenn ich es sagen könnte ... wenn ich es wüßte, was es ist ... ich
-würde es dir sagen ... Eine dunkle Wolke ... wenn mein Auge in der
-schönen glücklichen Zukunft sucht, quillt es schwer und schwarz vor
-meinen Blicken auf ... Eine Ahnung ... eine Furcht ... ich weiß nicht,
-was es ist, aber alle heiteren Bilder verschwinden, ich muß die Augen
-schließen, muß weinen.«
-
-»Jane ... du liebes, armes Kind. Die letzten Monate haben zu sehr auf
-dich eingestürmt. Mein Verschwinden, der Tod deiner Mutter, der Streich
-Glossins ... das war zu viel für dein Herz. Scheuch sie weg, die trüben
-Ahnungen, wenn sie wiederkommen. Denke an mich. Denke an das Glück, das
-uns die Zukunft bringen wird ...«
-
-Sekunden des Schwankens. Dann legte Jane ihre Arme um Silvesters Hals.
-
-Liebevoll hüllte er ihre zarten Schultern in einen Schal und zog sie an
-seine Brust.
-
-Es war ein wehmütiger und tränenreicher Abschied, als Silvester sich
-endlich in Düsseldorf von seiner jungen Gattin trennte, um allein nach
-Linnais zurückzukehren. Nur der Gedanke machte das Auseinandergehen für
-Silvester und Jane erträglich, daß es nur eine Trennung von wenigen
-Wochen sein sollte. Nur noch einige Verbesserungen. Die Konstruktion
-und Ausführung eines neuen, noch viel stärkeren Strahlers. Dann, das
-war der feste Entschluß Silvesters, sollte ihn nichts mehr von seinem
-Weibe fernhalten. Mit dem festen Versprechen, in spätestens vier Wochen
-zurückzukehren und dann für immer mit ihr zusammenzubleiben, hatte er
-sich schließlich aus den Armen Janes gerissen.
-
-Er hatte ihr einen kleinen telephonischen Empfangsapparat dagelassen.
-Hatte sie zuletzt noch getröstet.
-
-»Mein Liebling, wenn ich auch noch einmal auf kurze Zeit von dir
-gehe, werde ich doch immer bei dir sein. Ich werde imstande sein,
-jeden Augenblick dein Bild lebendig vor mir zu sehen, werde in jedem
-Augenblicke wissen können, was du tust, und wie es dir geht. Und dir
-gibt dieser Apparat die Möglichkeit, wenigstens meine Stimme zu hören.
-Ich werde keinen Tag vorübergehen lassen, ohne dich zu sehen und mit
-dir zu sprechen.«
-
-Silvester hatte ihr den Gebrauch des Apparates genau gezeigt. Einen
-Druck auf einen Knopf, und die Elektronenlampen brannten. Den Hörer ans
-Ohr, und jedes Wort, das er in Linnais in den Schalltrichter sprach,
-wurde deutlich gehört.
-
-So war Silvester gegangen. Jane blieb allein im Hause Termölen zurück.
-Betreut von den beiden alten Leuten. Wie eine Tochter gehegt und
-gepflegt von Frau Luise und doch betrübt und einsam.
-
-Auf den Himmel der vierzehntägigen Hochzeitsreise folgte die Hölle der
-Trennung. Jane lernte in diesen schmerzvollen Tagen und Wochen kennen,
-was es für eine Frau bedeutet, ihr Herz an einen Mann zu hängen, der
-einer großen Idee verschrieben ist. Neben dem leichten Goldreif, der
-ihn an Jane band, trug Silvester den schweren Ring, der ihn mit Erik
-Truwor und Soma Atma zu einer Dreiheit zusammenschmiedete. Das bittere
-Schicksal der Frau, die mit ihrer Liebe den Plänen und der Lebensarbeit
-des Mannes nachstehen muß!
-
-Nur wenig hatte ihr Silvester von seinen Erfindungen und Arbeiten
-erzählt. Daß die Erfindung in wenigen Wochen abgeschlossen sei. Daß sie
-ihm solchen Gewinn bringen würde, daß er dann alle Berufsarbeit lassen
-und sich ganz seinem Eheglück widmen könne. Das war der Trost, der Jane
-in diesen Tagen aufrechthielt. Der Gedanke, daß diese Trennung nur noch
-eine letzte kurze Prüfung sei. Daß danach Silvester für immer bei ihr
-bleiben, ihr ganz gehören werde.
-
- * * * * *
-
-Herr Andreas Termölen schmunzelte, und Frau Luise zeigte ein
-verständnisvolles Lächeln, wenn Jane des Nachmittags in der vierten
-Stunde unruhig zu werden begann. Sie sorgte dafür, daß ihre Uhr auf die
-Sekunde genau die richtige Zeit zeigte. Eine Minute vor vier flammten
-an jedem Tage die Elektronenlampen auf, und um vier Uhr drangen die
-ersten Worte Silvesters aus dem Hörer an ihr Ohr. Worte der Sehnsucht,
-Versicherungen unerschütterlicher Liebe, Tröstungen, daß wieder ein Tag
-der Trennung vorbei sei. Mitteilungen, daß die Arbeit gut gefördert
-würde, daß das Ende in nahe Nähe gerückt sei.
-
-Silvester sprach. Er stand in Linnais in seinem Arbeitsraum. Den
-Schalltrichter der großen Telephonanlage am Munde. Den Strahler auf das
-Zimmer von Jane gerichtet, das Bild seines jungen Weibes lebendig vor
-sich auf der Mattscheibe.
-
-Jane konnte nur hören, doch nicht zurücksprechen. Eine Station
-zum Senden in einem Privathause hätte besondere Einrichtungen und
-Vorkehrungen erfordert, die in der Kürze der Zeit nicht durchzuführen
-waren. Sie mußte sich darauf beschränken, die Worte ihres abwesenden
-Gatten zu hören, Silvester konnte nur ihr Bild auf der Mattscheibe
-betrachten, mußte auf das gesprochene Wort verzichten. Wohl sah er, wie
-die Worte, die er selbst sprach, auf ihr Mienenspiel wirkten, wie die
-Beteuerungen seiner Liebe und Zuneigung den Schimmer der Freude über
-ihre zarten Züge verbreiteten, doch von dem, was sie selber sprach,
-konnte nichts an sein Ohr dringen.
-
-So hätte diese tägliche Unterhaltung einseitig bleiben müssen, wenn
-nicht die Liebe neue Mittel für die Verständigung gefunden hätte.
-
-Die vor Silvester stehende Mattscheibe gab das genaue Bild Janes,
-gab es in Lebensgröße. Jeden Zug, jede Bewegung ihrer Lippen konnte
-Silvester genau beobachten, und schnell lernte er es, ihr die Worte von
-den Lippen abzulesen. Er sah Jane und sprach. Jane hörte seine Worte,
-antwortete, und aus der Bewegung ihrer Lippen erriet er den Sinn der
-Antwort. Wiederholte ihn, ersah ihre Bestätigung aus ihrem glücklichen
-Lächeln.
-
-Jetzt am Ende der zweiten Woche der Trennung hatten es die
-Getrennten gelernt, sich auf diese Weise zu unterhalten, als ob sie
-nebeneinandersäßen und nicht fünfhundert Meilen zwischen ihnen lägen.
-Die tägliche Plauderstunde stärkte Jane den Mut bis zum nächsten Tag.
-Sie war für Silvester die Quelle, aus der er die Kraft schöpfte, sich
-wieder in seine Arbeit zu stürzen, die Apparate fertigzumachen, deren
-schnellste Vollendung Erik Truwor so dringend heischte.
-
- * * * * *
-
-Die Nächte in Linnais waren auch in den letzten Julitagen noch hell.
-
-Auf alle Fälle unbequem hell nach der Meinung des englischen Obersten
-Trotter. Viel zu hell nach dem Geschmack des Dr. Glossin. Zwar ging die
-Sonne um Mitternacht eine Stunde unter den Horizont. Aber die Dämmerung
-gestattete es immer noch, einen Mann im freien Felde auf zweihundert
-Meter zu erkennen. Vollständige Dunkelheit wäre der kleinen Truppe
-willkommener gewesen, die unter der Führung von Oberst Trotter im Walde
-von Linnais lagerte.
-
-Zwanzig Mann. Ausgesuchte englische Soldaten. In kleinen Trupps zu
-vier bis fünf, in Zivil, waren sie im Laufe der letzten drei Tage mit
-den Regierungsschiffen der Linie Edinburg--Haparanda angekommen. Als
-harmlose Reisende waren sie den Torneaelf stromaufwärts gezogen. Hier
-ein wenig Angelsport treibend. Dort Mineralien sammelnd. Alles andere,
-nur keine Soldaten vorstellend.
-
-Zu vorgeschriebenen Stunden waren sie alle an dem bestimmten Platze,
-einer Waldlichtung in der Nähe vom Hause Erik Truwors. Dort waren sie
-und vergnügten sich als sportfreudige Touristen. Sie schlugen Zelte
-auf, kochten im Freien ab und machten es sich bequem.
-
-In einem der Zelte saß der Oberst Trotter im Gespräch mit Dr. Glossin
-und vertrat mit britischer Hartnäckigkeit seinen Standpunkt.
-
-»Mein Befehl lautet, drei Bewohner dieses Hauses, namentlich angeführt
-als Erik Truwor, Silvester Bursfeld und Soma Atma, aufzuheben und
-lebendig nach London zu bringen. Es ist bei den englischen Offizieren
-Sitte, Dienstbefehle genau zu vollziehen. Sie mögen als Zivilist eine
-andere Anschauung von der Sache haben. Für mich und meine Leute gilt
-die meinige.«
-
-»Herr Oberst, Sie unterschätzen die Gegner, mit denen Sie es zu tun
-haben. Ich bin über Ihren Plan erschrocken. Sie wollen das Haus
-mit zwanzig Mann umstellen, einfach hineingehen und die Gesuchten
-verhaften?«
-
-»Genau so, wie Sie es sagen, Herr Doktor. Das ist die Art und Weise,
-wie wir solche Aufträge ausführen. Wenn meine Leute das Haus umstellt
-haben, kommt keine Maus mehr heraus. Ich würde es freilich bedauern
-müssen, wenn die Gesuchten zu fliehen beabsichtigen. In diesem Falle
-sind meine Leute angewiesen, zu schießen.«
-
-Dr. Glossin lief wie ein gefangenes Raubtier in dem engen Zelte hin und
-her und rang die Hände.
-
-»Herr Oberst, Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben. Sie
-mußten mit einem Flugzeug herkommen und den stärksten brisantesten
-Torpedo, den Ihre Armee besitzt, auf das Dach abwerfen. Eine Sekunde
-nach Ihrer Ankunft mußte das ganze Haus bis zum tiefsten Keller
-pulverisiert sein. Dann bestand einige ... ich sage nicht volle, aber
-doch wenigstens einige Aussicht, daß die Verschwörer unschädlich
-gemacht wurden.«
-
-Oberst Trotter lächelte mitleidig.
-
-»Sie scheinen ernstlich Furcht vor den Bewohnern dieses Hauses
-zu besitzen. ~Well~, Herr Doktor, als Zivilist sind Sie nicht
-verpflichtet, besonderen Mut zu entwickeln. Aber Sie werden mich diese
-Angelegenheit auf meine Weise erledigen lassen.«
-
-Der Oberst blickte auf seine Uhr.
-
-»Gleich elf. Es wird in dem verdammten Lande nicht dunkel. Ein
-Sergeant, der gut Schwedisch spricht, ist unterwegs, um sich das Haus
-und seine Bewohner genauer anzusehen.«
-
-»Auch das noch!« Dr. Glossin stieß die Worte in einem Übermaß von
-Unwillen hervor.
-
-»Haben Sie an dieser Maßnahme etwas auszusetzen, Herr Doktor? Es ist
-bei allem Militär der Welt Sitte, daß man vor dem Angriff aufklärt.«
-
-Während der Oberst seine Ansicht mit der Bestimmtheit des alten
-Soldaten aussprach, hatte Dr. Glossin sich wieder auf den niedrigen
-Feldstuhl gesetzt. Ernst und bestimmt kamen die Worte aus seinem Munde.
-
-»Mag das Schicksal Erbarmen mit Ihnen und Ihren Leuten haben.
-Sie sind in der Lage eines Mannes, der einem Tiger nur mit einem
-Spazierstöckchen bewaffnet entgegentritt.«
-
-Ein Mann trat in das Zelt. Auch im Zivilanzug war der Soldat
-unverkennbar. Sergeant MacPherson, der von der Aufklärung zurückkam.
-Ein Schotte mit buschigen Brauen, großen graublauen Augen und ergrautem
-Vollbart. Er gab seinen Bericht in kurzer, knapper Form. Erst hatte er
-das Haus von außen vorsichtig umgangen und beobachtet, daß zwei Männer
-zusammen an einer Maschine im Hause arbeiteten.
-
-Über den dritten konnte er nichts in Erfahrung bringen. Da war er
-kurz entschlossen in das Haus eingetreten. Die Gartentür stand offen.
-Ungehindert kam er durch den Garten in das Haus. Eine Treppe führte zur
-Veranda.
-
-Die Veranda war leer ... Schien wenigstens im ersten Moment leer zu
-sein. Als er weiter in das Haus hineingehen wollte, hörte er plötzlich
-eine Stimme. Auf einem niedrigen Diwan in der Ecke der Veranda saß
-ein Mensch mit brauner Haut. Noch ehe er seine Fragen in Schwedisch
-vorbringen konnte, sprach der Inder ihn englisch an. Nur wenige Worte.
-Einen Sinn habe er darin nicht entdecken können, so sehr er auch auf
-dem Rückwege darüber nachgedacht habe.
-
-Wie die Worte hießen, wollte der Oberst wissen.
-
-»Jawohl, Herr Oberst! Der Mensch sagte zu mir: Was du suchst, ist nicht
-hier; was hier ist, suchst du nicht.«
-
-»Nonsens! ... Humbug! ... Indische Gaukelei!« ... Der Oberst stieß es
-wütend zwischen den Zähnen hervor. Dann wurde er wieder dienstlich und
-fragte weiter:
-
-»Wenn ich Sie recht verstanden habe, MacPherson, sind die drei
-gesuchten Personen in dem Hause und stehen auch nicht im Begriff, es zu
-verlassen.«
-
-»Jawohl, Herr Oberst, das ist meine Meldung.«
-
-Auf einen Wink des Obersten verließ der Schotte das Zelt.
-
-Oberst Trotter blickte wieder auf seine Uhr.
-
-»Ich denke, Doktor, in einer Stunde haben wir die Burschen.«
-
-Dr. Glossin beachtete den Obersten gar nicht. Er hatte die Hände über
-dem rechten Knie gefaltet und wiederholte mechanisch die Worte Atmas:
-»Was du suchst, ist nicht hier; was hier ist, das suchst du nicht.«
-
-Der Oberst wurde ungeduldig.
-
-»Die Geschichte fängt jetzt an, Herr Doktor. Werde ich den Vorzug
-haben, Sie dabei an meiner Seite zu sehen?«
-
-»Ich ziehe es vor, mir das Abenteuer sehr von weitem anzusehen.«
-
-»Sie werden hier in fünf Minuten allein sein.«
-
-»Ich werde es zu ertragen wissen. Die Einsamkeit birgt keine Gefahr.«
-
-»Wie Sie wollen, Herr Doktor.«
-
-Der Oberst trat auf den Platz, und wie durch Zauberei verschwanden die
-Zelte. Die Kochgeschirre wurden zusammengepackt. Alles wurde in Taschen
-und Rucksäcken untergebracht. Es dauerte wirklich nur fünf Minuten,
-dann stand Dr. Glossin einsam in der Waldlichtung. Eine Kolonne von
-einundzwanzig Mann bewegte sich vorsichtig und lautlos durch den
-dichten Wald hin auf das Truworhaus zu.
-
-Dr. Glossin blieb noch fünf Minuten ruhig wartend stehen. Dann zog er
-eine kleine Pfeife und ließ in kurzen Pausen schrille Pfiffe ertönen.
-
-Das Gebüsch teilte sich. Ein Mann erschien und ging auf den Doktor zu.
-
-»Sergeant Parsons zur Stelle.«
-
-»Es ist gut, Parsons. Sie sahen die einundzwanzig Narren hier abziehen?«
-
-Sergeant Parsons grinste. Die Engländer waren seine Freunde nicht.
-
-»Ich sah sie talabwärts ziehen, Herr Doktor.«
-
-»Sie haben vierzig Mann bei sich?«
-
-»Jawohl, Herr Doktor. Vierzig ausgesuchte Burschen.«
-
-»Gut bewaffnet.«
-
-»Nebel, Tränen und Mordtau.«
-
-»Die andern haben Mantelgeschosse. Insgesamt viertausend Schuß.«
-
-»~Allright~, Sir. Werden uns vorsehen.«
-
-»Gut, Parsons. Folgen Sie mit Ihren Leuten ungesehen den Engländern.
-Sie kennen Ihre Aufgabe?«
-
-Den gleichen Pfad, den vor einer Viertelstunde einundzwanzig Engländer
-hinabgegangen waren, folgten ihnen jetzt einundvierzig Amerikaner. Dr.
-Glossin blieb auf der Lichtung zurück.
-
-Oberst Trotter erreichte mit seinen Leuten in einer halben Stunde das
-Truworhaus. In der fahlen Nachtdämmerung lag es deutlich vor ihnen. Er
-ließ seine Leute in weitem Bogen ausschwärmen, bis die beiden äußersten
-Flügel vor der Vorderseite des Hauses zusammenstießen. An dieser
-Stelle des Kreises hielt sich der Oberst selbst auf. Langsam zog sich
-die Kette bis an den mannshohen, durch Birkenteer braunrot gefärbten
-Holzzaun zusammen. Oberst Trotter schwang sich auf den Zaun, um als
-erster in den Garten zu springen.
-
-Da krachte ein Schuß. Er kam aus einer der kleinen Schießscharten zu
-beiden Seiten der Haustür. Haarscharf pfiff das Projektil am Kopf des
-Obersten vorüber und riß ein Stückchen Stoff an der rechten Schulter ab.
-
-Der Oberst gelangte unversehrt in den Garten, und an allen anderen
-Stellen der Umzäunung folgten ihm seine Leute. Aber dies Eindringen war
-das Signal für ein Massenfeuer, das aus allen Fenstern und Luken des
-Hauses begann. Das Truworhaus war mit Munition gut versorgt. Es hatte
-den viertausend Schüssen der Angreifer reichlich die dreifache Zahl
-entgegenzustellen. In geschlossenen Feuergarben sprühten die Geschosse
-aus Fenstern und Luken und fegten durch den Garten. Hier und dort
-verriet ein Aufschrei, daß der eine oder der andere von den Engländern
-getroffen worden war.
-
-Es gab Verwundete und Tote. Nur dadurch, daß die Angreifer, soweit sie
-überhaupt noch lebten und bewegungsfähig waren, sich zu Boden warfen,
-jeden Busch, jede Bodenfalte als Deckung nutzten und alle Künste des
-Kolonialkrieges anwandten, gelang es ihnen, Meter um Meter näher an das
-Haus heranzukommen.
-
-In der Deckung eines starken Wacholdergestrüppes lag Oberst Trotter.
-Die Kugeln umpfiffen ihn. Jetzt bedauerte er es, dem Rate des
-Amerikaners nicht gefolgt zu sein.
-
-Seine Leute schossen nur noch vereinzelt und zielten dabei sorgfältig
-auf die Punkte, von denen die Feuerströme der Verteidiger herkamen.
-Hier und dort hatten sie auch Erfolg. Oberst Trotter konstatierte trotz
-seiner recht ungemütlichen Lage, wie hier und dort eine Schießscharte
-nach einem glücklichen Treffer der Angreifer verstummte.
-
-Trotz alledem ... das Rezept des Amerikaners ... den dicksten
-Lufttorpedo von obenher und unversehens auf den gottverdammten Kasten
-geworfen ... Oberst Trotter wurde die Empfindung nicht los, daß der
-Plan recht viel für sich hatte.
-
-Zweihundert Meter bergaufwärts stand Dr. Glossin und beobachtete durch
-ein gutes Glas den Kampf. Er gab für das Leben der Engländer keinen
-roten Cent mehr. Wenn die Angegriffenen ihr Feuer gut leiteten, mußten
-sie die wenigen Angreifer bei diesem Munitionsaufwand zu Hackfleisch
-zerschießen. Ungeachtet aller Deckungen und Schleichkünste. Um so mehr
-wunderte sich der Arzt, daß etwa die Hälfte der Engländer immer noch
-am Leben war, daß sie sogar langsam, aber unaufhaltsam das Feuer der
-Verteidiger zum Schweigen brachten. Jetzt feuerte die eine Schmalwand
-des Hauses nicht mehr. Der letzte Treffer von englischer Seite hatte
-dort eine kräftige Explosion verursacht. Bedeutendere Munitionsmengen
-mußten in die Luft gegangen sein.
-
-Wenige Minuten warteten die Angreifer noch. Dann stürmten sie gegen
-diese schmale Seite vor. Eine schmale Tür, aus starken Bohlen gefügt,
-war ihr Ziel. Axthiebe trafen das Holz. Krachend gaben Schloß und
-Angeln nach. Die Angreifer wollten über die gefallene Tür in das Innere
-dringen, aber sie kamen nicht dazu.
-
-Es war ganz klar. Dr. Glossin, der den Gang der Dinge als ruhiger
-Beobachter verfolgte, war sich dessen sicher. Mit der Tür war eine
-Kontaktvorrichtung verbunden, die im Innern des Hauses eine schwere
-Explosion hervorrief, sobald die Tür aus den Angeln wich.
-
-Weithin über die Berglehnen zu beiden Seiten des Tornea rollte der
-dumpfe Donner der Explosion und übertönte das Rauschen des Flusses.
-
-Die Angreifer, eben noch im Begriff, das Haus mit stürmender Hand zu
-nehmen, taumelten zurück.
-
-Ein Brand war im Innern ausgebrochen. Rotglühend erleuchtet flammte
-hier und dort ein Fenster auf.
-
-Und dann ... Dr. Glossin hatte zweifelsohne einen günstigeren Platz
-gewählt als der Oberst Trotter, der sich erst jetzt hinter seinem
-Wacholdergebüsch hervorwagen konnte ... Dr. Glossin sah von seinem
-zweihundert Meter höher gelegenen Standpunkt, wie das ganze Dach
-des Hauses sich leicht hob und dann öffnete, wie der Krater eines
-ausbrechenden Vulkans. Eine ungeheure Flammensäule stieg empor und
-riß viele Tausende von hölzernen Schindeln mit. Brennend stiegen die
-leichten Holzstückchen hoch in den fahlen Himmel. Brennend fielen sie
-wieder langsam zu Boden. Das Haus war nach der Explosion nur noch
-ein einziges wogendes und brandendes Feuermeer. In seinen Kellern
-mußten enorme Mengen brennbarer Öle lagern. Mußten durch die Explosion
-Feuer gefangen haben und sandten nun Flammenberge und schwere Wolken
-dichten schwarzen Qualmes empor. Schon war der obere Fachwerkbau des
-Hauses bis auf wenige Sparren verzehrt. Reichlich genährt brodelte das
-Flammenmeer weiter. Die uralten Zyklopenmauern des unteren Teiles, vor
-Jahrhunderten gefügt, für die Ewigkeit gebaut, wurden rotglühend.
-
-Dr. Glossin beobachtete das Schauspiel und vergaß vor seiner wilden
-Schönheit für kurze Zeit Sorgen und Pläne.
-
-Die Glut drang von innen nach außen durch. Auf den weiten dunklen
-Mauerflächen zeigten sich plötzlich rosa Flecken. Wuchsen, wurden immer
-heller, flossen zusammen, bis schließlich die ganze wohl meterstarke
-Wand in voller Rotglut dastand. Und dann begann der Mörtel, der diese
-erratischen Blöcke zum Mauerwerk verband, in der höllischen Hitze
-zu schmelzen. Flüssig und weiß glühend lief es an hundert einzelnen
-Stellen aus den Mauerfugen.
-
-Dann stürzten die letzten Reste des Truworhauses zusammen. Im
-Augenblicke bildete das Rechteck der Zyklopenmauern nur noch einen
-wirren Haufen rot- und hellweißglühender Blöcke.
-
-Ein glühendes Hünengrab, das unter schmelzenden Felsbrocken die
-tausendjährige Geschichte eines heldenhaften Geschlechtes begrub
--- -- -- und mit ihr den letzten dieses Geschlechtes.
-
-Die Engländer hatten sich vor der unerträglichen Glut weit
-zurückgezogen. Längst war der Aufenthalt innerhalb der
-Gartenumfriedigung unerträglich. Schon brannte der hölzerne Zaun an
-mehreren Stellen. Erst unten am Fluß machten sie halt. Kühlten die
-brennenden Gesichter, die verbrannten Hände im frischen Wasser des
-Elf. Bemerkten, daß ihnen die Kleidung, von der strahlenden Hitze des
-Brandes versengt, in Fetzen vom Leibe hing.
-
-Verstört und niedergeschlagen musterte Oberst Trotter das Häuflein der
-Überlebenden. Eine Stimme hinter ihm:
-
-»Herr Oberst, Sie haben sie nicht einmal tot bekommen!«
-
-Es war die Stimme Dr. Glossins.
-
-Der Oberst fuhr sich über den halb versengten Schnurrbart.
-
-»~Damm' your eyes, Sir!~ Sie sind tot! Es ist keine Maus rausgekommen.
-Sie sind in ihren Schlupfwinkeln gebraten worden. Wenn es Ihnen
-Spaß macht, suchen Sie die Reste in dem Trümmerhaufen da oben. Aber
-verbrennen Sie sich nicht die Fingerspitzen. Ich weiß, was ich meiner
-Regierung zu melden habe.«
-
-Oberst Trotter war von den Flammen angesengt, schmutzig und
-unansehnlich geworden. Sein Gesicht schmerzte ihn, so daß er sich zum
-Fluß beugte und frisches Wasser über die gerötete Stirn schüttete.
-
-Nach dem kalten Wasser fühlte er neue Kraft. Er wollte dem verdammten
-Amerikaner deutlich werden. Doch als er sich dazu anschickte, war
-Dr. Glossin verschwunden. Ebenso plötzlich, wie er aus dem Walde
-herausgetreten war, hatten ihn die Sträucher und Stämme des alten
-Forstes wieder aufgenommen.
-
- * * * * *
-
-Mr. E. F. Goody, der Führer der Opposition im australischen Parlament,
-faßte die Hauptpunkte seiner zweistündigen Rede noch einmal im
-Schlußwort zusammen.
-
-»Die Welt ist heute zu eng geworden. Es scheint, als ob die beiden
-großen Staaten nicht mehr nebeneinander Platz haben. Wir müssen unsere
-Stellung zwischen den beiden Parteien wählen. Beides sind Englisch
-sprechende Völker. Jedem von uns durch Bande des Blutes verbunden.
-Staatsrechtlich steht uns England näher. Aber unsere wirtschaftlichen
-Beziehungen weisen nach Amerika. Der Energie der Vereinigten Staaten
-verdanken wir es, daß unser Land von dem schweren Druck der
-japanischen Gefahr befreit wurde. Die Klugheit gebietet uns, heute
-Anschluß an Amerika zu nehmen ...«
-
-Laute Beifallsrufe unterbrachen den Sprecher. Es ging sonst ebenso
-ernsthaft und gesetzt im australischen Parlament zu wie im Hause der
-Gemeinen zu London. Aber hier waren die Leidenschaften auf das höchste
-erregt. Die weißbärtigen Farmer aus Queensland und Neusüdwales,
-die Kaufleute aus Viktoria, die Viehzüchter aus Westaustralien
-und Alexandraland sprangen von ihren Sitzen auf und machten ihrer
-Begeisterung in lauten Cheerrufen Luft. Es dauerte Minuten, bis der
-Redner fortfahren konnte.
-
-»... Ich stelle fest, daß Regierungspartei und Opposition in diesem
-Punkt einig sind. Australien muß sich geschlossen an die Seite
-Amerikas stellen, wie es Kanada vor fünf Jahren getan hat. Die
-anglosächsische Rasse hat vor vierzig Jahren die neue Doktrin vom
-Selbstbestimmungsrecht der Völker verkündet. Diese Lehre ist nie wieder
-aus der Welt verschwunden. Wir nehmen dieses Recht der Selbstbestimmung
-für uns in Anspruch und beschließen den Zollbund mit der amerikanischen
-Union.«
-
-Der Schluß der Rede ging in brausenden Cheerrufen unter. Das alte
-Parlament, welches hier in Sydney tagte, war nicht wiederzuerkennen.
-Tücher wurden geschwenkt. Händeklatschen mischte sich in die
-Beifallsrufe. Einzelne Parlamentsmitglieder sprangen auf die Sitze und
-gestikulierten mit den Armen.
-
-Die bevorstehende Abstimmung konnte nur noch eine reine Formsache sein.
-Die einstimmige Annahme des Beschlusses war sicher.
-
-Einzelne Mitglieder verließen den Sitzungssaal, traten in die Vorhalle,
-sprachen mit Journalisten und Geschäftsfreunden. Von Mund zu Mund
-sprang die Nachricht weiter, gelangte ins Freie und wälzte sich durch
-die breiten Straßen Sydneys. Seit dreißig Jahren hatte Australien seine
-besondere Flagge, den Union Jack, mit dem aufgelegten australischen
-Wappen. Das Kreuz mit den Symbolen des Landes lag auf dem roten Tuch
-der britischen Flagge. Jetzt tauchten in wenigen Minuten an unzähligen
-Fenstern Arrangements der australischen Flagge und des Sternenbanners
-auf. Es war unbegreiflich, woher diese Unmenge amerikanischer Fahnen
-im Augenblick kam, die hier im Winde flatterten und den Straßen ein
-festliches Aussehen gaben.
-
-Während die Begeisterung durch die Straßen lief und das Parlament zur
-Abstimmung schritt, saß der australische Premierminister G. A. Applebee
-dem Königlich Großbritannischen Sondergesandten Mr. Swift MacNeill
-gegenüber.
-
-»Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß die englische Regierung die
-Lage als außerordentlich ernst ansieht. Der Beschluß des australischen
-Parlamentes ist ungesetzlich, weil er alte, wohlerworbene Rechte des
-Mutterlandes verletzt.«
-
-Mr. MacNeill sprach die Worte langsam und unbewegt. So mochten vor
-zweitausend Jahren Tribunen und Legaten die Weltmacht Roms in die
-Wagschale geworfen haben: ~Roma locuta, causa finita!~
-
-Mr. Applebee überlegte seine Erwiderung sorgfältig, bevor er den Mund
-aufmachte.
-
-»Es ist der einstimmige Beschluß des Parlamentes, Sir! Ein Land mit
-einer Bevölkerung von vierzig Millionen steht geschlossen hinter dem
-Parlament. Dadurch, daß Australien in ein engeres Verhältnis zur
-amerikanischen Union tritt, hört es nicht auf, ein Freund Englands zu
-sein ...«
-
-»Australien ist ein Teil des britischen Reiches.« MacNeill sagte es
-kurz und schroff.
-
-»Gewesen, Sir! Bis zum heutigen Tage gewesen! Mit dem heutigen
-Parlamentsbeschluß nimmt das Land das Recht voller politischer
-Mündigkeit und Souveränität für sich in Anspruch.«
-
-»Diesen Ausspruch erkennt die britische Regierung nicht an. Ich kann
-meine Warnung nur wiederholen. Die Lage ist ungemein ernst.«
-
-Die Züge des australischen Ministers röteten sich allmählich. Die
-innere Erregung ließ seine Stimme vibrieren.
-
-»Die Lage ist für das britische Reich genau so ernst wie für uns, wenn
-Ihre Regierung darauf bestehen sollte, die einstimmigen Beschlüsse
-eines freien und mündigen Volkes zu mißachten. Australien kann nicht
-ausgehungert werden. Es hat einen bedeutenden Überschuß an Fleisch und
-Brot. Es hat in seiner Bevölkerung fünf Millionen wehrhafter Männer ...«
-
-»Ich hoffe nicht, daß das Land der Welt das traurige Schauspiel einer
-abtrünnigen Kolonie bieten wird.«
-
-Der Engländer sagte es, um etwas zu sagen. Er war seiner Sache nicht
-mehr so sicher wie im Anfang.
-
-Mr. Applebee fuhr fort: »Ein solches Schauspiel mag für England traurig
-sein. Die Sympathien der Welt sind fast immer bei den Kolonien gewesen,
-welche die Freiheit für sich in Anspruch nahmen und ...«
-
-Mr. Applebee schwieg. Auch der englische Gesandte blieb still. Der Name
-des Diktators Cyrus Stonard stand unausgesprochen zwischen ihnen. Der
-Australier fühlte sich der amerikanischen Unterstützung sicher. Der
-Engländer hatte die Überzeugung, daß die amerikanische Wehrmacht in dem
-Augenblick losschlagen würde, in dem ein englischer Soldat oder ein
-englisches Schiff die Freiheit des fünften Kontinents antasteten.
-
-»Ich hoffe, daß es der Umsicht der englischen Regierung gelingen wird,
-die Lage zu entspannen.«
-
-Das waren die Abschiedsworte, mit denen der australische Premier den
-Gesandten entließ.
-
-Mr. Applebee kehrte in sein Kabinett zurück. Ein Klerk meldete ihm,
-daß Mr. Jones ihn zu sprechen wünsche. Mr. J. F. C. Jones, der
-Sondergesandte des Präsident-Diktators. ~Allright~, der sollte die
-frohe Botschaft aus erster Quelle vernehmen. Der Australier hielt ihm
-die Liste mit dem Abstimmungsergebnis entgegen.
-
-»Die Sache ist in Ordnung, Sir! Einstimmiger Beschluß von Oberhaus
-und Unterhaus. Der erste Fall in der Geschichte Australiens, daß ein
-Beschluß in beiden Häusern mit allen Stimmen angenommen wird.«
-
-Mr. Jones trocknete sich die hohe Stirn mit einem seidenen Taschentuch.
-
-»Ich sehe leider, daß ich zu spät gekommen bin. Ich wollte Sie bitten,
-die Abstimmung um vierzehn Tage zu verschieben.«
-
-Mr. Applebee sank sprachlos auf seinen Stuhl.
-
-»Ich verstehe nicht. Ich denke, das amerikanische Volk ersehnt die
-Vereinigung ebensosehr wie wir?«
-
-»Es ersehnt sie. Nur ein Aufschub von vierzehn Tagen. Aus Gründen der
-äußeren Politik der amerikanischen Union.«
-
-Mr. Applebee machte eine hilflose Bewegung.
-
-»Wenn ich auch nur mit der Andeutung eines solchen Wunsches vor das
-Parlament trete, bin ich in zwei Minuten später nicht mehr Minister.«
-
-Der Amerikaner betrachtete seine Stiefelspitzen.
-
-»Ich werde mich umgehend mit Washington in Verbindung setzen, den
-Tatbestand mitteilen, um neue Instruktionen bitten. Die Sache liegt
-klar. Der Parlamentsbeschluß ist in der ganzen Stadt, jetzt vielleicht
-schon in allen Großstädten des Kontinents bekannt. Das Volk auf der
-Straße ist in einem Freudenrausch. Wir können nicht daran denken, diese
-Stimmung zu stören. Aber ... Sie sind das ausführende Organ für die
-Beschlüsse. Wenden Sie Ihre ganze Kunst auf, um England hinzuhalten.
-Beachten Sie wohl, die Sache soll durchaus so vor sich gehen, wie sie
-verabredet wurde. Sie ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Bei
-dieser Sachlage wird es Ihnen möglich sein, einen Konflikt um vierzehn
-Tage hinauszuschieben ... Ich hoffe, es wird Ihrer Kunst gelingen.«
-
-Mr. Applebee versprach, sein möglichstes zu tun. Während von draußen
-her der Jubel der enthusiasmierten Menge dumpf in den Raum drang,
-empfahl sich der Amerikaner mit kräftigem Händedruck.
-
- * * * * *
-
-Unter den Passagieren des Flugschiffes Stockholm--Köln befand sich Dr.
-Glossin. Während seine Mannschaft nach dem Abenteuer in Linnais im
-eigenen Schiff nach den Staaten zurückkehrte, fuhr er nach Deutschland.
-
-Das Flugschiff war ein gutes, ziemlich schnelles Fahrzeug der
-mitteleuropäischen Verkehrsgesellschaft. Für zweihundert Passagiere
-eingerichtet, legte es bei einer Stundengeschwindigkeit von etwas über
-vierhundert Kilometer die Strecke Stockholm--Köln in rund vier Stunden
-zurück. Dr. Glossin war um acht Uhr morgens von Stockholm fortgeflogen.
-Fahrplanmäßig mußte das Schiff den Kölner Flughafen zwölf Uhr mittags
-erreichen. Jetzt stand er zwischen Malmö und Kiel über der Ostsee.
-
-Der Doktor hatte es sich in einer Fensterecke bequem gemacht und zog
-bei sich die Bilanz des Geschehenen.
-
-Die Sachen waren nicht schlecht gegangen. Erik Truwor und die Seinen
-waren vernichtet. Es war bereits schwarz auf weiß gedruckt zu
-lesen. Haparandas Dagblad hatte in der Morgenausgabe einen kurzen
-Bericht über das Unglück von Linnais. Eine rätselhafte Brand- und
-Explosionskatastrophe, die mehrere schwedische Bürger das Leben
-gekostet haben sollte. Er hatte einige Exemplare der Zeitung gekauft,
-bevor er von Haparanda die Reise nach dem Süden antrat.
-
-Dr. Glossin konnte zufrieden sein. Der heikle Auftrag des
-Präsident-Diktators war erledigt. Die drei Menschen, die er wirklich
-fürchtete, waren tot. So, wie er es geplant hatte, war es geschehen.
-Die Engländer hatten ihm die gefährliche Arbeit besorgt. Daß die bei
-der Gelegenheit etwas angesengt worden waren, störte ihn wenig. Wenn er
-an den eingebildeten Trotter dachte, der schließlich seine Brandblasen
-im Tornea kühlen mußte, empfand er ein gewisses Vergnügen.
-
-Erik Truwor war tot. Der Mann, der im Begriffe stand, eine Macht zu
-gewinnen, an der Weltreiche zerschellen konnten. Der greuliche Inder
-war verbrannt. Der braune Satan, der ihn, den starken Hypnotiseur,
-selbst in den Bann der Hypnose gezwungen hatte. Und Silvester Bursfeld
-war gestorben. Silvester, dessen späte Rache er fürchten mußte.
-Silvester, der ihm Jane entrissen hatte.
-
-Das Verhältnis des Arztes zu dem Mädchen war immer komplizierter
-geworden. Er brauchte sie als Medium von unübertrefflicher Leistung.
-Als ein Medium, mit dessen Hilfe er räumlich und zeitlich ins Weite
-blicken, die Pläne und Taten seiner Gegner rechtzeitig erkennen,
-entfernte Zusammenhänge aufzudecken vermochte. Das war es, was ihm in
-den letzten Wochen gefehlt hatte. Alle seine Mißerfolge schrieb er
-diesem Fehlen zu. Jane mußte wieder fest in seiner Hand sein.
-
-Sein Medium, sein Talisman und seine Liebe!
-
-Mit verzweifelter Kraft klammerte sich die vereinsamte Seele des
-alternden Mannes an den Gedanken, Jane ganz sein Eigen zu nennen. Er
-fühlte unbewußt, daß diese Liebe für ihn die Entsühnung bedeute. Er
-träumte von einem neuen Leben in Reynolds-Farm an Janes Seite. Jetzt
-fuhr er nach Düsseldorf, um sie für sich zurückzuerobern.
-
-Warum mußte auch Jane einen Brief an ihre Nachbarin in Trenton
-schreiben und sich erkundigen, ob das Grab ihrer Mutter gut gepflegt
-werde. Es lag auf der Hand, daß dieser Umstand dem um das Wohl seines
-Mündels so ängstlich besorgten Vormund von den Empfängern des Briefes
-nicht verheimlicht werden würde. So wußte Dr. Glossin, daß Jane im
-Hause Termölen in Düsseldorf lebte. Es war einfach, beinahe zu einfach
-gewesen, ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Viel schwieriger würde es
-sein, mit ihr in Verbindung zu treten.
-
-Während das Schiff die westfälische Ebene überflog, versuchte der Arzt,
-sich einen Plan zu machen. Wann hatte er Jane das letztemal gesehen?
-Damals, als der Inder R. F. c. 2 wie Wachs schmelzen ließ; als Glossin
-um sein Leben laufen mußte. Das mußte eine Annäherung des Doktors
-unmöglich machen. Es kam noch dazu, daß Jane doch inzwischen mit
-Silvester zusammengewesen sein, von ihm erfahren haben mußte, welche
-Rolle Glossin bei seiner Gefangennehmung und Verurteilung gespielt
-hatte. Es schien bei solcher Sachlage ein unmögliches Unterfangen für
-den Arzt, Jane vor die Augen zu treten.
-
-Aber schwierige Aufgaben reizten ihn. Er kannte seine eigene
-hypnotische Macht über Jane. Gelang es ihm, sich ihr zu nähern, seinen
-Einfluß wirken zu lassen, so mußte es ihm glücken, sie wieder ganz in
-seinen Bann zu zwingen, alle störenden Erinnerungen wegzusuggerieren.
-Nur der erste Angriff mußte geschickt ausgeführt werden. Die ersten
-dreißig Sekunden entschieden alles.
-
-Ruhig und mit voller Nervenkraft an das Werk gehen, darauf kam es
-an. Er nahm einige der winzigen Pillen, die ihm eine genau auf die
-Minute dosierte Nervenentspannung verschafften, und streckte sich
-in den Sessel zurück. So saß er regungslos, bis das Schiff in Köln
-landete. Eine knappe halbe Stunde später schritt er durch die Straßen
-Düsseldorfs auf das Haus Termölen zu.
-
-Sein Plan war einfach. Zu irgendeiner Stunde würde Jane doch einmal
-die Wohnung verlassen. Sie auf der Straße abpassen, das Fluidum
-wirken lassen, sie beeinflussen, sie in seinen Bann zwingen. Er war
-so einfach, daß er wohl gelingen mußte. Wenn nicht ... es gab wohl
-ein »Wenn«, aber Dr. Glossin hatte es gar nicht in den Bereich der
-Möglichkeit gezogen.
-
-Er schlenderte die Straße entlang, und der Zufall begünstigte ihn.
-
-Jane trat aus dem Hause und ging in der Richtung nach dem Rattinger Tor
-hin. Dr. Glossin verschlang ihre Gestalt mit den Blicken. Sie hatte
-sich ein wenig verändert, seitdem er sie zuletzt sah. Die beängstigend
-ätherische Zartheit ihres Teints war einer gesünderen Farbe gewichen.
-Ihre Figur war voller und kräftiger geworden.
-
-Sie ging die Straße entlang, blieb hier und dort vor einem Schaufenster
-stehen und musterte die Auslagen. Mit der Gewandtheit eines Jägers
-pirschte sich der Doktor an sie heran. Unbeachtet in ihre nächste Nähe
-kommen, den Einfluß wenige Sekunden wirken lassen, und das Spiel war
-gewonnen.
-
-Während Jane die Schmuckstücke im Schaufenster eines Juweliers
-betrachtete, kam er dicht an sie heran, stand unmittelbar hinter ihr
-und ließ seine ganze Energie spielen.
-
-Jane schien es zu merken. Unangenehm, wie eine fremde körperliche
-Berührung. Sie drehte sich um und sah ihm unbefangen in die Augen.
-
-Dr. Glossin erschrak. Das war das Mädchen nicht mehr, das sich in
-Trenton und Reynolds-Farm willenlos seinem Blick unterwarf. Er gab das
-Spiel verloren, erwartete im nächsten Moment eine Flut von Vorwürfen zu
-hören, sann auf schnellen Rückzug.
-
-Nichts dergleichen geschah.
-
-Jane begrüßte ihn wie einen alten Bekannten. Sie lud ihn ein, mit in
-das Haus zu kommen, und geleitete ihn dort in das Besuchszimmer. Hier
-erkundigte sie sich nach allen Bekannten in Trenton.
-
-Dr. Glossin beantwortete ihre Fragen ausführlich und versuchte, dieses
-eigentümliche Benehmen zu ergründen. Ganz vorsichtig ließ er den
-Namen Elkington fallen. Jane reagierte nicht darauf. Der Doktor wurde
-deutlicher. Er sprach von Elkington, wo er sie das letztemal gesehen
-habe. Jane blickte ihn verwundert an.
-
-»Elkington? ... Elkington? ... Ich bin nie in Elkington gewesen.
-Soweit ich mich erinnere, haben wir uns das letztemal in Trenton beim
-Begräbnis meiner Mutter gesehen.«
-
-»Aber meine liebe Miß Jane, können Sie sich auch nicht an Reynolds-Farm
-erinnern ...«
-
-Jane schüttelte verneinend das Haupt. Dabei lachte sie vergnügt; lachte
-den Doktor geradezu aus, bis er seine Neugier nicht mehr meistern
-konnte.
-
-»Darf ich fragen, Miß Jane, welcher Umstand Ihre Heiterkeit erregt?«
-
-»Gewiß, Herr Doktor, ich amüsiere mich darüber, daß Sie mich noch immer
-als Miß anreden. Ich glaubte, mein Mann hätte Ihnen meine Vermählung
-längst mitgeteilt ...«
-
-Dr. Glossin sah nicht sehr geistreich aus. Das Erstaunen war zu groß,
-die Neuigkeit war zu überraschend und kam zu plötzlich.
-
-Jane sah es und brach in ein helles Gelächter aus.
-
-»Sie wissen also nicht, daß ich verheiratet bin? Wissen natürlich auch
-nicht, wer mein Mann ist?«
-
-»Keine Ahnung, Mrs. ... Mrs. ...«
-
-»Mrs. Bursfeld, damit Sie meinen vollen Namen kennenlernen, Herr
-Doktor.«
-
-»Ich konnte es mir fast denken.«
-
-Dr. Glossin murmelte die Worte unhörbar vor sich hin. Mochte Jane
-immerhin geheiratet haben, so war sie heute doch schon wieder Witwe.
-Das sollte ihn nicht stören. Aber er mußte klar sehen, welche
-Veränderung mit ihr vorgegangen war.
-
-Ihre Erinnerung war lückenhaft. Sie wußte nichts mehr von
-Reynolds-Farm, wußte vielleicht überhaupt nicht mehr, daß es jemals
-einen Menschen namens Logg Sar gegeben hatte, obwohl sie heute Mrs.
-Bursfeld war. Todesurteil, Verrat, alle die Dinge, bei denen Glossin
-eine so schlimme Rolle spielte, waren ihrem Gedächtnis entschwunden.
-Es war dem Doktor klar, daß hier eine suggestive Beeinflussung vorlag.
-Man hatte Jane diese aufregenden Vorfälle vergessen lassen, um ihr
-hier ein ruhiges Leben der Erholung und Kräftigung zu ermöglichen. Die
-guten Wirkungen der Maßnahme zeigten sich auch unverkennbar an ihrem
-Aussehen.
-
-Aber noch etwas anderes mußte geschehen sein. Während Dr. Glossin mit
-Jane sprach, versuchte er die alten Künste. Ganze Ströme magnetischen
-Fluidums ließ er auf sie wirken, während er im Laufe des Gespräches
-ihre Hände ergriff. Mit aller Kraft suchte er sie wieder unter seinen
-Willen zu zwingen. Ein Weilchen ließ ihn Jane gewähren. Dann entzog sie
-ihm ihre Hände.
-
-»Nun ist es genug, Herr Doktor. Sie sehen mich an ... so ... was ...
-wollen Sie?«
-
-Bei diesen Worten schaute sie ihm selbst so sicher und unbeeinflußt in
-die Augen, daß er seine Bemühungen aufgab.
-
-Ein mächtiger Wille hatte Jane gegen alle hypnotischen Beeinflussungen
-von anderer Seite verriegelt. Wohl konnte er ruhig mit Jane sprechen.
-Aber alle Annäherung konnte ihm nichts nutzen. Sie war gegen seinen
-Einfluß gefeit. Eine Verriegelung, die Atma gelegt hatte ... Dr.
-Glossin zweifelte, ob es ihm je gelingen könnte, sie wieder aufzuheben.
-Ein einziges Mittel blieb, eine schwere seelische Erschütterung. Wenn
-sie stark genug war, wenn sie die Seele mit voller Macht traf, dann
-konnte sie den Riegel vielleicht zerbrechen.
-
-Dr. Glossin lehnte sich in seinen Stuhl zurück und holte aus seiner
-Brusttasche ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt hervor.
-
-»Ich bitte Sie um Verzeihung, Mrs. Bursfeld, wenn meine Blicke länger
-als üblich an den Ihren hingen, meine Hände länger als gewöhnlich in
-den Ihren ruhten. Die überraschende Mitteilung Ihrer Vermählung bringt
-mich in eine eigenartige Lage, macht eine Nachricht, die sonst nur
-bedauerlich gewesen wäre, zu einer Trauerbotschaft.«
-
-Jane blickte ihn mit weitgeöffneten Augen an. Überraschung und
-Bestürzung malten sich auf ihren Zügen.
-
-»Eine schlimme Nachricht aus Linnais.«
-
-Dr. Glossin sagte es, während er Jane das Haparanda Dagblad mit der
-Nachricht vom Untergange des alten Hauses Truwor hinhielt.
-
-Jane warf einen Blick darauf.
-
-»Herr Doktor, ich verstehe kein Schwedisch. Sie müssen mir das
-übersetzen.«
-
-Dr. Glossin nahm das Blatt wieder an sich und begann Wort für Wort
-zu übersetzen. Die Nachricht vom Brande, von den Explosionen. Vom
-Untergange des ganzen alten Hauses in einer einzigen wabernden Lohe.
-Vom sicheren Tode aller Insassen.
-
-Während er Zeile für Zeile übersetzte, wurde Jane von Sekunde zu
-Sekunde blasser. Bei den letzten Worten sank sie mit einem leisen
-Schrei ohnmächtig von ihrem Stuhl auf den Teppich.
-
-»Jetzt oder nie ... vielleicht ist der Riegel gebrochen.«
-
-Dr. Glossin beugte sich über die ohnmächtig Daliegende. Er strich
-ihr über die Stirn. Alles magnetische Fluidum, über das er verfügte,
-versuchte er in ihren Körper zu jagen. Sie wieder ganz unter seinen
-Willen und Einfluß zu zwingen.
-
-Er befahl ihr, sich zu erheben, und Jane führte den Befehl aus. Mit
-halbgeschlossenen Augen stand sie vor ihm.
-
-Auf einen Dritten hätte die Szene einen wunderbaren Eindruck gemacht
-... Kein Wort wurde gesprochen. Lautlos erteilte Dr. Glossin seine
-Befehle. Lautlos vollzog sie Jane, solange sie sie noch vollzog.
-
-Eine Richtung der Pupillen von Jane gefiel dem Doktor nicht. »Sehen Sie
-mich an. Sehen Sie mir genau in die Augen«, befahl er.
-
-Jane leistete dem Befehl keine Folge. Erst wanderte ihr Blick. Dann
-drehte sich ihr Haupt und dann der ganze Körper. Sie wandte dem Doktor
-halb den Rücken zu. Wäre Dr. Glossin über die Himmelsrichtungen in dem
-Zimmer orientiert gewesen, hätte er bemerkt, daß Jane genau nach Norden
-blickte.
-
-So stand sie. Minuten hindurch. Dr. Glossin bot seine ganze Kraft auf
-und hatte keinen Erfolg.
-
-Wenn der Riegel jemals gebrochen war, so war er in diesen Sekunden
-wieder zusammengeschweißt.
-
-Jetzt wandte sich Jane ruhig dem Doktor wieder zu. Sie zeigte eine
-heitere Miene. Jede Angst und Unruhe waren wie weggewischt. Sie nahm
-die Unterhaltung da wieder auf, wo sie vor langen Minuten gestockt
-hatte.
-
-»Dieser Zeitungsbericht ist doch längst überholt. Ein bedauerlicher
-Zwischenfall. Ein Brand, der im Laboratorium von Erik Truwor ausbrach.
-Ich hörte davon. Es ist schade. Es hält die Arbeiten wieder auf. Ich
-werde meinen Mann ein paar Tage länger entbehren müssen. Aber Sie
-können beruhigt sein. Er ist unversehrt und arbeitet mit allen Kräften
-an seiner Erfindung weiter ...«
-
-Dr. Glossin hatte das Empfinden, als ob alles um ihn niederbräche. Eben
-noch seines Sieges gewiß. Im Bewußtsein, drei Gegner vernichtet zu
-haben. Im Begriff, Jane wieder unter seinen Einfluß zu zwingen.
-
-Und nun? Die junge Frau stand sicher und selbstbewußt vor ihm. Sie
-lachte über die Mitteilungen, die sie niederschlagen sollten.
-
-»Herr Doktor, Ihre Nachrichten sind überholt. Ich habe neuere, bessere.«
-
-Mit dieser im Konversationston vorgebrachten Bemerkung schlug sie alle
-seine Angriffe zurück, vereitelte sie seine Anstrengungen, setzte sie
-ihn der Gefahr aus, sich lächerlich zu machen, wenn er seinen Besuch
-noch weiter ausdehnte.
-
-Dr. Glossin empfahl sich. Äußerlich höflich, innerlich zerrissen und
-wütend.
-
-»Wenn nicht die eine, so die andere! Wir wollen sehen, wie Lady Diana
-die Nachricht aufnimmt.«
-
-Mit diesem Vorsatz verließ er das Haus.
-
- * * * * *
-
-Das war die Stellung der beiden Flotten. Vor der Broken-Bai auf
-der Reede von Port Jackson lagen die sechs großen australischen
-Schlachtschiffe. Die »Tasmania«, »Viktoria«, »Kaledonia« usw. Mit den
-leichteren Streitkräften insgesamt fünfzehn Fahrzeuge. Etwa sechzehn
-Kilometer nördlich nach Rielmond hin ankerte das englische Geschwader.
-Es hatte alles in allem rund die doppelte Schiffszahl der australischen
-Flotte und auch die doppelte Kampfstärke.
-
-Nur Kommodore Blain und die Herren von der Admiralität in London
-wußten, warum ein englisches Geschwader von solcher Stärke plötzlich
-in der Nähe von Sydney auftauchte. Vielleicht geschah es, um den
-Vorstellungen des englischen Sondergesandten MacNeill ein besonderes
-Gewicht zu verleihen. Vielleicht war es auch wirklich nur ein Zufall.
-
-Mochte dem sein, wie ihm wolle. Die Besatzungen der australischen
-Schiffe vom Admiral Morison bis hinab zu den letzten Midshipmen waren
-über die Anwesenheit nicht erbaut. Für den Admiral Morison waren zwar
-die strikten Anweisungen seiner Regierung bindend, die ihm einen nicht
-nur höflichen, sondern sogar herzlichen Verkehr mit der englischen
-Flotte zur Pflicht machten. Aber Admiral Morison war einer gegen
-dreißigtausend Mann der Flottenbesatzung.
-
-Mittags um zwölf wurde der Beschluß des australischen Parlaments auf
-der Flotte bekannt. Es war Essenszeit. Wer nur irgendwie dienstfrei
-war, saß beim Mittagmahl. Die Mannschaften in den großen luftigen
-Zwischendecks, Offiziere und Ingenieure in ihren Messen. Die Gebräuche
-der Marine und der anglosächsischen Marine ganz besonders sind
-ehrwürdig und wenig veränderlich. Es gab Speck mit dicken Erbsen, wie
-ihn die Seeleute Nelsons schon bei Aboukir und Trafalgar bekommen
-hatten und wie ihn aller Voraussicht nach auch noch die Enkel und
-Urenkel der hier Schmausenden erhalten würden. Nur so weit hatte sich
-der soziale Gedanke auch in der australischen Flotte durchgesetzt,
-daß die Offiziere das gleiche erhielten wie die Mannschaften, also in
-diesem Falle ebenfalls Speck mit dicken Erbsen.
-
-So saßen sie und speisten. Die Mannschaften zu Hunderten. Die Offiziere
-zu Dutzenden. Nur der Kapitän allein. Eben jenem alten Brauche folgend,
-der im Kapitän eines Schiffes einen Halbgott erblickt, den kein anderer
-Sterblicher essen sehen darf.
-
-Also saß Kapitän George Shufflebotham, der Kommandant der »Tasmania«,
-allein in seiner Kabine und verzehrte das kräftige, aber Durst
-erregende Mahl. Es lag in seinen persönlichen Gewohnheiten begründet,
-daß er dabei den Whisky nur wenig mit Soda verdünnte. Gerade als er das
-letzte Stück Speck mit einem guten Schluck Whisky vom Stapel ließ, kam
-der Läufer in seine Kabine und legte ihm die Funkendepesche auf den
-Tisch.
-
-Kapitän Shufflebotham kaute und las. Schluckte und schlug mit der Faust
-auf den Tisch.
-
-Mit der Depesche in der Hand verließ er seine Kabine und ging in das
-Mannschaftsdeck, wo die Leute gerade mit den Resten der Mahlzeit
-beschäftigt waren. Winkte den ersten besten heran.
-
-»Kannst du lesen, mein Junge?«
-
-»Ich denke ja, Herr Kapitän.«
-
-»Dann lies mal! Lies das Ding so laut vor, daß alle es hören können!«
-
-Mit einem Blick hatte Jimmy Brown den Inhalt der Depesche überflogen
-und begriffen. Stellte sich in Positur und brüllte mit Riesenstimme:
-»Achtung! ... Ruhe! ... Verlesung auf Befehl des Herrn Kapitäns ...!«
-
-Als Jimmy Brown geendet hatte, durchbrauste ein ungeheurer Jubel das
-Zwischendeck. Kapitän Shufflebotham beobachtete mit triumphierender
-Miene die Wirkung der Verlesung. Dann winkte er Jimmy Brown beiseite,
-nahm die Depesche zurück und sprach angelegentlich mit ihm.
-
-Jimmy Brown hörte zu. Erst ruhig. Dann mit weit aufgerissenen Augen,
-als verstünde er nicht, was der Kapitän sage und wolle. Dann mit
-beginnendem Verständnis und schließlich mit kaum verhehltem Vergnügen.
-Der Kapitän ging in seine Kabine zurück. Jimmy Brown ließ Erbsen Erbsen
-sein und machte sich auf dem Deck zu schaffen. Auf Deck, und zwar an
-der Flaggenleine. Ganz langsam stieg der Union Jack, der im Topp des
-Gefechtsmastes flatterte, herunter. Kurze Zeit hatte Jimmy Brown danach
-an einer Stelle der Flaggenleine zu tun. Er bastelte, knotete und
-knüpfte, während ein paar Kumpane ihn nach allen Seiten deckten.
-
-Dann kam die Flaggenleine wieder in Bewegung. Sie stieg. Aber sie nahm
-eine eigenartige und von keiner seefahrenden Nation anerkannte Flagge
-mit empor. Es war ein großer Scheuerlappen, der dort majestätisch in
-die Höhe ging, und in einem Drittel der Mastlänge folgte ihm der Union
-Jack. Als die Leine zur Ruhe kam und von Jimmy Brown festgeknotet
-wurde, flatterte der Lappen munter im Topp, und tief unter ihm, beinahe
-Halbmast, stand die Flagge Großbritanniens.
-
-Es war Unfug ... Grober Unfug ... Wenn die Mannschaften einmal mit der
-Beköstigung oder sonstwie unzufrieden waren, hatten sie solchen Lappen
-an die Flaggenleine geknotet. Die Götter mögen wissen, wie dem Kapitän
-Shufflebotham in der Whiskylaune der Gedanke kam, diese alte Geschichte
-wieder aufzuwärmen und zu einer offenkundigen Verhöhnung der britischen
-Flagge zu benutzen. Es genügt, daß es geschah und auf den anderen
-Schiffen Nachahmung fand. Auch auf der »Viktoria«, der »Alexandra«,
-der »Kaledonia« und allen anderen hatte man die Depesche des
-Parlamentsbeschlusses erhalten und war tatenlustig. Vergebens warfen
-sich die Offiziere ins Mittel und verboten das Manöver. Es grenzte so
-ziemlich an Meuterei. Überall wurden die Vorgesetzten zurückgedrängt,
-und auf allen Schiffen der australischen Flotte flatterte nach wenigen
-Minuten ein übler Lappen über dem Union Jack.
-
-Vergeblich sandte Admiral Morison von seinem Flaggschiff, der
-»Melbourne«, eine dringende Depesche nach der anderen und drohte, die
-Schiffskommandanten vor ein Kriegsgericht zu bringen. Sie beteuerten
-die Unmöglichkeit, diese sonderbaren Flaggen gegen den Willen der
-gesamten Mannschaften niederzuholen. Bis auf den Kapitän Shufflebotham.
-Der antwortete überhaupt nicht. Er lag auf dem Sofa seiner Kabine und
-schlief den Schlaf des Gerechten.
-
-Aber die eigenartige Flaggenparade war von mehr als einer Stelle
-gesehen worden. Auch Kommodore Blain, der Chef des englischen
-Geschwaders, hatte sie bemerkt. Bei der Entfernung von sechzehn
-Kilometer konnte er auch mit einem guten Glase nur erkennen, daß eine
-einfarbige dunkle Flagge über dem Union Jack saß. Darum schickte er
-einen Flieger aus, der sich das Ding in der Nähe besehen sollte.
-War entrüstet, als er hörte, daß die ältesten und zerrissensten
-Schauerlappen in den Toppen der australischen Flotte über der
-geheiligten Flagge Englands wehten. Dann griff er zum Telephon und rief
-den Admiral Morison selber an.
-
-Die Unterredung war auf englischer Seite von bemerkenswerter Kürze,
-aber inhaltvoll. Admiral Morison betonte, daß seine Flotte sich im
-Zustande halber Meuterei befände, daß sein eigenes Schiff den Unsinn
-nicht mitmache, daß er bemüht bleibe, wieder ordnungsmäßige Zustände
-herzustellen. Die Antwort des Admirals Blain war kurz und schroff.
-
-»Es ist drei Viertel eins. Wenn die Lappen noch um eins hängen, schieße
-ich.«
-
-Die telephonische Verbindung brach ab. Admiral Morison rief den Kapitän
-und die Offiziere seines Flaggschiffes. Es war in zwölf Minuten eins,
-als sie bei ihm eintraten. Von ihnen hörte er, daß das englische
-Geschwader die Anker aufgenommen habe und nordwärts über die Kimme
-dampfe. In fliegender Hast benachrichtigte er sie von der Unterredung
-mit dem Engländer. Zehn Minuten vor eins hatten sie die Lage begriffen.
-Natürlich ... die englische Flotte segelte auf Gefechtsentfernung von
-dreißig Kilometer irgendwohin, wo sie im Falle eines Kampfes die
-australischen Flieger erst ausfindig machen mußten, während Admiral
-Blain wußte, wo er den Gegner zu suchen und zu treffen hatte.
-
-Neun Minuten vor eins ... acht Minuten vor eins.
-
-Die Schiffe noch jetzt zum Streichen dieses verdammten Schauerlappens
-zu bringen? ... Ganz unmöglich. Seit fast einer Stunde versuchte man es
-ja vergeblich. Dann wenigstens nicht wehrlos zugrunde gehen. Sich nicht
-hier vor Anker in Grund schießen lassen. Es war sechs Minuten vor eins,
-als vom Admiralschiff an alle Einheiten der Flotte der Befehl kam,
-schnellstens Anker aufzunehmen und gefechtsklar zu machen.
-
-Niemals wurde ein Befehl in der australischen Marine schneller befolgt.
-So schwerhörig sie früher auf den einzelnen Schiffen gewesen waren, so
-hellhörig wurden sie jetzt. Man hatte das Verschwinden der englischen
-Flotte beobachtet und machte sich seinen Vers darauf.
-
-Vier Minuten vor eins waren alle Anker gelichtet. Drei Minuten vor eins
-lief die australische Flotte, die einzelnen Geschwader in Kiellinie,
-mit voller Maschinenkraft seewärts Kurs Süd zu Südost.
-
-Admiral Morison sah auf die Uhr. Eine Minute vor eins. Er trat in den
-Kommandoturm. Immer noch die schwache Hoffnung im Herzen, daß der
-Engländer seine Drohung nicht wahrmachen würde. Daß es ihm selber
-gelingen würde, die Flotte unter den Kanonen der Botany-Bai in
-Sicherheit zu bringen. Der Kampf mit der doppelt so starken englischen
-Flotte war zu aussichtslos, als daß er ihn irgendwie wünschen konnte.
-Der Kapitän der »Melbourne« war hinsichtlich der Engländer anderer
-Meinung.
-
-Schon schwirrten englische Flieger über der Kimmung. Und dann kamen
-die ersten englischen Geschosse. Zunächst keine Treffer. Aber jeder
-Schuß gab Veranlassung zu Korrekturen, und immer näher bei den Schiffen
-schlugen die schweren Geschosse in die See, dort wüste und wütende
-Wasserberge emporreißend.
-
-Die Aussichten, ein schnell und im Zickzackkurs fahrendes Schiff
-auf dreißig bis vierzig Kilometer Entfernung direkt zu treffen,
-waren natürlich minimal. Dafür aber hatte die Technik dieser Tage
-Geschosse geschaffen, welche das alte Prinzip der bereits im Weltkriege
-benutzten Wasserbomben weiter ausbauten. Sie explodierten erst vierzig
-Meter unter Wasser, warfen dann aber eine Woge auf, welche jeden
-in fünfhundert Meter Nähe befindlichen Panzer zum Kentern bringen
-mußte. Die Kriegstechnik hatte, wie immer, auf den verbesserten
-Angriff einen verbesserten Schutz folgen lassen. Die Kriegsschiffe
-waren mit stabilisierenden Kreiseln ausgerüstet, die den kippenden
-Wogen Widerstand zu leisten vermochten. Bis zu einem gewissen Grade
-wenigstens.
-
-Aber nun folgten die englischen Salven in dichter Folge. Admiral
-Morison zog seine Schiffe weit auseinander, um aus dem schlimmsten
-Strudelwasser herauszukommen. Auch die Australier feuerten, was die
-Rohre hergeben wollten, und ihre Flieger meldeten die Einschläge,
-verbesserten die Richtungen.
-
-Aber es stand schlimm um die Schiffe Morisons. Schon trieb die
-Kaledonia gekentert kieloben. Jetzt faßte ein Zufallstreffer die
-Alexandra und verwandelte sie in der nächsten Sekunde in eine graue
-Wolke kleiner Stahlbrocken und gelblich schwelenden Rauches. Wohl
-hatten auch die australischen Kanoniere einige Fahrzeuge des Gegners
-gekippt, und einem Torpedoflieger war es gelungen, einen Lufttorpedo
-aus zweitausend Meter auf das Deck des Alcestes zu setzen und ihn in
-Trümmer zu zerreißen. Aber es war klar, daß die australische Flotte nur
-noch für die Ehre der Flagge focht ... welcher Flagge denn?
-
-Ein bitteres Lächeln umspielte die Züge des Admirals Morison, als er
-den Gedanken dachte. Für die Laune, hier einen Scheuerlappen zu hissen,
-schlug sich seine Flotte auf Leben und Tod mit dem weit überlegenen
-Gegner. Um dieser Laune willen mußte er in schreiendem Gegensatz zu
-den Befehlen seiner Regierung mit einer Flotte kämpfen, mit der ihm
-die Pflege freundschaftlicher Beziehungen befohlen war. Es war bitter
-für einen Mann, dessen Leben bisher strenge Pflichterfüllung gewesen
-war. Aber Admiral Morison stand unter dem Zwange der Verhältnisse und
-beschloß, auszuharren bis zum Ende.
-
-Eine Meldung eines seiner Flieger ließ ihn aufmerken.
-
-»Englischer Panzer Alkyon gekentert. Ohne Schuß von uns.«
-
-Schon kam eine zweite Meldung von einem anderen Flugschiff:
-
-»Amphitrite geht auf Grund. Ohne Schußeinwirkung von uns.«
-
-Die dritte Meldung folgte unmittelbar:
-
-»Niobe sinkt. Es scheinen U-Boote zu wirken«.
-
-Die folgenden Sekunden brachten noch ein halbes Dutzend gleichartiger
-Meldungen. Bis Admiral Blain den ungleichen Kampf aufgab und mit dem
-Reste seiner Schiffe nach Nordosten entfloh.
-
-Admiral Morison sammelte den Rest seines Geschwaders und setzte den
-Kurs auf den bisherigen Standort der englischen Flotte. Nach beendetem
-Kampf war es Seemannspflicht, Überlebende zu retten.
-
-Auf halbem Wege, auf der Höhe von Sydney, kamen ihm U-Boote entgegen.
-Hundert U-Boote. In Kiellinie zogen sie in Überwasserfahrt daher.
-Große, schwer gepanzerte Kreuzer von einer Art, wie sie Australien
-nicht besaß. Sie fuhren schnell und waren im Augenblick heran.
-
-Es konnten Feinde sein. Aber keinem Menschen in der australischen
-Flotte kam dieser Gedanke. Sie alle, von dem Schiffskommandanten bis
-zu den einfachen Kanonieren, erblickten in diesen Booten die Erretter
-vom sicheren Untergang und begrüßten sie mit brausendem Cheer. Da
-ging am Heck des ersten Bootes ein rötlicher Ball empor, breitete
-sich im Winde aus und zeigte das Sternenbanner der amerikanischen
-Union. Amerikanische U-Boote hatten unter der Führung des Admirals
-Willcox eingegriffen. Unbekannt mit den letzten Entschließungen von
-Cyrus Stonard, sah Willcox die australische Flotte im Kampfe mit der
-englischen Übermacht. Mochten die Politiker treiben, was sie wollten.
-Der Seebär Willcox wußte nur, daß Australien nächstens amerikanisch
-werden würde. Das hatte ihm genügt.
-
-Die australische Flotte lief in den Hafen von Sydney. Die amerikanische
-U-Boot-Flotte folgte nach einer plötzlichen Entschließung des Admirals
-Willcox. Der meinte, daß es Zeit sei, das warme Eisen zu schmieden, und
-kümmerte sich den Teufel um diplomatische Gebräuche und Abmachungen.
-
-Die Kunde von dem Gefecht und dem Eingreifen der amerikanischen Hilfe
-war den Flotten drahtlos vorausgeeilt. Eine bange Stunde hindurch
-hatten in Sydney die Häuser unter dem schweren Feuer der kämpfenden
-Flotten gebebt. Dann kam die Erlösung. Hilfe und Sieg durch die
-Amerikaner. Da schlug die bange Stimmung in das Gegenteil um. Die
-Amerikaner, die jetzt im Hafen lagen, die in einzelnen Trupps an Land
-kamen, wurden mit hellem Jubel begrüßt. Niemand in ganz Sydney dachte
-mehr an die Tagesarbeit. Von dichten Scharen waren die Straßen schwarz,
-während die Häuserfassaden im Flaggenschmuck verschwanden.
-
-Einer der wenigen, die nicht an diesem allgemeinen Jubel teilnahmen,
-war der australische Premier Mr. Applebee. Der Staatsmann dachte an die
-Zukunft und fuhr bei MacNeills, dem englischen Gesandten, vor. Nicht
-ohne sich einen bestimmten Plan zurechtgemacht zu haben.
-
-Der Engländer empfing ihn hochmütig und kalt. Das Erstaunen zu deutlich
-zur Schau tragend, als daß es für ganz natürlich gehalten werden konnte.
-
-»Was wünschen Sie, Herr Ministerpräsident? Ich glaube kaum, daß wir uns
-nach dieser Affäre noch etwas zu sagen haben.«
-
-Mr. Applebee war auf den Empfang gefaßt.
-
-»Gestatten Sie, daß ich anderer Meinung über die Vorfälle bin. Es
-war der englische Admiral, der die Feindseligkeiten eröffnete und den
-ersten Schuß auf unsere Flotte tat. Auf unsere kleine Flotte, die
-sich in diesem unglücklichen Augenblick in offensichtlicher Meuterei
-befand. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich diesen Flaggenunfug genau so
-verurteile wie unser Admiral Morison. Der ganze Unsinn geht von einem
-als Trinker bekannten Kapitän aus, der heute noch seines Amtes enthoben
-werden soll. Doch dieser Umstand rechtfertigt das schroffe Vorgehen
-Ihres Admirals nicht. Was ist dabei herausgekommen? Gerade das, vor dem
-ich heute vormittag warnen zu müssen glaubte. Ein Eingreifen Amerikas
-an unserer Seite.
-
-Aber trotz aller dieser Vorfälle ... höchst bedauerlichen Vorfälle, die
-uns und Ihnen Menschenleben und gute Schiffe gekostet haben, hoffe ich
-immer noch, daß sich die Affäre in friedlicher Weise beilegen lassen
-wird. Ich habe nach Ihrem letzten Besuch auf Mittel und Wege gesonnen,
-dem Parlamentsbeschluß die Spitze abzubrechen. Ich hoffe, solche
-gefunden zu haben, und wäre untröstlich, wenn die Verständigung jetzt
-scheitern sollte.«
-
-MacNeills horchte auf. Eine Möglichkeit, den Parlamentsbeschluß zu
-inhibieren? Das gab der Sache eine neue Wendung. Er erwiderte, er wolle
-umgehend drahtlos Instruktionen seiner Regierung einholen.
-
-Mr. Applebee war noch keine Stunde von diesem Besuch zurückgekehrt, als
-er den Gegenbesuch MacNeills empfing. Die englische Regierung bestehe
-auf restlose Aufklärung der Vorfälle. Danach würde sie ihre weiteren
-Schritte einrichten.
-
-Mr. Applebee atmete auf. Das hieß, aus dem Diplomatischen in die
-tägliche Gebrauchssprache übersetzt, daß auch England die Sache
-nicht über das Knie brechen wolle. Restlose Aufklärung ... das waren
-wenigstens vierzehn Tage. Mehr hatte Cyrus Stonard nicht verlangt. Er
-schüttelte dem Engländer beim Abschied mit ostentativer Herzlichkeit
-die Hand.
-
-Mr. MacNeills fuhr im Kraftwagen nach seinem Hotel zurück. Am
-Prinz-Alfred-Park geriet das Auto in den Strom der singenden,
-johlenden, flaggenschwingenden Menge. Das Gedränge zwang den Chauffeur,
-langsam zu fahren. Ein australischer Matrose, ein Sternenbanner in der
-Rechten schwingend, sprang auf das Trittbrett. Ließ die Flagge wehen.
-
-»Hallo, Boys, drei Hurras für Uncle Sam!«
-
-Vieltausendstimmig wurde der Ruf von der Menge aufgenommen und rollte
-wie ein Donnerwetter die breite Straße entlang. Da fühlte MacNeills,
-daß Australien für England unwiederbringlich verloren sei. Der Führer
-hatte sich durch den Menschenstrom gewunden, die ruhige Seitenstraße
-erreicht.
-
-»Fahr zu, Chauffeur!«
-
-Kurz und scharf rief es der Engländer und warf sich in das Kissen
-zurück.
-
- * * * * *
-
-Die gespannte politische Lage nötigte auch den Vierten Lord
-der Admiralität, seinen Landaufenthalt für unbestimmte Zeit zu
-unterbrechen. Lord Horace Maitland war mit Familie und Dienerschaft in
-sein Stadthaus übergesiedelt, ein einfaches, aber geräumiges Palais
-aus der Zeit des dritten Georg. Kaum zehn Minuten von der Admiralität
-entfernt.
-
-Eine kleine Gesellschaft der nächsten Bekannten saß dort um den
-Teetisch versammelt. Lord Horace kam aus einer Sitzung. In diesem
-Kreise durfte er sich ziemlich frei äußern.
-
-»Die Ansichten im Kabinett waren geteilt. Einige meiner Kollegen hoffen
-immer noch, daß sich ein Krieg ... der Krieg, der um Englands Schicksal
-geht ... vermeiden läßt. Die Entscheidung liegt beim Parlament, das
-morgen zusammentritt.«
-
-»Eine bange Nacht für alle, die mit ihrem Blute für das Vaterland
-eintreten müssen.«
-
-Einer der Gäste hatte es gesagt.
-
-»Noch eine lange, bange Nacht!«
-
-Lady Diana flüsterte es mit bewegter Stimme. Sie blickte
-geistesabwesend vor sich hin und rührte mit dem kleinen Silberlöffel
-mechanisch in der Teetasse.
-
-Lord Horace betrachtete sie mit forschendem Blick. Seit Tagen fiel
-ihm eine Veränderung an ihr auf, für die er keine Erklärung fand.
-Was konnte die ruhige, gefestigte Natur seiner Frau so außer Fassung
-bringen? Der drohende Krieg? ... Wenig wahrscheinlich! Was sonst?
-
-Lady Diana atmete, wie von einer Last befreit, als die Gäste sich
-empfahlen. Lord Horace sah, wie gezwungen das Lächeln war, mit dem sie
-sie verabschiedete.
-
-Vergeblich wartete er auf ihre Rückkehr.
-
-»Die Lady hat sich in ihre Räume zurückgezogen.«
-
-Der Bescheid wurde ihm auf seine Frage. So war es ihm unmöglich, dem
-Grunde dieser Veränderung näherzukommen. Es hieß wohl zu warten, bis
-seine Gattin freiwillig sprechen würde.
-
-Er war in Sorge. Seine Heirat war eine Liebesheirat im besten und
-edelsten Sinne. Die Erhöhung des Gatten, die unerwartete Erbschaft des
-Lordtitels hatte das innige zarte Verhältnis der Gatten nicht geändert.
-Die Liebe, die in der Hütte blüht, stirbt leicht im Palast. Hier war
-das nicht der Fall. Doch seit einigen Tagen fühlte Lord Horace, daß
-etwas Fremdes zwischen ihm und seiner Gattin stand.
-
-Lady Diana schritt rastlos in ihrem Zimmer hin und her, mit fieberisch
-geröteten Wangen. Die Lippen wie durstig geöffnet.
-
-Die Stutzuhr schlug die sechste Stunde.
-
-Diana Maitland hielt in ihrem Gang inne und starrte auf das Zifferblatt.
-
-»Schon wieder ein Tag vergangen ... ohne Nachricht ... Noch eine Nacht
-wie die vergangene ertrage ich nicht ... Warum das alles? ... Um eines
-Mannes willen, dessen Namen ich längst aus meinem Leben gestrichen zu
-haben glaubte. Ah ...«
-
-Sie warf sich auf den Diwan. Die eine Hand schob ungeduldig die Kissen
-zurecht, die andere strich das Haar von der Schläfe. Ihre Augen waren
-geschlossen, aber es zuckte zuweilen in den langen Wimpern.
-
-Eine Welt lag zwischen diesem unruhig sinnenden, gegen Tränen
-kämpfenden Weib und jener heiteren, strahlenden Schönheit, die noch vor
-wenigen Tagen den Mittelpunkt der glänzenden Gästeschar in Maitland
-Castle bildete.
-
-Ihre Lippen formten Worte.
-
-»Warum lasse ich mich in wachendem Zustand von diesen Träumen quälen?
-Ist es nicht genug an den unruhigen Nächten? ... Warum diese Angst?
-... Was habe ich getan, was ich nicht vor mir selbst, vor aller Welt
-verantworten könnte?
-
-Ich bin nur feig ... oder vielleicht krank ... und könnte doch gerade
-so glücklich sein, wie mich die Welt schätzt.«
-
-Lady Diana richtete sich heftig auf.
-
-»Horace beobachtet mich ... meine Aufregung ist ihm nicht entgangen ...
-ich bin ihm kein Geständnis schuldig! Nein, nein! Soll ich ein zweites
-Mal für eine Sünde büßen, die keine war?«
-
-Erschöpft warf sie sich auf den Diwan zurück und schlug die großen
-dunklen Augen zur Zimmerdecke auf. Wie unter einem Zwange sprach sie
-weiter:
-
-»Der eine liegt auf dem Père Lachaise. Der andere in Linnais ...?«
-
-Ein Pochen an der Tür. Auf silbernem Tablett brachte die Zofe einen
-Brief. Ein großes graues Kuvert. Deutsche Briefmarken. Die Schrift der
-Adresse schien ihr wohl bekannt, und doch konnte sie den Schreiber
-nicht erraten.
-
-»Legen Sie den Brief auf den Tisch. Ich werde ihn später lesen.«
-
-Sie sagte es mit gleichgültiger Stimme. Kaum hatte die Zofe den
-Raum verlassen, als sie aufsprang und den Umschlag mit zitternden
-Fingern zerriß. Ein einfaches Zeitungsblatt bildete den Inhalt. Eine
-schwedische Zeitung. Ihre Sprachkenntnisse reichten hin, den Inhalt
-halb zu entziffern, halb zu erraten. An einer Stelle ein roter Strich.
-Eine fettgedruckte Stichmarke ... Linnais ...
-
-Sie ging zum Diwan zurück, zwang sich gewaltsam, die wenigen Zeilen
-Wort für Wort zu lesen:
-
-»Linnais, den 20. Juli. Eine Katastrophe, die noch der Aufklärung
-bedarf, hat gestern das in unserer Nähe liegende Gehöft der Truwors
-betroffen. Um Mitternacht flog das Herrenhaus unter schweren
-Explosionen in die Luft. Es wurde von dem erst kürzlich aus dem
-Auslande zurückgekehrten Besitzer bewohnt, der zwei Freunde als Gäste
-bei sich hatte. Mit Sicherheit ist anzunehmen, daß alle Insassen den
-Tod gefunden haben. Über die Ursache der Katastrophe gehen Gerüchte,
-die wir ihrer Unkontrollierbarkeit wegen vorläufig nicht wiedergeben
-wollen.«
-
-Mit einem leisen Aufschrei sank Diana Maitland auf den Diwan zurück.
-Wie im Traume sah sie, wie sich die Tür öffnete, Lord Horace in das
-Zimmer trat, die Tür hinter ihm ins Schloß fiel. Es war ihr unmöglich,
-sich zu erheben. Es gelang ihr nur, sich etwas aufzurichten.
-
-»Du hast eine unangenehme Nachricht erhalten?«
-
-»Eine unangenehme Nachricht ... wie kommst du auf die Frage?«
-
-Lord Horace deutete auf das am Boden liegende Zeitungsblatt.
-
-»Wer sandte dir diese Zeitung?«
-
-Die Antwort kam nicht gleich. Endlich kam sie ... zögernd und unfrei:
-
-»Dr. Glossin.«
-
-»Von Dr. Glossin?!«
-
-Lord Horace trat einen Schritt zurück.
-
-»Von Dr. Glossin? ... Gib mir, bitte, eine Erklärung. Du bist sie mir
-schuldig. Was steht in dem Blatt, daß dich in eine solche Erregung
-versetzt?«
-
-Lady Diana zögerte, stockte. Erst nach geraumer Weile hatte sie ihre
-Stimme in der Gewalt.
-
-»Du darfst mir nicht zürnen, Horace. Es überkam mich plötzlich ...
-gewiß eine Folge der letzten kritischen Tage. Sie haben Ansprüche auf
-meine Nerven gemacht, denen ich nicht gewachsen war ... Die Zeitung von
-Dr. Glossin ... oh, gewiß! Es wird dich interessieren, welchen Erfolg
-die Expedition nach Linnais gehabt hat. Dr. Glossin ... ah, gewiß! Es
-wird dich interessieren, welche Nachrichten er überbringt.«
-
-»Warum schickte er die Zeitung an deine Adresse?«
-
-»Ich glaube ... ich glaube ... nun sehr einfach, ihr Männer seid doch
-jetzt Feinde.«
-
-Diana Maitland versuchte zu scherzen.
-
-»Sein patriotisches Gewissen erlaubt ihm keinen Verkehr mehr mit dir
-... Ich werde dir diese Zeilen übersetzen.« Sie las ihm den Inhalt der
-Notiz vor.
-
-»Ah, sehr gut ... Der Plan ist also gelungen. Unbegreiflich, daß noch
-keine Meldung von Oberst Trotter vorliegt ... Doch du? ... Du freust
-dich nicht? Und nahmst doch zuerst so starken Anteil an dem Plan.«
-
-Diana war zurückgesunken. Sie drückte das feine Spitzentuch gegen die
-Stirn. Ihre Brust bewegte sich heftig.
-
-»Diana, was ist dir?«
-
-»Nichts! Habe Geduld mit mir, Horace. Es wird vorübergehen. Überlasse
-mich heute mir selbst, ich bitte dich!«
-
-»Schenke mir Vertrauen, Diana. Befreie dich von der Last. Sage mir, was
-dich quält.«
-
-Lord Maitland näherte sich ihr und legte den Arm beruhigend um ihren
-Nacken.
-
-Diana zuckte leise zusammen. Ihr Körper erzitterte.
-
-»Lasse mich! Lasse mich! Ich bin nicht die, die ...«
-
-Klage und Herausforderung schienen zu gleicher Zeit im Klange dieser
-Worte zu liegen. Lord Horace zog seine Hände von ihren Schultern
-zurück. Betroffen sah er das jagende Wechselspiel von Licht und
-Schatten auf ihren Zügen. Er wagte nicht zu sprechen, wagte nicht diese
-Qual, in der ihre Seele sich wand, zu unterbrechen. Endlich nach langem
-Schweigen schien ihr der Entschluß zu reifen. Ein harter Zug legte sich
-um ihren Mund.
-
-»Ich will nicht länger schweigen. Nur die Wahrheit kann mir helfen.«
-
-Sie sprach ohne Schwäche.
-
-»Hör mich an als mein Gatte, mein Freund ... als mein Richter.« Sie
-wendete sich ihm zu und blickte ihn mit freien Augen an.
-
-»Du weißt, Horace, daß meine Eltern Polen waren. Unser Nachbar war
-der Fürst Meszinski. Er hatte einen einzigen Sohn Raoul. Raoul war
-drei Jahre älter als ich. Schon als halbe Kinder galten wir als
-Verlobte. Die Familien wollten es so haben. Mein Vater war reich. Raoul
-entstammte einem alten Geschlecht und trug den Fürstentitel. Es paßte
-so schön zusammen, alter Adel und Reichtum. Im Grunde genommen, ein
-Handel, den beide Familien ausgeklügelt hatten. Ich wußte nichts davon.
-Raoul auch nicht. Wir hatten einander lieb, wie sich Kinder liebhaben.
-Wir wußten beide nichts vom Leben und von der Liebe.
-
-Raoul wurde Offizier und lernte das Leben kennen. Während mein Herz
-sich gleichgeblieben war, wurden seine Empfindungen leidenschaftlicher.
-Noch ein Jahr, und unsere Ehe sollte geschlossen werden ... Da kam
-der Krieg gegen die Russen und die Deutschen. Die vierte Teilung
-Polens war ihr Ziel. Du weißt, daß nach einem kurzen heldenmütigen
-Verzweiflungskampf Polen der Übermacht erlag. Als Raoul auszog, waren
-alle Vorbereitungen für eine schnelle Eheschließung getroffen. Wir
-schickten uns an, zur Trauung zu gehen, als eine starke russische
-Kavalleriepatrouille in den Gutshof einbrach. Die Hochzeitsgesellschaft
-stob auseinander. Raoul schoß den feindlichen Führer vom Pferde und
-entfloh.
-
-Zur Strafe wurde unsere Besitzung verbrannt. Mein alter Vater
-mißhandelt, so daß er bald darauf starb. Meine Mutter floh nach
-Finnland, ihrer Heimat. Ich weigerte mich, ihr zu folgen, und ging als
-Krankenschwester zur Armee.
-
-Als eines Tages ein neuer Transport Verwundeter in unser Lazarett
-eingeliefert wurde, sah ich darunter Raoul, den ich schon tot geglaubt.
-Er hatte eine schwere Brustwunde. Raoul selbst wußte genau, wie es
-um ihn stand. Nur das Bewußtsein, mich um ihn zu wissen, hielt das
-schwache Lebensfünkchen noch in Glut.«
-
-Lady Diana Maitland fuhr fort: »Jetzt erkannte ich ganz, wieviel tiefer
-seine Liebe war als die meine. Ich hatte ihn geliebt, wie ich jeden zu
-lieben geglaubt hätte, den mir meine Eltern zur Heirat bestimmten.
-
-Aber ebenso, wie meine Gegenwart seine letzten Tage leicht machte,
-machte sie ihm das Scheiden schwer.
-
-Ich sah, wie er in Sehnsucht und Liebe sich nach mir verzehrte. Sein
-unaufhörliches Flehen drang in mich. Meine Liebe werde ihn retten;
-mein volles Liebesumfangen werde ihn gesunden lassen. Worte süßen
-Rausches drangen in mein Herz. Noch wehrte ich mich, da sah ich ihn
-erbleichen, als ob sein Blut zur Erde niederströme. Ich schrie auf, ich
-glaubte, ihn auf der Stelle sterben zu sehen. Er sah mich mit einem
-Blick an, in dem sich sein ganzes Empfinden widerspiegelte. Liebe,
-Enttäuschung, Jammer, Verzweiflung. Er griff nach seiner Brust, als
-wolle er den Verband abreißen. Da ... da hatte ich keine Kraft mehr zum
-Widerstande ...
-
-Ich saß Tag für Tag an seinem Lager, bis sein Leben verlosch. Ich sah
-ihn hinübergehen, scheiden ohne Schmerz, voll von Glück.
-
-In mir war alles versunken, alles verschwunden. Mir war's, als hätte
-ich alles nur im Traum erlebt. Nur das letzte Wort Raouls haftete in
-meinem Gedächtnis ... ›Diana!‹ In diesem sterbenden Hauch von den
-bleichen Lippen hatte eine Unendlichkeit von Jubel, von Staunen und
-von Glück gelegen. In der Erinnerung blieb nur der Spielkamerad, der
-Jugendfreund.
-
-Die Jahre und die Ereignisse sind über mich hingegangen, ohne den Teil
-meiner Seele zu berühren, in dem alles verschlossen war. Nur einmal
-wurde die Tür dazu geöffnet, erbrochen ... und die Erinnerung hieran
-blieb ...«
-
-Ein leichter Schauer durchlief ihren Körper.
-
-»In dem Zusammenbruch unseres Vaterlandes hatten wir alles verloren.
-Ich wurde Gesellschafterin bei einer schwedischen Gräfin, die meiner
-Mutter befreundet war. Wir lebten den größten Teil des Jahres in Paris.
-Auf einer Gesellschaft lernte ich einen schwedischen Ingenieur kennen.
-Überlegen erschien mir seine Persönlichkeit gegenüber den anderen
-Männern, die ich kennengelernt hatte. Alle Vorzüge des Geistes und des
-Körpers schienen mir in ihm vereint ... Wir liebten uns ... Ich war
-glücklich, glücklich ...«
-
-Ein leises, verlorenes Lächeln schwebte wie ein Hauch um ihre Lippen.
-Sie empfand eine ungewohnte Erleichterung. Diese Selbstdemütigung
-schien ihr Herz zu stärken, wie eine Handlung ungestümen Wagemuts. Sie
-lächelte ... Dann verdüsterten sich ihre Züge wieder. Ihre Stimme, eben
-noch bewegt, wurde monoton.
-
-»Ein Lazarettarzt war unbemerkt Zeuge von Raouls letzter Stunde
-gewesen. Er tauchte eines Tages in Paris auf. Er erkennt mich wieder
-und belästigt mich mit seinen Zudringlichkeiten. Meinem Verlobten
-entgeht es nicht. Er stellte ihn zur Rede. Der Mensch weist ihn an
-mich. Ich erzählte alles, was vorgefallen. Mein Verlobter erschießt
-ihn im Duell ... Und ich?! ... Ich erhalte am nächsten Tag seinen Ring
-zurück ... ohne ein Wort, eine Silbe.«
-
-Sie senkte den Kopf und schloß die Lider. Die Erinnerung an jene
-Vorgänge ließ sie jetzt noch zittern.
-
-»Ich fühlte mich bis auf den Tod gedemütigt. Ich begriff nicht, wie
-ich noch leben sollte ... vernichtet, verachtet, mitleidlos beiseite
-geworfen.
-
-Hundertmal wünschte ich mir damals den Tod. An die Stelle der
-Liebe trat der Haß. Ich haßte so grausam, wie eine Frau nur hassen
-kann ... Was dann kam, weißt du. Ich wurde Sängerin. Im Taumel des
-Lebens glaubte ich, Vergessenheit zu finden, um nur zu bald völliger
-Enttäuschung zu begegnen.
-
-Ich beschloß, nur noch meiner Kunst zu leben, und widmete ihr mein
-ganzes Sein ...
-
-Und dann kamst du ... du warst edel, warst gut zu mir. Du zeigtest mir
-deine Bewunderung, deine Achtung, dein Vertrauen. Du warst bereit, dein
-Schicksal, dein Leben mit dem meinen zu verbinden, deinen Namen einer
-Frau zu geben, deren Leben du kaum kanntest.«
-
-Mit starrem Gesicht hatte Lord Maitland gelauscht.
-
-Eine qualvolle Pause entstand.
-
-Lord Horace preßte die Zähne zusammen. Widerstreitende Empfindungen
-ergriffen ihn. Er empfand die rückhaltlose Aufrichtigkeit Dianas als
-etwas Wohltuendes. Doch ein anderer Instinkt kämpfte gegen dieses
-Gefühl in ihm an. Etwas seinem eigenen Wesen Feindseliges tauchte in
-ihm auf, wollte ihn dazu bringen, all seinen Mut zusammenzuraffen,
-seine Liebe und sein Mitleid zu bezwingen, seiner Gattin den Rücken zu
-kehren.
-
-Diana schien seine Gedanken zu erraten.
-
-»Horace! Horace!« schrie sie mit erstickter Stimme. Alles Blut wich aus
-ihrem Gesicht.
-
-Der Lord hörte die angsterfüllte Stimme. Er stürzte auf sie zu und
-schloß ihr den Mund mit zitternden Händen, erschüttert, entsetzt. Er
-schloß ihre Augen, die starr und weit geöffnet waren. Seine Wimpern
-wurden feucht.
-
-... Sie fühlte seine Bewegung, sie spürte auf ihren Augen die Finger,
-die sie berührten, wie nur Liebe und Mitleid zu berühren wissen.
-
-Ihre Arme streckten sich und schlangen sich um den Hals des Mannes.
-
-»Du liebst mich, du glaubst an mich?«
-
-Lord Horace ergriff ihre Hände.
-
-»Laß mir Zeit ... seien wir mutig ... du hast die Gespenster der
-Vergangenheit geweckt. Es wird Zeit brauchen, sie wieder zur Ruhe zu
-bringen ...«
-
-»Du fragst nicht nach dem Namen, Horace?«
-
-»Wozu den Namen? Laß ihn begraben sein, Diana.«
-
-»Ich muß ihn dir nennen, daß du alles verstehst ... er ist ... Erik
-Truwor.«
-
- * * * * *
-
-»Lord Maitland wünschen Eure Herrlichkeit zu sprechen.«
-
-Der Diener meldete es, und gleich danach trat Lord Horace in das
-Kabinett des englischen Premierministers. Die Stimmung war ernst. Vor
-zwei Stunden war die offizielle Nachricht von dem Gefecht vor Sydney
-in London eingetroffen. Noch hielt die englische Regierung sie zurück.
-Doch schon liefen unkontrollierbare Gerüchte durch die Straßen der
-englischen Metropole. Erzählungen von einer unerhörten Schmach, die der
-Flagge Englands durch amerikanische Streitkräfte zugefügt sein sollte.
-
-Trotz aller Gesetze und Postregale gab es Dutzende geheimer
-Empfangsstationen für die Funkenmeldungen der ganzen Welt in London.
-Stationen, die auf einem Schreibtisch bequem Platz hatten und
-Funkennachrichten aus Australien und Südafrika ebenso sicher auffingen
-wie aus Schottland oder Frankreich.
-
-Die Londoner Börse wurde zuerst von den Gerüchten getroffen. Sie war
-in einer trostlosen Baissestimmung. Das Publikum in den Straßen glich
-einem aufgeregten Bienenschwarm, und Lord Gashford, der leitende
-Staatsmann des britischen Weltreiches, fühlte den Druck der schweren
-Verantwortung mehr denn je. Wohl hatte er durch die letzte Instruktion
-an den australischen Gesandten MacNeills noch eine Frist für die letzte
-unwiderrufliche Entscheidung gesichert. Aber er war sich dessen voll
-bewußt, daß die letzte Entscheidung mit Riesenschritten heranrückte.
-
-Lord Maitland hielt ihm das Zeitungsblatt hin, welches Glossin an Lady
-Diana gesandt hatte.
-
-»Die Nachricht ist gut, wenn sie wahr ist. Wir wissen es noch nicht.
-Seit sechsunddreißig Stunden warte ich auf den Bericht des Obersten
-Trotter, der vom Kriegsministerium mit der Expedition beauftragt wurde.«
-
-»Oberst Trotter ...?«
-
-»Wie meinten Sie?«
-
-»Nichts von Wichtigkeit. Nur bin ich der Ansicht, daß der Bericht
-längst da sein müßte. Es ist unerhört, daß wir das Ergebnis einer von
-uns betriebenen Unternehmung durch ein schwedisches Lokalblatt erfahren
-müssen.«
-
-Die Züge des Premiers verrieten von neuem Sorge und Ungewißheit über
-den Ausgang der Expedition.
-
-»Ich fürchte, daß irgend etwas bei der Unternehmung nicht in Ordnung
-ist. Auf keinen Fall können wir daran denken, eine Entscheidung zu
-treffen, bevor wir nicht den Bericht Trotters oder noch besser den
-Oberst selbst hier haben. Ich habe den Kriegsminister kurz vor Ihrem
-Erscheinen um seinen Besuch bitten lassen. Ich denke, das wird er sein.«
-
-Sir John Repington trat in das Gemach. In seiner Begleitung kam
-Oberst Trotter. Er machte nicht eben den besten Eindruck. Die Haut
-seines Gesichtes schälte sich wie Platanenrinde im Frühjahr. Der
-stattliche Schnurrbart war bis auf einen kargen Überrest der Schere
-zum Opfer gefallen. Der erste Eindruck auf alle in diesem Raume
-Befindlichen war der, daß es nicht gefahrlos sei, mit Erik Truwor und
-seinen Leuten anzubinden. Waren sie wirklich unter den brennenden
-Trümmern ihres Hauses begraben, so hatten ihre Flammen und sonstigen
-Verteidigungsmittel jedenfalls auch dem Gegner reichlich zu schaffen
-gemacht.
-
-Der Eindruck verstärkte sich, als Oberst Trotter seinen mündlichen
-Bericht gab. Acht von seinen Leuten tot, zum Teil in den Flammen
-umgekommen, verschollen. Fünf mehr oder weniger schwer verwundet. Nur
-mit sieben Leuten war der Oberst nach England zurückgekommen.
-
-Im übrigen bestätigte sein Bericht die Mitteilung des schwedischen
-Blattes und ergänzte sie. Nach tapferer Gegenwehr war das Feuer der
-Verteidiger niedergekämpft, das Haus sturmreif geschossen worden.
-In diesem Moment brachen Explosion und Brand aus, von denen das
-schwedische Blatt allein berichtete. Sicher waren die Verteidiger,
-soweit sie das Feuer der Angreifer noch lebend überstanden hatten, in
-der Gewalt der Explosionen und in der Hölle der Feuersbrunst umgekommen.
-
-Die englischen Minister spürten eine große Erleichterung, während
-Oberst Trotter den Gang der Dinge schilderte.
-
-»So weit ganz gut«, unterbrach hier Repington. »Aber warum haben Sie
-nicht sofort nach der Affäre einen drahtlosen Bericht an das Amt
-geschickt? Sie hatten unser bestes Modell der kleinen Stationen mit.
-Warum haben Sie nicht sofort gefunkt?«
-
-»Es ging nicht, Sir! Es ging trotz aller Bemühungen nicht. Der Mann,
-der mit dem Apparat Bescheid wußte, war gefallen. Die anderen konnten
-ihn nicht in Betrieb bringen.«
-
-Der Kriegsminister runzelte die Stirn.
-
-»Sehr bedauerlich. Der einzige Funker, den Sie bei Ihrer Truppe hatten,
-durfte nicht exponiert werden, Herr Oberst. Und dann später ... Sie
-sind mit einem unserer Flugschiffe zurückgekehrt. Warum haben Sie da
-nicht gefunkt?«
-
-Oberst Trotter zerrte verzweifelt an den spärlichen Resten seines
-Schnurrbartes.
-
-»Es ging nicht, Sir! Es ging absolut nicht! Der Telegraphist erklärte,
-daß sein Apparat in Unordnung sei. Aus unerklärlichen Gründen in
-Unordnung sei und nicht funktioniere. Es war nichts zu machen.«
-
-Lord Maitland blickte den Premier an und dieser den Kriegsminister.
-Einen Moment flammte ein unbestimmter Verdacht in den Herzen der drei
-Männer auf.
-
-Oberst Trotter gab seinen schriftlichen Bericht, den er während der
-Überfahrt verfaßt hatte, in die Hände des Kriegsministers und verließ
-das Kabinett. Lord Horace schaute ihm nachdenklich nach.
-
-»Wenn ich gewußt hätte, daß man gerade diesen Oberst Trotter mit einer
-so wichtigen Mission betraute, würde ich es kaum unterlassen haben,
-meine Bedenken geltend zu machen.«
-
-Sir John Repington bekam einen roten Kopf und nahm seinen Offizier
-in Schutz. Der alte Zwiespalt zwischen Armee und Marine machte sich
-bemerkbar. Der Premier legte den Zwist bei.
-
-»Lassen wir die Nebensächlichkeiten. Aus dem eben gehörten Bericht geht
-mit Sicherheit hervor, daß die Expedition ihren Zweck erreicht hat.
-Den Zweck, Großbritannien von einem unbekannten und unter Umständen
-unbequemen Gegner zu befreien. Wir können unsere Beschlüsse jetzt
-ohne Hemmung von dieser Seite her fassen. Nach den Ereignissen des
-Vormittags ist die Beschlußfassung nicht länger aufzuschieben. Das
-Parlament ist in London versammelt. Die Parteiführer sind von mir
-verständigt. Sie können ihre Leute in zwei Stunden zusammen haben. Auf
-Wiedersehen in zwei Stunden!«
-
-Sobald ihn seine Kollegen verlassen hatten, gab Lord Gashford den
-offiziellen Bericht über die Schlacht bei Sydney an die Presse und
-die Nachrichtenagenturen. Im Augenblick wurde er an tausend Stellen
-Londons bekannt. Extrablätter in Auflagen von Millionen kamen heraus,
-wurden den Händlern aus den Händen gerissen und vielmals gelesen,
-bevor sie auf dem Pflaster unter den Rädern der Wagen und den Füßen
-der hin und her wogenden Menge ein Ende fanden. Die Unruhe wuchs, die
-Aufregung stieg, und die Stimmung der Bevölkerung Londons näherte sich
-schnell jenem Siedepunkte, bei welchem gefährliche und unvorhergesehene
-Ausbrüche der Leidenschaft zu fürchten sind.
-
-Das Parlament war das natürliche Ventil, durch das diese Spannung sich
-entladen mußte. Und das Parlament war vollzählig bis auf den letzten
-Mann versammelt, war sich seiner Pflichten gegen das Land bewußt, als
-die Minister ihre Plätze auf den Bänken der Regierung einnahmen.
-
-Die Tagesordnung war einfach. Stellungnahme zu der Affäre von Sydney.
-Ein ausführlicher Bericht über das Vorkommnis lag jedem Mitglied
-gedruckt vor. Die meisten Abgeordneten lasen ihn kaum noch. Sie waren
-durch ihre Zeitungen informiert.
-
-Die Abstimmung war nur noch Formsache.
-
-Das englische Parlament beauftragte die Regierung, den Vereinigten
-Staaten von Nordamerika den Krieg zu erklären und ihn mit aller Energie
-zu führen.
-
-Mit diesem Auftrage zog sich das Kabinett zurück. Es hatte mit der
-Ausführung der Beschlüsse vollauf zu tun: die vorhandenen Streitkräfte
-mobil zu machen, Reserven einzuberufen, die Industrie nach dem
-großzügigen Plan zu mobilisieren. Jeder einzelne Fachminister hatte
-sein Pensum. Daneben blieb noch eine Formalität zu erfüllen. Dem
-amerikanischen Botschafter in London Mr. Geddes mußte der Kriegszustand
-amtlich mitgeteilt werden. Es waren ihm, wie es in der veralteten
-diplomatischen Sprache immer noch hieß, die Pässe zuzustellen. Zur
-gleichen Stunde, zu welcher der englische Botschafter in Washington die
-Kriegserklärung überreichte.
-
-Lord Gashford sah sich forschend um.
-
-»Lord Maitland, Sie sind mit Mr. Geddes persönlich bekannt. Wollen Sie
-ihn besuchen und ihm die Mitteilung machen?«
-
-Lord Horace nickte zustimmend. Er war mit Mr. Geddes seit Jahren
-befreundet. Er wollte den Auftrag übernehmen, um dem, was unvermeidlich
-geschehen mußte, wenigstens die versöhnlichste Form zu geben.
-
-»Betonen Sie besonders bei Ihrem Besuch, daß sich unser Kampf nicht
-gegen das blutsverwandte Volk richtet, sondern nur gegen den Tyrannen.
-Daß wir je schneller desto lieber wieder zu friedlichen Zuständen
-kommen wollen, sobald eine freiheitliche Regierung in Washington es uns
-möglich macht.«
-
-Lord Gashford wußte, warum er diese salbungsvolle Mitteilung
-überbringen ließ. Mr. Geddes war durch seine freiheitliche Gesinnung
-bekannt. Im Herzen ein Philanthrop und Pazifist. Keineswegs ein
-überzeugter Anhänger der unbeschränkten Herrschaft des Diktators.
-Letzten Endes ein Schwärmer für Menschenverbrüderung und Ideale, die in
-dieser Welt harter Realitäten kaum zu erreichen sind.
-
-Cyrus Stonard kannte die Engländer. Er wußte, daß sie seit
-Jahrhunderten jeden Krieg, jeden Treubruch, jeden Überfall mit einem
-philanthropischen Mäntelchen behängt hatten, und in einem Anfall seines
-grimmigen weltverachtenden Humors hatte er ihnen einen überzeugten
-Philanthropen als Botschafter geschickt. Eben Mr. Geddes, der von
-ganzem Herzen an alle diese Phrasen glaubte, bei allen Verhandlungen
-aus vollster Überzeugung damit operierte und letzten Endes doch genau
-tun mußte, was Cyrus Stonard wollte.
-
-Der Kraftwagen hielt vor der amerikanischen Botschaft. Lord Horace
-schritt durch das Vestibül und Treppenhaus. Durch die Räume, die er
-bei Besuchen und Festlichkeiten so oft betreten hatte. Aufgescheuchte
-Dienerschaft lief umher. Gepackte Koffer standen auf den Fluren. Mr.
-Geddes hatte der Parlamentssitzung in der Diplomatenloge beigewohnt. Er
-wußte, daß der Krieg unvermeidlich war, und hatte alle Maßregeln für
-eine schnelle Abreise getroffen.
-
-Lord Horace ließ sich durch den zurückhaltenden Empfang nicht
-abschrecken. Er trat an Mr. Geddes heran und ergriff dessen Rechte mit
-seinen beiden Händen.
-
-»Mein lieber alter Freund, Sie wissen, ich bringe Ihnen schlechte
-Botschaft. Es ist ein schwerer Gang für mich. Doch einer mußte sie
-Ihnen bringen. Da habe ich es übernommen.«
-
-Langsam legte Mr. Geddes seine zweite Hand auf die beiden Hände von
-Lord Horace. Er war zu bewegt, um sprechen zu können.
-
-Eine Minute standen sie so. Dann machte sich Lord Maitland mit sanfter
-Bewegung frei. Noch eine Verneigung, und er verließ das Haus. Der alte
-Diener, der ihn so oft bei Festlichkeiten empfangen und geleitet hatte,
-gab ihm auch jetzt das Geleit bis zur Tür.
-
-Lord Horace atmete tief auf, als das Auto in schneller Fahrt durch die
-sonnige Straße fuhr. Es war auch für ihn, den routinierten Staatsmann
-und Diplomaten, ein bitteres Stück Arbeit gewesen, einem Manne wie
-Geddes die Mitteilung zu überbringen, daß seine Mission hier zu Ende
-sei.
-
- * * * * *
-
-In der Nacht vom 19. auf den 20. Juli war die große amerikanische
-Transradiostation in Sayville im vollen Betrieb. Um die dritte
-Morgenstunde liefen alle Maschinen. Sie erzeugten die hochfrequente
-Sendeenergie und schickten sie über die Maschinengeber in die sechzehn
-Antennen der Station.
-
-Im Telegraphistensaal standen die automatischen Schreibapparate und
-verwandelten die aus allen Teilen Amerikas ankommenden Drahtdepeschen
-in gelochte Papierstreifen.
-
-Die Telegraphisten nahmen die gelochten Streifen aus den
-Stanzapparaten, ersahen aus den Adressen, nach welcher Himmelsrichtung
-sie bestimmt waren, und verteilten sie danach auf die Maschinengeber
-der verschieden gerichteten Antennen.
-
-Der Chefelektriker saß in seinem Glaskasten, von dem aus er einen
-Überblick über die ganze Station hatte. Vor ihm auf dem Tisch lag das
-Stationsbuch. Er war beschäftigt, die letzten Telegramme einzutragen.
-
-Da plötzlich ... Mr. Brown stand auf und lauschte ... Ein fremder
-Ton drang aus dem Maschinenraum her. Er kannte seine Station. Jede
-Unregelmäßigkeit verriet sich seinem geübten Ohr. Er sprang auf,
-verließ seinen Glaskasten und sah im Vorbeieilen, daß auch im
-Transmitterraum Unordnung ausgebrochen war. Alle Automaten standen
-still.
-
-Er eilte in den nächsten Saal zu den Maschinengebern. Das gleiche Bild
-hier. Eine Lähmung hatte alle diese Apparate getroffen, die eben noch
-im fliegenden Tempo arbeiteten und Depeschen in alle Welt schickten.
-
-Die Maschinengeber lagen still. Es war erstaunlich, aber schließlich
-denkbar. Das Undenkbare, das Unmögliche geschah im Nebenraum, in dem
-die großen, von den Maschinengebern gesteuerten Sendekontakte eingebaut
-waren. Die Kontakte arbeiteten. Sie tanzten auf und ab, schlossen und
-öffneten den Maschinenstrom und gaben unverkennbare Morsezeichen.
-
-Der Chefelektriker stürzte in diesen Raum. MacOmber, der alte, sonst
-so zuverlässige Maschinist, trat ihm verstört entgegen. Er deutete
-sprachlos auf die großen Kontakte, die sich, wie von unsichtbaren
-Geisterhänden bedient, bewegten.
-
-Ein höllischer Spuk war es. Aber ein Spuk, der nach einem festen Plan
-vor sich ging. Alle diese Bewegungen und Manipulationen spielten sich
-ganz systematisch ab. Er vermochte aus dem Knattern der Kontakte ohne
-weiteres den Wortlaut der Botschaft herauszuhören, die hier gegeben
-wurde.
-
-»Sayville. An alle! ... Sayville. An alle! ... Wer das Schwert nimmt,
-wird durch das Schwert umkommen. Die Macht warnt alle vor dem Kriege.«
-
-Mr. Brown stürzte sich auf den nächsten Sendekontakt und suchte ihn mit
-Gewalt festzuhalten. Die Kontakte arbeiteten unbeirrt weiter.
-
-Dreimal hintereinander gab die Station diese Depesche. Dann begannen
-mit einem Schlage wieder die Automaten und Maschinengeber zu arbeiten.
-Kaum zehn Minuten hatte der Spuk gedauert.
-
-Mr. Brown stand in seinem Glaskasten und strich sich die Stirn. Er
-wußte nicht, ob er wache oder träume. Mit verstörten Mienen blickten
-die Telegraphisten auf ihren Vorgesetzten. Keiner von ihnen kümmerte
-sich um die Apparate. Aber die Automaten, die nervenlosen Maschinen,
-taten ihre Schuldigkeit. Sie schrieben die Depeschen auf, die jetzt von
-allen Seiten her in Sayville einliefen. Anfragen von amerikanischen und
-überseeischen Stationen, was die Sendung von Sayville zu bedeuten habe.
-
-Eine dringende Staatsdepesche aus Washington: »Befehl, den
-Stationsleiter sofort vom Amt zu suspendieren. Die Station dem
-Stellvertreter zu übergeben!«
-
-Mr. Brown war mit seinen Nerven fertig. Er übergab die Station
-seinem Vertreter und setzte sich hin, um mit zitternden Händen einen
-ausführlichen Bericht über das Vorkommnis zu schreiben.
-
-Für die Geschichte jener Zeit ist der Bericht ein wichtiges Dokument
-geworden. Er gibt noch verhältnismäßig objektiv eine Darstellung der
-unerklärlichen Beeinflussungen, denen die Großstationen der ganzen Erde
-in den folgenden Wochen bald hier, bald dort ausgesetzt waren. Eine
-unbekannte Macht hatte sich des drahtlosen Verkehrs bemächtigt. Sie
-gab ihre Depeschen »An alle!«, wie es ihr gefiel, unter Benutzung der
-vorhandenen Stationen ab.
-
- * * * * *
-
-Kapitän H. L. Fagan vom amerikanischen Marinedepartement, der
-eiserne Fagan, wie ihn seine Kameraden nannten, hatte Vortrag beim
-Präsident-Diktator. Mit aufmerksamen Blicken folgte Cyrus Stonard den
-Erklärungen, die Kapitän Fagan an Hand umfangreicher, an der Wand
-befestigter Zeichnungen gab.
-
-Sie stellten die große amerikanische Unterwasserstation dar, die im
-Laufe des letzten Jahres in aller Stille, vollkommen geheim, an der
-afrikanischen Ostküste in der Höhe der Seschellen entstanden war. Durch
-gründliche Lotungen hatten amerikanische Schiffe eine Stelle ausfindig
-gemacht, die zweihundert Kilometer von der Küste entfernt mitten im
-freien Ozean lag und doch nur hundert Meter tief war. Es war die Spitze
-irgendeines vor Millionen Jahren in der Tiefe des Indischen Ozeans
-versunkenen Berges. Taucher hatten das Gelände untersucht und die
-Sprengungen vorbereitet, durch die man eine Plattform von etwa einem
-Quadratkilometer hundertfünfzig Meter unter dem Seespiegel schuf. Dann
-kam der Bau.
-
-Zwanzig gewaltige Hallen. Jede einzelne groß genug, die größten
-Flugschiffe, Flugtaucher und U-Boote aufzunehmen. Jede Halle mit den
-Maschinen für alle vorkommenden Reparaturen ausgerüstet. Jede Halle
-mit vielfacher Sicherheit gegen den gewaltigen Wasserdruck erbaut.
-Darüber hinaus noch durch ein System sinnreicher Sicherheitsschotten
-gegen Wassereinbrüche geschützt. Unterirdische, tief in den Fels des
-Berges gesprengte Gänge verbanden die Hallen miteinander. Zisternen
-waren mit Hilfe stärkerer Sprengmittel in den Basalt hineingearbeitet,
-die Hunderttausende von Tonnen der besten Treiböle für die Maschinen
-amerikanischer Kriegsfahrzeuge aufnehmen konnten.
-
-Ferner große Luftschleusen. Ein Druck auf einen der vielen Hebel
-in der Apparatenzentrale der Station genügte, und eine riesenhafte
-hydraulische Plattform hob sich wie eine plötzlich entstehende Insel
-aus den Fluten des Ozeans, bereit, Fahrzeuge aufzunehmen und sicher mit
-in die Tiefe zu bringen.
-
-Es war ein wahrhaft großartiger unterseeischer Flottenstützpunkt, den
-ein Befehl Cyrus Stonards hier mitten in der Wasserwüste entstehen
-ließ. An einer Stelle, von der aus es amerikanischen Streitkräften
-ein leichtes sein mußte, jede in Mittelafrika neu entstehende
-Kriegsindustrie im Entstehen zu zerschmettern und Indien schwer zu
-bedrohen.
-
-Als Cyrus Stonard vor dreizehn Monaten den Befehl gab, erklärten die
-Fachleute die Sache für unausführbar. Bis der eiserne Diktator den
-eisernen Kapitän fand. Cyrus Stonard entsann sich deutlich der ersten
-Unterredung mit dem Kapitän. Unbedingte Geheimhaltung des Planes und
-des Baues forderte der Diktator. Kapitän Fagan hatte damals wenige
-Minuten überlegt.
-
-»Wir müssen mit fünftausend Mann arbeiten, wenn wir in einem Jahr
-fertig werden wollen. Ein Geheimnis, um das fünftausend Menschen
-wissen, ist kein Geheimnis mehr. Also müssen wir Sklaven für den Bau
-nehmen.«
-
-Kapitän Fagan hatte es damals mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit
-gesagt, die sogar den Diktator eine Minute verblüffte. Nur eine Minute.
-Dann hatte er die Vorzüglichkeit der Idee erfaßt.
-
-Zuchthäusler führten die unterseeische Station aus. Menschen, die
-von den amerikanischen Gerichten zu langjährigen Freiheitsstrafen
-verurteilt worden waren. Es kamen Monate, in denen der elektrische
-Stuhl wenig zu tun hatte, weil der Diktator auffallend häufig
-begnadigte. Aber nur Menschen, die mit Eisen und Stahl umzugehen
-verstanden, Menschen, die in die Branche paßten. --
-
-Kapitän Fagan gab dem Präsident-Diktator auf dessen Fragen präzisen
-Bericht.
-
-»Die Hallen eins bis sechzehn sind fertig. Versehen mit Proviant,
-Brennstoff und Munition. Vier Hallen sind noch im Bau. Die Wohnhallen
-für das ordentliche Marinepersonal. Die Zuchthäusler sterben wie die
-Fliegen. Haben auch schlechte Unterkunft in den Verbindungstunnels.«
-
-»Der Endtermin ist um drei Wochen überschritten. Wann werden die
-Wohnhallen fertig beziehbar dastehen?«
-
-Die Stimme des Präsident-Diktators klang scharf und schneidend, als er
-die Frage stellte.
-
-»In drei Tagen, Herr Präsident.«
-
-»Sie bürgen dafür?«
-
-»Ich bürge, Herr Präsident.«
-
-»Sind die Verteidigungsanlagen fertig?«
-
-»Sie sind fertig, Herr Präsident. Die Station ist von einem dreifachen
-Kranz unterseeischer Torpedominensender umgeben. Die akustischen
-Empfänger sprechen auf jedes Schraubengeräusch unter und über Wasser
-an. Die Hertzschen Strahler fassen auf zehn Kilometer jedes Ziel und
-dirigieren die Torpedos zu seiner Vernichtung.«
-
-»Wie steht es mit dem Schutz gegen Luftsicht?«
-
-»Seit acht Wochen arbeiten unsere Seefärber. Es war ein glücklicher
-Gedanke, unsere Station wie einen Tintenfisch mit eigenen Farbdrüsen
-auszustatten. Das Azoblau, welches die Seefärber Tag und Nacht in
-gleichmäßigem Strome in die See geben, färbt das Wasser so gleichmäßig,
-daß die ganze Untiefe vollkommen unsichtbar wird. Auch aus zweitausend
-Meter Höhe konnten unsere eigenen Flugschiffe die Station nicht finden,
-wenn die Färber arbeiteten. Wir mußten eine besondere Erkennungsboje
-auslegen.«
-
-Cyrus Stonard hatte sich erhoben. Seine Augen leuchteten wild in
-fanatischem Glanz, während er den Mann betrachtete, der das Riesenwerk
-in einem Jahr glücklich zum Abschluß gebracht hatte.
-
-»Kurz und gut, Herr Kapitän! Wann sitzt der letzte Niet? Wann kann die
-Station in den Krieg eintreten?«
-
-»In drei Tagen, Herr Präsident! In drei Tagen sind die
-Marinemannschaften in ihren Quartieren, die Sklaven weggeschafft. In
-drei Tagen leistet die Station alles, was sie zu leisten hat.«
-
-»Ich danke Ihnen -- -- -- -- Herr Admiral! Sie haben Ihre Sache gut
-gemacht. Sie bleiben weiter zu meiner Verfügung.«
-
-Cyrus Stonard sprach mit befehlsgewohnten Lippen. Kapitän Fagan
-errötete. Ein Zittern ging durch seine bis dahin unbewegliche Gestalt.
-Ein Lob aus dem Munde des Diktators. Ein uneingeschränktes Lob und
-zugleich die Ernennung zum Admiral. Das war mehr, als er in diesen
-zwölf Monaten schwerer Arbeit mit Nächten der Verzweiflung und Tagen
-des Mißmuts zu hoffen gewagt hatte.
-
-Er beugte sich nieder, wollte die Hand des Diktators ergreifen und
-küssen. Cyrus Stonard wehrte ab.
-
-»Lassen Sie, Herr Admiral! Gehen Sie, und dienen Sie mir und dem Lande
-so weiter, wie Sie bis jetzt gedient haben!«
-
-Mit unsicheren Schritten verließ Admiral Fagan das Kabinett.
-
-In der Mitte des Gemaches blieb Cyrus Stonard stehen und blickte ihm
-lange Zeit nach. Es zuckte und arbeitete in den aszetischen Zügen des
-Diktators. Seine Lippen bewegten sich und formten Worte, während ein
-verächtliches Lächeln sie umspielte.
-
-»Da geht er hin ... der Eiserne ... Errötet und zittert wie ein
-junges Mädchen. Um das eine Wörtchen Admiral ... Hätte ich ihn
-hart angefahren, seine Arbeit getadelt, ihn weggejagt, er wäre
-davongeschlichen ... hätte kein Wort des Widerspruchs gewagt ... Eisern
-... pah! ... so sind sie alle ... ohne Ausnahme! Nur wenn sie den Herrn
-fühlen, tun sie, was sie sollen ... was für das Land nötig ist ...
-Kreaturen, die ein Wort von mir erhöht oder in den Staub wirft ...«
-
-Der Präsident-Diktator kehrte langsam zu seinem Sessel zurück.
-Weltverachtung sprach aus seinen Zügen. Es waren alles Sklaven. Im
-Grunde nicht besser als die Fünftausend, die das letzte Jahr auf dem
-Seegrunde gefrondet hatten.
-
-Ein Gefühl des Überdrusses überkam ihn. Warum sich mühen und plagen, um
-diese Sklavenherde mit Gewalt den Weg zu ihrem Glück zu führen. Weil
-... weil ...
-
-Ein Adjutant trat ein. Leutnant Greenslade brachte eine Depesche. Einen
-Bericht über die Vorgänge in Sayville. Legte sie auf den Tisch und
-erwartete in dienstlicher Haltung die Befehle des Diktators.
-
-Cyrus Stonard überflog das Blatt. Die rätselhafte Beeinflussung der
-großen Radiostation in Sayville. Das selbsttätige unhemmbare Arbeiten
-der Geber. Das Spielen der Schalter. Schließlich die kurze wunderbare
-Depesche: »An alle! ... Die Macht warnt vor dem Kriege.«
-
-Und wußte in demselben Moment, daß Glossin gelogen hatte! Daß Erik
-Truwor und die Seinen am Leben und im Besitze der Macht waren!
-
-In diesen Sekunden erlebte der Präsident-Diktator einen jähen und
-schweren Sturz. Eben noch im Gefühl eines unendlichen Machtbesitzes.
-Herr der halben und bald der ganzen Erde. Absoluter Gebieter
-über dreihundert Millionen. Und jetzt von einer unbekannten und
-unangreifbaren Macht bedroht, in seinen Entschlüssen und Befehlen
-gehemmt.
-
-Wie eben noch Kapitän Fagan durch wenige Worte des Diktators umgeworfen
-wurde, so brach Cyrus Stonard über den Inhalt der Depesche zusammen. Er
-saß vor seinem Tisch, ließ das Haupt auf die Arme sinken und verbarg
-sein Gesicht. Ein Schluchzen erschütterte den hageren, nur der Arbeit
-gewidmeten Körper.
-
-Leutnant Greenslade stand in vorschriftsmäßiger Haltung. Sah den
-Präsident-Diktator die Haltung verlieren und begann um sein Leben zu
-zittern. Es lebte niemand in den Vereinigten Staaten, der sich rühmen
-konnte, Cyrus Stonard schwach gesehen zu haben. Leutnant Greenslade
-hatte nur einen Gedanken.
-
-Wehe, wenn Stonard die Augen wieder aufmacht! Wehe, wenn der Diktator
-mich sieht! Dann bin ich verloren!
-
-In diesem Augenblick erhob Cyrus Stonard den Kopf. Mit Augen, die
-abwesend und weltentrückt blickten, schaute er um sich.
-
-»Dr. Glossin soll kommen!«
-
-Leutnant Greenslade übermittelte den Befehl und ging dann mit sich
-selbst zu Rate, ob er es wagen dürfe, in den Staaten zu bleiben.
-
-Dr. Glossin stand im Kabinett des Präsident-Diktators. Cyrus Stonard
-erhob sich statuenhaft von seinem Platz. Seine Rechte ergriff die
-Depesche und ballte sie krampfhaft zusammen. Er sprach kein Wort.
-Langsam kam er dem Doktor näher, bis er nur noch drei Schritte von ihm
-entfernt stand. Dann schleuderte er ihm den Papierball mit jähem Ruck
-in das Gesicht.
-
-Dr. Glossin machte keine Bewegung, den Wurf abzuwehren. Der Ball traf
-ihn zwischen die Augen und fiel zu Boden. Der Arzt verlor die letzte
-Spur von Farbe. Er kannte den Inhalt der Depesche, die ihm Cyrus
-Stonard eben ins Gesicht geschleudert hatte. Seit zwanzig Minuten
-wußte er, daß all seine Arbeit während der letzten Wochen vergeblich
-war. Die einzigen Menschen, die er zu fürchten hatte, waren seinen
-Nachstellungen entgangen. Waren irgendwo in Sicherheit und ließen ihre
-Macht spielen.
-
-Er war in diesem Augenblick nicht einmal fähig, die Beleidigung zu
-empfinden, die in dieser Behandlung lag. Der Papierball wirkte wie eine
-Flintenkugel. Der von ihr Getroffene empfindet den Schuß nicht als
-Beleidigung, aber er fällt danach um. Dr. Glossin begann auf seinen
-Füßen zu wanken, tastete mit den Händen nach einem Halt.
-
-Dem Präsident-Diktator hatte der physische Ausbruch Erleichterung
-verschafft. Die unmittelbare Wirkung des Schlages, der ihn getroffen
-hatte, ließ nach. Er begann klarer zu sehen. Sah den Menschen vor sich,
-der im Begriff stand, umzusinken.
-
-Da ließ er sich selbst wieder in seinem Sessel nieder und winkte dem
-Doktor.
-
-»Setzen Sie sich! ... Setzen Sie sich! ... Nicht dahin ... hierher!
-Hier dicht zu mir her ... ja, hier ... Halt, heben Sie das erst auf!«
-
-Er wies mit der Hand auf die zerknüllte Depesche. Er kommandierte den
-Doktor wie einen Hund, und Dr. Glossin gehorchte wie ein geprügelter
-Hund. Jetzt saß er auf dem angewiesenen Sessel, dicht neben Cyrus
-Stonard, und entfaltete ganz mechanisch den Papierball.
-
-»Lesen Sie!«
-
-Dr. Glossin las die Depesche, die er heute schon so oft gelesen hatte.
-
-»Was haben Sie mir gesagt? Und was sagen Sie jetzt?«
-
-Der Arzt war unfähig, eine zusammenhängende Antwort zu geben. Cyrus
-Stonard sah, daß er ihm die Möglichkeit zur Sammlung geben müsse. So
-befahl er weiter:
-
-»Geben Sie mir noch einmal einen genauen Bericht über die Vorgänge in
-Linnais. Nicht gefärbt, absolut genau!«
-
-Dr. Glossin raffte sich zusammen. Er begann zu sprechen und wurde
-ruhiger, je weiter er in seinem Bericht kam.
-
-»Die Engländer waren zur selben Zeit am Platze wie ich. Als ich den
-englischen Führer kennenlernte, war ich über seine Naivität erstaunt.
-Ich wollte ihn zurückrufen lassen, aber die Zeit war zu kurz. Ich hatte
-keine Möglichkeit mehr, die Expedition zu verhüten ...«
-
-Cyrus Stonard streifte den Arzt mit einem kalten Blick.
-
-»Das kommt davon, wenn die Werkzeuge anfangen, selbst zu denken. Ihnen
-hatte ich den Befehl gegeben, die drei zu vernichten. Ihnen! ... Nicht
-den Engländern. Ich habe Ihre Eigenmächtigkeit nach Ihrem ersten
-Bericht nicht gerügt, weil Sie mir einen Erfolg meldeten. Einverstanden
-war ich nicht damit.
-
-Warum habe ich Sie zu meinem Werkzeug gewählt? ... Weil ich mir solche
-bewährte Kraft für manche Geschäfte nicht entgehen lassen durfte. Wenn
-Ihr Talent nicht ausreicht, drei Menschen vom Erdboden verschwinden zu
-lassen, wenn Sie dazu die Engländer gebrauchen ... Mann, warum haben
-Sie die Engländer auf die drei gehetzt, anstatt selbst zu gehen?«
-
-Dr. Glossin stammelte: »... Interesse des Landes ... Rücksicht auf die
-Neutralen ... diplomatische Schwierigkeiten.«
-
-»Unsinn ... Dummheit ... was geht mich Schweden an? Denken Sie, ich
-hätte die Möglichkeit, die Neutralität dieses Ländchens zu verletzen,
-nicht in meinen Kalkul eingezogen?«
-
-Er blickte dem Doktor scharf in die Augen.
-
-»Sie haben Furcht gehabt! Erbärmliche, feige Furcht vor den drei
-Leuten! Darum wollten Sie den Fuchs spielen. Andere Leute die Kastanien
-aus dem Feuer holen lassen ... So ist diese ... Gemeinheit zustande
-gekommen ... Merken Sie wohl auf! Sie stehen von heute ab unter
-Überwachung. Sie wissen, was das heißt. Der Verdacht einer Verräterei,
-eines Ungehorsams, und Sie verschwinden. Denken Sie daran, wenn Sie mir
-jetzt antworten.
-
-Ich wünsche genau Ihre Meinung über diese drei Menschen zu wissen.
-Ob sie noch am Leben sind ... oder ob diese Depesche etwa von einer
-anderen Stelle kommt. Und wenn sie leben, was sind ihre Pläne, wie groß
-ist ihre Macht, wie weit reicht sie? Werden sie sich in dem kommenden
-Kampfe auf eine Seite stellen? Überlegen Sie sich genau, bevor Sie
-antworten. Es geht um Ihren Hals.«
-
-Dr. Glossin wußte, daß der Präsident-Diktator nicht scherzte. Eine
-unbefriedigende Antwort ... ein Druck auf den Klingelknopf am
-Schreibtisch und er erlebte den nächsten Stundenschlag nicht mehr. Er
-sammelte seine Gedanken und sprach langsam Wort für Wort abwägend:
-
-»Nein! Es ist ausgeschlossen, daß eine dritte Stelle in Betracht kommt.
-Ich war Augenzeuge der Katastrophe in Linnais, und ich sage doch, es
-sind die drei, die die Depesche sandten.«
-
-»Wie konnten sie entkommen? Sie mußten doch schließlich fürchten, eines
-Tages ausgehoben zu werden. Sie konnten sich durch einen unterirdischen
-Gang sichern, der irgendwo in den Bergen oder am Fluß ins Freie mündet.«
-
-»Ich habe daran gedacht. Aber dann müßte er schon lange bestanden
-haben. Die drei sind erst seit wenigen Wochen in Linnais. Die Anlage
-eines Ganges braucht Monate, wenn nicht Jahre. Immerhin bleibt der
-unterirdische Gang die nächstliegende Erklärung. Es könnte sein, sie
-hätten ihn mit ihren phänomenalen Hilfsmitteln in dieser kurzen Zeit
-geschafft ... oder ... sie sind ...«
-
-Dr. Glossin preßte sich mit beiden Händen die Stirn zusammen, als ob
-ihm der Schädel unter der Gewalt des neuen Gedankens springen wollen.
-Er schwieg.
-
-Cyrus Stonard trieb ihn zum Weiterreden: »... oder sie sind? Sprechen
-Sie doch!«
-
-»Oder sie haben unsere Augen geblendet und sind unsichtbar durch unsere
-Reihen gegangen!«
-
-Cyrus Stonard betrachtete den Doktor zweifelnd.
-
-»... unsichtbar? ... Das wäre der Teufel selbst! ... Sich unsichtbar
-machen? ... Es geht um Ihren Kopf, Herr Dr. Glossin! Tischen Sie mir
-keine Märchen auf. Sie werden alt. Ich mußte es Ihnen schon einmal
-sagen.«
-
-Dr. Glossin sah den Präsident-Diktator ruhig an. Ohne Furcht vor
-der Gewalt, die jeden Moment sein Leben zerstören konnte. Mit
-weltabgewandten, weltentrückten Blicken. Dann sprach er. Erst leise und
-stockend. Dann immer bestimmter und mit gehobener Stimme:
-
-»Was Ihnen Kindermärchen scheint, ist für manchen schon längst Wahrheit
-und Tatsache. Sie sind der Mann der Realitäten. Der Mann, der seine
-Politik mit Blut und Eisen macht. Es ist Ihre Stärke, aber ... es wird
-Ihre Schwäche, wenn Kräfte und Dinge aus einer anderen Sphäre an Sie
-herantreten. Es gibt Wissende, die über diese Dinge nicht lächeln,
-sondern ... ich selbst, Naturwissenschaftler, Skeptiker, ich glaube
-eher, daß sie aufrecht und unsichtbar durch unsere Reihen gegangen
-sind, als daß sie sich wie die Maulwürfe in einen unterirdischen Gang
-verkrochen haben.«
-
-Der Präsident-Diktator zerknitterte die Sayville-Depesche mit
-energischem Griff von neuem.
-
-»Mögen sie gemacht haben, was sie wollen! Ich halte mich an die realen
-Tatsachen. Die Macht existiert. Sie ruht in den dreien. Sie hat in
-Sayville angesprochen. Weshalb warnen sie, wenn sie handeln können?
-Weshalb haben sie dann nicht auch bei der Geschichte vor Sydney
-eingegriffen und das Gefecht verhindert?«
-
-»Das ist meine Hoffnung. Sie haben es nicht gekannt. Ihre Macht reicht
-nicht so weit. Noch nicht so weit. Sonst hätten sie es verhindert.
-Vorläufig bluffen sie nur. Die Warnung war ein Bluff ...«
-
-»Es geht um den Kopf, Herr Dr. Glossin. Sagen Sie nur, was Sie mit
-Ihrem Kopf vertreten können.«
-
-»Es ist meine feste Überzeugung, Herr Präsident. In ihrer ganzen
-Tragweite ist die Erfindung erst im Entstehen begriffen. Nur so finde
-ich eine Erklärung für das Nichteingreifen in die Affäre vor Sydney.
-Nur so kann ich es verstehen, daß sie warnen, anstatt zu verbieten. Die
-Fassung der Depesche ist für mich der unumstößliche Beweis, daß die
-Entwicklung der Macht irgendwo stockt.«
-
-Der Präsident-Diktator war den Ausführungen Glossins mit wachsender
-Spannung gefolgt.
-
-»Ich glaube Ihnen. Die Folgerung ist einfach. Den Engländern an den
-Leib! So schnell wie möglich! An Stellen, die der Macht heute noch
-unerreichbar sind. In Indien ... In Südafrika ... vielleicht ...
-jedenfalls so schnell wie möglich, denn eines Tages sind sie doch so
-weit.«
-
-Cyrus Stonard drückte auf den Knopf. Ein Adjutant kam.
-
-»Die Herren vom Kriegsrat! In einer halben Stunde!«
-
-Er sprach wieder zu Dr. Glossin.
-
-»Unsere Pläne müssen geändert werden. Wir wollten England in England
-schlagen. Jetzt müssen wir es am Äquator versuchen. Das verdanke ich
-Ihrer Neigung für unkontrollierbare Privatunternehmungen.«
-
-Cyrus Stonard blickte den Arzt an, wie eine Schlange ihr Opfer
-betrachtet. Mit kaltem, klarem Blick. Lange Sekunden bewegten sich die
-Lider seiner Augen nicht, und Dr. Glossin fühlte das Blut in seinen
-Adern gefrieren. Dann fuhr der Präsident-Diktator langsam fort:
-
-»Es gibt ein Mittel für Sie, um sich vollständig zu rehabilitieren.
-Fangen Sie mir die drei! Wenn Sie sie mir lebendig bringen, will ich
-Sie belohnen, wie noch niemals ein Mensch von einem anderen belohnt
-worden ist. Wenn Sie sie tot bringen, soll Ihr Lohn noch überreich
-sein. Alle Machtmittel, die ein Land von dreihundert Millionen bieten
-kann, stehen Ihnen zur Verfügung. Neutralität ... ich pfeife darauf.
-Jedes Mittel, jedes Verfahren ist Ihnen erlaubt, wenn es zu dem Ziele
-führt, die drei in meine Gewalt zu bringen. Denken Sie immer an das
-Ziel. Seine Erreichung wird unermeßlich belohnt. Mißlingen ist Verrat.«
-
- * * * * *
-
-»... Oder sie sind unsichtbar durch unsere Reihen gegangen.« Dr.
-Glossin hatte die Möglichkeit gegenüber dem Präsident-Diktator
-ausgesprochen und hatte damit gesagt, wie es geschehen war.
-
-Als Oberst Trotter als erster über den Gartenzaun von Linnais sprang,
-stand Erik Truwor in Begleitung seiner beiden Freunde unmittelbar neben
-ihm. Die hypnotische Kraft Atmas blendete den Obersten und schlug seine
-Leute mit Blindheit.
-
-»Es ist gut, wenn wir einige Zeit für tot gelten.« Erik Truwor hatte
-damit den Plan für die nächsten Wochen und Monate gegeben. Atma
-und Silvester übernahmen die Ausführung. Atma verwirrte die Sinne
-der Gegner. Silvester trug den kleinen Strahler und brachte die
-Schießwaffen, mit denen die Fenster des Truworhauses gespickt waren,
-zum Feuern.
-
-Während die Engländer das Haus belagerten, gingen die drei zur
-Odinshöhle. Dort ließen sie sich nieder. Aus der Tafel des Fernsehers
-war das Haus von jeder Seite und in allen Details sichtbar. Silvester
-Bursfeld ließ den Strahler arbeiten. Er unterhielt das Gewehrfeuer,
-solange noch eine Patrone vorhanden war. Dann kam das Ende.
-
-Erik Truwor hatte sich entschlossen, sein Vaterhaus zu opfern. Als die
-Tür unter den Axthieben der Stürmenden einbrach, gab er selbst aus dem
-großen Strahler die volle Konzentration in das Brennstofflager des
-Hauses. Zehnmillionen Kilowatt in zehntausend Kilogramm Benzol. Das
-Truworhaus wurde in einer Sekunde zum feuerspeienden Berg.
-
-Erik Truwor verfolgte das Schauspiel auf der Mattscheibe des
-Fernsehers. Sein Gesicht blieb unbeweglich, wie aus Stein gemeißelt.
-
-Als die Mauern zusammenstürzten, wandte er den Blick von der Platte ab.
-
-»Sie wähnen uns dort begraben. Ihr Glaube gibt uns die Ruhe für die
-letzten Vorbereitungen.«
-
-Der Rapid Flyer stand in der Höhle. Als Dr. Glossin mit dem Obersten
-sprach, als Oberst Trotter seine Brandwunden im Tornea kühlte, trug
-R. F. c. 1 die Freunde nordwärts davon. Langsam, in niedrigem Flug.
-Vorsichtig die Deckung der Berge und Föhren nehmend. Ungesehen und
-ungehört.
-
-Erst als sie in sicherer Weite waren, stieg der Flieger zu größeren
-Höhen empor und nahm reinen Nordkurs. Über offene See und schweres
-Packeis. Über Länder und über weite Eisflächen.
-
-Nach dreistündiger Fahrt senkte sich das Schiff. Stieß durch Nebel und
-Wolken und ruhte auf der Eisfläche, die wie eine ungeheure massive
-Kuppe den nördlichen Pol unserer Erde umgibt.
-
-Sie landeten inmitten der endlosen Eiswüste und fanden dennoch ein
-wohnliches Heim. Silvester sah es mit Staunen.
-
-Erik Truwor hatte den halben Monat, den Silvester nach seiner
-Vermählung abwesend war, nicht ungenutzt gelassen.
-
-Er hatte sich hier ein Schloß geschaffen. Einen Eispalast im wahren
-Sinne des Wortes. Aus der flachen verschneiten Eiswüste erhob sich
-blaugrünlich schimmernd ein Eisberg hundert Meter empor. Ein massiver
-Eisblock, bis Erik Truwor kam und den Strahler spielen ließ. Da fraß
-die entfesselte Energie das Eis mit gieriger Zunge. Gänge bildeten
-sich. Säle und Kammern entstanden, während das Schmelzwasser in Strömen
-ins Freie lief.
-
-Dann waren die Tage gekommen, an denen der alte Schäfer Idegran auf
-der Torneaheide der Wodanshöhle in immer weiterem Bogen aus dem Wege
-ging. Es fauchte in der Höhle. Es schwirrte in den Lüften. Erik Truwor
-hielt seinen Umzug wie der wilde Jäger. Vollgepackt mit Lebensmitteln
-und Brennstoffen, mit Apparaten und Werkzeugen fuhr der Rapid Flyer
-zwischen dem Eisschloß am Pol und dem Haus am Tornea hin und her. Es
-war nur noch eine leere Schale, die Oberst Trotter mit seinen Leuten
-belagerte.
-
-Silvester sah das neue Heim zum erstenmal. Sie traten in das Innere des
-Berges, und eine wohlige Wärme umfing sie. Ein kleiner Strahler machte
-gerade so viel Energie frei, daß die Luft in den Räumen gut erwärmt
-war, aber das Eis der Wände noch nicht schmolz.
-
-Erik Truwor ließ sich im großen Wohngemach auf einen Sessel nieder.
-
-»Hier bin ich, hier bleibe ich! Hier findet uns niemand. Die Schiffe,
-die über den Pol gehen, fliegen hoch. Auch aus nächster Nähe würden sie
-nur den Eisberg sehen.«
-
-Atma lag bewegungslos auf einem Diwan. Er ruhte, meditierte, wie er es
-stets tat, wenn seine Kraft, seine telepathische Willensmacht nicht
-verlangt wurden. Silvester brauchte viele Stunden, um durch alle Räume
-zu schreiten. Er sah das Laboratorium und die neuen großen Strahler.
-Er versenkte sich in die Verbesserungen, die Erik Truwor während
-seiner Abwesenheit angebracht hatte, und dann sah er die Teile der
-Telephonanlage. Sie waren noch nicht zusammengebaut.
-
-Seine Gedanken flogen zu Jane. Sie würde diesen Nachmittag vergeblich
-auf seinen Anruf warten. Er würde ihr Bild sehen. Der Fernseher
-gestattete es zu jeder Zeit. Doch er würde nicht mit ihr sprechen
-können. Sie würde warten ... würde in Sorge sein. Um so mehr, wenn wenn
-irgendwoher die Nachricht von Linnais, vom Untergang des Hauses zu ihr
-käme.
-
-Er erschrak bei dem Gedanken und trat an den großen Strahler. Er
-richtete ihn und schaltete die Energie ein. Das Bild erschien
-auf der Scheibe. Ein Flußlauf. Industriewerke, Häuser. Jetzt die
-charakteristische Gestalt des Rattinger Tors von Düsseldorf. Nun die
-Straße, das Termölensche Haus ...
-
-Er verzehnfachte die Vergrößerung und regulierte mit den
-Mikrometerschrauben.
-
-Die Küche ... Frau Luise Termölen ... die gute Stube ... dort Jane. Ihr
-gegenüber eine andere Gestalt.
-
-Silvester Bursfeld brachte die Vergrößerung noch einmal auf das
-Zehnfache. Jetzt standen die Figuren fast in Lebensgröße vor ihm. Jane
-blaß, erschreckt, dem Umsinken nahe. Ihr gegenüber Dr. Glossin.
-
-Silvester ließ das Bild stehen und lief in das Gemach, in welchem Atma
-lag.
-
-Der Inder kam und sah das Bild. Eine Veränderung war eingetreten. Jane
-lag regungslos am Boden. Ein Zeitungsblatt neben ihr. Dr. Glossin
-bemühte sich um die Eingesunkene, richtete sie auf, sprach auf sie ein.
-
-Soma Atma stand in kataleptischer Starre. Seine Pupillen verengten sich
-bis zum Verschwinden. Seine Seele verließ den Körper und ging auf die
-Wanderung.
-
-Das Bild auf der Mattscheibe veränderte sich. Silvester sah, wie das
-Blut seinem Weib in die Wangen zurückkehrte. Sie erhob sich. Aufrecht
-stand sie da, lächelte spöttisch und deutete mit einer verächtlichen
-Handbewegung auf das Zeitungsblatt, und dann verließ Dr. Glossin mit
-allen Zeichen der Enttäuschung und des Mißmutes den Raum.
-
-Es dauerte lange, bis der Inder sich aus dem Krampfe löste. Dann
-sprach er, ruhig und leidenschaftslos wie immer: »Dein Weib weiß, daß
-du lebst.«
-
-Er kehrte in seinen Raum zurück und versank wieder in das stille
-Vorsichhinstarren, Ruhen und Sinnen, in dem er Tage und Wochen
-verbringen konnte.
-
-Die Arbeit rief. Erik Truwor hatte Verbesserungen vorgeschlagen, die
-sich auf eine noch genauere Einstellung bezogen. Silvester Bursfeld
-hatte von seiner Hochzeitsreise eine ganz neue Idee mitgebracht. Eine
-Zielvorrichtung, die es gestatten mußte, mit dem Strahler auch gegen
-bewegte Ziele zu operieren, während er volle Energie im Raum auslöste.
-
-Das hielt Silvester jetzt für das Wichtigste, und Erik Truwor stimmte
-ihm bei. Mit den vorhandenen Einrichtungen ließ sich die Energiemenge
-wohl haarscharf auf jeden Punkt der Erdoberfläche einstellen. Aber es
-war noch nicht möglich, die Einstellung mit voller Sicherheit bewegten
-Zielen folgen zu lassen, während die Energie wirkte. Erik Truwor
-verlangte, daß man mit dem großen Strahler auch schnellfliegende Ziele
-fassen könne, während er auf irgendeinem Punkt der Erde zehn Millionen
-Kilowatt brodeln ließ.
-
-Eine Änderung der Schaltung war dazu notwendig. Der Energiestrom, der
-vom Ziel reflektiert wurde und das Bild auf der Mattscheibe erzeugte,
-mußte von der Hauptenergie abgezweigt werden. Widerstände waren
-einzubauen, die diesen Nebenstrom automatisch so schwach hielten, daß
-er das Bild nicht sprengte, die Mattscheibe nicht fraß. Es bedurfte
-mancher Tage, um die neuen Ideen praktisch auszuführen.
-
-Erik Truwor war die treibende Kraft. Er stand vor dem Amboß, das
-Antlitz von der Glut des Feuers gerötet, und schmiedete die für den
-Neubau nötigen Stücke. Die Funken umsprühten ihn, während er den Hammer
-schwang und das glühende Eisen formte. Als Schlosser, Dreher und
-Mechaniker in einer Person arbeitete Silvester. Er feilte, schnitt und
-schliff und hörte dabei die Worte Erik Truwors.
-
-Wie ein Prophet sprach Erik Truwor von der Zukunft, die er nach seinem
-Willen formen wollte.
-
-»Von Mitternacht kommt die Macht.« Öfter als einmal fiel das Wort von
-seinen Lippen, während er einem Schmiedestück mit wuchtigen Hieben die
-letzte Form gab. Machtgefühl klang aus den Schlägen, mit denen er den
-Hammer auf den Amboß schmetterte, daß es weithin durch die Eishallen
-dröhnte.
-
-Silvester hörte nur mit halbem Ohr hin. Er war unruhig bei der Arbeit,
-und seine Gedanken weilten in weiter Ferne. Wohl hatten ihn die Worte
-Atmas vorübergehend beruhigt. Doch zufrieden würde er erst sein, wenn
-Ätherschwingungen und Elektronenbewegungen Janes Bild wieder bis an
-den Pol führten und seine Stimme über Spitzbergen und Skandinavien bis
-in das stille Gemach nach Düsseldorf brächten. Er lechzte danach, sein
-junges Weib zu sehen, mit ihr zu sprechen, und arbeitete hastig und
-freudlos an dem Neubau, zu dessen schneller Ausführung Erik Truwor ihn
-zwang. Die Ruhestunden während der langen hellen Polnacht benutzte er,
-um auf dem Gipfel des Berges die Antennen für die drahtlose Station zu
-ziehen.
-
- * * * * *
-
-Nur eine schwere seelische Erschütterung kann den Riegel zerbrechen.
-Dr. Glossin wußte es. Darum hatte er Jane das Zeitungsblatt mit der
-Nachricht über die Katastrophe von Linnais gegeben. Im letzten Moment,
-als der Riegel wankte, als er brechen wollte, hatte Atma eingegriffen.
-Seiner Kraft war es gelungen, die Verriegelung noch einmal zu halten
-und zu schließen. Aber sie hatte durch den schweren Angriff Glossins
-eine Beschädigung erlitten. Ein zweiter unvermuteter Stoß konnte sie
-leicht sprengen.
-
-Einstweilen war Jane beruhigt. In jenem Moment, als sie unter dem
-niederschmetternden Eindruck der Nachricht von Linnais halb ohnmächtig
-in den Armen Glossins hing, war es plötzlich wie eine feste und
-unumstößliche Gewißheit durch ihre Seele gegangen: Silvester lebt. Er
-ist mit seinen Freunden geborgen. Ich werde bald von ihm hören. Es war
-die telepathische Beeinflussung des Inders, die ihr diese Zuversicht
-gab, die sie instand setzte, die Worte Glossins zu belächeln, ihm ihre
-andere bessere Überzeugung entgegenzuhalten.
-
-Dr. Glossin hatte das Haus Termölen verlassen. Niedergeschlagen,
-innerlich zerrissen. Er fühlte alle seine Stützen wankend werden.
-
-Seitdem sich Cyrus Stonard mit dem Gedanken des Krieges gegen das
-britische Weltreich trug, lag in Glossins Unterbewußtsein das
-Empfinden, daß der Präsident-Diktator um seine Herrschaft, vielleicht
-sogar um seinen Kopf spielte. Es blieb ihm selbst verborgen und
-unbewußt, bis der leidenschaftliche Ausbruch des Diktators es ans Licht
-rief. Jetzt empfand er es von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde
-deutlicher. Der Stern Cyrus Stonards war im Sinken. Es war Zeit, sich
-von ihm zu trennen. Für einen Charakter wie Glossin aber war die
-Trennung gleichbedeutend mit Verrat, mit dem Übergang zur anderen
-Partei.
-
-Er dachte nicht mehr daran, den Auftrag Cyrus Stonards zu erfüllen.
-Mochte der Diktator die drei selber fangen, wenn er sie haben wollte.
-Aber Jane wollte und mußte er unter allen Umständen in seine Gewalt,
-auf seine Seite bringen, koste es, was es wolle. Es war ihm nicht
-geglückt, den Riegel im ersten Ansturm zu sprengen. Kein Wunder, wenn
-eine hypnotische Kraft wie diejenige Atmas ihn gefügt hatte. Aber Dr.
-Glossin wußte auch, daß jeder Angriff die Verriegelung schwächte, daß
-sie doch eines Tages brechen mußte, wenn sie nicht ständig erneuert
-wurde. Er beschloß, vorläufig in Düsseldorf zu bleiben, das Haus, in
-welchem Jane wohnte, zu beobachten, die nächste Gelegenheit abzupassen
-und auszunutzen.
-
-Die vierte Nachmittagsstunde kam heran, die Zeit, zu welcher Silvester
-mit Jane zu sprechen pflegte. Wie gewöhnlich setzte sie sich an den
-Apparat und hielt den Hörer erwartungsvoll an das Ohr.
-
-Nur noch Sekunden, dann mußte die Stimme Silvesters zu ihr dringen.
-Dann würde sie aus seinem eigenen Munde hören wie der Brand in Linnais
-verlaufen war und wo er sich jetzt mit seinen Freunden befand.
-
-Jane saß und harrte auf die erlösenden Worte. Wartete, während die
-Sekunden sich zu Minuten häuften und aus den Minuten Viertelstunden
-wurden.
-
-Der Apparat blieb stumm. Nur das leichte Rauschen der
-Elektronenverstärker war an der Telephonmembrane zu hören.
-
-Jane saß und wartete. Sie konnte es ja nicht wissen, daß Silvester
-in diesem Augenblick den Strahler am Pol richtete, ihr Bild auf
-die Mattscheibe brachte. Sie harren sah und hundertmal den Umstand
-verwünschte, daß die Antennen für die telephonische Verbindung noch
-nicht gespannt waren. Sie wußte nur, daß sie hier vergeblich auf
-Silvesters Stimme harrte, und Zweifel begannen ihr zum Herzen zu
-steigen.
-
-Die Worte Glossins kamen ihr in den Sinn. Sollte es doch wahr sein, daß
-...? Sollte die Zeitung nicht gelogen haben, die ihr Glossin damals gab?
-
-Die zweite Erschütterung, die den Riegel sprengen konnte, vielleicht
-schon sprengen mußte, kam ohne das Zutun Glossins. Kam, weil
-sechshundert Meilen entfernt in Schnee und Eis ein paar Drähte nicht
-rechtzeitig gespannt worden waren.
-
-Die Minuten verrannen. Die Uhr hub zum Schlage an und verkündete die
-fünfte Stunde. Die Zeit, für welche Jane nach der Verabredung die
-Elektronenlampen brennen, ihren Apparat in der Empfangsstellung stehen
-lassen sollte, war vorüber.
-
-Das war ihr klar, Silvester war nicht da ... Es war ihm irgend etwas
-zugestoßen ... Er war ...
-
-Sie dachte das Wort nicht zu Ende. Von einem plötzlichen Impuls
-getrieben, sprang sie auf und faßte einen Entschluß. Einen übereilten
-und unsinnigen. Aber sie hatte in diesen Minuten nur noch das eine
-Gefühl, daß sie fort müsse. Silvester zu suchen, bis sie ihn gefunden
-habe.
-
-Vorsichtig öffnete sie die Tür zu dem Zimmer der alten Termölen. Die
-hatten ihr Nachmittagsschläfchen noch nicht beendet. Leise machte sie
-die Tür wieder zu. Hastig füllten ihre zitternden Hände eine kleine
-Ledertasche mit dem Notwendigsten. Ein paar Zeilen an die Alten. Daß
-sie ginge, ihren Gatten zu suchen.
-
-An der Tür blieb sie stehen und umfaßte mit einem langen Blick noch
-einmal den schlichten Raum, in dem sie die letzte glückliche Stunde
-mit Silvester verlebt hatte. Da stand ja noch der Elektronenempfänger,
-mit dem sie jederzeit und überall seine Stimme hören konnte, wenn er
-sie rief. Sie eilte darauf zu und hing den Apparat über ihre Schulter.
-Lautlos und ungesehen verließ sie die Wohnung. Aber nicht ungesehen das
-Haus.
-
-Dr. Glossin sah sie auf die Straße treten. Er folgte ihr. Erst in die
-Uferbahn, dann in das Flugschiff. Sorgfältig darauf achtend, daß er
-selbst nicht von ihr gesehen werde. Eifrig darauf bedacht, sie nicht
-aus den Augen zu verlieren.
-
- * * * * *
-
-Der telenergetische Strahler Silvesters arbeitete mit einer besonderen,
-von ihm zum erstenmal in reiner und konzentrierter Form dargestellten
-Art der Energie, mit der Formenergie. Sein Apparat enthielt, in
-besonderer Art gespeichert, einen verhältnismäßig nur geringen Vorrat
-dieser Energieform.
