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-The Project Gutenberg EBook of Märchen (Illustriert von Alfred Kubin), by
-Hans Christian Andersen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Märchen (Illustriert von Alfred Kubin)
- Die Nachtigall / Die kleine Seejungfrau / Der Reisekamerad
-
-Author: Hans Christian Andersen
-
-Illustrator: Alfred Kubin
-
-Release Date: January 19, 2016 [EBook #50965]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN (ILLUSTRIERT VON ***
-
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-
-Produced by Jens Sadowski
-
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- H. C. Andersens Märchen
-
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- Die Nachtigall
- Die kleine Seejungfrau
- Der Reisekamerad
-
-
- von
- H. C. Andersen
-
- Mit Zeichnungen
- von
- Alfred Kubin
-
- Im Verlag von Bruno Cassirer, Berlin
- 1922
-
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-
- Die Nachtigall
-
-
-In China, weißt du wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um
-sich her hat, sind auch Chinesen. Es ist nun viele Jahre her, aber eben
-deshalb ist es der Mühe wert, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen
-wird! Des Kaisers Schloß war das prächtigste in der Welt, ganz und gar
-von feinem Porzellan, sehr kostbar, aber so spröde, so mißlich, daran zu
-rühren, daß man sich sehr in acht nehmen mußte. Im Garten sah man die
-wunderbarsten Blumen, und an die prächtigsten waren Silberglocken
-gebunden, welche klangen, damit man nicht vorbeigehen möchte, ohne die
-Blumen zu bemerken. Ja, alles war in des Kaisers Garten fein
-ausspekuliert. Und er erstreckte sich so weit, daß der Gärtner selbst
-das Ende desselben nicht kannte. Ging man immer weiter, so kam man in
-den herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald ging
-gerade hinunter bis zum Meere, welches blau und tief war, große Schiffe
-konnten bis unter die Zweige der Bäume hinsegeln, und in diesen wohnte
-eine Nachtigall, die so herrlich sang, daß selbst der arme Fischer, der
-noch viel anderes zu tun hatte, still hielt und horchte, wenn er des
-Nachts ausgefahren war, um das Fischnetz auszuwerfen und dann die
-Nachtigall hörte. »Ach Gott, wie ist das schön!« sagte er, aber er mußte
-auf seine Sachen acht geben und vergaß dabei den Vogel. Doch wenn dieser
-in der nächsten Nacht wieder sang und der Fischer dorthin kam, sagte
-derselbe: »Ach Gott, wie ist das schön!«
-
-Aus allen Ländern der Welt kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und
-bewunderten diese, das Schloß und den Garten. Doch wenn sie die
-Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie alle: »Das ist doch das beste!«
-
-Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen, und die
-Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloß und den
-Garten. Aber auch die Nachtigall vergaßen sie nicht: die wurde am
-höchsten gestellt, und die, welche dichten konnten, schrieben die
-herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Walde bei dem tiefen See.
-
-Die Bücher durchliefen die Welt, und einige davon kamen auch einmal zum
-Kaiser. Er saß in seinem goldenen Stuhle und las und las, jeden
-Augenblick nickte er mit dem Kopfe, denn es freute ihn, die prächtigen
-Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens zu vernehmen.
-»Aber die Nachtigall ist doch das allerbeste!« stand da geschrieben.
-
-»Was ist das?« sagte der Kaiser. »Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht!
-Ist ein solcher Vogel in meinem Kaiserreiche und sogar in meinem Garten?
-Das habe ich nie gehört! So etwas erst aus Büchern zu erfahren!«
-
-Und hierauf rief er seinen Kavalier. Der war so vornehm, daß, wenn
-jemand, der geringer als er war, mit ihm zu sprechen oder ihn nach etwas
-zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte als: »P!« und »das hat
-nichts zu bedeuten«.
-
-»Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, welcher Nachtigall
-genannt wird!« sagte der Kaiser. »Man sagt, dies sei das allerbeste in
-meinem großen Reiche. Weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?«
-
-»Ich habe ihn früher nie nennen hören!« sagte der Kavalier. »Er ist nie
-bei Hofe vorgestellt worden!«
-
-»Ich will, daß er heute abend herkommen und vor mir singen soll!« sagte
-der Kaiser. »Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich weiß es nicht!«
-
-»Ich habe ihn früher nie nennen hören!« sagte der Kavalier. »Ich werde
-ihn suchen, ich werde ihn finden!« --
-
-Aber wo war der zu finden? Der Kavalier lief alle Treppen auf und
-nieder, durch Säle und Gänge, aber keiner von allen denen, auf die er
-traf, hatte von der Nachtigall sprechen hören. Und der Kavalier lief
-wieder zum Kaiser und sagte, daß es sicher eine Fabel von denen sein
-müßte, die da Bücher schrieben. »Dero Kaiserliche Majestät können gar
-nicht glauben, was alles geschrieben wird! Das sind Erdichtungen und
-etwas, was man die schwarze Kunst nennt.«
-
-»Aber das Buch, in dem ich dieses gelesen habe,« sagte der Kaiser, »ist
-mir von dem großmächtigsten Kaiser von Japan gesandt, und es kann also
-keine Unwahrheit sein, ich will die Nachtigall hören! Sie muß heute
-abend hier sein! Sie hat meine höchste Gnade! Und kommt sie nicht, so
-soll dem ganzen Hofe auf den Leib getrampelt werden, wenn er Abendbrot
-gegessen hat!«
-
-»Tsing pe!« sagte der Kavalier und lief wieder alle Treppen auf und
-nieder, durch alle Säle und Gänge, und der halbe Hof lief mit, denn sie
-wollten nicht gern auf den Leib getrampelt sein. Da gab es ein Fragen
-nach der merkwürdigen Nachtigall, welche die ganze Welt kannte, nur
-niemand bei Hofe.
-
-Endlich trafen sie ein armes, kleines Mädchen in der Küche. Die sagte:
-»O Gott, die Nachtigall kenne ich gut, ja, wie kann sie singen! Jeden
-Abend habe ich Erlaubnis, meiner armen, kranken Mutter Überbleibsel vom
-Tische nach Hause zu tragen; sie wohnt unten am Strand, und wenn ich
-zurückgehe, müde bin und im Walde ausruhe, dann höre ich die Nachtigall
-singen! Es kommen mir dabei die Tränen in die Augen, und es ist, als ob
-meine Mutter mich küßte!«
-
-»Kleine Köchin!« sagte der Kavalier, »ich werde dir eine Anstellung in
-der Küche und die Erlaubnis verschaffen, den Kaiser speisen zu sehen,
-wenn du uns zur Nachtigall führen kannst, denn sie ist zu heute abend
-angesagt.«
-
-Und so zogen sie alle hinaus in den Wald, wo die Nachtigall zu singen
-pflegte, der halbe Hof war mit. Als sie im besten Zuge waren, fing eine
-Kuh zu brüllen an.
-
-»Oh!« sagten die Hofjunker, »nun haben wir sie! Das ist doch eine
-merkwürdige Kraft in einem so kleinen Tiere! Die habe ich sicher schon
-früher gehört!«
-
-»Nein, das sind Kühe, welche so brüllen!« sagte die kleine Köchin. »Wir
-sind noch weit von dem Orte entfernt!«
-
-Nun quakten die Frösche im Sumpfe.
-
-»Herrlich!« sagte der chinesische Hofprediger. »Nun höre ich sie; es
-klingt gerade wie kleine Kirchenglocken.«
-
-»Nein, das sind Frösche!« sagte die kleine Köchin. »Aber nun denke ich,
-werden wir sie bald hören!«
-
-Da begann die Nachtigall zu schlagen.
-
-»Das ist sie!« sagte das kleine Mädchen. »Hört! Hört! Da sitzt sie!« Und
-sie zeigte nach einem kleinen, grauen Vogel oben in den Zweigen.
-
-»Ist es möglich!« sagte der Kavalier. »So hätte ich sie mir nimmer
-gedacht! Wie sie einfach aussieht! Sie hat sicher ihre Farbe darüber
-verloren, daß sie so viele vornehme Menschen um sich erblickt!«
-
-»Kleine Nachtigall!« rief die kleine Köchin laut, »unser gnädigster
-Kaiser wünscht, daß Sie vor ihm singen!«
-
-»Mit dem größten Vergnügen!« sagte die Nachtigall und sang dann, daß es
-eine Lust war.
-
-»Es klingt gerade wie Glasglocken!« sagte der Kavalier. »Und seht die
-kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig, daß wir sie früher
-nie gehört haben! Sie wird großen Succès bei Hofe machen!«
-
-»Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?« fragte die Nachtigall,
-welche glaubte, der Kaiser sei auch da.
-
-»Meine vortreffliche kleine Nachtigall!« sagte der Kavalier, »ich habe
-die große Freude, Sie zu einem Hoffeste heute abend einzuladen, wo Sie
-Dero hohe kaiserliche Gnaden mit ihrem charmanten Gesange bezaubern
-werden!«
-
-»Der hört sich am besten im Grünen an!« sagte die Nachtigall, aber sie
-kam doch gern mit, als sie hörte, daß es der Kaiser wünschte.
-
-Auf dem Schlosse war tüchtig aufgeputzt. Die Wände und der Fußboden,
-welche von Porzellan waren, glänzten im Strahle vieler tausend
-Goldlampen; die prächtigsten Blumen, welche recht klingeln konnten,
-waren in den Gängen aufgestellt. Das war ein Laufen und ein Zugwind, und
-alle Glocken klingelten so, daß man sein eigenes Wort nicht hören
-konnte.
-
-Mitten in den großen Saal, wo der Kaiser saß, war ein goldener Stecken
-gestellt, auf diesem sollte die Nachtigall sitzen. Der ganze Hof war da,
-und die kleine Köchin hatte die Erlaubnis erhalten, hinter der Tür zu
-stehen, da sie nun den Titel einer wirklichen Hofköchin bekommen hatte.
-Alle waren in ihrem größten Putz, und alle sahen nach dem kleinen grauen
-Vogel, dem der Kaiser zunickte.
-
-Die Nachtigall sang so herrlich, daß dem Kaiser die Tränen in die Augen
-traten und ihm über die Wangen herniederliefen, da sang die Nachtigall
-noch schöner: das ging recht zu Herzen. Der Kaiser war so froh, daß er
-sagte, die Nachtigall sollte seinen goldenen Pantoffel um den Hals zu
-tragen bekommen. Aber die Nachtigall dankte, sie habe schon Belohnung
-genug erhalten.
-
-»Ich habe Tränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist mir der reichste
-Schatz! Eines Kaisers Tränen haben eine besondere Kraft! Gott weiß es,
-ich bin genug belohnt.« Darauf sang sie wieder mit ihrer süßen,
-herrlichen Stimme.
-
-»Das ist die liebenswürdigste Koketterie, die ich kenne!« sagten die
-Damen rings umher, und dann nahmen sie Wasser in den Mund um zu glucken,
-wenn jemand mit ihnen spräche. Sie glaubten, dann auch Nachtigallen zu
-sein. Ja, die Lakaien und Kammermädchen ließen melden, daß auch sie
-zufrieden seien; das will viel sagen, denn die sind am schwersten zu
-befriedigen. Kurz, die Nachtigall machte wahrlich Glück.
-
-Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihr eigenes Bauer und die Freiheit
-haben, zweimal des Tages und einmal des Nachts herauszuspazieren. Sie
-bekam dann zwölf Diener mit, welche ihr alle ein Seidenband um das Bein
-geschlungen hatten, an dem sie sie recht fest hielten. Es war durchaus
-kein Vergnügen bei einem solchen Ausfluge.
-
-Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel, und begegneten sich
-zwei, so sagte der eine nichts anders als: »Nacht!« -- und der andere
-sagte: »gall!« Und dann seufzten sie und verstanden einander. Ja, elf
-Hökerkinder wurden nach ihr benannt, aber nicht eins von ihnen hatte
-einen Ton in der Kehle. --
-
-Eines Tages erhielt der Kaiser ein großes Paket, worauf geschrieben
-stand: »Die Nachtigall.«
-
-»Da haben wir nun ein neues Buch über unsern berühmten Vogel!« sagte der
-Kaiser. Aber es war kein Buch, sondern ein kleines Kunstwerk, welches in
-einer Schachtel lag: eine künstliche Nachtigall, die der lebenden
-gleichen sollte, allein überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren
-besetzt war. Sobald man den Kunstvogel aufzog, konnte er eins der
-Stücke, die der wirkliche Vogel sang, singen, und dann bewegte sich der
-Schweif auf und nieder, und glänzte von Silber und Gold. Um den Hals
-hing ein kleines Band, darauf stand geschrieben: »Des Kaisers von Japan
-Nachtigall ist arm gegen die des Kaisers von China.«
-
-»Das ist herrlich!« sagten alle, und der, welcher den künstlichen Vogel
-gebracht hatte, erhielt sogleich den Titel: Kaiserlicher
-Ober-Nachtigallbringer.
-
-»Nun müssen sie zusammen singen, was wird das für ein Duett werden.«
-
-Und so mußten sie zusammen singen, aber es wollte nicht recht passen,
-denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise, und der Kunstvogel
-ging auf Walzen. »Der hat keine Schuld,« sagte der Spielmeister, »der
-ist besonders taktfest und ganz nach meiner Schule!« Nun sollte der
-Kunstvogel allein singen. Er machte ebenso viel Glück als der wirkliche,
-und dann war er ja viel niedlicher anzusehen: er glänzte wie Armbänder
-und Busennadeln.
-
-Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und war doch nicht
-müde. Die Leute hätten ihn gern wieder aufs neue gehört, aber der Kaiser
-meinte, daß nun auch die lebendige Nachtigall etwas singen sollte. -- --
-Aber wo war die? Niemand hatte bemerkt, daß sie aus dem offenen Fenster
-zu ihren grünen Wäldern fortgeflogen war.
-
-»Aber was ist denn das?« sagte der Kaiser. Und alle Hofleute schalten
-und weinten, daß die Nachtigall ein höchst undankbares Tier sei. »Den
-besten Vogel haben wir doch!« sagten sie, und so mußte denn der
-Kunstvogel wieder singen, und das war das vierunddreißigstemal, daß sie
-dasselbe Stück zu hören bekamen. Sie konnten es dessenungeachtet doch
-nicht auswendig, es war gar zu schwer. Und der Spielmeister lobte den
-Vogel außerordentlich; ja, er versicherte, daß er besser wie eine
-Nachtigall sei, nicht nur was die Kleider und die herrlichen Diamanten
-beträfe, sondern auch innerlich.
-
-»Denn sehen sie, meine Herren, der Kaiser vor allen! bei der wirklichen
-Nachtigall kann man nie berechnen, was da kommen wird, aber bei dem
-Kunstvogel ist alles bestimmt! Man kann es erklären, man kann ihn öffnen
-und dem Menschen begreiflich machen, wie die Walzen liegen, wie sie
-gehen, und wie das eine aus dem andern folgt!«
-
-»Das sind auch unsere Gedanken!« sagten alle, und der Spielmeister
-erhielt die Erlaubnis, am nächsten Sonntage den Vogel dem Volke
-vorzuzeigen. Es sollte ihn auch singen hören, befahl der Kaiser. Und es
-hörte ihn, und es wurde so vergnügt, als ob es sich in Tee berauscht
-hätte, denn das ist chinesisch; da sagten alle: »Oh!« und hielten den
-Zeigefinger in die Höhe und nickten dazu. Die armen Fischer jedoch,
-welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: »Das klingt
-hübsch genug, die Melodien gleichen sich auch, aber es fehlt etwas, ich
-weiß nicht was!«
-
-Die wirkliche Nachtigall wurde aus dem Lande und Reiche verwiesen.
-
-Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem Seidenkissen, dicht bei des
-Kaisers Bette. Alle die Geschenke, welche er erhalten, Gold und
-Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er zu einem
-»Hochkaiserlichen Nachttisch-Sänger« gestiegen, im Range bis Nummer eins
-zur linken Seite. Denn der Kaiser rechnete die Seite für die vornehmste,
-auf der das Herz saß, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links.
-Und der Spielmeister schrieb ein Werk von fünfundzwanzig Bänden über den
-Kunstvogel; das war so gelehrt und so lang, voll von den allerschwersten
-chinesischen Wörtern, daß alle Leute sagten, sie hätten es gelesen und
-verstanden, denn sonst wären sie ja dumm gewesen und wären auf den Leib
-getrampelt worden.
-
-So ging es ein ganzes Jahr. Der Kaiser, der Hof und alle die andern
-Chinesen konnten jeden Gluck in des Kunstvogels Gesange auswendig. Aber
-gerade deshalb gefiel er ihnen jetzt am allerbesten: sie konnten selbst
-mitsingen, und das taten sie auch. Die Straßenbuben sangen: »Zizizi!
-Gluckgluckgluck!« und der Kaiser sang es ebenfalls. Ja, das war gewiß
-prächtig!
-
-Eines Abends jedoch, als der Kunstvogel am besten sang, und der Kaiser
-im Bette lag und darauf hörte, sagte es inwendig im Vogel »Schwupp«. Da
-sprang etwas! »Schnurr!« alle Räder liefen herum, und dann stand die
-Musik still.
