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-The Project Gutenberg EBook of Märchen (Illustriert von Alfred Kubin), by
-Hans Christian Andersen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Märchen (Illustriert von Alfred Kubin)
- Die Nachtigall / Die kleine Seejungfrau / Der Reisekamerad
-
-Author: Hans Christian Andersen
-
-Illustrator: Alfred Kubin
-
-Release Date: January 19, 2016 [EBook #50965]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN (ILLUSTRIERT VON ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
- H. C. Andersens Märchen
-
-
-
-
- Die Nachtigall
- Die kleine Seejungfrau
- Der Reisekamerad
-
-
- von
- H. C. Andersen
-
- Mit Zeichnungen
- von
- Alfred Kubin
-
- Im Verlag von Bruno Cassirer, Berlin
- 1922
-
-
-
-
- Die Nachtigall
-
-
-In China, weißt du wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um
-sich her hat, sind auch Chinesen. Es ist nun viele Jahre her, aber eben
-deshalb ist es der Mühe wert, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen
-wird! Des Kaisers Schloß war das prächtigste in der Welt, ganz und gar
-von feinem Porzellan, sehr kostbar, aber so spröde, so mißlich, daran zu
-rühren, daß man sich sehr in acht nehmen mußte. Im Garten sah man die
-wunderbarsten Blumen, und an die prächtigsten waren Silberglocken
-gebunden, welche klangen, damit man nicht vorbeigehen möchte, ohne die
-Blumen zu bemerken. Ja, alles war in des Kaisers Garten fein
-ausspekuliert. Und er erstreckte sich so weit, daß der Gärtner selbst
-das Ende desselben nicht kannte. Ging man immer weiter, so kam man in
-den herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald ging
-gerade hinunter bis zum Meere, welches blau und tief war, große Schiffe
-konnten bis unter die Zweige der Bäume hinsegeln, und in diesen wohnte
-eine Nachtigall, die so herrlich sang, daß selbst der arme Fischer, der
-noch viel anderes zu tun hatte, still hielt und horchte, wenn er des
-Nachts ausgefahren war, um das Fischnetz auszuwerfen und dann die
-Nachtigall hörte. »Ach Gott, wie ist das schön!« sagte er, aber er mußte
-auf seine Sachen acht geben und vergaß dabei den Vogel. Doch wenn dieser
-in der nächsten Nacht wieder sang und der Fischer dorthin kam, sagte
-derselbe: »Ach Gott, wie ist das schön!«
-
-Aus allen Ländern der Welt kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und
-bewunderten diese, das Schloß und den Garten. Doch wenn sie die
-Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie alle: »Das ist doch das beste!«
-
-Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen, und die
-Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloß und den
-Garten. Aber auch die Nachtigall vergaßen sie nicht: die wurde am
-höchsten gestellt, und die, welche dichten konnten, schrieben die
-herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Walde bei dem tiefen See.
-
-Die Bücher durchliefen die Welt, und einige davon kamen auch einmal zum
-Kaiser. Er saß in seinem goldenen Stuhle und las und las, jeden
-Augenblick nickte er mit dem Kopfe, denn es freute ihn, die prächtigen
-Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens zu vernehmen.
-»Aber die Nachtigall ist doch das allerbeste!« stand da geschrieben.
-
-»Was ist das?« sagte der Kaiser. »Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht!
-Ist ein solcher Vogel in meinem Kaiserreiche und sogar in meinem Garten?
-Das habe ich nie gehört! So etwas erst aus Büchern zu erfahren!«
-
-Und hierauf rief er seinen Kavalier. Der war so vornehm, daß, wenn
-jemand, der geringer als er war, mit ihm zu sprechen oder ihn nach etwas
-zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte als: »P!« und »das hat
-nichts zu bedeuten«.