-
-Um trotzdem die gewaltigen Leistungen des Strahlers zu erklären, muß
-man sich zwei Umstände vor Augen halten. Erstens die automatische
-Selbsterneuerung der Formenergie. Eine keimfähige Eichel besitzt nur
-unmeßbar geringe Mengen von Formenergie. Diese winzige Menge reicht
-aus, um aus vorhandenen Stoffen und einfacher Sonnenstrahlung einen
-großen Eichbaum entstehen zu lassen. Danach aber ist die ursprünglich
-vorhandene Menge der Formenergie keineswegs erschöpft. Im Gegenteil,
-sie erfährt automatisch eine Vergrößerung, denn der aus der ersten
-Eichel erwachsene Baum bringt neue Eicheln in großer Menge hervor.
-
-Nach dem gleichen Grundsatz erfuhr der in dem Strahler gespeicherte
-Vorrat an Formenergie durch das Arbeiten des Apparats keine Schwächung,
-sondern er blieb dauernd auf gleichbleibender Höhe.
-
-Zweitens muß immer wieder betont werden, daß der Strahler auf die
-überall im Raum vorhandene physikalische Energie nur auslösend
-wirkte, wie etwa der Fingerdruck gegen einen Flintenhahn auf die in
-der Gewehrpatrone vorhandene chemische Energie. Nur die Größe und
-Formgebung der strahlenden Elemente begrenzten die Wirkungen, die mit
-dem Apparat zu erreichen waren. Den letzten großen Strahler hatte
-Silvester auf eine Höchstleistung von 10 Millionen Kilowatt oder 13
-Millionen Pferdestärken bemessen. Das war eine Leistung von imposanter
-Stärke, eine Energiemenge, die sich im Laufe von Stunden und Tagen ins
-Riesenhafte häufen konnte. Es war geboten, vorsichtig mit Maschinen von
-solcher Leistungsfähigkeit umzugehen, Sorge zu tragen, daß die Wucht
-ihres Angriffes sich nicht auf unbeabsichtigte Ziele richtete.
-
-Es konnte nichts passieren, solange der Strahler richtig bedient wurde,
-solange die wenigen und einfachen Vorschriften seiner Handhabung
-beachtet wurden. Doch um sie zu beachten, mußte man seine Sinne
-beisammen haben. Man durfte nicht kopflos vor Schreck und Aufregung
-sein, wie es Silvester war, als er in der sechsten Stunde des vierten
-Tages. den die drei am Pol zubrachten, vom Strahler forteilte.
-
-Um die vierte Stunde dieses Tages hatte Silvester den Strahler
-gerichtet, die neue Telephonanlage eingeschaltet und wollte Jane von
-seiner Rettung Mitteilung machen. Er stellte den Strahler auf das
-bekannte Ziel und brachte das Bild von Janes Zimmer in Düsseldorf auf
-die Mattscheibe. Jeder Gegenstand des fernen Raumes wurde sichtbar.
-Nur den Empfangsapparat konnte er nicht finden, den er Jane bei seinem
-Abschied übergeben hatte, und Jane selbst war nicht da.
-
-Silvester suchte. Er ließ den Strahler Zoll für Zoll vorrücken und
-verfolgte mit wachsender Aufregung und Sorge das Bild auf der Scheibe,
-jeden Raum im Hause Termölen. Er sah jedes der ihm so wohlvertrauten
-Zimmer. Er erblickte den alten Herrn und Frau Luise. Er sah, wie sie
-bekümmert schienen und eifrig miteinander sprachen. Er verfolgte die
-Spuren Janes auf der Straße. Die Bilder aller der Wege und Orte, die er
-während seines Aufenthalts in Düsseldorf mit ihr betreten hatte zogen
-auf der Scheibe vorüber. Er suchte in steigender Verwirrung und Angst,
-bis er nach stundenlangem Bemühen die Nachforschung entmutigt aufgeben
-mußte.
-
-Atma! war sein Gedanke. Atma mußte ihm helfen. Atma besaß wohl die
-Mittel und Kräfte, um wiederzufinden, was er selbst mit seiner
-wunderbaren Entdeckung nicht zu finden vermochte. So ließ er den
-Strahler und lief durch Gänge und Höhlen, bis er auf Atma traf. Er fand
-ihn im Gespräch mit Erik Truwor. Worte und Sätze schlugen an sein Ohr,
-auf die er in seiner Erregung kaum achtete.
-
-»Zwinge, ohne zu verwunden! Gebrauche die Macht, ohne zu töten!«
-
-»Wenn es geht, Atma. Ich will nicht morden. Doch soll ich die Macht
-nicht anwenden, weil Widerstrebende zu Tode kommen könnten?«
-
-»Nein! Mit der Macht wurde uns die Pflicht, sie zu gebrauchen. Über den
-Gebrauch sind wir Rechenschaft schuldig. Die Größe der Macht erlaubt
-uns, ohne Tötung auszukommen.«
-
-Ein zwingender Wille ging von der Gestalt des Inders aus. Seine ruhige,
-gleichbleibende Sprache wirkte auch auf Silvester. Bekümmert und
-aufgeregt war er in das Gemach getreten. Von dem einzigen Gedanken
-getrieben, von Atma Hilfe zu erbitten. Jetzt vergaß er seine Sorgen und
-Wünsche und geriet in dessen Bann. Er ließ sich nieder, um das Ende
-der Erörterungen abzuwarten. Atma betrachtete ihn einen kurzen Moment,
-und der Ausdruck eines tiefen Mitleids flog über sein bronzefarbenes
-Antlitz.
-
-»Jane ist nicht bedroht.«
-
-Atma sprach mit halblauter Stimme, Erik Truwor schien es kaum zu hören.
-Silvester empfand die Worte wie lindernden Balsam.
-
-»Jane ist nicht bedroht.« Unhörbar wiederholte er die tröstenden
-Worte unzählige Male für sich selber und sank dabei immer mehr auf
-seinem Sessel zusammen. Eine Reaktion kam über ihn. Erst jetzt fühlte
-er die Anstrengungen der letzten Tage. Während der Tagesstunden in
-der Werkstatt. Des Nachts mit dem Bau der Antenne beschäftigt. Nur
-wenige spärliche Ruhestunden dazwischen. Sein Herz schlug matter,
-eine bleierne Müdigkeit überkam ihn, während er automatisch die Worte
-wiederholte: »Jane ist nicht bedroht.«
-
-Seine Gedanken begannen zu wandern. Was für ein Leben führte er doch.
-Abenteuerlich, vom Schicksal gekennzeichnet und verfolgt von Anfang an.
-Nur einmal war sein Lebensschiff in ruhiges Fahrwasser gekommen. Damals
-in Trenton, als er friedlich seinem Beruf in den Staatswerken nachgehen
-konnte. Als ihm das Haus Harte zur zweiten Heimat wurde, als ihm ein
-zartes Liebesglück erblühte. Welcher Dämon hatte ihn damals getrieben,
-der Erfindung nachzujagen, dieser Entdeckung, die schon seinen Vater
-Freiheit und Leben gekostet. War nicht Unheil unlösbar mit dem Problem
-verbunden? Brachte der Versuch, es zu lösen, nicht Tod und Verderben
-auf jeden, der sich damit abgab?
-
-Wie glücklich hätte sich sein Leben ohne diese Erfindung gestaltet.
-Jetzt könnte er auch in Trenton mit Jane verbunden sein, dort an ihrer
-Seite ruhig leben. Gewiß, nur als ein Dutzendmensch, als einfacher
-Ingenieur der Werke, ein winziges Rädchen in einem riesigen Getriebe.
-
-Den Ehrgeiz hätte er begraben müssen. Aber dafür hätte er ein
-bescheidenes Glück gewonnen. Das Leben an der Seite Janes. Niemand
-hätte es dort gewagt, hätte es wagen können, ihn so kurze Zeit nach
-der Vereinigung wieder von der Seite seines Weibes fortzureißen.
-Wieviel Schmerzliches wäre ihm erspart geblieben. Die Verhaftung und
-Verurteilung. Die schweren Tage in Sing-Sing.
-
-Er hob den Kopf, und sein Blick traf sich mit dem von Atma. Es schien,
-als ob der Inder jeden Gedanken hinter der Stirn Silvesters gelesen
-hätte. Er schüttelte verneinend das Haupt, und Silvester ergriff den
-Sinn.
-
-Es wäre ihm nicht erspart geblieben! Auch wenn er nie an die große,
-gefährliche Erfindung gedacht hätte, würden feindliche Gewalten ihn aus
-einem stillen Glück gerissen haben. Dann war es wohl Schickung, der
-niemand zu entgehen vermag.
-
-Die Lehren von Pankong Tzo wurden wieder in ihm lebendig: Wir sind alle
-auf das Rad des Lebens gebunden und müssen seinen Drehungen willenlos
-folgen. Nur um ein Geringes können wir in jedem der vielen Leben, zu
-denen wir verurteilt sind, unsere Stellung auf dem Rade verändern.
-
-Traumartig verschwommen jagten die Gedanken durch sein Gehirn. Wie im
-Traum hörte er die Stimme Erik Truwors:
-
-»Ich brauche dich, Atma. Wenn ich die Macht anwende, sollst du als mein
-... als unser Botschafter zu den Menschen gehen und ihnen meinen Willen
-kundtun.«
-
-Der Inder neigte zustimmend das Haupt.
-
-»Ich werde gehen, wenn es an der Zeit ist. Tsongkapa sagt: ›Gehe zu den
-Menschen, ihnen die Neuordnung der Dinge zu verkünden‹ ...«
-
-Ein dumpfes Krachen unterbrach die Worte. Ein Schüttern und Beben
-gingen durch die Eishöhlen. Wie wenn die Schollen schweren Packeises im
-Sturm knirschend gegeneinandergepreßt werden. Der Boden, auf dem sie
-standen, schwankte.
-
-»Der Strahler ...!«
-
-Atma sprach es, bevor noch Erik Truwor oder Silvester ein Wort fanden.
-
-»Wo steht der große Strahler?«
-
-»Im unteren Gange.«
-
-»Nach oben damit! Von unten kommt das Wasser.«
-
-Der Inder eilte schon dem unteren Gange zu. Erik Truwor und Silvester
-folgten ihm. Über die breiten Eisstufen ging der Weg nach dem untersten
-Gang, der zu den Werkstätten und Laboratoriumsräumen führte. Zu
-gewöhnlicher Zeit ein leichter und bequemer Weg. Jetzt nur mit Vorsicht
-zu beschreiten. Der ganze Berg schien sich um etwa dreißig Grad gedreht
-zu haben, und in dieser schrägen Lage war der Abstieg über die glatten
-Stufen äußerst beschwerlich.
-
-Auf einem Treppenabsatz stand der kleine Strahler, den sie schon aus
-Amerika mitgebracht hatten.
-
-Jetzt war das Laboratorium erreicht. Doch schon bis zur halben Höhe
-überflutet. Mit einem Sprung warf sich Erik Truwor in das eisige
-Wasser, drang bis zu dem großen Strahler vor und trieb mit einem
-einzigen Faustschlag die beiden Regulierhebel auf ihre Nullstellungen.
-Er wollte den Strahler packen und die Stufen hinauf aus dem
-Laboratorium schleppen. Es war zu spät. Von Sekunde zu Sekunde stiegen
-die gurgelnden Wasser höher, während das Knirschen brechenden Eises den
-Berg erzittern ließ. Schon fand der Fuß keinen Halt mehr auf dem Boden.
-Nur noch schwimmend erreichte Erik Truwor die Stufe der Treppe.
-
-Das Wasser stieg. Stufe auf Stufe kam es herauf, Stufe um Stufe
-mußten die drei Freunde sich zurückziehen. Dabei fühlten sie einen
-Druck auf der Brust, ein Brausen in den Ohren, ein Ziehen in den
-Gelenken, Zeichen, daß die Luft sich unter dem Druck des steigenden
-Wassers komprimierte. Die Erscheinung gab den Beweis, daß der Berg
-mit den Höhleneingängen unter den Wasserspiegel geraten war und
-daß die eingeschlossene Luft sich jetzt in den oberen Teilen der
-ausgeschmolzenen Räume verdichtete.
-
-Auf dem Treppenabsatz ergriff Atma den kleinen Strahler und hing ihn
-sich um.
-
-Jetzt schien der Berg zur Ruhe gekommen zu sein. Noch fünf bis sechs
-Stufen wurden von dem langsam und immer langsamer steigenden Wasser
-überschwemmt. Dann stand die Flut.
-
-In dem oberen Wohnraum machten sie Rast.
-
-»Gefangen! Elend gefangen und in der Falle eingeschlossen wie Ratten.
-Beinahe auch schon ersäuft wie Ratten.«
-
-Erik Truwor stieß die Worte hervor, während er die geballte Faust auf
-die Tischplatte fallen ließ.
-
-Schweigend ging Atma in den Nebenraum und kehrte mit dem Arm voller
-Kleidungsstücke zurück.
-
-»Du bist kalt und naß, Erik!«
-
-Erik Truwor stand auf und ergriff das Bündel. Es war nicht angebracht,
-in den nassen Kleidern zu bleiben. Er ging in das Nebengemach und ließ
-Atma und Silvester allein.
-
-Was war geschehen? Während Erik Truwor die Kleidung wechselte,
-suchte sich Silvester die Vorgänge zu rekonstruieren. Als er den
-Strahler verließ, wollte er ihn abstellen und den Zielpunkt von
-Düsseldorf fortnehmen. Die Bedienungsvorschrift war einfach. Erst den
-Energieschalter in die Ruhestellung, dann den Zielschalter. In seiner
-Erregung und Verwirrung hatte Silvester zwei Fehler begangen. Er hatte
-den Zielschalter nicht in die Ruhestellung auf ein unendlich entferntes
-Ziel gerückt, sondern in der verkehrten Richtung auf das nächst
-mögliche Ziel. Aus Sicherheitsgründen war die kleinste Zielentfernung
-des großen Strahlers auf hundert Meter bemessen. Denn wenn es möglich
-gewesen wäre, den Schalter auf den absoluten Nullpunkt zu bringen, dann
-mußte ja die Energie sich im Strahler selber konzentrieren, mußte den
-Apparat und nach menschlicher Voraussicht auch den, der ihn bediente,
-momentan in Atome auflösen.
-
-Silvester hatte beim Fortgehen den Zielhebel falsch herumgestellt, und
-er hatte dem ersten Versehen ein zweites hinzugefügt, indem er auch
-den Energiehebel auf volle Leistung rückte. Der zweite Fehler war eine
-logische Folge des ersten. Beide Hebel waren in der gleichen Richtung
-auf die Ruhestellung zu bringen. Täuschte man sich bei der Richtung des
-ersten, war es sehr naheliegend, daß auch der zweite falsch geschaltet
-wurde.
-
-Der Strahler hatte vom Pol aus die Richtung geradlinig auf Düsseldorf.
-Die Ziellinie schnitt als mathematische Gerade schräg nach unten
-gerichtet in den Erdball ein. Durch die falsche Bedienung hatten
-10 Millionen Kilowatt in Form von Wärmeenergie schräg unterhalb
-des Eisberges, nur 100 Meter von ihm entfernt, im massiven Poleis
-gearbeitet. Mit dem Effekt natürlich, daß das Eis zu schmelzen begann,
-daß sich unter dem Eisberg ein größer und immer größer werdender, mit
-Wasser gefüllter Raum bildete. Bis die schwache Eisdecke den Berg nicht
-mehr zu tragen vermochte. Bis sie auf der Seite des Berges, auf die der
-Strahler gerichtet war, krachend und knirschend zu Bruche ging und der
-Berg sich halb schräg nach unten in den geschmolzenen Pfuhl wälzte.
-
-Der Berg war nach dem Brechen des Eises um beinahe dreißig Grad
-gekippt. Dann war er mit der Unterkante auf den Grund dieses so
-plötzlich entstandenen Sees aufgestoßen und zur Ruhe gekommen. Alle
-Eingänge des Baues waren dabei tief unter den Wasserspiegel geraten.
-
-Erik Truwor kam zu den beiden Freunden zurück. Er traf Silvester in
-leisem Gespräch mit Atma. Die blassen, abgespannten Züge Silvesters
-verrieten seelisches Leiden. Das Bewußtsein daß er durch seine
-Unvorsichtigkeit das Unglück verursacht hatte, lastete schwer auf ihm.
-Mit gedämpfter Stimme erläuterte er dem Inder die Möglichkeiten und
-Mittel, durch die man sich befreien, vielleicht sogar die alte Lage
-dies Berges wieder herstellen könne.
-
-Atma lauschte aufmerksam seinen Worten, saß an seiner Seite und hatte
-Silvesters Rechte zwischen seinen Händen.
-
-Erik Truwor ließ sich schweigend an dem Tisch nieder. Er verharrte in
-seinem Schweigen, aber seine Miene verriet, wie es in ihm kochte. Immer
-tiefer, immer steiler gruben sich die Falten in seine Stirn. Verachtung
-und Abweisung spielten um seine Lippen.
-
-Silvester glaubte jetzt, die richtige Lösung gefunden zu haben. Man
-mußte den Berg so weit ausschmelzen, daß er frei schwamm und schwimmend
-sich in seine alte Lage zurückhob. Der Einfluß Atmas übte seine
-Wirkung auf Silvester. Er wurde ruhiger und eifriger. Eine leichte
-Röte überhauchte sein Antlitz, während er mit Bleistift und Papier
-die jetzige Lage des Berges skizzierte und entwarf, wie man mit der
-Ausschmelzung Schritt um Schritt vorgehen müsse.
-
-Dröhnend fielen die Worte Erik Truwors in diese Erklärung: »Wie lange
-dauert das? -- Wie viele Tage und Wochen gehen uns dadurch verloren?
-Ich sitze hier in der Falle, abgeschnitten von der Welt ... unfähig,
-zu erfahren, was draußen vorgeht ... unfähig, meine Macht wirken zu
-lassen, meinen Befehlen die Ausführung zu erzwingen ...
-
-Eine schöne Macht, die von Weiberdienst und Weiberlaunen abhängig ist
-... Der Welt Befehle geben ... zum Spott der Welt werden wir dabei ...«
-
-Silvester erblaßte. Er zuckte zusammen, als ob jedes einzelne dieser
-Worte ihn körperlich traf.
-
-»Verzeihe mir, Erik. Es war meine Schuld. Aber ich sehe schon den
-sicheren Weg zur Rettung.«
-
-»Den Weg zur Rettung? ... Als ob es sich darum handelte ... Ich weiß,
-daß wir nicht verloren sind, solange wir auch nur den kleinen Strahler
-bei der Hand haben. In zehn Minuten können wir uns einen Weg ins Freie
-brennen. Mag der Eisberg dann stehenbleiben oder noch tiefer fallen.
-Irgendein Flugschiff können wir uns auch mit dem kleinen Strahler
-heranholen und bewohntes Gebiet erreichen. Aber unsere Einrichtung ist
-verloren. Meine Pläne erfahren einen Aufschub von Monaten ...«
-
-Erik Truwor sprang erregt auf.
-
-»In der Zwischenzeit verlernt die Welt die Furcht vor mir ...«
-
-Ein Zucken durchlief den Körper Silvesters.
-
-Atma erhob sich und trat auf Erik Truwor zu. Sein Gesicht suchte den
-flirrend ins Weite gerichteten Blick Erik Truwors, bis er ihn gefunden
-hatte.
-
-»Wer gab dir die Macht?«
-
-Minuten verstrichen, bis die Antwort von den Lippen des Gefragten kam.
-
-»Der Strahler!«
-
-»Wer schuf den Strahler?«
-
-Noch einmal eine lange Pause.
-
-Dann kam zögernd und etwas beschämt die Antwort: »Silvester ... du hast
-recht, Atma. Silvester gab uns die Macht. Wir dürfen ihm nicht zürnen,
-wenn sie jetzt durch sein Versehen gelähmt wurde.«
-
-»Ich habe ihm nie gezürnt.«
-
-Der Inder sagte es in seiner ruhigen Weise und fuhr fort, bevor Erik
-Truwor etwas darauf erwidern konnte: »Es ist nicht Zeit zum Streiten,
-sondern zum Handeln. Dein Plan, Erik, den Berg einfach zu verlassen,
-entsprang dem Zorn. Silvester weiß besseren Rat. Den Plan, den Berg zu
-heben, von hier aus die Mission zu erfüllen.«
-
-Die Worte Atmas trafen das Richtige und Notwendige. Auch Erik Truwor
-konnte sich ihnen nicht entziehen.
-
-Es galt, die augenblicklichen Lebensmöglichkeiten zu überschlagen.
-
-Der Luftvorrat in den Höhlen mußte nach oberflächlicher Rechnung
-für wenigstens eine Woche langen. Im obersten Gange befanden sich
-Lebensmittel für mehrere Wochen. Durch einen glücklichen Zufall
-war dort auch ein Lager von allerlei Werkzeugen und Hilfsmaschinen
-untergebracht.
-
-Die Lage war ernst, aber für den Augenblick wenigstens nicht
-verzweifelt.
-
-Doch doppelt und dreifach hatte Atma recht, als er auf die
-Notwendigkeit eiligen Handelns hinwies. Die Wiederherstellung des alten
-Zustandes mußte jetzt ihre Hauptsorge sein.
-
-Es war, als ob das Schicksal sie narren wolle. Eben noch Gebieter der
-Welt, Pläne schmiedend, wie sie der Welt ihren Willen kundtun und
-aufzwingen könnten. Und jetzt die Mittel für die Rettung des Lebens
-beratend. Es galt den Kampf gegen eine Million Kubikmeter Eis. Gegen
-diese gigantische Frostmasse, in deren Mitte sie eingeschlossen waren
-wie in einer Grabkammer der pharaonischen Pyramiden.
-
- * * * * *
-
-Jane hatte das Flugschiff der Linie Köln--Stockholm betreten. Dr.
-Glossin stand unter der Menge auf dem Flugplatz und hielt sich hinter
-einem Verkaufsstand für Zeitungen und Erfrischungen verborgen. Das
-Schiff wurde gut besetzt. Es zählte mehr als 120 Passagiere, die über
-die Aluminiumtreppe den Rumpf betraten. Die Aussichten, während der
-Fahrt von Jane nicht erblickt zu werden, waren nicht schlecht.
-
-Erst im letzten Moment, als die Bedienungsmannschaft schon die Treppe
-abrücken wollte, trat er aus seinem Schlupfwinkel heraus und eilte als
-Letzter in das Schiff. Gleich danach wurde die Tür verschraubt, die
-Maschinen gingen an, und das Schiff verließ den Platz.
-
-Dr. Glossin sah, daß der Korridor, der den Rumpf des Schiffes der
-Länge nach durchzog, beinahe menschenleer war, und eilte in die
-Raucherkabine. Hier wußte er sich in Sicherheit und konnte bis zur
-Landung in Stockholm bestimmt ungesehen bleiben.
-
-Erst jetzt kam er dazu, sich sein Abenteuer und die möglichen Folgen
-in Ruhe zu überlegen. Wie kam Jane dazu, so plötzlich das Haus in
-Düsseldorf zu verlassen und nach Stockholm zu fahren? Auf den Gedanken,
-daß sie kopflos und ohne festes Ziel in die Welt hinausfuhr, kam er
-nicht.
-
-Silvester mußte sie gerufen haben. Sicherlich hatte sie Nachricht von
-Silvester erhalten und fuhr jetzt den dreien nach. Durch diese Annahme
-gewann das Unternehmen aber plötzlich ein ernstes Gesicht. Silvester
-würde Jane am Flugplatz bei der Ankunft erwarten. Vielleicht schon in
-Stockholm. Vielleicht in Haparanda oder sonstwo.
-
-In jedem Fall mußte unvermeidlich irgendwo der Moment kommen, in
-welchem Silvester an das landende Flugschiff herantrat, um Jane in
-Empfang zu nehmen. Wo Silvester war, da waren sehr wahrscheinlich auch
-die beiden anderen in nächster Nähe. Der Doktor verspürte ein kaltes
-Gefühl zwischen den Schultern, als er den Gedanken zu Ende dachte. Er
-zog einen kleinen Handspiegel aus der Tasche und betrachtete sorgfältig
-sein Antlitz. Und nickte zufrieden. Die Veränderungen, die er schon in
-Düsseldorf an seinem Äußern vorgenommen hatte, erfüllten ihren Zweck.
-Beruhigt steckte er den Spiegel wieder weg.
-
-Nicht umsonst war er lange Jahre in die Schule politischer
-Verschwörungen und Intrigen gegangen. Genötigt gewesen, bald unter
-dieser, bald unter jener Maske aufzutreten. Die Veränderung des Äußern
-war meisterhaft. Nicht nach der Art plumper Anfänger mit künstlichen
-Bärten und Perücken, die jeder Polizeibeamte auf den ersten Blick
-erkennt. Nur eine leichte Färbung des Haares, eine andere Frisur
-und eine Garderobe nach europäischem Schnitt, die sich von der
-amerikanischen Tracht bemerkenswert unterschied. Dazu seine Fähigkeit,
-den Ausdruck des Gesichts, das Spiel seiner Züge willkürlich zu
-verändern. Aus dem Dr. Glossin aus Neuyork war irgendein beliebiger und
-gleichgültiger europäischer Geschäftsreisender geworden.
-
-Leuten gegenüber, die ihn nur oberflächlich kannten, mußte die
-Veränderung sicheren Schutz gewähren. Ob sie den prüfenden Blicken
-Janes standhalten würde, war ihm nicht so außer Zweifel. Daß Silvester,
-daß Atma sie mit einem Blick durchschauen würden, war ihm gewiß. Aber
-er rechnete damit, daß sie in der Freude des Wiedersehens auf die
-Mitreisenden wenig achten würden.
-
-Das Schiff landete in dem Flughafen von Stockholm. Dr. Glossin blieb an
-seinem Fenster sitzen. Er beobachtete die Passagiere, die das Schiff
-verließen, die Leute, die sie hier erwarteten. Jane verließ das Schiff.
-Sie wurde von niemand erwartet, schien auch selbst nichts Derartiges zu
-erwarten. Nach einer kurzen Frage an einen Beamten wandte sie sich dem
-Schiff Stockholm--Haparanda zu, das auf dem Nachbargleis zur Abfahrt
-bereitstand. Glossin folgte ihr. Er nahm auch in dem zweiten Schiff
-wieder den Platz in der Rauchkabine.
-
-Jane fuhr nach Haparanda. Es war der direkte Weg nach Linnais. Die
-letzten Zweifel schwanden ihm, daß die drei sich noch in der Nähe von
-Linnais verborgen hielten, daß Jane auf einen Ruf ihres Gatten an den
-Torneaelf fuhr. Er sah sie in Haparanda das Schiff verlassen und zur
-Eisenbahn gehen. Es war so, wie er vermutete. Sie nahm eine Karte nach
-Linnais. Er tat das gleiche und fuhr, nur durch eine Wagenwand von ihr
-getrennt, weiter nach Norden.
-
-Nun stand Jane auf dem Bahnsteig in Linnais. Wieder allein! Niemand
-war hier, um sie in Empfang zu nehmen. Der Doktor wurde in seiner
-Überzeugung schwankend. Was hielt den Gatten ab, seiner jungen Frau
-wenigstens die paar Kilometer entgegenzufahren, die er jetzt noch
-höchstens von ihr entfernt sein konnte?
-
-Dr. Glossin sah Jane über den Platz vor dem Bahnhof gehen, mit dem
-Führer eines Karriols verhandeln, sah sie davonfahren. Sollte Jane
-ihm im letzten Augenblick entgehen? Sollte das Karriol sie, den Strom
-entlang, zu irgendeinem neuen unauffindbaren Schlupfwinkel der drei
-führen? Sollte er hier in Linnais unverrichtetersache zurückkehren
-müssen? Nein und abermals nein. Er mußte Jane folgen, mußte erkunden,
-wo sie hin ging, wo sie blieb. Ein zweiter Wagen war schnell gefunden.
-Er gab dem Führer nur den Auftrag, dem ersten Wagen in einigem Abstande
-zu folgen.
-
-Die Fahrt ging die Uferstraße, am Torneafluß aufwärts, entlang.
-
-Das landschaftliche Bild war schön, doch Dr. Glossin sah nur die
-Gegend, in der er seine letzte Niederlage im Kampfe gegen die drei
-erlitten hatte. Und er sah vor sich die schlanke Gestalt Janes, nach
-der er in sehnender Gier verlangte, der er jetzt zu folgen entschlossen
-war, auch wenn der Weg ihn in den Bannkreis des Inders und des Feuer
-und Tod speienden Strahlers bringen sollte.
-
-Das Karriol vor ihm hielt auf der Landstraße. Er sah, wie der Wagen
-umkehrte und leer nach Linnais zurückfuhr. Jane war ausgestiegen und
-hatte einen Weg den Bergabhang hinauf eingeschlagen. Er ließ den
-eigenen Wagen bis dorthin vorfahren, hieß ihn warten, auch wenn es
-Stunden dauern sollte, und folgte der Entschwundenen den Berg hinauf.
-Hin und wieder sah er ihr Kleid durch die Büsche schimmern. Der Weg
-führte in leichten Serpentinen zum Truworhaus.
-
-Nun stand er am Waldrande, hatte freien Ausblick auf die Brandstätte.
-Und sah Jane niedergesunken an der von der Wut des Feuers geschwärzten
-und verglasten Trümmerstätte knien. Sie hatte die kleine Handtasche und
-den Telephonapparat fallen lassen und strich mit zitternden Händen über
-die Steintrümmer.
-
-Das Haus, in dem sie den glücklichsten Tag ihres Lebens, ihren
-Hochzeitstag, verbracht hatte, eine wüste, brandgeschwärzte Ruine. Die
-blühenden Gartenanlagen vom Feuer zerfressen. Ihr Gatte verschwunden.
-Keine Nachricht von ihm.
-
-Die Erschütterung war zu groß. Mit einem Aufschrei fiel sie ohnmächtig
-nieder. Jetzt brach der Riegel.
-
-Dr. Glossin sah sie fallen und rührte sich nicht von seinem Platze.
-Jeden Augenblick erwartete er die Gestalt Silvesters, die des Inders
-auftauchen zu sehen. Vielleicht den Gefährlichsten der drei, Erik
-Truwor.
-
-Minuten verstrichen. Nichts regte sich. Da begann er langsam die
-Wahrheit zu ahnen, zu vermuten und schließlich zu erkennen. Jane
-war aus eigenem Antrieb von Düsseldorf fortgegangen. Sie war an den
-Ort gegangen, den sie als das Heim der drei kannte, und sie war
-niedergebrochen, als sie es verwüstet und zerstört wiedersah. Niemand
-erwartete sie hier. Hilflos lag sie hier im Walde, seinem Verlangen
-schutzlos preisgegeben.
-
-Er trat aus dem Walde und näherte sich dem Trümmerhaufen. Eine
-ungeheure Glut mußte hier gewirkt haben. Die Granitblöcke, aus denen
-die Zyklopenmauern des Truworhauses bestanden hatten, waren zu einer
-zusammenhängenden glasartigen Masse verschmolzen. Kein einfaches Feuer
-wäre imstande gewesen, das Urgestein zu schmelzen. Hier mußte die
-telenergetische Konzentration gewütet haben. Unzählige Tausende von
-Kilowatt mußten in diesem Gestein zur Entladung gekommen sein.
-
-Dr. Glossin näherte sich Jane. Er wollte sie aufheben, den Berg
-hinunterbringen, als sein Blick auf den Telephonapparat fiel. Es reizte
-ihn, die Apparatur zu versuchen. Mit einem Griff schaltete er die
-Elektronenlampen ein.
-
-Und er vernahm Worte einer wohlbekannten Stimme, Silvesters Stimme.
-
-Es war in der vierten Nachmittagsstunde. Silvester hatte die Antennen
-am Pol gespannt und suchte Jane. Er suchte sie auf dem Bilde der
-Mattscheibe und konnte sie nicht finden. Während er mit dem Strahler
-die Straßen Düsseldorfs absuchte, sprach er Worte der Verzweiflung und
-der Liebe. Worte, die für Jane bestimmt waren und von Glossin gehört
-wurden.
-
-»Jane, mein Lieb, wo bist du? Ich kann dich nicht sehen. Dein Zimmer
-ist leer ... Ich suche dich ... Alle Straßen, alle Plätze der Stadt
-ziehen auf dem Bilde vor mir vorüber. Nur du bist nicht da ...
-
-Ich weiß nicht, wo du bist. Vielleicht hörst du meine Stimme. Ich
-will dich suchen, bis ich dich gefunden habe. Die ganze Welt will ich
-durchsuchen ...«
-
-Glossin erschrak. Wie weit war die entsetzliche Erfindung gediehen! Sie
-konnten die ganze Welt im Bilde bei sich betrachten. Silvester suchte
-in Düsseldorf. Er brauchte nur in Linnais zu suchen, und er sah seinen
-alten Feind und hatte die Macht -- Glossin zweifelte keinen Augenblick
-daran -- ihn zu Staub und Asche zu verbrennen. Er schleuderte das
-Telephon von sich, als ob er glühendes Eisen gegriffen hätte.
-
-Weg von hier. So schnell wie möglich weg von diesem Platze, der in der
-nächsten Sekunde von den dreien gesehen werden konnte.
-
-Er stürzte sich auf Jane. Die hypnotische Verriegelung war gebrochen.
-Jane war seinem Einfluß wieder preisgegeben. Er ließ seine stärksten
-Künste spielen. Er strich ihr mit den Händen über Stirn und Schläfen.
-Mit äußerster Gewalt zwang er sie in seinen Bann. Mit seiner Hilfe und
-auf seinen Befehl erhob sie sich. Auf seinen Befehl hatte sie alles
-vergessen, was geschehen war ...
-
-In scharfem Trab brachte das Karriol sie nach Linnais. Das Gefährt war
-nur für einen Passagier bestimmt. Er mußte sie während der Fahrt eng an
-sich ziehen. Hier vollendete er die hypnotische Beeinflussung ...
-
-Als Jane in Linnais aus dem Wagen stieg, war sie eine ruhige junge
-Dame, die mit ihrem Oheim reiste. Wie weggewischt war die Erinnerung an
-Silvester, an das Truworhaus, an alles Böse, was Glossin ihr jemals
-zugefügt hatte.
-
-Während die Bahn sie nach Haparanda brachte, während sie im Flugschiff
-nach Stockholm flogen, faßte Glossin seine letzten Entschlüsse.
-
-Die Erfindung, die gefährliche Erfindung, welche die Macht über die
-Welt in die Hand eines einzigen Menschen legte, war vollendet. Nach den
-Worten, die er im Telephon gehört hatte, war kein Zweifel mehr daran
-erlaubt.
-
-Cyrus Stonard kam mit seinem Entschluß zum Kriege zu spät. Die drei
-lebten nicht nur, sie besaßen auch die Macht, das Vabanquespiel des
-Diktators zu durchkreuzen.
-
-Es war Zeit, sich von Cyrus Stonard zu trennen, zu den Engländern
-überzugehen. Dazu war es notwendig, nach London zu gehen. Aber
-England war im Kriege. Aller Luftverkehr war eingestellt. Die
-Linie Stockholm--London lag still. Nur der Hornissenschwarm von
-hunderttausend Kriegsflugschiffen schwärmte um die englische Küste,
-bereit, jedes Fahrzeug, das sich England auf dem Luftwege nähern
-sollte, zu vernichten.
-
-Wer nach England wollte, mußte den Bahntunnel zwischen Calais und Dover
-benutzen. Die alte Linie Stockholm--London war seit einigen Tagen auf
-Stockholm--Calais umgelegt worden.
-
-Das Schiff brachte Glossin und Jane in wenigen Stunden nach Calais.
-Seine Räder setzten bei der Landung auf ein Gleis auf, neben dem der
-Zug nach London stand. Nur ein Drahtgitter trennte den Flugsteig
-vom Bahnsteig. Aber es war nicht ganz einfach, das Gitter zu
-durchschreiten. Jenseit desselben, wo der Zug stand, begann praktisch
-bereits England. England, das sich in einem schweren Kriege befand. Die
-Paßkontrolle war scharf. Es drängten sich viele zu den Türen, aber mehr
-als einer wurde zurückgewiesen.
-
-Dr. Glossin hatte Zeit. Er stand, Jane leicht untergefaßt, ruhig auf
-dem Bahnsteig und betrachtete die Umgebung.
-
-Die See war von hier aus nicht zu erblicken. Sie lag drei Kilometer
-entfernt. Außerdem versperrten die gewaltigen Hochbassins den Blick in
-dieser Richtung. Jene Bassins, die stets mit Seewasser gefüllt waren,
-die sich in gleicher Ausführung auch auf der englischen Seite des
-Kanals befanden und deren Aufgabe es war, den Tunnel in wenigen Minuten
-vollaufen zu lassen. Für den Fall nämlich, daß etwa zwischen England
-und Frankreich kriegerische Verwicklungen entstanden, daß Truppen von
-der einen oder anderen Seite her durch den Tunnel in das Land des
-Gegners zu marschieren versuchten. Dr. Glossin betrachtete die Anlagen
-überlegen lächelnd. Sie waren veraltet. Man führte den Krieg heute auf
-andere Weise.
-
-Er dachte an die Pestbomben, an die falschen Banknoten. Die Zeit
-verstrich darüber. Jetzt war es freier an den Toren des Zaunes
-geworden. Er zog seine Brieftasche heraus und suchte unter allerlei
-Papieren. Mit einem Kartenblatt in der Hand, Jane am Arm, schritt er
-durch die Sperre. Die englischen Beamten warfen nur einen kurzen Blick
-auf das Papier und gaben ihm in achtungsvoller Haltung den Weg frei.
-Sie kannten die Unterschrift des Premierministers Lord Gashford.
-
-Fünf Minuten später glitt der Zug aus dem Bahnhof, tauchte in das
-Dunkel des Tunnels, durchrollte die dreißig Kilometer unter dem Meer in
-ebenso vielen Minuten und eilte dann durch die Fluren von Canterbury
-auf London zu.
-
-In einem großen Hotel in London nahm ein älterer Herr in Gesellschaft
-einer jungen Dame Wohnung. Als Dr. Glossin aus Aberdeen mit Nichte. Die
-Ausweise über seine eigene Person, die er dem revidierenden Beamten
-vorlegte, waren so vorzüglich, daß man der Behauptung, seine Nichte
-habe ihre Papiere verloren, ohne weiteres Glauben schenkte.
-
- * * * * *
-
-Durch die Straßen Londons schwirrten dunkle Gerüchte. Schlechte
-Nachrichten. In Afrika sollten die neuen englischen Industriestädte in
-der Gegend des Kilimandscharo von einem übermächtigen amerikanischen
-Geschwader vernichtet worden sein. Ein Vorstoß auf die Straße von
-Bab el Mandeb sollte den englischen U-Panzern schwere Verluste durch
-Lufttorpedos gebracht haben. Andere Gerüchte erzählten von englischen
-Niederlagen in der Australischen See und auf der Reede von Kapstadt.
-
-Im Gebäude des Kriegsministeriums hatten sich die Mitglieder der
-englischen Regierung zu einer Besprechung der Lage versammelt.
-Dort lagen die authentischen Depeschen von den verschiedenen
-Kriegsschauplätzen vor und waren geeignet, dem Kabinett sorgenvolle
-Stunden zu bereiten.
-
-Es hatte wirklich ein schwerer Angriff amerikanischer Luftstreitkräfte
-auf die junge angloafrikanische Kriegsindustrie stattgefunden.
-Flugschiffe in enormer Zahl waren plötzlich von der Ostküste her
-vorgestoßen, hatten die verhältnismäßig schwachen englischen
-Abwehrlinien durchbrochen und ihre Lufttorpedos auf die Industriewerke
-gesetzt. Derartige Angriffe waren schließlich möglich. Aber
-unerklärlich blieb es, wo die enormen Munitionsmengen herkamen. Dem
-Kabinett lagen die Depeschen verschiedener englischer Flugschifführer
-vor. Depeschen, die diese, pflichtgetreu bis zum Tode, zum Teil noch
-abgesandt hatten, während ihre Schiffe bereits brennend in die Tiefe
-stürzten.
-
-Sir Vincent Rushbrook hielt die letzten Depeschen von A. V. 317 in
-der Hand und las: »43 Grad östlicher Länge, 2 Grad südlicher Breite.
-Amerikanische Schiffe steuern nach Torpedoabwurf zur See. Verschwinden
-plötzlich im Wasser. Verdacht auf unterseeischen Stützpunkt. A. V. 317.«
-
-Eine zweite Depesche war von demselben Flugschiff zehn Minuten später
-gegeben worden: »Unterwasserstation entdeckt 42 Grad 13 Min. östlicher
-Länge ...«
-
-Hier brach die Depesche ab. Aus den Meldungen anderer Schiffe wußte
-man, daß A. V. 317 um diese Zeit brennend abgestürzt war.
-
-Der Premier Lord Gashford versuchte es, die Fragen und Gedanken zu
-formulieren, die jedes Mitglied des Kabinetts beschäftigten.
-
-»Warum greift Cyrus Stonard uns nicht in England an? Wir hielten Afrika
-für den sichersten Teil des Reiches. Unsere Agenten hatten uns einen
-amerikanischen Angriffsplan besorgt, der einen direkten Angriff auf die
-Inseln von Westen her vorsah. Der Meridian von Island bildete danach
-ungefähr die Frontlinie der amerikanischen Kräfte. Was konnte den
-Diktator veranlassen, diesen so lange vorbereiteten Plan aufzugeben,
-die britischen Inseln unbehelligt zu lassen, uns in Afrika anzufallen?«
-
-Sir Vincent Rushbrook war, immer noch die beiden Depeschen von A. V.
-317 in der Hand, an den Globus getreten.
-
-»Es sieht so aus, als ob die Amerikaner einen Flottenstützpunkt etwa
-auf dem Äquator an der afrikanischen Ostküste angelegt haben. Ist es
-der Fall, dann, meine Herren, hat sich Cyrus Stonard im Brennpunkt
-unserer Macht festgesetzt. Von dieser Stelle aus ...« -- der Admiral
-ergriff einen kleinen Zirkel und demonstrierte damit auf dem Globus --
-»bedroht er in gleicher Weise unsere afrikanischen Besitzungen, den
-See- und Luftweg nach Indien und Indien selbst. Die letzte Depesche von
-A. V. 317 ist leider verstümmelt. Aber wir kennen den Längengrad. Sehr
-weit vom Äquator kann die Station nicht sein. Ihre Zerstörung halte
-ich für das Allernotwendigste. Sie muß allen anderen Kriegshandlungen
-vorausgehen. Unsere Luftstreitkräfte auf dem Meridian von Island sind
-dort durch den geänderten amerikanischen Plan größtenteils entbehrlich.
-Ich möchte ihnen den Befehl geben, den Meridian 42 Grad 13 Min.
-abzusuchen. Ein Unterwasserstützpunkt ist immer zu finden. Haben sie
-ihn gefunden, dann ist er auch vernichtet.«
-
-Der Admiral schwieg. Er erwartete die Zustimmung des Kabinetts zu der
-unter Umständen so folgenschweren Maßnahme, die Verteidigungslinie über
-den Meridian von Island zu schwächen.
-
-Lord Horace Maitland sprach: »Sie fragen, warum Cyrus Stonard seinen
-Angriffsplan geändert hat, warum er unsere Inseln meidet und auf der
-südlichen Halbkugel Krieg führt. Ich will es versuchen, Ihnen den
-Grund kurz und klar anzugeben. Er tut es, weil das Unternehmen des
-Obersten Trotter mißglückt ist. Weil der Bericht über den Erfolg seiner
-Expedition unrichtig ist. Weil die Macht, zu deren Vernichtung England
-und Amerika sich trafen, noch existiert, und weil Cyrus Stonard diese
-Macht fürchtet.«
-
-Lord Maitland hatte seine Rede leise und tonlos begonnen. Von Satz zu
-Satz hatte sich seine Stimme gehoben. Jetzt schwieg er.
-
-Die Wirkung seiner Worte auf die Mitglieder des Kabinetts war
-körperlich greifbar. Sir Vincent Rushbrook ließ den Unterkiefer hängen
-und starrte den Sprecher mit offenem Mund an. Lord Gashford verlor die
-überlegene Ruhe und sprang auf. Der Kriegsminister versuchte, den ihm
-unterstellten Oberst Trotter zu verteidigen. Lord Horace allein behielt
-seinen Platz und fuhr mit einer ruhigen, überzeugenden und schließlich
-alle Hörer zwingenden Stimme fort: »Meine Herren, ich habe bereits
-einmal meiner Meinung über die wenig glückliche Wahl des Obersten
-Trotter für diese Expedition Ausdruck gegeben. Er ist getäuscht worden,
-und die Amerikaner haben es wahrscheinlich gewußt. Nach dem, was ich
-von amerikanischer Seite über die drei in Linnais hörte, halte ich
-es für ausgeschlossen, daß sie sich von einem alten Troupier wie dem
-Obersten Trotter einfach in ihrem Hause verbrennen lassen. Sein Bericht
-klang zwar ganz plausibel. Aber mich hat er nicht überzeugt und die
-Herren Dr. Glossin und Cyrus Stonard wohl auch nicht.«
-
-Sir Vincent Rushbrook hatte während der Worte von Lord Horace
-Gelegenheit gefunden, seinen Unterkiefer wieder zuzuklappen. Die
-Färbung seines Gesichtes war vom Roten ins Blaurote gestiegen. Jetzt
-brach er los: »Kann ein Mensch mit fünf gesunden Sinnen nur einen
-Augenblick glauben, daß drei einzelne schwache Menschen einer Weltmacht
-gefährlich werden können? Cyrus Stonard sollte mir leid tun, wenn er
-sich von solchen Hirngespinsten plagen ließe.«
-
-Lord Horace hatte den cholerischen Admiral ruhig ausreden lassen. Nun
-fuhr er selbst unbewegt fort: »Cyrus Stonard ist besser informiert
-als wir. Durch den Doktor Glossin. Glossin ist der einzige, der die
-Erfindung von ihren Anfängen her kennt. Der weiß viel besser als wir,
-wie weit die drei jetzt mit der Erfindung gekommen sein dürften, wie
-weit sie damit wirken können und wie weit nicht. Den Beweis dafür gibt
-mir der veränderte amerikanische Kriegsplan. Die gegen die britischen
-Inseln gerichteten Streitkräfte sind zurückgezogen. Der Diktator
-fürchtet, die drei könnten ihm hier in den Arm fallen. Darum verlegt er
-den Angriff in die südliche Hemisphäre, wo er sich vor der Macht der
-drei noch sicher fühlt ...«
-
-Lord Gashford unterbrach ihn. »Wenn Sie recht hätten, so wäre mir das
-Vorgehen des Diktators erst recht unerklärlich. Wie kann er sich in
-einen Krieg mit uns einlassen, wenn er die Macht der drei wirklich
-fürchtet?«
-
-»Die Erklärung dafür ist in dem Wesen des Diktators zu suchen.
-Cyrus Stonard ist zweifellos der größte Staatsmann des zwanzigsten
-Jahrhunderts. Seit George Washington hat er am meisten für die
-amerikanische Union getan. Hätte er nicht den Ehrgeiz besessen,
-Diktator zu werden und zu bleiben, hätte er wie Washington gehandelt,
-er würde in der Geschichte neben und über Washington stehen.
-
-Ehrgeiz und Machthunger haben ihn verblendet. Er hält das amerikanische
-Volk, das an eine hundertfünfzigjährige Freiheit gewöhnt war, weiter
-unter einem schrankenlosen Absolutismus. Aber er sitzt auf einem
-Vulkan. Er braucht ständig neue Erfolge. Bleiben die aus, so ist's
-mit seiner Diktatur vorbei. Die Geschichte lehrt es uns hundertfach.
-Er spielt ~va banque~ und muß ~va banque~ spielen. Das amerikanische
-Freiheitsgefühl hat den Druck nur ertragen, solange die Schmach der
-japanischen Niederlage in frischer Erinnerung war und solange Cyrus
-Stonard die Macht und den Reichtum Amerikas ständig gehoben hat. Selbst
-dann nur widerwillig. Einen Stillstand in seinen äußeren Erfolgen
-verträgt seine Herrschaft nicht.
-
-Nach seinem Siege über Japan bleibt England als einziger Rivale
-übrig. Wer die Persönlichkeit Cyrus Stonards kennt, mußte sich klar
-darüber sein, daß er es versuchen würde, diesen letzten Rivalen
-niederzuschlagen. Dann war der Gipfel erreicht. Amerika beherrschte die
-Welt. Cyrus Stonard beherrschte Amerika.
-
-Da stellt sich zwischen uns und ihn die geheimnisvolle Macht. Über
-deren Ziele möchte ich noch schweigen, weil ich nicht klar sehe.
-Er bringt es fertig, uns als Werkzeug zur Vernichtung dieser Macht
-zu benutzen. Der Streich ist mißlungen. Zum mindesten nicht sicher
-gelungen. Aber Cyrus Stonard kann nicht mehr zurück. Er schlägt los, wo
-er glaubt, nicht gehindert zu sein. Hätte er jetzt, nach monatelanger
-Kriegsvorbereitung, Frieden gehalten, wäre es um seine Herrschaft
-geschehen.
-
-Er ist in den Krieg gegangen wie ein Feldherr, der am Erfolg zweifelt,
-aber lieber an der Spitze seiner Garden fallen als zurückweichen will.
-Cyrus Stonard steht auf der Grenze von Genie und Wahnsinn. Er hat die
-Grenze wohl schon nach der schlimmen Seite hin überschritten.«
-
-Die Worte Lord Maitlands hatten die Mitglieder des Kabinetts in ihren
-Bann geschlagen. Die Gestalt des Diktators stand in ihrer Größe,
-aber auch mit ihren Schwächen und Leiden vor ihnen. Eine Frage des
-Kriegsministers führte die Mitglieder wieder in die reale Welt zurück.
-
-»Was sollen wir jetzt tun? Sollen wir uns nicht wehren? Sollen wir
-uns auf eine geheimnisvolle Macht verlassen, deren Existenz doch zum
-mindesten, ich will sagen, persönliche Ansichtssache ist? Es wäre
-Englands und seiner Geschichte nicht würdig, wenn wir uns in der vagen
-Hoffnung auf eine übernatürliche Hilfe davon abhalten ließen, alles
-Notwendige für die Sicherheit des Reiches zu tun.«
-
-Sir Vincent Rushbrook sprach: »Unsere Islandflotte muß sich in
-geschlossenem Angriff sofort auf Neuyork stürzen. Wir werden die
-Fünfzehnmillionenstadt in Asche legen. Das wird dem Diktator seine
-Gelüste auf Afrika und Indien am schnellsten austreiben.«
-
-Lord Horace nahm noch einmal das Wort: »Ich befinde mich hier in einer
-eigenartigen Lage. Ich habe mich mit diesen Fragen doch vielleicht mehr
-beschäftigt als ein anderes Mitglied des Kabinetts. Ich sage Ihnen
-heute ... denken Sie an meine Worte, meine Herren ... Wir werden das
-Eingreifen der Macht in kürzester Zeit zu fühlen bekommen. Ich halte es
-für richtig, daß wir uns nur auf die Verteidigung beschränken.«
-
-Die Worte des Lords Maitland vermochten das Kabinett nicht umzustimmen.
-Die letzten Depeschen über einen amerikanischen Angriff auf Indien
-ließen jede abwartende Haltung als schädlich erscheinen. Indien war die
-empfindlichste Stelle des britischen Weltreiches. Wer Indien anzutasten
-wagte, mußte niedergeschlagen werden.
-
- * * * * *
-
-Der englische Premier gab seinem Sekretär gemessenen Auftrag. »Ich
-erwarte den Vierten Lord der Admiralität. Jeder andere Besuch hat zu
-warten.«
-
-Der Sekretär wunderte sich nicht über den Befehl. Die Stellung des
-Lords Maitland im englischen Kabinett hatte sich in den letzten Wochen
-beträchtlich gehoben. Seine genauen Kenntnisse der amerikanischen
-Verhältnisse machten ihn zu einem wichtigen Mitglied des Kabinetts.
-Darüber hinaus fand der alternde Lord Gashford in ihm eine wertvolle
-Hilfe. Eine Persönlichkeit, die Entschlußkraft mit der abgeklärten Ruhe
-des gereiften Mannes verband. Einen Mitarbeiter, der für sich selbst
-gar nichts erstrebte ... wenigstens nichts zu erstreben schien und ganz
-in den Fragen der großen Politik aufging.
-
-Lord Gashford hatte über die Ausführungen Lord Maitlands in der letzten
-Kabinettssitzung nachgedacht. Als Lord Horace in sein Arbeitzimmer
-eintrat, ging er ihm entgegen. »Ihre Ansichten über die Beweggründe des
-amerikanischen Diktators sind richtig. Wenn seine Handlungen überhaupt
-logischen Gründen entspringen, können sie nur so erklärt werden, wie
-Sie es neulich taten. Ich möchte in Ihrer Gegenwart einen Besuch
-empfangen, dessen Absichten mir nicht klar sind. Dr. Glossin hat sich
-bei mir melden lassen.«
-
-Lord Horace konnte sein Erstaunen nicht verbergen.
-
-»Dr. Glossin hier? Sollte das ein Friedensfühler sein?«
-
-Dr. Glossin wurde von dem Sekretär in das Gemach geführt. Er kam mit
-der Unbefangenheit des vielgereisten Weltmannes. Begrüßte Lord Horace
-herzlich als einen alten Bekannten, ohne sich durch die Gegenwart des
-Premierministers geniert zu fühlen. Er erkundigte sich eingehend nach
-dem Befinden der Lady Diana und führte die Konversation mit einer
-Leichtigkeit, als befände er sich auf einem Fünfuhrtee und nicht
-bei den leitenden Ministern eines Weltreiches. Die beiden Engländer
-gingen auf die Tonart ein, obwohl sie innerlich vor Begierde brannten,
-dem Zwecke der Unterredung näherzukommen. Lord Horace schob dem
-Doktor Zigarren und Feuerzeug hin. Glossin bediente sich mit einer
-Gemächlichkeit, die den englischen Staatsmännern hart an die Nerven
-ging.
-
-Dr. Glossin hatte zweifellos viel Zeit. Aber schließlich hatten die
-Engländer noch mehr. Sie warteten ruhig, bis er das Schweigen brach.
-
-»Meine Herren, ich halte diesen Krieg für einen Wahnsinn. Nur der
-maßlose Ehrgeiz eines Mannes treibt zwei sprach- und stammgleiche
-Völker in den Kampf.«
-
-Die Engländer sprachen kein Wort. Nur ein leichtes Nicken verriet
-ihre Zustimmung. Der Doktor fuhr fort: »Ich möchte die Lage durch
-einen Vergleich erklären. Die Welt gehört einer großen Firma, den
-~Englishspeakers~. Die Firma hat zwei Geschäftsinhaber. Es sind heute
-zwei feindliche Brüder, die zum Schaden des Hauses gegeneinander
-arbeiten. Die Firma kann nur gedeihen, wenn ihre Leiter einig sind und
-einig handeln. Müßte nicht der eine der Inhaber die Führung haben?«
-
-Dr. Glossin schwieg und wandte dem Brande seiner Zigarre sehr
-eingehende Aufmerksamkeit zu.
-
-»Die feindlichen Brüder sind wohl in diesem Gleichnis England und
-Amerika?«
-
-Dr. Glossin bejahte die Frage Lord Gashfords durch ein leichtes Nicken.
-
-Der Premier sprach weiter: »Welcher von den beiden wird dem anderen
-weichen?«
-
-Glossin hatte wieder mit der Zigarre zu tun, bevor er die Antwort
-formulierte. Langsam, sorgfältig Wort für Wort wägend.
-
-»Im Geschäftsleben würde es der sein, der die geringere Erfahrung hat
-... der weniger tüchtige ... meistens wohl der jüngere.«
-
-Lord Horace unterbrach ihn.
-
-»Glauben Sie, daß Cyrus Stonard jemals freiwillig weichen würde?«
-
-»Wenn nicht freiwillig, dann gezwungen!«
-
-»Das hieße Stonard stürzen! Freiwillig wird er nie nachgeben.«
-
-»Deswegen bin ich hier!«
-
-Das Wort war heraus. Seine Wirkung auf den Premier war unverkennbar.
-Lord Horace blieb äußerlich unverändert. Nur sein Gehirn arbeitete
-fieberhaft und schmiedete lange Schlußketten ... Er weiß, daß die
-geheimnisvolle Macht wirkt. Daß es vielleicht schon in nächster Zeit,
-vielleicht in wenigen Tagen nur noch eines leisen Anstoßes bedürfen
-wird, um den Diktator zu stürzen. Er wechselt beizeiten die Fahne ...
-Immerhin, seine Arbeit kann England nützlich sein ...
-
-Lord Gashford fragte mit leicht vibrierender Stimme: »Wie sollte es
-geschehen?«
-
-»Das wird meine Sache sein!«
-
-»Sie wollen das vollbringen? Und wenn es Ihnen gelänge, was hat England
-dafür zu zahlen?«
-
-»Nichts!«
-
-»Und was verlangen Sie dafür?«
-
-»Englands Freundschaft!«
-
-Lord Gashford reichte dem Doktor die Hand.
-
-»Deren können Sie versichert sein. Für die Ausführung stehen Ihnen
-unsere Mittel zur Verfügung. Lord Maitland wird die Einzelheiten mit
-Ihnen besprechen.«
-
-Sie hatten diese Besprechung im Stadthause von Lord Horace. Dr.
-Glossin verlangte von der englischen Regierung für sein Unternehmen
-keine materiellen Mittel. Nur ein paar Einführungsschreiben an einige
-amerikanische Vereinigungen. Das war alles. Lord Horace geriet
-in Zweifel, ob es dem Doktor jemals gelingen könne, mit solchen
-bescheidenen, fast kindlich anmutenden Hilfsmitteln einem Manne wie
-Cyrus Stonard gefährlich zu werden. »Das wäre alles, Herr Doktor?«
-
-»Alles, mein Lord.«
-
-»So wünsche ich Ihnen um der anglosächsischen Welt willen den besten
-Erfolg.«
-
-»Ich danke Ihnen. Noch eine persönliche Bitte. In meiner Begleitung
-befindet sich hier in London meine Nichte, Miß Jane Harte.
-Mein Aufenthalt in den Staaten könnte längere Zeit dauern. In
-der Voraussicht kommender Umwälzungen und Unruhen habe ich sie
-hierhergebracht. Ich bin ihr einziger Verwandter. Sie hängt an mir,
-ist meine einzige Freude, hat außer mir niemand in der Welt. Wenn ich
-wüßte, daß sie in Ihrem Hause ... bei Ihnen ... bei Lady Diana einen
-Anhalt findet, wäre ich Ihnen mehr zu Dank verpflichtet, als ich es
-Ihnen in Worten ausdrücken kann.«
-
-»Ich werde die junge Dame als Gast in mein Haus nehmen. Sie soll in
-sicherer Hut bei uns bleiben, bis Sie, Herr Doktor, aus den Staaten
-zurück sind.«
-
-Der Doktor ergriff die Hand Lord Maitlands.
-
-»Ich danke Ihnen, mein Lord. Ich bedauere es, Lady Diana nicht
-persönlich meine Empfehlung übermitteln zu können ...«
-
-Dr. Glossin ging, den Mann zu verraten, durch den er zwanzig Jahre
-mächtig und reich gewesen war.
-
- * * * * *
-
-Seit jener Stunde, in der Diana die Todesnachricht Erik Truwors
-empfing, in der sie in der Fülle überströmender Gefühle ihre ganze
-Vergangenheit vor Lord Horace bloßlegte, war das Verhältnis der
-Gatten ein anderes geworden. Lady Diana zog sich nach Maitland Castle
-zurück. Lord Horace blieb in London, um sich mit verdoppeltem Eifer
-den Regierungsgeschäften zu widmen. Nicht nur die Sorge um das Land
-trieb ihn dazu, sondern wohl ebenso stark das Verlangen, sich durch
-angestrengte Arbeit zu betäuben, durch rastlose Tätigkeit der quälenden
-Gedanken ledig zu werden, die ihn seit jener Unterredung nicht
-loslassen wollten.
-
-Mit dem Toten hatte er bald abgeschlossen. Was Diana getan, um dem
-Jugendgespielen, dem Manne, dessen Gattin sie werden sollte und fast
-war, den Abschied vom Leben leicht zu machen, das hatte er mit der
-abgeklärten Ruhe des gereiften Mannes verstehen und verzeihen gelernt.
-
-Die Unruhe und Qual schuf ihm der andere. Der Lebende -- den Diana noch
-für tot hielt. Und zu dessen Vernichtung sie doch ihre Hand geboten
-hatte.
-
-War dieser Haß echt? Konnte solcher Haß echt sein?
-
-War es nicht nur in Haß verkehrte Liebe, die wieder Liebe werden
-konnte?
-
-Erik Truwor lebte!
-
-Wie würde Diana die Nachricht von seiner Rettung aufnehmen?
-
-Er bangte vor der kommenden Stunde und sehnte sie doch herbei.
-
-Die Nachricht, daß sie nach London kommen solle, erreichte Diana um die
-vierte Nachmittagsstunde in Maitland Castle. Der Diener, der ihr die
-Botschaft überbracht, hatte längst den Raum verlassen. Diana saß immer
-noch regungslos und hielt das Papier in den Händen. Das Faksimile des
-chemischen Fernschreibers zeigte die charakteristischen Schriftzüge
-ihres Gatten. Nur wenige Worte.
-
-»Ich bitte Dich, umgehend nach London zu kommen.«
-
-Was bedeutete diese Botschaft? Horace rief sie ... rief sie ... warum?
-
-Ihre Brust wogte im Widerstreit der anstürmenden Gefühle. Seit
-jenem Tage der Aussprache hatte sie Horace nicht wieder gesehen. In
-stillschweigender Übereinkunft hatte sie sich einer freiwilligen
-Verbannung unterworfen.
-
-Ihre hellsichtigen Frauenaugen erkannten wohl, daß ein Mann, auch
-wenn er die Großherzigkeit ihres Gatten besaß, nicht so leicht und
-schnell über das hinwegkommen konnte, was sie ihm in ihrer Seelennot
-offenbarte. Deshalb hatte sie gewartet. Von Tag zu Tag ... geduldig.
-Doch je länger sie warten mußte, desto schlimmer fraß die Pein des
-Wartens an ihr. Ihre Liebe zu Horace war so stark und rein, daß ihr
-nicht einen Augenblick der Gedanke kam, ganz andere Ängste und Sorgen
-könnten ihres Gatten Herz beschweren. Hätte sie es gewußt, wie leicht
-wäre es ihr gewesen, seinen Argwohn zu zerstreuen.
-
-In windender Fahrt trug die schnelle Maschine Diana Maitland, ihre
-Zweifel, ihre Hoffnungen und Wünsche nach London.
-
-Ohne sich erst in ihre eigenen Räume zu begeben, betrat sie das
-Arbeitzimmer ihres Gatten. Lautlos schlossen sich die schweren
-Portieren hinter ihr. Der schwellende indische Teppich dämpfte ihren
-Schritt.
-
-Lord Horace saß am Schreibtisch, das Gesicht dem Fenster zugewandt.
-
-Diana umfaßte seine Gestalt mit ihren Blicken.
-
-Was dachte er? ...
-
-Wie wird er ihr entgegentreten? ...
-
-Der erste Gruß. Wie wird er sein?
-
-Tonlos formten ihre Lippen das eine Wort: »Horace!«
-
-Der Hauch drang nicht an sein Ohr.
-
-»Horace!« Rauh und gepreßt tönte der Name durch den Raum.
-
-»Diana!« ... Lord Horace war aufgesprungen. Die Gatten standen sich
-gegenüber. Ihre Blicke begegneten sich und wichen einander aus.
-
-Dianas Herz krampfte sich zusammen. Was sie erhoffte, was sie ersehnte
-... es war es nicht. Ihre Augen wurden still. Ein konventionelles
-Lächeln spielte um den Mund, als sie sagte: »Du hast mich rufen lassen,
-Horace.« Ihre Hände berührten sich, und doch verspürte keine den Druck
-der anderen.
-
-»Ich danke dir für dein Kommen, Diana. Eine Bitte, die uns beide
-betrifft und mir besonders am Herzen liegt, trieb mich, dich zu rufen.
-Ich hatte heute vormittag eine Unterredung mit Dr. Glossin.«
-
-Diana horchte auf.
-
-»Dr. Glossin? Wie kommt der hierher? Es ist doch Krieg. Als
-Friedensunterhändler? ... In Stonards Mission?«
-
-»Nein!«
-
-»Nicht? Weshalb ist er hier?«
-
-»Um Cyrus Stonard zu verraten!«
-
-»Ah ...!«
-
-Lady Diana hatte in der Erregung des Gespräches bis jetzt noch nicht
-die Zeit gefunden, sich zu setzen. Lord Horace rollte ihr einen Sessel
-herbei.
-
-»Ah! ... Das versöhnt mich mit ihm. Welches Glück, wenn dieser
-Bruderkrieg vermieden wird! Dieser sinnlose Kampf, der Hunderttausende
-Englisch sprechender Frauen zu Witwen, ihre Kinder zu Waisen macht.
-Wenn das dem Doktor gelingt, wenn er das schafft, soll ihm vieles,
-nein, alles verziehen sein.«
-
-Lord Horace wiegte nachdenklich das Haupt.
-
-»Ja, Diana ... nicht ganz so, wie du denkst.«
-
-»Wie meinst du?«
-
-»Der Krieg würde auch ohne das alles in allernächster Zeit beendet
-sein!«
-
-»Wodurch?«
-
-»Durch die geheimnisvolle Macht der drei in Linnais!«
-
-Diana Maitland sank in ihren Sessel zurück. Sie erblaßte, während ihre
-Augen sich zu unnatürlicher Weite öffneten.
-
-»Die drei in Linnais? ... Sind die nicht tot?«
-
-»Wir dachten es ... Wir hofften es.«
-
-»Sie leben?«
-
-»Sie leben! Sie haben es deutlich bewiesen. Unsere Stationen müssen
-ihre Befehle funken.«
-
-»Und die sind? ... Die lauten?«
-
-»Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen. Die Macht
-warnt vor dem Kriege.«
-
-Lord Horace unterbrach seine Rede. Er sah, wie die Augen seiner
-Gattin sich schlossen und ein frohes Lächeln ihren Mund umspielte.
-In diesem Augenblick sah sie aus wie ein glückliches Kind, dem ein
-Lieblingswunsch erfüllt wurde. Er sah es und dachte: Erik Truwor!
-
-Lady Diana sprach wie eine Träumende, wie eine Seherin.
-
-»Ah! ... die drei in Linnais ... Sie leben ... leben und handeln zum
-Segen der Welt!«
-
-»Zum Segen?«
-
-»Ist es kein Segen, wenn der Krieg vermieden wird? Sinnloses Morden ...
-Totschlag und Raub ...«
-
-»Auf den ersten Blick vielleicht. Aber die Folgen werden nicht
-ausbleiben. Wie wird sich das für die Zukunft auswirken?«
-
-»Die Welt wird ein Paradies sein!«
-
-»Glaubst du?«
-
-»Gewiß selbstverständlich!«
-
-»Ich nicht ... Ich glaube es nicht ... kann es nicht glauben ...«
-
-»Was?«
-
-»... kann es nicht glauben, daß ein Mann, dem ein Zufall ... ein
-Schicksal solche Macht in die Hände gegeben hat, daß der ...«
-
-»Daß der ...«
-
-»Daß der die Macht nicht mißbraucht!«
-
-»Mißbrauchen? Mißbraucht?«
-
-»Mißbraucht, um die in seine Hand gegebene Menschheit zu knechten. Um
-sich zum Herrscher der Welt zu machen.« Lord Horace sprach die letzten
-Worte trübe und sinnend vor sich hin.
-
-»Du fürchtest, daß ... daß ... nein! Erik Truwor? Nein!«
-
-In der Erregung des Zwiegesprächs waren sie aufgesprungen und standen
-sich hochatmend gegenüber.
-
-»Niemals! Niemals!« Diana wiederholte es mit wachsender Überzeugung.
-
-»Dann wäre er ein Gott!«
-
-Die Erregung Dianas löste sich in einem harten, stolzen Lachen.
-
-»Ein Gott? ... Nein! Ein Mann ist er! Ein Mann!«
-
-»Und wir?« Resignation klang aus den beiden kurzen Worten. Diana legte
-ihm die Hände auf die Schultern.
-
-»Ihr ... ihr ... Horace .. ihr seid Politiker .. eure Gedanken gehen
-nicht über die Grenzen eurer Interessen. Er ... er überschaut Reiche!
-Ihr arbeitet für die Zeit. Er denkt an die Ewigkeit!«
-
-»Du kennst ihn, ich kenne ihn nicht. Du standest ihm nahe. ... Du bist
-ein Weib ... Wir Männer sehen die Dinge nüchterner. Ich sage dir, es
-wird kein Paradies auf Erden, aber es wird schweres Unheil für die
-ganze Welt daraus entstehen.«
-
-»Wenn er ein Mensch wäre wie ihr. Aber er ist der ideale Mensch. Der
-vollkommene Mann. Er wird die Macht ... die wunderbare Macht nur zum
-Wohl der Menschheit, zum Glück der Welt verwenden ... Ja, ich kenne
-ihn. Er geht mit reinem Herzen an die große Aufgabe. Er erstrebt nichts
-für sich, alles für die Menschheit. Er ist Erik Truwor. Das Wort sagt
-mir alles.«
-
-Lord Horace sprach nicht aus, was er in diesem Augenblick dachte. Daß
-auch ihm das eine Wort, der eine Name nur allzuviel sage.
-
-Mit müder Gebärde winkte er ab.
-
-»Laß es gut sein, Diana. Was hilft Streiten? Das Geschick wird sich
-schneller erfüllen, als uns allen lieb ist.
-
-Zurück zu dem Zweck unserer Unterhaltung. Dr. Glossin ließ seine
-Nichte Miß Jane Harte bei seiner Abreise allein in London zurück. Ich
-versprach ihm, sie bei uns aufzunehmen, bis er zurückkommt.
-
-Das junge Mädchen ist hier im Hause. Ich will gehen und es holen.«
-
- * * * * *
-
-Erik Truwor faßte das Ergebnis der Untersuchung zusammen. Der Eisberg
-war mit seiner Basis halb schräg nach unten in das Wasser gefallen und
-hatte dann wieder Halt gefunden. Es war natürlich auch mit Hilfe des
-kleinen Strahlers leicht möglich, einen Ausgang aus dem Eise ins Freie
-zu schmelzen.
-
-Aber sie befanden sich in einer komprimierten Atmosphäre. Die Luft
-in der Eishöhle war auf das Doppelte des gewöhnlichen Luftdrucks
-zusammengepreßt. In ihren Lungen hatte der hohe Druck sich
-ausgeglichen. Schafften sie der Luft plötzlich einen Ausgang ins Freie,
-so mußte die schnelle Druckverminderung sie töten. Die zusammengepreßte
-Luft in ihrem Innern hätte ihre Lungen zerrissen, ihre Leiber zerfetzt.
-
-Doch auch ein langsames Ablassen der Druckluft gewährte keine
-Sicherheit. Sie wußten ja nicht, bis zu welcher Höhe der Wasserspiegel
-draußen den Berg umgab. Wie tief der Berg in den geschmolzenen See
-eingesunken war. Es konnte geschehen, daß das Wasser beim Ablassen der
-Luft schließlich die Decke des höchsten Raumes erreichte. Dann wurden
-sie ertränkt wie die Mäuse in der Falle.
-
-Das Mittel, allen diesen Schwierigkeiten zu entgehen, hatte der Geist
-Silvesters entdeckt.
-
-»Wir müssen den Berg ausschmelzen. Der ganze massive Kern muß als
-Schmelzwasser in die Tiefe gehen. Nur eine leichte äußere Schale darf
-stehenbleiben. Leichte Fußböden und Wände, die der Schale Halt geben.
-Dann wird er sich heben, wird leicht auf dem Wasser schwimmen ...«
-
-Der Plan war gut, aber die Frage der Luftbeschaffung machte
-Schwierigkeiten. Die wenige Luft, die in den vorhandenen Gängen
-eingeschlossen war, würde niemals genügen, das ganze Innere des
-ausgeschmolzenen Berges zu füllen.
-
-Sie mußten also mit Vorsicht eine Rohrverbindung mit der Außenwelt
-herstellen, mußten die Luftpumpe mit vieler Mühe aus einem halb
-überfluteten Gange herbeischaffen und von außen her Luft in das Innere
-pumpen, als das große Schmelzen begann, als Tausende von Tonnen
-Schmelzwasser in die Tiefe flossen und der massive Eisriese von Stunde
-zu Stunde immer mehr die lockere Struktur einer Bienenwabe annahm.
-
-Aber sie spürten auch den Erfolg. Der Berg hob sich. Sie merkten es
-daran, daß er wieder in die wagerechte Lage kam und daß die unteren
-überfluteten Gänge allmählich vom Wasser frei wurden.
-
-Sie arbeiteten ohne Unterlaß. Silvester war Tag und Nacht tätig. Die
-Vorwürfe Erik Truwors brannten ihm schwer auf der Seele. Er wollte
-mit Hingabe seiner ganzen Kraft wieder gutmachen, was durch sein
-Versehen verdorben war, und mutete sich mehr zu, als sein geschwächter
-Organismus auf die Dauer aushalten konnte.
-
-Bis die mißhandelte Natur sich rächte. Atma sprang hinzu, als Silvester
-neben dem Strahler, mit dem er die neuen Höhlen und Zellen in den Berg
-schnitt, zu Boden taumelte. Es bedurfte aller Künste des Inders, um das
-aussetzende Herz des Erschöpften zum Weiterschlagen zu zwingen und die
-schwere Ohnmacht in einen wohltätigen Schlaf zu verwandeln.
-
-Freilich hatte Silvester Grund zu Eile und Anstrengung. Der Berg
-mußte gehoben, in seine endgültige Lage gebracht sein, bevor die
-Polarkälte ihre Wirkung tat, bevor die Oberfläche dieses durch einen so
-unglücklichen Zufall entstandenen Sees sich wieder mit einer schweren
-Eiskruste überzog. Denn fror der See, so war der Berg fest eingekittet,
-alle Versuche, ihn zu heben, wurden vergeblich.
-
-Endlich war es gelungen. In hundert Stunden hatten sie das Werk getan.
-Nun hieß es warten und sich gedulden, bis das eintrat, was sie vorher
-so sehr zu fürchten hatten. Erst nachdem der gehobene Berg festgefroren
-war, konnten sie es wagen, seine Außenwand zu durchbrechen, durften sie
-die Tür dieses gigantischen Gefängnisses sprengen. Sie rechneten, daß
-wenigstens noch einmal fünfzig Stunden verstreichen müßten, bevor das
-frisch gebildete Eis den erleichterten Berg tragen würde.
-
-Die Laune des Schicksals schenkte dem Präsident-Diktator noch einmal
-eine Frist. Krieg und Kriegsgeschrei erfüllten noch einmal die Welt.
-Von einer sinnlosen und lächerlichen Kleinigkeit hing es ab, wie lange
-der Vernichtungskampf zweier Weltreiche anhalten sollte. Einfach davon,
-wie schnell oder wie langsam sich in der arktischen Eiswüste auf einem
-Tümpel von mäßiger Größe eine tragfähige Eisfläche bilden würde.
-
-Fünfzig Stunden, in denen die Insassen des Berges nichts anderes tun
-konnten, als tatenlos zu warten. Abgeschnitten von der Welt, ohne Kunde
-von dem, was draußen vorging.
-
-Atma saß am Lager Silvesters. Er zwang ihn, sich wohltätiger Ruhe
-hinzugeben, seinem armen mißhandelten Herzen, das immer noch unruhig
-und unregelmässig gegen die Rippen pochte, Erholung zu gönnen.
-
-Erik Truwor war allein, eine Beute quälender Gedanken, die sich nicht
-verjagen ließen.
-
-Was war in den Tagen ihrer Gefangenschaft geschehen? Hatten die ersten
-Warnungen der Macht genügt, oder war der Krieg doch ausgebrochen?
-
-Besaß die Menschheit so viel Einsicht, der sinnlosen Zerstörung aus
-eigener Kraft Einhalt zu gebieten?
-
-War das der Fall, dann würde er das Werk so ausführen können, wie er es
-geplant hatte.
-
-Aber wenn sie ihm nicht gehorchten? Wenn sie in diesen Tagen seiner
-erzwungenen Untätigkeit übereinander herfielen?
-
-War das nicht der Beweis dafür, daß sie noch nicht zur Selbstregierung
-reif waren, daß sie einen Selbstherrscher brauchten, zu ihrem Glücke
-gezwungen werden mußten?
-
-Wer sollte sie dann zwingen? Die Träger der Macht. Drei Köpfe, drei
-Sinne!
-
-Nur einer konnte der Herr sein. Wer sollte es sein?
-
-Silvester, der stille Gelehrte, der Forscher?
-
-Oder Atma? Der Schüler des Buddha Gautama und des Tsongkapa?
-
-Nein und nochmals nein! Nur er selbst konnte es sein. Der Nachfahr des
-alten Herrengeschlechtes, dem eine zweifache Prophezeiung noch einmal
-die Herrschaft versprach.
-
-Die Wucht der Gedanken riß Erik Truwor empor. Er sprang auf und irrte
-durch die Eisklüfte des gehöhlten Berges.
-
-Er war von der Vorsehung auserwählt. Ihm hatte das Schicksal die
-unendliche Macht in die Hand gegeben. Er brauchte Gehilfen, treu
-ergebene Paladine, um sie auszuüben. Dazu hatte das Geschick ihm die
-Freunde an die Seite gestellt. So war die Weissagung von Pankong Tzo
-zu deuten. Dem Herrscher die Macht, seinen Paladinen das Wissen und den
-Willen.
-
-So mochte es einem Cäsar zumute gewesen sein, ehe er den Rubikon
-überschritt, so einem Napoleon, als er den Sturm auf Italien wagte, so
-einem Stonard, als er gegen die Gelben im Westen der Union losbrach.
-
-Das Schicksal rief ihn. Das Schicksal hatte Ungeheures mit ihm vor,
-wenn ... wenn in diesen Tagen der Kampf ausgebrochen war. Mit kaum zu
-bändigender Ungeduld erwartete er die Stunde der Befreiung aus dem
-eisigen Gefängnis.
-
- * * * * *
-
-Nur dem Wunsch ihres Gatten folgend, hatte Diana Maitland Jane in ihr
-Haus in Maitland Castle aufgenommen. Widerstrebend zuerst, hatte sie
-sie dann liebgewonnen. Wenn dies junge Mädchen eine Verwandte des Dr.
-Glossin war, so hatte sie jedenfalls nichts von den zweifelhaften
-Eigenschaften ihres Oheims geerbt.
-
-Mochte Dr. Glossin auch tausendmal gelogen haben, diesmal hatte er die
-Wahrheit gesprochen, als er sagte, daß Jane einsam und hilfsbedürftig
-sei. Lady Diana erkannte es mit dem geübten Blick der gereiften und
-lebenserfahrenen Frau.
-
-Sie nahm sich vor, der Verlassenen eine mütterliche Freundin zu sein.
-In Maitland Castle während dieser Tage politischer Hochspannung
-und kriegerischer Verwickelungen selbst vereinsamt, zog sie sie in
-ihre Gesellschaft und hatte sie den größten Teil des Tages um sich.
-Dabei aber mußte sie die Entdeckung machen, daß die Seele des jungen
-Menschenkindes Rätsel barg.
-
-Lady Diana fand, daß in den Erinnerungen Janes Lücken klafften. Was
-sie erzählte, erzählte sie schlicht und einfach, ohne Widersprüche.
-Aber plötzlich, an bestimmten Stellen, stockte die Erzählung, brach
-die Erinnerung ab, und es war Diana nicht möglich, die Lücken zu
-überbrücken.
-
-Dazu der häufige Wechsel der Stimmung. Eben noch heiter, fast
-ausgelassen. Dann wieder still, grübelnd, nachdenklich, zerstreut.
-Wechselnde Stimmungen, schwankende Abneigungen und Sympathien, die sich
-bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten sogar in der Wahl der Speisen
-äußerten.
-
-Diana Maitland hatte sich gesprächsweise mit ihrer Beschließerin über
-Jane unterhalten. Die sonderbaren Andeutungen der Alten gingen ihr
-nicht aus dem Sinn.
-
-Jane machte sich an einem Tischchen zu schaffen, das in einem der
-großen erkerartig ausgebauten Bogenfenster stand. Sie hatte den
-Tischkasten aufgezogen, kramte in verschiedenen Kleinigkeiten, die dort
-lagen, schien irgend etwas zu suchen. Diana sah, wie sie ein Garnknäuel
-und ein Buch herausnahm, die Gegenstände zerfahren und unsicher auf den
-Tisch legte und dann ein Zeitungsblatt aus dem Kasten holte. Ein altes
-Blatt, mehrfach geknifft, eine Notiz darauf mit Buntstift angestrichen.
-
-Die Sonne fiel durch das Erkerfenster und wob goldene Reflexe um die
-schweren blonden Flechten Janes. In dieser Beleuchtung, die ihre zarte
-Schönheit noch hob, wirkte sie unwahrscheinlich ätherisch, wie eine
-der Gestalten auf den bunten Stichen von Gainsborough. Diana Maitland
-betrachtete das Bild mit Wohlgefallen.
-
-Jane saß leicht vorgebeugt an dem Tischchen. Ihre Blicke ruhten auf
-dem Zeitungsblatt. Der zerstreute, träumerische Zug, den Diana in den
-letzten Tagen so oft an ihr beobachtet hatte, lag auf ihrem Antlitz.
-Jetzt straffte sich ihre Miene. Ihr Auge haftete auf einem Punkt des
-Blattes, während sie angestrengt nachzudenken schien. Als ob sie etwas
-suche, eine Erinnerung, ein Wort, einen Namen, auf den sie nicht kommen
-könne. Es sah aus, als ob dies angestrengte Sinnen ihr körperliche Pein
-bereite.
-
-Diana Maitland sah die Wandlung und rief sie an: »Was ist Ihnen, Jane?«
-
-Wie geistesabwesend ließ Jane das Zeitungsblatt sinken und fuhr sich
-über die Stirn.
-
-»Linnais ... Linnais ...«
-
-»Jane, was haben Sie? Was ist Ihnen Linnais?«
-
-Als Diana das Wort Linnais aussprach, erhob sich Jane wie eine
-Schlafwandlerin. Suchend, stockend brachte sie einzelne Worte hervor.
-
-»Linnais ... Brand ... Ruinen ... alles tot ...«
-
-Sekundenlang stand Diana in starrem Staunen.
-
-»Nein, Jane ... Sie leben!«
-
-»Leben ... Linnais ... leben ... Hochzeit ... meine Hochzeit ... Kirche
-... Atma ... Erik Truwor ...«
-
-Diana Maitland sank schwer atmend in ihren Sessel zurück. Ihre Augen
-hingen an den Lippen Janes, die weiterflüsterten:
-
-»... meine Hochzeit ...«
-
-»Mit Erik Truwor?«
-
-»Nein ... nein ... mit ...«
-
-»Mit ...«
-
-»Mit ... mit ...«
-
-Jane suchte und konnte den Namen ihres Gatten nicht finden. In
-ängstlichem Grübeln krauste sich ihre Stirn.
-
-»Mit Logg Sar?«
-
-»Silvester ...!« Wie ein erlösender Aufschrei kam es von Janes Lippen.
-»Silvester ... Silvester ... wo ist er?«
-
-Diana trat auf die Schwankende zu und geleitete sie zu einem Ruhebett.
-Ein tiefes Schluchzen erschütterte den zarten Körper Janes. Als sie
-die Augen aufschlug, war ihr Blick gewandelt. Nicht mehr unsicher und
-traumverloren. Klar und fest.
-
-»Silvester! Ich habe ihn wieder!«
-
-»Was ist Ihnen Silvester?«
-
-»Er ist mein Mann! Mein lieber Mann!«
-
-Die Gedanken Dianas jagten sich. Was war das? Was hatte Dr. Glossin
-getan? Welches Verbrechen war an dem Mädchen begangen worden? Diana
-Maitland fand die härtesten Ausdrücke für den Arzt. Wie konnte er die
-Gattin Logg Sars als seine Nichte, als junges Mädchen in ihr Haus
-einführen? Wie kam die Gattin Logg Sars in die Gewalt Glossins?
-
-Jane richtete sich auf dem Diwan empor und begann zu sprechen.
-Fließender, endlich ganz frei. Die hypnotische Kraft Dr. Glossins
-reichte an diejenige Atmas nicht heran. Ein einfaches Zeitungsblatt,
-jenes schwedische Blatt, welches von Glossins Hand selbst unterstrichen
-den Namen Linnais trug, hatte genügt, den von ihm gelegten Riegel zu
-brechen.
-
-Die volle Erinnerung kam Jane wieder. Sie erzählte, wie sie in der
-Sorge um Silvester von Düsseldorf nach Linnais ging, Brandruinen
-fand, wo sie einst Hochzeit gehalten. Wie Dr. Glossin, ihr selbst
-unerklärlich, plötzlich vor ihr stand, wie sie ihm willenlos folgen
-mußte.
-
-»Dein Silvester lebt, Jane! Er und seine Freunde! Wir wissen es. Lord
-Horace sagte es mir. Unsere Stationen müssen ihre Befehle funken.«
-
-»Er lebt. Ich höre es. Ich glaube es gern ... gern ... Aber er weiß
-nicht, wo ich bin. Ich habe in törichter Sorge seine Weisung mißachtet,
-bin fortgelaufen. Er sucht mich vergeblich, kann mir keine Nachricht
-geben.«
-
-Lady Diana brachte bald heraus, wie diese Benachrichtigungen früher
-stattgefunden hatten. Aber der kleine Telephonapparat war verschwunden.
-Irgendwo in Linnais geblieben. Damals, als Dr. Glossin in ihm die
-Stimme Silvesters vernahm, die Kraft des Strahlers zu fürchten
-begann und den Apparat wie glühendes Eisen von sich schleuderte. Die
-Wellenlänge, auf die Silvester den Apparat gestimmt hatte, war damit
-verloren. Die Möglichkeit einer Verständigung in der früheren Art
-ausgeschlossen.
-
-Es blieb nur die öffentliche Regierungsstation, die Möglichkeit, eine
-Depesche in der Wellenlänge dieser Station abzugeben. Zu gewöhnlichen
-Zeiten eine einfache Sache. Jetzt in den Tagen des Krieges und der
-Zensur eine schwierige, fast unlösliche Ausgabe. Diana Maitland
-übernahm es, sie zu lösen.
-
-Der Luftverkehr auf den britischen Inseln war des Krieges halber
-verboten. In ihrem schnellen Kraftwagen fuhr sie selbst nach Cliffden
-in die große englische Station. Sie suchte den Stationsleiter auf und
-hatte eine lange Unterredung mit ihm. Sie bat, beschwor und drohte, bis
-der Widerstand des Beamten überwunden war. Bis er vom Buchstaben seiner
-Instruktion abwich und die kurze Depesche zur Absendung entgegennahm.
-Lady Diana blieb an seiner Seite, solange die Depesche umgeschrieben
-und von den Perforiermaschinen für die Sendung vorbereitet wurde.
-Sie stand neben ihm, als der Geberautomat den Papierstreifen zu
-verschlingen begann, als Hebel tanzten und Kontakte polterten, als die
-ersten Worte der Depesche
-
- »Jane an Silvester ...«
-
-auf den Flügeln elektrischer Wellen in den Luftraum strömten. Sie blieb
-neben dem Stationsleiter stehen, bis der Streifen dreimal durch den
-Apparat gelaufen war. Dann ging sie zu ihrem Kraftwagen und kehrte nach
-Maitland Castle zurück.
-
- * * * * *
-
-Am siebenten Tage nach der Katastrophe wagten es die Eingeschlossenen.
-Sie ließen die Druckluft aus dem Eisberge langsam ins Freie entweichen.
-Erik Truwor stand am Ventil, den Blick auf dem Druckzeiger. Im
-untersten Gange beobachtete Silvester den Wasserspiegel. Das Mikrophon
-am Munde, bereit, Alarm zu geben, wenn das Frischeis nicht hielt, der
-Berg sich senkte, das Wasser stieg.
-
-Mit leisem Pfeifen entwich die Luft. Langsam fiel der Zeiger des
-Manometers. Nur noch wenige Linien stand er über dem Nullpunkt. Erik
-Truwor lehnte sich gegen die Eiswand, drückte das Ohr gegen die Fläche,
-um jedes Knistern, jedes kommende Brechen des Eises so früh wie möglich
-zu spüren.
-
-Es blieb ruhig. Nur das schwächer und schwächer werdende Pfeifen der
-entweichenden Luft. Jetzt nur noch ein leichtes Rauschen. Der Zeiger
-stand auf dem Nullpunkt. Der Druck war ausgeglichen. Der Berg hielt
-sich ohne Unterstützung der Preßluft.
-
-Schnell fraß der kleine Strahler einen neuen Ausgang durch die Schale
-des Berges. Die Antenne in Ordnung bringen, den Verkehr mit der Welt
-wieder herstellen, das war jetzt das Wichtigste. Die Antenne auf dem
-Abhang des Berges war unversehrt geblieben. Nur die Verbindungen nach
-den Apparaten hin waren bei der Katastrophe zerrissen. Zehn Minuten
-genügten, um eine Notleitung zu legen. Kaum war die letzte Verbindung
-gemacht, die letzte Schraube angezogen, als auch schon wieder Leben in
-die Apparate kam, die alle diese Tage hindurch still und tot dagelegen
-hatten. Die Farbschreiber klapperten, die Laufwerke rollten, und die
-Streifen, dicht mit Morsezeichen bedeckt, quollen unter den Farbrädern
-hervor. Nachrichten aus Amerika und Europa, aus Indien und Australien.
-
-Das Schicksal ging seinen Weg. Der Krieg war ausgebrochen. Englische
-und amerikanische Luftstreitkräfte waren an den verschiedensten Punkten
-der Welt zusammengeraten. Die große englische Schlachtflotte hatte
-ihren Hafen verlassen um die amerikanische Ostküste anzugreifen. Die
-amerikanische Flotte war ihr entgegengefahren. Nur noch vierundzwanzig
-Stunden, und es kam zu einer gewaltigen Schlacht mitten im Atlantik.
-
-Die Frage, die sich Erik Truwor in diesen Tagen unfreiwilliger Ruhe
-so oft vorgelegt hatte, war entschieden. So entschieden, wie er es in
-unruhigen Nächten gefürchtet hatte. Die Menschheit hörte nicht auf
-seine Worte. Sie war nicht fähig, sich selbst zu regieren. Sie brauchte
-den Herrn, der sie zwang.
-
-Er fühlte, wie seine Ideale zusammenbrachen. Sie taten da draußen
-nichts aus freien Stücken und irgendeinem Ideal zuliebe. Wer die
-Macht hatte oder zu haben glaubte, benutzte sie rücksichtslos. Seine
-Warnungen waren unbefolgt verhallt. Sie würden ihm nur gehorchen, wenn
-er Brand und Mord hinter jeden seiner Befehle setzte.
-
-Die Stunde der Entscheidung war gekommen. Wenn er durchsetzen wollte,
-was er sich vorgenommen, was er als seine Mission ansah, dann mußte
-er als Herr auftreten. Klar hatte er die Notwendigkeit in den Tagen
-der Gefangenschaft durchdacht und schrak zurück, nun die entscheidende
-Stunde gekommen war.
-
-Würde man seine Absichten nicht verkennen? Würde die Welt ihm nicht
-andere Beweggründe unterschieben? Würde sie nicht einer maßlosen
-Ehrsucht zuschreiben, was nur bittere Notwendigkeit war?
-
-Es duldete ihn nicht länger in der Enge der Berghöhlen. Er stürmte
-hinaus in das Freie. Er sprang über Schollen und Schneewehen, die in
-den Strahlen der tiefstehenden Sonne rot glühten. Er lief und fühlte,
-daß alle die alten Ideen und Ideale von Pankong Tzo vernichtet waren.
-
-Atemlos hielt er im Lauf inne. Ihm graute vor der Entscheidung, vor der
-Verantwortung, vor dem Entschluß.
-
-Hinter einer Eisklippe hatte der Wind den frischen Schnee
-zusammengewirbelt. Hier ließ er sich niedersinken, fühlte, daß die
-weißen Flocken sich wie ein Daunenkissen um seine Glieder schmiegten.
-Eine tiefe Mutlosigkeit, eine Erschlaffung überkam ihn. Er wurde ganz
-ruhig.
-
-Wie wäre es, wenn er hier liegenbliebe, wenn er jetzt einschliefe? Der
-Verantwortung, dem verhaßten Entschluß durch freiwilligen Tod aus dem
-Wege gehen?! Wie lange würde es dauern, bis der arktische Frost den
-kurzen Schlummer in einen ewigen Schlaf verwandelte. Wie schön müßte
-es sein, hier einzuschlummern, hinüberzugehen in das große Meer der
-ewigen Ruhe und des Vergessens, in dem alle dunklen Wellen des Lebens
-verrieseln.
-
-War es der Frost, der schon zu wirken begann, den Körper leicht, die
-Gedanken träumerisch und sprunghaft machte?
-
-Eine dunkle, fromme Erinnerung überkam ihn. Die Hände falten! Er
-streifte die schweren Pelzhandschuhe ab und schlug die Finger
-ineinander. Da ... seine Rechte zuckte zurück.
-
-Was war das Kalte, das er berührt hatte? Kalt und brennend zugleich. Er
-hob die Hand zum Gesicht. Vom Mittelfinger der Linken strahlte ihm der
-Alexandrit entgegen, jetzt auch im Tageslicht hellrot glühend, wie er
-ihn noch nie gesehen hatte.
-
-Mit einem Sprung stand er auf den Füßen.
-
-Sich von dem eigenen Schicksal wegstehlen? Dem Leben feige den Rücken
-kehren? Nein, niemals, und wenn der Weg nach Golgatha führen sollte.
-
-Die Menschheit da draußen wollte Kampf und Mord. Sie sollte im Überfluß
-davon haben. Wie eine neue Gottesgeißel wollte er sie züchtigen, bis
-sie ihm bedingungslos gehorchte.
-
-Ein harter, eiserner Wille prägte sich auf sein Gesicht.
-
-Ruhigen und festen Schrittes ging er zum Berge. Er trat hinein und
-schritt durch die Gänge dem Raume zu, in dem die großen Strahler
-standen. Der rote Sonnenschein drang durch die grünlichen Eiswände
-und erfüllte die Hallen und Gänge mit einem magischen Doppellicht.
-Die vollkommene Stille, die hier in den Regionen des ewigen Eises
-herrschte, wurde nur durch das leise Ticken der Funkenschreiber
-unterbrochen. In schwirrendem Spiel klappten die feinen Schreibhebel
-der Apparate auf und nieder und notierten in Punkten und Strichen die
-Botschaften, die von allen Teilen der Welt her durch den Äther kamen
-und sich in den Maschen der Antenne fingen.
-
-Silvester saß vor einem der Schreibapparate in einem leichten Sessel.
-Er hielt den Papierstreifen unbeweglich in den Händen, als ob er
-sich von einer einzelnen Nachricht nicht losreißen könne. Das in
-rötlichgrünen Tönen durch den Raum schimmernde Licht umspielte seine
-Gestalt. Es ließ sein Antlitz fahl wie das eines Toten erscheinen.
-
-Erik Truwor warf einen Blick auf die Stelle des Streifens, den
-Silvester so beharrlich in den Händen hielt. Der Apparat hatte
-inzwischen unermüdlich weitergearbeitet. Viele Meter des Streifens
-waren ihm entquollen und lagen in Windungen und Schleifen auf den Knien
-Silvesters.
-
-Erik Truwor las die Stelle in den Händen Silvesters: »Jane an
-Silvester. Ich bin geborgen. In England in Maitland Castle bei guten
-Freunden.«
-
-Der Streifen zeigte die kurze Depesche dreimal hintereinander.
-
-Erik Truwor beugte sich zu dem Sitzenden hinab und legte ihm die Hand
-auf die Schulter.
-
-»Freue dich, Silvester! Deine Sorgen sind vorüber. Jetzt weißt du, daß
-Jane in Sicherheit ist.«
-
-Unter dem Druck von Erik Truwors Hand sank die Gestalt Silvesters
-noch mehr in sich zusammen. Sie fiel nach vorn und wäre ganz zu Boden
-gesunken, wenn Erik Truwor nicht mit kräftigen Armen zugegriffen hätte.
-Da fühlte er, daß das Leben aus dem Körper des Freundes gewichen war,
-daß die Blässe des Antlitzes nicht allein durch die fahlen Reflexe der
-Eiswände verursacht wurde.
-
-Dem wechselreichen Auf und Ab von Freuden und Leiden, seelischen
-Erschütterungen und schwerster Forschungsarbeit war der Organismus
-Silvester Bursfelds nicht gewachsen. Ein Herzschlag hatte sein junges
-Leben in dem Augenblick beendigt, in dem er die Depesche von Jane
-empfing.
-
-Erik Truwor hielt die schon erkalteten Finger des Freundes in seinen
-Händen. Atma trat in den Raum. Er schritt auf Silvester zu und schloß
-ihm mit sanftem Druck die Augen.
-
-»Er hat gegeben, was das Schicksal von ihm verlangte, das Wissen.«
-
-Erik Truwor nickte und ließ seine Blicke auf den blassen Zügen ruhen.
-
-»Das Wissen, das mir die Macht schafft.«
-
-Er wandte sich von dem Toten weg nach dem großen Strahler. Nur die
-Farbschreiber tickten leise und warfen immer neue Nachrichten von den
-Kriegsschauplätzen auf das Papier. Mit schweren Schritten ging Erik
-Truwor auf den mächtigen Strahler los. Nur ein einziges Wort kam von
-seinen Lippen: »Auf!«
-
-Wie Kampfruf klang es! Kampfruf war es!
-
- * * * * *
-
-Doktor Rockwell, der Leibarzt des Präsident-Diktators, und Hauptmann
-Harris, der diensttuende Adjutant, unterhielten sich mit gedämpfter
-Stimme im Vorzimmer.
-
-»Solange der Präsident meinen ärztlichen Rat nicht wünscht, darf ich
-mich ihm nicht aufdrängen.«
-
-»Es geht so nicht weiter, Herr Doktor! Das Leben hält auf die Dauer
-kein Mensch aus. Seit zwölf Tagen, seit der englischen Kriegserklärung,
-ist der Präsident nicht mehr aus seinen Kleidern gekommen, hat sein
-Arbeitzimmer kaum verlassen ...«
-
-»Ich gebe zu, daß solche Lebensweise angreifend ist, namentlich, wenn
-man die Fünfzig überschritten hat. Aber andererseits ... bedenken Sie
-die außergewöhnliche Lage. Der Krieg mit einer ebenbürtigen Großmacht.
-Es geht um das Schicksal der Staaten und ... des Diktators. Es ist
-schließlich nicht zu verwundern, daß er seine ganze Kraft an die
-Leitung des Krieges setzt.«
-
-»Kraft! Kraft! Herr Doktor! Wo soll die Kraft herkommen, wenn er so gut
-wie nichts zu sich nimmt? Eine Tasse Tee. Ein paar Schnitten Toast.
-Das genügt ihm für vierundzwanzig Stunden. Dazu kein Schlaf. Ich habe
-den Präsidenten während meiner Dienststunden seit zwölf Tagen nicht
-schlafend gefunden. Meine Kameraden von den anderen Wachen auch nicht.«
-
-»Er wird trotzdem geschlafen haben. Viertelstundenweis, zu Zeiten, in
-denen niemand in seinem Zimmer war. Zwölf Tage ohne Schlaf hält niemand
-aus. Das kann ich Ihnen als Arzt versichern. Am dritten Tage machen
-sich bei vollkommener Schlafentziehung schwere Symptome bemerkbar.«
-
-»Die Symptome sind da, Herr Doktor! Darum bitte ich Sie, zu dem
-Präsidenten zu gehen. Sein Wesen ist verändert. Sein Blick, früher so
-ruhig und kalt, ist flackernd und fiebrig geworden.«
-
-»Fieber erkennen wir an der Temperatur des Patienten. Seien Sie
-überzeugt, daß der Präsident in den zwölf Tagen in seinem Lehnstuhl
-ganz gut geschlafen hat. Die Natur läßt sich nicht betrügen. Am
-wenigsten um den Schlaf. Die ärztliche Wissenschaft kennt Beispiele,
-daß Reiter auf ihren Pferden im Zustand der Übermüdung fest geschlafen
-haben, ohne es zu wissen und ohne ... das ist besonders wichtig ...
-ohne herunterzufallen. Um wieviel mehr müssen wir annehmen, daß der
-Präsident in seinem bequemen Armstuhl den nötigen Schlummer gefunden
-hat.«
-
-»Schlummer? Herr Doktor! Sie können so sprechen, weil Sie die
-Verhältnisse hier noch nicht aus der Nähe gesehen haben. Auf seinem
-Tisch stehen zwölf Telephonapparate. Jeder Apparat für eine besondere
-Wellenlänge. Er hat ständige Verbindung mit den Kriegsschauplätzen.
-Eben spricht er vielleicht mit dem Befehlshaber unserer afrikanischen
-Fliegergeschwader. Wenige Minuten später mit dem Chef der australischen
-Flotte. Unter Umständen meldet sich schon während dieses Gesprächs das
-indische Geschwader. So geht es Tag und Nacht.«
-
-»Ihre Mitteilungen in Ehren, Herr Hauptmann. Trotzdem kann ich nicht
-ungerufen meinen Rat aufdrängen. Sollten sich wirklich ernsthafte
-Symptome zeigen, kann ich in zwei Minuten zur Stelle sein.«
-
-Während dies Gespräch im Vorraum geführt wurde, saß der
-Präsident-Diktator in seinem Arbeitzimmer in dem schweren hochlehnigen
-Armstuhl hinter dem mächtigen Tisch. Hauptmann Harris hatte recht. Das
-Wesen Cyrus Stonards war verändert. Bald stierte er Minuten hindurch
-auf irgendeine vor ihm liegende Meldung. Dann blickte er wieder starr
-gegen die Zimmerdecke. Nervös, unruhig, als erwarte er jeden Moment
-eine bestimmte Nachricht.
-
-Ein Sekretär trat ein. Vorsichtig, auf den Fußspitzen gehend, schritt
-er über den schweren Teppich bis an den Tisch heran und legte eine rote
-Mappe mit neuen Depeschen vor den Präsidenten hin.
-
-Es waren gute Nachrichten. Erfolge in Indien. Eine für das
-Sternenbanner siegreiche Luftschlacht über der Straße von Bab el
-Mandeb. Auch ein anspruchsvoller Feldherr konnte kaum mehr verlangen.
-Doch der Präsident-Diktator las die Nachrichten ohne Freude.
-
-Seit zwölf Tagen wurde sein Gehirn nur von dem einzigen Gedanken
-beherrscht: Wird das Spiel noch glücken oder wird die unbekannte Macht
-sich einmischen? Daß seine Streitkräfte mit den englischen fertig
-werden würden, daran hatte er nie gezweifelt.
-
-Aber die Macht! Die unbekannte Macht, die Maschinen sprengte und
-drahtlose Stationen spielen ließ! Die unbekannte Macht, die über so
-unheimliche Waffen und Kräfte verfügte.
-
-Telegramm um Telegramm las er und legte es beiseite. Bis er zu den
-beiden letzten Schriftstücken der Mappe kam.
-
-Er las und wischte sich mit der Hand über die Augen, wie um besser zu
-sehen. Las zum zweitenmal, hielt die Depesche in den Händen und ließ
-den Kopf mit den Augen auf die Papiere sinken.
-
-Zwei Depeschen waren es. Die eine um zwölf Uhr zehn Minuten
-amerikanischer Zeit von Sayville datiert. Die andere um sechs Uhr
-zwanzig Minuten westeuropäischer Zeit von der englischen Großstation in
-Cliffden. Berücksichtigte man die verschiedenen Ortszeiten, so waren
-beide Depeschen nur mit zehn Minuten Abstand aufgegeben worden. Zwei
-Depeschen von völlig gleichem Wortlaut: »An alle! Die Macht verbietet
-den Krieg. Die Macht wird jede feindliche Handlung verhindern.«
-
-Was Cyrus Stonard seit zwölf Tagen heimlich fürchtete, was ihn zwölf
-Tage und Nächte in dieser unnatürlichen Spannung und Aufregung gehalten
-hatte, war geschehen. Die unbekannte Macht verbot den Krieg, stellte
-eine gewaltsame Verhinderung aller Operationen in Aussicht.
-
-Der Diktator sprang auf und lief wie ein gefangenes Raubtier im Zimmer
-hin und her. Jetzt flatterte der helle Wahnsinn in seinen Augen. Seine
-Lippen murmelten Flüche, während er die Faust ballte.
-
-Hauptmann Harris trat mit einer neuen Depeschenmappe in das Zimmer. Er
-sah mit Schrecken, wie der Zustand des Diktators sich verschlimmert
-hatte. Cyrus Stonard riß ihm die Mappe aus der Hand, beugte sich über
-den Schreibtisch und las. Seine Augen weiteten sich, während er den
-Inhalt der Depesche verschlang. Dann stieß er die Mappe weit von sich
-und brach in ein gellendes Gelächter aus. Ein Lachen des Wahnsinns und
-der Verzweiflung, das immer schriller und krampfartiger wurde. Bis es
-schließlich mehr Schluchzen als Lachen war. Dann stürzte er auf der
-Stelle, auf der er stand, nieder und lag regungslos auf dem Teppich.
-
-Jetzt war es Zeit, Dr. Rockwell zu rufen. Hauptmann Harris bettete den
-Bewußtlosen auf den Diwan und ging dem Doktor zur Hand, solange er
-gewünscht wurde.
-
-Eine Viertelstunde nach der Erkrankung waren die Staatssekretäre des
-Krieges, der Marine, des Innern und Äußern zur Stelle. Sie hörten
-den Bericht des Arztes. Prüften dann die Schriftstücke, die der
-Präsident-Diktator zuletzt bekommen hatte. Die beiden Depeschen von
-Sayville und Cliffden, die noch zerknittert auf der Schreibmappe lagen.
-
-Die Mitglieder des Kabinetts wußten nur wenig von der Existenz der
-unbekannten Macht. Gerade das, was sich nach der ersten warnenden
-Depesche in Sayville nicht mehr gut verheimlichen ließ. Cyrus Stonard
-hatte diese Angelegenheit ganz geheim behandelt und nur mit Dr. Glossin
-besprochen. Mit Dr. Glossin, der schon seit drei Wochen nicht mehr in
-Washington gesehen worden war.
-
-Der Staatssekretär des Krieges George Crawford las die Depesche vor:
-»Die Macht verbietet den Krieg. Sie wird jede kriegerische Handlung
-verhindern.«
-
-Er ließ das Blatt verwundert sinken.
-
-»Beim Zeus, eine kühne Sprache! Welche Macht kann es sich erlauben, uns
-den Krieg zu verbieten, zwei Weltreiche zu brüskieren?«
-
-»Die Macht! Wie das klingt? Geheimnisvoll und anmaßend! Ist es denkbar,
-daß der Diktator durch diese Depesche so schwer erschüttert worden sein
-sollte?«
-
-Sie suchten weiter. Hauptmann Harris wies dem Staatssekretär des
-Krieges die Mappe, bei deren Lektüre der Präsident zusammenbrach.
-
-Sie lasen die zweite Depesche, und ihre Wirkung auf diese vier
-Staatsmänner war niederschmetternd.
-
-Sie kam von dem Chef der großen amerikanischen Atlantikflotte. Es war
-der verzweifelte Ruf eines wehrlos gemachten und von einer mysteriösen
-Kraft gepackten Geschwaders. Der Anfang der Depesche setzte um 12
-Uhr 30 ein. Dann war sie bruchstückweise immer weitergegeben worden,
-wie die Ereignisse sich abspielten: »Klar zum Gefecht. In Schußweite
-mit der englischen Atlantikflotte ... Die Feuerleitung versagt ...
-Unsere Geschütze können nicht feuern ... Können auch nicht laden
-... Geschützverschlüsse mit den Rohren verschweißt ... Geschütze
-unbrauchbar ... Torpedos unbrauchbar ... Englische Flotte feuert auch
-nicht ... Rudermaschinen blockiert ... Unsere Schiffe nach Osten
-gezogen ... Die englische Flotte zieht in geschlossener Kiellinie
-dicht an uns vorüber nach Westen ... Auf der englischen Flotte große
-Verwirrung ... Unsere Panzer schließen sich dicht zusammen ... aller
-Stahl stark magnetisiert ... Die englische Flotte am Westhorizont
-verschwunden ... Eine unwiderstehliche Kraft treibt unsere Schiffe mit
-50 Knoten nach Osten ... Gott sei unseren Seelen gnädig.«
-
-Sie lasen die Depesche öfter als einmal und verstanden das Gelächter,
-mit dem Cyrus Stonard zusammengebrochen war. Das war also die Macht!
-Die unbekannte, geheimnisvolle Macht, die den Krieg nicht wollte. Die
-Macht, die die Mittel besaß, um alle Waffen wirkungslos zu machen. Die
-Macht, deren erste Warnung man ignoriert hatte, und die nun ihre Gewalt
-zeigte.
-
-Die Katastrophe betraf die große amerikanische Schlachtflotte. Die Ehre
-des Sternenbanners war bei der Affäre engagiert. Aber trotzdem konnte
-sich keiner der vier Staatsmänner der Wirkung des titanischen Humors
-entziehen, der in diesem Verfahren lag. Eine Macht, die Geschütze
-verschweißte und Schlachtpanzer elektromagnetisch zusammenklebte, eine
-Macht, die eine ganze Flotte willenlos durch den Ozean zog, wäre auch
-imstande gewesen, die Schlachtschiffe zu versenken. Sie tat es nicht.
-Sie lähmte die Waffen und zog die feindlichen Flotten in nächster Nähe
-aneinander vorüber, die amerikanische Flotte nach England und die
-englische Flotte nach Amerika.
-
-Denn so ging die Reise ganz offenbar. Wenn noch irgendein Zweifel
-darüber bestand, wurde er durch das Telephon beseitigt, das sich auf
-dem Tisch des Präsident-Diktators meldete. Die drahtlose Verbindung mit
-der Atlantikflotte.
-
-Der Staatssekretär der Marine eilte an den Apparat und erkannte die
-Stimme des Admirals Nichelson, der sich bei der Atlantikflotte befand.
-
-»Habe ich die Ehre, mit Seiner Exzellenz dem Herrn Diktator zu
-sprechen?«
-
-»Nein! hier ist der Staatssekretär der Marine. Der Herr
-Präsident-Diktator hat sich für kurze Zeit zur Ruhe begeben. Berichten
-Sie an mich. Ich habe Ihre Depesche über die Katastrophe vor mir
-liegen.«
-
-»Sie wissen?«
-
-»Ich weiß, daß Ihre Flotte kampfunfähig mit fünfzig Seemeilen nach
-Osten treibt.«
-
-»Es sind inzwischen hundert geworden. Unsere Schiffe rasen, halb aus
-dem Wasser gehoben, ostwärts. Wir besitzen keine Möglichkeit, etwas
-dagegen zu unternehmen. Wir müssen abwarten, was das Schicksal mit uns
-vorhat.«
-
-»Wie sieht es auf der Flotte aus? Sind noch weitere Beschädigungen auf
-den Schiffen eingetreten? Wie ist der Zustand der Besatzung?«
-
-»Beschädigungen? ... Keine weiter. Jedes Geschütz am Verschluß
-verschweißt ... Der Zustand der Mannschaften? ... Fragen Sie lieber
-nicht ... Keine Disziplin mehr. Ein Teil der Leute vom religiösen
-Wahnsinn befallen. Liegen auf den Knien, singen Psalmen, erwarten das
-Jüngste Gericht. Einige über Bord gesprungen. Geht die Fahrt so weiter,
-landen wir morgen in England.«
-
-Der Staatssekretär der Marine legte den Hörer auf den Apparat. Er trat
-an den großen Globus, steckte einen Kurs ab und rechnete. Dann wandte
-er sich zu seinen Kollegen.
-
-»Meine Herren! Ich glaube, wir dürfen die englische Flotte morgen etwa
-um die neunte Stunde an der amerikanischen Küste erwarten.«
-
-Mr. Fox sprach durch das Telephon mit Dr. Rockwell.
-
-»In dem Befinden des Herrn Präsident-Diktators ist bisher keine
-Änderung eingetreten. Die Staatsgewalt liegt nach der Verfassung bei
-den Staatssekretären.«
-
-Während sich die Ärzte bemühten, Cyrus Stonard ins Bewußtsein
-zurückzurufen, übernahmen die vier Staatssekretäre die Lenkung des
-schwankenden Staatsschiffes.
-
- * * * * *
-
-Dr. Glossin saß in seiner Neuyorker Wohnung und überschlug die
-Ergebnisse seiner politischen Tätigkeit. Seit acht Tagen war er in
-Amerika und hatte keine Stunde seiner Zeit verloren. Mit den Führern
-der Sozialisten und mit denen der Plutokraten hatte er verhandelt,
-Arbeiter und Milliardäre waren der Herrschaft des Diktators gleichmäßig
-müde. Leise Schwankungen des sonst so festen und zuverlässigen Bodens
-deuteten auf kommende gewaltsame Ausbrüche.
-
-Noch jetzt wunderte sich Dr. Glossin über die Vertrauensseligkeit,
-mit der die Parteiführer der Sozialisten und Plutokraten ihm
-entgegengekommen waren. Wer gab denen denn den Beweis, daß er wirklich
-von Cyrus Stonard abgefallen sei? Was wußten die Tölpel von der
-unbekannten Macht? Von allem, was noch zu erwarten war?
-
-Dr. Glossin kannte die Pläne der Roten und der Plutokraten und hatte
-ihre Chancen genau erwogen. Beiden Parteien würde die Revolution
-zweifellos glücken. Aber in beiden Fällen würde der Erfolg kein
-vollkommener sein, würde es im weiteren Verlauf unbedingt zum
-Bürgerkriege kommen. Machten die Roten die Revolution, würden der
-Westen und ein Teil der Mittelstaaten sich dagegen erheben. Machten sie
-die Weißen, würde umgekehrt der Osten rebellieren.
-
-In den Vereinigten Staaten gab es aber noch eine dritte Partei, deren
-Mitglieder sich einfach als »Patrioten« bezeichneten. Eine Partei, für
-die Dr. Glossin bis vor kurzem nur ein Achselzucken übrighatte. Die
-Patrioten waren so unzeitgemäß, die Politik nur des Vaterlandes und der
-alten amerikanischen Ideale halber zu treiben. Freiheit des einzelnen
-und des ganzen Staatswesens. Abschaffung aller Korruption. Innehaltung
-von Treu und Glauben bei allen, auch bei politischen Abmachungen. Das
-Programm der Patriotenpartei bestand aus idealen Forderungen. Darum
-hatte sie Cyrus Stonard auch gewähren lassen, hatte sie ebenso wie
-Glossin für ungefährliche Schwärmer gehalten.
-
-Erst vor fünf Tagen war der Doktor mit William Baker, dem Führer der
-Partei, in Verhandlung getreten. Nachdem er in Erfahrung gebracht,
-daß die Roten und die Weißen am gleichen Tage losschlagen wollten.
-Er hatte die Partei zum Handeln aufgepeitscht. Er hatte sich mit Mr.
-Baker eine lange Nacht hindurch eingeschlossen, einen vollständigen
-Revolutionsplan mit ihm entworfen und in allen Einzelheiten
-ausgearbeitet. So raffiniert und wirkungsvoll, daß dem Parteiführer vor
-der teuflischen Schlauheit des Arztes graute.
-
-Nur über die Behandlung und Beseitigung des Diktators waren sie nicht
-einig geworden. Glossin war für Lufttorpedos auf das Weiße Haus. Mr.
-Baker war gegen jedes Blutvergießen. Er verkannte die großen Verdienste
-des Präsident-Diktators um die Union nicht. Cyrus Stonard sollte weg,
-sollte der Macht beraubt werden, aber ohne Schaden an Leib und Leben zu
-nehmen.
-
-Damals ... jetzt vor fünf Tagen ... hatte Mr. Baker eine kurze Zeit
-überlegt, hatte angedeutet, daß er einen Weg finden würde, hatte
-den Weg selbst verschwiegen. Von Tag zu Tag waren seine Andeutungen
-zuversichtlicher geworden. Aber die Tage waren auch verstrichen. Die
-Zeit drängte. Heute schrieb man den fünften August. Am siebenten
-wollten die Weißen und die Roten losschlagen. Es war Zeit. Höchste
-Zeit! Und dieser Ideologe, dieser Baker, spielte immer noch den
-Geheimnisvollen.
-
-Dr. Glossin sprang wütend auf. Es mußte zum Ende kommen. So oder
-so. Es war um die achte Abendstunde, als er den Broadway erreichte
-und sich in einem der Wolkenkratzer in die Höhe fahren ließ. Er
-trat in einen einfachen Bureauraum im 32. Stock. Einen spärlich und
-nüchtern ausgestatteten Geschäftsraum. Nur eine Person war darin. Ein
-hochgewachsener Fünfziger mit ergrautem Vollbart und Haupthaar. William
-Baker, der Führer der Patrioten.
-
-»Sie kommen, Herr Doktor? ... Um so besser, da brauche ich nicht nach
-Ihnen zu schicken.«
-
-»Ich komme, Mr. Baker, weil die Zeit uns auf den Nägeln brennt. Ich
-bestehe darauf, daß mein alter Vorschlag durchgeführt wird.«
-
-»Es wird nicht nötig sein.«
-
-»Bitte ... sprechen Sie deutlicher.«
-
-Der Parteiführer schritt schweigend zu einer Tür zum Nebenraum und
-öffnete sie. Eine dritte Person trat ein. Trotz des Zivils erkannte Dr.
-Glossin Oberst Cole, den Kommandeur des Leibregiments. Er kannte den
-Obersten seit Jahren, und der Oberst kannte ihn ebenso.
-
-Glossin war starr. Seine gewohnte Selbstbeherrschung versagte.
-
-»Sie ... Oberst Cole ...?«
-
-Baker nickte.
-
-»Sind Sie zufrieden, Herr Doktor?«
-
-Verwirrt drückte der Doktor die Hand, die der Oberst ihm bot. Das war
-also der Trumpf, den Baker solange zurückgehalten hatte. So mußte der
-Plan gelingen.
-
-»Heute abend um elf Uhr auf die Sekunde wird die Aktion der Partei in
-allen Städten der Union beginnen. Um zehn Uhr löst das Regiment Cole
-die alten Wachen im Weißen Hause ab. Alles Weitere besprechen Sie auf
-der Fahrt. Jetzt fort!«
-
-Ein kurzer Händedruck. Dr. Glossin fuhr mit dem Oberst bis auf das Dach
-des Wolkenkratzers. Das Flugschiff des Kommandeurs nahm sie auf. Die
-Dämmerung des Sommerabends lag über der See, als das Schiff den Kurs
-auf Washington nahm und die Bai von Neuyork überflog. Staten Island,
-Sandy Hook, die Einfahrt zum Neuyorker Hafen. Dr. Glossin und Oberst
-Cole standen am Fenster und blickten ostwärts über die See.
-
-Da zog es in einer unendlichen Linie heran. Panzer und Panzerkreuzer,
-Torpedoboote und Torpedojäger, Flugtaucher und Unterseepanzer. Es
-rauschte durch die See, deren Wogen sich vor dem Bug der kompakten
-Masse aufbäumten und in stiebendem Schaum zerflockten. Es kam mit einer
-Geschwindigkeit von vielen Seemeilen in der Stunde durch die Fluten
-dahergerast. Die schweren Panzer standen halb schief, den Bug hoch
-über den Wogen, das Heck so tief in der See, daß das Wasser dahinter
-einen Berg bildete.
-
-Es war ein seltsames und ein grauenvolles Schauspiel. Diese Schiffe
-fuhren nicht mit eigener Kraft. Sie fuhren überhaupt nicht, wie
-Schiffe zu fahren pflegen. In regelmäßigem Abstand und in Formationen.
-Ihre eisernen Körper hingen zusammen, wie etwa eine Gruppe von
-Pfahlmuscheln, die ein Fischer vom Grunde losgerissen hat und durch
-das Wasser schleift. An den Seitenwänden des ersten schweren Panzers
-klebten, aus dem Wasser gehoben, drei Torpedoboote, wie die jungen
-Muscheln an den Schalen der alten. Der zweite Panzer haftete, um
-ein Drittel seiner Länge nach Backbord vorgeschoben, am ersten
-Schlachtschiff. So folgte sich die ganze gewaltige Schlachtflotte, zu
-einem einzigen, regellosen Block verquirlt, von einer unsichtbaren,
-unwiderstehlichen Gewalt durch die Fluten gerissen.
-
-An allen Masten, von der sausenden Fahrt über den halben Atlantik
-zerfetzt und arg mitgenommen, aber noch erkennbar, der Union Jack, die
-in hundert Seeschlachten bewährte Flagge Englands. Erst auf der Höhe
-von Sandy Hook mäßigte sich das Tempo der wilden Fahrt. Langsamer, aber
-immer noch verkettet und verquirlt zog die gelähmte Flotte durch die
-Landenge in die Bai von Neuyork ein.
-
-Dr. Glossin trat einen Schritt vom Fenster zurück und preßte den Arm
-des Obersten Cole.
-
-So standen sie und starrten auf das Schauspiel da unten, während
-das Flugschiff seinen Weg nach Washington verfolgte. Sie sahen die
-gelähmte Flotte klein und kleiner werden, sahen sie als einen Punkt im
-unsicheren Licht der wachsenden Dämmerung verschwinden. Sie starrten
-noch immer auf den Fleck, wo sie verschwand, als längst nichts mehr zu
-sehen war.
-
-Nach langem Schweigen sprach der Oberst: »Was war das? Habe ich
-geträumt?«
-
-»Was Sie sahen, war grause Wirklichkeit. Das Wirken der
-geheimnisvollen Macht, mit der Cyrus Stonard spielen wollte.«
-
-Dr. Glossin sprach. Von Dingen, von denen Oberst Cole bis zu diesem
-Augenblick keine Ahnung gehabt hatte. Von der unbekannten Macht. Von
-ihrer Gewalt. Von ihren Drohungen und Verboten. Von der Unmöglichkeit,
-sich ihr zu widersetzen. Je weiter der Doktor kam, desto mehr sank der
-Oberst in sich zusammen. Er sprach während der Fahrt kein Wort mehr und
-zog sich in Washington schweigend in sein Dienstzimmer zurück.
-
-Um zehn Uhr wurden im Weißen Hause die Wachen des Regiments Howard
-durch Offiziere und Mannschaften des Regiments Cole abgelöst. Oberst
-Cole nahm den Bericht seines Wachtoffiziers teilnahmslos entgegen. So
-blieb er sitzen, bis Glossin, die Uhr in der Hand, zu ihm ins Zimmer
-trat.
-
-»Herr Oberst, was zeigt Ihre Uhr?«
-
-Langsam, fast schwerfällig zog der Oberst die eigene Uhr. »Zehn Minuten
-nach zehn.«
-
-Die Uhr in der Hand des Obersten zitterte. Seine Hand vibrierte. Dr.
-Glossin blickte spöttisch auf den alten Offizier.
-
-»Herr Oberst Cole!« Die Stimme Glossins drang schneidend durch die
-Stille. Der Oberst sprang auf.
-
-»Ich bin bereit.«
-
-Der Oberst trat auf den Korridor vor der Zimmerflucht des Diktators
-und führte eine Signalpfeife an den Mund. Noch bevor der letzte
-Ton verklungen war, strömten von allen Seiten her Mannschaften und
-Offiziere des Leibregiments Cole herbei und scharten sich um ihren
-Obersten.
-
-Die beiden Adjutanten des Diktators traten auf den Flur, um den Lärm zu
-verbieten. Sie erschraken vor dem düsteren Ernst und der Verbissenheit
-in den Zügen der Soldaten und Offiziere.
-
-»Was soll das, Herr Oberst?«
-
-»Sie sind verhaftet. In Obhut von Major Stanley.«
-
-Widerstandslos beugten sich die beiden Adjutanten der erdrückenden
-Übermacht. Während sie abgeführt wurden, öffnete Oberst Cole die Tür
-zum Zimmer des Diktators. Dr. Rockwell trat ihm entgegen.
-
-»Ruhe, meine Herren! Der Präsident bedarf dringend der ...«
-
-Der Leibarzt sah die entschlossenen Mienen der Andrängenden und trat
-schweigend zur Seite. Der Weg war frei. Oberst Cole trat in das Zimmer
-und schritt langsam auf den großen Schreibtisch zu. Er hatte von der
-rechten Seite her den Blick auf den Tisch und den Diktator. Cyrus
-Stonard saß bei der Arbeit, ein Schriftstück in der Hand. Er blieb
-ruhig sitzen und senkte nur die Hand mit dem Dokument, während ein
-eigenartiges Lächeln seine hageren Aszetenzüge überflog.
-
-Offiziere und Mannschaften strömten hinter ihrem Oberst in den Raum,
-bildeten an der Türwand einen Halbkreis. Es wurde so still, daß man das
-Ticken der kleinen Standuhr bis in den fernsten Winkel vernehmen konnte.
-
-Cyrus Stonard wandte das Haupt halb nach rechts gegen die Eingetretenen.
-
-»Was wünschen die Sieger von Graytown, von Philipsville und Frisko?«
-
-Es waren Schlachtennamen aus dem letzten Japanischen Kriege. Ehrennamen
-für Oberst Cole und sein Regiment. In diesem Augenblick aus dem Munde
-des Diktators kommend, wirkten sie lähmend auf die Eingetretenen.
-
-Oberst Cole wich einen Schritt zurück ... und noch einen und noch
-mehrere. Wich zurück vor diesem rätselhaften Ausdruck in Cyrus
-Stonards Augen. Das war nicht der drohende, faszinierende Blick des
-Gewaltherrschers, sondern der überlegene, abgeklärte eines Mannes, der
-alles erkannt und alles als eitel befunden hat.
-
-Oberst Cole wich zurück, bis er Widerstand fühlte. Arme umschlangen
-ihn. Die flüsternde Stimme, der warme Atem Glossins drangen an sein
-Ohr. Mit sicher werdenden Schritten trat er wieder auf den Diktator zu.
-
-»Herr Präsident, das Land verlangt Ihren Rücktritt!«
-
-»Das Land?«
-
-»Das Land, Herr Präsident!«
-
-Cyrus Stonard hörte die feste Stimme des Obersten, blickte ihm in die
-Augen und sah die Wahrheit. Langsam kamen die Worte von seinen Lippen:
-
-»Der Wille des Landes ist für mich das höchste Gesetz ... Was habe ich
-zu tun?«
-
-»Das Land zu verlassen!«
-
-»Wann?«
-
-»Sofort!«
-
-Cyrus Stonard erhob sich mit kurzem Ruck, als gehorche er einem Befehl.
-
-»In wessen Namen handeln Sie?«
-
-»Im Namen aller ihr Vaterland und die Freiheit liebenden amerikanischen
-Bürger.«
-
-Cyrus Stonard wußte genug. Das war aus dem Programm der Patrioten,
-die er für harmlos gehalten hatte. Nicht die Roten oder die Weißen,
-die Patrioten machten seiner Herrschaft ein Ende. Er schaute auf die
-Versammlung und erblickte, durch die Figur des Obersten halb gedeckt,
-Dr. Glossin.
-
-»Gehört Herr Dr. Glossin auch zu diesen Bürgern?«
-
-Oberst Cole wich zur Seite, als ob die Nähe Glossins ihm peinlich
-sei. Der Arzt stand frei vor dem Diktator. Er mußte dessen Blick
-aushalten, denn die Mauer der Offiziere und Soldaten versperrte ihm den
-Rückzug. So stand er und wand sich unter den Blicken des Diktators,
-wurde wechselnd blaß und rot, wäre in diesem Moment gern meilenweit
-weggewesen.
-
-Cyrus Stonard sah ihn erbärmlich und klein werden, drehte ihm den
-Rücken und wandte sich Oberst Cole zu.
-
-»Kameraden! Ich verlasse das Land in der Überzeugung, daß es sein Wille
-ist. In der Hoffnung, daß mein Weggehen zu seinem Heil dient. Was ich
-erstrebte ... das Schicksal hat es anders gewollt. Eine Macht, größer,
-als ich je geahnt, hat es in Menschenhand gelegt. Ich habe dagegen
-gekämpft ... Als ich den Kampf aufnahm, wußte ich, daß sein Ausgang
-mein Schicksal bedeutet ... Ich bin unterlegen ... Wohin soll ich
-gehen?«
-
-»Wohin Sie wollen, Herr Präsident. Ein Flugschiff steht zu Ihrer
-Verfügung.«
-
-»... Nach Europa ... Nach Nordland. Gehen wir.«
-
-Oberst Cole trat an die Seite des Präsidenten. Auf seinen Wink öffnete
-sich eine Gasse zur Tür. Still und stumm standen die Offiziere und
-Mannschaften des Leibregiments und sahen den Mann scheiden, der sie
-durch zwanzig Jahre zu Ruhm und Ehre geführt hatte.
-
-Oberst Cole wollte vorangehen. Der Diktator ergriff seinen Arm und
-stützte sich darauf.
-
-»Ich bin müde, alter Freund!«
-
-Der Oberst preßte die Lippen aufeinander. Aus seinen starr
-blickenden Augen brachen zwei Tränen, die langsam über sein Gesicht
-herniederrollten.
-
-Eine Viertelstunde später erhob sich ein Regierungsflugzeug vom Dach
-des Weißen Hauses. Es steuerte in die Nacht. Kurs nach Osten.
-
- * * * * *
-
-Es ist sehr schwer, die Ereignisse der nächsten Augustwochen zu
-schildern. Am sechsten August hatte die unbekannte Macht die großen
-Schlachtflotten Englands und der amerikanischen Union gelähmt. Im
-magnetischen Wirbelsturm war die britische Flotte in den Hafen von
-Neuyork eingeschleppt worden. Zu der gleichen Stunde, in der die
-amerikanische Flotte die Themse hinauf bis zu den Docks von London
-gezogen wurde.
-
-Am siebenten August wurde in den Vereinigten Staaten Cyrus Stonard
-gestürzt und eine neue Regierung gebildet, in welcher Dr. Glossin
-provisorisch das Portefeuille des Äußern übernahm. Zu jeder anderen
-Zeit hätte dieser Sturz die ganze Welt in Aufruhr versetzt. Jetzt
-vollzog er sich beinahe geräuschlos. Die unbekannte Macht nahm das
-allgemeine Interesse zu sehr in Anspruch, als daß die politische
-Umwälzung in den Vereinigten Staaten besonders aufregend wirken konnte.
-
-Wo immer noch in irgendeinem Winkel der Welt englische und
-amerikanische Streitkräfte aneinandergerieten, da trat die Macht sofort
-handelnd als dritte auf.
-
-Amerikanische Luftstreitkräfte, die unversehens nach Indien vorstießen,
-wurden schon auf dem Wege dorthin zum Absturz gebracht und fielen bei
-den Lakkadiven in die See. Englische Flugtaucher, die einen Angriff
-auf den Panamakanal versuchten, wurden dicht bei Jamaika von einem
-magnetischen Zyklon gefaßt und auf den höchsten Gipfeln der Kordilleren
-abgesetzt. Die Besatzungen brauchten Tage, um aus der Schneewüste zu
-den nächsten menschlichen Ansiedlungen zu gelangen. Die Macht griff
-ohne Ansehen der Parteien ein und unterbrach jede Kampfhandlung.
-
-Die Ereignisse der Tage vom sechsten bis zum fünfzehnten August wirkten
-auf die Menschheit wie etwa der Stab eines Wanderers im Ameisenhaufen.
-Allgemeine Unruhe, Aufregung, ein Brodeln der öffentlichen Meinung, das
-in der Presse aller kultivierten Länder seinen deutlichsten Ausdruck
-fand.
-
-Will man den ungeheuren Eindruck der Vorkommnisse dieser acht Tage
-einigermaßen übersichtlich ordnen, so muß man die davon betroffene
-Menschheit in allen Staaten in drei Gruppen unterscheiden: die
-Physiker, die Militärs und die breite Volksmenge.
-
-Die Vertreter der physikalischen Wissenschaft versuchten es,
-stichhaltige Erklärungen der erstaunlichen Wirkungen zu geben. Aber
-die Isolierung und Speicherung der Formenergie, die geniale Entdeckung
-Silvester Bursfelds, lag weit außerhalb der wissenschaftlichen
-Erkenntnis. So tappten alle Erklärer, die ihre Wissenschaft in den
-großen Blättern der fünf Weltteile produzierten, im Dunkeln.
-
-Englische Flugtaucher waren fünftausend Meter hoch in den Kordilleren
-abgesetzt worden. Die Maxwellschen Gleichungen gestatteten es
-schließlich, die wirksamen Magnetfelder nachzurechnen, durch welche
-die schweren Flugtaucher gepackt worden waren. So folgerte man dann
-weiter, daß es der unbekannten Macht auch möglich wäre, alle großen
-Schlachtflotten auf irgendeinen Berggipfel zu schleudern.
-
-Nachdem die Entwicklung bis zu diesem Punkt gediehen war, häuften sich
-die Zeitungsartikel, in denen die Grenzen der unbekannten Macht immer
-kühner und ungemessener behandelt wurden.
-
-In den Vereinigten Staaten hielt man sich an die wenigen Mitteilungen,
-die der neue Staatssekretär des Äußern Dr. Glossin machen konnte.
-Besonders Professor Curtis arbeitete intensiv und konnte bereits
-am zwölften August einen Versuch auf offener See vornehmen. Um die
-zehnte Vormittagsstunde dieses Tages fuhr das Sammlerboot mit der
-Strahlungseinrichtung aus dem Hafen. Curtis hatte eine Anordnung
-geschaffen, die ein elektromagnetisches Feld ziemlich geschlossen nach
-einer Richtung auszustrahlen vermochte. Ein ausrangiertes Torpedoboot
-war als Ziel für die Versuche in Aussicht genommen. Er hoffte, bis
-auf eine Entfernung von tausend Meter merkliche Magnetisierungen
-hervorbringen zu können.
-
-Umgeben von seinen Assistenten, stand er neben den gerichteten
-Antennen, die das elektromagnetische Feld über den Bug des
-Sammlerbootes nach dem Torpedoboot hinschleudern sollten. Die
-Schalthebel wurden eingeschlagen. Hochfrequente elektrische Energie
-durchbrauste die Antennen.
-
-Professor Curtis wurde von Unruhe ergriffen. Die Wirkungen die man vom
-Torpedoboot meldete, gingen erheblich über die von ihm als möglich
-errechneten hinaus. Er gab den Befehl, die Energie in den Antennen
-abzustellen.
-
-Und ließ sich dann mit einem Seufzer auf einen Sessel fallen. Denn die
-Wirkung auf dem Torpedoboot hörte nicht auf. Im Gegenteil. Sie stieg,
-bis schließlich der elektromagnetische Wirbel das ganze Boot packte,
-aus dem Wasser hob und auf das sandige Ufer schleuderte, wo es im Sturz
-berstend liegenblieb.
-
-Mit verhaltenem Atem hatte man auf dem Sammlerboot die Katastrophe
-beobachtet. Ein Ruf seines ersten Assistenten veranlaßte Professor
-Curtis aufzublicken, die Vorgänge auf dem eigenen Boot zu verfolgen.
-
-Die gerichteten Antennen lösten sich in Kupferdampf auf. Sie leuchteten
-einen Moment grünlich schillernd und waren dann verschwunden.
-Spanndrähte und Isolatoren fielen angeschmolzen und zersplittert
-auf das Schiffsdeck nieder. Dann packte ein Wirbelsturm das ganze
-Sammlerboot und warf es neben das Torpedoboot auf das Gestade.
-
-Professor Curtis ließ das Geländer los und rollte über das
-schrägliegende Verdeck in den weichen Seesand. Das war das Ende der
-amerikanischen Versuche. Der Bericht, den der Professor noch am selben
-Nachmittag nach Washington sandte, erklärte es für aussichtslos, gegen
-die Mittel der unbekannten Macht anzukämpfen.
-
-Am dreizehnten August hielt Professor Raps in der Technischen
-Hochschule zu Charlottenburg sein Kolleg über theoretische
-Elektrodynamik. Die Studenten spitzten die Bleistifte, um das Kolleg
-wie immer mitzuschreiben. An diesem Tage wären die retardierten
-Potentiale dran gewesen. Aber der deutsche Professor brachte ganz etwas
-anderes ...
-
-»Meine Herren, auch ich habe es versucht, mit den Mitteln unserer
-Wissenschaft das Geheimnis der unbekannten Macht zu ergründen. Die
-Wirkungen, die zuverlässig berichtet worden sind, lassen sich nur
-dann erklären, wenn wir annehmen, daß die Macht ein Mittel besitzt,
-um die Raumenergie an jeder Stelle zur freien Entwicklung zu bringen.
-Die Raumenergie dürfen wir nach Oliver Lodge zu zehn Milliarden
-Pferdekraftstunden für jedes Kubikzentimeter annehmen. Unsere
-Wissenschaft kennt bisher kein Mittel, diese Energie freizumachen.
-Sicherlich keins, um sie auf weite Entfernungen und mit absoluter
-Treffsicherheit zu entfesseln ...«
-
-Die Studenten schrieben mit. Das Papier knisterte, die Bleistifte
-rauschten. Professor Raps fuhr in seinen Ausführungen fort. Er ging
-ins Detail und entwickelte rechnungsmäßig die Wirkungen, die sich auf
-diesem Wege erzielen ließen. Er bedeckte die schwarze Wandtafel mit
-dreißigstelligen Zahlen, die Kilowatt und Kalorien bedeuteten. Dann
-wurde die Vorlesung wieder allgemeiner ...
-
-»Wir haben keine Ahnung, durch welche Mittel, durch welche uns
-jedenfalls noch ganz unbekannte Form der Energie diese Fernwirkungen
-erzeugt werden, wie die explosive Entfesselung der Raumenergie zustande
-kommt. Ein Riesengeist, der dem Stande unserer Wissenschaft um
-Jahrhunderte vorauseilte, muß diese Lösung gefunden haben ...«
-
-Silvester Bursfeld in seinem eisigen Grabe hoch oben am Pol konnte
-mit dem Epitaphium zufrieden sein, das der deutsche Gelehrte ihm hier
-setzte.
-
-Professor Raps fuhr fort:
-
-»Meine Herren, ich wurde von zwiespältigen Gefühlen ergriffen, als ich
-die hier eben vorgetragenen Entdeckungen machte. Auf der einen Seite
-die reine Forscherfreude über die gelungene Entdeckung, die Freude, die
-Sie alle wohl schon nach einer glücklich gelösten Laboratoriumsaufgabe
-empfunden haben. Auf der anderen Seite ein tiefes Grauen. Meine Herren,
-der Gedanke, daß eine übermenschliche Macht in die Hand sterblicher
-Menschen gelegt wurde, ist entsetzlich. Die Besitzer der Erfindung
-können der Welt jeden Tort antun. Sie können jede Stadt verbrennen,
-jedes Menschenleben vernichten. Wir sind wehrlos. Wir müssen
-widerstandslos über uns ergehen lassen, was die Besitzer der Macht für
-gut befinden werden. Der Gedanke ist kaum erträglich. Aber es ist die
-Wahrheit ...«
-
-Der Professor schloß seine Vorlesung vor der festgesetzten Zeit. Er
-war zu ergriffen, um sich jetzt noch dem planmäßigen Lehrstoff zu
-widmen.
-
-Der Inhalt seines Vortrages erregte erneute Unruhe. Die Vertreter der
-großen Zeitungen kauften den Studenten ihre Niederschrift für schweres
-Geld ab. Noch am Abend des dreizehnten August wurde der Vortrag über
-die ganze Erde verbreitet. Von Hammerfest bis Kapstadt, von London bis
-Sydney wurden die Mitteilungen verschlungen und diskutiert.
-
-Es war klar, daß der deutsche Gelehrte den Quellen der unbekannten
-Macht wenigstens theoretisch auf der Spur war. Je länger die Physiker
-der ganzen Welt sich in die Einzelheiten seiner Ausführungen
-vertieften, desto mehr mußten sie die Richtigkeit seiner
-Schlußfolgerungen anerkennen. Es gab in der Tat nur diese eine
-Erklärung für die ungeheuerlichen Wirkungen der Macht. Man mußte
-imstande sein, die Raumenergie an jeder beliebigen Stelle des Erdballes
-explodieren zu lassen.
-
-Aber die Mittel dazu kannte niemand. Wenn nicht am Ende ... dieser
-deutsche Professor noch mehr wußte, als er im Kolleg gesagt hatte? Der
-Gedanke, daß ein einzelner Staat das Geheimnis entdecken, sich zum
-Herrn der übrigen Welt machen könne, schuf neue Unruhe.
-
-An allen Punkten der Erde wartete man auf die nächsten Äußerungen der
-Macht. Die Spannung einer dumpfen Erwartung lag über der Welt, soweit
-sie von denkenden Menschen bewohnt war.
-
-Es war um die Mittagstunde des fünfzehnten August. Funkentelegramme
-durchschwirrten wie immer die ganze Welt. Um 12 Uhr 13 Minuten 15
-Sekunden erfuhr dieser Verkehr eine jähe Unterbrechung. Bisher
-hatte die unbekannte Macht ihre Depeschen durch eine unmittelbare
-Beeinflussung einer der großen europäischen oder amerikanischen
-Stationen gegeben. Aber in dieser Mittagstunde des 15. August
-stand über dem östlichen Teil des Atlantik plötzlich ein starkes
-elektromagnetisches Feld im Äther. Sein Kern hatte die Gestalt eines
-schmalen hohen Turmes. Es pulsierte mit hunderttausend Schwingungen in
-der Sekunde und strahlte Wellenenergie im Betrage von zehn Millionen
-Kilowatt nach allen Richtungen der Windrose aus, während es schnell
-nach Westen hin über den Ozean wanderte.
-
-Im Rhythmus der Morsezeichen kam und verschwand das Feld, und wo immer
-in Europa und Amerika elektrische Einrichtungen vorhanden waren,
-wurden sie zum Mitschwingen gebracht. Die Passagiere der elektrischen
-Straßenbahnen vernahmen die Zeichen in dem eintönigen Brummen der
-Wagenmotoren. Wo elektrische Glühlampen brannten, begannen sie in
-dieser Stunde zu zirpen und ließen Morsezeichen hören. Wo irgendein
-Mensch den Telephonhörer am Ohr hatte, wurden Rede und Gegenrede
-plötzlich durch laut und scharf dazwischenklingende Morsezeichen
-unterbrochen. Die Farbschreiber aller Telegraphenstationen hörten in
-diesen Minuten auf, die Depeschen ihres Betriebes zu schreiben, und
-zeichneten die Botschaften der Macht auf:
-
-»Die Macht: Der Krieg ist aus! Die Macht fordert Gehorsam. Sie straft
-Ungehorsam.«
-
-Die Welt zuckte unter den Worten der Botschaft zusammen. Wie
-Peitschenhiebe trafen die lapidaren Sätze, die ihr den neuen Herrn
-verkündeten. Wie eine schwere dunkle Wolke legte sich der Druck eines
-fremden zwingenden Willens über die Menschheit. Die Regierungen und die
-einzelnen Staatsmänner waren ratlos. Es war nicht möglich, an dem Ernst
-dieser Depesche zu zweifeln. Dazu waren die Proben der Macht, die man
-bisher zu kosten bekommen hatte, zu stark und zu beweisend.
-
-Die äußere Politik bot zwar in diesem Augenblick keine Schwierigkeiten.
-Die Macht befahl den Frieden, und es gab nur einen Weg, bedingungslos
-zu gehorchen. Dafür aber zeigten sich Schwierigkeiten im Innern. Die
-einzelnen Völker wurden gegen ihre Regierungen mehr oder weniger
-aufsässig. Der einzelne fragte sich, ob es überhaupt noch Zweck hätte,
-den Anordnungen einer Regierung zu gehorchen, die nur von Gnaden der
-Macht auf ihrem Stuhle saß, in jeder Minute von dieser selben Macht
-ausgelöscht werden konnte. Es waren nicht einmal die schlechtesten
-Elemente, die unter solchem Druck von einer allgemeinen Unlust befallen
-wurden und in gleicher Weise das Interesse am Staat wie an den eigenen
-Angelegenheiten verloren.
-
-Professor Raps saß in seinem Arbeitzimmer. Es war ein hoher, schlicht
-eingerichteter Raum. Vor dem Gelehrten lag das Manuskript einer fast
-vollendeten Arbeit. Daneben deckten ganze Stapel von Briefen und
-Depeschen den großen Arbeitstisch. Anfragen von staatlichen Behörden,
-von wissenschaftlichen Instituten, von Einzelpersonen und auch von
-fremden Regierungen.
-
-Der Professor warf keinen Blick auf diese Tausende von Briefen und
-Fragen. Auf diese Schriftstücke, deren Beantwortung ein ganzes Bureau
-Monate hindurch beschäftigen konnte. Er sah grau und verfallen aus und
-hielt den Papierstreifen mit der Depesche der Macht in den Händen.
-Seine Lippen zuckten und formten abgerissene Worte.
-
-»... Mein Gott! ... Kann die Natur das dulden ... kann ein einzelner
-der Welt ewigen Winter oder ewige Sonne bringen ... das soll ein Mensch
-sein ... dem das Schicksal der ganzen Menschheit in die Hand gegeben
-ist ...«
-
-Der Professor blickte von der Depesche auf. Sein Auge haftete auf dem
-Bilde über dem Schreibtische. Es war ein alter wertvoller Kupferstich
-aus dem achtzehnten Jahrhundert. Ein Geschenk seiner Hörer. Der Stich
-zeigte den Schweden Karl von Linné. Der Geist des Gelehrten klammerte
-sich an das Gemälde wie an ein Heiligenbild.
-
-»Es ist nicht möglich ... wo bleiben die ehernen Gesetze der Kausalität
-... Es ist ein Irrtum ... ein Irrtum oder ein Mißgriff der Natur ...
-aber kann die Natur irren?«
-
-Sein Blick blieb an der Unterschrift des Bildes haften. Lateinische
-Worte: »~Natura non facit saltus~.« (Die Natur macht keine Sprünge.)
-Das Leitwort jenes genialen Naturforschers, durch das er sich zum
-Vorläufer Darwins stempelte.
-
-Professor Raps las die wenigen Worte des Satzes wieder und immer wieder.
-
-»Die Natur macht keine Sprünge ... auf einen scheinbaren Sprung folgt
-das ~Corrigens~ ... muß folgen nach dem höheren Gesetz der stetigen
-Entwicklung ...«
-
-Es wurde Zeit, zur Vorlesung zu gehen. Der Professor legte den
-Depeschenstreifen beiseite. Mit ruhigen Händen füllte er seine
-Aktenmappe.
-
- * * * * *
-
-Die Botschaft der Macht war da und wirkte sich aus. Der Krieg war zu
-Ende, auch ohne einen ausdrücklichen Befehl der beiden kriegführenden
-Weltmächte. Er war automatisch zu Ende gegangen, weil die Macht mit
-Sturm und Brand zugegriffen hatte, wo immer sich noch ein Kampf
-entspinnen wollte. Es konnte sich nur noch darum handeln, durch einen
-formellen Friedensschluß zwischen den beteiligten Regierungen den
-tatsächlichen Zustand zu legitimieren.
-
-In den Vereinigten Staaten nahm man diese Entwicklung der Dinge
-mit unumwundener Zufriedenheit auf. Der Krieg war ein Krieg Cyrus
-Stonards gewesen. Es kam der jungen Regierung gelegen, daß diese die
-unsympathische Erbschaft nicht zu übernehmen brauchte, daß der in den
-Staaten so wenig volkstümliche Krieg sang- und klanglos zu Ende war.
-Man spürte wohl auch unbewußt, daß eine friedliche stetige Entwicklung
-der Union ganz von selber alle die Vorteile bringen mußte, die hier
-erkämpft werden sollten.
-
-Anders sah es in England aus. Man hatte sich mit allen Mitteln auf den
-Kampf eingestellt. Die englischen Staatsmänner hatten erkannt, daß nur
-ein glücklicher Krieg den englischen Besitzstand erhalten könne.
-
-Lord Gashford betrat sein Arbeitzimmer und warf sich erschöpft und
-mißmutig in seinen Sessel. Der Diener bekam eine kurze Weisung: »Lord
-Maitland wird kommen. Jede Störung fernhalten!«
-
-Der englische Premier blieb mit seiner Ratlosigkeit und Verantwortung
-allein. Nervös trommelten die Finger seiner Rechten auf der Sessellehne.
-
-Der Premier hatte Lord Horace gebeten, in der Hoffnung bei ihm einen
-Rat, einen Plan zu finden.
-
-Lord Horace trat in den Raum und nahm ihm gegenüber Platz.
-
-Es dauerte geraume Zeit, bevor Lord Maitland die Lippen öffnete. Und
-dann sprach er auch nur vier Worte: »Der Krieg ist aus!«
-
-Lord Gashford erwartete etwas anderes. Erwartete Hilfe durch Rat und
-Tat und wurde ungeduldig. Er suchte sein Gegenüber auf Umwegen zum
-Sprechen zu bringen und fragte: »Wie wird sich die Regierung in Amerika
-verhalten?«
-
-»Noch dem Sturze Stonards kommt ihnen der Frieden gelegen. Der Gedanke,
-einer anderen Eisenfaust gehorchen zu müssen, ist ihnen nicht so
-fürchterlich. Sie sind ja zwanzig Jahre versklavt gewesen.«
-
-Lord Gashford fuhr auf.
-
-»Aber wir? Großbritannien ... das freieste Land der Welt, stolz darauf,
-niemals einer fremden Macht hörig gewesen zu sein. Wie werden wir uns
-stellen?«
-
-Lord Horace antwortete langsam, und Resignation klang aus seinen
-Worten: »Der Frieden mit Amerika wird nicht schwer zu schließen sein.
-Viel schwerer der mit unseren Dominions und Kolonien. Ich fürchte, daß
-Australien sich vom Reich lösen wird. Die afrikanische Union braucht
-uns noch. Trotz ihrer eigenen starken Industrie benötigt sie ...
-vorläufig noch das Mutterland. Und Indien ...«
-
-»Und Indien ...?« Lord Gashford stieß die Frage heraus.
-
-»Indien ... Einer von den dreien ist ein Inder ... Ich hoffe,
-daß die indische Intelligenz das Gute zu würdigen weiß, das die
-englische Regierung dem Lande gebracht hat. Wir haben nicht immer
-fein gewirtschaftet. Es sind Hunderttausende unter unserer Herrschaft
-verhungert. Aber Millionen hätten sich gegenseitig die Hälse
-abgeschnitten, wenn wir nicht dagewesen wären.«
-
-Lord Gashford zählte an den Fingern wie ein Schulknabe bei seiner
-Rechenaufgabe:
-
-»Kanada verloren ... Australien halb verloren ... Afrika unsicher ...
-Indien nicht sicher ...«
-
-»So könnte es wohl geschehen, daß uns nur die britischen Inseln
-bleiben ...«
-
-Lord Horace blickte düster vor sich hin. Ein leises Nicken nur drückte
-seine Zustimmung aus.
-
-»Wenn nicht ...« Kaum hörbar waren ihm die Worte über die Lippen
-geglitten, aber den gespannten Sinnen Lord Gashfords waren sie nicht
-entgangen.
-
-»Wenn nicht? ... Was meinen Sie? Wenn nicht ...«
-
-Die Muskeln im Gesicht Lord Maitlands spannten sich. Zwischen den
-Zähnen stieß er die Worte hervor:
-
-»Wenn nicht diese Macht ... diese unheimliche, unwahrscheinliche Macht
-ein Narrenspiel der Weltgeschichte ist ...«
-
-Lord Gashford machte eine abwehrende Bewegung.
-
-»Vorläufig ist die Macht da! Was raten Sie?«
-
-»Kaltes Blut! Sich vorläufig damit abfinden. Vorläufig dem Zwange
-folgen ...«
-
-Der Ferndrucker auf dem Tisch begann zu schreiben. Ein Ersuchen der
-amerikanischen Regierung, Zeit und Ort für die Friedensverhandlungen zu
-bestimmen. Lord Gashford las und schob den Streifen Lord Horace zu.
-
-»Sie kennen die Union seit langen Jahren. Ich ersuche Sie, die
-Verhandlungen als Bevollmächtigter Großbritanniens zu führen.«
-
-»Meine Vollmachten ...?«
-
-»... sind unbegrenzt.«
-
-»Unbegrenzt ... soweit die Grenzen nicht die Macht zu ziehen
-beliebt ...«
-
-Lord Horace verließ den Premierminister. Er hatte ein Gefühl, als ob
-die Wände des Gemaches ihn erdrücken wollten. Aufatmend stand er auf
-der Straße und sog in tiefen Zügen die frische Luft ein. Dann gab er
-dem Wagenlenker einen kurzen Befehl.
-
-Der Wagen wand sich durch die Straßen der Stadt und nahm den Weg über
-das freie Land. Vorbei an saftstrotzenden Triften und Weiden, durch
-Dörfer und sommergrüne Wälder.
-
-Lord Horace achtete nicht darauf. Seine Gedanken beschäftigten sich mit
-der Macht. Erst in dieser Stunde kam es ihm ganz zum Bewußtsein, wie
-eng und eigenartig gerade die Beziehungen seines Hauses zu den dreien
-waren, die heute der Welt ihren Willen diktierten.
-
-Seine Gattin so eng bekannt mit dem einen, dem Mächtigsten. Die Gattin
-des anderen seit Wochen als Gast unter seinem Dach.
-
-Flüchtig ging ihm ein Gedanke durch den Kopf. Konnte England Jane
-Bursfeld nicht als Geisel nehmen? Dadurch den Willen der Macht
-beeinflussen?
-
-Ebenso schnell wie der Gedanke auftauchte, wurde er verworfen. Jane
-hatte erzählt, wie Atma und Silvester nach Amerika kamen, wie schon ein
-winziger Strahler Glossins Flugschiff lähmte, die Maschinen zerschmolz,
-die Besatzung verbrannte. Was würde die Macht heute tun, wenn England
-die Hand auf Jane legte? Heute, da ihre Waffen viel stärker waren, viel
-weiter trugen, viel sicherer trafen.
-
-Lord Horace gab das Grübeln auf. Er nahm den Hut vom Haupt und ließ
-sich den Fahrwind um die brennende Stirn fegen. Aber die Gedanken
-verließen ihn nicht. Diana kannte den einen, Jane ist die Gattin des
-anderen. Irgendeine Möglichkeit müßte es dadurch geben, mit den Trägern
-der Macht in Berührung zu kommen. Irgendein Pfad müßte sich zeigen,
-auf dem England aus dieser Sackgasse herauskommen kann. Die Gedanken
-verfolgten ihn bis an das Ziel seiner Fahrt.
-
-In der großen Halle in Maitland Castle saß Jane auf ihrem
-Lieblingsplatz. In dem Erker, von welchem der Blick auf die Veranda und
-den Park ging. Ein Nähkörbchen stand vor ihr. Sie arbeitete an einem
-Jäckchen. Doch die Arbeit lag auf dem Tisch, und ihre Augen hafteten
-an einem Schriftstück. Die blauen Typen des Farbschreibers. Die letzte
-Depesche der Macht. Als der Telegraph die Botschaft der Macht auch nach
-Maitland Castle meldete, hatte Jane das Schriftstück an sich genommen.
-Seit zwei Tagen trug sie es bei sich und las es in jeder unbeobachteten
-Minute wieder und immer wieder.
-
-Ihr Blick hing wie gebannt an den Schriftzeichen. Sie überhörte dabei
-das Kommen Dianas, die leise hinter sie trat, ihr den Arm auf die
-Schulter legte.
-
-Jane schrak zusammen. Sie versuchte es, das Papier zwischen die
-Wäschestücke zu schieben.