-
-Der Kaiser sprang gleich aus dem Bette und ließ seinen Leibarzt rufen,
-aber was konnte der helfen! Dann ließen sie den Uhrmacher holen, und
-nach vielem Sprechen und Nachsehen bekam er den Vogel etwas in Ordnung,
-aber er sagte, daß er geschont werden müsse, denn die Zapfen seien
-abgenutzt, und es wäre unmöglich, neue so einzusetzen, daß die Musik
-sicher ginge. Nun war eine große Trauer! Nur einmal des Jahres durfte
-man den Kunstvogel singen lassen, und das war schon fast zu viel. Aber
-dann hielt der Spielmeister eine kleine Rede voll inhaltsschwerer Worte
-und sagte, daß es ebensogut sei, wie früher; dann war es ebensogut, wie
-früher.
-
-Jetzt waren fünf Jahre vergangen, und das Land bekam eine große Trauer.
-Die Chinesen hielten im Grunde alle auf ihren Kaiser, und jetzt war er
-krank und konnte nicht lange mehr leben, sagte man.
-
-Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand draußen auf der
-Straße und fragte den Kavalier, wie es ihrem alten Kaiser ginge.
-
-»P!« sagte er und schüttelte mit dem Kopfe.
-
-Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen, prächtigen Bette; der
-ganze Hof glaubte ihn tot, und ein jeder von ihnen lief hin, den neuen
-Kaiser zu begrüßen. Die Kammerdiener liefen hinaus, um darüber zu
-schwatzen, und die Kammermädchen hatten große Kaffeegesellschaft.
-Ringsumher in alle Säle und Gänge war Tuch gelegt, damit man keinen
-Fußtritt vernehme, und deshalb war es da still, ganz still. Aber der
-Kaiser war noch nicht tot; steif und bleich lag er in dem prächtigen
-Bette, mit den langen Samtgardinen und den schweren Goldquasten, hoch
-oben stand ein Fenster offen, und der Mond schien herein auf den Kaiser
-und den Kunstvogel.
-
-Der arme Kaiser konnte kaum atmen; es war, als ob etwas auf seiner Brust
-säße, er schlug die Augen auf, und da sah er, daß es der Tod sei, der
-auf seiner Brust saß und sich seine goldene Krone aufgesetzt hatte und
-in der einen Hand des Kaisers goldenen Säbel, in der andern seine
-prächtige Fahne hielt. Und ringsumher aus den Falten der großen, samtnen
-Bettgardinen sahen wunderbare Köpfe hervor: einige häßlich, andere
-lieblich und mild. Das waren alle des Kaisers böse und gute Taten,
-welche ihn anblickten, jetzt, da der Tod ihm auf dem Herzen saß.
-
-»Entsinnest du dich dieses?« flüsterte einer nach dem andern. »Erinnerst
-du dich dessen?« Und dann erzählten sie ihm so viel, daß ihm der Schweiß
-von der Stirne rann.
-
-»Das habe ich nicht gewußt!« sagte der Kaiser. »Musik! Musik! die große
-chinesische Trommel!« rief er, »damit ich nicht alles zu hören brauche,
-was sie sagen!«
-
-Und sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese zu allem, was
-gesagt wurde.
-
-»Musik! Musik!« schrie der Kaiser. »Du kleiner herrlicher Goldvogel!
-Singe doch, singe! Ich habe dir ja Gold und Kostbarkeiten gegeben; ich
-habe dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt, singe
-doch, singe!«
-
-Der Vogel aber stand still, es war niemand da, ihn aufzuziehen, und
-sonst sang er nicht, aber der Tod fuhr fort, den Kaiser mit seinen
-großen, hohlen Augen anzustarren, und still war es, schrecklich still!
-
-Da klang auf einmal vom Fenster her der herrlichste Gesang: es war die
-kleine, lebende Nachtigall, welche auf einem Zweige draußen saß. Sie
-hatte von der Not ihres Kaisers gehört und war deshalb gekommen, ihm
-Trost und Hoffnung zu singen. Und wie sie sang, wurden die Gespenster
-immer bleicher und bleicher, das Blut kam immer rascher und rascher in
-des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst der Tod horchte
-und sagte: »Fahre fort, kleine Nachtigall! fahre fort!«
-
-»Ja, willst du mir den prächtigen goldenen Säbel geben? Willst du mir
-die reiche Fahne geben? Willst du mir des Kaisers Krone geben?«
-
-Und der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang, und die Nachtigall fuhr
-noch fort zu singen; sie sang von dem stillen Gottesacker, wo die weißen
-Rosen wachsen, wo der Flieder duftet, und wo das frische Gras von den
-Tränen der Überlebenden befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach
-seinem Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel aus dem Fenster.
-
-»Dank, Dank!« sagte der Kaiser. »Du himmlischer kleiner Vogel! Ich kenne
-dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reiche gejagt! Und doch
-hast du die bösen Gesichter von meinem Bette weggesungen, den Tod von
-meinem Herzen weggeschafft! Wie kann ich dir lohnen?«
-
-»Du hast mich belohnt!« sagte die Nachtigall. »Ich habe deinen Augen
-Tränen entlockt, als ich das erstemal sang: das vergesse ich nie! Das
-sind Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen! Aber schlafe nun und werde
-wieder frisch und stark! Ich werde dir etwas vorsingen!«
-
-Und sie sang -- und der Kaiser fiel in einen süßen Schlummer. Ach! wie
-mild und wohltuend war der Schlaf!
-
-Die Sonne schien durch die Fenster zu ihm herein, als er gestärkt und
-gesund erwachte. Keiner von seinen Dienern war noch zurückgekehrt, denn
-sie glaubten, er sei tot, nur die Nachtigall saß noch bei ihm und sang.
-
-»Immer mußt du bei mir bleiben!« sagte der Kaiser. »Du sollst nun
-singen, wenn du selbst willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend
-Stücke.«
-
-»Tue das nicht!« sagte die Nachtigall. »Der hat ja Gutes getan, so lange
-er konnte! Behalte ihn wie bisher! Ich kann im Schlosse nicht mein Nest
-bauen und bewohnen, aber laß mich kommen, wenn ich selbst Lust habe; da
-will ich des Abends auf dem Zweige dort beim Fenster sitzen und dir
-etwas vorsingen, damit du froh werden kannst und gedankenvoll zugleich!
-Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die da leiden! Ich
-werde vom Bösen und vom Guten singen, was rings um dich her verborgen
-bleibt! Der kleine Singvogel fliegt weit umher, zu dem armen Fischer, zu
-des Landmanns Dach, zu jedem, der weit von dir und deinem Hofe entfernt
-ist! Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat die Krone
-einen Duft von etwas Heiligtum um sich! -- Ich komme, ich singe dir
-etwas vor! -- Aber eins mußt du mir versprechen.« --
-
--- »Alles!« sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht,
-die er selbst angelegt hatte, und drückte den Säbel, welcher schwer von
-Gold war, an sein Herz.
-
-»Um eins bitte ich dich! Erzähle niemand, daß du einen kleinen Vogel
-hast, der dir alles sagt, dann wird es noch besser gehen!«
-
-Da flog die Nachtigall fort.
-
-Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen -- -- ja,
-da standen sie, und der Kaiser sagte: »Guten Morgen!«
-
-
-
-
- Die kleine Seejungfer
-
-
-Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der
-schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas. Aber es ist sehr
-tief, tiefer, als irgendein Ankertau reicht, viele Kirchtürme müßten
-aufeinander gestellt werden, um vom Boden bis über das Wasser zu
-reichen. Dort unten wohnt das Meervolk.
-
-Nun muß man aber nicht glauben, daß da nur der nackte, weiße Sandboden
-sei, nein, da wachsen die sonderbarsten Bäume und Pflanzen, die so
-geschmeidig im Stiele und in den Blättern sind, daß sie sich bei der
-geringsten Bewegung des Wassers rühren, als ob sie lebten. Alle kleinen
-und großen Fische schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch wie hier oben
-die Vögel durch die Bäume. An der tiefsten Stelle liegt des Meerkönigs
-Schloß; die Mauern sind von Korallen und die langen Spitzbogenfenster
-vom klarsten Bernstein, aber das Dach bilden Muschelschalen, die sich
-öffnen und schließen, je nachdem das Wasser strömt. Es sieht herrlich
-aus, denn in jeder liegen strahlende Perlen, eine einzige davon würde
-großen Wert in der Krone einer Königin haben.
-
-Der Meerkönig dort unten war seit vielen Jahren Witwer, während seine
-alte Mutter bei ihm wirtschaftete. Sie war eine kluge Frau, aber stolz
-auf ihren Adel, deshalb trug sie zwölf Austern auf dem Schwanze, die
-andern Vornehmen aber durften nur sechs tragen. -- Sonst verdiente sie
-großes Lob, besonders weil sie viel auf die kleinen Meerprinzessinnen,
-ihre Enkelinnen, hielt. Es waren sechs schöne Kinder, aber die jüngste
-war die schönste von allen, ihre Haut so klar und so fein wie ein
-Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste See, aber ebenso wie die
-andern hatte sie keine Füße, der Körper endete in einen Fischschwanz.
-
-Den ganzen Tag konnten sie unten im Schlosse spielen, in den großen
-Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wänden hervorwuchsen. Die großen
-Bernsteinfenster wurden aufgemacht, und dann schwammen die Fische zu
-ihnen herein, wie bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir die
-Fenster aufmachen; doch die Fische schwammen zu den Prinzessinnen hin,
-fraßen aus ihren Händen und ließen sich streicheln.
-
-Draußen vor dem Schlosse war ein großer Garten mit feuerroten und
-dunkelbraunen Blumen, die Früchte strahlten wie Gold und die Blumen wie
-brennendes Feuer, indem sie fortwährend Stengel und Blätter bewegten.
-Die Erde selbst war der feinste Sand, aber blau, wie die Schwefelflamme.
-Über dem Ganzen lag ein eigentümlich blauer Schein; man hätte eher
-glauben mögen, daß man hoch in der Luft stehe und nur Himmel über und
-unter sich habe, als daß man auf dem Grunde des Meeres sei. Während der
-Windstille konnte man die Sonne erblicken, sie erschien wie eine
-Purpurblume, aus deren Kelche alles Licht strömte.
-
-Eine jede der kleinen Prinzessinnen hatte ihren kleinen Platz im Garten,
-wo sie graben und pflanzen konnte, wie es ihr gefiel. Die eine gab ihrem
-Blumenfleck die Gestalt eines Walfisches, einer andern gefiel es besser,
-daß der ihrige einem kleinen Meerweibe gleiche, aber die jüngste machte
-den ihrigen rund, der Sonne gleich, und hatte Blumen, die rot wie diese
-schienen. Sie war ein sonderbares Kind, still und nachdenkend, und wenn
-die andern Schwestern mit den merkwürdigsten Sachen, welche sie von
-gestrandeten Schiffen erhalten hatten, prunkten, wollte sie außer den
-rosenroten Blumen, die der Sonne dort oben glichen, nur eine hübsche
-Marmorstatue haben. Dies war ein herrlicher Knabe, aus weißem, klarem
-Steine gehauen, der beim Stranden auf den Meeresgrund gekommen war. Sie
-pflanzte bei der Statue eine rosenrote Trauerweide, die wuchs herrlich
-und hing mit ihren frischen Zweigen über derselben, gegen den blauen
-Sandboden herunter, wo der Schatten sich violett zeigte und gleich den
-Zweigen in Bewegung war; es sah aus, als ob die Spitze und die Wurzeln
-miteinander spielten, als wollten sie sich küssen.
-
-Es gab keine größere Freude für sie, als von der Menschenwelt zu hören;
-die Großmutter mußte alles, was sie von Schiffen und Städten, Menschen
-und Tieren wußte, erzählen, hauptsächlich erschien ihr besonders schön,
-daß oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn das taten sie auf dem
-Grunde des Meeres nicht, und daß die Wälder grün wären, und daß die
-Fische, die man dort zwischen den Bäumen erblickte, laut und herrlich
-singen könnten, daß es eine Lust sei. Es waren die kleinen Vögel, welche
-die Großmutter Fische nannte, denn sonst konnten sie sich nicht
-verstehen, da sie noch keinen Vogel gesehen hatten.
-
-»Wenn ihr euer fünfzehntes Jahr erreicht habt,« sagte die Großmutter,
-»dann sollt ihr die Erlaubnis erhalten, aus dem Meere emporzutauchen, im
-Mondenscheine auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe
-vorbeisegeln zu sehen. Wälder und Städte werdet ihr dann erblicken!« In
-dem kommenden Jahre war die eine der Schwestern fünfzehn Jahre alt, aber
-von den andern war die eine immer ein Jahr jünger als die andere; die
-jüngste von ihnen hatte demnach noch volle fünf Jahre zu warten, bevor
-sie von dem Grunde des Meeres hinaufkommen und sehen konnte, wie es bei
-uns aussehe. Aber die eine versprach der andern, zu erzählen, was sie
-erblickt und was sie am ersten Tage am schönsten gefunden habe, denn
-ihre Großmutter erzählte ihnen nicht genug, da war so vieles, worüber
-sie Auskunft haben wollten.
-
-Keine war sehnsüchtiger als die jüngste, gerade sie, die noch die
-längste Zeit zu warten hatte und die stets still und gedankenvoll war.
-Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah durch das dunkelblaue
-Wasser empor, wie die Fische mit ihren Flossen und Schwänzen
-plätscherten. Mond und Sterne konnte sie sehen, freilich schienen diese
-ganz bleich, aber durch das Wasser sahen sie größer aus als vor unsern
-Augen. Zog dann etwas, einer schwarzen Wolke gleich, unter ihr hin, so
-wußte sie, daß es entweder ein Walfisch sei, der über ihr schwamm, oder
-ein Schiff mit vielen Menschen; die dachten sicher nicht daran, daß eine
-leibliche, kleine Seejungfer unten stehe und ihre weißen Hände gegen den
-Kiel emporstreckte.
-
-Nun war die älteste Prinzessin fünfzehn Jahre alt und durfte über die
-Meeresfläche emporsteigen.
-
-Als sie zurückkam, hatte sie Hunderterlei zu erzählen, aber das
-Schönste, sagte sie, sei, im Mondenschein auf einer Sandbank in der
-ruhigen See zu liegen und die nahgelegene Küste mit der großen Stadt zu
-betrachten, wo die Lichter gleich hundert Sternen blinken, die Musik,
-das Lärmen und Toben von Wagen und Menschen zu hören, die vielen
-Kirchtürme zu sehen und das Läuten der Glocken zu vernehmen.
-
-Oh! wie horchte die jüngste Schwester auf, und wenn sie später abends am
-offenen Fenster stand und durch das dunkelblaue Wasser emporblickte,
-gedachte sie der großen Stadt mit dem Lärmen und Toben, dann glaubte
-sie, die Kirchenglocken bis zu sich herunter läuten hören zu können.
-
-Im folgenden Jahre erhielt die zweite Schwester die Erlaubnis, aus dem
-Wasser emporzusteigen und zu schwimmen, wohin sie wolle. Sie tauchte
-auf, als die Sonne unterging, und dieser Anblick, fand sie, sei das
-Schönste. Der ganze Himmel habe wie Gold ausgesehen, und die Schönheit
-der Wolken konnte sie nicht genug beschreiben! Rot und violett waren sie
-über ihr dahingesegelt, aber weit schneller als diese flog einem langen
-weißen Schleier gleich ein Schwarm wilder Schwäne über das Wasser hin,
-wo die Sonne stand. Sie schwamm derselben entgegen, aber die Sonne sank,
-und der Rosenschein erlosch auf der Meeresfläche und in den Wolken.
-
-Das Jahr darauf kam die dritte Schwester hinauf. Sie war die dreisteste
-von allen, deshalb schwamm sie einen breiten Fluß, der in das Meer
-mündete, aufwärts. Herrliche, grüne Hügel mit Weinranken erblickte sie,
-Schlösser und Burgen schimmerten aus prächtigen Wäldern hervor, sie
-hörte, wie alle Vögel sangen, und die Sonne schien so warm, daß sie oft
-unter das Wasser tauchen mußte, um ihr brennendes Antlitz abzukühlen. In
-einer kleinen Bucht traf sie einen Schwarm kleiner Menschenkinder. Diese
-waren völlig nackt und plätscherten im Wasser, sie wollte mit ihnen
-spielen, aber die flohen erschrocken davon, und es kam ein kleines,
-schwarzes Tier, ein Hund -- aber sie hatte nie einen Hund gesehen -- der
-bellte sie so schrecklich an, daß sie ängstlich die offene See zu
-erreichen suchte. Doch nie konnte sie die prächtigen Wälder, die grünen
-Hügel und die niedlichen Kinder vergessen, die im Wasser schwimmen
-konnten, obgleich sie keinen Fischschwanz hatten.
-
-Die vierte Schwester war nicht so dreist, sie blieb draußen im wilden
-Meer und erzählte, daß es dort am schönsten sei! Man sieht ringsumher
-viele Meilen weit, und der Himmel stehe wie eine Glasglocke darüber.
-Schiffe hatte sie gesehen, aber nur aus weiter Ferne, die sahen wie
-Möwen aus; die possierlichen Delphine hatten Purzelbäume geschlagen, und
-die großen Walfische aus ihren Nasenlöchern Wasser emporgespritzt, so
-daß es ausgesehen hatte, wie Hunderte von Springbrunnen ringsumher.
