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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die Macht der Drei - Ein Roman aus dem Jahre 1955 - -Author: Hans Dominik - -Release Date: January 20, 2016 [EBook #50984] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MACHT DER DREI *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Hans Dominik - - Die Macht der Drei - - - - - Die - Macht der Drei - - Ein Roman aus dem Jahre 1955 - - von - - Hans Dominik - - [Illustration] - - Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H., - - Leipzig - - - - - Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten. - Copyright 1922 by Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G.m.b.H., - Leipzig. - - - Druck von Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H., Leipzig - - - - -»Das Mysterium von Sing-Sing! Spezialtelegramm: Sing-Sing, 16. Juni, -6 Uhr morgens. Dreimal auf dem elektrischen Stuhl! Dreimal versagte -der Strom! Beim dritten Mal zerbrach die Maschine. Der Delinquent -unversehrt.« - -Gellend schrien die Neuyorker Zeitungsboys die einzelnen Stichworte -der Sensationsnachricht den Tausenden und aber Tausenden von Menschen -in die Ohren, die in der achten Morgenstunde des Junitages von den -überfüllten Fährbooten ans Land geworfen wurden und den Schächten der -Untergrundbahnen entquollen, um an ihre Arbeitsstätten zu eilen. Fast -jeder aus der tausendköpfigen Menge griff in die Tasche, um für ein -Fünfcentstück eines der druckfeuchten Blätter zu erstehen und auf der -Straße oder im Lift die außergewöhnliche Nachricht zu überfliegen. - -Nur die wenigsten in der großstädtischen Menge hatten eine Ahnung -davon, daß an diesem Tage weit draußen im Zuchthaus des Staates -Neuyork eine Elektrokution auf die sechste Morgenstunde angesetzt war. -Solche Einrichtungen interessierten das Neuyorker Publikum nur, wenn -berühmte Anwälte monatelang um das Leben des Verurteilten gekämpft -hatten oder wenn bei der Hinrichtung etwas schief ging. Es geschah wohl -gelegentlich, daß ein Delinquent lange Viertelstunden hindurch mit dem -Strom bearbeitet werden mußte, bis er endlich für das Seziermesser der -Ärzte reif war. Und auch unter dem Messer war dann noch bisweilen der -eine oder der andere wieder schwer röchelnd erwacht. - -Aber die Yankees hatten niemals allzuviel Aufhebens von solchen -Vorkommnissen gemacht. Schon damals nicht, als das Land noch von -Präsidenten geleitet wurde, die man alle vier Jahre neu erwählte. Viel -weniger jetzt, wo es unter der eisernen Faust des Präsident-Diktators -Cyrus Stonard stand. Unter der Faust jenes Cyrus Stonard, der -nach dem ersten verlorenen Kriege gegen Japan den Aufstand des -bolschewistisch gesinnten Ostens gegen den bürgerlichen Westen mit -eiserner Strenge niedergeschlagen und dann den zweiten Krieg gegen -Japan siegreich durchgeführt hatte. Die unbeschränkten Vollmachten -des Präsident-Diktators nötigten auch die amerikanischen Zeitungen zu -einiger Zurückhaltung in allen die Regierung und Regierungsmaßnahmen -betreffenden Notizen. - -Etwas Besonderes mußte passiert sein, wenn die sämtlichen Neuyorker -Zeitungen diesem Ergebnis übereinstimmend ihre erste Seite widmeten und -mit der Ausgabe von Extrablättern fortfuhren. -- Noch ehe die letzten -Exemplare der eben erschienenen Ausgabe ihre Käufer gefunden hatten, -stürmte eine neue Schar von Zeitungsboys mit der nächsten Ausgabe der -Morgenblätter den Broadway entlang. - -»Das Rätsel von Sing-Sing! Sing-Sing, 6 Uhr 25 Minuten. Elektrische -Station von Sing-Sing zerstört. Der Verurteilte heißt Logg Sar. -Herkunft unbekannt. Kein amerikanischer Bürger! Zum Tode verurteilt -wegen versuchter Sprengung einer Schleuse am Panamakanal!« - -»Sing-Sing, 6 Uhr 42 Minuten. Der Verurteilte entflohen! Die Riemen, -mit denen er an den Stuhl gefesselt war, zerschnitten!« - -»Sing-Sing, 6 Uhr 50 Minuten. Ein Zeuge als Komplice! Allem Anschein -nach ist der Delinquent mit Hilfe eines der zwölf Zeugen der -Elektrokution entflohen.« - -»Sing-Sing, 7 Uhr. Letzte Nachrichten aus Sing-Sing. Im Auto -entflohen!! Ein unglaubliches Stück! Durch Augenzeugen festgestellt, -daß der Delinquent, kenntlich durch seinen Hinrichtungsanzug, -in Begleitung des Zeugen Williams in ein vor dem Tor stehendes -Auto gestiegen. Fuhren in rasender Fahrt davon. Jede Spur fehlt. -Gefängnisverwaltung und Polizei ratlos.« - -Mit kurzem scharfen Ruck blieb ein Auto stehen, das in den Broadway -an der Straßenecke einbog, wo das Flat-Iron Building seinen grotesken -Bau in den Äther reckt. Der Insasse des Wagens riß einem der Boys das -zweite Extrablatt aus der Hand und durchflog es, während das Auto in -der Richtung nach der Polizeizentrale weiterrollte. Ein nervöses Zucken -lief über die Züge des Lesenden. Es war ein Mann von unbestimmtem -Alter. Eine jener menschlichen Zeitlosen, bei denen man nicht sagen -kann, ob sie vierzig oder sechzig Jahre alt sind. - -Vor dem Gebäude der Polizeizentrale hielt der Wagen. Noch ehe er -völlig stand, sprang der Insasse heraus und eilte über den Bürgersteig -der Eingangspforte zu. Seine Kleidung war offensichtlich in einem -erstklassigen Atelier gefertigt. Doch hatten alle Künste des -Schneiders nicht vermocht, Unzulänglichkeiten der Natur vollständig zu -korrigieren. Ein scharfer Beobachter mußte bemerken, daß die rechte -Schulter ein wenig zu hoch, die linke Hüfte etwas nach innen gedrückt -war, daß das linke Bein beim Gehen leicht schleifte. - -Er trat durch die Pforte. Hastig kreuzte er die verzweigten Korridore, -bis ihm an einer doppelten Tür ein Policeman in den Weg trat. Der -typische sechsfüßige Irländer mit Gummiknüppel und Filzhelm. - -»Hallo, Sir! Wohin?« - -Ein unwilliges Murren war die Antwort des eilig Weiterschreitenden. - -»Stop, Sir!« - -Breit und massig schob der irische Riese sich ihm in den Weg und hob -den Gummiknüppel in nicht mißzuverstehender Weise. - -Heftig riß der Besucher eine Karte aus seiner Tasche und übergab sie -dem Beamten. - -»Zum Chef, sofort!« - -Mehr noch als das herrisch gesprochene Wort veranlaßte der funkelnde -Blick den Policeman, mit großer Höflichkeit die Tür zu öffnen und den -Fremden in ein saalartiges Anmeldezimmer zu geleiten. - -»Edward F. Glossin, ~medicinae doctor~« stand auf dem Kärtchen, das der -Diener dem Polizeipräsidenten MacMorland auf den Schreibtisch legte. -Der Träger des Namens mußte ein Mann von Bedeutung sein. Kaum hatte der -Präsident einen Blick auf die Karte geworfen, als er sich erhob, aus -der Tür eilte und den Angemeldeten in sein Privatkabinett geleitete. - -»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Doktor?« - -»Haben Sie Bericht aus Sing-Sing?« - -»Nur, was die Zeitungen melden.« - -»Bieten Sie alles auf, um der Entflohenen habhaft zu werden. Wenn die -Polizeiflieger nicht ausreichen, requirieren Sie Armeeflieger! Ihre -Vollmacht langt doch für die Requisition?« - -»Jawohl, Herr Doktor.« - -»Die Flüchtigen müssen vor Einbruch der Dunkelheit gefaßt sein. Das -Staatsinteresse erfordert es. Sie haften dafür.« - -»Ich tue, was ich kann.« Der Polizeichef war durch den ungewöhnlich -barschen Ton des Besuchers verletzt, und dies Gefühl klang aus seiner -Antwort heraus. - -Dr. Glossin runzelte die Stirn. Antworten, die nach Widerspruch und -Verklausulierungen klangen, waren nicht nach seinem Geschmack. - -»Hoffentlich entspricht Ihr Können unseren Erwartungen. Sonst ... müßte -man sich nach einem Mann umsehen, der noch mehr kann. Lassen Sie nach -Sing-Sing telephonieren! Professor Curtis soll hierherkommen. Ihnen in -meiner Gegenwart Bericht über die Vorgänge erstatten.« - -Der Präsident ergriff den Apparat und ließ die Verbindung herstellen. - -»Wann kann Curtis hier sein?« - -»In fünfzehn Minuten.« - -Dr. Glossin strich sich über die hohe Stirn und durch das volle, kaum -von einem grauen Faden durchzogene dunkle Haupthaar, das glatt nach -hinten gestrichen war. - -»Ich möchte bis dahin allein bleiben. Könnte ich ...« - -»Sehr wohl, Herr Doktor. Wenn ich bitten darf ...« Der Präsident -öffnete die Tür zu einem kleinen Kabinett und ließ Dr. Glossin -eintreten. - -»Danke, Herr Präsident ... Daß ich es nicht vergesse! 200000 Dollar -Belohnung dem, der die Flüchtlinge zurückbringt. Lebendig oder tot!« - -»200000 ...?« MacMorland trat erstaunt einen Schritt zurück. - -»200000, Herr Präsident! Genau, wie ich sagte. Anschläge mit der -Belohnung in allen Städten!« - -Der Präsident zog sich zurück. Kaum hatte sich die Tür geschlossen, als -plötzlich alle Straffheit aus den Zügen Dr. Glossins wich und einem -erregten, sorgenden Ausdruck Platz machte. Mit einem leichten Stöhnen -ließ er sich in einen Sessel fallen und bedeckte mit der Rechten die -Augen, während die Linke nervös über das narbige Leder der Lehne glitt. -Wie unter einem inneren Zwange kamen abgerissene Worte, halb geflüstert -und stoßweise, von seinen Lippen. - -»Stehen die Toten wieder auf? ... Bursfelds Sohn! Kein Zweifel daran -... Wer rettete ihn? ... Wer war dieser Williams? Der Vater selbst? -... Nur der besäße die Macht, ihn zu retten ... Er war es sicher nicht -... Die Riegel des Towers sind fester als die von Sing-Sing ... Wer -wüßte noch um die geheimnisvolle Macht? ... Ah, Jane! ... Sie könnte -es offenbaren. Der Versuch muß gemacht werden ... Unmöglich, jetzt -noch nach Trenton zu fahren ... Ich muß bis zum Abend warten ... Ein -unerträglicher Gedanke. Acht Stunden in Ungewißheit ...« - -Der Sprecher fuhr empor und warf einen Blick auf sein Chronometer. - -»Ruhe, Ruhe! Noch zehn Minuten für mich.« - -Einem kleinen Glasröhrchen entnahm er sorgfältig abgezählt zwei winzige -weiße Pillen und verschluckte sie. Beinahe momentan wich die nervöse -Spannung aus seinen gequälten Zügen und machte einer friedlichen -Ruhe Platz. Seine Gedanken wanderten rückwärts. Bilder aus einer ein -Menschenalter zurückliegenden Vergangenheit zogen plastisch an seinem -Geiste vorüber ... Die großen Bahnbauten damals in Mesopotamien im -ersten Jahrzehnt nach dem Weltkriege. Ein kleines Landhaus am Ausläufer -der Berge ... Eine blonde Frau in weißem Kleide mit einem spielenden -Knaben im Arm ... Wie lange, wie unendlich lange war das her, daß -er Gerhard Bursfeld, den ehemaligen deutschen Ingenieuroffizier, -aus seinem kurdischen Zufluchtsort hervorgelockt und für die -mesopotamischen Bahn- und Bewässerungsbauten gewonnen hatte. Damals, -als Hände und Köpfe im Zweistromlande knapp waren. - -Gerhard Bursfeld war dem Rufe zu solcher Arbeit gern gefolgt. Mit ihm -kamen sein junger Knabe und sein blondes Weib Rokaja Bursfeld, die -schöne Tochter eines kurdischen Häuptlings und einer zirkassischen -Mutter. - -Ein glückliches Leben begann. Bis Gerhard Bursfeld die große -gefährliche Erfindung machte. Bis Edward Glossin, in Liebe zu der -blonden Frau entbrannt, den Freund und seine Erfindung an die englische -Regierung verriet ... Gerhard Bursfeld verschwand hinter den Mauern -des Towers. Sein Weib entfloh mit dem dreijährigen Knaben. In die -Berge nach Nordosten. Ihre Spur war verloren. Und Edward Glossin war -der betrogene Betrüger. Mit ein paar tausend Pfund speiste ihn die -englische Regierung für ein Geheimnis ab, dessen Wert ihm unermeßlich -schien ... - -Die Züge des Träumers nahmen wieder die frühere Spannung an. Der Klang -einer elektrischen Glocke ertönte. Der Doktor erhob sich und ging -straff aufgerichtet in das Kabinett des Polizeichefs. - -Kurz begrüßte er den Ankömmling Professor Curtis aus Sing-Sing und -fragte: »Wie ist es möglich gewesen, daß die Apparatur versagte?« - -Stockend und nervös gab der Professor seinen Bericht. - -»Uns allen ganz unbegreiflich! Auf 5 Uhr 30 Minuten war die -Elektrokution des Raubmörders Woodburne angesetzt. Sie ging glatt -vonstatten. Um 5 Uhr 40 Minuten lag der Delinquent bereits auf dem -Seziertisch. Die Maschine wurde stillgesetzt und um 5 Uhr 55 Minuten -wieder angelassen. Punkt 6 Uhr brachte man den zweiten Delinquenten -und schnallte ihn auf den Stuhl. Er trug den vorschriftsmäßigen -Hinrichtungsanzug mit dem Schlitz im rechten Beinkleid. Die Elektrode -wurde ihm um den Oberschenkel gelegt. Zwei Minuten nach sechs senkte -sich die Kupferhaube auf seinen Kopf. Im Hinrichtungsraum stand -der Gefängnisinspektor mit den zwölf vom Gesetz vorgeschriebenen -Zeugen. Der Elektriker des Gefängnisses hatte seinen Platz an der -Schalttafel, den Augen des Delinquenten verborgen. 6 Uhr 3 Minuten -schlug er auf einen Wink des Scherifs den Schalthebel ein ... Ich -will gleich bemerken, daß dies die letzte authentische Zeitangabe aus -Sing-Sing ist. Um 6 Uhr 3 Minuten sind alle Uhren in der Anstalt mit -magnetisierten Eisenteilen stehengeblieben. Die weiteren Zeitangaben in -den Zeitungen stammen vom Neuyorker Telegraphenamt ...« - -Dr. Glossin wippte nervös mit einem Fuß. Der Professor fuhr fort. - -»In dem Augenblick, in dem der Elektriker den Strom auf den -Delinquenten schaltete, blieb die Dynamomaschine, wie von einer -Riesenfaust gepackt, plötzlich stehen. Sie stand und hielt ebenso -momentan auch die mit ihr gekuppelte Dampfturbine fest. Mit ungeheurer -Gewalt strömte der Frischdampf aus dem Kessel gegen die stillstehenden -Turbinenschaufeln. Es war höchste Zeit, daß der Maschinenwärter -zusprang und den Dampf abstellte. - -Während alledem saß der Delinquent ruhig auf dem Stuhl und zeigte keine -Spur einer Stromwirkung. Erst später ist mir das eigenartige Verhalten -des Verurteilten wieder in die Erinnerung gekommen. Er schien mit dem -Leben abgeschlossen zu haben. Aber sobald er in den Hinrichtungsraum -geführt wurde, kehrte eine leise Röte in seine bis dahin todblassen -Züge zurück. Als die Maschine das erstemal versagte, glaubte ich die -Spur eines befriedigten Lächelns auf seinen Zügen zu bemerken. Gerade -so, als ob er diesen für uns alle so überraschenden Zwischenfall -erwartet habe. - -Als die Maschine zum zweitenmal angelassen wurde, verstärkte sich diese -rätselhafte Heiterkeit. Er verfolgte unsere Arbeiten, als ob es sich -für ihn nur um ein wissenschaftliches Experiment handle. - -Beim dritten Mal kam das Unglück. Die Maschinisten hatten die -Turbine auf höchste Tourenzahl gebracht. Sie lief mit dreitausend -Umdrehungen, und die elektrische Spannung stand fünfzig Prozent über -der vorgeschriebenen Höhe. Es gab einen Ruck. Die Achse zwischen Dynamo -und Turbine zerbrach. Die Turbine, plötzlich ohne Last, ging durch. -Ihre Schaufelräder zerrissen unter der ins Ungeheuere gesteigerten -Zentrifugalkraft. Der Kesselfrischdampf quirlte und jagte die Trümmer -unter greulichem Schleifen und Kreischen durch die Abdampfleitung in -den Kondensator. Als der Dampf abgestellt war, fühlten wir alle, daß -wir haarscharf am Tode vorbeigegangen waren ...« - -Der Polizeichef flüsterte ein paar Worte mit dem Doktor. Dann fragte -er den Professor. »Haben Sie eine wissenschaftliche Erklärung für die -Vorgänge?« - -»Nein, Herr! Jede Erklärung, die sich beweisen ließe, fehlt. Höchstens -eine Vermutung. Die Magnetisierung sämtlicher Uhren deutet darauf hin, -daß in den kritischen Minuten ein elektromagnetischer Wirbelsturm -von unerhörter Heftigkeit durch die Räume von Sing-Sing gegangen -ist. Es müssen extrem starke elektromagnetische Felder im freien -Raum aufgetreten sein. Sonst wäre es nicht zu erklären, daß sogar -die einzelnen Windungen der großen Stahlfeder in der Zentraluhr -vollständig magnetisch zusammengebacken sind. Ein fürchterliches -elektromagnetisches Gewitter muß wohl stattgefunden haben. Aber damit -wissen wir wenig mehr.« - -Eine Handbewegung des Doktors unterbrach die wissenschaftlichen -Erörterungen des Professors. - -»Wie war die Flucht möglich?« - -Der Bericht darüber war lückenhaft. »Als die Turbine im Nebenraum -explodierte, suchten alle Anwesenden instinktiv Deckung. Ein Teil -warf sich zu Boden. Ein Teil flüchtete hinter die Schalttafel. Etwa -zwei Minuten dauerte das nervenzerreißende Heulen und Quirlen der -Trümmerstücke in der Dampfleitung. Als endlich der Dampf abgestellt -und Ruhe eingetreten war, merkte man, daß der Delinquent verschwunden -war. Die starken Ochsenlederriemen, die ihn hielten, waren nicht -aufgeschnallt, sondern mit einem scharfen Messer durchschnitten. Die -Flucht mußte in höchster Eile in wenigen Sekunden ausgeführt worden -sein. Erst zehn Minuten später wurde es bemerkt, daß auch einer der -Zeugen fehlte.« - -Das war alles, was Professor Curtis berichten konnte. - -Dr. Glossin zog die Uhr. - -»Ich muß leider weiter! Leben Sie wohl, Herr Professor.« Er trat, von -dem Polizeichef begleitet, auf den Gang. - -»Wenden Sie alle Maßregeln an, die Ihnen zweckmäßig erscheinen. -In spätestens drei Stunden erwarte ich Meldung, wie es möglich -war, daß ein falscher Zeuge der Elektrokution beiwohnte. Geben Sie -telephonischen Bericht! Wellenlänge der Regierungsflugzeuge! Ich gehe -nach Washington.« - -Ein Läuten des Telephons im Zimmer des Präsidenten rief diesen hinweg. -Unwillkürlich trat Dr. Glossin mit ihm in den Raum zurück. - -»Vielleicht eine gute Nachricht?« - -Der Präsident ergriff den Hörer. Erstaunen und Spannung malten sich auf -seinem Gesicht. Auch Dr. Glossin trat näher. »Was ist?« - -»Ein Armeeflugzeug verschwunden. R. F. c. 1 vom Ankerplatz entführt.« - -»Weiter, weiter!« - -Der Doktor stampfte auf den Boden. - -»Wer war es?« - -Er drang auf den Präsidenten ein, als wollte er ihm den Hörer aus der -Hand reißen. MacMorland hatte seine Ruhe wiedergefunden. Kurz und knapp -klangen seine Befehle in den Trichter. - -»Der Staatssekretär des Krieges ist benachrichtigt? ... Gut! So wird -von dort aus die Verfolgung geleitet werden. Wie sehen die Täter aus? -... Hat man irgendwelche Vermutungen? ... Wie? Was? ... Englische -Agenten? Sind das leere Redensarten, oder hat man Anhaltspunkte? ... -Was sagen Sie? Allgemeine Meinung ... Redensarten! Die Herren Chopper -und Watkins werden gleich herauskommen und die Nachforschungen leiten. -Ihren Anordnungen ist Folge zu leisten!« - -Der Präsident eilte zum Schreibtisch, warf ein paar Zeilen aufs Papier -und übergab sie seinem Sekretär. Dann wandte er sich seinen Besuchern -zu. - -»Ein ereignisreicher Morgen! Innerhalb weniger Stunden zwei Vorfälle, -wie sie mir in meiner langen Dienstzeit noch nicht vorgekommen sind ... -Die Meinung, daß die Engländer dahinterstecken, scheint mir nicht ganz -unbegründet zu sein. R. F. c. 1 ist der neueste Typ der Rapid-Flyers. -Erst vor wenigen Wochen ist es geglückt, durch eine besondere -Verbesserung die Geschwindigkeit auf tausend Kilometer in der Stunde -zu bringen. R. F. c. heißt die verbesserte Type. c. 1 ist das erste -Exemplar der Type. Ich hörte, daß es erst vor drei Tagen in Dienst -gestellt wurde. Die nächsten Exemplare brauchen noch Tage, um für die -Probefahrt fertig zu werden. Der Gedanke, daß die englische Regierung -sich das erste Exemplar angeeignet hat, liegt natürlich sehr nahe ... -Es sei denn ...« - -»Was meinen Sie, Herr Präsident?« - -Die Stimme Glossins verriet seine Erregung. - -»Es sei denn, daß ...« MacMorland sprach langsam wie tastend ... »daß -ein Zusammenhang zwischen der Entführung des Kreuzers und der Flucht -jenes Logg Sar bestände. Was meinen Sie, Herr Professor?« - -»Ich bin versucht, das letztere für das Richtige zu halten. Es ist ganz -ausgeschlossen, mit gewöhnlichen Mitteln ein Luftschiff wie R. F. c. 1 -von dem streng bewachten Flugplatz am hellichten Tage zu entführen.« - -»Was ist Ihre Meinung, Herr Doktor?« - -»Ich ... ich übersehe die ganze Sachlage zu wenig. Trotzdem, Herr -Präsident, werden Sie guttun, sich umgehend mit dem Kriegsamt in -Verbindung zu setzen und Ihre Maßnahmen für beide Fälle im Einvernehmen -und engsten Zusammenwirken mit diesem zu treffen. Guten Morgen, meine -Herren.« - - * * * * * - -MacMorland und Professor Curtis waren allein im Saale des -Polizeipräsidiums zurückgeblieben. - -»Ein lebhafter Tag heute!« - -MacMorland sprach die Worte mit einer gewissen Erleichterung. Der -Vorfall mit dem Flugzeug mußte die Sorge der Regierung auf einen -anderen Punkt lenken. - -Professor Curtis griff sich mit beiden Händen an den Kopf. »Der zweite -Vorfall ist beinahe noch mysteriöser als der erste. Bedenken Sie! -... Der neueste schnellste Kreuzer der Armee. Auf einem Flugplatz -hinter dreifachen, mit Hochspannung geladenen Drahtgittern. Schärfste -Paßkontrolle. Fünfhundert Mann unserer Garde als Platzbewachung. Es -geht mir über jedes Verstehen, wie das geschehen konnte.« - -Der Polizeichef war mit seinen Gedanken schon wieder bei dem Falle, der -sein Ressort anging. - -»Warum war dieser Logg Sar zum Tode verurteilt? Wir von der Polizei -wissen wieder einmal nichts. Sicherlich ein Urteil des Geheimen Rats.« - -Der Professor nickte. - -»In dem Einlieferungsschein für Sing-Sing stand: ›Zum Tode verurteilt -wegen Hochverrats, begangen durch einen verbrecherischen Anschlag -auf Schleusen am Panamakanal.‹ Die Unterschrift war, wie Sie richtig -vermuteten, die des Geheimen Rats.« - -»Ich will gegen diese Institution nichts sagen. Sie hat sich in -kritischen Zeiten bewährt, in denen das Staatsschiff zu scheitern -drohte. Aber ... Menschen bleiben Menschen, und bisweilen scheint es -mir ... ich möchte sagen ... das heißt, ich werde lieber nicht ...« - -Professor Curtis lachte. - -»Wir Leute von der Wissenschaft sind immun. Sagen Sie ruhig, daß dieser -Logg Sar die Panamaschleusen wahrscheinlich niemals in seinem Leben -gesehen hat, und daß der Geheime Rat ihn aus ganz anderen Gründen zum -Teufel schickt.« - -MacMorland fuhr zusammen. Die Worte des Professors waren schon beinahe -Hochverrat. Aber Curtis ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. - -»Lassen wir den Delinquenten. Er ist doch längst über alle Berge. Aber -brennend gern möchte ich etwas Genaueres über Doktor Glossin erfahren. -Sie wissen, man munkelt allerlei ...« - -MacMorland überlegte einen Augenblick. - -»Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ich auf Ihre unbedingte -Verschwiegenheit rechnen könnte, würde ich selbst das wenige, was -ich weiß, für mich behalten. Um mit dem Namen anzufangen, so habe -ich begründete Zweifel, ob es der seiner Eltern war. Seinen wahren -Namen kennt außer ihm selbst vielleicht nur der Präsident-Diktator. -Seinen Papieren nach ist er Amerikaner. Aber als ich zum erstenmal -seine Bekanntschaft machte, glaubte ich bestimmt, starke Anklänge -schottischen Akzents in seiner Sprache zu bemerken.« - -»Wann und wo war das?« fragte Curtis gespannt. - -»Die Gelegenheit war für Dr. Glossin nicht gerade ehrenvoll. Vor -zwanzig Jahren. Während des ersten japanischen Krieges. Ich hatte -einen Posten bei der politischen Polizei in San Franzisko. Kalifornien -war von japanischen Spinnen überschwemmt. Die Burschen machten uns -Tag und Nacht zu schaffen. Es war auch klar, daß ihre Unternehmungen -von einer Stelle aus geleitet wurden. Einer meiner Beamten brachte -mir den Doktor, den er unter höchst gravierenden Umständen verhaftet -hatte. Aber es war ihm schlechterdings nichts zu beweisen. Hätten wir -damals schon den Geheimen Rat gehabt, wäre die Sache wahrscheinlich -anders verlaufen. So blieb nichts weiter übrig, als ihn laufen zu -lassen. In der nach unserer Niederlage ausbrechenden Revolution soll -er ... ich bemerke ›soll‹ ... ein Führer der Roten gewesen sein. Zu -beweisen war auch hier nichts. Jedenfalls war er einer der ersten, die -ihre Fahnen wechselten. Als Cyrus Stonard an der Spitze des in den -Weststaaten gesammelten weißen Heeres die Revolution mit blutiger Hand -niederschlug, war Dr. Glossin bereits in seiner Umgebung. Er muß dem -Diktator damals wertvolle Dienste geleistet haben, denn sein Einfluß -ist seitdem fast unbegrenzt.« - -MacMorland unterbrach seinen Bericht, um sich dem Ferndrucker -zuzuwenden. - -»Hallo, da haben wir weitere Meldungen über R. F. c. 1. Versuchen Sie -Ihren Scharfsinn, Herr Professor. Vielleicht können Sie das Rätsel -lösen. Der Bericht lautet: ›R. F. c. 1 stand um sieben Uhr morgens -zur Abfahrt bereit. Drei Monteure und ein Unteroffizier waren an -Bord. Der Kommandant stand mit den Ingenieuren, die an der Fahrt -teilnehmen sollten, dicht dabei. Zwei Minuten nach sieben erhob sich -das Flugschiff ganz plötzlich. Seine Maschinen sprangen an. Es flog -in geringer Höhe über einen neben dem Flugplatz liegenden Wald. Etwa -fünf Kilometer weit. Man nahm auf dem Platz an, daß die Maschinen -versehentlich angesprungen seien und die Monteure das Flugzeug hinter -dem Wald wieder gelandet hätten. Ein Auto brachte den Kommandanten -und die Ingenieure dorthin. Vom Flugzeug keine Spur. Die Monteure -in schwerer Hypnose behaupten, es habe nie ein Flugzeug R. F. c. 1 -gegeben. Sie sind zurzeit in ärztlicher Behandlung.‹« - -MacMorland riß den Papierstreifen ab und legte ihn vor den Professor -auf den Tisch. - -»Das ist das Tollste vom Tollen. Was sagen Sie dazu?« - -Der Polizeichef lief aufgeregt hin und her. Auch Professor Curtis -konnte sich der Wirkung der neuen Nachricht nicht entziehen. - -»Sie haben recht, Herr Präsident. Es ist ein tolles Stück. Aber Gott -sei Dank fällt es nicht in das Ressort von Sing-Sing und geht mich -daher wenigstens beruflich nichts an. Es wird Sache der Armee sein, wie -sie ihren Kreuzer wiederbekommt. Lieber noch ein paar Worte über Doktor -Glossin. Ich hatte schon viel von ihm gehört. Heute hab ich ihn das -erstemal gesehen. Wo wohnt er? Wie lebt er? Was treibt er?« - -»Sie fragen viel mehr, als ich beantworten kann. Hier in Neuyork -besitzt er ein einfach eingerichtetes Haus in der 316ten Straße. -Daneben hat er sicher noch an vielen anderen Orten seine -Schlupfwinkel ...« - -»Ist er verheiratet?« - -»Nein. Obgleich er keineswegs ein Verächter des weiblichen Geschlechts -ist. Mir ist manches darüber zu Ohren gekommen ... Na, gönnen wir ihm -seine Vergnügungen, wenn sie auch manchem recht sonderlich vorkommen -mögen.« - -»Hat er sonst gar keine Leidenschaften?« - -»Ich weiß, daß er Diamanten sammelt. Auserlesene schöne und große -Steine.« - -»Nicht übel! Aber ein bißchen kostspielig das Vergnügen. Verfügt er -über so große Mittel?« - -MacMorland zuckte mit den Achseln. - -»Es entzieht sich meiner Beurteilung. Ein Mann in seiner Stellung, mit -seinem Einfluß kann wohl ... lieber Professor, ich habe schon viel -mehr gesagt, als ich sagen durfte und wollte. Lassen wir den Doktor -sein Leben führen, wie es ihm beliebt. Es ist am besten, so wenig wie -möglich mit ihm zu tun zu haben. Da Sie gerade hier sind, geben Sie -mir, bitte, über die Vorgänge in Sing-Sing einen kurzen Bericht für -meine Akten. Wir können nachher zusammen frühstücken.« - - * * * * * - -Wie griechischer Marmor glänzten die Mauern des Weißen Hauses zu -Washington in der grellen Mittagsonne. Aber ein dunkles Geheimnis barg -sich hinter den schimmernden Mauern. Lange und nachdenklich hafteten -die Blicke der Vorübergehenden auf den glatten, geraden Flächen -des Gebäudes. Die politische Spannung war bis zur Unerträglichkeit -gestiegen. Jede Stunde konnte den Ausbruch des schon lange gefürchteten -Krieges mit dem englischen Weltreich bringen. Die Entscheidung lag dort -hinter den breiten Säulen und hohen Fenstern des Weißen Hauses. - -In dem Vorzimmer des Präsident-Diktators saß ein Adjutant und blickte -aufmerksam auf den Zeiger der Wanduhr. Als diese mit leisem Schlag -zur elften Stunde ausholte, erhob er sich und trat in das Zimmer des -Präsidenten. - -»Die Herren sind versammelt, Herr Präsident.« - -Der Angeredete nickte kurz und beugte sich wieder zum Schreibtisch, -wo er mit dem Ordnen verschiedener Papiere beschäftigt war. Ein Mann -mittleren Alters. Eine Art militärischen Interimsrockes umschloß den -hageren Oberkörper. Auf einem langen, dünnen Halse saß ein gewaltiger -Schädel, dessen vollkommen haarlose Kuppel sich langsam hin und her -bewegte. Aus dem schmalen, durchgeistigten Aszetengesicht blitzten ein -Paar außerordentlich große Augen, über denen sich eine zu hohe und zu -breite Stirn weit nach vorn wölbte. - -Das war Cyrus Stonard, der absolute Herrscher eines Volkes von -dreihundert Millionen. Als er sich jetzt erhob und langsam, beinahe -zögernd der Tür zuschritt, bot er äußerlich nichts von jenen -Herrscherfiguren, die in der Phantasie des Volkes zu leben pflegen. -Nur das geistliche Kleid fehlte, sonst hätte man ihn wohl für eine der -fanatischen Mönchsgestalten aus den mittelalterlichen Glaubenskämpfen -der katholischen Kirche ansehen können. - -Er durchschritt das Adjutantenzimmer und betrat einen langgestreckten -Raum, dessen Mitte von einem gewaltigen, ganz mit Plänen und Karten -bedeckten Tisch ausgefüllt war. In der einen Ecke des Saales standen -sechs Herren in lebhaftem Gespräch. Die Staatssekretäre der Armee, -der Marine, der auswärtigen Angelegenheiten und des Schatzes. Die -Oberstkommandierenden des Landheeres und der Flotte. Sie verstummten -beim Eintritt des Diktators. Cyrus Stonard ließ sich in den Sessel am -Kopfende des Tisches nieder und winkte den anderen, Platz zu nehmen. - -»Mr. Fox, geben Sie den Herren Ihren Bericht über die auswärtige Lage.« - -Der Staatssekretär des Auswärtigen warf einen kurzen Blick auf seine -Papiere. - -»Die Spannung mit England treibt automatisch zur Entladung. Seitdem -Kanada sich mit uns in einem Zollverband zusammengefunden hat, sind die -Herren an der Themse verschnupft. Die Bestrebungen im australischen -Parlament, nach kanadischem Muster mit uns zu verhandeln, haben die -schlechte Laune in Downing Street noch verschlechtert. England sieht -zwei seiner größten und reichsten Kolonien auf dem Wege natürlicher -Evolution zu uns kommen. In Australien geht die Entwicklung langsamer -vor sich, seitdem der japanische Druck verschwunden ist. Aber auch -dort ist sie unaufhaltbar, wenn es der englischen Macht nicht vorher -gelingt, uns niederzuwerfen ...« - -Ein spöttisches Lächeln glitt über die Züge des Flottenchefs. - -»In Asien und Südamerika stoßen unsere Handelsinteressen schwer mit -den englischen zusammen. Der letzte Aufstand im Jangtsekiangtale war -mit englischem Gelde inszeniert. Die afrikanische Union hält bei aller -Wahrung ihrer politischen Selbständigkeit wirtschaftlich fest zu -England und läßt nur englische Waren hinein. Unser letzter Versuch, -einen Handelsvertrag mit der afrikanischen Union abzuschließen, ist -gescheitert. Meines Erachtens treiben die Dinge einer schnellen -Entscheidung entgegen. Die Entführung von R. F. c. 1 gibt einen -geeigneten Anlaß. Seit zwei Stunden tobt unsere Presse gegen England.« - -Cyrus Stonard hatte während des Vortrages mechanisch allerlei Schnörkel -und Ornamente auf den vor ihm liegenden Schreibblock gezeichnet. - -»Wie denken Sie über die Entführung des R. F. c. 1?« - -Er heftete seine Augen auf den Flottenchef Admiral Nichelson. - -»In der Nähe der Station sind zwei englische Agenten ergriffen worden. -Sie leugnen jede Teilnahme.« - -»Es gibt Mittel, solche Leute zum Reden zu bringen.« - -»Sie hatten den Strick um den Hals und schwiegen.« - -»Es gibt wirksamere Mittel ... Wie lange kann sich R. F. c. 1 in der -Luft halten?« - -»Die Tanks waren für zwölf Stunden gefüllt. Genug, um in voller -Dunkelheit zu landen, wenn es nach Osten geht. Unsere Kreuzer über dem -Nordatlantik sind avisiert. Eine Landung in England müßte noch bei -Helligkeit erfolgen und würde gemeldet werden.« - -»Sie halten es für sicher, daß die Entführung auf Betreiben der -englischen Regierung erfolgt ist?« - -»Ganz sicher!« - -»Hm! ... der Gedanke liegt nahe ... vielleicht zu nahe ... Und -die anderen Herren? ... meinen dasselbe ... hm! Hoffentlich, nein -sicherlich haben sie unrecht.« - -Die Staatssekretäre sahen den Diktator fragend an. - -»Der letzte Gamaschenknopf sitzt noch nicht! Ich werde erst -losschlagen, wenn ich weiß, daß er sitzt. Das heißt, meine Herren ...« -Die Stimme des Sprechenden hob sich. »R. F. c. 1 mag in Gottes Namen -in England landen. Für unser Volk wird es verborgen bleiben, bis es so -weit ist.« - -»Wie weit ist die Verteilung unserer U-Kreuzer durchgeführt?« - -»Die ganze Kreuzerflotte liegt auf dem Meridian von Island vom 60. bis -zum 30. Breitengrad gleichmäßig verteilt.« - -Admiral Nichelson erhob sich, um die Lage der Kreuzerflotte an einem -großen Globus zu demonstrieren. - -»Wo stehen die Luftkreuzer?« - -»Die leichte Beobachtungsflotte zwischen Island und den Faröer. Die -Panzerkreuzer liegen seit drei Tagen auf dem grönländischen Inlandeis.« - -»Die G-Flotte ...« - -»Die Schiffe auf Grönland sind damit ausgerüstet.« - -Nur dieser Staatsrat wußte um das Geheimnis, daß die neuen Luftkreuzer -mit Bomben versehen waren, die nach dem Abwurfe Milliarden und aber -Milliarden von Pest- und Cholerakeimen in die Luft wirbelten. Man -hatte noch keine Gelegenheit gehabt, den Bakterienkrieg im großen -auszuprobieren. Aber die amerikanischen Fachleute versprachen sich viel -davon. - -»Die P-Flotte ...« - -Ein sardonisches Lächeln lief über die sonst so unbeweglichen Züge -des Diktators, als er das Wort aussprach. Seit mehr denn Jahresfrist -lagen englische Banknoten im Betrage von Hunderten von Milliarden Pfund -Sterling in den geheimen Gewölben des amerikanischen Staatsschatzes. -Von der Tausendpfundnote an bis hinab zu den kleinsten Beträgen. -Alles so vorzüglich gefälscht und nachgedruckt, daß die Bank von -England selbst diese Noten für echt halten mußte. Die Aufgabe der -P-Flotte war es, sofort bei Kriegsausbruch diese Unmengen englischen -Papiergeldes über die ganze Welt zu zerstreuen, wo Engländer Handel -trieben und englisches Geld Kurs hatte. Die Tätigkeit dieser Flotte -mußte das englische Geldwesen in wenigen Tagen vollkommen zerrütten. -Aber die P-Flotte war noch ein schwereres Staatsgeheimnis als die -G-Flotte. Die englischen Agenten hatten nur herausbekommen, daß sie -für Propagandazwecke bestimmt sei und im Falle eines Krieges in großen -Massen die zuerst von Woodruf Wilson in die Kriegführung zivilisierter -Nationen eingeführten Traktätchen über den feindlichen Linien -abzuwerfen hätte. - -»Die P-Flotte übt zwischen Richmond und Norfolk«, sagte Admiral -Nichelson trocken. - -Jedermann im Saale wußte, daß dieser Standort fünfzehn Flugminuten von -den Gewölben des Staatsschatzes entfernt war. - -Cyrus nahm das Wort von neuem. - -»Wie lange wird es noch dauern, bis unsere Unterwasserstation an der -afrikanischen Küste vollkommen gesichert ist? Die Frist ist bereits -seit einer Woche abgelaufen.« - -Bei diesen nicht ohne Schärfe gesprochenen Worten erhob sich der -Flottenchef unwillkürlich. - -»Die Schwierigkeiten waren größer als vorauszusehen war, Herr -Präsident.« - -»Können Sie ein bestimmtes Datum angeben?« - -»Nein. Doch dürfte es auf keinen Fall länger als bis zum Ablauf dieses -Monats dauern.« - -»Hm ... dann also, meine Herren ... dann wird man R. F. c. 1 zur -geeigneten Zeit in England landen sehen.« - -Ein Adjutant trat ein und flüsterte dem Präsidenten ein Wort ins Ohr. - -»Gut, ich komme.« - -Der Präsident erhob sich, die Sitzung war beendet. - - * * * * * - -Aus dem blauen Mittagshimmel schoß ein silbern schimmernder Punkt auf -das Weiße Haus in Washington zu, wurde größer, zeigte die schnittigen -Formen eines Regierungsfliegers und landete sanft auf dem Dach des -Gebäudes. - -Als einziger Passagier verließ Dr. Edward F. Glossin die Maschine. -Den linken Fuß beim Gehen leicht nachziehend, schritt er an den -martialischen Gestalten der Leibgarde vorbei. Auf den Treppenabsätzen -und in den Korridoren standen die baumlangen blonden Kerle aus den -westlichen Weizenstaaten in ihren malerischen Uniformen. Sie hielten -die Wache um den Präsident-Diktator wie früher die Grenadiere der -Potsdamer Garde um die preußischen Könige oder die Eisenseiten um -Oliver Cromwell. - -Im Vorzimmer traf der Doktor den Adjutanten des Diktators und ließ -sich melden. Nur eine knappe Minute, und der Diktator trat aus dem -Sitzungssaale und stand vor ihm. Nach flüchtigem Gruß hieß er ihn in -sein Arbeitszimmer mitkommen. - -»Wer ist Logg Sar?« - -Dr. Glossin fühlte die unbestimmte Drohung, die in der Frage lag, und -trat einen Schritt zurück. - -»Logg Sar ist ... Silvester Bursfeld.« - -Tiefes Erstaunen malte sich auf den Zügen Stonards. - -»Bursfeld ... der im englischen Tower gefangen saß?« - -»Nein, sein Sohn. Der Vater hieß Gerhard.« - -»Mein Gedächtnis ist gut. Sie haben mir von einem Sohne Gerhard -Bursfelds nie gesprochen. Warum nicht?« - -»Ich weiß es selbst erst seit drei Monaten.« - -»Und ich erfahre es erst heute?« - -Cyrus Stonard trat dicht an den Doktor heran. Ein Blick traf ihn, der -sein Gesicht noch eine Nuance blasser werden ließ. - -»Erklären Sie!« - -»Es war vor ungefähr drei Monaten ... Ich hielt mich einige Zeit in -Trenton auf, um in meinem Laboratorium im Hause einer Mrs. Harte an -einem Versuch zu arbeiten. Eines Tages kommt ein junger Ingenieur, der -in den Staatswerken von Trenton beschäftigt ist, zu Mrs. Harte und -erkundigt sich nach ihren Familienverhältnissen. Dabei stellt sich -heraus, daß der verstorbene Mann der Mrs. Harte ein Stiefbruder von -Gerhard Bursfeld war.« - -»Ihre Erzählung scheint darauf hinauszuwollen, daß der junge Ingenieur -der Sohn von Gerhard Bursfeld ist. Warum nannte er sich Logg Sar?« - -»Auf Logg Sar lauten seine Papiere. Für die Welt und für ihn beruht -alles andere auf Vermutungen. Für mich ist der Beweis erbracht.« - -»Liefern Sie ihn mir!« - -»Sie erinnern sich an meinen früheren Bericht über die Sache, Herr -Präsident. Heute kenne ich seine Fortsetzung. Nachdem Gerhard Bursfeld -die unfreiwillige Reise nach England gemacht hat, verschwindet er -für immer im Tower. Sein Weib flieht mit ihrem kleinen Knaben in die -kurdischen Berge. Unterwegs schließt sie sich einer Karawane an: -Kaufleute, Priester und was sonst in Karawanen nach Mittelasien zieht. -Die junge Frau ist den Strapazen des langen Weges nicht gewachsen. -Irgendwo auf der Strecke zwischen Bagdad und Kabul wurde sie bestattet. -Ein tibetanischer Lama, der in sein Kloster zurückkehrt, nimmt sich der -Sterbenden an. Ihm übergibt sie ihren Knaben, macht ihm zur Not dessen -Namen verständlich ...« - -»Etwas schneller, wenn's beliebt, Herr Doktor!« - -»Der Lama nimmt den Knaben mit in sein Kloster Pankong Tzo und erzieht -ihn in den Lehren Buddhas. Als der Knabe vierzehn Jahre alt ist, -besucht eine Expedition schwedischer Gelehrter das Kloster. Der junge -Europäer fällt auf. Von einem der Mitglieder der Expedition, dem -Ethnologen Olaf Truwor, wird er mit nach Schweden genommen, wird mit -dessen Sohn zusammen erzogen, wird wie dieser Ingenieur ...« - -Cyrus Stonard hatte während des Berichtes mechanisch allerlei Arabesken -gemalt, wie es seine Gewohnheit war. Jetzt warf er den Bleistift -unwillig auf das vor ihm liegende Papier. - -»Glauben Sie im Ernst, Herr Doktor, daß irgendein Anwalt in den Staaten -auf Ihre Erzählung hin einen Erbschaftsprozeß übernehmen würde?« - -»Nur noch einen kurzen Augenblick Geduld, Herr Präsident. Die Kette -schließt sich Glied an Glied. Auf einer Rheinreise, die er nach dem -Abschluß seiner Studien macht, wird Logg Sar von einem alten Ehepaar -angesprochen, dem seine überraschende Ähnlichkeit mit Gerhard Bursfeld -auffällt. Die alten Leute sind mit Gerhard Bursfeld verwandt, haben -ihn genau gekannt und sind von dieser Ähnlichkeit ebenso frappiert -... wie ich es war, als Logg Sar mir das erstemal vor die Augen trat. -Ich glaubte damals, Gerhard Bursfeld so vor mir zu sehen, wie er -dreißig Jahre früher in Mesopotamien vor mir gestanden hat. Die alten -Leute machen Logg Sar darauf aufmerksam, daß ein Stiefbruder Gerhard -Bursfelds in Trenton lebt. Logg Sar findet im weiteren Laufe seiner -Ingenieurkarriere eine Stellung in den Trentonwerken. Er erinnert sich -der Mitteilungen der alten Leute und spricht bei Mrs. Harte vor. Ihr -Mann ist tot. Ein Bild von Gerhard Bursfeld findet sich im Hause. Die -Ähnlichkeit ist überzeugend.« - -Cyrus Stonard blickte den Erzähler durchdringend an. - -»Sie tischen mir da eine sehr romantische, aber wenig beglaubigte -Geschichte auf. Es fehlt nur noch das berühmte Muttermal, und die Sache -könnte in Harpers Weekly stehen. Herr Doktor, ich wünsche von Ihnen -schlüssige Beweise und keine Phantastereien. Haben Sie irgendeinen -wirklichen Beweis, daß Logg Sar und Silvester Bursfeld identisch sind?« - -Dr. Glossin spielte seinen Trumpf aus. - -»Ein Wort schließt die Kette: Logg Sar.« - -»Was soll das heißen?« - -»Logg Sar bedeutet im Tibetanischen das Jahresende. Den letzten Tag des -Jahres. Den Tag, den die christliche Kirche dem Silvester geweiht hat. -Die sterbende Mutter hat dem fremden Priester verständlich zu machen -versucht, was der Name ihres Kindes bedeutet. Das Jahresende. Der -christliche Name wurde vergessen. Seine tibetanische Übersetzung ergab -den neuen Namen, unter welchem der Knabe in Pankong Tzo verblieb.« - -»Das ist kein Beweis für mich, Herr Doktor. Und ich glaube ... für Sie -auch nicht.« - -Dr. Glossin trat einen Schritt näher an den Diktator heran. - -»Mein letzter Beweis, ein zwingender Beweis! Er kennt das Geheimnis -seines Vaters. Es ist ihm überkommen, er hat es ausgebaut in einem -Maße, daß ...« - -Die feinen Flügel der Adlernase des Diktators zitterten. Zwei lotrechte -Falten zogen sich zwischen seinen Augenbrauen zusammen, als er den Satz -des Doktors vollendete: - -»... daß er unser werden oder verschwinden muß, wie seinen Vater die -Engländer verschwinden ließen.« - -»Das erstere ist wohl nicht mehr möglich.« - -»Nach dem Experiment in Sing-Sing ... ich glaube, daß Gründe -vorhanden sind, die mir gestatten, Ihr Konto damit zu belasten, Herr -Doktor! Finden Sie einen Weg, auf dem sich die andere Möglichkeit -bewerkstelligen läßt?« - -Cyrus Stonard warf dem Doktor einen Blick zu, der diesen erschauern -ließ. Ein Wink des Diktators, und er war selbst aus der Liste der -Lebenden gestrichen, fand vielleicht schon in wenigen Stunden selbst -sein Ende auf dem Stuhle in Sing-Sing. - -Cyrus Stonard ließ die Lider sinken und fuhr ruhig fort: »Wie sind Sie -hinter sein Geheimnis gekommen?« - -Der Doktor schöpfte tief Atem und begann stockend zu erzählen: - -»Sein Gesicht war mir vom ersten Tage an verhaßt. Auch sonst hatte ich -Grund ... seine Anwesenheit im Hause Harte unangenehm zu empfinden ...« - -»Hm! Hm ... so ... weiter!« - -»Er bat mich, mein Laboratorium in meiner Abwesenheit benutzen zu -dürfen. Ich erlaubte es ihm. Beim Fortgehen sorgte ich dafür, daß -zehntausend Volt an den Tischklemmen lagen. während der zugehörige -Spannungsmesser nur hundert Volt anzeigte. Ich kam wieder, um eine -Leiche zu finden, und sah ihn unversehrt aus dem Hause treten. Das -Lächeln eines Siegers auf den Lippen, der soeben einen großen Erfolg -errungen hat. Da wußte ich, daß Silvester Bursfeld der rechte Sohn -seines Vaters ist. Er mußte wissen, daß ich ihm die Falle gestellt -hatte. Ich durfte mich nicht mehr vor seinen Augen zeigen. Drei -Tage später verschwand er ... Unauffällig, wie es üblich ist. -Spezialgericht. Elektrokution. Ich glaubte, der Fall sei erledigt. Was -weiter geschah, wissen Sie, Herr Präsident.« - -»Haben Sie in seinen Papieren gründlich nachgesucht?« - -»In jedem Winkelchen. Es sind keine Aufzeichnungen über die Erfindung -vorhanden. Ich war dreimal in seinen Räumen. Jedes Stück Papier wurde -umgedreht und studiert.« - -»Sie haben selbst gesucht ... Lassen Sie unsere Polizei suchen! -Die versteht es vielleicht besser ... Zum zweiten Punkt unserer -Besprechung. Wer hat R. F. c. 1 genommen?« - -»Ich würde sagen, sicherlich englische Agenten, wenn ich nicht ...« - -»Wenn Sie nicht ...« - -»Wenn ich nicht nach den Vorgängen dieses Morgens fürchten müßte, daß -Silvester Bursfeld allein oder mit Komplicen in unserem schnellsten -Kreuzer nach ... nach Schweden oder nach Tibet fährt.« - -»Allein ist ausgeschlossen! Komplicen? Wer sind sie?« - -»Ich weiß es nicht ... Bis jetzt noch nicht. Einer dieser Komplicen ist -bestimmt der Zeuge Williams. Von dem dritten, der das Auto steuerte, -wissen wir nur, daß er braunhäutig ist ...« - -»Es ist anzunehmen, daß die drei zusammenbleiben werden. Drei sind -leichter in der Welt zu finden als einer. Nehmen Sie die politische -Polizei zu Hilfe und suchen Sie. Das Finden liegt in eigenstem -Interesse ... Suchen Sie, Herr Doktor Glossin!« - -Dr. Glossin stand in unsicherer Haltung vor dem Diktator. Zum erstenmal -hatte er die ihm anvertrauten, so ungeheuer weitreichenden Vollmachten -für die Zwecke einer Privatrache angewendet. Die Blankette und -Vollmachten, die er in den Händen hielt, machten es ihm leicht, den -jungen Ingenieur aufheben zu lassen. Bis dahin war alles in Ordnung. - -Aber daß er den Gefangenen sofort auf den elektrischen Stuhl brachte, -entsprach nicht der Staatsräson. Solche Leute bewahrte Cyrus Stonard -nach bewährter Methode an festen Orten auf und suchte hinter ihre -Schliche zu kommen. Dr. Glossin raffte sich zusammen. - -»Ich bitte Sie, den Entschluß über Krieg oder Frieden um etwa fünf -Stunden aufzuschieben. So lange, bis ich wieder hier bin.« - -»Warum?« - -»Weil ich dann sicher sagen kann, ob Logg Sar und seine Gefährten das -Flugschiff genommen haben oder nicht.« - -»Und wenn es mir aus anderen Gründen gefiele, daß englische Agenten das -Schiff genommen haben? Die Zeit ist reif! Der Zwischenfall könnte mir -gelegen kommen.« - -»Ich beschwöre Eure Exzellenz. Keine bindenden Entschlüsse, bevor wir -nicht klar sehen.« - -»Was klar sehen?« - -»Wohin die Erfindung gegangen ist. Logg Sar im Bunde mit England ... -dann können wir den Kampf nicht wagen.« - -Der Diktator schüttelte abweisend das Haupt. - -»Der Sohn wird sich hüten, sich mit den Mördern seines Vaters zu -verbinden.« - -»Ich hoffe es. Aber Sicherheit ist mehr wert als Vermutung. In wenigen -Stunden kann ich Sicherheit haben. Hat er R. F. c. 1 nicht genommen, -so ist er noch in den Staaten, und wir haben die Möglichkeit, ihn zu -fassen. Solange er frei ist, bleibt er eine Macht, die wir fürchten -müssen.« - -Ein Schweigen von zwei Minuten. Dann sagte Cyrus Stonard: »Ich erwarte -Ihre Mitteilung im Laufe der nächsten drei Stunden. Unsere Presse soll -ihre Invektiven gegen England bis auf weiteres unterlassen. Versuchen -Sie auf jede Weise, des Erfinders habhaft zu werden. Vermeiden Sie -Differenzen mit anderen europäischen Staaten. Wir wollen dem Gegner -keine Bundesgenossen werben.« - -Eine Handbewegung des Präsident-Diktators, und Dr. Glossin war -entlassen. - - * * * * * - -Hinter dichten Bäumen verborgen, efeuumsponnen, stand in der Johnson -Street zu Trenton das Häuschen, welches Mrs. Harte mit ihrer Tochter -Jane bewohnte. Die Nähe der großen Staatswerke konnte man hier -vollkommen vergessen. Die roten Backsteinhäuser der Straße lagen -ausnahmslos in geräumigen Gärten. Die Straße selbst war reichlich zehn -Minuten von den Werken mit ihrem geräuschvollen Verkehr entfernt. Sie -lag auf der entgegengesetzten Seite des Ortes und mündete in einen -schönen, von Nordwesten her direkt an das Städtchen stoßenden Laubwald. - -Mrs. Harte war Witwe. Ihr Mann hatte den Tod als Ingenieur in den -Staatswerken gefunden. Auf eine schlimme Weise. Ein Dampfrohr platzte -und erfüllte seinen Arbeitsraum mit überhitzten Dämpfen. Frederic -Harte war nach dem Unfall ruhig nach Hause gekommen und hatte sein -Weib schonend auf seinen Tod vorbereitet. Sie glaubte, er spräche im -Fieber. Erschrocken war sie auf ihn zugeeilt und hatte seine rechte -Hand ergriffen. Hatte mit Entsetzen spüren müssen, wie das Fleisch der -Finger sich von den Knochen löste, tot und weich, vom überhitzten Dampf -gekocht, in ihren eigenen Händen verblieb. - -»Es tut nicht mehr weh ... Ich habe keine Schmerzen«, hatte Frederic -Harte sie mit einem weltentrückten Lächeln getröstet, sich ruhig an -seinen Schreibtisch gesetzt und seine letzten Verfügungen getroffen. -Zwei Stunden später verlor er das Bewußtsein. Nach abermals einer -Stunde war er tot. »Totale Verbrennung der ganzen Oberhaut, Erstickung -infolge fehlender Hautatmung«, sagte der Arzt der verzweifelten Frau. - -Das furchtbare Ereignis hatte Mrs. Gladys Harte niedergeschmettert. -Monate hindurch fürchtete man für ihren Verstand. Nur ganz allmählich -erholte sie sich von diesem Schlage. Doch in demselben Maße, wie ihre -geistigen Kräfte sich wieder hoben, nahmen die körperlichen ab. Jetzt -war sie fast den ganzen Tag an den Rollstuhl gefesselt, in der Pflege -ihrer einzigen Tochter Jane. - -Der seltsame Unglücksfall hatte über die nähere Umgebung hinaus -Aufsehen erregt. Wenige Tage danach war ein Neuyorker Arzt Dr. Glossin -nach Trenton gekommen. Aus wissenschaftlichem Interesse bat er um -nähere Aufschlüsse über die letzten Stunden des Heimgegangenen. Mit -großer Teilnahme bemühte er sich um die beiden von ihrem Schmerz ganz -niedergeworfenen Frauen. Er machte Jane Harte ein hohes mehrjähriges -Mietangebot auf das Laboratorium, das sich Frederic Harte in dem Hause -eingerichtet hatte. Im Bewußtsein ihrer unsicheren pekuniären Lage -hatte Jane ohne Bedenken zugesagt. Als die Mutter sich wieder erholt -hatte, billigte sie das Abkommen mit dem Doktor gern, zumal dieser -selten kam und sich nur immer für kurze Zeit in dem Laboratorium zu -schaffen machte. - -Es wurde anders, als Logg Sar in diesen kleinen Kreis trat. Nach dem, -was der junge Mann vorbrachte, war er ein Verwandter der beiden Frauen. -Aber der lebendige Verkehr der Gegenwart ließ alle alten Erinnerungen -und verstaubten Beziehungen schnell in den Hintergrund treten. Mr. -Logg Sar oder, wie er hier bald gerufen wurde, Silvester wurde ein -lieber Gast im Hause Harte. Nur Dr. Glossin schien darüber nicht erbaut -zu sein. Wohl blieb er jederzeit höflich und gestattete Silvester -bereitwillig, das Laboratorium zu benutzen. Aber die Gegenwart des -Doktors allein wirkte störend und erkältend. - -Es kam, wie es das Schicksal mit den beiden jungen Menschen -vorhatte. Aus dem Bewußtsein der Verwandtschaft erwuchs eine leichte -Zuneigung und aus dieser eine immer tiefer und inniger werdende -Herzensgemeinschaft. Silvester Bursfeld hätte vollkommen glücklich sein -können, wenn Dr. Glossin nicht gewesen wäre. Nicht nur während seiner -Anwesenheit, sondern auch noch an den nächsten Tagen war das Wesen -Janes stets verändert. Sie zeigte dann eine so sonderbare Kälte und -Zurückhaltung, daß Silvester oft an ihrer Liebe verzweifeln wollte. -Erst nach Tagen stellte sich wieder das alte trauliche Benehmen ein, -ohne daß ihr diese Veränderlichkeit selbst zum Bewußtsein zu kommen -schien. - -Ein Zufall brachte Silvester die Lösung des Rätsels. Eines Tages -fand er Jane im Laboratorium schlafend auf einem Stuhle. Trotz aller -seiner Bemühungen erwachte sie erst nach einer Viertelstunde und -leugnete dann, geschlafen zu haben. Da war sich Silvester seiner -Sache sicher. Zweifellos brauchte Dr. Glossin Jane zu irgendwelchen -hypnotischen Experimenten. Mißbrauchen nannte es Silvester. Er behielt -seine Entdeckung für sich, nahm sich aber vor, den Doktor zur Rede zu -stellen. Es kam anders. Wenige Tage danach war Silvester verschwunden, -ohne vorher von einer Reise gesprochen, ohne Abschied genommen zu haben. - -Es war die vierte Nachmittagstunde des sechzehnten Juni. Vor der Tür -im Schatten des alten Nußbaumes saß Mrs. Harte in ihrem Lehnstuhl, -neben ihr in einem Korbsessel zurückgelehnt Jane. Das Köpfchen mit dem -gleichmäßigen Profil in das Kissen gelehnt, auf welches das lichtblonde -Haar reich und schwer niederfiel. Die Sonnenstrahlen drangen durch das -Gezweig des alten Baumes und malten auf Haar und Wangen wechselnde -Reflexe. Ein reizvolles Bild. Aber alles an dieser Erscheinung war -wie hingehaucht. Man konnte vor solcher Zartheit erschrecken, die bei -Menschen wie bei Blumen nur den vergänglichsten Blüten eigen ist. - -Jane Harte beschäftigte sich mit einer Stickerei. Ihre schlanken Finger -setzten geschickt Stich neben Stich und formten in schwerer Seide das -Muster einer roten Rose. Aber ihre Gedanken waren nicht bei dieser -Arbeit. Ihre Miene verriet, daß eine Sorge, ein Kummer sie drückte. Die -Schatten unter den Augen sprachen von durchwachten Nächten, die Blässe -ihrer Wangen steigerte noch das Ätherische ihrer ganzen Erscheinung. -Mit einem Seufzer ließ sie die Arbeit sinken. - -»Heute ist eine Woche vergangen, seit Silvester zum letztenmal bei uns -war.« - -»Du machst dir vielleicht unnötige Sorge, mein Kind. Ich denke, er hat -eine plötzliche Reise unternehmen müssen ... vergaß es in der Eile, uns -zu benachrichtigen.« - -»Vergessen?« - -Ein bitterer Zug zuckte um Janes Mund. - -»Jane, was hast du?« - -»Laß, Mutter! Ich weiß, daß man in den Werken ebenfalls keine Erklärung -für sein plötzliches Verschwinden hat. Man glaubt dort ... und ich -fürchte es ... eine innere Stimme gibt mir die Gewißheit, daß er das -Opfer eines Unglücksfalles oder vielleicht ... eines Verbrechens -geworden ist.« - -Sie barg ihr Gesicht in die Hände und versuchte vergeblich, die -fließenden Tränen zurückzuhalten. - -»Unmöglich, Kind. Der harmlose, freundliche Mensch. Wer sollte ihm -übelgesinnt sein? Außer uns verkehrte er mit niemand im Orte. Wie -wäre es, wenn wir Dr. Glossin um Rat fragten. Er hat doch für diesen -Nachmittag sein Kommen in Aussicht gestellt. Vielleicht kann er uns -helfen.« - -Jane ließ die Hände sinken. - -»Dr. Glossin?« - -Ein Zucken ging über ihre Züge. Ihre Augen öffneten sich weit, und ein -Beben lief durch den schlanken Körper. - -»Dr. Glossin ... Ja ... Er!« - -Beinahe überlaut kam es von ihren Lippen. Grübelnd ruhten ihre Blicke -auf dem dichten Blättergewirr über ihr. Die Gedanken jagten sich hinter -ihrer Stirn. Sie versucht, einen ganz momentan und instinktartig -aufgetauchten Verdacht zu ergründen ... Vergeblich. Sie fand keinen -Zusammenhang. Der gespannte Ausdruck ihrer Züge wich dem einer -Enttäuschung. Was war das, was da einen Augenblick ganz klar vor ihrer -Seele stand und sich dann wieder verwirrte und verdunkelte, so daß alle -Zusammenhänge verlorengingen? - -Das Einschnappen der Gartentür klang dazwischen und ließ sie auffahren. - -»Ah, Dr. Glossin!« - -Schreck und Erwartung kämpften in ihren Mienen. - -»Sie riefen mich, meine liebe Miß Jane. Da bin ich. Womit kann ich -Ihnen helfen?« - -»Sie kommen zur rechten Zeit, Herr Doktor«, wandte sich Mrs. Harte an -den Besucher. »Seit einer Woche ist Mr. Logg Sar verschwunden. Wir -stehen vor einem Rätsel. Helfen Sie uns, es zu lösen.« - -Janes Blick hing unverwandt an dem Gesicht des Doktors. Ihre Augen -blickten so fragend und angstvoll, als würde von dieser Stelle aus über -ihr eigenes Leben entschieden. - -»Ja, helfen Sie uns, Herr Doktor«, schloß sie sich der Bitte der Mutter -an. - -Es war klar, daß die beiden Frauen noch keine Ahnung von der Affäre in -Sing-Sing hatten, und Dr. Glossin handelte danach. - -»Oh, Mr. Logg Sar ist verschwunden? Da wäre es doch wohl das -einfachste, wenn man sich an die Polizei wendete. Freilich müßte -man glaubhaft machen, daß der begründete Verdacht eines Verbrechens -vorliegt, denn sonst ... man reist viel in den Staaten, und eine -achttägige Abwesenheit eines jungen unabhängigen Mannes wäre noch kein -Grund, den polizeilichen Apparat in Bewegung zu setzen.« - -Dr. Glossin hatte seine Züge in der Gewalt. Jane, die ihn gespannt -beobachtete, merkte keine Veränderung an ihnen, während er ruhig -fortfuhr: »Ich will mich selbst mit der Polizei in Verbindung setzen, -aber ... aber vielleicht hat Mr. Logg Sar triftige Gründe ...« - -»Herr Doktor! Was soll das heißen?« - -Jane rief es mit fliegender Hast. Sie schaute den Besucher mit großen, -klaren Augen an. Doch nur auf Sekunden. Vor dem magnetischen Fluidum, -welches aus den funkelnden Augen des Doktors auf sie überströmte, -senkten sich ihre Augenlider schwer und furchtsam. - -»Ich bin nur gekommen, um eine Kleinigkeit, die ich bei meinem letzten -Hiersein vergaß, aus dem Laboratorium zu holen. Ich muß gleich wieder -abreisen.« - -Im Umdrehen suchte er nochmals den Blick Janes zu fassen, den diese -beharrlich zu Boden gerichtet hielt. Einen Augenblick nur dauerte der -stumme Kampf. Dann schaute das Mädchen besiegt zu dem Manne empor. Ihre -Blicke versenkten sich ineinander. - -»Eine kleine halbe Stunde, dann ist mein Geschäft erledigt.« - -Der Doktor schritt dem Hauseingang zu. - -»Bring mich ins Haus, liebe Jane. Die Sonne ist hinter dem Dach -verschwunden. Mir wird kühl.« - -Während Jane die herabgesunkene Decke um sie schlug, strich ihr die -Mutter liebkosend über das bleiche Gesicht. - -»Mein Liebling, es wird noch alles gut werden.« - -»Möchtest du recht haben, liebe Mutter.« - -Ruhig, fast eintönig sprach Jane die Worte. Im Hause bettete sie die -Kranke auf einen Diwan und wandte sich zum Flur. Leise schloß sie die -Tür und stand wie mit sich selbst kämpfend einen Augenblick still. Dann -schritt sie dem Laboratorium zu. - -Dr. Glossin kam ihr entgegen und führte sie zu einem bequemen Stuhl. -Der suggestive Befehl war auf die Minute genau ausgeführt. Noch einmal -versuchte sie es, sich zu erheben, aber es gelang ihr nicht. Eine -unüberwindliche Kraft fesselte sie an ihren Sitz. Ihr Mund öffnete -sich, als wolle sie rufen. Dr. Glossin streckte die Hände über Janes -Haupt aus, und kein Ton kam von ihren Lippen. Ohne Kraft und Willen -ließ sie ihren Kopf auf die Rückenlehne sinken. Sie war in jenem -rätselhaften Zustand, in dem das körperliche Auge geschlossen ist, -während die Seele Dinge wahrnimmt, die räumlich oder zeitlich in weiter -Ferne liegen. Dr. Glossin zog seine Hand zurück und fragte: »Wo hat -Logg Sar die Aufzeichnungen über seine Erfindung gelassen?« - -Die Züge Janes strafften sich. Sie schien etwas zu suchen und schwer -oder unvollkommen zu finden. Ihre Lippen öffneten sich und formten -Worte einer fremden Sprache. - -»~Om mani padme hum.~« - -Eintönig wiederholte sie die vier Worte. Dr. Glossin hörte sie und -verstand den Sinn nicht. Mit größter Konzentration stellte er die Frage -noch einmal, gab er Befehl, das Versteck der Aufzeichnungen zu nennen. -Die Antwort bestand immer wieder in diesen vier Worten, die ganz -mechanisch, fast maschinenmäßig wiederholt wurden, wie wenn etwa ein -Phonograph den gleichen Text ein dutzendmal herunterspielt. - -Der Doktor ließ die Frage fallen und stellte eine andere. - -»Wo ist Logg Sar jetzt? Können Sie ihn sehen? Können Sie hören, was er -spricht?« - -Abgebrochen und stoßweise kamen die Worte von Janes Lippen: »Ich sehe -... Wolken ... ein Schiff ... ein Flugschiff ... Logg Sar! Er trägt -ein dunkles Kleid. Zwei Männer sind bei ihm ... Das Schiff landet -... Viel Heidekraut. Die Männer verlassen das Schiff ... Das Schiff -verschwindet. Logg Sar geht über die Heide ... Es wird neblig. Ich sehe -nichts mehr.« - -Atemlos hatte Dr. Glossin Wort für Wort aufgefangen. - -»In welchem Lande sind sie? Wo liegt das Land?« - -»Ein Land im Norden ... dunkle Tannen und Heidekraut ... ein Haus an -einem Fluß. Die Nebel steigen ... Ich sehe nichts mehr ...« - -Dr. Glossin zwang sich zur Ruhe. Er wußte aus früheren Erfahrungen, daß -es vergeblich war, weiterzufragen, wenn das Bild sich verschleierte. -So setzte er die Nachforschung in anderer Richtung fort. Viel Hoffnung -auf einen Erfolg hatte er nicht. Wenn die Vision schon bei Vorgängen -abbrach, die, wenn auch weit entfernt, in der Gegenwart stattfanden, -war wenig Aussicht, zeitlich zurückliegende Dinge zu erblicken. Aber er -beschloß, den Versuch zu machen. - -»Gehen Sie in Logg Sars Wohnung!« - -»Ich gehe ... die Johnson Street, die Washington Street ... ich bin in -dem Hause ... ich trete in das Zimmer ...« - -»Blicken Sie sich genau um! Sind alle Gegenstände vorhanden? Oder fehlt -etwas? Wurde in der letzten Zeit etwas aus dem Zimmer genommen? Blicken -Sie rückwärts.« - -Jane hob die Hände, als ob sie sich in einem dunklen Raum vorwärts -tastete. - -»Ich sehe ... Logg Sar ist fortgegangen. Eine Person kommt. Ich erkenne -sie. Es ist Dr. Glossin. Er sucht und findet nichts ... Er geht wieder -fort. Zwei andere Männer kommen. Der eine ... ein Riese, blond, mit -blauen Augen. Der andere dunkel. Ein Neger? ... Nein, ein dunkler Mann. -Sie suchen. Sie nehmen ... ~Om mani padme hum ... Om mani padme hum.~« - -Der Doktor ballte erregt die Hände. - -»~Om mani padme hum~? ... Schon wieder die sonderbaren Worte. Was -bedeuten sie? Geben sie den Schlüssel? Wie finde ich die Lösung? ... -Verdammt daß die Zeit so knapp ist! In drei Stunden muß der Diktator -seinen Bericht haben.« - -»~Om mani padme hum~«, kam es automatisch von Janes Lippen. - -»Was nehmen die zwei? Strengen Sie sich an! Versuchen Sie, deutlich zu -sehen. Was nehmen die beiden Männer?« - -»Papierstreifen ... ich sehe eine kleine Handmühle ... das Bild wird -trübe. Die Nebel steigen.« - -»Eine Mühle?« - -Dr. Glossin zerbrach sich den Kopf. Eine Mühle? Was konnte Logg Sar -für eine Mühle haben? Bei der Durchsuchung seines Zimmers hatte Dr. -Glossin allerlei asiatische Erzeugnisse gesehen ... vielleicht eine -buddhistische Gebetmühle? Gab etwa der rätselhafte Spruch die Lösung -nach dieser Richtung? - -Dr. Glossin wußte, daß er es heute nicht mehr erfahren würde. Er legte -die Hand aufs neue auf Janes Stirn. Im Augenblick vollzog sich eine -Veränderung in ihrem Aussehen. Ihre Züge entspannten sich, und wie -eine tief Schlafende saß sie in dem Stuhl. Der Arzt ließ sie zehn -Minuten in dieser wohltätigen Ruhe. Dann strich er ihr wieder über die -Augen und das Haar. Ein Strom mächtigen Willenfluidums drang durch die -Nerven seiner Finger. Jane schlug die Augen auf und schien es für die -selbstverständlichste Sache von der Welt zu halten, daß sie hier im -Laboratorium saß. - -»Ich bitte Sie, Miß Jane, lassen Sie alles machen, was sie für -notwendig halten, und legen Sie mir die Rechnungen bei meinem nächsten -Besuch vor. Ich möchte, daß das Laboratorium in gutem Zustande gehalten -wird.« - -»Jawohl, Herr Doktor. Es soll alles nach Ihren Wünschen besorgt werden.« - -Jede Erinnerung an den vorangegangenen Zustand des Hellsehens war -bei Jane geschwunden. So befahl es die retroaktive Suggestion, die -Dr. Glossin ihr bei der letzten Berührung erteilt hatte. Sie verließ -das Laboratorium mit dem Bewußtsein, eine einfache geschäftliche -Unterredung mit dem Doktor geführt zu haben. Aber auch jede Sorge um -Logg Sar, ja jede Erinnerung an ihn war wie weggewischt. Sie stand -für den kommenden Tag unter dem suggestiven Befehl Glossins, war in -jenem Zustande, der Silvester früher sooft zur Verzweiflung gebracht -hatte. Der Doktor war sicher, daß sie vor dem Ablauf der nächsten -vierundzwanzig Stunden kein Interesse mehr an dem Schicksal des -Verschwundenen nehmen würde. Obwohl sie ihn liebte, wie es Glossin mit -Furcht und Eifersucht beobachtet hatte, obwohl sie sich als Silvesters -Verlobte betrachtete, wovon Dr. Glossin noch nichts wußte. - -Der Arzt blieb allein zurück. - -»Drei Männer sind es. Ein dunkler dabei ... das stimmt mit unseren -Beobachtungen ... Drei Personen sollen den Kraftwagen in Sing-Sing -bestiegen haben ... Sie sind im Luftschiff entflohen. Es ist kein -Zweifel, daß es R. F. c. 1 war ... Die anderen waren in seiner Wohnung -und haben die Aufzeichnungen geholt und mitgenommen. Hier bricht -die Spur ab. Ich werde sie an einem anderen Ende wieder aufnehmen -... Telenergetische Konzentration ... Gerhard Bursfeld kannte das -Geheimnis. Sein Sohn hat es wiedergefunden. Vererbung ... Zufall ... -Schickung? Wer weiß?« - -Dr. Glossin erhob sich mit einem Ruck von dem Schemel. - -»Wir müssen klar sehen, bevor Cyrus Stonard den Schlag wagt. Es wäre -unmöglich, wenn die Gegner das Geheimnis besitzen.« - - * * * * * - -Mit zweihundertachtzig Metern in der Sekunde schoß R. F. c. 1 Kurs -Nordwest zu Nord über den Lorenzgolf dahin. Land und See lagen -dreißig Kilometer unter dem Rapid Flyer. Automatisch arbeiteten die -Benzolturbinen des Kreuzers, und selbsttätig regulierte die einmal -eingestellte Steuerung den Kurs und die Höhenlage. - -Nur drei Personen befanden sich im Flugschiff im Zentralraum. In -einem Korbsessel, leicht ausgestreckt, die Gestalt eines etwa -Dreißigjährigen. Die Farbe seines Haupthaares war nicht zu erkennen. -Es war ganz kurz geschnitten, wie rasiert. Die Farbe des Antlitzes -zeigte eine Nuance in das Gelblich-Rötliche, wie man sie an Menschen -der weißen Rasse kennt, die lange in den Tropen gelebt haben. Die hohe -Stirn wies auf geistige Bedeutung. Ein schwarzer Anzug von eigenartig -schlotterndem Schnitt umschloß die Glieder. - -Ein anderer machte sich an den Hebeln und Reguliervorrichtungen -zu schaffen, die von der Zentrale aus den Gang der Turbinen -beeinflußten. Er war blond, blauäugig, von nordischem Typus. Eine -jener hochgewachsenen reckenhaften Gestalten, wie man sie bis auf die -Gegenwart in den Tälern von Darlekarlien bis hinauf zum Ulea und Tornea -findet. - -Ein Dritter durchspähte am Ausguck der Zentrale mit scharfem Glase -den Raum unter dem Flugzeug. Braunhäutig, auch in seiner europäischen -Tracht als indisches Vollblut kenntlich. - -Die Unterhaltung wurde in wechselnder Sprache geführt. Bald schwedisch, -bald deutsch. Bald wurde von allen Dreien fließend und geläufig ein -reines Tibetanisch gesprochen und bald wieder Englisch. Sie wechselten -die Sprache in irgendeinem Satze der Unterhaltung, wie gerade irgendein -Wort den Anstoß dazu gab. - -Silvester Bursfeld war es, der noch im Hinrichtungsanzug mit kahl -geschorenem Schädel in dem Sessel ruhte. - -Erik Truwor, der Schwede aus altem, warägischem Dynastengeschlecht, -bediente die Hebel für die Maschinen und die Steuerung. Noch in -der ernsten bürgerlichen Kleidung, in der er als Zeuge zu der -Elektrokution gegangen war. - -Soma Atma, der Inder, stand spähend am Ausguck. Jetzt ließ er das Glas -sinken und wandte sich den beiden anderen zu. - -»Wir sind durch! Der letzte amerikanische Kreuzer ist hinter uns aus -dem Gesichtsfeld entschwunden.« - -»Wir sind durch!« Erik Truwor wiederholte die Worte und stellte die -automatische Steuerung fest ein. Mit frohem Lächeln wandte er sich zu -Silvester Bursfeld. - -»Das schwerste Stück liegt hinter uns! Ich denke, Logg Sar, wir sind in -Sicherheit. Wir fahren im schnellsten Flugschiff der Welt. Ein zweites -Schiff der Type existiert noch nicht. Jetzt haben wir Ruhe und können -sprechen.« - -Der Schwede trat ganz nahe an den Sitzenden heran und legte ihm die -Hand auf die Schulter. - -»Wir sind in Sicherheit, Logg Sar. Noch wenige Stunden, und wir stehen -auf schwedischem Boden. Armer Freund! Sie haben dir böse mitgespielt. -Wir haben es ihnen vergolten. Sie werden in Sing-Sing noch lange an den -heutigen Tag denken. Du mußt ihn möglichst schnell vergessen.« - -Silvester Bursfeld sammelte sich, bevor er stockend zu antworten -begann. Die ungeheure Erregung der letzten vierundzwanzig Stunden -führte jetzt zu der unausbleiblichen Reaktion. - -»Weißt du, was es heißt, mit dem Leben abschließen zu müssen? Den Tod, -einen schimpflichen und qualvollen Tod unaufhaltsam heranrücken zu -sehen?« - -Der Sprecher schauderte zusammen. - -»Die Stunden werde ich nie vergessen. Plötzlich gefangen ... eine -Farce von einem Gericht ... zum Tode verurteilt. Im Besitze des -Rettungsmittels und unfähig, es anzuwenden ... dann erblickte ich dich -unter den Zeugen. Unsere Blicke trafen sich, und ich wagte ganz leise -zu hoffen ... Haben die anderen das Geheimnis gefunden?« - -Erik Truwor hatte eine faustgroße Messingkapsel zwischen den Händen, -ein reichverziertes, mit winzigen Glöckchen behangenes zylindrisches -Gebilde. Er hielt die Kapsel in der Linken und drehte mit der Rechten -mechanisch einen Knopf. - -»Sie haben es nicht entdeckt. Nach dem ersten Besuche des Dr. Glossin -kamen wir in deine Räume. Ich suchte, und Atma fand. Er sah den -Tschosor ...« - -Der Schwede fiel bei dem tibetanischen Worte wieder ins Tibetanische. - -»Atma öffnete die Gebetmühle und sah, daß der Text auf den Streifen -nicht vom Kleinod im Lotos sprach. Wir lasen deine Anweisung. Einen -halben Tag brauchte ich, um sie zu verstehen. Noch einen halben Tag, um -die versteckten Teile zu finden und wieder zusammenzubauen. Dann hatten -wir den Strahler! In seinem Besitze, in der Kenntnis des Geheimnisses -war es uns leicht, die Maschine zu sprengen.« - -Mit zitternden Händen griff Silvester Bursfeld nach der Gebetmühle und -streichelte sie liebkosend. - -»Das Geheimnis ist gerettet. Alles, was ich darüber schrieb, steht auf -den Bändern. Ich will ihnen ...« - -Zorn und Erregung malten sich auf seinen Zügen. - -»Ich will ihnen Brände und Stürme schicken, daß sie ...« - -Erik Truwor hob beschwörend die Rechte. Ein goldener Schlangenring von -alter indischer Arbeit gleißte am vierten Finger. Ein Stein schimmerte -darin in wundersamem Farbenspiel. Bald glänzte er tiefgrün, und dann -wieder, wenn ein Strahl der elektrischen Lampe ihn traf, sandte er -blutrotes Rubinlicht aus. - -Atma trat hinzu. Der gleiche Ring erglänzte an seiner Hand wie an der -seines Gefährten. In Überraschung und Staunen weiteten sich die Augen -Silvesters. Zwischen den beiden Ringen wanderten seine Blicke hin und -her und hafteten dann auf dem leeren Ringfinger der eigenen Hand. - -»Die drei Ringe des Tsongkapa ... Die alte Prophezeiung ... Vom Anfang -des Bogens der Wille ... Vom Ende das Wissen ... von Mitternacht ... -mein Ring fehlt ...« - -War es das Flimmern der Steine, war es der strahlende Blick des Inders, -Silvester Bursfeld hielt stockend inne und schloß die Augen zu tiefem -Schlaf. - -Atma kehrte auf seinen Beobachtungsposten zurück. - -Erik Truwor hantierte am Empfangsapparat der telegraphischen Station. -Mit schnellen Blicken überflog er die Zeichen des aus dem Apparate -quellenden Streifens. Dann ein Wink an den dunklen Gefährten. Der schob -und drehte das schimmernde Aluminiumrad der selbsttätigen Steuerung, -bis die schwarze Marke genau über der Spitze des nordweisenden Kreisels -stand, der die Steuerung betätigte. In weit ausholendem Bogen gehorchte -das Flugschiff der Steuerung und schoß über Labrador hin nordwärts -gerichtet auf den Pol zu. - -Der Schwede wies auf die Telegrammstreifen. - -»Amerikanische Kreuzer auf Grönland und über Island. Wir müssen über -den Pol gehen, um die Sperre zu meiden.« - -Atma hörte, und ein stärkerer Glanz leuchtete in seinen großen -strahlenden Augen. - -»Gezwungen?« - -»Gezwungen!« - -Der Inder nahm die alte Weissagung da wieder auf, wo Silvester, in den -Schlaf fallend, gestockt hatte. - -»... Von Mitternacht kommt die Macht.« - -Erik Truwor erschauerte. Er kannte die Weissagung. Der Moment trat ihm -vor die Augen, als der greise Abt von Pankong Tzo ihm den Ring auf den -Finger schob und dazu nur die Worte sprach: »Das ist der dritte!« - -Es ging um die alte, so schwer deutbare Prophezeiung, an der sich die -Ausleger seit siebenhundert Jahren versuchten. Erik Truwor war ein -moderner Mensch. Er beherrschte das Wissen der Gegenwart, kannte als -Ingenieur die Naturwissenschaft seiner Zeit. So hatte er den Ring -genommen und hatte ihn mit den Blicken des Naturforschers betrachtet. -Der Stein, eine Abart des Chrysoberyll, ein gut geschliffener -Alexandrit, der die Eigenschaft besitzt, in natürlichem Lichte grün, -in künstlichem rot zu leuchten. Die Prophezeiung ... eine jener vielen -aus der Vorzeit überkommenen dunklen Weissagungen, die man in jedem -Jahrhundert auf die Ereignisse der Zeit zu deuten versucht. Erik -Truwor wollte ihr skeptisch gegenüberstehen und brachte es doch nicht -fertig. Zu sehr klangen die Worte des Tsongkapa mit alten dunklen -Überlieferungen zusammen, die in seinem Vaterhaus umgingen. Zu sehr -auch brachten sie in seinem Gemüt eine Saite zum Mitschwingen, die wohl -nur leise angeschlagen zu werden brauchte, um zu klingen. Schon einmal -sollten die Truwors vor mehr als tausend Jahren den Völkern in den -weiten Steppen Rußlands einen Herrscher gegeben haben. Aber über diese -geschichtliche Überlieferung ging die Legende hinaus, daß es nicht das -letztemal gewesen sein sollte. Ein dunkles Grenzgebiet tat sich hier -auf. Ein Ineinanderfließen grauer Vergangenheit und ferner Zukunft. - -Erik Truwor hätte lächeln mögen, wenn er nicht im fernen Osten Dinge -gesehen hätte, die ihm das Lachen verlegten. Dinge, für die das eherne -Kausalitätsgesetz seine Wirkung zu verlieren schien. Erscheinungen, bei -denen Zeit und Raum ihre Ausdehnung verloren. War es blinder Zufall -oder war es irgendeine Fügung, daß sie jetzt infolge der erzwungenen -Abweichung vom kürzesten Kurs direkt vom Pol her genau aus Mitternacht -in ihre Heimat stoßen mußten? - -»... Aus Mitternacht kommt die Macht«, sagte die alte Weissagung. Er -entsann sich ihrer jetzt Wort für Wort. - -»Vom Anfang des Bogens kommt der Wille«, das ließ sich auf Atma, -den im fernen Osten Geborenen, deuten, der die Fähigkeit der -Willensübertragung, der telepathischen Fernwirkung in übermenschlichem -Maße besaß. - -»Vom Ende das Wissen.« - -Das mochte wohl auf den Mann gehen, der dort ruhig im Stuhle -schlummerte und Erfindungen von so gewaltiger Tragweite gemacht hatte. - -»Von Mitternacht kommt die Macht.« Wörtlich ließ es sich jetzt auf sie -alle drei zusammen deuten ... - -Die Steuerung des Kreuzers wurde von Minute zu Minute unsicherer. -Der steuernde Kreisel, dessen Achse an jedem Punkte der Erde auf den -Polarstern weist, stand jetzt genau senkrecht. - -Erik Truwor blickte durch die Scheiben nach unten. Wo die Wolken einen -Durchblick ließen, wurden unendlich ausgedehnte Eis- und Schneeflächen -sichtbar. Der Kreuzer stand genau über dem Pol. Wohin immer er jetzt -fuhr, er mußte nach Süden fahren und aus Mitternacht kommen. - -Mit fester Hand griff der Schwede in die Speichen der Steuerung. In -weitem Bogen schwenkte das Schiff um einen Winkel von fünfundvierzig -Grad und schlug den Kurs auf die Ostecke von Spitzbergen ein. Minuten -verstrichen. Dann nahm der steuernde Kreisel ganz allmählich eine -schräge Lage an. Die automatische Steuerung begann wieder zu arbeiten, -und Erik Truwor konnte zur drahtlosen Station zurücktreten. - -Atma wies ihm stumm den Papierstreifen, der inzwischen viele Meter lang -unter dem Schreibrad hervorgequollen war ... Aufregende Depeschen aus -Amerika. Der Krieg mit England so gut wie sicher. Kühle Auslassungen -von Washington. Dann wieder siedend heiße Telegramme der amerikanischen -Presse. R. F. c. 1 spielte die Hauptrolle darin. - -Die amerikanischen Wachtflieger sollten seine Landung in Schottland -beobachtet haben. Der Äther war voll von gefährlichen Nachrichten. - -Erik Truwor las, während die Stunden der Fahrt sich summten. Endlich -hatten sie das offene Meer unter sich. Das Nordkap kam in Sicht. -Gebirge, Fjorde, weite Flächen ... alles noch in bläulichem Nebel -verschwommen. Jetzt schoß der Flieger mit starkem Gefälle nach unten. -Seine Geschwindigkeit nahm ab, als er in die dichteren Luftschichten -eindrang. Dann senkte er sich mit stehenden Maschinen im Gleitflug und -stand auf einer weiten, nur mit Heidekraut bewachsenen Fläche still. - -Atma trat auf den Schläfer zu und strich ihm leicht über die Augen. -Silvester Bursfeld erwachte und erhob sich erfrischt. Der magnetische -Schlaf hatte die Spuren der erlittenen Anstrengungen und Leiden -verwischt. Nur noch das kurze Haar und der ominöse Anzug erinnerten -daran, daß er vor zehn Stunden zum Tode geführt werden sollte. - -Als Erster sprang Erik Truwor aus dem Schiff und stand fest und sicher -auf dem heimatlichen Boden. Sorglich half er Silvester beim Verlassen -des Fliegers. - -»Willkommen auf heimatlichem Boden! Willkommen, Silvester, im alten -Schweden, in unserem Linnais! Ein neues Leben beginnt heute für uns -alle. Deine Erfindung, Silvester, ist größer, als du selbst vielleicht -denkst und ahnst. Das Schicksal hat uns viel gegeben. Wir werden uns -der Gabe würdig zeigen müssen.« - -Soma Atma war als der Letzte aus dem Flugschiff gesprungen. Seine Frage -unterbrach den Gedankenflug Erik Truwors. - -»Wohin mit dem Flugschiff? Hier darf es nicht stehen. Die Luft hat -Augen.« - -Silvester Bursfeld trat näher und strich liebkosend über die silbern -schimmernde Wand des Schiffes. An den Körper einer Schwalbe erinnerte -sein Rumpf. Schmal und schnittig, daß die Luft es noch sanft umstrich, -wenn es mit Flintenkugelgeschwindigkeit durch den Äther dahinschoß. Der -Rumpf vom langausgezogenen Steuerschwanz bis zum Motorkopf kaum zwölf -Meter lang. Die Schwingen zu ebener Erde jetzt zusammengefaltet und an -den Rumpf gelegt wie die Flügel einer ruhenden Schwalbe. In der dünnen -Atmosphäre, in dreißig Kilometer Höhe, da reckten sich diese blanken -Flächen aus, streckten sich von innen her gespreizt weit nach beiden -Seiten, bis sie fünfzig Meter klafterten. - -Auf leichten Rädern stand der zierliche Rumpf mit angefalteten -Schwingen. - -»Die Yankees sollen das Schiff nicht wiederhaben! Ein Andenken sind sie -mir für den elektrischen Stuhl schuldig.« - -Silvester knurrte es unwillig vor sich hin. - -»Du hast recht. Wir können die Maschine selbst gebrauchen. Moralische -Verpflichtungen haben wir nach deinem Abenteuer nicht mehr. Das Schiff -findet Platz in der Odinshöhle.« - -Silvester Bursfeld trug an einem Riemen an der rechten Hüfte einen -kleinen Kasten aus poliertem Zedernholz. Er ergriff ihn, wie man nach -einem Krimstecher greift. Einige Griffe an ein paar Stellschrauben des -Apparates, und wie von Geisterhänden berührt, begann das Flugschiff -auf dem ebenen Heideboden langsam voranzurollen. So gemächlich, daß -seine drei bisherigen Passagiere ihm im bequemen Schritt zu folgen -vermochten. Etwa wie ein gut dressierter Hund lief es vor ihnen her, -während Silvester Bursfeld es mit seinem Apparat verfolgte wie ein -Photograph ein Objekt, das er auf die Platte bannen will. - -Nun war das Ende der Hochebene erreicht. Mit steilem Gefälle führte -der Weg mehrere hundert Meter in die Tiefe zum Torneaelf hinab. Sich -selbst überlassen, mußte die Maschine auf diesem Pfade ins Rollen -kommen, mußte umschlagen oder zerschellen. Aber war sie bisher wie -ein Hund gelaufen, so kletterte sie jetzt wie eine Gemse. Vorsichtig -wand sie sich auf dem schmalen Pfade dahin ... und jetzt ... Silvester -Bursfeld neigte seinen Apparat nach oben, und die schwere Maschine -hob sich vom ungangbaren Pfade in die Luft. Während ihre Propeller -stillstanden, während ihre Schwingen dicht gefaltet am Rumpf lagen, -gaukelte sie wie ein Schmetterling vor den Wanderern dahin, die den -engen Pfad hinabstiegen. Nun bogen sie seitlich vom Wege in ein Gewirr -von Blöcken und Heidekraut am Abhange ein. Noch wenige hundert Meter, -und eine dunkle Öffnung gähnte am Hange. - -Silvester Bursfeld arbeitete mit seinem Apparat wie ein Künstler. Er -hob und senkte, drehte und richtete ihn, kam im Bogen schließlich -gerade vor jene Öffnung zu stehen. Vor ihm schwebte das schwere -Flugschiff. - -In langsamer vorsichtiger Wendung kehrte es seine Spitze der Öffnung -zu. Jetzt tauchte es in die Dunkelheit, und jetzt war es verschwunden. -Silvester folgte ihm, während Erik Truwor einen Handscheinwerfer in -Tätigkeit setzte, der die Höhle mit blendendem Licht erfüllte. - -Noch etwa hundert Meter Weg in der geräumigen, hier von der Natur in -das Urgestein gesprengten Höhle. Eine kurze Schwenkung nach links. Das -Flugschiff verschwand hinter gewaltigen Basaltsäulen. Wie Silvester -jetzt den Strahler senkte, senkte sich auch das Schiff. Seine Räder -berührten den Boden und nun stand es sicher und unbeweglich auf der -ebenen, mit trockenem Sand bedeckten Basis der Höhle. Silvester -Bursfeld setzte die Schrauben seines Apparates auf die Nullstellung und -ließ ihn wieder auf seine Hüfte hinabgleiten. - -»So! Hier wird es niemand entdecken! Wenigstens nicht, wenn die Leute -in der Gegend noch denselben Respekt vor der Odinshöhle haben wie -früher.« - -»Sie haben ihn. Die Schäfer und Waldläufer hier glauben immer noch, daß -allerhand Geister in der Höhle hausen.« - -Erik Truwor sagte es lachend. - -»Selbst am lichten Tage machen sie einen Bogen um die Höhle. So leicht -wagt sich niemand hinein, so breit und offen ihr Eingang auch daliegt. -Sie haben Respekt davor, und sollte er nachlassen, so haben wir das -Mittel, ihn wieder aufzufrischen.« - -Er deutete dabei auf den Strahler an Silvesters Seite. Aus dem Dunkel -der Höhle traten die drei wieder an den sonnigen Tag. Sie folgten dem -Pfade flußabwärts und erreichten das alte Stammhaus der Truwors, das -hier aus Birken und Föhren hervor auf den Torneaelf hinabschaute. - - * * * * * - -»~Britannia rules the waves, Britannia rules the winds.~« Aus -Hunderttausenden von Kehlen drang die alte Melodie mit neuem Text und -brauste über die blauen Wasser des Solent. Die Flotte der leichten -englischen Luftstreitkräfte war plötzlich am Himmel sichtbar geworden. -Ihr Erscheinen bildete den Auftakt und Anfang der großen Wettbewerbe, -die am 11. Juni von der ~Aeronautical Federation of G. B.~ und dem -~Imperial Aero Club~ über dem Meeresarm zwischen der Insel Wight und -der englischen Küste veranstaltet wurden. In Geschwadern zu je hundert -kamen die Flugzeuge angeschossen. Tauchten irgendwo in der Ferne aus -dem Blau des Himmels oder des Ozeans auf. Bildeten zu hundert in der -Luft ein lateinisches ~V~ wie die Zugvögel und hielten die Figur genau -geschlossen, während sie allerlei Evolutionen vollführten. - -Geschwader auf Geschwader tauchte auf, bis es schließlich ihrer tausend -waren. Bis hunderttausend Flugzeuge in einer dichten Wolke den Azur -des Firmaments mit dem silbernen Schimmer blanken Leichtmetalles -durchsetzten. - -Die Menge, welche schwarz die Ufer und Klippen des Solent umsäumte, -sang spontan das alte Lied. Unbekümmert von aller politischen Spannung -waren die Massen hierher gepilgert, um ein sportliches Schauspiel zu -sehen. Aber der Anblick der unüberwindlichen englischen Luftflotte -führte zu diesem elementaren Ausbruch patriotischen Gefühles. Geschickt -hatten es die Regierenden verstanden, dem Empfinden der Menge -Rechnung zu tragen und sich gleichzeitig von der Schlagfertigkeit -und Alarmbereitschaft der Luftflotte zu überzeugen. Das Singen, das -Schwenken von Tüchern und Hüten nahm kein Ende, solange noch ein -Flugzeug zu sehen war. Dann ... so plötzlich wie die Flotte auftauchte, -war sie auch wieder verschwunden. Von Yarmouth bis zum Atlantik, von -den Orkneys bis zu den Kanalinseln stand sie wieder über den Küsten wie -ein geschlossener Hornissenschwarm. Bereit, jeden Gegner auf dem Wasser -und in der Luft mit giftigem Stachel anzufallen und zu vernichten. - -Ein Teil des Uferfeldes war von der Menge frei gehalten worden. -Hier lagen die Luftjachten, in denen die vornehmen Mitglieder der -veranstaltenden Klubs zu dem Schauspiele gekommen waren. Dort schwer -und breit, mit überreichem Zierat beladen, goldglänzend die Jacht des -Radscha von Rankure. Wenige Meter davon entfernt die wundervollen -Flugschiffe der Norfolks, Sommersets, der Cecils und vieler anderer. In -der Mitte von allen diesen der gestreckte Leib einer Aluminiumjacht. -Sie gehörte dem Vierten Lord der britischen Admiralität, Seiner -Herrlichkeit Lord Horace Maitland auf Maitland Castle. - -Lord Horace Maitland hatte in seiner amtlichen Stellung die Verwaltung -der Luftstreitkräfte unter sich. Er gehörte dem Präsidium des Imperial -Aero Club an, und der große Empfangssalon seiner Jacht bildete den -Treffort für alle diese Aristokraten der Geburt und des Geldes, deren -Flugschiffe das Feld bedeckten. - -Der Salon der Jacht bot durch große Zellonspiegelscheiben nach drei -Seiten hin freien Ausblick. Nur die vierte Wand war massiv. Zwei -schmale Türen führten zu den Privat- und Wirtschaftsräumen des -Flugschiffes. Den mittleren Teil der Wand nahm eine Gruppe von Palmen -und Blattpflanzen ein. Ein gewaltiger Löwenkopf aus schwerer Bronze war -etwa in Brusthöhe an der Wand befestigt und warf einen Strahl frischen -Wassers in ein Muschelbecken zwischen den Palmen. Sessel und Tische -waren dazwischen gruppiert. - -Hier saß die Herrin der Jacht, Lady Diana Maitland, im Kreise ihrer -Besucherinnen. Wie die Herren ausnahmslos im Klubanzug erschienen -waren, so trug auch Lady Diana den Sportdreß des Aeroklubs. Schlank -und rank erschien ihre jugendliche Gestalt in dem fußfreien Rock und -dem enganschließenden Jackett aus marineblauem Tuch. Mit gespannter -Aufmerksamkeit verfolgten auch die Damen die Vorgänge in den Lüften, -mit besonderem Interesse Lady Diana selbst. Immer wieder hob sie den -Feldstecher empor, um sich keine Einzelheit entgehen zu lassen. Ihre -dunklen Augen blitzten erregt. Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen. -Jeder Nerv in ihr vibrierte, als ob sie selbst an den Wettkämpfen dort -oben teilnähme. Ein Beobachter hätte unschwer feststellen können, -daß ihr Temperament und Wesen nicht englisch waren, daß nicht allein -ihre Eigenschaft als Gattin des Luftministers sie besonders an diesen -Vorführungen interessierte, sondern daß ihre andersgeartete Natur die -Freude an den aufregenden Kampfspielen viel stärker zu erkennen gab, -als es bei den Damen ihrer Umgebung der Fall war, deren schwerflüssiges -englisches Blut auch hier die gewohnte kühle Reserve wahrte. - -Die letzten Flieger der englischen Wehrmacht waren am Horizont -verschwunden. Alle Gäste wußten, daß man das eben gesehene Schauspiel -den Anordnungen des Lords zu verdanken hatte, und sie hielten mit ihrer -Anerkennung nicht zurück. - -»Brillant,« knurrte Kommodore Morison, »schade, daß die Amerikaner -nicht dabei waren. Würden es sich danach überlegen, mit uns anzubinden.« - -»Die Amerikaner werden nicht kommen«, bemerkte Mr. Pykett, der -australische Baumwollkönig, trocken. - -»Wetten, daß sie kommen?« fiel ihm der Viscount Robarts ins Wort. -Viscount William Robarts, der nie eine Gelegenheit vorübergehen ließ, -eine Wette zu riskieren. - -»Ich glaube doch nicht«, meinte Mr. Pykett. - -Der Viscount zog die Uhr. »Zehn Pfund darauf, daß das erste -amerikanische Boot in fünf Minuten hier ist.« - -Lord Horace Maitland stand dicht dabei. Ein Zucken lief über die -scharfgeschnittenen Züge seines glatt rasierten Gesichtes. Er kannte -Amerika und die Amerikaner. Heute war er ein angehender Vierziger. -Seit drei Jahren Inhaber des Lordtitels und der damit verbundenen -Einkünfte. Aber die Lordschaft war ganz unverhofft durch eine Reihe von -Todesfällen an ihn gekommen. Die vorangehenden zehn Jahre hatte er als -einfacher Mr. Clinton in den Vereinigten Staaten gelebt. Nicht sehr -begütert. Genötigt, im Strome des Lebens zu schwimmen und den Kampf -ums Dasein zu führen. Damals, es waren jetzt fünf Jahre her, hatte er -Diana, die eine berühmte Sängerin an der Chikagoer Metropolitan-Oper -war, geehelicht, hatte noch zwei Jahre mit ihr in den Staaten gelebt, -bis die Pairie an ihn fiel. Er brachte in die Stellung des englischen -Aristokraten die Lebens- und Menschenkenntnis eines amerikanischen -Kaufmannes mit. Was Wunder, daß er bald auch im politischen Leben eine -Rolle spielte und verhältnismäßig jung das verantwortliche Amt eines -Lords der Admiralität bekleidete. - -Weniger leicht war es seiner Gattin gemacht worden, in der englischen -Gesellschaft festen Fuß zu fassen. Schon bei ihren ersten Schritten -fühlte sie instinktiv eine von Mißtrauen nicht freie Zurückhaltung -heraus, die der gewesenen Sängerin galt. Der Ton der Gesellschaft war -wenigstens von seiten des weiblichen Teils auf vorsichtige Duldung -eingestellt. Aber Lady Diana Maitland, die polnische Magnatentochter, -war keinen Augenblick gewillt, sich nur dulden zu lassen. Ein stiller, -zäher Kampf begann. Schritt für Schritt eroberte sich Lady Diana die -Stellung, die ihr nach dem Range ihres Gatten und ihrer Geburt zukam. -Und wenn sie heute als eine der ersten Damen des englischen Highlife -dastand, so verdankte sie es in erster Linie den eigenen geistigen -und körperlichen Vorzügen. Ihre Ehe galt nicht nur als mustergültig, -sondern als glücklich, wenn ihr Nachkommenschaft auch bisher versagt -war. - -Viscount Robarts wiederholte sein Angebot. - -»Zehn Pfund darauf, daß das erste amerikanische Boot um viertel elf -hier ist.« - -Mr. Pykett nahm die Wette an. - -»Hundert Pfund dagegen, daß um viertel elf kein amerikanisches Boot -hier ist. Fünfzig Pfund dagegen, daß bis Mittag überhaupt keins kommt.« - -Die Gedanken Lord Maitlands jagten einander. Mr. Pykett gehörte dem -australischen Parlament an. Er mußte genau die Fäden kennen, die sich -zwischen Amerika und Australien spannen. Es hatte sicher seine Gründe, -wenn er auf das Nichterscheinen der Amerikaner wettete. Aber Lord -Maitland empfing auch von Viertelstunde zu Viertelstunde die Telegramme -aus Amerika, und er fand, daß die aufreizende Sprache der Yankeepresse -in den Morgenstunden an Schärfe verloren hatte. Wollte man England -einwiegen, um es dann um so sicherer überfallen zu können? Oder hatte -sich Cyrus Stonard besonnen und die Auseinandersetzung aufgeschoben? Er -fand keine sichere Antwort auf diese Fragen. - -Seine Betrachtungen wurden unterbrochen. Ein Punkt, der in den letzten -Sekunden am Horizont sichtbar geworden war, hatte sich schnell -vergrößert. Aus unendlicher Höhe stieß er herab und wuchs in jeder -Sekunde, bis er sich breit und massig auf die blauen Fluten des Solent -legte. Dort wogte das Luftschiff im Spiele der Wellen leicht auf und -ab, rasselnd gingen die Anker in die Tiefe und legten den mächtigen -Rumpf fest. Flatternd stieg das Sternenbanner am Heck hoch, und wie -durch Zauberei spannte sich in wenigen Sekunden der bunte Schmuck der -Flaggenparade längs über das Schiff. Cheerrufe aus der Menge begrüßten -den ersten Transatlantik, dem in wenigen Minuten zwei weitere folgten. - -Mr. Pykett schrieb ruhig einen Scheck über 150 Pfund aus und legte -ihn in die Hände des Viscount Robarts. Während er das tat, stellte -er sich im stillen die gleichen Fragen wie Lord Maitland. Warum ließ -Cyrus Stonard noch Passagierboote hinüber? Hatte er sich im letzten -Augenblick besonnen und die Auseinandersetzung aufgeschoben? - -Die Atmosphäre war mit Politik geladen. Auch das Gespräch der Damen -beeinflußte sie. In einer Pause der Gespräche hörte man deutlich die -wohlklingende Stimme der Lady Diana: - -»Wie sollten England und Amerika miteinander fechten? Die gemeinsame -Sprache verhindert es ja. Sie ist das stärkste Band, das Menschen -aneinanderbindet.« - -Die Viscounteß Robarts nickte zustimmend. »Ich könnte es nicht -begreifen, wie ~Englishspeakers~ sich gegenseitig morden sollten.« - -Die Damen glaubten nicht an die Möglichkeit eines Krieges. Aber sie -wußten auch wenig von der Politik und Staatsräson eines Cyrus Stonard. - -Draußen begann der Wettbewerb der Tauchflieger. Von großen Höhen -schossen die Flugschiffe herunter, durchschnitten klatschend die -Wasserfläche, zogen noch eine kurze Spur quirlenden Propellerwassers -hinter sich her und waren dann verschwunden. Als Unterseeboote setzten -sie ihre Fahrt fort. Nach den Bedingungen des Wettbewerbes mußten sie -unter Wasser eine lange Strecke zurücklegen, eine in fünfzig Meter -Tiefe verankerte Boje aufnehmen und innerhalb vorgeschriebener Zeit an -einer bestimmten Stelle wieder auftauchen. - -Um die Amerikaboote tummelten sich die Zollbarkassen. Die -Zollabfertigung dauerte nur kurze Zeit. Schon setzten die -Transatlantiks selbst Motorboote aus. Einzelne der soeben Angekommenen -gingen an Land, um hier Freunde und Bekannte zu treffen. - -Der Weg für die Tauchflieger war lang. Deshalb schob das Programm -ein Wettfliegen mit motorlosen Flugzeugen ein. Nach dem pomphaften -Schauspiel der Luftflotte und dem dämonischen der Tauchflieger kam die -Idylle. Von der höchsten Spitze der Uferklippen segelten die einzelnen -Flieger ab. Wie die Schmetterlinge gaukelten sie mit geblähten -Tragflächen in der Luft. Hingen oft fast bewegungslos an derselben -Stelle, um dann plötzlich die Flügel zu recken und sich wie die -Albatrosse in weiten Kreisen in die Höhe zu schrauben. - -Viscount Robarts suchte, mit wem er eine neue Wette auf den Segelflug -eingehen könne. Die übrigen Gäste Lord Maitlands verfolgten durch -scharfe Gläser die immer höher steigenden Segler. Auf der Bordtreppe -der Maitlandjacht wurden Schritte vernehmbar. Neue Gäste kamen. Sir -Arthur Vernon, der Vorgänger Lord Maitlands in der Admiralität. Er -führte einen Fremden in diesen Kreis ein. - -»Herr Dr. Glossin aus Trenton in den Staaten ...« - -Während der Eingeführte sein Kompliment machte, fuhr Sir Arthur zu Lord -Maitland gewendet kaum hörbar fort: »... Ein alter Freund von mir ... -Kann vielleicht helfen, die Krise zu lösen.« - -Die wenigen Worte genügten, um dem Amerikaner einen Empfang zu sichern, -dessen Herzlichkeit noch um eine Note über die übliche englische -Gastfreundschaft hinausging. - -Dr. Glossin widmete sich besonders der Herrin der Jacht. Zu ihrem -Staunen lenkte er das Gespräch sehr bald auf solche Orte und Personen, -die sie als Sängerin kennengelernt hatte, ohne doch ihren früheren -Beruf mit einem Worte zu erwähnen. - -Lady Diana wurde durch das Gespräch gefesselt und doch wieder innerlich -abgestoßen. Sie spürte bei jedem Satz einen geheimnisvollen Doppelsinn -und konnte sich dem Einfluß dieses Gastes doch nicht entziehen. Eine -innere Stimme warnte sie, sich den Mann zu nah kommen zu lassen, und -unter einem unwiderstehlichen Zwange brachten ihre Lippen gleichzeitig -eine freundliche Einladung nach Maitland Castle zutage. Eine Einladung, -die Lord Maitland dringend unterstützte. Es lag ihm daran, mit diesem -einflußreichen Amerikaner in Fühlung zu bleiben. - -Dr. Glossin dankte für die Aufforderung. Er nahm sie mit Vorbehalt -an. Vorerst habe er noch in London zu tun. Danach würde er gern nach -Maitland Castle kommen. Krieg und Kriegsgefahr ... er lachte darüber. -Das amerikanische Volk denkt nicht daran, sich mit den stammverwandten -Briten in einen Krieg einzulassen. Preßzänkereien bedeuteten noch lange -keinen Krieg. - -Lord Maitland ging gerade auf das Ziel los. Die Aufregung der -amerikanischen Presse sei durch die Entführung eines Flugzeuges -hervorgerufen worden. Die amerikanische Presse habe behauptet, daß die -Engländer es entführt hätten. Ob der Zwischenfall klargestellt sei. - -Dr. Glossin wurde wortkarg. Die Entführung des Flugschiffes sei noch -nicht völlig aufgeklärt. Bestimmte Beobachtungen deuteten aber auf eine -bestimmte Spur. Er vermied es, hier in der Gegenwart so vieler Gäste -mehr zu sagen. Aber Lord Maitland verstand, daß der Amerikaner ihm -unter vier Augen mancherlei mitzuteilen habe, Dinge, die jedenfalls die -größte Diskretion verlangten. - -Draußen nahmen die Konkurrenzen ihren Fortgang. Das Zwischenspiel der -Segelflieger war beendet. Der Viscount Robarts hatte es zu seinem -Leidwesen vorübergehen lassen müssen, ohne eine Wette unterbringen -zu können. Unbelebt dehnte sich die Fläche des Solent. Aber mit den -Stoppuhren in der Hand warteten die Preisrichter. Und jetzt ... -Wirbelnd schoß es wie ein Fisch aus dem Wasser, reckte im Augenblick -des Auftauchens zwei kräftige Schwingen und flog in die Höhe. Der -erste Flugtaucher war angekommen. Den Bedingungen der Konkurrenz -entsprechend, stieg er bis auf zehntausend Meter Höhe, ging dann im -Gleitflug nieder und legte sich ruhig auf das Wasser. Noch während -er niederging, stieg bereits das zweite Boot aus dem Wasser in die -Höhe. In kurzen Intervallen folgten die anderen Wettbewerber. Die -Konstruktionen gaben sich gegenseitig kaum etwas nach. Die wenigen -Sekunden, die das eine Boot etwa länger als das andere nach seiner Boje -auf dem Grunde hatte suchen müssen, gaben den Ausschlag. - -Jeder von den Zuschauern hier in der Jacht begriff, daß England in -diesen Flugtauchern eine neue wirksame Waffe besaß. Diese Maschinen -konnten in gleicher Weise U-Boote und Flugzeuge angreifen. Sie konnten -den Ort des Kampfes nach eigenem Belieben über oder unter dem Wasser -suchen. - -Lord Maitland stand mit dem Doktor Glossin an einem der Fenster. - -»Eine glänzende Erfindung! Ich denke, Sie werden Ihrem Präsidenten -davon zu erzählen haben.« - -Dr. Glossin lächelte höflich. Die Pläne der Flugtaucher waren längst in -Washington. - -»Es gibt etwas anderes, was uns gegenwärtig größere Sorge macht.« - -Lord Maitland blickte fragend auf. - -»Mein Lord, hörten Sie jemals etwas von telenergetischen -Konzentrationen?« - -Lord Maitland blickte so naturgetreu verdutzt auf, daß Dr. Glossin -einsah, der Lord wisse wirklich nichts davon. Wenn aber der Vierte Lord -der britischen Admiralität von dieser Sache nichts wußte, dann war -beinahe sicher anzunehmen, daß auch die Admiralität und die englische -Regierung keine Kenntnis davon hatten. Das mußte aber zweifelsfrei -festgestellt werden, bevor Cyrus Stonard losschlug. Darum war Dr. -Glossin hier in England, und darum hatte Cyrus Stonard das schon -gezückte Schwert nach einmal in die Scheide zurückgestoßen. - -Besaß England das Geheimnis Gerhard Bursfelds, so durfte Amerika den -Angriff nicht wagen. Im anderen Falle konnte der Schlag mit guter -Aussicht auf ein Gelingen geführt werden. - -Die Konkurrenzen gingen ihrem Ende entgegen. Im Wettbewerb um den -Höhenflug errang ein Fahrzeug den ersten Preis, welches sich unter -Zuhilfenahme der Raketenwirkung ausströmender Pulvergase bis zu einer -Höhe von 100 Kilometer erhoben hatte. Aber die Konkurrenten um den -Schnelligkeitspreis blieben weit hinter der amerikanischen Type R. F. -c. zurück. - -Dann war die Konkurrenz beendet. Während die Volksmassen in -Wasserbooten und Bahnen den Städten zuströmten, erhoben sich die -Jachten in die Lüfte. Der indische Radscha steuerte geradeswegs dem -Bergstock des Himalaja zu. Die Jacht des Lords Maitland flog nach -Maitland Castle. Dr. Glossin fuhr im Kraftwagen des Sir Vernon nach -London. - - * * * * * - -Die Schollen fielen auf den Sarg, der die sterbliche Hülle von Gladys -Harte barg. Ihr Leben war ruhig erloschen, wie die Flamme einer Lampe, -der das Öl fehlt. Das Ende war seit Monaten vorauszusehen. Es war -vielleicht durch die Aufregungen beschleunigt worden, die das Schicksal -Silvesters in das stille Haus in der Johnson Street brachte. - -Jane stand in einem kleinen Kreise Leidtragender an der offenen Gruft. -Hier kam ihr erst ganz zum Bewußtsein, wie einsam sie in diesen letzten -Jahren gelebt hatten. Nur wenige Personen gaben der Toten das Geleit. -Freunde des verstorbenen Mannes, wie dieser in den Staatswerken -angestellt. Einige Frauen dabei. - -Jane war ihnen von Herzen dankbar, daß sie jetzt noch einmal gekommen -waren, der Toten die letzte Ehre zu erweisen. Sie fühlte sich -grenzenlos einsam und verlassen. Während sie Beileidsworte hörte und -Hände drückte, dachte sie daran, daß sie jetzt allein in das leere Haus -in der Johnson Street zurückkehren müsse, und daß ... auch Silvester -von ihr gegangen sei. - -Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper. Sie drohte -umzusinken, als Dr. Glossin zu ihr trat, sie stützte und behutsam von -dem Grabe fortführte. Sorgsam geleitete er sie durch die breiten Wege -des Friedhofes, der in voller Junipracht grünte und blühte, als ob es -keinen Tod und kein Sterben auf der Welt gäbe. - -Willenlos ließ Jane es geschehen. Jeder Mensch, der sich ihrer annahm, -war ihr in ihrem augenblicklichen Zustande willkommen. Um wieviel -mehr Dr. Glossin, der solange in ihrem Hause verkehrte, der ihre -Mutter genau gekannt hatte, der versprochen hatte, ihr über Silvester -Nachrichten zu bringen! - -Sie stieg vor dem Friedhof in seinen Kraftwagen und ließ sich von ihm -in die Wohnung in der Johnson Street geleiten. Und hier im Anblick der -altvertrauten und heute so ganz verwaisten Räume kam ihr Schmerz von -neuem zum Ausdruck. Fassungslos sank sie auf einen Sessel und drückte -das Taschentuch vor die Augen. - -Dr. Glossin ließ sie einige Minuten gewähren. Dann legte er ihr sanft -die Hand auf das Haupt. - -»Meine liebe Miß Jane, versuchen Sie es, sich zu fassen. Ich weiß, es -hat wenig Zweck, Ihnen in dieser Stunde trostreich zuzusprechen. Haben -Sie Vertrauen zu mir. Folgen Sie meinem Rat. Nehmen Sie meine Hilfe an, -und alles wird gut werden.« - -Jane ließ das Tuch sinken und blickte auf. Ein neues Gefühl -durchrieselte sie. Ihre Tränen versiegten. Die Welt erschien ihr nicht -mehr so vollkommen leer und trostlos. - -»Sie sind der einzige nähere Bekannte, Herr Doktor, den wir hatten, den -ich jetzt noch habe.« - -»Sagen Sie: der einzige Freund! Lassen Sie sich von mir beraten. Sie -müssen aus der alten Umgebung heraus. Aus den Räumen, in denen jedes -Stück Sie an Ihren großen Verlust erinnert.« - -Jane würgte tapfer die wiederaufsteigenden Tränen zurück und nickte -zustimmend. - -»Sie haben wohl recht, Herr Doktor! Doch wohin soll ich gehen?« - -»Lassen Sie das meine Sorge sein. Die Hauptsache ist, daß Sie sofort -für ein paar Wochen in eine andere Umgebung kommen. Ich besitze in -Kolorado am Ausgange des Gebirges eine Farm. Da haben Sie andere Luft, -andere Gesichter und werden schneller das seelische Gleichgewicht -wiedergewinnen. Sie sind dort mein Gast, solange es Ihnen gefällt. -Mein Personal steht zu Ihren Befehlen, und ich selbst werde -gelegentlich ... sooft wie möglich ... hoffentlich recht oft die Zeit -finden, Sie zu sehen, mich von Ihrem Wohlbefinden zu überzeugen.« - -Dr. Glossin sprach langsam und eindringlich. Jane hörte ihm ruhig zu. -Zuerst noch leise widerstrebend. Ein Gedanke ging ihr durch den Sinn. - -»Ich werde nicht hier sein. Silvester wird mich suchen und nicht -finden.« - -Dr. Glossin erriet den Gedanken auch unausgesprochen. - -»Ich werde die Zwischenzeit benutzen, um über den Verbleib von Mr. Logg -Sar etwas in Erfahrung zu bringen. Auch werde ich inzwischen alle Ihre -Angelegenheiten hier ordnen. Briefe und was sonst hierherkommt, wird -Sie in Reynolds-Farm erreichen. Dort wird die frische Bergluft des -Felsengebirges Ihre blassen Wangen bald wieder röten.« - -Für einen väterlichen Freund sprach Dr. Glossin ein wenig zu eifrig -und lebhaft. Aber Jane achtete nicht darauf. Die Worte des Arztes -hatten ihre letzten Bedenken besiegt. Ihr Aufenthalt würde bekannt -sein. Alle Nachrichten würden sie an der neuen Stelle erreichen. Recht -gute hoffentlich und auch recht bald. Sie nahm die Vorschläge und die -Einladung Glossins an. - -Der hatte es sich in der letzten Stunde reiflich und nach allen Seiten -hin überlegt. Daß er Jane aus einer ganzen Reihe von Gründen mit sich -nehmen und unter seinem Einfluß behalten wollte, stand bei ihm fest. -Daß er zur Erreichung dieses Zieles seinen hypnotischen Einfluß auf -Jane ausnutzen mußte, war ebenfalls sicher. Nur wie weit er diesen -Einfluß anwenden solle, darüber war er sich zweifelhaft. Sollte er -so weit gehen, ihr überhaupt jede Erinnerung an die tote Mutter -wegzusuggerieren? Damit fiel auch für Jane das Gefühl der Verlassenheit -und der Grund fort, ihm zu folgen und sich unter seinen Schutz zu -stellen. Er mußte dann noch einen Schritt weitergehen und sie durch -die Hypnose ganz an sich ketten. - -Es widerstand ihm, Jane als einen willenlosen Automaten mit sich zu -nehmen. Er wollte aus einer eigentümlichen Stimmung heraus, daß Jane -ihm freiwillig und in einem natürlichen Schutzbedürfnis folge. Aber -er mochte auch keine ständig Jammernde und Klagende um sich sehen. So -wählte er den Mittelweg. Durch seinen suggestiven Einfluß verstärkte er -ihr Schutzbedürfnis und milderte ihren noch so frischen und heftigen -Schmerz über den Todesfall. - -Der Kraftwagen brachte sie nach dem Flughafen. Dem großen umfriedeten -Platz, auf dem die Flugschiffe der verschiedenen Staatslinien ankamen -und abfuhren. Jane kannte den Ort. Zu Lebzeiten der Mutter war sie -öfters von hier nach Philadelphia oder Milwaukee gefahren. Hatte damals -bemerkt, daß reiche Leute hier auch ihre eigenen Schiffe landen ließen. -Jetzt führte sie Dr. Glossin zu einer kleinen, aber ansprechenden -Privatjacht. Er bemerkte ihr Staunen. - -»Steigen Sie ein, meine liebe Miß Jane. Wundern Sie sich nicht -allzusehr, daß wir ein besonderes Schiff zur Verfügung haben. Ich mußte -es in Neuyork mieten, um noch rechtzeitig nach Trenton zu kommen.« - -Jane dankte dem Arzte mit einem warmen Blick. Wie freundlich von ihm, -daß er keine Unkosten scheute, um in dieser Zeit bei ihr zu sein, -ihr helfen zu können. Von ihm geleitet, betrat sie die Kabine des -Flugschiffes, welches sich sofort erhob, um die Fahrt nach dem Westen -zu beginnen. Dr. Glossin ließ sich Jane gegenüber nieder. - -»Gestatten Sie mir, meine liebe Miß Jane, daß ich Ihnen Ihren -zukünftigen Aufenthaltsort ein wenig schildere. Reynolds-Farm heißt -mein Besitztum in Kolorado. In früheren Jahrzehnten war es auch -wirklich einmal eine Farm mit ausgedehnten Äckern und Stallungen, mit -Scheunen und Speichern. Eine richtige Farm, wie sie im Buche steht. -Heute ist es ein ruhiges Landhaus in einem nach Osten offenen Tale der -Felsenberge gelegen. Bergluft, Tannenduft und Ruhe. Vollkommene Ruhe, -wie wir Großstadtmenschen sie bisweilen nötig haben, wie sie auch Ihnen -wohltun wird.« - -Jane hatte mit steigendem Interesse zugehört. Schon die -Ortsveränderung, die schnelle Fahrt, die sie jede Stunde so viele -Meilen von ihrem alten Aufenthaltsort entfernte, gab ihren Gedanken -eine andere Richtung, ließ sie minutenlang ihren Schmerz vergessen. - -»Aber Sie können selbst nur selten dort sein, Herr Doktor. Wer ist dort -auf Ihrer Farm? Wer hält das Anwesen in Ordnung? An wen werde ich mich -zu halten haben?« - -»Vor allen Dingen an meine gute alte Abigail, ein altes schwarzes -Faktotum, das dort das Haus in Ordnung hält.« - -Jane nickte zustimmend. Als Amerikanerin war sie es gewöhnt, daß -schwarze Dienerinnen es in den Häusern der Weißen zu angesehenen -Vertrauensstellungen brachten. Als Amme kam solche schwarze Frau zu den -Kindern, blieb als Wärterin bei ihnen, sah sie zu Männern heranwachsen -und blieb in ihren alten Tagen immer noch die schwarze Mammy. - -»Ein gutes, altes, anhängliches Tier! Ihre Schönheit läßt zu wünschen. -Dafür ist sie treu und fleißig, sie wird Ihnen jeden Wunsch von den -Augen ablesen ...« - -Es kam Jane nicht zum Bewußtsein, daß es dort vielleicht noch einsamer -sein könnte als in Trenton. Der suggestive Einfluß des Doktors -erstickte jedes aufsteigende Bedenken. - -Das Schiff eilte der sinkenden Sonne nach, bis es sich selbst zu -senken begann und die Kette der Felsenberge von Denver bis Cheyenne -am gelbglühenden Westhimmel stand. Es landete auf einer freien -grasbewachsenen Ebene. Dr. Glossin hatte wohl recht. Hier wehte -eine andere Luft als in Trenton, wo die großen Werke trotz aller -Fortschritte und Verbesserungen immer noch recht viel Ruß und Staub in -die Atmosphäre warfen. - -Frische, harzgetränkte Bergluft. Mit voller Brust sog Jane die leichte -Brise ein. - -Das Flugschiff war dicht neben der Farm gelandet. Auf dem Wege -zum Hause kam ihnen schon eine alte Negerin entgegen. Von jener -abschreckenden Häßlichkeit, die alte Negerweiber gewöhnlich -auszeichnet. Dabei von einer unterwürfigen Vertraulichkeit, die auf -langjährige Dienste schließen ließ. - -»Guten Tag, Mister Doktor. Die alte Abigail hat alles fertiggemacht. -Das Supper ist fertig. Die Zimmer sind fertig ...« - -Ein breites Grinsen ließ ihre Mundwinkel bis in die Nähe der Ohren -wandern, während sie versuchte, dem Doktor die Hand zu küssen. - -Dr. Glossin schob sie zurück. - -»Gut, Abigail. Ich erwartete es nicht anders. Meine Nichte Miß Harte -wird einige Zeit auf der Farm wohnen. Du wirst ihr genau so zu Diensten -sein wie mir und dafür sorgen, daß sie sich wie zu Hause fühlt.« - -Die Alte hatte während dieser Worte Jane prüfend betrachtet. Sie schien -mit dem Ergebnis ihrer Prüfung zufrieden zu sein, denn sie wandte sich -jetzt an Jane und versuchte, auch ihr die Hand zu küssen. - -»Laß das, Abigail!« - -Dr. Glossin sagte es mit einer eigentümlichen scharfen Betonung. Die -Schwarze trat zurück und folgte dem Doktor und seiner Begleiterin die -kurze Strecke bis zum Farmhofe. - -Jane fühlte sich nach dem schweren Leid der vergangenen Tage fast -leicht und frei. War es der Einfluß des Doktors, war es wirklich die -veränderte Umgebung, sie begann wieder mit Hoffnungen in die Zukunft zu -blicken. In ruhigen Stunden hatte sie schon früher der Möglichkeit ins -Auge geblickt, daß die Mutter ihr bald einmal entrissen werden könnte. -Jetzt war es geschehen, und sie versuchte es, sich mit dem Geschehenen -abzufinden. - -So trat sie am Arm Glossins in das neue Heim. Der Doktor geleitete -sie in den Empfangsraum, gab Abigail dann einen Wink, sie in ihre -eigenen Räume zu geleiten. Ein Halbblutboy schaffte die Koffer aus dem -Flugschiff dorthin. Wäsche, Garderobe, alle notwendigen Gegenstände -für den täglichen Gebrauch. Jane hatte sich auf einem Stuhl am Fenster -niedergelassen und blickte in die dämmernde Abendlandschaft hinaus. -Ihre Gedanken weilten bei Silvester. - -Die Nachricht von Sing-Sing war natürlich auch in das stille Haus nach -Trenton gedrungen und hatte die beiden Frauen aufs äußerste erschreckt. -Wohl lasen sie, daß er gerettet worden war. Aber die Tatsache allein, -daß er sich des Hochverrats schuldig gemacht haben sollte, daß er in -voller Form zum Tode verurteilt worden war, wirkte niederschmetternd. -Jane sowohl wie ihre Mutter hatten vollkommen den Kopf verloren, bis -ein alter Freund des Vaters sie aufrichtete. Joe Miller war damals zu -ihnen gekommen. Fand sie verzagt und lachte. - -»Sorge um Logg Sar? ... Vollkommen überflüssig. ... Alle Wetter, da -hat was dazwischengepfeffert und den Schleichern und Angebern das -Konzept verdorben. Habe zwar keine Ahnung, was es gewesen ist. Bin aber -sicher, daß es prachtvoll gewirkt hat. Angst brauchen Sie jedenfalls um -Logg Sar nicht zu haben. Ich meine, der könnte jetzt sogar ganz ruhig -in Neuyork spazierengehen. Seine Feinde würden sich bei einem neuen -Angriff noch viel mehr blamieren.« - -Diese Worte wirkten tröstlich auf Jane. Das Wunderbare des -Geschehnisses nahm sie gefangen. Durch eine unbekannte mächtige Hilfe -war Silvester der Gefahr im letzten Augenblick entrissen worden. -Seitdem hoffte sie auf seine Wiederkehr, hatte das sichere Gefühl, daß -die Macht, die ihn das erstemal schützte, auch jeden weiteren Anschlag -zunichte machen würde. - -Die geschwätzige Abigail riß sie aus ihren Sinnen. Welches Kleid die -Lady anziehen wolle. Ob sie sich zum Supper nicht schmücken wolle. Der -Herr Doktor liebe geschmückte Damen beim Supper. Vielleicht würde er -ihr sogar ... - -Die Mundwinkel der Schwarzen rückten wieder bis an die Ohren. Jane -bemerkte das Mienenspiel nicht. Nur langsam kehrten ihre Gedanken in -die Wirklichkeit zurück. - -Anziehen ... Das einfache schwarze Kleid, das sie trug, schien ihr das -richtige ... Schmücken, am Begräbnistage ihrer Mutter ... Sie gab ihr -den Auftrag, die Garderobe in den Schränken unterzubringen, und verließ -den Raum, um nach unten zu gehen. - -Abigail machte sich daran, den Auftrag zu vollziehen. Stück für Stück -nahm sie aus den Koffern. Dabei murmelte sie allerlei vor sich hin: - -»Hoho, mein Täubchen ... sehr einfach, zu bescheiden. Keinen Samt, -keine Seide. Nur so einfach ... ist nicht der Geschmack von Mister -Doktor ... Liebt feine Damen ... gelbe, rote Seide. Keine schwarzen -Kleider ...« - -Sie begann die Wäsche in die Fächer zu legen und fuhr in ihrem -Selbstgespräch fort: - -»Wirst dich ändern müssen, mein Täubchen! Waren schon andere vor dir -hier. Haben es auch gemußt. Taten alles, was Mister Doktor wollte, wenn -Mister Doktor sie anguckte ... anguckte mit den großen, heißen Augen.« - -Ihre Worte gingen in ein Kichern über, während sie die letzten Stücke -in die Kasten einräumte. - -Inzwischen war Jane in den Speiseraum gekommen. Der junge -Halbblutdiener servierte. Glossin wartete, bis er den Raum verlassen -hatte, bevor er die Unterhaltung begann. - -»Meine liebe Miß Jane, meine Kur beginnt schon zu wirken. Sie sehen -viel besser aus als heute früh.« - -»Sie mögen recht haben, Herr Doktor. Die Reise hat mich auf andere -Gedanken gebracht. Ich könnte beinah zufrieden sein, wenn ich ... -Gewißheit über das Schicksal unseres Freundes Silvester hätte.« - -»Seien Sie zufrieden, meine liebe Miß Jane, daß unser Freund der Gefahr -entronnen und jetzt nach menschlichem Ermessen in Sicherheit ist. Wenn -Sie ihm etwas bedeuten, wird er gewiß von sich hören lassen.« - -»Er wird ... er muß ... er soll ...« - -Jane stieß die Worte heftig hervor. Dr. Glossin schwieg, als ob ihn -dieser Gefühlsausbruch erschreckt hätte. - -»Verzeihen Sie meine Heftigkeit, Herr Doktor. Ich sorge mich um das -Schicksal eines Abwesenden und habe Ihnen noch nicht einmal für Ihre -Güte gedankt.« - -Wenn Dr. Glossin bei allen diesen Reden etwas empfand, so verstand er -es jedenfalls meisterhaft, seine Gefühle zu verbergen. Keine Muskel in -seinen Zügen zuckte, während er die Konversation ruhig weiterführte. -Er sprach von Janes Zukunftsplänen. Eine längere Erholung hier, dann -eine Reise nach Europa. Dort müßten ja auch noch Verwandte ihres Vaters -leben. - -»Ich hörte, Herr Doktor, wir sollen Krieg mit England bekommen. Da kann -doch niemand nach Europa fahren.« - -Dr. Glossin nickte abwesend. - -»Zeitungsgeschwätz, meine liebe Miß Jane. Wir denken nicht an Krieg. -Ich selbst fahre morgen wieder nach Europa. War vorgestern erst in -England. Man spricht allerlei vom Kriege, weil die Zeitungen uns nervös -machen. In Wirklichkeit denkt kein Mensch daran.« - -»Ich entdecke immer neue Seiten an Ihnen, Herr Doktor. Ich dachte, -daß Sie nur zwischen Neuyork und Trenton zu tun haben. Dann haben Sie -plötzlich noch dies schöne Besitztum in Kolorado, und jetzt höre ich -gar, daß Sie zweimal in der Woche nach Europa fahren. Es muß schön -sein, so in der Welt herumzukommen.« - -»Wenn man zu seinem Vergnügen reisen kann. Nicht, wenn man es wie ich -als Pflichtmensch von Berufs wegen tun muß.« - -Ein leichter Seufzer entrang sich den Lippen des Arztes. - -»Ich hoffe, Miß Jane, in kurzer Zeit werde ich auch etwas Ruhe finden. -Dann fahren wir gemeinschaftlich nach Europa, und ich zeige Ihnen die -Schönheiten der Alten Welt.« - -Er hob sein Glas mit altem schweren Kaliforniawein und trank Jane zu. - -»Auf baldige gemeinschaftliche glückliche Fahrt.« - -Das Mahl ging seinem Ende entgegen. Dr. Glossin benutzte die letzte -Viertelstunde, um Jane ihr Leben für die nächsten Tage auszumalen. - -»Wir haben hier Pferd und Wagen. Sie können Ausfahrten unternehmen. -Bobby ...« -- er wies auf den Diener -- »kann nicht nur servieren, er -ist auch ein geschickter Fahrer. Er kennt die schönsten Wege in der -Umgebung. Benutzen Sie die kleine, aber gute Bibliothek im Herrenzimmer -... Ich vergaß, sie ist verschlossen. Darf ich Ihnen den Schlüssel ... -nein, noch besser. Ich werde sie Ihnen an Ort und Stelle zeigen.« - -Er geleitete Jane in das anstoßende Zimmer und schloß selbst die -verglasten Regale auf, welche mehrere hundert mit gutem Geschmack -ausgesuchte Werke enthielten. - -»Das ist die Hauptsache, meine liebe Jane, daß Sie sich nicht in den -müßigen Stunden von Gedanken und Erinnerungen übermannen lassen.« - -Dr. Glossin hatte bei den letzten Worten ihre Hände ergriffen. Ohne -daß er ein Wort weitersprach, spürte Jane, daß er für heute Abschied -von ihr nahm, fühlte gleichzeitig, wie in verstärktem Maße Ruhe und -Wunschlosigkeit über sie kamen. - -Dr. Glossin schritt durch den Vorraum des Hauses, um zu seinem -Flugschiff zu gehen. Wenn er am nächsten Morgen wieder in England -sein wollte, hatte er Grund zur Eile. Abigail trat ihm in den Weg. -Verschmitzt grinsend. - -»Darf die neue Lady ausgehen, Mister Doktor?« - -Es lag eine ganze Geschichte in dieser Frage. Wie viele mochten hier -gewesen sein, denen man den Ausgang verweigert hatte. Glossin warf -der Negerin einen Blick zu. Ganz langsam hob er den rechten Arm. Die -Schwarze krümmte sich vor dem drohenden Schlage. - -»Ich sage dir, du schwarzes Vieh, die junge Dame ist meine Nichte. Wehe -dir, wenn du ...« - -Er ließ den Arm sinken und schritt hinaus. - - * * * * * - -Sie saßen auf der mit Waldrebe umsponnenen Veranda des Truworhauses am -Torneaelf. Durch Ranken und Reben ging die Aussicht auf den hundert -Meter tiefer dahinströmenden Fluß und die gegenüberliegenden, mit -Tannen bestandenen Berge. Zu dritt saßen sie hier: Erik Truwor, der -Schwede, Soma Atma, der Inder, und Silvester Bursfeld aus deutschem -Blute. - -In diesem Hause war Silvester heimisch. Hier war er zusammen mit -Erik Truwor aufgewachsen, und die alten Mauern hatten die Spiele der -Knaben und die Arbeit der Jünglinge gesehen. Bis dann die Studienjahre -Silvester nach Deutschland führten, seine Ingenieurtätigkeit ihn in -Europa und Amerika umhertrieb. Erik und Silvester widmeten sich der -Technik. Die Art ihres Studiums, die Weise, wie sie die Wissenschaft -trieben, war von Anfang an verschieden. Silvester versenkte sich schon -als Student in die physikalischen Probleme. Er trieb die Wissenschaft -um der Wissenschaft halber, von einem unersättlichen Forschungsdrang -beseelt. Im Gegensatz dazu betrachtete Erik Truwor die Technik von -Anfang an nur als ein Mittel zum Zweck, das menschliche Leben leichter -und angenehmer zu gestalten, neue Lebensmöglichkeiten zu schaffen. - -Diese verschiedenartige Auffassung der beiden Freunde kam auch -äußerlich zum Ausdruck. Silvester blieb fünf Studienjahre in -Charlottenburg. Erik Truwor studierte bald in Charlottenburg, bald in -Genf, Paris und Karlsruhe. Etwas anderes kam hinzu. Erik Truwor war -ein reicher Erbe. Silvester Bursfeld, als Pflegesohn in das Haus Truwor -aufgenommen, war ohne Vermögen. Als Olaf Truwor die Augen schloß, bot -Erik seinem Freunde die Hälfte der Erbschaft an. Silvester schlug -es aus. Er nahm nur, was er noch während der Studienzeit für seinen -Lebensunterhalt benötigte, und außerdem das Anerbieten, das Truworhaus -jederzeit als sein Vaterhaus zu betrachten und zu benutzen. - -Atma hatte seinen Lieblingsplatz auf einem Diwan im Hintergrunde der -Veranda eingenommen. Dort saß er und gab sich seinen Meditationen hin. - -Erik Truwor und Silvester saßen vorn an der Brüstung an einem Tisch. -Pläne, Zeichnungen und Schriftstücke bedeckten die Tischplatte. - -»Über unsere Arbeit hörte ich noch kaum, wie du, Erik, dich mit Atma -zusammengefunden hast. Atma, der in Pankong Tzo mein Mitschüler -war, plötzlich mit dir zusammen, in Linnais! Nur in dem Strudel der -Ereignisse konnte ich es als ein etwas Selbstverständliches hinnehmen.« - -»Wie ich Atma fand? Wie Atma und ich dich fanden? Eine wunderliche -Geschichte. Im Frühjahr kam ich nach Pankong Tzo. Kuansar erinnerte -sich meiner noch. Er führte mich zum Abte. Jatschu, ein Greis von -unbestimmbarem Alter, empfing mich, blickte mich starr an und sagte: -›Das ist der Dritte.‹ Aus einem Kästchen nahm er diesen Ring und schob -ihn mir auf den Finger.« - -»Jatschu ist ... er muß jetzt ...« - -Silvester versuchte das Alter auszurechnen. - -»Er war beinahe neunzig, als ich von Pankong Tzo fortging. Er muß weit -über hundert sein.« - -»Mag sein. Er gab mir den Ring und deutete auf Atma. Atma wußte, daß -du den gleichen Ring von ihm hattest. Er sagte, wir müßten dich suchen -... Ich wollte dich wiedersehen. Atma sagte Amerika. Wir gingen nach -den Staaten. Atma sagte Trenton. Wir fuhren nach Trenton. Wir fanden -dich nicht, aber wir fanden Jane Harte. Sie war über dein Verschwinden -besorgt. - -Atma fragte sie. Du weißt, wie er zu fragen versteht. Über Zeit und -Raum hinweg. Mit geschlossenen Augen las sie aus weiter Ferne das -Urteil, das über dich gefällt war. Mit vier Worten sagte sie, wo deine -Aufzeichnungen lagen. - -Das andere war leicht. Joe Williams, einer der zwölf Zeugen, wurde -im Gasthof in Sing-Sing von uns gefunden. Für tausend Dollar gab -er mir seine Zeugenkarte. Mir, dem wißbegierigen Fremden, der eine -Elektrokution mitansehen wollte. Ich kam in das Gefängnis. Atma hielt -im Kraftwagen vor der Tür. Das war alles.« - -Silvester ergriff die Hand Erik Truwors und drückte sie innig. - -»Für mich wirklich alles, Erik. Kamt ihr nicht, so war ich verloren. -Durch Jane ... durch meine Jane habt ihr mich gefunden.« - -»Durch deine Jane? Was ist dir Jane Harte?« - -»Meine Verlobte, mein alles!« - -Erik Truwor hörte schweigend zu, was Silvester erzählte. Wie er Jane -kennen und lieben gelernt. Doch er vermochte es nicht, sich am Glück -des Freundes mitzufreuen. Unbewußt empfand er, daß Silvester sich nicht -voll der großen Aufgabe, dem weiteren Ausbau der Erfindung, widmen -könne, wenn er durch Gedanken und Sorgen um seine Verlobte abgelenkt -wurde. - -Sein Blick suchte Atma. Ein stummes Zwiegespräch der Augen. Atma -nickte und wandte sich Silvester zu. Erik Truwor sah, wie hinter der -gefurchten Stirn des Inders die Gedanken arbeiteten, das Hindernis aus -dem Wege zu räumen. Er sah, wie Silvester die Hand an die Stirn preßte, -als wollte er eine fliehende Erinnerung festhalten ... - -Die hypnotische Kraft Atmas siegte über die Kraft der Liebe. - -Erik Truwor brach das Schweigen. - -»Zurück zu unserer Arbeit! Ich habe deine Pläne gesehen und deine -Berechnungen untersucht. Gib mir deine Erläuterungen dazu.« - -Silvester Bursfeld blickte mit der versonnenen Miene des Gelehrten auf -die vor ihm liegenden Papiere. - -»Es ist das Problem der telenergetischen Konzentration, dessen Lösung -mir gelungen ist. Nimm an, ich hätte hier in unserem Hause eine -Maschine, die tausend Pferdestärken leistet. Es ist klar, daß ich die -Energie hier an Ort und Stelle zu allem möglichen verwenden kann. -Aber es war bisher kein Mittel bekannt, diese Energie an einem Punkte -in beliebiger Entfernung konzentriert wirken zu lassen. Bei jedem -Versuche, die Energie auszustrahlen, erfuhr sie eine der Ausbreitung -entsprechende Schwächung. Ein zwingender Grund liegt natürlich nicht -vor. Es muß den tausend Pferdestärken ganz gleich sein, ob sie hier -oder an irgendeinem anderen Punkte der Erde zur Wirkung kommen.« - -Erik Truwor unterbrach ihn: - -»Wenn wir hier eine Million, wenn wir hundert Millionen Pferdestärken -hätten, so könntest du sie auf jedem Punkt der Erde in Erscheinung -treten lassen?« - -»So ist es. Auf jedem Punkte. Ich könnte die Energie an irgendeiner -Stelle der australischen Wüste oder des Broadway in Neuyork auf den -Raum einer Haselnuß zusammendrängen. Ich könnte sie auch in der Form -ausgedehnter elektromagnetischer Felder auftreten lassen. Jede Wirkung -ist möglich.« - -Erik Truwor wiegte den Kopf nachdenklich hin und her. - -»Hundert Millionen Pferdestärken auf den Raum einer Haselnuß ... in -den Pulverkammern kriegführender Mächte ... das genügt für den ewigen -Frieden.« - -Silvester Bursfeld fuhr in seinen Erklärungen fort: - -»Die Energiekonzentration bildete den Ausgangspunkt meiner Arbeit. Ich -überlegte mir weiter ... Warum soll ich die Energie erst an einem Orte -erzeugen und an einem anderen wirken lassen, da doch der ganze Raum -mit einem Überschwang von Energie erfüllt ist ... Ich folgerte, es -muß genügen, nur die Steuerwirkung durch den Raum zu schicken. Nur die -winzigen Mengen einer besonderen Formenenergie, die an der entfernten -Stelle die Raumenergie zur Explosion bringen. - -Meine Überlegung war folgerichtig. Die Schlußkette zeigte nirgend ein -fehlerhaftes Glied. Aber die praktische Durchführung wollte nicht -gelingen. - -Soweit war ich, als ich nach Trenton kam. Jede freie Stunde widmete ich -dem Problem. Dr. Glossin hatte dort ein gutes Laboratorium und erlaubte -mir, darin zu arbeiten. Damals wußte ich nicht, daß er ein Verräter -war ...« - -»Der auch deinen Vater verraten hat.« Soma Atma sprach die Worte. - -Silvester blickte auf wie ein Träumer, der plötzlich erwacht. - -»Ich hörte immer, mein Vater wäre von einem aufsässigen Kurdenstamm -überfallen worden. In Pankong Tzo erzählten sie es mir ... Kuansar ... -unser alter Lehrer, sprach davon ...« - -Atma sprach in seiner ruhigen sonoren Art weiter: »Warum den klaren -Spiegel einer jungen Seele trüben. Glossin, der Freund deines Vaters, -war der Verräter. Die Nawutschi, die Engländer, steckten dahinter. -Sie veranlaßten den Überfall, weil dein Vater das Geheimnis einer -großen Erfindung besaß ... Bis hierher ist alles klar. Dann wird die -Erkenntnis unsicher.« - -»Was hatte mein Vater erfunden? Wo ist er geblieben?« Erregt stieß -Silvester die Fragen hervor. - -»Ich sehe nichts Klares. Sicher ist, daß er nicht mehr unter den -Lebenden weilt. Seit langer Zeit nicht mehr. Sonst hätte meine Seele -die seine finden müssen. Seine Erfindung gab Macht. Gab große Macht. -Darum ließen die Nawutschi ihn rauben.« - -Erik Truwor unterbrach den Inder: »Laßt die Toten ruhen. Silvester, -berichte uns weiter.« - -»... Ich sprach von Glossin. In seinem Laboratorium nahm ich meine -Arbeiten wieder auf ... Mit Vorsicht, denn seine Neugier war -verdächtig. Ich vermied es, unnötige Notizen zu machen. Was ich -notieren mußte, schrieb ich Tibetanisch. - -Plötzlich kam der Erfolg. Über Nacht eine Eingebung. Im Traum sah ich -den Strahler für die Formenergie mit greifbarer Deutlichkeit ...« - -Erik Truwor schüttelte mißbilligend den Kopf. - -»Traumlösungen ... man kennt sie. Es ist alles in Ordnung. Wacht man -auf, so ist der Traum vergessen oder die Lösung unsinnig ... Träume -sind Schäume ...« - -»Nicht immer. Es kommt vor, daß die Seele im Schlaf den Körper verläßt -und klar sieht.« Atma machte den Einwurf. Silvester fuhr fort: »Ich sah -die Form und die Schaltung des Strahlers noch mit voller Deutlichkeit, -als ich erwachte. Meinen ganzen Apparat hatte ich in einen kleinen -Kasten eingebaut ...« - -»Den Mahagonikasten?« - -»Eben den. Der Traum ließ mir keine Ruhe. Es war noch früh. Die -Dämmerung des Sommertages begann eben erst. Um acht mußte ich in -das Werk. Erst am Nachmittag konnte ich in das Laboratorium gehen. -Das dauerte mir zu lange. Mit den einfachen Mitteln, die ich in der -Wohnung hatte, formte ich den Strahler. Ich machte einen Versuch, und -er gelang. Ein Stück Eisen auf meinem Schreibtisch stieg langsam in -die Höhe. Ein Trinkglas schmolz zu einem Klumpen. Das Geheimnis war -gefunden. - -Am Nachmittag kam ich in das Laboratorium ... Ich wollte einen -einfachen Versuch machen. Eine elektromotorische Kraft sollte durch -den Apparat zurückgeworfen werden. Ich brachte den Apparat in die -richtige Stellung zu den Schaltklemmen des Experimentiertisches. Im -selben Augenblick stieg dichter Qualm hinter der Schalttafel und an -der Wand auf. Die schwere 10000-Volt-Leitung des Laboratoriums glühte -hellrot auf. Die Isolation verbrannte. Ich riß meinen Apparat zurück. -Es war nicht mehr nötig. Die Sicherungen der Hochspannungsleitung waren -bereits durchgeschlagen und hatten den Strom abgeschaltet. - -Zweierlei wußte ich damals. Mein Apparat arbeitete. Und ein -Schurkenstreich war versucht worden. Irgend jemand, der im Laboratorium -Bescheid wußte, hatte die lebensgefährliche Hochspannung auf den -Experimentiertisch geschaltet. - -Drei Tage später fuhr mir auf einem Spaziergang durch den Wald ein Auto -nach. Plötzlich hielt es neben mir. Im selben Augenblick war ich in den -Wagen hineingezogen, gefesselt und betäubt. Erst im Gefängnis erlangte -ich das Bewußtsein wieder. Als ich unter den Richtern Glossin sah, -wußte ich, wer im Laboratorium geschaltet hatte ...« - -Erik Truwor sprang auf. - -»Weg mit dem Hund! Wir haben die Macht, ihn zu vernichten. Sollen wir -uns mit einem einzelnen aufhalten? Weg mit ihm!« Er griff nach dem -Apparat. - -»Mord und Brand über den Ozean! Befreien wir uns von dem Geschmeiß!« - -Silvester wollte antworten, wollte als Forscher und Erfinder -auseinandersetzen, daß ein genaues Zielen auf diese Entfernung noch -nicht möglich sei, daß Feuer und Sturm neben einem Schuldigen tausend -Unschuldige vernichten würden. Er kam nicht über die ersten Worte -hinaus. Die ruhige Stimme Atmas unterbrach ihn: - -»Sein Schicksal ist mit dem unseren verknüpft. Es wird sich zu seiner -Zeit erfüllen ... Noch ist die Stunde nicht gekommen. Sein Geschick -ereilt ihn, wenn der Augenblick kommt ... Er ist ein Werkzeug des -Schicksals wie wir. Das Ziel wird erreicht werden ... von uns ... durch -ihn ... Wenn der Tag kommt, wird sich sein Schicksal vollenden ...« - -Atma sank in stilles Sinnen zurück. Erik Truwor nahm seinen Platz am -Tisch ein und betrachtete den Apparat. Seine Erregung ließ nach. - -»Was kannst du mit dem Strahler hier machen?« - -Silvester Bursfeld ging wieder in seinem Problem auf. Nur als Physiker -und Ingenieur sprach er weiter: - -»Mit dieser kleinen Apparatur kann ich die telenergetische -Konzentration von zehntausend Kilowatt bewirken. Für größere -Energiemengen muß der Apparat größer werden.« - -Erik Truwor ergriff ein Glas und beobachtete den Bergkamm auf der -anderen Seite des Elf. - -»Siehst du die einzelne Tanne über dem Trollstein?« - -Silvester nahm das Glas. »Sie ist unverkennbar.« - -»Kannst du sie verbrennen?« - -Ein Lächeln ging über die Züge Silvesters. - -»Wenn die Tanne in Kanada stünde, wäre es noch möglich. So ist es ...« -Er hatte während der Worte das Kästchen gerückt und ein paar Knöpfe -gedreht. - -Erik Truwor sah durch das Glas über den Fluß, sah, wie blauer Rauch aus -der Tannenkrone aufstieg und helle Flammen aus dem Stamme aufloderten. -Nach zwanzig Sekunden brannte der Baum lichterloh. Nach einer Minute -war er verschwunden, in ein winziges unsichtbares Aschenhäufchen -verwandelt. Aber das Feuer hatte weiter gegriffen. Auch die Kronen der -benachbarten Bäume brannten. Im trockenen Juni konnte sich dort ein -großer Waldbrand entwickeln. Erik Truwor sah die Gefahr. - -»Der Wald brennt, Silvester. Kannst du des Feuers Herr werden?« - -Silvester war in seinem Element. - -»Eine gute Gelegenheit, um die Wirkung des Apparates auf den Luftdruck -zu beobachten. Ich werde in einer senkrechten Linie über der brennenden -Föhre Hitze konzentrieren. Die warme Luft muß mit Gewalt nach oben -dringen. Kalte Luft muß von allen Seiten herbeiströmen. Der Sturm muß -das Feuer löschen.« - -Während er die Erklärung gab, drehte er an einem Schräubchen seines -Apparates. Man konnte auch mit unbewaffnetem Auge bemerken, wie die -Bäume auf dem Gebirgskamm von einem plötzlichen Sturm gepeitscht -wurden. Wild bogen sich die Stämme. Hier und dort wurde eine Krone -geknickt. Aber der Wirbelsturm blies den Brand glatt aus. Ein mäßiger -Wind hätte das Feuer genährt. Dieser Zyklon pfiff so scharf durch -das brennende Geäst, daß er die Flammen im Moment auslöschte, das -rotglühende Holz abkühlte. - -Eine Drehung am Schalter des Kästchens, und Ruhe herrschte wieder in -der Natur. Nur der große, schwarze Brandfleck da weit drüben über dem -Elf verriet, daß etwas Außergewöhnliches passiert war. - -Erik Truwor hatte die theoretischen Auseinandersetzungen seines -Freundes erfaßt. Er hatte nach dessen Aufzeichnungen den Apparat selbst -bedient, um die Maschine von Sing-Sing zu sprengen. Und doch versetzte -ihn die Wirkung wieder in tiefstes Staunen. Seine Gedanken gingen viel -weiter als die des Erfinders. Silvester Bursfeld war Ingenieur und nur -Ingenieur. Den reizte das physikalische Problem und seine Durchbildung. -Erik Truwor umfaßte mit einem Blick die praktischen Möglichkeiten, die -die Erfindung in sich barg. - -Doch auch Erik Truwor war Techniker und rechnete. Zehntausend Kilowatt -waren vernichtend für den einzelnen, den sie trafen. Aber sie -bedeuteten nichts für hundert Millionen Menschen. Viel größere Apparate -mußten zur Verfügung stehen. Viele Millionen von Kilowatt mußten auf -seinen Wink an jedem Punkt der Erde wirksam werden. Nur dann würde er -die Macht haben, von der die alte Weissagung des Tsongkapa sprach. Die -Macht, alles Menschenleben auf Erden nach seinem Willen zu lenken. - -Die Unterhaltung der nächsten Stunde wurde rein technisch geführt. -Über die Abmessungen größerer Strahler. Über die Mittel zu ihrer -Anfertigung. Über die Zeit, die ihre Herstellung gebrauchen würde. - -Das alte Truworhaus war der geeignete Ort dafür. Sechs Jahrhunderte -waren über sein Dach hingegangen. Zwei Stockwerke tief waren die -geräumigen Keller in den Granit des Berges gesprengt. Meterstark die -Umfassungsmauern der unteren Stockwerke aus den bei der Kellerhöhlung -gewonnenen Granitbrocken gemauert. Die elektrische Leitung vom -Kraftwerk des Elf brachte Licht, Wärme und Energie in jeder gewünschten -Menge. Das Haus in seiner Abgelegenheit sollte die Werkstatt abgeben, -in der Silvester seine Erfindung in großem Maßstabe ausführte. Nach dem -unverrückbaren Willen Erik Truwors ausführen mußte. - -Silvester Bursfeld hatte die Erfindung mit dem Eifer des -Wissenschaftlers gemacht. Wie vielleicht auch ein Physiker eine -Kanone erfinden kann, ohne an Schußwirkungen zu denken. Er hatte alle -Erscheinungen der Konzentration ergründet, aber auf das genaue Zielen, -das sichere Treffen vorläufig wenig Wert gelegt. Die energetische Seite -des Problems interessierte seine Gelehrtennatur viel mehr als die -praktische Anwendung. - -Erik Truwor empfand diese Schwäche sofort. Empfand sie und zwang -Silvester durch seine Forderungen und Fragen, nach einer Lösung zu -suchen und sie zu finden. Wenigstens die Theorie auch eines genauen -Zielens sofort zu entwickeln. Nur wenn man das entfernte Ziel sichtbar -machen, die Wirkungen der Energie mit dem Auge verfolgen konnte, war -die Macht der Waffe voll zur Wirksamkeit zu bringen. - -Der Tatmensch zwang den Forscher zu harter, rastloser Arbeit, um die -große Entdeckung noch größer zu gestalten, aus ihr das Machtmittel für -seine weitreichenden Pläne zu formen. Und Silvester ließ sich zwingen. -Für Stunden und Tage nahmen ihn die neuen Probleme und Lösungen so -vollkommen gefangen, daß er alles andere darüber vergaß. Bis dann -die Lösung gelungen war, bis sich die Nervenspannung löste und die -unausbleibliche Reaktion eintrat. - - * * * * * - -Maitland Castle, der alte Stammsitz der Maitlands, beherbergte um die -Zeit der Sommersonnenwende zahlreiche Gäste. Der alten englischen -Sitte entsprechend, herrschte nur der Zwang der gemeinschaftlichen -Hauptmahlzeit. Die übrige Zeit des Tages konnten die Gäste nach ihrem -Belieben verwenden, und die Gastgeber nahmen die gleiche Freiheit für -sich in Anspruch, die sie den Gästen gewährten. Sie tauchten einmal bei -dieser oder jener Gruppe auf und zogen sich in ihre Privaträume zurück, -sobald es ihnen gefiel. - -Den dunklen Buchenweg, der schnurgerade von der Höhe des Schloßberges -bis zum Gittertor am Ende des Parkes führte, kam Lady Diana Maitland -entlang. Die Sonne war schon hinter den hohen Wipfeln der Bäume -verschwunden. Es begann kühl zu werden. - -Fröstelnd zog Lady Diana den leichten Seidenschal enger um die -Schultern zusammen. Sie bog in einen Seitenweg ab, der durch ein -Rosenrondell führte. - -Von der anderen Seite kam ihr eine Gestalt entgegen, in der sie den -Doktor Glossin zu erkennen glaubte. Unwillkürlich hemmte sie den -Schritt. Ihr Gefühl riet ihr, einer Begegnung auszuweichen. Schon -wollte sie stehenbleiben und sich zu der Allee zurückwenden. Doch -der Gedanke, daß Dr. Glossin sie auch erkannt habe, gebot ihr, den -Weg weiterzugehen, dessen Rand mit einer Einfassung der herrlichsten -Rosenstöcke besetzt war. - -Nun stand Dr. Glossin dicht bei ihr. - -»Ich muß gestehen, Lady Diana, daß ich selten so schöne Rosen sah wie -diese hier. Sie lieben Rosen?« - -»Sehr, Herr Doktor. Doch ihr Anblick ist mir lieber als ihr Geruch. Im -Zimmer stört mich der berauschende Duft.« - -»Oh, wie schade um die unzähligen Rosenspenden, die Ihnen allabendlich -zu Füßen flogen, als Sie in der Metropolitan-Opera die Zuhörer -entzückten.« - -Lady Diana brach eine Rose und steckte sie in ihren Gürtel, ohne die -Frage zu beantworten. Sie sprach wohl selbst gelegentlich von ihrem -früheren Bühnenleben, aber sie liebte es nicht, von anderen daran -erinnert zu werden. - -Dr. Glossin schien den Wink nicht zu verstehen. - -»Die Stunden, in denen ich Ihrer unvergleichlichen Stimme lauschen -durfte, gehören zu den schönsten meines Lebens. In besonderer -Erinnerung sind mir die Abende, an denen Sie mit Frederic Boyce -zusammen auftraten. Nie klang mir Ihre Stimme schöner als damals.« - -Ein kurzes Erröten glitt über die Züge der Lady. Solche Worte aus dem -Munde eines so neuen Bekannten wie Dr. Glossin konnten nur als grobe -Taktlosigkeit aufgefaßt werden, oder ... - -Sie witterte den Feind und änderte ihre Taktik. - -»Sie sind ein Freund der Musik, Herr Doktor? Vielleicht auch einer der -zahlreichen Rosenspender?« - -Sie versuchte, ihrer Stimme einen spöttischen Unterton zu geben. - -»Ich kann es nicht leugnen, Mylady, ich gehörte auch zu Ihren -Verehrern. Als ich von Ihrem Abschied von der Bühne las ... ich war -damals in San Franzisko ... war ich drauf und dran, am Tage Ihres -letzten Auftretens nach Neuyork zu fliegen. Wenn ich nicht irre, war es -im ›Fidelio‹, dem hohen Lied der Gattenliebe.« - -»Und warum kamen Sie nicht?« - -Lady Diana sagte es mechanisch. Ihre Sinne arbeiteten fieberhaft. Sie -fühlte, daß dies alles nur leichtes Geplänkel war. Der Hauptangriff -mußte von anderer Seite kommen ... Aber woher? - -»Warum nicht? ... Ein seltsamer Fall hielt mich einige Tage länger -fest!« - -Er machte eine Pause. - -»Bitte, Herr Dr. Glossin, erzählen Sie, wenn es interessant ist.« - -»Interessant? ... Für die Allgemeinheit am Ende kaum. Wohl aber für -die, die es angeht. Wenn ich nicht fürchtete, unangenehme Erinnerungen -zu wecken ...« - -»Wozu die Umschweife, Herr Doktor, bitte ...« - -Lady Diana wußte, jetzt würde der Schlag erfolgen. Und trotz der -Ungewißheit, aus welcher Richtung er kommen würde, klang ihre Stimme -ruhig und fest. - -»Wenn es der Wunsch Eurer Herrlichkeit ist ... nun wohl ... Als die -berühmte Sängerin Diana Raczinska die Ehe mit dem Sänger Frederic -Boyce einging, prophezeiten Eingeweihte ein schnelles Ende dieses im -Kunstrausch geschlossenen Bündnisses. Alle, welche die Spieler- und -Trinkernatur von Frederic Boyce kannten. Schon nach einem halben Jahr -war die Ehe derart zerrüttet, daß die Scheidung eingeleitet wurde, -Diana Boyce wartete nur auf den gerichtlichen Spruch, um einen neuen -Bund mit Horace Clinton einzugehen ...« - -»Sie wollten mir eine interessante Geschichte erzählen ... und bringen -alte Dinge vor, die mir bei Gott zur Genüge bekannt sind.« - -»Die kurze Einleitung war notwendig, Mylady. Ich kam an jenem Abend -Ihres letzten Auftretens vom Strand in San Franzisko und verirrte mich -in dem Häusergewirr des Hafenviertels. Als ich an einer der Schenken -vorbeikam, aus der Toben und Brüllen betrunkener Matrosen erklang, -öffnete sich plötzlich die Tür. Von rohen Fäusten gestoßen, flog -ein Mann die Stufen hinauf und schlug vor meinen Füßen hart auf das -Pflaster. - -Angewidert von dem häßlichen Auftritt, wollte ich weitergehen. Da sah -ich im Laternenschimmer, wie sich eine Blutlache um den Körper des -Betrunkenen bildete. Das Blut entströmte einer starken Wunde im Nacken, -die wohl von einem Messerstich herrührte. - -Nach einigem Suchen fand ich eine Patrouille, die den Verletzten nach -der Polizeiwache brachte. Da ich den Unfall teilweise mitangesehen -hatte, mußte ich meine Zeugenaussage darüber abgeben. Inzwischen hatte -der Polizeiarzt dem Verwundeten einen Notverband angelegt, ihm das -Gesicht von Schmutz und Blut befreit. Der Mann war ...« - -»Wer?« - -Lady Diana fühlte das Blut in ihrem Herzen stocken. Sie senkte -unwillkürlich das Haupt. Jetzt mußte der Schlag kommen, der ... - -»... war Frederic Boyce, Ihr totgeglaubter Gatte.« - -»Frederic ...« - -Lady Diana begann zu taumeln und wäre zu Boden gestürzt, hätte Dr. -Glossin sie nicht aufgefangen. - -»Fassung, Mylady! Um Gottes willen! Ich bin außer mir. Verzeihen Sie -mein Ungeschick.« - -Er führte die halb Bewußtlose zu einer Bank und nahm neben ihr Platz. - -»Frederic ... Frederic ...« - -Stoßweise rangen sich die Worte wieder und wieder von den blassen -Lippen. - -»Frederic Boyce ist tot, Lady Diana.« - -»Tot?« Die Augen der Lady öffneten sich unnatürlich weit. »Sie ... -sagten ... eben ...« - -»Frederic Boyce starb zwei Stunden später. Der Stich war tödlich.« - -Ein tiefes Aufatmen. Der Körper Dianas straffte sich. - -»Ist es die Wahrheit?« - -Sie schaute den Doktor an, als wolle sie im Innersten seiner Seele -lesen. - -Der Doktor entnahm seiner Brieftasche ein Papier und überreichte es ihr. - -Lady Diana schüttelte den Kopf und ließ das Blatt sinken. - -»Was ist es?« - -»Es ist eine Bescheinigung jenes Polizeiamtes in Frisko über den am 9. -Mai 1950 erfolgten Tod von Frederic Boyce.« - -Lady Diana kreuzte die Hände über ihre Brust und legte den Kopf an die -Lehne der Bank. So saß sie lange. Das Bild einer weißen Marmorstatue. - -»Erzählen Sie weiter, Herr Doktor.« Sie sagte es mit einer Ruhe und -Festigkeit, die Dr. Glossin in Erstaunen versetzte. - -»Bei dem Toten fand man keine Papiere. Meine Angaben über die Person -wurden von der Polizei mit Zweifeln aufgenommen. Hatten doch vor genau -zehn Tagen die Zeitungen über den Tod des Sängers Frederic Boyce -im städtischen Spital berichtet. Ich blieb bei meiner Behauptung. -Nachforschungen wurden angestellt. Sie ergaben, daß der im Hospital -Verstorbene nicht der rechtmäßige Besitzer der bei ihm gefundenen -Papiere gewesen war. Er hatte sie dem richtigen Eigentümer in der -Trunkenheit entwendet. So wurde der 9. Mai als der Todestag von -Frederic Boyce festgestellt.« - -Dr. Glossin machte eine Pause, um die Wirkung seiner Worte auf Lady -Diana abzuwarten. Vergeblich. - -Lady Diana bewahrte ihre statuenhafte Ruhe. - -Gereizt fuhr Dr. Glossin fort: »Es ergibt sich die eigentümliche -Situation, daß Eure Herrlichkeit mit Lord Maitland oder, wie er damals -noch hieß ... mit Mr. Clinton getraut wurde, während Ihr erster Gatte -noch lebte. Nach dem Gesetz kann Ihnen kaum ein Vorwurf gemacht werden, -da Sie im Besitz der freilich falschen Sterbeurkunde waren. Aber ... -die Stimme der öffentlichen Meinung wiegt schwer für Angehörige des -Highlife ...« - -Lauernd wartete der Sprecher auf die Wirkung seiner Worte. - -»Sind Sie fertig, Herr Dr. Glossin?« - -Glossin nickte stumm. Lady Diana maß ihn mit einem Blick. - -»Wieviel verlangen Sie für Ihre Verschwiegenheit?« - -Wie von einem Peitschenhieb getroffen fuhr der Doktor empor: »Mir das? -... Sie wollen mir Geld anbieten ... Hüten Sie sich. Ich vergesse eine -Beleidigung niemals.« - -Lady Diana nickte gleichmütig. - -»Was verlangen Sie sonst, Herr Doktor?« - -»Ich bitte nicht weiter in diesem Ton. Ich könnte in Versuchung kommen, -das Gespräch abzubrechen ... Nicht zu meinem Schaden.« - -»Wozu erzählen Sie mir diese Geschichte, Herr Doktor?« - -Glossin biß sich wütend auf die Lippen. Er glaubte, seine Schlinge gut -gelegt zu haben. Ein gefälschtes Todesattest einer amerikanischen -Polizeistation ... für Dr. Glossin war die Beschaffung lächerlich -einfach gewesen. Und er hatte Lady Diana damit einer wenn auch -unabsichtlichen Bigamie überführt. Seine Stellung schien so stark, und -trotzdem fühlte er sich in die Enge getrieben. - -»Es wird der Tag kommen, Lady Diana, an dem Sie diese Worte bereuen. -Der Tag, an dem Sie mir freiwillig die Hand zu einem Bündnis bieten -werden. Dann werde ich Sie an den heutigen erinnern. - -Heute bitte ich Sie nur um eine einfache Gefälligkeit, die Ihnen keine -Mühe bereitet, für mich sehr viel bedeutet.« - -Lady Diana schaute sinnend auf ihre schlanken, weißen Hände. Sie -zweifelte, ob sie sie jemals dem Doktor Glossin zum Bündnis reichen -würde. - -Sie hatte in diesem Kampfe gesiegt. Aber innerlich war sie bewegter und -erschütterter, als es äußerlich erschien. Wenn sie dem unbequemen Gast -mit einer einfachen Gefälligkeit den Mund stopfen konnte, wollte sie es -tun. - -»Was ist es, Herr Doktor?« - -»Ich muß zur Erklärung weit zurückgehen und in die Hände Eurer -Herrlichkeit eine Beichte ablegen. Ich war nicht immer amerikanischer -Bürger. Im Jahre 1927 lebte ich als britischer Untertan in -Mesopotamien. Ein Ingenieur war dort tätig. Er machte eine Erfindung, -die dem englischen Reiche gefährlich werden konnte. Ich setzte die -britische Regierung davon in Kenntnis, und der Erfinder verschwand -im Tower. Ihr Gemahl Lord Maitland muß darüber Bescheid wissen oder -sich doch mit Leichtigkeit orientieren können. Helfen Sie mir. Ich muß -wissen, ob Gerhard Bursfeld noch als Staatsgefangener im Tower lebt ... -er wäre jetzt 65 Jahre ... oder was aus ihm geworden ist. Helfen Sie -mir und seien Sie meiner Dankbarkeit versichert.« - -»Gut, Herr Doktor, ich werde mit meinem Gatten sprechen. Was geschehen -kann, um Ihnen die gewünschte Auskunft zu geben, soll geschehen.« - - * * * * * - -Lord Gashford, der englische Premier, hatte sein Kabinett zu einer -Besprechung bitten lassen. Die Männer, welche vor dem Lande und dem -Parlament die Verantwortung für den gesicherten Fortbestand des -britischen Weltreiches trugen, waren im kleinen Konferenzsaal in -Downing Street versammelt. Lord Gashford blickte sorgenvoll und sah -überarbeitet aus. Er eröffnete die Sitzung mit einem kurzen Überblick -über die politische Lage. - -»Die Politik Großbritanniens hat seit zwei Jahrhunderten auf dem -Grundsatze geruht, Kräfte, die dem Reiche gefährlich werden konnten, -gegeneinander zu binden. Das Prinzip des Gleichgewichts, zuerst für -Europa erfunden, konnte nach dem Weltkriege erfolgreich auf die -überseeischen Mächte angewendet werden. Der Streit zwischen Amerika -und Japan setzte uns in die Lage, Afrika von den letzten Überbleibseln -europäischer Kolonien zu säubern. Leider haben diese Streitigkeiten mit -dem vollkommenen Siege der nordamerikanischen Union geendet. Die Kraft -der Union ist nicht mehr durch eine genügende Gegenkraft gebunden. - -Das ist die Lage seit dem zweiten Frieden von San Franzisko. Unsere -Politik ist bestrebt gewesen, die romanischen Staaten Südamerikas in -einen Gegensatz zur nordamerikanischen Union zu bringen. Die Erfolge -sind leider nur gering. Unsere Bemühungen, Japan zu stützen, haben -bedauerlicherweise beklagenswerte Folgen gehabt. Kanada ist in so enge -Beziehungen zur Union getreten, daß es heute nur noch formell zum -Reich gehört. Australien steht im Begriff, gleichfalls Anschluß an -das Zollgebiet der Vereinigten Staaten zu nehmen. Diese Umwälzungen -vollziehen sich mit der Macht elementarer Ereignisse. Wenn die Union -weise wäre, ließe sie die Zeit ruhig für sich arbeiten. Aber an ihrer -Spitze steht eine Person von unbezähmbarem Ehrgeiz. - -Wir müssen stündlich auf den Ausbruch des Krieges gefaßt sein. Wir -stehen Erscheinungen gegenüber, die sich in keiner Weise irgendwie -vorausberechnen lassen. Ich denke dabei an das Wort eines meiner -Vorgänger vom politischen Alkoholismus. In jedem Falle müssen wir jeden -Moment in der Lage sein, die Herausforderung anzunehmen und für den -Bestand des Reiches zu kämpfen.« - -Vincent Rushbrook, der Erste Lord der Admiralität, erhielt das Wort: - -»Unsere maritimen Maßnahmen sind in erster Linie darauf gerichtet, -den Seeweg nach Indien zu beherrschen. Eine Flotte von achthundert -U-Booten liegt tiefgestaffelt auf dem Bogen von Lissabon nach Marokko. -Ihre Basis wird durch unsere beiden großen Seefestungen von Gibraltar -und Ceuta gebildet. Ihre Vorpostenboote haben auf der Länge von Island -fremde U-Boote gesichtet. Seitdem ... es sind jetzt drei Tage ... sind -unsere Boote und die Festungen in höchster Bereitschaft. Zwei Sekunden -nach dem Alarm können die Rohre von Gibraltar und Ceuta feuern. Dieser -Zustand läßt sich aber nicht monatelang aufrechterhalten. Die Nerven -der Besatzungen leiden darunter. Meine Leute wollen lieber heute als -morgen kämpfen. In vier Wochen werden sie zerrüttet sein, wenn es nicht -zum Schlagen kommt. - -Auf der Landenge von Suez liegt eine Flotte von 30000 Flugzeugen. Ich -sehe nicht, wie ein Gegner in das Mittelmeer eindringen könnte.« - -Der Premier ergriff von neuem das Wort. - -»Es ist gut, wenn die Flotte den Seeweg nach Indien sichert. Aber -auch die Beherrschung des Landweges bleibt erwünscht. Warum haben -wir Konstantinopel vor 20 Jahren genommen, wenn wir die Straße nicht -benutzen? Die gerade Linie geht über Brüssel, Linz und Belgrad nach -Konstantinopel. - -Sie lieben uns nicht auf dem Kontinent. Der Russe hat leider die -irrtümliche Meinung, daß wir an allem seinem Unglück seit 1904 schuld -gewesen sind. Der Deutsche wird immer noch von der eigenartigen Idee -beherrscht, daß wir vor 40 Jahren nicht für die Heiligkeit der Verträge -gegen ihn gekämpft haben. Der Franzose, der Spanier und der Italiener -sind verstimmt, weil wir sie aus Afrika entfernt haben. - -Ich muß leider sagen, daß wir in den letzten 30 Jahren zu wenig Wert -auf die Bildung der öffentlichen Meinung in Europa gelegt haben. -Wir haben es nicht ungern gesehen, daß Rußland sich allmählich vom -Bolschewismus säuberte. Es war uns bis zu einem gewissen Grade -willkommen, daß Deutschland im Bündnis mit dem genesenden Rußland den -Versailler Vertrag revidierte. - -Wir übersahen dabei, daß durch die Verständigung zwischen Deutschland -und Rußland eine Macht geschaffen wurde, die sich im Laufe der Zeit -automatisch zu einer Übermacht Frankreich gegenüber entwickeln -mußte. Die Folge war die Verständigung zwischen Frankreich und den -beiden Oststaaten. Es kam zu der Bildung der deutsch-französischen -Industriegemeinschaft. - -Vom ersten Tage meiner Amtszeit an habe ich es als meine wichtigste -Aufgabe betrachtet, diese Gemeinschaft zu lockern. Wir haben es -versucht, den Chauvinismus in den betreffenden Ländern nach Kräften -zu fördern. Leider sind die Erfolge nicht sehr bedeutend. Der große -Vorteil der Industriegemeinschaft ist zu augenfällig. Immerhin müssen -wir in dieser Richtung weiterarbeiten. Ich komme zu dem Ergebnis, daß -England moralische Eroberungen auf dem Kontinent machen muß.« - -William Chopper, der Presseminister, erbat sich das Wort: - -»Für moralische Eroberungen braucht man eine gewisse Zeit. Außerdem -... die kontinentale Presse ist in festen Händen. In Afrika und Asien -können wir jeden Tag englische Zeitungen gründen. In Deutschland eine -deutsche, in Frankreich eine französische Zeitung neu zu schaffen, ist -sehr schwer für uns. Wir können nur den englischen Korrespondenten -dieser Zeitungen durch unsere eigene Presse bestimmte Ansichten in -solcher Weise einimpfen, daß sie dieselben schließlich für eigene und -durchaus dem Vorteil des Kontinents dienende Ideen ansehen.« - -Lord Gashford sprach weiter: - -»Jede feindselige Haltung des Kontinents muß verhindert werden. Wir -brauchen die volle Kraft der europäischen Industrie für uns. Sie werden -auf dem Kontinent bereit sein, für beide Parteien zu liefern. Auf dem -kurzen Wege über den Pol werden die amerikanischen Lastflugschiffe aus -Europa an Kriegsmaterial wegschleppen, was sie kaufen können. Das muß -verhindert werden. Der Kontinent darf nicht an beide Parteien liefern. -Er muß ein Interesse an unserem Siege haben ...« - -Sir James Morrison, der Erste Lord des Schatzes, fiel seinem Kollegen -ins Wort: - -»Es gibt eine Möglichkeit ... Alle Staaten des Kontinents schleppen -die Kette amerikanischer Schulden hinter sich her. Wir müssen ihnen -die Annullierung dieser Schulden versprechen. Dann haben sie ein -Interesse an unserem Siege. Es wird zu überlegen sein, was sich für -diese Versprechen einhandeln läßt. Lieferung von Kriegsmaterial -ausschließlich an uns. Durchzugsrecht für unsere Truppen. Wenn möglich -direkte Unterstützung. Ich glaube, daß sich viel mit dem Versprechen -erreichen läßt ...« - -Die Verhandlung löste sich in lebhafte Einzelgespräche auf. Der Plan -des Finanzministers war einleuchtend. Er war genial und wie alle -genialen Sachen verblüffend einfach. - -William Chopper übernahm es, die Idee mit der nötigen Vorsicht in -die europäische Presse gelangen zu lassen. Es war notwendig, daß von -privaten Stellen gleichzeitig in tausend Zeitungen die Möglichkeit, -aus der amerikanischen Verschuldung herauszukommen, in Europa -ventiliert wurde. Von drei Monaten, die er ursprünglich für die -Durchführung dieser Propaganda verlangte, ließ sich der Presseminister -auf zehn Tage herunterhandeln. - -Lord Gashford sprach: - -»Es ist widersinnig, die afrikanischen Rohstoffe und Bodenschätze erst -nach England zu schaffen und hier zu verarbeiten. Wir müssen in Afrika -eine Kriegsindustrie aus dem Boden stampfen. In der Umgebung der großen -Kraftwerke des Sambesi und Kongo. Meine Herren, ich halte es sogar für -möglich, daß die britische Regierung bei Kriegsausbruch nach Äquatoria -übersiedelt.« - -Betretenes Schweigen folgte dieser Mitteilung. Die englische Regierung -sollte die britische Insel aufgeben, sollte London verlassen? Das war -nach der politischen Tradition etwas ganz Unerhörtes. - -Lord Gashford bemerkte es wohl und fühlte sich zu einer Erklärung -verpflichtet. - -»Es ist unseren Agenten gelungen, einen Plan unserer Gegner -aufzudecken. Ich kann ihn nicht anders bezeichnen als eine Ausgeburt -der Hölle. Der Diktator hat einen Teil seiner Luftflotte mit Bomben -versehen lassen, durch die beim Aufschlagen Pest- und Cholerakeime in -die Luft gewirbelt werden.« - -Rufe des Abscheus und Entsetzens kamen aus aller Munde. - -»Das ist Stonards würdig«, rief Vincent Rushbrook mit schneidender -Stimme. »Möge ihn selbst die Pest befallen.« Erst nach Minuten konnte -Lord Gashford fortfahren: - -»Der Plan verliert bei näherer Betrachtung an Gefährlichkeit. Wir -wissen genau, welche Teile der Flotte mit den G-Bomben ausgerüstet -sind. Unsere Luftstreitkräfte müssen sich bei Eröffnung der -Feindseligkeiten augenblicklich auf diese Schiffe stürzen und sie -vernichten, bevor sie die britische Insel vergiften können. Gelingt -es trotzdem einigen, unser Land zu erreichen, so sind für den -betreffenden Bezirk sanitäre Maßregeln in Aussicht genommen. - -Noch eins, meine Herren« -- die Sätze wurden langsam unter Betonung -jedes einzelnen Wortes gesprochen --, »es wäre in diesem Falle nicht zu -vermeiden, daß die Krankheiten auf das Festland übertragen würden.« - -»~Right or wrong, my country~«, kam es halblaut von den Lippen -Rushbrooks, und andere Lippen flüsterten es nach. Lord Gashford sprach -in der langsamen, betonten Weise weiter: - -»Gemeinsames Leid knüpft feste Bande! Meine Herren ... der Pfeil würde -auf den Schützen zurückprallen ... das war es, was ich noch mitzuteilen -hatte.« - -Drei Stunden später erschienen in einigen Blättern des Kontinents -die ersten Betrachtungen über die Möglichkeit, die amerikanische -Verschuldung loszuwerden. Der Apparat William Choppers arbeitete -bereits. - - - - -Teil II. - - -Und es kam der Tag, an dem sich in Linnais drei Menschen stumm -umarmten. Der Tag, an dem die große Erfindung vollendet war. - -Tage angespanntester Arbeit in Laboratorium und Werkstatt lagen -hinter ihnen. Was jetzt kam, die Arbeit in der Werkstatt, um die -Konstruktionen auszuführen, war körperlich leichtes Spiel, geistige -Erholung. - -Die Hauptarbeit hatte Silvester getan. Hindernisse, die immer wieder -unvermutet auftauchten, hatte sein erfinderisches Genie bewältigt. -Wenn bei den anderen die Zweifel laut oder leise sich regten, hatte -er das Problem mit unbeirrbarer Zuversicht von einer neuen Seite -angefaßt. Erik Truwor sah die Arbeit nicht ohne Sorge, denn Silvester -war körperlich nicht eben der stärkste. Es kam wohl vor, daß er die -Hände auf das in der Entdeckerfreude übermäßig pochende Herz pressen -mußte, daß er mit wankenden Knien Minuten ruhen mußte, bevor der Kampf -weiterging. - -Nach einer letzten durcharbeiteten Nacht warf Silvester mit glückselig -stolzem Lächeln seine Feder hin. Das Heureka des siegreichen Forschers -kam über seine Lippen. Dann sank er zusammen und fiel in einen tiefen, -todähnlichen Schlaf. - -Mit liebevollen Händen betteten sie den Zusammengesunkenen auf seinem -Lager. - -Atma hielt dort die Wacht. - -Erik Truwor litt es nicht länger in den engen Räumen. Mit übervollem -Herzen stürmte er hinaus, um allein und im Freien seiner Gedanken und -Pläne Herr zu werden. - -Gedanken und Pläne von unerhörter Kühnheit, die seit Wochen in ihm -brodelten, zerrissen und sich von neuem zusammenballten, wollten sich -jetzt verdichten und Gestalt annehmen. Schon eine Stunde stürmte er -durch den tiefen Wald und wußte nicht, wie er dorthin gekommen war. -Auf steilen Grashalden ging es bergan. Geröll und Felsblöcke zwangen -ihn, seine Schritte zu verlangsamen. Als er die Höhe erreichte, rang -er nach Atem. Tief unter ihm lag der Strom. Sein Rauschen drang nur -noch gedämpft herauf. Dichte Nebelschwaden zogen an den Talwänden. -Ein frischer Wind pfiff über die Höhen. Erik Truwor nahm den Hut vom -Kopf und ließ sich die erhitzte Stirn kühlen. Er ließ sich auf einem -Felsblock am Rande des Abhanges nieder. So saß er lange still und starr -wie der Stein unter ihm. - -Die lauten und verworrenen Stimmen der vergangenen Nächte begannen -zusammenzuklingen zu einer klaren, starken Melodie. Zu einem -unnennbaren Hochgefühl voll Zuversicht, Ruhe und Kraft, das von ihm -ausströmte und ihm entgegenströmte aus den stummen Steinhalden, dem -dunklen Grün der Föhren, den Spitzen der fernen Bergkämme. - -In diesem Augenblick umspannte sein Geist weite Räume und Zeiten, -verknüpfte das Gegenwärtige mit dem Vergangenen und Zukünftigen. Die -Erinnerungen an Pankong Tzo wurden lebendig. Die geheimnisvollen Lehren -und Sprüche, immer wieder mit der gleichen Überzeugung und Gläubigkeit -vorgetragen und immer wieder zweifelnd von ihm aufgenommen. Jetzt war -die Stunde gekommen, die ihm der Abt in Pankong Tzo mit lächelnder -Zuversicht vorausgesagt. - -Die Stunde der Wandlung! Die Stunde, die sein irdisches Dasein in zwei -Leben teilte. - -Als er vor Tagen die Tragweite von Silvesters Erfindung erkannte, als -er die Möglichkeit erblickte, mit ihrer Hilfe der Welt neue Gesetze, -seine Gesetze vorzuschreiben, hatte ihn die Größe des Gedankens -erschreckt und niedergedrückt. Jetzt war es entschieden. - -Das Schicksal hatte aus dem Alten in Pankong Tzo gesprochen und ihn zu -seinem Werkzeug erkoren. - -Mit festen Schritten ging er den Weg nach Linnais zurück. Siegesgewiß. -Von der Idee an seine Mission erfüllt und getragen. - -Aus langem stärkenden Schlummer war Silvester erwacht. Erfindung ... -Strahler ... Konstruktionen, alles das lag traumhaft hinter ihm. - -Jetzt, wo die gewaltigste Arbeit getan, seine Schöpfung vollkommen war, -kehrten seine Gedanken ungehemmt zu früheren Dingen zurück. Sie gingen -nach Trenton. Sie flogen zu Jane. - -Er verstand sich selbst nicht mehr. Wie war es möglich, daß er in -diesen Tagen der Arbeit Jane so vollkommen vergessen konnte. Hatte ihn -das Problem verzaubert? War ein anderer Einfluß wirksam? Er wußte keine -Antwort darauf. - -Er sah seine Verlobte. Sah sie in dem kleinen Hausgarten ihre -Lieblinge, die Blumen, pflegen. Er erblickte sie im traulichen -Beisammensein im Lichtschein der Lampe. Er sah, wie beim Sprechen -ein rosiger Blutschimmer ihre zarten Wangen färbte und wie ihre -Augen aufstrahlten. Er sah sie in stillen Abendstunden in leichtem -schwebenden Gang an seiner Seite durch die Felder gehen. - -Dann sah er Dr. Glossin, und Sorge beschlich ihn. Er mußte zu Jane, -mußte sie schützen, mußte sie in Sicherheit bringen. Liebe und Furcht -mischten sich in seinen Gedanken. - -Mit Ungeduld erwartete er die Rückkehr Erik Truwors. In fliegender Hast -trug er ihm seine Pläne und Wünsche vor. Die Erfindung war vollendet. -Die Ausführung war eine Kleinigkeit. Wenn sie ohne seine Mitwirkung -etwas länger dauerte, was verschlug das. - -Mit unbewegter Miene hörte Erik Truwor die Wünsche Silvesters. - -»Um eines Weibes willen willst du fahnenflüchtig werden?« - -»Fahnenflüchtig? Was soll dieses Wort von deiner Seite? Aus Janes Munde -wäre es berechtigt.« - -»Und unsere Mission?« - -Erik Truwor sprach es mit starker Stimme. - -»Mission? Meine Aufgabe ist erfüllt. Das sagt mir mein Innerstes. Die -Erfindung ist vollendet. Was ich zu geben hatte, habe ich gegeben. Die -Werkstattarbeit geht ohne mich. Was kommt es auf ein paar Tage früher -oder später an?« - -»In ein paar Tagen können Tausende von Männern fallen, Tausende von -Frauen Witwen werden. In ein paar Tagen kann mehr Elend entstehen, als -in Jahrzehnten wieder gutzumachen ist.« - -»Du siehst schwarz. Erwartest du schon in nächster Zeit den -Kriegsausbruch?« - -»Gewiß! Täglich, stündlich können die ersten Schüsse fallen. Deshalb -muß der Apparat so schnell wie möglich fertiggestellt werden. Wir sind -ausgeruht. Nichts hindert uns, sofort an die Arbeit zu gehen.« - -Silvester stand stumm. Widerstreitende Gefühle kämpften in seinem -Inneren. Er sah Jane in den Händen Glossins. Er sah Schlachtfelder, -bedeckt mit Toten und Verwundeten ... Ehre und Gewissen zwangen ihn, -seine Liebe zum Opfer zu bringen. Er tat es mit blutendem Herzen. - -»Aber ...« Die tiefe Erregung spiegelte sich in seinen Augen wider -... »Aber woher nimmst du die Gewißheit, daß der Krieg schon in -allernächster Zeit ausbrechen wird? Dein Glaube gründet sich doch nur -auf Mutmaßungen.« - -Wortlos deutete Erik Truwor auf den Inder. - -»Du, Atma! Du sagst es?« - -»Ich sagte, was ich in den stillen Nächten sah, in denen ihr -arbeitetet. Ich sah die blanken Schwerter in den Händen der feindlichen -Brüder, bereit zum Töten.« - -Silvester senkte betroffen das Haupt. Die Voraussagen Atmas waren -untrüglich. Er wendete sich ab, um seine innere Bewegung zu verbergen. -Da fühlte er die Arme des Inders sich um seine Schultern legen. - -»Der Krieg wird nicht kommen, bevor sich der Mond vollendet. Als ich -in der vergangenen Nacht an deinem Lager wachte, sah ich, wie die -Schwerter sich in ihre Scheiden zurücksenkten. Die Hände der Männer -blieben am Griff.« - -»Was sagst du, Atma? Der Krieg ist aufgeschoben?« - -Erik Truwor trat näher an den Inder heran. Er hielt den Papierstreifen -des Telegraphenapparates zwischen den Fingern. - -»Aufgeschoben. Das würde die veränderte Sprache in diesen Telegrammen -erklären.« - -»Aufgeschoben, bis der Mond sich erneut. Wir haben Zeit. Zeit, deinen -Willen zu tun, und Zeit, die Wünsche Silvesters zu erfüllen.« - -Erik Truwor traf die Entscheidung. Für achtundvierzig Stunden brauchte -er die Hilfe Silvesters noch, um alle Teile der neuen Konstruktion -so weit fertigzumachen, daß er sie dann selbst nur zusammenzusetzen -brauchte. - -Sein Befehl war zwingend. Vergeblich suchte Silvester dagegen zu -kämpfen. Atma nahm die Partei Erik Truwors. - -»Zwei Tage und zwei Nächte, Silvester. Dann haben wir hier getan, was -zu tun ist, und holen das Mädchen.« - -Mit einem Seufzer fügte sich Silvester dem Willen seiner Freunde. Von -neuem begann ein Arbeiten, ein Schmieden, Feilen und Schleifen. Stahl -und Kupfer gewannen neue Formen, und in achtundvierzig Stunden wuchsen -die Teile, die den neuen großen Strahler bilden sollten. - - * * * * * - -Doktor Glossin saß im Gebäude der englischen Admiralität vor einem -dickleibigen, verstaubten Aktenstück und wandte Blatt um Blatt. - -Da lag auf vergilbtem Papier, von seiner eigenen Hand geschrieben, die -kurze Mitteilung, durch die er damals die Aufmerksamkeit des englischen -Distriktskommissars auf Gerhard Bursfeld lenkte. Das Briefchen hatte -von dort den Weg zu den nebligen Ufern der Themse gefunden, und hatte -seine Wirkung getan. Die folgenden Schriftstücke sprachen davon. - -Der Bericht eines anderen Distriktskommissars an den Oberkommissar, -daß eine Bande räubernder Eingeborener den Ingenieur Bursfeld -entführt hätte. Mitteilungen über die Mobilmachung von Militär. Eine -Expedition zur Befreiung des Entführten. Nebenher die Mitteilung, daß -das Sommerhaus Bursfelds bei der Entführung in Flammen aufgegangen -wäre. Ein Bericht, daß man den Wiedergefundenen an Bord des Kleinen -Kreuzers »Alkyon« gebracht habe, daß seine Gattin und sein Kind nirgend -aufzufinden seien. Bis dahin konnten die Berichte in jeder Zeitung -stehen. Die englische Regierung spielte darin die Rolle des Befreiers, -und nichts verriet, daß der Überfall bestellte Arbeit gewesen war. Dann -wurden sie ernsthafter und waren nicht mehr für die Öffentlichkeit -geeignet. - -Die Überführung Bursfelds in den Tower. Seine erste Vernehmung über -seine Erfindung. Seine Weigerung, irgend etwas zu sagen. Wiederholte -Vernehmungen im Laufe der nächsten vier Wochen. Stets das gleiche -negative Ergebnis. - -Dann kam das letzte Schriftstück im Bündel. Die Mitteilung, daß man -Gerhard Bursfeld in der fünften Woche seiner Gefangensetzung tot auf -seinem Lager gefunden habe. Nach einem Gutachten des amtierenden Arztes -am Herzschlag verschieden. - -Dr. Glossin atmete auf. Die Last einer dreißigjährigen Vergangenheit -fiel ihm vom Herzen. Gerhard Bursfeld war tot. Er war gestorben, ohne -daß die englische Regierung etwas von seinem Geheimnis erfahren hatte. -Dr. Glossin suchte in seiner Erinnerung das wenige zusammen, was er -seinem Freunde damals entlockt hatte: Die Behauptung der theoretischen -Möglichkeit, an einem Orte erzeugte Energie ohne materielle -Verbindungen an einer beliebigen anderen Stelle zu konzentrieren. -Ein kleiner Versuch, bei welchem eine fünfhundert Meter entfernte -Dynamitpatrone explodierte, als Bursfeld mit einem kleinen Apparat ein -paar Manöver ausführte. Die strikte Weigerung des Freundes, irgend -etwas Weiteres zu sagen. - -Die beiden Worte »Telenergetische Konzentration« hämmerten dem Doktor -in den Schläfen. Gerhard Bursfeld hatte die Worte gebraucht. Er war -einem Geheimnis auf der Spur gewesen, welches dem besitzenden Staate -die Weltherrschaft sicherte. Jedes Sprengstofflager konnte man mit -diesem Mittel aus der Ferne sprengen. Die Patrone im Flintenlauf des -einzelnen Soldaten ebensogut explodieren lassen wie das Riesengeschoß -in den großen Rohren der Flottengeschütze. - -Ein großes, gelbes Kuvert bildete den Schluß des Aktenstückes. -Es enthielt die wenigen Papiere, die man bei der Leiche des -Inhaftierten gefunden hatte. Seinen Paß und ein kleines Notizbuch mit -Bleistiftaufzeichnungen. Mit einem Schauer blickte Dr. Glossin auf -die ihm so vertrauten Schriftzüge. Kurze Notizen über den damaligen -Dienst in Mesopotamien. Abgerissene Worte über den Überfall und -die Entführung. Dann die Tragödie im Tower. Das weiße Papier des -Notizbuches war zu Ende, und Gerhard Bursfeld hatte die letzten -Mitteilungen in deutscher Sprache zwischen die gedruckten Zeilen des -Kalendariums gekritzelt. So waren sie wohl der Aufmerksamkeit seiner -Wächter entgangen. - -»Donnerstag, den 13. Mai. Sichere Nachricht, daß Rokaja und Silvester -tot sind.« - -»Sonnabend, den 15. Mai. Sie versuchen, mir meine Erfindung durch -Hypnose zu entreißen.« - -»Sonntag, den 16. Mai. Ich habe heute nacht im Schlaf gesprochen ... -Zeit, ein Ende zu machen. Ich entrinne ihnen doch. Eine Luftblase in -eine Vene geblasen, ich bin frei. ... Heute noch, bevor die Nacht -kommt. Rokaja ... Silvester ... ich sehe euch wieder.« - -Damit brachen die Mitteilungen ab. - -Dr. Glossin überlegte. Sie hatten dem Gefangenen natürlich jedes -gefährliche Stück abgenommen. Aber ein Mann wie Gerhard Bursfeld wußte -immer noch hundert verschiedene Wege und Mittel zu finden, sich eine -Vene anzuschlagen und Luft einzublasen. Der Herzschlag, den der Bericht -als Todesursache angab, war dem Doktor Glossin vollkommen klar. - -»Ich habe in der letzten Nacht gesprochen.« Nur diese Worte bereiteten -ihm Beklemmungen. Gerhard Bursfeld war schwer zu hypnotisieren. Es war -anzunehmen, daß er den hypnotischen Einfluß gespürt ... während des -Schlafes empfunden, sich instinktiv zur Wehr gesetzt hatte und darüber -erwacht war. So konnte es sein. Doktor Glossin suchte sich einzureden, -daß es so gewesen sein müsse. Aber ein leiser Zweifel blieb übrig. - -Lord Maitland trat in den Raum, um nach seinem Gast zu sehen. - -»Haben Sie alles gefunden, was Sie suchten?