-
-»Jane, mein Kind. Schon wieder die Depesche?«
-
-»Ach ... Diana ... Sie wissen nicht, was die Worte auf diesem Papier
-für mich bedeuten. Immer wieder finde ich Trost in diesen Zeilen. An
-alle Welt ist die Depesche gerichtet. Ich aber sehe den vor mir, der
-sie abgesandt hat.«
-
-Diana hatte sich der jungen Frau gegenüber niedergelassen. Sie sah, wie
-fliegende Röte über ihre Züge huschte, las in diesem Gesicht wie in
-einem offenen Buch. Freude, daß der Gatte lebte. Stolz, daß die Idee
-zu dem großen Werk in der genialen Erfindung ihres Gatten wurzelte.
-Glück, daß sie nach vollendetem Werk Silvester bald wieder in die Arme
-schließen könne.
-
-»Kind! Wenn jemand Sie versteht, so bin ich es. Ich bin stolz darauf,
-die Gattin Silvester Bursfelds meine Freundin nennen zu können.«
-
-Tiefes Rot überflutete Janes Wangen. Ein hilfloses Lächeln zuckte um
-ihre Lippen.
-
-»Was Sie sagen, sollte mich stolz machen. Aber was bin ich Silvester?
-Was kann ich ihm jetzt noch sein? Je höher Sie meinen Mann und sein
-Werk stellen, desto kleiner und unwerter komme ich mir selbst vor. Ich
-fürchte mich vor dem Wiedersehen! Statt meinen Silvester zu umarmen,
-werde ich vor einem Mann stehen, zu dem die Welt aufblickt. Was werde
-ich ihm noch sein können?«
-
-Diana richtete sich auf.
-
-»Was sagen Sie, Jane? Sie versündigen sich mit Ihren Worten an der
-heiligsten Bestimmung des Weibes. Sind Sie ihm nicht Gattin? ...
-Erfüllen Sie nicht damit die hehrsten Gesetze; die die Natur dem Weibe
-vorgeschrieben?«
-
-Mit aufleuchtender Freude lauschte Jane den Worten Dianas.
-
-»Jane! Sie geben ihm den Erben. Sie pflanzen sein Geschlecht fort, in
-dem der Name und Ruhm Silvester Bursfelds weiterleben wird. Er weiß es
-nicht. Wie er sich freuen würde, wenn er es wüßte!«
-
-»Glauben Sie ...?«
-
-»Ganz gewiß!«
-
-»Aber Sie, Diana ...?!«
-
-»Ich ...?«
-
-»Warum weiß Lord Horace nicht davon, daß ...«
-
-Mit einer raschen Bewegung wandte Diana Maitland den Blick dem Park zu.
-Jane sah, wie ihr eine jähe Röte über den Nacken lief.
-
-Ein drückendes Schweigen. Bis Diana Maitland sich mit einer müden
-Bewegung Jane wieder zuwandte. Sie vermied es, Janes Frage zu
-beantworten. Nahm den Papierstreifen aus den Händen der jungen Frau.
-
-»Ja ... die Depesche ... Es sind die stolzen Worte einer überlegenen
-Macht ... Aber sie künden der Menschheit den Frieden. Ich kenne die
-Politik ... ihre Mittel und Wege ... ich kann mich in die Seelen der
-Tausend von Frauen und Männern versetzen, denen die Worte der Depesche
-Schicksal und Leben bedeuten. Dann glaube ich zu träumen und zweifle,
-ob es wahr ist, was die Worte der geheimnisvollen Macht enthalten ...
-ja, Jane ... ich habe Zweifel, ob es wahr ist ... Aber ... nein, es
-muß wahr sein ... Denn Eriks Worte sind es ja ... Erik ... lügt nicht!«
-
-»Erik? ... Meinen Sie Erik Truwor?«
-
-»Ja, Erik Truwor.«
-
-»Kennen Sie Erik Truwor?«
-
-»Ja ... ich lernte ihn vor Jahren in Paris kennen.«
-
-»Sie kennen Erik Truwor, den besten Freund meines Mannes?«
-
-»Ja. Ich kenne ihn ... habe ihn sehr gut gekannt.«
-
-»Aber Sie sprechen nie von ihm. Und doch ist sein Name in unseren
-Gesprächen schon oft gefallen.«
-
-»Lassen Sie, Jane! ... Es sind Erinnerungen, die ... ich ... begraben
-... vergessen haben möchte. Ich denke jetzt nur noch an sein Werk
-... Wird es ihm glücken? ... Wird ein idealer Wille im Besitz einer
-unendlichen Macht imstande sein, der Menschheit den Frieden zu geben,
-die Dinge der Welt zum Heil der Menschheit neu zu ordnen ... ich denke,
-es wird ihm gelingen ... er wird sein Werk vollbringen, nach dem eine
-neue Zeitrechnung für die Politik und Geschichte Europas ... nein, der
-ganzen Welt beginnt ...«
-
-Lord Horace stand plötzlich in der Halle. Diana fühlte sich unsicher.
-Sie wußte nicht, wieviel ihr Gatte von dem Gespräch gehört haben
-mochte, wieviel von diesem Gedankenaustausch an sein Ohr gedrungen war.
-
-»Auch hier Politik? Wo ich Ruhe suchte, fand ich immer nur Politik.«
-
-»So muß es wohl sein, Horace. In Schloß und Hütte, in den entlegensten
-Winkeln der Erde bewegt doch alle dieselbe Frage. Kann es etwas
-Erhebenderes geben als den Gedanken, daß die Welt endlich zur Ruhe
-kommen soll? Daß dies sinnlose Morden und Zerfleischen ein Ende haben
-soll ...?«
-
-»Du scheinst dich schon ganz als Weltbürgerin zu fühlen. Was aus
-unserem Lande ... aus dem britischen Weltreich wird, ist dir
-gleichgültig. Freilich ... du bist keine geborene Britin.«
-
-»Aber ich habe stets als englische Patriotin gefühlt. Ich habe stets
-empfunden ...« -- Lady Diana sprang auf und trat ihrem Gatten entgegen
--- »... daß ich die Gattin Lord Maitlands bin.«
-
-»... als Britin hast du gefühlt?«
-
-»Stets, Horace!«
-
-»Und trotzdem bist du für die Pläne der Macht eingenommen?«
-
-»Ja!«
-
-»Ja ... verstehst du den Sinn dieser Depesche nicht?«
-
-»Aber ja, doch! Es ist die frohe Botschaft vom Frieden ... die
-Freudenbotschaft, daß der Krieg zu Ende ist.«
-
-»So ... so!? ... Weiter nichts?«
-
-»Ja ... Ist denn das nicht genug? Klingt das nicht wie das
-Weihnachtsevangelium?«
-
-»Weihnachtsbotschaft? ... Freudenbotschaft? ... Welcher Mann kann
-das als Freudenbotschaft ansehen, was ihm Sklaverei und Knechtschaft
-bedeutet.«
-
-»Horace ... Horace ... was sprichst du?«
-
-»Soll ich dir die Depesche ins Gedächtnis zurückrufen ... soll ich sie
-dir noch einmal vorlesen?
-
- ›Der Krieg ist zu Ende! ...
- Die Macht fordert Gehorsam ...
- Ungehorsam wird bestraft!!! ...‹
-
-Macht dir das als Britin Freude?«
-
-Das klang ganz anders als die Tonart, in der Diana die Depesche
-gelesen hatte. Wie Peitschenhiebe knallten hier die einzelnen Worte,
-steigerte sich die Drohung von Satz zu Satz, bis sie schließlich
-brutal herauskam. Bei jedem Worte dieser lapidaren Sätze trat Diana
-automatisch einen Schritt zurück. Ihre Augen hingen starr und ratlos an
-ihrem Gatten. Aber auch Lord Maitlands Züge hatten die gewohnte Ruhe
-verloren. Es zuckte in ihnen. Röte der Erregung und des Zornes lag auf
-seinem Antlitz.
-
-Wie hatte Diana mit Jane zusammen über diese Depesche gejubelt, und
-wie anders klang sie jetzt. Ein eisiger Schauer überlief Diana. Sie
-bedeckte ihre Augen mit den Händen. Hatte sie sich so getäuscht?
-
-Wortlos standen die Gatten sich gegenüber. Langsam ließ Diana die
-Hände sinken und ... was war das? ... Irrte sie sich nicht ... war das
-nicht ein leises Flimmern eines Triumphes in seinen Augen? ... Nein!
-Die Botschaft Erik Truwors klang falsch im Munde ihres Gatten. Sie
-war anders zu lesen, mußte so gelesen werden, wie Diana und Jane sie
-gelesen hatten.
-
-»Horace ... kannst du dich nicht freimachen von einem Namen? ... Kannst
-du den Mann nicht von seinem Werke trennen?«
-
-Lord Horace zeigte wieder die ruhige unbewegliche Haltung des
-englischen Aristokraten. Keine Spur in seinen Mienen verriet mehr, wie
-nahe ihm diese Unterredung ging, wie sehr schon der Name Erik Truwors
-ihn erregte. »Mein Herz ist kühl genug, um den Namen von seinem Werk zu
-trennen.«
-
-Gelassen, fast müde kamen die Worte von seinen Lippen. Aber er
-beobachtete scharf und sah, wie Diana von diesen Worten getroffen
-wurde. Wie sie die Hände gegen die Brust preßte, als müsse sie einen
-tiefen Schmerz unterdrücken. Er sah, wie sie sich schweigend zum
-Fenster hin wandte, und stand selbst unbeweglich auf seinem Platze. War
-es möglich, daß seine Worte ihr Herz so trafen, daß er ihr doch alles
-... der andere, der verhaßte Name nur ein Schemen war?
-
-Es drängte ihn, vorwärtszustürzen. Mit Mühe hielt er den Namen Diana
-auf seinen Lippen zurück. Einen kurzen schweren Kampf, dann hatte er
-die volle Herrschaft über sich gewonnen.
-
-»Die Zukunft wird erweisen, wer recht hat. Ich wünschte ... ich
-wünschte von Herzen, du hättest recht ...«
-
-Als Diana sich umwandte, hatte Lord Maitland die Halle verlassen.
-
-Diana war allein. Ihr Gesicht war entstellt, gealtert, schmerzverzerrt.
-Ihre Augen starrten auf die Stelle, wo Lord Horace gestanden hatte.
-Kaum hörbar kam es von ihren Lippen: »Erik Truwor ... Erik ... Truwor!«
-
-Ein Götzenbild! Wankte es? Stürzte es? ... Wo war die Wahrheit? ...
-Schluchzend sank sie auf den Teppich nieder.
-
- * * * * *
-
-Der lange, sechs Monate währende Poltag ging seinem Ende zu. Dicht
-über dem Horizont zog die Sonne ihren vierundzwanzigstündigen Kreis.
-Immer näher kam sie der Kimme, wo Eisfeld und Himmel zusammenstoßen.
-Klingender Frost kündete die kommende Polnacht.
-
-Erik Truwor trat aus dem Berg. Den schweren Eisstock in der Rechten,
-stieg er über die Stufen und Eisbänder schnell empor, bis er die
-höchste Zinne erreichte. Da hatte in den vergangenen Tagen die Sonne
-den Eisberg mit wärmenden Strahlen umkost und seine Formen verändert,
-hatte aus dem grünlich und bläulich schimmernden Eismassiv ein
-Gebilde geformt, das an einen hochlehnigen Sessel gemahnte, an einen
-Königsstuhl aus den Zeiten der Goten oder Merowinger.
-
-Hier blieb er stehen, und sein Auge haftete an der zum Sitz
-ausgeschmolzenen Gipfelzinne.
-
-»Was ist das? ... Ein Sitz! ... Ein Thron ... mein Thron?!«
-
-Mit einer Herrschergebärde ließ er sich nieder. Den schweren Eisstock
-wie ein Zepter an der rechten Seite. Die Arme auf den Seitenlehnen
-dieses bizarren Thrones. So saß er dort, rot von der Sonne umglüht,
-einer Statue vergleichbar. Saß und sann.
-
-Sprunghaft wurden seine Gedanken, kreuzten sich, überstürzten sich.
-
-In der Höhle des Eisberges neben den Funkenschreibern stand Atma. Der
-Inder ließ die Streifen durch die Finger laufen, zurück bis zu der
-letzten drohenden Depesche der Macht, die auch hier von den Apparaten
-mitgeschrieben war.
-
-War die Kluft schon so weit geworden, daß Erik Truwor seine Gedanken
-und seine Geheimnisse für sich behielt?
-
-Mit wachsender Sorge hatte Atma die Veränderung des Freundes verfolgt.
-Was würde kommen, was würde das Ende sein? Was stand im Buche des
-Schicksals über Erik Truwor geschrieben?
-
-Atma sprang auf und verließ den Berg. Er stand auf dem flachen Eis
-und blickte sich um. Gegen den tiefroten Abendhimmel hoben sich die
-gigantischen Formen des Eisthrones ab. Wie eine dunkle Silhouette sah
-er die Gestalt Erik Truwors dort gegen den blutfarbigen Himmel in den
-Äther ragen. Ein Zepter an der Seite, den Blick in die Ferne gerichtet.
-
-So gewaltig, so zwingend war das Bild, daß es Soma Atma in tiefen Bann
-schlug, seine Gedanken verzauberte, seine Erkenntnis trübte.
-
-Sollte er sich täuschen? Erhob das Schicksal diesen Mann weit über alle
-Sterblichen? War ihm die Weltherrschaft, die absolute Gewalt über Tod
-und Leben aller Geschöpfe bestimmt?
-
-In eisiger Einsamkeit verrann die Zeit, bis der Zauber wich, bis Atma
-nicht mehr den Schein, sondern das Wesen sah.
-
-Erik Truwor saß dort oben und starrte regungslos in den glühenden
-Sonnenball. Leise und abgerissen fielen Worte von seinen Lippen:
-
-»Zu meinen Füßen liegt die Welt! Was bin ich? ... Was bin ich?! Bin ich
-der Herr? ... Ja ... ja! Ich bin ihr Herr. Ich habe die Macht, sie zu
-zwingen! ... Zwingen ... zum Guten zwingen. Ein guter, ein gerechter
-Herr will ich sein. Aber wenn sie mir zu trotzen wagen?! ... Trotzen
-... wer will mir trotzen? ... Kein Sterblicher! ... Auf Erden keiner
-... keiner! ... Silvester ... Atma? ... Auch die nicht ... Ha! ...
-der eine sicher nicht. Den hat das Schicksal genommen, als er sein
-Geschick erfüllt ... Der andere! ... Atma? ... Atma! ... Atma!! ...
-Fiel Cäsar nicht durch Brutus' Hand? ... Atma! ... Rief ich dich. Da
-kommst du ja ...«
-
-Halb aufgerichtet, mit vorgebeugtem Leibe blickte er auf Atma, der
-langsam den Pfad emporklomm. Fester umkrampfte seine Hand den schweren
-Eisstock.
-
-»Hüte dich, Atma!«
-
-Er sank in den Sessel zurück. In seinen Augen lauerte es.
-
-Nun stand Atma dicht bei ihm. Schaute ihn mit der ganzen Kraft seines
-zwingenden Auges an und sah, wie Erik Truwor kalt und fremd an ihm
-vorbeiblickte.
-
-»Erik Truwor! Siehst du deinen Freund nicht?«
-
-Erik Truwor wandte leicht das Haupt und streifte den Inder mit einem
-flüchtigen kalten Blick.
-
-»Was willst du?« Fremd und leer klang die Frage.
-
-»Fragst du so den Freund?«
-
-Erik Truwor zog die Brauen zusammen, bis sie sich berührten.
-»Freund ...?«
-
-Der Ton des Wortes traf das Herz des Inders.
-
-»Erik ... besinne dich ... Was willst du tun? ... Denke an Pankong Tzo,
-an die Weissagung, an die Ringe! -- Es waren drei!«
-
-»Was gilt mir noch Pankong Tzo? ... Und die drei Ringe ...«
-
-»Hast du Silvester auch vergessen?«
-
-»Silvester? ... Silvester ... Der hat sein Geschick erfüllt ... Seine
-Zeit war um ...« Erik Truwor stieß den schweren Stock in das Eis, daß
-die Brocken spritzten. »Jetzt geht es um größere Dinge!«
-
-»Dann brauchst du deinen Freund Soma auch nicht mehr? ... Oh, daß ich
-bei Silvester im eisigen Grabe läge statt diese Stunde zu sehen ... Um
-größere Dinge geht es, sagst du ... Denke an die Worte Tsongkapas: ›Es
-mag leichter sein, große Dinge zu vollbringen als gute!‹ Was du sinnst,
-weiß ich. Unheilig sind deine Gedanken! Aber ich sage dir, nie wird ein
-Werk bestehen, das auf Gewalt gegründet ist. Hüte dich vor der Rache
-des Schicksals! ... Bedenke, daß du nur ein Werkzeug des Schicksals
-bist.«
-
-Erik Truwor hatte sich erhoben. Jeder Nerv der hageren, hochragenden
-Gestalt war gespannt. Noch schärfer, eckiger als sonst sprang die
-gebogene Nase über die schmalen Lippen hervor. Tiefe Falten durchzogen
-die hohe Stirn. Wie Eisblinken blitzte es lauernd und doch gewaltsam
-in den tiefen Augenhöhlen. Machtlos glitten Kraft und Willen Atmas an
-dieser Wandlung ab.
-
-»Ich ... ein Werkzeug des Schicksals? ... Und wenn ich es verschmähte,
-ein Werkzeug des Schicksals zu bleiben ... und wenn ich« -- seine
-Gestalt reckte sich, als ob er über sich selbst hinauswachsen wolle --
-»... wenn ich das Schicksal meistern wollte?!«
-
-Vor dem drohenden Blitz aus Erik Truwors Augen wich Atma einen Schritt
-zurück.
-
-»Jetzt bin ich der Mächtigste auf Erden. Wer wagt es, mir zu trotzen
-... das Menschengeschlecht liegt zu meinen Füßen ... Die Elemente
-müssen mir gehorchen ... Ich will die Wogen des Meeres zähmen und dem
-Sturm gebieten, sich zu legen ... nie zuvor wurde einem Menschen solche
-Macht gegeben ... und ich soll sie nicht gebrauchen?«
-
-Atma trat dicht auf Erik Truwor zu. Noch einmal suchte und fand er
-Worte, um den Freund zu halten.
-
-»Erik, du bist krank. Der Tod Silvesters hat deine Seele erschüttert,
-die Arbeit deinen Körper geschwächt.«
-
-Erik Truwor schüttelte den Arm des Inders unwillig ab.
-
-»Krank? ... Erschüttert? ... Ha! Mein Körper ist kräftiger, mein Geist
-klarer und frischer denn je.«
-
-Er ließ den schweren Eisstock wie ein Spielzeug durch die Finger laufen.
-
-»Erik Truwor!« Die Stimme Atmas klang streng. »Du frevelst! ... Du
-frevelst am Schicksal. Hüte dich!«
-
-»Ich mich hüten? ... Vor wem? ... Vor dir?«
-
-Er hob den Eisstock, als wolle er Atma zu Boden schlagen. Dann stieß
-er ihn tief in das splitternde Eis hinter sich und reckte die Arme mit
-geballten Fäusten gegen den Himmel, als wolle er einem unsichtbaren
-Gegner in den Lüften drohen. Die Fäuste öffneten sich, und wie Krallen
-bewegten sich die Finger.
-
-Ein heiserer Schrei, halb Drohung, halb Lachen, brach aus seinem Halse.
-
-»Hüten soll ich mich? ... Hüten? Vor wem? ... Vor euch Unsichtbaren da
-oben?! Haha ... Kommt heraus, ihr geheimnisvollen Mächte, aus euren
-Verstecken. Kommt! ... Ich will mit euch kämpfen! ... Ha ... Haha ...
-wo seid ihr? Kommt! ... Habt ihr Furcht ... Haha ... Ich lasse mich von
-euch nicht äffen. Ha ... ha ... haha ... Ich nicht!«
-
-Ein Wetterleuchten, ein Blitzstrahl weit draußen am Horizont ließ Atma
-erschauern.
-
-»Erik Truwor, laß dich warnen. Sahst du das Zeichen, das geschehen?«
-
-»Ha ... ha! Du Blinder, du Abergläubischer. Das harmlose Wetterleuchten
-soll wohl ein Zeichen von deinem Schicksal sein. Ha ... ha ... Ihr
-Toren ... hinter jedem Naturvorgang, den euer kümmerliches Hirn nicht
-begreift, seht ihr etwas Geheimnisvolles ... Übernatürliches ... und
-wenn es euch paßt, einen Wink des Schicksals, dem ihr euch beugt ...
-dem ihr euch fügt ... Ich will mich nicht fügen ... ich nehme den Kampf
-mit euch auf ... ich forme mein Schicksal nach meinem Willen! ...
-Wehe, wer mich stört! ... Wehe euch da oben ... ich fürchte euch nicht
-... hütet euch vor mir ... Hütet euch. Ich komme über euch mit meiner
-Macht, die größer, als die Welt sie je gesehen!«
-
-Schauerlich, wie ein Kriegsruf hallten die letzten Worte Erik Truwors
-in die stille Polardämmerung. Und plötzlich eilte er springend und
-stürzend den steilen Hang des Eisberges hinunter und verschwand in der
-Höhle, die den Rapid Flyer barg. Mit wankenden Knien folgte Atma seiner
-Spur. Sah, als er auf dem flachen Eise ankam, gerade, wie Erik Truwor
-das Flugschiff aus seinem Versteck ins Freie brachte.
-
-»Wohin, Erik? Wohin?« Atma rief es mit verlöschender Stimme.
-
-»In den Kampf!« Erik Truwors Stimme klang wie einst der jauchzende
-Kriegsruf der alten Waräger. »In den Kampf! Mit denen da oben! Heißa!
-... Jetzt wehrt euch ... Erik Truwor kommt ... der Große kommt.«
-
-Atma sah, wie Erik Truwor den großen Strahler in den Rapid Flyer hob
-und alle Vorkehrungen traf, die Kabine zu verschließen. Betend faltete
-er die Hände. Er erhob sich von den Knien und ging mit ausgestreckten
-Händen auf Erik Truwor zu. Alle Kräfte seines Geistes waren aufs
-höchste gespannt. Alles, was sie herzugeben vermochten, konzentrierte
-er mit stärkster Energie auf den Willen, Erik Truwors verwirrten Geist
-zu zwingen. Die hypnotische Gewalt begann zu wirken.
-
-»Noch einmal hilf mir, du großer Gott. Gib meinem Herzen größere Kraft.
-Kraft, das kranke Herz zu zwingen und zu heilen. Dann nimm meine Seele
-dafür hin.«
-
-Erik Truwor hielt in seinen Bewegungen allmählich inne. Seine
-gestraffte Gestalt sank langsam in sich zusammen. Dann plötzlich schien
-er sich der fremden Kraft, die über ihn gekommen, bewußt zu werden.
-Er wandte den Kopf Atma zu. Ihre Blicke vergruben sich ineinander.
-Bewegungslos standen sich die beiden Männer gegenüber. Ein Zweikampf
-... furchtbar ... stumm ... Bebendes Hoffen zog durch Atmas Seele. Der
-Kampf war angenommen ... Durchhalten! Sein Gebet war erhört! ... Da ...
-ein Wölkchen schob sich vor den roten Sonnenball und raubte sein Licht.
-Einen kurzen Augenblick nur ... Da war es geschehen. In dem plötzlichen
-Halbdunkel verlor Atmas Blick die Schärfe ... für einen Moment nur
-entglitt ihm die eben gewonnene Gewalt.
-
-»Ha ... ha ... haha ...« Da war es wieder, das kurze, abgerissene
-Lachen des Wahnsinns.
-
-Mit einem Sprunge hatte sich Erik Truwor gedreht und den bannenden
-Blicken Atmas entzogen. Mit schaurigem Hohngelächter sprang er in die
-Kabine und warf die Tür hinter sich zu.
-
-Zerbrochen, besiegt, geschlagen stand Atma. Der Rapid Flyer verließ den
-Boden und schoß in die Höhe.
-
-»Erik ... Erik Truwor!« ... Der Ruf Atmas verhallte ungehört in der
-eisigen Luft. Schon ward das Flugschiff klein und immer kleiner. Jetzt
-nur noch ein Punkt ... Jetzt nicht mehr sichtbar.
-
-Demütig senkte Atma sein Haupt vor dem Willen des Schicksals. Er ging
-in den Berg zurück. Da fand er den Fernseher, fand den kleinen Strahler
-und suchte am dämmernden Himmel, bis das Bild des Flugschiffes gefaßt
-war und auf der Mattscheibe erschien. Da ... Einen Kampf sahen seine
-Augen ... Einen Kampf, wie ihn noch nie ein Sterblicher erschaut ...
-Einen Kampf gelenkter und gebändigter Naturgewalt gegen die fessellosen
-Naturkräfte des Firmaments.
-
-Ein Schrei rang sich aus Atmas Brust ... Entsetzen sprach aus seinen
-Zügen ... Seine Zunge stammelte Gebet ... Hilferuf ... Er barg das
-Gesicht in den Händen, um das grausige Bild nicht weiter zu sehen.
-
- * * * * *
-
-Die beiden großen amerikanischen Parteien der Sozialisten und der
-Plutokraten waren durch den Staatsstreich der Patrioten in gleicher
-Weise überrumpelt worden. Die ersten Tage nach dem Sturze Cyrus
-Stonards herrschte lähmende Überraschung und Verblüffung in ihren
-Reihen. Die Revolution war von einer dritten viel jüngeren und, wie sie
-meinten, viel schwächeren Partei gemacht worden. Aber sie mußten sehen,
-daß die Masse des Volkes diese Revolution gut hieß, mußten mit der
-Macht der Tatsachen rechnen.
-
-Es war den Führern der Linken klar, daß eine Revolution von ihrer Seite
-den schärfsten Widerstand der Rechten finden würde, daß sie sich nur
-nach blutigen Bürgerkämpfen behaupten könnten. Genau so lagen die
-Dinge aber auch, wenn die Rechte einen neuen Staatsstreich unternahm.
-Und man wußte nicht, wie die unbekannte Macht sich zu blutigen
-Konflikten stellen würde.
-
-So waren die Patrioten in der Lage, ihr eigenes Programm ohne
-nennenswerte Widerstände durchzuführen. Viel glatter, schneller und
-besser, als es eine der anderen Parteien jemals gekannt hätte.
-
-Die amerikanische Presse aller Schattierungen erging sich in
-Reminiszenzen an frühere glückliche Zeiten im neunzehnten Jahrhundert,
-in denen Amerika das wahre Land der Freiheit gewesen, der Patriotismus
-allein den Ausschlag für alle politischen Handlungen gegeben hatte.
-Mit wenigen Ausnahmen wurden auch die Nachrufe für Cyrus Stonard dem
-gestürzten Diktator gerecht. Sie achteten seine Größe und gaben der
-Meinung Ausdruck, daß er das Beste des Landes gewollt, wenn auch seine
-Mittel nicht immer die richtigen waren.
-
-In der neuen Regierung übernahm Dr. Glossin das Portefeuille des
-Äußern. Er erhielt es wegen seiner Verdienste um die Durchführung der
-Revolution und seiner genauen Kenntnis der bisher getriebenen äußeren
-Politik der Vereinigten Staaten. Aber er fühlte vom ersten Tage seiner
-Amtsführung an, daß er auf unsicherem Boden stand. Die Patrioten hatten
-Cyrus Stonard stets bekämpft. Dr. Glossin war erst in der zwölften
-Stunde von ihm abgefallen, nachdem er so lange Jahre sein williges
-Werkzeug gewesen war. Das brachte ihn in den schlimmen Ruf eines
-Renegaten, heftete seinem Namen einen schweren Makel an.
-
-Nur ein glänzender Wahlsieg konnte ihn in seiner Stellung festigen.
-Deshalb hatte er sich in Neuyork im Trinity Church District aufstellen
-lassen. Dort hatte er seine Anhänger, und dort hoffte er durch
-geschickte Verhandlungen mit den Führern der Roten auch die Stimmen
-dieser Partei für sich zu gewinnen.
-
-Es war ein gefährlicher Boden, auf den er sich wagte. Nur die
-raffinierte Schlauheit eines Dr. Glossin konnte es wagen, die Stimmen
-einer fremden Partei im geheimen Einverständnis mit deren Führern zu
-erlisten. Er unternahm es, weil er darin die einzige Möglichkeit sah,
-sich in der Regierung zu halten.
-
-Der allzu Schlaue vergaß, daß es noch eine plutokratische Partei gab,
-die sich nach den Ereignissen des siebenten August von ihm düpiert
-fühlte und deren Spione die Vorgänge innerhalb der radikalen Linken
-sehr genau beobachteten. Er war von dem Ergebnis seiner letzten
-Besprechung mit den Führern der Linken befriedigt, als sein Kraftwagen
-ihn in der Abendstunde des zwanzigsten August über den Broadway fuhr.
-
-Eine neue Ausgabe der Abendzeitungen fesselte seine Aufmerksamkeit.
-Das Blatt der Neuyorker Konservativen. Er sah auf der ersten Seite ein
-Porträt, hörte, wie die Zeitungsboys die Überschriften ausriefen: »Aus
-dem Vorleben unseres Außenministers!!«
-
-Er ließ das Auto halten, um ein Blatt zu kaufen. Hörte, während er es
-erstand, aus dem Geschrei der Boys eine Fülle anderer Überschriften.
-
-»Bekommt von England nicht genug! ... Die Millionen aus Japan! ...
-Doppelspiel vom ersten Tage! ... Englischer Abkunft! ... Amerikanischer
-Bürger! ... Japanischer Spion! ... Der Bravo des Diktators! ... Er
-verrät weiter! ... Wen verrät er? ... Das amerikanische Volk!« ...
-
-Die Zeitungsboys hatten ihn nach dem Porträt erkannt und machten sich
-den Spaß, ihm die einzelnen Überschriften des Artikels zuzuschreien,
-bis der Kraftwagen ihn außer Hörweite brachte. Auf der Fahrt nach dem
-Flugplatz hatte er Zeit, den Aufsatz ganz zu lesen. Den kleingedruckten
-Text zwischen den fetten Überschriften.
-
-Der Mann, der das geschrieben hatte, mußte ihn und sein ganzes
-Vorleben unheimlich genau kennen. Da war keiner seiner schlimmen
-Streiche vergessen, keine seiner Verrätereien und Meinungsänderungen
-ausgelassen. In schlichter Sprache legte der Verfasser das Treiben
-Glossins vom ersten Tage seiner Tätigkeit in San Franzisko bis zu
-seinem letzten Doppelspiel mit den Führern der Roten dar. Er deckte den
-Artikel mit seinem vollen Namen. Der konservative Politiker MacClaß
-genoß auch in den Kreisen seiner Parteigegner allgemeine Achtung.
-
-Dr. Glossin verließ seinen Wagen auf dem Flugplatz. Was tun? Eine neue
-Revolution versuchen? Offen mit den Roten zusammengehen? Er verwarf den
-Gedanken so schnell, wie er ihm gekommen war.
-
-Jetzt gerade nach Washington und den anderen die eiserne Stirn gezeigt!
-Hatte er nicht allein die Revolution gemacht? Was waren die anderen
-ohne ihn? Nie hätten sie zur rechten Zeit losgeschlagen. Nie wäre es
-ihnen gelungen, zur Macht zu kommen! Ihm verdankten sie alles. Mit ihm
-mußten sie weiter durch dick und dünn gehen, wenn sie an der Macht
-bleiben wollten. Was hatte schließlich ein Zeitungsartikel im Wahlkampf
-zu bedeuten?
-
-Mit festem Schritt betrat er das Sitzungszimmer im Weißen Hause. Kühle
-Worte und kühle Mienen. Es war klar, daß der Artikel von MacClaß hier
-bereits bekannt war. Deshalb zog er das Blatt aus der Tasche und warf
-es auf den Tisch.
-
-»Den Wisch kaufte ich vor einer Stunde auf dem Broadway. Schwindel
-natürlich! Alles Schwindel!«
-
-Drückendes Schweigen folgte seinen Worten. Bis William Baker die Frage
-stellte: »Alles ...?«
-
-Das war der kritische Moment. Mit eiserner Stirn mußte Glossin sofort
-ein einziges Wort sagen: »Alles!«
-
-Als er den geraden durchdringenden Blick William Bakers auf sich ruhen
-fühlte, versagten ihm für einen Augenblick Entschlossenheit und Mut.
-Als sie ihm wiederkamen, war es für diese kurze knappe Antwort zu spät.
-Er mußte viele Worte machen. Den Gekränkten und Entrüsteten spielen.
-
-»Mr. Baker, ich hoffe, daß Sie diese Unterstellungen nicht für wahr
-halten. Ich bin bereit, mich von jedem Verdacht zu reinigen.«
-
-»Es wäre im Interesse des Ansehens der Regierung sehr erwünscht, wenn
-Sie das könnten.«
-
-William Baker sprach die Worte langsam, während er eine Mappe ergriff,
-aufschlug und vor Glossin hinschob.
-
-Der Doktor warf einen Blick darauf, und der Herzschlag stockte ihm.
-
-Die Korrespondenz, die er bis in die letzten Tage drahtlos mit England
-geführt hatte. Chiffriert natürlich. Ein Dechiffreur von Gottes Gnaden
-hatte den geheimen Schlüssel rekonstruiert und alles entziffert. Hier
-standen die Depeschen, wie er sie aufgegeben und empfangen hatte.
-Daneben der wahre Sinn, der vernichtend für ihn war. Dann weiter seine
-Verhandlungen mit den Roten von Trinity Church. Dr. Glossin blätterte
-mechanisch weiter. Ein Bericht eben jenes MacClaß an den Beauftragten
-des amerikanischen Volkes William Baker.
-
-Dr. Glossin ließ sich auf dem nächsten Stuhl nieder. Er fühlte, daß
-sein Spiel verloren war. Wie aus weiter Ferne klangen die Worte William
-Bakers an sein Ohr:
-
-»Ihre Haltung bestätigt mir die Richtigkeit der Anklagen. Wir wollten
-nicht handeln, ohne Sie gehört zu haben. Was haben Sie zu sagen?«
-
-Dr. Glossin schwieg.
-
-»Wir haben unsere Maßnahmen getroffen. Sie können aus diesem Zimmer
-als Untersuchungsgefangener des Staatsgerichtshofes hinausgehen ...
-oder ... als freier Mann, um sofort ein Flugschiff zu besteigen und die
-Union für immer zu verlassen. Wofür entscheiden Sie sich?«
-
-Dr. Glossin blickte um sich mit den Augen eines gehetzten Tieres. Von
-irgendeiner Stelle erwartete er Beistand ... Hilfe ... zum mindesten
-Mitleid. Und fand überall nur starre, abweisende Blicke. Er entschloß
-sich zur Antwort: »Für das letztere.«
-
-William Baker drückte auf einen Knopf.
-
-»Herr General Cole, lassen Sie Herrn Dr. Glossin zum Schiff bringen.«
-
-Der General nahm den Auftrag entgegen. Er winkte dem Arzt. Uniformen
-wurden sichtbar, als er die Tür zum Vorzimmer öffnete. Die Leute des
-Generals umringten den Doktor.
-
-General Cole ging zehn Schritte voraus. Er mied die Nähe des
-Verbannten. Mit schnellen Schritten erreichte er das Flugschiff
-und stand abseits, während seine Leute die Einschiffung Glossins
-überwachten. Anders als die Abfahrt Cyrus Stonards vollzog sich die Dr.
-Glossins.
-
- * * * * *
-
-Professor Raps saß in seinem Arbeitszimmer. Eine Anzahl von Dokumenten
-und Berichten bedeckte den großen Schreibtisch. Weiße Foliobogen lagen
-vor ihm. Die Feder ruhte in seiner Hand.
-
-Doch er kam nicht weit mit dem Schreiben. Seine Züge verrieten höchste
-geistige Anspannung. Seine Rechte bewegte die Feder, warf einige Zeilen
-in der großen charakteristischen Schrift auf das weiße Papier, um dann
-wieder mit dem Schreiben zu stocken.
-
-Er legte die Feder beiseite und griff nach einem Schriftstück, nahm
-ein zweites und drittes dazu. Überflog, las und verglich. Und dann
-plötzlich wichen die Falten, die seine Stirn furchten. Ein Leuchten
-der Befriedigung glitt über seine Züge ... ein leiser Ruf entrang sich
-seinen Lippen: »So ist's!«
-
-Tiefatmend legte er sich in den Schreibstuhl zurück und deckte die Hand
-über die Augen. Noch einmal ließ er die Glieder der Kette, die er in
-angestrengter Arbeit aneinandergereiht hatte, vor sich vorüberziehen.
-
-Das erste Glied! Ein Bericht der Sternwarte von Halifax, datiert von
-dem gleichen Tage, an dem der Friedensvertrag zwischen England und
-Amerika unterzeichnet worden war. Um 8~h~ 17~m~ mitteleuropäischer
-Zeit zwei schnell aufeinanderfolgende starke Explosionen in nördlicher
-Richtung in der Zone der Polarlichter.
-
-Die erste Explosion zeigte im spektroskopischen Bild die Linien des
-Kalziums und der Kieselsäure, die zweite diejenigen von Eisen und
-Aluminium. Die Astronomen von Halifax deuteten das Spektrogramm dahin,
-daß die zweite Explosion einen gewaltigen Brocken kosmischer Tonerde
-betroffen habe. Aber es fehlten die Sauerstofflinien, es waren nur
-Linien des reinen Aluminiums vorhanden ...
-
-Professor Raps konnte sich der Meinung der Astronomen nicht
-anschließen. Nach dem Spektrogramm mußte reines Aluminium explodiert
-sein ... und dann die Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Auch
-die sooft zitierte Duplizität der Ereignisse konnte hier nicht zur
-Erklärung herangezogen werden. Vor zwölf Stunden war dem deutschen
-Gelehrten an diesem toten Punkt der Untersuchungen das erstemal
-blitzartig der Gedanke gekommen: Das war eine Wirkung der Macht!
-Die Erscheinungen waren von der Macht verursachte Explosionen der
-Raumenergie. Aber waren sie gewollt? ... Waren sie ungewollt geschehen?
-... Waren sie am Ende sogar gegen den Willen der Macht eingetreten?
-Ebensoviel unlösliche Rätsel wie Fragen.
-
-Die nächsten Glieder! Ein Funkentelegramm des deutschen Dampfers
-»Bismarck« aus dem Nordatlantik vom gleichen Tage: 40° 13′ nördlicher
-Breite 35° 17′ westlicher Länge. Steuerbord voraus aufkochende See
-in 10 ~km~ Breite und 50 ~km~ Länge. Schwere Dampfwolken. Heißer
-Sprühregen auf Deck.
-
-Die Morgenzeitungen hatten den Bericht gebracht und Kommentare
-wissenschaftlicher Kapazitäten dazu gegeben. Nach den Vermutungen der
-Gelehrten handelte es sich um einen unterseeischen Vulkanausbruch.
-
-Professor Raps hatte die Depesche noch am vergangenen Abend gelesen.
-Er vermißte die genaue Zeitangabe und war deswegen auf die Redaktion
-gegangen. Man hatte sie ihm bereitwillig gegeben. 8~h~ 13~m~ abends.
-Der Professor hatte das Originaltelegramm lange Zeit in der Hand
-behalten. Der Zusammenhang war zu frappant, zu augenfällig, um ihn
-nicht zu erschüttern. Und während er dort sinnend saß, hatte ihm der
-Redakteur eine andere eben einlaufende Depesche des Forest Department
-of Canada vorgelegt. Ein Bericht über einen schweren Waldbrand, bei dem
-mehrere tausend Hektar Urwald verascht worden waren. Das Merkwürdige
-war, daß das Feuer sich hier nicht allmählich weitergefressen hatte.
-Die ganze riesige Fläche mußte beinahe zur selben Zeit aufgeflammt und
-niedergebrannt sein.
-
-Dann hatte die Zeitung des späten Abends an dem gleichen Tage noch eine
-eigentümliche Meldung veröffentlicht. Einen Funkspruch der indischen
-Großstation zu Dehli.
-
-Plötzliche, überraschende Schneeschmelze im Himalaja. Ghahngak, Burh
-Ghandk und Damla werfen Hochwasser in den Ganges. Überschwemmung bei
-Hajipur.
-
-Die Morgenzeitungen des heutigen Tages hatten die Nachricht aus Dehli
-auch gebracht. Sie fügten aber eine zweite Depesche an, gleichfalls aus
-Dehli, daß die Schneeschmelze und das Hochwasser ebenso plötzlich, wie
-sie aufgetreten waren, auch wieder nachgelassen hätten.
-
-Das waren die hauptsächlichsten Nachrichten, die wichtigsten Glieder
-der Kette.
-
-Professor Raps hatte die Nacht keine Ruhe gefunden. Die Gedanken kamen
-und gingen während der Stunden von Mitternacht bis zum Sonnenaufgang.
-Sie überfielen ihn, drängten sich ihm auf, zwangen ihn wieder und immer
-wieder, diese Nachrichten zu überlegen, in Zusammenhang zu bringen. Als
-er sich am frühen Morgen erhob, hatte er eine Lösung gefunden. Es sind
-keine zufälligen Naturereignisse ... es waren Wirkungen der Macht ...
-Was war geschehen? ... Raumenergie war an den verschiedensten Stellen
-der Erde fast gleichzeitig explodiert ... Warum? ... Weshalb? ... Vor
-dem Friedensschluß wären diese Auswirkungen erklärlich gewesen ...
-Warum jetzt? ... Jetzt war eine Probe der Macht nicht mehr nötig.
-
-In der neunten Morgenstunde hatte Professor Raps ein Telegramm aus
-Hammerfest bekommen. Auch dort waren die beiden Explosionen im
-Spektroskop beobachtet worden, und diese zweite Beobachtung bestätigte
-seine Schlußfolgerungen. Die letzte Explosion zeigte die Linien reinen
-Aluminiums.
-
-Was war der Zweck, was der Sinn aller dieser Erscheinungen ... hatte es
-noch Sinn ... war es am Ende auch sinnloser Kampf ... hatte die Macht
-sich selbst bekämpft? ... Drei waren es doch ... drei sollten es sein?
-... Waren die drei Träger der Macht miteinander in Kampf geraten? Oder
-... war es Selbstvernichtung? ... Selbstvernichtung? ... Das Korrigens?
-»So ist's!« Der Ausruf entfuhr dem Gelehrten, als seine Schlußkette bis
-zu diesem Punkte geschmiedet war. Das Korrigens des alten Linnés hatte
-sich gezeigt. In gewaltsamem Ausbruch hatte sich die Natur von einem
-Druck befreit, der ihren ewigen Gesetzen entgegenwirkte ... War es das?
-... Es mußte so sein.
-
-»So ist's! ... So ist's gewesen.« Die Überzeugung dafür trug er in Kopf
-und Herz.
-
-Es war Zeit, ins Kolleg zu gehen, die Vorlesung über Elektrodynamik zu
-halten. Er verließ seine Wohnung und ging in die Hochschule.
-
-Er sprach und war selbst über den Schwung, über das Feuer seines
-Vortrages erstaunt. Er fühlte es, er merkte es an den Mienen der
-Zuhörer, daß er das Auditorium heute mehr denn je faszinierte. Es lebte
-und wirkte etwas in ihm, was ihn emporhob, was den logischen Schlüssen,
-den mathematischen Formeln seiner Vorlesung einen höheren Schwung gab.
-Und die Hörer fanden ihren Lehrer verändert, sahen, daß das feine
-ruhige Gelehrtengesicht heute in Entdeckerfreude glühte.
-
-Die Vorlesung war zu Ende. Professor Raps wollte das Katheder verlassen
-und sah, daß seine Hörer noch etwas von ihm erwarteten, daß hundert
-Augenpaare fragend an seinen Mienen hingen. Und blieb noch einmal auf
-dem Katheder stehen, fühlte, wie seine Lippen sich unter einem inneren
-Zwang öffneten. Wußte nicht, wie es geschah, daß er die Worte sprach:
-»Meine Herren! ~Natura non facit saltus!~«
-
-Stille herrschte im Hörsaal. Aber die Hörer sahen das Gesicht ihres
-Lehrers aufleuchten, sahen eine Verklärung auf seinen Zügen, und jeder
-von ihnen fühlte es: Hier hatte ein großer Geist in die weltbewegenden
-Ereignisse der letzten Tage hineingeschaut. Brausender Beifallsturm
-durchtobte den Saal, als der Professor das Katheder verließ.
-
-Die Abendblätter brachten bereits einen Bericht über die Vorgänge im
-Kolleg. Das Wort Linnés, das der Professor dort gesprochen, wurde um
-den Erdball gefunkt.
-
-Ein Blatt brachte die Nachricht, daß ein hoher Beamter der
-Reichsregierung den Professor bereits am Nachmittag in seiner Wohnung
-aufgesucht und eine längere Unterredung mit ihm gehabt hatte. Ein
-anderes wußte zu melden, daß die Vertreter der Reichsregierung danach
-bis spät in die Nacht hinein getagt hätten. Depeschen durchschwirrten
-die Welt. Die Konferenz der Reichsminister erwies sich als Tatsache und
-steigerte die Spannung.
-
-Was wußte Deutschland? ... Kannte es das Geheimnis?
-
-Die Augen der ganzen Welt richteten sich plötzlich nach Deutschland.
-Man begann zu rechnen. Man überschlug die deutschen Machtmittel.
-Die wirtschaftliche Stärkung Deutschlands durch die Lieferungen des
-Englisch-Amerikanischen Krieges. Daneben die Schwächung der beiden
-kriegführenden Länder. Die Erschöpfung ihrer Kassen, der Verlust ihrer
-Flotten und sonstigen Kampfmittel.
-
-War Deutschland dem Geheimnis der Macht auf die Spur gekommen?
-
- * * * * *
-
-Als die Tür des Rapid Flyers ins Schloß fiel, ließ Erik Truwor die
-Turbinen anspringen. In jähem Aufstieg stürmte die Maschine in die
-Höhe, brachte Kilometer um Kilometer unter sich.
-
-Schon stand der Sonnenball, der dort unten bereits zur Hälfte vom
-Horizont verdeckt wurde, wieder frei über der Kimme. Schon höhlte sich
-die weitgestreckte Eiswüste wie eine ungeheure Mulde unter dem Flieger.
-
-Erik Truwor stand am Steuer und sah es ... blickte dann wieder nach
-oben und ballte die Fäuste, als drohe er einem unsichtbaren Feind.
-
-Ein einziger Gedanke beherrschte sein krankes Gehirn: Nach oben ...
-immer höher nach oben ...
-
-Der Flieger stieg und stieg. Aber er war nur gebaut, eine Höhe von
-dreißig Kilometer zu erreichen, in ihr zu fliegen.
-
-Erik Truwor sah am Höhenmesser, daß die Maschine langsamer stieg, daß
-die Kraft der Turbinen nachließ.
-
-»Haha ... haha ...« Wieder entquoll jenes dumpfe schaurige Gelächter
-seinen Lippen.
-
-»Menschenwerk! ... Tand ... Sie können nicht weiter. Ihre Macht ist zu
-Ende ... Aber ich, ich habe die Macht ... haha ... ich steige, bis ich
-euch unter mir habe ... ihr da oben ...«
-
-Mit geschickten Griffen entfernte er die Sperrungen an den Schalthebeln
-des Strahlers. Und konzentrierte dann die Energie in den Druckkammern
-der großen Turbinen.
-
-Schon war es geschehen, schon war die Wirkung zu merken. Die Turbinen,
-die bis dahin matt und unregelmäßig gelaufen waren, begannen sich in
-rasendem Wirbel zu drehen, rissen die Propeller in gleichem Tempo mit
-sich.
-
-Der Rapid Flyer stieg unaufhaltsam. Längst hatte er die
-Dreißigkilometerhöhe überschritten und war tief in die Zone der
-Polarlichter eingedrungen. Schon strahlte die Sonne wieder gelbweiß,
-die er so lange Tage nur in blutfarbenem Dämmerschein erblickt hatte.
-Schon stand sie hoch über der Kimme.
-
-Der Rapid Flyer stieg, und das Land weitete sich. Schon waren hundert
-Kilometer erklommen. Die nördlichen Küstenstreifen der Kontinente
-wurden sichtbar, mehr zu ahnen als zu erblicken.
-
-Höher hinauf! ... Immer höher! ... Es war vergeblich, daß er die
-Turbinen bis zum Bersten mit Energie versah. Es war vergeblich, daß die
-Propeller, bis zum Zerreißen gespannt, in rasendem Spiel rotierten. Die
-Atmosphäre war in dieser Höhe zu dünn, um den Luftschrauben noch Halt,
-den Tragflächen Stütze zu geben. Über hundert Kilometer kam er mit der
-Maschine nicht hinauf.
-
-Wie hatte er auch hoffen können, mit diesem gebrechlichen Menschenwerk
-Höhen zu erreichen, aus denen er sein ganzes Reich zu übersehen
-vermochte. Etwas ganz anderes würde er bauen müssen. Eine Maschine,
-die, durch die Gewalt des Strahlers allein getrieben, raketenartig
-durch den Raum fuhr, die ihn in Sekunden Hunderte von Kilometern über
-die Erde erhob. Einen Himmelswagen, der neuen Macht ... der neuen
-Gottheit würdig. Schade, daß Silvester tot war. Der hätte ihm die
-Maschine sicher und schnell gebaut.
-
-Unter dem rasenden Spiel der Propeller dröhnte und summte der metallene
-Rumpf des Rapid Flyers wie eine gespannte Saite. Jäh mischte sich
-ein scharfer Klang, ein harter Schlag in das Singen des Rumpfes.
-Erik Truwor trat einen Schritt zurück. Dicht neben ihm zeigte die
-Aluminiumwand eine schwere Einbeulung, als ob ein großer Stein sie von
-außen getroffen hätte.
-
-In das Dröhnen des getroffenen Rumpfes mischte sich das dumpfe
-schaurige Lachen Erik Truwors.
-
-»Ihr droht mir ... ihr wagt mir zu drohen ... ihr wagt mein Schiff zu
-berühren ... wartet ihr ... ihr ... Ich werde euch brennen ...«
-
-Ein neues Dröhnen, eine neue Beule im Rumpfe des Rapid Flyers. An der
-eingebeulten Stelle war das Metall bis zur Rißbildung gereckt. Noch
-ein wenig mehr, und der Rumpf wurde undicht, die Sauerstoffatmosphäre
-seines Innern entwich in die luftleere Umgebung ...
-
-Und dann ein drittes Mal. Eine neue schwere Einbeulung.
-
-Erik Truwors Geist begriff die fürchterliche Gefahr nicht mehr, in
-die er sich so mutwillig begeben hatte. Er war aus dem Schutze der
-dichteren Atmosphäre bis in jene fast luftleeren Höhen emporgestiegen,
-in denen der Erde der Schutz des Luftpolsters fehlt.
-
-Er sah nur unsichtbare feindliche Gewalten, die ihm die Macht
-entreißen wollten. Mit einem Sprunge war er am Strahler und ließ die
-telenergetische Konzentration nach allen Seiten um den Flieger kreisen.
-Die Turbinen, der Energie beraubt, ohne Verbrennungsluft, ohne Kraft,
-stellten die Arbeit ein. Schwer wie ein Stein fiel die Maschine im
-luftleeren Raum nach unten.
-
-Mit glühender Stirn und rollenden Augen stand Erik Truwor, die Hand am
-Strahler, und schleuderte dem Schicksal seine Herausforderung entgegen.
-Ein Bolide, ein Felsblock, viel größer als das Schiff, wurde vom Strahl
-gepackt, zischte auf und stand als feurige Dampfwolke im Raume.
-
-»Haha ... birg dich, Schicksal! ... Fliehe, Schicksal, sonst brenn ich
-dich!«
-
-Erik Truwor stieß die Worte, mit wahnsinnigem Gelächter vermischt,
-heraus, während er den energetischen Strahl kreisen ließ. Doch der
-freie Fall des Fliegers raubte ihm die Sicherheit der Bewegungen,
-machte die schon so schwierige Aufgabe, mit einem Strahl den halben
-Raum abzuschirmen, zu einer unlöslichen. Seine Hände vermochten den
-Strahl nicht mehr sicher zu meistern. Wildzuckend stieß er nach allen
-Seiten weithin durch den Raum. Jetzt traf er in Kanada einen Wald
-und fraß ihn in feurigem Wirbel. Jetzt ließ er auf den Gipfeln des
-Himalaja den Schnee aufkochen. Jetzt dampfte der Ozean, von der Energie
-durchsetzt.
-
-Das Flugschiff stürzte, während die Sekunden sich zur Minute ballten.
-Schon wurde die Atmosphäre dichter, die Gefahr geringer.
-
-Da ein scharfer, greller Schlag. Ein Meteorit von Faustgröße durchbrach
-die Decke des Flugschiffes. Drang weiter vor und traf den Hebel des
-Strahlers. Erik Truwor hatte zu Beginn seiner wahnsinnigen Fahrt
-die Sperrungen entfernt. Der Hebel wurde zurückgetrieben. Über
-den Sperrpunkt hinaus ... die Energie von zehn Millionen Kilowatt
-explodierte im Flugschiff, im Strahler selbst ... Eine Feuerwolke, wo
-eben noch der Flieger durch den Raum stürzte.
-
-So schnell wie das Feuer am Himmel entstand, verschwand es auch wieder.
-Machte bläulichem Dampf Platz, der sich ausbreitete, auflöste und zu
-Nichts wurde. Nur das Nichts blieb übrig. Der leere Raum. Nichts mehr
-vom Rapid Flyer, von seinem Insassen und vom Strahler.
-
-Die letzten Ausläufer der schweren Explosion erreichten noch die
-unteren Schichten der Atmosphäre. Ein Sturm jagte über das Schneefeld
-und ließ die Flanken des Eisbergs erzittern. Ein Schüttern und Dröhnen
-ging durch das Eismassiv. Ein Aufruhr aller Elemente begleitete den
-Untergang dessen, dem das Schicksal eine so unendliche Macht anvertraut
-hatte.
-
- * * * * *
-
-Ein leuchtend schöner Septembermorgen lag über dem Park von Maitland
-Castle. Ein feiner blauer Dunst milderte das Sonnenlicht, gab den
-Wiesen und Baumgruppen eine besondere Tönung, ließ entfernte Dinge
-unwahrscheinlich nahe erscheinen.
-
-Der blaugoldene Frieden des lichten jungen Tages verschönte den
-Park, während seine Herrin in Sorge und Unruhe war. Diana Maitland
-wanderte rastlos durch die verschlungenen Wege der Anlagen. Heute
-wollte ihr Gatte kommen. Die Nachricht war in der Nacht eingetroffen.
-Der Friedensvertrag mit den vielen Paragraphen und Anhängen war
-unterzeichnet. Der Herr von Maitland Castle kehrte in sein Haus zurück.
-
-Diana ging durch den Park, gedachte des letzten Zusammenseins,
-erwartete mit Unruhe das Kommende.
-
-Wie war es gewesen? Horace konnte sich nicht zu ihrer Meinung bekehren.
-Er sah nur Unheil in einer Macht, von der sie den Fortschritt und die
-Befreiung der Welt erwartete. Horace glaubte nicht an Menschen, die
-eine ungeheure Macht nur zum Besten der Menschheit anwenden würden.
-Horace sah im Träger der Macht nicht den vollkommenen Menschen, sondern
-einen Rivalen, der ihm das Herz seiner Gattin abwendig machte. Horace
-konnte die Person nicht von der Sache trennen. Horace war eifersüchtig
-... War es heute noch auf einen Mann, der vor Jahren einmal auf
-kurze Wochen in den Lebenskreis Dianas getreten war. Und Diana wußte
-nicht, wie sie ihm die Grundlosigkeit dieser Eifersucht beweisen
-sollte ... Und fühlte doch in dieser Stunde stärker denn je, daß ihr
-Lord Horace Maitland alles, jener andere geheimnisvolle Träger einer
-geheimnisvollen Macht nur ein Schemen war. Nur noch eine Erinnerung an
-längst vergangene Tage bedeutete. Die Erinnerung an ein kurzes Glück,
-das unwiederbringlich dahin war. Eine Erinnerung, an die sie jetzt
-denken konnte wie an ein schönes Bild oder einen schönen Tag, während
-doch ihr Leben und ihre Liebe Horace gehörten.
-
-Ruhelos durchwanderte sie den Park und wußte selbst nicht, zum
-wievielten Male sie jetzt wieder an dem großen Eingangsportal
-vorüberkam.
-
-Eine Gestalt fesselte Dianas Aufmerksamkeit. Sie sah einen Mann dem
-Gitter näherkommen. Nun unterschied sie Einzelheiten, erkannte die
-dunkle, bronzefarbene Haut, dachte, das müsse wohl ein Inder sein. Und
-dann stand die Gestalt an dem Torflügel, der dem Druck seiner Hand
-nachgab. Stand auf dem Parkweg dicht vor Diana Maitland, grüßte sie
-durch eine tiefe stumme Verbeugung nach indischer Sitte.
-
-Diana blickte in sein Antlitz, sah in den Glanz eines leuchtenden
-Augenpaares und fühlte, wie ihre Unrast einer wohltätigen Ruhe
-wich. Wohl eine Minute stand sie so vor ihm, die vornehme Lady, die
-Herrin von Maitland Castle, vor einem unbekannten braunen Mann, der
-ohne Erlaubnis in ihren Park kam ... der ... war denn das Tor nicht
-verschlossen? ... Sollte es nicht immer verschlossen gehalten werden?
-... Kein Diener in der Nähe. Diana raffte sich zur Frage zusammen:
-
-»Was suchen Sie hier?«
-
-»Ich suche Jane Bursfeld.«
-
-In jähem Schreck zuckte Diana zusammen.
-
-»Was wollen Sie von Jane Bursfeld?«
-
-»Ich will ihr sagen, daß Silvester Bursfeld tot ist.«
-
-»Tot! ... Silvester Bursfeld ist tot?«
-
-Ihre Blicke hingen wie gebannt an den glänzenden Augensternen des
-Inders. Was verbarg sich noch hinter dieser hohen Stirn?
-
-»Wer sind Sie?«
-
-»Ich bin Soma Atma, Silvester Bursfelds Freund.«
-
-Langsam, schwerflüssig wie die Perlen eines Rosenkranzes fielen die
-Worte von den Lippen des Inders, und bei jedem Wort wich Diana einen
-Schritt weiter von dem Sprechenden zurück, hob abwehrend die Hände, als
-schreckte sie vor jedem neuen Wort, das Atma sprach.
-
-»Sie sind Soma Atma? ... Einer von den dreien?«
-
-»Der Letzte!« ...
-
-»Der Letzte?«
-
-Schweigend neigte sich Atma, die Arme über der Brust verkreuzt.
-
-»Die anderen? ... Wo sind sie?«
-
-»Tot!« ...
-
-»Tot ... beide tot? ... Auch Erik Truwor tot?« ...
-
-»Er frevelte und starb ...«
-
-Mehr taumelnd als gehend erreichte Diana die nahe Bank. Sie hörte nicht
-das Signal des Autos, das ihren Gatten brachte. Sie sah nicht, wie
-er den Wagen verließ. Sie sah nicht, wie er verwundert ... erstaunt
-stehenblieb, wie Atma an seine Seite trat und beide auf dem Wege, der
-zum Schloß führte, hin und her gingen. Sie gewann die Herrschaft über
-ihre Sinne erst wieder, als der Ruf ihres Gatten ihr Ohr traf.
-
-»Diana! ... Diana!«
-
-Hatte die Kunde von dem gewaltsamen sündigen Tod Erik Truwors Diana
-niedergeworfen, oder war es nur die Wucht aller dieser Ereignisse und
-Nachrichten, die so plötzlich auf sie einstürmten? Lord Horace wußte
-es nicht, aber er fühlte, daß die nächsten Minuten ihm die Klarheit
-darüber bringen müßten.
-
-Diana vernahm den Ruf und schrak auf. Schmerzzerrissen, mit verstörten
-Augen blickte sie ihren Gatten an. Wie einen Unbekannten.
-
-»Horace! ... Horace!«
-
-Das war der Ruf einer Seele aus tiefster Not.
-
-»Horace ... du! ... du!«
-
-Lord Maitland legte die Arme um Dianas Leib. Er fühlte ihr Herz an
-seiner Brust in wilden Schlägen toben. Er fühlte, wie ihre Glieder
-zitterten und bebten.
-
-»Diana ... was ...«
-
-Behutsam und fürsorglich führte Lord Maitland Diana zu der Bank zurück.
-Er wollte sprechen und kam nicht dazu. Sein Weib hing an seinem Hals,
-umschlang ihn mit den Armen, als ob sie ihn erdrücken ... als ob sie
-ihn nie wieder lassen wolle.
-
-Ein frohes Leuchten kam in seine Augen.
-
-»Diana?« halb Frage, halb Jubel lag in dem einen Wort. Er versuchte
-es, die Arme, die ihn so fest umschlungen hielten, sanft zu lösen,
-ihr Gesicht zu sich zu erheben. Sie widerstand ihm. Nur noch fester
-umschlangen ihre Arme seinen Nacken, nur noch enger preßte sie ihr Herz
-an das seine.
-
-Und da wußte Lord Maitland: Sie war sein und immer sein gewesen. Mit
-frohen Augen blickte er zu der strahlenden Morgensonne empor, Diana
-fest in den Armen.
-
-So saßen sie eng umschlungen, vergaßen die Welt um sich, vergaßen die
-Zeit, die rastlos verstrich. Bis der Sonnenglanz sich trübte, ein
-Schatten auf ihre leuchtenden Gestalten fiel. Der Schatten Atmas, der
-dicht vor ihnen stand. Die Gegenwart Atmas brachte sie in Raum und Zeit
-zurück.
-
-»Wo ist Jane Bursfeld?«
-
-Wie ein kaltes Wehen strich es über ihre glühenden Herzen.
-
-»Jane?« ... Diana sprang auf.
-
-»Arme Jane! Ich will Euch zu ihr führen.«
-
-Langsam und zögernden Schrittes ging sie vor den beiden Männern nach
-der Blutbuche hin, bei der sie Jane wußte. Bei dem Klang der nahenden
-Schritte blickte Jane empor. Ihre Augen wanderten von dem einen zum
-anderen. Dann erkannte sie Atma, sprang auf und lief ihm entgegen.
-
-»Atma! Atma! Du ... du hier?«
-
-Glück und Freude strahlten auf ihren Mienen.
-
-»Atma, du bist hier? Wo ist Silvester? Wo hast du Silvester? .. Wann
-kommt er? .. Wann holt er mich?«
-
-Atma stand unbeweglich. Mit beiden Armen hatte er die Gestalt Janes
-aufgefangen, als sie ihm entgegenlief. Sie hing an seinem Halse. Er
-hielt sie nur noch mit der Linken umschlungen. Drückte die Linke fest
-auf ihr Herz, während er mit der Rechten das zarte blonde Haupt auf
-seine Schulter niederzog, ihr langsam über Stirn und Augen strich.
-Langsam, wie schwere Tropfen fielen die Worte von seinen Lippen:
-»Silvester ... dein Mann ... ist tot.«
-
-Jane zuckte zusammen. Regungslos lag sie da im Arm Atmas, ließ sich von
-ihm zu der Bank führen, saß immer noch in seinem Arm neben ihm.
-
-»Silvester Bursfeld ist tot.«
-
-In der Stille des Herbstmorgens drangen die Worte bis an das Ohr
-Dianas, die sich an den Arm ihres Gatten klammerte.
-
-Und noch ein drittes Mal wiederholte Atma die traurige Kunde, während
-seine Linke das stockende Herz Janes zusammenpreßte.
-
-»Silvester Bursfeld, dein Gatte, ist tot.«
-
-Jane Bursfeld hörte die Worte, ohne zu weinen, zu klagen. Langsam hob
-sie ihr blasses Haupt, starrte in den sonnigen Himmel, blickte, sann
-und hörte, was Atma sprach.
-
-Von der letzten Stunde Silvesters sprach Atma. Wie ihm der letzte große
-Wurf gelungen. Wie er seine Entdeckung zur höchsten Vollendung gebracht.
-
-Die starre Unbewegtheit Janes wurde durch ein leises Zittern
-erschüttert.
-
-Weiter sprach Atma. Daß Silvester dahingegangen sei, die letzte
-Botschaft Janes im Herzen. Wie sie ihn fanden, im Tode noch ein Lächeln
-auf den Lippen, den Depeschenstreifen in den erstarrten Händen.
-
-Jane hörte es, und ihr starrer Blick leuchtete auf. Ihre Lippen zuckten
-noch, ihre Mienen wurden ruhiger.
-
-Atma sprach, und langsam ließ der Druck seiner Hand auf ihr tief und
-gleichmäßig pochendes Herz nach.
-
-»Sein Name und sein Ruf leben in deinem Schoß fort. Sorge für
-Silvester, indem du für sein Kind sorgst und lebst ...«
-
-Er ließ seine Arme sinken. Frei stand Jane vor ihm. Doch sein
-gewaltiger Einfluß wirkte weiter. All ihr Fühlen, alle ihre Gedanken
-konzentrierte er auf das keimende Leben in ihrem Schoß.
-
-Ein Lächeln trat auf ihre Züge. Ihr Antlitz gewann die zarte Röte
-wieder. So schritt sie an Soma Atma vorbei. So an Lord Horace und Lady
-Diana vorüber dem Schloß zu.
-
-In den Armen Atmas hatte sie das Furchtbare des ersten Schmerzes
-überstanden. Ihr künftiges Leben, ihre ganze Zukunft war dem Erben
-Silvesters, dem Erben der Macht geweiht.
-
-Diana Maitland sah Jane auf das Haus zugehen. Sie zitterte unter
-dem Eindruck der Szene. Sie hatte gefürchtet, Jane weinen, Jane
-niederbrechen, Jane sterben zu sehen. Und sah sie ruhig und gefaßt
-fortschreiten.
-
-Sie fühlte die eigenen Knie wanken und stützte sich fester auf den Arm
-ihres Gatten.
-
-Atma schritt langsam Jane Bursfeld nach. Er kam an Lady Diana und Lord
-Horace vorüber. Sein Schritt verzögerte sich. Er blieb stehen.
-
-Sein Blick umfaßte die Gestalt Dianas, wie er vorher auf der Janes
-geruht hatte. Voll öffneten sich seine Lippen. Glanz strahlte aus
-seinen Blicken. Langsam sprach er ... stockend, abgerissen, wie von
-einer fremden Macht getrieben:
-
-»Gesegnet ist das Haus. Die Erben zweier Geschlechter werden in seinen
-Mauern geboren ... Sorgt für sie! ... Hütet sie! ... Sie tragen die
-Zukunft ... das Schicksal bestimmt sie zu ... Großem ...!«
-
-Er ging weiter ...
-
-»Diana! Was sagte der Inder? ... Was meinte er ... Zwei Erben!«
-
-Diana Maitland hatte den Blick zu Boden gerichtet. Lord Horace zwang
-sie mit sanfter Gewalt, den Kopf zu erheben, ihn anzusehen.
-
-»Zwei Erben! Diana! Was meinte Atma?«
-
-»Er sah und sagte, was ist.«
-
-»Diana!«
-
-»Horace!«
-
-Es waren nur zwei Worte, zwei kurze Namen. Aber in ihnen lag ihre
-Zukunft.
-
-So zärtlich und behutsam führte Lord Horace Lady Diana dem alten
-Stammschloß der Maitlands zu, als habe er den kostbarsten Schatz im Arm.
-
- * * * * *
-
-Dreifach hatte das Schicksal Glossin getroffen. Ehrlos, machtlos
-und mittellos mußte er die Staaten verlassen. Zu spät begriff der
-sonst so Schlaue, daß die Zeit für die Methoden und die Moral der
-Gewaltherrschaft vorüber war, daß Männer mit anderen Grundsätzen das
-Regierungssteuer ergriffen hatten.
-
-Aus der Macht war er gestoßen, die zwanzig Jahre sein Element war, ohne
-die er nicht leben und atmen zu können glaubte. Die Millionen, die
-er in den Jahren der Macht errafft und an sich gebracht hatte, waren
-ihm genommen. Gerade so viel blieb ihm nach den Worten und dem Willen
-William Bakers, daß er bei England nicht zu betteln brauchte, um sein
-Leben zu fristen.
-
-So kam er nach England zurück. Am Morgen nach jener Sturmnacht, in
-der die empörten Patrioten ihn aus Washington verjagten. Nur noch ein
-Gefühl hielt den Willen zum Leben in ihm aufrecht, fesselte ihn an das
-Leben. Seine Liebe zu Jane Bursfeld.
-
-Jane war im Hause der Maitlands. Sollte er sich jetzt, ein verfemter
-Flüchtling, dort zeigen? Sollte er vor Lord Horace hintreten, das
-Mädchen, das er dort als seine Nichte gelassen, zurückverlangen?
-
-Diese Fragen waren heikel. Zu viel war seit dem Tage, an dem er das
-Versprechen erhielt, geschehen. Die unbekannte Macht war aufgetreten,
-und ihr Auftreten hätte den Sturz des Diktators wohl auch ohne Glossin
-bewirkt. Der Umstand mußte auf die Größe der englischen Dankbarkeit
-verringernd wirken.
-
-Eile tat not. An dem gleichen Morgen, an dem Soma Atma in
-Maitland-Castle war, kam Glossin dort an. Seine Kenntnis der
-Örtlichkeit ermöglichte es ihm, den Park ungesehen zu betreten, sich
-auf dicht verwachsenen Seitenwegen dem Schloß zu nähern. Sein Plan war
-überaus einfach, daß er zu jeder anderen Stunde sicher gelingen mußte.
-Sich Jane unbeobachtet nähern. Sie wieder voll unter seinen Einfluß
-zwingen. Mit ihr zusammen den Park verlassen. Und dann schnell fort.
-Weit fort aus England in irgendein fremdes Land, in dem man Dr. Glossin
-nicht kannte, in dem er, Jane an der Seite, auch mit den Trümmern
-seines einstigen Reichtums immer noch leben konnte.
-
-Dr. Glossin kam dem Schloß immer näher. Der schmale windungsreiche Weg
-führte zu einem achteckigen Pavillon. Von der anderen Seite dieses
-Gebäudes lief ein breiterer Weg aus dem Park auf eine wiesenartige
-Lichtung, und dort unter einer großen Blutbuche sah er Jane allein
-sitzen.
-
-Dr. Glossin stand und verschlang das anmutige Bild mit den Blicken. Er
-stand am Ziel seiner Wünsche.
-
-Vorsichtig wollte er näher gehen. Den Plan ausführen, Jane in seine
-Gewalt bringen.
-
-Der Klang von Stimmen, das Geräusch nahender Schritte zwang ihn,
-stehenzubleiben. Schritt um Schritt zurückzuweichen, vor den Blicken
-der Nahenden Deckung hinter den Bäumen am Pavillon zu nehmen.
-
-Er sah Lord Horace den Weg vom Schloß herankommen. An seiner Seite
-einen Mann mit brauner Hautfarbe. Den Mann, dessen Signalement er seit
-der Affäre von Sing-Sing kannte, dessen Bild ihm seit dem Untergang von
-R. F. c. 2 so oft drohend und düster in die Erinnerung gekommen war.
-
-Atma ging allein auf Jane zu.
-
-Glossin drückte gegen die Tür des Pavillons. Sie war nicht verschlossen
-und gab dem Druck nach. Er schlüpfte hinein und zog die Tür hinter sich
-wieder zu. Halbdunkel herrschte hier. Die Jalousien an den Fenstern
-waren hinabgelassen. Nur durch die Spalten zwischen den Stäben drang
-das Tageslicht in den Raum und erfüllte ihn mit einer ungewissen
-Dämmerung.
-
-Dr. Glossin trat an ein Fenster und beobachtete durch einen Spalt, was
-im Park vorging.
-
-Er sah, wie Atma Jane fest in die Arme nahm. Er sah sie auf das Schloß
-zugehen und erkannte mit dem Blicke des Arztes, daß sie gesegneten
-Leibes war. Er taumelte vom Fenster zurück und ließ sich in dem
-dämmerigen Raum auf einer Gartenbank niedersinken. Die letzte Hoffnung,
-die ihn noch an das Leben band, war entschwunden. Jane war ihm
-verloren. Sie würde dem anderen, dem Verhaßten, den Erben schenken.
-
-Es war Zeit, ein Ende zu machen.
-
-Jahre hindurch hatte Dr. Glossin mit der Möglichkeit, ja mit der
-Notwendigkeit eines freiwilligen Todes gerechnet. Die verschiedenen
-Todesarten wohlüberlegt, die Mittel dafür beschafft.
-
-Gifte, die momentan und schmerzlos wirken. Narkotika, die einen
-angenehmen Schlummer erzeugen, der unmerklich in den Todesschlaf
-übergeht. Der plötzliche Sturz, die jähe Verbannung und Flucht hatten
-ihn aller dieser Mittel beraubt. Nur die kleine Schußwaffe blieb ihm,
-die er immer mit sich führte, die er einst auf Silvester abdrückte.
-
-Er riß sie heraus und richtete sie mit schnellem Entschluß gegen die
-eigene Brust.
-
-Der Schuß dröhnte durch den kleinen Raum. Der Körper Glossins sank
-zusammen, streckte sich, fiel von der Bank auf den Steinboden ...
-
-In dem gleichen Moment, in dem Atma den Raum betrat.
-
-»Die Stunde ist gekommen.«
-
-Atma sprach es mit leiser Stimme, während er den Körper des Sterbenden
-auf der Bank bettete.
-
-Er strich ihm über die Augen und Schläfen, und das Blut aus der
-Brustwunde floß langsamer, stockte.
-
-Nur noch in langen Pausen fiel es Tropfen für Tropfen auf den Boden.
-Traumhaft, nebelhaft kam dem Verletzten das Bewußtsein zurück. Vor
-seinen geschlossenen Augen gaukelten Gestalten wirr durcheinander.
-
-Cyrus Stonard, den er verraten, stand vor ihm und blickte ihn mit
-Verachtung an. Wandelte sich dann in die Gestalt William Bakers und
-wandte ihm mit der gleichen Verachtung den Rücken.
-
-Immer dichter, immer zahlreicher wurden die Gestalten, Menschen, die er
-vor langen Jahren bekämpft, verraten, verdorben hatte. Sie tauchten aus
-dem dämmernden Nebel, blickten ihn an und verschwanden wieder.
-
-Dr. Glossin versuchte der Traumbilder Herr zu werden. Mit verzweifelter
-Anstrengung zwang er sich zum Denken.
-
-... Ich habe mich schlecht getroffen ... Stockender Puls ... Delirien
-der beginnenden Auflösung ...
-
-Seine Gedanken verjagten den Spuk. Alle diese huschenden, blickenden
-und anklagenden Gestalten verschwanden. Nur ein matter, blasser Nebel
-blieb ihm vor den Augen.
-
-Die Zeit verrann. Der Sterbende wußte nicht mehr, ob es Sekunden oder
-Jahrhunderte waren.
-
-Der Nebel begann zu wallen. Eine neue Gestalt bildete sich in ihm.
-
-Glossin sah zwei Augen, die ihn ruhig anblickten, ihm so wohlbekannt
-erschienen, ihn an lange vergangene Zeiten erinnerten.
-
-Der wallende Nebel verdichtete sich. Formte Gesichtszüge um die
-einsamen Augen. Eine hohe Stirn, einen blonden Bart.
-
-So hatte Gerhard Bursfeld vor dreißig Jahren ausgesehen. Jetzt trat
-auch die ganze Gestalt hervor. Im weißschimmernden Tropenanzug, den er
-damals in Mesopotamien trug.
-
-Glossin suchte sich der Erscheinung zu entziehen. Ich muß die Augen
-aufmachen, dann wird alles verschwinden.
-
-Mit unendlicher Mühe versuchte er die Lider zu heben, glaubte, daß es
-ihm gelungen sei. Er empfing einen Eindruck des Raumes, der Pfeiler und
-Fenster. Aber die Gestalt Gerhard Bursfelds verschwand nicht. Sie wurde
-nur undeutlicher, halb durchsichtig, so daß die Möbel des Raumes hinter
-der Figur wie durch einen Schleier zu erkennen waren.
-
-Und dann eine zweite Gestalt neben der ersten. Die Gesichtszüge bis auf
-den Bart die gleichen. Die Augen dieselben. Fragend und anklagend.
-
-Silvester Bursfeld, so wie ihn Dr. Glossin das letztemal sah, als R. F.
-c. 2 im Feuer des Strahlers schmolz.
-
-Die Gestalt des Sohnes neben der des Vaters. Deutlicher, weniger
-durchsichtig. Der Vater an ein altes, schon verblaßtes Bild gemahnend,
-der Sohn in den frischen Farben des Lebens. Sich umschlingend, standen
-die beiden Gestalten vor ihm.
-
-Glossin fühlte, wie sein Leben entfloh. Er machte keine Anstrengung,
-es zu halten. Er sehnte sich fort von allen quälenden Bildern und
-Erinnerungen in ein Land des Vergessens, des Nichtwissens.
-
-Die beiden Gestalten blieben. Eine dritte trat hinzu. Die braune Figur
-eines Inders. In dem dunklen Antlitz standen groß und strahlend die
-Augen, ruhten mit bannender Gewalt auf dem Sterbenden.
-
-Nun war es, als ob Atma, der Inder, alle Gedanken Glossins mitfühlte,
-als ob beide Gehirne zu einem verschmolzen.
-
-Stärker wurde die Sehnsucht des Sterbenden nach wunschloser Ruhe.
-
-»Du suchst das Nirwana. Du bist ihm fern.«
-
-Kein Wort war im Raum gefallen, und doch hatte Dr. Glossin den
-deutlichen Eindruck der Worte:
-
-»Die Stunde ist gekommen.«
-
-Laut sprach Atma die Worte. Das stockende Blut begann wieder zu
-fließen, und mit dem roten Strom entwich das Leben. Ein Seufzer, ein
-letztes Zucken. Glossin war in das dunkle Land gegangen, aus dem es
-keine Wiederkehr gibt.
-
- * * * * *
-
-Die Sonne war unter den Horizont gegangen, und die Schatten beginnender
-Dämmerung breiteten sich über die Straßen und Häuser Düsseldorfs aus.
-In dem alten, bequemen Lehnstuhl am Fenster saß der alte Termölen, die
-lange Pfeife zwischen den Lippen, und stieß in langen Pausen kräuselnde
-Wolken bläulichen Rauches in den Raum. Frau Luise ging ordnend im
-Zimmer hin und her.
-
-Jane Bursfeld hatte ihren Platz auf der breiten Bank, die den mächtigen
-Delfter Ofen umzog.
-
-Das ungewisse Zwielicht verbot das Lesen, und Jane ließ ihr Buch
-sinken. Sie saß und hörte auf die Worte, die der alte Termölen zwischen
-den Dampfwolken von den Lippen fallen ließ.
-
-»Das Rad dreht sich, Jane. Sprach nicht dein Freund, der Inder, immer
-davon?«
-
-Jane blickte sinnend auf.
-
-»Er sprach davon. Vom Rad des Lebens, auf das wir alle gebunden sind.«
-
-»So mein ich es nicht, Jane. Ich meine das Rad der Weltgeschichte,
-das die Völker herauf- und herunterbringt. ... Heute ist die Berliner
-Konferenz zu Ende gegangen ... Wie weit muß ich zurückdenken ... bis
-in meine früheste Kindheit ... Meine Eltern sprachen von Bismarck und
-vom alten Kaiser ... später hörte ich von der Berliner Konferenz, die
-unter dem Vorsitze des Fürsten Bismarck getagt hatte ... Anno 1879 ...
-Die Staatsmänner Europas kamen in Berlin zusammen, berieten im Herzen
-Europas über das Schicksal ihres Erdteiles ... Jetzt war wieder eine
-Konferenz in Berlin, Sechsundsiebzig Jahre später. Was ist in den
-sechsundsiebzig Jahren alles passiert.«
-
-Andreas Termölen machte sich mit seiner Pfeife zu schaffen. Jane nahm
-den Faden seiner Rede auf.
-
-»Lord Horace war nicht in froher Laune, als er vor vierzehn Tagen mit
-mir nach Deutschland fuhr. Er war ernster als ich ihn sonst kannte.«
-
-»Das glaube ich dir aufs Wort, Hannchen. Die Engländer haben keinen
-Grund, fröhlich zu sein. Sie dachten, was Englisch spricht, gehört
-auch zum englischen Weltreich. Australien, Afrika, Amerika ... alle
-Weltteile wurden englisch, und sie dachten, das würde in aller
-Ewigkeit so bleiben. Sie hatten das Schicksal von Spanien und Portugal
-vergessen. Glaubten, die gemeinsame Sprache und Sitte müßten die
-Kolonien ewig an London binden.
-
-Jetzt ist das ganz anders gekommen. Die Kolonien verlangen ihre volle
-Selbständigkeit, und das Mutterland hat sie nicht halten können.
-
-Die Welt gehört den ~English speakers~! Das Wort kam wohl so um 1900
-auf und schien mit jedem folgenden Jahrzehnt immer mehr Wahrheit zu
-werden ...«
-
-Die Gedanken des alten Termölen flogen die Jahrzehnte zurück.
-
-»1904 ... wir waren damals im ersten Jahr verheiratet ... da ging der
-Kampf in Ostasien los. Zur höheren Ehre Englands schlug der Japaner den
-Russen.
-
-Und dann kamen die Balkankriege ... und dann kam der große Weltbrand
-Anno 14 bis 18 ...«
-
-Es war immer dämmriger in dem Raum geworden. Schon warfen die
-Straßenlaternen ihre Lichtreflexe gegen die Zimmerdecke. Schweigend
-saßen die beiden Frauen und lauschten den Worten des alten Mannes, der
-abgerissen die Erinnerungen seiner achtzig Jahre vorüberziehen ließ.
-
-»... und da waren wir ganz unten. Man wußte in Deutschland nichts mehr
-von Bismarck und seinem Vermächtnis. Die anderen im Osten und Westen
-machten mit uns, was sie wollten, solange wir es uns gefallen ließen
-... gefallen lassen mußten ... Europa war krank, weil sein Herz krank
-war. Die Welt gehörte den ~English speakers~ ...
-
-Und dann kam Rußland wieder hoch ...
-
-Und dann ging es im fernen Osten los. Der Japs überrannte den
-Amerikaner ...
-
-Und dann kam die amerikanische Revolution ... und dann kam Cyrus
-Stonard ...
-
-Und dann kam der Englisch-Amerikanische Krieg ... und dann kam die
-Macht ... Die geheimnisvolle Macht. ... Wie ein Komet glänzte sie
-plötzlich auf ...«
-
-Verhaltenes Schluchzen unterbrach das Selbstgespräch des alten
-Termölen. Es war Jane, die, von der Erinnerung an ihr kurzes Glück
-überwältigt, die Tränen nicht zurückhalten konnte.
-
-»Silvester ... Erik Truwor ... Soma Atma ... Wo sind sie? ... Wo sind
-sie geblieben? Silvester ist tot, mir auf immer entrissen ... Erik
-Truwor ging in Sturm und Brand zugrunde ... Die Macht ist verschwunden,
-wie sie kam ...«
-
-Der alte Termölen antwortete:
-
-»Verschwunden ... vielleicht ... verloren ...? Es waren drei ... drei
-Träger der Macht. Zwei sind tot. Der dritte, der Inder, lebt noch ...«
-
-»Ja! Einer von den dreien blieb übrig.« Jane sagte es. »Soma Atma blieb
-am Leben, während Silvester sterben mußte ... Soma Atma. Warum ...
-warum ...?«
-
-»Weil sein Geschick noch nicht erfüllt ist ...«
-
-Eine andere Stimme sprach die Worte, Jane wohlvertraut.
-
-»Atma! ... Soma Atma, bist du hier?«
-
-Jane richtete sich auf, blickte gegen die Tür und meinte im letzten
-Dämmerschein die dunkle Gestalt Atmas vor sich zu sehen.
-
-»Atma, du?«
-
-»Ich bin hier, Jane. Ich bin bei dir. Mein Schicksal ist noch nicht
-erfüllt. Ich muß dir zur Seite stehen, bis der Erbe Silvesters sein
-Schicksal selber formt. Die Macht ist nicht verloren. Nur verwahrt und
-verborgen, bis der kommt, der mit reinem Herzen und mit reinen Händen
-nach ihr greift.«
-
-Jane hörte die Stimme, fühlte, wie eine dunkle Hand sanft über ihren
-Scheitel strich, wie irgend etwas leise in ihren Schoß fiel. Sah die
-Gestalt Atmas nach der Tür zu lautlos verschwinden, wie sie gekommen.
-
-Sie blickte um sich. Da saß der alte Termölen, wie er noch eben
-gesessen. Auf die dämmrige Straße schauend, auf der sich die ersten
-Lichter entzündeten. Da schaffte die alte Frau nach wie vor an den
-Tassen und Gläsern der Servante.
-
-Jane wußte nicht, ob sie wache oder träume. War das alles nur ein Spiel
-ihrer überreizten Sinne oder Wirklichkeit?
-
-Noch hörte sie die letzten Worte Atmas im Ohr klingen:
-
-»Bis einer kommt, der mit reinem Herzen und mit reinen Händen nach der
-Macht greift.«
-
-Sie dachte ihres Kindes, das hier nach dem Vermächtnis Silvesters in
-der alten deutschen Heimat aufwachsen sollte.
-
-Sie griff in ihren Schoß, und ihre Finger fühlten kühles Metall.
-
-Sie hob es langsam zu ihren Augen empor und sah den schweren alten
-Goldreif mit dem wunderlichen Stein, den sie sooft an der Hand
-Silvesters erblickt hatte. Den Ring, der Silvester an die Macht
-gebunden, ihn bis zu seinem Tod in den Dienst der Macht gezwungen hatte.
-
-Es war eine Gabe des letzten noch lebenden Trägers der Macht für sie
-... für ihren Knaben.
-
-Die Stimme des alten Termölen drang in ihr Sinnen:
-
-»... Die Macht ... die unendliche Macht. Woher kam sie? ... Wohin ging
-sie? ... Warum?« ...
-
- * * * * *
-
-
-
-
-Im gleichen Verlage sind erschienen:
-
-
- ~Johannes Schlaf~
-
- Ein freies Weib
-
- Die Geschichte dieser Irrungen und Wirrungen wird alle
- interessieren, denen Liebes- und Eheprobleme am Herzen liegen.
- Das Buch regt an zu Ideen über eine Lösung der Jünglingsfrage,
- ohne die die Frauenfrage nicht beantwortet werden kann.
-
-
- ~Grazia Deledda~
-
- Die Mutter
-
- Das Buch ist eine erschütternde Anklage gegen das Zölibat,
- die so vornehm geformt ist, daß auch Katholiken das Buch ohne
- Anstoß und nur mit tiefer Ergriffenheit lesen können. Von
- reifster Künstlerschaft zeugt die Darstellung des Verhältnisses
- zwischen Mutter und Sohn, das zuweilen die Höhe göttlicher
- Symbolik erreicht.
-
-
- ~Felix Philippi~
-
- Liebesfrühling
-
- Ein Buch, so recht geschaffen, sich in stillen Feierstunden
- in seiner Lektüre festzuspinnen und sich vom Zauber dieser
- vergangenen Welt umfangen zu lassen.
-
-
- ~Adelheid Weber~
-
- Die Hauensteinerin
-
- Den vielgestaltigen Anforderungen der Leserschaft wird
- dieser Roman in seltenem Maße gerecht. Aktualität und
- Gegenwartsflucht, dichterische Ausgestaltung der Zeitprobleme
- und Einkehr in eine glücklichere, imaginäre Welt in
- harmonischer Einheit.
-
-
- Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H.
- Leipzig.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.
-
- Im Original unterschiedliche Schreibweisen von Wörtern wurden
- beibehalten.
-
- Korrekturen (der korrigierte Text ist in {} eingeschlossen):
-
- S. 42: de → des
- Die drei Ringe {des} Tsongkapa
-
- S. 58: Glady → Gladys
- die sterbliche Hülle von {Gladys} Harte barg
-
- S. 63: ein → eine
- schon {eine} alte Negerin entgegen
-
- S. 67: Sie → sie
- Ich vergaß, {sie} ist verschlossen
-
- S. 70: eine → einer
- Joe Williams, {einer} der zwölf Zeugen
-
- S. 77: Werstatt → Werkstatt
- in seiner Abgelegenheit sollte die {Werkstatt} abgeben
-
- S. 77: restloser → rastloser
- zwang den Forscher zu harter, {rastloser} Arbeit
-
- S. 115: ein → eine
- Stamford wollte {eine} Million Tonnen Rohstahl
-
- S. 141: Steinbock → Steinblock
- den wandernden Schatten und einen {Steinblock}
-
- S. 142: Jetzte → Jetzt
- {Jetzt} streifte der Schatten den Stein
-
- S. 143: übernächtigen → übernächtigten
- einen übermüdeten und {übernächtigten} Eindruck
-
- S. 157: Ihrer → ihrer
- Durch Jane, die es von {ihrer} Mutter weiß
-
- S. 159: Unkle → Uncle
- John Bull und {Uncle} Sam sich an die Kehle wollen
-
- S. 180: Zunkunft → Zukunft
- das uns die {Zukunft} bringen wird
-
- S. 180: Diana → Jane
- Dann legte {Jane} ihre Arme um Silvesters Hals
-
- S. 209: folgten sich → folgten
- Aber nun {folgten} die englischen Salven
-
- S. 217: über bringt → welche Nachrichten er überbringt
- (Textergänzung)
- Es wird dich interessieren, {welche Nachrichten er überbringt}
-
- S. 225: Kriegsminister → Kriegsministers
- in die Hände des {Kriegsministers}
-
- S. 273: wervolle → wertvolle
- in ihm eine {wertvolle} Hilfe
-
- S. 291: Die → Der
- {Der} Verantwortung, dem verhaßten Entschluß
-
- S. 360: Ausgestalltung → Ausgestaltung
- dichterische {Ausgestaltung} der Zeitprobleme
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Macht der Drei, by Hans Dominik
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MACHT DER DREI ***
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-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Die Macht der Drei, by Hans Dominik
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
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-
-Title: Die Macht der Drei
- Ein Roman aus dem Jahre 1955
-
-Author: Hans Dominik
-
-Release Date: January 20, 2016 [EBook #50984]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MACHT DER DREI ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am
-<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<p class="center">Hans Dominik</p>
-
-<p class="center large">Die Macht der Drei
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h1>Die<br />
-<span class="larger">Macht der Drei</span></h1>
-
-<p class="center">
-Ein Roman aus dem Jahre 1955</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="h2">Hans Dominik</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<hr class="r5" />
-<p class="center">Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H.,</p>
-
-<p class="center">Leipzig
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<p class="center">Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten.
-Copyright 1922 by Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G.m.b.H.,
-Leipzig.</p>
-
-<p class="center">Druck von Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H., Leipzig
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p>
-
-<h2 id="teil_1" class="hidden">Teil I.</h2>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">»Das Mysterium von Sing-Sing! Spezialtelegramm:
-Sing-Sing, 16. Juni, 6 Uhr
-morgens. Dreimal auf dem elektrischen
-Stuhl! Dreimal versagte der Strom! Beim dritten
-Mal zerbrach die Maschine. Der Delinquent unversehrt.«</p>
-</div>
-
-<p>Gellend schrien die Neuyorker Zeitungsboys die einzelnen
-Stichworte der Sensationsnachricht den Tausenden
-und aber Tausenden von Menschen in die Ohren, die
-in der achten Morgenstunde des Junitages von den überfüllten
-Fährbooten ans Land geworfen wurden und den
-Schächten der Untergrundbahnen entquollen, um an ihre
-Arbeitsstätten zu eilen. Fast jeder aus der tausendköpfigen
-Menge griff in die Tasche, um für ein Fünfcentstück
-eines der druckfeuchten Blätter zu erstehen und auf der
-Straße oder im Lift die außergewöhnliche Nachricht zu
-überfliegen.</p>
-
-<p>Nur die wenigsten in der großstädtischen Menge
-hatten eine Ahnung davon, daß an diesem Tage weit
-draußen im Zuchthaus des Staates Neuyork eine
-Elektrokution auf die sechste Morgenstunde angesetzt war.
-Solche Einrichtungen interessierten das Neuyorker
-Publikum nur, wenn berühmte Anwälte monatelang
-um das Leben des Verurteilten gekämpft hatten oder
-wenn bei der Hinrichtung etwas schief ging. Es geschah
-wohl gelegentlich, daß ein Delinquent lange Viertelstunden
-hindurch mit dem Strom bearbeitet werden
-mußte, bis er endlich für das Seziermesser der Ärzte
-reif war. Und auch unter dem Messer war dann noch
-bisweilen der eine oder der andere wieder schwer
-röchelnd erwacht.</p>
-
-<p>Aber die Yankees hatten niemals allzuviel Aufhebens
-von solchen Vorkommnissen gemacht. Schon damals<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-nicht, als das Land noch von Präsidenten geleitet
-wurde, die man alle vier Jahre neu erwählte. Viel
-weniger jetzt, wo es unter der eisernen Faust des Präsident-Diktators
-Cyrus Stonard stand. Unter der Faust
-jenes Cyrus Stonard, der nach dem ersten verlorenen
-Kriege gegen Japan den Aufstand des bolschewistisch
-gesinnten Ostens gegen den bürgerlichen Westen mit
-eiserner Strenge niedergeschlagen und dann den
-zweiten Krieg gegen Japan siegreich durchgeführt hatte.
-Die unbeschränkten Vollmachten des Präsident-Diktators
-nötigten auch die amerikanischen Zeitungen zu einiger
-Zurückhaltung in allen die Regierung und Regierungsmaßnahmen
-betreffenden Notizen.</p>
-
-<p>Etwas Besonderes mußte passiert sein, wenn die sämtlichen
-Neuyorker Zeitungen diesem Ergebnis übereinstimmend
-ihre erste Seite widmeten und mit der Ausgabe
-von Extrablättern fortfuhren. &ndash; Noch ehe die
-letzten Exemplare der eben erschienenen Ausgabe ihre
-Käufer gefunden hatten, stürmte eine neue Schar von
-Zeitungsboys mit der nächsten Ausgabe der Morgenblätter
-den Broadway entlang.</p>
-
-<p>»Das Rätsel von Sing-Sing! Sing-Sing, 6 Uhr
-25 Minuten. Elektrische Station von Sing-Sing zerstört.
-Der Verurteilte heißt Logg Sar. Herkunft unbekannt.
-Kein amerikanischer Bürger! Zum Tode verurteilt
-wegen versuchter Sprengung einer Schleuse am
-Panamakanal!«</p>
-
-<p>»Sing-Sing, 6 Uhr 42 Minuten. Der Verurteilte entflohen!
-Die Riemen, mit denen er an den Stuhl gefesselt
-war, zerschnitten!«</p>
-
-<p>»Sing-Sing, 6 Uhr 50 Minuten. Ein Zeuge als
-Komplice! Allem Anschein nach ist der Delinquent mit
-Hilfe eines der zwölf Zeugen der Elektrokution entflohen.«</p>
-
-<p>»Sing-Sing, 7 Uhr. Letzte Nachrichten aus Sing-Sing.
-Im Auto entflohen!! Ein unglaubliches Stück! Durch
-Augenzeugen festgestellt, daß der Delinquent, kenntlich
-durch seinen Hinrichtungsanzug, in Begleitung des<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-Zeugen Williams in ein vor dem Tor stehendes Auto
-gestiegen. Fuhren in rasender Fahrt davon. Jede
-Spur fehlt. Gefängnisverwaltung und Polizei ratlos.«</p>
-
-<p>Mit kurzem scharfen Ruck blieb ein Auto stehen, das
-in den Broadway an der Straßenecke einbog, wo das
-Flat-Iron Building seinen grotesken Bau in den Äther
-reckt. Der Insasse des Wagens riß einem der Boys das
-zweite Extrablatt aus der Hand und durchflog es,
-während das Auto in der Richtung nach der Polizeizentrale
-weiterrollte. Ein nervöses Zucken lief über
-die Züge des Lesenden. Es war ein Mann von unbestimmtem
-Alter. Eine jener menschlichen Zeitlosen, bei
-denen man nicht sagen kann, ob sie vierzig oder sechzig
-Jahre alt sind.</p>
-
-<p>Vor dem Gebäude der Polizeizentrale hielt der
-Wagen. Noch ehe er völlig stand, sprang der Insasse heraus
-und eilte über den Bürgersteig der Eingangspforte
-zu. Seine Kleidung war offensichtlich in einem erstklassigen
-Atelier gefertigt. Doch hatten alle Künste des
-Schneiders nicht vermocht, Unzulänglichkeiten der Natur
-vollständig zu korrigieren. Ein scharfer Beobachter
-mußte bemerken, daß die rechte Schulter ein wenig zu
-hoch, die linke Hüfte etwas nach innen gedrückt war,
-daß das linke Bein beim Gehen leicht schleifte.</p>
-
-<p>Er trat durch die Pforte. Hastig kreuzte er die verzweigten
-Korridore, bis ihm an einer doppelten Tür
-ein Policeman in den Weg trat. Der typische sechsfüßige
-Irländer mit Gummiknüppel und Filzhelm.</p>
-
-<p>»Hallo, Sir! Wohin?«</p>
-
-<p>Ein unwilliges Murren war die Antwort des eilig
-Weiterschreitenden.</p>
-
-<p>»Stop, Sir!«</p>
-
-<p>Breit und massig schob der irische Riese sich ihm in
-den Weg und hob den Gummiknüppel in nicht mißzuverstehender
-Weise.</p>
-
-<p>Heftig riß der Besucher eine Karte aus seiner Tasche
-und übergab sie dem Beamten.</p>
-
-<p>»Zum Chef, sofort!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p>
-
-<p>Mehr noch als das herrisch gesprochene Wort veranlaßte
-der funkelnde Blick den Policeman, mit großer
-Höflichkeit die Tür zu öffnen und den Fremden in ein
-saalartiges Anmeldezimmer zu geleiten.</p>
-
-<p>»Edward F. Glossin, <em class="antiqua">medicinae doctor</em>« stand auf
-dem Kärtchen, das der Diener dem Polizeipräsidenten
-MacMorland auf den Schreibtisch legte. Der Träger
-des Namens mußte ein Mann von Bedeutung sein.
-Kaum hatte der Präsident einen Blick auf die Karte geworfen,
-als er sich erhob, aus der Tür eilte und den Angemeldeten
-in sein Privatkabinett geleitete.</p>
-
-<p>»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Doktor?«</p>
-
-<p>»Haben Sie Bericht aus Sing-Sing?«</p>
-
-<p>»Nur, was die Zeitungen melden.«</p>
-
-<p>»Bieten Sie alles auf, um der Entflohenen habhaft
-zu werden. Wenn die Polizeiflieger nicht ausreichen,
-requirieren Sie Armeeflieger! Ihre Vollmacht langt
-doch für die Requisition?«</p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Doktor.«</p>
-
-<p>»Die Flüchtigen müssen vor Einbruch der Dunkelheit
-gefaßt sein. Das Staatsinteresse erfordert es. Sie
-haften dafür.«</p>
-
-<p>»Ich tue, was ich kann.« Der Polizeichef war durch
-den ungewöhnlich barschen Ton des Besuchers verletzt,
-und dies Gefühl klang aus seiner Antwort heraus.</p>
-
-<p>Dr. Glossin runzelte die Stirn. Antworten, die nach
-Widerspruch und Verklausulierungen klangen, waren
-nicht nach seinem Geschmack.</p>
-
-<p>»Hoffentlich entspricht Ihr Können unseren Erwartungen.
-Sonst … müßte man sich nach einem
-Mann umsehen, der noch mehr kann. Lassen Sie nach
-Sing-Sing telephonieren! Professor Curtis soll hierherkommen.
-Ihnen in meiner Gegenwart Bericht über
-die Vorgänge erstatten.«</p>
-
-<p>Der Präsident ergriff den Apparat und ließ die Verbindung
-herstellen.</p>
-
-<p>»Wann kann Curtis hier sein?«</p>
-
-<p>»In fünfzehn Minuten.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p>
-
-<p>Dr. Glossin strich sich über die hohe Stirn und durch
-das volle, kaum von einem grauen Faden durchzogene
-dunkle Haupthaar, das glatt nach hinten gestrichen war.</p>
-
-<p>»Ich möchte bis dahin allein bleiben. Könnte
-ich&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sehr wohl, Herr Doktor. Wenn ich bitten darf …«
-Der Präsident öffnete die Tür zu einem kleinen Kabinett
-und ließ Dr. Glossin eintreten.</p>
-
-<p>»Danke, Herr Präsident … Daß ich es nicht
-vergesse! 200&nbsp;000 Dollar Belohnung dem, der
-die Flüchtlinge zurückbringt. Lebendig oder tot!«</p>
-
-<p>»200&nbsp;000 …?« MacMorland trat erstaunt einen
-Schritt zurück.</p>
-
-<p>»200&nbsp;000, Herr Präsident! Genau, wie ich sagte.
-Anschläge mit der Belohnung in allen Städten!«</p>
-
-<p>Der Präsident zog sich zurück. Kaum hatte sich die
-Tür geschlossen, als plötzlich alle Straffheit aus den
-Zügen Dr. Glossins wich und einem erregten, sorgenden
-Ausdruck Platz machte. Mit einem leichten Stöhnen
-ließ er sich in einen Sessel fallen und bedeckte mit der
-Rechten die Augen, während die Linke nervös über das
-narbige Leder der Lehne glitt. Wie unter einem inneren
-Zwange kamen abgerissene Worte, halb geflüstert und
-stoßweise, von seinen Lippen.</p>
-
-<p>»Stehen die Toten wieder auf? … Bursfelds Sohn!
-Kein Zweifel daran … Wer rettete ihn? … Wer
-war dieser Williams? Der Vater selbst? … Nur der
-besäße die Macht, ihn zu retten … Er war es sicher
-nicht … Die Riegel des Towers sind fester als die
-von Sing-Sing … Wer wüßte noch um die geheimnisvolle
-Macht? … Ah, Jane! … Sie könnte es
-offenbaren. Der Versuch muß gemacht werden …
-Unmöglich, jetzt noch nach Trenton zu fahren … Ich
-muß bis zum Abend warten … Ein unerträglicher
-Gedanke. Acht Stunden in Ungewißheit&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Sprecher fuhr empor und warf einen Blick auf
-sein Chronometer.</p>
-
-<p>»Ruhe, Ruhe! Noch zehn Minuten für mich.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p>
-
-<p>Einem kleinen Glasröhrchen entnahm er sorgfältig abgezählt
-zwei winzige weiße Pillen und verschluckte sie.
-Beinahe momentan wich die nervöse Spannung aus
-seinen gequälten Zügen und machte einer friedlichen
-Ruhe Platz. Seine Gedanken wanderten rückwärts.
-Bilder aus einer ein Menschenalter zurückliegenden
-Vergangenheit zogen plastisch an seinem Geiste vorüber
-… Die großen Bahnbauten damals in Mesopotamien
-im ersten Jahrzehnt nach dem Weltkriege. Ein
-kleines Landhaus am Ausläufer der Berge … Eine
-blonde Frau in weißem Kleide mit einem spielenden
-Knaben im Arm … Wie lange, wie unendlich lange
-war das her, daß er Gerhard Bursfeld, den ehemaligen
-deutschen Ingenieuroffizier, aus seinem kurdischen Zufluchtsort
-hervorgelockt und für die mesopotamischen
-Bahn- und Bewässerungsbauten gewonnen hatte. Damals,
-als Hände und Köpfe im Zweistromlande knapp
-waren.</p>
-
-<p>Gerhard Bursfeld war dem Rufe zu solcher Arbeit
-gern gefolgt. Mit ihm kamen sein junger Knabe und
-sein blondes Weib Rokaja Bursfeld, die schöne Tochter
-eines kurdischen Häuptlings und einer zirkassischen
-Mutter.</p>
-
-<p>Ein glückliches Leben begann. Bis Gerhard Bursfeld
-die große gefährliche Erfindung machte. Bis Edward
-Glossin, in Liebe zu der blonden Frau entbrannt, den
-Freund und seine Erfindung an die englische Regierung
-verriet … Gerhard Bursfeld verschwand hinter den
-Mauern des Towers. Sein Weib entfloh mit dem dreijährigen
-Knaben. In die Berge nach Nordosten. Ihre
-Spur war verloren. Und Edward Glossin war der betrogene
-Betrüger. Mit ein paar tausend Pfund speiste
-ihn die englische Regierung für ein Geheimnis ab,
-dessen Wert ihm unermeßlich schien&nbsp;…</p>
-
-<p>Die Züge des Träumers nahmen wieder die frühere
-Spannung an. Der Klang einer elektrischen Glocke
-ertönte. Der Doktor erhob sich und ging straff aufgerichtet
-in das Kabinett des Polizeichefs.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p>
-
-<p>Kurz begrüßte er den Ankömmling Professor Curtis
-aus Sing-Sing und fragte: »Wie ist es möglich gewesen,
-daß die Apparatur versagte?«</p>
-
-<p>Stockend und nervös gab der Professor seinen Bericht.</p>
-
-<p>»Uns allen ganz unbegreiflich! Auf 5 Uhr 30 Minuten
-war die Elektrokution des Raubmörders Woodburne
-angesetzt. Sie ging glatt vonstatten. Um 5 Uhr
-40 Minuten lag der Delinquent bereits auf dem Seziertisch.
-Die Maschine wurde stillgesetzt und um 5 Uhr
-55 Minuten wieder angelassen. Punkt 6 Uhr brachte
-man den zweiten Delinquenten und schnallte ihn auf den
-Stuhl. Er trug den vorschriftsmäßigen Hinrichtungsanzug
-mit dem Schlitz im rechten Beinkleid. Die Elektrode
-wurde ihm um den Oberschenkel gelegt. Zwei
-Minuten nach sechs senkte sich die Kupferhaube auf
-seinen Kopf. Im Hinrichtungsraum stand der Gefängnisinspektor
-mit den zwölf vom Gesetz vorgeschriebenen
-Zeugen. Der Elektriker des Gefängnisses hatte
-seinen Platz an der Schalttafel, den Augen des Delinquenten
-verborgen. 6 Uhr 3 Minuten schlug er
-auf einen Wink des Scherifs den Schalthebel ein …
-Ich will gleich bemerken, daß dies die letzte authentische
-Zeitangabe aus Sing-Sing ist. Um 6 Uhr 3 Minuten
-sind alle Uhren in der Anstalt mit magnetisierten Eisenteilen
-stehengeblieben. Die weiteren Zeitangaben in
-den Zeitungen stammen vom Neuyorker Telegraphenamt&nbsp;…«</p>
-
-<p>Dr. Glossin wippte nervös mit einem Fuß. Der
-Professor fuhr fort.</p>
-
-<p>»In dem Augenblick, in dem der Elektriker den Strom
-auf den Delinquenten schaltete, blieb die Dynamomaschine,
-wie von einer Riesenfaust gepackt, plötzlich
-stehen. Sie stand und hielt ebenso momentan auch die mit
-ihr gekuppelte Dampfturbine fest. Mit ungeheurer Gewalt
-strömte der Frischdampf aus dem Kessel gegen
-die stillstehenden Turbinenschaufeln. Es war höchste<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-Zeit, daß der Maschinenwärter zusprang und den
-Dampf abstellte.</p>
-
-<p>Während alledem saß der Delinquent ruhig auf dem
-Stuhl und zeigte keine Spur einer Stromwirkung.
-Erst später ist mir das eigenartige Verhalten des Verurteilten
-wieder in die Erinnerung gekommen. Er
-schien mit dem Leben abgeschlossen zu haben. Aber sobald
-er in den Hinrichtungsraum geführt wurde, kehrte
-eine leise Röte in seine bis dahin todblassen Züge zurück.
-Als die Maschine das erstemal versagte, glaubte
-ich die Spur eines befriedigten Lächelns auf seinen Zügen
-zu bemerken. Gerade so, als ob er diesen für uns
-alle so überraschenden Zwischenfall erwartet habe.</p>
-
-<p>Als die Maschine zum zweitenmal angelassen wurde,
-verstärkte sich diese rätselhafte Heiterkeit. Er verfolgte
-unsere Arbeiten, als ob es sich für ihn nur um ein
-wissenschaftliches Experiment handle.</p>
-
-<p>Beim dritten Mal kam das Unglück. Die Maschinisten
-hatten die Turbine auf höchste Tourenzahl gebracht.
-Sie lief mit dreitausend Umdrehungen, und die
-elektrische Spannung stand fünfzig Prozent über der
-vorgeschriebenen Höhe. Es gab einen Ruck. Die Achse
-zwischen Dynamo und Turbine zerbrach. Die Turbine,
-plötzlich ohne Last, ging durch. Ihre Schaufelräder
-zerrissen unter der ins Ungeheuere gesteigerten Zentrifugalkraft.
-Der Kesselfrischdampf quirlte und jagte die
-Trümmer unter greulichem Schleifen und Kreischen
-durch die Abdampfleitung in den Kondensator. Als der
-Dampf abgestellt war, fühlten wir alle, daß wir haarscharf
-am Tode vorbeigegangen waren&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Polizeichef flüsterte ein paar Worte mit dem
-Doktor. Dann fragte er den Professor. »Haben Sie
-eine wissenschaftliche Erklärung für die Vorgänge?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr! Jede Erklärung, die sich beweisen
-ließe, fehlt. Höchstens eine Vermutung. Die Magnetisierung
-sämtlicher Uhren deutet darauf hin, daß in
-den kritischen Minuten ein elektromagnetischer Wirbelsturm
-von unerhörter Heftigkeit durch die Räume von<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-Sing-Sing gegangen ist. Es müssen extrem starke elektromagnetische
-Felder im freien Raum aufgetreten sein.
-Sonst wäre es nicht zu erklären, daß sogar die einzelnen
-Windungen der großen Stahlfeder in der Zentraluhr
-vollständig magnetisch zusammengebacken sind.
-Ein fürchterliches elektromagnetisches Gewitter muß
-wohl stattgefunden haben. Aber damit wissen wir
-wenig mehr.«</p>
-
-<p>Eine Handbewegung des Doktors unterbrach die
-wissenschaftlichen Erörterungen des Professors.</p>
-
-<p>»Wie war die Flucht möglich?«</p>
-
-<p>Der Bericht darüber war lückenhaft. »Als die Turbine
-im Nebenraum explodierte, suchten alle Anwesenden
-instinktiv Deckung. Ein Teil warf sich zu Boden. Ein
-Teil flüchtete hinter die Schalttafel. Etwa zwei Minuten
-dauerte das nervenzerreißende Heulen und Quirlen der
-Trümmerstücke in der Dampfleitung. Als endlich der
-Dampf abgestellt und Ruhe eingetreten war, merkte
-man, daß der Delinquent verschwunden war. Die
-starken Ochsenlederriemen, die ihn hielten, waren nicht
-aufgeschnallt, sondern mit einem scharfen Messer durchschnitten.
-Die Flucht mußte in höchster Eile in
-wenigen Sekunden ausgeführt worden sein. Erst zehn
-Minuten später wurde es bemerkt, daß auch einer der
-Zeugen fehlte.«</p>
-
-<p>Das war alles, was Professor Curtis berichten konnte.</p>
-
-<p>Dr. Glossin zog die Uhr.</p>
-
-<p>»Ich muß leider weiter! Leben Sie wohl, Herr Professor.«
-Er trat, von dem Polizeichef begleitet, auf den
-Gang.</p>
-
-<p>»Wenden Sie alle Maßregeln an, die Ihnen zweckmäßig
-erscheinen. In spätestens drei Stunden erwarte
-ich Meldung, wie es möglich war, daß ein falscher
-Zeuge der Elektrokution beiwohnte. Geben Sie telephonischen
-Bericht! Wellenlänge der Regierungsflugzeuge!
-Ich gehe nach Washington.«</p>
-
-<p>Ein Läuten des Telephons im Zimmer des Präsidenten<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-rief diesen hinweg. Unwillkürlich trat Dr. Glossin
-mit ihm in den Raum zurück.</p>
-
-<p>»Vielleicht eine gute Nachricht?«</p>
-
-<p>Der Präsident ergriff den Hörer. Erstaunen und
-Spannung malten sich auf seinem Gesicht. Auch
-Dr. Glossin trat näher. »Was ist?«</p>
-
-<p>»Ein Armeeflugzeug verschwunden. R. F. c. 1 vom
-Ankerplatz entführt.«</p>
-
-<p>»Weiter, weiter!«</p>
-
-<p>Der Doktor stampfte auf den Boden.</p>
-
-<p>»Wer war es?«</p>
-
-<p>Er drang auf den Präsidenten ein, als wollte er ihm
-den Hörer aus der Hand reißen. MacMorland hatte
-seine Ruhe wiedergefunden. Kurz und knapp klangen
-seine Befehle in den Trichter.</p>
-
-<p>»Der Staatssekretär des Krieges ist benachrichtigt? …
-Gut! So wird von dort aus die Verfolgung geleitet
-werden. Wie sehen die Täter aus? … Hat man irgendwelche
-Vermutungen? … Wie? Was? … Englische
-Agenten? Sind das leere Redensarten, oder hat
-man Anhaltspunkte? … Was sagen Sie? Allgemeine
-Meinung … Redensarten! Die Herren
-Chopper und Watkins werden gleich herauskommen
-und die Nachforschungen leiten. Ihren Anordnungen
-ist Folge zu leisten!«</p>
-
-<p>Der Präsident eilte zum Schreibtisch, warf ein paar
-Zeilen aufs Papier und übergab sie seinem Sekretär.
-Dann wandte er sich seinen Besuchern zu.</p>
-
-<p>»Ein ereignisreicher Morgen! Innerhalb weniger
-Stunden zwei Vorfälle, wie sie mir in meiner langen
-Dienstzeit noch nicht vorgekommen sind … Die Meinung,
-daß die Engländer dahinterstecken, scheint mir
-nicht ganz unbegründet zu sein. R. F. c. 1 ist der
-neueste Typ der Rapid-Flyers. Erst vor wenigen
-Wochen ist es geglückt, durch eine besondere Verbesserung
-die Geschwindigkeit auf tausend Kilometer in der
-Stunde zu bringen. R. F. c. heißt die verbesserte Type.
-c. 1 ist das erste Exemplar der Type. Ich hörte, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-es erst vor drei Tagen in Dienst gestellt wurde. Die
-nächsten Exemplare brauchen noch Tage, um für die
-Probefahrt fertig zu werden. Der Gedanke, daß die
-englische Regierung sich das erste Exemplar angeeignet
-hat, liegt natürlich sehr nahe … Es sei denn&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was meinen Sie, Herr Präsident?«</p>
-
-<p>Die Stimme Glossins verriet seine Erregung.</p>
-
-<p>»Es sei denn, daß …« MacMorland sprach langsam
-wie tastend … »daß ein Zusammenhang zwischen
-der Entführung des Kreuzers und der Flucht jenes
-Logg Sar bestände. Was meinen Sie, Herr Professor?«</p>
-
-<p>»Ich bin versucht, das letztere für das Richtige zu
-halten. Es ist ganz ausgeschlossen, mit gewöhnlichen
-Mitteln ein Luftschiff wie R. F. c. 1 von dem streng
-bewachten Flugplatz am hellichten Tage zu entführen.«</p>
-
-<p>»Was ist Ihre Meinung, Herr Doktor?«</p>
-
-<p>»Ich … ich übersehe die ganze Sachlage zu wenig.
-Trotzdem, Herr Präsident, werden Sie guttun, sich
-umgehend mit dem Kriegsamt in Verbindung zu
-setzen und Ihre Maßnahmen für beide Fälle im Einvernehmen
-und engsten Zusammenwirken mit diesem
-zu treffen. Guten Morgen, meine Herren.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>MacMorland und Professor Curtis waren allein im
-Saale des Polizeipräsidiums zurückgeblieben.</p>
-
-<p>»Ein lebhafter Tag heute!«</p>
-
-<p>MacMorland sprach die Worte mit einer gewissen
-Erleichterung. Der Vorfall mit dem Flugzeug mußte die
-Sorge der Regierung auf einen anderen Punkt lenken.</p>
-
-<p>Professor Curtis griff sich mit beiden Händen an den
-Kopf. »Der zweite Vorfall ist beinahe noch mysteriöser
-als der erste. Bedenken Sie! … Der neueste schnellste
-Kreuzer der Armee. Auf einem Flugplatz hinter dreifachen,
-mit Hochspannung geladenen Drahtgittern.
-Schärfste Paßkontrolle. Fünfhundert Mann unserer
-Garde als Platzbewachung. Es geht mir über jedes
-Verstehen, wie das geschehen konnte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span></p>
-
-<p>Der Polizeichef war mit seinen Gedanken schon
-wieder bei dem Falle, der sein Ressort anging.</p>
-
-<p>»Warum war dieser Logg Sar zum Tode verurteilt?
-Wir von der Polizei wissen wieder einmal nichts.
-Sicherlich ein Urteil des Geheimen Rats.«</p>
-
-<p>Der Professor nickte.</p>
-
-<p>»In dem Einlieferungsschein für Sing-Sing stand:
-›Zum Tode verurteilt wegen Hochverrats, begangen
-durch einen verbrecherischen Anschlag auf Schleusen am
-Panamakanal.‹ Die Unterschrift war, wie Sie richtig
-vermuteten, die des Geheimen Rats.«</p>
-
-<p>»Ich will gegen diese Institution nichts sagen. Sie
-hat sich in kritischen Zeiten bewährt, in denen das
-Staatsschiff zu scheitern drohte. Aber … Menschen
-bleiben Menschen, und bisweilen scheint es mir … ich
-möchte sagen … das heißt, ich werde lieber nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>Professor Curtis lachte.</p>
-
-<p>»Wir Leute von der Wissenschaft sind immun. Sagen
-Sie ruhig, daß dieser Logg Sar die Panamaschleusen
-wahrscheinlich niemals in seinem Leben gesehen hat,
-und daß der Geheime Rat ihn aus ganz anderen Gründen
-zum Teufel schickt.«</p>
-
-<p>MacMorland fuhr zusammen. Die Worte des Professors
-waren schon beinahe Hochverrat. Aber Curtis
-ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.</p>
-
-<p>»Lassen wir den Delinquenten. Er ist doch längst über
-alle Berge. Aber brennend gern möchte ich etwas Genaueres
-über Doktor Glossin erfahren. Sie wissen, man
-munkelt allerlei&nbsp;…«</p>
-
-<p>MacMorland überlegte einen Augenblick.</p>
-
-<p>»Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ich auf Ihre
-unbedingte Verschwiegenheit rechnen könnte, würde ich
-selbst das wenige, was ich weiß, für mich behalten.
-Um mit dem Namen anzufangen, so habe ich begründete
-Zweifel, ob es der seiner Eltern war. Seinen
-wahren Namen kennt außer ihm selbst vielleicht nur
-der Präsident-Diktator. Seinen Papieren nach ist er
-Amerikaner. Aber als ich zum erstenmal seine Bekanntschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-machte, glaubte ich bestimmt, starke Anklänge
-schottischen Akzents in seiner Sprache zu bemerken.«</p>
-
-<p>»Wann und wo war das?« fragte Curtis gespannt.</p>
-
-<p>»Die Gelegenheit war für Dr. Glossin nicht gerade
-ehrenvoll. Vor zwanzig Jahren. Während des ersten
-japanischen Krieges. Ich hatte einen Posten bei der
-politischen Polizei in San Franzisko. Kalifornien war
-von japanischen Spinnen überschwemmt. Die Burschen
-machten uns Tag und Nacht zu schaffen. Es war auch
-klar, daß ihre Unternehmungen von einer Stelle aus
-geleitet wurden. Einer meiner Beamten brachte mir
-den Doktor, den er unter höchst gravierenden Umständen
-verhaftet hatte. Aber es war ihm schlechterdings nichts
-zu beweisen. Hätten wir damals schon den Geheimen
-Rat gehabt, wäre die Sache wahrscheinlich anders verlaufen.
-So blieb nichts weiter übrig, als ihn laufen
-zu lassen. In der nach unserer Niederlage ausbrechenden
-Revolution soll er … ich bemerke ›soll‹ … ein
-Führer der Roten gewesen sein. Zu beweisen war auch
-hier nichts. Jedenfalls war er einer der ersten, die
-ihre Fahnen wechselten. Als Cyrus Stonard an der
-Spitze des in den Weststaaten gesammelten weißen
-Heeres die Revolution mit blutiger Hand niederschlug,
-war Dr. Glossin bereits in seiner Umgebung. Er muß
-dem Diktator damals wertvolle Dienste geleistet haben,
-denn sein Einfluß ist seitdem fast unbegrenzt.«</p>
-
-<p>MacMorland unterbrach seinen Bericht, um sich dem
-Ferndrucker zuzuwenden.</p>
-
-<p>»Hallo, da haben wir weitere Meldungen über
-R. F. c. 1. Versuchen Sie Ihren Scharfsinn, Herr Professor.
-Vielleicht können Sie das Rätsel lösen. Der Bericht
-lautet: ›R. F. c. 1 stand um sieben Uhr morgens
-zur Abfahrt bereit. Drei Monteure und ein Unteroffizier
-waren an Bord. Der Kommandant stand mit den
-Ingenieuren, die an der Fahrt teilnehmen sollten, dicht
-dabei. Zwei Minuten nach sieben erhob sich das Flugschiff
-ganz plötzlich. Seine Maschinen sprangen an. Es
-flog in geringer Höhe über einen neben dem Flugplatz<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-liegenden Wald. Etwa fünf Kilometer weit. Man
-nahm auf dem Platz an, daß die Maschinen versehentlich
-angesprungen seien und die Monteure das Flugzeug
-hinter dem Wald wieder gelandet hätten. Ein Auto
-brachte den Kommandanten und die Ingenieure dorthin.
-Vom Flugzeug keine Spur. Die Monteure in schwerer
-Hypnose behaupten, es habe nie ein Flugzeug R. F. c. 1
-gegeben. Sie sind zurzeit in ärztlicher Behandlung.‹«</p>
-
-<p>MacMorland riß den Papierstreifen ab und legte ihn
-vor den Professor auf den Tisch.</p>
-
-<p>»Das ist das Tollste vom Tollen. Was sagen Sie
-dazu?«</p>
-
-<p>Der Polizeichef lief aufgeregt hin und her. Auch Professor
-Curtis konnte sich der Wirkung der neuen Nachricht
-nicht entziehen.</p>
-
-<p>»Sie haben recht, Herr Präsident. Es ist ein tolles
-Stück. Aber Gott sei Dank fällt es nicht in das Ressort
-von Sing-Sing und geht mich daher wenigstens beruflich
-nichts an. Es wird Sache der Armee sein, wie sie
-ihren Kreuzer wiederbekommt. Lieber noch ein paar
-Worte über Doktor Glossin. Ich hatte schon viel von
-ihm gehört. Heute hab ich ihn das erstemal gesehen.
-Wo wohnt er? Wie lebt er? Was treibt er?«</p>
-
-<p>»Sie fragen viel mehr, als ich beantworten kann. Hier
-in Neuyork besitzt er ein einfach eingerichtetes Haus
-in der 316ten Straße. Daneben hat er sicher noch an
-vielen anderen Orten seine Schlupfwinkel&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ist er verheiratet?«</p>
-
-<p>»Nein. Obgleich er keineswegs ein Verächter des
-weiblichen Geschlechts ist. Mir ist manches darüber zu
-Ohren gekommen … Na, gönnen wir ihm seine Vergnügungen,
-wenn sie auch manchem recht sonderlich vorkommen
-mögen.«</p>
-
-<p>»Hat er sonst gar keine Leidenschaften?«</p>
-
-<p>»Ich weiß, daß er Diamanten sammelt. Auserlesene
-schöne und große Steine.«</p>
-
-<p>»Nicht übel! Aber ein bißchen kostspielig das Vergnügen.
-Verfügt er über so große Mittel?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p>
-
-<p>MacMorland zuckte mit den Achseln.</p>
-
-<p>»Es entzieht sich meiner Beurteilung. Ein Mann in
-seiner Stellung, mit seinem Einfluß kann wohl …
-lieber Professor, ich habe schon viel mehr gesagt, als ich
-sagen durfte und wollte. Lassen wir den Doktor sein
-Leben führen, wie es ihm beliebt. Es ist am besten, so
-wenig wie möglich mit ihm zu tun zu haben. Da Sie
-gerade hier sind, geben Sie mir, bitte, über die Vorgänge
-in Sing-Sing einen kurzen Bericht für meine Akten.
-Wir können nachher zusammen frühstücken.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Wie griechischer Marmor glänzten die Mauern des
-Weißen Hauses zu Washington in der grellen Mittagsonne.
-Aber ein dunkles Geheimnis barg sich hinter den
-schimmernden Mauern. Lange und nachdenklich hafteten
-die Blicke der Vorübergehenden auf den glatten, geraden
-Flächen des Gebäudes. Die politische Spannung war
-bis zur Unerträglichkeit gestiegen. Jede Stunde konnte
-den Ausbruch des schon lange gefürchteten Krieges mit
-dem englischen Weltreich bringen. Die Entscheidung lag
-dort hinter den breiten Säulen und hohen Fenstern des
-Weißen Hauses.</p>
-
-<p>In dem Vorzimmer des Präsident-Diktators saß ein
-Adjutant und blickte aufmerksam auf den Zeiger der
-Wanduhr. Als diese mit leisem Schlag zur elften Stunde
-ausholte, erhob er sich und trat in das Zimmer des
-Präsidenten.</p>
-
-<p>»Die Herren sind versammelt, Herr Präsident.«</p>
-
-<p>Der Angeredete nickte kurz und beugte sich wieder zum
-Schreibtisch, wo er mit dem Ordnen verschiedener Papiere
-beschäftigt war. Ein Mann mittleren Alters.
-Eine Art militärischen Interimsrockes umschloß den hageren
-Oberkörper. Auf einem langen, dünnen Halse saß
-ein gewaltiger Schädel, dessen vollkommen haarlose
-Kuppel sich langsam hin und her bewegte. Aus dem
-schmalen, durchgeistigten Aszetengesicht blitzten ein Paar<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-außerordentlich große Augen, über denen sich eine zu
-hohe und zu breite Stirn weit nach vorn wölbte.</p>
-
-<p>Das war Cyrus Stonard, der absolute Herrscher eines
-Volkes von dreihundert Millionen. Als er sich jetzt erhob
-und langsam, beinahe zögernd der Tür zuschritt, bot
-er äußerlich nichts von jenen Herrscherfiguren, die in
-der Phantasie des Volkes zu leben pflegen. Nur das
-geistliche Kleid fehlte, sonst hätte man ihn wohl für eine
-der fanatischen Mönchsgestalten aus den mittelalterlichen
-Glaubenskämpfen der katholischen Kirche ansehen können.</p>
-
-<p>Er durchschritt das Adjutantenzimmer und betrat
-einen langgestreckten Raum, dessen Mitte von einem
-gewaltigen, ganz mit Plänen und Karten bedeckten Tisch
-ausgefüllt war. In der einen Ecke des Saales standen
-sechs Herren in lebhaftem Gespräch. Die Staatssekretäre
-der Armee, der Marine, der auswärtigen Angelegenheiten
-und des Schatzes. Die Oberstkommandierenden
-des Landheeres und der Flotte. Sie verstummten
-beim Eintritt des Diktators. Cyrus Stonard
-ließ sich in den Sessel am Kopfende des Tisches nieder
-und winkte den anderen, Platz zu nehmen.</p>
-
-<p>»Mr. Fox, geben Sie den Herren Ihren Bericht über
-die auswärtige Lage.«</p>
-
-<p>Der Staatssekretär des Auswärtigen warf einen
-kurzen Blick auf seine Papiere.</p>
-
-<p>»Die Spannung mit England treibt automatisch zur
-Entladung. Seitdem Kanada sich mit uns in einem
-Zollverband zusammengefunden hat, sind die Herren an
-der Themse verschnupft. Die Bestrebungen im australischen
-Parlament, nach kanadischem Muster mit uns
-zu verhandeln, haben die schlechte Laune in Downing
-Street noch verschlechtert. England sieht zwei seiner
-größten und reichsten Kolonien auf dem Wege natürlicher
-Evolution zu uns kommen. In Australien geht
-die Entwicklung langsamer vor sich, seitdem der japanische
-Druck verschwunden ist. Aber auch dort ist sie
-unaufhaltbar, wenn es der englischen Macht nicht vorher
-gelingt, uns niederzuwerfen&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<p>Ein spöttisches Lächeln glitt über die Züge des
-Flottenchefs.</p>
-
-<p>»In Asien und Südamerika stoßen unsere Handelsinteressen
-schwer mit den englischen zusammen. Der
-letzte Aufstand im Jangtsekiangtale war mit englischem
-Gelde inszeniert. Die afrikanische Union hält
-bei aller Wahrung ihrer politischen Selbständigkeit wirtschaftlich
-fest zu England und läßt nur englische Waren
-hinein. Unser letzter Versuch, einen Handelsvertrag mit
-der afrikanischen Union abzuschließen, ist gescheitert.
-Meines Erachtens treiben die Dinge einer schnellen
-Entscheidung entgegen. Die Entführung von R. F. c. 1
-gibt einen geeigneten Anlaß. Seit zwei Stunden tobt
-unsere Presse gegen England.«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard hatte während des Vortrages
-mechanisch allerlei Schnörkel und Ornamente auf den
-vor ihm liegenden Schreibblock gezeichnet.</p>
-
-<p>»Wie denken Sie über die Entführung des R. F. c. 1?«</p>
-
-<p>Er heftete seine Augen auf den Flottenchef Admiral
-Nichelson.</p>
-
-<p>»In der Nähe der Station sind zwei englische Agenten
-ergriffen worden. Sie leugnen jede Teilnahme.«</p>
-
-<p>»Es gibt Mittel, solche Leute zum Reden zu bringen.«</p>
-
-<p>»Sie hatten den Strick um den Hals und schwiegen.«</p>
-
-<p>»Es gibt wirksamere Mittel … Wie lange kann
-sich R. F. c. 1 in der Luft halten?«</p>
-
-<p>»Die Tanks waren für zwölf Stunden gefüllt. Genug,
-um in voller Dunkelheit zu landen, wenn es nach Osten
-geht. Unsere Kreuzer über dem Nordatlantik sind avisiert.
-Eine Landung in England müßte noch bei Helligkeit
-erfolgen und würde gemeldet werden.«</p>
-
-<p>»Sie halten es für sicher, daß die Entführung auf
-Betreiben der englischen Regierung erfolgt ist?«</p>
-
-<p>»Ganz sicher!«</p>
-
-<p>»Hm! … der Gedanke liegt nahe … vielleicht
-zu nahe … Und die anderen Herren? … meinen
-dasselbe … hm! Hoffentlich, nein sicherlich haben
-sie unrecht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p>
-
-<p>Die Staatssekretäre sahen den Diktator fragend an.</p>
-
-<p>»Der letzte Gamaschenknopf sitzt noch nicht! Ich werde
-erst losschlagen, wenn ich weiß, daß er sitzt. Das heißt,
-meine Herren …« Die Stimme des Sprechenden
-hob sich. »R. F. c. 1 mag in Gottes Namen in England
-landen. Für unser Volk wird es verborgen bleiben,
-bis es so weit ist.«</p>
-
-<p>»Wie weit ist die Verteilung unserer U-Kreuzer durchgeführt?«</p>
-
-<p>»Die ganze Kreuzerflotte liegt auf dem Meridian von
-Island vom 60. bis zum 30. Breitengrad gleichmäßig
-verteilt.«</p>
-
-<p>Admiral Nichelson erhob sich, um die Lage der
-Kreuzerflotte an einem großen Globus zu demonstrieren.</p>
-
-<p>»Wo stehen die Luftkreuzer?«</p>
-
-<p>»Die leichte Beobachtungsflotte zwischen Island und
-den Faröer. Die Panzerkreuzer liegen seit drei Tagen
-auf dem grönländischen Inlandeis.«</p>
-
-<p>»Die G-Flotte&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Die Schiffe auf Grönland sind damit ausgerüstet.«</p>
-
-<p>Nur dieser Staatsrat wußte um das Geheimnis, daß
-die neuen Luftkreuzer mit Bomben versehen waren, die
-nach dem Abwurfe Milliarden und aber Milliarden von
-Pest- und Cholerakeimen in die Luft wirbelten. Man
-hatte noch keine Gelegenheit gehabt, den Bakterienkrieg
-im großen auszuprobieren. Aber die amerikanischen
-Fachleute versprachen sich viel davon.</p>
-
-<p>»Die P-Flotte&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ein sardonisches Lächeln lief über die sonst so unbeweglichen
-Züge des Diktators, als er das Wort aussprach.
-Seit mehr denn Jahresfrist lagen englische
-Banknoten im Betrage von Hunderten von Milliarden
-Pfund Sterling in den geheimen Gewölben des amerikanischen
-Staatsschatzes. Von der Tausendpfundnote
-an bis hinab zu den kleinsten Beträgen. Alles so
-vorzüglich gefälscht und nachgedruckt, daß die Bank von
-England selbst diese Noten für echt halten mußte. Die
-Aufgabe der P-Flotte war es, sofort bei Kriegsausbruch<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-diese Unmengen englischen Papiergeldes über die ganze
-Welt zu zerstreuen, wo Engländer Handel trieben und
-englisches Geld Kurs hatte. Die Tätigkeit dieser Flotte
-mußte das englische Geldwesen in wenigen Tagen vollkommen
-zerrütten. Aber die P-Flotte war noch ein
-schwereres Staatsgeheimnis als die G-Flotte. Die englischen
-Agenten hatten nur herausbekommen, daß sie für
-Propagandazwecke bestimmt sei und im Falle eines
-Krieges in großen Massen die zuerst von Woodruf
-Wilson in die Kriegführung zivilisierter Nationen eingeführten
-Traktätchen über den feindlichen Linien abzuwerfen
-hätte.</p>
-
-<p>»Die P-Flotte übt zwischen Richmond und Norfolk«,
-sagte Admiral Nichelson trocken.</p>
-
-<p>Jedermann im Saale wußte, daß dieser Standort fünfzehn
-Flugminuten von den Gewölben des Staatsschatzes
-entfernt war.</p>
-
-<p>Cyrus nahm das Wort von neuem.</p>
-
-<p>»Wie lange wird es noch dauern, bis unsere Unterwasserstation
-an der afrikanischen Küste vollkommen
-gesichert ist? Die Frist ist bereits seit einer Woche abgelaufen.«</p>
-
-<p>Bei diesen nicht ohne Schärfe gesprochenen Worten
-erhob sich der Flottenchef unwillkürlich.</p>
-
-<p>»Die Schwierigkeiten waren größer als vorauszusehen
-war, Herr Präsident.«</p>
-
-<p>»Können Sie ein bestimmtes Datum angeben?«</p>
-
-<p>»Nein. Doch dürfte es auf keinen Fall länger als
-bis zum Ablauf dieses Monats dauern.«</p>
-
-<p>»Hm … dann also, meine Herren … dann wird
-man R. F. c. 1 zur geeigneten Zeit in England landen
-sehen.«</p>
-
-<p>Ein Adjutant trat ein und flüsterte dem Präsidenten
-ein Wort ins Ohr.</p>
-
-<p>»Gut, ich komme.«</p>
-
-<p>Der Präsident erhob sich, die Sitzung war beendet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Aus dem blauen Mittagshimmel schoß ein silbern
-schimmernder Punkt auf das Weiße Haus in Washington
-zu, wurde größer, zeigte die schnittigen Formen eines
-Regierungsfliegers und landete sanft auf dem Dach des
-Gebäudes.</p>
-
-<p>Als einziger Passagier verließ Dr. Edward F. Glossin
-die Maschine. Den linken Fuß beim Gehen leicht nachziehend,
-schritt er an den martialischen Gestalten der
-Leibgarde vorbei. Auf den Treppenabsätzen und in den
-Korridoren standen die baumlangen blonden Kerle aus
-den westlichen Weizenstaaten in ihren malerischen Uniformen.
-Sie hielten die Wache um den Präsident-Diktator
-wie früher die Grenadiere der Potsdamer
-Garde um die preußischen Könige oder die Eisenseiten
-um Oliver Cromwell.</p>
-
-<p>Im Vorzimmer traf der Doktor den Adjutanten des
-Diktators und ließ sich melden. Nur eine knappe
-Minute, und der Diktator trat aus dem Sitzungssaale
-und stand vor ihm. Nach flüchtigem Gruß hieß er ihn
-in sein Arbeitszimmer mitkommen.</p>
-
-<p>»Wer ist Logg Sar?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin fühlte die unbestimmte Drohung, die in
-der Frage lag, und trat einen Schritt zurück.</p>
-
-<p>»Logg Sar ist … Silvester Bursfeld.«</p>
-
-<p>Tiefes Erstaunen malte sich auf den Zügen Stonards.</p>
-
-<p>»Bursfeld … der im englischen Tower gefangen
-saß?«</p>
-
-<p>»Nein, sein Sohn. Der Vater hieß Gerhard.«</p>
-
-<p>»Mein Gedächtnis ist gut. Sie haben mir von einem
-Sohne Gerhard Bursfelds nie gesprochen. Warum
-nicht?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es selbst erst seit drei Monaten.«</p>
-
-<p>»Und ich erfahre es erst heute?«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard trat dicht an den Doktor heran. Ein
-Blick traf ihn, der sein Gesicht noch eine Nuance blasser
-werden ließ.</p>
-
-<p>»Erklären Sie!«</p>
-
-<p>»Es war vor ungefähr drei Monaten … Ich hielt<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-mich einige Zeit in Trenton auf, um in meinem Laboratorium
-im Hause einer Mrs. Harte an einem Versuch
-zu arbeiten. Eines Tages kommt ein junger Ingenieur,
-der in den Staatswerken von Trenton beschäftigt
-ist, zu Mrs. Harte und erkundigt sich nach ihren Familienverhältnissen.
-Dabei stellt sich heraus, daß der verstorbene
-Mann der Mrs. Harte ein Stiefbruder von
-Gerhard Bursfeld war.«</p>
-
-<p>»Ihre Erzählung scheint darauf hinauszuwollen, daß
-der junge Ingenieur der Sohn von Gerhard Bursfeld
-ist. Warum nannte er sich Logg Sar?«</p>
-
-<p>»Auf Logg Sar lauten seine Papiere. Für die Welt
-und für ihn beruht alles andere auf Vermutungen. Für
-mich ist der Beweis erbracht.«</p>
-
-<p>»Liefern Sie ihn mir!«</p>
-
-<p>»Sie erinnern sich an meinen früheren Bericht über
-die Sache, Herr Präsident. Heute kenne ich seine Fortsetzung.
-Nachdem Gerhard Bursfeld die unfreiwillige
-Reise nach England gemacht hat, verschwindet er für
-immer im Tower. Sein Weib flieht mit ihrem kleinen
-Knaben in die kurdischen Berge. Unterwegs schließt
-sie sich einer Karawane an: Kaufleute, Priester und
-was sonst in Karawanen nach Mittelasien zieht. Die
-junge Frau ist den Strapazen des langen Weges nicht
-gewachsen. Irgendwo auf der Strecke zwischen Bagdad
-und Kabul wurde sie bestattet. Ein tibetanischer Lama,
-der in sein Kloster zurückkehrt, nimmt sich der Sterbenden
-an. Ihm übergibt sie ihren Knaben, macht ihm
-zur Not dessen Namen verständlich&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Etwas schneller, wenn's beliebt, Herr Doktor!«</p>
-
-<p>»Der Lama nimmt den Knaben mit in sein Kloster
-Pankong Tzo und erzieht ihn in den Lehren Buddhas.
-Als der Knabe vierzehn Jahre alt ist, besucht eine Expedition
-schwedischer Gelehrter das Kloster. Der junge
-Europäer fällt auf. Von einem der Mitglieder der
-Expedition, dem Ethnologen Olaf Truwor, wird er mit
-nach Schweden genommen, wird mit dessen Sohn zusammen
-erzogen, wird wie dieser Ingenieur&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p>
-
-<p>Cyrus Stonard hatte während des Berichtes mechanisch
-allerlei Arabesken gemalt, wie es seine Gewohnheit
-war. Jetzt warf er den Bleistift unwillig auf das
-vor ihm liegende Papier.</p>
-
-<p>»Glauben Sie im Ernst, Herr Doktor, daß irgendein
-Anwalt in den Staaten auf Ihre Erzählung hin
-einen Erbschaftsprozeß übernehmen würde?«</p>
-
-<p>»Nur noch einen kurzen Augenblick Geduld, Herr
-Präsident. Die Kette schließt sich Glied an Glied. Auf
-einer Rheinreise, die er nach dem Abschluß seiner Studien
-macht, wird Logg Sar von einem alten Ehepaar angesprochen,
-dem seine überraschende Ähnlichkeit mit Gerhard
-Bursfeld auffällt. Die alten Leute sind mit Gerhard
-Bursfeld verwandt, haben ihn genau gekannt und
-sind von dieser Ähnlichkeit ebenso frappiert … wie
-ich es war, als Logg Sar mir das erstemal vor die
-Augen trat. Ich glaubte damals, Gerhard Bursfeld so
-vor mir zu sehen, wie er dreißig Jahre früher in Mesopotamien
-vor mir gestanden hat. Die alten Leute
-machen Logg Sar darauf aufmerksam, daß ein Stiefbruder
-Gerhard Bursfelds in Trenton lebt. Logg
-Sar findet im weiteren Laufe seiner Ingenieurkarriere
-eine Stellung in den Trentonwerken. Er erinnert sich
-der Mitteilungen der alten Leute und spricht bei Mrs.
-Harte vor. Ihr Mann ist tot. Ein Bild von Gerhard
-Bursfeld findet sich im Hause. Die Ähnlichkeit ist überzeugend.«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard blickte den Erzähler durchdringend an.</p>
-
-<p>»Sie tischen mir da eine sehr romantische, aber wenig
-beglaubigte Geschichte auf. Es fehlt nur noch das berühmte
-Muttermal, und die Sache könnte in Harpers
-Weekly stehen. Herr Doktor, ich wünsche von Ihnen
-schlüssige Beweise und keine Phantastereien. Haben Sie
-irgendeinen wirklichen Beweis, daß Logg Sar und
-Silvester Bursfeld identisch sind?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin spielte seinen Trumpf aus.</p>
-
-<p>»Ein Wort schließt die Kette: Logg Sar.«</p>
-
-<p>»Was soll das heißen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<p>»Logg Sar bedeutet im Tibetanischen das Jahresende.
-Den letzten Tag des Jahres. Den Tag, den die
-christliche Kirche dem Silvester geweiht hat. Die sterbende
-Mutter hat dem fremden Priester verständlich
-zu machen versucht, was der Name ihres Kindes bedeutet.
-Das Jahresende. Der christliche Name wurde
-vergessen. Seine tibetanische Übersetzung ergab den
-neuen Namen, unter welchem der Knabe in Pankong
-Tzo verblieb.«</p>
-
-<p>»Das ist kein Beweis für mich, Herr Doktor. Und
-ich glaube … für Sie auch nicht.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin trat einen Schritt näher an den Diktator
-heran.</p>
-
-<p>»Mein letzter Beweis, ein zwingender Beweis! Er
-kennt das Geheimnis seines Vaters. Es ist ihm überkommen,
-er hat es ausgebaut in einem Maße, daß&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die feinen Flügel der Adlernase des Diktators zitterten.
-Zwei lotrechte Falten zogen sich zwischen seinen Augenbrauen
-zusammen, als er den Satz des Doktors vollendete:</p>
-
-<p>»… daß er unser werden oder verschwinden muß,
-wie seinen Vater die Engländer verschwinden ließen.«</p>
-
-<p>»Das erstere ist wohl nicht mehr möglich.«</p>
-
-<p>»Nach dem Experiment in Sing-Sing … ich glaube,
-daß Gründe vorhanden sind, die mir gestatten, Ihr
-Konto damit zu belasten, Herr Doktor! Finden Sie
-einen Weg, auf dem sich die andere Möglichkeit bewerkstelligen
-läßt?«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard warf dem Doktor einen Blick zu, der
-diesen erschauern ließ. Ein Wink des Diktators, und er
-war selbst aus der Liste der Lebenden gestrichen, fand
-vielleicht schon in wenigen Stunden selbst sein Ende
-auf dem Stuhle in Sing-Sing.</p>
-
-<p>Cyrus Stonard ließ die Lider sinken und fuhr ruhig
-fort: »Wie sind Sie hinter sein Geheimnis gekommen?«</p>
-
-<p>Der Doktor schöpfte tief Atem und begann stockend zu
-erzählen:</p>
-
-<p>»Sein Gesicht war mir vom ersten Tage an verhaßt.<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-Auch sonst hatte ich Grund … seine Anwesenheit
-im Hause Harte unangenehm zu empfinden …«</p>
-
-<p>»Hm! Hm … so … weiter!«</p>
-
-<p>»Er bat mich, mein Laboratorium in meiner Abwesenheit
-benutzen zu dürfen. Ich erlaubte es ihm.
-Beim Fortgehen sorgte ich dafür, daß zehntausend Volt
-an den Tischklemmen lagen. während der zugehörige
-Spannungsmesser nur hundert Volt anzeigte. Ich kam
-wieder, um eine Leiche zu finden, und sah ihn unversehrt
-aus dem Hause treten. Das Lächeln eines Siegers
-auf den Lippen, der soeben einen großen Erfolg errungen
-hat. Da wußte ich, daß Silvester Bursfeld der
-rechte Sohn seines Vaters ist. Er mußte wissen, daß ich
-ihm die Falle gestellt hatte. Ich durfte mich nicht
-mehr vor seinen Augen zeigen. Drei Tage später verschwand
-er … Unauffällig, wie es üblich ist. Spezialgericht.
-Elektrokution. Ich glaubte, der Fall sei erledigt.
-Was weiter geschah, wissen Sie, Herr Präsident.«</p>
-
-<p>»Haben Sie in seinen Papieren gründlich nachgesucht?«</p>
-
-<p>»In jedem Winkelchen. Es sind keine Aufzeichnungen
-über die Erfindung vorhanden. Ich war dreimal in
-seinen Räumen. Jedes Stück Papier wurde umgedreht
-und studiert.«</p>
-
-<p>»Sie haben selbst gesucht … Lassen Sie unsere
-Polizei suchen! Die versteht es vielleicht besser …
-Zum zweiten Punkt unserer Besprechung. Wer hat
-R. F. c. 1 genommen?«</p>
-
-<p>»Ich würde sagen, sicherlich englische Agenten, wenn
-ich nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wenn Sie nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wenn ich nicht nach den Vorgängen dieses Morgens
-fürchten müßte, daß Silvester Bursfeld allein oder
-mit Komplicen in unserem schnellsten Kreuzer nach …
-nach Schweden oder nach Tibet fährt.«</p>
-
-<p>»Allein ist ausgeschlossen! Komplicen? Wer sind sie?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht … Bis jetzt noch nicht. Einer
-dieser Komplicen ist bestimmt der Zeuge Williams. Von<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span>
-dem dritten, der das Auto steuerte, wissen wir nur, daß
-er braunhäutig ist&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Es ist anzunehmen, daß die drei zusammenbleiben
-werden. Drei sind leichter in der Welt zu finden als
-einer. Nehmen Sie die politische Polizei zu Hilfe und
-suchen Sie. Das Finden liegt in eigenstem Interesse …
-Suchen Sie, Herr Doktor Glossin!«</p>
-
-<p>Dr. Glossin stand in unsicherer Haltung vor dem Diktator.
-Zum erstenmal hatte er die ihm anvertrauten, so
-ungeheuer weitreichenden Vollmachten für die Zwecke
-einer Privatrache angewendet. Die Blankette und Vollmachten,
-die er in den Händen hielt, machten es ihm
-leicht, den jungen Ingenieur aufheben zu lassen. Bis
-dahin war alles in Ordnung.</p>
-
-<p>Aber daß er den Gefangenen sofort auf den elektrischen
-Stuhl brachte, entsprach nicht der Staatsräson. Solche
-Leute bewahrte Cyrus Stonard nach bewährter Methode
-an festen Orten auf und suchte hinter ihre Schliche zu
-kommen. Dr. Glossin raffte sich zusammen.</p>
-
-<p>»Ich bitte Sie, den Entschluß über Krieg oder Frieden
-um etwa fünf Stunden aufzuschieben. So lange, bis ich
-wieder hier bin.«</p>
-
-<p>»Warum?«</p>
-
-<p>»Weil ich dann sicher sagen kann, ob Logg Sar und
-seine Gefährten das Flugschiff genommen haben oder
-nicht.«</p>
-
-<p>»Und wenn es mir aus anderen Gründen gefiele,
-daß englische Agenten das Schiff genommen haben?
-Die Zeit ist reif! Der Zwischenfall könnte mir gelegen
-kommen.«</p>
-
-<p>»Ich beschwöre Eure Exzellenz. Keine bindenden
-Entschlüsse, bevor wir nicht klar sehen.«</p>
-
-<p>»Was klar sehen?«</p>
-
-<p>»Wohin die Erfindung gegangen ist. Logg Sar im
-Bunde mit England … dann können wir den Kampf
-nicht wagen.«</p>
-
-<p>Der Diktator schüttelte abweisend das Haupt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p>
-
-<p>»Der Sohn wird sich hüten, sich mit den Mördern
-seines Vaters zu verbinden.«</p>
-
-<p>»Ich hoffe es. Aber Sicherheit ist mehr wert als Vermutung.
-In wenigen Stunden kann ich Sicherheit
-haben. Hat er R. F. c. 1 nicht genommen, so ist er noch
-in den Staaten, und wir haben die Möglichkeit, ihn zu
-fassen. Solange er frei ist, bleibt er eine Macht, die wir
-fürchten müssen.«</p>
-
-<p>Ein Schweigen von zwei Minuten. Dann sagte
-Cyrus Stonard: »Ich erwarte Ihre Mitteilung im
-Laufe der nächsten drei Stunden. Unsere Presse soll
-ihre Invektiven gegen England bis auf weiteres unterlassen.
-Versuchen Sie auf jede Weise, des Erfinders
-habhaft zu werden. Vermeiden Sie Differenzen mit
-anderen europäischen Staaten. Wir wollen dem Gegner
-keine Bundesgenossen werben.«</p>
-
-<p>Eine Handbewegung des Präsident-Diktators, und
-Dr. Glossin war entlassen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Hinter dichten Bäumen verborgen, efeuumsponnen,
-stand in der Johnson Street zu Trenton das Häuschen,
-welches Mrs. Harte mit ihrer Tochter Jane bewohnte.
-Die Nähe der großen Staatswerke konnte man hier vollkommen
-vergessen. Die roten Backsteinhäuser der
-Straße lagen ausnahmslos in geräumigen Gärten. Die
-Straße selbst war reichlich zehn Minuten von den
-Werken mit ihrem geräuschvollen Verkehr entfernt. Sie
-lag auf der entgegengesetzten Seite des Ortes und mündete
-in einen schönen, von Nordwesten her direkt an das
-Städtchen stoßenden Laubwald.</p>
-
-<p>Mrs. Harte war Witwe. Ihr Mann hatte den Tod
-als Ingenieur in den Staatswerken gefunden. Auf
-eine schlimme Weise. Ein Dampfrohr platzte und erfüllte
-seinen Arbeitsraum mit überhitzten Dämpfen.
-Frederic Harte war nach dem Unfall ruhig nach Hause
-gekommen und hatte sein Weib schonend auf seinen Tod
-vorbereitet. Sie glaubte, er spräche im Fieber. Erschrocken<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-war sie auf ihn zugeeilt und hatte seine rechte
-Hand ergriffen. Hatte mit Entsetzen spüren müssen,
-wie das Fleisch der Finger sich von den Knochen löste,
-tot und weich, vom überhitzten Dampf gekocht, in ihren
-eigenen Händen verblieb.</p>
-
-<p>»Es tut nicht mehr weh … Ich habe keine
-Schmerzen«, hatte Frederic Harte sie mit einem weltentrückten
-Lächeln getröstet, sich ruhig an seinen Schreibtisch
-gesetzt und seine letzten Verfügungen getroffen.
-Zwei Stunden später verlor er das Bewußtsein. Nach
-abermals einer Stunde war er tot. »Totale Verbrennung
-der ganzen Oberhaut, Erstickung infolge
-fehlender Hautatmung«, sagte der Arzt der verzweifelten
-Frau.</p>
-
-<p>Das furchtbare Ereignis hatte Mrs. Gladys Harte
-niedergeschmettert. Monate hindurch fürchtete man für
-ihren Verstand. Nur ganz allmählich erholte sie sich
-von diesem Schlage. Doch in demselben Maße, wie ihre
-geistigen Kräfte sich wieder hoben, nahmen die körperlichen
-ab. Jetzt war sie fast den ganzen Tag an den
-Rollstuhl gefesselt, in der Pflege ihrer einzigen Tochter
-Jane.</p>
-
-<p>Der seltsame Unglücksfall hatte über die nähere Umgebung
-hinaus Aufsehen erregt. Wenige Tage danach
-war ein Neuyorker Arzt Dr. Glossin nach Trenton
-gekommen. Aus wissenschaftlichem Interesse bat er um
-nähere Aufschlüsse über die letzten Stunden des Heimgegangenen.
-Mit großer Teilnahme bemühte er sich um
-die beiden von ihrem Schmerz ganz niedergeworfenen
-Frauen. Er machte Jane Harte ein hohes mehrjähriges
-Mietangebot auf das Laboratorium, das sich Frederic
-Harte in dem Hause eingerichtet hatte. Im Bewußtsein
-ihrer unsicheren pekuniären Lage hatte Jane ohne Bedenken
-zugesagt. Als die Mutter sich wieder erholt
-hatte, billigte sie das Abkommen mit dem Doktor gern,
-zumal dieser selten kam und sich nur immer für
-kurze Zeit in dem Laboratorium zu schaffen machte.</p>
-
-<p>Es wurde anders, als Logg Sar in diesen kleinen<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-Kreis trat. Nach dem, was der junge Mann vorbrachte,
-war er ein Verwandter der beiden Frauen.
-Aber der lebendige Verkehr der Gegenwart ließ alle
-alten Erinnerungen und verstaubten Beziehungen schnell
-in den Hintergrund treten. Mr. Logg Sar oder, wie
-er hier bald gerufen wurde, Silvester wurde ein lieber
-Gast im Hause Harte. Nur Dr. Glossin schien darüber
-nicht erbaut zu sein. Wohl blieb er jederzeit höflich
-und gestattete Silvester bereitwillig, das Laboratorium
-zu benutzen. Aber die Gegenwart des Doktors allein
-wirkte störend und erkältend.</p>
-
-<p>Es kam, wie es das Schicksal mit den
-beiden jungen Menschen vorhatte. Aus dem
-Bewußtsein der Verwandtschaft erwuchs eine
-leichte Zuneigung und aus dieser eine immer
-tiefer und inniger werdende Herzensgemeinschaft. Silvester
-Bursfeld hätte vollkommen glücklich sein können,
-wenn Dr. Glossin nicht gewesen wäre. Nicht nur
-während seiner Anwesenheit, sondern auch noch an den
-nächsten Tagen war das Wesen Janes stets verändert.
-Sie zeigte dann eine so sonderbare Kälte und Zurückhaltung,
-daß Silvester oft an ihrer Liebe verzweifeln
-wollte. Erst nach Tagen stellte sich wieder das alte trauliche
-Benehmen ein, ohne daß ihr diese Veränderlichkeit
-selbst zum Bewußtsein zu kommen schien.</p>
-
-<p>Ein Zufall brachte Silvester die Lösung des Rätsels.