-
-Nun kam die Reihe an die fünfte Schwester, ihr Geburtstag war im Winter,
-und deshalb erblickte sie, was die andern das erstemal nicht gesehen
-hatten. Die See sah ganz grün aus, und rings umher schwammen große
-Eisberge, ein jeder erschien wie eine Perle, sagte sie, und war doch
-weit größer als die Kirchtürme, welche die Menschen bauen. Sie zeigten
-sich in den sonderbarsten Gestalten und glänzten wie Diamanten. Sie
-hatte sich auf einen der größten gesetzt, und alle Segler kreuzten
-erschrocken draußen herum, wo sie saß und den Wind mit ihren langen
-Haaren spielen ließ, aber gegen Abend wurde der Himmel mit Wolken
-überzogen, es blitzte und donnerte, während die schwarze See die großen
-Eisblöcke hoch emporhob und sie im roten Blitze erglänzen ließ. Auf
-allen Schiffen reffte man die Segel ein, da war eine Angst und ein
-Grauen. Aber sie saß ruhig auf ihrem schwimmenden Eisberge und sah die
-blauen Blitzstrahlen im Zickzack in die schimmernde See fahren.
-
-Das erstemal, wenn eine der Schwestern über das Wasser emporkam, war
-eine jede entzückt über das Neue und Schöne, was sie erblickte, aber da
-sie nun als erwachsene Mädchen die Erlaubnis hatten, hinaufzusteigen,
-wann sie wollten, wurde es ihnen gleichgültig. Sie sehnten sich wieder
-zurück, und nach Verlauf eines Monats sagten sie, daß es unten bei ihnen
-am schönsten sei, da sei man so hübsch zu Hause.
-
-In mancher Abendstunde faßten die fünf Schwestern einander an den Armen
-und stiegen in einer Reihe über das Wasser auf, herrliche Stimmen hatten
-sie, schöner denn irgendein Mensch, und wenn dann ein Sturm im Anzuge
-war, so daß sie vermuten konnten, es würden Schiffe untergehen,
-schwammen sie vor den Schiffen her und sangen so lieblich, wie schön es
-auf dem Grunde des Meeres sei, und baten die Seeleute, sich nicht zu
-fürchten, da hinunterzukommen. Aber die konnten die Worte nicht
-verstehen und glaubten, es sei der Sturm, sie bekamen auch die
-Herrlichkeit dort unten nicht zu sehen, denn wenn das Schiff sank, so
-ertranken die Menschen und kamen als Leichen zu des Meerkönigs Schlosse.
-
-Wenn die Schwestern so des Abends, Arm in Arm, hoch durch das Wasser
-hinaufstiegen, dann stand die kleinste Schwester allein und sah ihnen
-nach, und es war ihr, als ob sie weinen müßte, aber die Seejungfer hat
-keine Tränen, und darum leidet sie weit mehr.
-
-»Ach, wäre ich doch fünfzehn Jahre alt!« sagte sie. »Ich weiß, daß ich
-die Welt dort oben und die Menschen, die darauf wohnen und hausen, recht
-lieben werde.«
-
-Endlich war sie denn fünfzehn Jahre alt.
-
-»Sieh, nun bist du erwachsen!« sagte die Großmutter, die alte
-Königswitwe. »Komm nun, laß mich dich schmücken, gleich deinen andern
-Schwestern!« Sie setzte ihr einen Kranz weißer Lilien auf das Haar, aber
-jedes Blatt in der Blume war die Hälfte einer Perle, und die Alte ließ
-acht große Austern im Schweife der Prinzessin sich festklemmen, um ihren
-hohen Rang zu zeigen.
-
-»Das tut so weh!« sagte die kleine Seejungfer.
-
-»Ja, Hoffart muß Zwang leiden!« sagte die Alte.
-
-Oh, sie hätte so gern alle diese Pracht abschütteln und den schweren
-Kranz ablegen mögen, ihre roten Blumen im Garten kleideten sie besser,
-aber sie konnte es nun nicht ändern. »Lebt wohl!« sprach sie, und sie
-stieg dann leicht und klar gleich einer Blase aus dem Wasser auf.
-
-Die Sonne war eben untergegangen, als sie den Kopf über das Wasser
-erhob, aber alle Wolken glänzten noch wie Rosen und Gold und inmitten
-der bleichroten Luft strahlte der Abendstern so hell und schön, die Luft
-war mild und frisch und das Meer ruhig. Da lag ein großes Schiff mit
-drei Masten, nur ein einziges Segel war aufgezogen, denn es regte sich
-kein Lüftchen, und ringsumher im Tauwerk und auf den Rahen saßen die
-Matrosen. Da war Musik und Gesang, und als es dunkelte, wurden Hunderte
-von bunten Laternen angezündet, die sahen aus, als ob aller Nationen
-Flaggen in der Luft wehten. Die kleine Seejungfer schwamm bis zum
-Kajütenfenster, und jedesmal, wenn das Wasser sie emporhob, konnte sie
-durch die spiegelhellen Fensterscheiben hineinblicken, wo viele geputzte
-Menschen standen. Aber der schönste war doch der junge Prinz mit den
-großen, schwarzen Augen, er war sicher nicht viel über sechzehn Jahre
-alt, es war sein Geburtstag, und deshalb herrschte all diese Pracht. Die
-Matrosen tanzten auf dem Verdecke, und als der junge Prinz hinaustrat,
-stiegen über hundert Raketen in die Luft, die leuchteten wie der helle
-Tag, so daß die kleine Seejungfer schon erschrak und unter das Wasser
-tauchte, aber sie streckte bald den Kopf wieder hervor, und da war es,
-als ob alle Sterne des Himmels zu ihr herunterfielen. Nie hatte sie
-solche Feuerkünste gesehen! Große Sonnen sprühten umher, prächtige
-Feuerfische flogen in die blaue Luft, und alles spiegelte sich in der
-klaren, stillen See. Auf dem Schiffe selbst war es so hell, daß man
-jedes kleine Tau, wie viel mehr also die Menschen sehen konnte. Oh, wie
-schön war doch der junge Prinz, er drückte den Leuten die Hand und
-lächelte, während die Musik in der herrlichen Nacht erklang.
-
-Es wurde spät, aber die kleine Seejungfer konnte ihre Augen nicht von
-dem Schiffe und vom schönen Prinzen wegwenden. Die bunten Laternen
-wurden ausgelöscht, Raketen stiegen nicht mehr in die Höhe, es ertönten
-auch keine Kanonenschüsse mehr, aber tief unten im Meere summte und
-brummte es, inzwischen saß sie auf dem Wasser und schaukelte auf und
-nieder, so daß sie in die Kajüte hineinblicken konnte. Aber das Schiff
-bekam mehr Fahrt, ein Segel nach dem andern breitete sich aus, nun
-gingen die Wogen stärker, große Wolken zogen auf, es blitzte in der
-Ferne. Oh, es wird ein böses Wetter werden! Deshalb zogen die Matrosen
-die Segel ein. Das große Schiff schaukelte in fliegender Fahrt auf der
-wilden See, das Wasser erhob sich wie große schwarze Berge, die über die
-Masten rollen wollten, aber das Schiff tauchte wie ein Schwan zwischen
-den hohen Wogen nieder und ließ sich wieder auf die hochgetürmten Wasser
-heben. Der kleinen Seejungfer dünkte es eine recht lustige Fahrt zu
-sein, aber so erschien es den Seeleuten nicht, das Schiff knackte und
-krachte, die dicken Planken bogen sich bei den starken Stößen, die See
-stürzte in das Schiff hinein, der Mast brach mitten durch, als ob es ein
-Rohr wäre, und das Schiff legte sich auf die Seite, während das Wasser
-in den Raum eindrang. Nun sah die kleine Seejungfer, daß sie in Gefahr
-waren, sie mußte sich selbst vor den Balken und Stücken vom Schiffe, die
-auf dem Wasser trieben, in acht nehmen. Einen Augenblick war es so
-finster, daß sie nicht das mindeste sah, aber wenn es dann blitzte,
-wurde es wieder so hell, daß sie alle auf dem Schiffe erkennen konnte,
-besonders suchte sie den jungen Prinzen, und sie sah ihn, als das Schiff
-sich teilte, in das tiefe Meer versinken. Sogleich wurde sie ganz
-vergnügt, denn nun kam er zu ihr hinunter. Aber da gedachte sie, daß die
-Menschen nicht im Wasser leben können, und daß er nicht anders als tot
-zum Schlosse ihres Vaters hinunter gelangen könnte. Nein, sterben durfte
-er nicht, deshalb schwamm sie hin zwischen Balken und Planken, die auf
-der See trieben und vergaß völlig, daß diese sie hätten zerquetschen
-können. Sie tauchte tief unter das Wasser und stieg wieder hoch zwischen
-den Wogen empor und gelangte am Ende so zu dem Prinzen hin, der nicht
-länger in der stürmischen See schwimmen konnte. Seine Arme und Beine
-begannen zu ermatten, die schönen Augen schlossen sich, er hätte sterben
-müssen, wäre die kleine Seejungfer nicht herzugekommen. Sie hielt seinen
-Kopf über das Wasser empor und ließ sich dann mit ihm von den Wogen
-treiben, wohin sie wollten.
-
-Am Morgen war das böse Wetter vorüber, von dem Schiffe war kein Span zu
-erblicken, die Sonne stieg rot und glänzend aus dem Wasser empor, es
-war, als ob des Prinzen Wangen Leben dadurch erhielten, aber die Augen
-blieben geschlossen. Die Seejungfer küßte seine hohe, schöne Stirn und
-strich sein nasses Haar zurück, er kam ihr vor wie die Marmorstatue in
-ihrem kleinen Garten, sie küßte ihn wieder und wünschte, daß er lebte.
-
-Nun erblickte sie vor sich das feste Land, hohe, blaue Berge, auf deren
-Gipfeln der weiße Schnee glänzte, als wären es Schwäne, die dort lägen.
-Unten an der Küste waren herrliche, grüne Wälder, und vorn lag eine
-Kirche oder ein Kloster, das wußte sie nicht recht, aber ein Gebäude war
-es. Zitronen- und Apfelsinenbäume wuchsen im Garten, und vor dem Tore
-standen hohe Palmen. Die See bildete hier eine kleine Bucht, da war sie
-still, aber sehr tief. Gerade auf die Klippe zu, wo der weiße, feine
-Sand aufgespült war, schwamm sie mit dem schönen Prinzen, legte ihn in
-den Sand, sorgte aber besonders dafür, daß der Kopf hoch im warmen
-Sonnenscheine lag.
-
-Nun läuteten alle Glocken in dem großen, weißen Gebäude, und es kamen
-viele junge Mädchen durch den Garten. Da schwamm die kleine Seejungfer
-weiter hinaus hinter einige große Steine, die aus dem Wasser
-hervorragten, legte Seeschaum auf ihr Haar und ihre Brust, so daß
-niemand ihr kleines Gesicht sehen konnte, und dann paßte sie auf, wer zu
-dem armen Prinzen kommen würde.
-
-Es währte nicht lange, da kam ein junges Mädchen dorthin, sie schien
-sehr zu erschrecken, aber nur einen Augenblick, dann holte sie mehrere
-Menschen, und die Seejungfer sah, daß der Prinz zum Leben zurückkam und
-daß er alle anlächelte. Aber ihr lächelte er nicht zu, er wußte ja auch
-nicht, daß sie ihn gerettet hatte, sie war sehr betrübt, und als er in
-das große Gebäude hineingeführt wurde, tauchte sie traurig unter das
-Wasser und kehrte zum Schlosse ihres Vaters zurück.
-
-Immer war sie still und nachdenkend gewesen, aber nun wurde sie es noch
-weit mehr. Die Schwestern fragten sie, was sie das erstemal dort oben
-gesehen habe, aber sie erzählte nichts.
-
-Manchen Abend und Morgen stieg sie hinauf, wo sie den Prinzen verlassen
-hatte. Sie sah, wie die Früchte des Gartens reiften und abgepflückt
-wurden, sie sah, wie der Schnee auf den hohen Bergen schmolz, aber den
-Prinzen erblickte sie nicht, und deshalb kehrte sie immer betrübter
-heim. Da war es ihr einziger Trost, in ihrem kleinen Garten zu sitzen
-und die Arme um die schöne Marmorstatue zu schlingen, die dem Prinzen
-glich, aber ihre Blumen pflegte sie nicht, die wuchsen wie in einer
-Wildnis über die Gänge hinaus und flochten ihre langen Stiele und
-Blätter in die Zweige der Bäume hinein, so daß es dort dunkel war.
-
-Zuletzt konnte sie es nicht länger aushalten, sondern sagte es einer
-ihrer Schwestern, und gleich erfuhren es die andern, aber niemand weiter
-als diese und einige andere Seejungfern, die es nur ihren nächsten
-Freundinnen weiter sagten. Eine von ihnen wußte, wer der Prinz war, sie
-hatte auch das Fest auf dem Schiffe gesehen und gab an, woher er war und
-wo sein Königreich lag.
-
-»Komm, kleine Schwester!« sagten die andern Prinzessinnen und sich
-umschlungen haltend, stiegen sie in einer langen Reihe aus dem Meere
-empor, wo sie wußten, daß des Prinzen Schloß lag.
-
-Dieses war aus einer hellgelben, glänzenden Steinart aufgeführt, mit
-großen Marmortreppen, deren eine in das Meer hinunterreichte. Prächtig
-vergoldete Kuppeln erhoben sich über das Dach, und zwischen den Säulen
-um das ganze Gebäude herum standen Marmorbilder, die aussahen, als
-lebten sie. Durch das klare Glas in den hohen Fenstern blickte man in
-die prächtigen Säle hinein, wo köstliche Seidengardinen und Teppiche
-aufgehängt und alle Wände mit großen Gemälden verziert waren, so daß es
-ein wahres Vergnügen war, es zu betrachten. Mitten in dem größten Saale
-plätscherte ein großer Springbrunnen, seine Strahlen reichten hoch
-hinauf gegen die Glaskuppel in der Decke, durch welche die Sonne auf das
-Wasser und die schönen Pflanzen schien, die im großen Bassin wuchsen.
-
-Nun wußte sie, wo er wohnte, und dort war sie manchen Abend und manche
-Nacht auf dem Wasser. Sie schwamm dem Lande weit näher, als eine der
-andern es gewagt hätte, ja, sie ging den schmalen Kanal hinauf, unter
-den prächtigen Marmoraltan, welcher einen großen Schatten über das
-Wasser warf. Hier saß sie und betrachtete den jungen Prinzen, der da
-glaubte, er sei ganz allein in dem hellen Mondschein.
-
-Sie sah ihn manchen Abend mit Musik in seinem prächtigen Boote segeln,
-auf dem Flaggen wehten; sie lauschte durch das grüne Schilf hervor, und
-ergriff der Wind ihren langen silberweißen Schleier, und sah jemand ihn,
-so glaubte er, es sei ein Schwan, der die Flügel ausbreite.
-
-Sie hörte in mancher Nacht, wenn die Fischer mit Fackeln auf der See
-waren, viel Gutes von dem jungen Prinzen erzählen, und es freute sie,
-daß sie sein Leben gerettet hatte, als er halbtot auf den Wogen
-umhertrieb, sie dachte daran, wie fest sein Haupt auf ihrem Busen
-geruht, und wie herzlich sie ihn da geküßt hatte, er aber wußte nichts
-davon und konnte nicht einmal von ihr träumen.
-
-Mehr und mehr fing sie an, die Menschen zu lieben, mehr und mehr
-wünschte sie, unter ihnen umherwandeln zu können, deren Welt ihr weit
-großer zu sein schien als die ihrige. Sie konnten ja auf Schiffen über
-das Meer fliegen, auf den hohen Bergen über die Wolken emporsteigen, und
-die Länder, die sie besaßen, erstreckten sich mit Wäldern und Feldern
-weiter, als ihre Blicke reichten. Da war so vieles, was sie zu wissen
-wünschte: aber die Schwestern wußten ihr nicht alles zu beantworten,
-deshalb fragte sie die Großmutter, diese kannte die höhere Welt recht
-gut, die sie sehr richtig die Länder über dem Meere nannte.