« - -»Ich ersah zu meinem Bedauern, daß meine damaligen Bemühungen, der -britischen Regierung einen Dienst zu erweisen, vergeblich waren ... -Leider. Die Welt hätte heute ein anderes Gesicht, wenn es gelungen -wäre. Gerhard Bursfeld besaß das Mittel, die Welt aus den Angeln zu -heben. Er hat es mit ins Grab genommen.« - -Dr. Glossin sprach die Worte langsam und beobachtete jeden Zug und jede -Miene des Lords. Aber dessen Antlitz blieb völlig unverändert. - -»Ich habe den alten Akt auch durchgesehen. Unsere Regierung hat sich -damals viel Mühe um den Fall gemacht. Wie Sie sehen, ganz umsonst. -Es hat oft solche Leute gegeben, die sich einbildeten, Gott weiß was -erfunden zu haben. Sie hätten den armen Narren ruhig bei seinem Bahnbau -sitzen lassen können. Jedenfalls bin ich erfreut, Ihnen in dieser -Angelegenheit gefällig gewesen zu sein. Ich bitte Sie, über mich zu -verfügen, wenn Sie weitere Wünsche haben.« - -Dr. Glossin dankte. Er wäre Seiner Lordschaft aufs äußerste verbunden -und hätte keine weiteren Wünsche. Wenn Seine Lordschaft jemals einen -Gegendienst ... - -Er überschwemmte Lord Maitland mit einer Flut von Höflichkeitsfloskeln. -Sie gingen ihm von der Zunge, ohne daß er ihren Sinn überhaupt merkte. -Dabei aber erteilte er seinem Gegenüber mit größter Anstrengung einen -suggestiven Befehl. - -»Wenn du etwas von der Erfindung weißt, so sage es.« Er hütete sich mit -Gewalt, dabei selbst an die Erfindung zu denken, denn er kannte die -Gefahr, daß diese Gedanken auf sein Gegenüber mitwirkten und als dessen -eigene reproduziert wurden. - -Lord Maitland blieb ruhig. Er erwiderte die Höflichkeiten Amerikas -mit denen Englands. Die Redensarten der einen Seite waren genau so -belanglos wie die der anderen. Da wußte Dr. Glossin, daß Gerhard -Bursfeld sein Geheimnis mit ins Grab genommen hatte. - - * * * * * - -Die Bedingung, an die Erik Truwor sein Versprechen geknüpft hatte, -trieb Silvester zu fieberhafter Tätigkeit an. Er achtete kaum der -Zeiteinteilung und arbeitete die Tage und die hellen Nächte, nur -getrieben von dem einen Wunsch, den neuen Apparat fertig zu haben und -dann zu holen und zu sich zu nehmen, was ihm das Teuerste war. - -In rastloser Arbeit schaffte er, bis das letzte Stück gegossen, die -letzte Speiche geschmiedet, die letzte Schraube geschnitten war. Da -ließ er den Drehstahl aus der Hand sinken und wandte sich zu Erik -Truwor: »Wenn du wüßtest, in welcher Verzweiflung ich hier gestanden -und gearbeitet habe, wenn du meine jetzige Freude verstündest. Doch du -... du ...« - -»Du ...? Du weißt nicht, was Liebe heißt, wolltest du sagen.« - -Silvester hörte den bitteren Unterton, der in den sarkastischen Worten -lag. - -»Du, Erik? Du, auch du ...« - -Silvester schwieg. Er sah die tiefen Falten, welche die Stirn Erik -Truwors furchten. So hatte auch Erik Truwor, der gegen alle Anfälle des -Lebens gefeit schien, ein Geheimnis, einen verborgenen Kummer. - -»Verzeih, Erik, wenn ich ungewollt eine Wunde berührte, von der ich -nicht wußte. Ich glaubte nicht, daß dein Stahlherz je Frauenliebe -verspürte.« - -»Kein Mann wird mit stählernem Herzen geboren. Der es besitzt, hat -es nach bitterer Enttäuschung und Entsagung erworben. Die Wunde ist -verharscht ...« - -Wie mit sich selbst sprechend, fuhr er leise fort: »Ganz verharscht und -geheilt seit dem vorgestrigen Morgen. Ohne Bewegung und ohne Bedauern -kann ich heute von einer Zeit erzählen, wo ich der glücklichste Mensch -auf Erden war ... und dann der unglücklichste ... Es war während meines -Pariser Aufenthalts. - -Die Verleumdung wagte sich an mein Ideal heran. - -Ich forderte den Verleumder und traf ihn tödlich. Dann ging ich zu -meiner Verlobten. Ich forderte Aufklärung. Ihre Rechtfertigung ging an -meinem Herzen vorbei. Ich gab ihr den Ring zurück. Ging fort von Paris, -durchirrte die Welt. - -Es hat vieler Jahre bedurft, bis ich die Ruhe wiederfand. Heute denke -ich anders darüber. Wenn ich heute ... Warum davon noch sprechen. - -Heute gilt es Mannestat! Was mich heute bewegt, was mir Herz und Hirn -erfüllt, schaltet jeden Gedanken an ein Weib aus. - -Es gilt einen Wurf, der unsere Welt umgestalten soll ... Wenn du wieder -zurück bist, wenn dein Herz frei von der Sorge ist, will ich dir sagen, -wozu das Schicksal uns bestimmt hat.« - -»Wenn ich zurück bin, Erik. Jetzt denke an dein Versprechen. Ich habe -getan, was ich tun sollte.« - -Bevor Erik Truwor zu antworten vermochte, sprach Atma: »Es ist nicht -gut, das Mädchen in der Hand der Gewalt zu lassen.« - -Atma saß zurückgelehnt. Seine Augen blickten weitgeöffnet in die Ferne. -Die Pupillen zogen sich eng und immer enger zusammen. Seine Hände -ruhten auf einem tibetanischen Rosenkranz. - -»So sah er aus, als er mir riet ... nein, befahl, nach Trenton zu -gehen.« - -Erik Truwor flüsterte es Silvester zu. Nach einigen Minuten -erschütterte ein tiefer Atemzug die Brust des Regungslosen. Seine -Pupillen bekamen wieder ihre natürliche Weite. Er sprach: »Die -feindliche Kraft ist am Werke. Glossin hat den dritten Ring. Er sinnt -auf Böses. Wir müssen den Ring holen ... und das Mädchen.« - -Erik Truwor widersprach. Was solle der Ring? Auf die Männer käme es an. -Die wären zusammen! - -»Welchen Auftrag gab dir Jatschu?« - -Atma stellte die Frage tibetanisch, und Erik Truwor antwortete in der -gleichen Sprache: »Er sagte: Suchet den dritten Ring!« - -»Das sagte er? Also müssen wir ihn suchen. Die Wege des Lebens sind -tausendfach verflochten. Was dir Nebensache erscheint, wird zur -Hauptsache, wenn das Rad sich dreht. Erst den Ring! Dann das Mädchen -und dann ... alles andere. So ist es bestimmt. So wird es geschehen.« -Atma hatte es leise und monoton, noch unter der Einwirkung des -kataleptischen Zustandes gesprochen. Aber ein zwingender Wille ging von -den Worten aus. Unter dem Zwange gab Erik Truwor seine Einwilligung. - -»So sei es denn. Ihr beide mögt gehen, den Ring und das Mädchen holen. -Ich bleibe hier und baue den Strahler. Brecht morgen mit dem frühesten -auf. Tut, was ihr tun müßt ...« - -»Noch diese Nacht. In einer Stunde. Eile tut not.« - -Soma Atma sagte es. Der Inder, der lange Tage und Wochen untätig -verbringen konnte, der Stunden hindurch, in die Betrachtungen -seiner Lehre versenkt, wie eine Bildsäule saß, während Erik Truwor -und Silvester mit Anspannung aller Kräfte arbeiteten, der sonst so -tatenlose Inder war jetzt ganz Willen und Tat. - -»In einer Stunde brechen wir auf. Die Maschinen sind nachzusehen. Das -Schiff muß hierhergebracht werden. Den kleinsten Strahler müssen wir -mitnehmen. Wir könnten ihn brauchen.« - -Atma befahl, und die Freunde gehorchten seiner Weisung. - -In einer Stunde läßt sich viel tun. Was Menschenkraft zu tun vermag, -geschah in dieser Zeit. Das Flugschiff lag auf der Wiese vor dem -Truworhaus. Die letzten Vorbereitungen wurden getroffen. Dann ein -kurzer Händedruck, und ein silberner Stern schoß in die Wolken. - -Die hohe Gestalt Erik Truwors blieb allein auf dem Feld zurück. Die -Strahlen der Mitternachtsonne umströmten ihn. Er stand und sah, wie die -Sonne vom tiefsten Stand ihres Bogens in Mitternacht sich hob und stieg. - -Langsam schritt er seinem Hause zu und überdachte die alte Weissagung. -Sie verhieß Gewaltiges. Sie gab ihm, der oft willens gewesen, das Leben -wie ein unbequemes Gewand abzutun, wieder Daseinszweck. - -Er trat in das Haus und ging in die Bibliothek. Den alten -Schweinslederfolianten ergriff er, der dort abseits von den anderen -Büchern in einer Truhe lag. - -Die Geschichte seines Geschlechtes. Auf vergilbtem Pergament die -handschriftlichen Aufzeichnungen seiner Ahnen und Urahnen. Zurückgehend -bis in das zehnte Jahrhundert. Jede große europäische Bibliothek -hätte diesen Folianten mit Gold aufgewogen. Er schlug die alte so -oft gelesene Stelle auf. In diesem Teile war der Foliant lateinisch -geschrieben. Ein schwerfälliges, frühmittelalterliches Latein. Der -Schreiber brauchte lateinische Worte, aber altnordischen Satzbau. Er -schilderte die Ereignisse, die sich zweihundert Jahre früher, um die -Mitte des zehnten Jahrhunderts, begeben hatten. - -»Da schickten die Slawen von Sonnenaufgang eine Gesandtschaft zum -Stamme Ruriks. Die sprach: Sendet uns Männer, die uns beherrschen, -denn wir können uns nicht selbst regieren. Keiner will dem anderen -gehorchen. Zwietracht verheert das Land ...« - -Ein Truwor war damals nach Rußland gegangen. Männer aus Nordland hatten -das zwieträchtige Slawenvolk regiert und geeint. Vor tausend Jahren. -Die Weltgeschichte wiederholt sich nicht wörtlich. Aber sie wiederholt -sehr oft ein altes Thema mit freien Variationen. - -Die Eintragungen in diesem Buche gingen bis in die Gegenwart. Als -letzte Bemerkung stand dort, von Eriks Hand geschrieben, der Tod Olaf -Truwors eingezeichnet. Seitdem stand das Geschlecht der Truwor auf -zwei Augen. Auf den beiden Eriks, die jetzt suchend in die helle Nacht -blickten, als wollten sie kommende Jahre durchspähen. - -Je länger sich Erik Truwor in die Erfindung Silvesters vertiefte, desto -gewaltiger erschien ihm die Macht, die sie gewährte. Immer wieder -suchte er mit nüchternen Gründen gegen das Überwältigende der Idee -anzukämpfen. Es schien ihm unmöglich, daß eine Erfindung einem einzigen -Menschen die unbeschränkte Macht über die ganze Welt verleihen solle. -Und doch gelang ihm die Widerlegung nicht. - -Er griff sich an die Stirn, als wolle er einen Traum verscheuchen, -der ihn narre. Er versuchte es zum zehnten- und zwölftenmal von einer -anderen Seite aus, und immer wieder brachte ihn die Schlußkette an das -nämliche Ziel. - -Er konnte der Welt seine Befehle mitteilen. Elektromagnetisch in Form -drahtloser Depeschen. Der Strahler ersetzte jede drahtlose Station. - -Die Welt konnte seine Befehle mißachten. Er konnte Strafen auf die -Mißachtung setzen, und er war in der Lage, schwer zu strafen. Ganze -Regierungen konnte er einäschern. Die Sprengstofflager feindlicher -Staaten zur Explosion bringen. Eiserne Waffen elektromagnetisch -unbrauchbar machen. - -Alles konnte er. Nur einen schwachen Punkt hatte seine Macht. Er war -ein einzelner, war ein sterblicher Mensch gegen Millionen anderer -Menschen. Ein Schuß konnte ihn töten. Eine Bombe konnte ihn mit seinem -Hause vernichten. Nie durfte er selbst an die Öffentlichkeit treten, -nie durften seine Gegner seinen Aufenthalt erfahren. Seine Macht war -übermenschlich, solange sie geheimblieb und vom unbekannten Orte aus -wirkte. Sie wurde angreifbar, sobald die Gegner ihren Sitz und Ursprung -errieten. - -Erik Truwor ließ die vergilbten Pergamentblätter des alten Folianten -durch die Finger gleiten. Kam vom Pergament zum Büttenpapier und -schließlich zu einem Schuß glatten Maschinenpapiers, den Olaf Truwor -dem Buche eingeheftet hatte. - -Wenige Zeilen in der charakteristischen Handschrift seines Vaters: »Mit -seltener Hartnäckigkeit hat sich in unserer Familie die Sage erhalten, -daß ein Sproß unseres Stammes der Welt noch einmal Gesetze geben wird. -Ein Harald Truwor hat den Glauben an die Legende Anno 1542 mit seinem -Kopf bezahlt. Ich habe es immer vermieden, von dem alten Spuk zu -sprechen. Hoffentlich kommt die Sage jetzt endlich zur Ruhe.« - -Erik Truwor mußte trotz seiner ernsten Stimmung lächeln. Es war ihm -schon klar, wie solche Sagen sich fortpflanzen. In den Dienerstuben -wurde davon gesprochen. So hatte er selbst als Kind davon gehört, -und die Erinnerung war bis heute haftengeblieben. Auch ohne die -Aufzeichnungen seines Vaters hätte er darum gewußt. Etwas anderes -erschien ihm wichtiger. War die Sage begründet? Bestimmte das Schicksal -die Taten und Leistungen des einzelnen wirklich auf Jahrtausende im -voraus? Die Frage quälte ihn, und er konnte die Antwort nicht finden. - - * * * * * - -Reynolds-Farm, an drei Seiten von steilen Felsen und bewaldeten Anhöhen -umgeben, liegt eingebettet in ein Meer von Grün. Die letzten Bäume -des Waldes berühren mit ihren Kronen beinahe die Dächer der Gebäude. -Einzelne Rinnsale, die aus den Felsen hervorquellen, vereinigen sich -nahe der Besitzung zu einem stattlichen Bach. Kurz vor der Farm ist er -gezwungen, seinen Lauf zu ändern und sich einen bequemeren Weg durch -die breiten Wiesenflächen zu bahnen, die sich nach der Ebene an die -Besitzung anschließen. - -In einem blaßblauen, leichten Gewand, den Kopf von einem großen -Schattenhut überdacht, schritt Jane über den schmalen Brettersteg, -der den Bach überbrückte. Leichtfüßig begann sie die steinige Anhöhe -hinaufzusteigen, auf deren Gipfel eine einzelne riesige Buche ihr -Blätterdach weit ausbreitete. Es war ihr Lieblingsort. Zwischen den -rippenartig ausgehenden Wurzeln des gewaltigen Stammes hatte sie ein -Plätzchen gefunden, wo sie wie in einem Lehnsessel ruhen konnte. Von -hier aus vermochte sie wie aus der Vogelschau Reynolds-Farm und die -weite grüne Grasfläche zu überblicken. - -Wie anders als in Trenton, wo Qualm und Dunst der großen Staatswerke -stets über dem Orte lagen. An den Stamm des Baumes zurückgelehnt, ließ -Jane die frische Morgenluft um die Stirn wehen, während ihr trunkenes -Auge über die weite grüne Landschaft schweifte. Wie glücklich hätte -sie hier sein können. Wie wäre die Mutter in diesem milderen Klima -aufgelebt, vielleicht ganz gesundet ... und Silvester? ... Wo war er? -Lebte er noch? Warum kam kein Lebenszeichen von ihm? ... Trübe Schatten -senkten sich auf ihre Stirn. Sie atmete unruhig. Ein Seufzer hob ihre -Brust. Mit ganzer Seele klammerte sie sich an den Gedanken, daß er bald -kommen und sie holen möchte. - -Dr. Glossin? ... Gewiß, er war stets liebevoll und zuvorkommend zu -ihr. Aber immer wieder tauchten verworrene Gedanken in ihr auf. -Beunruhigend, warnend, trübten sie das Gefühl der Dankbarkeit. Der -Zwiespalt quälte sie oft so, daß sie den Gedanken erwog, die Farm für -immer zu verlassen. Doch wohin? Und würde sie Silvester finden, wenn -sie nicht mehr in Reynolds-Farm weilte? - -Um sich von dem Grübeln zu befreien, griff sie zu einem Buch, das -sie der Bibliothek des Doktors entnommen hatte, und begann zu lesen. -Doch nicht lange. Dann entsank es ihren Händen, und ein wohltätiger -Schlummer umfing sie. Sie überhörte die Schritte des Doktors, der -nach ihrem Weggange gekommen und von Abigail nach der einsamen Buche -geschickt worden war. - -Glossin stand vor ihr und betrachtete entzückt diese wie von -Bildnerhand geschaffene Gestalt, dies edel und weich gezeichnete -Gesicht mit den rosigen Farben und dem sanften Mund. Er kniete neben -ihr nieder, ergriff behutsam ihre Hand und fuhr fort, sie mit seinen -Blicken zu umfassen. Dies alles gehörte jetzt ihm, wie er meinte. -Gehörte ihm für immer. Niemand würde es ihm mehr streitig machen können. - -Dr. Glossin war ein Mann von eiserner Willenskraft und ungewöhnlicher -Beharrlichkeit. Das einzige Kraftlose an ihm war sein Gewissen. Tiefere -Herzensbedürfnisse hatte er bisher nicht gekannt. Wollte es der -Zufall, daß ein weibliches Wesen vorübergehend die Leidenschaft in ihm -weckte, hatte er es sich mit allen Listen einer gewissenlosen Moral -willig gemacht. Wären die Mauern von Reynolds-Farm nicht stumm gewesen, -sie hätten über manche Tragödie Aufschluß geben können, die irgendwo -begann und hier ihren Abschluß fand. - -Nur eine große Leidenschaft hatte Dr. Glossin in seinem Leben gehabt. -Damals, als Rokaja Bursfeld seinen Weg kreuzte. - -Als er Jane Harte zum erstenmal sah, hatte er das gute Medium für -seine hypnotischen Versuche in ihr erblickt, ein wertvolles Mittel für -die Ausführung seiner Pläne. Nur deshalb hatte er an ihrem Schicksal -Interesse genommen. Bis er sich durch Silvester Bursfeld in ihrem -Besitze bedroht sah und die Flamme einer plötzlichen Leidenschaft in -dem alternden Mann aufloderte. - -Oft hatte er seine Schwäche verwünscht, ohne doch dieser Leidenschaft -Herr werden zu können. Daß das Mädchen ihn, der dem Alter nach -recht gut ihr Vater sein konnte, nicht aus vollem Herzen liebte, ja -vielleicht nie lieben würde, wußte er. Aber der Gedanke, Jane sein -Eigen zu wissen, ließ alle Bedenken schwinden. - -Dr. Glossin beugte sich über Janes Hand, die in der seinen ruhte, und -preßte die Lippen darauf. Mit einem leichten Ausruf des Schreckens fuhr -Jane aus ihrem Schlummer empor. In der ersten Überraschung schenkte sie -der sonderbaren Stellung des Arztes keine Beachtung. - -»Ah, Sie, Herr Dr. Glossin! ... Oh, wie freue ich mich, daß Sie -gekommen sind. Sie werden mich undankbar schelten, aber ich muß es -Ihnen sagen, die Einsamkeit in Reynolds-Farm bedrückt mich.« - -»So wünschen Sie, daß ich häufiger komme, daß ich länger bleibe ... für -immer bei Ihnen bleibe, Jane?« - -Jane senkte errötend den Kopf. Die fürsorgliche Liebe, die aus den -Worten des Doktors klang, setzte sie in Verwirrung. Sie wollte sagen, -daß er sie falsch verstanden habe, daß sie aus Reynolds-Farm weg -wolle. Und brachte doch die Worte, die undankbar klingen mußten, nicht -über die Lippen. - -Von seiner Leidenschaft verblendet, glaubte Dr. Glossin, daß Janes -Zurückhaltung ihr nur als Schutzwehr gegen ein wärmeres Gefühl dienen -sollte. - -»Jane! Darf ich, soll ich immer bei Ihnen bleiben?« - -Sie antwortete nicht sogleich. Ihre Hand zuckte in der seinen. Ein -Ausdruck flehender Hilflosigkeit kam über ihr Gesicht. - -»Ich weiß nicht«, sagte sie tonlos. »Es ist ...« -- sie legte die Hand -aufs Herz --, »es ist so fremd hier.« - -»Nicht hier allein. Überall in der Welt! Wo der eine ist, soll -auch der andere sein. Jane, sehen Sie mich an. Ich will offen mit -Ihnen sprechen. Ich verlange nach einem Heim, einem Weib, einer -Friedensstätte. Der Blick Ihrer Augen, der Ton Ihrer Stimme, Ihre -geliebte Nähe, sie werden mir alles bringen. Wert bin ich Ihrer nicht, -ja, ich weiß, es ist unedel, wenn ich Ihr blühendes junges Leben an das -meine ketten will. Aber ich kann nicht anders, und, Jane, ich liebe -Sie, liebe Sie mehr, als ich Ihnen sagen kann. Wollen Sie mir folgen, -wohin ich auch gehe, als mein Liebstes auf Erden, als mein Weib? ... -Sie sprechen das Wort nicht, Jane? Sie entziehen mir Ihre Hand und -wenden sich ab von mir?« - -Glossin schwieg. Seine Stimme war während der letzten Worte immer -leiser geworden, sein Atem ging schwer. Er richtete sich auf und -starrte auf Jane, welche die Hände vor das Gesicht geschlagen hatte -und weinte. Er war enttäuscht und überrascht, aber nicht abgeschreckt, -nicht entmutigt. - -»Verzeihen Sie mir, Jane. Ich habe Sie mit meiner stürmischen Werbung -erschreckt. Ich will Ihnen Zeit lassen, mir die Antwort zu finden. Sie -werden mich näher kennen- und liebenlernen.« - -»Nein, Nein! Ich liebe Sie nicht, ich werde Sie nie lieben!« - -Jane rief es und brach in neue Tränen aus, in leidenschaftliche, -unaufhaltsame Tränen. Glossin wurde totenbleich. - -»Ist das die Antwort? Haben Sie kein Verständnis für das, was ich -leide, kein Gefühl, kein Mitleid?« - -Seine Augen flammten unheimlich auf, seine Brust arbeitete heftig. -Die Leidenschaft übermannte ihn. Er warf sich ihr zu Füßen nieder und -flehte um Erhörung. - -»Nein, ich will Sie nicht länger hören.« - -Jane war aufgesprungen und wich abwehrend vor dem Doktor zurück. - -»Ich will nicht ... will nicht«, und ehe er Zeit hatte, sich zu -erheben, hatte sie sich umgewendet und eilte in fliegender Hast den -Abhang hinunter. - -Mit einem Ausruf, halb Seufzer, halb Fluch, starrte ihr Glossin nach -... Was beginnen? Mit innerer Qual durchlebte er den Auftritt in -Gedanken noch einmal. Und dann überkam ihn mit wütender Scham das -Bewußtsein, daß er verschmäht war. - -Er schlug sich mit geballter Faust vor die Stirn, als wollte er alle -bösen Gewalten hinter ihr wieder erwecken. - -»Tor, der ich war! Welcher Teufel verblendete mich? Diesem Logg Sar -gilt ihre Liebe, nicht mir. Er soll mir nicht entgehen, und wenn die -Hölle mit ihm und seiner Erfindung im Bunde stände!« - -So schnell, als es ihm möglich war, eilte er dem Hause zu. Ohne Zaudern -trat er in Janes Stübchen. - -Dr. Glossin sah durch die halbgeöffnete Tür, die zu dem Schlafzimmer -führte, daß Jane vor einer Handtasche kniete und Kleider und Wäsche -hineinpackte. - -»Ah, wie ich dachte. Doch nein, mein Kind, nicht wie du willst, sondern -wie ich will. Und ich will dich an Reynolds-Farm ketten, fester, als -Wächter und Gitter es vermöchten.« - -Er streckte die Hand gegen sie aus und trat langsam auf sie zu. Jane -drehte sich um und öffnete den Mund, als wolle sie einen lauten Schrei -ausstoßen. Doch kein Laut kam über die Lippen, die sich langsam wieder -schlossen. - -»Der Morgenspaziergang wird Sie müde gemacht haben, liebe Jane. Legen -Sie sich auf den Diwan, und ruhen Sie bis zum zweiten Frühstück. Wir -werden es gemeinsam in der Laube am Bach einnehmen, und danach werde -ich mich zur Abreise rüsten. Wird es Ihnen leid tun, wenn ich wieder -fortgehe?« - -»O sehr, Herr Doktor! Ich werde traurig sein, wenn ich wieder allein -bin ... ohne Sie.« - -Glossin nickte, ein bitteres Lächeln grub sich um seinen Mund. Er trat -an das Ruhebett, auf das sich Jane mit geschlossenen Augen niedergelegt -hatte, heran und setzte sich an dem Rande nieder. Er fühlte ihren -warmen Atem. Der Duft ihres üppigen Haares, ihres jugendschönen Körpers -umschwebte ihn. Ihre halbgeöffneten Lippen schienen nach Küssen zu -verlangen. Er öffnete die Arme, als wollte er sie umschlingen. Doch -die Vernunft siegte. Er wandte das Gesicht weg und eilte, ohne sich -umzudrehen, hinaus. Seine Lippen preßten sich aufeinander, als habe er -einen bitteren Trunk getan. - - * * * * * - -Seit zwei Stunden saßen die Ministerpräsidenten Deutschlands, -Frankreichs und Rußlands im Auswärtigen Amt in der Wilhelmstraße -zusammen. Sie hatten sich hier getroffen, um sich über eine gemeinsame -Haltung in dem zu erwartenden englisch-amerikanischen Konflikt zu -verständigen. Doktor Bauer, der Vertreter Deutschlands, faßte das -Ergebnis der langen Unterhaltung noch einmal kurz zusammen. - -»Die Sympathien ... oder vielleicht sage ich besser die Antipathien ... -für die beiden Gegner sind in den von uns vertretenen Ländern ziemlich -gleichmäßig verteilt. Wir haben keinerlei Grund, uns von dem einen -oder dem anderen ins Schlepptau nehmen zu lassen. Wir sind an Amerika -verschuldet, und England wird uns wahrscheinlich die Annullierung -unserer amerikanischen Schulden als Belohnung für eine Gefolgschaft in -Aussicht stellen. Wir sind uns klar darüber, daß dies Versprechen, -so vorteilhaft es klingen mag, keineswegs ein günstiges Geschäft für -unsere Staaten bedeutet. Wir müßten unsere Länder den englischen Heeren -für den Durchzug öffnen und fast sicher auch beträchtliche Opfer -an Gut und Blut für eine Sache bringen, die keines unserer Länder -interessiert ...« - -Der baltische Baron von Fuchs, der Vertreter Rußlands, nickte -schweigend mit dem mächtigen Schädel. Er gedachte der Zeit vor vierzig -Jahren, als sein Vaterland sich als erstes europäisches Reich für -englische Interessen verblutete. Der hitzigere Franzose platzte mit -einem Zwischensatz heraus. - -»~C'est ça~ ... wir bluten, und England erntet.« - -Der Deutsche fuhr fort: »Ich rekapituliere weiter. Es ist für uns -auch wirtschaftlich vorteilhafter, die unbedingte Neutralität zu -wahren und für die beiden kriegführenden Parteien mit allen Kräften -zu liefern. Die Industriegemeinschaft, welche die französische und -deutsche Industrie seit fast einem Menschenalter verbindet, wird die -Abmachungen über die Preise für Kriegsmaterial aller Art erleichtern. -Um auch Einheitlichkeit mit der russischen Industrie zu sichern, wird -so schnell wie möglich ein Industrieausschuß der drei Länder gebildet. -Die beiden Kriegführenden müssen uns jeden Preis bewilligen. Wir werden -die Preise so stellen, daß wir unsere Schulden loswerden und darüber -hinaus verdienen. Das, meine Herren, wären die ersten beiden Punkte -unserer Abmachungen. Unbedingte Neutralität und Lieferung an beide -Teile zu vereinbarten Preisen. Es ist drittens die Möglichkeit erörtert -worden, daß der eine oder andere der beiden Gegner unsere Neutralität -nicht respektiert. Dann ist der ~Casus foederis~ gegeben. Unsere drei -Länder werden jeden Neutralitätsbruch durch einen der Kriegführenden -mit vereinten Kräften abwehren.« - -»Das sind unsere Abmachungen.« Der Baron von Fuchs sagte es langsam und -bedächtig. - -Das war der Kern der Sache: »Neutral bleiben, verdienen und einig -sein.« So präzisierte es der Marquis de Villaret noch einmal in drei -Schlagworten. - -»Dann, meine Herren, werde ich, Ihre Zustimmung vorausgesetzt, ein -Kommuniqué für die Abendblätter ausgeben lassen. Der telegraphische -Bericht wird für Moskau und Paris noch zurechtkommen. Das Kommuniqué -wird nur den Beschluß der Neutralität und die feste Entschlossenheit, -diese mit allen Mitteln zu bewahren, enthalten. Die wirtschaftlichen -Abmachungen bleiben vorläufig unerörtert.« - -Der Baron von Fuchs und der Marquis de Villaret bestiegen ihre vor dem -Amte wartenden Kraftwagen. - -Allerlei Volk hatte sich vor dem Amte versammelt. Alte Veteranen aus -dem Weltkriege, die noch die Erinnerungszeichen eines Kampfes auf der -Brust trugen, der der jüngeren Generation wie eine Sage aus alter -Mythenzeit klang. Blühende Jugend, die nichts mehr von den Hunger- und -Elendsjahren Deutschlands wußte. Dazwischen Männer in bestem Alter. -Vertreter der Industrie und des Handels. Repräsentanten großer Werke -und Häuser. Sie verlauerten hier am Straßenrande vor dem eisernen -Gitter ihre Stunden, die sie sich sonst minutenweise mit Gold bezahlen -ließen. Die Nachricht von der Konferenz der drei Ministerpräsidenten -hatte ganz Berlin, ganz Deutschland und ganz Europa in Aufregung -gebracht. Dr. Bauer begleitete seine auswärtigen Kollegen bis an -den Wagenschlag, und während er ihnen zum Abschied noch einmal die -Hand schüttelte, sagte er: »Unbedingte Neutralität.« Er sprach es so -laut, daß die Nahestehenden es deutlich verstehen konnten. Wie ein -Lauffeuer ging das Wort die Straße hinauf. Es lief die Linden entlang -und flatterte von Mund zu Mund durch die Leipziger Straße. »Unbedingte -Neutralität!« ... »Wir bleiben neutral!« ... »Wir lassen uns von keinem -an den Schlitten fahren!« ... »Die Brüder sollen ihre Sache selber -besorgen!« ... - -So flogen die Worte zwischen den Straßenpassanten hin und her. - -»Das einzig Vernünftige, was unsere Regierung tun konnte.« - -»Selbstverständlich, das einzig Richtige. Wir schonen unsere Knochen -und verdienen unser Geld.« - -Ein Kaufmann rief es an der Ecke der Behren- und Wilhelmstraße dem -anderen zu. - -»Haben Sie schon gehört, Herr Geheimrat, wir bleiben absolut neutral.« - -Ein Bankdirektor sagte es einem höheren Beamten aus dem Ministerium. - -»Ich hörte es. Aber ich denke an die Zukunft. Einer von den beiden muß -siegen. Dem Sieger gehört dann die ganze Welt. Wir auch, Herr Direktor.« - -»Nicht so pessimistisch, Herr Geheimrat. Die Kämpfenden werden sich -furchtbar schwächen. Wie die beiden Löwen in der Sahara, die sich bis -auf die Schwanzspitzen aufgefressen haben. Die Welt gehört dann uns, -Herr Geheimrat.« - -»Der Himmel mag es geben.« - -Der Geheimrat ging weiter. Er war so ziemlich der einzige, der Bedenken -hatte. Schon erschienen die ersten Extrablätter und verkündeten die -Entschließung der Regierung. - -An den Fernsprechern standen die Vertreter der auswärtigen Zeitungen -und Industriewerke und teilten den Beschluß nach dem Rheinland, nach -Westfalen, Schlesien und Danzig mit. Die Industrie wartete seit Wochen -auf das Stichwort, nach dem sie auftreten sollte. Jetzt war es gefallen. - - * * * * * - -Reinhard Isenbrand, der Chef der großen Essener Stahlwerke, saß mit den -vier Generaldirektoren der Werke zu intimer Besprechung versammelt. - -»Meine Herren, wir müssen für unsere Werke zu der politischen -Lage Stellung nehmen. Ich glaube nicht mehr, daß sich die -weltgeschichtliche Auseinandersetzung zwischen England und der Union -aufhalten läßt. Der Wetterzeichen sind zu viele, als daß ich noch an -eine friedliche Entspannung glauben könnte.« - -Der junge energische Chef der Werke machte eine kurze Pause und blickte -seine Mitarbeiter an. Unbedingte Zustimmung lag auf den Mienen von -Philipp Jordan, der das Auslandgeschäft der Firma unter sich hatte. -Zustimmend nickte der kaufmännische Generaldirektor Georg Baumann. -Sie überschauten die politische Lage vollkommener als Professor -Pistorius, der Chefkonstrukteur, und Fritz Öltjen, der Schöpfer der -neuen Edelstahlfabrikation. Die beiden Techniker hatten noch die leise -Hoffnung einer friedlichen Verständigung, wo die Kaufleute bereits eine -unaufschiebbare Auseinandersetzung mit Waffengewalt erblickten. - -Reinhard Isenbrand fuhr fort: »Nehmen wir den Konflikt als sicher an, -so ist die Stellung Deutschlands und Europas zu ihm das Nächstwichtige -... für uns das Wichtigste. Nach meinen Berliner Informationen wird -Europa neutral bleiben. Die Pressestimmen, die sich seit einigen -Tagen mit der Annullierung der europäischen Amerikaschulden durch ein -siegreiches England befassen, halte ich für bestellte Arbeit. Eine -direkte Beteiligung Europas an diesem Kriege wäre selbstmörderisch. Sie -wäre überhaupt nur an der Seite Englands denkbar, aber dann wäre unser -Land den Einwirkungen der amerikanischen Kriegsmittel fast wehrlos -preisgegeben. Ich glaube, wir brauchen die Möglichkeit einer direkten -Beteiligung am Kriege überhaupt nicht ernsthaft zu erörtern. Desto mehr -aber unsere Maßnahmen als neutraler Staat. - -Es ist klar, daß wir beide Parteien beliefern können, ohne unsere -Neutralität zu verletzen. Die Sentimentalität haben wir Gott sei Dank -verlernt. Mögen im Publikum Sympathien für diese oder jene Seite hier -oder dort vorhanden sein. Für uns ist es reines Lieferungsgeschäft. -Eine Möglichkeit, durch intensive Arbeit unsere Volkswirtschaft zu -heben ... die letzten Spuren vergangener Kriegsjahre zu tilgen. - -Auch über die Transportfrage brauchen wir uns den Kopf nicht zu -zerbrechen. Wir liefern frei ab Essen. Wie die Besteller die Ware -von dort weiterschaffen, ist ihre eigene Sache. Sind die Herren der -gleichen Meinung?« - -Philipp Jordan erbat das Wort. - -»Die Transportfrage ist für England sehr einfach. Es bringt die -Fabrikate auf dem Landwege und durch den Kanaltunnel bequem auf die -Insel. Bis Calais deckt die Neutralität die Transporte. Von dort der -Unterseetunnel ... wenn er nicht wider Erwarten von amerikanischer -Seite zerstört wird. - -Für die Transporte nach Amerika kommen U-Boote und Flugschiffe in -Betracht. Ich hörte, daß die Union mit zwanzig Prozent Verlust aller -Sendungen auf dem Luftwege durch den Kaperkrieg rechnet. Der Satz ist -in ihren Kalkul eingestellt. - -Aber die Transportfrage ist nicht unsere Sorge. Sie ist nicht einmal -die Hauptsorge der Kriegführenden. Beide Parteien werden vielfach nur -kaufen, um die Ware für den Gegner zu sperren, und werden sie ruhig -hier im Lande lassen.« - -»Dann die Frage der Preise?« - -Reinhard Isenbrand sagte es mit einem Blick auf Georg Baumann. - -»Die Preise sind durch die deutsch-französische Industriegemeinschaft -festgelegt. Nach unten, nicht nach oben ...« - -Georg Baumann legte die Hand auf eine starke Preisliste. - -»Hier sind die Grundpreise für Stahl und alle Stahlfabrikate. Wir haben -in der Gemeinschaft verhandelt und für den Fall des Kriegsausbruches -einen sofortigen Aufschlag von 300% in Aussicht genommen.« - -»Was sollen wir verkaufen?« - -Die Frage des Chefs war allgemein gestellt. Professor Pistorius ging an -ihre Beantwortung. - -»Das wird in der Hauptsache von der Länge des bevorstehenden Krieges -abhängen. Für kurze Kriegsdauer Halbfabrikate. Bei längerer Kriegsdauer -Fertigfabrikate. Sachverständige rechnen damit, daß 40% sämtlicher -Luftstreitkräfte in den ersten zehn Kriegstagen vernichtet sein werden. -Es wird alles davon abhängen, ob der Krieg so lange dauert, daß ein -Ersatz des verlorenen Materials in Frage kommt. Die Amerikaner suchen -durch die Masse zu ersetzen, was ihnen an Qualität abgeht. Sie arbeiten -fieberhaft am Ausbau ihrer R. F. c.-Flotte. Inzwischen ist unser Typ -ausgebildet, der die anderthalbfache Geschwindigkeit entwickelt. Die -Kriegführenden werden uns jeden Motor der neuen Type zu jedem Preise -aus den Händen reißen ...« - -Ein Klingelzeichen der pneumatischen Post auf dem Seitentisch. Ein -Briefchen sprang aus der Kapsel. Es war an Philipp Jordan adressiert. -Reinhard Isenbrand runzelte unwillkürlich die Brauen. Die Konferenz -sollte nicht gestört werden. - -Jordan riß den Umschlag auf. - -»Das Wettrennen hat begonnen. Mein Vertreter meldet mir, daß Mr. -Stamford als Bevollmächtigter von Cyrus Stonard bei ihm ist. Er will -unsere gesamte Rohstahlerzeugung ab Kokille kaufen. Fest für zwei -Jahre. Zweitausend Dollar die Tonne.« - -»Alle Wetter. Der Herr aus Amerika hat es eilig.« - -Der Ruf entfuhr Fritz Öltjen, der um seinen Stahl besorgt war. - -»Wird nicht gemacht.« Isenbrand sagte es kurz und knapp. »Nur feste -Mengen zum Konventionspreise.« - -Jordan schrieb die Antwort nieder und schickte sie durch die -pneumatische Post zurück. - -Professor Pistorius äußerte sich über die voraussichtliche Dauer des -Krieges. Vier Jahre von 1914 bis 1918 der große Europäische Krieg. Zwei -Jahre der erste Japanische Krieg. Neun Monate der zweite. Die Reihe -konvergierte stark. Nach dieser Voraussetzung mußte auch der kommende -Krieg kurz sein. - -Schon wieder meldete sich der pneumatische Apparat. Eine neue -Mitteilung an Jordan. Mr. Stamford wollte eine Million Tonnen -Rohstahl fest kaufen. Es war ein Auftrag von zwei Milliarden Dollar. -Cyrus Stonard gab sich nicht mit Kleinigkeiten ab. Nahm man als das -Wahrscheinliche an, daß seine Agenten zur gleichen Stunde bereits -in allen anderen europäischen Stahlwerken verhandelten, so mußte er -für rund fünfzig Milliarden Dollar kaufen. Öltjen überschlug die -Produktionsziffern der Industriegemeinschaft. Baumann kalkulierte. -Jordan schrieb die Frage nach der Art der Zahlung. - -Die Antwort kam in einer Minute zurück. - -»Gute Dollarschecks. Zahlbar bei den besten Banken des Kontinents.« - -Reinhard Isenbrand wechselte einen Blick mit Jordan. - -»Der Dollar wird fallen. Wir brauchen reale Werte. Verpfändung -amerikanischer Bodenschätze. Von Erzgruben und Petroleumquellen im -Werte von zwei Milliarden. Sonst machen wir das Geschäft nicht.« - -Die Antwort flog in das Postrohr. Professor Pistorius sprach weiter: - -»Unsere Fabrikation ist zu mehr als 99% eine Friedensfabrikation. -Aber wir haben zwei Spezialitäten, die auch für den Krieg in Betracht -kommen. Flugzeugmotoren. Dann unsere durch Kreisel stabilisierten -Unterwasserboote für Handelstransporte. Unsere Stabilisierung ist -besser als die der Kriegsboote der streitenden Mächte.« - -Wieder ein Zeichen der Pneupost. An Philipp Jordan. Aber diesmal -von einem anderen Vertreter. Mr. Bellhouse verhandelte für England -über die sofortige Lieferung von hunderttausend Motoren. Preise der -Industriegemeinschaft. Zahlbar in Gold. - -Noch bevor die Herren darüber einen Beschluß fassen konnten, warf -das Rohr einen neuen Brief aus. Mr. Stamford lehnte die Verpfändung -amerikanischer Bodenschätze ab. Offerierte dafür den Betrag in -deutscher, in der Union gemachter Anleihe mit Golddeckung. - -Reinhard Isenbrand lehnte ab. - -»So reich sind wir vorläufig noch nicht, daß wir unsere eigenen -Anleihen zurücknehmen können. Verpfändung oder keinen Stahl!« - -Das englische Angebot war einer Diskussion wert. - -Der nächste Brief betraf Mr. Stamford. Er holte drahtlos neue -Informationen von Washington ein. Würde in einer Stunde neues Angebot -machen. - -Der englische Antrag war gut. Aber er war noch besser, wenn er nach -Kriegsausbruch kam. Dann traten die 300% Zuschlag automatisch ein. -Auch die Vollmachten Isenbrands waren durch die Industriegemeinschaft -beschränkt. Wurde jetzt abgeschlossen, geschah es wahrscheinlich zu -Preisen, die schon in wenigen Tagen weit überholt sein konnten. - -Das Rohr warf ein neues Briefchen in den Raum. An den Chef selbst. - -»Meine Herren, in diesem Augenblick meldet unser Berliner Vertreter: -›Die Regierungen von Rußland, Deutschland und Frankreich haben -unbedingte Neutralität beschlossen. Sich gegenseitigen Schutz derselben -verbürgt!‹ Es ist so gekommen, wie ich es vermutete. Für die Abschlüsse -folgende Gesichtspunkte: Die Valuten beider Kriegführenden werden -stürzen. Lieferung daher nur gegen Zahlung in deutscher Währung. Oder -gegen Verpfändung von Bodenschätzen. Gold ist mit Vorsicht in Zahlung -zu nehmen. Sein Kurs ist Schwankungen unterworfen. Wenn die Abschlüsse -vor Kriegsausbruch getätigt werden, ist für alles nach dem Ausbruch zu -liefernde Material der Aufschlag der Industriegemeinschaft einzusetzen. - -Das große Wettrennen um die Erzeugnisse unserer Arbeit hat begonnen. -Ich hörte, daß der linksstehende Teil unserer Arbeiterschaft -proenglisch gegen den Gewaltherrscher Stonard ist. Sorgen Sie für -Aufklärung. Wir haben jetzt nicht Politik zu treiben, sondern nur für -unsere Volkswirtschaft zu arbeiten und zu verdienen. Geben Sie mir -Bericht, sowie sich etwas von Wichtigkeit ereignet. Im Anschluß an -größere Aufträge ist die Vermehrung der Belegschaft und der Ausbau der -Werke sofort in Angriff zu nehmen.« - - * * * * * - -In der Dunkelheit der kurzen Sommernacht senkte sich R. F. c. 1 aus der -Höhe auf den Wald von Trenton hinab. Noch lagen die großen Staatswerke -leblos in der Finsternis, die Wege und Stege des Ortes und erst recht -des Waldes waren menschenleer. Silvester Bursfeld kannte das Gehölz -von seinem früheren Aufenthalt. Einen tiefen grabenartigen Einschnitt -zwischen alten Eichen, der das Flugschiff bequem aufnehmen konnte, so -daß sein Rumpf selbst in nächster Nähe unsichtbar in der Bodenfalte -steckte. Zu allem Überfluß rafften sie das vorjährige Laub zusammen, -das hier in hoher Schicht auf dem Boden lag, und bestreuten den Körper -des Schiffes damit. - -Als zwei harmlose und unauffällige Wanderer schritten Silvester -Bursfeld und Atma der Stadt zu. Im Scheine der Morgendämmerung gingen -sie an den ersten Häusern des Ortes vorbei und näherten sich ihrem -Ziele. Sie kamen zu früh. Viel zu früh, denn die Uhr der nahen Kirche -verkündete eben erst die vierte Morgenstunde. Silvester Bursfeld -brannte vor Ungeduld. Er gab erst Ruhe, als sie vor dem wohlbekannten -Hause in der Johnson Street standen. Mit sehnsüchtigen Blicken -betrachtete er die grünumsponnenen Fenster des Gebäudes. Am liebsten -wäre er kurzerhand über den Zaun gestiegen und hätte die Bewohner aus -dem Schlafe alarmiert. - -Die unerschütterliche Ruhe Atmas brachte ihn wieder zur Besinnung. - -»Ruhig, Logg Sar. Keine Übereilung. Wenn das Mädchen noch hier ist, -werden wir sie auch in drei Stunden aufsuchen können.« - -Die Worte des Inders warfen neue quälende Zweifel in die Seele -Silvesters. »Wenn das Mädchen noch hier ist.« Was meinte Atma damit? -Wo sollte Jane anders sein als bei ihrer Mutter? Wußte Atma irgend -etwas und wollte es nicht sagen? Die Pein der Ungewißheit übermannte -ihn. Seufzend folgte er dem Inder und ließ sich neben ihm auf einer -Bank in den nahen Parkanlagen nieder. Langsam und bleiern schlichen -die Stunden. Vom Kirchturm schlug es fünf, sechs und nach weiteren -qualvollen sechzig Minuten sieben Uhr. Silvester sprang auf. - -»Jetzt ist es Zeit. Um sieben Uhr ist Jane stets munter, schon in der -Wirtschaft tätig.« - -Nach wenigen Minuten stand er vor dem Gitter und schellte. Der -schrille Ton der elektrischen Glocke war in der Morgenstille deutlich -zu vernehmen. Aber im Hause blieb alles ruhig. Dreimal, viermal -wiederholte Silvester das Schellen, ohne daß sich etwas geregt hätte. - -Atma war ihm nur langsam gefolgt. Bedächtig, als wolle er das erste -Wiedersehen der Liebenden nicht stören. Jetzt stand er neben Silvester, -deutete mit der Hand auf eine Stelle der Hauswand. - -»Sieh!« - -Eine kleine weiße Tafel hing dort im Efeugewirr der Hauswand. Im -unsicheren Licht der Morgendämmerung war sie den Blicken Silvesters -entgangen. Jetzt war sie deutlich zu erkennen und auch zu lesen. Die -triviale alltägliche Mitteilung, daß das Haus zu vermieten, das Nähere -im Nachbarhause zu erfahren sei. Silvester spürte, wie seine Knie -zitterten und ihm den Dienst versagten. Er mußte sich auf den Inder -lehnen. - -»Ich ahnte es, daß wir das Mädchen hier nicht finden würden. Aber wir -werden es finden und werden es nach Europa bringen.« - -Diese wenigen mit Überzeugung gesprochenen Worte Atmas gossen -neue Kraft in Silvesters Seele. Er folgte dem Gefährten, der zum -Nachbarhause ging, dort Einlaß begehrte und auch fand. - -Die Herren wünschten das zur Vermietung stehende Nachbarhaus zu sehen. -Aber gern ... Es könne sofort geschehen. - -An der Seite Atmas schritt Silvester durch die ihm so wohlbekannten -Räume. Dort stand der Nähtisch am Fenster. An ihm saß Jane, als er sie -das letztemal vor seiner Verhaftung sah. Die Stickerei, an welcher -sie damals arbeitete, lag auch jetzt noch dort. Geradeso, als ob die -Stickerin eben erst aufgestanden sei. Wenn jemand ein Haus verließ, um -seinen Wohnsitz woanders zu nehmen, dann würde er sicherlich die Arbeit -dort nicht so liegenlassen. Silvester Bursfeld konnte eine Bemerkung -nicht unterdrücken. - -»Es ging alles so schnell«, erklärte der jugendliche Führer. »Mr. -Glossin brachte Miß Jane in seinen Kraftwagen und fuhr sofort mit ihr -weg. Sie hatte nur wenig Gepäck bei sich.« - -Silvester hatte genug gesehen. Durch einen Blick verständigte er sich -mit Atma. - -Ob die Herren die Wohnung mieten wollten? - -Vielleicht ... sie würden es sich überlegen. Im Laufe des Nachmittags -wiederkommen. Ein kurzer Abschied, und die Freunde gingen die Johnson -Street entlang. Silvester schritt wie im Traum dahin. Mechanisch -wiederholten seine Lippen wohl hundertmal die letzten Worte des Inders: -»Wir werden das Mädchen finden und sicher nach Europa bringen.« Die -eintönige Wiederholung gab ihm allmählich das innere Gleichgewicht -zurück. So folgte er Atma, der den Weg zum Bahnhof einschlug. - -»Wohin wollen wir, Atma? Was wird aus unserem Schiff?« - -»Das Schiff liegt gut versteckt. Nach Neuyork wollen wir. Den Doktor -Glossin fragen, wo das Mädchen ist.« - -Silvester erschrak. - -»Das heißt, den Kopf in den Rachen des Löwen legen.« - -Atma blieb unbewegt und erwiderte gleichmütig: »Du trägst den Strahler -an der Seite. Verbrenne ihn zu Asche, wenn er dir Böses tut. Aber -verbrenne ihn erst, wenn er mir geantwortet hat.« - - * * * * * - -Dr. Glossin stand im Privatkabinett des Präsident-Diktators. Cyrus -Stonard schob einen Stoß Briefe beiseite und ließ seinen Blick einen -kurzen Moment auf dem Doktor ruhen. - -»Was haben Sie in der Affäre Bursfeld festgestellt?« - -»Über den Vater, daß er seit vielen Jahren tot ist.« - -»Kennen die Engländer sein Geheimnis?« - -»Ich bin überzeugt, daß sie nichts davon wissen. Als Gerhard Bursfeld -fühlte, daß ihm sein Geheimnis auf hypnotischem Wege entrissen werden -sollte, hat er sich selbst getötet. Ich habe prominente Leute in -England befragt ... Sie wissen von nichts.« - -Ein Schimmer der Befriedigung glitt über die durchgeistigten Züge des -Diktators. - -»Dann ... meine ich, können wir losschlagen, sobald die -Unterwasserstation an der ostafrikanischen Küste in Dienst gestellt -ist.« - -»Wir können es, Herr Präsident, wenn wir es nur mit England zu tun -haben.« - -Der Diktator blickte verwundert auf. - -»Mit wem sollten wir es sonst noch zu tun bekommen?« - -Dr. Glossin zögerte mit der Antwort. Nur stockend brachte er die -einzelnen Worte heraus: »Mit den Erben Bursfelds ...« - -Cyrus Stonard zerknitterte den Entwurf einer Staatsdepesche. - -»Den Erben ... die Sache scheint sich zu komplizieren. Neulich war -es nur einer. Der famose Logg Sar, der so merkwürdig aus Sing-Sing -entwischte und unser bestes Luftschiff mitnahm. Wer ist denn jetzt noch -dazugekommen?« - -»Zwei Freunde, die auf Gedeih und Verderb mit Silvester Bursfeld -verbunden sind.« - -»Drei Leute also. Drei einzelne schwache Menschen. Sie glauben im -Ernst, daß drei Menschen unserem Dreihundert-Millionen-Volk gefährlich -werden könnten? Herr Dr. Glossin, Sie werden alt. In früheren Jahren -hatten Sie mehr Selbstvertrauen.« - -Die Worte des Präsident-Diktators trafen den Arzt wie Peitschenhiebe. -Er erblaßte und errötete abwechselnd. Dann sprach er. Erst stockend, -dann fließender und schließlich mit dem Feuer einer unumstößlichen -inneren Überzeugung: »Herr Präsident, ich habe vor dreißig Jahren -gesehen, wie Gerhard Bursfeld mit einem einfachen Apparat, nicht größer -als meine Hand, auf große Entfernungen Dynamit sprengte. Ich sah, -wie er Patronen in den Läufen weit entfernter Gewehre zur Explosion -brachte, und wie er fliegende Vögel in der Luft verbrannte ... Ich -staunte, ich hielt es für Zauberei, und ... Gerhard Bursfeld lachte und -sagte, es wäre der erste Anfang einer neuen Erfindung. Ein schwacher -Versuch, dem ganz andere, viel größere folgen würden.« - -»Gerhard Bursfeld ist seit langen Jahren tot. Sie sagten es eben -selbst. Seine Erfindung wurde mit ihm begraben.« - -Cyrus Stonard sagte es. Es sollte abweisend klingen, aber seiner Stimme -fehlte die sichere Entschiedenheit, die ihr sonst eigentümlich war. - -»Das Geheimnis ist nicht mehr begraben. Es war eingesargt, aber es ist -wieder auferstanden. Logg Sar ... Silvester Bursfeld hat die Entdeckung -von neuem gemacht und ... er muß sie bedeutend vervollkommnet -haben. Der Vater sprach von der Möglichkeit, durch telenergetische -Konzentration an jeder Stelle des Erdballes Millionen von Pferdestärken -auf engstem Raume zu fesseln. Er sprach davon, daß seine Erfindung -jedem Kriege ein Ende bereite. Der Sohn tritt in die Fußstapfen des -Alten. Zu dritt sitzen sie in Schweden am Torneaelf und bauen an der -Erfindung weiter. Gelingt es ihnen, sie so zu entwickeln, wie der Vater -es vorhatte, dann ...« - -Cyrus Stonard hatte sich erhoben. Mit der ausgestreckten Rechten gebot -er dem Arzte Schweigen. - -»Sprechen Sie es nicht aus, was mein Ohr nicht hören darf. Sie nannten -den Ort, an dem die Erfinder ihre ... bedenklichen Künste treiben. Sie -kennen ihn genau?« - -»Genau. Ein abgelegenes Haus an den Ufern des Tornea ... Acht Kilometer -von Linnais entfernt.« - -»So befehle ich Ihnen, diese drei Erfinder zu vernichten ... Aber -gründlich. Das bitte ich mir aus. Nicht wieder Pfuscharbeit wie -neulich in Sing-Sing. In vierzehn Tagen ist die Unterwasserstation -kriegsbereit. Ich erwarte bis dahin Ihre Meldung, daß mein Befehl -vollzogen ist. Unauffällig ... und gründlich.« - -Doktor Glossin war entlassen. Die Gebärde des Diktators war nicht -mißzuverstehen. Er ging mit schwerem Herzen. Ein unklares Gefühl -lastete auf ihm. - -Während das Regierungsschiff ihn in eiligster Fahrt von Washington nach -Neuyork brachte, suchte er des dumpfen dunklen Gefühles dadurch Herr zu -werden, daß er seine narkotischen Pillen nahm und einen halbstündigen -künstlichen Schlaf genoß. Aber als er durch die Straßen Neuyorks -schritt, war das Gefühl wieder da und wurde von Minute zu Minute -stärker. - -Der Doktor betrat das Haus in der 317ten Straße. Der Lift brachte ihn -in das zehnte Stockwerk. Sein Diener nahm ihm Stock und Hut ab, und -dann saß er in dem bequemen Schaukelstuhl seines Wohnzimmers und begann -zu überlegen. Mit einer Objektivität, als ob es sich um eine dritte -fremde Person handle, analysierte er seine Empfindungen und kam nach -zehn Minuten zum Ergebnis, daß er Furcht habe. - -Dr. Edward Glossin, der Mann mit dem weiten Gewissen, der über Leichen -hinweg sich jeden Weg erzwang, hatte zum erstenmal in seinem Leben -Furcht. Cyrus Stonard hatte ihm den Auftrag gegeben, drei Menschen zu -beseitigen. Ein einfacher Auftrag im Vergleich mit so manchem anderen. -Das Rezept war simpel und oft bewährt. Man nahm ein Luftschiff mit -einem Dutzend kräftiger Polizisten oder Soldaten, fuhr bei Dunkelheit -nach Linnais, umstellte das Haus, verhaftete die Gesuchten und schlug -sie bei der Verhaftung tot, weil sie Widerstand leisteten. Ganz -einfach war die Sache. Der Doktor hatte sie öfter als einmal praktisch -ausprobiert. - -Doch diesmal hatte Dr. Glossin Angst. Ein inneres Gefühl warnte ihn, -mit Silvester Bursfeld und seinen Freunden anzubinden ... Aber der -Befehl des Diktators. Wenn Cyrus Stonard befahl, gab es nur zwei -Möglichkeiten: Zu gehorchen oder die Strafe für den Ungehorsam zu -erleiden. - -Dr. Glossin sann hin und her, wie er sich aus dem Dilemma ziehen könne. -Ausgehoben mußte das Nest in Linnais werden. Die Gefahr, daß man sich -die Finger dabei verbrannte, war nach seiner sicheren Überzeugung -vorhanden. Aber nur ein inneres Gefühl sagte ihm das. Äußerlich sah das -Unternehmen ziemlich harmlos aus. Man mußte es einem Dritten plausibel -machen. Aber wem? Wer hatte noch ein Interesse, die Erfindung und die -Erfinder vom Erdboden zu vertilgen? - -So würde es gehen! Eine Möglichkeit tauchte in seinem Gehirn auf. - -Natürlich! Das war der richtige Weg. Die Engländer hatten genau soviel -Interesse am Untergange Silvester Bursfelds und seiner Freunde wie die -Amerikaner. - -Dr. Glossin durchdachte die weiteren Schlußfolgerungen und Ausführungen -des Planes mit immer größerer Schwierigkeit. Es wollte ihm nicht mehr -recht gelingen, die Schlüsse der Kette richtig aneinanderzureihen. Er -spürte ein fremdartiges Ziehen in den Nackenmuskeln. Ein dumpfer Druck -legte sich um seine Schläfen. Er hatte das Gefühl, als ob sein Wille -ihm nicht mehr selber gehöre, sondern einem fremden Zwange folgen -müsse. Mit Gewalt suchte er sich zusammenzuraffen. Er wollte aus dem -Lehnstuhl aufstehen. Aber schwer wie Blei waren ihm Hände und Füße. - -Mit verzweifelter Anstrengung gelang es ihm schließlich, die Hand von -der Stuhllehne loszulösen und bis zum Kopfe zu bringen. Er fühlte, daß -seine Stirn mit feinen Schweißperlen bedeckt war. - -Der Stuhl stand in der Ecke des Arbeitzimmers. Die Türöffnung zum -Nebenraum befand sich unmittelbar daneben. Sie hatte keine Türflügel, -sondern war durch einen dichten Vorhang von Perlenschnüren geschlossen. -Die Besucher, welche zu Dr. Glossin kamen, wurden von seinem Diener -immer zuerst in dieses Zimmer geführt. - -Der Arzt spürte, wie ein übermächtiger fremder Wille seinen eigenen -zu unterjochen drohte. Und er fühlte auch, daß der Strom des fremden -Fluidums von jener Türöffnung her auf ihn eindrang. Verschwommen und -dunkel erinnerte er sich, die Hausglocke vor irgendeinem unermeßbaren -Zeitraum läuten gehört zu haben. Ein Willenstrom, viel stärker und -mächtiger als sein eigener, stand im Begriff, ihn zu unterjochen. - -Der erste Angriff mußte in jenen Minuten erfolgt sein, in denen -er so ganz in seinen Plänen und Kombinationen über den Befehl des -Diktators versunken war. Während sich seine Gedanken auf diesen Plan -konzentrierten, hatte er dem fremden Angriff eine gute Fläche geboten. -Sonst hätte er die Wirkung wohl früher spüren müssen, hätte sich sofort -dagegen zur Wehr setzen können. So war sie ihm erst zum Bewußtsein -gekommen, als es schon beinahe zu spät war. Erst das Erlahmen seiner -eigenen selbständigen Schlußfähigkeit hatte ihn den fremden Angriff -deutlich fühlen lassen, aber da war die Lähmung durch den fremden -Willen schon weit gediehen. - -Dr. Glossin kämpfte wie ein Verzweifelter. Alles, was er noch an -Willensfähigkeit besaß, ballte er in den einzigen autosuggestiven -Befehl zusammen: - -»Ich will nicht ... Ich will nicht ...« - -Unaufhörlich formte er den kurzen Satz im Gehirn, und empfindlich -beinahe wie ein körperlicher Schlag traf ihn jedesmal der Gegenbefehl -der fremden Kraft: »Du sollst ... Du mußt ... Du wirst ...« - -Die Minuten verstrichen. Die feine Porzellanuhr auf dem Kaminsims -schlug ein Viertel. Dr. Glossin hörte den Schlag deutlich und raffte -sich zu erneuter Anstrengung zusammen. Wenn es ihm nur gelingen wollte, -aufzustehen ... Ganz unmöglich. - -Dr. Glossin strengte sich an, freie Bewegungen zu machen. Er blickte -auf seine Knie. Er versuchte, den Muskelgruppen seiner Beine den Befehl -zu geben, daß sie seinen Körper erheben sollten. Und spürte schon im -gleichen Augenblick, daß der fremde Befehl »Du mußt« mit verstärkter -Heftigkeit auf sein Ich hämmerte, daß er seine ganze Persönlichkeit -ohne Deckung ließ, sobald er ein einziges seiner Glieder besonders -beeinflussen und zur Bewegung zwingen wollte. - -Stärker wurde das schmerzliche Ziehen in der Gegend des Genicks. -Der körperliche Schmerz griff weiter und verbreitete sich über die -ganze linke Gesichtshälfte, über die Seite seines Körpers, welche dem -Perlenvorhang zugewendet war. Dr. Glossin fühlte, daß er bald erliegen -müsse, wenn es ihm nicht gelänge, den Körper zu drehen und Angesicht zu -Angesicht dem fremden Willen entgegenzutreten. - -Schon wieder war über dem stummen, erbitterten Ringen eine -Viertelstunde verstrichen. Die Uhr schlug zweimal. Dr. Glossin hörte -sie nur noch wie aus der Ferne, so wie man etwa beim Einschlafen -noch undeutlich und nur verworren die letzten Geräusche empfindet. -Mit einer verzweifelten Anstrengung konzentrierte er den Rest der -ihm noch gebliebenen Willensenergie in einen einzigen Befehl. Und -der schon zu drei Vierteln gelähmte Körper gehorchte diesem Aufgebot -an Willenskraft. Mit einem einzigen kurzen Ruck warf der Arzt -sich in dem Stuhl herum, so daß sein Antlitz in voller Breite dem -Perlenvorhang zugewendet war. Einen Augenblick schien es, als wolle -die Muskelbewegung und die eigene Aktion den fremden Einfluß brechen. -Aber nur einen Augenblick. Während Dr. Glossin seinem Körper den Befehl -erteilte, sich umzudrehen, war sein ganzes Ich dem fremden Angriff -schutzlos preisgegeben. Der Moment ohne Deckung hatte genügt. Mit einem -Seufzer ließ er den Kopf auf die Brust sinken, die Augen weit geöffnet. - -Durch den Perlenvorhang trat Atma in das Zimmer bis dicht an den -Schlafenden heran. Auch er sah erschöpft aus. Silvester Bursfeld, -der ihm auf dem Fuße folgte, bemerkte es mit Erschrecken. Der Inder -trat an den Schlafenden heran und strich ihm über die Augen und die -Stirn. Silvester bemerkte, wie der Inder seiner eigenen Erschöpfung -Meister zu werden versuchte, wie er sich selbst gewaltsam zwang und -von neuem ganze Ströme seines eigenen Willenfluidums in den Körper des -Schlafenden gleiten ließ. Dann trat er zurück und ließ sich auf einen -Sessel fallen. Auf einen Wink von ihm trat Silvester Bursfeld hinter -eine Portiere, so daß er den Blicken Glossins entzogen war. - -Wieder verstrichen Minuten. Die Uhr hob an und schlug dreimal. Da kam -Bewegung und Leben in die schlummernde Gestalt. Dr. Glossin richtete -sich auf wie ein Mensch, der aus tiefem Schlafe erwacht. Er fuhr sich -über die Stirn, als müsse er seine Gedanken sammeln. Dann begann er mit -sich selbst zu sprechen. - -»Was wollte ich ... Ach ja ... den Ring muß ich holen. Er ist im -Banktresor ...« - -Er warf einen Blick auf die Uhr. - -»Dreiviertel ... Ich komme gerade noch vor Kassenschluß zurecht. Aber -ich muß mich eilen.« - -Straff und rüstig erhob er sich aus dem Stuhl und schritt durch den -Vorhang hindurch. Er ging an Atma vorüber, als ob der Inder Luft wäre, -und verließ die Wohnung. - -Silvester hörte die Tür ins Schloß fallen und trat hinter dem Vorhang -hervor. - -»Wo geht er hin? ... Was hat er vor?« - -»Er geht nach seiner Bank. Er wird den Ring holen und hierherbringen.« -Atma sprach es leise und mit matter vibrierender Stimme. Die -Anstrengung dieses hypnotischen Duells zitterte noch in ihm nach. - -»In einer halben Stunde wird er wieder hier sein. Bis dahin haben wir -Ruhe.« - -»Und der Diener?« - -»Er schläft in seinem Winkel auf dem Flur. Glossin hat Befehl, ihn -nicht zu vermissen.« - -»Du glaubst, daß Dr. Glossin gutwillig hierher zurückkommt?« - -Atma blickte gleichmütig vor sich hin. - -»Der Körper Glossins ging hinaus. Seine Seele ist gefesselt. Mein Wille -lenkt seinen Körper.« - -»Warum fragtest du nicht nach dem Aufenthalt von Jane?« - -»Erst den Ring und dann das Mädchen. Laß mir Ruhe. Ich bin erschöpft. -Ich brauche neue Kräfte, wenn Glossin zurückkommt.« - -Der Inder lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die Muskeln seiner -Glieder erschlafften. Er schien jetzt selbst ein Schlafender zu sein. -Es blieb Silvester Bursfeld nichts anderes übrig, als zu warten. - -Unruhig schritt er in dem Raume hin und her. Weiter krochen die -Minuten. Zehn Minuten ... eine Viertelstunde ... zwanzig Minuten. Er -hörte, wie die Tür geschlossen wurde. Dr. Glossin war zurückgekommen. -Er blieb auf dem Flur stehen. Unschlüssig, als ob er etwas suche. Dann -hörte Silvester, wie er den Spazierstock hinstellte. Gleich darauf -trat er durch den Perlenvorhang in das Arbeitszimmer. Ohne von den -beiden Besuchern Notiz zu nehmen, ging er auf den Schreibtisch zu, -ließ sich vor ihm auf dem Sessel nieder, zog ein winziges Päckchen aus -der Brieftasche und begann, es auszupacken. Das Seidenpapier raschelte -zwischen seinen schmalen, wohlgepflegten Fingern. Nun kam der Ring zum -Vorschein. Ein schwerer goldener Ring. Ein Meisterwerk alter indischer -Goldschmiedekunst, genau von der gleichen Form wie derjenige an der -Hand Atmas und mit dem gleichen Chrysoberyll geziert. Er hielt den Ring -in der Hand und blickte nachdenklich auf den Stein. - -Der Ausdruck auf seinen Zügen wechselte. Von Minute zu Minute. Bald -glich er einem Träumenden, schien ganz geistesabwesend zu sein. Dann -wieder glitt der Schimmer eines Verstehens und Begreifens über seine -Züge. - -Jetzt machte er Anstalten, sich selbst den Ring auf den Ringfinger der -Rechten zu schieben. - -Atma sah es, und seine Augen weiteten sich. Mit vorgebeugtem Halse saß -er da, und jeder Teil seines Körpers vibrierte vor innerer Spannung. - -Dr. Glossin stand im Begriff, die ihm im schwersten Kampfe -aufgezwungene hypnotische Suggestion aus eigener Kraft zu durchbrechen. -Der Befehl lautete, den Ring zu holen und zu übergeben. Schon das -Zögern auf dem Flur war nicht ganz in der Ordnung. Er sollte vergessen, -daß er einen Diener besaß. Einen Augenblick hatte er dort trotzdem -gewartet, ob der Bediente ihm nicht Stock und Hut abnehmen würde. Das -kurze Zögern hatte dem Inder die Gefahr verraten. - -Jetzt griff er zum stärksten Mittel. Er strich ihm mit beiden Händen -über die Schläfen und Augen. - -Die Wirkung zeigte sich sogleich. - -Die Bewegung der Linken, die den Ring auf den rechten Ringfinger -schieben wollte, wurde langsamer. Dicht vor der Fingerspitze kam sie -ganz zur Ruhe. - -Dr. Glossin saß mit vorgebeugtem Oberkörper an seinem Schreibtisch. -Beide Ellbogen waren auf die Tischplatte aufgestützt. Die Rechte -streckte den Ringfinger vor. Die Linke spielte kaum einen Zentimeter -entfernt mit dem breiten Goldreif vor der Fingerspitze. Es sah aus, -als ginge vom Ringfinger eine magnetische Kraft aus, die den Reif -heranholen wolle, und als wirke unsichtbar, aber gewaltig eine zweite -Kraft im Raume, welche die linke Hand immer wieder zurückriß, sooft -sie sich zu nähern versuchte. So ging das Spiel leise hin und her, -zitternd durch lange Minuten. - -Silvester sah es, und siedende Angst kroch ihm zum Herzen. - -»Wenn Glossin den Ring auf den Ringfinger schiebt, sind wir verloren.« - -Es herrschte vollkommene Stille im Zimmer. Nur das Ticken der Uhr war -zu vernehmen. Aber Silvester empfand die Worte so deutlich, als habe -sie ihm irgendeine Stimme laut vorgesprochen. - -Er versuchte, sich das Unsinnige des Gedankens klarzumachen. Was -konnte es denn für eine Wirkung haben, wenn Dr. Glossin wirklich den -Ring auf den Finger brachte? Er faßte nach dem Strahler, den er an der -Seite trug. Versagte die Kunst Atmas, so besaß er die Macht und das -Mittel, den Menschen dort in einer Sekunde in Atome zu zerreißen, zu -verbrennen, in ein Häufchen Asche und eine Dampfwolke aufzulösen. Aber -dann ... ja dann würde er auch niemals erfahren, wohin dieser Teufel -die arme Jane verschleppt hatte. - -Er ließ die Hand vom Strahler. Er begriff, daß der Sieg Atmas über -Glossin notwendig war, sollte sein weiteres Leben noch Wert für ihn -haben. - -Tausendfach waren die Fäden der Leben miteinander verflochten. Das -hatte ihn Kuansar in Pankong Tzo gelehrt. Äußere Vorgänge, scheinbare -Zufälligkeiten waren oft zuverlässige Zeiger, die das Spiel viel -größerer Kräfte dem Sehenden deutlich zeigten. Und nun kam ihm klare -Erkenntnis. In dem winzigen Raume dort zwischen Ring und Fingerspitze -kam der Kampf zweier Mächte um die Weltherrschaft zum Ausdruck. Jeder -Versuch, von seiner Seite einzugreifen, war zwecklos. In diesem Kampfe -mußte er ein stiller Zuschauer bleiben, mußte abwarten, wie das -Geschick sich erfüllen würde. - -Der Kampf ging zu Ende. Dr. Glossin ließ den Ring auf die Tischplatte -fallen. Silvester wollte hinzutreten und ihn nehmen. Ein Wink Atmas -scheuchte ihn zurück. Der Inder hatte sich erhoben und war dicht an -den Tisch herangetreten. Silvester sah, daß er den letzten Rest seiner -gewaltigen telepathischen Kraft zusammenraffte, um dem Gegner seinen -Willen aufzuzwingen. Und nun trat die Wirkung ein. Dr. Glossin wickelte -den Ring wieder in das Seidenpapier, verschnürte das Päckchen, erhob -sich und trat dicht an Atma heran. Ruhig hielt er ihm das Paketchen hin -und sagte mit eintöniger Stimme: »Hier bringe ich den Ring.« - -Atma nahm das Paketchen in Empfang und begann es langsam und gemessen -wieder aufzumachen. Dr. Glossin war nach der Übergabe an seinen -Schreibtisch zurückgegangen. Dort saß er ruhig und schaute wie -geistesabwesend auf die Schreibmappe. - -Atma nahm den Ring und schob ihn selbst Silvester über den Ringfinger -der Rechten. Breit und kühl legte sich das Gold des massiven Reifens -um das Fingerglied. Silvester fühlte neue Zuversicht in sein Herz -dringen, als er den Ring wieder an der Stelle fühlte, an der er ihn so -lange Jahre getragen hatte. Alle Ängstlichkeit war geschwunden. Die -Zuversicht auf sicheren Sieg erfüllte ihn. - -Die Stimme Atmas riß ihn jäh aus diesen Gedanken und Gefühlen. - -»Wo ist Jane Harte?« - -Der Inder sprach es, während sein Blick sich in den des Doktors bohrte. - -Ein kurzes Zucken durchlief die Glieder des Arztes. Es schien, -als wolle er sich noch einmal aufbäumen. Aber sein Widerstand war -gebrochen. Der Ausdruck einer trostlosen Müdigkeit trat auf seine Züge, -während seine Lippen die Antwort formten. - -»Auf Reynolds-Farm in Elkington bei Frederikstown.« - -Silvester sog die Antwort Wort für Wort wie ein Verdurstender ein. -Frederikstown in Kolorado. Den Flecken Elkington kannte er sogar -durch Zufall. Die Farm würde sich finden lassen. Jetzt waren alle -Schwierigkeiten überwunden. Noch eine kurze Spanne Zeit, und er würde -Jane wiedersehen, würde sie im schnellen Flugschiff allen feindlichen -Gewalten entziehen. - -Atma stand vor dem Arzt. Mit zwingender Gewalt gab er ihm seine letzten -Befehle. - -»Du wirst bis vier Uhr schlafen. Wenn du aufwachst, wirst du alles -vergessen haben. Den Ring, Logg Sar und Atma.« - -Der Kopf Dr. Glossins sank auf seine Arme und die Tischplatte nieder. -Er lag in tiefem Schlafe. - -»Um vier weckst du deinen Herrn.« Im Vorbeigehen sagte es Atma zu dem -Diener, der auf dem Flur schlummernd in einem Sessel saß. Flüchtig -strich er ihm dabei über Stirn und Augen. Dann schlug die Wohnungstür -hinter den Freunden ins Schloß. - - * * * * * - -Enttäuscht und verbittert hatte Glossin Reynolds-Farm an jenem Tage -verlassen, an dem Jane seinen Antrag abwies. Aber auch Jane war -durch diese Erklärung erschüttert und aus einer trügerischen Ruhe -aufgescheucht. Sie brauchte jemand, auf den sie sich stützen, dem sie -sich anschmiegen konnte. Nach dem Tode ihrer Mutter war ihr Glossin -solche Stütze geworden. Ein väterlicher Freund, dem sie vertraute. In -ihrem natürlichen Schutzbedürfnis zu vertrauen versuchte, soweit ein -instinktives, ihr selbst unerklärliches Mißtrauen es zuließ. - -Die Werbung Glossins hatte das Verhältnis mit einem Schlage zerstört, -hatte Jane von neuem in schwere seelische Kämpfe gestürzt. Das Gefühl -tiefster Verlassenheit übermannte sie von neuem. Was blieb ihr nach -alledem noch auf dieser Erde? Die Mutter tot ... Silvester verloren und -verschollen ... Glossins Freundschaft falsch?! ... - -Dazu die Gesellschaft dieser alten Negerin, deren Anblick und Wesen -ihr von Tag zu Tag widerlicher wurde. Das Grinsen der alten Abigail -hatte jetzt einen besonderen Inhalt und Ausdruck gewonnen, der Jane -erschreckte und peinigte. Dazu Redensarten der Schwarzen, die ihr zwar -größtenteils unverständlich blieben. Aber auch das wenige, das sie -verstand und erriet, erschreckte sie. - -Sie verließ das Haus nicht mehr. Die Spaziergänge und Wagenfahrten der -früheren Wochen unterblieben. Mit müdem Hirn suchte sie die Fragen zu -beantworten. - -Was sollte aus ihr werden? Was hatte Glossin mit ihr vor? Weshalb hatte -er sie gerade hierher gebracht? ... Was sollte sie weiter beginnen? -... Wenn sie irgendwo eine Stellung annähme ... Eine untergeordnete -Stellung ... irgendwo ... nur fort von hier ... fort! ... Wäre sie doch -in Trenton geblieben! Kein Brief, kein Lebenszeichen aus Trenton hatte -sie jemals erreicht. - -Fort! ... Fort! ... Warum war sie nicht schon längst fort? ... Warum -hatte sie nicht gleich nach der Werbung Glossins die Farm verlassen? - -Wie oft hatte sie sich diese Frage schon vorgelegt. Und jedesmal war -sie an einen Punkt gekommen, wo sie keine Antwort auf die Frage fand. -Warum nicht? Wie viele Versuche hatte sie schon gemacht, Reynolds-Farm -zu verlassen. Warum hatte sie das Vorhaben niemals ausgeführt? - -Wie ein schwerer Alpdruck lag es auf ihr. Warum nicht ... Sie wurde -doch nicht gefangengehalten? Nicht einmal bewacht oder kontrolliert. - -Sie brauchte doch nur ihr Köfferchen zu packen und das Haus zu -verlassen. Nur bis zum nächsten Dorfe zu gehen, um in Sicherheit zu -sein. Sogar ungesehen von Abigail konnte sie das Haus verlassen. Denn -das hatte sie schon bald nach ihrer Ankunft hier entdeckt, daß das -alte Negerweib der Flasche zugetan war. Gleich nach dem Auftragen des -Mittagsmahles verschwand die Alte, und öfter als einmal hatte Jane sich -selbst um das Abendessen kümmern müssen. Sie wußte, daß Abigail Stunden -hindurch besinnungslos irgendwo in einem Winkel lag. Lange Stunden, in -denen sie, von niemand verhindert, das Haus verlassen konnte. - -Weshalb hatte sie es nicht getan? Weshalb tat sie es nicht heute? - -Ihr Antlitz, so schön und jugendlich, aber blaß durch Kummer und -Aufregung, erhielt einen tatkräftigen Zug. Die Falten zu den -Mundwinkeln vertieften sich, ihre Augen bekamen ein neues Feuer. Alle -Lebensenergien in ihr drängten zur Tat. - -Mit einem plötzlichen Ruck erhob sie sich von ihrem Sitz und schritt -nach dem Schlafkabinett. Hastig ergriff sie ein paar der notwendigsten -Kleidungstücke und begann sie in den kleinen Handkoffer zu stopfen. Und -erinnerte sich zur gleichen Zeit, wie oft sie das gleiche schon früher -versucht hatte und niemals damit zum Ziele gelangt war. Heute ging es -viel besser. Kleiderschicht fügte sich auf Kleiderschicht, und mit -einem Seufzer der Befriedigung drückte sie den Bügel des Handkoffers -zusammen. So weit war sie früher noch niemals gekommen. - -Jetzt nur noch zuschließen! Der Schlüssel befand sich in ihrer -Handtasche dort auf dem Tische. Sie entnahm ihn der Tasche, wandte -sich wieder dem Koffer zu und fühlte, wie die alte Lähmung von neuem -über sie kam. Wie Blei wurden ihr die Füße. Nur mit Mühe konnte sie -die wenigen Schritte vom Tisch zum Koffer zurücklegen. Endlich war es -gelungen, aber nun lag das Blei in ihren Armen. Sie versuchte es, den -Schlüssel in das Schloß zu schieben ... Da fiel er klirrend auf die -Diele. - -Einen Augenblick starrte sie hoffnungslos auf das kleine blinkende -Eisen, das da vor ihr auf der Zimmerdiele lag. Dann durchzuckte ein -Schluchzen ihren Körper. »... Warum ... kann ich ... nicht? ... Warum -... o Gott! ... Warum ...« - -Sie fiel vornüber auf die Tasche und blieb Minuten hindurch regungslos -liegen ... Eine Macht, ein Einfluß, ihr selbst unerklärlich und -unfaßbar, verhinderte sie, dieses offene und unbewachte Haus zu -verlassen ... Sie ging in das andere Zimmer und warf sich auf ihr -Ruhebett. - -»Die Qual! ... Warum ... muß ich diese Qualen leiden? ... Wo bleibst -du, Silvester? ... Mutter, ach wäre ich bei dir! ... Wäre ich mit dir -gestorben! - -Sterben ... jetzt noch sterben? ... Unterhalb des Hauses ... da bildet -der Bach einen kleinen See ... da kann ich sie finden ... die Ruhe ... -die Erlösung von aller Qual ...« - -Sie raffte sich von ihrem Lager empor. - -»Ja! ... ja ... ja ...« - -Die Festigkeit des gefaßten Entschlusses prägte sich in ihren Mienen -aus. Schnell schritt sie zur Tür, um sie zu öffnen. Mochte irgendeine -unheimliche Kraft ihr die Flucht aus diesem Hause zu den Menschen -hindern, die Flucht in die Ewigkeit sollte ihr niemand verbieten. - -Sie griff den Türdrücker und öffnete die Tür. - -Die keifende Stimme der schwarzen Abigail drang ihr ans Ohr. Offenbar -war die Alte dabei, irgendeinem Besucher den Zutritt zu verwehren, -vielleicht einen Hausierer abzuweisen. - -»Kann ich nicht einmal sterben?« ... Sie wollte die Tür wieder leise -ins Schloß drücken ... Da ... ihre Hand umkrampfte den Drücker. - -Welche Stimme? ... Der Fremde ... Mit einem Ruck riß sie die Tür auf. - -»Silvester!« Ein Schrei aus tiefstem Herzen. Mit geschlossenen Augen -lehnte sie an dem Türrahmen und streckte die Hand nach ihm aus. - -»Silvester ...!« - -Sie sah es nicht, wie Abigail, von einem kräftigen Faustschlag -getroffen, in eine Ecke flog, wie ein Mann mit Tigersprüngen die Treppe -hinaufdrang, sie fühlte nur, daß sie am Herzen Silvesters ruhte, daß -eine leichte, weiche Hand ihr Gesicht streichelte, daß Worte der Liebe -und des Glückes ihr Ohr trafen. - - * * * * * - -Erik Truwor arbeitete allein im Laboratorium zu Linnais. Nach den -Plänen Silvesters baute er den neuen Strahler zusammen. Der Apparat -war viel größer als der erste, den die Freunde mit auf die Reise -genommen hatten. Der neue Strahler nahm immerhin den Raum eines mäßigen -Schrankes ein. - -Aber er war geradezu lächerlich klein, wenn man seine Wirkungen -betrachtete. Die neue Konstruktion konnte zehn Millionen Kilowatt -telenergetisch konzentrieren. Diese Riesenleistung wurde nur dadurch -möglich, daß der Apparat die Energie nicht mit den hergebrachten -Mitteln erzeugte, sondern nur die überall im Raum vorhandene Energie -freimachte. - -Es drehte sich um die alte, schon von Oliver Lodge zum Anfang des -Jahrhunderts aufgestellte Hypothese, daß in jedem Kubikzentimeter -des äthererfüllten Raumes ein Energiebetrag von zehn Milliarden -Pferdekraftstunden in latenter Form vorhanden ist. Etwa so, wie die -Pulverladung einer Mine Hunderttausende von Metertonnen enthält. -Der Fingerdruck eines Kindes genügt, um diese gewaltige Energie zu -entfesseln. Es ist nur notwendig, daß dieser schwache Druck die -Knallkapsel zur Entzündung bringt, die dann die Mine detonieren läßt. - -»Das Problem der telenergetischen Konzentration ist praktisch gelöst.« -Stolz und siegesgewiß hatte Silvester die Worte gesprochen. Wenige -Stunden, bevor er in windender Sturmfahrt nach Westen ausbrach, um von -dort sein Liebstes zu holen. - -Die letzte Schwierigkeit, die noch zu lösen blieb, betraf das genaue -Zielen. Es war notwendig, das entfernte Objekt, auf welches der -Energiestrom gerichtet wurde, zu sehen. Erik Truwor fühlte die reine -Freude eines intellektuellen Genusses, als er die Aufzeichnungen -Silvesters durchlas. Die aus dem Strahler entsandte Formenenergie -reflektierte zu einem winzigen Teile von der Konzentrationsstelle zum -Strahler zurück und entwarf hier ein optisches Bild dieser Stelle. -Jetzt, da er es las, schien es ihm beinahe trivial einfach. Eine -simple Rückmeldung, wie sie in der Technik an tausend Stellen seit -hundert Jahren gebräuchlich war. Nach der Theorie mußte sich auf der -weißen Mattglasscheibe des neuen Strahlers ein genaues Bild des Ortes -zeigen, an dem die Energie sich konzentrierte. - -Er schaltete den Apparat ein. Nebel wallten auf der Scheibe hin und -her. Es flimmerte durcheinander. Gestalten wollten sich bilden, doch es -wurde kein klares Bild. - -Noch einmal überprüfte er die Schaltung. Dann machte er sich an die -Arbeit. Die Stunden verrannen. Er spürte es nicht. Die Mitternacht -verstrich, und der Morgen kam. Niels Nielsen, der alte, noch vom Vater -überkommene Diener, fand seinen Herrn im Laboratorium in die Arbeit -versunken. - -»Herr Erik, Ihr Bett blieb unberührt.« - -Erik Truwor winkte ab und riß ärgerlich einen Draht heraus, den er -falsch geschaltet hatte. - -»Stören Sie mich nicht.« Der Diener ging. - -Stillschweigend erschien er wieder und stellte eine Platte mit kalter -Küche auf einen Seitentisch. - -Erik Truwor hatte die Schaltung vollendet. Schaltete ein und sah noch -weniger als zuvor. Ein schwerer Fehlschlag! Rastlos arbeitete er weiter. - -Erik Truwor spürte Hunger. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihm, daß er -seit vierzehn Stunden im Laboratorium arbeitete. - -Automatisch begann er zu essen. Der starke schwarze Kaffee erfrischte -ihn. Während er aß und trank, gewann er Distanz zu seiner Arbeit. Er -fand die Kraft, völlig von neuem zu beginnen. Er prüfte die Schaltung -Silvesters. Hier war eine Verbesserungsmöglichkeit. - -Die sekundären Erscheinungen mußten zurückgehalten werden. Es bestand -Gefahr, daß sie den gewollten Effekt überwucherten. - -Erik Truwor arbeitete. Und aß in langen Pausen. Die zweite helle -Nordlandsnacht brach herein. - -Der Diener kam. »Vielen starken Kaffee!« Mit dem Befehl jagte ihn Erik -Truwor aus dem Laboratorium. Die Vorzüge der veränderten Schaltung -wurden ihm immer einleuchtender, je weiter er baute und schaltete. - -Die zweite Nacht verging und der zweite Vormittag. Er zog die letzte -Schraube fest und suchte seiner Aufregung Herr zu werden. - -Mit zitternder Hand schaltete er den Strahler ein. Nebel zogen über die -Mattscheibe. - -Er regulierte an den Mikrometerschrauben. Der Nebel löste sich. Blaue -und grüne Flächen wurden sichtbar. - -Er mußte sich setzen. Die Knie versagten ihm. Dann ein gewaltsames -Aufraffen. Ein letztes Drehen an der Feinstellung. Scharf und deutlich -zeigten sich die Föhren, die zwanzig Kilometer entfernt am Unterlaufe -des Tornea standen. Erik Truwor kannte die Stelle. - -Die Mattscheibe bot ein Bild, wie man es seit langen Jahren in der -photographischen Kamera beobachten konnte. Doch das Bild hier wurde -auf ganz andere Weise gewonnen. Es kam nicht rein optisch, sondern -energetisch zustande. - -Der Wurf war geglückt. Er stellte den Strahler ab und warf sich -erschöpft auf das Ruhebett im Laboratorium. - -Mit offenen Augen lag er dort und starrte zur Decke. Die Macht lag -jetzt in seiner Hand. Die Macht, die Menschen nach seinem Willen zu -zwingen. Zu Asche zu verbrennen, was ihm widerstrebte. Eine Macht, wie -sie nie zuvor ein einzelner Mensch besessen hatte. - -Er fühlte die furchtbare Verantwortung, die mit der Macht verbunden -war ... und dann wurden seine Gedanken sprunghaft. Die Natur forderte -ihr Recht. Die Augen fielen ihm zu. Nach vierzig Stunden intensivster -Arbeit verlangte der Körper Ruhe. - -Es wurde nur ein fieberhafter Halbschlaf. Der Geist war zu erregt und -riß den Körper mit. - -Er fuhr empor. Drei Stunden hatte er im Halbschlummer gelegen. Im -Augenblick war er wieder vollkommen wach. Der Schreiber der drahtlosen -Station hatte in der Zwischenzeit gearbeitet. Er las die Zeichen -auf dem Papierstreifen: »Haben den Ring. Gehen nach Elkington, -Reynolds-Farm, Jane zu holen.« - -Er rieb sich die Stirn. Jane nicht in Trenton? Aus dem Atlas entnahm er -die genauen Koordinaten und richtete den Strahler. Die Nebel wogten. -Jetzt ruhigere Linien. Grünes Feld. Ein Farmhof. Er regulierte und -konnte jede Fuge und Maserung der Hoftür erkennen. - -Eine Gestalt schritt von links her in das Bild ... Silvester Bursfeld. -So scharf und deutlich, als ob er in Greifweite stünde. Silvester kam -allein und hatte nicht einmal den kleinen Strahler an der Seite. - -Erik Truwor wollte dem Freunde etwas zurufen und vergaß, daß er durch -tausend Meilen von ihm getrennt war. - -Eine andere Gestalt hob sich auf der Bildfläche ab. Ein schwarzes, -häßliches Negerweib. Erik Truwor sah, wie sie Silvester vom Hofe zu -weisen versuchte, wie der Freund sie zurückdrängte und der Haustür -zuschritt. Wie das Negerweib ihn zurückzustoßen versuchte. Wie der -sonst so gutmütige ruhige Silvester plötzlich den Arm hob, das Weib -weit von sich schleuderte und in das Haus stürmte. Die Tür fiel hinter -ihm ins Schloß, und Viertelstunden verstrichen. - -Erik Truwor empfand eine wachsende Unruhe. Er vermißte den kleinen -Strahler an der Seite Silvesters. Diese winzige, aber furchtbare Waffe, -die ihn gegen jeden Angriff geschützt hätte. Und er vermißte Atma. Wo -blieb der Inder? Die zweite Frage beunruhigte ihn fast ebenso stark wie -die erste. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe. - -»Sie müssen packen ... natürlich ... es ist ja klar, daß Jane nicht, -wie sie geht und steht, nach Europa fahren kann. ... Eine Stunde Zeit -gebe ich ihnen ... dann ...« - -Er betrachtete das Dach des Farmhauses. Ob es wohl gut brennen mochte, -wenn er den Strahler auf den Dachfirst wirken ließ? Die Holzschindeln -sahen ganz danach aus. Rissig, von der Sonne ausgedörrt. Es mußte ein -gewaltiges Feuer werden. - -Dann überdachte er die Folgen. Es konnte zu gut brennen. So schnell, -daß die Flammen den Ausgang sperrten, bevor die Liebenden die Gefahr -erkannten. Er durfte es nicht wagen, die Säumigen durch die Gewalt der -telenergetischen Konzentration aus dem Hause zu treiben. So saß er mit -steigender Ungeduld. Hoffte vergebens, daß Silvester wieder erscheinen -oder Atma auftreten würde. - -Ein silberner Fleck am blauen Himmel erregte seine Aufmerksamkeit. Mit -der Lupe betrachtete er die Stelle auf der Mattscheibe. - -Kein Zweifel, es war R. F. c. 1, der Rapid Flyer, der dort heranzog. Er -kannte die Formen des Flugschiffes. - -Erleichtert atmete er auf. - -Atma kam mit R. F. c. 1, um die Säumigen zu holen. Mochte er gesteckt -haben, wo er wolle ... Atma war da. Jetzt mußte alles zu einem guten -Ende kommen. - -Das Flugschiff kam schnell heran. Hinter dem Farmhaus ging es nieder. -Jetzt entschwand es den Blicken Eriks. Die Silhouette des Farmhauses -schob sich dazwischen. - -... Warum landete Atma nicht auf dem Farmhofe? ... Vielleicht war der -Platz hinter dem Hause für den Wiederaufflug geeigneter. - -Erik Truwor wartete ... und sah fünf Gestalten über den Hof laufen ... -In das Haus verschwinden. - -»Atma ist da ... Atma kam zur rechten Zeit ... Es wird noch alles gut.« - -Mit diesen Worten suchte sich Erik Truwor zu beruhigen. Er hatte unter -den Fünfen die Gestalt Glossins erkannt. Nach den Schilderungen, die -ihm Silvester gegeben. Das Nachziehen des rechten Fußes. Der stechende -Blick. Es war unverkennbar. Aber er hoffte, daß Atma mit R. F. c. -1 hinter dem Hause lag. Hoffte, daß der Inder eingreifen und die -Widersacher zerschmettern würde. - -Minuten verstrichen. Nicht viele. - -Die Tür des Farmhauses öffnete sich. - -Einer der Männer trug etwas Helles auf den Armen ... Jane ... -bewußtlos. Ihr Antlitz war weiß. Ihr Kopf lag schlaff und kraftlos auf -der Schulter ihres Trägers. Dann zwei andere. Sie schleppten Silvester. -Hatten ihn gefesselt und trugen ihn wie ein Stück Holz über den Platz. - -Zuletzt Dr. Glossin. Ein Lächeln der Befriedigung auf den Zügen. - -Lodernder Zorn packte Erik Truwor. Er faßte den Strahler und gab -Energie. - -Zwanzig Meter hinter dem Doktor glühte der Sand des Hofes hell auf. -Schmolz in Weißglut und strahlte Hitze. - -Der Arzt warf einen Blick rückwärts und begann um sein Leben zu laufen. -Mit schleifendem Fuß jagte er über den Hof und zog einen feurigen -Strudel hinter sich her, denn mit der Mikrometerschraube brachte ihm -Erik Truwor die Glut des Strahlers nach ... und zerriß dabei in der -Aufregung einen Draht des Fernsehers. - -Das Bild erlosch. Tausend Meilen trennten Erik Truwor von -Reynolds-Farm. Erst jetzt kam es ihm zum Bewußtsein. - -Mit fiebernden Händen suchte er nach dem zerrissenen Draht. Er mußte -sich zur Ruhe zwingen. Mußte mit unendlicher Geduld eine Schraube -lösen, den Draht fassen, vorziehen und wieder festschrauben. Kostbare -Minuten verstrichen darüber. Nun endlich war die Verbindung wieder -hergestellt. Das Bild erschien von neuem auf der Mattscheibe. -- Der -Hof war leer. - -Rätsel und Geheimnisse, die er nicht zu lösen vermochte. Hatte Atma -eingegriffen, die Gegner vernichtet? Brachte er jetzt Silvester und -Jane im Flugschiff heim? - -Erik Truwor wußte es nicht. Er war verurteilt, hier zu sitzen und zu -warten. Einen Schwur leistete er sich. Das Feuer des Strahlers auf -Glossin niederfallen zu lassen, sobald er ihn wieder vor die Augen -bekäme. - - * * * * * - -Im Walde von Elkington lag R. F. c. 1 zwischen Haselsträuchern und -Brombeerranken. Wenige Schritte davon entfernt saß Atma im Gras und -wartete. Seine Züge verrieten Unruhe. Er war blaß, soweit die dunkle -Haut eines Inders zu erblassen vermag, und abgespannt. Die ungeheuere -Anstrengung seines Kampfes mit Glossin wirkte noch in ihm nach. Er -versuchte es, sich zu sammeln, neue Kraft aus den Meditationen und -Selbstversenkungen seiner Religion zu schöpfen. - -Die Sonne warf ihre Strahlen von Westen her schräg durch die Zweige -und malte streifige Schatten auf den grünen Grund. Der Inder faßte -seinen Schatten ins Auge und beobachtete, wie der dunkle Streifen ganz -langsam weiterkroch. Halme, die eben noch lichtgrün schimmerten, wurden -ganz allmählich dunkel und farblos. Auf der anderen Seite tauchten -Spitzen und Blätter ebenso sacht und allmählich wieder in leuchtendes -Sonnengold. Die Betrachtung dieser langsamen Veränderung, des steten -und ruhigen Wechsels der Dinge tat Atma wohl. Sein Nervensystem fand -allmählich die Ruhe wieder. Alle seine Sinne konzentrierten sich auf -den wandernden Schatten und einen Steinblock, der noch etwa einen Fuß -von dem Schatten entfernt war. - -»Ich will warten, bis der Schatten den Stein berührt. Ist Logg Sar dann -mit dem Mädchen noch nicht zurück, dann will ich gehen und sie holen.« - -Er sprach es zu sich selbst, und nachdem er sich so die Zeitspanne -gesetzt hatte, verharrte er regungslos, von der Sonne beschienen, in -die Betrachtung des wandernden Schattens versunken und spürte, wie ihm -Minute um Minute die alte Kraft und Ruhe zurückkehrte. Die Eidechsen -kamen neugierig hinzu und liefen furchtlos über seine Füße. Eine -Haselmaus führte dicht vor ihm ihren possierlichen Tanz auf, ohne sich -um den regungslosen Körper zu kümmern. Jetzt streifte der Schatten -den Stein. Soma Atma erhob sich. Erschreckt entflohen die Tiere des -Waldes. Ein kurzer Blick auf das Chronometer. Zwei Stunden waren -verflossen, seitdem Silvester von ihm ging, hinein nach Reynolds-Farm, -das Mädchen zu holen ... zwei Stunden. Atma erschrak. Zwanzig Minuten -hätten genügen müssen. Auch dann noch, wenn die Liebenden ein langes -Wiedersehen feierten. - -Mit langen Schritten eilte er der Farm zu. Die Flügel der Hoftür waren -nur angelehnt. Er schritt über den Hof in das Wohnhaus und fand es -verlassen. Der Vorraum leer. Der große Wohnraum ohne eine lebende -Seele. Aber die Unordnung verriet deutlich einen stattgehabten Kampf. -Drei Stühle umgeworfen. Die Tischdecke in Falten. Ein Glas zerbrochen -am Boden. Und dort Logg Sars Hut. Seine Handschuhe ... - -Während er den Raum verließ und die Treppe weiter hinaufstieg, malte -sein Geist sich plastisch die Szenen aus, die sich hier abgespielt -hatten während der Stunden, in denen er dort draußen im Walde ruhte, -wartete und frische Kraft sammelte. - -Es wäre niemals passiert, wenn er bei voller Kraft gewesen wäre. Dann -hätte er mit wachem Nervensystem das kommende Unheil rechtzeitig -gespürt. - -Nun hatte er das Ende der Treppe erreicht. Ein turmartiger Erker bot -Aussicht nach allen Seiten. Atma trat an die Scheiben, durchspähte den -klaren Abendhimmel und sah in der Richtung auf Westen einen hellen -Fleck seine Bahn ziehen. Ein Flugschiff ... Zu dieser Zeit ... in -dieser Höhe. Es konnte nur von Elkington her kommen. Noch war es Zeit. -In langen Sätzen sprang der Inder die Treppe hinunter und eilte dem -Walde entgegen, wo R. F. c. 1 unter Ranken und Kräutern neuen Flügen -entgegenharrte. - - * * * * * - -R. F. c. 2 hatte Kurs West zu Nordwest. Der Kommandant Charles Boolton -stand am Ausguck. In der Kabine saß Dr. Glossin in einem der leichten -bequemen Korbsessel. Seine Züge trugen die Spuren von Leiden und -Kämpfen, seine Augen waren gerötet. Er machte einen übermüdeten und -übernächtigten Eindruck. Ihm gegenüber in einem zweiten Sessel lag -die zierliche Gestalt Janes, von tiefer Ohnmacht umfangen. In einer -Ecke des Raumes, auf dem Boden, mit starken Stricken schwer gefesselt, -Silvester Bursfeld. Dr. Glossin erhob sich von seinem Stuhl. Langsam, -als ob jeder Schritt ihm Schmerzen bereitete, ging er durch den Raum -auf die Ohnmächtige zu. - -Er beugte sich über Jane und fühlte ihren Puls. Mit sanfter Gewalt -brachte er ihre Lippen auseinander und flößte ihr aus einer kleinen -Kristallflasche einige Tropfen einer rot schimmernden Flüssigkeit ein. -Er fühlte, wie der Puls danach stärker ging, wie das Blut die Wangen -der Bewußtlosen leicht rötete. Beruhigt kehrte er zu seinem Platze -zurück und nahm selbst ein wenig von der Flüssigkeit. Dann ruhte sein -Blick lange auf dem gefesselten Silvester. - -Bedingungslose Vernichtung hatte Cyrus Stonard befohlen. Den einen der -drei hatte er. Diesmal sollte er der Vernichtung nicht entgehen. - -Dr. Glossin überschlug die Zeit. Noch Dreiviertelstunden. Dann war das -Flugsschiff über Montana. Dort am Ostabhange der Rocky Mountains hatte -er einen Schlupfwinkel. Und dann ... dann ging es mit R. F. c. 2 in -sausender Fahrt nach Sing-Sing zurück. Der drahtlose Befehl, die neue -Maschine dort betriebsbereit zu halten, war längst gegeben. Diesmal -sollte die Vollziehung des Urteils schnell und glatt vonstatten gehen. -Ohne Zeugen. Nur er wollte dabei sein und sich überzeugen, daß der -Strom diesmal auch wirklich seine Schuldigkeit tat. Dann war die alte -Scharte ausgewetzt. Dann konnte ihm auch Cyrus Stonard keinen Vorwurf -mehr machen. - -Dr. Glossin lächelte befriedigt. Die Arznei hatte ihn körperlich -erfrischt. Die Hoffnung, daß seine Pläne schnell zu glücklichem Ende -kommen würden, stärkte ihn. - -Sein Gedankengang wurde unterbrochen. Er hörte, wie der Kommandant in -das Telephon nach dem Motorraum sprach. R. F. c. 2 flog mit voller -Besatzung. Es hatte außer dem Kommandanten noch einen Ingenieur und -zwei Motorwärter an Bord. - -Der Kommandant sprach dringlich: - -»Die Umdrehung beider Turbinen ist von 8000 auf 5000 gefallen und fällt -dauernd weiter. Was ist bei Ihnen los?« - -Dr. Glossin wurde aufmerksam. Jetzt irgendein Motordefekt. Ein Versagen -der Turbinen. Das konnte seine Pläne stören. - -Eine leichte Erschütterung ging durch das Schiff. Die Spitze neigte -sich etwas nach unten, und im Gleitfluge stieg es aus der gewaltigen -Fahrthöhe hinab. Die Tür des Motorraumes öffnete sich. Der Ingenieur -trat herein. Den Lederanzug bespritzt, Spuren von Ruß und Öl an den -Händen. - -»Mr. Boolton, beide Maschinen stehen. Sie drehen sich nur noch, weil -der Luftzug die Schrauben rotieren läßt. Die Maschinenkraft ist weg.« - -Der Kommandant fuhr auf, wie eine gereizte Bulldogge. - -»In drei Teufels Namen, Wimblington, wollen Sie uns bis auf die Knochen -blamieren? R. F. c. 2 ist das beste Schiff unserer Flotte. Bringen Sie -die Maschinen in Gang, oder ich bringe Sie vor das Kriegsgericht.« - -Der Ingenieur eilte in den Turbinenraum zurück. Er vergaß es, die Tür -hinter sich zu schließen. Das Geräusch von allerlei Werkzeugen und -Hantierungen drang in die Kabine. Derweil ging das Flugschiff ohne -Motorkraft unaufhaltsam im Gleitflug zur Erde. Nur noch zehn Minuten, -und es mußte landen, wenn die Maschinenkraft nicht wiederkam. - -Der Ingenieur erschien wieder im Raum. - -»Herr Kapitän, der Fehler sitzt in den Zündanlagen. Die Maschinen -bekommen keinen Zündstrom.« - -Der Kommandant wurde blaurot im Gesicht. - -»In Satans Namen, Herr, Sie sollen die Maschinen in Gang bringen. Sie -werden erschossen, wenn wir notlanden müssen.« - -Mit der unangenehmen Aussicht auf den Tod durch eine Kugel verließ -Wimblington den Raum. Die Dinge erfuhren dadurch keine Änderung. Die -Maschinenkraft blieb aus. Der Gleitflug in die Tiefe dauerte an. Schon -befand sich R. F. c. 2 in einer dichten Atmosphäre, nur noch 3000 Meter -über dem Boden. Noch vor kurzem waren die Sonnenstrahlen vom Westen -her klar und kräftig in den Raum gefallen. Jetzt nicht mehr dreißig, -sondern nur noch drei Kilometer hoch, war das Schiff bereits im -Dämmerschatten der Erde. Kommandant Boolton durchspähte zähneknirschend -die Gegend und suchte einen passenden Landungsplatz für das Schiff. -Er bemerkte, daß es ihm gerade noch möglich sein würde, über einen -Hochwald hinwegzukommen und auf einer mäßig großen grasbestandenen -Lichtung niederzugehen. - -Die Aufregung des Kommandanten hatte sich auch Glossin mitgeteilt. -Unruhig lief er mit kurzen Schritten in der Kabine hin und her. -Sein Blick fiel auf Silvester Bursfeld. Der Gefangene hatte sich -herumgeworfen, so daß er Jane sehen konnte, die immer noch in leichtem -Schlummer lag. Die Blicke Glossins und Logg Sars trafen sich, und -Schrecken kroch dem Doktor an das Herz. - -In diesem Augenblick fühlte er, daß der Motordefekt keine zufällige -Panne war. Er fühlte es, daß die unheimliche, unbekannte Macht wieder -hinter ihm her war. Er hätte einen Eid darauf geschworen, daß dieselbe -Kraft, die damals die Maschine in Sing-Sing lähmte, jetzt auch die -Turbinen des Rapid Flyers in ihrer Arbeit anhielt. Mechanisch faßte er -nach der Tasche, welche die kleine wirksame Schußwaffe barg. - -R. F. c. 2 setzte auf die Grasnarbe auf. Mit vollendeter Steuerkunst -hatte Kommodore Boolton das Schiff noch über die letzten Hochstämme -des Waldes gebracht. Unmittelbar am Waldrande kam es zur Ruhe und -wurde von den Schatten der schnell wachsenden Dämmerung umfangen. -Boolton ließ das Steuer los und drehte sich um, als ein Geräusch seine -Aufmerksamkeit fesselte. Wie zur Salzsäule erstarrt blieb er stehen und -stierte durch die Seitenscheiben. - -Ein zweites Flugschiff schoß aus der Höhe hinab, gewann Gestalt und -legte sich kaum hundert Meter von R. F. c. 2 entfernt auf den Rasen. -Das von Minute zu Minute unsicherer werdende Licht der Dämmerung -genügte noch, um die Formen erkennen zu lassen. - -Kommodore Boolton fand zuerst die Sprache wieder. - -»Ich will des Teufels Großmutter heiraten, wenn es nicht R. F. c. 1 -ist. Es fliegt kein anderer Bau von der Sorte in der Welt. R. F. c. 3 -ist noch in der Montage.« - -Der Kommandant hatte seinen Ärger vergessen. Die Neugier, wie R F. -c. 1 hier plötzlich auftauchen könne, überwog alle anderen Gefühle. -Dr. Glossin stand da, die Hand an der Schußwaffe, und blickte auf das -fremde Schiff. - -Dort drüben regte sich nichts. Unheimliche Ruhe herrschte. Kommodore -Boolton brach das Schweigen. - -»Was brennt hier! Habt ihr Feuer an den Maschinen?« - -Er schrie es nach dem Turbinenraum hin. - -Auf die Antwort brauchte er nicht zu warten. Dicht neben ihm öffnete -sich die massive Metallwand von R. F. c. 2. Das Metall glühte eine -Sekunde hellrot, die nächste grellweiß und versprühte dann als Dampf. -Noch bevor es Zeit hatte, zu schmelzen und wegzufließen. Die innere -Holzbekleidung flammte einen kurzen Moment, aber auch sie versprühte -und verschwand, bevor es zu einem richtigen Feuer kommen konnte. Nur -ein letzter Brandgeruch machte sich bemerkbar. - -Schon war die dem neuen Flugschiff zugekehrte Seitenwand von R. F. c. 2 -in der Größe mehrerer Quadratmeter verschwunden. - -Kommodore Boolton sah, wie sein gutes Schiff sich vor seinen Augen in -Dampf und Nichts auflöste. Mit geballten Fäusten stürzte er erbittert -auf die entstandene Öffnung zu. - -... Und geriet in den sengenden Strahl der telenergetischen -Konzentration. Im Augenblick flammten die Kleider an seinem Leibe auf. -Er wollte zurück und war doch schon tot, verbrannt, in rotglühende -Kohle und stäubende Asche verwandelt, bevor noch der Gedanke, daß er -bedroht sei, in seinem Gehirn Wurzel fassen konnte. - -Die Flamme des Strahlers fraß weiter. Schon lag die Kabine bloß. Jetzt -versprühte die dem Angreifer zugekehrte Wand des Motorenraumes. - -Ingenieur Wimblington war nicht gewillt, seine Maschinen ruinieren -zu lassen. Seine Rechte fuhr nach der Tasche. Schon lag die -Präzisionsschußwaffe in seiner Faust. Prasselnd schlugen die Geschosse -gegen die Flanken von R. F. c. 1. - -Das erste ... das zweite ... das dritte ... das vierte ging darüber -hinweg, denn der feurige Strahl faßte den Ingenieur, fraß die Waffe in -seiner Hand, fraß die Hand und fraß ihn selbst, bevor er ein fünftes -Mal abdrücken konnte. - -Mit aufgehobenen Händen sprangen die Monteure durch die Öffnung ins -Freie. - -Der eine zersprühte und verglühte im Augenblick des Absprunges. Den -zweiten traf der Strahl in der Zehntelsekunde, die er in der Luft -schwebte. Etwas weiße Asche fiel auf den Rasen. - -Dr. Glossin hatte die Katastrophe im Motorenraum nicht gesehen. -Mit Aufbietung aller Kräfte hatte er in diesen Sekunden die -Verschlußschrauben gelöst, die die Tür auf der Backbordseite des -Flugschiffes verschlossen hielten. - -Mit einem Sprunge riß er Jane an sich. Mit einem Ruck hatte er auch die -Schußwaffe wieder zur Hand. - -Der Schuß blitzte auf. Aus nächster Nähe war die Waffe auf Silvester -gerichtet. - -Schmerzlich zuckte der Getroffene zusammen. Eine kräftige -Abwehrbewegung mit den eng gefesselten Händen brachte den Doktor ins -Wanken. Er wäre gestürzt, hätte er nicht im letzten Moment die Waffe -fallen lassen und sich an den Türpfosten geklammert. - -Jetzt zeigte sich die Kraft, die in diesem mißgestalteten Körper -vorhanden war. - -Die bewußtlose Jane noch immer auf dem Arm, glitt Glossin von der -Plattform der Kabine auf der Backbordseite zum Flugschiff hinaus und -lief auf den Wald zu. - -Im gleichen Augenblick, in dem Atma R. F. c. 1 verließ und in -langgestreckten Sätzen auf R. F. c. 2 zustürmte. Als Glossin auf der -Backbordseite den Boden berührte, sprang Atma auf der Steuerbordseite -in das Schiff. - -Er sah Silvester gefesselt und durchschnitt die bindenden Stricke -gedankenschnell. Er ließ den Strahler in Silvesters Hände fallen, glitt -im selben Moment schon zur anderen Seite des Flugschiffs hinab und -stürmte dem Walde zu. - -Es war hohe Zeit. Nur noch undeutlich schimmerte Janes weißes Kleid -durch die Stämme. Dr. Glossin hatte einen bedeutenden Vorsprung, und -die Schatten der Dämmerung wuchsen von Sekunde zu Sekunde. Aber Dr. -Glossin war alt, und Atma war jung, Dr. Glossin trug eine schwere Last -auf seiner Schulter, und Atma war ungehindert. - -Der Vorsprung Glossins nahm von Minute zu Minute ab. Durch das Stoßen -und Schütteln des Laufes war Jane wieder zum Bewußtsein gekommen und -sträubte sich mit allen Kräften. Sie schlug auf den Arzt ein, warf sich -wild zurück und hinderte ihn schwer. - -Schon hörte er den keuchenden Atem des Inders hinter sich. Da packte -ihn die Todesfurcht. Das Verhängnis kam hinter ihm. Nur noch einmal -entrinnen! - -Eine kleine Schlucht öffnete sich vor ihm. Er ließ Jane zu Boden -gleiten, sprang in die Tiefe und lief die Bodenfalte entlang. Hier -herrschte schon Dunkelheit. In seiner dunklen Kleidung war er in dem -dichten Unterholz nicht mehr zu sehen. Vorsichtig schlich er von Baum -zu Baum weiter, bemüht, jedes Geräusch zu vermeiden. - -Atma war bei Jane stehengeblieben. Vorsichtig hob er sie auf, trug und -führte sie aus dem Walde auf das freie Feld zurück, brachte sie sicher -in die Kabine von R. F. c. 1 und sah dann nach Silvester. - -Der lag ohnmächtig in sich zusammengesunken. Der Strahler war seinen -Händen entfallen. Aus der Wunde strömte das Blut. - -Atma kam nicht zu früh. Das Messer, welches vor kurzem die Fesseln -durchschnitt, zertrennte jetzt die Gewandung. Die getroffene Seite -lag bloß. Eine Schlagader war verletzt. Im Rhythmus des Herzschlages -spritzte der rote Lebenssaft. - -Es dauerte geraume Zeit, bis Atma des Unheils Herr wurde. Endlich stand -die Blutung. - -Die Wundränder schlossen sich. Vorsichtig trug Atma seinen -Jugendgespielen in das andere Schiff und bettete ihn mit unendlicher -Sorgfalt. - -Jetzt wußte Atma den Freund und das Mädchen geborgen. Seine Gestalt -straffte sich, und mit dem Strahler in der Hand wandte er sich dem -Walde zu. In der letzten Dämmerung des entschwindenden Tages stand dort -die Ruine von R. F. c. 2. - -Der Strahler wirkte. Jetzt brauchte der Inder nicht mehr so sorgfältig -zu zielen und zu konzentrieren. Mit Gewalt explodierten zehntausend -Kilowatt in dem Wrack. Im Augenblick glühte der ganze Rumpf hellrot -auf. Schnell wuchs die Hitze zu blendender Weißglut. Das Aluminium des -Körpers begann zu brennen. Millionen von Funken und Sternchen warf die -glühende Masse nach allen Seiten in die Luft. Dann floß sie zusammen. -Eine einzige Lache geschmolzener Tonerde, wo noch vor kurzem ein -vollendetes Meisterwerk menschlichen Erfindungsgeistes gestanden hatte. - -Atma stellte den Strahler ab. Aber die hellrot glühende Schlackenmasse -da drüben gab noch nicht Ruhe. Die Flammen sprangen auf den Waldrand -über. Das dürre Gras brannte, einige Grenzbäume fingen Feuer. - -Atma sah das Schauspiel, ohne etwas dagegen zu tun. - -Mit schnellen Griffen ließ er die Turbinen von R. F. c. 1 angehen. Der -Rapid Flyer stürmte in die Höhe. Weit hinter ihm lag der brennende -Wald. Atma sah es und lächelte. - -»Wenn der Wind gut steht, Glossin, dann lernst du diese Nacht doch -noch ...« - -Der Rest erstarb im Brausen der Turbinen. - -Atma trat an die Steuerung und setzte das Schiff auf reinen Nordkurs. -Der Weg gerade über den Pol blieb der sicherste. - -Auf der Wiese vor dem Herrenhause in Linnais setzte R. F. c. 1 leicht -und beinahe erschütterungsfrei auf. Mit starken Armen trug Erik Truwor -den wunden Freund in sein Heim, während Jane am Arm Atmas folgte. - -Und dann kamen Tage banger Sorge. Die Verwundung Silvesters war nicht -lebensgefährlich. Die Kugel Glossins war an einer Rippe abgeglitten und -hatte nur eine Fleischwunde verursacht. - -Bedenklicher war das hohe Fieber. Der alte Arzt aus Linnais schüttelte -ratlos den Kopf. Keine Wundinfektion, glatt fortschreitende Heilung der -Verletzung und trotzdem diese Fieberschauer, die den Kranken bis an den -Abgrund der Vernichtung führten. Seine Kunst und sein Latein waren hier -zu Ende. - -Lange Tage und kurze, hell dämmernde Nächte folgten aufeinander, in -denen Jane nicht vom Lager Silvesters wich, Atma sich mit ihr in die -Pflege teilte. Atma, der die Dinge anders ansah als der schwedische -Arzt. Atma, der die wildesten Fieberträume Silvesters beruhigte, wenn -er ihm die Hand auf die Stirn legte. - -»In der fünften Nacht wird die Entscheidung fallen.« - -Atma hatte es Erik Truwor zugeflüstert, als sie den Verwundeten aus dem -Rapid Flyer trugen und auf sein Lager betteten. Jane hatte die Worte -gehört, so leise sie auch gesprochen wurden. - -Heute war die fünfte Nacht. In dem verdunkelten Zimmer saß Jane am -Lager Silvesters und bewachte jede Regung des Kranken. - -Es war nach Mitternacht, und das fahle Licht des jungen Tages dämmerte -durch die Schatten des Zimmers. Mit Angst und Freude bemerkte Jane -eine Veränderung in den Zügen Silvesters. Es zuckte leise darin. Die -geschlossenen Augenlider schienen sich heben zu wollen. Der Körper -machte schwache Bewegungen. - -War das der Tod? Oder war es Erwachen zu neuem Leben? - -Die Sorge überwältigte Jane. Sie wollte Atma rufen, doch die Stimme -versagte ihr. Rückhaltlos überließ sie sich den Gefühlen, die in ihr -stürmten. Sie umschlang Silvesters Hals, sie flüsterte ihm zärtliche -Worte zu und drückte ihre Lippen auf seine Stirn. Alle Instruktionen -des Arztes, alle Weisungen Atmas waren in diesem Augenblick vergessen. - -»Silvester, verlaß mich nicht! Silvester, bleibe bei mir!« - -War es der Klang ihrer Stimme so nahe an seinem Ohr? Einen Augenblick -hob er die Augenlider, als suche er mit Gewalt die Umgebung zu -erkennen. Dann schlossen sie sich wieder. Der Kopf sank tiefer. Er lag -ganz still und regungslos. - -»Silvester!« - -Ein Schrei aus tiefster Not war es. Leise sank sie neben dem Bett auf -die Knie und vergrub das Antlitz in ihre Hände. - -Atma war in das Zimmer getreten. Seine Augen ruhten forschend auf den -Zügen Silvesters. - -»Die Seele ist stärker als der Tod ... Er ist gerettet.« - -Er murmelte es leise und trat zurück. - -Von neuem öffnete der Kranke die Augen. Diesmal viel freier und -leichter. Und sah mit freudvollem Staunen den blonden Kopf an seiner -Brust, dessen Antlitz ihm verborgen war. - -»Wer ... Was ist ...« - -Jane war aufgesprungen. - -»Er lebt, er wird leben!« - -Noch erkannte Silvester sie nicht. - -»Wer ist ... wer bist ...« - -»Jane, deine Jane bin ich ... Jane ist bei dir! Gott hat uns wieder -vereinigt.« - -Der Schimmer des Verstehens, des Wiedererkennens flog über die Züge -Silvesters. - -»Jane?« - -»Ja, deine Jane ... für das ganze Leben!« - -»Jane! ... Jane!« ... Er wiederholte den Namen, als gewähre ihm das -Aussprechen höchste Seligkeit. Er hob die Arme und legte sie um Janes -Hals. Er zog ihr Haupt zu sich und lehnte seine Wange an die ihre. - -»Meine Jane«, sagte er so leise, daß sie wohl bemerken konnte, wie die -körperliche Schwäche ihn zu übermannen drohte. - -»Vor Gott schon lange und jetzt auch vor den Menschen.« - -Seine Augen schlossen sich wieder, aber das selige Lächeln blieb auf -seinen Lippen. Schnell und sanft schlummerte er ein. - -Mit unhörbaren Schritten trat Atma neben Jane. - -»Dein Geliebter schläft. Die Gefahr ist vorüber. Du armes Kind mußt -auch ruhen. Komm und laß mich allein mit Silvester. Zur rechten Zeit -will ich dich rufen.« - -»Er schläft, er ist gerettet!« wiederholte Jane. Sie sprach es leise. -Einen langen Blick warf sie auf den ruhig Schlummernden und folgte dem -Inder. - -Nachdem die Krisis überstanden, die Kraft des Fiebers gebrochen war, -machte die Genesung Silvesters schnelle Fortschritte. Schon am dritten -Tage ging er an Janes Arm über die Wege des parkartigen Gartens, der -das Herrenhaus umschloß, und jede Stunde des Tages war eine Stunde -des Glücks für die Liebenden. Nach einer Woche wagten sie es, den -Pfad zum Ufer des Torneaelf zu wandern, berückt und entzückt von der -romantischen Schönheit dieser wunderbaren Landschaft. Ein unendliches -Glücksgefühl durchflutete ihre Herzen. In dem dichten Grase am Flußufer -ließen sie sich nieder. Silvester lehnte seinen Kopf in Janes Schoß und -schloß tief atmend die Augen. - -»Wenn ich deine liebe Gestalt nicht fühlte, möchte ich glauben, es wäre -nur ein schöner Traum, und würde den Himmel bitten, daß er mir ein Ende -fände. Jane, du bist bei mir«, er zog ihre Hände an seine Lippen und -küßte sie. »Die guten Feenhände, ihnen verdanke ich mein Leben.« - -»O Silvester, wie gern wäre ich für dich gestorben, hätte mein Tod dir -Rettung bringen können. Du hast so vieles, wofür du leben mußt. Ich -habe nichts als dich. Was sollte aus mir werden, wenn ich dich nicht -hätte.« - -Ihre Arme umschlossen den Geliebten. Ihre Augen versenkten sich -ineinander ... ihre Lippen fanden sich in einem langen, langen Kuß. - - - - -Teil III. - - -»Auf die Postille gebückt zur Seite des wärmenden Ofens ...« - -Es war Geburtstag im Hause Termölen. Das Geburtstagskind Andreas -Termölen trug seine acht Jahrzehnte, so gut ein Mensch sie zu tragen -vermag. Schon am Vormittag hatte er den Festrock aus feinem schwarzen -Tuch angelegt. Die Kriegskreuze aus dem großen Kampfe von Anno 14 bis -18 schimmerten auf der linken Brustseite. - -Das volle, weiße Haar, der starke Schnurrbart gaben dem Gesicht einen -energischen Zug. Doch die Jahre machten sich fühlbar. An der Seite -seiner Luise, der fünf Jahre jüngeren Gattin, hatte der Jubilar in den -Vormittagsstunden die Schar der Gratulanten empfangen. Die Wirtz, die -Schmitz, die Raths und wie sie alle hießen. Der Duft von Blumenspenden -erfüllte das Wohnzimmer. Der Alte hatte sich aufrechtgehalten. Mit -alten Freunden und Kriegskameraden geplaudert und ein Gläschen -getrunken. - -Danach das Mittagsmahl. Nur zu zweit mit seinem Luischen, die mit ihm -jung gewesen und alt geworden war. Da spürte er die Anstrengungen des -Tages. Die Hände zitterten mehr als gewöhnlich. Der Rücken schmerzte -ein wenig. - -Besorgt betrachtete ihn die Gattin. - -»Es is also, als et Bismarck schon gesacht hat. Die ersten Siebenzig -sind alleweil die besten. Da is nichts dran zu ändern, Luische.« So -suchte er die Sorge der Gattin fortzuscherzen. Und war doch froh, als -er sich nach geschehener Mahlzeit behaglich in dem alten Ledersessel -ausstrecken konnte. Da konnten sich die alten Glieder wohlig ruhen und -lösen. - -Die Termölensche Ehe war kinderlos. Die Liebe der alten Leute betätigte -sich an Neffen und Nichten. Auch an der dritten Generation, die zum -größten Teil schon erwerbstätig im Leben stand. - -Der alte Mann wollte sein Schläfchen machen. Aber die Anregungen und -Ungewohnheiten des Tages wirkten nach. Er war zu aufgeregt dazu. - -»Wat meinst du, Luischen, ob de Jong, de Willem, hüt von Essen -röwerkütt?« - -»Ich mein, er wird schon komme, wenn er Zeit hat.« - -Die Zwiesprach galt dem Oberingenieur Wilhelm Lüssenkamp von den -Essener Stahlwerken. Der stand nun auch schon im fünfzigsten -Lebensjahre. Aber für die beiden Alten blieb er nach wie vor »de Jong, -de Willem«. - -Der Alte sann einige Zeit über die Antwort nach. - -»Wenn er Zeit hat. Et jibt jetzt mächtig zu don. Et jibt bald Krieg. -Engländer und Amerikaner. Et soll mich freuen, wenn dat Volk sich -ordentlich de Köpp zerschlägt.« - -Dann sprangen seine Gedanken zu einem anderen Gegenstand über. - -»Wer hätt dat jedacht, Luische, dat aus unserer Reisebekanntschaft auf -dem Schiff ... damals hinter Bonn ... dat daraus wat Ernstlichet werden -wird. Ich han mir nachher jedacht, die jungen Leut' müßten mich für -'nen alten Schwefelkopf halten. Und da kütt dann en Brief aus Amerika. -Un dann noch einer aus Schweden. Dat muß ich nochmal lesen.« - -Frau Luise Termölen brachte die Briefe. Der alte Mann versuchte zu -lesen. Die Hand war zu zitterig, und die Schrift verschwamm ihm vor den -Augen. - -»Lis du es jet, Luische. Du hast jüngere Augen.« - -Frau Luise setzte sich zurecht und las die fünfzigmal gelesenen Briefe -zum einundfünfzigstenmal. - - - Trenton, den 14. Dezember 1953. - - Geehrter Herr Termölen! - -Ein wunderbarer Zufall hat es gefügt, daß die Hinweise, die Sie mir -vor Jahresfrist gaben, mir wirklich ziemlich vollkommene Klarheit über -meine Herkunft gebracht haben. Ich bin, wie Sie aus dem Poststempel -ersehen können, in Trenton. In denselben Staatswerken, in denen auch -Frederic Harte bis vor zwei Jahren seine Stellung bekleidete. Er -verlor sein Leben bei einem Unfall. Aber seine Witwe weiß über die -Schicksale der einzelnen Familienmitglieder gut Bescheid. Ich habe -Frau Harte und ihre Tochter Jane kennen und schätzen gelernt. Nach den -langen Unterhaltungen, die ich mit Frau Harte hatte, ist es für mich -Gewißheit, daß ich der Sohn von Gerhard Bursfeld bin, der im Herbst -1922 in Mesopotamien verschollen ist. Zeit und Ort stimmen genau mit -den Angaben, die mir von anderer Seite her über das Verschwinden meines -Vaters bekannt wurden. Die Wahrscheinlichkeit, daß zwei Deutsche an -derselben Stelle zur selben Zeit in dieser Weise verschwinden sollten, -ist praktisch gleich Null. Auch Frau Harte bestätigte die Ähnlichkeit -mit Gerhard Bursfeld, von dem sie gute Bilder besitzt. Ich darf Sie -danach auch als meinen Verwandten betrachten und begrüße Sie als - - Ihr dankbarer - - Silvester Bursfeld. - - -Der Brief war an den Kniffstellen mehrfach eingerissen und trug die -Spuren häufiger Lektüre. - -»Wer hätte dat jedacht, Luische, dat die Menschen sich auf Jottes -weiter Welt so zusammenfinden. Laß mich och den zweiten Brief hören.« - -Frau Luische rückte die Brille zurecht und las weiter. Der andere Brief -war neuesten Datums. - - Linnais, den 5. Juli 1955. - - Mein lieber Herr Termölen! - -Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt und verdanke Ihnen, daß -ich es bin. Hätten Sie mir damals nicht die Nachweise gegeben, wär ich -nie zu Mrs. Harte gekommen. Dann wäre Jane Harte auch nicht meine liebe -Braut und in zwei Stunden mein angetrautes Weib. Es treibt mich, Ihnen -von meinem Glück Kenntnis zu geben. Heute nachmittag gehen wir auf die -Hochzeitsreise. Italien, Griechenland, Ägypten bis zu den Pyramiden. -Jane kennt die Alte Welt noch nicht. Sie hat immer in Amerika gelebt. -Auf der Rückreise wollen wir Sie besuchen. Ich lade mich und meine -junge Frau auf die Mitte des Monats für ein paar Tage bei Ihnen zu -Gaste. Durch Jane, die es von ihrer Mutter weiß, erfuhr ich, daß Sie -am 8. Juli Ihren achtzigsten Geburtstag feiern. Wir gratulieren dazu -von den Ufern des Torneaelf her und werden unsere Glückwünsche bald -mündlich wiederholen. - -Ich bleibe - - Ihr ergebenster ... - - -Frau Luise blickte von ihrer Lektüre auf. Nun war der alte Mann doch -eingeschlafen. Die Natur verlangte ihr Recht. Sie ließ ihn ruhig -schlummern und bereitete leise den Kaffeetisch für den Nachmittag. -Der Junge, der Wilhelm, wurde ja erwartet. Vielleicht kamen auch noch -andere Gäste. -- -- -- - - * * * * * - -Die Hausglocke erklang. Andreas Termölen fuhr aus seinem Schlummer -empor. Eine kräftige männliche Stimme im Vorraum. Wilhelm Lüssenkamp -trat in das Zimmer. Der blonde Rheinländer begrüßte den alten Oheim -herzlich und brachte ihm seine Gabe dar. Einen Korb mit Rosen, zwischen -denen die rotgekapselten Hälse von einem Dutzend guter Flaschen -verheißungsvoll blinkten. - -»Alter Wein für alte Leute, Onkelchen. Meine besten Glückwünsche. Lange -kann ich nicht bleiben. Wir arbeiten mit Nachtschicht. Mit List und -Tücke bewog ich den Kollegen Andriesen, mich über den Nachmittag zu -vertreten. Erwischte einen freien Werkflieger, der mich bis Düsseldorf -mitnahm, und da bin ich.« - -Andreas Termölen ließ den Wortschwall über sich ergehen. Drückte die -Hände seines Neffen herzlich und lange. - -»Et freut mich, Jong, dat du noch auf en paar Stündchen den Weg zu -deinem alten Ohm jefunden hast. Dafür sollst du och dat erste Stück vom -Kuchen haben.« - -Sie setzten sich an den Kaffeetisch, griffen zu und ließen sich -schmecken, was Frau Luise darbot. - -In die idyllische Ruhe dieses stillen Heims kam Wilhelm Lüssenkamp aus -dem sausenden Getriebe der großen Essener Stahlwerke. Kam, brachte die -Unrast und Anspannung harter Arbeit mit, und fand bei dem alten Manne -freudiges Verständnis. Bis vor fünfzehn Jahren hatte Andreas Termölen -selbst eine leitende Stellung in der rheinischen Stahlindustrie -bekleidet. Er wußte, was es bedeutet, den Gang der Schmelzöfen zu -überwachen und Abstich auf Abstich in die Kokillen zu bringen. Begierig -lauschte er den Erzählungen des Neffen. - -Daß das Werk im Laufe der letzten vierzehn Tage die Zahl der Stahlöfen -verdreifacht habe. Tag und Nacht wurde mit riesenhaft vermehrtem -Personal gearbeitet. Eben trocken, wurden die Ofen schon in Betrieb -genommen. Vorsichtig begann die Beheizung. Die Gasanlage war Gott sei -Dank auf Zuwachs gebaut und lieferte den nötigen Brennstoff. - -War nach vierundzwanzigstündiger Beheizung die letzte Spur von -Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk getrieben, dann wurde der volle -Flammenstrom angestellt. Dann stieg die Hitze im Ofeninnern in -wenigen Stunden auf grelle Weißglut. Dann warfen die Maschinen Charge -auf Charge in den Ofen. Gußbrocken, Schmiedeeisen und alle anderen -Rohstoffe, aus denen in der Höllenglut der edle Stahl gekocht wurde. - -Der warme Betrieb mußte Tag und Nacht durchgehen, weil man die Öfen -nicht einfrieren lassen durfte. Aber er ging jetzt forciert. Er war -schon verdreifacht und sollte noch einmal verdreifacht werden. - -»Wat soll dat all? Wo wollt ihr mit der Unmasse Stahl hin?« - -Wilhelm Lüssenkamp zuckte mit den Achseln. - -»Nicht meine Sorge, Ohm. Das Schmelzwerk hat den Auftrag, soviel Stahl -wie möglich zu liefern. Wenigstens aber eine Million Tonnen im Jahr. -Da heißt es: Anbauen und sich dranhalten. Übrigens ... ich verrate -damit kaum ein Geheimnis: Es ist stadtbekannt, daß die Amerikaner -unmenschliche Stahlmengen für ein Sündengeld fest gekauft haben und in -Deutschland stapeln.« - -»Et jibt Krieg, Jung. Ick hab dat schon vorher jesagt.« - -»Kann sein, Onkel Andreas. Es sieht so aus, als ob John Bull und Uncle -Sam sich an die Kehle wollen. Der Amerikaner kauft Stahl. Der Engländer -interessiert sich mehr für fertige Sachen. Im Motorenraum, unsere -neuen Turbinen ... ich will mich nicht rühmen ... aber die haben's in -sich und haben's auch den Englischen angetan. Bei den Probefahrten -haben wir zwölfhundert Kilometer geschafft. Die bis jetzt schnellsten -Maschinen, das ist die amerikanische R. F. c.-Type. Tausend Kilometer. -Von uns um zweihundert Kilometer geschlagen. Der englische Kapitän, -der eine Probefahrt mitmachen durfte, war einfach platt. Steckte die -Entfernung zwischen Fredericsdal an der grönländischen Südspitze und -der Wendemarke auf der Azoreninsel immer wieder auf dem Globus ab und -schüttelte den Kopf. Seitdem sind die Engländer scharf hinter den -Turbinen her. Zehntausend Stück sofort in festen Auftrag.« - -Wilhelm Lüssenkamp ließ den Blick auf den Kriegsorden des Oheims ruhen. - -»Du hast die alten Denkzeichen angelegt?« - -Er beugte sich vor und ließ einzelne Spangen der Dekoration durch die -Finger gleiten. - -»Sommeschlacht ... Verdun ... Kemmelberg ... Ypern ... Dixmuiden ... -Chemin des Dames ... blutige Orte. Nach dem, was wir schon als Kinder -hörten, muß es da böse zugegangen sein.« - -Der alte Mann nickte zustimmend. - -»Jong, et is jetzt vierzig Jahre her. Aber die Tage stehen mir noch wie -heute vor dem Gesicht. Manchmal scheint et mir noch heut unglaublich, -dat ich damals am Leben geblieben bin ... Et war die Hölle. Et war -mehr als die Hölle.« Der Alte schwieg, von der Erinnerung ergriffen. -Der Neffe nahm das Thema auf. - -»Es war schlimm, Onkel Andreas. Aber jetzt kommt es noch viel -schlimmer. Der Krieg, der uns bevorsteht, wird das Entsetzlichste, was -die Welt jemals gesehen hat. Dreihundert Millionen Nordamerikaner gegen -siebenhundert Millionen Britten. Die Industrie der Erde schon jetzt -keuchend in voller Kriegsarbeit. Neue Mittel, neue Mordmethoden, von -denen die meisten Menschen heute noch keine Ahnung haben. Aber ... es -geht nicht um unsere Haut. Die beiden Weltmächte, die übriggeblieben -sind, schneiden sich die Kehle ab. Niemand kann die Katastrophe -aufhalten. Sie ist unabwendbar. Wenn sie nicht morgen kommt, dann -übermorgen. Aber sie kommt. Ich glaube nicht, daß wir noch im Frieden -den Kornschnitt erleben. Nach meiner Meinung muß der amerikanische -Diktator ganz plötzlich und unvermutet losschlagen, wenn er die -besseren Chancen auf seine Seite bringen will. - -Die Engländer sprechen seit fünfzig Jahren vom ~Saxon day~. Ich meine, -er steht dicht vor der Tür, und kein Mensch kann das Verhängnis -aufhalten.« - -»Kein Mensch ...« - -Der alte Mann wiederholte es nachdenklich. - -»Sie haben et nicht verdient, dat wir ihnen eine Träne nachweinen. Laßt -sie sich meinetwegen die Hälse abschneiden ... janz wat anderes, Jung'! -In zehn Tagen jibt et bei uns Besuch. Einer von den Bursfelds. Ich hab -dir ja erzählt, wie wunderlich wir ihn entdeckt haben. Seine Jroßmutter -war meine Schwester. Eine Schwester deiner Mutter. Er wird uns mit -seiner jungen Frau besuchen. Sieh, dat du in den Tagen auch mal zu uns -kommst.« - -Wilhelm Lüssenkamp versprach es. Sah auf die Uhr und bemerkte, daß -es die höchste Zeit zum Aufbruch sei. Er mußte eilen, wenn er sein -Flugzeug an der verabredeten Stelle treffen wollte. Die siedende Arbeit -rief ihn zurück, fort aus dieser ruhigen Feierstimmung, in die Gluten -und zu den rasselnden Maschinen industriellen Hochbetriebes. - - * * * * * - -Glockengeläut klang vom Turm der alten Kirche von Linnais. Über die -sonnenbeschienenen Dächer des Ortes, über bestellte Felder, die -in kurzen Sommerwochen spärlichen Ertrag brachten, zogen die Töne -dahin, das Tal des Torneaelf entlang und verloren sich schließlich in -bläulicher Ferne zwischen den föhrenbestandenen Ufern. - -In der Kirche herrschte gedämpftes Licht. In hundert Farben spielte -es durch die bunten Fenster. Die Kirche fast leer. Nur einige -zwanzig Personen auf den dreihundertjährigen Eichenbänken und in den -Chorstühlen. - -Die Orgel setzte ein. Die Klänge des Chorals drangen durch den Raum. Es -war der Hochzeitstag Silvesters. Der Tag seiner Vereinigung mit Jane. - -Die Orgel schwieg. Der alte Geistliche segnete den Bund. Jane im weißen -Kleide, den Myrtenkranz im lichtblonden Haar, ätherisch zart. Sie glich -den Engelsgestalten, welche die Kunst eines alten Meisters über dem -Altar geschaffen hatte. Silvester, den Arm nach der Verwundung noch in -der Binde, aber froh und glücklich. - -Dicht hinter dem Paar die beiden Zeugen der Zeremonie: Erik Truwor und -Soma Atma. - -Der Inder ruhig, in sich versunken. Der freie Ritus der Zeit erlaubte -es ihm, hier als Zeuge zu dienen. Seine Gedanken weilten bei den Lehren -der eigenen Religion. An das Rad des Lebens dachte er, an das wir alle -gebunden sind. An das Kämpfen und Leiden aller Kreatur, die erst nach -tausendfacher Wiedergeburt und Bewährung zur ewigen Seligkeit des -Nirwana eingehen darf. - -Erik Truwor hoch gereckt. Jede Muskel verhaltene Kraft. Glücklich beim -Glücke des Freundes. Doch schon weitere Pläne erwägend. Ungeduldig über -jede Verzögerung, die seine Lebensaufgabe erfuhr. - -Der Priester wechselte die Ringe. Leicht schob sich der goldene Reif -auf den schlanken Finger der Braut. Hart und schwer legte er sich an -Silvesters Hand neben den Ring von Pankong Tzo. - -Atma sah es, und seine Gedanken nahmen einen anderen Lauf. - -»Wer schon gebunden ist, soll sich nicht nochmals binden. Zwei -Pflichten kann niemand erfüllen, zwei Herren niemand dienen.« - -Der christliche Priester sprach milde Worte. Daß sie nun eins seien. -Daß jedes dem anderen gehöre, bis einst der Tod sie scheiden würde. - -Atma sah nur die beiden Ringe an Silvesters Hand. - -Auch Erik Truwors Gedanken wanderten. Fort aus dem grünen Tale, -nordwärts über brandendes Meer und weite Eisflächen zu verschneiten -Felsen. Nur undeutlich drangen die Worte des Priesters an sein Ohr. -Im Geiste baute er dort nordwärts in eisigen Fernen bereits eine neue -Zufluchtsstätte. Ein neues Heim, unentdeckbar und unangreifbar. - -Der Geistliche hatte geendet. Segnend legte er die Hände auf die -Häupter der Neuvermählten. Ein voller Sonnenstrahl fand seinen Weg bis -zum Altar und wob aus goldenem Licht eine Krone auf dem Scheitel der -Braut. Die Orgel fiel wieder ein. Die Feier ging dem Ende zu. - -Kraftwagen brachten die Teilnehmer zum Hause Truwor zurück, wo das -Mahl gerichtet war. Gäste aus dem Ort: Der Vogt von Linnais mit seiner -Gattin. Der Königliche Richter. Besitzer freier Bauernhöfe aus der -Umgebung von Linnais mit ihren Frauen. - -Eine schwedische Hochzeit mit den alten Sitten und Gebräuchen. Seit -einem Menschenalter hatte die hohe Halle des Hauses so zahlreiche -Gesellschaft nicht mehr beherbergt. Seitdem Erik Truwors Mutter starb -und der Vater nur noch seiner Wissenschaft und seinen Reisen lebte. - -Jetzt dröhnte der Dielenboden unter den Schritten kräftiger hoher -Gestalten. Scherzen und Lachen erklangen und verjagten die Geister der -Einsamkeit. - -Amtmann Bjerkegrön führte als Respektsperson den Vorsitz und das Wort -an der Tafel. Richter Kongsholm sekundierte ihm vom anderen Ende her. -Es wurde geschmaust und getrunken. Der Amtmann brachte den Toast auf -das junge Paar aus. Der Richter wollte nicht nachstehen und sprach auf -künftige Paare, die in dieser Halle noch Hochzeit halten würden. Der -nächste Bräutigam müsse Erik sein. Seit tausend Jahren stünde Haus -Truwor und sei stets vom Vater auf den Sohn vererbt worden. Also ... - -Er schloß in nicht mißzuverstehender Weise und leerte sein Glas auf die -noch unbekannte Braut. - -Um drei Uhr hatte das Mahl begonnen. Um sechs Uhr saß man noch. Viele -Toaste waren ausgebracht, viele Gläser geleert worden. Die Köpfe waren -rot, und die Stimmung ging hoch. Allgemeines Stimmengebraus erfüllte -den Raum. Mancher sprach, um zu sprechen, und achtete nicht sonderlich -mehr darauf, ob er Zuhörer fand. - -Erik Truwor hatte in der allgemeinen Lebhaftigkeit unbemerkt seinen -Platz verlassen und sich halb rückwärts hinter Atma einen Stuhl -hingezogen. Der Inder war ruhig und schweigsam wie gewöhnlich. Während -der Richter von künftigen Hochzeiten sprach, ruhte sein Blick auf den -altersbraunen Deckenbalken der Halle. Wieder kam ihm in jener Sekunde -die unheimliche Gabe des Fernsehens, und er glaubte verzehrende Flammen -um das Gebälk lecken zu sehen. - -»Dein brauner Kumpan ist schweigsam, Erik. Wir wollen ihm zeigen, was -eine Hochzeit in Schweden ist. Ein Brautführer darf nicht nüchtern -bleiben, wenn er der Braut Ehre machen soll.« Der dicke Vogt rief -es lachend und kam dem Inder mit einem vollen Pokal vor. Atma tat -Bescheid. Dem Vogt und vielen anderen. Nur war der Trunk, der bald -goldglänzend, bald funkelnd wie Rubin in seinem Glase schimmerte, kein -Wein. - -Erik Truwor beugte sich vor. - -»In dreißig Minuten muß Silvester aufbrechen, wenn er den Anschluß an -die Regierungslinie nach Deutschland erreichen soll.« - -»So laß ihn gehen.« - -Atma sagte es ruhig und leidenschaftslos. - -»Du kennst meine Landsleute nicht. Sie wollen den Brauttanz. Sie wollen -den Schleier der Braut vertanzen, wollen zuletzt aus dem Brautschuh -trinken. Ich bedauere es jetzt, daß ich die alten Freunde und Nachbarn -eingeladen habe. Es gibt Anstoß, wenn das Paar jetzt aufsteht.« - -Atma überblickte die Tafel. Sie waren alle in ihrem Element. Der -Richter hielt dem Beisitzer einen Vortrag über einen besonders -interessanten Fall aus der letzten Sitzung. Der Vogt machte der Frau -Amtmann Komplimente. Der Amtmann begann auf die Regierung zu schimpfen. - -»Ich muß mit Silvester noch sprechen. Wir haben ihm eine Woche für -seine Hochzeitsreise zugestanden. Ich habe mich besonnen, er mag -vierzehn Tage reisen.« - -Atma wandte sich aufmerksam um. - -»Warum das? Du wolltest ihn zuerst nur drei Tage entbehren. Er hat dir -die Woche abgerungen. Warum jetzt zwei Wochen?« - -»Weil ... ich habe meine Gründe, die ich dir später sagen werde. Ich -muß das Paar jetzt aus dem Saal herausbekommen.« - -Atma ließ seinen Blick von neuem über die Tafel gehen. Er erhob sich -und trat an die schmale Wand der Halle. Es sah aus, als ob er dort -irgend etwas erklären oder zeigen wolle. - -Schon hoben einige aus der Gesellschaft die Köpfe und blickten -angespannt auf das dunkle Getäfel der Wand. Die Frau Amtmann fiel dem -Vogt ins Wort. - -»Sehen Sie ... das herrliche Bild ... ein indisches Schloß, wie es -scheint. Wie wundervoll! Die bunten Kuppeln im stahlblauen Himmel -... unser Erik ist ein scharmanter Gastgeber. Er bietet uns einen -Extragenuß ... Wohl Bilder von seinen exotischen Reisen ...« - -Der dicke Vogt hob neugierig den Kopf und folgte der weisenden Hand -seiner Nachbarin. Eben noch schien ihm weißer Nebel über die Wand zu -wallen. Jetzt sah er in strahlender Schönheit den Kaiserpalast von -Agrabad. - -Und machte den Nachbarn darauf aufmerksam. Und der den nächsten. -Wie ein Lauffeuer ging es um die Tafel. Die mit dem Rücken gegen -die Schmalwand saßen, drehten sich um. Wo Silvester und Jane nur -das dunkle Getäfel erblickten, schimmerte den andern das wunderbare -Bauwerk altindischer Kunst in strahlender Schöne. Aus dem stehenden -wurde ein bewegtes Bild. Der Palast zog näher heran. Die staubige, -sonnenbeschienene Straße dehnte sich bis in den Saal. Längst hatte -der Richter seinen Prozeß, der Amtmann seinen Zorn auf die Regierung -vergessen. Fasziniert starrten die Gäste auf das Schauspiel an der -Wand. Die Elefanten des Königs kamen. Mit vergoldeten Stoßzähnen und -purpurnen Schabracken. - -Es schien ein bunter Film zu sein, wie man ihn in allen Theatern hatte. -Aber ein Film von unerhörter Farbenpracht. Und er blieb nicht an der -Wand. Einzelne Figuren liefen bis weit in den Saal hinein. - -Lobbe Lobsen zog seinen Stuhl zurück, weil ein staubiger Pilger ihm -direkt über die Füße lief. Immer wunderbarer wurde es. Atma, der eben -noch in europäischer Kleidung da war, stand plötzlich im exotischen -Gewand unter den Gestalten, begrüßte hier einen, nickte dort einer -Figur zu, wurde gekannt und wieder gegrüßt. - -Derweil stand Erik Truwor draußen vor dem Hause am Schlage des -Kraftwagens und tauschte den letzten Händedruck mit dem jungen Paar. - -»Reist glücklich! Genießt euren Honigmond! Die letzten drei Tage seid -ihr Gäste im Hause Termölen. Am 19. hole ich dich von der Station der -Regierungslinie ab. ~Farewell!~« Der Motor sprang an. Der Führer mußte -sich eilen, um das Regierungsschiff nach Deutschland noch im Flughafen -zu fassen. - -Erik Truwor kehrte langsam in die Halle zurück. Er fand Atma -ruhig auf einem Sessel an der Schmalwand der Halle sitzend. Die -Hochzeitsgesellschaft starrte mit aufgerissenen Augen auf diese Wand, -als ob dort ein besonderes Schauspiel zu erblicken wäre. So ähnlich -mußten wohl die Studenten in Auerbachs Keller ausgesehen haben, als -Mephisto ihnen edle Weine aus dem trockenen Holz des Tisches fließen -ließ. Erik Truwor konnte sich eines Lächelns nicht erwehren. - -Atma erhob sich und ging auf seinen Platz am Tische zurück. Im gleichen -Augenblick begann das Bild, welches die Zuschauer so fesselte, zu -verblassen. Es wurde neblig, verlor die Farbe, und schon war wieder die -dunkle Wand sichtbar. Nur langsam löste sich die Erstarrung der Gäste. -Dann entlud sich der Beifall um so lauter. - -Herrlich ... großartig ... wundervoll. Die Plastik der Bilder. Das -Hinaustreten der Figuren in den freien Raum. Sie waren fast alle in -Stockholm gewesen und hatten das Kino mit allen Feinheiten gesehen. -Farbig natürlich. Auf Nebelwände projiziert. Aber niemals hatten sie -gesehen, daß einzelne Figuren des Bildes bis unter die Zuschauer liefen. - -Sie sparten nicht mit ihren Komplimenten gegen den Gastgeber. - -Und niemand vermißte das Brautpaar. Hin und wieder trank ihm einer -zu, als ob Jane und Silvester noch auf ihren Plätzen säßen. Sie -schmausten und zechten bis spät nach Mitternacht und dachten erst in -den Morgenstunden an die Heimfahrt. - -Erik Truwor kannte Atmas Künste. Er wußte, daß es dem Inder ein -leichtes war, dieser ganzen auf keinerlei Widerstand eingestellten -Gesellschaft die unwahrscheinlichsten optischen und akustischen -Phänomene zu suggerieren. Aber es erfüllte ihn dennoch mit Erstaunen, -als er sah, wie der Amtmann auf den leeren Stuhl von Jane zuschritt, -sich feierlich vor einem Nichts verbeugte, mit einem Nichts -im Arm durch die Halle walzte und das Nichts wieder zum Stuhle -zurückgeleitete. Als die Amtmännin sich mit geschmeicheltem Lächeln -erhob und ebenso solo durch den Raum tanzte. In der festen Überzeugung, -vom Bräutigam aufgefordert zu sein, von ihm geführt zu werden. - -Es wirkte auf Erik Truwor, weil alle Gäste diesen Tänzen besonderen -Beifall spendeten. Weil sie alle den Schemen sahen, den der Wille Atmas -ihnen aufzwang, weil er allein der Suggestion nicht unterworfen war und -das unsinnig Groteske dieser Tänze voll spürte. - -Er war es zufrieden, als die letzten das Haus verließen. - -Gefolgt von Atma, ging er in das Laboratorium. Dort stand der neue -Strahler, gekuppelt mit dem Fernseher. - -»Wo mag das Paar jetzt sein?« - -Der Inder antwortete nicht sogleich. Seine Augen blickten weit geöffnet -in die Ferne. Langsam kamen die Worte. - -»Im Süden in weiter Ferne ... über schneebedeckten Bergen.« - -»Du meinst im deutsch-italienischen Regierungsschiff? Wir werden sehen.« - -Erik Truwor sagte es mit stolzer Befriedigung. Er richtete den Apparat. -Er ließ einen leichten Energiestrom strahlen. Ein Bild erschien auf der -Scheibe. Ziehende Wolken, schneebedeckte Gipfel. Die Alpenkette ... das -Gotthardmassiv. Ein schimmernder Punkt darüber. - -Er arbeitete an den Mikrometerschrauben der Feinstellung. Er richtete -und visierte. - -Da wuchs der Punkt zum großen Flugschiff. Jede Schraube, jede Niete -wurde erkennbar. Er mußte dauernd regulieren, um das schnell fahrende -Schiff in dieser Vergrößerung nicht aus dem Gesichtsfelde zu verlieren. - -Jetzt stimmten Regulierung und Flugschiffbewegung genau überein. -Regungslos verharrte das Schiff in der Mitte der Bildfläche. Vorn -dicht hinter der breiten Zellonscheibe der Kabine standen Silvester und -Jane. Hand in Hand, glücklich lächelnd, blickten sie vor sich nieder in -die fruchtbare italienische Ebene. - - * * * * * - -»Alle diese Kriegsgerüchte sind ... ich will den Ausdruck unserer -Zeitungsleute gebrauchen ... sind stark verfrüht. Die Welt gehört den -Anglosachsen. Sie wären Toren, wenn sie sich gegenseitig zerfleischen -wollten. Der innere tiefliegende Grund zum Kriege fehlt, und deshalb -wird es trotz allen Pressegeschreis und aller Nervosität keinen Krieg -geben. Das ist meine persönliche Ansicht ... und nicht meine Ansicht -allein.« - -Dr. Glossin sprach in der überzeugenden und beinahe hypnotisierenden -Art, über die er so gut verfügte. - -Lord Horace Maitland saß ihm in der Bibliothek von Maitland Castle -gegenüber. »Ihre Worte in Ehren, Herr Doktor. Aber warum versucht -Amerika die europäische Stahlproduktion aufzukaufen?« - -Lord Horace ließ die scharfen grauen Augen forschend auf dem Arzte -ruhen. Dr. Glossin hatte seine Muskeln in der Gewalt. Es war ja -vorauszusehen, daß die Bemühungen der amerikanischen Agenten den -Engländern nicht verborgen bleiben würden. - -»Es ist eine wohldurchdachte Maßnahme des Herrn Präsident-Diktators, um -den Frieden der Welt aufrechtzuerhalten.« - -»Ich muß gestehen, daß mir die Zweckmäßigkeit dieses Weges nicht völlig -einleuchtet.« - -»Eure Herrlichkeit wissen vielleicht nicht, daß ich geborener Schotte -und nur durch Naturalisation Amerikaner bin. Ich betrachte es als -meine vornehmste Aufgabe, die guten Beziehungen zwischen den beiden -Ländern zu pflegen ... Sie werden einwenden, daß für diesen Zweck -die gegenseitigen Botschafter der beiden Mächte vorhanden sind. In -erster Linie gewiß! Aber ein Botschafter ist immer eine offizielle -Persönlichkeit. Was er spricht, spricht er amtlich im Namen seines -Standes. Vieles darf er nicht sagen, was zu sagen doch bisweilen gut -ist.« - -Lord Horace strich mit beiden Händen die Zeitung auf dem Tisch glatt. -Ein leichter Sarkasmus lag in den Worten seiner Erwiderung. - -»Sie dagegen, Herr Doktor, sind nicht mit der Last der Amtlichkeit -beschwert, obwohl wir in England ziemlich genau wissen, daß Sie der -vertraute Ratgeber des Präsident-Diktators sind. Sie sprechen ganz -privatim als Herr Doktor Glossin mit Lord Maitland, der zufälligerweise -der Vierte Lord der englischen Admiralität ist. So meinen Sie es?« - -»Genau so, Lord Horace. Und so erwidere ich denn: Wir erfuhren, daß -die Agenten Englands auf dem Kontinent Kriegsmaterial in größtem Maße -bestellten und kauften. Wir hätten mit gutem Rechte das gleiche tun -können. Die Rüstungen beider Staaten wären dadurch bis zur Fieberhitze -in die Höhe getrieben worden. Wir zogen es vor, unsere friedliche -Gesinnung dadurch zu zeigen, daß wir nur den unverarbeiteten Rohstahl -kauften. Es ist uns leider nicht in dem beabsichtigten Umfange -gelungen. Ihre Regierung läßt nach unseren Ermittelungen Kriegsmaterial -auf dem Kontinent bauen, durch das Ihre Luftstreitkräfte um fünfzig von -Hundert verstärkt werden. Die Industrie auf dem Kontinent versteht es -leider nur zu gut, aus der politischen Spannung Kapital zu schlagen. -Immerhin werden Ihre Rüstungen durch unsere Stahlkäufe in solchen -Grenzen gehalten, da wir selbst nicht neu zu rüsten brauchen.« - -Die Worte Dr. Glossins verfehlten ihre Wirkung auf Lord Horace nicht. -Es war richtig, daß Amerika bisher nur Stahl gekauft hatte. Den -freilich in ungeheuerlichen Mengen. Noch gab sich Lord Maitland nicht -gefangen. - -»Sie werden die erworbenen Mengen nach den Staaten bringen und dort -selbst die Waffen daraus schmieden.« - -Erstaunen malte sich auf Glossins Zügen. »Wir denken gar nicht daran, -die zehn Millionen Tonnen Stahl, die wir bisher erwarben, nach den -Staaten zu bringen. Es genügt uns, daß sie der Kriegsindustrie entzogen -sind. Und ... vergessen Eure Herrlichkeit nicht ... wir haben schnell -gekauft. Haben noch zu erträglichen Preisen gekauft. - -Eine Entspannung der politischen Lage wird über kurz oder lang -eintreten. Die Völker der Welt werden sich, wie es immer nach solchen -Situationen geschah, mit erneutem Eifer der Produktion für den Frieden -hingeben. Aber das Rohmaterial wird dann teurer sein ...« Doktor -Glossin fuhr mit erhobener Stimme fort: »Dann werden wir über diesen -riesenhaften Vorrat frei verfügen. Wir haben es verhindert, daß -Schwerter daraus gefertigt wurden, wir werden dann Pflugscharen daraus -schmieden lassen. Die Wunden, die dieser Stahl schlagen wird, sollen -fruchtbringende Ackerfurchen werden. So ist es die Meinung und der -Wille meines ...« - -Er brach jäh ab, als habe er zuviel gesagt. - -»... meines Herrn, des Präsident-Diktators Cyrus Stonard«, ergänzte -Lord Maitland die Worte Glossins in Gedanken. Jetzt war er überzeugt. - -Der Doktor behandelte die Kriegsgefahr als nicht vorhanden. Das konnte -Verstellung sein, zu plump, um einen englischen Staatsmann auch nur -eine Sekunde zu täuschen. Aber Dr. Glossin entwickelte gleichzeitig -ein Zukunftsgeschäft, das den Amerikanern Milliarden von Golddollars -bringen mußte, wenn die Spannung sich friedlich löste. Der Größe dieser -wirtschaftlichen Aussichten konnte der Engländer sich nicht entziehen. -Busineß bleibt Busineß. Der Grundsatz saß zu tief im englischen Denken -und Fühlen, um nicht zu wirken. - -Eine Meldung des englischen Geheimdienstes hatte Lord Horace darüber -unterrichtet, daß Dr. Glossin erst vor wenigen Tagen eine lange -Unterredung mit Cyrus Stonard gehabt hatte. Es war außer Zweifel, daß -er im Auftrage des Diktators sprach. Amerika suchte den Krieg zu -vermeiden, machte dabei aber gleichzeitig ein Milliardengeschäft. Die -Taktik war eines Cyrus Stonard würdig. Er vermied den Krieg, dessen -Ausgang unter allen Umständen unsicher war, und schuf gleichzeitig -die Prosperität, die seine Gewaltherrschaft wieder auf eine Reihe von -Jahren sichern mußte. - -Blitzschnell gingen diese Gedanken Lord Horace durch den Kopf. Er -prüfte in kurzen Minuten des Schweigens den Plan nach allen Richtungen -und fand ihn wohldurchdacht. Das Netz war gut gewoben. Keine Masche war -von der Nadel gefallen. - -Von diesem Augenblick an neigte er zu der Überzeugung, daß Cyrus -Stonard ehrlich den Frieden wolle. Die Frage, ob auch England ihn -wolle, stand auf einem anderen Brett. Es hatte danach jedenfalls die -Möglichkeit, sich die Zeit für einen Konflikt nach Gefallen zu suchen. - -Lord Maitland hielt die Angelegenheit für wichtig genug, um zu einer -Besprechung nach London zu fahren. Er überließ Dr. Glossin der -Gastfreundschaft von Maitland Castle und der Gesellschaft von Lady -Diana. - - * * * * * - -Maitland Castle war in der Tudorzeit erbaut. Spätere Umbauten hatten im -Innern mehr Luft und Licht geschaffen, ohne das Äußere bemerkenswert -zu verändern. Vor der Südfront des Schlosses lag eine breite Terrasse, -gegen den Garten durch eine Sandsteinmauer begrenzt, mit Efeu und -Monatsrosen übersponnen. - -Die Wasserkünste des Schlosses spielten. Aus gewaltigen Löwenrachen -schossen die breiten Strahlen in Muschelschalen, fielen -regenbogensprühend von Kaskade zu Kaskade die Mauerhöhe hinab, füllten -ein großes Bassin, um schließlich in Form eines schilfumrandeten Baches -dem See zuzufließen. - -Im Schatten einer Ulme saß Lady Diana in einem bequemen Korbstuhl. Das -Buch, in welchem sie gelesen hatte, lag lässig in ihrer Hand. - -Ihr gegenüber saß Dr. Glossin. - -»Herr Doktor ... Ihr Interesse für meine Person versetzt mich in -Erstaunen. Es geht weit über das hinaus, was meine anderen Gäste mir -entgegenbringen, und ... was ich entgegengebracht haben möchte. - -Mein Gemahl sagte mir, daß Sie im Interesse unseres Vaterlandes -nützliche Arbeit tun, den Frieden zwischen beiden Ländern erhalten -helfen. Das ist in meinen Augen ein großes Verdienst. Es gibt Ihnen -manche Freiheit. Aber jede Freiheit hat Grenzen ...« - -Diana Maitland zeigte Bewegung, als sie von der Erhaltung des Friedens -sprach. Zum Schluß klang ihre Stimme kalt abweisend. - -»Eure Herrlichkeit legen meinen Worten einen falschen Sinn unter. -Was ich sagte, hängt mit dem Wohlergehen unserer beiden Länder eng -zusammen.« - -»Herr Doktor, Sie sprechen in Rätseln. Ich kann beim besten -Willen keinen Zusammenhang zwischen meiner Mädchenzeit in Paris -und dem Wohlergehen unserer Länder finden. Aber ich bewundere -Ihre Quellenforschung. Sie sind wirklich recht genau über meine -Vergangenheit unterrichtet ...« - -»Ich bin es in der Tat, Lady Diana. Ich bin es noch genauer, als Sie -glauben.« - -»Bitte, Herr Doktor, ich habe nichts zu verbergen ...« - -Diana Maitland sagte es hart und spöttisch, um einen Überzudringlichen -ein für allemal abzuweisen. - -»Ich sagte Eurer Herrlichkeit, daß unsere beiden Länder durch einen -mächtigen und gefährlichen Feind bedroht sind.« - -»Ich hörte es bereits, Herr Doktor.« - -»Der Feind ist Erik Truwor.« - -Langsam brachte Dr. Glossin die Worte hervor. Und konnte ihre Wirkung -Wort für Wort verfolgen. - -Lady Diana, eben noch das Bild sarkastischer Überlegenheit und kalt -abweisender Ruhe, erblaßte. Ihre Augen weiteten sich bei der Nennung -des Namens Truwor, als ob sie ein Gespenst sähe. Ihr Gesicht war sehr -bleich. Viel mehr als die heitere Ruhe offenbarte die leidenschaftliche -Erregung, deren Spiegel es jetzt war, alle Wunder dieses schönen -Antlitzes. In dem prachtvollen Rahmen des reichen dunkelbraunen Haares, -mit den halbgeöffneten Lippen und den bebenden Nasenflügeln hatte es -etwas Dämonisches. Aus ihren Augen sprühte die Glut eines flammenden -Zornes, eines tödlichen Hasses. - -»Erik?! ... Erik Truwor ...?« rief sie heftig. - -Sie warf den Kopf zurück und sah Glossin mit durchdringenden Blicken an. - -»Wie können Sie einen Namen aussprechen, dessen Nennung allein eine -schwere Beleidigung für mich ist?« - -»Ich nannte den Namen eines Mannes, der heute unsere beiden Länder -schwer bedroht ... und der vor langen Jahren, Lady Diana, auch einmal -in Ihr Leben eingebrochen ist.« - -»Was sagen Sie? Erik Truwor bedroht ... bedroht das große England, -bedroht das ganze Amerika? ... Ein einzelner Mann die mächtigsten -Reiche der Welt? Soll das ein Scherz sein, Herr Doktor ...« - -Ihre Stimme bekam einen drohenden Klang. »So würde mir Ihre Anwesenheit -in Maitland Castle von diesem Augenblick an für immer unerwünscht sein.« - -»Die Ungnade Eurer Herrlichkeit würde ich in Kauf nehmen, wenn ich die -harte Tatsache zu einem leichten Scherz stempeln könnte. - -Ich nannte Erik Truwor. Zusammen mit zwei Freunden haust er in Schweden -an der finnischen Grenze. Der eine seiner Freunde ist Silvester -Bursfeld, der Sohn jenes Gerhard Bursfeld, den ich vor dreißig Jahren -in den Tower brachte. Die beiden kennen das Geheimnis des Vaters, und -sie entwickeln die Erfindung weiter. - -Bursfeld weiß, daß sein Vater als ein Opfer englischer Politik im -Tower starb. Darum gilt seine Arbeit der Rache an England. Erik Truwor -läßt ihn gewähren. Der Dritte im Bunde, ein Inder, hat für sein -Vaterland auch eine ... kleine Rechnung mit England zu begleichen. - -Vom Torneaelf droht dem englischen Reiche eine Gefahr, viel schwerer, -viel größer, als Cyrus Stonard mit seinem Dreihundertmillionenvolk sie -jemals sein könnte. Erik Truwor mit seinen zwei Freunden ist mehr zu -fürchten als Cyrus Stonard.« - -Lady Diana hatte ruhig zugehört. Nur ihre Blässe verriet ihre innere -Erregung. - -»Wissen Sie, was Erik Truwor mir antat?« - -Dr. Glossin setzte die Worte vorsichtig und langsam. - -»Ich weiß, daß er der Verlobte der jungen Komtesse Raszinska war und -daß er ihr ... den Verlobungsring zurücksandte.« - -»Sie wissen viel ... vielleicht nicht alles.« - -»Ich weiß auch, Lady Diana, daß Sie Erik Truwor hassen. Um so weniger -werden Sie sich besinnen, zum Wohle Ihres Vaterlandes zu handeln und -Ihren Gemahl auf die Gefahr aufmerksam machen, die von Linnais her der -Welt droht. - -Lady Diana, fassen Sie den korrekten Sinn meiner Mitteilung: Erik -Truwor und seine beiden Freunde sind im Besitze des Geheimnisses, um -dessentwillen die englische Regierung Gerhard Bursfeld in den Tower -brachte. - -Noch ist es Zeit! Ein einfacher Handstreich! Gut organisiert! Schnell -unternommen und durchgeführt! Hat Ihre Regierung die Sache erst einmal -beschlossen, wird sie auch wissen, wie sie durchzuführen ist.« - -Lady Diana hatte sich aufgerichtet. Widerstreitende Gefühle kämpften in -ihr. Die Erinnerung an die glücklichen Monate in Paris wurde lebendig. -Die Gestalt Erik Truwors traf ihr geistiges Auge. Die Zeit nach dem -brüsken Bruch, die schrecklichste ihres ganzen Lebens, wachte auf. - -Glossin sah ihr Zaudern. - -»Hat Diana Raszinska vergessen, was ihr angetan wurde?« - -Diana Maitlands Augen flammten auf. Aus fremdem Munde zu hören, was sie -im Innersten bewegte ... - -Dr. Glossin fuhr fort: »Ich sagte Ihnen bei unserer ersten Unterredung, -daß Sie mir eines Tages die Hand zum Bündnis bieten würden. Der Tag ist -gekommen. Zum Bündnis gegen den Feind unserer beiden Länder, der auch -Ihr persönlicher Feind ist. Der Ihnen das Schwerste angetan hat, was -ein Mann einer Frau antun kann.« - -Dr. Glossin streckte seine rechte Hand vor. Wenige Minuten des -Schwankens. Dann legte Diana ihre Rechte in die des Doktors. - -»Es sei, Herr Doktor. Mein Gewissen bleibt unbelastet. Hegt Erik Truwor -keine feindlichen Pläne gegen England, so wird er frei aus dieser -Prüfung hervorgehen. Sonst ... Ich tue nur, was ich gegen jeden Feind -meines Landes tun würde.« - -Lady Diana erhob sich. Ihre Erregung wich einer tiefen Abspannung. Sie -hatte das Bedürfnis, aus Glossins Nähe zu kommen, allein zu sein, zu -ruhen. Dr. Glossin begleitete sie bis an die Pforte des Schlosses. Dann -kehrte er auf die Terrasse zurück. - - * * * * * - -Lord Horace Maitland war mit den Ergebnissen seiner Londoner Reise -zufrieden. Seine Mitteilungen hatten ersichtlichen Eindruck auf das -Kabinett gemacht. Man sah in London, wie die gefährliche Wetterwolke, -die seit vierzehn Tagen dunkel drohend am politischen Himmel hing, -allmählich lichter wurde. Während man vor zwei Wochen fast jede Stunde -den Ausbruch des Krieges erwartete, schien die Gefahr jetzt von Tag zu -Tag geringer zu werden. Man sah in London die Kriegsgefahr weichen und -hatte keine Erklärung dafür. - -In diesen Stand der Dinge war Lord Horace mit den Anschauungen und -Darlegungen getreten, die Dr. Glossin ihm entwickelt hatte. - -Es gibt im Schachspiel gefährliche Züge, bei denen die feindliche Figur -den König angreift und gleichzeitig die Dame gefährdet. Solch einen -Zug hatte Cyrus Stonard offenbar auf dem Brett. Während England Hals -über Kopf Milliarden in neuem Kriegsgerät festlegte, kaufte er nur -Stahl. Band starke Kräfte des Gegners und behielt die Möglichkeit, zur -gegebenen Zeit Milliarden für die Union einzuheimsen. - -Nachdem man die Absicht des Gegners erkannt hatte, war es möglich, -Abwehrpläne zu schmieden. Diese Möglichkeit dankte man den -Informationen von Lord Horace, und die Anerkennung dafür kam zum -Ausdruck. - -Lord Horace war zufrieden nach Maitland Castle zurückgekehrt. Er -erkannte die Bedeutung und Wichtigkeit seines amerikanischen Gastes. -Sein Entschluß, mit ihm auch fernerhin gute Beziehungen zu pflegen, ihn -sich zu verpflichten, stand fest. In dieser Stimmung trafen ihn die -Mitteilungen Dianas. - -Eine Gefahr für das Reich? ... Eine Erfindung, an der alle bekannten -Kriegsmittel zuschanden wurden? ... Die Sache ging England und Amerika -gleichermaßen an. - -Ganz dunkel spürte Lord Horace, daß die Union im Grunde selber zufassen -und die Gefahr beseitigen könne ... Aber England hatte eine alte -Rechnung mit diesen Leuten. Auch Lord Horace hatte damals die Akten des -Bursfeld-Prozesses durchgesehen. Gehörte der Sohn des Mannes, der einst -im Tower seinem Leben selber ein Ende setzte, zu diesem Kleeblatt in -Linnais, dann mußte sich die Kraft der neuen Macht in der Tat zuerst -gegen England richten. Dann war es in erster Linie Englands Sache, -diese Gegner unschädlich zu machen ... aufzuheben ... und vielleicht -die Erfindung selbst der Wehrmacht Englands dienstbar zu machen. - -An diese letzte Möglichkeit dachte Dr. Glossin wohl sicher nicht. Lord -Horace zog sie in die Berechnung hinein. Ein einzelner konnte sterben, -bevor ihm das Geheimnis entrissen war. Drei Mitwisser ... getrennt -voneinander, in den sicheren Verliesen des Towers. Es mußte wunderbar -zugehen, wenn es dann nicht gelang, in den Besitz des Geheimnisses zu -kommen. - -Dr. Glossin hatte seine Minen gut gelegt, die Fäden durch Lady Diana -geschickt gesponnen. Er hatte eine lange Unterredung mit seinem -englischen Gastfreund. Als er nach zweistündigem Gespräch das Zimmer -von Lord Horace verließ, lag die Genugtuung des großen Erfolges -unverkennbar auf seinen Zügen. Es war ihm geglückt, was er selbst -kaum für möglich gehalten hatte. Es war ihm gelungen, den klugen und -weitsichtigen Engländer vor seinen Wagen zu spannen. - -Die Engländer hatten sich verpflichtet, die Kastanien für ihn aus dem -Feuer zu holen. Sie nahmen ihm das schwerste Stück der Arbeit ab. -Waren die drei erst einmal gefangen, dann brauchte man nicht mehr zu -fürchten, daß plötzlich verzehrendes Feuer die Welt überfiel. Dann war -die Bahn für neue Pläne frei. - - * * * * * - -Der Sonnenball berührte die stahlblauen Fluten des Tyrrhenischen Meeres -und übergoß den Azurspiegel mit einer Flut roter und gelber Tinten. -Auf dem Korso von Neapel wogte die Menge, Fremde und Einheimische, in -buntem Durcheinander. Die Neapolitaner lachend und schwatzend, sich -der Naturschönheiten ihrer Stadt und ihres Landes kaum noch bewußt. -Die Fremden entzückt und gefesselt von einer Farbensinfonie, die ihre -Töne von Minute zu Minute wandelte. Aber keiner von den Tausenden, die -hier promenierten, genoß die Reize des Abends wohl so wie das Paar, das -weitab von der Menge der Promenierenden seinen Platz auf der Straße zum -Posilip gefunden hatte, wo das Grabmal Virgils sich neben dem alten -Römerweg erhebt. - -Schon lange saßen sie dort wortlos, Hand in Hand, bis eine kühle Brise -den Mann veranlaßte, das Schweigen zu brechen. - -»Wollen wir nicht lieber zurückgehen, Jane? Es weht frisch von der See.« - -»Nein, Silvester, laß uns noch bleiben ...« - -Noch fester umschloß sie Silvesters Arm. - -»Es ist unser letzter Abend in Italien. Du weißt ja nicht, mit welchem -Grauen ich an die kommenden Stunden denke, in denen wir wieder zurück -müssen, in denen du mich allein lassen wirst.« - -»Jane ... ich lasse dich doch nur für kurze Zeit, für wenige Tage, -höchstens Wochen allein. Dann komme ich zu dir zurück, und dann sind -wir für immer vereint. Noch viele, noch schönere Tage wird uns das -Leben bescheren.« - -»Noch schönere Tage? ... Kann es noch Schöneres geben, als was wir -jetzt genossen haben? - -Wie ein Traum, wie ein unendlich schöner Traum liegen die Tage der -letzten Wochen hinter mir ... Unsere Hochzeit in Linnais. Wie Atma die -ganze Gesellschaft betörte und wir ungesehen abreisen konnten ... die -wunderbare Fahrt über die Eisgipfel der Alpen ... Dann der erste Gruß -der sonnigen Gefilde Italiens ... das Mittelmeer, der Nilstrom, die -Pyramiden ... Rom ... das hat mir weniger gefallen. Du sprachst viel -von der Geschichte und Größe der Stadt. Aber ich ... bedenke nur, daß -ich von Kindheit an immer in Trenton in unserem Haus und Garten gelebt -habe. Rom, das war mir zuviel ...« - -Enger schmiegte sie sich an ihren Gatten. - -»Aber am meisten freue ich mich darauf, wenn wir nach dieser Reise -erst ruhig in unserem eigenen Heim sitzen werden, wenn ich nicht mehr -zu sorgen brauche, daß ... o warum, Silvester ... warum müssen wir uns -noch einmal trennen, warum willst du noch einmal von mir gehen ... laß -mich doch nicht zurück ... laß mich nicht allein in der fremden Welt -zurück ... nimm mich mit nach Linnais. Ich will euch nicht stören. Ich -will weder dir noch deinen Freunden in den Weg kommen, solange ihr mit -eurer Erfindung zu tun habt. Nur laß mich bei dir bleiben.« - -Fester umschloß Silvester sein junges Weib. - -»Nein, Jane. Das ist unmöglich. Aber es sind ja nur wenige Wochen. Dann -ist das große Werk vollendet. Dann bin ich unabhängig. Dann werden wir -leben können, wie und wo es uns gefällt. Wo es uns am besten gefällt, -da werden wir unser Heim gründen, nach dem ich mich ebenso sehne wie -du.« - -Nach langem Schweigen hub Jane wieder an: »Ich weiß, Silvester, auch -du gehst nur ungern. Erik Truwor ist es, der uns trennt ... Ja, Erik -Truwor ...« - -Vorwurf und Bitterkeit lagen in den letzten Worten. - -»Jane! Du kennst Erik Truwor nicht. Und weil du ihn nicht kennst, -kannst du ihn nicht verstehen. Unser Werk ... sein Werk ist größer -als Menschenliebe und Menschenleid. Er arbeitet am Schicksal der -Menschheit. Sollte das Geschick zweier Menschen ihn hindern dürfen ... -Nein, Jane. Keinen Vorwurf für Erik Truwor.« - -Einen Augenblick saß Jane schweigend in sich zusammengesunken. -Plötzlich warf sie ihre Arme um ihn. - -»Wenn du wüßtest, Silvester, was so manchmal bald stärker, bald -schwächer mich beunruhigt. Bei Tag und auch bei Nacht, wenn ich in -deinen Armen liege ...« - -»Jane ... liebe Jane. Was ist es, was dich quält?« - -»Wenn ich es sagen könnte ... wenn ich es wüßte, was es ist ... ich -würde es dir sagen ... Eine dunkle Wolke ... wenn mein Auge in der -schönen glücklichen Zukunft sucht, quillt es schwer und schwarz vor -meinen Blicken auf ... Eine Ahnung ... eine Furcht ... ich weiß nicht, -was es ist, aber alle heiteren Bilder verschwinden, ich muß die Augen -schließen, muß weinen.« - -»Jane ... du liebes, armes Kind. Die letzten Monate haben zu sehr auf -dich eingestürmt. Mein Verschwinden, der Tod deiner Mutter, der Streich -Glossins ... das war zu viel für dein Herz. Scheuch sie weg, die trüben -Ahnungen, wenn sie wiederkommen. Denke an mich. Denke an das Glück, das -uns die Zukunft bringen wird ...« - -Sekunden des Schwankens. Dann legte Jane ihre Arme um Silvesters Hals. - -Liebevoll hüllte er ihre zarten Schultern in einen Schal und zog sie an -seine Brust. - -Es war ein wehmütiger und tränenreicher Abschied, als Silvester sich -endlich in Düsseldorf von seiner jungen Gattin trennte, um allein nach -Linnais zurückzukehren. Nur der Gedanke machte das Auseinandergehen für -Silvester und Jane erträglich, daß es nur eine Trennung von wenigen -Wochen sein sollte. Nur noch einige Verbesserungen. Die Konstruktion -und Ausführung eines neuen, noch viel stärkeren Strahlers. Dann, das -war der feste Entschluß Silvesters, sollte ihn nichts mehr von seinem -Weibe fernhalten. Mit dem festen Versprechen, in spätestens vier Wochen -zurückzukehren und dann für immer mit ihr zusammenzubleiben, hatte er -sich schließlich aus den Armen Janes gerissen. - -Er hatte ihr einen kleinen telephonischen Empfangsapparat dagelassen. -Hatte sie zuletzt noch getröstet. - -»Mein Liebling, wenn ich auch noch einmal auf kurze Zeit von dir -gehe, werde ich doch immer bei dir sein. Ich werde imstande sein, -jeden Augenblick dein Bild lebendig vor mir zu sehen, werde in jedem -Augenblicke wissen können, was du tust, und wie es dir geht. Und dir -gibt dieser Apparat die Möglichkeit, wenigstens meine Stimme zu hören. -Ich werde keinen Tag vorübergehen lassen, ohne dich zu sehen und mit -dir zu sprechen.« - -Silvester hatte ihr den Gebrauch des Apparates genau gezeigt. Einen -Druck auf einen Knopf, und die Elektronenlampen brannten. Den Hörer ans -Ohr, und jedes Wort, das er in Linnais in den Schalltrichter sprach, -wurde deutlich gehört. - -So war Silvester gegangen. Jane blieb allein im Hause Termölen zurück. -Betreut von den beiden alten Leuten. Wie eine Tochter gehegt und -gepflegt von Frau Luise und doch betrübt und einsam. - -Auf den Himmel der vierzehntägigen Hochzeitsreise folgte die Hölle der -Trennung. Jane lernte in diesen schmerzvollen Tagen und Wochen kennen, -was es für eine Frau bedeutet, ihr Herz an einen Mann zu hängen, der -einer großen Idee verschrieben ist. Neben dem leichten Goldreif, der -ihn an Jane band, trug Silvester den schweren Ring, der ihn mit Erik -Truwor und Soma Atma zu einer Dreiheit zusammenschmiedete. Das bittere -Schicksal der Frau, die mit ihrer Liebe den Plänen und der Lebensarbeit -des Mannes nachstehen muß! - -Nur wenig hatte ihr Silvester von seinen Erfindungen und Arbeiten -erzählt. Daß die Erfindung in wenigen Wochen abgeschlossen sei. Daß sie -ihm solchen Gewinn bringen würde, daß er dann alle Berufsarbeit lassen -und sich ganz seinem Eheglück widmen könne. Das war der Trost, der Jane -in diesen Tagen aufrechthielt. Der Gedanke, daß diese Trennung nur noch -eine letzte kurze Prüfung sei. Daß danach Silvester für immer bei ihr -bleiben, ihr ganz gehören werde. - - * * * * * - -Herr Andreas Termölen schmunzelte, und Frau Luise zeigte ein -verständnisvolles Lächeln, wenn Jane des Nachmittags in der vierten -Stunde unruhig zu werden begann. Sie sorgte dafür, daß ihre Uhr auf die -Sekunde genau die richtige Zeit zeigte. Eine Minute vor vier flammten -an jedem Tage die Elektronenlampen auf, und um vier Uhr drangen die -ersten Worte Silvesters aus dem Hörer an ihr Ohr. Worte der Sehnsucht, -Versicherungen unerschütterlicher Liebe, Tröstungen, daß wieder ein Tag -der Trennung vorbei sei. Mitteilungen, daß die Arbeit gut gefördert -würde, daß das Ende in nahe Nähe gerückt sei. - -Silvester sprach. Er stand in Linnais in seinem Arbeitsraum. Den -Schalltrichter der großen Telephonanlage am Munde. Den Strahler auf das -Zimmer von Jane gerichtet, das Bild seines jungen Weibes lebendig vor -sich auf der Mattscheibe. - -Jane konnte nur hören, doch nicht zurücksprechen. Eine Station -zum Senden in einem Privathause hätte besondere Einrichtungen und -Vorkehrungen erfordert, die in der Kürze der Zeit nicht durchzuführen -waren. Sie mußte sich darauf beschränken, die Worte ihres abwesenden -Gatten zu hören, Silvester konnte nur ihr Bild auf der Mattscheibe -betrachten, mußte auf das gesprochene Wort verzichten. Wohl sah er, wie -die Worte, die er selbst sprach, auf ihr Mienenspiel wirkten, wie die -Beteuerungen seiner Liebe und Zuneigung den Schimmer der Freude über -ihre zarten Züge verbreiteten, doch von dem, was sie selber sprach, -konnte nichts an sein Ohr dringen. - -So hätte diese tägliche Unterhaltung einseitig bleiben müssen, wenn -nicht die Liebe neue Mittel für die Verständigung gefunden hätte. - -Die vor Silvester stehende Mattscheibe gab das genaue Bild Janes, -gab es in Lebensgröße. Jeden Zug, jede Bewegung ihrer Lippen konnte -Silvester genau beobachten, und schnell lernte er es, ihr die Worte von -den Lippen abzulesen. Er sah Jane und sprach. Jane hörte seine Worte, -antwortete, und aus der Bewegung ihrer Lippen erriet er den Sinn der -Antwort. Wiederholte ihn, ersah ihre Bestätigung aus ihrem glücklichen -Lächeln. - -Jetzt am Ende der zweiten Woche der Trennung hatten es die -Getrennten gelernt, sich auf diese Weise zu unterhalten, als ob sie -nebeneinandersäßen und nicht fünfhundert Meilen zwischen ihnen lägen. -Die tägliche Plauderstunde stärkte Jane den Mut bis zum nächsten Tag. -Sie war für Silvester die Quelle, aus der er die Kraft schöpfte, sich -wieder in seine Arbeit zu stürzen, die Apparate fertigzumachen, deren -schnellste Vollendung Erik Truwor so dringend heischte. - - * * * * * - -Die Nächte in Linnais waren auch in den letzten Julitagen noch hell. - -Auf alle Fälle unbequem hell nach der Meinung des englischen Obersten -Trotter. Viel zu hell nach dem Geschmack des Dr. Glossin. Zwar ging die -Sonne um Mitternacht eine Stunde unter den Horizont. Aber die Dämmerung -gestattete es immer noch, einen Mann im freien Felde auf zweihundert -Meter zu erkennen. Vollständige Dunkelheit wäre der kleinen Truppe -willkommener gewesen, die unter der Führung von Oberst Trotter im Walde -von Linnais lagerte. - -Zwanzig Mann. Ausgesuchte englische Soldaten. In kleinen Trupps zu -vier bis fünf, in Zivil, waren sie im Laufe der letzten drei Tage mit -den Regierungsschiffen der Linie Edinburg--Haparanda angekommen. Als -harmlose Reisende waren sie den Torneaelf stromaufwärts gezogen. Hier -ein wenig Angelsport treibend. Dort Mineralien sammelnd. Alles andere, -nur keine Soldaten vorstellend. - -Zu vorgeschriebenen Stunden waren sie alle an dem bestimmten Platze, -einer Waldlichtung in der Nähe vom Hause Erik Truwors. Dort waren sie -und vergnügten sich als sportfreudige Touristen. Sie schlugen Zelte -auf, kochten im Freien ab und machten es sich bequem. - -In einem der Zelte saß der Oberst Trotter im Gespräch mit Dr. Glossin -und vertrat mit britischer Hartnäckigkeit seinen Standpunkt. - -»Mein Befehl lautet, drei Bewohner dieses Hauses, namentlich angeführt -als Erik Truwor, Silvester Bursfeld und Soma Atma, aufzuheben und -lebendig nach London zu bringen. Es ist bei den englischen Offizieren -Sitte, Dienstbefehle genau zu vollziehen. Sie mögen als Zivilist eine -andere Anschauung von der Sache haben. Für mich und meine Leute gilt -die meinige.« - -»Herr Oberst, Sie unterschätzen die Gegner, mit denen Sie es zu tun -haben. Ich bin über Ihren Plan erschrocken. Sie wollen das Haus -mit zwanzig Mann umstellen, einfach hineingehen und die Gesuchten -verhaften?« - -»Genau so, wie Sie es sagen, Herr Doktor. Das ist die Art und Weise, -wie wir solche Aufträge ausführen. Wenn meine Leute das Haus umstellt -haben, kommt keine Maus mehr heraus. Ich würde es freilich bedauern -müssen, wenn die Gesuchten zu fliehen beabsichtigen. In diesem Falle -sind meine Leute angewiesen, zu schießen.« - -Dr. Glossin lief wie ein gefangenes Raubtier in dem engen Zelte hin und -her und rang die Hände. - -»Herr Oberst, Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie es zu tun haben. Sie -mußten mit einem Flugzeug herkommen und den stärksten brisantesten -Torpedo, den Ihre Armee besitzt, auf das Dach abwerfen. Eine Sekunde -nach Ihrer Ankunft mußte das ganze Haus bis zum tiefsten Keller -pulverisiert sein. Dann bestand einige ... ich sage nicht volle, aber -doch wenigstens einige Aussicht, daß die Verschwörer unschädlich -gemacht wurden.« - -Oberst Trotter lächelte mitleidig. - -»Sie scheinen ernstlich Furcht vor den Bewohnern dieses Hauses -zu besitzen. ~Well~, Herr Doktor, als Zivilist sind Sie nicht -verpflichtet, besonderen Mut zu entwickeln. Aber Sie werden mich diese -Angelegenheit auf meine Weise erledigen lassen.« - -Der Oberst blickte auf seine Uhr. - -»Gleich elf. Es wird in dem verdammten Lande nicht dunkel. Ein -Sergeant, der gut Schwedisch spricht, ist unterwegs, um sich das Haus -und seine Bewohner genauer anzusehen.« - -»Auch das noch!« Dr. Glossin stieß die Worte in einem Übermaß von -Unwillen hervor. - -»Haben Sie an dieser Maßnahme etwas auszusetzen, Herr Doktor? Es ist -bei allem Militär der Welt Sitte, daß man vor dem Angriff aufklärt.« - -Während der Oberst seine Ansicht mit der Bestimmtheit des alten -Soldaten aussprach, hatte Dr. Glossin sich wieder auf den niedrigen -Feldstuhl gesetzt. Ernst und bestimmt kamen die Worte aus seinem Munde. - -»Mag das Schicksal Erbarmen mit Ihnen und Ihren Leuten haben. -Sie sind in der Lage eines Mannes, der einem Tiger nur mit einem -Spazierstöckchen bewaffnet entgegentritt.« - -Ein Mann trat in das Zelt. Auch im Zivilanzug war der Soldat -unverkennbar. Sergeant MacPherson, der von der Aufklärung zurückkam. -Ein Schotte mit buschigen Brauen, großen graublauen Augen und ergrautem -Vollbart. Er gab seinen Bericht in kurzer, knapper Form. Erst hatte er -das Haus von außen vorsichtig umgangen und beobachtet, daß zwei Männer -zusammen an einer Maschine im Hause arbeiteten. - -Über den dritten konnte er nichts in Erfahrung bringen. Da war er -kurz entschlossen in das Haus eingetreten. Die Gartentür stand offen. -Ungehindert kam er durch den Garten in das Haus. Eine Treppe führte zur -Veranda. - -Die Veranda war leer ... Schien wenigstens im ersten Moment leer zu -sein. Als er weiter in das Haus hineingehen wollte, hörte er plötzlich -eine Stimme. Auf einem niedrigen Diwan in der Ecke der Veranda saß -ein Mensch mit brauner Haut. Noch ehe er seine Fragen in Schwedisch -vorbringen konnte, sprach der Inder ihn englisch an. Nur wenige Worte. -Einen Sinn habe er darin nicht entdecken können, so sehr er auch auf -dem Rückwege darüber nachgedacht habe. - -Wie die Worte hießen, wollte der Oberst wissen. - -»Jawohl, Herr Oberst! Der Mensch sagte zu mir: Was du suchst, ist nicht -hier; was hier ist, suchst du nicht.« - -»Nonsens! ... Humbug! ... Indische Gaukelei!« ... Der Oberst stieß es -wütend zwischen den Zähnen hervor. Dann wurde er wieder dienstlich und -fragte weiter: - -»Wenn ich Sie recht verstanden habe, MacPherson, sind die drei -gesuchten Personen in dem Hause und stehen auch nicht im Begriff, es zu -verlassen.« - -»Jawohl, Herr Oberst, das ist meine Meldung.« - -Auf einen Wink des Obersten verließ der Schotte das Zelt. - -Oberst Trotter blickte wieder auf seine Uhr. - -»Ich denke, Doktor, in einer Stunde haben wir die Burschen.« - -Dr. Glossin beachtete den Obersten gar nicht. Er hatte die Hände über -dem rechten Knie gefaltet und wiederholte mechanisch die Worte Atmas: -»Was du suchst, ist nicht hier; was hier ist, das suchst du nicht.« - -Der Oberst wurde ungeduldig. - -»Die Geschichte fängt jetzt an, Herr Doktor. Werde ich den Vorzug -haben, Sie dabei an meiner Seite zu sehen?« - -»Ich ziehe es vor, mir das Abenteuer sehr von weitem anzusehen.« - -»Sie werden hier in fünf Minuten allein sein.« - -»Ich werde es zu ertragen wissen. Die Einsamkeit birgt keine Gefahr.« - -»Wie Sie wollen, Herr Doktor.« - -Der Oberst trat auf den Platz, und wie durch Zauberei verschwanden die -Zelte. Die Kochgeschirre wurden zusammengepackt. Alles wurde in Taschen -und Rucksäcken untergebracht. Es dauerte wirklich nur fünf Minuten, -dann stand Dr. Glossin einsam in der Waldlichtung. Eine Kolonne von -einundzwanzig Mann bewegte sich vorsichtig und lautlos durch den -dichten Wald hin auf das Truworhaus zu. - -Dr. Glossin blieb noch fünf Minuten ruhig wartend stehen. Dann zog er -eine kleine Pfeife und ließ in kurzen Pausen schrille Pfiffe ertönen. - -Das Gebüsch teilte sich. Ein Mann erschien und ging auf den Doktor zu. - -»Sergeant Parsons zur Stelle.« - -»Es ist gut, Parsons. Sie sahen die einundzwanzig Narren hier abziehen?« - -Sergeant Parsons grinste. Die Engländer waren seine Freunde nicht. - -»Ich sah sie talabwärts ziehen, Herr Doktor.« - -»Sie haben vierzig Mann bei sich?« - -»Jawohl, Herr Doktor. Vierzig ausgesuchte Burschen.« - -»Gut bewaffnet.« - -»Nebel, Tränen und Mordtau.« - -»Die andern haben Mantelgeschosse. Insgesamt viertausend Schuß.« - -»~Allright~, Sir. Werden uns vorsehen.« - -»Gut, Parsons. Folgen Sie mit Ihren Leuten ungesehen den Engländern. -Sie kennen Ihre Aufgabe?« - -Den gleichen Pfad, den vor einer Viertelstunde einundzwanzig Engländer -hinabgegangen waren, folgten ihnen jetzt einundvierzig Amerikaner. Dr. -Glossin blieb auf der Lichtung zurück. - -Oberst Trotter erreichte mit seinen Leuten in einer halben Stunde das -Truworhaus. In der fahlen Nachtdämmerung lag es deutlich vor ihnen. Er -ließ seine Leute in weitem Bogen ausschwärmen, bis die beiden äußersten -Flügel vor der Vorderseite des Hauses zusammenstießen. An dieser -Stelle des Kreises hielt sich der Oberst selbst auf. Langsam zog sich -die Kette bis an den mannshohen, durch Birkenteer braunrot gefärbten -Holzzaun zusammen. Oberst Trotter schwang sich auf den Zaun, um als -erster in den Garten zu springen. - -Da krachte ein Schuß. Er kam aus einer der kleinen Schießscharten zu -beiden Seiten der Haustür. Haarscharf pfiff das Projektil am Kopf des -Obersten vorüber und riß ein Stückchen Stoff an der rechten Schulter ab. - -Der Oberst gelangte unversehrt in den Garten, und an allen anderen -Stellen der Umzäunung folgten ihm seine Leute. Aber dies Eindringen war -das Signal für ein Massenfeuer, das aus allen Fenstern und Luken des -Hauses begann. Das Truworhaus war mit Munition gut versorgt. Es hatte -den viertausend Schüssen der Angreifer reichlich die dreifache Zahl -entgegenzustellen. In geschlossenen Feuergarben sprühten die Geschosse -aus Fenstern und Luken und fegten durch den Garten. Hier und dort -verriet ein Aufschrei, daß der eine oder der andere von den Engländern -getroffen worden war. - -Es gab Verwundete und Tote. Nur dadurch, daß die Angreifer, soweit sie -überhaupt noch lebten und bewegungsfähig waren, sich zu Boden warfen, -jeden Busch, jede Bodenfalte als Deckung nutzten und alle Künste des -Kolonialkrieges anwandten, gelang es ihnen, Meter um Meter näher an das -Haus heranzukommen. - -In der Deckung eines starken Wacholdergestrüppes lag Oberst Trotter. -Die Kugeln umpfiffen ihn. Jetzt bedauerte er es, dem Rate des -Amerikaners nicht gefolgt zu sein. - -Seine Leute schossen nur noch vereinzelt und zielten dabei sorgfältig -auf die Punkte, von denen die Feuerströme der Verteidiger herkamen. -Hier und dort hatten sie auch Erfolg. Oberst Trotter konstatierte trotz -seiner recht ungemütlichen Lage, wie hier und dort eine Schießscharte -nach einem glücklichen Treffer der Angreifer verstummte. - -Trotz alledem ... das Rezept des Amerikaners ... den dicksten -Lufttorpedo von obenher und unversehens auf den gottverdammten Kasten -geworfen ... Oberst Trotter wurde die Empfindung nicht los, daß der -Plan recht viel für sich hatte. - -Zweihundert Meter bergaufwärts stand Dr. Glossin und beobachtete durch -ein gutes Glas den Kampf. Er gab für das Leben der Engländer keinen -roten Cent mehr. Wenn die Angegriffenen ihr Feuer gut leiteten, mußten -sie die wenigen Angreifer bei diesem Munitionsaufwand zu Hackfleisch -zerschießen. Ungeachtet aller Deckungen und Schleichkünste. Um so mehr -wunderte sich der Arzt, daß etwa die Hälfte der Engländer immer noch -am Leben war, daß sie sogar langsam, aber unaufhaltsam das Feuer der -Verteidiger zum Schweigen brachten. Jetzt feuerte die eine Schmalwand -des Hauses nicht mehr. Der letzte Treffer von englischer Seite hatte -dort eine kräftige Explosion verursacht. Bedeutendere Munitionsmengen -mußten in die Luft gegangen sein. - -Wenige Minuten warteten die Angreifer noch. Dann stürmten sie gegen -diese schmale Seite vor. Eine schmale Tür, aus starken Bohlen gefügt, -war ihr Ziel. Axthiebe trafen das Holz. Krachend gaben Schloß und -Angeln nach. Die Angreifer wollten über die gefallene Tür in das Innere -dringen, aber sie kamen nicht dazu. - -Es war ganz klar. Dr. Glossin, der den Gang der Dinge als ruhiger -Beobachter verfolgte, war sich dessen sicher. Mit der Tür war eine -Kontaktvorrichtung verbunden, die im Innern des Hauses eine schwere -Explosion hervorrief, sobald die Tür aus den Angeln wich. - -Weithin über die Berglehnen zu beiden Seiten des Tornea rollte der -dumpfe Donner der Explosion und übertönte das Rauschen des Flusses. - -Die Angreifer, eben noch im Begriff, das Haus mit stürmender Hand zu -nehmen, taumelten zurück. - -Ein Brand war im Innern ausgebrochen. Rotglühend erleuchtet flammte -hier und dort ein Fenster auf. - -Und dann ... Dr. Glossin hatte zweifelsohne einen günstigeren Platz -gewählt als der Oberst Trotter, der sich erst jetzt hinter seinem -Wacholdergebüsch hervorwagen konnte ... Dr. Glossin sah von seinem -zweihundert Meter höher gelegenen Standpunkt, wie das ganze Dach -des Hauses sich leicht hob und dann öffnete, wie der Krater eines -ausbrechenden Vulkans. Eine ungeheure Flammensäule stieg empor und -riß viele Tausende von hölzernen Schindeln mit. Brennend stiegen die -leichten Holzstückchen hoch in den fahlen Himmel. Brennend fielen sie -wieder langsam zu Boden. Das Haus war nach der Explosion nur noch -ein einziges wogendes und brandendes Feuermeer. In seinen Kellern -mußten enorme Mengen brennbarer Öle lagern. Mußten durch die Explosion -Feuer gefangen haben und sandten nun Flammenberge und schwere Wolken -dichten schwarzen Qualmes empor. Schon war der obere Fachwerkbau des -Hauses bis auf wenige Sparren verzehrt. Reichlich genährt brodelte das -Flammenmeer weiter. Die uralten Zyklopenmauern des unteren Teiles, vor -Jahrhunderten gefügt, für die Ewigkeit gebaut, wurden rotglühend. - -Dr. Glossin beobachtete das Schauspiel und vergaß vor seiner wilden -Schönheit für kurze Zeit Sorgen und Pläne. - -Die Glut drang von innen nach außen durch. Auf den weiten dunklen -Mauerflächen zeigten sich plötzlich rosa Flecken. Wuchsen, wurden immer -heller, flossen zusammen, bis schließlich die ganze wohl meterstarke -Wand in voller Rotglut dastand. Und dann begann der Mörtel, der diese -erratischen Blöcke zum Mauerwerk verband, in der höllischen Hitze -zu schmelzen. Flüssig und weiß glühend lief es an hundert einzelnen -Stellen aus den Mauerfugen. - -Dann stürzten die letzten Reste des Truworhauses zusammen. Im -Augenblicke bildete das Rechteck der Zyklopenmauern nur noch einen -wirren Haufen rot- und hellweißglühender Blöcke. - -Ein glühendes Hünengrab, das unter schmelzenden Felsbrocken die -tausendjährige Geschichte eines heldenhaften Geschlechtes begrub --- -- -- und mit ihr den letzten dieses Geschlechtes. - -Die Engländer hatten sich vor der unerträglichen Glut weit -zurückgezogen. Längst war der Aufenthalt innerhalb der -Gartenumfriedigung unerträglich. Schon brannte der hölzerne Zaun an -mehreren Stellen. Erst unten am Fluß machten sie halt. Kühlten die -brennenden Gesichter, die verbrannten Hände im frischen Wasser des -Elf. Bemerkten, daß ihnen die Kleidung, von der strahlenden Hitze des -Brandes versengt, in Fetzen vom Leibe hing. - -Verstört und niedergeschlagen musterte Oberst Trotter das Häuflein der -Überlebenden. Eine Stimme hinter ihm: - -»Herr Oberst, Sie haben sie nicht einmal tot bekommen!