-
-»Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, welcher Nachtigall
-genannt wird!« sagte der Kaiser. »Man sagt, dies sei das allerbeste in
-meinem großen Reiche. Weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?«
-
-»Ich habe ihn früher nie nennen hören!« sagte der Kavalier. »Er ist nie
-bei Hofe vorgestellt worden!«
-
-»Ich will, daß er heute abend herkommen und vor mir singen soll!« sagte
-der Kaiser. »Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich weiß es nicht!«
-
-»Ich habe ihn früher nie nennen hören!« sagte der Kavalier. »Ich werde
-ihn suchen, ich werde ihn finden!« --
-
-Aber wo war der zu finden? Der Kavalier lief alle Treppen auf und
-nieder, durch Säle und Gänge, aber keiner von allen denen, auf die er
-traf, hatte von der Nachtigall sprechen hören. Und der Kavalier lief
-wieder zum Kaiser und sagte, daß es sicher eine Fabel von denen sein
-müßte, die da Bücher schrieben. »Dero Kaiserliche Majestät können gar
-nicht glauben, was alles geschrieben wird! Das sind Erdichtungen und
-etwas, was man die schwarze Kunst nennt.«
-
-»Aber das Buch, in dem ich dieses gelesen habe,« sagte der Kaiser, »ist
-mir von dem großmächtigsten Kaiser von Japan gesandt, und es kann also
-keine Unwahrheit sein, ich will die Nachtigall hören! Sie muß heute
-abend hier sein! Sie hat meine höchste Gnade! Und kommt sie nicht, so
-soll dem ganzen Hofe auf den Leib getrampelt werden, wenn er Abendbrot
-gegessen hat!«
-
-»Tsing pe!« sagte der Kavalier und lief wieder alle Treppen auf und
-nieder, durch alle Säle und Gänge, und der halbe Hof lief mit, denn sie
-wollten nicht gern auf den Leib getrampelt sein. Da gab es ein Fragen
-nach der merkwürdigen Nachtigall, welche die ganze Welt kannte, nur
-niemand bei Hofe.
-
-Endlich trafen sie ein armes, kleines Mädchen in der Küche. Die sagte:
-»O Gott, die Nachtigall kenne ich gut, ja, wie kann sie singen! Jeden
-Abend habe ich Erlaubnis, meiner armen, kranken Mutter Überbleibsel vom
-Tische nach Hause zu tragen; sie wohnt unten am Strand, und wenn ich
-zurückgehe, müde bin und im Walde ausruhe, dann höre ich die Nachtigall
-singen! Es kommen mir dabei die Tränen in die Augen, und es ist, als ob
-meine Mutter mich küßte!«
-
-»Kleine Köchin!« sagte der Kavalier, »ich werde dir eine Anstellung in
-der Küche und die Erlaubnis verschaffen, den Kaiser speisen zu sehen,
-wenn du uns zur Nachtigall führen kannst, denn sie ist zu heute abend
-angesagt.«
-
-Und so zogen sie alle hinaus in den Wald, wo die Nachtigall zu singen
-pflegte, der halbe Hof war mit. Als sie im besten Zuge waren, fing eine
-Kuh zu brüllen an.
-
-»Oh!« sagten die Hofjunker, »nun haben wir sie! Das ist doch eine
-merkwürdige Kraft in einem so kleinen Tiere! Die habe ich sicher schon
-früher gehört!«
-
-»Nein, das sind Kühe, welche so brüllen!« sagte die kleine Köchin. »Wir
-sind noch weit von dem Orte entfernt!«
-
-Nun quakten die Frösche im Sumpfe.
-
-»Herrlich!« sagte der chinesische Hofprediger. »Nun höre ich sie; es
-klingt gerade wie kleine Kirchenglocken.«
-
-»Nein, das sind Frösche!« sagte die kleine Köchin. »Aber nun denke ich,
-werden wir sie bald hören!«
-
-Da begann die Nachtigall zu schlagen.
-
-»Das ist sie!« sagte das kleine Mädchen. »Hört! Hört! Da sitzt sie!« Und
-sie zeigte nach einem kleinen, grauen Vogel oben in den Zweigen.