-
-»Wenn die Menschen nicht ertrinken,« fragte die kleine Seejungfer,
-»können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht, wie wir hier unten im
-Meere?«
-
-»Ja,« sagte die Alte, »sie müssen auch sterben, und ihre Lebenszeit ist
-sogar noch kürzer als die unsere. Wir können dreihundert Jahre alt
-werden, aber wenn wir dann aufhören, hier zu sein, so werden wir nur in
-Schaum auf dem Wasser verwandelt, haben nicht einmal ein Grab hier unten
-unter unsern Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele, wir erhalten
-nie wieder Leben, wir sind gleich dem grünen Schilfe, ist das einmal
-durchgeschnitten, so kann es nicht wieder grünen! Die Menschen hingegen
-haben eine Seele, die ewig lebt, die noch lebt, nachdem der Körper zur
-Erde geworden ist, sie steigt durch die klare Luft empor, hinauf zu den
-glänzenden Sternen! So wie wir aus dem Wasser auftauchen und die Länder
-der Welt erblicken, so steigen sie zu unbekannten, herrlichen Orten auf,
-die wir nie zu sehen bekommen.«
-
-»Weshalb bekamen wir keine unsterbliche Seele?« fragte die kleine
-Seejungfer betrübt. »Ich möchte meine Hunderte von Jahren, die ich zu
-leben habe, dafür geben, um nur einen Tag Mensch zu sein und dann hoffen
-zu können, Anteil an der himmlischen Welt zu haben.«
-
-»Daran darfst du nicht denken!« sagte die Alte. »Wir fühlen uns weit
-glücklicher und besser wie die Menschen dort oben!«
-
-»Ich werde also sterben und als Schaum auf dem Meere treiben, nicht die
-Musik der Wogen hören, die schönen Blumen und die rote Sonne sehen? Kann
-ich denn gar nichts tun, um eine unsterbliche Seele zu gewinnen?« --
-
-»Nein!« sagte die Alte. »Nur wenn ein Mensch dich so lieben würde, daß
-du ihm mehr als Vater und Mutter wärest, wenn er mit all seinem Denken
-und all seiner Liebe an dir hinge und den Prediger seine rechte Hand in
-die deinige, mit dem Versprechen der Treue hier und in alle Ewigkeit,
-legen ließe, dann flösse seine Seele in deinen Körper über, und auch du
-erhieltest Anteil an der Glückseligkeit der Menschen. Er gäbe dir Seele
-und behielte doch seine eigene. Aber das kann nie geschehen! Was hier im
-Meere schön ist, dein Fischschwanz, finden sie dort auf der Erde
-häßlich; sie verstehen es eben nicht besser, man muß dort zwei plumpe
-Stützen haben, die sie Beine nennen, um schön zu sein!«
-
-Da seufzte die kleine Seejungfer und sah betrübt auf ihren Fischschwanz.
-
-»Laß uns froh sein,« sagte die Alte, »hüpfen und springen wollen wir in
-den dreihundert Jahren, die wir zu leben haben, das ist wahrlich lang
-genug, später kann man sich um so besser ausruhen. Heute abend werden
-wir Hofball haben!«
-
-Das war auch eine Pracht, wie man sie nie auf Erden erblickt. Die Wände
-und die Decke des großen Tanzsaales waren von dickem, aber
-durchsichtigem Glase. Mehrere hundert kolossale Muschelschalen,
-rosenrote und grasgrüne, standen zu jeder Seite in Reihen mit einem blau
-brennenden Feuer, welches den ganzen Saal erleuchtete und durch die
-Wände hindurchschien, so daß die See draußen erleuchtet war, man konnte
-die unzähligen Fische sehen, große und kleine, die gegen die Glasmauern
-schwammen, auf einigen glänzten die Schuppen purpurrot, auf andern
-erschienen sie wie Silber und Gold. -- Mitten durch den Saal floß ein
-breiter Strom, und auf diesem tanzten die Meermänner und Meerweibchen zu
-ihrem eigenen, lieblichen Gesange. So schöne Stimmen haben die Menschen
-auf der Erde nicht. Die kleine Seejungfer sang am schönsten von ihnen
-allen, und der ganze Hof applaudierte mit Händen und Schwänzen, und
-einen Augenblick fühlte sie eine Freude in ihrem Herzen, denn sie wußte,
-daß sie die schönste Stimme von allen auf der Erde und im Meere hatte!
-Aber bald gedachte sie wieder der Welt über sich; sie konnte den
-hübschen Prinzen und ihren Kummer, daß sie keine unsterbliche Seele wie
-er besitze, nicht vergessen. Deshalb schlich sie sich aus ihres Vaters
-Schlosse hinaus, und während alles drinnen Gesang und Frohsinn war, saß
-sie betrübt in ihrem kleinen Garten. Da hörte sie das Waldhorn durch das
-Wasser ertönen und dachte: »Nun segelt er sicher dort oben, an dem meine
-Sinne hangen und in dessen Hand ich meines Lebens Glück legen möchte.
-Alles will ich wagen, um ihn und eine unsterbliche Seele zu gewinnen!
-Während meine Schwestern dort in meines Vaters Schlosse tanzen, will ich
-zur Meerhexe gehen, vor der mir immer so bange gewesen ist, aber sie
-kann vielleicht raten und helfen!«
-
-Nun ging die kleine Seejungfer aus ihrem Garten hinaus nach den
-brausenden Strudeln, hinter denen die Hexe wohnte. Den Weg hatte sie
-früher nie zurückgelegt. Da wuchsen keine Blumen, kein Seegras, nur der
-nackte, graue Sandboden erstreckte sich gegen den Strudel hin, wo das
-Wasser gleich brausenden Mühlrädern herumwirbelte und alles, was er
-erfaßte, mit sich in die Tiefe riß. Mitten zwischen diesen zermalmenden
-Wirbeln mußte sie hindurch, um in das Bereich der Meerhexe zu gelangen:
-und hier war eine lange Strecke kein anderer Weg als über warmen,
-sprudelnden Schlamm, diesen nannte die Hexe ihren Torfmoor. Dahinter lag
-ihr Haus mitten in einem seltsamen Walde, alle Bäume und Büsche waren
-Polypen, halb Tier und halb Pflanze, sie sahen aus wie hundertköpfige
-Schlangen, die aus der Erde hervorwuchsen; alle Zweige waren lange,
-schleimige Arme mit Fingern wie geschmeidige Würmer, und Glied vor Glied
-bewegte sich, von der Wurzel bis zur äußersten Spitze. Alles, was sie im
-Meere erfassen konnten, umschlangen sie fest und ließen es nie wieder
-fahren. Die kleine Seejungfer blieb vor demselben ganz erschrocken
-stehen. Ihr Herz pochte vor Furcht, fast wäre sie umgekehrt, aber da
-dachte sie an den Prinzen und an die Seele der Menschen, und nun bekam
-sie Mut. Ihr langes, fliegendes Haar band sie fest um das Haupt, damit
-die Polypen sie nicht daran ergreifen möchten, beide Hände legte sie
-über ihrer Brust zusammen und schoß so dahin, wie nur der Fisch durch
-das Wasser schießen kann, immer zwischen den häßlichen Polypen hindurch,
-die ihre geschmeidigen Arme und Finger hinter ihr her streckten. Sie
-sah, wie jeder von ihnen etwas, was er ergriffen hatte, mit Hunderten
-von kleinen Armen hielt. Menschen, die auf der See umgekommen und tief
-hinunter gesunken waren, sahen wie weiße Gerippe aus der Polypen Arme
-hervor. Schiffsruder und Kisten hielten sie fest, auch Skelette von
-Landtieren und ein kleines Meerweib, welches sie gefangen und erstickt
-hatten: das war ihr das Schrecklichste.
-
-Nun kam sie zu einem großen, sumpfigen Platze im Walde, wo große, fette
-Wasserschlangen sich wälzten und ihren häßlichen, weißgelben Bauch
-zeigten. Mitten auf dem Platze war ein Haus von weißen Knochen
-ertrunkener Menschen errichtet, da saß die Meerhexe und ließ eine Kröte
-aus ihrem Munde fressen, wie die Menschen einem kleinen Kanarienvogel
-Zucker zu essen geben. Die häßlichen, fetten Wasserschlangen nannte sie
-ihre kleinen Küchlein und ließ sie sich auf ihrer großen schwammigen
-Brust wälzen.
-
-»Ich weiß schon, was du willst!« sagte die Meerhexe. »Es ist zwar dumm
-von dir, doch sollst du deinen Willen haben, denn er wird dich ins
-Unglück stürzen, meine schöne Prinzessin. Du willst gern deinen
-Fischschwanz los sein und statt dessen zwei Stützen wie die Menschen zum
-Gehen haben, damit der junge Prinz sich in dich verliebt und du ihn und
-eine unsterbliche Seele erhalten kannst!« Dabei lachte die Hexe laut und
-widerlich, so daß die Kröte und die Schlangen auf die Erde fielen, wo
-sie sich wälzten. »Du kommst gerade zur rechten Zeit,« sagte die Hexe,
-»morgen, wenn die Sonne aufgeht, könnte ich dir nicht helfen, bis wieder
-ein Jahr um wäre. Ich werde dir einen Trank bereiten, mit dem mußt du,
-bevor die Sonne aufgeht, nach dem Lande schwimmen, dich dort ans Ufer
-setzen und ihn trinken! dann verschwindet dein Schwanz und schrumpft zu
-dem, was die Menschen niedliche Beine nennen, zusammen, aber es tut weh;
-es ist, als ob ein scharfes Schwert dich durchdränge. Alle, die dich
-sehen, werden sagen, du seiest das schönste Menschenkind, das sie
-gesehen hätten. Du behältst deinen schwebenden Gang, keine Tänzerin kann
-sich so leicht bewegen wie du, aber jeder Schritt, den du machst, ist,
-als ob du auf scharfe Messer trätest, als ob dein Blut fließen müßte.
-Willst du alles dieses leiden, so werde ich dir helfen!«
-
-»Ja!« sagte die kleine Seejungfer mit bebender Stimme, und gedachte des
-Prinzen und der unsterblichen Seele.
-
-»Aber bedenke,« sagte die Hexe, »hast du erst menschliche Gestalt
-bekommen, so kannst du nie wieder eine Seejungfer werden! Du kannst nie
-durch das Wasser zu deinen Schwestern und zum Schlosse deines Vaters
-zurück, und gewinnst du des Prinzen Liebe nicht so, daß er um
-deinetwillen Vater und Mutter vergißt, an dir mit Leib und Seele hängt
-und den Priester eure Hände ineinander legen läßt, daß ihr Mann und Frau
-werdet, so bekommst du keine unsterbliche Seele! Am ersten Morgen,
-nachdem er mit einer andern verheiratet ist, wird dein Herz brechen, und
-du wirst zu Schaum auf dem Wasser.«
-
-»Ich will es«, sagte die kleine Seejungfer und war bleich wie der Tod.
-
-»Aber mich mußt du auch bezahlen!« sagte die Hexe, »und es ist nicht
-wenig, was ich verlange. Du hast die schönste Stimme von allen hier auf
-dem Grunde des Meeres, damit glaubst du wohl, ihn bezaubern zu können,
-aber die Stimme mußt du mir geben. Das beste, was du besitzest, will ich
-für meinen köstlichen Trank haben! Mein eigen Blut muß ich dir ja geben,
-damit der Trank scharf wird wie ein zweischneidig Schwert!«
-
-»Aber wenn du meine Stimme nimmst,« sagte die kleine Seejungfer, »was
-bleibt mir dann übrig?«
-
-»Deine schöne Gestalt,« sagte die Hexe, »dein schwebender Gang und deine
-sprechenden Augen, damit kannst du schon ein Menschenherz betören. Nun,
-hast du den Mut verloren? Strecke deine kleine Zunge hervor, dann
-schneide ich sie an Zahlungs Statt ab, und du erhältst den kräftigen
-Trank!«
-
-»Es geschehe!« sagte die kleine Seejungfer, und die Hexe setzte ihren
-Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. »Reinlichkeit ist eine schöne
-Sache!« sagte sie und scheuerte den Kessel mit den Schlangen ab, die sie
-zu einem langen Knoten band, dann ritzte sie selbst die Brust und ließ
-ihr schwarzes Blut hineintröpfeln. Der Dampf bildete die sonderbarsten
-Gestalten, so daß einem angst und bange werden mußte. Jeden Augenblick
-warf die Hexe neue Sachen in den Kessel, und als er kochte, war es, als
-ob ein Krokodil weinte. Endlich war der Trank fertig, er sah wie das
-klarste Wasser aus.
-
-»Da hast du ihn!« sagte die Hexe und schnitt der kleinen Seejungfer die
-Zunge ab, die nun stumm war und weder singen noch sprechen konnte.
-
-»Sollten die Polypen dich ergreifen, wenn du durch meinen Wald
-zurückgehst,« sagte die Hexe, »so wirf nur einen einzigen Tropfen dieses
-Getränkes auf sie, davon zerspringen ihre Arme und Finger in tausend
-Stücke!« Aber das brauchte die kleine Seejungfer nicht zu tun, die
-Polypen zogen sich erschrocken zurück, da sie den glänzenden Trank
-erblickten, der in ihrer Hand leuchtete, als sei er ein funkelnder
-Stern. So kam sie schnell durch den Wald, das Moor und die brausenden
-Strudel.
-
-Sie konnte ihres Vaters Schloß sehen, die Fackeln waren in dem großen
-Tanzsaale erloschen, sie schliefen sicher alle drinnen, aber sie wagte
-doch nicht, sie aufzusuchen, jetzt da sie stumm war und sie auf immer
-verlassen wollte. Es war, als ob ihr Herz vor Trauer zerspringen sollte.
-Sie schlich in den Garten, nahm eine Blume von jedem Blumenbeete ihrer
-Schwestern, warf Tausende von Kußhändchen dem Schlosse zu und stieg
-durch die dunkelblaue See hinauf.
-
-Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie des Prinzen Schloß
-erblickte und die breite Marmortreppe hinaufstieg. Der Mond schien
-herrlich klar. Die kleine Seejungfer trank den brennenden, scharfen
-Trank, und es war, als ging ein zweischneidiges Schwert durch ihren
-feinen Körper, sie fiel dabei in Ohnmacht und lag wie tot da. Als die
-Sonne über die See schien, erwachte sie und fühlte einen schneidenden
-Schmerz, aber gerade vor ihr stand der schöne junge Prinz, er heftete
-seine schwarzen Augen auf sie, so daß sie die ihrigen niederschlug und
-wahrnahm, daß ihr Fischschwanz fort war und sie die niedlichsten weißen
-Beine hatte, die nur ein Mädchen haben kann. Aber sie war nackt, deshalb
-hüllte sie sich in ihr langes Haar ein. Der Prinz fragte, wer sie sei
-und wie sie hierher gekommen wäre, und sie sah ihn mild und doch gar
-betrübt mit ihren dunkelblauen Augen an, sprechen konnte sie ja nicht.
-Da nahm er sie bei der Hand und führte sie in das Schloß hinein. Jeder
-Schritt, den sie tat, war, wie die Hexe im voraus gesagt hatte, als
-trete sie auf spitze Nadeln und Messer, aber das ertrug sie gern; an des
-Prinzen Hand schritt sie so leicht einher wie eine Seifenblase, und er
-sowie alle wunderten sich über ihren lieblichen, schwebenden Gang.
-
-Sie bekam nun herrliche Kleider von Seide und Musselin anzuziehen, im
-Schlosse war sie die Schönste von allen, aber sie war stumm, konnte
-weder singen noch sprechen. Herrliche Sklavinnen, in Seide und Gold
-gekleidet, traten auf und sangen vor dem Prinzen und seinen königlichen
-Eltern, die eine sang schöner als alle andern, und der Prinz klatschte
-in die Hände und lächelte sie an. Da wurde die kleine Seejungfer
-betrübt, sie wußte, daß sie selbst weit schöner gesungen hatte und
-dachte: »Oh, er sollte nur wissen, daß ich, um bei ihm zu sein, meine
-Stimme für alle Ewigkeit hingegeben habe.«
-
-Nun tanzten die Sklavinnen niedliche, schwebende Tänze zur herrlichsten
-Musik, da erhob die kleine Seejungfer ihre schönen, weißen Arme,
-richtete sich auf den Fußspitzen auf und schwebte tanzend über den
-Fußboden hin, wie noch keine getanzt hatte. Bei jeder Bewegung wurde
-ihre Schönheit noch sichtbarer, und ihre Augen sprachen tiefer zum
-Herzen als der Gesang der Sklavinnen.
-
-Alle waren entzückt davon, besonders der Prinz, der sie sein kleines
-Findelkind nannte, und sie tanzte mehr und mehr, obwohl es ihr jedesmal,
-wenn ihr Fuß die Erde berührte, war, als ob sie auf scharfe Messer
-träte. Der Prinz sagte, daß sie immer bei ihm bleiben solle, und sie
-erhielt die Erlaubnis, vor seiner Tür auf einem Sammetkissen zu
-schlafen.
-
-Er ließ ihr eine Männertracht machen, damit sie ihn zu Pferde begleiten
-könne. Sie ritten durch die duftenden Wälder, wo die grünen Zweige ihre
-Schultern berührten und die Vögel hinter den frischen Blättern sangen.
-Sie kletterte mit dem Prinzen auf die hohen Berge hinauf, und obgleich
-ihre zarten Füße bluteten, daß selbst die andern es sehen konnten,
-lachte sie doch darüber und folgte ihm, bis sie die Wolken unter sich
-segeln sahen, als wäre es ein Schwarm Vögel, die nach fremden Ländern
-ziehen.
-
-Daheim in des Prinzen Schlosse, wenn nachts die andern schliefen, ging
-sie auf die breite Marmortreppe hinaus, es kühlte ihre brennenden Füße,
-im kalten Seewasser zu stehen, und dann gedachte sie derer dort unten in
-der Tiefe.
-
-Einmal des Nachts kamen ihre Schwestern Arm in Arm, traurig sangen sie,
-indem sie über dem Wasser schwammen, sie winkte ihnen und sie erkannten
-sie und erzählten ihr, wie sehr sie alle betrübt seien. Darauf besuchte
-sie dieselben in jeder Nacht, und einmal erblickte sie weit draußen ihre
-alte Großmutter, die seit vielen Jahren nicht über der Meeresfläche
-gewesen war, und den Meerkönig mit seiner Krone auf dem Haupte, sie
-streckten die Hände nach ihr aus, wagten sich aber dem Lande nicht so
-nahe wie die Schwestern.