« - -Es war die Stimme Dr. Glossins. - -Der Oberst fuhr sich über den halb versengten Schnurrbart. - -»~Damm' your eyes, Sir!~ Sie sind tot! Es ist keine Maus rausgekommen. -Sie sind in ihren Schlupfwinkeln gebraten worden. Wenn es Ihnen -Spaß macht, suchen Sie die Reste in dem Trümmerhaufen da oben. Aber -verbrennen Sie sich nicht die Fingerspitzen. Ich weiß, was ich meiner -Regierung zu melden habe.« - -Oberst Trotter war von den Flammen angesengt, schmutzig und -unansehnlich geworden. Sein Gesicht schmerzte ihn, so daß er sich zum -Fluß beugte und frisches Wasser über die gerötete Stirn schüttete. - -Nach dem kalten Wasser fühlte er neue Kraft. Er wollte dem verdammten -Amerikaner deutlich werden. Doch als er sich dazu anschickte, war -Dr. Glossin verschwunden. Ebenso plötzlich, wie er aus dem Walde -herausgetreten war, hatten ihn die Sträucher und Stämme des alten -Forstes wieder aufgenommen. - - * * * * * - -Mr. E. F. Goody, der Führer der Opposition im australischen Parlament, -faßte die Hauptpunkte seiner zweistündigen Rede noch einmal im -Schlußwort zusammen. - -»Die Welt ist heute zu eng geworden. Es scheint, als ob die beiden -großen Staaten nicht mehr nebeneinander Platz haben. Wir müssen unsere -Stellung zwischen den beiden Parteien wählen. Beides sind Englisch -sprechende Völker. Jedem von uns durch Bande des Blutes verbunden. -Staatsrechtlich steht uns England näher. Aber unsere wirtschaftlichen -Beziehungen weisen nach Amerika. Der Energie der Vereinigten Staaten -verdanken wir es, daß unser Land von dem schweren Druck der -japanischen Gefahr befreit wurde. Die Klugheit gebietet uns, heute -Anschluß an Amerika zu nehmen ...« - -Laute Beifallsrufe unterbrachen den Sprecher. Es ging sonst ebenso -ernsthaft und gesetzt im australischen Parlament zu wie im Hause der -Gemeinen zu London. Aber hier waren die Leidenschaften auf das höchste -erregt. Die weißbärtigen Farmer aus Queensland und Neusüdwales, -die Kaufleute aus Viktoria, die Viehzüchter aus Westaustralien -und Alexandraland sprangen von ihren Sitzen auf und machten ihrer -Begeisterung in lauten Cheerrufen Luft. Es dauerte Minuten, bis der -Redner fortfahren konnte. - -»... Ich stelle fest, daß Regierungspartei und Opposition in diesem -Punkt einig sind. Australien muß sich geschlossen an die Seite -Amerikas stellen, wie es Kanada vor fünf Jahren getan hat. Die -anglosächsische Rasse hat vor vierzig Jahren die neue Doktrin vom -Selbstbestimmungsrecht der Völker verkündet. Diese Lehre ist nie wieder -aus der Welt verschwunden. Wir nehmen dieses Recht der Selbstbestimmung -für uns in Anspruch und beschließen den Zollbund mit der amerikanischen -Union.« - -Der Schluß der Rede ging in brausenden Cheerrufen unter. Das alte -Parlament, welches hier in Sydney tagte, war nicht wiederzuerkennen. -Tücher wurden geschwenkt. Händeklatschen mischte sich in die -Beifallsrufe. Einzelne Parlamentsmitglieder sprangen auf die Sitze und -gestikulierten mit den Armen. - -Die bevorstehende Abstimmung konnte nur noch eine reine Formsache sein. -Die einstimmige Annahme des Beschlusses war sicher. - -Einzelne Mitglieder verließen den Sitzungssaal, traten in die Vorhalle, -sprachen mit Journalisten und Geschäftsfreunden. Von Mund zu Mund -sprang die Nachricht weiter, gelangte ins Freie und wälzte sich durch -die breiten Straßen Sydneys. Seit dreißig Jahren hatte Australien seine -besondere Flagge, den Union Jack, mit dem aufgelegten australischen -Wappen. Das Kreuz mit den Symbolen des Landes lag auf dem roten Tuch -der britischen Flagge. Jetzt tauchten in wenigen Minuten an unzähligen -Fenstern Arrangements der australischen Flagge und des Sternenbanners -auf. Es war unbegreiflich, woher diese Unmenge amerikanischer Fahnen -im Augenblick kam, die hier im Winde flatterten und den Straßen ein -festliches Aussehen gaben. - -Während die Begeisterung durch die Straßen lief und das Parlament zur -Abstimmung schritt, saß der australische Premierminister G. A. Applebee -dem Königlich Großbritannischen Sondergesandten Mr. Swift MacNeill -gegenüber. - -»Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß die englische Regierung die -Lage als außerordentlich ernst ansieht. Der Beschluß des australischen -Parlamentes ist ungesetzlich, weil er alte, wohlerworbene Rechte des -Mutterlandes verletzt.« - -Mr. MacNeill sprach die Worte langsam und unbewegt. So mochten vor -zweitausend Jahren Tribunen und Legaten die Weltmacht Roms in die -Wagschale geworfen haben: ~Roma locuta, causa finita!~ - -Mr. Applebee überlegte seine Erwiderung sorgfältig, bevor er den Mund -aufmachte. - -»Es ist der einstimmige Beschluß des Parlamentes, Sir! Ein Land mit -einer Bevölkerung von vierzig Millionen steht geschlossen hinter dem -Parlament. Dadurch, daß Australien in ein engeres Verhältnis zur -amerikanischen Union tritt, hört es nicht auf, ein Freund Englands zu -sein ...« - -»Australien ist ein Teil des britischen Reiches.« MacNeill sagte es -kurz und schroff. - -»Gewesen, Sir! Bis zum heutigen Tage gewesen! Mit dem heutigen -Parlamentsbeschluß nimmt das Land das Recht voller politischer -Mündigkeit und Souveränität für sich in Anspruch.« - -»Diesen Ausspruch erkennt die britische Regierung nicht an. Ich kann -meine Warnung nur wiederholen. Die Lage ist ungemein ernst.« - -Die Züge des australischen Ministers röteten sich allmählich. Die -innere Erregung ließ seine Stimme vibrieren. - -»Die Lage ist für das britische Reich genau so ernst wie für uns, wenn -Ihre Regierung darauf bestehen sollte, die einstimmigen Beschlüsse -eines freien und mündigen Volkes zu mißachten. Australien kann nicht -ausgehungert werden. Es hat einen bedeutenden Überschuß an Fleisch und -Brot. Es hat in seiner Bevölkerung fünf Millionen wehrhafter Männer ...« - -»Ich hoffe nicht, daß das Land der Welt das traurige Schauspiel einer -abtrünnigen Kolonie bieten wird.« - -Der Engländer sagte es, um etwas zu sagen. Er war seiner Sache nicht -mehr so sicher wie im Anfang. - -Mr. Applebee fuhr fort: »Ein solches Schauspiel mag für England traurig -sein. Die Sympathien der Welt sind fast immer bei den Kolonien gewesen, -welche die Freiheit für sich in Anspruch nahmen und ...« - -Mr. Applebee schwieg. Auch der englische Gesandte blieb still. Der Name -des Diktators Cyrus Stonard stand unausgesprochen zwischen ihnen. Der -Australier fühlte sich der amerikanischen Unterstützung sicher. Der -Engländer hatte die Überzeugung, daß die amerikanische Wehrmacht in dem -Augenblick losschlagen würde, in dem ein englischer Soldat oder ein -englisches Schiff die Freiheit des fünften Kontinents antasteten. - -»Ich hoffe, daß es der Umsicht der englischen Regierung gelingen wird, -die Lage zu entspannen.« - -Das waren die Abschiedsworte, mit denen der australische Premier den -Gesandten entließ. - -Mr. Applebee kehrte in sein Kabinett zurück. Ein Klerk meldete ihm, -daß Mr. Jones ihn zu sprechen wünsche. Mr. J. F. C. Jones, der -Sondergesandte des Präsident-Diktators. ~Allright~, der sollte die -frohe Botschaft aus erster Quelle vernehmen. Der Australier hielt ihm -die Liste mit dem Abstimmungsergebnis entgegen. - -»Die Sache ist in Ordnung, Sir! Einstimmiger Beschluß von Oberhaus -und Unterhaus. Der erste Fall in der Geschichte Australiens, daß ein -Beschluß in beiden Häusern mit allen Stimmen angenommen wird.« - -Mr. Jones trocknete sich die hohe Stirn mit einem seidenen Taschentuch. - -»Ich sehe leider, daß ich zu spät gekommen bin. Ich wollte Sie bitten, -die Abstimmung um vierzehn Tage zu verschieben.« - -Mr. Applebee sank sprachlos auf seinen Stuhl. - -»Ich verstehe nicht. Ich denke, das amerikanische Volk ersehnt die -Vereinigung ebensosehr wie wir?« - -»Es ersehnt sie. Nur ein Aufschub von vierzehn Tagen. Aus Gründen der -äußeren Politik der amerikanischen Union.« - -Mr. Applebee machte eine hilflose Bewegung. - -»Wenn ich auch nur mit der Andeutung eines solchen Wunsches vor das -Parlament trete, bin ich in zwei Minuten später nicht mehr Minister.« - -Der Amerikaner betrachtete seine Stiefelspitzen. - -»Ich werde mich umgehend mit Washington in Verbindung setzen, den -Tatbestand mitteilen, um neue Instruktionen bitten. Die Sache liegt -klar. Der Parlamentsbeschluß ist in der ganzen Stadt, jetzt vielleicht -schon in allen Großstädten des Kontinents bekannt. Das Volk auf der -Straße ist in einem Freudenrausch. Wir können nicht daran denken, diese -Stimmung zu stören. Aber ... Sie sind das ausführende Organ für die -Beschlüsse. Wenden Sie Ihre ganze Kunst auf, um England hinzuhalten. -Beachten Sie wohl, die Sache soll durchaus so vor sich gehen, wie sie -verabredet wurde. Sie ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Bei -dieser Sachlage wird es Ihnen möglich sein, einen Konflikt um vierzehn -Tage hinauszuschieben ... Ich hoffe, es wird Ihrer Kunst gelingen.« - -Mr. Applebee versprach, sein möglichstes zu tun. Während von draußen -her der Jubel der enthusiasmierten Menge dumpf in den Raum drang, -empfahl sich der Amerikaner mit kräftigem Händedruck. - - * * * * * - -Unter den Passagieren des Flugschiffes Stockholm--Köln befand sich Dr. -Glossin. Während seine Mannschaft nach dem Abenteuer in Linnais im -eigenen Schiff nach den Staaten zurückkehrte, fuhr er nach Deutschland. - -Das Flugschiff war ein gutes, ziemlich schnelles Fahrzeug der -mitteleuropäischen Verkehrsgesellschaft. Für zweihundert Passagiere -eingerichtet, legte es bei einer Stundengeschwindigkeit von etwas über -vierhundert Kilometer die Strecke Stockholm--Köln in rund vier Stunden -zurück. Dr. Glossin war um acht Uhr morgens von Stockholm fortgeflogen. -Fahrplanmäßig mußte das Schiff den Kölner Flughafen zwölf Uhr mittags -erreichen. Jetzt stand er zwischen Malmö und Kiel über der Ostsee. - -Der Doktor hatte es sich in einer Fensterecke bequem gemacht und zog -bei sich die Bilanz des Geschehenen. - -Die Sachen waren nicht schlecht gegangen. Erik Truwor und die Seinen -waren vernichtet. Es war bereits schwarz auf weiß gedruckt zu -lesen. Haparandas Dagblad hatte in der Morgenausgabe einen kurzen -Bericht über das Unglück von Linnais. Eine rätselhafte Brand- und -Explosionskatastrophe, die mehrere schwedische Bürger das Leben -gekostet haben sollte. Er hatte einige Exemplare der Zeitung gekauft, -bevor er von Haparanda die Reise nach dem Süden antrat. - -Dr. Glossin konnte zufrieden sein. Der heikle Auftrag des -Präsident-Diktators war erledigt. Die drei Menschen, die er wirklich -fürchtete, waren tot. So, wie er es geplant hatte, war es geschehen. -Die Engländer hatten ihm die gefährliche Arbeit besorgt. Daß die bei -der Gelegenheit etwas angesengt worden waren, störte ihn wenig. Wenn er -an den eingebildeten Trotter dachte, der schließlich seine Brandblasen -im Tornea kühlen mußte, empfand er ein gewisses Vergnügen. - -Erik Truwor war tot. Der Mann, der im Begriffe stand, eine Macht zu -gewinnen, an der Weltreiche zerschellen konnten. Der greuliche Inder -war verbrannt. Der braune Satan, der ihn, den starken Hypnotiseur, -selbst in den Bann der Hypnose gezwungen hatte. Und Silvester Bursfeld -war gestorben. Silvester, dessen späte Rache er fürchten mußte. -Silvester, der ihm Jane entrissen hatte. - -Das Verhältnis des Arztes zu dem Mädchen war immer komplizierter -geworden. Er brauchte sie als Medium von unübertrefflicher Leistung. -Als ein Medium, mit dessen Hilfe er räumlich und zeitlich ins Weite -blicken, die Pläne und Taten seiner Gegner rechtzeitig erkennen, -entfernte Zusammenhänge aufzudecken vermochte. Das war es, was ihm in -den letzten Wochen gefehlt hatte. Alle seine Mißerfolge schrieb er -diesem Fehlen zu. Jane mußte wieder fest in seiner Hand sein. - -Sein Medium, sein Talisman und seine Liebe! - -Mit verzweifelter Kraft klammerte sich die vereinsamte Seele des -alternden Mannes an den Gedanken, Jane ganz sein Eigen zu nennen. Er -fühlte unbewußt, daß diese Liebe für ihn die Entsühnung bedeute. Er -träumte von einem neuen Leben in Reynolds-Farm an Janes Seite. Jetzt -fuhr er nach Düsseldorf, um sie für sich zurückzuerobern. - -Warum mußte auch Jane einen Brief an ihre Nachbarin in Trenton -schreiben und sich erkundigen, ob das Grab ihrer Mutter gut gepflegt -werde. Es lag auf der Hand, daß dieser Umstand dem um das Wohl seines -Mündels so ängstlich besorgten Vormund von den Empfängern des Briefes -nicht verheimlicht werden würde. So wußte Dr. Glossin, daß Jane im -Hause Termölen in Düsseldorf lebte. Es war einfach, beinahe zu einfach -gewesen, ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Viel schwieriger würde es -sein, mit ihr in Verbindung zu treten. - -Während das Schiff die westfälische Ebene überflog, versuchte der Arzt, -sich einen Plan zu machen. Wann hatte er Jane das letztemal gesehen? -Damals, als der Inder R. F. c. 2 wie Wachs schmelzen ließ; als Glossin -um sein Leben laufen mußte. Das mußte eine Annäherung des Doktors -unmöglich machen. Es kam noch dazu, daß Jane doch inzwischen mit -Silvester zusammengewesen sein, von ihm erfahren haben mußte, welche -Rolle Glossin bei seiner Gefangennehmung und Verurteilung gespielt -hatte. Es schien bei solcher Sachlage ein unmögliches Unterfangen für -den Arzt, Jane vor die Augen zu treten. - -Aber schwierige Aufgaben reizten ihn. Er kannte seine eigene -hypnotische Macht über Jane. Gelang es ihm, sich ihr zu nähern, seinen -Einfluß wirken zu lassen, so mußte es ihm glücken, sie wieder ganz in -seinen Bann zu zwingen, alle störenden Erinnerungen wegzusuggerieren. -Nur der erste Angriff mußte geschickt ausgeführt werden. Die ersten -dreißig Sekunden entschieden alles. - -Ruhig und mit voller Nervenkraft an das Werk gehen, darauf kam es -an. Er nahm einige der winzigen Pillen, die ihm eine genau auf die -Minute dosierte Nervenentspannung verschafften, und streckte sich -in den Sessel zurück. So saß er regungslos, bis das Schiff in Köln -landete. Eine knappe halbe Stunde später schritt er durch die Straßen -Düsseldorfs auf das Haus Termölen zu. - -Sein Plan war einfach. Zu irgendeiner Stunde würde Jane doch einmal -die Wohnung verlassen. Sie auf der Straße abpassen, das Fluidum -wirken lassen, sie beeinflussen, sie in seinen Bann zwingen. Er war -so einfach, daß er wohl gelingen mußte. Wenn nicht ... es gab wohl -ein »Wenn«, aber Dr. Glossin hatte es gar nicht in den Bereich der -Möglichkeit gezogen. - -Er schlenderte die Straße entlang, und der Zufall begünstigte ihn. - -Jane trat aus dem Hause und ging in der Richtung nach dem Rattinger Tor -hin. Dr. Glossin verschlang ihre Gestalt mit den Blicken. Sie hatte -sich ein wenig verändert, seitdem er sie zuletzt sah. Die beängstigend -ätherische Zartheit ihres Teints war einer gesünderen Farbe gewichen. -Ihre Figur war voller und kräftiger geworden. - -Sie ging die Straße entlang, blieb hier und dort vor einem Schaufenster -stehen und musterte die Auslagen. Mit der Gewandtheit eines Jägers -pirschte sich der Doktor an sie heran. Unbeachtet in ihre nächste Nähe -kommen, den Einfluß wenige Sekunden wirken lassen, und das Spiel war -gewonnen. - -Während Jane die Schmuckstücke im Schaufenster eines Juweliers -betrachtete, kam er dicht an sie heran, stand unmittelbar hinter ihr -und ließ seine ganze Energie spielen. - -Jane schien es zu merken. Unangenehm, wie eine fremde körperliche -Berührung. Sie drehte sich um und sah ihm unbefangen in die Augen. - -Dr. Glossin erschrak. Das war das Mädchen nicht mehr, das sich in -Trenton und Reynolds-Farm willenlos seinem Blick unterwarf. Er gab das -Spiel verloren, erwartete im nächsten Moment eine Flut von Vorwürfen zu -hören, sann auf schnellen Rückzug. - -Nichts dergleichen geschah. - -Jane begrüßte ihn wie einen alten Bekannten. Sie lud ihn ein, mit in -das Haus zu kommen, und geleitete ihn dort in das Besuchszimmer. Hier -erkundigte sie sich nach allen Bekannten in Trenton. - -Dr. Glossin beantwortete ihre Fragen ausführlich und versuchte, dieses -eigentümliche Benehmen zu ergründen. Ganz vorsichtig ließ er den -Namen Elkington fallen. Jane reagierte nicht darauf. Der Doktor wurde -deutlicher. Er sprach von Elkington, wo er sie das letztemal gesehen -habe. Jane blickte ihn verwundert an. - -»Elkington? ... Elkington? ... Ich bin nie in Elkington gewesen. -Soweit ich mich erinnere, haben wir uns das letztemal in Trenton beim -Begräbnis meiner Mutter gesehen.« - -»Aber meine liebe Miß Jane, können Sie sich auch nicht an Reynolds-Farm -erinnern ...« - -Jane schüttelte verneinend das Haupt. Dabei lachte sie vergnügt; lachte -den Doktor geradezu aus, bis er seine Neugier nicht mehr meistern -konnte. - -»Darf ich fragen, Miß Jane, welcher Umstand Ihre Heiterkeit erregt?« - -»Gewiß, Herr Doktor, ich amüsiere mich darüber, daß Sie mich noch immer -als Miß anreden. Ich glaubte, mein Mann hätte Ihnen meine Vermählung -längst mitgeteilt ...« - -Dr. Glossin sah nicht sehr geistreich aus. Das Erstaunen war zu groß, -die Neuigkeit war zu überraschend und kam zu plötzlich. - -Jane sah es und brach in ein helles Gelächter aus. - -»Sie wissen also nicht, daß ich verheiratet bin? Wissen natürlich auch -nicht, wer mein Mann ist?« - -»Keine Ahnung, Mrs. ... Mrs. ...« - -»Mrs. Bursfeld, damit Sie meinen vollen Namen kennenlernen, Herr -Doktor.« - -»Ich konnte es mir fast denken.« - -Dr. Glossin murmelte die Worte unhörbar vor sich hin. Mochte Jane -immerhin geheiratet haben, so war sie heute doch schon wieder Witwe. -Das sollte ihn nicht stören. Aber er mußte klar sehen, welche -Veränderung mit ihr vorgegangen war. - -Ihre Erinnerung war lückenhaft. Sie wußte nichts mehr von -Reynolds-Farm, wußte vielleicht überhaupt nicht mehr, daß es jemals -einen Menschen namens Logg Sar gegeben hatte, obwohl sie heute Mrs. -Bursfeld war. Todesurteil, Verrat, alle die Dinge, bei denen Glossin -eine so schlimme Rolle spielte, waren ihrem Gedächtnis entschwunden. -Es war dem Doktor klar, daß hier eine suggestive Beeinflussung vorlag. -Man hatte Jane diese aufregenden Vorfälle vergessen lassen, um ihr -hier ein ruhiges Leben der Erholung und Kräftigung zu ermöglichen. Die -guten Wirkungen der Maßnahme zeigten sich auch unverkennbar an ihrem -Aussehen. - -Aber noch etwas anderes mußte geschehen sein. Während Dr. Glossin mit -Jane sprach, versuchte er die alten Künste. Ganze Ströme magnetischen -Fluidums ließ er auf sie wirken, während er im Laufe des Gespräches -ihre Hände ergriff. Mit aller Kraft suchte er sie wieder unter seinen -Willen zu zwingen. Ein Weilchen ließ ihn Jane gewähren. Dann entzog sie -ihm ihre Hände. - -»Nun ist es genug, Herr Doktor. Sie sehen mich an ... so ... was ... -wollen Sie?« - -Bei diesen Worten schaute sie ihm selbst so sicher und unbeeinflußt in -die Augen, daß er seine Bemühungen aufgab. - -Ein mächtiger Wille hatte Jane gegen alle hypnotischen Beeinflussungen -von anderer Seite verriegelt. Wohl konnte er ruhig mit Jane sprechen. -Aber alle Annäherung konnte ihm nichts nutzen. Sie war gegen seinen -Einfluß gefeit. Eine Verriegelung, die Atma gelegt hatte ... Dr. -Glossin zweifelte, ob es ihm je gelingen könnte, sie wieder aufzuheben. -Ein einziges Mittel blieb, eine schwere seelische Erschütterung. Wenn -sie stark genug war, wenn sie die Seele mit voller Macht traf, dann -konnte sie den Riegel vielleicht zerbrechen. - -Dr. Glossin lehnte sich in seinen Stuhl zurück und holte aus seiner -Brusttasche ein zusammengefaltetes Zeitungsblatt hervor. - -»Ich bitte Sie um Verzeihung, Mrs. Bursfeld, wenn meine Blicke länger -als üblich an den Ihren hingen, meine Hände länger als gewöhnlich in -den Ihren ruhten. Die überraschende Mitteilung Ihrer Vermählung bringt -mich in eine eigenartige Lage, macht eine Nachricht, die sonst nur -bedauerlich gewesen wäre, zu einer Trauerbotschaft.« - -Jane blickte ihn mit weitgeöffneten Augen an. Überraschung und -Bestürzung malten sich auf ihren Zügen. - -»Eine schlimme Nachricht aus Linnais.« - -Dr. Glossin sagte es, während er Jane das Haparanda Dagblad mit der -Nachricht vom Untergange des alten Hauses Truwor hinhielt. - -Jane warf einen Blick darauf. - -»Herr Doktor, ich verstehe kein Schwedisch. Sie müssen mir das -übersetzen.« - -Dr. Glossin nahm das Blatt wieder an sich und begann Wort für Wort -zu übersetzen. Die Nachricht vom Brande, von den Explosionen. Vom -Untergange des ganzen alten Hauses in einer einzigen wabernden Lohe. -Vom sicheren Tode aller Insassen. - -Während er Zeile für Zeile übersetzte, wurde Jane von Sekunde zu -Sekunde blasser. Bei den letzten Worten sank sie mit einem leisen -Schrei ohnmächtig von ihrem Stuhl auf den Teppich. - -»Jetzt oder nie ... vielleicht ist der Riegel gebrochen.« - -Dr. Glossin beugte sich über die ohnmächtig Daliegende. Er strich -ihr über die Stirn. Alles magnetische Fluidum, über das er verfügte, -versuchte er in ihren Körper zu jagen. Sie wieder ganz unter seinen -Willen und Einfluß zu zwingen. - -Er befahl ihr, sich zu erheben, und Jane führte den Befehl aus. Mit -halbgeschlossenen Augen stand sie vor ihm. - -Auf einen Dritten hätte die Szene einen wunderbaren Eindruck gemacht -... Kein Wort wurde gesprochen. Lautlos erteilte Dr. Glossin seine -Befehle. Lautlos vollzog sie Jane, solange sie sie noch vollzog. - -Eine Richtung der Pupillen von Jane gefiel dem Doktor nicht. »Sehen Sie -mich an. Sehen Sie mir genau in die Augen«, befahl er. - -Jane leistete dem Befehl keine Folge. Erst wanderte ihr Blick. Dann -drehte sich ihr Haupt und dann der ganze Körper. Sie wandte dem Doktor -halb den Rücken zu. Wäre Dr. Glossin über die Himmelsrichtungen in dem -Zimmer orientiert gewesen, hätte er bemerkt, daß Jane genau nach Norden -blickte. - -So stand sie. Minuten hindurch. Dr. Glossin bot seine ganze Kraft auf -und hatte keinen Erfolg. - -Wenn der Riegel jemals gebrochen war, so war er in diesen Sekunden -wieder zusammengeschweißt. - -Jetzt wandte sich Jane ruhig dem Doktor wieder zu. Sie zeigte eine -heitere Miene. Jede Angst und Unruhe waren wie weggewischt. Sie nahm -die Unterhaltung da wieder auf, wo sie vor langen Minuten gestockt -hatte. - -»Dieser Zeitungsbericht ist doch längst überholt. Ein bedauerlicher -Zwischenfall. Ein Brand, der im Laboratorium von Erik Truwor ausbrach. -Ich hörte davon. Es ist schade. Es hält die Arbeiten wieder auf. Ich -werde meinen Mann ein paar Tage länger entbehren müssen. Aber Sie -können beruhigt sein. Er ist unversehrt und arbeitet mit allen Kräften -an seiner Erfindung weiter ...« - -Dr. Glossin hatte das Empfinden, als ob alles um ihn niederbräche. Eben -noch seines Sieges gewiß. Im Bewußtsein, drei Gegner vernichtet zu -haben. Im Begriff, Jane wieder unter seinen Einfluß zu zwingen. - -Und nun? Die junge Frau stand sicher und selbstbewußt vor ihm. Sie -lachte über die Mitteilungen, die sie niederschlagen sollten. - -»Herr Doktor, Ihre Nachrichten sind überholt. Ich habe neuere, bessere.« - -Mit dieser im Konversationston vorgebrachten Bemerkung schlug sie alle -seine Angriffe zurück, vereitelte sie seine Anstrengungen, setzte sie -ihn der Gefahr aus, sich lächerlich zu machen, wenn er seinen Besuch -noch weiter ausdehnte. - -Dr. Glossin empfahl sich. Äußerlich höflich, innerlich zerrissen und -wütend. - -»Wenn nicht die eine, so die andere! Wir wollen sehen, wie Lady Diana -die Nachricht aufnimmt.« - -Mit diesem Vorsatz verließ er das Haus. - - * * * * * - -Das war die Stellung der beiden Flotten. Vor der Broken-Bai auf -der Reede von Port Jackson lagen die sechs großen australischen -Schlachtschiffe. Die »Tasmania«, »Viktoria«, »Kaledonia« usw. Mit den -leichteren Streitkräften insgesamt fünfzehn Fahrzeuge. Etwa sechzehn -Kilometer nördlich nach Rielmond hin ankerte das englische Geschwader. -Es hatte alles in allem rund die doppelte Schiffszahl der australischen -Flotte und auch die doppelte Kampfstärke. - -Nur Kommodore Blain und die Herren von der Admiralität in London -wußten, warum ein englisches Geschwader von solcher Stärke plötzlich -in der Nähe von Sydney auftauchte. Vielleicht geschah es, um den -Vorstellungen des englischen Sondergesandten MacNeill ein besonderes -Gewicht zu verleihen. Vielleicht war es auch wirklich nur ein Zufall. - -Mochte dem sein, wie ihm wolle. Die Besatzungen der australischen -Schiffe vom Admiral Morison bis hinab zu den letzten Midshipmen waren -über die Anwesenheit nicht erbaut. Für den Admiral Morison waren zwar -die strikten Anweisungen seiner Regierung bindend, die ihm einen nicht -nur höflichen, sondern sogar herzlichen Verkehr mit der englischen -Flotte zur Pflicht machten. Aber Admiral Morison war einer gegen -dreißigtausend Mann der Flottenbesatzung. - -Mittags um zwölf wurde der Beschluß des australischen Parlaments auf -der Flotte bekannt. Es war Essenszeit. Wer nur irgendwie dienstfrei -war, saß beim Mittagmahl. Die Mannschaften in den großen luftigen -Zwischendecks, Offiziere und Ingenieure in ihren Messen. Die Gebräuche -der Marine und der anglosächsischen Marine ganz besonders sind -ehrwürdig und wenig veränderlich. Es gab Speck mit dicken Erbsen, wie -ihn die Seeleute Nelsons schon bei Aboukir und Trafalgar bekommen -hatten und wie ihn aller Voraussicht nach auch noch die Enkel und -Urenkel der hier Schmausenden erhalten würden. Nur so weit hatte sich -der soziale Gedanke auch in der australischen Flotte durchgesetzt, -daß die Offiziere das gleiche erhielten wie die Mannschaften, also in -diesem Falle ebenfalls Speck mit dicken Erbsen. - -So saßen sie und speisten. Die Mannschaften zu Hunderten. Die Offiziere -zu Dutzenden. Nur der Kapitän allein. Eben jenem alten Brauche folgend, -der im Kapitän eines Schiffes einen Halbgott erblickt, den kein anderer -Sterblicher essen sehen darf. - -Also saß Kapitän George Shufflebotham, der Kommandant der »Tasmania«, -allein in seiner Kabine und verzehrte das kräftige, aber Durst -erregende Mahl. Es lag in seinen persönlichen Gewohnheiten begründet, -daß er dabei den Whisky nur wenig mit Soda verdünnte. Gerade als er das -letzte Stück Speck mit einem guten Schluck Whisky vom Stapel ließ, kam -der Läufer in seine Kabine und legte ihm die Funkendepesche auf den -Tisch. - -Kapitän Shufflebotham kaute und las. Schluckte und schlug mit der Faust -auf den Tisch. - -Mit der Depesche in der Hand verließ er seine Kabine und ging in das -Mannschaftsdeck, wo die Leute gerade mit den Resten der Mahlzeit -beschäftigt waren. Winkte den ersten besten heran. - -»Kannst du lesen, mein Junge?« - -»Ich denke ja, Herr Kapitän.« - -»Dann lies mal! Lies das Ding so laut vor, daß alle es hören können!« - -Mit einem Blick hatte Jimmy Brown den Inhalt der Depesche überflogen -und begriffen. Stellte sich in Positur und brüllte mit Riesenstimme: -»Achtung! ... Ruhe! ... Verlesung auf Befehl des Herrn Kapitäns ...!« - -Als Jimmy Brown geendet hatte, durchbrauste ein ungeheurer Jubel das -Zwischendeck. Kapitän Shufflebotham beobachtete mit triumphierender -Miene die Wirkung der Verlesung. Dann winkte er Jimmy Brown beiseite, -nahm die Depesche zurück und sprach angelegentlich mit ihm. - -Jimmy Brown hörte zu. Erst ruhig. Dann mit weit aufgerissenen Augen, -als verstünde er nicht, was der Kapitän sage und wolle. Dann mit -beginnendem Verständnis und schließlich mit kaum verhehltem Vergnügen. -Der Kapitän ging in seine Kabine zurück. Jimmy Brown ließ Erbsen Erbsen -sein und machte sich auf dem Deck zu schaffen. Auf Deck, und zwar an -der Flaggenleine. Ganz langsam stieg der Union Jack, der im Topp des -Gefechtsmastes flatterte, herunter. Kurze Zeit hatte Jimmy Brown danach -an einer Stelle der Flaggenleine zu tun. Er bastelte, knotete und -knüpfte, während ein paar Kumpane ihn nach allen Seiten deckten. - -Dann kam die Flaggenleine wieder in Bewegung. Sie stieg. Aber sie nahm -eine eigenartige und von keiner seefahrenden Nation anerkannte Flagge -mit empor. Es war ein großer Scheuerlappen, der dort majestätisch in -die Höhe ging, und in einem Drittel der Mastlänge folgte ihm der Union -Jack. Als die Leine zur Ruhe kam und von Jimmy Brown festgeknotet -wurde, flatterte der Lappen munter im Topp, und tief unter ihm, beinahe -Halbmast, stand die Flagge Großbritanniens. - -Es war Unfug ... Grober Unfug ... Wenn die Mannschaften einmal mit der -Beköstigung oder sonstwie unzufrieden waren, hatten sie solchen Lappen -an die Flaggenleine geknotet. Die Götter mögen wissen, wie dem Kapitän -Shufflebotham in der Whiskylaune der Gedanke kam, diese alte Geschichte -wieder aufzuwärmen und zu einer offenkundigen Verhöhnung der britischen -Flagge zu benutzen. Es genügt, daß es geschah und auf den anderen -Schiffen Nachahmung fand. Auch auf der »Viktoria«, der »Alexandra«, -der »Kaledonia« und allen anderen hatte man die Depesche des -Parlamentsbeschlusses erhalten und war tatenlustig. Vergebens warfen -sich die Offiziere ins Mittel und verboten das Manöver. Es grenzte so -ziemlich an Meuterei. Überall wurden die Vorgesetzten zurückgedrängt, -und auf allen Schiffen der australischen Flotte flatterte nach wenigen -Minuten ein übler Lappen über dem Union Jack. - -Vergeblich sandte Admiral Morison von seinem Flaggschiff, der -»Melbourne«, eine dringende Depesche nach der anderen und drohte, die -Schiffskommandanten vor ein Kriegsgericht zu bringen. Sie beteuerten -die Unmöglichkeit, diese sonderbaren Flaggen gegen den Willen der -gesamten Mannschaften niederzuholen. Bis auf den Kapitän Shufflebotham. -Der antwortete überhaupt nicht. Er lag auf dem Sofa seiner Kabine und -schlief den Schlaf des Gerechten. - -Aber die eigenartige Flaggenparade war von mehr als einer Stelle -gesehen worden. Auch Kommodore Blain, der Chef des englischen -Geschwaders, hatte sie bemerkt. Bei der Entfernung von sechzehn -Kilometer konnte er auch mit einem guten Glase nur erkennen, daß eine -einfarbige dunkle Flagge über dem Union Jack saß. Darum schickte er -einen Flieger aus, der sich das Ding in der Nähe besehen sollte. -War entrüstet, als er hörte, daß die ältesten und zerrissensten -Schauerlappen in den Toppen der australischen Flotte über der -geheiligten Flagge Englands wehten. Dann griff er zum Telephon und rief -den Admiral Morison selber an. - -Die Unterredung war auf englischer Seite von bemerkenswerter Kürze, -aber inhaltvoll. Admiral Morison betonte, daß seine Flotte sich im -Zustande halber Meuterei befände, daß sein eigenes Schiff den Unsinn -nicht mitmache, daß er bemüht bleibe, wieder ordnungsmäßige Zustände -herzustellen. Die Antwort des Admirals Blain war kurz und schroff. - -»Es ist drei Viertel eins. Wenn die Lappen noch um eins hängen, schieße -ich.« - -Die telephonische Verbindung brach ab. Admiral Morison rief den Kapitän -und die Offiziere seines Flaggschiffes. Es war in zwölf Minuten eins, -als sie bei ihm eintraten. Von ihnen hörte er, daß das englische -Geschwader die Anker aufgenommen habe und nordwärts über die Kimme -dampfe. In fliegender Hast benachrichtigte er sie von der Unterredung -mit dem Engländer. Zehn Minuten vor eins hatten sie die Lage begriffen. -Natürlich ... die englische Flotte segelte auf Gefechtsentfernung von -dreißig Kilometer irgendwohin, wo sie im Falle eines Kampfes die -australischen Flieger erst ausfindig machen mußten, während Admiral -Blain wußte, wo er den Gegner zu suchen und zu treffen hatte. - -Neun Minuten vor eins ... acht Minuten vor eins. - -Die Schiffe noch jetzt zum Streichen dieses verdammten Schauerlappens -zu bringen? ... Ganz unmöglich. Seit fast einer Stunde versuchte man es -ja vergeblich. Dann wenigstens nicht wehrlos zugrunde gehen. Sich nicht -hier vor Anker in Grund schießen lassen. Es war sechs Minuten vor eins, -als vom Admiralschiff an alle Einheiten der Flotte der Befehl kam, -schnellstens Anker aufzunehmen und gefechtsklar zu machen. - -Niemals wurde ein Befehl in der australischen Marine schneller befolgt. -So schwerhörig sie früher auf den einzelnen Schiffen gewesen waren, so -hellhörig wurden sie jetzt. Man hatte das Verschwinden der englischen -Flotte beobachtet und machte sich seinen Vers darauf. - -Vier Minuten vor eins waren alle Anker gelichtet. Drei Minuten vor eins -lief die australische Flotte, die einzelnen Geschwader in Kiellinie, -mit voller Maschinenkraft seewärts Kurs Süd zu Südost. - -Admiral Morison sah auf die Uhr. Eine Minute vor eins. Er trat in den -Kommandoturm. Immer noch die schwache Hoffnung im Herzen, daß der -Engländer seine Drohung nicht wahrmachen würde. Daß es ihm selber -gelingen würde, die Flotte unter den Kanonen der Botany-Bai in -Sicherheit zu bringen. Der Kampf mit der doppelt so starken englischen -Flotte war zu aussichtslos, als daß er ihn irgendwie wünschen konnte. -Der Kapitän der »Melbourne« war hinsichtlich der Engländer anderer -Meinung. - -Schon schwirrten englische Flieger über der Kimmung. Und dann kamen -die ersten englischen Geschosse. Zunächst keine Treffer. Aber jeder -Schuß gab Veranlassung zu Korrekturen, und immer näher bei den Schiffen -schlugen die schweren Geschosse in die See, dort wüste und wütende -Wasserberge emporreißend. - -Die Aussichten, ein schnell und im Zickzackkurs fahrendes Schiff -auf dreißig bis vierzig Kilometer Entfernung direkt zu treffen, -waren natürlich minimal. Dafür aber hatte die Technik dieser Tage -Geschosse geschaffen, welche das alte Prinzip der bereits im Weltkriege -benutzten Wasserbomben weiter ausbauten. Sie explodierten erst vierzig -Meter unter Wasser, warfen dann aber eine Woge auf, welche jeden -in fünfhundert Meter Nähe befindlichen Panzer zum Kentern bringen -mußte. Die Kriegstechnik hatte, wie immer, auf den verbesserten -Angriff einen verbesserten Schutz folgen lassen. Die Kriegsschiffe -waren mit stabilisierenden Kreiseln ausgerüstet, die den kippenden -Wogen Widerstand zu leisten vermochten. Bis zu einem gewissen Grade -wenigstens. - -Aber nun folgten die englischen Salven in dichter Folge. Admiral -Morison zog seine Schiffe weit auseinander, um aus dem schlimmsten -Strudelwasser herauszukommen. Auch die Australier feuerten, was die -Rohre hergeben wollten, und ihre Flieger meldeten die Einschläge, -verbesserten die Richtungen. - -Aber es stand schlimm um die Schiffe Morisons. Schon trieb die -Kaledonia gekentert kieloben. Jetzt faßte ein Zufallstreffer die -Alexandra und verwandelte sie in der nächsten Sekunde in eine graue -Wolke kleiner Stahlbrocken und gelblich schwelenden Rauches. Wohl -hatten auch die australischen Kanoniere einige Fahrzeuge des Gegners -gekippt, und einem Torpedoflieger war es gelungen, einen Lufttorpedo -aus zweitausend Meter auf das Deck des Alcestes zu setzen und ihn in -Trümmer zu zerreißen. Aber es war klar, daß die australische Flotte nur -noch für die Ehre der Flagge focht ... welcher Flagge denn? - -Ein bitteres Lächeln umspielte die Züge des Admirals Morison, als er -den Gedanken dachte. Für die Laune, hier einen Scheuerlappen zu hissen, -schlug sich seine Flotte auf Leben und Tod mit dem weit überlegenen -Gegner. Um dieser Laune willen mußte er in schreiendem Gegensatz zu -den Befehlen seiner Regierung mit einer Flotte kämpfen, mit der ihm -die Pflege freundschaftlicher Beziehungen befohlen war. Es war bitter -für einen Mann, dessen Leben bisher strenge Pflichterfüllung gewesen -war. Aber Admiral Morison stand unter dem Zwange der Verhältnisse und -beschloß, auszuharren bis zum Ende. - -Eine Meldung eines seiner Flieger ließ ihn aufmerken. - -»Englischer Panzer Alkyon gekentert. Ohne Schuß von uns.« - -Schon kam eine zweite Meldung von einem anderen Flugschiff: - -»Amphitrite geht auf Grund. Ohne Schußeinwirkung von uns.« - -Die dritte Meldung folgte unmittelbar: - -»Niobe sinkt. Es scheinen U-Boote zu wirken«. - -Die folgenden Sekunden brachten noch ein halbes Dutzend gleichartiger -Meldungen. Bis Admiral Blain den ungleichen Kampf aufgab und mit dem -Reste seiner Schiffe nach Nordosten entfloh. - -Admiral Morison sammelte den Rest seines Geschwaders und setzte den -Kurs auf den bisherigen Standort der englischen Flotte. Nach beendetem -Kampf war es Seemannspflicht, Überlebende zu retten. - -Auf halbem Wege, auf der Höhe von Sydney, kamen ihm U-Boote entgegen. -Hundert U-Boote. In Kiellinie zogen sie in Überwasserfahrt daher. -Große, schwer gepanzerte Kreuzer von einer Art, wie sie Australien -nicht besaß. Sie fuhren schnell und waren im Augenblick heran. - -Es konnten Feinde sein. Aber keinem Menschen in der australischen -Flotte kam dieser Gedanke. Sie alle, von dem Schiffskommandanten bis -zu den einfachen Kanonieren, erblickten in diesen Booten die Erretter -vom sicheren Untergang und begrüßten sie mit brausendem Cheer. Da -ging am Heck des ersten Bootes ein rötlicher Ball empor, breitete -sich im Winde aus und zeigte das Sternenbanner der amerikanischen -Union. Amerikanische U-Boote hatten unter der Führung des Admirals -Willcox eingegriffen. Unbekannt mit den letzten Entschließungen von -Cyrus Stonard, sah Willcox die australische Flotte im Kampfe mit der -englischen Übermacht. Mochten die Politiker treiben, was sie wollten. -Der Seebär Willcox wußte nur, daß Australien nächstens amerikanisch -werden würde. Das hatte ihm genügt. - -Die australische Flotte lief in den Hafen von Sydney. Die amerikanische -U-Boot-Flotte folgte nach einer plötzlichen Entschließung des Admirals -Willcox. Der meinte, daß es Zeit sei, das warme Eisen zu schmieden, und -kümmerte sich den Teufel um diplomatische Gebräuche und Abmachungen. - -Die Kunde von dem Gefecht und dem Eingreifen der amerikanischen Hilfe -war den Flotten drahtlos vorausgeeilt. Eine bange Stunde hindurch -hatten in Sydney die Häuser unter dem schweren Feuer der kämpfenden -Flotten gebebt. Dann kam die Erlösung. Hilfe und Sieg durch die -Amerikaner. Da schlug die bange Stimmung in das Gegenteil um. Die -Amerikaner, die jetzt im Hafen lagen, die in einzelnen Trupps an Land -kamen, wurden mit hellem Jubel begrüßt. Niemand in ganz Sydney dachte -mehr an die Tagesarbeit. Von dichten Scharen waren die Straßen schwarz, -während die Häuserfassaden im Flaggenschmuck verschwanden. - -Einer der wenigen, die nicht an diesem allgemeinen Jubel teilnahmen, -war der australische Premier Mr. Applebee. Der Staatsmann dachte an die -Zukunft und fuhr bei MacNeills, dem englischen Gesandten, vor. Nicht -ohne sich einen bestimmten Plan zurechtgemacht zu haben. - -Der Engländer empfing ihn hochmütig und kalt. Das Erstaunen zu deutlich -zur Schau tragend, als daß es für ganz natürlich gehalten werden konnte. - -»Was wünschen Sie, Herr Ministerpräsident? Ich glaube kaum, daß wir uns -nach dieser Affäre noch etwas zu sagen haben.« - -Mr. Applebee war auf den Empfang gefaßt. - -»Gestatten Sie, daß ich anderer Meinung über die Vorfälle bin. Es -war der englische Admiral, der die Feindseligkeiten eröffnete und den -ersten Schuß auf unsere Flotte tat. Auf unsere kleine Flotte, die -sich in diesem unglücklichen Augenblick in offensichtlicher Meuterei -befand. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich diesen Flaggenunfug genau so -verurteile wie unser Admiral Morison. Der ganze Unsinn geht von einem -als Trinker bekannten Kapitän aus, der heute noch seines Amtes enthoben -werden soll. Doch dieser Umstand rechtfertigt das schroffe Vorgehen -Ihres Admirals nicht. Was ist dabei herausgekommen? Gerade das, vor dem -ich heute vormittag warnen zu müssen glaubte. Ein Eingreifen Amerikas -an unserer Seite. - -Aber trotz aller dieser Vorfälle ... höchst bedauerlichen Vorfälle, die -uns und Ihnen Menschenleben und gute Schiffe gekostet haben, hoffe ich -immer noch, daß sich die Affäre in friedlicher Weise beilegen lassen -wird. Ich habe nach Ihrem letzten Besuch auf Mittel und Wege gesonnen, -dem Parlamentsbeschluß die Spitze abzubrechen. Ich hoffe, solche -gefunden zu haben, und wäre untröstlich, wenn die Verständigung jetzt -scheitern sollte.« - -MacNeills horchte auf. Eine Möglichkeit, den Parlamentsbeschluß zu -inhibieren? Das gab der Sache eine neue Wendung. Er erwiderte, er wolle -umgehend drahtlos Instruktionen seiner Regierung einholen. - -Mr. Applebee war noch keine Stunde von diesem Besuch zurückgekehrt, als -er den Gegenbesuch MacNeills empfing. Die englische Regierung bestehe -auf restlose Aufklärung der Vorfälle. Danach würde sie ihre weiteren -Schritte einrichten. - -Mr. Applebee atmete auf. Das hieß, aus dem Diplomatischen in die -tägliche Gebrauchssprache übersetzt, daß auch England die Sache -nicht über das Knie brechen wolle. Restlose Aufklärung ... das waren -wenigstens vierzehn Tage. Mehr hatte Cyrus Stonard nicht verlangt. Er -schüttelte dem Engländer beim Abschied mit ostentativer Herzlichkeit -die Hand. - -Mr. MacNeills fuhr im Kraftwagen nach seinem Hotel zurück. Am -Prinz-Alfred-Park geriet das Auto in den Strom der singenden, -johlenden, flaggenschwingenden Menge. Das Gedränge zwang den Chauffeur, -langsam zu fahren. Ein australischer Matrose, ein Sternenbanner in der -Rechten schwingend, sprang auf das Trittbrett. Ließ die Flagge wehen. - -»Hallo, Boys, drei Hurras für Uncle Sam!« - -Vieltausendstimmig wurde der Ruf von der Menge aufgenommen und rollte -wie ein Donnerwetter die breite Straße entlang. Da fühlte MacNeills, -daß Australien für England unwiederbringlich verloren sei. Der Führer -hatte sich durch den Menschenstrom gewunden, die ruhige Seitenstraße -erreicht. - -»Fahr zu, Chauffeur!« - -Kurz und scharf rief es der Engländer und warf sich in das Kissen -zurück. - - * * * * * - -Die gespannte politische Lage nötigte auch den Vierten Lord -der Admiralität, seinen Landaufenthalt für unbestimmte Zeit zu -unterbrechen. Lord Horace Maitland war mit Familie und Dienerschaft in -sein Stadthaus übergesiedelt, ein einfaches, aber geräumiges Palais -aus der Zeit des dritten Georg. Kaum zehn Minuten von der Admiralität -entfernt. - -Eine kleine Gesellschaft der nächsten Bekannten saß dort um den -Teetisch versammelt. Lord Horace kam aus einer Sitzung. In diesem -Kreise durfte er sich ziemlich frei äußern. - -»Die Ansichten im Kabinett waren geteilt. Einige meiner Kollegen hoffen -immer noch, daß sich ein Krieg ... der Krieg, der um Englands Schicksal -geht ... vermeiden läßt. Die Entscheidung liegt beim Parlament, das -morgen zusammentritt.« - -»Eine bange Nacht für alle, die mit ihrem Blute für das Vaterland -eintreten müssen.« - -Einer der Gäste hatte es gesagt. - -»Noch eine lange, bange Nacht!« - -Lady Diana flüsterte es mit bewegter Stimme. Sie blickte -geistesabwesend vor sich hin und rührte mit dem kleinen Silberlöffel -mechanisch in der Teetasse. - -Lord Horace betrachtete sie mit forschendem Blick. Seit Tagen fiel -ihm eine Veränderung an ihr auf, für die er keine Erklärung fand. -Was konnte die ruhige, gefestigte Natur seiner Frau so außer Fassung -bringen? Der drohende Krieg? ... Wenig wahrscheinlich! Was sonst? - -Lady Diana atmete, wie von einer Last befreit, als die Gäste sich -empfahlen. Lord Horace sah, wie gezwungen das Lächeln war, mit dem sie -sie verabschiedete. - -Vergeblich wartete er auf ihre Rückkehr. - -»Die Lady hat sich in ihre Räume zurückgezogen.« - -Der Bescheid wurde ihm auf seine Frage. So war es ihm unmöglich, dem -Grunde dieser Veränderung näherzukommen. Es hieß wohl zu warten, bis -seine Gattin freiwillig sprechen würde. - -Er war in Sorge. Seine Heirat war eine Liebesheirat im besten und -edelsten Sinne. Die Erhöhung des Gatten, die unerwartete Erbschaft des -Lordtitels hatte das innige zarte Verhältnis der Gatten nicht geändert. -Die Liebe, die in der Hütte blüht, stirbt leicht im Palast. Hier war -das nicht der Fall. Doch seit einigen Tagen fühlte Lord Horace, daß -etwas Fremdes zwischen ihm und seiner Gattin stand. - -Lady Diana schritt rastlos in ihrem Zimmer hin und her, mit fieberisch -geröteten Wangen. Die Lippen wie durstig geöffnet. - -Die Stutzuhr schlug die sechste Stunde. - -Diana Maitland hielt in ihrem Gang inne und starrte auf das Zifferblatt. - -»Schon wieder ein Tag vergangen ... ohne Nachricht ... Noch eine Nacht -wie die vergangene ertrage ich nicht ... Warum das alles? ... Um eines -Mannes willen, dessen Namen ich längst aus meinem Leben gestrichen zu -haben glaubte. Ah ...« - -Sie warf sich auf den Diwan. Die eine Hand schob ungeduldig die Kissen -zurecht, die andere strich das Haar von der Schläfe. Ihre Augen waren -geschlossen, aber es zuckte zuweilen in den langen Wimpern. - -Eine Welt lag zwischen diesem unruhig sinnenden, gegen Tränen -kämpfenden Weib und jener heiteren, strahlenden Schönheit, die noch vor -wenigen Tagen den Mittelpunkt der glänzenden Gästeschar in Maitland -Castle bildete. - -Ihre Lippen formten Worte. - -»Warum lasse ich mich in wachendem Zustand von diesen Träumen quälen? -Ist es nicht genug an den unruhigen Nächten? ... Warum diese Angst? -... Was habe ich getan, was ich nicht vor mir selbst, vor aller Welt -verantworten könnte? - -Ich bin nur feig ... oder vielleicht krank ... und könnte doch gerade -so glücklich sein, wie mich die Welt schätzt.« - -Lady Diana richtete sich heftig auf. - -»Horace beobachtet mich ... meine Aufregung ist ihm nicht entgangen ... -ich bin ihm kein Geständnis schuldig! Nein, nein! Soll ich ein zweites -Mal für eine Sünde büßen, die keine war?« - -Erschöpft warf sie sich auf den Diwan zurück und schlug die großen -dunklen Augen zur Zimmerdecke auf. Wie unter einem Zwange sprach sie -weiter: - -»Der eine liegt auf dem Père Lachaise. Der andere in Linnais ...?« - -Ein Pochen an der Tür. Auf silbernem Tablett brachte die Zofe einen -Brief. Ein großes graues Kuvert. Deutsche Briefmarken. Die Schrift der -Adresse schien ihr wohl bekannt, und doch konnte sie den Schreiber -nicht erraten. - -»Legen Sie den Brief auf den Tisch. Ich werde ihn später lesen.« - -Sie sagte es mit gleichgültiger Stimme. Kaum hatte die Zofe den -Raum verlassen, als sie aufsprang und den Umschlag mit zitternden -Fingern zerriß. Ein einfaches Zeitungsblatt bildete den Inhalt. Eine -schwedische Zeitung. Ihre Sprachkenntnisse reichten hin, den Inhalt -halb zu entziffern, halb zu erraten. An einer Stelle ein roter Strich. -Eine fettgedruckte Stichmarke ... Linnais ... - -Sie ging zum Diwan zurück, zwang sich gewaltsam, die wenigen Zeilen -Wort für Wort zu lesen: - -»Linnais, den 20. Juli. Eine Katastrophe, die noch der Aufklärung -bedarf, hat gestern das in unserer Nähe liegende Gehöft der Truwors -betroffen. Um Mitternacht flog das Herrenhaus unter schweren -Explosionen in die Luft. Es wurde von dem erst kürzlich aus dem -Auslande zurückgekehrten Besitzer bewohnt, der zwei Freunde als Gäste -bei sich hatte. Mit Sicherheit ist anzunehmen, daß alle Insassen den -Tod gefunden haben. Über die Ursache der Katastrophe gehen Gerüchte, -die wir ihrer Unkontrollierbarkeit wegen vorläufig nicht wiedergeben -wollen.« - -Mit einem leisen Aufschrei sank Diana Maitland auf den Diwan zurück. -Wie im Traume sah sie, wie sich die Tür öffnete, Lord Horace in das -Zimmer trat, die Tür hinter ihm ins Schloß fiel. Es war ihr unmöglich, -sich zu erheben. Es gelang ihr nur, sich etwas aufzurichten. - -»Du hast eine unangenehme Nachricht erhalten?« - -»Eine unangenehme Nachricht ... wie kommst du auf die Frage?« - -Lord Horace deutete auf das am Boden liegende Zeitungsblatt. - -»Wer sandte dir diese Zeitung?« - -Die Antwort kam nicht gleich. Endlich kam sie ... zögernd und unfrei: - -»Dr. Glossin.« - -»Von Dr. Glossin?!« - -Lord Horace trat einen Schritt zurück. - -»Von Dr. Glossin? ... Gib mir, bitte, eine Erklärung. Du bist sie mir -schuldig. Was steht in dem Blatt, daß dich in eine solche Erregung -versetzt?« - -Lady Diana zögerte, stockte. Erst nach geraumer Weile hatte sie ihre -Stimme in der Gewalt. - -»Du darfst mir nicht zürnen, Horace. Es überkam mich plötzlich ... -gewiß eine Folge der letzten kritischen Tage. Sie haben Ansprüche auf -meine Nerven gemacht, denen ich nicht gewachsen war ... Die Zeitung von -Dr. Glossin ... oh, gewiß! Es wird dich interessieren, welchen Erfolg -die Expedition nach Linnais gehabt hat. Dr. Glossin ... ah, gewiß! Es -wird dich interessieren, welche Nachrichten er überbringt.« - -»Warum schickte er die Zeitung an deine Adresse?« - -»Ich glaube ... ich glaube ... nun sehr einfach, ihr Männer seid doch -jetzt Feinde.« - -Diana Maitland versuchte zu scherzen. - -»Sein patriotisches Gewissen erlaubt ihm keinen Verkehr mehr mit dir -... Ich werde dir diese Zeilen übersetzen.« Sie las ihm den Inhalt der -Notiz vor. - -»Ah, sehr gut ... Der Plan ist also gelungen. Unbegreiflich, daß noch -keine Meldung von Oberst Trotter vorliegt ... Doch du? ... Du freust -dich nicht? Und nahmst doch zuerst so starken Anteil an dem Plan.« - -Diana war zurückgesunken. Sie drückte das feine Spitzentuch gegen die -Stirn. Ihre Brust bewegte sich heftig. - -»Diana, was ist dir?« - -»Nichts! Habe Geduld mit mir, Horace. Es wird vorübergehen. Überlasse -mich heute mir selbst, ich bitte dich!« - -»Schenke mir Vertrauen, Diana. Befreie dich von der Last. Sage mir, was -dich quält.« - -Lord Maitland näherte sich ihr und legte den Arm beruhigend um ihren -Nacken. - -Diana zuckte leise zusammen. Ihr Körper erzitterte. - -»Lasse mich! Lasse mich! Ich bin nicht die, die ...« - -Klage und Herausforderung schienen zu gleicher Zeit im Klange dieser -Worte zu liegen. Lord Horace zog seine Hände von ihren Schultern -zurück. Betroffen sah er das jagende Wechselspiel von Licht und -Schatten auf ihren Zügen. Er wagte nicht zu sprechen, wagte nicht diese -Qual, in der ihre Seele sich wand, zu unterbrechen. Endlich nach langem -Schweigen schien ihr der Entschluß zu reifen. Ein harter Zug legte sich -um ihren Mund. - -»Ich will nicht länger schweigen. Nur die Wahrheit kann mir helfen.« - -Sie sprach ohne Schwäche. - -»Hör mich an als mein Gatte, mein Freund ... als mein Richter.« Sie -wendete sich ihm zu und blickte ihn mit freien Augen an. - -»Du weißt, Horace, daß meine Eltern Polen waren. Unser Nachbar war -der Fürst Meszinski. Er hatte einen einzigen Sohn Raoul. Raoul war -drei Jahre älter als ich. Schon als halbe Kinder galten wir als -Verlobte. Die Familien wollten es so haben. Mein Vater war reich. Raoul -entstammte einem alten Geschlecht und trug den Fürstentitel. Es paßte -so schön zusammen, alter Adel und Reichtum. Im Grunde genommen, ein -Handel, den beide Familien ausgeklügelt hatten. Ich wußte nichts davon. -Raoul auch nicht. Wir hatten einander lieb, wie sich Kinder liebhaben. -Wir wußten beide nichts vom Leben und von der Liebe. - -Raoul wurde Offizier und lernte das Leben kennen. Während mein Herz -sich gleichgeblieben war, wurden seine Empfindungen leidenschaftlicher. -Noch ein Jahr, und unsere Ehe sollte geschlossen werden ... Da kam -der Krieg gegen die Russen und die Deutschen. Die vierte Teilung -Polens war ihr Ziel. Du weißt, daß nach einem kurzen heldenmütigen -Verzweiflungskampf Polen der Übermacht erlag. Als Raoul auszog, waren -alle Vorbereitungen für eine schnelle Eheschließung getroffen. Wir -schickten uns an, zur Trauung zu gehen, als eine starke russische -Kavalleriepatrouille in den Gutshof einbrach. Die Hochzeitsgesellschaft -stob auseinander. Raoul schoß den feindlichen Führer vom Pferde und -entfloh. - -Zur Strafe wurde unsere Besitzung verbrannt. Mein alter Vater -mißhandelt, so daß er bald darauf starb. Meine Mutter floh nach -Finnland, ihrer Heimat. Ich weigerte mich, ihr zu folgen, und ging als -Krankenschwester zur Armee. - -Als eines Tages ein neuer Transport Verwundeter in unser Lazarett -eingeliefert wurde, sah ich darunter Raoul, den ich schon tot geglaubt. -Er hatte eine schwere Brustwunde. Raoul selbst wußte genau, wie es -um ihn stand. Nur das Bewußtsein, mich um ihn zu wissen, hielt das -schwache Lebensfünkchen noch in Glut.« - -Lady Diana Maitland fuhr fort: »Jetzt erkannte ich ganz, wieviel tiefer -seine Liebe war als die meine. Ich hatte ihn geliebt, wie ich jeden zu -lieben geglaubt hätte, den mir meine Eltern zur Heirat bestimmten. - -Aber ebenso, wie meine Gegenwart seine letzten Tage leicht machte, -machte sie ihm das Scheiden schwer. - -Ich sah, wie er in Sehnsucht und Liebe sich nach mir verzehrte. Sein -unaufhörliches Flehen drang in mich. Meine Liebe werde ihn retten; -mein volles Liebesumfangen werde ihn gesunden lassen. Worte süßen -Rausches drangen in mein Herz. Noch wehrte ich mich, da sah ich ihn -erbleichen, als ob sein Blut zur Erde niederströme. Ich schrie auf, ich -glaubte, ihn auf der Stelle sterben zu sehen. Er sah mich mit einem -Blick an, in dem sich sein ganzes Empfinden widerspiegelte. Liebe, -Enttäuschung, Jammer, Verzweiflung. Er griff nach seiner Brust, als -wolle er den Verband abreißen. Da ... da hatte ich keine Kraft mehr zum -Widerstande ... - -Ich saß Tag für Tag an seinem Lager, bis sein Leben verlosch. Ich sah -ihn hinübergehen, scheiden ohne Schmerz, voll von Glück. - -In mir war alles versunken, alles verschwunden. Mir war's, als hätte -ich alles nur im Traum erlebt. Nur das letzte Wort Raouls haftete in -meinem Gedächtnis ... ›Diana!‹ In diesem sterbenden Hauch von den -bleichen Lippen hatte eine Unendlichkeit von Jubel, von Staunen und -von Glück gelegen. In der Erinnerung blieb nur der Spielkamerad, der -Jugendfreund. - -Die Jahre und die Ereignisse sind über mich hingegangen, ohne den Teil -meiner Seele zu berühren, in dem alles verschlossen war. Nur einmal -wurde die Tür dazu geöffnet, erbrochen ... und die Erinnerung hieran -blieb ...« - -Ein leichter Schauer durchlief ihren Körper. - -»In dem Zusammenbruch unseres Vaterlandes hatten wir alles verloren. -Ich wurde Gesellschafterin bei einer schwedischen Gräfin, die meiner -Mutter befreundet war. Wir lebten den größten Teil des Jahres in Paris. -Auf einer Gesellschaft lernte ich einen schwedischen Ingenieur kennen. -Überlegen erschien mir seine Persönlichkeit gegenüber den anderen -Männern, die ich kennengelernt hatte. Alle Vorzüge des Geistes und des -Körpers schienen mir in ihm vereint ... Wir liebten uns ... Ich war -glücklich, glücklich ...« - -Ein leises, verlorenes Lächeln schwebte wie ein Hauch um ihre Lippen. -Sie empfand eine ungewohnte Erleichterung. Diese Selbstdemütigung -schien ihr Herz zu stärken, wie eine Handlung ungestümen Wagemuts. Sie -lächelte ... Dann verdüsterten sich ihre Züge wieder. Ihre Stimme, eben -noch bewegt, wurde monoton. - -»Ein Lazarettarzt war unbemerkt Zeuge von Raouls letzter Stunde -gewesen. Er tauchte eines Tages in Paris auf. Er erkennt mich wieder -und belästigt mich mit seinen Zudringlichkeiten. Meinem Verlobten -entgeht es nicht. Er stellte ihn zur Rede. Der Mensch weist ihn an -mich. Ich erzählte alles, was vorgefallen. Mein Verlobter erschießt -ihn im Duell ... Und ich?! ... Ich erhalte am nächsten Tag seinen Ring -zurück ... ohne ein Wort, eine Silbe.« - -Sie senkte den Kopf und schloß die Lider. Die Erinnerung an jene -Vorgänge ließ sie jetzt noch zittern. - -»Ich fühlte mich bis auf den Tod gedemütigt. Ich begriff nicht, wie -ich noch leben sollte ... vernichtet, verachtet, mitleidlos beiseite -geworfen. - -Hundertmal wünschte ich mir damals den Tod. An die Stelle der -Liebe trat der Haß. Ich haßte so grausam, wie eine Frau nur hassen -kann ... Was dann kam, weißt du. Ich wurde Sängerin. Im Taumel des -Lebens glaubte ich, Vergessenheit zu finden, um nur zu bald völliger -Enttäuschung zu begegnen. - -Ich beschloß, nur noch meiner Kunst zu leben, und widmete ihr mein -ganzes Sein ... - -Und dann kamst du ... du warst edel, warst gut zu mir. Du zeigtest mir -deine Bewunderung, deine Achtung, dein Vertrauen. Du warst bereit, dein -Schicksal, dein Leben mit dem meinen zu verbinden, deinen Namen einer -Frau zu geben, deren Leben du kaum kanntest.« - -Mit starrem Gesicht hatte Lord Maitland gelauscht. - -Eine qualvolle Pause entstand. - -Lord Horace preßte die Zähne zusammen. Widerstreitende Empfindungen -ergriffen ihn. Er empfand die rückhaltlose Aufrichtigkeit Dianas als -etwas Wohltuendes. Doch ein anderer Instinkt kämpfte gegen dieses -Gefühl in ihm an. Etwas seinem eigenen Wesen Feindseliges tauchte in -ihm auf, wollte ihn dazu bringen, all seinen Mut zusammenzuraffen, -seine Liebe und sein Mitleid zu bezwingen, seiner Gattin den Rücken zu -kehren. - -Diana schien seine Gedanken zu erraten. - -»Horace! Horace!« schrie sie mit erstickter Stimme. Alles Blut wich aus -ihrem Gesicht. - -Der Lord hörte die angsterfüllte Stimme. Er stürzte auf sie zu und -schloß ihr den Mund mit zitternden Händen, erschüttert, entsetzt. Er -schloß ihre Augen, die starr und weit geöffnet waren. Seine Wimpern -wurden feucht. - -... Sie fühlte seine Bewegung, sie spürte auf ihren Augen die Finger, -die sie berührten, wie nur Liebe und Mitleid zu berühren wissen. - -Ihre Arme streckten sich und schlangen sich um den Hals des Mannes. - -»Du liebst mich, du glaubst an mich?« - -Lord Horace ergriff ihre Hände. - -»Laß mir Zeit ... seien wir mutig ... du hast die Gespenster der -Vergangenheit geweckt. Es wird Zeit brauchen, sie wieder zur Ruhe zu -bringen ...« - -»Du fragst nicht nach dem Namen, Horace?« - -»Wozu den Namen? Laß ihn begraben sein, Diana.« - -»Ich muß ihn dir nennen, daß du alles verstehst ... er ist ... Erik -Truwor.« - - * * * * * - -»Lord Maitland wünschen Eure Herrlichkeit zu sprechen.« - -Der Diener meldete es, und gleich danach trat Lord Horace in das -Kabinett des englischen Premierministers. Die Stimmung war ernst. Vor -zwei Stunden war die offizielle Nachricht von dem Gefecht vor Sydney -in London eingetroffen. Noch hielt die englische Regierung sie zurück. -Doch schon liefen unkontrollierbare Gerüchte durch die Straßen der -englischen Metropole. Erzählungen von einer unerhörten Schmach, die der -Flagge Englands durch amerikanische Streitkräfte zugefügt sein sollte. - -Trotz aller Gesetze und Postregale gab es Dutzende geheimer -Empfangsstationen für die Funkenmeldungen der ganzen Welt in London. -Stationen, die auf einem Schreibtisch bequem Platz hatten und -Funkennachrichten aus Australien und Südafrika ebenso sicher auffingen -wie aus Schottland oder Frankreich. - -Die Londoner Börse wurde zuerst von den Gerüchten getroffen. Sie war -in einer trostlosen Baissestimmung. Das Publikum in den Straßen glich -einem aufgeregten Bienenschwarm, und Lord Gashford, der leitende -Staatsmann des britischen Weltreiches, fühlte den Druck der schweren -Verantwortung mehr denn je. Wohl hatte er durch die letzte Instruktion -an den australischen Gesandten MacNeills noch eine Frist für die letzte -unwiderrufliche Entscheidung gesichert. Aber er war sich dessen voll -bewußt, daß die letzte Entscheidung mit Riesenschritten heranrückte. - -Lord Maitland hielt ihm das Zeitungsblatt hin, welches Glossin an Lady -Diana gesandt hatte. - -»Die Nachricht ist gut, wenn sie wahr ist. Wir wissen es noch nicht. -Seit sechsunddreißig Stunden warte ich auf den Bericht des Obersten -Trotter, der vom Kriegsministerium mit der Expedition beauftragt wurde.« - -»Oberst Trotter ...?« - -»Wie meinten Sie?« - -»Nichts von Wichtigkeit. Nur bin ich der Ansicht, daß der Bericht -längst da sein müßte. Es ist unerhört, daß wir das Ergebnis einer von -uns betriebenen Unternehmung durch ein schwedisches Lokalblatt erfahren -müssen.« - -Die Züge des Premiers verrieten von neuem Sorge und Ungewißheit über -den Ausgang der Expedition. - -»Ich fürchte, daß irgend etwas bei der Unternehmung nicht in Ordnung -ist. Auf keinen Fall können wir daran denken, eine Entscheidung zu -treffen, bevor wir nicht den Bericht Trotters oder noch besser den -Oberst selbst hier haben. Ich habe den Kriegsminister kurz vor Ihrem -Erscheinen um seinen Besuch bitten lassen. Ich denke, das wird er sein.« - -Sir John Repington trat in das Gemach. In seiner Begleitung kam -Oberst Trotter. Er machte nicht eben den besten Eindruck. Die Haut -seines Gesichtes schälte sich wie Platanenrinde im Frühjahr. Der -stattliche Schnurrbart war bis auf einen kargen Überrest der Schere -zum Opfer gefallen. Der erste Eindruck auf alle in diesem Raume -Befindlichen war der, daß es nicht gefahrlos sei, mit Erik Truwor und -seinen Leuten anzubinden. Waren sie wirklich unter den brennenden -Trümmern ihres Hauses begraben, so hatten ihre Flammen und sonstigen -Verteidigungsmittel jedenfalls auch dem Gegner reichlich zu schaffen -gemacht. - -Der Eindruck verstärkte sich, als Oberst Trotter seinen mündlichen -Bericht gab. Acht von seinen Leuten tot, zum Teil in den Flammen -umgekommen, verschollen. Fünf mehr oder weniger schwer verwundet. Nur -mit sieben Leuten war der Oberst nach England zurückgekommen. - -Im übrigen bestätigte sein Bericht die Mitteilung des schwedischen -Blattes und ergänzte sie. Nach tapferer Gegenwehr war das Feuer der -Verteidiger niedergekämpft, das Haus sturmreif geschossen worden. -In diesem Moment brachen Explosion und Brand aus, von denen das -schwedische Blatt allein berichtete. Sicher waren die Verteidiger, -soweit sie das Feuer der Angreifer noch lebend überstanden hatten, in -der Gewalt der Explosionen und in der Hölle der Feuersbrunst umgekommen. - -Die englischen Minister spürten eine große Erleichterung, während -Oberst Trotter den Gang der Dinge schilderte. - -»So weit ganz gut«, unterbrach hier Repington. »Aber warum haben Sie -nicht sofort nach der Affäre einen drahtlosen Bericht an das Amt -geschickt? Sie hatten unser bestes Modell der kleinen Stationen mit. -Warum haben Sie nicht sofort gefunkt?« - -»Es ging nicht, Sir! Es ging trotz aller Bemühungen nicht. Der Mann, -der mit dem Apparat Bescheid wußte, war gefallen. Die anderen konnten -ihn nicht in Betrieb bringen.« - -Der Kriegsminister runzelte die Stirn. - -»Sehr bedauerlich. Der einzige Funker, den Sie bei Ihrer Truppe hatten, -durfte nicht exponiert werden, Herr Oberst. Und dann später ... Sie -sind mit einem unserer Flugschiffe zurückgekehrt. Warum haben Sie da -nicht gefunkt?« - -Oberst Trotter zerrte verzweifelt an den spärlichen Resten seines -Schnurrbartes. - -»Es ging nicht, Sir! Es ging absolut nicht! Der Telegraphist erklärte, -daß sein Apparat in Unordnung sei. Aus unerklärlichen Gründen in -Unordnung sei und nicht funktioniere. Es war nichts zu machen.« - -Lord Maitland blickte den Premier an und dieser den Kriegsminister. -Einen Moment flammte ein unbestimmter Verdacht in den Herzen der drei -Männer auf. - -Oberst Trotter gab seinen schriftlichen Bericht, den er während der -Überfahrt verfaßt hatte, in die Hände des Kriegsministers und verließ -das Kabinett. Lord Horace schaute ihm nachdenklich nach. - -»Wenn ich gewußt hätte, daß man gerade diesen Oberst Trotter mit einer -so wichtigen Mission betraute, würde ich es kaum unterlassen haben, -meine Bedenken geltend zu machen.« - -Sir John Repington bekam einen roten Kopf und nahm seinen Offizier -in Schutz. Der alte Zwiespalt zwischen Armee und Marine machte sich -bemerkbar. Der Premier legte den Zwist bei. - -»Lassen wir die Nebensächlichkeiten. Aus dem eben gehörten Bericht geht -mit Sicherheit hervor, daß die Expedition ihren Zweck erreicht hat. -Den Zweck, Großbritannien von einem unbekannten und unter Umständen -unbequemen Gegner zu befreien. Wir können unsere Beschlüsse jetzt -ohne Hemmung von dieser Seite her fassen. Nach den Ereignissen des -Vormittags ist die Beschlußfassung nicht länger aufzuschieben. Das -Parlament ist in London versammelt. Die Parteiführer sind von mir -verständigt. Sie können ihre Leute in zwei Stunden zusammen haben. Auf -Wiedersehen in zwei Stunden!« - -Sobald ihn seine Kollegen verlassen hatten, gab Lord Gashford den -offiziellen Bericht über die Schlacht bei Sydney an die Presse und -die Nachrichtenagenturen. Im Augenblick wurde er an tausend Stellen -Londons bekannt. Extrablätter in Auflagen von Millionen kamen heraus, -wurden den Händlern aus den Händen gerissen und vielmals gelesen, -bevor sie auf dem Pflaster unter den Rädern der Wagen und den Füßen -der hin und her wogenden Menge ein Ende fanden. Die Unruhe wuchs, die -Aufregung stieg, und die Stimmung der Bevölkerung Londons näherte sich -schnell jenem Siedepunkte, bei welchem gefährliche und unvorhergesehene -Ausbrüche der Leidenschaft zu fürchten sind. - -Das Parlament war das natürliche Ventil, durch das diese Spannung sich -entladen mußte. Und das Parlament war vollzählig bis auf den letzten -Mann versammelt, war sich seiner Pflichten gegen das Land bewußt, als -die Minister ihre Plätze auf den Bänken der Regierung einnahmen. - -Die Tagesordnung war einfach. Stellungnahme zu der Affäre von Sydney. -Ein ausführlicher Bericht über das Vorkommnis lag jedem Mitglied -gedruckt vor. Die meisten Abgeordneten lasen ihn kaum noch. Sie waren -durch ihre Zeitungen informiert. - -Die Abstimmung war nur noch Formsache. - -Das englische Parlament beauftragte die Regierung, den Vereinigten -Staaten von Nordamerika den Krieg zu erklären und ihn mit aller Energie -zu führen. - -Mit diesem Auftrage zog sich das Kabinett zurück. Es hatte mit der -Ausführung der Beschlüsse vollauf zu tun: die vorhandenen Streitkräfte -mobil zu machen, Reserven einzuberufen, die Industrie nach dem -großzügigen Plan zu mobilisieren. Jeder einzelne Fachminister hatte -sein Pensum. Daneben blieb noch eine Formalität zu erfüllen. Dem -amerikanischen Botschafter in London Mr. Geddes mußte der Kriegszustand -amtlich mitgeteilt werden. Es waren ihm, wie es in der veralteten -diplomatischen Sprache immer noch hieß, die Pässe zuzustellen. Zur -gleichen Stunde, zu welcher der englische Botschafter in Washington die -Kriegserklärung überreichte. - -Lord Gashford sah sich forschend um. - -»Lord Maitland, Sie sind mit Mr. Geddes persönlich bekannt. Wollen Sie -ihn besuchen und ihm die Mitteilung machen?« - -Lord Horace nickte zustimmend. Er war mit Mr. Geddes seit Jahren -befreundet. Er wollte den Auftrag übernehmen, um dem, was unvermeidlich -geschehen mußte, wenigstens die versöhnlichste Form zu geben. - -»Betonen Sie besonders bei Ihrem Besuch, daß sich unser Kampf nicht -gegen das blutsverwandte Volk richtet, sondern nur gegen den Tyrannen. -Daß wir je schneller desto lieber wieder zu friedlichen Zuständen -kommen wollen, sobald eine freiheitliche Regierung in Washington es uns -möglich macht.« - -Lord Gashford wußte, warum er diese salbungsvolle Mitteilung -überbringen ließ. Mr. Geddes war durch seine freiheitliche Gesinnung -bekannt. Im Herzen ein Philanthrop und Pazifist. Keineswegs ein -überzeugter Anhänger der unbeschränkten Herrschaft des Diktators. -Letzten Endes ein Schwärmer für Menschenverbrüderung und Ideale, die in -dieser Welt harter Realitäten kaum zu erreichen sind. - -Cyrus Stonard kannte die Engländer. Er wußte, daß sie seit -Jahrhunderten jeden Krieg, jeden Treubruch, jeden Überfall mit einem -philanthropischen Mäntelchen behängt hatten, und in einem Anfall seines -grimmigen weltverachtenden Humors hatte er ihnen einen überzeugten -Philanthropen als Botschafter geschickt. Eben Mr. Geddes, der von -ganzem Herzen an alle diese Phrasen glaubte, bei allen Verhandlungen -aus vollster Überzeugung damit operierte und letzten Endes doch genau -tun mußte, was Cyrus Stonard wollte. - -Der Kraftwagen hielt vor der amerikanischen Botschaft. Lord Horace -schritt durch das Vestibül und Treppenhaus. Durch die Räume, die er -bei Besuchen und Festlichkeiten so oft betreten hatte. Aufgescheuchte -Dienerschaft lief umher. Gepackte Koffer standen auf den Fluren. Mr. -Geddes hatte der Parlamentssitzung in der Diplomatenloge beigewohnt. Er -wußte, daß der Krieg unvermeidlich war, und hatte alle Maßregeln für -eine schnelle Abreise getroffen. - -Lord Horace ließ sich durch den zurückhaltenden Empfang nicht -abschrecken. Er trat an Mr. Geddes heran und ergriff dessen Rechte mit -seinen beiden Händen. - -»Mein lieber alter Freund, Sie wissen, ich bringe Ihnen schlechte -Botschaft. Es ist ein schwerer Gang für mich. Doch einer mußte sie -Ihnen bringen. Da habe ich es übernommen.« - -Langsam legte Mr. Geddes seine zweite Hand auf die beiden Hände von -Lord Horace. Er war zu bewegt, um sprechen zu können. - -Eine Minute standen sie so. Dann machte sich Lord Maitland mit sanfter -Bewegung frei. Noch eine Verneigung, und er verließ das Haus. Der alte -Diener, der ihn so oft bei Festlichkeiten empfangen und geleitet hatte, -gab ihm auch jetzt das Geleit bis zur Tür. - -Lord Horace atmete tief auf, als das Auto in schneller Fahrt durch die -sonnige Straße fuhr. Es war auch für ihn, den routinierten Staatsmann -und Diplomaten, ein bitteres Stück Arbeit gewesen, einem Manne wie -Geddes die Mitteilung zu überbringen, daß seine Mission hier zu Ende -sei. - - * * * * * - -In der Nacht vom 19. auf den 20. Juli war die große amerikanische -Transradiostation in Sayville im vollen Betrieb. Um die dritte -Morgenstunde liefen alle Maschinen. Sie erzeugten die hochfrequente -Sendeenergie und schickten sie über die Maschinengeber in die sechzehn -Antennen der Station. - -Im Telegraphistensaal standen die automatischen Schreibapparate und -verwandelten die aus allen Teilen Amerikas ankommenden Drahtdepeschen -in gelochte Papierstreifen. - -Die Telegraphisten nahmen die gelochten Streifen aus den -Stanzapparaten, ersahen aus den Adressen, nach welcher Himmelsrichtung -sie bestimmt waren, und verteilten sie danach auf die Maschinengeber -der verschieden gerichteten Antennen. - -Der Chefelektriker saß in seinem Glaskasten, von dem aus er einen -Überblick über die ganze Station hatte. Vor ihm auf dem Tisch lag das -Stationsbuch. Er war beschäftigt, die letzten Telegramme einzutragen. - -Da plötzlich ... Mr. Brown stand auf und lauschte ... Ein fremder -Ton drang aus dem Maschinenraum her. Er kannte seine Station. Jede -Unregelmäßigkeit verriet sich seinem geübten Ohr. Er sprang auf, -verließ seinen Glaskasten und sah im Vorbeieilen, daß auch im -Transmitterraum Unordnung ausgebrochen war. Alle Automaten standen -still. - -Er eilte in den nächsten Saal zu den Maschinengebern. Das gleiche Bild -hier. Eine Lähmung hatte alle diese Apparate getroffen, die eben noch -im fliegenden Tempo arbeiteten und Depeschen in alle Welt schickten. - -Die Maschinengeber lagen still. Es war erstaunlich, aber schließlich -denkbar. Das Undenkbare, das Unmögliche geschah im Nebenraum, in dem -die großen, von den Maschinengebern gesteuerten Sendekontakte eingebaut -waren. Die Kontakte arbeiteten. Sie tanzten auf und ab, schlossen und -öffneten den Maschinenstrom und gaben unverkennbare Morsezeichen. - -Der Chefelektriker stürzte in diesen Raum. MacOmber, der alte, sonst -so zuverlässige Maschinist, trat ihm verstört entgegen. Er deutete -sprachlos auf die großen Kontakte, die sich, wie von unsichtbaren -Geisterhänden bedient, bewegten. - -Ein höllischer Spuk war es. Aber ein Spuk, der nach einem festen Plan -vor sich ging. Alle diese Bewegungen und Manipulationen spielten sich -ganz systematisch ab. Er vermochte aus dem Knattern der Kontakte ohne -weiteres den Wortlaut der Botschaft herauszuhören, die hier gegeben -wurde. - -»Sayville. An alle! ... Sayville. An alle! ... Wer das Schwert nimmt, -wird durch das Schwert umkommen. Die Macht warnt alle vor dem Kriege.« - -Mr. Brown stürzte sich auf den nächsten Sendekontakt und suchte ihn mit -Gewalt festzuhalten. Die Kontakte arbeiteten unbeirrt weiter. - -Dreimal hintereinander gab die Station diese Depesche. Dann begannen -mit einem Schlage wieder die Automaten und Maschinengeber zu arbeiten. -Kaum zehn Minuten hatte der Spuk gedauert. - -Mr. Brown stand in seinem Glaskasten und strich sich die Stirn. Er -wußte nicht, ob er wache oder träume. Mit verstörten Mienen blickten -die Telegraphisten auf ihren Vorgesetzten. Keiner von ihnen kümmerte -sich um die Apparate. Aber die Automaten, die nervenlosen Maschinen, -taten ihre Schuldigkeit. Sie schrieben die Depeschen auf, die jetzt von -allen Seiten her in Sayville einliefen. Anfragen von amerikanischen und -überseeischen Stationen, was die Sendung von Sayville zu bedeuten habe. - -Eine dringende Staatsdepesche aus Washington: »Befehl, den -Stationsleiter sofort vom Amt zu suspendieren. Die Station dem -Stellvertreter zu übergeben!« - -Mr. Brown war mit seinen Nerven fertig. Er übergab die Station -seinem Vertreter und setzte sich hin, um mit zitternden Händen einen -ausführlichen Bericht über das Vorkommnis zu schreiben. - -Für die Geschichte jener Zeit ist der Bericht ein wichtiges Dokument -geworden. Er gibt noch verhältnismäßig objektiv eine Darstellung der -unerklärlichen Beeinflussungen, denen die Großstationen der ganzen Erde -in den folgenden Wochen bald hier, bald dort ausgesetzt waren. Eine -unbekannte Macht hatte sich des drahtlosen Verkehrs bemächtigt. Sie -gab ihre Depeschen »An alle!«, wie es ihr gefiel, unter Benutzung der -vorhandenen Stationen ab. - - * * * * * - -Kapitän H. L. Fagan vom amerikanischen Marinedepartement, der -eiserne Fagan, wie ihn seine Kameraden nannten, hatte Vortrag beim -Präsident-Diktator. Mit aufmerksamen Blicken folgte Cyrus Stonard den -Erklärungen, die Kapitän Fagan an Hand umfangreicher, an der Wand -befestigter Zeichnungen gab. - -Sie stellten die große amerikanische Unterwasserstation dar, die im -Laufe des letzten Jahres in aller Stille, vollkommen geheim, an der -afrikanischen Ostküste in der Höhe der Seschellen entstanden war. Durch -gründliche Lotungen hatten amerikanische Schiffe eine Stelle ausfindig -gemacht, die zweihundert Kilometer von der Küste entfernt mitten im -freien Ozean lag und doch nur hundert Meter tief war. Es war die Spitze -irgendeines vor Millionen Jahren in der Tiefe des Indischen Ozeans -versunkenen Berges. Taucher hatten das Gelände untersucht und die -Sprengungen vorbereitet, durch die man eine Plattform von etwa einem -Quadratkilometer hundertfünfzig Meter unter dem Seespiegel schuf. Dann -kam der Bau. - -Zwanzig gewaltige Hallen. Jede einzelne groß genug, die größten -Flugschiffe, Flugtaucher und U-Boote aufzunehmen. Jede Halle mit den -Maschinen für alle vorkommenden Reparaturen ausgerüstet. Jede Halle -mit vielfacher Sicherheit gegen den gewaltigen Wasserdruck erbaut. -Darüber hinaus noch durch ein System sinnreicher Sicherheitsschotten -gegen Wassereinbrüche geschützt. Unterirdische, tief in den Fels des -Berges gesprengte Gänge verbanden die Hallen miteinander. Zisternen -waren mit Hilfe stärkerer Sprengmittel in den Basalt hineingearbeitet, -die Hunderttausende von Tonnen der besten Treiböle für die Maschinen -amerikanischer Kriegsfahrzeuge aufnehmen konnten. - -Ferner große Luftschleusen. Ein Druck auf einen der vielen Hebel -in der Apparatenzentrale der Station genügte, und eine riesenhafte -hydraulische Plattform hob sich wie eine plötzlich entstehende Insel -aus den Fluten des Ozeans, bereit, Fahrzeuge aufzunehmen und sicher mit -in die Tiefe zu bringen. - -Es war ein wahrhaft großartiger unterseeischer Flottenstützpunkt, den -ein Befehl Cyrus Stonards hier mitten in der Wasserwüste entstehen -ließ. An einer Stelle, von der aus es amerikanischen Streitkräften -ein leichtes sein mußte, jede in Mittelafrika neu entstehende -Kriegsindustrie im Entstehen zu zerschmettern und Indien schwer zu -bedrohen. - -Als Cyrus Stonard vor dreizehn Monaten den Befehl gab, erklärten die -Fachleute die Sache für unausführbar. Bis der eiserne Diktator den -eisernen Kapitän fand. Cyrus Stonard entsann sich deutlich der ersten -Unterredung mit dem Kapitän. Unbedingte Geheimhaltung des Planes und -des Baues forderte der Diktator. Kapitän Fagan hatte damals wenige -Minuten überlegt. - -»Wir müssen mit fünftausend Mann arbeiten, wenn wir in einem Jahr -fertig werden wollen. Ein Geheimnis, um das fünftausend Menschen -wissen, ist kein Geheimnis mehr. Also müssen wir Sklaven für den Bau -nehmen.« - -Kapitän Fagan hatte es damals mit einer Ruhe und Selbstverständlichkeit -gesagt, die sogar den Diktator eine Minute verblüffte. Nur eine Minute. -Dann hatte er die Vorzüglichkeit der Idee erfaßt. - -Zuchthäusler führten die unterseeische Station aus. Menschen, die -von den amerikanischen Gerichten zu langjährigen Freiheitsstrafen -verurteilt worden waren. Es kamen Monate, in denen der elektrische -Stuhl wenig zu tun hatte, weil der Diktator auffallend häufig -begnadigte. Aber nur Menschen, die mit Eisen und Stahl umzugehen -verstanden, Menschen, die in die Branche paßten. -- - -Kapitän Fagan gab dem Präsident-Diktator auf dessen Fragen präzisen -Bericht. - -»Die Hallen eins bis sechzehn sind fertig. Versehen mit Proviant, -Brennstoff und Munition. Vier Hallen sind noch im Bau. Die Wohnhallen -für das ordentliche Marinepersonal. Die Zuchthäusler sterben wie die -Fliegen. Haben auch schlechte Unterkunft in den Verbindungstunnels.« - -»Der Endtermin ist um drei Wochen überschritten. Wann werden die -Wohnhallen fertig beziehbar dastehen?« - -Die Stimme des Präsident-Diktators klang scharf und schneidend, als er -die Frage stellte. - -»In drei Tagen, Herr Präsident.« - -»Sie bürgen dafür?« - -»Ich bürge, Herr Präsident.« - -»Sind die Verteidigungsanlagen fertig?« - -»Sie sind fertig, Herr Präsident. Die Station ist von einem dreifachen -Kranz unterseeischer Torpedominensender umgeben. Die akustischen -Empfänger sprechen auf jedes Schraubengeräusch unter und über Wasser -an. Die Hertzschen Strahler fassen auf zehn Kilometer jedes Ziel und -dirigieren die Torpedos zu seiner Vernichtung.« - -»Wie steht es mit dem Schutz gegen Luftsicht?« - -»Seit acht Wochen arbeiten unsere Seefärber. Es war ein glücklicher -Gedanke, unsere Station wie einen Tintenfisch mit eigenen Farbdrüsen -auszustatten. Das Azoblau, welches die Seefärber Tag und Nacht in -gleichmäßigem Strome in die See geben, färbt das Wasser so gleichmäßig, -daß die ganze Untiefe vollkommen unsichtbar wird. Auch aus zweitausend -Meter Höhe konnten unsere eigenen Flugschiffe die Station nicht finden, -wenn die Färber arbeiteten. Wir mußten eine besondere Erkennungsboje -auslegen.« - -Cyrus Stonard hatte sich erhoben. Seine Augen leuchteten wild in -fanatischem Glanz, während er den Mann betrachtete, der das Riesenwerk -in einem Jahr glücklich zum Abschluß gebracht hatte. - -»Kurz und gut, Herr Kapitän! Wann sitzt der letzte Niet? Wann kann die -Station in den Krieg eintreten?« - -»In drei Tagen, Herr Präsident! In drei Tagen sind die -Marinemannschaften in ihren Quartieren, die Sklaven weggeschafft. In -drei Tagen leistet die Station alles, was sie zu leisten hat.« - -»Ich danke Ihnen -- -- -- -- Herr Admiral! Sie haben Ihre Sache gut -gemacht. Sie bleiben weiter zu meiner Verfügung.« - -Cyrus Stonard sprach mit befehlsgewohnten Lippen. Kapitän Fagan -errötete. Ein Zittern ging durch seine bis dahin unbewegliche Gestalt. -Ein Lob aus dem Munde des Diktators. Ein uneingeschränktes Lob und -zugleich die Ernennung zum Admiral. Das war mehr, als er in diesen -zwölf Monaten schwerer Arbeit mit Nächten der Verzweiflung und Tagen -des Mißmuts zu hoffen gewagt hatte. - -Er beugte sich nieder, wollte die Hand des Diktators ergreifen und -küssen. Cyrus Stonard wehrte ab. - -»Lassen Sie, Herr Admiral! Gehen Sie, und dienen Sie mir und dem Lande -so weiter, wie Sie bis jetzt gedient haben!« - -Mit unsicheren Schritten verließ Admiral Fagan das Kabinett. - -In der Mitte des Gemaches blieb Cyrus Stonard stehen und blickte ihm -lange Zeit nach. Es zuckte und arbeitete in den aszetischen Zügen des -Diktators. Seine Lippen bewegten sich und formten Worte, während ein -verächtliches Lächeln sie umspielte. - -»Da geht er hin ... der Eiserne ... Errötet und zittert wie ein -junges Mädchen. Um das eine Wörtchen Admiral ... Hätte ich ihn -hart angefahren, seine Arbeit getadelt, ihn weggejagt, er wäre -davongeschlichen ... hätte kein Wort des Widerspruchs gewagt ... Eisern -... pah! ... so sind sie alle ... ohne Ausnahme! Nur wenn sie den Herrn -fühlen, tun sie, was sie sollen ... was für das Land nötig ist ... -Kreaturen, die ein Wort von mir erhöht oder in den Staub wirft ...« - -Der Präsident-Diktator kehrte langsam zu seinem Sessel zurück. -Weltverachtung sprach aus seinen Zügen. Es waren alles Sklaven. Im -Grunde nicht besser als die Fünftausend, die das letzte Jahr auf dem -Seegrunde gefrondet hatten. - -Ein Gefühl des Überdrusses überkam ihn. Warum sich mühen und plagen, um -diese Sklavenherde mit Gewalt den Weg zu ihrem Glück zu führen. Weil -... weil ... - -Ein Adjutant trat ein. Leutnant Greenslade brachte eine Depesche. Einen -Bericht über die Vorgänge in Sayville. Legte sie auf den Tisch und -erwartete in dienstlicher Haltung die Befehle des Diktators. - -Cyrus Stonard überflog das Blatt. Die rätselhafte Beeinflussung der -großen Radiostation in Sayville. Das selbsttätige unhemmbare Arbeiten -der Geber. Das Spielen der Schalter. Schließlich die kurze wunderbare -Depesche: »An alle! ... Die Macht warnt vor dem Kriege.« - -Und wußte in demselben Moment, daß Glossin gelogen hatte! Daß Erik -Truwor und die Seinen am Leben und im Besitze der Macht waren! - -In diesen Sekunden erlebte der Präsident-Diktator einen jähen und -schweren Sturz. Eben noch im Gefühl eines unendlichen Machtbesitzes. -Herr der halben und bald der ganzen Erde. Absoluter Gebieter -über dreihundert Millionen. Und jetzt von einer unbekannten und -unangreifbaren Macht bedroht, in seinen Entschlüssen und Befehlen -gehemmt. - -Wie eben noch Kapitän Fagan durch wenige Worte des Diktators umgeworfen -wurde, so brach Cyrus Stonard über den Inhalt der Depesche zusammen. Er -saß vor seinem Tisch, ließ das Haupt auf die Arme sinken und verbarg -sein Gesicht. Ein Schluchzen erschütterte den hageren, nur der Arbeit -gewidmeten Körper. - -Leutnant Greenslade stand in vorschriftsmäßiger Haltung. Sah den -Präsident-Diktator die Haltung verlieren und begann um sein Leben zu -zittern. Es lebte niemand in den Vereinigten Staaten, der sich rühmen -konnte, Cyrus Stonard schwach gesehen zu haben. Leutnant Greenslade -hatte nur einen Gedanken. - -Wehe, wenn Stonard die Augen wieder aufmacht! Wehe, wenn der Diktator -mich sieht! Dann bin ich verloren! - -In diesem Augenblick erhob Cyrus Stonard den Kopf. Mit Augen, die -abwesend und weltentrückt blickten, schaute er um sich. - -»Dr. Glossin soll kommen!« - -Leutnant Greenslade übermittelte den Befehl und ging dann mit sich -selbst zu Rate, ob er es wagen dürfe, in den Staaten zu bleiben. - -Dr. Glossin stand im Kabinett des Präsident-Diktators. Cyrus Stonard -erhob sich statuenhaft von seinem Platz. Seine Rechte ergriff die -Depesche und ballte sie krampfhaft zusammen. Er sprach kein Wort. -Langsam kam er dem Doktor näher, bis er nur noch drei Schritte von ihm -entfernt stand. Dann schleuderte er ihm den Papierball mit jähem Ruck -in das Gesicht. - -Dr. Glossin machte keine Bewegung, den Wurf abzuwehren. Der Ball traf -ihn zwischen die Augen und fiel zu Boden. Der Arzt verlor die letzte -Spur von Farbe. Er kannte den Inhalt der Depesche, die ihm Cyrus -Stonard eben ins Gesicht geschleudert hatte. Seit zwanzig Minuten -wußte er, daß all seine Arbeit während der letzten Wochen vergeblich -war. Die einzigen Menschen, die er zu fürchten hatte, waren seinen -Nachstellungen entgangen. Waren irgendwo in Sicherheit und ließen ihre -Macht spielen. - -Er war in diesem Augenblick nicht einmal fähig, die Beleidigung zu -empfinden, die in dieser Behandlung lag. Der Papierball wirkte wie eine -Flintenkugel. Der von ihr Getroffene empfindet den Schuß nicht als -Beleidigung, aber er fällt danach um. Dr. Glossin begann auf seinen -Füßen zu wanken, tastete mit den Händen nach einem Halt. - -Dem Präsident-Diktator hatte der physische Ausbruch Erleichterung -verschafft. Die unmittelbare Wirkung des Schlages, der ihn getroffen -hatte, ließ nach. Er begann klarer zu sehen. Sah den Menschen vor sich, -der im Begriff stand, umzusinken. - -Da ließ er sich selbst wieder in seinem Sessel nieder und winkte dem -Doktor. - -»Setzen Sie sich! ... Setzen Sie sich! ... Nicht dahin ... hierher! -Hier dicht zu mir her ... ja, hier ... Halt, heben Sie das erst auf!« - -Er wies mit der Hand auf die zerknüllte Depesche. Er kommandierte den -Doktor wie einen Hund, und Dr. Glossin gehorchte wie ein geprügelter -Hund. Jetzt saß er auf dem angewiesenen Sessel, dicht neben Cyrus -Stonard, und entfaltete ganz mechanisch den Papierball. - -»Lesen Sie!« - -Dr. Glossin las die Depesche, die er heute schon so oft gelesen hatte. - -»Was haben Sie mir gesagt? Und was sagen Sie jetzt?« - -Der Arzt war unfähig, eine zusammenhängende Antwort zu geben. Cyrus -Stonard sah, daß er ihm die Möglichkeit zur Sammlung geben müsse. So -befahl er weiter: - -»Geben Sie mir noch einmal einen genauen Bericht über die Vorgänge in -Linnais. Nicht gefärbt, absolut genau!« - -Dr. Glossin raffte sich zusammen. Er begann zu sprechen und wurde -ruhiger, je weiter er in seinem Bericht kam. - -»Die Engländer waren zur selben Zeit am Platze wie ich. Als ich den -englischen Führer kennenlernte, war ich über seine Naivität erstaunt. -Ich wollte ihn zurückrufen lassen, aber die Zeit war zu kurz. Ich hatte -keine Möglichkeit mehr, die Expedition zu verhüten ...« - -Cyrus Stonard streifte den Arzt mit einem kalten Blick. - -»Das kommt davon, wenn die Werkzeuge anfangen, selbst zu denken. Ihnen -hatte ich den Befehl gegeben, die drei zu vernichten. Ihnen! ... Nicht -den Engländern. Ich habe Ihre Eigenmächtigkeit nach Ihrem ersten -Bericht nicht gerügt, weil Sie mir einen Erfolg meldeten. Einverstanden -war ich nicht damit. - -Warum habe ich Sie zu meinem Werkzeug gewählt? ... Weil ich mir solche -bewährte Kraft für manche Geschäfte nicht entgehen lassen durfte. Wenn -Ihr Talent nicht ausreicht, drei Menschen vom Erdboden verschwinden zu -lassen, wenn Sie dazu die Engländer gebrauchen ... Mann, warum haben -Sie die Engländer auf die drei gehetzt, anstatt selbst zu gehen?« - -Dr. Glossin stammelte: »... Interesse des Landes ... Rücksicht auf die -Neutralen ... diplomatische Schwierigkeiten.« - -»Unsinn ... Dummheit ... was geht mich Schweden an? Denken Sie, ich -hätte die Möglichkeit, die Neutralität dieses Ländchens zu verletzen, -nicht in meinen Kalkul eingezogen?« - -Er blickte dem Doktor scharf in die Augen. - -»Sie haben Furcht gehabt! Erbärmliche, feige Furcht vor den drei -Leuten! Darum wollten Sie den Fuchs spielen. Andere Leute die Kastanien -aus dem Feuer holen lassen ... So ist diese ... Gemeinheit zustande -gekommen ... Merken Sie wohl auf! Sie stehen von heute ab unter -Überwachung. Sie wissen, was das heißt. Der Verdacht einer Verräterei, -eines Ungehorsams, und Sie verschwinden. Denken Sie daran, wenn Sie mir -jetzt antworten. - -Ich wünsche genau Ihre Meinung über diese drei Menschen zu wissen. -Ob sie noch am Leben sind ... oder ob diese Depesche etwa von einer -anderen Stelle kommt. Und wenn sie leben, was sind ihre Pläne, wie groß -ist ihre Macht, wie weit reicht sie? Werden sie sich in dem kommenden -Kampfe auf eine Seite stellen? Überlegen Sie sich genau, bevor Sie -antworten. Es geht um Ihren Hals.« - -Dr. Glossin wußte, daß der Präsident-Diktator nicht scherzte. Eine -unbefriedigende Antwort ... ein Druck auf den Klingelknopf am -Schreibtisch und er erlebte den nächsten Stundenschlag nicht mehr. Er -sammelte seine Gedanken und sprach langsam Wort für Wort abwägend: - -»Nein! Es ist ausgeschlossen, daß eine dritte Stelle in Betracht kommt. -Ich war Augenzeuge der Katastrophe in Linnais, und ich sage doch, es -sind die drei, die die Depesche sandten.« - -»Wie konnten sie entkommen? Sie mußten doch schließlich fürchten, eines -Tages ausgehoben zu werden. Sie konnten sich durch einen unterirdischen -Gang sichern, der irgendwo in den Bergen oder am Fluß ins Freie mündet.« - -»Ich habe daran gedacht. Aber dann müßte er schon lange bestanden -haben. Die drei sind erst seit wenigen Wochen in Linnais. Die Anlage -eines Ganges braucht Monate, wenn nicht Jahre. Immerhin bleibt der -unterirdische Gang die nächstliegende Erklärung. Es könnte sein, sie -hätten ihn mit ihren phänomenalen Hilfsmitteln in dieser kurzen Zeit -geschafft ... oder ... sie sind ...« - -Dr. Glossin preßte sich mit beiden Händen die Stirn zusammen, als ob -ihm der Schädel unter der Gewalt des neuen Gedankens springen wollen. -Er schwieg. - -Cyrus Stonard trieb ihn zum Weiterreden: »... oder sie sind? Sprechen -Sie doch!« - -»Oder sie haben unsere Augen geblendet und sind unsichtbar durch unsere -Reihen gegangen!« - -Cyrus Stonard betrachtete den Doktor zweifelnd. - -»... unsichtbar? ... Das wäre der Teufel selbst! ... Sich unsichtbar -machen? ... Es geht um Ihren Kopf, Herr Dr. Glossin! Tischen Sie mir -keine Märchen auf. Sie werden alt. Ich mußte es Ihnen schon einmal -sagen.« - -Dr. Glossin sah den Präsident-Diktator ruhig an. Ohne Furcht vor -der Gewalt, die jeden Moment sein Leben zerstören konnte. Mit -weltabgewandten, weltentrückten Blicken. Dann sprach er. Erst leise und -stockend. Dann immer bestimmter und mit gehobener Stimme: - -»Was Ihnen Kindermärchen scheint, ist für manchen schon längst Wahrheit -und Tatsache. Sie sind der Mann der Realitäten. Der Mann, der seine -Politik mit Blut und Eisen macht. Es ist Ihre Stärke, aber ... es wird -Ihre Schwäche, wenn Kräfte und Dinge aus einer anderen Sphäre an Sie -herantreten. Es gibt Wissende, die über diese Dinge nicht lächeln, -sondern ... ich selbst, Naturwissenschaftler, Skeptiker, ich glaube -eher, daß sie aufrecht und unsichtbar durch unsere Reihen gegangen -sind, als daß sie sich wie die Maulwürfe in einen unterirdischen Gang -verkrochen haben.« - -Der Präsident-Diktator zerknitterte die Sayville-Depesche mit -energischem Griff von neuem. - -»Mögen sie gemacht haben, was sie wollen! Ich halte mich an die realen -Tatsachen. Die Macht existiert. Sie ruht in den dreien. Sie hat in -Sayville angesprochen. Weshalb warnen sie, wenn sie handeln können? -Weshalb haben sie dann nicht auch bei der Geschichte vor Sydney -eingegriffen und das Gefecht verhindert?« - -»Das ist meine Hoffnung. Sie haben es nicht gekannt. Ihre Macht reicht -nicht so weit. Noch nicht so weit. Sonst hätten sie es verhindert. -Vorläufig bluffen sie nur. Die Warnung war ein Bluff ...« - -»Es geht um den Kopf, Herr Dr. Glossin. Sagen Sie nur, was Sie mit -Ihrem Kopf vertreten können.« - -»Es ist meine feste Überzeugung, Herr Präsident. In ihrer ganzen -Tragweite ist die Erfindung erst im Entstehen begriffen. Nur so finde -ich eine Erklärung für das Nichteingreifen in die Affäre vor Sydney. -Nur so kann ich es verstehen, daß sie warnen, anstatt zu verbieten. Die -Fassung der Depesche ist für mich der unumstößliche Beweis, daß die -Entwicklung der Macht irgendwo stockt.« - -Der Präsident-Diktator war den Ausführungen Glossins mit wachsender -Spannung gefolgt. - -»Ich glaube Ihnen. Die Folgerung ist einfach. Den Engländern an den -Leib! So schnell wie möglich! An Stellen, die der Macht heute noch -unerreichbar sind. In Indien ... In Südafrika ... vielleicht ... -jedenfalls so schnell wie möglich, denn eines Tages sind sie doch so -weit.« - -Cyrus Stonard drückte auf den Knopf. Ein Adjutant kam. - -»Die Herren vom Kriegsrat! In einer halben Stunde!« - -Er sprach wieder zu Dr. Glossin. - -»Unsere Pläne müssen geändert werden. Wir wollten England in England -schlagen. Jetzt müssen wir es am Äquator versuchen. Das verdanke ich -Ihrer Neigung für unkontrollierbare Privatunternehmungen.« - -Cyrus Stonard blickte den Arzt an, wie eine Schlange ihr Opfer -betrachtet. Mit kaltem, klarem Blick. Lange Sekunden bewegten sich die -Lider seiner Augen nicht, und Dr. Glossin fühlte das Blut in seinen -Adern gefrieren. Dann fuhr der Präsident-Diktator langsam fort: - -»Es gibt ein Mittel für Sie, um sich vollständig zu rehabilitieren. -Fangen Sie mir die drei! Wenn Sie sie mir lebendig bringen, will ich -Sie belohnen, wie noch niemals ein Mensch von einem anderen belohnt -worden ist. Wenn Sie sie tot bringen, soll Ihr Lohn noch überreich -sein. Alle Machtmittel, die ein Land von dreihundert Millionen bieten -kann, stehen Ihnen zur Verfügung. Neutralität ... ich pfeife darauf. -Jedes Mittel, jedes Verfahren ist Ihnen erlaubt, wenn es zu dem Ziele -führt, die drei in meine Gewalt zu bringen. Denken Sie immer an das -Ziel. Seine Erreichung wird unermeßlich belohnt. Mißlingen ist Verrat.« - - * * * * * - -»... Oder sie sind unsichtbar durch unsere Reihen gegangen.« Dr. -Glossin hatte die Möglichkeit gegenüber dem Präsident-Diktator -ausgesprochen und hatte damit gesagt, wie es geschehen war. - -Als Oberst Trotter als erster über den Gartenzaun von Linnais sprang, -stand Erik Truwor in Begleitung seiner beiden Freunde unmittelbar neben -ihm. Die hypnotische Kraft Atmas blendete den Obersten und schlug seine -Leute mit Blindheit. - -»Es ist gut, wenn wir einige Zeit für tot gelten.« Erik Truwor hatte -damit den Plan für die nächsten Wochen und Monate gegeben. Atma -und Silvester übernahmen die Ausführung. Atma verwirrte die Sinne -der Gegner. Silvester trug den kleinen Strahler und brachte die -Schießwaffen, mit denen die Fenster des Truworhauses gespickt waren, -zum Feuern. - -Während die Engländer das Haus belagerten, gingen die drei zur -Odinshöhle. Dort ließen sie sich nieder. Aus der Tafel des Fernsehers -war das Haus von jeder Seite und in allen Details sichtbar. Silvester -Bursfeld ließ den Strahler arbeiten. Er unterhielt das Gewehrfeuer, -solange noch eine Patrone vorhanden war. Dann kam das Ende. - -Erik Truwor hatte sich entschlossen, sein Vaterhaus zu opfern. Als die -Tür unter den Axthieben der Stürmenden einbrach, gab er selbst aus dem -großen Strahler die volle Konzentration in das Brennstofflager des -Hauses. Zehnmillionen Kilowatt in zehntausend Kilogramm Benzol. Das -Truworhaus wurde in einer Sekunde zum feuerspeienden Berg. - -Erik Truwor verfolgte das Schauspiel auf der Mattscheibe des -Fernsehers. Sein Gesicht blieb unbeweglich, wie aus Stein gemeißelt. - -Als die Mauern zusammenstürzten, wandte er den Blick von der Platte ab. - -»Sie wähnen uns dort begraben. Ihr Glaube gibt uns die Ruhe für die -letzten Vorbereitungen.« - -Der Rapid Flyer stand in der Höhle. Als Dr. Glossin mit dem Obersten -sprach, als Oberst Trotter seine Brandwunden im Tornea kühlte, trug -R. F. c. 1 die Freunde nordwärts davon. Langsam, in niedrigem Flug. -Vorsichtig die Deckung der Berge und Föhren nehmend. Ungesehen und -ungehört. - -Erst als sie in sicherer Weite waren, stieg der Flieger zu größeren -Höhen empor und nahm reinen Nordkurs. Über offene See und schweres -Packeis. Über Länder und über weite Eisflächen. - -Nach dreistündiger Fahrt senkte sich das Schiff. Stieß durch Nebel und -Wolken und ruhte auf der Eisfläche, die wie eine ungeheure massive -Kuppe den nördlichen Pol unserer Erde umgibt. - -Sie landeten inmitten der endlosen Eiswüste und fanden dennoch ein -wohnliches Heim. Silvester sah es mit Staunen. - -Erik Truwor hatte den halben Monat, den Silvester nach seiner -Vermählung abwesend war, nicht ungenutzt gelassen. - -Er hatte sich hier ein Schloß geschaffen. Einen Eispalast im wahren -Sinne des Wortes. Aus der flachen verschneiten Eiswüste erhob sich -blaugrünlich schimmernd ein Eisberg hundert Meter empor. Ein massiver -Eisblock, bis Erik Truwor kam und den Strahler spielen ließ. Da fraß -die entfesselte Energie das Eis mit gieriger Zunge. Gänge bildeten -sich. Säle und Kammern entstanden, während das Schmelzwasser in Strömen -ins Freie lief. - -Dann waren die Tage gekommen, an denen der alte Schäfer Idegran auf -der Torneaheide der Wodanshöhle in immer weiterem Bogen aus dem Wege -ging. Es fauchte in der Höhle. Es schwirrte in den Lüften. Erik Truwor -hielt seinen Umzug wie der wilde Jäger. Vollgepackt mit Lebensmitteln -und Brennstoffen, mit Apparaten und Werkzeugen fuhr der Rapid Flyer -zwischen dem Eisschloß am Pol und dem Haus am Tornea hin und her. Es -war nur noch eine leere Schale, die Oberst Trotter mit seinen Leuten -belagerte. - -Silvester sah das neue Heim zum erstenmal. Sie traten in das Innere des -Berges, und eine wohlige Wärme umfing sie. Ein kleiner Strahler machte -gerade so viel Energie frei, daß die Luft in den Räumen gut erwärmt -war, aber das Eis der Wände noch nicht schmolz. - -Erik Truwor ließ sich im großen Wohngemach auf einen Sessel nieder. - -»Hier bin ich, hier bleibe ich! Hier findet uns niemand. Die Schiffe, -die über den Pol gehen, fliegen hoch. Auch aus nächster Nähe würden sie -nur den Eisberg sehen.« - -Atma lag bewegungslos auf einem Diwan. Er ruhte, meditierte, wie er es -stets tat, wenn seine Kraft, seine telepathische Willensmacht nicht -verlangt wurden. Silvester brauchte viele Stunden, um durch alle Räume -zu schreiten. Er sah das Laboratorium und die neuen großen Strahler. -Er versenkte sich in die Verbesserungen, die Erik Truwor während -seiner Abwesenheit angebracht hatte, und dann sah er die Teile der -Telephonanlage. Sie waren noch nicht zusammengebaut. - -Seine Gedanken flogen zu Jane. Sie würde diesen Nachmittag vergeblich -auf seinen Anruf warten. Er würde ihr Bild sehen. Der Fernseher -gestattete es zu jeder Zeit. Doch er würde nicht mit ihr sprechen -können. Sie würde warten ... würde in Sorge sein. Um so mehr, wenn wenn -irgendwoher die Nachricht von Linnais, vom Untergang des Hauses zu ihr -käme. - -Er erschrak bei dem Gedanken und trat an den großen Strahler. Er -richtete ihn und schaltete die Energie ein. Das Bild erschien -auf der Scheibe. Ein Flußlauf. Industriewerke, Häuser. Jetzt die -charakteristische Gestalt des Rattinger Tors von Düsseldorf. Nun die -Straße, das Termölensche Haus ... - -Er verzehnfachte die Vergrößerung und regulierte mit den -Mikrometerschrauben. - -Die Küche ... Frau Luise Termölen ... die gute Stube ... dort Jane. Ihr -gegenüber eine andere Gestalt. - -Silvester Bursfeld brachte die Vergrößerung noch einmal auf das -Zehnfache. Jetzt standen die Figuren fast in Lebensgröße vor ihm. Jane -blaß, erschreckt, dem Umsinken nahe. Ihr gegenüber Dr. Glossin. - -Silvester ließ das Bild stehen und lief in das Gemach, in welchem Atma -lag. - -Der Inder kam und sah das Bild. Eine Veränderung war eingetreten. Jane -lag regungslos am Boden. Ein Zeitungsblatt neben ihr. Dr. Glossin -bemühte sich um die Eingesunkene, richtete sie auf, sprach auf sie ein. - -Soma Atma stand in kataleptischer Starre. Seine Pupillen verengten sich -bis zum Verschwinden. Seine Seele verließ den Körper und ging auf die -Wanderung. - -Das Bild auf der Mattscheibe veränderte sich. Silvester sah, wie das -Blut seinem Weib in die Wangen zurückkehrte. Sie erhob sich. Aufrecht -stand sie da, lächelte spöttisch und deutete mit einer verächtlichen -Handbewegung auf das Zeitungsblatt, und dann verließ Dr. Glossin mit -allen Zeichen der Enttäuschung und des Mißmutes den Raum. - -Es dauerte lange, bis der Inder sich aus dem Krampfe löste. Dann -sprach er, ruhig und leidenschaftslos wie immer: »Dein Weib weiß, daß -du lebst.« - -Er kehrte in seinen Raum zurück und versank wieder in das stille -Vorsichhinstarren, Ruhen und Sinnen, in dem er Tage und Wochen -verbringen konnte. - -Die Arbeit rief. Erik Truwor hatte Verbesserungen vorgeschlagen, die -sich auf eine noch genauere Einstellung bezogen. Silvester Bursfeld -hatte von seiner Hochzeitsreise eine ganz neue Idee mitgebracht. Eine -Zielvorrichtung, die es gestatten mußte, mit dem Strahler auch gegen -bewegte Ziele zu operieren, während er volle Energie im Raum auslöste. - -Das hielt Silvester jetzt für das Wichtigste, und Erik Truwor stimmte -ihm bei. Mit den vorhandenen Einrichtungen ließ sich die Energiemenge -wohl haarscharf auf jeden Punkt der Erdoberfläche einstellen. Aber es -war noch nicht möglich, die Einstellung mit voller Sicherheit bewegten -Zielen folgen zu lassen, während die Energie wirkte. Erik Truwor -verlangte, daß man mit dem großen Strahler auch schnellfliegende Ziele -fassen könne, während er auf irgendeinem Punkt der Erde zehn Millionen -Kilowatt brodeln ließ. - -Eine Änderung der Schaltung war dazu notwendig. Der Energiestrom, der -vom Ziel reflektiert wurde und das Bild auf der Mattscheibe erzeugte, -mußte von der Hauptenergie abgezweigt werden. Widerstände waren -einzubauen, die diesen Nebenstrom automatisch so schwach hielten, daß -er das Bild nicht sprengte, die Mattscheibe nicht fraß. Es bedurfte -mancher Tage, um die neuen Ideen praktisch auszuführen. - -Erik Truwor war die treibende Kraft. Er stand vor dem Amboß, das -Antlitz von der Glut des Feuers gerötet, und schmiedete die für den -Neubau nötigen Stücke. Die Funken umsprühten ihn, während er den Hammer -schwang und das glühende Eisen formte. Als Schlosser, Dreher und -Mechaniker in einer Person arbeitete Silvester. Er feilte, schnitt und -schliff und hörte dabei die Worte Erik Truwors. - -Wie ein Prophet sprach Erik Truwor von der Zukunft, die er nach seinem -Willen formen wollte. - -»Von Mitternacht kommt die Macht.« Öfter als einmal fiel das Wort von -seinen Lippen, während er einem Schmiedestück mit wuchtigen Hieben die -letzte Form gab. Machtgefühl klang aus den Schlägen, mit denen er den -Hammer auf den Amboß schmetterte, daß es weithin durch die Eishallen -dröhnte. - -Silvester hörte nur mit halbem Ohr hin. Er war unruhig bei der Arbeit, -und seine Gedanken weilten in weiter Ferne. Wohl hatten ihn die Worte -Atmas vorübergehend beruhigt. Doch zufrieden würde er erst sein, wenn -Ätherschwingungen und Elektronenbewegungen Janes Bild wieder bis an -den Pol führten und seine Stimme über Spitzbergen und Skandinavien bis -in das stille Gemach nach Düsseldorf brächten. Er lechzte danach, sein -junges Weib zu sehen, mit ihr zu sprechen, und arbeitete hastig und -freudlos an dem Neubau, zu dessen schneller Ausführung Erik Truwor ihn -zwang. Die Ruhestunden während der langen hellen Polnacht benutzte er, -um auf dem Gipfel des Berges die Antennen für die drahtlose Station zu -ziehen. - - * * * * * - -Nur eine schwere seelische Erschütterung kann den Riegel zerbrechen. -Dr. Glossin wußte es. Darum hatte er Jane das Zeitungsblatt mit der -Nachricht über die Katastrophe von Linnais gegeben. Im letzten Moment, -als der Riegel wankte, als er brechen wollte, hatte Atma eingegriffen. -Seiner Kraft war es gelungen, die Verriegelung noch einmal zu halten -und zu schließen. Aber sie hatte durch den schweren Angriff Glossins -eine Beschädigung erlitten. Ein zweiter unvermuteter Stoß konnte sie -leicht sprengen. - -Einstweilen war Jane beruhigt. In jenem Moment, als sie unter dem -niederschmetternden Eindruck der Nachricht von Linnais halb ohnmächtig -in den Armen Glossins hing, war es plötzlich wie eine feste und -unumstößliche Gewißheit durch ihre Seele gegangen: Silvester lebt. Er -ist mit seinen Freunden geborgen. Ich werde bald von ihm hören. Es war -die telepathische Beeinflussung des Inders, die ihr diese Zuversicht -gab, die sie instand setzte, die Worte Glossins zu belächeln, ihm ihre -andere bessere Überzeugung entgegenzuhalten. - -Dr. Glossin hatte das Haus Termölen verlassen. Niedergeschlagen, -innerlich zerrissen. Er fühlte alle seine Stützen wankend werden. - -Seitdem sich Cyrus Stonard mit dem Gedanken des Krieges gegen das -britische Weltreich trug, lag in Glossins Unterbewußtsein das -Empfinden, daß der Präsident-Diktator um seine Herrschaft, vielleicht -sogar um seinen Kopf spielte. Es blieb ihm selbst verborgen und -unbewußt, bis der leidenschaftliche Ausbruch des Diktators es ans Licht -rief. Jetzt empfand er es von Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde -deutlicher. Der Stern Cyrus Stonards war im Sinken. Es war Zeit, sich -von ihm zu trennen. Für einen Charakter wie Glossin aber war die -Trennung gleichbedeutend mit Verrat, mit dem Übergang zur anderen -Partei. - -Er dachte nicht mehr daran, den Auftrag Cyrus Stonards zu erfüllen. -Mochte der Diktator die drei selber fangen, wenn er sie haben wollte. -Aber Jane wollte und mußte er unter allen Umständen in seine Gewalt, -auf seine Seite bringen, koste es, was es wolle. Es war ihm nicht -geglückt, den Riegel im ersten Ansturm zu sprengen. Kein Wunder, wenn -eine hypnotische Kraft wie diejenige Atmas ihn gefügt hatte. Aber Dr. -Glossin wußte auch, daß jeder Angriff die Verriegelung schwächte, daß -sie doch eines Tages brechen mußte, wenn sie nicht ständig erneuert -wurde. Er beschloß, vorläufig in Düsseldorf zu bleiben, das Haus, in -welchem Jane wohnte, zu beobachten, die nächste Gelegenheit abzupassen -und auszunutzen. - -Die vierte Nachmittagsstunde kam heran, die Zeit, zu welcher Silvester -mit Jane zu sprechen pflegte. Wie gewöhnlich setzte sie sich an den -Apparat und hielt den Hörer erwartungsvoll an das Ohr. - -Nur noch Sekunden, dann mußte die Stimme Silvesters zu ihr dringen. -Dann würde sie aus seinem eigenen Munde hören wie der Brand in Linnais -verlaufen war und wo er sich jetzt mit seinen Freunden befand. - -Jane saß und harrte auf die erlösenden Worte. Wartete, während die -Sekunden sich zu Minuten häuften und aus den Minuten Viertelstunden -wurden. - -Der Apparat blieb stumm. Nur das leichte Rauschen der -Elektronenverstärker war an der Telephonmembrane zu hören. - -Jane saß und wartete. Sie konnte es ja nicht wissen, daß Silvester -in diesem Augenblick den Strahler am Pol richtete, ihr Bild auf -die Mattscheibe brachte. Sie harren sah und hundertmal den Umstand -verwünschte, daß die Antennen für die telephonische Verbindung noch -nicht gespannt waren. Sie wußte nur, daß sie hier vergeblich auf -Silvesters Stimme harrte, und Zweifel begannen ihr zum Herzen zu -steigen. - -Die Worte Glossins kamen ihr in den Sinn. Sollte es doch wahr sein, daß -...? Sollte die Zeitung nicht gelogen haben, die ihr Glossin damals gab? - -Die zweite Erschütterung, die den Riegel sprengen konnte, vielleicht -schon sprengen mußte, kam ohne das Zutun Glossins. Kam, weil -sechshundert Meilen entfernt in Schnee und Eis ein paar Drähte nicht -rechtzeitig gespannt worden waren. - -Die Minuten verrannen. Die Uhr hub zum Schlage an und verkündete die -fünfte Stunde. Die Zeit, für welche Jane nach der Verabredung die -Elektronenlampen brennen, ihren Apparat in der Empfangsstellung stehen -lassen sollte, war vorüber. - -Das war ihr klar, Silvester war nicht da ... Es war ihm irgend etwas -zugestoßen ... Er war ... - -Sie dachte das Wort nicht zu Ende. Von einem plötzlichen Impuls -getrieben, sprang sie auf und faßte einen Entschluß. Einen übereilten -und unsinnigen. Aber sie hatte in diesen Minuten nur noch das eine -Gefühl, daß sie fort müsse. Silvester zu suchen, bis sie ihn gefunden -habe. - -Vorsichtig öffnete sie die Tür zu dem Zimmer der alten Termölen. Die -hatten ihr Nachmittagsschläfchen noch nicht beendet. Leise machte sie -die Tür wieder zu. Hastig füllten ihre zitternden Hände eine kleine -Ledertasche mit dem Notwendigsten. Ein paar Zeilen an die Alten. Daß -sie ginge, ihren Gatten zu suchen. - -An der Tür blieb sie stehen und umfaßte mit einem langen Blick noch -einmal den schlichten Raum, in dem sie die letzte glückliche Stunde -mit Silvester verlebt hatte. Da stand ja noch der Elektronenempfänger, -mit dem sie jederzeit und überall seine Stimme hören konnte, wenn er -sie rief. Sie eilte darauf zu und hing den Apparat über ihre Schulter. -Lautlos und ungesehen verließ sie die Wohnung. Aber nicht ungesehen das -Haus. - -Dr. Glossin sah sie auf die Straße treten. Er folgte ihr. Erst in die -Uferbahn, dann in das Flugschiff. Sorgfältig darauf achtend, daß er -selbst nicht von ihr gesehen werde. Eifrig darauf bedacht, sie nicht -aus den Augen zu verlieren. - - * * * * * - -Der telenergetische Strahler Silvesters arbeitete mit einer besonderen, -von ihm zum erstenmal in reiner und konzentrierter Form dargestellten -Art der Energie, mit der Formenergie. Sein Apparat enthielt, in -besonderer Art gespeichert, einen verhältnismäßig nur geringen Vorrat -dieser Energieform. - -Um trotzdem die gewaltigen Leistungen des Strahlers zu erklären, muß -man sich zwei Umstände vor Augen halten. Erstens die automatische -Selbsterneuerung der Formenergie. Eine keimfähige Eichel besitzt nur -unmeßbar geringe Mengen von Formenergie. Diese winzige Menge reicht -aus, um aus vorhandenen Stoffen und einfacher Sonnenstrahlung einen -großen Eichbaum entstehen zu lassen. Danach aber ist die ursprünglich -vorhandene Menge der Formenergie keineswegs erschöpft. Im Gegenteil, -sie erfährt automatisch eine Vergrößerung, denn der aus der ersten -Eichel erwachsene Baum bringt neue Eicheln in großer Menge hervor. - -Nach dem gleichen Grundsatz erfuhr der in dem Strahler gespeicherte -Vorrat an Formenergie durch das Arbeiten des Apparats keine Schwächung, -sondern er blieb dauernd auf gleichbleibender Höhe. - -Zweitens muß immer wieder betont werden, daß der Strahler auf die -überall im Raum vorhandene physikalische Energie nur auslösend -wirkte, wie etwa der Fingerdruck gegen einen Flintenhahn auf die in -der Gewehrpatrone vorhandene chemische Energie. Nur die Größe und -Formgebung der strahlenden Elemente begrenzten die Wirkungen, die mit -dem Apparat zu erreichen waren. Den letzten großen Strahler hatte -Silvester auf eine Höchstleistung von 10 Millionen Kilowatt oder 13 -Millionen Pferdestärken bemessen. Das war eine Leistung von imposanter -Stärke, eine Energiemenge, die sich im Laufe von Stunden und Tagen ins -Riesenhafte häufen konnte. Es war geboten, vorsichtig mit Maschinen von -solcher Leistungsfähigkeit umzugehen, Sorge zu tragen, daß die Wucht -ihres Angriffes sich nicht auf unbeabsichtigte Ziele richtete. - -Es konnte nichts passieren, solange der Strahler richtig bedient wurde, -solange die wenigen und einfachen Vorschriften seiner Handhabung -beachtet wurden. Doch um sie zu beachten, mußte man seine Sinne -beisammen haben. Man durfte nicht kopflos vor Schreck und Aufregung -sein, wie es Silvester war, als er in der sechsten Stunde des vierten -Tages. den die drei am Pol zubrachten, vom Strahler forteilte. - -Um die vierte Stunde dieses Tages hatte Silvester den Strahler -gerichtet, die neue Telephonanlage eingeschaltet und wollte Jane von -seiner Rettung Mitteilung machen. Er stellte den Strahler auf das -bekannte Ziel und brachte das Bild von Janes Zimmer in Düsseldorf auf -die Mattscheibe. Jeder Gegenstand des fernen Raumes wurde sichtbar. -Nur den Empfangsapparat konnte er nicht finden, den er Jane bei seinem -Abschied übergeben hatte, und Jane selbst war nicht da. - -Silvester suchte. Er ließ den Strahler Zoll für Zoll vorrücken und -verfolgte mit wachsender Aufregung und Sorge das Bild auf der Scheibe, -jeden Raum im Hause Termölen. Er sah jedes der ihm so wohlvertrauten -Zimmer. Er erblickte den alten Herrn und Frau Luise. Er sah, wie sie -bekümmert schienen und eifrig miteinander sprachen. Er verfolgte die -Spuren Janes auf der Straße. Die Bilder aller der Wege und Orte, die er -während seines Aufenthalts in Düsseldorf mit ihr betreten hatte zogen -auf der Scheibe vorüber. Er suchte in steigender Verwirrung und Angst, -bis er nach stundenlangem Bemühen die Nachforschung entmutigt aufgeben -mußte. - -Atma! war sein Gedanke. Atma mußte ihm helfen. Atma besaß wohl die -Mittel und Kräfte, um wiederzufinden, was er selbst mit seiner -wunderbaren Entdeckung nicht zu finden vermochte. So ließ er den -Strahler und lief durch Gänge und Höhlen, bis er auf Atma traf. Er fand -ihn im Gespräch mit Erik Truwor. Worte und Sätze schlugen an sein Ohr, -auf die er in seiner Erregung kaum achtete. - -»Zwinge, ohne zu verwunden! Gebrauche die Macht, ohne zu töten!« - -»Wenn es geht, Atma. Ich will nicht morden. Doch soll ich die Macht -nicht anwenden, weil Widerstrebende zu Tode kommen könnten?« - -»Nein! Mit der Macht wurde uns die Pflicht, sie zu gebrauchen. Über den -Gebrauch sind wir Rechenschaft schuldig. Die Größe der Macht erlaubt -uns, ohne Tötung auszukommen.« - -Ein zwingender Wille ging von der Gestalt des Inders aus. Seine ruhige, -gleichbleibende Sprache wirkte auch auf Silvester. Bekümmert und -aufgeregt war er in das Gemach getreten. Von dem einzigen Gedanken -getrieben, von Atma Hilfe zu erbitten. Jetzt vergaß er seine Sorgen und -Wünsche und geriet in dessen Bann. Er ließ sich nieder, um das Ende -der Erörterungen abzuwarten. Atma betrachtete ihn einen kurzen Moment, -und der Ausdruck eines tiefen Mitleids flog über sein bronzefarbenes -Antlitz. - -»Jane ist nicht bedroht.« - -Atma sprach mit halblauter Stimme, Erik Truwor schien es kaum zu hören. -Silvester empfand die Worte wie lindernden Balsam. - -»Jane ist nicht bedroht.« Unhörbar wiederholte er die tröstenden -Worte unzählige Male für sich selber und sank dabei immer mehr auf -seinem Sessel zusammen. Eine Reaktion kam über ihn. Erst jetzt fühlte -er die Anstrengungen der letzten Tage. Während der Tagesstunden in -der Werkstatt. Des Nachts mit dem Bau der Antenne beschäftigt. Nur -wenige spärliche Ruhestunden dazwischen. Sein Herz schlug matter, -eine bleierne Müdigkeit überkam ihn, während er automatisch die Worte -wiederholte: »Jane ist nicht bedroht.« - -Seine Gedanken begannen zu wandern. Was für ein Leben führte er doch. -Abenteuerlich, vom Schicksal gekennzeichnet und verfolgt von Anfang an. -Nur einmal war sein Lebensschiff in ruhiges Fahrwasser gekommen. Damals -in Trenton, als er friedlich seinem Beruf in den Staatswerken nachgehen -konnte. Als ihm das Haus Harte zur zweiten Heimat wurde, als ihm ein -zartes Liebesglück erblühte. Welcher Dämon hatte ihn damals getrieben, -der Erfindung nachzujagen, dieser Entdeckung, die schon seinen Vater -Freiheit und Leben gekostet. War nicht Unheil unlösbar mit dem Problem -verbunden? Brachte der Versuch, es zu lösen, nicht Tod und Verderben -auf jeden, der sich damit abgab? - -Wie glücklich hätte sich sein Leben ohne diese Erfindung gestaltet. -Jetzt könnte er auch in Trenton mit Jane verbunden sein, dort an ihrer -Seite ruhig leben. Gewiß, nur als ein Dutzendmensch, als einfacher -Ingenieur der Werke, ein winziges Rädchen in einem riesigen Getriebe. - -Den Ehrgeiz hätte er begraben müssen. Aber dafür hätte er ein -bescheidenes Glück gewonnen. Das Leben an der Seite Janes. Niemand -hätte es dort gewagt, hätte es wagen können, ihn so kurze Zeit nach -der Vereinigung wieder von der Seite seines Weibes fortzureißen. -Wieviel Schmerzliches wäre ihm erspart geblieben. Die Verhaftung und -Verurteilung. Die schweren Tage in Sing-Sing. - -Er hob den Kopf, und sein Blick traf sich mit dem von Atma. Es schien, -als ob der Inder jeden Gedanken hinter der Stirn Silvesters gelesen -hätte. Er schüttelte verneinend das Haupt, und Silvester ergriff den -Sinn. - -Es wäre ihm nicht erspart geblieben! Auch wenn er nie an die große, -gefährliche Erfindung gedacht hätte, würden feindliche Gewalten ihn aus -einem stillen Glück gerissen haben. Dann war es wohl Schickung, der -niemand zu entgehen vermag. - -Die Lehren von Pankong Tzo wurden wieder in ihm lebendig: Wir sind alle -auf das Rad des Lebens gebunden und müssen seinen Drehungen willenlos -folgen. Nur um ein Geringes können wir in jedem der vielen Leben, zu -denen wir verurteilt sind, unsere Stellung auf dem Rade verändern. - -Traumartig verschwommen jagten die Gedanken durch sein Gehirn. Wie im -Traum hörte er die Stimme Erik Truwors: - -»Ich brauche dich, Atma. Wenn ich die Macht anwende, sollst du als mein -... als unser Botschafter zu den Menschen gehen und ihnen meinen Willen -kundtun.« - -Der Inder neigte zustimmend das Haupt. - -»Ich werde gehen, wenn es an der Zeit ist. Tsongkapa sagt: ›Gehe zu den -Menschen, ihnen die Neuordnung der Dinge zu verkünden‹ ...« - -Ein dumpfes Krachen unterbrach die Worte. Ein Schüttern und Beben -gingen durch die Eishöhlen. Wie wenn die Schollen schweren Packeises im -Sturm knirschend gegeneinandergepreßt werden. Der Boden, auf dem sie -standen, schwankte. - -»Der Strahler ...!« - -Atma sprach es, bevor noch Erik Truwor oder Silvester ein Wort fanden. - -»Wo steht der große Strahler?« - -»Im unteren Gange.« - -»Nach oben damit! Von unten kommt das Wasser.« - -Der Inder eilte schon dem unteren Gange zu. Erik Truwor und Silvester -folgten ihm. Über die breiten Eisstufen ging der Weg nach dem untersten -Gang, der zu den Werkstätten und Laboratoriumsräumen führte. Zu -gewöhnlicher Zeit ein leichter und bequemer Weg. Jetzt nur mit Vorsicht -zu beschreiten. Der ganze Berg schien sich um etwa dreißig Grad gedreht -zu haben, und in dieser schrägen Lage war der Abstieg über die glatten -Stufen äußerst beschwerlich. - -Auf einem Treppenabsatz stand der kleine Strahler, den sie schon aus -Amerika mitgebracht hatten. - -Jetzt war das Laboratorium erreicht. Doch schon bis zur halben Höhe -überflutet. Mit einem Sprung warf sich Erik Truwor in das eisige -Wasser, drang bis zu dem großen Strahler vor und trieb mit einem -einzigen Faustschlag die beiden Regulierhebel auf ihre Nullstellungen. -Er wollte den Strahler packen und die Stufen hinauf aus dem -Laboratorium schleppen. Es war zu spät. Von Sekunde zu Sekunde stiegen -die gurgelnden Wasser höher, während das Knirschen brechenden Eises den -Berg erzittern ließ. Schon fand der Fuß keinen Halt mehr auf dem Boden. -Nur noch schwimmend erreichte Erik Truwor die Stufe der Treppe. - -Das Wasser stieg. Stufe auf Stufe kam es herauf, Stufe um Stufe -mußten die drei Freunde sich zurückziehen. Dabei fühlten sie einen -Druck auf der Brust, ein Brausen in den Ohren, ein Ziehen in den -Gelenken, Zeichen, daß die Luft sich unter dem Druck des steigenden -Wassers komprimierte. Die Erscheinung gab den Beweis, daß der Berg -mit den Höhleneingängen unter den Wasserspiegel geraten war und -daß die eingeschlossene Luft sich jetzt in den oberen Teilen der -ausgeschmolzenen Räume verdichtete. - -Auf dem Treppenabsatz ergriff Atma den kleinen Strahler und hing ihn -sich um. - -Jetzt schien der Berg zur Ruhe gekommen zu sein. Noch fünf bis sechs -Stufen wurden von dem langsam und immer langsamer steigenden Wasser -überschwemmt. Dann stand die Flut. - -In dem oberen Wohnraum machten sie Rast. - -»Gefangen! Elend gefangen und in der Falle eingeschlossen wie Ratten. -Beinahe auch schon ersäuft wie Ratten.« - -Erik Truwor stieß die Worte hervor, während er die geballte Faust auf -die Tischplatte fallen ließ. - -Schweigend ging Atma in den Nebenraum und kehrte mit dem Arm voller -Kleidungsstücke zurück. - -»Du bist kalt und naß, Erik!« - -Erik Truwor stand auf und ergriff das Bündel. Es war nicht angebracht, -in den nassen Kleidern zu bleiben. Er ging in das Nebengemach und ließ -Atma und Silvester allein. - -Was war geschehen? Während Erik Truwor die Kleidung wechselte, -suchte sich Silvester die Vorgänge zu rekonstruieren. Als er den -Strahler verließ, wollte er ihn abstellen und den Zielpunkt von -Düsseldorf fortnehmen. Die Bedienungsvorschrift war einfach. Erst den -Energieschalter in die Ruhestellung, dann den Zielschalter. In seiner -Erregung und Verwirrung hatte Silvester zwei Fehler begangen. Er hatte -den Zielschalter nicht in die Ruhestellung auf ein unendlich entferntes -Ziel gerückt, sondern in der verkehrten Richtung auf das nächst -mögliche Ziel. Aus Sicherheitsgründen war die kleinste Zielentfernung -des großen Strahlers auf hundert Meter bemessen. Denn wenn es möglich -gewesen wäre, den Schalter auf den absoluten Nullpunkt zu bringen, dann -mußte ja die Energie sich im Strahler selber konzentrieren, mußte den -Apparat und nach menschlicher Voraussicht auch den, der ihn bediente, -momentan in Atome auflösen. - -Silvester hatte beim Fortgehen den Zielhebel falsch herumgestellt, und -er hatte dem ersten Versehen ein zweites hinzugefügt, indem er auch -den Energiehebel auf volle Leistung rückte. Der zweite Fehler war eine -logische Folge des ersten. Beide Hebel waren in der gleichen Richtung -auf die Ruhestellung zu bringen. Täuschte man sich bei der Richtung des -ersten, war es sehr naheliegend, daß auch der zweite falsch geschaltet -wurde. - -Der Strahler hatte vom Pol aus die Richtung geradlinig auf Düsseldorf. -Die Ziellinie schnitt als mathematische Gerade schräg nach unten -gerichtet in den Erdball ein. Durch die falsche Bedienung hatten -10 Millionen Kilowatt in Form von Wärmeenergie schräg unterhalb -des Eisberges, nur 100 Meter von ihm entfernt, im massiven Poleis -gearbeitet. Mit dem Effekt natürlich, daß das Eis zu schmelzen begann, -daß sich unter dem Eisberg ein größer und immer größer werdender, mit -Wasser gefüllter Raum bildete. Bis die schwache Eisdecke den Berg nicht -mehr zu tragen vermochte. Bis sie auf der Seite des Berges, auf die der -Strahler gerichtet war, krachend und knirschend zu Bruche ging und der -Berg sich halb schräg nach unten in den geschmolzenen Pfuhl wälzte. - -Der Berg war nach dem Brechen des Eises um beinahe dreißig Grad -gekippt. Dann war er mit der Unterkante auf den Grund dieses so -plötzlich entstandenen Sees aufgestoßen und zur Ruhe gekommen. Alle -Eingänge des Baues waren dabei tief unter den Wasserspiegel geraten. - -Erik Truwor kam zu den beiden Freunden zurück. Er traf Silvester in -leisem Gespräch mit Atma. Die blassen, abgespannten Züge Silvesters -verrieten seelisches Leiden. Das Bewußtsein daß er durch seine -Unvorsichtigkeit das Unglück verursacht hatte, lastete schwer auf ihm. -Mit gedämpfter Stimme erläuterte er dem Inder die Möglichkeiten und -Mittel, durch die man sich befreien, vielleicht sogar die alte Lage -dies Berges wieder herstellen könne. - -Atma lauschte aufmerksam seinen Worten, saß an seiner Seite und hatte -Silvesters Rechte zwischen seinen Händen. - -Erik Truwor ließ sich schweigend an dem Tisch nieder. Er verharrte in -seinem Schweigen, aber seine Miene verriet, wie es in ihm kochte. Immer -tiefer, immer steiler gruben sich die Falten in seine Stirn. Verachtung -und Abweisung spielten um seine Lippen. - -Silvester glaubte jetzt, die richtige Lösung gefunden zu haben. Man -mußte den Berg so weit ausschmelzen, daß er frei schwamm und schwimmend -sich in seine alte Lage zurückhob. Der Einfluß Atmas übte seine -Wirkung auf Silvester. Er wurde ruhiger und eifriger. Eine leichte -Röte überhauchte sein Antlitz, während er mit Bleistift und Papier -die jetzige Lage des Berges skizzierte und entwarf, wie man mit der -Ausschmelzung Schritt um Schritt vorgehen müsse. - -Dröhnend fielen die Worte Erik Truwors in diese Erklärung: »Wie lange -dauert das? -- Wie viele Tage und Wochen gehen uns dadurch verloren? -Ich sitze hier in der Falle, abgeschnitten von der Welt ... unfähig, -zu erfahren, was draußen vorgeht ... unfähig, meine Macht wirken zu -lassen, meinen Befehlen die Ausführung zu erzwingen ... - -Eine schöne Macht, die von Weiberdienst und Weiberlaunen abhängig ist -... Der Welt Befehle geben ... zum Spott der Welt werden wir dabei ...« - -Silvester erblaßte. Er zuckte zusammen, als ob jedes einzelne dieser -Worte ihn körperlich traf. - -»Verzeihe mir, Erik. Es war meine Schuld. Aber ich sehe schon den -sicheren Weg zur Rettung.« - -»Den Weg zur Rettung? ... Als ob es sich darum handelte ... Ich weiß, -daß wir nicht verloren sind, solange wir auch nur den kleinen Strahler -bei der Hand haben. In zehn Minuten können wir uns einen Weg ins Freie -brennen. Mag der Eisberg dann stehenbleiben oder noch tiefer fallen. -Irgendein Flugschiff können wir uns auch mit dem kleinen Strahler -heranholen und bewohntes Gebiet erreichen. Aber unsere Einrichtung ist -verloren. Meine Pläne erfahren einen Aufschub von Monaten ...« - -Erik Truwor sprang erregt auf. - -»In der Zwischenzeit verlernt die Welt die Furcht vor mir ...« - -Ein Zucken durchlief den Körper Silvesters. - -Atma erhob sich und trat auf Erik Truwor zu. Sein Gesicht suchte den -flirrend ins Weite gerichteten Blick Erik Truwors, bis er ihn gefunden -hatte. - -»Wer gab dir die Macht?« - -Minuten verstrichen, bis die Antwort von den Lippen des Gefragten kam. - -»Der Strahler!« - -»Wer schuf den Strahler?« - -Noch einmal eine lange Pause. - -Dann kam zögernd und etwas beschämt die Antwort: »Silvester ... du hast -recht, Atma. Silvester gab uns die Macht. Wir dürfen ihm nicht zürnen, -wenn sie jetzt durch sein Versehen gelähmt wurde.« - -»Ich habe ihm nie gezürnt.« - -Der Inder sagte es in seiner ruhigen Weise und fuhr fort, bevor Erik -Truwor etwas darauf erwidern konnte: »Es ist nicht Zeit zum Streiten, -sondern zum Handeln. Dein Plan, Erik, den Berg einfach zu verlassen, -entsprang dem Zorn. Silvester weiß besseren Rat. Den Plan, den Berg zu -heben, von hier aus die Mission zu erfüllen.« - -Die Worte Atmas trafen das Richtige und Notwendige. Auch Erik Truwor -konnte sich ihnen nicht entziehen. - -Es galt, die augenblicklichen Lebensmöglichkeiten zu überschlagen. - -Der Luftvorrat in den Höhlen mußte nach oberflächlicher Rechnung -für wenigstens eine Woche langen. Im obersten Gange befanden sich -Lebensmittel für mehrere Wochen. Durch einen glücklichen Zufall -war dort auch ein Lager von allerlei Werkzeugen und Hilfsmaschinen -untergebracht. - -Die Lage war ernst, aber für den Augenblick wenigstens nicht -verzweifelt. - -Doch doppelt und dreifach hatte Atma recht, als er auf die -Notwendigkeit eiligen Handelns hinwies. Die Wiederherstellung des alten -Zustandes mußte jetzt ihre Hauptsorge sein. - -Es war, als ob das Schicksal sie narren wolle. Eben noch Gebieter der -Welt, Pläne schmiedend, wie sie der Welt ihren Willen kundtun und -aufzwingen könnten. Und jetzt die Mittel für die Rettung des Lebens -beratend. Es galt den Kampf gegen eine Million Kubikmeter Eis. Gegen -diese gigantische Frostmasse, in deren Mitte sie eingeschlossen waren -wie in einer Grabkammer der pharaonischen Pyramiden. - - * * * * * - -Jane hatte das Flugschiff der Linie Köln--Stockholm betreten. Dr. -Glossin stand unter der Menge auf dem Flugplatz und hielt sich hinter -einem Verkaufsstand für Zeitungen und Erfrischungen verborgen. Das -Schiff wurde gut besetzt. Es zählte mehr als 120 Passagiere, die über -die Aluminiumtreppe den Rumpf betraten. Die Aussichten, während der -Fahrt von Jane nicht erblickt zu werden, waren nicht schlecht. - -Erst im letzten Moment, als die Bedienungsmannschaft schon die Treppe -abrücken wollte, trat er aus seinem Schlupfwinkel heraus und eilte als -Letzter in das Schiff. Gleich danach wurde die Tür verschraubt, die -Maschinen gingen an, und das Schiff verließ den Platz. - -Dr. Glossin sah, daß der Korridor, der den Rumpf des Schiffes der -Länge nach durchzog, beinahe menschenleer war, und eilte in die -Raucherkabine. Hier wußte er sich in Sicherheit und konnte bis zur -Landung in Stockholm bestimmt ungesehen bleiben. - -Erst jetzt kam er dazu, sich sein Abenteuer und die möglichen Folgen -in Ruhe zu überlegen. Wie kam Jane dazu, so plötzlich das Haus in -Düsseldorf zu verlassen und nach Stockholm zu fahren? Auf den Gedanken, -daß sie kopflos und ohne festes Ziel in die Welt hinausfuhr, kam er -nicht. - -Silvester mußte sie gerufen haben. Sicherlich hatte sie Nachricht von -Silvester erhalten und fuhr jetzt den dreien nach. Durch diese Annahme -gewann das Unternehmen aber plötzlich ein ernstes Gesicht. Silvester -würde Jane am Flugplatz bei der Ankunft erwarten. Vielleicht schon in -Stockholm. Vielleicht in Haparanda oder sonstwo. - -In jedem Fall mußte unvermeidlich irgendwo der Moment kommen, in -welchem Silvester an das landende Flugschiff herantrat, um Jane in -Empfang zu nehmen. Wo Silvester war, da waren sehr wahrscheinlich auch -die beiden anderen in nächster Nähe. Der Doktor verspürte ein kaltes -Gefühl zwischen den Schultern, als er den Gedanken zu Ende dachte. Er -zog einen kleinen Handspiegel aus der Tasche und betrachtete sorgfältig -sein Antlitz. Und nickte zufrieden. Die Veränderungen, die er schon in -Düsseldorf an seinem Äußern vorgenommen hatte, erfüllten ihren Zweck. -Beruhigt steckte er den Spiegel wieder weg. - -Nicht umsonst war er lange Jahre in die Schule politischer -Verschwörungen und Intrigen gegangen. Genötigt gewesen, bald unter -dieser, bald unter jener Maske aufzutreten. Die Veränderung des Äußern -war meisterhaft. Nicht nach der Art plumper Anfänger mit künstlichen -Bärten und Perücken, die jeder Polizeibeamte auf den ersten Blick -erkennt. Nur eine leichte Färbung des Haares, eine andere Frisur -und eine Garderobe nach europäischem Schnitt, die sich von der -amerikanischen Tracht bemerkenswert unterschied. Dazu seine Fähigkeit, -den Ausdruck des Gesichts, das Spiel seiner Züge willkürlich zu -verändern. Aus dem Dr. Glossin aus Neuyork war irgendein beliebiger und -gleichgültiger europäischer Geschäftsreisender geworden. - -Leuten gegenüber, die ihn nur oberflächlich kannten, mußte die -Veränderung sicheren Schutz gewähren. Ob sie den prüfenden Blicken -Janes standhalten würde, war ihm nicht so außer Zweifel. Daß Silvester, -daß Atma sie mit einem Blick durchschauen würden, war ihm gewiß. Aber -er rechnete damit, daß sie in der Freude des Wiedersehens auf die -Mitreisenden wenig achten würden. - -Das Schiff landete in dem Flughafen von Stockholm. Dr. Glossin blieb an -seinem Fenster sitzen. Er beobachtete die Passagiere, die das Schiff -verließen, die Leute, die sie hier erwarteten. Jane verließ das Schiff. -Sie wurde von niemand erwartet, schien auch selbst nichts Derartiges zu -erwarten. Nach einer kurzen Frage an einen Beamten wandte sie sich dem -Schiff Stockholm--Haparanda zu, das auf dem Nachbargleis zur Abfahrt -bereitstand. Glossin folgte ihr. Er nahm auch in dem zweiten Schiff -wieder den Platz in der Rauchkabine. - -Jane fuhr nach Haparanda. Es war der direkte Weg nach Linnais. Die -letzten Zweifel schwanden ihm, daß die drei sich noch in der Nähe von -Linnais verborgen hielten, daß Jane auf einen Ruf ihres Gatten an den -Torneaelf fuhr. Er sah sie in Haparanda das Schiff verlassen und zur -Eisenbahn gehen. Es war so, wie er vermutete. Sie nahm eine Karte nach -Linnais. Er tat das gleiche und fuhr, nur durch eine Wagenwand von ihr -getrennt, weiter nach Norden. - -Nun stand Jane auf dem Bahnsteig in Linnais. Wieder allein! Niemand -war hier, um sie in Empfang zu nehmen. Der Doktor wurde in seiner -Überzeugung schwankend. Was hielt den Gatten ab, seiner jungen Frau -wenigstens die paar Kilometer entgegenzufahren, die er jetzt noch -höchstens von ihr entfernt sein konnte? - -Dr. Glossin sah Jane über den Platz vor dem Bahnhof gehen, mit dem -Führer eines Karriols verhandeln, sah sie davonfahren. Sollte Jane -ihm im letzten Augenblick entgehen? Sollte das Karriol sie, den Strom -entlang, zu irgendeinem neuen unauffindbaren Schlupfwinkel der drei -führen? Sollte er hier in Linnais unverrichtetersache zurückkehren -müssen? Nein und abermals nein. Er mußte Jane folgen, mußte erkunden, -wo sie hin ging, wo sie blieb. Ein zweiter Wagen war schnell gefunden. -Er gab dem Führer nur den Auftrag, dem ersten Wagen in einigem Abstande -zu folgen. - -Die Fahrt ging die Uferstraße, am Torneafluß aufwärts, entlang. - -Das landschaftliche Bild war schön, doch Dr. Glossin sah nur die -Gegend, in der er seine letzte Niederlage im Kampfe gegen die drei -erlitten hatte. Und er sah vor sich die schlanke Gestalt Janes, nach -der er in sehnender Gier verlangte, der er jetzt zu folgen entschlossen -war, auch wenn der Weg ihn in den Bannkreis des Inders und des Feuer -und Tod speienden Strahlers bringen sollte. - -Das Karriol vor ihm hielt auf der Landstraße. Er sah, wie der Wagen -umkehrte und leer nach Linnais zurückfuhr. Jane war ausgestiegen und -hatte einen Weg den Bergabhang hinauf eingeschlagen. Er ließ den -eigenen Wagen bis dorthin vorfahren, hieß ihn warten, auch wenn es -Stunden dauern sollte, und folgte der Entschwundenen den Berg hinauf. -Hin und wieder sah er ihr Kleid durch die Büsche schimmern. Der Weg -führte in leichten Serpentinen zum Truworhaus. - -Nun stand er am Waldrande, hatte freien Ausblick auf die Brandstätte. -Und sah Jane niedergesunken an der von der Wut des Feuers geschwärzten -und verglasten Trümmerstätte knien. Sie hatte die kleine Handtasche und -den Telephonapparat fallen lassen und strich mit zitternden Händen über -die Steintrümmer. - -Das Haus, in dem sie den glücklichsten Tag ihres Lebens, ihren -Hochzeitstag, verbracht hatte, eine wüste, brandgeschwärzte Ruine. Die -blühenden Gartenanlagen vom Feuer zerfressen. Ihr Gatte verschwunden. -Keine Nachricht von ihm. - -Die Erschütterung war zu groß. Mit einem Aufschrei fiel sie ohnmächtig -nieder. Jetzt brach der Riegel. - -Dr. Glossin sah sie fallen und rührte sich nicht von seinem Platze. -Jeden Augenblick erwartete er die Gestalt Silvesters, die des Inders -auftauchen zu sehen. Vielleicht den Gefährlichsten der drei, Erik -Truwor. - -Minuten verstrichen. Nichts regte sich. Da begann er langsam die -Wahrheit zu ahnen, zu vermuten und schließlich zu erkennen. Jane -war aus eigenem Antrieb von Düsseldorf fortgegangen. Sie war an den -Ort gegangen, den sie als das Heim der drei kannte, und sie war -niedergebrochen, als sie es verwüstet und zerstört wiedersah. Niemand -erwartete sie hier. Hilflos lag sie hier im Walde, seinem Verlangen -schutzlos preisgegeben. - -Er trat aus dem Walde und näherte sich dem Trümmerhaufen. Eine -ungeheure Glut mußte hier gewirkt haben. Die Granitblöcke, aus denen -die Zyklopenmauern des Truworhauses bestanden hatten, waren zu einer -zusammenhängenden glasartigen Masse verschmolzen. Kein einfaches Feuer -wäre imstande gewesen, das Urgestein zu schmelzen. Hier mußte die -telenergetische Konzentration gewütet haben. Unzählige Tausende von -Kilowatt mußten in diesem Gestein zur Entladung gekommen sein. - -Dr. Glossin näherte sich Jane. Er wollte sie aufheben, den Berg -hinunterbringen, als sein Blick auf den Telephonapparat fiel. Es reizte -ihn, die Apparatur zu versuchen. Mit einem Griff schaltete er die -Elektronenlampen ein. - -Und er vernahm Worte einer wohlbekannten Stimme, Silvesters Stimme. - -Es war in der vierten Nachmittagsstunde. Silvester hatte die Antennen -am Pol gespannt und suchte Jane. Er suchte sie auf dem Bilde der -Mattscheibe und konnte sie nicht finden. Während er mit dem Strahler -die Straßen Düsseldorfs absuchte, sprach er Worte der Verzweiflung und -der Liebe. Worte, die für Jane bestimmt waren und von Glossin gehört -wurden. - -»Jane, mein Lieb, wo bist du? Ich kann dich nicht sehen. Dein Zimmer -ist leer ... Ich suche dich ... Alle Straßen, alle Plätze der Stadt -ziehen auf dem Bilde vor mir vorüber. Nur du bist nicht da ... - -Ich weiß nicht, wo du bist. Vielleicht hörst du meine Stimme. Ich -will dich suchen, bis ich dich gefunden habe. Die ganze Welt will ich -durchsuchen ...« - -Glossin erschrak. Wie weit war die entsetzliche Erfindung gediehen! Sie -konnten die ganze Welt im Bilde bei sich betrachten. Silvester suchte -in Düsseldorf. Er brauchte nur in Linnais zu suchen, und er sah seinen -alten Feind und hatte die Macht -- Glossin zweifelte keinen Augenblick -daran -- ihn zu Staub und Asche zu verbrennen. Er schleuderte das -Telephon von sich, als ob er glühendes Eisen gegriffen hätte. - -Weg von hier. So schnell wie möglich weg von diesem Platze, der in der -nächsten Sekunde von den dreien gesehen werden konnte. - -Er stürzte sich auf Jane. Die hypnotische Verriegelung war gebrochen. -Jane war seinem Einfluß wieder preisgegeben. Er ließ seine stärksten -Künste spielen. Er strich ihr mit den Händen über Stirn und Schläfen. -Mit äußerster Gewalt zwang er sie in seinen Bann. Mit seiner Hilfe und -auf seinen Befehl erhob sie sich. Auf seinen Befehl hatte sie alles -vergessen, was geschehen war ... - -In scharfem Trab brachte das Karriol sie nach Linnais. Das Gefährt war -nur für einen Passagier bestimmt. Er mußte sie während der Fahrt eng an -sich ziehen. Hier vollendete er die hypnotische Beeinflussung ... - -Als Jane in Linnais aus dem Wagen stieg, war sie eine ruhige junge -Dame, die mit ihrem Oheim reiste. Wie weggewischt war die Erinnerung an -Silvester, an das Truworhaus, an alles Böse, was Glossin ihr jemals -zugefügt hatte. - -Während die Bahn sie nach Haparanda brachte, während sie im Flugschiff -nach Stockholm flogen, faßte Glossin seine letzten Entschlüsse. - -Die Erfindung, die gefährliche Erfindung, welche die Macht über die -Welt in die Hand eines einzigen Menschen legte, war vollendet. Nach den -Worten, die er im Telephon gehört hatte, war kein Zweifel mehr daran -erlaubt. - -Cyrus Stonard kam mit seinem Entschluß zum Kriege zu spät. Die drei -lebten nicht nur, sie besaßen auch die Macht, das Vabanquespiel des -Diktators zu durchkreuzen. - -Es war Zeit, sich von Cyrus Stonard zu trennen, zu den Engländern -überzugehen. Dazu war es notwendig, nach London zu gehen. Aber -England war im Kriege. Aller Luftverkehr war eingestellt. Die -Linie Stockholm--London lag still. Nur der Hornissenschwarm von -hunderttausend Kriegsflugschiffen schwärmte um die englische Küste, -bereit, jedes Fahrzeug, das sich England auf dem Luftwege nähern -sollte, zu vernichten. - -Wer nach England wollte, mußte den Bahntunnel zwischen Calais und Dover -benutzen. Die alte Linie Stockholm--London war seit einigen Tagen auf -Stockholm--Calais umgelegt worden. - -Das Schiff brachte Glossin und Jane in wenigen Stunden nach Calais. -Seine Räder setzten bei der Landung auf ein Gleis auf, neben dem der -Zug nach London stand. Nur ein Drahtgitter trennte den Flugsteig -vom Bahnsteig. Aber es war nicht ganz einfach, das Gitter zu -durchschreiten. Jenseit desselben, wo der Zug stand, begann praktisch -bereits England. England, das sich in einem schweren Kriege befand. Die -Paßkontrolle war scharf. Es drängten sich viele zu den Türen, aber mehr -als einer wurde zurückgewiesen. - -Dr. Glossin hatte Zeit. Er stand, Jane leicht untergefaßt, ruhig auf -dem Bahnsteig und betrachtete die Umgebung. - -Die See war von hier aus nicht zu erblicken. Sie lag drei Kilometer -entfernt. Außerdem versperrten die gewaltigen Hochbassins den Blick in -dieser Richtung. Jene Bassins, die stets mit Seewasser gefüllt waren, -die sich in gleicher Ausführung auch auf der englischen Seite des -Kanals befanden und deren Aufgabe es war, den Tunnel in wenigen Minuten -vollaufen zu lassen. Für den Fall nämlich, daß etwa zwischen England -und Frankreich kriegerische Verwicklungen entstanden, daß Truppen von -der einen oder anderen Seite her durch den Tunnel in das Land des -Gegners zu marschieren versuchten. Dr. Glossin betrachtete die Anlagen -überlegen lächelnd. Sie waren veraltet. Man führte den Krieg heute auf -andere Weise. - -Er dachte an die Pestbomben, an die falschen Banknoten. Die Zeit -verstrich darüber. Jetzt war es freier an den Toren des Zaunes -geworden. Er zog seine Brieftasche heraus und suchte unter allerlei -Papieren. Mit einem Kartenblatt in der Hand, Jane am Arm, schritt er -durch die Sperre. Die englischen Beamten warfen nur einen kurzen Blick -auf das Papier und gaben ihm in achtungsvoller Haltung den Weg frei. -Sie kannten die Unterschrift des Premierministers Lord Gashford. - -Fünf Minuten später glitt der Zug aus dem Bahnhof, tauchte in das -Dunkel des Tunnels, durchrollte die dreißig Kilometer unter dem Meer in -ebenso vielen Minuten und eilte dann durch die Fluren von Canterbury -auf London zu. - -In einem großen Hotel in London nahm ein älterer Herr in Gesellschaft -einer jungen Dame Wohnung. Als Dr. Glossin aus Aberdeen mit Nichte. Die -Ausweise über seine eigene Person, die er dem revidierenden Beamten -vorlegte, waren so vorzüglich, daß man der Behauptung, seine Nichte -habe ihre Papiere verloren, ohne weiteres Glauben schenkte. - - * * * * * - -Durch die Straßen Londons schwirrten dunkle Gerüchte. Schlechte -Nachrichten. In Afrika sollten die neuen englischen Industriestädte in -der Gegend des Kilimandscharo von einem übermächtigen amerikanischen -Geschwader vernichtet worden sein. Ein Vorstoß auf die Straße von -Bab el Mandeb sollte den englischen U-Panzern schwere Verluste durch -Lufttorpedos gebracht haben. Andere Gerüchte erzählten von englischen -Niederlagen in der Australischen See und auf der Reede von Kapstadt. - -Im Gebäude des Kriegsministeriums hatten sich die Mitglieder der -englischen Regierung zu einer Besprechung der Lage versammelt. -Dort lagen die authentischen Depeschen von den verschiedenen -Kriegsschauplätzen vor und waren geeignet, dem Kabinett sorgenvolle -Stunden zu bereiten. - -Es hatte wirklich ein schwerer Angriff amerikanischer Luftstreitkräfte -auf die junge angloafrikanische Kriegsindustrie stattgefunden. -Flugschiffe in enormer Zahl waren plötzlich von der Ostküste her -vorgestoßen, hatten die verhältnismäßig schwachen englischen -Abwehrlinien durchbrochen und ihre Lufttorpedos auf die Industriewerke -gesetzt. Derartige Angriffe waren schließlich möglich. Aber -unerklärlich blieb es, wo die enormen Munitionsmengen herkamen. Dem -Kabinett lagen die Depeschen verschiedener englischer Flugschifführer -vor. Depeschen, die diese, pflichtgetreu bis zum Tode, zum Teil noch -abgesandt hatten, während ihre Schiffe bereits brennend in die Tiefe -stürzten. - -Sir Vincent Rushbrook hielt die letzten Depeschen von A. V. 317 in -der Hand und las: »43 Grad östlicher Länge, 2 Grad südlicher Breite. -Amerikanische Schiffe steuern nach Torpedoabwurf zur See. Verschwinden -plötzlich im Wasser. Verdacht auf unterseeischen Stützpunkt. A. V. 317.« - -Eine zweite Depesche war von demselben Flugschiff zehn Minuten später -gegeben worden: »Unterwasserstation entdeckt 42 Grad 13 Min. östlicher -Länge ...« - -Hier brach die Depesche ab. Aus den Meldungen anderer Schiffe wußte -man, daß A. V. 317 um diese Zeit brennend abgestürzt war. - -Der Premier Lord Gashford versuchte es, die Fragen und Gedanken zu -formulieren, die jedes Mitglied des Kabinetts beschäftigten. - -»Warum greift Cyrus Stonard uns nicht in England an? Wir hielten Afrika -für den sichersten Teil des Reiches. Unsere Agenten hatten uns einen -amerikanischen Angriffsplan besorgt, der einen direkten Angriff auf die -Inseln von Westen her vorsah. Der Meridian von Island bildete danach -ungefähr die Frontlinie der amerikanischen Kräfte. Was konnte den -Diktator veranlassen, diesen so lange vorbereiteten Plan aufzugeben, -die britischen Inseln unbehelligt zu lassen, uns in Afrika anzufallen?« - -Sir Vincent Rushbrook war, immer noch die beiden Depeschen von A. V. -317 in der Hand, an den Globus getreten. - -»Es sieht so aus, als ob die Amerikaner einen Flottenstützpunkt etwa -auf dem Äquator an der afrikanischen Ostküste angelegt haben. Ist es -der Fall, dann, meine Herren, hat sich Cyrus Stonard im Brennpunkt -unserer Macht festgesetzt. Von dieser Stelle aus ...« -- der Admiral -ergriff einen kleinen Zirkel und demonstrierte damit auf dem Globus -- -»bedroht er in gleicher Weise unsere afrikanischen Besitzungen, den -See- und Luftweg nach Indien und Indien selbst. Die letzte Depesche von -A. V. 317 ist leider verstümmelt. Aber wir kennen den Längengrad. Sehr -weit vom Äquator kann die Station nicht sein. Ihre Zerstörung halte -ich für das Allernotwendigste. Sie muß allen anderen Kriegshandlungen -vorausgehen. Unsere Luftstreitkräfte auf dem Meridian von Island sind -dort durch den geänderten amerikanischen Plan größtenteils entbehrlich. -Ich möchte ihnen den Befehl geben, den Meridian 42 Grad 13 Min. -abzusuchen. Ein Unterwasserstützpunkt ist immer zu finden. Haben sie -ihn gefunden, dann ist er auch vernichtet.« - -Der Admiral schwieg. Er erwartete die Zustimmung des Kabinetts zu der -unter Umständen so folgenschweren Maßnahme, die Verteidigungslinie über -den Meridian von Island zu schwächen. - -Lord Horace Maitland sprach: »Sie fragen, warum Cyrus Stonard seinen -Angriffsplan geändert hat, warum er unsere Inseln meidet und auf der -südlichen Halbkugel Krieg führt. Ich will es versuchen, Ihnen den -Grund kurz und klar anzugeben. Er tut es, weil das Unternehmen des -Obersten Trotter mißglückt ist. Weil der Bericht über den Erfolg seiner -Expedition unrichtig ist. Weil die Macht, zu deren Vernichtung England -und Amerika sich trafen, noch existiert, und weil Cyrus Stonard diese -Macht fürchtet.« - -Lord Maitland hatte seine Rede leise und tonlos begonnen. Von Satz zu -Satz hatte sich seine Stimme gehoben. Jetzt schwieg er. - -Die Wirkung seiner Worte auf die Mitglieder des Kabinetts war -körperlich greifbar. Sir Vincent Rushbrook ließ den Unterkiefer hängen -und starrte den Sprecher mit offenem Mund an. Lord Gashford verlor die -überlegene Ruhe und sprang auf. Der Kriegsminister versuchte, den ihm -unterstellten Oberst Trotter zu verteidigen. Lord Horace allein behielt -seinen Platz und fuhr mit einer ruhigen, überzeugenden und schließlich -alle Hörer zwingenden Stimme fort: »Meine Herren, ich habe bereits -einmal meiner Meinung über die wenig glückliche Wahl des Obersten -Trotter für diese Expedition Ausdruck gegeben. Er ist getäuscht worden, -und die Amerikaner haben es wahrscheinlich gewußt. Nach dem, was ich -von amerikanischer Seite über die drei in Linnais hörte, halte ich -es für ausgeschlossen, daß sie sich von einem alten Troupier wie dem -Obersten Trotter einfach in ihrem Hause verbrennen lassen. Sein Bericht -klang zwar ganz plausibel. Aber mich hat er nicht überzeugt und die -Herren Dr. Glossin und Cyrus Stonard wohl auch nicht.« - -Sir Vincent Rushbrook hatte während der Worte von Lord Horace -Gelegenheit gefunden, seinen Unterkiefer wieder zuzuklappen. Die -Färbung seines Gesichtes war vom Roten ins Blaurote gestiegen. Jetzt -brach er los: »Kann ein Mensch mit fünf gesunden Sinnen nur einen -Augenblick glauben, daß drei einzelne schwache Menschen einer Weltmacht -gefährlich werden können? Cyrus Stonard sollte mir leid tun, wenn er -sich von solchen Hirngespinsten plagen ließe.« - -Lord Horace hatte den cholerischen Admiral ruhig ausreden lassen. Nun -fuhr er selbst unbewegt fort: »Cyrus Stonard ist besser informiert -als wir. Durch den Doktor Glossin. Glossin ist der einzige, der die -Erfindung von ihren Anfängen her kennt. Der weiß viel besser als wir, -wie weit die drei jetzt mit der Erfindung gekommen sein dürften, wie -weit sie damit wirken können und wie weit nicht. Den Beweis dafür gibt -mir der veränderte amerikanische Kriegsplan. Die gegen die britischen -Inseln gerichteten Streitkräfte sind zurückgezogen. Der Diktator -fürchtet, die drei könnten ihm hier in den Arm fallen. Darum verlegt er -den Angriff in die südliche Hemisphäre, wo er sich vor der Macht der -drei noch sicher fühlt ...« - -Lord Gashford unterbrach ihn. »Wenn Sie recht hätten, so wäre mir das -Vorgehen des Diktators erst recht unerklärlich. Wie kann er sich in -einen Krieg mit uns einlassen, wenn er die Macht der drei wirklich -fürchtet?« - -»Die Erklärung dafür ist in dem Wesen des Diktators zu suchen. -Cyrus Stonard ist zweifellos der größte Staatsmann des zwanzigsten -Jahrhunderts. Seit George Washington hat er am meisten für die -amerikanische Union getan. Hätte er nicht den Ehrgeiz besessen, -Diktator zu werden und zu bleiben, hätte er wie Washington gehandelt, -er würde in der Geschichte neben und über Washington stehen. - -Ehrgeiz und Machthunger haben ihn verblendet. Er hält das amerikanische -Volk, das an eine hundertfünfzigjährige Freiheit gewöhnt war, weiter -unter einem schrankenlosen Absolutismus. Aber er sitzt auf einem -Vulkan. Er braucht ständig neue Erfolge. Bleiben die aus, so ist's -mit seiner Diktatur vorbei. Die Geschichte lehrt es uns hundertfach. -Er spielt ~va banque~ und muß ~va banque~ spielen. Das amerikanische -Freiheitsgefühl hat den Druck nur ertragen, solange die Schmach der -japanischen Niederlage in frischer Erinnerung war und solange Cyrus -Stonard die Macht und den Reichtum Amerikas ständig gehoben hat. Selbst -dann nur widerwillig. Einen Stillstand in seinen äußeren Erfolgen -verträgt seine Herrschaft nicht. - -Nach seinem Siege über Japan bleibt England als einziger Rivale -übrig. Wer die Persönlichkeit Cyrus Stonards kennt, mußte sich klar -darüber sein, daß er es versuchen würde, diesen letzten Rivalen -niederzuschlagen. Dann war der Gipfel erreicht. Amerika beherrschte die -Welt. Cyrus Stonard beherrschte Amerika. - -Da stellt sich zwischen uns und ihn die geheimnisvolle Macht. Über -deren Ziele möchte ich noch schweigen, weil ich nicht klar sehe. -Er bringt es fertig, uns als Werkzeug zur Vernichtung dieser Macht -zu benutzen. Der Streich ist mißlungen. Zum mindesten nicht sicher -gelungen. Aber Cyrus Stonard kann nicht mehr zurück. Er schlägt los, wo -er glaubt, nicht gehindert zu sein. Hätte er jetzt, nach monatelanger -Kriegsvorbereitung, Frieden gehalten, wäre es um seine Herrschaft -geschehen. - -Er ist in den Krieg gegangen wie ein Feldherr, der am Erfolg zweifelt, -aber lieber an der Spitze seiner Garden fallen als zurückweichen will. -Cyrus Stonard steht auf der Grenze von Genie und Wahnsinn. Er hat die -Grenze wohl schon nach der schlimmen Seite hin überschritten.« - -Die Worte Lord Maitlands hatten die Mitglieder des Kabinetts in ihren -Bann geschlagen. Die Gestalt des Diktators stand in ihrer Größe, -aber auch mit ihren Schwächen und Leiden vor ihnen. Eine Frage des -Kriegsministers führte die Mitglieder wieder in die reale Welt zurück. - -»Was sollen wir jetzt tun? Sollen wir uns nicht wehren? Sollen wir -uns auf eine geheimnisvolle Macht verlassen, deren Existenz doch zum -mindesten, ich will sagen, persönliche Ansichtssache ist? Es wäre -Englands und seiner Geschichte nicht würdig, wenn wir uns in der vagen -Hoffnung auf eine übernatürliche Hilfe davon abhalten ließen, alles -Notwendige für die Sicherheit des Reiches zu tun.« - -Sir Vincent Rushbrook sprach: »Unsere Islandflotte muß sich in -geschlossenem Angriff sofort auf Neuyork stürzen. Wir werden die -Fünfzehnmillionenstadt in Asche legen. Das wird dem Diktator seine -Gelüste auf Afrika und Indien am schnellsten austreiben.« - -Lord Horace nahm noch einmal das Wort: »Ich befinde mich hier in einer -eigenartigen Lage. Ich habe mich mit diesen Fragen doch vielleicht mehr -beschäftigt als ein anderes Mitglied des Kabinetts. Ich sage Ihnen -heute ... denken Sie an meine Worte, meine Herren ... Wir werden das -Eingreifen der Macht in kürzester Zeit zu fühlen bekommen. Ich halte es -für richtig, daß wir uns nur auf die Verteidigung beschränken.« - -Die Worte des Lords Maitland vermochten das Kabinett nicht umzustimmen. -Die letzten Depeschen über einen amerikanischen Angriff auf Indien -ließen jede abwartende Haltung als schädlich erscheinen. Indien war die -empfindlichste Stelle des britischen Weltreiches. Wer Indien anzutasten -wagte, mußte niedergeschlagen werden. - - * * * * * - -Der englische Premier gab seinem Sekretär gemessenen Auftrag. »Ich -erwarte den Vierten Lord der Admiralität. Jeder andere Besuch hat zu -warten.« - -Der Sekretär wunderte sich nicht über den Befehl. Die Stellung des -Lords Maitland im englischen Kabinett hatte sich in den letzten Wochen -beträchtlich gehoben. Seine genauen Kenntnisse der amerikanischen -Verhältnisse machten ihn zu einem wichtigen Mitglied des Kabinetts. -Darüber hinaus fand der alternde Lord Gashford in ihm eine wertvolle -Hilfe. Eine Persönlichkeit, die Entschlußkraft mit der abgeklärten Ruhe -des gereiften Mannes verband. Einen Mitarbeiter, der für sich selbst -gar nichts erstrebte ... wenigstens nichts zu erstreben schien und ganz -in den Fragen der großen Politik aufging. - -Lord Gashford hatte über die Ausführungen Lord Maitlands in der letzten -Kabinettssitzung nachgedacht. Als Lord Horace in sein Arbeitzimmer -eintrat, ging er ihm entgegen. »Ihre Ansichten über die Beweggründe des -amerikanischen Diktators sind richtig. Wenn seine Handlungen überhaupt -logischen Gründen entspringen, können sie nur so erklärt werden, wie -Sie es neulich taten. Ich möchte in Ihrer Gegenwart einen Besuch -empfangen, dessen Absichten mir nicht klar sind. Dr. Glossin hat sich -bei mir melden lassen.« - -Lord Horace konnte sein Erstaunen nicht verbergen. - -»Dr. Glossin hier? Sollte das ein Friedensfühler sein?« - -Dr. Glossin wurde von dem Sekretär in das Gemach geführt. Er kam mit -der Unbefangenheit des vielgereisten Weltmannes. Begrüßte Lord Horace -herzlich als einen alten Bekannten, ohne sich durch die Gegenwart des -Premierministers geniert zu fühlen. Er erkundigte sich eingehend nach -dem Befinden der Lady Diana und führte die Konversation mit einer -Leichtigkeit, als befände er sich auf einem Fünfuhrtee und nicht -bei den leitenden Ministern eines Weltreiches. Die beiden Engländer -gingen auf die Tonart ein, obwohl sie innerlich vor Begierde brannten, -dem Zwecke der Unterredung näherzukommen. Lord Horace schob dem -Doktor Zigarren und Feuerzeug hin. Glossin bediente sich mit einer -Gemächlichkeit, die den englischen Staatsmännern hart an die Nerven -ging. - -Dr. Glossin hatte zweifellos viel Zeit. Aber schließlich hatten die -Engländer noch mehr. Sie warteten ruhig, bis er das Schweigen brach. - -»Meine Herren, ich halte diesen Krieg für einen Wahnsinn. Nur der -maßlose Ehrgeiz eines Mannes treibt zwei sprach- und stammgleiche -Völker in den Kampf.« - -Die Engländer sprachen kein Wort. Nur ein leichtes Nicken verriet -ihre Zustimmung. Der Doktor fuhr fort: »Ich möchte die Lage durch -einen Vergleich erklären. Die Welt gehört einer großen Firma, den -~Englishspeakers~. Die Firma hat zwei Geschäftsinhaber. Es sind heute -zwei feindliche Brüder, die zum Schaden des Hauses gegeneinander -arbeiten. Die Firma kann nur gedeihen, wenn ihre Leiter einig sind und -einig handeln. Müßte nicht der eine der Inhaber die Führung haben?« - -Dr. Glossin schwieg und wandte dem Brande seiner Zigarre sehr -eingehende Aufmerksamkeit zu. - -»Die feindlichen Brüder sind wohl in diesem Gleichnis England und -Amerika?« - -Dr. Glossin bejahte die Frage Lord Gashfords durch ein leichtes Nicken. - -Der Premier sprach weiter: »Welcher von den beiden wird dem anderen -weichen?« - -Glossin hatte wieder mit der Zigarre zu tun, bevor er die Antwort -formulierte. Langsam, sorgfältig Wort für Wort wägend. - -»Im Geschäftsleben würde es der sein, der die geringere Erfahrung hat -... der weniger tüchtige ... meistens wohl der jüngere.« - -Lord Horace unterbrach ihn. - -»Glauben Sie, daß Cyrus Stonard jemals freiwillig weichen würde?« - -»Wenn nicht freiwillig, dann gezwungen!« - -»Das hieße Stonard stürzen! Freiwillig wird er nie nachgeben.« - -»Deswegen bin ich hier!« - -Das Wort war heraus. Seine Wirkung auf den Premier war unverkennbar. -Lord Horace blieb äußerlich unverändert. Nur sein Gehirn arbeitete -fieberhaft und schmiedete lange Schlußketten ... Er weiß, daß die -geheimnisvolle Macht wirkt. Daß es vielleicht schon in nächster Zeit, -vielleicht in wenigen Tagen nur noch eines leisen Anstoßes bedürfen -wird, um den Diktator zu stürzen. Er wechselt beizeiten die Fahne ... -Immerhin, seine Arbeit kann England nützlich sein ... - -Lord Gashford fragte mit leicht vibrierender Stimme: »Wie sollte es -geschehen?« - -»Das wird meine Sache sein!« - -»Sie wollen das vollbringen? Und wenn es Ihnen gelänge, was hat England -dafür zu zahlen?« - -»Nichts!« - -»Und was verlangen Sie dafür?« - -»Englands Freundschaft!« - -Lord Gashford reichte dem Doktor die Hand. - -»Deren können Sie versichert sein. Für die Ausführung stehen Ihnen -unsere Mittel zur Verfügung. Lord Maitland wird die Einzelheiten mit -Ihnen besprechen.« - -Sie hatten diese Besprechung im Stadthause von Lord Horace. Dr. -Glossin verlangte von der englischen Regierung für sein Unternehmen -keine materiellen Mittel. Nur ein paar Einführungsschreiben an einige -amerikanische Vereinigungen. Das war alles. Lord Horace geriet -in Zweifel, ob es dem Doktor jemals gelingen könne, mit solchen -bescheidenen, fast kindlich anmutenden Hilfsmitteln einem Manne wie -Cyrus Stonard gefährlich zu werden. »Das wäre alles, Herr Doktor?« - -»Alles, mein Lord.« - -»So wünsche ich Ihnen um der anglosächsischen Welt willen den besten -Erfolg.« - -»Ich danke Ihnen. Noch eine persönliche Bitte. In meiner Begleitung -befindet sich hier in London meine Nichte, Miß Jane Harte. -Mein Aufenthalt in den Staaten könnte längere Zeit dauern. In -der Voraussicht kommender Umwälzungen und Unruhen habe ich sie -hierhergebracht. Ich bin ihr einziger Verwandter. Sie hängt an mir, -ist meine einzige Freude, hat außer mir niemand in der Welt. Wenn ich -wüßte, daß sie in Ihrem Hause ... bei Ihnen ... bei Lady Diana einen -Anhalt findet, wäre ich Ihnen mehr zu Dank verpflichtet, als ich es -Ihnen in Worten ausdrücken kann.« - -»Ich werde die junge Dame als Gast in mein Haus nehmen. Sie soll in -sicherer Hut bei uns bleiben, bis Sie, Herr Doktor, aus den Staaten -zurück sind.« - -Der Doktor ergriff die Hand Lord Maitlands. - -»Ich danke Ihnen, mein Lord. Ich bedauere es, Lady Diana nicht -persönlich meine Empfehlung übermitteln zu können ...« - -Dr. Glossin ging, den Mann zu verraten, durch den er zwanzig Jahre -mächtig und reich gewesen war. - - * * * * * - -Seit jener Stunde, in der Diana die Todesnachricht Erik Truwors -empfing, in der sie in der Fülle überströmender Gefühle ihre ganze -Vergangenheit vor Lord Horace bloßlegte, war das Verhältnis der -Gatten ein anderes geworden. Lady Diana zog sich nach Maitland Castle -zurück. Lord Horace blieb in London, um sich mit verdoppeltem Eifer -den Regierungsgeschäften zu widmen. Nicht nur die Sorge um das Land -trieb ihn dazu, sondern wohl ebenso stark das Verlangen, sich durch -angestrengte Arbeit zu betäuben, durch rastlose Tätigkeit der quälenden -Gedanken ledig zu werden, die ihn seit jener Unterredung nicht -loslassen wollten. - -Mit dem Toten hatte er bald abgeschlossen. Was Diana getan, um dem -Jugendgespielen, dem Manne, dessen Gattin sie werden sollte und fast -war, den Abschied vom Leben leicht zu machen, das hatte er mit der -abgeklärten Ruhe des gereiften Mannes verstehen und verzeihen gelernt. - -Die Unruhe und Qual schuf ihm der andere. Der Lebende -- den Diana noch -für tot hielt. Und zu dessen Vernichtung sie doch ihre Hand geboten -hatte. - -War dieser Haß echt? Konnte solcher Haß echt sein? - -War es nicht nur in Haß verkehrte Liebe, die wieder Liebe werden -konnte? - -Erik Truwor lebte! - -Wie würde Diana die Nachricht von seiner Rettung aufnehmen? - -Er bangte vor der kommenden Stunde und sehnte sie doch herbei. - -Die Nachricht, daß sie nach London kommen solle, erreichte Diana um die -vierte Nachmittagsstunde in Maitland Castle. Der Diener, der ihr die -Botschaft überbracht, hatte längst den Raum verlassen. Diana saß immer -noch regungslos und hielt das Papier in den Händen. Das Faksimile des -chemischen Fernschreibers zeigte die charakteristischen Schriftzüge -ihres Gatten. Nur wenige Worte. - -»Ich bitte Dich, umgehend nach London zu kommen.« - -Was bedeutete diese Botschaft? Horace rief sie ... rief sie ... warum? - -Ihre Brust wogte im Widerstreit der anstürmenden Gefühle. Seit -jenem Tage der Aussprache hatte sie Horace nicht wieder gesehen. In -stillschweigender Übereinkunft hatte sie sich einer freiwilligen -Verbannung unterworfen. - -Ihre hellsichtigen Frauenaugen erkannten wohl, daß ein Mann, auch -wenn er die Großherzigkeit ihres Gatten besaß, nicht so leicht und -schnell über das hinwegkommen konnte, was sie ihm in ihrer Seelennot -offenbarte. Deshalb hatte sie gewartet. Von Tag zu Tag ... geduldig. -Doch je länger sie warten mußte, desto schlimmer fraß die Pein des -Wartens an ihr. Ihre Liebe zu Horace war so stark und rein, daß ihr -nicht einen Augenblick der Gedanke kam, ganz andere Ängste und Sorgen -könnten ihres Gatten Herz beschweren. Hätte sie es gewußt, wie leicht -wäre es ihr gewesen, seinen Argwohn zu zerstreuen. - -In windender Fahrt trug die schnelle Maschine Diana Maitland, ihre -Zweifel, ihre Hoffnungen und Wünsche nach London. - -Ohne sich erst in ihre eigenen Räume zu begeben, betrat sie das -Arbeitzimmer ihres Gatten. Lautlos schlossen sich die schweren -Portieren hinter ihr. Der schwellende indische Teppich dämpfte ihren -Schritt. - -Lord Horace saß am Schreibtisch, das Gesicht dem Fenster zugewandt. - -Diana umfaßte seine Gestalt mit ihren Blicken. - -Was dachte er? ... - -Wie wird er ihr entgegentreten? ... - -Der erste Gruß. Wie wird er sein? - -Tonlos formten ihre Lippen das eine Wort: »Horace!« - -Der Hauch drang nicht an sein Ohr. - -»Horace!« Rauh und gepreßt tönte der Name durch den Raum. - -»Diana!« ... Lord Horace war aufgesprungen. Die Gatten standen sich -gegenüber. Ihre Blicke begegneten sich und wichen einander aus. - -Dianas Herz krampfte sich zusammen. Was sie erhoffte, was sie ersehnte -... es war es nicht. Ihre Augen wurden still. Ein konventionelles -Lächeln spielte um den Mund, als sie sagte: »Du hast mich rufen lassen, -Horace.« Ihre Hände berührten sich, und doch verspürte keine den Druck -der anderen. - -»Ich danke dir für dein Kommen, Diana. Eine Bitte, die uns beide -betrifft und mir besonders am Herzen liegt, trieb mich, dich zu rufen. -Ich hatte heute vormittag eine Unterredung mit Dr. Glossin.« - -Diana horchte auf. - -»Dr. Glossin? Wie kommt der hierher? Es ist doch Krieg. Als -Friedensunterhändler? ... In Stonards Mission?« - -»Nein!« - -»Nicht? Weshalb ist er hier?« - -»Um Cyrus Stonard zu verraten!« - -»Ah ...!« - -Lady Diana hatte in der Erregung des Gespräches bis jetzt noch nicht -die Zeit gefunden, sich zu setzen. Lord Horace rollte ihr einen Sessel -herbei. - -»Ah! ... Das versöhnt mich mit ihm. Welches Glück, wenn dieser -Bruderkrieg vermieden wird! Dieser sinnlose Kampf, der Hunderttausende -Englisch sprechender Frauen zu Witwen, ihre Kinder zu Waisen macht. -Wenn das dem Doktor gelingt, wenn er das schafft, soll ihm vieles, -nein, alles verziehen sein.« - -Lord Horace wiegte nachdenklich das Haupt. - -»Ja, Diana ... nicht ganz so, wie du denkst.« - -»Wie meinst du?« - -»Der Krieg würde auch ohne das alles in allernächster Zeit beendet -sein!« - -»Wodurch?« - -»Durch die geheimnisvolle Macht der drei in Linnais!« - -Diana Maitland sank in ihren Sessel zurück. Sie erblaßte, während ihre -Augen sich zu unnatürlicher Weite öffneten. - -»Die drei in Linnais? ... Sind die nicht tot?« - -»Wir dachten es ... Wir hofften es.« - -»Sie leben?« - -»Sie leben! Sie haben es deutlich bewiesen. Unsere Stationen müssen -ihre Befehle funken.« - -»Und die sind? ... Die lauten?« - -»Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen. Die Macht -warnt vor dem Kriege.« - -Lord Horace unterbrach seine Rede. Er sah, wie die Augen seiner -Gattin sich schlossen und ein frohes Lächeln ihren Mund umspielte. -In diesem Augenblick sah sie aus wie ein glückliches Kind, dem ein -Lieblingswunsch erfüllt wurde. Er sah es und dachte: Erik Truwor! - -Lady Diana sprach wie eine Träumende, wie eine Seherin. - -»Ah! ... die drei in Linnais ... Sie leben ... leben und handeln zum -Segen der Welt!« - -»Zum Segen?« - -»Ist es kein Segen, wenn der Krieg vermieden wird? Sinnloses Morden ... -Totschlag und Raub ...« - -»Auf den ersten Blick vielleicht. Aber die Folgen werden nicht -ausbleiben. Wie wird sich das für die Zukunft auswirken?« - -»Die Welt wird ein Paradies sein!« - -»Glaubst du?« - -»Gewiß selbstverständlich!« - -»Ich nicht ... Ich glaube es nicht ... kann es nicht glauben ...« - -»Was?« - -»... kann es nicht glauben, daß ein Mann, dem ein Zufall ... ein -Schicksal solche Macht in die Hände gegeben hat, daß der ...« - -»Daß der ...« - -»Daß der die Macht nicht mißbraucht!« - -»Mißbrauchen? Mißbraucht?« - -»Mißbraucht, um die in seine Hand gegebene Menschheit zu knechten. Um -sich zum Herrscher der Welt zu machen.« Lord Horace sprach die letzten -Worte trübe und sinnend vor sich hin. - -»Du fürchtest, daß ... daß ... nein! Erik Truwor? Nein!« - -In der Erregung des Zwiegesprächs waren sie aufgesprungen und standen -sich hochatmend gegenüber. - -»Niemals! Niemals!« Diana wiederholte es mit wachsender Überzeugung. - -»Dann wäre er ein Gott!« - -Die Erregung Dianas löste sich in einem harten, stolzen Lachen. - -»Ein Gott? ... Nein! Ein Mann ist er! Ein Mann!« - -»Und wir?« Resignation klang aus den beiden kurzen Worten. Diana legte -ihm die Hände auf die Schultern. - -»Ihr ... ihr ... Horace .. ihr seid Politiker .. eure Gedanken gehen -nicht über die Grenzen eurer Interessen. Er ... er überschaut Reiche! -Ihr arbeitet für die Zeit. Er denkt an die Ewigkeit!« - -»Du kennst ihn, ich kenne ihn nicht. Du standest ihm nahe. ... Du bist -ein Weib ... Wir Männer sehen die Dinge nüchterner. Ich sage dir, es -wird kein Paradies auf Erden, aber es wird schweres Unheil für die -ganze Welt daraus entstehen.« - -»Wenn er ein Mensch wäre wie ihr. Aber er ist der ideale Mensch. Der -vollkommene Mann. Er wird die Macht ... die wunderbare Macht nur zum -Wohl der Menschheit, zum Glück der Welt verwenden ... Ja, ich kenne -ihn. Er geht mit reinem Herzen an die große Aufgabe. Er erstrebt nichts -für sich, alles für die Menschheit. Er ist Erik Truwor. Das Wort sagt -mir alles.