-
-»Ist es möglich!« sagte der Kavalier. »So hätte ich sie mir nimmer
-gedacht! Wie sie einfach aussieht! Sie hat sicher ihre Farbe darüber
-verloren, daß sie so viele vornehme Menschen um sich erblickt!«
-
-»Kleine Nachtigall!« rief die kleine Köchin laut, »unser gnädigster
-Kaiser wünscht, daß Sie vor ihm singen!«
-
-»Mit dem größten Vergnügen!« sagte die Nachtigall und sang dann, daß es
-eine Lust war.
-
-»Es klingt gerade wie Glasglocken!« sagte der Kavalier. »Und seht die
-kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig, daß wir sie früher
-nie gehört haben! Sie wird großen Succès bei Hofe machen!«
-
-»Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?« fragte die Nachtigall,
-welche glaubte, der Kaiser sei auch da.
-
-»Meine vortreffliche kleine Nachtigall!« sagte der Kavalier, »ich habe
-die große Freude, Sie zu einem Hoffeste heute abend einzuladen, wo Sie
-Dero hohe kaiserliche Gnaden mit ihrem charmanten Gesange bezaubern
-werden!«
-
-»Der hört sich am besten im Grünen an!« sagte die Nachtigall, aber sie
-kam doch gern mit, als sie hörte, daß es der Kaiser wünschte.
-
-Auf dem Schlosse war tüchtig aufgeputzt. Die Wände und der Fußboden,
-welche von Porzellan waren, glänzten im Strahle vieler tausend
-Goldlampen; die prächtigsten Blumen, welche recht klingeln konnten,
-waren in den Gängen aufgestellt. Das war ein Laufen und ein Zugwind, und
-alle Glocken klingelten so, daß man sein eigenes Wort nicht hören
-konnte.
-
-Mitten in den großen Saal, wo der Kaiser saß, war ein goldener Stecken
-gestellt, auf diesem sollte die Nachtigall sitzen. Der ganze Hof war da,
-und die kleine Köchin hatte die Erlaubnis erhalten, hinter der Tür zu
-stehen, da sie nun den Titel einer wirklichen Hofköchin bekommen hatte.
-Alle waren in ihrem größten Putz, und alle sahen nach dem kleinen grauen
-Vogel, dem der Kaiser zunickte.
-
-Die Nachtigall sang so herrlich, daß dem Kaiser die Tränen in die Augen
-traten und ihm über die Wangen herniederliefen, da sang die Nachtigall
-noch schöner: das ging recht zu Herzen. Der Kaiser war so froh, daß er
-sagte, die Nachtigall sollte seinen goldenen Pantoffel um den Hals zu
-tragen bekommen. Aber die Nachtigall dankte, sie habe schon Belohnung
-genug erhalten.
-
-»Ich habe Tränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist mir der reichste
-Schatz! Eines Kaisers Tränen haben eine besondere Kraft! Gott weiß es,
-ich bin genug belohnt.« Darauf sang sie wieder mit ihrer süßen,
-herrlichen Stimme.
-
-»Das ist die liebenswürdigste Koketterie, die ich kenne!« sagten die
-Damen rings umher, und dann nahmen sie Wasser in den Mund um zu glucken,
-wenn jemand mit ihnen spräche. Sie glaubten, dann auch Nachtigallen zu
-sein. Ja, die Lakaien und Kammermädchen ließen melden, daß auch sie
-zufrieden seien; das will viel sagen, denn die sind am schwersten zu
-befriedigen. Kurz, die Nachtigall machte wahrlich Glück.
-
-Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihr eigenes Bauer und die Freiheit
-haben, zweimal des Tages und einmal des Nachts herauszuspazieren. Sie
-bekam dann zwölf Diener mit, welche ihr alle ein Seidenband um das Bein
-geschlungen hatten, an dem sie sie recht fest hielten. Es war durchaus
-kein Vergnügen bei einem solchen Ausfluge.