-
-Tag für Tag wurde sie dem Prinzen lieber, er liebte sie, wie man ein
-gutes, liebes Kind liebt -- aber sie zu seiner Königin zu machen, kam
-ihm nicht in den Sinn, und seine Frau mußte sie doch werden, sonst
-erhielt sie keine unsterbliche Seele und mußte an seinem Hochzeitsmorgen
-zu Schaum auf dem Meere werden.
-
-»Liebst du mich nicht am meisten von ihnen allen?« schienen der kleinen
-Seejungfer Augen zu fragen, wenn er sie in seine Arme nahm und ihre
-schöne Stirn küßte.
-
-»Ja, du bist mir die liebste«, sagte der Prinz, »denn du hast das beste
-Herz von allen. Du bist mir am meisten ergeben, und gleichst einem
-jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber sicher nie wiederfinde. Ich war
-auf einem Schiffe, welches strandete, die Wellen warfen mich bei einem
-heiligen Tempel an das Land, wo mehrere junge Mädchen den Dienst
-verrichteten, die jüngste dort fand mich am Ufer und rettete mein Leben,
-ich sah sie nur zweimal, sie wäre die einzige, die ich in dieser Welt
-lieben könnte, aber du gleichst ihr und du verdrängst fast ihr Bild aus
-meiner Seele. Sie gehört dem heiligen Tempel an, und deshalb hat mein
-gutes Glück dich mir gesendet, nie wollen wir uns trennen!«
-
-»Ach, er weiß nicht, daß ich sein Leben gerettet habe!« dachte die
-kleine Seejungfer, »ich trug ihn über das Meer zum Walde hin, wo der
-Tempel steht, ich saß hier hinter dem Schaume und sah, ob keine Menschen
-kommen würden. Ich sah das hübsche Mädchen, die er mehr liebt als mich!«
-sie seufzte tief: weinen konnte sie nicht. »Das Mädchen gehört dem
-heiligen Tempel an, hat er gesagt, sie kommt nie in die Welt hinaus, sie
-begegnen sich nicht mehr, ich bin bei ihm, sehe ihn jeden Tag, ich will
-ihn pflegen, lieben, ihm mein Leben opfern!«
-
-Aber nun sollte der Prinz sich verheiraten und des Nachbarkönigs schöne
-Tochter zur Frau bekommen, erzählte man, deshalb rüstete er ein so
-prächtiges Schiff aus. Der Prinz reist, um des Nachbarkönigs Länder zu
-besichtigen, so heißt es wohl, aber es geschieht, um des Nachbarkönigs
-Tochter zu sehen. Ein großes Gefolge soll ihn begleiten. Die kleine
-Seejungfer schüttelte das Haupt und lächelte; sie kannte des Prinzen
-Gedanken weit besser, als alle andern. »Ich muß reisen!« hatte er zu ihr
-gesagt, »ich muß die schöne Prinzessin sehen: meine Eltern verlangen es,
-aber sie wollen mich nicht zwingen, sie als meine Braut heimzuführen.
-Ich kann sie nicht lieben! Sie gleicht nicht dem schönen Mädchen im
-Tempel, dem du ähnelst, sollte ich eine Braut wählen, so würdest du es
-eher sein, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen!« Und er
-küßte ihren roten Mund, spielte mit ihrem langen Haare und legte sein
-Haupt an ihr Herz, so daß dieses von Menschenglück und einer
-unsterblichen Seele träumte.
-
-»Du fürchtest doch das Meer nicht, mein stummes Kind?« sagte er, als sie
-auf dem prächtigen Schiffe standen, welches ihn nach den Ländern des
-Nachbarkönigs führen sollte, er erzählte ihr vom Sturme und von der
-Windstille, von seltsamen Fischen in der Tiefe und von dem, was die
-Taucher dort gesehen, und sie lächelte bei seiner Erzählung, sie wußte
-ja besser als sonst jemand, was auf dem Grunde des Meeres vorging.
-
-In der mondhellen Nacht, wenn alle schliefen, bis auf den Steuermann,
-der am Steuerruder stand, saß sie am Bord des Schiffes und starrte durch
-das klare Wasser hinunter, sie glaubte ihres Vaters Schloß zu erblicken,
-hoch oben stand die Großmutter mit der Silberkrone auf dem Haupte und
-starrte durch die reißenden Ströme zu des Schiffes Kiel empor. Da kamen
-ihre Schwestern über das Wasser hervor und schauten sie traurig an und
-rangen ihre weißen Hände, sie winkte ihnen, lächelte und wollte
-erzählen, daß es ihr gut und glücklich ginge, aber der Schiffsjunge
-näherte sich ihr und die Schwestern tauchten unter, so daß er glaubte,
-das Weiße, was er gesehen, sei Schaum auf der See gewesen.
-
-Am nächsten Morgen segelte das Schiff in den Hafen von des Nachbarkönigs
-prächtiger Stadt. Alle Kirchenglocken läuteten und von den hohen Türmen
-wurden die Posaunen geblasen, während die Soldaten mit fliegenden Fahnen
-und blitzenden Bajonetten dastanden. Jeder Tag führte ein Fest mit sich.
-Bälle und Gesellschaften folgten einander, aber die Prinzessin war noch
-nicht da; sie werde, weit von hier entfernt, in einem heiligen Tempel
-erzogen, sagten sie, dort lerne sie alle königlichen Tugenden. Endlich
-traf sie ein.
-
-Die kleine Seejungfer war begierig, ihre Schönheit zu sehen, und sie
-mußte solche anerkennen: eine lieblichere Erscheinung hatte sie noch nie
-gesehen. Die Haut war fein und klar, und hinter den langen dunklen
-Augenwimpern lächelten ein Paar schwarzblaue, treue Augen.
-
-»Du bist die!« sagte der Prinz, »die mich gerettet hat, als ich einer
-Leiche gleich an der Küste lag!« Und er drückte seine errötende Braut in
-seine Arme. »Oh, ich bin allzu glücklich!« sagte er zur kleinen
-Seejungfer. »Das Beste, was ich je hoffen durfte, ist mir in Erfüllung
-gegangen. Du wirst dich über mein Glück freuen, denn du meinst es am
-besten mit mir von ihnen allen!« Und die kleine Seejungfer küßte seine
-Hand, und es kam ihr schon vor, als fühlte sie ihr Herz brechen. Sein
-Hochzeitsmorgen würde ihr ja den Tod geben und sie in Schaum auf dem
-Meere verwandeln.
-
-Alle Kirchenglocken läuteten, die Herolde ritten in den Straßen umher
-und verkündeten die Verlobung. Auf allen Altären brannte duftendes Öl in
-köstlichen Silberlampen. Die Priester schwangen die Rauchfässer, und
-Braut und Bräutigam reichten einander die Hand und erhielten den Segen
-des Bischofs. Die kleine Seejungfer war in Seide und Gold gekleidet und
-hielt die Schleppe der Braut, aber ihre Ohren hörten die festliche Musik
-nicht, ihr Auge sah die heilige Zeremonie nicht, sie gedachte ihrer
-Todesnacht und alles dessen, was sie in dieser Welt verloren hatte.
-
-Noch an demselben Abende gingen die Braut und der Bräutigam an Bord des
-Schiffes, die Kanonen donnerten, alle Flaggen wehten, und mitten auf dem
-Schiffe war ein köstliches Zelt von Gold und Purpur und mit den
-schönsten Kissen errichtet, da sollte das Brautpaar in der kühlen,
-stillen Nacht schlafen!
-
-Die Segel schwellten im Winde, und das Schiff glitt leicht und ohne
-große Bewegung über die klare See dahin.
-
-Als es dunkelte, wurden bunte Lampen angezündet, und die Seeleute
-tanzten lustig auf dem Verdecke. Die kleine Seejungfer mußte ihres
-ersten Auftauchens aus dem Meere gedenken, wo sie dieselbe Pracht und
-Freude erblickt hatte, und sie wirbelte sich mit im Tanze, schwebte, wie
-eine Schwalbe schwebt, wenn sie verfolgt wird, und alle jubelten ihr
-Bewunderung zu: nie hatte sie so herrlich getanzt. Es schnitt ihr wie
-scharfe Messer in die zarten Füße, aber sie fühlte es nicht: es schnitt
-ihr noch schmerzlicher durch das Herz. Sie wußte, es sei der letzte
-Abend, an dem sie ihn erblickte, für den sie ihre Verwandten und ihre
-Heimat verlassen, ihre schöne Stimme dahingegeben und täglich unendliche
-Qualen ertragen hatte, ohne daß er es mit einem Gedanken ahnte. Es war
-die letzte Nacht, daß sie dieselbe Luft mit ihm einatmete, das tiefe
-Meer und den sternhellen Himmel erblickte; eine ewige Nacht ohne
-Gedanken und Traum harrte ihrer, die keine Seele hatte, keine Seele
-gewinnen konnte. Und alles war Freude und Heiterkeit auf dem Schiffe bis
-über Mitternacht hinaus, sie lachte und tanzte mit Todesgedanken im
-Herzen. Der Prinz küßte seine schöne Braut, und sie spielte mit seinem
-schwarzen Haare, und Arm in Arm gingen sie zur Ruhe in das prächtige
-Zelt.
-
-Es wurde still auf dem Schiffe, nur der Steuermann stand am Steuerruder,
-die kleine Seejungfer legte ihre weißen Arme auf den Schiffsbord und
-blickte gen Osten nach der Morgenröte: der erste Sonnenstrahl, wußte
-sie, würde sie töten. Da sah sie ihre Schwestern der Flut entsteigen,
-die waren bleich wie sie; ihr langes schönes Haar wehte nicht mehr im
-Winde, es war abgeschnitten.
-
-»Wir haben es der Hexe gegeben, um dir Hilfe bringen zu können, damit du
-diese Nacht nicht stirbst. Sie hat uns ein Messer gegeben, hier ist es!
-Siehst du, wie scharf? Bevor die Sonne aufgeht, mußt du es in das Herz
-des Prinzen stoßen, und wenn dann das warme Blut auf deine Füße spritzt,
-so wachsen diese in einen Fischschwanz zusammen und du wirst wieder eine
-Seejungfer, kannst zu uns herabsteigen und lebst deine dreihundert
-Jahre, bevor du zu totem, salzigem Seeschaume wirst. Beeile dich! Er
-oder du muß sterben, bevor die Sonne aufgeht! Unsere Großmutter trauert
-so, daß ihr weißes Haar wie das unsrige unter der Schere der Hexe
-gefallen ist. Töte den Prinzen und komm zurück! Beeile dich! Siehst du
-den roten Streifen am Himmel? In wenigen Minuten steigt die Sonne auf,
-dann mußt du sterben!« Und sie stießen einen tiefen Seufzer aus und
-versanken in den Wogen.
-
-Die kleine Seejungfer zog den Purpurteppich vom Zelte und sah die schöne
-Braut mit ihrem Haupte an des Prinzen Brust ruhen, und sie bog sich
-nieder, küßte ihn auf seine schöne Stirn, blickte gen Himmel, wo die
-Morgenröte mehr und mehr leuchtete, betrachtete das scharfe Messer und
-heftete die Augen wieder auf den Prinzen, der im Traume seine Braut bei
-Namen nannte. Nur sie war in seinen Gedanken, und das Messer zitterte in
-der Hand der Seejungfer. -- Aber da warf sie es weit hinaus in die
-Wogen, sie glänzten rot, wo es hinfiel, es sah aus, als keimten
-Blutstropfen aus dem Wasser auf. Noch einmal sah sie mit halbgebrochenen
-Blicken auf den Prinzen, stürzte sich vom Schiffe in das Meer hinab und
-fühlte, wie ihr Körper sich in Schaum auflöste.
-
-Nun stieg die Sonne aus dem Meere auf, die Strahlen fielen so mild und
-warm auf den kalten Meeresschaum, und die kleine Seejungfer fühlte
-nichts vom Tode. Sie sah die helle Sonne, und über ihr schwebten
-Hunderte von durchsichtigen, herrlichen Geschöpfen, sie konnte durch
-dieselben des Schiffes weiße Segel und des Himmels rote Wolken
-erblicken, ihre Sprache war melodisch, aber so geisterhaft, daß kein
-menschliches Ohr sie vernehmen, ebenso wie kein irdisches Auge sie
-erblicken konnte, ohne Schwingen schwebten sie vermittelst ihrer eigenen
-Leichtigkeit durch die Luft. Die kleine Seejungfer sah, daß sie einen
-Körper hatte wie diese, der sich mehr und mehr aus dem Schaume erhob.
-
-»Wo komm ich hin?« fragte sie, und ihre Stimme klang wie die der andern
-Wesen, so geisterhaft, daß keine irdische Musik sie wiederzugeben
-vermag.
-
-»Zu den Töchtern der Luft!« erwiderten die andern. »Die Seejungfer hat
-keine unsterbliche Seele und kann sie nie erhalten, wenn sie nicht eines
-Menschen Liebe gewinnt, von einer fremden Macht hängt ihr ewiges Dasein
-ab. Die Töchter der Luft haben auch keine unsterbliche Seele, aber sie
-können durch gute Handlungen sich selbst eine schaffen. Wir fliegen nach
-den warmen Ländern, wo die schwüle Pestluft den Menschen tötet, dort
-fächeln wir Kühlung. Wir breiten den Duft der Blumen durch die Luft aus
-und senden Erquickung und Heilung. Wenn wir dreihundert Jahre lang
-gestrebt haben, alles Gute, was wir vermögen, zu vollbringen, so
-erhalten wir eine unsterbliche Seele und nehmen teil am ewigen Glücke
-der Menschen. Du arme, kleine Seejungfer hast mit ganzem Herzen nach
-demselben wie wir gestrebt; du hast gelitten und geduldet, hast dich zur
-Luftgeisterwelt erhoben und kannst nun dir selbst durch gute Werke nach
-drei Jahrhunderten eine unsterbliche Seele schaffen.«
-
-Und die kleine Seejungfer erhob ihre verklärten Augen gegen Gottes
-Sonne, und zum ersten Male fühlte sie Tränen in ihren Augen. -- Auf dem
-Schiffe war wieder Lärm und Leben, sie sah den Prinzen mit seiner
-schönen Braut nach ihr suchen, wehmütig starrten sie den perlenden
-Schaum an, als ob sie wüßten, daß sie sich in die Fluten gestürzt habe.
-Unsichtbar küßte sie die Stirn der Braut, fächelte den Prinzen an und
-stieg mit den übrigen Kindern der Luft auf die rosenrote Wolke hinauf,
-welche den Äther durchschiffte.
-
-»Nach dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich Gottes hinein!«
-
-»Auch können wir noch früher dahin gelangen!« flüsterte eine Tochter der
-Luft. »Unsichtbar schweben wir in die Häuser der Menschen hinein, wo
-Kinder sind, und für jeden Tag, an dem wir ein gutes Kind finden,
-welches seinen Eltern Freude bereitet und deren Liebe verdient, verkürzt
-Gott unsere Prüfungszeit. Das Kind weiß nicht, wann wir durch die Stube
-fliegen und müssen wir aus Freude über dasselbe lächeln, so wird ein
-Jahr von den dreihundert Jahren abgerechnet, sehen wir aber ein
-unartiges und böses Kind, so müssen wir Tränen der Trauer vergießen, und
-jede Träne legt unserer Prüfungszeit einen Tag zu!«
-
-
-
-
- Der Reisekamerad
-
-
-Der arme Johannes war tief betrübt, denn sein Vater war sehr krank und
-konnte nicht genesen. Außer den beiden war durchaus niemand in dem
-kleinen Zimmer: die Lampe auf dem Tische war dem Erlöschen nahe, und es
-war spät abends.
-
-»Du warst ein guter Sohn, Johannes!« sagte der kranke Vater. »Der liebe
-Gott wird dir schon in der Welt forthelfen!« Er sah ihn mit ernsten,
-milden Augen an, holte tief Atem und starb; es war, als ob er schliefe.
-Johannes weinte, nun hatte er niemanden in der Welt, weder Vater noch
-Mutter, weder Schwester noch Bruder. Der arme Johannes! Er lag vor dem
-Bette auf seinen Knien, küßte des toten Vaters Hand und weinte sehr
-viele bittere Tränen, aber zuletzt schlossen sich seine Augen, und er
-schlief ein, mit dem Kopfe auf dem harten Bettpfosten liegend.
-
-Da träumte er einen sonderbaren Traum, er sah, wie Sonne und Mond sich
-vor ihm neigten, er erblickte seinen Vater wieder frisch und gesund und
-hörte ihn lachen, wie er immer lachte, wenn er recht froh war. Ein
-schönes Mädchen mit einer goldenen Krone auf ihrem langen, glänzenden
-Haare reichte ihm die Hand, und sein Vater sagte: »Siehst du, was für
-eine Braut du erhalten hast? Sie ist die schönste in der Welt.« Da
-erwachte er und alle Herrlichkeit war vorbei, sein Vater lag tot und
-kalt im Bette, es war niemand bei ihnen. Der arme Johannes!