« - -Lord Horace sprach nicht aus, was er in diesem Augenblick dachte. Daß -auch ihm das eine Wort, der eine Name nur allzuviel sage. - -Mit müder Gebärde winkte er ab. - -»Laß es gut sein, Diana. Was hilft Streiten? Das Geschick wird sich -schneller erfüllen, als uns allen lieb ist. - -Zurück zu dem Zweck unserer Unterhaltung. Dr. Glossin ließ seine -Nichte Miß Jane Harte bei seiner Abreise allein in London zurück. Ich -versprach ihm, sie bei uns aufzunehmen, bis er zurückkommt. - -Das junge Mädchen ist hier im Hause. Ich will gehen und es holen.« - - * * * * * - -Erik Truwor faßte das Ergebnis der Untersuchung zusammen. Der Eisberg -war mit seiner Basis halb schräg nach unten in das Wasser gefallen und -hatte dann wieder Halt gefunden. Es war natürlich auch mit Hilfe des -kleinen Strahlers leicht möglich, einen Ausgang aus dem Eise ins Freie -zu schmelzen. - -Aber sie befanden sich in einer komprimierten Atmosphäre. Die Luft -in der Eishöhle war auf das Doppelte des gewöhnlichen Luftdrucks -zusammengepreßt. In ihren Lungen hatte der hohe Druck sich -ausgeglichen. Schafften sie der Luft plötzlich einen Ausgang ins Freie, -so mußte die schnelle Druckverminderung sie töten. Die zusammengepreßte -Luft in ihrem Innern hätte ihre Lungen zerrissen, ihre Leiber zerfetzt. - -Doch auch ein langsames Ablassen der Druckluft gewährte keine -Sicherheit. Sie wußten ja nicht, bis zu welcher Höhe der Wasserspiegel -draußen den Berg umgab. Wie tief der Berg in den geschmolzenen See -eingesunken war. Es konnte geschehen, daß das Wasser beim Ablassen der -Luft schließlich die Decke des höchsten Raumes erreichte. Dann wurden -sie ertränkt wie die Mäuse in der Falle. - -Das Mittel, allen diesen Schwierigkeiten zu entgehen, hatte der Geist -Silvesters entdeckt. - -»Wir müssen den Berg ausschmelzen. Der ganze massive Kern muß als -Schmelzwasser in die Tiefe gehen. Nur eine leichte äußere Schale darf -stehenbleiben. Leichte Fußböden und Wände, die der Schale Halt geben. -Dann wird er sich heben, wird leicht auf dem Wasser schwimmen ...« - -Der Plan war gut, aber die Frage der Luftbeschaffung machte -Schwierigkeiten. Die wenige Luft, die in den vorhandenen Gängen -eingeschlossen war, würde niemals genügen, das ganze Innere des -ausgeschmolzenen Berges zu füllen. - -Sie mußten also mit Vorsicht eine Rohrverbindung mit der Außenwelt -herstellen, mußten die Luftpumpe mit vieler Mühe aus einem halb -überfluteten Gange herbeischaffen und von außen her Luft in das Innere -pumpen, als das große Schmelzen begann, als Tausende von Tonnen -Schmelzwasser in die Tiefe flossen und der massive Eisriese von Stunde -zu Stunde immer mehr die lockere Struktur einer Bienenwabe annahm. - -Aber sie spürten auch den Erfolg. Der Berg hob sich. Sie merkten es -daran, daß er wieder in die wagerechte Lage kam und daß die unteren -überfluteten Gänge allmählich vom Wasser frei wurden. - -Sie arbeiteten ohne Unterlaß. Silvester war Tag und Nacht tätig. Die -Vorwürfe Erik Truwors brannten ihm schwer auf der Seele. Er wollte -mit Hingabe seiner ganzen Kraft wieder gutmachen, was durch sein -Versehen verdorben war, und mutete sich mehr zu, als sein geschwächter -Organismus auf die Dauer aushalten konnte. - -Bis die mißhandelte Natur sich rächte. Atma sprang hinzu, als Silvester -neben dem Strahler, mit dem er die neuen Höhlen und Zellen in den Berg -schnitt, zu Boden taumelte. Es bedurfte aller Künste des Inders, um das -aussetzende Herz des Erschöpften zum Weiterschlagen zu zwingen und die -schwere Ohnmacht in einen wohltätigen Schlaf zu verwandeln. - -Freilich hatte Silvester Grund zu Eile und Anstrengung. Der Berg -mußte gehoben, in seine endgültige Lage gebracht sein, bevor die -Polarkälte ihre Wirkung tat, bevor die Oberfläche dieses durch einen so -unglücklichen Zufall entstandenen Sees sich wieder mit einer schweren -Eiskruste überzog. Denn fror der See, so war der Berg fest eingekittet, -alle Versuche, ihn zu heben, wurden vergeblich. - -Endlich war es gelungen. In hundert Stunden hatten sie das Werk getan. -Nun hieß es warten und sich gedulden, bis das eintrat, was sie vorher -so sehr zu fürchten hatten. Erst nachdem der gehobene Berg festgefroren -war, konnten sie es wagen, seine Außenwand zu durchbrechen, durften sie -die Tür dieses gigantischen Gefängnisses sprengen. Sie rechneten, daß -wenigstens noch einmal fünfzig Stunden verstreichen müßten, bevor das -frisch gebildete Eis den erleichterten Berg tragen würde. - -Die Laune des Schicksals schenkte dem Präsident-Diktator noch einmal -eine Frist. Krieg und Kriegsgeschrei erfüllten noch einmal die Welt. -Von einer sinnlosen und lächerlichen Kleinigkeit hing es ab, wie lange -der Vernichtungskampf zweier Weltreiche anhalten sollte. Einfach davon, -wie schnell oder wie langsam sich in der arktischen Eiswüste auf einem -Tümpel von mäßiger Größe eine tragfähige Eisfläche bilden würde. - -Fünfzig Stunden, in denen die Insassen des Berges nichts anderes tun -konnten, als tatenlos zu warten. Abgeschnitten von der Welt, ohne Kunde -von dem, was draußen vorging. - -Atma saß am Lager Silvesters. Er zwang ihn, sich wohltätiger Ruhe -hinzugeben, seinem armen mißhandelten Herzen, das immer noch unruhig -und unregelmässig gegen die Rippen pochte, Erholung zu gönnen. - -Erik Truwor war allein, eine Beute quälender Gedanken, die sich nicht -verjagen ließen. - -Was war in den Tagen ihrer Gefangenschaft geschehen? Hatten die ersten -Warnungen der Macht genügt, oder war der Krieg doch ausgebrochen? - -Besaß die Menschheit so viel Einsicht, der sinnlosen Zerstörung aus -eigener Kraft Einhalt zu gebieten? - -War das der Fall, dann würde er das Werk so ausführen können, wie er es -geplant hatte. - -Aber wenn sie ihm nicht gehorchten? Wenn sie in diesen Tagen seiner -erzwungenen Untätigkeit übereinander herfielen? - -War das nicht der Beweis dafür, daß sie noch nicht zur Selbstregierung -reif waren, daß sie einen Selbstherrscher brauchten, zu ihrem Glücke -gezwungen werden mußten? - -Wer sollte sie dann zwingen? Die Träger der Macht. Drei Köpfe, drei -Sinne! - -Nur einer konnte der Herr sein. Wer sollte es sein? - -Silvester, der stille Gelehrte, der Forscher? - -Oder Atma? Der Schüler des Buddha Gautama und des Tsongkapa? - -Nein und nochmals nein! Nur er selbst konnte es sein. Der Nachfahr des -alten Herrengeschlechtes, dem eine zweifache Prophezeiung noch einmal -die Herrschaft versprach. - -Die Wucht der Gedanken riß Erik Truwor empor. Er sprang auf und irrte -durch die Eisklüfte des gehöhlten Berges. - -Er war von der Vorsehung auserwählt. Ihm hatte das Schicksal die -unendliche Macht in die Hand gegeben. Er brauchte Gehilfen, treu -ergebene Paladine, um sie auszuüben. Dazu hatte das Geschick ihm die -Freunde an die Seite gestellt. So war die Weissagung von Pankong Tzo -zu deuten. Dem Herrscher die Macht, seinen Paladinen das Wissen und den -Willen. - -So mochte es einem Cäsar zumute gewesen sein, ehe er den Rubikon -überschritt, so einem Napoleon, als er den Sturm auf Italien wagte, so -einem Stonard, als er gegen die Gelben im Westen der Union losbrach. - -Das Schicksal rief ihn. Das Schicksal hatte Ungeheures mit ihm vor, -wenn ... wenn in diesen Tagen der Kampf ausgebrochen war. Mit kaum zu -bändigender Ungeduld erwartete er die Stunde der Befreiung aus dem -eisigen Gefängnis. - - * * * * * - -Nur dem Wunsch ihres Gatten folgend, hatte Diana Maitland Jane in ihr -Haus in Maitland Castle aufgenommen. Widerstrebend zuerst, hatte sie -sie dann liebgewonnen. Wenn dies junge Mädchen eine Verwandte des Dr. -Glossin war, so hatte sie jedenfalls nichts von den zweifelhaften -Eigenschaften ihres Oheims geerbt. - -Mochte Dr. Glossin auch tausendmal gelogen haben, diesmal hatte er die -Wahrheit gesprochen, als er sagte, daß Jane einsam und hilfsbedürftig -sei. Lady Diana erkannte es mit dem geübten Blick der gereiften und -lebenserfahrenen Frau. - -Sie nahm sich vor, der Verlassenen eine mütterliche Freundin zu sein. -In Maitland Castle während dieser Tage politischer Hochspannung -und kriegerischer Verwickelungen selbst vereinsamt, zog sie sie in -ihre Gesellschaft und hatte sie den größten Teil des Tages um sich. -Dabei aber mußte sie die Entdeckung machen, daß die Seele des jungen -Menschenkindes Rätsel barg. - -Lady Diana fand, daß in den Erinnerungen Janes Lücken klafften. Was -sie erzählte, erzählte sie schlicht und einfach, ohne Widersprüche. -Aber plötzlich, an bestimmten Stellen, stockte die Erzählung, brach -die Erinnerung ab, und es war Diana nicht möglich, die Lücken zu -überbrücken. - -Dazu der häufige Wechsel der Stimmung. Eben noch heiter, fast -ausgelassen. Dann wieder still, grübelnd, nachdenklich, zerstreut. -Wechselnde Stimmungen, schwankende Abneigungen und Sympathien, die sich -bei den gemeinschaftlichen Mahlzeiten sogar in der Wahl der Speisen -äußerten. - -Diana Maitland hatte sich gesprächsweise mit ihrer Beschließerin über -Jane unterhalten. Die sonderbaren Andeutungen der Alten gingen ihr -nicht aus dem Sinn. - -Jane machte sich an einem Tischchen zu schaffen, das in einem der -großen erkerartig ausgebauten Bogenfenster stand. Sie hatte den -Tischkasten aufgezogen, kramte in verschiedenen Kleinigkeiten, die dort -lagen, schien irgend etwas zu suchen. Diana sah, wie sie ein Garnknäuel -und ein Buch herausnahm, die Gegenstände zerfahren und unsicher auf den -Tisch legte und dann ein Zeitungsblatt aus dem Kasten holte. Ein altes -Blatt, mehrfach geknifft, eine Notiz darauf mit Buntstift angestrichen. - -Die Sonne fiel durch das Erkerfenster und wob goldene Reflexe um die -schweren blonden Flechten Janes. In dieser Beleuchtung, die ihre zarte -Schönheit noch hob, wirkte sie unwahrscheinlich ätherisch, wie eine -der Gestalten auf den bunten Stichen von Gainsborough. Diana Maitland -betrachtete das Bild mit Wohlgefallen. - -Jane saß leicht vorgebeugt an dem Tischchen. Ihre Blicke ruhten auf -dem Zeitungsblatt. Der zerstreute, träumerische Zug, den Diana in den -letzten Tagen so oft an ihr beobachtet hatte, lag auf ihrem Antlitz. -Jetzt straffte sich ihre Miene. Ihr Auge haftete auf einem Punkt des -Blattes, während sie angestrengt nachzudenken schien. Als ob sie etwas -suche, eine Erinnerung, ein Wort, einen Namen, auf den sie nicht kommen -könne. Es sah aus, als ob dies angestrengte Sinnen ihr körperliche Pein -bereite. - -Diana Maitland sah die Wandlung und rief sie an: »Was ist Ihnen, Jane?« - -Wie geistesabwesend ließ Jane das Zeitungsblatt sinken und fuhr sich -über die Stirn. - -»Linnais ... Linnais ...« - -»Jane, was haben Sie? Was ist Ihnen Linnais?« - -Als Diana das Wort Linnais aussprach, erhob sich Jane wie eine -Schlafwandlerin. Suchend, stockend brachte sie einzelne Worte hervor. - -»Linnais ... Brand ... Ruinen ... alles tot ...« - -Sekundenlang stand Diana in starrem Staunen. - -»Nein, Jane ... Sie leben!« - -»Leben ... Linnais ... leben ... Hochzeit ... meine Hochzeit ... Kirche -... Atma ... Erik Truwor ...« - -Diana Maitland sank schwer atmend in ihren Sessel zurück. Ihre Augen -hingen an den Lippen Janes, die weiterflüsterten: - -»... meine Hochzeit ...« - -»Mit Erik Truwor?« - -»Nein ... nein ... mit ...« - -»Mit ...« - -»Mit ... mit ...« - -Jane suchte und konnte den Namen ihres Gatten nicht finden. In -ängstlichem Grübeln krauste sich ihre Stirn. - -»Mit Logg Sar?« - -»Silvester ...!« Wie ein erlösender Aufschrei kam es von Janes Lippen. -»Silvester ... Silvester ... wo ist er?« - -Diana trat auf die Schwankende zu und geleitete sie zu einem Ruhebett. -Ein tiefes Schluchzen erschütterte den zarten Körper Janes. Als sie -die Augen aufschlug, war ihr Blick gewandelt. Nicht mehr unsicher und -traumverloren. Klar und fest. - -»Silvester! Ich habe ihn wieder!« - -»Was ist Ihnen Silvester?« - -»Er ist mein Mann! Mein lieber Mann!« - -Die Gedanken Dianas jagten sich. Was war das? Was hatte Dr. Glossin -getan? Welches Verbrechen war an dem Mädchen begangen worden? Diana -Maitland fand die härtesten Ausdrücke für den Arzt. Wie konnte er die -Gattin Logg Sars als seine Nichte, als junges Mädchen in ihr Haus -einführen? Wie kam die Gattin Logg Sars in die Gewalt Glossins? - -Jane richtete sich auf dem Diwan empor und begann zu sprechen. -Fließender, endlich ganz frei. Die hypnotische Kraft Dr. Glossins -reichte an diejenige Atmas nicht heran. Ein einfaches Zeitungsblatt, -jenes schwedische Blatt, welches von Glossins Hand selbst unterstrichen -den Namen Linnais trug, hatte genügt, den von ihm gelegten Riegel zu -brechen. - -Die volle Erinnerung kam Jane wieder. Sie erzählte, wie sie in der -Sorge um Silvester von Düsseldorf nach Linnais ging, Brandruinen -fand, wo sie einst Hochzeit gehalten. Wie Dr. Glossin, ihr selbst -unerklärlich, plötzlich vor ihr stand, wie sie ihm willenlos folgen -mußte. - -»Dein Silvester lebt, Jane! Er und seine Freunde! Wir wissen es. Lord -Horace sagte es mir. Unsere Stationen müssen ihre Befehle funken.« - -»Er lebt. Ich höre es. Ich glaube es gern ... gern ... Aber er weiß -nicht, wo ich bin. Ich habe in törichter Sorge seine Weisung mißachtet, -bin fortgelaufen. Er sucht mich vergeblich, kann mir keine Nachricht -geben.« - -Lady Diana brachte bald heraus, wie diese Benachrichtigungen früher -stattgefunden hatten. Aber der kleine Telephonapparat war verschwunden. -Irgendwo in Linnais geblieben. Damals, als Dr. Glossin in ihm die -Stimme Silvesters vernahm, die Kraft des Strahlers zu fürchten -begann und den Apparat wie glühendes Eisen von sich schleuderte. Die -Wellenlänge, auf die Silvester den Apparat gestimmt hatte, war damit -verloren. Die Möglichkeit einer Verständigung in der früheren Art -ausgeschlossen. - -Es blieb nur die öffentliche Regierungsstation, die Möglichkeit, eine -Depesche in der Wellenlänge dieser Station abzugeben. Zu gewöhnlichen -Zeiten eine einfache Sache. Jetzt in den Tagen des Krieges und der -Zensur eine schwierige, fast unlösliche Ausgabe. Diana Maitland -übernahm es, sie zu lösen. - -Der Luftverkehr auf den britischen Inseln war des Krieges halber -verboten. In ihrem schnellen Kraftwagen fuhr sie selbst nach Cliffden -in die große englische Station. Sie suchte den Stationsleiter auf und -hatte eine lange Unterredung mit ihm. Sie bat, beschwor und drohte, bis -der Widerstand des Beamten überwunden war. Bis er vom Buchstaben seiner -Instruktion abwich und die kurze Depesche zur Absendung entgegennahm. -Lady Diana blieb an seiner Seite, solange die Depesche umgeschrieben -und von den Perforiermaschinen für die Sendung vorbereitet wurde. -Sie stand neben ihm, als der Geberautomat den Papierstreifen zu -verschlingen begann, als Hebel tanzten und Kontakte polterten, als die -ersten Worte der Depesche - - »Jane an Silvester ...« - -auf den Flügeln elektrischer Wellen in den Luftraum strömten. Sie blieb -neben dem Stationsleiter stehen, bis der Streifen dreimal durch den -Apparat gelaufen war. Dann ging sie zu ihrem Kraftwagen und kehrte nach -Maitland Castle zurück. - - * * * * * - -Am siebenten Tage nach der Katastrophe wagten es die Eingeschlossenen. -Sie ließen die Druckluft aus dem Eisberge langsam ins Freie entweichen. -Erik Truwor stand am Ventil, den Blick auf dem Druckzeiger. Im -untersten Gange beobachtete Silvester den Wasserspiegel. Das Mikrophon -am Munde, bereit, Alarm zu geben, wenn das Frischeis nicht hielt, der -Berg sich senkte, das Wasser stieg. - -Mit leisem Pfeifen entwich die Luft. Langsam fiel der Zeiger des -Manometers. Nur noch wenige Linien stand er über dem Nullpunkt. Erik -Truwor lehnte sich gegen die Eiswand, drückte das Ohr gegen die Fläche, -um jedes Knistern, jedes kommende Brechen des Eises so früh wie möglich -zu spüren. - -Es blieb ruhig. Nur das schwächer und schwächer werdende Pfeifen der -entweichenden Luft. Jetzt nur noch ein leichtes Rauschen. Der Zeiger -stand auf dem Nullpunkt. Der Druck war ausgeglichen. Der Berg hielt -sich ohne Unterstützung der Preßluft. - -Schnell fraß der kleine Strahler einen neuen Ausgang durch die Schale -des Berges. Die Antenne in Ordnung bringen, den Verkehr mit der Welt -wieder herstellen, das war jetzt das Wichtigste. Die Antenne auf dem -Abhang des Berges war unversehrt geblieben. Nur die Verbindungen nach -den Apparaten hin waren bei der Katastrophe zerrissen. Zehn Minuten -genügten, um eine Notleitung zu legen. Kaum war die letzte Verbindung -gemacht, die letzte Schraube angezogen, als auch schon wieder Leben in -die Apparate kam, die alle diese Tage hindurch still und tot dagelegen -hatten. Die Farbschreiber klapperten, die Laufwerke rollten, und die -Streifen, dicht mit Morsezeichen bedeckt, quollen unter den Farbrädern -hervor. Nachrichten aus Amerika und Europa, aus Indien und Australien. - -Das Schicksal ging seinen Weg. Der Krieg war ausgebrochen. Englische -und amerikanische Luftstreitkräfte waren an den verschiedensten Punkten -der Welt zusammengeraten. Die große englische Schlachtflotte hatte -ihren Hafen verlassen um die amerikanische Ostküste anzugreifen. Die -amerikanische Flotte war ihr entgegengefahren. Nur noch vierundzwanzig -Stunden, und es kam zu einer gewaltigen Schlacht mitten im Atlantik. - -Die Frage, die sich Erik Truwor in diesen Tagen unfreiwilliger Ruhe -so oft vorgelegt hatte, war entschieden. So entschieden, wie er es in -unruhigen Nächten gefürchtet hatte. Die Menschheit hörte nicht auf -seine Worte. Sie war nicht fähig, sich selbst zu regieren. Sie brauchte -den Herrn, der sie zwang. - -Er fühlte, wie seine Ideale zusammenbrachen. Sie taten da draußen -nichts aus freien Stücken und irgendeinem Ideal zuliebe. Wer die -Macht hatte oder zu haben glaubte, benutzte sie rücksichtslos. Seine -Warnungen waren unbefolgt verhallt. Sie würden ihm nur gehorchen, wenn -er Brand und Mord hinter jeden seiner Befehle setzte. - -Die Stunde der Entscheidung war gekommen. Wenn er durchsetzen wollte, -was er sich vorgenommen, was er als seine Mission ansah, dann mußte -er als Herr auftreten. Klar hatte er die Notwendigkeit in den Tagen -der Gefangenschaft durchdacht und schrak zurück, nun die entscheidende -Stunde gekommen war. - -Würde man seine Absichten nicht verkennen? Würde die Welt ihm nicht -andere Beweggründe unterschieben? Würde sie nicht einer maßlosen -Ehrsucht zuschreiben, was nur bittere Notwendigkeit war? - -Es duldete ihn nicht länger in der Enge der Berghöhlen. Er stürmte -hinaus in das Freie. Er sprang über Schollen und Schneewehen, die in -den Strahlen der tiefstehenden Sonne rot glühten. Er lief und fühlte, -daß alle die alten Ideen und Ideale von Pankong Tzo vernichtet waren. - -Atemlos hielt er im Lauf inne. Ihm graute vor der Entscheidung, vor der -Verantwortung, vor dem Entschluß. - -Hinter einer Eisklippe hatte der Wind den frischen Schnee -zusammengewirbelt. Hier ließ er sich niedersinken, fühlte, daß die -weißen Flocken sich wie ein Daunenkissen um seine Glieder schmiegten. -Eine tiefe Mutlosigkeit, eine Erschlaffung überkam ihn. Er wurde ganz -ruhig. - -Wie wäre es, wenn er hier liegenbliebe, wenn er jetzt einschliefe? Der -Verantwortung, dem verhaßten Entschluß durch freiwilligen Tod aus dem -Wege gehen?! Wie lange würde es dauern, bis der arktische Frost den -kurzen Schlummer in einen ewigen Schlaf verwandelte. Wie schön müßte -es sein, hier einzuschlummern, hinüberzugehen in das große Meer der -ewigen Ruhe und des Vergessens, in dem alle dunklen Wellen des Lebens -verrieseln. - -War es der Frost, der schon zu wirken begann, den Körper leicht, die -Gedanken träumerisch und sprunghaft machte? - -Eine dunkle, fromme Erinnerung überkam ihn. Die Hände falten! Er -streifte die schweren Pelzhandschuhe ab und schlug die Finger -ineinander. Da ... seine Rechte zuckte zurück. - -Was war das Kalte, das er berührt hatte? Kalt und brennend zugleich. Er -hob die Hand zum Gesicht. Vom Mittelfinger der Linken strahlte ihm der -Alexandrit entgegen, jetzt auch im Tageslicht hellrot glühend, wie er -ihn noch nie gesehen hatte. - -Mit einem Sprung stand er auf den Füßen. - -Sich von dem eigenen Schicksal wegstehlen? Dem Leben feige den Rücken -kehren? Nein, niemals, und wenn der Weg nach Golgatha führen sollte. - -Die Menschheit da draußen wollte Kampf und Mord. Sie sollte im Überfluß -davon haben. Wie eine neue Gottesgeißel wollte er sie züchtigen, bis -sie ihm bedingungslos gehorchte. - -Ein harter, eiserner Wille prägte sich auf sein Gesicht. - -Ruhigen und festen Schrittes ging er zum Berge. Er trat hinein und -schritt durch die Gänge dem Raume zu, in dem die großen Strahler -standen. Der rote Sonnenschein drang durch die grünlichen Eiswände -und erfüllte die Hallen und Gänge mit einem magischen Doppellicht. -Die vollkommene Stille, die hier in den Regionen des ewigen Eises -herrschte, wurde nur durch das leise Ticken der Funkenschreiber -unterbrochen. In schwirrendem Spiel klappten die feinen Schreibhebel -der Apparate auf und nieder und notierten in Punkten und Strichen die -Botschaften, die von allen Teilen der Welt her durch den Äther kamen -und sich in den Maschen der Antenne fingen. - -Silvester saß vor einem der Schreibapparate in einem leichten Sessel. -Er hielt den Papierstreifen unbeweglich in den Händen, als ob er -sich von einer einzelnen Nachricht nicht losreißen könne. Das in -rötlichgrünen Tönen durch den Raum schimmernde Licht umspielte seine -Gestalt. Es ließ sein Antlitz fahl wie das eines Toten erscheinen. - -Erik Truwor warf einen Blick auf die Stelle des Streifens, den -Silvester so beharrlich in den Händen hielt. Der Apparat hatte -inzwischen unermüdlich weitergearbeitet. Viele Meter des Streifens -waren ihm entquollen und lagen in Windungen und Schleifen auf den Knien -Silvesters. - -Erik Truwor las die Stelle in den Händen Silvesters: »Jane an -Silvester. Ich bin geborgen. In England in Maitland Castle bei guten -Freunden.« - -Der Streifen zeigte die kurze Depesche dreimal hintereinander. - -Erik Truwor beugte sich zu dem Sitzenden hinab und legte ihm die Hand -auf die Schulter. - -»Freue dich, Silvester! Deine Sorgen sind vorüber. Jetzt weißt du, daß -Jane in Sicherheit ist.« - -Unter dem Druck von Erik Truwors Hand sank die Gestalt Silvesters -noch mehr in sich zusammen. Sie fiel nach vorn und wäre ganz zu Boden -gesunken, wenn Erik Truwor nicht mit kräftigen Armen zugegriffen hätte. -Da fühlte er, daß das Leben aus dem Körper des Freundes gewichen war, -daß die Blässe des Antlitzes nicht allein durch die fahlen Reflexe der -Eiswände verursacht wurde. - -Dem wechselreichen Auf und Ab von Freuden und Leiden, seelischen -Erschütterungen und schwerster Forschungsarbeit war der Organismus -Silvester Bursfelds nicht gewachsen. Ein Herzschlag hatte sein junges -Leben in dem Augenblick beendigt, in dem er die Depesche von Jane -empfing. - -Erik Truwor hielt die schon erkalteten Finger des Freundes in seinen -Händen. Atma trat in den Raum. Er schritt auf Silvester zu und schloß -ihm mit sanftem Druck die Augen. - -»Er hat gegeben, was das Schicksal von ihm verlangte, das Wissen.« - -Erik Truwor nickte und ließ seine Blicke auf den blassen Zügen ruhen. - -»Das Wissen, das mir die Macht schafft.« - -Er wandte sich von dem Toten weg nach dem großen Strahler. Nur die -Farbschreiber tickten leise und warfen immer neue Nachrichten von den -Kriegsschauplätzen auf das Papier. Mit schweren Schritten ging Erik -Truwor auf den mächtigen Strahler los. Nur ein einziges Wort kam von -seinen Lippen: »Auf!« - -Wie Kampfruf klang es! Kampfruf war es! - - * * * * * - -Doktor Rockwell, der Leibarzt des Präsident-Diktators, und Hauptmann -Harris, der diensttuende Adjutant, unterhielten sich mit gedämpfter -Stimme im Vorzimmer. - -»Solange der Präsident meinen ärztlichen Rat nicht wünscht, darf ich -mich ihm nicht aufdrängen.« - -»Es geht so nicht weiter, Herr Doktor! Das Leben hält auf die Dauer -kein Mensch aus. Seit zwölf Tagen, seit der englischen Kriegserklärung, -ist der Präsident nicht mehr aus seinen Kleidern gekommen, hat sein -Arbeitzimmer kaum verlassen ...« - -»Ich gebe zu, daß solche Lebensweise angreifend ist, namentlich, wenn -man die Fünfzig überschritten hat. Aber andererseits ... bedenken Sie -die außergewöhnliche Lage. Der Krieg mit einer ebenbürtigen Großmacht. -Es geht um das Schicksal der Staaten und ... des Diktators. Es ist -schließlich nicht zu verwundern, daß er seine ganze Kraft an die -Leitung des Krieges setzt.« - -»Kraft! Kraft! Herr Doktor! Wo soll die Kraft herkommen, wenn er so gut -wie nichts zu sich nimmt? Eine Tasse Tee. Ein paar Schnitten Toast. -Das genügt ihm für vierundzwanzig Stunden. Dazu kein Schlaf. Ich habe -den Präsidenten während meiner Dienststunden seit zwölf Tagen nicht -schlafend gefunden. Meine Kameraden von den anderen Wachen auch nicht.« - -»Er wird trotzdem geschlafen haben. Viertelstundenweis, zu Zeiten, in -denen niemand in seinem Zimmer war. Zwölf Tage ohne Schlaf hält niemand -aus. Das kann ich Ihnen als Arzt versichern. Am dritten Tage machen -sich bei vollkommener Schlafentziehung schwere Symptome bemerkbar.« - -»Die Symptome sind da, Herr Doktor! Darum bitte ich Sie, zu dem -Präsidenten zu gehen. Sein Wesen ist verändert. Sein Blick, früher so -ruhig und kalt, ist flackernd und fiebrig geworden.« - -»Fieber erkennen wir an der Temperatur des Patienten. Seien Sie -überzeugt, daß der Präsident in den zwölf Tagen in seinem Lehnstuhl -ganz gut geschlafen hat. Die Natur läßt sich nicht betrügen. Am -wenigsten um den Schlaf. Die ärztliche Wissenschaft kennt Beispiele, -daß Reiter auf ihren Pferden im Zustand der Übermüdung fest geschlafen -haben, ohne es zu wissen und ohne ... das ist besonders wichtig ... -ohne herunterzufallen. Um wieviel mehr müssen wir annehmen, daß der -Präsident in seinem bequemen Armstuhl den nötigen Schlummer gefunden -hat.« - -»Schlummer? Herr Doktor! Sie können so sprechen, weil Sie die -Verhältnisse hier noch nicht aus der Nähe gesehen haben. Auf seinem -Tisch stehen zwölf Telephonapparate. Jeder Apparat für eine besondere -Wellenlänge. Er hat ständige Verbindung mit den Kriegsschauplätzen. -Eben spricht er vielleicht mit dem Befehlshaber unserer afrikanischen -Fliegergeschwader. Wenige Minuten später mit dem Chef der australischen -Flotte. Unter Umständen meldet sich schon während dieses Gesprächs das -indische Geschwader. So geht es Tag und Nacht.« - -»Ihre Mitteilungen in Ehren, Herr Hauptmann. Trotzdem kann ich nicht -ungerufen meinen Rat aufdrängen. Sollten sich wirklich ernsthafte -Symptome zeigen, kann ich in zwei Minuten zur Stelle sein.« - -Während dies Gespräch im Vorraum geführt wurde, saß der -Präsident-Diktator in seinem Arbeitzimmer in dem schweren hochlehnigen -Armstuhl hinter dem mächtigen Tisch. Hauptmann Harris hatte recht. Das -Wesen Cyrus Stonards war verändert. Bald stierte er Minuten hindurch -auf irgendeine vor ihm liegende Meldung. Dann blickte er wieder starr -gegen die Zimmerdecke. Nervös, unruhig, als erwarte er jeden Moment -eine bestimmte Nachricht. - -Ein Sekretär trat ein. Vorsichtig, auf den Fußspitzen gehend, schritt -er über den schweren Teppich bis an den Tisch heran und legte eine rote -Mappe mit neuen Depeschen vor den Präsidenten hin. - -Es waren gute Nachrichten. Erfolge in Indien. Eine für das -Sternenbanner siegreiche Luftschlacht über der Straße von Bab el -Mandeb. Auch ein anspruchsvoller Feldherr konnte kaum mehr verlangen. -Doch der Präsident-Diktator las die Nachrichten ohne Freude. - -Seit zwölf Tagen wurde sein Gehirn nur von dem einzigen Gedanken -beherrscht: Wird das Spiel noch glücken oder wird die unbekannte Macht -sich einmischen? Daß seine Streitkräfte mit den englischen fertig -werden würden, daran hatte er nie gezweifelt. - -Aber die Macht! Die unbekannte Macht, die Maschinen sprengte und -drahtlose Stationen spielen ließ! Die unbekannte Macht, die über so -unheimliche Waffen und Kräfte verfügte. - -Telegramm um Telegramm las er und legte es beiseite. Bis er zu den -beiden letzten Schriftstücken der Mappe kam. - -Er las und wischte sich mit der Hand über die Augen, wie um besser zu -sehen. Las zum zweitenmal, hielt die Depesche in den Händen und ließ -den Kopf mit den Augen auf die Papiere sinken. - -Zwei Depeschen waren es. Die eine um zwölf Uhr zehn Minuten -amerikanischer Zeit von Sayville datiert. Die andere um sechs Uhr -zwanzig Minuten westeuropäischer Zeit von der englischen Großstation in -Cliffden. Berücksichtigte man die verschiedenen Ortszeiten, so waren -beide Depeschen nur mit zehn Minuten Abstand aufgegeben worden. Zwei -Depeschen von völlig gleichem Wortlaut: »An alle! Die Macht verbietet -den Krieg. Die Macht wird jede feindliche Handlung verhindern.« - -Was Cyrus Stonard seit zwölf Tagen heimlich fürchtete, was ihn zwölf -Tage und Nächte in dieser unnatürlichen Spannung und Aufregung gehalten -hatte, war geschehen. Die unbekannte Macht verbot den Krieg, stellte -eine gewaltsame Verhinderung aller Operationen in Aussicht. - -Der Diktator sprang auf und lief wie ein gefangenes Raubtier im Zimmer -hin und her. Jetzt flatterte der helle Wahnsinn in seinen Augen. Seine -Lippen murmelten Flüche, während er die Faust ballte. - -Hauptmann Harris trat mit einer neuen Depeschenmappe in das Zimmer. Er -sah mit Schrecken, wie der Zustand des Diktators sich verschlimmert -hatte. Cyrus Stonard riß ihm die Mappe aus der Hand, beugte sich über -den Schreibtisch und las. Seine Augen weiteten sich, während er den -Inhalt der Depesche verschlang. Dann stieß er die Mappe weit von sich -und brach in ein gellendes Gelächter aus. Ein Lachen des Wahnsinns und -der Verzweiflung, das immer schriller und krampfartiger wurde. Bis es -schließlich mehr Schluchzen als Lachen war. Dann stürzte er auf der -Stelle, auf der er stand, nieder und lag regungslos auf dem Teppich. - -Jetzt war es Zeit, Dr. Rockwell zu rufen. Hauptmann Harris bettete den -Bewußtlosen auf den Diwan und ging dem Doktor zur Hand, solange er -gewünscht wurde. - -Eine Viertelstunde nach der Erkrankung waren die Staatssekretäre des -Krieges, der Marine, des Innern und Äußern zur Stelle. Sie hörten -den Bericht des Arztes. Prüften dann die Schriftstücke, die der -Präsident-Diktator zuletzt bekommen hatte. Die beiden Depeschen von -Sayville und Cliffden, die noch zerknittert auf der Schreibmappe lagen. - -Die Mitglieder des Kabinetts wußten nur wenig von der Existenz der -unbekannten Macht. Gerade das, was sich nach der ersten warnenden -Depesche in Sayville nicht mehr gut verheimlichen ließ. Cyrus Stonard -hatte diese Angelegenheit ganz geheim behandelt und nur mit Dr. Glossin -besprochen. Mit Dr. Glossin, der schon seit drei Wochen nicht mehr in -Washington gesehen worden war. - -Der Staatssekretär des Krieges George Crawford las die Depesche vor: -»Die Macht verbietet den Krieg. Sie wird jede kriegerische Handlung -verhindern.« - -Er ließ das Blatt verwundert sinken. - -»Beim Zeus, eine kühne Sprache! Welche Macht kann es sich erlauben, uns -den Krieg zu verbieten, zwei Weltreiche zu brüskieren?« - -»Die Macht! Wie das klingt? Geheimnisvoll und anmaßend! Ist es denkbar, -daß der Diktator durch diese Depesche so schwer erschüttert worden sein -sollte?« - -Sie suchten weiter. Hauptmann Harris wies dem Staatssekretär des -Krieges die Mappe, bei deren Lektüre der Präsident zusammenbrach. - -Sie lasen die zweite Depesche, und ihre Wirkung auf diese vier -Staatsmänner war niederschmetternd. - -Sie kam von dem Chef der großen amerikanischen Atlantikflotte. Es war -der verzweifelte Ruf eines wehrlos gemachten und von einer mysteriösen -Kraft gepackten Geschwaders. Der Anfang der Depesche setzte um 12 -Uhr 30 ein. Dann war sie bruchstückweise immer weitergegeben worden, -wie die Ereignisse sich abspielten: »Klar zum Gefecht. In Schußweite -mit der englischen Atlantikflotte ... Die Feuerleitung versagt ... -Unsere Geschütze können nicht feuern ... Können auch nicht laden -... Geschützverschlüsse mit den Rohren verschweißt ... Geschütze -unbrauchbar ... Torpedos unbrauchbar ... Englische Flotte feuert auch -nicht ... Rudermaschinen blockiert ... Unsere Schiffe nach Osten -gezogen ... Die englische Flotte zieht in geschlossener Kiellinie -dicht an uns vorüber nach Westen ... Auf der englischen Flotte große -Verwirrung ... Unsere Panzer schließen sich dicht zusammen ... aller -Stahl stark magnetisiert ... Die englische Flotte am Westhorizont -verschwunden ... Eine unwiderstehliche Kraft treibt unsere Schiffe mit -50 Knoten nach Osten ... Gott sei unseren Seelen gnädig.« - -Sie lasen die Depesche öfter als einmal und verstanden das Gelächter, -mit dem Cyrus Stonard zusammengebrochen war. Das war also die Macht! -Die unbekannte, geheimnisvolle Macht, die den Krieg nicht wollte. Die -Macht, die die Mittel besaß, um alle Waffen wirkungslos zu machen. Die -Macht, deren erste Warnung man ignoriert hatte, und die nun ihre Gewalt -zeigte. - -Die Katastrophe betraf die große amerikanische Schlachtflotte. Die Ehre -des Sternenbanners war bei der Affäre engagiert. Aber trotzdem konnte -sich keiner der vier Staatsmänner der Wirkung des titanischen Humors -entziehen, der in diesem Verfahren lag. Eine Macht, die Geschütze -verschweißte und Schlachtpanzer elektromagnetisch zusammenklebte, eine -Macht, die eine ganze Flotte willenlos durch den Ozean zog, wäre auch -imstande gewesen, die Schlachtschiffe zu versenken. Sie tat es nicht. -Sie lähmte die Waffen und zog die feindlichen Flotten in nächster Nähe -aneinander vorüber, die amerikanische Flotte nach England und die -englische Flotte nach Amerika. - -Denn so ging die Reise ganz offenbar. Wenn noch irgendein Zweifel -darüber bestand, wurde er durch das Telephon beseitigt, das sich auf -dem Tisch des Präsident-Diktators meldete. Die drahtlose Verbindung mit -der Atlantikflotte. - -Der Staatssekretär der Marine eilte an den Apparat und erkannte die -Stimme des Admirals Nichelson, der sich bei der Atlantikflotte befand. - -»Habe ich die Ehre, mit Seiner Exzellenz dem Herrn Diktator zu -sprechen?« - -»Nein! hier ist der Staatssekretär der Marine. Der Herr -Präsident-Diktator hat sich für kurze Zeit zur Ruhe begeben. Berichten -Sie an mich. Ich habe Ihre Depesche über die Katastrophe vor mir -liegen.« - -»Sie wissen?« - -»Ich weiß, daß Ihre Flotte kampfunfähig mit fünfzig Seemeilen nach -Osten treibt.« - -»Es sind inzwischen hundert geworden. Unsere Schiffe rasen, halb aus -dem Wasser gehoben, ostwärts. Wir besitzen keine Möglichkeit, etwas -dagegen zu unternehmen. Wir müssen abwarten, was das Schicksal mit uns -vorhat.« - -»Wie sieht es auf der Flotte aus? Sind noch weitere Beschädigungen auf -den Schiffen eingetreten? Wie ist der Zustand der Besatzung?« - -»Beschädigungen? ... Keine weiter. Jedes Geschütz am Verschluß -verschweißt ... Der Zustand der Mannschaften? ... Fragen Sie lieber -nicht ... Keine Disziplin mehr. Ein Teil der Leute vom religiösen -Wahnsinn befallen. Liegen auf den Knien, singen Psalmen, erwarten das -Jüngste Gericht. Einige über Bord gesprungen. Geht die Fahrt so weiter, -landen wir morgen in England.« - -Der Staatssekretär der Marine legte den Hörer auf den Apparat. Er trat -an den großen Globus, steckte einen Kurs ab und rechnete. Dann wandte -er sich zu seinen Kollegen. - -»Meine Herren! Ich glaube, wir dürfen die englische Flotte morgen etwa -um die neunte Stunde an der amerikanischen Küste erwarten.« - -Mr. Fox sprach durch das Telephon mit Dr. Rockwell. - -»In dem Befinden des Herrn Präsident-Diktators ist bisher keine -Änderung eingetreten. Die Staatsgewalt liegt nach der Verfassung bei -den Staatssekretären.« - -Während sich die Ärzte bemühten, Cyrus Stonard ins Bewußtsein -zurückzurufen, übernahmen die vier Staatssekretäre die Lenkung des -schwankenden Staatsschiffes. - - * * * * * - -Dr. Glossin saß in seiner Neuyorker Wohnung und überschlug die -Ergebnisse seiner politischen Tätigkeit. Seit acht Tagen war er in -Amerika und hatte keine Stunde seiner Zeit verloren. Mit den Führern -der Sozialisten und mit denen der Plutokraten hatte er verhandelt, -Arbeiter und Milliardäre waren der Herrschaft des Diktators gleichmäßig -müde. Leise Schwankungen des sonst so festen und zuverlässigen Bodens -deuteten auf kommende gewaltsame Ausbrüche. - -Noch jetzt wunderte sich Dr. Glossin über die Vertrauensseligkeit, -mit der die Parteiführer der Sozialisten und Plutokraten ihm -entgegengekommen waren. Wer gab denen denn den Beweis, daß er wirklich -von Cyrus Stonard abgefallen sei? Was wußten die Tölpel von der -unbekannten Macht? Von allem, was noch zu erwarten war? - -Dr. Glossin kannte die Pläne der Roten und der Plutokraten und hatte -ihre Chancen genau erwogen. Beiden Parteien würde die Revolution -zweifellos glücken. Aber in beiden Fällen würde der Erfolg kein -vollkommener sein, würde es im weiteren Verlauf unbedingt zum -Bürgerkriege kommen. Machten die Roten die Revolution, würden der -Westen und ein Teil der Mittelstaaten sich dagegen erheben. Machten sie -die Weißen, würde umgekehrt der Osten rebellieren. - -In den Vereinigten Staaten gab es aber noch eine dritte Partei, deren -Mitglieder sich einfach als »Patrioten« bezeichneten. Eine Partei, für -die Dr. Glossin bis vor kurzem nur ein Achselzucken übrighatte. Die -Patrioten waren so unzeitgemäß, die Politik nur des Vaterlandes und der -alten amerikanischen Ideale halber zu treiben. Freiheit des einzelnen -und des ganzen Staatswesens. Abschaffung aller Korruption. Innehaltung -von Treu und Glauben bei allen, auch bei politischen Abmachungen. Das -Programm der Patriotenpartei bestand aus idealen Forderungen. Darum -hatte sie Cyrus Stonard auch gewähren lassen, hatte sie ebenso wie -Glossin für ungefährliche Schwärmer gehalten. - -Erst vor fünf Tagen war der Doktor mit William Baker, dem Führer der -Partei, in Verhandlung getreten. Nachdem er in Erfahrung gebracht, -daß die Roten und die Weißen am gleichen Tage losschlagen wollten. -Er hatte die Partei zum Handeln aufgepeitscht. Er hatte sich mit Mr. -Baker eine lange Nacht hindurch eingeschlossen, einen vollständigen -Revolutionsplan mit ihm entworfen und in allen Einzelheiten -ausgearbeitet. So raffiniert und wirkungsvoll, daß dem Parteiführer vor -der teuflischen Schlauheit des Arztes graute. - -Nur über die Behandlung und Beseitigung des Diktators waren sie nicht -einig geworden. Glossin war für Lufttorpedos auf das Weiße Haus. Mr. -Baker war gegen jedes Blutvergießen. Er verkannte die großen Verdienste -des Präsident-Diktators um die Union nicht. Cyrus Stonard sollte weg, -sollte der Macht beraubt werden, aber ohne Schaden an Leib und Leben zu -nehmen. - -Damals ... jetzt vor fünf Tagen ... hatte Mr. Baker eine kurze Zeit -überlegt, hatte angedeutet, daß er einen Weg finden würde, hatte -den Weg selbst verschwiegen. Von Tag zu Tag waren seine Andeutungen -zuversichtlicher geworden. Aber die Tage waren auch verstrichen. Die -Zeit drängte. Heute schrieb man den fünften August. Am siebenten -wollten die Weißen und die Roten losschlagen. Es war Zeit. Höchste -Zeit! Und dieser Ideologe, dieser Baker, spielte immer noch den -Geheimnisvollen. - -Dr. Glossin sprang wütend auf. Es mußte zum Ende kommen. So oder -so. Es war um die achte Abendstunde, als er den Broadway erreichte -und sich in einem der Wolkenkratzer in die Höhe fahren ließ. Er -trat in einen einfachen Bureauraum im 32. Stock. Einen spärlich und -nüchtern ausgestatteten Geschäftsraum. Nur eine Person war darin. Ein -hochgewachsener Fünfziger mit ergrautem Vollbart und Haupthaar. William -Baker, der Führer der Patrioten. - -»Sie kommen, Herr Doktor? ... Um so besser, da brauche ich nicht nach -Ihnen zu schicken.« - -»Ich komme, Mr. Baker, weil die Zeit uns auf den Nägeln brennt. Ich -bestehe darauf, daß mein alter Vorschlag durchgeführt wird.« - -»Es wird nicht nötig sein.« - -»Bitte ... sprechen Sie deutlicher.« - -Der Parteiführer schritt schweigend zu einer Tür zum Nebenraum und -öffnete sie. Eine dritte Person trat ein. Trotz des Zivils erkannte Dr. -Glossin Oberst Cole, den Kommandeur des Leibregiments. Er kannte den -Obersten seit Jahren, und der Oberst kannte ihn ebenso. - -Glossin war starr. Seine gewohnte Selbstbeherrschung versagte. - -»Sie ... Oberst Cole ...?« - -Baker nickte. - -»Sind Sie zufrieden, Herr Doktor?« - -Verwirrt drückte der Doktor die Hand, die der Oberst ihm bot. Das war -also der Trumpf, den Baker solange zurückgehalten hatte. So mußte der -Plan gelingen. - -»Heute abend um elf Uhr auf die Sekunde wird die Aktion der Partei in -allen Städten der Union beginnen. Um zehn Uhr löst das Regiment Cole -die alten Wachen im Weißen Hause ab. Alles Weitere besprechen Sie auf -der Fahrt. Jetzt fort!« - -Ein kurzer Händedruck. Dr. Glossin fuhr mit dem Oberst bis auf das Dach -des Wolkenkratzers. Das Flugschiff des Kommandeurs nahm sie auf. Die -Dämmerung des Sommerabends lag über der See, als das Schiff den Kurs -auf Washington nahm und die Bai von Neuyork überflog. Staten Island, -Sandy Hook, die Einfahrt zum Neuyorker Hafen. Dr. Glossin und Oberst -Cole standen am Fenster und blickten ostwärts über die See. - -Da zog es in einer unendlichen Linie heran. Panzer und Panzerkreuzer, -Torpedoboote und Torpedojäger, Flugtaucher und Unterseepanzer. Es -rauschte durch die See, deren Wogen sich vor dem Bug der kompakten -Masse aufbäumten und in stiebendem Schaum zerflockten. Es kam mit einer -Geschwindigkeit von vielen Seemeilen in der Stunde durch die Fluten -dahergerast. Die schweren Panzer standen halb schief, den Bug hoch -über den Wogen, das Heck so tief in der See, daß das Wasser dahinter -einen Berg bildete. - -Es war ein seltsames und ein grauenvolles Schauspiel. Diese Schiffe -fuhren nicht mit eigener Kraft. Sie fuhren überhaupt nicht, wie -Schiffe zu fahren pflegen. In regelmäßigem Abstand und in Formationen. -Ihre eisernen Körper hingen zusammen, wie etwa eine Gruppe von -Pfahlmuscheln, die ein Fischer vom Grunde losgerissen hat und durch -das Wasser schleift. An den Seitenwänden des ersten schweren Panzers -klebten, aus dem Wasser gehoben, drei Torpedoboote, wie die jungen -Muscheln an den Schalen der alten. Der zweite Panzer haftete, um -ein Drittel seiner Länge nach Backbord vorgeschoben, am ersten -Schlachtschiff. So folgte sich die ganze gewaltige Schlachtflotte, zu -einem einzigen, regellosen Block verquirlt, von einer unsichtbaren, -unwiderstehlichen Gewalt durch die Fluten gerissen. - -An allen Masten, von der sausenden Fahrt über den halben Atlantik -zerfetzt und arg mitgenommen, aber noch erkennbar, der Union Jack, die -in hundert Seeschlachten bewährte Flagge Englands. Erst auf der Höhe -von Sandy Hook mäßigte sich das Tempo der wilden Fahrt. Langsamer, aber -immer noch verkettet und verquirlt zog die gelähmte Flotte durch die -Landenge in die Bai von Neuyork ein. - -Dr. Glossin trat einen Schritt vom Fenster zurück und preßte den Arm -des Obersten Cole. - -So standen sie und starrten auf das Schauspiel da unten, während -das Flugschiff seinen Weg nach Washington verfolgte. Sie sahen die -gelähmte Flotte klein und kleiner werden, sahen sie als einen Punkt im -unsicheren Licht der wachsenden Dämmerung verschwinden. Sie starrten -noch immer auf den Fleck, wo sie verschwand, als längst nichts mehr zu -sehen war. - -Nach langem Schweigen sprach der Oberst: »Was war das? Habe ich -geträumt?« - -»Was Sie sahen, war grause Wirklichkeit. Das Wirken der -geheimnisvollen Macht, mit der Cyrus Stonard spielen wollte.« - -Dr. Glossin sprach. Von Dingen, von denen Oberst Cole bis zu diesem -Augenblick keine Ahnung gehabt hatte. Von der unbekannten Macht. Von -ihrer Gewalt. Von ihren Drohungen und Verboten. Von der Unmöglichkeit, -sich ihr zu widersetzen. Je weiter der Doktor kam, desto mehr sank der -Oberst in sich zusammen. Er sprach während der Fahrt kein Wort mehr und -zog sich in Washington schweigend in sein Dienstzimmer zurück. - -Um zehn Uhr wurden im Weißen Hause die Wachen des Regiments Howard -durch Offiziere und Mannschaften des Regiments Cole abgelöst. Oberst -Cole nahm den Bericht seines Wachtoffiziers teilnahmslos entgegen. So -blieb er sitzen, bis Glossin, die Uhr in der Hand, zu ihm ins Zimmer -trat. - -»Herr Oberst, was zeigt Ihre Uhr?« - -Langsam, fast schwerfällig zog der Oberst die eigene Uhr. »Zehn Minuten -nach zehn.« - -Die Uhr in der Hand des Obersten zitterte. Seine Hand vibrierte. Dr. -Glossin blickte spöttisch auf den alten Offizier. - -»Herr Oberst Cole!« Die Stimme Glossins drang schneidend durch die -Stille. Der Oberst sprang auf. - -»Ich bin bereit.« - -Der Oberst trat auf den Korridor vor der Zimmerflucht des Diktators -und führte eine Signalpfeife an den Mund. Noch bevor der letzte -Ton verklungen war, strömten von allen Seiten her Mannschaften und -Offiziere des Leibregiments Cole herbei und scharten sich um ihren -Obersten. - -Die beiden Adjutanten des Diktators traten auf den Flur, um den Lärm zu -verbieten. Sie erschraken vor dem düsteren Ernst und der Verbissenheit -in den Zügen der Soldaten und Offiziere. - -»Was soll das, Herr Oberst?« - -»Sie sind verhaftet. In Obhut von Major Stanley.« - -Widerstandslos beugten sich die beiden Adjutanten der erdrückenden -Übermacht. Während sie abgeführt wurden, öffnete Oberst Cole die Tür -zum Zimmer des Diktators. Dr. Rockwell trat ihm entgegen. - -»Ruhe, meine Herren! Der Präsident bedarf dringend der ...« - -Der Leibarzt sah die entschlossenen Mienen der Andrängenden und trat -schweigend zur Seite. Der Weg war frei. Oberst Cole trat in das Zimmer -und schritt langsam auf den großen Schreibtisch zu. Er hatte von der -rechten Seite her den Blick auf den Tisch und den Diktator. Cyrus -Stonard saß bei der Arbeit, ein Schriftstück in der Hand. Er blieb -ruhig sitzen und senkte nur die Hand mit dem Dokument, während ein -eigenartiges Lächeln seine hageren Aszetenzüge überflog. - -Offiziere und Mannschaften strömten hinter ihrem Oberst in den Raum, -bildeten an der Türwand einen Halbkreis. Es wurde so still, daß man das -Ticken der kleinen Standuhr bis in den fernsten Winkel vernehmen konnte. - -Cyrus Stonard wandte das Haupt halb nach rechts gegen die Eingetretenen. - -»Was wünschen die Sieger von Graytown, von Philipsville und Frisko?« - -Es waren Schlachtennamen aus dem letzten Japanischen Kriege. Ehrennamen -für Oberst Cole und sein Regiment. In diesem Augenblick aus dem Munde -des Diktators kommend, wirkten sie lähmend auf die Eingetretenen. - -Oberst Cole wich einen Schritt zurück ... und noch einen und noch -mehrere. Wich zurück vor diesem rätselhaften Ausdruck in Cyrus -Stonards Augen. Das war nicht der drohende, faszinierende Blick des -Gewaltherrschers, sondern der überlegene, abgeklärte eines Mannes, der -alles erkannt und alles als eitel befunden hat. - -Oberst Cole wich zurück, bis er Widerstand fühlte. Arme umschlangen -ihn. Die flüsternde Stimme, der warme Atem Glossins drangen an sein -Ohr. Mit sicher werdenden Schritten trat er wieder auf den Diktator zu. - -»Herr Präsident, das Land verlangt Ihren Rücktritt!« - -»Das Land?« - -»Das Land, Herr Präsident!« - -Cyrus Stonard hörte die feste Stimme des Obersten, blickte ihm in die -Augen und sah die Wahrheit. Langsam kamen die Worte von seinen Lippen: - -»Der Wille des Landes ist für mich das höchste Gesetz ... Was habe ich -zu tun?« - -»Das Land zu verlassen!« - -»Wann?« - -»Sofort!« - -Cyrus Stonard erhob sich mit kurzem Ruck, als gehorche er einem Befehl. - -»In wessen Namen handeln Sie?« - -»Im Namen aller ihr Vaterland und die Freiheit liebenden amerikanischen -Bürger.« - -Cyrus Stonard wußte genug. Das war aus dem Programm der Patrioten, -die er für harmlos gehalten hatte. Nicht die Roten oder die Weißen, -die Patrioten machten seiner Herrschaft ein Ende. Er schaute auf die -Versammlung und erblickte, durch die Figur des Obersten halb gedeckt, -Dr. Glossin. - -»Gehört Herr Dr. Glossin auch zu diesen Bürgern?« - -Oberst Cole wich zur Seite, als ob die Nähe Glossins ihm peinlich -sei. Der Arzt stand frei vor dem Diktator. Er mußte dessen Blick -aushalten, denn die Mauer der Offiziere und Soldaten versperrte ihm den -Rückzug. So stand er und wand sich unter den Blicken des Diktators, -wurde wechselnd blaß und rot, wäre in diesem Moment gern meilenweit -weggewesen. - -Cyrus Stonard sah ihn erbärmlich und klein werden, drehte ihm den -Rücken und wandte sich Oberst Cole zu. - -»Kameraden! Ich verlasse das Land in der Überzeugung, daß es sein Wille -ist. In der Hoffnung, daß mein Weggehen zu seinem Heil dient. Was ich -erstrebte ... das Schicksal hat es anders gewollt. Eine Macht, größer, -als ich je geahnt, hat es in Menschenhand gelegt. Ich habe dagegen -gekämpft ... Als ich den Kampf aufnahm, wußte ich, daß sein Ausgang -mein Schicksal bedeutet ... Ich bin unterlegen ... Wohin soll ich -gehen?« - -»Wohin Sie wollen, Herr Präsident. Ein Flugschiff steht zu Ihrer -Verfügung.« - -»... Nach Europa ... Nach Nordland. Gehen wir.« - -Oberst Cole trat an die Seite des Präsidenten. Auf seinen Wink öffnete -sich eine Gasse zur Tür. Still und stumm standen die Offiziere und -Mannschaften des Leibregiments und sahen den Mann scheiden, der sie -durch zwanzig Jahre zu Ruhm und Ehre geführt hatte. - -Oberst Cole wollte vorangehen. Der Diktator ergriff seinen Arm und -stützte sich darauf. - -»Ich bin müde, alter Freund!« - -Der Oberst preßte die Lippen aufeinander. Aus seinen starr -blickenden Augen brachen zwei Tränen, die langsam über sein Gesicht -herniederrollten. - -Eine Viertelstunde später erhob sich ein Regierungsflugzeug vom Dach -des Weißen Hauses. Es steuerte in die Nacht. Kurs nach Osten. - - * * * * * - -Es ist sehr schwer, die Ereignisse der nächsten Augustwochen zu -schildern. Am sechsten August hatte die unbekannte Macht die großen -Schlachtflotten Englands und der amerikanischen Union gelähmt. Im -magnetischen Wirbelsturm war die britische Flotte in den Hafen von -Neuyork eingeschleppt worden. Zu der gleichen Stunde, in der die -amerikanische Flotte die Themse hinauf bis zu den Docks von London -gezogen wurde. - -Am siebenten August wurde in den Vereinigten Staaten Cyrus Stonard -gestürzt und eine neue Regierung gebildet, in welcher Dr. Glossin -provisorisch das Portefeuille des Äußern übernahm. Zu jeder anderen -Zeit hätte dieser Sturz die ganze Welt in Aufruhr versetzt. Jetzt -vollzog er sich beinahe geräuschlos. Die unbekannte Macht nahm das -allgemeine Interesse zu sehr in Anspruch, als daß die politische -Umwälzung in den Vereinigten Staaten besonders aufregend wirken konnte. - -Wo immer noch in irgendeinem Winkel der Welt englische und -amerikanische Streitkräfte aneinandergerieten, da trat die Macht sofort -handelnd als dritte auf. - -Amerikanische Luftstreitkräfte, die unversehens nach Indien vorstießen, -wurden schon auf dem Wege dorthin zum Absturz gebracht und fielen bei -den Lakkadiven in die See. Englische Flugtaucher, die einen Angriff -auf den Panamakanal versuchten, wurden dicht bei Jamaika von einem -magnetischen Zyklon gefaßt und auf den höchsten Gipfeln der Kordilleren -abgesetzt. Die Besatzungen brauchten Tage, um aus der Schneewüste zu -den nächsten menschlichen Ansiedlungen zu gelangen. Die Macht griff -ohne Ansehen der Parteien ein und unterbrach jede Kampfhandlung. - -Die Ereignisse der Tage vom sechsten bis zum fünfzehnten August wirkten -auf die Menschheit wie etwa der Stab eines Wanderers im Ameisenhaufen. -Allgemeine Unruhe, Aufregung, ein Brodeln der öffentlichen Meinung, das -in der Presse aller kultivierten Länder seinen deutlichsten Ausdruck -fand. - -Will man den ungeheuren Eindruck der Vorkommnisse dieser acht Tage -einigermaßen übersichtlich ordnen, so muß man die davon betroffene -Menschheit in allen Staaten in drei Gruppen unterscheiden: die -Physiker, die Militärs und die breite Volksmenge. - -Die Vertreter der physikalischen Wissenschaft versuchten es, -stichhaltige Erklärungen der erstaunlichen Wirkungen zu geben. Aber -die Isolierung und Speicherung der Formenergie, die geniale Entdeckung -Silvester Bursfelds, lag weit außerhalb der wissenschaftlichen -Erkenntnis. So tappten alle Erklärer, die ihre Wissenschaft in den -großen Blättern der fünf Weltteile produzierten, im Dunkeln. - -Englische Flugtaucher waren fünftausend Meter hoch in den Kordilleren -abgesetzt worden. Die Maxwellschen Gleichungen gestatteten es -schließlich, die wirksamen Magnetfelder nachzurechnen, durch welche -die schweren Flugtaucher gepackt worden waren. So folgerte man dann -weiter, daß es der unbekannten Macht auch möglich wäre, alle großen -Schlachtflotten auf irgendeinen Berggipfel zu schleudern. - -Nachdem die Entwicklung bis zu diesem Punkt gediehen war, häuften sich -die Zeitungsartikel, in denen die Grenzen der unbekannten Macht immer -kühner und ungemessener behandelt wurden. - -In den Vereinigten Staaten hielt man sich an die wenigen Mitteilungen, -die der neue Staatssekretär des Äußern Dr. Glossin machen konnte. -Besonders Professor Curtis arbeitete intensiv und konnte bereits -am zwölften August einen Versuch auf offener See vornehmen. Um die -zehnte Vormittagsstunde dieses Tages fuhr das Sammlerboot mit der -Strahlungseinrichtung aus dem Hafen. Curtis hatte eine Anordnung -geschaffen, die ein elektromagnetisches Feld ziemlich geschlossen nach -einer Richtung auszustrahlen vermochte. Ein ausrangiertes Torpedoboot -war als Ziel für die Versuche in Aussicht genommen. Er hoffte, bis -auf eine Entfernung von tausend Meter merkliche Magnetisierungen -hervorbringen zu können. - -Umgeben von seinen Assistenten, stand er neben den gerichteten -Antennen, die das elektromagnetische Feld über den Bug des -Sammlerbootes nach dem Torpedoboot hinschleudern sollten. Die -Schalthebel wurden eingeschlagen. Hochfrequente elektrische Energie -durchbrauste die Antennen. - -Professor Curtis wurde von Unruhe ergriffen. Die Wirkungen die man vom -Torpedoboot meldete, gingen erheblich über die von ihm als möglich -errechneten hinaus. Er gab den Befehl, die Energie in den Antennen -abzustellen. - -Und ließ sich dann mit einem Seufzer auf einen Sessel fallen. Denn die -Wirkung auf dem Torpedoboot hörte nicht auf. Im Gegenteil. Sie stieg, -bis schließlich der elektromagnetische Wirbel das ganze Boot packte, -aus dem Wasser hob und auf das sandige Ufer schleuderte, wo es im Sturz -berstend liegenblieb. - -Mit verhaltenem Atem hatte man auf dem Sammlerboot die Katastrophe -beobachtet. Ein Ruf seines ersten Assistenten veranlaßte Professor -Curtis aufzublicken, die Vorgänge auf dem eigenen Boot zu verfolgen. - -Die gerichteten Antennen lösten sich in Kupferdampf auf. Sie leuchteten -einen Moment grünlich schillernd und waren dann verschwunden. -Spanndrähte und Isolatoren fielen angeschmolzen und zersplittert -auf das Schiffsdeck nieder. Dann packte ein Wirbelsturm das ganze -Sammlerboot und warf es neben das Torpedoboot auf das Gestade. - -Professor Curtis ließ das Geländer los und rollte über das -schrägliegende Verdeck in den weichen Seesand. Das war das Ende der -amerikanischen Versuche. Der Bericht, den der Professor noch am selben -Nachmittag nach Washington sandte, erklärte es für aussichtslos, gegen -die Mittel der unbekannten Macht anzukämpfen. - -Am dreizehnten August hielt Professor Raps in der Technischen -Hochschule zu Charlottenburg sein Kolleg über theoretische -Elektrodynamik. Die Studenten spitzten die Bleistifte, um das Kolleg -wie immer mitzuschreiben. An diesem Tage wären die retardierten -Potentiale dran gewesen. Aber der deutsche Professor brachte ganz etwas -anderes ... - -»Meine Herren, auch ich habe es versucht, mit den Mitteln unserer -Wissenschaft das Geheimnis der unbekannten Macht zu ergründen. Die -Wirkungen, die zuverlässig berichtet worden sind, lassen sich nur -dann erklären, wenn wir annehmen, daß die Macht ein Mittel besitzt, -um die Raumenergie an jeder Stelle zur freien Entwicklung zu bringen. -Die Raumenergie dürfen wir nach Oliver Lodge zu zehn Milliarden -Pferdekraftstunden für jedes Kubikzentimeter annehmen. Unsere -Wissenschaft kennt bisher kein Mittel, diese Energie freizumachen. -Sicherlich keins, um sie auf weite Entfernungen und mit absoluter -Treffsicherheit zu entfesseln ...« - -Die Studenten schrieben mit. Das Papier knisterte, die Bleistifte -rauschten. Professor Raps fuhr in seinen Ausführungen fort. Er ging -ins Detail und entwickelte rechnungsmäßig die Wirkungen, die sich auf -diesem Wege erzielen ließen. Er bedeckte die schwarze Wandtafel mit -dreißigstelligen Zahlen, die Kilowatt und Kalorien bedeuteten. Dann -wurde die Vorlesung wieder allgemeiner ... - -»Wir haben keine Ahnung, durch welche Mittel, durch welche uns -jedenfalls noch ganz unbekannte Form der Energie diese Fernwirkungen -erzeugt werden, wie die explosive Entfesselung der Raumenergie zustande -kommt. Ein Riesengeist, der dem Stande unserer Wissenschaft um -Jahrhunderte vorauseilte, muß diese Lösung gefunden haben ...« - -Silvester Bursfeld in seinem eisigen Grabe hoch oben am Pol konnte -mit dem Epitaphium zufrieden sein, das der deutsche Gelehrte ihm hier -setzte. - -Professor Raps fuhr fort: - -»Meine Herren, ich wurde von zwiespältigen Gefühlen ergriffen, als ich -die hier eben vorgetragenen Entdeckungen machte. Auf der einen Seite -die reine Forscherfreude über die gelungene Entdeckung, die Freude, die -Sie alle wohl schon nach einer glücklich gelösten Laboratoriumsaufgabe -empfunden haben. Auf der anderen Seite ein tiefes Grauen. Meine Herren, -der Gedanke, daß eine übermenschliche Macht in die Hand sterblicher -Menschen gelegt wurde, ist entsetzlich. Die Besitzer der Erfindung -können der Welt jeden Tort antun. Sie können jede Stadt verbrennen, -jedes Menschenleben vernichten. Wir sind wehrlos. Wir müssen -widerstandslos über uns ergehen lassen, was die Besitzer der Macht für -gut befinden werden. Der Gedanke ist kaum erträglich. Aber es ist die -Wahrheit ...« - -Der Professor schloß seine Vorlesung vor der festgesetzten Zeit. Er -war zu ergriffen, um sich jetzt noch dem planmäßigen Lehrstoff zu -widmen. - -Der Inhalt seines Vortrages erregte erneute Unruhe. Die Vertreter der -großen Zeitungen kauften den Studenten ihre Niederschrift für schweres -Geld ab. Noch am Abend des dreizehnten August wurde der Vortrag über -die ganze Erde verbreitet. Von Hammerfest bis Kapstadt, von London bis -Sydney wurden die Mitteilungen verschlungen und diskutiert. - -Es war klar, daß der deutsche Gelehrte den Quellen der unbekannten -Macht wenigstens theoretisch auf der Spur war. Je länger die Physiker -der ganzen Welt sich in die Einzelheiten seiner Ausführungen -vertieften, desto mehr mußten sie die Richtigkeit seiner -Schlußfolgerungen anerkennen. Es gab in der Tat nur diese eine -Erklärung für die ungeheuerlichen Wirkungen der Macht. Man mußte -imstande sein, die Raumenergie an jeder beliebigen Stelle des Erdballes -explodieren zu lassen. - -Aber die Mittel dazu kannte niemand. Wenn nicht am Ende ... dieser -deutsche Professor noch mehr wußte, als er im Kolleg gesagt hatte? Der -Gedanke, daß ein einzelner Staat das Geheimnis entdecken, sich zum -Herrn der übrigen Welt machen könne, schuf neue Unruhe. - -An allen Punkten der Erde wartete man auf die nächsten Äußerungen der -Macht. Die Spannung einer dumpfen Erwartung lag über der Welt, soweit -sie von denkenden Menschen bewohnt war. - -Es war um die Mittagstunde des fünfzehnten August. Funkentelegramme -durchschwirrten wie immer die ganze Welt. Um 12 Uhr 13 Minuten 15 -Sekunden erfuhr dieser Verkehr eine jähe Unterbrechung. Bisher -hatte die unbekannte Macht ihre Depeschen durch eine unmittelbare -Beeinflussung einer der großen europäischen oder amerikanischen -Stationen gegeben. Aber in dieser Mittagstunde des 15. August -stand über dem östlichen Teil des Atlantik plötzlich ein starkes -elektromagnetisches Feld im Äther. Sein Kern hatte die Gestalt eines -schmalen hohen Turmes. Es pulsierte mit hunderttausend Schwingungen in -der Sekunde und strahlte Wellenenergie im Betrage von zehn Millionen -Kilowatt nach allen Richtungen der Windrose aus, während es schnell -nach Westen hin über den Ozean wanderte. - -Im Rhythmus der Morsezeichen kam und verschwand das Feld, und wo immer -in Europa und Amerika elektrische Einrichtungen vorhanden waren, -wurden sie zum Mitschwingen gebracht. Die Passagiere der elektrischen -Straßenbahnen vernahmen die Zeichen in dem eintönigen Brummen der -Wagenmotoren. Wo elektrische Glühlampen brannten, begannen sie in -dieser Stunde zu zirpen und ließen Morsezeichen hören. Wo irgendein -Mensch den Telephonhörer am Ohr hatte, wurden Rede und Gegenrede -plötzlich durch laut und scharf dazwischenklingende Morsezeichen -unterbrochen. Die Farbschreiber aller Telegraphenstationen hörten in -diesen Minuten auf, die Depeschen ihres Betriebes zu schreiben, und -zeichneten die Botschaften der Macht auf: - -»Die Macht: Der Krieg ist aus! Die Macht fordert Gehorsam. Sie straft -Ungehorsam.« - -Die Welt zuckte unter den Worten der Botschaft zusammen. Wie -Peitschenhiebe trafen die lapidaren Sätze, die ihr den neuen Herrn -verkündeten. Wie eine schwere dunkle Wolke legte sich der Druck eines -fremden zwingenden Willens über die Menschheit. Die Regierungen und die -einzelnen Staatsmänner waren ratlos. Es war nicht möglich, an dem Ernst -dieser Depesche zu zweifeln. Dazu waren die Proben der Macht, die man -bisher zu kosten bekommen hatte, zu stark und zu beweisend. - -Die äußere Politik bot zwar in diesem Augenblick keine Schwierigkeiten. -Die Macht befahl den Frieden, und es gab nur einen Weg, bedingungslos -zu gehorchen. Dafür aber zeigten sich Schwierigkeiten im Innern. Die -einzelnen Völker wurden gegen ihre Regierungen mehr oder weniger -aufsässig. Der einzelne fragte sich, ob es überhaupt noch Zweck hätte, -den Anordnungen einer Regierung zu gehorchen, die nur von Gnaden der -Macht auf ihrem Stuhle saß, in jeder Minute von dieser selben Macht -ausgelöscht werden konnte. Es waren nicht einmal die schlechtesten -Elemente, die unter solchem Druck von einer allgemeinen Unlust befallen -wurden und in gleicher Weise das Interesse am Staat wie an den eigenen -Angelegenheiten verloren. - -Professor Raps saß in seinem Arbeitzimmer. Es war ein hoher, schlicht -eingerichteter Raum. Vor dem Gelehrten lag das Manuskript einer fast -vollendeten Arbeit. Daneben deckten ganze Stapel von Briefen und -Depeschen den großen Arbeitstisch. Anfragen von staatlichen Behörden, -von wissenschaftlichen Instituten, von Einzelpersonen und auch von -fremden Regierungen. - -Der Professor warf keinen Blick auf diese Tausende von Briefen und -Fragen. Auf diese Schriftstücke, deren Beantwortung ein ganzes Bureau -Monate hindurch beschäftigen konnte. Er sah grau und verfallen aus und -hielt den Papierstreifen mit der Depesche der Macht in den Händen. -Seine Lippen zuckten und formten abgerissene Worte. - -»... Mein Gott! ... Kann die Natur das dulden ... kann ein einzelner -der Welt ewigen Winter oder ewige Sonne bringen ... das soll ein Mensch -sein ... dem das Schicksal der ganzen Menschheit in die Hand gegeben -ist ...« - -Der Professor blickte von der Depesche auf. Sein Auge haftete auf dem -Bilde über dem Schreibtische. Es war ein alter wertvoller Kupferstich -aus dem achtzehnten Jahrhundert. Ein Geschenk seiner Hörer. Der Stich -zeigte den Schweden Karl von Linné. Der Geist des Gelehrten klammerte -sich an das Gemälde wie an ein Heiligenbild. - -»Es ist nicht möglich ... wo bleiben die ehernen Gesetze der Kausalität -... Es ist ein Irrtum ... ein Irrtum oder ein Mißgriff der Natur ... -aber kann die Natur irren?« - -Sein Blick blieb an der Unterschrift des Bildes haften. Lateinische -Worte: »~Natura non facit saltus~.« (Die Natur macht keine Sprünge.) -Das Leitwort jenes genialen Naturforschers, durch das er sich zum -Vorläufer Darwins stempelte. - -Professor Raps las die wenigen Worte des Satzes wieder und immer wieder. - -»Die Natur macht keine Sprünge ... auf einen scheinbaren Sprung folgt -das ~Corrigens~ ... muß folgen nach dem höheren Gesetz der stetigen -Entwicklung ...« - -Es wurde Zeit, zur Vorlesung zu gehen. Der Professor legte den -Depeschenstreifen beiseite. Mit ruhigen Händen füllte er seine -Aktenmappe. - - * * * * * - -Die Botschaft der Macht war da und wirkte sich aus. Der Krieg war zu -Ende, auch ohne einen ausdrücklichen Befehl der beiden kriegführenden -Weltmächte. Er war automatisch zu Ende gegangen, weil die Macht mit -Sturm und Brand zugegriffen hatte, wo immer sich noch ein Kampf -entspinnen wollte. Es konnte sich nur noch darum handeln, durch einen -formellen Friedensschluß zwischen den beteiligten Regierungen den -tatsächlichen Zustand zu legitimieren. - -In den Vereinigten Staaten nahm man diese Entwicklung der Dinge -mit unumwundener Zufriedenheit auf. Der Krieg war ein Krieg Cyrus -Stonards gewesen. Es kam der jungen Regierung gelegen, daß diese die -unsympathische Erbschaft nicht zu übernehmen brauchte, daß der in den -Staaten so wenig volkstümliche Krieg sang- und klanglos zu Ende war. -Man spürte wohl auch unbewußt, daß eine friedliche stetige Entwicklung -der Union ganz von selber alle die Vorteile bringen mußte, die hier -erkämpft werden sollten. - -Anders sah es in England aus. Man hatte sich mit allen Mitteln auf den -Kampf eingestellt. Die englischen Staatsmänner hatten erkannt, daß nur -ein glücklicher Krieg den englischen Besitzstand erhalten könne. - -Lord Gashford betrat sein Arbeitzimmer und warf sich erschöpft und -mißmutig in seinen Sessel. Der Diener bekam eine kurze Weisung: »Lord -Maitland wird kommen. Jede Störung fernhalten!« - -Der englische Premier blieb mit seiner Ratlosigkeit und Verantwortung -allein. Nervös trommelten die Finger seiner Rechten auf der Sessellehne. - -Der Premier hatte Lord Horace gebeten, in der Hoffnung bei ihm einen -Rat, einen Plan zu finden. - -Lord Horace trat in den Raum und nahm ihm gegenüber Platz. - -Es dauerte geraume Zeit, bevor Lord Maitland die Lippen öffnete. Und -dann sprach er auch nur vier Worte: »Der Krieg ist aus!« - -Lord Gashford erwartete etwas anderes. Erwartete Hilfe durch Rat und -Tat und wurde ungeduldig. Er suchte sein Gegenüber auf Umwegen zum -Sprechen zu bringen und fragte: »Wie wird sich die Regierung in Amerika -verhalten?« - -»Noch dem Sturze Stonards kommt ihnen der Frieden gelegen. Der Gedanke, -einer anderen Eisenfaust gehorchen zu müssen, ist ihnen nicht so -fürchterlich. Sie sind ja zwanzig Jahre versklavt gewesen.« - -Lord Gashford fuhr auf. - -»Aber wir? Großbritannien ... das freieste Land der Welt, stolz darauf, -niemals einer fremden Macht hörig gewesen zu sein. Wie werden wir uns -stellen?« - -Lord Horace antwortete langsam, und Resignation klang aus seinen -Worten: »Der Frieden mit Amerika wird nicht schwer zu schließen sein. -Viel schwerer der mit unseren Dominions und Kolonien. Ich fürchte, daß -Australien sich vom Reich lösen wird. Die afrikanische Union braucht -uns noch. Trotz ihrer eigenen starken Industrie benötigt sie ... -vorläufig noch das Mutterland. Und Indien ...« - -»Und Indien ...?« Lord Gashford stieß die Frage heraus. - -»Indien ... Einer von den dreien ist ein Inder ... Ich hoffe, -daß die indische Intelligenz das Gute zu würdigen weiß, das die -englische Regierung dem Lande gebracht hat. Wir haben nicht immer -fein gewirtschaftet. Es sind Hunderttausende unter unserer Herrschaft -verhungert. Aber Millionen hätten sich gegenseitig die Hälse -abgeschnitten, wenn wir nicht dagewesen wären.« - -Lord Gashford zählte an den Fingern wie ein Schulknabe bei seiner -Rechenaufgabe: - -»Kanada verloren ... Australien halb verloren ... Afrika unsicher ... -Indien nicht sicher ...« - -»So könnte es wohl geschehen, daß uns nur die britischen Inseln -bleiben ...« - -Lord Horace blickte düster vor sich hin. Ein leises Nicken nur drückte -seine Zustimmung aus. - -»Wenn nicht ...« Kaum hörbar waren ihm die Worte über die Lippen -geglitten, aber den gespannten Sinnen Lord Gashfords waren sie nicht -entgangen. - -»Wenn nicht? ... Was meinen Sie? Wenn nicht ...« - -Die Muskeln im Gesicht Lord Maitlands spannten sich. Zwischen den -Zähnen stieß er die Worte hervor: - -»Wenn nicht diese Macht ... diese unheimliche, unwahrscheinliche Macht -ein Narrenspiel der Weltgeschichte ist ...« - -Lord Gashford machte eine abwehrende Bewegung. - -»Vorläufig ist die Macht da! Was raten Sie?« - -»Kaltes Blut! Sich vorläufig damit abfinden. Vorläufig dem Zwange -folgen ...« - -Der Ferndrucker auf dem Tisch begann zu schreiben. Ein Ersuchen der -amerikanischen Regierung, Zeit und Ort für die Friedensverhandlungen zu -bestimmen. Lord Gashford las und schob den Streifen Lord Horace zu. - -»Sie kennen die Union seit langen Jahren. Ich ersuche Sie, die -Verhandlungen als Bevollmächtigter Großbritanniens zu führen.« - -»Meine Vollmachten ...?« - -»... sind unbegrenzt.« - -»Unbegrenzt ... soweit die Grenzen nicht die Macht zu ziehen -beliebt ...« - -Lord Horace verließ den Premierminister. Er hatte ein Gefühl, als ob -die Wände des Gemaches ihn erdrücken wollten. Aufatmend stand er auf -der Straße und sog in tiefen Zügen die frische Luft ein. Dann gab er -dem Wagenlenker einen kurzen Befehl. - -Der Wagen wand sich durch die Straßen der Stadt und nahm den Weg über -das freie Land. Vorbei an saftstrotzenden Triften und Weiden, durch -Dörfer und sommergrüne Wälder. - -Lord Horace achtete nicht darauf. Seine Gedanken beschäftigten sich mit -der Macht. Erst in dieser Stunde kam es ihm ganz zum Bewußtsein, wie -eng und eigenartig gerade die Beziehungen seines Hauses zu den dreien -waren, die heute der Welt ihren Willen diktierten. - -Seine Gattin so eng bekannt mit dem einen, dem Mächtigsten. Die Gattin -des anderen seit Wochen als Gast unter seinem Dach. - -Flüchtig ging ihm ein Gedanke durch den Kopf. Konnte England Jane -Bursfeld nicht als Geisel nehmen? Dadurch den Willen der Macht -beeinflussen? - -Ebenso schnell wie der Gedanke auftauchte, wurde er verworfen. Jane -hatte erzählt, wie Atma und Silvester nach Amerika kamen, wie schon ein -winziger Strahler Glossins Flugschiff lähmte, die Maschinen zerschmolz, -die Besatzung verbrannte. Was würde die Macht heute tun, wenn England -die Hand auf Jane legte? Heute, da ihre Waffen viel stärker waren, viel -weiter trugen, viel sicherer trafen. - -Lord Horace gab das Grübeln auf. Er nahm den Hut vom Haupt und ließ -sich den Fahrwind um die brennende Stirn fegen. Aber die Gedanken -verließen ihn nicht. Diana kannte den einen, Jane ist die Gattin des -anderen. Irgendeine Möglichkeit müßte es dadurch geben, mit den Trägern -der Macht in Berührung zu kommen. Irgendein Pfad müßte sich zeigen, -auf dem England aus dieser Sackgasse herauskommen kann. Die Gedanken -verfolgten ihn bis an das Ziel seiner Fahrt. - -In der großen Halle in Maitland Castle saß Jane auf ihrem -Lieblingsplatz. In dem Erker, von welchem der Blick auf die Veranda und -den Park ging. Ein Nähkörbchen stand vor ihr. Sie arbeitete an einem -Jäckchen. Doch die Arbeit lag auf dem Tisch, und ihre Augen hafteten -an einem Schriftstück. Die blauen Typen des Farbschreibers. Die letzte -Depesche der Macht. Als der Telegraph die Botschaft der Macht auch nach -Maitland Castle meldete, hatte Jane das Schriftstück an sich genommen. -Seit zwei Tagen trug sie es bei sich und las es in jeder unbeobachteten -Minute wieder und immer wieder. - -Ihr Blick hing wie gebannt an den Schriftzeichen. Sie überhörte dabei -das Kommen Dianas, die leise hinter sie trat, ihr den Arm auf die -Schulter legte. - -Jane schrak zusammen. Sie versuchte es, das Papier zwischen die -Wäschestücke zu schieben. - -»Jane, mein Kind. Schon wieder die Depesche?« - -»Ach ... Diana ... Sie wissen nicht, was die Worte auf diesem Papier -für mich bedeuten. Immer wieder finde ich Trost in diesen Zeilen. An -alle Welt ist die Depesche gerichtet. Ich aber sehe den vor mir, der -sie abgesandt hat.« - -Diana hatte sich der jungen Frau gegenüber niedergelassen. Sie sah, wie -fliegende Röte über ihre Züge huschte, las in diesem Gesicht wie in -einem offenen Buch. Freude, daß der Gatte lebte. Stolz, daß die Idee -zu dem großen Werk in der genialen Erfindung ihres Gatten wurzelte. -Glück, daß sie nach vollendetem Werk Silvester bald wieder in die Arme -schließen könne. - -»Kind! Wenn jemand Sie versteht, so bin ich es. Ich bin stolz darauf, -die Gattin Silvester Bursfelds meine Freundin nennen zu können.« - -Tiefes Rot überflutete Janes Wangen. Ein hilfloses Lächeln zuckte um -ihre Lippen. - -»Was Sie sagen, sollte mich stolz machen. Aber was bin ich Silvester? -Was kann ich ihm jetzt noch sein? Je höher Sie meinen Mann und sein -Werk stellen, desto kleiner und unwerter komme ich mir selbst vor. Ich -fürchte mich vor dem Wiedersehen! Statt meinen Silvester zu umarmen, -werde ich vor einem Mann stehen, zu dem die Welt aufblickt. Was werde -ich ihm noch sein können?« - -Diana richtete sich auf. - -»Was sagen Sie, Jane? Sie versündigen sich mit Ihren Worten an der -heiligsten Bestimmung des Weibes. Sind Sie ihm nicht Gattin? ... -Erfüllen Sie nicht damit die hehrsten Gesetze; die die Natur dem Weibe -vorgeschrieben?« - -Mit aufleuchtender Freude lauschte Jane den Worten Dianas. - -»Jane! Sie geben ihm den Erben. Sie pflanzen sein Geschlecht fort, in -dem der Name und Ruhm Silvester Bursfelds weiterleben wird. Er weiß es -nicht. Wie er sich freuen würde, wenn er es wüßte!« - -»Glauben Sie ...?« - -»Ganz gewiß!« - -»Aber Sie, Diana ...?!« - -»Ich ...?« - -»Warum weiß Lord Horace nicht davon, daß ...« - -Mit einer raschen Bewegung wandte Diana Maitland den Blick dem Park zu. -Jane sah, wie ihr eine jähe Röte über den Nacken lief. - -Ein drückendes Schweigen. Bis Diana Maitland sich mit einer müden -Bewegung Jane wieder zuwandte. Sie vermied es, Janes Frage zu -beantworten. Nahm den Papierstreifen aus den Händen der jungen Frau. - -»Ja ... die Depesche ... Es sind die stolzen Worte einer überlegenen -Macht ... Aber sie künden der Menschheit den Frieden. Ich kenne die -Politik ... ihre Mittel und Wege ... ich kann mich in die Seelen der -Tausend von Frauen und Männern versetzen, denen die Worte der Depesche -Schicksal und Leben bedeuten. Dann glaube ich zu träumen und zweifle, -ob es wahr ist, was die Worte der geheimnisvollen Macht enthalten ... -ja, Jane ... ich habe Zweifel, ob es wahr ist ... Aber ... nein, es -muß wahr sein ... Denn Eriks Worte sind es ja ... Erik ... lügt nicht!« - -»Erik? ... Meinen Sie Erik Truwor?« - -»Ja, Erik Truwor.« - -»Kennen Sie Erik Truwor?« - -»Ja ... ich lernte ihn vor Jahren in Paris kennen.« - -»Sie kennen Erik Truwor, den besten Freund meines Mannes?« - -»Ja. Ich kenne ihn ... habe ihn sehr gut gekannt.« - -»Aber Sie sprechen nie von ihm. Und doch ist sein Name in unseren -Gesprächen schon oft gefallen.« - -»Lassen Sie, Jane! ... Es sind Erinnerungen, die ... ich ... begraben -... vergessen haben möchte. Ich denke jetzt nur noch an sein Werk -... Wird es ihm glücken? ... Wird ein idealer Wille im Besitz einer -unendlichen Macht imstande sein, der Menschheit den Frieden zu geben, -die Dinge der Welt zum Heil der Menschheit neu zu ordnen ... ich denke, -es wird ihm gelingen ... er wird sein Werk vollbringen, nach dem eine -neue Zeitrechnung für die Politik und Geschichte Europas ... nein, der -ganzen Welt beginnt ...« - -Lord Horace stand plötzlich in der Halle. Diana fühlte sich unsicher. -Sie wußte nicht, wieviel ihr Gatte von dem Gespräch gehört haben -mochte, wieviel von diesem Gedankenaustausch an sein Ohr gedrungen war. - -»Auch hier Politik? Wo ich Ruhe suchte, fand ich immer nur Politik.« - -»So muß es wohl sein, Horace. In Schloß und Hütte, in den entlegensten -Winkeln der Erde bewegt doch alle dieselbe Frage. Kann es etwas -Erhebenderes geben als den Gedanken, daß die Welt endlich zur Ruhe -kommen soll? Daß dies sinnlose Morden und Zerfleischen ein Ende haben -soll ...?« - -»Du scheinst dich schon ganz als Weltbürgerin zu fühlen. Was aus -unserem Lande ... aus dem britischen Weltreich wird, ist dir -gleichgültig. Freilich ... du bist keine geborene Britin.« - -»Aber ich habe stets als englische Patriotin gefühlt. Ich habe stets -empfunden ...« -- Lady Diana sprang auf und trat ihrem Gatten entgegen --- »... daß ich die Gattin Lord Maitlands bin.« - -»... als Britin hast du gefühlt?« - -»Stets, Horace!« - -»Und trotzdem bist du für die Pläne der Macht eingenommen?« - -»Ja!« - -»Ja ... verstehst du den Sinn dieser Depesche nicht?« - -»Aber ja, doch! Es ist die frohe Botschaft vom Frieden ... die -Freudenbotschaft, daß der Krieg zu Ende ist.« - -»So ... so!? ... Weiter nichts?« - -»Ja ... Ist denn das nicht genug? Klingt das nicht wie das -Weihnachtsevangelium?« - -»Weihnachtsbotschaft? ... Freudenbotschaft? ... Welcher Mann kann -das als Freudenbotschaft ansehen, was ihm Sklaverei und Knechtschaft -bedeutet.« - -»Horace ... Horace ... was sprichst du?« - -»Soll ich dir die Depesche ins Gedächtnis zurückrufen ... soll ich sie -dir noch einmal vorlesen? - - ›Der Krieg ist zu Ende! ... - Die Macht fordert Gehorsam ... - Ungehorsam wird bestraft!!! ...‹ - -Macht dir das als Britin Freude?« - -Das klang ganz anders als die Tonart, in der Diana die Depesche -gelesen hatte. Wie Peitschenhiebe knallten hier die einzelnen Worte, -steigerte sich die Drohung von Satz zu Satz, bis sie schließlich -brutal herauskam. Bei jedem Worte dieser lapidaren Sätze trat Diana -automatisch einen Schritt zurück. Ihre Augen hingen starr und ratlos an -ihrem Gatten. Aber auch Lord Maitlands Züge hatten die gewohnte Ruhe -verloren. Es zuckte in ihnen. Röte der Erregung und des Zornes lag auf -seinem Antlitz. - -Wie hatte Diana mit Jane zusammen über diese Depesche gejubelt, und -wie anders klang sie jetzt. Ein eisiger Schauer überlief Diana. Sie -bedeckte ihre Augen mit den Händen. Hatte sie sich so getäuscht? - -Wortlos standen die Gatten sich gegenüber. Langsam ließ Diana die -Hände sinken und ... was war das? ... Irrte sie sich nicht ... war das -nicht ein leises Flimmern eines Triumphes in seinen Augen? ... Nein! -Die Botschaft Erik Truwors klang falsch im Munde ihres Gatten. Sie -war anders zu lesen, mußte so gelesen werden, wie Diana und Jane sie -gelesen hatten. - -»Horace ... kannst du dich nicht freimachen von einem Namen? ... Kannst -du den Mann nicht von seinem Werke trennen?« - -Lord Horace zeigte wieder die ruhige unbewegliche Haltung des -englischen Aristokraten. Keine Spur in seinen Mienen verriet mehr, wie -nahe ihm diese Unterredung ging, wie sehr schon der Name Erik Truwors -ihn erregte. »Mein Herz ist kühl genug, um den Namen von seinem Werk zu -trennen.« - -Gelassen, fast müde kamen die Worte von seinen Lippen. Aber er -beobachtete scharf und sah, wie Diana von diesen Worten getroffen -wurde. Wie sie die Hände gegen die Brust preßte, als müsse sie einen -tiefen Schmerz unterdrücken. Er sah, wie sie sich schweigend zum -Fenster hin wandte, und stand selbst unbeweglich auf seinem Platze. War -es möglich, daß seine Worte ihr Herz so trafen, daß er ihr doch alles -... der andere, der verhaßte Name nur ein Schemen war? - -Es drängte ihn, vorwärtszustürzen. Mit Mühe hielt er den Namen Diana -auf seinen Lippen zurück. Einen kurzen schweren Kampf, dann hatte er -die volle Herrschaft über sich gewonnen. - -»Die Zukunft wird erweisen, wer recht hat. Ich wünschte ... ich -wünschte von Herzen, du hättest recht ...« - -Als Diana sich umwandte, hatte Lord Maitland die Halle verlassen. - -Diana war allein. Ihr Gesicht war entstellt, gealtert, schmerzverzerrt. -Ihre Augen starrten auf die Stelle, wo Lord Horace gestanden hatte. -Kaum hörbar kam es von ihren Lippen: »Erik Truwor ... Erik ... Truwor!« - -Ein Götzenbild! Wankte es? Stürzte es? ... Wo war die Wahrheit? ... -Schluchzend sank sie auf den Teppich nieder. - - * * * * * - -Der lange, sechs Monate währende Poltag ging seinem Ende zu. Dicht -über dem Horizont zog die Sonne ihren vierundzwanzigstündigen Kreis. -Immer näher kam sie der Kimme, wo Eisfeld und Himmel zusammenstoßen. -Klingender Frost kündete die kommende Polnacht. - -Erik Truwor trat aus dem Berg. Den schweren Eisstock in der Rechten, -stieg er über die Stufen und Eisbänder schnell empor, bis er die -höchste Zinne erreichte. Da hatte in den vergangenen Tagen die Sonne -den Eisberg mit wärmenden Strahlen umkost und seine Formen verändert, -hatte aus dem grünlich und bläulich schimmernden Eismassiv ein -Gebilde geformt, das an einen hochlehnigen Sessel gemahnte, an einen -Königsstuhl aus den Zeiten der Goten oder Merowinger. - -Hier blieb er stehen, und sein Auge haftete an der zum Sitz -ausgeschmolzenen Gipfelzinne. - -»Was ist das? ... Ein Sitz! ... Ein Thron ... mein Thron?!« - -Mit einer Herrschergebärde ließ er sich nieder. Den schweren Eisstock -wie ein Zepter an der rechten Seite. Die Arme auf den Seitenlehnen -dieses bizarren Thrones. So saß er dort, rot von der Sonne umglüht, -einer Statue vergleichbar. Saß und sann. - -Sprunghaft wurden seine Gedanken, kreuzten sich, überstürzten sich. - -In der Höhle des Eisberges neben den Funkenschreibern stand Atma. Der -Inder ließ die Streifen durch die Finger laufen, zurück bis zu der -letzten drohenden Depesche der Macht, die auch hier von den Apparaten -mitgeschrieben war. - -War die Kluft schon so weit geworden, daß Erik Truwor seine Gedanken -und seine Geheimnisse für sich behielt? - -Mit wachsender Sorge hatte Atma die Veränderung des Freundes verfolgt. -Was würde kommen, was würde das Ende sein? Was stand im Buche des -Schicksals über Erik Truwor geschrieben? - -Atma sprang auf und verließ den Berg. Er stand auf dem flachen Eis -und blickte sich um. Gegen den tiefroten Abendhimmel hoben sich die -gigantischen Formen des Eisthrones ab. Wie eine dunkle Silhouette sah -er die Gestalt Erik Truwors dort gegen den blutfarbigen Himmel in den -Äther ragen. Ein Zepter an der Seite, den Blick in die Ferne gerichtet. - -So gewaltig, so zwingend war das Bild, daß es Soma Atma in tiefen Bann -schlug, seine Gedanken verzauberte, seine Erkenntnis trübte. - -Sollte er sich täuschen? Erhob das Schicksal diesen Mann weit über alle -Sterblichen? War ihm die Weltherrschaft, die absolute Gewalt über Tod -und Leben aller Geschöpfe bestimmt? - -In eisiger Einsamkeit verrann die Zeit, bis der Zauber wich, bis Atma -nicht mehr den Schein, sondern das Wesen sah. - -Erik Truwor saß dort oben und starrte regungslos in den glühenden -Sonnenball. Leise und abgerissen fielen Worte von seinen Lippen: - -»Zu meinen Füßen liegt die Welt! Was bin ich? ... Was bin ich?! Bin ich -der Herr? ... Ja ... ja! Ich bin ihr Herr. Ich habe die Macht, sie zu -zwingen! ... Zwingen ... zum Guten zwingen. Ein guter, ein gerechter -Herr will ich sein. Aber wenn sie mir zu trotzen wagen?! ... Trotzen -... wer will mir trotzen? ... Kein Sterblicher! ... Auf Erden keiner -... keiner! ... Silvester ... Atma? ... Auch die nicht ... Ha! ... -der eine sicher nicht. Den hat das Schicksal genommen, als er sein -Geschick erfüllt ... Der andere! ... Atma? ... Atma! ... Atma!! ... -Fiel Cäsar nicht durch Brutus' Hand? ... Atma! ... Rief ich dich. Da -kommst du ja ...« - -Halb aufgerichtet, mit vorgebeugtem Leibe blickte er auf Atma, der -langsam den Pfad emporklomm. Fester umkrampfte seine Hand den schweren -Eisstock. - -»Hüte dich, Atma!« - -Er sank in den Sessel zurück. In seinen Augen lauerte es. - -Nun stand Atma dicht bei ihm. Schaute ihn mit der ganzen Kraft seines -zwingenden Auges an und sah, wie Erik Truwor kalt und fremd an ihm -vorbeiblickte. - -»Erik Truwor! Siehst du deinen Freund nicht?« - -Erik Truwor wandte leicht das Haupt und streifte den Inder mit einem -flüchtigen kalten Blick. - -»Was willst du?« Fremd und leer klang die Frage. - -»Fragst du so den Freund?« - -Erik Truwor zog die Brauen zusammen, bis sie sich berührten. -»Freund ...?« - -Der Ton des Wortes traf das Herz des Inders. - -»Erik ... besinne dich ... Was willst du tun? ... Denke an Pankong Tzo, -an die Weissagung, an die Ringe! -- Es waren drei!« - -»Was gilt mir noch Pankong Tzo? ... Und die drei Ringe ...« - -»Hast du Silvester auch vergessen?« - -»Silvester? ... Silvester ... Der hat sein Geschick erfüllt ... Seine -Zeit war um ...« Erik Truwor stieß den schweren Stock in das Eis, daß -die Brocken spritzten. »Jetzt geht es um größere Dinge!« - -»Dann brauchst du deinen Freund Soma auch nicht mehr? ... Oh, daß ich -bei Silvester im eisigen Grabe läge statt diese Stunde zu sehen ... Um -größere Dinge geht es, sagst du ... Denke an die Worte Tsongkapas: ›Es -mag leichter sein, große Dinge zu vollbringen als gute!‹ Was du sinnst, -weiß ich. Unheilig sind deine Gedanken! Aber ich sage dir, nie wird ein -Werk bestehen, das auf Gewalt gegründet ist. Hüte dich vor der Rache -des Schicksals! ... Bedenke, daß du nur ein Werkzeug des Schicksals -bist.« - -Erik Truwor hatte sich erhoben. Jeder Nerv der hageren, hochragenden -Gestalt war gespannt. Noch schärfer, eckiger als sonst sprang die -gebogene Nase über die schmalen Lippen hervor. Tiefe Falten durchzogen -die hohe Stirn. Wie Eisblinken blitzte es lauernd und doch gewaltsam -in den tiefen Augenhöhlen. Machtlos glitten Kraft und Willen Atmas an -dieser Wandlung ab. - -»Ich ... ein Werkzeug des Schicksals? ... Und wenn ich es verschmähte, -ein Werkzeug des Schicksals zu bleiben ... und wenn ich« -- seine -Gestalt reckte sich, als ob er über sich selbst hinauswachsen wolle -- -»... wenn ich das Schicksal meistern wollte?!« - -Vor dem drohenden Blitz aus Erik Truwors Augen wich Atma einen Schritt -zurück. - -»Jetzt bin ich der Mächtigste auf Erden. Wer wagt es, mir zu trotzen -... das Menschengeschlecht liegt zu meinen Füßen ... Die Elemente -müssen mir gehorchen ... Ich will die Wogen des Meeres zähmen und dem -Sturm gebieten, sich zu legen ... nie zuvor wurde einem Menschen solche -Macht gegeben ... und ich soll sie nicht gebrauchen?« - -Atma trat dicht auf Erik Truwor zu. Noch einmal suchte und fand er -Worte, um den Freund zu halten. - -»Erik, du bist krank. Der Tod Silvesters hat deine Seele erschüttert, -die Arbeit deinen Körper geschwächt.« - -Erik Truwor schüttelte den Arm des Inders unwillig ab. - -»Krank? ... Erschüttert? ... Ha! Mein Körper ist kräftiger, mein Geist -klarer und frischer denn je.« - -Er ließ den schweren Eisstock wie ein Spielzeug durch die Finger laufen. - -»Erik Truwor!« Die Stimme Atmas klang streng. »Du frevelst! ... Du -frevelst am Schicksal. Hüte dich!« - -»Ich mich hüten? ... Vor wem? ... Vor dir?« - -Er hob den Eisstock, als wolle er Atma zu Boden schlagen. Dann stieß -er ihn tief in das splitternde Eis hinter sich und reckte die Arme mit -geballten Fäusten gegen den Himmel, als wolle er einem unsichtbaren -Gegner in den Lüften drohen. Die Fäuste öffneten sich, und wie Krallen -bewegten sich die Finger. - -Ein heiserer Schrei, halb Drohung, halb Lachen, brach aus seinem Halse. - -»Hüten soll ich mich? ... Hüten? Vor wem? ... Vor euch Unsichtbaren da -oben?! Haha ... Kommt heraus, ihr geheimnisvollen Mächte, aus euren -Verstecken. Kommt! ... Ich will mit euch kämpfen! ... Ha ... Haha ... -wo seid ihr? Kommt! ... Habt ihr Furcht ... Haha ... Ich lasse mich von -euch nicht äffen. Ha ... ha ... haha ... Ich nicht!« - -Ein Wetterleuchten, ein Blitzstrahl weit draußen am Horizont ließ Atma -erschauern. - -»Erik Truwor, laß dich warnen. Sahst du das Zeichen, das geschehen?« - -»Ha ... ha! Du Blinder, du Abergläubischer. Das harmlose Wetterleuchten -soll wohl ein Zeichen von deinem Schicksal sein. Ha ... ha ... Ihr -Toren ... hinter jedem Naturvorgang, den euer kümmerliches Hirn nicht -begreift, seht ihr etwas Geheimnisvolles ... Übernatürliches ... und -wenn es euch paßt, einen Wink des Schicksals, dem ihr euch beugt ... -dem ihr euch fügt ... Ich will mich nicht fügen ... ich nehme den Kampf -mit euch auf ... ich forme mein Schicksal nach meinem Willen! ... -Wehe, wer mich stört! ... Wehe euch da oben ... ich fürchte euch nicht -... hütet euch vor mir ... Hütet euch. Ich komme über euch mit meiner -Macht, die größer, als die Welt sie je gesehen!« - -Schauerlich, wie ein Kriegsruf hallten die letzten Worte Erik Truwors -in die stille Polardämmerung. Und plötzlich eilte er springend und -stürzend den steilen Hang des Eisberges hinunter und verschwand in der -Höhle, die den Rapid Flyer barg. Mit wankenden Knien folgte Atma seiner -Spur. Sah, als er auf dem flachen Eise ankam, gerade, wie Erik Truwor -das Flugschiff aus seinem Versteck ins Freie brachte. - -»Wohin, Erik? Wohin?« Atma rief es mit verlöschender Stimme. - -»In den Kampf!« Erik Truwors Stimme klang wie einst der jauchzende -Kriegsruf der alten Waräger. »In den Kampf! Mit denen da oben! Heißa! -... Jetzt wehrt euch ... Erik Truwor kommt ... der Große kommt.« - -Atma sah, wie Erik Truwor den großen Strahler in den Rapid Flyer hob -und alle Vorkehrungen traf, die Kabine zu verschließen. Betend faltete -er die Hände. Er erhob sich von den Knien und ging mit ausgestreckten -Händen auf Erik Truwor zu. Alle Kräfte seines Geistes waren aufs -höchste gespannt. Alles, was sie herzugeben vermochten, konzentrierte -er mit stärkster Energie auf den Willen, Erik Truwors verwirrten Geist -zu zwingen. Die hypnotische Gewalt begann zu wirken. - -»Noch einmal hilf mir, du großer Gott. Gib meinem Herzen größere Kraft. -Kraft, das kranke Herz zu zwingen und zu heilen. Dann nimm meine Seele -dafür hin.« - -Erik Truwor hielt in seinen Bewegungen allmählich inne. Seine -gestraffte Gestalt sank langsam in sich zusammen. Dann plötzlich schien -er sich der fremden Kraft, die über ihn gekommen, bewußt zu werden. -Er wandte den Kopf Atma zu. Ihre Blicke vergruben sich ineinander. -Bewegungslos standen sich die beiden Männer gegenüber. Ein Zweikampf -... furchtbar ... stumm ... Bebendes Hoffen zog durch Atmas Seele. Der -Kampf war angenommen ... Durchhalten! Sein Gebet war erhört! ... Da ... -ein Wölkchen schob sich vor den roten Sonnenball und raubte sein Licht. -Einen kurzen Augenblick nur ... Da war es geschehen. In dem plötzlichen -Halbdunkel verlor Atmas Blick die Schärfe ... für einen Moment nur -entglitt ihm die eben gewonnene Gewalt. - -»Ha ... ha ... haha ...« Da war es wieder, das kurze, abgerissene -Lachen des Wahnsinns. - -Mit einem Sprunge hatte sich Erik Truwor gedreht und den bannenden -Blicken Atmas entzogen. Mit schaurigem Hohngelächter sprang er in die -Kabine und warf die Tür hinter sich zu. - -Zerbrochen, besiegt, geschlagen stand Atma. Der Rapid Flyer verließ den -Boden und schoß in die Höhe. - -»Erik ... Erik Truwor!« ... Der Ruf Atmas verhallte ungehört in der -eisigen Luft. Schon ward das Flugschiff klein und immer kleiner. Jetzt -nur noch ein Punkt ... Jetzt nicht mehr sichtbar. - -Demütig senkte Atma sein Haupt vor dem Willen des Schicksals. Er ging -in den Berg zurück. Da fand er den Fernseher, fand den kleinen Strahler -und suchte am dämmernden Himmel, bis das Bild des Flugschiffes gefaßt -war und auf der Mattscheibe erschien. Da ... Einen Kampf sahen seine -Augen ... Einen Kampf, wie ihn noch nie ein Sterblicher erschaut ... -Einen Kampf gelenkter und gebändigter Naturgewalt gegen die fessellosen -Naturkräfte des Firmaments. - -Ein Schrei rang sich aus Atmas Brust ... Entsetzen sprach aus seinen -Zügen ... Seine Zunge stammelte Gebet ... Hilferuf ... Er barg das -Gesicht in den Händen, um das grausige Bild nicht weiter zu sehen. - - * * * * * - -Die beiden großen amerikanischen Parteien der Sozialisten und der -Plutokraten waren durch den Staatsstreich der Patrioten in gleicher -Weise überrumpelt worden. Die ersten Tage nach dem Sturze Cyrus -Stonards herrschte lähmende Überraschung und Verblüffung in ihren -Reihen. Die Revolution war von einer dritten viel jüngeren und, wie sie -meinten, viel schwächeren Partei gemacht worden. Aber sie mußten sehen, -daß die Masse des Volkes diese Revolution gut hieß, mußten mit der -Macht der Tatsachen rechnen. - -Es war den Führern der Linken klar, daß eine Revolution von ihrer Seite -den schärfsten Widerstand der Rechten finden würde, daß sie sich nur -nach blutigen Bürgerkämpfen behaupten könnten. Genau so lagen die -Dinge aber auch, wenn die Rechte einen neuen Staatsstreich unternahm. -Und man wußte nicht, wie die unbekannte Macht sich zu blutigen -Konflikten stellen würde. - -So waren die Patrioten in der Lage, ihr eigenes Programm ohne -nennenswerte Widerstände durchzuführen. Viel glatter, schneller und -besser, als es eine der anderen Parteien jemals gekannt hätte. - -Die amerikanische Presse aller Schattierungen erging sich in -Reminiszenzen an frühere glückliche Zeiten im neunzehnten Jahrhundert, -in denen Amerika das wahre Land der Freiheit gewesen, der Patriotismus -allein den Ausschlag für alle politischen Handlungen gegeben hatte. -Mit wenigen Ausnahmen wurden auch die Nachrufe für Cyrus Stonard dem -gestürzten Diktator gerecht. Sie achteten seine Größe und gaben der -Meinung Ausdruck, daß er das Beste des Landes gewollt, wenn auch seine -Mittel nicht immer die richtigen waren. - -In der neuen Regierung übernahm Dr. Glossin das Portefeuille des -Äußern. Er erhielt es wegen seiner Verdienste um die Durchführung der -Revolution und seiner genauen Kenntnis der bisher getriebenen äußeren -Politik der Vereinigten Staaten. Aber er fühlte vom ersten Tage seiner -Amtsführung an, daß er auf unsicherem Boden stand. Die Patrioten hatten -Cyrus Stonard stets bekämpft. Dr. Glossin war erst in der zwölften -Stunde von ihm abgefallen, nachdem er so lange Jahre sein williges -Werkzeug gewesen war. Das brachte ihn in den schlimmen Ruf eines -Renegaten, heftete seinem Namen einen schweren Makel an. - -Nur ein glänzender Wahlsieg konnte ihn in seiner Stellung festigen. -Deshalb hatte er sich in Neuyork im Trinity Church District aufstellen -lassen. Dort hatte er seine Anhänger, und dort hoffte er durch -geschickte Verhandlungen mit den Führern der Roten auch die Stimmen -dieser Partei für sich zu gewinnen. - -Es war ein gefährlicher Boden, auf den er sich wagte. Nur die -raffinierte Schlauheit eines Dr. Glossin konnte es wagen, die Stimmen -einer fremden Partei im geheimen Einverständnis mit deren Führern zu -erlisten. Er unternahm es, weil er darin die einzige Möglichkeit sah, -sich in der Regierung zu halten. - -Der allzu Schlaue vergaß, daß es noch eine plutokratische Partei gab, -die sich nach den Ereignissen des siebenten August von ihm düpiert -fühlte und deren Spione die Vorgänge innerhalb der radikalen Linken -sehr genau beobachteten. Er war von dem Ergebnis seiner letzten -Besprechung mit den Führern der Linken befriedigt, als sein Kraftwagen -ihn in der Abendstunde des zwanzigsten August über den Broadway fuhr. - -Eine neue Ausgabe der Abendzeitungen fesselte seine Aufmerksamkeit. -Das Blatt der Neuyorker Konservativen. Er sah auf der ersten Seite ein -Porträt, hörte, wie die Zeitungsboys die Überschriften ausriefen: »Aus -dem Vorleben unseres Außenministers!!« - -Er ließ das Auto halten, um ein Blatt zu kaufen. Hörte, während er es -erstand, aus dem Geschrei der Boys eine Fülle anderer Überschriften. - -»Bekommt von England nicht genug! ... Die Millionen aus Japan! ... -Doppelspiel vom ersten Tage! ... Englischer Abkunft! ... Amerikanischer -Bürger! ... Japanischer Spion! ... Der Bravo des Diktators! ... Er -verrät weiter! ... Wen verrät er? ... Das amerikanische Volk!« ... - -Die Zeitungsboys hatten ihn nach dem Porträt erkannt und machten sich -den Spaß, ihm die einzelnen Überschriften des Artikels zuzuschreien, -bis der Kraftwagen ihn außer Hörweite brachte. Auf der Fahrt nach dem -Flugplatz hatte er Zeit, den Aufsatz ganz zu lesen. Den kleingedruckten -Text zwischen den fetten Überschriften. - -Der Mann, der das geschrieben hatte, mußte ihn und sein ganzes -Vorleben unheimlich genau kennen. Da war keiner seiner schlimmen -Streiche vergessen, keine seiner Verrätereien und Meinungsänderungen -ausgelassen. In schlichter Sprache legte der Verfasser das Treiben -Glossins vom ersten Tage seiner Tätigkeit in San Franzisko bis zu -seinem letzten Doppelspiel mit den Führern der Roten dar. Er deckte den -Artikel mit seinem vollen Namen. Der konservative Politiker MacClaß -genoß auch in den Kreisen seiner Parteigegner allgemeine Achtung. - -Dr. Glossin verließ seinen Wagen auf dem Flugplatz. Was tun? Eine neue -Revolution versuchen? Offen mit den Roten zusammengehen? Er verwarf den -Gedanken so schnell, wie er ihm gekommen war. - -Jetzt gerade nach Washington und den anderen die eiserne Stirn gezeigt! -Hatte er nicht allein die Revolution gemacht? Was waren die anderen -ohne ihn? Nie hätten sie zur rechten Zeit losgeschlagen. Nie wäre es -ihnen gelungen, zur Macht zu kommen! Ihm verdankten sie alles. Mit ihm -mußten sie weiter durch dick und dünn gehen, wenn sie an der Macht -bleiben wollten. Was hatte schließlich ein Zeitungsartikel im Wahlkampf -zu bedeuten? - -Mit festem Schritt betrat er das Sitzungszimmer im Weißen Hause. Kühle -Worte und kühle Mienen. Es war klar, daß der Artikel von MacClaß hier -bereits bekannt war. Deshalb zog er das Blatt aus der Tasche und warf -es auf den Tisch. - -»Den Wisch kaufte ich vor einer Stunde auf dem Broadway. Schwindel -natürlich! Alles Schwindel!« - -Drückendes Schweigen folgte seinen Worten. Bis William Baker die Frage -stellte: »Alles ...?« - -Das war der kritische Moment. Mit eiserner Stirn mußte Glossin sofort -ein einziges Wort sagen: »Alles!« - -Als er den geraden durchdringenden Blick William Bakers auf sich ruhen -fühlte, versagten ihm für einen Augenblick Entschlossenheit und Mut. -Als sie ihm wiederkamen, war es für diese kurze knappe Antwort zu spät. -Er mußte viele Worte machen. Den Gekränkten und Entrüsteten spielen. - -»Mr. Baker, ich hoffe, daß Sie diese Unterstellungen nicht für wahr -halten. Ich bin bereit, mich von jedem Verdacht zu reinigen.« - -»Es wäre im Interesse des Ansehens der Regierung sehr erwünscht, wenn -Sie das könnten.« - -William Baker sprach die Worte langsam, während er eine Mappe ergriff, -aufschlug und vor Glossin hinschob. - -Der Doktor warf einen Blick darauf, und der Herzschlag stockte ihm. - -Die Korrespondenz, die er bis in die letzten Tage drahtlos mit England -geführt hatte. Chiffriert natürlich. Ein Dechiffreur von Gottes Gnaden -hatte den geheimen Schlüssel rekonstruiert und alles entziffert. Hier -standen die Depeschen, wie er sie aufgegeben und empfangen hatte. -Daneben der wahre Sinn, der vernichtend für ihn war. Dann weiter seine -Verhandlungen mit den Roten von Trinity Church. Dr. Glossin blätterte -mechanisch weiter. Ein Bericht eben jenes MacClaß an den Beauftragten -des amerikanischen Volkes William Baker. - -Dr. Glossin ließ sich auf dem nächsten Stuhl nieder. Er fühlte, daß -sein Spiel verloren war. Wie aus weiter Ferne klangen die Worte William -Bakers an sein Ohr: - -»Ihre Haltung bestätigt mir die Richtigkeit der Anklagen. Wir wollten -nicht handeln, ohne Sie gehört zu haben. Was haben Sie zu sagen?« - -Dr. Glossin schwieg. - -»Wir haben unsere Maßnahmen getroffen. Sie können aus diesem Zimmer -als Untersuchungsgefangener des Staatsgerichtshofes hinausgehen ... -oder ... als freier Mann, um sofort ein Flugschiff zu besteigen und die -Union für immer zu verlassen. Wofür entscheiden Sie sich?« - -Dr. Glossin blickte um sich mit den Augen eines gehetzten Tieres. Von -irgendeiner Stelle erwartete er Beistand ... Hilfe ... zum mindesten -Mitleid. Und fand überall nur starre, abweisende Blicke. Er entschloß -sich zur Antwort: »Für das letztere.« - -William Baker drückte auf einen Knopf. - -»Herr General Cole, lassen Sie Herrn Dr. Glossin zum Schiff bringen.« - -Der General nahm den Auftrag entgegen. Er winkte dem Arzt. Uniformen -wurden sichtbar, als er die Tür zum Vorzimmer öffnete. Die Leute des -Generals umringten den Doktor. - -General Cole ging zehn Schritte voraus. Er mied die Nähe des -Verbannten. Mit schnellen Schritten erreichte er das Flugschiff -und stand abseits, während seine Leute die Einschiffung Glossins -überwachten. Anders als die Abfahrt Cyrus Stonards vollzog sich die Dr. -Glossins. - - * * * * * - -Professor Raps saß in seinem Arbeitszimmer. Eine Anzahl von Dokumenten -und Berichten bedeckte den großen Schreibtisch. Weiße Foliobogen lagen -vor ihm. Die Feder ruhte in seiner Hand. - -Doch er kam nicht weit mit dem Schreiben. Seine Züge verrieten höchste -geistige Anspannung. Seine Rechte bewegte die Feder, warf einige Zeilen -in der großen charakteristischen Schrift auf das weiße Papier, um dann -wieder mit dem Schreiben zu stocken. - -Er legte die Feder beiseite und griff nach einem Schriftstück, nahm -ein zweites und drittes dazu. Überflog, las und verglich. Und dann -plötzlich wichen die Falten, die seine Stirn furchten. Ein Leuchten -der Befriedigung glitt über seine Züge ... ein leiser Ruf entrang sich -seinen Lippen: »So ist's!« - -Tiefatmend legte er sich in den Schreibstuhl zurück und deckte die Hand -über die Augen. Noch einmal ließ er die Glieder der Kette, die er in -angestrengter Arbeit aneinandergereiht hatte, vor sich vorüberziehen. - -Das erste Glied! Ein Bericht der Sternwarte von Halifax, datiert von -dem gleichen Tage, an dem der Friedensvertrag zwischen England und -Amerika unterzeichnet worden war. Um 8~h~ 17~m~ mitteleuropäischer -Zeit zwei schnell aufeinanderfolgende starke Explosionen in nördlicher -Richtung in der Zone der Polarlichter. - -Die erste Explosion zeigte im spektroskopischen Bild die Linien des -Kalziums und der Kieselsäure, die zweite diejenigen von Eisen und -Aluminium. Die Astronomen von Halifax deuteten das Spektrogramm dahin, -daß die zweite Explosion einen gewaltigen Brocken kosmischer Tonerde -betroffen habe. Aber es fehlten die Sauerstofflinien, es waren nur -Linien des reinen Aluminiums vorhanden ... - -Professor Raps konnte sich der Meinung der Astronomen nicht -anschließen. Nach dem Spektrogramm mußte reines Aluminium explodiert -sein ... und dann die Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Auch -die sooft zitierte Duplizität der Ereignisse konnte hier nicht zur -Erklärung herangezogen werden. Vor zwölf Stunden war dem deutschen -Gelehrten an diesem toten Punkt der Untersuchungen das erstemal -blitzartig der Gedanke gekommen: Das war eine Wirkung der Macht! -Die Erscheinungen waren von der Macht verursachte Explosionen der -Raumenergie. Aber waren sie gewollt? ... Waren sie ungewollt geschehen? -... Waren sie am Ende sogar gegen den Willen der Macht eingetreten? -Ebensoviel unlösliche Rätsel wie Fragen. - -Die nächsten Glieder! Ein Funkentelegramm des deutschen Dampfers -»Bismarck« aus dem Nordatlantik vom gleichen Tage: 40° 13′ nördlicher -Breite 35° 17′ westlicher Länge. Steuerbord voraus aufkochende See -in 10 ~km~ Breite und 50 ~km~ Länge. Schwere Dampfwolken. Heißer -Sprühregen auf Deck. - -Die Morgenzeitungen hatten den Bericht gebracht und Kommentare -wissenschaftlicher Kapazitäten dazu gegeben. Nach den Vermutungen der -Gelehrten handelte es sich um einen unterseeischen Vulkanausbruch. - -Professor Raps hatte die Depesche noch am vergangenen Abend gelesen. -Er vermißte die genaue Zeitangabe und war deswegen auf die Redaktion -gegangen. Man hatte sie ihm bereitwillig gegeben. 8~h~ 13~m~ abends. -Der Professor hatte das Originaltelegramm lange Zeit in der Hand -behalten. Der Zusammenhang war zu frappant, zu augenfällig, um ihn -nicht zu erschüttern. Und während er dort sinnend saß, hatte ihm der -Redakteur eine andere eben einlaufende Depesche des Forest Department -of Canada vorgelegt. Ein Bericht über einen schweren Waldbrand, bei dem -mehrere tausend Hektar Urwald verascht worden waren. Das Merkwürdige -war, daß das Feuer sich hier nicht allmählich weitergefressen hatte. -Die ganze riesige Fläche mußte beinahe zur selben Zeit aufgeflammt und -niedergebrannt sein. - -Dann hatte die Zeitung des späten Abends an dem gleichen Tage noch eine -eigentümliche Meldung veröffentlicht. Einen Funkspruch der indischen -Großstation zu Dehli. - -Plötzliche, überraschende Schneeschmelze im Himalaja. Ghahngak, Burh -Ghandk und Damla werfen Hochwasser in den Ganges. Überschwemmung bei -Hajipur. - -Die Morgenzeitungen des heutigen Tages hatten die Nachricht aus Dehli -auch gebracht. Sie fügten aber eine zweite Depesche an, gleichfalls aus -Dehli, daß die Schneeschmelze und das Hochwasser ebenso plötzlich, wie -sie aufgetreten waren, auch wieder nachgelassen hätten. - -Das waren die hauptsächlichsten Nachrichten, die wichtigsten Glieder -der Kette. - -Professor Raps hatte die Nacht keine Ruhe gefunden. Die Gedanken kamen -und gingen während der Stunden von Mitternacht bis zum Sonnenaufgang. -Sie überfielen ihn, drängten sich ihm auf, zwangen ihn wieder und immer -wieder, diese Nachrichten zu überlegen, in Zusammenhang zu bringen. Als -er sich am frühen Morgen erhob, hatte er eine Lösung gefunden. Es sind -keine zufälligen Naturereignisse ... es waren Wirkungen der Macht ... -Was war geschehen? ... Raumenergie war an den verschiedensten Stellen -der Erde fast gleichzeitig explodiert ... Warum? ... Weshalb? ... Vor -dem Friedensschluß wären diese Auswirkungen erklärlich gewesen ... -Warum jetzt? ... Jetzt war eine Probe der Macht nicht mehr nötig. - -In der neunten Morgenstunde hatte Professor Raps ein Telegramm aus -Hammerfest bekommen. Auch dort waren die beiden Explosionen im -Spektroskop beobachtet worden, und diese zweite Beobachtung bestätigte -seine Schlußfolgerungen. Die letzte Explosion zeigte die Linien reinen -Aluminiums. - -Was war der Zweck, was der Sinn aller dieser Erscheinungen ... hatte es -noch Sinn ... war es am Ende auch sinnloser Kampf ... hatte die Macht -sich selbst bekämpft? ... Drei waren es doch ... drei sollten es sein? -... Waren die drei Träger der Macht miteinander in Kampf geraten? Oder -... war es Selbstvernichtung? ... Selbstvernichtung? ... Das Korrigens? -»So ist's!« Der Ausruf entfuhr dem Gelehrten, als seine Schlußkette bis -zu diesem Punkte geschmiedet war. Das Korrigens des alten Linnés hatte -sich gezeigt. In gewaltsamem Ausbruch hatte sich die Natur von einem -Druck befreit, der ihren ewigen Gesetzen entgegenwirkte ... War es das? -... Es mußte so sein. - -»So ist's! ... So ist's gewesen.« Die Überzeugung dafür trug er in Kopf -und Herz. - -Es war Zeit, ins Kolleg zu gehen, die Vorlesung über Elektrodynamik zu -halten. Er verließ seine Wohnung und ging in die Hochschule. - -Er sprach und war selbst über den Schwung, über das Feuer seines -Vortrages erstaunt. Er fühlte es, er merkte es an den Mienen der -Zuhörer, daß er das Auditorium heute mehr denn je faszinierte. Es lebte -und wirkte etwas in ihm, was ihn emporhob, was den logischen Schlüssen, -den mathematischen Formeln seiner Vorlesung einen höheren Schwung gab. -Und die Hörer fanden ihren Lehrer verändert, sahen, daß das feine -ruhige Gelehrtengesicht heute in Entdeckerfreude glühte. - -Die Vorlesung war zu Ende. Professor Raps wollte das Katheder verlassen -und sah, daß seine Hörer noch etwas von ihm erwarteten, daß hundert -Augenpaare fragend an seinen Mienen hingen. Und blieb noch einmal auf -dem Katheder stehen, fühlte, wie seine Lippen sich unter einem inneren -Zwang öffneten. Wußte nicht, wie es geschah, daß er die Worte sprach: -»Meine Herren! ~Natura non facit saltus!~« - -Stille herrschte im Hörsaal. Aber die Hörer sahen das Gesicht ihres -Lehrers aufleuchten, sahen eine Verklärung auf seinen Zügen, und jeder -von ihnen fühlte es: Hier hatte ein großer Geist in die weltbewegenden -Ereignisse der letzten Tage hineingeschaut. Brausender Beifallsturm -durchtobte den Saal, als der Professor das Katheder verließ. - -Die Abendblätter brachten bereits einen Bericht über die Vorgänge im -Kolleg. Das Wort Linnés, das der Professor dort gesprochen, wurde um -den Erdball gefunkt. - -Ein Blatt brachte die Nachricht, daß ein hoher Beamter der -Reichsregierung den Professor bereits am Nachmittag in seiner Wohnung -aufgesucht und eine längere Unterredung mit ihm gehabt hatte. Ein -anderes wußte zu melden, daß die Vertreter der Reichsregierung danach -bis spät in die Nacht hinein getagt hätten. Depeschen durchschwirrten -die Welt. Die Konferenz der Reichsminister erwies sich als Tatsache und -steigerte die Spannung. - -Was wußte Deutschland? ... Kannte es das Geheimnis? - -Die Augen der ganzen Welt richteten sich plötzlich nach Deutschland. -Man begann zu rechnen. Man überschlug die deutschen Machtmittel. -Die wirtschaftliche Stärkung Deutschlands durch die Lieferungen des -Englisch-Amerikanischen Krieges. Daneben die Schwächung der beiden -kriegführenden Länder. Die Erschöpfung ihrer Kassen, der Verlust ihrer -Flotten und sonstigen Kampfmittel. - -War Deutschland dem Geheimnis der Macht auf die Spur gekommen? - - * * * * * - -Als die Tür des Rapid Flyers ins Schloß fiel, ließ Erik Truwor die -Turbinen anspringen. In jähem Aufstieg stürmte die Maschine in die -Höhe, brachte Kilometer um Kilometer unter sich. - -Schon stand der Sonnenball, der dort unten bereits zur Hälfte vom -Horizont verdeckt wurde, wieder frei über der Kimme. Schon höhlte sich -die weitgestreckte Eiswüste wie eine ungeheure Mulde unter dem Flieger. - -Erik Truwor stand am Steuer und sah es ... blickte dann wieder nach -oben und ballte die Fäuste, als drohe er einem unsichtbaren Feind. - -Ein einziger Gedanke beherrschte sein krankes Gehirn: Nach oben ... -immer höher nach oben ... - -Der Flieger stieg und stieg. Aber er war nur gebaut, eine Höhe von -dreißig Kilometer zu erreichen, in ihr zu fliegen. - -Erik Truwor sah am Höhenmesser, daß die Maschine langsamer stieg, daß -die Kraft der Turbinen nachließ. - -»Haha ... haha ...« Wieder entquoll jenes dumpfe schaurige Gelächter -seinen Lippen. - -»Menschenwerk! ... Tand ... Sie können nicht weiter. Ihre Macht ist zu -Ende ... Aber ich, ich habe die Macht ... haha ... ich steige, bis ich -euch unter mir habe ... ihr da oben ...« - -Mit geschickten Griffen entfernte er die Sperrungen an den Schalthebeln -des Strahlers. Und konzentrierte dann die Energie in den Druckkammern -der großen Turbinen. - -Schon war es geschehen, schon war die Wirkung zu merken. Die Turbinen, -die bis dahin matt und unregelmäßig gelaufen waren, begannen sich in -rasendem Wirbel zu drehen, rissen die Propeller in gleichem Tempo mit -sich. - -Der Rapid Flyer stieg unaufhaltsam. Längst hatte er die -Dreißigkilometerhöhe überschritten und war tief in die Zone der -Polarlichter eingedrungen. Schon strahlte die Sonne wieder gelbweiß, -die er so lange Tage nur in blutfarbenem Dämmerschein erblickt hatte. -Schon stand sie hoch über der Kimme. - -Der Rapid Flyer stieg, und das Land weitete sich. Schon waren hundert -Kilometer erklommen. Die nördlichen Küstenstreifen der Kontinente -wurden sichtbar, mehr zu ahnen als zu erblicken. - -Höher hinauf! ... Immer höher! ... Es war vergeblich, daß er die -Turbinen bis zum Bersten mit Energie versah. Es war vergeblich, daß die -Propeller, bis zum Zerreißen gespannt, in rasendem Spiel rotierten. Die -Atmosphäre war in dieser Höhe zu dünn, um den Luftschrauben noch Halt, -den Tragflächen Stütze zu geben. Über hundert Kilometer kam er mit der -Maschine nicht hinauf. - -Wie hatte er auch hoffen können, mit diesem gebrechlichen Menschenwerk -Höhen zu erreichen, aus denen er sein ganzes Reich zu übersehen -vermochte. Etwas ganz anderes würde er bauen müssen. Eine Maschine, -die, durch die Gewalt des Strahlers allein getrieben, raketenartig -durch den Raum fuhr, die ihn in Sekunden Hunderte von Kilometern über -die Erde erhob. Einen Himmelswagen, der neuen Macht ... der neuen -Gottheit würdig. Schade, daß Silvester tot war. Der hätte ihm die -Maschine sicher und schnell gebaut. - -Unter dem rasenden Spiel der Propeller dröhnte und summte der metallene -Rumpf des Rapid Flyers wie eine gespannte Saite. Jäh mischte sich -ein scharfer Klang, ein harter Schlag in das Singen des Rumpfes. -Erik Truwor trat einen Schritt zurück. Dicht neben ihm zeigte die -Aluminiumwand eine schwere Einbeulung, als ob ein großer Stein sie von -außen getroffen hätte. - -In das Dröhnen des getroffenen Rumpfes mischte sich das dumpfe -schaurige Lachen Erik Truwors. - -»Ihr droht mir ... ihr wagt mir zu drohen ... ihr wagt mein Schiff zu -berühren ... wartet ihr ... ihr ... Ich werde euch brennen ...« - -Ein neues Dröhnen, eine neue Beule im Rumpfe des Rapid Flyers. An der -eingebeulten Stelle war das Metall bis zur Rißbildung gereckt. Noch -ein wenig mehr, und der Rumpf wurde undicht, die Sauerstoffatmosphäre -seines Innern entwich in die luftleere Umgebung ... - -Und dann ein drittes Mal. Eine neue schwere Einbeulung. - -Erik Truwors Geist begriff die fürchterliche Gefahr nicht mehr, in -die er sich so mutwillig begeben hatte. Er war aus dem Schutze der -dichteren Atmosphäre bis in jene fast luftleeren Höhen emporgestiegen, -in denen der Erde der Schutz des Luftpolsters fehlt. - -Er sah nur unsichtbare feindliche Gewalten, die ihm die Macht -entreißen wollten. Mit einem Sprunge war er am Strahler und ließ die -telenergetische Konzentration nach allen Seiten um den Flieger kreisen. -Die Turbinen, der Energie beraubt, ohne Verbrennungsluft, ohne Kraft, -stellten die Arbeit ein. Schwer wie ein Stein fiel die Maschine im -luftleeren Raum nach unten. - -Mit glühender Stirn und rollenden Augen stand Erik Truwor, die Hand am -Strahler, und schleuderte dem Schicksal seine Herausforderung entgegen. -Ein Bolide, ein Felsblock, viel größer als das Schiff, wurde vom Strahl -gepackt, zischte auf und stand als feurige Dampfwolke im Raume. - -»Haha ... birg dich, Schicksal! ... Fliehe, Schicksal, sonst brenn ich -dich!« - -Erik Truwor stieß die Worte, mit wahnsinnigem Gelächter vermischt, -heraus, während er den energetischen Strahl kreisen ließ. Doch der -freie Fall des Fliegers raubte ihm die Sicherheit der Bewegungen, -machte die schon so schwierige Aufgabe, mit einem Strahl den halben -Raum abzuschirmen, zu einer unlöslichen. Seine Hände vermochten den -Strahl nicht mehr sicher zu meistern. Wildzuckend stieß er nach allen -Seiten weithin durch den Raum. Jetzt traf er in Kanada einen Wald -und fraß ihn in feurigem Wirbel. Jetzt ließ er auf den Gipfeln des -Himalaja den Schnee aufkochen. Jetzt dampfte der Ozean, von der Energie -durchsetzt. - -Das Flugschiff stürzte, während die Sekunden sich zur Minute ballten. -Schon wurde die Atmosphäre dichter, die Gefahr geringer. - -Da ein scharfer, greller Schlag. Ein Meteorit von Faustgröße durchbrach -die Decke des Flugschiffes. Drang weiter vor und traf den Hebel des -Strahlers. Erik Truwor hatte zu Beginn seiner wahnsinnigen Fahrt -die Sperrungen entfernt. Der Hebel wurde zurückgetrieben. Über -den Sperrpunkt hinaus ... die Energie von zehn Millionen Kilowatt -explodierte im Flugschiff, im Strahler selbst ... Eine Feuerwolke, wo -eben noch der Flieger durch den Raum stürzte. - -So schnell wie das Feuer am Himmel entstand, verschwand es auch wieder. -Machte bläulichem Dampf Platz, der sich ausbreitete, auflöste und zu -Nichts wurde. Nur das Nichts blieb übrig. Der leere Raum. Nichts mehr -vom Rapid Flyer, von seinem Insassen und vom Strahler. - -Die letzten Ausläufer der schweren Explosion erreichten noch die -unteren Schichten der Atmosphäre. Ein Sturm jagte über das Schneefeld -und ließ die Flanken des Eisbergs erzittern. Ein Schüttern und Dröhnen -ging durch das Eismassiv. Ein Aufruhr aller Elemente begleitete den -Untergang dessen, dem das Schicksal eine so unendliche Macht anvertraut -hatte. - - * * * * * - -Ein leuchtend schöner Septembermorgen lag über dem Park von Maitland -Castle. Ein feiner blauer Dunst milderte das Sonnenlicht, gab den -Wiesen und Baumgruppen eine besondere Tönung, ließ entfernte Dinge -unwahrscheinlich nahe erscheinen. - -Der blaugoldene Frieden des lichten jungen Tages verschönte den -Park, während seine Herrin in Sorge und Unruhe war. Diana Maitland -wanderte rastlos durch die verschlungenen Wege der Anlagen. Heute -wollte ihr Gatte kommen. Die Nachricht war in der Nacht eingetroffen. -Der Friedensvertrag mit den vielen Paragraphen und Anhängen war -unterzeichnet. Der Herr von Maitland Castle kehrte in sein Haus zurück. - -Diana ging durch den Park, gedachte des letzten Zusammenseins, -erwartete mit Unruhe das Kommende. - -Wie war es gewesen? Horace konnte sich nicht zu ihrer Meinung bekehren. -Er sah nur Unheil in einer Macht, von der sie den Fortschritt und die -Befreiung der Welt erwartete. Horace glaubte nicht an Menschen, die -eine ungeheure Macht nur zum Besten der Menschheit anwenden würden. -Horace sah im Träger der Macht nicht den vollkommenen Menschen, sondern -einen Rivalen, der ihm das Herz seiner Gattin abwendig machte. Horace -konnte die Person nicht von der Sache trennen. Horace war eifersüchtig -... War es heute noch auf einen Mann, der vor Jahren einmal auf -kurze Wochen in den Lebenskreis Dianas getreten war. Und Diana wußte -nicht, wie sie ihm die Grundlosigkeit dieser Eifersucht beweisen -sollte ... Und fühlte doch in dieser Stunde stärker denn je, daß ihr -Lord Horace Maitland alles, jener andere geheimnisvolle Träger einer -geheimnisvollen Macht nur ein Schemen war. Nur noch eine Erinnerung an -längst vergangene Tage bedeutete. Die Erinnerung an ein kurzes Glück, -das unwiederbringlich dahin war. Eine Erinnerung, an die sie jetzt -denken konnte wie an ein schönes Bild oder einen schönen Tag, während -doch ihr Leben und ihre Liebe Horace gehörten. - -Ruhelos durchwanderte sie den Park und wußte selbst nicht, zum -wievielten Male sie jetzt wieder an dem großen Eingangsportal -vorüberkam. - -Eine Gestalt fesselte Dianas Aufmerksamkeit. Sie sah einen Mann dem -Gitter näherkommen. Nun unterschied sie Einzelheiten, erkannte die -dunkle, bronzefarbene Haut, dachte, das müsse wohl ein Inder sein. Und -dann stand die Gestalt an dem Torflügel, der dem Druck seiner Hand -nachgab. Stand auf dem Parkweg dicht vor Diana Maitland, grüßte sie -durch eine tiefe stumme Verbeugung nach indischer Sitte. - -Diana blickte in sein Antlitz, sah in den Glanz eines leuchtenden -Augenpaares und fühlte, wie ihre Unrast einer wohltätigen Ruhe -wich. Wohl eine Minute stand sie so vor ihm, die vornehme Lady, die -Herrin von Maitland Castle, vor einem unbekannten braunen Mann, der -ohne Erlaubnis in ihren Park kam ... der ... war denn das Tor nicht -verschlossen? ... Sollte es nicht immer verschlossen gehalten werden? -... Kein Diener in der Nähe. Diana raffte sich zur Frage zusammen: - -»Was suchen Sie hier?« - -»Ich suche Jane Bursfeld.« - -In jähem Schreck zuckte Diana zusammen. - -»Was wollen Sie von Jane Bursfeld?« - -»Ich will ihr sagen, daß Silvester Bursfeld tot ist.« - -»Tot! ... Silvester Bursfeld ist tot?« - -Ihre Blicke hingen wie gebannt an den glänzenden Augensternen des -Inders. Was verbarg sich noch hinter dieser hohen Stirn? - -»Wer sind Sie?« - -»Ich bin Soma Atma, Silvester Bursfelds Freund.« - -Langsam, schwerflüssig wie die Perlen eines Rosenkranzes fielen die -Worte von den Lippen des Inders, und bei jedem Wort wich Diana einen -Schritt weiter von dem Sprechenden zurück, hob abwehrend die Hände, als -schreckte sie vor jedem neuen Wort, das Atma sprach. - -»Sie sind Soma Atma? ... Einer von den dreien?« - -»Der Letzte!« ... - -»Der Letzte?« - -Schweigend neigte sich Atma, die Arme über der Brust verkreuzt. - -»Die anderen? ... Wo sind sie?« - -»Tot!« ... - -»Tot ... beide tot? ... Auch Erik Truwor tot?« ... - -»Er frevelte und starb ...« - -Mehr taumelnd als gehend erreichte Diana die nahe Bank. Sie hörte nicht -das Signal des Autos, das ihren Gatten brachte. Sie sah nicht, wie -er den Wagen verließ. Sie sah nicht, wie er verwundert ... erstaunt -stehenblieb, wie Atma an seine Seite trat und beide auf dem Wege, der -zum Schloß führte, hin und her gingen. Sie gewann die Herrschaft über -ihre Sinne erst wieder, als der Ruf ihres Gatten ihr Ohr traf. - -»Diana! ... Diana!« - -Hatte die Kunde von dem gewaltsamen sündigen Tod Erik Truwors Diana -niedergeworfen, oder war es nur die Wucht aller dieser Ereignisse und -Nachrichten, die so plötzlich auf sie einstürmten? Lord Horace wußte -es nicht, aber er fühlte, daß die nächsten Minuten ihm die Klarheit -darüber bringen müßten. - -Diana vernahm den Ruf und schrak auf. Schmerzzerrissen, mit verstörten -Augen blickte sie ihren Gatten an. Wie einen Unbekannten. - -»Horace! ... Horace!« - -Das war der Ruf einer Seele aus tiefster Not. - -»Horace ... du! ... du!« - -Lord Maitland legte die Arme um Dianas Leib. Er fühlte ihr Herz an -seiner Brust in wilden Schlägen toben. Er fühlte, wie ihre Glieder -zitterten und bebten. - -»Diana ... was ...« - -Behutsam und fürsorglich führte Lord Maitland Diana zu der Bank zurück. -Er wollte sprechen und kam nicht dazu. Sein Weib hing an seinem Hals, -umschlang ihn mit den Armen, als ob sie ihn erdrücken ... als ob sie -ihn nie wieder lassen wolle. - -Ein frohes Leuchten kam in seine Augen. - -»Diana?« halb Frage, halb Jubel lag in dem einen Wort. Er versuchte -es, die Arme, die ihn so fest umschlungen hielten, sanft zu lösen, -ihr Gesicht zu sich zu erheben. Sie widerstand ihm. Nur noch fester -umschlangen ihre Arme seinen Nacken, nur noch enger preßte sie ihr Herz -an das seine. - -Und da wußte Lord Maitland: Sie war sein und immer sein gewesen. Mit -frohen Augen blickte er zu der strahlenden Morgensonne empor, Diana -fest in den Armen. - -So saßen sie eng umschlungen, vergaßen die Welt um sich, vergaßen die -Zeit, die rastlos verstrich. Bis der Sonnenglanz sich trübte, ein -Schatten auf ihre leuchtenden Gestalten fiel. Der Schatten Atmas, der -dicht vor ihnen stand. Die Gegenwart Atmas brachte sie in Raum und Zeit -zurück. - -»Wo ist Jane Bursfeld?« - -Wie ein kaltes Wehen strich es über ihre glühenden Herzen. - -»Jane?« ... Diana sprang auf. - -»Arme Jane! Ich will Euch zu ihr führen.« - -Langsam und zögernden Schrittes ging sie vor den beiden Männern nach -der Blutbuche hin, bei der sie Jane wußte. Bei dem Klang der nahenden -Schritte blickte Jane empor. Ihre Augen wanderten von dem einen zum -anderen. Dann erkannte sie Atma, sprang auf und lief ihm entgegen. - -»Atma! Atma! Du ... du hier?« - -Glück und Freude strahlten auf ihren Mienen. - -»Atma, du bist hier? Wo ist Silvester? Wo hast du Silvester? .. Wann -kommt er? .. Wann holt er mich?« - -Atma stand unbeweglich. Mit beiden Armen hatte er die Gestalt Janes -aufgefangen, als sie ihm entgegenlief. Sie hing an seinem Halse. Er -hielt sie nur noch mit der Linken umschlungen. Drückte die Linke fest -auf ihr Herz, während er mit der Rechten das zarte blonde Haupt auf -seine Schulter niederzog, ihr langsam über Stirn und Augen strich. -Langsam, wie schwere Tropfen fielen die Worte von seinen Lippen: -»Silvester ... dein Mann ... ist tot.« - -Jane zuckte zusammen. Regungslos lag sie da im Arm Atmas, ließ sich von -ihm zu der Bank führen, saß immer noch in seinem Arm neben ihm. - -»Silvester Bursfeld ist tot.« - -In der Stille des Herbstmorgens drangen die Worte bis an das Ohr -Dianas, die sich an den Arm ihres Gatten klammerte. - -Und noch ein drittes Mal wiederholte Atma die traurige Kunde, während -seine Linke das stockende Herz Janes zusammenpreßte. - -»Silvester Bursfeld, dein Gatte, ist tot.« - -Jane Bursfeld hörte die Worte, ohne zu weinen, zu klagen. Langsam hob -sie ihr blasses Haupt, starrte in den sonnigen Himmel, blickte, sann -und hörte, was Atma sprach. - -Von der letzten Stunde Silvesters sprach Atma. Wie ihm der letzte große -Wurf gelungen. Wie er seine Entdeckung zur höchsten Vollendung gebracht. - -Die starre Unbewegtheit Janes wurde durch ein leises Zittern -erschüttert. - -Weiter sprach Atma. Daß Silvester dahingegangen sei, die letzte -Botschaft Janes im Herzen. Wie sie ihn fanden, im Tode noch ein Lächeln -auf den Lippen, den Depeschenstreifen in den erstarrten Händen. - -Jane hörte es, und ihr starrer Blick leuchtete auf. Ihre Lippen zuckten -noch, ihre Mienen wurden ruhiger. - -Atma sprach, und langsam ließ der Druck seiner Hand auf ihr tief und -gleichmäßig pochendes Herz nach. - -»Sein Name und sein Ruf leben in deinem Schoß fort. Sorge für -Silvester, indem du für sein Kind sorgst und lebst ...« - -Er ließ seine Arme sinken. Frei stand Jane vor ihm. Doch sein -gewaltiger Einfluß wirkte weiter. All ihr Fühlen, alle ihre Gedanken -konzentrierte er auf das keimende Leben in ihrem Schoß. - -Ein Lächeln trat auf ihre Züge. Ihr Antlitz gewann die zarte Röte -wieder. So schritt sie an Soma Atma vorbei. So an Lord Horace und Lady -Diana vorüber dem Schloß zu. - -In den Armen Atmas hatte sie das Furchtbare des ersten Schmerzes -überstanden. Ihr künftiges Leben, ihre ganze Zukunft war dem Erben -Silvesters, dem Erben der Macht geweiht. - -Diana Maitland sah Jane auf das Haus zugehen. Sie zitterte unter -dem Eindruck der Szene. Sie hatte gefürchtet, Jane weinen, Jane -niederbrechen, Jane sterben zu sehen. Und sah sie ruhig und gefaßt -fortschreiten. - -Sie fühlte die eigenen Knie wanken und stützte sich fester auf den Arm -ihres Gatten. - -Atma schritt langsam Jane Bursfeld nach. Er kam an Lady Diana und Lord -Horace vorüber. Sein Schritt verzögerte sich. Er blieb stehen. - -Sein Blick umfaßte die Gestalt Dianas, wie er vorher auf der Janes -geruht hatte. Voll öffneten sich seine Lippen. Glanz strahlte aus -seinen Blicken. Langsam sprach er ... stockend, abgerissen, wie von -einer fremden Macht getrieben: - -»Gesegnet ist das Haus. Die Erben zweier Geschlechter werden in seinen -Mauern geboren ... Sorgt für sie! ... Hütet sie! ... Sie tragen die -Zukunft ... das Schicksal bestimmt sie zu ... Großem ...!« - -Er ging weiter ... - -»Diana! Was sagte der Inder? ... Was meinte er ... Zwei Erben!« - -Diana Maitland hatte den Blick zu Boden gerichtet. Lord Horace zwang -sie mit sanfter Gewalt, den Kopf zu erheben, ihn anzusehen. - -»Zwei Erben! Diana! Was meinte Atma?« - -»Er sah und sagte, was ist.« - -»Diana!« - -»Horace!« - -Es waren nur zwei Worte, zwei kurze Namen. Aber in ihnen lag ihre -Zukunft. - -So zärtlich und behutsam führte Lord Horace Lady Diana dem alten -Stammschloß der Maitlands zu, als habe er den kostbarsten Schatz im Arm. - - * * * * * - -Dreifach hatte das Schicksal Glossin getroffen. Ehrlos, machtlos -und mittellos mußte er die Staaten verlassen. Zu spät begriff der -sonst so Schlaue, daß die Zeit für die Methoden und die Moral der -Gewaltherrschaft vorüber war, daß Männer mit anderen Grundsätzen das -Regierungssteuer ergriffen hatten. - -Aus der Macht war er gestoßen, die zwanzig Jahre sein Element war, ohne -die er nicht leben und atmen zu können glaubte. Die Millionen, die -er in den Jahren der Macht errafft und an sich gebracht hatte, waren -ihm genommen. Gerade so viel blieb ihm nach den Worten und dem Willen -William Bakers, daß er bei England nicht zu betteln brauchte, um sein -Leben zu fristen. - -So kam er nach England zurück. Am Morgen nach jener Sturmnacht, in -der die empörten Patrioten ihn aus Washington verjagten. Nur noch ein -Gefühl hielt den Willen zum Leben in ihm aufrecht, fesselte ihn an das -Leben. Seine Liebe zu Jane Bursfeld. - -Jane war im Hause der Maitlands. Sollte er sich jetzt, ein verfemter -Flüchtling, dort zeigen? Sollte er vor Lord Horace hintreten, das -Mädchen, das er dort als seine Nichte gelassen, zurückverlangen? - -Diese Fragen waren heikel. Zu viel war seit dem Tage, an dem er das -Versprechen erhielt, geschehen. Die unbekannte Macht war aufgetreten, -und ihr Auftreten hätte den Sturz des Diktators wohl auch ohne Glossin -bewirkt. Der Umstand mußte auf die Größe der englischen Dankbarkeit -verringernd wirken. - -Eile tat not. An dem gleichen Morgen, an dem Soma Atma in -Maitland-Castle war, kam Glossin dort an. Seine Kenntnis der -Örtlichkeit ermöglichte es ihm, den Park ungesehen zu betreten, sich -auf dicht verwachsenen Seitenwegen dem Schloß zu nähern. Sein Plan war -überaus einfach, daß er zu jeder anderen Stunde sicher gelingen mußte. -Sich Jane unbeobachtet nähern. Sie wieder voll unter seinen Einfluß -zwingen. Mit ihr zusammen den Park verlassen. Und dann schnell fort. -Weit fort aus England in irgendein fremdes Land, in dem man Dr. Glossin -nicht kannte, in dem er, Jane an der Seite, auch mit den Trümmern -seines einstigen Reichtums immer noch leben konnte. - -Dr. Glossin kam dem Schloß immer näher. Der schmale windungsreiche Weg -führte zu einem achteckigen Pavillon. Von der anderen Seite dieses -Gebäudes lief ein breiterer Weg aus dem Park auf eine wiesenartige -Lichtung, und dort unter einer großen Blutbuche sah er Jane allein -sitzen. - -Dr. Glossin stand und verschlang das anmutige Bild mit den Blicken. Er -stand am Ziel seiner Wünsche. - -Vorsichtig wollte er näher gehen. Den Plan ausführen, Jane in seine -Gewalt bringen. - -Der Klang von Stimmen, das Geräusch nahender Schritte zwang ihn, -stehenzubleiben. Schritt um Schritt zurückzuweichen, vor den Blicken -der Nahenden Deckung hinter den Bäumen am Pavillon zu nehmen. - -Er sah Lord Horace den Weg vom Schloß herankommen. An seiner Seite -einen Mann mit brauner Hautfarbe. Den Mann, dessen Signalement er seit -der Affäre von Sing-Sing kannte, dessen Bild ihm seit dem Untergang von -R. F. c. 2 so oft drohend und düster in die Erinnerung gekommen war. - -Atma ging allein auf Jane zu. - -Glossin drückte gegen die Tür des Pavillons. Sie war nicht verschlossen -und gab dem Druck nach. Er schlüpfte hinein und zog die Tür hinter sich -wieder zu. Halbdunkel herrschte hier. Die Jalousien an den Fenstern -waren hinabgelassen. Nur durch die Spalten zwischen den Stäben drang -das Tageslicht in den Raum und erfüllte ihn mit einer ungewissen -Dämmerung. - -Dr. Glossin trat an ein Fenster und beobachtete durch einen Spalt, was -im Park vorging. - -Er sah, wie Atma Jane fest in die Arme nahm. Er sah sie auf das Schloß -zugehen und erkannte mit dem Blicke des Arztes, daß sie gesegneten -Leibes war. Er taumelte vom Fenster zurück und ließ sich in dem -dämmerigen Raum auf einer Gartenbank niedersinken. Die letzte Hoffnung, -die ihn noch an das Leben band, war entschwunden. Jane war ihm -verloren. Sie würde dem anderen, dem Verhaßten, den Erben schenken. - -Es war Zeit, ein Ende zu machen. - -Jahre hindurch hatte Dr. Glossin mit der Möglichkeit, ja mit der -Notwendigkeit eines freiwilligen Todes gerechnet. Die verschiedenen -Todesarten wohlüberlegt, die Mittel dafür beschafft. - -Gifte, die momentan und schmerzlos wirken. Narkotika, die einen -angenehmen Schlummer erzeugen, der unmerklich in den Todesschlaf -übergeht. Der plötzliche Sturz, die jähe Verbannung und Flucht hatten -ihn aller dieser Mittel beraubt. Nur die kleine Schußwaffe blieb ihm, -die er immer mit sich führte, die er einst auf Silvester abdrückte. - -Er riß sie heraus und richtete sie mit schnellem Entschluß gegen die -eigene Brust. - -Der Schuß dröhnte durch den kleinen Raum. Der Körper Glossins sank -zusammen, streckte sich, fiel von der Bank auf den Steinboden ... - -In dem gleichen Moment, in dem Atma den Raum betrat. - -»Die Stunde ist gekommen.« - -Atma sprach es mit leiser Stimme, während er den Körper des Sterbenden -auf der Bank bettete. - -Er strich ihm über die Augen und Schläfen, und das Blut aus der -Brustwunde floß langsamer, stockte. - -Nur noch in langen Pausen fiel es Tropfen für Tropfen auf den Boden. -Traumhaft, nebelhaft kam dem Verletzten das Bewußtsein zurück. Vor -seinen geschlossenen Augen gaukelten Gestalten wirr durcheinander. - -Cyrus Stonard, den er verraten, stand vor ihm und blickte ihn mit -Verachtung an. Wandelte sich dann in die Gestalt William Bakers und -wandte ihm mit der gleichen Verachtung den Rücken. - -Immer dichter, immer zahlreicher wurden die Gestalten, Menschen, die er -vor langen Jahren bekämpft, verraten, verdorben hatte. Sie tauchten aus -dem dämmernden Nebel, blickten ihn an und verschwanden wieder. - -Dr. Glossin versuchte der Traumbilder Herr zu werden. Mit verzweifelter -Anstrengung zwang er sich zum Denken. - -... Ich habe mich schlecht getroffen ... Stockender Puls ... Delirien -der beginnenden Auflösung ... - -Seine Gedanken verjagten den Spuk. Alle diese huschenden, blickenden -und anklagenden Gestalten verschwanden. Nur ein matter, blasser Nebel -blieb ihm vor den Augen. - -Die Zeit verrann. Der Sterbende wußte nicht mehr, ob es Sekunden oder -Jahrhunderte waren. - -Der Nebel begann zu wallen. Eine neue Gestalt bildete sich in ihm. - -Glossin sah zwei Augen, die ihn ruhig anblickten, ihm so wohlbekannt -erschienen, ihn an lange vergangene Zeiten erinnerten. - -Der wallende Nebel verdichtete sich. Formte Gesichtszüge um die -einsamen Augen. Eine hohe Stirn, einen blonden Bart. - -So hatte Gerhard Bursfeld vor dreißig Jahren ausgesehen. Jetzt trat -auch die ganze Gestalt hervor. Im weißschimmernden Tropenanzug, den er -damals in Mesopotamien trug. - -Glossin suchte sich der Erscheinung zu entziehen. Ich muß die Augen -aufmachen, dann wird alles verschwinden. - -Mit unendlicher Mühe versuchte er die Lider zu heben, glaubte, daß es -ihm gelungen sei. Er empfing einen Eindruck des Raumes, der Pfeiler und -Fenster. Aber die Gestalt Gerhard Bursfelds verschwand nicht. Sie wurde -nur undeutlicher, halb durchsichtig, so daß die Möbel des Raumes hinter -der Figur wie durch einen Schleier zu erkennen waren. - -Und dann eine zweite Gestalt neben der ersten. Die Gesichtszüge bis auf -den Bart die gleichen. Die Augen dieselben. Fragend und anklagend. - -Silvester Bursfeld, so wie ihn Dr. Glossin das letztemal sah, als R. F. -c. 2 im Feuer des Strahlers schmolz. - -Die Gestalt des Sohnes neben der des Vaters. Deutlicher, weniger -durchsichtig. Der Vater an ein altes, schon verblaßtes Bild gemahnend, -der Sohn in den frischen Farben des Lebens. Sich umschlingend, standen -die beiden Gestalten vor ihm. - -Glossin fühlte, wie sein Leben entfloh. Er machte keine Anstrengung, -es zu halten. Er sehnte sich fort von allen quälenden Bildern und -Erinnerungen in ein Land des Vergessens, des Nichtwissens. - -Die beiden Gestalten blieben. Eine dritte trat hinzu. Die braune Figur -eines Inders. In dem dunklen Antlitz standen groß und strahlend die -Augen, ruhten mit bannender Gewalt auf dem Sterbenden. - -Nun war es, als ob Atma, der Inder, alle Gedanken Glossins mitfühlte, -als ob beide Gehirne zu einem verschmolzen. - -Stärker wurde die Sehnsucht des Sterbenden nach wunschloser Ruhe. - -»Du suchst das Nirwana. Du bist ihm fern.« - -Kein Wort war im Raum gefallen, und doch hatte Dr. Glossin den -deutlichen Eindruck der Worte: - -»Die Stunde ist gekommen.« - -Laut sprach Atma die Worte. Das stockende Blut begann wieder zu -fließen, und mit dem roten Strom entwich das Leben. Ein Seufzer, ein -letztes Zucken. Glossin war in das dunkle Land gegangen, aus dem es -keine Wiederkehr gibt. - - * * * * * - -Die Sonne war unter den Horizont gegangen, und die Schatten beginnender -Dämmerung breiteten sich über die Straßen und Häuser Düsseldorfs aus. -In dem alten, bequemen Lehnstuhl am Fenster saß der alte Termölen, die -lange Pfeife zwischen den Lippen, und stieß in langen Pausen kräuselnde -Wolken bläulichen Rauches in den Raum. Frau Luise ging ordnend im -Zimmer hin und her. - -Jane Bursfeld hatte ihren Platz auf der breiten Bank, die den mächtigen -Delfter Ofen umzog. - -Das ungewisse Zwielicht verbot das Lesen, und Jane ließ ihr Buch -sinken. Sie saß und hörte auf die Worte, die der alte Termölen zwischen -den Dampfwolken von den Lippen fallen ließ. - -»Das Rad dreht sich, Jane. Sprach nicht dein Freund, der Inder, immer -davon?« - -Jane blickte sinnend auf. - -»Er sprach davon. Vom Rad des Lebens, auf das wir alle gebunden sind.« - -»So mein ich es nicht, Jane. Ich meine das Rad der Weltgeschichte, -das die Völker herauf- und herunterbringt. ... Heute ist die Berliner -Konferenz zu Ende gegangen ... Wie weit muß ich zurückdenken ... bis -in meine früheste Kindheit ... Meine Eltern sprachen von Bismarck und -vom alten Kaiser ... später hörte ich von der Berliner Konferenz, die -unter dem Vorsitze des Fürsten Bismarck getagt hatte ... Anno 1879 ... -Die Staatsmänner Europas kamen in Berlin zusammen, berieten im Herzen -Europas über das Schicksal ihres Erdteiles ... Jetzt war wieder eine -Konferenz in Berlin, Sechsundsiebzig Jahre später. Was ist in den -sechsundsiebzig Jahren alles passiert.« - -Andreas Termölen machte sich mit seiner Pfeife zu schaffen. Jane nahm -den Faden seiner Rede auf. - -»Lord Horace war nicht in froher Laune, als er vor vierzehn Tagen mit -mir nach Deutschland fuhr. Er war ernster als ich ihn sonst kannte.« - -»Das glaube ich dir aufs Wort, Hannchen. Die Engländer haben keinen -Grund, fröhlich zu sein. Sie dachten, was Englisch spricht, gehört -auch zum englischen Weltreich. Australien, Afrika, Amerika ... alle -Weltteile wurden englisch, und sie dachten, das würde in aller -Ewigkeit so bleiben. Sie hatten das Schicksal von Spanien und Portugal -vergessen. Glaubten, die gemeinsame Sprache und Sitte müßten die -Kolonien ewig an London binden. - -Jetzt ist das ganz anders gekommen. Die Kolonien verlangen ihre volle -Selbständigkeit, und das Mutterland hat sie nicht halten können. - -Die Welt gehört den ~English speakers~! Das Wort kam wohl so um 1900 -auf und schien mit jedem folgenden Jahrzehnt immer mehr Wahrheit zu -werden ...« - -Die Gedanken des alten Termölen flogen die Jahrzehnte zurück. - -»1904 ... wir waren damals im ersten Jahr verheiratet ... da ging der -Kampf in Ostasien los. Zur höheren Ehre Englands schlug der Japaner den -Russen. - -Und dann kamen die Balkankriege ... und dann kam der große Weltbrand -Anno 14 bis 18 ...« - -Es war immer dämmriger in dem Raum geworden. Schon warfen die -Straßenlaternen ihre Lichtreflexe gegen die Zimmerdecke. Schweigend -saßen die beiden Frauen und lauschten den Worten des alten Mannes, der -abgerissen die Erinnerungen seiner achtzig Jahre vorüberziehen ließ. - -»... und da waren wir ganz unten. Man wußte in Deutschland nichts mehr -von Bismarck und seinem Vermächtnis. Die anderen im Osten und Westen -machten mit uns, was sie wollten, solange wir es uns gefallen ließen -... gefallen lassen mußten ... Europa war krank, weil sein Herz krank -war. Die Welt gehörte den ~English speakers~ ... - -Und dann kam Rußland wieder hoch ... - -Und dann ging es im fernen Osten los. Der Japs überrannte den -Amerikaner ... - -Und dann kam die amerikanische Revolution ... und dann kam Cyrus -Stonard ... - -Und dann kam der Englisch-Amerikanische Krieg ... und dann kam die -Macht ... Die geheimnisvolle Macht. ... Wie ein Komet glänzte sie -plötzlich auf ...« - -Verhaltenes Schluchzen unterbrach das Selbstgespräch des alten -Termölen. Es war Jane, die, von der Erinnerung an ihr kurzes Glück -überwältigt, die Tränen nicht zurückhalten konnte. - -»Silvester ... Erik Truwor ... Soma Atma ... Wo sind sie? ... Wo sind -sie geblieben? Silvester ist tot, mir auf immer entrissen ... Erik -Truwor ging in Sturm und Brand zugrunde ... Die Macht ist verschwunden, -wie sie kam ...« - -Der alte Termölen antwortete: - -»Verschwunden ... vielleicht ... verloren ...? Es waren drei ... drei -Träger der Macht. Zwei sind tot. Der dritte, der Inder, lebt noch ...« - -»Ja! Einer von den dreien blieb übrig.« Jane sagte es. »Soma Atma blieb -am Leben, während Silvester sterben mußte ... Soma Atma. Warum ... -warum ...?« - -»Weil sein Geschick noch nicht erfüllt ist ...« - -Eine andere Stimme sprach die Worte, Jane wohlvertraut. - -»Atma! ... Soma Atma, bist du hier?« - -Jane richtete sich auf, blickte gegen die Tür und meinte im letzten -Dämmerschein die dunkle Gestalt Atmas vor sich zu sehen. - -»Atma, du?« - -»Ich bin hier, Jane. Ich bin bei dir. Mein Schicksal ist noch nicht -erfüllt. Ich muß dir zur Seite stehen, bis der Erbe Silvesters sein -Schicksal selber formt. Die Macht ist nicht verloren. Nur verwahrt und -verborgen, bis der kommt, der mit reinem Herzen und mit reinen Händen -nach ihr greift.« - -Jane hörte die Stimme, fühlte, wie eine dunkle Hand sanft über ihren -Scheitel strich, wie irgend etwas leise in ihren Schoß fiel. Sah die -Gestalt Atmas nach der Tür zu lautlos verschwinden, wie sie gekommen. - -Sie blickte um sich. Da saß der alte Termölen, wie er noch eben -gesessen. Auf die dämmrige Straße schauend, auf der sich die ersten -Lichter entzündeten. Da schaffte die alte Frau nach wie vor an den -Tassen und Gläsern der Servante. - -Jane wußte nicht, ob sie wache oder träume. War das alles nur ein Spiel -ihrer überreizten Sinne oder Wirklichkeit? - -Noch hörte sie die letzten Worte Atmas im Ohr klingen: - -»Bis einer kommt, der mit reinem Herzen und mit reinen Händen nach der -Macht greift.« - -Sie dachte ihres Kindes, das hier nach dem Vermächtnis Silvesters in -der alten deutschen Heimat aufwachsen sollte. - -Sie griff in ihren Schoß, und ihre Finger fühlten kühles Metall. - -Sie hob es langsam zu ihren Augen empor und sah den schweren alten -Goldreif mit dem wunderlichen Stein, den sie sooft an der Hand -Silvesters erblickt hatte. Den Ring, der Silvester an die Macht -gebunden, ihn bis zu seinem Tod in den Dienst der Macht gezwungen hatte. - -Es war eine Gabe des letzten noch lebenden Trägers der Macht für sie -... für ihren Knaben. - -Die Stimme des alten Termölen drang in ihr Sinnen: - -»... Die Macht ... die unendliche Macht. Woher kam sie? ... Wohin ging -sie? ... Warum?« ... - - * * * * * - - - - -Im gleichen Verlage sind erschienen: - - - ~Johannes Schlaf~ - - Ein freies Weib - - Die Geschichte dieser Irrungen und Wirrungen wird alle - interessieren, denen Liebes- und Eheprobleme am Herzen liegen. - Das Buch regt an zu Ideen über eine Lösung der Jünglingsfrage, - ohne die die Frauenfrage nicht beantwortet werden kann. - - - ~Grazia Deledda~ - - Die Mutter - - Das Buch ist eine erschütternde Anklage gegen das Zölibat, - die so vornehm geformt ist, daß auch Katholiken das Buch ohne - Anstoß und nur mit tiefer Ergriffenheit lesen können. Von - reifster Künstlerschaft zeugt die Darstellung des Verhältnisses - zwischen Mutter und Sohn, das zuweilen die Höhe göttlicher - Symbolik erreicht. - - - ~Felix Philippi~ - - Liebesfrühling - - Ein Buch, so recht geschaffen, sich in stillen Feierstunden - in seiner Lektüre festzuspinnen und sich vom Zauber dieser - vergangenen Welt umfangen zu lassen. - - - ~Adelheid Weber~ - - Die Hauensteinerin - - Den vielgestaltigen Anforderungen der Leserschaft wird - dieser Roman in seltenem Maße gerecht. Aktualität und - Gegenwartsflucht, dichterische Ausgestaltung der Zeitprobleme - und Einkehr in eine glücklichere, imaginäre Welt in - harmonischer Einheit. - - - Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H. - Leipzig. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. - - Im Original unterschiedliche Schreibweisen von Wörtern wurden - beibehalten. - - Korrekturen (der korrigierte Text ist in {} eingeschlossen): - - S. 42: de → des - Die drei Ringe {des} Tsongkapa - - S. 58: Glady → Gladys - die sterbliche Hülle von {Gladys} Harte barg - - S. 63: ein → eine - schon {eine} alte Negerin entgegen - - S. 67: Sie → sie - Ich vergaß, {sie} ist verschlossen - - S. 70: eine → einer - Joe Williams, {einer} der zwölf Zeugen - - S. 77: Werstatt → Werkstatt - in seiner Abgelegenheit sollte die {Werkstatt} abgeben - - S. 77: restloser → rastloser - zwang den Forscher zu harter, {rastloser} Arbeit - - S. 115: ein → eine - Stamford wollte {eine} Million Tonnen Rohstahl - - S. 141: Steinbock → Steinblock - den wandernden Schatten und einen {Steinblock} - - S. 142: Jetzte → Jetzt - {Jetzt} streifte der Schatten den Stein - - S. 143: übernächtigen → übernächtigten - einen übermüdeten und {übernächtigten} Eindruck - - S. 157: Ihrer → ihrer - Durch Jane, die es von {ihrer} Mutter weiß - - S. 159: Unkle → Uncle - John Bull und {Uncle} Sam sich an die Kehle wollen - - S. 180: Zunkunft → Zukunft - das uns die {Zukunft} bringen wird - - S. 180: Diana → Jane - Dann legte {Jane} ihre Arme um Silvesters Hals - - S. 209: folgten sich → folgten - Aber nun {folgten} die englischen Salven - - S. 217: über bringt → welche Nachrichten er überbringt - (Textergänzung) - Es wird dich interessieren, {welche Nachrichten er überbringt} - - S. 225: Kriegsminister → Kriegsministers - in die Hände des {Kriegsministers} - - S. 273: wervolle → wertvolle - in ihm eine {wertvolle} Hilfe - - S. 291: Die → Der - {Der} Verantwortung, dem verhaßten Entschluß - - S. 360: Ausgestalltung → Ausgestaltung - dichterische {Ausgestaltung} der Zeitprobleme - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Macht der Drei, by Hans Dominik - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MACHT DER DREI *** - -***** This file should be named 50984-0.txt or 50984-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/8/50984/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Die Macht der Drei - Ein Roman aus dem Jahre 1955 - -Author: Hans Dominik - -Release Date: January 20, 2016 [EBook #50984] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MACHT DER DREI *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am -<a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p> -</div> - -<p class="center">Hans Dominik</p> - -<p class="center large">Die Macht der Drei -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h1>Die<br /> -<span class="larger">Macht der Drei</span></h1> - -<p class="center"> -Ein Roman aus dem Jahre 1955</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="h2">Hans Dominik</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> - -<hr class="r5" /> -<p class="center">Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H.,</p> - -<p class="center">Leipzig -</p> - -<hr class="chap" /> -</div> - -<p class="center">Alle Rechte, auch das der Übersetzung, vorbehalten. -Copyright 1922 by Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G.m.b.H., -Leipzig.</p> - -<p class="center">Druck von Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H., Leipzig -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span></p> - -<h2 id="teil_1" class="hidden">Teil I.</h2> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">»Das Mysterium von Sing-Sing! Spezialtelegramm: -Sing-Sing, 16. Juni, 6 Uhr -morgens. Dreimal auf dem elektrischen -Stuhl! Dreimal versagte der Strom! Beim dritten -Mal zerbrach die Maschine. Der Delinquent unversehrt.«</p> -</div> - -<p>Gellend schrien die Neuyorker Zeitungsboys die einzelnen -Stichworte der Sensationsnachricht den Tausenden -und aber Tausenden von Menschen in die Ohren, die -in der achten Morgenstunde des Junitages von den überfüllten -Fährbooten ans Land geworfen wurden und den -Schächten der Untergrundbahnen entquollen, um an ihre -Arbeitsstätten zu eilen. Fast jeder aus der tausendköpfigen -Menge griff in die Tasche, um für ein Fünfcentstück -eines der druckfeuchten Blätter zu erstehen und auf der -Straße oder im Lift die außergewöhnliche Nachricht zu -überfliegen.</p> - -<p>Nur die wenigsten in der großstädtischen Menge -hatten eine Ahnung davon, daß an diesem Tage weit -draußen im Zuchthaus des Staates Neuyork eine -Elektrokution auf die sechste Morgenstunde angesetzt war. -Solche Einrichtungen interessierten das Neuyorker -Publikum nur, wenn berühmte Anwälte monatelang -um das Leben des Verurteilten gekämpft hatten oder -wenn bei der Hinrichtung etwas schief ging. Es geschah -wohl gelegentlich, daß ein Delinquent lange Viertelstunden -hindurch mit dem Strom bearbeitet werden -mußte, bis er endlich für das Seziermesser der Ärzte -reif war. Und auch unter dem Messer war dann noch -bisweilen der eine oder der andere wieder schwer -röchelnd erwacht.</p> - -<p>Aber die Yankees hatten niemals allzuviel Aufhebens -von solchen Vorkommnissen gemacht. Schon damals<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span> -nicht, als das Land noch von Präsidenten geleitet -wurde, die man alle vier Jahre neu erwählte. Viel -weniger jetzt, wo es unter der eisernen Faust des Präsident-Diktators -Cyrus Stonard stand. Unter der Faust -jenes Cyrus Stonard, der nach dem ersten verlorenen -Kriege gegen Japan den Aufstand des bolschewistisch -gesinnten Ostens gegen den bürgerlichen Westen mit -eiserner Strenge niedergeschlagen und dann den -zweiten Krieg gegen Japan siegreich durchgeführt hatte. -Die unbeschränkten Vollmachten des Präsident-Diktators -nötigten auch die amerikanischen Zeitungen zu einiger -Zurückhaltung in allen die Regierung und Regierungsmaßnahmen -betreffenden Notizen.</p> - -<p>Etwas Besonderes mußte passiert sein, wenn die sämtlichen -Neuyorker Zeitungen diesem Ergebnis übereinstimmend -ihre erste Seite widmeten und mit der Ausgabe -von Extrablättern fortfuhren. – Noch ehe die -letzten Exemplare der eben erschienenen Ausgabe ihre -Käufer gefunden hatten, stürmte eine neue Schar von -Zeitungsboys mit der nächsten Ausgabe der Morgenblätter -den Broadway entlang.</p> - -<p>»Das Rätsel von Sing-Sing! Sing-Sing, 6 Uhr -25 Minuten. Elektrische Station von Sing-Sing zerstört. -Der Verurteilte heißt Logg Sar. Herkunft unbekannt. -Kein amerikanischer Bürger! Zum Tode verurteilt -wegen versuchter Sprengung einer Schleuse am -Panamakanal!«</p> - -<p>»Sing-Sing, 6 Uhr 42 Minuten. Der Verurteilte entflohen! -Die Riemen, mit denen er an den Stuhl gefesselt -war, zerschnitten!«</p> - -<p>»Sing-Sing, 6 Uhr 50 Minuten. Ein Zeuge als -Komplice! Allem Anschein nach ist der Delinquent mit -Hilfe eines der zwölf Zeugen der Elektrokution entflohen.«</p> - -<p>»Sing-Sing, 7 Uhr. Letzte Nachrichten aus Sing-Sing. -Im Auto entflohen!! Ein unglaubliches Stück! Durch -Augenzeugen festgestellt, daß der Delinquent, kenntlich -durch seinen Hinrichtungsanzug, in Begleitung des<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -Zeugen Williams in ein vor dem Tor stehendes Auto -gestiegen. Fuhren in rasender Fahrt davon. Jede -Spur fehlt. Gefängnisverwaltung und Polizei ratlos.«</p> - -<p>Mit kurzem scharfen Ruck blieb ein Auto stehen, das -in den Broadway an der Straßenecke einbog, wo das -Flat-Iron Building seinen grotesken Bau in den Äther -reckt. Der Insasse des Wagens riß einem der Boys das -zweite Extrablatt aus der Hand und durchflog es, -während das Auto in der Richtung nach der Polizeizentrale -weiterrollte. Ein nervöses Zucken lief über -die Züge des Lesenden. Es war ein Mann von unbestimmtem -Alter. Eine jener menschlichen Zeitlosen, bei -denen man nicht sagen kann, ob sie vierzig oder sechzig -Jahre alt sind.</p> - -<p>Vor dem Gebäude der Polizeizentrale hielt der -Wagen. Noch ehe er völlig stand, sprang der Insasse heraus -und eilte über den Bürgersteig der Eingangspforte -zu. Seine Kleidung war offensichtlich in einem erstklassigen -Atelier gefertigt. Doch hatten alle Künste des -Schneiders nicht vermocht, Unzulänglichkeiten der Natur -vollständig zu korrigieren. Ein scharfer Beobachter -mußte bemerken, daß die rechte Schulter ein wenig zu -hoch, die linke Hüfte etwas nach innen gedrückt war, -daß das linke Bein beim Gehen leicht schleifte.</p> - -<p>Er trat durch die Pforte. Hastig kreuzte er die verzweigten -Korridore, bis ihm an einer doppelten Tür -ein Policeman in den Weg trat. Der typische sechsfüßige -Irländer mit Gummiknüppel und Filzhelm.</p> - -<p>»Hallo, Sir! Wohin?«</p> - -<p>Ein unwilliges Murren war die Antwort des eilig -Weiterschreitenden.</p> - -<p>»Stop, Sir!«</p> - -<p>Breit und massig schob der irische Riese sich ihm in -den Weg und hob den Gummiknüppel in nicht mißzuverstehender -Weise.</p> - -<p>Heftig riß der Besucher eine Karte aus seiner Tasche -und übergab sie dem Beamten.</p> - -<p>»Zum Chef, sofort!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p> - -<p>Mehr noch als das herrisch gesprochene Wort veranlaßte -der funkelnde Blick den Policeman, mit großer -Höflichkeit die Tür zu öffnen und den Fremden in ein -saalartiges Anmeldezimmer zu geleiten.</p> - -<p>»Edward F. Glossin, <em class="antiqua">medicinae doctor</em>« stand auf -dem Kärtchen, das der Diener dem Polizeipräsidenten -MacMorland auf den Schreibtisch legte. Der Träger -des Namens mußte ein Mann von Bedeutung sein. -Kaum hatte der Präsident einen Blick auf die Karte geworfen, -als er sich erhob, aus der Tür eilte und den Angemeldeten -in sein Privatkabinett geleitete.</p> - -<p>»Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Doktor?«</p> - -<p>»Haben Sie Bericht aus Sing-Sing?«</p> - -<p>»Nur, was die Zeitungen melden.«</p> - -<p>»Bieten Sie alles auf, um der Entflohenen habhaft -zu werden. Wenn die Polizeiflieger nicht ausreichen, -requirieren Sie Armeeflieger! Ihre Vollmacht langt -doch für die Requisition?«</p> - -<p>»Jawohl, Herr Doktor.«</p> - -<p>»Die Flüchtigen müssen vor Einbruch der Dunkelheit -gefaßt sein. Das Staatsinteresse erfordert es. Sie -haften dafür.«</p> - -<p>»Ich tue, was ich kann.« Der Polizeichef war durch -den ungewöhnlich barschen Ton des Besuchers verletzt, -und dies Gefühl klang aus seiner Antwort heraus.</p> - -<p>Dr. Glossin runzelte die Stirn. Antworten, die nach -Widerspruch und Verklausulierungen klangen, waren -nicht nach seinem Geschmack.</p> - -<p>»Hoffentlich entspricht Ihr Können unseren Erwartungen. -Sonst … müßte man sich nach einem -Mann umsehen, der noch mehr kann. Lassen Sie nach -Sing-Sing telephonieren! Professor Curtis soll hierherkommen. -Ihnen in meiner Gegenwart Bericht über -die Vorgänge erstatten.«</p> - -<p>Der Präsident ergriff den Apparat und ließ die Verbindung -herstellen.</p> - -<p>»Wann kann Curtis hier sein?«</p> - -<p>»In fünfzehn Minuten.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p> - -<p>Dr. Glossin strich sich über die hohe Stirn und durch -das volle, kaum von einem grauen Faden durchzogene -dunkle Haupthaar, das glatt nach hinten gestrichen war.</p> - -<p>»Ich möchte bis dahin allein bleiben. Könnte -ich …«</p> - -<p>»Sehr wohl, Herr Doktor. Wenn ich bitten darf …« -Der Präsident öffnete die Tür zu einem kleinen Kabinett -und ließ Dr. Glossin eintreten.</p> - -<p>»Danke, Herr Präsident … Daß ich es nicht -vergesse! 200 000 Dollar Belohnung dem, der -die Flüchtlinge zurückbringt. Lebendig oder tot!«</p> - -<p>»200 000 …?« MacMorland trat erstaunt einen -Schritt zurück.</p> - -<p>»200 000, Herr Präsident! Genau, wie ich sagte. -Anschläge mit der Belohnung in allen Städten!«</p> - -<p>Der Präsident zog sich zurück. Kaum hatte sich die -Tür geschlossen, als plötzlich alle Straffheit aus den -Zügen Dr. Glossins wich und einem erregten, sorgenden -Ausdruck Platz machte. Mit einem leichten Stöhnen -ließ er sich in einen Sessel fallen und bedeckte mit der -Rechten die Augen, während die Linke nervös über das -narbige Leder der Lehne glitt. Wie unter einem inneren -Zwange kamen abgerissene Worte, halb geflüstert und -stoßweise, von seinen Lippen.</p> - -<p>»Stehen die Toten wieder auf? … Bursfelds Sohn! -Kein Zweifel daran … Wer rettete ihn? … Wer -war dieser Williams? Der Vater selbst? … Nur der -besäße die Macht, ihn zu retten … Er war es sicher -nicht … Die Riegel des Towers sind fester als die -von Sing-Sing … Wer wüßte noch um die geheimnisvolle -Macht? … Ah, Jane! … Sie könnte es -offenbaren. Der Versuch muß gemacht werden … -Unmöglich, jetzt noch nach Trenton zu fahren … Ich -muß bis zum Abend warten … Ein unerträglicher -Gedanke. Acht Stunden in Ungewißheit …«</p> - -<p>Der Sprecher fuhr empor und warf einen Blick auf -sein Chronometer.</p> - -<p>»Ruhe, Ruhe! Noch zehn Minuten für mich.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p> - -<p>Einem kleinen Glasröhrchen entnahm er sorgfältig abgezählt -zwei winzige weiße Pillen und verschluckte sie. -Beinahe momentan wich die nervöse Spannung aus -seinen gequälten Zügen und machte einer friedlichen -Ruhe Platz. Seine Gedanken wanderten rückwärts. -Bilder aus einer ein Menschenalter zurückliegenden -Vergangenheit zogen plastisch an seinem Geiste vorüber -… Die großen Bahnbauten damals in Mesopotamien -im ersten Jahrzehnt nach dem Weltkriege. Ein -kleines Landhaus am Ausläufer der Berge … Eine -blonde Frau in weißem Kleide mit einem spielenden -Knaben im Arm … Wie lange, wie unendlich lange -war das her, daß er Gerhard Bursfeld, den ehemaligen -deutschen Ingenieuroffizier, aus seinem kurdischen Zufluchtsort -hervorgelockt und für die mesopotamischen -Bahn- und Bewässerungsbauten gewonnen hatte. Damals, -als Hände und Köpfe im Zweistromlande knapp -waren.</p> - -<p>Gerhard Bursfeld war dem Rufe zu solcher Arbeit -gern gefolgt. Mit ihm kamen sein junger Knabe und -sein blondes Weib Rokaja Bursfeld, die schöne Tochter -eines kurdischen Häuptlings und einer zirkassischen -Mutter.</p> - -<p>Ein glückliches Leben begann. Bis Gerhard Bursfeld -die große gefährliche Erfindung machte. Bis Edward -Glossin, in Liebe zu der blonden Frau entbrannt, den -Freund und seine Erfindung an die englische Regierung -verriet … Gerhard Bursfeld verschwand hinter den -Mauern des Towers. Sein Weib entfloh mit dem dreijährigen -Knaben. In die Berge nach Nordosten. Ihre -Spur war verloren. Und Edward Glossin war der betrogene -Betrüger. Mit ein paar tausend Pfund speiste -ihn die englische Regierung für ein Geheimnis ab, -dessen Wert ihm unermeßlich schien …</p> - -<p>Die Züge des Träumers nahmen wieder die frühere -Spannung an. Der Klang einer elektrischen Glocke -ertönte. Der Doktor erhob sich und ging straff aufgerichtet -in das Kabinett des Polizeichefs.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span></p> - -<p>Kurz begrüßte er den Ankömmling Professor Curtis -aus Sing-Sing und fragte: »Wie ist es möglich gewesen, -daß die Apparatur versagte?«</p> - -<p>Stockend und nervös gab der Professor seinen Bericht.</p> - -<p>»Uns allen ganz unbegreiflich! Auf 5 Uhr 30 Minuten -war die Elektrokution des Raubmörders Woodburne -angesetzt. Sie ging glatt vonstatten. Um 5 Uhr -40 Minuten lag der Delinquent bereits auf dem Seziertisch. -Die Maschine wurde stillgesetzt und um 5 Uhr -55 Minuten wieder angelassen. Punkt 6 Uhr brachte -man den zweiten Delinquenten und schnallte ihn auf den -Stuhl. Er trug den vorschriftsmäßigen Hinrichtungsanzug -mit dem Schlitz im rechten Beinkleid. Die Elektrode -wurde ihm um den Oberschenkel gelegt. Zwei -Minuten nach sechs senkte sich die Kupferhaube auf -seinen Kopf. Im Hinrichtungsraum stand der Gefängnisinspektor -mit den zwölf vom Gesetz vorgeschriebenen -Zeugen. Der Elektriker des Gefängnisses hatte -seinen Platz an der Schalttafel, den Augen des Delinquenten -verborgen. 6 Uhr 3 Minuten schlug er -auf einen Wink des Scherifs den Schalthebel ein … -Ich will gleich bemerken, daß dies die letzte authentische -Zeitangabe aus Sing-Sing ist. Um 6 Uhr 3 Minuten -sind alle Uhren in der Anstalt mit magnetisierten Eisenteilen -stehengeblieben. Die weiteren Zeitangaben in -den Zeitungen stammen vom Neuyorker Telegraphenamt …«</p> - -<p>Dr. Glossin wippte nervös mit einem Fuß. Der -Professor fuhr fort.</p> - -<p>»In dem Augenblick, in dem der Elektriker den Strom -auf den Delinquenten schaltete, blieb die Dynamomaschine, -wie von einer Riesenfaust gepackt, plötzlich -stehen. Sie stand und hielt ebenso momentan auch die mit -ihr gekuppelte Dampfturbine fest. Mit ungeheurer Gewalt -strömte der Frischdampf aus dem Kessel gegen -die stillstehenden Turbinenschaufeln. Es war höchste<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -Zeit, daß der Maschinenwärter zusprang und den -Dampf abstellte.</p> - -<p>Während alledem saß der Delinquent ruhig auf dem -Stuhl und zeigte keine Spur einer Stromwirkung. -Erst später ist mir das eigenartige Verhalten des Verurteilten -wieder in die Erinnerung gekommen. Er -schien mit dem Leben abgeschlossen zu haben. Aber sobald -er in den Hinrichtungsraum geführt wurde, kehrte -eine leise Röte in seine bis dahin todblassen Züge zurück. -Als die Maschine das erstemal versagte, glaubte -ich die Spur eines befriedigten Lächelns auf seinen Zügen -zu bemerken. Gerade so, als ob er diesen für uns -alle so überraschenden Zwischenfall erwartet habe.</p> - -<p>Als die Maschine zum zweitenmal angelassen wurde, -verstärkte sich diese rätselhafte Heiterkeit. Er verfolgte -unsere Arbeiten, als ob es sich für ihn nur um ein -wissenschaftliches Experiment handle.</p> - -<p>Beim dritten Mal kam das Unglück. Die Maschinisten -hatten die Turbine auf höchste Tourenzahl gebracht. -Sie lief mit dreitausend Umdrehungen, und die -elektrische Spannung stand fünfzig Prozent über der -vorgeschriebenen Höhe. Es gab einen Ruck. Die Achse -zwischen Dynamo und Turbine zerbrach. Die Turbine, -plötzlich ohne Last, ging durch. Ihre Schaufelräder -zerrissen unter der ins Ungeheuere gesteigerten Zentrifugalkraft. -Der Kesselfrischdampf quirlte und jagte die -Trümmer unter greulichem Schleifen und Kreischen -durch die Abdampfleitung in den Kondensator. Als der -Dampf abgestellt war, fühlten wir alle, daß wir haarscharf -am Tode vorbeigegangen waren …«</p> - -<p>Der Polizeichef flüsterte ein paar Worte mit dem -Doktor. Dann fragte er den Professor. »Haben Sie -eine wissenschaftliche Erklärung für die Vorgänge?«</p> - -<p>»Nein, Herr! Jede Erklärung, die sich beweisen -ließe, fehlt. Höchstens eine Vermutung. Die Magnetisierung -sämtlicher Uhren deutet darauf hin, daß in -den kritischen Minuten ein elektromagnetischer Wirbelsturm -von unerhörter Heftigkeit durch die Räume von<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -Sing-Sing gegangen ist. Es müssen extrem starke elektromagnetische -Felder im freien Raum aufgetreten sein. -Sonst wäre es nicht zu erklären, daß sogar die einzelnen -Windungen der großen Stahlfeder in der Zentraluhr -vollständig magnetisch zusammengebacken sind. -Ein fürchterliches elektromagnetisches Gewitter muß -wohl stattgefunden haben. Aber damit wissen wir -wenig mehr.«</p> - -<p>Eine Handbewegung des Doktors unterbrach die -wissenschaftlichen Erörterungen des Professors.</p> - -<p>»Wie war die Flucht möglich?«</p> - -<p>Der Bericht darüber war lückenhaft. »Als die Turbine -im Nebenraum explodierte, suchten alle Anwesenden -instinktiv Deckung. Ein Teil warf sich zu Boden. Ein -Teil flüchtete hinter die Schalttafel. Etwa zwei Minuten -dauerte das nervenzerreißende Heulen und Quirlen der -Trümmerstücke in der Dampfleitung. Als endlich der -Dampf abgestellt und Ruhe eingetreten war, merkte -man, daß der Delinquent verschwunden war. Die -starken Ochsenlederriemen, die ihn hielten, waren nicht -aufgeschnallt, sondern mit einem scharfen Messer durchschnitten. -Die Flucht mußte in höchster Eile in -wenigen Sekunden ausgeführt worden sein. Erst zehn -Minuten später wurde es bemerkt, daß auch einer der -Zeugen fehlte.«</p> - -<p>Das war alles, was Professor Curtis berichten konnte.</p> - -<p>Dr. Glossin zog die Uhr.</p> - -<p>»Ich muß leider weiter! Leben Sie wohl, Herr Professor.« -Er trat, von dem Polizeichef begleitet, auf den -Gang.</p> - -<p>»Wenden Sie alle Maßregeln an, die Ihnen zweckmäßig -erscheinen. In spätestens drei Stunden erwarte -ich Meldung, wie es möglich war, daß ein falscher -Zeuge der Elektrokution beiwohnte. Geben Sie telephonischen -Bericht! Wellenlänge der Regierungsflugzeuge! -Ich gehe nach Washington.«</p> - -<p>Ein Läuten des Telephons im Zimmer des Präsidenten<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -rief diesen hinweg. Unwillkürlich trat Dr. Glossin -mit ihm in den Raum zurück.</p> - -<p>»Vielleicht eine gute Nachricht?«</p> - -<p>Der Präsident ergriff den Hörer. Erstaunen und -Spannung malten sich auf seinem Gesicht. Auch -Dr. Glossin trat näher. »Was ist?«</p> - -<p>»Ein Armeeflugzeug verschwunden. R. F. c. 1 vom -Ankerplatz entführt.«</p> - -<p>»Weiter, weiter!«</p> - -<p>Der Doktor stampfte auf den Boden.</p> - -<p>»Wer war es?«</p> - -<p>Er drang auf den Präsidenten ein, als wollte er ihm -den Hörer aus der Hand reißen. MacMorland hatte -seine Ruhe wiedergefunden. Kurz und knapp klangen -seine Befehle in den Trichter.</p> - -<p>»Der Staatssekretär des Krieges ist benachrichtigt? … -Gut! So wird von dort aus die Verfolgung geleitet -werden. Wie sehen die Täter aus? … Hat man irgendwelche -Vermutungen? … Wie? Was? … Englische -Agenten? Sind das leere Redensarten, oder hat -man Anhaltspunkte? … Was sagen Sie? Allgemeine -Meinung … Redensarten! Die Herren -Chopper und Watkins werden gleich herauskommen -und die Nachforschungen leiten. Ihren Anordnungen -ist Folge zu leisten!«</p> - -<p>Der Präsident eilte zum Schreibtisch, warf ein paar -Zeilen aufs Papier und übergab sie seinem Sekretär. -Dann wandte er sich seinen Besuchern zu.</p> - -<p>»Ein ereignisreicher Morgen! Innerhalb weniger -Stunden zwei Vorfälle, wie sie mir in meiner langen -Dienstzeit noch nicht vorgekommen sind … Die Meinung, -daß die Engländer dahinterstecken, scheint mir -nicht ganz unbegründet zu sein. R. F. c. 1 ist der -neueste Typ der Rapid-Flyers. Erst vor wenigen -Wochen ist es geglückt, durch eine besondere Verbesserung -die Geschwindigkeit auf tausend Kilometer in der -Stunde zu bringen. R. F. c. heißt die verbesserte Type. -c. 1 ist das erste Exemplar der Type. Ich hörte, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -es erst vor drei Tagen in Dienst gestellt wurde. Die -nächsten Exemplare brauchen noch Tage, um für die -Probefahrt fertig zu werden. Der Gedanke, daß die -englische Regierung sich das erste Exemplar angeeignet -hat, liegt natürlich sehr nahe … Es sei denn …«</p> - -<p>»Was meinen Sie, Herr Präsident?«</p> - -<p>Die Stimme Glossins verriet seine Erregung.</p> - -<p>»Es sei denn, daß …« MacMorland sprach langsam -wie tastend … »daß ein Zusammenhang zwischen -der Entführung des Kreuzers und der Flucht jenes -Logg Sar bestände. Was meinen Sie, Herr Professor?«</p> - -<p>»Ich bin versucht, das letztere für das Richtige zu -halten. Es ist ganz ausgeschlossen, mit gewöhnlichen -Mitteln ein Luftschiff wie R. F. c. 1 von dem streng -bewachten Flugplatz am hellichten Tage zu entführen.«</p> - -<p>»Was ist Ihre Meinung, Herr Doktor?«</p> - -<p>»Ich … ich übersehe die ganze Sachlage zu wenig. -Trotzdem, Herr Präsident, werden Sie guttun, sich -umgehend mit dem Kriegsamt in Verbindung zu -setzen und Ihre Maßnahmen für beide Fälle im Einvernehmen -und engsten Zusammenwirken mit diesem -zu treffen. Guten Morgen, meine Herren.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>MacMorland und Professor Curtis waren allein im -Saale des Polizeipräsidiums zurückgeblieben.</p> - -<p>»Ein lebhafter Tag heute!«</p> - -<p>MacMorland sprach die Worte mit einer gewissen -Erleichterung. Der Vorfall mit dem Flugzeug mußte die -Sorge der Regierung auf einen anderen Punkt lenken.</p> - -<p>Professor Curtis griff sich mit beiden Händen an den -Kopf. »Der zweite Vorfall ist beinahe noch mysteriöser -als der erste. Bedenken Sie! … Der neueste schnellste -Kreuzer der Armee. Auf einem Flugplatz hinter dreifachen, -mit Hochspannung geladenen Drahtgittern. -Schärfste Paßkontrolle. Fünfhundert Mann unserer -Garde als Platzbewachung. Es geht mir über jedes -Verstehen, wie das geschehen konnte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span></p> - -<p>Der Polizeichef war mit seinen Gedanken schon -wieder bei dem Falle, der sein Ressort anging.</p> - -<p>»Warum war dieser Logg Sar zum Tode verurteilt? -Wir von der Polizei wissen wieder einmal nichts. -Sicherlich ein Urteil des Geheimen Rats.«</p> - -<p>Der Professor nickte.</p> - -<p>»In dem Einlieferungsschein für Sing-Sing stand: -›Zum Tode verurteilt wegen Hochverrats, begangen -durch einen verbrecherischen Anschlag auf Schleusen am -Panamakanal.‹ Die Unterschrift war, wie Sie richtig -vermuteten, die des Geheimen Rats.«</p> - -<p>»Ich will gegen diese Institution nichts sagen. Sie -hat sich in kritischen Zeiten bewährt, in denen das -Staatsschiff zu scheitern drohte. Aber … Menschen -bleiben Menschen, und bisweilen scheint es mir … ich -möchte sagen … das heißt, ich werde lieber nicht …«</p> - -<p>Professor Curtis lachte.