-Eines Tages fand er Jane im Laboratorium schlafend
-auf einem Stuhle. Trotz aller seiner Bemühungen erwachte
-sie erst nach einer Viertelstunde und leugnete
-dann, geschlafen zu haben. Da war sich Silvester seiner
-Sache sicher. Zweifellos brauchte Dr. Glossin Jane zu
-irgendwelchen hypnotischen Experimenten. Mißbrauchen
-nannte es Silvester. Er behielt seine Entdeckung
-für sich, nahm sich aber vor, den Doktor zur
-Rede zu stellen. Es kam anders. Wenige Tage danach
-war Silvester verschwunden, ohne vorher von einer
-Reise gesprochen, ohne Abschied genommen zu haben.</p>
-
-<p>Es war die vierte Nachmittagstunde des sechzehnten<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-Juni. Vor der Tür im Schatten des alten Nußbaumes
-saß Mrs. Harte in ihrem Lehnstuhl, neben ihr in einem
-Korbsessel zurückgelehnt Jane. Das Köpfchen mit dem
-gleichmäßigen Profil in das Kissen gelehnt, auf welches
-das lichtblonde Haar reich und schwer niederfiel. Die
-Sonnenstrahlen drangen durch das Gezweig des alten
-Baumes und malten auf Haar und Wangen wechselnde
-Reflexe. Ein reizvolles Bild. Aber alles an dieser Erscheinung
-war wie hingehaucht. Man konnte vor solcher
-Zartheit erschrecken, die bei Menschen wie bei Blumen
-nur den vergänglichsten Blüten eigen ist.</p>
-
-<p>Jane Harte beschäftigte sich mit einer Stickerei. Ihre
-schlanken Finger setzten geschickt Stich neben Stich und
-formten in schwerer Seide das Muster einer roten Rose.
-Aber ihre Gedanken waren nicht bei dieser Arbeit. Ihre
-Miene verriet, daß eine Sorge, ein Kummer sie drückte.
-Die Schatten unter den Augen sprachen von durchwachten
-Nächten, die Blässe ihrer Wangen steigerte
-noch das Ätherische ihrer ganzen Erscheinung. Mit
-einem Seufzer ließ sie die Arbeit sinken.</p>
-
-<p>»Heute ist eine Woche vergangen, seit Silvester zum
-letztenmal bei uns war.«</p>
-
-<p>»Du machst dir vielleicht unnötige Sorge, mein Kind.
-Ich denke, er hat eine plötzliche Reise unternehmen
-müssen … vergaß es in der Eile, uns zu benachrichtigen.«</p>
-
-<p>»Vergessen?«</p>
-
-<p>Ein bitterer Zug zuckte um Janes Mund.</p>
-
-<p>»Jane, was hast du?«</p>
-
-<p>»Laß, Mutter! Ich weiß, daß man in den Werken
-ebenfalls keine Erklärung für sein plötzliches Verschwinden
-hat. Man glaubt dort … und ich fürchte
-es … eine innere Stimme gibt mir die Gewißheit,
-daß er das Opfer eines Unglücksfalles oder vielleicht
-… eines Verbrechens geworden ist.«</p>
-
-<p>Sie barg ihr Gesicht in die Hände und versuchte
-vergeblich, die fließenden Tränen zurückzuhalten.</p>
-
-<p>»Unmöglich, Kind. Der harmlose, freundliche Mensch.<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-Wer sollte ihm übelgesinnt sein? Außer uns verkehrte
-er mit niemand im Orte. Wie wäre es, wenn
-wir Dr. Glossin um Rat fragten. Er hat doch für
-diesen Nachmittag sein Kommen in Aussicht gestellt.
-Vielleicht kann er uns helfen.«</p>
-
-<p>Jane ließ die Hände sinken.</p>
-
-<p>»Dr. Glossin?«</p>
-
-<p>Ein Zucken ging über ihre Züge. Ihre Augen öffneten
-sich weit, und ein Beben lief durch den schlanken Körper.</p>
-
-<p>»Dr. Glossin … Ja … Er!«</p>
-
-<p>Beinahe überlaut kam es von ihren Lippen. Grübelnd
-ruhten ihre Blicke auf dem dichten Blättergewirr
-über ihr. Die Gedanken jagten sich hinter ihrer Stirn.
-Sie versucht, einen ganz momentan und instinktartig
-aufgetauchten Verdacht zu ergründen … Vergeblich.
-Sie fand keinen Zusammenhang. Der gespannte Ausdruck
-ihrer Züge wich dem einer Enttäuschung. Was
-war das, was da einen Augenblick ganz klar vor ihrer
-Seele stand und sich dann wieder verwirrte und verdunkelte,
-so daß alle Zusammenhänge verlorengingen?</p>
-
-<p>Das Einschnappen der Gartentür klang dazwischen
-und ließ sie auffahren.</p>
-
-<p>»Ah, Dr. Glossin!«</p>
-
-<p>Schreck und Erwartung kämpften in ihren Mienen.</p>
-
-<p>»Sie riefen mich, meine liebe Miß Jane. Da bin
-ich. Womit kann ich Ihnen helfen?«</p>
-
-<p>»Sie kommen zur rechten Zeit, Herr Doktor«, wandte
-sich Mrs. Harte an den Besucher. »Seit einer Woche
-ist Mr. Logg Sar verschwunden. Wir stehen vor einem
-Rätsel. Helfen Sie uns, es zu lösen.«</p>
-
-<p>Janes Blick hing unverwandt an dem Gesicht des
-Doktors. Ihre Augen blickten so fragend und angstvoll,
-als würde von dieser Stelle aus über ihr eigenes
-Leben entschieden.</p>
-
-<p>»Ja, helfen Sie uns, Herr Doktor«, schloß sie sich
-der Bitte der Mutter an.</p>
-
-<p>Es war klar, daß die beiden Frauen noch keine<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-Ahnung von der Affäre in Sing-Sing hatten, und
-Dr. Glossin handelte danach.</p>
-
-<p>»Oh, Mr. Logg Sar ist verschwunden? Da wäre
-es doch wohl das einfachste, wenn man sich an die
-Polizei wendete. Freilich müßte man glaubhaft
-machen, daß der begründete Verdacht eines Verbrechens
-vorliegt, denn sonst … man reist viel in den
-Staaten, und eine achttägige Abwesenheit eines jungen
-unabhängigen Mannes wäre noch kein Grund, den
-polizeilichen Apparat in Bewegung zu setzen.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin hatte seine Züge in der Gewalt. Jane,
-die ihn gespannt beobachtete, merkte keine Veränderung
-an ihnen, während er ruhig fortfuhr: »Ich will mich
-selbst mit der Polizei in Verbindung setzen, aber …
-aber vielleicht hat Mr. Logg Sar triftige Gründe&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Herr Doktor! Was soll das heißen?«</p>
-
-<p>Jane rief es mit fliegender Hast. Sie schaute den Besucher
-mit großen, klaren Augen an. Doch nur auf Sekunden.
-Vor dem magnetischen Fluidum, welches aus
-den funkelnden Augen des Doktors auf sie überströmte,
-senkten sich ihre Augenlider schwer und furchtsam.</p>
-
-<p>»Ich bin nur gekommen, um eine Kleinigkeit, die
-ich bei meinem letzten Hiersein vergaß, aus dem Laboratorium
-zu holen. Ich muß gleich wieder abreisen.«</p>
-
-<p>Im Umdrehen suchte er nochmals den Blick Janes
-zu fassen, den diese beharrlich zu Boden gerichtet hielt.
-Einen Augenblick nur dauerte der stumme Kampf.
-Dann schaute das Mädchen besiegt zu dem Manne
-empor. Ihre Blicke versenkten sich ineinander.</p>
-
-<p>»Eine kleine halbe Stunde, dann ist mein Geschäft
-erledigt.«</p>
-
-<p>Der Doktor schritt dem Hauseingang zu.</p>
-
-<p>»Bring mich ins Haus, liebe Jane. Die Sonne ist
-hinter dem Dach verschwunden. Mir wird kühl.«</p>
-
-<p>Während Jane die herabgesunkene Decke um sie
-schlug, strich ihr die Mutter liebkosend über das bleiche
-Gesicht.</p>
-
-<p>»Mein Liebling, es wird noch alles gut werden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p>
-
-<p>»Möchtest du recht haben, liebe Mutter.«</p>
-
-<p>Ruhig, fast eintönig sprach Jane die Worte. Im
-Hause bettete sie die Kranke auf einen Diwan und
-wandte sich zum Flur. Leise schloß sie die Tür und
-stand wie mit sich selbst kämpfend einen Augenblick still.
-Dann schritt sie dem Laboratorium zu.</p>
-
-<p>Dr. Glossin kam ihr entgegen und führte sie zu einem
-bequemen Stuhl. Der suggestive Befehl war auf die
-Minute genau ausgeführt. Noch einmal versuchte sie
-es, sich zu erheben, aber es gelang ihr nicht. Eine
-unüberwindliche Kraft fesselte sie an ihren Sitz. Ihr
-Mund öffnete sich, als wolle sie rufen. Dr. Glossin
-streckte die Hände über Janes Haupt aus, und kein Ton
-kam von ihren Lippen. Ohne Kraft und Willen ließ
-sie ihren Kopf auf die Rückenlehne sinken. Sie war
-in jenem rätselhaften Zustand, in dem das körperliche
-Auge geschlossen ist, während die Seele Dinge wahrnimmt,
-die räumlich oder zeitlich in weiter Ferne liegen.
-Dr. Glossin zog seine Hand zurück und fragte: »Wo hat
-Logg Sar die Aufzeichnungen über seine Erfindung gelassen?«</p>
-
-<p>Die Züge Janes strafften sich. Sie schien etwas zu suchen
-und schwer oder unvollkommen zu finden. Ihre Lippen
-öffneten sich und formten Worte einer fremden Sprache.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Om mani padme hum.</em>«</p>
-
-<p>Eintönig wiederholte sie die vier Worte. Dr. Glossin
-hörte sie und verstand den Sinn nicht. Mit größter
-Konzentration stellte er die Frage noch einmal, gab er
-Befehl, das Versteck der Aufzeichnungen zu nennen.
-Die Antwort bestand immer wieder in diesen vier
-Worten, die ganz mechanisch, fast maschinenmäßig
-wiederholt wurden, wie wenn etwa ein Phonograph
-den gleichen Text ein dutzendmal herunterspielt.</p>
-
-<p>Der Doktor ließ die Frage fallen und stellte eine andere.</p>
-
-<p>»Wo ist Logg Sar jetzt? Können Sie ihn sehen?
-Können Sie hören, was er spricht?«</p>
-
-<p>Abgebrochen und stoßweise kamen die Worte von
-Janes Lippen: »Ich sehe … Wolken … ein Schiff …<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-ein Flugschiff … Logg Sar! Er trägt ein dunkles
-Kleid. Zwei Männer sind bei ihm … Das Schiff
-landet … Viel Heidekraut. Die Männer verlassen
-das Schiff … Das Schiff verschwindet. Logg Sar
-geht über die Heide … Es wird neblig. Ich sehe
-nichts mehr.«</p>
-
-<p>Atemlos hatte Dr. Glossin Wort für Wort aufgefangen.</p>
-
-<p>»In welchem Lande sind sie? Wo liegt das Land?«</p>
-
-<p>»Ein Land im Norden … dunkle Tannen und
-Heidekraut … ein Haus an einem Fluß. Die Nebel
-steigen … Ich sehe nichts mehr&nbsp;…«</p>
-
-<p>Dr. Glossin zwang sich zur Ruhe. Er wußte aus
-früheren Erfahrungen, daß es vergeblich war, weiterzufragen,
-wenn das Bild sich verschleierte. So setzte er
-die Nachforschung in anderer Richtung fort. Viel Hoffnung
-auf einen Erfolg hatte er nicht. Wenn die Vision
-schon bei Vorgängen abbrach, die, wenn auch weit entfernt,
-in der Gegenwart stattfanden, war wenig Aussicht,
-zeitlich zurückliegende Dinge zu erblicken. Aber er beschloß,
-den Versuch zu machen.</p>
-
-<p>»Gehen Sie in Logg Sars Wohnung!«</p>
-
-<p>»Ich gehe … die Johnson Street, die Washington
-Street … ich bin in dem Hause … ich trete in das
-Zimmer&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Blicken Sie sich genau um! Sind alle Gegenstände
-vorhanden? Oder fehlt etwas? Wurde in der letzten
-Zeit etwas aus dem Zimmer genommen? Blicken Sie
-rückwärts.«</p>
-
-<p>Jane hob die Hände, als ob sie sich in einem dunklen
-Raum vorwärts tastete.</p>
-
-<p>»Ich sehe … Logg Sar ist fortgegangen. Eine Person
-kommt. Ich erkenne sie. Es ist Dr. Glossin.
-Er sucht und findet nichts … Er geht wieder
-fort. Zwei andere Männer kommen. Der eine …
-ein Riese, blond, mit blauen Augen. Der andere dunkel.
-Ein Neger? … Nein, ein dunkler Mann. Sie suchen.<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-Sie nehmen … <em class="antiqua">Om mani padme hum … Om
-mani padme hum.</em>«</p>
-
-<p>Der Doktor ballte erregt die Hände.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Om mani padme hum</em>? … Schon wieder die
-sonderbaren Worte. Was bedeuten sie? Geben sie den
-Schlüssel? Wie finde ich die Lösung? … Verdammt daß
-die Zeit so knapp ist! In drei Stunden muß der
-Diktator seinen Bericht haben.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Om mani padme hum</em>«, kam es automatisch von
-Janes Lippen.</p>
-
-<p>»Was nehmen die zwei? Strengen Sie sich an! Versuchen
-Sie, deutlich zu sehen. Was nehmen die beiden
-Männer?«</p>
-
-<p>»Papierstreifen … ich sehe eine kleine Handmühle
-… das Bild wird trübe. Die Nebel steigen.«</p>
-
-<p>»Eine Mühle?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin zerbrach sich den Kopf. Eine Mühle?
-Was konnte Logg Sar für eine Mühle haben? Bei der
-Durchsuchung seines Zimmers hatte Dr. Glossin allerlei
-asiatische Erzeugnisse gesehen … vielleicht eine buddhistische
-Gebetmühle? Gab etwa der rätselhafte Spruch
-die Lösung nach dieser Richtung?</p>
-
-<p>Dr. Glossin wußte, daß er es heute nicht mehr erfahren
-würde. Er legte die Hand aufs neue auf Janes Stirn.
-Im Augenblick vollzog sich eine Veränderung in ihrem
-Aussehen. Ihre Züge entspannten sich, und wie eine
-tief Schlafende saß sie in dem Stuhl. Der Arzt ließ sie
-zehn Minuten in dieser wohltätigen Ruhe. Dann strich
-er ihr wieder über die Augen und das Haar. Ein
-Strom mächtigen Willenfluidums drang durch die Nerven
-seiner Finger. Jane schlug die Augen auf und
-schien es für die selbstverständlichste Sache von der Welt
-zu halten, daß sie hier im Laboratorium saß.</p>
-
-<p>»Ich bitte Sie, Miß Jane, lassen Sie alles machen,
-was sie für notwendig halten, und legen Sie mir die
-Rechnungen bei meinem nächsten Besuch vor. Ich
-möchte, daß das Laboratorium in gutem Zustande gehalten
-wird.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Doktor. Es soll alles nach Ihren
-Wünschen besorgt werden.«</p>
-
-<p>Jede Erinnerung an den vorangegangenen Zustand
-des Hellsehens war bei Jane geschwunden. So befahl
-es die retroaktive Suggestion, die Dr. Glossin ihr bei
-der letzten Berührung erteilt hatte. Sie verließ das Laboratorium
-mit dem Bewußtsein, eine einfache geschäftliche
-Unterredung mit dem Doktor geführt zu haben.
-Aber auch jede Sorge um Logg Sar, ja jede Erinnerung
-an ihn war wie weggewischt. Sie stand für den kommenden
-Tag unter dem suggestiven Befehl Glossins, war
-in jenem Zustande, der Silvester früher sooft zur Verzweiflung
-gebracht hatte. Der Doktor war sicher, daß
-sie vor dem Ablauf der nächsten vierundzwanzig Stunden
-kein Interesse mehr an dem Schicksal des Verschwundenen
-nehmen würde. Obwohl sie ihn liebte, wie es
-Glossin mit Furcht und Eifersucht beobachtet hatte, obwohl
-sie sich als Silvesters Verlobte betrachtete, wovon
-Dr. Glossin noch nichts wußte.</p>
-
-<p>Der Arzt blieb allein zurück.</p>
-
-<p>»Drei Männer sind es. Ein dunkler dabei … das
-stimmt mit unseren Beobachtungen … Drei Personen
-sollen den Kraftwagen in Sing-Sing bestiegen haben …
-Sie sind im Luftschiff entflohen. Es ist kein Zweifel,
-daß es R. F. c. 1 war … Die anderen waren in
-seiner Wohnung und haben die Aufzeichnungen geholt
-und mitgenommen. Hier bricht die Spur ab. Ich werde
-sie an einem anderen Ende wieder aufnehmen … Telenergetische
-Konzentration … Gerhard Bursfeld
-kannte das Geheimnis. Sein Sohn hat es wiedergefunden.
-Vererbung … Zufall … Schickung? Wer weiß?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin erhob sich mit einem Ruck von dem Schemel.</p>
-
-<p>»Wir müssen klar sehen, bevor Cyrus Stonard den
-Schlag wagt. Es wäre unmöglich, wenn die Gegner
-das Geheimnis besitzen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Mit zweihundertachtzig Metern in der Sekunde schoß
-R. F. c. 1 Kurs Nordwest zu Nord über den Lorenzgolf
-dahin. Land und See lagen dreißig Kilometer unter
-dem Rapid Flyer. Automatisch arbeiteten die Benzolturbinen
-des Kreuzers, und selbsttätig regulierte die einmal
-eingestellte Steuerung den Kurs und die Höhenlage.</p>
-
-<p>Nur drei Personen befanden sich im Flugschiff im
-Zentralraum. In einem Korbsessel, leicht ausgestreckt,
-die Gestalt eines etwa Dreißigjährigen. Die Farbe
-seines Haupthaares war nicht zu erkennen. Es war ganz
-kurz geschnitten, wie rasiert. Die Farbe des Antlitzes
-zeigte eine Nuance in das Gelblich-Rötliche, wie man sie
-an Menschen der weißen Rasse kennt, die lange in den
-Tropen gelebt haben. Die hohe Stirn wies auf geistige
-Bedeutung. Ein schwarzer Anzug von eigenartig
-schlotterndem Schnitt umschloß die Glieder.</p>
-
-<p>Ein anderer machte sich an den Hebeln und Reguliervorrichtungen
-zu schaffen, die von der Zentrale aus den
-Gang der Turbinen beeinflußten. Er war blond, blauäugig,
-von nordischem Typus. Eine jener hochgewachsenen
-reckenhaften Gestalten, wie man sie bis auf die
-Gegenwart in den Tälern von Darlekarlien bis hinauf
-zum Ulea und Tornea findet.</p>
-
-<p>Ein Dritter durchspähte am Ausguck der Zentrale mit
-scharfem Glase den Raum unter dem Flugzeug. Braunhäutig,
-auch in seiner europäischen Tracht als indisches
-Vollblut kenntlich.</p>
-
-<p>Die Unterhaltung wurde in wechselnder Sprache geführt.
-Bald schwedisch, bald deutsch. Bald wurde von
-allen Dreien fließend und geläufig ein reines Tibetanisch
-gesprochen und bald wieder Englisch. Sie wechselten die
-Sprache in irgendeinem Satze der Unterhaltung, wie
-gerade irgendein Wort den Anstoß dazu gab.</p>
-
-<p>Silvester Bursfeld war es, der noch im Hinrichtungsanzug
-mit kahl geschorenem Schädel in dem Sessel ruhte.</p>
-
-<p>Erik Truwor, der Schwede aus altem, warägischem
-Dynastengeschlecht, bediente die Hebel für die Maschinen
-und die Steuerung. Noch in der ernsten bürgerlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-Kleidung, in der er als Zeuge zu der Elektrokution gegangen
-war.</p>
-
-<p>Soma Atma, der Inder, stand spähend am Ausguck.
-Jetzt ließ er das Glas sinken und wandte sich den
-beiden anderen zu.</p>
-
-<p>»Wir sind durch! Der letzte amerikanische Kreuzer
-ist hinter uns aus dem Gesichtsfeld entschwunden.«</p>
-
-<p>»Wir sind durch!« Erik Truwor wiederholte die Worte
-und stellte die automatische Steuerung fest ein. Mit
-frohem Lächeln wandte er sich zu Silvester Bursfeld.</p>
-
-<p>»Das schwerste Stück liegt hinter uns! Ich denke, Logg
-Sar, wir sind in Sicherheit. Wir fahren im schnellsten
-Flugschiff der Welt. Ein zweites Schiff der Type
-existiert noch nicht. Jetzt haben wir Ruhe und können
-sprechen.«</p>
-
-<p>Der Schwede trat ganz nahe an den Sitzenden heran
-und legte ihm die Hand auf die Schulter.</p>
-
-<p>»Wir sind in Sicherheit, Logg Sar. Noch wenige
-Stunden, und wir stehen auf schwedischem Boden.
-Armer Freund! Sie haben dir böse mitgespielt. Wir
-haben es ihnen vergolten. Sie werden in Sing-Sing
-noch lange an den heutigen Tag denken. Du mußt ihn
-möglichst schnell vergessen.«</p>
-
-<p>Silvester Bursfeld sammelte sich, bevor er stockend
-zu antworten begann. Die ungeheure Erregung der
-letzten vierundzwanzig Stunden führte jetzt zu der unausbleiblichen
-Reaktion.</p>
-
-<p>»Weißt du, was es heißt, mit dem Leben abschließen
-zu müssen? Den Tod, einen schimpflichen und qualvollen
-Tod unaufhaltsam heranrücken zu sehen?«</p>
-
-<p>Der Sprecher schauderte zusammen.</p>
-
-<p>»Die Stunden werde ich nie vergessen. Plötzlich gefangen
-… eine Farce von einem Gericht … zum Tode
-verurteilt. Im Besitze des Rettungsmittels und unfähig,
-es anzuwenden … dann erblickte ich dich unter
-den Zeugen. Unsere Blicke trafen sich, und ich wagte
-ganz leise zu hoffen … Haben die anderen das Geheimnis
-gefunden?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p>
-
-<p>Erik Truwor hatte eine faustgroße Messingkapsel
-zwischen den Händen, ein reichverziertes, mit winzigen
-Glöckchen behangenes zylindrisches Gebilde. Er hielt die
-Kapsel in der Linken und drehte mit der Rechten
-mechanisch einen Knopf.</p>
-
-<p>»Sie haben es nicht entdeckt. Nach dem ersten Besuche
-des Dr. Glossin kamen wir in deine Räume. Ich
-suchte, und Atma fand. Er sah den Tschosor&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Schwede fiel bei dem tibetanischen Worte wieder
-ins Tibetanische.</p>
-
-<p>»Atma öffnete die Gebetmühle und sah, daß der Text
-auf den Streifen nicht vom Kleinod im Lotos sprach.
-Wir lasen deine Anweisung. Einen halben Tag brauchte
-ich, um sie zu verstehen. Noch einen halben Tag, um
-die versteckten Teile zu finden und wieder zusammenzubauen.
-Dann hatten wir den Strahler! In seinem Besitze,
-in der Kenntnis des Geheimnisses war es uns leicht,
-die Maschine zu sprengen.«</p>
-
-<p>Mit zitternden Händen griff Silvester Bursfeld nach
-der Gebetmühle und streichelte sie liebkosend.</p>
-
-<p>»Das Geheimnis ist gerettet. Alles, was ich darüber
-schrieb, steht auf den Bändern. Ich will ihnen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Zorn und Erregung malten sich auf seinen Zügen.</p>
-
-<p>»Ich will ihnen Brände und Stürme schicken,
-daß sie&nbsp;…«</p>
-
-<p>Erik Truwor hob beschwörend die Rechte. Ein goldener
-Schlangenring von alter indischer Arbeit gleißte
-am vierten Finger. Ein Stein schimmerte darin in
-wundersamem Farbenspiel. Bald glänzte er tiefgrün,
-und dann wieder, wenn ein Strahl der elektrischen
-Lampe ihn traf, sandte er blutrotes Rubinlicht aus.</p>
-
-<p>Atma trat hinzu. Der gleiche Ring erglänzte an seiner
-Hand wie an der seines Gefährten. In Überraschung
-und Staunen weiteten sich die Augen Silvesters.
-Zwischen den beiden Ringen wanderten seine Blicke hin
-und her und hafteten dann auf dem leeren Ringfinger
-der eigenen Hand.</p>
-
-<p>»Die drei Ringe <span id="corr042">des</span> Tsongkapa … Die alte Prophezeiung<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-… Vom Anfang des Bogens der Wille …
-Vom Ende das Wissen … von Mitternacht … mein
-Ring fehlt&nbsp;…«</p>
-
-<p>War es das Flimmern der Steine, war es der
-strahlende Blick des Inders, Silvester Bursfeld hielt
-stockend inne und schloß die Augen zu tiefem Schlaf.</p>
-
-<p>Atma kehrte auf seinen Beobachtungsposten zurück.</p>
-
-<p>Erik Truwor hantierte am Empfangsapparat der telegraphischen
-Station. Mit schnellen Blicken überflog er
-die Zeichen des aus dem Apparate quellenden Streifens.
-Dann ein Wink an den dunklen Gefährten. Der schob
-und drehte das schimmernde Aluminiumrad der selbsttätigen
-Steuerung, bis die schwarze Marke genau über
-der Spitze des nordweisenden Kreisels stand, der die
-Steuerung betätigte. In weit ausholendem Bogen gehorchte
-das Flugschiff der Steuerung und schoß über Labrador
-hin nordwärts gerichtet auf den Pol zu.</p>
-
-<p>Der Schwede wies auf die Telegrammstreifen.</p>
-
-<p>»Amerikanische Kreuzer auf Grönland und über Island.
-Wir müssen über den Pol gehen, um die Sperre
-zu meiden.«</p>
-
-<p>Atma hörte, und ein stärkerer Glanz leuchtete in seinen
-großen strahlenden Augen.</p>
-
-<p>»Gezwungen?«</p>
-
-<p>»Gezwungen!«</p>
-
-<p>Der Inder nahm die alte Weissagung da wieder auf,
-wo Silvester, in den Schlaf fallend, gestockt hatte.</p>
-
-<p>»… Von Mitternacht kommt die Macht.«</p>
-
-<p>Erik Truwor erschauerte. Er kannte die Weissagung.
-Der Moment trat ihm vor die Augen, als der greise Abt
-von Pankong Tzo ihm den Ring auf den Finger schob
-und dazu nur die Worte sprach: »Das ist der dritte!«</p>
-
-<p>Es ging um die alte, so schwer deutbare Prophezeiung,
-an der sich die Ausleger seit siebenhundert Jahren versuchten.
-Erik Truwor war ein moderner Mensch. Er
-beherrschte das Wissen der Gegenwart, kannte als Ingenieur
-die Naturwissenschaft seiner Zeit. So hatte er
-den Ring genommen und hatte ihn mit den Blicken des<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-Naturforschers betrachtet. Der Stein, eine Abart des
-Chrysoberyll, ein gut geschliffener Alexandrit, der die
-Eigenschaft besitzt, in natürlichem Lichte grün, in künstlichem
-rot zu leuchten. Die Prophezeiung … eine jener
-vielen aus der Vorzeit überkommenen dunklen Weissagungen,
-die man in jedem Jahrhundert auf die Ereignisse
-der Zeit zu deuten versucht. Erik Truwor wollte
-ihr skeptisch gegenüberstehen und brachte es doch nicht
-fertig. Zu sehr klangen die Worte des Tsongkapa mit
-alten dunklen Überlieferungen zusammen, die in seinem
-Vaterhaus umgingen. Zu sehr auch brachten sie in
-seinem Gemüt eine Saite zum Mitschwingen, die wohl
-nur leise angeschlagen zu werden brauchte, um zu
-klingen. Schon einmal sollten die Truwors vor mehr als
-tausend Jahren den Völkern in den weiten Steppen
-Rußlands einen Herrscher gegeben haben. Aber über
-diese geschichtliche Überlieferung ging die Legende hinaus,
-daß es nicht das letztemal gewesen sein sollte. Ein
-dunkles Grenzgebiet tat sich hier auf. Ein Ineinanderfließen
-grauer Vergangenheit und ferner Zukunft.</p>
-
-<p>Erik Truwor hätte lächeln mögen, wenn er nicht im
-fernen Osten Dinge gesehen hätte, die ihm das Lachen
-verlegten. Dinge, für die das eherne Kausalitätsgesetz
-seine Wirkung zu verlieren schien. Erscheinungen, bei
-denen Zeit und Raum ihre Ausdehnung verloren. War
-es blinder Zufall oder war es irgendeine Fügung, daß
-sie jetzt infolge der erzwungenen Abweichung vom kürzesten
-Kurs direkt vom Pol her genau aus Mitternacht
-in ihre Heimat stoßen mußten?</p>
-
-<p>»… Aus Mitternacht kommt die Macht«, sagte die
-alte Weissagung. Er entsann sich ihrer jetzt Wort für
-Wort.</p>
-
-<p>»Vom Anfang des Bogens kommt der Wille«, das
-ließ sich auf Atma, den im fernen Osten Geborenen,
-deuten, der die Fähigkeit der Willensübertragung, der
-telepathischen Fernwirkung in übermenschlichem Maße
-besaß.</p>
-
-<p>»Vom Ende das Wissen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p>
-
-<p>Das mochte wohl auf den Mann gehen, der dort ruhig
-im Stuhle schlummerte und Erfindungen von so gewaltiger
-Tragweite gemacht hatte.</p>
-
-<p>»Von Mitternacht kommt die Macht.« Wörtlich ließ
-es sich jetzt auf sie alle drei zusammen deuten&nbsp;…</p>
-
-<p>Die Steuerung des Kreuzers wurde von Minute zu
-Minute unsicherer. Der steuernde Kreisel, dessen Achse
-an jedem Punkte der Erde auf den Polarstern weist, stand
-jetzt genau senkrecht.</p>
-
-<p>Erik Truwor blickte durch die Scheiben nach unten.
-Wo die Wolken einen Durchblick ließen, wurden unendlich
-ausgedehnte Eis- und Schneeflächen sichtbar. Der
-Kreuzer stand genau über dem Pol. Wohin immer er
-jetzt fuhr, er mußte nach Süden fahren und aus Mitternacht
-kommen.</p>
-
-<p>Mit fester Hand griff der Schwede in die Speichen der
-Steuerung. In weitem Bogen schwenkte das Schiff um
-einen Winkel von fünfundvierzig Grad und schlug den
-Kurs auf die Ostecke von Spitzbergen ein. Minuten
-verstrichen. Dann nahm der steuernde Kreisel ganz allmählich
-eine schräge Lage an. Die automatische
-Steuerung begann wieder zu arbeiten, und Erik Truwor
-konnte zur drahtlosen Station zurücktreten.</p>
-
-<p>Atma wies ihm stumm den Papierstreifen, der inzwischen
-viele Meter lang unter dem Schreibrad hervorgequollen
-war … Aufregende Depeschen aus Amerika.
-Der Krieg mit England so gut wie sicher. Kühle Auslassungen
-von Washington. Dann wieder siedend heiße
-Telegramme der amerikanischen Presse. R. F. c. 1 spielte
-die Hauptrolle darin.</p>
-
-<p>Die amerikanischen Wachtflieger sollten seine Landung
-in Schottland beobachtet haben. Der Äther war voll
-von gefährlichen Nachrichten.</p>
-
-<p>Erik Truwor las, während die Stunden der Fahrt sich
-summten. Endlich hatten sie das offene Meer unter sich.
-Das Nordkap kam in Sicht. Gebirge, Fjorde, weite
-Flächen … alles noch in bläulichem Nebel verschwommen.
-Jetzt schoß der Flieger mit starkem Gefälle nach<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-unten. Seine Geschwindigkeit nahm ab, als er in die
-dichteren Luftschichten eindrang. Dann senkte er sich mit
-stehenden Maschinen im Gleitflug und stand auf einer
-weiten, nur mit Heidekraut bewachsenen Fläche still.</p>
-
-<p>Atma trat auf den Schläfer zu und strich ihm leicht
-über die Augen. Silvester Bursfeld erwachte und erhob
-sich erfrischt. Der magnetische Schlaf hatte die
-Spuren der erlittenen Anstrengungen und Leiden verwischt.
-Nur noch das kurze Haar und der ominöse Anzug
-erinnerten daran, daß er vor zehn Stunden zum Tode
-geführt werden sollte.</p>
-
-<p>Als Erster sprang Erik Truwor aus dem Schiff und
-stand fest und sicher auf dem heimatlichen Boden. Sorglich
-half er Silvester beim Verlassen des Fliegers.</p>
-
-<p>»Willkommen auf heimatlichem Boden! Willkommen,
-Silvester, im alten Schweden, in unserem Linnais!
-Ein neues Leben beginnt heute für uns alle. Deine Erfindung,
-Silvester, ist größer, als du selbst vielleicht
-denkst und ahnst. Das Schicksal hat uns viel gegeben.
-Wir werden uns der Gabe würdig zeigen müssen.«</p>
-
-<p>Soma Atma war als der Letzte aus dem Flugschiff
-gesprungen. Seine Frage unterbrach den Gedankenflug
-Erik Truwors.</p>
-
-<p>»Wohin mit dem Flugschiff? Hier darf es nicht stehen.
-Die Luft hat Augen.«</p>
-
-<p>Silvester Bursfeld trat näher und strich liebkosend
-über die silbern schimmernde Wand des Schiffes. An
-den Körper einer Schwalbe erinnerte sein Rumpf.
-Schmal und schnittig, daß die Luft es noch sanft umstrich,
-wenn es mit Flintenkugelgeschwindigkeit durch
-den Äther dahinschoß. Der Rumpf vom langausgezogenen
-Steuerschwanz bis zum Motorkopf kaum zwölf
-Meter lang. Die Schwingen zu ebener Erde jetzt zusammengefaltet
-und an den Rumpf gelegt wie die
-Flügel einer ruhenden Schwalbe. In der dünnen
-Atmosphäre, in dreißig Kilometer Höhe, da reckten sich
-diese blanken Flächen aus, streckten sich von innen her<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-gespreizt weit nach beiden Seiten, bis sie fünfzig Meter
-klafterten.</p>
-
-<p>Auf leichten Rädern stand der zierliche Rumpf mit
-angefalteten Schwingen.</p>
-
-<p>»Die Yankees sollen das Schiff nicht wiederhaben!
-Ein Andenken sind sie mir für den elektrischen Stuhl
-schuldig.«</p>
-
-<p>Silvester knurrte es unwillig vor sich hin.</p>
-
-<p>»Du hast recht. Wir können die Maschine selbst gebrauchen.
-Moralische Verpflichtungen haben wir nach
-deinem Abenteuer nicht mehr. Das Schiff findet Platz
-in der Odinshöhle.«</p>
-
-<p>Silvester Bursfeld trug an einem Riemen an der
-rechten Hüfte einen kleinen Kasten aus poliertem Zedernholz.
-Er ergriff ihn, wie man nach einem Krimstecher
-greift. Einige Griffe an ein paar Stellschrauben des
-Apparates, und wie von Geisterhänden berührt, begann
-das Flugschiff auf dem ebenen Heideboden langsam voranzurollen.
-So gemächlich, daß seine drei bisherigen
-Passagiere ihm im bequemen Schritt zu folgen vermochten.
-Etwa wie ein gut dressierter Hund lief es vor
-ihnen her, während Silvester Bursfeld es mit seinem
-Apparat verfolgte wie ein Photograph ein Objekt, das
-er auf die Platte bannen will.</p>
-
-<p>Nun war das Ende der Hochebene erreicht. Mit
-steilem Gefälle führte der Weg mehrere hundert Meter in
-die Tiefe zum Torneaelf hinab. Sich selbst überlassen,
-mußte die Maschine auf diesem Pfade ins Rollen
-kommen, mußte umschlagen oder zerschellen. Aber war
-sie bisher wie ein Hund gelaufen, so kletterte sie jetzt
-wie eine Gemse. Vorsichtig wand sie sich auf dem
-schmalen Pfade dahin … und jetzt … Silvester Bursfeld
-neigte seinen Apparat nach oben, und die schwere
-Maschine hob sich vom ungangbaren Pfade in die Luft.
-Während ihre Propeller stillstanden, während ihre
-Schwingen dicht gefaltet am Rumpf lagen, gaukelte sie
-wie ein Schmetterling vor den Wanderern dahin, die
-den engen Pfad hinabstiegen. Nun bogen sie seitlich vom<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-Wege in ein Gewirr von Blöcken und Heidekraut am
-Abhange ein. Noch wenige hundert Meter, und eine
-dunkle Öffnung gähnte am Hange.</p>
-
-<p>Silvester Bursfeld arbeitete mit seinem Apparat wie
-ein Künstler. Er hob und senkte, drehte und richtete
-ihn, kam im Bogen schließlich gerade vor jene Öffnung
-zu stehen. Vor ihm schwebte das schwere Flugschiff.</p>
-
-<p>In langsamer vorsichtiger Wendung kehrte es seine
-Spitze der Öffnung zu. Jetzt tauchte es in die Dunkelheit,
-und jetzt war es verschwunden. Silvester folgte
-ihm, während Erik Truwor einen Handscheinwerfer in
-Tätigkeit setzte, der die Höhle mit blendendem Licht erfüllte.</p>
-
-<p>Noch etwa hundert Meter Weg in der geräumigen,
-hier von der Natur in das Urgestein gesprengten Höhle.
-Eine kurze Schwenkung nach links. Das Flugschiff verschwand
-hinter gewaltigen Basaltsäulen. Wie Silvester
-jetzt den Strahler senkte, senkte sich auch das Schiff.
-Seine Räder berührten den Boden und nun stand es
-sicher und unbeweglich auf der ebenen, mit trockenem
-Sand bedeckten Basis der Höhle. Silvester Bursfeld
-setzte die Schrauben seines Apparates auf die Nullstellung
-und ließ ihn wieder auf seine Hüfte hinabgleiten.</p>
-
-<p>»So! Hier wird es niemand entdecken! Wenigstens
-nicht, wenn die Leute in der Gegend noch denselben Respekt
-vor der Odinshöhle haben wie früher.«</p>
-
-<p>»Sie haben ihn. Die Schäfer und Waldläufer hier
-glauben immer noch, daß allerhand Geister in der Höhle
-hausen.«</p>
-
-<p>Erik Truwor sagte es lachend.</p>
-
-<p>»Selbst am lichten Tage machen sie einen Bogen um
-die Höhle. So leicht wagt sich niemand hinein, so breit
-und offen ihr Eingang auch daliegt. Sie haben Respekt
-davor, und sollte er nachlassen, so haben wir das Mittel,
-ihn wieder aufzufrischen.«</p>
-
-<p>Er deutete dabei auf den Strahler an Silvesters Seite.
-Aus dem Dunkel der Höhle traten die drei wieder an
-den sonnigen Tag. Sie folgten dem Pfade flußabwärts<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-und erreichten das alte Stammhaus der Truwors, das
-hier aus Birken und Föhren hervor auf den Torneaelf
-hinabschaute.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»<em class="antiqua">Britannia rules the waves, Britannia rules the
-winds.</em>« Aus Hunderttausenden von Kehlen drang
-die alte Melodie mit neuem Text und
-brauste über die blauen Wasser des Solent. Die
-Flotte der leichten englischen Luftstreitkräfte war
-plötzlich am Himmel sichtbar geworden. Ihr Erscheinen
-bildete den Auftakt und Anfang der großen Wettbewerbe,
-die am 11. Juni von der <em class="antiqua">Aeronautical Federation
-of G. B.</em> und dem <em class="antiqua">Imperial Aero Club</em> über
-dem Meeresarm zwischen der Insel Wight und der englischen
-Küste veranstaltet wurden. In Geschwadern zu
-je hundert kamen die Flugzeuge angeschossen. Tauchten
-irgendwo in der Ferne aus dem Blau des Himmels oder
-des Ozeans auf. Bildeten zu hundert in der Luft ein lateinisches
-<em class="antiqua">V</em> wie die Zugvögel und hielten die Figur
-genau geschlossen, während sie allerlei Evolutionen vollführten.</p>
-
-<p>Geschwader auf Geschwader tauchte auf, bis es schließlich
-ihrer tausend waren. Bis hunderttausend Flugzeuge
-in einer dichten Wolke den Azur des Firmaments mit
-dem silbernen Schimmer blanken Leichtmetalles durchsetzten.</p>
-
-<p>Die Menge, welche schwarz die Ufer und Klippen des
-Solent umsäumte, sang spontan das alte Lied. Unbekümmert
-von aller politischen Spannung waren die
-Massen hierher gepilgert, um ein sportliches Schauspiel
-zu sehen. Aber der Anblick der unüberwindlichen englischen
-Luftflotte führte zu diesem elementaren Ausbruch
-patriotischen Gefühles. Geschickt hatten es die Regierenden
-verstanden, dem Empfinden der Menge Rechnung zu
-tragen und sich gleichzeitig von der Schlagfertigkeit und
-Alarmbereitschaft der Luftflotte zu überzeugen. Das
-Singen, das Schwenken von Tüchern und Hüten nahm<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-kein Ende, solange noch ein Flugzeug zu sehen war.
-Dann … so plötzlich wie die Flotte auftauchte, war sie
-auch wieder verschwunden. Von Yarmouth bis zum
-Atlantik, von den Orkneys bis zu den Kanalinseln stand
-sie wieder über den Küsten wie ein geschlossener Hornissenschwarm.
-Bereit, jeden Gegner auf dem Wasser
-und in der Luft mit giftigem Stachel anzufallen und zu
-vernichten.</p>
-
-<p>Ein Teil des Uferfeldes war von der Menge frei gehalten
-worden. Hier lagen die Luftjachten, in denen
-die vornehmen Mitglieder der veranstaltenden Klubs zu
-dem Schauspiele gekommen waren. Dort schwer und
-breit, mit überreichem Zierat beladen, goldglänzend die
-Jacht des Radscha von Rankure. Wenige Meter davon
-entfernt die wundervollen Flugschiffe der Norfolks, Sommersets,
-der Cecils und vieler anderer. In der Mitte von
-allen diesen der gestreckte Leib einer Aluminiumjacht.
-Sie gehörte dem Vierten Lord der britischen Admiralität,
-Seiner Herrlichkeit Lord Horace Maitland auf Maitland
-Castle.</p>
-
-<p>Lord Horace Maitland hatte in seiner amtlichen
-Stellung die Verwaltung der Luftstreitkräfte unter sich.
-Er gehörte dem Präsidium des Imperial Aero Club an,
-und der große Empfangssalon seiner Jacht bildete den
-Treffort für alle diese Aristokraten der Geburt und des
-Geldes, deren Flugschiffe das Feld bedeckten.</p>
-
-<p>Der Salon der Jacht bot durch große Zellonspiegelscheiben
-nach drei Seiten hin freien Ausblick. Nur die
-vierte Wand war massiv. Zwei schmale Türen führten
-zu den Privat- und Wirtschaftsräumen des Flugschiffes.
-Den mittleren Teil der Wand nahm eine Gruppe von
-Palmen und Blattpflanzen ein. Ein gewaltiger Löwenkopf
-aus schwerer Bronze war etwa in Brusthöhe an der
-Wand befestigt und warf einen Strahl frischen Wassers
-in ein Muschelbecken zwischen den Palmen. Sessel und
-Tische waren dazwischen gruppiert.</p>
-
-<p>Hier saß die Herrin der Jacht, Lady Diana Maitland,
-im Kreise ihrer Besucherinnen. Wie die Herren ausnahmslos<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-im Klubanzug erschienen waren, so trug auch
-Lady Diana den Sportdreß des Aeroklubs. Schlank
-und rank erschien ihre jugendliche Gestalt in dem fußfreien
-Rock und dem enganschließenden Jackett aus marineblauem
-Tuch. Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgten
-auch die Damen die Vorgänge in den Lüften, mit
-besonderem Interesse Lady Diana selbst. Immer wieder
-hob sie den Feldstecher empor, um sich keine Einzelheit
-entgehen zu lassen. Ihre dunklen Augen blitzten erregt.
-Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen. Jeder Nerv in
-ihr vibrierte, als ob sie selbst an den Wettkämpfen dort
-oben teilnähme. Ein Beobachter hätte unschwer feststellen
-können, daß ihr Temperament und Wesen nicht
-englisch waren, daß nicht allein ihre Eigenschaft als
-Gattin des Luftministers sie besonders an diesen Vorführungen
-interessierte, sondern daß ihre andersgeartete
-Natur die Freude an den aufregenden Kampfspielen viel
-stärker zu erkennen gab, als es bei den Damen ihrer
-Umgebung der Fall war, deren schwerflüssiges englisches
-Blut auch hier die gewohnte kühle Reserve wahrte.</p>
-
-<p>Die letzten Flieger der englischen Wehrmacht waren
-am Horizont verschwunden. Alle Gäste wußten, daß
-man das eben gesehene Schauspiel den Anordnungen
-des Lords zu verdanken hatte, und sie hielten mit ihrer
-Anerkennung nicht zurück.</p>
-
-<p>»Brillant,« knurrte Kommodore Morison, »schade,
-daß die Amerikaner nicht dabei waren. Würden es sich
-danach überlegen, mit uns anzubinden.«</p>
-
-<p>»Die Amerikaner werden nicht kommen«, bemerkte
-Mr. Pykett, der australische Baumwollkönig, trocken.</p>
-
-<p>»Wetten, daß sie kommen?« fiel ihm der Viscount Robarts
-ins Wort. Viscount William Robarts, der nie
-eine Gelegenheit vorübergehen ließ, eine Wette zu riskieren.</p>
-
-<p>»Ich glaube doch nicht«, meinte Mr. Pykett.</p>
-
-<p>Der Viscount zog die Uhr. »Zehn Pfund darauf, daß
-das erste amerikanische Boot in fünf Minuten hier ist.«</p>
-
-<p>Lord Horace Maitland stand dicht dabei. Ein Zucken<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-lief über die scharfgeschnittenen Züge seines glatt rasierten
-Gesichtes. Er kannte Amerika und die Amerikaner.
-Heute war er ein angehender Vierziger. Seit drei Jahren
-Inhaber des Lordtitels und der damit verbundenen Einkünfte.
-Aber die Lordschaft war ganz unverhofft durch
-eine Reihe von Todesfällen an ihn gekommen. Die vorangehenden
-zehn Jahre hatte er als einfacher Mr. Clinton
-in den Vereinigten Staaten gelebt. Nicht sehr
-begütert. Genötigt, im Strome des Lebens zu schwimmen
-und den Kampf ums Dasein zu führen. Damals,
-es waren jetzt fünf Jahre her, hatte er Diana, die eine
-berühmte Sängerin an der Chikagoer Metropolitan-Oper
-war, geehelicht, hatte noch zwei Jahre mit ihr in
-den Staaten gelebt, bis die Pairie an ihn fiel. Er
-brachte in die Stellung des englischen Aristokraten die
-Lebens- und Menschenkenntnis eines amerikanischen
-Kaufmannes mit. Was Wunder, daß er bald auch im
-politischen Leben eine Rolle spielte und verhältnismäßig
-jung das verantwortliche Amt eines Lords der Admiralität
-bekleidete.</p>
-
-<p>Weniger leicht war es seiner Gattin gemacht worden,
-in der englischen Gesellschaft festen Fuß zu fassen. Schon
-bei ihren ersten Schritten fühlte sie instinktiv eine von
-Mißtrauen nicht freie Zurückhaltung heraus, die der
-gewesenen Sängerin galt. Der Ton der Gesellschaft
-war wenigstens von seiten des weiblichen Teils auf
-vorsichtige Duldung eingestellt. Aber Lady Diana Maitland,
-die polnische Magnatentochter, war keinen Augenblick
-gewillt, sich nur dulden zu lassen. Ein stiller, zäher
-Kampf begann. Schritt für Schritt eroberte sich Lady
-Diana die Stellung, die ihr nach dem Range ihres
-Gatten und ihrer Geburt zukam. Und wenn sie heute
-als eine der ersten Damen des englischen Highlife dastand,
-so verdankte sie es in erster Linie den eigenen
-geistigen und körperlichen Vorzügen. Ihre Ehe galt
-nicht nur als mustergültig, sondern als glücklich, wenn
-ihr Nachkommenschaft auch bisher versagt war.</p>
-
-<p>Viscount Robarts wiederholte sein Angebot.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p>
-
-<p>»Zehn Pfund darauf, daß das erste amerikanische Boot
-um viertel elf hier ist.«</p>
-
-<p>Mr. Pykett nahm die Wette an.</p>
-
-<p>»Hundert Pfund dagegen, daß um viertel elf kein
-amerikanisches Boot hier ist. Fünfzig Pfund dagegen,
-daß bis Mittag überhaupt keins kommt.«</p>
-
-<p>Die Gedanken Lord Maitlands jagten einander. Mr.
-Pykett gehörte dem australischen Parlament an. Er
-mußte genau die Fäden kennen, die sich zwischen Amerika
-und Australien spannen. Es hatte sicher seine Gründe,
-wenn er auf das Nichterscheinen der Amerikaner wettete.
-Aber Lord Maitland empfing auch von Viertelstunde
-zu Viertelstunde die Telegramme aus Amerika, und er
-fand, daß die aufreizende Sprache der Yankeepresse in
-den Morgenstunden an Schärfe verloren hatte. Wollte
-man England einwiegen, um es dann um so sicherer
-überfallen zu können? Oder hatte sich Cyrus Stonard
-besonnen und die Auseinandersetzung aufgeschoben? Er
-fand keine sichere Antwort auf diese Fragen.</p>
-
-<p>Seine Betrachtungen wurden unterbrochen. Ein Punkt,
-der in den letzten Sekunden am Horizont sichtbar geworden
-war, hatte sich schnell vergrößert. Aus unendlicher
-Höhe stieß er herab und wuchs in jeder Sekunde,
-bis er sich breit und massig auf die blauen Fluten des
-Solent legte. Dort wogte das Luftschiff im Spiele der
-Wellen leicht auf und ab, rasselnd gingen die Anker
-in die Tiefe und legten den mächtigen Rumpf fest.
-Flatternd stieg das Sternenbanner am Heck hoch, und
-wie durch Zauberei spannte sich in wenigen Sekunden
-der bunte Schmuck der Flaggenparade längs über das
-Schiff. Cheerrufe aus der Menge begrüßten den ersten
-Transatlantik, dem in wenigen Minuten zwei weitere
-folgten.</p>
-
-<p>Mr. Pykett schrieb ruhig einen Scheck über 150 Pfund
-aus und legte ihn in die Hände des Viscount Robarts.
-Während er das tat, stellte er sich im stillen die gleichen
-Fragen wie Lord Maitland. Warum ließ Cyrus
-Stonard noch Passagierboote hinüber? Hatte er sich<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-im letzten Augenblick besonnen und die Auseinandersetzung
-aufgeschoben?</p>
-
-<p>Die Atmosphäre war mit Politik geladen. Auch das
-Gespräch der Damen beeinflußte sie. In einer Pause der
-Gespräche hörte man deutlich die wohlklingende Stimme
-der Lady Diana:</p>
-
-<p>»Wie sollten England und Amerika miteinander
-fechten? Die gemeinsame Sprache verhindert es ja. Sie
-ist das stärkste Band, das Menschen aneinanderbindet.«</p>
-
-<p>Die Viscounteß Robarts nickte zustimmend. »Ich
-könnte es nicht begreifen, wie <em class="antiqua">Englishspeakers</em> sich
-gegenseitig morden sollten.«</p>
-
-<p>Die Damen glaubten nicht an die Möglichkeit eines
-Krieges. Aber sie wußten auch wenig von der Politik
-und Staatsräson eines Cyrus Stonard.</p>
-
-<p>Draußen begann der Wettbewerb der Tauchflieger.
-Von großen Höhen schossen die Flugschiffe herunter,
-durchschnitten klatschend die Wasserfläche, zogen noch eine
-kurze Spur quirlenden Propellerwassers hinter sich her
-und waren dann verschwunden. Als Unterseeboote setzten
-sie ihre Fahrt fort. Nach den Bedingungen des Wettbewerbes
-mußten sie unter Wasser eine lange Strecke
-zurücklegen, eine in fünfzig Meter Tiefe verankerte Boje
-aufnehmen und innerhalb vorgeschriebener Zeit an einer
-bestimmten Stelle wieder auftauchen.</p>
-
-<p>Um die Amerikaboote tummelten sich die Zollbarkassen.
-Die Zollabfertigung dauerte nur kurze Zeit. Schon
-setzten die Transatlantiks selbst Motorboote aus. Einzelne
-der soeben Angekommenen gingen an Land, um
-hier Freunde und Bekannte zu treffen.</p>
-
-<p>Der Weg für die Tauchflieger war lang. Deshalb schob
-das Programm ein Wettfliegen mit motorlosen Flugzeugen
-ein. Nach dem pomphaften Schauspiel der Luftflotte
-und dem dämonischen der Tauchflieger kam die
-Idylle. Von der höchsten Spitze der Uferklippen segelten
-die einzelnen Flieger ab. Wie die Schmetterlinge
-gaukelten sie mit geblähten Tragflächen in der Luft.
-Hingen oft fast bewegungslos an derselben Stelle, um<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-dann plötzlich die Flügel zu recken und sich wie die Albatrosse
-in weiten Kreisen in die Höhe zu schrauben.</p>
-
-<p>Viscount Robarts suchte, mit wem er eine neue Wette
-auf den Segelflug eingehen könne. Die übrigen Gäste
-Lord Maitlands verfolgten durch scharfe Gläser die
-immer höher steigenden Segler. Auf der Bordtreppe
-der Maitlandjacht wurden Schritte vernehmbar. Neue
-Gäste kamen. Sir Arthur Vernon, der Vorgänger Lord
-Maitlands in der Admiralität. Er führte einen Fremden
-in diesen Kreis ein.</p>
-
-<p>»Herr Dr. Glossin aus Trenton in den Staaten&nbsp;…«</p>
-
-<p>Während der Eingeführte sein Kompliment machte,
-fuhr Sir Arthur zu Lord Maitland gewendet kaum hörbar
-fort: »… Ein alter Freund von mir … Kann
-vielleicht helfen, die Krise zu lösen.«</p>
-
-<p>Die wenigen Worte genügten, um dem Amerikaner
-einen Empfang zu sichern, dessen Herzlichkeit noch um
-eine Note über die übliche englische Gastfreundschaft
-hinausging.</p>
-
-<p>Dr. Glossin widmete sich besonders der Herrin der
-Jacht. Zu ihrem Staunen lenkte er das Gespräch sehr
-bald auf solche Orte und Personen, die sie als Sängerin
-kennengelernt hatte, ohne doch ihren früheren Beruf
-mit einem Worte zu erwähnen.</p>
-
-<p>Lady Diana wurde durch das Gespräch gefesselt und
-doch wieder innerlich abgestoßen. Sie spürte bei jedem
-Satz einen geheimnisvollen Doppelsinn und konnte sich
-dem Einfluß dieses Gastes doch nicht entziehen. Eine
-innere Stimme warnte sie, sich den Mann zu nah kommen
-zu lassen, und unter einem unwiderstehlichen
-Zwange brachten ihre Lippen gleichzeitig eine freundliche
-Einladung nach Maitland Castle zutage. Eine
-Einladung, die Lord Maitland dringend unterstützte.
-Es lag ihm daran, mit diesem einflußreichen Amerikaner
-in Fühlung zu bleiben.</p>
-
-<p>Dr. Glossin dankte für die Aufforderung. Er nahm
-sie mit Vorbehalt an. Vorerst habe er noch in London
-zu tun. Danach würde er gern nach Maitland Castle<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-kommen. Krieg und Kriegsgefahr … er lachte darüber.
-Das amerikanische Volk denkt nicht daran, sich mit den
-stammverwandten Briten in einen Krieg einzulassen.
-Preßzänkereien bedeuteten noch lange keinen Krieg.</p>
-
-<p>Lord Maitland ging gerade auf das Ziel los. Die
-Aufregung der amerikanischen Presse sei durch die Entführung
-eines Flugzeuges hervorgerufen worden. Die
-amerikanische Presse habe behauptet, daß die Engländer
-es entführt hätten. Ob der Zwischenfall klargestellt sei.</p>
-
-<p>Dr. Glossin wurde wortkarg. Die Entführung des
-Flugschiffes sei noch nicht völlig aufgeklärt. Bestimmte
-Beobachtungen deuteten aber auf eine bestimmte Spur.
-Er vermied es, hier in der Gegenwart so vieler Gäste
-mehr zu sagen. Aber Lord Maitland verstand, daß der
-Amerikaner ihm unter vier Augen mancherlei mitzuteilen
-habe, Dinge, die jedenfalls die größte Diskretion
-verlangten.</p>
-
-<p>Draußen nahmen die Konkurrenzen ihren Fortgang.
-Das Zwischenspiel der Segelflieger war beendet. Der
-Viscount Robarts hatte es zu seinem Leidwesen vorübergehen
-lassen müssen, ohne eine Wette unterbringen zu
-können. Unbelebt dehnte sich die Fläche des Solent.
-Aber mit den Stoppuhren in der Hand warteten die
-Preisrichter. Und jetzt … Wirbelnd schoß es wie ein
-Fisch aus dem Wasser, reckte im Augenblick des Auftauchens
-zwei kräftige Schwingen und flog in die Höhe.
-Der erste Flugtaucher war angekommen. Den Bedingungen
-der Konkurrenz entsprechend, stieg er bis auf
-zehntausend Meter Höhe, ging dann im Gleitflug nieder
-und legte sich ruhig auf das Wasser. Noch während er
-niederging, stieg bereits das zweite Boot aus dem
-Wasser in die Höhe. In kurzen Intervallen folgten
-die anderen Wettbewerber. Die Konstruktionen gaben
-sich gegenseitig kaum etwas nach. Die wenigen Sekunden,
-die das eine Boot etwa länger als das andere
-nach seiner Boje auf dem Grunde hatte suchen müssen,
-gaben den Ausschlag.</p>
-
-<p>Jeder von den Zuschauern hier in der Jacht begriff,<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span>
-daß England in diesen Flugtauchern eine neue wirksame
-Waffe besaß. Diese Maschinen konnten in gleicher Weise
-U-Boote und Flugzeuge angreifen. Sie konnten den
-Ort des Kampfes nach eigenem Belieben über oder unter
-dem Wasser suchen.</p>
-
-<p>Lord Maitland stand mit dem Doktor Glossin an
-einem der Fenster.</p>
-
-<p>»Eine glänzende Erfindung! Ich denke, Sie werden
-Ihrem Präsidenten davon zu erzählen haben.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin lächelte höflich. Die Pläne der Flugtaucher
-waren längst in Washington.</p>
-
-<p>»Es gibt etwas anderes, was uns gegenwärtig
-größere Sorge macht.«</p>
-
-<p>Lord Maitland blickte fragend auf.</p>
-
-<p>»Mein Lord, hörten Sie jemals etwas von telenergetischen
-Konzentrationen?«</p>
-
-<p>Lord Maitland blickte so naturgetreu verdutzt auf,
-daß Dr. Glossin einsah, der Lord wisse wirklich nichts
-davon. Wenn aber der Vierte Lord der britischen Admiralität
-von dieser Sache nichts wußte, dann war beinahe
-sicher anzunehmen, daß auch die Admiralität und
-die englische Regierung keine Kenntnis davon hatten.
-Das mußte aber zweifelsfrei festgestellt werden, bevor
-Cyrus Stonard losschlug. Darum war Dr. Glossin
-hier in England, und darum hatte Cyrus Stonard das
-schon gezückte Schwert nach einmal in die Scheide zurückgestoßen.</p>
-
-<p>Besaß England das Geheimnis Gerhard Bursfelds,
-so durfte Amerika den Angriff nicht wagen. Im anderen
-Falle konnte der Schlag mit guter Aussicht auf ein Gelingen
-geführt werden.</p>
-
-<p>Die Konkurrenzen gingen ihrem Ende entgegen. Im
-Wettbewerb um den Höhenflug errang ein Fahrzeug
-den ersten Preis, welches sich unter Zuhilfenahme der
-Raketenwirkung ausströmender Pulvergase bis zu einer
-Höhe von 100 Kilometer erhoben hatte. Aber die
-Konkurrenten um den Schnelligkeitspreis blieben weit
-hinter der amerikanischen Type R. F. c. zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p>
-
-<p>Dann war die Konkurrenz beendet. Während die
-Volksmassen in Wasserbooten und Bahnen den Städten
-zuströmten, erhoben sich die Jachten in die Lüfte. Der
-indische Radscha steuerte geradeswegs dem Bergstock des
-Himalaja zu. Die Jacht des Lords Maitland flog
-nach Maitland Castle. Dr. Glossin fuhr im Kraftwagen
-des Sir Vernon nach London.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Schollen fielen auf den Sarg, der die sterbliche
-Hülle von <span id="corr058">Gladys</span> Harte barg. Ihr Leben war ruhig
-erloschen, wie die Flamme einer Lampe, der das Öl
-fehlt. Das Ende war seit Monaten vorauszusehen.
-Es war vielleicht durch die Aufregungen beschleunigt
-worden, die das Schicksal Silvesters in das stille Haus
-in der Johnson Street brachte.</p>
-
-<p>Jane stand in einem kleinen Kreise Leidtragender an
-der offenen Gruft. Hier kam ihr erst ganz zum Bewußtsein,
-wie einsam sie in diesen letzten Jahren gelebt
-hatten. Nur wenige Personen gaben der Toten das
-Geleit. Freunde des verstorbenen Mannes, wie dieser
-in den Staatswerken angestellt. Einige Frauen dabei.</p>
-
-<p>Jane war ihnen von Herzen dankbar, daß sie jetzt
-noch einmal gekommen waren, der Toten die letzte
-Ehre zu erweisen. Sie fühlte sich grenzenlos einsam
-und verlassen. Während sie Beileidsworte hörte und
-Hände drückte, dachte sie daran, daß sie jetzt allein in
-das leere Haus in der Johnson Street zurückkehren müsse,
-und daß … auch Silvester von ihr gegangen sei.</p>
-
-<p>Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper.
-Sie drohte umzusinken, als Dr. Glossin zu ihr trat, sie
-stützte und behutsam von dem Grabe fortführte. Sorgsam
-geleitete er sie durch die breiten Wege des Friedhofes,
-der in voller Junipracht grünte und blühte, als
-ob es keinen Tod und kein Sterben auf der Welt gäbe.</p>
-
-<p>Willenlos ließ Jane es geschehen. Jeder Mensch,
-der sich ihrer annahm, war ihr in ihrem augenblicklichen<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-Zustande willkommen. Um wieviel mehr Dr. Glossin,
-der solange in ihrem Hause verkehrte, der ihre Mutter
-genau gekannt hatte, der versprochen hatte, ihr über
-Silvester Nachrichten zu bringen!</p>
-
-<p>Sie stieg vor dem Friedhof in seinen Kraftwagen und
-ließ sich von ihm in die Wohnung in der Johnson Street
-geleiten. Und hier im Anblick der altvertrauten und
-heute so ganz verwaisten Räume kam ihr Schmerz von
-neuem zum Ausdruck. Fassungslos sank sie auf einen
-Sessel und drückte das Taschentuch vor die Augen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin ließ sie einige Minuten gewähren. Dann
-legte er ihr sanft die Hand auf das Haupt.</p>
-
-<p>»Meine liebe Miß Jane, versuchen Sie es, sich zu
-fassen. Ich weiß, es hat wenig Zweck, Ihnen in dieser
-Stunde trostreich zuzusprechen. Haben Sie Vertrauen
-zu mir. Folgen Sie meinem Rat. Nehmen Sie meine
-Hilfe an, und alles wird gut werden.«</p>
-
-<p>Jane ließ das Tuch sinken und blickte auf. Ein neues
-Gefühl durchrieselte sie. Ihre Tränen versiegten. Die
-Welt erschien ihr nicht mehr so vollkommen leer und
-trostlos.</p>
-
-<p>»Sie sind der einzige nähere Bekannte, Herr Doktor,
-den wir hatten, den ich jetzt noch habe.«</p>
-
-<p>»Sagen Sie: der einzige Freund! Lassen Sie sich
-von mir beraten. Sie müssen aus der alten Umgebung
-heraus. Aus den Räumen, in denen jedes Stück Sie
-an Ihren großen Verlust erinnert.«</p>
-
-<p>Jane würgte tapfer die wiederaufsteigenden Tränen
-zurück und nickte zustimmend.</p>
-
-<p>»Sie haben wohl recht, Herr Doktor! Doch wohin soll
-ich gehen?«</p>
-
-<p>»Lassen Sie das meine Sorge sein. Die Hauptsache
-ist, daß Sie sofort für ein paar Wochen in eine andere
-Umgebung kommen. Ich besitze in Kolorado am Ausgange
-des Gebirges eine Farm. Da haben Sie andere
-Luft, andere Gesichter und werden schneller das seelische
-Gleichgewicht wiedergewinnen. Sie sind dort mein<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-Gast, solange es Ihnen gefällt. Mein Personal steht zu
-Ihren Befehlen, und ich selbst werde gelegentlich …
-sooft wie möglich … hoffentlich recht oft die Zeit
-finden, Sie zu sehen, mich von Ihrem Wohlbefinden zu
-überzeugen.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin sprach langsam und eindringlich. Jane
-hörte ihm ruhig zu. Zuerst noch leise widerstrebend.
-Ein Gedanke ging ihr durch den Sinn.</p>
-
-<p>»Ich werde nicht hier sein. Silvester wird mich suchen
-und nicht finden.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin erriet den Gedanken auch unausgesprochen.</p>
-
-<p>»Ich werde die Zwischenzeit benutzen, um über den
-Verbleib von Mr. Logg Sar etwas in Erfahrung zu
-bringen. Auch werde ich inzwischen alle Ihre Angelegenheiten
-hier ordnen. Briefe und was sonst hierherkommt,
-wird Sie in Reynolds-Farm erreichen. Dort wird die
-frische Bergluft des Felsengebirges Ihre blassen Wangen
-bald wieder röten.«</p>
-
-<p>Für einen väterlichen Freund sprach Dr. Glossin ein
-wenig zu eifrig und lebhaft. Aber Jane achtete nicht
-darauf. Die Worte des Arztes hatten ihre letzten Bedenken
-besiegt. Ihr Aufenthalt würde bekannt sein. Alle
-Nachrichten würden sie an der neuen Stelle erreichen.
-Recht gute hoffentlich und auch recht bald. Sie nahm die
-Vorschläge und die Einladung Glossins an.</p>
-
-<p>Der hatte es sich in der letzten Stunde reiflich und nach
-allen Seiten hin überlegt. Daß er Jane aus einer
-ganzen Reihe von Gründen mit sich nehmen und unter
-seinem Einfluß behalten wollte, stand bei ihm fest. Daß
-er zur Erreichung dieses Zieles seinen hypnotischen Einfluß
-auf Jane ausnutzen mußte, war ebenfalls sicher.
-Nur wie weit er diesen Einfluß anwenden solle, darüber
-war er sich zweifelhaft. Sollte er so weit gehen, ihr
-überhaupt jede Erinnerung an die tote Mutter wegzusuggerieren?
-Damit fiel auch für Jane das Gefühl
-der Verlassenheit und der Grund fort, ihm zu folgen
-und sich unter seinen Schutz zu stellen. Er mußte dann<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-noch einen Schritt weitergehen und sie durch die Hypnose
-ganz an sich ketten.</p>
-
-<p>Es widerstand ihm, Jane als einen willenlosen
-Automaten mit sich zu nehmen. Er wollte aus einer
-eigentümlichen Stimmung heraus, daß Jane ihm
-freiwillig und in einem natürlichen Schutzbedürfnis
-folge. Aber er mochte auch keine ständig
-Jammernde und Klagende um sich sehen. So
-wählte er den Mittelweg. Durch seinen suggestiven Einfluß
-verstärkte er ihr Schutzbedürfnis und milderte ihren
-noch so frischen und heftigen Schmerz über den Todesfall.</p>
-
-<p>Der Kraftwagen brachte sie nach dem Flughafen. Dem
-großen umfriedeten Platz, auf dem die Flugschiffe der
-verschiedenen Staatslinien ankamen und abfuhren. Jane
-kannte den Ort. Zu Lebzeiten der Mutter war sie öfters
-von hier nach Philadelphia oder Milwaukee gefahren.
-Hatte damals bemerkt, daß reiche Leute hier auch ihre
-eigenen Schiffe landen ließen. Jetzt führte sie Dr. Glossin
-zu einer kleinen, aber ansprechenden Privatjacht. Er
-bemerkte ihr Staunen.</p>
-
-<p>»Steigen Sie ein, meine liebe Miß Jane. Wundern
-Sie sich nicht allzusehr, daß wir ein besonderes Schiff
-zur Verfügung haben. Ich mußte es in Neuyork mieten,
-um noch rechtzeitig nach Trenton zu kommen.«</p>
-
-<p>Jane dankte dem Arzte mit einem warmen Blick. Wie
-freundlich von ihm, daß er keine Unkosten scheute, um
-in dieser Zeit bei ihr zu sein, ihr helfen zu können. Von
-ihm geleitet, betrat sie die Kabine des Flugschiffes, welches
-sich sofort erhob, um die Fahrt nach dem Westen
-zu beginnen. Dr. Glossin ließ sich Jane gegenüber
-nieder.</p>
-
-<p>»Gestatten Sie mir, meine liebe Miß Jane, daß ich
-Ihnen Ihren zukünftigen Aufenthaltsort ein wenig
-schildere. Reynolds-Farm heißt mein Besitztum in Kolorado.
-In früheren Jahrzehnten war es auch wirklich
-einmal eine Farm mit ausgedehnten Äckern und Stallungen,
-mit Scheunen und Speichern. Eine richtige
-Farm, wie sie im Buche steht. Heute ist es ein ruhiges<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-Landhaus in einem nach Osten offenen Tale der Felsenberge
-gelegen. Bergluft, Tannenduft und Ruhe. Vollkommene
-Ruhe, wie wir Großstadtmenschen sie bisweilen
-nötig haben, wie sie auch Ihnen wohltun wird.«</p>
-
-<p>Jane hatte mit steigendem Interesse zugehört. Schon
-die Ortsveränderung, die schnelle Fahrt, die sie jede
-Stunde so viele Meilen von ihrem alten Aufenthaltsort
-entfernte, gab ihren Gedanken eine andere Richtung, ließ
-sie minutenlang ihren Schmerz vergessen.</p>
-
-<p>»Aber Sie können selbst nur selten dort sein, Herr
-Doktor. Wer ist dort auf Ihrer Farm? Wer hält das
-Anwesen in Ordnung? An wen werde ich mich zu halten
-haben?«</p>
-
-<p>»Vor allen Dingen an meine gute alte Abigail, ein
-altes schwarzes Faktotum, das dort das Haus in Ordnung
-hält.«</p>
-
-<p>Jane nickte zustimmend. Als Amerikanerin war sie
-es gewöhnt, daß schwarze Dienerinnen es in den Häusern
-der Weißen zu angesehenen Vertrauensstellungen brachten.
-Als Amme kam solche schwarze Frau zu den
-Kindern, blieb als Wärterin bei ihnen, sah sie zu Männern
-heranwachsen und blieb in ihren alten Tagen
-immer noch die schwarze Mammy.</p>
-
-<p>»Ein gutes, altes, anhängliches Tier! Ihre Schönheit
-läßt zu wünschen. Dafür ist sie treu und fleißig, sie
-wird Ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Es kam Jane nicht zum Bewußtsein, daß es dort
-vielleicht noch einsamer sein könnte als in Trenton. Der
-suggestive Einfluß des Doktors erstickte jedes aufsteigende
-Bedenken.</p>
-
-<p>Das Schiff eilte der sinkenden Sonne nach, bis es sich
-selbst zu senken begann und die Kette der Felsenberge
-von Denver bis Cheyenne am gelbglühenden Westhimmel
-stand. Es landete auf einer freien grasbewachsenen
-Ebene. Dr. Glossin hatte wohl recht. Hier wehte
-eine andere Luft als in Trenton, wo die großen Werke
-trotz aller Fortschritte und Verbesserungen immer noch
-recht viel Ruß und Staub in die Atmosphäre warfen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p>
-
-<p>Frische, harzgetränkte Bergluft. Mit voller Brust sog
-Jane die leichte Brise ein.</p>
-
-<p>Das Flugschiff war dicht neben der Farm gelandet.
-Auf dem Wege zum Hause kam ihnen schon <span id="corr063">eine</span> alte
-Negerin entgegen. Von jener abschreckenden Häßlichkeit,
-die alte Negerweiber gewöhnlich auszeichnet. Dabei von
-einer unterwürfigen Vertraulichkeit, die auf langjährige
-Dienste schließen ließ.</p>
-
-<p>»Guten Tag, Mister Doktor. Die alte Abigail hat
-alles fertiggemacht. Das Supper ist fertig. Die Zimmer
-sind fertig&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ein breites Grinsen ließ ihre Mundwinkel bis in die
-Nähe der Ohren wandern, während sie versuchte, dem
-Doktor die Hand zu küssen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin schob sie zurück.</p>
-
-<p>»Gut, Abigail. Ich erwartete es nicht anders. Meine
-Nichte Miß Harte wird einige Zeit auf der Farm
-wohnen. Du wirst ihr genau so zu Diensten sein wie
-mir und dafür sorgen, daß sie sich wie zu Hause fühlt.«</p>
-
-<p>Die Alte hatte während dieser Worte Jane prüfend
-betrachtet. Sie schien mit dem Ergebnis ihrer Prüfung
-zufrieden zu sein, denn sie wandte sich jetzt an Jane und
-versuchte, auch ihr die Hand zu küssen.</p>
-
-<p>»Laß das, Abigail!«</p>
-
-<p>Dr. Glossin sagte es mit einer eigentümlichen scharfen
-Betonung. Die Schwarze trat zurück und folgte dem
-Doktor und seiner Begleiterin die kurze Strecke bis zum
-Farmhofe.</p>
-
-<p>Jane fühlte sich nach dem schweren Leid der vergangenen
-Tage fast leicht und frei. War es der Einfluß
-des Doktors, war es wirklich die veränderte Umgebung,
-sie begann wieder mit Hoffnungen in die Zukunft
-zu blicken. In ruhigen Stunden hatte sie schon
-früher der Möglichkeit ins Auge geblickt, daß die Mutter
-ihr bald einmal entrissen werden könnte. Jetzt war es geschehen,
-und sie versuchte es, sich mit dem Geschehenen
-abzufinden.</p>
-
-<p>So trat sie am Arm Glossins in das neue Heim. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-Doktor geleitete sie in den Empfangsraum, gab Abigail
-dann einen Wink, sie in ihre eigenen Räume zu geleiten.
-Ein Halbblutboy schaffte die Koffer aus dem
-Flugschiff dorthin. Wäsche, Garderobe, alle notwendigen
-Gegenstände für den täglichen Gebrauch. Jane hatte
-sich auf einem Stuhl am Fenster niedergelassen und
-blickte in die dämmernde Abendlandschaft hinaus. Ihre
-Gedanken weilten bei Silvester.</p>
-
-<p>Die Nachricht von Sing-Sing war natürlich auch in
-das stille Haus nach Trenton gedrungen und hatte die
-beiden Frauen aufs äußerste erschreckt. Wohl lasen sie,
-daß er gerettet worden war. Aber die Tatsache allein,
-daß er sich des Hochverrats schuldig gemacht haben sollte,
-daß er in voller Form zum Tode verurteilt worden
-war, wirkte niederschmetternd. Jane sowohl wie ihre
-Mutter hatten vollkommen den Kopf verloren, bis ein
-alter Freund des Vaters sie aufrichtete. Joe Miller
-war damals zu ihnen gekommen. Fand sie verzagt
-und lachte.</p>
-
-<p>»Sorge um Logg Sar? … Vollkommen überflüssig.
-… Alle Wetter, da hat was dazwischengepfeffert und
-den Schleichern und Angebern das Konzept verdorben.
-Habe zwar keine Ahnung, was es gewesen ist. Bin aber
-sicher, daß es prachtvoll gewirkt hat. Angst brauchen
-Sie jedenfalls um Logg Sar nicht zu haben. Ich meine,
-der könnte jetzt sogar ganz ruhig in Neuyork spazierengehen.
-Seine Feinde würden sich bei einem neuen Angriff
-noch viel mehr blamieren.«</p>
-
-<p>Diese Worte wirkten tröstlich auf Jane. Das Wunderbare
-des Geschehnisses nahm sie gefangen. Durch eine
-unbekannte mächtige Hilfe war Silvester der Gefahr
-im letzten Augenblick entrissen worden. Seitdem hoffte
-sie auf seine Wiederkehr, hatte das sichere Gefühl, daß die
-Macht, die ihn das erstemal schützte, auch jeden weiteren
-Anschlag zunichte machen würde.</p>
-
-<p>Die geschwätzige Abigail riß sie aus ihren Sinnen.
-Welches Kleid die Lady anziehen wolle. Ob sie sich
-zum Supper nicht schmücken wolle. Der Herr Doktor<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-liebe geschmückte Damen beim Supper. Vielleicht würde
-er ihr sogar&nbsp;…</p>
-
-<p>Die Mundwinkel der Schwarzen rückten wieder bis an
-die Ohren. Jane bemerkte das Mienenspiel nicht. Nur
-langsam kehrten ihre Gedanken in die Wirklichkeit zurück.</p>
-
-<p>Anziehen … Das einfache schwarze Kleid, das sie
-trug, schien ihr das richtige … Schmücken, am Begräbnistage
-ihrer Mutter … Sie gab ihr den
-Auftrag, die Garderobe in den Schränken unterzubringen,
-und verließ den Raum, um nach unten zu
-gehen.</p>
-
-<p>Abigail machte sich daran, den Auftrag zu vollziehen.
-Stück für Stück nahm sie aus den Koffern. Dabei murmelte
-sie allerlei vor sich hin:</p>
-
-<p>»Hoho, mein Täubchen … sehr einfach, zu bescheiden.
-Keinen Samt, keine Seide. Nur so einfach
-… ist nicht der Geschmack von Mister Doktor … Liebt
-feine Damen … gelbe, rote Seide. Keine schwarzen
-Kleider&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie begann die Wäsche in die Fächer zu legen und
-fuhr in ihrem Selbstgespräch fort:</p>
-
-<p>»Wirst dich ändern müssen, mein Täubchen! Waren
-schon andere vor dir hier. Haben es auch gemußt.
-Taten alles, was Mister Doktor wollte, wenn Mister
-Doktor sie anguckte … anguckte mit den großen, heißen
-Augen.«</p>
-
-<p>Ihre Worte gingen in ein Kichern über, während sie
-die letzten Stücke in die Kasten einräumte.</p>
-
-<p>Inzwischen war Jane in den Speiseraum gekommen.
-Der junge Halbblutdiener servierte. Glossin wartete, bis
-er den Raum verlassen hatte, bevor er die Unterhaltung
-begann.</p>
-
-<p>»Meine liebe Miß Jane, meine Kur beginnt schon zu
-wirken. Sie sehen viel besser aus als heute früh.«</p>
-
-<p>»Sie mögen recht haben, Herr Doktor. Die Reise
-hat mich auf andere Gedanken gebracht. Ich könnte
-beinah zufrieden sein, wenn ich … Gewißheit über
-das Schicksal unseres Freundes Silvester hätte.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span></p>
-
-<p>»Seien Sie zufrieden, meine liebe Miß Jane, daß
-unser Freund der Gefahr entronnen und jetzt nach
-menschlichem Ermessen in Sicherheit ist. Wenn Sie ihm
-etwas bedeuten, wird er gewiß von sich hören lassen.«</p>
-
-<p>»Er wird … er muß … er soll&nbsp;…«</p>
-
-<p>Jane stieß die Worte heftig hervor. Dr. Glossin
-schwieg, als ob ihn dieser Gefühlsausbruch erschreckt
-hätte.</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie meine Heftigkeit, Herr Doktor. Ich
-sorge mich um das Schicksal eines Abwesenden und habe
-Ihnen noch nicht einmal für Ihre Güte gedankt.«</p>
-
-<p>Wenn Dr. Glossin bei allen diesen Reden etwas empfand,
-so verstand er es jedenfalls meisterhaft, seine Gefühle
-zu verbergen. Keine Muskel in seinen Zügen
-zuckte, während er die Konversation ruhig weiterführte.
-Er sprach von Janes Zukunftsplänen. Eine längere
-Erholung hier, dann eine Reise nach Europa. Dort
-müßten ja auch noch Verwandte ihres Vaters leben.</p>
-
-<p>»Ich hörte, Herr Doktor, wir sollen Krieg mit England
-bekommen. Da kann doch niemand nach Europa
-fahren.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin nickte abwesend.</p>
-
-<p>»Zeitungsgeschwätz, meine liebe Miß Jane. Wir
-denken nicht an Krieg. Ich selbst fahre morgen wieder
-nach Europa. War vorgestern erst in England. Man
-spricht allerlei vom Kriege, weil die Zeitungen uns nervös
-machen. In Wirklichkeit denkt kein Mensch daran.«</p>
-
-<p>»Ich entdecke immer neue Seiten an Ihnen, Herr
-Doktor. Ich dachte, daß Sie nur zwischen Neuyork
-und Trenton zu tun haben. Dann haben Sie plötzlich
-noch dies schöne Besitztum in Kolorado, und jetzt höre
-ich gar, daß Sie zweimal in der Woche nach Europa
-fahren. Es muß schön sein, so in der Welt herumzukommen.«</p>
-
-<p>»Wenn man zu seinem Vergnügen reisen kann. Nicht,
-wenn man es wie ich als Pflichtmensch von Berufs wegen
-tun muß.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p>
-
-<p>Ein leichter Seufzer entrang sich den Lippen des
-Arztes.</p>
-
-<p>»Ich hoffe, Miß Jane, in kurzer Zeit werde ich auch
-etwas Ruhe finden. Dann fahren wir gemeinschaftlich
-nach Europa, und ich zeige Ihnen die Schönheiten der
-Alten Welt.«</p>
-
-<p>Er hob sein Glas mit altem schweren Kaliforniawein
-und trank Jane zu.</p>
-
-<p>»Auf baldige gemeinschaftliche glückliche Fahrt.«</p>
-
-<p>Das Mahl ging seinem Ende entgegen. Dr. Glossin
-benutzte die letzte Viertelstunde, um Jane ihr Leben
-für die nächsten Tage auszumalen.</p>
-
-<p>»Wir haben hier Pferd und Wagen. Sie können
-Ausfahrten unternehmen. Bobby …« &ndash; er wies auf
-den Diener &ndash; »kann nicht nur servieren, er ist auch ein
-geschickter Fahrer. Er kennt die schönsten Wege in der
-Umgebung. Benutzen Sie die kleine, aber gute Bibliothek
-im Herrenzimmer … Ich vergaß, <span id="corr067">sie</span> ist verschlossen.
-Darf ich Ihnen den Schlüssel … nein, noch
-besser. Ich werde sie Ihnen an Ort und Stelle zeigen.«</p>
-
-<p>Er geleitete Jane in das anstoßende Zimmer und
-schloß selbst die verglasten Regale auf, welche mehrere
-hundert mit gutem Geschmack ausgesuchte Werke enthielten.</p>
-
-<p>»Das ist die Hauptsache, meine liebe Jane, daß Sie sich
-nicht in den müßigen Stunden von Gedanken und Erinnerungen
-übermannen lassen.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin hatte bei den letzten Worten ihre Hände
-ergriffen. Ohne daß er ein Wort weitersprach, spürte
-Jane, daß er für heute Abschied von ihr nahm, fühlte
-gleichzeitig, wie in verstärktem Maße Ruhe und Wunschlosigkeit
-über sie kamen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin schritt durch den Vorraum des Hauses,
-um zu seinem Flugschiff zu gehen. Wenn er am nächsten
-Morgen wieder in England sein wollte, hatte er
-Grund zur Eile. Abigail trat ihm in den Weg. Verschmitzt
-grinsend.</p>
-
-<p>»Darf die neue Lady ausgehen, Mister Doktor?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p>
-
-<p>Es lag eine ganze Geschichte in dieser Frage. Wie
-viele mochten hier gewesen sein, denen man den Ausgang
-verweigert hatte. Glossin warf der Negerin einen
-Blick zu. Ganz langsam hob er den rechten Arm. Die
-Schwarze krümmte sich vor dem drohenden Schlage.</p>
-
-<p>»Ich sage dir, du schwarzes Vieh, die junge Dame ist
-meine Nichte. Wehe dir, wenn du&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er ließ den Arm sinken und schritt hinaus.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Sie saßen auf der mit Waldrebe umsponnenen Veranda
-des Truworhauses am Torneaelf. Durch Ranken
-und Reben ging die Aussicht auf den hundert Meter
-tiefer dahinströmenden Fluß und die gegenüberliegenden,
-mit Tannen bestandenen Berge. Zu dritt saßen sie
-hier: Erik Truwor, der Schwede, Soma Atma, der
-Inder, und Silvester Bursfeld aus deutschem Blute.</p>
-
-<p>In diesem Hause war Silvester heimisch. Hier war er
-zusammen mit Erik Truwor aufgewachsen, und die
-alten Mauern hatten die Spiele der Knaben und die
-Arbeit der Jünglinge gesehen. Bis dann die Studienjahre
-Silvester nach Deutschland führten, seine Ingenieurtätigkeit
-ihn in Europa und Amerika umhertrieb.
-Erik und Silvester widmeten sich der Technik. Die
-Art ihres Studiums, die Weise, wie sie die Wissenschaft
-trieben, war von Anfang an verschieden. Silvester versenkte
-sich schon als Student in die physikalischen Probleme.
-Er trieb die Wissenschaft um der Wissenschaft
-halber, von einem unersättlichen Forschungsdrang beseelt.
-Im Gegensatz dazu betrachtete Erik Truwor die
-Technik von Anfang an nur als ein Mittel zum Zweck,
-das menschliche Leben leichter und angenehmer zu gestalten,
-neue Lebensmöglichkeiten zu schaffen.</p>
-
-<p>Diese verschiedenartige Auffassung der beiden Freunde
-kam auch äußerlich zum Ausdruck. Silvester blieb fünf
-Studienjahre in Charlottenburg. Erik Truwor studierte
-bald in Charlottenburg, bald in Genf, Paris und Karlsruhe.<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-Etwas anderes kam hinzu. Erik Truwor
-war ein reicher Erbe. Silvester Bursfeld, als Pflegesohn
-in das Haus Truwor aufgenommen, war ohne
-Vermögen. Als Olaf Truwor die Augen schloß, bot
-Erik seinem Freunde die Hälfte der Erbschaft an. Silvester
-schlug es aus. Er nahm nur, was er noch während
-der Studienzeit für seinen Lebensunterhalt benötigte, und
-außerdem das Anerbieten, das Truworhaus jederzeit
-als sein Vaterhaus zu betrachten und zu benutzen.</p>
-
-<p>Atma hatte seinen Lieblingsplatz auf einem Diwan
-im Hintergrunde der Veranda eingenommen. Dort
-saß er und gab sich seinen Meditationen hin.</p>
-
-<p>Erik Truwor und Silvester saßen vorn an der
-Brüstung an einem Tisch. Pläne, Zeichnungen und
-Schriftstücke bedeckten die Tischplatte.</p>
-
-<p>»Über unsere Arbeit hörte ich noch kaum, wie du,
-Erik, dich mit Atma zusammengefunden hast. Atma,
-der in Pankong Tzo mein Mitschüler war, plötzlich
-mit dir zusammen, in Linnais! Nur in dem Strudel der
-Ereignisse konnte ich es als ein etwas Selbstverständliches
-hinnehmen.«</p>
-
-<p>»Wie ich Atma fand? Wie Atma und ich dich fanden?
-Eine wunderliche Geschichte. Im Frühjahr kam ich nach
-Pankong Tzo. Kuansar erinnerte sich meiner noch. Er
-führte mich zum Abte. Jatschu, ein Greis von unbestimmbarem
-Alter, empfing mich, blickte mich starr an
-und sagte: ›Das ist der Dritte.‹ Aus einem Kästchen
-nahm er diesen Ring und schob ihn mir auf den Finger.«</p>
-
-<p>»Jatschu ist … er muß jetzt&nbsp;…«</p>
-
-<p>Silvester versuchte das Alter auszurechnen.</p>
-
-<p>»Er war beinahe neunzig, als ich von Pankong Tzo
-fortging. Er muß weit über hundert sein.«</p>
-
-<p>»Mag sein. Er gab mir den Ring und deutete auf
-Atma. Atma wußte, daß du den gleichen Ring von ihm
-hattest. Er sagte, wir müßten dich suchen … Ich
-wollte dich wiedersehen. Atma sagte Amerika. Wir
-gingen nach den Staaten. Atma sagte Trenton. Wir
-fuhren nach Trenton. Wir fanden dich nicht, aber wir<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span>
-fanden Jane Harte. Sie war über dein Verschwinden
-besorgt.</p>
-
-<p>Atma fragte sie. Du weißt, wie er zu fragen versteht.
-Über Zeit und Raum hinweg. Mit geschlossenen Augen
-las sie aus weiter Ferne das Urteil, das über dich gefällt
-war. Mit vier Worten sagte sie, wo deine Aufzeichnungen
-lagen.</p>
-
-<p>Das andere war leicht. Joe Williams, <span id="corr070">einer</span> der
-zwölf Zeugen, wurde im Gasthof in Sing-Sing von
-uns gefunden. Für tausend Dollar gab er mir seine
-Zeugenkarte. Mir, dem wißbegierigen Fremden, der
-eine Elektrokution mitansehen wollte. Ich kam in das
-Gefängnis. Atma hielt im Kraftwagen vor der Tür.
-Das war alles.«</p>
-
-<p>Silvester ergriff die Hand Erik Truwors und drückte
-sie innig.</p>
-
-<p>»Für mich wirklich alles, Erik. Kamt ihr nicht, so
-war ich verloren. Durch Jane … durch meine Jane
-habt ihr mich gefunden.«</p>
-
-<p>»Durch deine Jane? Was ist dir Jane Harte?«</p>
-
-<p>»Meine Verlobte, mein alles!«</p>
-
-<p>Erik Truwor hörte schweigend zu, was Silvester erzählte.
-Wie er Jane kennen und lieben gelernt. Doch
-er vermochte es nicht, sich am Glück des Freundes mitzufreuen.
-Unbewußt empfand er, daß Silvester sich
-nicht voll der großen Aufgabe, dem weiteren Ausbau
-der Erfindung, widmen könne, wenn er durch Gedanken
-und Sorgen um seine Verlobte abgelenkt wurde.</p>
-
-<p>Sein Blick suchte Atma. Ein stummes Zwiegespräch
-der Augen. Atma nickte und wandte sich Silvester zu.
-Erik Truwor sah, wie hinter der gefurchten Stirn des
-Inders die Gedanken arbeiteten, das Hindernis aus dem
-Wege zu räumen. Er sah, wie Silvester die Hand an
-die Stirn preßte, als wollte er eine fliehende Erinnerung
-festhalten&nbsp;…</p>
-
-<p>Die hypnotische Kraft Atmas siegte über die Kraft der
-Liebe.</p>
-
-<p>Erik Truwor brach das Schweigen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p>
-
-<p>»Zurück zu unserer Arbeit! Ich habe deine Pläne
-gesehen und deine Berechnungen untersucht. Gib mir
-deine Erläuterungen dazu.«</p>
-
-<p>Silvester Bursfeld blickte mit der versonnenen Miene
-des Gelehrten auf die vor ihm liegenden Papiere.</p>
-
-<p>»Es ist das Problem der telenergetischen Konzentration,
-dessen Lösung mir gelungen ist. Nimm an, ich
-hätte hier in unserem Hause eine Maschine, die tausend
-Pferdestärken leistet. Es ist klar, daß ich die Energie
-hier an Ort und Stelle zu allem möglichen verwenden
-kann. Aber es war bisher kein Mittel bekannt, diese
-Energie an einem Punkte in beliebiger Entfernung konzentriert
-wirken zu lassen. Bei jedem Versuche, die
-Energie auszustrahlen, erfuhr sie eine der Ausbreitung
-entsprechende Schwächung. Ein zwingender
-Grund liegt natürlich nicht vor. Es muß den tausend
-Pferdestärken ganz gleich sein, ob sie hier oder an irgendeinem
-anderen Punkte der Erde zur Wirkung kommen.«</p>
-
-<p>Erik Truwor unterbrach ihn:</p>
-
-<p>»Wenn wir hier eine Million, wenn wir hundert
-Millionen Pferdestärken hätten, so könntest du sie auf
-jedem Punkt der Erde in Erscheinung treten lassen?«</p>
-
-<p>»So ist es. Auf jedem Punkte. Ich könnte die
-Energie an irgendeiner Stelle der australischen Wüste
-oder des Broadway in Neuyork auf den Raum einer
-Haselnuß zusammendrängen. Ich könnte sie auch
-in der Form ausgedehnter elektromagnetischer Felder
-auftreten lassen. Jede Wirkung ist möglich.«</p>
-
-<p>Erik Truwor wiegte den Kopf nachdenklich hin und her.</p>
-
-<p>»Hundert Millionen Pferdestärken auf den Raum
-einer Haselnuß … in den Pulverkammern kriegführender
-Mächte … das genügt für den ewigen Frieden.«</p>
-
-<p>Silvester Bursfeld fuhr in seinen Erklärungen fort:</p>
-
-<p>»Die Energiekonzentration bildete den Ausgangspunkt
-meiner Arbeit. Ich überlegte mir weiter …
-Warum soll ich die Energie erst an einem Orte erzeugen
-und an einem anderen wirken lassen, da doch der ganze
-Raum mit einem Überschwang von Energie erfüllt<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-ist … Ich folgerte, es muß genügen, nur die Steuerwirkung
-durch den Raum zu schicken. Nur die winzigen
-Mengen einer besonderen Formenenergie, die an der
-entfernten Stelle die Raumenergie zur Explosion
-bringen.</p>
-
-<p>Meine Überlegung war folgerichtig. Die Schlußkette
-zeigte nirgend ein fehlerhaftes Glied. Aber die praktische
-Durchführung wollte nicht gelingen.</p>
-
-<p>Soweit war ich, als ich nach Trenton kam. Jede freie
-Stunde widmete ich dem Problem. Dr. Glossin hatte
-dort ein gutes Laboratorium und erlaubte mir, darin zu
-arbeiten. Damals wußte ich nicht, daß er ein Verräter
-war&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Der auch deinen Vater verraten hat.« Soma Atma
-sprach die Worte.</p>
-
-<p>Silvester blickte auf wie ein Träumer, der plötzlich
-erwacht.</p>
-
-<p>»Ich hörte immer, mein Vater wäre von einem aufsässigen
-Kurdenstamm überfallen worden. In Pankong
-Tzo erzählten sie es mir … Kuansar … unser alter
-Lehrer, sprach davon&nbsp;…«</p>
-
-<p>Atma sprach in seiner ruhigen sonoren Art weiter:
-»Warum den klaren Spiegel einer jungen Seele
-trüben. Glossin, der Freund deines Vaters, war der
-Verräter. Die Nawutschi, die Engländer, steckten dahinter.
-Sie veranlaßten den Überfall, weil dein Vater
-das Geheimnis einer großen Erfindung besaß
-… Bis hierher ist alles klar. Dann wird die Erkenntnis
-unsicher.«</p>
-
-<p>»Was hatte mein Vater erfunden? Wo ist er geblieben?«
-Erregt stieß Silvester die Fragen hervor.</p>
-
-<p>»Ich sehe nichts Klares. Sicher ist, daß er nicht
-mehr unter den Lebenden weilt. Seit langer Zeit nicht
-mehr. Sonst hätte meine Seele die seine finden müssen.
-Seine Erfindung gab Macht. Gab große Macht. Darum
-ließen die Nawutschi ihn rauben.«</p>
-
-<p>Erik Truwor unterbrach den Inder: »Laßt die Toten
-ruhen. Silvester, berichte uns weiter.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p>
-
-<p>»… Ich sprach von Glossin. In seinem Laboratorium
-nahm ich meine Arbeiten wieder auf … Mit Vorsicht,
-denn seine Neugier war verdächtig. Ich vermied es,
-unnötige Notizen zu machen. Was ich notieren mußte,
-schrieb ich Tibetanisch.</p>
-
-<p>Plötzlich kam der Erfolg. Über Nacht eine Eingebung.
-Im Traum sah ich den Strahler für die
-Formenergie mit greifbarer Deutlichkeit&nbsp;…«</p>
-
-<p>Erik Truwor schüttelte mißbilligend den Kopf.</p>
-
-<p>»Traumlösungen … man kennt sie. Es ist alles in
-Ordnung. Wacht man auf, so ist der Traum vergessen oder
-die Lösung unsinnig … Träume sind Schäume&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Nicht immer. Es kommt vor, daß die Seele im
-Schlaf den Körper verläßt und klar sieht.« Atma machte
-den Einwurf. Silvester fuhr fort: »Ich sah die Form
-und die Schaltung des Strahlers noch mit voller Deutlichkeit,
-als ich erwachte. Meinen ganzen Apparat hatte
-ich in einen kleinen Kasten eingebaut&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Den Mahagonikasten?«</p>
-
-<p>»Eben den. Der Traum ließ mir keine Ruhe. Es
-war noch früh. Die Dämmerung des Sommertages begann
-eben erst. Um acht mußte ich in das Werk. Erst
-am Nachmittag konnte ich in das Laboratorium gehen.
-Das dauerte mir zu lange. Mit den einfachen Mitteln,
-die ich in der Wohnung hatte, formte ich den Strahler.
-Ich machte einen Versuch, und er gelang. Ein Stück
-Eisen auf meinem Schreibtisch stieg langsam in die
-Höhe. Ein Trinkglas schmolz zu einem Klumpen. Das
-Geheimnis war gefunden.</p>
-
-<p>Am Nachmittag kam ich in das Laboratorium …
-Ich wollte einen einfachen Versuch machen. Eine elektromotorische
-Kraft sollte durch den Apparat zurückgeworfen
-werden. Ich brachte den Apparat in die richtige Stellung
-zu den Schaltklemmen des Experimentiertisches. Im
-selben Augenblick stieg dichter Qualm hinter der Schalttafel
-und an der Wand auf. Die schwere 10&nbsp;000-Volt-Leitung
-des Laboratoriums glühte hellrot auf. Die
-Isolation verbrannte. Ich riß meinen Apparat zurück.<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-Es war nicht mehr nötig. Die Sicherungen der Hochspannungsleitung
-waren bereits durchgeschlagen und
-hatten den Strom abgeschaltet.</p>
-
-<p>Zweierlei wußte ich damals. Mein Apparat arbeitete.
-Und ein Schurkenstreich war versucht worden. Irgend
-jemand, der im Laboratorium Bescheid wußte, hatte die
-lebensgefährliche Hochspannung auf den Experimentiertisch
-geschaltet.</p>
-
-<p>Drei Tage später fuhr mir auf einem Spaziergang
-durch den Wald ein Auto nach. Plötzlich hielt es neben
-mir. Im selben Augenblick war ich in den Wagen hineingezogen,
-gefesselt und betäubt. Erst im Gefängnis
-erlangte ich das Bewußtsein wieder. Als ich unter den
-Richtern Glossin sah, wußte ich, wer im Laboratorium
-geschaltet hatte&nbsp;…«</p>
-
-<p>Erik Truwor sprang auf.</p>
-
-<p>»Weg mit dem Hund! Wir haben die Macht, ihn zu
-vernichten. Sollen wir uns mit einem einzelnen aufhalten?
-Weg mit ihm!« Er griff nach dem Apparat.</p>
-
-<p>»Mord und Brand über den Ozean! Befreien wir uns
-von dem Geschmeiß!«</p>
-
-<p>Silvester wollte antworten, wollte als Forscher und
-Erfinder auseinandersetzen, daß ein genaues Zielen auf
-diese Entfernung noch nicht möglich sei, daß Feuer und
-Sturm neben einem Schuldigen tausend Unschuldige
-vernichten würden. Er kam nicht über die ersten Worte
-hinaus. Die ruhige Stimme Atmas unterbrach ihn:</p>
-
-<p>»Sein Schicksal ist mit dem unseren verknüpft. Es
-wird sich zu seiner Zeit erfüllen … Noch ist die Stunde
-nicht gekommen. Sein Geschick ereilt ihn, wenn der
-Augenblick kommt … Er ist ein Werkzeug des Schicksals
-wie wir. Das Ziel wird erreicht werden … von
-uns … durch ihn … Wenn der Tag kommt, wird sich
-sein Schicksal vollenden&nbsp;…«</p>
-
-<p>Atma sank in stilles Sinnen zurück. Erik Truwor nahm
-seinen Platz am Tisch ein und betrachtete den Apparat.
-Seine Erregung ließ nach.</p>
-
-<p>»Was kannst du mit dem Strahler hier machen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p>
-
-<p>Silvester Bursfeld ging wieder in seinem Problem
-auf. Nur als Physiker und Ingenieur sprach er weiter:</p>
-
-<p>»Mit dieser kleinen Apparatur kann ich die telenergetische
-Konzentration von zehntausend Kilowatt bewirken.
-Für größere Energiemengen muß der Apparat größer
-werden.«</p>
-
-<p>Erik Truwor ergriff ein Glas und beobachtete den
-Bergkamm auf der anderen Seite des Elf.</p>
-
-<p>»Siehst du die einzelne Tanne über dem Trollstein?«</p>
-
-<p>Silvester nahm das Glas. »Sie ist unverkennbar.«</p>
-
-<p>»Kannst du sie verbrennen?«</p>
-
-<p>Ein Lächeln ging über die Züge Silvesters.</p>
-
-<p>»Wenn die Tanne in Kanada stünde, wäre es noch
-möglich. So ist es …« Er hatte während der Worte
-das Kästchen gerückt und ein paar Knöpfe gedreht.</p>
-
-<p>Erik Truwor sah durch das Glas über den Fluß, sah,
-wie blauer Rauch aus der Tannenkrone aufstieg und
-helle Flammen aus dem Stamme aufloderten. Nach
-zwanzig Sekunden brannte der Baum lichterloh. Nach
-einer Minute war er verschwunden, in ein winziges unsichtbares
-Aschenhäufchen verwandelt. Aber das Feuer
-hatte weiter gegriffen. Auch die Kronen der benachbarten
-Bäume brannten. Im trockenen Juni konnte sich dort
-ein großer Waldbrand entwickeln. Erik Truwor
-sah die Gefahr.</p>
-
-<p>»Der Wald brennt, Silvester. Kannst du des Feuers
-Herr werden?«</p>
-
-<p>Silvester war in seinem Element.</p>
-
-<p>»Eine gute Gelegenheit, um die Wirkung des Apparates
-auf den Luftdruck zu beobachten. Ich werde in
-einer senkrechten Linie über der brennenden Föhre Hitze
-konzentrieren. Die warme Luft muß mit Gewalt nach
-oben dringen. Kalte Luft muß von allen Seiten herbeiströmen.
-Der Sturm muß das Feuer löschen.«</p>
-
-<p>Während er die Erklärung gab, drehte er an einem
-Schräubchen seines Apparates. Man konnte auch mit
-unbewaffnetem Auge bemerken, wie die Bäume auf dem
-Gebirgskamm von einem plötzlichen Sturm gepeitscht<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span>
-wurden. Wild bogen sich die Stämme. Hier und dort
-wurde eine Krone geknickt. Aber der Wirbelsturm blies
-den Brand glatt aus. Ein mäßiger Wind hätte das
-Feuer genährt. Dieser Zyklon pfiff so scharf durch das
-brennende Geäst, daß er die Flammen im Moment auslöschte,
-das rotglühende Holz abkühlte.</p>
-
-<p>Eine Drehung am Schalter des Kästchens, und Ruhe
-herrschte wieder in der Natur. Nur der große, schwarze
-Brandfleck da weit drüben über dem Elf verriet, daß
-etwas Außergewöhnliches passiert war.</p>
-
-<p>Erik Truwor hatte die theoretischen Auseinandersetzungen
-seines Freundes erfaßt. Er hatte nach
-dessen Aufzeichnungen den Apparat selbst bedient, um die
-Maschine von Sing-Sing zu sprengen. Und doch versetzte
-ihn die Wirkung wieder in tiefstes Staunen. Seine
-Gedanken gingen viel weiter als die des Erfinders. Silvester
-Bursfeld war Ingenieur und nur Ingenieur. Den
-reizte das physikalische Problem und seine Durchbildung.
-Erik Truwor umfaßte mit einem Blick die praktischen
-Möglichkeiten, die die Erfindung in sich barg.</p>
-
-<p>Doch auch Erik Truwor war Techniker und rechnete.
-Zehntausend Kilowatt waren vernichtend für den einzelnen,
-den sie trafen. Aber sie bedeuteten nichts für
-hundert Millionen Menschen. Viel größere Apparate
-mußten zur Verfügung stehen. Viele Millionen von
-Kilowatt mußten auf seinen Wink an jedem Punkt der
-Erde wirksam werden. Nur dann würde er die Macht
-haben, von der die alte Weissagung des Tsongkapa
-sprach. Die Macht, alles Menschenleben auf Erden nach
-seinem Willen zu lenken.</p>
-
-<p>Die Unterhaltung der nächsten Stunde wurde rein
-technisch geführt. Über die Abmessungen größerer
-Strahler. Über die Mittel zu ihrer Anfertigung. Über
-die Zeit, die ihre Herstellung gebrauchen würde.</p>
-
-<p>Das alte Truworhaus war der geeignete Ort dafür.
-Sechs Jahrhunderte waren über sein Dach hingegangen.
-Zwei Stockwerke tief waren die geräumigen Keller in
-den Granit des Berges gesprengt. Meterstark die Umfassungsmauern<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-der unteren Stockwerke aus den bei der
-Kellerhöhlung gewonnenen Granitbrocken gemauert. Die
-elektrische Leitung vom Kraftwerk des Elf brachte Licht,
-Wärme und Energie in jeder gewünschten Menge. Das
-Haus in seiner Abgelegenheit sollte die <span id="corr077a">Werkstatt</span> abgeben,
-in der Silvester seine Erfindung in großem Maßstabe
-ausführte. Nach dem unverrückbaren Willen Erik
-Truwors ausführen mußte.</p>
-
-<p>Silvester Bursfeld hatte die Erfindung mit dem Eifer
-des Wissenschaftlers gemacht. Wie vielleicht auch ein
-Physiker eine Kanone erfinden kann, ohne an Schußwirkungen
-zu denken. Er hatte alle Erscheinungen der
-Konzentration ergründet, aber auf das genaue Zielen,
-das sichere Treffen vorläufig wenig Wert gelegt. Die
-energetische Seite des Problems interessierte seine Gelehrtennatur
-viel mehr als die praktische Anwendung.</p>
-
-<p>Erik Truwor empfand diese Schwäche sofort. Empfand
-sie und zwang Silvester durch seine Forderungen und
-Fragen, nach einer Lösung zu suchen und sie zu finden.
-Wenigstens die Theorie auch eines genauen Zielens sofort
-zu entwickeln. Nur wenn man das entfernte Ziel
-sichtbar machen, die Wirkungen der Energie mit dem
-Auge verfolgen konnte, war die Macht der Waffe voll
-zur Wirksamkeit zu bringen.</p>
-
-<p>Der Tatmensch zwang den Forscher zu harter, <span id="corr077b">rastloser</span>
-Arbeit, um die große Entdeckung noch größer zu
-gestalten, aus ihr das Machtmittel für seine weitreichenden
-Pläne zu formen. Und Silvester ließ sich zwingen.
-Für Stunden und Tage nahmen ihn die neuen Probleme
-und Lösungen so vollkommen gefangen, daß er
-alles andere darüber vergaß. Bis dann die Lösung
-gelungen war, bis sich die Nervenspannung löste und
-die unausbleibliche Reaktion eintrat.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Maitland Castle, der alte Stammsitz der Maitlands,
-beherbergte um die Zeit der Sommersonnenwende zahlreiche<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-Gäste. Der alten englischen Sitte entsprechend,
-herrschte nur der Zwang der gemeinschaftlichen Hauptmahlzeit.
-Die übrige Zeit des Tages konnten die Gäste
-nach ihrem Belieben verwenden, und die Gastgeber
-nahmen die gleiche Freiheit für sich in Anspruch,
-die sie den Gästen gewährten. Sie tauchten einmal bei
-dieser oder jener Gruppe auf und zogen sich in ihre
-Privaträume zurück, sobald es ihnen gefiel.</p>
-
-<p>Den dunklen Buchenweg, der schnurgerade von der
-Höhe des Schloßberges bis zum Gittertor am Ende des
-Parkes führte, kam Lady Diana Maitland entlang.
-Die Sonne war schon hinter den hohen Wipfeln der
-Bäume verschwunden. Es begann kühl zu werden.</p>
-
-<p>Fröstelnd zog Lady Diana den leichten Seidenschal
-enger um die Schultern zusammen. Sie bog in einen
-Seitenweg ab, der durch ein Rosenrondell führte.</p>
-
-<p>Von der anderen Seite kam ihr eine Gestalt entgegen,
-in der sie den Doktor Glossin zu erkennen glaubte.
-Unwillkürlich hemmte sie den Schritt. Ihr Gefühl riet ihr,
-einer Begegnung auszuweichen. Schon wollte sie stehenbleiben
-und sich zu der Allee zurückwenden. Doch der
-Gedanke, daß Dr. Glossin sie auch erkannt habe, gebot
-ihr, den Weg weiterzugehen, dessen Rand mit einer Einfassung
-der herrlichsten Rosenstöcke besetzt war.</p>
-
-<p>Nun stand Dr. Glossin dicht bei ihr.</p>
-
-<p>»Ich muß gestehen, Lady Diana, daß ich selten so
-schöne Rosen sah wie diese hier. Sie lieben Rosen?«</p>
-
-<p>»Sehr, Herr Doktor. Doch ihr Anblick ist mir lieber
-als ihr Geruch. Im Zimmer stört mich der berauschende
-Duft.«</p>
-
-<p>»Oh, wie schade um die unzähligen Rosenspenden, die
-Ihnen allabendlich zu Füßen flogen, als Sie in der
-Metropolitan-Opera die Zuhörer entzückten.«</p>
-
-<p>Lady Diana brach eine Rose und steckte sie in ihren
-Gürtel, ohne die Frage zu beantworten. Sie sprach
-wohl selbst gelegentlich von ihrem früheren Bühnenleben,
-aber sie liebte es nicht, von anderen daran erinnert zu
-werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p>
-
-<p>Dr. Glossin schien den Wink nicht zu verstehen.</p>
-
-<p>»Die Stunden, in denen ich Ihrer unvergleichlichen
-Stimme lauschen durfte, gehören zu den schönsten meines
-Lebens. In besonderer Erinnerung sind mir die Abende,
-an denen Sie mit Frederic Boyce zusammen auftraten.
-Nie klang mir Ihre Stimme schöner als damals.«</p>
-
-<p>Ein kurzes Erröten glitt über die Züge der Lady.
-Solche Worte aus dem Munde eines so neuen Bekannten
-wie Dr. Glossin konnten nur als grobe Taktlosigkeit
-aufgefaßt werden, oder&nbsp;…</p>
-
-<p>Sie witterte den Feind und änderte ihre Taktik.</p>
-
-<p>»Sie sind ein Freund der Musik, Herr Doktor? Vielleicht
-auch einer der zahlreichen Rosenspender?«</p>
-
-<p>Sie versuchte, ihrer Stimme einen spöttischen Unterton
-zu geben.</p>
-
-<p>»Ich kann es nicht leugnen, Mylady, ich gehörte auch
-zu Ihren Verehrern. Als ich von Ihrem Abschied von
-der Bühne las … ich war damals in San Franzisko
-… war ich drauf und dran, am Tage Ihres letzten Auftretens
-nach Neuyork zu fliegen. Wenn ich nicht irre,
-war es im ›Fidelio‹, dem hohen Lied der Gattenliebe.«</p>
-
-<p>»Und warum kamen Sie nicht?«</p>
-
-<p>Lady Diana sagte es mechanisch. Ihre Sinne arbeiteten
-fieberhaft. Sie fühlte, daß dies alles nur leichtes
-Geplänkel war. Der Hauptangriff mußte von
-anderer Seite kommen … Aber woher?</p>
-
-<p>»Warum nicht? … Ein seltsamer Fall hielt mich
-einige Tage länger fest!«</p>
-
-<p>Er machte eine Pause.</p>
-
-<p>»Bitte, Herr Dr. Glossin, erzählen Sie, wenn es interessant
-ist.«</p>
-
-<p>»Interessant? … Für die Allgemeinheit am Ende
-kaum. Wohl aber für die, die es angeht. Wenn ich
-nicht fürchtete, unangenehme Erinnerungen zu wecken&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wozu die Umschweife, Herr Doktor, bitte&nbsp;…«</p>
-
-<p>Lady Diana wußte, jetzt würde der Schlag erfolgen.
-Und trotz der Ungewißheit, aus welcher Richtung er
-kommen würde, klang ihre Stimme ruhig und fest.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span></p>
-
-<p>»Wenn es der Wunsch Eurer Herrlichkeit ist … nun
-wohl … Als die berühmte Sängerin Diana Raczinska
-die Ehe mit dem Sänger Frederic Boyce einging,
-prophezeiten Eingeweihte ein schnelles Ende dieses im
-Kunstrausch geschlossenen Bündnisses. Alle, welche die
-Spieler- und Trinkernatur von Frederic Boyce kannten.
-Schon nach einem halben Jahr war die Ehe derart zerrüttet,
-daß die Scheidung eingeleitet wurde, Diana
-Boyce wartete nur auf den gerichtlichen Spruch, um
-einen neuen Bund mit Horace Clinton einzugehen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Sie wollten mir eine interessante Geschichte erzählen
-… und bringen alte Dinge vor, die mir bei Gott
-zur Genüge bekannt sind.«</p>
-
-<p>»Die kurze Einleitung war notwendig, Mylady. Ich
-kam an jenem Abend Ihres letzten Auftretens vom
-Strand in San Franzisko und verirrte mich in dem
-Häusergewirr des Hafenviertels. Als ich an einer der
-Schenken vorbeikam, aus der Toben und Brüllen betrunkener
-Matrosen erklang, öffnete sich plötzlich die
-Tür. Von rohen Fäusten gestoßen, flog ein Mann die
-Stufen hinauf und schlug vor meinen Füßen hart auf
-das Pflaster.</p>
-
-<p>Angewidert von dem häßlichen Auftritt, wollte ich
-weitergehen. Da sah ich im Laternenschimmer, wie sich
-eine Blutlache um den Körper des Betrunkenen bildete.
-Das Blut entströmte einer starken Wunde im Nacken,
-die wohl von einem Messerstich herrührte.</p>
-
-<p>Nach einigem Suchen fand ich eine Patrouille, die den
-Verletzten nach der Polizeiwache brachte. Da ich den
-Unfall teilweise mitangesehen hatte, mußte ich meine
-Zeugenaussage darüber abgeben. Inzwischen hatte
-der Polizeiarzt dem Verwundeten einen Notverband angelegt,
-ihm das Gesicht von Schmutz und Blut befreit.
-Der Mann war&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Wer?«</p>
-
-<p>Lady Diana fühlte das Blut in ihrem Herzen stocken.
-Sie senkte unwillkürlich das Haupt. Jetzt mußte der
-Schlag kommen, der&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p>
-
-<p>»… war Frederic Boyce, Ihr totgeglaubter Gatte.«</p>
-
-<p>»Frederic&nbsp;…«</p>
-
-<p>Lady Diana begann zu taumeln und wäre zu Boden
-gestürzt, hätte Dr. Glossin sie nicht aufgefangen.</p>
-
-<p>»Fassung, Mylady! Um Gottes willen! Ich bin außer
-mir. Verzeihen Sie mein Ungeschick.«</p>
-
-<p>Er führte die halb Bewußtlose zu einer Bank und
-nahm neben ihr Platz.</p>
-
-<p>»Frederic … Frederic&nbsp;…«</p>
-
-<p>Stoßweise rangen sich die Worte wieder und wieder
-von den blassen Lippen.</p>
-
-<p>»Frederic Boyce ist tot, Lady Diana.«</p>
-
-<p>»Tot?« Die Augen der Lady öffneten sich unnatürlich
-weit. »Sie … sagten … eben&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Frederic Boyce starb zwei Stunden später. Der
-Stich war tödlich.«</p>
-
-<p>Ein tiefes Aufatmen. Der Körper Dianas straffte sich.</p>
-
-<p>»Ist es die Wahrheit?«</p>
-
-<p>Sie schaute den Doktor an, als wolle sie im Innersten
-seiner Seele lesen.</p>
-
-<p>Der Doktor entnahm seiner Brieftasche ein Papier und
-überreichte es ihr.</p>
-
-<p>Lady Diana schüttelte den Kopf und ließ das Blatt
-sinken.</p>
-
-<p>»Was ist es?«</p>
-
-<p>»Es ist eine Bescheinigung jenes Polizeiamtes in
-Frisko über den am 9. Mai 1950 erfolgten Tod von
-Frederic Boyce.«</p>
-
-<p>Lady Diana kreuzte die Hände über ihre Brust und
-legte den Kopf an die Lehne der Bank. So saß sie
-lange. Das Bild einer weißen Marmorstatue.</p>
-
-<p>»Erzählen Sie weiter, Herr Doktor.« Sie sagte es
-mit einer Ruhe und Festigkeit, die Dr. Glossin in Erstaunen
-versetzte.</p>
-
-<p>»Bei dem Toten fand man keine Papiere. Meine Angaben
-über die Person wurden von der Polizei mit
-Zweifeln aufgenommen. Hatten doch vor genau zehn
-Tagen die Zeitungen über den Tod des Sängers Frederic<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-Boyce im städtischen Spital berichtet. Ich blieb
-bei meiner Behauptung. Nachforschungen wurden angestellt.
-Sie ergaben, daß der im Hospital Verstorbene
-nicht der rechtmäßige Besitzer der bei ihm gefundenen
-Papiere gewesen war. Er hatte sie dem richtigen Eigentümer
-in der Trunkenheit entwendet. So wurde der
-9. Mai als der Todestag von Frederic Boyce festgestellt.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin machte eine Pause, um die Wirkung seiner
-Worte auf Lady Diana abzuwarten. Vergeblich.</p>
-
-<p>Lady Diana bewahrte ihre statuenhafte Ruhe.</p>
-
-<p>Gereizt fuhr Dr. Glossin fort: »Es ergibt sich die
-eigentümliche Situation, daß Eure Herrlichkeit mit Lord
-Maitland oder, wie er damals noch hieß … mit Mr.
-Clinton getraut wurde, während Ihr erster Gatte noch
-lebte. Nach dem Gesetz kann Ihnen kaum ein Vorwurf
-gemacht werden, da Sie im Besitz der freilich falschen
-Sterbeurkunde waren. Aber … die Stimme der öffentlichen
-Meinung wiegt schwer für Angehörige des
-Highlife&nbsp;…«</p>
-
-<p>Lauernd wartete der Sprecher auf die Wirkung seiner
-Worte.</p>
-
-<p>»Sind Sie fertig, Herr Dr. Glossin?«</p>
-
-<p>Glossin nickte stumm. Lady Diana maß ihn mit einem
-Blick.</p>
-
-<p>»Wieviel verlangen Sie für Ihre Verschwiegenheit?«</p>
-
-<p>Wie von einem Peitschenhieb getroffen fuhr der Doktor
-empor: »Mir das? … Sie wollen mir Geld anbieten
-… Hüten Sie sich. Ich vergesse eine Beleidigung
-niemals.«</p>
-
-<p>Lady Diana nickte gleichmütig.</p>
-
-<p>»Was verlangen Sie sonst, Herr Doktor?«</p>
-
-<p>»Ich bitte nicht weiter in diesem Ton. Ich könnte in
-Versuchung kommen, das Gespräch abzubrechen …
-Nicht zu meinem Schaden.«</p>
-
-<p>»Wozu erzählen Sie mir diese Geschichte, Herr
-Doktor?«</p>
-
-<p>Glossin biß sich wütend auf die Lippen. Er glaubte,
-seine Schlinge gut gelegt zu haben. Ein gefälschtes<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-Todesattest einer amerikanischen Polizeistation … für
-Dr. Glossin war die Beschaffung lächerlich einfach gewesen.
-Und er hatte Lady Diana damit einer wenn
-auch unabsichtlichen Bigamie überführt. Seine Stellung
-schien so stark, und trotzdem fühlte er sich in die Enge
-getrieben.</p>
-
-<p>»Es wird der Tag kommen, Lady Diana, an dem Sie
-diese Worte bereuen. Der Tag, an dem Sie mir freiwillig
-die Hand zu einem Bündnis bieten werden. Dann
-werde ich Sie an den heutigen erinnern.</p>
-
-<p>Heute bitte ich Sie nur um eine einfache Gefälligkeit,
-die Ihnen keine Mühe bereitet, für mich sehr viel
-bedeutet.«</p>
-
-<p>Lady Diana schaute sinnend auf ihre schlanken, weißen
-Hände. Sie zweifelte, ob sie sie jemals dem Doktor
-Glossin zum Bündnis reichen würde.</p>
-
-<p>Sie hatte in diesem Kampfe gesiegt. Aber innerlich
-war sie bewegter und erschütterter, als es äußerlich erschien.
-Wenn sie dem unbequemen Gast mit einer einfachen
-Gefälligkeit den Mund stopfen konnte, wollte sie
-es tun.</p>
-
-<p>»Was ist es, Herr Doktor?«</p>
-
-<p>»Ich muß zur Erklärung weit zurückgehen und in die
-Hände Eurer Herrlichkeit eine Beichte ablegen. Ich war
-nicht immer amerikanischer Bürger. Im Jahre 1927
-lebte ich als britischer Untertan in Mesopotamien. Ein
-Ingenieur war dort tätig. Er machte eine Erfindung,
-die dem englischen Reiche gefährlich werden konnte. Ich
-setzte die britische Regierung davon in Kenntnis, und der
-Erfinder verschwand im Tower. Ihr Gemahl Lord
-Maitland muß darüber Bescheid wissen oder sich doch
-mit Leichtigkeit orientieren können. Helfen Sie mir.
-Ich muß wissen, ob Gerhard Bursfeld noch als Staatsgefangener
-im Tower lebt … er wäre jetzt 65 Jahre …
-oder was aus ihm geworden ist. Helfen Sie mir und
-seien Sie meiner Dankbarkeit versichert.«</p>
-
-<p>»Gut, Herr Doktor, ich werde mit meinem Gatten<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-sprechen. Was geschehen kann, um Ihnen die gewünschte
-Auskunft zu geben, soll geschehen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Lord Gashford, der englische Premier, hatte sein Kabinett
-zu einer Besprechung bitten lassen. Die
-Männer, welche vor dem Lande und dem Parlament die
-Verantwortung für den gesicherten Fortbestand des britischen
-Weltreiches trugen, waren im kleinen Konferenzsaal
-in Downing Street versammelt. Lord Gashford
-blickte sorgenvoll und sah überarbeitet aus. Er eröffnete
-die Sitzung mit einem kurzen Überblick über die politische
-Lage.</p>
-
-<p>»Die Politik Großbritanniens hat seit zwei Jahrhunderten
-auf dem Grundsatze geruht, Kräfte, die dem
-Reiche gefährlich werden konnten, gegeneinander zu
-binden. Das Prinzip des Gleichgewichts, zuerst
-für Europa erfunden, konnte nach dem Weltkriege
-erfolgreich auf die überseeischen Mächte angewendet
-werden. Der Streit zwischen Amerika und Japan
-setzte uns in die Lage, Afrika von den letzten
-Überbleibseln europäischer Kolonien zu säubern. Leider
-haben diese Streitigkeiten mit dem vollkommenen Siege
-der nordamerikanischen Union geendet. Die Kraft der
-Union ist nicht mehr durch eine genügende Gegenkraft
-gebunden.</p>
-
-<p>Das ist die Lage seit dem zweiten Frieden von San
-Franzisko. Unsere Politik ist bestrebt gewesen, die romanischen
-Staaten Südamerikas in einen Gegensatz zur nordamerikanischen
-Union zu bringen. Die Erfolge sind leider
-nur gering. Unsere Bemühungen, Japan zu stützen,
-haben bedauerlicherweise beklagenswerte Folgen gehabt.
-Kanada ist in so enge Beziehungen zur Union getreten,
-daß es heute nur noch formell zum Reich gehört.
-Australien steht im Begriff, gleichfalls Anschluß an das
-Zollgebiet der Vereinigten Staaten zu nehmen. Diese
-Umwälzungen vollziehen sich mit der Macht elementarer<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-Ereignisse. Wenn die Union weise wäre, ließe sie die Zeit
-ruhig für sich arbeiten. Aber an ihrer Spitze steht eine
-Person von unbezähmbarem Ehrgeiz.</p>
-
-<p>Wir müssen stündlich auf den Ausbruch des Krieges
-gefaßt sein. Wir stehen Erscheinungen gegenüber,
-die sich in keiner Weise irgendwie vorausberechnen
-lassen. Ich denke dabei an das Wort eines meiner Vorgänger
-vom politischen Alkoholismus. In jedem Falle
-müssen wir jeden Moment in der Lage sein, die Herausforderung
-anzunehmen und für den Bestand des Reiches
-zu kämpfen.«</p>
-
-<p>Vincent Rushbrook, der Erste Lord der Admiralität,
-erhielt das Wort:</p>
-
-<p>»Unsere maritimen Maßnahmen sind in erster Linie
-darauf gerichtet, den Seeweg nach Indien zu beherrschen.
-Eine Flotte von achthundert U-Booten liegt tiefgestaffelt
-auf dem Bogen von Lissabon nach Marokko. Ihre Basis
-wird durch unsere beiden großen Seefestungen von Gibraltar
-und Ceuta gebildet. Ihre Vorpostenboote haben
-auf der Länge von Island fremde U-Boote gesichtet.
-Seitdem … es sind jetzt drei Tage … sind unsere Boote
-und die Festungen in höchster Bereitschaft. Zwei
-Sekunden nach dem Alarm können die Rohre von
-Gibraltar und Ceuta feuern. Dieser Zustand läßt sich
-aber nicht monatelang aufrechterhalten. Die Nerven der
-Besatzungen leiden darunter. Meine Leute wollen lieber
-heute als morgen kämpfen. In vier Wochen werden sie
-zerrüttet sein, wenn es nicht zum Schlagen kommt.</p>
-
-<p>Auf der Landenge von Suez liegt eine Flotte von
-30&nbsp;000 Flugzeugen. Ich sehe nicht, wie ein Gegner in
-das Mittelmeer eindringen könnte.«</p>
-
-<p>Der Premier ergriff von neuem das Wort.</p>
-
-<p>»Es ist gut, wenn die Flotte den Seeweg nach Indien
-sichert. Aber auch die Beherrschung des Landweges
-bleibt erwünscht. Warum haben wir Konstantinopel
-vor 20 Jahren genommen, wenn wir die Straße nicht
-benutzen? Die gerade Linie geht über Brüssel, Linz und
-Belgrad nach Konstantinopel.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p>
-
-<p>Sie lieben uns nicht auf dem Kontinent. Der Russe
-hat leider die irrtümliche Meinung, daß wir an allem
-seinem Unglück seit 1904 schuld gewesen sind. Der Deutsche
-wird immer noch von der eigenartigen Idee beherrscht,
-daß wir vor 40 Jahren nicht für die Heiligkeit
-der Verträge gegen ihn gekämpft haben. Der Franzose,
-der Spanier und der Italiener sind verstimmt, weil wir
-sie aus Afrika entfernt haben.</p>
-
-<p>Ich muß leider sagen, daß wir in den letzten 30 Jahren
-zu wenig Wert auf die Bildung der öffentlichen Meinung
-in Europa gelegt haben. Wir haben es nicht ungern gesehen,
-daß Rußland sich allmählich vom Bolschewismus
-säuberte. Es war uns bis zu einem gewissen Grade
-willkommen, daß Deutschland im Bündnis mit dem genesenden
-Rußland den Versailler Vertrag revidierte.</p>
-
-<p>Wir übersahen dabei, daß durch die Verständigung
-zwischen Deutschland und Rußland eine Macht geschaffen
-wurde, die sich im Laufe der Zeit automatisch zu einer
-Übermacht Frankreich gegenüber entwickeln mußte. Die
-Folge war die Verständigung zwischen Frankreich
-und den beiden Oststaaten. Es kam zu der Bildung
-der deutsch-französischen Industriegemeinschaft.</p>
-
-<p>Vom ersten Tage meiner Amtszeit an habe ich es als
-meine wichtigste Aufgabe betrachtet, diese Gemeinschaft
-zu lockern. Wir haben es versucht, den Chauvinismus
-in den betreffenden Ländern nach Kräften
-zu fördern. Leider sind die Erfolge nicht sehr bedeutend.
-Der große Vorteil der Industriegemeinschaft ist zu augenfällig.
-Immerhin müssen wir in dieser Richtung weiterarbeiten.
-Ich komme zu dem Ergebnis, daß England
-moralische Eroberungen auf dem Kontinent machen
-muß.«</p>
-
-<p>William Chopper, der Presseminister, erbat sich das
-Wort:</p>
-
-<p>»Für moralische Eroberungen braucht man eine gewisse
-Zeit. Außerdem … die kontinentale Presse ist
-in festen Händen. In Afrika und Asien können wir
-jeden Tag englische Zeitungen gründen. In Deutschland<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-eine deutsche, in Frankreich eine französische Zeitung neu
-zu schaffen, ist sehr schwer für uns. Wir können nur den
-englischen Korrespondenten dieser Zeitungen durch unsere
-eigene Presse bestimmte Ansichten in solcher Weise einimpfen,
-daß sie dieselben schließlich für eigene und durchaus
-dem Vorteil des Kontinents dienende Ideen ansehen.«</p>
-
-<p>Lord Gashford sprach weiter:</p>
-
-<p>»Jede feindselige Haltung des Kontinents muß verhindert
-werden. Wir brauchen die volle Kraft der europäischen
-Industrie für uns. Sie werden auf dem Kontinent
-bereit sein, für beide Parteien zu liefern. Auf dem
-kurzen Wege über den Pol werden die amerikanischen
-Lastflugschiffe aus Europa an Kriegsmaterial wegschleppen,
-was sie kaufen können. Das muß verhindert
-werden. Der Kontinent darf nicht an beide Parteien
-liefern. Er muß ein Interesse an unserem Siege
-haben&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sir James Morrison, der Erste Lord des Schatzes, fiel
-seinem Kollegen ins Wort:</p>
-
-<p>»Es gibt eine Möglichkeit … Alle Staaten des Kontinents
-schleppen die Kette amerikanischer Schulden
-hinter sich her. Wir müssen ihnen die Annullierung
-dieser Schulden versprechen. Dann haben sie ein
-Interesse an unserem Siege. Es wird zu überlegen
-sein, was sich für diese Versprechen einhandeln
-läßt. Lieferung von Kriegsmaterial ausschließlich an
-uns. Durchzugsrecht für unsere Truppen. Wenn möglich
-direkte Unterstützung. Ich glaube, daß sich viel mit dem
-Versprechen erreichen läßt&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die Verhandlung löste sich in lebhafte Einzelgespräche
-auf. Der Plan des Finanzministers war einleuchtend.
-Er war genial und wie alle genialen Sachen verblüffend
-einfach.</p>
-
-<p>William Chopper übernahm es, die Idee mit der
-nötigen Vorsicht in die europäische Presse gelangen zu
-lassen. Es war notwendig, daß von privaten Stellen
-gleichzeitig in tausend Zeitungen die Möglichkeit, aus<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-der amerikanischen Verschuldung herauszukommen, in
-Europa ventiliert wurde. Von drei Monaten, die er ursprünglich
-für die Durchführung dieser Propaganda verlangte,
-ließ sich der Presseminister auf zehn Tage herunterhandeln.</p>
-
-<p>Lord Gashford sprach:</p>
-
-<p>»Es ist widersinnig, die afrikanischen Rohstoffe und
-Bodenschätze erst nach England zu schaffen und hier zu
-verarbeiten. Wir müssen in Afrika eine Kriegsindustrie
-aus dem Boden stampfen. In der Umgebung der großen
-Kraftwerke des Sambesi und Kongo. Meine Herren,
-ich halte es sogar für möglich, daß die britische Regierung
-bei Kriegsausbruch nach Äquatoria übersiedelt.«</p>
-
-<p>Betretenes Schweigen folgte dieser Mitteilung. Die
-englische Regierung sollte die britische Insel aufgeben,
-sollte London verlassen? Das war nach der politischen
-Tradition etwas ganz Unerhörtes.</p>
-
-<p>Lord Gashford bemerkte es wohl und fühlte sich zu
-einer Erklärung verpflichtet.</p>
-
-<p>»Es ist unseren Agenten gelungen, einen Plan unserer
-Gegner aufzudecken. Ich kann ihn nicht anders bezeichnen
-als eine Ausgeburt der Hölle. Der Diktator hat
-einen Teil seiner Luftflotte mit Bomben versehen lassen,
-durch die beim Aufschlagen Pest- und Cholerakeime in
-die Luft gewirbelt werden.«</p>
-
-<p>Rufe des Abscheus und Entsetzens kamen aus aller
-Munde.</p>
-
-<p>»Das ist Stonards würdig«, rief Vincent Rushbrook
-mit schneidender Stimme. »Möge ihn selbst die Pest
-befallen.« Erst nach Minuten konnte Lord Gashford
-fortfahren:</p>
-
-<p>»Der Plan verliert bei näherer Betrachtung an Gefährlichkeit.
-Wir wissen genau, welche Teile der Flotte
-mit den G-Bomben ausgerüstet sind. Unsere Luftstreitkräfte
-müssen sich bei Eröffnung der Feindseligkeiten
-augenblicklich auf diese Schiffe stürzen und sie vernichten,
-bevor sie die britische Insel vergiften können. Gelingt
-es trotzdem einigen, unser Land zu erreichen, so sind für<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-den betreffenden Bezirk sanitäre Maßregeln in Aussicht
-genommen.</p>
-
-<p>Noch eins, meine Herren« &ndash; die Sätze wurden langsam
-unter Betonung jedes einzelnen Wortes gesprochen
-&ndash;, »es wäre in diesem Falle nicht zu vermeiden,
-daß die Krankheiten auf das Festland übertragen
-würden.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Right or wrong, my country</em>«, kam es halblaut
-von den Lippen Rushbrooks, und andere Lippen flüsterten
-es nach. Lord Gashford sprach in der langsamen, betonten
-Weise weiter:</p>
-
-<p>»Gemeinsames Leid knüpft feste Bande! Meine Herren
-… der Pfeil würde auf den Schützen zurückprallen
-… das war es, was ich noch mitzuteilen hatte.«</p>
-
-<p>Drei Stunden später erschienen in einigen Blättern des
-Kontinents die ersten Betrachtungen über die Möglichkeit,
-die amerikanische Verschuldung loszuwerden. Der
-Apparat William Choppers arbeitete bereits.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Teil_II">Teil II.</h2>
-</div>
-
-<p>Und es kam der Tag, an dem sich in Linnais drei
-Menschen stumm umarmten. Der Tag, an dem die
-große Erfindung vollendet war.</p>
-
-<p>Tage angespanntester Arbeit in Laboratorium und
-Werkstatt lagen hinter ihnen. Was jetzt kam, die Arbeit
-in der Werkstatt, um die Konstruktionen auszuführen,
-war körperlich leichtes Spiel, geistige Erholung.</p>
-
-<p>Die Hauptarbeit hatte Silvester getan. Hindernisse,
-die immer wieder unvermutet auftauchten, hatte sein erfinderisches
-Genie bewältigt. Wenn bei den anderen die
-Zweifel laut oder leise sich regten, hatte er das Problem
-mit unbeirrbarer Zuversicht von einer neuen Seite angefaßt.
-Erik Truwor sah die Arbeit nicht ohne Sorge,
-denn Silvester war körperlich nicht eben der stärkste.
-Es kam wohl vor, daß er die Hände auf das in der Entdeckerfreude
-übermäßig pochende Herz pressen mußte,<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-daß er mit wankenden Knien Minuten ruhen mußte,
-bevor der Kampf weiterging.</p>
-
-<p>Nach einer letzten durcharbeiteten Nacht warf Silvester
-mit glückselig stolzem Lächeln seine Feder hin. Das
-Heureka des siegreichen Forschers kam über seine Lippen.
-Dann sank er zusammen und fiel in einen tiefen, todähnlichen
-Schlaf.</p>
-
-<p>Mit liebevollen Händen betteten sie den Zusammengesunkenen
-auf seinem Lager.</p>
-
-<p>Atma hielt dort die Wacht.</p>
-
-<p>Erik Truwor litt es nicht länger in den engen Räumen.
-Mit übervollem Herzen stürmte er hinaus, um allein
-und im Freien seiner Gedanken und Pläne Herr zu
-werden.</p>
-
-<p>Gedanken und Pläne von unerhörter Kühnheit, die
-seit Wochen in ihm brodelten, zerrissen und sich von
-neuem zusammenballten, wollten sich jetzt verdichten und
-Gestalt annehmen. Schon eine Stunde stürmte er durch
-den tiefen Wald und wußte nicht, wie er dorthin gekommen
-war. Auf steilen Grashalden ging es bergan.
-Geröll und Felsblöcke zwangen ihn, seine Schritte
-zu verlangsamen. Als er die Höhe erreichte, rang er
-nach Atem. Tief unter ihm lag der Strom. Sein
-Rauschen drang nur noch gedämpft herauf. Dichte Nebelschwaden
-zogen an den Talwänden. Ein frischer Wind
-pfiff über die Höhen. Erik Truwor nahm den Hut
-vom Kopf und ließ sich die erhitzte Stirn kühlen. Er
-ließ sich auf einem Felsblock am Rande des Abhanges
-nieder. So saß er lange still und starr wie der Stein
-unter ihm.</p>
-
-<p>Die lauten und verworrenen Stimmen der vergangenen
-Nächte begannen zusammenzuklingen zu einer
-klaren, starken Melodie. Zu einem unnennbaren Hochgefühl
-voll Zuversicht, Ruhe und Kraft, das von ihm
-ausströmte und ihm entgegenströmte aus den stummen
-Steinhalden, dem dunklen Grün der Föhren, den Spitzen
-der fernen Bergkämme.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick umspannte sein Geist weite<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-Räume und Zeiten, verknüpfte das Gegenwärtige mit
-dem Vergangenen und Zukünftigen. Die Erinnerungen
-an Pankong Tzo wurden lebendig. Die geheimnisvollen
-Lehren und Sprüche, immer wieder mit der
-gleichen Überzeugung und Gläubigkeit vorgetragen und
-immer wieder zweifelnd von ihm aufgenommen. Jetzt
-war die Stunde gekommen, die ihm der Abt in Pankong
-Tzo mit lächelnder Zuversicht vorausgesagt.</p>
-
-<p>Die Stunde der Wandlung! Die Stunde, die sein
-irdisches Dasein in zwei Leben teilte.</p>
-
-<p>Als er vor Tagen die Tragweite von Silvesters Erfindung
-erkannte, als er die Möglichkeit erblickte, mit
-ihrer Hilfe der Welt neue Gesetze, seine Gesetze vorzuschreiben,
-hatte ihn die Größe des Gedankens erschreckt
-und niedergedrückt. Jetzt war es entschieden.</p>
-
-<p>Das Schicksal hatte aus dem Alten in Pankong Tzo
-gesprochen und ihn zu seinem Werkzeug erkoren.</p>
-
-<p>Mit festen Schritten ging er den Weg nach Linnais
-zurück. Siegesgewiß. Von der Idee an seine Mission
-erfüllt und getragen.</p>
-
-<p>Aus langem stärkenden Schlummer war Silvester erwacht.
-Erfindung … Strahler … Konstruktionen,
-alles das lag traumhaft hinter ihm.</p>
-
-<p>Jetzt, wo die gewaltigste Arbeit getan, seine Schöpfung
-vollkommen war, kehrten seine Gedanken ungehemmt
-zu früheren Dingen zurück. Sie gingen nach
-Trenton. Sie flogen zu Jane.</p>
-
-<p>Er verstand sich selbst nicht mehr. Wie war es möglich,
-daß er in diesen Tagen der Arbeit Jane so vollkommen
-vergessen konnte. Hatte ihn das Problem verzaubert?
-War ein anderer Einfluß wirksam? Er wußte
-keine Antwort darauf.</p>
-
-<p>Er sah seine Verlobte. Sah sie in dem kleinen Hausgarten
-ihre Lieblinge, die Blumen, pflegen. Er erblickte
-sie im traulichen Beisammensein im Lichtschein der
-Lampe. Er sah, wie beim Sprechen ein rosiger Blutschimmer
-ihre zarten Wangen färbte und wie ihre Augen<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-aufstrahlten. Er sah sie in stillen Abendstunden in leichtem
-schwebenden Gang an seiner Seite durch die Felder gehen.</p>
-
-<p>Dann sah er Dr. Glossin, und Sorge beschlich ihn. Er
-mußte zu Jane, mußte sie schützen, mußte sie in Sicherheit
-bringen. Liebe und Furcht mischten sich in seinen
-Gedanken.</p>
-
-<p>Mit Ungeduld erwartete er die Rückkehr Erik Truwors.
-In fliegender Hast trug er ihm seine Pläne und
-Wünsche vor. Die Erfindung war vollendet. Die Ausführung
-war eine Kleinigkeit. Wenn sie ohne seine Mitwirkung
-etwas länger dauerte, was verschlug das.</p>
-
-<p>Mit unbewegter Miene hörte Erik Truwor die
-Wünsche Silvesters.</p>
-
-<p>»Um eines Weibes willen willst du fahnenflüchtig
-werden?«</p>
-
-<p>»Fahnenflüchtig? Was soll dieses Wort von deiner
-Seite? Aus Janes Munde wäre es berechtigt.«</p>
-
-<p>»Und unsere Mission?«</p>
-
-<p>Erik Truwor sprach es mit starker Stimme.</p>
-
-<p>»Mission? Meine Aufgabe ist erfüllt. Das sagt mir
-mein Innerstes. Die Erfindung ist vollendet. Was ich
-zu geben hatte, habe ich gegeben. Die Werkstattarbeit
-geht ohne mich. Was kommt es auf ein paar Tage
-früher oder später an?«</p>
-
-<p>»In ein paar Tagen können Tausende von Männern
-fallen, Tausende von Frauen Witwen werden. In ein
-paar Tagen kann mehr Elend entstehen, als in Jahrzehnten
-wieder gutzumachen ist.«</p>
-
-<p>»Du siehst schwarz. Erwartest du schon in nächster
-Zeit den Kriegsausbruch?«</p>
-
-<p>»Gewiß! Täglich, stündlich können die ersten Schüsse
-fallen. Deshalb muß der Apparat so schnell wie möglich
-fertiggestellt werden. Wir sind ausgeruht. Nichts
-hindert uns, sofort an die Arbeit zu gehen.«</p>
-
-<p>Silvester stand stumm. Widerstreitende Gefühle
-kämpften in seinem Inneren. Er sah Jane in den Händen
-Glossins. Er sah Schlachtfelder, bedeckt mit Toten
-und Verwundeten … Ehre und Gewissen zwangen<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-ihn, seine Liebe zum Opfer zu bringen. Er tat es mit
-blutendem Herzen.</p>
-
-<p>»Aber …« Die tiefe Erregung spiegelte sich in
-seinen Augen wider … »Aber woher nimmst du die
-Gewißheit, daß der Krieg schon in allernächster Zeit ausbrechen
-wird? Dein Glaube gründet sich doch nur auf
-Mutmaßungen.«</p>
-
-<p>Wortlos deutete Erik Truwor auf den Inder.</p>
-
-<p>»Du, Atma! Du sagst es?«</p>
-
-<p>»Ich sagte, was ich in den stillen Nächten sah, in
-denen ihr arbeitetet. Ich sah die blanken Schwerter in
-den Händen der feindlichen Brüder, bereit zum Töten.«</p>
-
-<p>Silvester senkte betroffen das Haupt. Die Voraussagen
-Atmas waren untrüglich. Er wendete sich ab,
-um seine innere Bewegung zu verbergen. Da fühlte er
-die Arme des Inders sich um seine Schultern legen.</p>
-
-<p>»Der Krieg wird nicht kommen, bevor sich der Mond
-vollendet. Als ich in der vergangenen Nacht an deinem
-Lager wachte, sah ich, wie die Schwerter sich in ihre
-Scheiden zurücksenkten. Die Hände der Männer blieben
-am Griff.«</p>
-
-<p>»Was sagst du, Atma? Der Krieg ist aufgeschoben?«</p>
-
-<p>Erik Truwor trat näher an den Inder heran. Er hielt
-den Papierstreifen des Telegraphenapparates zwischen
-den Fingern.</p>
-
-<p>»Aufgeschoben. Das würde die veränderte Sprache in
-diesen Telegrammen erklären.«</p>
-
-<p>»Aufgeschoben, bis der Mond sich erneut. Wir haben
-Zeit. Zeit, deinen Willen zu tun, und Zeit, die Wünsche
-Silvesters zu erfüllen.«</p>
-
-<p>Erik Truwor traf die Entscheidung. Für achtundvierzig
-Stunden brauchte er die Hilfe Silvesters noch, um
-alle Teile der neuen Konstruktion so weit fertigzumachen,
-daß er sie dann selbst nur zusammenzusetzen brauchte.</p>
-
-<p>Sein Befehl war zwingend. Vergeblich suchte Silvester
-dagegen zu kämpfen. Atma nahm die Partei Erik
-Truwors.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span></p>
-
-<p>»Zwei Tage und zwei Nächte, Silvester. Dann haben
-wir hier getan, was zu tun ist, und holen das Mädchen.«</p>
-
-<p>Mit einem Seufzer fügte sich Silvester dem Willen
-seiner Freunde. Von neuem begann ein Arbeiten, ein
-Schmieden, Feilen und Schleifen. Stahl und Kupfer gewannen
-neue Formen, und in achtundvierzig Stunden
-wuchsen die Teile, die den neuen großen Strahler bilden
-sollten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Doktor Glossin saß im Gebäude der englischen Admiralität
-vor einem dickleibigen, verstaubten Aktenstück
-und wandte Blatt um Blatt.</p>
-
-<p>Da lag auf vergilbtem Papier, von seiner eigenen
-Hand geschrieben, die kurze Mitteilung, durch die er damals
-die Aufmerksamkeit des englischen Distriktskommissars
-auf Gerhard Bursfeld lenkte. Das Briefchen hatte von
-dort den Weg zu den nebligen Ufern der Themse gefunden,
-und hatte seine Wirkung getan. Die folgenden
-Schriftstücke sprachen davon.</p>
-
-<p>Der Bericht eines anderen Distriktskommissars an den
-Oberkommissar, daß eine Bande räubernder Eingeborener
-den Ingenieur Bursfeld entführt hätte. Mitteilungen
-über die Mobilmachung von Militär. Eine
-Expedition zur Befreiung des Entführten. Nebenher die
-Mitteilung, daß das Sommerhaus Bursfelds bei der
-Entführung in Flammen aufgegangen wäre. Ein Bericht,
-daß man den Wiedergefundenen an Bord des Kleinen
-Kreuzers »Alkyon« gebracht habe, daß seine Gattin
-und sein Kind nirgend aufzufinden seien. Bis dahin
-konnten die Berichte in jeder Zeitung stehen. Die englische
-Regierung spielte darin die Rolle des Befreiers,
-und nichts verriet, daß der Überfall bestellte Arbeit gewesen
-war. Dann wurden sie ernsthafter und waren
-nicht mehr für die Öffentlichkeit geeignet.</p>
-
-<p>Die Überführung Bursfelds in den Tower. Seine
-erste Vernehmung über seine Erfindung. Seine Weigerung,
-irgend etwas zu sagen. Wiederholte Vernehmungen<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-im Laufe der nächsten vier Wochen. Stets das
-gleiche negative Ergebnis.</p>
-
-<p>Dann kam das letzte Schriftstück im Bündel. Die Mitteilung,
-daß man Gerhard Bursfeld in der fünften
-Woche seiner Gefangensetzung tot auf seinem Lager gefunden
-habe. Nach einem Gutachten des amtierenden
-Arztes am Herzschlag verschieden.</p>
-
-<p>Dr. Glossin atmete auf. Die Last einer dreißigjährigen
-Vergangenheit fiel ihm vom Herzen. Gerhard Bursfeld
-war tot. Er war gestorben, ohne daß die englische Regierung
-etwas von seinem Geheimnis erfahren hatte.
-Dr. Glossin suchte in seiner Erinnerung das wenige zusammen,
-was er seinem Freunde damals entlockt hatte:
-Die Behauptung der theoretischen Möglichkeit, an einem
-Orte erzeugte Energie ohne materielle Verbindungen an
-einer beliebigen anderen Stelle zu konzentrieren. Ein
-kleiner Versuch, bei welchem eine fünfhundert Meter entfernte
-Dynamitpatrone explodierte, als Bursfeld mit
-einem kleinen Apparat ein paar Manöver ausführte. Die
-strikte Weigerung des Freundes, irgend etwas Weiteres
-zu sagen.</p>
-
-<p>Die beiden Worte »Telenergetische Konzentration«
-hämmerten dem Doktor in den Schläfen. Gerhard Bursfeld
-hatte die Worte gebraucht. Er war einem Geheimnis
-auf der Spur gewesen, welches dem besitzenden
-Staate die Weltherrschaft sicherte. Jedes Sprengstofflager
-konnte man mit diesem Mittel aus der Ferne
-sprengen. Die Patrone im Flintenlauf des einzelnen
-Soldaten ebensogut explodieren lassen wie das Riesengeschoß
-in den großen Rohren der Flottengeschütze.</p>
-
-<p>Ein großes, gelbes Kuvert bildete den Schluß des
-Aktenstückes. Es enthielt die wenigen Papiere, die man
-bei der Leiche des Inhaftierten gefunden hatte. Seinen
-Paß und ein kleines Notizbuch mit Bleistiftaufzeichnungen.
-Mit einem Schauer blickte Dr. Glossin auf die
-ihm so vertrauten Schriftzüge. Kurze Notizen über den
-damaligen Dienst in Mesopotamien. Abgerissene Worte
-über den Überfall und die Entführung. Dann die Tragödie<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-im Tower. Das weiße Papier des Notizbuches
-war zu Ende, und Gerhard Bursfeld hatte die letzten
-Mitteilungen in deutscher Sprache zwischen die gedruckten
-Zeilen des Kalendariums gekritzelt. So waren sie
-wohl der Aufmerksamkeit seiner Wächter entgangen.</p>
-
-<p>»Donnerstag, den 13. Mai. Sichere Nachricht, daß
-Rokaja und Silvester tot sind.«</p>
-
-<p>»Sonnabend, den 15. Mai. Sie versuchen, mir meine
-Erfindung durch Hypnose zu entreißen.«</p>
-
-<p>»Sonntag, den 16. Mai. Ich habe heute nacht im Schlaf
-gesprochen … Zeit, ein Ende zu machen. Ich entrinne
-ihnen doch. Eine Luftblase in eine Vene geblasen, ich
-bin frei. … Heute noch, bevor die Nacht kommt.
-Rokaja … Silvester … ich sehe euch wieder.«</p>
-
-<p>Damit brachen die Mitteilungen ab.</p>
-
-<p>Dr. Glossin überlegte. Sie hatten dem Gefangenen
-natürlich jedes gefährliche Stück abgenommen. Aber ein
-Mann wie Gerhard Bursfeld wußte immer noch hundert
-verschiedene Wege und Mittel zu finden, sich eine Vene
-anzuschlagen und Luft einzublasen. Der Herzschlag, den
-der Bericht als Todesursache angab, war dem Doktor
-Glossin vollkommen klar.</p>
-
-<p>»Ich habe in der letzten Nacht gesprochen.« Nur diese
-Worte bereiteten ihm Beklemmungen. Gerhard Bursfeld
-war schwer zu hypnotisieren. Es war anzunehmen, daß
-er den hypnotischen Einfluß gespürt … während des
-Schlafes empfunden, sich instinktiv zur Wehr gesetzt hatte
-und darüber erwacht war. So konnte es sein. Doktor
-Glossin suchte sich einzureden, daß es so gewesen sein
-müsse. Aber ein leiser Zweifel blieb übrig.</p>
-
-<p>Lord Maitland trat in den Raum, um nach seinem
-Gast zu sehen.</p>
-
-<p>»Haben Sie alles gefunden, was Sie suchten?«</p>
-
-<p>»Ich ersah zu meinem Bedauern, daß meine damaligen
-Bemühungen, der britischen Regierung einen
-Dienst zu erweisen, vergeblich waren … Leider. Die
-Welt hätte heute ein anderes Gesicht, wenn es gelungen
-wäre. Gerhard Bursfeld besaß das Mittel, die Welt<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-aus den Angeln zu heben. Er hat es mit ins Grab genommen.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin sprach die Worte langsam und beobachtete
-jeden Zug und jede Miene des Lords. Aber dessen Antlitz
-blieb völlig unverändert.</p>
-
-<p>»Ich habe den alten Akt auch durchgesehen. Unsere
-Regierung hat sich damals viel Mühe um den Fall gemacht.
-Wie Sie sehen, ganz umsonst. Es hat oft solche
-Leute gegeben, die sich einbildeten, Gott weiß was erfunden
-zu haben. Sie hätten den armen Narren
-ruhig bei seinem Bahnbau sitzen lassen können. Jedenfalls
-bin ich erfreut, Ihnen in dieser Angelegenheit gefällig
-gewesen zu sein. Ich bitte Sie, über mich zu verfügen,
-wenn Sie weitere Wünsche haben.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin dankte. Er wäre Seiner Lordschaft aufs
-äußerste verbunden und hätte keine weiteren Wünsche.
-Wenn Seine Lordschaft jemals einen Gegendienst&nbsp;…</p>
-
-<p>Er überschwemmte Lord Maitland mit einer Flut von
-Höflichkeitsfloskeln. Sie gingen ihm von der Zunge,
-ohne daß er ihren Sinn überhaupt merkte. Dabei aber
-erteilte er seinem Gegenüber mit größter Anstrengung
-einen suggestiven Befehl.</p>
-
-<p>»Wenn du etwas von der Erfindung weißt, so sage
-es.« Er hütete sich mit Gewalt, dabei selbst an die Erfindung
-zu denken, denn er kannte die Gefahr, daß diese
-Gedanken auf sein Gegenüber mitwirkten und als dessen
-eigene reproduziert wurden.</p>
-
-<p>Lord Maitland blieb ruhig. Er erwiderte die Höflichkeiten
-Amerikas mit denen Englands. Die Redensarten
-der einen Seite waren genau so belanglos wie die der
-anderen. Da wußte Dr. Glossin, daß Gerhard Bursfeld
-sein Geheimnis mit ins Grab genommen hatte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Bedingung, an die Erik Truwor sein Versprechen
-geknüpft hatte, trieb Silvester zu fieberhafter Tätigkeit
-an. Er achtete kaum der Zeiteinteilung und arbeitete<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-die Tage und die hellen Nächte, nur getrieben von dem
-einen Wunsch, den neuen Apparat fertig zu haben und
-dann zu holen und zu sich zu nehmen, was ihm das
-Teuerste war.</p>
-
-<p>In rastloser Arbeit schaffte er, bis das letzte Stück gegossen,
-die letzte Speiche geschmiedet, die letzte Schraube
-geschnitten war. Da ließ er den Drehstahl aus der Hand
-sinken und wandte sich zu Erik Truwor: »Wenn du
-wüßtest, in welcher Verzweiflung ich hier gestanden und
-gearbeitet habe, wenn du meine jetzige Freude verstündest.
-Doch du … du&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Du …? Du weißt nicht, was Liebe heißt, wolltest
-du sagen.«</p>
-
-<p>Silvester hörte den bitteren Unterton, der in den sarkastischen
-Worten lag.</p>
-
-<p>»Du, Erik? Du, auch du&nbsp;…«</p>
-
-<p>Silvester schwieg. Er sah die tiefen Falten, welche die
-Stirn Erik Truwors furchten. So hatte auch Erik
-Truwor, der gegen alle Anfälle des Lebens gefeit schien,
-ein Geheimnis, einen verborgenen Kummer.</p>
-
-<p>»Verzeih, Erik, wenn ich ungewollt eine Wunde berührte,
-von der ich nicht wußte. Ich glaubte nicht, daß
-dein Stahlherz je Frauenliebe verspürte.«</p>
-
-<p>»Kein Mann wird mit stählernem Herzen geboren.