-
-In der folgenden Woche wurde der Tote begraben, der Sohn ging dicht
-hinter dem Sarge her und konnte nun den guten Vater nicht mehr zu sehen
-bekommen, der ihn so sehr geliebt hatte. Er hörte, wie sie die Erde auf
-den Sarg hinunterwarfen und sah noch die letzte Ecke desselben, aber
-nach der nächsten Schaufel Erde, welche hinabgeworfen wurde, war auch
-die verschwunden, da war es, als wolle sein Herz in Stücke zerspringen,
-so betrübt war er. Ringsherum sangen sie einen Psalm; es waren schöne,
-heilige Klänge, und die Tränen traten dem Johannes in die Augen, er
-weinte, und das tat ihm in seiner Trauer wohl. Die Sonne beschien
-herrlich die grünen Bäume, als wolle sie sagen: »Du darfst nicht mehr
-betrübt sein, Johannes! Siehst du, wie schön der Himmel ist? Dort oben
-ist nun dein Vater und bittet den lieben Gott, daß es dir allezeit wohl
-ergehen möge!«
-
-»Ich will auch immer gut sein,« sagte Johannes, »dann komme ich in den
-Himmel zu meinem Vater, und was wird das für eine Freude werden, wenn
-wir einander wiedersehen! Wieviel werde ich ihm dann nicht erzählen
-können, und er wird mir so viele Dinge zeigen, mir die Herrlichkeit des
-Himmels erklären, ebenso wie er mich hier auf Erden unterrichtete. Oh,
-was für eine Freude wird das werden!«
-
-Er dachte sich das so deutlich, daß er dabei lächelte, während die
-Tränen ihm noch über die Wangen liefen. Die kleinen Vögel saßen oben in
-den Kastanienbäumen und zwitscherten: »Quivit, Quivit!« Sie waren froh
-und munter, obgleich sie mit bei dem Begräbnisse gewesen: aber sie
-wußten wohl, daß der tote Mann nun im Himmel wäre, Flügel hätte, schöner
-und größer als die ihrigen, daß er nun glücklich sei, weil er hier auf
-Erden gut gewesen, und darüber waren sie vergnügt. Johannes sah, wie sie
-von den grünen Bäumen weit in die Welt hinausflogen, da bekam er auch
-Lust, mitzufliegen. Aber zuerst schnitt er ein großes Holzkreuz, um es
-auf seines Vaters Grab zu setzen, und als er es am Abend dahin brachte,
-war das Grab mit Sand und Blumen geschmückt, das hatten fremde Leute
-getan, denn sie hielten alle viel von dem lieben Vater, der nun tot war.
-
-Früh am nächsten Morgen packte Johannes sein kleines Bündel zusammen und
-verwahrte in seinem Gürtel sein ganzes Erbteil, welches fünfzig Taler
-und ein paar Silberschillinge betrug, damit wollte er in die Welt hinaus
-wandern. Aber zuerst ging er nach dem Kirchhofe zu seines Vaters Grabe,
-betete ein Vaterunser und sagte: »Lebe wohl!«
-
-Draußen auf dem Felde, wo er ging, standen alle Blumen frisch und schön
-in dem warmen Sonnenscheine, sie nickten im Winde, als wollten sie
-sagen: »Willkommen im Grünen! Ist es hier nicht schön?« Aber Johannes
-wendete sich noch einmal zurück, um die alte Kirche zu betrachten, in
-der er als ein kleines Kind getauft und wo er jeden Sonntag mit seinem
-Vater zum Gottesdienst gewesen war und seinen Psalm gesungen hatte; da
-sah er hoch oben in einer der Öffnungen des Turmes den Kirchenkobold mit
-seiner kleinen, roten, spitzen Mütze stehen, wie er sein Gesicht mit dem
-gebogenen Arme beschattete, da ihm sonst die Sonne in die Augen schien.
-Johannes nickte ihm Lebewohl zu, und der kleine Kobold schwenkte seine
-rote Mütze, legte die Hand auf das Herz und warf ihm viele Kußhändchen
-zu, um zu zeigen, wie gut er es mit ihm meine, und daß er ihm eine recht
-glückliche Reise wünsche.
-
-Johannes dachte daran, wie viel Schönes er nun in der großen, prächtigen
-Welt zu sehen bekommen würde und ging weiter und weiter fort, so weit
-wie er früher nie gewesen war. Er kannte die Orte nicht, durch die er
-kam, oder die Menschen, denen er begegnete. -- Nun war er weit draußen
-in der Fremde.
-
-Die erste Nacht mußte er sich auf einem Heuschober auf dem Felde
-schlafen legen, ein anderes Bett hatte er nicht. Aber das war recht
-hübsch, meinte er, der König könnte es nicht besser haben. Das ganze
-Feld mit dem Bache, der Heuschober und dann der blaue Himmel darüber,
-das war gewiß eine schöne Schlafkammer. Das grüne Gras mit den kleinen,
-roten und weißen Blumen war die Fußdecke, die Fliederbüsche und die
-wilden Rosenhecken waren Blumensträuße, und zum Waschbecken diente ihm
-der ganze Bach mit dem klaren, frischen Wasser, wo das Schilf sich
-neigte und ihm guten Abend und guten Morgen bot. Der Mond war wahrhaft
-eine große Nachtlampe, hoch oben unter der blauen Decke, und der zündete
-die Gardinen nicht an mit seinem Feuer, Johannes konnte ruhig schlafen,
-und er tat es auch und erwachte erst wieder, als die Sonne aufging und
-alle die kleinen Vögel rings umher sangen: »Guten Morgen! Guten Morgen!
-Bist du noch nicht auf?«
-
-Die Glocken läuteten zur Kirche! es war Sonntag. Die Leute gingen hin,
-den Prediger zu hören, und Johannes folgte ihnen, sang einen Psalm und
-hörte Gottes Wort. Es war ihm, als wäre er in seiner eigenen Kirche, in
-der er getauft worden war, und wo er Psalmen mit seinem Vater gesungen
-hatte.
-
-Draußen auf dem Kirchhofe waren viele Gräber und auf einigen wuchs hohes
-Gras. Da dachte er an seines Vaters Grab, welches am Ende auch so
-aussehen würde wie diese, da er es nicht jäten und schmücken konnte. Er
-setzte sich also nieder und riß das Gras ab, richtete die Holzkreuze
-auf, welche umgefallen waren und legte die Kränze, die der Wind vom
-Grabe fortgerissen hatte, wieder auf ihre Stelle, indem er dachte:
-vielleicht tut jemand dasselbe an meines Vaters Grabe, da ich es nicht
-tun kann!
-
-Draußen vor der Kirchhofstüre stand ein alter Bettler und stützte sich
-auf seine Krücke. Johannes gab ihm die Silberschillinge, die er hatte,
-und ging dann glücklich und vergnügt weiter fort in die weite Welt
-hinein.
-
-Gegen Abend war ein schrecklich böses Wetter, er sputete sich, unter
-Dach und Fach zu gelangen, aber es wurde bald finstere Nacht, da
-erreichte er endlich eine kleine Kirche, die einsam auf einem kleinen
-Hügel lag.
-
-»Hier will ich mich in einen Winkel setzen!« sagte er und ging hinein.
-»Ich bin ermüdet und habe es wohl nötig, ein wenig auszuruhen.« Dann
-setzte er sich nieder, faltete seine Hände und betete sein Abendgebet,
-und ehe er es wußte, schlief und träumte er, während es draußen blitzte
-und donnerte.
-
-Als er wieder erwachte, war es Mitternacht, das böse Wetter war
-vorübergezogen und der Mond schien durch die Fenster zu ihm herein.
-Mitten in der Kirche stand ein offener Sarg mit einem toten Manne darin,
-weil er noch nicht begraben war. Johannes war durchaus nicht furchtsam,
-denn er hatte ein gutes Gewissen, und er wußte wohl, daß die Toten
-niemandem etwas zuleide tun. Die Lebenden, die Übles tun, sind böse
-Menschen. Solche zwei lebende, schlimme Leute standen dicht bei dem
-toten Manne, der hier in der Kirche beigesetzt war, bevor er beerdigt
-wurde, ihm wollten sie Übles erweisen, ihn nicht in seinem Sarge liegen
-lassen, sondern ihn vor die Kirchtüre hinauswerfen, den armen, toten
-Mann!
-
-»Weshalb wollt ihr das tun?« fragte Johannes. »Das ist böse und schlimm,
-laßt ihn in Jesu Namen ruhen!«
-
-»Oh, Schnickschnack!« sagten die beiden häßlichen Menschen. »Er hat uns
-angeführt! Er schuldet uns Geld: das konnte er nicht bezahlen, und nun
-ist er obendrein tot, nun bekommen wir vollends keinen Pfennig! Deshalb
-wollen wir uns rächen: er soll wie ein Hund draußen vor der Kirchtür
-liegen!«
-
-»Ich habe nicht mehr als fünfzig Taler!« sagte Johannes. »Das ist mein
-ganzes Erbteil, aber das will ich euch gern geben, wenn ihr mir ehrlich
-versprechen wollt, den armen, toten Mann in Ruhe zu lassen. Ich werde
-schon durchkommen ohne das Geld, ich habe gesunde, starke Gliedmaßen,
-und der liebe Gott wird mir allezeit helfen!«
-
-»Ja,« sagten die häßlichen Menschen, »wenn du seine Schuld bezahlen
-willst, wollen wir beide ihm nichts tun, darauf kannst du dich
-verlassen!« Alsdann nahmen sie das Geld, welches er ihnen gab, lachten
-laut auf über seine Gutmütigkeit und gingen ihres Weges. Er aber legte
-die Leiche wieder im Sarge zurecht und faltete ihre Hände, nahm Abschied
-von ihr und ging durch den großen Wald zufrieden weiter.
-
-Rings umher, wo der Mond durch die Bäume herein schien, sah er die
-niedlichen, kleinen Elfen lustig spielen. Sie ließen sich nicht stören:
-sie wußten wohl, daß er ein guter, unschuldiger Mensch sei, und es sind
-nur die bösen Leute, welche die Elfen nicht zu sehen bekommen. Einige
-von ihnen waren nicht größer, als ein Finger breit ist und hatten ihr
-langes, gelbes Haar mit Goldkämmen aufgesteckt; je zwei schaukelten sie
-sich auf den großen Tautropfen, die auf den Blättern und dem hohen Grase
-lagen, zuweilen entrollte der Tropfen, dann fielen sie nieder zwischen
-den langen Grashalmen, und das verursachte ein Gelächter und Lärmen
-unter den andern Kleinen. Es war allerliebst! Sie sangen, und Johannes
-erkannte deutlich die hübschen Lieder, die er als kleiner Knabe gelernt
-hatte. Große, bunte Spinnen mit Silberkronen auf dem Kopfe mußten von
-der einen Hecke zur andern lange Hängebrücken und Paläste spinnen,
-welche, da der feine Tau darauf fiel, wie schimmerndes Glas im
-Mondscheine aussahen. So währte es fort, bis die Sonne aufging. Die
-kleinen Elfen krochen dann in die Blumenknospen, und der Wind erfaßte
-ihre Brücken und Schlösser, die als Spinngewebe durch die Luft flogen.
-
-Johannes war eben aus dem Walde herausgekommen, als eine starke
-Mannesstimme hinter ihm rief: »Holla, Kamerad, wohin geht die Reise?«
-
-»In die weite Welt hinaus!« sagte er. »Ich habe weder Vater noch Mutter,
-bin ein armer Bursche, aber der Herr hilft mir wohl.«
-
-»Ich will auch in die weite Welt hinaus,« sagte der fremde Mann. »Wollen
-wir beide einander Gesellschaft leisten?«
-
-»Jawohl,« sagte er, und so gingen sie miteinander. Bald gewannen sie
-sich recht lieb, denn sie waren beide gute Menschen. Aber Johannes
-merkte wohl, daß der Fremde viel klüger war als er. Der hatte fast die
-ganze Welt durchreist und wußte von allem Möglichen, was existierte, zu
-erzählen.
-
-Die Sonne stand schon hoch, als sie sich unter einen großen Baum
-setzten, ihr Frühstück zu genießen, zur selben Zeit kam eine alte Frau.
-Die war sehr alt und ging krumm einher, sie stützte sich auf einen
-Krückstock, auf ihrem Rücken trug sie ein Bündel Brennholz, welches sie
-sich im Walde gesammelt hatte. Ihre Schürze war aufgebunden, und
-Johannes sah, daß drei große Ruten von Farnkraut und Weidenreisern
-daraus hervorsahen. Als sie ihnen nahe war, glitt sie mit dem einen Fuße
-aus, fiel und tat einen lauten Schrei, denn sie hatte das Bein
-gebrochen, die arme, alte Frau!
-
-Johannes meinte sogleich, daß sie die alte Frau nach Hause tragen
-wollten, wo sie wohnte, aber der Fremde machte sein Ränzel auf, nahm
-eine Büchse hervor und sagte, daß er hier eine Salbe habe, welche
-sogleich ihr Bein wieder gesund und kräftig machen würde, so daß sie
-selbst nach Hause gehen könne, und zwar, als ob sie nie das Bein
-gebrochen hätte. Allein dafür verlange er auch, daß sie ihm die drei
-Ruten schenke, die sie in ihrer Schürze habe.
-
-»Das wäre gut bezahlt!« sagte die Alte und nickte ganz eigen mit dem
-Kopfe. Sie wollte die Ruten nicht gern hergeben, aber es war auch nicht
-angenehm, mit gebrochenem Beine dazuliegen. So gab sie ihm denn die
-Ruten, und sowie er nur die Salbe auf das Bein gerieben hatte, erhob
-sich auch die alte Mutter und ging viel besser denn zuvor. Solches
-konnte die Salbe bewirken. Aber die war auch nicht in der Apotheke zu
-haben.
-
-»Was willst du mit den Ruten?« fragte Johannes nun seinen
-Reisekameraden.
-
-»Das sind drei schöne Kräuterbesen,« sagte der, »die liebe ich sehr,
-denn ich bin ein närrischer Patron!«
-
-Dann gingen sie noch ein gutes Stück.
-
-»Sieh, wie der Himmel sich umzieht,« sagte Johannes und zeigte
-geradeaus. »Das sind schrecklich dicke Wolken!«
-
-»Nein,« sagte der Reisekamerad, »das sind keine Wolken, das sind Berge
--- die herrlichen großen Berge, wo man hinauf über die Wolken und in die
-frische Luft gelangt! Glaube mir, da ist es herrlich! Morgen sind wir
-sicher weit in der Welt.«
-
-Das war aber nicht so nahe, wie es aussah, sie hatten einen ganzen Tag
-zu gehen, bevor sie die Berge erreichten, wo die schwarzen Wälder gegen
-den Himmel aufwuchsen und wo es Steine gab, fast so groß als eine große
-Stadt. Das mochte wahrlich eine schwere Anstrengung werden, da
-hinüberzukommen, aber darum gingen auch Johannes und sein Reisekamerad
-in das Wirtshaus hinein, um sich gut auszuruhen und Kräfte zum morgenden
-Marsche zu sammeln.
-
-Unten in der großen Schenkstube im Wirtshause waren viele Menschen
-versammelt, denn dort war ein Mann, der gab Puppenkomödie. Er hatte
-soeben sein kleines Theater aufgestellt, und die Leute saßen ringsumher,
-um die Komödie zu sehen. Aber vorn hatte ein dicker Schlächter Platz
-genommen, und zwar den allerbesten; sein großer Bullenbeißer -- der sah
-sehr bissig aus! -- saß an seiner Seite und machte große Augen, so, wie
-alle andern.
-
-Nun begann die Komödie, und das war eine niedliche Komödie mit einem
-Könige und einer Königin, die saßen auf dem schönsten Throne, hatten
-goldene Kronen auf dem Haupte und lange Schleppen an den Kleidern, denn
-ihre Mittel erlaubten das. Die niedlichsten Holzpuppen mit Glasaugen und
-großen Schnurrbärten standen an allen Türen und machten auf und zu,
-damit frische Luft in das Zimmer kommen konnte. Es war eine recht
-niedliche Komödie. Aber als die Königin aufstand und über den Fußboden
-hinging, machte der große Bullenbeißer -- Gott mag wissen, was er sich
-dachte -- da der dicke Schlächter ihn nicht hielt, einen Sprung stracks
-hinein in das Theater und packte die Königin mitten um ihre Taille, daß
-es knackte. Es war schrecklich!
-
-Der arme Mann, der die Komödie gab, war sehr erschrocken und betrübt
-über seine Königin! Denn es war die allerniedlichste Puppe, die er
-hatte, und nun hatte der häßliche Bullenbeißer den Kopf abgebissen. Aber
-als die Leute später fortgingen, sagte der Fremde, der mit Johannes
-gekommen war, daß er sie schon wieder zurecht machen würde, und dann
-nahm er seine Büchse hervor und schmierte die Puppe mit der Salbe, womit
-er der alten Frau geholfen, als sie das Bein gebrochen hatte. Sowie die
-Puppe geschmiert worden, war sie wieder ganz, ja sie konnte sogar alle
-ihre Glieder selbst bewegen, man brauchte nicht mehr an der Schnur zu
-ziehen. Die Puppe war wie ein lebendiger Mensch, nur daß sie nicht
-sprechen konnte. Der Mann, der das kleine Puppentheater hatte, war sehr
-froh, nun brauchte er diese Puppe nicht mehr zu halten, die konnte ja
-von selbst tanzen. Das konnte keine der andern.