</p> - -<p>»Wir Leute von der Wissenschaft sind immun. Sagen -Sie ruhig, daß dieser Logg Sar die Panamaschleusen -wahrscheinlich niemals in seinem Leben gesehen hat, -und daß der Geheime Rat ihn aus ganz anderen Gründen -zum Teufel schickt.«</p> - -<p>MacMorland fuhr zusammen. Die Worte des Professors -waren schon beinahe Hochverrat. Aber Curtis -ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.</p> - -<p>»Lassen wir den Delinquenten. Er ist doch längst über -alle Berge. Aber brennend gern möchte ich etwas Genaueres -über Doktor Glossin erfahren. Sie wissen, man -munkelt allerlei …«</p> - -<p>MacMorland überlegte einen Augenblick.</p> - -<p>»Wenn ich nicht überzeugt wäre, daß ich auf Ihre -unbedingte Verschwiegenheit rechnen könnte, würde ich -selbst das wenige, was ich weiß, für mich behalten. -Um mit dem Namen anzufangen, so habe ich begründete -Zweifel, ob es der seiner Eltern war. Seinen -wahren Namen kennt außer ihm selbst vielleicht nur -der Präsident-Diktator. Seinen Papieren nach ist er -Amerikaner. Aber als ich zum erstenmal seine Bekanntschaft<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -machte, glaubte ich bestimmt, starke Anklänge -schottischen Akzents in seiner Sprache zu bemerken.«</p> - -<p>»Wann und wo war das?« fragte Curtis gespannt.</p> - -<p>»Die Gelegenheit war für Dr. Glossin nicht gerade -ehrenvoll. Vor zwanzig Jahren. Während des ersten -japanischen Krieges. Ich hatte einen Posten bei der -politischen Polizei in San Franzisko. Kalifornien war -von japanischen Spinnen überschwemmt. Die Burschen -machten uns Tag und Nacht zu schaffen. Es war auch -klar, daß ihre Unternehmungen von einer Stelle aus -geleitet wurden. Einer meiner Beamten brachte mir -den Doktor, den er unter höchst gravierenden Umständen -verhaftet hatte. Aber es war ihm schlechterdings nichts -zu beweisen. Hätten wir damals schon den Geheimen -Rat gehabt, wäre die Sache wahrscheinlich anders verlaufen. -So blieb nichts weiter übrig, als ihn laufen -zu lassen. In der nach unserer Niederlage ausbrechenden -Revolution soll er … ich bemerke ›soll‹ … ein -Führer der Roten gewesen sein. Zu beweisen war auch -hier nichts. Jedenfalls war er einer der ersten, die -ihre Fahnen wechselten. Als Cyrus Stonard an der -Spitze des in den Weststaaten gesammelten weißen -Heeres die Revolution mit blutiger Hand niederschlug, -war Dr. Glossin bereits in seiner Umgebung. Er muß -dem Diktator damals wertvolle Dienste geleistet haben, -denn sein Einfluß ist seitdem fast unbegrenzt.«</p> - -<p>MacMorland unterbrach seinen Bericht, um sich dem -Ferndrucker zuzuwenden.</p> - -<p>»Hallo, da haben wir weitere Meldungen über -R. F. c. 1. Versuchen Sie Ihren Scharfsinn, Herr Professor. -Vielleicht können Sie das Rätsel lösen. Der Bericht -lautet: ›R. F. c. 1 stand um sieben Uhr morgens -zur Abfahrt bereit. Drei Monteure und ein Unteroffizier -waren an Bord. Der Kommandant stand mit den -Ingenieuren, die an der Fahrt teilnehmen sollten, dicht -dabei. Zwei Minuten nach sieben erhob sich das Flugschiff -ganz plötzlich. Seine Maschinen sprangen an. Es -flog in geringer Höhe über einen neben dem Flugplatz<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -liegenden Wald. Etwa fünf Kilometer weit. Man -nahm auf dem Platz an, daß die Maschinen versehentlich -angesprungen seien und die Monteure das Flugzeug -hinter dem Wald wieder gelandet hätten. Ein Auto -brachte den Kommandanten und die Ingenieure dorthin. -Vom Flugzeug keine Spur. Die Monteure in schwerer -Hypnose behaupten, es habe nie ein Flugzeug R. F. c. 1 -gegeben. Sie sind zurzeit in ärztlicher Behandlung.‹«</p> - -<p>MacMorland riß den Papierstreifen ab und legte ihn -vor den Professor auf den Tisch.</p> - -<p>»Das ist das Tollste vom Tollen. Was sagen Sie -dazu?«</p> - -<p>Der Polizeichef lief aufgeregt hin und her. Auch Professor -Curtis konnte sich der Wirkung der neuen Nachricht -nicht entziehen.</p> - -<p>»Sie haben recht, Herr Präsident. Es ist ein tolles -Stück. Aber Gott sei Dank fällt es nicht in das Ressort -von Sing-Sing und geht mich daher wenigstens beruflich -nichts an. Es wird Sache der Armee sein, wie sie -ihren Kreuzer wiederbekommt. Lieber noch ein paar -Worte über Doktor Glossin. Ich hatte schon viel von -ihm gehört. Heute hab ich ihn das erstemal gesehen. -Wo wohnt er? Wie lebt er? Was treibt er?«</p> - -<p>»Sie fragen viel mehr, als ich beantworten kann. Hier -in Neuyork besitzt er ein einfach eingerichtetes Haus -in der 316ten Straße. Daneben hat er sicher noch an -vielen anderen Orten seine Schlupfwinkel …«</p> - -<p>»Ist er verheiratet?«</p> - -<p>»Nein. Obgleich er keineswegs ein Verächter des -weiblichen Geschlechts ist. Mir ist manches darüber zu -Ohren gekommen … Na, gönnen wir ihm seine Vergnügungen, -wenn sie auch manchem recht sonderlich vorkommen -mögen.«</p> - -<p>»Hat er sonst gar keine Leidenschaften?«</p> - -<p>»Ich weiß, daß er Diamanten sammelt. Auserlesene -schöne und große Steine.«</p> - -<p>»Nicht übel! Aber ein bißchen kostspielig das Vergnügen. -Verfügt er über so große Mittel?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p> - -<p>MacMorland zuckte mit den Achseln.</p> - -<p>»Es entzieht sich meiner Beurteilung. Ein Mann in -seiner Stellung, mit seinem Einfluß kann wohl … -lieber Professor, ich habe schon viel mehr gesagt, als ich -sagen durfte und wollte. Lassen wir den Doktor sein -Leben führen, wie es ihm beliebt. Es ist am besten, so -wenig wie möglich mit ihm zu tun zu haben. Da Sie -gerade hier sind, geben Sie mir, bitte, über die Vorgänge -in Sing-Sing einen kurzen Bericht für meine Akten. -Wir können nachher zusammen frühstücken.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Wie griechischer Marmor glänzten die Mauern des -Weißen Hauses zu Washington in der grellen Mittagsonne. -Aber ein dunkles Geheimnis barg sich hinter den -schimmernden Mauern. Lange und nachdenklich hafteten -die Blicke der Vorübergehenden auf den glatten, geraden -Flächen des Gebäudes. Die politische Spannung war -bis zur Unerträglichkeit gestiegen. Jede Stunde konnte -den Ausbruch des schon lange gefürchteten Krieges mit -dem englischen Weltreich bringen. Die Entscheidung lag -dort hinter den breiten Säulen und hohen Fenstern des -Weißen Hauses.</p> - -<p>In dem Vorzimmer des Präsident-Diktators saß ein -Adjutant und blickte aufmerksam auf den Zeiger der -Wanduhr. Als diese mit leisem Schlag zur elften Stunde -ausholte, erhob er sich und trat in das Zimmer des -Präsidenten.</p> - -<p>»Die Herren sind versammelt, Herr Präsident.«</p> - -<p>Der Angeredete nickte kurz und beugte sich wieder zum -Schreibtisch, wo er mit dem Ordnen verschiedener Papiere -beschäftigt war. Ein Mann mittleren Alters. -Eine Art militärischen Interimsrockes umschloß den hageren -Oberkörper. Auf einem langen, dünnen Halse saß -ein gewaltiger Schädel, dessen vollkommen haarlose -Kuppel sich langsam hin und her bewegte. Aus dem -schmalen, durchgeistigten Aszetengesicht blitzten ein Paar<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -außerordentlich große Augen, über denen sich eine zu -hohe und zu breite Stirn weit nach vorn wölbte.</p> - -<p>Das war Cyrus Stonard, der absolute Herrscher eines -Volkes von dreihundert Millionen. Als er sich jetzt erhob -und langsam, beinahe zögernd der Tür zuschritt, bot -er äußerlich nichts von jenen Herrscherfiguren, die in -der Phantasie des Volkes zu leben pflegen. Nur das -geistliche Kleid fehlte, sonst hätte man ihn wohl für eine -der fanatischen Mönchsgestalten aus den mittelalterlichen -Glaubenskämpfen der katholischen Kirche ansehen können.</p> - -<p>Er durchschritt das Adjutantenzimmer und betrat -einen langgestreckten Raum, dessen Mitte von einem -gewaltigen, ganz mit Plänen und Karten bedeckten Tisch -ausgefüllt war. In der einen Ecke des Saales standen -sechs Herren in lebhaftem Gespräch. Die Staatssekretäre -der Armee, der Marine, der auswärtigen Angelegenheiten -und des Schatzes. Die Oberstkommandierenden -des Landheeres und der Flotte. Sie verstummten -beim Eintritt des Diktators. Cyrus Stonard -ließ sich in den Sessel am Kopfende des Tisches nieder -und winkte den anderen, Platz zu nehmen.</p> - -<p>»Mr. Fox, geben Sie den Herren Ihren Bericht über -die auswärtige Lage.«</p> - -<p>Der Staatssekretär des Auswärtigen warf einen -kurzen Blick auf seine Papiere.</p> - -<p>»Die Spannung mit England treibt automatisch zur -Entladung. Seitdem Kanada sich mit uns in einem -Zollverband zusammengefunden hat, sind die Herren an -der Themse verschnupft. Die Bestrebungen im australischen -Parlament, nach kanadischem Muster mit uns -zu verhandeln, haben die schlechte Laune in Downing -Street noch verschlechtert. England sieht zwei seiner -größten und reichsten Kolonien auf dem Wege natürlicher -Evolution zu uns kommen. In Australien geht -die Entwicklung langsamer vor sich, seitdem der japanische -Druck verschwunden ist. Aber auch dort ist sie -unaufhaltbar, wenn es der englischen Macht nicht vorher -gelingt, uns niederzuwerfen …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<p>Ein spöttisches Lächeln glitt über die Züge des -Flottenchefs.</p> - -<p>»In Asien und Südamerika stoßen unsere Handelsinteressen -schwer mit den englischen zusammen. Der -letzte Aufstand im Jangtsekiangtale war mit englischem -Gelde inszeniert. Die afrikanische Union hält -bei aller Wahrung ihrer politischen Selbständigkeit wirtschaftlich -fest zu England und läßt nur englische Waren -hinein. Unser letzter Versuch, einen Handelsvertrag mit -der afrikanischen Union abzuschließen, ist gescheitert. -Meines Erachtens treiben die Dinge einer schnellen -Entscheidung entgegen. Die Entführung von R. F. c. 1 -gibt einen geeigneten Anlaß. Seit zwei Stunden tobt -unsere Presse gegen England.«</p> - -<p>Cyrus Stonard hatte während des Vortrages -mechanisch allerlei Schnörkel und Ornamente auf den -vor ihm liegenden Schreibblock gezeichnet.</p> - -<p>»Wie denken Sie über die Entführung des R. F. c. 1?«</p> - -<p>Er heftete seine Augen auf den Flottenchef Admiral -Nichelson.</p> - -<p>»In der Nähe der Station sind zwei englische Agenten -ergriffen worden. Sie leugnen jede Teilnahme.«</p> - -<p>»Es gibt Mittel, solche Leute zum Reden zu bringen.«</p> - -<p>»Sie hatten den Strick um den Hals und schwiegen.«</p> - -<p>»Es gibt wirksamere Mittel … Wie lange kann -sich R. F. c. 1 in der Luft halten?«</p> - -<p>»Die Tanks waren für zwölf Stunden gefüllt. Genug, -um in voller Dunkelheit zu landen, wenn es nach Osten -geht. Unsere Kreuzer über dem Nordatlantik sind avisiert. -Eine Landung in England müßte noch bei Helligkeit -erfolgen und würde gemeldet werden.«</p> - -<p>»Sie halten es für sicher, daß die Entführung auf -Betreiben der englischen Regierung erfolgt ist?«</p> - -<p>»Ganz sicher!«</p> - -<p>»Hm! … der Gedanke liegt nahe … vielleicht -zu nahe … Und die anderen Herren? … meinen -dasselbe … hm! Hoffentlich, nein sicherlich haben -sie unrecht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span></p> - -<p>Die Staatssekretäre sahen den Diktator fragend an.</p> - -<p>»Der letzte Gamaschenknopf sitzt noch nicht! Ich werde -erst losschlagen, wenn ich weiß, daß er sitzt. Das heißt, -meine Herren …« Die Stimme des Sprechenden -hob sich. »R. F. c. 1 mag in Gottes Namen in England -landen. Für unser Volk wird es verborgen bleiben, -bis es so weit ist.«</p> - -<p>»Wie weit ist die Verteilung unserer U-Kreuzer durchgeführt?«</p> - -<p>»Die ganze Kreuzerflotte liegt auf dem Meridian von -Island vom 60. bis zum 30. Breitengrad gleichmäßig -verteilt.«</p> - -<p>Admiral Nichelson erhob sich, um die Lage der -Kreuzerflotte an einem großen Globus zu demonstrieren.</p> - -<p>»Wo stehen die Luftkreuzer?«</p> - -<p>»Die leichte Beobachtungsflotte zwischen Island und -den Faröer. Die Panzerkreuzer liegen seit drei Tagen -auf dem grönländischen Inlandeis.«</p> - -<p>»Die G-Flotte …«</p> - -<p>»Die Schiffe auf Grönland sind damit ausgerüstet.«</p> - -<p>Nur dieser Staatsrat wußte um das Geheimnis, daß -die neuen Luftkreuzer mit Bomben versehen waren, die -nach dem Abwurfe Milliarden und aber Milliarden von -Pest- und Cholerakeimen in die Luft wirbelten. Man -hatte noch keine Gelegenheit gehabt, den Bakterienkrieg -im großen auszuprobieren. Aber die amerikanischen -Fachleute versprachen sich viel davon.</p> - -<p>»Die P-Flotte …«</p> - -<p>Ein sardonisches Lächeln lief über die sonst so unbeweglichen -Züge des Diktators, als er das Wort aussprach. -Seit mehr denn Jahresfrist lagen englische -Banknoten im Betrage von Hunderten von Milliarden -Pfund Sterling in den geheimen Gewölben des amerikanischen -Staatsschatzes. Von der Tausendpfundnote -an bis hinab zu den kleinsten Beträgen. Alles so -vorzüglich gefälscht und nachgedruckt, daß die Bank von -England selbst diese Noten für echt halten mußte. Die -Aufgabe der P-Flotte war es, sofort bei Kriegsausbruch<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -diese Unmengen englischen Papiergeldes über die ganze -Welt zu zerstreuen, wo Engländer Handel trieben und -englisches Geld Kurs hatte. Die Tätigkeit dieser Flotte -mußte das englische Geldwesen in wenigen Tagen vollkommen -zerrütten. Aber die P-Flotte war noch ein -schwereres Staatsgeheimnis als die G-Flotte. Die englischen -Agenten hatten nur herausbekommen, daß sie für -Propagandazwecke bestimmt sei und im Falle eines -Krieges in großen Massen die zuerst von Woodruf -Wilson in die Kriegführung zivilisierter Nationen eingeführten -Traktätchen über den feindlichen Linien abzuwerfen -hätte.</p> - -<p>»Die P-Flotte übt zwischen Richmond und Norfolk«, -sagte Admiral Nichelson trocken.</p> - -<p>Jedermann im Saale wußte, daß dieser Standort fünfzehn -Flugminuten von den Gewölben des Staatsschatzes -entfernt war.</p> - -<p>Cyrus nahm das Wort von neuem.</p> - -<p>»Wie lange wird es noch dauern, bis unsere Unterwasserstation -an der afrikanischen Küste vollkommen -gesichert ist? Die Frist ist bereits seit einer Woche abgelaufen.«</p> - -<p>Bei diesen nicht ohne Schärfe gesprochenen Worten -erhob sich der Flottenchef unwillkürlich.</p> - -<p>»Die Schwierigkeiten waren größer als vorauszusehen -war, Herr Präsident.«</p> - -<p>»Können Sie ein bestimmtes Datum angeben?«</p> - -<p>»Nein. Doch dürfte es auf keinen Fall länger als -bis zum Ablauf dieses Monats dauern.«</p> - -<p>»Hm … dann also, meine Herren … dann wird -man R. F. c. 1 zur geeigneten Zeit in England landen -sehen.«</p> - -<p>Ein Adjutant trat ein und flüsterte dem Präsidenten -ein Wort ins Ohr.</p> - -<p>»Gut, ich komme.«</p> - -<p>Der Präsident erhob sich, die Sitzung war beendet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Aus dem blauen Mittagshimmel schoß ein silbern -schimmernder Punkt auf das Weiße Haus in Washington -zu, wurde größer, zeigte die schnittigen Formen eines -Regierungsfliegers und landete sanft auf dem Dach des -Gebäudes.</p> - -<p>Als einziger Passagier verließ Dr. Edward F. Glossin -die Maschine. Den linken Fuß beim Gehen leicht nachziehend, -schritt er an den martialischen Gestalten der -Leibgarde vorbei. Auf den Treppenabsätzen und in den -Korridoren standen die baumlangen blonden Kerle aus -den westlichen Weizenstaaten in ihren malerischen Uniformen. -Sie hielten die Wache um den Präsident-Diktator -wie früher die Grenadiere der Potsdamer -Garde um die preußischen Könige oder die Eisenseiten -um Oliver Cromwell.</p> - -<p>Im Vorzimmer traf der Doktor den Adjutanten des -Diktators und ließ sich melden. Nur eine knappe -Minute, und der Diktator trat aus dem Sitzungssaale -und stand vor ihm. Nach flüchtigem Gruß hieß er ihn -in sein Arbeitszimmer mitkommen.</p> - -<p>»Wer ist Logg Sar?«</p> - -<p>Dr. Glossin fühlte die unbestimmte Drohung, die in -der Frage lag, und trat einen Schritt zurück.</p> - -<p>»Logg Sar ist … Silvester Bursfeld.«</p> - -<p>Tiefes Erstaunen malte sich auf den Zügen Stonards.</p> - -<p>»Bursfeld … der im englischen Tower gefangen -saß?«</p> - -<p>»Nein, sein Sohn. Der Vater hieß Gerhard.«</p> - -<p>»Mein Gedächtnis ist gut. Sie haben mir von einem -Sohne Gerhard Bursfelds nie gesprochen. Warum -nicht?«</p> - -<p>»Ich weiß es selbst erst seit drei Monaten.«</p> - -<p>»Und ich erfahre es erst heute?«</p> - -<p>Cyrus Stonard trat dicht an den Doktor heran. Ein -Blick traf ihn, der sein Gesicht noch eine Nuance blasser -werden ließ.</p> - -<p>»Erklären Sie!«</p> - -<p>»Es war vor ungefähr drei Monaten … Ich hielt<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -mich einige Zeit in Trenton auf, um in meinem Laboratorium -im Hause einer Mrs. Harte an einem Versuch -zu arbeiten. Eines Tages kommt ein junger Ingenieur, -der in den Staatswerken von Trenton beschäftigt -ist, zu Mrs. Harte und erkundigt sich nach ihren Familienverhältnissen. -Dabei stellt sich heraus, daß der verstorbene -Mann der Mrs. Harte ein Stiefbruder von -Gerhard Bursfeld war.«</p> - -<p>»Ihre Erzählung scheint darauf hinauszuwollen, daß -der junge Ingenieur der Sohn von Gerhard Bursfeld -ist. Warum nannte er sich Logg Sar?«</p> - -<p>»Auf Logg Sar lauten seine Papiere. Für die Welt -und für ihn beruht alles andere auf Vermutungen. Für -mich ist der Beweis erbracht.«</p> - -<p>»Liefern Sie ihn mir!«</p> - -<p>»Sie erinnern sich an meinen früheren Bericht über -die Sache, Herr Präsident. Heute kenne ich seine Fortsetzung. -Nachdem Gerhard Bursfeld die unfreiwillige -Reise nach England gemacht hat, verschwindet er für -immer im Tower. Sein Weib flieht mit ihrem kleinen -Knaben in die kurdischen Berge. Unterwegs schließt -sie sich einer Karawane an: Kaufleute, Priester und -was sonst in Karawanen nach Mittelasien zieht. Die -junge Frau ist den Strapazen des langen Weges nicht -gewachsen. Irgendwo auf der Strecke zwischen Bagdad -und Kabul wurde sie bestattet. Ein tibetanischer Lama, -der in sein Kloster zurückkehrt, nimmt sich der Sterbenden -an. Ihm übergibt sie ihren Knaben, macht ihm -zur Not dessen Namen verständlich …«</p> - -<p>»Etwas schneller, wenn's beliebt, Herr Doktor!«</p> - -<p>»Der Lama nimmt den Knaben mit in sein Kloster -Pankong Tzo und erzieht ihn in den Lehren Buddhas. -Als der Knabe vierzehn Jahre alt ist, besucht eine Expedition -schwedischer Gelehrter das Kloster. Der junge -Europäer fällt auf. Von einem der Mitglieder der -Expedition, dem Ethnologen Olaf Truwor, wird er mit -nach Schweden genommen, wird mit dessen Sohn zusammen -erzogen, wird wie dieser Ingenieur …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span></p> - -<p>Cyrus Stonard hatte während des Berichtes mechanisch -allerlei Arabesken gemalt, wie es seine Gewohnheit -war. Jetzt warf er den Bleistift unwillig auf das -vor ihm liegende Papier.</p> - -<p>»Glauben Sie im Ernst, Herr Doktor, daß irgendein -Anwalt in den Staaten auf Ihre Erzählung hin -einen Erbschaftsprozeß übernehmen würde?«</p> - -<p>»Nur noch einen kurzen Augenblick Geduld, Herr -Präsident. Die Kette schließt sich Glied an Glied. Auf -einer Rheinreise, die er nach dem Abschluß seiner Studien -macht, wird Logg Sar von einem alten Ehepaar angesprochen, -dem seine überraschende Ähnlichkeit mit Gerhard -Bursfeld auffällt. Die alten Leute sind mit Gerhard -Bursfeld verwandt, haben ihn genau gekannt und -sind von dieser Ähnlichkeit ebenso frappiert … wie -ich es war, als Logg Sar mir das erstemal vor die -Augen trat. Ich glaubte damals, Gerhard Bursfeld so -vor mir zu sehen, wie er dreißig Jahre früher in Mesopotamien -vor mir gestanden hat. Die alten Leute -machen Logg Sar darauf aufmerksam, daß ein Stiefbruder -Gerhard Bursfelds in Trenton lebt. Logg -Sar findet im weiteren Laufe seiner Ingenieurkarriere -eine Stellung in den Trentonwerken. Er erinnert sich -der Mitteilungen der alten Leute und spricht bei Mrs. -Harte vor. Ihr Mann ist tot. Ein Bild von Gerhard -Bursfeld findet sich im Hause. Die Ähnlichkeit ist überzeugend.«</p> - -<p>Cyrus Stonard blickte den Erzähler durchdringend an.</p> - -<p>»Sie tischen mir da eine sehr romantische, aber wenig -beglaubigte Geschichte auf. Es fehlt nur noch das berühmte -Muttermal, und die Sache könnte in Harpers -Weekly stehen. Herr Doktor, ich wünsche von Ihnen -schlüssige Beweise und keine Phantastereien. Haben Sie -irgendeinen wirklichen Beweis, daß Logg Sar und -Silvester Bursfeld identisch sind?«</p> - -<p>Dr. Glossin spielte seinen Trumpf aus.</p> - -<p>»Ein Wort schließt die Kette: Logg Sar.«</p> - -<p>»Was soll das heißen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<p>»Logg Sar bedeutet im Tibetanischen das Jahresende. -Den letzten Tag des Jahres. Den Tag, den die -christliche Kirche dem Silvester geweiht hat. Die sterbende -Mutter hat dem fremden Priester verständlich -zu machen versucht, was der Name ihres Kindes bedeutet. -Das Jahresende. Der christliche Name wurde -vergessen. Seine tibetanische Übersetzung ergab den -neuen Namen, unter welchem der Knabe in Pankong -Tzo verblieb.«</p> - -<p>»Das ist kein Beweis für mich, Herr Doktor. Und -ich glaube … für Sie auch nicht.«</p> - -<p>Dr. Glossin trat einen Schritt näher an den Diktator -heran.</p> - -<p>»Mein letzter Beweis, ein zwingender Beweis! Er -kennt das Geheimnis seines Vaters. Es ist ihm überkommen, -er hat es ausgebaut in einem Maße, daß …«</p> - -<p>Die feinen Flügel der Adlernase des Diktators zitterten. -Zwei lotrechte Falten zogen sich zwischen seinen Augenbrauen -zusammen, als er den Satz des Doktors vollendete:</p> - -<p>»… daß er unser werden oder verschwinden muß, -wie seinen Vater die Engländer verschwinden ließen.«</p> - -<p>»Das erstere ist wohl nicht mehr möglich.«</p> - -<p>»Nach dem Experiment in Sing-Sing … ich glaube, -daß Gründe vorhanden sind, die mir gestatten, Ihr -Konto damit zu belasten, Herr Doktor! Finden Sie -einen Weg, auf dem sich die andere Möglichkeit bewerkstelligen -läßt?«</p> - -<p>Cyrus Stonard warf dem Doktor einen Blick zu, der -diesen erschauern ließ. Ein Wink des Diktators, und er -war selbst aus der Liste der Lebenden gestrichen, fand -vielleicht schon in wenigen Stunden selbst sein Ende -auf dem Stuhle in Sing-Sing.</p> - -<p>Cyrus Stonard ließ die Lider sinken und fuhr ruhig -fort: »Wie sind Sie hinter sein Geheimnis gekommen?«</p> - -<p>Der Doktor schöpfte tief Atem und begann stockend zu -erzählen:</p> - -<p>»Sein Gesicht war mir vom ersten Tage an verhaßt.<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -Auch sonst hatte ich Grund … seine Anwesenheit -im Hause Harte unangenehm zu empfinden …«</p> - -<p>»Hm! Hm … so … weiter!«</p> - -<p>»Er bat mich, mein Laboratorium in meiner Abwesenheit -benutzen zu dürfen. Ich erlaubte es ihm. -Beim Fortgehen sorgte ich dafür, daß zehntausend Volt -an den Tischklemmen lagen. während der zugehörige -Spannungsmesser nur hundert Volt anzeigte. Ich kam -wieder, um eine Leiche zu finden, und sah ihn unversehrt -aus dem Hause treten. Das Lächeln eines Siegers -auf den Lippen, der soeben einen großen Erfolg errungen -hat. Da wußte ich, daß Silvester Bursfeld der -rechte Sohn seines Vaters ist. Er mußte wissen, daß ich -ihm die Falle gestellt hatte. Ich durfte mich nicht -mehr vor seinen Augen zeigen. Drei Tage später verschwand -er … Unauffällig, wie es üblich ist. Spezialgericht. -Elektrokution. Ich glaubte, der Fall sei erledigt. -Was weiter geschah, wissen Sie, Herr Präsident.«</p> - -<p>»Haben Sie in seinen Papieren gründlich nachgesucht?«</p> - -<p>»In jedem Winkelchen. Es sind keine Aufzeichnungen -über die Erfindung vorhanden. Ich war dreimal in -seinen Räumen. Jedes Stück Papier wurde umgedreht -und studiert.«</p> - -<p>»Sie haben selbst gesucht … Lassen Sie unsere -Polizei suchen! Die versteht es vielleicht besser … -Zum zweiten Punkt unserer Besprechung. Wer hat -R. F. c. 1 genommen?«</p> - -<p>»Ich würde sagen, sicherlich englische Agenten, wenn -ich nicht …«</p> - -<p>»Wenn Sie nicht …«</p> - -<p>»Wenn ich nicht nach den Vorgängen dieses Morgens -fürchten müßte, daß Silvester Bursfeld allein oder -mit Komplicen in unserem schnellsten Kreuzer nach … -nach Schweden oder nach Tibet fährt.«</p> - -<p>»Allein ist ausgeschlossen! Komplicen? Wer sind sie?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht … Bis jetzt noch nicht. Einer -dieser Komplicen ist bestimmt der Zeuge Williams. Von<span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span> -dem dritten, der das Auto steuerte, wissen wir nur, daß -er braunhäutig ist …«</p> - -<p>»Es ist anzunehmen, daß die drei zusammenbleiben -werden. Drei sind leichter in der Welt zu finden als -einer. Nehmen Sie die politische Polizei zu Hilfe und -suchen Sie. Das Finden liegt in eigenstem Interesse … -Suchen Sie, Herr Doktor Glossin!«</p> - -<p>Dr. Glossin stand in unsicherer Haltung vor dem Diktator. -Zum erstenmal hatte er die ihm anvertrauten, so -ungeheuer weitreichenden Vollmachten für die Zwecke -einer Privatrache angewendet. Die Blankette und Vollmachten, -die er in den Händen hielt, machten es ihm -leicht, den jungen Ingenieur aufheben zu lassen. Bis -dahin war alles in Ordnung.</p> - -<p>Aber daß er den Gefangenen sofort auf den elektrischen -Stuhl brachte, entsprach nicht der Staatsräson. Solche -Leute bewahrte Cyrus Stonard nach bewährter Methode -an festen Orten auf und suchte hinter ihre Schliche zu -kommen. Dr. Glossin raffte sich zusammen.</p> - -<p>»Ich bitte Sie, den Entschluß über Krieg oder Frieden -um etwa fünf Stunden aufzuschieben. So lange, bis ich -wieder hier bin.«</p> - -<p>»Warum?«</p> - -<p>»Weil ich dann sicher sagen kann, ob Logg Sar und -seine Gefährten das Flugschiff genommen haben oder -nicht.«</p> - -<p>»Und wenn es mir aus anderen Gründen gefiele, -daß englische Agenten das Schiff genommen haben? -Die Zeit ist reif! Der Zwischenfall könnte mir gelegen -kommen.«</p> - -<p>»Ich beschwöre Eure Exzellenz. Keine bindenden -Entschlüsse, bevor wir nicht klar sehen.«</p> - -<p>»Was klar sehen?«</p> - -<p>»Wohin die Erfindung gegangen ist. Logg Sar im -Bunde mit England … dann können wir den Kampf -nicht wagen.«</p> - -<p>Der Diktator schüttelte abweisend das Haupt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p> - -<p>»Der Sohn wird sich hüten, sich mit den Mördern -seines Vaters zu verbinden.«</p> - -<p>»Ich hoffe es. Aber Sicherheit ist mehr wert als Vermutung. -In wenigen Stunden kann ich Sicherheit -haben. Hat er R. F. c. 1 nicht genommen, so ist er noch -in den Staaten, und wir haben die Möglichkeit, ihn zu -fassen. Solange er frei ist, bleibt er eine Macht, die wir -fürchten müssen.«</p> - -<p>Ein Schweigen von zwei Minuten. Dann sagte -Cyrus Stonard: »Ich erwarte Ihre Mitteilung im -Laufe der nächsten drei Stunden. Unsere Presse soll -ihre Invektiven gegen England bis auf weiteres unterlassen. -Versuchen Sie auf jede Weise, des Erfinders -habhaft zu werden. Vermeiden Sie Differenzen mit -anderen europäischen Staaten. Wir wollen dem Gegner -keine Bundesgenossen werben.«</p> - -<p>Eine Handbewegung des Präsident-Diktators, und -Dr. Glossin war entlassen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Hinter dichten Bäumen verborgen, efeuumsponnen, -stand in der Johnson Street zu Trenton das Häuschen, -welches Mrs. Harte mit ihrer Tochter Jane bewohnte. -Die Nähe der großen Staatswerke konnte man hier vollkommen -vergessen. Die roten Backsteinhäuser der -Straße lagen ausnahmslos in geräumigen Gärten. Die -Straße selbst war reichlich zehn Minuten von den -Werken mit ihrem geräuschvollen Verkehr entfernt. Sie -lag auf der entgegengesetzten Seite des Ortes und mündete -in einen schönen, von Nordwesten her direkt an das -Städtchen stoßenden Laubwald.</p> - -<p>Mrs. Harte war Witwe. Ihr Mann hatte den Tod -als Ingenieur in den Staatswerken gefunden. Auf -eine schlimme Weise. Ein Dampfrohr platzte und erfüllte -seinen Arbeitsraum mit überhitzten Dämpfen. -Frederic Harte war nach dem Unfall ruhig nach Hause -gekommen und hatte sein Weib schonend auf seinen Tod -vorbereitet. Sie glaubte, er spräche im Fieber. Erschrocken<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -war sie auf ihn zugeeilt und hatte seine rechte -Hand ergriffen. Hatte mit Entsetzen spüren müssen, -wie das Fleisch der Finger sich von den Knochen löste, -tot und weich, vom überhitzten Dampf gekocht, in ihren -eigenen Händen verblieb.</p> - -<p>»Es tut nicht mehr weh … Ich habe keine -Schmerzen«, hatte Frederic Harte sie mit einem weltentrückten -Lächeln getröstet, sich ruhig an seinen Schreibtisch -gesetzt und seine letzten Verfügungen getroffen. -Zwei Stunden später verlor er das Bewußtsein. Nach -abermals einer Stunde war er tot. »Totale Verbrennung -der ganzen Oberhaut, Erstickung infolge -fehlender Hautatmung«, sagte der Arzt der verzweifelten -Frau.</p> - -<p>Das furchtbare Ereignis hatte Mrs. Gladys Harte -niedergeschmettert. Monate hindurch fürchtete man für -ihren Verstand. Nur ganz allmählich erholte sie sich -von diesem Schlage. Doch in demselben Maße, wie ihre -geistigen Kräfte sich wieder hoben, nahmen die körperlichen -ab. Jetzt war sie fast den ganzen Tag an den -Rollstuhl gefesselt, in der Pflege ihrer einzigen Tochter -Jane.</p> - -<p>Der seltsame Unglücksfall hatte über die nähere Umgebung -hinaus Aufsehen erregt. Wenige Tage danach -war ein Neuyorker Arzt Dr. Glossin nach Trenton -gekommen. Aus wissenschaftlichem Interesse bat er um -nähere Aufschlüsse über die letzten Stunden des Heimgegangenen. -Mit großer Teilnahme bemühte er sich um -die beiden von ihrem Schmerz ganz niedergeworfenen -Frauen. Er machte Jane Harte ein hohes mehrjähriges -Mietangebot auf das Laboratorium, das sich Frederic -Harte in dem Hause eingerichtet hatte. Im Bewußtsein -ihrer unsicheren pekuniären Lage hatte Jane ohne Bedenken -zugesagt. Als die Mutter sich wieder erholt -hatte, billigte sie das Abkommen mit dem Doktor gern, -zumal dieser selten kam und sich nur immer für -kurze Zeit in dem Laboratorium zu schaffen machte.</p> - -<p>Es wurde anders, als Logg Sar in diesen kleinen<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -Kreis trat. Nach dem, was der junge Mann vorbrachte, -war er ein Verwandter der beiden Frauen. -Aber der lebendige Verkehr der Gegenwart ließ alle -alten Erinnerungen und verstaubten Beziehungen schnell -in den Hintergrund treten. Mr. Logg Sar oder, wie -er hier bald gerufen wurde, Silvester wurde ein lieber -Gast im Hause Harte. Nur Dr. Glossin schien darüber -nicht erbaut zu sein. Wohl blieb er jederzeit höflich -und gestattete Silvester bereitwillig, das Laboratorium -zu benutzen. Aber die Gegenwart des Doktors allein -wirkte störend und erkältend.</p> - -<p>Es kam, wie es das Schicksal mit den -beiden jungen Menschen vorhatte. Aus dem -Bewußtsein der Verwandtschaft erwuchs eine -leichte Zuneigung und aus dieser eine immer -tiefer und inniger werdende Herzensgemeinschaft. Silvester -Bursfeld hätte vollkommen glücklich sein können, -wenn Dr. Glossin nicht gewesen wäre. Nicht nur -während seiner Anwesenheit, sondern auch noch an den -nächsten Tagen war das Wesen Janes stets verändert. -Sie zeigte dann eine so sonderbare Kälte und Zurückhaltung, -daß Silvester oft an ihrer Liebe verzweifeln -wollte. Erst nach Tagen stellte sich wieder das alte trauliche -Benehmen ein, ohne daß ihr diese Veränderlichkeit -selbst zum Bewußtsein zu kommen schien.</p> - -<p>Ein Zufall brachte Silvester die Lösung des Rätsels. -Eines Tages fand er Jane im Laboratorium schlafend -auf einem Stuhle. Trotz aller seiner Bemühungen erwachte -sie erst nach einer Viertelstunde und leugnete -dann, geschlafen zu haben. Da war sich Silvester seiner -Sache sicher. Zweifellos brauchte Dr. Glossin Jane zu -irgendwelchen hypnotischen Experimenten. Mißbrauchen -nannte es Silvester. Er behielt seine Entdeckung -für sich, nahm sich aber vor, den Doktor zur -Rede zu stellen. Es kam anders. Wenige Tage danach -war Silvester verschwunden, ohne vorher von einer -Reise gesprochen, ohne Abschied genommen zu haben.</p> - -<p>Es war die vierte Nachmittagstunde des sechzehnten<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -Juni. Vor der Tür im Schatten des alten Nußbaumes -saß Mrs. Harte in ihrem Lehnstuhl, neben ihr in einem -Korbsessel zurückgelehnt Jane. Das Köpfchen mit dem -gleichmäßigen Profil in das Kissen gelehnt, auf welches -das lichtblonde Haar reich und schwer niederfiel. Die -Sonnenstrahlen drangen durch das Gezweig des alten -Baumes und malten auf Haar und Wangen wechselnde -Reflexe. Ein reizvolles Bild. Aber alles an dieser Erscheinung -war wie hingehaucht. Man konnte vor solcher -Zartheit erschrecken, die bei Menschen wie bei Blumen -nur den vergänglichsten Blüten eigen ist.</p> - -<p>Jane Harte beschäftigte sich mit einer Stickerei. Ihre -schlanken Finger setzten geschickt Stich neben Stich und -formten in schwerer Seide das Muster einer roten Rose. -Aber ihre Gedanken waren nicht bei dieser Arbeit. Ihre -Miene verriet, daß eine Sorge, ein Kummer sie drückte. -Die Schatten unter den Augen sprachen von durchwachten -Nächten, die Blässe ihrer Wangen steigerte -noch das Ätherische ihrer ganzen Erscheinung. Mit -einem Seufzer ließ sie die Arbeit sinken.</p> - -<p>»Heute ist eine Woche vergangen, seit Silvester zum -letztenmal bei uns war.«</p> - -<p>»Du machst dir vielleicht unnötige Sorge, mein Kind. -Ich denke, er hat eine plötzliche Reise unternehmen -müssen … vergaß es in der Eile, uns zu benachrichtigen.«</p> - -<p>»Vergessen?«</p> - -<p>Ein bitterer Zug zuckte um Janes Mund.</p> - -<p>»Jane, was hast du?«</p> - -<p>»Laß, Mutter! Ich weiß, daß man in den Werken -ebenfalls keine Erklärung für sein plötzliches Verschwinden -hat. Man glaubt dort … und ich fürchte -es … eine innere Stimme gibt mir die Gewißheit, -daß er das Opfer eines Unglücksfalles oder vielleicht -… eines Verbrechens geworden ist.«</p> - -<p>Sie barg ihr Gesicht in die Hände und versuchte -vergeblich, die fließenden Tränen zurückzuhalten.</p> - -<p>»Unmöglich, Kind. Der harmlose, freundliche Mensch.<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -Wer sollte ihm übelgesinnt sein? Außer uns verkehrte -er mit niemand im Orte. Wie wäre es, wenn -wir Dr. Glossin um Rat fragten. Er hat doch für -diesen Nachmittag sein Kommen in Aussicht gestellt. -Vielleicht kann er uns helfen.«</p> - -<p>Jane ließ die Hände sinken.</p> - -<p>»Dr. Glossin?«</p> - -<p>Ein Zucken ging über ihre Züge. Ihre Augen öffneten -sich weit, und ein Beben lief durch den schlanken Körper.</p> - -<p>»Dr. Glossin … Ja … Er!«</p> - -<p>Beinahe überlaut kam es von ihren Lippen. Grübelnd -ruhten ihre Blicke auf dem dichten Blättergewirr -über ihr. Die Gedanken jagten sich hinter ihrer Stirn. -Sie versucht, einen ganz momentan und instinktartig -aufgetauchten Verdacht zu ergründen … Vergeblich. -Sie fand keinen Zusammenhang. Der gespannte Ausdruck -ihrer Züge wich dem einer Enttäuschung. Was -war das, was da einen Augenblick ganz klar vor ihrer -Seele stand und sich dann wieder verwirrte und verdunkelte, -so daß alle Zusammenhänge verlorengingen?</p> - -<p>Das Einschnappen der Gartentür klang dazwischen -und ließ sie auffahren.</p> - -<p>»Ah, Dr. Glossin!«</p> - -<p>Schreck und Erwartung kämpften in ihren Mienen.</p> - -<p>»Sie riefen mich, meine liebe Miß Jane. Da bin -ich. Womit kann ich Ihnen helfen?«</p> - -<p>»Sie kommen zur rechten Zeit, Herr Doktor«, wandte -sich Mrs. Harte an den Besucher. »Seit einer Woche -ist Mr. Logg Sar verschwunden. Wir stehen vor einem -Rätsel. Helfen Sie uns, es zu lösen.«</p> - -<p>Janes Blick hing unverwandt an dem Gesicht des -Doktors. Ihre Augen blickten so fragend und angstvoll, -als würde von dieser Stelle aus über ihr eigenes -Leben entschieden.</p> - -<p>»Ja, helfen Sie uns, Herr Doktor«, schloß sie sich -der Bitte der Mutter an.</p> - -<p>Es war klar, daß die beiden Frauen noch keine<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -Ahnung von der Affäre in Sing-Sing hatten, und -Dr. Glossin handelte danach.</p> - -<p>»Oh, Mr. Logg Sar ist verschwunden? Da wäre -es doch wohl das einfachste, wenn man sich an die -Polizei wendete. Freilich müßte man glaubhaft -machen, daß der begründete Verdacht eines Verbrechens -vorliegt, denn sonst … man reist viel in den -Staaten, und eine achttägige Abwesenheit eines jungen -unabhängigen Mannes wäre noch kein Grund, den -polizeilichen Apparat in Bewegung zu setzen.«</p> - -<p>Dr. Glossin hatte seine Züge in der Gewalt. Jane, -die ihn gespannt beobachtete, merkte keine Veränderung -an ihnen, während er ruhig fortfuhr: »Ich will mich -selbst mit der Polizei in Verbindung setzen, aber … -aber vielleicht hat Mr. Logg Sar triftige Gründe …«</p> - -<p>»Herr Doktor! Was soll das heißen?«</p> - -<p>Jane rief es mit fliegender Hast. Sie schaute den Besucher -mit großen, klaren Augen an. Doch nur auf Sekunden. -Vor dem magnetischen Fluidum, welches aus -den funkelnden Augen des Doktors auf sie überströmte, -senkten sich ihre Augenlider schwer und furchtsam.</p> - -<p>»Ich bin nur gekommen, um eine Kleinigkeit, die -ich bei meinem letzten Hiersein vergaß, aus dem Laboratorium -zu holen. Ich muß gleich wieder abreisen.«</p> - -<p>Im Umdrehen suchte er nochmals den Blick Janes -zu fassen, den diese beharrlich zu Boden gerichtet hielt. -Einen Augenblick nur dauerte der stumme Kampf. -Dann schaute das Mädchen besiegt zu dem Manne -empor. Ihre Blicke versenkten sich ineinander.</p> - -<p>»Eine kleine halbe Stunde, dann ist mein Geschäft -erledigt.«</p> - -<p>Der Doktor schritt dem Hauseingang zu.</p> - -<p>»Bring mich ins Haus, liebe Jane. Die Sonne ist -hinter dem Dach verschwunden. Mir wird kühl.«</p> - -<p>Während Jane die herabgesunkene Decke um sie -schlug, strich ihr die Mutter liebkosend über das bleiche -Gesicht.</p> - -<p>»Mein Liebling, es wird noch alles gut werden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p> - -<p>»Möchtest du recht haben, liebe Mutter.«</p> - -<p>Ruhig, fast eintönig sprach Jane die Worte. Im -Hause bettete sie die Kranke auf einen Diwan und -wandte sich zum Flur. Leise schloß sie die Tür und -stand wie mit sich selbst kämpfend einen Augenblick still. -Dann schritt sie dem Laboratorium zu.</p> - -<p>Dr. Glossin kam ihr entgegen und führte sie zu einem -bequemen Stuhl. Der suggestive Befehl war auf die -Minute genau ausgeführt. Noch einmal versuchte sie -es, sich zu erheben, aber es gelang ihr nicht. Eine -unüberwindliche Kraft fesselte sie an ihren Sitz. Ihr -Mund öffnete sich, als wolle sie rufen. Dr. Glossin -streckte die Hände über Janes Haupt aus, und kein Ton -kam von ihren Lippen. Ohne Kraft und Willen ließ -sie ihren Kopf auf die Rückenlehne sinken. Sie war -in jenem rätselhaften Zustand, in dem das körperliche -Auge geschlossen ist, während die Seele Dinge wahrnimmt, -die räumlich oder zeitlich in weiter Ferne liegen. -Dr. Glossin zog seine Hand zurück und fragte: »Wo hat -Logg Sar die Aufzeichnungen über seine Erfindung gelassen?«</p> - -<p>Die Züge Janes strafften sich. Sie schien etwas zu suchen -und schwer oder unvollkommen zu finden. Ihre Lippen -öffneten sich und formten Worte einer fremden Sprache.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Om mani padme hum.</em>«</p> - -<p>Eintönig wiederholte sie die vier Worte. Dr. Glossin -hörte sie und verstand den Sinn nicht. Mit größter -Konzentration stellte er die Frage noch einmal, gab er -Befehl, das Versteck der Aufzeichnungen zu nennen. -Die Antwort bestand immer wieder in diesen vier -Worten, die ganz mechanisch, fast maschinenmäßig -wiederholt wurden, wie wenn etwa ein Phonograph -den gleichen Text ein dutzendmal herunterspielt.</p> - -<p>Der Doktor ließ die Frage fallen und stellte eine andere.</p> - -<p>»Wo ist Logg Sar jetzt? Können Sie ihn sehen? -Können Sie hören, was er spricht?«</p> - -<p>Abgebrochen und stoßweise kamen die Worte von -Janes Lippen: »Ich sehe … Wolken … ein Schiff …<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -ein Flugschiff … Logg Sar! Er trägt ein dunkles -Kleid. Zwei Männer sind bei ihm … Das Schiff -landet … Viel Heidekraut. Die Männer verlassen -das Schiff … Das Schiff verschwindet. Logg Sar -geht über die Heide … Es wird neblig. Ich sehe -nichts mehr.«</p> - -<p>Atemlos hatte Dr. Glossin Wort für Wort aufgefangen.</p> - -<p>»In welchem Lande sind sie? Wo liegt das Land?«</p> - -<p>»Ein Land im Norden … dunkle Tannen und -Heidekraut … ein Haus an einem Fluß. Die Nebel -steigen … Ich sehe nichts mehr …«</p> - -<p>Dr. Glossin zwang sich zur Ruhe. Er wußte aus -früheren Erfahrungen, daß es vergeblich war, weiterzufragen, -wenn das Bild sich verschleierte. So setzte er -die Nachforschung in anderer Richtung fort. Viel Hoffnung -auf einen Erfolg hatte er nicht. Wenn die Vision -schon bei Vorgängen abbrach, die, wenn auch weit entfernt, -in der Gegenwart stattfanden, war wenig Aussicht, -zeitlich zurückliegende Dinge zu erblicken. Aber er beschloß, -den Versuch zu machen.</p> - -<p>»Gehen Sie in Logg Sars Wohnung!«</p> - -<p>»Ich gehe … die Johnson Street, die Washington -Street … ich bin in dem Hause … ich trete in das -Zimmer …«</p> - -<p>»Blicken Sie sich genau um! Sind alle Gegenstände -vorhanden? Oder fehlt etwas? Wurde in der letzten -Zeit etwas aus dem Zimmer genommen? Blicken Sie -rückwärts.«</p> - -<p>Jane hob die Hände, als ob sie sich in einem dunklen -Raum vorwärts tastete.</p> - -<p>»Ich sehe … Logg Sar ist fortgegangen. Eine Person -kommt. Ich erkenne sie. Es ist Dr. Glossin. -Er sucht und findet nichts … Er geht wieder -fort. Zwei andere Männer kommen. Der eine … -ein Riese, blond, mit blauen Augen. Der andere dunkel. -Ein Neger? … Nein, ein dunkler Mann. Sie suchen.<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -Sie nehmen … <em class="antiqua">Om mani padme hum … Om -mani padme hum.</em>«</p> - -<p>Der Doktor ballte erregt die Hände.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Om mani padme hum</em>? … Schon wieder die -sonderbaren Worte. Was bedeuten sie? Geben sie den -Schlüssel? Wie finde ich die Lösung? … Verdammt daß -die Zeit so knapp ist! In drei Stunden muß der -Diktator seinen Bericht haben.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Om mani padme hum</em>«, kam es automatisch von -Janes Lippen.</p> - -<p>»Was nehmen die zwei? Strengen Sie sich an! Versuchen -Sie, deutlich zu sehen. Was nehmen die beiden -Männer?«</p> - -<p>»Papierstreifen … ich sehe eine kleine Handmühle -… das Bild wird trübe. Die Nebel steigen.«</p> - -<p>»Eine Mühle?«</p> - -<p>Dr. Glossin zerbrach sich den Kopf. Eine Mühle? -Was konnte Logg Sar für eine Mühle haben? Bei der -Durchsuchung seines Zimmers hatte Dr. Glossin allerlei -asiatische Erzeugnisse gesehen … vielleicht eine buddhistische -Gebetmühle? Gab etwa der rätselhafte Spruch -die Lösung nach dieser Richtung?</p> - -<p>Dr. Glossin wußte, daß er es heute nicht mehr erfahren -würde. Er legte die Hand aufs neue auf Janes Stirn. -Im Augenblick vollzog sich eine Veränderung in ihrem -Aussehen. Ihre Züge entspannten sich, und wie eine -tief Schlafende saß sie in dem Stuhl. Der Arzt ließ sie -zehn Minuten in dieser wohltätigen Ruhe. Dann strich -er ihr wieder über die Augen und das Haar. Ein -Strom mächtigen Willenfluidums drang durch die Nerven -seiner Finger. Jane schlug die Augen auf und -schien es für die selbstverständlichste Sache von der Welt -zu halten, daß sie hier im Laboratorium saß.</p> - -<p>»Ich bitte Sie, Miß Jane, lassen Sie alles machen, -was sie für notwendig halten, und legen Sie mir die -Rechnungen bei meinem nächsten Besuch vor. Ich -möchte, daß das Laboratorium in gutem Zustande gehalten -wird.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p> - -<p>»Jawohl, Herr Doktor. Es soll alles nach Ihren -Wünschen besorgt werden.«</p> - -<p>Jede Erinnerung an den vorangegangenen Zustand -des Hellsehens war bei Jane geschwunden. So befahl -es die retroaktive Suggestion, die Dr. Glossin ihr bei -der letzten Berührung erteilt hatte. Sie verließ das Laboratorium -mit dem Bewußtsein, eine einfache geschäftliche -Unterredung mit dem Doktor geführt zu haben. -Aber auch jede Sorge um Logg Sar, ja jede Erinnerung -an ihn war wie weggewischt. Sie stand für den kommenden -Tag unter dem suggestiven Befehl Glossins, war -in jenem Zustande, der Silvester früher sooft zur Verzweiflung -gebracht hatte. Der Doktor war sicher, daß -sie vor dem Ablauf der nächsten vierundzwanzig Stunden -kein Interesse mehr an dem Schicksal des Verschwundenen -nehmen würde. Obwohl sie ihn liebte, wie es -Glossin mit Furcht und Eifersucht beobachtet hatte, obwohl -sie sich als Silvesters Verlobte betrachtete, wovon -Dr. Glossin noch nichts wußte.</p> - -<p>Der Arzt blieb allein zurück.</p> - -<p>»Drei Männer sind es. Ein dunkler dabei … das -stimmt mit unseren Beobachtungen … Drei Personen -sollen den Kraftwagen in Sing-Sing bestiegen haben … -Sie sind im Luftschiff entflohen. Es ist kein Zweifel, -daß es R. F. c. 1 war … Die anderen waren in -seiner Wohnung und haben die Aufzeichnungen geholt -und mitgenommen. Hier bricht die Spur ab. Ich werde -sie an einem anderen Ende wieder aufnehmen … Telenergetische -Konzentration … Gerhard Bursfeld -kannte das Geheimnis. Sein Sohn hat es wiedergefunden. -Vererbung … Zufall … Schickung? Wer weiß?«</p> - -<p>Dr. Glossin erhob sich mit einem Ruck von dem Schemel.</p> - -<p>»Wir müssen klar sehen, bevor Cyrus Stonard den -Schlag wagt. Es wäre unmöglich, wenn die Gegner -das Geheimnis besitzen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Mit zweihundertachtzig Metern in der Sekunde schoß -R. F. c. 1 Kurs Nordwest zu Nord über den Lorenzgolf -dahin. Land und See lagen dreißig Kilometer unter -dem Rapid Flyer. Automatisch arbeiteten die Benzolturbinen -des Kreuzers, und selbsttätig regulierte die einmal -eingestellte Steuerung den Kurs und die Höhenlage.</p> - -<p>Nur drei Personen befanden sich im Flugschiff im -Zentralraum. In einem Korbsessel, leicht ausgestreckt, -die Gestalt eines etwa Dreißigjährigen. Die Farbe -seines Haupthaares war nicht zu erkennen. Es war ganz -kurz geschnitten, wie rasiert. Die Farbe des Antlitzes -zeigte eine Nuance in das Gelblich-Rötliche, wie man sie -an Menschen der weißen Rasse kennt, die lange in den -Tropen gelebt haben. Die hohe Stirn wies auf geistige -Bedeutung. Ein schwarzer Anzug von eigenartig -schlotterndem Schnitt umschloß die Glieder.</p> - -<p>Ein anderer machte sich an den Hebeln und Reguliervorrichtungen -zu schaffen, die von der Zentrale aus den -Gang der Turbinen beeinflußten. Er war blond, blauäugig, -von nordischem Typus. Eine jener hochgewachsenen -reckenhaften Gestalten, wie man sie bis auf die -Gegenwart in den Tälern von Darlekarlien bis hinauf -zum Ulea und Tornea findet.</p> - -<p>Ein Dritter durchspähte am Ausguck der Zentrale mit -scharfem Glase den Raum unter dem Flugzeug. Braunhäutig, -auch in seiner europäischen Tracht als indisches -Vollblut kenntlich.</p> - -<p>Die Unterhaltung wurde in wechselnder Sprache geführt. -Bald schwedisch, bald deutsch. Bald wurde von -allen Dreien fließend und geläufig ein reines Tibetanisch -gesprochen und bald wieder Englisch. Sie wechselten die -Sprache in irgendeinem Satze der Unterhaltung, wie -gerade irgendein Wort den Anstoß dazu gab.</p> - -<p>Silvester Bursfeld war es, der noch im Hinrichtungsanzug -mit kahl geschorenem Schädel in dem Sessel ruhte.</p> - -<p>Erik Truwor, der Schwede aus altem, warägischem -Dynastengeschlecht, bediente die Hebel für die Maschinen -und die Steuerung. Noch in der ernsten bürgerlichen<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -Kleidung, in der er als Zeuge zu der Elektrokution gegangen -war.</p> - -<p>Soma Atma, der Inder, stand spähend am Ausguck. -Jetzt ließ er das Glas sinken und wandte sich den -beiden anderen zu.</p> - -<p>»Wir sind durch! Der letzte amerikanische Kreuzer -ist hinter uns aus dem Gesichtsfeld entschwunden.«</p> - -<p>»Wir sind durch!« Erik Truwor wiederholte die Worte -und stellte die automatische Steuerung fest ein. Mit -frohem Lächeln wandte er sich zu Silvester Bursfeld.</p> - -<p>»Das schwerste Stück liegt hinter uns! Ich denke, Logg -Sar, wir sind in Sicherheit. Wir fahren im schnellsten -Flugschiff der Welt. Ein zweites Schiff der Type -existiert noch nicht. Jetzt haben wir Ruhe und können -sprechen.«</p> - -<p>Der Schwede trat ganz nahe an den Sitzenden heran -und legte ihm die Hand auf die Schulter.</p> - -<p>»Wir sind in Sicherheit, Logg Sar. Noch wenige -Stunden, und wir stehen auf schwedischem Boden. -Armer Freund! Sie haben dir böse mitgespielt. Wir -haben es ihnen vergolten. Sie werden in Sing-Sing -noch lange an den heutigen Tag denken. Du mußt ihn -möglichst schnell vergessen.«</p> - -<p>Silvester Bursfeld sammelte sich, bevor er stockend -zu antworten begann. Die ungeheure Erregung der -letzten vierundzwanzig Stunden führte jetzt zu der unausbleiblichen -Reaktion.</p> - -<p>»Weißt du, was es heißt, mit dem Leben abschließen -zu müssen? Den Tod, einen schimpflichen und qualvollen -Tod unaufhaltsam heranrücken zu sehen?«</p> - -<p>Der Sprecher schauderte zusammen.</p> - -<p>»Die Stunden werde ich nie vergessen. Plötzlich gefangen -… eine Farce von einem Gericht … zum Tode -verurteilt. Im Besitze des Rettungsmittels und unfähig, -es anzuwenden … dann erblickte ich dich unter -den Zeugen. Unsere Blicke trafen sich, und ich wagte -ganz leise zu hoffen … Haben die anderen das Geheimnis -gefunden?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p> - -<p>Erik Truwor hatte eine faustgroße Messingkapsel -zwischen den Händen, ein reichverziertes, mit winzigen -Glöckchen behangenes zylindrisches Gebilde. Er hielt die -Kapsel in der Linken und drehte mit der Rechten -mechanisch einen Knopf.</p> - -<p>»Sie haben es nicht entdeckt. Nach dem ersten Besuche -des Dr. Glossin kamen wir in deine Räume. Ich -suchte, und Atma fand. Er sah den Tschosor …«</p> - -<p>Der Schwede fiel bei dem tibetanischen Worte wieder -ins Tibetanische.</p> - -<p>»Atma öffnete die Gebetmühle und sah, daß der Text -auf den Streifen nicht vom Kleinod im Lotos sprach. -Wir lasen deine Anweisung. Einen halben Tag brauchte -ich, um sie zu verstehen. Noch einen halben Tag, um -die versteckten Teile zu finden und wieder zusammenzubauen. -Dann hatten wir den Strahler! In seinem Besitze, -in der Kenntnis des Geheimnisses war es uns leicht, -die Maschine zu sprengen.«</p> - -<p>Mit zitternden Händen griff Silvester Bursfeld nach -der Gebetmühle und streichelte sie liebkosend.</p> - -<p>»Das Geheimnis ist gerettet. Alles, was ich darüber -schrieb, steht auf den Bändern. Ich will ihnen …«</p> - -<p>Zorn und Erregung malten sich auf seinen Zügen.</p> - -<p>»Ich will ihnen Brände und Stürme schicken, -daß sie …«</p> - -<p>Erik Truwor hob beschwörend die Rechte. Ein goldener -Schlangenring von alter indischer Arbeit gleißte -am vierten Finger. Ein Stein schimmerte darin in -wundersamem Farbenspiel. Bald glänzte er tiefgrün, -und dann wieder, wenn ein Strahl der elektrischen -Lampe ihn traf, sandte er blutrotes Rubinlicht aus.</p> - -<p>Atma trat hinzu. Der gleiche Ring erglänzte an seiner -Hand wie an der seines Gefährten. In Überraschung -und Staunen weiteten sich die Augen Silvesters. -Zwischen den beiden Ringen wanderten seine Blicke hin -und her und hafteten dann auf dem leeren Ringfinger -der eigenen Hand.</p> - -<p>»Die drei Ringe <span id="corr042">des</span> Tsongkapa … Die alte Prophezeiung<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -… Vom Anfang des Bogens der Wille … -Vom Ende das Wissen … von Mitternacht … mein -Ring fehlt …«</p> - -<p>War es das Flimmern der Steine, war es der -strahlende Blick des Inders, Silvester Bursfeld hielt -stockend inne und schloß die Augen zu tiefem Schlaf.</p> - -<p>Atma kehrte auf seinen Beobachtungsposten zurück.</p> - -<p>Erik Truwor hantierte am Empfangsapparat der telegraphischen -Station. Mit schnellen Blicken überflog er -die Zeichen des aus dem Apparate quellenden Streifens. -Dann ein Wink an den dunklen Gefährten. Der schob -und drehte das schimmernde Aluminiumrad der selbsttätigen -Steuerung, bis die schwarze Marke genau über -der Spitze des nordweisenden Kreisels stand, der die -Steuerung betätigte. In weit ausholendem Bogen gehorchte -das Flugschiff der Steuerung und schoß über Labrador -hin nordwärts gerichtet auf den Pol zu.</p> - -<p>Der Schwede wies auf die Telegrammstreifen.</p> - -<p>»Amerikanische Kreuzer auf Grönland und über Island. -Wir müssen über den Pol gehen, um die Sperre -zu meiden.«</p> - -<p>Atma hörte, und ein stärkerer Glanz leuchtete in seinen -großen strahlenden Augen.</p> - -<p>»Gezwungen?«</p> - -<p>»Gezwungen!«</p> - -<p>Der Inder nahm die alte Weissagung da wieder auf, -wo Silvester, in den Schlaf fallend, gestockt hatte.</p> - -<p>»… Von Mitternacht kommt die Macht.«</p> - -<p>Erik Truwor erschauerte. Er kannte die Weissagung. -Der Moment trat ihm vor die Augen, als der greise Abt -von Pankong Tzo ihm den Ring auf den Finger schob -und dazu nur die Worte sprach: »Das ist der dritte!«</p> - -<p>Es ging um die alte, so schwer deutbare Prophezeiung, -an der sich die Ausleger seit siebenhundert Jahren versuchten. -Erik Truwor war ein moderner Mensch. Er -beherrschte das Wissen der Gegenwart, kannte als Ingenieur -die Naturwissenschaft seiner Zeit. So hatte er -den Ring genommen und hatte ihn mit den Blicken des<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -Naturforschers betrachtet. Der Stein, eine Abart des -Chrysoberyll, ein gut geschliffener Alexandrit, der die -Eigenschaft besitzt, in natürlichem Lichte grün, in künstlichem -rot zu leuchten. Die Prophezeiung … eine jener -vielen aus der Vorzeit überkommenen dunklen Weissagungen, -die man in jedem Jahrhundert auf die Ereignisse -der Zeit zu deuten versucht. Erik Truwor wollte -ihr skeptisch gegenüberstehen und brachte es doch nicht -fertig. Zu sehr klangen die Worte des Tsongkapa mit -alten dunklen Überlieferungen zusammen, die in seinem -Vaterhaus umgingen. Zu sehr auch brachten sie in -seinem Gemüt eine Saite zum Mitschwingen, die wohl -nur leise angeschlagen zu werden brauchte, um zu -klingen. Schon einmal sollten die Truwors vor mehr als -tausend Jahren den Völkern in den weiten Steppen -Rußlands einen Herrscher gegeben haben. Aber über -diese geschichtliche Überlieferung ging die Legende hinaus, -daß es nicht das letztemal gewesen sein sollte. Ein -dunkles Grenzgebiet tat sich hier auf. Ein Ineinanderfließen -grauer Vergangenheit und ferner Zukunft.</p> - -<p>Erik Truwor hätte lächeln mögen, wenn er nicht im -fernen Osten Dinge gesehen hätte, die ihm das Lachen -verlegten. Dinge, für die das eherne Kausalitätsgesetz -seine Wirkung zu verlieren schien. Erscheinungen, bei -denen Zeit und Raum ihre Ausdehnung verloren. War -es blinder Zufall oder war es irgendeine Fügung, daß -sie jetzt infolge der erzwungenen Abweichung vom kürzesten -Kurs direkt vom Pol her genau aus Mitternacht -in ihre Heimat stoßen mußten?</p> - -<p>»… Aus Mitternacht kommt die Macht«, sagte die -alte Weissagung. Er entsann sich ihrer jetzt Wort für -Wort.</p> - -<p>»Vom Anfang des Bogens kommt der Wille«, das -ließ sich auf Atma, den im fernen Osten Geborenen, -deuten, der die Fähigkeit der Willensübertragung, der -telepathischen Fernwirkung in übermenschlichem Maße -besaß.</p> - -<p>»Vom Ende das Wissen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p> - -<p>Das mochte wohl auf den Mann gehen, der dort ruhig -im Stuhle schlummerte und Erfindungen von so gewaltiger -Tragweite gemacht hatte.</p> - -<p>»Von Mitternacht kommt die Macht.« Wörtlich ließ -es sich jetzt auf sie alle drei zusammen deuten …</p> - -<p>Die Steuerung des Kreuzers wurde von Minute zu -Minute unsicherer. Der steuernde Kreisel, dessen Achse -an jedem Punkte der Erde auf den Polarstern weist, stand -jetzt genau senkrecht.</p> - -<p>Erik Truwor blickte durch die Scheiben nach unten. -Wo die Wolken einen Durchblick ließen, wurden unendlich -ausgedehnte Eis- und Schneeflächen sichtbar. Der -Kreuzer stand genau über dem Pol. Wohin immer er -jetzt fuhr, er mußte nach Süden fahren und aus Mitternacht -kommen.</p> - -<p>Mit fester Hand griff der Schwede in die Speichen der -Steuerung. In weitem Bogen schwenkte das Schiff um -einen Winkel von fünfundvierzig Grad und schlug den -Kurs auf die Ostecke von Spitzbergen ein. Minuten -verstrichen. Dann nahm der steuernde Kreisel ganz allmählich -eine schräge Lage an. Die automatische -Steuerung begann wieder zu arbeiten, und Erik Truwor -konnte zur drahtlosen Station zurücktreten.</p> - -<p>Atma wies ihm stumm den Papierstreifen, der inzwischen -viele Meter lang unter dem Schreibrad hervorgequollen -war … Aufregende Depeschen aus Amerika. -Der Krieg mit England so gut wie sicher. Kühle Auslassungen -von Washington. Dann wieder siedend heiße -Telegramme der amerikanischen Presse. R. F. c. 1 spielte -die Hauptrolle darin.</p> - -<p>Die amerikanischen Wachtflieger sollten seine Landung -in Schottland beobachtet haben. Der Äther war voll -von gefährlichen Nachrichten.</p> - -<p>Erik Truwor las, während die Stunden der Fahrt sich -summten. Endlich hatten sie das offene Meer unter sich. -Das Nordkap kam in Sicht. Gebirge, Fjorde, weite -Flächen … alles noch in bläulichem Nebel verschwommen. -Jetzt schoß der Flieger mit starkem Gefälle nach<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -unten. Seine Geschwindigkeit nahm ab, als er in die -dichteren Luftschichten eindrang. Dann senkte er sich mit -stehenden Maschinen im Gleitflug und stand auf einer -weiten, nur mit Heidekraut bewachsenen Fläche still.</p> - -<p>Atma trat auf den Schläfer zu und strich ihm leicht -über die Augen. Silvester Bursfeld erwachte und erhob -sich erfrischt. Der magnetische Schlaf hatte die -Spuren der erlittenen Anstrengungen und Leiden verwischt. -Nur noch das kurze Haar und der ominöse Anzug -erinnerten daran, daß er vor zehn Stunden zum Tode -geführt werden sollte.</p> - -<p>Als Erster sprang Erik Truwor aus dem Schiff und -stand fest und sicher auf dem heimatlichen Boden. Sorglich -half er Silvester beim Verlassen des Fliegers.</p> - -<p>»Willkommen auf heimatlichem Boden! Willkommen, -Silvester, im alten Schweden, in unserem Linnais! -Ein neues Leben beginnt heute für uns alle. Deine Erfindung, -Silvester, ist größer, als du selbst vielleicht -denkst und ahnst. Das Schicksal hat uns viel gegeben. -Wir werden uns der Gabe würdig zeigen müssen.«</p> - -<p>Soma Atma war als der Letzte aus dem Flugschiff -gesprungen. Seine Frage unterbrach den Gedankenflug -Erik Truwors.</p> - -<p>»Wohin mit dem Flugschiff? Hier darf es nicht stehen. -Die Luft hat Augen.«</p> - -<p>Silvester Bursfeld trat näher und strich liebkosend -über die silbern schimmernde Wand des Schiffes. An -den Körper einer Schwalbe erinnerte sein Rumpf. -Schmal und schnittig, daß die Luft es noch sanft umstrich, -wenn es mit Flintenkugelgeschwindigkeit durch -den Äther dahinschoß. Der Rumpf vom langausgezogenen -Steuerschwanz bis zum Motorkopf kaum zwölf -Meter lang. Die Schwingen zu ebener Erde jetzt zusammengefaltet -und an den Rumpf gelegt wie die -Flügel einer ruhenden Schwalbe. In der dünnen -Atmosphäre, in dreißig Kilometer Höhe, da reckten sich -diese blanken Flächen aus, streckten sich von innen her<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -gespreizt weit nach beiden Seiten, bis sie fünfzig Meter -klafterten.</p> - -<p>Auf leichten Rädern stand der zierliche Rumpf mit -angefalteten Schwingen.</p> - -<p>»Die Yankees sollen das Schiff nicht wiederhaben! -Ein Andenken sind sie mir für den elektrischen Stuhl -schuldig.«</p> - -<p>Silvester knurrte es unwillig vor sich hin.</p> - -<p>»Du hast recht. Wir können die Maschine selbst gebrauchen. -Moralische Verpflichtungen haben wir nach -deinem Abenteuer nicht mehr. Das Schiff findet Platz -in der Odinshöhle.«</p> - -<p>Silvester Bursfeld trug an einem Riemen an der -rechten Hüfte einen kleinen Kasten aus poliertem Zedernholz. -Er ergriff ihn, wie man nach einem Krimstecher -greift. Einige Griffe an ein paar Stellschrauben des -Apparates, und wie von Geisterhänden berührt, begann -das Flugschiff auf dem ebenen Heideboden langsam voranzurollen. -So gemächlich, daß seine drei bisherigen -Passagiere ihm im bequemen Schritt zu folgen vermochten. -Etwa wie ein gut dressierter Hund lief es vor -ihnen her, während Silvester Bursfeld es mit seinem -Apparat verfolgte wie ein Photograph ein Objekt, das -er auf die Platte bannen will.</p> - -<p>Nun war das Ende der Hochebene erreicht. Mit -steilem Gefälle führte der Weg mehrere hundert Meter in -die Tiefe zum Torneaelf hinab. Sich selbst überlassen, -mußte die Maschine auf diesem Pfade ins Rollen -kommen, mußte umschlagen oder zerschellen. Aber war -sie bisher wie ein Hund gelaufen, so kletterte sie jetzt -wie eine Gemse. Vorsichtig wand sie sich auf dem -schmalen Pfade dahin … und jetzt … Silvester Bursfeld -neigte seinen Apparat nach oben, und die schwere -Maschine hob sich vom ungangbaren Pfade in die Luft. -Während ihre Propeller stillstanden, während ihre -Schwingen dicht gefaltet am Rumpf lagen, gaukelte sie -wie ein Schmetterling vor den Wanderern dahin, die -den engen Pfad hinabstiegen. Nun bogen sie seitlich vom<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -Wege in ein Gewirr von Blöcken und Heidekraut am -Abhange ein. Noch wenige hundert Meter, und eine -dunkle Öffnung gähnte am Hange.</p> - -<p>Silvester Bursfeld arbeitete mit seinem Apparat wie -ein Künstler. Er hob und senkte, drehte und richtete -ihn, kam im Bogen schließlich gerade vor jene Öffnung -zu stehen. Vor ihm schwebte das schwere Flugschiff.</p> - -<p>In langsamer vorsichtiger Wendung kehrte es seine -Spitze der Öffnung zu. Jetzt tauchte es in die Dunkelheit, -und jetzt war es verschwunden. Silvester folgte -ihm, während Erik Truwor einen Handscheinwerfer in -Tätigkeit setzte, der die Höhle mit blendendem Licht erfüllte.</p> - -<p>Noch etwa hundert Meter Weg in der geräumigen, -hier von der Natur in das Urgestein gesprengten Höhle. -Eine kurze Schwenkung nach links. Das Flugschiff verschwand -hinter gewaltigen Basaltsäulen. Wie Silvester -jetzt den Strahler senkte, senkte sich auch das Schiff. -Seine Räder berührten den Boden und nun stand es -sicher und unbeweglich auf der ebenen, mit trockenem -Sand bedeckten Basis der Höhle. Silvester Bursfeld -setzte die Schrauben seines Apparates auf die Nullstellung -und ließ ihn wieder auf seine Hüfte hinabgleiten.</p> - -<p>»So! Hier wird es niemand entdecken! Wenigstens -nicht, wenn die Leute in der Gegend noch denselben Respekt -vor der Odinshöhle haben wie früher.«</p> - -<p>»Sie haben ihn. Die Schäfer und Waldläufer hier -glauben immer noch, daß allerhand Geister in der Höhle -hausen.«</p> - -<p>Erik Truwor sagte es lachend.</p> - -<p>»Selbst am lichten Tage machen sie einen Bogen um -die Höhle. So leicht wagt sich niemand hinein, so breit -und offen ihr Eingang auch daliegt. Sie haben Respekt -davor, und sollte er nachlassen, so haben wir das Mittel, -ihn wieder aufzufrischen.«</p> - -<p>Er deutete dabei auf den Strahler an Silvesters Seite. -Aus dem Dunkel der Höhle traten die drei wieder an -den sonnigen Tag. Sie folgten dem Pfade flußabwärts<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -und erreichten das alte Stammhaus der Truwors, das -hier aus Birken und Föhren hervor auf den Torneaelf -hinabschaute.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»<em class="antiqua">Britannia rules the waves, Britannia rules the -winds.</em>« Aus Hunderttausenden von Kehlen drang -die alte Melodie mit neuem Text und -brauste über die blauen Wasser des Solent. Die -Flotte der leichten englischen Luftstreitkräfte war -plötzlich am Himmel sichtbar geworden. Ihr Erscheinen -bildete den Auftakt und Anfang der großen Wettbewerbe, -die am 11. Juni von der <em class="antiqua">Aeronautical Federation -of G. B.</em> und dem <em class="antiqua">Imperial Aero Club</em> über -dem Meeresarm zwischen der Insel Wight und der englischen -Küste veranstaltet wurden. In Geschwadern zu -je hundert kamen die Flugzeuge angeschossen. Tauchten -irgendwo in der Ferne aus dem Blau des Himmels oder -des Ozeans auf. Bildeten zu hundert in der Luft ein lateinisches -<em class="antiqua">V</em> wie die Zugvögel und hielten die Figur -genau geschlossen, während sie allerlei Evolutionen vollführten.</p> - -<p>Geschwader auf Geschwader tauchte auf, bis es schließlich -ihrer tausend waren. Bis hunderttausend Flugzeuge -in einer dichten Wolke den Azur des Firmaments mit -dem silbernen Schimmer blanken Leichtmetalles durchsetzten.</p> - -<p>Die Menge, welche schwarz die Ufer und Klippen des -Solent umsäumte, sang spontan das alte Lied. Unbekümmert -von aller politischen Spannung waren die -Massen hierher gepilgert, um ein sportliches Schauspiel -zu sehen. Aber der Anblick der unüberwindlichen englischen -Luftflotte führte zu diesem elementaren Ausbruch -patriotischen Gefühles. Geschickt hatten es die Regierenden -verstanden, dem Empfinden der Menge Rechnung zu -tragen und sich gleichzeitig von der Schlagfertigkeit und -Alarmbereitschaft der Luftflotte zu überzeugen. Das -Singen, das Schwenken von Tüchern und Hüten nahm<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -kein Ende, solange noch ein Flugzeug zu sehen war. -Dann … so plötzlich wie die Flotte auftauchte, war sie -auch wieder verschwunden. Von Yarmouth bis zum -Atlantik, von den Orkneys bis zu den Kanalinseln stand -sie wieder über den Küsten wie ein geschlossener Hornissenschwarm. -Bereit, jeden Gegner auf dem Wasser -und in der Luft mit giftigem Stachel anzufallen und zu -vernichten.</p> - -<p>Ein Teil des Uferfeldes war von der Menge frei gehalten -worden. Hier lagen die Luftjachten, in denen -die vornehmen Mitglieder der veranstaltenden Klubs zu -dem Schauspiele gekommen waren. Dort schwer und -breit, mit überreichem Zierat beladen, goldglänzend die -Jacht des Radscha von Rankure. Wenige Meter davon -entfernt die wundervollen Flugschiffe der Norfolks, Sommersets, -der Cecils und vieler anderer. In der Mitte von -allen diesen der gestreckte Leib einer Aluminiumjacht. -Sie gehörte dem Vierten Lord der britischen Admiralität, -Seiner Herrlichkeit Lord Horace Maitland auf Maitland -Castle.</p> - -<p>Lord Horace Maitland hatte in seiner amtlichen -Stellung die Verwaltung der Luftstreitkräfte unter sich. -Er gehörte dem Präsidium des Imperial Aero Club an, -und der große Empfangssalon seiner Jacht bildete den -Treffort für alle diese Aristokraten der Geburt und des -Geldes, deren Flugschiffe das Feld bedeckten.</p> - -<p>Der Salon der Jacht bot durch große Zellonspiegelscheiben -nach drei Seiten hin freien Ausblick. Nur die -vierte Wand war massiv. Zwei schmale Türen führten -zu den Privat- und Wirtschaftsräumen des Flugschiffes. -Den mittleren Teil der Wand nahm eine Gruppe von -Palmen und Blattpflanzen ein. Ein gewaltiger Löwenkopf -aus schwerer Bronze war etwa in Brusthöhe an der -Wand befestigt und warf einen Strahl frischen Wassers -in ein Muschelbecken zwischen den Palmen. Sessel und -Tische waren dazwischen gruppiert.</p> - -<p>Hier saß die Herrin der Jacht, Lady Diana Maitland, -im Kreise ihrer Besucherinnen. Wie die Herren ausnahmslos<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -im Klubanzug erschienen waren, so trug auch -Lady Diana den Sportdreß des Aeroklubs. Schlank -und rank erschien ihre jugendliche Gestalt in dem fußfreien -Rock und dem enganschließenden Jackett aus marineblauem -Tuch. Mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgten -auch die Damen die Vorgänge in den Lüften, mit -besonderem Interesse Lady Diana selbst. Immer wieder -hob sie den Feldstecher empor, um sich keine Einzelheit -entgehen zu lassen. Ihre dunklen Augen blitzten erregt. -Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen. Jeder Nerv in -ihr vibrierte, als ob sie selbst an den Wettkämpfen dort -oben teilnähme. Ein Beobachter hätte unschwer feststellen -können, daß ihr Temperament und Wesen nicht -englisch waren, daß nicht allein ihre Eigenschaft als -Gattin des Luftministers sie besonders an diesen Vorführungen -interessierte, sondern daß ihre andersgeartete -Natur die Freude an den aufregenden Kampfspielen viel -stärker zu erkennen gab, als es bei den Damen ihrer -Umgebung der Fall war, deren schwerflüssiges englisches -Blut auch hier die gewohnte kühle Reserve wahrte.</p> - -<p>Die letzten Flieger der englischen Wehrmacht waren -am Horizont verschwunden. Alle Gäste wußten, daß -man das eben gesehene Schauspiel den Anordnungen -des Lords zu verdanken hatte, und sie hielten mit ihrer -Anerkennung nicht zurück.</p> - -<p>»Brillant,« knurrte Kommodore Morison, »schade, -daß die Amerikaner nicht dabei waren. Würden es sich -danach überlegen, mit uns anzubinden.«</p> - -<p>»Die Amerikaner werden nicht kommen«, bemerkte -Mr. Pykett, der australische Baumwollkönig, trocken.</p> - -<p>»Wetten, daß sie kommen?« fiel ihm der Viscount Robarts -ins Wort. Viscount William Robarts, der nie -eine Gelegenheit vorübergehen ließ, eine Wette zu riskieren.</p> - -<p>»Ich glaube doch nicht«, meinte Mr. Pykett.</p> - -<p>Der Viscount zog die Uhr. »Zehn Pfund darauf, daß -das erste amerikanische Boot in fünf Minuten hier ist.«</p> - -<p>Lord Horace Maitland stand dicht dabei. Ein Zucken<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -lief über die scharfgeschnittenen Züge seines glatt rasierten -Gesichtes. Er kannte Amerika und die Amerikaner. -Heute war er ein angehender Vierziger. Seit drei Jahren -Inhaber des Lordtitels und der damit verbundenen Einkünfte. -Aber die Lordschaft war ganz unverhofft durch -eine Reihe von Todesfällen an ihn gekommen. Die vorangehenden -zehn Jahre hatte er als einfacher Mr. Clinton -in den Vereinigten Staaten gelebt. Nicht sehr -begütert. Genötigt, im Strome des Lebens zu schwimmen -und den Kampf ums Dasein zu führen. Damals, -es waren jetzt fünf Jahre her, hatte er Diana, die eine -berühmte Sängerin an der Chikagoer Metropolitan-Oper -war, geehelicht, hatte noch zwei Jahre mit ihr in -den Staaten gelebt, bis die Pairie an ihn fiel. Er -brachte in die Stellung des englischen Aristokraten die -Lebens- und Menschenkenntnis eines amerikanischen -Kaufmannes mit. Was Wunder, daß er bald auch im -politischen Leben eine Rolle spielte und verhältnismäßig -jung das verantwortliche Amt eines Lords der Admiralität -bekleidete.</p> - -<p>Weniger leicht war es seiner Gattin gemacht worden, -in der englischen Gesellschaft festen Fuß zu fassen. Schon -bei ihren ersten Schritten fühlte sie instinktiv eine von -Mißtrauen nicht freie Zurückhaltung heraus, die der -gewesenen Sängerin galt. Der Ton der Gesellschaft -war wenigstens von seiten des weiblichen Teils auf -vorsichtige Duldung eingestellt. Aber Lady Diana Maitland, -die polnische Magnatentochter, war keinen Augenblick -gewillt, sich nur dulden zu lassen. Ein stiller, zäher -Kampf begann. Schritt für Schritt eroberte sich Lady -Diana die Stellung, die ihr nach dem Range ihres -Gatten und ihrer Geburt zukam. Und wenn sie heute -als eine der ersten Damen des englischen Highlife dastand, -so verdankte sie es in erster Linie den eigenen -geistigen und körperlichen Vorzügen. Ihre Ehe galt -nicht nur als mustergültig, sondern als glücklich, wenn -ihr Nachkommenschaft auch bisher versagt war.</p> - -<p>Viscount Robarts wiederholte sein Angebot.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span></p> - -<p>»Zehn Pfund darauf, daß das erste amerikanische Boot -um viertel elf hier ist.«</p> - -<p>Mr. Pykett nahm die Wette an.</p> - -<p>»Hundert Pfund dagegen, daß um viertel elf kein -amerikanisches Boot hier ist. Fünfzig Pfund dagegen, -daß bis Mittag überhaupt keins kommt.«</p> - -<p>Die Gedanken Lord Maitlands jagten einander. Mr. -Pykett gehörte dem australischen Parlament an. Er -mußte genau die Fäden kennen, die sich zwischen Amerika -und Australien spannen. Es hatte sicher seine Gründe, -wenn er auf das Nichterscheinen der Amerikaner wettete. -Aber Lord Maitland empfing auch von Viertelstunde -zu Viertelstunde die Telegramme aus Amerika, und er -fand, daß die aufreizende Sprache der Yankeepresse in -den Morgenstunden an Schärfe verloren hatte. Wollte -man England einwiegen, um es dann um so sicherer -überfallen zu können? Oder hatte sich Cyrus Stonard -besonnen und die Auseinandersetzung aufgeschoben? Er -fand keine sichere Antwort auf diese Fragen.</p> - -<p>Seine Betrachtungen wurden unterbrochen. Ein Punkt, -der in den letzten Sekunden am Horizont sichtbar geworden -war, hatte sich schnell vergrößert. Aus unendlicher -Höhe stieß er herab und wuchs in jeder Sekunde, -bis er sich breit und massig auf die blauen Fluten des -Solent legte. Dort wogte das Luftschiff im Spiele der -Wellen leicht auf und ab, rasselnd gingen die Anker -in die Tiefe und legten den mächtigen Rumpf fest. -Flatternd stieg das Sternenbanner am Heck hoch, und -wie durch Zauberei spannte sich in wenigen Sekunden -der bunte Schmuck der Flaggenparade längs über das -Schiff. Cheerrufe aus der Menge begrüßten den ersten -Transatlantik, dem in wenigen Minuten zwei weitere -folgten.</p> - -<p>Mr. Pykett schrieb ruhig einen Scheck über 150 Pfund -aus und legte ihn in die Hände des Viscount Robarts. -Während er das tat, stellte er sich im stillen die gleichen -Fragen wie Lord Maitland. Warum ließ Cyrus -Stonard noch Passagierboote hinüber? Hatte er sich<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -im letzten Augenblick besonnen und die Auseinandersetzung -aufgeschoben?</p> - -<p>Die Atmosphäre war mit Politik geladen. Auch das -Gespräch der Damen beeinflußte sie. In einer Pause der -Gespräche hörte man deutlich die wohlklingende Stimme -der Lady Diana:</p> - -<p>»Wie sollten England und Amerika miteinander -fechten? Die gemeinsame Sprache verhindert es ja. Sie -ist das stärkste Band, das Menschen aneinanderbindet.«</p> - -<p>Die Viscounteß Robarts nickte zustimmend. »Ich -könnte es nicht begreifen, wie <em class="antiqua">Englishspeakers</em> sich -gegenseitig morden sollten.«</p> - -<p>Die Damen glaubten nicht an die Möglichkeit eines -Krieges. Aber sie wußten auch wenig von der Politik -und Staatsräson eines Cyrus Stonard.</p> - -<p>Draußen begann der Wettbewerb der Tauchflieger. -Von großen Höhen schossen die Flugschiffe herunter, -durchschnitten klatschend die Wasserfläche, zogen noch eine -kurze Spur quirlenden Propellerwassers hinter sich her -und waren dann verschwunden. Als Unterseeboote setzten -sie ihre Fahrt fort. Nach den Bedingungen des Wettbewerbes -mußten sie unter Wasser eine lange Strecke -zurücklegen, eine in fünfzig Meter Tiefe verankerte Boje -aufnehmen und innerhalb vorgeschriebener Zeit an einer -bestimmten Stelle wieder auftauchen.</p> - -<p>Um die Amerikaboote tummelten sich die Zollbarkassen. -Die Zollabfertigung dauerte nur kurze Zeit. Schon -setzten die Transatlantiks selbst Motorboote aus. Einzelne -der soeben Angekommenen gingen an Land, um -hier Freunde und Bekannte zu treffen.</p> - -<p>Der Weg für die Tauchflieger war lang. Deshalb schob -das Programm ein Wettfliegen mit motorlosen Flugzeugen -ein. Nach dem pomphaften Schauspiel der Luftflotte -und dem dämonischen der Tauchflieger kam die -Idylle. Von der höchsten Spitze der Uferklippen segelten -die einzelnen Flieger ab. Wie die Schmetterlinge -gaukelten sie mit geblähten Tragflächen in der Luft. -Hingen oft fast bewegungslos an derselben Stelle, um<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -dann plötzlich die Flügel zu recken und sich wie die Albatrosse -in weiten Kreisen in die Höhe zu schrauben.</p> - -<p>Viscount Robarts suchte, mit wem er eine neue Wette -auf den Segelflug eingehen könne. Die übrigen Gäste -Lord Maitlands verfolgten durch scharfe Gläser die -immer höher steigenden Segler. Auf der Bordtreppe -der Maitlandjacht wurden Schritte vernehmbar. Neue -Gäste kamen. Sir Arthur Vernon, der Vorgänger Lord -Maitlands in der Admiralität. Er führte einen Fremden -in diesen Kreis ein.</p> - -<p>»Herr Dr. Glossin aus Trenton in den Staaten …«</p> - -<p>Während der Eingeführte sein Kompliment machte, -fuhr Sir Arthur zu Lord Maitland gewendet kaum hörbar -fort: »… Ein alter Freund von mir … Kann -vielleicht helfen, die Krise zu lösen.«</p> - -<p>Die wenigen Worte genügten, um dem Amerikaner -einen Empfang zu sichern, dessen Herzlichkeit noch um -eine Note über die übliche englische Gastfreundschaft -hinausging.</p> - -<p>Dr. Glossin widmete sich besonders der Herrin der -Jacht. Zu ihrem Staunen lenkte er das Gespräch sehr -bald auf solche Orte und Personen, die sie als Sängerin -kennengelernt hatte, ohne doch ihren früheren Beruf -mit einem Worte zu erwähnen.</p> - -<p>Lady Diana wurde durch das Gespräch gefesselt und -doch wieder innerlich abgestoßen. Sie spürte bei jedem -Satz einen geheimnisvollen Doppelsinn und konnte sich -dem Einfluß dieses Gastes doch nicht entziehen. Eine -innere Stimme warnte sie, sich den Mann zu nah kommen -zu lassen, und unter einem unwiderstehlichen -Zwange brachten ihre Lippen gleichzeitig eine freundliche -Einladung nach Maitland Castle zutage. Eine -Einladung, die Lord Maitland dringend unterstützte. -Es lag ihm daran, mit diesem einflußreichen Amerikaner -in Fühlung zu bleiben.</p> - -<p>Dr. Glossin dankte für die Aufforderung. Er nahm -sie mit Vorbehalt an. Vorerst habe er noch in London -zu tun. Danach würde er gern nach Maitland Castle<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -kommen. Krieg und Kriegsgefahr … er lachte darüber. -Das amerikanische Volk denkt nicht daran, sich mit den -stammverwandten Briten in einen Krieg einzulassen. -Preßzänkereien bedeuteten noch lange keinen Krieg.</p> - -<p>Lord Maitland ging gerade auf das Ziel los. Die -Aufregung der amerikanischen Presse sei durch die Entführung -eines Flugzeuges hervorgerufen worden. Die -amerikanische Presse habe behauptet, daß die Engländer -es entführt hätten. Ob der Zwischenfall klargestellt sei.</p> - -<p>Dr. Glossin wurde wortkarg. Die Entführung des -Flugschiffes sei noch nicht völlig aufgeklärt. Bestimmte -Beobachtungen deuteten aber auf eine bestimmte Spur. -Er vermied es, hier in der Gegenwart so vieler Gäste -mehr zu sagen. Aber Lord Maitland verstand, daß der -Amerikaner ihm unter vier Augen mancherlei mitzuteilen -habe, Dinge, die jedenfalls die größte Diskretion -verlangten.</p> - -<p>Draußen nahmen die Konkurrenzen ihren Fortgang. -Das Zwischenspiel der Segelflieger war beendet. Der -Viscount Robarts hatte es zu seinem Leidwesen vorübergehen -lassen müssen, ohne eine Wette unterbringen zu -können. Unbelebt dehnte sich die Fläche des Solent. -Aber mit den Stoppuhren in der Hand warteten die -Preisrichter. Und jetzt … Wirbelnd schoß es wie ein -Fisch aus dem Wasser, reckte im Augenblick des Auftauchens -zwei kräftige Schwingen und flog in die Höhe. -Der erste Flugtaucher war angekommen. Den Bedingungen -der Konkurrenz entsprechend, stieg er bis auf -zehntausend Meter Höhe, ging dann im Gleitflug nieder -und legte sich ruhig auf das Wasser. Noch während er -niederging, stieg bereits das zweite Boot aus dem -Wasser in die Höhe. In kurzen Intervallen folgten -die anderen Wettbewerber. Die Konstruktionen gaben -sich gegenseitig kaum etwas nach. Die wenigen Sekunden, -die das eine Boot etwa länger als das andere -nach seiner Boje auf dem Grunde hatte suchen müssen, -gaben den Ausschlag.</p> - -<p>Jeder von den Zuschauern hier in der Jacht begriff,<span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span> -daß England in diesen Flugtauchern eine neue wirksame -Waffe besaß. Diese Maschinen konnten in gleicher Weise -U-Boote und Flugzeuge angreifen. Sie konnten den -Ort des Kampfes nach eigenem Belieben über oder unter -dem Wasser suchen.</p> - -<p>Lord Maitland stand mit dem Doktor Glossin an -einem der Fenster.</p> - -<p>»Eine glänzende Erfindung! Ich denke, Sie werden -Ihrem Präsidenten davon zu erzählen haben.«</p> - -<p>Dr. Glossin lächelte höflich. Die Pläne der Flugtaucher -waren längst in Washington.</p> - -<p>»Es gibt etwas anderes, was uns gegenwärtig -größere Sorge macht.«</p> - -<p>Lord Maitland blickte fragend auf.</p> - -<p>»Mein Lord, hörten Sie jemals etwas von telenergetischen -Konzentrationen?«</p> - -<p>Lord Maitland blickte so naturgetreu verdutzt auf, -daß Dr. Glossin einsah, der Lord wisse wirklich nichts -davon. Wenn aber der Vierte Lord der britischen Admiralität -von dieser Sache nichts wußte, dann war beinahe -sicher anzunehmen, daß auch die Admiralität und -die englische Regierung keine Kenntnis davon hatten. -Das mußte aber zweifelsfrei festgestellt werden, bevor -Cyrus Stonard losschlug. Darum war Dr. Glossin -hier in England, und darum hatte Cyrus Stonard das -schon gezückte Schwert nach einmal in die Scheide zurückgestoßen.</p> - -<p>Besaß England das Geheimnis Gerhard Bursfelds, -so durfte Amerika den Angriff nicht wagen. Im anderen -Falle konnte der Schlag mit guter Aussicht auf ein Gelingen -geführt werden.</p> - -<p>Die Konkurrenzen gingen ihrem Ende entgegen. Im -Wettbewerb um den Höhenflug errang ein Fahrzeug -den ersten Preis, welches sich unter Zuhilfenahme der -Raketenwirkung ausströmender Pulvergase bis zu einer -Höhe von 100 Kilometer erhoben hatte. Aber die -Konkurrenten um den Schnelligkeitspreis blieben weit -hinter der amerikanischen Type R. F. c. zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span></p> - -<p>Dann war die Konkurrenz beendet. Während die -Volksmassen in Wasserbooten und Bahnen den Städten -zuströmten, erhoben sich die Jachten in die Lüfte. Der -indische Radscha steuerte geradeswegs dem Bergstock des -Himalaja zu. Die Jacht des Lords Maitland flog -nach Maitland Castle. Dr. Glossin fuhr im Kraftwagen -des Sir Vernon nach London.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Schollen fielen auf den Sarg, der die sterbliche -Hülle von <span id="corr058">Gladys</span> Harte barg. Ihr Leben war ruhig -erloschen, wie die Flamme einer Lampe, der das Öl -fehlt. Das Ende war seit Monaten vorauszusehen. -Es war vielleicht durch die Aufregungen beschleunigt -worden, die das Schicksal Silvesters in das stille Haus -in der Johnson Street brachte.</p> - -<p>Jane stand in einem kleinen Kreise Leidtragender an -der offenen Gruft. Hier kam ihr erst ganz zum Bewußtsein, -wie einsam sie in diesen letzten Jahren gelebt -hatten. Nur wenige Personen gaben der Toten das -Geleit. Freunde des verstorbenen Mannes, wie dieser -in den Staatswerken angestellt. Einige Frauen dabei.</p> - -<p>Jane war ihnen von Herzen dankbar, daß sie jetzt -noch einmal gekommen waren, der Toten die letzte -Ehre zu erweisen. Sie fühlte sich grenzenlos einsam -und verlassen. Während sie Beileidsworte hörte und -Hände drückte, dachte sie daran, daß sie jetzt allein in -das leere Haus in der Johnson Street zurückkehren müsse, -und daß … auch Silvester von ihr gegangen sei.</p> - -<p>Ein krampfhaftes Schluchzen erschütterte ihren Körper. -Sie drohte umzusinken, als Dr. Glossin zu ihr trat, sie -stützte und behutsam von dem Grabe fortführte. Sorgsam -geleitete er sie durch die breiten Wege des Friedhofes, -der in voller Junipracht grünte und blühte, als -ob es keinen Tod und kein Sterben auf der Welt gäbe.</p> - -<p>Willenlos ließ Jane es geschehen. Jeder Mensch, -der sich ihrer annahm, war ihr in ihrem augenblicklichen<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -Zustande willkommen. Um wieviel mehr Dr. Glossin, -der solange in ihrem Hause verkehrte, der ihre Mutter -genau gekannt hatte, der versprochen hatte, ihr über -Silvester Nachrichten zu bringen!</p> - -<p>Sie stieg vor dem Friedhof in seinen Kraftwagen und -ließ sich von ihm in die Wohnung in der Johnson Street -geleiten. Und hier im Anblick der altvertrauten und -heute so ganz verwaisten Räume kam ihr Schmerz von -neuem zum Ausdruck. Fassungslos sank sie auf einen -Sessel und drückte das Taschentuch vor die Augen.</p> - -<p>Dr. Glossin ließ sie einige Minuten gewähren. Dann -legte er ihr sanft die Hand auf das Haupt.</p> - -<p>»Meine liebe Miß Jane, versuchen Sie es, sich zu -fassen. Ich weiß, es hat wenig Zweck, Ihnen in dieser -Stunde trostreich zuzusprechen. Haben Sie Vertrauen -zu mir. Folgen Sie meinem Rat. Nehmen Sie meine -Hilfe an, und alles wird gut werden.«</p> - -<p>Jane ließ das Tuch sinken und blickte auf. Ein neues -Gefühl durchrieselte sie. Ihre Tränen versiegten. Die -Welt erschien ihr nicht mehr so vollkommen leer und -trostlos.</p> - -<p>»Sie sind der einzige nähere Bekannte, Herr Doktor, -den wir hatten, den ich jetzt noch habe.«</p> - -<p>»Sagen Sie: der einzige Freund! Lassen Sie sich -von mir beraten. Sie müssen aus der alten Umgebung -heraus. Aus den Räumen, in denen jedes Stück Sie -an Ihren großen Verlust erinnert.«</p> - -<p>Jane würgte tapfer die wiederaufsteigenden Tränen -zurück und nickte zustimmend.</p> - -<p>»Sie haben wohl recht, Herr Doktor! Doch wohin soll -ich gehen?«</p> - -<p>»Lassen Sie das meine Sorge sein. Die Hauptsache -ist, daß Sie sofort für ein paar Wochen in eine andere -Umgebung kommen. Ich besitze in Kolorado am Ausgange -des Gebirges eine Farm. Da haben Sie andere -Luft, andere Gesichter und werden schneller das seelische -Gleichgewicht wiedergewinnen. Sie sind dort mein<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -Gast, solange es Ihnen gefällt. Mein Personal steht zu -Ihren Befehlen, und ich selbst werde gelegentlich … -sooft wie möglich … hoffentlich recht oft die Zeit -finden, Sie zu sehen, mich von Ihrem Wohlbefinden zu -überzeugen.«</p> - -<p>Dr. Glossin sprach langsam und eindringlich. Jane -hörte ihm ruhig zu. Zuerst noch leise widerstrebend. -Ein Gedanke ging ihr durch den Sinn.</p> - -<p>»Ich werde nicht hier sein. Silvester wird mich suchen -und nicht finden.«</p> - -<p>Dr. Glossin erriet den Gedanken auch unausgesprochen.</p> - -<p>»Ich werde die Zwischenzeit benutzen, um über den -Verbleib von Mr. Logg Sar etwas in Erfahrung zu -bringen. Auch werde ich inzwischen alle Ihre Angelegenheiten -hier ordnen. Briefe und was sonst hierherkommt, -wird Sie in Reynolds-Farm erreichen. Dort wird die -frische Bergluft des Felsengebirges Ihre blassen Wangen -bald wieder röten.«</p> - -<p>Für einen väterlichen Freund sprach Dr. Glossin ein -wenig zu eifrig und lebhaft. Aber Jane achtete nicht -darauf. Die Worte des Arztes hatten ihre letzten Bedenken -besiegt. Ihr Aufenthalt würde bekannt sein. Alle -Nachrichten würden sie an der neuen Stelle erreichen. -Recht gute hoffentlich und auch recht bald. Sie nahm die -Vorschläge und die Einladung Glossins an.</p> - -<p>Der hatte es sich in der letzten Stunde reiflich und nach -allen Seiten hin überlegt. Daß er Jane aus einer -ganzen Reihe von Gründen mit sich nehmen und unter -seinem Einfluß behalten wollte, stand bei ihm fest. Daß -er zur Erreichung dieses Zieles seinen hypnotischen Einfluß -auf Jane ausnutzen mußte, war ebenfalls sicher. -Nur wie weit er diesen Einfluß anwenden solle, darüber -war er sich zweifelhaft. Sollte er so weit gehen, ihr -überhaupt jede Erinnerung an die tote Mutter wegzusuggerieren? -Damit fiel auch für Jane das Gefühl -der Verlassenheit und der Grund fort, ihm zu folgen -und sich unter seinen Schutz zu stellen. Er mußte dann<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -noch einen Schritt weitergehen und sie durch die Hypnose -ganz an sich ketten.</p> - -<p>Es widerstand ihm, Jane als einen willenlosen -Automaten mit sich zu nehmen. Er wollte aus einer -eigentümlichen Stimmung heraus, daß Jane ihm -freiwillig und in einem natürlichen Schutzbedürfnis -folge. Aber er mochte auch keine ständig -Jammernde und Klagende um sich sehen. So -wählte er den Mittelweg. Durch seinen suggestiven Einfluß -verstärkte er ihr Schutzbedürfnis und milderte ihren -noch so frischen und heftigen Schmerz über den Todesfall.</p> - -<p>Der Kraftwagen brachte sie nach dem Flughafen. Dem -großen umfriedeten Platz, auf dem die Flugschiffe der -verschiedenen Staatslinien ankamen und abfuhren. Jane -kannte den Ort. Zu Lebzeiten der Mutter war sie öfters -von hier nach Philadelphia oder Milwaukee gefahren. -Hatte damals bemerkt, daß reiche Leute hier auch ihre -eigenen Schiffe landen ließen. Jetzt führte sie Dr. Glossin -zu einer kleinen, aber ansprechenden Privatjacht. Er -bemerkte ihr Staunen.</p> - -<p>»Steigen Sie ein, meine liebe Miß Jane. Wundern -Sie sich nicht allzusehr, daß wir ein besonderes Schiff -zur Verfügung haben. Ich mußte es in Neuyork mieten, -um noch rechtzeitig nach Trenton zu kommen.«</p> - -<p>Jane dankte dem Arzte mit einem warmen Blick. Wie -freundlich von ihm, daß er keine Unkosten scheute, um -in dieser Zeit bei ihr zu sein, ihr helfen zu können. Von -ihm geleitet, betrat sie die Kabine des Flugschiffes, welches -sich sofort erhob, um die Fahrt nach dem Westen -zu beginnen. Dr. Glossin ließ sich Jane gegenüber -nieder.</p> - -<p>»Gestatten Sie mir, meine liebe Miß Jane, daß ich -Ihnen Ihren zukünftigen Aufenthaltsort ein wenig -schildere. Reynolds-Farm heißt mein Besitztum in Kolorado. -In früheren Jahrzehnten war es auch wirklich -einmal eine Farm mit ausgedehnten Äckern und Stallungen, -mit Scheunen und Speichern. Eine richtige -Farm, wie sie im Buche steht. Heute ist es ein ruhiges<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -Landhaus in einem nach Osten offenen Tale der Felsenberge -gelegen. Bergluft, Tannenduft und Ruhe. Vollkommene -Ruhe, wie wir Großstadtmenschen sie bisweilen -nötig haben, wie sie auch Ihnen wohltun wird.«</p> - -<p>Jane hatte mit steigendem Interesse zugehört. Schon -die Ortsveränderung, die schnelle Fahrt, die sie jede -Stunde so viele Meilen von ihrem alten Aufenthaltsort -entfernte, gab ihren Gedanken eine andere Richtung, ließ -sie minutenlang ihren Schmerz vergessen.</p> - -<p>»Aber Sie können selbst nur selten dort sein, Herr -Doktor. Wer ist dort auf Ihrer Farm? Wer hält das -Anwesen in Ordnung? An wen werde ich mich zu halten -haben?«</p> - -<p>»Vor allen Dingen an meine gute alte Abigail, ein -altes schwarzes Faktotum, das dort das Haus in Ordnung -hält.«</p> - -<p>Jane nickte zustimmend. Als Amerikanerin war sie -es gewöhnt, daß schwarze Dienerinnen es in den Häusern -der Weißen zu angesehenen Vertrauensstellungen brachten. -Als Amme kam solche schwarze Frau zu den -Kindern, blieb als Wärterin bei ihnen, sah sie zu Männern -heranwachsen und blieb in ihren alten Tagen -immer noch die schwarze Mammy.</p> - -<p>»Ein gutes, altes, anhängliches Tier! Ihre Schönheit -läßt zu wünschen. Dafür ist sie treu und fleißig, sie -wird Ihnen jeden Wunsch von den Augen ablesen …«</p> - -<p>Es kam Jane nicht zum Bewußtsein, daß es dort -vielleicht noch einsamer sein könnte als in Trenton. Der -suggestive Einfluß des Doktors erstickte jedes aufsteigende -Bedenken.</p> - -<p>Das Schiff eilte der sinkenden Sonne nach, bis es sich -selbst zu senken begann und die Kette der Felsenberge -von Denver bis Cheyenne am gelbglühenden Westhimmel -stand. Es landete auf einer freien grasbewachsenen -Ebene. Dr. Glossin hatte wohl recht. Hier wehte -eine andere Luft als in Trenton, wo die großen Werke -trotz aller Fortschritte und Verbesserungen immer noch -recht viel Ruß und Staub in die Atmosphäre warfen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span></p> - -<p>Frische, harzgetränkte Bergluft. Mit voller Brust sog -Jane die leichte Brise ein.</p> - -<p>Das Flugschiff war dicht neben der Farm gelandet. -Auf dem Wege zum Hause kam ihnen schon <span id="corr063">eine</span> alte -Negerin entgegen. Von jener abschreckenden Häßlichkeit, -die alte Negerweiber gewöhnlich auszeichnet. Dabei von -einer unterwürfigen Vertraulichkeit, die auf langjährige -Dienste schließen ließ.</p> - -<p>»Guten Tag, Mister Doktor. Die alte Abigail hat -alles fertiggemacht. Das Supper ist fertig. Die Zimmer -sind fertig …«</p> - -<p>Ein breites Grinsen ließ ihre Mundwinkel bis in die -Nähe der Ohren wandern, während sie versuchte, dem -Doktor die Hand zu küssen.</p> - -<p>Dr. Glossin schob sie zurück.</p> - -<p>»Gut, Abigail. Ich erwartete es nicht anders. Meine -Nichte Miß Harte wird einige Zeit auf der Farm -wohnen. Du wirst ihr genau so zu Diensten sein wie -mir und dafür sorgen, daß sie sich wie zu Hause fühlt.«</p> - -<p>Die Alte hatte während dieser Worte Jane prüfend -betrachtet. Sie schien mit dem Ergebnis ihrer Prüfung -zufrieden zu sein, denn sie wandte sich jetzt an Jane und -versuchte, auch ihr die Hand zu küssen.</p> - -<p>»Laß das, Abigail!«</p> - -<p>Dr. Glossin sagte es mit einer eigentümlichen scharfen -Betonung. Die Schwarze trat zurück und folgte dem -Doktor und seiner Begleiterin die kurze Strecke bis zum -Farmhofe.</p> - -<p>Jane fühlte sich nach dem schweren Leid der vergangenen -Tage fast leicht und frei. War es der Einfluß -des Doktors, war es wirklich die veränderte Umgebung, -sie begann wieder mit Hoffnungen in die Zukunft -zu blicken. In ruhigen Stunden hatte sie schon -früher der Möglichkeit ins Auge geblickt, daß die Mutter -ihr bald einmal entrissen werden könnte. Jetzt war es geschehen, -und sie versuchte es, sich mit dem Geschehenen -abzufinden.</p> - -<p>So trat sie am Arm Glossins in das neue Heim. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -Doktor geleitete sie in den Empfangsraum, gab Abigail -dann einen Wink, sie in ihre eigenen Räume zu geleiten. -Ein Halbblutboy schaffte die Koffer aus dem -Flugschiff dorthin. Wäsche, Garderobe, alle notwendigen -Gegenstände für den täglichen Gebrauch. Jane hatte -sich auf einem Stuhl am Fenster niedergelassen und -blickte in die dämmernde Abendlandschaft hinaus. Ihre -Gedanken weilten bei Silvester.</p> - -<p>Die Nachricht von Sing-Sing war natürlich auch in -das stille Haus nach Trenton gedrungen und hatte die -beiden Frauen aufs äußerste erschreckt. Wohl lasen sie, -daß er gerettet worden war. Aber die Tatsache allein, -daß er sich des Hochverrats schuldig gemacht haben sollte, -daß er in voller Form zum Tode verurteilt worden -war, wirkte niederschmetternd. Jane sowohl wie ihre -Mutter hatten vollkommen den Kopf verloren, bis ein -alter Freund des Vaters sie aufrichtete. Joe Miller -war damals zu ihnen gekommen. Fand sie verzagt -und lachte.</p> - -<p>»Sorge um Logg Sar? … Vollkommen überflüssig. -… Alle Wetter, da hat was dazwischengepfeffert und -den Schleichern und Angebern das Konzept verdorben. -Habe zwar keine Ahnung, was es gewesen ist. Bin aber -sicher, daß es prachtvoll gewirkt hat. Angst brauchen -Sie jedenfalls um Logg Sar nicht zu haben. Ich meine, -der könnte jetzt sogar ganz ruhig in Neuyork spazierengehen. -Seine Feinde würden sich bei einem neuen Angriff -noch viel mehr blamieren.«</p> - -<p>Diese Worte wirkten tröstlich auf Jane. Das Wunderbare -des Geschehnisses nahm sie gefangen. Durch eine -unbekannte mächtige Hilfe war Silvester der Gefahr -im letzten Augenblick entrissen worden. Seitdem hoffte -sie auf seine Wiederkehr, hatte das sichere Gefühl, daß die -Macht, die ihn das erstemal schützte, auch jeden weiteren -Anschlag zunichte machen würde.</p> - -<p>Die geschwätzige Abigail riß sie aus ihren Sinnen. -Welches Kleid die Lady anziehen wolle. Ob sie sich -zum Supper nicht schmücken wolle. Der Herr Doktor<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -liebe geschmückte Damen beim Supper. Vielleicht würde -er ihr sogar …</p> - -<p>Die Mundwinkel der Schwarzen rückten wieder bis an -die Ohren. Jane bemerkte das Mienenspiel nicht. Nur -langsam kehrten ihre Gedanken in die Wirklichkeit zurück.</p> - -<p>Anziehen … Das einfache schwarze Kleid, das sie -trug, schien ihr das richtige … Schmücken, am Begräbnistage -ihrer Mutter … Sie gab ihr den -Auftrag, die Garderobe in den Schränken unterzubringen, -und verließ den Raum, um nach unten zu -gehen.</p> - -<p>Abigail machte sich daran, den Auftrag zu vollziehen. -Stück für Stück nahm sie aus den Koffern. Dabei murmelte -sie allerlei vor sich hin:</p> - -<p>»Hoho, mein Täubchen … sehr einfach, zu bescheiden. -Keinen Samt, keine Seide. Nur so einfach -… ist nicht der Geschmack von Mister Doktor … Liebt -feine Damen … gelbe, rote Seide. Keine schwarzen -Kleider …«</p> - -<p>Sie begann die Wäsche in die Fächer zu legen und -fuhr in ihrem Selbstgespräch fort:</p> - -<p>»Wirst dich ändern müssen, mein Täubchen! Waren -schon andere vor dir hier. Haben es auch gemußt. -Taten alles, was Mister Doktor wollte, wenn Mister -Doktor sie anguckte … anguckte mit den großen, heißen -Augen.«</p> - -<p>Ihre Worte gingen in ein Kichern über, während sie -die letzten Stücke in die Kasten einräumte.</p> - -<p>Inzwischen war Jane in den Speiseraum gekommen. -Der junge Halbblutdiener servierte. Glossin wartete, bis -er den Raum verlassen hatte, bevor er die Unterhaltung -begann.</p> - -<p>»Meine liebe Miß Jane, meine Kur beginnt schon zu -wirken. Sie sehen viel besser aus als heute früh.«</p> - -<p>»Sie mögen recht haben, Herr Doktor. Die Reise -hat mich auf andere Gedanken gebracht. Ich könnte -beinah zufrieden sein, wenn ich … Gewißheit über -das Schicksal unseres Freundes Silvester hätte.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span></p> - -<p>»Seien Sie zufrieden, meine liebe Miß Jane, daß -unser Freund der Gefahr entronnen und jetzt nach -menschlichem Ermessen in Sicherheit ist. Wenn Sie ihm -etwas bedeuten, wird er gewiß von sich hören lassen.«</p> - -<p>»Er wird … er muß … er soll …«</p> - -<p>Jane stieß die Worte heftig hervor. Dr. Glossin -schwieg, als ob ihn dieser Gefühlsausbruch erschreckt -hätte.</p> - -<p>»Verzeihen Sie meine Heftigkeit, Herr Doktor. Ich -sorge mich um das Schicksal eines Abwesenden und habe -Ihnen noch nicht einmal für Ihre Güte gedankt.«</p> - -<p>Wenn Dr. Glossin bei allen diesen Reden etwas empfand, -so verstand er es jedenfalls meisterhaft, seine Gefühle -zu verbergen. Keine Muskel in seinen Zügen -zuckte, während er die Konversation ruhig weiterführte. -Er sprach von Janes Zukunftsplänen. Eine längere -Erholung hier, dann eine Reise nach Europa. Dort -müßten ja auch noch Verwandte ihres Vaters leben.</p> - -<p>»Ich hörte, Herr Doktor, wir sollen Krieg mit England -bekommen. Da kann doch niemand nach Europa -fahren.«</p> - -<p>Dr. Glossin nickte abwesend.</p> - -<p>»Zeitungsgeschwätz, meine liebe Miß Jane. Wir -denken nicht an Krieg. Ich selbst fahre morgen wieder -nach Europa. War vorgestern erst in England. Man -spricht allerlei vom Kriege, weil die Zeitungen uns nervös -machen. In Wirklichkeit denkt kein Mensch daran.«</p> - -<p>»Ich entdecke immer neue Seiten an Ihnen, Herr -Doktor. Ich dachte, daß Sie nur zwischen Neuyork -und Trenton zu tun haben. Dann haben Sie plötzlich -noch dies schöne Besitztum in Kolorado, und jetzt höre -ich gar, daß Sie zweimal in der Woche nach Europa -fahren. Es muß schön sein, so in der Welt herumzukommen.«</p> - -<p>»Wenn man zu seinem Vergnügen reisen kann. Nicht, -wenn man es wie ich als Pflichtmensch von Berufs wegen -tun muß.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span></p> - -<p>Ein leichter Seufzer entrang sich den Lippen des -Arztes.</p> - -<p>»Ich hoffe, Miß Jane, in kurzer Zeit werde ich auch -etwas Ruhe finden. Dann fahren wir gemeinschaftlich -nach Europa, und ich zeige Ihnen die Schönheiten der -Alten Welt.«</p> - -<p>Er hob sein Glas mit altem schweren Kaliforniawein -und trank Jane zu.</p> - -<p>»Auf baldige gemeinschaftliche glückliche Fahrt.«</p> - -<p>Das Mahl ging seinem Ende entgegen. Dr. Glossin -benutzte die letzte Viertelstunde, um Jane ihr Leben -für die nächsten Tage auszumalen.</p> - -<p>»Wir haben hier Pferd und Wagen. Sie können -Ausfahrten unternehmen. Bobby …« – er wies auf -den Diener – »kann nicht nur servieren, er ist auch ein -geschickter Fahrer. Er kennt die schönsten Wege in der -Umgebung. Benutzen Sie die kleine, aber gute Bibliothek -im Herrenzimmer … Ich vergaß, <span id="corr067">sie</span> ist verschlossen. -Darf ich Ihnen den Schlüssel … nein, noch -besser. Ich werde sie Ihnen an Ort und Stelle zeigen.«</p> - -<p>Er geleitete Jane in das anstoßende Zimmer und -schloß selbst die verglasten Regale auf, welche mehrere -hundert mit gutem Geschmack ausgesuchte Werke enthielten.</p> - -<p>»Das ist die Hauptsache, meine liebe Jane, daß Sie sich -nicht in den müßigen Stunden von Gedanken und Erinnerungen -übermannen lassen.«</p> - -<p>Dr. Glossin hatte bei den letzten Worten ihre Hände -ergriffen. Ohne daß er ein Wort weitersprach, spürte -Jane, daß er für heute Abschied von ihr nahm, fühlte -gleichzeitig, wie in verstärktem Maße Ruhe und Wunschlosigkeit -über sie kamen.</p> - -<p>Dr. Glossin schritt durch den Vorraum des Hauses, -um zu seinem Flugschiff zu gehen. Wenn er am nächsten -Morgen wieder in England sein wollte, hatte er -Grund zur Eile. Abigail trat ihm in den Weg. Verschmitzt -grinsend.</p> - -<p>»Darf die neue Lady ausgehen, Mister Doktor?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span></p> - -<p>Es lag eine ganze Geschichte in dieser Frage. Wie -viele mochten hier gewesen sein, denen man den Ausgang -verweigert hatte. Glossin warf der Negerin einen -Blick zu. Ganz langsam hob er den rechten Arm. Die -Schwarze krümmte sich vor dem drohenden Schlage.</p> - -<p>»Ich sage dir, du schwarzes Vieh, die junge Dame ist -meine Nichte. Wehe dir, wenn du …«</p> - -<p>Er ließ den Arm sinken und schritt hinaus.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Sie saßen auf der mit Waldrebe umsponnenen Veranda -des Truworhauses am Torneaelf. Durch Ranken -und Reben ging die Aussicht auf den hundert Meter -tiefer dahinströmenden Fluß und die gegenüberliegenden, -mit Tannen bestandenen Berge. Zu dritt saßen sie -hier: Erik Truwor, der Schwede, Soma Atma, der -Inder, und Silvester Bursfeld aus deutschem Blute.</p> - -<p>In diesem Hause war Silvester heimisch. Hier war er -zusammen mit Erik Truwor aufgewachsen, und die -alten Mauern hatten die Spiele der Knaben und die -Arbeit der Jünglinge gesehen. Bis dann die Studienjahre -Silvester nach Deutschland führten, seine Ingenieurtätigkeit -ihn in Europa und Amerika umhertrieb. -Erik und Silvester widmeten sich der Technik. Die -Art ihres Studiums, die Weise, wie sie die Wissenschaft -trieben, war von Anfang an verschieden. Silvester versenkte -sich schon als Student in die physikalischen Probleme. -Er trieb die Wissenschaft um der Wissenschaft -halber, von einem unersättlichen Forschungsdrang beseelt. -Im Gegensatz dazu betrachtete Erik Truwor die -Technik von Anfang an nur als ein Mittel zum Zweck, -das menschliche Leben leichter und angenehmer zu gestalten, -neue Lebensmöglichkeiten zu schaffen.</p> - -<p>Diese verschiedenartige Auffassung der beiden Freunde -kam auch äußerlich zum Ausdruck. Silvester blieb fünf -Studienjahre in Charlottenburg. Erik Truwor studierte -bald in Charlottenburg, bald in Genf, Paris und Karlsruhe.<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -Etwas anderes kam hinzu. Erik Truwor -war ein reicher Erbe. Silvester Bursfeld, als Pflegesohn -in das Haus Truwor aufgenommen, war ohne -Vermögen. Als Olaf Truwor die Augen schloß, bot -Erik seinem Freunde die Hälfte der Erbschaft an. Silvester -schlug es aus. Er nahm nur, was er noch während -der Studienzeit für seinen Lebensunterhalt benötigte, und -außerdem das Anerbieten, das Truworhaus jederzeit -als sein Vaterhaus zu betrachten und zu benutzen.</p> - -<p>Atma hatte seinen Lieblingsplatz auf einem Diwan -im Hintergrunde der Veranda eingenommen. Dort -saß er und gab sich seinen Meditationen hin.</p> - -<p>Erik Truwor und Silvester saßen vorn an der -Brüstung an einem Tisch. Pläne, Zeichnungen und -Schriftstücke bedeckten die Tischplatte.</p> - -<p>»Über unsere Arbeit hörte ich noch kaum, wie du, -Erik, dich mit Atma zusammengefunden hast. Atma, -der in Pankong Tzo mein Mitschüler war, plötzlich -mit dir zusammen, in Linnais! Nur in dem Strudel der -Ereignisse konnte ich es als ein etwas Selbstverständliches -hinnehmen.«</p> - -<p>»Wie ich Atma fand? Wie Atma und ich dich fanden? -Eine wunderliche Geschichte. Im Frühjahr kam ich nach -Pankong Tzo. Kuansar erinnerte sich meiner noch. Er -führte mich zum Abte. Jatschu, ein Greis von unbestimmbarem -Alter, empfing mich, blickte mich starr an -und sagte: ›Das ist der Dritte.‹ Aus einem Kästchen -nahm er diesen Ring und schob ihn mir auf den Finger.«</p> - -<p>»Jatschu ist … er muß jetzt …«</p> - -<p>Silvester versuchte das Alter auszurechnen.</p> - -<p>»Er war beinahe neunzig, als ich von Pankong Tzo -fortging. Er muß weit über hundert sein.«</p> - -<p>»Mag sein. Er gab mir den Ring und deutete auf -Atma. Atma wußte, daß du den gleichen Ring von ihm -hattest. Er sagte, wir müßten dich suchen … Ich -wollte dich wiedersehen. Atma sagte Amerika. Wir -gingen nach den Staaten. Atma sagte Trenton. Wir -fuhren nach Trenton. Wir fanden dich nicht, aber wir<span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span> -fanden Jane Harte. Sie war über dein Verschwinden -besorgt.</p> - -<p>Atma fragte sie. Du weißt, wie er zu fragen versteht. -Über Zeit und Raum hinweg. Mit geschlossenen Augen -las sie aus weiter Ferne das Urteil, das über dich gefällt -war. Mit vier Worten sagte sie, wo deine Aufzeichnungen -lagen.</p> - -<p>Das andere war leicht. Joe Williams, <span id="corr070">einer</span> der -zwölf Zeugen, wurde im Gasthof in Sing-Sing von -uns gefunden. Für tausend Dollar gab er mir seine -Zeugenkarte. Mir, dem wißbegierigen Fremden, der -eine Elektrokution mitansehen wollte. Ich kam in das -Gefängnis. Atma hielt im Kraftwagen vor der Tür. -Das war alles.«</p> - -<p>Silvester ergriff die Hand Erik Truwors und drückte -sie innig.</p> - -<p>»Für mich wirklich alles, Erik. Kamt ihr nicht, so -war ich verloren. Durch Jane … durch meine Jane -habt ihr mich gefunden.«</p> - -<p>»Durch deine Jane? Was ist dir Jane Harte?«</p> - -<p>»Meine Verlobte, mein alles!«</p> - -<p>Erik Truwor hörte schweigend zu, was Silvester erzählte. -Wie er Jane kennen und lieben gelernt. Doch -er vermochte es nicht, sich am Glück des Freundes mitzufreuen. -Unbewußt empfand er, daß Silvester sich -nicht voll der großen Aufgabe, dem weiteren Ausbau -der Erfindung, widmen könne, wenn er durch Gedanken -und Sorgen um seine Verlobte abgelenkt wurde.</p> - -<p>Sein Blick suchte Atma. Ein stummes Zwiegespräch -der Augen. Atma nickte und wandte sich Silvester zu. -Erik Truwor sah, wie hinter der gefurchten Stirn des -Inders die Gedanken arbeiteten, das Hindernis aus dem -Wege zu räumen. Er sah, wie Silvester die Hand an -die Stirn preßte, als wollte er eine fliehende Erinnerung -festhalten …</p> - -<p>Die hypnotische Kraft Atmas siegte über die Kraft der -Liebe.</p> - -<p>Erik Truwor brach das Schweigen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p> - -<p>»Zurück zu unserer Arbeit! Ich habe deine Pläne -gesehen und deine Berechnungen untersucht. Gib mir -deine Erläuterungen dazu.«</p> - -<p>Silvester Bursfeld blickte mit der versonnenen Miene -des Gelehrten auf die vor ihm liegenden Papiere.</p> - -<p>»Es ist das Problem der telenergetischen Konzentration, -dessen Lösung mir gelungen ist. Nimm an, ich -hätte hier in unserem Hause eine Maschine, die tausend -Pferdestärken leistet. Es ist klar, daß ich die Energie -hier an Ort und Stelle zu allem möglichen verwenden -kann. Aber es war bisher kein Mittel bekannt, diese -Energie an einem Punkte in beliebiger Entfernung konzentriert -wirken zu lassen. Bei jedem Versuche, die -Energie auszustrahlen, erfuhr sie eine der Ausbreitung -entsprechende Schwächung. Ein zwingender -Grund liegt natürlich nicht vor. Es muß den tausend -Pferdestärken ganz gleich sein, ob sie hier oder an irgendeinem -anderen Punkte der Erde zur Wirkung kommen.«</p> - -<p>Erik Truwor unterbrach ihn:</p> - -<p>»Wenn wir hier eine Million, wenn wir hundert -Millionen Pferdestärken hätten, so könntest du sie auf -jedem Punkt der Erde in Erscheinung treten lassen?«</p> - -<p>»So ist es. Auf jedem Punkte. Ich könnte die -Energie an irgendeiner Stelle der australischen Wüste -oder des Broadway in Neuyork auf den Raum einer -Haselnuß zusammendrängen. Ich könnte sie auch -in der Form ausgedehnter elektromagnetischer Felder -auftreten lassen. Jede Wirkung ist möglich.«</p> - -<p>Erik Truwor wiegte den Kopf nachdenklich hin und her.</p> - -<p>»Hundert Millionen Pferdestärken auf den Raum -einer Haselnuß … in den Pulverkammern kriegführender -Mächte … das genügt für den ewigen Frieden.«</p> - -<p>Silvester Bursfeld fuhr in seinen Erklärungen fort:</p> - -<p>»Die Energiekonzentration bildete den Ausgangspunkt -meiner Arbeit. Ich überlegte mir weiter … -Warum soll ich die Energie erst an einem Orte erzeugen -und an einem anderen wirken lassen, da doch der ganze -Raum mit einem Überschwang von Energie erfüllt<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -ist … Ich folgerte, es muß genügen, nur die Steuerwirkung -durch den Raum zu schicken. Nur die winzigen -Mengen einer besonderen Formenenergie, die an der -entfernten Stelle die Raumenergie zur Explosion -bringen.</p> - -<p>Meine Überlegung war folgerichtig. Die Schlußkette -zeigte nirgend ein fehlerhaftes Glied. Aber die praktische -Durchführung wollte nicht gelingen.</p> - -<p>Soweit war ich, als ich nach Trenton kam. Jede freie -Stunde widmete ich dem Problem. Dr. Glossin hatte -dort ein gutes Laboratorium und erlaubte mir, darin zu -arbeiten. Damals wußte ich nicht, daß er ein Verräter -war …«</p> - -<p>»Der auch deinen Vater verraten hat.« Soma Atma -sprach die Worte.</p> - -<p>Silvester blickte auf wie ein Träumer, der plötzlich -erwacht.</p> - -<p>»Ich hörte immer, mein Vater wäre von einem aufsässigen -Kurdenstamm überfallen worden. In Pankong -Tzo erzählten sie es mir … Kuansar … unser alter -Lehrer, sprach davon …«</p> - -<p>Atma sprach in seiner ruhigen sonoren Art weiter: -»Warum den klaren Spiegel einer jungen Seele -trüben. Glossin, der Freund deines Vaters, war der -Verräter. Die Nawutschi, die Engländer, steckten dahinter. -Sie veranlaßten den Überfall, weil dein Vater -das Geheimnis einer großen Erfindung besaß -… Bis hierher ist alles klar. Dann wird die Erkenntnis -unsicher.«</p> - -<p>»Was hatte mein Vater erfunden? Wo ist er geblieben?« -Erregt stieß Silvester die Fragen hervor.</p> - -<p>»Ich sehe nichts Klares. Sicher ist, daß er nicht -mehr unter den Lebenden weilt. Seit langer Zeit nicht -mehr. Sonst hätte meine Seele die seine finden müssen. -Seine Erfindung gab Macht. Gab große Macht. Darum -ließen die Nawutschi ihn rauben.«</p> - -<p>Erik Truwor unterbrach den Inder: »Laßt die Toten -ruhen. Silvester, berichte uns weiter.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p> - -<p>»… Ich sprach von Glossin. In seinem Laboratorium -nahm ich meine Arbeiten wieder auf … Mit Vorsicht, -denn seine Neugier war verdächtig. Ich vermied es, -unnötige Notizen zu machen. Was ich notieren mußte, -schrieb ich Tibetanisch.</p> - -<p>Plötzlich kam der Erfolg. Über Nacht eine Eingebung. -Im Traum sah ich den Strahler für die -Formenergie mit greifbarer Deutlichkeit …«</p> - -<p>Erik Truwor schüttelte mißbilligend den Kopf.</p> - -<p>»Traumlösungen … man kennt sie. Es ist alles in -Ordnung. Wacht man auf, so ist der Traum vergessen oder -die Lösung unsinnig … Träume sind Schäume …«</p> - -<p>»Nicht immer. Es kommt vor, daß die Seele im -Schlaf den Körper verläßt und klar sieht.« Atma machte -den Einwurf. Silvester fuhr fort: »Ich sah die Form -und die Schaltung des Strahlers noch mit voller Deutlichkeit, -als ich erwachte. Meinen ganzen Apparat hatte -ich in einen kleinen Kasten eingebaut …«</p> - -<p>»Den Mahagonikasten?«</p> - -<p>»Eben den. Der Traum ließ mir keine Ruhe. Es -war noch früh. Die Dämmerung des Sommertages begann -eben erst. Um acht mußte ich in das Werk. Erst -am Nachmittag konnte ich in das Laboratorium gehen. -Das dauerte mir zu lange. Mit den einfachen Mitteln, -die ich in der Wohnung hatte, formte ich den Strahler. -Ich machte einen Versuch, und er gelang. Ein Stück -Eisen auf meinem Schreibtisch stieg langsam in die -Höhe. Ein Trinkglas schmolz zu einem Klumpen. Das -Geheimnis war gefunden.</p> - -<p>Am Nachmittag kam ich in das Laboratorium … -Ich wollte einen einfachen Versuch machen. Eine elektromotorische -Kraft sollte durch den Apparat zurückgeworfen -werden. Ich brachte den Apparat in die richtige Stellung -zu den Schaltklemmen des Experimentiertisches. Im -selben Augenblick stieg dichter Qualm hinter der Schalttafel -und an der Wand auf. Die schwere 10 000-Volt-Leitung -des Laboratoriums glühte hellrot auf. Die -Isolation verbrannte. Ich riß meinen Apparat zurück.<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -Es war nicht mehr nötig. Die Sicherungen der Hochspannungsleitung -waren bereits durchgeschlagen und -hatten den Strom abgeschaltet.</p> - -<p>Zweierlei wußte ich damals. Mein Apparat arbeitete. -Und ein Schurkenstreich war versucht worden. Irgend -jemand, der im Laboratorium Bescheid wußte, hatte die -lebensgefährliche Hochspannung auf den Experimentiertisch -geschaltet.</p> - -<p>Drei Tage später fuhr mir auf einem Spaziergang -durch den Wald ein Auto nach. Plötzlich hielt es neben -mir. Im selben Augenblick war ich in den Wagen hineingezogen, -gefesselt und betäubt. Erst im Gefängnis -erlangte ich das Bewußtsein wieder. Als ich unter den -Richtern Glossin sah, wußte ich, wer im Laboratorium -geschaltet hatte …«</p> - -<p>Erik Truwor sprang auf.</p> - -<p>»Weg mit dem Hund! Wir haben die Macht, ihn zu -vernichten. Sollen wir uns mit einem einzelnen aufhalten? -Weg mit ihm!« Er griff nach dem Apparat.</p> - -<p>»Mord und Brand über den Ozean! Befreien wir uns -von dem Geschmeiß!«</p> - -<p>Silvester wollte antworten, wollte als Forscher und -Erfinder auseinandersetzen, daß ein genaues Zielen auf -diese Entfernung noch nicht möglich sei, daß Feuer und -Sturm neben einem Schuldigen tausend Unschuldige -vernichten würden. Er kam nicht über die ersten Worte -hinaus. Die ruhige Stimme Atmas unterbrach ihn:</p> - -<p>»Sein Schicksal ist mit dem unseren verknüpft. Es -wird sich zu seiner Zeit erfüllen … Noch ist die Stunde -nicht gekommen. Sein Geschick ereilt ihn, wenn der -Augenblick kommt … Er ist ein Werkzeug des Schicksals -wie wir. Das Ziel wird erreicht werden … von -uns … durch ihn … Wenn der Tag kommt, wird sich -sein Schicksal vollenden …«</p> - -<p>Atma sank in stilles Sinnen zurück. Erik Truwor nahm -seinen Platz am Tisch ein und betrachtete den Apparat. -Seine Erregung ließ nach.</p> - -<p>»Was kannst du mit dem Strahler hier machen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p> - -<p>Silvester Bursfeld ging wieder in seinem Problem -auf. Nur als Physiker und Ingenieur sprach er weiter:</p> - -<p>»Mit dieser kleinen Apparatur kann ich die telenergetische -Konzentration von zehntausend Kilowatt bewirken. -Für größere Energiemengen muß der Apparat größer -werden.«</p> - -<p>Erik Truwor ergriff ein Glas und beobachtete den -Bergkamm auf der anderen Seite des Elf.</p> - -<p>»Siehst du die einzelne Tanne über dem Trollstein?«</p> - -<p>Silvester nahm das Glas. »Sie ist unverkennbar.«</p> - -<p>»Kannst du sie verbrennen?«</p> - -<p>Ein Lächeln ging über die Züge Silvesters.</p> - -<p>»Wenn die Tanne in Kanada stünde, wäre es noch -möglich. So ist es …« Er hatte während der Worte -das Kästchen gerückt und ein paar Knöpfe gedreht.</p> - -<p>Erik Truwor sah durch das Glas über den Fluß, sah, -wie blauer Rauch aus der Tannenkrone aufstieg und -helle Flammen aus dem Stamme aufloderten. Nach -zwanzig Sekunden brannte der Baum lichterloh. Nach -einer Minute war er verschwunden, in ein winziges unsichtbares -Aschenhäufchen verwandelt. Aber das Feuer -hatte weiter gegriffen. Auch die Kronen der benachbarten -Bäume brannten. Im trockenen Juni konnte sich dort -ein großer Waldbrand entwickeln. Erik Truwor -sah die Gefahr.</p> - -<p>»Der Wald brennt, Silvester. Kannst du des Feuers -Herr werden?«</p> - -<p>Silvester war in seinem Element.</p> - -<p>»Eine gute Gelegenheit, um die Wirkung des Apparates -auf den Luftdruck zu beobachten. Ich werde in -einer senkrechten Linie über der brennenden Föhre Hitze -konzentrieren. Die warme Luft muß mit Gewalt nach -oben dringen. Kalte Luft muß von allen Seiten herbeiströmen. -Der Sturm muß das Feuer löschen.«</p> - -<p>Während er die Erklärung gab, drehte er an einem -Schräubchen seines Apparates. Man konnte auch mit -unbewaffnetem Auge bemerken, wie die Bäume auf dem -Gebirgskamm von einem plötzlichen Sturm gepeitscht<span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span> -wurden. Wild bogen sich die Stämme. Hier und dort -wurde eine Krone geknickt. Aber der Wirbelsturm blies -den Brand glatt aus. Ein mäßiger Wind hätte das -Feuer genährt. Dieser Zyklon pfiff so scharf durch das -brennende Geäst, daß er die Flammen im Moment auslöschte, -das rotglühende Holz abkühlte.</p> - -<p>Eine Drehung am Schalter des Kästchens, und Ruhe -herrschte wieder in der Natur. Nur der große, schwarze -Brandfleck da weit drüben über dem Elf verriet, daß -etwas Außergewöhnliches passiert war.</p> - -<p>Erik Truwor hatte die theoretischen Auseinandersetzungen -seines Freundes erfaßt. Er hatte nach -dessen Aufzeichnungen den Apparat selbst bedient, um die -Maschine von Sing-Sing zu sprengen. Und doch versetzte -ihn die Wirkung wieder in tiefstes Staunen. Seine -Gedanken gingen viel weiter als die des Erfinders. Silvester -Bursfeld war Ingenieur und nur Ingenieur. Den -reizte das physikalische Problem und seine Durchbildung. -Erik Truwor umfaßte mit einem Blick die praktischen -Möglichkeiten, die die Erfindung in sich barg.</p> - -<p>Doch auch Erik Truwor war Techniker und rechnete. -Zehntausend Kilowatt waren vernichtend für den einzelnen, -den sie trafen. Aber sie bedeuteten nichts für -hundert Millionen Menschen. Viel größere Apparate -mußten zur Verfügung stehen. Viele Millionen von -Kilowatt mußten auf seinen Wink an jedem Punkt der -Erde wirksam werden. Nur dann würde er die Macht -haben, von der die alte Weissagung des Tsongkapa -sprach. Die Macht, alles Menschenleben auf Erden nach -seinem Willen zu lenken.</p> - -<p>Die Unterhaltung der nächsten Stunde wurde rein -technisch geführt. Über die Abmessungen größerer -Strahler. Über die Mittel zu ihrer Anfertigung. Über -die Zeit, die ihre Herstellung gebrauchen würde.</p> - -<p>Das alte Truworhaus war der geeignete Ort dafür. -Sechs Jahrhunderte waren über sein Dach hingegangen. -Zwei Stockwerke tief waren die geräumigen Keller in -den Granit des Berges gesprengt. Meterstark die Umfassungsmauern<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -der unteren Stockwerke aus den bei der -Kellerhöhlung gewonnenen Granitbrocken gemauert. Die -elektrische Leitung vom Kraftwerk des Elf brachte Licht, -Wärme und Energie in jeder gewünschten Menge. Das -Haus in seiner Abgelegenheit sollte die <span id="corr077a">Werkstatt</span> abgeben, -in der Silvester seine Erfindung in großem Maßstabe -ausführte. Nach dem unverrückbaren Willen Erik -Truwors ausführen mußte.</p> - -<p>Silvester Bursfeld hatte die Erfindung mit dem Eifer -des Wissenschaftlers gemacht. Wie vielleicht auch ein -Physiker eine Kanone erfinden kann, ohne an Schußwirkungen -zu denken. Er hatte alle Erscheinungen der -Konzentration ergründet, aber auf das genaue Zielen, -das sichere Treffen vorläufig wenig Wert gelegt. Die -energetische Seite des Problems interessierte seine Gelehrtennatur -viel mehr als die praktische Anwendung.</p> - -<p>Erik Truwor empfand diese Schwäche sofort. Empfand -sie und zwang Silvester durch seine Forderungen und -Fragen, nach einer Lösung zu suchen und sie zu finden. -Wenigstens die Theorie auch eines genauen Zielens sofort -zu entwickeln. Nur wenn man das entfernte Ziel -sichtbar machen, die Wirkungen der Energie mit dem -Auge verfolgen konnte, war die Macht der Waffe voll -zur Wirksamkeit zu bringen.</p> - -<p>Der Tatmensch zwang den Forscher zu harter, <span id="corr077b">rastloser</span> -Arbeit, um die große Entdeckung noch größer zu -gestalten, aus ihr das Machtmittel für seine weitreichenden -Pläne zu formen. Und Silvester ließ sich zwingen. -Für Stunden und Tage nahmen ihn die neuen Probleme -und Lösungen so vollkommen gefangen, daß er -alles andere darüber vergaß. Bis dann die Lösung -gelungen war, bis sich die Nervenspannung löste und -die unausbleibliche Reaktion eintrat.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Maitland Castle, der alte Stammsitz der Maitlands, -beherbergte um die Zeit der Sommersonnenwende zahlreiche<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -Gäste. Der alten englischen Sitte entsprechend, -herrschte nur der Zwang der gemeinschaftlichen Hauptmahlzeit. -Die übrige Zeit des Tages konnten die Gäste -nach ihrem Belieben verwenden, und die Gastgeber -nahmen die gleiche Freiheit für sich in Anspruch, -die sie den Gästen gewährten. Sie tauchten einmal bei -dieser oder jener Gruppe auf und zogen sich in ihre -Privaträume zurück, sobald es ihnen gefiel.</p> - -<p>Den dunklen Buchenweg, der schnurgerade von der -Höhe des Schloßberges bis zum Gittertor am Ende des -Parkes führte, kam Lady Diana Maitland entlang. -Die Sonne war schon hinter den hohen Wipfeln der -Bäume verschwunden. Es begann kühl zu werden.</p> - -<p>Fröstelnd zog Lady Diana den leichten Seidenschal -enger um die Schultern zusammen. Sie bog in einen -Seitenweg ab, der durch ein Rosenrondell führte.</p> - -<p>Von der anderen Seite kam ihr eine Gestalt entgegen, -in der sie den Doktor Glossin zu erkennen glaubte. -Unwillkürlich hemmte sie den Schritt. Ihr Gefühl riet ihr, -einer Begegnung auszuweichen. Schon wollte sie stehenbleiben -und sich zu der Allee zurückwenden. Doch der -Gedanke, daß Dr. Glossin sie auch erkannt habe, gebot -ihr, den Weg weiterzugehen, dessen Rand mit einer Einfassung -der herrlichsten Rosenstöcke besetzt war.</p> - -<p>Nun stand Dr. Glossin dicht bei ihr.</p> - -<p>»Ich muß gestehen, Lady Diana, daß ich selten so -schöne Rosen sah wie diese hier. Sie lieben Rosen?«</p> - -<p>»Sehr, Herr Doktor. Doch ihr Anblick ist mir lieber -als ihr Geruch. Im Zimmer stört mich der berauschende -Duft.«</p> - -<p>»Oh, wie schade um die unzähligen Rosenspenden, die -Ihnen allabendlich zu Füßen flogen, als Sie in der -Metropolitan-Opera die Zuhörer entzückten.«</p> - -<p>Lady Diana brach eine Rose und steckte sie in ihren -Gürtel, ohne die Frage zu beantworten. Sie sprach -wohl selbst gelegentlich von ihrem früheren Bühnenleben, -aber sie liebte es nicht, von anderen daran erinnert zu -werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p> - -<p>Dr. Glossin schien den Wink nicht zu verstehen.</p> - -<p>»Die Stunden, in denen ich Ihrer unvergleichlichen -Stimme lauschen durfte, gehören zu den schönsten meines -Lebens. In besonderer Erinnerung sind mir die Abende, -an denen Sie mit Frederic Boyce zusammen auftraten. -Nie klang mir Ihre Stimme schöner als damals.«</p> - -<p>Ein kurzes Erröten glitt über die Züge der Lady. -Solche Worte aus dem Munde eines so neuen Bekannten -wie Dr. Glossin konnten nur als grobe Taktlosigkeit -aufgefaßt werden, oder …</p> - -<p>Sie witterte den Feind und änderte ihre Taktik.</p> - -<p>»Sie sind ein Freund der Musik, Herr Doktor? Vielleicht -auch einer der zahlreichen Rosenspender?«</p> - -<p>Sie versuchte, ihrer Stimme einen spöttischen Unterton -zu geben.</p> - -<p>»Ich kann es nicht leugnen, Mylady, ich gehörte auch -zu Ihren Verehrern. Als ich von Ihrem Abschied von -der Bühne las … ich war damals in San Franzisko -… war ich drauf und dran, am Tage Ihres letzten Auftretens -nach Neuyork zu fliegen. Wenn ich nicht irre, -war es im ›Fidelio‹, dem hohen Lied der Gattenliebe.«</p> - -<p>»Und warum kamen Sie nicht?«</p> - -<p>Lady Diana sagte es mechanisch. Ihre Sinne arbeiteten -fieberhaft. Sie fühlte, daß dies alles nur leichtes -Geplänkel war. Der Hauptangriff mußte von -anderer Seite kommen … Aber woher?</p> - -<p>»Warum nicht? … Ein seltsamer Fall hielt mich -einige Tage länger fest!«</p> - -<p>Er machte eine Pause.</p> - -<p>»Bitte, Herr Dr. Glossin, erzählen Sie, wenn es interessant -ist.«</p> - -<p>»Interessant? … Für die Allgemeinheit am Ende -kaum. Wohl aber für die, die es angeht. Wenn ich -nicht fürchtete, unangenehme Erinnerungen zu wecken …«</p> - -<p>»Wozu die Umschweife, Herr Doktor, bitte …«</p> - -<p>Lady Diana wußte, jetzt würde der Schlag erfolgen. -Und trotz der Ungewißheit, aus welcher Richtung er -kommen würde, klang ihre Stimme ruhig und fest.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span></p> - -<p>»Wenn es der Wunsch Eurer Herrlichkeit ist … nun -wohl … Als die berühmte Sängerin Diana Raczinska -die Ehe mit dem Sänger Frederic Boyce einging, -prophezeiten Eingeweihte ein schnelles Ende dieses im -Kunstrausch geschlossenen Bündnisses. Alle, welche die -Spieler- und Trinkernatur von Frederic Boyce kannten. -Schon nach einem halben Jahr war die Ehe derart zerrüttet, -daß die Scheidung eingeleitet wurde, Diana -Boyce wartete nur auf den gerichtlichen Spruch, um -einen neuen Bund mit Horace Clinton einzugehen …«</p> - -<p>»Sie wollten mir eine interessante Geschichte erzählen -… und bringen alte Dinge vor, die mir bei Gott -zur Genüge bekannt sind.«</p> - -<p>»Die kurze Einleitung war notwendig, Mylady. Ich -kam an jenem Abend Ihres letzten Auftretens vom -Strand in San Franzisko und verirrte mich in dem -Häusergewirr des Hafenviertels. Als ich an einer der -Schenken vorbeikam, aus der Toben und Brüllen betrunkener -Matrosen erklang, öffnete sich plötzlich die -Tür. Von rohen Fäusten gestoßen, flog ein Mann die -Stufen hinauf und schlug vor meinen Füßen hart auf -das Pflaster.</p> - -<p>Angewidert von dem häßlichen Auftritt, wollte ich -weitergehen. Da sah ich im Laternenschimmer, wie sich -eine Blutlache um den Körper des Betrunkenen bildete. -Das Blut entströmte einer starken Wunde im Nacken, -die wohl von einem Messerstich herrührte.</p> - -<p>Nach einigem Suchen fand ich eine Patrouille, die den -Verletzten nach der Polizeiwache brachte. Da ich den -Unfall teilweise mitangesehen hatte, mußte ich meine -Zeugenaussage darüber abgeben. Inzwischen hatte -der Polizeiarzt dem Verwundeten einen Notverband angelegt, -ihm das Gesicht von Schmutz und Blut befreit. -Der Mann war …«</p> - -<p>»Wer?«</p> - -<p>Lady Diana fühlte das Blut in ihrem Herzen stocken. -Sie senkte unwillkürlich das Haupt. Jetzt mußte der -Schlag kommen, der …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p> - -<p>»… war Frederic Boyce, Ihr totgeglaubter Gatte.«</p> - -<p>»Frederic …«</p> - -<p>Lady Diana begann zu taumeln und wäre zu Boden -gestürzt, hätte Dr. Glossin sie nicht aufgefangen.</p> - -<p>»Fassung, Mylady! Um Gottes willen! Ich bin außer -mir. Verzeihen Sie mein Ungeschick.«</p> - -<p>Er führte die halb Bewußtlose zu einer Bank und -nahm neben ihr Platz.</p> - -<p>»Frederic … Frederic …«</p> - -<p>Stoßweise rangen sich die Worte wieder und wieder -von den blassen Lippen.</p> - -<p>»Frederic Boyce ist tot, Lady Diana.«</p> - -<p>»Tot?« Die Augen der Lady öffneten sich unnatürlich -weit. »Sie … sagten … eben …«</p> - -<p>»Frederic Boyce starb zwei Stunden später. Der -Stich war tödlich.«</p> - -<p>Ein tiefes Aufatmen. Der Körper Dianas straffte sich.</p> - -<p>»Ist es die Wahrheit?«</p> - -<p>Sie schaute den Doktor an, als wolle sie im Innersten -seiner Seele lesen.</p> - -<p>Der Doktor entnahm seiner Brieftasche ein Papier und -überreichte es ihr.</p> - -<p>Lady Diana schüttelte den Kopf und ließ das Blatt -sinken.</p> - -<p>»Was ist es?«</p> - -<p>»Es ist eine Bescheinigung jenes Polizeiamtes in -Frisko über den am 9. Mai 1950 erfolgten Tod von -Frederic Boyce.«</p> - -<p>Lady Diana kreuzte die Hände über ihre Brust und -legte den Kopf an die Lehne der Bank. So saß sie -lange. Das Bild einer weißen Marmorstatue.</p> - -<p>»Erzählen Sie weiter, Herr Doktor.« Sie sagte es -mit einer Ruhe und Festigkeit, die Dr. Glossin in Erstaunen -versetzte.</p> - -<p>»Bei dem Toten fand man keine Papiere. Meine Angaben -über die Person wurden von der Polizei mit -Zweifeln aufgenommen. Hatten doch vor genau zehn -Tagen die Zeitungen über den Tod des Sängers Frederic<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -Boyce im städtischen Spital berichtet. Ich blieb -bei meiner Behauptung. Nachforschungen wurden angestellt. -Sie ergaben, daß der im Hospital Verstorbene -nicht der rechtmäßige Besitzer der bei ihm gefundenen -Papiere gewesen war. Er hatte sie dem richtigen Eigentümer -in der Trunkenheit entwendet. So wurde der -9. Mai als der Todestag von Frederic Boyce festgestellt.«</p> - -<p>Dr. Glossin machte eine Pause, um die Wirkung seiner -Worte auf Lady Diana abzuwarten. Vergeblich.</p> - -<p>Lady Diana bewahrte ihre statuenhafte Ruhe.</p> - -<p>Gereizt fuhr Dr. Glossin fort: »Es ergibt sich die -eigentümliche Situation, daß Eure Herrlichkeit mit Lord -Maitland oder, wie er damals noch hieß … mit Mr. -Clinton getraut wurde, während Ihr erster Gatte noch -lebte. Nach dem Gesetz kann Ihnen kaum ein Vorwurf -gemacht werden, da Sie im Besitz der freilich falschen -Sterbeurkunde waren. Aber … die Stimme der öffentlichen -Meinung wiegt schwer für Angehörige des -Highlife …«</p> - -<p>Lauernd wartete der Sprecher auf die Wirkung seiner -Worte.</p> - -<p>»Sind Sie fertig, Herr Dr. Glossin?«</p> - -<p>Glossin nickte stumm. Lady Diana maß ihn mit einem -Blick.</p> - -<p>»Wieviel verlangen Sie für Ihre Verschwiegenheit?«</p> - -<p>Wie von einem Peitschenhieb getroffen fuhr der Doktor -empor: »Mir das? … Sie wollen mir Geld anbieten -… Hüten Sie sich. Ich vergesse eine Beleidigung -niemals.«</p> - -<p>Lady Diana nickte gleichmütig.</p> - -<p>»Was verlangen Sie sonst, Herr Doktor?«</p> - -<p>»Ich bitte nicht weiter in diesem Ton. Ich könnte in -Versuchung kommen, das Gespräch abzubrechen … -Nicht zu meinem Schaden.«</p> - -<p>»Wozu erzählen Sie mir diese Geschichte, Herr -Doktor?«</p> - -<p>Glossin biß sich wütend auf die Lippen. Er glaubte, -seine Schlinge gut gelegt zu haben. Ein gefälschtes<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -Todesattest einer amerikanischen Polizeistation … für -Dr. Glossin war die Beschaffung lächerlich einfach gewesen. -Und er hatte Lady Diana damit einer wenn -auch unabsichtlichen Bigamie überführt. Seine Stellung -schien so stark, und trotzdem fühlte er sich in die Enge -getrieben.</p> - -<p>»Es wird der Tag kommen, Lady Diana, an dem Sie -diese Worte bereuen. Der Tag, an dem Sie mir freiwillig -die Hand zu einem Bündnis bieten werden. Dann -werde ich Sie an den heutigen erinnern.</p> - -<p>Heute bitte ich Sie nur um eine einfache Gefälligkeit, -die Ihnen keine Mühe bereitet, für mich sehr viel -bedeutet.«</p> - -<p>Lady Diana schaute sinnend auf ihre schlanken, weißen -Hände. Sie zweifelte, ob sie sie jemals dem Doktor -Glossin zum Bündnis reichen würde.</p> - -<p>Sie hatte in diesem Kampfe gesiegt. Aber innerlich -war sie bewegter und erschütterter, als es äußerlich erschien. -Wenn sie dem unbequemen Gast mit einer einfachen -Gefälligkeit den Mund stopfen konnte, wollte sie -es tun.</p> - -<p>»Was ist es, Herr Doktor?«</p> - -<p>»Ich muß zur Erklärung weit zurückgehen und in die -Hände Eurer Herrlichkeit eine Beichte ablegen. Ich war -nicht immer amerikanischer Bürger. Im Jahre 1927 -lebte ich als britischer Untertan in Mesopotamien. Ein -Ingenieur war dort tätig. Er machte eine Erfindung, -die dem englischen Reiche gefährlich werden konnte. Ich -setzte die britische Regierung davon in Kenntnis, und der -Erfinder verschwand im Tower. Ihr Gemahl Lord -Maitland muß darüber Bescheid wissen oder sich doch -mit Leichtigkeit orientieren können. Helfen Sie mir. -Ich muß wissen, ob Gerhard Bursfeld noch als Staatsgefangener -im Tower lebt … er wäre jetzt 65 Jahre … -oder was aus ihm geworden ist. Helfen Sie mir und -seien Sie meiner Dankbarkeit versichert.«</p> - -<p>»Gut, Herr Doktor, ich werde mit meinem Gatten<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -sprechen. Was geschehen kann, um Ihnen die gewünschte -Auskunft zu geben, soll geschehen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Lord Gashford, der englische Premier, hatte sein Kabinett -zu einer Besprechung bitten lassen. Die -Männer, welche vor dem Lande und dem Parlament die -Verantwortung für den gesicherten Fortbestand des britischen -Weltreiches trugen, waren im kleinen Konferenzsaal -in Downing Street versammelt. Lord Gashford -blickte sorgenvoll und sah überarbeitet aus. Er eröffnete -die Sitzung mit einem kurzen Überblick über die politische -Lage.</p> - -<p>»Die Politik Großbritanniens hat seit zwei Jahrhunderten -auf dem Grundsatze geruht, Kräfte, die dem -Reiche gefährlich werden konnten, gegeneinander zu -binden. Das Prinzip des Gleichgewichts, zuerst -für Europa erfunden, konnte nach dem Weltkriege -erfolgreich auf die überseeischen Mächte angewendet -werden. Der Streit zwischen Amerika und Japan -setzte uns in die Lage, Afrika von den letzten -Überbleibseln europäischer Kolonien zu säubern. Leider -haben diese Streitigkeiten mit dem vollkommenen Siege -der nordamerikanischen Union geendet. Die Kraft der -Union ist nicht mehr durch eine genügende Gegenkraft -gebunden.</p> - -<p>Das ist die Lage seit dem zweiten Frieden von San -Franzisko. Unsere Politik ist bestrebt gewesen, die romanischen -Staaten Südamerikas in einen Gegensatz zur nordamerikanischen -Union zu bringen. Die Erfolge sind leider -nur gering. Unsere Bemühungen, Japan zu stützen, -haben bedauerlicherweise beklagenswerte Folgen gehabt. -Kanada ist in so enge Beziehungen zur Union getreten, -daß es heute nur noch formell zum Reich gehört. -Australien steht im Begriff, gleichfalls Anschluß an das -Zollgebiet der Vereinigten Staaten zu nehmen. Diese -Umwälzungen vollziehen sich mit der Macht elementarer<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -Ereignisse. Wenn die Union weise wäre, ließe sie die Zeit -ruhig für sich arbeiten. Aber an ihrer Spitze steht eine -Person von unbezähmbarem Ehrgeiz.</p> - -<p>Wir müssen stündlich auf den Ausbruch des Krieges -gefaßt sein. Wir stehen Erscheinungen gegenüber, -die sich in keiner Weise irgendwie vorausberechnen -lassen. Ich denke dabei an das Wort eines meiner Vorgänger -vom politischen Alkoholismus. In jedem Falle -müssen wir jeden Moment in der Lage sein, die Herausforderung -anzunehmen und für den Bestand des Reiches -zu kämpfen.«</p> - -<p>Vincent Rushbrook, der Erste Lord der Admiralität, -erhielt das Wort:</p> - -<p>»Unsere maritimen Maßnahmen sind in erster Linie -darauf gerichtet, den Seeweg nach Indien zu beherrschen. -Eine Flotte von achthundert U-Booten liegt tiefgestaffelt -auf dem Bogen von Lissabon nach Marokko. Ihre Basis -wird durch unsere beiden großen Seefestungen von Gibraltar -und Ceuta gebildet. Ihre Vorpostenboote haben -auf der Länge von Island fremde U-Boote gesichtet. -Seitdem … es sind jetzt drei Tage … sind unsere Boote -und die Festungen in höchster Bereitschaft. Zwei -Sekunden nach dem Alarm können die Rohre von -Gibraltar und Ceuta feuern. Dieser Zustand läßt sich -aber nicht monatelang aufrechterhalten. Die Nerven der -Besatzungen leiden darunter. Meine Leute wollen lieber -heute als morgen kämpfen. In vier Wochen werden sie -zerrüttet sein, wenn es nicht zum Schlagen kommt.</p> - -<p>Auf der Landenge von Suez liegt eine Flotte von -30 000 Flugzeugen. Ich sehe nicht, wie ein Gegner in -das Mittelmeer eindringen könnte.«</p> - -<p>Der Premier ergriff von neuem das Wort.</p> - -<p>»Es ist gut, wenn die Flotte den Seeweg nach Indien -sichert. Aber auch die Beherrschung des Landweges -bleibt erwünscht. Warum haben wir Konstantinopel -vor 20 Jahren genommen, wenn wir die Straße nicht -benutzen? Die gerade Linie geht über Brüssel, Linz und -Belgrad nach Konstantinopel.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p> - -<p>Sie lieben uns nicht auf dem Kontinent. Der Russe -hat leider die irrtümliche Meinung, daß wir an allem -seinem Unglück seit 1904 schuld gewesen sind. Der Deutsche -wird immer noch von der eigenartigen Idee beherrscht, -daß wir vor 40 Jahren nicht für die Heiligkeit -der Verträge gegen ihn gekämpft haben. Der Franzose, -der Spanier und der Italiener sind verstimmt, weil wir -sie aus Afrika entfernt haben.</p> - -<p>Ich muß leider sagen, daß wir in den letzten 30 Jahren -zu wenig Wert auf die Bildung der öffentlichen Meinung -in Europa gelegt haben. Wir haben es nicht ungern gesehen, -daß Rußland sich allmählich vom Bolschewismus -säuberte. Es war uns bis zu einem gewissen Grade -willkommen, daß Deutschland im Bündnis mit dem genesenden -Rußland den Versailler Vertrag revidierte.</p> - -<p>Wir übersahen dabei, daß durch die Verständigung -zwischen Deutschland und Rußland eine Macht geschaffen -wurde, die sich im Laufe der Zeit automatisch zu einer -Übermacht Frankreich gegenüber entwickeln mußte. Die -Folge war die Verständigung zwischen Frankreich -und den beiden Oststaaten. Es kam zu der Bildung -der deutsch-französischen Industriegemeinschaft.</p> - -<p>Vom ersten Tage meiner Amtszeit an habe ich es als -meine wichtigste Aufgabe betrachtet, diese Gemeinschaft -zu lockern. Wir haben es versucht, den Chauvinismus -in den betreffenden Ländern nach Kräften -zu fördern. Leider sind die Erfolge nicht sehr bedeutend. -Der große Vorteil der Industriegemeinschaft ist zu augenfällig. -Immerhin müssen wir in dieser Richtung weiterarbeiten. -Ich komme zu dem Ergebnis, daß England -moralische Eroberungen auf dem Kontinent machen -muß.«</p> - -<p>William Chopper, der Presseminister, erbat sich das -Wort:</p> - -<p>»Für moralische Eroberungen braucht man eine gewisse -Zeit. Außerdem … die kontinentale Presse ist -in festen Händen. In Afrika und Asien können wir -jeden Tag englische Zeitungen gründen. In Deutschland<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -eine deutsche, in Frankreich eine französische Zeitung neu -zu schaffen, ist sehr schwer für uns. Wir können nur den -englischen Korrespondenten dieser Zeitungen durch unsere -eigene Presse bestimmte Ansichten in solcher Weise einimpfen, -daß sie dieselben schließlich für eigene und durchaus -dem Vorteil des Kontinents dienende Ideen ansehen.«</p> - -<p>Lord Gashford sprach weiter:</p> - -<p>»Jede feindselige Haltung des Kontinents muß verhindert -werden. Wir brauchen die volle Kraft der europäischen -Industrie für uns. Sie werden auf dem Kontinent -bereit sein, für beide Parteien zu liefern. Auf dem -kurzen Wege über den Pol werden die amerikanischen -Lastflugschiffe aus Europa an Kriegsmaterial wegschleppen, -was sie kaufen können. Das muß verhindert -werden. Der Kontinent darf nicht an beide Parteien -liefern. Er muß ein Interesse an unserem Siege -haben …«</p> - -<p>Sir James Morrison, der Erste Lord des Schatzes, fiel -seinem Kollegen ins Wort:</p> - -<p>»Es gibt eine Möglichkeit … Alle Staaten des Kontinents -schleppen die Kette amerikanischer Schulden -hinter sich her. Wir müssen ihnen die Annullierung -dieser Schulden versprechen. Dann haben sie ein -Interesse an unserem Siege. Es wird zu überlegen -sein, was sich für diese Versprechen einhandeln -läßt. Lieferung von Kriegsmaterial ausschließlich an -uns. Durchzugsrecht für unsere Truppen. Wenn möglich -direkte Unterstützung. Ich glaube, daß sich viel mit dem -Versprechen erreichen läßt …«</p> - -<p>Die Verhandlung löste sich in lebhafte Einzelgespräche -auf. Der Plan des Finanzministers war einleuchtend. -Er war genial und wie alle genialen Sachen verblüffend -einfach.</p> - -<p>William Chopper übernahm es, die Idee mit der -nötigen Vorsicht in die europäische Presse gelangen zu -lassen. Es war notwendig, daß von privaten Stellen -gleichzeitig in tausend Zeitungen die Möglichkeit, aus<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -der amerikanischen Verschuldung herauszukommen, in -Europa ventiliert wurde. Von drei Monaten, die er ursprünglich -für die Durchführung dieser Propaganda verlangte, -ließ sich der Presseminister auf zehn Tage herunterhandeln.</p> - -<p>Lord Gashford sprach:</p> - -<p>»Es ist widersinnig, die afrikanischen Rohstoffe und -Bodenschätze erst nach England zu schaffen und hier zu -verarbeiten. Wir müssen in Afrika eine Kriegsindustrie -aus dem Boden stampfen. In der Umgebung der großen -Kraftwerke des Sambesi und Kongo. Meine Herren, -ich halte es sogar für möglich, daß die britische Regierung -bei Kriegsausbruch nach Äquatoria übersiedelt.«</p> - -<p>Betretenes Schweigen folgte dieser Mitteilung. Die -englische Regierung sollte die britische Insel aufgeben, -sollte London verlassen? Das war nach der politischen -Tradition etwas ganz Unerhörtes.</p> - -<p>Lord Gashford bemerkte es wohl und fühlte sich zu -einer Erklärung verpflichtet.</p> - -<p>»Es ist unseren Agenten gelungen, einen Plan unserer -Gegner aufzudecken. Ich kann ihn nicht anders bezeichnen -als eine Ausgeburt der Hölle. Der Diktator hat -einen Teil seiner Luftflotte mit Bomben versehen lassen, -durch die beim Aufschlagen Pest- und Cholerakeime in -die Luft gewirbelt werden.«</p> - -<p>Rufe des Abscheus und Entsetzens kamen aus aller -Munde.</p> - -<p>»Das ist Stonards würdig«, rief Vincent Rushbrook -mit schneidender Stimme. »Möge ihn selbst die Pest -befallen.« Erst nach Minuten konnte Lord Gashford -fortfahren:</p> - -<p>»Der Plan verliert bei näherer Betrachtung an Gefährlichkeit. -Wir wissen genau, welche Teile der Flotte -mit den G-Bomben ausgerüstet sind. Unsere Luftstreitkräfte -müssen sich bei Eröffnung der Feindseligkeiten -augenblicklich auf diese Schiffe stürzen und sie vernichten, -bevor sie die britische Insel vergiften können. Gelingt -es trotzdem einigen, unser Land zu erreichen, so sind für<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -den betreffenden Bezirk sanitäre Maßregeln in Aussicht -genommen.</p> - -<p>Noch eins, meine Herren« – die Sätze wurden langsam -unter Betonung jedes einzelnen Wortes gesprochen -–, »es wäre in diesem Falle nicht zu vermeiden, -daß die Krankheiten auf das Festland übertragen -würden.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Right or wrong, my country</em>«, kam es halblaut -von den Lippen Rushbrooks, und andere Lippen flüsterten -es nach. Lord Gashford sprach in der langsamen, betonten -Weise weiter:</p> - -<p>»Gemeinsames Leid knüpft feste Bande! Meine Herren -… der Pfeil würde auf den Schützen zurückprallen -… das war es, was ich noch mitzuteilen hatte.«</p> - -<p>Drei Stunden später erschienen in einigen Blättern des -Kontinents die ersten Betrachtungen über die Möglichkeit, -die amerikanische Verschuldung loszuwerden. Der -Apparat William Choppers arbeitete bereits.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Teil_II">Teil II.</h2> -</div> - -<p>Und es kam der Tag, an dem sich in Linnais drei -Menschen stumm umarmten. Der Tag, an dem die -große Erfindung vollendet war.</p> - -<p>Tage angespanntester Arbeit in Laboratorium und -Werkstatt lagen hinter ihnen. Was jetzt kam, die Arbeit -in der Werkstatt, um die Konstruktionen auszuführen, -war körperlich leichtes Spiel, geistige Erholung.</p> - -<p>Die Hauptarbeit hatte Silvester getan. Hindernisse, -die immer wieder unvermutet auftauchten, hatte sein erfinderisches -Genie bewältigt. Wenn bei den anderen die -Zweifel laut oder leise sich regten, hatte er das Problem -mit unbeirrbarer Zuversicht von einer neuen Seite angefaßt. -Erik Truwor sah die Arbeit nicht ohne Sorge, -denn Silvester war körperlich nicht eben der stärkste. -Es kam wohl vor, daß er die Hände auf das in der Entdeckerfreude -übermäßig pochende Herz pressen mußte,<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -daß er mit wankenden Knien Minuten ruhen mußte, -bevor der Kampf weiterging.</p> - -<p>Nach einer letzten durcharbeiteten Nacht warf Silvester -mit glückselig stolzem Lächeln seine Feder hin. Das -Heureka des siegreichen Forschers kam über seine Lippen. -Dann sank er zusammen und fiel in einen tiefen, todähnlichen -Schlaf.</p> - -<p>Mit liebevollen Händen betteten sie den Zusammengesunkenen -auf seinem Lager.</p> - -<p>Atma hielt dort die Wacht.</p> - -<p>Erik Truwor litt es nicht länger in den engen Räumen. -Mit übervollem Herzen stürmte er hinaus, um allein -und im Freien seiner Gedanken und Pläne Herr zu -werden.</p> - -<p>Gedanken und Pläne von unerhörter Kühnheit, die -seit Wochen in ihm brodelten, zerrissen und sich von -neuem zusammenballten, wollten sich jetzt verdichten und -Gestalt annehmen. Schon eine Stunde stürmte er durch -den tiefen Wald und wußte nicht, wie er dorthin gekommen -war. Auf steilen Grashalden ging es bergan. -Geröll und Felsblöcke zwangen ihn, seine Schritte -zu verlangsamen. Als er die Höhe erreichte, rang er -nach Atem. Tief unter ihm lag der Strom. Sein -Rauschen drang nur noch gedämpft herauf. Dichte Nebelschwaden -zogen an den Talwänden. Ein frischer Wind -pfiff über die Höhen. Erik Truwor nahm den Hut -vom Kopf und ließ sich die erhitzte Stirn kühlen. Er -ließ sich auf einem Felsblock am Rande des Abhanges -nieder. So saß er lange still und starr wie der Stein -unter ihm.</p> - -<p>Die lauten und verworrenen Stimmen der vergangenen -Nächte begannen zusammenzuklingen zu einer -klaren, starken Melodie. Zu einem unnennbaren Hochgefühl -voll Zuversicht, Ruhe und Kraft, das von ihm -ausströmte und ihm entgegenströmte aus den stummen -Steinhalden, dem dunklen Grün der Föhren, den Spitzen -der fernen Bergkämme.</p> - -<p>In diesem Augenblick umspannte sein Geist weite<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -Räume und Zeiten, verknüpfte das Gegenwärtige mit -dem Vergangenen und Zukünftigen. Die Erinnerungen -an Pankong Tzo wurden lebendig. Die geheimnisvollen -Lehren und Sprüche, immer wieder mit der -gleichen Überzeugung und Gläubigkeit vorgetragen und -immer wieder zweifelnd von ihm aufgenommen. Jetzt -war die Stunde gekommen, die ihm der Abt in Pankong -Tzo mit lächelnder Zuversicht vorausgesagt.</p> - -<p>Die Stunde der Wandlung! Die Stunde, die sein -irdisches Dasein in zwei Leben teilte.</p> - -<p>Als er vor Tagen die Tragweite von Silvesters Erfindung -erkannte, als er die Möglichkeit erblickte, mit -ihrer Hilfe der Welt neue Gesetze, seine Gesetze vorzuschreiben, -hatte ihn die Größe des Gedankens erschreckt -und niedergedrückt. Jetzt war es entschieden.</p> - -<p>Das Schicksal hatte aus dem Alten in Pankong Tzo -gesprochen und ihn zu seinem Werkzeug erkoren.</p> - -<p>Mit festen Schritten ging er den Weg nach Linnais -zurück. Siegesgewiß. Von der Idee an seine Mission -erfüllt und getragen.</p> - -<p>Aus langem stärkenden Schlummer war Silvester erwacht. -Erfindung … Strahler … Konstruktionen, -alles das lag traumhaft hinter ihm.</p> - -<p>Jetzt, wo die gewaltigste Arbeit getan, seine Schöpfung -vollkommen war, kehrten seine Gedanken ungehemmt -zu früheren Dingen zurück. Sie gingen nach -Trenton. Sie flogen zu Jane.</p> - -<p>Er verstand sich selbst nicht mehr. Wie war es möglich, -daß er in diesen Tagen der Arbeit Jane so vollkommen -vergessen konnte. Hatte ihn das Problem verzaubert? -War ein anderer Einfluß wirksam? Er wußte -keine Antwort darauf.</p> - -<p>Er sah seine Verlobte. Sah sie in dem kleinen Hausgarten -ihre Lieblinge, die Blumen, pflegen. Er erblickte -sie im traulichen Beisammensein im Lichtschein der -Lampe. Er sah, wie beim Sprechen ein rosiger Blutschimmer -ihre zarten Wangen färbte und wie ihre Augen<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -aufstrahlten. Er sah sie in stillen Abendstunden in leichtem -schwebenden Gang an seiner Seite durch die Felder gehen.</p> - -<p>Dann sah er Dr. Glossin, und Sorge beschlich ihn. Er -mußte zu Jane, mußte sie schützen, mußte sie in Sicherheit -bringen. Liebe und Furcht mischten sich in seinen -Gedanken.</p> - -<p>Mit Ungeduld erwartete er die Rückkehr Erik Truwors. -In fliegender Hast trug er ihm seine Pläne und -Wünsche vor. Die Erfindung war vollendet. Die Ausführung -war eine Kleinigkeit. Wenn sie ohne seine Mitwirkung -etwas länger dauerte, was verschlug das.</p> - -<p>Mit unbewegter Miene hörte Erik Truwor die -Wünsche Silvesters.</p> - -<p>»Um eines Weibes willen willst du fahnenflüchtig -werden?«</p> - -<p>»Fahnenflüchtig? Was soll dieses Wort von deiner -Seite? Aus Janes Munde wäre es berechtigt.«</p> - -<p>»Und unsere Mission?«</p> - -<p>Erik Truwor sprach es mit starker Stimme.</p> - -<p>»Mission? Meine Aufgabe ist erfüllt. Das sagt mir -mein Innerstes. Die Erfindung ist vollendet. Was ich -zu geben hatte, habe ich gegeben. Die Werkstattarbeit -geht ohne mich. Was kommt es auf ein paar Tage -früher oder später an?«</p> - -<p>»In ein paar Tagen können Tausende von Männern -fallen, Tausende von Frauen Witwen werden. In ein -paar Tagen kann mehr Elend entstehen, als in Jahrzehnten -wieder gutzumachen ist.«</p> - -<p>»Du siehst schwarz. Erwartest du schon in nächster -Zeit den Kriegsausbruch?«</p> - -<p>»Gewiß! Täglich, stündlich können die ersten Schüsse -fallen. Deshalb muß der Apparat so schnell wie möglich -fertiggestellt werden. Wir sind ausgeruht. Nichts -hindert uns, sofort an die Arbeit zu gehen.«</p> - -<p>Silvester stand stumm. Widerstreitende Gefühle -kämpften in seinem Inneren. Er sah Jane in den Händen -Glossins. Er sah Schlachtfelder, bedeckt mit Toten -und Verwundeten … Ehre und Gewissen zwangen<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -ihn, seine Liebe zum Opfer zu bringen. Er tat es mit -blutendem Herzen.</p> - -<p>»Aber …« Die tiefe Erregung spiegelte sich in -seinen Augen wider … »Aber woher nimmst du die -Gewißheit, daß der Krieg schon in allernächster Zeit ausbrechen -wird? Dein Glaube gründet sich doch nur auf -Mutmaßungen.«</p> - -<p>Wortlos deutete Erik Truwor auf den Inder.</p> - -<p>»Du, Atma! Du sagst es?«</p> - -<p>»Ich sagte, was ich in den stillen Nächten sah, in -denen ihr arbeitetet. Ich sah die blanken Schwerter in -den Händen der feindlichen Brüder, bereit zum Töten.«</p> - -<p>Silvester senkte betroffen das Haupt. Die Voraussagen -Atmas waren untrüglich. Er wendete sich ab, -um seine innere Bewegung zu verbergen. Da fühlte er -die Arme des Inders sich um seine Schultern legen.</p> - -<p>»Der Krieg wird nicht kommen, bevor sich der Mond -vollendet. Als ich in der vergangenen Nacht an deinem -Lager wachte, sah ich, wie die Schwerter sich in ihre -Scheiden zurücksenkten. Die Hände der Männer blieben -am Griff.«</p> - -<p>»Was sagst du, Atma? Der Krieg ist aufgeschoben?«</p> - -<p>Erik Truwor trat näher an den Inder heran. Er hielt -den Papierstreifen des Telegraphenapparates zwischen -den Fingern.</p> - -<p>»Aufgeschoben. Das würde die veränderte Sprache in -diesen Telegrammen erklären.«</p> - -<p>»Aufgeschoben, bis der Mond sich erneut. Wir haben -Zeit. Zeit, deinen Willen zu tun, und Zeit, die Wünsche -Silvesters zu erfüllen.«</p> - -<p>Erik Truwor traf die Entscheidung. Für achtundvierzig -Stunden brauchte er die Hilfe Silvesters noch, um -alle Teile der neuen Konstruktion so weit fertigzumachen, -daß er sie dann selbst nur zusammenzusetzen brauchte.</p> - -<p>Sein Befehl war zwingend. Vergeblich suchte Silvester -dagegen zu kämpfen. Atma nahm die Partei Erik -Truwors.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span></p> - -<p>»Zwei Tage und zwei Nächte, Silvester. Dann haben -wir hier getan, was zu tun ist, und holen das Mädchen.«</p> - -<p>Mit einem Seufzer fügte sich Silvester dem Willen -seiner Freunde. Von neuem begann ein Arbeiten, ein -Schmieden, Feilen und Schleifen. Stahl und Kupfer gewannen -neue Formen, und in achtundvierzig Stunden -wuchsen die Teile, die den neuen großen Strahler bilden -sollten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Doktor Glossin saß im Gebäude der englischen Admiralität -vor einem dickleibigen, verstaubten Aktenstück -und wandte Blatt um Blatt.</p> - -<p>Da lag auf vergilbtem Papier, von seiner eigenen -Hand geschrieben, die kurze Mitteilung, durch die er damals -die Aufmerksamkeit des englischen Distriktskommissars -auf Gerhard Bursfeld lenkte. Das Briefchen hatte von -dort den Weg zu den nebligen Ufern der Themse gefunden, -und hatte seine Wirkung getan. Die folgenden -Schriftstücke sprachen davon.</p> - -<p>Der Bericht eines anderen Distriktskommissars an den -Oberkommissar, daß eine Bande räubernder Eingeborener -den Ingenieur Bursfeld entführt hätte. Mitteilungen -über die Mobilmachung von Militär. Eine -Expedition zur Befreiung des Entführten. Nebenher die -Mitteilung, daß das Sommerhaus Bursfelds bei der -Entführung in Flammen aufgegangen wäre. Ein Bericht, -daß man den Wiedergefundenen an Bord des Kleinen -Kreuzers »Alkyon« gebracht habe, daß seine Gattin -und sein Kind nirgend aufzufinden seien. Bis dahin -konnten die Berichte in jeder Zeitung stehen. Die englische -Regierung spielte darin die Rolle des Befreiers, -und nichts verriet, daß der Überfall bestellte Arbeit gewesen -war. Dann wurden sie ernsthafter und waren -nicht mehr für die Öffentlichkeit geeignet.</p> - -<p>Die Überführung Bursfelds in den Tower. Seine -erste Vernehmung über seine Erfindung. Seine Weigerung, -irgend etwas zu sagen. Wiederholte Vernehmungen<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -im Laufe der nächsten vier Wochen. Stets das -gleiche negative Ergebnis.</p> - -<p>Dann kam das letzte Schriftstück im Bündel. Die Mitteilung, -daß man Gerhard Bursfeld in der fünften -Woche seiner Gefangensetzung tot auf seinem Lager gefunden -habe. Nach einem Gutachten des amtierenden -Arztes am Herzschlag verschieden.</p> - -<p>Dr. Glossin atmete auf. Die Last einer dreißigjährigen -Vergangenheit fiel ihm vom Herzen. Gerhard Bursfeld -war tot. Er war gestorben, ohne daß die englische Regierung -etwas von seinem Geheimnis erfahren hatte. -Dr. Glossin suchte in seiner Erinnerung das wenige zusammen, -was er seinem Freunde damals entlockt hatte: -Die Behauptung der theoretischen Möglichkeit, an einem -Orte erzeugte Energie ohne materielle Verbindungen an -einer beliebigen anderen Stelle zu konzentrieren. Ein -kleiner Versuch, bei welchem eine fünfhundert Meter entfernte -Dynamitpatrone explodierte, als Bursfeld mit -einem kleinen Apparat ein paar Manöver ausführte. Die -strikte Weigerung des Freundes, irgend etwas Weiteres -zu sagen.</p> - -<p>Die beiden Worte »Telenergetische Konzentration« -hämmerten dem Doktor in den Schläfen. Gerhard Bursfeld -hatte die Worte gebraucht. Er war einem Geheimnis -auf der Spur gewesen, welches dem besitzenden -Staate die Weltherrschaft sicherte. Jedes Sprengstofflager -konnte man mit diesem Mittel aus der Ferne -sprengen. Die Patrone im Flintenlauf des einzelnen -Soldaten ebensogut explodieren lassen wie das Riesengeschoß -in den großen Rohren der Flottengeschütze.</p> - -<p>Ein großes, gelbes Kuvert bildete den Schluß des -Aktenstückes. Es enthielt die wenigen Papiere, die man -bei der Leiche des Inhaftierten gefunden hatte. Seinen -Paß und ein kleines Notizbuch mit Bleistiftaufzeichnungen. -Mit einem Schauer blickte Dr. Glossin auf die -ihm so vertrauten Schriftzüge. Kurze Notizen über den -damaligen Dienst in Mesopotamien. Abgerissene Worte -über den Überfall und die Entführung. Dann die Tragödie<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -im Tower. Das weiße Papier des Notizbuches -war zu Ende, und Gerhard Bursfeld hatte die letzten -Mitteilungen in deutscher Sprache zwischen die gedruckten -Zeilen des Kalendariums gekritzelt. So waren sie -wohl der Aufmerksamkeit seiner Wächter entgangen.</p> - -<p>»Donnerstag, den 13. Mai. Sichere Nachricht, daß -Rokaja und Silvester tot sind.«</p> - -<p>»Sonnabend, den 15. Mai. Sie versuchen, mir meine -Erfindung durch Hypnose zu entreißen.«</p> - -<p>»Sonntag, den 16. Mai. Ich habe heute nacht im Schlaf -gesprochen … Zeit, ein Ende zu machen. Ich entrinne -ihnen doch. Eine Luftblase in eine Vene geblasen, ich -bin frei. … Heute noch, bevor die Nacht kommt. -Rokaja … Silvester … ich sehe euch wieder.«</p> - -<p>Damit brachen die Mitteilungen ab.</p> - -<p>Dr. Glossin überlegte. Sie hatten dem Gefangenen -natürlich jedes gefährliche Stück abgenommen. Aber ein -Mann wie Gerhard Bursfeld wußte immer noch hundert -verschiedene Wege und Mittel zu finden, sich eine Vene -anzuschlagen und Luft einzublasen. Der Herzschlag, den -der Bericht als Todesursache angab, war dem Doktor -Glossin vollkommen klar.</p> - -<p>»Ich habe in der letzten Nacht gesprochen.« Nur diese -Worte bereiteten ihm Beklemmungen. Gerhard Bursfeld -war schwer zu hypnotisieren. Es war anzunehmen, daß -er den hypnotischen Einfluß gespürt … während des -Schlafes empfunden, sich instinktiv zur Wehr gesetzt hatte -und darüber erwacht war. So konnte es sein. Doktor -Glossin suchte sich einzureden, daß es so gewesen sein -müsse. Aber ein leiser Zweifel blieb übrig.</p> - -<p>Lord Maitland trat in den Raum, um nach seinem -Gast zu sehen.</p> - -<p>»Haben Sie alles gefunden, was Sie suchten?«</p> - -<p>»Ich ersah zu meinem Bedauern, daß meine damaligen -Bemühungen, der britischen Regierung einen -Dienst zu erweisen, vergeblich waren … Leider. Die -Welt hätte heute ein anderes Gesicht, wenn es gelungen -wäre. Gerhard Bursfeld besaß das Mittel, die Welt<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -aus den Angeln zu heben. Er hat es mit ins Grab genommen.«</p> - -<p>Dr. Glossin sprach die Worte langsam und beobachtete -jeden Zug und jede Miene des Lords. Aber dessen Antlitz -blieb völlig unverändert.</p> - -<p>»Ich habe den alten Akt auch durchgesehen. Unsere -Regierung hat sich damals viel Mühe um den Fall gemacht. -Wie Sie sehen, ganz umsonst. Es hat oft solche -Leute gegeben, die sich einbildeten, Gott weiß was erfunden -zu haben. Sie hätten den armen Narren -ruhig bei seinem Bahnbau sitzen lassen können. Jedenfalls -bin ich erfreut, Ihnen in dieser Angelegenheit gefällig -gewesen zu sein. Ich bitte Sie, über mich zu verfügen, -wenn Sie weitere Wünsche haben.«</p> - -<p>Dr. Glossin dankte. Er wäre Seiner Lordschaft aufs -äußerste verbunden und hätte keine weiteren Wünsche. -Wenn Seine Lordschaft jemals einen Gegendienst …</p> - -<p>Er überschwemmte Lord Maitland mit einer Flut von -Höflichkeitsfloskeln. Sie gingen ihm von der Zunge, -ohne daß er ihren Sinn überhaupt merkte. Dabei aber -erteilte er seinem Gegenüber mit größter Anstrengung -einen suggestiven Befehl.</p> - -<p>»Wenn du etwas von der Erfindung weißt, so sage -es.« Er hütete sich mit Gewalt, dabei selbst an die Erfindung -zu denken, denn er kannte die Gefahr, daß diese -Gedanken auf sein Gegenüber mitwirkten und als dessen -eigene reproduziert wurden.</p> - -<p>Lord Maitland blieb ruhig. Er erwiderte die Höflichkeiten -Amerikas mit denen Englands. Die Redensarten -der einen Seite waren genau so belanglos wie die der -anderen. Da wußte Dr. Glossin, daß Gerhard Bursfeld -sein Geheimnis mit ins Grab genommen hatte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Bedingung, an die Erik Truwor sein Versprechen -geknüpft hatte, trieb Silvester zu fieberhafter Tätigkeit -an. Er achtete kaum der Zeiteinteilung und arbeitete<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -die Tage und die hellen Nächte, nur getrieben von dem -einen Wunsch, den neuen Apparat fertig zu haben und -dann zu holen und zu sich zu nehmen, was ihm das -Teuerste war.</p> - -<p>In rastloser Arbeit schaffte er, bis das letzte Stück gegossen, -die letzte Speiche geschmiedet, die letzte Schraube -geschnitten war. Da ließ er den Drehstahl aus der Hand -sinken und wandte sich zu Erik Truwor: »Wenn du -wüßtest, in welcher Verzweiflung ich hier gestanden und -gearbeitet habe, wenn du meine jetzige Freude verstündest. -Doch du … du …«</p> - -<p>»Du …? Du weißt nicht, was Liebe heißt, wolltest -du sagen.«</p> - -<p>Silvester hörte den bitteren Unterton, der in den sarkastischen -Worten lag.</p> - -<p>»Du, Erik? Du, auch du …«</p> - -<p>Silvester schwieg. Er sah die tiefen Falten, welche die -Stirn Erik Truwors furchten. So hatte auch Erik -Truwor, der gegen alle Anfälle des Lebens gefeit schien, -ein Geheimnis, einen verborgenen Kummer.</p> - -<p>»Verzeih, Erik, wenn ich ungewollt eine Wunde berührte, -von der ich nicht wußte. Ich glaubte nicht, daß -dein Stahlherz je Frauenliebe verspürte.«</p> - -<p>»Kein Mann wird mit stählernem Herzen geboren. -Der es besitzt, hat es nach bitterer Enttäuschung und Entsagung -erworben. Die Wunde ist verharscht …«</p> - -<p>Wie mit sich selbst sprechend, fuhr er leise fort: -»Ganz verharscht und geheilt seit dem vorgestrigen -Morgen. Ohne Bewegung und ohne Bedauern kann ich -heute von einer Zeit erzählen, wo ich der glücklichste -Mensch auf Erden war … und dann der unglücklichste … -Es war während meines Pariser Aufenthalts.</p> - -<p>Die Verleumdung wagte sich an mein Ideal heran.</p> - -<p>Ich forderte den Verleumder und traf ihn tödlich. -Dann ging ich zu meiner Verlobten. Ich forderte Aufklärung. -Ihre Rechtfertigung ging an meinem Herzen -vorbei. Ich gab ihr den Ring zurück. Ging fort von -Paris, durchirrte die Welt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span></p> - -<p>Es hat vieler Jahre bedurft, bis ich die Ruhe wiederfand. -Heute denke ich anders darüber. Wenn ich -heute … Warum davon noch sprechen.</p> - -<p>Heute gilt es Mannestat! Was mich heute bewegt, -was mir Herz und Hirn erfüllt, schaltet jeden Gedanken -an ein Weib aus.</p> - -<p>Es gilt einen Wurf, der unsere Welt umgestalten -soll … Wenn du wieder zurück bist, wenn dein Herz -frei von der Sorge ist, will ich dir sagen, wozu das -Schicksal uns bestimmt hat.«</p> - -<p>»Wenn ich zurück bin, Erik. Jetzt denke an dein -Versprechen. Ich habe getan, was ich tun sollte.«</p> - -<p>Bevor Erik Truwor zu antworten vermochte, sprach -Atma: »Es ist nicht gut, das Mädchen in der Hand der -Gewalt zu lassen.«</p> - -<p>Atma saß zurückgelehnt. Seine Augen blickten weitgeöffnet -in die Ferne. Die Pupillen zogen sich eng und -immer enger zusammen. Seine Hände ruhten auf einem -tibetanischen Rosenkranz.</p> - -<p>»So sah er aus, als er mir riet … nein, befahl, nach -Trenton zu gehen.«</p> - -<p>Erik Truwor flüsterte es Silvester zu. Nach einigen -Minuten erschütterte ein tiefer Atemzug die Brust des -Regungslosen. Seine Pupillen bekamen wieder ihre -natürliche Weite. Er sprach: »Die feindliche Kraft ist -am Werke. Glossin hat den dritten Ring. Er sinnt auf -Böses. Wir müssen den Ring holen … und das -Mädchen.«</p> - -<p>Erik Truwor widersprach. Was solle der Ring? Auf -die Männer käme es an. Die wären zusammen!</p> - -<p>»Welchen Auftrag gab dir Jatschu?«</p> - -<p>Atma stellte die Frage tibetanisch, und Erik Truwor -antwortete in der gleichen Sprache: »Er sagte: Suchet -den dritten Ring!«</p> - -<p>»Das sagte er? Also müssen wir ihn suchen. Die Wege -des Lebens sind tausendfach verflochten. Was dir Nebensache -erscheint, wird zur Hauptsache, wenn das Rad sich -dreht. Erst den Ring! Dann das Mädchen und dann …<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -alles andere. So ist es bestimmt. So wird es geschehen.« -Atma hatte es leise und monoton, noch unter -der Einwirkung des kataleptischen Zustandes gesprochen. -Aber ein zwingender Wille ging von den Worten aus. -Unter dem Zwange gab Erik Truwor seine Einwilligung.</p> - -<p>»So sei es denn. Ihr beide mögt gehen, den Ring -und das Mädchen holen. Ich bleibe hier und baue den -Strahler. Brecht morgen mit dem frühesten auf. Tut, -was ihr tun müßt …«</p> - -<p>»Noch diese Nacht. In einer Stunde. Eile tut not.«</p> - -<p>Soma Atma sagte es. Der Inder, der lange Tage und -Wochen untätig verbringen konnte, der Stunden hindurch, -in die Betrachtungen seiner Lehre versenkt, wie -eine Bildsäule saß, während Erik Truwor und Silvester -mit Anspannung aller Kräfte arbeiteten, der sonst so -tatenlose Inder war jetzt ganz Willen und Tat.</p> - -<p>»In einer Stunde brechen wir auf. Die Maschinen -sind nachzusehen. Das Schiff muß hierhergebracht -werden. Den kleinsten Strahler müssen wir mitnehmen. -Wir könnten ihn brauchen.«</p> - -<p>Atma befahl, und die Freunde gehorchten seiner -Weisung.</p> - -<p>In einer Stunde läßt sich viel tun. Was Menschenkraft -zu tun vermag, geschah in dieser Zeit. Das Flugschiff -lag auf der Wiese vor dem Truworhaus. Die letzten -Vorbereitungen wurden getroffen. Dann ein kurzer -Händedruck, und ein silberner Stern schoß in die Wolken.</p> - -<p>Die hohe Gestalt Erik Truwors blieb allein auf dem -Feld zurück. Die Strahlen der Mitternachtsonne umströmten -ihn. Er stand und sah, wie die Sonne vom -tiefsten Stand ihres Bogens in Mitternacht sich hob -und stieg.</p> - -<p>Langsam schritt er seinem Hause zu und überdachte die -alte Weissagung. Sie verhieß Gewaltiges. Sie gab ihm, -der oft willens gewesen, das Leben wie ein unbequemes -Gewand abzutun, wieder Daseinszweck.</p> - -<p>Er trat in das Haus und ging in die Bibliothek. Den<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -alten Schweinslederfolianten ergriff er, der dort abseits -von den anderen Büchern in einer Truhe lag.</p> - -<p>Die Geschichte seines Geschlechtes. Auf vergilbtem Pergament -die handschriftlichen Aufzeichnungen seiner Ahnen -und Urahnen. Zurückgehend bis in das zehnte Jahrhundert. -Jede große europäische Bibliothek hätte diesen -Folianten mit Gold aufgewogen. Er schlug die alte so -oft gelesene Stelle auf. In diesem Teile war der Foliant -lateinisch geschrieben. Ein schwerfälliges, frühmittelalterliches -Latein. Der Schreiber brauchte lateinische Worte, -aber altnordischen Satzbau. Er schilderte die Ereignisse, -die sich zweihundert Jahre früher, um die Mitte des -zehnten Jahrhunderts, begeben hatten.</p> - -<p>»Da schickten die Slawen von Sonnenaufgang eine -Gesandtschaft zum Stamme Ruriks. Die sprach: -Sendet uns Männer, die uns beherrschen, denn wir -können uns nicht selbst regieren. Keiner will dem anderen -gehorchen. Zwietracht verheert das Land …«</p> - -<p>Ein Truwor war damals nach Rußland gegangen. -Männer aus Nordland hatten das zwieträchtige -Slawenvolk regiert und geeint. Vor tausend Jahren. -Die Weltgeschichte wiederholt sich nicht wörtlich. Aber -sie wiederholt sehr oft ein altes Thema mit freien -Variationen.</p> - -<p>Die Eintragungen in diesem Buche gingen bis in die -Gegenwart. Als letzte Bemerkung stand dort, von Eriks -Hand geschrieben, der Tod Olaf Truwors eingezeichnet. -Seitdem stand das Geschlecht der Truwor auf zwei -Augen. Auf den beiden Eriks, die jetzt suchend in die -helle Nacht blickten, als wollten sie kommende Jahre -durchspähen.</p> - -<p>Je länger sich Erik Truwor in die Erfindung Silvesters -vertiefte, desto gewaltiger erschien ihm die Macht, die sie -gewährte. Immer wieder suchte er mit nüchternen Gründen -gegen das Überwältigende der Idee anzukämpfen. -Es schien ihm unmöglich, daß eine Erfindung einem einzigen -Menschen die unbeschränkte Macht über die ganze<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -Welt verleihen solle. Und doch gelang ihm die Widerlegung -nicht.</p> - -<p>Er griff sich an die Stirn, als wolle er einen Traum -verscheuchen, der ihn narre. Er versuchte es zum zehnten- -und zwölftenmal von einer anderen Seite aus, und -immer wieder brachte ihn die Schlußkette an das nämliche -Ziel.</p> - -<p>Er konnte der Welt seine Befehle mitteilen. Elektromagnetisch -in Form drahtloser Depeschen. Der Strahler -ersetzte jede drahtlose Station.</p> - -<p>Die Welt konnte seine Befehle mißachten. Er konnte -Strafen auf die Mißachtung setzen, und er war in der -Lage, schwer zu strafen. Ganze Regierungen konnte er -einäschern. Die Sprengstofflager feindlicher Staaten zur -Explosion bringen. Eiserne Waffen elektromagnetisch -unbrauchbar machen.</p> - -<p>Alles konnte er. Nur einen schwachen Punkt hatte -seine Macht. Er war ein einzelner, war ein sterblicher -Mensch gegen Millionen anderer Menschen. Ein Schuß -konnte ihn töten. Eine Bombe konnte ihn mit seinem -Hause vernichten. Nie durfte er selbst an die Öffentlichkeit -treten, nie durften seine Gegner seinen Aufenthalt -erfahren. Seine Macht war übermenschlich, solange sie -geheimblieb und vom unbekannten Orte aus wirkte. Sie -wurde angreifbar, sobald die Gegner ihren Sitz und Ursprung -errieten.