-Der es besitzt, hat es nach bitterer Enttäuschung und Entsagung
-erworben. Die Wunde ist verharscht&nbsp;…«</p>
-
-<p>Wie mit sich selbst sprechend, fuhr er leise fort:
-»Ganz verharscht und geheilt seit dem vorgestrigen
-Morgen. Ohne Bewegung und ohne Bedauern kann ich
-heute von einer Zeit erzählen, wo ich der glücklichste
-Mensch auf Erden war … und dann der unglücklichste …
-Es war während meines Pariser Aufenthalts.</p>
-
-<p>Die Verleumdung wagte sich an mein Ideal heran.</p>
-
-<p>Ich forderte den Verleumder und traf ihn tödlich.
-Dann ging ich zu meiner Verlobten. Ich forderte Aufklärung.
-Ihre Rechtfertigung ging an meinem Herzen
-vorbei. Ich gab ihr den Ring zurück. Ging fort von
-Paris, durchirrte die Welt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span></p>
-
-<p>Es hat vieler Jahre bedurft, bis ich die Ruhe wiederfand.
-Heute denke ich anders darüber. Wenn ich
-heute … Warum davon noch sprechen.</p>
-
-<p>Heute gilt es Mannestat! Was mich heute bewegt,
-was mir Herz und Hirn erfüllt, schaltet jeden Gedanken
-an ein Weib aus.</p>
-
-<p>Es gilt einen Wurf, der unsere Welt umgestalten
-soll … Wenn du wieder zurück bist, wenn dein Herz
-frei von der Sorge ist, will ich dir sagen, wozu das
-Schicksal uns bestimmt hat.«</p>
-
-<p>»Wenn ich zurück bin, Erik. Jetzt denke an dein
-Versprechen. Ich habe getan, was ich tun sollte.«</p>
-
-<p>Bevor Erik Truwor zu antworten vermochte, sprach
-Atma: »Es ist nicht gut, das Mädchen in der Hand der
-Gewalt zu lassen.«</p>
-
-<p>Atma saß zurückgelehnt. Seine Augen blickten weitgeöffnet
-in die Ferne. Die Pupillen zogen sich eng und
-immer enger zusammen. Seine Hände ruhten auf einem
-tibetanischen Rosenkranz.</p>
-
-<p>»So sah er aus, als er mir riet … nein, befahl, nach
-Trenton zu gehen.«</p>
-
-<p>Erik Truwor flüsterte es Silvester zu. Nach einigen
-Minuten erschütterte ein tiefer Atemzug die Brust des
-Regungslosen. Seine Pupillen bekamen wieder ihre
-natürliche Weite. Er sprach: »Die feindliche Kraft ist
-am Werke. Glossin hat den dritten Ring. Er sinnt auf
-Böses. Wir müssen den Ring holen … und das
-Mädchen.«</p>
-
-<p>Erik Truwor widersprach. Was solle der Ring? Auf
-die Männer käme es an. Die wären zusammen!</p>
-
-<p>»Welchen Auftrag gab dir Jatschu?«</p>
-
-<p>Atma stellte die Frage tibetanisch, und Erik Truwor
-antwortete in der gleichen Sprache: »Er sagte: Suchet
-den dritten Ring!«</p>
-
-<p>»Das sagte er? Also müssen wir ihn suchen. Die Wege
-des Lebens sind tausendfach verflochten. Was dir Nebensache
-erscheint, wird zur Hauptsache, wenn das Rad sich
-dreht. Erst den Ring! Dann das Mädchen und dann …<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-alles andere. So ist es bestimmt. So wird es geschehen.«
-Atma hatte es leise und monoton, noch unter
-der Einwirkung des kataleptischen Zustandes gesprochen.
-Aber ein zwingender Wille ging von den Worten aus.
-Unter dem Zwange gab Erik Truwor seine Einwilligung.</p>
-
-<p>»So sei es denn. Ihr beide mögt gehen, den Ring
-und das Mädchen holen. Ich bleibe hier und baue den
-Strahler. Brecht morgen mit dem frühesten auf. Tut,
-was ihr tun müßt&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Noch diese Nacht. In einer Stunde. Eile tut not.«</p>
-
-<p>Soma Atma sagte es. Der Inder, der lange Tage und
-Wochen untätig verbringen konnte, der Stunden hindurch,
-in die Betrachtungen seiner Lehre versenkt, wie
-eine Bildsäule saß, während Erik Truwor und Silvester
-mit Anspannung aller Kräfte arbeiteten, der sonst so
-tatenlose Inder war jetzt ganz Willen und Tat.</p>
-
-<p>»In einer Stunde brechen wir auf. Die Maschinen
-sind nachzusehen. Das Schiff muß hierhergebracht
-werden. Den kleinsten Strahler müssen wir mitnehmen.
-Wir könnten ihn brauchen.«</p>
-
-<p>Atma befahl, und die Freunde gehorchten seiner
-Weisung.</p>
-
-<p>In einer Stunde läßt sich viel tun. Was Menschenkraft
-zu tun vermag, geschah in dieser Zeit. Das Flugschiff
-lag auf der Wiese vor dem Truworhaus. Die letzten
-Vorbereitungen wurden getroffen. Dann ein kurzer
-Händedruck, und ein silberner Stern schoß in die Wolken.</p>
-
-<p>Die hohe Gestalt Erik Truwors blieb allein auf dem
-Feld zurück. Die Strahlen der Mitternachtsonne umströmten
-ihn. Er stand und sah, wie die Sonne vom
-tiefsten Stand ihres Bogens in Mitternacht sich hob
-und stieg.</p>
-
-<p>Langsam schritt er seinem Hause zu und überdachte die
-alte Weissagung. Sie verhieß Gewaltiges. Sie gab ihm,
-der oft willens gewesen, das Leben wie ein unbequemes
-Gewand abzutun, wieder Daseinszweck.</p>
-
-<p>Er trat in das Haus und ging in die Bibliothek. Den<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-alten Schweinslederfolianten ergriff er, der dort abseits
-von den anderen Büchern in einer Truhe lag.</p>
-
-<p>Die Geschichte seines Geschlechtes. Auf vergilbtem Pergament
-die handschriftlichen Aufzeichnungen seiner Ahnen
-und Urahnen. Zurückgehend bis in das zehnte Jahrhundert.
-Jede große europäische Bibliothek hätte diesen
-Folianten mit Gold aufgewogen. Er schlug die alte so
-oft gelesene Stelle auf. In diesem Teile war der Foliant
-lateinisch geschrieben. Ein schwerfälliges, frühmittelalterliches
-Latein. Der Schreiber brauchte lateinische Worte,
-aber altnordischen Satzbau. Er schilderte die Ereignisse,
-die sich zweihundert Jahre früher, um die Mitte des
-zehnten Jahrhunderts, begeben hatten.</p>
-
-<p>»Da schickten die Slawen von Sonnenaufgang eine
-Gesandtschaft zum Stamme Ruriks. Die sprach:
-Sendet uns Männer, die uns beherrschen, denn wir
-können uns nicht selbst regieren. Keiner will dem anderen
-gehorchen. Zwietracht verheert das Land&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ein Truwor war damals nach Rußland gegangen.
-Männer aus Nordland hatten das zwieträchtige
-Slawenvolk regiert und geeint. Vor tausend Jahren.
-Die Weltgeschichte wiederholt sich nicht wörtlich. Aber
-sie wiederholt sehr oft ein altes Thema mit freien
-Variationen.</p>
-
-<p>Die Eintragungen in diesem Buche gingen bis in die
-Gegenwart. Als letzte Bemerkung stand dort, von Eriks
-Hand geschrieben, der Tod Olaf Truwors eingezeichnet.
-Seitdem stand das Geschlecht der Truwor auf zwei
-Augen. Auf den beiden Eriks, die jetzt suchend in die
-helle Nacht blickten, als wollten sie kommende Jahre
-durchspähen.</p>
-
-<p>Je länger sich Erik Truwor in die Erfindung Silvesters
-vertiefte, desto gewaltiger erschien ihm die Macht, die sie
-gewährte. Immer wieder suchte er mit nüchternen Gründen
-gegen das Überwältigende der Idee anzukämpfen.
-Es schien ihm unmöglich, daß eine Erfindung einem einzigen
-Menschen die unbeschränkte Macht über die ganze<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-Welt verleihen solle. Und doch gelang ihm die Widerlegung
-nicht.</p>
-
-<p>Er griff sich an die Stirn, als wolle er einen Traum
-verscheuchen, der ihn narre. Er versuchte es zum zehnten-
-und zwölftenmal von einer anderen Seite aus, und
-immer wieder brachte ihn die Schlußkette an das nämliche
-Ziel.</p>
-
-<p>Er konnte der Welt seine Befehle mitteilen. Elektromagnetisch
-in Form drahtloser Depeschen. Der Strahler
-ersetzte jede drahtlose Station.</p>
-
-<p>Die Welt konnte seine Befehle mißachten. Er konnte
-Strafen auf die Mißachtung setzen, und er war in der
-Lage, schwer zu strafen. Ganze Regierungen konnte er
-einäschern. Die Sprengstofflager feindlicher Staaten zur
-Explosion bringen. Eiserne Waffen elektromagnetisch
-unbrauchbar machen.</p>
-
-<p>Alles konnte er. Nur einen schwachen Punkt hatte
-seine Macht. Er war ein einzelner, war ein sterblicher
-Mensch gegen Millionen anderer Menschen. Ein Schuß
-konnte ihn töten. Eine Bombe konnte ihn mit seinem
-Hause vernichten. Nie durfte er selbst an die Öffentlichkeit
-treten, nie durften seine Gegner seinen Aufenthalt
-erfahren. Seine Macht war übermenschlich, solange sie
-geheimblieb und vom unbekannten Orte aus wirkte. Sie
-wurde angreifbar, sobald die Gegner ihren Sitz und Ursprung
-errieten.</p>
-
-<p>Erik Truwor ließ die vergilbten Pergamentblätter des
-alten Folianten durch die Finger gleiten. Kam vom Pergament
-zum Büttenpapier und schließlich zu einem Schuß
-glatten Maschinenpapiers, den Olaf Truwor dem Buche
-eingeheftet hatte.</p>
-
-<p>Wenige Zeilen in der charakteristischen Handschrift
-seines Vaters: »Mit seltener Hartnäckigkeit hat sich in
-unserer Familie die Sage erhalten, daß ein Sproß
-unseres Stammes der Welt noch einmal Gesetze geben
-wird. Ein Harald Truwor hat den Glauben
-an die Legende Anno 1542 mit seinem Kopf bezahlt.
-Ich habe es immer vermieden, von dem alten<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-Spuk zu sprechen. Hoffentlich kommt die Sage jetzt
-endlich zur Ruhe.«</p>
-
-<p>Erik Truwor mußte trotz seiner ernsten Stimmung
-lächeln. Es war ihm schon klar, wie solche
-Sagen sich fortpflanzen. In den Dienerstuben
-wurde davon gesprochen. So hatte er selbst als Kind
-davon gehört, und die Erinnerung war bis heute haftengeblieben.
-Auch ohne die Aufzeichnungen seines Vaters
-hätte er darum gewußt. Etwas anderes erschien ihm
-wichtiger. War die Sage begründet? Bestimmte das
-Schicksal die Taten und Leistungen des einzelnen wirklich
-auf Jahrtausende im voraus? Die Frage quälte ihn,
-und er konnte die Antwort nicht finden.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Reynolds-Farm, an drei Seiten von steilen Felsen und
-bewaldeten Anhöhen umgeben, liegt eingebettet in ein
-Meer von Grün. Die letzten Bäume des Waldes berühren
-mit ihren Kronen beinahe die Dächer der Gebäude. Einzelne
-Rinnsale, die aus den Felsen hervorquellen, vereinigen
-sich nahe der Besitzung zu einem stattlichen
-Bach. Kurz vor der Farm ist er gezwungen, seinen
-Lauf zu ändern und sich einen bequemeren Weg durch
-die breiten Wiesenflächen zu bahnen, die sich nach der
-Ebene an die Besitzung anschließen.</p>
-
-<p>In einem blaßblauen, leichten Gewand, den Kopf von
-einem großen Schattenhut überdacht, schritt Jane über
-den schmalen Brettersteg, der den Bach überbrückte.
-Leichtfüßig begann sie die steinige Anhöhe hinaufzusteigen,
-auf deren Gipfel eine einzelne riesige Buche ihr Blätterdach
-weit ausbreitete. Es war ihr Lieblingsort. Zwischen
-den rippenartig ausgehenden Wurzeln des gewaltigen
-Stammes hatte sie ein Plätzchen gefunden, wo sie wie
-in einem Lehnsessel ruhen konnte. Von hier aus vermochte
-sie wie aus der Vogelschau Reynolds-Farm und
-die weite grüne Grasfläche zu überblicken.</p>
-
-<p>Wie anders als in Trenton, wo Qualm und Dunst<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-der großen Staatswerke stets über dem Orte lagen. An
-den Stamm des Baumes zurückgelehnt, ließ Jane die
-frische Morgenluft um die Stirn wehen, während ihr
-trunkenes Auge über die weite grüne Landschaft
-schweifte. Wie glücklich hätte sie hier sein können. Wie
-wäre die Mutter in diesem milderen Klima aufgelebt,
-vielleicht ganz gesundet … und Silvester? … Wo
-war er? Lebte er noch? Warum kam kein Lebenszeichen
-von ihm? … Trübe Schatten senkten sich auf
-ihre Stirn. Sie atmete unruhig. Ein Seufzer hob
-ihre Brust. Mit ganzer Seele klammerte sie sich an
-den Gedanken, daß er bald kommen und sie holen möchte.</p>
-
-<p>Dr. Glossin? … Gewiß, er war stets liebevoll und
-zuvorkommend zu ihr. Aber immer wieder tauchten verworrene
-Gedanken in ihr auf. Beunruhigend, warnend,
-trübten sie das Gefühl der Dankbarkeit. Der Zwiespalt
-quälte sie oft so, daß sie den Gedanken erwog, die Farm
-für immer zu verlassen. Doch wohin? Und würde sie
-Silvester finden, wenn sie nicht mehr in Reynolds-Farm
-weilte?</p>
-
-<p>Um sich von dem Grübeln zu befreien, griff sie zu
-einem Buch, das sie der Bibliothek des Doktors entnommen
-hatte, und begann zu lesen. Doch nicht lange.
-Dann entsank es ihren Händen, und ein wohltätiger
-Schlummer umfing sie. Sie überhörte die Schritte des
-Doktors, der nach ihrem Weggange gekommen und von
-Abigail nach der einsamen Buche geschickt worden war.</p>
-
-<p>Glossin stand vor ihr und betrachtete entzückt diese wie
-von Bildnerhand geschaffene Gestalt, dies edel und weich
-gezeichnete Gesicht mit den rosigen Farben und dem
-sanften Mund. Er kniete neben ihr nieder, ergriff behutsam
-ihre Hand und fuhr fort, sie mit seinen Blicken
-zu umfassen. Dies alles gehörte jetzt ihm, wie er meinte.
-Gehörte ihm für immer. Niemand würde es ihm mehr
-streitig machen können.</p>
-
-<p>Dr. Glossin war ein Mann von eiserner Willenskraft
-und ungewöhnlicher Beharrlichkeit. Das einzige Kraftlose
-an ihm war sein Gewissen. Tiefere Herzensbedürfnisse<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-hatte er bisher nicht gekannt. Wollte es der Zufall,
-daß ein weibliches Wesen vorübergehend die Leidenschaft
-in ihm weckte, hatte er es sich mit allen Listen einer
-gewissenlosen Moral willig gemacht. Wären die Mauern
-von Reynolds-Farm nicht stumm gewesen, sie hätten
-über manche Tragödie Aufschluß geben können, die
-irgendwo begann und hier ihren Abschluß fand.</p>
-
-<p>Nur eine große Leidenschaft hatte Dr. Glossin in
-seinem Leben gehabt. Damals, als Rokaja Bursfeld
-seinen Weg kreuzte.</p>
-
-<p>Als er Jane Harte zum erstenmal sah, hatte er das
-gute Medium für seine hypnotischen Versuche in ihr erblickt,
-ein wertvolles Mittel für die Ausführung seiner
-Pläne. Nur deshalb hatte er an ihrem Schicksal Interesse
-genommen. Bis er sich durch Silvester Bursfeld in
-ihrem Besitze bedroht sah und die Flamme einer plötzlichen
-Leidenschaft in dem alternden Mann aufloderte.</p>
-
-<p>Oft hatte er seine Schwäche verwünscht, ohne doch dieser
-Leidenschaft Herr werden zu können. Daß das Mädchen
-ihn, der dem Alter nach recht gut ihr Vater sein
-konnte, nicht aus vollem Herzen liebte, ja vielleicht nie
-lieben würde, wußte er. Aber der Gedanke, Jane sein
-Eigen zu wissen, ließ alle Bedenken schwinden.</p>
-
-<p>Dr. Glossin beugte sich über Janes Hand, die in der
-seinen ruhte, und preßte die Lippen darauf. Mit einem
-leichten Ausruf des Schreckens fuhr Jane aus ihrem
-Schlummer empor. In der ersten Überraschung schenkte
-sie der sonderbaren Stellung des Arztes keine Beachtung.</p>
-
-<p>»Ah, Sie, Herr Dr. Glossin! … Oh, wie freue ich
-mich, daß Sie gekommen sind. Sie werden mich undankbar
-schelten, aber ich muß es Ihnen sagen, die Einsamkeit
-in Reynolds-Farm bedrückt mich.«</p>
-
-<p>»So wünschen Sie, daß ich häufiger komme, daß ich
-länger bleibe … für immer bei Ihnen bleibe, Jane?«</p>
-
-<p>Jane senkte errötend den Kopf. Die fürsorgliche Liebe,
-die aus den Worten des Doktors klang, setzte sie in Verwirrung.
-Sie wollte sagen, daß er sie falsch verstanden<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span>
-habe, daß sie aus Reynolds-Farm weg wolle. Und brachte
-doch die Worte, die undankbar klingen mußten, nicht
-über die Lippen.</p>
-
-<p>Von seiner Leidenschaft verblendet, glaubte Dr. Glossin,
-daß Janes Zurückhaltung ihr nur als Schutzwehr
-gegen ein wärmeres Gefühl dienen sollte.</p>
-
-<p>»Jane! Darf ich, soll ich immer bei Ihnen bleiben?«</p>
-
-<p>Sie antwortete nicht sogleich. Ihre Hand zuckte in
-der seinen. Ein Ausdruck flehender Hilflosigkeit kam
-über ihr Gesicht.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht«, sagte sie tonlos. »Es ist …« &ndash; sie
-legte die Hand aufs Herz &ndash;, »es ist so fremd hier.«</p>
-
-<p>»Nicht hier allein. Überall in der Welt! Wo der eine
-ist, soll auch der andere sein. Jane, sehen Sie mich an.
-Ich will offen mit Ihnen sprechen. Ich verlange nach
-einem Heim, einem Weib, einer Friedensstätte. Der
-Blick Ihrer Augen, der Ton Ihrer Stimme, Ihre geliebte
-Nähe, sie werden mir alles bringen. Wert bin ich Ihrer
-nicht, ja, ich weiß, es ist unedel, wenn ich Ihr blühendes
-junges Leben an das meine ketten will. Aber ich kann
-nicht anders, und, Jane, ich liebe Sie, liebe Sie mehr,
-als ich Ihnen sagen kann. Wollen Sie mir folgen, wohin
-ich auch gehe, als mein Liebstes auf Erden, als mein
-Weib? … Sie sprechen das Wort nicht, Jane? Sie
-entziehen mir Ihre Hand und wenden sich ab von mir?«</p>
-
-<p>Glossin schwieg. Seine Stimme war während der
-letzten Worte immer leiser geworden, sein Atem ging
-schwer. Er richtete sich auf und starrte auf Jane, welche
-die Hände vor das Gesicht geschlagen hatte und weinte.
-Er war enttäuscht und überrascht, aber nicht abgeschreckt,
-nicht entmutigt.</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie mir, Jane. Ich habe Sie mit meiner
-stürmischen Werbung erschreckt. Ich will Ihnen Zeit
-lassen, mir die Antwort zu finden. Sie werden mich
-näher kennen- und liebenlernen.«</p>
-
-<p>»Nein, Nein! Ich liebe Sie nicht, ich werde Sie nie
-lieben!«</p>
-
-<p>Jane rief es und brach in neue Tränen aus, in leidenschaftliche,<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span>
-unaufhaltsame Tränen. Glossin wurde totenbleich.</p>
-
-<p>»Ist das die Antwort? Haben Sie kein Verständnis
-für das, was ich leide, kein Gefühl, kein Mitleid?«</p>
-
-<p>Seine Augen flammten unheimlich auf, seine Brust
-arbeitete heftig. Die Leidenschaft übermannte ihn. Er
-warf sich ihr zu Füßen nieder und flehte um Erhörung.</p>
-
-<p>»Nein, ich will Sie nicht länger hören.«</p>
-
-<p>Jane war aufgesprungen und wich abwehrend vor
-dem Doktor zurück.</p>
-
-<p>»Ich will nicht … will nicht«, und ehe er Zeit hatte,
-sich zu erheben, hatte sie sich umgewendet und eilte in
-fliegender Hast den Abhang hinunter.</p>
-
-<p>Mit einem Ausruf, halb Seufzer, halb Fluch, starrte
-ihr Glossin nach … Was beginnen? Mit innerer Qual
-durchlebte er den Auftritt in Gedanken noch einmal. Und
-dann überkam ihn mit wütender Scham das Bewußtsein,
-daß er verschmäht war.</p>
-
-<p>Er schlug sich mit geballter Faust vor die Stirn, als
-wollte er alle bösen Gewalten hinter ihr wieder erwecken.</p>
-
-<p>»Tor, der ich war! Welcher Teufel verblendete mich?
-Diesem Logg Sar gilt ihre Liebe, nicht mir. Er soll mir
-nicht entgehen, und wenn die Hölle mit ihm und seiner
-Erfindung im Bunde stände!«</p>
-
-<p>So schnell, als es ihm möglich war, eilte er dem Hause
-zu. Ohne Zaudern trat er in Janes Stübchen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin sah durch die halbgeöffnete Tür, die zu
-dem Schlafzimmer führte, daß Jane vor einer Handtasche
-kniete und Kleider und Wäsche hineinpackte.</p>
-
-<p>»Ah, wie ich dachte. Doch nein, mein Kind, nicht wie
-du willst, sondern wie ich will. Und ich will dich an
-Reynolds-Farm ketten, fester, als Wächter und Gitter es
-vermöchten.«</p>
-
-<p>Er streckte die Hand gegen sie aus und trat langsam
-auf sie zu. Jane drehte sich um und öffnete den Mund,
-als wolle sie einen lauten Schrei ausstoßen. Doch kein
-Laut kam über die Lippen, die sich langsam wieder
-schlossen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p>
-
-<p>»Der Morgenspaziergang wird Sie müde gemacht
-haben, liebe Jane. Legen Sie sich auf den Diwan, und
-ruhen Sie bis zum zweiten Frühstück. Wir werden es
-gemeinsam in der Laube am Bach einnehmen, und danach
-werde ich mich zur Abreise rüsten. Wird es Ihnen leid
-tun, wenn ich wieder fortgehe?«</p>
-
-<p>»O sehr, Herr Doktor! Ich werde traurig sein, wenn
-ich wieder allein bin … ohne Sie.«</p>
-
-<p>Glossin nickte, ein bitteres Lächeln grub sich um seinen
-Mund. Er trat an das Ruhebett, auf das sich Jane mit
-geschlossenen Augen niedergelegt hatte, heran und setzte
-sich an dem Rande nieder. Er fühlte ihren warmen
-Atem. Der Duft ihres üppigen Haares, ihres jugendschönen
-Körpers umschwebte ihn. Ihre halbgeöffneten
-Lippen schienen nach Küssen zu verlangen. Er öffnete
-die Arme, als wollte er sie umschlingen. Doch die Vernunft
-siegte. Er wandte das Gesicht weg und eilte, ohne
-sich umzudrehen, hinaus. Seine Lippen preßten sich
-aufeinander, als habe er einen bitteren Trunk getan.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Seit zwei Stunden saßen die Ministerpräsidenten
-Deutschlands, Frankreichs und Rußlands im Auswärtigen
-Amt in der Wilhelmstraße zusammen. Sie hatten
-sich hier getroffen, um sich über eine gemeinsame Haltung
-in dem zu erwartenden englisch-amerikanischen Konflikt
-zu verständigen. Doktor Bauer, der Vertreter Deutschlands,
-faßte das Ergebnis der langen Unterhaltung noch
-einmal kurz zusammen.</p>
-
-<p>»Die Sympathien … oder vielleicht sage ich besser
-die Antipathien … für die beiden Gegner sind in den
-von uns vertretenen Ländern ziemlich gleichmäßig verteilt.
-Wir haben keinerlei Grund, uns von dem einen
-oder dem anderen ins Schlepptau nehmen zu lassen. Wir
-sind an Amerika verschuldet, und England wird uns wahrscheinlich
-die Annullierung unserer amerikanischen
-Schulden als Belohnung für eine Gefolgschaft in Aussicht<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-stellen. Wir sind uns klar darüber, daß dies Versprechen,
-so vorteilhaft es klingen mag, keineswegs ein
-günstiges Geschäft für unsere Staaten bedeutet. Wir
-müßten unsere Länder den englischen Heeren für den
-Durchzug öffnen und fast sicher auch beträchtliche Opfer
-an Gut und Blut für eine Sache bringen, die keines
-unserer Länder interessiert&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der baltische Baron von Fuchs, der Vertreter Rußlands,
-nickte schweigend mit dem mächtigen Schädel. Er
-gedachte der Zeit vor vierzig Jahren, als sein Vaterland
-sich als erstes europäisches Reich für englische Interessen
-verblutete. Der hitzigere Franzose platzte mit einem
-Zwischensatz heraus.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">C'est ça</em> … wir bluten, und England erntet.«</p>
-
-<p>Der Deutsche fuhr fort: »Ich rekapituliere weiter. Es
-ist für uns auch wirtschaftlich vorteilhafter, die unbedingte
-Neutralität zu wahren und für die beiden kriegführenden
-Parteien mit allen Kräften zu liefern. Die
-Industriegemeinschaft, welche die französische und deutsche
-Industrie seit fast einem Menschenalter verbindet,
-wird die Abmachungen über die Preise für Kriegsmaterial
-aller Art erleichtern. Um auch Einheitlichkeit
-mit der russischen Industrie zu sichern, wird so schnell wie
-möglich ein Industrieausschuß der drei Länder gebildet.
-Die beiden Kriegführenden müssen uns jeden Preis
-bewilligen. Wir werden die Preise so stellen, daß wir
-unsere Schulden loswerden und darüber hinaus verdienen.
-Das, meine Herren, wären die ersten beiden
-Punkte unserer Abmachungen. Unbedingte Neutralität
-und Lieferung an beide Teile zu vereinbarten Preisen.
-Es ist drittens die Möglichkeit erörtert worden, daß der
-eine oder andere der beiden Gegner unsere Neutralität
-nicht respektiert. Dann ist der <em class="antiqua">Casus foederis</em> gegeben.
-Unsere drei Länder werden jeden Neutralitätsbruch durch
-einen der Kriegführenden mit vereinten Kräften abwehren.«</p>
-
-<p>»Das sind unsere Abmachungen.« Der Baron von
-Fuchs sagte es langsam und bedächtig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span></p>
-
-<p>Das war der Kern der Sache: »Neutral bleiben,
-verdienen und einig sein.« So präzisierte es der Marquis
-de Villaret noch einmal in drei Schlagworten.</p>
-
-<p>»Dann, meine Herren, werde ich, Ihre Zustimmung
-vorausgesetzt, ein Kommuniqué für die Abendblätter
-ausgeben lassen. Der telegraphische Bericht wird für
-Moskau und Paris noch zurechtkommen. Das Kommuniqué
-wird nur den Beschluß der Neutralität und die
-feste Entschlossenheit, diese mit allen Mitteln zu bewahren,
-enthalten. Die wirtschaftlichen Abmachungen
-bleiben vorläufig unerörtert.«</p>
-
-<p>Der Baron von Fuchs und der Marquis de Villaret
-bestiegen ihre vor dem Amte wartenden Kraftwagen.</p>
-
-<p>Allerlei Volk hatte sich vor dem Amte versammelt.
-Alte Veteranen aus dem Weltkriege, die noch die Erinnerungszeichen
-eines Kampfes auf der Brust trugen,
-der der jüngeren Generation wie eine Sage aus alter
-Mythenzeit klang. Blühende Jugend, die nichts mehr
-von den Hunger- und Elendsjahren Deutschlands wußte.
-Dazwischen Männer in bestem Alter. Vertreter der
-Industrie und des Handels. Repräsentanten großer
-Werke und Häuser. Sie verlauerten hier am Straßenrande
-vor dem eisernen Gitter ihre Stunden, die sie
-sich sonst minutenweise mit Gold bezahlen ließen. Die
-Nachricht von der Konferenz der drei Ministerpräsidenten
-hatte ganz Berlin, ganz Deutschland und ganz Europa
-in Aufregung gebracht. Dr. Bauer begleitete seine auswärtigen
-Kollegen bis an den Wagenschlag, und während
-er ihnen zum Abschied noch einmal die Hand schüttelte,
-sagte er: »Unbedingte Neutralität.« Er sprach es so
-laut, daß die Nahestehenden es deutlich verstehen konnten.
-Wie ein Lauffeuer ging das Wort die Straße hinauf.
-Es lief die Linden entlang und flatterte von Mund zu
-Mund durch die Leipziger Straße. »Unbedingte Neutralität!«
-… »Wir bleiben neutral!« … »Wir lassen
-uns von keinem an den Schlitten fahren!« … »Die
-Brüder sollen ihre Sache selber besorgen!«&nbsp;…</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span></p>
-
-<p>So flogen die Worte zwischen den Straßenpassanten
-hin und her.</p>
-
-<p>»Das einzig Vernünftige, was unsere Regierung tun
-konnte.«</p>
-
-<p>»Selbstverständlich, das einzig Richtige. Wir schonen
-unsere Knochen und verdienen unser Geld.«</p>
-
-<p>Ein Kaufmann rief es an der Ecke der Behren- und
-Wilhelmstraße dem anderen zu.</p>
-
-<p>»Haben Sie schon gehört, Herr Geheimrat, wir bleiben
-absolut neutral.«</p>
-
-<p>Ein Bankdirektor sagte es einem höheren Beamten
-aus dem Ministerium.</p>
-
-<p>»Ich hörte es. Aber ich denke an die Zukunft. Einer
-von den beiden muß siegen. Dem Sieger gehört dann
-die ganze Welt. Wir auch, Herr Direktor.«</p>
-
-<p>»Nicht so pessimistisch, Herr Geheimrat. Die Kämpfenden
-werden sich furchtbar schwächen. Wie die beiden
-Löwen in der Sahara, die sich bis auf die Schwanzspitzen
-aufgefressen haben. Die Welt gehört dann uns,
-Herr Geheimrat.«</p>
-
-<p>»Der Himmel mag es geben.«</p>
-
-<p>Der Geheimrat ging weiter. Er war so ziemlich der
-einzige, der Bedenken hatte. Schon erschienen die ersten
-Extrablätter und verkündeten die Entschließung der Regierung.</p>
-
-<p>An den Fernsprechern standen die Vertreter der auswärtigen
-Zeitungen und Industriewerke und teilten den
-Beschluß nach dem Rheinland, nach Westfalen, Schlesien
-und Danzig mit. Die Industrie wartete seit Wochen
-auf das Stichwort, nach dem sie auftreten sollte. Jetzt
-war es gefallen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Reinhard Isenbrand, der Chef der großen Essener
-Stahlwerke, saß mit den vier Generaldirektoren der
-Werke zu intimer Besprechung versammelt.</p>
-
-<p>»Meine Herren, wir müssen für unsere Werke zu
-der politischen Lage Stellung nehmen. Ich glaube nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-mehr, daß sich die weltgeschichtliche Auseinandersetzung
-zwischen England und der Union aufhalten läßt. Der
-Wetterzeichen sind zu viele, als daß ich noch an eine
-friedliche Entspannung glauben könnte.«</p>
-
-<p>Der junge energische Chef der Werke machte eine kurze
-Pause und blickte seine Mitarbeiter an. Unbedingte
-Zustimmung lag auf den Mienen von Philipp Jordan,
-der das Auslandgeschäft der Firma unter sich hatte.
-Zustimmend nickte der kaufmännische Generaldirektor
-Georg Baumann. Sie überschauten die politische Lage
-vollkommener als Professor Pistorius, der Chefkonstrukteur,
-und Fritz Öltjen, der Schöpfer der neuen Edelstahlfabrikation.
-Die beiden Techniker hatten noch die
-leise Hoffnung einer friedlichen Verständigung, wo die
-Kaufleute bereits eine unaufschiebbare Auseinandersetzung
-mit Waffengewalt erblickten.</p>
-
-<p>Reinhard Isenbrand fuhr fort: »Nehmen wir den
-Konflikt als sicher an, so ist die Stellung Deutschlands
-und Europas zu ihm das Nächstwichtige … für uns
-das Wichtigste. Nach meinen Berliner Informationen
-wird Europa neutral bleiben. Die Pressestimmen, die
-sich seit einigen Tagen mit der Annullierung der europäischen
-Amerikaschulden durch ein siegreiches England
-befassen, halte ich für bestellte Arbeit. Eine direkte Beteiligung
-Europas an diesem Kriege wäre selbstmörderisch.
-Sie wäre überhaupt nur an der Seite Englands
-denkbar, aber dann wäre unser Land den Einwirkungen
-der amerikanischen Kriegsmittel fast wehrlos preisgegeben.
-Ich glaube, wir brauchen die Möglichkeit einer
-direkten Beteiligung am Kriege überhaupt nicht ernsthaft
-zu erörtern. Desto mehr aber unsere Maßnahmen
-als neutraler Staat.</p>
-
-<p>Es ist klar, daß wir beide Parteien beliefern können,
-ohne unsere Neutralität zu verletzen. Die Sentimentalität
-haben wir Gott sei Dank verlernt. Mögen im
-Publikum Sympathien für diese oder jene Seite hier oder
-dort vorhanden sein. Für uns ist es reines Lieferungsgeschäft.<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-Eine Möglichkeit, durch intensive Arbeit
-unsere Volkswirtschaft zu heben … die letzten Spuren
-vergangener Kriegsjahre zu tilgen.</p>
-
-<p>Auch über die Transportfrage brauchen wir uns den
-Kopf nicht zu zerbrechen. Wir liefern frei ab Essen.
-Wie die Besteller die Ware von dort weiterschaffen, ist
-ihre eigene Sache. Sind die Herren der gleichen Meinung?«</p>
-
-<p>Philipp Jordan erbat das Wort.</p>
-
-<p>»Die Transportfrage ist für England sehr einfach.
-Es bringt die Fabrikate auf dem Landwege und durch
-den Kanaltunnel bequem auf die Insel. Bis Calais
-deckt die Neutralität die Transporte. Von dort der
-Unterseetunnel … wenn er nicht wider Erwarten von
-amerikanischer Seite zerstört wird.</p>
-
-<p>Für die Transporte nach Amerika kommen U-Boote
-und Flugschiffe in Betracht. Ich hörte, daß die Union
-mit zwanzig Prozent Verlust aller Sendungen auf dem
-Luftwege durch den Kaperkrieg rechnet. Der Satz ist
-in ihren Kalkul eingestellt.</p>
-
-<p>Aber die Transportfrage ist nicht unsere Sorge. Sie
-ist nicht einmal die Hauptsorge der Kriegführenden.
-Beide Parteien werden vielfach nur kaufen, um die Ware
-für den Gegner zu sperren, und werden sie ruhig hier
-im Lande lassen.«</p>
-
-<p>»Dann die Frage der Preise?«</p>
-
-<p>Reinhard Isenbrand sagte es mit einem Blick auf
-Georg Baumann.</p>
-
-<p>»Die Preise sind durch die deutsch-französische Industriegemeinschaft
-festgelegt. Nach unten, nicht nach
-oben&nbsp;…«</p>
-
-<p>Georg Baumann legte die Hand auf eine starke Preisliste.</p>
-
-<p>»Hier sind die Grundpreise für Stahl und alle Stahlfabrikate.
-Wir haben in der Gemeinschaft verhandelt
-und für den Fall des Kriegsausbruches einen sofortigen
-Aufschlag von 300% in Aussicht genommen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span></p>
-
-<p>»Was sollen wir verkaufen?«</p>
-
-<p>Die Frage des Chefs war allgemein gestellt. Professor
-Pistorius ging an ihre Beantwortung.</p>
-
-<p>»Das wird in der Hauptsache von der Länge des bevorstehenden
-Krieges abhängen. Für kurze Kriegsdauer
-Halbfabrikate. Bei längerer Kriegsdauer Fertigfabrikate.
-Sachverständige rechnen damit, daß 40% sämtlicher
-Luftstreitkräfte in den ersten zehn Kriegstagen vernichtet
-sein werden. Es wird alles davon abhängen, ob der
-Krieg so lange dauert, daß ein Ersatz des verlorenen
-Materials in Frage kommt. Die Amerikaner suchen
-durch die Masse zu ersetzen, was ihnen an Qualität abgeht.
-Sie arbeiten fieberhaft am Ausbau ihrer R. F. c.-Flotte.
-Inzwischen ist unser Typ ausgebildet, der die
-anderthalbfache Geschwindigkeit entwickelt. Die Kriegführenden
-werden uns jeden Motor der neuen Type zu
-jedem Preise aus den Händen reißen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ein Klingelzeichen der pneumatischen Post auf dem
-Seitentisch. Ein Briefchen sprang aus der Kapsel. Es
-war an Philipp Jordan adressiert. Reinhard Isenbrand
-runzelte unwillkürlich die Brauen. Die Konferenz sollte
-nicht gestört werden.</p>
-
-<p>Jordan riß den Umschlag auf.</p>
-
-<p>»Das Wettrennen hat begonnen. Mein Vertreter meldet
-mir, daß Mr. Stamford als Bevollmächtigter von
-Cyrus Stonard bei ihm ist. Er will unsere gesamte
-Rohstahlerzeugung ab Kokille kaufen. Fest für zwei
-Jahre. Zweitausend Dollar die Tonne.«</p>
-
-<p>»Alle Wetter. Der Herr aus Amerika hat es eilig.«</p>
-
-<p>Der Ruf entfuhr Fritz Öltjen, der um seinen Stahl
-besorgt war.</p>
-
-<p>»Wird nicht gemacht.« Isenbrand sagte es kurz und
-knapp. »Nur feste Mengen zum Konventionspreise.«</p>
-
-<p>Jordan schrieb die Antwort nieder und schickte sie durch
-die pneumatische Post zurück.</p>
-
-<p>Professor Pistorius äußerte sich über die voraussichtliche
-Dauer des Krieges. Vier Jahre von 1914 bis 1918
-der große Europäische Krieg. Zwei Jahre der erste<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-Japanische Krieg. Neun Monate der zweite. Die Reihe
-konvergierte stark. Nach dieser Voraussetzung mußte
-auch der kommende Krieg kurz sein.</p>
-
-<p>Schon wieder meldete sich der pneumatische Apparat.
-Eine neue Mitteilung an Jordan. Mr. Stamford wollte
-<span id="corr115">eine</span> Million Tonnen Rohstahl fest kaufen. Es war ein
-Auftrag von zwei Milliarden Dollar. Cyrus Stonard
-gab sich nicht mit Kleinigkeiten ab. Nahm man als das
-Wahrscheinliche an, daß seine Agenten zur gleichen
-Stunde bereits in allen anderen europäischen Stahlwerken
-verhandelten, so mußte er für rund fünfzig Milliarden
-Dollar kaufen. Öltjen überschlug die Produktionsziffern
-der Industriegemeinschaft. Baumann kalkulierte.
-Jordan schrieb die Frage nach der Art der
-Zahlung.</p>
-
-<p>Die Antwort kam in einer Minute zurück.</p>
-
-<p>»Gute Dollarschecks. Zahlbar bei den besten Banken
-des Kontinents.«</p>
-
-<p>Reinhard Isenbrand wechselte einen Blick mit Jordan.</p>
-
-<p>»Der Dollar wird fallen. Wir brauchen reale Werte.
-Verpfändung amerikanischer Bodenschätze. Von Erzgruben
-und Petroleumquellen im Werte von zwei
-Milliarden. Sonst machen wir das Geschäft nicht.«</p>
-
-<p>Die Antwort flog in das Postrohr. Professor Pistorius
-sprach weiter:</p>
-
-<p>»Unsere Fabrikation ist zu mehr als 99% eine Friedensfabrikation.
-Aber wir haben zwei Spezialitäten,
-die auch für den Krieg in Betracht kommen. Flugzeugmotoren.
-Dann unsere durch Kreisel stabilisierten
-Unterwasserboote für Handelstransporte. Unsere Stabilisierung
-ist besser als die der Kriegsboote der streitenden
-Mächte.«</p>
-
-<p>Wieder ein Zeichen der Pneupost. An Philipp Jordan.
-Aber diesmal von einem anderen Vertreter. Mr. Bellhouse
-verhandelte für England über die sofortige Lieferung
-von hunderttausend Motoren. Preise der Industriegemeinschaft.
-Zahlbar in Gold.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p>
-
-<p>Noch bevor die Herren darüber einen Beschluß fassen
-konnten, warf das Rohr einen neuen Brief aus. Mr.
-Stamford lehnte die Verpfändung amerikanischer Bodenschätze
-ab. Offerierte dafür den Betrag in deutscher, in
-der Union gemachter Anleihe mit Golddeckung.</p>
-
-<p>Reinhard Isenbrand lehnte ab.</p>
-
-<p>»So reich sind wir vorläufig noch nicht, daß wir unsere
-eigenen Anleihen zurücknehmen können. Verpfändung
-oder keinen Stahl!«</p>
-
-<p>Das englische Angebot war einer Diskussion wert.</p>
-
-<p>Der nächste Brief betraf Mr. Stamford. Er holte
-drahtlos neue Informationen von Washington ein.
-Würde in einer Stunde neues Angebot machen.</p>
-
-<p>Der englische Antrag war gut. Aber er war noch
-besser, wenn er nach Kriegsausbruch kam. Dann traten
-die 300% Zuschlag automatisch ein. Auch die Vollmachten
-Isenbrands waren durch die Industriegemeinschaft
-beschränkt. Wurde jetzt abgeschlossen, geschah es
-wahrscheinlich zu Preisen, die schon in wenigen Tagen
-weit überholt sein konnten.</p>
-
-<p>Das Rohr warf ein neues Briefchen in den Raum.
-An den Chef selbst.</p>
-
-<p>»Meine Herren, in diesem Augenblick meldet unser
-Berliner Vertreter: ›Die Regierungen von Rußland,
-Deutschland und Frankreich haben unbedingte Neutralität
-beschlossen. Sich gegenseitigen Schutz derselben verbürgt!‹
-Es ist so gekommen, wie ich es vermutete. Für
-die Abschlüsse folgende Gesichtspunkte: Die Valuten
-beider Kriegführenden werden stürzen. Lieferung daher
-nur gegen Zahlung in deutscher Währung. Oder gegen
-Verpfändung von Bodenschätzen. Gold ist mit Vorsicht
-in Zahlung zu nehmen. Sein Kurs ist Schwankungen
-unterworfen. Wenn die Abschlüsse vor Kriegsausbruch
-getätigt werden, ist für alles nach dem Ausbruch zu
-liefernde Material der Aufschlag der Industriegemeinschaft
-einzusetzen.</p>
-
-<p>Das große Wettrennen um die Erzeugnisse unserer
-Arbeit hat begonnen. Ich hörte, daß der linksstehende<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-Teil unserer Arbeiterschaft proenglisch gegen den Gewaltherrscher
-Stonard ist. Sorgen Sie für Aufklärung. Wir
-haben jetzt nicht Politik zu treiben, sondern nur für
-unsere Volkswirtschaft zu arbeiten und zu verdienen.
-Geben Sie mir Bericht, sowie sich etwas von Wichtigkeit
-ereignet. Im Anschluß an größere Aufträge ist die
-Vermehrung der Belegschaft und der Ausbau der Werke
-sofort in Angriff zu nehmen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In der Dunkelheit der kurzen Sommernacht senkte sich
-R. F. c. 1 aus der Höhe auf den Wald von Trenton
-hinab. Noch lagen die großen Staatswerke leblos in der
-Finsternis, die Wege und Stege des Ortes und erst recht
-des Waldes waren menschenleer. Silvester Bursfeld
-kannte das Gehölz von seinem früheren Aufenthalt.
-Einen tiefen grabenartigen Einschnitt zwischen alten
-Eichen, der das Flugschiff bequem aufnehmen konnte,
-so daß sein Rumpf selbst in nächster Nähe unsichtbar in
-der Bodenfalte steckte. Zu allem Überfluß rafften sie
-das vorjährige Laub zusammen, das hier in hoher Schicht
-auf dem Boden lag, und bestreuten den Körper des
-Schiffes damit.</p>
-
-<p>Als zwei harmlose und unauffällige Wanderer schritten
-Silvester Bursfeld und Atma der Stadt zu. Im
-Scheine der Morgendämmerung gingen sie an den
-ersten Häusern des Ortes vorbei und näherten sich ihrem
-Ziele. Sie kamen zu früh. Viel zu früh, denn die Uhr
-der nahen Kirche verkündete eben erst die vierte Morgenstunde.
-Silvester Bursfeld brannte vor Ungeduld. Er
-gab erst Ruhe, als sie vor dem wohlbekannten Hause in
-der Johnson Street standen. Mit sehnsüchtigen Blicken
-betrachtete er die grünumsponnenen Fenster des Gebäudes.
-Am liebsten wäre er kurzerhand über den
-Zaun gestiegen und hätte die Bewohner aus dem Schlafe
-alarmiert.</p>
-
-<p>Die unerschütterliche Ruhe Atmas brachte ihn wieder
-zur Besinnung.</p>
-
-<p>»Ruhig, Logg Sar. Keine Übereilung. Wenn das<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-Mädchen noch hier ist, werden wir sie auch in drei
-Stunden aufsuchen können.«</p>
-
-<p>Die Worte des Inders warfen neue quälende Zweifel
-in die Seele Silvesters. »Wenn das Mädchen noch
-hier ist.« Was meinte Atma damit? Wo sollte Jane
-anders sein als bei ihrer Mutter? Wußte Atma irgend
-etwas und wollte es nicht sagen? Die Pein der Ungewißheit
-übermannte ihn. Seufzend folgte er dem Inder und
-ließ sich neben ihm auf einer Bank in den nahen Parkanlagen
-nieder. Langsam und bleiern schlichen die
-Stunden. Vom Kirchturm schlug es fünf, sechs und nach
-weiteren qualvollen sechzig Minuten sieben Uhr. Silvester
-sprang auf.</p>
-
-<p>»Jetzt ist es Zeit. Um sieben Uhr ist Jane stets munter,
-schon in der Wirtschaft tätig.«</p>
-
-<p>Nach wenigen Minuten stand er vor dem Gitter und
-schellte. Der schrille Ton der elektrischen Glocke war in
-der Morgenstille deutlich zu vernehmen. Aber im Hause
-blieb alles ruhig. Dreimal, viermal wiederholte Silvester
-das Schellen, ohne daß sich etwas geregt hätte.</p>
-
-<p>Atma war ihm nur langsam gefolgt. Bedächtig, als
-wolle er das erste Wiedersehen der Liebenden nicht
-stören. Jetzt stand er neben Silvester, deutete mit der
-Hand auf eine Stelle der Hauswand.</p>
-
-<p>»Sieh!«</p>
-
-<p>Eine kleine weiße Tafel hing dort im Efeugewirr der
-Hauswand. Im unsicheren Licht der Morgendämmerung
-war sie den Blicken Silvesters entgangen. Jetzt war
-sie deutlich zu erkennen und auch zu lesen. Die triviale
-alltägliche Mitteilung, daß das Haus zu vermieten, das
-Nähere im Nachbarhause zu erfahren sei. Silvester
-spürte, wie seine Knie zitterten und ihm den Dienst versagten.
-Er mußte sich auf den Inder lehnen.</p>
-
-<p>»Ich ahnte es, daß wir das Mädchen hier nicht finden
-würden. Aber wir werden es finden und werden es
-nach Europa bringen.«</p>
-
-<p>Diese wenigen mit Überzeugung gesprochenen Worte
-Atmas gossen neue Kraft in Silvesters Seele. Er folgte<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-dem Gefährten, der zum Nachbarhause ging, dort Einlaß
-begehrte und auch fand.</p>
-
-<p>Die Herren wünschten das zur Vermietung stehende
-Nachbarhaus zu sehen. Aber gern … Es könne sofort
-geschehen.</p>
-
-<p>An der Seite Atmas schritt Silvester durch die ihm so
-wohlbekannten Räume. Dort stand der Nähtisch am
-Fenster. An ihm saß Jane, als er sie das letztemal vor
-seiner Verhaftung sah. Die Stickerei, an welcher sie damals
-arbeitete, lag auch jetzt noch dort. Geradeso, als
-ob die Stickerin eben erst aufgestanden sei. Wenn jemand
-ein Haus verließ, um seinen Wohnsitz woanders
-zu nehmen, dann würde er sicherlich die Arbeit dort nicht
-so liegenlassen. Silvester Bursfeld konnte eine Bemerkung
-nicht unterdrücken.</p>
-
-<p>»Es ging alles so schnell«, erklärte der jugendliche
-Führer. »Mr. Glossin brachte Miß Jane in seinen
-Kraftwagen und fuhr sofort mit ihr weg. Sie hatte nur
-wenig Gepäck bei sich.«</p>
-
-<p>Silvester hatte genug gesehen. Durch einen Blick verständigte
-er sich mit Atma.</p>
-
-<p>Ob die Herren die Wohnung mieten wollten?</p>
-
-<p>Vielleicht … sie würden es sich überlegen. Im Laufe
-des Nachmittags wiederkommen. Ein kurzer Abschied,
-und die Freunde gingen die Johnson Street entlang.
-Silvester schritt wie im Traum dahin. Mechanisch wiederholten
-seine Lippen wohl hundertmal die letzten Worte
-des Inders: »Wir werden das Mädchen finden und
-sicher nach Europa bringen.« Die eintönige Wiederholung
-gab ihm allmählich das innere Gleichgewicht zurück.
-So folgte er Atma, der den Weg zum Bahnhof
-einschlug.</p>
-
-<p>»Wohin wollen wir, Atma? Was wird aus unserem
-Schiff?«</p>
-
-<p>»Das Schiff liegt gut versteckt. Nach Neuyork wollen
-wir. Den Doktor Glossin fragen, wo das Mädchen ist.«</p>
-
-<p>Silvester erschrak.</p>
-
-<p>»Das heißt, den Kopf in den Rachen des Löwen legen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p>
-
-<p>Atma blieb unbewegt und erwiderte gleichmütig: »Du
-trägst den Strahler an der Seite. Verbrenne ihn zu
-Asche, wenn er dir Böses tut. Aber verbrenne ihn erst,
-wenn er mir geantwortet hat.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Dr. Glossin stand im Privatkabinett des Präsident-Diktators.
-Cyrus Stonard schob einen Stoß Briefe beiseite
-und ließ seinen Blick einen kurzen Moment
-auf dem Doktor ruhen.</p>
-
-<p>»Was haben Sie in der Affäre Bursfeld festgestellt?«</p>
-
-<p>»Über den Vater, daß er seit vielen Jahren tot ist.«</p>
-
-<p>»Kennen die Engländer sein Geheimnis?«</p>
-
-<p>»Ich bin überzeugt, daß sie nichts davon wissen. Als
-Gerhard Bursfeld fühlte, daß ihm sein Geheimnis auf
-hypnotischem Wege entrissen werden sollte, hat er sich
-selbst getötet. Ich habe prominente Leute in England
-befragt … Sie wissen von nichts.«</p>
-
-<p>Ein Schimmer der Befriedigung glitt über die durchgeistigten
-Züge des Diktators.</p>
-
-<p>»Dann … meine ich, können wir losschlagen, sobald
-die Unterwasserstation an der ostafrikanischen Küste in
-Dienst gestellt ist.«</p>
-
-<p>»Wir können es, Herr Präsident, wenn wir es nur
-mit England zu tun haben.«</p>
-
-<p>Der Diktator blickte verwundert auf.</p>
-
-<p>»Mit wem sollten wir es sonst noch zu tun bekommen?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin zögerte mit der Antwort. Nur stockend
-brachte er die einzelnen Worte heraus: »Mit den Erben
-Bursfelds&nbsp;…«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard zerknitterte den Entwurf einer Staatsdepesche.</p>
-
-<p>»Den Erben … die Sache scheint sich zu komplizieren.
-Neulich war es nur einer. Der famose Logg
-Sar, der so merkwürdig aus Sing-Sing entwischte und
-unser bestes Luftschiff mitnahm. Wer ist denn jetzt noch
-dazugekommen?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p>
-
-<p>»Zwei Freunde, die auf Gedeih und Verderb mit
-Silvester Bursfeld verbunden sind.«</p>
-
-<p>»Drei Leute also. Drei einzelne schwache Menschen.
-Sie glauben im Ernst, daß drei Menschen unserem
-Dreihundert-Millionen-Volk gefährlich werden könnten?
-Herr Dr. Glossin, Sie werden alt. In früheren Jahren
-hatten Sie mehr Selbstvertrauen.«</p>
-
-<p>Die Worte des Präsident-Diktators trafen den Arzt
-wie Peitschenhiebe. Er erblaßte und errötete abwechselnd.
-Dann sprach er. Erst stockend, dann fließender
-und schließlich mit dem Feuer einer unumstößlichen
-inneren Überzeugung: »Herr Präsident, ich habe
-vor dreißig Jahren gesehen, wie Gerhard Bursfeld
-mit einem einfachen Apparat, nicht größer
-als meine Hand, auf große Entfernungen Dynamit
-sprengte. Ich sah, wie er Patronen in den
-Läufen weit entfernter Gewehre zur Explosion brachte,
-und wie er fliegende Vögel in der Luft verbrannte …
-Ich staunte, ich hielt es für Zauberei, und … Gerhard
-Bursfeld lachte und sagte, es wäre der erste Anfang einer
-neuen Erfindung. Ein schwacher Versuch, dem ganz
-andere, viel größere folgen würden.«</p>
-
-<p>»Gerhard Bursfeld ist seit langen Jahren tot. Sie
-sagten es eben selbst. Seine Erfindung wurde mit ihm
-begraben.«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard sagte es. Es sollte abweisend klingen,
-aber seiner Stimme fehlte die sichere Entschiedenheit,
-die ihr sonst eigentümlich war.</p>
-
-<p>»Das Geheimnis ist nicht mehr begraben. Es war
-eingesargt, aber es ist wieder auferstanden. Logg Sar
-… Silvester Bursfeld hat die Entdeckung von neuem
-gemacht und … er muß sie bedeutend vervollkommnet
-haben. Der Vater sprach von der Möglichkeit, durch
-telenergetische Konzentration an jeder Stelle des Erdballes
-Millionen von Pferdestärken auf engstem Raume
-zu fesseln. Er sprach davon, daß seine Erfindung jedem
-Kriege ein Ende bereite. Der Sohn tritt in die Fußstapfen
-des Alten. Zu dritt sitzen sie in Schweden am<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-Torneaelf und bauen an der Erfindung weiter. Gelingt
-es ihnen, sie so zu entwickeln, wie der Vater es
-vorhatte, dann&nbsp;…«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard hatte sich erhoben. Mit der ausgestreckten
-Rechten gebot er dem Arzte Schweigen.</p>
-
-<p>»Sprechen Sie es nicht aus, was mein Ohr nicht hören
-darf. Sie nannten den Ort, an dem die Erfinder ihre …
-bedenklichen Künste treiben. Sie kennen ihn genau?«</p>
-
-<p>»Genau. Ein abgelegenes Haus an den Ufern des
-Tornea … Acht Kilometer von Linnais entfernt.«</p>
-
-<p>»So befehle ich Ihnen, diese drei Erfinder zu vernichten
-… Aber gründlich. Das bitte ich mir aus.
-Nicht wieder Pfuscharbeit wie neulich in Sing-Sing. In
-vierzehn Tagen ist die Unterwasserstation kriegsbereit.
-Ich erwarte bis dahin Ihre Meldung, daß mein Befehl
-vollzogen ist. Unauffällig … und gründlich.«</p>
-
-<p>Doktor Glossin war entlassen. Die Gebärde des Diktators
-war nicht mißzuverstehen. Er ging mit schwerem
-Herzen. Ein unklares Gefühl lastete auf ihm.</p>
-
-<p>Während das Regierungsschiff ihn in eiligster Fahrt
-von Washington nach Neuyork brachte, suchte er des
-dumpfen dunklen Gefühles dadurch Herr zu werden, daß
-er seine narkotischen Pillen nahm und einen halbstündigen
-künstlichen Schlaf genoß. Aber als er durch
-die Straßen Neuyorks schritt, war das Gefühl wieder
-da und wurde von Minute zu Minute stärker.</p>
-
-<p>Der Doktor betrat das Haus in der 317ten Straße.
-Der Lift brachte ihn in das zehnte Stockwerk. Sein Diener
-nahm ihm Stock und Hut ab, und dann saß er in dem bequemen
-Schaukelstuhl seines Wohnzimmers und begann
-zu überlegen. Mit einer Objektivität, als ob es sich um
-eine dritte fremde Person handle, analysierte er seine
-Empfindungen und kam nach zehn Minuten zum Ergebnis,
-daß er Furcht habe.</p>
-
-<p>Dr. Edward Glossin, der Mann mit dem weiten Gewissen,
-der über Leichen hinweg sich jeden Weg erzwang,
-hatte zum erstenmal in seinem Leben Furcht. Cyrus
-Stonard hatte ihm den Auftrag gegeben, drei Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-zu beseitigen. Ein einfacher Auftrag im Vergleich mit
-so manchem anderen. Das Rezept war simpel und oft
-bewährt. Man nahm ein Luftschiff mit einem Dutzend
-kräftiger Polizisten oder Soldaten, fuhr bei Dunkelheit
-nach Linnais, umstellte das Haus, verhaftete die Gesuchten
-und schlug sie bei der Verhaftung tot, weil sie Widerstand
-leisteten. Ganz einfach war die Sache. Der Doktor
-hatte sie öfter als einmal praktisch ausprobiert.</p>
-
-<p>Doch diesmal hatte Dr. Glossin Angst. Ein inneres
-Gefühl warnte ihn, mit Silvester Bursfeld und seinen
-Freunden anzubinden … Aber der Befehl des Diktators.
-Wenn Cyrus Stonard befahl, gab es nur zwei
-Möglichkeiten: Zu gehorchen oder die Strafe für den
-Ungehorsam zu erleiden.</p>
-
-<p>Dr. Glossin sann hin und her, wie er sich aus dem
-Dilemma ziehen könne. Ausgehoben mußte das Nest in
-Linnais werden. Die Gefahr, daß man sich die Finger
-dabei verbrannte, war nach seiner sicheren Überzeugung
-vorhanden. Aber nur ein inneres Gefühl sagte ihm das.
-Äußerlich sah das Unternehmen ziemlich harmlos aus.
-Man mußte es einem Dritten plausibel machen. Aber
-wem? Wer hatte noch ein Interesse, die Erfindung und
-die Erfinder vom Erdboden zu vertilgen?</p>
-
-<p>So würde es gehen! Eine Möglichkeit tauchte in
-seinem Gehirn auf.</p>
-
-<p>Natürlich! Das war der richtige Weg. Die Engländer
-hatten genau soviel Interesse am Untergange Silvester
-Bursfelds und seiner Freunde wie die Amerikaner.</p>
-
-<p>Dr. Glossin durchdachte die weiteren Schlußfolgerungen
-und Ausführungen des Planes mit immer größerer
-Schwierigkeit. Es wollte ihm nicht mehr recht gelingen,
-die Schlüsse der Kette richtig aneinanderzureihen.
-Er spürte ein fremdartiges Ziehen in den Nackenmuskeln.
-Ein dumpfer Druck legte sich um seine Schläfen.
-Er hatte das Gefühl, als ob sein Wille ihm nicht mehr
-selber gehöre, sondern einem fremden Zwange folgen
-müsse. Mit Gewalt suchte er sich zusammenzuraffen. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-wollte aus dem Lehnstuhl aufstehen. Aber schwer wie
-Blei waren ihm Hände und Füße.</p>
-
-<p>Mit verzweifelter Anstrengung gelang es ihm schließlich,
-die Hand von der Stuhllehne loszulösen und bis
-zum Kopfe zu bringen. Er fühlte, daß seine Stirn mit
-feinen Schweißperlen bedeckt war.</p>
-
-<p>Der Stuhl stand in der Ecke des Arbeitzimmers. Die
-Türöffnung zum Nebenraum befand sich unmittelbar daneben.
-Sie hatte keine Türflügel, sondern war durch
-einen dichten Vorhang von Perlenschnüren geschlossen.
-Die Besucher, welche zu Dr. Glossin kamen, wurden von
-seinem Diener immer zuerst in dieses Zimmer geführt.</p>
-
-<p>Der Arzt spürte, wie ein übermächtiger fremder Wille
-seinen eigenen zu unterjochen drohte. Und er fühlte auch,
-daß der Strom des fremden Fluidums von jener Türöffnung
-her auf ihn eindrang. Verschwommen und
-dunkel erinnerte er sich, die Hausglocke vor irgendeinem
-unermeßbaren Zeitraum läuten gehört zu haben. Ein
-Willenstrom, viel stärker und mächtiger als sein eigener,
-stand im Begriff, ihn zu unterjochen.</p>
-
-<p>Der erste Angriff mußte in jenen Minuten erfolgt
-sein, in denen er so ganz in seinen Plänen und Kombinationen
-über den Befehl des Diktators versunken
-war. Während sich seine Gedanken auf diesen Plan
-konzentrierten, hatte er dem fremden Angriff eine gute
-Fläche geboten. Sonst hätte er die Wirkung wohl früher
-spüren müssen, hätte sich sofort dagegen zur Wehr setzen
-können. So war sie ihm erst zum Bewußtsein gekommen,
-als es schon beinahe zu spät war. Erst das
-Erlahmen seiner eigenen selbständigen Schlußfähigkeit
-hatte ihn den fremden Angriff deutlich fühlen lassen,
-aber da war die Lähmung durch den fremden Willen
-schon weit gediehen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin kämpfte wie ein Verzweifelter. Alles,
-was er noch an Willensfähigkeit besaß, ballte er in den
-einzigen autosuggestiven Befehl zusammen:</p>
-
-<p>»Ich will nicht … Ich will nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>Unaufhörlich formte er den kurzen Satz im Gehirn, und<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-empfindlich beinahe wie ein körperlicher Schlag traf ihn
-jedesmal der Gegenbefehl der fremden Kraft: »Du
-sollst … Du mußt … Du wirst&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die Minuten verstrichen. Die feine Porzellanuhr auf
-dem Kaminsims schlug ein Viertel. Dr. Glossin hörte den
-Schlag deutlich und raffte sich zu erneuter Anstrengung
-zusammen. Wenn es ihm nur gelingen wollte, aufzustehen
-… Ganz unmöglich.</p>
-
-<p>Dr. Glossin strengte sich an, freie Bewegungen
-zu machen. Er blickte auf seine Knie. Er versuchte,
-den Muskelgruppen seiner Beine den Befehl zu
-geben, daß sie seinen Körper erheben sollten. Und
-spürte schon im gleichen Augenblick, daß der fremde
-Befehl »Du mußt« mit verstärkter Heftigkeit auf sein Ich
-hämmerte, daß er seine ganze Persönlichkeit ohne Deckung
-ließ, sobald er ein einziges seiner Glieder besonders beeinflussen
-und zur Bewegung zwingen wollte.</p>
-
-<p>Stärker wurde das schmerzliche Ziehen in der Gegend
-des Genicks. Der körperliche Schmerz griff weiter und
-verbreitete sich über die ganze linke Gesichtshälfte, über
-die Seite seines Körpers, welche dem Perlenvorhang zugewendet
-war. Dr. Glossin fühlte, daß er bald erliegen
-müsse, wenn es ihm nicht gelänge, den Körper zu drehen
-und Angesicht zu Angesicht dem fremden Willen entgegenzutreten.</p>
-
-<p>Schon wieder war über dem stummen, erbitterten
-Ringen eine Viertelstunde verstrichen. Die Uhr schlug
-zweimal. Dr. Glossin hörte sie nur noch wie aus der
-Ferne, so wie man etwa beim Einschlafen noch undeutlich
-und nur verworren die letzten Geräusche empfindet.
-Mit einer verzweifelten Anstrengung konzentrierte er
-den Rest der ihm noch gebliebenen Willensenergie in
-einen einzigen Befehl. Und der schon zu drei Vierteln
-gelähmte Körper gehorchte diesem Aufgebot an Willenskraft.
-Mit einem einzigen kurzen Ruck warf der Arzt sich
-in dem Stuhl herum, so daß sein Antlitz in voller Breite
-dem Perlenvorhang zugewendet war. Einen Augenblick
-schien es, als wolle die Muskelbewegung und die eigene<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-Aktion den fremden Einfluß brechen. Aber nur einen
-Augenblick. Während Dr. Glossin seinem Körper den
-Befehl erteilte, sich umzudrehen, war sein ganzes Ich
-dem fremden Angriff schutzlos preisgegeben. Der Moment
-ohne Deckung hatte genügt. Mit einem Seufzer ließ
-er den Kopf auf die Brust sinken, die Augen weit
-geöffnet.</p>
-
-<p>Durch den Perlenvorhang trat Atma in das Zimmer
-bis dicht an den Schlafenden heran. Auch er sah erschöpft
-aus. Silvester Bursfeld, der ihm auf dem Fuße
-folgte, bemerkte es mit Erschrecken. Der Inder trat an
-den Schlafenden heran und strich ihm über die Augen
-und die Stirn. Silvester bemerkte, wie der Inder seiner
-eigenen Erschöpfung Meister zu werden versuchte, wie
-er sich selbst gewaltsam zwang und von neuem ganze
-Ströme seines eigenen Willenfluidums in den Körper
-des Schlafenden gleiten ließ. Dann trat er zurück und
-ließ sich auf einen Sessel fallen. Auf einen Wink von
-ihm trat Silvester Bursfeld hinter eine Portiere, so daß
-er den Blicken Glossins entzogen war.</p>
-
-<p>Wieder verstrichen Minuten. Die Uhr hob an und
-schlug dreimal. Da kam Bewegung und Leben in die
-schlummernde Gestalt. Dr. Glossin richtete sich auf wie
-ein Mensch, der aus tiefem Schlafe erwacht. Er fuhr sich
-über die Stirn, als müsse er seine Gedanken sammeln.
-Dann begann er mit sich selbst zu sprechen.</p>
-
-<p>»Was wollte ich … Ach ja … den Ring muß ich
-holen. Er ist im Banktresor&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er warf einen Blick auf die Uhr.</p>
-
-<p>»Dreiviertel … Ich komme gerade noch vor Kassenschluß
-zurecht. Aber ich muß mich eilen.«</p>
-
-<p>Straff und rüstig erhob er sich aus dem Stuhl und
-schritt durch den Vorhang hindurch. Er ging an Atma
-vorüber, als ob der Inder Luft wäre, und verließ die
-Wohnung.</p>
-
-<p>Silvester hörte die Tür ins Schloß fallen und trat
-hinter dem Vorhang hervor.</p>
-
-<p>»Wo geht er hin? … Was hat er vor?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p>
-
-<p>»Er geht nach seiner Bank. Er wird den Ring holen
-und hierherbringen.« Atma sprach es leise und mit matter
-vibrierender Stimme. Die Anstrengung dieses hypnotischen
-Duells zitterte noch in ihm nach.</p>
-
-<p>»In einer halben Stunde wird er wieder hier sein.
-Bis dahin haben wir Ruhe.«</p>
-
-<p>»Und der Diener?«</p>
-
-<p>»Er schläft in seinem Winkel auf dem Flur. Glossin
-hat Befehl, ihn nicht zu vermissen.«</p>
-
-<p>»Du glaubst, daß Dr. Glossin gutwillig hierher zurückkommt?«</p>
-
-<p>Atma blickte gleichmütig vor sich hin.</p>
-
-<p>»Der Körper Glossins ging hinaus. Seine Seele ist
-gefesselt. Mein Wille lenkt seinen Körper.«</p>
-
-<p>»Warum fragtest du nicht nach dem Aufenthalt von
-Jane?«</p>
-
-<p>»Erst den Ring und dann das Mädchen. Laß mir
-Ruhe. Ich bin erschöpft. Ich brauche neue Kräfte, wenn
-Glossin zurückkommt.«</p>
-
-<p>Der Inder lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die
-Muskeln seiner Glieder erschlafften. Er schien jetzt selbst
-ein Schlafender zu sein. Es blieb Silvester Bursfeld
-nichts anderes übrig, als zu warten.</p>
-
-<p>Unruhig schritt er in dem Raume hin und her. Weiter
-krochen die Minuten. Zehn Minuten … eine Viertelstunde
-… zwanzig Minuten. Er hörte, wie die Tür
-geschlossen wurde. Dr. Glossin war zurückgekommen.
-Er blieb auf dem Flur stehen. Unschlüssig, als ob er
-etwas suche. Dann hörte Silvester, wie er den Spazierstock
-hinstellte. Gleich darauf trat er durch den Perlenvorhang
-in das Arbeitszimmer. Ohne von den beiden
-Besuchern Notiz zu nehmen, ging er auf den Schreibtisch
-zu, ließ sich vor ihm auf dem Sessel nieder, zog ein
-winziges Päckchen aus der Brieftasche und begann, es
-auszupacken. Das Seidenpapier raschelte zwischen seinen
-schmalen, wohlgepflegten Fingern. Nun kam der Ring
-zum Vorschein. Ein schwerer goldener Ring. Ein
-Meisterwerk alter indischer Goldschmiedekunst, genau von<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-der gleichen Form wie derjenige an der Hand Atmas
-und mit dem gleichen Chrysoberyll geziert. Er hielt den
-Ring in der Hand und blickte nachdenklich auf den Stein.</p>
-
-<p>Der Ausdruck auf seinen Zügen wechselte. Von Minute
-zu Minute. Bald glich er einem Träumenden, schien
-ganz geistesabwesend zu sein. Dann wieder glitt der
-Schimmer eines Verstehens und Begreifens über seine
-Züge.</p>
-
-<p>Jetzt machte er Anstalten, sich selbst den Ring auf
-den Ringfinger der Rechten zu schieben.</p>
-
-<p>Atma sah es, und seine Augen weiteten sich. Mit vorgebeugtem
-Halse saß er da, und jeder Teil seines Körpers
-vibrierte vor innerer Spannung.</p>
-
-<p>Dr. Glossin stand im Begriff, die ihm im schwersten
-Kampfe aufgezwungene hypnotische Suggestion aus eigener
-Kraft zu durchbrechen. Der Befehl lautete, den
-Ring zu holen und zu übergeben. Schon das Zögern
-auf dem Flur war nicht ganz in der Ordnung. Er sollte
-vergessen, daß er einen Diener besaß. Einen Augenblick
-hatte er dort trotzdem gewartet, ob der Bediente
-ihm nicht Stock und Hut abnehmen würde. Das kurze
-Zögern hatte dem Inder die Gefahr verraten.</p>
-
-<p>Jetzt griff er zum stärksten Mittel. Er strich ihm mit
-beiden Händen über die Schläfen und Augen.</p>
-
-<p>Die Wirkung zeigte sich sogleich.</p>
-
-<p>Die Bewegung der Linken, die den Ring auf den
-rechten Ringfinger schieben wollte, wurde langsamer.
-Dicht vor der Fingerspitze kam sie ganz zur Ruhe.</p>
-
-<p>Dr. Glossin saß mit vorgebeugtem Oberkörper an
-seinem Schreibtisch. Beide Ellbogen waren auf die
-Tischplatte aufgestützt. Die Rechte streckte den Ringfinger
-vor. Die Linke spielte kaum einen Zentimeter entfernt
-mit dem breiten Goldreif vor der Fingerspitze. Es sah
-aus, als ginge vom Ringfinger eine magnetische Kraft
-aus, die den Reif heranholen wolle, und als wirke unsichtbar,
-aber gewaltig eine zweite Kraft im Raume,
-welche die linke Hand immer wieder zurückriß, sooft sie<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-sich zu nähern versuchte. So ging das Spiel leise hin
-und her, zitternd durch lange Minuten.</p>
-
-<p>Silvester sah es, und siedende Angst kroch ihm zum
-Herzen.</p>
-
-<p>»Wenn Glossin den Ring auf den Ringfinger schiebt,
-sind wir verloren.«</p>
-
-<p>Es herrschte vollkommene Stille im Zimmer. Nur
-das Ticken der Uhr war zu vernehmen. Aber Silvester
-empfand die Worte so deutlich, als habe sie ihm irgendeine
-Stimme laut vorgesprochen.</p>
-
-<p>Er versuchte, sich das Unsinnige des Gedankens klarzumachen.
-Was konnte es denn für eine Wirkung
-haben, wenn Dr. Glossin wirklich den Ring auf den
-Finger brachte? Er faßte nach dem Strahler, den er an
-der Seite trug. Versagte die Kunst Atmas, so besaß
-er die Macht und das Mittel, den Menschen dort in einer
-Sekunde in Atome zu zerreißen, zu verbrennen, in ein
-Häufchen Asche und eine Dampfwolke aufzulösen. Aber
-dann … ja dann würde er auch niemals erfahren,
-wohin dieser Teufel die arme Jane verschleppt hatte.</p>
-
-<p>Er ließ die Hand vom Strahler. Er begriff, daß der
-Sieg Atmas über Glossin notwendig war, sollte sein
-weiteres Leben noch Wert für ihn haben.</p>
-
-<p>Tausendfach waren die Fäden der Leben miteinander
-verflochten. Das hatte ihn Kuansar in Pankong Tzo
-gelehrt. Äußere Vorgänge, scheinbare Zufälligkeiten
-waren oft zuverlässige Zeiger, die das Spiel viel größerer
-Kräfte dem Sehenden deutlich zeigten. Und nun kam
-ihm klare Erkenntnis. In dem winzigen Raume dort
-zwischen Ring und Fingerspitze kam der Kampf zweier
-Mächte um die Weltherrschaft zum Ausdruck. Jeder
-Versuch, von seiner Seite einzugreifen, war zwecklos. In
-diesem Kampfe mußte er ein stiller Zuschauer bleiben,
-mußte abwarten, wie das Geschick sich erfüllen würde.</p>
-
-<p>Der Kampf ging zu Ende. Dr. Glossin ließ den Ring
-auf die Tischplatte fallen. Silvester wollte hinzutreten
-und ihn nehmen. Ein Wink Atmas scheuchte
-ihn zurück. Der Inder hatte sich erhoben und<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-war dicht an den Tisch herangetreten. Silvester
-sah, daß er den letzten Rest seiner gewaltigen
-telepathischen Kraft zusammenraffte, um dem Gegner
-seinen Willen aufzuzwingen. Und nun trat die
-Wirkung ein. Dr. Glossin wickelte den Ring wieder in
-das Seidenpapier, verschnürte das Päckchen, erhob sich
-und trat dicht an Atma heran. Ruhig hielt er ihm
-das Paketchen hin und sagte mit eintöniger Stimme:
-»Hier bringe ich den Ring.«</p>
-
-<p>Atma nahm das Paketchen in Empfang und begann
-es langsam und gemessen wieder aufzumachen. Dr. Glossin
-war nach der Übergabe an seinen Schreibtisch zurückgegangen.
-Dort saß er ruhig und schaute wie geistesabwesend
-auf die Schreibmappe.</p>
-
-<p>Atma nahm den Ring und schob ihn selbst Silvester
-über den Ringfinger der Rechten. Breit und kühl legte
-sich das Gold des massiven Reifens um das Fingerglied.
-Silvester fühlte neue Zuversicht in sein Herz dringen,
-als er den Ring wieder an der Stelle fühlte, an der er
-ihn so lange Jahre getragen hatte. Alle Ängstlichkeit
-war geschwunden. Die Zuversicht auf sicheren Sieg erfüllte
-ihn.</p>
-
-<p>Die Stimme Atmas riß ihn jäh aus diesen Gedanken
-und Gefühlen.</p>
-
-<p>»Wo ist Jane Harte?«</p>
-
-<p>Der Inder sprach es, während sein Blick sich in den des
-Doktors bohrte.</p>
-
-<p>Ein kurzes Zucken durchlief die Glieder des Arztes.
-Es schien, als wolle er sich noch einmal aufbäumen.
-Aber sein Widerstand war gebrochen. Der Ausdruck
-einer trostlosen Müdigkeit trat auf seine Züge, während
-seine Lippen die Antwort formten.</p>
-
-<p>»Auf Reynolds-Farm in Elkington bei Frederikstown.«</p>
-
-<p>Silvester sog die Antwort Wort für Wort wie ein
-Verdurstender ein. Frederikstown in Kolorado. Den
-Flecken Elkington kannte er sogar durch Zufall. Die
-Farm würde sich finden lassen. Jetzt waren alle Schwierigkeiten<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-überwunden. Noch eine kurze Spanne Zeit,
-und er würde Jane wiedersehen, würde sie im schnellen
-Flugschiff allen feindlichen Gewalten entziehen.</p>
-
-<p>Atma stand vor dem Arzt. Mit zwingender Gewalt
-gab er ihm seine letzten Befehle.</p>
-
-<p>»Du wirst bis vier Uhr schlafen. Wenn du aufwachst,
-wirst du alles vergessen haben. Den Ring, Logg Sar
-und Atma.«</p>
-
-<p>Der Kopf Dr. Glossins sank auf seine Arme und die
-Tischplatte nieder. Er lag in tiefem Schlafe.</p>
-
-<p>»Um vier weckst du deinen Herrn.« Im Vorbeigehen
-sagte es Atma zu dem Diener, der auf dem Flur schlummernd
-in einem Sessel saß. Flüchtig strich er ihm dabei
-über Stirn und Augen. Dann schlug die Wohnungstür
-hinter den Freunden ins Schloß.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Enttäuscht und verbittert hatte Glossin Reynolds-Farm
-an jenem Tage verlassen, an dem Jane seinen Antrag
-abwies. Aber auch Jane war durch diese Erklärung erschüttert
-und aus einer trügerischen Ruhe aufgescheucht.
-Sie brauchte jemand, auf den sie sich stützen, dem sie
-sich anschmiegen konnte. Nach dem Tode ihrer Mutter
-war ihr Glossin solche Stütze geworden. Ein väterlicher
-Freund, dem sie vertraute. In ihrem natürlichen Schutzbedürfnis
-zu vertrauen versuchte, soweit ein instinktives,
-ihr selbst unerklärliches Mißtrauen es zuließ.</p>
-
-<p>Die Werbung Glossins hatte das Verhältnis mit einem
-Schlage zerstört, hatte Jane von neuem in schwere seelische
-Kämpfe gestürzt. Das Gefühl tiefster Verlassenheit
-übermannte sie von neuem. Was blieb ihr nach alledem
-noch auf dieser Erde? Die Mutter tot … Silvester
-verloren und verschollen … Glossins Freundschaft
-falsch?!&nbsp;…</p>
-
-<p>Dazu die Gesellschaft dieser alten Negerin, deren Anblick
-und Wesen ihr von Tag zu Tag widerlicher wurde.
-Das Grinsen der alten Abigail hatte jetzt einen besonderen<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span>
-Inhalt und Ausdruck gewonnen, der Jane erschreckte
-und peinigte. Dazu Redensarten der Schwarzen, die
-ihr zwar größtenteils unverständlich blieben. Aber auch
-das wenige, das sie verstand und erriet, erschreckte sie.</p>
-
-<p>Sie verließ das Haus nicht mehr. Die Spaziergänge
-und Wagenfahrten der früheren Wochen unterblieben.
-Mit müdem Hirn suchte sie die Fragen zu beantworten.</p>
-
-<p>Was sollte aus ihr werden? Was hatte Glossin mit
-ihr vor? Weshalb hatte er sie gerade hierher gebracht?
-… Was sollte sie weiter beginnen? … Wenn sie
-irgendwo eine Stellung annähme … Eine untergeordnete
-Stellung … irgendwo … nur fort von
-hier … fort! … Wäre sie doch in Trenton geblieben!
-Kein Brief, kein Lebenszeichen aus Trenton
-hatte sie jemals erreicht.</p>
-
-<p>Fort! … Fort! … Warum war sie nicht schon
-längst fort? … Warum hatte sie nicht gleich nach der
-Werbung Glossins die Farm verlassen?</p>
-
-<p>Wie oft hatte sie sich diese Frage schon vorgelegt.
-Und jedesmal war sie an einen Punkt gekommen, wo
-sie keine Antwort auf die Frage fand. Warum nicht?
-Wie viele Versuche hatte sie schon gemacht, Reynolds-Farm
-zu verlassen. Warum hatte sie das Vorhaben
-niemals ausgeführt?</p>
-
-<p>Wie ein schwerer Alpdruck lag es auf ihr. Warum
-nicht … Sie wurde doch nicht gefangengehalten?
-Nicht einmal bewacht oder kontrolliert.</p>
-
-<p>Sie brauchte doch nur ihr Köfferchen zu packen und
-das Haus zu verlassen. Nur bis zum nächsten Dorfe
-zu gehen, um in Sicherheit zu sein. Sogar ungesehen
-von Abigail konnte sie das Haus verlassen. Denn das
-hatte sie schon bald nach ihrer Ankunft hier entdeckt,
-daß das alte Negerweib der Flasche zugetan war. Gleich
-nach dem Auftragen des Mittagsmahles verschwand die
-Alte, und öfter als einmal hatte Jane sich selbst um das
-Abendessen kümmern müssen. Sie wußte, daß Abigail
-Stunden hindurch besinnungslos irgendwo in einem<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-Winkel lag. Lange Stunden, in denen sie, von niemand
-verhindert, das Haus verlassen konnte.</p>
-
-<p>Weshalb hatte sie es nicht getan? Weshalb tat sie
-es nicht heute?</p>
-
-<p>Ihr Antlitz, so schön und jugendlich, aber blaß durch
-Kummer und Aufregung, erhielt einen tatkräftigen
-Zug. Die Falten zu den Mundwinkeln vertieften sich,
-ihre Augen bekamen ein neues Feuer. Alle Lebensenergien
-in ihr drängten zur Tat.</p>
-
-<p>Mit einem plötzlichen Ruck erhob sie sich von ihrem
-Sitz und schritt nach dem Schlafkabinett. Hastig ergriff
-sie ein paar der notwendigsten Kleidungstücke und begann
-sie in den kleinen Handkoffer zu stopfen. Und
-erinnerte sich zur gleichen Zeit, wie oft sie das gleiche
-schon früher versucht hatte und niemals damit zum
-Ziele gelangt war. Heute ging es viel besser. Kleiderschicht
-fügte sich auf Kleiderschicht, und mit einem Seufzer
-der Befriedigung drückte sie den Bügel des Handkoffers
-zusammen. So weit war sie früher noch niemals
-gekommen.</p>
-
-<p>Jetzt nur noch zuschließen! Der Schlüssel befand sich
-in ihrer Handtasche dort auf dem Tische. Sie entnahm
-ihn der Tasche, wandte sich wieder dem Koffer zu und
-fühlte, wie die alte Lähmung von neuem über sie kam.
-Wie Blei wurden ihr die Füße. Nur mit Mühe konnte
-sie die wenigen Schritte vom Tisch zum Koffer zurücklegen.
-Endlich war es gelungen, aber nun lag das
-Blei in ihren Armen. Sie versuchte es, den Schlüssel in
-das Schloß zu schieben … Da fiel er klirrend auf
-die Diele.</p>
-
-<p>Einen Augenblick starrte sie hoffnungslos auf das kleine
-blinkende Eisen, das da vor ihr auf der Zimmerdiele
-lag. Dann durchzuckte ein Schluchzen ihren Körper.
-»… Warum … kann ich … nicht? … Warum
-… o Gott! … Warum&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie fiel vornüber auf die Tasche und blieb Minuten
-hindurch regungslos liegen … Eine Macht, ein Einfluß,
-ihr selbst unerklärlich und unfaßbar, verhinderte<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-sie, dieses offene und unbewachte Haus zu verlassen …
-Sie ging in das andere Zimmer und warf sich auf ihr
-Ruhebett.</p>
-
-<p>»Die Qual! … Warum … muß ich diese Qualen
-leiden? … Wo bleibst du, Silvester? … Mutter, ach
-wäre ich bei dir! … Wäre ich mit dir gestorben!</p>
-
-<p>Sterben … jetzt noch sterben? … Unterhalb des
-Hauses … da bildet der Bach einen kleinen See …
-da kann ich sie finden … die Ruhe … die Erlösung
-von aller Qual&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie raffte sich von ihrem Lager empor.</p>
-
-<p>»Ja! … ja … ja&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die Festigkeit des gefaßten Entschlusses prägte sich in
-ihren Mienen aus. Schnell schritt sie zur Tür, um sie
-zu öffnen. Mochte irgendeine unheimliche Kraft ihr die
-Flucht aus diesem Hause zu den Menschen hindern, die
-Flucht in die Ewigkeit sollte ihr niemand verbieten.</p>
-
-<p>Sie griff den Türdrücker und öffnete die Tür.</p>
-
-<p>Die keifende Stimme der schwarzen Abigail drang
-ihr ans Ohr. Offenbar war die Alte dabei, irgendeinem
-Besucher den Zutritt zu verwehren, vielleicht einen
-Hausierer abzuweisen.</p>
-
-<p>»Kann ich nicht einmal sterben?« … Sie wollte die
-Tür wieder leise ins Schloß drücken … Da … ihre
-Hand umkrampfte den Drücker.</p>
-
-<p>Welche Stimme? … Der Fremde … Mit einem
-Ruck riß sie die Tür auf.</p>
-
-<p>»Silvester!« Ein Schrei aus tiefstem Herzen. Mit
-geschlossenen Augen lehnte sie an dem Türrahmen und
-streckte die Hand nach ihm aus.</p>
-
-<p>»Silvester&nbsp;…!«</p>
-
-<p>Sie sah es nicht, wie Abigail, von einem kräftigen
-Faustschlag getroffen, in eine Ecke flog, wie ein Mann
-mit Tigersprüngen die Treppe hinaufdrang, sie fühlte
-nur, daß sie am Herzen Silvesters ruhte, daß eine leichte,
-weiche Hand ihr Gesicht streichelte, daß Worte der Liebe
-und des Glückes ihr Ohr trafen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Erik Truwor arbeitete allein im Laboratorium zu
-Linnais. Nach den Plänen Silvesters baute er den
-neuen Strahler zusammen. Der Apparat war viel
-größer als der erste, den die Freunde mit auf die Reise
-genommen hatten. Der neue Strahler nahm immerhin
-den Raum eines mäßigen Schrankes ein.</p>
-
-<p>Aber er war geradezu lächerlich klein, wenn man
-seine Wirkungen betrachtete. Die neue Konstruktion
-konnte zehn Millionen Kilowatt telenergetisch konzentrieren.
-Diese Riesenleistung wurde nur dadurch möglich,
-daß der Apparat die Energie nicht mit den hergebrachten
-Mitteln erzeugte, sondern nur die überall
-im Raum vorhandene Energie freimachte.</p>
-
-<p>Es drehte sich um die alte, schon von Oliver Lodge zum
-Anfang des Jahrhunderts aufgestellte Hypothese, daß in
-jedem Kubikzentimeter des äthererfüllten Raumes ein
-Energiebetrag von zehn Milliarden Pferdekraftstunden
-in latenter Form vorhanden ist. Etwa so, wie die Pulverladung
-einer Mine Hunderttausende von Metertonnen
-enthält. Der Fingerdruck eines Kindes genügt, um diese
-gewaltige Energie zu entfesseln. Es ist nur notwendig,
-daß dieser schwache Druck die Knallkapsel zur Entzündung
-bringt, die dann die Mine detonieren läßt.</p>
-
-<p>»Das Problem der telenergetischen Konzentration ist
-praktisch gelöst.« Stolz und siegesgewiß hatte Silvester
-die Worte gesprochen. Wenige Stunden, bevor er in
-windender Sturmfahrt nach Westen ausbrach, um von
-dort sein Liebstes zu holen.</p>
-
-<p>Die letzte Schwierigkeit, die noch zu lösen blieb, betraf
-das genaue Zielen. Es war notwendig, das entfernte
-Objekt, auf welches der Energiestrom gerichtet
-wurde, zu sehen. Erik Truwor fühlte die reine Freude
-eines intellektuellen Genusses, als er die Aufzeichnungen
-Silvesters durchlas. Die aus dem Strahler entsandte
-Formenenergie reflektierte zu einem winzigen Teile von
-der Konzentrationsstelle zum Strahler zurück und entwarf
-hier ein optisches Bild dieser Stelle. Jetzt, da er
-es las, schien es ihm beinahe trivial einfach. Eine simple<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span>
-Rückmeldung, wie sie in der Technik an tausend Stellen
-seit hundert Jahren gebräuchlich war. Nach der Theorie
-mußte sich auf der weißen Mattglasscheibe des neuen
-Strahlers ein genaues Bild des Ortes zeigen, an dem
-die Energie sich konzentrierte.</p>
-
-<p>Er schaltete den Apparat ein. Nebel wallten auf der
-Scheibe hin und her. Es flimmerte durcheinander. Gestalten
-wollten sich bilden, doch es wurde kein klares Bild.</p>
-
-<p>Noch einmal überprüfte er die Schaltung. Dann machte
-er sich an die Arbeit. Die Stunden verrannen. Er
-spürte es nicht. Die Mitternacht verstrich, und der Morgen
-kam. Niels Nielsen, der alte, noch vom Vater überkommene
-Diener, fand seinen Herrn im Laboratorium
-in die Arbeit versunken.</p>
-
-<p>»Herr Erik, Ihr Bett blieb unberührt.«</p>
-
-<p>Erik Truwor winkte ab und riß ärgerlich einen Draht
-heraus, den er falsch geschaltet hatte.</p>
-
-<p>»Stören Sie mich nicht.« Der Diener ging.</p>
-
-<p>Stillschweigend erschien er wieder und stellte eine
-Platte mit kalter Küche auf einen Seitentisch.</p>
-
-<p>Erik Truwor hatte die Schaltung vollendet. Schaltete
-ein und sah noch weniger als zuvor. Ein schwerer Fehlschlag!
-Rastlos arbeitete er weiter.</p>
-
-<p>Erik Truwor spürte Hunger. Ein Blick auf die Uhr
-zeigte ihm, daß er seit vierzehn Stunden im Laboratorium
-arbeitete.</p>
-
-<p>Automatisch begann er zu essen. Der starke schwarze
-Kaffee erfrischte ihn. Während er aß und trank, gewann
-er Distanz zu seiner Arbeit. Er fand die Kraft, völlig
-von neuem zu beginnen. Er prüfte die Schaltung Silvesters.
-Hier war eine Verbesserungsmöglichkeit.</p>
-
-<p>Die sekundären Erscheinungen mußten zurückgehalten
-werden. Es bestand Gefahr, daß sie den gewollten Effekt
-überwucherten.</p>
-
-<p>Erik Truwor arbeitete. Und aß in langen Pausen.
-Die zweite helle Nordlandsnacht brach herein.</p>
-
-<p>Der Diener kam. »Vielen starken Kaffee!« Mit dem
-Befehl jagte ihn Erik Truwor aus dem Laboratorium.<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-Die Vorzüge der veränderten Schaltung wurden ihm
-immer einleuchtender, je weiter er baute und schaltete.</p>
-
-<p>Die zweite Nacht verging und der zweite Vormittag.
-Er zog die letzte Schraube fest und suchte seiner Aufregung
-Herr zu werden.</p>
-
-<p>Mit zitternder Hand schaltete er den Strahler ein.
-Nebel zogen über die Mattscheibe.</p>
-
-<p>Er regulierte an den Mikrometerschrauben. Der
-Nebel löste sich. Blaue und grüne Flächen wurden sichtbar.</p>
-
-<p>Er mußte sich setzen. Die Knie versagten ihm. Dann
-ein gewaltsames Aufraffen. Ein letztes Drehen an der
-Feinstellung. Scharf und deutlich zeigten sich die Föhren,
-die zwanzig Kilometer entfernt am Unterlaufe des
-Tornea standen. Erik Truwor kannte die Stelle.</p>
-
-<p>Die Mattscheibe bot ein Bild, wie man es seit langen
-Jahren in der photographischen Kamera beobachten
-konnte. Doch das Bild hier wurde auf ganz andere
-Weise gewonnen. Es kam nicht rein optisch, sondern
-energetisch zustande.</p>
-
-<p>Der Wurf war geglückt. Er stellte den Strahler ab und
-warf sich erschöpft auf das Ruhebett im Laboratorium.</p>
-
-<p>Mit offenen Augen lag er dort und starrte zur Decke.
-Die Macht lag jetzt in seiner Hand. Die Macht, die
-Menschen nach seinem Willen zu zwingen. Zu Asche zu
-verbrennen, was ihm widerstrebte. Eine Macht, wie sie
-nie zuvor ein einzelner Mensch besessen hatte.</p>
-
-<p>Er fühlte die furchtbare Verantwortung, die mit der
-Macht verbunden war … und dann wurden seine Gedanken
-sprunghaft. Die Natur forderte ihr Recht. Die
-Augen fielen ihm zu. Nach vierzig Stunden intensivster
-Arbeit verlangte der Körper Ruhe.</p>
-
-<p>Es wurde nur ein fieberhafter Halbschlaf. Der Geist
-war zu erregt und riß den Körper mit.</p>
-
-<p>Er fuhr empor. Drei Stunden hatte er im Halbschlummer
-gelegen. Im Augenblick war er wieder vollkommen
-wach. Der Schreiber der drahtlosen Station
-hatte in der Zwischenzeit gearbeitet. Er las die Zeichen<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-auf dem Papierstreifen: »Haben den Ring. Gehen nach
-Elkington, Reynolds-Farm, Jane zu holen.«</p>
-
-<p>Er rieb sich die Stirn. Jane nicht in Trenton? Aus
-dem Atlas entnahm er die genauen Koordinaten und
-richtete den Strahler. Die Nebel wogten. Jetzt ruhigere
-Linien. Grünes Feld. Ein Farmhof. Er regulierte
-und konnte jede Fuge und Maserung der Hoftür erkennen.</p>
-
-<p>Eine Gestalt schritt von links her in das Bild …
-Silvester Bursfeld. So scharf und deutlich, als ob er in
-Greifweite stünde. Silvester kam allein und hatte nicht
-einmal den kleinen Strahler an der Seite.</p>
-
-<p>Erik Truwor wollte dem Freunde etwas zurufen und
-vergaß, daß er durch tausend Meilen von ihm getrennt
-war.</p>
-
-<p>Eine andere Gestalt hob sich auf der Bildfläche ab.
-Ein schwarzes, häßliches Negerweib. Erik Truwor sah,
-wie sie Silvester vom Hofe zu weisen versuchte, wie der
-Freund sie zurückdrängte und der Haustür zuschritt. Wie
-das Negerweib ihn zurückzustoßen versuchte. Wie der
-sonst so gutmütige ruhige Silvester plötzlich den Arm
-hob, das Weib weit von sich schleuderte und in das Haus
-stürmte. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß, und Viertelstunden
-verstrichen.</p>
-
-<p>Erik Truwor empfand eine wachsende Unruhe. Er
-vermißte den kleinen Strahler an der Seite Silvesters.
-Diese winzige, aber furchtbare Waffe, die ihn gegen jeden
-Angriff geschützt hätte. Und er vermißte Atma. Wo
-blieb der Inder? Die zweite Frage beunruhigte ihn fast
-ebenso stark wie die erste. Gewaltsam zwang er sich
-zur Ruhe.</p>
-
-<p>»Sie müssen packen … natürlich … es ist ja klar, daß
-Jane nicht, wie sie geht und steht, nach Europa fahren
-kann. … Eine Stunde Zeit gebe ich ihnen … dann&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er betrachtete das Dach des Farmhauses. Ob es wohl
-gut brennen mochte, wenn er den Strahler auf den Dachfirst
-wirken ließ? Die Holzschindeln sahen ganz danach<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-aus. Rissig, von der Sonne ausgedörrt. Es mußte ein
-gewaltiges Feuer werden.</p>
-
-<p>Dann überdachte er die Folgen. Es konnte zu gut
-brennen. So schnell, daß die Flammen den Ausgang
-sperrten, bevor die Liebenden die Gefahr erkannten. Er
-durfte es nicht wagen, die Säumigen durch die Gewalt
-der telenergetischen Konzentration aus dem Hause zu
-treiben. So saß er mit steigender Ungeduld. Hoffte vergebens,
-daß Silvester wieder erscheinen oder Atma auftreten
-würde.</p>
-
-<p>Ein silberner Fleck am blauen Himmel erregte seine
-Aufmerksamkeit. Mit der Lupe betrachtete er die Stelle
-auf der Mattscheibe.</p>
-
-<p>Kein Zweifel, es war R. F. c. 1, der Rapid Flyer, der
-dort heranzog. Er kannte die Formen des Flugschiffes.</p>
-
-<p>Erleichtert atmete er auf.</p>
-
-<p>Atma kam mit R. F. c. 1, um die Säumigen zu holen.
-Mochte er gesteckt haben, wo er wolle … Atma war
-da. Jetzt mußte alles zu einem guten Ende kommen.</p>
-
-<p>Das Flugschiff kam schnell heran. Hinter dem Farmhaus
-ging es nieder. Jetzt entschwand es den Blicken
-Eriks. Die Silhouette des Farmhauses schob sich dazwischen.</p>
-
-<p>… Warum landete Atma nicht auf dem Farmhofe?
-… Vielleicht war der Platz hinter dem Hause für
-den Wiederaufflug geeigneter.</p>
-
-<p>Erik Truwor wartete … und sah fünf Gestalten
-über den Hof laufen … In das Haus verschwinden.</p>
-
-<p>»Atma ist da … Atma kam zur rechten Zeit …
-Es wird noch alles gut.«</p>
-
-<p>Mit diesen Worten suchte sich Erik Truwor zu beruhigen.
-Er hatte unter den Fünfen die Gestalt Glossins
-erkannt. Nach den Schilderungen, die ihm Silvester
-gegeben. Das Nachziehen des rechten Fußes. Der
-stechende Blick. Es war unverkennbar. Aber er hoffte,
-daß Atma mit R. F. c. 1 hinter dem Hause lag. Hoffte,
-daß der Inder eingreifen und die Widersacher zerschmettern
-würde.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p>
-
-<p>Minuten verstrichen. Nicht viele.</p>
-
-<p>Die Tür des Farmhauses öffnete sich.</p>
-
-<p>Einer der Männer trug etwas Helles auf den
-Armen … Jane … bewußtlos. Ihr Antlitz war weiß.
-Ihr Kopf lag schlaff und kraftlos auf der Schulter ihres
-Trägers. Dann zwei andere. Sie schleppten Silvester.
-Hatten ihn gefesselt und trugen ihn wie ein Stück Holz
-über den Platz.</p>
-
-<p>Zuletzt Dr. Glossin. Ein Lächeln der Befriedigung auf
-den Zügen.</p>
-
-<p>Lodernder Zorn packte Erik Truwor. Er faßte den
-Strahler und gab Energie.</p>
-
-<p>Zwanzig Meter hinter dem Doktor glühte der Sand
-des Hofes hell auf. Schmolz in Weißglut und strahlte
-Hitze.</p>
-
-<p>Der Arzt warf einen Blick rückwärts und begann um
-sein Leben zu laufen. Mit schleifendem Fuß jagte er
-über den Hof und zog einen feurigen Strudel hinter sich
-her, denn mit der Mikrometerschraube brachte ihm Erik
-Truwor die Glut des Strahlers nach … und zerriß
-dabei in der Aufregung einen Draht des Fernsehers.</p>
-
-<p>Das Bild erlosch. Tausend Meilen trennten Erik
-Truwor von Reynolds-Farm. Erst jetzt kam es ihm
-zum Bewußtsein.</p>
-
-<p>Mit fiebernden Händen suchte er nach dem zerrissenen
-Draht. Er mußte sich zur Ruhe zwingen. Mußte mit
-unendlicher Geduld eine Schraube lösen, den Draht
-fassen, vorziehen und wieder festschrauben. Kostbare Minuten
-verstrichen darüber. Nun endlich war die Verbindung
-wieder hergestellt. Das Bild erschien von neuem
-auf der Mattscheibe. &ndash; Der Hof war leer.</p>
-
-<p>Rätsel und Geheimnisse, die er nicht zu lösen vermochte.
-Hatte Atma eingegriffen, die Gegner vernichtet?
-Brachte er jetzt Silvester und Jane im Flugschiff heim?</p>
-
-<p>Erik Truwor wußte es nicht. Er war verurteilt, hier
-zu sitzen und zu warten. Einen Schwur leistete er sich.<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-Das Feuer des Strahlers auf Glossin niederfallen zu
-lassen, sobald er ihn wieder vor die Augen bekäme.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Im Walde von Elkington lag R. F. c. 1 zwischen
-Haselsträuchern und Brombeerranken. Wenige Schritte
-davon entfernt saß Atma im Gras und wartete. Seine
-Züge verrieten Unruhe. Er war blaß, soweit die dunkle
-Haut eines Inders zu erblassen vermag, und abgespannt.
-Die ungeheuere Anstrengung seines Kampfes mit
-Glossin wirkte noch in ihm nach. Er versuchte es, sich zu
-sammeln, neue Kraft aus den Meditationen und Selbstversenkungen
-seiner Religion zu schöpfen.</p>
-
-<p>Die Sonne warf ihre Strahlen von Westen her schräg
-durch die Zweige und malte streifige Schatten auf den
-grünen Grund. Der Inder faßte seinen Schatten ins
-Auge und beobachtete, wie der dunkle Streifen ganz
-langsam weiterkroch. Halme, die eben noch lichtgrün
-schimmerten, wurden ganz allmählich dunkel und farblos.
-Auf der anderen Seite tauchten Spitzen und Blätter
-ebenso sacht und allmählich wieder in leuchtendes Sonnengold.
-Die Betrachtung dieser langsamen Veränderung,
-des steten und ruhigen Wechsels der Dinge tat
-Atma wohl. Sein Nervensystem fand allmählich die
-Ruhe wieder. Alle seine Sinne konzentrierten sich auf
-den wandernden Schatten und einen <span id="corr141">Steinblock</span>, der noch
-etwa einen Fuß von dem Schatten entfernt war.</p>
-
-<p>»Ich will warten, bis der Schatten den Stein berührt.
-Ist Logg Sar dann mit dem Mädchen noch nicht zurück,
-dann will ich gehen und sie holen.«</p>
-
-<p>Er sprach es zu sich selbst, und nachdem er sich so die
-Zeitspanne gesetzt hatte, verharrte er regungslos, von
-der Sonne beschienen, in die Betrachtung des wandernden
-Schattens versunken und spürte, wie ihm Minute
-um Minute die alte Kraft und Ruhe zurückkehrte. Die
-Eidechsen kamen neugierig hinzu und liefen furchtlos
-über seine Füße. Eine Haselmaus führte dicht vor ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-ihren possierlichen Tanz auf, ohne sich um den regungslosen
-Körper zu kümmern. <span id="corr142">Jetzt</span> streifte der Schatten
-den Stein. Soma Atma erhob sich. Erschreckt entflohen
-die Tiere des Waldes. Ein kurzer Blick auf das Chronometer.
-Zwei Stunden waren verflossen, seitdem Silvester
-von ihm ging, hinein nach Reynolds-Farm, das
-Mädchen zu holen … zwei Stunden. Atma erschrak.
-Zwanzig Minuten hätten genügen müssen. Auch dann
-noch, wenn die Liebenden ein langes Wiedersehen
-feierten.</p>
-
-<p>Mit langen Schritten eilte er der Farm zu. Die
-Flügel der Hoftür waren nur angelehnt. Er schritt über
-den Hof in das Wohnhaus und fand es verlassen. Der
-Vorraum leer. Der große Wohnraum ohne eine lebende
-Seele. Aber die Unordnung verriet deutlich einen stattgehabten
-Kampf. Drei Stühle umgeworfen. Die Tischdecke
-in Falten. Ein Glas zerbrochen am Boden. Und
-dort Logg Sars Hut. Seine Handschuhe&nbsp;…</p>
-
-<p>Während er den Raum verließ und die Treppe weiter
-hinaufstieg, malte sein Geist sich plastisch die Szenen aus,
-die sich hier abgespielt hatten während der Stunden, in
-denen er dort draußen im Walde ruhte, wartete und
-frische Kraft sammelte.</p>
-
-<p>Es wäre niemals passiert, wenn er bei voller Kraft
-gewesen wäre. Dann hätte er mit wachem Nervensystem
-das kommende Unheil rechtzeitig gespürt.</p>
-
-<p>Nun hatte er das Ende der Treppe erreicht. Ein
-turmartiger Erker bot Aussicht nach allen Seiten. Atma
-trat an die Scheiben, durchspähte den klaren Abendhimmel
-und sah in der Richtung auf Westen einen hellen
-Fleck seine Bahn ziehen. Ein Flugschiff … Zu dieser
-Zeit … in dieser Höhe. Es konnte nur von Elkington
-her kommen. Noch war es Zeit. In langen Sätzen sprang
-der Inder die Treppe hinunter und eilte dem Walde
-entgegen, wo R. F. c. 1 unter Ranken und Kräutern
-neuen Flügen entgegenharrte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>R. F. c. 2 hatte Kurs West zu Nordwest. Der Kommandant
-Charles Boolton stand am Ausguck. In der
-Kabine saß Dr. Glossin in einem der leichten bequemen
-Korbsessel. Seine Züge trugen die Spuren von Leiden
-und Kämpfen, seine Augen waren gerötet. Er machte
-einen übermüdeten und <span id="corr143">übernächtigten</span> Eindruck. Ihm
-gegenüber in einem zweiten Sessel lag die zierliche Gestalt
-Janes, von tiefer Ohnmacht umfangen. In einer
-Ecke des Raumes, auf dem Boden, mit starken Stricken
-schwer gefesselt, Silvester Bursfeld. Dr. Glossin erhob
-sich von seinem Stuhl. Langsam, als ob jeder Schritt
-ihm Schmerzen bereitete, ging er durch den Raum auf die
-Ohnmächtige zu.</p>
-
-<p>Er beugte sich über Jane und fühlte ihren Puls. Mit
-sanfter Gewalt brachte er ihre Lippen auseinander und
-flößte ihr aus einer kleinen Kristallflasche einige Tropfen
-einer rot schimmernden Flüssigkeit ein. Er fühlte, wie
-der Puls danach stärker ging, wie das Blut die Wangen
-der Bewußtlosen leicht rötete. Beruhigt kehrte er zu
-seinem Platze zurück und nahm selbst ein wenig von der
-Flüssigkeit. Dann ruhte sein Blick lange auf dem gefesselten
-Silvester.</p>
-
-<p>Bedingungslose Vernichtung hatte Cyrus Stonard
-befohlen. Den einen der drei hatte er. Diesmal sollte
-er der Vernichtung nicht entgehen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin überschlug die Zeit. Noch Dreiviertelstunden.
-Dann war das Flugsschiff über Montana. Dort
-am Ostabhange der Rocky Mountains hatte er einen
-Schlupfwinkel. Und dann … dann ging es mit
-R. F. c. 2 in sausender Fahrt nach Sing-Sing zurück.
-Der drahtlose Befehl, die neue Maschine dort
-betriebsbereit zu halten, war längst gegeben. Diesmal
-sollte die Vollziehung des Urteils schnell und
-glatt vonstatten gehen. Ohne Zeugen. Nur er wollte
-dabei sein und sich überzeugen, daß der Strom diesmal
-auch wirklich seine Schuldigkeit tat. Dann war die alte<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-Scharte ausgewetzt. Dann konnte ihm auch Cyrus
-Stonard keinen Vorwurf mehr machen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin lächelte befriedigt. Die Arznei hatte ihn
-körperlich erfrischt. Die Hoffnung, daß seine Pläne
-schnell zu glücklichem Ende kommen würden, stärkte ihn.</p>
-
-<p>Sein Gedankengang wurde unterbrochen. Er hörte,
-wie der Kommandant in das Telephon nach dem Motorraum
-sprach. R. F. c. 2 flog mit voller Besatzung. Es
-hatte außer dem Kommandanten noch einen Ingenieur
-und zwei Motorwärter an Bord.</p>
-
-<p>Der Kommandant sprach dringlich:</p>
-
-<p>»Die Umdrehung beider Turbinen ist von 8000 auf
-5000 gefallen und fällt dauernd weiter. Was ist bei
-Ihnen los?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin wurde aufmerksam. Jetzt irgendein Motordefekt.
-Ein Versagen der Turbinen. Das konnte seine
-Pläne stören.</p>
-
-<p>Eine leichte Erschütterung ging durch das Schiff. Die
-Spitze neigte sich etwas nach unten, und im Gleitfluge stieg
-es aus der gewaltigen Fahrthöhe hinab. Die Tür des
-Motorraumes öffnete sich. Der Ingenieur trat herein.
-Den Lederanzug bespritzt, Spuren von Ruß und Öl an
-den Händen.</p>
-
-<p>»Mr. Boolton, beide Maschinen stehen. Sie drehen sich
-nur noch, weil der Luftzug die Schrauben rotieren läßt.
-Die Maschinenkraft ist weg.«</p>
-
-<p>Der Kommandant fuhr auf, wie eine gereizte Bulldogge.</p>
-
-<p>»In drei Teufels Namen, Wimblington, wollen Sie
-uns bis auf die Knochen blamieren? R. F. c. 2 ist das
-beste Schiff unserer Flotte. Bringen Sie die Maschinen
-in Gang, oder ich bringe Sie vor das Kriegsgericht.«</p>
-
-<p>Der Ingenieur eilte in den Turbinenraum zurück. Er
-vergaß es, die Tür hinter sich zu schließen. Das Geräusch
-von allerlei Werkzeugen und Hantierungen drang in die
-Kabine. Derweil ging das Flugschiff ohne Motorkraft
-unaufhaltsam im Gleitflug zur Erde. Nur noch zehn<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-Minuten, und es mußte landen, wenn die Maschinenkraft
-nicht wiederkam.</p>
-
-<p>Der Ingenieur erschien wieder im Raum.</p>
-
-<p>»Herr Kapitän, der Fehler sitzt in den Zündanlagen.
-Die Maschinen bekommen keinen Zündstrom.«</p>
-
-<p>Der Kommandant wurde blaurot im Gesicht.</p>
-
-<p>»In Satans Namen, Herr, Sie sollen die Maschinen
-in Gang bringen. Sie werden erschossen, wenn wir notlanden
-müssen.«</p>
-
-<p>Mit der unangenehmen Aussicht auf den Tod durch
-eine Kugel verließ Wimblington den Raum. Die Dinge
-erfuhren dadurch keine Änderung. Die Maschinenkraft
-blieb aus. Der Gleitflug in die Tiefe dauerte an. Schon
-befand sich R. F. c. 2 in einer dichten Atmosphäre, nur
-noch 3000 Meter über dem Boden. Noch vor kurzem
-waren die Sonnenstrahlen vom Westen her klar und kräftig
-in den Raum gefallen. Jetzt nicht mehr dreißig, sondern
-nur noch drei Kilometer hoch, war das Schiff bereits
-im Dämmerschatten der Erde. Kommandant Boolton
-durchspähte zähneknirschend die Gegend und suchte einen
-passenden Landungsplatz für das Schiff. Er bemerkte,
-daß es ihm gerade noch möglich sein würde, über einen
-Hochwald hinwegzukommen und auf einer mäßig großen
-grasbestandenen Lichtung niederzugehen.</p>
-
-<p>Die Aufregung des Kommandanten hatte sich auch
-Glossin mitgeteilt. Unruhig lief er mit kurzen Schritten
-in der Kabine hin und her. Sein Blick fiel auf Silvester
-Bursfeld. Der Gefangene hatte sich herumgeworfen, so
-daß er Jane sehen konnte, die immer noch in leichtem
-Schlummer lag. Die Blicke Glossins und Logg Sars
-trafen sich, und Schrecken kroch dem Doktor an das Herz.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick fühlte er, daß der Motordefekt
-keine zufällige Panne war. Er fühlte es, daß die unheimliche,
-unbekannte Macht wieder hinter ihm her war.
-Er hätte einen Eid darauf geschworen, daß dieselbe Kraft,
-die damals die Maschine in Sing-Sing lähmte, jetzt auch
-die Turbinen des Rapid Flyers in ihrer Arbeit anhielt.<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-Mechanisch faßte er nach der Tasche, welche die kleine
-wirksame Schußwaffe barg.</p>
-
-<p>R. F. c. 2 setzte auf die Grasnarbe auf. Mit vollendeter
-Steuerkunst hatte Kommodore Boolton das Schiff
-noch über die letzten Hochstämme des Waldes gebracht.
-Unmittelbar am Waldrande kam es zur Ruhe und wurde
-von den Schatten der schnell wachsenden Dämmerung
-umfangen. Boolton ließ das Steuer los und drehte sich
-um, als ein Geräusch seine Aufmerksamkeit fesselte. Wie
-zur Salzsäule erstarrt blieb er stehen und stierte durch
-die Seitenscheiben.</p>
-
-<p>Ein zweites Flugschiff schoß aus der Höhe hinab, gewann
-Gestalt und legte sich kaum hundert Meter von
-R. F. c. 2 entfernt auf den Rasen. Das von Minute zu
-Minute unsicherer werdende Licht der Dämmerung genügte
-noch, um die Formen erkennen zu lassen.</p>
-
-<p>Kommodore Boolton fand zuerst die Sprache wieder.</p>
-
-<p>»Ich will des Teufels Großmutter heiraten, wenn es
-nicht R. F. c. 1 ist. Es fliegt kein anderer Bau von der
-Sorte in der Welt. R. F. c. 3 ist noch in der Montage.«</p>
-
-<p>Der Kommandant hatte seinen Ärger vergessen. Die
-Neugier, wie R F. c. 1 hier plötzlich auftauchen könne,
-überwog alle anderen Gefühle. Dr. Glossin stand da,
-die Hand an der Schußwaffe, und blickte auf das fremde
-Schiff.</p>
-
-<p>Dort drüben regte sich nichts. Unheimliche Ruhe
-herrschte. Kommodore Boolton brach das Schweigen.</p>
-
-<p>»Was brennt hier! Habt ihr Feuer an den
-Maschinen?«</p>
-
-<p>Er schrie es nach dem Turbinenraum hin.</p>
-
-<p>Auf die Antwort brauchte er nicht zu warten. Dicht
-neben ihm öffnete sich die massive Metallwand von
-R. F. c. 2. Das Metall glühte eine Sekunde hellrot, die
-nächste grellweiß und versprühte dann als Dampf. Noch
-bevor es Zeit hatte, zu schmelzen und wegzufließen. Die
-innere Holzbekleidung flammte einen kurzen Moment,
-aber auch sie versprühte und verschwand, bevor<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-es zu einem richtigen Feuer kommen konnte. Nur ein
-letzter Brandgeruch machte sich bemerkbar.</p>
-
-<p>Schon war die dem neuen Flugschiff zugekehrte Seitenwand
-von R. F. c. 2 in der Größe mehrerer Quadratmeter
-verschwunden.</p>
-
-<p>Kommodore Boolton sah, wie sein gutes Schiff sich vor
-seinen Augen in Dampf und Nichts auflöste. Mit geballten
-Fäusten stürzte er erbittert auf die entstandene
-Öffnung zu.</p>
-
-<p>… Und geriet in den sengenden Strahl der telenergetischen
-Konzentration. Im Augenblick flammten die
-Kleider an seinem Leibe auf. Er wollte zurück und war
-doch schon tot, verbrannt, in rotglühende Kohle und stäubende
-Asche verwandelt, bevor noch der Gedanke, daß er
-bedroht sei, in seinem Gehirn Wurzel fassen konnte.</p>
-
-<p>Die Flamme des Strahlers fraß weiter. Schon lag die
-Kabine bloß. Jetzt versprühte die dem Angreifer zugekehrte
-Wand des Motorenraumes.</p>
-
-<p>Ingenieur Wimblington war nicht gewillt, seine Maschinen
-ruinieren zu lassen. Seine Rechte fuhr nach der
-Tasche. Schon lag die Präzisionsschußwaffe in seiner
-Faust. Prasselnd schlugen die Geschosse gegen die
-Flanken von R. F. c. 1.</p>
-
-<p>Das erste … das zweite … das dritte … das vierte
-ging darüber hinweg, denn der feurige Strahl faßte den
-Ingenieur, fraß die Waffe in seiner Hand, fraß die Hand
-und fraß ihn selbst, bevor er ein fünftes Mal abdrücken
-konnte.</p>
-
-<p>Mit aufgehobenen Händen sprangen die Monteure
-durch die Öffnung ins Freie.</p>
-
-<p>Der eine zersprühte und verglühte im Augenblick des
-Absprunges. Den zweiten traf der Strahl in der
-Zehntelsekunde, die er in der Luft schwebte. Etwas weiße
-Asche fiel auf den Rasen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin hatte die Katastrophe im Motorenraum
-nicht gesehen. Mit Aufbietung aller Kräfte hatte er in
-diesen Sekunden die Verschlußschrauben gelöst, die die<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-Tür auf der Backbordseite des Flugschiffes verschlossen
-hielten.</p>
-
-<p>Mit einem Sprunge riß er Jane an sich. Mit einem
-Ruck hatte er auch die Schußwaffe wieder zur Hand.</p>
-
-<p>Der Schuß blitzte auf. Aus nächster Nähe war die
-Waffe auf Silvester gerichtet.</p>
-
-<p>Schmerzlich zuckte der Getroffene zusammen. Eine
-kräftige Abwehrbewegung mit den eng gefesselten Händen
-brachte den Doktor ins Wanken. Er wäre gestürzt,
-hätte er nicht im letzten Moment die Waffe fallen lassen
-und sich an den Türpfosten geklammert.</p>
-
-<p>Jetzt zeigte sich die Kraft, die in diesem mißgestalteten
-Körper vorhanden war.</p>
-
-<p>Die bewußtlose Jane noch immer auf dem Arm, glitt
-Glossin von der Plattform der Kabine auf der Backbordseite
-zum Flugschiff hinaus und lief auf den Wald zu.</p>
-
-<p>Im gleichen Augenblick, in dem Atma R. F. c. 1 verließ
-und in langgestreckten Sätzen auf R. F. c. 2 zustürmte.
-Als Glossin auf der Backbordseite den Boden
-berührte, sprang Atma auf der Steuerbordseite in das
-Schiff.</p>
-
-<p>Er sah Silvester gefesselt und durchschnitt die bindenden
-Stricke gedankenschnell. Er ließ den Strahler in
-Silvesters Hände fallen, glitt im selben Moment schon
-zur anderen Seite des Flugschiffs hinab und stürmte
-dem Walde zu.</p>
-
-<p>Es war hohe Zeit. Nur noch undeutlich schimmerte
-Janes weißes Kleid durch die Stämme. Dr. Glossin
-hatte einen bedeutenden Vorsprung, und die Schatten
-der Dämmerung wuchsen von Sekunde zu Sekunde. Aber
-Dr. Glossin war alt, und Atma war jung, Dr. Glossin
-trug eine schwere Last auf seiner Schulter, und Atma
-war ungehindert.</p>
-
-<p>Der Vorsprung Glossins nahm von Minute zu Minute
-ab. Durch das Stoßen und Schütteln des Laufes war
-Jane wieder zum Bewußtsein gekommen und sträubte
-sich mit allen Kräften. Sie schlug auf den Arzt ein, warf
-sich wild zurück und hinderte ihn schwer.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p>
-
-<p>Schon hörte er den keuchenden Atem des Inders hinter
-sich. Da packte ihn die Todesfurcht. Das Verhängnis
-kam hinter ihm. Nur noch einmal entrinnen!</p>
-
-<p>Eine kleine Schlucht öffnete sich vor ihm. Er ließ Jane
-zu Boden gleiten, sprang in die Tiefe und lief die Bodenfalte
-entlang. Hier herrschte schon Dunkelheit. In
-seiner dunklen Kleidung war er in dem dichten
-Unterholz nicht mehr zu sehen. Vorsichtig schlich er
-von Baum zu Baum weiter, bemüht, jedes Geräusch
-zu vermeiden.</p>
-
-<p>Atma war bei Jane stehengeblieben. Vorsichtig hob
-er sie auf, trug und führte sie aus dem Walde auf das
-freie Feld zurück, brachte sie sicher in die Kabine von
-R. F. c. 1 und sah dann nach Silvester.</p>
-
-<p>Der lag ohnmächtig in sich zusammengesunken. Der
-Strahler war seinen Händen entfallen. Aus der Wunde
-strömte das Blut.</p>
-
-<p>Atma kam nicht zu früh. Das Messer, welches vor
-kurzem die Fesseln durchschnitt, zertrennte jetzt die Gewandung.
-Die getroffene Seite lag bloß. Eine Schlagader
-war verletzt. Im Rhythmus des Herzschlages
-spritzte der rote Lebenssaft.</p>
-
-<p>Es dauerte geraume Zeit, bis Atma des Unheils
-Herr wurde. Endlich stand die Blutung.</p>
-
-<p>Die Wundränder schlossen sich. Vorsichtig trug Atma
-seinen Jugendgespielen in das andere Schiff und bettete
-ihn mit unendlicher Sorgfalt.</p>
-
-<p>Jetzt wußte Atma den Freund und das Mädchen
-geborgen. Seine Gestalt straffte sich, und mit dem
-Strahler in der Hand wandte er sich dem Walde zu.
-In der letzten Dämmerung des entschwindenden Tages
-stand dort die Ruine von R. F. c. 2.</p>
-
-<p>Der Strahler wirkte. Jetzt brauchte der Inder nicht
-mehr so sorgfältig zu zielen und zu konzentrieren. Mit
-Gewalt explodierten zehntausend Kilowatt in dem
-Wrack. Im Augenblick glühte der ganze Rumpf
-hellrot auf. Schnell wuchs die Hitze zu blendender
-Weißglut. Das Aluminium des Körpers begann zu<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-brennen. Millionen von Funken und Sternchen warf die
-glühende Masse nach allen Seiten in die Luft. Dann floß
-sie zusammen. Eine einzige Lache geschmolzener Tonerde,
-wo noch vor kurzem ein vollendetes Meisterwerk
-menschlichen Erfindungsgeistes gestanden hatte.</p>
-
-<p>Atma stellte den Strahler ab. Aber die hellrot glühende
-Schlackenmasse da drüben gab noch nicht Ruhe. Die
-Flammen sprangen auf den Waldrand über. Das dürre
-Gras brannte, einige Grenzbäume fingen Feuer.</p>
-
-<p>Atma sah das Schauspiel, ohne etwas dagegen zu tun.</p>
-
-<p>Mit schnellen Griffen ließ er die Turbinen von
-R. F. c. 1 angehen. Der Rapid Flyer stürmte in die
-Höhe. Weit hinter ihm lag der brennende Wald.
-Atma sah es und lächelte.</p>
-
-<p>»Wenn der Wind gut steht, Glossin, dann lernst du
-diese Nacht doch noch&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Rest erstarb im Brausen der Turbinen.</p>
-
-<p>Atma trat an die Steuerung und setzte das Schiff auf
-reinen Nordkurs. Der Weg gerade über den Pol blieb
-der sicherste.</p>
-
-<p>Auf der Wiese vor dem Herrenhause in Linnais setzte
-R. F. c. 1 leicht und beinahe erschütterungsfrei auf. Mit
-starken Armen trug Erik Truwor den wunden Freund
-in sein Heim, während Jane am Arm Atmas folgte.</p>
-
-<p>Und dann kamen Tage banger Sorge. Die Verwundung
-Silvesters war nicht lebensgefährlich. Die Kugel
-Glossins war an einer Rippe abgeglitten und hatte nur
-eine Fleischwunde verursacht.</p>
-
-<p>Bedenklicher war das hohe Fieber. Der alte Arzt
-aus Linnais schüttelte ratlos den Kopf. Keine Wundinfektion,
-glatt fortschreitende Heilung der Verletzung
-und trotzdem diese Fieberschauer, die den Kranken bis
-an den Abgrund der Vernichtung führten. Seine Kunst
-und sein Latein waren hier zu Ende.</p>
-
-<p>Lange Tage und kurze, hell dämmernde Nächte folgten
-aufeinander, in denen Jane nicht vom Lager Silvesters
-wich, Atma sich mit ihr in die Pflege teilte. Atma, der
-die Dinge anders ansah als der schwedische Arzt.<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-Atma, der die wildesten Fieberträume Silvesters beruhigte,
-wenn er ihm die Hand auf die Stirn legte.</p>
-
-<p>»In der fünften Nacht wird die Entscheidung fallen.«</p>
-
-<p>Atma hatte es Erik Truwor zugeflüstert, als sie den
-Verwundeten aus dem Rapid Flyer trugen und auf sein
-Lager betteten. Jane hatte die Worte gehört, so leise
-sie auch gesprochen wurden.</p>
-
-<p>Heute war die fünfte Nacht. In dem verdunkelten
-Zimmer saß Jane am Lager Silvesters und bewachte
-jede Regung des Kranken.</p>
-
-<p>Es war nach Mitternacht, und das fahle Licht des
-jungen Tages dämmerte durch die Schatten des Zimmers.
-Mit Angst und Freude bemerkte Jane eine Veränderung
-in den Zügen Silvesters. Es zuckte leise darin.
-Die geschlossenen Augenlider schienen sich heben zu
-wollen. Der Körper machte schwache Bewegungen.</p>
-
-<p>War das der Tod? Oder war es Erwachen zu neuem
-Leben?</p>
-
-<p>Die Sorge überwältigte Jane. Sie wollte Atma rufen,
-doch die Stimme versagte ihr. Rückhaltlos überließ sie
-sich den Gefühlen, die in ihr stürmten. Sie umschlang
-Silvesters Hals, sie flüsterte ihm zärtliche Worte zu und
-drückte ihre Lippen auf seine Stirn. Alle Instruktionen
-des Arztes, alle Weisungen Atmas waren in diesem
-Augenblick vergessen.</p>
-
-<p>»Silvester, verlaß mich nicht! Silvester, bleibe bei mir!«</p>
-
-<p>War es der Klang ihrer Stimme so nahe an seinem
-Ohr? Einen Augenblick hob er die Augenlider, als
-suche er mit Gewalt die Umgebung zu erkennen. Dann
-schlossen sie sich wieder. Der Kopf sank tiefer. Er lag
-ganz still und regungslos.</p>
-
-<p>»Silvester!«</p>
-
-<p>Ein Schrei aus tiefster Not war es. Leise sank sie
-neben dem Bett auf die Knie und vergrub das Antlitz
-in ihre Hände.</p>
-
-<p>Atma war in das Zimmer getreten. Seine Augen
-ruhten forschend auf den Zügen Silvesters.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p>
-
-<p>»Die Seele ist stärker als der Tod … Er ist gerettet.«</p>
-
-<p>Er murmelte es leise und trat zurück.</p>
-
-<p>Von neuem öffnete der Kranke die Augen. Diesmal
-viel freier und leichter. Und sah mit freudvollem
-Staunen den blonden Kopf an seiner Brust, dessen Antlitz
-ihm verborgen war.</p>
-
-<p>»Wer … Was ist&nbsp;…«</p>
-
-<p>Jane war aufgesprungen.</p>
-
-<p>»Er lebt, er wird leben!«</p>
-
-<p>Noch erkannte Silvester sie nicht.</p>
-
-<p>»Wer ist … wer bist&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Jane, deine Jane bin ich … Jane ist bei dir!
-Gott hat uns wieder vereinigt.«</p>
-
-<p>Der Schimmer des Verstehens, des Wiedererkennens
-flog über die Züge Silvesters.</p>
-
-<p>»Jane?«</p>
-
-<p>»Ja, deine Jane … für das ganze Leben!«</p>
-
-<p>»Jane! … Jane!« … Er wiederholte den Namen,
-als gewähre ihm das Aussprechen höchste Seligkeit. Er
-hob die Arme und legte sie um Janes Hals. Er zog
-ihr Haupt zu sich und lehnte seine Wange an die ihre.</p>
-
-<p>»Meine Jane«, sagte er so leise, daß sie wohl bemerken
-konnte, wie die körperliche Schwäche ihn zu übermannen
-drohte.</p>
-
-<p>»Vor Gott schon lange und jetzt auch vor den
-Menschen.«</p>
-
-<p>Seine Augen schlossen sich wieder, aber das selige
-Lächeln blieb auf seinen Lippen. Schnell und sanft
-schlummerte er ein.</p>
-
-<p>Mit unhörbaren Schritten trat Atma neben Jane.</p>
-
-<p>»Dein Geliebter schläft. Die Gefahr ist vorüber. Du
-armes Kind mußt auch ruhen. Komm und laß mich
-allein mit Silvester. Zur rechten Zeit will ich dich
-rufen.«</p>
-
-<p>»Er schläft, er ist gerettet!« wiederholte Jane. Sie
-sprach es leise. Einen langen Blick warf sie auf den
-ruhig Schlummernden und folgte dem Inder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p>
-
-<p>Nachdem die Krisis überstanden, die Kraft des Fiebers
-gebrochen war, machte die Genesung Silvesters schnelle
-Fortschritte. Schon am dritten Tage ging er an Janes
-Arm über die Wege des parkartigen Gartens, der das
-Herrenhaus umschloß, und jede Stunde des Tages war
-eine Stunde des Glücks für die Liebenden. Nach einer
-Woche wagten sie es, den Pfad zum Ufer des
-Torneaelf zu wandern, berückt und entzückt von
-der romantischen Schönheit dieser wunderbaren Landschaft.
-Ein unendliches Glücksgefühl durchflutete
-ihre Herzen. In dem dichten Grase am Flußufer ließen
-sie sich nieder. Silvester lehnte seinen Kopf in Janes
-Schoß und schloß tief atmend die Augen.</p>
-
-<p>»Wenn ich deine liebe Gestalt nicht fühlte, möchte ich
-glauben, es wäre nur ein schöner Traum, und würde den
-Himmel bitten, daß er mir ein Ende fände. Jane, du
-bist bei mir«, er zog ihre Hände an seine Lippen und
-küßte sie. »Die guten Feenhände, ihnen verdanke ich
-mein Leben.«</p>
-
-<p>»O Silvester, wie gern wäre ich für dich gestorben,
-hätte mein Tod dir Rettung bringen können. Du hast
-so vieles, wofür du leben mußt. Ich habe nichts als
-dich. Was sollte aus mir werden, wenn ich dich nicht
-hätte.«</p>
-
-<p>Ihre Arme umschlossen den Geliebten. Ihre Augen
-versenkten sich ineinander … ihre Lippen fanden sich
-in einem langen, langen Kuß.</p>
-
-<hr class="chap" />
-<div class="chapter">
-<h2 id="Teil_III">Teil III.</h2>
-</div>
-
-<p>»Auf die Postille gebückt zur Seite des wärmenden
-Ofens&nbsp;…«</p>
-
-<p>Es war Geburtstag im Hause Termölen. Das Geburtstagskind
-Andreas Termölen trug seine acht Jahrzehnte,
-so gut ein Mensch sie zu tragen vermag. Schon
-am Vormittag hatte er den Festrock aus feinem schwarzen
-Tuch angelegt. Die Kriegskreuze aus dem großen<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-Kampfe von Anno 14 bis 18 schimmerten auf der linken
-Brustseite.</p>
-
-<p>Das volle, weiße Haar, der starke Schnurrbart gaben
-dem Gesicht einen energischen Zug. Doch die Jahre
-machten sich fühlbar. An der Seite seiner Luise, der fünf
-Jahre jüngeren Gattin, hatte der Jubilar in den Vormittagsstunden
-die Schar der Gratulanten empfangen.
-Die Wirtz, die Schmitz, die Raths und wie sie alle hießen.
-Der Duft von Blumenspenden erfüllte das Wohnzimmer.
-Der Alte hatte sich aufrechtgehalten. Mit alten Freunden
-und Kriegskameraden geplaudert und ein Gläschen
-getrunken.</p>
-
-<p>Danach das Mittagsmahl. Nur zu zweit mit seinem
-Luischen, die mit ihm jung gewesen und alt geworden
-war. Da spürte er die Anstrengungen des Tages. Die
-Hände zitterten mehr als gewöhnlich. Der Rücken
-schmerzte ein wenig.</p>
-
-<p>Besorgt betrachtete ihn die Gattin.</p>
-
-<p>»Es is also, als et Bismarck schon gesacht hat. Die
-ersten Siebenzig sind alleweil die besten. Da is nichts
-dran zu ändern, Luische.« So suchte er die Sorge der
-Gattin fortzuscherzen. Und war doch froh, als er sich
-nach geschehener Mahlzeit behaglich in dem alten Ledersessel
-ausstrecken konnte. Da konnten sich die alten Glieder
-wohlig ruhen und lösen.</p>
-
-<p>Die Termölensche Ehe war kinderlos. Die Liebe der
-alten Leute betätigte sich an Neffen und Nichten. Auch
-an der dritten Generation, die zum größten Teil schon
-erwerbstätig im Leben stand.</p>
-
-<p>Der alte Mann wollte sein Schläfchen machen. Aber
-die Anregungen und Ungewohnheiten des Tages wirkten
-nach. Er war zu aufgeregt dazu.</p>
-
-<p>»Wat meinst du, Luischen, ob de Jong, de Willem,
-hüt von Essen röwerkütt?«</p>
-
-<p>»Ich mein, er wird schon komme, wenn er Zeit hat.«</p>
-
-<p>Die Zwiesprach galt dem Oberingenieur Wilhelm
-Lüssenkamp von den Essener Stahlwerken. Der stand
-nun auch schon im fünfzigsten Lebensjahre. Aber für<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-die beiden Alten blieb er nach wie vor »de Jong, de
-Willem«.</p>
-
-<p>Der Alte sann einige Zeit über die Antwort nach.</p>
-
-<p>»Wenn er Zeit hat. Et jibt jetzt mächtig zu don. Et
-jibt bald Krieg. Engländer und Amerikaner. Et soll
-mich freuen, wenn dat Volk sich ordentlich de Köpp zerschlägt.«</p>
-
-<p>Dann sprangen seine Gedanken zu einem anderen
-Gegenstand über.</p>
-
-<p>»Wer hätt dat jedacht, Luische, dat aus unserer Reisebekanntschaft
-auf dem Schiff … damals hinter Bonn
-… dat daraus wat Ernstlichet werden wird. Ich han
-mir nachher jedacht, die jungen Leut' müßten mich für
-'nen alten Schwefelkopf halten. Und da kütt dann
-en Brief aus Amerika. Un dann noch einer aus
-Schweden. Dat muß ich nochmal lesen.«</p>
-
-<p>Frau Luise Termölen brachte die Briefe. Der alte
-Mann versuchte zu lesen. Die Hand war zu zitterig, und
-die Schrift verschwamm ihm vor den Augen.</p>
-
-<p>»Lis du es jet, Luische. Du hast jüngere Augen.«</p>
-
-<p>Frau Luise setzte sich zurecht und las die fünfzigmal
-gelesenen Briefe zum einundfünfzigstenmal.</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-Trenton, den 14. Dezember 1953.</p>
-<p class="center">
-Geehrter Herr Termölen!
-</p>
-
-<p>Ein wunderbarer Zufall hat es gefügt, daß die Hinweise,
-die Sie mir vor Jahresfrist gaben, mir
-wirklich ziemlich vollkommene Klarheit über meine
-Herkunft gebracht haben. Ich bin, wie Sie aus dem Poststempel
-ersehen können, in Trenton. In denselben
-Staatswerken, in denen auch Frederic Harte bis vor
-zwei Jahren seine Stellung bekleidete. Er verlor sein
-Leben bei einem Unfall. Aber seine Witwe weiß über
-die Schicksale der einzelnen Familienmitglieder gut Bescheid.
-Ich habe Frau Harte und ihre Tochter Jane
-kennen und schätzen gelernt. Nach den langen Unterhaltungen,<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-die ich mit Frau Harte hatte, ist es für mich
-Gewißheit, daß ich der Sohn von Gerhard Bursfeld bin,
-der im Herbst 1922 in Mesopotamien verschollen ist. Zeit
-und Ort stimmen genau mit den Angaben, die mir von
-anderer Seite her über das Verschwinden meines
-Vaters bekannt wurden. Die Wahrscheinlichkeit, daß
-zwei Deutsche an derselben Stelle zur selben Zeit in
-dieser Weise verschwinden sollten, ist praktisch gleich Null.
-Auch Frau Harte bestätigte die Ähnlichkeit mit Gerhard
-Bursfeld, von dem sie gute Bilder besitzt. Ich darf Sie
-danach auch als meinen Verwandten betrachten und begrüße
-Sie als</p>
-
-<p class="center">
-Ihr dankbarer</p>
-<p class="right">
-Silvester Bursfeld.
-</p></div>
-
-<p>Der Brief war an den Kniffstellen mehrfach eingerissen
-und trug die Spuren häufiger Lektüre.</p>
-
-<p>»Wer hätte dat jedacht, Luische, dat die Menschen sich
-auf Jottes weiter Welt so zusammenfinden. Laß mich
-och den zweiten Brief hören.«</p>
-
-<p>Frau Luische rückte die Brille zurecht und las weiter.
-Der andere Brief war neuesten Datums.</p>
-
-<div class="letter">
-<p class="right">
-Linnais, den 5. Juli 1955.</p>
-<p class="center">
-Mein lieber Herr Termölen!
-</p>
-
-<p>Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt und verdanke
-Ihnen, daß ich es bin. Hätten Sie mir damals
-nicht die Nachweise gegeben, wär ich nie zu Mrs. Harte
-gekommen. Dann wäre Jane Harte auch nicht meine
-liebe Braut und in zwei Stunden mein angetrautes
-Weib. Es treibt mich, Ihnen von meinem Glück Kenntnis
-zu geben. Heute nachmittag gehen wir auf die Hochzeitsreise.
-Italien, Griechenland, Ägypten bis zu den
-Pyramiden. Jane kennt die Alte Welt noch nicht. Sie
-hat immer in Amerika gelebt. Auf der Rückreise wollen
-wir Sie besuchen. Ich lade mich und meine junge Frau
-auf die Mitte des Monats für ein paar Tage bei Ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-zu Gaste. Durch Jane, die es von <span id="corr157">ihrer</span> Mutter weiß,
-erfuhr ich, daß Sie am 8. Juli Ihren achtzigsten Geburtstag
-feiern. Wir gratulieren dazu von den Ufern
-des Torneaelf her und werden unsere Glückwünsche
-bald mündlich wiederholen.</p>
-
-<p>Ich bleibe</p>
-
-<p class="center">
-Ihr ergebenster&nbsp;…
-</p></div>
-
-<p>Frau Luise blickte von ihrer Lektüre auf. Nun war
-der alte Mann doch eingeschlafen. Die Natur verlangte
-ihr Recht. Sie ließ ihn ruhig schlummern und bereitete
-leise den Kaffeetisch für den Nachmittag. Der Junge,
-der Wilhelm, wurde ja erwartet. Vielleicht kamen auch
-noch andere Gäste.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Hausglocke erklang. Andreas Termölen fuhr aus
-seinem Schlummer empor. Eine kräftige männliche
-Stimme im Vorraum. Wilhelm Lüssenkamp trat in das
-Zimmer. Der blonde Rheinländer begrüßte den alten
-Oheim herzlich und brachte ihm seine Gabe dar. Einen
-Korb mit Rosen, zwischen denen die rotgekapselten Hälse
-von einem Dutzend guter Flaschen verheißungsvoll
-blinkten.</p>
-
-<p>»Alter Wein für alte Leute, Onkelchen. Meine besten
-Glückwünsche. Lange kann ich nicht bleiben. Wir
-arbeiten mit Nachtschicht. Mit List und Tücke bewog ich
-den Kollegen Andriesen, mich über den Nachmittag zu
-vertreten. Erwischte einen freien Werkflieger, der mich
-bis Düsseldorf mitnahm, und da bin ich.«</p>
-
-<p>Andreas Termölen ließ den Wortschwall über sich ergehen.
-Drückte die Hände seines Neffen herzlich und
-lange.</p>
-
-<p>»Et freut mich, Jong, dat du noch auf en paar Stündchen
-den Weg zu deinem alten Ohm jefunden hast. Dafür
-sollst du och dat erste Stück vom Kuchen haben.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span></p>
-
-<p>Sie setzten sich an den Kaffeetisch, griffen zu und
-ließen sich schmecken, was Frau Luise darbot.</p>
-
-<p>In die idyllische Ruhe dieses stillen Heims kam Wilhelm
-Lüssenkamp aus dem sausenden Getriebe der
-großen Essener Stahlwerke. Kam, brachte die Unrast
-und Anspannung harter Arbeit mit, und fand bei dem
-alten Manne freudiges Verständnis. Bis vor fünfzehn
-Jahren hatte Andreas Termölen selbst eine leitende
-Stellung in der rheinischen Stahlindustrie bekleidet. Er
-wußte, was es bedeutet, den Gang der Schmelzöfen zu
-überwachen und Abstich auf Abstich in die Kokillen zu
-bringen. Begierig lauschte er den Erzählungen des
-Neffen.</p>
-
-<p>Daß das Werk im Laufe der letzten vierzehn Tage die
-Zahl der Stahlöfen verdreifacht habe. Tag und Nacht
-wurde mit riesenhaft vermehrtem Personal gearbeitet.
-Eben trocken, wurden die Ofen schon in Betrieb genommen.
-Vorsichtig begann die Beheizung. Die Gasanlage
-war Gott sei Dank auf Zuwachs gebaut und lieferte den
-nötigen Brennstoff.</p>
-
-<p>War nach vierundzwanzigstündiger Beheizung die
-letzte Spur von Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk getrieben,
-dann wurde der volle Flammenstrom angestellt.
-Dann stieg die Hitze im Ofeninnern in wenigen Stunden
-auf grelle Weißglut. Dann warfen die Maschinen
-Charge auf Charge in den Ofen. Gußbrocken, Schmiedeeisen
-und alle anderen Rohstoffe, aus denen in der
-Höllenglut der edle Stahl gekocht wurde.</p>
-
-<p>Der warme Betrieb mußte Tag und Nacht durchgehen,
-weil man die Öfen nicht einfrieren lassen durfte.
-Aber er ging jetzt forciert. Er war schon verdreifacht
-und sollte noch einmal verdreifacht werden.</p>
-
-<p>»Wat soll dat all? Wo wollt ihr mit der Unmasse
-Stahl hin?«</p>
-
-<p>Wilhelm Lüssenkamp zuckte mit den Achseln.</p>
-
-<p>»Nicht meine Sorge, Ohm. Das Schmelzwerk hat
-den Auftrag, soviel Stahl wie möglich zu liefern.
-Wenigstens aber eine Million Tonnen im Jahr. Da<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-heißt es: Anbauen und sich dranhalten. Übrigens …
-ich verrate damit kaum ein Geheimnis: Es ist stadtbekannt,
-daß die Amerikaner unmenschliche Stahlmengen
-für ein Sündengeld fest gekauft haben und in
-Deutschland stapeln.«</p>
-
-<p>»Et jibt Krieg, Jung. Ick hab dat schon vorher jesagt.«</p>
-
-<p>»Kann sein, Onkel Andreas. Es sieht so aus, als ob
-John Bull und <span id="corr159">Uncle</span> Sam sich an die Kehle wollen.
-Der Amerikaner kauft Stahl. Der Engländer interessiert
-sich mehr für fertige Sachen. Im Motorenraum, unsere
-neuen Turbinen … ich will mich nicht rühmen …
-aber die haben's in sich und haben's auch den Englischen
-angetan. Bei den Probefahrten haben wir zwölfhundert
-Kilometer geschafft. Die bis jetzt schnellsten Maschinen,
-das ist die amerikanische R. F. c.-Type. Tausend Kilometer.
-Von uns um zweihundert Kilometer geschlagen.
-Der englische Kapitän, der eine Probefahrt mitmachen
-durfte, war einfach platt. Steckte die Entfernung
-zwischen Fredericsdal an der grönländischen Südspitze
-und der Wendemarke auf der Azoreninsel immer wieder
-auf dem Globus ab und schüttelte den Kopf. Seitdem
-sind die Engländer scharf hinter den Turbinen her.
-Zehntausend Stück sofort in festen Auftrag.«</p>
-
-<p>Wilhelm Lüssenkamp ließ den Blick auf den Kriegsorden
-des Oheims ruhen.</p>
-
-<p>»Du hast die alten Denkzeichen angelegt?«</p>
-
-<p>Er beugte sich vor und ließ einzelne Spangen der Dekoration
-durch die Finger gleiten.</p>
-
-<p>»Sommeschlacht … Verdun … Kemmelberg …
-Ypern … Dixmuiden … Chemin des Dames …
-blutige Orte. Nach dem, was wir schon als Kinder
-hörten, muß es da böse zugegangen sein.«</p>
-
-<p>Der alte Mann nickte zustimmend.</p>
-
-<p>»Jong, et is jetzt vierzig Jahre her. Aber die Tage
-stehen mir noch wie heute vor dem Gesicht. Manchmal
-scheint et mir noch heut unglaublich, dat ich damals am
-Leben geblieben bin … Et war die Hölle. Et war<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-mehr als die Hölle.« Der Alte schwieg, von der Erinnerung
-ergriffen. Der Neffe nahm das Thema auf.</p>
-
-<p>»Es war schlimm, Onkel Andreas. Aber jetzt kommt
-es noch viel schlimmer. Der Krieg, der uns bevorsteht,
-wird das Entsetzlichste, was die Welt jemals gesehen hat.
-Dreihundert Millionen Nordamerikaner gegen siebenhundert
-Millionen Britten. Die Industrie der Erde schon
-jetzt keuchend in voller Kriegsarbeit. Neue Mittel, neue
-Mordmethoden, von denen die meisten Menschen heute
-noch keine Ahnung haben. Aber … es geht nicht um
-unsere Haut. Die beiden Weltmächte, die übriggeblieben
-sind, schneiden sich die Kehle ab. Niemand kann die
-Katastrophe aufhalten. Sie ist unabwendbar. Wenn sie
-nicht morgen kommt, dann übermorgen. Aber sie kommt.
-Ich glaube nicht, daß wir noch im Frieden den Kornschnitt
-erleben. Nach meiner Meinung muß der amerikanische
-Diktator ganz plötzlich und unvermutet losschlagen,
-wenn er die besseren Chancen auf seine Seite
-bringen will.</p>
-
-<p>Die Engländer sprechen seit fünfzig Jahren vom
-<em class="antiqua">Saxon day</em>. Ich meine, er steht dicht vor der Tür, und
-kein Mensch kann das Verhängnis aufhalten.«</p>
-
-<p>»Kein Mensch&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der alte Mann wiederholte es nachdenklich.</p>
-
-<p>»Sie haben et nicht verdient, dat wir ihnen eine Träne
-nachweinen. Laßt sie sich meinetwegen die Hälse abschneiden
-… janz wat anderes, Jung'! In zehn
-Tagen jibt et bei uns Besuch. Einer von den Bursfelds.
-Ich hab dir ja erzählt, wie wunderlich wir ihn entdeckt
-haben. Seine Jroßmutter war meine Schwester. Eine
-Schwester deiner Mutter. Er wird uns mit seiner jungen
-Frau besuchen. Sieh, dat du in den Tagen auch mal
-zu uns kommst.«</p>
-
-<p>Wilhelm Lüssenkamp versprach es. Sah auf die Uhr
-und bemerkte, daß es die höchste Zeit zum Aufbruch
-sei. Er mußte eilen, wenn er sein Flugzeug an der verabredeten
-Stelle treffen wollte. Die siedende Arbeit rief<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-ihn zurück, fort aus dieser ruhigen Feierstimmung, in
-die Gluten und zu den rasselnden Maschinen industriellen
-Hochbetriebes.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Glockengeläut klang vom Turm der alten Kirche von
-Linnais. Über die sonnenbeschienenen Dächer des Ortes,
-über bestellte Felder, die in kurzen Sommerwochen spärlichen
-Ertrag brachten, zogen die Töne dahin, das Tal
-des Torneaelf entlang und verloren sich schließlich in
-bläulicher Ferne zwischen den föhrenbestandenen Ufern.</p>
-
-<p>In der Kirche herrschte gedämpftes Licht. In hundert
-Farben spielte es durch die bunten Fenster. Die Kirche
-fast leer. Nur einige zwanzig Personen auf den dreihundertjährigen
-Eichenbänken und in den Chorstühlen.</p>
-
-<p>Die Orgel setzte ein. Die Klänge des Chorals drangen
-durch den Raum. Es war der Hochzeitstag Silvesters.
-Der Tag seiner Vereinigung mit Jane.</p>
-
-<p>Die Orgel schwieg. Der alte Geistliche segnete den
-Bund. Jane im weißen Kleide, den Myrtenkranz im lichtblonden
-Haar, ätherisch zart. Sie glich den Engelsgestalten,
-welche die Kunst eines alten Meisters über dem
-Altar geschaffen hatte. Silvester, den Arm nach der
-Verwundung noch in der Binde, aber froh und glücklich.</p>
-
-<p>Dicht hinter dem Paar die beiden Zeugen der Zeremonie:
-Erik Truwor und Soma Atma.</p>
-
-<p>Der Inder ruhig, in sich versunken. Der freie Ritus
-der Zeit erlaubte es ihm, hier als Zeuge zu dienen.
-Seine Gedanken weilten bei den Lehren der eigenen
-Religion. An das Rad des Lebens dachte er, an das
-wir alle gebunden sind. An das Kämpfen und Leiden
-aller Kreatur, die erst nach tausendfacher Wiedergeburt
-und Bewährung zur ewigen Seligkeit des Nirwana eingehen
-darf.</p>
-
-<p>Erik Truwor hoch gereckt. Jede Muskel verhaltene
-Kraft. Glücklich beim Glücke des Freundes. Doch schon
-weitere Pläne erwägend. Ungeduldig über jede Verzögerung,
-die seine Lebensaufgabe erfuhr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p>
-
-<p>Der Priester wechselte die Ringe. Leicht schob sich
-der goldene Reif auf den schlanken Finger der Braut.
-Hart und schwer legte er sich an Silvesters Hand neben
-den Ring von Pankong Tzo.</p>
-
-<p>Atma sah es, und seine Gedanken nahmen einen
-anderen Lauf.</p>
-
-<p>»Wer schon gebunden ist, soll sich nicht nochmals binden.
-Zwei Pflichten kann niemand erfüllen, zwei
-Herren niemand dienen.«</p>
-
-<p>Der christliche Priester sprach milde Worte. Daß sie
-nun eins seien. Daß jedes dem anderen gehöre, bis
-einst der Tod sie scheiden würde.</p>
-
-<p>Atma sah nur die beiden Ringe an Silvesters Hand.</p>
-
-<p>Auch Erik Truwors Gedanken wanderten. Fort aus
-dem grünen Tale, nordwärts über brandendes Meer
-und weite Eisflächen zu verschneiten Felsen. Nur undeutlich
-drangen die Worte des Priesters an sein Ohr.
-Im Geiste baute er dort nordwärts in eisigen Fernen
-bereits eine neue Zufluchtsstätte. Ein neues Heim, unentdeckbar
-und unangreifbar.</p>
-
-<p>Der Geistliche hatte geendet. Segnend legte er die
-Hände auf die Häupter der Neuvermählten. Ein voller
-Sonnenstrahl fand seinen Weg bis zum Altar und wob
-aus goldenem Licht eine Krone auf dem Scheitel der
-Braut. Die Orgel fiel wieder ein. Die Feier ging dem
-Ende zu.</p>
-
-<p>Kraftwagen brachten die Teilnehmer zum Hause
-Truwor zurück, wo das Mahl gerichtet war. Gäste aus
-dem Ort: Der Vogt von Linnais mit seiner Gattin.
-Der Königliche Richter. Besitzer freier Bauernhöfe aus
-der Umgebung von Linnais mit ihren Frauen.</p>
-
-<p>Eine schwedische Hochzeit mit den alten Sitten und
-Gebräuchen. Seit einem Menschenalter hatte die hohe
-Halle des Hauses so zahlreiche Gesellschaft nicht mehr
-beherbergt. Seitdem Erik Truwors Mutter starb und
-der Vater nur noch seiner Wissenschaft und seinen Reisen
-lebte.</p>
-
-<p>Jetzt dröhnte der Dielenboden unter den Schritten<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span>
-kräftiger hoher Gestalten. Scherzen und Lachen erklangen
-und verjagten die Geister der Einsamkeit.</p>
-
-<p>Amtmann Bjerkegrön führte als Respektsperson den
-Vorsitz und das Wort an der Tafel. Richter Kongsholm
-sekundierte ihm vom anderen Ende her. Es wurde geschmaust
-und getrunken. Der Amtmann brachte den
-Toast auf das junge Paar aus. Der Richter wollte
-nicht nachstehen und sprach auf künftige Paare, die in
-dieser Halle noch Hochzeit halten würden. Der nächste
-Bräutigam müsse Erik sein. Seit tausend Jahren stünde
-Haus Truwor und sei stets vom Vater auf den Sohn
-vererbt worden. Also&nbsp;…</p>
-
-<p>Er schloß in nicht mißzuverstehender Weise und leerte
-sein Glas auf die noch unbekannte Braut.</p>
-
-<p>Um drei Uhr hatte das Mahl begonnen. Um sechs
-Uhr saß man noch. Viele Toaste waren ausgebracht, viele
-Gläser geleert worden. Die Köpfe waren rot, und die
-Stimmung ging hoch. Allgemeines Stimmengebraus
-erfüllte den Raum. Mancher sprach, um zu sprechen,
-und achtete nicht sonderlich mehr darauf, ob er Zuhörer
-fand.</p>
-
-<p>Erik Truwor hatte in der allgemeinen Lebhaftigkeit
-unbemerkt seinen Platz verlassen und sich halb rückwärts
-hinter Atma einen Stuhl hingezogen. Der Inder war
-ruhig und schweigsam wie gewöhnlich. Während der
-Richter von künftigen Hochzeiten sprach, ruhte sein Blick
-auf den altersbraunen Deckenbalken der Halle. Wieder
-kam ihm in jener Sekunde die unheimliche Gabe des
-Fernsehens, und er glaubte verzehrende Flammen um
-das Gebälk lecken zu sehen.</p>
-
-<p>»Dein brauner Kumpan ist schweigsam, Erik. Wir
-wollen ihm zeigen, was eine Hochzeit in Schweden ist.
-Ein Brautführer darf nicht nüchtern bleiben, wenn er
-der Braut Ehre machen soll.« Der dicke Vogt rief es
-lachend und kam dem Inder mit einem vollen Pokal
-vor. Atma tat Bescheid. Dem Vogt und vielen anderen.
-Nur war der Trunk, der bald goldglänzend, bald funkelnd
-wie Rubin in seinem Glase schimmerte, kein Wein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p>
-
-<p>Erik Truwor beugte sich vor.</p>
-
-<p>»In dreißig Minuten muß Silvester aufbrechen, wenn
-er den Anschluß an die Regierungslinie nach Deutschland
-erreichen soll.«</p>
-
-<p>»So laß ihn gehen.«</p>
-
-<p>Atma sagte es ruhig und leidenschaftslos.</p>
-
-<p>»Du kennst meine Landsleute nicht. Sie wollen den
-Brauttanz. Sie wollen den Schleier der Braut vertanzen,
-wollen zuletzt aus dem Brautschuh trinken. Ich
-bedauere es jetzt, daß ich die alten Freunde und Nachbarn
-eingeladen habe. Es gibt Anstoß, wenn das Paar
-jetzt aufsteht.«</p>
-
-<p>Atma überblickte die Tafel. Sie waren alle in ihrem
-Element. Der Richter hielt dem Beisitzer einen Vortrag
-über einen besonders interessanten Fall aus der letzten
-Sitzung. Der Vogt machte der Frau Amtmann Komplimente.