-
-Als es später Nacht wurde und alle Leute im Wirtshause zu Bett gegangen
-waren, war jemand da, der so schrecklich tief seufzte und solange damit
-fortfuhr, daß alle aufstanden, um zu sehen, wer es wäre. Der Mann, der
-die Komödie gegeben hatte, ging nach seinem kleinen Theater hin, denn
-dort war es, wo jemand seufzte. Alle Holzpuppen lagen untereinander: der
-König und alle Trabanten, und die waren es, die so jämmerlich seufzten
-und mit ihren Glasaugen stierten, denn sie wollten so gern wie die
-Königin ein wenig geschmiert werden, damit sie sich auch von selbst
-bewegen könnten. Die Königin legte sich sofort auf die Knie und streckte
-ihre prächtige Krone in die Höhe, während sie bat: »Nimm mir diese, aber
-schmiere meinen Gemahl und meine Hofleute!« Da konnte der arme Mann, der
-das Theater und die Puppen besaß, nicht unterlassen zu weinen, denn es
-tat ihm wirklich ihretwegen leid. Er versprach sogleich dem
-Reisekameraden, ihm alles Geld zu geben, was er am nächsten Abend für
-seine Komödie erhalten würde, wenn er nur vier bis fünf von seinen
-niedlichen Puppen schmieren wolle. Aber der Reisekamerad sagte, daß er
-durchaus nichts weiter verlange, als den Säbel, den jener an seiner
-Seite habe, und als er den erhielt, beschmierte er sechs Puppen, die
-sogleich tanzten und zwar so niedlich, daß alle die lebenden
-Menschenmädchen, die es sahen, alsbald mittanzten. Der Kutscher und die
-Köchin tanzten, der Diener und das Stubenmädchen, alle die Fremden und
-die Feuerschaufel und die Feuerzange, aber die fielen um, als sie die
-ersten Sprünge machten. -- Ja, das war eine lustige Nacht!
-
-Am nächsten Morgen ging Johannes mit seinem Reisekameraden von ihnen
-fort auf die hohen Berge hinauf und durch die großen Tannenwälder. Sie
-kamen so hoch hinauf, daß die Kirchtürme tief unter ihnen zuletzt wie
-kleine blaue Beeren unten in all dem Grünen aussahen, sie konnten sehr
-weit sehen, viele, viele Meilen weit, wo sie nie gewesen waren! Soviel
-Schönes der prächtigen Welt hatte Johannes früher nie auf einmal
-gesehen! Die Sonne schien warm aus der frischen blauen Luft, er hörte
-auch zwischen den Bergen die Jäger das Waldhorn so schön und lieblich
-blasen, daß ihm vor Freude die Tränen in die Augen traten und er nicht
-unterlassen konnte, auszurufen: »Du guter, lieber Gott! Ich möchte dich
-küssen, weil du so gut gegen uns alle bist und uns all die Herrlichkeit,
-die in der Welt ist, gegeben hast!«
-
-Der Reisekamerad stand auch mit gefalteten Händen da und sah über den
-Wald und die Städte in den warmen Sonnenschein hinaus. Zu gleicher Zeit
-ertönte es wunderbar lieblich über ihrem Haupte, sie blickten in die
-Höhe, ein weißer großer Schwan schwebte in der Luft und sang, wie sie
-früher nie einen Vogel hatten singen hören! Aber der Gesang wurde
-schwächer und schwächer, er neigte seinen Kopf und sank langsam zu ihren
-Füßen nieder, wo er tot liegen blieb, der schöne Vogel!
-
-»Zwei herrliche Flügel,« sagte der Reisekamerad, »so weiß und groß wie
-die, welche der Vogel hat, sind Geldes wert: die will ich mit mir
-nehmen! Siehst du nun wohl, daß es gut war, daß ich einen Säbel bekam?«
-Und so hieb er mit einem Schlage beide Flügel des toten Schwanes ab: die
-wollte er behalten.
-
-Sie reisten nun viele, viele Meilen weit fort über die Berge, bis sie
-zuletzt eine große Stadt vor sich sahen, mit Hunderten von Türmen, die
-wie Silber in der Sonne glänzten. In der Stadt war ein prächtiges
-Marmorschloß, mit purem Golde gedeckt. Hier wohnte der König.
-
-Johannes und der Reisekamerad wollten nicht sogleich in die Stadt gehen,
-sondern blieben im Wirtshause vor der Stadt, damit sie sich putzen
-konnten, denn sie wollten nett aussehen, wenn sie auf die Straße kämen.
-Der Wirt erzählte ihnen, daß der König ein sehr guter Mann sei, der nie
-einem Menschen etwas zuleide täte, aber seine Tochter, ja, Gott behüte
-uns! die sei eine schlimme Prinzessin. Schönheit besaß sie genug, keine
-konnte so hübsch und niedlich sein, wie sie war, aber was half das? Sie
-war eine böse Hexe, die Schuld daran hatte, daß viele herrliche Prinzen
-ihr Leben hatten verlieren müssen. -- Allen Menschen hatte sie die
-Erlaubnis erteilt, um sie freien zu dürfen. Ein jeder konnte kommen, er
-mochte Prinz oder Bettler sein: das sei ihr gleich. Er sollte nur drei
-Sachen raten, an die sie gerade gedacht hätte und um die sie ihn
-befragte. Konnte er das, so wollte sie sich mit ihm vermählen, und er
-sollte König über das ganze Land sein, wenn ihr Vater stürbe; konnte er
-aber die drei Sachen nicht raten, so ließ sie ihn aufhängen oder ihm den
-Kopf abhauen! Ihr Vater, der alte König, war sehr betrübt darüber, aber
-er konnte ihr nicht verbieten, so böse zu sein, denn er hatte einmal
-gesagt, er wolle nie etwas mit ihren Liebhabern zu tun haben, sie könne
-selbst tun, was sie wolle. Jedesmal wenn ein Prinz kam und raten sollte,
-um die Prinzessin zu erhalten, konnte er es nicht, und dann wurde er
-gehängt oder geköpft. Er war ja beizeiten gewarnt, er hätte das Freien
-unterlassen können. Der König war so betrübt über all die Trauer und das
-Elend, daß er einen ganzen Tag des Jahres mit allen seinen Soldaten auf
-den Knien lag und betete, die Prinzessin möge gut werden, aber das
-wollte sie durchaus nicht. Die alten Frauen, die Branntwein tranken,
-färbten denselben schwarz, bevor sie ihn tranken, so trauerten sie. Und
-mehr konnten sie doch nicht tun!
-
-»Die häßliche Prinzessin!« sagte Johannes. »Sie sollte wirklich die Rute
-bekommen, das würde ihr gut tun. Wäre ich nur der alte König, sie sollte
-schon gegerbt werden!«
-
-Da hörten sie das Volk draußen Hurra rufen. Die Prinzessin kam vorbei,
-sie war wirklich schön, daß alle Leute vergaßen, wie böse sie war,
-deshalb riefen sie Hurra. Zwölf schöne Jungfrauen, alle in weißseidenen
-Kleidern und jede eine goldene Tulpe in der Hand, ritten auf schwarzen
-Pferden ihr zur Seite. Die Prinzessin selbst hatte ein weißes Pferd mit
-Diamanten und Rubinen geschmückt. Ihr Reitkleid war aus purem Goldstoff,
-und die Peitsche, die sie in der Hand hatte, sah aus, als wäre sie ein
-Sonnenstrahl. Die goldene Kette auf dem Haupte war wie kleine Sterne vom
-Himmel, und der Mantel war aus mehr als tausend Schmetterlingsflügeln
-zusammengenäht. Dessenungeachtet war sie noch schöner als ihre Kleider.
-
-Als Johannes sie zu sehen bekam, wurde er so rot im Gesichte wie ein
-Blutstropfen und konnte kaum ein einzelnes Wort sagen.
-
-Die Prinzessin sah so aus wie das schöne Mädchen mit der goldenen Krone,
-von der er in der Nacht geträumt hatte, als sein Vater gestorben war. Er
-fand sie so schön, daß er nicht unterlassen konnte, sie recht zu lieben.
-Das wäre gewiß nicht wahr, daß sie eine böse Hexe sei, welche die Leute
-hängen oder köpfen ließ, wenn sie nicht raten könnten, was sie von ihnen
-verlangte. »Ein jeder hat die Erlaubnis, um sie zu freien, sogar der
-ärmste Bettler. Ich will wirklich nach dem Schlosse gehen, denn ich kann
-es nicht unterlassen!« Sie sagten ihm alle, er möge es nicht tun, es
-würde ihm bestimmt wie all den andern ergehen. Der Reisekamerad riet
-auch davon ab, aber Johannes meinte, es würde schon gehen. Er bürstete
-seine Schuhe und seinen Rock, wusch sich Gesicht und Hände, kämmte sein
-hübsches blondes Haar und ging dann allein in die Stadt hinein und nach
-dem Schlosse.
-
-»Herein!« sagte der alte König, als Johannes an die Türe pochte.
-Johannes öffnete, und der König im Schlafrock und in gestickten
-Pantoffeln kam ihm entgegen, die Krone hatte er auf dem Haupte, das
-Zepter in der einen Hand und den Reichsapfel in der andern. »Warte ein
-bißchen!« sagte er, und nahm den Apfel unter den Arm, um Johannes die
-Hand reichen zu können. Aber sowie er erfuhr, er sei ein Freier, fing er
-so an zu weinen, daß das Zepter sowohl wie der Apfel auf den Fußboden
-fielen und er die Augen mit seinem Schlafrocke trocknen mußte. Der arme,
-alte König!
-
-»Laß es sein!« sagte er. »Es geht Dir schlecht, wie all den andern. Nun,
-Du wirst es sehen!« Dann führte er ihn hinaus nach dem Lustgarten der
-Prinzessin. Da sah es schrecklich aus! Oben in jedem Baume hingen drei,
-vier Königssöhne, die um die Prinzessin gefreit hatten, aber die Sachen,
-die sie ihnen aufgegeben, nicht hatten raten können. Jedesmal, wenn es
-wehte, klapperten alle Gerippe, so daß die kleinen Vögel erschraken und
-nie in den Garten zu kommen wagten. Alle Blumen waren an Menschenknochen
-aufgebunden, und in Blumentöpfen standen Totenköpfe und grinsten. Das
-war wirklich ein sonderbarer Garten für eine Prinzessin.
-
-»Hier siehst Du es!« sagte der alte König. »Es wird Dir ebenso wie
-diesen hier ergehen. Laß es deshalb lieber. Du machst mich wirklich
-unglücklich, denn ich nehme mir das sehr zu Herzen!«
-
-Johannes küßte dem guten, alten König die Hand und sagte, es würde schon
-gehen, denn er sei entzückt von der schönen Prinzessin.
-
-Da kam die Prinzessin selbst mit allen ihren Damen in den Schloßhof
-geritten, sie gingen deshalb zu ihr hinaus und sagten ihr guten Tag. Sie
-war wunderschön anzuschauen und reichte Johannes die Hand. Und er hielt
-noch viel mehr von ihr wie früher. Sie konnte sicher keine böse Hexe
-sein, wie alle Leute es ihr nachsagten. -- Dann begaben sie sich in den
-Saal, und die kleinen Pagen präsentierten ihnen Eingemachtes und
-Pfeffernüsse. Aber der alte König war betrübt, er konnte nichts essen.
-Und die Pfeffernüsse waren ihm auch zu hart.
-
-Es wurde bestimmt, daß Johannes am nächsten Morgen wieder nach dem
-Schlosse kommen sollte, dann würden die Richter und der ganze Rat
-versammelt sein und hören, wie es mit dem Raten gehe. Würde er gut dabei
-fahren, so sollte er dann noch zweimal kommen, aber es war noch nie
-jemand da gewesen, der das erstemal richtig geraten hätte, und dann
-mußte er das Leben verlieren.
-
-Johannes war nicht bekümmert darum, wie es ihm ergehen würde. Er war
-vielmehr vergnügt, gedachte nur der schönen Prinzessin und glaubte
-sicher, der liebe Gott werde ihm schon helfen. Aber wie, dies wußte er
-nicht und wollte lieber nicht daran denken. Er tanzte auf der Landstraße
-dahin, als er nach dem Wirtshause zurückging, wo der Reisekamerad auf
-ihn wartete.
-
-Johannes konnte nicht fertig damit werden, zu erzählen, wie artig die
-Prinzessin gegen ihn gewesen und wie schön sie sei. Er sehne sich schon
-sehr nach dem nächsten Tage, wo er in das Schloß sollte, um sein Glück
-im Raten zu versuchen.
-
-Aber der Reisekamerad schüttelte den Kopf und war betrübt. »Ich bin dir
-so gut!« sagte er. »Wir hätten noch lange beisammen sein können, und nun
-soll ich dich schon verlieren! Du armer, lieber Johannes! Ich möchte
-weinen, aber ich will am letzten Abende, den wir vielleicht beisammen
-sind, deine Freude nicht stören. Wir wollen lustig sein, recht lustig!
-Morgen, wenn du fort bist, kann ich ungestört weinen.«
-
-Alle Leute drinnen in der Stadt hatten sogleich erfahren, daß ein neuer
-Freier der Prinzessin angekommen war, und deshalb herrschte große
-Betrübnis. Das Schauspielhaus blieb geschlossen, alle Kuchenfrauen
-banden Flor um ihre Zuckermänner, der König und die Priester lagen auf
-den Knien in den Kirchen. Es war große Betrübnis, denn es konnte
-Johannes ja nicht besser ergehen, als es allen übrigen Freiern ergangen
-war.
-
-Gegen Abend bereitete der Reisekamerad eine große Bowle Punsch und sagte
-zu Johannes: »Nun wollen wir recht lustig sein und auf der Prinzessin
-Gesundheit trinken.« Als aber Johannes zwei Gläser getrunken hatte,
-wurde er so schläfrig, daß es ihm unmöglich war, die Augen offen zu
-halten, er sank in tiefen Schlaf. Der Reisekamerad hob ihn sanft vom
-Stuhle und legte ihn in das Bett hinein, und als es dunkle Nacht wurde,
-nahm er die beiden großen Flügel, die er von dem Schwane abgehauen
-hatte, und band sie an seine Schultern fest. Die größte Rute, die er von
-der alten Frau erhalten, welche gefallen war und das Bein gebrochen
-hatte, steckte er in seine Tasche, öffnete das Fenster und flog so über
-die Stadt, nach dem Schlosse hin, wo er sich in einen Winkel unter das
-Fenster setzte, wo es in die Schlafstube der Prinzessin ging.
-
-Es war still in der ganzen Stadt. Nun schlug die Uhr dreiviertel auf
-Zwölf, das Fenster ging auf und die Prinzessin flog in einem langen,
-weißen Mantel und mit schwarzen Flügeln über die Stadt weg hinaus zu
-einem großen Berge. Aber der Reisekamerad machte sich unsichtbar, so daß
-sie ihn nicht sehen konnte, flog hinterher und peitschte die Prinzessin
-mit seiner Rute, so daß Blut kam, wohin er schlug. Ach, das war eine
-Fahrt durch die Luft! Der Wind erfaßte ihren Mantel, der sich nach allen
-Seiten ausbreitete gleich einem großen Schiffssegel, und der Mond schien
-durch denselben.
-
-»Wie es hagelt! wie es hagelt!« sagte die Prinzessin bei jedem Schlage,
-den sie von der Rute bekam, und das war ihr schon recht. Endlich kam sie
-hinaus zum Berge und klopfte an. Es rollte gleich dem Donner, indem der
-Berg sich öffnete, sie ging hinein. Der Reisekamerad folgte ihr, denn
-niemand konnte ihn sehen, er war unsichtbar. Sie gingen durch einen
-großen, langen Gang, wo die Wände eigentümlich glänzten, es waren über
-tausend glühende Spinnen, die an der Mauer auf- und abliefen und wie
-Feuer leuchteten. Da kamen sie in einen großen Saal, von Silber und Gold
-erbaut, Blumen so groß wie Sonnenblumen, rote und blaue, glänzten an den
-Wänden, aber niemand konnte die Blumen pflücken, denn die Stengel waren
-häßliche, giftige Schlangen, und die Blumen waren Feuer, welches ihnen
-aus dem Rachen heraus brannte. Die ganze Decke war mit leuchtenden
-Johanneswürmchen und himmelblauen Fledermäusen bedeckt, die mit den
-dünnen Flügeln schlugen. Es sah ganz schauerlich aus! Mitten auf dem
-Fußboden war ein Thron, der von vier Pferdegerippen getragen wurde,
-welchen Zaumzeug von den roten Feuerspinnen aufgelegt war, der Thron
-selbst war aus milchweißem Glase, und die Kissen waren kleine, schwarze
-Mäuse, die einander in den Schwanz bissen. Über demselben war ein Dach
-von rosenrotem Spinngewebe, mit den niedlichen, kleinen grünen Flügeln
-besetzt, welche wie Edelsteine glänzten. Auf dem Throne saß ein alter
-Zauberer, mit einer Krone auf dem häßlichen Kopfe und einem Zepter in
-der Hand. Er küßte die Prinzessin auf die Stirn, ließ sie an seine Seite
-auf den kostbaren Thron setzen, und dann begann die Musik. Große,
-schwarze Heuschrecken bliesen auf Mundharmonikas, und die Ente schlug
-sich auf den Leib, denn sie hatte keine Trommel. Das war ein
-possierliches Konzert. Kleine, schwarze Kobolde mit einem Irrlichte auf
-der Mütze tanzten im Saale herum. Niemand aber konnte den Reisekameraden
-erblicken, er hatte sich hinter den Thron gestellt und hörte und sah
-alles. Die Hofleute, die nun herein kamen, waren sehr fein und vornehm!