</p> - -<p>Erik Truwor ließ die vergilbten Pergamentblätter des -alten Folianten durch die Finger gleiten. Kam vom Pergament -zum Büttenpapier und schließlich zu einem Schuß -glatten Maschinenpapiers, den Olaf Truwor dem Buche -eingeheftet hatte.</p> - -<p>Wenige Zeilen in der charakteristischen Handschrift -seines Vaters: »Mit seltener Hartnäckigkeit hat sich in -unserer Familie die Sage erhalten, daß ein Sproß -unseres Stammes der Welt noch einmal Gesetze geben -wird. Ein Harald Truwor hat den Glauben -an die Legende Anno 1542 mit seinem Kopf bezahlt. -Ich habe es immer vermieden, von dem alten<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -Spuk zu sprechen. Hoffentlich kommt die Sage jetzt -endlich zur Ruhe.«</p> - -<p>Erik Truwor mußte trotz seiner ernsten Stimmung -lächeln. Es war ihm schon klar, wie solche -Sagen sich fortpflanzen. In den Dienerstuben -wurde davon gesprochen. So hatte er selbst als Kind -davon gehört, und die Erinnerung war bis heute haftengeblieben. -Auch ohne die Aufzeichnungen seines Vaters -hätte er darum gewußt. Etwas anderes erschien ihm -wichtiger. War die Sage begründet? Bestimmte das -Schicksal die Taten und Leistungen des einzelnen wirklich -auf Jahrtausende im voraus? Die Frage quälte ihn, -und er konnte die Antwort nicht finden.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Reynolds-Farm, an drei Seiten von steilen Felsen und -bewaldeten Anhöhen umgeben, liegt eingebettet in ein -Meer von Grün. Die letzten Bäume des Waldes berühren -mit ihren Kronen beinahe die Dächer der Gebäude. Einzelne -Rinnsale, die aus den Felsen hervorquellen, vereinigen -sich nahe der Besitzung zu einem stattlichen -Bach. Kurz vor der Farm ist er gezwungen, seinen -Lauf zu ändern und sich einen bequemeren Weg durch -die breiten Wiesenflächen zu bahnen, die sich nach der -Ebene an die Besitzung anschließen.</p> - -<p>In einem blaßblauen, leichten Gewand, den Kopf von -einem großen Schattenhut überdacht, schritt Jane über -den schmalen Brettersteg, der den Bach überbrückte. -Leichtfüßig begann sie die steinige Anhöhe hinaufzusteigen, -auf deren Gipfel eine einzelne riesige Buche ihr Blätterdach -weit ausbreitete. Es war ihr Lieblingsort. Zwischen -den rippenartig ausgehenden Wurzeln des gewaltigen -Stammes hatte sie ein Plätzchen gefunden, wo sie wie -in einem Lehnsessel ruhen konnte. Von hier aus vermochte -sie wie aus der Vogelschau Reynolds-Farm und -die weite grüne Grasfläche zu überblicken.</p> - -<p>Wie anders als in Trenton, wo Qualm und Dunst<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -der großen Staatswerke stets über dem Orte lagen. An -den Stamm des Baumes zurückgelehnt, ließ Jane die -frische Morgenluft um die Stirn wehen, während ihr -trunkenes Auge über die weite grüne Landschaft -schweifte. Wie glücklich hätte sie hier sein können. Wie -wäre die Mutter in diesem milderen Klima aufgelebt, -vielleicht ganz gesundet … und Silvester? … Wo -war er? Lebte er noch? Warum kam kein Lebenszeichen -von ihm? … Trübe Schatten senkten sich auf -ihre Stirn. Sie atmete unruhig. Ein Seufzer hob -ihre Brust. Mit ganzer Seele klammerte sie sich an -den Gedanken, daß er bald kommen und sie holen möchte.</p> - -<p>Dr. Glossin? … Gewiß, er war stets liebevoll und -zuvorkommend zu ihr. Aber immer wieder tauchten verworrene -Gedanken in ihr auf. Beunruhigend, warnend, -trübten sie das Gefühl der Dankbarkeit. Der Zwiespalt -quälte sie oft so, daß sie den Gedanken erwog, die Farm -für immer zu verlassen. Doch wohin? Und würde sie -Silvester finden, wenn sie nicht mehr in Reynolds-Farm -weilte?</p> - -<p>Um sich von dem Grübeln zu befreien, griff sie zu -einem Buch, das sie der Bibliothek des Doktors entnommen -hatte, und begann zu lesen. Doch nicht lange. -Dann entsank es ihren Händen, und ein wohltätiger -Schlummer umfing sie. Sie überhörte die Schritte des -Doktors, der nach ihrem Weggange gekommen und von -Abigail nach der einsamen Buche geschickt worden war.</p> - -<p>Glossin stand vor ihr und betrachtete entzückt diese wie -von Bildnerhand geschaffene Gestalt, dies edel und weich -gezeichnete Gesicht mit den rosigen Farben und dem -sanften Mund. Er kniete neben ihr nieder, ergriff behutsam -ihre Hand und fuhr fort, sie mit seinen Blicken -zu umfassen. Dies alles gehörte jetzt ihm, wie er meinte. -Gehörte ihm für immer. Niemand würde es ihm mehr -streitig machen können.</p> - -<p>Dr. Glossin war ein Mann von eiserner Willenskraft -und ungewöhnlicher Beharrlichkeit. Das einzige Kraftlose -an ihm war sein Gewissen. Tiefere Herzensbedürfnisse<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -hatte er bisher nicht gekannt. Wollte es der Zufall, -daß ein weibliches Wesen vorübergehend die Leidenschaft -in ihm weckte, hatte er es sich mit allen Listen einer -gewissenlosen Moral willig gemacht. Wären die Mauern -von Reynolds-Farm nicht stumm gewesen, sie hätten -über manche Tragödie Aufschluß geben können, die -irgendwo begann und hier ihren Abschluß fand.</p> - -<p>Nur eine große Leidenschaft hatte Dr. Glossin in -seinem Leben gehabt. Damals, als Rokaja Bursfeld -seinen Weg kreuzte.</p> - -<p>Als er Jane Harte zum erstenmal sah, hatte er das -gute Medium für seine hypnotischen Versuche in ihr erblickt, -ein wertvolles Mittel für die Ausführung seiner -Pläne. Nur deshalb hatte er an ihrem Schicksal Interesse -genommen. Bis er sich durch Silvester Bursfeld in -ihrem Besitze bedroht sah und die Flamme einer plötzlichen -Leidenschaft in dem alternden Mann aufloderte.</p> - -<p>Oft hatte er seine Schwäche verwünscht, ohne doch dieser -Leidenschaft Herr werden zu können. Daß das Mädchen -ihn, der dem Alter nach recht gut ihr Vater sein -konnte, nicht aus vollem Herzen liebte, ja vielleicht nie -lieben würde, wußte er. Aber der Gedanke, Jane sein -Eigen zu wissen, ließ alle Bedenken schwinden.</p> - -<p>Dr. Glossin beugte sich über Janes Hand, die in der -seinen ruhte, und preßte die Lippen darauf. Mit einem -leichten Ausruf des Schreckens fuhr Jane aus ihrem -Schlummer empor. In der ersten Überraschung schenkte -sie der sonderbaren Stellung des Arztes keine Beachtung.</p> - -<p>»Ah, Sie, Herr Dr. Glossin! … Oh, wie freue ich -mich, daß Sie gekommen sind. Sie werden mich undankbar -schelten, aber ich muß es Ihnen sagen, die Einsamkeit -in Reynolds-Farm bedrückt mich.«</p> - -<p>»So wünschen Sie, daß ich häufiger komme, daß ich -länger bleibe … für immer bei Ihnen bleibe, Jane?«</p> - -<p>Jane senkte errötend den Kopf. Die fürsorgliche Liebe, -die aus den Worten des Doktors klang, setzte sie in Verwirrung. -Sie wollte sagen, daß er sie falsch verstanden<span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span> -habe, daß sie aus Reynolds-Farm weg wolle. Und brachte -doch die Worte, die undankbar klingen mußten, nicht -über die Lippen.</p> - -<p>Von seiner Leidenschaft verblendet, glaubte Dr. Glossin, -daß Janes Zurückhaltung ihr nur als Schutzwehr -gegen ein wärmeres Gefühl dienen sollte.</p> - -<p>»Jane! Darf ich, soll ich immer bei Ihnen bleiben?«</p> - -<p>Sie antwortete nicht sogleich. Ihre Hand zuckte in -der seinen. Ein Ausdruck flehender Hilflosigkeit kam -über ihr Gesicht.</p> - -<p>»Ich weiß nicht«, sagte sie tonlos. »Es ist …« – sie -legte die Hand aufs Herz –, »es ist so fremd hier.«</p> - -<p>»Nicht hier allein. Überall in der Welt! Wo der eine -ist, soll auch der andere sein. Jane, sehen Sie mich an. -Ich will offen mit Ihnen sprechen. Ich verlange nach -einem Heim, einem Weib, einer Friedensstätte. Der -Blick Ihrer Augen, der Ton Ihrer Stimme, Ihre geliebte -Nähe, sie werden mir alles bringen. Wert bin ich Ihrer -nicht, ja, ich weiß, es ist unedel, wenn ich Ihr blühendes -junges Leben an das meine ketten will. Aber ich kann -nicht anders, und, Jane, ich liebe Sie, liebe Sie mehr, -als ich Ihnen sagen kann. Wollen Sie mir folgen, wohin -ich auch gehe, als mein Liebstes auf Erden, als mein -Weib? … Sie sprechen das Wort nicht, Jane? Sie -entziehen mir Ihre Hand und wenden sich ab von mir?«</p> - -<p>Glossin schwieg. Seine Stimme war während der -letzten Worte immer leiser geworden, sein Atem ging -schwer. Er richtete sich auf und starrte auf Jane, welche -die Hände vor das Gesicht geschlagen hatte und weinte. -Er war enttäuscht und überrascht, aber nicht abgeschreckt, -nicht entmutigt.</p> - -<p>»Verzeihen Sie mir, Jane. Ich habe Sie mit meiner -stürmischen Werbung erschreckt. Ich will Ihnen Zeit -lassen, mir die Antwort zu finden. Sie werden mich -näher kennen- und liebenlernen.«</p> - -<p>»Nein, Nein! Ich liebe Sie nicht, ich werde Sie nie -lieben!«</p> - -<p>Jane rief es und brach in neue Tränen aus, in leidenschaftliche,<span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span> -unaufhaltsame Tränen. Glossin wurde totenbleich.</p> - -<p>»Ist das die Antwort? Haben Sie kein Verständnis -für das, was ich leide, kein Gefühl, kein Mitleid?«</p> - -<p>Seine Augen flammten unheimlich auf, seine Brust -arbeitete heftig. Die Leidenschaft übermannte ihn. Er -warf sich ihr zu Füßen nieder und flehte um Erhörung.</p> - -<p>»Nein, ich will Sie nicht länger hören.«</p> - -<p>Jane war aufgesprungen und wich abwehrend vor -dem Doktor zurück.</p> - -<p>»Ich will nicht … will nicht«, und ehe er Zeit hatte, -sich zu erheben, hatte sie sich umgewendet und eilte in -fliegender Hast den Abhang hinunter.</p> - -<p>Mit einem Ausruf, halb Seufzer, halb Fluch, starrte -ihr Glossin nach … Was beginnen? Mit innerer Qual -durchlebte er den Auftritt in Gedanken noch einmal. Und -dann überkam ihn mit wütender Scham das Bewußtsein, -daß er verschmäht war.</p> - -<p>Er schlug sich mit geballter Faust vor die Stirn, als -wollte er alle bösen Gewalten hinter ihr wieder erwecken.</p> - -<p>»Tor, der ich war! Welcher Teufel verblendete mich? -Diesem Logg Sar gilt ihre Liebe, nicht mir. Er soll mir -nicht entgehen, und wenn die Hölle mit ihm und seiner -Erfindung im Bunde stände!«</p> - -<p>So schnell, als es ihm möglich war, eilte er dem Hause -zu. Ohne Zaudern trat er in Janes Stübchen.</p> - -<p>Dr. Glossin sah durch die halbgeöffnete Tür, die zu -dem Schlafzimmer führte, daß Jane vor einer Handtasche -kniete und Kleider und Wäsche hineinpackte.</p> - -<p>»Ah, wie ich dachte. Doch nein, mein Kind, nicht wie -du willst, sondern wie ich will. Und ich will dich an -Reynolds-Farm ketten, fester, als Wächter und Gitter es -vermöchten.«</p> - -<p>Er streckte die Hand gegen sie aus und trat langsam -auf sie zu. Jane drehte sich um und öffnete den Mund, -als wolle sie einen lauten Schrei ausstoßen. Doch kein -Laut kam über die Lippen, die sich langsam wieder -schlossen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span></p> - -<p>»Der Morgenspaziergang wird Sie müde gemacht -haben, liebe Jane. Legen Sie sich auf den Diwan, und -ruhen Sie bis zum zweiten Frühstück. Wir werden es -gemeinsam in der Laube am Bach einnehmen, und danach -werde ich mich zur Abreise rüsten. Wird es Ihnen leid -tun, wenn ich wieder fortgehe?«</p> - -<p>»O sehr, Herr Doktor! Ich werde traurig sein, wenn -ich wieder allein bin … ohne Sie.«</p> - -<p>Glossin nickte, ein bitteres Lächeln grub sich um seinen -Mund. Er trat an das Ruhebett, auf das sich Jane mit -geschlossenen Augen niedergelegt hatte, heran und setzte -sich an dem Rande nieder. Er fühlte ihren warmen -Atem. Der Duft ihres üppigen Haares, ihres jugendschönen -Körpers umschwebte ihn. Ihre halbgeöffneten -Lippen schienen nach Küssen zu verlangen. Er öffnete -die Arme, als wollte er sie umschlingen. Doch die Vernunft -siegte. Er wandte das Gesicht weg und eilte, ohne -sich umzudrehen, hinaus. Seine Lippen preßten sich -aufeinander, als habe er einen bitteren Trunk getan.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Seit zwei Stunden saßen die Ministerpräsidenten -Deutschlands, Frankreichs und Rußlands im Auswärtigen -Amt in der Wilhelmstraße zusammen. Sie hatten -sich hier getroffen, um sich über eine gemeinsame Haltung -in dem zu erwartenden englisch-amerikanischen Konflikt -zu verständigen. Doktor Bauer, der Vertreter Deutschlands, -faßte das Ergebnis der langen Unterhaltung noch -einmal kurz zusammen.</p> - -<p>»Die Sympathien … oder vielleicht sage ich besser -die Antipathien … für die beiden Gegner sind in den -von uns vertretenen Ländern ziemlich gleichmäßig verteilt. -Wir haben keinerlei Grund, uns von dem einen -oder dem anderen ins Schlepptau nehmen zu lassen. Wir -sind an Amerika verschuldet, und England wird uns wahrscheinlich -die Annullierung unserer amerikanischen -Schulden als Belohnung für eine Gefolgschaft in Aussicht<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -stellen. Wir sind uns klar darüber, daß dies Versprechen, -so vorteilhaft es klingen mag, keineswegs ein -günstiges Geschäft für unsere Staaten bedeutet. Wir -müßten unsere Länder den englischen Heeren für den -Durchzug öffnen und fast sicher auch beträchtliche Opfer -an Gut und Blut für eine Sache bringen, die keines -unserer Länder interessiert …«</p> - -<p>Der baltische Baron von Fuchs, der Vertreter Rußlands, -nickte schweigend mit dem mächtigen Schädel. Er -gedachte der Zeit vor vierzig Jahren, als sein Vaterland -sich als erstes europäisches Reich für englische Interessen -verblutete. Der hitzigere Franzose platzte mit einem -Zwischensatz heraus.</p> - -<p>»<em class="antiqua">C'est ça</em> … wir bluten, und England erntet.«</p> - -<p>Der Deutsche fuhr fort: »Ich rekapituliere weiter. Es -ist für uns auch wirtschaftlich vorteilhafter, die unbedingte -Neutralität zu wahren und für die beiden kriegführenden -Parteien mit allen Kräften zu liefern. Die -Industriegemeinschaft, welche die französische und deutsche -Industrie seit fast einem Menschenalter verbindet, -wird die Abmachungen über die Preise für Kriegsmaterial -aller Art erleichtern. Um auch Einheitlichkeit -mit der russischen Industrie zu sichern, wird so schnell wie -möglich ein Industrieausschuß der drei Länder gebildet. -Die beiden Kriegführenden müssen uns jeden Preis -bewilligen. Wir werden die Preise so stellen, daß wir -unsere Schulden loswerden und darüber hinaus verdienen. -Das, meine Herren, wären die ersten beiden -Punkte unserer Abmachungen. Unbedingte Neutralität -und Lieferung an beide Teile zu vereinbarten Preisen. -Es ist drittens die Möglichkeit erörtert worden, daß der -eine oder andere der beiden Gegner unsere Neutralität -nicht respektiert. Dann ist der <em class="antiqua">Casus foederis</em> gegeben. -Unsere drei Länder werden jeden Neutralitätsbruch durch -einen der Kriegführenden mit vereinten Kräften abwehren.«</p> - -<p>»Das sind unsere Abmachungen.« Der Baron von -Fuchs sagte es langsam und bedächtig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span></p> - -<p>Das war der Kern der Sache: »Neutral bleiben, -verdienen und einig sein.« So präzisierte es der Marquis -de Villaret noch einmal in drei Schlagworten.</p> - -<p>»Dann, meine Herren, werde ich, Ihre Zustimmung -vorausgesetzt, ein Kommuniqué für die Abendblätter -ausgeben lassen. Der telegraphische Bericht wird für -Moskau und Paris noch zurechtkommen. Das Kommuniqué -wird nur den Beschluß der Neutralität und die -feste Entschlossenheit, diese mit allen Mitteln zu bewahren, -enthalten. Die wirtschaftlichen Abmachungen -bleiben vorläufig unerörtert.«</p> - -<p>Der Baron von Fuchs und der Marquis de Villaret -bestiegen ihre vor dem Amte wartenden Kraftwagen.</p> - -<p>Allerlei Volk hatte sich vor dem Amte versammelt. -Alte Veteranen aus dem Weltkriege, die noch die Erinnerungszeichen -eines Kampfes auf der Brust trugen, -der der jüngeren Generation wie eine Sage aus alter -Mythenzeit klang. Blühende Jugend, die nichts mehr -von den Hunger- und Elendsjahren Deutschlands wußte. -Dazwischen Männer in bestem Alter. Vertreter der -Industrie und des Handels. Repräsentanten großer -Werke und Häuser. Sie verlauerten hier am Straßenrande -vor dem eisernen Gitter ihre Stunden, die sie -sich sonst minutenweise mit Gold bezahlen ließen. Die -Nachricht von der Konferenz der drei Ministerpräsidenten -hatte ganz Berlin, ganz Deutschland und ganz Europa -in Aufregung gebracht. Dr. Bauer begleitete seine auswärtigen -Kollegen bis an den Wagenschlag, und während -er ihnen zum Abschied noch einmal die Hand schüttelte, -sagte er: »Unbedingte Neutralität.« Er sprach es so -laut, daß die Nahestehenden es deutlich verstehen konnten. -Wie ein Lauffeuer ging das Wort die Straße hinauf. -Es lief die Linden entlang und flatterte von Mund zu -Mund durch die Leipziger Straße. »Unbedingte Neutralität!« -… »Wir bleiben neutral!« … »Wir lassen -uns von keinem an den Schlitten fahren!« … »Die -Brüder sollen ihre Sache selber besorgen!« …</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span></p> - -<p>So flogen die Worte zwischen den Straßenpassanten -hin und her.</p> - -<p>»Das einzig Vernünftige, was unsere Regierung tun -konnte.«</p> - -<p>»Selbstverständlich, das einzig Richtige. Wir schonen -unsere Knochen und verdienen unser Geld.«</p> - -<p>Ein Kaufmann rief es an der Ecke der Behren- und -Wilhelmstraße dem anderen zu.</p> - -<p>»Haben Sie schon gehört, Herr Geheimrat, wir bleiben -absolut neutral.«</p> - -<p>Ein Bankdirektor sagte es einem höheren Beamten -aus dem Ministerium.</p> - -<p>»Ich hörte es. Aber ich denke an die Zukunft. Einer -von den beiden muß siegen. Dem Sieger gehört dann -die ganze Welt. Wir auch, Herr Direktor.«</p> - -<p>»Nicht so pessimistisch, Herr Geheimrat. Die Kämpfenden -werden sich furchtbar schwächen. Wie die beiden -Löwen in der Sahara, die sich bis auf die Schwanzspitzen -aufgefressen haben. Die Welt gehört dann uns, -Herr Geheimrat.«</p> - -<p>»Der Himmel mag es geben.«</p> - -<p>Der Geheimrat ging weiter. Er war so ziemlich der -einzige, der Bedenken hatte. Schon erschienen die ersten -Extrablätter und verkündeten die Entschließung der Regierung.</p> - -<p>An den Fernsprechern standen die Vertreter der auswärtigen -Zeitungen und Industriewerke und teilten den -Beschluß nach dem Rheinland, nach Westfalen, Schlesien -und Danzig mit. Die Industrie wartete seit Wochen -auf das Stichwort, nach dem sie auftreten sollte. Jetzt -war es gefallen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Reinhard Isenbrand, der Chef der großen Essener -Stahlwerke, saß mit den vier Generaldirektoren der -Werke zu intimer Besprechung versammelt.</p> - -<p>»Meine Herren, wir müssen für unsere Werke zu -der politischen Lage Stellung nehmen. Ich glaube nicht<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -mehr, daß sich die weltgeschichtliche Auseinandersetzung -zwischen England und der Union aufhalten läßt. Der -Wetterzeichen sind zu viele, als daß ich noch an eine -friedliche Entspannung glauben könnte.«</p> - -<p>Der junge energische Chef der Werke machte eine kurze -Pause und blickte seine Mitarbeiter an. Unbedingte -Zustimmung lag auf den Mienen von Philipp Jordan, -der das Auslandgeschäft der Firma unter sich hatte. -Zustimmend nickte der kaufmännische Generaldirektor -Georg Baumann. Sie überschauten die politische Lage -vollkommener als Professor Pistorius, der Chefkonstrukteur, -und Fritz Öltjen, der Schöpfer der neuen Edelstahlfabrikation. -Die beiden Techniker hatten noch die -leise Hoffnung einer friedlichen Verständigung, wo die -Kaufleute bereits eine unaufschiebbare Auseinandersetzung -mit Waffengewalt erblickten.</p> - -<p>Reinhard Isenbrand fuhr fort: »Nehmen wir den -Konflikt als sicher an, so ist die Stellung Deutschlands -und Europas zu ihm das Nächstwichtige … für uns -das Wichtigste. Nach meinen Berliner Informationen -wird Europa neutral bleiben. Die Pressestimmen, die -sich seit einigen Tagen mit der Annullierung der europäischen -Amerikaschulden durch ein siegreiches England -befassen, halte ich für bestellte Arbeit. Eine direkte Beteiligung -Europas an diesem Kriege wäre selbstmörderisch. -Sie wäre überhaupt nur an der Seite Englands -denkbar, aber dann wäre unser Land den Einwirkungen -der amerikanischen Kriegsmittel fast wehrlos preisgegeben. -Ich glaube, wir brauchen die Möglichkeit einer -direkten Beteiligung am Kriege überhaupt nicht ernsthaft -zu erörtern. Desto mehr aber unsere Maßnahmen -als neutraler Staat.</p> - -<p>Es ist klar, daß wir beide Parteien beliefern können, -ohne unsere Neutralität zu verletzen. Die Sentimentalität -haben wir Gott sei Dank verlernt. Mögen im -Publikum Sympathien für diese oder jene Seite hier oder -dort vorhanden sein. Für uns ist es reines Lieferungsgeschäft.<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -Eine Möglichkeit, durch intensive Arbeit -unsere Volkswirtschaft zu heben … die letzten Spuren -vergangener Kriegsjahre zu tilgen.</p> - -<p>Auch über die Transportfrage brauchen wir uns den -Kopf nicht zu zerbrechen. Wir liefern frei ab Essen. -Wie die Besteller die Ware von dort weiterschaffen, ist -ihre eigene Sache. Sind die Herren der gleichen Meinung?«</p> - -<p>Philipp Jordan erbat das Wort.</p> - -<p>»Die Transportfrage ist für England sehr einfach. -Es bringt die Fabrikate auf dem Landwege und durch -den Kanaltunnel bequem auf die Insel. Bis Calais -deckt die Neutralität die Transporte. Von dort der -Unterseetunnel … wenn er nicht wider Erwarten von -amerikanischer Seite zerstört wird.</p> - -<p>Für die Transporte nach Amerika kommen U-Boote -und Flugschiffe in Betracht. Ich hörte, daß die Union -mit zwanzig Prozent Verlust aller Sendungen auf dem -Luftwege durch den Kaperkrieg rechnet. Der Satz ist -in ihren Kalkul eingestellt.</p> - -<p>Aber die Transportfrage ist nicht unsere Sorge. Sie -ist nicht einmal die Hauptsorge der Kriegführenden. -Beide Parteien werden vielfach nur kaufen, um die Ware -für den Gegner zu sperren, und werden sie ruhig hier -im Lande lassen.«</p> - -<p>»Dann die Frage der Preise?«</p> - -<p>Reinhard Isenbrand sagte es mit einem Blick auf -Georg Baumann.</p> - -<p>»Die Preise sind durch die deutsch-französische Industriegemeinschaft -festgelegt. Nach unten, nicht nach -oben …«</p> - -<p>Georg Baumann legte die Hand auf eine starke Preisliste.</p> - -<p>»Hier sind die Grundpreise für Stahl und alle Stahlfabrikate. -Wir haben in der Gemeinschaft verhandelt -und für den Fall des Kriegsausbruches einen sofortigen -Aufschlag von 300% in Aussicht genommen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span></p> - -<p>»Was sollen wir verkaufen?«</p> - -<p>Die Frage des Chefs war allgemein gestellt. Professor -Pistorius ging an ihre Beantwortung.</p> - -<p>»Das wird in der Hauptsache von der Länge des bevorstehenden -Krieges abhängen. Für kurze Kriegsdauer -Halbfabrikate. Bei längerer Kriegsdauer Fertigfabrikate. -Sachverständige rechnen damit, daß 40% sämtlicher -Luftstreitkräfte in den ersten zehn Kriegstagen vernichtet -sein werden. Es wird alles davon abhängen, ob der -Krieg so lange dauert, daß ein Ersatz des verlorenen -Materials in Frage kommt. Die Amerikaner suchen -durch die Masse zu ersetzen, was ihnen an Qualität abgeht. -Sie arbeiten fieberhaft am Ausbau ihrer R. F. c.-Flotte. -Inzwischen ist unser Typ ausgebildet, der die -anderthalbfache Geschwindigkeit entwickelt. Die Kriegführenden -werden uns jeden Motor der neuen Type zu -jedem Preise aus den Händen reißen …«</p> - -<p>Ein Klingelzeichen der pneumatischen Post auf dem -Seitentisch. Ein Briefchen sprang aus der Kapsel. Es -war an Philipp Jordan adressiert. Reinhard Isenbrand -runzelte unwillkürlich die Brauen. Die Konferenz sollte -nicht gestört werden.</p> - -<p>Jordan riß den Umschlag auf.</p> - -<p>»Das Wettrennen hat begonnen. Mein Vertreter meldet -mir, daß Mr. Stamford als Bevollmächtigter von -Cyrus Stonard bei ihm ist. Er will unsere gesamte -Rohstahlerzeugung ab Kokille kaufen. Fest für zwei -Jahre. Zweitausend Dollar die Tonne.«</p> - -<p>»Alle Wetter. Der Herr aus Amerika hat es eilig.«</p> - -<p>Der Ruf entfuhr Fritz Öltjen, der um seinen Stahl -besorgt war.</p> - -<p>»Wird nicht gemacht.« Isenbrand sagte es kurz und -knapp. »Nur feste Mengen zum Konventionspreise.«</p> - -<p>Jordan schrieb die Antwort nieder und schickte sie durch -die pneumatische Post zurück.</p> - -<p>Professor Pistorius äußerte sich über die voraussichtliche -Dauer des Krieges. Vier Jahre von 1914 bis 1918 -der große Europäische Krieg. Zwei Jahre der erste<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -Japanische Krieg. Neun Monate der zweite. Die Reihe -konvergierte stark. Nach dieser Voraussetzung mußte -auch der kommende Krieg kurz sein.</p> - -<p>Schon wieder meldete sich der pneumatische Apparat. -Eine neue Mitteilung an Jordan. Mr. Stamford wollte -<span id="corr115">eine</span> Million Tonnen Rohstahl fest kaufen. Es war ein -Auftrag von zwei Milliarden Dollar. Cyrus Stonard -gab sich nicht mit Kleinigkeiten ab. Nahm man als das -Wahrscheinliche an, daß seine Agenten zur gleichen -Stunde bereits in allen anderen europäischen Stahlwerken -verhandelten, so mußte er für rund fünfzig Milliarden -Dollar kaufen. Öltjen überschlug die Produktionsziffern -der Industriegemeinschaft. Baumann kalkulierte. -Jordan schrieb die Frage nach der Art der -Zahlung.</p> - -<p>Die Antwort kam in einer Minute zurück.</p> - -<p>»Gute Dollarschecks. Zahlbar bei den besten Banken -des Kontinents.«</p> - -<p>Reinhard Isenbrand wechselte einen Blick mit Jordan.</p> - -<p>»Der Dollar wird fallen. Wir brauchen reale Werte. -Verpfändung amerikanischer Bodenschätze. Von Erzgruben -und Petroleumquellen im Werte von zwei -Milliarden. Sonst machen wir das Geschäft nicht.«</p> - -<p>Die Antwort flog in das Postrohr. Professor Pistorius -sprach weiter:</p> - -<p>»Unsere Fabrikation ist zu mehr als 99% eine Friedensfabrikation. -Aber wir haben zwei Spezialitäten, -die auch für den Krieg in Betracht kommen. Flugzeugmotoren. -Dann unsere durch Kreisel stabilisierten -Unterwasserboote für Handelstransporte. Unsere Stabilisierung -ist besser als die der Kriegsboote der streitenden -Mächte.«</p> - -<p>Wieder ein Zeichen der Pneupost. An Philipp Jordan. -Aber diesmal von einem anderen Vertreter. Mr. Bellhouse -verhandelte für England über die sofortige Lieferung -von hunderttausend Motoren. Preise der Industriegemeinschaft. -Zahlbar in Gold.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p> - -<p>Noch bevor die Herren darüber einen Beschluß fassen -konnten, warf das Rohr einen neuen Brief aus. Mr. -Stamford lehnte die Verpfändung amerikanischer Bodenschätze -ab. Offerierte dafür den Betrag in deutscher, in -der Union gemachter Anleihe mit Golddeckung.</p> - -<p>Reinhard Isenbrand lehnte ab.</p> - -<p>»So reich sind wir vorläufig noch nicht, daß wir unsere -eigenen Anleihen zurücknehmen können. Verpfändung -oder keinen Stahl!«</p> - -<p>Das englische Angebot war einer Diskussion wert.</p> - -<p>Der nächste Brief betraf Mr. Stamford. Er holte -drahtlos neue Informationen von Washington ein. -Würde in einer Stunde neues Angebot machen.</p> - -<p>Der englische Antrag war gut. Aber er war noch -besser, wenn er nach Kriegsausbruch kam. Dann traten -die 300% Zuschlag automatisch ein. Auch die Vollmachten -Isenbrands waren durch die Industriegemeinschaft -beschränkt. Wurde jetzt abgeschlossen, geschah es -wahrscheinlich zu Preisen, die schon in wenigen Tagen -weit überholt sein konnten.</p> - -<p>Das Rohr warf ein neues Briefchen in den Raum. -An den Chef selbst.</p> - -<p>»Meine Herren, in diesem Augenblick meldet unser -Berliner Vertreter: ›Die Regierungen von Rußland, -Deutschland und Frankreich haben unbedingte Neutralität -beschlossen. Sich gegenseitigen Schutz derselben verbürgt!‹ -Es ist so gekommen, wie ich es vermutete. Für -die Abschlüsse folgende Gesichtspunkte: Die Valuten -beider Kriegführenden werden stürzen. Lieferung daher -nur gegen Zahlung in deutscher Währung. Oder gegen -Verpfändung von Bodenschätzen. Gold ist mit Vorsicht -in Zahlung zu nehmen. Sein Kurs ist Schwankungen -unterworfen. Wenn die Abschlüsse vor Kriegsausbruch -getätigt werden, ist für alles nach dem Ausbruch zu -liefernde Material der Aufschlag der Industriegemeinschaft -einzusetzen.</p> - -<p>Das große Wettrennen um die Erzeugnisse unserer -Arbeit hat begonnen. Ich hörte, daß der linksstehende<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -Teil unserer Arbeiterschaft proenglisch gegen den Gewaltherrscher -Stonard ist. Sorgen Sie für Aufklärung. Wir -haben jetzt nicht Politik zu treiben, sondern nur für -unsere Volkswirtschaft zu arbeiten und zu verdienen. -Geben Sie mir Bericht, sowie sich etwas von Wichtigkeit -ereignet. Im Anschluß an größere Aufträge ist die -Vermehrung der Belegschaft und der Ausbau der Werke -sofort in Angriff zu nehmen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In der Dunkelheit der kurzen Sommernacht senkte sich -R. F. c. 1 aus der Höhe auf den Wald von Trenton -hinab. Noch lagen die großen Staatswerke leblos in der -Finsternis, die Wege und Stege des Ortes und erst recht -des Waldes waren menschenleer. Silvester Bursfeld -kannte das Gehölz von seinem früheren Aufenthalt. -Einen tiefen grabenartigen Einschnitt zwischen alten -Eichen, der das Flugschiff bequem aufnehmen konnte, -so daß sein Rumpf selbst in nächster Nähe unsichtbar in -der Bodenfalte steckte. Zu allem Überfluß rafften sie -das vorjährige Laub zusammen, das hier in hoher Schicht -auf dem Boden lag, und bestreuten den Körper des -Schiffes damit.</p> - -<p>Als zwei harmlose und unauffällige Wanderer schritten -Silvester Bursfeld und Atma der Stadt zu. Im -Scheine der Morgendämmerung gingen sie an den -ersten Häusern des Ortes vorbei und näherten sich ihrem -Ziele. Sie kamen zu früh. Viel zu früh, denn die Uhr -der nahen Kirche verkündete eben erst die vierte Morgenstunde. -Silvester Bursfeld brannte vor Ungeduld. Er -gab erst Ruhe, als sie vor dem wohlbekannten Hause in -der Johnson Street standen. Mit sehnsüchtigen Blicken -betrachtete er die grünumsponnenen Fenster des Gebäudes. -Am liebsten wäre er kurzerhand über den -Zaun gestiegen und hätte die Bewohner aus dem Schlafe -alarmiert.</p> - -<p>Die unerschütterliche Ruhe Atmas brachte ihn wieder -zur Besinnung.</p> - -<p>»Ruhig, Logg Sar. Keine Übereilung. Wenn das<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -Mädchen noch hier ist, werden wir sie auch in drei -Stunden aufsuchen können.«</p> - -<p>Die Worte des Inders warfen neue quälende Zweifel -in die Seele Silvesters. »Wenn das Mädchen noch -hier ist.« Was meinte Atma damit? Wo sollte Jane -anders sein als bei ihrer Mutter? Wußte Atma irgend -etwas und wollte es nicht sagen? Die Pein der Ungewißheit -übermannte ihn. Seufzend folgte er dem Inder und -ließ sich neben ihm auf einer Bank in den nahen Parkanlagen -nieder. Langsam und bleiern schlichen die -Stunden. Vom Kirchturm schlug es fünf, sechs und nach -weiteren qualvollen sechzig Minuten sieben Uhr. Silvester -sprang auf.</p> - -<p>»Jetzt ist es Zeit. Um sieben Uhr ist Jane stets munter, -schon in der Wirtschaft tätig.«</p> - -<p>Nach wenigen Minuten stand er vor dem Gitter und -schellte. Der schrille Ton der elektrischen Glocke war in -der Morgenstille deutlich zu vernehmen. Aber im Hause -blieb alles ruhig. Dreimal, viermal wiederholte Silvester -das Schellen, ohne daß sich etwas geregt hätte.</p> - -<p>Atma war ihm nur langsam gefolgt. Bedächtig, als -wolle er das erste Wiedersehen der Liebenden nicht -stören. Jetzt stand er neben Silvester, deutete mit der -Hand auf eine Stelle der Hauswand.</p> - -<p>»Sieh!«</p> - -<p>Eine kleine weiße Tafel hing dort im Efeugewirr der -Hauswand. Im unsicheren Licht der Morgendämmerung -war sie den Blicken Silvesters entgangen. Jetzt war -sie deutlich zu erkennen und auch zu lesen. Die triviale -alltägliche Mitteilung, daß das Haus zu vermieten, das -Nähere im Nachbarhause zu erfahren sei. Silvester -spürte, wie seine Knie zitterten und ihm den Dienst versagten. -Er mußte sich auf den Inder lehnen.</p> - -<p>»Ich ahnte es, daß wir das Mädchen hier nicht finden -würden. Aber wir werden es finden und werden es -nach Europa bringen.«</p> - -<p>Diese wenigen mit Überzeugung gesprochenen Worte -Atmas gossen neue Kraft in Silvesters Seele. Er folgte<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -dem Gefährten, der zum Nachbarhause ging, dort Einlaß -begehrte und auch fand.</p> - -<p>Die Herren wünschten das zur Vermietung stehende -Nachbarhaus zu sehen. Aber gern … Es könne sofort -geschehen.</p> - -<p>An der Seite Atmas schritt Silvester durch die ihm so -wohlbekannten Räume. Dort stand der Nähtisch am -Fenster. An ihm saß Jane, als er sie das letztemal vor -seiner Verhaftung sah. Die Stickerei, an welcher sie damals -arbeitete, lag auch jetzt noch dort. Geradeso, als -ob die Stickerin eben erst aufgestanden sei. Wenn jemand -ein Haus verließ, um seinen Wohnsitz woanders -zu nehmen, dann würde er sicherlich die Arbeit dort nicht -so liegenlassen. Silvester Bursfeld konnte eine Bemerkung -nicht unterdrücken.</p> - -<p>»Es ging alles so schnell«, erklärte der jugendliche -Führer. »Mr. Glossin brachte Miß Jane in seinen -Kraftwagen und fuhr sofort mit ihr weg. Sie hatte nur -wenig Gepäck bei sich.«</p> - -<p>Silvester hatte genug gesehen. Durch einen Blick verständigte -er sich mit Atma.</p> - -<p>Ob die Herren die Wohnung mieten wollten?</p> - -<p>Vielleicht … sie würden es sich überlegen. Im Laufe -des Nachmittags wiederkommen. Ein kurzer Abschied, -und die Freunde gingen die Johnson Street entlang. -Silvester schritt wie im Traum dahin. Mechanisch wiederholten -seine Lippen wohl hundertmal die letzten Worte -des Inders: »Wir werden das Mädchen finden und -sicher nach Europa bringen.« Die eintönige Wiederholung -gab ihm allmählich das innere Gleichgewicht zurück. -So folgte er Atma, der den Weg zum Bahnhof -einschlug.</p> - -<p>»Wohin wollen wir, Atma? Was wird aus unserem -Schiff?«</p> - -<p>»Das Schiff liegt gut versteckt. Nach Neuyork wollen -wir. Den Doktor Glossin fragen, wo das Mädchen ist.«</p> - -<p>Silvester erschrak.</p> - -<p>»Das heißt, den Kopf in den Rachen des Löwen legen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span></p> - -<p>Atma blieb unbewegt und erwiderte gleichmütig: »Du -trägst den Strahler an der Seite. Verbrenne ihn zu -Asche, wenn er dir Böses tut. Aber verbrenne ihn erst, -wenn er mir geantwortet hat.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Dr. Glossin stand im Privatkabinett des Präsident-Diktators. -Cyrus Stonard schob einen Stoß Briefe beiseite -und ließ seinen Blick einen kurzen Moment -auf dem Doktor ruhen.</p> - -<p>»Was haben Sie in der Affäre Bursfeld festgestellt?«</p> - -<p>»Über den Vater, daß er seit vielen Jahren tot ist.«</p> - -<p>»Kennen die Engländer sein Geheimnis?«</p> - -<p>»Ich bin überzeugt, daß sie nichts davon wissen. Als -Gerhard Bursfeld fühlte, daß ihm sein Geheimnis auf -hypnotischem Wege entrissen werden sollte, hat er sich -selbst getötet. Ich habe prominente Leute in England -befragt … Sie wissen von nichts.«</p> - -<p>Ein Schimmer der Befriedigung glitt über die durchgeistigten -Züge des Diktators.</p> - -<p>»Dann … meine ich, können wir losschlagen, sobald -die Unterwasserstation an der ostafrikanischen Küste in -Dienst gestellt ist.«</p> - -<p>»Wir können es, Herr Präsident, wenn wir es nur -mit England zu tun haben.«</p> - -<p>Der Diktator blickte verwundert auf.</p> - -<p>»Mit wem sollten wir es sonst noch zu tun bekommen?«</p> - -<p>Dr. Glossin zögerte mit der Antwort. Nur stockend -brachte er die einzelnen Worte heraus: »Mit den Erben -Bursfelds …«</p> - -<p>Cyrus Stonard zerknitterte den Entwurf einer Staatsdepesche.</p> - -<p>»Den Erben … die Sache scheint sich zu komplizieren. -Neulich war es nur einer. Der famose Logg -Sar, der so merkwürdig aus Sing-Sing entwischte und -unser bestes Luftschiff mitnahm. Wer ist denn jetzt noch -dazugekommen?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p> - -<p>»Zwei Freunde, die auf Gedeih und Verderb mit -Silvester Bursfeld verbunden sind.«</p> - -<p>»Drei Leute also. Drei einzelne schwache Menschen. -Sie glauben im Ernst, daß drei Menschen unserem -Dreihundert-Millionen-Volk gefährlich werden könnten? -Herr Dr. Glossin, Sie werden alt. In früheren Jahren -hatten Sie mehr Selbstvertrauen.«</p> - -<p>Die Worte des Präsident-Diktators trafen den Arzt -wie Peitschenhiebe. Er erblaßte und errötete abwechselnd. -Dann sprach er. Erst stockend, dann fließender -und schließlich mit dem Feuer einer unumstößlichen -inneren Überzeugung: »Herr Präsident, ich habe -vor dreißig Jahren gesehen, wie Gerhard Bursfeld -mit einem einfachen Apparat, nicht größer -als meine Hand, auf große Entfernungen Dynamit -sprengte. Ich sah, wie er Patronen in den -Läufen weit entfernter Gewehre zur Explosion brachte, -und wie er fliegende Vögel in der Luft verbrannte … -Ich staunte, ich hielt es für Zauberei, und … Gerhard -Bursfeld lachte und sagte, es wäre der erste Anfang einer -neuen Erfindung. Ein schwacher Versuch, dem ganz -andere, viel größere folgen würden.«</p> - -<p>»Gerhard Bursfeld ist seit langen Jahren tot. Sie -sagten es eben selbst. Seine Erfindung wurde mit ihm -begraben.«</p> - -<p>Cyrus Stonard sagte es. Es sollte abweisend klingen, -aber seiner Stimme fehlte die sichere Entschiedenheit, -die ihr sonst eigentümlich war.</p> - -<p>»Das Geheimnis ist nicht mehr begraben. Es war -eingesargt, aber es ist wieder auferstanden. Logg Sar -… Silvester Bursfeld hat die Entdeckung von neuem -gemacht und … er muß sie bedeutend vervollkommnet -haben. Der Vater sprach von der Möglichkeit, durch -telenergetische Konzentration an jeder Stelle des Erdballes -Millionen von Pferdestärken auf engstem Raume -zu fesseln. Er sprach davon, daß seine Erfindung jedem -Kriege ein Ende bereite. Der Sohn tritt in die Fußstapfen -des Alten. Zu dritt sitzen sie in Schweden am<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -Torneaelf und bauen an der Erfindung weiter. Gelingt -es ihnen, sie so zu entwickeln, wie der Vater es -vorhatte, dann …«</p> - -<p>Cyrus Stonard hatte sich erhoben. Mit der ausgestreckten -Rechten gebot er dem Arzte Schweigen.</p> - -<p>»Sprechen Sie es nicht aus, was mein Ohr nicht hören -darf. Sie nannten den Ort, an dem die Erfinder ihre … -bedenklichen Künste treiben. Sie kennen ihn genau?«</p> - -<p>»Genau. Ein abgelegenes Haus an den Ufern des -Tornea … Acht Kilometer von Linnais entfernt.«</p> - -<p>»So befehle ich Ihnen, diese drei Erfinder zu vernichten -… Aber gründlich. Das bitte ich mir aus. -Nicht wieder Pfuscharbeit wie neulich in Sing-Sing. In -vierzehn Tagen ist die Unterwasserstation kriegsbereit. -Ich erwarte bis dahin Ihre Meldung, daß mein Befehl -vollzogen ist. Unauffällig … und gründlich.«</p> - -<p>Doktor Glossin war entlassen. Die Gebärde des Diktators -war nicht mißzuverstehen. Er ging mit schwerem -Herzen. Ein unklares Gefühl lastete auf ihm.</p> - -<p>Während das Regierungsschiff ihn in eiligster Fahrt -von Washington nach Neuyork brachte, suchte er des -dumpfen dunklen Gefühles dadurch Herr zu werden, daß -er seine narkotischen Pillen nahm und einen halbstündigen -künstlichen Schlaf genoß. Aber als er durch -die Straßen Neuyorks schritt, war das Gefühl wieder -da und wurde von Minute zu Minute stärker.</p> - -<p>Der Doktor betrat das Haus in der 317ten Straße. -Der Lift brachte ihn in das zehnte Stockwerk. Sein Diener -nahm ihm Stock und Hut ab, und dann saß er in dem bequemen -Schaukelstuhl seines Wohnzimmers und begann -zu überlegen. Mit einer Objektivität, als ob es sich um -eine dritte fremde Person handle, analysierte er seine -Empfindungen und kam nach zehn Minuten zum Ergebnis, -daß er Furcht habe.</p> - -<p>Dr. Edward Glossin, der Mann mit dem weiten Gewissen, -der über Leichen hinweg sich jeden Weg erzwang, -hatte zum erstenmal in seinem Leben Furcht. Cyrus -Stonard hatte ihm den Auftrag gegeben, drei Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -zu beseitigen. Ein einfacher Auftrag im Vergleich mit -so manchem anderen. Das Rezept war simpel und oft -bewährt. Man nahm ein Luftschiff mit einem Dutzend -kräftiger Polizisten oder Soldaten, fuhr bei Dunkelheit -nach Linnais, umstellte das Haus, verhaftete die Gesuchten -und schlug sie bei der Verhaftung tot, weil sie Widerstand -leisteten. Ganz einfach war die Sache. Der Doktor -hatte sie öfter als einmal praktisch ausprobiert.</p> - -<p>Doch diesmal hatte Dr. Glossin Angst. Ein inneres -Gefühl warnte ihn, mit Silvester Bursfeld und seinen -Freunden anzubinden … Aber der Befehl des Diktators. -Wenn Cyrus Stonard befahl, gab es nur zwei -Möglichkeiten: Zu gehorchen oder die Strafe für den -Ungehorsam zu erleiden.</p> - -<p>Dr. Glossin sann hin und her, wie er sich aus dem -Dilemma ziehen könne. Ausgehoben mußte das Nest in -Linnais werden. Die Gefahr, daß man sich die Finger -dabei verbrannte, war nach seiner sicheren Überzeugung -vorhanden. Aber nur ein inneres Gefühl sagte ihm das. -Äußerlich sah das Unternehmen ziemlich harmlos aus. -Man mußte es einem Dritten plausibel machen. Aber -wem? Wer hatte noch ein Interesse, die Erfindung und -die Erfinder vom Erdboden zu vertilgen?</p> - -<p>So würde es gehen! Eine Möglichkeit tauchte in -seinem Gehirn auf.</p> - -<p>Natürlich! Das war der richtige Weg. Die Engländer -hatten genau soviel Interesse am Untergange Silvester -Bursfelds und seiner Freunde wie die Amerikaner.</p> - -<p>Dr. Glossin durchdachte die weiteren Schlußfolgerungen -und Ausführungen des Planes mit immer größerer -Schwierigkeit. Es wollte ihm nicht mehr recht gelingen, -die Schlüsse der Kette richtig aneinanderzureihen. -Er spürte ein fremdartiges Ziehen in den Nackenmuskeln. -Ein dumpfer Druck legte sich um seine Schläfen. -Er hatte das Gefühl, als ob sein Wille ihm nicht mehr -selber gehöre, sondern einem fremden Zwange folgen -müsse. Mit Gewalt suchte er sich zusammenzuraffen. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -wollte aus dem Lehnstuhl aufstehen. Aber schwer wie -Blei waren ihm Hände und Füße.</p> - -<p>Mit verzweifelter Anstrengung gelang es ihm schließlich, -die Hand von der Stuhllehne loszulösen und bis -zum Kopfe zu bringen. Er fühlte, daß seine Stirn mit -feinen Schweißperlen bedeckt war.</p> - -<p>Der Stuhl stand in der Ecke des Arbeitzimmers. Die -Türöffnung zum Nebenraum befand sich unmittelbar daneben. -Sie hatte keine Türflügel, sondern war durch -einen dichten Vorhang von Perlenschnüren geschlossen. -Die Besucher, welche zu Dr. Glossin kamen, wurden von -seinem Diener immer zuerst in dieses Zimmer geführt.</p> - -<p>Der Arzt spürte, wie ein übermächtiger fremder Wille -seinen eigenen zu unterjochen drohte. Und er fühlte auch, -daß der Strom des fremden Fluidums von jener Türöffnung -her auf ihn eindrang. Verschwommen und -dunkel erinnerte er sich, die Hausglocke vor irgendeinem -unermeßbaren Zeitraum läuten gehört zu haben. Ein -Willenstrom, viel stärker und mächtiger als sein eigener, -stand im Begriff, ihn zu unterjochen.</p> - -<p>Der erste Angriff mußte in jenen Minuten erfolgt -sein, in denen er so ganz in seinen Plänen und Kombinationen -über den Befehl des Diktators versunken -war. Während sich seine Gedanken auf diesen Plan -konzentrierten, hatte er dem fremden Angriff eine gute -Fläche geboten. Sonst hätte er die Wirkung wohl früher -spüren müssen, hätte sich sofort dagegen zur Wehr setzen -können. So war sie ihm erst zum Bewußtsein gekommen, -als es schon beinahe zu spät war. Erst das -Erlahmen seiner eigenen selbständigen Schlußfähigkeit -hatte ihn den fremden Angriff deutlich fühlen lassen, -aber da war die Lähmung durch den fremden Willen -schon weit gediehen.</p> - -<p>Dr. Glossin kämpfte wie ein Verzweifelter. Alles, -was er noch an Willensfähigkeit besaß, ballte er in den -einzigen autosuggestiven Befehl zusammen:</p> - -<p>»Ich will nicht … Ich will nicht …«</p> - -<p>Unaufhörlich formte er den kurzen Satz im Gehirn, und<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -empfindlich beinahe wie ein körperlicher Schlag traf ihn -jedesmal der Gegenbefehl der fremden Kraft: »Du -sollst … Du mußt … Du wirst …«</p> - -<p>Die Minuten verstrichen. Die feine Porzellanuhr auf -dem Kaminsims schlug ein Viertel. Dr. Glossin hörte den -Schlag deutlich und raffte sich zu erneuter Anstrengung -zusammen. Wenn es ihm nur gelingen wollte, aufzustehen -… Ganz unmöglich.</p> - -<p>Dr. Glossin strengte sich an, freie Bewegungen -zu machen. Er blickte auf seine Knie. Er versuchte, -den Muskelgruppen seiner Beine den Befehl zu -geben, daß sie seinen Körper erheben sollten. Und -spürte schon im gleichen Augenblick, daß der fremde -Befehl »Du mußt« mit verstärkter Heftigkeit auf sein Ich -hämmerte, daß er seine ganze Persönlichkeit ohne Deckung -ließ, sobald er ein einziges seiner Glieder besonders beeinflussen -und zur Bewegung zwingen wollte.</p> - -<p>Stärker wurde das schmerzliche Ziehen in der Gegend -des Genicks. Der körperliche Schmerz griff weiter und -verbreitete sich über die ganze linke Gesichtshälfte, über -die Seite seines Körpers, welche dem Perlenvorhang zugewendet -war. Dr. Glossin fühlte, daß er bald erliegen -müsse, wenn es ihm nicht gelänge, den Körper zu drehen -und Angesicht zu Angesicht dem fremden Willen entgegenzutreten.</p> - -<p>Schon wieder war über dem stummen, erbitterten -Ringen eine Viertelstunde verstrichen. Die Uhr schlug -zweimal. Dr. Glossin hörte sie nur noch wie aus der -Ferne, so wie man etwa beim Einschlafen noch undeutlich -und nur verworren die letzten Geräusche empfindet. -Mit einer verzweifelten Anstrengung konzentrierte er -den Rest der ihm noch gebliebenen Willensenergie in -einen einzigen Befehl. Und der schon zu drei Vierteln -gelähmte Körper gehorchte diesem Aufgebot an Willenskraft. -Mit einem einzigen kurzen Ruck warf der Arzt sich -in dem Stuhl herum, so daß sein Antlitz in voller Breite -dem Perlenvorhang zugewendet war. Einen Augenblick -schien es, als wolle die Muskelbewegung und die eigene<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -Aktion den fremden Einfluß brechen. Aber nur einen -Augenblick. Während Dr. Glossin seinem Körper den -Befehl erteilte, sich umzudrehen, war sein ganzes Ich -dem fremden Angriff schutzlos preisgegeben. Der Moment -ohne Deckung hatte genügt. Mit einem Seufzer ließ -er den Kopf auf die Brust sinken, die Augen weit -geöffnet.</p> - -<p>Durch den Perlenvorhang trat Atma in das Zimmer -bis dicht an den Schlafenden heran. Auch er sah erschöpft -aus. Silvester Bursfeld, der ihm auf dem Fuße -folgte, bemerkte es mit Erschrecken. Der Inder trat an -den Schlafenden heran und strich ihm über die Augen -und die Stirn. Silvester bemerkte, wie der Inder seiner -eigenen Erschöpfung Meister zu werden versuchte, wie -er sich selbst gewaltsam zwang und von neuem ganze -Ströme seines eigenen Willenfluidums in den Körper -des Schlafenden gleiten ließ. Dann trat er zurück und -ließ sich auf einen Sessel fallen. Auf einen Wink von -ihm trat Silvester Bursfeld hinter eine Portiere, so daß -er den Blicken Glossins entzogen war.</p> - -<p>Wieder verstrichen Minuten. Die Uhr hob an und -schlug dreimal. Da kam Bewegung und Leben in die -schlummernde Gestalt. Dr. Glossin richtete sich auf wie -ein Mensch, der aus tiefem Schlafe erwacht. Er fuhr sich -über die Stirn, als müsse er seine Gedanken sammeln. -Dann begann er mit sich selbst zu sprechen.</p> - -<p>»Was wollte ich … Ach ja … den Ring muß ich -holen. Er ist im Banktresor …«</p> - -<p>Er warf einen Blick auf die Uhr.</p> - -<p>»Dreiviertel … Ich komme gerade noch vor Kassenschluß -zurecht. Aber ich muß mich eilen.«</p> - -<p>Straff und rüstig erhob er sich aus dem Stuhl und -schritt durch den Vorhang hindurch. Er ging an Atma -vorüber, als ob der Inder Luft wäre, und verließ die -Wohnung.</p> - -<p>Silvester hörte die Tür ins Schloß fallen und trat -hinter dem Vorhang hervor.</p> - -<p>»Wo geht er hin? … Was hat er vor?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span></p> - -<p>»Er geht nach seiner Bank. Er wird den Ring holen -und hierherbringen.« Atma sprach es leise und mit matter -vibrierender Stimme. Die Anstrengung dieses hypnotischen -Duells zitterte noch in ihm nach.</p> - -<p>»In einer halben Stunde wird er wieder hier sein. -Bis dahin haben wir Ruhe.«</p> - -<p>»Und der Diener?«</p> - -<p>»Er schläft in seinem Winkel auf dem Flur. Glossin -hat Befehl, ihn nicht zu vermissen.«</p> - -<p>»Du glaubst, daß Dr. Glossin gutwillig hierher zurückkommt?«</p> - -<p>Atma blickte gleichmütig vor sich hin.</p> - -<p>»Der Körper Glossins ging hinaus. Seine Seele ist -gefesselt. Mein Wille lenkt seinen Körper.«</p> - -<p>»Warum fragtest du nicht nach dem Aufenthalt von -Jane?«</p> - -<p>»Erst den Ring und dann das Mädchen. Laß mir -Ruhe. Ich bin erschöpft. Ich brauche neue Kräfte, wenn -Glossin zurückkommt.«</p> - -<p>Der Inder lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die -Muskeln seiner Glieder erschlafften. Er schien jetzt selbst -ein Schlafender zu sein. Es blieb Silvester Bursfeld -nichts anderes übrig, als zu warten.</p> - -<p>Unruhig schritt er in dem Raume hin und her. Weiter -krochen die Minuten. Zehn Minuten … eine Viertelstunde -… zwanzig Minuten. Er hörte, wie die Tür -geschlossen wurde. Dr. Glossin war zurückgekommen. -Er blieb auf dem Flur stehen. Unschlüssig, als ob er -etwas suche. Dann hörte Silvester, wie er den Spazierstock -hinstellte. Gleich darauf trat er durch den Perlenvorhang -in das Arbeitszimmer. Ohne von den beiden -Besuchern Notiz zu nehmen, ging er auf den Schreibtisch -zu, ließ sich vor ihm auf dem Sessel nieder, zog ein -winziges Päckchen aus der Brieftasche und begann, es -auszupacken. Das Seidenpapier raschelte zwischen seinen -schmalen, wohlgepflegten Fingern. Nun kam der Ring -zum Vorschein. Ein schwerer goldener Ring. Ein -Meisterwerk alter indischer Goldschmiedekunst, genau von<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -der gleichen Form wie derjenige an der Hand Atmas -und mit dem gleichen Chrysoberyll geziert. Er hielt den -Ring in der Hand und blickte nachdenklich auf den Stein.</p> - -<p>Der Ausdruck auf seinen Zügen wechselte. Von Minute -zu Minute. Bald glich er einem Träumenden, schien -ganz geistesabwesend zu sein. Dann wieder glitt der -Schimmer eines Verstehens und Begreifens über seine -Züge.</p> - -<p>Jetzt machte er Anstalten, sich selbst den Ring auf -den Ringfinger der Rechten zu schieben.</p> - -<p>Atma sah es, und seine Augen weiteten sich. Mit vorgebeugtem -Halse saß er da, und jeder Teil seines Körpers -vibrierte vor innerer Spannung.</p> - -<p>Dr. Glossin stand im Begriff, die ihm im schwersten -Kampfe aufgezwungene hypnotische Suggestion aus eigener -Kraft zu durchbrechen. Der Befehl lautete, den -Ring zu holen und zu übergeben. Schon das Zögern -auf dem Flur war nicht ganz in der Ordnung. Er sollte -vergessen, daß er einen Diener besaß. Einen Augenblick -hatte er dort trotzdem gewartet, ob der Bediente -ihm nicht Stock und Hut abnehmen würde. Das kurze -Zögern hatte dem Inder die Gefahr verraten.</p> - -<p>Jetzt griff er zum stärksten Mittel. Er strich ihm mit -beiden Händen über die Schläfen und Augen.</p> - -<p>Die Wirkung zeigte sich sogleich.</p> - -<p>Die Bewegung der Linken, die den Ring auf den -rechten Ringfinger schieben wollte, wurde langsamer. -Dicht vor der Fingerspitze kam sie ganz zur Ruhe.</p> - -<p>Dr. Glossin saß mit vorgebeugtem Oberkörper an -seinem Schreibtisch. Beide Ellbogen waren auf die -Tischplatte aufgestützt. Die Rechte streckte den Ringfinger -vor. Die Linke spielte kaum einen Zentimeter entfernt -mit dem breiten Goldreif vor der Fingerspitze. Es sah -aus, als ginge vom Ringfinger eine magnetische Kraft -aus, die den Reif heranholen wolle, und als wirke unsichtbar, -aber gewaltig eine zweite Kraft im Raume, -welche die linke Hand immer wieder zurückriß, sooft sie<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -sich zu nähern versuchte. So ging das Spiel leise hin -und her, zitternd durch lange Minuten.</p> - -<p>Silvester sah es, und siedende Angst kroch ihm zum -Herzen.</p> - -<p>»Wenn Glossin den Ring auf den Ringfinger schiebt, -sind wir verloren.«</p> - -<p>Es herrschte vollkommene Stille im Zimmer. Nur -das Ticken der Uhr war zu vernehmen. Aber Silvester -empfand die Worte so deutlich, als habe sie ihm irgendeine -Stimme laut vorgesprochen.</p> - -<p>Er versuchte, sich das Unsinnige des Gedankens klarzumachen. -Was konnte es denn für eine Wirkung -haben, wenn Dr. Glossin wirklich den Ring auf den -Finger brachte? Er faßte nach dem Strahler, den er an -der Seite trug. Versagte die Kunst Atmas, so besaß -er die Macht und das Mittel, den Menschen dort in einer -Sekunde in Atome zu zerreißen, zu verbrennen, in ein -Häufchen Asche und eine Dampfwolke aufzulösen. Aber -dann … ja dann würde er auch niemals erfahren, -wohin dieser Teufel die arme Jane verschleppt hatte.</p> - -<p>Er ließ die Hand vom Strahler. Er begriff, daß der -Sieg Atmas über Glossin notwendig war, sollte sein -weiteres Leben noch Wert für ihn haben.</p> - -<p>Tausendfach waren die Fäden der Leben miteinander -verflochten. Das hatte ihn Kuansar in Pankong Tzo -gelehrt. Äußere Vorgänge, scheinbare Zufälligkeiten -waren oft zuverlässige Zeiger, die das Spiel viel größerer -Kräfte dem Sehenden deutlich zeigten. Und nun kam -ihm klare Erkenntnis. In dem winzigen Raume dort -zwischen Ring und Fingerspitze kam der Kampf zweier -Mächte um die Weltherrschaft zum Ausdruck. Jeder -Versuch, von seiner Seite einzugreifen, war zwecklos. In -diesem Kampfe mußte er ein stiller Zuschauer bleiben, -mußte abwarten, wie das Geschick sich erfüllen würde.</p> - -<p>Der Kampf ging zu Ende. Dr. Glossin ließ den Ring -auf die Tischplatte fallen. Silvester wollte hinzutreten -und ihn nehmen. Ein Wink Atmas scheuchte -ihn zurück. Der Inder hatte sich erhoben und<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -war dicht an den Tisch herangetreten. Silvester -sah, daß er den letzten Rest seiner gewaltigen -telepathischen Kraft zusammenraffte, um dem Gegner -seinen Willen aufzuzwingen. Und nun trat die -Wirkung ein. Dr. Glossin wickelte den Ring wieder in -das Seidenpapier, verschnürte das Päckchen, erhob sich -und trat dicht an Atma heran. Ruhig hielt er ihm -das Paketchen hin und sagte mit eintöniger Stimme: -»Hier bringe ich den Ring.«</p> - -<p>Atma nahm das Paketchen in Empfang und begann -es langsam und gemessen wieder aufzumachen. Dr. Glossin -war nach der Übergabe an seinen Schreibtisch zurückgegangen. -Dort saß er ruhig und schaute wie geistesabwesend -auf die Schreibmappe.</p> - -<p>Atma nahm den Ring und schob ihn selbst Silvester -über den Ringfinger der Rechten. Breit und kühl legte -sich das Gold des massiven Reifens um das Fingerglied. -Silvester fühlte neue Zuversicht in sein Herz dringen, -als er den Ring wieder an der Stelle fühlte, an der er -ihn so lange Jahre getragen hatte. Alle Ängstlichkeit -war geschwunden. Die Zuversicht auf sicheren Sieg erfüllte -ihn.</p> - -<p>Die Stimme Atmas riß ihn jäh aus diesen Gedanken -und Gefühlen.</p> - -<p>»Wo ist Jane Harte?«</p> - -<p>Der Inder sprach es, während sein Blick sich in den des -Doktors bohrte.</p> - -<p>Ein kurzes Zucken durchlief die Glieder des Arztes. -Es schien, als wolle er sich noch einmal aufbäumen. -Aber sein Widerstand war gebrochen. Der Ausdruck -einer trostlosen Müdigkeit trat auf seine Züge, während -seine Lippen die Antwort formten.</p> - -<p>»Auf Reynolds-Farm in Elkington bei Frederikstown.«</p> - -<p>Silvester sog die Antwort Wort für Wort wie ein -Verdurstender ein. Frederikstown in Kolorado. Den -Flecken Elkington kannte er sogar durch Zufall. Die -Farm würde sich finden lassen. Jetzt waren alle Schwierigkeiten<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -überwunden. Noch eine kurze Spanne Zeit, -und er würde Jane wiedersehen, würde sie im schnellen -Flugschiff allen feindlichen Gewalten entziehen.</p> - -<p>Atma stand vor dem Arzt. Mit zwingender Gewalt -gab er ihm seine letzten Befehle.</p> - -<p>»Du wirst bis vier Uhr schlafen. Wenn du aufwachst, -wirst du alles vergessen haben. Den Ring, Logg Sar -und Atma.«</p> - -<p>Der Kopf Dr. Glossins sank auf seine Arme und die -Tischplatte nieder. Er lag in tiefem Schlafe.</p> - -<p>»Um vier weckst du deinen Herrn.« Im Vorbeigehen -sagte es Atma zu dem Diener, der auf dem Flur schlummernd -in einem Sessel saß. Flüchtig strich er ihm dabei -über Stirn und Augen. Dann schlug die Wohnungstür -hinter den Freunden ins Schloß.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Enttäuscht und verbittert hatte Glossin Reynolds-Farm -an jenem Tage verlassen, an dem Jane seinen Antrag -abwies. Aber auch Jane war durch diese Erklärung erschüttert -und aus einer trügerischen Ruhe aufgescheucht. -Sie brauchte jemand, auf den sie sich stützen, dem sie -sich anschmiegen konnte. Nach dem Tode ihrer Mutter -war ihr Glossin solche Stütze geworden. Ein väterlicher -Freund, dem sie vertraute. In ihrem natürlichen Schutzbedürfnis -zu vertrauen versuchte, soweit ein instinktives, -ihr selbst unerklärliches Mißtrauen es zuließ.</p> - -<p>Die Werbung Glossins hatte das Verhältnis mit einem -Schlage zerstört, hatte Jane von neuem in schwere seelische -Kämpfe gestürzt. Das Gefühl tiefster Verlassenheit -übermannte sie von neuem. Was blieb ihr nach alledem -noch auf dieser Erde? Die Mutter tot … Silvester -verloren und verschollen … Glossins Freundschaft -falsch?! …</p> - -<p>Dazu die Gesellschaft dieser alten Negerin, deren Anblick -und Wesen ihr von Tag zu Tag widerlicher wurde. -Das Grinsen der alten Abigail hatte jetzt einen besonderen<span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span> -Inhalt und Ausdruck gewonnen, der Jane erschreckte -und peinigte. Dazu Redensarten der Schwarzen, die -ihr zwar größtenteils unverständlich blieben. Aber auch -das wenige, das sie verstand und erriet, erschreckte sie.</p> - -<p>Sie verließ das Haus nicht mehr. Die Spaziergänge -und Wagenfahrten der früheren Wochen unterblieben. -Mit müdem Hirn suchte sie die Fragen zu beantworten.</p> - -<p>Was sollte aus ihr werden? Was hatte Glossin mit -ihr vor? Weshalb hatte er sie gerade hierher gebracht? -… Was sollte sie weiter beginnen? … Wenn sie -irgendwo eine Stellung annähme … Eine untergeordnete -Stellung … irgendwo … nur fort von -hier … fort! … Wäre sie doch in Trenton geblieben! -Kein Brief, kein Lebenszeichen aus Trenton -hatte sie jemals erreicht.</p> - -<p>Fort! … Fort! … Warum war sie nicht schon -längst fort? … Warum hatte sie nicht gleich nach der -Werbung Glossins die Farm verlassen?</p> - -<p>Wie oft hatte sie sich diese Frage schon vorgelegt. -Und jedesmal war sie an einen Punkt gekommen, wo -sie keine Antwort auf die Frage fand. Warum nicht? -Wie viele Versuche hatte sie schon gemacht, Reynolds-Farm -zu verlassen. Warum hatte sie das Vorhaben -niemals ausgeführt?</p> - -<p>Wie ein schwerer Alpdruck lag es auf ihr. Warum -nicht … Sie wurde doch nicht gefangengehalten? -Nicht einmal bewacht oder kontrolliert.</p> - -<p>Sie brauchte doch nur ihr Köfferchen zu packen und -das Haus zu verlassen. Nur bis zum nächsten Dorfe -zu gehen, um in Sicherheit zu sein. Sogar ungesehen -von Abigail konnte sie das Haus verlassen. Denn das -hatte sie schon bald nach ihrer Ankunft hier entdeckt, -daß das alte Negerweib der Flasche zugetan war. Gleich -nach dem Auftragen des Mittagsmahles verschwand die -Alte, und öfter als einmal hatte Jane sich selbst um das -Abendessen kümmern müssen. Sie wußte, daß Abigail -Stunden hindurch besinnungslos irgendwo in einem<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -Winkel lag. Lange Stunden, in denen sie, von niemand -verhindert, das Haus verlassen konnte.</p> - -<p>Weshalb hatte sie es nicht getan? Weshalb tat sie -es nicht heute?</p> - -<p>Ihr Antlitz, so schön und jugendlich, aber blaß durch -Kummer und Aufregung, erhielt einen tatkräftigen -Zug. Die Falten zu den Mundwinkeln vertieften sich, -ihre Augen bekamen ein neues Feuer. Alle Lebensenergien -in ihr drängten zur Tat.</p> - -<p>Mit einem plötzlichen Ruck erhob sie sich von ihrem -Sitz und schritt nach dem Schlafkabinett. Hastig ergriff -sie ein paar der notwendigsten Kleidungstücke und begann -sie in den kleinen Handkoffer zu stopfen. Und -erinnerte sich zur gleichen Zeit, wie oft sie das gleiche -schon früher versucht hatte und niemals damit zum -Ziele gelangt war. Heute ging es viel besser. Kleiderschicht -fügte sich auf Kleiderschicht, und mit einem Seufzer -der Befriedigung drückte sie den Bügel des Handkoffers -zusammen. So weit war sie früher noch niemals -gekommen.</p> - -<p>Jetzt nur noch zuschließen! Der Schlüssel befand sich -in ihrer Handtasche dort auf dem Tische. Sie entnahm -ihn der Tasche, wandte sich wieder dem Koffer zu und -fühlte, wie die alte Lähmung von neuem über sie kam. -Wie Blei wurden ihr die Füße. Nur mit Mühe konnte -sie die wenigen Schritte vom Tisch zum Koffer zurücklegen. -Endlich war es gelungen, aber nun lag das -Blei in ihren Armen. Sie versuchte es, den Schlüssel in -das Schloß zu schieben … Da fiel er klirrend auf -die Diele.</p> - -<p>Einen Augenblick starrte sie hoffnungslos auf das kleine -blinkende Eisen, das da vor ihr auf der Zimmerdiele -lag. Dann durchzuckte ein Schluchzen ihren Körper. -»… Warum … kann ich … nicht? … Warum -… o Gott! … Warum …«</p> - -<p>Sie fiel vornüber auf die Tasche und blieb Minuten -hindurch regungslos liegen … Eine Macht, ein Einfluß, -ihr selbst unerklärlich und unfaßbar, verhinderte<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -sie, dieses offene und unbewachte Haus zu verlassen … -Sie ging in das andere Zimmer und warf sich auf ihr -Ruhebett.</p> - -<p>»Die Qual! … Warum … muß ich diese Qualen -leiden? … Wo bleibst du, Silvester? … Mutter, ach -wäre ich bei dir! … Wäre ich mit dir gestorben!</p> - -<p>Sterben … jetzt noch sterben? … Unterhalb des -Hauses … da bildet der Bach einen kleinen See … -da kann ich sie finden … die Ruhe … die Erlösung -von aller Qual …«</p> - -<p>Sie raffte sich von ihrem Lager empor.</p> - -<p>»Ja! … ja … ja …«</p> - -<p>Die Festigkeit des gefaßten Entschlusses prägte sich in -ihren Mienen aus. Schnell schritt sie zur Tür, um sie -zu öffnen. Mochte irgendeine unheimliche Kraft ihr die -Flucht aus diesem Hause zu den Menschen hindern, die -Flucht in die Ewigkeit sollte ihr niemand verbieten.</p> - -<p>Sie griff den Türdrücker und öffnete die Tür.</p> - -<p>Die keifende Stimme der schwarzen Abigail drang -ihr ans Ohr. Offenbar war die Alte dabei, irgendeinem -Besucher den Zutritt zu verwehren, vielleicht einen -Hausierer abzuweisen.</p> - -<p>»Kann ich nicht einmal sterben?« … Sie wollte die -Tür wieder leise ins Schloß drücken … Da … ihre -Hand umkrampfte den Drücker.</p> - -<p>Welche Stimme? … Der Fremde … Mit einem -Ruck riß sie die Tür auf.</p> - -<p>»Silvester!« Ein Schrei aus tiefstem Herzen. Mit -geschlossenen Augen lehnte sie an dem Türrahmen und -streckte die Hand nach ihm aus.</p> - -<p>»Silvester …!«</p> - -<p>Sie sah es nicht, wie Abigail, von einem kräftigen -Faustschlag getroffen, in eine Ecke flog, wie ein Mann -mit Tigersprüngen die Treppe hinaufdrang, sie fühlte -nur, daß sie am Herzen Silvesters ruhte, daß eine leichte, -weiche Hand ihr Gesicht streichelte, daß Worte der Liebe -und des Glückes ihr Ohr trafen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Erik Truwor arbeitete allein im Laboratorium zu -Linnais. Nach den Plänen Silvesters baute er den -neuen Strahler zusammen. Der Apparat war viel -größer als der erste, den die Freunde mit auf die Reise -genommen hatten. Der neue Strahler nahm immerhin -den Raum eines mäßigen Schrankes ein.</p> - -<p>Aber er war geradezu lächerlich klein, wenn man -seine Wirkungen betrachtete. Die neue Konstruktion -konnte zehn Millionen Kilowatt telenergetisch konzentrieren. -Diese Riesenleistung wurde nur dadurch möglich, -daß der Apparat die Energie nicht mit den hergebrachten -Mitteln erzeugte, sondern nur die überall -im Raum vorhandene Energie freimachte.</p> - -<p>Es drehte sich um die alte, schon von Oliver Lodge zum -Anfang des Jahrhunderts aufgestellte Hypothese, daß in -jedem Kubikzentimeter des äthererfüllten Raumes ein -Energiebetrag von zehn Milliarden Pferdekraftstunden -in latenter Form vorhanden ist. Etwa so, wie die Pulverladung -einer Mine Hunderttausende von Metertonnen -enthält. Der Fingerdruck eines Kindes genügt, um diese -gewaltige Energie zu entfesseln. Es ist nur notwendig, -daß dieser schwache Druck die Knallkapsel zur Entzündung -bringt, die dann die Mine detonieren läßt.</p> - -<p>»Das Problem der telenergetischen Konzentration ist -praktisch gelöst.« Stolz und siegesgewiß hatte Silvester -die Worte gesprochen. Wenige Stunden, bevor er in -windender Sturmfahrt nach Westen ausbrach, um von -dort sein Liebstes zu holen.</p> - -<p>Die letzte Schwierigkeit, die noch zu lösen blieb, betraf -das genaue Zielen. Es war notwendig, das entfernte -Objekt, auf welches der Energiestrom gerichtet -wurde, zu sehen. Erik Truwor fühlte die reine Freude -eines intellektuellen Genusses, als er die Aufzeichnungen -Silvesters durchlas. Die aus dem Strahler entsandte -Formenenergie reflektierte zu einem winzigen Teile von -der Konzentrationsstelle zum Strahler zurück und entwarf -hier ein optisches Bild dieser Stelle. Jetzt, da er -es las, schien es ihm beinahe trivial einfach. Eine simple<span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span> -Rückmeldung, wie sie in der Technik an tausend Stellen -seit hundert Jahren gebräuchlich war. Nach der Theorie -mußte sich auf der weißen Mattglasscheibe des neuen -Strahlers ein genaues Bild des Ortes zeigen, an dem -die Energie sich konzentrierte.</p> - -<p>Er schaltete den Apparat ein. Nebel wallten auf der -Scheibe hin und her. Es flimmerte durcheinander. Gestalten -wollten sich bilden, doch es wurde kein klares Bild.</p> - -<p>Noch einmal überprüfte er die Schaltung. Dann machte -er sich an die Arbeit. Die Stunden verrannen. Er -spürte es nicht. Die Mitternacht verstrich, und der Morgen -kam. Niels Nielsen, der alte, noch vom Vater überkommene -Diener, fand seinen Herrn im Laboratorium -in die Arbeit versunken.</p> - -<p>»Herr Erik, Ihr Bett blieb unberührt.«</p> - -<p>Erik Truwor winkte ab und riß ärgerlich einen Draht -heraus, den er falsch geschaltet hatte.</p> - -<p>»Stören Sie mich nicht.« Der Diener ging.</p> - -<p>Stillschweigend erschien er wieder und stellte eine -Platte mit kalter Küche auf einen Seitentisch.</p> - -<p>Erik Truwor hatte die Schaltung vollendet. Schaltete -ein und sah noch weniger als zuvor. Ein schwerer Fehlschlag! -Rastlos arbeitete er weiter.</p> - -<p>Erik Truwor spürte Hunger. Ein Blick auf die Uhr -zeigte ihm, daß er seit vierzehn Stunden im Laboratorium -arbeitete.</p> - -<p>Automatisch begann er zu essen. Der starke schwarze -Kaffee erfrischte ihn. Während er aß und trank, gewann -er Distanz zu seiner Arbeit. Er fand die Kraft, völlig -von neuem zu beginnen. Er prüfte die Schaltung Silvesters. -Hier war eine Verbesserungsmöglichkeit.</p> - -<p>Die sekundären Erscheinungen mußten zurückgehalten -werden. Es bestand Gefahr, daß sie den gewollten Effekt -überwucherten.</p> - -<p>Erik Truwor arbeitete. Und aß in langen Pausen. -Die zweite helle Nordlandsnacht brach herein.</p> - -<p>Der Diener kam. »Vielen starken Kaffee!« Mit dem -Befehl jagte ihn Erik Truwor aus dem Laboratorium.<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -Die Vorzüge der veränderten Schaltung wurden ihm -immer einleuchtender, je weiter er baute und schaltete.</p> - -<p>Die zweite Nacht verging und der zweite Vormittag. -Er zog die letzte Schraube fest und suchte seiner Aufregung -Herr zu werden.</p> - -<p>Mit zitternder Hand schaltete er den Strahler ein. -Nebel zogen über die Mattscheibe.</p> - -<p>Er regulierte an den Mikrometerschrauben. Der -Nebel löste sich. Blaue und grüne Flächen wurden sichtbar.</p> - -<p>Er mußte sich setzen. Die Knie versagten ihm. Dann -ein gewaltsames Aufraffen. Ein letztes Drehen an der -Feinstellung. Scharf und deutlich zeigten sich die Föhren, -die zwanzig Kilometer entfernt am Unterlaufe des -Tornea standen. Erik Truwor kannte die Stelle.</p> - -<p>Die Mattscheibe bot ein Bild, wie man es seit langen -Jahren in der photographischen Kamera beobachten -konnte. Doch das Bild hier wurde auf ganz andere -Weise gewonnen. Es kam nicht rein optisch, sondern -energetisch zustande.</p> - -<p>Der Wurf war geglückt. Er stellte den Strahler ab und -warf sich erschöpft auf das Ruhebett im Laboratorium.</p> - -<p>Mit offenen Augen lag er dort und starrte zur Decke. -Die Macht lag jetzt in seiner Hand. Die Macht, die -Menschen nach seinem Willen zu zwingen. Zu Asche zu -verbrennen, was ihm widerstrebte. Eine Macht, wie sie -nie zuvor ein einzelner Mensch besessen hatte.</p> - -<p>Er fühlte die furchtbare Verantwortung, die mit der -Macht verbunden war … und dann wurden seine Gedanken -sprunghaft. Die Natur forderte ihr Recht. Die -Augen fielen ihm zu. Nach vierzig Stunden intensivster -Arbeit verlangte der Körper Ruhe.</p> - -<p>Es wurde nur ein fieberhafter Halbschlaf. Der Geist -war zu erregt und riß den Körper mit.</p> - -<p>Er fuhr empor. Drei Stunden hatte er im Halbschlummer -gelegen. Im Augenblick war er wieder vollkommen -wach. Der Schreiber der drahtlosen Station -hatte in der Zwischenzeit gearbeitet. Er las die Zeichen<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -auf dem Papierstreifen: »Haben den Ring. Gehen nach -Elkington, Reynolds-Farm, Jane zu holen.«</p> - -<p>Er rieb sich die Stirn. Jane nicht in Trenton? Aus -dem Atlas entnahm er die genauen Koordinaten und -richtete den Strahler. Die Nebel wogten. Jetzt ruhigere -Linien. Grünes Feld. Ein Farmhof. Er regulierte -und konnte jede Fuge und Maserung der Hoftür erkennen.</p> - -<p>Eine Gestalt schritt von links her in das Bild … -Silvester Bursfeld. So scharf und deutlich, als ob er in -Greifweite stünde. Silvester kam allein und hatte nicht -einmal den kleinen Strahler an der Seite.</p> - -<p>Erik Truwor wollte dem Freunde etwas zurufen und -vergaß, daß er durch tausend Meilen von ihm getrennt -war.</p> - -<p>Eine andere Gestalt hob sich auf der Bildfläche ab. -Ein schwarzes, häßliches Negerweib. Erik Truwor sah, -wie sie Silvester vom Hofe zu weisen versuchte, wie der -Freund sie zurückdrängte und der Haustür zuschritt. Wie -das Negerweib ihn zurückzustoßen versuchte. Wie der -sonst so gutmütige ruhige Silvester plötzlich den Arm -hob, das Weib weit von sich schleuderte und in das Haus -stürmte. Die Tür fiel hinter ihm ins Schloß, und Viertelstunden -verstrichen.</p> - -<p>Erik Truwor empfand eine wachsende Unruhe. Er -vermißte den kleinen Strahler an der Seite Silvesters. -Diese winzige, aber furchtbare Waffe, die ihn gegen jeden -Angriff geschützt hätte. Und er vermißte Atma. Wo -blieb der Inder? Die zweite Frage beunruhigte ihn fast -ebenso stark wie die erste. Gewaltsam zwang er sich -zur Ruhe.</p> - -<p>»Sie müssen packen … natürlich … es ist ja klar, daß -Jane nicht, wie sie geht und steht, nach Europa fahren -kann. … Eine Stunde Zeit gebe ich ihnen … dann …«</p> - -<p>Er betrachtete das Dach des Farmhauses. Ob es wohl -gut brennen mochte, wenn er den Strahler auf den Dachfirst -wirken ließ? Die Holzschindeln sahen ganz danach<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -aus. Rissig, von der Sonne ausgedörrt. Es mußte ein -gewaltiges Feuer werden.</p> - -<p>Dann überdachte er die Folgen. Es konnte zu gut -brennen. So schnell, daß die Flammen den Ausgang -sperrten, bevor die Liebenden die Gefahr erkannten. Er -durfte es nicht wagen, die Säumigen durch die Gewalt -der telenergetischen Konzentration aus dem Hause zu -treiben. So saß er mit steigender Ungeduld. Hoffte vergebens, -daß Silvester wieder erscheinen oder Atma auftreten -würde.</p> - -<p>Ein silberner Fleck am blauen Himmel erregte seine -Aufmerksamkeit. Mit der Lupe betrachtete er die Stelle -auf der Mattscheibe.</p> - -<p>Kein Zweifel, es war R. F. c. 1, der Rapid Flyer, der -dort heranzog. Er kannte die Formen des Flugschiffes.</p> - -<p>Erleichtert atmete er auf.</p> - -<p>Atma kam mit R. F. c. 1, um die Säumigen zu holen. -Mochte er gesteckt haben, wo er wolle … Atma war -da. Jetzt mußte alles zu einem guten Ende kommen.</p> - -<p>Das Flugschiff kam schnell heran. Hinter dem Farmhaus -ging es nieder. Jetzt entschwand es den Blicken -Eriks. Die Silhouette des Farmhauses schob sich dazwischen.</p> - -<p>… Warum landete Atma nicht auf dem Farmhofe? -… Vielleicht war der Platz hinter dem Hause für -den Wiederaufflug geeigneter.</p> - -<p>Erik Truwor wartete … und sah fünf Gestalten -über den Hof laufen … In das Haus verschwinden.</p> - -<p>»Atma ist da … Atma kam zur rechten Zeit … -Es wird noch alles gut.«</p> - -<p>Mit diesen Worten suchte sich Erik Truwor zu beruhigen. -Er hatte unter den Fünfen die Gestalt Glossins -erkannt. Nach den Schilderungen, die ihm Silvester -gegeben. Das Nachziehen des rechten Fußes. Der -stechende Blick. Es war unverkennbar. Aber er hoffte, -daß Atma mit R. F. c. 1 hinter dem Hause lag. Hoffte, -daß der Inder eingreifen und die Widersacher zerschmettern -würde.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p> - -<p>Minuten verstrichen. Nicht viele.</p> - -<p>Die Tür des Farmhauses öffnete sich.</p> - -<p>Einer der Männer trug etwas Helles auf den -Armen … Jane … bewußtlos. Ihr Antlitz war weiß. -Ihr Kopf lag schlaff und kraftlos auf der Schulter ihres -Trägers. Dann zwei andere. Sie schleppten Silvester. -Hatten ihn gefesselt und trugen ihn wie ein Stück Holz -über den Platz.</p> - -<p>Zuletzt Dr. Glossin. Ein Lächeln der Befriedigung auf -den Zügen.</p> - -<p>Lodernder Zorn packte Erik Truwor. Er faßte den -Strahler und gab Energie.</p> - -<p>Zwanzig Meter hinter dem Doktor glühte der Sand -des Hofes hell auf. Schmolz in Weißglut und strahlte -Hitze.</p> - -<p>Der Arzt warf einen Blick rückwärts und begann um -sein Leben zu laufen. Mit schleifendem Fuß jagte er -über den Hof und zog einen feurigen Strudel hinter sich -her, denn mit der Mikrometerschraube brachte ihm Erik -Truwor die Glut des Strahlers nach … und zerriß -dabei in der Aufregung einen Draht des Fernsehers.</p> - -<p>Das Bild erlosch. Tausend Meilen trennten Erik -Truwor von Reynolds-Farm. Erst jetzt kam es ihm -zum Bewußtsein.</p> - -<p>Mit fiebernden Händen suchte er nach dem zerrissenen -Draht. Er mußte sich zur Ruhe zwingen. Mußte mit -unendlicher Geduld eine Schraube lösen, den Draht -fassen, vorziehen und wieder festschrauben. Kostbare Minuten -verstrichen darüber. Nun endlich war die Verbindung -wieder hergestellt. Das Bild erschien von neuem -auf der Mattscheibe. – Der Hof war leer.</p> - -<p>Rätsel und Geheimnisse, die er nicht zu lösen vermochte. -Hatte Atma eingegriffen, die Gegner vernichtet? -Brachte er jetzt Silvester und Jane im Flugschiff heim?</p> - -<p>Erik Truwor wußte es nicht. Er war verurteilt, hier -zu sitzen und zu warten. Einen Schwur leistete er sich.<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -Das Feuer des Strahlers auf Glossin niederfallen zu -lassen, sobald er ihn wieder vor die Augen bekäme.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Im Walde von Elkington lag R. F. c. 1 zwischen -Haselsträuchern und Brombeerranken. Wenige Schritte -davon entfernt saß Atma im Gras und wartete. Seine -Züge verrieten Unruhe. Er war blaß, soweit die dunkle -Haut eines Inders zu erblassen vermag, und abgespannt. -Die ungeheuere Anstrengung seines Kampfes mit -Glossin wirkte noch in ihm nach. Er versuchte es, sich zu -sammeln, neue Kraft aus den Meditationen und Selbstversenkungen -seiner Religion zu schöpfen.</p> - -<p>Die Sonne warf ihre Strahlen von Westen her schräg -durch die Zweige und malte streifige Schatten auf den -grünen Grund. Der Inder faßte seinen Schatten ins -Auge und beobachtete, wie der dunkle Streifen ganz -langsam weiterkroch. Halme, die eben noch lichtgrün -schimmerten, wurden ganz allmählich dunkel und farblos. -Auf der anderen Seite tauchten Spitzen und Blätter -ebenso sacht und allmählich wieder in leuchtendes Sonnengold. -Die Betrachtung dieser langsamen Veränderung, -des steten und ruhigen Wechsels der Dinge tat -Atma wohl. Sein Nervensystem fand allmählich die -Ruhe wieder. Alle seine Sinne konzentrierten sich auf -den wandernden Schatten und einen <span id="corr141">Steinblock</span>, der noch -etwa einen Fuß von dem Schatten entfernt war.</p> - -<p>»Ich will warten, bis der Schatten den Stein berührt. -Ist Logg Sar dann mit dem Mädchen noch nicht zurück, -dann will ich gehen und sie holen.«</p> - -<p>Er sprach es zu sich selbst, und nachdem er sich so die -Zeitspanne gesetzt hatte, verharrte er regungslos, von -der Sonne beschienen, in die Betrachtung des wandernden -Schattens versunken und spürte, wie ihm Minute -um Minute die alte Kraft und Ruhe zurückkehrte. Die -Eidechsen kamen neugierig hinzu und liefen furchtlos -über seine Füße. Eine Haselmaus führte dicht vor ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -ihren possierlichen Tanz auf, ohne sich um den regungslosen -Körper zu kümmern. <span id="corr142">Jetzt</span> streifte der Schatten -den Stein. Soma Atma erhob sich. Erschreckt entflohen -die Tiere des Waldes. Ein kurzer Blick auf das Chronometer. -Zwei Stunden waren verflossen, seitdem Silvester -von ihm ging, hinein nach Reynolds-Farm, das -Mädchen zu holen … zwei Stunden. Atma erschrak. -Zwanzig Minuten hätten genügen müssen. Auch dann -noch, wenn die Liebenden ein langes Wiedersehen -feierten.</p> - -<p>Mit langen Schritten eilte er der Farm zu. Die -Flügel der Hoftür waren nur angelehnt. Er schritt über -den Hof in das Wohnhaus und fand es verlassen. Der -Vorraum leer. Der große Wohnraum ohne eine lebende -Seele. Aber die Unordnung verriet deutlich einen stattgehabten -Kampf. Drei Stühle umgeworfen. Die Tischdecke -in Falten. Ein Glas zerbrochen am Boden. Und -dort Logg Sars Hut. Seine Handschuhe …</p> - -<p>Während er den Raum verließ und die Treppe weiter -hinaufstieg, malte sein Geist sich plastisch die Szenen aus, -die sich hier abgespielt hatten während der Stunden, in -denen er dort draußen im Walde ruhte, wartete und -frische Kraft sammelte.</p> - -<p>Es wäre niemals passiert, wenn er bei voller Kraft -gewesen wäre. Dann hätte er mit wachem Nervensystem -das kommende Unheil rechtzeitig gespürt.</p> - -<p>Nun hatte er das Ende der Treppe erreicht. Ein -turmartiger Erker bot Aussicht nach allen Seiten. Atma -trat an die Scheiben, durchspähte den klaren Abendhimmel -und sah in der Richtung auf Westen einen hellen -Fleck seine Bahn ziehen. Ein Flugschiff … Zu dieser -Zeit … in dieser Höhe. Es konnte nur von Elkington -her kommen. Noch war es Zeit. In langen Sätzen sprang -der Inder die Treppe hinunter und eilte dem Walde -entgegen, wo R. F. c. 1 unter Ranken und Kräutern -neuen Flügen entgegenharrte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>R. F. c. 2 hatte Kurs West zu Nordwest. Der Kommandant -Charles Boolton stand am Ausguck. In der -Kabine saß Dr. Glossin in einem der leichten bequemen -Korbsessel. Seine Züge trugen die Spuren von Leiden -und Kämpfen, seine Augen waren gerötet. Er machte -einen übermüdeten und <span id="corr143">übernächtigten</span> Eindruck. Ihm -gegenüber in einem zweiten Sessel lag die zierliche Gestalt -Janes, von tiefer Ohnmacht umfangen. In einer -Ecke des Raumes, auf dem Boden, mit starken Stricken -schwer gefesselt, Silvester Bursfeld. Dr. Glossin erhob -sich von seinem Stuhl. Langsam, als ob jeder Schritt -ihm Schmerzen bereitete, ging er durch den Raum auf die -Ohnmächtige zu.</p> - -<p>Er beugte sich über Jane und fühlte ihren Puls. Mit -sanfter Gewalt brachte er ihre Lippen auseinander und -flößte ihr aus einer kleinen Kristallflasche einige Tropfen -einer rot schimmernden Flüssigkeit ein. Er fühlte, wie -der Puls danach stärker ging, wie das Blut die Wangen -der Bewußtlosen leicht rötete. Beruhigt kehrte er zu -seinem Platze zurück und nahm selbst ein wenig von der -Flüssigkeit. Dann ruhte sein Blick lange auf dem gefesselten -Silvester.</p> - -<p>Bedingungslose Vernichtung hatte Cyrus Stonard -befohlen. Den einen der drei hatte er. Diesmal sollte -er der Vernichtung nicht entgehen.</p> - -<p>Dr. Glossin überschlug die Zeit. Noch Dreiviertelstunden. -Dann war das Flugsschiff über Montana. Dort -am Ostabhange der Rocky Mountains hatte er einen -Schlupfwinkel. Und dann … dann ging es mit -R. F. c. 2 in sausender Fahrt nach Sing-Sing zurück. -Der drahtlose Befehl, die neue Maschine dort -betriebsbereit zu halten, war längst gegeben. Diesmal -sollte die Vollziehung des Urteils schnell und -glatt vonstatten gehen. Ohne Zeugen. Nur er wollte -dabei sein und sich überzeugen, daß der Strom diesmal -auch wirklich seine Schuldigkeit tat. Dann war die alte<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -Scharte ausgewetzt. Dann konnte ihm auch Cyrus -Stonard keinen Vorwurf mehr machen.</p> - -<p>Dr. Glossin lächelte befriedigt. Die Arznei hatte ihn -körperlich erfrischt. Die Hoffnung, daß seine Pläne -schnell zu glücklichem Ende kommen würden, stärkte ihn.</p> - -<p>Sein Gedankengang wurde unterbrochen. Er hörte, -wie der Kommandant in das Telephon nach dem Motorraum -sprach. R. F. c. 2 flog mit voller Besatzung. Es -hatte außer dem Kommandanten noch einen Ingenieur -und zwei Motorwärter an Bord.</p> - -<p>Der Kommandant sprach dringlich:</p> - -<p>»Die Umdrehung beider Turbinen ist von 8000 auf -5000 gefallen und fällt dauernd weiter. Was ist bei -Ihnen los?«</p> - -<p>Dr. Glossin wurde aufmerksam. Jetzt irgendein Motordefekt. -Ein Versagen der Turbinen. Das konnte seine -Pläne stören.</p> - -<p>Eine leichte Erschütterung ging durch das Schiff. Die -Spitze neigte sich etwas nach unten, und im Gleitfluge stieg -es aus der gewaltigen Fahrthöhe hinab. Die Tür des -Motorraumes öffnete sich. Der Ingenieur trat herein. -Den Lederanzug bespritzt, Spuren von Ruß und Öl an -den Händen.</p> - -<p>»Mr. Boolton, beide Maschinen stehen. Sie drehen sich -nur noch, weil der Luftzug die Schrauben rotieren läßt. -Die Maschinenkraft ist weg.«</p> - -<p>Der Kommandant fuhr auf, wie eine gereizte Bulldogge.</p> - -<p>»In drei Teufels Namen, Wimblington, wollen Sie -uns bis auf die Knochen blamieren? R. F. c. 2 ist das -beste Schiff unserer Flotte. Bringen Sie die Maschinen -in Gang, oder ich bringe Sie vor das Kriegsgericht.«</p> - -<p>Der Ingenieur eilte in den Turbinenraum zurück. Er -vergaß es, die Tür hinter sich zu schließen. Das Geräusch -von allerlei Werkzeugen und Hantierungen drang in die -Kabine. Derweil ging das Flugschiff ohne Motorkraft -unaufhaltsam im Gleitflug zur Erde. Nur noch zehn<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -Minuten, und es mußte landen, wenn die Maschinenkraft -nicht wiederkam.</p> - -<p>Der Ingenieur erschien wieder im Raum.</p> - -<p>»Herr Kapitän, der Fehler sitzt in den Zündanlagen. -Die Maschinen bekommen keinen Zündstrom.«</p> - -<p>Der Kommandant wurde blaurot im Gesicht.</p> - -<p>»In Satans Namen, Herr, Sie sollen die Maschinen -in Gang bringen. Sie werden erschossen, wenn wir notlanden -müssen.«</p> - -<p>Mit der unangenehmen Aussicht auf den Tod durch -eine Kugel verließ Wimblington den Raum. Die Dinge -erfuhren dadurch keine Änderung. Die Maschinenkraft -blieb aus. Der Gleitflug in die Tiefe dauerte an. Schon -befand sich R. F. c. 2 in einer dichten Atmosphäre, nur -noch 3000 Meter über dem Boden. Noch vor kurzem -waren die Sonnenstrahlen vom Westen her klar und kräftig -in den Raum gefallen. Jetzt nicht mehr dreißig, sondern -nur noch drei Kilometer hoch, war das Schiff bereits -im Dämmerschatten der Erde. Kommandant Boolton -durchspähte zähneknirschend die Gegend und suchte einen -passenden Landungsplatz für das Schiff. Er bemerkte, -daß es ihm gerade noch möglich sein würde, über einen -Hochwald hinwegzukommen und auf einer mäßig großen -grasbestandenen Lichtung niederzugehen.</p> - -<p>Die Aufregung des Kommandanten hatte sich auch -Glossin mitgeteilt. Unruhig lief er mit kurzen Schritten -in der Kabine hin und her. Sein Blick fiel auf Silvester -Bursfeld. Der Gefangene hatte sich herumgeworfen, so -daß er Jane sehen konnte, die immer noch in leichtem -Schlummer lag. Die Blicke Glossins und Logg Sars -trafen sich, und Schrecken kroch dem Doktor an das Herz.</p> - -<p>In diesem Augenblick fühlte er, daß der Motordefekt -keine zufällige Panne war. Er fühlte es, daß die unheimliche, -unbekannte Macht wieder hinter ihm her war. -Er hätte einen Eid darauf geschworen, daß dieselbe Kraft, -die damals die Maschine in Sing-Sing lähmte, jetzt auch -die Turbinen des Rapid Flyers in ihrer Arbeit anhielt.<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -Mechanisch faßte er nach der Tasche, welche die kleine -wirksame Schußwaffe barg.</p> - -<p>R. F. c. 2 setzte auf die Grasnarbe auf. Mit vollendeter -Steuerkunst hatte Kommodore Boolton das Schiff -noch über die letzten Hochstämme des Waldes gebracht. -Unmittelbar am Waldrande kam es zur Ruhe und wurde -von den Schatten der schnell wachsenden Dämmerung -umfangen. Boolton ließ das Steuer los und drehte sich -um, als ein Geräusch seine Aufmerksamkeit fesselte. Wie -zur Salzsäule erstarrt blieb er stehen und stierte durch -die Seitenscheiben.</p> - -<p>Ein zweites Flugschiff schoß aus der Höhe hinab, gewann -Gestalt und legte sich kaum hundert Meter von -R. F. c. 2 entfernt auf den Rasen. Das von Minute zu -Minute unsicherer werdende Licht der Dämmerung genügte -noch, um die Formen erkennen zu lassen.</p> - -<p>Kommodore Boolton fand zuerst die Sprache wieder.</p> - -<p>»Ich will des Teufels Großmutter heiraten, wenn es -nicht R. F. c. 1 ist. Es fliegt kein anderer Bau von der -Sorte in der Welt. R. F. c. 3 ist noch in der Montage.«</p> - -<p>Der Kommandant hatte seinen Ärger vergessen. Die -Neugier, wie R F. c. 1 hier plötzlich auftauchen könne, -überwog alle anderen Gefühle. Dr. Glossin stand da, -die Hand an der Schußwaffe, und blickte auf das fremde -Schiff.</p> - -<p>Dort drüben regte sich nichts. Unheimliche Ruhe -herrschte. Kommodore Boolton brach das Schweigen.</p> - -<p>»Was brennt hier! Habt ihr Feuer an den -Maschinen?«</p> - -<p>Er schrie es nach dem Turbinenraum hin.</p> - -<p>Auf die Antwort brauchte er nicht zu warten. Dicht -neben ihm öffnete sich die massive Metallwand von -R. F. c. 2. Das Metall glühte eine Sekunde hellrot, die -nächste grellweiß und versprühte dann als Dampf. Noch -bevor es Zeit hatte, zu schmelzen und wegzufließen. Die -innere Holzbekleidung flammte einen kurzen Moment, -aber auch sie versprühte und verschwand, bevor<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -es zu einem richtigen Feuer kommen konnte. Nur ein -letzter Brandgeruch machte sich bemerkbar.</p> - -<p>Schon war die dem neuen Flugschiff zugekehrte Seitenwand -von R. F. c. 2 in der Größe mehrerer Quadratmeter -verschwunden.</p> - -<p>Kommodore Boolton sah, wie sein gutes Schiff sich vor -seinen Augen in Dampf und Nichts auflöste. Mit geballten -Fäusten stürzte er erbittert auf die entstandene -Öffnung zu.</p> - -<p>… Und geriet in den sengenden Strahl der telenergetischen -Konzentration. Im Augenblick flammten die -Kleider an seinem Leibe auf. Er wollte zurück und war -doch schon tot, verbrannt, in rotglühende Kohle und stäubende -Asche verwandelt, bevor noch der Gedanke, daß er -bedroht sei, in seinem Gehirn Wurzel fassen konnte.</p> - -<p>Die Flamme des Strahlers fraß weiter. Schon lag die -Kabine bloß. Jetzt versprühte die dem Angreifer zugekehrte -Wand des Motorenraumes.</p> - -<p>Ingenieur Wimblington war nicht gewillt, seine Maschinen -ruinieren zu lassen. Seine Rechte fuhr nach der -Tasche. Schon lag die Präzisionsschußwaffe in seiner -Faust. Prasselnd schlugen die Geschosse gegen die -Flanken von R. F. c. 1.</p> - -<p>Das erste … das zweite … das dritte … das vierte -ging darüber hinweg, denn der feurige Strahl faßte den -Ingenieur, fraß die Waffe in seiner Hand, fraß die Hand -und fraß ihn selbst, bevor er ein fünftes Mal abdrücken -konnte.</p> - -<p>Mit aufgehobenen Händen sprangen die Monteure -durch die Öffnung ins Freie.</p> - -<p>Der eine zersprühte und verglühte im Augenblick des -Absprunges. Den zweiten traf der Strahl in der -Zehntelsekunde, die er in der Luft schwebte. Etwas weiße -Asche fiel auf den Rasen.</p> - -<p>Dr. Glossin hatte die Katastrophe im Motorenraum -nicht gesehen. Mit Aufbietung aller Kräfte hatte er in -diesen Sekunden die Verschlußschrauben gelöst, die die<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -Tür auf der Backbordseite des Flugschiffes verschlossen -hielten.</p> - -<p>Mit einem Sprunge riß er Jane an sich. Mit einem -Ruck hatte er auch die Schußwaffe wieder zur Hand.</p> - -<p>Der Schuß blitzte auf. Aus nächster Nähe war die -Waffe auf Silvester gerichtet.</p> - -<p>Schmerzlich zuckte der Getroffene zusammen. Eine -kräftige Abwehrbewegung mit den eng gefesselten Händen -brachte den Doktor ins Wanken. Er wäre gestürzt, -hätte er nicht im letzten Moment die Waffe fallen lassen -und sich an den Türpfosten geklammert.</p> - -<p>Jetzt zeigte sich die Kraft, die in diesem mißgestalteten -Körper vorhanden war.</p> - -<p>Die bewußtlose Jane noch immer auf dem Arm, glitt -Glossin von der Plattform der Kabine auf der Backbordseite -zum Flugschiff hinaus und lief auf den Wald zu.</p> - -<p>Im gleichen Augenblick, in dem Atma R. F. c. 1 verließ -und in langgestreckten Sätzen auf R. F. c. 2 zustürmte. -Als Glossin auf der Backbordseite den Boden -berührte, sprang Atma auf der Steuerbordseite in das -Schiff.</p> - -<p>Er sah Silvester gefesselt und durchschnitt die bindenden -Stricke gedankenschnell. Er ließ den Strahler in -Silvesters Hände fallen, glitt im selben Moment schon -zur anderen Seite des Flugschiffs hinab und stürmte -dem Walde zu.</p> - -<p>Es war hohe Zeit. Nur noch undeutlich schimmerte -Janes weißes Kleid durch die Stämme. Dr. Glossin -hatte einen bedeutenden Vorsprung, und die Schatten -der Dämmerung wuchsen von Sekunde zu Sekunde. Aber -Dr. Glossin war alt, und Atma war jung, Dr. Glossin -trug eine schwere Last auf seiner Schulter, und Atma -war ungehindert.</p> - -<p>Der Vorsprung Glossins nahm von Minute zu Minute -ab. Durch das Stoßen und Schütteln des Laufes war -Jane wieder zum Bewußtsein gekommen und sträubte -sich mit allen Kräften. Sie schlug auf den Arzt ein, warf -sich wild zurück und hinderte ihn schwer.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span></p> - -<p>Schon hörte er den keuchenden Atem des Inders hinter -sich. Da packte ihn die Todesfurcht. Das Verhängnis -kam hinter ihm. Nur noch einmal entrinnen!</p> - -<p>Eine kleine Schlucht öffnete sich vor ihm. Er ließ Jane -zu Boden gleiten, sprang in die Tiefe und lief die Bodenfalte -entlang. Hier herrschte schon Dunkelheit. In -seiner dunklen Kleidung war er in dem dichten -Unterholz nicht mehr zu sehen. Vorsichtig schlich er -von Baum zu Baum weiter, bemüht, jedes Geräusch -zu vermeiden.</p> - -<p>Atma war bei Jane stehengeblieben. Vorsichtig hob -er sie auf, trug und führte sie aus dem Walde auf das -freie Feld zurück, brachte sie sicher in die Kabine von -R. F. c. 1 und sah dann nach Silvester.</p> - -<p>Der lag ohnmächtig in sich zusammengesunken. Der -Strahler war seinen Händen entfallen. Aus der Wunde -strömte das Blut.</p> - -<p>Atma kam nicht zu früh. Das Messer, welches vor -kurzem die Fesseln durchschnitt, zertrennte jetzt die Gewandung. -Die getroffene Seite lag bloß. Eine Schlagader -war verletzt. Im Rhythmus des Herzschlages -spritzte der rote Lebenssaft.</p> - -<p>Es dauerte geraume Zeit, bis Atma des Unheils -Herr wurde. Endlich stand die Blutung.</p> - -<p>Die Wundränder schlossen sich. Vorsichtig trug Atma -seinen Jugendgespielen in das andere Schiff und bettete -ihn mit unendlicher Sorgfalt.</p> - -<p>Jetzt wußte Atma den Freund und das Mädchen -geborgen. Seine Gestalt straffte sich, und mit dem -Strahler in der Hand wandte er sich dem Walde zu. -In der letzten Dämmerung des entschwindenden Tages -stand dort die Ruine von R. F. c. 2.</p> - -<p>Der Strahler wirkte. Jetzt brauchte der Inder nicht -mehr so sorgfältig zu zielen und zu konzentrieren. Mit -Gewalt explodierten zehntausend Kilowatt in dem -Wrack. Im Augenblick glühte der ganze Rumpf -hellrot auf. Schnell wuchs die Hitze zu blendender -Weißglut. Das Aluminium des Körpers begann zu<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -brennen. Millionen von Funken und Sternchen warf die -glühende Masse nach allen Seiten in die Luft. Dann floß -sie zusammen. Eine einzige Lache geschmolzener Tonerde, -wo noch vor kurzem ein vollendetes Meisterwerk -menschlichen Erfindungsgeistes gestanden hatte.</p> - -<p>Atma stellte den Strahler ab. Aber die hellrot glühende -Schlackenmasse da drüben gab noch nicht Ruhe. Die -Flammen sprangen auf den Waldrand über. Das dürre -Gras brannte, einige Grenzbäume fingen Feuer.</p> - -<p>Atma sah das Schauspiel, ohne etwas dagegen zu tun.</p> - -<p>Mit schnellen Griffen ließ er die Turbinen von -R. F. c. 1 angehen. Der Rapid Flyer stürmte in die -Höhe. Weit hinter ihm lag der brennende Wald. -Atma sah es und lächelte.</p> - -<p>»Wenn der Wind gut steht, Glossin, dann lernst du -diese Nacht doch noch …«</p> - -<p>Der Rest erstarb im Brausen der Turbinen.</p> - -<p>Atma trat an die Steuerung und setzte das Schiff auf -reinen Nordkurs. Der Weg gerade über den Pol blieb -der sicherste.</p> - -<p>Auf der Wiese vor dem Herrenhause in Linnais setzte -R. F. c. 1 leicht und beinahe erschütterungsfrei auf. Mit -starken Armen trug Erik Truwor den wunden Freund -in sein Heim, während Jane am Arm Atmas folgte.</p> - -<p>Und dann kamen Tage banger Sorge. Die Verwundung -Silvesters war nicht lebensgefährlich. Die Kugel -Glossins war an einer Rippe abgeglitten und hatte nur -eine Fleischwunde verursacht.</p> - -<p>Bedenklicher war das hohe Fieber. Der alte Arzt -aus Linnais schüttelte ratlos den Kopf. Keine Wundinfektion, -glatt fortschreitende Heilung der Verletzung -und trotzdem diese Fieberschauer, die den Kranken bis -an den Abgrund der Vernichtung führten. Seine Kunst -und sein Latein waren hier zu Ende.</p> - -<p>Lange Tage und kurze, hell dämmernde Nächte folgten -aufeinander, in denen Jane nicht vom Lager Silvesters -wich, Atma sich mit ihr in die Pflege teilte. Atma, der -die Dinge anders ansah als der schwedische Arzt.<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -Atma, der die wildesten Fieberträume Silvesters beruhigte, -wenn er ihm die Hand auf die Stirn legte.</p> - -<p>»In der fünften Nacht wird die Entscheidung fallen.«</p> - -<p>Atma hatte es Erik Truwor zugeflüstert, als sie den -Verwundeten aus dem Rapid Flyer trugen und auf sein -Lager betteten. Jane hatte die Worte gehört, so leise -sie auch gesprochen wurden.</p> - -<p>Heute war die fünfte Nacht. In dem verdunkelten -Zimmer saß Jane am Lager Silvesters und bewachte -jede Regung des Kranken.</p> - -<p>Es war nach Mitternacht, und das fahle Licht des -jungen Tages dämmerte durch die Schatten des Zimmers. -Mit Angst und Freude bemerkte Jane eine Veränderung -in den Zügen Silvesters. Es zuckte leise darin. -Die geschlossenen Augenlider schienen sich heben zu -wollen. Der Körper machte schwache Bewegungen.</p> - -<p>War das der Tod? Oder war es Erwachen zu neuem -Leben?</p> - -<p>Die Sorge überwältigte Jane. Sie wollte Atma rufen, -doch die Stimme versagte ihr. Rückhaltlos überließ sie -sich den Gefühlen, die in ihr stürmten. Sie umschlang -Silvesters Hals, sie flüsterte ihm zärtliche Worte zu und -drückte ihre Lippen auf seine Stirn. Alle Instruktionen -des Arztes, alle Weisungen Atmas waren in diesem -Augenblick vergessen.</p> - -<p>»Silvester, verlaß mich nicht! Silvester, bleibe bei mir!«</p> - -<p>War es der Klang ihrer Stimme so nahe an seinem -Ohr? Einen Augenblick hob er die Augenlider, als -suche er mit Gewalt die Umgebung zu erkennen. Dann -schlossen sie sich wieder. Der Kopf sank tiefer. Er lag -ganz still und regungslos.</p> - -<p>»Silvester!«</p> - -<p>Ein Schrei aus tiefster Not war es. Leise sank sie -neben dem Bett auf die Knie und vergrub das Antlitz -in ihre Hände.</p> - -<p>Atma war in das Zimmer getreten. Seine Augen -ruhten forschend auf den Zügen Silvesters.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span></p> - -<p>»Die Seele ist stärker als der Tod … Er ist gerettet.«</p> - -<p>Er murmelte es leise und trat zurück.</p> - -<p>Von neuem öffnete der Kranke die Augen. Diesmal -viel freier und leichter. Und sah mit freudvollem -Staunen den blonden Kopf an seiner Brust, dessen Antlitz -ihm verborgen war.</p> - -<p>»Wer … Was ist …«</p> - -<p>Jane war aufgesprungen.</p> - -<p>»Er lebt, er wird leben!«</p> - -<p>Noch erkannte Silvester sie nicht.</p> - -<p>»Wer ist … wer bist …«</p> - -<p>»Jane, deine Jane bin ich … Jane ist bei dir! -Gott hat uns wieder vereinigt.«</p> - -<p>Der Schimmer des Verstehens, des Wiedererkennens -flog über die Züge Silvesters.</p> - -<p>»Jane?«</p> - -<p>»Ja, deine Jane … für das ganze Leben!«</p> - -<p>»Jane! … Jane!« … Er wiederholte den Namen, -als gewähre ihm das Aussprechen höchste Seligkeit. Er -hob die Arme und legte sie um Janes Hals. Er zog -ihr Haupt zu sich und lehnte seine Wange an die ihre.</p> - -<p>»Meine Jane«, sagte er so leise, daß sie wohl bemerken -konnte, wie die körperliche Schwäche ihn zu übermannen -drohte.</p> - -<p>»Vor Gott schon lange und jetzt auch vor den -Menschen.«</p> - -<p>Seine Augen schlossen sich wieder, aber das selige -Lächeln blieb auf seinen Lippen. Schnell und sanft -schlummerte er ein.</p> - -<p>Mit unhörbaren Schritten trat Atma neben Jane.</p> - -<p>»Dein Geliebter schläft. Die Gefahr ist vorüber. Du -armes Kind mußt auch ruhen. Komm und laß mich -allein mit Silvester. Zur rechten Zeit will ich dich -rufen.«</p> - -<p>»Er schläft, er ist gerettet!« wiederholte Jane. Sie -sprach es leise. Einen langen Blick warf sie auf den -ruhig Schlummernden und folgte dem Inder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span></p> - -<p>Nachdem die Krisis überstanden, die Kraft des Fiebers -gebrochen war, machte die Genesung Silvesters schnelle -Fortschritte. Schon am dritten Tage ging er an Janes -Arm über die Wege des parkartigen Gartens, der das -Herrenhaus umschloß, und jede Stunde des Tages war -eine Stunde des Glücks für die Liebenden. Nach einer -Woche wagten sie es, den Pfad zum Ufer des -Torneaelf zu wandern, berückt und entzückt von -der romantischen Schönheit dieser wunderbaren Landschaft. -Ein unendliches Glücksgefühl durchflutete -ihre Herzen. In dem dichten Grase am Flußufer ließen -sie sich nieder. Silvester lehnte seinen Kopf in Janes -Schoß und schloß tief atmend die Augen.</p> - -<p>»Wenn ich deine liebe Gestalt nicht fühlte, möchte ich -glauben, es wäre nur ein schöner Traum, und würde den -Himmel bitten, daß er mir ein Ende fände. Jane, du -bist bei mir«, er zog ihre Hände an seine Lippen und -küßte sie. »Die guten Feenhände, ihnen verdanke ich -mein Leben.«</p> - -<p>»O Silvester, wie gern wäre ich für dich gestorben, -hätte mein Tod dir Rettung bringen können. Du hast -so vieles, wofür du leben mußt. Ich habe nichts als -dich. Was sollte aus mir werden, wenn ich dich nicht -hätte.«</p> - -<p>Ihre Arme umschlossen den Geliebten. Ihre Augen -versenkten sich ineinander … ihre Lippen fanden sich -in einem langen, langen Kuß.</p> - -<hr class="chap" /> -<div class="chapter"> -<h2 id="Teil_III">Teil III.</h2> -</div> - -<p>»Auf die Postille gebückt zur Seite des wärmenden -Ofens …«</p> - -<p>Es war Geburtstag im Hause Termölen. Das Geburtstagskind -Andreas Termölen trug seine acht Jahrzehnte, -so gut ein Mensch sie zu tragen vermag. Schon -am Vormittag hatte er den Festrock aus feinem schwarzen -Tuch angelegt. Die Kriegskreuze aus dem großen<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -Kampfe von Anno 14 bis 18 schimmerten auf der linken -Brustseite.</p> - -<p>Das volle, weiße Haar, der starke Schnurrbart gaben -dem Gesicht einen energischen Zug. Doch die Jahre -machten sich fühlbar. An der Seite seiner Luise, der fünf -Jahre jüngeren Gattin, hatte der Jubilar in den Vormittagsstunden -die Schar der Gratulanten empfangen. -Die Wirtz, die Schmitz, die Raths und wie sie alle hießen. -Der Duft von Blumenspenden erfüllte das Wohnzimmer. -Der Alte hatte sich aufrechtgehalten. Mit alten Freunden -und Kriegskameraden geplaudert und ein Gläschen -getrunken.</p> - -<p>Danach das Mittagsmahl. Nur zu zweit mit seinem -Luischen, die mit ihm jung gewesen und alt geworden -war. Da spürte er die Anstrengungen des Tages. Die -Hände zitterten mehr als gewöhnlich. Der Rücken -schmerzte ein wenig.</p> - -<p>Besorgt betrachtete ihn die Gattin.</p> - -<p>»Es is also, als et Bismarck schon gesacht hat. Die -ersten Siebenzig sind alleweil die besten. Da is nichts -dran zu ändern, Luische.« So suchte er die Sorge der -Gattin fortzuscherzen. Und war doch froh, als er sich -nach geschehener Mahlzeit behaglich in dem alten Ledersessel -ausstrecken konnte. Da konnten sich die alten Glieder -wohlig ruhen und lösen.</p> - -<p>Die Termölensche Ehe war kinderlos. Die Liebe der -alten Leute betätigte sich an Neffen und Nichten. Auch -an der dritten Generation, die zum größten Teil schon -erwerbstätig im Leben stand.</p> - -<p>Der alte Mann wollte sein Schläfchen machen. Aber -die Anregungen und Ungewohnheiten des Tages wirkten -nach. Er war zu aufgeregt dazu.</p> - -<p>»Wat meinst du, Luischen, ob de Jong, de Willem, -hüt von Essen röwerkütt?«</p> - -<p>»Ich mein, er wird schon komme, wenn er Zeit hat.«</p> - -<p>Die Zwiesprach galt dem Oberingenieur Wilhelm -Lüssenkamp von den Essener Stahlwerken. Der stand -nun auch schon im fünfzigsten Lebensjahre. Aber für<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -die beiden Alten blieb er nach wie vor »de Jong, de -Willem«.</p> - -<p>Der Alte sann einige Zeit über die Antwort nach.</p> - -<p>»Wenn er Zeit hat. Et jibt jetzt mächtig zu don. Et -jibt bald Krieg. Engländer und Amerikaner. Et soll -mich freuen, wenn dat Volk sich ordentlich de Köpp zerschlägt.«</p> - -<p>Dann sprangen seine Gedanken zu einem anderen -Gegenstand über.</p> - -<p>»Wer hätt dat jedacht, Luische, dat aus unserer Reisebekanntschaft -auf dem Schiff … damals hinter Bonn -… dat daraus wat Ernstlichet werden wird. Ich han -mir nachher jedacht, die jungen Leut' müßten mich für -'nen alten Schwefelkopf halten. Und da kütt dann -en Brief aus Amerika. Un dann noch einer aus -Schweden. Dat muß ich nochmal lesen.«</p> - -<p>Frau Luise Termölen brachte die Briefe. Der alte -Mann versuchte zu lesen. Die Hand war zu zitterig, und -die Schrift verschwamm ihm vor den Augen.</p> - -<p>»Lis du es jet, Luische. Du hast jüngere Augen.«</p> - -<p>Frau Luise setzte sich zurecht und las die fünfzigmal -gelesenen Briefe zum einundfünfzigstenmal.</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -Trenton, den 14. Dezember 1953.</p> -<p class="center"> -Geehrter Herr Termölen! -</p> - -<p>Ein wunderbarer Zufall hat es gefügt, daß die Hinweise, -die Sie mir vor Jahresfrist gaben, mir -wirklich ziemlich vollkommene Klarheit über meine -Herkunft gebracht haben. Ich bin, wie Sie aus dem Poststempel -ersehen können, in Trenton. In denselben -Staatswerken, in denen auch Frederic Harte bis vor -zwei Jahren seine Stellung bekleidete. Er verlor sein -Leben bei einem Unfall. Aber seine Witwe weiß über -die Schicksale der einzelnen Familienmitglieder gut Bescheid. -Ich habe Frau Harte und ihre Tochter Jane -kennen und schätzen gelernt. Nach den langen Unterhaltungen,<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -die ich mit Frau Harte hatte, ist es für mich -Gewißheit, daß ich der Sohn von Gerhard Bursfeld bin, -der im Herbst 1922 in Mesopotamien verschollen ist. Zeit -und Ort stimmen genau mit den Angaben, die mir von -anderer Seite her über das Verschwinden meines -Vaters bekannt wurden. Die Wahrscheinlichkeit, daß -zwei Deutsche an derselben Stelle zur selben Zeit in -dieser Weise verschwinden sollten, ist praktisch gleich Null. -Auch Frau Harte bestätigte die Ähnlichkeit mit Gerhard -Bursfeld, von dem sie gute Bilder besitzt. Ich darf Sie -danach auch als meinen Verwandten betrachten und begrüße -Sie als</p> - -<p class="center"> -Ihr dankbarer</p> -<p class="right"> -Silvester Bursfeld. -</p></div> - -<p>Der Brief war an den Kniffstellen mehrfach eingerissen -und trug die Spuren häufiger Lektüre.</p> - -<p>»Wer hätte dat jedacht, Luische, dat die Menschen sich -auf Jottes weiter Welt so zusammenfinden. Laß mich -och den zweiten Brief hören.«</p> - -<p>Frau Luische rückte die Brille zurecht und las weiter. -Der andere Brief war neuesten Datums.</p> - -<div class="letter"> -<p class="right"> -Linnais, den 5. Juli 1955.</p> -<p class="center"> -Mein lieber Herr Termölen! -</p> - -<p>Ich bin der glücklichste Mensch auf der Welt und verdanke -Ihnen, daß ich es bin. Hätten Sie mir damals -nicht die Nachweise gegeben, wär ich nie zu Mrs. Harte -gekommen. Dann wäre Jane Harte auch nicht meine -liebe Braut und in zwei Stunden mein angetrautes -Weib. Es treibt mich, Ihnen von meinem Glück Kenntnis -zu geben. Heute nachmittag gehen wir auf die Hochzeitsreise. -Italien, Griechenland, Ägypten bis zu den -Pyramiden. Jane kennt die Alte Welt noch nicht. Sie -hat immer in Amerika gelebt. Auf der Rückreise wollen -wir Sie besuchen. Ich lade mich und meine junge Frau -auf die Mitte des Monats für ein paar Tage bei Ihnen<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -zu Gaste. Durch Jane, die es von <span id="corr157">ihrer</span> Mutter weiß, -erfuhr ich, daß Sie am 8. Juli Ihren achtzigsten Geburtstag -feiern. Wir gratulieren dazu von den Ufern -des Torneaelf her und werden unsere Glückwünsche -bald mündlich wiederholen.</p> - -<p>Ich bleibe</p> - -<p class="center"> -Ihr ergebenster … -</p></div> - -<p>Frau Luise blickte von ihrer Lektüre auf. Nun war -der alte Mann doch eingeschlafen. Die Natur verlangte -ihr Recht. Sie ließ ihn ruhig schlummern und bereitete -leise den Kaffeetisch für den Nachmittag. Der Junge, -der Wilhelm, wurde ja erwartet. Vielleicht kamen auch -noch andere Gäste. – – –</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Hausglocke erklang. Andreas Termölen fuhr aus -seinem Schlummer empor. Eine kräftige männliche -Stimme im Vorraum. Wilhelm Lüssenkamp trat in das -Zimmer. Der blonde Rheinländer begrüßte den alten -Oheim herzlich und brachte ihm seine Gabe dar. Einen -Korb mit Rosen, zwischen denen die rotgekapselten Hälse -von einem Dutzend guter Flaschen verheißungsvoll -blinkten.</p> - -<p>»Alter Wein für alte Leute, Onkelchen. Meine besten -Glückwünsche. Lange kann ich nicht bleiben. Wir -arbeiten mit Nachtschicht. Mit List und Tücke bewog ich -den Kollegen Andriesen, mich über den Nachmittag zu -vertreten. Erwischte einen freien Werkflieger, der mich -bis Düsseldorf mitnahm, und da bin ich.«</p> - -<p>Andreas Termölen ließ den Wortschwall über sich ergehen. -Drückte die Hände seines Neffen herzlich und -lange.</p> - -<p>»Et freut mich, Jong, dat du noch auf en paar Stündchen -den Weg zu deinem alten Ohm jefunden hast. Dafür -sollst du och dat erste Stück vom Kuchen haben.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span></p> - -<p>Sie setzten sich an den Kaffeetisch, griffen zu und -ließen sich schmecken, was Frau Luise darbot.</p> - -<p>In die idyllische Ruhe dieses stillen Heims kam Wilhelm -Lüssenkamp aus dem sausenden Getriebe der -großen Essener Stahlwerke. Kam, brachte die Unrast -und Anspannung harter Arbeit mit, und fand bei dem -alten Manne freudiges Verständnis. Bis vor fünfzehn -Jahren hatte Andreas Termölen selbst eine leitende -Stellung in der rheinischen Stahlindustrie bekleidet. Er -wußte, was es bedeutet, den Gang der Schmelzöfen zu -überwachen und Abstich auf Abstich in die Kokillen zu -bringen. Begierig lauschte er den Erzählungen des -Neffen.</p> - -<p>Daß das Werk im Laufe der letzten vierzehn Tage die -Zahl der Stahlöfen verdreifacht habe. Tag und Nacht -wurde mit riesenhaft vermehrtem Personal gearbeitet. -Eben trocken, wurden die Ofen schon in Betrieb genommen. -Vorsichtig begann die Beheizung. Die Gasanlage -war Gott sei Dank auf Zuwachs gebaut und lieferte den -nötigen Brennstoff.</p> - -<p>War nach vierundzwanzigstündiger Beheizung die -letzte Spur von Feuchtigkeit aus dem Mauerwerk getrieben, -dann wurde der volle Flammenstrom angestellt. -Dann stieg die Hitze im Ofeninnern in wenigen Stunden -auf grelle Weißglut. Dann warfen die Maschinen -Charge auf Charge in den Ofen. Gußbrocken, Schmiedeeisen -und alle anderen Rohstoffe, aus denen in der -Höllenglut der edle Stahl gekocht wurde.</p> - -<p>Der warme Betrieb mußte Tag und Nacht durchgehen, -weil man die Öfen nicht einfrieren lassen durfte. -Aber er ging jetzt forciert. Er war schon verdreifacht -und sollte noch einmal verdreifacht werden.</p> - -<p>»Wat soll dat all? Wo wollt ihr mit der Unmasse -Stahl hin?«</p> - -<p>Wilhelm Lüssenkamp zuckte mit den Achseln.</p> - -<p>»Nicht meine Sorge, Ohm. Das Schmelzwerk hat -den Auftrag, soviel Stahl wie möglich zu liefern. -Wenigstens aber eine Million Tonnen im Jahr. Da<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -heißt es: Anbauen und sich dranhalten. Übrigens … -ich verrate damit kaum ein Geheimnis: Es ist stadtbekannt, -daß die Amerikaner unmenschliche Stahlmengen -für ein Sündengeld fest gekauft haben und in -Deutschland stapeln.«</p> - -<p>»Et jibt Krieg, Jung. Ick hab dat schon vorher jesagt.«</p> - -<p>»Kann sein, Onkel Andreas. Es sieht so aus, als ob -John Bull und <span id="corr159">Uncle</span> Sam sich an die Kehle wollen. -Der Amerikaner kauft Stahl. Der Engländer interessiert -sich mehr für fertige Sachen. Im Motorenraum, unsere -neuen Turbinen … ich will mich nicht rühmen … -aber die haben's in sich und haben's auch den Englischen -angetan. Bei den Probefahrten haben wir zwölfhundert -Kilometer geschafft. Die bis jetzt schnellsten Maschinen, -das ist die amerikanische R. F. c.-Type. Tausend Kilometer. -Von uns um zweihundert Kilometer geschlagen. -Der englische Kapitän, der eine Probefahrt mitmachen -durfte, war einfach platt. Steckte die Entfernung -zwischen Fredericsdal an der grönländischen Südspitze -und der Wendemarke auf der Azoreninsel immer wieder -auf dem Globus ab und schüttelte den Kopf. Seitdem -sind die Engländer scharf hinter den Turbinen her. -Zehntausend Stück sofort in festen Auftrag.«</p> - -<p>Wilhelm Lüssenkamp ließ den Blick auf den Kriegsorden -des Oheims ruhen.</p> - -<p>»Du hast die alten Denkzeichen angelegt?«</p> - -<p>Er beugte sich vor und ließ einzelne Spangen der Dekoration -durch die Finger gleiten.</p> - -<p>»Sommeschlacht … Verdun … Kemmelberg … -Ypern … Dixmuiden … Chemin des Dames … -blutige Orte. Nach dem, was wir schon als Kinder -hörten, muß es da böse zugegangen sein.«</p> - -<p>Der alte Mann nickte zustimmend.</p> - -<p>»Jong, et is jetzt vierzig Jahre her. Aber die Tage -stehen mir noch wie heute vor dem Gesicht. Manchmal -scheint et mir noch heut unglaublich, dat ich damals am -Leben geblieben bin … Et war die Hölle. Et war<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -mehr als die Hölle.« Der Alte schwieg, von der Erinnerung -ergriffen. Der Neffe nahm das Thema auf.</p> - -<p>»Es war schlimm, Onkel Andreas. Aber jetzt kommt -es noch viel schlimmer. Der Krieg, der uns bevorsteht, -wird das Entsetzlichste, was die Welt jemals gesehen hat. -Dreihundert Millionen Nordamerikaner gegen siebenhundert -Millionen Britten. Die Industrie der Erde schon -jetzt keuchend in voller Kriegsarbeit. Neue Mittel, neue -Mordmethoden, von denen die meisten Menschen heute -noch keine Ahnung haben. Aber … es geht nicht um -unsere Haut. Die beiden Weltmächte, die übriggeblieben -sind, schneiden sich die Kehle ab. Niemand kann die -Katastrophe aufhalten. Sie ist unabwendbar. Wenn sie -nicht morgen kommt, dann übermorgen. Aber sie kommt. -Ich glaube nicht, daß wir noch im Frieden den Kornschnitt -erleben. Nach meiner Meinung muß der amerikanische -Diktator ganz plötzlich und unvermutet losschlagen, -wenn er die besseren Chancen auf seine Seite -bringen will.</p> - -<p>Die Engländer sprechen seit fünfzig Jahren vom -<em class="antiqua">Saxon day</em>. Ich meine, er steht dicht vor der Tür, und -kein Mensch kann das Verhängnis aufhalten.«</p> - -<p>»Kein Mensch …«</p> - -<p>Der alte Mann wiederholte es nachdenklich.</p> - -<p>»Sie haben et nicht verdient, dat wir ihnen eine Träne -nachweinen. Laßt sie sich meinetwegen die Hälse abschneiden -… janz wat anderes, Jung'! In zehn -Tagen jibt et bei uns Besuch. Einer von den Bursfelds. -Ich hab dir ja erzählt, wie wunderlich wir ihn entdeckt -haben. Seine Jroßmutter war meine Schwester. Eine -Schwester deiner Mutter. Er wird uns mit seiner jungen -Frau besuchen. Sieh, dat du in den Tagen auch mal -zu uns kommst.«</p> - -<p>Wilhelm Lüssenkamp versprach es. Sah auf die Uhr -und bemerkte, daß es die höchste Zeit zum Aufbruch -sei. Er mußte eilen, wenn er sein Flugzeug an der verabredeten -Stelle treffen wollte. Die siedende Arbeit rief<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -ihn zurück, fort aus dieser ruhigen Feierstimmung, in -die Gluten und zu den rasselnden Maschinen industriellen -Hochbetriebes.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Glockengeläut klang vom Turm der alten Kirche von -Linnais. Über die sonnenbeschienenen Dächer des Ortes, -über bestellte Felder, die in kurzen Sommerwochen spärlichen -Ertrag brachten, zogen die Töne dahin, das Tal -des Torneaelf entlang und verloren sich schließlich in -bläulicher Ferne zwischen den föhrenbestandenen Ufern.</p> - -<p>In der Kirche herrschte gedämpftes Licht. In hundert -Farben spielte es durch die bunten Fenster. Die Kirche -fast leer. Nur einige zwanzig Personen auf den dreihundertjährigen -Eichenbänken und in den Chorstühlen.</p> - -<p>Die Orgel setzte ein. Die Klänge des Chorals drangen -durch den Raum. Es war der Hochzeitstag Silvesters. -Der Tag seiner Vereinigung mit Jane.</p> - -<p>Die Orgel schwieg. Der alte Geistliche segnete den -Bund. Jane im weißen Kleide, den Myrtenkranz im lichtblonden -Haar, ätherisch zart. Sie glich den Engelsgestalten, -welche die Kunst eines alten Meisters über dem -Altar geschaffen hatte. Silvester, den Arm nach der -Verwundung noch in der Binde, aber froh und glücklich.</p> - -<p>Dicht hinter dem Paar die beiden Zeugen der Zeremonie: -Erik Truwor und Soma Atma.</p> - -<p>Der Inder ruhig, in sich versunken. Der freie Ritus -der Zeit erlaubte es ihm, hier als Zeuge zu dienen. -Seine Gedanken weilten bei den Lehren der eigenen -Religion. An das Rad des Lebens dachte er, an das -wir alle gebunden sind. An das Kämpfen und Leiden -aller Kreatur, die erst nach tausendfacher Wiedergeburt -und Bewährung zur ewigen Seligkeit des Nirwana eingehen -darf.</p> - -<p>Erik Truwor hoch gereckt. Jede Muskel verhaltene -Kraft. Glücklich beim Glücke des Freundes. Doch schon -weitere Pläne erwägend. Ungeduldig über jede Verzögerung, -die seine Lebensaufgabe erfuhr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p> - -<p>Der Priester wechselte die Ringe. Leicht schob sich -der goldene Reif auf den schlanken Finger der Braut. -Hart und schwer legte er sich an Silvesters Hand neben -den Ring von Pankong Tzo.</p> - -<p>Atma sah es, und seine Gedanken nahmen einen -anderen Lauf.</p> - -<p>»Wer schon gebunden ist, soll sich nicht nochmals binden. -Zwei Pflichten kann niemand erfüllen, zwei -Herren niemand dienen.«</p> - -<p>Der christliche Priester sprach milde Worte. Daß sie -nun eins seien. Daß jedes dem anderen gehöre, bis -einst der Tod sie scheiden würde.</p> - -<p>Atma sah nur die beiden Ringe an Silvesters Hand.</p> - -<p>Auch Erik Truwors Gedanken wanderten. Fort aus -dem grünen Tale, nordwärts über brandendes Meer -und weite Eisflächen zu verschneiten Felsen. Nur undeutlich -drangen die Worte des Priesters an sein Ohr. -Im Geiste baute er dort nordwärts in eisigen Fernen -bereits eine neue Zufluchtsstätte. Ein neues Heim, unentdeckbar -und unangreifbar.</p> - -<p>Der Geistliche hatte geendet. Segnend legte er die -Hände auf die Häupter der Neuvermählten. Ein voller -Sonnenstrahl fand seinen Weg bis zum Altar und wob -aus goldenem Licht eine Krone auf dem Scheitel der -Braut. Die Orgel fiel wieder ein. Die Feier ging dem -Ende zu.</p> - -<p>Kraftwagen brachten die Teilnehmer zum Hause -Truwor zurück, wo das Mahl gerichtet war. Gäste aus -dem Ort: Der Vogt von Linnais mit seiner Gattin. -Der Königliche Richter. Besitzer freier Bauernhöfe aus -der Umgebung von Linnais mit ihren Frauen.</p> - -<p>Eine schwedische Hochzeit mit den alten Sitten und -Gebräuchen. Seit einem Menschenalter hatte die hohe -Halle des Hauses so zahlreiche Gesellschaft nicht mehr -beherbergt. Seitdem Erik Truwors Mutter starb und -der Vater nur noch seiner Wissenschaft und seinen Reisen -lebte.</p> - -<p>Jetzt dröhnte der Dielenboden unter den Schritten<span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span> -kräftiger hoher Gestalten. Scherzen und Lachen erklangen -und verjagten die Geister der Einsamkeit.</p> - -<p>Amtmann Bjerkegrön führte als Respektsperson den -Vorsitz und das Wort an der Tafel. Richter Kongsholm -sekundierte ihm vom anderen Ende her. Es wurde geschmaust -und getrunken. Der Amtmann brachte den -Toast auf das junge Paar aus. Der Richter wollte -nicht nachstehen und sprach auf künftige Paare, die in -dieser Halle noch Hochzeit halten würden. Der nächste -Bräutigam müsse Erik sein. Seit tausend Jahren stünde -Haus Truwor und sei stets vom Vater auf den Sohn -vererbt worden. Also …</p> - -<p>Er schloß in nicht mißzuverstehender Weise und leerte -sein Glas auf die noch unbekannte Braut.</p> - -<p>Um drei Uhr hatte das Mahl begonnen. Um sechs -Uhr saß man noch. Viele Toaste waren ausgebracht, viele -Gläser geleert worden. Die Köpfe waren rot, und die -Stimmung ging hoch. Allgemeines Stimmengebraus -erfüllte den Raum. Mancher sprach, um zu sprechen, -und achtete nicht sonderlich mehr darauf, ob er Zuhörer -fand.</p> - -<p>Erik Truwor hatte in der allgemeinen Lebhaftigkeit -unbemerkt seinen Platz verlassen und sich halb rückwärts -hinter Atma einen Stuhl hingezogen. Der Inder war -ruhig und schweigsam wie gewöhnlich. Während der -Richter von künftigen Hochzeiten sprach, ruhte sein Blick -auf den altersbraunen Deckenbalken der Halle. Wieder -kam ihm in jener Sekunde die unheimliche Gabe des -Fernsehens, und er glaubte verzehrende Flammen um -das Gebälk lecken zu sehen.</p> - -<p>»Dein brauner Kumpan ist schweigsam, Erik. Wir -wollen ihm zeigen, was eine Hochzeit in Schweden ist. -Ein Brautführer darf nicht nüchtern bleiben, wenn er -der Braut Ehre machen soll.« Der dicke Vogt rief es -lachend und kam dem Inder mit einem vollen Pokal -vor. Atma tat Bescheid. Dem Vogt und vielen anderen. -Nur war der Trunk, der bald goldglänzend, bald funkelnd -wie Rubin in seinem Glase schimmerte, kein Wein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p> - -<p>Erik Truwor beugte sich vor.</p> - -<p>»In dreißig Minuten muß Silvester aufbrechen, wenn -er den Anschluß an die Regierungslinie nach Deutschland -erreichen soll.«</p> - -<p>»So laß ihn gehen.«</p> - -<p>Atma sagte es ruhig und leidenschaftslos.</p> - -<p>»Du kennst meine Landsleute nicht. Sie wollen den -Brauttanz. Sie wollen den Schleier der Braut vertanzen, -wollen zuletzt aus dem Brautschuh trinken. Ich -bedauere es jetzt, daß ich die alten Freunde und Nachbarn -eingeladen habe. Es gibt Anstoß, wenn das Paar -jetzt aufsteht.«</p> - -<p>Atma überblickte die Tafel. Sie waren alle in ihrem -Element. Der Richter hielt dem Beisitzer einen Vortrag -über einen besonders interessanten Fall aus der letzten -Sitzung. Der Vogt machte der Frau Amtmann Komplimente. -Der Amtmann begann auf die Regierung -zu schimpfen.</p> - -<p>»Ich muß mit Silvester noch sprechen. Wir haben -ihm eine Woche für seine Hochzeitsreise zugestanden. Ich -habe mich besonnen, er mag vierzehn Tage reisen.«</p> - -<p>Atma wandte sich aufmerksam um.</p> - -<p>»Warum das? Du wolltest ihn zuerst nur drei Tage -entbehren. Er hat dir die Woche abgerungen. Warum -jetzt zwei Wochen?«</p> - -<p>»Weil … ich habe meine Gründe, die ich dir später -sagen werde. Ich muß das Paar jetzt aus dem Saal -herausbekommen.«</p> - -<p>Atma ließ seinen Blick von neuem über die Tafel -gehen. Er erhob sich und trat an die schmale Wand der -Halle. Es sah aus, als ob er dort irgend etwas erklären -oder zeigen wolle.</p> - -<p>Schon hoben einige aus der Gesellschaft die Köpfe und -blickten angespannt auf das dunkle Getäfel der Wand. -Die Frau Amtmann fiel dem Vogt ins Wort.</p> - -<p>»Sehen Sie … das herrliche Bild … ein indisches -Schloß, wie es scheint. Wie wundervoll! Die bunten -Kuppeln im stahlblauen Himmel … unser Erik ist ein<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span> -scharmanter Gastgeber. Er bietet uns einen Extragenuß -… Wohl Bilder von seinen exotischen Reisen …«</p> - -<p>Der dicke Vogt hob neugierig den Kopf und folgte der -weisenden Hand seiner Nachbarin. Eben noch schien ihm -weißer Nebel über die Wand zu wallen. Jetzt sah er -in strahlender Schönheit den Kaiserpalast von Agrabad.</p> - -<p>Und machte den Nachbarn darauf aufmerksam. Und -der den nächsten. Wie ein Lauffeuer ging es um die -Tafel. Die mit dem Rücken gegen die Schmalwand -saßen, drehten sich um. Wo Silvester und Jane nur -das dunkle Getäfel erblickten, schimmerte den andern -das wunderbare Bauwerk altindischer Kunst in strahlender -Schöne. Aus dem stehenden wurde ein bewegtes -Bild. Der Palast zog näher heran. Die staubige, sonnenbeschienene -Straße dehnte sich bis in den Saal. Längst -hatte der Richter seinen Prozeß, der Amtmann seinen -Zorn auf die Regierung vergessen. Fasziniert starrten -die Gäste auf das Schauspiel an der Wand. Die Elefanten -des Königs kamen. Mit vergoldeten Stoßzähnen -und purpurnen Schabracken.</p> - -<p>Es schien ein bunter Film zu sein, wie man ihn in -allen Theatern hatte. Aber ein Film von unerhörter -Farbenpracht. Und er blieb nicht an der Wand. Einzelne -Figuren liefen bis weit in den Saal hinein.</p> - -<p>Lobbe Lobsen zog seinen Stuhl zurück, weil ein staubiger -Pilger ihm direkt über die Füße lief. Immer -wunderbarer wurde es. Atma, der eben noch in europäischer -Kleidung da war, stand plötzlich im exotischen -Gewand unter den Gestalten, begrüßte hier einen, nickte -dort einer Figur zu, wurde gekannt und wieder gegrüßt.</p> - -<p>Derweil stand Erik Truwor draußen vor dem Hause -am Schlage des Kraftwagens und tauschte den letzten -Händedruck mit dem jungen Paar.</p> - -<p>»Reist glücklich! Genießt euren Honigmond! Die -letzten drei Tage seid ihr Gäste im Hause Termölen. -Am 19. hole ich dich von der Station der Regierungslinie -ab. <em class="antiqua">Farewell!</em>« Der Motor sprang an. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span> -Führer mußte sich eilen, um das Regierungsschiff nach -Deutschland noch im Flughafen zu fassen.</p> - -<p>Erik Truwor kehrte langsam in die Halle zurück. Er -fand Atma ruhig auf einem Sessel an der Schmalwand -der Halle sitzend. Die Hochzeitsgesellschaft starrte mit -aufgerissenen Augen auf diese Wand, als ob dort ein -besonderes Schauspiel zu erblicken wäre. So ähnlich -mußten wohl die Studenten in Auerbachs Keller ausgesehen -haben, als Mephisto ihnen edle Weine aus dem -trockenen Holz des Tisches fließen ließ. Erik Truwor -konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.</p> - -<p>Atma erhob sich und ging auf seinen Platz am Tische -zurück. Im gleichen Augenblick begann das Bild, welches -die Zuschauer so fesselte, zu verblassen. Es wurde neblig, -verlor die Farbe, und schon war wieder die dunkle -Wand sichtbar. Nur langsam löste sich die Erstarrung -der Gäste. Dann entlud sich der Beifall um so lauter.</p> - -<p>Herrlich … großartig … wundervoll. Die Plastik -der Bilder. Das Hinaustreten der Figuren in den -freien Raum. Sie waren fast alle in Stockholm gewesen -und hatten das Kino mit allen Feinheiten gesehen. -Farbig natürlich. Auf Nebelwände projiziert. -Aber niemals hatten sie gesehen, daß einzelne Figuren -des Bildes bis unter die Zuschauer liefen.</p> - -<p>Sie sparten nicht mit ihren Komplimenten gegen den -Gastgeber.</p> - -<p>Und niemand vermißte das Brautpaar. Hin und -wieder trank ihm einer zu, als ob Jane und Silvester -noch auf ihren Plätzen säßen. Sie schmausten und zechten -bis spät nach Mitternacht und dachten erst in den Morgenstunden -an die Heimfahrt.</p> - -<p>Erik Truwor kannte Atmas Künste. Er wußte, daß -es dem Inder ein leichtes war, dieser ganzen auf keinerlei -Widerstand eingestellten Gesellschaft die unwahrscheinlichsten -optischen und akustischen Phänomene zu suggerieren. -Aber es erfüllte ihn dennoch mit Erstaunen, als -er sah, wie der Amtmann auf den leeren Stuhl von -Jane zuschritt, sich feierlich vor einem Nichts verbeugte,<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span> -mit einem Nichts im Arm durch die Halle walzte und -das Nichts wieder zum Stuhle zurückgeleitete. Als die -Amtmännin sich mit geschmeicheltem Lächeln erhob und -ebenso solo durch den Raum tanzte. In der festen Überzeugung, -vom Bräutigam aufgefordert zu sein, von ihm -geführt zu werden.</p> - -<p>Es wirkte auf Erik Truwor, weil alle Gäste diesen -Tänzen besonderen Beifall spendeten. Weil sie alle den -Schemen sahen, den der Wille Atmas ihnen aufzwang, -weil er allein der Suggestion nicht unterworfen war -und das unsinnig Groteske dieser Tänze voll spürte.</p> - -<p>Er war es zufrieden, als die letzten das Haus verließen.</p> - -<p>Gefolgt von Atma, ging er in das Laboratorium. Dort -stand der neue Strahler, gekuppelt mit dem Fernseher.</p> - -<p>»Wo mag das Paar jetzt sein?«</p> - -<p>Der Inder antwortete nicht sogleich. Seine Augen -blickten weit geöffnet in die Ferne. Langsam kamen die -Worte.</p> - -<p>»Im Süden in weiter Ferne … über schneebedeckten -Bergen.«</p> - -<p>»Du meinst im deutsch-italienischen Regierungsschiff? -Wir werden sehen.«</p> - -<p>Erik Truwor sagte es mit stolzer Befriedigung. Er -richtete den Apparat. Er ließ einen leichten Energiestrom -strahlen. Ein Bild erschien auf der Scheibe. -Ziehende Wolken, schneebedeckte Gipfel. Die Alpenkette -… das Gotthardmassiv. Ein schimmernder Punkt -darüber.</p> - -<p>Er arbeitete an den Mikrometerschrauben der Feinstellung. -Er richtete und visierte.</p> - -<p>Da wuchs der Punkt zum großen Flugschiff. Jede -Schraube, jede Niete wurde erkennbar. Er mußte -dauernd regulieren, um das schnell fahrende Schiff in -dieser Vergrößerung nicht aus dem Gesichtsfelde zu verlieren.</p> - -<p>Jetzt stimmten Regulierung und Flugschiffbewegung -genau überein. Regungslos verharrte das Schiff in<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span> -der Mitte der Bildfläche. Vorn dicht hinter der breiten -Zellonscheibe der Kabine standen Silvester und Jane. -Hand in Hand, glücklich lächelnd, blickten sie vor sich -nieder in die fruchtbare italienische Ebene.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Alle diese Kriegsgerüchte sind … ich will den Ausdruck -unserer Zeitungsleute gebrauchen … sind stark -verfrüht. Die Welt gehört den Anglosachsen. Sie -wären Toren, wenn sie sich gegenseitig zerfleischen wollten. -Der innere tiefliegende Grund zum Kriege fehlt, -und deshalb wird es trotz allen Pressegeschreis und -aller Nervosität keinen Krieg geben. Das ist meine -persönliche Ansicht … und nicht meine Ansicht allein.«</p> - -<p>Dr. Glossin sprach in der überzeugenden und beinahe -hypnotisierenden Art, über die er so gut verfügte.</p> - -<p>Lord Horace Maitland saß ihm in der Bibliothek von -Maitland Castle gegenüber. »Ihre Worte in Ehren, -Herr Doktor. Aber warum versucht Amerika die europäische -Stahlproduktion aufzukaufen?«</p> - -<p>Lord Horace ließ die scharfen grauen Augen forschend -auf dem Arzte ruhen. Dr. Glossin hatte seine Muskeln -in der Gewalt. Es war ja vorauszusehen, daß die Bemühungen -der amerikanischen Agenten den Engländern -nicht verborgen bleiben würden.</p> - -<p>»Es ist eine wohldurchdachte Maßnahme des Herrn -Präsident-Diktators, um den Frieden der Welt aufrechtzuerhalten.«</p> - -<p>»Ich muß gestehen, daß mir die Zweckmäßigkeit dieses -Weges nicht völlig einleuchtet.«</p> - -<p>»Eure Herrlichkeit wissen vielleicht nicht, daß ich geborener -Schotte und nur durch Naturalisation Amerikaner -bin. Ich betrachte es als meine vornehmste Aufgabe, -die guten Beziehungen zwischen den beiden Ländern -zu pflegen … Sie werden einwenden, daß für -diesen Zweck die gegenseitigen Botschafter der beiden -Mächte vorhanden sind. In erster Linie gewiß! Aber -ein Botschafter ist immer eine offizielle Persönlichkeit.<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -Was er spricht, spricht er amtlich im Namen seines -Standes. Vieles darf er nicht sagen, was zu sagen doch -bisweilen gut ist.«</p> - -<p>Lord Horace strich mit beiden Händen die Zeitung -auf dem Tisch glatt. Ein leichter Sarkasmus lag in -den Worten seiner Erwiderung.</p> - -<p>»Sie dagegen, Herr Doktor, sind nicht mit der Last der -Amtlichkeit beschwert, obwohl wir in England ziemlich -genau wissen, daß Sie der vertraute Ratgeber des -Präsident-Diktators sind. Sie sprechen ganz privatim -als Herr Doktor Glossin mit Lord Maitland, der zufälligerweise -der Vierte Lord der englischen Admiralität -ist. So meinen Sie es?«</p> - -<p>»Genau so, Lord Horace. Und so erwidere ich denn: -Wir erfuhren, daß die Agenten Englands auf dem Kontinent -Kriegsmaterial in größtem Maße bestellten und -kauften. Wir hätten mit gutem Rechte das gleiche tun -können. Die Rüstungen beider Staaten wären dadurch -bis zur Fieberhitze in die Höhe getrieben worden. Wir -zogen es vor, unsere friedliche Gesinnung dadurch zu -zeigen, daß wir nur den unverarbeiteten Rohstahl -kauften. Es ist uns leider nicht in dem beabsichtigten -Umfange gelungen. Ihre Regierung läßt nach unseren -Ermittelungen Kriegsmaterial auf dem Kontinent -bauen, durch das Ihre Luftstreitkräfte um fünfzig von -Hundert verstärkt werden. Die Industrie auf dem Kontinent -versteht es leider nur zu gut, aus der politischen -Spannung Kapital zu schlagen. Immerhin werden Ihre -Rüstungen durch unsere Stahlkäufe in solchen Grenzen -gehalten, da wir selbst nicht neu zu rüsten brauchen.«</p> - -<p>Die Worte Dr. Glossins verfehlten ihre Wirkung auf -Lord Horace nicht. Es war richtig, daß Amerika bisher -nur Stahl gekauft hatte. Den freilich in ungeheuerlichen -Mengen. Noch gab sich Lord Maitland nicht gefangen.</p> - -<p>»Sie werden die erworbenen Mengen nach den -Staaten bringen und dort selbst die Waffen daraus -schmieden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p> - -<p>Erstaunen malte sich auf Glossins Zügen. »Wir denken -gar nicht daran, die zehn Millionen Tonnen Stahl, die -wir bisher erwarben, nach den Staaten zu bringen. Es -genügt uns, daß sie der Kriegsindustrie entzogen sind. -Und … vergessen Eure Herrlichkeit nicht … wir -haben schnell gekauft. Haben noch zu erträglichen Preisen -gekauft.</p> - -<p>Eine Entspannung der politischen Lage wird über kurz -oder lang eintreten. Die Völker der Welt werden sich, -wie es immer nach solchen Situationen geschah, mit -erneutem Eifer der Produktion für den Frieden hingeben. -Aber das Rohmaterial wird dann teurer sein …« -Doktor Glossin fuhr mit erhobener Stimme fort: »Dann -werden wir über diesen riesenhaften Vorrat frei verfügen. -Wir haben es verhindert, daß Schwerter daraus -gefertigt wurden, wir werden dann Pflugscharen daraus -schmieden lassen. Die Wunden, die dieser Stahl schlagen -wird, sollen fruchtbringende Ackerfurchen werden. So -ist es die Meinung und der Wille meines …«</p> - -<p>Er brach jäh ab, als habe er zuviel gesagt.</p> - -<p>»… meines Herrn, des Präsident-Diktators Cyrus -Stonard«, ergänzte Lord Maitland die Worte Glossins -in Gedanken. Jetzt war er überzeugt.</p> - -<p>Der Doktor behandelte die Kriegsgefahr als nicht vorhanden. -Das konnte Verstellung sein, zu plump, um -einen englischen Staatsmann auch nur eine Sekunde zu -täuschen. Aber Dr. Glossin entwickelte gleichzeitig ein -Zukunftsgeschäft, das den Amerikanern Milliarden von -Golddollars bringen mußte, wenn die Spannung sich -friedlich löste. Der Größe dieser wirtschaftlichen Aussichten -konnte der Engländer sich nicht entziehen. Busineß -bleibt Busineß. Der Grundsatz saß zu tief im englischen -Denken und Fühlen, um nicht zu wirken.</p> - -<p>Eine Meldung des englischen Geheimdienstes hatte -Lord Horace darüber unterrichtet, daß Dr. Glossin erst -vor wenigen Tagen eine lange Unterredung mit Cyrus -Stonard gehabt hatte. Es war außer Zweifel, daß er -im Auftrage des Diktators sprach. Amerika suchte den<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -Krieg zu vermeiden, machte dabei aber gleichzeitig ein -Milliardengeschäft. Die Taktik war eines Cyrus Stonard -würdig. Er vermied den Krieg, dessen Ausgang -unter allen Umständen unsicher war, und schuf gleichzeitig -die Prosperität, die seine Gewaltherrschaft wieder -auf eine Reihe von Jahren sichern mußte.</p> - -<p>Blitzschnell gingen diese Gedanken Lord Horace durch -den Kopf. Er prüfte in kurzen Minuten des Schweigens -den Plan nach allen Richtungen und fand ihn wohldurchdacht. -Das Netz war gut gewoben. Keine Masche war -von der Nadel gefallen.</p> - -<p>Von diesem Augenblick an neigte er zu der Überzeugung, -daß Cyrus Stonard ehrlich den Frieden wolle. -Die Frage, ob auch England ihn wolle, stand auf einem -anderen Brett. Es hatte danach jedenfalls die Möglichkeit, -sich die Zeit für einen Konflikt nach Gefallen zu -suchen.</p> - -<p>Lord Maitland hielt die Angelegenheit für wichtig genug, -um zu einer Besprechung nach London zu fahren. -Er überließ Dr. Glossin der Gastfreundschaft von Maitland -Castle und der Gesellschaft von Lady Diana.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Maitland Castle war in der Tudorzeit erbaut. Spätere -Umbauten hatten im Innern mehr Luft und Licht -geschaffen, ohne das Äußere bemerkenswert zu verändern. -Vor der Südfront des Schlosses lag eine breite -Terrasse, gegen den Garten durch eine Sandsteinmauer -begrenzt, mit Efeu und Monatsrosen übersponnen.</p> - -<p>Die Wasserkünste des Schlosses spielten. Aus gewaltigen -Löwenrachen schossen die breiten Strahlen in Muschelschalen, -fielen regenbogensprühend von Kaskade zu -Kaskade die Mauerhöhe hinab, füllten ein großes Bassin, -um schließlich in Form eines schilfumrandeten Baches -dem See zuzufließen.</p> - -<p>Im Schatten einer Ulme saß Lady Diana in<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -einem bequemen Korbstuhl. Das Buch, in welchem sie -gelesen hatte, lag lässig in ihrer Hand.</p> - -<p>Ihr gegenüber saß Dr. Glossin.</p> - -<p>»Herr Doktor … Ihr Interesse für meine Person -versetzt mich in Erstaunen. Es geht weit über das hinaus, -was meine anderen Gäste mir entgegenbringen, -und … was ich entgegengebracht haben möchte.</p> - -<p>Mein Gemahl sagte mir, daß Sie im Interesse unseres -Vaterlandes nützliche Arbeit tun, den Frieden zwischen -beiden Ländern erhalten helfen. Das ist in meinen -Augen ein großes Verdienst. Es gibt Ihnen manche -Freiheit. Aber jede Freiheit hat Grenzen …«</p> - -<p>Diana Maitland zeigte Bewegung, als sie von der -Erhaltung des Friedens sprach. Zum Schluß klang ihre -Stimme kalt abweisend.</p> - -<p>»Eure Herrlichkeit legen meinen Worten einen falschen -Sinn unter. Was ich sagte, hängt mit dem Wohlergehen -unserer beiden Länder eng zusammen.«</p> - -<p>»Herr Doktor, Sie sprechen in Rätseln. Ich kann -beim besten Willen keinen Zusammenhang zwischen -meiner Mädchenzeit in Paris und dem Wohlergehen -unserer Länder finden. Aber ich bewundere -Ihre Quellenforschung. Sie sind wirklich recht genau -über meine Vergangenheit unterrichtet …«</p> - -<p>»Ich bin es in der Tat, Lady Diana. Ich bin es noch -genauer, als Sie glauben.«</p> - -<p>»Bitte, Herr Doktor, ich habe nichts zu verbergen …«</p> - -<p>Diana Maitland sagte es hart und spöttisch, um einen -Überzudringlichen ein für allemal abzuweisen.</p> - -<p>»Ich sagte Eurer Herrlichkeit, daß unsere beiden Länder -durch einen mächtigen und gefährlichen Feind bedroht -sind.«</p> - -<p>»Ich hörte es bereits, Herr Doktor.«</p> - -<p>»Der Feind ist Erik Truwor.«</p> - -<p>Langsam brachte Dr. Glossin die Worte hervor. Und -konnte ihre Wirkung Wort für Wort verfolgen.</p> - -<p>Lady Diana, eben noch das Bild sarkastischer Überlegenheit -und kalt abweisender Ruhe, erblaßte. Ihre<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -Augen weiteten sich bei der Nennung des Namens Truwor, -als ob sie ein Gespenst sähe. Ihr Gesicht war sehr -bleich. Viel mehr als die heitere Ruhe offenbarte die -leidenschaftliche Erregung, deren Spiegel es jetzt war, alle -Wunder dieses schönen Antlitzes. In dem prachtvollen -Rahmen des reichen dunkelbraunen Haares, mit den -halbgeöffneten Lippen und den bebenden Nasenflügeln -hatte es etwas Dämonisches. Aus ihren Augen sprühte -die Glut eines flammenden Zornes, eines tödlichen -Hasses.</p> - -<p>»Erik?! … Erik Truwor …?« rief sie heftig.</p> - -<p>Sie warf den Kopf zurück und sah Glossin mit durchdringenden -Blicken an.</p> - -<p>»Wie können Sie einen Namen aussprechen, dessen -Nennung allein eine schwere Beleidigung für mich ist?«</p> - -<p>»Ich nannte den Namen eines Mannes, der heute -unsere beiden Länder schwer bedroht … und der vor -langen Jahren, Lady Diana, auch einmal in Ihr Leben -eingebrochen ist.«</p> - -<p>»Was sagen Sie? Erik Truwor bedroht … bedroht -das große England, bedroht das ganze Amerika? … -Ein einzelner Mann die mächtigsten Reiche der -Welt? Soll das ein Scherz sein, Herr Doktor …«</p> - -<p>Ihre Stimme bekam einen drohenden Klang. »So -würde mir Ihre Anwesenheit in Maitland Castle von -diesem Augenblick an für immer unerwünscht sein.«</p> - -<p>»Die Ungnade Eurer Herrlichkeit würde ich in Kauf -nehmen, wenn ich die harte Tatsache zu einem leichten -Scherz stempeln könnte.</p> - -<p>Ich nannte Erik Truwor. Zusammen mit zwei -Freunden haust er in Schweden an der finnischen -Grenze. Der eine seiner Freunde ist Silvester -Bursfeld, der Sohn jenes Gerhard Bursfeld, den ich -vor dreißig Jahren in den Tower brachte. Die beiden -kennen das Geheimnis des Vaters, und sie entwickeln -die Erfindung weiter.</p> - -<p>Bursfeld weiß, daß sein Vater als ein Opfer englischer<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -Politik im Tower starb. Darum gilt seine Arbeit der -Rache an England. Erik Truwor läßt ihn gewähren. -Der Dritte im Bunde, ein Inder, hat für sein Vaterland -auch eine … kleine Rechnung mit England zu begleichen.</p> - -<p>Vom Torneaelf droht dem englischen Reiche eine -Gefahr, viel schwerer, viel größer, als Cyrus Stonard -mit seinem Dreihundertmillionenvolk sie jemals sein -könnte. Erik Truwor mit seinen zwei Freunden ist mehr -zu fürchten als Cyrus Stonard.«</p> - -<p>Lady Diana hatte ruhig zugehört. Nur ihre Blässe -verriet ihre innere Erregung.</p> - -<p>»Wissen Sie, was Erik Truwor mir antat?«</p> - -<p>Dr. Glossin setzte die Worte vorsichtig und langsam.</p> - -<p>»Ich weiß, daß er der Verlobte der jungen Komtesse -Raszinska war und daß er ihr … den Verlobungsring -zurücksandte.«</p> - -<p>»Sie wissen viel … vielleicht nicht alles.«</p> - -<p>»Ich weiß auch, Lady Diana, daß Sie Erik Truwor -hassen. Um so weniger werden Sie sich besinnen, zum -Wohle Ihres Vaterlandes zu handeln und Ihren Gemahl -auf die Gefahr aufmerksam machen, die von Linnais her -der Welt droht.</p> - -<p>Lady Diana, fassen Sie den korrekten Sinn meiner -Mitteilung: Erik Truwor und seine beiden Freunde sind -im Besitze des Geheimnisses, um dessentwillen die englische -Regierung Gerhard Bursfeld in den Tower -brachte.</p> - -<p>Noch ist es Zeit! Ein einfacher Handstreich! Gut -organisiert! Schnell unternommen und durchgeführt! -Hat Ihre Regierung die Sache erst einmal beschlossen, -wird sie auch wissen, wie sie durchzuführen ist.«</p> - -<p>Lady Diana hatte sich aufgerichtet. Widerstreitende -Gefühle kämpften in ihr. Die Erinnerung an die glücklichen -Monate in Paris wurde lebendig. Die Gestalt -Erik Truwors traf ihr geistiges Auge. Die Zeit nach -dem brüsken Bruch, die schrecklichste ihres ganzen Lebens, -wachte auf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span></p> - -<p>Glossin sah ihr Zaudern.</p> - -<p>»Hat Diana Raszinska vergessen, was ihr angetan -wurde?«</p> - -<p>Diana Maitlands Augen flammten auf. Aus fremdem -Munde zu hören, was sie im Innersten bewegte …</p> - -<p>Dr. Glossin fuhr fort: »Ich sagte Ihnen bei -unserer ersten Unterredung, daß Sie mir eines -Tages die Hand zum Bündnis bieten würden. -Der Tag ist gekommen. Zum Bündnis gegen -den Feind unserer beiden Länder, der auch Ihr -persönlicher Feind ist. Der Ihnen das Schwerste angetan -hat, was ein Mann einer Frau antun kann.«</p> - -<p>Dr. Glossin streckte seine rechte Hand vor. Wenige -Minuten des Schwankens. Dann legte Diana ihre -Rechte in die des Doktors.</p> - -<p>»Es sei, Herr Doktor. Mein Gewissen bleibt unbelastet. -Hegt Erik Truwor keine feindlichen Pläne gegen -England, so wird er frei aus dieser Prüfung hervorgehen. -Sonst … Ich tue nur, was ich gegen jeden -Feind meines Landes tun würde.«</p> - -<p>Lady Diana erhob sich. Ihre Erregung wich einer -tiefen Abspannung. Sie hatte das Bedürfnis, aus Glossins -Nähe zu kommen, allein zu sein, zu ruhen. Dr. Glossin -begleitete sie bis an die Pforte des Schlosses. Dann -kehrte er auf die Terrasse zurück.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Lord Horace Maitland war mit den Ergebnissen seiner -Londoner Reise zufrieden. Seine Mitteilungen hatten -ersichtlichen Eindruck auf das Kabinett gemacht. Man -sah in London, wie die gefährliche Wetterwolke, die seit -vierzehn Tagen dunkel drohend am politischen Himmel -hing, allmählich lichter wurde. Während man vor zwei -Wochen fast jede Stunde den Ausbruch des Krieges erwartete, -schien die Gefahr jetzt von Tag zu Tag geringer -zu werden. Man sah in London die Kriegsgefahr -weichen und hatte keine Erklärung dafür.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p> - -<p>In diesen Stand der Dinge war Lord Horace mit -den Anschauungen und Darlegungen getreten, die Dr. -Glossin ihm entwickelt hatte.</p> - -<p>Es gibt im Schachspiel gefährliche Züge, bei denen -die feindliche Figur den König angreift und gleichzeitig -die Dame gefährdet. Solch einen Zug hatte Cyrus -Stonard offenbar auf dem Brett. Während England -Hals über Kopf Milliarden in neuem Kriegsgerät festlegte, -kaufte er nur Stahl. Band starke Kräfte des -Gegners und behielt die Möglichkeit, zur gegebenen Zeit -Milliarden für die Union einzuheimsen.</p> - -<p>Nachdem man die Absicht des Gegners erkannt hatte, -war es möglich, Abwehrpläne zu schmieden. Diese -Möglichkeit dankte man den Informationen von Lord -Horace, und die Anerkennung dafür kam zum Ausdruck.</p> - -<p>Lord Horace war zufrieden nach Maitland Castle zurückgekehrt. -Er erkannte die Bedeutung und Wichtigkeit -seines amerikanischen Gastes. Sein Entschluß, mit -ihm auch fernerhin gute Beziehungen zu pflegen, ihn -sich zu verpflichten, stand fest. In dieser Stimmung -trafen ihn die Mitteilungen Dianas.</p> - -<p>Eine Gefahr für das Reich? … Eine Erfindung, -an der alle bekannten Kriegsmittel zuschanden wurden? -… Die Sache ging England und Amerika -gleichermaßen an.</p> - -<p>Ganz dunkel spürte Lord Horace, daß die Union im -Grunde selber zufassen und die Gefahr beseitigen -könne … Aber England hatte eine alte Rechnung -mit diesen Leuten. Auch Lord Horace hatte damals die -Akten des Bursfeld-Prozesses durchgesehen. Gehörte -der Sohn des Mannes, der einst im Tower seinem -Leben selber ein Ende setzte, zu diesem Kleeblatt in -Linnais, dann mußte sich die Kraft der neuen Macht in -der Tat zuerst gegen England richten. Dann war es in -erster Linie Englands Sache, diese Gegner unschädlich -zu machen … aufzuheben … und vielleicht die Erfindung -selbst der Wehrmacht Englands dienstbar zu -machen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span></p> - -<p>An diese letzte Möglichkeit dachte Dr. Glossin wohl -sicher nicht. Lord Horace zog sie in die Berechnung hinein. -Ein einzelner konnte sterben, bevor ihm das Geheimnis -entrissen war. Drei Mitwisser … getrennt -voneinander, in den sicheren Verliesen des Towers. Es -mußte wunderbar zugehen, wenn es dann nicht gelang, -in den Besitz des Geheimnisses zu kommen.</p> - -<p>Dr. Glossin hatte seine Minen gut gelegt, die Fäden -durch Lady Diana geschickt gesponnen. Er hatte eine -lange Unterredung mit seinem englischen Gastfreund. -Als er nach zweistündigem Gespräch das Zimmer von -Lord Horace verließ, lag die Genugtuung des großen -Erfolges unverkennbar auf seinen Zügen. Es war ihm -geglückt, was er selbst kaum für möglich gehalten hatte. -Es war ihm gelungen, den klugen und weitsichtigen -Engländer vor seinen Wagen zu spannen.</p> - -<p>Die Engländer hatten sich verpflichtet, die Kastanien -für ihn aus dem Feuer zu holen. Sie nahmen ihm das -schwerste Stück der Arbeit ab. Waren die drei erst einmal -gefangen, dann brauchte man nicht mehr zu fürchten, -daß plötzlich verzehrendes Feuer die Welt überfiel. Dann -war die Bahn für neue Pläne frei.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der Sonnenball berührte die stahlblauen Fluten des -Tyrrhenischen Meeres und übergoß den Azurspiegel mit -einer Flut roter und gelber Tinten. Auf dem Korso von -Neapel wogte die Menge, Fremde und Einheimische, in -buntem Durcheinander. Die Neapolitaner lachend und -schwatzend, sich der Naturschönheiten ihrer Stadt und -ihres Landes kaum noch bewußt. Die Fremden -entzückt und gefesselt von einer Farbensinfonie, -die ihre Töne von Minute zu Minute wandelte. -Aber keiner von den Tausenden, die hier promenierten, -genoß die Reize des Abends wohl so wie das Paar, das -weitab von der Menge der Promenierenden seinen -Platz auf der Straße zum Posilip gefunden hatte, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -das Grabmal Virgils sich neben dem alten Römerweg -erhebt.</p> - -<p>Schon lange saßen sie dort wortlos, Hand in Hand, -bis eine kühle Brise den Mann veranlaßte, das Schweigen -zu brechen.</p> - -<p>»Wollen wir nicht lieber zurückgehen, Jane? Es weht -frisch von der See.«</p> - -<p>»Nein, Silvester, laß uns noch bleiben …«</p> - -<p>Noch fester umschloß sie Silvesters Arm.</p> - -<p>»Es ist unser letzter Abend in Italien. Du weißt ja -nicht, mit welchem Grauen ich an die kommenden Stunden -denke, in denen wir wieder zurück müssen, in denen -du mich allein lassen wirst.«</p> - -<p>»Jane … ich lasse dich doch nur für kurze Zeit, -für wenige Tage, höchstens Wochen allein. Dann -komme ich zu dir zurück, und dann sind wir für immer -vereint. Noch viele, noch schönere Tage wird uns das -Leben bescheren.«</p> - -<p>»Noch schönere Tage? … Kann es noch Schöneres -geben, als was wir jetzt genossen haben?</p> - -<p>Wie ein Traum, wie ein unendlich schöner Traum -liegen die Tage der letzten Wochen hinter mir … -Unsere Hochzeit in Linnais. Wie Atma die ganze Gesellschaft -betörte und wir ungesehen abreisen konnten … -die wunderbare Fahrt über die Eisgipfel der Alpen … -Dann der erste Gruß der sonnigen Gefilde Italiens … -das Mittelmeer, der Nilstrom, die Pyramiden … -Rom … das hat mir weniger gefallen. Du sprachst -viel von der Geschichte und Größe der Stadt. Aber -ich … bedenke nur, daß ich von Kindheit an immer -in Trenton in unserem Haus und Garten gelebt habe. -Rom, das war mir zuviel …«</p> - -<p>Enger schmiegte sie sich an ihren Gatten.</p> - -<p>»Aber am meisten freue ich mich darauf, wenn wir -nach dieser Reise erst ruhig in unserem eigenen Heim -sitzen werden, wenn ich nicht mehr zu sorgen brauche, -daß … o warum, Silvester … warum müssen wir -uns noch einmal trennen, warum willst du noch einmal<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -von mir gehen … laß mich doch nicht zurück … laß -mich nicht allein in der fremden Welt zurück … nimm -mich mit nach Linnais. Ich will euch nicht stören. Ich -will weder dir noch deinen Freunden in den Weg kommen, -solange ihr mit eurer Erfindung zu tun habt. -Nur laß mich bei dir bleiben.«</p> - -<p>Fester umschloß Silvester sein junges Weib.</p> - -<p>»Nein, Jane. Das ist unmöglich. Aber es sind ja nur -wenige Wochen. Dann ist das große Werk vollendet. -Dann bin ich unabhängig. Dann werden wir leben -können, wie und wo es uns gefällt. Wo es uns am -besten gefällt, da werden wir unser Heim gründen, nach -dem ich mich ebenso sehne wie du.«</p> - -<p>Nach langem Schweigen hub Jane wieder an: »Ich -weiß, Silvester, auch du gehst nur ungern. Erik Truwor -ist es, der uns trennt … Ja, Erik Truwor …«</p> - -<p>Vorwurf und Bitterkeit lagen in den letzten Worten.</p> - -<p>»Jane! Du kennst Erik Truwor nicht. Und weil du -ihn nicht kennst, kannst du ihn nicht verstehen. Unser -Werk … sein Werk ist größer als Menschenliebe und -Menschenleid. Er arbeitet am Schicksal der Menschheit. -Sollte das Geschick zweier Menschen ihn hindern dürfen -… Nein, Jane. Keinen Vorwurf für Erik Truwor.«</p> - -<p>Einen Augenblick saß Jane schweigend in sich zusammengesunken. -Plötzlich warf sie ihre Arme um ihn.</p> - -<p>»Wenn du wüßtest, Silvester, was so manchmal bald -stärker, bald schwächer mich beunruhigt. Bei Tag und -auch bei Nacht, wenn ich in deinen Armen liege …«</p> - -<p>»Jane … liebe Jane. Was ist es, was dich quält?«</p> - -<p>»Wenn ich es sagen könnte … wenn ich es wüßte, -was es ist … ich würde es dir sagen … Eine dunkle -Wolke … wenn mein Auge in der schönen glücklichen -Zukunft sucht, quillt es schwer und schwarz vor meinen -Blicken auf … Eine Ahnung … eine Furcht … -ich weiß nicht, was es ist, aber alle heiteren Bilder verschwinden, -ich muß die Augen schließen, muß weinen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p> - -<p>»Jane … du liebes, armes Kind. Die letzten Monate -haben zu sehr auf dich eingestürmt. Mein Verschwinden, -der Tod deiner Mutter, der Streich Glossins … -das war zu viel für dein Herz. Scheuch sie weg, die -trüben Ahnungen, wenn sie wiederkommen. Denke an -mich. Denke an das Glück, das uns die <span id="corr180a">Zukunft</span> bringen -wird …«</p> - -<p>Sekunden des Schwankens. Dann legte <span id="corr180b">Jane</span> ihre -Arme um Silvesters Hals.</p> - -<p>Liebevoll hüllte er ihre zarten Schultern in einen -Schal und zog sie an seine Brust.</p> - -<p>Es war ein wehmütiger und tränenreicher Abschied, -als Silvester sich endlich in Düsseldorf von seiner jungen -Gattin trennte, um allein nach Linnais zurückzukehren. -Nur der Gedanke machte das Auseinandergehen für -Silvester und Jane erträglich, daß es nur eine Trennung -von wenigen Wochen sein sollte. Nur noch einige Verbesserungen. -Die Konstruktion und Ausführung eines -neuen, noch viel stärkeren Strahlers. Dann, das war -der feste Entschluß Silvesters, sollte ihn nichts mehr von -seinem Weibe fernhalten. Mit dem festen Versprechen, -in spätestens vier Wochen zurückzukehren und dann für -immer mit ihr zusammenzubleiben, hatte er sich schließlich -aus den Armen Janes gerissen.</p> - -<p>Er hatte ihr einen kleinen telephonischen Empfangsapparat -dagelassen. Hatte sie zuletzt noch getröstet.</p> - -<p>»Mein Liebling, wenn ich auch noch einmal auf kurze -Zeit von dir gehe, werde ich doch immer bei dir sein. -Ich werde imstande sein, jeden Augenblick dein Bild -lebendig vor mir zu sehen, werde in jedem Augenblicke -wissen können, was du tust, und wie es dir geht. Und -dir gibt dieser Apparat die Möglichkeit, wenigstens -meine Stimme zu hören. Ich werde keinen Tag vorübergehen -lassen, ohne dich zu sehen und mit dir zu -sprechen.«</p> - -<p>Silvester hatte ihr den Gebrauch des Apparates genau -gezeigt. Einen Druck auf einen Knopf, und die Elektronenlampen -brannten. Den Hörer ans Ohr, und jedes<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -Wort, das er in Linnais in den Schalltrichter sprach, -wurde deutlich gehört.</p> - -<p>So war Silvester gegangen. Jane blieb allein im -Hause Termölen zurück. Betreut von den beiden alten -Leuten. Wie eine Tochter gehegt und gepflegt von Frau -Luise und doch betrübt und einsam.</p> - -<p>Auf den Himmel der vierzehntägigen Hochzeitsreise -folgte die Hölle der Trennung. Jane lernte in diesen -schmerzvollen Tagen und Wochen kennen, was es für -eine Frau bedeutet, ihr Herz an einen Mann zu hängen, -der einer großen Idee verschrieben ist. Neben dem -leichten Goldreif, der ihn an Jane band, trug Silvester -den schweren Ring, der ihn mit Erik Truwor und Soma -Atma zu einer Dreiheit zusammenschmiedete. Das -bittere Schicksal der Frau, die mit ihrer Liebe den -Plänen und der Lebensarbeit des Mannes nachstehen -muß!</p> - -<p>Nur wenig hatte ihr Silvester von seinen Erfindungen -und Arbeiten erzählt. Daß die Erfindung in wenigen -Wochen abgeschlossen sei. Daß sie ihm solchen Gewinn -bringen würde, daß er dann alle Berufsarbeit lassen und -sich ganz seinem Eheglück widmen könne. Das war der -Trost, der Jane in diesen Tagen aufrechthielt. Der -Gedanke, daß diese Trennung nur noch eine letzte kurze -Prüfung sei. Daß danach Silvester für immer bei ihr -bleiben, ihr ganz gehören werde.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Herr Andreas Termölen schmunzelte, und Frau Luise -zeigte ein verständnisvolles Lächeln, wenn Jane des -Nachmittags in der vierten Stunde unruhig zu werden -begann. Sie sorgte dafür, daß ihre Uhr auf die Sekunde -genau die richtige Zeit zeigte. Eine Minute vor -vier flammten an jedem Tage die Elektronenlampen auf, -und um vier Uhr drangen die ersten Worte Silvesters -aus dem Hörer an ihr Ohr. Worte der Sehnsucht, Versicherungen -unerschütterlicher Liebe, Tröstungen, daß -wieder ein Tag der Trennung vorbei sei. Mitteilungen,<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span> -daß die Arbeit gut gefördert würde, daß das Ende in -nahe Nähe gerückt sei.</p> - -<p>Silvester sprach. Er stand in Linnais in seinem -Arbeitsraum. Den Schalltrichter der großen Telephonanlage -am Munde. Den Strahler auf das Zimmer von -Jane gerichtet, das Bild seines jungen Weibes lebendig -vor sich auf der Mattscheibe.</p> - -<p>Jane konnte nur hören, doch nicht zurücksprechen. -Eine Station zum Senden in einem Privathause hätte -besondere Einrichtungen und Vorkehrungen erfordert, -die in der Kürze der Zeit nicht durchzuführen waren. Sie -mußte sich darauf beschränken, die Worte ihres abwesenden -Gatten zu hören, Silvester konnte nur ihr Bild auf -der Mattscheibe betrachten, mußte auf das gesprochene -Wort verzichten. Wohl sah er, wie die Worte, die er -selbst sprach, auf ihr Mienenspiel wirkten, wie die Beteuerungen -seiner Liebe und Zuneigung den Schimmer -der Freude über ihre zarten Züge verbreiteten, doch von -dem, was sie selber sprach, konnte nichts an sein Ohr -dringen.</p> - -<p>So hätte diese tägliche Unterhaltung einseitig bleiben -müssen, wenn nicht die Liebe neue Mittel für die Verständigung -gefunden hätte.</p> - -<p>Die vor Silvester stehende Mattscheibe gab das -genaue Bild Janes, gab es in Lebensgröße. Jeden Zug, -jede Bewegung ihrer Lippen konnte Silvester genau -beobachten, und schnell lernte er es, ihr die Worte von -den Lippen abzulesen. Er sah Jane und sprach. Jane -hörte seine Worte, antwortete, und aus der Bewegung -ihrer Lippen erriet er den Sinn der Antwort. Wiederholte -ihn, ersah ihre Bestätigung aus ihrem glücklichen -Lächeln.</p> - -<p>Jetzt am Ende der zweiten Woche der Trennung -hatten es die Getrennten gelernt, sich auf diese Weise zu -unterhalten, als ob sie nebeneinandersäßen und nicht -fünfhundert Meilen zwischen ihnen lägen. Die tägliche -Plauderstunde stärkte Jane den Mut bis zum nächsten -Tag. Sie war für Silvester die Quelle, aus der er die<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span> -Kraft schöpfte, sich wieder in seine Arbeit zu stürzen, die -Apparate fertigzumachen, deren schnellste Vollendung -Erik Truwor so dringend heischte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Nächte in Linnais waren auch in den letzten Julitagen -noch hell.</p> - -<p>Auf alle Fälle unbequem hell nach der Meinung des -englischen Obersten Trotter. Viel zu hell nach dem Geschmack -des Dr. Glossin. Zwar ging die Sonne um -Mitternacht eine Stunde unter den Horizont. Aber die -Dämmerung gestattete es immer noch, einen Mann im -freien Felde auf zweihundert Meter zu erkennen. Vollständige -Dunkelheit wäre der kleinen Truppe willkommener -gewesen, die unter der Führung von Oberst Trotter -im Walde von Linnais lagerte.</p> - -<p>Zwanzig Mann. Ausgesuchte englische Soldaten. -In kleinen Trupps zu vier bis fünf, in Zivil, waren sie -im Laufe der letzten drei Tage mit den Regierungsschiffen -der Linie Edinburg–Haparanda angekommen. -Als harmlose Reisende waren sie den Torneaelf stromaufwärts -gezogen. Hier ein wenig Angelsport treibend. -Dort Mineralien sammelnd. Alles andere, nur keine -Soldaten vorstellend.</p> - -<p>Zu vorgeschriebenen Stunden waren sie alle an dem -bestimmten Platze, einer Waldlichtung in der Nähe vom -Hause Erik Truwors. Dort waren sie und vergnügten -sich als sportfreudige Touristen. Sie schlugen Zelte auf, -kochten im Freien ab und machten es sich bequem.</p> - -<p>In einem der Zelte saß der Oberst Trotter im Gespräch -mit Dr. Glossin und vertrat mit britischer Hartnäckigkeit -seinen Standpunkt.</p> - -<p>»Mein Befehl lautet, drei Bewohner dieses Hauses, -namentlich angeführt als Erik Truwor, Silvester Bursfeld -und Soma Atma, aufzuheben und lebendig nach -London zu bringen. Es ist bei den englischen Offizieren -Sitte, Dienstbefehle genau zu vollziehen. Sie mögen als<span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span> -Zivilist eine andere Anschauung von der Sache haben. -Für mich und meine Leute gilt die meinige.«</p> - -<p>»Herr Oberst, Sie unterschätzen die Gegner, mit denen -Sie es zu tun haben. Ich bin über Ihren Plan erschrocken. -Sie wollen das Haus mit zwanzig Mann -umstellen, einfach hineingehen und die Gesuchten verhaften?«</p> - -<p>»Genau so, wie Sie es sagen, Herr Doktor. Das ist -die Art und Weise, wie wir solche Aufträge ausführen. -Wenn meine Leute das Haus umstellt haben, kommt -keine Maus mehr heraus. Ich würde es freilich bedauern -müssen, wenn die Gesuchten zu fliehen beabsichtigen. -In diesem Falle sind meine Leute angewiesen, -zu schießen.«</p> - -<p>Dr. Glossin lief wie ein gefangenes Raubtier in dem -engen Zelte hin und her und rang die Hände.</p> - -<p>»Herr Oberst, Sie haben keine Ahnung, mit wem Sie -es zu tun haben. Sie mußten mit einem Flugzeug -herkommen und den stärksten brisantesten Torpedo, den -Ihre Armee besitzt, auf das Dach abwerfen. Eine Sekunde -nach Ihrer Ankunft mußte das ganze Haus bis -zum tiefsten Keller pulverisiert sein. Dann bestand -einige … ich sage nicht volle, aber doch wenigstens -einige Aussicht, daß die Verschwörer unschädlich gemacht -wurden.«</p> - -<p>Oberst Trotter lächelte mitleidig.</p> - -<p>»Sie scheinen ernstlich Furcht vor den Bewohnern -dieses Hauses zu besitzen. <em class="antiqua">Well</em>, Herr Doktor, als -Zivilist sind Sie nicht verpflichtet, besonderen Mut zu -entwickeln. Aber Sie werden mich diese Angelegenheit -auf meine Weise erledigen lassen.«</p> - -<p>Der Oberst blickte auf seine Uhr.</p> - -<p>»Gleich elf. Es wird in dem verdammten Lande -nicht dunkel. Ein Sergeant, der gut Schwedisch spricht, -ist unterwegs, um sich das Haus und seine Bewohner -genauer anzusehen.«</p> - -<p>»Auch das noch!« Dr. Glossin stieß die Worte in -einem Übermaß von Unwillen hervor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span></p> - -<p>»Haben Sie an dieser Maßnahme etwas auszusetzen, -Herr Doktor? Es ist bei allem Militär der Welt Sitte, -daß man vor dem Angriff aufklärt.«</p> - -<p>Während der Oberst seine Ansicht mit der Bestimmtheit -des alten Soldaten aussprach, hatte Dr. Glossin sich -wieder auf den niedrigen Feldstuhl gesetzt. Ernst und -bestimmt kamen die Worte aus seinem Munde.</p> - -<p>»Mag das Schicksal Erbarmen mit Ihnen und Ihren -Leuten haben. Sie sind in der Lage eines Mannes, der -einem Tiger nur mit einem Spazierstöckchen bewaffnet -entgegentritt.«</p> - -<p>Ein Mann trat in das Zelt. Auch im Zivilanzug -war der Soldat unverkennbar. Sergeant MacPherson, -der von der Aufklärung zurückkam. Ein Schotte mit -buschigen Brauen, großen graublauen Augen und ergrautem -Vollbart. Er gab seinen Bericht in kurzer, -knapper Form. Erst hatte er das Haus von außen vorsichtig -umgangen und beobachtet, daß zwei Männer zusammen -an einer Maschine im Hause arbeiteten.</p> - -<p>Über den dritten konnte er nichts in Erfahrung bringen. -Da war er kurz entschlossen in das Haus eingetreten. -Die Gartentür stand offen. Ungehindert kam -er durch den Garten in das Haus. Eine Treppe führte -zur Veranda.</p> - -<p>Die Veranda war leer … Schien wenigstens im -ersten Moment leer zu sein. Als er weiter in das Haus -hineingehen wollte, hörte er plötzlich eine Stimme. Auf -einem niedrigen Diwan in der Ecke der Veranda saß -ein Mensch mit brauner Haut. Noch ehe er seine Fragen -in Schwedisch vorbringen konnte, sprach der Inder -ihn englisch an. Nur wenige Worte. Einen Sinn habe -er darin nicht entdecken können, so sehr er auch auf dem -Rückwege darüber nachgedacht habe.</p> - -<p>Wie die Worte hießen, wollte der Oberst wissen.</p> - -<p>»Jawohl, Herr Oberst! Der Mensch sagte zu mir: -Was du suchst, ist nicht hier; was hier ist, suchst du nicht.«</p> - -<p>»Nonsens! … Humbug! … Indische Gaukelei!« …<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span> -Der Oberst stieß es wütend zwischen den Zähnen hervor. -Dann wurde er wieder dienstlich und fragte weiter:</p> - -<p>»Wenn ich Sie recht verstanden habe, MacPherson, -sind die drei gesuchten Personen in dem Hause und -stehen auch nicht im Begriff, es zu verlassen.«</p> - -<p>»Jawohl, Herr Oberst, das ist meine Meldung.«</p> - -<p>Auf einen Wink des Obersten verließ der Schotte das -Zelt.</p> - -<p>Oberst Trotter blickte wieder auf seine Uhr.</p> - -<p>»Ich denke, Doktor, in einer Stunde haben wir die -Burschen.«</p> - -<p>Dr. Glossin beachtete den Obersten gar nicht. Er hatte -die Hände über dem rechten Knie gefaltet und wiederholte -mechanisch die Worte Atmas: »Was du suchst, ist -nicht hier; was hier ist, das suchst du nicht.«</p> - -<p>Der Oberst wurde ungeduldig.</p> - -<p>»Die Geschichte fängt jetzt an, Herr Doktor. Werde -ich den Vorzug haben, Sie dabei an meiner Seite zu -sehen?«</p> - -<p>»Ich ziehe es vor, mir das Abenteuer sehr von weitem -anzusehen.«</p> - -<p>»Sie werden hier in fünf Minuten allein sein.«</p> - -<p>»Ich werde es zu ertragen wissen. Die Einsamkeit -birgt keine Gefahr.«</p> - -<p>»Wie Sie wollen, Herr Doktor.«</p> - -<p>Der Oberst trat auf den Platz, und wie durch Zauberei -verschwanden die Zelte. Die Kochgeschirre wurden zusammengepackt. -Alles wurde in Taschen und Rucksäcken -untergebracht. Es dauerte wirklich nur fünf Minuten, -dann stand Dr. Glossin einsam in der Waldlichtung. -Eine Kolonne von einundzwanzig Mann bewegte sich -vorsichtig und lautlos durch den dichten Wald hin auf -das Truworhaus zu.</p> - -<p>Dr. Glossin blieb noch fünf Minuten ruhig wartend -stehen. Dann zog er eine kleine Pfeife und ließ in -kurzen Pausen schrille Pfiffe ertönen.</p> - -<p>Das Gebüsch teilte sich. Ein Mann erschien und ging -auf den Doktor zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span></p> - -<p>»Sergeant Parsons zur Stelle.«</p> - -<p>»Es ist gut, Parsons. Sie sahen die einundzwanzig -Narren hier abziehen?«</p> - -<p>Sergeant Parsons grinste. Die Engländer waren -seine Freunde nicht.</p> - -<p>»Ich sah sie talabwärts ziehen, Herr Doktor.«</p> - -<p>»Sie haben vierzig Mann bei sich?«</p> - -<p>»Jawohl, Herr Doktor. Vierzig ausgesuchte Burschen.«</p> - -<p>»Gut bewaffnet.«</p> - -<p>»Nebel, Tränen und Mordtau.«</p> - -<p>»Die andern haben Mantelgeschosse. Insgesamt viertausend -Schuß.«</p> - -<p>»<em class="antiqua">Allright</em>, Sir. Werden uns vorsehen.«</p> - -<p>»Gut, Parsons. Folgen Sie mit Ihren Leuten ungesehen -den Engländern. Sie kennen Ihre Aufgabe?«</p> - -<p>Den gleichen Pfad, den vor einer Viertelstunde einundzwanzig -Engländer hinabgegangen waren, folgten -ihnen jetzt einundvierzig Amerikaner. Dr. Glossin blieb -auf der Lichtung zurück.</p> - -<p>Oberst Trotter erreichte mit seinen Leuten in einer -halben Stunde das Truworhaus. In der fahlen Nachtdämmerung -lag es deutlich vor ihnen. Er ließ seine Leute -in weitem Bogen ausschwärmen, bis die beiden äußersten -Flügel vor der Vorderseite des Hauses zusammenstießen. -An dieser Stelle des Kreises hielt sich der Oberst selbst -auf. Langsam zog sich die Kette bis an den mannshohen, -durch Birkenteer braunrot gefärbten Holzzaun zusammen. -Oberst Trotter schwang sich auf den Zaun, um -als erster in den Garten zu springen.</p> - -<p>Da krachte ein Schuß. Er kam aus einer der kleinen -Schießscharten zu beiden Seiten der Haustür. Haarscharf -pfiff das Projektil am Kopf des Obersten vorüber -und riß ein Stückchen Stoff an der rechten Schulter ab.</p> - -<p>Der Oberst gelangte unversehrt in den Garten, und an -allen anderen Stellen der Umzäunung folgten ihm seine -Leute. Aber dies Eindringen war das Signal für ein -Massenfeuer, das aus allen Fenstern und Luken des -Hauses begann. Das Truworhaus war mit Munition<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span> -gut versorgt. Es hatte den viertausend Schüssen der -Angreifer reichlich die dreifache Zahl entgegenzustellen. -In geschlossenen Feuergarben sprühten die Geschosse aus -Fenstern und Luken und fegten durch den Garten. Hier -und dort verriet ein Aufschrei, daß der eine oder der -andere von den Engländern getroffen worden war.</p> - -<p>Es gab Verwundete und Tote. Nur dadurch, daß die -Angreifer, soweit sie überhaupt noch lebten und bewegungsfähig -waren, sich zu Boden warfen, jeden Busch, -jede Bodenfalte als Deckung nutzten und alle Künste des -Kolonialkrieges anwandten, gelang es ihnen, Meter um -Meter näher an das Haus heranzukommen.</p> - -<p>In der Deckung eines starken Wacholdergestrüppes -lag Oberst Trotter. Die Kugeln umpfiffen ihn. Jetzt -bedauerte er es, dem Rate des Amerikaners nicht gefolgt -zu sein.</p> - -<p>Seine Leute schossen nur noch vereinzelt und zielten -dabei sorgfältig auf die Punkte, von denen die Feuerströme -der Verteidiger herkamen. Hier und dort hatten -sie auch Erfolg. Oberst Trotter konstatierte trotz seiner -recht ungemütlichen Lage, wie hier und dort eine Schießscharte -nach einem glücklichen Treffer der Angreifer verstummte.</p> - -<p>Trotz alledem … das Rezept des Amerikaners … -den dicksten Lufttorpedo von obenher und unversehens -auf den gottverdammten Kasten geworfen … Oberst -Trotter wurde die Empfindung nicht los, daß der Plan -recht viel für sich hatte.</p> - -<p>Zweihundert Meter bergaufwärts stand Dr. Glossin -und beobachtete durch ein gutes Glas den Kampf. Er -gab für das Leben der Engländer keinen roten Cent -mehr. Wenn die Angegriffenen ihr Feuer gut leiteten, -mußten sie die wenigen Angreifer bei diesem Munitionsaufwand -zu Hackfleisch zerschießen. Ungeachtet aller -Deckungen und Schleichkünste. Um so mehr wunderte sich -der Arzt, daß etwa die Hälfte der Engländer immer noch -am Leben war, daß sie sogar langsam, aber unaufhaltsam -das Feuer der Verteidiger zum Schweigen brachten.<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span> -Jetzt feuerte die eine Schmalwand des Hauses nicht -mehr. Der letzte Treffer von englischer Seite -hatte dort eine kräftige Explosion verursacht. Bedeutendere -Munitionsmengen mußten in die Luft gegangen -sein.</p> - -<p>Wenige Minuten warteten die Angreifer noch. Dann -stürmten sie gegen diese schmale Seite vor. Eine -schmale Tür, aus starken Bohlen gefügt, war ihr Ziel. -Axthiebe trafen das Holz. Krachend gaben Schloß und -Angeln nach. Die Angreifer wollten über die gefallene -Tür in das Innere dringen, aber sie kamen nicht dazu.