-Der Amtmann begann auf die Regierung
-zu schimpfen.</p>
-
-<p>»Ich muß mit Silvester noch sprechen. Wir haben
-ihm eine Woche für seine Hochzeitsreise zugestanden. Ich
-habe mich besonnen, er mag vierzehn Tage reisen.«</p>
-
-<p>Atma wandte sich aufmerksam um.</p>
-
-<p>»Warum das? Du wolltest ihn zuerst nur drei Tage
-entbehren. Er hat dir die Woche abgerungen. Warum
-jetzt zwei Wochen?«</p>
-
-<p>»Weil … ich habe meine Gründe, die ich dir später
-sagen werde. Ich muß das Paar jetzt aus dem Saal
-herausbekommen.«</p>
-
-<p>Atma ließ seinen Blick von neuem über die Tafel
-gehen. Er erhob sich und trat an die schmale Wand der
-Halle. Es sah aus, als ob er dort irgend etwas erklären
-oder zeigen wolle.</p>
-
-<p>Schon hoben einige aus der Gesellschaft die Köpfe und
-blickten angespannt auf das dunkle Getäfel der Wand.
-Die Frau Amtmann fiel dem Vogt ins Wort.</p>
-
-<p>»Sehen Sie … das herrliche Bild … ein indisches
-Schloß, wie es scheint. Wie wundervoll! Die bunten
-Kuppeln im stahlblauen Himmel … unser Erik ist ein<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-scharmanter Gastgeber. Er bietet uns einen Extragenuß
-… Wohl Bilder von seinen exotischen Reisen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der dicke Vogt hob neugierig den Kopf und folgte der
-weisenden Hand seiner Nachbarin. Eben noch schien ihm
-weißer Nebel über die Wand zu wallen. Jetzt sah er
-in strahlender Schönheit den Kaiserpalast von Agrabad.</p>
-
-<p>Und machte den Nachbarn darauf aufmerksam. Und
-der den nächsten. Wie ein Lauffeuer ging es um die
-Tafel. Die mit dem Rücken gegen die Schmalwand
-saßen, drehten sich um. Wo Silvester und Jane nur
-das dunkle Getäfel erblickten, schimmerte den andern
-das wunderbare Bauwerk altindischer Kunst in strahlender
-Schöne. Aus dem stehenden wurde ein bewegtes
-Bild. Der Palast zog näher heran. Die staubige, sonnenbeschienene
-Straße dehnte sich bis in den Saal. Längst
-hatte der Richter seinen Prozeß, der Amtmann seinen
-Zorn auf die Regierung vergessen. Fasziniert starrten
-die Gäste auf das Schauspiel an der Wand. Die Elefanten
-des Königs kamen. Mit vergoldeten Stoßzähnen
-und purpurnen Schabracken.</p>
-
-<p>Es schien ein bunter Film zu sein, wie man ihn in
-allen Theatern hatte. Aber ein Film von unerhörter
-Farbenpracht. Und er blieb nicht an der Wand. Einzelne
-Figuren liefen bis weit in den Saal hinein.</p>
-
-<p>Lobbe Lobsen zog seinen Stuhl zurück, weil ein staubiger
-Pilger ihm direkt über die Füße lief. Immer
-wunderbarer wurde es. Atma, der eben noch in europäischer
-Kleidung da war, stand plötzlich im exotischen
-Gewand unter den Gestalten, begrüßte hier einen, nickte
-dort einer Figur zu, wurde gekannt und wieder gegrüßt.</p>
-
-<p>Derweil stand Erik Truwor draußen vor dem Hause
-am Schlage des Kraftwagens und tauschte den letzten
-Händedruck mit dem jungen Paar.</p>
-
-<p>»Reist glücklich! Genießt euren Honigmond! Die
-letzten drei Tage seid ihr Gäste im Hause Termölen.
-Am 19. hole ich dich von der Station der Regierungslinie
-ab. <em class="antiqua">Farewell!</em>« Der Motor sprang an. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-Führer mußte sich eilen, um das Regierungsschiff nach
-Deutschland noch im Flughafen zu fassen.</p>
-
-<p>Erik Truwor kehrte langsam in die Halle zurück. Er
-fand Atma ruhig auf einem Sessel an der Schmalwand
-der Halle sitzend. Die Hochzeitsgesellschaft starrte mit
-aufgerissenen Augen auf diese Wand, als ob dort ein
-besonderes Schauspiel zu erblicken wäre. So ähnlich
-mußten wohl die Studenten in Auerbachs Keller ausgesehen
-haben, als Mephisto ihnen edle Weine aus dem
-trockenen Holz des Tisches fließen ließ. Erik Truwor
-konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.</p>
-
-<p>Atma erhob sich und ging auf seinen Platz am Tische
-zurück. Im gleichen Augenblick begann das Bild, welches
-die Zuschauer so fesselte, zu verblassen. Es wurde neblig,
-verlor die Farbe, und schon war wieder die dunkle
-Wand sichtbar. Nur langsam löste sich die Erstarrung
-der Gäste. Dann entlud sich der Beifall um so lauter.</p>
-
-<p>Herrlich … großartig … wundervoll. Die Plastik
-der Bilder. Das Hinaustreten der Figuren in den
-freien Raum. Sie waren fast alle in Stockholm gewesen
-und hatten das Kino mit allen Feinheiten gesehen.
-Farbig natürlich. Auf Nebelwände projiziert.
-Aber niemals hatten sie gesehen, daß einzelne Figuren
-des Bildes bis unter die Zuschauer liefen.</p>
-
-<p>Sie sparten nicht mit ihren Komplimenten gegen den
-Gastgeber.</p>
-
-<p>Und niemand vermißte das Brautpaar. Hin und
-wieder trank ihm einer zu, als ob Jane und Silvester
-noch auf ihren Plätzen säßen. Sie schmausten und zechten
-bis spät nach Mitternacht und dachten erst in den Morgenstunden
-an die Heimfahrt.</p>
-
-<p>Erik Truwor kannte Atmas Künste. Er wußte, daß
-es dem Inder ein leichtes war, dieser ganzen auf keinerlei
-Widerstand eingestellten Gesellschaft die unwahrscheinlichsten
-optischen und akustischen Phänomene zu suggerieren.
-Aber es erfüllte ihn dennoch mit Erstaunen, als
-er sah, wie der Amtmann auf den leeren Stuhl von
-Jane zuschritt, sich feierlich vor einem Nichts verbeugte,<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-mit einem Nichts im Arm durch die Halle walzte und
-das Nichts wieder zum Stuhle zurückgeleitete. Als die
-Amtmännin sich mit geschmeicheltem Lächeln erhob und
-ebenso solo durch den Raum tanzte. In der festen Überzeugung,
-vom Bräutigam aufgefordert zu sein, von ihm
-geführt zu werden.</p>
-
-<p>Es wirkte auf Erik Truwor, weil alle Gäste diesen
-Tänzen besonderen Beifall spendeten. Weil sie alle den
-Schemen sahen, den der Wille Atmas ihnen aufzwang,
-weil er allein der Suggestion nicht unterworfen war
-und das unsinnig Groteske dieser Tänze voll spürte.</p>
-
-<p>Er war es zufrieden, als die letzten das Haus verließen.</p>
-
-<p>Gefolgt von Atma, ging er in das Laboratorium. Dort
-stand der neue Strahler, gekuppelt mit dem Fernseher.</p>
-
-<p>»Wo mag das Paar jetzt sein?«</p>
-
-<p>Der Inder antwortete nicht sogleich. Seine Augen
-blickten weit geöffnet in die Ferne. Langsam kamen die
-Worte.</p>
-
-<p>»Im Süden in weiter Ferne … über schneebedeckten
-Bergen.«</p>
-
-<p>»Du meinst im deutsch-italienischen Regierungsschiff?
-Wir werden sehen.«</p>
-
-<p>Erik Truwor sagte es mit stolzer Befriedigung. Er
-richtete den Apparat. Er ließ einen leichten Energiestrom
-strahlen. Ein Bild erschien auf der Scheibe.
-Ziehende Wolken, schneebedeckte Gipfel. Die Alpenkette
-… das Gotthardmassiv. Ein schimmernder Punkt
-darüber.</p>
-
-<p>Er arbeitete an den Mikrometerschrauben der Feinstellung.
-Er richtete und visierte.</p>
-
-<p>Da wuchs der Punkt zum großen Flugschiff. Jede
-Schraube, jede Niete wurde erkennbar. Er mußte
-dauernd regulieren, um das schnell fahrende Schiff in
-dieser Vergrößerung nicht aus dem Gesichtsfelde zu verlieren.</p>
-
-<p>Jetzt stimmten Regulierung und Flugschiffbewegung
-genau überein. Regungslos verharrte das Schiff in<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span>
-der Mitte der Bildfläche. Vorn dicht hinter der breiten
-Zellonscheibe der Kabine standen Silvester und Jane.
-Hand in Hand, glücklich lächelnd, blickten sie vor sich
-nieder in die fruchtbare italienische Ebene.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Alle diese Kriegsgerüchte sind … ich will den Ausdruck
-unserer Zeitungsleute gebrauchen … sind stark
-verfrüht. Die Welt gehört den Anglosachsen. Sie
-wären Toren, wenn sie sich gegenseitig zerfleischen wollten.
-Der innere tiefliegende Grund zum Kriege fehlt,
-und deshalb wird es trotz allen Pressegeschreis und
-aller Nervosität keinen Krieg geben. Das ist meine
-persönliche Ansicht … und nicht meine Ansicht allein.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin sprach in der überzeugenden und beinahe
-hypnotisierenden Art, über die er so gut verfügte.</p>
-
-<p>Lord Horace Maitland saß ihm in der Bibliothek von
-Maitland Castle gegenüber. »Ihre Worte in Ehren,
-Herr Doktor. Aber warum versucht Amerika die europäische
-Stahlproduktion aufzukaufen?«</p>
-
-<p>Lord Horace ließ die scharfen grauen Augen forschend
-auf dem Arzte ruhen. Dr. Glossin hatte seine Muskeln
-in der Gewalt. Es war ja vorauszusehen, daß die Bemühungen
-der amerikanischen Agenten den Engländern
-nicht verborgen bleiben würden.</p>
-
-<p>»Es ist eine wohldurchdachte Maßnahme des Herrn
-Präsident-Diktators, um den Frieden der Welt aufrechtzuerhalten.«</p>
-
-<p>»Ich muß gestehen, daß mir die Zweckmäßigkeit dieses
-Weges nicht völlig einleuchtet.«</p>
-
-<p>»Eure Herrlichkeit wissen vielleicht nicht, daß ich geborener
-Schotte und nur durch Naturalisation Amerikaner
-bin. Ich betrachte es als meine vornehmste Aufgabe,
-die guten Beziehungen zwischen den beiden Ländern
-zu pflegen … Sie werden einwenden, daß für
-diesen Zweck die gegenseitigen Botschafter der beiden
-Mächte vorhanden sind. In erster Linie gewiß! Aber
-ein Botschafter ist immer eine offizielle Persönlichkeit.<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-Was er spricht, spricht er amtlich im Namen seines
-Standes. Vieles darf er nicht sagen, was zu sagen doch
-bisweilen gut ist.«</p>
-
-<p>Lord Horace strich mit beiden Händen die Zeitung
-auf dem Tisch glatt. Ein leichter Sarkasmus lag in
-den Worten seiner Erwiderung.</p>
-
-<p>»Sie dagegen, Herr Doktor, sind nicht mit der Last der
-Amtlichkeit beschwert, obwohl wir in England ziemlich
-genau wissen, daß Sie der vertraute Ratgeber des
-Präsident-Diktators sind. Sie sprechen ganz privatim
-als Herr Doktor Glossin mit Lord Maitland, der zufälligerweise
-der Vierte Lord der englischen Admiralität
-ist. So meinen Sie es?«</p>
-
-<p>»Genau so, Lord Horace. Und so erwidere ich denn:
-Wir erfuhren, daß die Agenten Englands auf dem Kontinent
-Kriegsmaterial in größtem Maße bestellten und
-kauften. Wir hätten mit gutem Rechte das gleiche tun
-können. Die Rüstungen beider Staaten wären dadurch
-bis zur Fieberhitze in die Höhe getrieben worden. Wir
-zogen es vor, unsere friedliche Gesinnung dadurch zu
-zeigen, daß wir nur den unverarbeiteten Rohstahl
-kauften. Es ist uns leider nicht in dem beabsichtigten
-Umfange gelungen. Ihre Regierung läßt nach unseren
-Ermittelungen Kriegsmaterial auf dem Kontinent
-bauen, durch das Ihre Luftstreitkräfte um fünfzig von
-Hundert verstärkt werden. Die Industrie auf dem Kontinent
-versteht es leider nur zu gut, aus der politischen
-Spannung Kapital zu schlagen. Immerhin werden Ihre
-Rüstungen durch unsere Stahlkäufe in solchen Grenzen
-gehalten, da wir selbst nicht neu zu rüsten brauchen.«</p>
-
-<p>Die Worte Dr. Glossins verfehlten ihre Wirkung auf
-Lord Horace nicht. Es war richtig, daß Amerika bisher
-nur Stahl gekauft hatte. Den freilich in ungeheuerlichen
-Mengen. Noch gab sich Lord Maitland nicht gefangen.</p>
-
-<p>»Sie werden die erworbenen Mengen nach den
-Staaten bringen und dort selbst die Waffen daraus
-schmieden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p>
-
-<p>Erstaunen malte sich auf Glossins Zügen. »Wir denken
-gar nicht daran, die zehn Millionen Tonnen Stahl, die
-wir bisher erwarben, nach den Staaten zu bringen. Es
-genügt uns, daß sie der Kriegsindustrie entzogen sind.
-Und … vergessen Eure Herrlichkeit nicht … wir
-haben schnell gekauft. Haben noch zu erträglichen Preisen
-gekauft.</p>
-
-<p>Eine Entspannung der politischen Lage wird über kurz
-oder lang eintreten. Die Völker der Welt werden sich,
-wie es immer nach solchen Situationen geschah, mit
-erneutem Eifer der Produktion für den Frieden hingeben.
-Aber das Rohmaterial wird dann teurer sein …«
-Doktor Glossin fuhr mit erhobener Stimme fort: »Dann
-werden wir über diesen riesenhaften Vorrat frei verfügen.
-Wir haben es verhindert, daß Schwerter daraus
-gefertigt wurden, wir werden dann Pflugscharen daraus
-schmieden lassen. Die Wunden, die dieser Stahl schlagen
-wird, sollen fruchtbringende Ackerfurchen werden. So
-ist es die Meinung und der Wille meines&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er brach jäh ab, als habe er zuviel gesagt.</p>
-
-<p>»… meines Herrn, des Präsident-Diktators Cyrus
-Stonard«, ergänzte Lord Maitland die Worte Glossins
-in Gedanken. Jetzt war er überzeugt.</p>
-
-<p>Der Doktor behandelte die Kriegsgefahr als nicht vorhanden.
-Das konnte Verstellung sein, zu plump, um
-einen englischen Staatsmann auch nur eine Sekunde zu
-täuschen. Aber Dr. Glossin entwickelte gleichzeitig ein
-Zukunftsgeschäft, das den Amerikanern Milliarden von
-Golddollars bringen mußte, wenn die Spannung sich
-friedlich löste. Der Größe dieser wirtschaftlichen Aussichten
-konnte der Engländer sich nicht entziehen. Busineß
-bleibt Busineß. Der Grundsatz saß zu tief im englischen
-Denken und Fühlen, um nicht zu wirken.</p>
-
-<p>Eine Meldung des englischen Geheimdienstes hatte
-Lord Horace darüber unterrichtet, daß Dr. Glossin erst
-vor wenigen Tagen eine lange Unterredung mit Cyrus
-Stonard gehabt hatte. Es war außer Zweifel, daß er
-im Auftrage des Diktators sprach. Amerika suchte den<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-Krieg zu vermeiden, machte dabei aber gleichzeitig ein
-Milliardengeschäft. Die Taktik war eines Cyrus Stonard
-würdig. Er vermied den Krieg, dessen Ausgang
-unter allen Umständen unsicher war, und schuf gleichzeitig
-die Prosperität, die seine Gewaltherrschaft wieder
-auf eine Reihe von Jahren sichern mußte.</p>
-
-<p>Blitzschnell gingen diese Gedanken Lord Horace durch
-den Kopf. Er prüfte in kurzen Minuten des Schweigens
-den Plan nach allen Richtungen und fand ihn wohldurchdacht.
-Das Netz war gut gewoben. Keine Masche war
-von der Nadel gefallen.</p>
-
-<p>Von diesem Augenblick an neigte er zu der Überzeugung,
-daß Cyrus Stonard ehrlich den Frieden wolle.
-Die Frage, ob auch England ihn wolle, stand auf einem
-anderen Brett. Es hatte danach jedenfalls die Möglichkeit,
-sich die Zeit für einen Konflikt nach Gefallen zu
-suchen.</p>
-
-<p>Lord Maitland hielt die Angelegenheit für wichtig genug,
-um zu einer Besprechung nach London zu fahren.
-Er überließ Dr. Glossin der Gastfreundschaft von Maitland
-Castle und der Gesellschaft von Lady Diana.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Maitland Castle war in der Tudorzeit erbaut. Spätere
-Umbauten hatten im Innern mehr Luft und Licht
-geschaffen, ohne das Äußere bemerkenswert zu verändern.
-Vor der Südfront des Schlosses lag eine breite
-Terrasse, gegen den Garten durch eine Sandsteinmauer
-begrenzt, mit Efeu und Monatsrosen übersponnen.</p>
-
-<p>Die Wasserkünste des Schlosses spielten. Aus gewaltigen
-Löwenrachen schossen die breiten Strahlen in Muschelschalen,
-fielen regenbogensprühend von Kaskade zu
-Kaskade die Mauerhöhe hinab, füllten ein großes Bassin,
-um schließlich in Form eines schilfumrandeten Baches
-dem See zuzufließen.</p>
-
-<p>Im Schatten einer Ulme saß Lady Diana in<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-einem bequemen Korbstuhl. Das Buch, in welchem sie
-gelesen hatte, lag lässig in ihrer Hand.</p>
-
-<p>Ihr gegenüber saß Dr. Glossin.</p>
-
-<p>»Herr Doktor … Ihr Interesse für meine Person
-versetzt mich in Erstaunen. Es geht weit über das hinaus,
-was meine anderen Gäste mir entgegenbringen,
-und … was ich entgegengebracht haben möchte.</p>
-
-<p>Mein Gemahl sagte mir, daß Sie im Interesse unseres
-Vaterlandes nützliche Arbeit tun, den Frieden zwischen
-beiden Ländern erhalten helfen. Das ist in meinen
-Augen ein großes Verdienst. Es gibt Ihnen manche
-Freiheit. Aber jede Freiheit hat Grenzen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Diana Maitland zeigte Bewegung, als sie von der
-Erhaltung des Friedens sprach. Zum Schluß klang ihre
-Stimme kalt abweisend.</p>
-
-<p>»Eure Herrlichkeit legen meinen Worten einen falschen
-Sinn unter. Was ich sagte, hängt mit dem Wohlergehen
-unserer beiden Länder eng zusammen.«</p>
-
-<p>»Herr Doktor, Sie sprechen in Rätseln. Ich kann
-beim besten Willen keinen Zusammenhang zwischen
-meiner Mädchenzeit in Paris und dem Wohlergehen
-unserer Länder finden. Aber ich bewundere
-Ihre Quellenforschung. Sie sind wirklich recht genau
-über meine Vergangenheit unterrichtet&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich bin es in der Tat, Lady Diana. Ich bin es noch
-genauer, als Sie glauben.«</p>
-
-<p>»Bitte, Herr Doktor, ich habe nichts zu verbergen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Diana Maitland sagte es hart und spöttisch, um einen
-Überzudringlichen ein für allemal abzuweisen.</p>
-
-<p>»Ich sagte Eurer Herrlichkeit, daß unsere beiden Länder
-durch einen mächtigen und gefährlichen Feind bedroht
-sind.«</p>
-
-<p>»Ich hörte es bereits, Herr Doktor.«</p>
-
-<p>»Der Feind ist Erik Truwor.«</p>
-
-<p>Langsam brachte Dr. Glossin die Worte hervor. Und
-konnte ihre Wirkung Wort für Wort verfolgen.</p>
-
-<p>Lady Diana, eben noch das Bild sarkastischer Überlegenheit
-und kalt abweisender Ruhe, erblaßte. Ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-Augen weiteten sich bei der Nennung des Namens Truwor,
-als ob sie ein Gespenst sähe. Ihr Gesicht war sehr
-bleich. Viel mehr als die heitere Ruhe offenbarte die
-leidenschaftliche Erregung, deren Spiegel es jetzt war, alle
-Wunder dieses schönen Antlitzes. In dem prachtvollen
-Rahmen des reichen dunkelbraunen Haares, mit den
-halbgeöffneten Lippen und den bebenden Nasenflügeln
-hatte es etwas Dämonisches. Aus ihren Augen sprühte
-die Glut eines flammenden Zornes, eines tödlichen
-Hasses.</p>
-
-<p>»Erik?! … Erik Truwor …?« rief sie heftig.</p>
-
-<p>Sie warf den Kopf zurück und sah Glossin mit durchdringenden
-Blicken an.</p>
-
-<p>»Wie können Sie einen Namen aussprechen, dessen
-Nennung allein eine schwere Beleidigung für mich ist?«</p>
-
-<p>»Ich nannte den Namen eines Mannes, der heute
-unsere beiden Länder schwer bedroht … und der vor
-langen Jahren, Lady Diana, auch einmal in Ihr Leben
-eingebrochen ist.«</p>
-
-<p>»Was sagen Sie? Erik Truwor bedroht … bedroht
-das große England, bedroht das ganze Amerika? …
-Ein einzelner Mann die mächtigsten Reiche der
-Welt? Soll das ein Scherz sein, Herr Doktor&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ihre Stimme bekam einen drohenden Klang. »So
-würde mir Ihre Anwesenheit in Maitland Castle von
-diesem Augenblick an für immer unerwünscht sein.«</p>
-
-<p>»Die Ungnade Eurer Herrlichkeit würde ich in Kauf
-nehmen, wenn ich die harte Tatsache zu einem leichten
-Scherz stempeln könnte.</p>
-
-<p>Ich nannte Erik Truwor. Zusammen mit zwei
-Freunden haust er in Schweden an der finnischen
-Grenze. Der eine seiner Freunde ist Silvester
-Bursfeld, der Sohn jenes Gerhard Bursfeld, den ich
-vor dreißig Jahren in den Tower brachte. Die beiden
-kennen das Geheimnis des Vaters, und sie entwickeln
-die Erfindung weiter.</p>
-
-<p>Bursfeld weiß, daß sein Vater als ein Opfer englischer<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-Politik im Tower starb. Darum gilt seine Arbeit der
-Rache an England. Erik Truwor läßt ihn gewähren.
-Der Dritte im Bunde, ein Inder, hat für sein Vaterland
-auch eine … kleine Rechnung mit England zu begleichen.</p>
-
-<p>Vom Torneaelf droht dem englischen Reiche eine
-Gefahr, viel schwerer, viel größer, als Cyrus Stonard
-mit seinem Dreihundertmillionenvolk sie jemals sein
-könnte. Erik Truwor mit seinen zwei Freunden ist mehr
-zu fürchten als Cyrus Stonard.«</p>
-
-<p>Lady Diana hatte ruhig zugehört. Nur ihre Blässe
-verriet ihre innere Erregung.</p>
-
-<p>»Wissen Sie, was Erik Truwor mir antat?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin setzte die Worte vorsichtig und langsam.</p>
-
-<p>»Ich weiß, daß er der Verlobte der jungen Komtesse
-Raszinska war und daß er ihr … den Verlobungsring
-zurücksandte.«</p>
-
-<p>»Sie wissen viel … vielleicht nicht alles.«</p>
-
-<p>»Ich weiß auch, Lady Diana, daß Sie Erik Truwor
-hassen. Um so weniger werden Sie sich besinnen, zum
-Wohle Ihres Vaterlandes zu handeln und Ihren Gemahl
-auf die Gefahr aufmerksam machen, die von Linnais her
-der Welt droht.</p>
-
-<p>Lady Diana, fassen Sie den korrekten Sinn meiner
-Mitteilung: Erik Truwor und seine beiden Freunde sind
-im Besitze des Geheimnisses, um dessentwillen die englische
-Regierung Gerhard Bursfeld in den Tower
-brachte.</p>
-
-<p>Noch ist es Zeit! Ein einfacher Handstreich! Gut
-organisiert! Schnell unternommen und durchgeführt!
-Hat Ihre Regierung die Sache erst einmal beschlossen,
-wird sie auch wissen, wie sie durchzuführen ist.«</p>
-
-<p>Lady Diana hatte sich aufgerichtet. Widerstreitende
-Gefühle kämpften in ihr. Die Erinnerung an die glücklichen
-Monate in Paris wurde lebendig. Die Gestalt
-Erik Truwors traf ihr geistiges Auge. Die Zeit nach
-dem brüsken Bruch, die schrecklichste ihres ganzen Lebens,
-wachte auf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span></p>
-
-<p>Glossin sah ihr Zaudern.</p>
-
-<p>»Hat Diana Raszinska vergessen, was ihr angetan
-wurde?«</p>
-
-<p>Diana Maitlands Augen flammten auf. Aus fremdem
-Munde zu hören, was sie im Innersten bewegte&nbsp;…</p>
-
-<p>Dr. Glossin fuhr fort: »Ich sagte Ihnen bei
-unserer ersten Unterredung, daß Sie mir eines
-Tages die Hand zum Bündnis bieten würden.
-Der Tag ist gekommen. Zum Bündnis gegen
-den Feind unserer beiden Länder, der auch Ihr
-persönlicher Feind ist. Der Ihnen das Schwerste angetan
-hat, was ein Mann einer Frau antun kann.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin streckte seine rechte Hand vor. Wenige
-Minuten des Schwankens. Dann legte Diana ihre
-Rechte in die des Doktors.</p>
-
-<p>»Es sei, Herr Doktor. Mein Gewissen bleibt unbelastet.
-Hegt Erik Truwor keine feindlichen Pläne gegen
-England, so wird er frei aus dieser Prüfung hervorgehen.
-Sonst … Ich tue nur, was ich gegen jeden
-Feind meines Landes tun würde.«</p>
-
-<p>Lady Diana erhob sich. Ihre Erregung wich einer
-tiefen Abspannung. Sie hatte das Bedürfnis, aus Glossins
-Nähe zu kommen, allein zu sein, zu ruhen. Dr. Glossin
-begleitete sie bis an die Pforte des Schlosses. Dann
-kehrte er auf die Terrasse zurück.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Lord Horace Maitland war mit den Ergebnissen seiner
-Londoner Reise zufrieden. Seine Mitteilungen hatten
-ersichtlichen Eindruck auf das Kabinett gemacht. Man
-sah in London, wie die gefährliche Wetterwolke, die seit
-vierzehn Tagen dunkel drohend am politischen Himmel
-hing, allmählich lichter wurde. Während man vor zwei
-Wochen fast jede Stunde den Ausbruch des Krieges erwartete,
-schien die Gefahr jetzt von Tag zu Tag geringer
-zu werden. Man sah in London die Kriegsgefahr
-weichen und hatte keine Erklärung dafür.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p>
-
-<p>In diesen Stand der Dinge war Lord Horace mit
-den Anschauungen und Darlegungen getreten, die Dr.
-Glossin ihm entwickelt hatte.</p>
-
-<p>Es gibt im Schachspiel gefährliche Züge, bei denen
-die feindliche Figur den König angreift und gleichzeitig
-die Dame gefährdet. Solch einen Zug hatte Cyrus
-Stonard offenbar auf dem Brett. Während England
-Hals über Kopf Milliarden in neuem Kriegsgerät festlegte,
-kaufte er nur Stahl. Band starke Kräfte des
-Gegners und behielt die Möglichkeit, zur gegebenen Zeit
-Milliarden für die Union einzuheimsen.</p>
-
-<p>Nachdem man die Absicht des Gegners erkannt hatte,
-war es möglich, Abwehrpläne zu schmieden. Diese
-Möglichkeit dankte man den Informationen von Lord
-Horace, und die Anerkennung dafür kam zum Ausdruck.</p>
-
-<p>Lord Horace war zufrieden nach Maitland Castle zurückgekehrt.
-Er erkannte die Bedeutung und Wichtigkeit
-seines amerikanischen Gastes. Sein Entschluß, mit
-ihm auch fernerhin gute Beziehungen zu pflegen, ihn
-sich zu verpflichten, stand fest. In dieser Stimmung
-trafen ihn die Mitteilungen Dianas.</p>
-
-<p>Eine Gefahr für das Reich? … Eine Erfindung,
-an der alle bekannten Kriegsmittel zuschanden wurden?
-… Die Sache ging England und Amerika
-gleichermaßen an.</p>
-
-<p>Ganz dunkel spürte Lord Horace, daß die Union im
-Grunde selber zufassen und die Gefahr beseitigen
-könne … Aber England hatte eine alte Rechnung
-mit diesen Leuten. Auch Lord Horace hatte damals die
-Akten des Bursfeld-Prozesses durchgesehen. Gehörte
-der Sohn des Mannes, der einst im Tower seinem
-Leben selber ein Ende setzte, zu diesem Kleeblatt in
-Linnais, dann mußte sich die Kraft der neuen Macht in
-der Tat zuerst gegen England richten. Dann war es in
-erster Linie Englands Sache, diese Gegner unschädlich
-zu machen … aufzuheben … und vielleicht die Erfindung
-selbst der Wehrmacht Englands dienstbar zu
-machen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span></p>
-
-<p>An diese letzte Möglichkeit dachte Dr. Glossin wohl
-sicher nicht. Lord Horace zog sie in die Berechnung hinein.
-Ein einzelner konnte sterben, bevor ihm das Geheimnis
-entrissen war. Drei Mitwisser … getrennt
-voneinander, in den sicheren Verliesen des Towers. Es
-mußte wunderbar zugehen, wenn es dann nicht gelang,
-in den Besitz des Geheimnisses zu kommen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin hatte seine Minen gut gelegt, die Fäden
-durch Lady Diana geschickt gesponnen. Er hatte eine
-lange Unterredung mit seinem englischen Gastfreund.
-Als er nach zweistündigem Gespräch das Zimmer von
-Lord Horace verließ, lag die Genugtuung des großen
-Erfolges unverkennbar auf seinen Zügen. Es war ihm
-geglückt, was er selbst kaum für möglich gehalten hatte.
-Es war ihm gelungen, den klugen und weitsichtigen
-Engländer vor seinen Wagen zu spannen.</p>
-
-<p>Die Engländer hatten sich verpflichtet, die Kastanien
-für ihn aus dem Feuer zu holen. Sie nahmen ihm das
-schwerste Stück der Arbeit ab. Waren die drei erst einmal
-gefangen, dann brauchte man nicht mehr zu fürchten,
-daß plötzlich verzehrendes Feuer die Welt überfiel. Dann
-war die Bahn für neue Pläne frei.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der Sonnenball berührte die stahlblauen Fluten des
-Tyrrhenischen Meeres und übergoß den Azurspiegel mit
-einer Flut roter und gelber Tinten. Auf dem Korso von
-Neapel wogte die Menge, Fremde und Einheimische, in
-buntem Durcheinander. Die Neapolitaner lachend und
-schwatzend, sich der Naturschönheiten ihrer Stadt und
-ihres Landes kaum noch bewußt. Die Fremden
-entzückt und gefesselt von einer Farbensinfonie,
-die ihre Töne von Minute zu Minute wandelte.
-Aber keiner von den Tausenden, die hier promenierten,
-genoß die Reize des Abends wohl so wie das Paar, das
-weitab von der Menge der Promenierenden seinen
-Platz auf der Straße zum Posilip gefunden hatte, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-das Grabmal Virgils sich neben dem alten Römerweg
-erhebt.</p>
-
-<p>Schon lange saßen sie dort wortlos, Hand in Hand,
-bis eine kühle Brise den Mann veranlaßte, das Schweigen
-zu brechen.</p>
-
-<p>»Wollen wir nicht lieber zurückgehen, Jane? Es weht
-frisch von der See.«</p>
-
-<p>»Nein, Silvester, laß uns noch bleiben&nbsp;…«</p>
-
-<p>Noch fester umschloß sie Silvesters Arm.</p>
-
-<p>»Es ist unser letzter Abend in Italien. Du weißt ja
-nicht, mit welchem Grauen ich an die kommenden Stunden
-denke, in denen wir wieder zurück müssen, in denen
-du mich allein lassen wirst.«</p>
-
-<p>»Jane … ich lasse dich doch nur für kurze Zeit,
-für wenige Tage, höchstens Wochen allein. Dann
-komme ich zu dir zurück, und dann sind wir für immer
-vereint. Noch viele, noch schönere Tage wird uns das
-Leben bescheren.«</p>
-
-<p>»Noch schönere Tage? … Kann es noch Schöneres
-geben, als was wir jetzt genossen haben?</p>
-
-<p>Wie ein Traum, wie ein unendlich schöner Traum
-liegen die Tage der letzten Wochen hinter mir …
-Unsere Hochzeit in Linnais. Wie Atma die ganze Gesellschaft
-betörte und wir ungesehen abreisen konnten …
-die wunderbare Fahrt über die Eisgipfel der Alpen …
-Dann der erste Gruß der sonnigen Gefilde Italiens …
-das Mittelmeer, der Nilstrom, die Pyramiden …
-Rom … das hat mir weniger gefallen. Du sprachst
-viel von der Geschichte und Größe der Stadt. Aber
-ich … bedenke nur, daß ich von Kindheit an immer
-in Trenton in unserem Haus und Garten gelebt habe.
-Rom, das war mir zuviel&nbsp;…«</p>
-
-<p>Enger schmiegte sie sich an ihren Gatten.</p>
-
-<p>»Aber am meisten freue ich mich darauf, wenn wir
-nach dieser Reise erst ruhig in unserem eigenen Heim
-sitzen werden, wenn ich nicht mehr zu sorgen brauche,
-daß … o warum, Silvester … warum müssen wir
-uns noch einmal trennen, warum willst du noch einmal<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-von mir gehen … laß mich doch nicht zurück … laß
-mich nicht allein in der fremden Welt zurück … nimm
-mich mit nach Linnais. Ich will euch nicht stören. Ich
-will weder dir noch deinen Freunden in den Weg kommen,
-solange ihr mit eurer Erfindung zu tun habt.
-Nur laß mich bei dir bleiben.«</p>
-
-<p>Fester umschloß Silvester sein junges Weib.</p>
-
-<p>»Nein, Jane. Das ist unmöglich. Aber es sind ja nur
-wenige Wochen. Dann ist das große Werk vollendet.
-Dann bin ich unabhängig. Dann werden wir leben
-können, wie und wo es uns gefällt. Wo es uns am
-besten gefällt, da werden wir unser Heim gründen, nach
-dem ich mich ebenso sehne wie du.«</p>
-
-<p>Nach langem Schweigen hub Jane wieder an: »Ich
-weiß, Silvester, auch du gehst nur ungern. Erik Truwor
-ist es, der uns trennt … Ja, Erik Truwor&nbsp;…«</p>
-
-<p>Vorwurf und Bitterkeit lagen in den letzten Worten.</p>
-
-<p>»Jane! Du kennst Erik Truwor nicht. Und weil du
-ihn nicht kennst, kannst du ihn nicht verstehen. Unser
-Werk … sein Werk ist größer als Menschenliebe und
-Menschenleid. Er arbeitet am Schicksal der Menschheit.
-Sollte das Geschick zweier Menschen ihn hindern dürfen
-… Nein, Jane. Keinen Vorwurf für Erik Truwor.«</p>
-
-<p>Einen Augenblick saß Jane schweigend in sich zusammengesunken.
-Plötzlich warf sie ihre Arme um ihn.</p>
-
-<p>»Wenn du wüßtest, Silvester, was so manchmal bald
-stärker, bald schwächer mich beunruhigt. Bei Tag und
-auch bei Nacht, wenn ich in deinen Armen liege&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Jane … liebe Jane. Was ist es, was dich quält?«</p>
-
-<p>»Wenn ich es sagen könnte … wenn ich es wüßte,
-was es ist … ich würde es dir sagen … Eine dunkle
-Wolke … wenn mein Auge in der schönen glücklichen
-Zukunft sucht, quillt es schwer und schwarz vor meinen
-Blicken auf … Eine Ahnung … eine Furcht …
-ich weiß nicht, was es ist, aber alle heiteren Bilder verschwinden,
-ich muß die Augen schließen, muß weinen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p>
-
-<p>»Jane … du liebes, armes Kind. Die letzten Monate
-haben zu sehr auf dich eingestürmt. Mein Verschwinden,
-der Tod deiner Mutter, der Streich Glossins …
-das war zu viel für dein Herz. Scheuch sie weg, die
-trüben Ahnungen, wenn sie wiederkommen. Denke an
-mich. Denke an das Glück, das uns die <span id="corr180a">Zukunft</span> bringen
-wird&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sekunden des Schwankens. Dann legte <span id="corr180b">Jane</span> ihre
-Arme um Silvesters Hals.</p>
-
-<p>Liebevoll hüllte er ihre zarten Schultern in einen
-Schal und zog sie an seine Brust.</p>
-
-<p>Es war ein wehmütiger und tränenreicher Abschied,
-als Silvester sich endlich in Düsseldorf von seiner jungen
-Gattin trennte, um allein nach Linnais zurückzukehren.
-Nur der Gedanke machte das Auseinandergehen für
-Silvester und Jane erträglich, daß es nur eine Trennung
-von wenigen Wochen sein sollte. Nur noch einige Verbesserungen.
-Die Konstruktion und Ausführung eines
-neuen, noch viel stärkeren Strahlers. Dann, das war
-der feste Entschluß Silvesters, sollte ihn nichts mehr von
-seinem Weibe fernhalten. Mit dem festen Versprechen,
-in spätestens vier Wochen zurückzukehren und dann für
-immer mit ihr zusammenzubleiben, hatte er sich schließlich
-aus den Armen Janes gerissen.</p>
-
-<p>Er hatte ihr einen kleinen telephonischen Empfangsapparat
-dagelassen. Hatte sie zuletzt noch getröstet.</p>
-
-<p>»Mein Liebling, wenn ich auch noch einmal auf kurze
-Zeit von dir gehe, werde ich doch immer bei dir sein.
-Ich werde imstande sein, jeden Augenblick dein Bild
-lebendig vor mir zu sehen, werde in jedem Augenblicke
-wissen können, was du tust, und wie es dir geht. Und
-dir gibt dieser Apparat die Möglichkeit, wenigstens
-meine Stimme zu hören. Ich werde keinen Tag vorübergehen
-lassen, ohne dich zu sehen und mit dir zu
-sprechen.«</p>
-
-<p>Silvester hatte ihr den Gebrauch des Apparates genau
-gezeigt. Einen Druck auf einen Knopf, und die Elektronenlampen
-brannten. Den Hörer ans Ohr, und jedes<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-Wort, das er in Linnais in den Schalltrichter sprach,
-wurde deutlich gehört.</p>
-
-<p>So war Silvester gegangen. Jane blieb allein im
-Hause Termölen zurück. Betreut von den beiden alten
-Leuten. Wie eine Tochter gehegt und gepflegt von Frau
-Luise und doch betrübt und einsam.</p>
-
-<p>Auf den Himmel der vierzehntägigen Hochzeitsreise
-folgte die Hölle der Trennung. Jane lernte in diesen
-schmerzvollen Tagen und Wochen kennen, was es für
-eine Frau bedeutet, ihr Herz an einen Mann zu hängen,
-der einer großen Idee verschrieben ist. Neben dem
-leichten Goldreif, der ihn an Jane band, trug Silvester
-den schweren Ring, der ihn mit Erik Truwor und Soma
-Atma zu einer Dreiheit zusammenschmiedete. Das
-bittere Schicksal der Frau, die mit ihrer Liebe den
-Plänen und der Lebensarbeit des Mannes nachstehen
-muß!</p>
-
-<p>Nur wenig hatte ihr Silvester von seinen Erfindungen
-und Arbeiten erzählt. Daß die Erfindung in wenigen
-Wochen abgeschlossen sei. Daß sie ihm solchen Gewinn
-bringen würde, daß er dann alle Berufsarbeit lassen und
-sich ganz seinem Eheglück widmen könne. Das war der
-Trost, der Jane in diesen Tagen aufrechthielt. Der
-Gedanke, daß diese Trennung nur noch eine letzte kurze
-Prüfung sei. Daß danach Silvester für immer bei ihr
-bleiben, ihr ganz gehören werde.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Herr Andreas Termölen schmunzelte, und Frau Luise
-zeigte ein verständnisvolles Lächeln, wenn Jane des
-Nachmittags in der vierten Stunde unruhig zu werden
-begann. Sie sorgte dafür, daß ihre Uhr auf die Sekunde
-genau die richtige Zeit zeigte. Eine Minute vor
-vier flammten an jedem Tage die Elektronenlampen auf,
-und um vier Uhr drangen die ersten Worte Silvesters
-aus dem Hörer an ihr Ohr. Worte der Sehnsucht, Versicherungen
-unerschütterlicher Liebe, Tröstungen, daß
-wieder ein Tag der Trennung vorbei sei. Mitteilungen,<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span>
-daß die Arbeit gut gefördert würde, daß das Ende in
-nahe Nähe gerückt sei.</p>
-
-<p>Silvester sprach. Er stand in Linnais in seinem
-Arbeitsraum. Den Schalltrichter der großen Telephonanlage
-am Munde. Den Strahler auf das Zimmer von
-Jane gerichtet, das Bild seines jungen Weibes lebendig
-vor sich auf der Mattscheibe.</p>
-
-<p>Jane konnte nur hören, doch nicht zurücksprechen.
-Eine Station zum Senden in einem Privathause hätte
-besondere Einrichtungen und Vorkehrungen erfordert,
-die in der Kürze der Zeit nicht durchzuführen waren. Sie
-mußte sich darauf beschränken, die Worte ihres abwesenden
-Gatten zu hören, Silvester konnte nur ihr Bild auf
-der Mattscheibe betrachten, mußte auf das gesprochene
-Wort verzichten. Wohl sah er, wie die Worte, die er
-selbst sprach, auf ihr Mienenspiel wirkten, wie die Beteuerungen
-seiner Liebe und Zuneigung den Schimmer
-der Freude über ihre zarten Züge verbreiteten, doch von
-dem, was sie selber sprach, konnte nichts an sein Ohr
-dringen.</p>
-
-<p>So hätte diese tägliche Unterhaltung einseitig bleiben
-müssen, wenn nicht die Liebe neue Mittel für die Verständigung
-gefunden hätte.</p>
-
-<p>Die vor Silvester stehende Mattscheibe gab das
-genaue Bild Janes, gab es in Lebensgröße. Jeden Zug,
-jede Bewegung ihrer Lippen konnte Silvester genau
-beobachten, und schnell lernte er es, ihr die Worte von
-den Lippen abzulesen. Er sah Jane und sprach. Jane
-hörte seine Worte, antwortete, und aus der Bewegung
-ihrer Lippen erriet er den Sinn der Antwort. Wiederholte
-ihn, ersah ihre Bestätigung aus ihrem glücklichen
-Lächeln.</p>
-
-<p>Jetzt am Ende der zweiten Woche der Trennung
-hatten es die Getrennten gelernt, sich auf diese Weise zu
-unterhalten, als ob sie nebeneinandersäßen und nicht
-fünfhundert Meilen zwischen ihnen lägen. Die tägliche
-Plauderstunde stärkte Jane den Mut bis zum nächsten
-Tag. Sie war für Silvester die Quelle, aus der er die<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span>
-Kraft schöpfte, sich wieder in seine Arbeit zu stürzen, die
-Apparate fertigzumachen, deren schnellste Vollendung
-Erik Truwor so dringend heischte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Nächte in Linnais waren auch in den letzten Julitagen
-noch hell.</p>
-
-<p>Auf alle Fälle unbequem hell nach der Meinung des
-englischen Obersten Trotter. Viel zu hell nach dem Geschmack
-des Dr. Glossin. Zwar ging die Sonne um
-Mitternacht eine Stunde unter den Horizont. Aber die
-Dämmerung gestattete es immer noch, einen Mann im
-freien Felde auf zweihundert Meter zu erkennen. Vollständige
-Dunkelheit wäre der kleinen Truppe willkommener
-gewesen, die unter der Führung von Oberst Trotter
-im Walde von Linnais lagerte.</p>
-
-<p>Zwanzig Mann. Ausgesuchte englische Soldaten.
-In kleinen Trupps zu vier bis fünf, in Zivil, waren sie
-im Laufe der letzten drei Tage mit den Regierungsschiffen
-der Linie Edinburg&ndash;Haparanda angekommen.
-Als harmlose Reisende waren sie den Torneaelf stromaufwärts
-gezogen. Hier ein wenig Angelsport treibend.
-Dort Mineralien sammelnd. Alles andere, nur keine
-Soldaten vorstellend.</p>
-
-<p>Zu vorgeschriebenen Stunden waren sie alle an dem
-bestimmten Platze, einer Waldlichtung in der Nähe vom
-Hause Erik Truwors. Dort waren sie und vergnügten
-sich als sportfreudige Touristen. Sie schlugen Zelte auf,
-kochten im Freien ab und machten es sich bequem.</p>
-
-<p>In einem der Zelte saß der Oberst Trotter im Gespräch
-mit Dr. Glossin und vertrat mit britischer Hartnäckigkeit
-seinen Standpunkt.</p>
-
-<p>»Mein Befehl lautet, drei Bewohner dieses Hauses,
-namentlich angeführt als Erik Truwor, Silvester Bursfeld
-und Soma Atma, aufzuheben und lebendig nach
-London zu bringen. Es ist bei den englischen Offizieren
-Sitte, Dienstbefehle genau zu vollziehen. Sie mögen als<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span>
-Zivilist eine andere Anschauung von der Sache haben.
-Für mich und meine Leute gilt die meinige.«</p>
-
-<p>»Herr Oberst, Sie unterschätzen die Gegner, mit denen
-Sie es zu tun haben. Ich bin über Ihren Plan erschrocken.
-Sie wollen das Haus mit zwanzig Mann
-umstellen, einfach hineingehen und die Gesuchten verhaften?«</p>
-
-<p>»Genau so, wie Sie es sagen, Herr Doktor. Das ist
-die Art und Weise, wie wir solche Aufträge ausführen.
-Wenn meine Leute das Haus umstellt haben, kommt
-keine Maus mehr heraus. Ich würde es freilich bedauern
-müssen, wenn die Gesuchten zu fliehen beabsichtigen.
-In diesem Falle sind meine Leute angewiesen,
-zu schießen.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin lief wie ein gefangenes Raubtier in dem
-engen Zelte hin und her und rang die Hände.</p>
-
-<p>»Herr Oberst, Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie
-es zu tun haben. Sie mußten mit einem Flugzeug
-herkommen und den stärksten brisantesten Torpedo, den
-Ihre Armee besitzt, auf das Dach abwerfen. Eine Sekunde
-nach Ihrer Ankunft mußte das ganze Haus bis
-zum tiefsten Keller pulverisiert sein. Dann bestand
-einige … ich sage nicht volle, aber doch wenigstens
-einige Aussicht, daß die Verschwörer unschädlich gemacht
-wurden.«</p>
-
-<p>Oberst Trotter lächelte mitleidig.</p>
-
-<p>»Sie scheinen ernstlich Furcht vor den Bewohnern
-dieses Hauses zu besitzen. <em class="antiqua">Well</em>, Herr Doktor, als
-Zivilist sind Sie nicht verpflichtet, besonderen Mut zu
-entwickeln. Aber Sie werden mich diese Angelegenheit
-auf meine Weise erledigen lassen.«</p>
-
-<p>Der Oberst blickte auf seine Uhr.</p>
-
-<p>»Gleich elf. Es wird in dem verdammten Lande
-nicht dunkel. Ein Sergeant, der gut Schwedisch spricht,
-ist unterwegs, um sich das Haus und seine Bewohner
-genauer anzusehen.«</p>
-
-<p>»Auch das noch!« Dr. Glossin stieß die Worte in
-einem Übermaß von Unwillen hervor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span></p>
-
-<p>»Haben Sie an dieser Maßnahme etwas auszusetzen,
-Herr Doktor? Es ist bei allem Militär der Welt Sitte,
-daß man vor dem Angriff aufklärt.«</p>
-
-<p>Während der Oberst seine Ansicht mit der Bestimmtheit
-des alten Soldaten aussprach, hatte Dr. Glossin sich
-wieder auf den niedrigen Feldstuhl gesetzt. Ernst und
-bestimmt kamen die Worte aus seinem Munde.</p>
-
-<p>»Mag das Schicksal Erbarmen mit Ihnen und Ihren
-Leuten haben. Sie sind in der Lage eines Mannes, der
-einem Tiger nur mit einem Spazierstöckchen bewaffnet
-entgegentritt.«</p>
-
-<p>Ein Mann trat in das Zelt. Auch im Zivilanzug
-war der Soldat unverkennbar. Sergeant MacPherson,
-der von der Aufklärung zurückkam. Ein Schotte mit
-buschigen Brauen, großen graublauen Augen und ergrautem
-Vollbart. Er gab seinen Bericht in kurzer,
-knapper Form. Erst hatte er das Haus von außen vorsichtig
-umgangen und beobachtet, daß zwei Männer zusammen
-an einer Maschine im Hause arbeiteten.</p>
-
-<p>Über den dritten konnte er nichts in Erfahrung bringen.
-Da war er kurz entschlossen in das Haus eingetreten.
-Die Gartentür stand offen. Ungehindert kam
-er durch den Garten in das Haus. Eine Treppe führte
-zur Veranda.</p>
-
-<p>Die Veranda war leer … Schien wenigstens im
-ersten Moment leer zu sein. Als er weiter in das Haus
-hineingehen wollte, hörte er plötzlich eine Stimme. Auf
-einem niedrigen Diwan in der Ecke der Veranda saß
-ein Mensch mit brauner Haut. Noch ehe er seine Fragen
-in Schwedisch vorbringen konnte, sprach der Inder
-ihn englisch an. Nur wenige Worte. Einen Sinn habe
-er darin nicht entdecken können, so sehr er auch auf dem
-Rückwege darüber nachgedacht habe.</p>
-
-<p>Wie die Worte hießen, wollte der Oberst wissen.</p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Oberst! Der Mensch sagte zu mir:
-Was du suchst, ist nicht hier; was hier ist, suchst du nicht.«</p>
-
-<p>»Nonsens! … Humbug! … Indische Gaukelei!« …<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-Der Oberst stieß es wütend zwischen den Zähnen hervor.
-Dann wurde er wieder dienstlich und fragte weiter:</p>
-
-<p>»Wenn ich Sie recht verstanden habe, MacPherson,
-sind die drei gesuchten Personen in dem Hause und
-stehen auch nicht im Begriff, es zu verlassen.«</p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Oberst, das ist meine Meldung.«</p>
-
-<p>Auf einen Wink des Obersten verließ der Schotte das
-Zelt.</p>
-
-<p>Oberst Trotter blickte wieder auf seine Uhr.</p>
-
-<p>»Ich denke, Doktor, in einer Stunde haben wir die
-Burschen.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin beachtete den Obersten gar nicht. Er hatte
-die Hände über dem rechten Knie gefaltet und wiederholte
-mechanisch die Worte Atmas: »Was du suchst, ist
-nicht hier; was hier ist, das suchst du nicht.«</p>
-
-<p>Der Oberst wurde ungeduldig.</p>
-
-<p>»Die Geschichte fängt jetzt an, Herr Doktor. Werde
-ich den Vorzug haben, Sie dabei an meiner Seite zu
-sehen?«</p>
-
-<p>»Ich ziehe es vor, mir das Abenteuer sehr von weitem
-anzusehen.«</p>
-
-<p>»Sie werden hier in fünf Minuten allein sein.«</p>
-
-<p>»Ich werde es zu ertragen wissen. Die Einsamkeit
-birgt keine Gefahr.«</p>
-
-<p>»Wie Sie wollen, Herr Doktor.«</p>
-
-<p>Der Oberst trat auf den Platz, und wie durch Zauberei
-verschwanden die Zelte. Die Kochgeschirre wurden zusammengepackt.
-Alles wurde in Taschen und Rucksäcken
-untergebracht. Es dauerte wirklich nur fünf Minuten,
-dann stand Dr. Glossin einsam in der Waldlichtung.
-Eine Kolonne von einundzwanzig Mann bewegte sich
-vorsichtig und lautlos durch den dichten Wald hin auf
-das Truworhaus zu.</p>
-
-<p>Dr. Glossin blieb noch fünf Minuten ruhig wartend
-stehen. Dann zog er eine kleine Pfeife und ließ in
-kurzen Pausen schrille Pfiffe ertönen.</p>
-
-<p>Das Gebüsch teilte sich. Ein Mann erschien und ging
-auf den Doktor zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span></p>
-
-<p>»Sergeant Parsons zur Stelle.«</p>
-
-<p>»Es ist gut, Parsons. Sie sahen die einundzwanzig
-Narren hier abziehen?«</p>
-
-<p>Sergeant Parsons grinste. Die Engländer waren
-seine Freunde nicht.</p>
-
-<p>»Ich sah sie talabwärts ziehen, Herr Doktor.«</p>
-
-<p>»Sie haben vierzig Mann bei sich?«</p>
-
-<p>»Jawohl, Herr Doktor. Vierzig ausgesuchte Burschen.«</p>
-
-<p>»Gut bewaffnet.«</p>
-
-<p>»Nebel, Tränen und Mordtau.«</p>
-
-<p>»Die andern haben Mantelgeschosse. Insgesamt viertausend
-Schuß.«</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Allright</em>, Sir. Werden uns vorsehen.«</p>
-
-<p>»Gut, Parsons. Folgen Sie mit Ihren Leuten ungesehen
-den Engländern. Sie kennen Ihre Aufgabe?«</p>
-
-<p>Den gleichen Pfad, den vor einer Viertelstunde einundzwanzig
-Engländer hinabgegangen waren, folgten
-ihnen jetzt einundvierzig Amerikaner. Dr. Glossin blieb
-auf der Lichtung zurück.</p>
-
-<p>Oberst Trotter erreichte mit seinen Leuten in einer
-halben Stunde das Truworhaus. In der fahlen Nachtdämmerung
-lag es deutlich vor ihnen. Er ließ seine Leute
-in weitem Bogen ausschwärmen, bis die beiden äußersten
-Flügel vor der Vorderseite des Hauses zusammenstießen.
-An dieser Stelle des Kreises hielt sich der Oberst selbst
-auf. Langsam zog sich die Kette bis an den mannshohen,
-durch Birkenteer braunrot gefärbten Holzzaun zusammen.
-Oberst Trotter schwang sich auf den Zaun, um
-als erster in den Garten zu springen.</p>
-
-<p>Da krachte ein Schuß. Er kam aus einer der kleinen
-Schießscharten zu beiden Seiten der Haustür. Haarscharf
-pfiff das Projektil am Kopf des Obersten vorüber
-und riß ein Stückchen Stoff an der rechten Schulter ab.</p>
-
-<p>Der Oberst gelangte unversehrt in den Garten, und an
-allen anderen Stellen der Umzäunung folgten ihm seine
-Leute. Aber dies Eindringen war das Signal für ein
-Massenfeuer, das aus allen Fenstern und Luken des
-Hauses begann. Das Truworhaus war mit Munition<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span>
-gut versorgt. Es hatte den viertausend Schüssen der
-Angreifer reichlich die dreifache Zahl entgegenzustellen.
-In geschlossenen Feuergarben sprühten die Geschosse aus
-Fenstern und Luken und fegten durch den Garten. Hier
-und dort verriet ein Aufschrei, daß der eine oder der
-andere von den Engländern getroffen worden war.</p>
-
-<p>Es gab Verwundete und Tote. Nur dadurch, daß die
-Angreifer, soweit sie überhaupt noch lebten und bewegungsfähig
-waren, sich zu Boden warfen, jeden Busch,
-jede Bodenfalte als Deckung nutzten und alle Künste des
-Kolonialkrieges anwandten, gelang es ihnen, Meter um
-Meter näher an das Haus heranzukommen.</p>
-
-<p>In der Deckung eines starken Wacholdergestrüppes
-lag Oberst Trotter. Die Kugeln umpfiffen ihn. Jetzt
-bedauerte er es, dem Rate des Amerikaners nicht gefolgt
-zu sein.</p>
-
-<p>Seine Leute schossen nur noch vereinzelt und zielten
-dabei sorgfältig auf die Punkte, von denen die Feuerströme
-der Verteidiger herkamen. Hier und dort hatten
-sie auch Erfolg. Oberst Trotter konstatierte trotz seiner
-recht ungemütlichen Lage, wie hier und dort eine Schießscharte
-nach einem glücklichen Treffer der Angreifer verstummte.</p>
-
-<p>Trotz alledem … das Rezept des Amerikaners …
-den dicksten Lufttorpedo von obenher und unversehens
-auf den gottverdammten Kasten geworfen … Oberst
-Trotter wurde die Empfindung nicht los, daß der Plan
-recht viel für sich hatte.</p>
-
-<p>Zweihundert Meter bergaufwärts stand Dr. Glossin
-und beobachtete durch ein gutes Glas den Kampf. Er
-gab für das Leben der Engländer keinen roten Cent
-mehr. Wenn die Angegriffenen ihr Feuer gut leiteten,
-mußten sie die wenigen Angreifer bei diesem Munitionsaufwand
-zu Hackfleisch zerschießen. Ungeachtet aller
-Deckungen und Schleichkünste. Um so mehr wunderte sich
-der Arzt, daß etwa die Hälfte der Engländer immer noch
-am Leben war, daß sie sogar langsam, aber unaufhaltsam
-das Feuer der Verteidiger zum Schweigen brachten.<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span>
-Jetzt feuerte die eine Schmalwand des Hauses nicht
-mehr. Der letzte Treffer von englischer Seite
-hatte dort eine kräftige Explosion verursacht. Bedeutendere
-Munitionsmengen mußten in die Luft gegangen
-sein.</p>
-
-<p>Wenige Minuten warteten die Angreifer noch. Dann
-stürmten sie gegen diese schmale Seite vor. Eine
-schmale Tür, aus starken Bohlen gefügt, war ihr Ziel.
-Axthiebe trafen das Holz. Krachend gaben Schloß und
-Angeln nach. Die Angreifer wollten über die gefallene
-Tür in das Innere dringen, aber sie kamen nicht dazu.</p>
-
-<p>Es war ganz klar. Dr. Glossin, der den Gang der
-Dinge als ruhiger Beobachter verfolgte, war sich dessen
-sicher. Mit der Tür war eine Kontaktvorrichtung verbunden,
-die im Innern des Hauses eine schwere Explosion
-hervorrief, sobald die Tür aus den Angeln wich.</p>
-
-<p>Weithin über die Berglehnen zu beiden Seiten des
-Tornea rollte der dumpfe Donner der Explosion und
-übertönte das Rauschen des Flusses.</p>
-
-<p>Die Angreifer, eben noch im Begriff, das Haus mit
-stürmender Hand zu nehmen, taumelten zurück.</p>
-
-<p>Ein Brand war im Innern ausgebrochen. Rotglühend
-erleuchtet flammte hier und dort ein Fenster auf.</p>
-
-<p>Und dann … Dr. Glossin hatte zweifelsohne einen
-günstigeren Platz gewählt als der Oberst Trotter, der
-sich erst jetzt hinter seinem Wacholdergebüsch hervorwagen
-konnte … Dr. Glossin sah von seinem zweihundert
-Meter höher gelegenen Standpunkt, wie das
-ganze Dach des Hauses sich leicht hob und dann öffnete,
-wie der Krater eines ausbrechenden Vulkans. Eine ungeheure
-Flammensäule stieg empor und riß viele Tausende
-von hölzernen Schindeln mit. Brennend stiegen
-die leichten Holzstückchen hoch in den fahlen Himmel.
-Brennend fielen sie wieder langsam zu Boden. Das
-Haus war nach der Explosion nur noch ein einziges
-wogendes und brandendes Feuermeer. In seinen
-Kellern mußten enorme Mengen brennbarer Öle lagern.
-Mußten durch die Explosion Feuer gefangen haben und<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span>
-sandten nun Flammenberge und schwere Wolken dichten
-schwarzen Qualmes empor. Schon war der obere Fachwerkbau
-des Hauses bis auf wenige Sparren verzehrt.
-Reichlich genährt brodelte das Flammenmeer weiter.
-Die uralten Zyklopenmauern des unteren Teiles, vor
-Jahrhunderten gefügt, für die Ewigkeit gebaut, wurden
-rotglühend.</p>
-
-<p>Dr. Glossin beobachtete das Schauspiel und vergaß
-vor seiner wilden Schönheit für kurze Zeit Sorgen und
-Pläne.</p>
-
-<p>Die Glut drang von innen nach außen durch. Auf den
-weiten dunklen Mauerflächen zeigten sich plötzlich rosa
-Flecken. Wuchsen, wurden immer heller, flossen zusammen,
-bis schließlich die ganze wohl meterstarke Wand
-in voller Rotglut dastand. Und dann begann der Mörtel,
-der diese erratischen Blöcke zum Mauerwerk verband,
-in der höllischen Hitze zu schmelzen. Flüssig und weiß
-glühend lief es an hundert einzelnen Stellen aus den
-Mauerfugen.</p>
-
-<p>Dann stürzten die letzten Reste des Truworhauses zusammen.
-Im Augenblicke bildete das Rechteck der Zyklopenmauern
-nur noch einen wirren Haufen rot- und
-hellweißglühender Blöcke.</p>
-
-<p>Ein glühendes Hünengrab, das unter schmelzenden
-Felsbrocken die tausendjährige Geschichte eines heldenhaften
-Geschlechtes begrub &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; und mit ihr den
-letzten dieses Geschlechtes.</p>
-
-<p>Die Engländer hatten sich vor der unerträglichen Glut
-weit zurückgezogen. Längst war der Aufenthalt innerhalb
-der Gartenumfriedigung unerträglich. Schon
-brannte der hölzerne Zaun an mehreren Stellen. Erst
-unten am Fluß machten sie halt. Kühlten die
-brennenden Gesichter, die verbrannten Hände im frischen
-Wasser des Elf. Bemerkten, daß ihnen die Kleidung,
-von der strahlenden Hitze des Brandes versengt, in
-Fetzen vom Leibe hing.</p>
-
-<p>Verstört und niedergeschlagen musterte Oberst Trotter<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span>
-das Häuflein der Überlebenden. Eine Stimme hinter
-ihm:</p>
-
-<p>»Herr Oberst, Sie haben sie nicht einmal tot bekommen!«</p>
-
-<p>Es war die Stimme Dr. Glossins.</p>
-
-<p>Der Oberst fuhr sich über den halb versengten Schnurrbart.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Damm' your eyes, Sir!</em> Sie sind tot! Es ist keine
-Maus rausgekommen. Sie sind in ihren Schlupfwinkeln
-gebraten worden. Wenn es Ihnen Spaß macht, suchen
-Sie die Reste in dem Trümmerhaufen da oben. Aber verbrennen
-Sie sich nicht die Fingerspitzen. Ich weiß, was
-ich meiner Regierung zu melden habe.«</p>
-
-<p>Oberst Trotter war von den Flammen angesengt,
-schmutzig und unansehnlich geworden. Sein Gesicht
-schmerzte ihn, so daß er sich zum Fluß beugte und frisches
-Wasser über die gerötete Stirn schüttete.</p>
-
-<p>Nach dem kalten Wasser fühlte er neue Kraft. Er
-wollte dem verdammten Amerikaner deutlich werden.
-Doch als er sich dazu anschickte, war Dr. Glossin verschwunden.
-Ebenso plötzlich, wie er aus dem Walde
-herausgetreten war, hatten ihn die Sträucher und
-Stämme des alten Forstes wieder aufgenommen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Mr. E. F. Goody, der Führer der Opposition im
-australischen Parlament, faßte die Hauptpunkte seiner
-zweistündigen Rede noch einmal im Schlußwort zusammen.</p>
-
-<p>»Die Welt ist heute zu eng geworden. Es scheint, als
-ob die beiden großen Staaten nicht mehr nebeneinander
-Platz haben. Wir müssen unsere Stellung zwischen den
-beiden Parteien wählen. Beides sind Englisch sprechende
-Völker. Jedem von uns durch Bande des Blutes verbunden.
-Staatsrechtlich steht uns England näher. Aber
-unsere wirtschaftlichen Beziehungen weisen nach Amerika.
-Der Energie der Vereinigten Staaten verdanken wir<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-es, daß unser Land von dem schweren Druck der japanischen
-Gefahr befreit wurde. Die Klugheit gebietet
-uns, heute Anschluß an Amerika zu nehmen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Laute Beifallsrufe unterbrachen den Sprecher. Es
-ging sonst ebenso ernsthaft und gesetzt im australischen
-Parlament zu wie im Hause der Gemeinen zu London.
-Aber hier waren die Leidenschaften auf das höchste erregt.
-Die weißbärtigen Farmer aus Queensland und
-Neusüdwales, die Kaufleute aus Viktoria, die Viehzüchter
-aus Westaustralien und Alexandraland sprangen
-von ihren Sitzen auf und machten ihrer Begeisterung
-in lauten Cheerrufen Luft. Es dauerte Minuten, bis der
-Redner fortfahren konnte.</p>
-
-<p>»… Ich stelle fest, daß Regierungspartei und Opposition
-in diesem Punkt einig sind. Australien muß sich
-geschlossen an die Seite Amerikas stellen, wie es Kanada
-vor fünf Jahren getan hat. Die anglosächsische Rasse
-hat vor vierzig Jahren die neue Doktrin vom Selbstbestimmungsrecht
-der Völker verkündet. Diese Lehre ist
-nie wieder aus der Welt verschwunden. Wir nehmen
-dieses Recht der Selbstbestimmung für uns in Anspruch
-und beschließen den Zollbund mit der amerikanischen
-Union.«</p>
-
-<p>Der Schluß der Rede ging in brausenden Cheerrufen
-unter. Das alte Parlament, welches hier in Sydney
-tagte, war nicht wiederzuerkennen. Tücher wurden geschwenkt.
-Händeklatschen mischte sich in die Beifallsrufe.
-Einzelne Parlamentsmitglieder sprangen auf die
-Sitze und gestikulierten mit den Armen.</p>
-
-<p>Die bevorstehende Abstimmung konnte nur noch eine
-reine Formsache sein. Die einstimmige Annahme des
-Beschlusses war sicher.</p>
-
-<p>Einzelne Mitglieder verließen den Sitzungssaal, traten
-in die Vorhalle, sprachen mit Journalisten und Geschäftsfreunden.
-Von Mund zu Mund sprang die Nachricht
-weiter, gelangte ins Freie und wälzte sich durch die
-breiten Straßen Sydneys. Seit dreißig Jahren hatte
-Australien seine besondere Flagge, den Union Jack, mit<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span>
-dem aufgelegten australischen Wappen. Das Kreuz mit
-den Symbolen des Landes lag auf dem roten Tuch der
-britischen Flagge. Jetzt tauchten in wenigen Minuten
-an unzähligen Fenstern Arrangements der australischen
-Flagge und des Sternenbanners auf. Es war unbegreiflich,
-woher diese Unmenge amerikanischer Fahnen
-im Augenblick kam, die hier im Winde flatterten und
-den Straßen ein festliches Aussehen gaben.</p>
-
-<p>Während die Begeisterung durch die Straßen lief und
-das Parlament zur Abstimmung schritt, saß der australische
-Premierminister G. A. Applebee dem Königlich
-Großbritannischen Sondergesandten Mr. Swift MacNeill
-gegenüber.</p>
-
-<p>»Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß die englische
-Regierung die Lage als außerordentlich ernst ansieht.
-Der Beschluß des australischen Parlamentes ist
-ungesetzlich, weil er alte, wohlerworbene Rechte des
-Mutterlandes verletzt.«</p>
-
-<p>Mr. MacNeill sprach die Worte langsam und unbewegt.
-So mochten vor zweitausend Jahren Tribunen
-und Legaten die Weltmacht Roms in die Wagschale
-geworfen haben: <em class="antiqua">Roma locuta, causa finita!</em></p>
-
-<p>Mr. Applebee überlegte seine Erwiderung sorgfältig,
-bevor er den Mund aufmachte.</p>
-
-<p>»Es ist der einstimmige Beschluß des Parlamentes,
-Sir! Ein Land mit einer Bevölkerung von vierzig
-Millionen steht geschlossen hinter dem Parlament. Dadurch,
-daß Australien in ein engeres Verhältnis zur
-amerikanischen Union tritt, hört es nicht auf, ein Freund
-Englands zu sein&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Australien ist ein Teil des britischen Reiches.« MacNeill
-sagte es kurz und schroff.</p>
-
-<p>»Gewesen, Sir! Bis zum heutigen Tage gewesen!
-Mit dem heutigen Parlamentsbeschluß nimmt das Land
-das Recht voller politischer Mündigkeit und Souveränität
-für sich in Anspruch.«</p>
-
-<p>»Diesen Ausspruch erkennt die britische Regierung<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-nicht an. Ich kann meine Warnung nur wiederholen.
-Die Lage ist ungemein ernst.«</p>
-
-<p>Die Züge des australischen Ministers röteten sich allmählich.
-Die innere Erregung ließ seine Stimme
-vibrieren.</p>
-
-<p>»Die Lage ist für das britische Reich genau so ernst
-wie für uns, wenn Ihre Regierung darauf bestehen sollte,
-die einstimmigen Beschlüsse eines freien und mündigen
-Volkes zu mißachten. Australien kann nicht ausgehungert
-werden. Es hat einen bedeutenden Überschuß an Fleisch
-und Brot. Es hat in seiner Bevölkerung fünf Millionen
-wehrhafter Männer&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich hoffe nicht, daß das Land der Welt das traurige
-Schauspiel einer abtrünnigen Kolonie bieten wird.«</p>
-
-<p>Der Engländer sagte es, um etwas zu sagen. Er war
-seiner Sache nicht mehr so sicher wie im Anfang.</p>
-
-<p>Mr. Applebee fuhr fort: »Ein solches Schauspiel mag
-für England traurig sein. Die Sympathien der Welt
-sind fast immer bei den Kolonien gewesen, welche die
-Freiheit für sich in Anspruch nahmen und&nbsp;…«</p>
-
-<p>Mr. Applebee schwieg. Auch der englische Gesandte
-blieb still. Der Name des Diktators Cyrus Stonard
-stand unausgesprochen zwischen ihnen. Der Australier
-fühlte sich der amerikanischen Unterstützung sicher. Der
-Engländer hatte die Überzeugung, daß die amerikanische
-Wehrmacht in dem Augenblick losschlagen würde, in
-dem ein englischer Soldat oder ein englisches Schiff die
-Freiheit des fünften Kontinents antasteten.</p>
-
-<p>»Ich hoffe, daß es der Umsicht der englischen Regierung
-gelingen wird, die Lage zu entspannen.«</p>
-
-<p>Das waren die Abschiedsworte, mit denen der australische
-Premier den Gesandten entließ.</p>
-
-<p>Mr. Applebee kehrte in sein Kabinett zurück. Ein
-Klerk meldete ihm, daß Mr. Jones ihn zu sprechen
-wünsche. Mr. J. F. C. Jones, der Sondergesandte des
-Präsident-Diktators. <em class="antiqua">Allright</em>, der sollte die frohe Botschaft
-aus erster Quelle vernehmen. Der Australier hielt
-ihm die Liste mit dem Abstimmungsergebnis entgegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p>
-
-<p>»Die Sache ist in Ordnung, Sir! Einstimmiger Beschluß
-von Oberhaus und Unterhaus. Der erste Fall in
-der Geschichte Australiens, daß ein Beschluß in beiden
-Häusern mit allen Stimmen angenommen wird.«</p>
-
-<p>Mr. Jones trocknete sich die hohe Stirn mit einem
-seidenen Taschentuch.</p>
-
-<p>»Ich sehe leider, daß ich zu spät gekommen bin. Ich
-wollte Sie bitten, die Abstimmung um vierzehn Tage
-zu verschieben.«</p>
-
-<p>Mr. Applebee sank sprachlos auf seinen Stuhl.</p>
-
-<p>»Ich verstehe nicht. Ich denke, das amerikanische Volk
-ersehnt die Vereinigung ebensosehr wie wir?«</p>
-
-<p>»Es ersehnt sie. Nur ein Aufschub von vierzehn Tagen.
-Aus Gründen der äußeren Politik der amerikanischen
-Union.«</p>
-
-<p>Mr. Applebee machte eine hilflose Bewegung.</p>
-
-<p>»Wenn ich auch nur mit der Andeutung eines solchen
-Wunsches vor das Parlament trete, bin ich in zwei
-Minuten später nicht mehr Minister.«</p>
-
-<p>Der Amerikaner betrachtete seine Stiefelspitzen.</p>
-
-<p>»Ich werde mich umgehend mit Washington in Verbindung
-setzen, den Tatbestand mitteilen, um neue Instruktionen
-bitten. Die Sache liegt klar. Der Parlamentsbeschluß
-ist in der ganzen Stadt, jetzt vielleicht
-schon in allen Großstädten des Kontinents bekannt. Das
-Volk auf der Straße ist in einem Freudenrausch. Wir
-können nicht daran denken, diese Stimmung zu stören.
-Aber … Sie sind das ausführende Organ für die
-Beschlüsse. Wenden Sie Ihre ganze Kunst auf, um
-England hinzuhalten. Beachten Sie wohl, die Sache
-soll durchaus so vor sich gehen, wie sie verabredet wurde.
-Sie ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Bei dieser
-Sachlage wird es Ihnen möglich sein, einen Konflikt um
-vierzehn Tage hinauszuschieben … Ich hoffe, es wird
-Ihrer Kunst gelingen.«</p>
-
-<p>Mr. Applebee versprach, sein möglichstes zu tun.
-Während von draußen her der Jubel der enthusiasmierten<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span>
-Menge dumpf in den Raum drang, empfahl sich
-der Amerikaner mit kräftigem Händedruck.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Unter den Passagieren des Flugschiffes Stockholm&ndash;Köln
-befand sich Dr. Glossin. Während seine
-Mannschaft nach dem Abenteuer in Linnais im eigenen
-Schiff nach den Staaten zurückkehrte, fuhr er nach
-Deutschland.</p>
-
-<p>Das Flugschiff war ein gutes, ziemlich schnelles Fahrzeug
-der mitteleuropäischen Verkehrsgesellschaft. Für
-zweihundert Passagiere eingerichtet, legte es bei einer
-Stundengeschwindigkeit von etwas über vierhundert
-Kilometer die Strecke Stockholm&ndash;Köln in rund vier
-Stunden zurück. Dr. Glossin war um acht Uhr morgens
-von Stockholm fortgeflogen. Fahrplanmäßig mußte das
-Schiff den Kölner Flughafen zwölf Uhr mittags erreichen.
-Jetzt stand er zwischen Malmö und Kiel über der Ostsee.</p>
-
-<p>Der Doktor hatte es sich in einer Fensterecke bequem
-gemacht und zog bei sich die Bilanz des Geschehenen.</p>
-
-<p>Die Sachen waren nicht schlecht gegangen. Erik Truwor
-und die Seinen waren vernichtet. Es war bereits
-schwarz auf weiß gedruckt zu lesen. Haparandas Dagblad
-hatte in der Morgenausgabe einen kurzen Bericht
-über das Unglück von Linnais. Eine rätselhafte Brand-
-und Explosionskatastrophe, die mehrere schwedische
-Bürger das Leben gekostet haben sollte. Er hatte einige
-Exemplare der Zeitung gekauft, bevor er von Haparanda
-die Reise nach dem Süden antrat.</p>
-
-<p>Dr. Glossin konnte zufrieden sein. Der heikle Auftrag
-des Präsident-Diktators war erledigt. Die drei Menschen,
-die er wirklich fürchtete, waren tot. So, wie er es
-geplant hatte, war es geschehen. Die Engländer hatten
-ihm die gefährliche Arbeit besorgt. Daß die bei der
-Gelegenheit etwas angesengt worden waren, störte ihn
-wenig. Wenn er an den eingebildeten Trotter dachte,<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span>
-der schließlich seine Brandblasen im Tornea kühlen
-mußte, empfand er ein gewisses Vergnügen.</p>
-
-<p>Erik Truwor war tot. Der Mann, der im Begriffe
-stand, eine Macht zu gewinnen, an der Weltreiche zerschellen
-konnten. Der greuliche Inder war verbrannt.
-Der braune Satan, der ihn, den starken Hypnotiseur,
-selbst in den Bann der Hypnose gezwungen hatte. Und
-Silvester Bursfeld war gestorben. Silvester, dessen späte
-Rache er fürchten mußte. Silvester, der ihm Jane entrissen
-hatte.</p>
-
-<p>Das Verhältnis des Arztes zu dem Mädchen war
-immer komplizierter geworden. Er brauchte sie als
-Medium von unübertrefflicher Leistung. Als ein Medium,
-mit dessen Hilfe er räumlich und zeitlich ins Weite
-blicken, die Pläne und Taten seiner Gegner rechtzeitig
-erkennen, entfernte Zusammenhänge aufzudecken vermochte.
-Das war es, was ihm in den letzten Wochen
-gefehlt hatte. Alle seine Mißerfolge schrieb er diesem
-Fehlen zu. Jane mußte wieder fest in seiner Hand sein.</p>
-
-<p>Sein Medium, sein Talisman und seine Liebe!</p>
-
-<p>Mit verzweifelter Kraft klammerte sich die vereinsamte
-Seele des alternden Mannes an den Gedanken, Jane
-ganz sein Eigen zu nennen. Er fühlte unbewußt, daß
-diese Liebe für ihn die Entsühnung bedeute. Er träumte
-von einem neuen Leben in Reynolds-Farm an Janes
-Seite. Jetzt fuhr er nach Düsseldorf, um sie für sich zurückzuerobern.</p>
-
-<p>Warum mußte auch Jane einen Brief an ihre Nachbarin
-in Trenton schreiben und sich erkundigen, ob das
-Grab ihrer Mutter gut gepflegt werde. Es lag auf der
-Hand, daß dieser Umstand dem um das Wohl seines
-Mündels so ängstlich besorgten Vormund von den
-Empfängern des Briefes nicht verheimlicht werden
-würde. So wußte Dr. Glossin, daß Jane im Hause Termölen
-in Düsseldorf lebte. Es war einfach, beinahe zu
-einfach gewesen, ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Viel
-schwieriger würde es sein, mit ihr in Verbindung zu
-treten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p>
-
-<p>Während das Schiff die westfälische Ebene überflog,
-versuchte der Arzt, sich einen Plan zu machen. Wann
-hatte er Jane das letztemal gesehen? Damals, als
-der Inder R. F. c. 2 wie Wachs schmelzen ließ; als
-Glossin um sein Leben laufen mußte. Das mußte eine
-Annäherung des Doktors unmöglich machen. Es kam
-noch dazu, daß Jane doch inzwischen mit Silvester zusammengewesen
-sein, von ihm erfahren haben mußte,
-welche Rolle Glossin bei seiner Gefangennehmung und
-Verurteilung gespielt hatte. Es schien bei solcher Sachlage
-ein unmögliches Unterfangen für den Arzt, Jane
-vor die Augen zu treten.</p>
-
-<p>Aber schwierige Aufgaben reizten ihn. Er kannte seine
-eigene hypnotische Macht über Jane. Gelang es ihm,
-sich ihr zu nähern, seinen Einfluß wirken zu lassen, so
-mußte es ihm glücken, sie wieder ganz in seinen Bann zu
-zwingen, alle störenden Erinnerungen wegzusuggerieren.
-Nur der erste Angriff mußte geschickt ausgeführt werden.
-Die ersten dreißig Sekunden entschieden alles.</p>
-
-<p>Ruhig und mit voller Nervenkraft an das Werk gehen,
-darauf kam es an. Er nahm einige der winzigen Pillen,
-die ihm eine genau auf die Minute dosierte Nervenentspannung
-verschafften, und streckte sich in den Sessel
-zurück. So saß er regungslos, bis das Schiff in Köln
-landete. Eine knappe halbe Stunde später schritt er
-durch die Straßen Düsseldorfs auf das Haus Termölen
-zu.</p>
-
-<p>Sein Plan war einfach. Zu irgendeiner Stunde würde
-Jane doch einmal die Wohnung verlassen. Sie auf der
-Straße abpassen, das Fluidum wirken lassen, sie beeinflussen,
-sie in seinen Bann zwingen. Er war so einfach,
-daß er wohl gelingen mußte. Wenn nicht … es gab
-wohl ein »Wenn«, aber Dr. Glossin hatte es gar nicht
-in den Bereich der Möglichkeit gezogen.</p>
-
-<p>Er schlenderte die Straße entlang, und der Zufall
-begünstigte ihn.</p>
-
-<p>Jane trat aus dem Hause und ging in der Richtung
-nach dem Rattinger Tor hin. Dr. Glossin verschlang<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span>
-ihre Gestalt mit den Blicken. Sie hatte sich ein wenig
-verändert, seitdem er sie zuletzt sah. Die beängstigend
-ätherische Zartheit ihres Teints war einer gesünderen
-Farbe gewichen. Ihre Figur war voller und kräftiger
-geworden.</p>
-
-<p>Sie ging die Straße entlang, blieb hier und dort vor
-einem Schaufenster stehen und musterte die Auslagen.
-Mit der Gewandtheit eines Jägers pirschte sich der Doktor
-an sie heran. Unbeachtet in ihre nächste Nähe kommen,
-den Einfluß wenige Sekunden wirken lassen, und das
-Spiel war gewonnen.</p>
-
-<p>Während Jane die Schmuckstücke im Schaufenster eines
-Juweliers betrachtete, kam er dicht an sie heran, stand
-unmittelbar hinter ihr und ließ seine ganze Energie
-spielen.</p>
-
-<p>Jane schien es zu merken. Unangenehm, wie eine
-fremde körperliche Berührung. Sie drehte sich um und
-sah ihm unbefangen in die Augen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin erschrak. Das war das Mädchen nicht
-mehr, das sich in Trenton und Reynolds-Farm willenlos
-seinem Blick unterwarf. Er gab das Spiel verloren, erwartete
-im nächsten Moment eine Flut von Vorwürfen
-zu hören, sann auf schnellen Rückzug.</p>
-
-<p>Nichts dergleichen geschah.</p>
-
-<p>Jane begrüßte ihn wie einen alten Bekannten. Sie
-lud ihn ein, mit in das Haus zu kommen, und geleitete
-ihn dort in das Besuchszimmer. Hier erkundigte sie sich
-nach allen Bekannten in Trenton.</p>
-
-<p>Dr. Glossin beantwortete ihre Fragen ausführlich und
-versuchte, dieses eigentümliche Benehmen zu ergründen.
-Ganz vorsichtig ließ er den Namen Elkington fallen. Jane
-reagierte nicht darauf. Der Doktor wurde deutlicher. Er
-sprach von Elkington, wo er sie das letztemal gesehen
-habe. Jane blickte ihn verwundert an.</p>
-
-<p>»Elkington? … Elkington? … Ich bin nie in
-Elkington gewesen. Soweit ich mich erinnere, haben
-wir uns das letztemal in Trenton beim Begräbnis
-meiner Mutter gesehen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span></p>
-
-<p>»Aber meine liebe Miß Jane, können Sie sich auch
-nicht an Reynolds-Farm erinnern&nbsp;…«</p>
-
-<p>Jane schüttelte verneinend das Haupt. Dabei lachte
-sie vergnügt; lachte den Doktor geradezu aus, bis er seine
-Neugier nicht mehr meistern konnte.</p>
-
-<p>»Darf ich fragen, Miß Jane, welcher Umstand Ihre
-Heiterkeit erregt?«</p>
-
-<p>»Gewiß, Herr Doktor, ich amüsiere mich darüber, daß
-Sie mich noch immer als Miß anreden. Ich glaubte,
-mein Mann hätte Ihnen meine Vermählung längst mitgeteilt&nbsp;…«</p>
-
-<p>Dr. Glossin sah nicht sehr geistreich aus. Das Erstaunen
-war zu groß, die Neuigkeit war zu überraschend
-und kam zu plötzlich.</p>
-
-<p>Jane sah es und brach in ein helles Gelächter aus.</p>
-
-<p>»Sie wissen also nicht, daß ich verheiratet bin? Wissen
-natürlich auch nicht, wer mein Mann ist?«</p>
-
-<p>»Keine Ahnung, Mrs. … Mrs.&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Mrs. Bursfeld, damit Sie meinen vollen Namen
-kennenlernen, Herr Doktor.«</p>
-
-<p>»Ich konnte es mir fast denken.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin murmelte die Worte unhörbar vor sich hin.
-Mochte Jane immerhin geheiratet haben, so war sie
-heute doch schon wieder Witwe. Das sollte ihn nicht
-stören. Aber er mußte klar sehen, welche Veränderung
-mit ihr vorgegangen war.</p>
-
-<p>Ihre Erinnerung war lückenhaft. Sie wußte nichts
-mehr von Reynolds-Farm, wußte vielleicht überhaupt
-nicht mehr, daß es jemals einen Menschen namens Logg
-Sar gegeben hatte, obwohl sie heute Mrs. Bursfeld
-war. Todesurteil, Verrat, alle die Dinge, bei denen
-Glossin eine so schlimme Rolle spielte, waren ihrem Gedächtnis
-entschwunden. Es war dem Doktor klar,
-daß hier eine suggestive Beeinflussung vorlag. Man
-hatte Jane diese aufregenden Vorfälle vergessen lassen,
-um ihr hier ein ruhiges Leben der Erholung und Kräftigung
-zu ermöglichen. Die guten Wirkungen der Maßnahme<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-zeigten sich auch unverkennbar an ihrem Aussehen.</p>
-
-<p>Aber noch etwas anderes mußte geschehen sein. Während
-Dr. Glossin mit Jane sprach, versuchte er die alten
-Künste. Ganze Ströme magnetischen Fluidums ließ er
-auf sie wirken, während er im Laufe des Gespräches
-ihre Hände ergriff. Mit aller Kraft suchte er sie wieder
-unter seinen Willen zu zwingen. Ein Weilchen ließ ihn
-Jane gewähren. Dann entzog sie ihm ihre Hände.</p>
-
-<p>»Nun ist es genug, Herr Doktor. Sie sehen mich an
-… so … was … wollen Sie?«</p>
-
-<p>Bei diesen Worten schaute sie ihm selbst so sicher und
-unbeeinflußt in die Augen, daß er seine Bemühungen
-aufgab.</p>
-
-<p>Ein mächtiger Wille hatte Jane gegen alle hypnotischen
-Beeinflussungen von anderer Seite verriegelt. Wohl
-konnte er ruhig mit Jane sprechen. Aber alle Annäherung
-konnte ihm nichts nutzen. Sie war gegen seinen
-Einfluß gefeit. Eine Verriegelung, die Atma gelegt
-hatte … Dr. Glossin zweifelte, ob es ihm je gelingen
-könnte, sie wieder aufzuheben. Ein einziges Mittel
-blieb, eine schwere seelische Erschütterung. Wenn sie
-stark genug war, wenn sie die Seele mit voller Macht
-traf, dann konnte sie den Riegel vielleicht zerbrechen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin lehnte sich in seinen Stuhl zurück und
-holte aus seiner Brusttasche ein zusammengefaltetes
-Zeitungsblatt hervor.</p>
-
-<p>»Ich bitte Sie um Verzeihung, Mrs. Bursfeld, wenn
-meine Blicke länger als üblich an den Ihren hingen,
-meine Hände länger als gewöhnlich in den Ihren
-ruhten. Die überraschende Mitteilung Ihrer Vermählung
-bringt mich in eine eigenartige Lage, macht eine
-Nachricht, die sonst nur bedauerlich gewesen wäre, zu
-einer Trauerbotschaft.«</p>
-
-<p>Jane blickte ihn mit weitgeöffneten Augen an. Überraschung
-und Bestürzung malten sich auf ihren Zügen.</p>
-
-<p>»Eine schlimme Nachricht aus Linnais.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin sagte es, während er Jane das Haparanda<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-Dagblad mit der Nachricht vom Untergange des
-alten Hauses Truwor hinhielt.</p>
-
-<p>Jane warf einen Blick darauf.</p>
-
-<p>»Herr Doktor, ich verstehe kein Schwedisch. Sie
-müssen mir das übersetzen.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin nahm das Blatt wieder an sich und begann
-Wort für Wort zu übersetzen. Die Nachricht vom
-Brande, von den Explosionen. Vom Untergange des
-ganzen alten Hauses in einer einzigen wabernden Lohe.
-Vom sicheren Tode aller Insassen.</p>
-
-<p>Während er Zeile für Zeile übersetzte, wurde Jane
-von Sekunde zu Sekunde blasser. Bei den letzten Worten
-sank sie mit einem leisen Schrei ohnmächtig von
-ihrem Stuhl auf den Teppich.</p>
-
-<p>»Jetzt oder nie … vielleicht ist der Riegel
-gebrochen.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin beugte sich über die ohnmächtig Daliegende.
-Er strich ihr über die Stirn. Alles magnetische
-Fluidum, über das er verfügte, versuchte er
-in ihren Körper zu jagen. Sie wieder ganz unter
-seinen Willen und Einfluß zu zwingen.</p>
-
-<p>Er befahl ihr, sich zu erheben, und Jane führte den
-Befehl aus. Mit halbgeschlossenen Augen stand sie
-vor ihm.</p>
-
-<p>Auf einen Dritten hätte die Szene einen wunderbaren
-Eindruck gemacht … Kein Wort wurde gesprochen.
-Lautlos erteilte Dr. Glossin seine Befehle. Lautlos
-vollzog sie Jane, solange sie sie noch vollzog.</p>
-
-<p>Eine Richtung der Pupillen von Jane gefiel dem
-Doktor nicht. »Sehen Sie mich an. Sehen Sie mir genau
-in die Augen«, befahl er.</p>
-
-<p>Jane leistete dem Befehl keine Folge. Erst wanderte
-ihr Blick. Dann drehte sich ihr Haupt und dann
-der ganze Körper. Sie wandte dem Doktor halb den
-Rücken zu. Wäre Dr. Glossin über die Himmelsrichtungen
-in dem Zimmer orientiert gewesen, hätte er
-bemerkt, daß Jane genau nach Norden blickte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span></p>
-
-<p>So stand sie. Minuten hindurch. Dr. Glossin bot
-seine ganze Kraft auf und hatte keinen Erfolg.</p>
-
-<p>Wenn der Riegel jemals gebrochen war, so war er
-in diesen Sekunden wieder zusammengeschweißt.</p>
-
-<p>Jetzt wandte sich Jane ruhig dem Doktor wieder zu.
-Sie zeigte eine heitere Miene. Jede Angst und Unruhe
-waren wie weggewischt. Sie nahm die Unterhaltung
-da wieder auf, wo sie vor langen Minuten gestockt
-hatte.</p>
-
-<p>»Dieser Zeitungsbericht ist doch längst überholt. Ein
-bedauerlicher Zwischenfall. Ein Brand, der im Laboratorium
-von Erik Truwor ausbrach. Ich hörte davon.
-Es ist schade. Es hält die Arbeiten wieder auf.
-Ich werde meinen Mann ein paar Tage länger entbehren
-müssen. Aber Sie können beruhigt sein. Er
-ist unversehrt und arbeitet mit allen Kräften an seiner
-Erfindung weiter&nbsp;…«</p>
-
-<p>Dr. Glossin hatte das Empfinden, als ob alles um
-ihn niederbräche. Eben noch seines Sieges gewiß. Im
-Bewußtsein, drei Gegner vernichtet zu haben. Im Begriff,
-Jane wieder unter seinen Einfluß zu zwingen.</p>
-
-<p>Und nun? Die junge Frau stand sicher und selbstbewußt
-vor ihm. Sie lachte über die Mitteilungen, die
-sie niederschlagen sollten.</p>
-
-<p>»Herr Doktor, Ihre Nachrichten sind überholt. Ich
-habe neuere, bessere.«</p>
-
-<p>Mit dieser im Konversationston vorgebrachten Bemerkung
-schlug sie alle seine Angriffe zurück, vereitelte sie
-seine Anstrengungen, setzte sie ihn der Gefahr aus, sich
-lächerlich zu machen, wenn er seinen Besuch noch weiter
-ausdehnte.</p>
-
-<p>Dr. Glossin empfahl sich. Äußerlich höflich, innerlich
-zerrissen und wütend.</p>
-
-<p>»Wenn nicht die eine, so die andere! Wir wollen
-sehen, wie Lady Diana die Nachricht aufnimmt.«</p>
-
-<p>Mit diesem Vorsatz verließ er das Haus.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Das war die Stellung der beiden Flotten. Vor der
-Broken-Bai auf der Reede von Port Jackson lagen die
-sechs großen australischen Schlachtschiffe. Die »Tasmania«,
-»Viktoria«, »Kaledonia« usw. Mit den leichteren Streitkräften
-insgesamt fünfzehn Fahrzeuge. Etwa sechzehn
-Kilometer nördlich nach Rielmond hin ankerte das englische
-Geschwader. Es hatte alles in allem rund die
-doppelte Schiffszahl der australischen Flotte und auch die
-doppelte Kampfstärke.</p>
-
-<p>Nur Kommodore Blain und die Herren von der Admiralität
-in London wußten, warum ein englisches Geschwader
-von solcher Stärke plötzlich in der Nähe von
-Sydney auftauchte. Vielleicht geschah es, um den Vorstellungen
-des englischen Sondergesandten MacNeill ein
-besonderes Gewicht zu verleihen. Vielleicht war es auch
-wirklich nur ein Zufall.</p>
-
-<p>Mochte dem sein, wie ihm wolle. Die Besatzungen
-der australischen Schiffe vom Admiral Morison bis hinab
-zu den letzten Midshipmen waren über die Anwesenheit
-nicht erbaut. Für den Admiral Morison waren zwar
-die strikten Anweisungen seiner Regierung bindend, die
-ihm einen nicht nur höflichen, sondern sogar herzlichen
-Verkehr mit der englischen Flotte zur Pflicht machten.
-Aber Admiral Morison war einer gegen dreißigtausend
-Mann der Flottenbesatzung.</p>
-
-<p>Mittags um zwölf wurde der Beschluß des australischen
-Parlaments auf der Flotte bekannt. Es war
-Essenszeit. Wer nur irgendwie dienstfrei war, saß beim
-Mittagmahl. Die Mannschaften in den großen luftigen
-Zwischendecks, Offiziere und Ingenieure in ihren Messen.
-Die Gebräuche der Marine und der anglosächsischen
-Marine ganz besonders sind ehrwürdig und wenig veränderlich.
-Es gab Speck mit dicken Erbsen, wie ihn die
-Seeleute Nelsons schon bei Aboukir und Trafalgar bekommen
-hatten und wie ihn aller Voraussicht nach auch
-noch die Enkel und Urenkel der hier Schmausenden erhalten
-würden. Nur so weit hatte sich der soziale Gedanke
-auch in der australischen Flotte durchgesetzt, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span>
-die Offiziere das gleiche erhielten wie die Mannschaften,
-also in diesem Falle ebenfalls Speck mit dicken Erbsen.</p>
-
-<p>So saßen sie und speisten. Die Mannschaften zu
-Hunderten. Die Offiziere zu Dutzenden. Nur der Kapitän
-allein. Eben jenem alten Brauche folgend, der
-im Kapitän eines Schiffes einen Halbgott erblickt, den
-kein anderer Sterblicher essen sehen darf.</p>
-
-<p>Also saß Kapitän George Shufflebotham, der Kommandant
-der »Tasmania«, allein in seiner Kabine und verzehrte
-das kräftige, aber Durst erregende Mahl. Es lag
-in seinen persönlichen Gewohnheiten begründet, daß er
-dabei den Whisky nur wenig mit Soda verdünnte. Gerade
-als er das letzte Stück Speck mit einem guten
-Schluck Whisky vom Stapel ließ, kam der Läufer in seine
-Kabine und legte ihm die Funkendepesche auf den Tisch.</p>
-
-<p>Kapitän Shufflebotham kaute und las. Schluckte und
-schlug mit der Faust auf den Tisch.</p>
-
-<p>Mit der Depesche in der Hand verließ er seine Kabine
-und ging in das Mannschaftsdeck, wo die Leute gerade
-mit den Resten der Mahlzeit beschäftigt waren. Winkte
-den ersten besten heran.</p>
-
-<p>»Kannst du lesen, mein Junge?«</p>
-
-<p>»Ich denke ja, Herr Kapitän.«</p>
-
-<p>»Dann lies mal! Lies das Ding so laut vor, daß
-alle es hören können!«</p>
-
-<p>Mit einem Blick hatte Jimmy Brown den Inhalt der
-Depesche überflogen und begriffen. Stellte sich in Positur
-und brüllte mit Riesenstimme: »Achtung! … Ruhe!
-… Verlesung auf Befehl des Herrn Kapitäns&nbsp;…!«</p>
-
-<p>Als Jimmy Brown geendet hatte, durchbrauste ein
-ungeheurer Jubel das Zwischendeck. Kapitän Shufflebotham
-beobachtete mit triumphierender Miene die Wirkung
-der Verlesung. Dann winkte er Jimmy Brown
-beiseite, nahm die Depesche zurück und sprach angelegentlich
-mit ihm.</p>
-
-<p>Jimmy Brown hörte zu. Erst ruhig. Dann mit weit
-aufgerissenen Augen, als verstünde er nicht, was der
-Kapitän sage und wolle. Dann mit beginnendem Verständnis<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span>
-und schließlich mit kaum verhehltem Vergnügen.
-Der Kapitän ging in seine Kabine zurück. Jimmy Brown
-ließ Erbsen Erbsen sein und machte sich auf dem Deck
-zu schaffen. Auf Deck, und zwar an der Flaggenleine.
-Ganz langsam stieg der Union Jack, der im Topp des
-Gefechtsmastes flatterte, herunter. Kurze Zeit hatte
-Jimmy Brown danach an einer Stelle der Flaggenleine
-zu tun. Er bastelte, knotete und knüpfte, während ein
-paar Kumpane ihn nach allen Seiten deckten.</p>
-
-<p>Dann kam die Flaggenleine wieder in Bewegung.
-Sie stieg. Aber sie nahm eine eigenartige und
-von keiner seefahrenden Nation anerkannte Flagge
-mit empor. Es war ein großer Scheuerlappen, der
-dort majestätisch in die Höhe ging, und in einem Drittel
-der Mastlänge folgte ihm der Union Jack. Als die
-Leine zur Ruhe kam und von Jimmy Brown festgeknotet
-wurde, flatterte der Lappen munter im Topp, und
-tief unter ihm, beinahe Halbmast, stand die Flagge
-Großbritanniens.</p>
-
-<p>Es war Unfug … Grober Unfug … Wenn die
-Mannschaften einmal mit der Beköstigung oder sonstwie
-unzufrieden waren, hatten sie solchen Lappen an die
-Flaggenleine geknotet. Die Götter mögen wissen, wie
-dem Kapitän Shufflebotham in der Whiskylaune der Gedanke
-kam, diese alte Geschichte wieder aufzuwärmen
-und zu einer offenkundigen Verhöhnung der britischen
-Flagge zu benutzen. Es genügt, daß es geschah und auf
-den anderen Schiffen Nachahmung fand. Auch auf der
-»Viktoria«, der »Alexandra«, der »Kaledonia« und allen
-anderen hatte man die Depesche des Parlamentsbeschlusses
-erhalten und war tatenlustig. Vergebens warfen sich
-die Offiziere ins Mittel und verboten das Manöver. Es
-grenzte so ziemlich an Meuterei. Überall wurden die
-Vorgesetzten zurückgedrängt, und auf allen Schiffen der
-australischen Flotte flatterte nach wenigen Minuten ein
-übler Lappen über dem Union Jack.</p>
-
-<p>Vergeblich sandte Admiral Morison von seinem Flaggschiff,
-der »Melbourne«, eine dringende Depesche nach der<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-anderen und drohte, die Schiffskommandanten vor ein
-Kriegsgericht zu bringen. Sie beteuerten die Unmöglichkeit,
-diese sonderbaren Flaggen gegen den Willen der
-gesamten Mannschaften niederzuholen. Bis auf den
-Kapitän Shufflebotham. Der antwortete überhaupt
-nicht. Er lag auf dem Sofa seiner Kabine und schlief
-den Schlaf des Gerechten.</p>
-
-<p>Aber die eigenartige Flaggenparade war von mehr
-als einer Stelle gesehen worden. Auch Kommodore Blain,
-der Chef des englischen Geschwaders, hatte sie bemerkt.
-Bei der Entfernung von sechzehn Kilometer konnte er
-auch mit einem guten Glase nur erkennen, daß eine einfarbige
-dunkle Flagge über dem Union Jack saß. Darum
-schickte er einen Flieger aus, der sich das Ding in der
-Nähe besehen sollte. War entrüstet, als er hörte, daß
-die ältesten und zerrissensten Schauerlappen in den Toppen
-der australischen Flotte über der geheiligten Flagge
-Englands wehten. Dann griff er zum Telephon und
-rief den Admiral Morison selber an.</p>
-
-<p>Die Unterredung war auf englischer Seite von bemerkenswerter
-Kürze, aber inhaltvoll. Admiral Morison
-betonte, daß seine Flotte sich im Zustande halber
-Meuterei befände, daß sein eigenes Schiff den Unsinn
-nicht mitmache, daß er bemüht bleibe, wieder ordnungsmäßige
-Zustände herzustellen. Die Antwort des Admirals
-Blain war kurz und schroff.</p>
-
-<p>»Es ist drei Viertel eins. Wenn die Lappen noch um
-eins hängen, schieße ich.«</p>
-
-<p>Die telephonische Verbindung brach ab. Admiral Morison
-rief den Kapitän und die Offiziere seines Flaggschiffes.
-Es war in zwölf Minuten eins, als sie bei ihm
-eintraten. Von ihnen hörte er, daß das englische Geschwader
-die Anker aufgenommen habe und nordwärts
-über die Kimme dampfe. In fliegender Hast benachrichtigte
-er sie von der Unterredung mit dem Engländer.
-Zehn Minuten vor eins hatten sie die Lage begriffen.
-Natürlich … die englische Flotte segelte auf Gefechtsentfernung
-von dreißig Kilometer irgendwohin, wo sie<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-im Falle eines Kampfes die australischen Flieger erst
-ausfindig machen mußten, während Admiral Blain
-wußte, wo er den Gegner zu suchen und zu treffen hatte.</p>
-
-<p>Neun Minuten vor eins … acht Minuten vor eins.</p>
-
-<p>Die Schiffe noch jetzt zum Streichen dieses verdammten
-Schauerlappens zu bringen? … Ganz unmöglich. Seit
-fast einer Stunde versuchte man es ja vergeblich. Dann
-wenigstens nicht wehrlos zugrunde gehen. Sich nicht
-hier vor Anker in Grund schießen lassen. Es war sechs
-Minuten vor eins, als vom Admiralschiff an alle Einheiten
-der Flotte der Befehl kam, schnellstens Anker aufzunehmen
-und gefechtsklar zu machen.</p>
-
-<p>Niemals wurde ein Befehl in der australischen Marine
-schneller befolgt. So schwerhörig sie früher auf den einzelnen
-Schiffen gewesen waren, so hellhörig wurden sie
-jetzt. Man hatte das Verschwinden der englischen Flotte
-beobachtet und machte sich seinen Vers darauf.</p>
-
-<p>Vier Minuten vor eins waren alle Anker gelichtet.
-Drei Minuten vor eins lief die australische Flotte, die
-einzelnen Geschwader in Kiellinie, mit voller Maschinenkraft
-seewärts Kurs Süd zu Südost.</p>
-
-<p>Admiral Morison sah auf die Uhr. Eine Minute vor
-eins. Er trat in den Kommandoturm. Immer noch
-die schwache Hoffnung im Herzen, daß der Engländer
-seine Drohung nicht wahrmachen würde. Daß es ihm
-selber gelingen würde, die Flotte unter den Kanonen der
-Botany-Bai in Sicherheit zu bringen. Der Kampf mit
-der doppelt so starken englischen Flotte war zu aussichtslos,
-als daß er ihn irgendwie wünschen konnte. Der
-Kapitän der »Melbourne« war hinsichtlich der Engländer
-anderer Meinung.</p>
-
-<p>Schon schwirrten englische Flieger über der Kimmung.
-Und dann kamen die ersten englischen Geschosse. Zunächst
-keine Treffer. Aber jeder Schuß gab Veranlassung
-zu Korrekturen, und immer näher bei den Schiffen
-schlugen die schweren Geschosse in die See, dort wüste
-und wütende Wasserberge emporreißend.</p>
-
-<p>Die Aussichten, ein schnell und im Zickzackkurs fahrendes<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-Schiff auf dreißig bis vierzig Kilometer Entfernung
-direkt zu treffen, waren natürlich minimal. Dafür aber
-hatte die Technik dieser Tage Geschosse geschaffen, welche
-das alte Prinzip der bereits im Weltkriege benutzten
-Wasserbomben weiter ausbauten. Sie explodierten erst
-vierzig Meter unter Wasser, warfen dann aber eine
-Woge auf, welche jeden in fünfhundert Meter Nähe
-befindlichen Panzer zum Kentern bringen mußte. Die
-Kriegstechnik hatte, wie immer, auf den verbesserten
-Angriff einen verbesserten Schutz folgen lassen. Die
-Kriegsschiffe waren mit stabilisierenden Kreiseln ausgerüstet,
-die den kippenden Wogen Widerstand zu leisten
-vermochten. Bis zu einem gewissen Grade wenigstens.</p>
-
-<p>Aber nun <span id="corr209">folgten</span> die englischen Salven in dichter
-Folge. Admiral Morison zog seine Schiffe weit auseinander,
-um aus dem schlimmsten Strudelwasser herauszukommen.
-Auch die Australier feuerten, was die
-Rohre hergeben wollten, und ihre Flieger meldeten die
-Einschläge, verbesserten die Richtungen.</p>
-
-<p>Aber es stand schlimm um die Schiffe Morisons.
-Schon trieb die Kaledonia gekentert kieloben. Jetzt faßte
-ein Zufallstreffer die Alexandra und verwandelte sie in
-der nächsten Sekunde in eine graue Wolke kleiner Stahlbrocken
-und gelblich schwelenden Rauches. Wohl hatten
-auch die australischen Kanoniere einige Fahrzeuge des
-Gegners gekippt, und einem Torpedoflieger war es gelungen,
-einen Lufttorpedo aus zweitausend Meter auf
-das Deck des Alcestes zu setzen und ihn in Trümmer
-zu zerreißen. Aber es war klar, daß die australische
-Flotte nur noch für die Ehre der Flagge focht …
-welcher Flagge denn?</p>
-
-<p>Ein bitteres Lächeln umspielte die Züge des Admirals
-Morison, als er den Gedanken dachte. Für die Laune,
-hier einen Scheuerlappen zu hissen, schlug sich seine
-Flotte auf Leben und Tod mit dem weit überlegenen
-Gegner. Um dieser Laune willen mußte er in schreiendem
-Gegensatz zu den Befehlen seiner Regierung mit
-einer Flotte kämpfen, mit der ihm die Pflege freundschaftlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span>
-Beziehungen befohlen war. Es war bitter
-für einen Mann, dessen Leben bisher strenge Pflichterfüllung
-gewesen war. Aber Admiral Morison stand
-unter dem Zwange der Verhältnisse und beschloß, auszuharren
-bis zum Ende.</p>
-
-<p>Eine Meldung eines seiner Flieger ließ ihn aufmerken.</p>
-
-<p>»Englischer Panzer Alkyon gekentert. Ohne Schuß
-von uns.«</p>
-
-<p>Schon kam eine zweite Meldung von einem anderen
-Flugschiff:</p>
-
-<p>»Amphitrite geht auf Grund. Ohne Schußeinwirkung
-von uns.«</p>
-
-<p>Die dritte Meldung folgte unmittelbar:</p>
-
-<p>»Niobe sinkt. Es scheinen U-Boote zu wirken«.</p>
-
-<p>Die folgenden Sekunden brachten noch ein halbes
-Dutzend gleichartiger Meldungen. Bis Admiral Blain
-den ungleichen Kampf aufgab und mit dem Reste seiner
-Schiffe nach Nordosten entfloh.</p>
-
-<p>Admiral Morison sammelte den Rest seines Geschwaders
-und setzte den Kurs auf den bisherigen Standort
-der englischen Flotte. Nach beendetem Kampf war es
-Seemannspflicht, Überlebende zu retten.</p>
-
-<p>Auf halbem Wege, auf der Höhe von Sydney, kamen
-ihm U-Boote entgegen. Hundert U-Boote. In Kiellinie
-zogen sie in Überwasserfahrt daher. Große, schwer
-gepanzerte Kreuzer von einer Art, wie sie Australien nicht
-besaß. Sie fuhren schnell und waren im Augenblick
-heran.</p>
-
-<p>Es konnten Feinde sein. Aber keinem Menschen in
-der australischen Flotte kam dieser Gedanke. Sie alle,
-von dem Schiffskommandanten bis zu den einfachen
-Kanonieren, erblickten in diesen Booten die Erretter vom
-sicheren Untergang und begrüßten sie mit brausendem
-Cheer. Da ging am Heck des ersten Bootes ein rötlicher
-Ball empor, breitete sich im Winde aus und zeigte das
-Sternenbanner der amerikanischen Union. Amerikanische
-U-Boote hatten unter der Führung des Admirals<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span>
-Willcox eingegriffen. Unbekannt mit den letzten Entschließungen
-von Cyrus Stonard, sah Willcox die australische
-Flotte im Kampfe mit der englischen Übermacht.
-Mochten die Politiker treiben, was sie wollten. Der
-Seebär Willcox wußte nur, daß Australien nächstens
-amerikanisch werden würde. Das hatte ihm genügt.</p>
-
-<p>Die australische Flotte lief in den Hafen von Sydney.
-Die amerikanische U-Boot-Flotte folgte nach einer plötzlichen
-Entschließung des Admirals Willcox. Der meinte,
-daß es Zeit sei, das warme Eisen zu schmieden, und
-kümmerte sich den Teufel um diplomatische Gebräuche
-und Abmachungen.</p>
-
-<p>Die Kunde von dem Gefecht und dem Eingreifen der
-amerikanischen Hilfe war den Flotten drahtlos vorausgeeilt.
-Eine bange Stunde hindurch hatten in Sydney
-die Häuser unter dem schweren Feuer der kämpfenden
-Flotten gebebt. Dann kam die Erlösung. Hilfe und
-Sieg durch die Amerikaner. Da schlug die bange Stimmung
-in das Gegenteil um. Die Amerikaner, die jetzt
-im Hafen lagen, die in einzelnen Trupps an Land kamen,
-wurden mit hellem Jubel begrüßt. Niemand in
-ganz Sydney dachte mehr an die Tagesarbeit. Von
-dichten Scharen waren die Straßen schwarz, während
-die Häuserfassaden im Flaggenschmuck verschwanden.</p>
-
-<p>Einer der wenigen, die nicht an diesem allgemeinen
-Jubel teilnahmen, war der australische Premier Mr. Applebee.
-Der Staatsmann dachte an die Zukunft und
-fuhr bei MacNeills, dem englischen Gesandten, vor.
-Nicht ohne sich einen bestimmten Plan zurechtgemacht
-zu haben.</p>
-
-<p>Der Engländer empfing ihn hochmütig und kalt. Das
-Erstaunen zu deutlich zur Schau tragend, als daß es
-für ganz natürlich gehalten werden konnte.</p>
-
-<p>»Was wünschen Sie, Herr Ministerpräsident? Ich
-glaube kaum, daß wir uns nach dieser Affäre noch etwas
-zu sagen haben.«</p>
-
-<p>Mr. Applebee war auf den Empfang gefaßt.</p>
-
-<p>»Gestatten Sie, daß ich anderer Meinung über die<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span>
-Vorfälle bin. Es war der englische Admiral, der die
-Feindseligkeiten eröffnete und den ersten Schuß auf
-unsere Flotte tat. Auf unsere kleine Flotte, die sich in
-diesem unglücklichen Augenblick in offensichtlicher Meuterei
-befand. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich diesen
-Flaggenunfug genau so verurteile wie unser Admiral
-Morison. Der ganze Unsinn geht von einem als Trinker
-bekannten Kapitän aus, der heute noch seines Amtes
-enthoben werden soll. Doch dieser Umstand rechtfertigt
-das schroffe Vorgehen Ihres Admirals nicht. Was ist
-dabei herausgekommen? Gerade das, vor dem ich heute
-vormittag warnen zu müssen glaubte. Ein Eingreifen
-Amerikas an unserer Seite.</p>
-
-<p>Aber trotz aller dieser Vorfälle … höchst bedauerlichen
-Vorfälle, die uns und Ihnen Menschenleben und
-gute Schiffe gekostet haben, hoffe ich immer noch, daß sich
-die Affäre in friedlicher Weise beilegen lassen wird. Ich
-habe nach Ihrem letzten Besuch auf Mittel und Wege
-gesonnen, dem Parlamentsbeschluß die Spitze abzubrechen.
-Ich hoffe, solche gefunden zu haben, und wäre
-untröstlich, wenn die Verständigung jetzt scheitern sollte.«</p>
-
-<p>MacNeills horchte auf. Eine Möglichkeit, den Parlamentsbeschluß
-zu inhibieren? Das gab der Sache eine
-neue Wendung. Er erwiderte, er wolle umgehend drahtlos
-Instruktionen seiner Regierung einholen.</p>
-
-<p>Mr. Applebee war noch keine Stunde von diesem
-Besuch zurückgekehrt, als er den Gegenbesuch MacNeills
-empfing. Die englische Regierung bestehe auf restlose
-Aufklärung der Vorfälle. Danach würde sie ihre weiteren
-Schritte einrichten.</p>
-
-<p>Mr. Applebee atmete auf. Das hieß, aus dem Diplomatischen
-in die tägliche Gebrauchssprache übersetzt,
-daß auch England die Sache nicht über das Knie brechen
-wolle. Restlose Aufklärung … das waren wenigstens
-vierzehn Tage. Mehr hatte Cyrus Stonard nicht verlangt.
-Er schüttelte dem Engländer beim Abschied mit
-ostentativer Herzlichkeit die Hand.</p>
-
-<p>Mr. MacNeills fuhr im Kraftwagen nach seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span>
-Hotel zurück. Am Prinz-Alfred-Park geriet das Auto
-in den Strom der singenden, johlenden, flaggenschwingenden
-Menge. Das Gedränge zwang den Chauffeur,
-langsam zu fahren. Ein australischer Matrose, ein Sternenbanner
-in der Rechten schwingend, sprang auf das
-Trittbrett. Ließ die Flagge wehen.</p>
-
-<p>»Hallo, Boys, drei Hurras für Uncle Sam!«</p>
-
-<p>Vieltausendstimmig wurde der Ruf von der Menge
-aufgenommen und rollte wie ein Donnerwetter die breite
-Straße entlang. Da fühlte MacNeills, daß Australien
-für England unwiederbringlich verloren sei. Der Führer
-hatte sich durch den Menschenstrom gewunden, die ruhige
-Seitenstraße erreicht.</p>
-
-<p>»Fahr zu, Chauffeur!«</p>
-
-<p>Kurz und scharf rief es der Engländer und warf sich
-in das Kissen zurück.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die gespannte politische Lage nötigte auch den Vierten
-Lord der Admiralität, seinen Landaufenthalt für unbestimmte
-Zeit zu unterbrechen. Lord Horace Maitland
-war mit Familie und Dienerschaft in sein Stadthaus
-übergesiedelt, ein einfaches, aber geräumiges Palais aus
-der Zeit des dritten Georg. Kaum zehn Minuten von
-der Admiralität entfernt.</p>
-
-<p>Eine kleine Gesellschaft der nächsten Bekannten saß
-dort um den Teetisch versammelt. Lord Horace kam aus
-einer Sitzung. In diesem Kreise durfte er sich ziemlich
-frei äußern.</p>
-
-<p>»Die Ansichten im Kabinett waren geteilt. Einige
-meiner Kollegen hoffen immer noch, daß sich ein
-Krieg … der Krieg, der um Englands Schicksal geht …
-vermeiden läßt. Die Entscheidung liegt beim Parlament,
-das morgen zusammentritt.«</p>
-
-<p>»Eine bange Nacht für alle, die mit ihrem Blute für
-das Vaterland eintreten müssen.«</p>
-
-<p>Einer der Gäste hatte es gesagt.</p>
-
-<p>»Noch eine lange, bange Nacht!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p>
-
-<p>Lady Diana flüsterte es mit bewegter Stimme. Sie
-blickte geistesabwesend vor sich hin und rührte mit dem
-kleinen Silberlöffel mechanisch in der Teetasse.</p>
-
-<p>Lord Horace betrachtete sie mit forschendem Blick. Seit
-Tagen fiel ihm eine Veränderung an ihr auf, für die er
-keine Erklärung fand. Was konnte die ruhige, gefestigte
-Natur seiner Frau so außer Fassung bringen? Der
-drohende Krieg? … Wenig wahrscheinlich! Was sonst?</p>
-
-<p>Lady Diana atmete, wie von einer Last befreit, als die
-Gäste sich empfahlen. Lord Horace sah, wie gezwungen
-das Lächeln war, mit dem sie sie verabschiedete.</p>
-
-<p>Vergeblich wartete er auf ihre Rückkehr.</p>
-
-<p>»Die Lady hat sich in ihre Räume zurückgezogen.«</p>
-
-<p>Der Bescheid wurde ihm auf seine Frage. So war
-es ihm unmöglich, dem Grunde dieser Veränderung
-näherzukommen. Es hieß wohl zu warten, bis seine
-Gattin freiwillig sprechen würde.</p>
-
-<p>Er war in Sorge. Seine Heirat war eine Liebesheirat
-im besten und edelsten Sinne. Die Erhöhung des
-Gatten, die unerwartete Erbschaft des Lordtitels hatte
-das innige zarte Verhältnis der Gatten nicht geändert.
-Die Liebe, die in der Hütte blüht, stirbt leicht im Palast.
-Hier war das nicht der Fall. Doch seit einigen Tagen
-fühlte Lord Horace, daß etwas Fremdes zwischen ihm
-und seiner Gattin stand.</p>
-
-<p>Lady Diana schritt rastlos in ihrem Zimmer hin und
-her, mit fieberisch geröteten Wangen. Die Lippen wie
-durstig geöffnet.</p>
-
-<p>Die Stutzuhr schlug die sechste Stunde.</p>
-
-<p>Diana Maitland hielt in ihrem Gang inne und starrte
-auf das Zifferblatt.</p>
-
-<p>»Schon wieder ein Tag vergangen … ohne Nachricht
-… Noch eine Nacht wie die vergangene ertrage
-ich nicht … Warum das alles? … Um eines Mannes
-willen, dessen Namen ich längst aus meinem Leben gestrichen
-zu haben glaubte. Ah&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sie warf sich auf den Diwan. Die eine Hand schob
-ungeduldig die Kissen zurecht, die andere strich das Haar<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span>
-von der Schläfe. Ihre Augen waren geschlossen, aber es
-zuckte zuweilen in den langen Wimpern.</p>
-
-<p>Eine Welt lag zwischen diesem unruhig sinnenden,
-gegen Tränen kämpfenden Weib und jener heiteren,
-strahlenden Schönheit, die noch vor wenigen Tagen den
-Mittelpunkt der glänzenden Gästeschar in Maitland
-Castle bildete.</p>
-
-<p>Ihre Lippen formten Worte.</p>
-
-<p>»Warum lasse ich mich in wachendem Zustand von
-diesen Träumen quälen? Ist es nicht genug an den
-unruhigen Nächten? … Warum diese Angst? … Was
-habe ich getan, was ich nicht vor mir selbst, vor aller
-Welt verantworten könnte?</p>
-
-<p>Ich bin nur feig … oder vielleicht krank … und
-könnte doch gerade so glücklich sein, wie mich die Welt
-schätzt.«</p>
-
-<p>Lady Diana richtete sich heftig auf.</p>
-
-<p>»Horace beobachtet mich … meine Aufregung ist
-ihm nicht entgangen … ich bin ihm kein Geständnis
-schuldig! Nein, nein! Soll ich ein zweites Mal für eine
-Sünde büßen, die keine war?«</p>
-
-<p>Erschöpft warf sie sich auf den Diwan zurück und schlug
-die großen dunklen Augen zur Zimmerdecke auf. Wie
-unter einem Zwange sprach sie weiter:</p>
-
-<p>»Der eine liegt auf dem Père Lachaise. Der andere
-in Linnais&nbsp;…?«</p>
-
-<p>Ein Pochen an der Tür. Auf silbernem Tablett brachte
-die Zofe einen Brief. Ein großes graues Kuvert. Deutsche
-Briefmarken. Die Schrift der Adresse schien ihr wohl
-bekannt, und doch konnte sie den Schreiber nicht erraten.</p>
-
-<p>»Legen Sie den Brief auf den Tisch. Ich werde ihn
-später lesen.«</p>
-
-<p>Sie sagte es mit gleichgültiger Stimme. Kaum hatte
-die Zofe den Raum verlassen, als sie aufsprang und den
-Umschlag mit zitternden Fingern zerriß. Ein einfaches
-Zeitungsblatt bildete den Inhalt. Eine schwedische Zeitung.
-Ihre Sprachkenntnisse reichten hin, den Inhalt
-halb zu entziffern, halb zu erraten. An einer Stelle ein<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span>
-roter Strich. Eine fettgedruckte Stichmarke … Linnais&nbsp;…</p>
-
-<p>Sie ging zum Diwan zurück, zwang sich gewaltsam,
-die wenigen Zeilen Wort für Wort zu lesen:</p>
-
-<p>»Linnais, den 20. Juli. Eine Katastrophe, die noch
-der Aufklärung bedarf, hat gestern das in unserer Nähe
-liegende Gehöft der Truwors betroffen. Um Mitternacht
-flog das Herrenhaus unter schweren Explosionen in die
-Luft. Es wurde von dem erst kürzlich aus dem Auslande
-zurückgekehrten Besitzer bewohnt, der zwei Freunde
-als Gäste bei sich hatte. Mit Sicherheit ist anzunehmen,
-daß alle Insassen den Tod gefunden haben. Über die
-Ursache der Katastrophe gehen Gerüchte, die wir ihrer
-Unkontrollierbarkeit wegen vorläufig nicht wiedergeben
-wollen.«</p>
-
-<p>Mit einem leisen Aufschrei sank Diana Maitland auf
-den Diwan zurück. Wie im Traume sah sie, wie sich die
-Tür öffnete, Lord Horace in das Zimmer trat, die Tür
-hinter ihm ins Schloß fiel. Es war ihr unmöglich, sich
-zu erheben. Es gelang ihr nur, sich etwas aufzurichten.</p>
-
-<p>»Du hast eine unangenehme Nachricht erhalten?«</p>
-
-<p>»Eine unangenehme Nachricht … wie kommst du auf
-die Frage?«</p>
-
-<p>Lord Horace deutete auf das am Boden liegende Zeitungsblatt.</p>
-
-<p>»Wer sandte dir diese Zeitung?«</p>
-
-<p>Die Antwort kam nicht gleich. Endlich kam sie …
-zögernd und unfrei:</p>
-
-<p>»Dr. Glossin.«</p>
-
-<p>»Von Dr. Glossin?!«</p>
-
-<p>Lord Horace trat einen Schritt zurück.</p>
-
-<p>»Von Dr. Glossin? … Gib mir, bitte, eine Erklärung.
-Du bist sie mir schuldig. Was steht in dem Blatt, daß
-dich in eine solche Erregung versetzt?«</p>
-
-<p>Lady Diana zögerte, stockte. Erst nach geraumer Weile
-hatte sie ihre Stimme in der Gewalt.</p>
-
-<p>»Du darfst mir nicht zürnen, Horace. Es überkam
-mich plötzlich … gewiß eine Folge der letzten kritischen<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-Tage. Sie haben Ansprüche auf meine Nerven gemacht,
-denen ich nicht gewachsen war … Die Zeitung von
-Dr. Glossin … oh, gewiß! Es wird dich interessieren,
-welchen Erfolg die Expedition nach Linnais gehabt hat.
-Dr. Glossin … ah, gewiß! Es wird dich interessieren,
-<span id="corr217">welche Nachrichten er überbringt</span>.«</p>
-
-<p>»Warum schickte er die Zeitung an deine Adresse?«</p>
-
-<p>»Ich glaube … ich glaube … nun sehr einfach, ihr
-Männer seid doch jetzt Feinde.«</p>
-
-<p>Diana Maitland versuchte zu scherzen.</p>
-
-<p>»Sein patriotisches Gewissen erlaubt ihm keinen Verkehr
-mehr mit dir … Ich werde dir diese Zeilen übersetzen.«
-Sie las ihm den Inhalt der Notiz vor.</p>
-
-<p>»Ah, sehr gut … Der Plan ist also gelungen. Unbegreiflich,
-daß noch keine Meldung von Oberst Trotter
-vorliegt … Doch du? … Du freust dich nicht? Und
-nahmst doch zuerst so starken Anteil an dem Plan.«</p>
-
-<p>Diana war zurückgesunken. Sie drückte das feine
-Spitzentuch gegen die Stirn. Ihre Brust bewegte sich
-heftig.</p>
-
-<p>»Diana, was ist dir?«</p>
-
-<p>»Nichts! Habe Geduld mit mir, Horace. Es wird
-vorübergehen. Überlasse mich heute mir selbst, ich bitte
-dich!«</p>
-
-<p>»Schenke mir Vertrauen, Diana. Befreie dich von
-der Last. Sage mir, was dich quält.«</p>
-
-<p>Lord Maitland näherte sich ihr und legte den Arm
-beruhigend um ihren Nacken.</p>
-
-<p>Diana zuckte leise zusammen. Ihr Körper erzitterte.</p>
-
-<p>»Lasse mich! Lasse mich! Ich bin nicht die, die&nbsp;…«</p>
-
-<p>Klage und Herausforderung schienen zu gleicher Zeit
-im Klange dieser Worte zu liegen. Lord Horace zog
-seine Hände von ihren Schultern zurück. Betroffen sah
-er das jagende Wechselspiel von Licht und Schatten auf
-ihren Zügen. Er wagte nicht zu sprechen, wagte nicht
-diese Qual, in der ihre Seele sich wand, zu unterbrechen.
-Endlich nach langem Schweigen schien ihr der Entschluß
-zu reifen. Ein harter Zug legte sich um ihren Mund.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p>
-
-<p>»Ich will nicht länger schweigen. Nur die Wahrheit
-kann mir helfen.«</p>
-
-<p>Sie sprach ohne Schwäche.</p>
-
-<p>»Hör mich an als mein Gatte, mein Freund … als
-mein Richter.« Sie wendete sich ihm zu und blickte ihn
-mit freien Augen an.</p>
-
-<p>»Du weißt, Horace, daß meine Eltern Polen waren.
-Unser Nachbar war der Fürst Meszinski. Er hatte einen
-einzigen Sohn Raoul. Raoul war drei Jahre älter als
-ich. Schon als halbe Kinder galten wir als Verlobte.
-Die Familien wollten es so haben. Mein Vater war
-reich. Raoul entstammte einem alten Geschlecht und trug
-den Fürstentitel. Es paßte so schön zusammen, alter Adel
-und Reichtum. Im Grunde genommen, ein Handel, den
-beide Familien ausgeklügelt hatten. Ich wußte nichts
-davon. Raoul auch nicht. Wir hatten einander lieb,
-wie sich Kinder liebhaben. Wir wußten beide nichts vom
-Leben und von der Liebe.</p>
-
-<p>Raoul wurde Offizier und lernte das Leben kennen.
-Während mein Herz sich gleichgeblieben war, wurden
-seine Empfindungen leidenschaftlicher. Noch ein Jahr,
-und unsere Ehe sollte geschlossen werden … Da kam
-der Krieg gegen die Russen und die Deutschen. Die
-vierte Teilung Polens war ihr Ziel. Du weißt, daß
-nach einem kurzen heldenmütigen Verzweiflungskampf
-Polen der Übermacht erlag. Als Raoul auszog, waren
-alle Vorbereitungen für eine schnelle Eheschließung getroffen.
-Wir schickten uns an, zur Trauung zu gehen, als
-eine starke russische Kavalleriepatrouille in den Gutshof
-einbrach. Die Hochzeitsgesellschaft stob auseinander.
-Raoul schoß den feindlichen Führer vom Pferde und
-entfloh.</p>
-
-<p>Zur Strafe wurde unsere Besitzung verbrannt. Mein
-alter Vater mißhandelt, so daß er bald darauf starb. Meine
-Mutter floh nach Finnland, ihrer Heimat. Ich weigerte
-mich, ihr zu folgen, und ging als Krankenschwester zur
-Armee.</p>
-
-<p>Als eines Tages ein neuer Transport Verwundeter<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span>
-in unser Lazarett eingeliefert wurde, sah ich darunter
-Raoul, den ich schon tot geglaubt. Er hatte eine schwere
-Brustwunde. Raoul selbst wußte genau, wie es um ihn
-stand. Nur das Bewußtsein, mich um ihn zu wissen,
-hielt das schwache Lebensfünkchen noch in Glut.«</p>
-
-<p>Lady Diana Maitland fuhr fort: »Jetzt erkannte ich
-ganz, wieviel tiefer seine Liebe war als die meine. Ich
-hatte ihn geliebt, wie ich jeden zu lieben geglaubt hätte,
-den mir meine Eltern zur Heirat bestimmten.</p>
-
-<p>Aber ebenso, wie meine Gegenwart seine letzten Tage
-leicht machte, machte sie ihm das Scheiden schwer.</p>
-
-<p>Ich sah, wie er in Sehnsucht und Liebe sich nach mir
-verzehrte. Sein unaufhörliches Flehen drang in mich.
-Meine Liebe werde ihn retten; mein volles Liebesumfangen
-werde ihn gesunden lassen. Worte süßen Rausches
-drangen in mein Herz. Noch wehrte ich mich, da
-sah ich ihn erbleichen, als ob sein Blut zur Erde niederströme.
-Ich schrie auf, ich glaubte, ihn auf der Stelle
-sterben zu sehen. Er sah mich mit einem Blick an, in
-dem sich sein ganzes Empfinden widerspiegelte. Liebe,
-Enttäuschung, Jammer, Verzweiflung. Er griff nach
-seiner Brust, als wolle er den Verband abreißen. Da …
-da hatte ich keine Kraft mehr zum Widerstande&nbsp;…</p>
-
-<p>Ich saß Tag für Tag an seinem Lager, bis sein Leben
-verlosch. Ich sah ihn hinübergehen, scheiden ohne
-Schmerz, voll von Glück.</p>
-
-<p>In mir war alles versunken, alles verschwunden. Mir
-war's, als hätte ich alles nur im Traum erlebt. Nur
-das letzte Wort Raouls haftete in meinem Gedächtnis …
-›Diana!‹ In diesem sterbenden Hauch von den bleichen
-Lippen hatte eine Unendlichkeit von Jubel, von Staunen
-und von Glück gelegen. In der Erinnerung blieb nur
-der Spielkamerad, der Jugendfreund.</p>
-
-<p>Die Jahre und die Ereignisse sind über mich hingegangen,
-ohne den Teil meiner Seele zu berühren, in dem
-alles verschlossen war. Nur einmal wurde die Tür dazu
-geöffnet, erbrochen … und die Erinnerung hieran
-blieb&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p>
-
-<p>Ein leichter Schauer durchlief ihren Körper.</p>
-
-<p>»In dem Zusammenbruch unseres Vaterlandes hatten
-wir alles verloren. Ich wurde Gesellschafterin bei einer
-schwedischen Gräfin, die meiner Mutter befreundet war.
-Wir lebten den größten Teil des Jahres in Paris. Auf
-einer Gesellschaft lernte ich einen schwedischen Ingenieur
-kennen. Überlegen erschien mir seine Persönlichkeit gegenüber
-den anderen Männern, die ich kennengelernt
-hatte. Alle Vorzüge des Geistes und des Körpers
-schienen mir in ihm vereint … Wir liebten uns …
-Ich war glücklich, glücklich&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ein leises, verlorenes Lächeln schwebte wie ein Hauch
-um ihre Lippen. Sie empfand eine ungewohnte Erleichterung.
-Diese Selbstdemütigung schien ihr Herz zu
-stärken, wie eine Handlung ungestümen Wagemuts. Sie
-lächelte … Dann verdüsterten sich ihre Züge wieder.
-Ihre Stimme, eben noch bewegt, wurde monoton.</p>
-
-<p>»Ein Lazarettarzt war unbemerkt Zeuge von Raouls
-letzter Stunde gewesen. Er tauchte eines Tages in Paris
-auf. Er erkennt mich wieder und belästigt mich mit
-seinen Zudringlichkeiten. Meinem Verlobten entgeht es
-nicht. Er stellte ihn zur Rede. Der Mensch weist ihn an
-mich. Ich erzählte alles, was vorgefallen. Mein Verlobter
-erschießt ihn im Duell … Und ich?! … Ich
-erhalte am nächsten Tag seinen Ring zurück … ohne
-ein Wort, eine Silbe.«</p>
-
-<p>Sie senkte den Kopf und schloß die Lider. Die Erinnerung
-an jene Vorgänge ließ sie jetzt noch zittern.</p>
-
-<p>»Ich fühlte mich bis auf den Tod gedemütigt. Ich
-begriff nicht, wie ich noch leben sollte … vernichtet,
-verachtet, mitleidlos beiseite geworfen.</p>
-
-<p>Hundertmal wünschte ich mir damals den Tod. An
-die Stelle der Liebe trat der Haß. Ich haßte so grausam,
-wie eine Frau nur hassen kann … Was dann
-kam, weißt du. Ich wurde Sängerin. Im Taumel des
-Lebens glaubte ich, Vergessenheit zu finden, um nur zu
-bald völliger Enttäuschung zu begegnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span></p>
-
-<p>Ich beschloß, nur noch meiner Kunst zu leben, und
-widmete ihr mein ganzes Sein&nbsp;…</p>
-
-<p>Und dann kamst du … du warst edel, warst gut zu
-mir. Du zeigtest mir deine Bewunderung, deine Achtung,
-dein Vertrauen. Du warst bereit, dein Schicksal,
-dein Leben mit dem meinen zu verbinden, deinen Namen
-einer Frau zu geben, deren Leben du kaum kanntest.«</p>
-
-<p>Mit starrem Gesicht hatte Lord Maitland gelauscht.</p>
-
-<p>Eine qualvolle Pause entstand.</p>
-
-<p>Lord Horace preßte die Zähne zusammen. Widerstreitende
-Empfindungen ergriffen ihn. Er empfand die
-rückhaltlose Aufrichtigkeit Dianas als etwas Wohltuendes.
-Doch ein anderer Instinkt kämpfte gegen dieses
-Gefühl in ihm an. Etwas seinem eigenen Wesen Feindseliges
-tauchte in ihm auf, wollte ihn dazu bringen, all
-seinen Mut zusammenzuraffen, seine Liebe und sein Mitleid
-zu bezwingen, seiner Gattin den Rücken zu kehren.</p>
-
-<p>Diana schien seine Gedanken zu erraten.</p>
-
-<p>»Horace! Horace!« schrie sie mit erstickter Stimme.
-Alles Blut wich aus ihrem Gesicht.</p>
-
-<p>Der Lord hörte die angsterfüllte Stimme. Er stürzte
-auf sie zu und schloß ihr den Mund mit zitternden Händen,
-erschüttert, entsetzt. Er schloß ihre Augen, die starr
-und weit geöffnet waren. Seine Wimpern wurden
-feucht.</p>
-
-<p>… Sie fühlte seine Bewegung, sie spürte auf ihren
-Augen die Finger, die sie berührten, wie nur Liebe und
-Mitleid zu berühren wissen.</p>
-
-<p>Ihre Arme streckten sich und schlangen sich um den
-Hals des Mannes.</p>
-
-<p>»Du liebst mich, du glaubst an mich?«</p>
-
-<p>Lord Horace ergriff ihre Hände.</p>
-
-<p>»Laß mir Zeit … seien wir mutig … du hast die
-Gespenster der Vergangenheit geweckt. Es wird Zeit
-brauchen, sie wieder zur Ruhe zu bringen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Du fragst nicht nach dem Namen, Horace?«</p>
-
-<p>»Wozu den Namen? Laß ihn begraben sein, Diana.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span></p>
-
-<p>»Ich muß ihn dir nennen, daß du alles verstehst …
-er ist … Erik Truwor.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Lord Maitland wünschen Eure Herrlichkeit zu
-sprechen.«</p>
-
-<p>Der Diener meldete es, und gleich danach trat Lord
-Horace in das Kabinett des englischen Premierministers.
-Die Stimmung war ernst. Vor zwei Stunden war die
-offizielle Nachricht von dem Gefecht vor Sydney in London
-eingetroffen. Noch hielt die englische Regierung sie
-zurück. Doch schon liefen unkontrollierbare Gerüchte
-durch die Straßen der englischen Metropole. Erzählungen
-von einer unerhörten Schmach, die der Flagge
-Englands durch amerikanische Streitkräfte zugefügt sein
-sollte.</p>
-
-<p>Trotz aller Gesetze und Postregale gab es Dutzende
-geheimer Empfangsstationen für die Funkenmeldungen
-der ganzen Welt in London. Stationen, die auf einem
-Schreibtisch bequem Platz hatten und Funkennachrichten
-aus Australien und Südafrika ebenso sicher auffingen
-wie aus Schottland oder Frankreich.</p>
-
-<p>Die Londoner Börse wurde zuerst von den Gerüchten
-getroffen. Sie war in einer trostlosen Baissestimmung.
-Das Publikum in den Straßen glich einem aufgeregten
-Bienenschwarm, und Lord Gashford, der leitende Staatsmann
-des britischen Weltreiches, fühlte den Druck der
-schweren Verantwortung mehr denn je. Wohl hatte er
-durch die letzte Instruktion an den australischen Gesandten
-MacNeills noch eine Frist für die letzte unwiderrufliche
-Entscheidung gesichert. Aber er war sich dessen
-voll bewußt, daß die letzte Entscheidung mit Riesenschritten
-heranrückte.</p>
-
-<p>Lord Maitland hielt ihm das Zeitungsblatt hin,
-welches Glossin an Lady Diana gesandt hatte.</p>
-
-<p>»Die Nachricht ist gut, wenn sie wahr ist. Wir wissen
-es noch nicht. Seit sechsunddreißig Stunden warte ich<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-auf den Bericht des Obersten Trotter, der vom Kriegsministerium
-mit der Expedition beauftragt wurde.«</p>
-
-<p>»Oberst Trotter&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Wie meinten Sie?«</p>
-
-<p>»Nichts von Wichtigkeit. Nur bin ich der Ansicht, daß
-der Bericht längst da sein müßte. Es ist unerhört, daß
-wir das Ergebnis einer von uns betriebenen Unternehmung
-durch ein schwedisches Lokalblatt erfahren
-müssen.«</p>
-
-<p>Die Züge des Premiers verrieten von neuem Sorge
-und Ungewißheit über den Ausgang der Expedition.</p>
-
-<p>»Ich fürchte, daß irgend etwas bei der Unternehmung
-nicht in Ordnung ist. Auf keinen Fall können wir daran
-denken, eine Entscheidung zu treffen, bevor wir nicht
-den Bericht Trotters oder noch besser den Oberst selbst
-hier haben. Ich habe den Kriegsminister kurz vor Ihrem
-Erscheinen um seinen Besuch bitten lassen. Ich denke,
-das wird er sein.«</p>
-
-<p>Sir John Repington trat in das Gemach. In seiner
-Begleitung kam Oberst Trotter. Er machte nicht eben
-den besten Eindruck. Die Haut seines Gesichtes schälte
-sich wie Platanenrinde im Frühjahr. Der stattliche
-Schnurrbart war bis auf einen kargen Überrest der
-Schere zum Opfer gefallen. Der erste Eindruck auf alle
-in diesem Raume Befindlichen war der, daß es nicht
-gefahrlos sei, mit Erik Truwor und seinen Leuten anzubinden.
-Waren sie wirklich unter den brennenden Trümmern
-ihres Hauses begraben, so hatten ihre Flammen
-und sonstigen Verteidigungsmittel jedenfalls auch dem
-Gegner reichlich zu schaffen gemacht.</p>
-
-<p>Der Eindruck verstärkte sich, als Oberst Trotter seinen
-mündlichen Bericht gab. Acht von seinen Leuten tot,
-zum Teil in den Flammen umgekommen, verschollen.
-Fünf mehr oder weniger schwer verwundet. Nur mit
-sieben Leuten war der Oberst nach England zurückgekommen.</p>
-
-<p>Im übrigen bestätigte sein Bericht die Mitteilung des
-schwedischen Blattes und ergänzte sie. Nach tapferer<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-Gegenwehr war das Feuer der Verteidiger niedergekämpft,
-das Haus sturmreif geschossen worden. In
-diesem Moment brachen Explosion und Brand aus, von
-denen das schwedische Blatt allein berichtete. Sicher
-waren die Verteidiger, soweit sie das Feuer der Angreifer
-noch lebend überstanden hatten, in der Gewalt
-der Explosionen und in der Hölle der Feuersbrunst umgekommen.</p>
-
-<p>Die englischen Minister spürten eine große Erleichterung,
-während Oberst Trotter den Gang der Dinge
-schilderte.</p>
-
-<p>»So weit ganz gut«, unterbrach hier Repington. »Aber
-warum haben Sie nicht sofort nach der Affäre einen
-drahtlosen Bericht an das Amt geschickt? Sie hatten
-unser bestes Modell der kleinen Stationen mit. Warum
-haben Sie nicht sofort gefunkt?«</p>
-
-<p>»Es ging nicht, Sir! Es ging trotz aller Bemühungen
-nicht. Der Mann, der mit dem Apparat Bescheid wußte,
-war gefallen. Die anderen konnten ihn nicht in Betrieb
-bringen.«</p>
-
-<p>Der Kriegsminister runzelte die Stirn.</p>
-
-<p>»Sehr bedauerlich. Der einzige Funker, den Sie bei
-Ihrer Truppe hatten, durfte nicht exponiert werden, Herr
-Oberst. Und dann später … Sie sind mit einem unserer
-Flugschiffe zurückgekehrt. Warum haben Sie da
-nicht gefunkt?«</p>
-
-<p>Oberst Trotter zerrte verzweifelt an den spärlichen
-Resten seines Schnurrbartes.</p>
-
-<p>»Es ging nicht, Sir! Es ging absolut nicht! Der
-Telegraphist erklärte, daß sein Apparat in Unordnung
-sei. Aus unerklärlichen Gründen in Unordnung sei und
-nicht funktioniere. Es war nichts zu machen.«</p>
-
-<p>Lord Maitland blickte den Premier an und dieser den
-Kriegsminister. Einen Moment flammte ein unbestimmter
-Verdacht in den Herzen der drei Männer auf.</p>
-
-<p>Oberst Trotter gab seinen schriftlichen Bericht, den er
-während der Überfahrt verfaßt hatte, in die Hände des<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span>
-<span id="corr225">Kriegsministers</span> und verließ das Kabinett. Lord Horace
-schaute ihm nachdenklich nach.</p>
-
-<p>»Wenn ich gewußt hätte, daß man gerade diesen
-Oberst Trotter mit einer so wichtigen Mission betraute,
-würde ich es kaum unterlassen haben, meine Bedenken
-geltend zu machen.«</p>
-
-<p>Sir John Repington bekam einen roten Kopf und
-nahm seinen Offizier in Schutz. Der alte Zwiespalt zwischen
-Armee und Marine machte sich bemerkbar. Der
-Premier legte den Zwist bei.</p>
-
-<p>»Lassen wir die Nebensächlichkeiten. Aus dem eben
-gehörten Bericht geht mit Sicherheit hervor, daß die
-Expedition ihren Zweck erreicht hat. Den Zweck, Großbritannien
-von einem unbekannten und unter Umständen
-unbequemen Gegner zu befreien. Wir können unsere
-Beschlüsse jetzt ohne Hemmung von dieser Seite her
-fassen. Nach den Ereignissen des Vormittags ist die Beschlußfassung
-nicht länger aufzuschieben. Das Parlament
-ist in London versammelt. Die Parteiführer sind von
-mir verständigt. Sie können ihre Leute in zwei Stunden
-zusammen haben. Auf Wiedersehen in zwei Stunden!«</p>
-
-<p>Sobald ihn seine Kollegen verlassen hatten, gab Lord
-Gashford den offiziellen Bericht über die Schlacht bei
-Sydney an die Presse und die Nachrichtenagenturen.
-Im Augenblick wurde er an tausend Stellen Londons
-bekannt. Extrablätter in Auflagen von Millionen kamen
-heraus, wurden den Händlern aus den Händen gerissen
-und vielmals gelesen, bevor sie auf dem Pflaster unter
-den Rädern der Wagen und den Füßen der hin und her
-wogenden Menge ein Ende fanden. Die Unruhe wuchs,
-die Aufregung stieg, und die Stimmung der Bevölkerung
-Londons näherte sich schnell jenem Siedepunkte, bei
-welchem gefährliche und unvorhergesehene Ausbrüche der
-Leidenschaft zu fürchten sind.</p>
-
-<p>Das Parlament war das natürliche Ventil, durch das
-diese Spannung sich entladen mußte. Und das Parlament
-war vollzählig bis auf den letzten Mann versammelt,
-war sich seiner Pflichten gegen das Land bewußt,<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span>
-als die Minister ihre Plätze auf den Bänken der Regierung
-einnahmen.</p>
-
-<p>Die Tagesordnung war einfach. Stellungnahme zu der
-Affäre von Sydney. Ein ausführlicher Bericht über das
-Vorkommnis lag jedem Mitglied gedruckt vor. Die meisten
-Abgeordneten lasen ihn kaum noch. Sie waren
-durch ihre Zeitungen informiert.</p>
-
-<p>Die Abstimmung war nur noch Formsache.</p>
-
-<p>Das englische Parlament beauftragte die Regierung,
-den Vereinigten Staaten von Nordamerika den Krieg
-zu erklären und ihn mit aller Energie zu führen.</p>
-
-<p>Mit diesem Auftrage zog sich das Kabinett zurück. Es
-hatte mit der Ausführung der Beschlüsse vollauf zu tun:
-die vorhandenen Streitkräfte mobil zu machen, Reserven
-einzuberufen, die Industrie nach dem großzügigen Plan
-zu mobilisieren. Jeder einzelne Fachminister hatte sein
-Pensum. Daneben blieb noch eine Formalität zu erfüllen.
-Dem amerikanischen Botschafter in London Mr.
-Geddes mußte der Kriegszustand amtlich mitgeteilt werden.
-Es waren ihm, wie es in der veralteten diplomatischen
-Sprache immer noch hieß, die Pässe zuzustellen.
-Zur gleichen Stunde, zu welcher der englische Botschafter
-in Washington die Kriegserklärung überreichte.</p>
-
-<p>Lord Gashford sah sich forschend um.</p>
-
-<p>»Lord Maitland, Sie sind mit Mr. Geddes persönlich
-bekannt. Wollen Sie ihn besuchen und ihm die Mitteilung
-machen?«</p>
-
-<p>Lord Horace nickte zustimmend. Er war mit Mr. Geddes
-seit Jahren befreundet. Er wollte den Auftrag übernehmen,
-um dem, was unvermeidlich geschehen mußte,
-wenigstens die versöhnlichste Form zu geben.</p>
-
-<p>»Betonen Sie besonders bei Ihrem Besuch, daß sich
-unser Kampf nicht gegen das blutsverwandte Volk richtet,
-sondern nur gegen den Tyrannen. Daß wir je schneller
-desto lieber wieder zu friedlichen Zuständen kommen
-wollen, sobald eine freiheitliche Regierung in Washington
-es uns möglich macht.«</p>
-
-<p>Lord Gashford wußte, warum er diese salbungsvolle<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span>
-Mitteilung überbringen ließ. Mr. Geddes war durch
-seine freiheitliche Gesinnung bekannt. Im Herzen ein
-Philanthrop und Pazifist. Keineswegs ein überzeugter
-Anhänger der unbeschränkten Herrschaft des Diktators.
-Letzten Endes ein Schwärmer für Menschenverbrüderung
-und Ideale, die in dieser Welt harter Realitäten
-kaum zu erreichen sind.</p>
-
-<p>Cyrus Stonard kannte die Engländer. Er wußte, daß
-sie seit Jahrhunderten jeden Krieg, jeden Treubruch, jeden
-Überfall mit einem philanthropischen Mäntelchen behängt
-hatten, und in einem Anfall seines grimmigen weltverachtenden
-Humors hatte er ihnen einen überzeugten
-Philanthropen als Botschafter geschickt. Eben Mr. Geddes,
-der von ganzem Herzen an alle diese Phrasen glaubte,
-bei allen Verhandlungen aus vollster Überzeugung damit
-operierte und letzten Endes doch genau tun mußte, was
-Cyrus Stonard wollte.</p>
-
-<p>Der Kraftwagen hielt vor der amerikanischen Botschaft.
-Lord Horace schritt durch das Vestibül und Treppenhaus.
-Durch die Räume, die er bei Besuchen und Festlichkeiten
-so oft betreten hatte. Aufgescheuchte Dienerschaft lief
-umher. Gepackte Koffer standen auf den Fluren. Mr.
-Geddes hatte der Parlamentssitzung in der Diplomatenloge
-beigewohnt. Er wußte, daß der Krieg unvermeidlich
-war, und hatte alle Maßregeln für eine schnelle Abreise
-getroffen.</p>
-
-<p>Lord Horace ließ sich durch den zurückhaltenden Empfang
-nicht abschrecken. Er trat an Mr. Geddes heran
-und ergriff dessen Rechte mit seinen beiden Händen.</p>
-
-<p>»Mein lieber alter Freund, Sie wissen, ich bringe
-Ihnen schlechte Botschaft. Es ist ein schwerer Gang für
-mich. Doch einer mußte sie Ihnen bringen. Da habe
-ich es übernommen.«</p>
-
-<p>Langsam legte Mr. Geddes seine zweite Hand auf die
-beiden Hände von Lord Horace. Er war zu bewegt,
-um sprechen zu können.</p>
-
-<p>Eine Minute standen sie so. Dann machte sich Lord
-Maitland mit sanfter Bewegung frei. Noch eine Verneigung,<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span>
-und er verließ das Haus. Der alte Diener,
-der ihn so oft bei Festlichkeiten empfangen und geleitet
-hatte, gab ihm auch jetzt das Geleit bis zur Tür.</p>
-
-<p>Lord Horace atmete tief auf, als das Auto in schneller
-Fahrt durch die sonnige Straße fuhr. Es war auch für
-ihn, den routinierten Staatsmann und Diplomaten, ein
-bitteres Stück Arbeit gewesen, einem Manne wie Geddes
-die Mitteilung zu überbringen, daß seine Mission hier
-zu Ende sei.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>In der Nacht vom 19. auf den 20. Juli war die große
-amerikanische Transradiostation in Sayville im vollen
-Betrieb. Um die dritte Morgenstunde liefen alle Maschinen.
-Sie erzeugten die hochfrequente Sendeenergie
-und schickten sie über die Maschinengeber in die sechzehn
-Antennen der Station.</p>
-
-<p>Im Telegraphistensaal standen die automatischen
-Schreibapparate und verwandelten die aus allen Teilen
-Amerikas ankommenden Drahtdepeschen in gelochte
-Papierstreifen.</p>
-
-<p>Die Telegraphisten nahmen die gelochten Streifen
-aus den Stanzapparaten, ersahen aus den Adressen, nach
-welcher Himmelsrichtung sie bestimmt waren, und verteilten
-sie danach auf die Maschinengeber der verschieden
-gerichteten Antennen.</p>
-
-<p>Der Chefelektriker saß in seinem Glaskasten, von dem
-aus er einen Überblick über die ganze Station hatte.
-Vor ihm auf dem Tisch lag das Stationsbuch. Er war
-beschäftigt, die letzten Telegramme einzutragen.</p>
-
-<p>Da plötzlich … Mr. Brown stand auf und lauschte
-… Ein fremder Ton drang aus dem Maschinenraum
-her. Er kannte seine Station. Jede Unregelmäßigkeit
-verriet sich seinem geübten Ohr. Er sprang
-auf, verließ seinen Glaskasten und sah im Vorbeieilen,
-daß auch im Transmitterraum Unordnung ausgebrochen
-war. Alle Automaten standen still.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span></p>
-
-<p>Er eilte in den nächsten Saal zu den Maschinengebern.
-Das gleiche Bild hier. Eine Lähmung hatte alle
-diese Apparate getroffen, die eben noch im fliegenden
-Tempo arbeiteten und Depeschen in alle Welt schickten.</p>
-
-<p>Die Maschinengeber lagen still. Es war erstaunlich,
-aber schließlich denkbar. Das Undenkbare, das Unmögliche
-geschah im Nebenraum, in dem die großen, von
-den Maschinengebern gesteuerten Sendekontakte eingebaut
-waren. Die Kontakte arbeiteten. Sie tanzten auf
-und ab, schlossen und öffneten den Maschinenstrom und
-gaben unverkennbare Morsezeichen.</p>
-
-<p>Der Chefelektriker stürzte in diesen Raum. MacOmber,
-der alte, sonst so zuverlässige Maschinist, trat ihm verstört
-entgegen. Er deutete sprachlos auf die großen
-Kontakte, die sich, wie von unsichtbaren Geisterhänden
-bedient, bewegten.</p>
-
-<p>Ein höllischer Spuk war es. Aber ein Spuk, der nach
-einem festen Plan vor sich ging. Alle diese Bewegungen
-und Manipulationen spielten sich ganz systematisch ab.
-Er vermochte aus dem Knattern der Kontakte ohne
-weiteres den Wortlaut der Botschaft herauszuhören, die
-hier gegeben wurde.</p>
-
-<p>»Sayville. An alle! … Sayville. An alle! … Wer
-das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen.
-Die Macht warnt alle vor dem Kriege.«</p>
-
-<p>Mr. Brown stürzte sich auf den nächsten Sendekontakt
-und suchte ihn mit Gewalt festzuhalten. Die Kontakte
-arbeiteten unbeirrt weiter.</p>
-
-<p>Dreimal hintereinander gab die Station diese Depesche.
-Dann begannen mit einem Schlage wieder die
-Automaten und Maschinengeber zu arbeiten. Kaum
-zehn Minuten hatte der Spuk gedauert.</p>
-
-<p>Mr. Brown stand in seinem Glaskasten und strich sich
-die Stirn. Er wußte nicht, ob er wache oder träume.
-Mit verstörten Mienen blickten die Telegraphisten auf
-ihren Vorgesetzten. Keiner von ihnen kümmerte sich
-um die Apparate. Aber die Automaten, die nervenlosen<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-Maschinen, taten ihre Schuldigkeit. Sie schrieben
-die Depeschen auf, die jetzt von allen Seiten her in Sayville
-einliefen. Anfragen von amerikanischen und überseeischen
-Stationen, was die Sendung von Sayville zu
-bedeuten habe.</p>
-
-<p>Eine dringende Staatsdepesche aus Washington: »Befehl,
-den Stationsleiter sofort vom Amt zu suspendieren.
-Die Station dem Stellvertreter zu übergeben!«</p>
-
-<p>Mr. Brown war mit seinen Nerven fertig. Er übergab
-die Station seinem Vertreter und setzte sich hin, um
-mit zitternden Händen einen ausführlichen Bericht über
-das Vorkommnis zu schreiben.</p>
-
-<p>Für die Geschichte jener Zeit ist der Bericht ein wichtiges
-Dokument geworden. Er gibt noch verhältnismäßig
-objektiv eine Darstellung der unerklärlichen Beeinflussungen,
-denen die Großstationen der ganzen Erde in den
-folgenden Wochen bald hier, bald dort ausgesetzt waren.
-Eine unbekannte Macht hatte sich des drahtlosen Verkehrs
-bemächtigt. Sie gab ihre Depeschen »An alle!«,
-wie es ihr gefiel, unter Benutzung der vorhandenen
-Stationen ab.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Kapitän H. L. Fagan vom amerikanischen Marinedepartement,
-der eiserne Fagan, wie ihn seine Kameraden
-nannten, hatte Vortrag beim Präsident-Diktator.