-Der, welcher sehen konnte, merkte wohl, wie es damit zusammenhing. Sie
-waren nichts weiter als Besenstiele mit Kohlköpfen darauf, in die der
-Zauberer Leben gehext und denen er gestickte Kleider gegeben hatte. Aber
-das machte nichts aus, sie wurden doch nur zum Prunk gebraucht.
-
-Nachdem erst etwas getanzt war, erzählte die Prinzessin dem Zauberer,
-daß sie einen neuen Freier erhalten habe und fragte deshalb, woran sie
-wohl denken sollte, um ihn am nächsten Morgen darnach zu fragen, wenn er
-nach dem Schlosse käme.
-
-»Höre,« sagte der Zauberer, »das will ich dir sagen! Du mußt etwas recht
-Leichtes wählen, denn dann fällt er gar nicht darauf. Denke an einen
-deiner Schuhe. Das rät er nicht. Laß ihm den Kopf abhauen, doch vergiß
-nicht, wenn du morgen Nacht wieder zu mir kommst, mir seine Augen
-mitzubringen, denn die will ich essen!«
-
-Die Prinzessin verneigte sich tief und sagte, sie würde die Augen nicht
-vergessen. Der Zauberer öffnete nun den Berg, und sie flog wieder
-zurück, aber der Reisekamerad folgte ihr und prügelte sie wieder so
-stark mit der Rute, daß sie tief über das starke Hagelwetter seufzte und
-sich, so sehr sie konnte, beeilte, durch das Fenster in ihre Schlafstube
-zu gelangen. Der Reisekamerad dagegen flog zum Wirtshause zurück, wo
-Johannes noch schlief, löste seine Flügel ab und legte sich dann auch
-auf das Bett, denn er konnte wohl müde sein.
-
-Es war früh am Morgen, als Johannes erwachte. Der Reisekamerad stand
-auch auf und erzählte, daß er diese Nacht einen sonderbaren Traum von
-der Prinzessin und ihrem Schuhe gehabt habe und bat ihn, deshalb doch zu
-fragen, ob die Prinzessin nicht an ihren Schuh gedacht haben sollte.
-Denn das war es ja, was er von dem Zauberer im Berge gehört hatte.
-
-»Ich kann ebensogut darnach als nach etwas anderem fragen,« sagte
-Johannes. »Vielleicht ist das richtig, was du geträumt hast, denn ich
-vertraue auf den lieben Gott, der mir schon helfen wird. Aber ich will
-dir noch Lebewohl sagen, denn rate ich falsch, so bekomme ich dich nie
-mehr zu sehen.«
-
-Dann küßten sie sich, und Johannes ging in die Stadt und nach dem
-Schlosse. Der Saal war mit Menschen angefüllt, die Richter saßen in
-ihren Lehnstühlen und hatten Eiderdunenkissen unter den Köpfen, denn sie
-hatten gar viel zu denken. Der alte König stand auf und trocknete seine
-Augen mit einem weißen Taschentuche. Nun trat die Prinzessin herein. Sie
-war noch schöner wie gestern und grüßte alle in anmutigster Weise, aber
-dem Johannes gab sie die Hand und sagte: »Guten Morgen, du!«
-
-Nun sollte Johannes raten, woran sie gedacht habe, Gott, wie sah sie ihn
-freundlich an! Aber sowie sie ihn das eine Wort »Schuh« aussprechen
-hörte, wurde sie kreideweiß im Gesicht und zitterte am ganzen Körper.
-Allein das konnte ihr nichts helfen, denn er hatte richtig geraten!
-
-Der Tausend! wie wurde der alte König vergnügt, er schoß einen
-Purzelbaum, daß es eine Lust war. Und alle Leute klatschten in die
-Hände, ihm und Johannes zu Ehren, der das erstemal richtig geraten
-hatte.
-
-Der Reisekamerad war auch erfreut, als er erfuhr, wie gut es abgelaufen
-war. Aber Johannes faltete die Hände und dankte seinem Gotte, der sicher
-die beiden andern Male wieder helfen würde. Am nächsten Tage sollte
-schon wieder geraten werden.
-
-Der Abend verging ebenso wie der gestrige. Als Johannes schlief, flog
-der Reisekamerad hinter der Prinzessin her zum Berge hinaus und prügelte
-sie noch stärker als das vorige Mal, denn nun hatte er zwei Ruten
-genommen. Niemand bekam ihn zu sehen, und er hörte alles. Die Prinzessin
-wollte an ihren Handschuh denken, und das erzählte er wieder dem
-Johannes, als ob es ein Traum sei. Daher konnte derselbe richtig raten,
-und es verursachte eine große Freude auf dem Schlosse. Der ganze Hof
-schoß Purzelbäume, sowie sie es den König das erstemal hatten machen
-sehen. Aber die Prinzessin lag auf dem Sofa und wollte nicht ein
-einziges Wort sagen. Nun kam es darauf an, ob Johannes das drittemal
-richtig raten konnte. Glückte es, so sollte er ja die schöne Prinzessin
-haben und nach dem Tode des alten Königs das ganze Reich erben. Riet er
-falsch, so sollte er sein Leben verlieren und der Zauberer seine
-schönen, blauen Augen essen.
-
-Den Abend vorher ging Johannes zeitig zu Bett, betete sein Abendgebet
-und schlief dann ruhig. Aber der Reisekamerad band seine Flügel an den
-Rücken, den Säbel aber an seine Seite, nahm alle drei Ruten mit sich und
-flog nach dem Schlosse.
-
-Es war finstere Nacht. Es stürmte so, daß die Dachsteine von den Häusern
-flogen, und die Bäume drinnen im Garten, wo die Gerippe hingen, bogen
-sich gleich nach dem Schilfe vor dem Sturmwinde. Es blitzte jeden
-Augenblick und der Donner rollte, als ob es nur ein einziger Schlag sei,
-der die ganze Nacht währte. Nun ging das Fenster auf, und die Prinzessin
-flog heraus. Sie war so bleich wie der Tod, aber sie lachte über das
-böse Wetter und meinte, es sei noch nicht arg genug. Und ihr weißer
-Mantel wirbelte in der Luft umher, gleich einem großen Schiffssegel,
-aber der Reisekamerad peitschte sie mit seinen drei Ruten, daß das Blut
-auf die Erde tröpfelte und sie zuletzt kaum weiter fliegen konnte.
-Endlich kam sie doch nach dem Berge.
-
-»Es hagelt und stürmt,« sagte sie, »nie bin ich bei solchem Wetter
-ausgewesen.«
-
-»Man kann auch des Guten zu viel haben!« sagte der Zauberer. Nun
-erzählte sie ihm, daß Johannes auch das zweitemal richtig geraten habe,
-würde er dasselbe morgen tun, so hätte er gewonnen, und sie könne nie
-mehr nach dem Berge hinauskommen, vermöchte nie mehr solche Zauberkünste
-wie früher zu machen, deshalb war sie betrübt.
-
-»Er soll es nicht erraten können!« sagte der Zauberer. »Ich werde schon
-etwas erdenken, was er sich nie gedacht hat, oder er müßte ein größerer
-Zauberer gewesen sein als ich. Aber nun wollen wir lustig sein!« Und
-dann faßte er die Prinzessin bei den Händen, und sie tanzten mit allen
-den kleinen Kobolden mit Irrlichtern herum, die in dem Zimmer waren. Die
-roten Spinnen sprangen an den Wänden ebenso lustig auf und nieder, es
-sah aus, als ob Feuerblumen sprühten. Die Eule schlug auf die Trommel,
-die Heimchen pfiffen, und die schwarzen Heuschrecken bliesen auf
-Mundharmonikas. Es war ein lustiger Ball. --
-
-Als sie nun lange genug getanzt hatten, mußte die Prinzessin nach Hause,
-sonst möchte sie im Schlosse vermißt werden. Der Zauberer sagte, daß er
-sie begleiten wolle, da wären sie doch unterwegs noch beisammen.
-
-Dann flogen sie in dem bösen Wetter davon, und der Reisekamerad schlug
-seine drei Ruten auf ihrem Rücken entzwei. Nie war der Zauberer in
-solchem Hagelwetter ausgewesen. Draußen vor dem Schlosse sagte er der
-Prinzessin Lebewohl und flüsterte ihr zugleich zu: »Denke an meinen
-Kopf!« Aber der Reisekamerad hörte es wohl, und gerade in dem
-Augenblick, als die Prinzessin durch das Fenster in ihr Schlafgemach
-schlüpfte und der Zauberer wieder umkehren wollte, ergriff er ihn an
-seinem langen Barte und hieb mit dem Säbel seinen häßlichen Zaubererkopf
-bei den Schultern ab, so daß der Zauberer ihn nicht einmal selbst zu
-sehen bekam. Den Körper warf er hinaus in den See zu den Fischen, den
-Kopf aber tauchte er nur in das Wasser und band ihn dann in sein
-seidenes Taschentuch, nahm ihn mit nach dem Wirtshause und legte sich
-dann schlafen.
-
-Am nächsten Morgen gab er Johannes das Taschentuch und sagte ihm dabei,
-daß er es nicht aufbinden dürfe, bevor die Prinzessin frage, woran sie
-gedacht habe.
-
-Es waren so viele Menschen in dem großen Saale auf dem Schlosse, daß sie
-so dicht standen wie Radieschen, die in ein Bündel zusammengebunden
-sind. Der Rat saß auf seinen Stühlen mit den weichen Kissen, und der
-alte König hatte neue Kleider an, die goldene Krone und das Zepter waren
-poliert: er sah feierlich aus. Aber die Prinzessin war bleich und hatte
-ein schwarzes Kleid an, als gehe sie zum Begräbnis.
-
-»Woran habe ich gedacht?« fragte sie den Johannes. Und sogleich löste er
-das Taschentuch und war selbst erschrocken, als er das häßliche
-Zaubererhaupt erblickte. Es schauderte alle Menschen, denn es war
-schrecklich anzusehen, aber die Prinzessin saß da wie ein Steinbild und
-konnte nicht ein einziges Wort sagen. Endlich erhob sie sich und reichte
-Johannes die Hand, denn er hatte ja richtig geraten. Sie sah weder auf
-den einen noch auf den andern, sondern sie seufzte laut: »Nun bist du
-mein Herr! Diesen Abend wollen wir Hochzeit halten!«
-
-»Das gefällt mir!« sagte der alte König. »So will ich es haben!« Alle
-Leute riefen hurra, die Wachtparade machte Musik in den Straßen, die
-Glocken läuteten und die Kuchenfrauen nahmen den schwarzen Flor von
-ihren Zuckermännern, denn nun herrschte große Freude. Drei gebratene
-Ochsen, mit Enten und Hühnern gefüllt, wurden mitten auf den Markt
-gesetzt, und jeder konnte sich ein Stück abschneiden, in den
-Springbrunnen sprudelte der schönste Wein, und kaufte man eine
-Pfennigbrezel beim Bäcker, so bekam man sechs große Zwiebacke als
-Zugabe, und die Zwiebacke mit Rosinen darin.
-
-Am Abende war die ganze Stadt erleuchtet, die Soldaten schossen mit
-Kanonen, die Knaben mit Knallerbsen, und es wurde gegessen und
-getrunken, angestoßen und gesprungen oben im Schlosse. Alle die
-vornehmen Fräulein tanzten miteinander, man konnte in weiter Ferne
-hören, wie sie sangen:
-
- Hier sind viel hübsche Mädchen,
- Die gern tanzen rund herum,
- Drehen sich wie Spinnerädchen;
- Hübsches Mädchen, schwenk' dich um.
- Tanzt und springet immerzu,
- Bis die Sohle fällt vom Schuh.
-
-Aber die Prinzessin war ja noch eine Hexe und mochte Johannes gar nicht
-leiden. Das fiel dem Reisekameraden ein, und deshalb gab er Johannes
-drei Federn aus den Schwanenflügeln und eine kleine Flasche mit einigen
-Tropfen darin und sagte ihm dann, daß er ein großes Faß mit Wasser
-gefüllt vor das Bett der Prinzessin setzen lassen solle, und wenn die
-Prinzessin hineinsteigen wolle, sollte er ihr einen kleinen Stoß geben,
-so daß sie in das Wasser hinunterfalle, wo er sie dreimal untertauchen
-müsse, nachdem er vorher die Federn und die Tropfen hineingeschüttet
-habe, dann werde sie ihre Zauberei verlieren und ihn recht lieb haben.
-
-Johannes tat alles, was der Reisekamerad ihm geraten hatte. Die
-Prinzessin schrie laut, als er sie unter das Wasser tauchte, und
-zappelte ihm unter den Händen wie ein großer, schwarzer Schwan mit
-funkelnden Augen. Als sie das zweitemal wieder über das Wasser herauf
-kam, war der Schwan weiß, bis auf einen schwarzen Ring um den Hals.
-Johannes betete fromm zu Gott und ließ das Wasser das drittemal über den
-Vogel zusammenschlagen, und in demselben Augenblick wurde dieser in die
-schönste Prinzessin verwandelt. Sie war noch schöner als zuvor und
-dankte ihm mit Tränen in ihren herrlichen Augen, daß er den Zauber von
-ihr gelöst habe.
-
-Am nächsten Morgen kam der alte König mit seinem ganzen Hofstaate, da
-gab es ein Gratulieren bis spät in den Tag hinein. Zuletzt kam der
-Reisekamerad, er hatte seinen Stock in der Hand und das Ränzel auf dem
-Rücken. Johannes küßte ihn viele Mal und sagte, er dürfe nicht
-fortreisen, er solle bei ihm bleiben, denn er wäre ja die Ursache seines
-Glücks. Aber der Reisekamerad schüttelte mit dem Kopfe und sagte mild
-und freundlich: »Nein, nun ist meine Zeit um. Ich habe nur meine Schuld
-bezahlt. Erinnerst du dich des toten Mannes, dem die bösen Menschen
-Übles tun wollten? Du gabst alles, was du besaßest, damit er Ruhe in
-seinem Grabe haben konnte. Der Tote bin ich!«
-
-In demselben Augenblicke war er verschwunden. --
-
-Die Hochzeit währte nun einen ganzen Monat. Johannes und die Prinzessin
-liebten einander innig, und der alte König erlebte manche frohe Tage und
-ließ ihre kleinen Kinderchen auf seinen Knien reiten und mit seinem
-Zepter spielen. Aber Johannes wurde König über das ganze Land.
-
-
-
-
- Das Märchenbuch
-
-
- Eine Sammlung von Märchenbüchern
- für Kinder und Erwachsene
-
- Mit Zeichnungen der besten deutschen Maler
-
- Herausgegeben von Bruno Cassirer
-
- Band 1
- Deutsche Märchen
- Illustriert von Max Slevogt
- Gebunden 10 Mark
-
- Band 2
- Deutsche Märchen
- Illustriert von Graf L. von Kalckreuth
- Gebunden 8 Mark
-
- Band 3
- Genovefa -- Der arme Heinrich
- Illustriert von W. Klemm
- Gebunden 8 Mark
-
- Band 4
- Aladdin oder die Wunderlampe
- Illustriert von C. Strathmann
- Gebunden 8 Mark
-
- Band 5
- Zwerg Nase
- Farbig illustriert von Karl Walser
- Zweite Auflage. Gebunden 13.50 Mark
-
- Band 6
- Rübezahl
- Illustriert von Max Slevogt
- Gebunden 10 Mark
-
- Band 7
- Das kalte Herz
- Farbig illustriert von Karl Walser
- Gebunden 10 Mark
-
- Band 8
- Kalif Storch -- Der kleine Muck
- Farbig illustriert von Karl Walser
- Gebunden 10 Mark
-
- Band 9
- Frau Holle und anderes
- Illustriert von Bernhard Hasler
- Gebunden 15 Mark
-
- Band 10
- Ali Baba und die vierzig Räuber
- Illustriert, teils mehrfarbig, von Max Slevogt
- Zweite Auflage. In Halbleinen gebunden 35 Mark
-
- Von einigen Bänden sind noch wenige Exemplare in Ganzleder mit
- Goldprägung zum Preise von 200 Mark vorrätig. Hergestellt wurden
- je 100 numerierte Exemplare
-
- Druck: Hof-Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner in Weimar
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 23]:
- ... Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im Stile und in ...
- ... Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im Stiele und in ...
-
- [S. 37]:
- ... Berge, auf deren Gipfel der weiße Schnee glänzte, als wären ...
- ... Berge, auf deren Gipfeln der weiße Schnee glänzte, als wären ...
-
- [S. 58]:
- ... deine dreihundert Jahre, bevor du zu toten, salzigem
- Seeschaume ...
- ... deine dreihundert Jahre, bevor du zu totem, salzigem
- Seeschaume ...
-
- [S. 74]:
- ... von allem Möglichem, was existierte, zu erzählen. ...
- ... von allem Möglichen, was existierte, zu erzählen. ...
-
- [S. 91]:
- ... wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie ihm das eine
- Wort ...
- ... wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie ihn das eine
- Wort ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Märchen (Illustriert von Alfred Kubin), by
-Hans Christian Andersen
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN (ILLUSTRIERT VON ***
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