</p> - -<p>Es war ganz klar. Dr. Glossin, der den Gang der -Dinge als ruhiger Beobachter verfolgte, war sich dessen -sicher. Mit der Tür war eine Kontaktvorrichtung verbunden, -die im Innern des Hauses eine schwere Explosion -hervorrief, sobald die Tür aus den Angeln wich.</p> - -<p>Weithin über die Berglehnen zu beiden Seiten des -Tornea rollte der dumpfe Donner der Explosion und -übertönte das Rauschen des Flusses.</p> - -<p>Die Angreifer, eben noch im Begriff, das Haus mit -stürmender Hand zu nehmen, taumelten zurück.</p> - -<p>Ein Brand war im Innern ausgebrochen. Rotglühend -erleuchtet flammte hier und dort ein Fenster auf.</p> - -<p>Und dann … Dr. Glossin hatte zweifelsohne einen -günstigeren Platz gewählt als der Oberst Trotter, der -sich erst jetzt hinter seinem Wacholdergebüsch hervorwagen -konnte … Dr. Glossin sah von seinem zweihundert -Meter höher gelegenen Standpunkt, wie das -ganze Dach des Hauses sich leicht hob und dann öffnete, -wie der Krater eines ausbrechenden Vulkans. Eine ungeheure -Flammensäule stieg empor und riß viele Tausende -von hölzernen Schindeln mit. Brennend stiegen -die leichten Holzstückchen hoch in den fahlen Himmel. -Brennend fielen sie wieder langsam zu Boden. Das -Haus war nach der Explosion nur noch ein einziges -wogendes und brandendes Feuermeer. In seinen -Kellern mußten enorme Mengen brennbarer Öle lagern. -Mußten durch die Explosion Feuer gefangen haben und<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span> -sandten nun Flammenberge und schwere Wolken dichten -schwarzen Qualmes empor. Schon war der obere Fachwerkbau -des Hauses bis auf wenige Sparren verzehrt. -Reichlich genährt brodelte das Flammenmeer weiter. -Die uralten Zyklopenmauern des unteren Teiles, vor -Jahrhunderten gefügt, für die Ewigkeit gebaut, wurden -rotglühend.</p> - -<p>Dr. Glossin beobachtete das Schauspiel und vergaß -vor seiner wilden Schönheit für kurze Zeit Sorgen und -Pläne.</p> - -<p>Die Glut drang von innen nach außen durch. Auf den -weiten dunklen Mauerflächen zeigten sich plötzlich rosa -Flecken. Wuchsen, wurden immer heller, flossen zusammen, -bis schließlich die ganze wohl meterstarke Wand -in voller Rotglut dastand. Und dann begann der Mörtel, -der diese erratischen Blöcke zum Mauerwerk verband, -in der höllischen Hitze zu schmelzen. Flüssig und weiß -glühend lief es an hundert einzelnen Stellen aus den -Mauerfugen.</p> - -<p>Dann stürzten die letzten Reste des Truworhauses zusammen. -Im Augenblicke bildete das Rechteck der Zyklopenmauern -nur noch einen wirren Haufen rot- und -hellweißglühender Blöcke.</p> - -<p>Ein glühendes Hünengrab, das unter schmelzenden -Felsbrocken die tausendjährige Geschichte eines heldenhaften -Geschlechtes begrub – – – und mit ihr den -letzten dieses Geschlechtes.</p> - -<p>Die Engländer hatten sich vor der unerträglichen Glut -weit zurückgezogen. Längst war der Aufenthalt innerhalb -der Gartenumfriedigung unerträglich. Schon -brannte der hölzerne Zaun an mehreren Stellen. Erst -unten am Fluß machten sie halt. Kühlten die -brennenden Gesichter, die verbrannten Hände im frischen -Wasser des Elf. Bemerkten, daß ihnen die Kleidung, -von der strahlenden Hitze des Brandes versengt, in -Fetzen vom Leibe hing.</p> - -<p>Verstört und niedergeschlagen musterte Oberst Trotter<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span> -das Häuflein der Überlebenden. Eine Stimme hinter -ihm:</p> - -<p>»Herr Oberst, Sie haben sie nicht einmal tot bekommen!«</p> - -<p>Es war die Stimme Dr. Glossins.</p> - -<p>Der Oberst fuhr sich über den halb versengten Schnurrbart.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Damm' your eyes, Sir!</em> Sie sind tot! Es ist keine -Maus rausgekommen. Sie sind in ihren Schlupfwinkeln -gebraten worden. Wenn es Ihnen Spaß macht, suchen -Sie die Reste in dem Trümmerhaufen da oben. Aber verbrennen -Sie sich nicht die Fingerspitzen. Ich weiß, was -ich meiner Regierung zu melden habe.«</p> - -<p>Oberst Trotter war von den Flammen angesengt, -schmutzig und unansehnlich geworden. Sein Gesicht -schmerzte ihn, so daß er sich zum Fluß beugte und frisches -Wasser über die gerötete Stirn schüttete.</p> - -<p>Nach dem kalten Wasser fühlte er neue Kraft. Er -wollte dem verdammten Amerikaner deutlich werden. -Doch als er sich dazu anschickte, war Dr. Glossin verschwunden. -Ebenso plötzlich, wie er aus dem Walde -herausgetreten war, hatten ihn die Sträucher und -Stämme des alten Forstes wieder aufgenommen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Mr. E. F. Goody, der Führer der Opposition im -australischen Parlament, faßte die Hauptpunkte seiner -zweistündigen Rede noch einmal im Schlußwort zusammen.</p> - -<p>»Die Welt ist heute zu eng geworden. Es scheint, als -ob die beiden großen Staaten nicht mehr nebeneinander -Platz haben. Wir müssen unsere Stellung zwischen den -beiden Parteien wählen. Beides sind Englisch sprechende -Völker. Jedem von uns durch Bande des Blutes verbunden. -Staatsrechtlich steht uns England näher. Aber -unsere wirtschaftlichen Beziehungen weisen nach Amerika. -Der Energie der Vereinigten Staaten verdanken wir<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span> -es, daß unser Land von dem schweren Druck der japanischen -Gefahr befreit wurde. Die Klugheit gebietet -uns, heute Anschluß an Amerika zu nehmen …«</p> - -<p>Laute Beifallsrufe unterbrachen den Sprecher. Es -ging sonst ebenso ernsthaft und gesetzt im australischen -Parlament zu wie im Hause der Gemeinen zu London. -Aber hier waren die Leidenschaften auf das höchste erregt. -Die weißbärtigen Farmer aus Queensland und -Neusüdwales, die Kaufleute aus Viktoria, die Viehzüchter -aus Westaustralien und Alexandraland sprangen -von ihren Sitzen auf und machten ihrer Begeisterung -in lauten Cheerrufen Luft. Es dauerte Minuten, bis der -Redner fortfahren konnte.</p> - -<p>»… Ich stelle fest, daß Regierungspartei und Opposition -in diesem Punkt einig sind. Australien muß sich -geschlossen an die Seite Amerikas stellen, wie es Kanada -vor fünf Jahren getan hat. Die anglosächsische Rasse -hat vor vierzig Jahren die neue Doktrin vom Selbstbestimmungsrecht -der Völker verkündet. Diese Lehre ist -nie wieder aus der Welt verschwunden. Wir nehmen -dieses Recht der Selbstbestimmung für uns in Anspruch -und beschließen den Zollbund mit der amerikanischen -Union.«</p> - -<p>Der Schluß der Rede ging in brausenden Cheerrufen -unter. Das alte Parlament, welches hier in Sydney -tagte, war nicht wiederzuerkennen. Tücher wurden geschwenkt. -Händeklatschen mischte sich in die Beifallsrufe. -Einzelne Parlamentsmitglieder sprangen auf die -Sitze und gestikulierten mit den Armen.</p> - -<p>Die bevorstehende Abstimmung konnte nur noch eine -reine Formsache sein. Die einstimmige Annahme des -Beschlusses war sicher.</p> - -<p>Einzelne Mitglieder verließen den Sitzungssaal, traten -in die Vorhalle, sprachen mit Journalisten und Geschäftsfreunden. -Von Mund zu Mund sprang die Nachricht -weiter, gelangte ins Freie und wälzte sich durch die -breiten Straßen Sydneys. Seit dreißig Jahren hatte -Australien seine besondere Flagge, den Union Jack, mit<span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span> -dem aufgelegten australischen Wappen. Das Kreuz mit -den Symbolen des Landes lag auf dem roten Tuch der -britischen Flagge. Jetzt tauchten in wenigen Minuten -an unzähligen Fenstern Arrangements der australischen -Flagge und des Sternenbanners auf. Es war unbegreiflich, -woher diese Unmenge amerikanischer Fahnen -im Augenblick kam, die hier im Winde flatterten und -den Straßen ein festliches Aussehen gaben.</p> - -<p>Während die Begeisterung durch die Straßen lief und -das Parlament zur Abstimmung schritt, saß der australische -Premierminister G. A. Applebee dem Königlich -Großbritannischen Sondergesandten Mr. Swift MacNeill -gegenüber.</p> - -<p>»Ich habe die Ehre, Ihnen mitzuteilen, daß die englische -Regierung die Lage als außerordentlich ernst ansieht. -Der Beschluß des australischen Parlamentes ist -ungesetzlich, weil er alte, wohlerworbene Rechte des -Mutterlandes verletzt.«</p> - -<p>Mr. MacNeill sprach die Worte langsam und unbewegt. -So mochten vor zweitausend Jahren Tribunen -und Legaten die Weltmacht Roms in die Wagschale -geworfen haben: <em class="antiqua">Roma locuta, causa finita!</em></p> - -<p>Mr. Applebee überlegte seine Erwiderung sorgfältig, -bevor er den Mund aufmachte.</p> - -<p>»Es ist der einstimmige Beschluß des Parlamentes, -Sir! Ein Land mit einer Bevölkerung von vierzig -Millionen steht geschlossen hinter dem Parlament. Dadurch, -daß Australien in ein engeres Verhältnis zur -amerikanischen Union tritt, hört es nicht auf, ein Freund -Englands zu sein …«</p> - -<p>»Australien ist ein Teil des britischen Reiches.« MacNeill -sagte es kurz und schroff.</p> - -<p>»Gewesen, Sir! Bis zum heutigen Tage gewesen! -Mit dem heutigen Parlamentsbeschluß nimmt das Land -das Recht voller politischer Mündigkeit und Souveränität -für sich in Anspruch.«</p> - -<p>»Diesen Ausspruch erkennt die britische Regierung<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span> -nicht an. Ich kann meine Warnung nur wiederholen. -Die Lage ist ungemein ernst.«</p> - -<p>Die Züge des australischen Ministers röteten sich allmählich. -Die innere Erregung ließ seine Stimme -vibrieren.</p> - -<p>»Die Lage ist für das britische Reich genau so ernst -wie für uns, wenn Ihre Regierung darauf bestehen sollte, -die einstimmigen Beschlüsse eines freien und mündigen -Volkes zu mißachten. Australien kann nicht ausgehungert -werden. Es hat einen bedeutenden Überschuß an Fleisch -und Brot. Es hat in seiner Bevölkerung fünf Millionen -wehrhafter Männer …«</p> - -<p>»Ich hoffe nicht, daß das Land der Welt das traurige -Schauspiel einer abtrünnigen Kolonie bieten wird.«</p> - -<p>Der Engländer sagte es, um etwas zu sagen. Er war -seiner Sache nicht mehr so sicher wie im Anfang.</p> - -<p>Mr. Applebee fuhr fort: »Ein solches Schauspiel mag -für England traurig sein. Die Sympathien der Welt -sind fast immer bei den Kolonien gewesen, welche die -Freiheit für sich in Anspruch nahmen und …«</p> - -<p>Mr. Applebee schwieg. Auch der englische Gesandte -blieb still. Der Name des Diktators Cyrus Stonard -stand unausgesprochen zwischen ihnen. Der Australier -fühlte sich der amerikanischen Unterstützung sicher. Der -Engländer hatte die Überzeugung, daß die amerikanische -Wehrmacht in dem Augenblick losschlagen würde, in -dem ein englischer Soldat oder ein englisches Schiff die -Freiheit des fünften Kontinents antasteten.</p> - -<p>»Ich hoffe, daß es der Umsicht der englischen Regierung -gelingen wird, die Lage zu entspannen.«</p> - -<p>Das waren die Abschiedsworte, mit denen der australische -Premier den Gesandten entließ.</p> - -<p>Mr. Applebee kehrte in sein Kabinett zurück. Ein -Klerk meldete ihm, daß Mr. Jones ihn zu sprechen -wünsche. Mr. J. F. C. Jones, der Sondergesandte des -Präsident-Diktators. <em class="antiqua">Allright</em>, der sollte die frohe Botschaft -aus erster Quelle vernehmen. Der Australier hielt -ihm die Liste mit dem Abstimmungsergebnis entgegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p> - -<p>»Die Sache ist in Ordnung, Sir! Einstimmiger Beschluß -von Oberhaus und Unterhaus. Der erste Fall in -der Geschichte Australiens, daß ein Beschluß in beiden -Häusern mit allen Stimmen angenommen wird.«</p> - -<p>Mr. Jones trocknete sich die hohe Stirn mit einem -seidenen Taschentuch.</p> - -<p>»Ich sehe leider, daß ich zu spät gekommen bin. Ich -wollte Sie bitten, die Abstimmung um vierzehn Tage -zu verschieben.«</p> - -<p>Mr. Applebee sank sprachlos auf seinen Stuhl.</p> - -<p>»Ich verstehe nicht. Ich denke, das amerikanische Volk -ersehnt die Vereinigung ebensosehr wie wir?«</p> - -<p>»Es ersehnt sie. Nur ein Aufschub von vierzehn Tagen. -Aus Gründen der äußeren Politik der amerikanischen -Union.«</p> - -<p>Mr. Applebee machte eine hilflose Bewegung.</p> - -<p>»Wenn ich auch nur mit der Andeutung eines solchen -Wunsches vor das Parlament trete, bin ich in zwei -Minuten später nicht mehr Minister.«</p> - -<p>Der Amerikaner betrachtete seine Stiefelspitzen.</p> - -<p>»Ich werde mich umgehend mit Washington in Verbindung -setzen, den Tatbestand mitteilen, um neue Instruktionen -bitten. Die Sache liegt klar. Der Parlamentsbeschluß -ist in der ganzen Stadt, jetzt vielleicht -schon in allen Großstädten des Kontinents bekannt. Das -Volk auf der Straße ist in einem Freudenrausch. Wir -können nicht daran denken, diese Stimmung zu stören. -Aber … Sie sind das ausführende Organ für die -Beschlüsse. Wenden Sie Ihre ganze Kunst auf, um -England hinzuhalten. Beachten Sie wohl, die Sache -soll durchaus so vor sich gehen, wie sie verabredet wurde. -Sie ist nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Bei dieser -Sachlage wird es Ihnen möglich sein, einen Konflikt um -vierzehn Tage hinauszuschieben … Ich hoffe, es wird -Ihrer Kunst gelingen.«</p> - -<p>Mr. Applebee versprach, sein möglichstes zu tun. -Während von draußen her der Jubel der enthusiasmierten<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span> -Menge dumpf in den Raum drang, empfahl sich -der Amerikaner mit kräftigem Händedruck.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Unter den Passagieren des Flugschiffes Stockholm–Köln -befand sich Dr. Glossin. Während seine -Mannschaft nach dem Abenteuer in Linnais im eigenen -Schiff nach den Staaten zurückkehrte, fuhr er nach -Deutschland.</p> - -<p>Das Flugschiff war ein gutes, ziemlich schnelles Fahrzeug -der mitteleuropäischen Verkehrsgesellschaft. Für -zweihundert Passagiere eingerichtet, legte es bei einer -Stundengeschwindigkeit von etwas über vierhundert -Kilometer die Strecke Stockholm–Köln in rund vier -Stunden zurück. Dr. Glossin war um acht Uhr morgens -von Stockholm fortgeflogen. Fahrplanmäßig mußte das -Schiff den Kölner Flughafen zwölf Uhr mittags erreichen. -Jetzt stand er zwischen Malmö und Kiel über der Ostsee.</p> - -<p>Der Doktor hatte es sich in einer Fensterecke bequem -gemacht und zog bei sich die Bilanz des Geschehenen.</p> - -<p>Die Sachen waren nicht schlecht gegangen. Erik Truwor -und die Seinen waren vernichtet. Es war bereits -schwarz auf weiß gedruckt zu lesen. Haparandas Dagblad -hatte in der Morgenausgabe einen kurzen Bericht -über das Unglück von Linnais. Eine rätselhafte Brand- -und Explosionskatastrophe, die mehrere schwedische -Bürger das Leben gekostet haben sollte. Er hatte einige -Exemplare der Zeitung gekauft, bevor er von Haparanda -die Reise nach dem Süden antrat.</p> - -<p>Dr. Glossin konnte zufrieden sein. Der heikle Auftrag -des Präsident-Diktators war erledigt. Die drei Menschen, -die er wirklich fürchtete, waren tot. So, wie er es -geplant hatte, war es geschehen. Die Engländer hatten -ihm die gefährliche Arbeit besorgt. Daß die bei der -Gelegenheit etwas angesengt worden waren, störte ihn -wenig. Wenn er an den eingebildeten Trotter dachte,<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span> -der schließlich seine Brandblasen im Tornea kühlen -mußte, empfand er ein gewisses Vergnügen.</p> - -<p>Erik Truwor war tot. Der Mann, der im Begriffe -stand, eine Macht zu gewinnen, an der Weltreiche zerschellen -konnten. Der greuliche Inder war verbrannt. -Der braune Satan, der ihn, den starken Hypnotiseur, -selbst in den Bann der Hypnose gezwungen hatte. Und -Silvester Bursfeld war gestorben. Silvester, dessen späte -Rache er fürchten mußte. Silvester, der ihm Jane entrissen -hatte.</p> - -<p>Das Verhältnis des Arztes zu dem Mädchen war -immer komplizierter geworden. Er brauchte sie als -Medium von unübertrefflicher Leistung. Als ein Medium, -mit dessen Hilfe er räumlich und zeitlich ins Weite -blicken, die Pläne und Taten seiner Gegner rechtzeitig -erkennen, entfernte Zusammenhänge aufzudecken vermochte. -Das war es, was ihm in den letzten Wochen -gefehlt hatte. Alle seine Mißerfolge schrieb er diesem -Fehlen zu. Jane mußte wieder fest in seiner Hand sein.</p> - -<p>Sein Medium, sein Talisman und seine Liebe!</p> - -<p>Mit verzweifelter Kraft klammerte sich die vereinsamte -Seele des alternden Mannes an den Gedanken, Jane -ganz sein Eigen zu nennen. Er fühlte unbewußt, daß -diese Liebe für ihn die Entsühnung bedeute. Er träumte -von einem neuen Leben in Reynolds-Farm an Janes -Seite. Jetzt fuhr er nach Düsseldorf, um sie für sich zurückzuerobern.</p> - -<p>Warum mußte auch Jane einen Brief an ihre Nachbarin -in Trenton schreiben und sich erkundigen, ob das -Grab ihrer Mutter gut gepflegt werde. Es lag auf der -Hand, daß dieser Umstand dem um das Wohl seines -Mündels so ängstlich besorgten Vormund von den -Empfängern des Briefes nicht verheimlicht werden -würde. So wußte Dr. Glossin, daß Jane im Hause Termölen -in Düsseldorf lebte. Es war einfach, beinahe zu -einfach gewesen, ihren Aufenthaltsort zu erfahren. Viel -schwieriger würde es sein, mit ihr in Verbindung zu -treten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span></p> - -<p>Während das Schiff die westfälische Ebene überflog, -versuchte der Arzt, sich einen Plan zu machen. Wann -hatte er Jane das letztemal gesehen? Damals, als -der Inder R. F. c. 2 wie Wachs schmelzen ließ; als -Glossin um sein Leben laufen mußte. Das mußte eine -Annäherung des Doktors unmöglich machen. Es kam -noch dazu, daß Jane doch inzwischen mit Silvester zusammengewesen -sein, von ihm erfahren haben mußte, -welche Rolle Glossin bei seiner Gefangennehmung und -Verurteilung gespielt hatte. Es schien bei solcher Sachlage -ein unmögliches Unterfangen für den Arzt, Jane -vor die Augen zu treten.</p> - -<p>Aber schwierige Aufgaben reizten ihn. Er kannte seine -eigene hypnotische Macht über Jane. Gelang es ihm, -sich ihr zu nähern, seinen Einfluß wirken zu lassen, so -mußte es ihm glücken, sie wieder ganz in seinen Bann zu -zwingen, alle störenden Erinnerungen wegzusuggerieren. -Nur der erste Angriff mußte geschickt ausgeführt werden. -Die ersten dreißig Sekunden entschieden alles.</p> - -<p>Ruhig und mit voller Nervenkraft an das Werk gehen, -darauf kam es an. Er nahm einige der winzigen Pillen, -die ihm eine genau auf die Minute dosierte Nervenentspannung -verschafften, und streckte sich in den Sessel -zurück. So saß er regungslos, bis das Schiff in Köln -landete. Eine knappe halbe Stunde später schritt er -durch die Straßen Düsseldorfs auf das Haus Termölen -zu.</p> - -<p>Sein Plan war einfach. Zu irgendeiner Stunde würde -Jane doch einmal die Wohnung verlassen. Sie auf der -Straße abpassen, das Fluidum wirken lassen, sie beeinflussen, -sie in seinen Bann zwingen. Er war so einfach, -daß er wohl gelingen mußte. Wenn nicht … es gab -wohl ein »Wenn«, aber Dr. Glossin hatte es gar nicht -in den Bereich der Möglichkeit gezogen.</p> - -<p>Er schlenderte die Straße entlang, und der Zufall -begünstigte ihn.</p> - -<p>Jane trat aus dem Hause und ging in der Richtung -nach dem Rattinger Tor hin. Dr. Glossin verschlang<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span> -ihre Gestalt mit den Blicken. Sie hatte sich ein wenig -verändert, seitdem er sie zuletzt sah. Die beängstigend -ätherische Zartheit ihres Teints war einer gesünderen -Farbe gewichen. Ihre Figur war voller und kräftiger -geworden.</p> - -<p>Sie ging die Straße entlang, blieb hier und dort vor -einem Schaufenster stehen und musterte die Auslagen. -Mit der Gewandtheit eines Jägers pirschte sich der Doktor -an sie heran. Unbeachtet in ihre nächste Nähe kommen, -den Einfluß wenige Sekunden wirken lassen, und das -Spiel war gewonnen.</p> - -<p>Während Jane die Schmuckstücke im Schaufenster eines -Juweliers betrachtete, kam er dicht an sie heran, stand -unmittelbar hinter ihr und ließ seine ganze Energie -spielen.</p> - -<p>Jane schien es zu merken. Unangenehm, wie eine -fremde körperliche Berührung. Sie drehte sich um und -sah ihm unbefangen in die Augen.</p> - -<p>Dr. Glossin erschrak. Das war das Mädchen nicht -mehr, das sich in Trenton und Reynolds-Farm willenlos -seinem Blick unterwarf. Er gab das Spiel verloren, erwartete -im nächsten Moment eine Flut von Vorwürfen -zu hören, sann auf schnellen Rückzug.</p> - -<p>Nichts dergleichen geschah.</p> - -<p>Jane begrüßte ihn wie einen alten Bekannten. Sie -lud ihn ein, mit in das Haus zu kommen, und geleitete -ihn dort in das Besuchszimmer. Hier erkundigte sie sich -nach allen Bekannten in Trenton.</p> - -<p>Dr. Glossin beantwortete ihre Fragen ausführlich und -versuchte, dieses eigentümliche Benehmen zu ergründen. -Ganz vorsichtig ließ er den Namen Elkington fallen. Jane -reagierte nicht darauf. Der Doktor wurde deutlicher. Er -sprach von Elkington, wo er sie das letztemal gesehen -habe. Jane blickte ihn verwundert an.</p> - -<p>»Elkington? … Elkington? … Ich bin nie in -Elkington gewesen. Soweit ich mich erinnere, haben -wir uns das letztemal in Trenton beim Begräbnis -meiner Mutter gesehen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span></p> - -<p>»Aber meine liebe Miß Jane, können Sie sich auch -nicht an Reynolds-Farm erinnern …«</p> - -<p>Jane schüttelte verneinend das Haupt. Dabei lachte -sie vergnügt; lachte den Doktor geradezu aus, bis er seine -Neugier nicht mehr meistern konnte.</p> - -<p>»Darf ich fragen, Miß Jane, welcher Umstand Ihre -Heiterkeit erregt?«</p> - -<p>»Gewiß, Herr Doktor, ich amüsiere mich darüber, daß -Sie mich noch immer als Miß anreden. Ich glaubte, -mein Mann hätte Ihnen meine Vermählung längst mitgeteilt …«</p> - -<p>Dr. Glossin sah nicht sehr geistreich aus. Das Erstaunen -war zu groß, die Neuigkeit war zu überraschend -und kam zu plötzlich.</p> - -<p>Jane sah es und brach in ein helles Gelächter aus.</p> - -<p>»Sie wissen also nicht, daß ich verheiratet bin? Wissen -natürlich auch nicht, wer mein Mann ist?«</p> - -<p>»Keine Ahnung, Mrs. … Mrs. …«</p> - -<p>»Mrs. Bursfeld, damit Sie meinen vollen Namen -kennenlernen, Herr Doktor.«</p> - -<p>»Ich konnte es mir fast denken.«</p> - -<p>Dr. Glossin murmelte die Worte unhörbar vor sich hin. -Mochte Jane immerhin geheiratet haben, so war sie -heute doch schon wieder Witwe. Das sollte ihn nicht -stören. Aber er mußte klar sehen, welche Veränderung -mit ihr vorgegangen war.</p> - -<p>Ihre Erinnerung war lückenhaft. Sie wußte nichts -mehr von Reynolds-Farm, wußte vielleicht überhaupt -nicht mehr, daß es jemals einen Menschen namens Logg -Sar gegeben hatte, obwohl sie heute Mrs. Bursfeld -war. Todesurteil, Verrat, alle die Dinge, bei denen -Glossin eine so schlimme Rolle spielte, waren ihrem Gedächtnis -entschwunden. Es war dem Doktor klar, -daß hier eine suggestive Beeinflussung vorlag. Man -hatte Jane diese aufregenden Vorfälle vergessen lassen, -um ihr hier ein ruhiges Leben der Erholung und Kräftigung -zu ermöglichen. Die guten Wirkungen der Maßnahme<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -zeigten sich auch unverkennbar an ihrem Aussehen.</p> - -<p>Aber noch etwas anderes mußte geschehen sein. Während -Dr. Glossin mit Jane sprach, versuchte er die alten -Künste. Ganze Ströme magnetischen Fluidums ließ er -auf sie wirken, während er im Laufe des Gespräches -ihre Hände ergriff. Mit aller Kraft suchte er sie wieder -unter seinen Willen zu zwingen. Ein Weilchen ließ ihn -Jane gewähren. Dann entzog sie ihm ihre Hände.</p> - -<p>»Nun ist es genug, Herr Doktor. Sie sehen mich an -… so … was … wollen Sie?«</p> - -<p>Bei diesen Worten schaute sie ihm selbst so sicher und -unbeeinflußt in die Augen, daß er seine Bemühungen -aufgab.</p> - -<p>Ein mächtiger Wille hatte Jane gegen alle hypnotischen -Beeinflussungen von anderer Seite verriegelt. Wohl -konnte er ruhig mit Jane sprechen. Aber alle Annäherung -konnte ihm nichts nutzen. Sie war gegen seinen -Einfluß gefeit. Eine Verriegelung, die Atma gelegt -hatte … Dr. Glossin zweifelte, ob es ihm je gelingen -könnte, sie wieder aufzuheben. Ein einziges Mittel -blieb, eine schwere seelische Erschütterung. Wenn sie -stark genug war, wenn sie die Seele mit voller Macht -traf, dann konnte sie den Riegel vielleicht zerbrechen.</p> - -<p>Dr. Glossin lehnte sich in seinen Stuhl zurück und -holte aus seiner Brusttasche ein zusammengefaltetes -Zeitungsblatt hervor.</p> - -<p>»Ich bitte Sie um Verzeihung, Mrs. Bursfeld, wenn -meine Blicke länger als üblich an den Ihren hingen, -meine Hände länger als gewöhnlich in den Ihren -ruhten. Die überraschende Mitteilung Ihrer Vermählung -bringt mich in eine eigenartige Lage, macht eine -Nachricht, die sonst nur bedauerlich gewesen wäre, zu -einer Trauerbotschaft.«</p> - -<p>Jane blickte ihn mit weitgeöffneten Augen an. Überraschung -und Bestürzung malten sich auf ihren Zügen.</p> - -<p>»Eine schlimme Nachricht aus Linnais.«</p> - -<p>Dr. Glossin sagte es, während er Jane das Haparanda<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span> -Dagblad mit der Nachricht vom Untergange des -alten Hauses Truwor hinhielt.</p> - -<p>Jane warf einen Blick darauf.</p> - -<p>»Herr Doktor, ich verstehe kein Schwedisch. Sie -müssen mir das übersetzen.«</p> - -<p>Dr. Glossin nahm das Blatt wieder an sich und begann -Wort für Wort zu übersetzen. Die Nachricht vom -Brande, von den Explosionen. Vom Untergange des -ganzen alten Hauses in einer einzigen wabernden Lohe. -Vom sicheren Tode aller Insassen.</p> - -<p>Während er Zeile für Zeile übersetzte, wurde Jane -von Sekunde zu Sekunde blasser. Bei den letzten Worten -sank sie mit einem leisen Schrei ohnmächtig von -ihrem Stuhl auf den Teppich.</p> - -<p>»Jetzt oder nie … vielleicht ist der Riegel -gebrochen.«</p> - -<p>Dr. Glossin beugte sich über die ohnmächtig Daliegende. -Er strich ihr über die Stirn. Alles magnetische -Fluidum, über das er verfügte, versuchte er -in ihren Körper zu jagen. Sie wieder ganz unter -seinen Willen und Einfluß zu zwingen.</p> - -<p>Er befahl ihr, sich zu erheben, und Jane führte den -Befehl aus. Mit halbgeschlossenen Augen stand sie -vor ihm.</p> - -<p>Auf einen Dritten hätte die Szene einen wunderbaren -Eindruck gemacht … Kein Wort wurde gesprochen. -Lautlos erteilte Dr. Glossin seine Befehle. Lautlos -vollzog sie Jane, solange sie sie noch vollzog.</p> - -<p>Eine Richtung der Pupillen von Jane gefiel dem -Doktor nicht. »Sehen Sie mich an. Sehen Sie mir genau -in die Augen«, befahl er.</p> - -<p>Jane leistete dem Befehl keine Folge. Erst wanderte -ihr Blick. Dann drehte sich ihr Haupt und dann -der ganze Körper. Sie wandte dem Doktor halb den -Rücken zu. Wäre Dr. Glossin über die Himmelsrichtungen -in dem Zimmer orientiert gewesen, hätte er -bemerkt, daß Jane genau nach Norden blickte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span></p> - -<p>So stand sie. Minuten hindurch. Dr. Glossin bot -seine ganze Kraft auf und hatte keinen Erfolg.</p> - -<p>Wenn der Riegel jemals gebrochen war, so war er -in diesen Sekunden wieder zusammengeschweißt.</p> - -<p>Jetzt wandte sich Jane ruhig dem Doktor wieder zu. -Sie zeigte eine heitere Miene. Jede Angst und Unruhe -waren wie weggewischt. Sie nahm die Unterhaltung -da wieder auf, wo sie vor langen Minuten gestockt -hatte.</p> - -<p>»Dieser Zeitungsbericht ist doch längst überholt. Ein -bedauerlicher Zwischenfall. Ein Brand, der im Laboratorium -von Erik Truwor ausbrach. Ich hörte davon. -Es ist schade. Es hält die Arbeiten wieder auf. -Ich werde meinen Mann ein paar Tage länger entbehren -müssen. Aber Sie können beruhigt sein. Er -ist unversehrt und arbeitet mit allen Kräften an seiner -Erfindung weiter …«</p> - -<p>Dr. Glossin hatte das Empfinden, als ob alles um -ihn niederbräche. Eben noch seines Sieges gewiß. Im -Bewußtsein, drei Gegner vernichtet zu haben. Im Begriff, -Jane wieder unter seinen Einfluß zu zwingen.</p> - -<p>Und nun? Die junge Frau stand sicher und selbstbewußt -vor ihm. Sie lachte über die Mitteilungen, die -sie niederschlagen sollten.</p> - -<p>»Herr Doktor, Ihre Nachrichten sind überholt. Ich -habe neuere, bessere.«</p> - -<p>Mit dieser im Konversationston vorgebrachten Bemerkung -schlug sie alle seine Angriffe zurück, vereitelte sie -seine Anstrengungen, setzte sie ihn der Gefahr aus, sich -lächerlich zu machen, wenn er seinen Besuch noch weiter -ausdehnte.</p> - -<p>Dr. Glossin empfahl sich. Äußerlich höflich, innerlich -zerrissen und wütend.</p> - -<p>»Wenn nicht die eine, so die andere! Wir wollen -sehen, wie Lady Diana die Nachricht aufnimmt.«</p> - -<p>Mit diesem Vorsatz verließ er das Haus.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Das war die Stellung der beiden Flotten. Vor der -Broken-Bai auf der Reede von Port Jackson lagen die -sechs großen australischen Schlachtschiffe. Die »Tasmania«, -»Viktoria«, »Kaledonia« usw. Mit den leichteren Streitkräften -insgesamt fünfzehn Fahrzeuge. Etwa sechzehn -Kilometer nördlich nach Rielmond hin ankerte das englische -Geschwader. Es hatte alles in allem rund die -doppelte Schiffszahl der australischen Flotte und auch die -doppelte Kampfstärke.</p> - -<p>Nur Kommodore Blain und die Herren von der Admiralität -in London wußten, warum ein englisches Geschwader -von solcher Stärke plötzlich in der Nähe von -Sydney auftauchte. Vielleicht geschah es, um den Vorstellungen -des englischen Sondergesandten MacNeill ein -besonderes Gewicht zu verleihen. Vielleicht war es auch -wirklich nur ein Zufall.</p> - -<p>Mochte dem sein, wie ihm wolle. Die Besatzungen -der australischen Schiffe vom Admiral Morison bis hinab -zu den letzten Midshipmen waren über die Anwesenheit -nicht erbaut. Für den Admiral Morison waren zwar -die strikten Anweisungen seiner Regierung bindend, die -ihm einen nicht nur höflichen, sondern sogar herzlichen -Verkehr mit der englischen Flotte zur Pflicht machten. -Aber Admiral Morison war einer gegen dreißigtausend -Mann der Flottenbesatzung.</p> - -<p>Mittags um zwölf wurde der Beschluß des australischen -Parlaments auf der Flotte bekannt. Es war -Essenszeit. Wer nur irgendwie dienstfrei war, saß beim -Mittagmahl. Die Mannschaften in den großen luftigen -Zwischendecks, Offiziere und Ingenieure in ihren Messen. -Die Gebräuche der Marine und der anglosächsischen -Marine ganz besonders sind ehrwürdig und wenig veränderlich. -Es gab Speck mit dicken Erbsen, wie ihn die -Seeleute Nelsons schon bei Aboukir und Trafalgar bekommen -hatten und wie ihn aller Voraussicht nach auch -noch die Enkel und Urenkel der hier Schmausenden erhalten -würden. Nur so weit hatte sich der soziale Gedanke -auch in der australischen Flotte durchgesetzt, daß<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span> -die Offiziere das gleiche erhielten wie die Mannschaften, -also in diesem Falle ebenfalls Speck mit dicken Erbsen.</p> - -<p>So saßen sie und speisten. Die Mannschaften zu -Hunderten. Die Offiziere zu Dutzenden. Nur der Kapitän -allein. Eben jenem alten Brauche folgend, der -im Kapitän eines Schiffes einen Halbgott erblickt, den -kein anderer Sterblicher essen sehen darf.</p> - -<p>Also saß Kapitän George Shufflebotham, der Kommandant -der »Tasmania«, allein in seiner Kabine und verzehrte -das kräftige, aber Durst erregende Mahl. Es lag -in seinen persönlichen Gewohnheiten begründet, daß er -dabei den Whisky nur wenig mit Soda verdünnte. Gerade -als er das letzte Stück Speck mit einem guten -Schluck Whisky vom Stapel ließ, kam der Läufer in seine -Kabine und legte ihm die Funkendepesche auf den Tisch.</p> - -<p>Kapitän Shufflebotham kaute und las. Schluckte und -schlug mit der Faust auf den Tisch.</p> - -<p>Mit der Depesche in der Hand verließ er seine Kabine -und ging in das Mannschaftsdeck, wo die Leute gerade -mit den Resten der Mahlzeit beschäftigt waren. Winkte -den ersten besten heran.</p> - -<p>»Kannst du lesen, mein Junge?«</p> - -<p>»Ich denke ja, Herr Kapitän.«</p> - -<p>»Dann lies mal! Lies das Ding so laut vor, daß -alle es hören können!«</p> - -<p>Mit einem Blick hatte Jimmy Brown den Inhalt der -Depesche überflogen und begriffen. Stellte sich in Positur -und brüllte mit Riesenstimme: »Achtung! … Ruhe! -… Verlesung auf Befehl des Herrn Kapitäns …!«</p> - -<p>Als Jimmy Brown geendet hatte, durchbrauste ein -ungeheurer Jubel das Zwischendeck. Kapitän Shufflebotham -beobachtete mit triumphierender Miene die Wirkung -der Verlesung. Dann winkte er Jimmy Brown -beiseite, nahm die Depesche zurück und sprach angelegentlich -mit ihm.</p> - -<p>Jimmy Brown hörte zu. Erst ruhig. Dann mit weit -aufgerissenen Augen, als verstünde er nicht, was der -Kapitän sage und wolle. Dann mit beginnendem Verständnis<span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span> -und schließlich mit kaum verhehltem Vergnügen. -Der Kapitän ging in seine Kabine zurück. Jimmy Brown -ließ Erbsen Erbsen sein und machte sich auf dem Deck -zu schaffen. Auf Deck, und zwar an der Flaggenleine. -Ganz langsam stieg der Union Jack, der im Topp des -Gefechtsmastes flatterte, herunter. Kurze Zeit hatte -Jimmy Brown danach an einer Stelle der Flaggenleine -zu tun. Er bastelte, knotete und knüpfte, während ein -paar Kumpane ihn nach allen Seiten deckten.</p> - -<p>Dann kam die Flaggenleine wieder in Bewegung. -Sie stieg. Aber sie nahm eine eigenartige und -von keiner seefahrenden Nation anerkannte Flagge -mit empor. Es war ein großer Scheuerlappen, der -dort majestätisch in die Höhe ging, und in einem Drittel -der Mastlänge folgte ihm der Union Jack. Als die -Leine zur Ruhe kam und von Jimmy Brown festgeknotet -wurde, flatterte der Lappen munter im Topp, und -tief unter ihm, beinahe Halbmast, stand die Flagge -Großbritanniens.</p> - -<p>Es war Unfug … Grober Unfug … Wenn die -Mannschaften einmal mit der Beköstigung oder sonstwie -unzufrieden waren, hatten sie solchen Lappen an die -Flaggenleine geknotet. Die Götter mögen wissen, wie -dem Kapitän Shufflebotham in der Whiskylaune der Gedanke -kam, diese alte Geschichte wieder aufzuwärmen -und zu einer offenkundigen Verhöhnung der britischen -Flagge zu benutzen. Es genügt, daß es geschah und auf -den anderen Schiffen Nachahmung fand. Auch auf der -»Viktoria«, der »Alexandra«, der »Kaledonia« und allen -anderen hatte man die Depesche des Parlamentsbeschlusses -erhalten und war tatenlustig. Vergebens warfen sich -die Offiziere ins Mittel und verboten das Manöver. Es -grenzte so ziemlich an Meuterei. Überall wurden die -Vorgesetzten zurückgedrängt, und auf allen Schiffen der -australischen Flotte flatterte nach wenigen Minuten ein -übler Lappen über dem Union Jack.</p> - -<p>Vergeblich sandte Admiral Morison von seinem Flaggschiff, -der »Melbourne«, eine dringende Depesche nach der<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span> -anderen und drohte, die Schiffskommandanten vor ein -Kriegsgericht zu bringen. Sie beteuerten die Unmöglichkeit, -diese sonderbaren Flaggen gegen den Willen der -gesamten Mannschaften niederzuholen. Bis auf den -Kapitän Shufflebotham. Der antwortete überhaupt -nicht. Er lag auf dem Sofa seiner Kabine und schlief -den Schlaf des Gerechten.</p> - -<p>Aber die eigenartige Flaggenparade war von mehr -als einer Stelle gesehen worden. Auch Kommodore Blain, -der Chef des englischen Geschwaders, hatte sie bemerkt. -Bei der Entfernung von sechzehn Kilometer konnte er -auch mit einem guten Glase nur erkennen, daß eine einfarbige -dunkle Flagge über dem Union Jack saß. Darum -schickte er einen Flieger aus, der sich das Ding in der -Nähe besehen sollte. War entrüstet, als er hörte, daß -die ältesten und zerrissensten Schauerlappen in den Toppen -der australischen Flotte über der geheiligten Flagge -Englands wehten. Dann griff er zum Telephon und -rief den Admiral Morison selber an.</p> - -<p>Die Unterredung war auf englischer Seite von bemerkenswerter -Kürze, aber inhaltvoll. Admiral Morison -betonte, daß seine Flotte sich im Zustande halber -Meuterei befände, daß sein eigenes Schiff den Unsinn -nicht mitmache, daß er bemüht bleibe, wieder ordnungsmäßige -Zustände herzustellen. Die Antwort des Admirals -Blain war kurz und schroff.</p> - -<p>»Es ist drei Viertel eins. Wenn die Lappen noch um -eins hängen, schieße ich.«</p> - -<p>Die telephonische Verbindung brach ab. Admiral Morison -rief den Kapitän und die Offiziere seines Flaggschiffes. -Es war in zwölf Minuten eins, als sie bei ihm -eintraten. Von ihnen hörte er, daß das englische Geschwader -die Anker aufgenommen habe und nordwärts -über die Kimme dampfe. In fliegender Hast benachrichtigte -er sie von der Unterredung mit dem Engländer. -Zehn Minuten vor eins hatten sie die Lage begriffen. -Natürlich … die englische Flotte segelte auf Gefechtsentfernung -von dreißig Kilometer irgendwohin, wo sie<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span> -im Falle eines Kampfes die australischen Flieger erst -ausfindig machen mußten, während Admiral Blain -wußte, wo er den Gegner zu suchen und zu treffen hatte.</p> - -<p>Neun Minuten vor eins … acht Minuten vor eins.</p> - -<p>Die Schiffe noch jetzt zum Streichen dieses verdammten -Schauerlappens zu bringen? … Ganz unmöglich. Seit -fast einer Stunde versuchte man es ja vergeblich. Dann -wenigstens nicht wehrlos zugrunde gehen. Sich nicht -hier vor Anker in Grund schießen lassen. Es war sechs -Minuten vor eins, als vom Admiralschiff an alle Einheiten -der Flotte der Befehl kam, schnellstens Anker aufzunehmen -und gefechtsklar zu machen.</p> - -<p>Niemals wurde ein Befehl in der australischen Marine -schneller befolgt. So schwerhörig sie früher auf den einzelnen -Schiffen gewesen waren, so hellhörig wurden sie -jetzt. Man hatte das Verschwinden der englischen Flotte -beobachtet und machte sich seinen Vers darauf.</p> - -<p>Vier Minuten vor eins waren alle Anker gelichtet. -Drei Minuten vor eins lief die australische Flotte, die -einzelnen Geschwader in Kiellinie, mit voller Maschinenkraft -seewärts Kurs Süd zu Südost.</p> - -<p>Admiral Morison sah auf die Uhr. Eine Minute vor -eins. Er trat in den Kommandoturm. Immer noch -die schwache Hoffnung im Herzen, daß der Engländer -seine Drohung nicht wahrmachen würde. Daß es ihm -selber gelingen würde, die Flotte unter den Kanonen der -Botany-Bai in Sicherheit zu bringen. Der Kampf mit -der doppelt so starken englischen Flotte war zu aussichtslos, -als daß er ihn irgendwie wünschen konnte. Der -Kapitän der »Melbourne« war hinsichtlich der Engländer -anderer Meinung.</p> - -<p>Schon schwirrten englische Flieger über der Kimmung. -Und dann kamen die ersten englischen Geschosse. Zunächst -keine Treffer. Aber jeder Schuß gab Veranlassung -zu Korrekturen, und immer näher bei den Schiffen -schlugen die schweren Geschosse in die See, dort wüste -und wütende Wasserberge emporreißend.</p> - -<p>Die Aussichten, ein schnell und im Zickzackkurs fahrendes<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span> -Schiff auf dreißig bis vierzig Kilometer Entfernung -direkt zu treffen, waren natürlich minimal. Dafür aber -hatte die Technik dieser Tage Geschosse geschaffen, welche -das alte Prinzip der bereits im Weltkriege benutzten -Wasserbomben weiter ausbauten. Sie explodierten erst -vierzig Meter unter Wasser, warfen dann aber eine -Woge auf, welche jeden in fünfhundert Meter Nähe -befindlichen Panzer zum Kentern bringen mußte. Die -Kriegstechnik hatte, wie immer, auf den verbesserten -Angriff einen verbesserten Schutz folgen lassen. Die -Kriegsschiffe waren mit stabilisierenden Kreiseln ausgerüstet, -die den kippenden Wogen Widerstand zu leisten -vermochten. Bis zu einem gewissen Grade wenigstens.</p> - -<p>Aber nun <span id="corr209">folgten</span> die englischen Salven in dichter -Folge. Admiral Morison zog seine Schiffe weit auseinander, -um aus dem schlimmsten Strudelwasser herauszukommen. -Auch die Australier feuerten, was die -Rohre hergeben wollten, und ihre Flieger meldeten die -Einschläge, verbesserten die Richtungen.</p> - -<p>Aber es stand schlimm um die Schiffe Morisons. -Schon trieb die Kaledonia gekentert kieloben. Jetzt faßte -ein Zufallstreffer die Alexandra und verwandelte sie in -der nächsten Sekunde in eine graue Wolke kleiner Stahlbrocken -und gelblich schwelenden Rauches. Wohl hatten -auch die australischen Kanoniere einige Fahrzeuge des -Gegners gekippt, und einem Torpedoflieger war es gelungen, -einen Lufttorpedo aus zweitausend Meter auf -das Deck des Alcestes zu setzen und ihn in Trümmer -zu zerreißen. Aber es war klar, daß die australische -Flotte nur noch für die Ehre der Flagge focht … -welcher Flagge denn?</p> - -<p>Ein bitteres Lächeln umspielte die Züge des Admirals -Morison, als er den Gedanken dachte. Für die Laune, -hier einen Scheuerlappen zu hissen, schlug sich seine -Flotte auf Leben und Tod mit dem weit überlegenen -Gegner. Um dieser Laune willen mußte er in schreiendem -Gegensatz zu den Befehlen seiner Regierung mit -einer Flotte kämpfen, mit der ihm die Pflege freundschaftlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span> -Beziehungen befohlen war. Es war bitter -für einen Mann, dessen Leben bisher strenge Pflichterfüllung -gewesen war. Aber Admiral Morison stand -unter dem Zwange der Verhältnisse und beschloß, auszuharren -bis zum Ende.</p> - -<p>Eine Meldung eines seiner Flieger ließ ihn aufmerken.</p> - -<p>»Englischer Panzer Alkyon gekentert. Ohne Schuß -von uns.«</p> - -<p>Schon kam eine zweite Meldung von einem anderen -Flugschiff:</p> - -<p>»Amphitrite geht auf Grund. Ohne Schußeinwirkung -von uns.«</p> - -<p>Die dritte Meldung folgte unmittelbar:</p> - -<p>»Niobe sinkt. Es scheinen U-Boote zu wirken«.</p> - -<p>Die folgenden Sekunden brachten noch ein halbes -Dutzend gleichartiger Meldungen. Bis Admiral Blain -den ungleichen Kampf aufgab und mit dem Reste seiner -Schiffe nach Nordosten entfloh.</p> - -<p>Admiral Morison sammelte den Rest seines Geschwaders -und setzte den Kurs auf den bisherigen Standort -der englischen Flotte. Nach beendetem Kampf war es -Seemannspflicht, Überlebende zu retten.</p> - -<p>Auf halbem Wege, auf der Höhe von Sydney, kamen -ihm U-Boote entgegen. Hundert U-Boote. In Kiellinie -zogen sie in Überwasserfahrt daher. Große, schwer -gepanzerte Kreuzer von einer Art, wie sie Australien nicht -besaß. Sie fuhren schnell und waren im Augenblick -heran.</p> - -<p>Es konnten Feinde sein. Aber keinem Menschen in -der australischen Flotte kam dieser Gedanke. Sie alle, -von dem Schiffskommandanten bis zu den einfachen -Kanonieren, erblickten in diesen Booten die Erretter vom -sicheren Untergang und begrüßten sie mit brausendem -Cheer. Da ging am Heck des ersten Bootes ein rötlicher -Ball empor, breitete sich im Winde aus und zeigte das -Sternenbanner der amerikanischen Union. Amerikanische -U-Boote hatten unter der Führung des Admirals<span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span> -Willcox eingegriffen. Unbekannt mit den letzten Entschließungen -von Cyrus Stonard, sah Willcox die australische -Flotte im Kampfe mit der englischen Übermacht. -Mochten die Politiker treiben, was sie wollten. Der -Seebär Willcox wußte nur, daß Australien nächstens -amerikanisch werden würde. Das hatte ihm genügt.</p> - -<p>Die australische Flotte lief in den Hafen von Sydney. -Die amerikanische U-Boot-Flotte folgte nach einer plötzlichen -Entschließung des Admirals Willcox. Der meinte, -daß es Zeit sei, das warme Eisen zu schmieden, und -kümmerte sich den Teufel um diplomatische Gebräuche -und Abmachungen.</p> - -<p>Die Kunde von dem Gefecht und dem Eingreifen der -amerikanischen Hilfe war den Flotten drahtlos vorausgeeilt. -Eine bange Stunde hindurch hatten in Sydney -die Häuser unter dem schweren Feuer der kämpfenden -Flotten gebebt. Dann kam die Erlösung. Hilfe und -Sieg durch die Amerikaner. Da schlug die bange Stimmung -in das Gegenteil um. Die Amerikaner, die jetzt -im Hafen lagen, die in einzelnen Trupps an Land kamen, -wurden mit hellem Jubel begrüßt. Niemand in -ganz Sydney dachte mehr an die Tagesarbeit. Von -dichten Scharen waren die Straßen schwarz, während -die Häuserfassaden im Flaggenschmuck verschwanden.</p> - -<p>Einer der wenigen, die nicht an diesem allgemeinen -Jubel teilnahmen, war der australische Premier Mr. Applebee. -Der Staatsmann dachte an die Zukunft und -fuhr bei MacNeills, dem englischen Gesandten, vor. -Nicht ohne sich einen bestimmten Plan zurechtgemacht -zu haben.</p> - -<p>Der Engländer empfing ihn hochmütig und kalt. Das -Erstaunen zu deutlich zur Schau tragend, als daß es -für ganz natürlich gehalten werden konnte.</p> - -<p>»Was wünschen Sie, Herr Ministerpräsident? Ich -glaube kaum, daß wir uns nach dieser Affäre noch etwas -zu sagen haben.«</p> - -<p>Mr. Applebee war auf den Empfang gefaßt.</p> - -<p>»Gestatten Sie, daß ich anderer Meinung über die<span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span> -Vorfälle bin. Es war der englische Admiral, der die -Feindseligkeiten eröffnete und den ersten Schuß auf -unsere Flotte tat. Auf unsere kleine Flotte, die sich in -diesem unglücklichen Augenblick in offensichtlicher Meuterei -befand. Sie dürfen überzeugt sein, daß ich diesen -Flaggenunfug genau so verurteile wie unser Admiral -Morison. Der ganze Unsinn geht von einem als Trinker -bekannten Kapitän aus, der heute noch seines Amtes -enthoben werden soll. Doch dieser Umstand rechtfertigt -das schroffe Vorgehen Ihres Admirals nicht. Was ist -dabei herausgekommen? Gerade das, vor dem ich heute -vormittag warnen zu müssen glaubte. Ein Eingreifen -Amerikas an unserer Seite.</p> - -<p>Aber trotz aller dieser Vorfälle … höchst bedauerlichen -Vorfälle, die uns und Ihnen Menschenleben und -gute Schiffe gekostet haben, hoffe ich immer noch, daß sich -die Affäre in friedlicher Weise beilegen lassen wird. Ich -habe nach Ihrem letzten Besuch auf Mittel und Wege -gesonnen, dem Parlamentsbeschluß die Spitze abzubrechen. -Ich hoffe, solche gefunden zu haben, und wäre -untröstlich, wenn die Verständigung jetzt scheitern sollte.«</p> - -<p>MacNeills horchte auf. Eine Möglichkeit, den Parlamentsbeschluß -zu inhibieren? Das gab der Sache eine -neue Wendung. Er erwiderte, er wolle umgehend drahtlos -Instruktionen seiner Regierung einholen.</p> - -<p>Mr. Applebee war noch keine Stunde von diesem -Besuch zurückgekehrt, als er den Gegenbesuch MacNeills -empfing. Die englische Regierung bestehe auf restlose -Aufklärung der Vorfälle. Danach würde sie ihre weiteren -Schritte einrichten.</p> - -<p>Mr. Applebee atmete auf. Das hieß, aus dem Diplomatischen -in die tägliche Gebrauchssprache übersetzt, -daß auch England die Sache nicht über das Knie brechen -wolle. Restlose Aufklärung … das waren wenigstens -vierzehn Tage. Mehr hatte Cyrus Stonard nicht verlangt. -Er schüttelte dem Engländer beim Abschied mit -ostentativer Herzlichkeit die Hand.</p> - -<p>Mr. MacNeills fuhr im Kraftwagen nach seinem<span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span> -Hotel zurück. Am Prinz-Alfred-Park geriet das Auto -in den Strom der singenden, johlenden, flaggenschwingenden -Menge. Das Gedränge zwang den Chauffeur, -langsam zu fahren. Ein australischer Matrose, ein Sternenbanner -in der Rechten schwingend, sprang auf das -Trittbrett. Ließ die Flagge wehen.</p> - -<p>»Hallo, Boys, drei Hurras für Uncle Sam!«</p> - -<p>Vieltausendstimmig wurde der Ruf von der Menge -aufgenommen und rollte wie ein Donnerwetter die breite -Straße entlang. Da fühlte MacNeills, daß Australien -für England unwiederbringlich verloren sei. Der Führer -hatte sich durch den Menschenstrom gewunden, die ruhige -Seitenstraße erreicht.</p> - -<p>»Fahr zu, Chauffeur!«</p> - -<p>Kurz und scharf rief es der Engländer und warf sich -in das Kissen zurück.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die gespannte politische Lage nötigte auch den Vierten -Lord der Admiralität, seinen Landaufenthalt für unbestimmte -Zeit zu unterbrechen. Lord Horace Maitland -war mit Familie und Dienerschaft in sein Stadthaus -übergesiedelt, ein einfaches, aber geräumiges Palais aus -der Zeit des dritten Georg. Kaum zehn Minuten von -der Admiralität entfernt.</p> - -<p>Eine kleine Gesellschaft der nächsten Bekannten saß -dort um den Teetisch versammelt. Lord Horace kam aus -einer Sitzung. In diesem Kreise durfte er sich ziemlich -frei äußern.</p> - -<p>»Die Ansichten im Kabinett waren geteilt. Einige -meiner Kollegen hoffen immer noch, daß sich ein -Krieg … der Krieg, der um Englands Schicksal geht … -vermeiden läßt. Die Entscheidung liegt beim Parlament, -das morgen zusammentritt.«</p> - -<p>»Eine bange Nacht für alle, die mit ihrem Blute für -das Vaterland eintreten müssen.«</p> - -<p>Einer der Gäste hatte es gesagt.</p> - -<p>»Noch eine lange, bange Nacht!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span></p> - -<p>Lady Diana flüsterte es mit bewegter Stimme. Sie -blickte geistesabwesend vor sich hin und rührte mit dem -kleinen Silberlöffel mechanisch in der Teetasse.</p> - -<p>Lord Horace betrachtete sie mit forschendem Blick. Seit -Tagen fiel ihm eine Veränderung an ihr auf, für die er -keine Erklärung fand. Was konnte die ruhige, gefestigte -Natur seiner Frau so außer Fassung bringen? Der -drohende Krieg? … Wenig wahrscheinlich! Was sonst?</p> - -<p>Lady Diana atmete, wie von einer Last befreit, als die -Gäste sich empfahlen. Lord Horace sah, wie gezwungen -das Lächeln war, mit dem sie sie verabschiedete.</p> - -<p>Vergeblich wartete er auf ihre Rückkehr.</p> - -<p>»Die Lady hat sich in ihre Räume zurückgezogen.«</p> - -<p>Der Bescheid wurde ihm auf seine Frage. So war -es ihm unmöglich, dem Grunde dieser Veränderung -näherzukommen. Es hieß wohl zu warten, bis seine -Gattin freiwillig sprechen würde.</p> - -<p>Er war in Sorge. Seine Heirat war eine Liebesheirat -im besten und edelsten Sinne. Die Erhöhung des -Gatten, die unerwartete Erbschaft des Lordtitels hatte -das innige zarte Verhältnis der Gatten nicht geändert. -Die Liebe, die in der Hütte blüht, stirbt leicht im Palast. -Hier war das nicht der Fall. Doch seit einigen Tagen -fühlte Lord Horace, daß etwas Fremdes zwischen ihm -und seiner Gattin stand.</p> - -<p>Lady Diana schritt rastlos in ihrem Zimmer hin und -her, mit fieberisch geröteten Wangen. Die Lippen wie -durstig geöffnet.</p> - -<p>Die Stutzuhr schlug die sechste Stunde.</p> - -<p>Diana Maitland hielt in ihrem Gang inne und starrte -auf das Zifferblatt.</p> - -<p>»Schon wieder ein Tag vergangen … ohne Nachricht -… Noch eine Nacht wie die vergangene ertrage -ich nicht … Warum das alles? … Um eines Mannes -willen, dessen Namen ich längst aus meinem Leben gestrichen -zu haben glaubte. Ah …«</p> - -<p>Sie warf sich auf den Diwan. Die eine Hand schob -ungeduldig die Kissen zurecht, die andere strich das Haar<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span> -von der Schläfe. Ihre Augen waren geschlossen, aber es -zuckte zuweilen in den langen Wimpern.</p> - -<p>Eine Welt lag zwischen diesem unruhig sinnenden, -gegen Tränen kämpfenden Weib und jener heiteren, -strahlenden Schönheit, die noch vor wenigen Tagen den -Mittelpunkt der glänzenden Gästeschar in Maitland -Castle bildete.</p> - -<p>Ihre Lippen formten Worte.</p> - -<p>»Warum lasse ich mich in wachendem Zustand von -diesen Träumen quälen? Ist es nicht genug an den -unruhigen Nächten? … Warum diese Angst? … Was -habe ich getan, was ich nicht vor mir selbst, vor aller -Welt verantworten könnte?</p> - -<p>Ich bin nur feig … oder vielleicht krank … und -könnte doch gerade so glücklich sein, wie mich die Welt -schätzt.«</p> - -<p>Lady Diana richtete sich heftig auf.</p> - -<p>»Horace beobachtet mich … meine Aufregung ist -ihm nicht entgangen … ich bin ihm kein Geständnis -schuldig! Nein, nein! Soll ich ein zweites Mal für eine -Sünde büßen, die keine war?«</p> - -<p>Erschöpft warf sie sich auf den Diwan zurück und schlug -die großen dunklen Augen zur Zimmerdecke auf. Wie -unter einem Zwange sprach sie weiter:</p> - -<p>»Der eine liegt auf dem Père Lachaise. Der andere -in Linnais …?«</p> - -<p>Ein Pochen an der Tür. Auf silbernem Tablett brachte -die Zofe einen Brief. Ein großes graues Kuvert. Deutsche -Briefmarken. Die Schrift der Adresse schien ihr wohl -bekannt, und doch konnte sie den Schreiber nicht erraten.</p> - -<p>»Legen Sie den Brief auf den Tisch. Ich werde ihn -später lesen.«</p> - -<p>Sie sagte es mit gleichgültiger Stimme. Kaum hatte -die Zofe den Raum verlassen, als sie aufsprang und den -Umschlag mit zitternden Fingern zerriß. Ein einfaches -Zeitungsblatt bildete den Inhalt. Eine schwedische Zeitung. -Ihre Sprachkenntnisse reichten hin, den Inhalt -halb zu entziffern, halb zu erraten. An einer Stelle ein<span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span> -roter Strich. Eine fettgedruckte Stichmarke … Linnais …</p> - -<p>Sie ging zum Diwan zurück, zwang sich gewaltsam, -die wenigen Zeilen Wort für Wort zu lesen:</p> - -<p>»Linnais, den 20. Juli. Eine Katastrophe, die noch -der Aufklärung bedarf, hat gestern das in unserer Nähe -liegende Gehöft der Truwors betroffen. Um Mitternacht -flog das Herrenhaus unter schweren Explosionen in die -Luft. Es wurde von dem erst kürzlich aus dem Auslande -zurückgekehrten Besitzer bewohnt, der zwei Freunde -als Gäste bei sich hatte. Mit Sicherheit ist anzunehmen, -daß alle Insassen den Tod gefunden haben. Über die -Ursache der Katastrophe gehen Gerüchte, die wir ihrer -Unkontrollierbarkeit wegen vorläufig nicht wiedergeben -wollen.«</p> - -<p>Mit einem leisen Aufschrei sank Diana Maitland auf -den Diwan zurück. Wie im Traume sah sie, wie sich die -Tür öffnete, Lord Horace in das Zimmer trat, die Tür -hinter ihm ins Schloß fiel. Es war ihr unmöglich, sich -zu erheben. Es gelang ihr nur, sich etwas aufzurichten.</p> - -<p>»Du hast eine unangenehme Nachricht erhalten?«</p> - -<p>»Eine unangenehme Nachricht … wie kommst du auf -die Frage?«</p> - -<p>Lord Horace deutete auf das am Boden liegende Zeitungsblatt.</p> - -<p>»Wer sandte dir diese Zeitung?«</p> - -<p>Die Antwort kam nicht gleich. Endlich kam sie … -zögernd und unfrei:</p> - -<p>»Dr. Glossin.«</p> - -<p>»Von Dr. Glossin?!«</p> - -<p>Lord Horace trat einen Schritt zurück.</p> - -<p>»Von Dr. Glossin? … Gib mir, bitte, eine Erklärung. -Du bist sie mir schuldig. Was steht in dem Blatt, daß -dich in eine solche Erregung versetzt?«</p> - -<p>Lady Diana zögerte, stockte. Erst nach geraumer Weile -hatte sie ihre Stimme in der Gewalt.</p> - -<p>»Du darfst mir nicht zürnen, Horace. Es überkam -mich plötzlich … gewiß eine Folge der letzten kritischen<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span> -Tage. Sie haben Ansprüche auf meine Nerven gemacht, -denen ich nicht gewachsen war … Die Zeitung von -Dr. Glossin … oh, gewiß! Es wird dich interessieren, -welchen Erfolg die Expedition nach Linnais gehabt hat. -Dr. Glossin … ah, gewiß! Es wird dich interessieren, -<span id="corr217">welche Nachrichten er überbringt</span>.«</p> - -<p>»Warum schickte er die Zeitung an deine Adresse?«</p> - -<p>»Ich glaube … ich glaube … nun sehr einfach, ihr -Männer seid doch jetzt Feinde.«</p> - -<p>Diana Maitland versuchte zu scherzen.</p> - -<p>»Sein patriotisches Gewissen erlaubt ihm keinen Verkehr -mehr mit dir … Ich werde dir diese Zeilen übersetzen.« -Sie las ihm den Inhalt der Notiz vor.</p> - -<p>»Ah, sehr gut … Der Plan ist also gelungen. Unbegreiflich, -daß noch keine Meldung von Oberst Trotter -vorliegt … Doch du? … Du freust dich nicht? Und -nahmst doch zuerst so starken Anteil an dem Plan.«</p> - -<p>Diana war zurückgesunken. Sie drückte das feine -Spitzentuch gegen die Stirn. Ihre Brust bewegte sich -heftig.</p> - -<p>»Diana, was ist dir?«</p> - -<p>»Nichts! Habe Geduld mit mir, Horace. Es wird -vorübergehen. Überlasse mich heute mir selbst, ich bitte -dich!«</p> - -<p>»Schenke mir Vertrauen, Diana. Befreie dich von -der Last. Sage mir, was dich quält.«</p> - -<p>Lord Maitland näherte sich ihr und legte den Arm -beruhigend um ihren Nacken.</p> - -<p>Diana zuckte leise zusammen. Ihr Körper erzitterte.</p> - -<p>»Lasse mich! Lasse mich! Ich bin nicht die, die …«</p> - -<p>Klage und Herausforderung schienen zu gleicher Zeit -im Klange dieser Worte zu liegen. Lord Horace zog -seine Hände von ihren Schultern zurück. Betroffen sah -er das jagende Wechselspiel von Licht und Schatten auf -ihren Zügen. Er wagte nicht zu sprechen, wagte nicht -diese Qual, in der ihre Seele sich wand, zu unterbrechen. -Endlich nach langem Schweigen schien ihr der Entschluß -zu reifen. Ein harter Zug legte sich um ihren Mund.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span></p> - -<p>»Ich will nicht länger schweigen. Nur die Wahrheit -kann mir helfen.«</p> - -<p>Sie sprach ohne Schwäche.</p> - -<p>»Hör mich an als mein Gatte, mein Freund … als -mein Richter.« Sie wendete sich ihm zu und blickte ihn -mit freien Augen an.</p> - -<p>»Du weißt, Horace, daß meine Eltern Polen waren. -Unser Nachbar war der Fürst Meszinski. Er hatte einen -einzigen Sohn Raoul. Raoul war drei Jahre älter als -ich. Schon als halbe Kinder galten wir als Verlobte. -Die Familien wollten es so haben. Mein Vater war -reich. Raoul entstammte einem alten Geschlecht und trug -den Fürstentitel. Es paßte so schön zusammen, alter Adel -und Reichtum. Im Grunde genommen, ein Handel, den -beide Familien ausgeklügelt hatten. Ich wußte nichts -davon. Raoul auch nicht. Wir hatten einander lieb, -wie sich Kinder liebhaben. Wir wußten beide nichts vom -Leben und von der Liebe.</p> - -<p>Raoul wurde Offizier und lernte das Leben kennen. -Während mein Herz sich gleichgeblieben war, wurden -seine Empfindungen leidenschaftlicher. Noch ein Jahr, -und unsere Ehe sollte geschlossen werden … Da kam -der Krieg gegen die Russen und die Deutschen. Die -vierte Teilung Polens war ihr Ziel. Du weißt, daß -nach einem kurzen heldenmütigen Verzweiflungskampf -Polen der Übermacht erlag. Als Raoul auszog, waren -alle Vorbereitungen für eine schnelle Eheschließung getroffen. -Wir schickten uns an, zur Trauung zu gehen, als -eine starke russische Kavalleriepatrouille in den Gutshof -einbrach. Die Hochzeitsgesellschaft stob auseinander. -Raoul schoß den feindlichen Führer vom Pferde und -entfloh.</p> - -<p>Zur Strafe wurde unsere Besitzung verbrannt. Mein -alter Vater mißhandelt, so daß er bald darauf starb. Meine -Mutter floh nach Finnland, ihrer Heimat. Ich weigerte -mich, ihr zu folgen, und ging als Krankenschwester zur -Armee.</p> - -<p>Als eines Tages ein neuer Transport Verwundeter<span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span> -in unser Lazarett eingeliefert wurde, sah ich darunter -Raoul, den ich schon tot geglaubt. Er hatte eine schwere -Brustwunde. Raoul selbst wußte genau, wie es um ihn -stand. Nur das Bewußtsein, mich um ihn zu wissen, -hielt das schwache Lebensfünkchen noch in Glut.«</p> - -<p>Lady Diana Maitland fuhr fort: »Jetzt erkannte ich -ganz, wieviel tiefer seine Liebe war als die meine. Ich -hatte ihn geliebt, wie ich jeden zu lieben geglaubt hätte, -den mir meine Eltern zur Heirat bestimmten.</p> - -<p>Aber ebenso, wie meine Gegenwart seine letzten Tage -leicht machte, machte sie ihm das Scheiden schwer.</p> - -<p>Ich sah, wie er in Sehnsucht und Liebe sich nach mir -verzehrte. Sein unaufhörliches Flehen drang in mich. -Meine Liebe werde ihn retten; mein volles Liebesumfangen -werde ihn gesunden lassen. Worte süßen Rausches -drangen in mein Herz. Noch wehrte ich mich, da -sah ich ihn erbleichen, als ob sein Blut zur Erde niederströme. -Ich schrie auf, ich glaubte, ihn auf der Stelle -sterben zu sehen. Er sah mich mit einem Blick an, in -dem sich sein ganzes Empfinden widerspiegelte. Liebe, -Enttäuschung, Jammer, Verzweiflung. Er griff nach -seiner Brust, als wolle er den Verband abreißen. Da … -da hatte ich keine Kraft mehr zum Widerstande …</p> - -<p>Ich saß Tag für Tag an seinem Lager, bis sein Leben -verlosch. Ich sah ihn hinübergehen, scheiden ohne -Schmerz, voll von Glück.</p> - -<p>In mir war alles versunken, alles verschwunden. Mir -war's, als hätte ich alles nur im Traum erlebt. Nur -das letzte Wort Raouls haftete in meinem Gedächtnis … -›Diana!‹ In diesem sterbenden Hauch von den bleichen -Lippen hatte eine Unendlichkeit von Jubel, von Staunen -und von Glück gelegen. In der Erinnerung blieb nur -der Spielkamerad, der Jugendfreund.</p> - -<p>Die Jahre und die Ereignisse sind über mich hingegangen, -ohne den Teil meiner Seele zu berühren, in dem -alles verschlossen war. Nur einmal wurde die Tür dazu -geöffnet, erbrochen … und die Erinnerung hieran -blieb …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span></p> - -<p>Ein leichter Schauer durchlief ihren Körper.</p> - -<p>»In dem Zusammenbruch unseres Vaterlandes hatten -wir alles verloren. Ich wurde Gesellschafterin bei einer -schwedischen Gräfin, die meiner Mutter befreundet war. -Wir lebten den größten Teil des Jahres in Paris. Auf -einer Gesellschaft lernte ich einen schwedischen Ingenieur -kennen. Überlegen erschien mir seine Persönlichkeit gegenüber -den anderen Männern, die ich kennengelernt -hatte. Alle Vorzüge des Geistes und des Körpers -schienen mir in ihm vereint … Wir liebten uns … -Ich war glücklich, glücklich …«</p> - -<p>Ein leises, verlorenes Lächeln schwebte wie ein Hauch -um ihre Lippen. Sie empfand eine ungewohnte Erleichterung. -Diese Selbstdemütigung schien ihr Herz zu -stärken, wie eine Handlung ungestümen Wagemuts. Sie -lächelte … Dann verdüsterten sich ihre Züge wieder. -Ihre Stimme, eben noch bewegt, wurde monoton.</p> - -<p>»Ein Lazarettarzt war unbemerkt Zeuge von Raouls -letzter Stunde gewesen. Er tauchte eines Tages in Paris -auf. Er erkennt mich wieder und belästigt mich mit -seinen Zudringlichkeiten. Meinem Verlobten entgeht es -nicht. Er stellte ihn zur Rede. Der Mensch weist ihn an -mich. Ich erzählte alles, was vorgefallen. Mein Verlobter -erschießt ihn im Duell … Und ich?! … Ich -erhalte am nächsten Tag seinen Ring zurück … ohne -ein Wort, eine Silbe.«</p> - -<p>Sie senkte den Kopf und schloß die Lider. Die Erinnerung -an jene Vorgänge ließ sie jetzt noch zittern.</p> - -<p>»Ich fühlte mich bis auf den Tod gedemütigt. Ich -begriff nicht, wie ich noch leben sollte … vernichtet, -verachtet, mitleidlos beiseite geworfen.</p> - -<p>Hundertmal wünschte ich mir damals den Tod. An -die Stelle der Liebe trat der Haß. Ich haßte so grausam, -wie eine Frau nur hassen kann … Was dann -kam, weißt du. Ich wurde Sängerin. Im Taumel des -Lebens glaubte ich, Vergessenheit zu finden, um nur zu -bald völliger Enttäuschung zu begegnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span></p> - -<p>Ich beschloß, nur noch meiner Kunst zu leben, und -widmete ihr mein ganzes Sein …</p> - -<p>Und dann kamst du … du warst edel, warst gut zu -mir. Du zeigtest mir deine Bewunderung, deine Achtung, -dein Vertrauen. Du warst bereit, dein Schicksal, -dein Leben mit dem meinen zu verbinden, deinen Namen -einer Frau zu geben, deren Leben du kaum kanntest.«</p> - -<p>Mit starrem Gesicht hatte Lord Maitland gelauscht.</p> - -<p>Eine qualvolle Pause entstand.</p> - -<p>Lord Horace preßte die Zähne zusammen. Widerstreitende -Empfindungen ergriffen ihn. Er empfand die -rückhaltlose Aufrichtigkeit Dianas als etwas Wohltuendes. -Doch ein anderer Instinkt kämpfte gegen dieses -Gefühl in ihm an. Etwas seinem eigenen Wesen Feindseliges -tauchte in ihm auf, wollte ihn dazu bringen, all -seinen Mut zusammenzuraffen, seine Liebe und sein Mitleid -zu bezwingen, seiner Gattin den Rücken zu kehren.</p> - -<p>Diana schien seine Gedanken zu erraten.</p> - -<p>»Horace! Horace!« schrie sie mit erstickter Stimme. -Alles Blut wich aus ihrem Gesicht.</p> - -<p>Der Lord hörte die angsterfüllte Stimme. Er stürzte -auf sie zu und schloß ihr den Mund mit zitternden Händen, -erschüttert, entsetzt. Er schloß ihre Augen, die starr -und weit geöffnet waren. Seine Wimpern wurden -feucht.</p> - -<p>… Sie fühlte seine Bewegung, sie spürte auf ihren -Augen die Finger, die sie berührten, wie nur Liebe und -Mitleid zu berühren wissen.</p> - -<p>Ihre Arme streckten sich und schlangen sich um den -Hals des Mannes.</p> - -<p>»Du liebst mich, du glaubst an mich?«</p> - -<p>Lord Horace ergriff ihre Hände.</p> - -<p>»Laß mir Zeit … seien wir mutig … du hast die -Gespenster der Vergangenheit geweckt. Es wird Zeit -brauchen, sie wieder zur Ruhe zu bringen …«</p> - -<p>»Du fragst nicht nach dem Namen, Horace?«</p> - -<p>»Wozu den Namen? Laß ihn begraben sein, Diana.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span></p> - -<p>»Ich muß ihn dir nennen, daß du alles verstehst … -er ist … Erik Truwor.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Lord Maitland wünschen Eure Herrlichkeit zu -sprechen.«</p> - -<p>Der Diener meldete es, und gleich danach trat Lord -Horace in das Kabinett des englischen Premierministers. -Die Stimmung war ernst. Vor zwei Stunden war die -offizielle Nachricht von dem Gefecht vor Sydney in London -eingetroffen. Noch hielt die englische Regierung sie -zurück. Doch schon liefen unkontrollierbare Gerüchte -durch die Straßen der englischen Metropole. Erzählungen -von einer unerhörten Schmach, die der Flagge -Englands durch amerikanische Streitkräfte zugefügt sein -sollte.</p> - -<p>Trotz aller Gesetze und Postregale gab es Dutzende -geheimer Empfangsstationen für die Funkenmeldungen -der ganzen Welt in London. Stationen, die auf einem -Schreibtisch bequem Platz hatten und Funkennachrichten -aus Australien und Südafrika ebenso sicher auffingen -wie aus Schottland oder Frankreich.</p> - -<p>Die Londoner Börse wurde zuerst von den Gerüchten -getroffen. Sie war in einer trostlosen Baissestimmung. -Das Publikum in den Straßen glich einem aufgeregten -Bienenschwarm, und Lord Gashford, der leitende Staatsmann -des britischen Weltreiches, fühlte den Druck der -schweren Verantwortung mehr denn je. Wohl hatte er -durch die letzte Instruktion an den australischen Gesandten -MacNeills noch eine Frist für die letzte unwiderrufliche -Entscheidung gesichert. Aber er war sich dessen -voll bewußt, daß die letzte Entscheidung mit Riesenschritten -heranrückte.</p> - -<p>Lord Maitland hielt ihm das Zeitungsblatt hin, -welches Glossin an Lady Diana gesandt hatte.</p> - -<p>»Die Nachricht ist gut, wenn sie wahr ist. Wir wissen -es noch nicht. Seit sechsunddreißig Stunden warte ich<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span> -auf den Bericht des Obersten Trotter, der vom Kriegsministerium -mit der Expedition beauftragt wurde.«</p> - -<p>»Oberst Trotter …?«</p> - -<p>»Wie meinten Sie?«</p> - -<p>»Nichts von Wichtigkeit. Nur bin ich der Ansicht, daß -der Bericht längst da sein müßte. Es ist unerhört, daß -wir das Ergebnis einer von uns betriebenen Unternehmung -durch ein schwedisches Lokalblatt erfahren -müssen.«</p> - -<p>Die Züge des Premiers verrieten von neuem Sorge -und Ungewißheit über den Ausgang der Expedition.</p> - -<p>»Ich fürchte, daß irgend etwas bei der Unternehmung -nicht in Ordnung ist. Auf keinen Fall können wir daran -denken, eine Entscheidung zu treffen, bevor wir nicht -den Bericht Trotters oder noch besser den Oberst selbst -hier haben. Ich habe den Kriegsminister kurz vor Ihrem -Erscheinen um seinen Besuch bitten lassen. Ich denke, -das wird er sein.«</p> - -<p>Sir John Repington trat in das Gemach. In seiner -Begleitung kam Oberst Trotter. Er machte nicht eben -den besten Eindruck. Die Haut seines Gesichtes schälte -sich wie Platanenrinde im Frühjahr. Der stattliche -Schnurrbart war bis auf einen kargen Überrest der -Schere zum Opfer gefallen. Der erste Eindruck auf alle -in diesem Raume Befindlichen war der, daß es nicht -gefahrlos sei, mit Erik Truwor und seinen Leuten anzubinden. -Waren sie wirklich unter den brennenden Trümmern -ihres Hauses begraben, so hatten ihre Flammen -und sonstigen Verteidigungsmittel jedenfalls auch dem -Gegner reichlich zu schaffen gemacht.</p> - -<p>Der Eindruck verstärkte sich, als Oberst Trotter seinen -mündlichen Bericht gab. Acht von seinen Leuten tot, -zum Teil in den Flammen umgekommen, verschollen. -Fünf mehr oder weniger schwer verwundet. Nur mit -sieben Leuten war der Oberst nach England zurückgekommen.</p> - -<p>Im übrigen bestätigte sein Bericht die Mitteilung des -schwedischen Blattes und ergänzte sie. Nach tapferer<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span> -Gegenwehr war das Feuer der Verteidiger niedergekämpft, -das Haus sturmreif geschossen worden. In -diesem Moment brachen Explosion und Brand aus, von -denen das schwedische Blatt allein berichtete. Sicher -waren die Verteidiger, soweit sie das Feuer der Angreifer -noch lebend überstanden hatten, in der Gewalt -der Explosionen und in der Hölle der Feuersbrunst umgekommen.</p> - -<p>Die englischen Minister spürten eine große Erleichterung, -während Oberst Trotter den Gang der Dinge -schilderte.</p> - -<p>»So weit ganz gut«, unterbrach hier Repington. »Aber -warum haben Sie nicht sofort nach der Affäre einen -drahtlosen Bericht an das Amt geschickt? Sie hatten -unser bestes Modell der kleinen Stationen mit. Warum -haben Sie nicht sofort gefunkt?«</p> - -<p>»Es ging nicht, Sir! Es ging trotz aller Bemühungen -nicht. Der Mann, der mit dem Apparat Bescheid wußte, -war gefallen. Die anderen konnten ihn nicht in Betrieb -bringen.«</p> - -<p>Der Kriegsminister runzelte die Stirn.</p> - -<p>»Sehr bedauerlich. Der einzige Funker, den Sie bei -Ihrer Truppe hatten, durfte nicht exponiert werden, Herr -Oberst. Und dann später … Sie sind mit einem unserer -Flugschiffe zurückgekehrt. Warum haben Sie da -nicht gefunkt?«</p> - -<p>Oberst Trotter zerrte verzweifelt an den spärlichen -Resten seines Schnurrbartes.</p> - -<p>»Es ging nicht, Sir! Es ging absolut nicht! Der -Telegraphist erklärte, daß sein Apparat in Unordnung -sei. Aus unerklärlichen Gründen in Unordnung sei und -nicht funktioniere. Es war nichts zu machen.«</p> - -<p>Lord Maitland blickte den Premier an und dieser den -Kriegsminister. Einen Moment flammte ein unbestimmter -Verdacht in den Herzen der drei Männer auf.</p> - -<p>Oberst Trotter gab seinen schriftlichen Bericht, den er -während der Überfahrt verfaßt hatte, in die Hände des<span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span> -<span id="corr225">Kriegsministers</span> und verließ das Kabinett. Lord Horace -schaute ihm nachdenklich nach.</p> - -<p>»Wenn ich gewußt hätte, daß man gerade diesen -Oberst Trotter mit einer so wichtigen Mission betraute, -würde ich es kaum unterlassen haben, meine Bedenken -geltend zu machen.«</p> - -<p>Sir John Repington bekam einen roten Kopf und -nahm seinen Offizier in Schutz. Der alte Zwiespalt zwischen -Armee und Marine machte sich bemerkbar. Der -Premier legte den Zwist bei.</p> - -<p>»Lassen wir die Nebensächlichkeiten. Aus dem eben -gehörten Bericht geht mit Sicherheit hervor, daß die -Expedition ihren Zweck erreicht hat. Den Zweck, Großbritannien -von einem unbekannten und unter Umständen -unbequemen Gegner zu befreien. Wir können unsere -Beschlüsse jetzt ohne Hemmung von dieser Seite her -fassen. Nach den Ereignissen des Vormittags ist die Beschlußfassung -nicht länger aufzuschieben. Das Parlament -ist in London versammelt. Die Parteiführer sind von -mir verständigt. Sie können ihre Leute in zwei Stunden -zusammen haben. Auf Wiedersehen in zwei Stunden!«</p> - -<p>Sobald ihn seine Kollegen verlassen hatten, gab Lord -Gashford den offiziellen Bericht über die Schlacht bei -Sydney an die Presse und die Nachrichtenagenturen. -Im Augenblick wurde er an tausend Stellen Londons -bekannt. Extrablätter in Auflagen von Millionen kamen -heraus, wurden den Händlern aus den Händen gerissen -und vielmals gelesen, bevor sie auf dem Pflaster unter -den Rädern der Wagen und den Füßen der hin und her -wogenden Menge ein Ende fanden. Die Unruhe wuchs, -die Aufregung stieg, und die Stimmung der Bevölkerung -Londons näherte sich schnell jenem Siedepunkte, bei -welchem gefährliche und unvorhergesehene Ausbrüche der -Leidenschaft zu fürchten sind.</p> - -<p>Das Parlament war das natürliche Ventil, durch das -diese Spannung sich entladen mußte. Und das Parlament -war vollzählig bis auf den letzten Mann versammelt, -war sich seiner Pflichten gegen das Land bewußt,<span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span> -als die Minister ihre Plätze auf den Bänken der Regierung -einnahmen.</p> - -<p>Die Tagesordnung war einfach. Stellungnahme zu der -Affäre von Sydney. Ein ausführlicher Bericht über das -Vorkommnis lag jedem Mitglied gedruckt vor. Die meisten -Abgeordneten lasen ihn kaum noch. Sie waren -durch ihre Zeitungen informiert.</p> - -<p>Die Abstimmung war nur noch Formsache.</p> - -<p>Das englische Parlament beauftragte die Regierung, -den Vereinigten Staaten von Nordamerika den Krieg -zu erklären und ihn mit aller Energie zu führen.</p> - -<p>Mit diesem Auftrage zog sich das Kabinett zurück. Es -hatte mit der Ausführung der Beschlüsse vollauf zu tun: -die vorhandenen Streitkräfte mobil zu machen, Reserven -einzuberufen, die Industrie nach dem großzügigen Plan -zu mobilisieren. Jeder einzelne Fachminister hatte sein -Pensum. Daneben blieb noch eine Formalität zu erfüllen. -Dem amerikanischen Botschafter in London Mr. -Geddes mußte der Kriegszustand amtlich mitgeteilt werden. -Es waren ihm, wie es in der veralteten diplomatischen -Sprache immer noch hieß, die Pässe zuzustellen. -Zur gleichen Stunde, zu welcher der englische Botschafter -in Washington die Kriegserklärung überreichte.</p> - -<p>Lord Gashford sah sich forschend um.</p> - -<p>»Lord Maitland, Sie sind mit Mr. Geddes persönlich -bekannt. Wollen Sie ihn besuchen und ihm die Mitteilung -machen?«</p> - -<p>Lord Horace nickte zustimmend. Er war mit Mr. Geddes -seit Jahren befreundet. Er wollte den Auftrag übernehmen, -um dem, was unvermeidlich geschehen mußte, -wenigstens die versöhnlichste Form zu geben.</p> - -<p>»Betonen Sie besonders bei Ihrem Besuch, daß sich -unser Kampf nicht gegen das blutsverwandte Volk richtet, -sondern nur gegen den Tyrannen. Daß wir je schneller -desto lieber wieder zu friedlichen Zuständen kommen -wollen, sobald eine freiheitliche Regierung in Washington -es uns möglich macht.«</p> - -<p>Lord Gashford wußte, warum er diese salbungsvolle<span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span> -Mitteilung überbringen ließ. Mr. Geddes war durch -seine freiheitliche Gesinnung bekannt. Im Herzen ein -Philanthrop und Pazifist. Keineswegs ein überzeugter -Anhänger der unbeschränkten Herrschaft des Diktators. -Letzten Endes ein Schwärmer für Menschenverbrüderung -und Ideale, die in dieser Welt harter Realitäten -kaum zu erreichen sind.</p> - -<p>Cyrus Stonard kannte die Engländer. Er wußte, daß -sie seit Jahrhunderten jeden Krieg, jeden Treubruch, jeden -Überfall mit einem philanthropischen Mäntelchen behängt -hatten, und in einem Anfall seines grimmigen weltverachtenden -Humors hatte er ihnen einen überzeugten -Philanthropen als Botschafter geschickt. Eben Mr. Geddes, -der von ganzem Herzen an alle diese Phrasen glaubte, -bei allen Verhandlungen aus vollster Überzeugung damit -operierte und letzten Endes doch genau tun mußte, was -Cyrus Stonard wollte.</p> - -<p>Der Kraftwagen hielt vor der amerikanischen Botschaft. -Lord Horace schritt durch das Vestibül und Treppenhaus. -Durch die Räume, die er bei Besuchen und Festlichkeiten -so oft betreten hatte. Aufgescheuchte Dienerschaft lief -umher. Gepackte Koffer standen auf den Fluren. Mr. -Geddes hatte der Parlamentssitzung in der Diplomatenloge -beigewohnt. Er wußte, daß der Krieg unvermeidlich -war, und hatte alle Maßregeln für eine schnelle Abreise -getroffen.</p> - -<p>Lord Horace ließ sich durch den zurückhaltenden Empfang -nicht abschrecken. Er trat an Mr. Geddes heran -und ergriff dessen Rechte mit seinen beiden Händen.</p> - -<p>»Mein lieber alter Freund, Sie wissen, ich bringe -Ihnen schlechte Botschaft. Es ist ein schwerer Gang für -mich. Doch einer mußte sie Ihnen bringen. Da habe -ich es übernommen.«</p> - -<p>Langsam legte Mr. Geddes seine zweite Hand auf die -beiden Hände von Lord Horace. Er war zu bewegt, -um sprechen zu können.</p> - -<p>Eine Minute standen sie so. Dann machte sich Lord -Maitland mit sanfter Bewegung frei. Noch eine Verneigung,<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span> -und er verließ das Haus. Der alte Diener, -der ihn so oft bei Festlichkeiten empfangen und geleitet -hatte, gab ihm auch jetzt das Geleit bis zur Tür.</p> - -<p>Lord Horace atmete tief auf, als das Auto in schneller -Fahrt durch die sonnige Straße fuhr. Es war auch für -ihn, den routinierten Staatsmann und Diplomaten, ein -bitteres Stück Arbeit gewesen, einem Manne wie Geddes -die Mitteilung zu überbringen, daß seine Mission hier -zu Ende sei.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>In der Nacht vom 19. auf den 20. Juli war die große -amerikanische Transradiostation in Sayville im vollen -Betrieb. Um die dritte Morgenstunde liefen alle Maschinen. -Sie erzeugten die hochfrequente Sendeenergie -und schickten sie über die Maschinengeber in die sechzehn -Antennen der Station.</p> - -<p>Im Telegraphistensaal standen die automatischen -Schreibapparate und verwandelten die aus allen Teilen -Amerikas ankommenden Drahtdepeschen in gelochte -Papierstreifen.</p> - -<p>Die Telegraphisten nahmen die gelochten Streifen -aus den Stanzapparaten, ersahen aus den Adressen, nach -welcher Himmelsrichtung sie bestimmt waren, und verteilten -sie danach auf die Maschinengeber der verschieden -gerichteten Antennen.</p> - -<p>Der Chefelektriker saß in seinem Glaskasten, von dem -aus er einen Überblick über die ganze Station hatte. -Vor ihm auf dem Tisch lag das Stationsbuch. Er war -beschäftigt, die letzten Telegramme einzutragen.</p> - -<p>Da plötzlich … Mr. Brown stand auf und lauschte -… Ein fremder Ton drang aus dem Maschinenraum -her. Er kannte seine Station. Jede Unregelmäßigkeit -verriet sich seinem geübten Ohr. Er sprang -auf, verließ seinen Glaskasten und sah im Vorbeieilen, -daß auch im Transmitterraum Unordnung ausgebrochen -war. Alle Automaten standen still.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span></p> - -<p>Er eilte in den nächsten Saal zu den Maschinengebern. -Das gleiche Bild hier. Eine Lähmung hatte alle -diese Apparate getroffen, die eben noch im fliegenden -Tempo arbeiteten und Depeschen in alle Welt schickten.</p> - -<p>Die Maschinengeber lagen still. Es war erstaunlich, -aber schließlich denkbar. Das Undenkbare, das Unmögliche -geschah im Nebenraum, in dem die großen, von -den Maschinengebern gesteuerten Sendekontakte eingebaut -waren. Die Kontakte arbeiteten. Sie tanzten auf -und ab, schlossen und öffneten den Maschinenstrom und -gaben unverkennbare Morsezeichen.</p> - -<p>Der Chefelektriker stürzte in diesen Raum. MacOmber, -der alte, sonst so zuverlässige Maschinist, trat ihm verstört -entgegen. Er deutete sprachlos auf die großen -Kontakte, die sich, wie von unsichtbaren Geisterhänden -bedient, bewegten.</p> - -<p>Ein höllischer Spuk war es. Aber ein Spuk, der nach -einem festen Plan vor sich ging. Alle diese Bewegungen -und Manipulationen spielten sich ganz systematisch ab. -Er vermochte aus dem Knattern der Kontakte ohne -weiteres den Wortlaut der Botschaft herauszuhören, die -hier gegeben wurde.</p> - -<p>»Sayville. An alle! … Sayville. An alle! … Wer -das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen. -Die Macht warnt alle vor dem Kriege.«</p> - -<p>Mr. Brown stürzte sich auf den nächsten Sendekontakt -und suchte ihn mit Gewalt festzuhalten. Die Kontakte -arbeiteten unbeirrt weiter.</p> - -<p>Dreimal hintereinander gab die Station diese Depesche. -Dann begannen mit einem Schlage wieder die -Automaten und Maschinengeber zu arbeiten. Kaum -zehn Minuten hatte der Spuk gedauert.</p> - -<p>Mr. Brown stand in seinem Glaskasten und strich sich -die Stirn. Er wußte nicht, ob er wache oder träume. -Mit verstörten Mienen blickten die Telegraphisten auf -ihren Vorgesetzten. Keiner von ihnen kümmerte sich -um die Apparate. Aber die Automaten, die nervenlosen<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span> -Maschinen, taten ihre Schuldigkeit. Sie schrieben -die Depeschen auf, die jetzt von allen Seiten her in Sayville -einliefen. Anfragen von amerikanischen und überseeischen -Stationen, was die Sendung von Sayville zu -bedeuten habe.</p> - -<p>Eine dringende Staatsdepesche aus Washington: »Befehl, -den Stationsleiter sofort vom Amt zu suspendieren. -Die Station dem Stellvertreter zu übergeben!«</p> - -<p>Mr. Brown war mit seinen Nerven fertig. Er übergab -die Station seinem Vertreter und setzte sich hin, um -mit zitternden Händen einen ausführlichen Bericht über -das Vorkommnis zu schreiben.</p> - -<p>Für die Geschichte jener Zeit ist der Bericht ein wichtiges -Dokument geworden. Er gibt noch verhältnismäßig -objektiv eine Darstellung der unerklärlichen Beeinflussungen, -denen die Großstationen der ganzen Erde in den -folgenden Wochen bald hier, bald dort ausgesetzt waren. -Eine unbekannte Macht hatte sich des drahtlosen Verkehrs -bemächtigt. Sie gab ihre Depeschen »An alle!«, -wie es ihr gefiel, unter Benutzung der vorhandenen -Stationen ab.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Kapitän H. L. Fagan vom amerikanischen Marinedepartement, -der eiserne Fagan, wie ihn seine Kameraden -nannten, hatte Vortrag beim Präsident-Diktator. -Mit aufmerksamen Blicken folgte Cyrus Stonard den -Erklärungen, die Kapitän Fagan an Hand umfangreicher, -an der Wand befestigter Zeichnungen gab.</p> - -<p>Sie stellten die große amerikanische Unterwasserstation -dar, die im Laufe des letzten Jahres in aller Stille, vollkommen -geheim, an der afrikanischen Ostküste in der -Höhe der Seschellen entstanden war. Durch gründliche -Lotungen hatten amerikanische Schiffe eine Stelle ausfindig -gemacht, die zweihundert Kilometer von der -Küste entfernt mitten im freien Ozean lag und doch nur -hundert Meter tief war. Es war die Spitze irgendeines<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span> -vor Millionen Jahren in der Tiefe des Indischen Ozeans -versunkenen Berges. Taucher hatten das Gelände untersucht -und die Sprengungen vorbereitet, durch die man -eine Plattform von etwa einem Quadratkilometer -hundertfünfzig Meter unter dem Seespiegel schuf. Dann -kam der Bau.</p> - -<p>Zwanzig gewaltige Hallen. Jede einzelne groß genug, -die größten Flugschiffe, Flugtaucher und U-Boote aufzunehmen. -Jede Halle mit den Maschinen für alle vorkommenden -Reparaturen ausgerüstet. Jede Halle mit -vielfacher Sicherheit gegen den gewaltigen Wasserdruck -erbaut. Darüber hinaus noch durch ein System sinnreicher -Sicherheitsschotten gegen Wassereinbrüche geschützt. -Unterirdische, tief in den Fels des Berges gesprengte -Gänge verbanden die Hallen miteinander. -Zisternen waren mit Hilfe stärkerer Sprengmittel in den -Basalt hineingearbeitet, die Hunderttausende von Tonnen -der besten Treiböle für die Maschinen amerikanischer -Kriegsfahrzeuge aufnehmen konnten.</p> - -<p>Ferner große Luftschleusen. Ein Druck auf einen der -vielen Hebel in der Apparatenzentrale der Station genügte, -und eine riesenhafte hydraulische Plattform hob -sich wie eine plötzlich entstehende Insel aus den Fluten -des Ozeans, bereit, Fahrzeuge aufzunehmen und sicher -mit in die Tiefe zu bringen.</p> - -<p>Es war ein wahrhaft großartiger unterseeischer Flottenstützpunkt, -den ein Befehl Cyrus Stonards hier mitten -in der Wasserwüste entstehen ließ. An einer Stelle, von -der aus es amerikanischen Streitkräften ein leichtes sein -mußte, jede in Mittelafrika neu entstehende Kriegsindustrie -im Entstehen zu zerschmettern und Indien -schwer zu bedrohen.</p> - -<p>Als Cyrus Stonard vor dreizehn Monaten den Befehl -gab, erklärten die Fachleute die Sache für unausführbar. -Bis der eiserne Diktator den eisernen Kapitän fand. -Cyrus Stonard entsann sich deutlich der ersten Unterredung -mit dem Kapitän. Unbedingte Geheimhaltung<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span> -des Planes und des Baues forderte der Diktator. Kapitän -Fagan hatte damals wenige Minuten überlegt.</p> - -<p>»Wir müssen mit fünftausend Mann arbeiten, wenn -wir in einem Jahr fertig werden wollen. Ein Geheimnis, -um das fünftausend Menschen wissen, ist kein Geheimnis -mehr. Also müssen wir Sklaven für den Bau -nehmen.«</p> - -<p>Kapitän Fagan hatte es damals mit einer Ruhe und -Selbstverständlichkeit gesagt, die sogar den Diktator eine -Minute verblüffte. Nur eine Minute. Dann hatte er -die Vorzüglichkeit der Idee erfaßt.</p> - -<p>Zuchthäusler führten die unterseeische Station aus. -Menschen, die von den amerikanischen Gerichten zu langjährigen -Freiheitsstrafen verurteilt worden waren. Es -kamen Monate, in denen der elektrische Stuhl wenig -zu tun hatte, weil der Diktator auffallend häufig begnadigte. -Aber nur Menschen, die mit Eisen und Stahl -umzugehen verstanden, Menschen, die in die Branche -paßten. –</p> - -<p>Kapitän Fagan gab dem Präsident-Diktator auf dessen -Fragen präzisen Bericht.</p> - -<p>»Die Hallen eins bis sechzehn sind fertig. Versehen -mit Proviant, Brennstoff und Munition. Vier Hallen -sind noch im Bau. Die Wohnhallen für das ordentliche -Marinepersonal. Die Zuchthäusler sterben wie die -Fliegen. Haben auch schlechte Unterkunft in den Verbindungstunnels.«</p> - -<p>»Der Endtermin ist um drei Wochen überschritten. -Wann werden die Wohnhallen fertig beziehbar dastehen?«</p> - -<p>Die Stimme des Präsident-Diktators klang scharf und -schneidend, als er die Frage stellte.</p> - -<p>»In drei Tagen, Herr Präsident.«</p> - -<p>»Sie bürgen dafür?«</p> - -<p>»Ich bürge, Herr Präsident.«</p> - -<p>»Sind die Verteidigungsanlagen fertig?«</p> - -<p>»Sie sind fertig, Herr Präsident. Die Station ist von<span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span> -einem dreifachen Kranz unterseeischer Torpedominensender -umgeben. Die akustischen Empfänger sprechen auf -jedes Schraubengeräusch unter und über Wasser an. Die -Hertzschen Strahler fassen auf zehn Kilometer jedes Ziel -und dirigieren die Torpedos zu seiner Vernichtung.«</p> - -<p>»Wie steht es mit dem Schutz gegen Luftsicht?«</p> - -<p>»Seit acht Wochen arbeiten unsere Seefärber. Es -war ein glücklicher Gedanke, unsere Station wie einen -Tintenfisch mit eigenen Farbdrüsen auszustatten. Das -Azoblau, welches die Seefärber Tag und Nacht in gleichmäßigem -Strome in die See geben, färbt das Wasser -so gleichmäßig, daß die ganze Untiefe vollkommen unsichtbar -wird. Auch aus zweitausend Meter Höhe konnten -unsere eigenen Flugschiffe die Station nicht finden, -wenn die Färber arbeiteten. Wir mußten eine besondere -Erkennungsboje auslegen.«</p> - -<p>Cyrus Stonard hatte sich erhoben. Seine Augen -leuchteten wild in fanatischem Glanz, während er -den Mann betrachtete, der das Riesenwerk in einem -Jahr glücklich zum Abschluß gebracht hatte.</p> - -<p>»Kurz und gut, Herr Kapitän! Wann sitzt der letzte -Niet? Wann kann die Station in den Krieg eintreten?«</p> - -<p>»In drei Tagen, Herr Präsident! In drei Tagen sind -die Marinemannschaften in ihren Quartieren, die Sklaven -weggeschafft. In drei Tagen leistet die Station -alles, was sie zu leisten hat.«</p> - -<p>»Ich danke Ihnen – – – – Herr Admiral! Sie -haben Ihre Sache gut gemacht. Sie bleiben weiter zu -meiner Verfügung.«</p> - -<p>Cyrus Stonard sprach mit befehlsgewohnten Lippen. -Kapitän Fagan errötete. Ein Zittern ging durch seine -bis dahin unbewegliche Gestalt. Ein Lob aus dem -Munde des Diktators. Ein uneingeschränktes Lob und -zugleich die Ernennung zum Admiral. Das war mehr, -als er in diesen zwölf Monaten schwerer Arbeit mit -Nächten der Verzweiflung und Tagen des Mißmuts zu -hoffen gewagt hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span></p> - -<p>Er beugte sich nieder, wollte die Hand des Diktators -ergreifen und küssen. Cyrus Stonard wehrte ab.</p> - -<p>»Lassen Sie, Herr Admiral! Gehen Sie, und dienen -Sie mir und dem Lande so weiter, wie Sie bis jetzt -gedient haben!«</p> - -<p>Mit unsicheren Schritten verließ Admiral Fagan -das Kabinett.</p> - -<p>In der Mitte des Gemaches blieb Cyrus Stonard -stehen und blickte ihm lange Zeit nach. Es zuckte und -arbeitete in den aszetischen Zügen des Diktators. Seine -Lippen bewegten sich und formten Worte, während ein -verächtliches Lächeln sie umspielte.</p> - -<p>»Da geht er hin … der Eiserne … Errötet und -zittert wie ein junges Mädchen. Um das eine Wörtchen -Admiral … Hätte ich ihn hart angefahren, seine Arbeit -getadelt, ihn weggejagt, er wäre davongeschlichen … -hätte kein Wort des Widerspruchs gewagt … Eisern … -pah! … so sind sie alle … ohne Ausnahme! Nur -wenn sie den Herrn fühlen, tun sie, was sie sollen … -was für das Land nötig ist … Kreaturen, die ein -Wort von mir erhöht oder in den Staub wirft …«</p> - -<p>Der Präsident-Diktator kehrte langsam zu seinem -Sessel zurück. Weltverachtung sprach aus seinen Zügen. -Es waren alles Sklaven. Im Grunde nicht besser als -die Fünftausend, die das letzte Jahr auf dem Seegrunde -gefrondet hatten.</p> - -<p>Ein Gefühl des Überdrusses überkam ihn. Warum sich -mühen und plagen, um diese Sklavenherde mit Gewalt -den Weg zu ihrem Glück zu führen. Weil … weil …</p> - -<p>Ein Adjutant trat ein. Leutnant Greenslade brachte -eine Depesche. Einen Bericht über die Vorgänge in -Sayville. Legte sie auf den Tisch und erwartete in -dienstlicher Haltung die Befehle des Diktators.</p> - -<p>Cyrus Stonard überflog das Blatt. Die rätselhafte -Beeinflussung der großen Radiostation in Sayville. Das -selbsttätige unhemmbare Arbeiten der Geber. Das Spielen -der Schalter. Schließlich die kurze wunderbare Depesche: -»An alle! … Die Macht warnt vor dem Kriege.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span></p> - -<p>Und wußte in demselben Moment, daß Glossin gelogen -hatte! Daß Erik Truwor und die Seinen am Leben und -im Besitze der Macht waren!</p> - -<p>In diesen Sekunden erlebte der Präsident-Diktator -einen jähen und schweren Sturz. Eben noch im Gefühl -eines unendlichen Machtbesitzes. Herr der halben und -bald der ganzen Erde. Absoluter Gebieter über dreihundert -Millionen. Und jetzt von einer unbekannten -und unangreifbaren Macht bedroht, in seinen Entschlüssen -und Befehlen gehemmt.</p> - -<p>Wie eben noch Kapitän Fagan durch wenige Worte -des Diktators umgeworfen wurde, so brach Cyrus -Stonard über den Inhalt der Depesche zusammen. Er -saß vor seinem Tisch, ließ das Haupt auf die Arme -sinken und verbarg sein Gesicht. Ein Schluchzen erschütterte -den hageren, nur der Arbeit gewidmeten -Körper.</p> - -<p>Leutnant Greenslade stand in vorschriftsmäßiger -Haltung. Sah den Präsident-Diktator die Haltung -verlieren und begann um sein Leben zu zittern. Es lebte -niemand in den Vereinigten Staaten, der sich rühmen -konnte, Cyrus Stonard schwach gesehen zu haben. Leutnant -Greenslade hatte nur einen Gedanken.</p> - -<p>Wehe, wenn Stonard die Augen wieder aufmacht! -Wehe, wenn der Diktator mich sieht! Dann bin ich -verloren!</p> - -<p>In diesem Augenblick erhob Cyrus Stonard den Kopf. -Mit Augen, die abwesend und weltentrückt blickten, -schaute er um sich.</p> - -<p>»Dr. Glossin soll kommen!«</p> - -<p>Leutnant Greenslade übermittelte den Befehl und ging -dann mit sich selbst zu Rate, ob er es wagen dürfe, in -den Staaten zu bleiben.</p> - -<p>Dr. Glossin stand im Kabinett des Präsident-Diktators. -Cyrus Stonard erhob sich statuenhaft von seinem Platz. -Seine Rechte ergriff die Depesche und ballte sie krampfhaft -zusammen. Er sprach kein Wort. Langsam kam -er dem Doktor näher, bis er nur noch drei Schritte von<span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span> -ihm entfernt stand. Dann schleuderte er ihm den Papierball -mit jähem Ruck in das Gesicht.</p> - -<p>Dr. Glossin machte keine Bewegung, den Wurf abzuwehren. -Der Ball traf ihn zwischen die Augen und fiel -zu Boden. Der Arzt verlor die letzte Spur von Farbe. -Er kannte den Inhalt der Depesche, die ihm Cyrus Stonard -eben ins Gesicht geschleudert hatte. Seit zwanzig -Minuten wußte er, daß all seine Arbeit während der -letzten Wochen vergeblich war. Die einzigen Menschen, -die er zu fürchten hatte, waren seinen Nachstellungen -entgangen. Waren irgendwo in Sicherheit und ließen -ihre Macht spielen.</p> - -<p>Er war in diesem Augenblick nicht einmal fähig, die -Beleidigung zu empfinden, die in dieser Behandlung -lag. Der Papierball wirkte wie eine Flintenkugel. Der -von ihr Getroffene empfindet den Schuß nicht als Beleidigung, -aber er fällt danach um. Dr. Glossin begann -auf seinen Füßen zu wanken, tastete mit den Händen -nach einem Halt.</p> - -<p>Dem Präsident-Diktator hatte der physische Ausbruch -Erleichterung verschafft. Die unmittelbare Wirkung des -Schlages, der ihn getroffen hatte, ließ nach. Er begann -klarer zu sehen. Sah den Menschen vor sich, der im Begriff -stand, umzusinken.</p> - -<p>Da ließ er sich selbst wieder in seinem Sessel nieder -und winkte dem Doktor.</p> - -<p>»Setzen Sie sich! … Setzen Sie sich! … Nicht dahin -… hierher! Hier dicht zu mir her … ja, hier … -Halt, heben Sie das erst auf!«</p> - -<p>Er wies mit der Hand auf die zerknüllte Depesche. -Er kommandierte den Doktor wie einen Hund, und Dr. -Glossin gehorchte wie ein geprügelter Hund. Jetzt saß -er auf dem angewiesenen Sessel, dicht neben Cyrus -Stonard, und entfaltete ganz mechanisch den Papierball.</p> - -<p>»Lesen Sie!«</p> - -<p>Dr. Glossin las die Depesche, die er heute schon so oft -gelesen hatte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span></p> - -<p>»Was haben Sie mir gesagt? Und was sagen Sie -jetzt?«</p> - -<p>Der Arzt war unfähig, eine zusammenhängende Antwort -zu geben. Cyrus Stonard sah, daß er ihm die -Möglichkeit zur Sammlung geben müsse. So befahl er -weiter:</p> - -<p>»Geben Sie mir noch einmal einen genauen Bericht -über die Vorgänge in Linnais. Nicht gefärbt, absolut -genau!«</p> - -<p>Dr. Glossin raffte sich zusammen. Er begann zu -sprechen und wurde ruhiger, je weiter er in seinem Bericht -kam.</p> - -<p>»Die Engländer waren zur selben Zeit am Platze wie -ich. Als ich den englischen Führer kennenlernte, war ich -über seine Naivität erstaunt. Ich wollte ihn zurückrufen -lassen, aber die Zeit war zu kurz. Ich hatte keine Möglichkeit -mehr, die Expedition zu verhüten …«</p> - -<p>Cyrus Stonard streifte den Arzt mit einem kalten -Blick.</p> - -<p>»Das kommt davon, wenn die Werkzeuge anfangen, -selbst zu denken. Ihnen hatte ich den Befehl gegeben, -die drei zu vernichten. Ihnen! … Nicht den Engländern. -Ich habe Ihre Eigenmächtigkeit nach Ihrem -ersten Bericht nicht gerügt, weil Sie mir einen Erfolg -meldeten. Einverstanden war ich nicht damit.</p> - -<p>Warum habe ich Sie zu meinem Werkzeug gewählt? -… Weil ich mir solche bewährte Kraft für manche -Geschäfte nicht entgehen lassen durfte. Wenn Ihr Talent -nicht ausreicht, drei Menschen vom Erdboden verschwinden -zu lassen, wenn Sie dazu die Engländer -gebrauchen … Mann, warum haben Sie die Engländer -auf die drei gehetzt, anstatt selbst zu gehen?«</p> - -<p>Dr. Glossin stammelte: »… Interesse des Landes … -Rücksicht auf die Neutralen … diplomatische Schwierigkeiten.«</p> - -<p>»Unsinn … Dummheit … was geht mich Schweden -an? Denken Sie, ich hätte die Möglichkeit, die Neutralität<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span> -dieses Ländchens zu verletzen, nicht in meinen -Kalkul eingezogen?«</p> - -<p>Er blickte dem Doktor scharf in die Augen.</p> - -<p>»Sie haben Furcht gehabt! Erbärmliche, feige Furcht -vor den drei Leuten! Darum wollten Sie den Fuchs -spielen. Andere Leute die Kastanien aus dem Feuer -holen lassen … So ist diese … Gemeinheit zustande -gekommen … Merken Sie wohl auf! Sie stehen von -heute ab unter Überwachung. Sie wissen, was das -heißt. Der Verdacht einer Verräterei, eines Ungehorsams, -und Sie verschwinden. Denken Sie daran, wenn -Sie mir jetzt antworten.</p> - -<p>Ich wünsche genau Ihre Meinung über diese drei -Menschen zu wissen. Ob sie noch am Leben sind … -oder ob diese Depesche etwa von einer anderen Stelle -kommt. Und wenn sie leben, was sind ihre Pläne, -wie groß ist ihre Macht, wie weit reicht sie? Werden -sie sich in dem kommenden Kampfe auf eine Seite -stellen? Überlegen Sie sich genau, bevor Sie antworten. -Es geht um Ihren Hals.«</p> - -<p>Dr. Glossin wußte, daß der Präsident-Diktator nicht -scherzte. Eine unbefriedigende Antwort … ein Druck -auf den Klingelknopf am Schreibtisch und er erlebte -den nächsten Stundenschlag nicht mehr. Er sammelte -seine Gedanken und sprach langsam Wort für Wort -abwägend:</p> - -<p>»Nein! Es ist ausgeschlossen, daß eine dritte Stelle -in Betracht kommt. Ich war Augenzeuge der Katastrophe -in Linnais, und ich sage doch, es sind die drei, die die -Depesche sandten.«</p> - -<p>»Wie konnten sie entkommen? Sie mußten doch -schließlich fürchten, eines Tages ausgehoben zu werden. -Sie konnten sich durch einen unterirdischen Gang sichern, -der irgendwo in den Bergen oder am Fluß ins Freie -mündet.«</p> - -<p>»Ich habe daran gedacht. Aber dann müßte er schon -lange bestanden haben. Die drei sind erst seit wenigen -Wochen in Linnais. Die Anlage eines Ganges braucht<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span> -Monate, wenn nicht Jahre. Immerhin bleibt der unterirdische -Gang die nächstliegende Erklärung. Es könnte -sein, sie hätten ihn mit ihren phänomenalen Hilfsmitteln -in dieser kurzen Zeit geschafft … oder … sie sind …«</p> - -<p>Dr. Glossin preßte sich mit beiden Händen die Stirn -zusammen, als ob ihm der Schädel unter der Gewalt -des neuen Gedankens springen wollen. Er schwieg.</p> - -<p>Cyrus Stonard trieb ihn zum Weiterreden: »… oder -sie sind? Sprechen Sie doch!«</p> - -<p>»Oder sie haben unsere Augen geblendet und sind -unsichtbar durch unsere Reihen gegangen!«</p> - -<p>Cyrus Stonard betrachtete den Doktor zweifelnd.</p> - -<p>»… unsichtbar? … Das wäre der Teufel selbst! … -Sich unsichtbar machen? … Es geht um Ihren Kopf, -Herr Dr. Glossin! Tischen Sie mir keine Märchen auf. -Sie werden alt. Ich mußte es Ihnen schon einmal -sagen.«</p> - -<p>Dr. Glossin sah den Präsident-Diktator ruhig an. -Ohne Furcht vor der Gewalt, die jeden Moment sein -Leben zerstören konnte. Mit weltabgewandten, weltentrückten -Blicken. Dann sprach er. Erst leise und stockend. -Dann immer bestimmter und mit gehobener Stimme:</p> - -<p>»Was Ihnen Kindermärchen scheint, ist für manchen -schon längst Wahrheit und Tatsache. Sie sind der -Mann der Realitäten. Der Mann, der seine Politik mit -Blut und Eisen macht. Es ist Ihre Stärke, aber … -es wird Ihre Schwäche, wenn Kräfte und Dinge aus -einer anderen Sphäre an Sie herantreten. Es gibt -Wissende, die über diese Dinge nicht lächeln, sondern … -ich selbst, Naturwissenschaftler, Skeptiker, ich glaube eher, -daß sie aufrecht und unsichtbar durch unsere Reihen gegangen -sind, als daß sie sich wie die Maulwürfe in einen -unterirdischen Gang verkrochen haben.«</p> - -<p>Der Präsident-Diktator zerknitterte die Sayville-Depesche -mit energischem Griff von neuem.</p> - -<p>»Mögen sie gemacht haben, was sie wollen! Ich -halte mich an die realen Tatsachen. Die Macht existiert. -Sie ruht in den dreien. Sie hat in Sayville angesprochen.<span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span> -Weshalb warnen sie, wenn sie handeln -können? Weshalb haben sie dann nicht auch bei der -Geschichte vor Sydney eingegriffen und das Gefecht verhindert?«</p> - -<p>»Das ist meine Hoffnung. Sie haben es nicht gekannt. -Ihre Macht reicht nicht so weit. Noch nicht -so weit. Sonst hätten sie es verhindert. Vorläufig -bluffen sie nur. Die Warnung war ein Bluff …«</p> - -<p>»Es geht um den Kopf, Herr Dr. Glossin. Sagen -Sie nur, was Sie mit Ihrem Kopf vertreten können.«</p> - -<p>»Es ist meine feste Überzeugung, Herr Präsident. In -ihrer ganzen Tragweite ist die Erfindung erst im Entstehen -begriffen. Nur so finde ich eine Erklärung für -das Nichteingreifen in die Affäre vor Sydney. Nur so -kann ich es verstehen, daß sie warnen, anstatt zu verbieten. -Die Fassung der Depesche ist für mich der unumstößliche -Beweis, daß die Entwicklung der Macht -irgendwo stockt.«</p> - -<p>Der Präsident-Diktator war den Ausführungen -Glossins mit wachsender Spannung gefolgt.</p> - -<p>»Ich glaube Ihnen. Die Folgerung ist einfach. Den Engländern -an den Leib! So schnell wie möglich! An Stellen, -die der Macht heute noch unerreichbar sind. In Indien … -In Südafrika … vielleicht … jedenfalls so schnell wie -möglich, denn eines Tages sind sie doch so weit.«</p> - -<p>Cyrus Stonard drückte auf den Knopf. Ein Adjutant -kam.</p> - -<p>»Die Herren vom Kriegsrat! In einer halben -Stunde!«</p> - -<p>Er sprach wieder zu Dr. Glossin.</p> - -<p>»Unsere Pläne müssen geändert werden. Wir -wollten England in England schlagen. Jetzt müssen wir -es am Äquator versuchen. Das verdanke ich Ihrer -Neigung für unkontrollierbare Privatunternehmungen.«</p> - -<p>Cyrus Stonard blickte den Arzt an, wie eine Schlange -ihr Opfer betrachtet. Mit kaltem, klarem Blick. Lange -Sekunden bewegten sich die Lider seiner Augen nicht, -und Dr. Glossin fühlte das Blut in seinen Adern gefrieren.<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span> -Dann fuhr der Präsident-Diktator langsam -fort:</p> - -<p>»Es gibt ein Mittel für Sie, um sich vollständig zu -rehabilitieren. Fangen Sie mir die drei! Wenn Sie -sie mir lebendig bringen, will ich Sie belohnen, wie noch -niemals ein Mensch von einem anderen belohnt worden -ist. Wenn Sie sie tot bringen, soll Ihr Lohn noch überreich -sein. Alle Machtmittel, die ein Land von dreihundert -Millionen bieten kann, stehen Ihnen zur Verfügung. -Neutralität … ich pfeife darauf. Jedes Mittel, -jedes Verfahren ist Ihnen erlaubt, wenn es zu dem Ziele -führt, die drei in meine Gewalt zu bringen. Denken -Sie immer an das Ziel. Seine Erreichung wird unermeßlich -belohnt. Mißlingen ist Verrat.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»… Oder sie sind unsichtbar durch unsere Reihen -gegangen.« Dr. Glossin hatte die Möglichkeit gegenüber -dem Präsident-Diktator ausgesprochen und hatte -damit gesagt, wie es geschehen war.</p> - -<p>Als Oberst Trotter als erster über den Gartenzaun -von Linnais sprang, stand Erik Truwor in Begleitung -seiner beiden Freunde unmittelbar neben ihm. Die -hypnotische Kraft Atmas blendete den Obersten und -schlug seine Leute mit Blindheit.</p> - -<p>»Es ist gut, wenn wir einige Zeit für tot gelten.« -Erik Truwor hatte damit den Plan für die nächsten -Wochen und Monate gegeben. Atma und Silvester -übernahmen die Ausführung. Atma verwirrte die -Sinne der Gegner. Silvester trug den kleinen Strahler -und brachte die Schießwaffen, mit denen die Fenster des -Truworhauses gespickt waren, zum Feuern.</p> - -<p>Während die Engländer das Haus belagerten, gingen -die drei zur Odinshöhle. Dort ließen sie sich nieder. Aus -der Tafel des Fernsehers war das Haus von jeder Seite -und in allen Details sichtbar. Silvester Bursfeld ließ -den Strahler arbeiten. Er unterhielt das Gewehrfeuer,<span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span> -solange noch eine Patrone vorhanden war. Dann kam -das Ende.</p> - -<p>Erik Truwor hatte sich entschlossen, sein Vaterhaus zu -opfern. Als die Tür unter den Axthieben der -Stürmenden einbrach, gab er selbst aus dem großen -Strahler die volle Konzentration in das Brennstofflager -des Hauses. Zehnmillionen Kilowatt in zehntausend -Kilogramm Benzol. Das Truworhaus wurde in einer -Sekunde zum feuerspeienden Berg.</p> - -<p>Erik Truwor verfolgte das Schauspiel auf der Mattscheibe -des Fernsehers. Sein Gesicht blieb unbeweglich, -wie aus Stein gemeißelt.</p> - -<p>Als die Mauern zusammenstürzten, wandte er den -Blick von der Platte ab.</p> - -<p>»Sie wähnen uns dort begraben. Ihr Glaube gibt -uns die Ruhe für die letzten Vorbereitungen.«</p> - -<p>Der Rapid Flyer stand in der Höhle. Als Dr. -Glossin mit dem Obersten sprach, als Oberst Trotter seine -Brandwunden im Tornea kühlte, trug R. F. c. 1 die -Freunde nordwärts davon. Langsam, in niedrigem -Flug. Vorsichtig die Deckung der Berge und Föhren -nehmend. Ungesehen und ungehört.</p> - -<p>Erst als sie in sicherer Weite waren, stieg der Flieger -zu größeren Höhen empor und nahm reinen Nordkurs. -Über offene See und schweres Packeis. Über Länder -und über weite Eisflächen.</p> - -<p>Nach dreistündiger Fahrt senkte sich das Schiff. Stieß -durch Nebel und Wolken und ruhte auf der Eisfläche, -die wie eine ungeheure massive Kuppe den nördlichen -Pol unserer Erde umgibt.</p> - -<p>Sie landeten inmitten der endlosen Eiswüste und -fanden dennoch ein wohnliches Heim. Silvester sah es -mit Staunen.</p> - -<p>Erik Truwor hatte den halben Monat, den Silvester -nach seiner Vermählung abwesend war, nicht ungenutzt -gelassen.</p> - -<p>Er hatte sich hier ein Schloß geschaffen. Einen -Eispalast im wahren Sinne des Wortes. Aus der<span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span> -flachen verschneiten Eiswüste erhob sich blaugrünlich -schimmernd ein Eisberg hundert Meter empor. Ein -massiver Eisblock, bis Erik Truwor kam und den -Strahler spielen ließ. Da fraß die entfesselte Energie -das Eis mit gieriger Zunge. Gänge bildeten sich. Säle -und Kammern entstanden, während das Schmelzwasser -in Strömen ins Freie lief.</p> - -<p>Dann waren die Tage gekommen, an denen der alte -Schäfer Idegran auf der Torneaheide der Wodanshöhle -in immer weiterem Bogen aus dem Wege ging. Es -fauchte in der Höhle. Es schwirrte in den Lüften. Erik -Truwor hielt seinen Umzug wie der wilde Jäger. Vollgepackt -mit Lebensmitteln und Brennstoffen, mit Apparaten -und Werkzeugen fuhr der Rapid Flyer zwischen -dem Eisschloß am Pol und dem Haus am Tornea hin -und her. Es war nur noch eine leere Schale, die Oberst -Trotter mit seinen Leuten belagerte.</p> - -<p>Silvester sah das neue Heim zum erstenmal. Sie -traten in das Innere des Berges, und eine wohlige -Wärme umfing sie. Ein kleiner Strahler machte gerade -so viel Energie frei, daß die Luft in den Räumen gut -erwärmt war, aber das Eis der Wände noch nicht -schmolz.</p> - -<p>Erik Truwor ließ sich im großen Wohngemach auf -einen Sessel nieder.</p> - -<p>»Hier bin ich, hier bleibe ich! Hier findet uns niemand. -Die Schiffe, die über den Pol gehen, fliegen hoch. Auch -aus nächster Nähe würden sie nur den Eisberg sehen.«</p> - -<p>Atma lag bewegungslos auf einem Diwan. Er ruhte, -meditierte, wie er es stets tat, wenn seine Kraft, seine -telepathische Willensmacht nicht verlangt wurden. Silvester -brauchte viele Stunden, um durch alle Räume zu -schreiten. Er sah das Laboratorium und die neuen -großen Strahler. Er versenkte sich in die Verbesserungen, -die Erik Truwor während seiner Abwesenheit angebracht -hatte, und dann sah er die Teile der Telephonanlage. -Sie waren noch nicht zusammengebaut.</p> - -<p>Seine Gedanken flogen zu Jane. Sie würde diesen<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span> -Nachmittag vergeblich auf seinen Anruf warten. Er -würde ihr Bild sehen. Der Fernseher gestattete es zu -jeder Zeit. Doch er würde nicht mit ihr sprechen -können. Sie würde warten … würde in Sorge sein. -Um so mehr, wenn wenn irgendwoher die Nachricht -von Linnais, vom Untergang des Hauses zu ihr käme.</p> - -<p>Er erschrak bei dem Gedanken und trat an den großen -Strahler. Er richtete ihn und schaltete die Energie ein. -Das Bild erschien auf der Scheibe. Ein Flußlauf. Industriewerke, -Häuser. Jetzt die charakteristische Gestalt -des Rattinger Tors von Düsseldorf. Nun die Straße, -das Termölensche Haus …</p> - -<p>Er verzehnfachte die Vergrößerung und regulierte mit -den Mikrometerschrauben.</p> - -<p>Die Küche … Frau Luise Termölen … die gute -Stube … dort Jane. Ihr gegenüber eine andere Gestalt.</p> - -<p>Silvester Bursfeld brachte die Vergrößerung noch einmal -auf das Zehnfache. Jetzt standen die Figuren fast -in Lebensgröße vor ihm. Jane blaß, erschreckt, dem -Umsinken nahe. Ihr gegenüber Dr. Glossin.</p> - -<p>Silvester ließ das Bild stehen und lief in das Gemach, -in welchem Atma lag.</p> - -<p>Der Inder kam und sah das Bild. Eine Veränderung -war eingetreten. Jane lag regungslos am Boden. Ein -Zeitungsblatt neben ihr. Dr. Glossin bemühte sich um -die Eingesunkene, richtete sie auf, sprach auf sie ein.</p> - -<p>Soma Atma stand in kataleptischer Starre. Seine -Pupillen verengten sich bis zum Verschwinden. Seine -Seele verließ den Körper und ging auf die Wanderung.</p> - -<p>Das Bild auf der Mattscheibe veränderte sich. Silvester -sah, wie das Blut seinem Weib in die Wangen zurückkehrte. -Sie erhob sich. Aufrecht stand sie da, lächelte -spöttisch und deutete mit einer verächtlichen Handbewegung -auf das Zeitungsblatt, und dann verließ Dr. -Glossin mit allen Zeichen der Enttäuschung und des -Mißmutes den Raum.</p> - -<p>Es dauerte lange, bis der Inder sich aus dem Krampfe<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span> -löste. Dann sprach er, ruhig und leidenschaftslos wie -immer: »Dein Weib weiß, daß du lebst.«</p> - -<p>Er kehrte in seinen Raum zurück und versank wieder -in das stille Vorsichhinstarren, Ruhen und Sinnen, in -dem er Tage und Wochen verbringen konnte.</p> - -<p>Die Arbeit rief. Erik Truwor hatte Verbesserungen -vorgeschlagen, die sich auf eine noch genauere Einstellung -bezogen. Silvester Bursfeld hatte von seiner Hochzeitsreise -eine ganz neue Idee mitgebracht. Eine Zielvorrichtung, -die es gestatten mußte, mit dem Strahler auch -gegen bewegte Ziele zu operieren, während er volle -Energie im Raum auslöste.</p> - -<p>Das hielt Silvester jetzt für das Wichtigste, und Erik -Truwor stimmte ihm bei. Mit den vorhandenen Einrichtungen -ließ sich die Energiemenge wohl haarscharf auf -jeden Punkt der Erdoberfläche einstellen. Aber es war -noch nicht möglich, die Einstellung mit voller Sicherheit -bewegten Zielen folgen zu lassen, während die Energie -wirkte. Erik Truwor verlangte, daß man mit dem -großen Strahler auch schnellfliegende Ziele fassen könne, -während er auf irgendeinem Punkt der Erde zehn -Millionen Kilowatt brodeln ließ.</p> - -<p>Eine Änderung der Schaltung war dazu notwendig. -Der Energiestrom, der vom Ziel reflektiert wurde und -das Bild auf der Mattscheibe erzeugte, mußte von der -Hauptenergie abgezweigt werden. Widerstände waren -einzubauen, die diesen Nebenstrom automatisch so -schwach hielten, daß er das Bild nicht sprengte, die Mattscheibe -nicht fraß. Es bedurfte mancher Tage, um die -neuen Ideen praktisch auszuführen.</p> - -<p>Erik Truwor war die treibende Kraft. Er stand vor -dem Amboß, das Antlitz von der Glut des Feuers gerötet, -und schmiedete die für den Neubau nötigen Stücke. -Die Funken umsprühten ihn, während er den Hammer -schwang und das glühende Eisen formte. Als Schlosser, -Dreher und Mechaniker in einer Person arbeitete -Silvester. Er feilte, schnitt und schliff und hörte dabei -die Worte Erik Truwors.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span></p> - -<p>Wie ein Prophet sprach Erik Truwor von der Zukunft, -die er nach seinem Willen formen wollte.</p> - -<p>»Von Mitternacht kommt die Macht.« Öfter als einmal -fiel das Wort von seinen Lippen, während er einem -Schmiedestück mit wuchtigen Hieben die letzte Form gab. -Machtgefühl klang aus den Schlägen, mit denen er den -Hammer auf den Amboß schmetterte, daß es weithin -durch die Eishallen dröhnte.</p> - -<p>Silvester hörte nur mit halbem Ohr hin. Er war -unruhig bei der Arbeit, und seine Gedanken weilten in -weiter Ferne. Wohl hatten ihn die Worte Atmas vorübergehend -beruhigt. Doch zufrieden würde er erst -sein, wenn Ätherschwingungen und Elektronenbewegungen -Janes Bild wieder bis an den Pol führten und -seine Stimme über Spitzbergen und Skandinavien bis -in das stille Gemach nach Düsseldorf brächten. Er -lechzte danach, sein junges Weib zu sehen, mit ihr zu -sprechen, und arbeitete hastig und freudlos an dem -Neubau, zu dessen schneller Ausführung Erik Truwor -ihn zwang. Die Ruhestunden während der langen -hellen Polnacht benutzte er, um auf dem Gipfel des -Berges die Antennen für die drahtlose Station zu ziehen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nur eine schwere seelische Erschütterung kann den -Riegel zerbrechen. Dr. Glossin wußte es. Darum hatte -er Jane das Zeitungsblatt mit der Nachricht über die -Katastrophe von Linnais gegeben. Im letzten Moment, -als der Riegel wankte, als er brechen wollte, hatte Atma -eingegriffen. Seiner Kraft war es gelungen, die Verriegelung -noch einmal zu halten und zu schließen. Aber -sie hatte durch den schweren Angriff Glossins eine Beschädigung -erlitten. Ein zweiter unvermuteter Stoß -konnte sie leicht sprengen.</p> - -<p>Einstweilen war Jane beruhigt. In jenem Moment, -als sie unter dem niederschmetternden Eindruck der Nachricht -von Linnais halb ohnmächtig in den Armen<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span> -Glossins hing, war es plötzlich wie eine feste und unumstößliche -Gewißheit durch ihre Seele gegangen: Silvester -lebt. Er ist mit seinen Freunden geborgen. Ich -werde bald von ihm hören. Es war die telepathische -Beeinflussung des Inders, die ihr diese Zuversicht gab, -die sie instand setzte, die Worte Glossins zu belächeln, -ihm ihre andere bessere Überzeugung entgegenzuhalten.</p> - -<p>Dr. Glossin hatte das Haus Termölen verlassen. -Niedergeschlagen, innerlich zerrissen. Er fühlte alle seine -Stützen wankend werden.</p> - -<p>Seitdem sich Cyrus Stonard mit dem Gedanken des -Krieges gegen das britische Weltreich trug, lag in -Glossins Unterbewußtsein das Empfinden, daß der -Präsident-Diktator um seine Herrschaft, vielleicht sogar -um seinen Kopf spielte. Es blieb ihm selbst verborgen -und unbewußt, bis der leidenschaftliche Ausbruch des -Diktators es ans Licht rief. Jetzt empfand er es von -Tag zu Tag und von Stunde zu Stunde deutlicher. Der -Stern Cyrus Stonards war im Sinken. Es war Zeit, -sich von ihm zu trennen. Für einen Charakter wie -Glossin aber war die Trennung gleichbedeutend mit -Verrat, mit dem Übergang zur anderen Partei.</p> - -<p>Er dachte nicht mehr daran, den Auftrag Cyrus -Stonards zu erfüllen. Mochte der Diktator die drei -selber fangen, wenn er sie haben wollte. Aber Jane -wollte und mußte er unter allen Umständen in seine -Gewalt, auf seine Seite bringen, koste es, was es wolle. -Es war ihm nicht geglückt, den Riegel im ersten Ansturm -zu sprengen. Kein Wunder, wenn eine hypnotische -Kraft wie diejenige Atmas ihn gefügt hatte. Aber -Dr. Glossin wußte auch, daß jeder Angriff die Verriegelung -schwächte, daß sie doch eines Tages brechen -mußte, wenn sie nicht ständig erneuert wurde. Er beschloß, -vorläufig in Düsseldorf zu bleiben, das Haus, in -welchem Jane wohnte, zu beobachten, die nächste -Gelegenheit abzupassen und auszunutzen.</p> - -<p>Die vierte Nachmittagsstunde kam heran, die Zeit, zu -welcher Silvester mit Jane zu sprechen pflegte. Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span> -gewöhnlich setzte sie sich an den Apparat und hielt den -Hörer erwartungsvoll an das Ohr.</p> - -<p>Nur noch Sekunden, dann mußte die Stimme Silvesters -zu ihr dringen. Dann würde sie aus seinem -eigenen Munde hören wie der Brand in Linnais verlaufen -war und wo er sich jetzt mit seinen Freunden -befand.</p> - -<p>Jane saß und harrte auf die erlösenden Worte. -Wartete, während die Sekunden sich zu Minuten häuften -und aus den Minuten Viertelstunden wurden.</p> - -<p>Der Apparat blieb stumm. Nur das leichte Rauschen -der Elektronenverstärker war an der Telephonmembrane -zu hören.</p> - -<p>Jane saß und wartete. Sie konnte es ja nicht wissen, -daß Silvester in diesem Augenblick den Strahler am Pol -richtete, ihr Bild auf die Mattscheibe brachte. Sie harren -sah und hundertmal den Umstand verwünschte, daß die -Antennen für die telephonische Verbindung noch nicht -gespannt waren. Sie wußte nur, daß sie hier vergeblich -auf Silvesters Stimme harrte, und Zweifel begannen -ihr zum Herzen zu steigen.</p> - -<p>Die Worte Glossins kamen ihr in den Sinn. Sollte -es doch wahr sein, daß …? Sollte die Zeitung nicht -gelogen haben, die ihr Glossin damals gab?</p> - -<p>Die zweite Erschütterung, die den Riegel sprengen -konnte, vielleicht schon sprengen mußte, kam ohne das -Zutun Glossins. Kam, weil sechshundert Meilen entfernt -in Schnee und Eis ein paar Drähte nicht rechtzeitig gespannt -worden waren.</p> - -<p>Die Minuten verrannen. Die Uhr hub zum Schlage -an und verkündete die fünfte Stunde. Die Zeit, für -welche Jane nach der Verabredung die Elektronenlampen -brennen, ihren Apparat in der Empfangsstellung stehen -lassen sollte, war vorüber.</p> - -<p>Das war ihr klar, Silvester war nicht da … Es -war ihm irgend etwas zugestoßen … Er war …</p> - -<p>Sie dachte das Wort nicht zu Ende. Von einem<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -plötzlichen Impuls getrieben, sprang sie auf und faßte -einen Entschluß. Einen übereilten und unsinnigen. -Aber sie hatte in diesen Minuten nur noch das eine -Gefühl, daß sie fort müsse. Silvester zu suchen, bis sie -ihn gefunden habe.</p> - -<p>Vorsichtig öffnete sie die Tür zu dem Zimmer der -alten Termölen. Die hatten ihr Nachmittagsschläfchen -noch nicht beendet. Leise machte sie die Tür wieder zu. -Hastig füllten ihre zitternden Hände eine kleine Ledertasche -mit dem Notwendigsten. Ein paar Zeilen an -die Alten. Daß sie ginge, ihren Gatten zu suchen.</p> - -<p>An der Tür blieb sie stehen und umfaßte mit einem -langen Blick noch einmal den schlichten Raum, in dem -sie die letzte glückliche Stunde mit Silvester verlebt hatte. -Da stand ja noch der Elektronenempfänger, mit dem sie -jederzeit und überall seine Stimme hören konnte, wenn -er sie rief. Sie eilte darauf zu und hing den Apparat -über ihre Schulter. Lautlos und ungesehen verließ sie -die Wohnung. Aber nicht ungesehen das Haus.</p> - -<p>Dr. Glossin sah sie auf die Straße treten. Er folgte -ihr. Erst in die Uferbahn, dann in das Flugschiff. Sorgfältig -darauf achtend, daß er selbst nicht von ihr gesehen -werde. Eifrig darauf bedacht, sie nicht aus den -Augen zu verlieren.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der telenergetische Strahler Silvesters arbeitete mit -einer besonderen, von ihm zum erstenmal in reiner -und konzentrierter Form dargestellten Art der Energie, -mit der Formenergie. Sein Apparat enthielt, in besonderer -Art gespeichert, einen verhältnismäßig nur geringen -Vorrat dieser Energieform.</p> - -<p>Um trotzdem die gewaltigen Leistungen des Strahlers -zu erklären, muß man sich zwei Umstände vor Augen -halten. Erstens die automatische Selbsterneuerung -der Formenergie. Eine keimfähige Eichel besitzt nur -unmeßbar geringe Mengen von Formenergie. Diese<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span> -winzige Menge reicht aus, um aus vorhandenen Stoffen -und einfacher Sonnenstrahlung einen großen Eichbaum -entstehen zu lassen. Danach aber ist die ursprünglich -vorhandene Menge der Formenergie keineswegs erschöpft. -Im Gegenteil, sie erfährt automatisch eine Vergrößerung, -denn der aus der ersten Eichel erwachsene -Baum bringt neue Eicheln in großer Menge hervor.</p> - -<p>Nach dem gleichen Grundsatz erfuhr der in dem Strahler -gespeicherte Vorrat an Formenergie durch das Arbeiten -des Apparats keine Schwächung, sondern er blieb -dauernd auf gleichbleibender Höhe.</p> - -<p>Zweitens muß immer wieder betont werden, daß der -Strahler auf die überall im Raum vorhandene physikalische -Energie nur auslösend wirkte, wie etwa der -Fingerdruck gegen einen Flintenhahn auf die in der Gewehrpatrone -vorhandene chemische Energie. Nur die -Größe und Formgebung der strahlenden Elemente begrenzten -die Wirkungen, die mit dem Apparat zu erreichen -waren. Den letzten großen Strahler hatte Silvester -auf eine Höchstleistung von 10 Millionen Kilowatt -oder 13 Millionen Pferdestärken bemessen. Das war eine -Leistung von imposanter Stärke, eine Energiemenge, die -sich im Laufe von Stunden und Tagen ins Riesenhafte -häufen konnte. Es war geboten, vorsichtig mit Maschinen -von solcher Leistungsfähigkeit umzugehen, Sorge -zu tragen, daß die Wucht ihres Angriffes sich nicht auf -unbeabsichtigte Ziele richtete.</p> - -<p>Es konnte nichts passieren, solange der Strahler -richtig bedient wurde, solange die wenigen und einfachen -Vorschriften seiner Handhabung beachtet wurden. Doch -um sie zu beachten, mußte man seine Sinne beisammen -haben. Man durfte nicht kopflos vor Schreck und Aufregung -sein, wie es Silvester war, als er in der sechsten -Stunde des vierten Tages. den die drei am Pol zubrachten, -vom Strahler forteilte.</p> - -<p>Um die vierte Stunde dieses Tages hatte Silvester den -Strahler gerichtet, die neue Telephonanlage eingeschaltet<span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span> -und wollte Jane von seiner Rettung Mitteilung machen. -Er stellte den Strahler auf das bekannte Ziel und brachte -das Bild von Janes Zimmer in Düsseldorf auf die Mattscheibe. -Jeder Gegenstand des fernen Raumes wurde -sichtbar. Nur den Empfangsapparat konnte er nicht -finden, den er Jane bei seinem Abschied übergeben hatte, -und Jane selbst war nicht da.</p> - -<p>Silvester suchte. Er ließ den Strahler Zoll für Zoll -vorrücken und verfolgte mit wachsender Aufregung und -Sorge das Bild auf der Scheibe, jeden Raum im Hause -Termölen. Er sah jedes der ihm so wohlvertrauten -Zimmer. Er erblickte den alten Herrn und Frau Luise. -Er sah, wie sie bekümmert schienen und eifrig miteinander -sprachen. Er verfolgte die Spuren Janes auf der -Straße. Die Bilder aller der Wege und Orte, die er -während seines Aufenthalts in Düsseldorf mit ihr betreten -hatte zogen auf der Scheibe vorüber. Er suchte -in steigender Verwirrung und Angst, bis er nach stundenlangem -Bemühen die Nachforschung entmutigt aufgeben -mußte.</p> - -<p>Atma! war sein Gedanke. Atma mußte ihm helfen. -Atma besaß wohl die Mittel und Kräfte, um wiederzufinden, -was er selbst mit seiner wunderbaren Entdeckung -nicht zu finden vermochte. So ließ er den Strahler und -lief durch Gänge und Höhlen, bis er auf Atma traf. -Er fand ihn im Gespräch mit Erik Truwor. Worte und -Sätze schlugen an sein Ohr, auf die er in seiner Erregung -kaum achtete.</p> - -<p>»Zwinge, ohne zu verwunden! Gebrauche die Macht, -ohne zu töten!«</p> - -<p>»Wenn es geht, Atma. Ich will nicht morden. Doch -soll ich die Macht nicht anwenden, weil Widerstrebende -zu Tode kommen könnten?«</p> - -<p>»Nein! Mit der Macht wurde uns die Pflicht, sie zu -gebrauchen. Über den Gebrauch sind wir Rechenschaft -schuldig. Die Größe der Macht erlaubt uns, ohne -Tötung auszukommen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p> - -<p>Ein zwingender Wille ging von der Gestalt des Inders -aus. Seine ruhige, gleichbleibende Sprache wirkte auch -auf Silvester. Bekümmert und aufgeregt war er in das -Gemach getreten. Von dem einzigen Gedanken getrieben, -von Atma Hilfe zu erbitten. Jetzt vergaß er seine -Sorgen und Wünsche und geriet in dessen Bann. Er ließ -sich nieder, um das Ende der Erörterungen abzuwarten. -Atma betrachtete ihn einen kurzen Moment, und der -Ausdruck eines tiefen Mitleids flog über sein bronzefarbenes -Antlitz.</p> - -<p>»Jane ist nicht bedroht.«</p> - -<p>Atma sprach mit halblauter Stimme, Erik Truwor -schien es kaum zu hören. Silvester empfand die Worte -wie lindernden Balsam.</p> - -<p>»Jane ist nicht bedroht.« Unhörbar wiederholte er -die tröstenden Worte unzählige Male für sich selber und -sank dabei immer mehr auf seinem Sessel zusammen. -Eine Reaktion kam über ihn. Erst jetzt fühlte er die -Anstrengungen der letzten Tage. Während der Tagesstunden -in der Werkstatt. Des Nachts mit dem Bau der -Antenne beschäftigt. Nur wenige spärliche Ruhestunden -dazwischen. Sein Herz schlug matter, eine bleierne -Müdigkeit überkam ihn, während er automatisch die -Worte wiederholte: »Jane ist nicht bedroht.«</p> - -<p>Seine Gedanken begannen zu wandern. Was für -ein Leben führte er doch. Abenteuerlich, vom Schicksal -gekennzeichnet und verfolgt von Anfang an. Nur einmal -war sein Lebensschiff in ruhiges Fahrwasser gekommen. -Damals in Trenton, als er friedlich seinem -Beruf in den Staatswerken nachgehen konnte. Als ihm -das Haus Harte zur zweiten Heimat wurde, als ihm -ein zartes Liebesglück erblühte. Welcher Dämon hatte -ihn damals getrieben, der Erfindung nachzujagen, dieser -Entdeckung, die schon seinen Vater Freiheit und Leben -gekostet. War nicht Unheil unlösbar mit dem Problem -verbunden? Brachte der Versuch, es zu lösen, nicht Tod -und Verderben auf jeden, der sich damit abgab?</p> - -<p>Wie glücklich hätte sich sein Leben ohne diese Erfindung<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span> -gestaltet. Jetzt könnte er auch in Trenton mit Jane verbunden -sein, dort an ihrer Seite ruhig leben. Gewiß, -nur als ein Dutzendmensch, als einfacher Ingenieur der -Werke, ein winziges Rädchen in einem riesigen Getriebe.</p> - -<p>Den Ehrgeiz hätte er begraben müssen. Aber dafür -hätte er ein bescheidenes Glück gewonnen. Das Leben -an der Seite Janes. Niemand hätte es dort gewagt, -hätte es wagen können, ihn so kurze Zeit nach der Vereinigung -wieder von der Seite seines Weibes fortzureißen. -Wieviel Schmerzliches wäre ihm erspart geblieben. -Die Verhaftung und Verurteilung. Die schweren -Tage in Sing-Sing.</p> - -<p>Er hob den Kopf, und sein Blick traf sich mit dem von -Atma. Es schien, als ob der Inder jeden Gedanken -hinter der Stirn Silvesters gelesen hätte. Er schüttelte -verneinend das Haupt, und Silvester ergriff den Sinn.</p> - -<p>Es wäre ihm nicht erspart geblieben! Auch wenn er -nie an die große, gefährliche Erfindung gedacht hätte, -würden feindliche Gewalten ihn aus einem stillen Glück -gerissen haben. Dann war es wohl Schickung, der niemand -zu entgehen vermag.</p> - -<p>Die Lehren von Pankong Tzo wurden wieder in ihm -lebendig: Wir sind alle auf das Rad des Lebens gebunden -und müssen seinen Drehungen willenlos folgen. -Nur um ein Geringes können wir in jedem der vielen -Leben, zu denen wir verurteilt sind, unsere Stellung auf -dem Rade verändern.</p> - -<p>Traumartig verschwommen jagten die Gedanken -durch sein Gehirn. Wie im Traum hörte er die Stimme -Erik Truwors:</p> - -<p>»Ich brauche dich, Atma. Wenn ich die Macht anwende, -sollst du als mein … als unser Botschafter zu -den Menschen gehen und ihnen meinen Willen kundtun.«</p> - -<p>Der Inder neigte zustimmend das Haupt.</p> - -<p>»Ich werde gehen, wenn es an der Zeit ist. Tsongkapa -sagt: ›Gehe zu den Menschen, ihnen die Neuordnung -der Dinge zu verkünden‹ …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span></p> - -<p>Ein dumpfes Krachen unterbrach die Worte. Ein -Schüttern und Beben gingen durch die Eishöhlen. Wie -wenn die Schollen schweren Packeises im Sturm knirschend -gegeneinandergepreßt werden. Der Boden, auf -dem sie standen, schwankte.</p> - -<p>»Der Strahler …!«</p> - -<p>Atma sprach es, bevor noch Erik Truwor oder Silvester -ein Wort fanden.</p> - -<p>»Wo steht der große Strahler?«</p> - -<p>»Im unteren Gange.«</p> - -<p>»Nach oben damit! Von unten kommt das Wasser.«</p> - -<p>Der Inder eilte schon dem unteren Gange zu. Erik -Truwor und Silvester folgten ihm. Über die breiten Eisstufen -ging der Weg nach dem untersten Gang, der zu -den Werkstätten und Laboratoriumsräumen führte. Zu -gewöhnlicher Zeit ein leichter und bequemer Weg. Jetzt -nur mit Vorsicht zu beschreiten. Der ganze Berg schien -sich um etwa dreißig Grad gedreht zu haben, und in -dieser schrägen Lage war der Abstieg über die glatten -Stufen äußerst beschwerlich.</p> - -<p>Auf einem Treppenabsatz stand der kleine Strahler, -den sie schon aus Amerika mitgebracht hatten.</p> - -<p>Jetzt war das Laboratorium erreicht. Doch schon bis -zur halben Höhe überflutet. Mit einem Sprung warf -sich Erik Truwor in das eisige Wasser, drang bis zu dem -großen Strahler vor und trieb mit einem einzigen Faustschlag -die beiden Regulierhebel auf ihre Nullstellungen. -Er wollte den Strahler packen und die Stufen hinauf -aus dem Laboratorium schleppen. Es war zu spät. Von -Sekunde zu Sekunde stiegen die gurgelnden Wasser -höher, während das Knirschen brechenden Eises den Berg -erzittern ließ. Schon fand der Fuß keinen Halt mehr -auf dem Boden. Nur noch schwimmend erreichte Erik -Truwor die Stufe der Treppe.</p> - -<p>Das Wasser stieg. Stufe auf Stufe kam es herauf, -Stufe um Stufe mußten die drei Freunde sich zurückziehen. -Dabei fühlten sie einen Druck auf der Brust, -ein Brausen in den Ohren, ein Ziehen in den Gelenken,<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span> -Zeichen, daß die Luft sich unter dem Druck des steigenden -Wassers komprimierte. Die Erscheinung gab den Beweis, -daß der Berg mit den Höhleneingängen unter den -Wasserspiegel geraten war und daß die eingeschlossene -Luft sich jetzt in den oberen Teilen der ausgeschmolzenen -Räume verdichtete.</p> - -<p>Auf dem Treppenabsatz ergriff Atma den kleinen -Strahler und hing ihn sich um.</p> - -<p>Jetzt schien der Berg zur Ruhe gekommen zu sein. -Noch fünf bis sechs Stufen wurden von dem langsam -und immer langsamer steigenden Wasser überschwemmt. -Dann stand die Flut.</p> - -<p>In dem oberen Wohnraum machten sie Rast.</p> - -<p>»Gefangen! Elend gefangen und in der Falle eingeschlossen -wie Ratten. Beinahe auch schon ersäuft wie -Ratten.«</p> - -<p>Erik Truwor stieß die Worte hervor, während er die -geballte Faust auf die Tischplatte fallen ließ.</p> - -<p>Schweigend ging Atma in den Nebenraum und kehrte -mit dem Arm voller Kleidungsstücke zurück.</p> - -<p>»Du bist kalt und naß, Erik!«</p> - -<p>Erik Truwor stand auf und ergriff das Bündel. Es -war nicht angebracht, in den nassen Kleidern zu bleiben. -Er ging in das Nebengemach und ließ Atma und Silvester -allein.</p> - -<p>Was war geschehen? Während Erik Truwor die -Kleidung wechselte, suchte sich Silvester die Vorgänge zu -rekonstruieren. Als er den Strahler verließ, wollte er -ihn abstellen und den Zielpunkt von Düsseldorf fortnehmen. -Die Bedienungsvorschrift war einfach. Erst -den Energieschalter in die Ruhestellung, dann den Zielschalter. -In seiner Erregung und Verwirrung hatte -Silvester zwei Fehler begangen. Er hatte den Zielschalter -nicht in die Ruhestellung auf ein unendlich entferntes -Ziel gerückt, sondern in der verkehrten Richtung auf das -nächst mögliche Ziel. Aus Sicherheitsgründen war die -kleinste Zielentfernung des großen Strahlers auf hundert<span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span> -Meter bemessen. Denn wenn es möglich gewesen wäre, -den Schalter auf den absoluten Nullpunkt zu bringen, -dann mußte ja die Energie sich im Strahler selber konzentrieren, -mußte den Apparat und nach menschlicher -Voraussicht auch den, der ihn bediente, momentan in -Atome auflösen.</p> - -<p>Silvester hatte beim Fortgehen den Zielhebel falsch -herumgestellt, und er hatte dem ersten Versehen ein -zweites hinzugefügt, indem er auch den Energiehebel -auf volle Leistung rückte. Der zweite Fehler war eine -logische Folge des ersten. Beide Hebel waren in der -gleichen Richtung auf die Ruhestellung zu bringen. -Täuschte man sich bei der Richtung des ersten, war es -sehr naheliegend, daß auch der zweite falsch geschaltet -wurde.</p> - -<p>Der Strahler hatte vom Pol aus die Richtung geradlinig -auf Düsseldorf. Die Ziellinie schnitt als mathematische -Gerade schräg nach unten gerichtet in den Erdball -ein. Durch die falsche Bedienung hatten 10 Millionen -Kilowatt in Form von Wärmeenergie schräg unterhalb -des Eisberges, nur 100 Meter von ihm entfernt, im -massiven Poleis gearbeitet. Mit dem Effekt natürlich, daß -das Eis zu schmelzen begann, daß sich unter dem Eisberg -ein größer und immer größer werdender, mit Wasser -gefüllter Raum bildete. Bis die schwache Eisdecke -den Berg nicht mehr zu tragen vermochte. Bis sie auf -der Seite des Berges, auf die der Strahler gerichtet war, -krachend und knirschend zu Bruche ging und der Berg -sich halb schräg nach unten in den geschmolzenen Pfuhl -wälzte.</p> - -<p>Der Berg war nach dem Brechen des Eises um beinahe -dreißig Grad gekippt. Dann war er mit der Unterkante -auf den Grund dieses so plötzlich entstandenen Sees -aufgestoßen und zur Ruhe gekommen. Alle Eingänge -des Baues waren dabei tief unter den Wasserspiegel -geraten.</p> - -<p>Erik Truwor kam zu den beiden Freunden zurück. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span> -traf Silvester in leisem Gespräch mit Atma. Die blassen, -abgespannten Züge Silvesters verrieten seelisches Leiden. -Das Bewußtsein daß er durch seine Unvorsichtigkeit das -Unglück verursacht hatte, lastete schwer auf ihm. Mit gedämpfter -Stimme erläuterte er dem Inder die Möglichkeiten -und Mittel, durch die man sich befreien, vielleicht -sogar die alte Lage dies Berges wieder herstellen könne.</p> - -<p>Atma lauschte aufmerksam seinen Worten, saß an -seiner Seite und hatte Silvesters Rechte zwischen seinen -Händen.</p> - -<p>Erik Truwor ließ sich schweigend an dem Tisch nieder. -Er verharrte in seinem Schweigen, aber seine Miene -verriet, wie es in ihm kochte. Immer tiefer, immer steiler -gruben sich die Falten in seine Stirn. Verachtung und -Abweisung spielten um seine Lippen.</p> - -<p>Silvester glaubte jetzt, die richtige Lösung gefunden -zu haben. Man mußte den Berg so weit ausschmelzen, -daß er frei schwamm und schwimmend sich in seine alte -Lage zurückhob. Der Einfluß Atmas übte seine Wirkung -auf Silvester. Er wurde ruhiger und eifriger. Eine -leichte Röte überhauchte sein Antlitz, während er mit -Bleistift und Papier die jetzige Lage des Berges skizzierte -und entwarf, wie man mit der Ausschmelzung Schritt -um Schritt vorgehen müsse.</p> - -<p>Dröhnend fielen die Worte Erik Truwors in diese Erklärung: -»Wie lange dauert das? – Wie viele Tage -und Wochen gehen uns dadurch verloren? Ich sitze hier -in der Falle, abgeschnitten von der Welt … unfähig, -zu erfahren, was draußen vorgeht … unfähig, meine -Macht wirken zu lassen, meinen Befehlen die Ausführung -zu erzwingen …</p> - -<p>Eine schöne Macht, die von Weiberdienst und Weiberlaunen -abhängig ist … Der Welt Befehle geben … -zum Spott der Welt werden wir dabei …«</p> - -<p>Silvester erblaßte. Er zuckte zusammen, als ob jedes -einzelne dieser Worte ihn körperlich traf.</p> - -<p>»Verzeihe mir, Erik. Es war meine Schuld. Aber -ich sehe schon den sicheren Weg zur Rettung.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span></p> - -<p>»Den Weg zur Rettung? … Als ob es sich darum -handelte … Ich weiß, daß wir nicht verloren sind, -solange wir auch nur den kleinen Strahler bei der Hand -haben. In zehn Minuten können wir uns einen Weg -ins Freie brennen. Mag der Eisberg dann stehenbleiben -oder noch tiefer fallen. Irgendein Flugschiff -können wir uns auch mit dem kleinen Strahler heranholen -und bewohntes Gebiet erreichen. Aber unsere Einrichtung -ist verloren. Meine Pläne erfahren einen Aufschub -von Monaten …«</p> - -<p>Erik Truwor sprang erregt auf.</p> - -<p>»In der Zwischenzeit verlernt die Welt die Furcht vor -mir …«</p> - -<p>Ein Zucken durchlief den Körper Silvesters.</p> - -<p>Atma erhob sich und trat auf Erik Truwor zu. Sein -Gesicht suchte den flirrend ins Weite gerichteten Blick -Erik Truwors, bis er ihn gefunden hatte.</p> - -<p>»Wer gab dir die Macht?«</p> - -<p>Minuten verstrichen, bis die Antwort von den Lippen -des Gefragten kam.</p> - -<p>»Der Strahler!«</p> - -<p>»Wer schuf den Strahler?«</p> - -<p>Noch einmal eine lange Pause.</p> - -<p>Dann kam zögernd und etwas beschämt die Antwort: -»Silvester … du hast recht, Atma. Silvester -gab uns die Macht. Wir dürfen ihm nicht zürnen, wenn -sie jetzt durch sein Versehen gelähmt wurde.«</p> - -<p>»Ich habe ihm nie gezürnt.«</p> - -<p>Der Inder sagte es in seiner ruhigen Weise und fuhr -fort, bevor Erik Truwor etwas darauf erwidern konnte: -»Es ist nicht Zeit zum Streiten, sondern zum Handeln. -Dein Plan, Erik, den Berg einfach zu verlassen, entsprang -dem Zorn. Silvester weiß besseren Rat. Den Plan, -den Berg zu heben, von hier aus die Mission zu -erfüllen.«</p> - -<p>Die Worte Atmas trafen das Richtige und Notwendige. -Auch Erik Truwor konnte sich ihnen nicht entziehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span></p> - -<p>Es galt, die augenblicklichen Lebensmöglichkeiten zu -überschlagen.</p> - -<p>Der Luftvorrat in den Höhlen mußte nach -oberflächlicher Rechnung für wenigstens eine Woche -langen. Im obersten Gange befanden sich Lebensmittel -für mehrere Wochen. Durch einen glücklichen Zufall -war dort auch ein Lager von allerlei Werkzeugen und -Hilfsmaschinen untergebracht.</p> - -<p>Die Lage war ernst, aber für den Augenblick wenigstens -nicht verzweifelt.</p> - -<p>Doch doppelt und dreifach hatte Atma recht, als er auf -die Notwendigkeit eiligen Handelns hinwies. Die Wiederherstellung -des alten Zustandes mußte jetzt ihre Hauptsorge -sein.</p> - -<p>Es war, als ob das Schicksal sie narren wolle. Eben -noch Gebieter der Welt, Pläne schmiedend, wie sie der -Welt ihren Willen kundtun und aufzwingen könnten. -Und jetzt die Mittel für die Rettung des Lebens beratend. -Es galt den Kampf gegen eine Million Kubikmeter -Eis. Gegen diese gigantische Frostmasse, in deren -Mitte sie eingeschlossen waren wie in einer Grabkammer -der pharaonischen Pyramiden.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Jane hatte das Flugschiff der Linie Köln–Stockholm -betreten. Dr. Glossin stand unter der Menge auf dem -Flugplatz und hielt sich hinter einem Verkaufsstand für -Zeitungen und Erfrischungen verborgen. Das Schiff -wurde gut besetzt. Es zählte mehr als 120 Passagiere, -die über die Aluminiumtreppe den Rumpf betraten. Die -Aussichten, während der Fahrt von Jane nicht erblickt -zu werden, waren nicht schlecht.</p> - -<p>Erst im letzten Moment, als die Bedienungsmannschaft -schon die Treppe abrücken wollte, trat er aus seinem -Schlupfwinkel heraus und eilte als Letzter in das Schiff. -Gleich danach wurde die Tür verschraubt, die Maschinen -gingen an, und das Schiff verließ den Platz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span></p> - -<p>Dr. Glossin sah, daß der Korridor, der den Rumpf des -Schiffes der Länge nach durchzog, beinahe menschenleer -war, und eilte in die Raucherkabine. Hier wußte er -sich in Sicherheit und konnte bis zur Landung in Stockholm -bestimmt ungesehen bleiben.</p> - -<p>Erst jetzt kam er dazu, sich sein Abenteuer und die -möglichen Folgen in Ruhe zu überlegen. Wie kam Jane -dazu, so plötzlich das Haus in Düsseldorf zu verlassen -und nach Stockholm zu fahren? Auf den Gedanken, daß -sie kopflos und ohne festes Ziel in die Welt hinausfuhr, -kam er nicht.</p> - -<p>Silvester mußte sie gerufen haben. Sicherlich hatte sie -Nachricht von Silvester erhalten und fuhr jetzt den dreien -nach. Durch diese Annahme gewann das Unternehmen -aber plötzlich ein ernstes Gesicht. Silvester würde Jane -am Flugplatz bei der Ankunft erwarten. Vielleicht schon -in Stockholm. Vielleicht in Haparanda oder sonstwo.</p> - -<p>In jedem Fall mußte unvermeidlich irgendwo der -Moment kommen, in welchem Silvester an das landende -Flugschiff herantrat, um Jane in Empfang zu nehmen. -Wo Silvester war, da waren sehr wahrscheinlich auch die -beiden anderen in nächster Nähe. Der Doktor verspürte -ein kaltes Gefühl zwischen den Schultern, als er den Gedanken -zu Ende dachte. Er zog einen kleinen Handspiegel -aus der Tasche und betrachtete sorgfältig sein Antlitz. -Und nickte zufrieden. Die Veränderungen, die er -schon in Düsseldorf an seinem Äußern vorgenommen -hatte, erfüllten ihren Zweck. Beruhigt steckte er den -Spiegel wieder weg.</p> - -<p>Nicht umsonst war er lange Jahre in die Schule politischer -Verschwörungen und Intrigen gegangen. Genötigt -gewesen, bald unter dieser, bald unter jener Maske aufzutreten. -Die Veränderung des Äußern war meisterhaft. -Nicht nach der Art plumper Anfänger mit künstlichen -Bärten und Perücken, die jeder Polizeibeamte auf -den ersten Blick erkennt. Nur eine leichte Färbung des -Haares, eine andere Frisur und eine Garderobe nach<span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span> -europäischem Schnitt, die sich von der amerikanischen -Tracht bemerkenswert unterschied. Dazu seine Fähigkeit, -den Ausdruck des Gesichts, das Spiel seiner Züge -willkürlich zu verändern. Aus dem Dr. Glossin aus -Neuyork war irgendein beliebiger und gleichgültiger -europäischer Geschäftsreisender geworden.</p> - -<p>Leuten gegenüber, die ihn nur oberflächlich kannten, -mußte die Veränderung sicheren Schutz gewähren. Ob -sie den prüfenden Blicken Janes standhalten würde, war -ihm nicht so außer Zweifel. Daß Silvester, daß Atma -sie mit einem Blick durchschauen würden, war ihm gewiß. -Aber er rechnete damit, daß sie in der Freude des Wiedersehens -auf die Mitreisenden wenig achten würden.</p> - -<p>Das Schiff landete in dem Flughafen von Stockholm. -Dr. Glossin blieb an seinem Fenster sitzen. Er beobachtete -die Passagiere, die das Schiff verließen, die Leute, die -sie hier erwarteten. Jane verließ das Schiff. Sie wurde -von niemand erwartet, schien auch selbst nichts Derartiges -zu erwarten. Nach einer kurzen Frage an einen Beamten -wandte sie sich dem Schiff Stockholm–Haparanda -zu, das auf dem Nachbargleis zur Abfahrt bereitstand. -Glossin folgte ihr. Er nahm auch in dem zweiten Schiff -wieder den Platz in der Rauchkabine.</p> - -<p>Jane fuhr nach Haparanda. Es war der direkte -Weg nach Linnais. Die letzten Zweifel schwanden ihm, -daß die drei sich noch in der Nähe von Linnais verborgen -hielten, daß Jane auf einen Ruf ihres Gatten an den -Torneaelf fuhr. Er sah sie in Haparanda das Schiff -verlassen und zur Eisenbahn gehen. Es war so, wie -er vermutete. Sie nahm eine Karte nach Linnais. Er -tat das gleiche und fuhr, nur durch eine Wagenwand -von ihr getrennt, weiter nach Norden.</p> - -<p>Nun stand Jane auf dem Bahnsteig in Linnais. -Wieder allein! Niemand war hier, um sie in Empfang -zu nehmen. Der Doktor wurde in seiner Überzeugung -schwankend. Was hielt den Gatten ab, seiner jungen -Frau wenigstens die paar Kilometer entgegenzufahren, -die er jetzt noch höchstens von ihr entfernt sein konnte?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span></p> - -<p>Dr. Glossin sah Jane über den Platz vor dem -Bahnhof gehen, mit dem Führer eines Karriols -verhandeln, sah sie davonfahren. Sollte Jane ihm -im letzten Augenblick entgehen? Sollte das Karriol -sie, den Strom entlang, zu irgendeinem neuen unauffindbaren -Schlupfwinkel der drei führen? Sollte -er hier in Linnais unverrichtetersache zurückkehren -müssen? Nein und abermals nein. Er mußte -Jane folgen, mußte erkunden, wo sie hin ging, wo sie -blieb. Ein zweiter Wagen war schnell gefunden. Er gab -dem Führer nur den Auftrag, dem ersten Wagen in -einigem Abstande zu folgen.</p> - -<p>Die Fahrt ging die Uferstraße, am Torneafluß aufwärts, -entlang.</p> - -<p>Das landschaftliche Bild war schön, doch Dr. Glossin -sah nur die Gegend, in der er seine letzte Niederlage -im Kampfe gegen die drei erlitten hatte. Und er sah -vor sich die schlanke Gestalt Janes, nach der er in sehnender -Gier verlangte, der er jetzt zu folgen entschlossen -war, auch wenn der Weg ihn in den Bannkreis des -Inders und des Feuer und Tod speienden Strahlers -bringen sollte.</p> - -<p>Das Karriol vor ihm hielt auf der Landstraße. Er -sah, wie der Wagen umkehrte und leer nach Linnais -zurückfuhr. Jane war ausgestiegen und hatte einen -Weg den Bergabhang hinauf eingeschlagen. Er ließ -den eigenen Wagen bis dorthin vorfahren, hieß ihn -warten, auch wenn es Stunden dauern sollte, und folgte -der Entschwundenen den Berg hinauf. Hin und wieder -sah er ihr Kleid durch die Büsche schimmern. Der Weg -führte in leichten Serpentinen zum Truworhaus.</p> - -<p>Nun stand er am Waldrande, hatte freien Ausblick -auf die Brandstätte. Und sah Jane niedergesunken an -der von der Wut des Feuers geschwärzten und verglasten -Trümmerstätte knien. Sie hatte die kleine Handtasche -und den Telephonapparat fallen lassen und strich -mit zitternden Händen über die Steintrümmer.</p> - -<p>Das Haus, in dem sie den glücklichsten Tag ihres<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span> -Lebens, ihren Hochzeitstag, verbracht hatte, eine wüste, -brandgeschwärzte Ruine. Die blühenden Gartenanlagen -vom Feuer zerfressen. Ihr Gatte verschwunden. Keine -Nachricht von ihm.</p> - -<p>Die Erschütterung war zu groß. Mit einem Aufschrei -fiel sie ohnmächtig nieder. Jetzt brach der Riegel.</p> - -<p>Dr. Glossin sah sie fallen und rührte sich nicht von -seinem Platze. Jeden Augenblick erwartete er die Gestalt -Silvesters, die des Inders auftauchen zu sehen. -Vielleicht den Gefährlichsten der drei, Erik Truwor.</p> - -<p>Minuten verstrichen. Nichts regte sich. Da begann -er langsam die Wahrheit zu ahnen, zu vermuten und -schließlich zu erkennen. Jane war aus eigenem Antrieb -von Düsseldorf fortgegangen. Sie war an den Ort -gegangen, den sie als das Heim der drei kannte, und -sie war niedergebrochen, als sie es verwüstet und zerstört -wiedersah. Niemand erwartete sie hier. Hilflos lag sie -hier im Walde, seinem Verlangen schutzlos preisgegeben.</p> - -<p>Er trat aus dem Walde und näherte sich dem Trümmerhaufen. -Eine ungeheure Glut mußte hier gewirkt -haben. Die Granitblöcke, aus denen die Zyklopenmauern -des Truworhauses bestanden hatten, waren zu -einer zusammenhängenden glasartigen Masse verschmolzen. -Kein einfaches Feuer wäre imstande gewesen, -das Urgestein zu schmelzen. Hier mußte die telenergetische -Konzentration gewütet haben. Unzählige -Tausende von Kilowatt mußten in diesem Gestein zur -Entladung gekommen sein.</p> - -<p>Dr. Glossin näherte sich Jane. Er wollte sie aufheben, -den Berg hinunterbringen, als sein Blick auf den Telephonapparat -fiel. Es reizte ihn, die Apparatur zu versuchen. -Mit einem Griff schaltete er die Elektronenlampen -ein.</p> - -<p>Und er vernahm Worte einer wohlbekannten Stimme, -Silvesters Stimme.</p> - -<p>Es war in der vierten Nachmittagsstunde. Silvester -hatte die Antennen am Pol gespannt und suchte Jane. -Er suchte sie auf dem Bilde der Mattscheibe und konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span> -sie nicht finden. Während er mit dem Strahler die -Straßen Düsseldorfs absuchte, sprach er Worte der Verzweiflung -und der Liebe. Worte, die für Jane bestimmt -waren und von Glossin gehört wurden.</p> - -<p>»Jane, mein Lieb, wo bist du? Ich kann dich nicht -sehen. Dein Zimmer ist leer … Ich suche dich … -Alle Straßen, alle Plätze der Stadt ziehen auf dem Bilde -vor mir vorüber. Nur du bist nicht da …</p> - -<p>Ich weiß nicht, wo du bist. Vielleicht hörst du meine -Stimme. Ich will dich suchen, bis ich dich gefunden habe. -Die ganze Welt will ich durchsuchen …«</p> - -<p>Glossin erschrak. Wie weit war die entsetzliche Erfindung -gediehen! Sie konnten die ganze Welt im Bilde bei sich -betrachten. Silvester suchte in Düsseldorf. Er brauchte -nur in Linnais zu suchen, und er sah seinen alten Feind -und hatte die Macht – Glossin zweifelte keinen Augenblick -daran – ihn zu Staub und Asche zu verbrennen. -Er schleuderte das Telephon von sich, als ob er glühendes -Eisen gegriffen hätte.</p> - -<p>Weg von hier. So schnell wie möglich weg von diesem -Platze, der in der nächsten Sekunde von den dreien gesehen -werden konnte.</p> - -<p>Er stürzte sich auf Jane. Die hypnotische Verriegelung -war gebrochen. Jane war seinem Einfluß wieder -preisgegeben. Er ließ seine stärksten Künste spielen. Er -strich ihr mit den Händen über Stirn und Schläfen. -Mit äußerster Gewalt zwang er sie in seinen Bann. Mit -seiner Hilfe und auf seinen Befehl erhob sie sich. Auf -seinen Befehl hatte sie alles vergessen, was geschehen -war …</p> - -<p>In scharfem Trab brachte das Karriol sie nach Linnais. -Das Gefährt war nur für einen Passagier bestimmt. Er -mußte sie während der Fahrt eng an sich ziehen. Hier -vollendete er die hypnotische Beeinflussung …</p> - -<p>Als Jane in Linnais aus dem Wagen stieg, war sie -eine ruhige junge Dame, die mit ihrem Oheim reiste. -Wie weggewischt war die Erinnerung an Silvester, an<span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span> -das Truworhaus, an alles Böse, was Glossin ihr jemals -zugefügt hatte.</p> - -<p>Während die Bahn sie nach Haparanda brachte, während -sie im Flugschiff nach Stockholm flogen, faßte Glossin -seine letzten Entschlüsse.</p> - -<p>Die Erfindung, die gefährliche Erfindung, welche die -Macht über die Welt in die Hand eines einzigen Menschen -legte, war vollendet. Nach den Worten, die er -im Telephon gehört hatte, war kein Zweifel mehr daran -erlaubt.</p> - -<p>Cyrus Stonard kam mit seinem Entschluß zum Kriege -zu spät. Die drei lebten nicht nur, sie besaßen auch die -Macht, das Vabanquespiel des Diktators zu durchkreuzen.</p> - -<p>Es war Zeit, sich von Cyrus Stonard zu trennen, zu -den Engländern überzugehen. Dazu war es notwendig, -nach London zu gehen. Aber England war im Kriege. -Aller Luftverkehr war eingestellt. Die Linie Stockholm–London -lag still. Nur der Hornissenschwarm von hunderttausend -Kriegsflugschiffen schwärmte um die englische -Küste, bereit, jedes Fahrzeug, das sich England -auf dem Luftwege nähern sollte, zu vernichten.</p> - -<p>Wer nach England wollte, mußte den Bahntunnel -zwischen Calais und Dover benutzen. Die alte Linie -Stockholm–London war seit einigen Tagen auf Stockholm–Calais -umgelegt worden.</p> - -<p>Das Schiff brachte Glossin und Jane in wenigen Stunden -nach Calais. Seine Räder setzten bei der Landung -auf ein Gleis auf, neben dem der Zug nach London -stand. Nur ein Drahtgitter trennte den Flugsteig vom -Bahnsteig. Aber es war nicht ganz einfach, das Gitter -zu durchschreiten. Jenseit desselben, wo der Zug stand, -begann praktisch bereits England. England, das sich in -einem schweren Kriege befand. Die Paßkontrolle war -scharf. Es drängten sich viele zu den Türen, aber mehr -als einer wurde zurückgewiesen.</p> - -<p>Dr. Glossin hatte Zeit. Er stand, Jane leicht untergefaßt, -ruhig auf dem Bahnsteig und betrachtete die -Umgebung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span></p> - -<p>Die See war von hier aus nicht zu erblicken. Sie lag -drei Kilometer entfernt. Außerdem versperrten die gewaltigen -Hochbassins den Blick in dieser Richtung. Jene -Bassins, die stets mit Seewasser gefüllt waren, die sich -in gleicher Ausführung auch auf der englischen Seite -des Kanals befanden und deren Aufgabe es war, den -Tunnel in wenigen Minuten vollaufen zu lassen. Für -den Fall nämlich, daß etwa zwischen England und Frankreich -kriegerische Verwicklungen entstanden, daß Truppen -von der einen oder anderen Seite her durch den -Tunnel in das Land des Gegners zu marschieren versuchten. -Dr. Glossin betrachtete die Anlagen überlegen -lächelnd. Sie waren veraltet. Man führte den Krieg -heute auf andere Weise.</p> - -<p>Er dachte an die Pestbomben, an die falschen Banknoten. -Die Zeit verstrich darüber. Jetzt war es freier -an den Toren des Zaunes geworden. Er zog seine -Brieftasche heraus und suchte unter allerlei Papieren. Mit -einem Kartenblatt in der Hand, Jane am Arm, schritt -er durch die Sperre. Die englischen Beamten warfen -nur einen kurzen Blick auf das Papier und gaben ihm -in achtungsvoller Haltung den Weg frei. Sie kannten -die Unterschrift des Premierministers Lord Gashford.</p> - -<p>Fünf Minuten später glitt der Zug aus dem Bahnhof, -tauchte in das Dunkel des Tunnels, durchrollte die dreißig -Kilometer unter dem Meer in ebenso vielen Minuten -und eilte dann durch die Fluren von Canterbury auf -London zu.</p> - -<p>In einem großen Hotel in London nahm ein älterer -Herr in Gesellschaft einer jungen Dame Wohnung. Als -Dr. Glossin aus Aberdeen mit Nichte. Die Ausweise -über seine eigene Person, die er dem revidierenden Beamten -vorlegte, waren so vorzüglich, daß man der Behauptung, -seine Nichte habe ihre Papiere verloren, ohne -weiteres Glauben schenkte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Durch die Straßen Londons schwirrten dunkle Gerüchte. -Schlechte Nachrichten. In Afrika sollten die -neuen englischen Industriestädte in der Gegend des Kilimandscharo -von einem übermächtigen amerikanischen Geschwader -vernichtet worden sein. Ein Vorstoß auf die -Straße von Bab el Mandeb sollte den englischen -U-Panzern schwere Verluste durch Lufttorpedos gebracht -haben. Andere Gerüchte erzählten von englischen Niederlagen -in der Australischen See und auf der Reede von -Kapstadt.</p> - -<p>Im Gebäude des Kriegsministeriums hatten sich die -Mitglieder der englischen Regierung zu einer Besprechung -der Lage versammelt. Dort lagen die authentischen Depeschen -von den verschiedenen Kriegsschauplätzen vor -und waren geeignet, dem Kabinett sorgenvolle Stunden -zu bereiten.</p> - -<p>Es hatte wirklich ein schwerer Angriff amerikanischer -Luftstreitkräfte auf die junge angloafrikanische Kriegsindustrie -stattgefunden. Flugschiffe in enormer Zahl -waren plötzlich von der Ostküste her vorgestoßen, hatten -die verhältnismäßig schwachen englischen Abwehrlinien -durchbrochen und ihre Lufttorpedos auf die Industriewerke -gesetzt. Derartige Angriffe waren schließlich möglich. -Aber unerklärlich blieb es, wo die enormen Munitionsmengen -herkamen. Dem Kabinett lagen die Depeschen -verschiedener englischer Flugschifführer vor. Depeschen, -die diese, pflichtgetreu bis zum Tode, zum Teil -noch abgesandt hatten, während ihre Schiffe bereits -brennend in die Tiefe stürzten.</p> - -<p>Sir Vincent Rushbrook hielt die letzten Depeschen von -A. V. 317 in der Hand und las: »43 Grad östlicher -Länge, 2 Grad südlicher Breite. Amerikanische Schiffe -steuern nach Torpedoabwurf zur See. Verschwinden -plötzlich im Wasser. Verdacht auf unterseeischen Stützpunkt. -A. V. 317.«</p> - -<p>Eine zweite Depesche war von demselben Flugschiff -zehn Minuten später gegeben worden: »Unterwasserstation -entdeckt 42 Grad 13 Min. östlicher Länge …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span></p> - -<p>Hier brach die Depesche ab. Aus den Meldungen anderer -Schiffe wußte man, daß A. V. 317 um diese Zeit -brennend abgestürzt war.</p> - -<p>Der Premier Lord Gashford versuchte es, die Fragen -und Gedanken zu formulieren, die jedes Mitglied des -Kabinetts beschäftigten.</p> - -<p>»Warum greift Cyrus Stonard uns nicht in England -an? Wir hielten Afrika für den sichersten Teil des -Reiches. Unsere Agenten hatten uns einen amerikanischen -Angriffsplan besorgt, der einen direkten Angriff auf die -Inseln von Westen her vorsah. Der Meridian von Island -bildete danach ungefähr die Frontlinie der amerikanischen -Kräfte. Was konnte den Diktator veranlassen, -diesen so lange vorbereiteten Plan aufzugeben, die britischen -Inseln unbehelligt zu lassen, uns in Afrika anzufallen?«</p> - -<p>Sir Vincent Rushbrook war, immer noch die beiden -Depeschen von A. V. 317 in der Hand, an den Globus -getreten.</p> - -<p>»Es sieht so aus, als ob die Amerikaner einen Flottenstützpunkt -etwa auf dem Äquator an der afrikanischen -Ostküste angelegt haben. Ist es der Fall, dann, meine -Herren, hat sich Cyrus Stonard im Brennpunkt unserer -Macht festgesetzt. Von dieser Stelle aus …« – der -Admiral ergriff einen kleinen Zirkel und demonstrierte -damit auf dem Globus – »bedroht er in gleicher Weise -unsere afrikanischen Besitzungen, den See- und Luftweg -nach Indien und Indien selbst. Die letzte Depesche von -A. V. 317 ist leider verstümmelt. Aber wir kennen den -Längengrad. Sehr weit vom Äquator kann die Station -nicht sein. Ihre Zerstörung halte ich für das Allernotwendigste. -Sie muß allen anderen Kriegshandlungen -vorausgehen. Unsere Luftstreitkräfte auf dem Meridian -von Island sind dort durch den geänderten amerikanischen -Plan größtenteils entbehrlich. Ich möchte ihnen -den Befehl geben, den Meridian 42 Grad 13 Min. abzusuchen. -Ein Unterwasserstützpunkt ist immer zu finden. -Haben sie ihn gefunden, dann ist er auch vernichtet.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span></p> - -<p>Der Admiral schwieg. Er erwartete die Zustimmung -des Kabinetts zu der unter Umständen so folgenschweren -Maßnahme, die Verteidigungslinie über den Meridian -von Island zu schwächen.</p> - -<p>Lord Horace Maitland sprach: »Sie fragen, warum -Cyrus Stonard seinen Angriffsplan geändert hat, warum -er unsere Inseln meidet und auf der südlichen Halbkugel -Krieg führt. Ich will es versuchen, Ihnen den -Grund kurz und klar anzugeben. Er tut es, weil das -Unternehmen des Obersten Trotter mißglückt ist. Weil -der Bericht über den Erfolg seiner Expedition unrichtig -ist. Weil die Macht, zu deren Vernichtung England und -Amerika sich trafen, noch existiert, und weil Cyrus Stonard -diese Macht fürchtet.«</p> - -<p>Lord Maitland hatte seine Rede leise und tonlos begonnen. -Von Satz zu Satz hatte sich seine Stimme gehoben. -Jetzt schwieg er.</p> - -<p>Die Wirkung seiner Worte auf die Mitglieder des Kabinetts -war körperlich greifbar. Sir Vincent Rushbrook -ließ den Unterkiefer hängen und starrte den Sprecher -mit offenem Mund an. Lord Gashford verlor die überlegene -Ruhe und sprang auf. Der Kriegsminister versuchte, -den ihm unterstellten Oberst Trotter zu verteidigen. -Lord Horace allein behielt seinen Platz und fuhr -mit einer ruhigen, überzeugenden und schließlich alle -Hörer zwingenden Stimme fort: »Meine Herren, ich -habe bereits einmal meiner Meinung über die wenig -glückliche Wahl des Obersten Trotter für diese Expedition -Ausdruck gegeben. Er ist getäuscht worden, und die -Amerikaner haben es wahrscheinlich gewußt. Nach dem, -was ich von amerikanischer Seite über die drei in -Linnais hörte, halte ich es für ausgeschlossen, daß sie -sich von einem alten Troupier wie dem Obersten Trotter -einfach in ihrem Hause verbrennen lassen. Sein Bericht -klang zwar ganz plausibel. Aber mich hat er nicht überzeugt -und die Herren Dr. Glossin und Cyrus Stonard -wohl auch nicht.«</p> - -<p>Sir Vincent Rushbrook hatte während der Worte<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span> -von Lord Horace Gelegenheit gefunden, seinen Unterkiefer -wieder zuzuklappen. Die Färbung seines Gesichtes -war vom Roten ins Blaurote gestiegen. Jetzt brach er -los: »Kann ein Mensch mit fünf gesunden Sinnen nur -einen Augenblick glauben, daß drei einzelne schwache -Menschen einer Weltmacht gefährlich werden können? -Cyrus Stonard sollte mir leid tun, wenn er sich von solchen -Hirngespinsten plagen ließe.«</p> - -<p>Lord Horace hatte den cholerischen Admiral ruhig -ausreden lassen. Nun fuhr er selbst unbewegt fort: -»Cyrus Stonard ist besser informiert als wir. Durch -den Doktor Glossin. Glossin ist der einzige, der die -Erfindung von ihren Anfängen her kennt. Der weiß -viel besser als wir, wie weit die drei jetzt mit der Erfindung -gekommen sein dürften, wie weit sie damit wirken -können und wie weit nicht. Den Beweis dafür gibt -mir der veränderte amerikanische Kriegsplan. Die gegen -die britischen Inseln gerichteten Streitkräfte sind zurückgezogen. -Der Diktator fürchtet, die drei könnten -ihm hier in den Arm fallen. Darum verlegt er den Angriff -in die südliche Hemisphäre, wo er sich vor der Macht -der drei noch sicher fühlt …«</p> - -<p>Lord Gashford unterbrach ihn. »Wenn Sie recht -hätten, so wäre mir das Vorgehen des Diktators -erst recht unerklärlich. Wie kann er sich in einen Krieg -mit uns einlassen, wenn er die Macht der drei wirklich -fürchtet?«</p> - -<p>»Die Erklärung dafür ist in dem Wesen des Diktators -zu suchen. Cyrus Stonard ist zweifellos der größte -Staatsmann des zwanzigsten Jahrhunderts. Seit George -Washington hat er am meisten für die amerikanische -Union getan. Hätte er nicht den Ehrgeiz besessen, Diktator -zu werden und zu bleiben, hätte er wie Washington -gehandelt, er würde in der Geschichte neben und über -Washington stehen.</p> - -<p>Ehrgeiz und Machthunger haben ihn verblendet. Er -hält das amerikanische Volk, das an eine hundertfünfzigjährige -Freiheit gewöhnt war, weiter unter einem<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span> -schrankenlosen Absolutismus. Aber er sitzt auf einem -Vulkan. Er braucht ständig neue Erfolge. Bleiben die -aus, so ist's mit seiner Diktatur vorbei. Die Geschichte -lehrt es uns hundertfach. Er spielt <em class="antiqua">va banque</em> und muß -<em class="antiqua">va banque</em> spielen. Das amerikanische Freiheitsgefühl hat -den Druck nur ertragen, solange die Schmach der japanischen -Niederlage in frischer Erinnerung war und solange -Cyrus Stonard die Macht und den Reichtum Amerikas -ständig gehoben hat. Selbst dann nur widerwillig. Einen -Stillstand in seinen äußeren Erfolgen verträgt seine Herrschaft -nicht.</p> - -<p>Nach seinem Siege über Japan bleibt England als -einziger Rivale übrig. Wer die Persönlichkeit Cyrus -Stonards kennt, mußte sich klar darüber sein, daß er es -versuchen würde, diesen letzten Rivalen niederzuschlagen. -Dann war der Gipfel erreicht. Amerika beherrschte die -Welt. Cyrus Stonard beherrschte Amerika.</p> - -<p>Da stellt sich zwischen uns und ihn die geheimnisvolle -Macht. Über deren Ziele möchte ich noch schweigen, weil -ich nicht klar sehe. Er bringt es fertig, uns als Werkzeug -zur Vernichtung dieser Macht zu benutzen. Der Streich -ist mißlungen. Zum mindesten nicht sicher gelungen. -Aber Cyrus Stonard kann nicht mehr zurück. Er schlägt -los, wo er glaubt, nicht gehindert zu sein. Hätte er -jetzt, nach monatelanger Kriegsvorbereitung, Frieden gehalten, -wäre es um seine Herrschaft geschehen.</p> - -<p>Er ist in den Krieg gegangen wie ein Feldherr, der -am Erfolg zweifelt, aber lieber an der Spitze seiner -Garden fallen als zurückweichen will. Cyrus Stonard -steht auf der Grenze von Genie und Wahnsinn. Er hat -die Grenze wohl schon nach der schlimmen Seite hin -überschritten.«</p> - -<p>Die Worte Lord Maitlands hatten die Mitglieder des -Kabinetts in ihren Bann geschlagen. Die Gestalt des -Diktators stand in ihrer Größe, aber auch mit ihren -Schwächen und Leiden vor ihnen. Eine Frage des -Kriegsministers führte die Mitglieder wieder in die reale -Welt zurück.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span></p> - -<p>»Was sollen wir jetzt tun? Sollen wir uns nicht -wehren? Sollen wir uns auf eine geheimnisvolle Macht -verlassen, deren Existenz doch zum mindesten, ich will -sagen, persönliche Ansichtssache ist? Es wäre Englands -und seiner Geschichte nicht würdig, wenn wir uns in der -vagen Hoffnung auf eine übernatürliche Hilfe davon abhalten -ließen, alles Notwendige für die Sicherheit des -Reiches zu tun.«</p> - -<p>Sir Vincent Rushbrook sprach: »Unsere Islandflotte -muß sich in geschlossenem Angriff sofort auf Neuyork -stürzen. Wir werden die Fünfzehnmillionenstadt in Asche -legen. Das wird dem Diktator seine Gelüste auf Afrika -und Indien am schnellsten austreiben.«</p> - -<p>Lord Horace nahm noch einmal das Wort: »Ich befinde -mich hier in einer eigenartigen Lage. Ich -habe mich mit diesen Fragen doch vielleicht mehr beschäftigt -als ein anderes Mitglied des Kabinetts. Ich -sage Ihnen heute … denken Sie an meine Worte, -meine Herren … Wir werden das Eingreifen der -Macht in kürzester Zeit zu fühlen bekommen. Ich halte -es für richtig, daß wir uns nur auf die Verteidigung beschränken.«</p> - -<p>Die Worte des Lords Maitland vermochten das Kabinett -nicht umzustimmen. Die letzten Depeschen über -einen amerikanischen Angriff auf Indien ließen jede abwartende -Haltung als schädlich erscheinen. Indien war -die empfindlichste Stelle des britischen Weltreiches. Wer -Indien anzutasten wagte, mußte niedergeschlagen werden.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der englische Premier gab seinem Sekretär gemessenen -Auftrag. »Ich erwarte den Vierten Lord der Admiralität. -Jeder andere Besuch hat zu warten.«</p> - -<p>Der Sekretär wunderte sich nicht über den Befehl. -Die Stellung des Lords Maitland im englischen Kabinett -hatte sich in den letzten Wochen beträchtlich gehoben. -Seine genauen Kenntnisse der amerikanischen Verhältnisse<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span> -machten ihn zu einem wichtigen Mitglied des Kabinetts. -Darüber hinaus fand der alternde Lord Gashford -in ihm eine <span id="corr273">wertvolle</span> Hilfe. Eine Persönlichkeit, -die Entschlußkraft mit der abgeklärten Ruhe des gereiften -Mannes verband. Einen Mitarbeiter, der für sich -selbst gar nichts erstrebte … wenigstens nichts zu erstreben -schien und ganz in den Fragen der großen Politik -aufging.</p> - -<p>Lord Gashford hatte über die Ausführungen Lord -Maitlands in der letzten Kabinettssitzung nachgedacht. Als -Lord Horace in sein Arbeitzimmer eintrat, ging er ihm -entgegen. »Ihre Ansichten über die Beweggründe des amerikanischen -Diktators sind richtig. Wenn seine Handlungen -überhaupt logischen Gründen entspringen, können sie nur -so erklärt werden, wie Sie es neulich taten. Ich möchte -in Ihrer Gegenwart einen Besuch empfangen, dessen -Absichten mir nicht klar sind. Dr. Glossin hat sich bei -mir melden lassen.«</p> - -<p>Lord Horace konnte sein Erstaunen nicht verbergen.</p> - -<p>»Dr. Glossin hier? Sollte das ein Friedensfühler -sein?«</p> - -<p>Dr. Glossin wurde von dem Sekretär in das Gemach -geführt. Er kam mit der Unbefangenheit des vielgereisten -Weltmannes. Begrüßte Lord Horace herzlich -als einen alten Bekannten, ohne sich durch die Gegenwart -des Premierministers geniert zu fühlen. Er erkundigte -sich eingehend nach dem Befinden der Lady Diana -und führte die Konversation mit einer Leichtigkeit, als -befände er sich auf einem Fünfuhrtee und nicht bei den -leitenden Ministern eines Weltreiches. Die beiden -Engländer gingen auf die Tonart ein, obwohl -sie innerlich vor Begierde brannten, dem Zwecke -der Unterredung näherzukommen. Lord Horace schob -dem Doktor Zigarren und Feuerzeug hin. Glossin bediente -sich mit einer Gemächlichkeit, die den englischen -Staatsmännern hart an die Nerven ging.</p> - -<p>Dr. Glossin hatte zweifellos viel Zeit. Aber schließlich<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span> -hatten die Engländer noch mehr. Sie warteten -ruhig, bis er das Schweigen brach.</p> - -<p>»Meine Herren, ich halte diesen Krieg für einen Wahnsinn. -Nur der maßlose Ehrgeiz eines Mannes treibt -zwei sprach- und stammgleiche Völker in den Kampf.«</p> - -<p>Die Engländer sprachen kein Wort. Nur ein leichtes -Nicken verriet ihre Zustimmung. Der Doktor fuhr fort: -»Ich möchte die Lage durch einen Vergleich erklären. -Die Welt gehört einer großen Firma, den <em class="antiqua">Englishspeakers</em>. -Die Firma hat zwei Geschäftsinhaber. Es -sind heute zwei feindliche Brüder, die zum Schaden des -Hauses gegeneinander arbeiten. Die Firma kann nur -gedeihen, wenn ihre Leiter einig sind und einig handeln. -Müßte nicht der eine der Inhaber die Führung haben?«</p> - -<p>Dr. Glossin schwieg und wandte dem Brande seiner -Zigarre sehr eingehende Aufmerksamkeit zu.</p> - -<p>»Die feindlichen Brüder sind wohl in diesem Gleichnis -England und Amerika?«</p> - -<p>Dr. Glossin bejahte die Frage Lord Gashfords durch -ein leichtes Nicken.</p> - -<p>Der Premier sprach weiter: »Welcher von den beiden -wird dem anderen weichen?«</p> - -<p>Glossin hatte wieder mit der Zigarre zu tun, bevor -er die Antwort formulierte. Langsam, sorgfältig Wort -für Wort wägend.</p> - -<p>»Im Geschäftsleben würde es der sein, der die geringere -Erfahrung hat … der weniger tüchtige … -meistens wohl der jüngere.«</p> - -<p>Lord Horace unterbrach ihn.</p> - -<p>»Glauben Sie, daß Cyrus Stonard jemals freiwillig -weichen würde?«</p> - -<p>»Wenn nicht freiwillig, dann gezwungen!«</p> - -<p>»Das hieße Stonard stürzen! Freiwillig wird er nie -nachgeben.«</p> - -<p>»Deswegen bin ich hier!