-Mit aufmerksamen Blicken folgte Cyrus Stonard den
-Erklärungen, die Kapitän Fagan an Hand umfangreicher,
-an der Wand befestigter Zeichnungen gab.</p>
-
-<p>Sie stellten die große amerikanische Unterwasserstation
-dar, die im Laufe des letzten Jahres in aller Stille, vollkommen
-geheim, an der afrikanischen Ostküste in der
-Höhe der Seschellen entstanden war. Durch gründliche
-Lotungen hatten amerikanische Schiffe eine Stelle ausfindig
-gemacht, die zweihundert Kilometer von der
-Küste entfernt mitten im freien Ozean lag und doch nur
-hundert Meter tief war. Es war die Spitze irgendeines<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-vor Millionen Jahren in der Tiefe des Indischen Ozeans
-versunkenen Berges. Taucher hatten das Gelände untersucht
-und die Sprengungen vorbereitet, durch die man
-eine Plattform von etwa einem Quadratkilometer
-hundertfünfzig Meter unter dem Seespiegel schuf. Dann
-kam der Bau.</p>
-
-<p>Zwanzig gewaltige Hallen. Jede einzelne groß genug,
-die größten Flugschiffe, Flugtaucher und U-Boote aufzunehmen.
-Jede Halle mit den Maschinen für alle vorkommenden
-Reparaturen ausgerüstet. Jede Halle mit
-vielfacher Sicherheit gegen den gewaltigen Wasserdruck
-erbaut. Darüber hinaus noch durch ein System sinnreicher
-Sicherheitsschotten gegen Wassereinbrüche geschützt.
-Unterirdische, tief in den Fels des Berges gesprengte
-Gänge verbanden die Hallen miteinander.
-Zisternen waren mit Hilfe stärkerer Sprengmittel in den
-Basalt hineingearbeitet, die Hunderttausende von Tonnen
-der besten Treiböle für die Maschinen amerikanischer
-Kriegsfahrzeuge aufnehmen konnten.</p>
-
-<p>Ferner große Luftschleusen. Ein Druck auf einen der
-vielen Hebel in der Apparatenzentrale der Station genügte,
-und eine riesenhafte hydraulische Plattform hob
-sich wie eine plötzlich entstehende Insel aus den Fluten
-des Ozeans, bereit, Fahrzeuge aufzunehmen und sicher
-mit in die Tiefe zu bringen.</p>
-
-<p>Es war ein wahrhaft großartiger unterseeischer Flottenstützpunkt,
-den ein Befehl Cyrus Stonards hier mitten
-in der Wasserwüste entstehen ließ. An einer Stelle, von
-der aus es amerikanischen Streitkräften ein leichtes sein
-mußte, jede in Mittelafrika neu entstehende Kriegsindustrie
-im Entstehen zu zerschmettern und Indien
-schwer zu bedrohen.</p>
-
-<p>Als Cyrus Stonard vor dreizehn Monaten den Befehl
-gab, erklärten die Fachleute die Sache für unausführbar.
-Bis der eiserne Diktator den eisernen Kapitän fand.
-Cyrus Stonard entsann sich deutlich der ersten Unterredung
-mit dem Kapitän. Unbedingte Geheimhaltung<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-des Planes und des Baues forderte der Diktator. Kapitän
-Fagan hatte damals wenige Minuten überlegt.</p>
-
-<p>»Wir müssen mit fünftausend Mann arbeiten, wenn
-wir in einem Jahr fertig werden wollen. Ein Geheimnis,
-um das fünftausend Menschen wissen, ist kein Geheimnis
-mehr. Also müssen wir Sklaven für den Bau
-nehmen.«</p>
-
-<p>Kapitän Fagan hatte es damals mit einer Ruhe und
-Selbstverständlichkeit gesagt, die sogar den Diktator eine
-Minute verblüffte. Nur eine Minute. Dann hatte er
-die Vorzüglichkeit der Idee erfaßt.</p>
-
-<p>Zuchthäusler führten die unterseeische Station aus.
-Menschen, die von den amerikanischen Gerichten zu langjährigen
-Freiheitsstrafen verurteilt worden waren. Es
-kamen Monate, in denen der elektrische Stuhl wenig
-zu tun hatte, weil der Diktator auffallend häufig begnadigte.
-Aber nur Menschen, die mit Eisen und Stahl
-umzugehen verstanden, Menschen, die in die Branche
-paßten.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Kapitän Fagan gab dem Präsident-Diktator auf dessen
-Fragen präzisen Bericht.</p>
-
-<p>»Die Hallen eins bis sechzehn sind fertig. Versehen
-mit Proviant, Brennstoff und Munition. Vier Hallen
-sind noch im Bau. Die Wohnhallen für das ordentliche
-Marinepersonal. Die Zuchthäusler sterben wie die
-Fliegen. Haben auch schlechte Unterkunft in den Verbindungstunnels.«</p>
-
-<p>»Der Endtermin ist um drei Wochen überschritten.
-Wann werden die Wohnhallen fertig beziehbar dastehen?«</p>
-
-<p>Die Stimme des Präsident-Diktators klang scharf und
-schneidend, als er die Frage stellte.</p>
-
-<p>»In drei Tagen, Herr Präsident.«</p>
-
-<p>»Sie bürgen dafür?«</p>
-
-<p>»Ich bürge, Herr Präsident.«</p>
-
-<p>»Sind die Verteidigungsanlagen fertig?«</p>
-
-<p>»Sie sind fertig, Herr Präsident. Die Station ist von<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span>
-einem dreifachen Kranz unterseeischer Torpedominensender
-umgeben. Die akustischen Empfänger sprechen auf
-jedes Schraubengeräusch unter und über Wasser an. Die
-Hertzschen Strahler fassen auf zehn Kilometer jedes Ziel
-und dirigieren die Torpedos zu seiner Vernichtung.«</p>
-
-<p>»Wie steht es mit dem Schutz gegen Luftsicht?«</p>
-
-<p>»Seit acht Wochen arbeiten unsere Seefärber. Es
-war ein glücklicher Gedanke, unsere Station wie einen
-Tintenfisch mit eigenen Farbdrüsen auszustatten. Das
-Azoblau, welches die Seefärber Tag und Nacht in gleichmäßigem
-Strome in die See geben, färbt das Wasser
-so gleichmäßig, daß die ganze Untiefe vollkommen unsichtbar
-wird. Auch aus zweitausend Meter Höhe konnten
-unsere eigenen Flugschiffe die Station nicht finden,
-wenn die Färber arbeiteten. Wir mußten eine besondere
-Erkennungsboje auslegen.«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard hatte sich erhoben. Seine Augen
-leuchteten wild in fanatischem Glanz, während er
-den Mann betrachtete, der das Riesenwerk in einem
-Jahr glücklich zum Abschluß gebracht hatte.</p>
-
-<p>»Kurz und gut, Herr Kapitän! Wann sitzt der letzte
-Niet? Wann kann die Station in den Krieg eintreten?«</p>
-
-<p>»In drei Tagen, Herr Präsident! In drei Tagen sind
-die Marinemannschaften in ihren Quartieren, die Sklaven
-weggeschafft. In drei Tagen leistet die Station
-alles, was sie zu leisten hat.«</p>
-
-<p>»Ich danke Ihnen &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; Herr Admiral! Sie
-haben Ihre Sache gut gemacht. Sie bleiben weiter zu
-meiner Verfügung.«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard sprach mit befehlsgewohnten Lippen.
-Kapitän Fagan errötete. Ein Zittern ging durch seine
-bis dahin unbewegliche Gestalt. Ein Lob aus dem
-Munde des Diktators. Ein uneingeschränktes Lob und
-zugleich die Ernennung zum Admiral. Das war mehr,
-als er in diesen zwölf Monaten schwerer Arbeit mit
-Nächten der Verzweiflung und Tagen des Mißmuts zu
-hoffen gewagt hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span></p>
-
-<p>Er beugte sich nieder, wollte die Hand des Diktators
-ergreifen und küssen. Cyrus Stonard wehrte ab.</p>
-
-<p>»Lassen Sie, Herr Admiral! Gehen Sie, und dienen
-Sie mir und dem Lande so weiter, wie Sie bis jetzt
-gedient haben!«</p>
-
-<p>Mit unsicheren Schritten verließ Admiral Fagan
-das Kabinett.</p>
-
-<p>In der Mitte des Gemaches blieb Cyrus Stonard
-stehen und blickte ihm lange Zeit nach. Es zuckte und
-arbeitete in den aszetischen Zügen des Diktators. Seine
-Lippen bewegten sich und formten Worte, während ein
-verächtliches Lächeln sie umspielte.</p>
-
-<p>»Da geht er hin … der Eiserne … Errötet und
-zittert wie ein junges Mädchen. Um das eine Wörtchen
-Admiral … Hätte ich ihn hart angefahren, seine Arbeit
-getadelt, ihn weggejagt, er wäre davongeschlichen …
-hätte kein Wort des Widerspruchs gewagt … Eisern …
-pah! … so sind sie alle … ohne Ausnahme! Nur
-wenn sie den Herrn fühlen, tun sie, was sie sollen …
-was für das Land nötig ist … Kreaturen, die ein
-Wort von mir erhöht oder in den Staub wirft&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Präsident-Diktator kehrte langsam zu seinem
-Sessel zurück. Weltverachtung sprach aus seinen Zügen.
-Es waren alles Sklaven. Im Grunde nicht besser als
-die Fünftausend, die das letzte Jahr auf dem Seegrunde
-gefrondet hatten.</p>
-
-<p>Ein Gefühl des Überdrusses überkam ihn. Warum sich
-mühen und plagen, um diese Sklavenherde mit Gewalt
-den Weg zu ihrem Glück zu führen. Weil … weil&nbsp;…</p>
-
-<p>Ein Adjutant trat ein. Leutnant Greenslade brachte
-eine Depesche. Einen Bericht über die Vorgänge in
-Sayville. Legte sie auf den Tisch und erwartete in
-dienstlicher Haltung die Befehle des Diktators.</p>
-
-<p>Cyrus Stonard überflog das Blatt. Die rätselhafte
-Beeinflussung der großen Radiostation in Sayville. Das
-selbsttätige unhemmbare Arbeiten der Geber. Das Spielen
-der Schalter. Schließlich die kurze wunderbare Depesche:
-»An alle! … Die Macht warnt vor dem Kriege.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span></p>
-
-<p>Und wußte in demselben Moment, daß Glossin gelogen
-hatte! Daß Erik Truwor und die Seinen am Leben und
-im Besitze der Macht waren!</p>
-
-<p>In diesen Sekunden erlebte der Präsident-Diktator
-einen jähen und schweren Sturz. Eben noch im Gefühl
-eines unendlichen Machtbesitzes. Herr der halben und
-bald der ganzen Erde. Absoluter Gebieter über dreihundert
-Millionen. Und jetzt von einer unbekannten
-und unangreifbaren Macht bedroht, in seinen Entschlüssen
-und Befehlen gehemmt.</p>
-
-<p>Wie eben noch Kapitän Fagan durch wenige Worte
-des Diktators umgeworfen wurde, so brach Cyrus
-Stonard über den Inhalt der Depesche zusammen. Er
-saß vor seinem Tisch, ließ das Haupt auf die Arme
-sinken und verbarg sein Gesicht. Ein Schluchzen erschütterte
-den hageren, nur der Arbeit gewidmeten
-Körper.</p>
-
-<p>Leutnant Greenslade stand in vorschriftsmäßiger
-Haltung. Sah den Präsident-Diktator die Haltung
-verlieren und begann um sein Leben zu zittern. Es lebte
-niemand in den Vereinigten Staaten, der sich rühmen
-konnte, Cyrus Stonard schwach gesehen zu haben. Leutnant
-Greenslade hatte nur einen Gedanken.</p>
-
-<p>Wehe, wenn Stonard die Augen wieder aufmacht!
-Wehe, wenn der Diktator mich sieht! Dann bin ich
-verloren!</p>
-
-<p>In diesem Augenblick erhob Cyrus Stonard den Kopf.
-Mit Augen, die abwesend und weltentrückt blickten,
-schaute er um sich.</p>
-
-<p>»Dr. Glossin soll kommen!«</p>
-
-<p>Leutnant Greenslade übermittelte den Befehl und ging
-dann mit sich selbst zu Rate, ob er es wagen dürfe, in
-den Staaten zu bleiben.</p>
-
-<p>Dr. Glossin stand im Kabinett des Präsident-Diktators.
-Cyrus Stonard erhob sich statuenhaft von seinem Platz.
-Seine Rechte ergriff die Depesche und ballte sie krampfhaft
-zusammen. Er sprach kein Wort. Langsam kam
-er dem Doktor näher, bis er nur noch drei Schritte von<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span>
-ihm entfernt stand. Dann schleuderte er ihm den Papierball
-mit jähem Ruck in das Gesicht.</p>
-
-<p>Dr. Glossin machte keine Bewegung, den Wurf abzuwehren.
-Der Ball traf ihn zwischen die Augen und fiel
-zu Boden. Der Arzt verlor die letzte Spur von Farbe.
-Er kannte den Inhalt der Depesche, die ihm Cyrus Stonard
-eben ins Gesicht geschleudert hatte. Seit zwanzig
-Minuten wußte er, daß all seine Arbeit während der
-letzten Wochen vergeblich war. Die einzigen Menschen,
-die er zu fürchten hatte, waren seinen Nachstellungen
-entgangen. Waren irgendwo in Sicherheit und ließen
-ihre Macht spielen.</p>
-
-<p>Er war in diesem Augenblick nicht einmal fähig, die
-Beleidigung zu empfinden, die in dieser Behandlung
-lag. Der Papierball wirkte wie eine Flintenkugel. Der
-von ihr Getroffene empfindet den Schuß nicht als Beleidigung,
-aber er fällt danach um. Dr. Glossin begann
-auf seinen Füßen zu wanken, tastete mit den Händen
-nach einem Halt.</p>
-
-<p>Dem Präsident-Diktator hatte der physische Ausbruch
-Erleichterung verschafft. Die unmittelbare Wirkung des
-Schlages, der ihn getroffen hatte, ließ nach. Er begann
-klarer zu sehen. Sah den Menschen vor sich, der im Begriff
-stand, umzusinken.</p>
-
-<p>Da ließ er sich selbst wieder in seinem Sessel nieder
-und winkte dem Doktor.</p>
-
-<p>»Setzen Sie sich! … Setzen Sie sich! … Nicht dahin
-… hierher! Hier dicht zu mir her … ja, hier …
-Halt, heben Sie das erst auf!«</p>
-
-<p>Er wies mit der Hand auf die zerknüllte Depesche.
-Er kommandierte den Doktor wie einen Hund, und Dr.
-Glossin gehorchte wie ein geprügelter Hund. Jetzt saß
-er auf dem angewiesenen Sessel, dicht neben Cyrus
-Stonard, und entfaltete ganz mechanisch den Papierball.</p>
-
-<p>»Lesen Sie!«</p>
-
-<p>Dr. Glossin las die Depesche, die er heute schon so oft
-gelesen hatte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span></p>
-
-<p>»Was haben Sie mir gesagt? Und was sagen Sie
-jetzt?«</p>
-
-<p>Der Arzt war unfähig, eine zusammenhängende Antwort
-zu geben. Cyrus Stonard sah, daß er ihm die
-Möglichkeit zur Sammlung geben müsse. So befahl er
-weiter:</p>
-
-<p>»Geben Sie mir noch einmal einen genauen Bericht
-über die Vorgänge in Linnais. Nicht gefärbt, absolut
-genau!«</p>
-
-<p>Dr. Glossin raffte sich zusammen. Er begann zu
-sprechen und wurde ruhiger, je weiter er in seinem Bericht
-kam.</p>
-
-<p>»Die Engländer waren zur selben Zeit am Platze wie
-ich. Als ich den englischen Führer kennenlernte, war ich
-über seine Naivität erstaunt. Ich wollte ihn zurückrufen
-lassen, aber die Zeit war zu kurz. Ich hatte keine Möglichkeit
-mehr, die Expedition zu verhüten&nbsp;…«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard streifte den Arzt mit einem kalten
-Blick.</p>
-
-<p>»Das kommt davon, wenn die Werkzeuge anfangen,
-selbst zu denken. Ihnen hatte ich den Befehl gegeben,
-die drei zu vernichten. Ihnen! … Nicht den Engländern.
-Ich habe Ihre Eigenmächtigkeit nach Ihrem
-ersten Bericht nicht gerügt, weil Sie mir einen Erfolg
-meldeten. Einverstanden war ich nicht damit.</p>
-
-<p>Warum habe ich Sie zu meinem Werkzeug gewählt?
-… Weil ich mir solche bewährte Kraft für manche
-Geschäfte nicht entgehen lassen durfte. Wenn Ihr Talent
-nicht ausreicht, drei Menschen vom Erdboden verschwinden
-zu lassen, wenn Sie dazu die Engländer
-gebrauchen … Mann, warum haben Sie die Engländer
-auf die drei gehetzt, anstatt selbst zu gehen?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin stammelte: »… Interesse des Landes …
-Rücksicht auf die Neutralen … diplomatische Schwierigkeiten.«</p>
-
-<p>»Unsinn … Dummheit … was geht mich Schweden
-an? Denken Sie, ich hätte die Möglichkeit, die Neutralität<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span>
-dieses Ländchens zu verletzen, nicht in meinen
-Kalkul eingezogen?«</p>
-
-<p>Er blickte dem Doktor scharf in die Augen.</p>
-
-<p>»Sie haben Furcht gehabt! Erbärmliche, feige Furcht
-vor den drei Leuten! Darum wollten Sie den Fuchs
-spielen. Andere Leute die Kastanien aus dem Feuer
-holen lassen … So ist diese … Gemeinheit zustande
-gekommen … Merken Sie wohl auf! Sie stehen von
-heute ab unter Überwachung. Sie wissen, was das
-heißt. Der Verdacht einer Verräterei, eines Ungehorsams,
-und Sie verschwinden. Denken Sie daran, wenn
-Sie mir jetzt antworten.</p>
-
-<p>Ich wünsche genau Ihre Meinung über diese drei
-Menschen zu wissen. Ob sie noch am Leben sind …
-oder ob diese Depesche etwa von einer anderen Stelle
-kommt. Und wenn sie leben, was sind ihre Pläne,
-wie groß ist ihre Macht, wie weit reicht sie? Werden
-sie sich in dem kommenden Kampfe auf eine Seite
-stellen? Überlegen Sie sich genau, bevor Sie antworten.
-Es geht um Ihren Hals.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin wußte, daß der Präsident-Diktator nicht
-scherzte. Eine unbefriedigende Antwort … ein Druck
-auf den Klingelknopf am Schreibtisch und er erlebte
-den nächsten Stundenschlag nicht mehr. Er sammelte
-seine Gedanken und sprach langsam Wort für Wort
-abwägend:</p>
-
-<p>»Nein! Es ist ausgeschlossen, daß eine dritte Stelle
-in Betracht kommt. Ich war Augenzeuge der Katastrophe
-in Linnais, und ich sage doch, es sind die drei, die die
-Depesche sandten.«</p>
-
-<p>»Wie konnten sie entkommen? Sie mußten doch
-schließlich fürchten, eines Tages ausgehoben zu werden.
-Sie konnten sich durch einen unterirdischen Gang sichern,
-der irgendwo in den Bergen oder am Fluß ins Freie
-mündet.«</p>
-
-<p>»Ich habe daran gedacht. Aber dann müßte er schon
-lange bestanden haben. Die drei sind erst seit wenigen
-Wochen in Linnais. Die Anlage eines Ganges braucht<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span>
-Monate, wenn nicht Jahre. Immerhin bleibt der unterirdische
-Gang die nächstliegende Erklärung. Es könnte
-sein, sie hätten ihn mit ihren phänomenalen Hilfsmitteln
-in dieser kurzen Zeit geschafft … oder … sie sind&nbsp;…«</p>
-
-<p>Dr. Glossin preßte sich mit beiden Händen die Stirn
-zusammen, als ob ihm der Schädel unter der Gewalt
-des neuen Gedankens springen wollen. Er schwieg.</p>
-
-<p>Cyrus Stonard trieb ihn zum Weiterreden: »… oder
-sie sind? Sprechen Sie doch!«</p>
-
-<p>»Oder sie haben unsere Augen geblendet und sind
-unsichtbar durch unsere Reihen gegangen!«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard betrachtete den Doktor zweifelnd.</p>
-
-<p>»… unsichtbar? … Das wäre der Teufel selbst! …
-Sich unsichtbar machen? … Es geht um Ihren Kopf,
-Herr Dr. Glossin! Tischen Sie mir keine Märchen auf.
-Sie werden alt. Ich mußte es Ihnen schon einmal
-sagen.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin sah den Präsident-Diktator ruhig an.
-Ohne Furcht vor der Gewalt, die jeden Moment sein
-Leben zerstören konnte. Mit weltabgewandten, weltentrückten
-Blicken. Dann sprach er. Erst leise und stockend.
-Dann immer bestimmter und mit gehobener Stimme:</p>
-
-<p>»Was Ihnen Kindermärchen scheint, ist für manchen
-schon längst Wahrheit und Tatsache. Sie sind der
-Mann der Realitäten. Der Mann, der seine Politik mit
-Blut und Eisen macht. Es ist Ihre Stärke, aber …
-es wird Ihre Schwäche, wenn Kräfte und Dinge aus
-einer anderen Sphäre an Sie herantreten. Es gibt
-Wissende, die über diese Dinge nicht lächeln, sondern …
-ich selbst, Naturwissenschaftler, Skeptiker, ich glaube eher,
-daß sie aufrecht und unsichtbar durch unsere Reihen gegangen
-sind, als daß sie sich wie die Maulwürfe in einen
-unterirdischen Gang verkrochen haben.«</p>
-
-<p>Der Präsident-Diktator zerknitterte die Sayville-Depesche
-mit energischem Griff von neuem.</p>
-
-<p>»Mögen sie gemacht haben, was sie wollen! Ich
-halte mich an die realen Tatsachen. Die Macht existiert.
-Sie ruht in den dreien. Sie hat in Sayville angesprochen.<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span>
-Weshalb warnen sie, wenn sie handeln
-können? Weshalb haben sie dann nicht auch bei der
-Geschichte vor Sydney eingegriffen und das Gefecht verhindert?«</p>
-
-<p>»Das ist meine Hoffnung. Sie haben es nicht gekannt.
-Ihre Macht reicht nicht so weit. Noch nicht
-so weit. Sonst hätten sie es verhindert. Vorläufig
-bluffen sie nur. Die Warnung war ein Bluff&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Es geht um den Kopf, Herr Dr. Glossin. Sagen
-Sie nur, was Sie mit Ihrem Kopf vertreten können.«</p>
-
-<p>»Es ist meine feste Überzeugung, Herr Präsident. In
-ihrer ganzen Tragweite ist die Erfindung erst im Entstehen
-begriffen. Nur so finde ich eine Erklärung für
-das Nichteingreifen in die Affäre vor Sydney. Nur so
-kann ich es verstehen, daß sie warnen, anstatt zu verbieten.
-Die Fassung der Depesche ist für mich der unumstößliche
-Beweis, daß die Entwicklung der Macht
-irgendwo stockt.«</p>
-
-<p>Der Präsident-Diktator war den Ausführungen
-Glossins mit wachsender Spannung gefolgt.</p>
-
-<p>»Ich glaube Ihnen. Die Folgerung ist einfach. Den Engländern
-an den Leib! So schnell wie möglich! An Stellen,
-die der Macht heute noch unerreichbar sind. In Indien …
-In Südafrika … vielleicht … jedenfalls so schnell wie
-möglich, denn eines Tages sind sie doch so weit.«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard drückte auf den Knopf. Ein Adjutant
-kam.</p>
-
-<p>»Die Herren vom Kriegsrat! In einer halben
-Stunde!«</p>
-
-<p>Er sprach wieder zu Dr. Glossin.</p>
-
-<p>»Unsere Pläne müssen geändert werden. Wir
-wollten England in England schlagen. Jetzt müssen wir
-es am Äquator versuchen. Das verdanke ich Ihrer
-Neigung für unkontrollierbare Privatunternehmungen.«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard blickte den Arzt an, wie eine Schlange
-ihr Opfer betrachtet. Mit kaltem, klarem Blick. Lange
-Sekunden bewegten sich die Lider seiner Augen nicht,
-und Dr. Glossin fühlte das Blut in seinen Adern gefrieren.<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span>
-Dann fuhr der Präsident-Diktator langsam
-fort:</p>
-
-<p>»Es gibt ein Mittel für Sie, um sich vollständig zu
-rehabilitieren. Fangen Sie mir die drei! Wenn Sie
-sie mir lebendig bringen, will ich Sie belohnen, wie noch
-niemals ein Mensch von einem anderen belohnt worden
-ist. Wenn Sie sie tot bringen, soll Ihr Lohn noch überreich
-sein. Alle Machtmittel, die ein Land von dreihundert
-Millionen bieten kann, stehen Ihnen zur Verfügung.
-Neutralität … ich pfeife darauf. Jedes Mittel,
-jedes Verfahren ist Ihnen erlaubt, wenn es zu dem Ziele
-führt, die drei in meine Gewalt zu bringen. Denken
-Sie immer an das Ziel. Seine Erreichung wird unermeßlich
-belohnt. Mißlingen ist Verrat.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»… Oder sie sind unsichtbar durch unsere Reihen
-gegangen.« Dr. Glossin hatte die Möglichkeit gegenüber
-dem Präsident-Diktator ausgesprochen und hatte
-damit gesagt, wie es geschehen war.</p>
-
-<p>Als Oberst Trotter als erster über den Gartenzaun
-von Linnais sprang, stand Erik Truwor in Begleitung
-seiner beiden Freunde unmittelbar neben ihm. Die
-hypnotische Kraft Atmas blendete den Obersten und
-schlug seine Leute mit Blindheit.</p>
-
-<p>»Es ist gut, wenn wir einige Zeit für tot gelten.«
-Erik Truwor hatte damit den Plan für die nächsten
-Wochen und Monate gegeben. Atma und Silvester
-übernahmen die Ausführung. Atma verwirrte die
-Sinne der Gegner. Silvester trug den kleinen Strahler
-und brachte die Schießwaffen, mit denen die Fenster des
-Truworhauses gespickt waren, zum Feuern.</p>
-
-<p>Während die Engländer das Haus belagerten, gingen
-die drei zur Odinshöhle. Dort ließen sie sich nieder. Aus
-der Tafel des Fernsehers war das Haus von jeder Seite
-und in allen Details sichtbar. Silvester Bursfeld ließ
-den Strahler arbeiten. Er unterhielt das Gewehrfeuer,<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span>
-solange noch eine Patrone vorhanden war. Dann kam
-das Ende.</p>
-
-<p>Erik Truwor hatte sich entschlossen, sein Vaterhaus zu
-opfern. Als die Tür unter den Axthieben der
-Stürmenden einbrach, gab er selbst aus dem großen
-Strahler die volle Konzentration in das Brennstofflager
-des Hauses. Zehnmillionen Kilowatt in zehntausend
-Kilogramm Benzol. Das Truworhaus wurde in einer
-Sekunde zum feuerspeienden Berg.</p>
-
-<p>Erik Truwor verfolgte das Schauspiel auf der Mattscheibe
-des Fernsehers. Sein Gesicht blieb unbeweglich,
-wie aus Stein gemeißelt.</p>
-
-<p>Als die Mauern zusammenstürzten, wandte er den
-Blick von der Platte ab.</p>
-
-<p>»Sie wähnen uns dort begraben. Ihr Glaube gibt
-uns die Ruhe für die letzten Vorbereitungen.«</p>
-
-<p>Der Rapid Flyer stand in der Höhle. Als Dr.
-Glossin mit dem Obersten sprach, als Oberst Trotter seine
-Brandwunden im Tornea kühlte, trug R. F. c. 1 die
-Freunde nordwärts davon. Langsam, in niedrigem
-Flug. Vorsichtig die Deckung der Berge und Föhren
-nehmend. Ungesehen und ungehört.</p>
-
-<p>Erst als sie in sicherer Weite waren, stieg der Flieger
-zu größeren Höhen empor und nahm reinen Nordkurs.
-Über offene See und schweres Packeis. Über Länder
-und über weite Eisflächen.</p>
-
-<p>Nach dreistündiger Fahrt senkte sich das Schiff. Stieß
-durch Nebel und Wolken und ruhte auf der Eisfläche,
-die wie eine ungeheure massive Kuppe den nördlichen
-Pol unserer Erde umgibt.</p>
-
-<p>Sie landeten inmitten der endlosen Eiswüste und
-fanden dennoch ein wohnliches Heim. Silvester sah es
-mit Staunen.</p>
-
-<p>Erik Truwor hatte den halben Monat, den Silvester
-nach seiner Vermählung abwesend war, nicht ungenutzt
-gelassen.</p>
-
-<p>Er hatte sich hier ein Schloß geschaffen. Einen
-Eispalast im wahren Sinne des Wortes. Aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span>
-flachen verschneiten Eiswüste erhob sich blaugrünlich
-schimmernd ein Eisberg hundert Meter empor. Ein
-massiver Eisblock, bis Erik Truwor kam und den
-Strahler spielen ließ. Da fraß die entfesselte Energie
-das Eis mit gieriger Zunge. Gänge bildeten sich. Säle
-und Kammern entstanden, während das Schmelzwasser
-in Strömen ins Freie lief.</p>
-
-<p>Dann waren die Tage gekommen, an denen der alte
-Schäfer Idegran auf der Torneaheide der Wodanshöhle
-in immer weiterem Bogen aus dem Wege ging. Es
-fauchte in der Höhle. Es schwirrte in den Lüften. Erik
-Truwor hielt seinen Umzug wie der wilde Jäger. Vollgepackt
-mit Lebensmitteln und Brennstoffen, mit Apparaten
-und Werkzeugen fuhr der Rapid Flyer zwischen
-dem Eisschloß am Pol und dem Haus am Tornea hin
-und her. Es war nur noch eine leere Schale, die Oberst
-Trotter mit seinen Leuten belagerte.</p>
-
-<p>Silvester sah das neue Heim zum erstenmal. Sie
-traten in das Innere des Berges, und eine wohlige
-Wärme umfing sie. Ein kleiner Strahler machte gerade
-so viel Energie frei, daß die Luft in den Räumen gut
-erwärmt war, aber das Eis der Wände noch nicht
-schmolz.</p>
-
-<p>Erik Truwor ließ sich im großen Wohngemach auf
-einen Sessel nieder.</p>
-
-<p>»Hier bin ich, hier bleibe ich! Hier findet uns niemand.
-Die Schiffe, die über den Pol gehen, fliegen hoch. Auch
-aus nächster Nähe würden sie nur den Eisberg sehen.«</p>
-
-<p>Atma lag bewegungslos auf einem Diwan. Er ruhte,
-meditierte, wie er es stets tat, wenn seine Kraft, seine
-telepathische Willensmacht nicht verlangt wurden. Silvester
-brauchte viele Stunden, um durch alle Räume zu
-schreiten. Er sah das Laboratorium und die neuen
-großen Strahler. Er versenkte sich in die Verbesserungen,
-die Erik Truwor während seiner Abwesenheit angebracht
-hatte, und dann sah er die Teile der Telephonanlage.
-Sie waren noch nicht zusammengebaut.</p>
-
-<p>Seine Gedanken flogen zu Jane. Sie würde diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span>
-Nachmittag vergeblich auf seinen Anruf warten. Er
-würde ihr Bild sehen. Der Fernseher gestattete es zu
-jeder Zeit. Doch er würde nicht mit ihr sprechen
-können. Sie würde warten … würde in Sorge sein.
-Um so mehr, wenn wenn irgendwoher die Nachricht
-von Linnais, vom Untergang des Hauses zu ihr käme.</p>
-
-<p>Er erschrak bei dem Gedanken und trat an den großen
-Strahler. Er richtete ihn und schaltete die Energie ein.
-Das Bild erschien auf der Scheibe. Ein Flußlauf. Industriewerke,
-Häuser. Jetzt die charakteristische Gestalt
-des Rattinger Tors von Düsseldorf. Nun die Straße,
-das Termölensche Haus&nbsp;…</p>
-
-<p>Er verzehnfachte die Vergrößerung und regulierte mit
-den Mikrometerschrauben.</p>
-
-<p>Die Küche … Frau Luise Termölen … die gute
-Stube … dort Jane. Ihr gegenüber eine andere Gestalt.</p>
-
-<p>Silvester Bursfeld brachte die Vergrößerung noch einmal
-auf das Zehnfache. Jetzt standen die Figuren fast
-in Lebensgröße vor ihm. Jane blaß, erschreckt, dem
-Umsinken nahe. Ihr gegenüber Dr. Glossin.</p>
-
-<p>Silvester ließ das Bild stehen und lief in das Gemach,
-in welchem Atma lag.</p>
-
-<p>Der Inder kam und sah das Bild. Eine Veränderung
-war eingetreten. Jane lag regungslos am Boden. Ein
-Zeitungsblatt neben ihr. Dr. Glossin bemühte sich um
-die Eingesunkene, richtete sie auf, sprach auf sie ein.</p>
-
-<p>Soma Atma stand in kataleptischer Starre. Seine
-Pupillen verengten sich bis zum Verschwinden. Seine
-Seele verließ den Körper und ging auf die Wanderung.</p>
-
-<p>Das Bild auf der Mattscheibe veränderte sich. Silvester
-sah, wie das Blut seinem Weib in die Wangen zurückkehrte.
-Sie erhob sich. Aufrecht stand sie da, lächelte
-spöttisch und deutete mit einer verächtlichen Handbewegung
-auf das Zeitungsblatt, und dann verließ Dr.
-Glossin mit allen Zeichen der Enttäuschung und des
-Mißmutes den Raum.</p>
-
-<p>Es dauerte lange, bis der Inder sich aus dem Krampfe<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span>
-löste. Dann sprach er, ruhig und leidenschaftslos wie
-immer: »Dein Weib weiß, daß du lebst.«</p>
-
-<p>Er kehrte in seinen Raum zurück und versank wieder
-in das stille Vorsichhinstarren, Ruhen und Sinnen, in
-dem er Tage und Wochen verbringen konnte.</p>
-
-<p>Die Arbeit rief. Erik Truwor hatte Verbesserungen
-vorgeschlagen, die sich auf eine noch genauere Einstellung
-bezogen. Silvester Bursfeld hatte von seiner Hochzeitsreise
-eine ganz neue Idee mitgebracht. Eine Zielvorrichtung,
-die es gestatten mußte, mit dem Strahler auch
-gegen bewegte Ziele zu operieren, während er volle
-Energie im Raum auslöste.</p>
-
-<p>Das hielt Silvester jetzt für das Wichtigste, und Erik
-Truwor stimmte ihm bei. Mit den vorhandenen Einrichtungen
-ließ sich die Energiemenge wohl haarscharf auf
-jeden Punkt der Erdoberfläche einstellen. Aber es war
-noch nicht möglich, die Einstellung mit voller Sicherheit
-bewegten Zielen folgen zu lassen, während die Energie
-wirkte. Erik Truwor verlangte, daß man mit dem
-großen Strahler auch schnellfliegende Ziele fassen könne,
-während er auf irgendeinem Punkt der Erde zehn
-Millionen Kilowatt brodeln ließ.</p>
-
-<p>Eine Änderung der Schaltung war dazu notwendig.
-Der Energiestrom, der vom Ziel reflektiert wurde und
-das Bild auf der Mattscheibe erzeugte, mußte von der
-Hauptenergie abgezweigt werden. Widerstände waren
-einzubauen, die diesen Nebenstrom automatisch so
-schwach hielten, daß er das Bild nicht sprengte, die Mattscheibe
-nicht fraß. Es bedurfte mancher Tage, um die
-neuen Ideen praktisch auszuführen.</p>
-
-<p>Erik Truwor war die treibende Kraft. Er stand vor
-dem Amboß, das Antlitz von der Glut des Feuers gerötet,
-und schmiedete die für den Neubau nötigen Stücke.
-Die Funken umsprühten ihn, während er den Hammer
-schwang und das glühende Eisen formte. Als Schlosser,
-Dreher und Mechaniker in einer Person arbeitete
-Silvester. Er feilte, schnitt und schliff und hörte dabei
-die Worte Erik Truwors.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span></p>
-
-<p>Wie ein Prophet sprach Erik Truwor von der Zukunft,
-die er nach seinem Willen formen wollte.</p>
-
-<p>»Von Mitternacht kommt die Macht.« Öfter als einmal
-fiel das Wort von seinen Lippen, während er einem
-Schmiedestück mit wuchtigen Hieben die letzte Form gab.
-Machtgefühl klang aus den Schlägen, mit denen er den
-Hammer auf den Amboß schmetterte, daß es weithin
-durch die Eishallen dröhnte.</p>
-
-<p>Silvester hörte nur mit halbem Ohr hin. Er war
-unruhig bei der Arbeit, und seine Gedanken weilten in
-weiter Ferne. Wohl hatten ihn die Worte Atmas vorübergehend
-beruhigt. Doch zufrieden würde er erst
-sein, wenn Ätherschwingungen und Elektronenbewegungen
-Janes Bild wieder bis an den Pol führten und
-seine Stimme über Spitzbergen und Skandinavien bis
-in das stille Gemach nach Düsseldorf brächten. Er
-lechzte danach, sein junges Weib zu sehen, mit ihr zu
-sprechen, und arbeitete hastig und freudlos an dem
-Neubau, zu dessen schneller Ausführung Erik Truwor
-ihn zwang. Die Ruhestunden während der langen
-hellen Polnacht benutzte er, um auf dem Gipfel des
-Berges die Antennen für die drahtlose Station zu ziehen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Nur eine schwere seelische Erschütterung kann den
-Riegel zerbrechen. Dr. Glossin wußte es. Darum hatte
-er Jane das Zeitungsblatt mit der Nachricht über die
-Katastrophe von Linnais gegeben. Im letzten Moment,
-als der Riegel wankte, als er brechen wollte, hatte Atma
-eingegriffen. Seiner Kraft war es gelungen, die Verriegelung
-noch einmal zu halten und zu schließen. Aber
-sie hatte durch den schweren Angriff Glossins eine Beschädigung
-erlitten. Ein zweiter unvermuteter Stoß
-konnte sie leicht sprengen.</p>
-
-<p>Einstweilen war Jane beruhigt. In jenem Moment,
-als sie unter dem niederschmetternden Eindruck der Nachricht
-von Linnais halb ohnmächtig in den Armen<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span>
-Glossins hing, war es plötzlich wie eine feste und unumstößliche
-Gewißheit durch ihre Seele gegangen: Silvester
-lebt. Er ist mit seinen Freunden geborgen. Ich
-werde bald von ihm hören. Es war die telepathische
-Beeinflussung des Inders, die ihr diese Zuversicht gab,
-die sie instand setzte, die Worte Glossins zu belächeln,
-ihm ihre andere bessere Überzeugung entgegenzuhalten.</p>
-
-<p>Dr. Glossin hatte das Haus Termölen verlassen.
-Niedergeschlagen, innerlich zerrissen. Er fühlte alle seine
-Stützen wankend werden.</p>
-
-<p>Seitdem sich Cyrus Stonard mit dem Gedanken des
-Krieges gegen das britische Weltreich trug, lag in
-Glossins Unterbewußtsein das Empfinden, daß der
-Präsident-Diktator um seine Herrschaft, vielleicht sogar
-um seinen Kopf spielte. Es blieb ihm selbst verborgen
-und unbewußt, bis der leidenschaftliche Ausbruch des
-Diktators es ans Licht rief. Jetzt empfand er es von
-Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde deutlicher. Der
-Stern Cyrus Stonards war im Sinken. Es war Zeit,
-sich von ihm zu trennen. Für einen Charakter wie
-Glossin aber war die Trennung gleichbedeutend mit
-Verrat, mit dem Übergang zur anderen Partei.</p>
-
-<p>Er dachte nicht mehr daran, den Auftrag Cyrus
-Stonards zu erfüllen. Mochte der Diktator die drei
-selber fangen, wenn er sie haben wollte. Aber Jane
-wollte und mußte er unter allen Umständen in seine
-Gewalt, auf seine Seite bringen, koste es, was es wolle.
-Es war ihm nicht geglückt, den Riegel im ersten Ansturm
-zu sprengen. Kein Wunder, wenn eine hypnotische
-Kraft wie diejenige Atmas ihn gefügt hatte. Aber
-Dr. Glossin wußte auch, daß jeder Angriff die Verriegelung
-schwächte, daß sie doch eines Tages brechen
-mußte, wenn sie nicht ständig erneuert wurde. Er beschloß,
-vorläufig in Düsseldorf zu bleiben, das Haus, in
-welchem Jane wohnte, zu beobachten, die nächste
-Gelegenheit abzupassen und auszunutzen.</p>
-
-<p>Die vierte Nachmittagsstunde kam heran, die Zeit, zu
-welcher Silvester mit Jane zu sprechen pflegte. Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span>
-gewöhnlich setzte sie sich an den Apparat und hielt den
-Hörer erwartungsvoll an das Ohr.</p>
-
-<p>Nur noch Sekunden, dann mußte die Stimme Silvesters
-zu ihr dringen. Dann würde sie aus seinem
-eigenen Munde hören wie der Brand in Linnais verlaufen
-war und wo er sich jetzt mit seinen Freunden
-befand.</p>
-
-<p>Jane saß und harrte auf die erlösenden Worte.
-Wartete, während die Sekunden sich zu Minuten häuften
-und aus den Minuten Viertelstunden wurden.</p>
-
-<p>Der Apparat blieb stumm. Nur das leichte Rauschen
-der Elektronenverstärker war an der Telephonmembrane
-zu hören.</p>
-
-<p>Jane saß und wartete. Sie konnte es ja nicht wissen,
-daß Silvester in diesem Augenblick den Strahler am Pol
-richtete, ihr Bild auf die Mattscheibe brachte. Sie harren
-sah und hundertmal den Umstand verwünschte, daß die
-Antennen für die telephonische Verbindung noch nicht
-gespannt waren. Sie wußte nur, daß sie hier vergeblich
-auf Silvesters Stimme harrte, und Zweifel begannen
-ihr zum Herzen zu steigen.</p>
-
-<p>Die Worte Glossins kamen ihr in den Sinn. Sollte
-es doch wahr sein, daß …? Sollte die Zeitung nicht
-gelogen haben, die ihr Glossin damals gab?</p>
-
-<p>Die zweite Erschütterung, die den Riegel sprengen
-konnte, vielleicht schon sprengen mußte, kam ohne das
-Zutun Glossins. Kam, weil sechshundert Meilen entfernt
-in Schnee und Eis ein paar Drähte nicht rechtzeitig gespannt
-worden waren.</p>
-
-<p>Die Minuten verrannen. Die Uhr hub zum Schlage
-an und verkündete die fünfte Stunde. Die Zeit, für
-welche Jane nach der Verabredung die Elektronenlampen
-brennen, ihren Apparat in der Empfangsstellung stehen
-lassen sollte, war vorüber.</p>
-
-<p>Das war ihr klar, Silvester war nicht da … Es
-war ihm irgend etwas zugestoßen … Er war&nbsp;…</p>
-
-<p>Sie dachte das Wort nicht zu Ende. Von einem<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-plötzlichen Impuls getrieben, sprang sie auf und faßte
-einen Entschluß. Einen übereilten und unsinnigen.
-Aber sie hatte in diesen Minuten nur noch das eine
-Gefühl, daß sie fort müsse. Silvester zu suchen, bis sie
-ihn gefunden habe.</p>
-
-<p>Vorsichtig öffnete sie die Tür zu dem Zimmer der
-alten Termölen. Die hatten ihr Nachmittagsschläfchen
-noch nicht beendet. Leise machte sie die Tür wieder zu.
-Hastig füllten ihre zitternden Hände eine kleine Ledertasche
-mit dem Notwendigsten. Ein paar Zeilen an
-die Alten. Daß sie ginge, ihren Gatten zu suchen.</p>
-
-<p>An der Tür blieb sie stehen und umfaßte mit einem
-langen Blick noch einmal den schlichten Raum, in dem
-sie die letzte glückliche Stunde mit Silvester verlebt hatte.
-Da stand ja noch der Elektronenempfänger, mit dem sie
-jederzeit und überall seine Stimme hören konnte, wenn
-er sie rief. Sie eilte darauf zu und hing den Apparat
-über ihre Schulter. Lautlos und ungesehen verließ sie
-die Wohnung. Aber nicht ungesehen das Haus.</p>
-
-<p>Dr. Glossin sah sie auf die Straße treten. Er folgte
-ihr. Erst in die Uferbahn, dann in das Flugschiff. Sorgfältig
-darauf achtend, daß er selbst nicht von ihr gesehen
-werde. Eifrig darauf bedacht, sie nicht aus den
-Augen zu verlieren.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der telenergetische Strahler Silvesters arbeitete mit
-einer besonderen, von ihm zum erstenmal in reiner
-und konzentrierter Form dargestellten Art der Energie,
-mit der Formenergie. Sein Apparat enthielt, in besonderer
-Art gespeichert, einen verhältnismäßig nur geringen
-Vorrat dieser Energieform.</p>
-
-<p>Um trotzdem die gewaltigen Leistungen des Strahlers
-zu erklären, muß man sich zwei Umstände vor Augen
-halten. Erstens die automatische Selbsterneuerung
-der Formenergie. Eine keimfähige Eichel besitzt nur
-unmeßbar geringe Mengen von Formenergie. Diese<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-winzige Menge reicht aus, um aus vorhandenen Stoffen
-und einfacher Sonnenstrahlung einen großen Eichbaum
-entstehen zu lassen. Danach aber ist die ursprünglich
-vorhandene Menge der Formenergie keineswegs erschöpft.
-Im Gegenteil, sie erfährt automatisch eine Vergrößerung,
-denn der aus der ersten Eichel erwachsene
-Baum bringt neue Eicheln in großer Menge hervor.</p>
-
-<p>Nach dem gleichen Grundsatz erfuhr der in dem Strahler
-gespeicherte Vorrat an Formenergie durch das Arbeiten
-des Apparats keine Schwächung, sondern er blieb
-dauernd auf gleichbleibender Höhe.</p>
-
-<p>Zweitens muß immer wieder betont werden, daß der
-Strahler auf die überall im Raum vorhandene physikalische
-Energie nur auslösend wirkte, wie etwa der
-Fingerdruck gegen einen Flintenhahn auf die in der Gewehrpatrone
-vorhandene chemische Energie. Nur die
-Größe und Formgebung der strahlenden Elemente begrenzten
-die Wirkungen, die mit dem Apparat zu erreichen
-waren. Den letzten großen Strahler hatte Silvester
-auf eine Höchstleistung von 10 Millionen Kilowatt
-oder 13 Millionen Pferdestärken bemessen. Das war eine
-Leistung von imposanter Stärke, eine Energiemenge, die
-sich im Laufe von Stunden und Tagen ins Riesenhafte
-häufen konnte. Es war geboten, vorsichtig mit Maschinen
-von solcher Leistungsfähigkeit umzugehen, Sorge
-zu tragen, daß die Wucht ihres Angriffes sich nicht auf
-unbeabsichtigte Ziele richtete.</p>
-
-<p>Es konnte nichts passieren, solange der Strahler
-richtig bedient wurde, solange die wenigen und einfachen
-Vorschriften seiner Handhabung beachtet wurden. Doch
-um sie zu beachten, mußte man seine Sinne beisammen
-haben. Man durfte nicht kopflos vor Schreck und Aufregung
-sein, wie es Silvester war, als er in der sechsten
-Stunde des vierten Tages. den die drei am Pol zubrachten,
-vom Strahler forteilte.</p>
-
-<p>Um die vierte Stunde dieses Tages hatte Silvester den
-Strahler gerichtet, die neue Telephonanlage eingeschaltet<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span>
-und wollte Jane von seiner Rettung Mitteilung machen.
-Er stellte den Strahler auf das bekannte Ziel und brachte
-das Bild von Janes Zimmer in Düsseldorf auf die Mattscheibe.
-Jeder Gegenstand des fernen Raumes wurde
-sichtbar. Nur den Empfangsapparat konnte er nicht
-finden, den er Jane bei seinem Abschied übergeben hatte,
-und Jane selbst war nicht da.</p>
-
-<p>Silvester suchte. Er ließ den Strahler Zoll für Zoll
-vorrücken und verfolgte mit wachsender Aufregung und
-Sorge das Bild auf der Scheibe, jeden Raum im Hause
-Termölen. Er sah jedes der ihm so wohlvertrauten
-Zimmer. Er erblickte den alten Herrn und Frau Luise.
-Er sah, wie sie bekümmert schienen und eifrig miteinander
-sprachen. Er verfolgte die Spuren Janes auf der
-Straße. Die Bilder aller der Wege und Orte, die er
-während seines Aufenthalts in Düsseldorf mit ihr betreten
-hatte zogen auf der Scheibe vorüber. Er suchte
-in steigender Verwirrung und Angst, bis er nach stundenlangem
-Bemühen die Nachforschung entmutigt aufgeben
-mußte.</p>
-
-<p>Atma! war sein Gedanke. Atma mußte ihm helfen.
-Atma besaß wohl die Mittel und Kräfte, um wiederzufinden,
-was er selbst mit seiner wunderbaren Entdeckung
-nicht zu finden vermochte. So ließ er den Strahler und
-lief durch Gänge und Höhlen, bis er auf Atma traf.
-Er fand ihn im Gespräch mit Erik Truwor. Worte und
-Sätze schlugen an sein Ohr, auf die er in seiner Erregung
-kaum achtete.</p>
-
-<p>»Zwinge, ohne zu verwunden! Gebrauche die Macht,
-ohne zu töten!«</p>
-
-<p>»Wenn es geht, Atma. Ich will nicht morden. Doch
-soll ich die Macht nicht anwenden, weil Widerstrebende
-zu Tode kommen könnten?«</p>
-
-<p>»Nein! Mit der Macht wurde uns die Pflicht, sie zu
-gebrauchen. Über den Gebrauch sind wir Rechenschaft
-schuldig. Die Größe der Macht erlaubt uns, ohne
-Tötung auszukommen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p>
-
-<p>Ein zwingender Wille ging von der Gestalt des Inders
-aus. Seine ruhige, gleichbleibende Sprache wirkte auch
-auf Silvester. Bekümmert und aufgeregt war er in das
-Gemach getreten. Von dem einzigen Gedanken getrieben,
-von Atma Hilfe zu erbitten. Jetzt vergaß er seine
-Sorgen und Wünsche und geriet in dessen Bann. Er ließ
-sich nieder, um das Ende der Erörterungen abzuwarten.
-Atma betrachtete ihn einen kurzen Moment, und der
-Ausdruck eines tiefen Mitleids flog über sein bronzefarbenes
-Antlitz.</p>
-
-<p>»Jane ist nicht bedroht.«</p>
-
-<p>Atma sprach mit halblauter Stimme, Erik Truwor
-schien es kaum zu hören. Silvester empfand die Worte
-wie lindernden Balsam.</p>
-
-<p>»Jane ist nicht bedroht.« Unhörbar wiederholte er
-die tröstenden Worte unzählige Male für sich selber und
-sank dabei immer mehr auf seinem Sessel zusammen.
-Eine Reaktion kam über ihn. Erst jetzt fühlte er die
-Anstrengungen der letzten Tage. Während der Tagesstunden
-in der Werkstatt. Des Nachts mit dem Bau der
-Antenne beschäftigt. Nur wenige spärliche Ruhestunden
-dazwischen. Sein Herz schlug matter, eine bleierne
-Müdigkeit überkam ihn, während er automatisch die
-Worte wiederholte: »Jane ist nicht bedroht.«</p>
-
-<p>Seine Gedanken begannen zu wandern. Was für
-ein Leben führte er doch. Abenteuerlich, vom Schicksal
-gekennzeichnet und verfolgt von Anfang an. Nur einmal
-war sein Lebensschiff in ruhiges Fahrwasser gekommen.
-Damals in Trenton, als er friedlich seinem
-Beruf in den Staatswerken nachgehen konnte. Als ihm
-das Haus Harte zur zweiten Heimat wurde, als ihm
-ein zartes Liebesglück erblühte. Welcher Dämon hatte
-ihn damals getrieben, der Erfindung nachzujagen, dieser
-Entdeckung, die schon seinen Vater Freiheit und Leben
-gekostet. War nicht Unheil unlösbar mit dem Problem
-verbunden? Brachte der Versuch, es zu lösen, nicht Tod
-und Verderben auf jeden, der sich damit abgab?</p>
-
-<p>Wie glücklich hätte sich sein Leben ohne diese Erfindung<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-gestaltet. Jetzt könnte er auch in Trenton mit Jane verbunden
-sein, dort an ihrer Seite ruhig leben. Gewiß,
-nur als ein Dutzendmensch, als einfacher Ingenieur der
-Werke, ein winziges Rädchen in einem riesigen Getriebe.</p>
-
-<p>Den Ehrgeiz hätte er begraben müssen. Aber dafür
-hätte er ein bescheidenes Glück gewonnen. Das Leben
-an der Seite Janes. Niemand hätte es dort gewagt,
-hätte es wagen können, ihn so kurze Zeit nach der Vereinigung
-wieder von der Seite seines Weibes fortzureißen.
-Wieviel Schmerzliches wäre ihm erspart geblieben.
-Die Verhaftung und Verurteilung. Die schweren
-Tage in Sing-Sing.</p>
-
-<p>Er hob den Kopf, und sein Blick traf sich mit dem von
-Atma. Es schien, als ob der Inder jeden Gedanken
-hinter der Stirn Silvesters gelesen hätte. Er schüttelte
-verneinend das Haupt, und Silvester ergriff den Sinn.</p>
-
-<p>Es wäre ihm nicht erspart geblieben! Auch wenn er
-nie an die große, gefährliche Erfindung gedacht hätte,
-würden feindliche Gewalten ihn aus einem stillen Glück
-gerissen haben. Dann war es wohl Schickung, der niemand
-zu entgehen vermag.</p>
-
-<p>Die Lehren von Pankong Tzo wurden wieder in ihm
-lebendig: Wir sind alle auf das Rad des Lebens gebunden
-und müssen seinen Drehungen willenlos folgen.
-Nur um ein Geringes können wir in jedem der vielen
-Leben, zu denen wir verurteilt sind, unsere Stellung auf
-dem Rade verändern.</p>
-
-<p>Traumartig verschwommen jagten die Gedanken
-durch sein Gehirn. Wie im Traum hörte er die Stimme
-Erik Truwors:</p>
-
-<p>»Ich brauche dich, Atma. Wenn ich die Macht anwende,
-sollst du als mein … als unser Botschafter zu
-den Menschen gehen und ihnen meinen Willen kundtun.«</p>
-
-<p>Der Inder neigte zustimmend das Haupt.</p>
-
-<p>»Ich werde gehen, wenn es an der Zeit ist. Tsongkapa
-sagt: ›Gehe zu den Menschen, ihnen die Neuordnung
-der Dinge zu verkünden‹&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span></p>
-
-<p>Ein dumpfes Krachen unterbrach die Worte. Ein
-Schüttern und Beben gingen durch die Eishöhlen. Wie
-wenn die Schollen schweren Packeises im Sturm knirschend
-gegeneinandergepreßt werden. Der Boden, auf
-dem sie standen, schwankte.</p>
-
-<p>»Der Strahler&nbsp;…!«</p>
-
-<p>Atma sprach es, bevor noch Erik Truwor oder Silvester
-ein Wort fanden.</p>
-
-<p>»Wo steht der große Strahler?«</p>
-
-<p>»Im unteren Gange.«</p>
-
-<p>»Nach oben damit! Von unten kommt das Wasser.«</p>
-
-<p>Der Inder eilte schon dem unteren Gange zu. Erik
-Truwor und Silvester folgten ihm. Über die breiten Eisstufen
-ging der Weg nach dem untersten Gang, der zu
-den Werkstätten und Laboratoriumsräumen führte. Zu
-gewöhnlicher Zeit ein leichter und bequemer Weg. Jetzt
-nur mit Vorsicht zu beschreiten. Der ganze Berg schien
-sich um etwa dreißig Grad gedreht zu haben, und in
-dieser schrägen Lage war der Abstieg über die glatten
-Stufen äußerst beschwerlich.</p>
-
-<p>Auf einem Treppenabsatz stand der kleine Strahler,
-den sie schon aus Amerika mitgebracht hatten.</p>
-
-<p>Jetzt war das Laboratorium erreicht. Doch schon bis
-zur halben Höhe überflutet. Mit einem Sprung warf
-sich Erik Truwor in das eisige Wasser, drang bis zu dem
-großen Strahler vor und trieb mit einem einzigen Faustschlag
-die beiden Regulierhebel auf ihre Nullstellungen.
-Er wollte den Strahler packen und die Stufen hinauf
-aus dem Laboratorium schleppen. Es war zu spät. Von
-Sekunde zu Sekunde stiegen die gurgelnden Wasser
-höher, während das Knirschen brechenden Eises den Berg
-erzittern ließ. Schon fand der Fuß keinen Halt mehr
-auf dem Boden. Nur noch schwimmend erreichte Erik
-Truwor die Stufe der Treppe.</p>
-
-<p>Das Wasser stieg. Stufe auf Stufe kam es herauf,
-Stufe um Stufe mußten die drei Freunde sich zurückziehen.
-Dabei fühlten sie einen Druck auf der Brust,
-ein Brausen in den Ohren, ein Ziehen in den Gelenken,<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span>
-Zeichen, daß die Luft sich unter dem Druck des steigenden
-Wassers komprimierte. Die Erscheinung gab den Beweis,
-daß der Berg mit den Höhleneingängen unter den
-Wasserspiegel geraten war und daß die eingeschlossene
-Luft sich jetzt in den oberen Teilen der ausgeschmolzenen
-Räume verdichtete.</p>
-
-<p>Auf dem Treppenabsatz ergriff Atma den kleinen
-Strahler und hing ihn sich um.</p>
-
-<p>Jetzt schien der Berg zur Ruhe gekommen zu sein.
-Noch fünf bis sechs Stufen wurden von dem langsam
-und immer langsamer steigenden Wasser überschwemmt.
-Dann stand die Flut.</p>
-
-<p>In dem oberen Wohnraum machten sie Rast.</p>
-
-<p>»Gefangen! Elend gefangen und in der Falle eingeschlossen
-wie Ratten. Beinahe auch schon ersäuft wie
-Ratten.«</p>
-
-<p>Erik Truwor stieß die Worte hervor, während er die
-geballte Faust auf die Tischplatte fallen ließ.</p>
-
-<p>Schweigend ging Atma in den Nebenraum und kehrte
-mit dem Arm voller Kleidungsstücke zurück.</p>
-
-<p>»Du bist kalt und naß, Erik!«</p>
-
-<p>Erik Truwor stand auf und ergriff das Bündel. Es
-war nicht angebracht, in den nassen Kleidern zu bleiben.
-Er ging in das Nebengemach und ließ Atma und Silvester
-allein.</p>
-
-<p>Was war geschehen? Während Erik Truwor die
-Kleidung wechselte, suchte sich Silvester die Vorgänge zu
-rekonstruieren. Als er den Strahler verließ, wollte er
-ihn abstellen und den Zielpunkt von Düsseldorf fortnehmen.
-Die Bedienungsvorschrift war einfach. Erst
-den Energieschalter in die Ruhestellung, dann den Zielschalter.
-In seiner Erregung und Verwirrung hatte
-Silvester zwei Fehler begangen. Er hatte den Zielschalter
-nicht in die Ruhestellung auf ein unendlich entferntes
-Ziel gerückt, sondern in der verkehrten Richtung auf das
-nächst mögliche Ziel. Aus Sicherheitsgründen war die
-kleinste Zielentfernung des großen Strahlers auf hundert<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span>
-Meter bemessen. Denn wenn es möglich gewesen wäre,
-den Schalter auf den absoluten Nullpunkt zu bringen,
-dann mußte ja die Energie sich im Strahler selber konzentrieren,
-mußte den Apparat und nach menschlicher
-Voraussicht auch den, der ihn bediente, momentan in
-Atome auflösen.</p>
-
-<p>Silvester hatte beim Fortgehen den Zielhebel falsch
-herumgestellt, und er hatte dem ersten Versehen ein
-zweites hinzugefügt, indem er auch den Energiehebel
-auf volle Leistung rückte. Der zweite Fehler war eine
-logische Folge des ersten. Beide Hebel waren in der
-gleichen Richtung auf die Ruhestellung zu bringen.
-Täuschte man sich bei der Richtung des ersten, war es
-sehr naheliegend, daß auch der zweite falsch geschaltet
-wurde.</p>
-
-<p>Der Strahler hatte vom Pol aus die Richtung geradlinig
-auf Düsseldorf. Die Ziellinie schnitt als mathematische
-Gerade schräg nach unten gerichtet in den Erdball
-ein. Durch die falsche Bedienung hatten 10 Millionen
-Kilowatt in Form von Wärmeenergie schräg unterhalb
-des Eisberges, nur 100 Meter von ihm entfernt, im
-massiven Poleis gearbeitet. Mit dem Effekt natürlich, daß
-das Eis zu schmelzen begann, daß sich unter dem Eisberg
-ein größer und immer größer werdender, mit Wasser
-gefüllter Raum bildete. Bis die schwache Eisdecke
-den Berg nicht mehr zu tragen vermochte. Bis sie auf
-der Seite des Berges, auf die der Strahler gerichtet war,
-krachend und knirschend zu Bruche ging und der Berg
-sich halb schräg nach unten in den geschmolzenen Pfuhl
-wälzte.</p>
-
-<p>Der Berg war nach dem Brechen des Eises um beinahe
-dreißig Grad gekippt. Dann war er mit der Unterkante
-auf den Grund dieses so plötzlich entstandenen Sees
-aufgestoßen und zur Ruhe gekommen. Alle Eingänge
-des Baues waren dabei tief unter den Wasserspiegel
-geraten.</p>
-
-<p>Erik Truwor kam zu den beiden Freunden zurück. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span>
-traf Silvester in leisem Gespräch mit Atma. Die blassen,
-abgespannten Züge Silvesters verrieten seelisches Leiden.
-Das Bewußtsein daß er durch seine Unvorsichtigkeit das
-Unglück verursacht hatte, lastete schwer auf ihm. Mit gedämpfter
-Stimme erläuterte er dem Inder die Möglichkeiten
-und Mittel, durch die man sich befreien, vielleicht
-sogar die alte Lage dies Berges wieder herstellen könne.</p>
-
-<p>Atma lauschte aufmerksam seinen Worten, saß an
-seiner Seite und hatte Silvesters Rechte zwischen seinen
-Händen.</p>
-
-<p>Erik Truwor ließ sich schweigend an dem Tisch nieder.
-Er verharrte in seinem Schweigen, aber seine Miene
-verriet, wie es in ihm kochte. Immer tiefer, immer steiler
-gruben sich die Falten in seine Stirn. Verachtung und
-Abweisung spielten um seine Lippen.</p>
-
-<p>Silvester glaubte jetzt, die richtige Lösung gefunden
-zu haben. Man mußte den Berg so weit ausschmelzen,
-daß er frei schwamm und schwimmend sich in seine alte
-Lage zurückhob. Der Einfluß Atmas übte seine Wirkung
-auf Silvester. Er wurde ruhiger und eifriger. Eine
-leichte Röte überhauchte sein Antlitz, während er mit
-Bleistift und Papier die jetzige Lage des Berges skizzierte
-und entwarf, wie man mit der Ausschmelzung Schritt
-um Schritt vorgehen müsse.</p>
-
-<p>Dröhnend fielen die Worte Erik Truwors in diese Erklärung:
-»Wie lange dauert das? &ndash; Wie viele Tage
-und Wochen gehen uns dadurch verloren? Ich sitze hier
-in der Falle, abgeschnitten von der Welt … unfähig,
-zu erfahren, was draußen vorgeht … unfähig, meine
-Macht wirken zu lassen, meinen Befehlen die Ausführung
-zu erzwingen&nbsp;…</p>
-
-<p>Eine schöne Macht, die von Weiberdienst und Weiberlaunen
-abhängig ist … Der Welt Befehle geben …
-zum Spott der Welt werden wir dabei&nbsp;…«</p>
-
-<p>Silvester erblaßte. Er zuckte zusammen, als ob jedes
-einzelne dieser Worte ihn körperlich traf.</p>
-
-<p>»Verzeihe mir, Erik. Es war meine Schuld. Aber
-ich sehe schon den sicheren Weg zur Rettung.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span></p>
-
-<p>»Den Weg zur Rettung? … Als ob es sich darum
-handelte … Ich weiß, daß wir nicht verloren sind,
-solange wir auch nur den kleinen Strahler bei der Hand
-haben. In zehn Minuten können wir uns einen Weg
-ins Freie brennen. Mag der Eisberg dann stehenbleiben
-oder noch tiefer fallen. Irgendein Flugschiff
-können wir uns auch mit dem kleinen Strahler heranholen
-und bewohntes Gebiet erreichen. Aber unsere Einrichtung
-ist verloren. Meine Pläne erfahren einen Aufschub
-von Monaten&nbsp;…«</p>
-
-<p>Erik Truwor sprang erregt auf.</p>
-
-<p>»In der Zwischenzeit verlernt die Welt die Furcht vor
-mir&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ein Zucken durchlief den Körper Silvesters.</p>
-
-<p>Atma erhob sich und trat auf Erik Truwor zu. Sein
-Gesicht suchte den flirrend ins Weite gerichteten Blick
-Erik Truwors, bis er ihn gefunden hatte.</p>
-
-<p>»Wer gab dir die Macht?«</p>
-
-<p>Minuten verstrichen, bis die Antwort von den Lippen
-des Gefragten kam.</p>
-
-<p>»Der Strahler!«</p>
-
-<p>»Wer schuf den Strahler?«</p>
-
-<p>Noch einmal eine lange Pause.</p>
-
-<p>Dann kam zögernd und etwas beschämt die Antwort:
-»Silvester … du hast recht, Atma. Silvester
-gab uns die Macht. Wir dürfen ihm nicht zürnen, wenn
-sie jetzt durch sein Versehen gelähmt wurde.«</p>
-
-<p>»Ich habe ihm nie gezürnt.«</p>
-
-<p>Der Inder sagte es in seiner ruhigen Weise und fuhr
-fort, bevor Erik Truwor etwas darauf erwidern konnte:
-»Es ist nicht Zeit zum Streiten, sondern zum Handeln.
-Dein Plan, Erik, den Berg einfach zu verlassen, entsprang
-dem Zorn. Silvester weiß besseren Rat. Den Plan,
-den Berg zu heben, von hier aus die Mission zu
-erfüllen.«</p>
-
-<p>Die Worte Atmas trafen das Richtige und Notwendige.
-Auch Erik Truwor konnte sich ihnen nicht entziehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span></p>
-
-<p>Es galt, die augenblicklichen Lebensmöglichkeiten zu
-überschlagen.</p>
-
-<p>Der Luftvorrat in den Höhlen mußte nach
-oberflächlicher Rechnung für wenigstens eine Woche
-langen. Im obersten Gange befanden sich Lebensmittel
-für mehrere Wochen. Durch einen glücklichen Zufall
-war dort auch ein Lager von allerlei Werkzeugen und
-Hilfsmaschinen untergebracht.</p>
-
-<p>Die Lage war ernst, aber für den Augenblick wenigstens
-nicht verzweifelt.</p>
-
-<p>Doch doppelt und dreifach hatte Atma recht, als er auf
-die Notwendigkeit eiligen Handelns hinwies. Die Wiederherstellung
-des alten Zustandes mußte jetzt ihre Hauptsorge
-sein.</p>
-
-<p>Es war, als ob das Schicksal sie narren wolle. Eben
-noch Gebieter der Welt, Pläne schmiedend, wie sie der
-Welt ihren Willen kundtun und aufzwingen könnten.
-Und jetzt die Mittel für die Rettung des Lebens beratend.
-Es galt den Kampf gegen eine Million Kubikmeter
-Eis. Gegen diese gigantische Frostmasse, in deren
-Mitte sie eingeschlossen waren wie in einer Grabkammer
-der pharaonischen Pyramiden.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Jane hatte das Flugschiff der Linie Köln&ndash;Stockholm
-betreten. Dr. Glossin stand unter der Menge auf dem
-Flugplatz und hielt sich hinter einem Verkaufsstand für
-Zeitungen und Erfrischungen verborgen. Das Schiff
-wurde gut besetzt. Es zählte mehr als 120 Passagiere,
-die über die Aluminiumtreppe den Rumpf betraten. Die
-Aussichten, während der Fahrt von Jane nicht erblickt
-zu werden, waren nicht schlecht.</p>
-
-<p>Erst im letzten Moment, als die Bedienungsmannschaft
-schon die Treppe abrücken wollte, trat er aus seinem
-Schlupfwinkel heraus und eilte als Letzter in das Schiff.
-Gleich danach wurde die Tür verschraubt, die Maschinen
-gingen an, und das Schiff verließ den Platz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span></p>
-
-<p>Dr. Glossin sah, daß der Korridor, der den Rumpf des
-Schiffes der Länge nach durchzog, beinahe menschenleer
-war, und eilte in die Raucherkabine. Hier wußte er
-sich in Sicherheit und konnte bis zur Landung in Stockholm
-bestimmt ungesehen bleiben.</p>
-
-<p>Erst jetzt kam er dazu, sich sein Abenteuer und die
-möglichen Folgen in Ruhe zu überlegen. Wie kam Jane
-dazu, so plötzlich das Haus in Düsseldorf zu verlassen
-und nach Stockholm zu fahren? Auf den Gedanken, daß
-sie kopflos und ohne festes Ziel in die Welt hinausfuhr,
-kam er nicht.</p>
-
-<p>Silvester mußte sie gerufen haben. Sicherlich hatte sie
-Nachricht von Silvester erhalten und fuhr jetzt den dreien
-nach. Durch diese Annahme gewann das Unternehmen
-aber plötzlich ein ernstes Gesicht. Silvester würde Jane
-am Flugplatz bei der Ankunft erwarten. Vielleicht schon
-in Stockholm. Vielleicht in Haparanda oder sonstwo.</p>
-
-<p>In jedem Fall mußte unvermeidlich irgendwo der
-Moment kommen, in welchem Silvester an das landende
-Flugschiff herantrat, um Jane in Empfang zu nehmen.
-Wo Silvester war, da waren sehr wahrscheinlich auch die
-beiden anderen in nächster Nähe. Der Doktor verspürte
-ein kaltes Gefühl zwischen den Schultern, als er den Gedanken
-zu Ende dachte. Er zog einen kleinen Handspiegel
-aus der Tasche und betrachtete sorgfältig sein Antlitz.
-Und nickte zufrieden. Die Veränderungen, die er
-schon in Düsseldorf an seinem Äußern vorgenommen
-hatte, erfüllten ihren Zweck. Beruhigt steckte er den
-Spiegel wieder weg.</p>
-
-<p>Nicht umsonst war er lange Jahre in die Schule politischer
-Verschwörungen und Intrigen gegangen. Genötigt
-gewesen, bald unter dieser, bald unter jener Maske aufzutreten.
-Die Veränderung des Äußern war meisterhaft.
-Nicht nach der Art plumper Anfänger mit künstlichen
-Bärten und Perücken, die jeder Polizeibeamte auf
-den ersten Blick erkennt. Nur eine leichte Färbung des
-Haares, eine andere Frisur und eine Garderobe nach<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span>
-europäischem Schnitt, die sich von der amerikanischen
-Tracht bemerkenswert unterschied. Dazu seine Fähigkeit,
-den Ausdruck des Gesichts, das Spiel seiner Züge
-willkürlich zu verändern. Aus dem Dr. Glossin aus
-Neuyork war irgendein beliebiger und gleichgültiger
-europäischer Geschäftsreisender geworden.</p>
-
-<p>Leuten gegenüber, die ihn nur oberflächlich kannten,
-mußte die Veränderung sicheren Schutz gewähren. Ob
-sie den prüfenden Blicken Janes standhalten würde, war
-ihm nicht so außer Zweifel. Daß Silvester, daß Atma
-sie mit einem Blick durchschauen würden, war ihm gewiß.
-Aber er rechnete damit, daß sie in der Freude des Wiedersehens
-auf die Mitreisenden wenig achten würden.</p>
-
-<p>Das Schiff landete in dem Flughafen von Stockholm.
-Dr. Glossin blieb an seinem Fenster sitzen. Er beobachtete
-die Passagiere, die das Schiff verließen, die Leute, die
-sie hier erwarteten. Jane verließ das Schiff. Sie wurde
-von niemand erwartet, schien auch selbst nichts Derartiges
-zu erwarten. Nach einer kurzen Frage an einen Beamten
-wandte sie sich dem Schiff Stockholm&ndash;Haparanda
-zu, das auf dem Nachbargleis zur Abfahrt bereitstand.
-Glossin folgte ihr. Er nahm auch in dem zweiten Schiff
-wieder den Platz in der Rauchkabine.</p>
-
-<p>Jane fuhr nach Haparanda. Es war der direkte
-Weg nach Linnais. Die letzten Zweifel schwanden ihm,
-daß die drei sich noch in der Nähe von Linnais verborgen
-hielten, daß Jane auf einen Ruf ihres Gatten an den
-Torneaelf fuhr. Er sah sie in Haparanda das Schiff
-verlassen und zur Eisenbahn gehen. Es war so, wie
-er vermutete. Sie nahm eine Karte nach Linnais. Er
-tat das gleiche und fuhr, nur durch eine Wagenwand
-von ihr getrennt, weiter nach Norden.</p>
-
-<p>Nun stand Jane auf dem Bahnsteig in Linnais.
-Wieder allein! Niemand war hier, um sie in Empfang
-zu nehmen. Der Doktor wurde in seiner Überzeugung
-schwankend. Was hielt den Gatten ab, seiner jungen
-Frau wenigstens die paar Kilometer entgegenzufahren,
-die er jetzt noch höchstens von ihr entfernt sein konnte?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span></p>
-
-<p>Dr. Glossin sah Jane über den Platz vor dem
-Bahnhof gehen, mit dem Führer eines Karriols
-verhandeln, sah sie davonfahren. Sollte Jane ihm
-im letzten Augenblick entgehen? Sollte das Karriol
-sie, den Strom entlang, zu irgendeinem neuen unauffindbaren
-Schlupfwinkel der drei führen? Sollte
-er hier in Linnais unverrichtetersache zurückkehren
-müssen? Nein und abermals nein. Er mußte
-Jane folgen, mußte erkunden, wo sie hin ging, wo sie
-blieb. Ein zweiter Wagen war schnell gefunden. Er gab
-dem Führer nur den Auftrag, dem ersten Wagen in
-einigem Abstande zu folgen.</p>
-
-<p>Die Fahrt ging die Uferstraße, am Torneafluß aufwärts,
-entlang.</p>
-
-<p>Das landschaftliche Bild war schön, doch Dr. Glossin
-sah nur die Gegend, in der er seine letzte Niederlage
-im Kampfe gegen die drei erlitten hatte. Und er sah
-vor sich die schlanke Gestalt Janes, nach der er in sehnender
-Gier verlangte, der er jetzt zu folgen entschlossen
-war, auch wenn der Weg ihn in den Bannkreis des
-Inders und des Feuer und Tod speienden Strahlers
-bringen sollte.</p>
-
-<p>Das Karriol vor ihm hielt auf der Landstraße. Er
-sah, wie der Wagen umkehrte und leer nach Linnais
-zurückfuhr. Jane war ausgestiegen und hatte einen
-Weg den Bergabhang hinauf eingeschlagen. Er ließ
-den eigenen Wagen bis dorthin vorfahren, hieß ihn
-warten, auch wenn es Stunden dauern sollte, und folgte
-der Entschwundenen den Berg hinauf. Hin und wieder
-sah er ihr Kleid durch die Büsche schimmern. Der Weg
-führte in leichten Serpentinen zum Truworhaus.</p>
-
-<p>Nun stand er am Waldrande, hatte freien Ausblick
-auf die Brandstätte. Und sah Jane niedergesunken an
-der von der Wut des Feuers geschwärzten und verglasten
-Trümmerstätte knien. Sie hatte die kleine Handtasche
-und den Telephonapparat fallen lassen und strich
-mit zitternden Händen über die Steintrümmer.</p>
-
-<p>Das Haus, in dem sie den glücklichsten Tag ihres<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span>
-Lebens, ihren Hochzeitstag, verbracht hatte, eine wüste,
-brandgeschwärzte Ruine. Die blühenden Gartenanlagen
-vom Feuer zerfressen. Ihr Gatte verschwunden. Keine
-Nachricht von ihm.</p>
-
-<p>Die Erschütterung war zu groß. Mit einem Aufschrei
-fiel sie ohnmächtig nieder. Jetzt brach der Riegel.</p>
-
-<p>Dr. Glossin sah sie fallen und rührte sich nicht von
-seinem Platze. Jeden Augenblick erwartete er die Gestalt
-Silvesters, die des Inders auftauchen zu sehen.
-Vielleicht den Gefährlichsten der drei, Erik Truwor.</p>
-
-<p>Minuten verstrichen. Nichts regte sich. Da begann
-er langsam die Wahrheit zu ahnen, zu vermuten und
-schließlich zu erkennen. Jane war aus eigenem Antrieb
-von Düsseldorf fortgegangen. Sie war an den Ort
-gegangen, den sie als das Heim der drei kannte, und
-sie war niedergebrochen, als sie es verwüstet und zerstört
-wiedersah. Niemand erwartete sie hier. Hilflos lag sie
-hier im Walde, seinem Verlangen schutzlos preisgegeben.</p>
-
-<p>Er trat aus dem Walde und näherte sich dem Trümmerhaufen.
-Eine ungeheure Glut mußte hier gewirkt
-haben. Die Granitblöcke, aus denen die Zyklopenmauern
-des Truworhauses bestanden hatten, waren zu
-einer zusammenhängenden glasartigen Masse verschmolzen.
-Kein einfaches Feuer wäre imstande gewesen,
-das Urgestein zu schmelzen. Hier mußte die telenergetische
-Konzentration gewütet haben. Unzählige
-Tausende von Kilowatt mußten in diesem Gestein zur
-Entladung gekommen sein.</p>
-
-<p>Dr. Glossin näherte sich Jane. Er wollte sie aufheben,
-den Berg hinunterbringen, als sein Blick auf den Telephonapparat
-fiel. Es reizte ihn, die Apparatur zu versuchen.
-Mit einem Griff schaltete er die Elektronenlampen
-ein.</p>
-
-<p>Und er vernahm Worte einer wohlbekannten Stimme,
-Silvesters Stimme.</p>
-
-<p>Es war in der vierten Nachmittagsstunde. Silvester
-hatte die Antennen am Pol gespannt und suchte Jane.
-Er suchte sie auf dem Bilde der Mattscheibe und konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span>
-sie nicht finden. Während er mit dem Strahler die
-Straßen Düsseldorfs absuchte, sprach er Worte der Verzweiflung
-und der Liebe. Worte, die für Jane bestimmt
-waren und von Glossin gehört wurden.</p>
-
-<p>»Jane, mein Lieb, wo bist du? Ich kann dich nicht
-sehen. Dein Zimmer ist leer … Ich suche dich …
-Alle Straßen, alle Plätze der Stadt ziehen auf dem Bilde
-vor mir vorüber. Nur du bist nicht da&nbsp;…</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, wo du bist. Vielleicht hörst du meine
-Stimme. Ich will dich suchen, bis ich dich gefunden habe.
-Die ganze Welt will ich durchsuchen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Glossin erschrak. Wie weit war die entsetzliche Erfindung
-gediehen! Sie konnten die ganze Welt im Bilde bei sich
-betrachten. Silvester suchte in Düsseldorf. Er brauchte
-nur in Linnais zu suchen, und er sah seinen alten Feind
-und hatte die Macht &ndash; Glossin zweifelte keinen Augenblick
-daran &ndash; ihn zu Staub und Asche zu verbrennen.
-Er schleuderte das Telephon von sich, als ob er glühendes
-Eisen gegriffen hätte.</p>
-
-<p>Weg von hier. So schnell wie möglich weg von diesem
-Platze, der in der nächsten Sekunde von den dreien gesehen
-werden konnte.</p>
-
-<p>Er stürzte sich auf Jane. Die hypnotische Verriegelung
-war gebrochen. Jane war seinem Einfluß wieder
-preisgegeben. Er ließ seine stärksten Künste spielen. Er
-strich ihr mit den Händen über Stirn und Schläfen.
-Mit äußerster Gewalt zwang er sie in seinen Bann. Mit
-seiner Hilfe und auf seinen Befehl erhob sie sich. Auf
-seinen Befehl hatte sie alles vergessen, was geschehen
-war&nbsp;…</p>
-
-<p>In scharfem Trab brachte das Karriol sie nach Linnais.
-Das Gefährt war nur für einen Passagier bestimmt. Er
-mußte sie während der Fahrt eng an sich ziehen. Hier
-vollendete er die hypnotische Beeinflussung&nbsp;…</p>
-
-<p>Als Jane in Linnais aus dem Wagen stieg, war sie
-eine ruhige junge Dame, die mit ihrem Oheim reiste.
-Wie weggewischt war die Erinnerung an Silvester, an<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span>
-das Truworhaus, an alles Böse, was Glossin ihr jemals
-zugefügt hatte.</p>
-
-<p>Während die Bahn sie nach Haparanda brachte, während
-sie im Flugschiff nach Stockholm flogen, faßte Glossin
-seine letzten Entschlüsse.</p>
-
-<p>Die Erfindung, die gefährliche Erfindung, welche die
-Macht über die Welt in die Hand eines einzigen Menschen
-legte, war vollendet. Nach den Worten, die er
-im Telephon gehört hatte, war kein Zweifel mehr daran
-erlaubt.</p>
-
-<p>Cyrus Stonard kam mit seinem Entschluß zum Kriege
-zu spät. Die drei lebten nicht nur, sie besaßen auch die
-Macht, das Vabanquespiel des Diktators zu durchkreuzen.</p>
-
-<p>Es war Zeit, sich von Cyrus Stonard zu trennen, zu
-den Engländern überzugehen. Dazu war es notwendig,
-nach London zu gehen. Aber England war im Kriege.
-Aller Luftverkehr war eingestellt. Die Linie Stockholm&ndash;London
-lag still. Nur der Hornissenschwarm von hunderttausend
-Kriegsflugschiffen schwärmte um die englische
-Küste, bereit, jedes Fahrzeug, das sich England
-auf dem Luftwege nähern sollte, zu vernichten.</p>
-
-<p>Wer nach England wollte, mußte den Bahntunnel
-zwischen Calais und Dover benutzen. Die alte Linie
-Stockholm&ndash;London war seit einigen Tagen auf Stockholm&ndash;Calais
-umgelegt worden.</p>
-
-<p>Das Schiff brachte Glossin und Jane in wenigen Stunden
-nach Calais. Seine Räder setzten bei der Landung
-auf ein Gleis auf, neben dem der Zug nach London
-stand. Nur ein Drahtgitter trennte den Flugsteig vom
-Bahnsteig. Aber es war nicht ganz einfach, das Gitter
-zu durchschreiten. Jenseit desselben, wo der Zug stand,
-begann praktisch bereits England. England, das sich in
-einem schweren Kriege befand. Die Paßkontrolle war
-scharf. Es drängten sich viele zu den Türen, aber mehr
-als einer wurde zurückgewiesen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin hatte Zeit. Er stand, Jane leicht untergefaßt,
-ruhig auf dem Bahnsteig und betrachtete die
-Umgebung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span></p>
-
-<p>Die See war von hier aus nicht zu erblicken. Sie lag
-drei Kilometer entfernt. Außerdem versperrten die gewaltigen
-Hochbassins den Blick in dieser Richtung. Jene
-Bassins, die stets mit Seewasser gefüllt waren, die sich
-in gleicher Ausführung auch auf der englischen Seite
-des Kanals befanden und deren Aufgabe es war, den
-Tunnel in wenigen Minuten vollaufen zu lassen. Für
-den Fall nämlich, daß etwa zwischen England und Frankreich
-kriegerische Verwicklungen entstanden, daß Truppen
-von der einen oder anderen Seite her durch den
-Tunnel in das Land des Gegners zu marschieren versuchten.
-Dr. Glossin betrachtete die Anlagen überlegen
-lächelnd. Sie waren veraltet. Man führte den Krieg
-heute auf andere Weise.</p>
-
-<p>Er dachte an die Pestbomben, an die falschen Banknoten.
-Die Zeit verstrich darüber. Jetzt war es freier
-an den Toren des Zaunes geworden. Er zog seine
-Brieftasche heraus und suchte unter allerlei Papieren. Mit
-einem Kartenblatt in der Hand, Jane am Arm, schritt
-er durch die Sperre. Die englischen Beamten warfen
-nur einen kurzen Blick auf das Papier und gaben ihm
-in achtungsvoller Haltung den Weg frei. Sie kannten
-die Unterschrift des Premierministers Lord Gashford.</p>
-
-<p>Fünf Minuten später glitt der Zug aus dem Bahnhof,
-tauchte in das Dunkel des Tunnels, durchrollte die dreißig
-Kilometer unter dem Meer in ebenso vielen Minuten
-und eilte dann durch die Fluren von Canterbury auf
-London zu.</p>
-
-<p>In einem großen Hotel in London nahm ein älterer
-Herr in Gesellschaft einer jungen Dame Wohnung. Als
-Dr. Glossin aus Aberdeen mit Nichte. Die Ausweise
-über seine eigene Person, die er dem revidierenden Beamten
-vorlegte, waren so vorzüglich, daß man der Behauptung,
-seine Nichte habe ihre Papiere verloren, ohne
-weiteres Glauben schenkte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Durch die Straßen Londons schwirrten dunkle Gerüchte.
-Schlechte Nachrichten. In Afrika sollten die
-neuen englischen Industriestädte in der Gegend des Kilimandscharo
-von einem übermächtigen amerikanischen Geschwader
-vernichtet worden sein. Ein Vorstoß auf die
-Straße von Bab el Mandeb sollte den englischen
-U-Panzern schwere Verluste durch Lufttorpedos gebracht
-haben. Andere Gerüchte erzählten von englischen Niederlagen
-in der Australischen See und auf der Reede von
-Kapstadt.</p>
-
-<p>Im Gebäude des Kriegsministeriums hatten sich die
-Mitglieder der englischen Regierung zu einer Besprechung
-der Lage versammelt. Dort lagen die authentischen Depeschen
-von den verschiedenen Kriegsschauplätzen vor
-und waren geeignet, dem Kabinett sorgenvolle Stunden
-zu bereiten.</p>
-
-<p>Es hatte wirklich ein schwerer Angriff amerikanischer
-Luftstreitkräfte auf die junge angloafrikanische Kriegsindustrie
-stattgefunden. Flugschiffe in enormer Zahl
-waren plötzlich von der Ostküste her vorgestoßen, hatten
-die verhältnismäßig schwachen englischen Abwehrlinien
-durchbrochen und ihre Lufttorpedos auf die Industriewerke
-gesetzt. Derartige Angriffe waren schließlich möglich.
-Aber unerklärlich blieb es, wo die enormen Munitionsmengen
-herkamen. Dem Kabinett lagen die Depeschen
-verschiedener englischer Flugschifführer vor. Depeschen,
-die diese, pflichtgetreu bis zum Tode, zum Teil
-noch abgesandt hatten, während ihre Schiffe bereits
-brennend in die Tiefe stürzten.</p>
-
-<p>Sir Vincent Rushbrook hielt die letzten Depeschen von
-A. V. 317 in der Hand und las: »43 Grad östlicher
-Länge, 2 Grad südlicher Breite. Amerikanische Schiffe
-steuern nach Torpedoabwurf zur See. Verschwinden
-plötzlich im Wasser. Verdacht auf unterseeischen Stützpunkt.
-A. V. 317.«</p>
-
-<p>Eine zweite Depesche war von demselben Flugschiff
-zehn Minuten später gegeben worden: »Unterwasserstation
-entdeckt 42 Grad 13 Min. östlicher Länge&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span></p>
-
-<p>Hier brach die Depesche ab. Aus den Meldungen anderer
-Schiffe wußte man, daß A. V. 317 um diese Zeit
-brennend abgestürzt war.</p>
-
-<p>Der Premier Lord Gashford versuchte es, die Fragen
-und Gedanken zu formulieren, die jedes Mitglied des
-Kabinetts beschäftigten.</p>
-
-<p>»Warum greift Cyrus Stonard uns nicht in England
-an? Wir hielten Afrika für den sichersten Teil des
-Reiches. Unsere Agenten hatten uns einen amerikanischen
-Angriffsplan besorgt, der einen direkten Angriff auf die
-Inseln von Westen her vorsah. Der Meridian von Island
-bildete danach ungefähr die Frontlinie der amerikanischen
-Kräfte. Was konnte den Diktator veranlassen,
-diesen so lange vorbereiteten Plan aufzugeben, die britischen
-Inseln unbehelligt zu lassen, uns in Afrika anzufallen?«</p>
-
-<p>Sir Vincent Rushbrook war, immer noch die beiden
-Depeschen von A. V. 317 in der Hand, an den Globus
-getreten.</p>
-
-<p>»Es sieht so aus, als ob die Amerikaner einen Flottenstützpunkt
-etwa auf dem Äquator an der afrikanischen
-Ostküste angelegt haben. Ist es der Fall, dann, meine
-Herren, hat sich Cyrus Stonard im Brennpunkt unserer
-Macht festgesetzt. Von dieser Stelle aus …« &ndash; der
-Admiral ergriff einen kleinen Zirkel und demonstrierte
-damit auf dem Globus &ndash; »bedroht er in gleicher Weise
-unsere afrikanischen Besitzungen, den See- und Luftweg
-nach Indien und Indien selbst. Die letzte Depesche von
-A. V. 317 ist leider verstümmelt. Aber wir kennen den
-Längengrad. Sehr weit vom Äquator kann die Station
-nicht sein. Ihre Zerstörung halte ich für das Allernotwendigste.
-Sie muß allen anderen Kriegshandlungen
-vorausgehen. Unsere Luftstreitkräfte auf dem Meridian
-von Island sind dort durch den geänderten amerikanischen
-Plan größtenteils entbehrlich. Ich möchte ihnen
-den Befehl geben, den Meridian 42 Grad 13 Min. abzusuchen.
-Ein Unterwasserstützpunkt ist immer zu finden.
-Haben sie ihn gefunden, dann ist er auch vernichtet.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span></p>
-
-<p>Der Admiral schwieg. Er erwartete die Zustimmung
-des Kabinetts zu der unter Umständen so folgenschweren
-Maßnahme, die Verteidigungslinie über den Meridian
-von Island zu schwächen.</p>
-
-<p>Lord Horace Maitland sprach: »Sie fragen, warum
-Cyrus Stonard seinen Angriffsplan geändert hat, warum
-er unsere Inseln meidet und auf der südlichen Halbkugel
-Krieg führt. Ich will es versuchen, Ihnen den
-Grund kurz und klar anzugeben. Er tut es, weil das
-Unternehmen des Obersten Trotter mißglückt ist. Weil
-der Bericht über den Erfolg seiner Expedition unrichtig
-ist. Weil die Macht, zu deren Vernichtung England und
-Amerika sich trafen, noch existiert, und weil Cyrus Stonard
-diese Macht fürchtet.«</p>
-
-<p>Lord Maitland hatte seine Rede leise und tonlos begonnen.
-Von Satz zu Satz hatte sich seine Stimme gehoben.
-Jetzt schwieg er.</p>
-
-<p>Die Wirkung seiner Worte auf die Mitglieder des Kabinetts
-war körperlich greifbar. Sir Vincent Rushbrook
-ließ den Unterkiefer hängen und starrte den Sprecher
-mit offenem Mund an. Lord Gashford verlor die überlegene
-Ruhe und sprang auf. Der Kriegsminister versuchte,
-den ihm unterstellten Oberst Trotter zu verteidigen.
-Lord Horace allein behielt seinen Platz und fuhr
-mit einer ruhigen, überzeugenden und schließlich alle
-Hörer zwingenden Stimme fort: »Meine Herren, ich
-habe bereits einmal meiner Meinung über die wenig
-glückliche Wahl des Obersten Trotter für diese Expedition
-Ausdruck gegeben. Er ist getäuscht worden, und die
-Amerikaner haben es wahrscheinlich gewußt. Nach dem,
-was ich von amerikanischer Seite über die drei in
-Linnais hörte, halte ich es für ausgeschlossen, daß sie
-sich von einem alten Troupier wie dem Obersten Trotter
-einfach in ihrem Hause verbrennen lassen. Sein Bericht
-klang zwar ganz plausibel. Aber mich hat er nicht überzeugt
-und die Herren Dr. Glossin und Cyrus Stonard
-wohl auch nicht.«</p>
-
-<p>Sir Vincent Rushbrook hatte während der Worte<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span>
-von Lord Horace Gelegenheit gefunden, seinen Unterkiefer
-wieder zuzuklappen. Die Färbung seines Gesichtes
-war vom Roten ins Blaurote gestiegen. Jetzt brach er
-los: »Kann ein Mensch mit fünf gesunden Sinnen nur
-einen Augenblick glauben, daß drei einzelne schwache
-Menschen einer Weltmacht gefährlich werden können?
-Cyrus Stonard sollte mir leid tun, wenn er sich von solchen
-Hirngespinsten plagen ließe.«</p>
-
-<p>Lord Horace hatte den cholerischen Admiral ruhig
-ausreden lassen. Nun fuhr er selbst unbewegt fort:
-»Cyrus Stonard ist besser informiert als wir. Durch
-den Doktor Glossin. Glossin ist der einzige, der die
-Erfindung von ihren Anfängen her kennt. Der weiß
-viel besser als wir, wie weit die drei jetzt mit der Erfindung
-gekommen sein dürften, wie weit sie damit wirken
-können und wie weit nicht. Den Beweis dafür gibt
-mir der veränderte amerikanische Kriegsplan. Die gegen
-die britischen Inseln gerichteten Streitkräfte sind zurückgezogen.
-Der Diktator fürchtet, die drei könnten
-ihm hier in den Arm fallen. Darum verlegt er den Angriff
-in die südliche Hemisphäre, wo er sich vor der Macht
-der drei noch sicher fühlt&nbsp;…«</p>
-
-<p>Lord Gashford unterbrach ihn. »Wenn Sie recht
-hätten, so wäre mir das Vorgehen des Diktators
-erst recht unerklärlich. Wie kann er sich in einen Krieg
-mit uns einlassen, wenn er die Macht der drei wirklich
-fürchtet?«</p>
-
-<p>»Die Erklärung dafür ist in dem Wesen des Diktators
-zu suchen. Cyrus Stonard ist zweifellos der größte
-Staatsmann des zwanzigsten Jahrhunderts. Seit George
-Washington hat er am meisten für die amerikanische
-Union getan. Hätte er nicht den Ehrgeiz besessen, Diktator
-zu werden und zu bleiben, hätte er wie Washington
-gehandelt, er würde in der Geschichte neben und über
-Washington stehen.</p>
-
-<p>Ehrgeiz und Machthunger haben ihn verblendet. Er
-hält das amerikanische Volk, das an eine hundertfünfzigjährige
-Freiheit gewöhnt war, weiter unter einem<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span>
-schrankenlosen Absolutismus. Aber er sitzt auf einem
-Vulkan. Er braucht ständig neue Erfolge. Bleiben die
-aus, so ist's mit seiner Diktatur vorbei. Die Geschichte
-lehrt es uns hundertfach. Er spielt <em class="antiqua">va banque</em> und muß
-<em class="antiqua">va banque</em> spielen. Das amerikanische Freiheitsgefühl hat
-den Druck nur ertragen, solange die Schmach der japanischen
-Niederlage in frischer Erinnerung war und solange
-Cyrus Stonard die Macht und den Reichtum Amerikas
-ständig gehoben hat. Selbst dann nur widerwillig. Einen
-Stillstand in seinen äußeren Erfolgen verträgt seine Herrschaft
-nicht.</p>
-
-<p>Nach seinem Siege über Japan bleibt England als
-einziger Rivale übrig. Wer die Persönlichkeit Cyrus
-Stonards kennt, mußte sich klar darüber sein, daß er es
-versuchen würde, diesen letzten Rivalen niederzuschlagen.
-Dann war der Gipfel erreicht. Amerika beherrschte die
-Welt. Cyrus Stonard beherrschte Amerika.</p>
-
-<p>Da stellt sich zwischen uns und ihn die geheimnisvolle
-Macht. Über deren Ziele möchte ich noch schweigen, weil
-ich nicht klar sehe. Er bringt es fertig, uns als Werkzeug
-zur Vernichtung dieser Macht zu benutzen. Der Streich
-ist mißlungen. Zum mindesten nicht sicher gelungen.
-Aber Cyrus Stonard kann nicht mehr zurück. Er schlägt
-los, wo er glaubt, nicht gehindert zu sein. Hätte er
-jetzt, nach monatelanger Kriegsvorbereitung, Frieden gehalten,
-wäre es um seine Herrschaft geschehen.</p>
-
-<p>Er ist in den Krieg gegangen wie ein Feldherr, der
-am Erfolg zweifelt, aber lieber an der Spitze seiner
-Garden fallen als zurückweichen will. Cyrus Stonard
-steht auf der Grenze von Genie und Wahnsinn. Er hat
-die Grenze wohl schon nach der schlimmen Seite hin
-überschritten.«</p>
-
-<p>Die Worte Lord Maitlands hatten die Mitglieder des
-Kabinetts in ihren Bann geschlagen. Die Gestalt des
-Diktators stand in ihrer Größe, aber auch mit ihren
-Schwächen und Leiden vor ihnen. Eine Frage des
-Kriegsministers führte die Mitglieder wieder in die reale
-Welt zurück.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span></p>
-
-<p>»Was sollen wir jetzt tun? Sollen wir uns nicht
-wehren? Sollen wir uns auf eine geheimnisvolle Macht
-verlassen, deren Existenz doch zum mindesten, ich will
-sagen, persönliche Ansichtssache ist? Es wäre Englands
-und seiner Geschichte nicht würdig, wenn wir uns in der
-vagen Hoffnung auf eine übernatürliche Hilfe davon abhalten
-ließen, alles Notwendige für die Sicherheit des
-Reiches zu tun.«</p>
-
-<p>Sir Vincent Rushbrook sprach: »Unsere Islandflotte
-muß sich in geschlossenem Angriff sofort auf Neuyork
-stürzen. Wir werden die Fünfzehnmillionenstadt in Asche
-legen. Das wird dem Diktator seine Gelüste auf Afrika
-und Indien am schnellsten austreiben.«</p>
-
-<p>Lord Horace nahm noch einmal das Wort: »Ich befinde
-mich hier in einer eigenartigen Lage. Ich
-habe mich mit diesen Fragen doch vielleicht mehr beschäftigt
-als ein anderes Mitglied des Kabinetts. Ich
-sage Ihnen heute … denken Sie an meine Worte,
-meine Herren … Wir werden das Eingreifen der
-Macht in kürzester Zeit zu fühlen bekommen. Ich halte
-es für richtig, daß wir uns nur auf die Verteidigung beschränken.«</p>
-
-<p>Die Worte des Lords Maitland vermochten das Kabinett
-nicht umzustimmen. Die letzten Depeschen über
-einen amerikanischen Angriff auf Indien ließen jede abwartende
-Haltung als schädlich erscheinen. Indien war
-die empfindlichste Stelle des britischen Weltreiches. Wer
-Indien anzutasten wagte, mußte niedergeschlagen werden.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der englische Premier gab seinem Sekretär gemessenen
-Auftrag. »Ich erwarte den Vierten Lord der Admiralität.
-Jeder andere Besuch hat zu warten.«</p>
-
-<p>Der Sekretär wunderte sich nicht über den Befehl.
-Die Stellung des Lords Maitland im englischen Kabinett
-hatte sich in den letzten Wochen beträchtlich gehoben.
-Seine genauen Kenntnisse der amerikanischen Verhältnisse<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span>
-machten ihn zu einem wichtigen Mitglied des Kabinetts.
-Darüber hinaus fand der alternde Lord Gashford
-in ihm eine <span id="corr273">wertvolle</span> Hilfe. Eine Persönlichkeit,
-die Entschlußkraft mit der abgeklärten Ruhe des gereiften
-Mannes verband. Einen Mitarbeiter, der für sich
-selbst gar nichts erstrebte … wenigstens nichts zu erstreben
-schien und ganz in den Fragen der großen Politik
-aufging.</p>
-
-<p>Lord Gashford hatte über die Ausführungen Lord
-Maitlands in der letzten Kabinettssitzung nachgedacht. Als
-Lord Horace in sein Arbeitzimmer eintrat, ging er ihm
-entgegen. »Ihre Ansichten über die Beweggründe des amerikanischen
-Diktators sind richtig. Wenn seine Handlungen
-überhaupt logischen Gründen entspringen, können sie nur
-so erklärt werden, wie Sie es neulich taten. Ich möchte
-in Ihrer Gegenwart einen Besuch empfangen, dessen
-Absichten mir nicht klar sind. Dr. Glossin hat sich bei
-mir melden lassen.«</p>
-
-<p>Lord Horace konnte sein Erstaunen nicht verbergen.</p>
-
-<p>»Dr. Glossin hier? Sollte das ein Friedensfühler
-sein?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin wurde von dem Sekretär in das Gemach
-geführt. Er kam mit der Unbefangenheit des vielgereisten
-Weltmannes. Begrüßte Lord Horace herzlich
-als einen alten Bekannten, ohne sich durch die Gegenwart
-des Premierministers geniert zu fühlen. Er erkundigte
-sich eingehend nach dem Befinden der Lady Diana
-und führte die Konversation mit einer Leichtigkeit, als
-befände er sich auf einem Fünfuhrtee und nicht bei den
-leitenden Ministern eines Weltreiches. Die beiden
-Engländer gingen auf die Tonart ein, obwohl
-sie innerlich vor Begierde brannten, dem Zwecke
-der Unterredung näherzukommen. Lord Horace schob
-dem Doktor Zigarren und Feuerzeug hin. Glossin bediente
-sich mit einer Gemächlichkeit, die den englischen
-Staatsmännern hart an die Nerven ging.</p>
-
-<p>Dr. Glossin hatte zweifellos viel Zeit. Aber schließlich<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span>
-hatten die Engländer noch mehr. Sie warteten
-ruhig, bis er das Schweigen brach.</p>
-
-<p>»Meine Herren, ich halte diesen Krieg für einen Wahnsinn.
-Nur der maßlose Ehrgeiz eines Mannes treibt
-zwei sprach- und stammgleiche Völker in den Kampf.«</p>
-
-<p>Die Engländer sprachen kein Wort. Nur ein leichtes
-Nicken verriet ihre Zustimmung. Der Doktor fuhr fort:
-»Ich möchte die Lage durch einen Vergleich erklären.
-Die Welt gehört einer großen Firma, den <em class="antiqua">Englishspeakers</em>.
-Die Firma hat zwei Geschäftsinhaber. Es
-sind heute zwei feindliche Brüder, die zum Schaden des
-Hauses gegeneinander arbeiten. Die Firma kann nur
-gedeihen, wenn ihre Leiter einig sind und einig handeln.
-Müßte nicht der eine der Inhaber die Führung haben?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin schwieg und wandte dem Brande seiner
-Zigarre sehr eingehende Aufmerksamkeit zu.</p>
-
-<p>»Die feindlichen Brüder sind wohl in diesem Gleichnis
-England und Amerika?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin bejahte die Frage Lord Gashfords durch
-ein leichtes Nicken.</p>
-
-<p>Der Premier sprach weiter: »Welcher von den beiden
-wird dem anderen weichen?«</p>
-
-<p>Glossin hatte wieder mit der Zigarre zu tun, bevor
-er die Antwort formulierte. Langsam, sorgfältig Wort
-für Wort wägend.</p>
-
-<p>»Im Geschäftsleben würde es der sein, der die geringere
-Erfahrung hat … der weniger tüchtige …
-meistens wohl der jüngere.«</p>
-
-<p>Lord Horace unterbrach ihn.</p>
-
-<p>»Glauben Sie, daß Cyrus Stonard jemals freiwillig
-weichen würde?«</p>
-
-<p>»Wenn nicht freiwillig, dann gezwungen!«</p>
-
-<p>»Das hieße Stonard stürzen! Freiwillig wird er nie
-nachgeben.«</p>
-
-<p>»Deswegen bin ich hier!«</p>
-
-<p>Das Wort war heraus. Seine Wirkung auf den
-Premier war unverkennbar. Lord Horace blieb äußerlich
-unverändert. Nur sein Gehirn arbeitete fieberhaft<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span>
-und schmiedete lange Schlußketten … Er weiß, daß
-die geheimnisvolle Macht wirkt. Daß es vielleicht schon
-in nächster Zeit, vielleicht in wenigen Tagen nur noch
-eines leisen Anstoßes bedürfen wird, um den Diktator
-zu stürzen. Er wechselt beizeiten die Fahne … Immerhin,
-seine Arbeit kann England nützlich sein&nbsp;…</p>
-
-<p>Lord Gashford fragte mit leicht vibrierender Stimme:
-»Wie sollte es geschehen?«</p>
-
-<p>»Das wird meine Sache sein!«</p>
-
-<p>»Sie wollen das vollbringen? Und wenn es Ihnen
-gelänge, was hat England dafür zu zahlen?«</p>
-
-<p>»Nichts!«</p>
-
-<p>»Und was verlangen Sie dafür?«</p>
-
-<p>»Englands Freundschaft!«</p>
-
-<p>Lord Gashford reichte dem Doktor die Hand.</p>
-
-<p>»Deren können Sie versichert sein. Für die Ausführung
-stehen Ihnen unsere Mittel zur Verfügung. Lord
-Maitland wird die Einzelheiten mit Ihnen besprechen.«</p>
-
-<p>Sie hatten diese Besprechung im Stadthause von Lord
-Horace. Dr. Glossin verlangte von der englischen Regierung
-für sein Unternehmen keine materiellen Mittel.
-Nur ein paar Einführungsschreiben an einige amerikanische
-Vereinigungen. Das war alles. Lord Horace
-geriet in Zweifel, ob es dem Doktor jemals gelingen
-könne, mit solchen bescheidenen, fast kindlich anmutenden
-Hilfsmitteln einem Manne wie Cyrus Stonard gefährlich
-zu werden. »Das wäre alles, Herr Doktor?«</p>
-
-<p>»Alles, mein Lord.«</p>
-
-<p>»So wünsche ich Ihnen um der anglosächsischen Welt
-willen den besten Erfolg.«</p>
-
-<p>»Ich danke Ihnen. Noch eine persönliche Bitte. In
-meiner Begleitung befindet sich hier in London
-meine Nichte, Miß Jane Harte. Mein Aufenthalt in den
-Staaten könnte längere Zeit dauern. In der Voraussicht
-kommender Umwälzungen und Unruhen habe ich sie
-hierhergebracht. Ich bin ihr einziger Verwandter. Sie
-hängt an mir, ist meine einzige Freude, hat außer mir
-niemand in der Welt. Wenn ich wüßte, daß sie in Ihrem<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span>
-Hause … bei Ihnen … bei Lady Diana einen Anhalt
-findet, wäre ich Ihnen mehr zu Dank verpflichtet,
-als ich es Ihnen in Worten ausdrücken kann.«</p>
-
-<p>»Ich werde die junge Dame als Gast in mein Haus
-nehmen. Sie soll in sicherer Hut bei uns bleiben, bis Sie,
-Herr Doktor, aus den Staaten zurück sind.«</p>
-
-<p>Der Doktor ergriff die Hand Lord Maitlands.</p>
-
-<p>»Ich danke Ihnen, mein Lord. Ich bedauere es, Lady
-Diana nicht persönlich meine Empfehlung übermitteln zu
-können&nbsp;…«</p>
-
-<p>Dr. Glossin ging, den Mann zu verraten, durch den er
-zwanzig Jahre mächtig und reich gewesen war.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Seit jener Stunde, in der Diana die Todesnachricht
-Erik Truwors empfing, in der sie in der Fülle überströmender
-Gefühle ihre ganze Vergangenheit vor Lord
-Horace bloßlegte, war das Verhältnis der Gatten ein
-anderes geworden. Lady Diana zog sich nach Maitland
-Castle zurück. Lord Horace blieb in London, um
-sich mit verdoppeltem Eifer den Regierungsgeschäften
-zu widmen. Nicht nur die Sorge um das Land trieb
-ihn dazu, sondern wohl ebenso stark das Verlangen, sich
-durch angestrengte Arbeit zu betäuben, durch rastlose
-Tätigkeit der quälenden Gedanken ledig zu werden, die
-ihn seit jener Unterredung nicht loslassen wollten.</p>
-
-<p>Mit dem Toten hatte er bald abgeschlossen. Was
-Diana getan, um dem Jugendgespielen, dem Manne,
-dessen Gattin sie werden sollte und fast war, den Abschied
-vom Leben leicht zu machen, das hatte er mit
-der abgeklärten Ruhe des gereiften Mannes verstehen
-und verzeihen gelernt.</p>
-
-<p>Die Unruhe und Qual schuf ihm der andere. Der
-Lebende &ndash; den Diana noch für tot hielt. Und zu dessen
-Vernichtung sie doch ihre Hand geboten hatte.</p>
-
-<p>War dieser Haß echt? Konnte solcher Haß echt sein?</p>
-
-<p>War es nicht nur in Haß verkehrte Liebe, die wieder
-Liebe werden konnte?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span></p>
-
-<p>Erik Truwor lebte!</p>
-
-<p>Wie würde Diana die Nachricht von seiner Rettung
-aufnehmen?</p>
-
-<p>Er bangte vor der kommenden Stunde und sehnte
-sie doch herbei.</p>
-
-<p>Die Nachricht, daß sie nach London kommen solle, erreichte
-Diana um die vierte Nachmittagsstunde in Maitland
-Castle. Der Diener, der ihr die Botschaft
-überbracht, hatte längst den Raum verlassen. Diana
-saß immer noch regungslos und hielt das Papier
-in den Händen. Das Faksimile des chemischen Fernschreibers
-zeigte die charakteristischen Schriftzüge ihres
-Gatten. Nur wenige Worte.</p>
-
-<p>»Ich bitte Dich, umgehend nach London zu kommen.«</p>
-
-<p>Was bedeutete diese Botschaft? Horace rief sie …
-rief sie … warum?</p>
-
-<p>Ihre Brust wogte im Widerstreit der anstürmenden
-Gefühle. Seit jenem Tage der Aussprache hatte sie
-Horace nicht wieder gesehen. In stillschweigender Übereinkunft
-hatte sie sich einer freiwilligen Verbannung
-unterworfen.</p>
-
-<p>Ihre hellsichtigen Frauenaugen erkannten wohl, daß
-ein Mann, auch wenn er die Großherzigkeit ihres Gatten
-besaß, nicht so leicht und schnell über das hinwegkommen
-konnte, was sie ihm in ihrer Seelennot offenbarte. Deshalb
-hatte sie gewartet. Von Tag zu Tag … geduldig.
-Doch je länger sie warten mußte, desto schlimmer fraß
-die Pein des Wartens an ihr. Ihre Liebe zu Horace
-war so stark und rein, daß ihr nicht einen Augenblick der
-Gedanke kam, ganz andere Ängste und Sorgen könnten
-ihres Gatten Herz beschweren. Hätte sie es gewußt, wie
-leicht wäre es ihr gewesen, seinen Argwohn zu zerstreuen.</p>
-
-<p>In windender Fahrt trug die schnelle Maschine
-Diana Maitland, ihre Zweifel, ihre Hoffnungen und
-Wünsche nach London.</p>
-
-<p>Ohne sich erst in ihre eigenen Räume zu begeben, betrat<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span>
-sie das Arbeitzimmer ihres Gatten. Lautlos schlossen
-sich die schweren Portieren hinter ihr. Der schwellende
-indische Teppich dämpfte ihren Schritt.</p>
-
-<p>Lord Horace saß am Schreibtisch, das Gesicht dem Fenster
-zugewandt.</p>
-
-<p>Diana umfaßte seine Gestalt mit ihren Blicken.</p>
-
-<p>Was dachte er?&nbsp;…</p>
-
-<p>Wie wird er ihr entgegentreten?&nbsp;…</p>
-
-<p>Der erste Gruß. Wie wird er sein?</p>
-
-<p>Tonlos formten ihre Lippen das eine Wort: »Horace!«</p>
-
-<p>Der Hauch drang nicht an sein Ohr.</p>
-
-<p>»Horace!« Rauh und gepreßt tönte der Name durch
-den Raum.</p>
-
-<p>»Diana!« … Lord Horace war aufgesprungen. Die
-Gatten standen sich gegenüber. Ihre Blicke begegneten
-sich und wichen einander aus.</p>
-
-<p>Dianas Herz krampfte sich zusammen. Was sie erhoffte,
-was sie ersehnte … es war es nicht. Ihre Augen
-wurden still. Ein konventionelles Lächeln spielte um den
-Mund, als sie sagte: »Du hast mich rufen lassen, Horace.«
-Ihre Hände berührten sich, und doch verspürte keine den
-Druck der anderen.</p>
-
-<p>»Ich danke dir für dein Kommen, Diana. Eine Bitte,
-die uns beide betrifft und mir besonders am Herzen liegt,
-trieb mich, dich zu rufen. Ich hatte heute vormittag eine
-Unterredung mit Dr. Glossin.«</p>
-
-<p>Diana horchte auf.</p>
-
-<p>»Dr. Glossin? Wie kommt der hierher? Es ist doch
-Krieg. Als Friedensunterhändler? … In Stonards
-Mission?«</p>
-
-<p>»Nein!«</p>
-
-<p>»Nicht? Weshalb ist er hier?«</p>
-
-<p>»Um Cyrus Stonard zu verraten!«</p>
-
-<p>»Ah&nbsp;…!«</p>
-
-<p>Lady Diana hatte in der Erregung des Gespräches bis
-jetzt noch nicht die Zeit gefunden, sich zu setzen. Lord
-Horace rollte ihr einen Sessel herbei.</p>
-
-<p>»Ah! … Das versöhnt mich mit ihm. Welches Glück,<span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span>
-wenn dieser Bruderkrieg vermieden wird! Dieser sinnlose
-Kampf, der Hunderttausende Englisch sprechender
-Frauen zu Witwen, ihre Kinder zu Waisen macht. Wenn
-das dem Doktor gelingt, wenn er das schafft, soll ihm
-vieles, nein, alles verziehen sein.«</p>
-
-<p>Lord Horace wiegte nachdenklich das Haupt.</p>
-
-<p>»Ja, Diana … nicht ganz so, wie du denkst.«</p>
-
-<p>»Wie meinst du?«</p>
-
-<p>»Der Krieg würde auch ohne das alles in allernächster
-Zeit beendet sein!«</p>
-
-<p>»Wodurch?«</p>
-
-<p>»Durch die geheimnisvolle Macht der drei in Linnais!«</p>
-
-<p>Diana Maitland sank in ihren Sessel zurück. Sie erblaßte,
-während ihre Augen sich zu unnatürlicher Weite
-öffneten.</p>
-
-<p>»Die drei in Linnais? … Sind die nicht tot?«</p>
-
-<p>»Wir dachten es … Wir hofften es.«</p>
-
-<p>»Sie leben?«</p>
-
-<p>»Sie leben! Sie haben es deutlich bewiesen. Unsere
-Stationen müssen ihre Befehle funken.«</p>
-
-<p>»Und die sind? … Die lauten?«</p>
-
-<p>»Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen.
-Die Macht warnt vor dem Kriege.«</p>
-
-<p>Lord Horace unterbrach seine Rede. Er sah, wie die
-Augen seiner Gattin sich schlossen und ein frohes Lächeln
-ihren Mund umspielte. In diesem Augenblick sah sie aus
-wie ein glückliches Kind, dem ein Lieblingswunsch erfüllt
-wurde. Er sah es und dachte: Erik Truwor!</p>
-
-<p>Lady Diana sprach wie eine Träumende, wie eine
-Seherin.</p>
-
-<p>»Ah! … die drei in Linnais … Sie leben …
-leben und handeln zum Segen der Welt!«</p>
-
-<p>»Zum Segen?«</p>
-
-<p>»Ist es kein Segen, wenn der Krieg vermieden wird?
-Sinnloses Morden … Totschlag und Raub&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Auf den ersten Blick vielleicht. Aber die Folgen werden<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span>
-nicht ausbleiben. Wie wird sich das für die Zukunft
-auswirken?«</p>
-
-<p>»Die Welt wird ein Paradies sein!«</p>
-
-<p>»Glaubst du?«</p>
-
-<p>»Gewiß selbstverständlich!«</p>
-
-<p>»Ich nicht … Ich glaube es nicht … kann es
-nicht glauben&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Was?«</p>
-
-<p>»… kann es nicht glauben, daß ein Mann, dem ein
-Zufall … ein Schicksal solche Macht in die Hände gegeben
-hat, daß der&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Daß der&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Daß der die Macht nicht mißbraucht!«</p>
-
-<p>»Mißbrauchen? Mißbraucht?«</p>
-
-<p>»Mißbraucht, um die in seine Hand gegebene Menschheit
-zu knechten. Um sich zum Herrscher der Welt zu
-machen.« Lord Horace sprach die letzten Worte trübe
-und sinnend vor sich hin.</p>
-
-<p>»Du fürchtest, daß … daß … nein! Erik Truwor?
-Nein!«</p>
-
-<p>In der Erregung des Zwiegesprächs waren sie aufgesprungen
-und standen sich hochatmend gegenüber.</p>
-
-<p>»Niemals! Niemals!« Diana wiederholte es mit
-wachsender Überzeugung.</p>
-
-<p>»Dann wäre er ein Gott!«</p>
-
-<p>Die Erregung Dianas löste sich in einem harten, stolzen
-Lachen.</p>
-
-<p>»Ein Gott? … Nein! Ein Mann ist er! Ein Mann!«</p>
-
-<p>»Und wir?« Resignation klang aus den beiden
-kurzen Worten. Diana legte ihm die Hände auf
-die Schultern.</p>
-
-<p>»Ihr … ihr … Horace .. ihr seid Politiker ..
-eure Gedanken gehen nicht über die Grenzen eurer Interessen.
-Er … er überschaut Reiche! Ihr arbeitet
-für die Zeit. Er denkt an die Ewigkeit!«</p>
-
-<p>»Du kennst ihn, ich kenne ihn nicht. Du standest ihm
-nahe. … Du bist ein Weib … Wir Männer sehen
-die Dinge nüchterner. Ich sage dir, es wird kein Paradies<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span>
-auf Erden, aber es wird schweres Unheil für die ganze
-Welt daraus entstehen.«</p>
-
-<p>»Wenn er ein Mensch wäre wie ihr. Aber er ist der
-ideale Mensch. Der vollkommene Mann. Er wird die
-Macht … die wunderbare Macht nur zum Wohl der
-Menschheit, zum Glück der Welt verwenden … Ja, ich
-kenne ihn. Er geht mit reinem Herzen an die große
-Aufgabe. Er erstrebt nichts für sich, alles für die Menschheit.
-Er ist Erik Truwor. Das Wort sagt mir alles.«</p>
-
-<p>Lord Horace sprach nicht aus, was er in diesem Augenblick
-dachte. Daß auch ihm das eine Wort, der eine Name
-nur allzuviel sage.</p>
-
-<p>Mit müder Gebärde winkte er ab.</p>
-
-<p>»Laß es gut sein, Diana. Was hilft Streiten?
-Das Geschick wird sich schneller erfüllen, als uns allen
-lieb ist.</p>
-
-<p>Zurück zu dem Zweck unserer Unterhaltung. Dr.
-Glossin ließ seine Nichte Miß Jane Harte bei seiner Abreise
-allein in London zurück. Ich versprach ihm, sie bei
-uns aufzunehmen, bis er zurückkommt.</p>
-
-<p>Das junge Mädchen ist hier im Hause. Ich will gehen
-und es holen.«</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Erik Truwor faßte das Ergebnis der Untersuchung zusammen.
-Der Eisberg war mit seiner Basis halb schräg
-nach unten in das Wasser gefallen und hatte dann wieder
-Halt gefunden. Es war natürlich auch mit Hilfe des
-kleinen Strahlers leicht möglich, einen Ausgang aus dem
-Eise ins Freie zu schmelzen.</p>
-
-<p>Aber sie befanden sich in einer komprimierten Atmosphäre.
-Die Luft in der Eishöhle war auf das Doppelte
-des gewöhnlichen Luftdrucks zusammengepreßt. In ihren
-Lungen hatte der hohe Druck sich ausgeglichen. Schafften
-sie der Luft plötzlich einen Ausgang ins Freie, so
-mußte die schnelle Druckverminderung sie töten. Die zusammengepreßte
-Luft in ihrem Innern hätte ihre Lungen
-zerrissen, ihre Leiber zerfetzt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span></p>
-
-<p>Doch auch ein langsames Ablassen der Druckluft gewährte
-keine Sicherheit. Sie wußten ja nicht, bis zu
-welcher Höhe der Wasserspiegel draußen den Berg umgab.
-Wie tief der Berg in den geschmolzenen See eingesunken
-war. Es konnte geschehen, daß das Wasser beim
-Ablassen der Luft schließlich die Decke des höchsten Raumes
-erreichte. Dann wurden sie ertränkt wie die Mäuse
-in der Falle.</p>
-
-<p>Das Mittel, allen diesen Schwierigkeiten zu entgehen,
-hatte der Geist Silvesters entdeckt.</p>
-
-<p>»Wir müssen den Berg ausschmelzen. Der ganze massive
-Kern muß als Schmelzwasser in die Tiefe gehen.
-Nur eine leichte äußere Schale darf stehenbleiben. Leichte
-Fußböden und Wände, die der Schale Halt geben. Dann
-wird er sich heben, wird leicht auf dem Wasser
-schwimmen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Plan war gut, aber die Frage der Luftbeschaffung
-machte Schwierigkeiten. Die wenige Luft, die in den
-vorhandenen Gängen eingeschlossen war, würde niemals
-genügen, das ganze Innere des ausgeschmolzenen Berges
-zu füllen.</p>
-
-<p>Sie mußten also mit Vorsicht eine Rohrverbindung mit
-der Außenwelt herstellen, mußten die Luftpumpe mit
-vieler Mühe aus einem halb überfluteten Gange herbeischaffen
-und von außen her Luft in das Innere pumpen,
-als das große Schmelzen begann, als Tausende von Tonnen
-Schmelzwasser in die Tiefe flossen und der massive
-Eisriese von Stunde zu Stunde immer mehr die lockere
-Struktur einer Bienenwabe annahm.</p>
-
-<p>Aber sie spürten auch den Erfolg. Der Berg hob sich.
-Sie merkten es daran, daß er wieder in die wagerechte
-Lage kam und daß die unteren überfluteten Gänge allmählich
-vom Wasser frei wurden.</p>
-
-<p>Sie arbeiteten ohne Unterlaß. Silvester war Tag
-und Nacht tätig. Die Vorwürfe Erik Truwors brannten
-ihm schwer auf der Seele. Er wollte mit Hingabe seiner
-ganzen Kraft wieder gutmachen, was durch sein Versehen
-verdorben war, und mutete sich mehr zu, als sein<span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span>
-geschwächter Organismus auf die Dauer aushalten
-konnte.</p>
-
-<p>Bis die mißhandelte Natur sich rächte. Atma sprang
-hinzu, als Silvester neben dem Strahler, mit dem er
-die neuen Höhlen und Zellen in den Berg schnitt, zu
-Boden taumelte. Es bedurfte aller Künste des Inders,
-um das aussetzende Herz des Erschöpften zum Weiterschlagen
-zu zwingen und die schwere Ohnmacht in einen
-wohltätigen Schlaf zu verwandeln.</p>
-
-<p>Freilich hatte Silvester Grund zu Eile und Anstrengung.
-Der Berg mußte gehoben, in seine endgültige
-Lage gebracht sein, bevor die Polarkälte ihre Wirkung
-tat, bevor die Oberfläche dieses durch einen so unglücklichen
-Zufall entstandenen Sees sich wieder mit einer
-schweren Eiskruste überzog. Denn fror der See, so war
-der Berg fest eingekittet, alle Versuche, ihn zu heben,
-wurden vergeblich.</p>
-
-<p>Endlich war es gelungen. In hundert Stunden hatten
-sie das Werk getan. Nun hieß es warten und sich gedulden,
-bis das eintrat, was sie vorher so sehr zu fürchten
-hatten. Erst nachdem der gehobene Berg festgefroren
-war, konnten sie es wagen, seine Außenwand zu durchbrechen,
-durften sie die Tür dieses gigantischen Gefängnisses
-sprengen. Sie rechneten, daß wenigstens noch einmal
-fünfzig Stunden verstreichen müßten, bevor das
-frisch gebildete Eis den erleichterten Berg tragen würde.</p>
-
-<p>Die Laune des Schicksals schenkte dem Präsident-Diktator
-noch einmal eine Frist. Krieg und Kriegsgeschrei
-erfüllten noch einmal die Welt. Von einer sinnlosen
-und lächerlichen Kleinigkeit hing es ab, wie lange
-der Vernichtungskampf zweier Weltreiche anhalten sollte.
-Einfach davon, wie schnell oder wie langsam sich in der
-arktischen Eiswüste auf einem Tümpel von mäßiger
-Größe eine tragfähige Eisfläche bilden würde.</p>
-
-<p>Fünfzig Stunden, in denen die Insassen des Berges
-nichts anderes tun konnten, als tatenlos zu warten. Abgeschnitten
-von der Welt, ohne Kunde von dem, was
-draußen vorging.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span></p>
-
-<p>Atma saß am Lager Silvesters. Er zwang ihn, sich
-wohltätiger Ruhe hinzugeben, seinem armen mißhandelten
-Herzen, das immer noch unruhig und unregelmässig
-gegen die Rippen pochte, Erholung zu gönnen.</p>
-
-<p>Erik Truwor war allein, eine Beute quälender Gedanken,
-die sich nicht verjagen ließen.</p>
-
-<p>Was war in den Tagen ihrer Gefangenschaft geschehen?
-Hatten die ersten Warnungen der Macht genügt,
-oder war der Krieg doch ausgebrochen?</p>
-
-<p>Besaß die Menschheit so viel Einsicht, der sinnlosen
-Zerstörung aus eigener Kraft Einhalt zu gebieten?</p>
-
-<p>War das der Fall, dann würde er das Werk so ausführen
-können, wie er es geplant hatte.</p>
-
-<p>Aber wenn sie ihm nicht gehorchten? Wenn sie in
-diesen Tagen seiner erzwungenen Untätigkeit übereinander
-herfielen?</p>
-
-<p>War das nicht der Beweis dafür, daß sie noch nicht
-zur Selbstregierung reif waren, daß sie einen Selbstherrscher
-brauchten, zu ihrem Glücke gezwungen werden
-mußten?</p>
-
-<p>Wer sollte sie dann zwingen? Die Träger der Macht.
-Drei Köpfe, drei Sinne!</p>
-
-<p>Nur einer konnte der Herr sein. Wer sollte es sein?</p>
-
-<p>Silvester, der stille Gelehrte, der Forscher?</p>
-
-<p>Oder Atma? Der Schüler des Buddha Gautama und
-des Tsongkapa?</p>
-
-<p>Nein und nochmals nein! Nur er selbst konnte es sein.
-Der Nachfahr des alten Herrengeschlechtes, dem eine
-zweifache Prophezeiung noch einmal die Herrschaft versprach.</p>
-
-<p>Die Wucht der Gedanken riß Erik Truwor empor. Er
-sprang auf und irrte durch die Eisklüfte des gehöhlten
-Berges.</p>
-
-<p>Er war von der Vorsehung auserwählt. Ihm hatte
-das Schicksal die unendliche Macht in die Hand gegeben.
-Er brauchte Gehilfen, treu ergebene Paladine, um sie
-auszuüben. Dazu hatte das Geschick ihm die Freunde
-an die Seite gestellt. So war die Weissagung von<span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span>
-Pankong Tzo zu deuten. Dem Herrscher die Macht,
-seinen Paladinen das Wissen und den Willen.</p>
-
-<p>So mochte es einem Cäsar zumute gewesen sein, ehe
-er den Rubikon überschritt, so einem Napoleon, als er
-den Sturm auf Italien wagte, so einem Stonard, als er
-gegen die Gelben im Westen der Union losbrach.</p>
-
-<p>Das Schicksal rief ihn. Das Schicksal hatte Ungeheures
-mit ihm vor, wenn … wenn in diesen Tagen der
-Kampf ausgebrochen war. Mit kaum zu bändigender
-Ungeduld erwartete er die Stunde der Befreiung aus
-dem eisigen Gefängnis.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Nur dem Wunsch ihres Gatten folgend, hatte Diana
-Maitland Jane in ihr Haus in Maitland Castle aufgenommen.
-Widerstrebend zuerst, hatte sie sie dann liebgewonnen.
-Wenn dies junge Mädchen eine Verwandte
-des Dr. Glossin war, so hatte sie jedenfalls nichts von
-den zweifelhaften Eigenschaften ihres Oheims geerbt.</p>
-
-<p>Mochte Dr. Glossin auch tausendmal gelogen haben,
-diesmal hatte er die Wahrheit gesprochen, als er sagte,
-daß Jane einsam und hilfsbedürftig sei. Lady Diana
-erkannte es mit dem geübten Blick der gereiften und
-lebenserfahrenen Frau.</p>
-
-<p>Sie nahm sich vor, der Verlassenen eine mütterliche
-Freundin zu sein. In Maitland Castle während dieser
-Tage politischer Hochspannung und kriegerischer Verwickelungen
-selbst vereinsamt, zog sie sie in ihre Gesellschaft
-und hatte sie den größten Teil des Tages um sich.
-Dabei aber mußte sie die Entdeckung machen, daß die
-Seele des jungen Menschenkindes Rätsel barg.</p>
-
-<p>Lady Diana fand, daß in den Erinnerungen Janes
-Lücken klafften. Was sie erzählte, erzählte sie schlicht
-und einfach, ohne Widersprüche. Aber plötzlich, an bestimmten
-Stellen, stockte die Erzählung, brach die Erinnerung
-ab, und es war Diana nicht möglich, die Lücken
-zu überbrücken.</p>
-
-<p>Dazu der häufige Wechsel der Stimmung. Eben noch<span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span>
-heiter, fast ausgelassen. Dann wieder still, grübelnd,
-nachdenklich, zerstreut. Wechselnde Stimmungen, schwankende
-Abneigungen und Sympathien, die sich bei den
-gemeinschaftlichen Mahlzeiten sogar in der Wahl der
-Speisen äußerten.</p>
-
-<p>Diana Maitland hatte sich gesprächsweise mit ihrer
-Beschließerin über Jane unterhalten. Die sonderbaren
-Andeutungen der Alten gingen ihr nicht aus dem Sinn.</p>
-
-<p>Jane machte sich an einem Tischchen zu schaffen, das
-in einem der großen erkerartig ausgebauten Bogenfenster
-stand. Sie hatte den Tischkasten aufgezogen,
-kramte in verschiedenen Kleinigkeiten, die dort lagen,
-schien irgend etwas zu suchen. Diana sah, wie sie ein
-Garnknäuel und ein Buch herausnahm, die Gegenstände
-zerfahren und unsicher auf den Tisch legte und
-dann ein Zeitungsblatt aus dem Kasten holte. Ein
-altes Blatt, mehrfach geknifft, eine Notiz darauf mit
-Buntstift angestrichen.</p>
-
-<p>Die Sonne fiel durch das Erkerfenster und wob goldene
-Reflexe um die schweren blonden Flechten Janes.
-In dieser Beleuchtung, die ihre zarte Schönheit noch
-hob, wirkte sie unwahrscheinlich ätherisch, wie eine der
-Gestalten auf den bunten Stichen von Gainsborough.
-Diana Maitland betrachtete das Bild mit Wohlgefallen.</p>
-
-<p>Jane saß leicht vorgebeugt an dem Tischchen. Ihre
-Blicke ruhten auf dem Zeitungsblatt. Der zerstreute,
-träumerische Zug, den Diana in den letzten Tagen so
-oft an ihr beobachtet hatte, lag auf ihrem Antlitz. Jetzt
-straffte sich ihre Miene. Ihr Auge haftete auf einem
-Punkt des Blattes, während sie angestrengt nachzudenken
-schien. Als ob sie etwas suche, eine Erinnerung,
-ein Wort, einen Namen, auf den sie nicht kommen
-könne. Es sah aus, als ob dies angestrengte Sinnen
-ihr körperliche Pein bereite.</p>
-
-<p>Diana Maitland sah die Wandlung und rief sie an:
-»Was ist Ihnen, Jane?«</p>
-
-<p>Wie geistesabwesend ließ Jane das Zeitungsblatt sinken
-und fuhr sich über die Stirn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span></p>
-
-<p>»Linnais … Linnais&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Jane, was haben Sie? Was ist Ihnen Linnais?«</p>
-
-<p>Als Diana das Wort Linnais aussprach, erhob sich
-Jane wie eine Schlafwandlerin. Suchend, stockend
-brachte sie einzelne Worte hervor.</p>
-
-<p>»Linnais … Brand … Ruinen … alles tot&nbsp;…«</p>
-
-<p>Sekundenlang stand Diana in starrem Staunen.</p>
-
-<p>»Nein, Jane … Sie leben!«</p>
-
-<p>»Leben … Linnais … leben … Hochzeit …
-meine Hochzeit … Kirche … Atma … Erik Truwor&nbsp;…«</p>
-
-<p>Diana Maitland sank schwer atmend in ihren Sessel
-zurück. Ihre Augen hingen an den Lippen Janes, die
-weiterflüsterten:</p>
-
-<p>»… meine Hochzeit&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Mit Erik Truwor?«</p>
-
-<p>»Nein … nein … mit&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Mit&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Mit … mit&nbsp;…«</p>
-
-<p>Jane suchte und konnte den Namen ihres Gatten nicht
-finden. In ängstlichem Grübeln krauste sich ihre Stirn.</p>
-
-<p>»Mit Logg Sar?«</p>
-
-<p>»Silvester …!« Wie ein erlösender Aufschrei kam
-es von Janes Lippen. »Silvester … Silvester …
-wo ist er?«</p>
-
-<p>Diana trat auf die Schwankende zu und geleitete sie
-zu einem Ruhebett. Ein tiefes Schluchzen erschütterte
-den zarten Körper Janes. Als sie die Augen aufschlug,
-war ihr Blick gewandelt. Nicht mehr unsicher und traumverloren.
-Klar und fest.</p>
-
-<p>»Silvester! Ich habe ihn wieder!«</p>
-
-<p>»Was ist Ihnen Silvester?«</p>
-
-<p>»Er ist mein Mann! Mein lieber Mann!«</p>
-
-<p>Die Gedanken Dianas jagten sich. Was war das?
-Was hatte Dr. Glossin getan? Welches Verbrechen war
-an dem Mädchen begangen worden? Diana Maitland
-fand die härtesten Ausdrücke für den Arzt. Wie konnte
-er die Gattin Logg Sars als seine Nichte, als junges<span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span>
-Mädchen in ihr Haus einführen? Wie kam die Gattin
-Logg Sars in die Gewalt Glossins?</p>
-
-<p>Jane richtete sich auf dem Diwan empor und begann
-zu sprechen. Fließender, endlich ganz frei. Die hypnotische
-Kraft Dr. Glossins reichte an diejenige Atmas
-nicht heran. Ein einfaches Zeitungsblatt, jenes schwedische
-Blatt, welches von Glossins Hand selbst unterstrichen
-den Namen Linnais trug, hatte genügt, den
-von ihm gelegten Riegel zu brechen.</p>
-
-<p>Die volle Erinnerung kam Jane wieder. Sie erzählte,
-wie sie in der Sorge um Silvester von Düsseldorf nach
-Linnais ging, Brandruinen fand, wo sie einst Hochzeit
-gehalten. Wie Dr. Glossin, ihr selbst unerklärlich, plötzlich
-vor ihr stand, wie sie ihm willenlos folgen mußte.</p>
-
-<p>»Dein Silvester lebt, Jane! Er und seine Freunde!
-Wir wissen es. Lord Horace sagte es mir. Unsere
-Stationen müssen ihre Befehle funken.«</p>
-
-<p>»Er lebt. Ich höre es. Ich glaube es gern …
-gern … Aber er weiß nicht, wo ich bin. Ich habe in
-törichter Sorge seine Weisung mißachtet, bin fortgelaufen.
-Er sucht mich vergeblich, kann mir keine Nachricht
-geben.«</p>
-
-<p>Lady Diana brachte bald heraus, wie diese Benachrichtigungen
-früher stattgefunden hatten. Aber der
-kleine Telephonapparat war verschwunden. Irgendwo
-in Linnais geblieben. Damals, als Dr. Glossin in ihm
-die Stimme Silvesters vernahm, die Kraft des Strahlers
-zu fürchten begann und den Apparat wie glühendes
-Eisen von sich schleuderte. Die Wellenlänge, auf die
-Silvester den Apparat gestimmt hatte, war damit verloren.
-Die Möglichkeit einer Verständigung in der früheren
-Art ausgeschlossen.</p>
-
-<p>Es blieb nur die öffentliche Regierungsstation, die
-Möglichkeit, eine Depesche in der Wellenlänge dieser
-Station abzugeben. Zu gewöhnlichen Zeiten eine
-einfache Sache. Jetzt in den Tagen des Krieges und
-der Zensur eine schwierige, fast unlösliche Ausgabe.
-Diana Maitland übernahm es, sie zu lösen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span></p>
-
-<p>Der Luftverkehr auf den britischen Inseln war des
-Krieges halber verboten. In ihrem schnellen Kraftwagen
-fuhr sie selbst nach Cliffden in die große englische
-Station. Sie suchte den Stationsleiter auf und
-hatte eine lange Unterredung mit ihm. Sie bat, beschwor
-und drohte, bis der Widerstand des Beamten
-überwunden war. Bis er vom Buchstaben seiner Instruktion
-abwich und die kurze Depesche zur Absendung
-entgegennahm. Lady Diana blieb an seiner Seite, solange
-die Depesche umgeschrieben und von den Perforiermaschinen
-für die Sendung vorbereitet wurde. Sie
-stand neben ihm, als der Geberautomat den Papierstreifen
-zu verschlingen begann, als Hebel tanzten und
-Kontakte polterten, als die ersten Worte der Depesche</p>
-
-<p>
-»Jane an Silvester&nbsp;…«<br />
-</p>
-
-<p>auf den Flügeln elektrischer Wellen in den Luftraum
-strömten. Sie blieb neben dem Stationsleiter stehen,
-bis der Streifen dreimal durch den Apparat gelaufen
-war. Dann ging sie zu ihrem Kraftwagen und kehrte
-nach Maitland Castle zurück.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Am siebenten Tage nach der Katastrophe wagten es
-die Eingeschlossenen. Sie ließen die Druckluft aus dem
-Eisberge langsam ins Freie entweichen. Erik Truwor
-stand am Ventil, den Blick auf dem Druckzeiger. Im
-untersten Gange beobachtete Silvester den Wasserspiegel.
-Das Mikrophon am Munde, bereit, Alarm zu geben,
-wenn das Frischeis nicht hielt, der Berg sich senkte, das
-Wasser stieg.</p>
-
-<p>Mit leisem Pfeifen entwich die Luft. Langsam fiel
-der Zeiger des Manometers. Nur noch wenige Linien
-stand er über dem Nullpunkt. Erik Truwor lehnte sich
-gegen die Eiswand, drückte das Ohr gegen die Fläche,
-um jedes Knistern, jedes kommende Brechen des Eises
-so früh wie möglich zu spüren.</p>
-
-<p>Es blieb ruhig. Nur das schwächer und schwächer<span class="pagenum"><a id="Seite_290">[290]</a></span>
-werdende Pfeifen der entweichenden Luft. Jetzt nur
-noch ein leichtes Rauschen. Der Zeiger stand auf dem
-Nullpunkt. Der Druck war ausgeglichen. Der Berg
-hielt sich ohne Unterstützung der Preßluft.</p>
-
-<p>Schnell fraß der kleine Strahler einen neuen Ausgang
-durch die Schale des Berges. Die Antenne in Ordnung
-bringen, den Verkehr mit der Welt wieder herstellen,
-das war jetzt das Wichtigste. Die Antenne auf dem Abhang
-des Berges war unversehrt geblieben. Nur die
-Verbindungen nach den Apparaten hin waren bei der
-Katastrophe zerrissen. Zehn Minuten genügten, um
-eine Notleitung zu legen. Kaum war die letzte Verbindung
-gemacht, die letzte Schraube angezogen, als auch
-schon wieder Leben in die Apparate kam, die alle diese
-Tage hindurch still und tot dagelegen hatten. Die
-Farbschreiber klapperten, die Laufwerke rollten, und die
-Streifen, dicht mit Morsezeichen bedeckt, quollen unter
-den Farbrädern hervor. Nachrichten aus Amerika und
-Europa, aus Indien und Australien.</p>
-
-<p>Das Schicksal ging seinen Weg. Der Krieg war ausgebrochen.
-Englische und amerikanische Luftstreitkräfte
-waren an den verschiedensten Punkten der Welt zusammengeraten.
-Die große englische Schlachtflotte hatte
-ihren Hafen verlassen um die amerikanische Ostküste
-anzugreifen. Die amerikanische Flotte war ihr entgegengefahren.
-Nur noch vierundzwanzig Stunden, und es
-kam zu einer gewaltigen Schlacht mitten im Atlantik.</p>
-
-<p>Die Frage, die sich Erik Truwor in diesen Tagen unfreiwilliger
-Ruhe so oft vorgelegt hatte, war entschieden.
-So entschieden, wie er es in unruhigen Nächten
-gefürchtet hatte. Die Menschheit hörte nicht auf seine
-Worte. Sie war nicht fähig, sich selbst zu regieren. Sie
-brauchte den Herrn, der sie zwang.</p>
-
-<p>Er fühlte, wie seine Ideale zusammenbrachen. Sie
-taten da draußen nichts aus freien Stücken und irgendeinem
-Ideal zuliebe. Wer die Macht hatte oder zu
-haben glaubte, benutzte sie rücksichtslos. Seine Warnungen
-waren unbefolgt verhallt. Sie würden ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_291">[291]</a></span>
-nur gehorchen, wenn er Brand und Mord hinter jeden
-seiner Befehle setzte.</p>
-
-<p>Die Stunde der Entscheidung war gekommen. Wenn
-er durchsetzen wollte, was er sich vorgenommen, was er
-als seine Mission ansah, dann mußte er als Herr auftreten.
-Klar hatte er die Notwendigkeit in den Tagen
-der Gefangenschaft durchdacht und schrak zurück, nun die
-entscheidende Stunde gekommen war.</p>
-
-<p>Würde man seine Absichten nicht verkennen? Würde
-die Welt ihm nicht andere Beweggründe unterschieben?
-Würde sie nicht einer maßlosen Ehrsucht zuschreiben,
-was nur bittere Notwendigkeit war?</p>
-
-<p>Es duldete ihn nicht länger in der Enge der Berghöhlen.
-Er stürmte hinaus in das Freie. Er sprang
-über Schollen und Schneewehen, die in den Strahlen
-der tiefstehenden Sonne rot glühten. Er lief und
-fühlte, daß alle die alten Ideen und Ideale von Pankong
-Tzo vernichtet waren.</p>
-
-<p>Atemlos hielt er im Lauf inne. Ihm graute vor der
-Entscheidung, vor der Verantwortung, vor dem Entschluß.</p>
-
-<p>Hinter einer Eisklippe hatte der Wind den frischen
-Schnee zusammengewirbelt. Hier ließ er sich niedersinken,
-fühlte, daß die weißen Flocken sich wie ein
-Daunenkissen um seine Glieder schmiegten. Eine tiefe
-Mutlosigkeit, eine Erschlaffung überkam ihn. Er wurde
-ganz ruhig.</p>
-
-<p>Wie wäre es, wenn er hier liegenbliebe, wenn er
-jetzt einschliefe? <span id="corr291">Der</span> Verantwortung, dem verhaßten
-Entschluß durch freiwilligen Tod aus dem Wege
-gehen?! Wie lange würde es dauern, bis der
-arktische Frost den kurzen Schlummer in einen
-ewigen Schlaf verwandelte. Wie schön müßte es
-sein, hier einzuschlummern, hinüberzugehen in das
-große Meer der ewigen Ruhe und des Vergessens, in
-dem alle dunklen Wellen des Lebens verrieseln.</p>
-
-<p>War es der Frost, der schon zu wirken begann, den<span class="pagenum"><a id="Seite_292">[292]</a></span>
-Körper leicht, die Gedanken träumerisch und sprunghaft
-machte?</p>
-
-<p>Eine dunkle, fromme Erinnerung überkam ihn. Die
-Hände falten! Er streifte die schweren Pelzhandschuhe
-ab und schlug die Finger ineinander. Da … seine
-Rechte zuckte zurück.</p>
-
-<p>Was war das Kalte, das er berührt hatte? Kalt und
-brennend zugleich. Er hob die Hand zum Gesicht. Vom
-Mittelfinger der Linken strahlte ihm der Alexandrit
-entgegen, jetzt auch im Tageslicht hellrot glühend, wie
-er ihn noch nie gesehen hatte.</p>
-
-<p>Mit einem Sprung stand er auf den Füßen.</p>
-
-<p>Sich von dem eigenen Schicksal wegstehlen? Dem Leben
-feige den Rücken kehren? Nein, niemals, und wenn
-der Weg nach Golgatha führen sollte.</p>
-
-<p>Die Menschheit da draußen wollte Kampf und Mord.
-Sie sollte im Überfluß davon haben. Wie eine neue
-Gottesgeißel wollte er sie züchtigen, bis sie ihm bedingungslos
-gehorchte.</p>
-
-<p>Ein harter, eiserner Wille prägte sich auf sein Gesicht.</p>
-
-<p>Ruhigen und festen Schrittes ging er zum Berge. Er
-trat hinein und schritt durch die Gänge dem Raume
-zu, in dem die großen Strahler standen. Der rote
-Sonnenschein drang durch die grünlichen Eiswände und
-erfüllte die Hallen und Gänge mit einem magischen
-Doppellicht. Die vollkommene Stille, die
-hier in den Regionen des ewigen Eises herrschte,
-wurde nur durch das leise Ticken der Funkenschreiber
-unterbrochen. In schwirrendem Spiel klappten die
-feinen Schreibhebel der Apparate auf und nieder und
-notierten in Punkten und Strichen die Botschaften, die
-von allen Teilen der Welt her durch den Äther kamen
-und sich in den Maschen der Antenne fingen.</p>
-
-<p>Silvester saß vor einem der Schreibapparate in einem
-leichten Sessel. Er hielt den Papierstreifen unbeweglich
-in den Händen, als ob er sich von einer einzelnen
-Nachricht nicht losreißen könne. Das in rötlichgrünen
-Tönen durch den Raum schimmernde Licht umspielte<span class="pagenum"><a id="Seite_293">[293]</a></span>
-seine Gestalt. Es ließ sein Antlitz fahl wie das eines
-Toten erscheinen.</p>
-
-<p>Erik Truwor warf einen Blick auf die Stelle des
-Streifens, den Silvester so beharrlich in den Händen
-hielt. Der Apparat hatte inzwischen unermüdlich weitergearbeitet.
-Viele Meter des Streifens waren ihm entquollen
-und lagen in Windungen und Schleifen auf den
-Knien Silvesters.</p>
-
-<p>Erik Truwor las die Stelle in den Händen Silvesters:
-»Jane an Silvester. Ich bin geborgen. In England
-in Maitland Castle bei guten Freunden.«</p>
-
-<p>Der Streifen zeigte die kurze Depesche dreimal hintereinander.</p>
-
-<p>Erik Truwor beugte sich zu dem Sitzenden hinab und
-legte ihm die Hand auf die Schulter.</p>
-
-<p>»Freue dich, Silvester! Deine Sorgen sind vorüber.
-Jetzt weißt du, daß Jane in Sicherheit ist.«</p>
-
-<p>Unter dem Druck von Erik Truwors Hand sank die
-Gestalt Silvesters noch mehr in sich zusammen. Sie
-fiel nach vorn und wäre ganz zu Boden gesunken, wenn
-Erik Truwor nicht mit kräftigen Armen zugegriffen
-hätte. Da fühlte er, daß das Leben aus dem Körper
-des Freundes gewichen war, daß die Blässe des Antlitzes
-nicht allein durch die fahlen Reflexe der Eiswände verursacht
-wurde.</p>
-
-<p>Dem wechselreichen Auf und Ab von Freuden und
-Leiden, seelischen Erschütterungen und schwerster Forschungsarbeit
-war der Organismus Silvester Bursfelds
-nicht gewachsen. Ein Herzschlag hatte sein junges Leben
-in dem Augenblick beendigt, in dem er die Depesche von
-Jane empfing.</p>
-
-<p>Erik Truwor hielt die schon erkalteten Finger des
-Freundes in seinen Händen. Atma trat in den Raum.
-Er schritt auf Silvester zu und schloß ihm mit sanftem
-Druck die Augen.</p>
-
-<p>»Er hat gegeben, was das Schicksal von ihm verlangte,
-das Wissen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_294">[294]</a></span></p>
-
-<p>Erik Truwor nickte und ließ seine Blicke auf den
-blassen Zügen ruhen.</p>
-
-<p>»Das Wissen, das mir die Macht schafft.«</p>
-
-<p>Er wandte sich von dem Toten weg nach dem großen
-Strahler. Nur die Farbschreiber tickten leise und warfen
-immer neue Nachrichten von den Kriegsschauplätzen auf
-das Papier. Mit schweren Schritten ging Erik Truwor
-auf den mächtigen Strahler los. Nur ein einziges Wort
-kam von seinen Lippen: »Auf!«</p>
-
-<p>Wie Kampfruf klang es! Kampfruf war es!</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Doktor Rockwell, der Leibarzt des Präsident-Diktators,
-und Hauptmann Harris, der diensttuende Adjutant,
-unterhielten sich mit gedämpfter Stimme im Vorzimmer.</p>
-
-<p>»Solange der Präsident meinen ärztlichen Rat nicht
-wünscht, darf ich mich ihm nicht aufdrängen.«</p>
-
-<p>»Es geht so nicht weiter, Herr Doktor! Das Leben
-hält auf die Dauer kein Mensch aus. Seit zwölf Tagen,
-seit der englischen Kriegserklärung, ist der Präsident nicht
-mehr aus seinen Kleidern gekommen, hat sein Arbeitzimmer
-kaum verlassen&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ich gebe zu, daß solche Lebensweise angreifend ist,
-namentlich, wenn man die Fünfzig überschritten hat.
-Aber andererseits … bedenken Sie die außergewöhnliche
-Lage. Der Krieg mit einer ebenbürtigen Großmacht.
-Es geht um das Schicksal der Staaten und …
-des Diktators. Es ist schließlich nicht zu verwundern,
-daß er seine ganze Kraft an die Leitung des Krieges
-setzt.«</p>
-
-<p>»Kraft! Kraft! Herr Doktor! Wo soll die Kraft
-herkommen, wenn er so gut wie nichts zu sich nimmt?
-Eine Tasse Tee. Ein paar Schnitten Toast. Das genügt
-ihm für vierundzwanzig Stunden. Dazu kein
-Schlaf. Ich habe den Präsidenten während meiner
-Dienststunden seit zwölf Tagen nicht schlafend gefunden.
-Meine Kameraden von den anderen Wachen auch nicht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_295">[295]</a></span></p>
-
-<p>»Er wird trotzdem geschlafen haben. Viertelstundenweis,
-zu Zeiten, in denen niemand in seinem Zimmer
-war. Zwölf Tage ohne Schlaf hält niemand aus. Das
-kann ich Ihnen als Arzt versichern. Am dritten Tage
-machen sich bei vollkommener Schlafentziehung schwere
-Symptome bemerkbar.«</p>
-
-<p>»Die Symptome sind da, Herr Doktor! Darum bitte
-ich Sie, zu dem Präsidenten zu gehen. Sein Wesen ist
-verändert. Sein Blick, früher so ruhig und kalt, ist
-flackernd und fiebrig geworden.«</p>
-
-<p>»Fieber erkennen wir an der Temperatur des
-Patienten. Seien Sie überzeugt, daß der Präsident
-in den zwölf Tagen in seinem Lehnstuhl ganz gut geschlafen
-hat. Die Natur läßt sich nicht betrügen. Am
-wenigsten um den Schlaf. Die ärztliche Wissenschaft
-kennt Beispiele, daß Reiter auf ihren Pferden im Zustand
-der Übermüdung fest geschlafen haben, ohne es
-zu wissen und ohne … das ist besonders wichtig …
-ohne herunterzufallen. Um wieviel mehr müssen wir
-annehmen, daß der Präsident in seinem bequemen Armstuhl
-den nötigen Schlummer gefunden hat.«</p>
-
-<p>»Schlummer? Herr Doktor! Sie können so sprechen,
-weil Sie die Verhältnisse hier noch nicht aus der Nähe
-gesehen haben. Auf seinem Tisch stehen zwölf Telephonapparate.
-Jeder Apparat für eine besondere Wellenlänge.
-Er hat ständige Verbindung mit den Kriegsschauplätzen.
-Eben spricht er vielleicht mit dem Befehlshaber
-unserer afrikanischen Fliegergeschwader. Wenige
-Minuten später mit dem Chef der australischen Flotte.
-Unter Umständen meldet sich schon während dieses Gesprächs
-das indische Geschwader. So geht es Tag und
-Nacht.«</p>
-
-<p>»Ihre Mitteilungen in Ehren, Herr Hauptmann.
-Trotzdem kann ich nicht ungerufen meinen Rat aufdrängen.
-Sollten sich wirklich ernsthafte Symptome
-zeigen, kann ich in zwei Minuten zur Stelle sein.«</p>
-
-<p>Während dies Gespräch im Vorraum geführt wurde,
-saß der Präsident-Diktator in seinem Arbeitzimmer in<span class="pagenum"><a id="Seite_296">[296]</a></span>
-dem schweren hochlehnigen Armstuhl hinter dem mächtigen
-Tisch. Hauptmann Harris hatte recht. Das Wesen
-Cyrus Stonards war verändert. Bald stierte er Minuten
-hindurch auf irgendeine vor ihm liegende Meldung.
-Dann blickte er wieder starr gegen die Zimmerdecke.
-Nervös, unruhig, als erwarte er jeden Moment eine
-bestimmte Nachricht.</p>
-
-<p>Ein Sekretär trat ein. Vorsichtig, auf den Fußspitzen
-gehend, schritt er über den schweren Teppich bis
-an den Tisch heran und legte eine rote Mappe mit
-neuen Depeschen vor den Präsidenten hin.</p>
-
-<p>Es waren gute Nachrichten. Erfolge in Indien. Eine
-für das Sternenbanner siegreiche Luftschlacht über der
-Straße von Bab el Mandeb. Auch ein anspruchsvoller
-Feldherr konnte kaum mehr verlangen. Doch der Präsident-Diktator
-las die Nachrichten ohne Freude.</p>
-
-<p>Seit zwölf Tagen wurde sein Gehirn nur von dem
-einzigen Gedanken beherrscht: Wird das Spiel noch
-glücken oder wird die unbekannte Macht sich einmischen?
-Daß seine Streitkräfte mit den englischen fertig werden
-würden, daran hatte er nie gezweifelt.</p>
-
-<p>Aber die Macht! Die unbekannte Macht, die Maschinen
-sprengte und drahtlose Stationen spielen ließ!
-Die unbekannte Macht, die über so unheimliche Waffen
-und Kräfte verfügte.</p>
-
-<p>Telegramm um Telegramm las er und legte es beiseite.
-Bis er zu den beiden letzten Schriftstücken der
-Mappe kam.</p>
-
-<p>Er las und wischte sich mit der Hand über die Augen,
-wie um besser zu sehen. Las zum zweitenmal, hielt
-die Depesche in den Händen und ließ den Kopf mit den
-Augen auf die Papiere sinken.</p>
-
-<p>Zwei Depeschen waren es. Die eine um zwölf Uhr
-zehn Minuten amerikanischer Zeit von Sayville datiert.
-Die andere um sechs Uhr zwanzig Minuten westeuropäischer
-Zeit von der englischen Großstation in Cliffden.
-Berücksichtigte man die verschiedenen Ortszeiten, so
-waren beide Depeschen nur mit zehn Minuten Abstand<span class="pagenum"><a id="Seite_297">[297]</a></span>
-aufgegeben worden. Zwei Depeschen von völlig gleichem
-Wortlaut: »An alle! Die Macht verbietet den Krieg.
-Die Macht wird jede feindliche Handlung verhindern.«</p>
-
-<p>Was Cyrus Stonard seit zwölf Tagen heimlich fürchtete,
-was ihn zwölf Tage und Nächte in dieser unnatürlichen
-Spannung und Aufregung gehalten hatte, war
-geschehen. Die unbekannte Macht verbot den Krieg,
-stellte eine gewaltsame Verhinderung aller Operationen
-in Aussicht.</p>
-
-<p>Der Diktator sprang auf und lief wie ein gefangenes
-Raubtier im Zimmer hin und her. Jetzt flatterte der
-helle Wahnsinn in seinen Augen. Seine Lippen murmelten
-Flüche, während er die Faust ballte.</p>
-
-<p>Hauptmann Harris trat mit einer neuen Depeschenmappe
-in das Zimmer. Er sah mit Schrecken, wie der
-Zustand des Diktators sich verschlimmert hatte. Cyrus
-Stonard riß ihm die Mappe aus der Hand, beugte sich
-über den Schreibtisch und las. Seine Augen weiteten
-sich, während er den Inhalt der Depesche verschlang.
-Dann stieß er die Mappe weit von sich und brach in ein
-gellendes Gelächter aus. Ein Lachen des Wahnsinns
-und der Verzweiflung, das immer schriller und krampfartiger
-wurde. Bis es schließlich mehr Schluchzen als
-Lachen war. Dann stürzte er auf der Stelle, auf der er
-stand, nieder und lag regungslos auf dem Teppich.</p>
-
-<p>Jetzt war es Zeit, Dr. Rockwell zu rufen. Hauptmann
-Harris bettete den Bewußtlosen auf den Diwan und
-ging dem Doktor zur Hand, solange er gewünscht wurde.</p>
-
-<p>Eine Viertelstunde nach der Erkrankung waren die
-Staatssekretäre des Krieges, der Marine, des Innern
-und Äußern zur Stelle. Sie hörten den Bericht des
-Arztes. Prüften dann die Schriftstücke, die der Präsident-Diktator
-zuletzt bekommen hatte. Die beiden Depeschen
-von Sayville und Cliffden, die noch zerknittert
-auf der Schreibmappe lagen.</p>
-
-<p>Die Mitglieder des Kabinetts wußten nur wenig von
-der Existenz der unbekannten Macht. Gerade das, was
-sich nach der ersten warnenden Depesche in Sayville<span class="pagenum"><a id="Seite_298">[298]</a></span>
-nicht mehr gut verheimlichen ließ. Cyrus Stonard hatte
-diese Angelegenheit ganz geheim behandelt und nur mit
-Dr. Glossin besprochen. Mit Dr. Glossin, der schon
-seit drei Wochen nicht mehr in Washington gesehen
-worden war.</p>
-
-<p>Der Staatssekretär des Krieges George Crawford las
-die Depesche vor: »Die Macht verbietet den Krieg. Sie
-wird jede kriegerische Handlung verhindern.«</p>
-
-<p>Er ließ das Blatt verwundert sinken.</p>
-
-<p>»Beim Zeus, eine kühne Sprache! Welche Macht
-kann es sich erlauben, uns den Krieg zu verbieten, zwei
-Weltreiche zu brüskieren?«</p>
-
-<p>»Die Macht! Wie das klingt? Geheimnisvoll und
-anmaßend! Ist es denkbar, daß der Diktator durch diese
-Depesche so schwer erschüttert worden sein sollte?«</p>
-
-<p>Sie suchten weiter. Hauptmann Harris wies dem
-Staatssekretär des Krieges die Mappe, bei deren Lektüre
-der Präsident zusammenbrach.</p>
-
-<p>Sie lasen die zweite Depesche, und ihre Wirkung auf
-diese vier Staatsmänner war niederschmetternd.</p>
-
-<p>Sie kam von dem Chef der großen amerikanischen
-Atlantikflotte. Es war der verzweifelte Ruf eines wehrlos
-gemachten und von einer mysteriösen Kraft gepackten
-Geschwaders. Der Anfang der Depesche setzte
-um 12 Uhr 30 ein. Dann war sie bruchstückweise immer
-weitergegeben worden, wie die Ereignisse sich abspielten:
-»Klar zum Gefecht. In Schußweite mit der englischen
-Atlantikflotte … Die Feuerleitung versagt …
-Unsere Geschütze können nicht feuern … Können auch
-nicht laden … Geschützverschlüsse mit den Rohren verschweißt
-… Geschütze unbrauchbar … Torpedos unbrauchbar
-… Englische Flotte feuert auch nicht …
-Rudermaschinen blockiert … Unsere Schiffe nach
-Osten gezogen … Die englische Flotte zieht in geschlossener
-Kiellinie dicht an uns vorüber nach Westen …
-Auf der englischen Flotte große Verwirrung … Unsere
-Panzer schließen sich dicht zusammen … aller Stahl
-stark magnetisiert … Die englische Flotte am Westhorizont<span class="pagenum"><a id="Seite_299">[299]</a></span>
-verschwunden … Eine unwiderstehliche Kraft treibt unsere
-Schiffe mit 50 Knoten nach Osten … Gott sei
-unseren Seelen gnädig.«</p>
-
-<p>Sie lasen die Depesche öfter als einmal und verstanden
-das Gelächter, mit dem Cyrus Stonard zusammengebrochen
-war. Das war also die Macht! Die
-unbekannte, geheimnisvolle Macht, die den Krieg nicht
-wollte. Die Macht, die die Mittel besaß, um alle Waffen
-wirkungslos zu machen. Die Macht, deren erste
-Warnung man ignoriert hatte, und die nun ihre Gewalt
-zeigte.</p>
-
-<p>Die Katastrophe betraf die große amerikanische
-Schlachtflotte. Die Ehre des Sternenbanners war bei
-der Affäre engagiert. Aber trotzdem konnte sich keiner
-der vier Staatsmänner der Wirkung des titanischen
-Humors entziehen, der in diesem Verfahren lag. Eine
-Macht, die Geschütze verschweißte und Schlachtpanzer
-elektromagnetisch zusammenklebte, eine Macht, die eine
-ganze Flotte willenlos durch den Ozean zog, wäre auch
-imstande gewesen, die Schlachtschiffe zu versenken. Sie
-tat es nicht. Sie lähmte die Waffen und zog die feindlichen
-Flotten in nächster Nähe aneinander vorüber, die
-amerikanische Flotte nach England und die englische
-Flotte nach Amerika.</p>
-
-<p>Denn so ging die Reise ganz offenbar. Wenn noch
-irgendein Zweifel darüber bestand, wurde er durch
-das Telephon beseitigt, das sich auf dem Tisch des Präsident-Diktators
-meldete. Die drahtlose Verbindung mit
-der Atlantikflotte.</p>
-
-<p>Der Staatssekretär der Marine eilte an den Apparat
-und erkannte die Stimme des Admirals Nichelson, der
-sich bei der Atlantikflotte befand.</p>
-
-<p>»Habe ich die Ehre, mit Seiner Exzellenz dem Herrn
-Diktator zu sprechen?«</p>
-
-<p>»Nein! hier ist der Staatssekretär der Marine. Der
-Herr Präsident-Diktator hat sich für kurze Zeit zur Ruhe
-begeben. Berichten Sie an mich. Ich habe Ihre Depesche
-über die Katastrophe vor mir liegen.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300">[300]</a></span></p>
-
-<p>»Sie wissen?«</p>
-
-<p>»Ich weiß, daß Ihre Flotte kampfunfähig mit fünfzig
-Seemeilen nach Osten treibt.«</p>
-
-<p>»Es sind inzwischen hundert geworden. Unsere Schiffe
-rasen, halb aus dem Wasser gehoben, ostwärts. Wir besitzen
-keine Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen.
-Wir müssen abwarten, was das Schicksal mit uns vorhat.«</p>
-
-<p>»Wie sieht es auf der Flotte aus? Sind noch weitere
-Beschädigungen auf den Schiffen eingetreten? Wie ist
-der Zustand der Besatzung?«</p>
-
-<p>»Beschädigungen? … Keine weiter. Jedes Geschütz
-am Verschluß verschweißt … Der Zustand der Mannschaften?
-… Fragen Sie lieber nicht … Keine Disziplin
-mehr. Ein Teil der Leute vom religiösen Wahnsinn befallen.
-Liegen auf den Knien, singen Psalmen, erwarten
-das Jüngste Gericht. Einige über Bord gesprungen.
-Geht die Fahrt so weiter, landen wir morgen in England.«</p>
-
-<p>Der Staatssekretär der Marine legte den Hörer auf
-den Apparat. Er trat an den großen Globus, steckte
-einen Kurs ab und rechnete. Dann wandte er sich zu
-seinen Kollegen.</p>
-
-<p>»Meine Herren! Ich glaube, wir dürfen die englische
-Flotte morgen etwa um die neunte Stunde an der
-amerikanischen Küste erwarten.«</p>
-
-<p>Mr. Fox sprach durch das Telephon mit Dr. Rockwell.</p>
-
-<p>»In dem Befinden des Herrn Präsident-Diktators ist
-bisher keine Änderung eingetreten. Die Staatsgewalt
-liegt nach der Verfassung bei den Staatssekretären.«</p>
-
-<p>Während sich die Ärzte bemühten, Cyrus Stonard ins
-Bewußtsein zurückzurufen, übernahmen die vier Staatssekretäre
-die Lenkung des schwankenden Staatsschiffes.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Dr. Glossin saß in seiner Neuyorker Wohnung und
-überschlug die Ergebnisse seiner politischen Tätigkeit.<span class="pagenum"><a id="Seite_301">[301]</a></span>
-Seit acht Tagen war er in Amerika und hatte keine
-Stunde seiner Zeit verloren. Mit den Führern der Sozialisten
-und mit denen der Plutokraten hatte er verhandelt,
-Arbeiter und Milliardäre waren der Herrschaft
-des Diktators gleichmäßig müde. Leise Schwankungen
-des sonst so festen und zuverlässigen Bodens deuteten
-auf kommende gewaltsame Ausbrüche.</p>
-
-<p>Noch jetzt wunderte sich Dr. Glossin über die Vertrauensseligkeit,
-mit der die Parteiführer der Sozialisten
-und Plutokraten ihm entgegengekommen waren.
-Wer gab denen denn den Beweis, daß er wirklich von
-Cyrus Stonard abgefallen sei? Was wußten die Tölpel
-von der unbekannten Macht? Von allem, was noch zu
-erwarten war?</p>
-
-<p>Dr. Glossin kannte die Pläne der Roten und der Plutokraten
-und hatte ihre Chancen genau erwogen. Beiden
-Parteien würde die Revolution zweifellos glücken.
-Aber in beiden Fällen würde der Erfolg kein vollkommener
-sein, würde es im weiteren Verlauf unbedingt
-zum Bürgerkriege kommen. Machten die Roten die
-Revolution, würden der Westen und ein Teil der Mittelstaaten
-sich dagegen erheben. Machten sie die Weißen,
-würde umgekehrt der Osten rebellieren.</p>
-
-<p>In den Vereinigten Staaten gab es aber noch eine
-dritte Partei, deren Mitglieder sich einfach als »Patrioten«
-bezeichneten. Eine Partei, für die Dr. Glossin
-bis vor kurzem nur ein Achselzucken übrighatte. Die
-Patrioten waren so unzeitgemäß, die Politik nur des
-Vaterlandes und der alten amerikanischen Ideale halber
-zu treiben. Freiheit des einzelnen und des ganzen
-Staatswesens. Abschaffung aller Korruption. Innehaltung
-von Treu und Glauben bei allen, auch bei politischen
-Abmachungen. Das Programm der Patriotenpartei
-bestand aus idealen Forderungen. Darum hatte
-sie Cyrus Stonard auch gewähren lassen, hatte sie ebenso
-wie Glossin für ungefährliche Schwärmer gehalten.</p>
-
-<p>Erst vor fünf Tagen war der Doktor mit William
-Baker, dem Führer der Partei, in Verhandlung getreten.<span class="pagenum"><a id="Seite_302">[302]</a></span>
-Nachdem er in Erfahrung gebracht, daß die
-Roten und die Weißen am gleichen Tage losschlagen
-wollten. Er hatte die Partei zum Handeln aufgepeitscht.
-Er hatte sich mit Mr. Baker eine lange Nacht hindurch
-eingeschlossen, einen vollständigen Revolutionsplan mit
-ihm entworfen und in allen Einzelheiten ausgearbeitet.
-So raffiniert und wirkungsvoll, daß dem Parteiführer
-vor der teuflischen Schlauheit des Arztes graute.</p>
-
-<p>Nur über die Behandlung und Beseitigung des Diktators
-waren sie nicht einig geworden. Glossin war für
-Lufttorpedos auf das Weiße Haus. Mr. Baker war
-gegen jedes Blutvergießen. Er verkannte die großen
-Verdienste des Präsident-Diktators um die Union nicht.
-Cyrus Stonard sollte weg, sollte der Macht beraubt werden,
-aber ohne Schaden an Leib und Leben zu nehmen.</p>
-
-<p>Damals … jetzt vor fünf Tagen … hatte Mr. Baker
-eine kurze Zeit überlegt, hatte angedeutet, daß er
-einen Weg finden würde, hatte den Weg selbst verschwiegen.
-Von Tag zu Tag waren seine Andeutungen
-zuversichtlicher geworden. Aber die Tage waren auch
-verstrichen. Die Zeit drängte. Heute schrieb man den
-fünften August. Am siebenten wollten die Weißen und
-die Roten losschlagen. Es war Zeit. Höchste Zeit!
-Und dieser Ideologe, dieser Baker, spielte immer noch
-den Geheimnisvollen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin sprang wütend auf. Es mußte zum
-Ende kommen. So oder so. Es war um die achte
-Abendstunde, als er den Broadway erreichte und sich
-in einem der Wolkenkratzer in die Höhe fahren ließ. Er
-trat in einen einfachen Bureauraum im 32. Stock. Einen
-spärlich und nüchtern ausgestatteten Geschäftsraum. Nur
-eine Person war darin. Ein hochgewachsener Fünfziger
-mit ergrautem Vollbart und Haupthaar. William
-Baker, der Führer der Patrioten.</p>
-
-<p>»Sie kommen, Herr Doktor? … Um so besser, da
-brauche ich nicht nach Ihnen zu schicken.«</p>
-
-<p>»Ich komme, Mr. Baker, weil die Zeit uns auf den<span class="pagenum"><a id="Seite_303">[303]</a></span>
-Nägeln brennt. Ich bestehe darauf, daß mein alter
-Vorschlag durchgeführt wird.«</p>
-
-<p>»Es wird nicht nötig sein.«</p>
-
-<p>»Bitte … sprechen Sie deutlicher.«</p>
-
-<p>Der Parteiführer schritt schweigend zu einer Tür zum
-Nebenraum und öffnete sie. Eine dritte Person trat ein.
-Trotz des Zivils erkannte Dr. Glossin Oberst Cole, den
-Kommandeur des Leibregiments. Er kannte den Obersten
-seit Jahren, und der Oberst kannte ihn ebenso.</p>
-
-<p>Glossin war starr. Seine gewohnte Selbstbeherrschung
-versagte.</p>
-
-<p>»Sie … Oberst Cole&nbsp;…?«</p>
-
-<p>Baker nickte.</p>
-
-<p>»Sind Sie zufrieden, Herr Doktor?«</p>
-
-<p>Verwirrt drückte der Doktor die Hand, die der Oberst
-ihm bot. Das war also der Trumpf, den Baker solange
-zurückgehalten hatte. So mußte der Plan gelingen.</p>
-
-<p>»Heute abend um elf Uhr auf die Sekunde wird die
-Aktion der Partei in allen Städten der Union beginnen.
-Um zehn Uhr löst das Regiment Cole die alten Wachen
-im Weißen Hause ab. Alles Weitere besprechen Sie auf
-der Fahrt. Jetzt fort!«</p>
-
-<p>Ein kurzer Händedruck. Dr. Glossin fuhr mit dem
-Oberst bis auf das Dach des Wolkenkratzers. Das Flugschiff
-des Kommandeurs nahm sie auf. Die Dämmerung
-des Sommerabends lag über der See, als das Schiff den
-Kurs auf Washington nahm und die Bai von Neuyork
-überflog. Staten Island, Sandy Hook, die Einfahrt
-zum Neuyorker Hafen. Dr. Glossin und Oberst Cole
-standen am Fenster und blickten ostwärts über die See.</p>
-
-<p>Da zog es in einer unendlichen Linie heran. Panzer
-und Panzerkreuzer, Torpedoboote und Torpedojäger,
-Flugtaucher und Unterseepanzer. Es rauschte durch die
-See, deren Wogen sich vor dem Bug der kompakten
-Masse aufbäumten und in stiebendem Schaum zerflockten.
-Es kam mit einer Geschwindigkeit von vielen
-Seemeilen in der Stunde durch die Fluten dahergerast.
-Die schweren Panzer standen halb schief, den Bug hoch<span class="pagenum"><a id="Seite_304">[304]</a></span>
-über den Wogen, das Heck so tief in der See, daß das
-Wasser dahinter einen Berg bildete.</p>
-
-<p>Es war ein seltsames und ein grauenvolles Schauspiel.
-Diese Schiffe fuhren nicht mit eigener Kraft. Sie
-fuhren überhaupt nicht, wie Schiffe zu fahren pflegen.
-In regelmäßigem Abstand und in Formationen. Ihre
-eisernen Körper hingen zusammen, wie etwa eine
-Gruppe von Pfahlmuscheln, die ein Fischer vom Grunde
-losgerissen hat und durch das Wasser schleift. An den
-Seitenwänden des ersten schweren Panzers klebten, aus
-dem Wasser gehoben, drei Torpedoboote, wie die jungen
-Muscheln an den Schalen der alten. Der zweite Panzer
-haftete, um ein Drittel seiner Länge nach Backbord vorgeschoben,
-am ersten Schlachtschiff. So folgte sich die
-ganze gewaltige Schlachtflotte, zu einem einzigen, regellosen
-Block verquirlt, von einer unsichtbaren, unwiderstehlichen
-Gewalt durch die Fluten gerissen.</p>
-
-<p>An allen Masten, von der sausenden Fahrt über den
-halben Atlantik zerfetzt und arg mitgenommen, aber
-noch erkennbar, der Union Jack, die in hundert Seeschlachten
-bewährte Flagge Englands. Erst auf der
-Höhe von Sandy Hook mäßigte sich das Tempo der
-wilden Fahrt. Langsamer, aber immer noch verkettet
-und verquirlt zog die gelähmte Flotte durch die Landenge
-in die Bai von Neuyork ein.</p>
-
-<p>Dr. Glossin trat einen Schritt vom Fenster zurück und
-preßte den Arm des Obersten Cole.</p>
-
-<p>So standen sie und starrten auf das Schauspiel da
-unten, während das Flugschiff seinen Weg nach Washington
-verfolgte. Sie sahen die gelähmte Flotte klein und
-kleiner werden, sahen sie als einen Punkt im unsicheren
-Licht der wachsenden Dämmerung verschwinden. Sie
-starrten noch immer auf den Fleck, wo sie verschwand,
-als längst nichts mehr zu sehen war.</p>
-
-<p>Nach langem Schweigen sprach der Oberst: »Was
-war das? Habe ich geträumt?«</p>
-
-<p>»Was Sie sahen, war grause Wirklichkeit. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_305">[305]</a></span>
-Wirken der geheimnisvollen Macht, mit der Cyrus Stonard
-spielen wollte.«</p>
-
-<p>Dr. Glossin sprach. Von Dingen, von denen Oberst
-Cole bis zu diesem Augenblick keine Ahnung gehabt
-hatte. Von der unbekannten Macht. Von ihrer Gewalt.
-Von ihren Drohungen und Verboten. Von der
-Unmöglichkeit, sich ihr zu widersetzen. Je weiter der
-Doktor kam, desto mehr sank der Oberst in sich zusammen.
-Er sprach während der Fahrt kein Wort mehr
-und zog sich in Washington schweigend in sein Dienstzimmer
-zurück.</p>
-
-<p>Um zehn Uhr wurden im Weißen Hause die Wachen
-des Regiments Howard durch Offiziere und Mannschaften
-des Regiments Cole abgelöst. Oberst Cole nahm
-den Bericht seines Wachtoffiziers teilnahmslos entgegen.
-So blieb er sitzen, bis Glossin, die Uhr in der Hand, zu
-ihm ins Zimmer trat.</p>
-
-<p>»Herr Oberst, was zeigt Ihre Uhr?«</p>
-
-<p>Langsam, fast schwerfällig zog der Oberst die eigene
-Uhr. »Zehn Minuten nach zehn.«</p>
-
-<p>Die Uhr in der Hand des Obersten zitterte. Seine
-Hand vibrierte. Dr. Glossin blickte spöttisch auf den
-alten Offizier.</p>
-
-<p>»Herr Oberst Cole!« Die Stimme Glossins drang
-schneidend durch die Stille. Der Oberst sprang auf.</p>
-
-<p>»Ich bin bereit.«</p>
-
-<p>Der Oberst trat auf den Korridor vor der Zimmerflucht
-des Diktators und führte eine Signalpfeife an
-den Mund. Noch bevor der letzte Ton verklungen
-war, strömten von allen Seiten her Mannschaften und
-Offiziere des Leibregiments Cole herbei und scharten
-sich um ihren Obersten.</p>
-
-<p>Die beiden Adjutanten des Diktators traten auf den
-Flur, um den Lärm zu verbieten. Sie erschraken vor
-dem düsteren Ernst und der Verbissenheit in den Zügen
-der Soldaten und Offiziere.</p>
-
-<p>»Was soll das, Herr Oberst?«</p>
-
-<p>»Sie sind verhaftet. In Obhut von Major Stanley.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_306">[306]</a></span></p>
-
-<p>Widerstandslos beugten sich die beiden Adjutanten der
-erdrückenden Übermacht. Während sie abgeführt wurden,
-öffnete Oberst Cole die Tür zum Zimmer des Diktators.
-Dr. Rockwell trat ihm entgegen.</p>
-
-<p>»Ruhe, meine Herren! Der Präsident bedarf dringend
-der&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Leibarzt sah die entschlossenen Mienen der Andrängenden
-und trat schweigend zur Seite. Der Weg
-war frei. Oberst Cole trat in das Zimmer und schritt
-langsam auf den großen Schreibtisch zu. Er hatte von
-der rechten Seite her den Blick auf den Tisch und den
-Diktator. Cyrus Stonard saß bei der Arbeit, ein Schriftstück
-in der Hand. Er blieb ruhig sitzen und senkte
-nur die Hand mit dem Dokument, während ein eigenartiges
-Lächeln seine hageren Aszetenzüge überflog.</p>
-
-<p>Offiziere und Mannschaften strömten hinter ihrem
-Oberst in den Raum, bildeten an der Türwand einen
-Halbkreis. Es wurde so still, daß man das Ticken der
-kleinen Standuhr bis in den fernsten Winkel vernehmen
-konnte.</p>
-
-<p>Cyrus Stonard wandte das Haupt halb nach rechts
-gegen die Eingetretenen.</p>
-
-<p>»Was wünschen die Sieger von Graytown, von Philipsville
-und Frisko?«</p>
-
-<p>Es waren Schlachtennamen aus dem letzten Japanischen
-Kriege. Ehrennamen für Oberst Cole und sein
-Regiment. In diesem Augenblick aus dem Munde des
-Diktators kommend, wirkten sie lähmend auf die Eingetretenen.</p>
-
-<p>Oberst Cole wich einen Schritt zurück … und noch
-einen und noch mehrere. Wich zurück vor diesem rätselhaften
-Ausdruck in Cyrus Stonards Augen. Das
-war nicht der drohende, faszinierende Blick des Gewaltherrschers,
-sondern der überlegene, abgeklärte eines Mannes,
-der alles erkannt und alles als eitel befunden hat.</p>
-
-<p>Oberst Cole wich zurück, bis er Widerstand fühlte.
-Arme umschlangen ihn. Die flüsternde Stimme, der
-warme Atem Glossins drangen an sein Ohr. Mit sicher<span class="pagenum"><a id="Seite_307">[307]</a></span>
-werdenden Schritten trat er wieder auf den Diktator
-zu.</p>
-
-<p>»Herr Präsident, das Land verlangt Ihren Rücktritt!«</p>
-
-<p>»Das Land?«</p>
-
-<p>»Das Land, Herr Präsident!«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard hörte die feste Stimme des Obersten,
-blickte ihm in die Augen und sah die Wahrheit. Langsam
-kamen die Worte von seinen Lippen:</p>
-
-<p>»Der Wille des Landes ist für mich das höchste Gesetz
-… Was habe ich zu tun?«</p>
-
-<p>»Das Land zu verlassen!«</p>
-
-<p>»Wann?«</p>
-
-<p>»Sofort!«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard erhob sich mit kurzem Ruck, als gehorche
-er einem Befehl.</p>
-
-<p>»In wessen Namen handeln Sie?«</p>
-
-<p>»Im Namen aller ihr Vaterland und die Freiheit
-liebenden amerikanischen Bürger.«</p>
-
-<p>Cyrus Stonard wußte genug. Das war aus dem
-Programm der Patrioten, die er für harmlos gehalten
-hatte. Nicht die Roten oder die Weißen, die Patrioten
-machten seiner Herrschaft ein Ende. Er schaute auf die
-Versammlung und erblickte, durch die Figur des Obersten
-halb gedeckt, Dr. Glossin.</p>
-
-<p>»Gehört Herr Dr. Glossin auch zu diesen Bürgern?«</p>
-
-<p>Oberst Cole wich zur Seite, als ob die Nähe Glossins
-ihm peinlich sei. Der Arzt stand frei vor dem Diktator.
-Er mußte dessen Blick aushalten, denn die Mauer der
-Offiziere und Soldaten versperrte ihm den Rückzug.
-So stand er und wand sich unter den Blicken des Diktators,
-wurde wechselnd blaß und rot, wäre in diesem
-Moment gern meilenweit weggewesen.</p>
-
-<p>Cyrus Stonard sah ihn erbärmlich und klein werden,
-drehte ihm den Rücken und wandte sich Oberst Cole zu.</p>
-
-<p>»Kameraden! Ich verlasse das Land in der Überzeugung,
-daß es sein Wille ist. In der Hoffnung,
-daß mein Weggehen zu seinem Heil dient. Was ich
-erstrebte … das Schicksal hat es anders gewollt.<span class="pagenum"><a id="Seite_308">[308]</a></span>
-Eine Macht, größer, als ich je geahnt, hat es in
-Menschenhand gelegt. Ich habe dagegen gekämpft …
-Als ich den Kampf aufnahm, wußte ich, daß sein Ausgang
-mein Schicksal bedeutet … Ich bin unterlegen …
-Wohin soll ich gehen?«</p>
-
-<p>»Wohin Sie wollen, Herr Präsident. Ein Flugschiff
-steht zu Ihrer Verfügung.«</p>
-
-<p>»… Nach Europa … Nach Nordland. Gehen wir.«</p>
-
-<p>Oberst Cole trat an die Seite des Präsidenten. Auf
-seinen Wink öffnete sich eine Gasse zur Tür. Still und
-stumm standen die Offiziere und Mannschaften des Leibregiments
-und sahen den Mann scheiden, der sie durch
-zwanzig Jahre zu Ruhm und Ehre geführt hatte.</p>
-
-<p>Oberst Cole wollte vorangehen. Der Diktator ergriff
-seinen Arm und stützte sich darauf.</p>
-
-<p>»Ich bin müde, alter Freund!«</p>
-
-<p>Der Oberst preßte die Lippen aufeinander. Aus
-seinen starr blickenden Augen brachen zwei Tränen, die
-langsam über sein Gesicht herniederrollten.</p>
-
-<p>Eine Viertelstunde später erhob sich ein Regierungsflugzeug
-vom Dach des Weißen Hauses. Es steuerte in
-die Nacht. Kurs nach Osten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es ist sehr schwer, die Ereignisse der nächsten Augustwochen
-zu schildern. Am sechsten August hatte die unbekannte
-Macht die großen Schlachtflotten Englands und der
-amerikanischen Union gelähmt. Im magnetischen Wirbelsturm
-war die britische Flotte in den Hafen von Neuyork
-eingeschleppt worden. Zu der gleichen Stunde,
-in der die amerikanische Flotte die Themse hinauf bis
-zu den Docks von London gezogen wurde.</p>
-
-<p>Am siebenten August wurde in den Vereinigten Staaten
-Cyrus Stonard gestürzt und eine neue Regierung
-gebildet, in welcher Dr. Glossin provisorisch das Portefeuille
-des Äußern übernahm. Zu jeder anderen Zeit
-hätte dieser Sturz die ganze Welt in Aufruhr versetzt.<span class="pagenum"><a id="Seite_309">[309]</a></span>
-Jetzt vollzog er sich beinahe geräuschlos. Die unbekannte
-Macht nahm das allgemeine Interesse zu sehr
-in Anspruch, als daß die politische Umwälzung in den
-Vereinigten Staaten besonders aufregend wirken konnte.</p>
-
-<p>Wo immer noch in irgendeinem Winkel der Welt
-englische und amerikanische Streitkräfte aneinandergerieten,
-da trat die Macht sofort handelnd als dritte auf.</p>
-
-<p>Amerikanische Luftstreitkräfte, die unversehens nach
-Indien vorstießen, wurden schon auf dem Wege dorthin
-zum Absturz gebracht und fielen bei den Lakkadiven
-in die See. Englische Flugtaucher, die einen Angriff
-auf den Panamakanal versuchten, wurden dicht bei
-Jamaika von einem magnetischen Zyklon gefaßt und auf
-den höchsten Gipfeln der Kordilleren abgesetzt. Die Besatzungen
-brauchten Tage, um aus der Schneewüste zu
-den nächsten menschlichen Ansiedlungen zu gelangen.
-Die Macht griff ohne Ansehen der Parteien ein und
-unterbrach jede Kampfhandlung.</p>
-
-<p>Die Ereignisse der Tage vom sechsten bis zum fünfzehnten
-August wirkten auf die Menschheit wie etwa der
-Stab eines Wanderers im Ameisenhaufen. Allgemeine
-Unruhe, Aufregung, ein Brodeln der öffentlichen Meinung,
-das in der Presse aller kultivierten Länder seinen
-deutlichsten Ausdruck fand.</p>
-
-<p>Will man den ungeheuren Eindruck der Vorkommnisse
-dieser acht Tage einigermaßen übersichtlich ordnen,
-so muß man die davon betroffene Menschheit in allen
-Staaten in drei Gruppen unterscheiden: die Physiker,
-die Militärs und die breite Volksmenge.</p>
-
-<p>Die Vertreter der physikalischen Wissenschaft versuchten
-es, stichhaltige Erklärungen der erstaunlichen Wirkungen
-zu geben. Aber die Isolierung und Speicherung der
-Formenergie, die geniale Entdeckung Silvester Bursfelds,
-lag weit außerhalb der wissenschaftlichen Erkenntnis.
-So tappten alle Erklärer, die ihre Wissenschaft in
-den großen Blättern der fünf Weltteile produzierten,
-im Dunkeln.</p>
-
-<p>Englische Flugtaucher waren fünftausend Meter hoch<span class="pagenum"><a id="Seite_310">[310]</a></span>
-in den Kordilleren abgesetzt worden. Die Maxwellschen
-Gleichungen gestatteten es schließlich, die wirksamen
-Magnetfelder nachzurechnen, durch welche die schweren
-Flugtaucher gepackt worden waren. So folgerte man
-dann weiter, daß es der unbekannten Macht auch möglich
-wäre, alle großen Schlachtflotten auf irgendeinen Berggipfel
-zu schleudern.</p>
-
-<p>Nachdem die Entwicklung bis zu diesem Punkt gediehen
-war, häuften sich die Zeitungsartikel, in denen die
-Grenzen der unbekannten Macht immer kühner und
-ungemessener behandelt wurden.</p>
-
-<p>In den Vereinigten Staaten hielt man sich an
-die wenigen Mitteilungen, die der neue Staatssekretär
-des Äußern Dr. Glossin machen konnte.
-Besonders Professor Curtis arbeitete intensiv und
-konnte bereits am zwölften August einen Versuch auf
-offener See vornehmen. Um die zehnte Vormittagsstunde
-dieses Tages fuhr das Sammlerboot mit der
-Strahlungseinrichtung aus dem Hafen. Curtis hatte
-eine Anordnung geschaffen, die ein elektromagnetisches
-Feld ziemlich geschlossen nach einer Richtung auszustrahlen
-vermochte. Ein ausrangiertes Torpedoboot
-war als Ziel für die Versuche in Aussicht genommen.
-Er hoffte, bis auf eine Entfernung von tausend Meter
-merkliche Magnetisierungen hervorbringen zu können.</p>
-
-<p>Umgeben von seinen Assistenten, stand er neben den
-gerichteten Antennen, die das elektromagnetische Feld
-über den Bug des Sammlerbootes nach dem Torpedoboot
-hinschleudern sollten. Die Schalthebel wurden
-eingeschlagen. Hochfrequente elektrische Energie durchbrauste
-die Antennen.</p>
-
-<p>Professor Curtis wurde von Unruhe ergriffen. Die
-Wirkungen die man vom Torpedoboot meldete, gingen
-erheblich über die von ihm als möglich errechneten hinaus.
-Er gab den Befehl, die Energie in den Antennen
-abzustellen.</p>
-
-<p>Und ließ sich dann mit einem Seufzer auf einen<span class="pagenum"><a id="Seite_311">[311]</a></span>
-Sessel fallen. Denn die Wirkung auf dem Torpedoboot
-hörte nicht auf. Im Gegenteil. Sie stieg, bis schließlich
-der elektromagnetische Wirbel das ganze Boot packte,
-aus dem Wasser hob und auf das sandige Ufer schleuderte,
-wo es im Sturz berstend liegenblieb.</p>
-
-<p>Mit verhaltenem Atem hatte man auf dem Sammlerboot
-die Katastrophe beobachtet. Ein Ruf seines ersten
-Assistenten veranlaßte Professor Curtis aufzublicken, die
-Vorgänge auf dem eigenen Boot zu verfolgen.</p>
-
-<p>Die gerichteten Antennen lösten sich in Kupferdampf
-auf. Sie leuchteten einen Moment grünlich schillernd
-und waren dann verschwunden. Spanndrähte und Isolatoren
-fielen angeschmolzen und zersplittert auf das
-Schiffsdeck nieder. Dann packte ein Wirbelsturm das
-ganze Sammlerboot und warf es neben das Torpedoboot
-auf das Gestade.</p>
-
-<p>Professor Curtis ließ das Geländer los und rollte über
-das schrägliegende Verdeck in den weichen Seesand.
-Das war das Ende der amerikanischen Versuche. Der
-Bericht, den der Professor noch am selben Nachmittag
-nach Washington sandte, erklärte es für aussichtslos,
-gegen die Mittel der unbekannten Macht anzukämpfen.</p>
-
-<p>Am dreizehnten August hielt Professor Raps in der
-Technischen Hochschule zu Charlottenburg sein Kolleg
-über theoretische Elektrodynamik. Die Studenten spitzten
-die Bleistifte, um das Kolleg wie immer mitzuschreiben.
-An diesem Tage wären die retardierten Potentiale dran
-gewesen. Aber der deutsche Professor brachte ganz
-etwas anderes&nbsp;…</p>
-
-<p>»Meine Herren, auch ich habe es versucht, mit den
-Mitteln unserer Wissenschaft das Geheimnis der unbekannten
-Macht zu ergründen. Die Wirkungen, die zuverlässig
-berichtet worden sind, lassen sich nur dann erklären,
-wenn wir annehmen, daß die Macht ein Mittel
-besitzt, um die Raumenergie an jeder Stelle zur freien
-Entwicklung zu bringen. Die Raumenergie dürfen wir
-nach Oliver Lodge zu zehn Milliarden Pferdekraftstunden
-für jedes Kubikzentimeter annehmen. Unsere<span class="pagenum"><a id="Seite_312">[312]</a></span>
-Wissenschaft kennt bisher kein Mittel, diese Energie freizumachen.
-Sicherlich keins, um sie auf weite Entfernungen
-und mit absoluter Treffsicherheit zu entfesseln&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die Studenten schrieben mit. Das Papier knisterte,
-die Bleistifte rauschten. Professor Raps fuhr in seinen
-Ausführungen fort. Er ging ins Detail und entwickelte
-rechnungsmäßig die Wirkungen, die sich auf diesem
-Wege erzielen ließen. Er bedeckte die schwarze Wandtafel
-mit dreißigstelligen Zahlen, die Kilowatt und
-Kalorien bedeuteten. Dann wurde die Vorlesung wieder
-allgemeiner&nbsp;…</p>
-
-<p>»Wir haben keine Ahnung, durch welche Mittel,
-durch welche uns jedenfalls noch ganz unbekannte Form
-der Energie diese Fernwirkungen erzeugt werden, wie
-die explosive Entfesselung der Raumenergie zustande
-kommt. Ein Riesengeist, der dem Stande unserer
-Wissenschaft um Jahrhunderte vorauseilte, muß diese
-Lösung gefunden haben&nbsp;…«</p>
-
-<p>Silvester Bursfeld in seinem eisigen Grabe hoch oben
-am Pol konnte mit dem Epitaphium zufrieden sein, das
-der deutsche Gelehrte ihm hier setzte.</p>
-
-<p>Professor Raps fuhr fort:</p>
-
-<p>»Meine Herren, ich wurde von zwiespältigen Gefühlen
-ergriffen, als ich die hier eben vorgetragenen
-Entdeckungen machte. Auf der einen Seite die reine
-Forscherfreude über die gelungene Entdeckung, die
-Freude, die Sie alle wohl schon nach einer glücklich gelösten
-Laboratoriumsaufgabe empfunden haben. Auf
-der anderen Seite ein tiefes Grauen. Meine Herren,
-der Gedanke, daß eine übermenschliche Macht in die
-Hand sterblicher Menschen gelegt wurde, ist entsetzlich.
-Die Besitzer der Erfindung können der Welt jeden Tort
-antun. Sie können jede Stadt verbrennen, jedes
-Menschenleben vernichten. Wir sind wehrlos. Wir
-müssen widerstandslos über uns ergehen lassen, was die
-Besitzer der Macht für gut befinden werden. Der Gedanke
-ist kaum erträglich. Aber es ist die Wahrheit&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Professor schloß seine Vorlesung vor der festgesetzten<span class="pagenum"><a id="Seite_313">[313]</a></span>
-Zeit. Er war zu ergriffen, um sich jetzt noch dem
-planmäßigen Lehrstoff zu widmen.</p>
-
-<p>Der Inhalt seines Vortrages erregte erneute Unruhe.
-Die Vertreter der großen Zeitungen kauften den Studenten
-ihre Niederschrift für schweres Geld ab. Noch
-am Abend des dreizehnten August wurde der Vortrag
-über die ganze Erde verbreitet. Von Hammerfest bis
-Kapstadt, von London bis Sydney wurden die Mitteilungen
-verschlungen und diskutiert.</p>
-
-<p>Es war klar, daß der deutsche Gelehrte den Quellen
-der unbekannten Macht wenigstens theoretisch auf der
-Spur war. Je länger die Physiker der ganzen Welt
-sich in die Einzelheiten seiner Ausführungen vertieften,
-desto mehr mußten sie die Richtigkeit seiner Schlußfolgerungen
-anerkennen. Es gab in der Tat nur diese eine
-Erklärung für die ungeheuerlichen Wirkungen der
-Macht. Man mußte imstande sein, die Raumenergie
-an jeder beliebigen Stelle des Erdballes explodieren
-zu lassen.</p>
-
-<p>Aber die Mittel dazu kannte niemand. Wenn nicht
-am Ende … dieser deutsche Professor noch mehr wußte,
-als er im Kolleg gesagt hatte? Der Gedanke, daß ein
-einzelner Staat das Geheimnis entdecken, sich zum Herrn
-der übrigen Welt machen könne, schuf neue Unruhe.</p>
-
-<p>An allen Punkten der Erde wartete man auf die
-nächsten Äußerungen der Macht. Die Spannung einer
-dumpfen Erwartung lag über der Welt, soweit sie von
-denkenden Menschen bewohnt war.</p>
-
-<p>Es war um die Mittagstunde des fünfzehnten August.
-Funkentelegramme durchschwirrten wie immer die ganze
-Welt. Um 12 Uhr 13 Minuten 15 Sekunden erfuhr
-dieser Verkehr eine jähe Unterbrechung. Bisher hatte
-die unbekannte Macht ihre Depeschen durch eine unmittelbare
-Beeinflussung einer der großen europäischen
-oder amerikanischen Stationen gegeben. Aber in dieser
-Mittagstunde des 15. August stand über dem östlichen
-Teil des Atlantik plötzlich ein starkes elektromagnetisches
-Feld im Äther. Sein Kern hatte die Gestalt eines<span class="pagenum"><a id="Seite_314">[314]</a></span>
-schmalen hohen Turmes. Es pulsierte mit hunderttausend
-Schwingungen in der Sekunde und strahlte
-Wellenenergie im Betrage von zehn Millionen Kilowatt
-nach allen Richtungen der Windrose aus, während es
-schnell nach Westen hin über den Ozean wanderte.</p>
-
-<p>Im Rhythmus der Morsezeichen kam und verschwand
-das Feld, und wo immer in Europa und Amerika elektrische
-Einrichtungen vorhanden waren, wurden sie zum
-Mitschwingen gebracht. Die Passagiere der elektrischen
-Straßenbahnen vernahmen die Zeichen in dem eintönigen
-Brummen der Wagenmotoren. Wo elektrische
-Glühlampen brannten, begannen sie in dieser Stunde
-zu zirpen und ließen Morsezeichen hören. Wo irgendein
-Mensch den Telephonhörer am Ohr hatte, wurden
-Rede und Gegenrede plötzlich durch laut und scharf dazwischenklingende
-Morsezeichen unterbrochen. Die
-Farbschreiber aller Telegraphenstationen hörten in diesen
-Minuten auf, die Depeschen ihres Betriebes zu schreiben,
-und zeichneten die Botschaften der Macht auf:</p>
-
-<p>»Die Macht: Der Krieg ist aus! Die Macht fordert
-Gehorsam. Sie straft Ungehorsam.«</p>
-
-<p>Die Welt zuckte unter den Worten der Botschaft zusammen.
-Wie Peitschenhiebe trafen die lapidaren Sätze,
-die ihr den neuen Herrn verkündeten. Wie eine schwere
-dunkle Wolke legte sich der Druck eines fremden zwingenden
-Willens über die Menschheit. Die Regierungen
-und die einzelnen Staatsmänner waren ratlos. Es war
-nicht möglich, an dem Ernst dieser Depesche zu zweifeln.
-Dazu waren die Proben der Macht, die man bisher zu
-kosten bekommen hatte, zu stark und zu beweisend.</p>
-
-<p>Die äußere Politik bot zwar in diesem Augenblick
-keine Schwierigkeiten. Die Macht befahl den Frieden,
-und es gab nur einen Weg, bedingungslos zu gehorchen.
-Dafür aber zeigten sich Schwierigkeiten im Innern. Die
-einzelnen Völker wurden gegen ihre Regierungen mehr
-oder weniger aufsässig. Der einzelne fragte sich, ob
-es überhaupt noch Zweck hätte, den Anordnungen einer
-Regierung zu gehorchen, die nur von Gnaden der Macht<span class="pagenum"><a id="Seite_315">[315]</a></span>
-auf ihrem Stuhle saß, in jeder Minute von dieser selben
-Macht ausgelöscht werden konnte. Es waren nicht einmal
-die schlechtesten Elemente, die unter solchem Druck
-von einer allgemeinen Unlust befallen wurden und in
-gleicher Weise das Interesse am Staat wie an den
-eigenen Angelegenheiten verloren.</p>
-
-<p>Professor Raps saß in seinem Arbeitzimmer. Es war
-ein hoher, schlicht eingerichteter Raum. Vor dem Gelehrten
-lag das Manuskript einer fast vollendeten Arbeit.
-Daneben deckten ganze Stapel von Briefen und
-Depeschen den großen Arbeitstisch. Anfragen von staatlichen
-Behörden, von wissenschaftlichen Instituten, von
-Einzelpersonen und auch von fremden Regierungen.</p>
-
-<p>Der Professor warf keinen Blick auf diese Tausende
-von Briefen und Fragen. Auf diese Schriftstücke, deren
-Beantwortung ein ganzes Bureau Monate hindurch beschäftigen
-konnte. Er sah grau und verfallen aus und
-hielt den Papierstreifen mit der Depesche der Macht in
-den Händen. Seine Lippen zuckten und formten abgerissene
-Worte.</p>
-
-<p>»… Mein Gott! … Kann die Natur das dulden …
-kann ein einzelner der Welt ewigen Winter oder ewige
-Sonne bringen … das soll ein Mensch sein … dem
-das Schicksal der ganzen Menschheit in die Hand gegeben
-ist&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Professor blickte von der Depesche auf. Sein Auge
-haftete auf dem Bilde über dem Schreibtische. Es war
-ein alter wertvoller Kupferstich aus dem achtzehnten
-Jahrhundert. Ein Geschenk seiner Hörer. Der Stich
-zeigte den Schweden Karl von Linné. Der Geist des
-Gelehrten klammerte sich an das Gemälde wie an ein
-Heiligenbild.</p>
-
-<p>»Es ist nicht möglich … wo bleiben die ehernen
-Gesetze der Kausalität … Es ist ein Irrtum … ein
-Irrtum oder ein Mißgriff der Natur … aber kann
-die Natur irren?«</p>
-
-<p>Sein Blick blieb an der Unterschrift des Bildes haften.
-Lateinische Worte: »<em class="antiqua">Natura non facit saltus</em>.« (Die<span class="pagenum"><a id="Seite_316">[316]</a></span>
-Natur macht keine Sprünge.) Das Leitwort jenes genialen
-Naturforschers, durch das er sich zum Vorläufer
-Darwins stempelte.</p>
-
-<p>Professor Raps las die wenigen Worte des Satzes
-wieder und immer wieder.</p>
-
-<p>»Die Natur macht keine Sprünge … auf einen scheinbaren
-Sprung folgt das <em class="antiqua">Corrigens</em> … muß folgen
-nach dem höheren Gesetz der stetigen Entwicklung&nbsp;…«</p>
-
-<p>Es wurde Zeit, zur Vorlesung zu gehen. Der Professor
-legte den Depeschenstreifen beiseite. Mit ruhigen
-Händen füllte er seine Aktenmappe.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Botschaft der Macht war da und wirkte sich aus.
-Der Krieg war zu Ende, auch ohne einen ausdrücklichen
-Befehl der beiden kriegführenden Weltmächte. Er war
-automatisch zu Ende gegangen, weil die Macht mit
-Sturm und Brand zugegriffen hatte, wo immer sich
-noch ein Kampf entspinnen wollte. Es konnte sich nur
-noch darum handeln, durch einen formellen Friedensschluß
-zwischen den beteiligten Regierungen den tatsächlichen
-Zustand zu legitimieren.</p>
-
-<p>In den Vereinigten Staaten nahm man diese Entwicklung
-der Dinge mit unumwundener Zufriedenheit
-auf. Der Krieg war ein Krieg Cyrus Stonards gewesen.
-Es kam der jungen Regierung gelegen, daß diese die
-unsympathische Erbschaft nicht zu übernehmen brauchte,
-daß der in den Staaten so wenig volkstümliche Krieg
-sang- und klanglos zu Ende war. Man spürte wohl
-auch unbewußt, daß eine friedliche stetige Entwicklung
-der Union ganz von selber alle die Vorteile bringen
-mußte, die hier erkämpft werden sollten.</p>
-
-<p>Anders sah es in England aus. Man hatte sich mit
-allen Mitteln auf den Kampf eingestellt. Die englischen
-Staatsmänner hatten erkannt, daß nur ein glücklicher
-Krieg den englischen Besitzstand erhalten könne.</p>
-
-<p>Lord Gashford betrat sein Arbeitzimmer und warf<span class="pagenum"><a id="Seite_317">[317]</a></span>
-sich erschöpft und mißmutig in seinen Sessel. Der Diener
-bekam eine kurze Weisung: »Lord Maitland wird kommen.
-Jede Störung fernhalten!«</p>
-
-<p>Der englische Premier blieb mit seiner Ratlosigkeit und
-Verantwortung allein. Nervös trommelten die Finger
-seiner Rechten auf der Sessellehne.</p>
-
-<p>Der Premier hatte Lord Horace gebeten, in der Hoffnung
-bei ihm einen Rat, einen Plan zu finden.</p>
-
-<p>Lord Horace trat in den Raum und nahm ihm gegenüber
-Platz.</p>
-
-<p>Es dauerte geraume Zeit, bevor Lord Maitland die
-Lippen öffnete. Und dann sprach er auch nur vier
-Worte: »Der Krieg ist aus!«</p>
-
-<p>Lord Gashford erwartete etwas anderes. Erwartete
-Hilfe durch Rat und Tat und wurde ungeduldig. Er
-suchte sein Gegenüber auf Umwegen zum Sprechen zu
-bringen und fragte: »Wie wird sich die Regierung in
-Amerika verhalten?«</p>
-
-<p>»Noch dem Sturze Stonards kommt ihnen der Frieden
-gelegen. Der Gedanke, einer anderen Eisenfaust gehorchen
-zu müssen, ist ihnen nicht so fürchterlich. Sie
-sind ja zwanzig Jahre versklavt gewesen.«</p>
-
-<p>Lord Gashford fuhr auf.</p>
-
-<p>»Aber wir? Großbritannien … das freieste Land
-der Welt, stolz darauf, niemals einer fremden Macht
-hörig gewesen zu sein. Wie werden wir uns stellen?«</p>
-
-<p>Lord Horace antwortete langsam, und Resignation
-klang aus seinen Worten: »Der Frieden mit Amerika
-wird nicht schwer zu schließen sein. Viel schwerer der
-mit unseren Dominions und Kolonien. Ich fürchte, daß
-Australien sich vom Reich lösen wird. Die afrikanische
-Union braucht uns noch. Trotz ihrer eigenen starken
-Industrie benötigt sie … vorläufig noch das Mutterland.
-Und Indien&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Und Indien …?« Lord Gashford stieß die Frage
-heraus.</p>
-
-<p>»Indien … Einer von den dreien ist ein Inder …
-Ich hoffe, daß die indische Intelligenz das Gute<span class="pagenum"><a id="Seite_318">[318]</a></span>
-zu würdigen weiß, das die englische Regierung dem
-Lande gebracht hat. Wir haben nicht immer fein
-gewirtschaftet. Es sind Hunderttausende unter unserer
-Herrschaft verhungert. Aber Millionen hätten sich gegenseitig
-die Hälse abgeschnitten, wenn wir nicht dagewesen
-wären.«</p>
-
-<p>Lord Gashford zählte an den Fingern wie ein Schulknabe
-bei seiner Rechenaufgabe:</p>
-
-<p>»Kanada verloren … Australien halb verloren …
-Afrika unsicher … Indien nicht sicher&nbsp;…«</p>
-
-<p>»So könnte es wohl geschehen, daß uns nur die britischen
-Inseln bleiben&nbsp;…«</p>
-
-<p>Lord Horace blickte düster vor sich hin. Ein leises
-Nicken nur drückte seine Zustimmung aus.</p>
-
-<p>»Wenn nicht …« Kaum hörbar waren ihm die Worte
-über die Lippen geglitten, aber den gespannten Sinnen
-Lord Gashfords waren sie nicht entgangen.</p>
-
-<p>»Wenn nicht? … Was meinen Sie? Wenn nicht&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die Muskeln im Gesicht Lord Maitlands spannten
-sich. Zwischen den Zähnen stieß er die Worte hervor:</p>
-
-<p>»Wenn nicht diese Macht … diese unheimliche, unwahrscheinliche
-Macht ein Narrenspiel der Weltgeschichte
-ist&nbsp;…«</p>
-
-<p>Lord Gashford machte eine abwehrende Bewegung.</p>
-
-<p>»Vorläufig ist die Macht da! Was raten Sie?«</p>
-
-<p>»Kaltes Blut! Sich vorläufig damit abfinden. Vorläufig
-dem Zwange folgen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der Ferndrucker auf dem Tisch begann zu schreiben.
-Ein Ersuchen der amerikanischen Regierung, Zeit und
-Ort für die Friedensverhandlungen zu bestimmen. Lord
-Gashford las und schob den Streifen Lord Horace zu.</p>
-
-<p>»Sie kennen die Union seit langen Jahren. Ich ersuche
-Sie, die Verhandlungen als Bevollmächtigter
-Großbritanniens zu führen.«</p>
-
-<p>»Meine Vollmachten&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»… sind unbegrenzt.«</p>
-
-<p>»Unbegrenzt … soweit die Grenzen nicht die Macht
-zu ziehen beliebt&nbsp;…«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_319">[319]</a></span></p>
-
-<p>Lord Horace verließ den Premierminister. Er hatte
-ein Gefühl, als ob die Wände des Gemaches ihn erdrücken
-wollten. Aufatmend stand er auf der Straße
-und sog in tiefen Zügen die frische Luft ein. Dann
-gab er dem Wagenlenker einen kurzen Befehl.</p>
-
-<p>Der Wagen wand sich durch die Straßen der Stadt
-und nahm den Weg über das freie Land. Vorbei an
-saftstrotzenden Triften und Weiden, durch Dörfer und
-sommergrüne Wälder.</p>
-
-<p>Lord Horace achtete nicht darauf. Seine Gedanken
-beschäftigten sich mit der Macht. Erst in dieser Stunde
-kam es ihm ganz zum Bewußtsein, wie eng und eigenartig
-gerade die Beziehungen seines Hauses zu den
-dreien waren, die heute der Welt ihren Willen diktierten.</p>
-
-<p>Seine Gattin so eng bekannt mit dem einen, dem
-Mächtigsten. Die Gattin des anderen seit Wochen als
-Gast unter seinem Dach.</p>
-
-<p>Flüchtig ging ihm ein Gedanke durch den Kopf.
-Konnte England Jane Bursfeld nicht als Geisel nehmen?
-Dadurch den Willen der Macht beeinflussen?</p>
-
-<p>Ebenso schnell wie der Gedanke auftauchte, wurde er
-verworfen. Jane hatte erzählt, wie Atma und Silvester
-nach Amerika kamen, wie schon ein winziger Strahler
-Glossins Flugschiff lähmte, die Maschinen zerschmolz,
-die Besatzung verbrannte. Was würde die Macht heute
-tun, wenn England die Hand auf Jane legte? Heute,
-da ihre Waffen viel stärker waren, viel weiter trugen,
-viel sicherer trafen.</p>
-
-<p>Lord Horace gab das Grübeln auf. Er nahm den
-Hut vom Haupt und ließ sich den Fahrwind um die
-brennende Stirn fegen. Aber die Gedanken verließen
-ihn nicht. Diana kannte den einen, Jane ist die Gattin
-des anderen. Irgendeine Möglichkeit müßte es dadurch
-geben, mit den Trägern der Macht in Berührung zu
-kommen. Irgendein Pfad müßte sich zeigen, auf dem
-England aus dieser Sackgasse herauskommen kann. Die
-Gedanken verfolgten ihn bis an das Ziel seiner Fahrt.</p>
-
-<p>In der großen Halle in Maitland Castle saß Jane<span class="pagenum"><a id="Seite_320">[320]</a></span>
-auf ihrem Lieblingsplatz. In dem Erker, von welchem
-der Blick auf die Veranda und den Park ging. Ein
-Nähkörbchen stand vor ihr. Sie arbeitete an einem
-Jäckchen. Doch die Arbeit lag auf dem Tisch, und
-ihre Augen hafteten an einem Schriftstück. Die blauen
-Typen des Farbschreibers. Die letzte Depesche der
-Macht. Als der Telegraph die Botschaft der Macht auch
-nach Maitland Castle meldete, hatte Jane das Schriftstück
-an sich genommen. Seit zwei Tagen trug sie es
-bei sich und las es in jeder unbeobachteten Minute
-wieder und immer wieder.</p>
-
-<p>Ihr Blick hing wie gebannt an den Schriftzeichen.
-Sie überhörte dabei das Kommen Dianas, die leise
-hinter sie trat, ihr den Arm auf die Schulter legte.</p>
-
-<p>Jane schrak zusammen. Sie versuchte es, das Papier
-zwischen die Wäschestücke zu schieben.</p>
-
-<p>»Jane, mein Kind. Schon wieder die Depesche?«</p>
-
-<p>»Ach … Diana … Sie wissen nicht, was die Worte
-auf diesem Papier für mich bedeuten. Immer wieder
-finde ich Trost in diesen Zeilen. An alle Welt ist die
-Depesche gerichtet. Ich aber sehe den vor mir, der sie
-abgesandt hat.«</p>
-
-<p>Diana hatte sich der jungen Frau gegenüber niedergelassen.
-Sie sah, wie fliegende Röte über ihre Züge
-huschte, las in diesem Gesicht wie in einem offenen Buch.
-Freude, daß der Gatte lebte. Stolz, daß die Idee zu
-dem großen Werk in der genialen Erfindung ihres
-Gatten wurzelte. Glück, daß sie nach vollendetem Werk
-Silvester bald wieder in die Arme schließen könne.</p>
-
-<p>»Kind! Wenn jemand Sie versteht, so bin ich es. Ich
-bin stolz darauf, die Gattin Silvester Bursfelds meine
-Freundin nennen zu können.«</p>
-
-<p>Tiefes Rot überflutete Janes Wangen. Ein hilfloses
-Lächeln zuckte um ihre Lippen.</p>
-
-<p>»Was Sie sagen, sollte mich stolz machen. Aber was
-bin ich Silvester? Was kann ich ihm jetzt noch sein?
-Je höher Sie meinen Mann und sein Werk stellen,
-desto kleiner und unwerter komme ich mir selbst vor.<span class="pagenum"><a id="Seite_321">[321]</a></span>
-Ich fürchte mich vor dem Wiedersehen! Statt meinen
-Silvester zu umarmen, werde ich vor einem Mann
-stehen, zu dem die Welt aufblickt. Was werde ich ihm
-noch sein können?«</p>
-
-<p>Diana richtete sich auf.</p>
-
-<p>»Was sagen Sie, Jane? Sie versündigen sich mit
-Ihren Worten an der heiligsten Bestimmung des
-Weibes. Sind Sie ihm nicht Gattin? … Erfüllen Sie
-nicht damit die hehrsten Gesetze; die die Natur dem
-Weibe vorgeschrieben?«</p>
-
-<p>Mit aufleuchtender Freude lauschte Jane den Worten
-Dianas.</p>
-
-<p>»Jane! Sie geben ihm den Erben. Sie pflanzen sein
-Geschlecht fort, in dem der Name und Ruhm Silvester
-Bursfelds weiterleben wird. Er weiß es nicht. Wie er
-sich freuen würde, wenn er es wüßte!«</p>
-
-<p>»Glauben Sie&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Ganz gewiß!«</p>
-
-<p>»Aber Sie, Diana&nbsp;…?!«</p>
-
-<p>»Ich&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Warum weiß Lord Horace nicht davon, daß&nbsp;…«</p>
-
-<p>Mit einer raschen Bewegung wandte Diana Maitland
-den Blick dem Park zu. Jane sah, wie ihr eine jähe
-Röte über den Nacken lief.</p>
-
-<p>Ein drückendes Schweigen. Bis Diana Maitland sich
-mit einer müden Bewegung Jane wieder zuwandte.
-Sie vermied es, Janes Frage zu beantworten. Nahm
-den Papierstreifen aus den Händen der jungen Frau.</p>
-
-<p>»Ja … die Depesche … Es sind die stolzen Worte
-einer überlegenen Macht … Aber sie künden der
-Menschheit den Frieden. Ich kenne die Politik …
-ihre Mittel und Wege … ich kann mich in die Seelen
-der Tausend von Frauen und Männern versetzen,
-denen die Worte der Depesche Schicksal und Leben bedeuten.
-Dann glaube ich zu träumen und zweifle, ob es
-wahr ist, was die Worte der geheimnisvollen Macht enthalten
-… ja, Jane … ich habe Zweifel, ob es wahr<span class="pagenum"><a id="Seite_322">[322]</a></span>
-ist … Aber … nein, es muß wahr sein … Denn
-Eriks Worte sind es ja … Erik … lügt nicht!«</p>
-
-<p>»Erik? … Meinen Sie Erik Truwor?«</p>
-
-<p>»Ja, Erik Truwor.«</p>
-
-<p>»Kennen Sie Erik Truwor?«</p>
-
-<p>»Ja … ich lernte ihn vor Jahren in Paris kennen.«</p>
-
-<p>»Sie kennen Erik Truwor, den besten Freund meines
-Mannes?«</p>
-
-<p>»Ja. Ich kenne ihn … habe ihn sehr gut gekannt.«</p>
-
-<p>»Aber Sie sprechen nie von ihm. Und doch ist sein
-Name in unseren Gesprächen schon oft gefallen.«</p>
-
-<p>»Lassen Sie, Jane! … Es sind Erinnerungen,
-die … ich … begraben … vergessen haben möchte.
-Ich denke jetzt nur noch an sein Werk … Wird es ihm
-glücken? … Wird ein idealer Wille im Besitz einer
-unendlichen Macht imstande sein, der Menschheit den
-Frieden zu geben, die Dinge der Welt zum Heil der
-Menschheit neu zu ordnen … ich denke, es wird ihm
-gelingen … er wird sein Werk vollbringen, nach dem
-eine neue Zeitrechnung für die Politik und Geschichte
-Europas … nein, der ganzen Welt beginnt&nbsp;…«</p>
-
-<p>Lord Horace stand plötzlich in der Halle. Diana fühlte
-sich unsicher. Sie wußte nicht, wieviel ihr Gatte von
-dem Gespräch gehört haben mochte, wieviel von diesem
-Gedankenaustausch an sein Ohr gedrungen war.</p>
-
-<p>»Auch hier Politik? Wo ich Ruhe suchte, fand ich
-immer nur Politik.«</p>
-
-<p>»So muß es wohl sein, Horace. In Schloß und Hütte,
-in den entlegensten Winkeln der Erde bewegt doch alle
-dieselbe Frage. Kann es etwas Erhebenderes geben
-als den Gedanken, daß die Welt endlich zur Ruhe
-kommen soll? Daß dies sinnlose Morden und Zerfleischen
-ein Ende haben soll&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Du scheinst dich schon ganz als Weltbürgerin zu
-fühlen. Was aus unserem Lande … aus dem britischen
-Weltreich wird, ist dir gleichgültig. Freilich … du
-bist keine geborene Britin.«</p>
-
-<p>»Aber ich habe stets als englische Patriotin gefühlt.<span class="pagenum"><a id="Seite_323">[323]</a></span>
-Ich habe stets empfunden …« &ndash; Lady Diana sprang
-auf und trat ihrem Gatten entgegen &ndash; »… daß ich die
-Gattin Lord Maitlands bin.«</p>
-
-<p>»… als Britin hast du gefühlt?«</p>
-
-<p>»Stets, Horace!«</p>
-
-<p>»Und trotzdem bist du für die Pläne der Macht eingenommen?«</p>
-
-<p>»Ja!«</p>
-
-<p>»Ja … verstehst du den Sinn dieser Depesche nicht?«</p>
-
-<p>»Aber ja, doch! Es ist die frohe Botschaft vom Frieden
-… die Freudenbotschaft, daß der Krieg zu Ende
-ist.«</p>
-
-<p>»So … so!? … Weiter nichts?«</p>
-
-<p>»Ja … Ist denn das nicht genug? Klingt das nicht
-wie das Weihnachtsevangelium?«</p>
-
-<p>»Weihnachtsbotschaft? … Freudenbotschaft? … Welcher
-Mann kann das als Freudenbotschaft ansehen, was
-ihm Sklaverei und Knechtschaft bedeutet.«</p>
-
-<p>»Horace … Horace … was sprichst du?«</p>
-
-<p>»Soll ich dir die Depesche ins Gedächtnis zurückrufen
-… soll ich sie dir noch einmal vorlesen?</p>
-
-<p class="slogan">
-›Der Krieg ist zu Ende!&nbsp;…<br />
-Die Macht fordert Gehorsam&nbsp;…<br />
-Ungehorsam wird bestraft!!!&nbsp;…‹
-</p>
-
-<p>Macht dir das als Britin Freude?«</p>
-
-<p>Das klang ganz anders als die Tonart, in der Diana
-die Depesche gelesen hatte. Wie Peitschenhiebe knallten
-hier die einzelnen Worte, steigerte sich die Drohung von
-Satz zu Satz, bis sie schließlich brutal herauskam. Bei
-jedem Worte dieser lapidaren Sätze trat Diana automatisch
-einen Schritt zurück. Ihre Augen hingen starr
-und ratlos an ihrem Gatten. Aber auch Lord Maitlands
-Züge hatten die gewohnte Ruhe verloren. Es zuckte in
-ihnen. Röte der Erregung und des Zornes lag auf
-seinem Antlitz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_324">[324]</a></span></p>
-
-<p>Wie hatte Diana mit Jane zusammen über diese
-Depesche gejubelt, und wie anders klang sie jetzt. Ein
-eisiger Schauer überlief Diana. Sie bedeckte ihre Augen
-mit den Händen. Hatte sie sich so getäuscht?</p>
-
-<p>Wortlos standen die Gatten sich gegenüber. Langsam
-ließ Diana die Hände sinken und … was war das? …
-Irrte sie sich nicht … war das nicht ein leises Flimmern
-eines Triumphes in seinen Augen? … Nein! Die Botschaft
-Erik Truwors klang falsch im Munde ihres
-Gatten. Sie war anders zu lesen, mußte so gelesen
-werden, wie Diana und Jane sie gelesen hatten.</p>
-
-<p>»Horace … kannst du dich nicht freimachen von
-einem Namen? … Kannst du den Mann nicht von
-seinem Werke trennen?«</p>
-
-<p>Lord Horace zeigte wieder die ruhige unbewegliche
-Haltung des englischen Aristokraten. Keine Spur in
-seinen Mienen verriet mehr, wie nahe ihm diese Unterredung
-ging, wie sehr schon der Name Erik Truwors
-ihn erregte. »Mein Herz ist kühl genug, um den Namen
-von seinem Werk zu trennen.«</p>
-
-<p>Gelassen, fast müde kamen die Worte von seinen
-Lippen. Aber er beobachtete scharf und sah, wie Diana
-von diesen Worten getroffen wurde. Wie sie die Hände
-gegen die Brust preßte, als müsse sie einen tiefen Schmerz
-unterdrücken. Er sah, wie sie sich schweigend zum Fenster
-hin wandte, und stand selbst unbeweglich auf seinem
-Platze. War es möglich, daß seine Worte ihr Herz so
-trafen, daß er ihr doch alles … der andere, der verhaßte
-Name nur ein Schemen war?</p>
-
-<p>Es drängte ihn, vorwärtszustürzen. Mit Mühe hielt
-er den Namen Diana auf seinen Lippen zurück. Einen
-kurzen schweren Kampf, dann hatte er die volle Herrschaft
-über sich gewonnen.</p>
-
-<p>»Die Zukunft wird erweisen, wer recht hat. Ich
-wünschte … ich wünschte von Herzen, du hättest
-recht&nbsp;…«</p>
-
-<p>Als Diana sich umwandte, hatte Lord Maitland die
-Halle verlassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_325">[325]</a></span></p>
-
-<p>Diana war allein. Ihr Gesicht war entstellt, gealtert,
-schmerzverzerrt. Ihre Augen starrten auf die Stelle,
-wo Lord Horace gestanden hatte. Kaum hörbar kam es
-von ihren Lippen: »Erik Truwor … Erik … Truwor!«</p>
-
-<p>Ein Götzenbild! Wankte es? Stürzte es? … Wo
-war die Wahrheit? … Schluchzend sank sie auf den
-Teppich nieder.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Der lange, sechs Monate währende Poltag ging
-seinem Ende zu. Dicht über dem Horizont zog die Sonne
-ihren vierundzwanzigstündigen Kreis. Immer näher
-kam sie der Kimme, wo Eisfeld und Himmel zusammenstoßen.
-Klingender Frost kündete die kommende Polnacht.</p>
-
-<p>Erik Truwor trat aus dem Berg. Den schweren Eisstock
-in der Rechten, stieg er über die Stufen und Eisbänder
-schnell empor, bis er die höchste Zinne erreichte.
-Da hatte in den vergangenen Tagen die Sonne den
-Eisberg mit wärmenden Strahlen umkost und seine
-Formen verändert, hatte aus dem grünlich und bläulich
-schimmernden Eismassiv ein Gebilde geformt, das
-an einen hochlehnigen Sessel gemahnte, an einen Königsstuhl
-aus den Zeiten der Goten oder Merowinger.</p>
-
-<p>Hier blieb er stehen, und sein Auge haftete an der
-zum Sitz ausgeschmolzenen Gipfelzinne.</p>
-
-<p>»Was ist das? … Ein Sitz! … Ein Thron …
-mein Thron?!«</p>
-
-<p>Mit einer Herrschergebärde ließ er sich nieder. Den
-schweren Eisstock wie ein Zepter an der rechten Seite.
-Die Arme auf den Seitenlehnen dieses bizarren Thrones.
-So saß er dort, rot von der Sonne umglüht, einer
-Statue vergleichbar. Saß und sann.</p>
-
-<p>Sprunghaft wurden seine Gedanken, kreuzten sich,
-überstürzten sich.</p>
-
-<p>In der Höhle des Eisberges neben den Funkenschreibern
-stand Atma. Der Inder ließ die Streifen
-durch die Finger laufen, zurück bis zu der letzten drohenden<span class="pagenum"><a id="Seite_326">[326]</a></span>
-Depesche der Macht, die auch hier von den
-Apparaten mitgeschrieben war.</p>
-
-<p>War die Kluft schon so weit geworden, daß Erik
-Truwor seine Gedanken und seine Geheimnisse für sich
-behielt?</p>
-
-<p>Mit wachsender Sorge hatte Atma die Veränderung
-des Freundes verfolgt. Was würde kommen, was
-würde das Ende sein? Was stand im Buche des Schicksals
-über Erik Truwor geschrieben?</p>
-
-<p>Atma sprang auf und verließ den Berg. Er stand auf
-dem flachen Eis und blickte sich um. Gegen den tiefroten
-Abendhimmel hoben sich die gigantischen Formen des
-Eisthrones ab. Wie eine dunkle Silhouette sah er die
-Gestalt Erik Truwors dort gegen den blutfarbigen
-Himmel in den Äther ragen. Ein Zepter an der Seite,
-den Blick in die Ferne gerichtet.</p>
-
-<p>So gewaltig, so zwingend war das Bild, daß es
-Soma Atma in tiefen Bann schlug, seine Gedanken verzauberte,
-seine Erkenntnis trübte.</p>
-
-<p>Sollte er sich täuschen? Erhob das Schicksal diesen
-Mann weit über alle Sterblichen? War ihm die Weltherrschaft,
-die absolute Gewalt über Tod und Leben
-aller Geschöpfe bestimmt?</p>
-
-<p>In eisiger Einsamkeit verrann die Zeit, bis der
-Zauber wich, bis Atma nicht mehr den Schein, sondern
-das Wesen sah.</p>
-
-<p>Erik Truwor saß dort oben und starrte regungslos in
-den glühenden Sonnenball. Leise und abgerissen fielen
-Worte von seinen Lippen:</p>
-
-<p>»Zu meinen Füßen liegt die Welt! Was bin ich? …
-Was bin ich?! Bin ich der Herr? … Ja … ja! Ich
-bin ihr Herr. Ich habe die Macht, sie zu zwingen! …
-Zwingen … zum Guten zwingen. Ein guter, ein
-gerechter Herr will ich sein. Aber wenn sie mir zu
-trotzen wagen?! … Trotzen … wer will mir
-trotzen? … Kein Sterblicher! … Auf Erden
-keiner … keiner! … Silvester … Atma? …
-Auch die nicht … Ha! … der eine sicher nicht. Den<span class="pagenum"><a id="Seite_327">[327]</a></span>
-hat das Schicksal genommen, als er sein Geschick
-erfüllt … Der andere! … Atma? … Atma! …
-Atma!! … Fiel Cäsar nicht durch Brutus' Hand? …
-Atma! … Rief ich dich. Da kommst du ja&nbsp;…«</p>
-
-<p>Halb aufgerichtet, mit vorgebeugtem Leibe blickte er
-auf Atma, der langsam den Pfad emporklomm. Fester
-umkrampfte seine Hand den schweren Eisstock.</p>
-
-<p>»Hüte dich, Atma!«</p>
-
-<p>Er sank in den Sessel zurück. In seinen Augen
-lauerte es.</p>
-
-<p>Nun stand Atma dicht bei ihm. Schaute ihn mit der
-ganzen Kraft seines zwingenden Auges an und sah, wie
-Erik Truwor kalt und fremd an ihm vorbeiblickte.</p>
-
-<p>»Erik Truwor! Siehst du deinen Freund nicht?«</p>
-
-<p>Erik Truwor wandte leicht das Haupt und streifte
-den Inder mit einem flüchtigen kalten Blick.</p>
-
-<p>»Was willst du?« Fremd und leer klang die Frage.</p>
-
-<p>»Fragst du so den Freund?«</p>
-
-<p>Erik Truwor zog die Brauen zusammen, bis sie sich
-berührten. »Freund&nbsp;…?«</p>
-
-<p>Der Ton des Wortes traf das Herz des Inders.</p>
-
-<p>»Erik … besinne dich … Was willst du tun? …
-Denke an Pankong Tzo, an die Weissagung, an die
-Ringe! &ndash; Es waren drei!«</p>
-
-<p>»Was gilt mir noch Pankong Tzo? … Und die drei
-Ringe&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Hast du Silvester auch vergessen?«</p>
-
-<p>»Silvester? … Silvester … Der hat sein Geschick
-erfüllt … Seine Zeit war um …« Erik Truwor stieß
-den schweren Stock in das Eis, daß die Brocken spritzten.
-»Jetzt geht es um größere Dinge!«</p>
-
-<p>»Dann brauchst du deinen Freund Soma auch nicht
-mehr? … Oh, daß ich bei Silvester im eisigen Grabe
-läge statt diese Stunde zu sehen … Um größere Dinge
-geht es, sagst du … Denke an die Worte Tsongkapas:
-›Es mag leichter sein, große Dinge zu vollbringen als
-gute!‹ Was du sinnst, weiß ich. Unheilig sind deine Gedanken!
-Aber ich sage dir, nie wird ein Werk bestehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_328">[328]</a></span>
-das auf Gewalt gegründet ist. Hüte dich vor der Rache
-des Schicksals! … Bedenke, daß du nur ein Werkzeug
-des Schicksals bist.«</p>
-
-<p>Erik Truwor hatte sich erhoben. Jeder Nerv der
-hageren, hochragenden Gestalt war gespannt. Noch
-schärfer, eckiger als sonst sprang die gebogene Nase über
-die schmalen Lippen hervor. Tiefe Falten durchzogen
-die hohe Stirn. Wie Eisblinken blitzte es lauernd und
-doch gewaltsam in den tiefen Augenhöhlen. Machtlos
-glitten Kraft und Willen Atmas an dieser Wandlung ab.</p>
-
-<p>»Ich … ein Werkzeug des Schicksals? … Und wenn
-ich es verschmähte, ein Werkzeug des Schicksals zu
-bleiben … und wenn ich« &ndash; seine Gestalt reckte sich,
-als ob er über sich selbst hinauswachsen wolle &ndash;
-»… wenn ich das Schicksal meistern wollte?!«</p>
-
-<p>Vor dem drohenden Blitz aus Erik Truwors Augen
-wich Atma einen Schritt zurück.</p>
-
-<p>»Jetzt bin ich der Mächtigste auf Erden. Wer wagt
-es, mir zu trotzen … das Menschengeschlecht liegt
-zu meinen Füßen … Die Elemente müssen mir
-gehorchen … Ich will die Wogen des Meeres zähmen
-und dem Sturm gebieten, sich zu legen … nie zuvor
-wurde einem Menschen solche Macht gegeben … und ich
-soll sie nicht gebrauchen?«</p>
-
-<p>Atma trat dicht auf Erik Truwor zu. Noch einmal
-suchte und fand er Worte, um den Freund zu halten.</p>
-
-<p>»Erik, du bist krank. Der Tod Silvesters hat deine
-Seele erschüttert, die Arbeit deinen Körper geschwächt.«</p>
-
-<p>Erik Truwor schüttelte den Arm des Inders unwillig
-ab.</p>
-
-<p>»Krank? … Erschüttert? … Ha! Mein Körper ist
-kräftiger, mein Geist klarer und frischer denn je.«</p>
-
-<p>Er ließ den schweren Eisstock wie ein Spielzeug durch
-die Finger laufen.</p>
-
-<p>»Erik Truwor!« Die Stimme Atmas klang streng.
-»Du frevelst! … Du frevelst am Schicksal. Hüte
-dich!«</p>
-
-<p>»Ich mich hüten? … Vor wem? … Vor dir?«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_329">[329]</a></span></p>
-
-<p>Er hob den Eisstock, als wolle er Atma zu Boden
-schlagen. Dann stieß er ihn tief in das splitternde Eis
-hinter sich und reckte die Arme mit geballten Fäusten
-gegen den Himmel, als wolle er einem unsichtbaren
-Gegner in den Lüften drohen. Die Fäuste öffneten sich,
-und wie Krallen bewegten sich die Finger.</p>
-
-<p>Ein heiserer Schrei, halb Drohung, halb Lachen, brach
-aus seinem Halse.</p>
-
-<p>»Hüten soll ich mich? … Hüten? Vor wem? … Vor
-euch Unsichtbaren da oben?! Haha … Kommt heraus,
-ihr geheimnisvollen Mächte, aus euren Verstecken.
-Kommt! … Ich will mit euch kämpfen! … Ha …
-Haha … wo seid ihr? Kommt! … Habt ihr Furcht …
-Haha … Ich lasse mich von euch nicht äffen. Ha …
-ha … haha … Ich nicht!«</p>
-
-<p>Ein Wetterleuchten, ein Blitzstrahl weit draußen am
-Horizont ließ Atma erschauern.</p>
-
-<p>»Erik Truwor, laß dich warnen. Sahst du das
-Zeichen, das geschehen?«</p>
-
-<p>»Ha … ha! Du Blinder, du Abergläubischer. Das
-harmlose Wetterleuchten soll wohl ein Zeichen von
-deinem Schicksal sein. Ha … ha … Ihr Toren …
-hinter jedem Naturvorgang, den euer kümmerliches Hirn
-nicht begreift, seht ihr etwas Geheimnisvolles …
-Übernatürliches … und wenn es euch paßt, einen Wink
-des Schicksals, dem ihr euch beugt … dem ihr euch
-fügt … Ich will mich nicht fügen … ich nehme den
-Kampf mit euch auf … ich forme mein Schicksal nach
-meinem Willen! … Wehe, wer mich stört! … Wehe
-euch da oben … ich fürchte euch nicht … hütet euch
-vor mir … Hütet euch. Ich komme über euch mit
-meiner Macht, die größer, als die Welt sie je gesehen!«</p>
-
-<p>Schauerlich, wie ein Kriegsruf hallten die letzten Worte
-Erik Truwors in die stille Polardämmerung. Und plötzlich
-eilte er springend und stürzend den steilen Hang
-des Eisberges hinunter und verschwand in der Höhle,
-die den Rapid Flyer barg. Mit wankenden Knien folgte
-Atma seiner Spur. Sah, als er auf dem flachen Eise<span class="pagenum"><a id="Seite_330">[330]</a></span>
-ankam, gerade, wie Erik Truwor das Flugschiff aus
-seinem Versteck ins Freie brachte.</p>
-
-<p>»Wohin, Erik? Wohin?« Atma rief es mit verlöschender
-Stimme.</p>
-
-<p>»In den Kampf!« Erik Truwors Stimme klang wie
-einst der jauchzende Kriegsruf der alten Waräger. »In
-den Kampf! Mit denen da oben! Heißa! … Jetzt
-wehrt euch … Erik Truwor kommt … der Große
-kommt.«</p>
-
-<p>Atma sah, wie Erik Truwor den großen Strahler in
-den Rapid Flyer hob und alle Vorkehrungen traf, die
-Kabine zu verschließen. Betend faltete er die Hände.
-Er erhob sich von den Knien und ging mit ausgestreckten
-Händen auf Erik Truwor zu. Alle Kräfte seines Geistes
-waren aufs höchste gespannt. Alles, was sie herzugeben
-vermochten, konzentrierte er mit stärkster Energie auf
-den Willen, Erik Truwors verwirrten Geist zu zwingen.
-Die hypnotische Gewalt begann zu wirken.</p>
-
-<p>»Noch einmal hilf mir, du großer Gott. Gib meinem
-Herzen größere Kraft. Kraft, das kranke Herz zu zwingen
-und zu heilen. Dann nimm meine Seele dafür hin.«</p>
-
-<p>Erik Truwor hielt in seinen Bewegungen allmählich
-inne. Seine gestraffte Gestalt sank langsam in sich zusammen.
-Dann plötzlich schien er sich der fremden Kraft,
-die über ihn gekommen, bewußt zu werden. Er wandte
-den Kopf Atma zu. Ihre Blicke vergruben sich ineinander.
-Bewegungslos standen sich die beiden Männer gegenüber.
-Ein Zweikampf … furchtbar … stumm … Bebendes
-Hoffen zog durch Atmas Seele. Der Kampf war angenommen
-… Durchhalten! Sein Gebet war erhört! …
-Da … ein Wölkchen schob sich vor den roten Sonnenball
-und raubte sein Licht. Einen kurzen Augenblick
-nur … Da war es geschehen. In dem plötzlichen Halbdunkel
-verlor Atmas Blick die Schärfe … für einen
-Moment nur entglitt ihm die eben gewonnene Gewalt.</p>
-
-<p>»Ha … ha … haha …« Da war es wieder, das
-kurze, abgerissene Lachen des Wahnsinns.</p>
-
-<p>Mit einem Sprunge hatte sich Erik Truwor gedreht<span class="pagenum"><a id="Seite_331">[331]</a></span>
-und den bannenden Blicken Atmas entzogen. Mit
-schaurigem Hohngelächter sprang er in die Kabine und
-warf die Tür hinter sich zu.</p>
-
-<p>Zerbrochen, besiegt, geschlagen stand Atma. Der
-Rapid Flyer verließ den Boden und schoß in die Höhe.</p>
-
-<p>»Erik … Erik Truwor!« … Der Ruf Atmas verhallte
-ungehört in der eisigen Luft. Schon ward das
-Flugschiff klein und immer kleiner. Jetzt nur noch ein
-Punkt … Jetzt nicht mehr sichtbar.</p>
-
-<p>Demütig senkte Atma sein Haupt vor dem Willen des
-Schicksals. Er ging in den Berg zurück. Da fand er
-den Fernseher, fand den kleinen Strahler und suchte am
-dämmernden Himmel, bis das Bild des Flugschiffes gefaßt
-war und auf der Mattscheibe erschien. Da …
-Einen Kampf sahen seine Augen … Einen Kampf, wie
-ihn noch nie ein Sterblicher erschaut … Einen Kampf
-gelenkter und gebändigter Naturgewalt gegen die fessellosen
-Naturkräfte des Firmaments.</p>
-
-<p>Ein Schrei rang sich aus Atmas Brust … Entsetzen
-sprach aus seinen Zügen … Seine Zunge stammelte
-Gebet … Hilferuf … Er barg das Gesicht in den
-Händen, um das grausige Bild nicht weiter zu sehen.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die beiden großen amerikanischen Parteien der Sozialisten
-und der Plutokraten waren durch den Staatsstreich
-der Patrioten in gleicher Weise überrumpelt
-worden. Die ersten Tage nach dem Sturze Cyrus
-Stonards herrschte lähmende Überraschung und Verblüffung
-in ihren Reihen. Die Revolution war von
-einer dritten viel jüngeren und, wie sie meinten, viel
-schwächeren Partei gemacht worden. Aber sie mußten
-sehen, daß die Masse des Volkes diese Revolution gut
-hieß, mußten mit der Macht der Tatsachen rechnen.</p>
-
-<p>Es war den Führern der Linken klar, daß eine Revolution
-von ihrer Seite den schärfsten Widerstand der
-Rechten finden würde, daß sie sich nur nach blutigen<span class="pagenum"><a id="Seite_332">[332]</a></span>
-Bürgerkämpfen behaupten könnten. Genau so lagen die
-Dinge aber auch, wenn die Rechte einen neuen Staatsstreich
-unternahm. Und man wußte nicht, wie die unbekannte
-Macht sich zu blutigen Konflikten stellen würde.</p>
-
-<p>So waren die Patrioten in der Lage, ihr eigenes
-Programm ohne nennenswerte Widerstände durchzuführen.
-Viel glatter, schneller und besser, als es eine
-der anderen Parteien jemals gekannt hätte.</p>
-
-<p>Die amerikanische Presse aller Schattierungen erging
-sich in Reminiszenzen an frühere glückliche Zeiten im
-neunzehnten Jahrhundert, in denen Amerika das wahre
-Land der Freiheit gewesen, der Patriotismus allein den
-Ausschlag für alle politischen Handlungen gegeben
-hatte. Mit wenigen Ausnahmen wurden auch die Nachrufe
-für Cyrus Stonard dem gestürzten Diktator gerecht.
-Sie achteten seine Größe und gaben der Meinung Ausdruck,
-daß er das Beste des Landes gewollt, wenn auch
-seine Mittel nicht immer die richtigen waren.</p>
-
-<p>In der neuen Regierung übernahm Dr. Glossin das
-Portefeuille des Äußern. Er erhielt es wegen seiner
-Verdienste um die Durchführung der Revolution und
-seiner genauen Kenntnis der bisher getriebenen äußeren
-Politik der Vereinigten Staaten. Aber er fühlte vom
-ersten Tage seiner Amtsführung an, daß er auf unsicherem
-Boden stand. Die Patrioten hatten Cyrus
-Stonard stets bekämpft. Dr. Glossin war erst in der
-zwölften Stunde von ihm abgefallen, nachdem er so lange
-Jahre sein williges Werkzeug gewesen war. Das brachte
-ihn in den schlimmen Ruf eines Renegaten, heftete seinem
-Namen einen schweren Makel an.</p>
-
-<p>Nur ein glänzender Wahlsieg konnte ihn in seiner
-Stellung festigen. Deshalb hatte er sich in Neuyork
-im Trinity Church District aufstellen lassen. Dort hatte
-er seine Anhänger, und dort hoffte er durch geschickte
-Verhandlungen mit den Führern der Roten auch die
-Stimmen dieser Partei für sich zu gewinnen.</p>
-
-<p>Es war ein gefährlicher Boden, auf den er sich wagte.
-Nur die raffinierte Schlauheit eines Dr. Glossin konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_333">[333]</a></span>
-es wagen, die Stimmen einer fremden Partei im geheimen
-Einverständnis mit deren Führern zu erlisten. Er
-unternahm es, weil er darin die einzige Möglichkeit sah,
-sich in der Regierung zu halten.</p>
-
-<p>Der allzu Schlaue vergaß, daß es noch eine plutokratische
-Partei gab, die sich nach den Ereignissen des
-siebenten August von ihm düpiert fühlte und deren
-Spione die Vorgänge innerhalb der radikalen Linken
-sehr genau beobachteten. Er war von dem Ergebnis
-seiner letzten Besprechung mit den Führern der Linken
-befriedigt, als sein Kraftwagen ihn in der Abendstunde
-des zwanzigsten August über den Broadway fuhr.</p>
-
-<p>Eine neue Ausgabe der Abendzeitungen fesselte seine
-Aufmerksamkeit. Das Blatt der Neuyorker Konservativen.
-Er sah auf der ersten Seite ein Porträt, hörte,
-wie die Zeitungsboys die Überschriften ausriefen: »Aus
-dem Vorleben unseres Außenministers!!«</p>
-
-<p>Er ließ das Auto halten, um ein Blatt zu kaufen.
-Hörte, während er es erstand, aus dem Geschrei der
-Boys eine Fülle anderer Überschriften.</p>
-
-<p>»Bekommt von England nicht genug! … Die Millionen
-aus Japan! … Doppelspiel vom ersten Tage! …
-Englischer Abkunft! … Amerikanischer Bürger! …
-Japanischer Spion! … Der Bravo des Diktators! …
-Er verrät weiter! … Wen verrät er? … Das amerikanische
-Volk!«&nbsp;…</p>
-
-<p>Die Zeitungsboys hatten ihn nach dem Porträt erkannt
-und machten sich den Spaß, ihm die einzelnen
-Überschriften des Artikels zuzuschreien, bis der Kraftwagen
-ihn außer Hörweite brachte. Auf der Fahrt nach
-dem Flugplatz hatte er Zeit, den Aufsatz ganz zu lesen.
-Den kleingedruckten Text zwischen den fetten Überschriften.</p>
-
-<p>Der Mann, der das geschrieben hatte, mußte ihn und
-sein ganzes Vorleben unheimlich genau kennen. Da war
-keiner seiner schlimmen Streiche vergessen, keine seiner
-Verrätereien und Meinungsänderungen ausgelassen. In
-schlichter Sprache legte der Verfasser das Treiben<span class="pagenum"><a id="Seite_334">[334]</a></span>
-Glossins vom ersten Tage seiner Tätigkeit in San Franzisko
-bis zu seinem letzten Doppelspiel mit den Führern
-der Roten dar. Er deckte den Artikel mit seinem vollen
-Namen. Der konservative Politiker MacClaß genoß
-auch in den Kreisen seiner Parteigegner allgemeine
-Achtung.</p>
-
-<p>Dr. Glossin verließ seinen Wagen auf dem Flugplatz.
-Was tun? Eine neue Revolution versuchen? Offen
-mit den Roten zusammengehen? Er verwarf den Gedanken
-so schnell, wie er ihm gekommen war.</p>
-
-<p>Jetzt gerade nach Washington und den anderen die
-eiserne Stirn gezeigt! Hatte er nicht allein die Revolution
-gemacht? Was waren die anderen ohne ihn?
-Nie hätten sie zur rechten Zeit losgeschlagen. Nie wäre
-es ihnen gelungen, zur Macht zu kommen! Ihm verdankten
-sie alles. Mit ihm mußten sie weiter durch dick
-und dünn gehen, wenn sie an der Macht bleiben wollten.
-Was hatte schließlich ein Zeitungsartikel im Wahlkampf
-zu bedeuten?</p>
-
-<p>Mit festem Schritt betrat er das Sitzungszimmer im
-Weißen Hause. Kühle Worte und kühle Mienen. Es
-war klar, daß der Artikel von MacClaß hier bereits
-bekannt war. Deshalb zog er das Blatt aus der Tasche
-und warf es auf den Tisch.</p>
-
-<p>»Den Wisch kaufte ich vor einer Stunde auf dem
-Broadway. Schwindel natürlich! Alles Schwindel!«</p>
-
-<p>Drückendes Schweigen folgte seinen Worten. Bis
-William Baker die Frage stellte: »Alles&nbsp;…?«</p>
-
-<p>Das war der kritische Moment. Mit eiserner Stirn
-mußte Glossin sofort ein einziges Wort sagen: »Alles!«</p>
-
-<p>Als er den geraden durchdringenden Blick William
-Bakers auf sich ruhen fühlte, versagten ihm für einen
-Augenblick Entschlossenheit und Mut. Als sie ihm wiederkamen,
-war es für diese kurze knappe Antwort zu spät.
-Er mußte viele Worte machen. Den Gekränkten und
-Entrüsteten spielen.</p>
-
-<p>»Mr. Baker, ich hoffe, daß Sie diese Unterstellungen<span class="pagenum"><a id="Seite_335">[335]</a></span>
-nicht für wahr halten. Ich bin bereit, mich von jedem
-Verdacht zu reinigen.«</p>
-
-<p>»Es wäre im Interesse des Ansehens der Regierung
-sehr erwünscht, wenn Sie das könnten.«</p>
-
-<p>William Baker sprach die Worte langsam, während
-er eine Mappe ergriff, aufschlug und vor Glossin hinschob.</p>
-
-<p>Der Doktor warf einen Blick darauf, und der Herzschlag
-stockte ihm.</p>
-
-<p>Die Korrespondenz, die er bis in die letzten Tage drahtlos
-mit England geführt hatte. Chiffriert natürlich. Ein
-Dechiffreur von Gottes Gnaden hatte den geheimen
-Schlüssel rekonstruiert und alles entziffert. Hier standen
-die Depeschen, wie er sie aufgegeben und empfangen
-hatte. Daneben der wahre Sinn, der vernichtend für
-ihn war. Dann weiter seine Verhandlungen mit den
-Roten von Trinity Church. Dr. Glossin blätterte mechanisch
-weiter. Ein Bericht eben jenes MacClaß an
-den Beauftragten des amerikanischen Volkes William
-Baker.</p>
-
-<p>Dr. Glossin ließ sich auf dem nächsten Stuhl nieder.
-Er fühlte, daß sein Spiel verloren war. Wie aus weiter
-Ferne klangen die Worte William Bakers an sein Ohr:</p>
-
-<p>»Ihre Haltung bestätigt mir die Richtigkeit der Anklagen.
-Wir wollten nicht handeln, ohne Sie gehört zu
-haben. Was haben Sie zu sagen?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin schwieg.</p>
-
-<p>»Wir haben unsere Maßnahmen getroffen. Sie
-können aus diesem Zimmer als Untersuchungsgefangener
-des Staatsgerichtshofes hinausgehen … oder …
-als freier Mann, um sofort ein Flugschiff zu besteigen
-und die Union für immer zu verlassen. Wofür entscheiden
-Sie sich?«</p>
-
-<p>Dr. Glossin blickte um sich mit den Augen eines gehetzten
-Tieres. Von irgendeiner Stelle erwartete er
-Beistand … Hilfe … zum mindesten Mitleid. Und
-fand überall nur starre, abweisende Blicke. Er entschloß
-sich zur Antwort: »Für das letztere.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_336">[336]</a></span></p>
-
-<p>William Baker drückte auf einen Knopf.</p>
-
-<p>»Herr General Cole, lassen Sie Herrn Dr. Glossin zum
-Schiff bringen.«</p>
-
-<p>Der General nahm den Auftrag entgegen. Er winkte
-dem Arzt. Uniformen wurden sichtbar, als er die Tür
-zum Vorzimmer öffnete. Die Leute des Generals umringten
-den Doktor.</p>
-
-<p>General Cole ging zehn Schritte voraus. Er mied
-die Nähe des Verbannten. Mit schnellen Schritten erreichte
-er das Flugschiff und stand abseits, während seine
-Leute die Einschiffung Glossins überwachten. Anders
-als die Abfahrt Cyrus Stonards vollzog sich die Dr.
-Glossins.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Professor Raps saß in seinem Arbeitszimmer. Eine
-Anzahl von Dokumenten und Berichten bedeckte den
-großen Schreibtisch. Weiße Foliobogen lagen vor ihm.
-Die Feder ruhte in seiner Hand.</p>
-
-<p>Doch er kam nicht weit mit dem Schreiben. Seine
-Züge verrieten höchste geistige Anspannung. Seine
-Rechte bewegte die Feder, warf einige Zeilen in der
-großen charakteristischen Schrift auf das weiße Papier,
-um dann wieder mit dem Schreiben zu stocken.</p>
-
-<p>Er legte die Feder beiseite und griff nach einem
-Schriftstück, nahm ein zweites und drittes dazu. Überflog,
-las und verglich. Und dann plötzlich wichen die
-Falten, die seine Stirn furchten. Ein Leuchten der Befriedigung
-glitt über seine Züge … ein leiser Ruf entrang
-sich seinen Lippen: »So ist's!«</p>
-
-<p>Tiefatmend legte er sich in den Schreibstuhl zurück
-und deckte die Hand über die Augen. Noch einmal ließ
-er die Glieder der Kette, die er in angestrengter Arbeit
-aneinandergereiht hatte, vor sich vorüberziehen.</p>
-
-<p>Das erste Glied! Ein Bericht der Sternwarte von
-Halifax, datiert von dem gleichen Tage, an dem der
-Friedensvertrag zwischen England und Amerika unterzeichnet
-worden war. Um 8<em class="antiqua">h</em> 17<em class="antiqua">m</em> mitteleuropäischer<span class="pagenum"><a id="Seite_337">[337]</a></span>
-Zeit zwei schnell aufeinanderfolgende starke Explosionen
-in nördlicher Richtung in der Zone der Polarlichter.</p>
-
-<p>Die erste Explosion zeigte im spektroskopischen Bild die
-Linien des Kalziums und der Kieselsäure, die zweite diejenigen
-von Eisen und Aluminium. Die Astronomen
-von Halifax deuteten das Spektrogramm dahin, daß
-die zweite Explosion einen gewaltigen Brocken kosmischer
-Tonerde betroffen habe. Aber es fehlten die Sauerstofflinien,
-es waren nur Linien des reinen Aluminiums
-vorhanden&nbsp;…</p>
-
-<p>Professor Raps konnte sich der Meinung der Astronomen
-nicht anschließen. Nach dem Spektrogramm mußte
-reines Aluminium explodiert sein … und dann die
-Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Auch die sooft
-zitierte Duplizität der Ereignisse konnte hier nicht zur
-Erklärung herangezogen werden. Vor zwölf Stunden
-war dem deutschen Gelehrten an diesem toten Punkt
-der Untersuchungen das erstemal blitzartig der Gedanke
-gekommen: Das war eine Wirkung der Macht!
-Die Erscheinungen waren von der Macht verursachte
-Explosionen der Raumenergie. Aber waren sie gewollt?
-… Waren sie ungewollt geschehen? … Waren
-sie am Ende sogar gegen den Willen der Macht eingetreten?
-Ebensoviel unlösliche Rätsel wie Fragen.</p>
-
-<p>Die nächsten Glieder! Ein Funkentelegramm des
-deutschen Dampfers »Bismarck« aus dem Nordatlantik
-vom gleichen Tage: 40° 13′ nördlicher Breite 35° 17′
-westlicher Länge. Steuerbord voraus aufkochende See
-in 10 <em class="antiqua">km</em> Breite und 50 <em class="antiqua">km</em> Länge. Schwere Dampfwolken.
-Heißer Sprühregen auf Deck.</p>
-
-<p>Die Morgenzeitungen hatten den Bericht gebracht und
-Kommentare wissenschaftlicher Kapazitäten dazu gegeben.
-Nach den Vermutungen der Gelehrten handelte es sich
-um einen unterseeischen Vulkanausbruch.</p>
-
-<p>Professor Raps hatte die Depesche noch am vergangenen
-Abend gelesen. Er vermißte die genaue Zeitangabe
-und war deswegen auf die Redaktion gegangen.
-Man hatte sie ihm bereitwillig gegeben. 8<em class="antiqua">h</em> 13<em class="antiqua">m</em> abends.<span class="pagenum"><a id="Seite_338">[338]</a></span>
-Der Professor hatte das Originaltelegramm lange Zeit
-in der Hand behalten. Der Zusammenhang war zu
-frappant, zu augenfällig, um ihn nicht zu erschüttern.
-Und während er dort sinnend saß, hatte ihm der Redakteur
-eine andere eben einlaufende Depesche des
-Forest Department of Canada vorgelegt. Ein Bericht
-über einen schweren Waldbrand, bei dem mehrere tausend
-Hektar Urwald verascht worden waren. Das Merkwürdige
-war, daß das Feuer sich hier nicht allmählich
-weitergefressen hatte. Die ganze riesige Fläche mußte
-beinahe zur selben Zeit aufgeflammt und niedergebrannt
-sein.</p>
-
-<p>Dann hatte die Zeitung des späten Abends an dem
-gleichen Tage noch eine eigentümliche Meldung veröffentlicht.
-Einen Funkspruch der indischen Großstation
-zu Dehli.</p>
-
-<p>Plötzliche, überraschende Schneeschmelze im Himalaja.
-Ghahngak, Burh Ghandk und Damla werfen Hochwasser
-in den Ganges. Überschwemmung bei Hajipur.</p>
-
-<p>Die Morgenzeitungen des heutigen Tages hatten die
-Nachricht aus Dehli auch gebracht. Sie fügten aber eine
-zweite Depesche an, gleichfalls aus Dehli, daß die Schneeschmelze
-und das Hochwasser ebenso plötzlich, wie sie aufgetreten
-waren, auch wieder nachgelassen hätten.</p>
-
-<p>Das waren die hauptsächlichsten Nachrichten, die
-wichtigsten Glieder der Kette.</p>
-
-<p>Professor Raps hatte die Nacht keine Ruhe gefunden.
-Die Gedanken kamen und gingen während der Stunden
-von Mitternacht bis zum Sonnenaufgang. Sie überfielen
-ihn, drängten sich ihm auf, zwangen ihn wieder
-und immer wieder, diese Nachrichten zu überlegen, in
-Zusammenhang zu bringen. Als er sich am frühen
-Morgen erhob, hatte er eine Lösung gefunden. Es sind
-keine zufälligen Naturereignisse … es waren Wirkungen
-der Macht … Was war geschehen? … Raumenergie
-war an den verschiedensten Stellen der Erde fast gleichzeitig
-explodiert … Warum? … Weshalb? … Vor
-dem Friedensschluß wären diese Auswirkungen erklärlich<span class="pagenum"><a id="Seite_339">[339]</a></span>
-gewesen … Warum jetzt? … Jetzt war eine Probe
-der Macht nicht mehr nötig.</p>
-
-<p>In der neunten Morgenstunde hatte Professor Raps
-ein Telegramm aus Hammerfest bekommen. Auch dort
-waren die beiden Explosionen im Spektroskop beobachtet
-worden, und diese zweite Beobachtung bestätigte
-seine Schlußfolgerungen. Die letzte Explosion zeigte die
-Linien reinen Aluminiums.</p>
-
-<p>Was war der Zweck, was der Sinn aller dieser Erscheinungen
-… hatte es noch Sinn … war es am
-Ende auch sinnloser Kampf … hatte die Macht sich
-selbst bekämpft? … Drei waren es doch … drei sollten
-es sein? … Waren die drei Träger der Macht miteinander
-in Kampf geraten? Oder … war es Selbstvernichtung?
-… Selbstvernichtung? … Das Korrigens?
-»So ist's!« Der Ausruf entfuhr dem Gelehrten, als
-seine Schlußkette bis zu diesem Punkte geschmiedet war.
-Das Korrigens des alten Linnés hatte sich gezeigt. In
-gewaltsamem Ausbruch hatte sich die Natur von einem
-Druck befreit, der ihren ewigen Gesetzen entgegenwirkte
-… War es das? … Es mußte so sein.</p>
-
-<p>»So ist's! … So ist's gewesen.« Die Überzeugung
-dafür trug er in Kopf und Herz.</p>
-
-<p>Es war Zeit, ins Kolleg zu gehen, die Vorlesung über
-Elektrodynamik zu halten. Er verließ seine Wohnung
-und ging in die Hochschule.</p>
-
-<p>Er sprach und war selbst über den Schwung, über das
-Feuer seines Vortrages erstaunt. Er fühlte es, er
-merkte es an den Mienen der Zuhörer, daß er das Auditorium
-heute mehr denn je faszinierte. Es lebte und
-wirkte etwas in ihm, was ihn emporhob, was den
-logischen Schlüssen, den mathematischen Formeln seiner
-Vorlesung einen höheren Schwung gab. Und die
-Hörer fanden ihren Lehrer verändert, sahen, daß das
-feine ruhige Gelehrtengesicht heute in Entdeckerfreude
-glühte.</p>
-
-<p>Die Vorlesung war zu Ende. Professor Raps wollte
-das Katheder verlassen und sah, daß seine Hörer noch<span class="pagenum"><a id="Seite_340">[340]</a></span>
-etwas von ihm erwarteten, daß hundert Augenpaare
-fragend an seinen Mienen hingen. Und blieb noch einmal
-auf dem Katheder stehen, fühlte, wie seine Lippen
-sich unter einem inneren Zwang öffneten. Wußte nicht,
-wie es geschah, daß er die Worte sprach: »Meine Herren!
-<em class="antiqua">Natura non facit saltus!</em>«</p>
-
-<p>Stille herrschte im Hörsaal. Aber die Hörer sahen
-das Gesicht ihres Lehrers aufleuchten, sahen eine Verklärung
-auf seinen Zügen, und jeder von ihnen fühlte
-es: Hier hatte ein großer Geist in die weltbewegenden
-Ereignisse der letzten Tage hineingeschaut. Brausender
-Beifallsturm durchtobte den Saal, als der Professor das
-Katheder verließ.</p>
-
-<p>Die Abendblätter brachten bereits einen Bericht über
-die Vorgänge im Kolleg. Das Wort Linnés, das der
-Professor dort gesprochen, wurde um den Erdball gefunkt.</p>
-
-<p>Ein Blatt brachte die Nachricht, daß ein hoher Beamter
-der Reichsregierung den Professor bereits am
-Nachmittag in seiner Wohnung aufgesucht und eine
-längere Unterredung mit ihm gehabt hatte. Ein anderes
-wußte zu melden, daß die Vertreter der Reichsregierung
-danach bis spät in die Nacht hinein getagt hätten. Depeschen
-durchschwirrten die Welt. Die Konferenz der
-Reichsminister erwies sich als Tatsache und steigerte die
-Spannung.</p>
-
-<p>Was wußte Deutschland? … Kannte es das Geheimnis?</p>
-
-<p>Die Augen der ganzen Welt richteten sich plötzlich
-nach Deutschland. Man begann zu rechnen. Man überschlug
-die deutschen Machtmittel. Die wirtschaftliche
-Stärkung Deutschlands durch die Lieferungen des Englisch-Amerikanischen
-Krieges. Daneben die Schwächung
-der beiden kriegführenden Länder. Die Erschöpfung
-ihrer Kassen, der Verlust ihrer Flotten und sonstigen
-Kampfmittel.</p>
-
-<p>War Deutschland dem Geheimnis der Macht auf die
-Spur gekommen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_341">[341]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Als die Tür des Rapid Flyers ins Schloß fiel, ließ
-Erik Truwor die Turbinen anspringen. In jähem Aufstieg
-stürmte die Maschine in die Höhe, brachte Kilometer
-um Kilometer unter sich.</p>
-
-<p>Schon stand der Sonnenball, der dort unten bereits
-zur Hälfte vom Horizont verdeckt wurde, wieder frei
-über der Kimme. Schon höhlte sich die weitgestreckte
-Eiswüste wie eine ungeheure Mulde unter dem Flieger.</p>
-
-<p>Erik Truwor stand am Steuer und sah es … blickte
-dann wieder nach oben und ballte die Fäuste, als drohe
-er einem unsichtbaren Feind.</p>
-
-<p>Ein einziger Gedanke beherrschte sein krankes Gehirn:
-Nach oben … immer höher nach oben&nbsp;…</p>
-
-<p>Der Flieger stieg und stieg. Aber er war nur gebaut,
-eine Höhe von dreißig Kilometer zu erreichen, in ihr
-zu fliegen.</p>
-
-<p>Erik Truwor sah am Höhenmesser, daß die Maschine
-langsamer stieg, daß die Kraft der Turbinen nachließ.</p>
-
-<p>»Haha … haha …« Wieder entquoll jenes dumpfe
-schaurige Gelächter seinen Lippen.</p>
-
-<p>»Menschenwerk! … Tand … Sie können nicht
-weiter. Ihre Macht ist zu Ende … Aber ich, ich habe
-die Macht … haha … ich steige, bis ich euch unter mir
-habe … ihr da oben&nbsp;…«</p>
-
-<p>Mit geschickten Griffen entfernte er die Sperrungen an
-den Schalthebeln des Strahlers. Und konzentrierte dann
-die Energie in den Druckkammern der großen Turbinen.</p>
-
-<p>Schon war es geschehen, schon war die Wirkung zu
-merken. Die Turbinen, die bis dahin matt und unregelmäßig
-gelaufen waren, begannen sich in rasendem
-Wirbel zu drehen, rissen die Propeller in gleichem Tempo
-mit sich.</p>
-
-<p>Der Rapid Flyer stieg unaufhaltsam. Längst hatte
-er die Dreißigkilometerhöhe überschritten und war tief
-in die Zone der Polarlichter eingedrungen. Schon
-strahlte die Sonne wieder gelbweiß, die er so lange Tage
-nur in blutfarbenem Dämmerschein erblickt hatte. Schon
-stand sie hoch über der Kimme.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_342">[342]</a></span></p>
-
-<p>Der Rapid Flyer stieg, und das Land weitete sich.
-Schon waren hundert Kilometer erklommen. Die nördlichen
-Küstenstreifen der Kontinente wurden sichtbar,
-mehr zu ahnen als zu erblicken.</p>
-
-<p>Höher hinauf! … Immer höher! … Es war vergeblich,
-daß er die Turbinen bis zum Bersten mit
-Energie versah. Es war vergeblich, daß die Propeller,
-bis zum Zerreißen gespannt, in rasendem Spiel rotierten.
-Die Atmosphäre war in dieser Höhe zu dünn, um den
-Luftschrauben noch Halt, den Tragflächen Stütze zu
-geben. Über hundert Kilometer kam er mit der Maschine
-nicht hinauf.</p>
-
-<p>Wie hatte er auch hoffen können, mit diesem gebrechlichen
-Menschenwerk Höhen zu erreichen, aus denen er
-sein ganzes Reich zu übersehen vermochte. Etwas ganz
-anderes würde er bauen müssen. Eine Maschine, die,
-durch die Gewalt des Strahlers allein getrieben, raketenartig
-durch den Raum fuhr, die ihn in Sekunden
-Hunderte von Kilometern über die Erde erhob. Einen
-Himmelswagen, der neuen Macht … der neuen Gottheit
-würdig. Schade, daß Silvester tot war. Der hätte
-ihm die Maschine sicher und schnell gebaut.</p>
-
-<p>Unter dem rasenden Spiel der Propeller dröhnte und
-summte der metallene Rumpf des Rapid Flyers wie eine
-gespannte Saite. Jäh mischte sich ein scharfer Klang,
-ein harter Schlag in das Singen des Rumpfes. Erik
-Truwor trat einen Schritt zurück. Dicht neben ihm
-zeigte die Aluminiumwand eine schwere Einbeulung,
-als ob ein großer Stein sie von außen getroffen hätte.</p>
-
-<p>In das Dröhnen des getroffenen Rumpfes mischte sich
-das dumpfe schaurige Lachen Erik Truwors.</p>
-
-<p>»Ihr droht mir … ihr wagt mir zu drohen …
-ihr wagt mein Schiff zu berühren … wartet ihr …
-ihr … Ich werde euch brennen&nbsp;…«</p>
-
-<p>Ein neues Dröhnen, eine neue Beule im Rumpfe
-des Rapid Flyers. An der eingebeulten Stelle war
-das Metall bis zur Rißbildung gereckt. Noch ein
-wenig mehr, und der Rumpf wurde undicht, die Sauerstoffatmosphäre<span class="pagenum"><a id="Seite_343">[343]</a></span>
-seines Innern entwich in die luftleere
-Umgebung&nbsp;…</p>
-
-<p>Und dann ein drittes Mal. Eine neue schwere Einbeulung.</p>
-
-<p>Erik Truwors Geist begriff die fürchterliche Gefahr
-nicht mehr, in die er sich so mutwillig begeben hatte.
-Er war aus dem Schutze der dichteren Atmosphäre bis
-in jene fast luftleeren Höhen emporgestiegen, in denen
-der Erde der Schutz des Luftpolsters fehlt.</p>
-
-<p>Er sah nur unsichtbare feindliche Gewalten, die ihm
-die Macht entreißen wollten. Mit einem Sprunge war
-er am Strahler und ließ die telenergetische Konzentration
-nach allen Seiten um den Flieger kreisen. Die
-Turbinen, der Energie beraubt, ohne Verbrennungsluft,
-ohne Kraft, stellten die Arbeit ein. Schwer wie ein
-Stein fiel die Maschine im luftleeren Raum nach unten.</p>
-
-<p>Mit glühender Stirn und rollenden Augen stand
-Erik Truwor, die Hand am Strahler, und schleuderte
-dem Schicksal seine Herausforderung entgegen. Ein
-Bolide, ein Felsblock, viel größer als das Schiff, wurde
-vom Strahl gepackt, zischte auf und stand als feurige
-Dampfwolke im Raume.</p>
-
-<p>»Haha … birg dich, Schicksal! … Fliehe, Schicksal,
-sonst brenn ich dich!«</p>
-
-<p>Erik Truwor stieß die Worte, mit wahnsinnigem Gelächter
-vermischt, heraus, während er den energetischen
-Strahl kreisen ließ. Doch der freie Fall des Fliegers
-raubte ihm die Sicherheit der Bewegungen, machte die
-schon so schwierige Aufgabe, mit einem Strahl den
-halben Raum abzuschirmen, zu einer unlöslichen. Seine
-Hände vermochten den Strahl nicht mehr sicher zu
-meistern. Wildzuckend stieß er nach allen Seiten weithin
-durch den Raum. Jetzt traf er in Kanada einen
-Wald und fraß ihn in feurigem Wirbel. Jetzt ließ er
-auf den Gipfeln des Himalaja den Schnee aufkochen.
-Jetzt dampfte der Ozean, von der Energie durchsetzt.</p>
-
-<p>Das Flugschiff stürzte, während die Sekunden sich zur<span class="pagenum"><a id="Seite_344">[344]</a></span>
-Minute ballten. Schon wurde die Atmosphäre dichter,
-die Gefahr geringer.</p>
-
-<p>Da ein scharfer, greller Schlag. Ein Meteorit von
-Faustgröße durchbrach die Decke des Flugschiffes.
-Drang weiter vor und traf den Hebel des Strahlers.
-Erik Truwor hatte zu Beginn seiner wahnsinnigen
-Fahrt die Sperrungen entfernt. Der Hebel wurde zurückgetrieben.
-Über den Sperrpunkt hinaus … die
-Energie von zehn Millionen Kilowatt explodierte im
-Flugschiff, im Strahler selbst … Eine Feuerwolke,
-wo eben noch der Flieger durch den Raum stürzte.</p>
-
-<p>So schnell wie das Feuer am Himmel entstand, verschwand
-es auch wieder. Machte bläulichem Dampf
-Platz, der sich ausbreitete, auflöste und zu Nichts wurde.
-Nur das Nichts blieb übrig. Der leere Raum. Nichts
-mehr vom Rapid Flyer, von seinem Insassen und vom
-Strahler.</p>
-
-<p>Die letzten Ausläufer der schweren Explosion erreichten
-noch die unteren Schichten der Atmosphäre. Ein
-Sturm jagte über das Schneefeld und ließ die Flanken
-des Eisbergs erzittern. Ein Schüttern und Dröhnen
-ging durch das Eismassiv. Ein Aufruhr aller Elemente
-begleitete den Untergang dessen, dem das Schicksal eine
-so unendliche Macht anvertraut hatte.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Ein leuchtend schöner Septembermorgen lag über dem
-Park von Maitland Castle. Ein feiner blauer Dunst
-milderte das Sonnenlicht, gab den Wiesen und Baumgruppen
-eine besondere Tönung, ließ entfernte Dinge
-unwahrscheinlich nahe erscheinen.</p>
-
-<p>Der blaugoldene Frieden des lichten jungen Tages
-verschönte den Park, während seine Herrin in Sorge
-und Unruhe war. Diana Maitland wanderte rastlos
-durch die verschlungenen Wege der Anlagen. Heute
-wollte ihr Gatte kommen. Die Nachricht war in der
-Nacht eingetroffen. Der Friedensvertrag mit den vielen<span class="pagenum"><a id="Seite_345">[345]</a></span>
-Paragraphen und Anhängen war unterzeichnet. Der
-Herr von Maitland Castle kehrte in sein Haus zurück.</p>
-
-<p>Diana ging durch den Park, gedachte des letzten
-Zusammenseins, erwartete mit Unruhe das Kommende.</p>
-
-<p>Wie war es gewesen? Horace konnte sich nicht zu
-ihrer Meinung bekehren. Er sah nur Unheil in einer
-Macht, von der sie den Fortschritt und die Befreiung
-der Welt erwartete. Horace glaubte nicht an Menschen,
-die eine ungeheure Macht nur zum Besten der Menschheit
-anwenden würden. Horace sah im Träger der
-Macht nicht den vollkommenen Menschen, sondern einen
-Rivalen, der ihm das Herz seiner Gattin abwendig
-machte. Horace konnte die Person nicht von der Sache
-trennen. Horace war eifersüchtig … War es heute
-noch auf einen Mann, der vor Jahren einmal auf kurze
-Wochen in den Lebenskreis Dianas getreten war. Und
-Diana wußte nicht, wie sie ihm die Grundlosigkeit dieser
-Eifersucht beweisen sollte … Und fühlte doch in dieser
-Stunde stärker denn je, daß ihr Lord Horace Maitland
-alles, jener andere geheimnisvolle Träger einer geheimnisvollen
-Macht nur ein Schemen war. Nur noch eine
-Erinnerung an längst vergangene Tage bedeutete. Die
-Erinnerung an ein kurzes Glück, das unwiederbringlich
-dahin war. Eine Erinnerung, an die sie jetzt denken
-konnte wie an ein schönes Bild oder einen schönen Tag,
-während doch ihr Leben und ihre Liebe Horace gehörten.</p>
-
-<p>Ruhelos durchwanderte sie den Park und wußte selbst
-nicht, zum wievielten Male sie jetzt wieder an dem großen
-Eingangsportal vorüberkam.</p>
-
-<p>Eine Gestalt fesselte Dianas Aufmerksamkeit. Sie sah
-einen Mann dem Gitter näherkommen. Nun unterschied
-sie Einzelheiten, erkannte die dunkle, bronzefarbene
-Haut, dachte, das müsse wohl ein Inder sein. Und dann
-stand die Gestalt an dem Torflügel, der dem Druck
-seiner Hand nachgab. Stand auf dem Parkweg dicht
-vor Diana Maitland, grüßte sie durch eine tiefe stumme
-Verbeugung nach indischer Sitte.</p>
-
-<p>Diana blickte in sein Antlitz, sah in den Glanz eines<span class="pagenum"><a id="Seite_346">[346]</a></span>
-leuchtenden Augenpaares und fühlte, wie ihre Unrast
-einer wohltätigen Ruhe wich. Wohl eine Minute stand
-sie so vor ihm, die vornehme Lady, die Herrin von
-Maitland Castle, vor einem unbekannten braunen Mann,
-der ohne Erlaubnis in ihren Park kam … der …
-war denn das Tor nicht verschlossen? … Sollte es
-nicht immer verschlossen gehalten werden? … Kein
-Diener in der Nähe. Diana raffte sich zur Frage zusammen:</p>
-
-<p>»Was suchen Sie hier?«</p>
-
-<p>»Ich suche Jane Bursfeld.«</p>
-
-<p>In jähem Schreck zuckte Diana zusammen.</p>
-
-<p>»Was wollen Sie von Jane Bursfeld?«</p>
-
-<p>»Ich will ihr sagen, daß Silvester Bursfeld tot ist.«</p>
-
-<p>»Tot! … Silvester Bursfeld ist tot?«</p>
-
-<p>Ihre Blicke hingen wie gebannt an den glänzenden
-Augensternen des Inders. Was verbarg sich noch hinter
-dieser hohen Stirn?</p>
-
-<p>»Wer sind Sie?«</p>
-
-<p>»Ich bin Soma Atma, Silvester Bursfelds Freund.«</p>
-
-<p>Langsam, schwerflüssig wie die Perlen eines Rosenkranzes
-fielen die Worte von den Lippen des Inders,
-und bei jedem Wort wich Diana einen Schritt weiter
-von dem Sprechenden zurück, hob abwehrend die Hände,
-als schreckte sie vor jedem neuen Wort, das Atma sprach.</p>
-
-<p>»Sie sind Soma Atma? … Einer von den dreien?«</p>
-
-<p>»Der Letzte!«&nbsp;…</p>
-
-<p>»Der Letzte?«</p>
-
-<p>Schweigend neigte sich Atma, die Arme über der
-Brust verkreuzt.</p>
-
-<p>»Die anderen? … Wo sind sie?«</p>
-
-<p>»Tot!«&nbsp;…</p>
-
-<p>»Tot … beide tot? … Auch Erik Truwor tot?«&nbsp;…</p>
-
-<p>»Er frevelte und starb&nbsp;…«</p>
-
-<p>Mehr taumelnd als gehend erreichte Diana die nahe
-Bank. Sie hörte nicht das Signal des Autos, das ihren
-Gatten brachte. Sie sah nicht, wie er den Wagen verließ.
-Sie sah nicht, wie er verwundert … erstaunt<span class="pagenum"><a id="Seite_347">[347]</a></span>
-stehenblieb, wie Atma an seine Seite trat und beide
-auf dem Wege, der zum Schloß führte, hin und her
-gingen. Sie gewann die Herrschaft über ihre Sinne
-erst wieder, als der Ruf ihres Gatten ihr Ohr traf.</p>
-
-<p>»Diana! … Diana!«</p>
-
-<p>Hatte die Kunde von dem gewaltsamen sündigen Tod
-Erik Truwors Diana niedergeworfen, oder war es nur
-die Wucht aller dieser Ereignisse und Nachrichten, die
-so plötzlich auf sie einstürmten? Lord Horace wußte es
-nicht, aber er fühlte, daß die nächsten Minuten ihm die
-Klarheit darüber bringen müßten.</p>
-
-<p>Diana vernahm den Ruf und schrak auf. Schmerzzerrissen,
-mit verstörten Augen blickte sie ihren Gatten
-an. Wie einen Unbekannten.</p>
-
-<p>»Horace! … Horace!«</p>
-
-<p>Das war der Ruf einer Seele aus tiefster Not.</p>
-
-<p>»Horace … du! … du!«</p>
-
-<p>Lord Maitland legte die Arme um Dianas Leib. Er
-fühlte ihr Herz an seiner Brust in wilden Schlägen
-toben. Er fühlte, wie ihre Glieder zitterten und bebten.</p>
-
-<p>»Diana … was&nbsp;…«</p>
-
-<p>Behutsam und fürsorglich führte Lord Maitland
-Diana zu der Bank zurück. Er wollte sprechen und kam
-nicht dazu. Sein Weib hing an seinem Hals, umschlang
-ihn mit den Armen, als ob sie ihn erdrücken … als
-ob sie ihn nie wieder lassen wolle.</p>
-
-<p>Ein frohes Leuchten kam in seine Augen.</p>
-
-<p>»Diana?« halb Frage, halb Jubel lag in dem einen
-Wort. Er versuchte es, die Arme, die ihn so fest umschlungen
-hielten, sanft zu lösen, ihr Gesicht zu sich zu
-erheben. Sie widerstand ihm. Nur noch fester umschlangen
-ihre Arme seinen Nacken, nur noch enger
-preßte sie ihr Herz an das seine.</p>
-
-<p>Und da wußte Lord Maitland: Sie war sein und
-immer sein gewesen. Mit frohen Augen blickte er zu
-der strahlenden Morgensonne empor, Diana fest in den
-Armen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_348">[348]</a></span></p>
-
-<p>So saßen sie eng umschlungen, vergaßen die Welt
-um sich, vergaßen die Zeit, die rastlos verstrich. Bis der
-Sonnenglanz sich trübte, ein Schatten auf ihre leuchtenden
-Gestalten fiel. Der Schatten Atmas, der dicht
-vor ihnen stand. Die Gegenwart Atmas brachte sie in
-Raum und Zeit zurück.</p>
-
-<p>»Wo ist Jane Bursfeld?«</p>
-
-<p>Wie ein kaltes Wehen strich es über ihre glühenden
-Herzen.</p>
-
-<p>»Jane?« … Diana sprang auf.</p>
-
-<p>»Arme Jane! Ich will Euch zu ihr führen.«</p>
-
-<p>Langsam und zögernden Schrittes ging sie vor den
-beiden Männern nach der Blutbuche hin, bei der sie
-Jane wußte. Bei dem Klang der nahenden Schritte
-blickte Jane empor. Ihre Augen wanderten von dem
-einen zum anderen. Dann erkannte sie Atma, sprang
-auf und lief ihm entgegen.</p>
-
-<p>»Atma! Atma! Du … du hier?«</p>
-
-<p>Glück und Freude strahlten auf ihren Mienen.</p>
-
-<p>»Atma, du bist hier? Wo ist Silvester? Wo hast du
-Silvester? .. Wann kommt er? .. Wann holt er mich?«</p>
-
-<p>Atma stand unbeweglich. Mit beiden Armen hatte er
-die Gestalt Janes aufgefangen, als sie ihm entgegenlief.
-Sie hing an seinem Halse. Er hielt sie nur noch
-mit der Linken umschlungen. Drückte die Linke fest
-auf ihr Herz, während er mit der Rechten das zarte
-blonde Haupt auf seine Schulter niederzog, ihr langsam
-über Stirn und Augen strich. Langsam, wie schwere
-Tropfen fielen die Worte von seinen Lippen: »Silvester
-… dein Mann … ist tot.«</p>
-
-<p>Jane zuckte zusammen. Regungslos lag sie da im
-Arm Atmas, ließ sich von ihm zu der Bank führen, saß
-immer noch in seinem Arm neben ihm.</p>
-
-<p>»Silvester Bursfeld ist tot.«</p>
-
-<p>In der Stille des Herbstmorgens drangen die Worte
-bis an das Ohr Dianas, die sich an den Arm ihres
-Gatten klammerte.</p>
-
-<p>Und noch ein drittes Mal wiederholte Atma die<span class="pagenum"><a id="Seite_349">[349]</a></span>
-traurige Kunde, während seine Linke das stockende
-Herz Janes zusammenpreßte.</p>
-
-<p>»Silvester Bursfeld, dein Gatte, ist tot.«</p>
-
-<p>Jane Bursfeld hörte die Worte, ohne zu weinen, zu
-klagen. Langsam hob sie ihr blasses Haupt, starrte in
-den sonnigen Himmel, blickte, sann und hörte, was
-Atma sprach.</p>
-
-<p>Von der letzten Stunde Silvesters sprach Atma. Wie
-ihm der letzte große Wurf gelungen. Wie er seine Entdeckung
-zur höchsten Vollendung gebracht.</p>
-
-<p>Die starre Unbewegtheit Janes wurde durch ein leises
-Zittern erschüttert.</p>
-
-<p>Weiter sprach Atma. Daß Silvester dahingegangen
-sei, die letzte Botschaft Janes im Herzen. Wie sie ihn
-fanden, im Tode noch ein Lächeln auf den Lippen, den
-Depeschenstreifen in den erstarrten Händen.</p>
-
-<p>Jane hörte es, und ihr starrer Blick leuchtete auf.
-Ihre Lippen zuckten noch, ihre Mienen wurden ruhiger.</p>
-
-<p>Atma sprach, und langsam ließ der Druck seiner Hand
-auf ihr tief und gleichmäßig pochendes Herz nach.</p>
-
-<p>»Sein Name und sein Ruf leben in deinem Schoß
-fort. Sorge für Silvester, indem du für sein Kind
-sorgst und lebst&nbsp;…«</p>
-
-<p>Er ließ seine Arme sinken. Frei stand Jane vor ihm.
-Doch sein gewaltiger Einfluß wirkte weiter. All ihr
-Fühlen, alle ihre Gedanken konzentrierte er auf das keimende
-Leben in ihrem Schoß.</p>
-
-<p>Ein Lächeln trat auf ihre Züge. Ihr Antlitz gewann
-die zarte Röte wieder. So schritt sie an Soma Atma
-vorbei. So an Lord Horace und Lady Diana vorüber
-dem Schloß zu.</p>
-
-<p>In den Armen Atmas hatte sie das Furchtbare des
-ersten Schmerzes überstanden. Ihr künftiges Leben,
-ihre ganze Zukunft war dem Erben Silvesters, dem
-Erben der Macht geweiht.</p>
-
-<p>Diana Maitland sah Jane auf das Haus zugehen.
-Sie zitterte unter dem Eindruck der Szene. Sie hatte
-gefürchtet, Jane weinen, Jane niederbrechen, Jane<span class="pagenum"><a id="Seite_350">[350]</a></span>
-sterben zu sehen. Und sah sie ruhig und gefaßt fortschreiten.</p>
-
-<p>Sie fühlte die eigenen Knie wanken und stützte sich
-fester auf den Arm ihres Gatten.</p>
-
-<p>Atma schritt langsam Jane Bursfeld nach. Er kam
-an Lady Diana und Lord Horace vorüber. Sein Schritt
-verzögerte sich. Er blieb stehen.</p>
-
-<p>Sein Blick umfaßte die Gestalt Dianas, wie er vorher
-auf der Janes geruht hatte. Voll öffneten sich seine
-Lippen. Glanz strahlte aus seinen Blicken. Langsam
-sprach er … stockend, abgerissen, wie von einer fremden
-Macht getrieben:</p>
-
-<p>»Gesegnet ist das Haus. Die Erben zweier Geschlechter
-werden in seinen Mauern geboren … Sorgt
-für sie! … Hütet sie! … Sie tragen die Zukunft …
-das Schicksal bestimmt sie zu … Großem&nbsp;…!«</p>
-
-<p>Er ging weiter&nbsp;…</p>
-
-<p>»Diana! Was sagte der Inder? … Was meinte
-er … Zwei Erben!«</p>
-
-<p>Diana Maitland hatte den Blick zu Boden gerichtet.
-Lord Horace zwang sie mit sanfter Gewalt, den Kopf
-zu erheben, ihn anzusehen.</p>
-
-<p>»Zwei Erben! Diana! Was meinte Atma?«</p>
-
-<p>»Er sah und sagte, was ist.«</p>
-
-<p>»Diana!«</p>
-
-<p>»Horace!«</p>
-
-<p>Es waren nur zwei Worte, zwei kurze Namen. Aber
-in ihnen lag ihre Zukunft.</p>
-
-<p>So zärtlich und behutsam führte Lord Horace Lady
-Diana dem alten Stammschloß der Maitlands zu, als
-habe er den kostbarsten Schatz im Arm.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Dreifach hatte das Schicksal Glossin getroffen. Ehrlos,
-machtlos und mittellos mußte er die Staaten verlassen.
-Zu spät begriff der sonst so Schlaue, daß die Zeit für die
-Methoden und die Moral der Gewaltherrschaft vorüber<span class="pagenum"><a id="Seite_351">[351]</a></span>
-war, daß Männer mit anderen Grundsätzen das
-Regierungssteuer ergriffen hatten.</p>
-
-<p>Aus der Macht war er gestoßen, die zwanzig Jahre
-sein Element war, ohne die er nicht leben und atmen zu
-können glaubte. Die Millionen, die er in den Jahren
-der Macht errafft und an sich gebracht hatte, waren
-ihm genommen. Gerade so viel blieb ihm nach den
-Worten und dem Willen William Bakers, daß er bei
-England nicht zu betteln brauchte, um sein Leben zu
-fristen.</p>
-
-<p>So kam er nach England zurück. Am Morgen nach
-jener Sturmnacht, in der die empörten Patrioten ihn
-aus Washington verjagten. Nur noch ein Gefühl hielt
-den Willen zum Leben in ihm aufrecht, fesselte ihn an
-das Leben. Seine Liebe zu Jane Bursfeld.</p>
-
-<p>Jane war im Hause der Maitlands. Sollte er sich
-jetzt, ein verfemter Flüchtling, dort zeigen? Sollte
-er vor Lord Horace hintreten, das Mädchen, das er dort
-als seine Nichte gelassen, zurückverlangen?</p>
-
-<p>Diese Fragen waren heikel. Zu viel war seit dem Tage,
-an dem er das Versprechen erhielt, geschehen. Die
-unbekannte Macht war aufgetreten, und ihr Auftreten
-hätte den Sturz des Diktators wohl auch ohne Glossin
-bewirkt. Der Umstand mußte auf die Größe der englischen
-Dankbarkeit verringernd wirken.</p>
-
-<p>Eile tat not. An dem gleichen Morgen, an dem
-Soma Atma in Maitland-Castle war, kam Glossin dort
-an. Seine Kenntnis der Örtlichkeit ermöglichte es ihm,
-den Park ungesehen zu betreten, sich auf dicht verwachsenen
-Seitenwegen dem Schloß zu nähern. Sein
-Plan war überaus einfach, daß er zu jeder anderen
-Stunde sicher gelingen mußte. Sich Jane unbeobachtet
-nähern. Sie wieder voll unter seinen Einfluß zwingen.
-Mit ihr zusammen den Park verlassen. Und dann
-schnell fort. Weit fort aus England in irgendein
-fremdes Land, in dem man Dr. Glossin nicht kannte,
-in dem er, Jane an der Seite, auch mit den Trümmern
-seines einstigen Reichtums immer noch leben konnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_352">[352]</a></span></p>
-
-<p>Dr. Glossin kam dem Schloß immer näher. Der
-schmale windungsreiche Weg führte zu einem achteckigen
-Pavillon. Von der anderen Seite dieses Gebäudes
-lief ein breiterer Weg aus dem Park auf eine
-wiesenartige Lichtung, und dort unter einer großen
-Blutbuche sah er Jane allein sitzen.</p>
-
-<p>Dr. Glossin stand und verschlang das anmutige Bild
-mit den Blicken. Er stand am Ziel seiner Wünsche.</p>
-
-<p>Vorsichtig wollte er näher gehen. Den Plan ausführen,
-Jane in seine Gewalt bringen.</p>
-
-<p>Der Klang von Stimmen, das Geräusch nahender
-Schritte zwang ihn, stehenzubleiben. Schritt um
-Schritt zurückzuweichen, vor den Blicken der Nahenden
-Deckung hinter den Bäumen am Pavillon zu nehmen.</p>
-
-<p>Er sah Lord Horace den Weg vom Schloß herankommen.
-An seiner Seite einen Mann mit brauner
-Hautfarbe. Den Mann, dessen Signalement er seit der
-Affäre von Sing-Sing kannte, dessen Bild ihm seit dem
-Untergang von R. F. c. 2 so oft drohend und düster
-in die Erinnerung gekommen war.</p>
-
-<p>Atma ging allein auf Jane zu.</p>
-
-<p>Glossin drückte gegen die Tür des Pavillons. Sie war
-nicht verschlossen und gab dem Druck nach. Er schlüpfte
-hinein und zog die Tür hinter sich wieder zu. Halbdunkel
-herrschte hier. Die Jalousien an den Fenstern
-waren hinabgelassen. Nur durch die Spalten zwischen
-den Stäben drang das Tageslicht in den Raum und
-erfüllte ihn mit einer ungewissen Dämmerung.</p>
-
-<p>Dr. Glossin trat an ein Fenster und beobachtete durch
-einen Spalt, was im Park vorging.</p>
-
-<p>Er sah, wie Atma Jane fest in die Arme nahm. Er
-sah sie auf das Schloß zugehen und erkannte mit dem
-Blicke des Arztes, daß sie gesegneten Leibes war. Er
-taumelte vom Fenster zurück und ließ sich in dem
-dämmerigen Raum auf einer Gartenbank niedersinken.
-Die letzte Hoffnung, die ihn noch an das Leben band,
-war entschwunden. Jane war ihm verloren. Sie würde
-dem anderen, dem Verhaßten, den Erben schenken.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_353">[353]</a></span></p>
-
-<p>Es war Zeit, ein Ende zu machen.</p>
-
-<p>Jahre hindurch hatte Dr. Glossin mit der Möglichkeit,
-ja mit der Notwendigkeit eines freiwilligen Todes gerechnet.
-Die verschiedenen Todesarten wohlüberlegt,
-die Mittel dafür beschafft.</p>
-
-<p>Gifte, die momentan und schmerzlos wirken. Narkotika,
-die einen angenehmen Schlummer erzeugen, der
-unmerklich in den Todesschlaf übergeht. Der plötzliche
-Sturz, die jähe Verbannung und Flucht hatten ihn
-aller dieser Mittel beraubt. Nur die kleine Schußwaffe
-blieb ihm, die er immer mit sich führte, die er
-einst auf Silvester abdrückte.</p>
-
-<p>Er riß sie heraus und richtete sie mit schnellem Entschluß
-gegen die eigene Brust.</p>
-
-<p>Der Schuß dröhnte durch den kleinen Raum. Der
-Körper Glossins sank zusammen, streckte sich, fiel von der
-Bank auf den Steinboden&nbsp;…</p>
-
-<p>In dem gleichen Moment, in dem Atma den Raum
-betrat.</p>
-
-<p>»Die Stunde ist gekommen.«</p>
-
-<p>Atma sprach es mit leiser Stimme, während er den
-Körper des Sterbenden auf der Bank bettete.</p>
-
-<p>Er strich ihm über die Augen und Schläfen, und das
-Blut aus der Brustwunde floß langsamer, stockte.</p>
-
-<p>Nur noch in langen Pausen fiel es Tropfen für
-Tropfen auf den Boden. Traumhaft, nebelhaft kam dem
-Verletzten das Bewußtsein zurück. Vor seinen geschlossenen
-Augen gaukelten Gestalten wirr durcheinander.</p>
-
-<p>Cyrus Stonard, den er verraten, stand vor ihm und
-blickte ihn mit Verachtung an. Wandelte sich dann in
-die Gestalt William Bakers und wandte ihm mit der
-gleichen Verachtung den Rücken.</p>
-
-<p>Immer dichter, immer zahlreicher wurden die Gestalten,
-Menschen, die er vor langen Jahren bekämpft,
-verraten, verdorben hatte. Sie tauchten aus dem
-dämmernden Nebel, blickten ihn an und verschwanden
-wieder.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_354">[354]</a></span></p>
-
-<p>Dr. Glossin versuchte der Traumbilder Herr zu
-werden. Mit verzweifelter Anstrengung zwang er sich
-zum Denken.</p>
-
-<p>… Ich habe mich schlecht getroffen … Stockender
-Puls … Delirien der beginnenden Auflösung&nbsp;…</p>
-
-<p>Seine Gedanken verjagten den Spuk. Alle diese
-huschenden, blickenden und anklagenden Gestalten verschwanden.
-Nur ein matter, blasser Nebel blieb ihm
-vor den Augen.</p>
-
-<p>Die Zeit verrann. Der Sterbende wußte nicht mehr,
-ob es Sekunden oder Jahrhunderte waren.</p>
-
-<p>Der Nebel begann zu wallen. Eine neue Gestalt bildete
-sich in ihm.</p>
-
-<p>Glossin sah zwei Augen, die ihn ruhig anblickten, ihm
-so wohlbekannt erschienen, ihn an lange vergangene
-Zeiten erinnerten.</p>
-
-<p>Der wallende Nebel verdichtete sich. Formte Gesichtszüge
-um die einsamen Augen. Eine hohe Stirn, einen
-blonden Bart.</p>
-
-<p>So hatte Gerhard Bursfeld vor dreißig Jahren ausgesehen.
-Jetzt trat auch die ganze Gestalt hervor. Im
-weißschimmernden Tropenanzug, den er damals in
-Mesopotamien trug.</p>
-
-<p>Glossin suchte sich der Erscheinung zu entziehen. Ich
-muß die Augen aufmachen, dann wird alles verschwinden.</p>
-
-<p>Mit unendlicher Mühe versuchte er die Lider zu
-heben, glaubte, daß es ihm gelungen sei. Er empfing
-einen Eindruck des Raumes, der Pfeiler und Fenster.
-Aber die Gestalt Gerhard Bursfelds verschwand nicht.
-Sie wurde nur undeutlicher, halb durchsichtig, so daß
-die Möbel des Raumes hinter der Figur wie durch einen
-Schleier zu erkennen waren.</p>
-
-<p>Und dann eine zweite Gestalt neben der ersten. Die
-Gesichtszüge bis auf den Bart die gleichen. Die Augen
-dieselben. Fragend und anklagend.</p>
-
-<p>Silvester Bursfeld, so wie ihn Dr. Glossin das letztemal
-sah, als R. F. c. 2 im Feuer des Strahlers schmolz.</p>
-
-<p>Die Gestalt des Sohnes neben der des Vaters. Deutlicher,<span class="pagenum"><a id="Seite_355">[355]</a></span>
-weniger durchsichtig. Der Vater an ein altes,
-schon verblaßtes Bild gemahnend, der Sohn in den
-frischen Farben des Lebens. Sich umschlingend, standen
-die beiden Gestalten vor ihm.</p>
-
-<p>Glossin fühlte, wie sein Leben entfloh. Er machte keine
-Anstrengung, es zu halten. Er sehnte sich fort von allen
-quälenden Bildern und Erinnerungen in ein Land des
-Vergessens, des Nichtwissens.</p>
-
-<p>Die beiden Gestalten blieben. Eine dritte trat hinzu.
-Die braune Figur eines Inders. In dem dunklen Antlitz
-standen groß und strahlend die Augen, ruhten mit
-bannender Gewalt auf dem Sterbenden.</p>
-
-<p>Nun war es, als ob Atma, der Inder, alle Gedanken
-Glossins mitfühlte, als ob beide Gehirne zu einem verschmolzen.</p>
-
-<p>Stärker wurde die Sehnsucht des Sterbenden nach
-wunschloser Ruhe.</p>
-
-<p>»Du suchst das Nirwana. Du bist ihm fern.«</p>
-
-<p>Kein Wort war im Raum gefallen, und doch hatte
-Dr. Glossin den deutlichen Eindruck der Worte:</p>
-
-<p>»Die Stunde ist gekommen.«</p>
-
-<p>Laut sprach Atma die Worte. Das stockende Blut
-begann wieder zu fließen, und mit dem roten Strom
-entwich das Leben. Ein Seufzer, ein letztes Zucken.
-Glossin war in das dunkle Land gegangen, aus dem es
-keine Wiederkehr gibt.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die Sonne war unter den Horizont gegangen, und
-die Schatten beginnender Dämmerung breiteten sich
-über die Straßen und Häuser Düsseldorfs aus. In dem
-alten, bequemen Lehnstuhl am Fenster saß der alte Termölen,
-die lange Pfeife zwischen den Lippen, und stieß
-in langen Pausen kräuselnde Wolken bläulichen Rauches
-in den Raum. Frau Luise ging ordnend im Zimmer
-hin und her.</p>
-
-<p>Jane Bursfeld hatte ihren Platz auf der breiten Bank,
-die den mächtigen Delfter Ofen umzog.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_356">[356]</a></span></p>
-
-<p>Das ungewisse Zwielicht verbot das Lesen, und Jane
-ließ ihr Buch sinken. Sie saß und hörte auf die Worte,
-die der alte Termölen zwischen den Dampfwolken von
-den Lippen fallen ließ.</p>
-
-<p>»Das Rad dreht sich, Jane. Sprach nicht dein
-Freund, der Inder, immer davon?«</p>
-
-<p>Jane blickte sinnend auf.</p>
-
-<p>»Er sprach davon. Vom Rad des Lebens, auf das wir
-alle gebunden sind.«</p>
-
-<p>»So mein ich es nicht, Jane. Ich meine das
-Rad der Weltgeschichte, das die Völker herauf- und
-herunterbringt. … Heute ist die Berliner Konferenz
-zu Ende gegangen … Wie weit muß ich zurückdenken
-… bis in meine früheste Kindheit … Meine Eltern
-sprachen von Bismarck und vom alten Kaiser … später
-hörte ich von der Berliner Konferenz, die unter dem Vorsitze
-des Fürsten Bismarck getagt hatte … Anno 1879
-… Die Staatsmänner Europas kamen in Berlin zusammen,
-berieten im Herzen Europas über das Schicksal
-ihres Erdteiles … Jetzt war wieder eine Konferenz in
-Berlin, Sechsundsiebzig Jahre später. Was ist in den
-sechsundsiebzig Jahren alles passiert.«</p>
-
-<p>Andreas Termölen machte sich mit seiner Pfeife zu
-schaffen. Jane nahm den Faden seiner Rede auf.</p>
-
-<p>»Lord Horace war nicht in froher Laune, als er vor
-vierzehn Tagen mit mir nach Deutschland fuhr. Er
-war ernster als ich ihn sonst kannte.«</p>
-
-<p>»Das glaube ich dir aufs Wort, Hannchen. Die
-Engländer haben keinen Grund, fröhlich zu sein. Sie
-dachten, was Englisch spricht, gehört auch zum englischen
-Weltreich. Australien, Afrika, Amerika … alle Weltteile
-wurden englisch, und sie dachten, das würde in aller
-Ewigkeit so bleiben. Sie hatten das Schicksal von Spanien
-und Portugal vergessen. Glaubten, die gemeinsame
-Sprache und Sitte müßten die Kolonien ewig an
-London binden.</p>
-
-<p>Jetzt ist das ganz anders gekommen. Die Kolonien<span class="pagenum"><a id="Seite_357">[357]</a></span>
-verlangen ihre volle Selbständigkeit, und das Mutterland
-hat sie nicht halten können.</p>
-
-<p>Die Welt gehört den <em class="antiqua">English speakers</em>! Das Wort
-kam wohl so um 1900 auf und schien mit jedem folgenden
-Jahrzehnt immer mehr Wahrheit zu werden&nbsp;…«</p>
-
-<p>Die Gedanken des alten Termölen flogen die Jahrzehnte
-zurück.</p>
-
-<p>»1904 … wir waren damals im ersten Jahr verheiratet
-… da ging der Kampf in Ostasien los. Zur
-höheren Ehre Englands schlug der Japaner den Russen.</p>
-
-<p>Und dann kamen die Balkankriege … und dann kam
-der große Weltbrand Anno 14 bis 18&nbsp;…«</p>
-
-<p>Es war immer dämmriger in dem Raum geworden.
-Schon warfen die Straßenlaternen ihre Lichtreflexe
-gegen die Zimmerdecke. Schweigend saßen die beiden
-Frauen und lauschten den Worten des alten Mannes,
-der abgerissen die Erinnerungen seiner achtzig Jahre
-vorüberziehen ließ.</p>
-
-<p>»… und da waren wir ganz unten. Man wußte in
-Deutschland nichts mehr von Bismarck und seinem Vermächtnis.
-Die anderen im Osten und Westen machten
-mit uns, was sie wollten, solange wir es uns gefallen
-ließen … gefallen lassen mußten … Europa war
-krank, weil sein Herz krank war. Die Welt gehörte den
-<em class="antiqua">English speakers</em>&nbsp;…</p>
-
-<p>Und dann kam Rußland wieder hoch&nbsp;…</p>
-
-<p>Und dann ging es im fernen Osten los. Der Japs
-überrannte den Amerikaner&nbsp;…</p>
-
-<p>Und dann kam die amerikanische Revolution … und
-dann kam Cyrus Stonard&nbsp;…</p>
-
-<p>Und dann kam der Englisch-Amerikanische Krieg …
-und dann kam die Macht … Die geheimnisvolle Macht.
-… Wie ein Komet glänzte sie plötzlich auf&nbsp;…«</p>
-
-<p>Verhaltenes Schluchzen unterbrach das Selbstgespräch
-des alten Termölen. Es war Jane, die, von der Erinnerung
-an ihr kurzes Glück überwältigt, die Tränen nicht
-zurückhalten konnte.</p>
-
-<p>»Silvester … Erik Truwor … Soma Atma …<span class="pagenum"><a id="Seite_358">[358]</a></span>
-Wo sind sie? … Wo sind sie geblieben? Silvester
-ist tot, mir auf immer entrissen … Erik Truwor ging
-in Sturm und Brand zugrunde … Die Macht ist verschwunden,
-wie sie kam&nbsp;…«</p>
-
-<p>Der alte Termölen antwortete:</p>
-
-<p>»Verschwunden … vielleicht … verloren …?
-Es waren drei … drei Träger der Macht. Zwei sind
-tot. Der dritte, der Inder, lebt noch&nbsp;…«</p>
-
-<p>»Ja! Einer von den dreien blieb übrig.« Jane sagte
-es. »Soma Atma blieb am Leben, während
-Silvester sterben mußte … Soma Atma. Warum …
-warum&nbsp;…?«</p>
-
-<p>»Weil sein Geschick noch nicht erfüllt ist&nbsp;…«</p>
-
-<p>Eine andere Stimme sprach die Worte, Jane wohlvertraut.</p>
-
-<p>»Atma! … Soma Atma, bist du hier?«</p>
-
-<p>Jane richtete sich auf, blickte gegen die Tür und
-meinte im letzten Dämmerschein die dunkle Gestalt
-Atmas vor sich zu sehen.</p>
-
-<p>»Atma, du?«</p>
-
-<p>»Ich bin hier, Jane. Ich bin bei dir. Mein Schicksal
-ist noch nicht erfüllt. Ich muß dir zur Seite stehen, bis
-der Erbe Silvesters sein Schicksal selber formt. Die Macht
-ist nicht verloren. Nur verwahrt und verborgen, bis
-der kommt, der mit reinem Herzen und mit reinen
-Händen nach ihr greift.«</p>
-
-<p>Jane hörte die Stimme, fühlte, wie eine dunkle Hand
-sanft über ihren Scheitel strich, wie irgend etwas leise
-in ihren Schoß fiel. Sah die Gestalt Atmas nach der
-Tür zu lautlos verschwinden, wie sie gekommen.</p>
-
-<p>Sie blickte um sich. Da saß der alte Termölen, wie
-er noch eben gesessen. Auf die dämmrige Straße
-schauend, auf der sich die ersten Lichter entzündeten. Da
-schaffte die alte Frau nach wie vor an den Tassen und
-Gläsern der Servante.</p>
-
-<p>Jane wußte nicht, ob sie wache oder träume. War
-das alles nur ein Spiel ihrer überreizten Sinne oder
-Wirklichkeit?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_359">[359]</a></span></p>
-
-<p>Noch hörte sie die letzten Worte Atmas im Ohr
-klingen:</p>
-
-<p>»Bis einer kommt, der mit reinem Herzen und mit
-reinen Händen nach der Macht greift.«</p>
-
-<p>Sie dachte ihres Kindes, das hier nach dem Vermächtnis
-Silvesters in der alten deutschen Heimat aufwachsen
-sollte.</p>
-
-<p>Sie griff in ihren Schoß, und ihre Finger fühlten
-kühles Metall.</p>
-
-<p>Sie hob es langsam zu ihren Augen empor und
-sah den schweren alten Goldreif mit dem wunderlichen
-Stein, den sie sooft an der Hand Silvesters erblickt hatte.
-Den Ring, der Silvester an die Macht gebunden, ihn
-bis zu seinem Tod in den Dienst der Macht gezwungen
-hatte.</p>
-
-<p>Es war eine Gabe des letzten noch lebenden Trägers
-der Macht für sie … für ihren Knaben.</p>
-
-<p>Die Stimme des alten Termölen drang in ihr Sinnen:</p>
-
-<p>»… Die Macht … die unendliche Macht. Woher
-kam sie? … Wohin ging sie? … Warum?«&nbsp;…</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">Im gleichen Verlage sind erschienen:</p>
-</div>
-
-<p class="center"><em class="antiqua">Johannes Schlaf</em></p>
-
-<p class="h2">Ein freies Weib</p>
-
-<p class="adv">Die Geschichte dieser Irrungen und Wirrungen wird
-alle interessieren, denen Liebes- und Eheprobleme
-am Herzen liegen. Das Buch regt an zu Ideen
-über eine Lösung der Jünglingsfrage, ohne die die
-Frauenfrage nicht beantwortet werden kann.</p>
-
-<p class="center"><em class="antiqua">Grazia Deledda</em></p>
-
-<p class="h2">Die Mutter</p>
-
-<p class="adv">Das Buch ist eine erschütternde Anklage gegen das
-Zölibat, die so vornehm geformt ist, daß auch Katholiken
-das Buch ohne Anstoß und nur mit tiefer Ergriffenheit
-lesen können. Von reifster Künstlerschaft zeugt die Darstellung
-des Verhältnisses zwischen Mutter und Sohn,
-das zuweilen die Höhe göttlicher Symbolik erreicht.</p>
-
-<p class="center"><em class="antiqua">Felix Philippi</em></p>
-
-<p class="h2">Liebesfrühling</p>
-
-<p class="adv">Ein Buch, so recht geschaffen, sich in stillen Feierstunden
-in seiner Lektüre festzuspinnen und sich vom Zauber
-dieser vergangenen Welt umfangen zu lassen.</p>
-
-<p class="center"><em class="antiqua">Adelheid Weber</em></p>
-
-<p class="h2">Die Hauensteinerin</p>
-
-<p class="adv">Den vielgestaltigen Anforderungen der Leserschaft wird
-dieser Roman in seltenem Maße gerecht. Aktualität
-und Gegenwartsflucht, dichterische <span id="corr360">Ausgestaltung</span> der
-Zeitprobleme und Einkehr in eine glücklichere, imaginäre
-Welt in harmonischer Einheit.</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="center">Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H.<br />
-Leipzig.
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-<div class="transnote" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.
-Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p>
-
-<p>Im Original unterschiedliche Schreibweisen von Wörtern wurden beibehalten.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 42: de → des<br />
-Die drei Ringe <a href="#corr042">des</a> Tsongkapa</p>
-<p>
-S. 58: Glady → Gladys<br />
-die sterbliche Hülle von <a href="#corr058">Gladys</a> Harte barg</p>
-<p>
-S. 63: ein → eine<br />
-schon <a href="#corr063">eine</a> alte Negerin entgegen</p>
-<p>
-S. 67: Sie → sie<br />
-Ich vergaß, <a href="#corr067">sie</a> ist verschlossen</p>
-<p>
-S. 70: eine → einer<br />
-Joe Williams, <a href="#corr070">einer</a> der zwölf Zeugen</p>
-<p>
-S. 77: Werstatt → Werkstatt<br />
-in seiner Abgelegenheit sollte die <a href="#corr077a">Werkstatt</a> abgeben</p>
-<p>
-S. 77: restloser → rastloser<br />
-zwang den Forscher zu harter, <a href="#corr077b">rastloser</a> Arbeit</p>
-<p>
-S. 115: ein → eine<br />
-Stamford wollte <a href="#corr115">eine</a> Million Tonnen Rohstahl</p>
-<p>
-S. 141: Steinbock → Steinblock<br />
-den wandernden Schatten und einen <a href="#corr141">Steinblock</a></p>
-<p>
-S. 142: Jetzte → Jetzt<br />
-<a href="#corr142">Jetzt</a> streifte der Schatten den Stein</p>
-<p>
-S. 143: übernächtigen → übernächtigten<br />
-einen übermüdeten und <a href="#corr143">übernächtigten</a> Eindruck</p>
-<p>
-S. 157: Ihrer → ihrer<br />
-Durch Jane, die es von <a href="#corr157">ihrer</a> Mutter weiß</p>
-<p>
-S. 159: Unkle → Uncle<br />
-John Bull und <a href="#corr159">Uncle</a> Sam sich an die Kehle wollen</p>
-<p>
-S. 180: Zunkunft → Zukunft<br />
-das uns die <a href="#corr180a">Zukunft</a> bringen wird</p>
-<p>
-S. 180: Diana → Jane<br />
-Dann legte <a href="#corr180b">Jane</a> ihre Arme um Silvesters Hals</p>
-<p>
-S. 209: folgten sich → folgten<br />
-Aber nun <a href="#corr209">folgten</a> die englischen Salven</p>
-<p>
-S. 217: über bringt → welche Nachrichten er überbringt (Textergänzung)<br />
-Es wird dich interessieren, <a href="#corr217">welche Nachrichten er überbringt</a></p>
-<p>
-S. 225: Kriegsminister → Kriegsministers<br />
-in die Hände des <a href="#corr225">Kriegsministers</a></p>
-<p>
-S. 273: wervolle → wertvolle<br />
-in ihm eine <a href="#corr273">wertvolle</a> Hilfe</p>
-<p>
-S. 291: Die → Der<br />
-<a href="#corr291">Der</a> Verantwortung, dem verhaßten Entschluß</p>
-<p>
-S. 360: Ausgestalltung → Ausgestaltung<br />
-dichterische <a href="#corr360">Ausgestaltung</a> der Zeitprobleme</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Die Macht der Drei, by Hans Dominik
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MACHT DER DREI ***
-
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
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