«</p> - -<p>Das Wort war heraus. Seine Wirkung auf den -Premier war unverkennbar. Lord Horace blieb äußerlich -unverändert. Nur sein Gehirn arbeitete fieberhaft<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span> -und schmiedete lange Schlußketten … Er weiß, daß -die geheimnisvolle Macht wirkt. Daß es vielleicht schon -in nächster Zeit, vielleicht in wenigen Tagen nur noch -eines leisen Anstoßes bedürfen wird, um den Diktator -zu stürzen. Er wechselt beizeiten die Fahne … Immerhin, -seine Arbeit kann England nützlich sein …</p> - -<p>Lord Gashford fragte mit leicht vibrierender Stimme: -»Wie sollte es geschehen?«</p> - -<p>»Das wird meine Sache sein!«</p> - -<p>»Sie wollen das vollbringen? Und wenn es Ihnen -gelänge, was hat England dafür zu zahlen?«</p> - -<p>»Nichts!«</p> - -<p>»Und was verlangen Sie dafür?«</p> - -<p>»Englands Freundschaft!«</p> - -<p>Lord Gashford reichte dem Doktor die Hand.</p> - -<p>»Deren können Sie versichert sein. Für die Ausführung -stehen Ihnen unsere Mittel zur Verfügung. Lord -Maitland wird die Einzelheiten mit Ihnen besprechen.«</p> - -<p>Sie hatten diese Besprechung im Stadthause von Lord -Horace. Dr. Glossin verlangte von der englischen Regierung -für sein Unternehmen keine materiellen Mittel. -Nur ein paar Einführungsschreiben an einige amerikanische -Vereinigungen. Das war alles. Lord Horace -geriet in Zweifel, ob es dem Doktor jemals gelingen -könne, mit solchen bescheidenen, fast kindlich anmutenden -Hilfsmitteln einem Manne wie Cyrus Stonard gefährlich -zu werden. »Das wäre alles, Herr Doktor?«</p> - -<p>»Alles, mein Lord.«</p> - -<p>»So wünsche ich Ihnen um der anglosächsischen Welt -willen den besten Erfolg.«</p> - -<p>»Ich danke Ihnen. Noch eine persönliche Bitte. In -meiner Begleitung befindet sich hier in London -meine Nichte, Miß Jane Harte. Mein Aufenthalt in den -Staaten könnte längere Zeit dauern. In der Voraussicht -kommender Umwälzungen und Unruhen habe ich sie -hierhergebracht. Ich bin ihr einziger Verwandter. Sie -hängt an mir, ist meine einzige Freude, hat außer mir -niemand in der Welt. Wenn ich wüßte, daß sie in Ihrem<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span> -Hause … bei Ihnen … bei Lady Diana einen Anhalt -findet, wäre ich Ihnen mehr zu Dank verpflichtet, -als ich es Ihnen in Worten ausdrücken kann.«</p> - -<p>»Ich werde die junge Dame als Gast in mein Haus -nehmen. Sie soll in sicherer Hut bei uns bleiben, bis Sie, -Herr Doktor, aus den Staaten zurück sind.«</p> - -<p>Der Doktor ergriff die Hand Lord Maitlands.</p> - -<p>»Ich danke Ihnen, mein Lord. Ich bedauere es, Lady -Diana nicht persönlich meine Empfehlung übermitteln zu -können …«</p> - -<p>Dr. Glossin ging, den Mann zu verraten, durch den er -zwanzig Jahre mächtig und reich gewesen war.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Seit jener Stunde, in der Diana die Todesnachricht -Erik Truwors empfing, in der sie in der Fülle überströmender -Gefühle ihre ganze Vergangenheit vor Lord -Horace bloßlegte, war das Verhältnis der Gatten ein -anderes geworden. Lady Diana zog sich nach Maitland -Castle zurück. Lord Horace blieb in London, um -sich mit verdoppeltem Eifer den Regierungsgeschäften -zu widmen. Nicht nur die Sorge um das Land trieb -ihn dazu, sondern wohl ebenso stark das Verlangen, sich -durch angestrengte Arbeit zu betäuben, durch rastlose -Tätigkeit der quälenden Gedanken ledig zu werden, die -ihn seit jener Unterredung nicht loslassen wollten.</p> - -<p>Mit dem Toten hatte er bald abgeschlossen. Was -Diana getan, um dem Jugendgespielen, dem Manne, -dessen Gattin sie werden sollte und fast war, den Abschied -vom Leben leicht zu machen, das hatte er mit -der abgeklärten Ruhe des gereiften Mannes verstehen -und verzeihen gelernt.</p> - -<p>Die Unruhe und Qual schuf ihm der andere. Der -Lebende – den Diana noch für tot hielt. Und zu dessen -Vernichtung sie doch ihre Hand geboten hatte.</p> - -<p>War dieser Haß echt? Konnte solcher Haß echt sein?</p> - -<p>War es nicht nur in Haß verkehrte Liebe, die wieder -Liebe werden konnte?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_277">[277]</a></span></p> - -<p>Erik Truwor lebte!</p> - -<p>Wie würde Diana die Nachricht von seiner Rettung -aufnehmen?</p> - -<p>Er bangte vor der kommenden Stunde und sehnte -sie doch herbei.</p> - -<p>Die Nachricht, daß sie nach London kommen solle, erreichte -Diana um die vierte Nachmittagsstunde in Maitland -Castle. Der Diener, der ihr die Botschaft -überbracht, hatte längst den Raum verlassen. Diana -saß immer noch regungslos und hielt das Papier -in den Händen. Das Faksimile des chemischen Fernschreibers -zeigte die charakteristischen Schriftzüge ihres -Gatten. Nur wenige Worte.</p> - -<p>»Ich bitte Dich, umgehend nach London zu kommen.«</p> - -<p>Was bedeutete diese Botschaft? Horace rief sie … -rief sie … warum?</p> - -<p>Ihre Brust wogte im Widerstreit der anstürmenden -Gefühle. Seit jenem Tage der Aussprache hatte sie -Horace nicht wieder gesehen. In stillschweigender Übereinkunft -hatte sie sich einer freiwilligen Verbannung -unterworfen.</p> - -<p>Ihre hellsichtigen Frauenaugen erkannten wohl, daß -ein Mann, auch wenn er die Großherzigkeit ihres Gatten -besaß, nicht so leicht und schnell über das hinwegkommen -konnte, was sie ihm in ihrer Seelennot offenbarte. Deshalb -hatte sie gewartet. Von Tag zu Tag … geduldig. -Doch je länger sie warten mußte, desto schlimmer fraß -die Pein des Wartens an ihr. Ihre Liebe zu Horace -war so stark und rein, daß ihr nicht einen Augenblick der -Gedanke kam, ganz andere Ängste und Sorgen könnten -ihres Gatten Herz beschweren. Hätte sie es gewußt, wie -leicht wäre es ihr gewesen, seinen Argwohn zu zerstreuen.</p> - -<p>In windender Fahrt trug die schnelle Maschine -Diana Maitland, ihre Zweifel, ihre Hoffnungen und -Wünsche nach London.</p> - -<p>Ohne sich erst in ihre eigenen Räume zu begeben, betrat<span class="pagenum"><a id="Seite_278">[278]</a></span> -sie das Arbeitzimmer ihres Gatten. Lautlos schlossen -sich die schweren Portieren hinter ihr. Der schwellende -indische Teppich dämpfte ihren Schritt.</p> - -<p>Lord Horace saß am Schreibtisch, das Gesicht dem Fenster -zugewandt.</p> - -<p>Diana umfaßte seine Gestalt mit ihren Blicken.</p> - -<p>Was dachte er? …</p> - -<p>Wie wird er ihr entgegentreten? …</p> - -<p>Der erste Gruß. Wie wird er sein?</p> - -<p>Tonlos formten ihre Lippen das eine Wort: »Horace!«</p> - -<p>Der Hauch drang nicht an sein Ohr.</p> - -<p>»Horace!« Rauh und gepreßt tönte der Name durch -den Raum.</p> - -<p>»Diana!« … Lord Horace war aufgesprungen. Die -Gatten standen sich gegenüber. Ihre Blicke begegneten -sich und wichen einander aus.</p> - -<p>Dianas Herz krampfte sich zusammen. Was sie erhoffte, -was sie ersehnte … es war es nicht. Ihre Augen -wurden still. Ein konventionelles Lächeln spielte um den -Mund, als sie sagte: »Du hast mich rufen lassen, Horace.« -Ihre Hände berührten sich, und doch verspürte keine den -Druck der anderen.</p> - -<p>»Ich danke dir für dein Kommen, Diana. Eine Bitte, -die uns beide betrifft und mir besonders am Herzen liegt, -trieb mich, dich zu rufen. Ich hatte heute vormittag eine -Unterredung mit Dr. Glossin.«</p> - -<p>Diana horchte auf.</p> - -<p>»Dr. Glossin? Wie kommt der hierher? Es ist doch -Krieg. Als Friedensunterhändler? … In Stonards -Mission?«</p> - -<p>»Nein!«</p> - -<p>»Nicht? Weshalb ist er hier?«</p> - -<p>»Um Cyrus Stonard zu verraten!«</p> - -<p>»Ah …!«</p> - -<p>Lady Diana hatte in der Erregung des Gespräches bis -jetzt noch nicht die Zeit gefunden, sich zu setzen. Lord -Horace rollte ihr einen Sessel herbei.</p> - -<p>»Ah! … Das versöhnt mich mit ihm. Welches Glück,<span class="pagenum"><a id="Seite_279">[279]</a></span> -wenn dieser Bruderkrieg vermieden wird! Dieser sinnlose -Kampf, der Hunderttausende Englisch sprechender -Frauen zu Witwen, ihre Kinder zu Waisen macht. Wenn -das dem Doktor gelingt, wenn er das schafft, soll ihm -vieles, nein, alles verziehen sein.«</p> - -<p>Lord Horace wiegte nachdenklich das Haupt.</p> - -<p>»Ja, Diana … nicht ganz so, wie du denkst.«</p> - -<p>»Wie meinst du?«</p> - -<p>»Der Krieg würde auch ohne das alles in allernächster -Zeit beendet sein!«</p> - -<p>»Wodurch?«</p> - -<p>»Durch die geheimnisvolle Macht der drei in Linnais!«</p> - -<p>Diana Maitland sank in ihren Sessel zurück. Sie erblaßte, -während ihre Augen sich zu unnatürlicher Weite -öffneten.</p> - -<p>»Die drei in Linnais? … Sind die nicht tot?«</p> - -<p>»Wir dachten es … Wir hofften es.«</p> - -<p>»Sie leben?«</p> - -<p>»Sie leben! Sie haben es deutlich bewiesen. Unsere -Stationen müssen ihre Befehle funken.«</p> - -<p>»Und die sind? … Die lauten?«</p> - -<p>»Wer das Schwert nimmt, soll durch das Schwert umkommen. -Die Macht warnt vor dem Kriege.«</p> - -<p>Lord Horace unterbrach seine Rede. Er sah, wie die -Augen seiner Gattin sich schlossen und ein frohes Lächeln -ihren Mund umspielte. In diesem Augenblick sah sie aus -wie ein glückliches Kind, dem ein Lieblingswunsch erfüllt -wurde. Er sah es und dachte: Erik Truwor!</p> - -<p>Lady Diana sprach wie eine Träumende, wie eine -Seherin.</p> - -<p>»Ah! … die drei in Linnais … Sie leben … -leben und handeln zum Segen der Welt!«</p> - -<p>»Zum Segen?«</p> - -<p>»Ist es kein Segen, wenn der Krieg vermieden wird? -Sinnloses Morden … Totschlag und Raub …«</p> - -<p>»Auf den ersten Blick vielleicht. Aber die Folgen werden<span class="pagenum"><a id="Seite_280">[280]</a></span> -nicht ausbleiben. Wie wird sich das für die Zukunft -auswirken?«</p> - -<p>»Die Welt wird ein Paradies sein!«</p> - -<p>»Glaubst du?«</p> - -<p>»Gewiß selbstverständlich!«</p> - -<p>»Ich nicht … Ich glaube es nicht … kann es -nicht glauben …«</p> - -<p>»Was?«</p> - -<p>»… kann es nicht glauben, daß ein Mann, dem ein -Zufall … ein Schicksal solche Macht in die Hände gegeben -hat, daß der …«</p> - -<p>»Daß der …«</p> - -<p>»Daß der die Macht nicht mißbraucht!«</p> - -<p>»Mißbrauchen? Mißbraucht?«</p> - -<p>»Mißbraucht, um die in seine Hand gegebene Menschheit -zu knechten. Um sich zum Herrscher der Welt zu -machen.« Lord Horace sprach die letzten Worte trübe -und sinnend vor sich hin.</p> - -<p>»Du fürchtest, daß … daß … nein! Erik Truwor? -Nein!«</p> - -<p>In der Erregung des Zwiegesprächs waren sie aufgesprungen -und standen sich hochatmend gegenüber.</p> - -<p>»Niemals! Niemals!« Diana wiederholte es mit -wachsender Überzeugung.</p> - -<p>»Dann wäre er ein Gott!«</p> - -<p>Die Erregung Dianas löste sich in einem harten, stolzen -Lachen.</p> - -<p>»Ein Gott? … Nein! Ein Mann ist er! Ein Mann!«</p> - -<p>»Und wir?« Resignation klang aus den beiden -kurzen Worten. Diana legte ihm die Hände auf -die Schultern.</p> - -<p>»Ihr … ihr … Horace .. ihr seid Politiker .. -eure Gedanken gehen nicht über die Grenzen eurer Interessen. -Er … er überschaut Reiche! Ihr arbeitet -für die Zeit. Er denkt an die Ewigkeit!«</p> - -<p>»Du kennst ihn, ich kenne ihn nicht. Du standest ihm -nahe. … Du bist ein Weib … Wir Männer sehen -die Dinge nüchterner. Ich sage dir, es wird kein Paradies<span class="pagenum"><a id="Seite_281">[281]</a></span> -auf Erden, aber es wird schweres Unheil für die ganze -Welt daraus entstehen.«</p> - -<p>»Wenn er ein Mensch wäre wie ihr. Aber er ist der -ideale Mensch. Der vollkommene Mann. Er wird die -Macht … die wunderbare Macht nur zum Wohl der -Menschheit, zum Glück der Welt verwenden … Ja, ich -kenne ihn. Er geht mit reinem Herzen an die große -Aufgabe. Er erstrebt nichts für sich, alles für die Menschheit. -Er ist Erik Truwor. Das Wort sagt mir alles.«</p> - -<p>Lord Horace sprach nicht aus, was er in diesem Augenblick -dachte. Daß auch ihm das eine Wort, der eine Name -nur allzuviel sage.</p> - -<p>Mit müder Gebärde winkte er ab.</p> - -<p>»Laß es gut sein, Diana. Was hilft Streiten? -Das Geschick wird sich schneller erfüllen, als uns allen -lieb ist.</p> - -<p>Zurück zu dem Zweck unserer Unterhaltung. Dr. -Glossin ließ seine Nichte Miß Jane Harte bei seiner Abreise -allein in London zurück. Ich versprach ihm, sie bei -uns aufzunehmen, bis er zurückkommt.</p> - -<p>Das junge Mädchen ist hier im Hause. Ich will gehen -und es holen.«</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Erik Truwor faßte das Ergebnis der Untersuchung zusammen. -Der Eisberg war mit seiner Basis halb schräg -nach unten in das Wasser gefallen und hatte dann wieder -Halt gefunden. Es war natürlich auch mit Hilfe des -kleinen Strahlers leicht möglich, einen Ausgang aus dem -Eise ins Freie zu schmelzen.</p> - -<p>Aber sie befanden sich in einer komprimierten Atmosphäre. -Die Luft in der Eishöhle war auf das Doppelte -des gewöhnlichen Luftdrucks zusammengepreßt. In ihren -Lungen hatte der hohe Druck sich ausgeglichen. Schafften -sie der Luft plötzlich einen Ausgang ins Freie, so -mußte die schnelle Druckverminderung sie töten. Die zusammengepreßte -Luft in ihrem Innern hätte ihre Lungen -zerrissen, ihre Leiber zerfetzt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_282">[282]</a></span></p> - -<p>Doch auch ein langsames Ablassen der Druckluft gewährte -keine Sicherheit. Sie wußten ja nicht, bis zu -welcher Höhe der Wasserspiegel draußen den Berg umgab. -Wie tief der Berg in den geschmolzenen See eingesunken -war. Es konnte geschehen, daß das Wasser beim -Ablassen der Luft schließlich die Decke des höchsten Raumes -erreichte. Dann wurden sie ertränkt wie die Mäuse -in der Falle.</p> - -<p>Das Mittel, allen diesen Schwierigkeiten zu entgehen, -hatte der Geist Silvesters entdeckt.</p> - -<p>»Wir müssen den Berg ausschmelzen. Der ganze massive -Kern muß als Schmelzwasser in die Tiefe gehen. -Nur eine leichte äußere Schale darf stehenbleiben. Leichte -Fußböden und Wände, die der Schale Halt geben. Dann -wird er sich heben, wird leicht auf dem Wasser -schwimmen …«</p> - -<p>Der Plan war gut, aber die Frage der Luftbeschaffung -machte Schwierigkeiten. Die wenige Luft, die in den -vorhandenen Gängen eingeschlossen war, würde niemals -genügen, das ganze Innere des ausgeschmolzenen Berges -zu füllen.</p> - -<p>Sie mußten also mit Vorsicht eine Rohrverbindung mit -der Außenwelt herstellen, mußten die Luftpumpe mit -vieler Mühe aus einem halb überfluteten Gange herbeischaffen -und von außen her Luft in das Innere pumpen, -als das große Schmelzen begann, als Tausende von Tonnen -Schmelzwasser in die Tiefe flossen und der massive -Eisriese von Stunde zu Stunde immer mehr die lockere -Struktur einer Bienenwabe annahm.</p> - -<p>Aber sie spürten auch den Erfolg. Der Berg hob sich. -Sie merkten es daran, daß er wieder in die wagerechte -Lage kam und daß die unteren überfluteten Gänge allmählich -vom Wasser frei wurden.</p> - -<p>Sie arbeiteten ohne Unterlaß. Silvester war Tag -und Nacht tätig. Die Vorwürfe Erik Truwors brannten -ihm schwer auf der Seele. Er wollte mit Hingabe seiner -ganzen Kraft wieder gutmachen, was durch sein Versehen -verdorben war, und mutete sich mehr zu, als sein<span class="pagenum"><a id="Seite_283">[283]</a></span> -geschwächter Organismus auf die Dauer aushalten -konnte.</p> - -<p>Bis die mißhandelte Natur sich rächte. Atma sprang -hinzu, als Silvester neben dem Strahler, mit dem er -die neuen Höhlen und Zellen in den Berg schnitt, zu -Boden taumelte. Es bedurfte aller Künste des Inders, -um das aussetzende Herz des Erschöpften zum Weiterschlagen -zu zwingen und die schwere Ohnmacht in einen -wohltätigen Schlaf zu verwandeln.</p> - -<p>Freilich hatte Silvester Grund zu Eile und Anstrengung. -Der Berg mußte gehoben, in seine endgültige -Lage gebracht sein, bevor die Polarkälte ihre Wirkung -tat, bevor die Oberfläche dieses durch einen so unglücklichen -Zufall entstandenen Sees sich wieder mit einer -schweren Eiskruste überzog. Denn fror der See, so war -der Berg fest eingekittet, alle Versuche, ihn zu heben, -wurden vergeblich.</p> - -<p>Endlich war es gelungen. In hundert Stunden hatten -sie das Werk getan. Nun hieß es warten und sich gedulden, -bis das eintrat, was sie vorher so sehr zu fürchten -hatten. Erst nachdem der gehobene Berg festgefroren -war, konnten sie es wagen, seine Außenwand zu durchbrechen, -durften sie die Tür dieses gigantischen Gefängnisses -sprengen. Sie rechneten, daß wenigstens noch einmal -fünfzig Stunden verstreichen müßten, bevor das -frisch gebildete Eis den erleichterten Berg tragen würde.</p> - -<p>Die Laune des Schicksals schenkte dem Präsident-Diktator -noch einmal eine Frist. Krieg und Kriegsgeschrei -erfüllten noch einmal die Welt. Von einer sinnlosen -und lächerlichen Kleinigkeit hing es ab, wie lange -der Vernichtungskampf zweier Weltreiche anhalten sollte. -Einfach davon, wie schnell oder wie langsam sich in der -arktischen Eiswüste auf einem Tümpel von mäßiger -Größe eine tragfähige Eisfläche bilden würde.</p> - -<p>Fünfzig Stunden, in denen die Insassen des Berges -nichts anderes tun konnten, als tatenlos zu warten. Abgeschnitten -von der Welt, ohne Kunde von dem, was -draußen vorging.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_284">[284]</a></span></p> - -<p>Atma saß am Lager Silvesters. Er zwang ihn, sich -wohltätiger Ruhe hinzugeben, seinem armen mißhandelten -Herzen, das immer noch unruhig und unregelmässig -gegen die Rippen pochte, Erholung zu gönnen.</p> - -<p>Erik Truwor war allein, eine Beute quälender Gedanken, -die sich nicht verjagen ließen.</p> - -<p>Was war in den Tagen ihrer Gefangenschaft geschehen? -Hatten die ersten Warnungen der Macht genügt, -oder war der Krieg doch ausgebrochen?</p> - -<p>Besaß die Menschheit so viel Einsicht, der sinnlosen -Zerstörung aus eigener Kraft Einhalt zu gebieten?</p> - -<p>War das der Fall, dann würde er das Werk so ausführen -können, wie er es geplant hatte.</p> - -<p>Aber wenn sie ihm nicht gehorchten? Wenn sie in -diesen Tagen seiner erzwungenen Untätigkeit übereinander -herfielen?</p> - -<p>War das nicht der Beweis dafür, daß sie noch nicht -zur Selbstregierung reif waren, daß sie einen Selbstherrscher -brauchten, zu ihrem Glücke gezwungen werden -mußten?</p> - -<p>Wer sollte sie dann zwingen? Die Träger der Macht. -Drei Köpfe, drei Sinne!</p> - -<p>Nur einer konnte der Herr sein. Wer sollte es sein?</p> - -<p>Silvester, der stille Gelehrte, der Forscher?</p> - -<p>Oder Atma? Der Schüler des Buddha Gautama und -des Tsongkapa?</p> - -<p>Nein und nochmals nein! Nur er selbst konnte es sein. -Der Nachfahr des alten Herrengeschlechtes, dem eine -zweifache Prophezeiung noch einmal die Herrschaft versprach.</p> - -<p>Die Wucht der Gedanken riß Erik Truwor empor. Er -sprang auf und irrte durch die Eisklüfte des gehöhlten -Berges.</p> - -<p>Er war von der Vorsehung auserwählt. Ihm hatte -das Schicksal die unendliche Macht in die Hand gegeben. -Er brauchte Gehilfen, treu ergebene Paladine, um sie -auszuüben. Dazu hatte das Geschick ihm die Freunde -an die Seite gestellt. So war die Weissagung von<span class="pagenum"><a id="Seite_285">[285]</a></span> -Pankong Tzo zu deuten. Dem Herrscher die Macht, -seinen Paladinen das Wissen und den Willen.</p> - -<p>So mochte es einem Cäsar zumute gewesen sein, ehe -er den Rubikon überschritt, so einem Napoleon, als er -den Sturm auf Italien wagte, so einem Stonard, als er -gegen die Gelben im Westen der Union losbrach.</p> - -<p>Das Schicksal rief ihn. Das Schicksal hatte Ungeheures -mit ihm vor, wenn … wenn in diesen Tagen der -Kampf ausgebrochen war. Mit kaum zu bändigender -Ungeduld erwartete er die Stunde der Befreiung aus -dem eisigen Gefängnis.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Nur dem Wunsch ihres Gatten folgend, hatte Diana -Maitland Jane in ihr Haus in Maitland Castle aufgenommen. -Widerstrebend zuerst, hatte sie sie dann liebgewonnen. -Wenn dies junge Mädchen eine Verwandte -des Dr. Glossin war, so hatte sie jedenfalls nichts von -den zweifelhaften Eigenschaften ihres Oheims geerbt.</p> - -<p>Mochte Dr. Glossin auch tausendmal gelogen haben, -diesmal hatte er die Wahrheit gesprochen, als er sagte, -daß Jane einsam und hilfsbedürftig sei. Lady Diana -erkannte es mit dem geübten Blick der gereiften und -lebenserfahrenen Frau.</p> - -<p>Sie nahm sich vor, der Verlassenen eine mütterliche -Freundin zu sein. In Maitland Castle während dieser -Tage politischer Hochspannung und kriegerischer Verwickelungen -selbst vereinsamt, zog sie sie in ihre Gesellschaft -und hatte sie den größten Teil des Tages um sich. -Dabei aber mußte sie die Entdeckung machen, daß die -Seele des jungen Menschenkindes Rätsel barg.</p> - -<p>Lady Diana fand, daß in den Erinnerungen Janes -Lücken klafften. Was sie erzählte, erzählte sie schlicht -und einfach, ohne Widersprüche. Aber plötzlich, an bestimmten -Stellen, stockte die Erzählung, brach die Erinnerung -ab, und es war Diana nicht möglich, die Lücken -zu überbrücken.</p> - -<p>Dazu der häufige Wechsel der Stimmung. Eben noch<span class="pagenum"><a id="Seite_286">[286]</a></span> -heiter, fast ausgelassen. Dann wieder still, grübelnd, -nachdenklich, zerstreut. Wechselnde Stimmungen, schwankende -Abneigungen und Sympathien, die sich bei den -gemeinschaftlichen Mahlzeiten sogar in der Wahl der -Speisen äußerten.</p> - -<p>Diana Maitland hatte sich gesprächsweise mit ihrer -Beschließerin über Jane unterhalten. Die sonderbaren -Andeutungen der Alten gingen ihr nicht aus dem Sinn.</p> - -<p>Jane machte sich an einem Tischchen zu schaffen, das -in einem der großen erkerartig ausgebauten Bogenfenster -stand. Sie hatte den Tischkasten aufgezogen, -kramte in verschiedenen Kleinigkeiten, die dort lagen, -schien irgend etwas zu suchen. Diana sah, wie sie ein -Garnknäuel und ein Buch herausnahm, die Gegenstände -zerfahren und unsicher auf den Tisch legte und -dann ein Zeitungsblatt aus dem Kasten holte. Ein -altes Blatt, mehrfach geknifft, eine Notiz darauf mit -Buntstift angestrichen.</p> - -<p>Die Sonne fiel durch das Erkerfenster und wob goldene -Reflexe um die schweren blonden Flechten Janes. -In dieser Beleuchtung, die ihre zarte Schönheit noch -hob, wirkte sie unwahrscheinlich ätherisch, wie eine der -Gestalten auf den bunten Stichen von Gainsborough. -Diana Maitland betrachtete das Bild mit Wohlgefallen.</p> - -<p>Jane saß leicht vorgebeugt an dem Tischchen. Ihre -Blicke ruhten auf dem Zeitungsblatt. Der zerstreute, -träumerische Zug, den Diana in den letzten Tagen so -oft an ihr beobachtet hatte, lag auf ihrem Antlitz. Jetzt -straffte sich ihre Miene. Ihr Auge haftete auf einem -Punkt des Blattes, während sie angestrengt nachzudenken -schien. Als ob sie etwas suche, eine Erinnerung, -ein Wort, einen Namen, auf den sie nicht kommen -könne. Es sah aus, als ob dies angestrengte Sinnen -ihr körperliche Pein bereite.</p> - -<p>Diana Maitland sah die Wandlung und rief sie an: -»Was ist Ihnen, Jane?«</p> - -<p>Wie geistesabwesend ließ Jane das Zeitungsblatt sinken -und fuhr sich über die Stirn.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_287">[287]</a></span></p> - -<p>»Linnais … Linnais …«</p> - -<p>»Jane, was haben Sie? Was ist Ihnen Linnais?«</p> - -<p>Als Diana das Wort Linnais aussprach, erhob sich -Jane wie eine Schlafwandlerin. Suchend, stockend -brachte sie einzelne Worte hervor.</p> - -<p>»Linnais … Brand … Ruinen … alles tot …«</p> - -<p>Sekundenlang stand Diana in starrem Staunen.</p> - -<p>»Nein, Jane … Sie leben!«</p> - -<p>»Leben … Linnais … leben … Hochzeit … -meine Hochzeit … Kirche … Atma … Erik Truwor …«</p> - -<p>Diana Maitland sank schwer atmend in ihren Sessel -zurück. Ihre Augen hingen an den Lippen Janes, die -weiterflüsterten:</p> - -<p>»… meine Hochzeit …«</p> - -<p>»Mit Erik Truwor?«</p> - -<p>»Nein … nein … mit …«</p> - -<p>»Mit …«</p> - -<p>»Mit … mit …«</p> - -<p>Jane suchte und konnte den Namen ihres Gatten nicht -finden. In ängstlichem Grübeln krauste sich ihre Stirn.</p> - -<p>»Mit Logg Sar?«</p> - -<p>»Silvester …!« Wie ein erlösender Aufschrei kam -es von Janes Lippen. »Silvester … Silvester … -wo ist er?«</p> - -<p>Diana trat auf die Schwankende zu und geleitete sie -zu einem Ruhebett. Ein tiefes Schluchzen erschütterte -den zarten Körper Janes. Als sie die Augen aufschlug, -war ihr Blick gewandelt. Nicht mehr unsicher und traumverloren. -Klar und fest.</p> - -<p>»Silvester! Ich habe ihn wieder!«</p> - -<p>»Was ist Ihnen Silvester?«</p> - -<p>»Er ist mein Mann! Mein lieber Mann!«</p> - -<p>Die Gedanken Dianas jagten sich. Was war das? -Was hatte Dr. Glossin getan? Welches Verbrechen war -an dem Mädchen begangen worden? Diana Maitland -fand die härtesten Ausdrücke für den Arzt. Wie konnte -er die Gattin Logg Sars als seine Nichte, als junges<span class="pagenum"><a id="Seite_288">[288]</a></span> -Mädchen in ihr Haus einführen? Wie kam die Gattin -Logg Sars in die Gewalt Glossins?</p> - -<p>Jane richtete sich auf dem Diwan empor und begann -zu sprechen. Fließender, endlich ganz frei. Die hypnotische -Kraft Dr. Glossins reichte an diejenige Atmas -nicht heran. Ein einfaches Zeitungsblatt, jenes schwedische -Blatt, welches von Glossins Hand selbst unterstrichen -den Namen Linnais trug, hatte genügt, den -von ihm gelegten Riegel zu brechen.</p> - -<p>Die volle Erinnerung kam Jane wieder. Sie erzählte, -wie sie in der Sorge um Silvester von Düsseldorf nach -Linnais ging, Brandruinen fand, wo sie einst Hochzeit -gehalten. Wie Dr. Glossin, ihr selbst unerklärlich, plötzlich -vor ihr stand, wie sie ihm willenlos folgen mußte.</p> - -<p>»Dein Silvester lebt, Jane! Er und seine Freunde! -Wir wissen es. Lord Horace sagte es mir. Unsere -Stationen müssen ihre Befehle funken.«</p> - -<p>»Er lebt. Ich höre es. Ich glaube es gern … -gern … Aber er weiß nicht, wo ich bin. Ich habe in -törichter Sorge seine Weisung mißachtet, bin fortgelaufen. -Er sucht mich vergeblich, kann mir keine Nachricht -geben.«</p> - -<p>Lady Diana brachte bald heraus, wie diese Benachrichtigungen -früher stattgefunden hatten. Aber der -kleine Telephonapparat war verschwunden. Irgendwo -in Linnais geblieben. Damals, als Dr. Glossin in ihm -die Stimme Silvesters vernahm, die Kraft des Strahlers -zu fürchten begann und den Apparat wie glühendes -Eisen von sich schleuderte. Die Wellenlänge, auf die -Silvester den Apparat gestimmt hatte, war damit verloren. -Die Möglichkeit einer Verständigung in der früheren -Art ausgeschlossen.</p> - -<p>Es blieb nur die öffentliche Regierungsstation, die -Möglichkeit, eine Depesche in der Wellenlänge dieser -Station abzugeben. Zu gewöhnlichen Zeiten eine -einfache Sache. Jetzt in den Tagen des Krieges und -der Zensur eine schwierige, fast unlösliche Ausgabe. -Diana Maitland übernahm es, sie zu lösen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_289">[289]</a></span></p> - -<p>Der Luftverkehr auf den britischen Inseln war des -Krieges halber verboten. In ihrem schnellen Kraftwagen -fuhr sie selbst nach Cliffden in die große englische -Station. Sie suchte den Stationsleiter auf und -hatte eine lange Unterredung mit ihm. Sie bat, beschwor -und drohte, bis der Widerstand des Beamten -überwunden war. Bis er vom Buchstaben seiner Instruktion -abwich und die kurze Depesche zur Absendung -entgegennahm. Lady Diana blieb an seiner Seite, solange -die Depesche umgeschrieben und von den Perforiermaschinen -für die Sendung vorbereitet wurde. Sie -stand neben ihm, als der Geberautomat den Papierstreifen -zu verschlingen begann, als Hebel tanzten und -Kontakte polterten, als die ersten Worte der Depesche</p> - -<p> -»Jane an Silvester …«<br /> -</p> - -<p>auf den Flügeln elektrischer Wellen in den Luftraum -strömten. Sie blieb neben dem Stationsleiter stehen, -bis der Streifen dreimal durch den Apparat gelaufen -war. Dann ging sie zu ihrem Kraftwagen und kehrte -nach Maitland Castle zurück.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Am siebenten Tage nach der Katastrophe wagten es -die Eingeschlossenen. Sie ließen die Druckluft aus dem -Eisberge langsam ins Freie entweichen. Erik Truwor -stand am Ventil, den Blick auf dem Druckzeiger. Im -untersten Gange beobachtete Silvester den Wasserspiegel. -Das Mikrophon am Munde, bereit, Alarm zu geben, -wenn das Frischeis nicht hielt, der Berg sich senkte, das -Wasser stieg.</p> - -<p>Mit leisem Pfeifen entwich die Luft. Langsam fiel -der Zeiger des Manometers. Nur noch wenige Linien -stand er über dem Nullpunkt. Erik Truwor lehnte sich -gegen die Eiswand, drückte das Ohr gegen die Fläche, -um jedes Knistern, jedes kommende Brechen des Eises -so früh wie möglich zu spüren.</p> - -<p>Es blieb ruhig. Nur das schwächer und schwächer<span class="pagenum"><a id="Seite_290">[290]</a></span> -werdende Pfeifen der entweichenden Luft. Jetzt nur -noch ein leichtes Rauschen. Der Zeiger stand auf dem -Nullpunkt. Der Druck war ausgeglichen. Der Berg -hielt sich ohne Unterstützung der Preßluft.</p> - -<p>Schnell fraß der kleine Strahler einen neuen Ausgang -durch die Schale des Berges. Die Antenne in Ordnung -bringen, den Verkehr mit der Welt wieder herstellen, -das war jetzt das Wichtigste. Die Antenne auf dem Abhang -des Berges war unversehrt geblieben. Nur die -Verbindungen nach den Apparaten hin waren bei der -Katastrophe zerrissen. Zehn Minuten genügten, um -eine Notleitung zu legen. Kaum war die letzte Verbindung -gemacht, die letzte Schraube angezogen, als auch -schon wieder Leben in die Apparate kam, die alle diese -Tage hindurch still und tot dagelegen hatten. Die -Farbschreiber klapperten, die Laufwerke rollten, und die -Streifen, dicht mit Morsezeichen bedeckt, quollen unter -den Farbrädern hervor. Nachrichten aus Amerika und -Europa, aus Indien und Australien.</p> - -<p>Das Schicksal ging seinen Weg. Der Krieg war ausgebrochen. -Englische und amerikanische Luftstreitkräfte -waren an den verschiedensten Punkten der Welt zusammengeraten. -Die große englische Schlachtflotte hatte -ihren Hafen verlassen um die amerikanische Ostküste -anzugreifen. Die amerikanische Flotte war ihr entgegengefahren. -Nur noch vierundzwanzig Stunden, und es -kam zu einer gewaltigen Schlacht mitten im Atlantik.</p> - -<p>Die Frage, die sich Erik Truwor in diesen Tagen unfreiwilliger -Ruhe so oft vorgelegt hatte, war entschieden. -So entschieden, wie er es in unruhigen Nächten -gefürchtet hatte. Die Menschheit hörte nicht auf seine -Worte. Sie war nicht fähig, sich selbst zu regieren. Sie -brauchte den Herrn, der sie zwang.</p> - -<p>Er fühlte, wie seine Ideale zusammenbrachen. Sie -taten da draußen nichts aus freien Stücken und irgendeinem -Ideal zuliebe. Wer die Macht hatte oder zu -haben glaubte, benutzte sie rücksichtslos. Seine Warnungen -waren unbefolgt verhallt. Sie würden ihm<span class="pagenum"><a id="Seite_291">[291]</a></span> -nur gehorchen, wenn er Brand und Mord hinter jeden -seiner Befehle setzte.</p> - -<p>Die Stunde der Entscheidung war gekommen. Wenn -er durchsetzen wollte, was er sich vorgenommen, was er -als seine Mission ansah, dann mußte er als Herr auftreten. -Klar hatte er die Notwendigkeit in den Tagen -der Gefangenschaft durchdacht und schrak zurück, nun die -entscheidende Stunde gekommen war.</p> - -<p>Würde man seine Absichten nicht verkennen? Würde -die Welt ihm nicht andere Beweggründe unterschieben? -Würde sie nicht einer maßlosen Ehrsucht zuschreiben, -was nur bittere Notwendigkeit war?</p> - -<p>Es duldete ihn nicht länger in der Enge der Berghöhlen. -Er stürmte hinaus in das Freie. Er sprang -über Schollen und Schneewehen, die in den Strahlen -der tiefstehenden Sonne rot glühten. Er lief und -fühlte, daß alle die alten Ideen und Ideale von Pankong -Tzo vernichtet waren.</p> - -<p>Atemlos hielt er im Lauf inne. Ihm graute vor der -Entscheidung, vor der Verantwortung, vor dem Entschluß.</p> - -<p>Hinter einer Eisklippe hatte der Wind den frischen -Schnee zusammengewirbelt. Hier ließ er sich niedersinken, -fühlte, daß die weißen Flocken sich wie ein -Daunenkissen um seine Glieder schmiegten. Eine tiefe -Mutlosigkeit, eine Erschlaffung überkam ihn. Er wurde -ganz ruhig.</p> - -<p>Wie wäre es, wenn er hier liegenbliebe, wenn er -jetzt einschliefe? <span id="corr291">Der</span> Verantwortung, dem verhaßten -Entschluß durch freiwilligen Tod aus dem Wege -gehen?! Wie lange würde es dauern, bis der -arktische Frost den kurzen Schlummer in einen -ewigen Schlaf verwandelte. Wie schön müßte es -sein, hier einzuschlummern, hinüberzugehen in das -große Meer der ewigen Ruhe und des Vergessens, in -dem alle dunklen Wellen des Lebens verrieseln.</p> - -<p>War es der Frost, der schon zu wirken begann, den<span class="pagenum"><a id="Seite_292">[292]</a></span> -Körper leicht, die Gedanken träumerisch und sprunghaft -machte?</p> - -<p>Eine dunkle, fromme Erinnerung überkam ihn. Die -Hände falten! Er streifte die schweren Pelzhandschuhe -ab und schlug die Finger ineinander. Da … seine -Rechte zuckte zurück.</p> - -<p>Was war das Kalte, das er berührt hatte? Kalt und -brennend zugleich. Er hob die Hand zum Gesicht. Vom -Mittelfinger der Linken strahlte ihm der Alexandrit -entgegen, jetzt auch im Tageslicht hellrot glühend, wie -er ihn noch nie gesehen hatte.</p> - -<p>Mit einem Sprung stand er auf den Füßen.</p> - -<p>Sich von dem eigenen Schicksal wegstehlen? Dem Leben -feige den Rücken kehren? Nein, niemals, und wenn -der Weg nach Golgatha führen sollte.</p> - -<p>Die Menschheit da draußen wollte Kampf und Mord. -Sie sollte im Überfluß davon haben. Wie eine neue -Gottesgeißel wollte er sie züchtigen, bis sie ihm bedingungslos -gehorchte.</p> - -<p>Ein harter, eiserner Wille prägte sich auf sein Gesicht.</p> - -<p>Ruhigen und festen Schrittes ging er zum Berge. Er -trat hinein und schritt durch die Gänge dem Raume -zu, in dem die großen Strahler standen. Der rote -Sonnenschein drang durch die grünlichen Eiswände und -erfüllte die Hallen und Gänge mit einem magischen -Doppellicht. Die vollkommene Stille, die -hier in den Regionen des ewigen Eises herrschte, -wurde nur durch das leise Ticken der Funkenschreiber -unterbrochen. In schwirrendem Spiel klappten die -feinen Schreibhebel der Apparate auf und nieder und -notierten in Punkten und Strichen die Botschaften, die -von allen Teilen der Welt her durch den Äther kamen -und sich in den Maschen der Antenne fingen.</p> - -<p>Silvester saß vor einem der Schreibapparate in einem -leichten Sessel. Er hielt den Papierstreifen unbeweglich -in den Händen, als ob er sich von einer einzelnen -Nachricht nicht losreißen könne. Das in rötlichgrünen -Tönen durch den Raum schimmernde Licht umspielte<span class="pagenum"><a id="Seite_293">[293]</a></span> -seine Gestalt. Es ließ sein Antlitz fahl wie das eines -Toten erscheinen.</p> - -<p>Erik Truwor warf einen Blick auf die Stelle des -Streifens, den Silvester so beharrlich in den Händen -hielt. Der Apparat hatte inzwischen unermüdlich weitergearbeitet. -Viele Meter des Streifens waren ihm entquollen -und lagen in Windungen und Schleifen auf den -Knien Silvesters.</p> - -<p>Erik Truwor las die Stelle in den Händen Silvesters: -»Jane an Silvester. Ich bin geborgen. In England -in Maitland Castle bei guten Freunden.«</p> - -<p>Der Streifen zeigte die kurze Depesche dreimal hintereinander.</p> - -<p>Erik Truwor beugte sich zu dem Sitzenden hinab und -legte ihm die Hand auf die Schulter.</p> - -<p>»Freue dich, Silvester! Deine Sorgen sind vorüber. -Jetzt weißt du, daß Jane in Sicherheit ist.«</p> - -<p>Unter dem Druck von Erik Truwors Hand sank die -Gestalt Silvesters noch mehr in sich zusammen. Sie -fiel nach vorn und wäre ganz zu Boden gesunken, wenn -Erik Truwor nicht mit kräftigen Armen zugegriffen -hätte. Da fühlte er, daß das Leben aus dem Körper -des Freundes gewichen war, daß die Blässe des Antlitzes -nicht allein durch die fahlen Reflexe der Eiswände verursacht -wurde.</p> - -<p>Dem wechselreichen Auf und Ab von Freuden und -Leiden, seelischen Erschütterungen und schwerster Forschungsarbeit -war der Organismus Silvester Bursfelds -nicht gewachsen. Ein Herzschlag hatte sein junges Leben -in dem Augenblick beendigt, in dem er die Depesche von -Jane empfing.</p> - -<p>Erik Truwor hielt die schon erkalteten Finger des -Freundes in seinen Händen. Atma trat in den Raum. -Er schritt auf Silvester zu und schloß ihm mit sanftem -Druck die Augen.</p> - -<p>»Er hat gegeben, was das Schicksal von ihm verlangte, -das Wissen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_294">[294]</a></span></p> - -<p>Erik Truwor nickte und ließ seine Blicke auf den -blassen Zügen ruhen.</p> - -<p>»Das Wissen, das mir die Macht schafft.«</p> - -<p>Er wandte sich von dem Toten weg nach dem großen -Strahler. Nur die Farbschreiber tickten leise und warfen -immer neue Nachrichten von den Kriegsschauplätzen auf -das Papier. Mit schweren Schritten ging Erik Truwor -auf den mächtigen Strahler los. Nur ein einziges Wort -kam von seinen Lippen: »Auf!«</p> - -<p>Wie Kampfruf klang es! Kampfruf war es!</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Doktor Rockwell, der Leibarzt des Präsident-Diktators, -und Hauptmann Harris, der diensttuende Adjutant, -unterhielten sich mit gedämpfter Stimme im Vorzimmer.</p> - -<p>»Solange der Präsident meinen ärztlichen Rat nicht -wünscht, darf ich mich ihm nicht aufdrängen.«</p> - -<p>»Es geht so nicht weiter, Herr Doktor! Das Leben -hält auf die Dauer kein Mensch aus. Seit zwölf Tagen, -seit der englischen Kriegserklärung, ist der Präsident nicht -mehr aus seinen Kleidern gekommen, hat sein Arbeitzimmer -kaum verlassen …«</p> - -<p>»Ich gebe zu, daß solche Lebensweise angreifend ist, -namentlich, wenn man die Fünfzig überschritten hat. -Aber andererseits … bedenken Sie die außergewöhnliche -Lage. Der Krieg mit einer ebenbürtigen Großmacht. -Es geht um das Schicksal der Staaten und … -des Diktators. Es ist schließlich nicht zu verwundern, -daß er seine ganze Kraft an die Leitung des Krieges -setzt.«</p> - -<p>»Kraft! Kraft! Herr Doktor! Wo soll die Kraft -herkommen, wenn er so gut wie nichts zu sich nimmt? -Eine Tasse Tee. Ein paar Schnitten Toast. Das genügt -ihm für vierundzwanzig Stunden. Dazu kein -Schlaf. Ich habe den Präsidenten während meiner -Dienststunden seit zwölf Tagen nicht schlafend gefunden. -Meine Kameraden von den anderen Wachen auch nicht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_295">[295]</a></span></p> - -<p>»Er wird trotzdem geschlafen haben. Viertelstundenweis, -zu Zeiten, in denen niemand in seinem Zimmer -war. Zwölf Tage ohne Schlaf hält niemand aus. Das -kann ich Ihnen als Arzt versichern. Am dritten Tage -machen sich bei vollkommener Schlafentziehung schwere -Symptome bemerkbar.«</p> - -<p>»Die Symptome sind da, Herr Doktor! Darum bitte -ich Sie, zu dem Präsidenten zu gehen. Sein Wesen ist -verändert. Sein Blick, früher so ruhig und kalt, ist -flackernd und fiebrig geworden.«</p> - -<p>»Fieber erkennen wir an der Temperatur des -Patienten. Seien Sie überzeugt, daß der Präsident -in den zwölf Tagen in seinem Lehnstuhl ganz gut geschlafen -hat. Die Natur läßt sich nicht betrügen. Am -wenigsten um den Schlaf. Die ärztliche Wissenschaft -kennt Beispiele, daß Reiter auf ihren Pferden im Zustand -der Übermüdung fest geschlafen haben, ohne es -zu wissen und ohne … das ist besonders wichtig … -ohne herunterzufallen. Um wieviel mehr müssen wir -annehmen, daß der Präsident in seinem bequemen Armstuhl -den nötigen Schlummer gefunden hat.«</p> - -<p>»Schlummer? Herr Doktor! Sie können so sprechen, -weil Sie die Verhältnisse hier noch nicht aus der Nähe -gesehen haben. Auf seinem Tisch stehen zwölf Telephonapparate. -Jeder Apparat für eine besondere Wellenlänge. -Er hat ständige Verbindung mit den Kriegsschauplätzen. -Eben spricht er vielleicht mit dem Befehlshaber -unserer afrikanischen Fliegergeschwader. Wenige -Minuten später mit dem Chef der australischen Flotte. -Unter Umständen meldet sich schon während dieses Gesprächs -das indische Geschwader. So geht es Tag und -Nacht.«</p> - -<p>»Ihre Mitteilungen in Ehren, Herr Hauptmann. -Trotzdem kann ich nicht ungerufen meinen Rat aufdrängen. -Sollten sich wirklich ernsthafte Symptome -zeigen, kann ich in zwei Minuten zur Stelle sein.«</p> - -<p>Während dies Gespräch im Vorraum geführt wurde, -saß der Präsident-Diktator in seinem Arbeitzimmer in<span class="pagenum"><a id="Seite_296">[296]</a></span> -dem schweren hochlehnigen Armstuhl hinter dem mächtigen -Tisch. Hauptmann Harris hatte recht. Das Wesen -Cyrus Stonards war verändert. Bald stierte er Minuten -hindurch auf irgendeine vor ihm liegende Meldung. -Dann blickte er wieder starr gegen die Zimmerdecke. -Nervös, unruhig, als erwarte er jeden Moment eine -bestimmte Nachricht.</p> - -<p>Ein Sekretär trat ein. Vorsichtig, auf den Fußspitzen -gehend, schritt er über den schweren Teppich bis -an den Tisch heran und legte eine rote Mappe mit -neuen Depeschen vor den Präsidenten hin.</p> - -<p>Es waren gute Nachrichten. Erfolge in Indien. Eine -für das Sternenbanner siegreiche Luftschlacht über der -Straße von Bab el Mandeb. Auch ein anspruchsvoller -Feldherr konnte kaum mehr verlangen. Doch der Präsident-Diktator -las die Nachrichten ohne Freude.</p> - -<p>Seit zwölf Tagen wurde sein Gehirn nur von dem -einzigen Gedanken beherrscht: Wird das Spiel noch -glücken oder wird die unbekannte Macht sich einmischen? -Daß seine Streitkräfte mit den englischen fertig werden -würden, daran hatte er nie gezweifelt.</p> - -<p>Aber die Macht! Die unbekannte Macht, die Maschinen -sprengte und drahtlose Stationen spielen ließ! -Die unbekannte Macht, die über so unheimliche Waffen -und Kräfte verfügte.</p> - -<p>Telegramm um Telegramm las er und legte es beiseite. -Bis er zu den beiden letzten Schriftstücken der -Mappe kam.</p> - -<p>Er las und wischte sich mit der Hand über die Augen, -wie um besser zu sehen. Las zum zweitenmal, hielt -die Depesche in den Händen und ließ den Kopf mit den -Augen auf die Papiere sinken.</p> - -<p>Zwei Depeschen waren es. Die eine um zwölf Uhr -zehn Minuten amerikanischer Zeit von Sayville datiert. -Die andere um sechs Uhr zwanzig Minuten westeuropäischer -Zeit von der englischen Großstation in Cliffden. -Berücksichtigte man die verschiedenen Ortszeiten, so -waren beide Depeschen nur mit zehn Minuten Abstand<span class="pagenum"><a id="Seite_297">[297]</a></span> -aufgegeben worden. Zwei Depeschen von völlig gleichem -Wortlaut: »An alle! Die Macht verbietet den Krieg. -Die Macht wird jede feindliche Handlung verhindern.«</p> - -<p>Was Cyrus Stonard seit zwölf Tagen heimlich fürchtete, -was ihn zwölf Tage und Nächte in dieser unnatürlichen -Spannung und Aufregung gehalten hatte, war -geschehen. Die unbekannte Macht verbot den Krieg, -stellte eine gewaltsame Verhinderung aller Operationen -in Aussicht.</p> - -<p>Der Diktator sprang auf und lief wie ein gefangenes -Raubtier im Zimmer hin und her. Jetzt flatterte der -helle Wahnsinn in seinen Augen. Seine Lippen murmelten -Flüche, während er die Faust ballte.</p> - -<p>Hauptmann Harris trat mit einer neuen Depeschenmappe -in das Zimmer. Er sah mit Schrecken, wie der -Zustand des Diktators sich verschlimmert hatte. Cyrus -Stonard riß ihm die Mappe aus der Hand, beugte sich -über den Schreibtisch und las. Seine Augen weiteten -sich, während er den Inhalt der Depesche verschlang. -Dann stieß er die Mappe weit von sich und brach in ein -gellendes Gelächter aus. Ein Lachen des Wahnsinns -und der Verzweiflung, das immer schriller und krampfartiger -wurde. Bis es schließlich mehr Schluchzen als -Lachen war. Dann stürzte er auf der Stelle, auf der er -stand, nieder und lag regungslos auf dem Teppich.</p> - -<p>Jetzt war es Zeit, Dr. Rockwell zu rufen. Hauptmann -Harris bettete den Bewußtlosen auf den Diwan und -ging dem Doktor zur Hand, solange er gewünscht wurde.</p> - -<p>Eine Viertelstunde nach der Erkrankung waren die -Staatssekretäre des Krieges, der Marine, des Innern -und Äußern zur Stelle. Sie hörten den Bericht des -Arztes. Prüften dann die Schriftstücke, die der Präsident-Diktator -zuletzt bekommen hatte. Die beiden Depeschen -von Sayville und Cliffden, die noch zerknittert -auf der Schreibmappe lagen.</p> - -<p>Die Mitglieder des Kabinetts wußten nur wenig von -der Existenz der unbekannten Macht. Gerade das, was -sich nach der ersten warnenden Depesche in Sayville<span class="pagenum"><a id="Seite_298">[298]</a></span> -nicht mehr gut verheimlichen ließ. Cyrus Stonard hatte -diese Angelegenheit ganz geheim behandelt und nur mit -Dr. Glossin besprochen. Mit Dr. Glossin, der schon -seit drei Wochen nicht mehr in Washington gesehen -worden war.</p> - -<p>Der Staatssekretär des Krieges George Crawford las -die Depesche vor: »Die Macht verbietet den Krieg. Sie -wird jede kriegerische Handlung verhindern.«</p> - -<p>Er ließ das Blatt verwundert sinken.</p> - -<p>»Beim Zeus, eine kühne Sprache! Welche Macht -kann es sich erlauben, uns den Krieg zu verbieten, zwei -Weltreiche zu brüskieren?«</p> - -<p>»Die Macht! Wie das klingt? Geheimnisvoll und -anmaßend! Ist es denkbar, daß der Diktator durch diese -Depesche so schwer erschüttert worden sein sollte?«</p> - -<p>Sie suchten weiter. Hauptmann Harris wies dem -Staatssekretär des Krieges die Mappe, bei deren Lektüre -der Präsident zusammenbrach.</p> - -<p>Sie lasen die zweite Depesche, und ihre Wirkung auf -diese vier Staatsmänner war niederschmetternd.</p> - -<p>Sie kam von dem Chef der großen amerikanischen -Atlantikflotte. Es war der verzweifelte Ruf eines wehrlos -gemachten und von einer mysteriösen Kraft gepackten -Geschwaders. Der Anfang der Depesche setzte -um 12 Uhr 30 ein. Dann war sie bruchstückweise immer -weitergegeben worden, wie die Ereignisse sich abspielten: -»Klar zum Gefecht. In Schußweite mit der englischen -Atlantikflotte … Die Feuerleitung versagt … -Unsere Geschütze können nicht feuern … Können auch -nicht laden … Geschützverschlüsse mit den Rohren verschweißt -… Geschütze unbrauchbar … Torpedos unbrauchbar -… Englische Flotte feuert auch nicht … -Rudermaschinen blockiert … Unsere Schiffe nach -Osten gezogen … Die englische Flotte zieht in geschlossener -Kiellinie dicht an uns vorüber nach Westen … -Auf der englischen Flotte große Verwirrung … Unsere -Panzer schließen sich dicht zusammen … aller Stahl -stark magnetisiert … Die englische Flotte am Westhorizont<span class="pagenum"><a id="Seite_299">[299]</a></span> -verschwunden … Eine unwiderstehliche Kraft treibt unsere -Schiffe mit 50 Knoten nach Osten … Gott sei -unseren Seelen gnädig.«</p> - -<p>Sie lasen die Depesche öfter als einmal und verstanden -das Gelächter, mit dem Cyrus Stonard zusammengebrochen -war. Das war also die Macht! Die -unbekannte, geheimnisvolle Macht, die den Krieg nicht -wollte. Die Macht, die die Mittel besaß, um alle Waffen -wirkungslos zu machen. Die Macht, deren erste -Warnung man ignoriert hatte, und die nun ihre Gewalt -zeigte.</p> - -<p>Die Katastrophe betraf die große amerikanische -Schlachtflotte. Die Ehre des Sternenbanners war bei -der Affäre engagiert. Aber trotzdem konnte sich keiner -der vier Staatsmänner der Wirkung des titanischen -Humors entziehen, der in diesem Verfahren lag. Eine -Macht, die Geschütze verschweißte und Schlachtpanzer -elektromagnetisch zusammenklebte, eine Macht, die eine -ganze Flotte willenlos durch den Ozean zog, wäre auch -imstande gewesen, die Schlachtschiffe zu versenken. Sie -tat es nicht. Sie lähmte die Waffen und zog die feindlichen -Flotten in nächster Nähe aneinander vorüber, die -amerikanische Flotte nach England und die englische -Flotte nach Amerika.</p> - -<p>Denn so ging die Reise ganz offenbar. Wenn noch -irgendein Zweifel darüber bestand, wurde er durch -das Telephon beseitigt, das sich auf dem Tisch des Präsident-Diktators -meldete. Die drahtlose Verbindung mit -der Atlantikflotte.</p> - -<p>Der Staatssekretär der Marine eilte an den Apparat -und erkannte die Stimme des Admirals Nichelson, der -sich bei der Atlantikflotte befand.</p> - -<p>»Habe ich die Ehre, mit Seiner Exzellenz dem Herrn -Diktator zu sprechen?«</p> - -<p>»Nein! hier ist der Staatssekretär der Marine. Der -Herr Präsident-Diktator hat sich für kurze Zeit zur Ruhe -begeben. Berichten Sie an mich. Ich habe Ihre Depesche -über die Katastrophe vor mir liegen.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_300">[300]</a></span></p> - -<p>»Sie wissen?«</p> - -<p>»Ich weiß, daß Ihre Flotte kampfunfähig mit fünfzig -Seemeilen nach Osten treibt.«</p> - -<p>»Es sind inzwischen hundert geworden. Unsere Schiffe -rasen, halb aus dem Wasser gehoben, ostwärts. Wir besitzen -keine Möglichkeit, etwas dagegen zu unternehmen. -Wir müssen abwarten, was das Schicksal mit uns vorhat.«</p> - -<p>»Wie sieht es auf der Flotte aus? Sind noch weitere -Beschädigungen auf den Schiffen eingetreten? Wie ist -der Zustand der Besatzung?«</p> - -<p>»Beschädigungen? … Keine weiter. Jedes Geschütz -am Verschluß verschweißt … Der Zustand der Mannschaften? -… Fragen Sie lieber nicht … Keine Disziplin -mehr. Ein Teil der Leute vom religiösen Wahnsinn befallen. -Liegen auf den Knien, singen Psalmen, erwarten -das Jüngste Gericht. Einige über Bord gesprungen. -Geht die Fahrt so weiter, landen wir morgen in England.«</p> - -<p>Der Staatssekretär der Marine legte den Hörer auf -den Apparat. Er trat an den großen Globus, steckte -einen Kurs ab und rechnete. Dann wandte er sich zu -seinen Kollegen.</p> - -<p>»Meine Herren! Ich glaube, wir dürfen die englische -Flotte morgen etwa um die neunte Stunde an der -amerikanischen Küste erwarten.«</p> - -<p>Mr. Fox sprach durch das Telephon mit Dr. Rockwell.</p> - -<p>»In dem Befinden des Herrn Präsident-Diktators ist -bisher keine Änderung eingetreten. Die Staatsgewalt -liegt nach der Verfassung bei den Staatssekretären.«</p> - -<p>Während sich die Ärzte bemühten, Cyrus Stonard ins -Bewußtsein zurückzurufen, übernahmen die vier Staatssekretäre -die Lenkung des schwankenden Staatsschiffes.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Dr. Glossin saß in seiner Neuyorker Wohnung und -überschlug die Ergebnisse seiner politischen Tätigkeit.<span class="pagenum"><a id="Seite_301">[301]</a></span> -Seit acht Tagen war er in Amerika und hatte keine -Stunde seiner Zeit verloren. Mit den Führern der Sozialisten -und mit denen der Plutokraten hatte er verhandelt, -Arbeiter und Milliardäre waren der Herrschaft -des Diktators gleichmäßig müde. Leise Schwankungen -des sonst so festen und zuverlässigen Bodens deuteten -auf kommende gewaltsame Ausbrüche.</p> - -<p>Noch jetzt wunderte sich Dr. Glossin über die Vertrauensseligkeit, -mit der die Parteiführer der Sozialisten -und Plutokraten ihm entgegengekommen waren. -Wer gab denen denn den Beweis, daß er wirklich von -Cyrus Stonard abgefallen sei? Was wußten die Tölpel -von der unbekannten Macht? Von allem, was noch zu -erwarten war?</p> - -<p>Dr. Glossin kannte die Pläne der Roten und der Plutokraten -und hatte ihre Chancen genau erwogen. Beiden -Parteien würde die Revolution zweifellos glücken. -Aber in beiden Fällen würde der Erfolg kein vollkommener -sein, würde es im weiteren Verlauf unbedingt -zum Bürgerkriege kommen. Machten die Roten die -Revolution, würden der Westen und ein Teil der Mittelstaaten -sich dagegen erheben. Machten sie die Weißen, -würde umgekehrt der Osten rebellieren.</p> - -<p>In den Vereinigten Staaten gab es aber noch eine -dritte Partei, deren Mitglieder sich einfach als »Patrioten« -bezeichneten. Eine Partei, für die Dr. Glossin -bis vor kurzem nur ein Achselzucken übrighatte. Die -Patrioten waren so unzeitgemäß, die Politik nur des -Vaterlandes und der alten amerikanischen Ideale halber -zu treiben. Freiheit des einzelnen und des ganzen -Staatswesens. Abschaffung aller Korruption. Innehaltung -von Treu und Glauben bei allen, auch bei politischen -Abmachungen. Das Programm der Patriotenpartei -bestand aus idealen Forderungen. Darum hatte -sie Cyrus Stonard auch gewähren lassen, hatte sie ebenso -wie Glossin für ungefährliche Schwärmer gehalten.</p> - -<p>Erst vor fünf Tagen war der Doktor mit William -Baker, dem Führer der Partei, in Verhandlung getreten.<span class="pagenum"><a id="Seite_302">[302]</a></span> -Nachdem er in Erfahrung gebracht, daß die -Roten und die Weißen am gleichen Tage losschlagen -wollten. Er hatte die Partei zum Handeln aufgepeitscht. -Er hatte sich mit Mr. Baker eine lange Nacht hindurch -eingeschlossen, einen vollständigen Revolutionsplan mit -ihm entworfen und in allen Einzelheiten ausgearbeitet. -So raffiniert und wirkungsvoll, daß dem Parteiführer -vor der teuflischen Schlauheit des Arztes graute.</p> - -<p>Nur über die Behandlung und Beseitigung des Diktators -waren sie nicht einig geworden. Glossin war für -Lufttorpedos auf das Weiße Haus. Mr. Baker war -gegen jedes Blutvergießen. Er verkannte die großen -Verdienste des Präsident-Diktators um die Union nicht. -Cyrus Stonard sollte weg, sollte der Macht beraubt werden, -aber ohne Schaden an Leib und Leben zu nehmen.</p> - -<p>Damals … jetzt vor fünf Tagen … hatte Mr. Baker -eine kurze Zeit überlegt, hatte angedeutet, daß er -einen Weg finden würde, hatte den Weg selbst verschwiegen. -Von Tag zu Tag waren seine Andeutungen -zuversichtlicher geworden. Aber die Tage waren auch -verstrichen. Die Zeit drängte. Heute schrieb man den -fünften August. Am siebenten wollten die Weißen und -die Roten losschlagen. Es war Zeit. Höchste Zeit! -Und dieser Ideologe, dieser Baker, spielte immer noch -den Geheimnisvollen.</p> - -<p>Dr. Glossin sprang wütend auf. Es mußte zum -Ende kommen. So oder so. Es war um die achte -Abendstunde, als er den Broadway erreichte und sich -in einem der Wolkenkratzer in die Höhe fahren ließ. Er -trat in einen einfachen Bureauraum im 32. Stock. Einen -spärlich und nüchtern ausgestatteten Geschäftsraum. Nur -eine Person war darin. Ein hochgewachsener Fünfziger -mit ergrautem Vollbart und Haupthaar. William -Baker, der Führer der Patrioten.</p> - -<p>»Sie kommen, Herr Doktor? … Um so besser, da -brauche ich nicht nach Ihnen zu schicken.«</p> - -<p>»Ich komme, Mr. Baker, weil die Zeit uns auf den<span class="pagenum"><a id="Seite_303">[303]</a></span> -Nägeln brennt. Ich bestehe darauf, daß mein alter -Vorschlag durchgeführt wird.«</p> - -<p>»Es wird nicht nötig sein.«</p> - -<p>»Bitte … sprechen Sie deutlicher.«</p> - -<p>Der Parteiführer schritt schweigend zu einer Tür zum -Nebenraum und öffnete sie. Eine dritte Person trat ein. -Trotz des Zivils erkannte Dr. Glossin Oberst Cole, den -Kommandeur des Leibregiments. Er kannte den Obersten -seit Jahren, und der Oberst kannte ihn ebenso.</p> - -<p>Glossin war starr. Seine gewohnte Selbstbeherrschung -versagte.</p> - -<p>»Sie … Oberst Cole …?«</p> - -<p>Baker nickte.</p> - -<p>»Sind Sie zufrieden, Herr Doktor?«</p> - -<p>Verwirrt drückte der Doktor die Hand, die der Oberst -ihm bot. Das war also der Trumpf, den Baker solange -zurückgehalten hatte. So mußte der Plan gelingen.</p> - -<p>»Heute abend um elf Uhr auf die Sekunde wird die -Aktion der Partei in allen Städten der Union beginnen. -Um zehn Uhr löst das Regiment Cole die alten Wachen -im Weißen Hause ab. Alles Weitere besprechen Sie auf -der Fahrt. Jetzt fort!«</p> - -<p>Ein kurzer Händedruck. Dr. Glossin fuhr mit dem -Oberst bis auf das Dach des Wolkenkratzers. Das Flugschiff -des Kommandeurs nahm sie auf. Die Dämmerung -des Sommerabends lag über der See, als das Schiff den -Kurs auf Washington nahm und die Bai von Neuyork -überflog. Staten Island, Sandy Hook, die Einfahrt -zum Neuyorker Hafen. Dr. Glossin und Oberst Cole -standen am Fenster und blickten ostwärts über die See.</p> - -<p>Da zog es in einer unendlichen Linie heran. Panzer -und Panzerkreuzer, Torpedoboote und Torpedojäger, -Flugtaucher und Unterseepanzer. Es rauschte durch die -See, deren Wogen sich vor dem Bug der kompakten -Masse aufbäumten und in stiebendem Schaum zerflockten. -Es kam mit einer Geschwindigkeit von vielen -Seemeilen in der Stunde durch die Fluten dahergerast. -Die schweren Panzer standen halb schief, den Bug hoch<span class="pagenum"><a id="Seite_304">[304]</a></span> -über den Wogen, das Heck so tief in der See, daß das -Wasser dahinter einen Berg bildete.</p> - -<p>Es war ein seltsames und ein grauenvolles Schauspiel. -Diese Schiffe fuhren nicht mit eigener Kraft. Sie -fuhren überhaupt nicht, wie Schiffe zu fahren pflegen. -In regelmäßigem Abstand und in Formationen. Ihre -eisernen Körper hingen zusammen, wie etwa eine -Gruppe von Pfahlmuscheln, die ein Fischer vom Grunde -losgerissen hat und durch das Wasser schleift. An den -Seitenwänden des ersten schweren Panzers klebten, aus -dem Wasser gehoben, drei Torpedoboote, wie die jungen -Muscheln an den Schalen der alten. Der zweite Panzer -haftete, um ein Drittel seiner Länge nach Backbord vorgeschoben, -am ersten Schlachtschiff. So folgte sich die -ganze gewaltige Schlachtflotte, zu einem einzigen, regellosen -Block verquirlt, von einer unsichtbaren, unwiderstehlichen -Gewalt durch die Fluten gerissen.</p> - -<p>An allen Masten, von der sausenden Fahrt über den -halben Atlantik zerfetzt und arg mitgenommen, aber -noch erkennbar, der Union Jack, die in hundert Seeschlachten -bewährte Flagge Englands. Erst auf der -Höhe von Sandy Hook mäßigte sich das Tempo der -wilden Fahrt. Langsamer, aber immer noch verkettet -und verquirlt zog die gelähmte Flotte durch die Landenge -in die Bai von Neuyork ein.</p> - -<p>Dr. Glossin trat einen Schritt vom Fenster zurück und -preßte den Arm des Obersten Cole.</p> - -<p>So standen sie und starrten auf das Schauspiel da -unten, während das Flugschiff seinen Weg nach Washington -verfolgte. Sie sahen die gelähmte Flotte klein und -kleiner werden, sahen sie als einen Punkt im unsicheren -Licht der wachsenden Dämmerung verschwinden. Sie -starrten noch immer auf den Fleck, wo sie verschwand, -als längst nichts mehr zu sehen war.</p> - -<p>Nach langem Schweigen sprach der Oberst: »Was -war das? Habe ich geträumt?«</p> - -<p>»Was Sie sahen, war grause Wirklichkeit. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_305">[305]</a></span> -Wirken der geheimnisvollen Macht, mit der Cyrus Stonard -spielen wollte.«</p> - -<p>Dr. Glossin sprach. Von Dingen, von denen Oberst -Cole bis zu diesem Augenblick keine Ahnung gehabt -hatte. Von der unbekannten Macht. Von ihrer Gewalt. -Von ihren Drohungen und Verboten. Von der -Unmöglichkeit, sich ihr zu widersetzen. Je weiter der -Doktor kam, desto mehr sank der Oberst in sich zusammen. -Er sprach während der Fahrt kein Wort mehr -und zog sich in Washington schweigend in sein Dienstzimmer -zurück.</p> - -<p>Um zehn Uhr wurden im Weißen Hause die Wachen -des Regiments Howard durch Offiziere und Mannschaften -des Regiments Cole abgelöst. Oberst Cole nahm -den Bericht seines Wachtoffiziers teilnahmslos entgegen. -So blieb er sitzen, bis Glossin, die Uhr in der Hand, zu -ihm ins Zimmer trat.</p> - -<p>»Herr Oberst, was zeigt Ihre Uhr?«</p> - -<p>Langsam, fast schwerfällig zog der Oberst die eigene -Uhr. »Zehn Minuten nach zehn.«</p> - -<p>Die Uhr in der Hand des Obersten zitterte. Seine -Hand vibrierte. Dr. Glossin blickte spöttisch auf den -alten Offizier.</p> - -<p>»Herr Oberst Cole!« Die Stimme Glossins drang -schneidend durch die Stille. Der Oberst sprang auf.</p> - -<p>»Ich bin bereit.«</p> - -<p>Der Oberst trat auf den Korridor vor der Zimmerflucht -des Diktators und führte eine Signalpfeife an -den Mund. Noch bevor der letzte Ton verklungen -war, strömten von allen Seiten her Mannschaften und -Offiziere des Leibregiments Cole herbei und scharten -sich um ihren Obersten.</p> - -<p>Die beiden Adjutanten des Diktators traten auf den -Flur, um den Lärm zu verbieten. Sie erschraken vor -dem düsteren Ernst und der Verbissenheit in den Zügen -der Soldaten und Offiziere.</p> - -<p>»Was soll das, Herr Oberst?«</p> - -<p>»Sie sind verhaftet. In Obhut von Major Stanley.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_306">[306]</a></span></p> - -<p>Widerstandslos beugten sich die beiden Adjutanten der -erdrückenden Übermacht. Während sie abgeführt wurden, -öffnete Oberst Cole die Tür zum Zimmer des Diktators. -Dr. Rockwell trat ihm entgegen.</p> - -<p>»Ruhe, meine Herren! Der Präsident bedarf dringend -der …«</p> - -<p>Der Leibarzt sah die entschlossenen Mienen der Andrängenden -und trat schweigend zur Seite. Der Weg -war frei. Oberst Cole trat in das Zimmer und schritt -langsam auf den großen Schreibtisch zu. Er hatte von -der rechten Seite her den Blick auf den Tisch und den -Diktator. Cyrus Stonard saß bei der Arbeit, ein Schriftstück -in der Hand. Er blieb ruhig sitzen und senkte -nur die Hand mit dem Dokument, während ein eigenartiges -Lächeln seine hageren Aszetenzüge überflog.</p> - -<p>Offiziere und Mannschaften strömten hinter ihrem -Oberst in den Raum, bildeten an der Türwand einen -Halbkreis. Es wurde so still, daß man das Ticken der -kleinen Standuhr bis in den fernsten Winkel vernehmen -konnte.</p> - -<p>Cyrus Stonard wandte das Haupt halb nach rechts -gegen die Eingetretenen.</p> - -<p>»Was wünschen die Sieger von Graytown, von Philipsville -und Frisko?«</p> - -<p>Es waren Schlachtennamen aus dem letzten Japanischen -Kriege. Ehrennamen für Oberst Cole und sein -Regiment. In diesem Augenblick aus dem Munde des -Diktators kommend, wirkten sie lähmend auf die Eingetretenen.</p> - -<p>Oberst Cole wich einen Schritt zurück … und noch -einen und noch mehrere. Wich zurück vor diesem rätselhaften -Ausdruck in Cyrus Stonards Augen. Das -war nicht der drohende, faszinierende Blick des Gewaltherrschers, -sondern der überlegene, abgeklärte eines Mannes, -der alles erkannt und alles als eitel befunden hat.</p> - -<p>Oberst Cole wich zurück, bis er Widerstand fühlte. -Arme umschlangen ihn. Die flüsternde Stimme, der -warme Atem Glossins drangen an sein Ohr. Mit sicher<span class="pagenum"><a id="Seite_307">[307]</a></span> -werdenden Schritten trat er wieder auf den Diktator -zu.</p> - -<p>»Herr Präsident, das Land verlangt Ihren Rücktritt!«</p> - -<p>»Das Land?«</p> - -<p>»Das Land, Herr Präsident!«</p> - -<p>Cyrus Stonard hörte die feste Stimme des Obersten, -blickte ihm in die Augen und sah die Wahrheit. Langsam -kamen die Worte von seinen Lippen:</p> - -<p>»Der Wille des Landes ist für mich das höchste Gesetz -… Was habe ich zu tun?«</p> - -<p>»Das Land zu verlassen!«</p> - -<p>»Wann?«</p> - -<p>»Sofort!«</p> - -<p>Cyrus Stonard erhob sich mit kurzem Ruck, als gehorche -er einem Befehl.</p> - -<p>»In wessen Namen handeln Sie?«</p> - -<p>»Im Namen aller ihr Vaterland und die Freiheit -liebenden amerikanischen Bürger.«</p> - -<p>Cyrus Stonard wußte genug. Das war aus dem -Programm der Patrioten, die er für harmlos gehalten -hatte. Nicht die Roten oder die Weißen, die Patrioten -machten seiner Herrschaft ein Ende. Er schaute auf die -Versammlung und erblickte, durch die Figur des Obersten -halb gedeckt, Dr. Glossin.</p> - -<p>»Gehört Herr Dr. Glossin auch zu diesen Bürgern?«</p> - -<p>Oberst Cole wich zur Seite, als ob die Nähe Glossins -ihm peinlich sei. Der Arzt stand frei vor dem Diktator. -Er mußte dessen Blick aushalten, denn die Mauer der -Offiziere und Soldaten versperrte ihm den Rückzug. -So stand er und wand sich unter den Blicken des Diktators, -wurde wechselnd blaß und rot, wäre in diesem -Moment gern meilenweit weggewesen.</p> - -<p>Cyrus Stonard sah ihn erbärmlich und klein werden, -drehte ihm den Rücken und wandte sich Oberst Cole zu.</p> - -<p>»Kameraden! Ich verlasse das Land in der Überzeugung, -daß es sein Wille ist. In der Hoffnung, -daß mein Weggehen zu seinem Heil dient. Was ich -erstrebte … das Schicksal hat es anders gewollt.<span class="pagenum"><a id="Seite_308">[308]</a></span> -Eine Macht, größer, als ich je geahnt, hat es in -Menschenhand gelegt. Ich habe dagegen gekämpft … -Als ich den Kampf aufnahm, wußte ich, daß sein Ausgang -mein Schicksal bedeutet … Ich bin unterlegen … -Wohin soll ich gehen?«</p> - -<p>»Wohin Sie wollen, Herr Präsident. Ein Flugschiff -steht zu Ihrer Verfügung.«</p> - -<p>»… Nach Europa … Nach Nordland. Gehen wir.«</p> - -<p>Oberst Cole trat an die Seite des Präsidenten. Auf -seinen Wink öffnete sich eine Gasse zur Tür. Still und -stumm standen die Offiziere und Mannschaften des Leibregiments -und sahen den Mann scheiden, der sie durch -zwanzig Jahre zu Ruhm und Ehre geführt hatte.</p> - -<p>Oberst Cole wollte vorangehen. Der Diktator ergriff -seinen Arm und stützte sich darauf.</p> - -<p>»Ich bin müde, alter Freund!«</p> - -<p>Der Oberst preßte die Lippen aufeinander. Aus -seinen starr blickenden Augen brachen zwei Tränen, die -langsam über sein Gesicht herniederrollten.</p> - -<p>Eine Viertelstunde später erhob sich ein Regierungsflugzeug -vom Dach des Weißen Hauses. Es steuerte in -die Nacht. Kurs nach Osten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es ist sehr schwer, die Ereignisse der nächsten Augustwochen -zu schildern. Am sechsten August hatte die unbekannte -Macht die großen Schlachtflotten Englands und der -amerikanischen Union gelähmt. Im magnetischen Wirbelsturm -war die britische Flotte in den Hafen von Neuyork -eingeschleppt worden. Zu der gleichen Stunde, -in der die amerikanische Flotte die Themse hinauf bis -zu den Docks von London gezogen wurde.</p> - -<p>Am siebenten August wurde in den Vereinigten Staaten -Cyrus Stonard gestürzt und eine neue Regierung -gebildet, in welcher Dr. Glossin provisorisch das Portefeuille -des Äußern übernahm. Zu jeder anderen Zeit -hätte dieser Sturz die ganze Welt in Aufruhr versetzt.<span class="pagenum"><a id="Seite_309">[309]</a></span> -Jetzt vollzog er sich beinahe geräuschlos. Die unbekannte -Macht nahm das allgemeine Interesse zu sehr -in Anspruch, als daß die politische Umwälzung in den -Vereinigten Staaten besonders aufregend wirken konnte.</p> - -<p>Wo immer noch in irgendeinem Winkel der Welt -englische und amerikanische Streitkräfte aneinandergerieten, -da trat die Macht sofort handelnd als dritte auf.</p> - -<p>Amerikanische Luftstreitkräfte, die unversehens nach -Indien vorstießen, wurden schon auf dem Wege dorthin -zum Absturz gebracht und fielen bei den Lakkadiven -in die See. Englische Flugtaucher, die einen Angriff -auf den Panamakanal versuchten, wurden dicht bei -Jamaika von einem magnetischen Zyklon gefaßt und auf -den höchsten Gipfeln der Kordilleren abgesetzt. Die Besatzungen -brauchten Tage, um aus der Schneewüste zu -den nächsten menschlichen Ansiedlungen zu gelangen. -Die Macht griff ohne Ansehen der Parteien ein und -unterbrach jede Kampfhandlung.</p> - -<p>Die Ereignisse der Tage vom sechsten bis zum fünfzehnten -August wirkten auf die Menschheit wie etwa der -Stab eines Wanderers im Ameisenhaufen. Allgemeine -Unruhe, Aufregung, ein Brodeln der öffentlichen Meinung, -das in der Presse aller kultivierten Länder seinen -deutlichsten Ausdruck fand.</p> - -<p>Will man den ungeheuren Eindruck der Vorkommnisse -dieser acht Tage einigermaßen übersichtlich ordnen, -so muß man die davon betroffene Menschheit in allen -Staaten in drei Gruppen unterscheiden: die Physiker, -die Militärs und die breite Volksmenge.</p> - -<p>Die Vertreter der physikalischen Wissenschaft versuchten -es, stichhaltige Erklärungen der erstaunlichen Wirkungen -zu geben. Aber die Isolierung und Speicherung der -Formenergie, die geniale Entdeckung Silvester Bursfelds, -lag weit außerhalb der wissenschaftlichen Erkenntnis. -So tappten alle Erklärer, die ihre Wissenschaft in -den großen Blättern der fünf Weltteile produzierten, -im Dunkeln.</p> - -<p>Englische Flugtaucher waren fünftausend Meter hoch<span class="pagenum"><a id="Seite_310">[310]</a></span> -in den Kordilleren abgesetzt worden. Die Maxwellschen -Gleichungen gestatteten es schließlich, die wirksamen -Magnetfelder nachzurechnen, durch welche die schweren -Flugtaucher gepackt worden waren. So folgerte man -dann weiter, daß es der unbekannten Macht auch möglich -wäre, alle großen Schlachtflotten auf irgendeinen Berggipfel -zu schleudern.</p> - -<p>Nachdem die Entwicklung bis zu diesem Punkt gediehen -war, häuften sich die Zeitungsartikel, in denen die -Grenzen der unbekannten Macht immer kühner und -ungemessener behandelt wurden.</p> - -<p>In den Vereinigten Staaten hielt man sich an -die wenigen Mitteilungen, die der neue Staatssekretär -des Äußern Dr. Glossin machen konnte. -Besonders Professor Curtis arbeitete intensiv und -konnte bereits am zwölften August einen Versuch auf -offener See vornehmen. Um die zehnte Vormittagsstunde -dieses Tages fuhr das Sammlerboot mit der -Strahlungseinrichtung aus dem Hafen. Curtis hatte -eine Anordnung geschaffen, die ein elektromagnetisches -Feld ziemlich geschlossen nach einer Richtung auszustrahlen -vermochte. Ein ausrangiertes Torpedoboot -war als Ziel für die Versuche in Aussicht genommen. -Er hoffte, bis auf eine Entfernung von tausend Meter -merkliche Magnetisierungen hervorbringen zu können.</p> - -<p>Umgeben von seinen Assistenten, stand er neben den -gerichteten Antennen, die das elektromagnetische Feld -über den Bug des Sammlerbootes nach dem Torpedoboot -hinschleudern sollten. Die Schalthebel wurden -eingeschlagen. Hochfrequente elektrische Energie durchbrauste -die Antennen.</p> - -<p>Professor Curtis wurde von Unruhe ergriffen. Die -Wirkungen die man vom Torpedoboot meldete, gingen -erheblich über die von ihm als möglich errechneten hinaus. -Er gab den Befehl, die Energie in den Antennen -abzustellen.</p> - -<p>Und ließ sich dann mit einem Seufzer auf einen<span class="pagenum"><a id="Seite_311">[311]</a></span> -Sessel fallen. Denn die Wirkung auf dem Torpedoboot -hörte nicht auf. Im Gegenteil. Sie stieg, bis schließlich -der elektromagnetische Wirbel das ganze Boot packte, -aus dem Wasser hob und auf das sandige Ufer schleuderte, -wo es im Sturz berstend liegenblieb.</p> - -<p>Mit verhaltenem Atem hatte man auf dem Sammlerboot -die Katastrophe beobachtet. Ein Ruf seines ersten -Assistenten veranlaßte Professor Curtis aufzublicken, die -Vorgänge auf dem eigenen Boot zu verfolgen.</p> - -<p>Die gerichteten Antennen lösten sich in Kupferdampf -auf. Sie leuchteten einen Moment grünlich schillernd -und waren dann verschwunden. Spanndrähte und Isolatoren -fielen angeschmolzen und zersplittert auf das -Schiffsdeck nieder. Dann packte ein Wirbelsturm das -ganze Sammlerboot und warf es neben das Torpedoboot -auf das Gestade.</p> - -<p>Professor Curtis ließ das Geländer los und rollte über -das schrägliegende Verdeck in den weichen Seesand. -Das war das Ende der amerikanischen Versuche. Der -Bericht, den der Professor noch am selben Nachmittag -nach Washington sandte, erklärte es für aussichtslos, -gegen die Mittel der unbekannten Macht anzukämpfen.</p> - -<p>Am dreizehnten August hielt Professor Raps in der -Technischen Hochschule zu Charlottenburg sein Kolleg -über theoretische Elektrodynamik. Die Studenten spitzten -die Bleistifte, um das Kolleg wie immer mitzuschreiben. -An diesem Tage wären die retardierten Potentiale dran -gewesen. Aber der deutsche Professor brachte ganz -etwas anderes …</p> - -<p>»Meine Herren, auch ich habe es versucht, mit den -Mitteln unserer Wissenschaft das Geheimnis der unbekannten -Macht zu ergründen. Die Wirkungen, die zuverlässig -berichtet worden sind, lassen sich nur dann erklären, -wenn wir annehmen, daß die Macht ein Mittel -besitzt, um die Raumenergie an jeder Stelle zur freien -Entwicklung zu bringen. Die Raumenergie dürfen wir -nach Oliver Lodge zu zehn Milliarden Pferdekraftstunden -für jedes Kubikzentimeter annehmen. Unsere<span class="pagenum"><a id="Seite_312">[312]</a></span> -Wissenschaft kennt bisher kein Mittel, diese Energie freizumachen. -Sicherlich keins, um sie auf weite Entfernungen -und mit absoluter Treffsicherheit zu entfesseln …«</p> - -<p>Die Studenten schrieben mit. Das Papier knisterte, -die Bleistifte rauschten. Professor Raps fuhr in seinen -Ausführungen fort. Er ging ins Detail und entwickelte -rechnungsmäßig die Wirkungen, die sich auf diesem -Wege erzielen ließen. Er bedeckte die schwarze Wandtafel -mit dreißigstelligen Zahlen, die Kilowatt und -Kalorien bedeuteten. Dann wurde die Vorlesung wieder -allgemeiner …</p> - -<p>»Wir haben keine Ahnung, durch welche Mittel, -durch welche uns jedenfalls noch ganz unbekannte Form -der Energie diese Fernwirkungen erzeugt werden, wie -die explosive Entfesselung der Raumenergie zustande -kommt. Ein Riesengeist, der dem Stande unserer -Wissenschaft um Jahrhunderte vorauseilte, muß diese -Lösung gefunden haben …«</p> - -<p>Silvester Bursfeld in seinem eisigen Grabe hoch oben -am Pol konnte mit dem Epitaphium zufrieden sein, das -der deutsche Gelehrte ihm hier setzte.</p> - -<p>Professor Raps fuhr fort:</p> - -<p>»Meine Herren, ich wurde von zwiespältigen Gefühlen -ergriffen, als ich die hier eben vorgetragenen -Entdeckungen machte. Auf der einen Seite die reine -Forscherfreude über die gelungene Entdeckung, die -Freude, die Sie alle wohl schon nach einer glücklich gelösten -Laboratoriumsaufgabe empfunden haben. Auf -der anderen Seite ein tiefes Grauen. Meine Herren, -der Gedanke, daß eine übermenschliche Macht in die -Hand sterblicher Menschen gelegt wurde, ist entsetzlich. -Die Besitzer der Erfindung können der Welt jeden Tort -antun. Sie können jede Stadt verbrennen, jedes -Menschenleben vernichten. Wir sind wehrlos. Wir -müssen widerstandslos über uns ergehen lassen, was die -Besitzer der Macht für gut befinden werden. Der Gedanke -ist kaum erträglich. Aber es ist die Wahrheit …«</p> - -<p>Der Professor schloß seine Vorlesung vor der festgesetzten<span class="pagenum"><a id="Seite_313">[313]</a></span> -Zeit. Er war zu ergriffen, um sich jetzt noch dem -planmäßigen Lehrstoff zu widmen.</p> - -<p>Der Inhalt seines Vortrages erregte erneute Unruhe. -Die Vertreter der großen Zeitungen kauften den Studenten -ihre Niederschrift für schweres Geld ab. Noch -am Abend des dreizehnten August wurde der Vortrag -über die ganze Erde verbreitet. Von Hammerfest bis -Kapstadt, von London bis Sydney wurden die Mitteilungen -verschlungen und diskutiert.</p> - -<p>Es war klar, daß der deutsche Gelehrte den Quellen -der unbekannten Macht wenigstens theoretisch auf der -Spur war. Je länger die Physiker der ganzen Welt -sich in die Einzelheiten seiner Ausführungen vertieften, -desto mehr mußten sie die Richtigkeit seiner Schlußfolgerungen -anerkennen. Es gab in der Tat nur diese eine -Erklärung für die ungeheuerlichen Wirkungen der -Macht. Man mußte imstande sein, die Raumenergie -an jeder beliebigen Stelle des Erdballes explodieren -zu lassen.</p> - -<p>Aber die Mittel dazu kannte niemand. Wenn nicht -am Ende … dieser deutsche Professor noch mehr wußte, -als er im Kolleg gesagt hatte? Der Gedanke, daß ein -einzelner Staat das Geheimnis entdecken, sich zum Herrn -der übrigen Welt machen könne, schuf neue Unruhe.</p> - -<p>An allen Punkten der Erde wartete man auf die -nächsten Äußerungen der Macht. Die Spannung einer -dumpfen Erwartung lag über der Welt, soweit sie von -denkenden Menschen bewohnt war.</p> - -<p>Es war um die Mittagstunde des fünfzehnten August. -Funkentelegramme durchschwirrten wie immer die ganze -Welt. Um 12 Uhr 13 Minuten 15 Sekunden erfuhr -dieser Verkehr eine jähe Unterbrechung. Bisher hatte -die unbekannte Macht ihre Depeschen durch eine unmittelbare -Beeinflussung einer der großen europäischen -oder amerikanischen Stationen gegeben. Aber in dieser -Mittagstunde des 15. August stand über dem östlichen -Teil des Atlantik plötzlich ein starkes elektromagnetisches -Feld im Äther. Sein Kern hatte die Gestalt eines<span class="pagenum"><a id="Seite_314">[314]</a></span> -schmalen hohen Turmes. Es pulsierte mit hunderttausend -Schwingungen in der Sekunde und strahlte -Wellenenergie im Betrage von zehn Millionen Kilowatt -nach allen Richtungen der Windrose aus, während es -schnell nach Westen hin über den Ozean wanderte.</p> - -<p>Im Rhythmus der Morsezeichen kam und verschwand -das Feld, und wo immer in Europa und Amerika elektrische -Einrichtungen vorhanden waren, wurden sie zum -Mitschwingen gebracht. Die Passagiere der elektrischen -Straßenbahnen vernahmen die Zeichen in dem eintönigen -Brummen der Wagenmotoren. Wo elektrische -Glühlampen brannten, begannen sie in dieser Stunde -zu zirpen und ließen Morsezeichen hören. Wo irgendein -Mensch den Telephonhörer am Ohr hatte, wurden -Rede und Gegenrede plötzlich durch laut und scharf dazwischenklingende -Morsezeichen unterbrochen. Die -Farbschreiber aller Telegraphenstationen hörten in diesen -Minuten auf, die Depeschen ihres Betriebes zu schreiben, -und zeichneten die Botschaften der Macht auf:</p> - -<p>»Die Macht: Der Krieg ist aus! Die Macht fordert -Gehorsam. Sie straft Ungehorsam.«</p> - -<p>Die Welt zuckte unter den Worten der Botschaft zusammen. -Wie Peitschenhiebe trafen die lapidaren Sätze, -die ihr den neuen Herrn verkündeten. Wie eine schwere -dunkle Wolke legte sich der Druck eines fremden zwingenden -Willens über die Menschheit. Die Regierungen -und die einzelnen Staatsmänner waren ratlos. Es war -nicht möglich, an dem Ernst dieser Depesche zu zweifeln. -Dazu waren die Proben der Macht, die man bisher zu -kosten bekommen hatte, zu stark und zu beweisend.</p> - -<p>Die äußere Politik bot zwar in diesem Augenblick -keine Schwierigkeiten. Die Macht befahl den Frieden, -und es gab nur einen Weg, bedingungslos zu gehorchen. -Dafür aber zeigten sich Schwierigkeiten im Innern. Die -einzelnen Völker wurden gegen ihre Regierungen mehr -oder weniger aufsässig. Der einzelne fragte sich, ob -es überhaupt noch Zweck hätte, den Anordnungen einer -Regierung zu gehorchen, die nur von Gnaden der Macht<span class="pagenum"><a id="Seite_315">[315]</a></span> -auf ihrem Stuhle saß, in jeder Minute von dieser selben -Macht ausgelöscht werden konnte. Es waren nicht einmal -die schlechtesten Elemente, die unter solchem Druck -von einer allgemeinen Unlust befallen wurden und in -gleicher Weise das Interesse am Staat wie an den -eigenen Angelegenheiten verloren.</p> - -<p>Professor Raps saß in seinem Arbeitzimmer. Es war -ein hoher, schlicht eingerichteter Raum. Vor dem Gelehrten -lag das Manuskript einer fast vollendeten Arbeit. -Daneben deckten ganze Stapel von Briefen und -Depeschen den großen Arbeitstisch. Anfragen von staatlichen -Behörden, von wissenschaftlichen Instituten, von -Einzelpersonen und auch von fremden Regierungen.</p> - -<p>Der Professor warf keinen Blick auf diese Tausende -von Briefen und Fragen. Auf diese Schriftstücke, deren -Beantwortung ein ganzes Bureau Monate hindurch beschäftigen -konnte. Er sah grau und verfallen aus und -hielt den Papierstreifen mit der Depesche der Macht in -den Händen. Seine Lippen zuckten und formten abgerissene -Worte.</p> - -<p>»… Mein Gott! … Kann die Natur das dulden … -kann ein einzelner der Welt ewigen Winter oder ewige -Sonne bringen … das soll ein Mensch sein … dem -das Schicksal der ganzen Menschheit in die Hand gegeben -ist …«</p> - -<p>Der Professor blickte von der Depesche auf. Sein Auge -haftete auf dem Bilde über dem Schreibtische. Es war -ein alter wertvoller Kupferstich aus dem achtzehnten -Jahrhundert. Ein Geschenk seiner Hörer. Der Stich -zeigte den Schweden Karl von Linné. Der Geist des -Gelehrten klammerte sich an das Gemälde wie an ein -Heiligenbild.</p> - -<p>»Es ist nicht möglich … wo bleiben die ehernen -Gesetze der Kausalität … Es ist ein Irrtum … ein -Irrtum oder ein Mißgriff der Natur … aber kann -die Natur irren?«</p> - -<p>Sein Blick blieb an der Unterschrift des Bildes haften. -Lateinische Worte: »<em class="antiqua">Natura non facit saltus</em>.« (Die<span class="pagenum"><a id="Seite_316">[316]</a></span> -Natur macht keine Sprünge.) Das Leitwort jenes genialen -Naturforschers, durch das er sich zum Vorläufer -Darwins stempelte.</p> - -<p>Professor Raps las die wenigen Worte des Satzes -wieder und immer wieder.</p> - -<p>»Die Natur macht keine Sprünge … auf einen scheinbaren -Sprung folgt das <em class="antiqua">Corrigens</em> … muß folgen -nach dem höheren Gesetz der stetigen Entwicklung …«</p> - -<p>Es wurde Zeit, zur Vorlesung zu gehen. Der Professor -legte den Depeschenstreifen beiseite. Mit ruhigen -Händen füllte er seine Aktenmappe.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Botschaft der Macht war da und wirkte sich aus. -Der Krieg war zu Ende, auch ohne einen ausdrücklichen -Befehl der beiden kriegführenden Weltmächte. Er war -automatisch zu Ende gegangen, weil die Macht mit -Sturm und Brand zugegriffen hatte, wo immer sich -noch ein Kampf entspinnen wollte. Es konnte sich nur -noch darum handeln, durch einen formellen Friedensschluß -zwischen den beteiligten Regierungen den tatsächlichen -Zustand zu legitimieren.</p> - -<p>In den Vereinigten Staaten nahm man diese Entwicklung -der Dinge mit unumwundener Zufriedenheit -auf. Der Krieg war ein Krieg Cyrus Stonards gewesen. -Es kam der jungen Regierung gelegen, daß diese die -unsympathische Erbschaft nicht zu übernehmen brauchte, -daß der in den Staaten so wenig volkstümliche Krieg -sang- und klanglos zu Ende war. Man spürte wohl -auch unbewußt, daß eine friedliche stetige Entwicklung -der Union ganz von selber alle die Vorteile bringen -mußte, die hier erkämpft werden sollten.</p> - -<p>Anders sah es in England aus. Man hatte sich mit -allen Mitteln auf den Kampf eingestellt. Die englischen -Staatsmänner hatten erkannt, daß nur ein glücklicher -Krieg den englischen Besitzstand erhalten könne.</p> - -<p>Lord Gashford betrat sein Arbeitzimmer und warf<span class="pagenum"><a id="Seite_317">[317]</a></span> -sich erschöpft und mißmutig in seinen Sessel. Der Diener -bekam eine kurze Weisung: »Lord Maitland wird kommen. -Jede Störung fernhalten!«</p> - -<p>Der englische Premier blieb mit seiner Ratlosigkeit und -Verantwortung allein. Nervös trommelten die Finger -seiner Rechten auf der Sessellehne.</p> - -<p>Der Premier hatte Lord Horace gebeten, in der Hoffnung -bei ihm einen Rat, einen Plan zu finden.</p> - -<p>Lord Horace trat in den Raum und nahm ihm gegenüber -Platz.</p> - -<p>Es dauerte geraume Zeit, bevor Lord Maitland die -Lippen öffnete. Und dann sprach er auch nur vier -Worte: »Der Krieg ist aus!«</p> - -<p>Lord Gashford erwartete etwas anderes. Erwartete -Hilfe durch Rat und Tat und wurde ungeduldig. Er -suchte sein Gegenüber auf Umwegen zum Sprechen zu -bringen und fragte: »Wie wird sich die Regierung in -Amerika verhalten?«</p> - -<p>»Noch dem Sturze Stonards kommt ihnen der Frieden -gelegen. Der Gedanke, einer anderen Eisenfaust gehorchen -zu müssen, ist ihnen nicht so fürchterlich. Sie -sind ja zwanzig Jahre versklavt gewesen.«</p> - -<p>Lord Gashford fuhr auf.</p> - -<p>»Aber wir? Großbritannien … das freieste Land -der Welt, stolz darauf, niemals einer fremden Macht -hörig gewesen zu sein. Wie werden wir uns stellen?«</p> - -<p>Lord Horace antwortete langsam, und Resignation -klang aus seinen Worten: »Der Frieden mit Amerika -wird nicht schwer zu schließen sein. Viel schwerer der -mit unseren Dominions und Kolonien. Ich fürchte, daß -Australien sich vom Reich lösen wird. Die afrikanische -Union braucht uns noch. Trotz ihrer eigenen starken -Industrie benötigt sie … vorläufig noch das Mutterland. -Und Indien …«</p> - -<p>»Und Indien …?« Lord Gashford stieß die Frage -heraus.</p> - -<p>»Indien … Einer von den dreien ist ein Inder … -Ich hoffe, daß die indische Intelligenz das Gute<span class="pagenum"><a id="Seite_318">[318]</a></span> -zu würdigen weiß, das die englische Regierung dem -Lande gebracht hat. Wir haben nicht immer fein -gewirtschaftet. Es sind Hunderttausende unter unserer -Herrschaft verhungert. Aber Millionen hätten sich gegenseitig -die Hälse abgeschnitten, wenn wir nicht dagewesen -wären.«</p> - -<p>Lord Gashford zählte an den Fingern wie ein Schulknabe -bei seiner Rechenaufgabe:</p> - -<p>»Kanada verloren … Australien halb verloren … -Afrika unsicher … Indien nicht sicher …«</p> - -<p>»So könnte es wohl geschehen, daß uns nur die britischen -Inseln bleiben …«</p> - -<p>Lord Horace blickte düster vor sich hin. Ein leises -Nicken nur drückte seine Zustimmung aus.</p> - -<p>»Wenn nicht …« Kaum hörbar waren ihm die Worte -über die Lippen geglitten, aber den gespannten Sinnen -Lord Gashfords waren sie nicht entgangen.</p> - -<p>»Wenn nicht? … Was meinen Sie? Wenn nicht …«</p> - -<p>Die Muskeln im Gesicht Lord Maitlands spannten -sich. Zwischen den Zähnen stieß er die Worte hervor:</p> - -<p>»Wenn nicht diese Macht … diese unheimliche, unwahrscheinliche -Macht ein Narrenspiel der Weltgeschichte -ist …«</p> - -<p>Lord Gashford machte eine abwehrende Bewegung.</p> - -<p>»Vorläufig ist die Macht da! Was raten Sie?«</p> - -<p>»Kaltes Blut! Sich vorläufig damit abfinden. Vorläufig -dem Zwange folgen …«</p> - -<p>Der Ferndrucker auf dem Tisch begann zu schreiben. -Ein Ersuchen der amerikanischen Regierung, Zeit und -Ort für die Friedensverhandlungen zu bestimmen. Lord -Gashford las und schob den Streifen Lord Horace zu.</p> - -<p>»Sie kennen die Union seit langen Jahren. Ich ersuche -Sie, die Verhandlungen als Bevollmächtigter -Großbritanniens zu führen.«</p> - -<p>»Meine Vollmachten …?«</p> - -<p>»… sind unbegrenzt.«</p> - -<p>»Unbegrenzt … soweit die Grenzen nicht die Macht -zu ziehen beliebt …«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_319">[319]</a></span></p> - -<p>Lord Horace verließ den Premierminister. Er hatte -ein Gefühl, als ob die Wände des Gemaches ihn erdrücken -wollten. Aufatmend stand er auf der Straße -und sog in tiefen Zügen die frische Luft ein. Dann -gab er dem Wagenlenker einen kurzen Befehl.</p> - -<p>Der Wagen wand sich durch die Straßen der Stadt -und nahm den Weg über das freie Land. Vorbei an -saftstrotzenden Triften und Weiden, durch Dörfer und -sommergrüne Wälder.</p> - -<p>Lord Horace achtete nicht darauf. Seine Gedanken -beschäftigten sich mit der Macht. Erst in dieser Stunde -kam es ihm ganz zum Bewußtsein, wie eng und eigenartig -gerade die Beziehungen seines Hauses zu den -dreien waren, die heute der Welt ihren Willen diktierten.</p> - -<p>Seine Gattin so eng bekannt mit dem einen, dem -Mächtigsten. Die Gattin des anderen seit Wochen als -Gast unter seinem Dach.</p> - -<p>Flüchtig ging ihm ein Gedanke durch den Kopf. -Konnte England Jane Bursfeld nicht als Geisel nehmen? -Dadurch den Willen der Macht beeinflussen?</p> - -<p>Ebenso schnell wie der Gedanke auftauchte, wurde er -verworfen. Jane hatte erzählt, wie Atma und Silvester -nach Amerika kamen, wie schon ein winziger Strahler -Glossins Flugschiff lähmte, die Maschinen zerschmolz, -die Besatzung verbrannte. Was würde die Macht heute -tun, wenn England die Hand auf Jane legte? Heute, -da ihre Waffen viel stärker waren, viel weiter trugen, -viel sicherer trafen.</p> - -<p>Lord Horace gab das Grübeln auf. Er nahm den -Hut vom Haupt und ließ sich den Fahrwind um die -brennende Stirn fegen. Aber die Gedanken verließen -ihn nicht. Diana kannte den einen, Jane ist die Gattin -des anderen. Irgendeine Möglichkeit müßte es dadurch -geben, mit den Trägern der Macht in Berührung zu -kommen. Irgendein Pfad müßte sich zeigen, auf dem -England aus dieser Sackgasse herauskommen kann. Die -Gedanken verfolgten ihn bis an das Ziel seiner Fahrt.</p> - -<p>In der großen Halle in Maitland Castle saß Jane<span class="pagenum"><a id="Seite_320">[320]</a></span> -auf ihrem Lieblingsplatz. In dem Erker, von welchem -der Blick auf die Veranda und den Park ging. Ein -Nähkörbchen stand vor ihr. Sie arbeitete an einem -Jäckchen. Doch die Arbeit lag auf dem Tisch, und -ihre Augen hafteten an einem Schriftstück. Die blauen -Typen des Farbschreibers. Die letzte Depesche der -Macht. Als der Telegraph die Botschaft der Macht auch -nach Maitland Castle meldete, hatte Jane das Schriftstück -an sich genommen. Seit zwei Tagen trug sie es -bei sich und las es in jeder unbeobachteten Minute -wieder und immer wieder.</p> - -<p>Ihr Blick hing wie gebannt an den Schriftzeichen. -Sie überhörte dabei das Kommen Dianas, die leise -hinter sie trat, ihr den Arm auf die Schulter legte.</p> - -<p>Jane schrak zusammen. Sie versuchte es, das Papier -zwischen die Wäschestücke zu schieben.</p> - -<p>»Jane, mein Kind. Schon wieder die Depesche?«</p> - -<p>»Ach … Diana … Sie wissen nicht, was die Worte -auf diesem Papier für mich bedeuten. Immer wieder -finde ich Trost in diesen Zeilen. An alle Welt ist die -Depesche gerichtet. Ich aber sehe den vor mir, der sie -abgesandt hat.«</p> - -<p>Diana hatte sich der jungen Frau gegenüber niedergelassen. -Sie sah, wie fliegende Röte über ihre Züge -huschte, las in diesem Gesicht wie in einem offenen Buch. -Freude, daß der Gatte lebte. Stolz, daß die Idee zu -dem großen Werk in der genialen Erfindung ihres -Gatten wurzelte. Glück, daß sie nach vollendetem Werk -Silvester bald wieder in die Arme schließen könne.</p> - -<p>»Kind! Wenn jemand Sie versteht, so bin ich es. Ich -bin stolz darauf, die Gattin Silvester Bursfelds meine -Freundin nennen zu können.«</p> - -<p>Tiefes Rot überflutete Janes Wangen. Ein hilfloses -Lächeln zuckte um ihre Lippen.</p> - -<p>»Was Sie sagen, sollte mich stolz machen. Aber was -bin ich Silvester? Was kann ich ihm jetzt noch sein? -Je höher Sie meinen Mann und sein Werk stellen, -desto kleiner und unwerter komme ich mir selbst vor.<span class="pagenum"><a id="Seite_321">[321]</a></span> -Ich fürchte mich vor dem Wiedersehen! Statt meinen -Silvester zu umarmen, werde ich vor einem Mann -stehen, zu dem die Welt aufblickt. Was werde ich ihm -noch sein können?«</p> - -<p>Diana richtete sich auf.</p> - -<p>»Was sagen Sie, Jane? Sie versündigen sich mit -Ihren Worten an der heiligsten Bestimmung des -Weibes. Sind Sie ihm nicht Gattin? … Erfüllen Sie -nicht damit die hehrsten Gesetze; die die Natur dem -Weibe vorgeschrieben?«</p> - -<p>Mit aufleuchtender Freude lauschte Jane den Worten -Dianas.</p> - -<p>»Jane! Sie geben ihm den Erben. Sie pflanzen sein -Geschlecht fort, in dem der Name und Ruhm Silvester -Bursfelds weiterleben wird. Er weiß es nicht. Wie er -sich freuen würde, wenn er es wüßte!«</p> - -<p>»Glauben Sie …?«</p> - -<p>»Ganz gewiß!«</p> - -<p>»Aber Sie, Diana …?!«</p> - -<p>»Ich …?«</p> - -<p>»Warum weiß Lord Horace nicht davon, daß …«</p> - -<p>Mit einer raschen Bewegung wandte Diana Maitland -den Blick dem Park zu. Jane sah, wie ihr eine jähe -Röte über den Nacken lief.</p> - -<p>Ein drückendes Schweigen. Bis Diana Maitland sich -mit einer müden Bewegung Jane wieder zuwandte. -Sie vermied es, Janes Frage zu beantworten. Nahm -den Papierstreifen aus den Händen der jungen Frau.</p> - -<p>»Ja … die Depesche … Es sind die stolzen Worte -einer überlegenen Macht … Aber sie künden der -Menschheit den Frieden. Ich kenne die Politik … -ihre Mittel und Wege … ich kann mich in die Seelen -der Tausend von Frauen und Männern versetzen, -denen die Worte der Depesche Schicksal und Leben bedeuten. -Dann glaube ich zu träumen und zweifle, ob es -wahr ist, was die Worte der geheimnisvollen Macht enthalten -… ja, Jane … ich habe Zweifel, ob es wahr<span class="pagenum"><a id="Seite_322">[322]</a></span> -ist … Aber … nein, es muß wahr sein … Denn -Eriks Worte sind es ja … Erik … lügt nicht!«</p> - -<p>»Erik? … Meinen Sie Erik Truwor?«</p> - -<p>»Ja, Erik Truwor.«</p> - -<p>»Kennen Sie Erik Truwor?«</p> - -<p>»Ja … ich lernte ihn vor Jahren in Paris kennen.«</p> - -<p>»Sie kennen Erik Truwor, den besten Freund meines -Mannes?«</p> - -<p>»Ja. Ich kenne ihn … habe ihn sehr gut gekannt.«</p> - -<p>»Aber Sie sprechen nie von ihm. Und doch ist sein -Name in unseren Gesprächen schon oft gefallen.«</p> - -<p>»Lassen Sie, Jane! … Es sind Erinnerungen, -die … ich … begraben … vergessen haben möchte. -Ich denke jetzt nur noch an sein Werk … Wird es ihm -glücken? … Wird ein idealer Wille im Besitz einer -unendlichen Macht imstande sein, der Menschheit den -Frieden zu geben, die Dinge der Welt zum Heil der -Menschheit neu zu ordnen … ich denke, es wird ihm -gelingen … er wird sein Werk vollbringen, nach dem -eine neue Zeitrechnung für die Politik und Geschichte -Europas … nein, der ganzen Welt beginnt …«</p> - -<p>Lord Horace stand plötzlich in der Halle. Diana fühlte -sich unsicher. Sie wußte nicht, wieviel ihr Gatte von -dem Gespräch gehört haben mochte, wieviel von diesem -Gedankenaustausch an sein Ohr gedrungen war.</p> - -<p>»Auch hier Politik? Wo ich Ruhe suchte, fand ich -immer nur Politik.«</p> - -<p>»So muß es wohl sein, Horace. In Schloß und Hütte, -in den entlegensten Winkeln der Erde bewegt doch alle -dieselbe Frage. Kann es etwas Erhebenderes geben -als den Gedanken, daß die Welt endlich zur Ruhe -kommen soll? Daß dies sinnlose Morden und Zerfleischen -ein Ende haben soll …?«</p> - -<p>»Du scheinst dich schon ganz als Weltbürgerin zu -fühlen. Was aus unserem Lande … aus dem britischen -Weltreich wird, ist dir gleichgültig. Freilich … du -bist keine geborene Britin.«</p> - -<p>»Aber ich habe stets als englische Patriotin gefühlt.<span class="pagenum"><a id="Seite_323">[323]</a></span> -Ich habe stets empfunden …« – Lady Diana sprang -auf und trat ihrem Gatten entgegen – »… daß ich die -Gattin Lord Maitlands bin.«</p> - -<p>»… als Britin hast du gefühlt?«</p> - -<p>»Stets, Horace!«</p> - -<p>»Und trotzdem bist du für die Pläne der Macht eingenommen?«</p> - -<p>»Ja!«</p> - -<p>»Ja … verstehst du den Sinn dieser Depesche nicht?«</p> - -<p>»Aber ja, doch! Es ist die frohe Botschaft vom Frieden -… die Freudenbotschaft, daß der Krieg zu Ende -ist.«</p> - -<p>»So … so!? … Weiter nichts?«</p> - -<p>»Ja … Ist denn das nicht genug? Klingt das nicht -wie das Weihnachtsevangelium?«</p> - -<p>»Weihnachtsbotschaft? … Freudenbotschaft? … Welcher -Mann kann das als Freudenbotschaft ansehen, was -ihm Sklaverei und Knechtschaft bedeutet.«</p> - -<p>»Horace … Horace … was sprichst du?«</p> - -<p>»Soll ich dir die Depesche ins Gedächtnis zurückrufen -… soll ich sie dir noch einmal vorlesen?</p> - -<p class="slogan"> -›Der Krieg ist zu Ende! …<br /> -Die Macht fordert Gehorsam …<br /> -Ungehorsam wird bestraft!!! …‹ -</p> - -<p>Macht dir das als Britin Freude?«</p> - -<p>Das klang ganz anders als die Tonart, in der Diana -die Depesche gelesen hatte. Wie Peitschenhiebe knallten -hier die einzelnen Worte, steigerte sich die Drohung von -Satz zu Satz, bis sie schließlich brutal herauskam. Bei -jedem Worte dieser lapidaren Sätze trat Diana automatisch -einen Schritt zurück. Ihre Augen hingen starr -und ratlos an ihrem Gatten. Aber auch Lord Maitlands -Züge hatten die gewohnte Ruhe verloren. Es zuckte in -ihnen. Röte der Erregung und des Zornes lag auf -seinem Antlitz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_324">[324]</a></span></p> - -<p>Wie hatte Diana mit Jane zusammen über diese -Depesche gejubelt, und wie anders klang sie jetzt. Ein -eisiger Schauer überlief Diana. Sie bedeckte ihre Augen -mit den Händen. Hatte sie sich so getäuscht?</p> - -<p>Wortlos standen die Gatten sich gegenüber. Langsam -ließ Diana die Hände sinken und … was war das? … -Irrte sie sich nicht … war das nicht ein leises Flimmern -eines Triumphes in seinen Augen? … Nein! Die Botschaft -Erik Truwors klang falsch im Munde ihres -Gatten. Sie war anders zu lesen, mußte so gelesen -werden, wie Diana und Jane sie gelesen hatten.</p> - -<p>»Horace … kannst du dich nicht freimachen von -einem Namen? … Kannst du den Mann nicht von -seinem Werke trennen?«</p> - -<p>Lord Horace zeigte wieder die ruhige unbewegliche -Haltung des englischen Aristokraten. Keine Spur in -seinen Mienen verriet mehr, wie nahe ihm diese Unterredung -ging, wie sehr schon der Name Erik Truwors -ihn erregte. »Mein Herz ist kühl genug, um den Namen -von seinem Werk zu trennen.«</p> - -<p>Gelassen, fast müde kamen die Worte von seinen -Lippen. Aber er beobachtete scharf und sah, wie Diana -von diesen Worten getroffen wurde. Wie sie die Hände -gegen die Brust preßte, als müsse sie einen tiefen Schmerz -unterdrücken. Er sah, wie sie sich schweigend zum Fenster -hin wandte, und stand selbst unbeweglich auf seinem -Platze. War es möglich, daß seine Worte ihr Herz so -trafen, daß er ihr doch alles … der andere, der verhaßte -Name nur ein Schemen war?</p> - -<p>Es drängte ihn, vorwärtszustürzen. Mit Mühe hielt -er den Namen Diana auf seinen Lippen zurück. Einen -kurzen schweren Kampf, dann hatte er die volle Herrschaft -über sich gewonnen.</p> - -<p>»Die Zukunft wird erweisen, wer recht hat. Ich -wünschte … ich wünschte von Herzen, du hättest -recht …«</p> - -<p>Als Diana sich umwandte, hatte Lord Maitland die -Halle verlassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_325">[325]</a></span></p> - -<p>Diana war allein. Ihr Gesicht war entstellt, gealtert, -schmerzverzerrt. Ihre Augen starrten auf die Stelle, -wo Lord Horace gestanden hatte. Kaum hörbar kam es -von ihren Lippen: »Erik Truwor … Erik … Truwor!«</p> - -<p>Ein Götzenbild! Wankte es? Stürzte es? … Wo -war die Wahrheit? … Schluchzend sank sie auf den -Teppich nieder.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Der lange, sechs Monate währende Poltag ging -seinem Ende zu. Dicht über dem Horizont zog die Sonne -ihren vierundzwanzigstündigen Kreis. Immer näher -kam sie der Kimme, wo Eisfeld und Himmel zusammenstoßen. -Klingender Frost kündete die kommende Polnacht.</p> - -<p>Erik Truwor trat aus dem Berg. Den schweren Eisstock -in der Rechten, stieg er über die Stufen und Eisbänder -schnell empor, bis er die höchste Zinne erreichte. -Da hatte in den vergangenen Tagen die Sonne den -Eisberg mit wärmenden Strahlen umkost und seine -Formen verändert, hatte aus dem grünlich und bläulich -schimmernden Eismassiv ein Gebilde geformt, das -an einen hochlehnigen Sessel gemahnte, an einen Königsstuhl -aus den Zeiten der Goten oder Merowinger.</p> - -<p>Hier blieb er stehen, und sein Auge haftete an der -zum Sitz ausgeschmolzenen Gipfelzinne.</p> - -<p>»Was ist das? … Ein Sitz! … Ein Thron … -mein Thron?!«</p> - -<p>Mit einer Herrschergebärde ließ er sich nieder. Den -schweren Eisstock wie ein Zepter an der rechten Seite. -Die Arme auf den Seitenlehnen dieses bizarren Thrones. -So saß er dort, rot von der Sonne umglüht, einer -Statue vergleichbar. Saß und sann.</p> - -<p>Sprunghaft wurden seine Gedanken, kreuzten sich, -überstürzten sich.</p> - -<p>In der Höhle des Eisberges neben den Funkenschreibern -stand Atma. Der Inder ließ die Streifen -durch die Finger laufen, zurück bis zu der letzten drohenden<span class="pagenum"><a id="Seite_326">[326]</a></span> -Depesche der Macht, die auch hier von den -Apparaten mitgeschrieben war.</p> - -<p>War die Kluft schon so weit geworden, daß Erik -Truwor seine Gedanken und seine Geheimnisse für sich -behielt?</p> - -<p>Mit wachsender Sorge hatte Atma die Veränderung -des Freundes verfolgt. Was würde kommen, was -würde das Ende sein? Was stand im Buche des Schicksals -über Erik Truwor geschrieben?</p> - -<p>Atma sprang auf und verließ den Berg. Er stand auf -dem flachen Eis und blickte sich um. Gegen den tiefroten -Abendhimmel hoben sich die gigantischen Formen des -Eisthrones ab. Wie eine dunkle Silhouette sah er die -Gestalt Erik Truwors dort gegen den blutfarbigen -Himmel in den Äther ragen. Ein Zepter an der Seite, -den Blick in die Ferne gerichtet.</p> - -<p>So gewaltig, so zwingend war das Bild, daß es -Soma Atma in tiefen Bann schlug, seine Gedanken verzauberte, -seine Erkenntnis trübte.</p> - -<p>Sollte er sich täuschen? Erhob das Schicksal diesen -Mann weit über alle Sterblichen? War ihm die Weltherrschaft, -die absolute Gewalt über Tod und Leben -aller Geschöpfe bestimmt?</p> - -<p>In eisiger Einsamkeit verrann die Zeit, bis der -Zauber wich, bis Atma nicht mehr den Schein, sondern -das Wesen sah.</p> - -<p>Erik Truwor saß dort oben und starrte regungslos in -den glühenden Sonnenball. Leise und abgerissen fielen -Worte von seinen Lippen:</p> - -<p>»Zu meinen Füßen liegt die Welt! Was bin ich? … -Was bin ich?! Bin ich der Herr? … Ja … ja! Ich -bin ihr Herr. Ich habe die Macht, sie zu zwingen! … -Zwingen … zum Guten zwingen. Ein guter, ein -gerechter Herr will ich sein. Aber wenn sie mir zu -trotzen wagen?! … Trotzen … wer will mir -trotzen? … Kein Sterblicher! … Auf Erden -keiner … keiner! … Silvester … Atma? … -Auch die nicht … Ha! … der eine sicher nicht. Den<span class="pagenum"><a id="Seite_327">[327]</a></span> -hat das Schicksal genommen, als er sein Geschick -erfüllt … Der andere! … Atma? … Atma! … -Atma!! … Fiel Cäsar nicht durch Brutus' Hand? … -Atma! … Rief ich dich. Da kommst du ja …«</p> - -<p>Halb aufgerichtet, mit vorgebeugtem Leibe blickte er -auf Atma, der langsam den Pfad emporklomm. Fester -umkrampfte seine Hand den schweren Eisstock.</p> - -<p>»Hüte dich, Atma!«</p> - -<p>Er sank in den Sessel zurück. In seinen Augen -lauerte es.</p> - -<p>Nun stand Atma dicht bei ihm. Schaute ihn mit der -ganzen Kraft seines zwingenden Auges an und sah, wie -Erik Truwor kalt und fremd an ihm vorbeiblickte.</p> - -<p>»Erik Truwor! Siehst du deinen Freund nicht?«</p> - -<p>Erik Truwor wandte leicht das Haupt und streifte -den Inder mit einem flüchtigen kalten Blick.</p> - -<p>»Was willst du?« Fremd und leer klang die Frage.</p> - -<p>»Fragst du so den Freund?«</p> - -<p>Erik Truwor zog die Brauen zusammen, bis sie sich -berührten. »Freund …?«</p> - -<p>Der Ton des Wortes traf das Herz des Inders.</p> - -<p>»Erik … besinne dich … Was willst du tun? … -Denke an Pankong Tzo, an die Weissagung, an die -Ringe! – Es waren drei!«</p> - -<p>»Was gilt mir noch Pankong Tzo? … Und die drei -Ringe …«</p> - -<p>»Hast du Silvester auch vergessen?«</p> - -<p>»Silvester? … Silvester … Der hat sein Geschick -erfüllt … Seine Zeit war um …« Erik Truwor stieß -den schweren Stock in das Eis, daß die Brocken spritzten. -»Jetzt geht es um größere Dinge!«</p> - -<p>»Dann brauchst du deinen Freund Soma auch nicht -mehr? … Oh, daß ich bei Silvester im eisigen Grabe -läge statt diese Stunde zu sehen … Um größere Dinge -geht es, sagst du … Denke an die Worte Tsongkapas: -›Es mag leichter sein, große Dinge zu vollbringen als -gute!‹ Was du sinnst, weiß ich. Unheilig sind deine Gedanken! -Aber ich sage dir, nie wird ein Werk bestehen,<span class="pagenum"><a id="Seite_328">[328]</a></span> -das auf Gewalt gegründet ist. Hüte dich vor der Rache -des Schicksals! … Bedenke, daß du nur ein Werkzeug -des Schicksals bist.«</p> - -<p>Erik Truwor hatte sich erhoben. Jeder Nerv der -hageren, hochragenden Gestalt war gespannt. Noch -schärfer, eckiger als sonst sprang die gebogene Nase über -die schmalen Lippen hervor. Tiefe Falten durchzogen -die hohe Stirn. Wie Eisblinken blitzte es lauernd und -doch gewaltsam in den tiefen Augenhöhlen. Machtlos -glitten Kraft und Willen Atmas an dieser Wandlung ab.</p> - -<p>»Ich … ein Werkzeug des Schicksals? … Und wenn -ich es verschmähte, ein Werkzeug des Schicksals zu -bleiben … und wenn ich« – seine Gestalt reckte sich, -als ob er über sich selbst hinauswachsen wolle – -»… wenn ich das Schicksal meistern wollte?!«</p> - -<p>Vor dem drohenden Blitz aus Erik Truwors Augen -wich Atma einen Schritt zurück.</p> - -<p>»Jetzt bin ich der Mächtigste auf Erden. Wer wagt -es, mir zu trotzen … das Menschengeschlecht liegt -zu meinen Füßen … Die Elemente müssen mir -gehorchen … Ich will die Wogen des Meeres zähmen -und dem Sturm gebieten, sich zu legen … nie zuvor -wurde einem Menschen solche Macht gegeben … und ich -soll sie nicht gebrauchen?«</p> - -<p>Atma trat dicht auf Erik Truwor zu. Noch einmal -suchte und fand er Worte, um den Freund zu halten.</p> - -<p>»Erik, du bist krank. Der Tod Silvesters hat deine -Seele erschüttert, die Arbeit deinen Körper geschwächt.«</p> - -<p>Erik Truwor schüttelte den Arm des Inders unwillig -ab.</p> - -<p>»Krank? … Erschüttert? … Ha! Mein Körper ist -kräftiger, mein Geist klarer und frischer denn je.«</p> - -<p>Er ließ den schweren Eisstock wie ein Spielzeug durch -die Finger laufen.</p> - -<p>»Erik Truwor!« Die Stimme Atmas klang streng. -»Du frevelst! … Du frevelst am Schicksal. Hüte -dich!«</p> - -<p>»Ich mich hüten? … Vor wem? … Vor dir?«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_329">[329]</a></span></p> - -<p>Er hob den Eisstock, als wolle er Atma zu Boden -schlagen. Dann stieß er ihn tief in das splitternde Eis -hinter sich und reckte die Arme mit geballten Fäusten -gegen den Himmel, als wolle er einem unsichtbaren -Gegner in den Lüften drohen. Die Fäuste öffneten sich, -und wie Krallen bewegten sich die Finger.</p> - -<p>Ein heiserer Schrei, halb Drohung, halb Lachen, brach -aus seinem Halse.</p> - -<p>»Hüten soll ich mich? … Hüten? Vor wem? … Vor -euch Unsichtbaren da oben?! Haha … Kommt heraus, -ihr geheimnisvollen Mächte, aus euren Verstecken. -Kommt! … Ich will mit euch kämpfen! … Ha … -Haha … wo seid ihr? Kommt! … Habt ihr Furcht … -Haha … Ich lasse mich von euch nicht äffen. Ha … -ha … haha … Ich nicht!«</p> - -<p>Ein Wetterleuchten, ein Blitzstrahl weit draußen am -Horizont ließ Atma erschauern.</p> - -<p>»Erik Truwor, laß dich warnen. Sahst du das -Zeichen, das geschehen?«</p> - -<p>»Ha … ha! Du Blinder, du Abergläubischer. Das -harmlose Wetterleuchten soll wohl ein Zeichen von -deinem Schicksal sein. Ha … ha … Ihr Toren … -hinter jedem Naturvorgang, den euer kümmerliches Hirn -nicht begreift, seht ihr etwas Geheimnisvolles … -Übernatürliches … und wenn es euch paßt, einen Wink -des Schicksals, dem ihr euch beugt … dem ihr euch -fügt … Ich will mich nicht fügen … ich nehme den -Kampf mit euch auf … ich forme mein Schicksal nach -meinem Willen! … Wehe, wer mich stört! … Wehe -euch da oben … ich fürchte euch nicht … hütet euch -vor mir … Hütet euch. Ich komme über euch mit -meiner Macht, die größer, als die Welt sie je gesehen!«</p> - -<p>Schauerlich, wie ein Kriegsruf hallten die letzten Worte -Erik Truwors in die stille Polardämmerung. Und plötzlich -eilte er springend und stürzend den steilen Hang -des Eisberges hinunter und verschwand in der Höhle, -die den Rapid Flyer barg. Mit wankenden Knien folgte -Atma seiner Spur. Sah, als er auf dem flachen Eise<span class="pagenum"><a id="Seite_330">[330]</a></span> -ankam, gerade, wie Erik Truwor das Flugschiff aus -seinem Versteck ins Freie brachte.</p> - -<p>»Wohin, Erik? Wohin?« Atma rief es mit verlöschender -Stimme.</p> - -<p>»In den Kampf!« Erik Truwors Stimme klang wie -einst der jauchzende Kriegsruf der alten Waräger. »In -den Kampf! Mit denen da oben! Heißa! … Jetzt -wehrt euch … Erik Truwor kommt … der Große -kommt.«</p> - -<p>Atma sah, wie Erik Truwor den großen Strahler in -den Rapid Flyer hob und alle Vorkehrungen traf, die -Kabine zu verschließen. Betend faltete er die Hände. -Er erhob sich von den Knien und ging mit ausgestreckten -Händen auf Erik Truwor zu. Alle Kräfte seines Geistes -waren aufs höchste gespannt. Alles, was sie herzugeben -vermochten, konzentrierte er mit stärkster Energie auf -den Willen, Erik Truwors verwirrten Geist zu zwingen. -Die hypnotische Gewalt begann zu wirken.</p> - -<p>»Noch einmal hilf mir, du großer Gott. Gib meinem -Herzen größere Kraft. Kraft, das kranke Herz zu zwingen -und zu heilen. Dann nimm meine Seele dafür hin.«</p> - -<p>Erik Truwor hielt in seinen Bewegungen allmählich -inne. Seine gestraffte Gestalt sank langsam in sich zusammen. -Dann plötzlich schien er sich der fremden Kraft, -die über ihn gekommen, bewußt zu werden. Er wandte -den Kopf Atma zu. Ihre Blicke vergruben sich ineinander. -Bewegungslos standen sich die beiden Männer gegenüber. -Ein Zweikampf … furchtbar … stumm … Bebendes -Hoffen zog durch Atmas Seele. Der Kampf war angenommen -… Durchhalten! Sein Gebet war erhört! … -Da … ein Wölkchen schob sich vor den roten Sonnenball -und raubte sein Licht. Einen kurzen Augenblick -nur … Da war es geschehen. In dem plötzlichen Halbdunkel -verlor Atmas Blick die Schärfe … für einen -Moment nur entglitt ihm die eben gewonnene Gewalt.</p> - -<p>»Ha … ha … haha …« Da war es wieder, das -kurze, abgerissene Lachen des Wahnsinns.</p> - -<p>Mit einem Sprunge hatte sich Erik Truwor gedreht<span class="pagenum"><a id="Seite_331">[331]</a></span> -und den bannenden Blicken Atmas entzogen. Mit -schaurigem Hohngelächter sprang er in die Kabine und -warf die Tür hinter sich zu.</p> - -<p>Zerbrochen, besiegt, geschlagen stand Atma. Der -Rapid Flyer verließ den Boden und schoß in die Höhe.</p> - -<p>»Erik … Erik Truwor!« … Der Ruf Atmas verhallte -ungehört in der eisigen Luft. Schon ward das -Flugschiff klein und immer kleiner. Jetzt nur noch ein -Punkt … Jetzt nicht mehr sichtbar.</p> - -<p>Demütig senkte Atma sein Haupt vor dem Willen des -Schicksals. Er ging in den Berg zurück. Da fand er -den Fernseher, fand den kleinen Strahler und suchte am -dämmernden Himmel, bis das Bild des Flugschiffes gefaßt -war und auf der Mattscheibe erschien. Da … -Einen Kampf sahen seine Augen … Einen Kampf, wie -ihn noch nie ein Sterblicher erschaut … Einen Kampf -gelenkter und gebändigter Naturgewalt gegen die fessellosen -Naturkräfte des Firmaments.</p> - -<p>Ein Schrei rang sich aus Atmas Brust … Entsetzen -sprach aus seinen Zügen … Seine Zunge stammelte -Gebet … Hilferuf … Er barg das Gesicht in den -Händen, um das grausige Bild nicht weiter zu sehen.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die beiden großen amerikanischen Parteien der Sozialisten -und der Plutokraten waren durch den Staatsstreich -der Patrioten in gleicher Weise überrumpelt -worden. Die ersten Tage nach dem Sturze Cyrus -Stonards herrschte lähmende Überraschung und Verblüffung -in ihren Reihen. Die Revolution war von -einer dritten viel jüngeren und, wie sie meinten, viel -schwächeren Partei gemacht worden. Aber sie mußten -sehen, daß die Masse des Volkes diese Revolution gut -hieß, mußten mit der Macht der Tatsachen rechnen.</p> - -<p>Es war den Führern der Linken klar, daß eine Revolution -von ihrer Seite den schärfsten Widerstand der -Rechten finden würde, daß sie sich nur nach blutigen<span class="pagenum"><a id="Seite_332">[332]</a></span> -Bürgerkämpfen behaupten könnten. Genau so lagen die -Dinge aber auch, wenn die Rechte einen neuen Staatsstreich -unternahm. Und man wußte nicht, wie die unbekannte -Macht sich zu blutigen Konflikten stellen würde.</p> - -<p>So waren die Patrioten in der Lage, ihr eigenes -Programm ohne nennenswerte Widerstände durchzuführen. -Viel glatter, schneller und besser, als es eine -der anderen Parteien jemals gekannt hätte.</p> - -<p>Die amerikanische Presse aller Schattierungen erging -sich in Reminiszenzen an frühere glückliche Zeiten im -neunzehnten Jahrhundert, in denen Amerika das wahre -Land der Freiheit gewesen, der Patriotismus allein den -Ausschlag für alle politischen Handlungen gegeben -hatte. Mit wenigen Ausnahmen wurden auch die Nachrufe -für Cyrus Stonard dem gestürzten Diktator gerecht. -Sie achteten seine Größe und gaben der Meinung Ausdruck, -daß er das Beste des Landes gewollt, wenn auch -seine Mittel nicht immer die richtigen waren.</p> - -<p>In der neuen Regierung übernahm Dr. Glossin das -Portefeuille des Äußern. Er erhielt es wegen seiner -Verdienste um die Durchführung der Revolution und -seiner genauen Kenntnis der bisher getriebenen äußeren -Politik der Vereinigten Staaten. Aber er fühlte vom -ersten Tage seiner Amtsführung an, daß er auf unsicherem -Boden stand. Die Patrioten hatten Cyrus -Stonard stets bekämpft. Dr. Glossin war erst in der -zwölften Stunde von ihm abgefallen, nachdem er so lange -Jahre sein williges Werkzeug gewesen war. Das brachte -ihn in den schlimmen Ruf eines Renegaten, heftete seinem -Namen einen schweren Makel an.</p> - -<p>Nur ein glänzender Wahlsieg konnte ihn in seiner -Stellung festigen. Deshalb hatte er sich in Neuyork -im Trinity Church District aufstellen lassen. Dort hatte -er seine Anhänger, und dort hoffte er durch geschickte -Verhandlungen mit den Führern der Roten auch die -Stimmen dieser Partei für sich zu gewinnen.</p> - -<p>Es war ein gefährlicher Boden, auf den er sich wagte. -Nur die raffinierte Schlauheit eines Dr. Glossin konnte<span class="pagenum"><a id="Seite_333">[333]</a></span> -es wagen, die Stimmen einer fremden Partei im geheimen -Einverständnis mit deren Führern zu erlisten. Er -unternahm es, weil er darin die einzige Möglichkeit sah, -sich in der Regierung zu halten.</p> - -<p>Der allzu Schlaue vergaß, daß es noch eine plutokratische -Partei gab, die sich nach den Ereignissen des -siebenten August von ihm düpiert fühlte und deren -Spione die Vorgänge innerhalb der radikalen Linken -sehr genau beobachteten. Er war von dem Ergebnis -seiner letzten Besprechung mit den Führern der Linken -befriedigt, als sein Kraftwagen ihn in der Abendstunde -des zwanzigsten August über den Broadway fuhr.</p> - -<p>Eine neue Ausgabe der Abendzeitungen fesselte seine -Aufmerksamkeit. Das Blatt der Neuyorker Konservativen. -Er sah auf der ersten Seite ein Porträt, hörte, -wie die Zeitungsboys die Überschriften ausriefen: »Aus -dem Vorleben unseres Außenministers!!«</p> - -<p>Er ließ das Auto halten, um ein Blatt zu kaufen. -Hörte, während er es erstand, aus dem Geschrei der -Boys eine Fülle anderer Überschriften.</p> - -<p>»Bekommt von England nicht genug! … Die Millionen -aus Japan! … Doppelspiel vom ersten Tage! … -Englischer Abkunft! … Amerikanischer Bürger! … -Japanischer Spion! … Der Bravo des Diktators! … -Er verrät weiter! … Wen verrät er? … Das amerikanische -Volk!« …</p> - -<p>Die Zeitungsboys hatten ihn nach dem Porträt erkannt -und machten sich den Spaß, ihm die einzelnen -Überschriften des Artikels zuzuschreien, bis der Kraftwagen -ihn außer Hörweite brachte. Auf der Fahrt nach -dem Flugplatz hatte er Zeit, den Aufsatz ganz zu lesen. -Den kleingedruckten Text zwischen den fetten Überschriften.</p> - -<p>Der Mann, der das geschrieben hatte, mußte ihn und -sein ganzes Vorleben unheimlich genau kennen. Da war -keiner seiner schlimmen Streiche vergessen, keine seiner -Verrätereien und Meinungsänderungen ausgelassen. In -schlichter Sprache legte der Verfasser das Treiben<span class="pagenum"><a id="Seite_334">[334]</a></span> -Glossins vom ersten Tage seiner Tätigkeit in San Franzisko -bis zu seinem letzten Doppelspiel mit den Führern -der Roten dar. Er deckte den Artikel mit seinem vollen -Namen. Der konservative Politiker MacClaß genoß -auch in den Kreisen seiner Parteigegner allgemeine -Achtung.</p> - -<p>Dr. Glossin verließ seinen Wagen auf dem Flugplatz. -Was tun? Eine neue Revolution versuchen? Offen -mit den Roten zusammengehen? Er verwarf den Gedanken -so schnell, wie er ihm gekommen war.</p> - -<p>Jetzt gerade nach Washington und den anderen die -eiserne Stirn gezeigt! Hatte er nicht allein die Revolution -gemacht? Was waren die anderen ohne ihn? -Nie hätten sie zur rechten Zeit losgeschlagen. Nie wäre -es ihnen gelungen, zur Macht zu kommen! Ihm verdankten -sie alles. Mit ihm mußten sie weiter durch dick -und dünn gehen, wenn sie an der Macht bleiben wollten. -Was hatte schließlich ein Zeitungsartikel im Wahlkampf -zu bedeuten?</p> - -<p>Mit festem Schritt betrat er das Sitzungszimmer im -Weißen Hause. Kühle Worte und kühle Mienen. Es -war klar, daß der Artikel von MacClaß hier bereits -bekannt war. Deshalb zog er das Blatt aus der Tasche -und warf es auf den Tisch.</p> - -<p>»Den Wisch kaufte ich vor einer Stunde auf dem -Broadway. Schwindel natürlich! Alles Schwindel!«</p> - -<p>Drückendes Schweigen folgte seinen Worten. Bis -William Baker die Frage stellte: »Alles …?«</p> - -<p>Das war der kritische Moment. Mit eiserner Stirn -mußte Glossin sofort ein einziges Wort sagen: »Alles!«</p> - -<p>Als er den geraden durchdringenden Blick William -Bakers auf sich ruhen fühlte, versagten ihm für einen -Augenblick Entschlossenheit und Mut. Als sie ihm wiederkamen, -war es für diese kurze knappe Antwort zu spät. -Er mußte viele Worte machen. Den Gekränkten und -Entrüsteten spielen.</p> - -<p>»Mr. Baker, ich hoffe, daß Sie diese Unterstellungen<span class="pagenum"><a id="Seite_335">[335]</a></span> -nicht für wahr halten. Ich bin bereit, mich von jedem -Verdacht zu reinigen.«</p> - -<p>»Es wäre im Interesse des Ansehens der Regierung -sehr erwünscht, wenn Sie das könnten.«</p> - -<p>William Baker sprach die Worte langsam, während -er eine Mappe ergriff, aufschlug und vor Glossin hinschob.</p> - -<p>Der Doktor warf einen Blick darauf, und der Herzschlag -stockte ihm.</p> - -<p>Die Korrespondenz, die er bis in die letzten Tage drahtlos -mit England geführt hatte. Chiffriert natürlich. Ein -Dechiffreur von Gottes Gnaden hatte den geheimen -Schlüssel rekonstruiert und alles entziffert. Hier standen -die Depeschen, wie er sie aufgegeben und empfangen -hatte. Daneben der wahre Sinn, der vernichtend für -ihn war. Dann weiter seine Verhandlungen mit den -Roten von Trinity Church. Dr. Glossin blätterte mechanisch -weiter. Ein Bericht eben jenes MacClaß an -den Beauftragten des amerikanischen Volkes William -Baker.</p> - -<p>Dr. Glossin ließ sich auf dem nächsten Stuhl nieder. -Er fühlte, daß sein Spiel verloren war. Wie aus weiter -Ferne klangen die Worte William Bakers an sein Ohr:</p> - -<p>»Ihre Haltung bestätigt mir die Richtigkeit der Anklagen. -Wir wollten nicht handeln, ohne Sie gehört zu -haben. Was haben Sie zu sagen?«</p> - -<p>Dr. Glossin schwieg.</p> - -<p>»Wir haben unsere Maßnahmen getroffen. Sie -können aus diesem Zimmer als Untersuchungsgefangener -des Staatsgerichtshofes hinausgehen … oder … -als freier Mann, um sofort ein Flugschiff zu besteigen -und die Union für immer zu verlassen. Wofür entscheiden -Sie sich?«</p> - -<p>Dr. Glossin blickte um sich mit den Augen eines gehetzten -Tieres. Von irgendeiner Stelle erwartete er -Beistand … Hilfe … zum mindesten Mitleid. Und -fand überall nur starre, abweisende Blicke. Er entschloß -sich zur Antwort: »Für das letztere.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_336">[336]</a></span></p> - -<p>William Baker drückte auf einen Knopf.</p> - -<p>»Herr General Cole, lassen Sie Herrn Dr. Glossin zum -Schiff bringen.«</p> - -<p>Der General nahm den Auftrag entgegen. Er winkte -dem Arzt. Uniformen wurden sichtbar, als er die Tür -zum Vorzimmer öffnete. Die Leute des Generals umringten -den Doktor.</p> - -<p>General Cole ging zehn Schritte voraus. Er mied -die Nähe des Verbannten. Mit schnellen Schritten erreichte -er das Flugschiff und stand abseits, während seine -Leute die Einschiffung Glossins überwachten. Anders -als die Abfahrt Cyrus Stonards vollzog sich die Dr. -Glossins.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Professor Raps saß in seinem Arbeitszimmer. Eine -Anzahl von Dokumenten und Berichten bedeckte den -großen Schreibtisch. Weiße Foliobogen lagen vor ihm. -Die Feder ruhte in seiner Hand.</p> - -<p>Doch er kam nicht weit mit dem Schreiben. Seine -Züge verrieten höchste geistige Anspannung. Seine -Rechte bewegte die Feder, warf einige Zeilen in der -großen charakteristischen Schrift auf das weiße Papier, -um dann wieder mit dem Schreiben zu stocken.</p> - -<p>Er legte die Feder beiseite und griff nach einem -Schriftstück, nahm ein zweites und drittes dazu. Überflog, -las und verglich. Und dann plötzlich wichen die -Falten, die seine Stirn furchten. Ein Leuchten der Befriedigung -glitt über seine Züge … ein leiser Ruf entrang -sich seinen Lippen: »So ist's!«</p> - -<p>Tiefatmend legte er sich in den Schreibstuhl zurück -und deckte die Hand über die Augen. Noch einmal ließ -er die Glieder der Kette, die er in angestrengter Arbeit -aneinandergereiht hatte, vor sich vorüberziehen.</p> - -<p>Das erste Glied! Ein Bericht der Sternwarte von -Halifax, datiert von dem gleichen Tage, an dem der -Friedensvertrag zwischen England und Amerika unterzeichnet -worden war. Um 8<em class="antiqua">h</em> 17<em class="antiqua">m</em> mitteleuropäischer<span class="pagenum"><a id="Seite_337">[337]</a></span> -Zeit zwei schnell aufeinanderfolgende starke Explosionen -in nördlicher Richtung in der Zone der Polarlichter.</p> - -<p>Die erste Explosion zeigte im spektroskopischen Bild die -Linien des Kalziums und der Kieselsäure, die zweite diejenigen -von Eisen und Aluminium. Die Astronomen -von Halifax deuteten das Spektrogramm dahin, daß -die zweite Explosion einen gewaltigen Brocken kosmischer -Tonerde betroffen habe. Aber es fehlten die Sauerstofflinien, -es waren nur Linien des reinen Aluminiums -vorhanden …</p> - -<p>Professor Raps konnte sich der Meinung der Astronomen -nicht anschließen. Nach dem Spektrogramm mußte -reines Aluminium explodiert sein … und dann die -Regeln der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Auch die sooft -zitierte Duplizität der Ereignisse konnte hier nicht zur -Erklärung herangezogen werden. Vor zwölf Stunden -war dem deutschen Gelehrten an diesem toten Punkt -der Untersuchungen das erstemal blitzartig der Gedanke -gekommen: Das war eine Wirkung der Macht! -Die Erscheinungen waren von der Macht verursachte -Explosionen der Raumenergie. Aber waren sie gewollt? -… Waren sie ungewollt geschehen? … Waren -sie am Ende sogar gegen den Willen der Macht eingetreten? -Ebensoviel unlösliche Rätsel wie Fragen.</p> - -<p>Die nächsten Glieder! Ein Funkentelegramm des -deutschen Dampfers »Bismarck« aus dem Nordatlantik -vom gleichen Tage: 40° 13′ nördlicher Breite 35° 17′ -westlicher Länge. Steuerbord voraus aufkochende See -in 10 <em class="antiqua">km</em> Breite und 50 <em class="antiqua">km</em> Länge. Schwere Dampfwolken. -Heißer Sprühregen auf Deck.</p> - -<p>Die Morgenzeitungen hatten den Bericht gebracht und -Kommentare wissenschaftlicher Kapazitäten dazu gegeben. -Nach den Vermutungen der Gelehrten handelte es sich -um einen unterseeischen Vulkanausbruch.</p> - -<p>Professor Raps hatte die Depesche noch am vergangenen -Abend gelesen. Er vermißte die genaue Zeitangabe -und war deswegen auf die Redaktion gegangen. -Man hatte sie ihm bereitwillig gegeben. 8<em class="antiqua">h</em> 13<em class="antiqua">m</em> abends.<span class="pagenum"><a id="Seite_338">[338]</a></span> -Der Professor hatte das Originaltelegramm lange Zeit -in der Hand behalten. Der Zusammenhang war zu -frappant, zu augenfällig, um ihn nicht zu erschüttern. -Und während er dort sinnend saß, hatte ihm der Redakteur -eine andere eben einlaufende Depesche des -Forest Department of Canada vorgelegt. Ein Bericht -über einen schweren Waldbrand, bei dem mehrere tausend -Hektar Urwald verascht worden waren. Das Merkwürdige -war, daß das Feuer sich hier nicht allmählich -weitergefressen hatte. Die ganze riesige Fläche mußte -beinahe zur selben Zeit aufgeflammt und niedergebrannt -sein.</p> - -<p>Dann hatte die Zeitung des späten Abends an dem -gleichen Tage noch eine eigentümliche Meldung veröffentlicht. -Einen Funkspruch der indischen Großstation -zu Dehli.</p> - -<p>Plötzliche, überraschende Schneeschmelze im Himalaja. -Ghahngak, Burh Ghandk und Damla werfen Hochwasser -in den Ganges. Überschwemmung bei Hajipur.</p> - -<p>Die Morgenzeitungen des heutigen Tages hatten die -Nachricht aus Dehli auch gebracht. Sie fügten aber eine -zweite Depesche an, gleichfalls aus Dehli, daß die Schneeschmelze -und das Hochwasser ebenso plötzlich, wie sie aufgetreten -waren, auch wieder nachgelassen hätten.</p> - -<p>Das waren die hauptsächlichsten Nachrichten, die -wichtigsten Glieder der Kette.</p> - -<p>Professor Raps hatte die Nacht keine Ruhe gefunden. -Die Gedanken kamen und gingen während der Stunden -von Mitternacht bis zum Sonnenaufgang. Sie überfielen -ihn, drängten sich ihm auf, zwangen ihn wieder -und immer wieder, diese Nachrichten zu überlegen, in -Zusammenhang zu bringen. Als er sich am frühen -Morgen erhob, hatte er eine Lösung gefunden. Es sind -keine zufälligen Naturereignisse … es waren Wirkungen -der Macht … Was war geschehen? … Raumenergie -war an den verschiedensten Stellen der Erde fast gleichzeitig -explodiert … Warum? … Weshalb? … Vor -dem Friedensschluß wären diese Auswirkungen erklärlich<span class="pagenum"><a id="Seite_339">[339]</a></span> -gewesen … Warum jetzt? … Jetzt war eine Probe -der Macht nicht mehr nötig.</p> - -<p>In der neunten Morgenstunde hatte Professor Raps -ein Telegramm aus Hammerfest bekommen. Auch dort -waren die beiden Explosionen im Spektroskop beobachtet -worden, und diese zweite Beobachtung bestätigte -seine Schlußfolgerungen. Die letzte Explosion zeigte die -Linien reinen Aluminiums.</p> - -<p>Was war der Zweck, was der Sinn aller dieser Erscheinungen -… hatte es noch Sinn … war es am -Ende auch sinnloser Kampf … hatte die Macht sich -selbst bekämpft? … Drei waren es doch … drei sollten -es sein? … Waren die drei Träger der Macht miteinander -in Kampf geraten? Oder … war es Selbstvernichtung? -… Selbstvernichtung? … Das Korrigens? -»So ist's!« Der Ausruf entfuhr dem Gelehrten, als -seine Schlußkette bis zu diesem Punkte geschmiedet war. -Das Korrigens des alten Linnés hatte sich gezeigt. In -gewaltsamem Ausbruch hatte sich die Natur von einem -Druck befreit, der ihren ewigen Gesetzen entgegenwirkte -… War es das? … Es mußte so sein.</p> - -<p>»So ist's! … So ist's gewesen.« Die Überzeugung -dafür trug er in Kopf und Herz.</p> - -<p>Es war Zeit, ins Kolleg zu gehen, die Vorlesung über -Elektrodynamik zu halten. Er verließ seine Wohnung -und ging in die Hochschule.</p> - -<p>Er sprach und war selbst über den Schwung, über das -Feuer seines Vortrages erstaunt. Er fühlte es, er -merkte es an den Mienen der Zuhörer, daß er das Auditorium -heute mehr denn je faszinierte. Es lebte und -wirkte etwas in ihm, was ihn emporhob, was den -logischen Schlüssen, den mathematischen Formeln seiner -Vorlesung einen höheren Schwung gab. Und die -Hörer fanden ihren Lehrer verändert, sahen, daß das -feine ruhige Gelehrtengesicht heute in Entdeckerfreude -glühte.</p> - -<p>Die Vorlesung war zu Ende. Professor Raps wollte -das Katheder verlassen und sah, daß seine Hörer noch<span class="pagenum"><a id="Seite_340">[340]</a></span> -etwas von ihm erwarteten, daß hundert Augenpaare -fragend an seinen Mienen hingen. Und blieb noch einmal -auf dem Katheder stehen, fühlte, wie seine Lippen -sich unter einem inneren Zwang öffneten. Wußte nicht, -wie es geschah, daß er die Worte sprach: »Meine Herren! -<em class="antiqua">Natura non facit saltus!</em>«</p> - -<p>Stille herrschte im Hörsaal. Aber die Hörer sahen -das Gesicht ihres Lehrers aufleuchten, sahen eine Verklärung -auf seinen Zügen, und jeder von ihnen fühlte -es: Hier hatte ein großer Geist in die weltbewegenden -Ereignisse der letzten Tage hineingeschaut. Brausender -Beifallsturm durchtobte den Saal, als der Professor das -Katheder verließ.</p> - -<p>Die Abendblätter brachten bereits einen Bericht über -die Vorgänge im Kolleg. Das Wort Linnés, das der -Professor dort gesprochen, wurde um den Erdball gefunkt.</p> - -<p>Ein Blatt brachte die Nachricht, daß ein hoher Beamter -der Reichsregierung den Professor bereits am -Nachmittag in seiner Wohnung aufgesucht und eine -längere Unterredung mit ihm gehabt hatte. Ein anderes -wußte zu melden, daß die Vertreter der Reichsregierung -danach bis spät in die Nacht hinein getagt hätten. Depeschen -durchschwirrten die Welt. Die Konferenz der -Reichsminister erwies sich als Tatsache und steigerte die -Spannung.</p> - -<p>Was wußte Deutschland? … Kannte es das Geheimnis?</p> - -<p>Die Augen der ganzen Welt richteten sich plötzlich -nach Deutschland. Man begann zu rechnen. Man überschlug -die deutschen Machtmittel. Die wirtschaftliche -Stärkung Deutschlands durch die Lieferungen des Englisch-Amerikanischen -Krieges. Daneben die Schwächung -der beiden kriegführenden Länder. Die Erschöpfung -ihrer Kassen, der Verlust ihrer Flotten und sonstigen -Kampfmittel.</p> - -<p>War Deutschland dem Geheimnis der Macht auf die -Spur gekommen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_341">[341]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Als die Tür des Rapid Flyers ins Schloß fiel, ließ -Erik Truwor die Turbinen anspringen. In jähem Aufstieg -stürmte die Maschine in die Höhe, brachte Kilometer -um Kilometer unter sich.</p> - -<p>Schon stand der Sonnenball, der dort unten bereits -zur Hälfte vom Horizont verdeckt wurde, wieder frei -über der Kimme. Schon höhlte sich die weitgestreckte -Eiswüste wie eine ungeheure Mulde unter dem Flieger.</p> - -<p>Erik Truwor stand am Steuer und sah es … blickte -dann wieder nach oben und ballte die Fäuste, als drohe -er einem unsichtbaren Feind.</p> - -<p>Ein einziger Gedanke beherrschte sein krankes Gehirn: -Nach oben … immer höher nach oben …</p> - -<p>Der Flieger stieg und stieg. Aber er war nur gebaut, -eine Höhe von dreißig Kilometer zu erreichen, in ihr -zu fliegen.</p> - -<p>Erik Truwor sah am Höhenmesser, daß die Maschine -langsamer stieg, daß die Kraft der Turbinen nachließ.</p> - -<p>»Haha … haha …« Wieder entquoll jenes dumpfe -schaurige Gelächter seinen Lippen.</p> - -<p>»Menschenwerk! … Tand … Sie können nicht -weiter. Ihre Macht ist zu Ende … Aber ich, ich habe -die Macht … haha … ich steige, bis ich euch unter mir -habe … ihr da oben …«</p> - -<p>Mit geschickten Griffen entfernte er die Sperrungen an -den Schalthebeln des Strahlers. Und konzentrierte dann -die Energie in den Druckkammern der großen Turbinen.</p> - -<p>Schon war es geschehen, schon war die Wirkung zu -merken. Die Turbinen, die bis dahin matt und unregelmäßig -gelaufen waren, begannen sich in rasendem -Wirbel zu drehen, rissen die Propeller in gleichem Tempo -mit sich.</p> - -<p>Der Rapid Flyer stieg unaufhaltsam. Längst hatte -er die Dreißigkilometerhöhe überschritten und war tief -in die Zone der Polarlichter eingedrungen. Schon -strahlte die Sonne wieder gelbweiß, die er so lange Tage -nur in blutfarbenem Dämmerschein erblickt hatte. Schon -stand sie hoch über der Kimme.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_342">[342]</a></span></p> - -<p>Der Rapid Flyer stieg, und das Land weitete sich. -Schon waren hundert Kilometer erklommen. Die nördlichen -Küstenstreifen der Kontinente wurden sichtbar, -mehr zu ahnen als zu erblicken.</p> - -<p>Höher hinauf! … Immer höher! … Es war vergeblich, -daß er die Turbinen bis zum Bersten mit -Energie versah. Es war vergeblich, daß die Propeller, -bis zum Zerreißen gespannt, in rasendem Spiel rotierten. -Die Atmosphäre war in dieser Höhe zu dünn, um den -Luftschrauben noch Halt, den Tragflächen Stütze zu -geben. Über hundert Kilometer kam er mit der Maschine -nicht hinauf.</p> - -<p>Wie hatte er auch hoffen können, mit diesem gebrechlichen -Menschenwerk Höhen zu erreichen, aus denen er -sein ganzes Reich zu übersehen vermochte. Etwas ganz -anderes würde er bauen müssen. Eine Maschine, die, -durch die Gewalt des Strahlers allein getrieben, raketenartig -durch den Raum fuhr, die ihn in Sekunden -Hunderte von Kilometern über die Erde erhob. Einen -Himmelswagen, der neuen Macht … der neuen Gottheit -würdig. Schade, daß Silvester tot war. Der hätte -ihm die Maschine sicher und schnell gebaut.</p> - -<p>Unter dem rasenden Spiel der Propeller dröhnte und -summte der metallene Rumpf des Rapid Flyers wie eine -gespannte Saite. Jäh mischte sich ein scharfer Klang, -ein harter Schlag in das Singen des Rumpfes. Erik -Truwor trat einen Schritt zurück. Dicht neben ihm -zeigte die Aluminiumwand eine schwere Einbeulung, -als ob ein großer Stein sie von außen getroffen hätte.</p> - -<p>In das Dröhnen des getroffenen Rumpfes mischte sich -das dumpfe schaurige Lachen Erik Truwors.</p> - -<p>»Ihr droht mir … ihr wagt mir zu drohen … -ihr wagt mein Schiff zu berühren … wartet ihr … -ihr … Ich werde euch brennen …«</p> - -<p>Ein neues Dröhnen, eine neue Beule im Rumpfe -des Rapid Flyers. An der eingebeulten Stelle war -das Metall bis zur Rißbildung gereckt. Noch ein -wenig mehr, und der Rumpf wurde undicht, die Sauerstoffatmosphäre<span class="pagenum"><a id="Seite_343">[343]</a></span> -seines Innern entwich in die luftleere -Umgebung …</p> - -<p>Und dann ein drittes Mal. Eine neue schwere Einbeulung.</p> - -<p>Erik Truwors Geist begriff die fürchterliche Gefahr -nicht mehr, in die er sich so mutwillig begeben hatte. -Er war aus dem Schutze der dichteren Atmosphäre bis -in jene fast luftleeren Höhen emporgestiegen, in denen -der Erde der Schutz des Luftpolsters fehlt.</p> - -<p>Er sah nur unsichtbare feindliche Gewalten, die ihm -die Macht entreißen wollten. Mit einem Sprunge war -er am Strahler und ließ die telenergetische Konzentration -nach allen Seiten um den Flieger kreisen. Die -Turbinen, der Energie beraubt, ohne Verbrennungsluft, -ohne Kraft, stellten die Arbeit ein. Schwer wie ein -Stein fiel die Maschine im luftleeren Raum nach unten.</p> - -<p>Mit glühender Stirn und rollenden Augen stand -Erik Truwor, die Hand am Strahler, und schleuderte -dem Schicksal seine Herausforderung entgegen. Ein -Bolide, ein Felsblock, viel größer als das Schiff, wurde -vom Strahl gepackt, zischte auf und stand als feurige -Dampfwolke im Raume.</p> - -<p>»Haha … birg dich, Schicksal! … Fliehe, Schicksal, -sonst brenn ich dich!«</p> - -<p>Erik Truwor stieß die Worte, mit wahnsinnigem Gelächter -vermischt, heraus, während er den energetischen -Strahl kreisen ließ. Doch der freie Fall des Fliegers -raubte ihm die Sicherheit der Bewegungen, machte die -schon so schwierige Aufgabe, mit einem Strahl den -halben Raum abzuschirmen, zu einer unlöslichen. Seine -Hände vermochten den Strahl nicht mehr sicher zu -meistern. Wildzuckend stieß er nach allen Seiten weithin -durch den Raum. Jetzt traf er in Kanada einen -Wald und fraß ihn in feurigem Wirbel. Jetzt ließ er -auf den Gipfeln des Himalaja den Schnee aufkochen. -Jetzt dampfte der Ozean, von der Energie durchsetzt.</p> - -<p>Das Flugschiff stürzte, während die Sekunden sich zur<span class="pagenum"><a id="Seite_344">[344]</a></span> -Minute ballten. Schon wurde die Atmosphäre dichter, -die Gefahr geringer.</p> - -<p>Da ein scharfer, greller Schlag. Ein Meteorit von -Faustgröße durchbrach die Decke des Flugschiffes. -Drang weiter vor und traf den Hebel des Strahlers. -Erik Truwor hatte zu Beginn seiner wahnsinnigen -Fahrt die Sperrungen entfernt. Der Hebel wurde zurückgetrieben. -Über den Sperrpunkt hinaus … die -Energie von zehn Millionen Kilowatt explodierte im -Flugschiff, im Strahler selbst … Eine Feuerwolke, -wo eben noch der Flieger durch den Raum stürzte.</p> - -<p>So schnell wie das Feuer am Himmel entstand, verschwand -es auch wieder. Machte bläulichem Dampf -Platz, der sich ausbreitete, auflöste und zu Nichts wurde. -Nur das Nichts blieb übrig. Der leere Raum. Nichts -mehr vom Rapid Flyer, von seinem Insassen und vom -Strahler.</p> - -<p>Die letzten Ausläufer der schweren Explosion erreichten -noch die unteren Schichten der Atmosphäre. Ein -Sturm jagte über das Schneefeld und ließ die Flanken -des Eisbergs erzittern. Ein Schüttern und Dröhnen -ging durch das Eismassiv. Ein Aufruhr aller Elemente -begleitete den Untergang dessen, dem das Schicksal eine -so unendliche Macht anvertraut hatte.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Ein leuchtend schöner Septembermorgen lag über dem -Park von Maitland Castle. Ein feiner blauer Dunst -milderte das Sonnenlicht, gab den Wiesen und Baumgruppen -eine besondere Tönung, ließ entfernte Dinge -unwahrscheinlich nahe erscheinen.</p> - -<p>Der blaugoldene Frieden des lichten jungen Tages -verschönte den Park, während seine Herrin in Sorge -und Unruhe war. Diana Maitland wanderte rastlos -durch die verschlungenen Wege der Anlagen. Heute -wollte ihr Gatte kommen. Die Nachricht war in der -Nacht eingetroffen. Der Friedensvertrag mit den vielen<span class="pagenum"><a id="Seite_345">[345]</a></span> -Paragraphen und Anhängen war unterzeichnet. Der -Herr von Maitland Castle kehrte in sein Haus zurück.</p> - -<p>Diana ging durch den Park, gedachte des letzten -Zusammenseins, erwartete mit Unruhe das Kommende.</p> - -<p>Wie war es gewesen? Horace konnte sich nicht zu -ihrer Meinung bekehren. Er sah nur Unheil in einer -Macht, von der sie den Fortschritt und die Befreiung -der Welt erwartete. Horace glaubte nicht an Menschen, -die eine ungeheure Macht nur zum Besten der Menschheit -anwenden würden. Horace sah im Träger der -Macht nicht den vollkommenen Menschen, sondern einen -Rivalen, der ihm das Herz seiner Gattin abwendig -machte. Horace konnte die Person nicht von der Sache -trennen. Horace war eifersüchtig … War es heute -noch auf einen Mann, der vor Jahren einmal auf kurze -Wochen in den Lebenskreis Dianas getreten war. Und -Diana wußte nicht, wie sie ihm die Grundlosigkeit dieser -Eifersucht beweisen sollte … Und fühlte doch in dieser -Stunde stärker denn je, daß ihr Lord Horace Maitland -alles, jener andere geheimnisvolle Träger einer geheimnisvollen -Macht nur ein Schemen war. Nur noch eine -Erinnerung an längst vergangene Tage bedeutete. Die -Erinnerung an ein kurzes Glück, das unwiederbringlich -dahin war. Eine Erinnerung, an die sie jetzt denken -konnte wie an ein schönes Bild oder einen schönen Tag, -während doch ihr Leben und ihre Liebe Horace gehörten.</p> - -<p>Ruhelos durchwanderte sie den Park und wußte selbst -nicht, zum wievielten Male sie jetzt wieder an dem großen -Eingangsportal vorüberkam.</p> - -<p>Eine Gestalt fesselte Dianas Aufmerksamkeit. Sie sah -einen Mann dem Gitter näherkommen. Nun unterschied -sie Einzelheiten, erkannte die dunkle, bronzefarbene -Haut, dachte, das müsse wohl ein Inder sein. Und dann -stand die Gestalt an dem Torflügel, der dem Druck -seiner Hand nachgab. Stand auf dem Parkweg dicht -vor Diana Maitland, grüßte sie durch eine tiefe stumme -Verbeugung nach indischer Sitte.</p> - -<p>Diana blickte in sein Antlitz, sah in den Glanz eines<span class="pagenum"><a id="Seite_346">[346]</a></span> -leuchtenden Augenpaares und fühlte, wie ihre Unrast -einer wohltätigen Ruhe wich. Wohl eine Minute stand -sie so vor ihm, die vornehme Lady, die Herrin von -Maitland Castle, vor einem unbekannten braunen Mann, -der ohne Erlaubnis in ihren Park kam … der … -war denn das Tor nicht verschlossen? … Sollte es -nicht immer verschlossen gehalten werden? … Kein -Diener in der Nähe. Diana raffte sich zur Frage zusammen:</p> - -<p>»Was suchen Sie hier?«</p> - -<p>»Ich suche Jane Bursfeld.«</p> - -<p>In jähem Schreck zuckte Diana zusammen.</p> - -<p>»Was wollen Sie von Jane Bursfeld?«</p> - -<p>»Ich will ihr sagen, daß Silvester Bursfeld tot ist.«</p> - -<p>»Tot! … Silvester Bursfeld ist tot?«</p> - -<p>Ihre Blicke hingen wie gebannt an den glänzenden -Augensternen des Inders. Was verbarg sich noch hinter -dieser hohen Stirn?</p> - -<p>»Wer sind Sie?«</p> - -<p>»Ich bin Soma Atma, Silvester Bursfelds Freund.«</p> - -<p>Langsam, schwerflüssig wie die Perlen eines Rosenkranzes -fielen die Worte von den Lippen des Inders, -und bei jedem Wort wich Diana einen Schritt weiter -von dem Sprechenden zurück, hob abwehrend die Hände, -als schreckte sie vor jedem neuen Wort, das Atma sprach.</p> - -<p>»Sie sind Soma Atma? … Einer von den dreien?«</p> - -<p>»Der Letzte!« …</p> - -<p>»Der Letzte?«</p> - -<p>Schweigend neigte sich Atma, die Arme über der -Brust verkreuzt.</p> - -<p>»Die anderen? … Wo sind sie?«</p> - -<p>»Tot!« …</p> - -<p>»Tot … beide tot? … Auch Erik Truwor tot?« …</p> - -<p>»Er frevelte und starb …«</p> - -<p>Mehr taumelnd als gehend erreichte Diana die nahe -Bank. Sie hörte nicht das Signal des Autos, das ihren -Gatten brachte. Sie sah nicht, wie er den Wagen verließ. -Sie sah nicht, wie er verwundert … erstaunt<span class="pagenum"><a id="Seite_347">[347]</a></span> -stehenblieb, wie Atma an seine Seite trat und beide -auf dem Wege, der zum Schloß führte, hin und her -gingen. Sie gewann die Herrschaft über ihre Sinne -erst wieder, als der Ruf ihres Gatten ihr Ohr traf.</p> - -<p>»Diana! … Diana!«</p> - -<p>Hatte die Kunde von dem gewaltsamen sündigen Tod -Erik Truwors Diana niedergeworfen, oder war es nur -die Wucht aller dieser Ereignisse und Nachrichten, die -so plötzlich auf sie einstürmten? Lord Horace wußte es -nicht, aber er fühlte, daß die nächsten Minuten ihm die -Klarheit darüber bringen müßten.</p> - -<p>Diana vernahm den Ruf und schrak auf. Schmerzzerrissen, -mit verstörten Augen blickte sie ihren Gatten -an. Wie einen Unbekannten.</p> - -<p>»Horace! … Horace!«</p> - -<p>Das war der Ruf einer Seele aus tiefster Not.</p> - -<p>»Horace … du! … du!«</p> - -<p>Lord Maitland legte die Arme um Dianas Leib. Er -fühlte ihr Herz an seiner Brust in wilden Schlägen -toben. Er fühlte, wie ihre Glieder zitterten und bebten.</p> - -<p>»Diana … was …«</p> - -<p>Behutsam und fürsorglich führte Lord Maitland -Diana zu der Bank zurück. Er wollte sprechen und kam -nicht dazu. Sein Weib hing an seinem Hals, umschlang -ihn mit den Armen, als ob sie ihn erdrücken … als -ob sie ihn nie wieder lassen wolle.</p> - -<p>Ein frohes Leuchten kam in seine Augen.</p> - -<p>»Diana?« halb Frage, halb Jubel lag in dem einen -Wort. Er versuchte es, die Arme, die ihn so fest umschlungen -hielten, sanft zu lösen, ihr Gesicht zu sich zu -erheben. Sie widerstand ihm. Nur noch fester umschlangen -ihre Arme seinen Nacken, nur noch enger -preßte sie ihr Herz an das seine.</p> - -<p>Und da wußte Lord Maitland: Sie war sein und -immer sein gewesen. Mit frohen Augen blickte er zu -der strahlenden Morgensonne empor, Diana fest in den -Armen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_348">[348]</a></span></p> - -<p>So saßen sie eng umschlungen, vergaßen die Welt -um sich, vergaßen die Zeit, die rastlos verstrich. Bis der -Sonnenglanz sich trübte, ein Schatten auf ihre leuchtenden -Gestalten fiel. Der Schatten Atmas, der dicht -vor ihnen stand. Die Gegenwart Atmas brachte sie in -Raum und Zeit zurück.</p> - -<p>»Wo ist Jane Bursfeld?«</p> - -<p>Wie ein kaltes Wehen strich es über ihre glühenden -Herzen.</p> - -<p>»Jane?« … Diana sprang auf.</p> - -<p>»Arme Jane! Ich will Euch zu ihr führen.«</p> - -<p>Langsam und zögernden Schrittes ging sie vor den -beiden Männern nach der Blutbuche hin, bei der sie -Jane wußte. Bei dem Klang der nahenden Schritte -blickte Jane empor. Ihre Augen wanderten von dem -einen zum anderen. Dann erkannte sie Atma, sprang -auf und lief ihm entgegen.</p> - -<p>»Atma! Atma! Du … du hier?«</p> - -<p>Glück und Freude strahlten auf ihren Mienen.</p> - -<p>»Atma, du bist hier? Wo ist Silvester? Wo hast du -Silvester? .. Wann kommt er? .. Wann holt er mich?«</p> - -<p>Atma stand unbeweglich. Mit beiden Armen hatte er -die Gestalt Janes aufgefangen, als sie ihm entgegenlief. -Sie hing an seinem Halse. Er hielt sie nur noch -mit der Linken umschlungen. Drückte die Linke fest -auf ihr Herz, während er mit der Rechten das zarte -blonde Haupt auf seine Schulter niederzog, ihr langsam -über Stirn und Augen strich. Langsam, wie schwere -Tropfen fielen die Worte von seinen Lippen: »Silvester -… dein Mann … ist tot.«</p> - -<p>Jane zuckte zusammen. Regungslos lag sie da im -Arm Atmas, ließ sich von ihm zu der Bank führen, saß -immer noch in seinem Arm neben ihm.</p> - -<p>»Silvester Bursfeld ist tot.«</p> - -<p>In der Stille des Herbstmorgens drangen die Worte -bis an das Ohr Dianas, die sich an den Arm ihres -Gatten klammerte.</p> - -<p>Und noch ein drittes Mal wiederholte Atma die<span class="pagenum"><a id="Seite_349">[349]</a></span> -traurige Kunde, während seine Linke das stockende -Herz Janes zusammenpreßte.</p> - -<p>»Silvester Bursfeld, dein Gatte, ist tot.«</p> - -<p>Jane Bursfeld hörte die Worte, ohne zu weinen, zu -klagen. Langsam hob sie ihr blasses Haupt, starrte in -den sonnigen Himmel, blickte, sann und hörte, was -Atma sprach.</p> - -<p>Von der letzten Stunde Silvesters sprach Atma. Wie -ihm der letzte große Wurf gelungen. Wie er seine Entdeckung -zur höchsten Vollendung gebracht.</p> - -<p>Die starre Unbewegtheit Janes wurde durch ein leises -Zittern erschüttert.</p> - -<p>Weiter sprach Atma. Daß Silvester dahingegangen -sei, die letzte Botschaft Janes im Herzen. Wie sie ihn -fanden, im Tode noch ein Lächeln auf den Lippen, den -Depeschenstreifen in den erstarrten Händen.</p> - -<p>Jane hörte es, und ihr starrer Blick leuchtete auf. -Ihre Lippen zuckten noch, ihre Mienen wurden ruhiger.</p> - -<p>Atma sprach, und langsam ließ der Druck seiner Hand -auf ihr tief und gleichmäßig pochendes Herz nach.</p> - -<p>»Sein Name und sein Ruf leben in deinem Schoß -fort. Sorge für Silvester, indem du für sein Kind -sorgst und lebst …«</p> - -<p>Er ließ seine Arme sinken. Frei stand Jane vor ihm. -Doch sein gewaltiger Einfluß wirkte weiter. All ihr -Fühlen, alle ihre Gedanken konzentrierte er auf das keimende -Leben in ihrem Schoß.</p> - -<p>Ein Lächeln trat auf ihre Züge. Ihr Antlitz gewann -die zarte Röte wieder. So schritt sie an Soma Atma -vorbei. So an Lord Horace und Lady Diana vorüber -dem Schloß zu.</p> - -<p>In den Armen Atmas hatte sie das Furchtbare des -ersten Schmerzes überstanden. Ihr künftiges Leben, -ihre ganze Zukunft war dem Erben Silvesters, dem -Erben der Macht geweiht.</p> - -<p>Diana Maitland sah Jane auf das Haus zugehen. -Sie zitterte unter dem Eindruck der Szene. Sie hatte -gefürchtet, Jane weinen, Jane niederbrechen, Jane<span class="pagenum"><a id="Seite_350">[350]</a></span> -sterben zu sehen. Und sah sie ruhig und gefaßt fortschreiten.</p> - -<p>Sie fühlte die eigenen Knie wanken und stützte sich -fester auf den Arm ihres Gatten.</p> - -<p>Atma schritt langsam Jane Bursfeld nach. Er kam -an Lady Diana und Lord Horace vorüber. Sein Schritt -verzögerte sich. Er blieb stehen.</p> - -<p>Sein Blick umfaßte die Gestalt Dianas, wie er vorher -auf der Janes geruht hatte. Voll öffneten sich seine -Lippen. Glanz strahlte aus seinen Blicken. Langsam -sprach er … stockend, abgerissen, wie von einer fremden -Macht getrieben:</p> - -<p>»Gesegnet ist das Haus. Die Erben zweier Geschlechter -werden in seinen Mauern geboren … Sorgt -für sie! … Hütet sie! … Sie tragen die Zukunft … -das Schicksal bestimmt sie zu … Großem …!«</p> - -<p>Er ging weiter …</p> - -<p>»Diana! Was sagte der Inder? … Was meinte -er … Zwei Erben!«</p> - -<p>Diana Maitland hatte den Blick zu Boden gerichtet. -Lord Horace zwang sie mit sanfter Gewalt, den Kopf -zu erheben, ihn anzusehen.</p> - -<p>»Zwei Erben! Diana! Was meinte Atma?«</p> - -<p>»Er sah und sagte, was ist.«</p> - -<p>»Diana!«</p> - -<p>»Horace!«</p> - -<p>Es waren nur zwei Worte, zwei kurze Namen. Aber -in ihnen lag ihre Zukunft.</p> - -<p>So zärtlich und behutsam führte Lord Horace Lady -Diana dem alten Stammschloß der Maitlands zu, als -habe er den kostbarsten Schatz im Arm.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Dreifach hatte das Schicksal Glossin getroffen. Ehrlos, -machtlos und mittellos mußte er die Staaten verlassen. -Zu spät begriff der sonst so Schlaue, daß die Zeit für die -Methoden und die Moral der Gewaltherrschaft vorüber<span class="pagenum"><a id="Seite_351">[351]</a></span> -war, daß Männer mit anderen Grundsätzen das -Regierungssteuer ergriffen hatten.</p> - -<p>Aus der Macht war er gestoßen, die zwanzig Jahre -sein Element war, ohne die er nicht leben und atmen zu -können glaubte. Die Millionen, die er in den Jahren -der Macht errafft und an sich gebracht hatte, waren -ihm genommen. Gerade so viel blieb ihm nach den -Worten und dem Willen William Bakers, daß er bei -England nicht zu betteln brauchte, um sein Leben zu -fristen.</p> - -<p>So kam er nach England zurück. Am Morgen nach -jener Sturmnacht, in der die empörten Patrioten ihn -aus Washington verjagten. Nur noch ein Gefühl hielt -den Willen zum Leben in ihm aufrecht, fesselte ihn an -das Leben. Seine Liebe zu Jane Bursfeld.</p> - -<p>Jane war im Hause der Maitlands. Sollte er sich -jetzt, ein verfemter Flüchtling, dort zeigen? Sollte -er vor Lord Horace hintreten, das Mädchen, das er dort -als seine Nichte gelassen, zurückverlangen?</p> - -<p>Diese Fragen waren heikel. Zu viel war seit dem Tage, -an dem er das Versprechen erhielt, geschehen. Die -unbekannte Macht war aufgetreten, und ihr Auftreten -hätte den Sturz des Diktators wohl auch ohne Glossin -bewirkt. Der Umstand mußte auf die Größe der englischen -Dankbarkeit verringernd wirken.</p> - -<p>Eile tat not. An dem gleichen Morgen, an dem -Soma Atma in Maitland-Castle war, kam Glossin dort -an. Seine Kenntnis der Örtlichkeit ermöglichte es ihm, -den Park ungesehen zu betreten, sich auf dicht verwachsenen -Seitenwegen dem Schloß zu nähern. Sein -Plan war überaus einfach, daß er zu jeder anderen -Stunde sicher gelingen mußte. Sich Jane unbeobachtet -nähern. Sie wieder voll unter seinen Einfluß zwingen. -Mit ihr zusammen den Park verlassen. Und dann -schnell fort. Weit fort aus England in irgendein -fremdes Land, in dem man Dr. Glossin nicht kannte, -in dem er, Jane an der Seite, auch mit den Trümmern -seines einstigen Reichtums immer noch leben konnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_352">[352]</a></span></p> - -<p>Dr. Glossin kam dem Schloß immer näher. Der -schmale windungsreiche Weg führte zu einem achteckigen -Pavillon. Von der anderen Seite dieses Gebäudes -lief ein breiterer Weg aus dem Park auf eine -wiesenartige Lichtung, und dort unter einer großen -Blutbuche sah er Jane allein sitzen.</p> - -<p>Dr. Glossin stand und verschlang das anmutige Bild -mit den Blicken. Er stand am Ziel seiner Wünsche.</p> - -<p>Vorsichtig wollte er näher gehen. Den Plan ausführen, -Jane in seine Gewalt bringen.</p> - -<p>Der Klang von Stimmen, das Geräusch nahender -Schritte zwang ihn, stehenzubleiben. Schritt um -Schritt zurückzuweichen, vor den Blicken der Nahenden -Deckung hinter den Bäumen am Pavillon zu nehmen.</p> - -<p>Er sah Lord Horace den Weg vom Schloß herankommen. -An seiner Seite einen Mann mit brauner -Hautfarbe. Den Mann, dessen Signalement er seit der -Affäre von Sing-Sing kannte, dessen Bild ihm seit dem -Untergang von R. F. c. 2 so oft drohend und düster -in die Erinnerung gekommen war.</p> - -<p>Atma ging allein auf Jane zu.</p> - -<p>Glossin drückte gegen die Tür des Pavillons. Sie war -nicht verschlossen und gab dem Druck nach. Er schlüpfte -hinein und zog die Tür hinter sich wieder zu. Halbdunkel -herrschte hier. Die Jalousien an den Fenstern -waren hinabgelassen. Nur durch die Spalten zwischen -den Stäben drang das Tageslicht in den Raum und -erfüllte ihn mit einer ungewissen Dämmerung.</p> - -<p>Dr. Glossin trat an ein Fenster und beobachtete durch -einen Spalt, was im Park vorging.</p> - -<p>Er sah, wie Atma Jane fest in die Arme nahm. Er -sah sie auf das Schloß zugehen und erkannte mit dem -Blicke des Arztes, daß sie gesegneten Leibes war. Er -taumelte vom Fenster zurück und ließ sich in dem -dämmerigen Raum auf einer Gartenbank niedersinken. -Die letzte Hoffnung, die ihn noch an das Leben band, -war entschwunden. Jane war ihm verloren. Sie würde -dem anderen, dem Verhaßten, den Erben schenken.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_353">[353]</a></span></p> - -<p>Es war Zeit, ein Ende zu machen.</p> - -<p>Jahre hindurch hatte Dr. Glossin mit der Möglichkeit, -ja mit der Notwendigkeit eines freiwilligen Todes gerechnet. -Die verschiedenen Todesarten wohlüberlegt, -die Mittel dafür beschafft.</p> - -<p>Gifte, die momentan und schmerzlos wirken. Narkotika, -die einen angenehmen Schlummer erzeugen, der -unmerklich in den Todesschlaf übergeht. Der plötzliche -Sturz, die jähe Verbannung und Flucht hatten ihn -aller dieser Mittel beraubt. Nur die kleine Schußwaffe -blieb ihm, die er immer mit sich führte, die er -einst auf Silvester abdrückte.</p> - -<p>Er riß sie heraus und richtete sie mit schnellem Entschluß -gegen die eigene Brust.</p> - -<p>Der Schuß dröhnte durch den kleinen Raum. Der -Körper Glossins sank zusammen, streckte sich, fiel von der -Bank auf den Steinboden …</p> - -<p>In dem gleichen Moment, in dem Atma den Raum -betrat.</p> - -<p>»Die Stunde ist gekommen.«</p> - -<p>Atma sprach es mit leiser Stimme, während er den -Körper des Sterbenden auf der Bank bettete.</p> - -<p>Er strich ihm über die Augen und Schläfen, und das -Blut aus der Brustwunde floß langsamer, stockte.</p> - -<p>Nur noch in langen Pausen fiel es Tropfen für -Tropfen auf den Boden. Traumhaft, nebelhaft kam dem -Verletzten das Bewußtsein zurück. Vor seinen geschlossenen -Augen gaukelten Gestalten wirr durcheinander.</p> - -<p>Cyrus Stonard, den er verraten, stand vor ihm und -blickte ihn mit Verachtung an. Wandelte sich dann in -die Gestalt William Bakers und wandte ihm mit der -gleichen Verachtung den Rücken.</p> - -<p>Immer dichter, immer zahlreicher wurden die Gestalten, -Menschen, die er vor langen Jahren bekämpft, -verraten, verdorben hatte. Sie tauchten aus dem -dämmernden Nebel, blickten ihn an und verschwanden -wieder.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_354">[354]</a></span></p> - -<p>Dr. Glossin versuchte der Traumbilder Herr zu -werden. Mit verzweifelter Anstrengung zwang er sich -zum Denken.</p> - -<p>… Ich habe mich schlecht getroffen … Stockender -Puls … Delirien der beginnenden Auflösung …</p> - -<p>Seine Gedanken verjagten den Spuk. Alle diese -huschenden, blickenden und anklagenden Gestalten verschwanden. -Nur ein matter, blasser Nebel blieb ihm -vor den Augen.</p> - -<p>Die Zeit verrann. Der Sterbende wußte nicht mehr, -ob es Sekunden oder Jahrhunderte waren.</p> - -<p>Der Nebel begann zu wallen. Eine neue Gestalt bildete -sich in ihm.</p> - -<p>Glossin sah zwei Augen, die ihn ruhig anblickten, ihm -so wohlbekannt erschienen, ihn an lange vergangene -Zeiten erinnerten.</p> - -<p>Der wallende Nebel verdichtete sich. Formte Gesichtszüge -um die einsamen Augen. Eine hohe Stirn, einen -blonden Bart.</p> - -<p>So hatte Gerhard Bursfeld vor dreißig Jahren ausgesehen. -Jetzt trat auch die ganze Gestalt hervor. Im -weißschimmernden Tropenanzug, den er damals in -Mesopotamien trug.</p> - -<p>Glossin suchte sich der Erscheinung zu entziehen. Ich -muß die Augen aufmachen, dann wird alles verschwinden.</p> - -<p>Mit unendlicher Mühe versuchte er die Lider zu -heben, glaubte, daß es ihm gelungen sei. Er empfing -einen Eindruck des Raumes, der Pfeiler und Fenster. -Aber die Gestalt Gerhard Bursfelds verschwand nicht. -Sie wurde nur undeutlicher, halb durchsichtig, so daß -die Möbel des Raumes hinter der Figur wie durch einen -Schleier zu erkennen waren.</p> - -<p>Und dann eine zweite Gestalt neben der ersten. Die -Gesichtszüge bis auf den Bart die gleichen. Die Augen -dieselben. Fragend und anklagend.</p> - -<p>Silvester Bursfeld, so wie ihn Dr. Glossin das letztemal -sah, als R. F. c. 2 im Feuer des Strahlers schmolz.</p> - -<p>Die Gestalt des Sohnes neben der des Vaters. Deutlicher,<span class="pagenum"><a id="Seite_355">[355]</a></span> -weniger durchsichtig. Der Vater an ein altes, -schon verblaßtes Bild gemahnend, der Sohn in den -frischen Farben des Lebens. Sich umschlingend, standen -die beiden Gestalten vor ihm.</p> - -<p>Glossin fühlte, wie sein Leben entfloh. Er machte keine -Anstrengung, es zu halten. Er sehnte sich fort von allen -quälenden Bildern und Erinnerungen in ein Land des -Vergessens, des Nichtwissens.</p> - -<p>Die beiden Gestalten blieben. Eine dritte trat hinzu. -Die braune Figur eines Inders. In dem dunklen Antlitz -standen groß und strahlend die Augen, ruhten mit -bannender Gewalt auf dem Sterbenden.</p> - -<p>Nun war es, als ob Atma, der Inder, alle Gedanken -Glossins mitfühlte, als ob beide Gehirne zu einem verschmolzen.</p> - -<p>Stärker wurde die Sehnsucht des Sterbenden nach -wunschloser Ruhe.</p> - -<p>»Du suchst das Nirwana. Du bist ihm fern.«</p> - -<p>Kein Wort war im Raum gefallen, und doch hatte -Dr. Glossin den deutlichen Eindruck der Worte:</p> - -<p>»Die Stunde ist gekommen.«</p> - -<p>Laut sprach Atma die Worte. Das stockende Blut -begann wieder zu fließen, und mit dem roten Strom -entwich das Leben. Ein Seufzer, ein letztes Zucken. -Glossin war in das dunkle Land gegangen, aus dem es -keine Wiederkehr gibt.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die Sonne war unter den Horizont gegangen, und -die Schatten beginnender Dämmerung breiteten sich -über die Straßen und Häuser Düsseldorfs aus. In dem -alten, bequemen Lehnstuhl am Fenster saß der alte Termölen, -die lange Pfeife zwischen den Lippen, und stieß -in langen Pausen kräuselnde Wolken bläulichen Rauches -in den Raum. Frau Luise ging ordnend im Zimmer -hin und her.</p> - -<p>Jane Bursfeld hatte ihren Platz auf der breiten Bank, -die den mächtigen Delfter Ofen umzog.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_356">[356]</a></span></p> - -<p>Das ungewisse Zwielicht verbot das Lesen, und Jane -ließ ihr Buch sinken. Sie saß und hörte auf die Worte, -die der alte Termölen zwischen den Dampfwolken von -den Lippen fallen ließ.</p> - -<p>»Das Rad dreht sich, Jane. Sprach nicht dein -Freund, der Inder, immer davon?«</p> - -<p>Jane blickte sinnend auf.</p> - -<p>»Er sprach davon. Vom Rad des Lebens, auf das wir -alle gebunden sind.«</p> - -<p>»So mein ich es nicht, Jane. Ich meine das -Rad der Weltgeschichte, das die Völker herauf- und -herunterbringt. … Heute ist die Berliner Konferenz -zu Ende gegangen … Wie weit muß ich zurückdenken -… bis in meine früheste Kindheit … Meine Eltern -sprachen von Bismarck und vom alten Kaiser … später -hörte ich von der Berliner Konferenz, die unter dem Vorsitze -des Fürsten Bismarck getagt hatte … Anno 1879 -… Die Staatsmänner Europas kamen in Berlin zusammen, -berieten im Herzen Europas über das Schicksal -ihres Erdteiles … Jetzt war wieder eine Konferenz in -Berlin, Sechsundsiebzig Jahre später. Was ist in den -sechsundsiebzig Jahren alles passiert.«</p> - -<p>Andreas Termölen machte sich mit seiner Pfeife zu -schaffen. Jane nahm den Faden seiner Rede auf.</p> - -<p>»Lord Horace war nicht in froher Laune, als er vor -vierzehn Tagen mit mir nach Deutschland fuhr. Er -war ernster als ich ihn sonst kannte.«</p> - -<p>»Das glaube ich dir aufs Wort, Hannchen. Die -Engländer haben keinen Grund, fröhlich zu sein. Sie -dachten, was Englisch spricht, gehört auch zum englischen -Weltreich. Australien, Afrika, Amerika … alle Weltteile -wurden englisch, und sie dachten, das würde in aller -Ewigkeit so bleiben. Sie hatten das Schicksal von Spanien -und Portugal vergessen. Glaubten, die gemeinsame -Sprache und Sitte müßten die Kolonien ewig an -London binden.</p> - -<p>Jetzt ist das ganz anders gekommen. Die Kolonien<span class="pagenum"><a id="Seite_357">[357]</a></span> -verlangen ihre volle Selbständigkeit, und das Mutterland -hat sie nicht halten können.</p> - -<p>Die Welt gehört den <em class="antiqua">English speakers</em>! Das Wort -kam wohl so um 1900 auf und schien mit jedem folgenden -Jahrzehnt immer mehr Wahrheit zu werden …«</p> - -<p>Die Gedanken des alten Termölen flogen die Jahrzehnte -zurück.</p> - -<p>»1904 … wir waren damals im ersten Jahr verheiratet -… da ging der Kampf in Ostasien los. Zur -höheren Ehre Englands schlug der Japaner den Russen.</p> - -<p>Und dann kamen die Balkankriege … und dann kam -der große Weltbrand Anno 14 bis 18 …«</p> - -<p>Es war immer dämmriger in dem Raum geworden. -Schon warfen die Straßenlaternen ihre Lichtreflexe -gegen die Zimmerdecke. Schweigend saßen die beiden -Frauen und lauschten den Worten des alten Mannes, -der abgerissen die Erinnerungen seiner achtzig Jahre -vorüberziehen ließ.</p> - -<p>»… und da waren wir ganz unten. Man wußte in -Deutschland nichts mehr von Bismarck und seinem Vermächtnis. -Die anderen im Osten und Westen machten -mit uns, was sie wollten, solange wir es uns gefallen -ließen … gefallen lassen mußten … Europa war -krank, weil sein Herz krank war. Die Welt gehörte den -<em class="antiqua">English speakers</em> …</p> - -<p>Und dann kam Rußland wieder hoch …</p> - -<p>Und dann ging es im fernen Osten los. Der Japs -überrannte den Amerikaner …</p> - -<p>Und dann kam die amerikanische Revolution … und -dann kam Cyrus Stonard …</p> - -<p>Und dann kam der Englisch-Amerikanische Krieg … -und dann kam die Macht … Die geheimnisvolle Macht. -… Wie ein Komet glänzte sie plötzlich auf …«</p> - -<p>Verhaltenes Schluchzen unterbrach das Selbstgespräch -des alten Termölen. Es war Jane, die, von der Erinnerung -an ihr kurzes Glück überwältigt, die Tränen nicht -zurückhalten konnte.</p> - -<p>»Silvester … Erik Truwor … Soma Atma …<span class="pagenum"><a id="Seite_358">[358]</a></span> -Wo sind sie? … Wo sind sie geblieben? Silvester -ist tot, mir auf immer entrissen … Erik Truwor ging -in Sturm und Brand zugrunde … Die Macht ist verschwunden, -wie sie kam …«</p> - -<p>Der alte Termölen antwortete:</p> - -<p>»Verschwunden … vielleicht … verloren …? -Es waren drei … drei Träger der Macht. Zwei sind -tot. Der dritte, der Inder, lebt noch …«</p> - -<p>»Ja! Einer von den dreien blieb übrig.« Jane sagte -es. »Soma Atma blieb am Leben, während -Silvester sterben mußte … Soma Atma. Warum … -warum …?«</p> - -<p>»Weil sein Geschick noch nicht erfüllt ist …«</p> - -<p>Eine andere Stimme sprach die Worte, Jane wohlvertraut.</p> - -<p>»Atma! … Soma Atma, bist du hier?«</p> - -<p>Jane richtete sich auf, blickte gegen die Tür und -meinte im letzten Dämmerschein die dunkle Gestalt -Atmas vor sich zu sehen.</p> - -<p>»Atma, du?«</p> - -<p>»Ich bin hier, Jane. Ich bin bei dir. Mein Schicksal -ist noch nicht erfüllt. Ich muß dir zur Seite stehen, bis -der Erbe Silvesters sein Schicksal selber formt. Die Macht -ist nicht verloren. Nur verwahrt und verborgen, bis -der kommt, der mit reinem Herzen und mit reinen -Händen nach ihr greift.«</p> - -<p>Jane hörte die Stimme, fühlte, wie eine dunkle Hand -sanft über ihren Scheitel strich, wie irgend etwas leise -in ihren Schoß fiel. Sah die Gestalt Atmas nach der -Tür zu lautlos verschwinden, wie sie gekommen.</p> - -<p>Sie blickte um sich. Da saß der alte Termölen, wie -er noch eben gesessen. Auf die dämmrige Straße -schauend, auf der sich die ersten Lichter entzündeten. Da -schaffte die alte Frau nach wie vor an den Tassen und -Gläsern der Servante.</p> - -<p>Jane wußte nicht, ob sie wache oder träume. War -das alles nur ein Spiel ihrer überreizten Sinne oder -Wirklichkeit?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_359">[359]</a></span></p> - -<p>Noch hörte sie die letzten Worte Atmas im Ohr -klingen:</p> - -<p>»Bis einer kommt, der mit reinem Herzen und mit -reinen Händen nach der Macht greift.«</p> - -<p>Sie dachte ihres Kindes, das hier nach dem Vermächtnis -Silvesters in der alten deutschen Heimat aufwachsen -sollte.</p> - -<p>Sie griff in ihren Schoß, und ihre Finger fühlten -kühles Metall.</p> - -<p>Sie hob es langsam zu ihren Augen empor und -sah den schweren alten Goldreif mit dem wunderlichen -Stein, den sie sooft an der Hand Silvesters erblickt hatte. -Den Ring, der Silvester an die Macht gebunden, ihn -bis zu seinem Tod in den Dienst der Macht gezwungen -hatte.</p> - -<p>Es war eine Gabe des letzten noch lebenden Trägers -der Macht für sie … für ihren Knaben.</p> - -<p>Die Stimme des alten Termölen drang in ihr Sinnen:</p> - -<p>»… Die Macht … die unendliche Macht. Woher -kam sie? … Wohin ging sie? … Warum?« …</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p class="center">Im gleichen Verlage sind erschienen:</p> -</div> - -<p class="center"><em class="antiqua">Johannes Schlaf</em></p> - -<p class="h2">Ein freies Weib</p> - -<p class="adv">Die Geschichte dieser Irrungen und Wirrungen wird -alle interessieren, denen Liebes- und Eheprobleme -am Herzen liegen. Das Buch regt an zu Ideen -über eine Lösung der Jünglingsfrage, ohne die die -Frauenfrage nicht beantwortet werden kann.</p> - -<p class="center"><em class="antiqua">Grazia Deledda</em></p> - -<p class="h2">Die Mutter</p> - -<p class="adv">Das Buch ist eine erschütternde Anklage gegen das -Zölibat, die so vornehm geformt ist, daß auch Katholiken -das Buch ohne Anstoß und nur mit tiefer Ergriffenheit -lesen können. Von reifster Künstlerschaft zeugt die Darstellung -des Verhältnisses zwischen Mutter und Sohn, -das zuweilen die Höhe göttlicher Symbolik erreicht.</p> - -<p class="center"><em class="antiqua">Felix Philippi</em></p> - -<p class="h2">Liebesfrühling</p> - -<p class="adv">Ein Buch, so recht geschaffen, sich in stillen Feierstunden -in seiner Lektüre festzuspinnen und sich vom Zauber -dieser vergangenen Welt umfangen zu lassen.</p> - -<p class="center"><em class="antiqua">Adelheid Weber</em></p> - -<p class="h2">Die Hauensteinerin</p> - -<p class="adv">Den vielgestaltigen Anforderungen der Leserschaft wird -dieser Roman in seltenem Maße gerecht. Aktualität -und Gegenwartsflucht, dichterische <span id="corr360">Ausgestaltung</span> der -Zeitprobleme und Einkehr in eine glücklichere, imaginäre -Welt in harmonischer Einheit.</p> - -<hr class="r5" /> - -<p class="center">Ernst Keils Nachfolger (August Scherl) G. m. b. H.<br /> -Leipzig. -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> -<div class="transnote" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert. -Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.</p> - -<p>Im Original unterschiedliche Schreibweisen von Wörtern wurden beibehalten.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 42: de → des<br /> -Die drei Ringe <a href="#corr042">des</a> Tsongkapa</p> -<p> -S. 58: Glady → Gladys<br /> -die sterbliche Hülle von <a href="#corr058">Gladys</a> Harte barg</p> -<p> -S. 63: ein → eine<br /> -schon <a href="#corr063">eine</a> alte Negerin entgegen</p> -<p> -S. 67: Sie → sie<br /> -Ich vergaß, <a href="#corr067">sie</a> ist verschlossen</p> -<p> -S. 70: eine → einer<br /> -Joe Williams, <a href="#corr070">einer</a> der zwölf Zeugen</p> -<p> -S. 77: Werstatt → Werkstatt<br /> -in seiner Abgelegenheit sollte die <a href="#corr077a">Werkstatt</a> abgeben</p> -<p> -S. 77: restloser → rastloser<br /> -zwang den Forscher zu harter, <a href="#corr077b">rastloser</a> Arbeit</p> -<p> -S. 115: ein → eine<br /> -Stamford wollte <a href="#corr115">eine</a> Million Tonnen Rohstahl</p> -<p> -S. 141: Steinbock → Steinblock<br /> -den wandernden Schatten und einen <a href="#corr141">Steinblock</a></p> -<p> -S. 142: Jetzte → Jetzt<br /> -<a href="#corr142">Jetzt</a> streifte der Schatten den Stein</p> -<p> -S. 143: übernächtigen → übernächtigten<br /> -einen übermüdeten und <a href="#corr143">übernächtigten</a> Eindruck</p> -<p> -S. 157: Ihrer → ihrer<br /> -Durch Jane, die es von <a href="#corr157">ihrer</a> Mutter weiß</p> -<p> -S. 159: Unkle → Uncle<br /> -John Bull und <a href="#corr159">Uncle</a> Sam sich an die Kehle wollen</p> -<p> -S. 180: Zunkunft → Zukunft<br /> -das uns die <a href="#corr180a">Zukunft</a> bringen wird</p> -<p> -S. 180: Diana → Jane<br /> -Dann legte <a href="#corr180b">Jane</a> ihre Arme um Silvesters Hals</p> -<p> -S. 209: folgten sich → folgten<br /> -Aber nun <a href="#corr209">folgten</a> die englischen Salven</p> -<p> -S. 217: über bringt → welche Nachrichten er überbringt (Textergänzung)<br /> -Es wird dich interessieren, <a href="#corr217">welche Nachrichten er überbringt</a></p> -<p> -S. 225: Kriegsminister → Kriegsministers<br /> -in die Hände des <a href="#corr225">Kriegsministers</a></p> -<p> -S. 273: wervolle → wertvolle<br /> -in ihm eine <a href="#corr273">wertvolle</a> Hilfe</p> -<p> -S. 291: Die → Der<br /> -<a href="#corr291">Der</a> Verantwortung, dem verhaßten Entschluß</p> -<p> -S. 360: Ausgestalltung → Ausgestaltung<br /> -dichterische <a href="#corr360">Ausgestaltung</a> der Zeitprobleme</p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Die Macht der Drei, by Hans Dominik - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DIE MACHT DER DREI *** - -***** This file should be named 50984-h.htm or 50984-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/8/50984/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/50984-h/images/cover.jpg b/old/50984-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a9f0609..0000000 --- a/old/50984-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50984-h/images/drop-d.png b/old/50984-h/images/drop-d.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 69cc1ac..0000000 --- a/old/50984-h/images/drop-d.png +++ /dev/null diff --git a/old/50984-h/images/signet.png b/old/50984-h/images/signet.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 399b6ce..0000000 --- a/old/50984-h/images/signet.png +++ /dev/null |