-
-Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel, und begegneten sich
-zwei, so sagte der eine nichts anders als: »Nacht!« -- und der andere
-sagte: »gall!« Und dann seufzten sie und verstanden einander. Ja, elf
-Hökerkinder wurden nach ihr benannt, aber nicht eins von ihnen hatte
-einen Ton in der Kehle. --
-
-Eines Tages erhielt der Kaiser ein großes Paket, worauf geschrieben
-stand: »Die Nachtigall.«
-
-»Da haben wir nun ein neues Buch über unsern berühmten Vogel!« sagte der
-Kaiser. Aber es war kein Buch, sondern ein kleines Kunstwerk, welches in
-einer Schachtel lag: eine künstliche Nachtigall, die der lebenden
-gleichen sollte, allein überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren
-besetzt war. Sobald man den Kunstvogel aufzog, konnte er eins der
-Stücke, die der wirkliche Vogel sang, singen, und dann bewegte sich der
-Schweif auf und nieder, und glänzte von Silber und Gold. Um den Hals
-hing ein kleines Band, darauf stand geschrieben: »Des Kaisers von Japan
-Nachtigall ist arm gegen die des Kaisers von China.«
-
-»Das ist herrlich!« sagten alle, und der, welcher den künstlichen Vogel
-gebracht hatte, erhielt sogleich den Titel: Kaiserlicher
-Ober-Nachtigallbringer.
-
-»Nun müssen sie zusammen singen, was wird das für ein Duett werden.«
-
-Und so mußten sie zusammen singen, aber es wollte nicht recht passen,
-denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise, und der Kunstvogel
-ging auf Walzen. »Der hat keine Schuld,« sagte der Spielmeister, »der
-ist besonders taktfest und ganz nach meiner Schule!« Nun sollte der
-Kunstvogel allein singen. Er machte ebenso viel Glück als der wirkliche,
-und dann war er ja viel niedlicher anzusehen: er glänzte wie Armbänder
-und Busennadeln.
-
-Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und war doch nicht
-müde. Die Leute hätten ihn gern wieder aufs neue gehört, aber der Kaiser
-meinte, daß nun auch die lebendige Nachtigall etwas singen sollte. -- --
-Aber wo war die? Niemand hatte bemerkt, daß sie aus dem offenen Fenster
-zu ihren grünen Wäldern fortgeflogen war.
-
-»Aber was ist denn das?« sagte der Kaiser. Und alle Hofleute schalten
-und weinten, daß die Nachtigall ein höchst undankbares Tier sei. »Den
-besten Vogel haben wir doch!« sagten sie, und so mußte denn der
-Kunstvogel wieder singen, und das war das vierunddreißigstemal, daß sie
-dasselbe Stück zu hören bekamen. Sie konnten es dessenungeachtet doch
-nicht auswendig, es war gar zu schwer. Und der Spielmeister lobte den
-Vogel außerordentlich; ja, er versicherte, daß er besser wie eine
-Nachtigall sei, nicht nur was die Kleider und die herrlichen Diamanten
-beträfe, sondern auch innerlich.
-
-»Denn sehen sie, meine Herren, der Kaiser vor allen! bei der wirklichen
-Nachtigall kann man nie berechnen, was da kommen wird, aber bei dem
-Kunstvogel ist alles bestimmt! Man kann es erklären, man kann ihn öffnen
-und dem Menschen begreiflich machen, wie die Walzen liegen, wie sie
-gehen, und wie das eine aus dem andern folgt!«
-
-»Das sind auch unsere Gedanken!« sagten alle, und der Spielmeister
-erhielt die Erlaubnis, am nächsten Sonntage den Vogel dem Volke
-vorzuzeigen. Es sollte ihn auch singen hören, befahl der Kaiser. Und es
-hörte ihn, und es wurde so vergnügt, als ob es sich in Tee berauscht
-hätte, denn das ist chinesisch; da sagten alle: »Oh!« und hielten den
-Zeigefinger in die Höhe und nickten dazu. Die armen Fischer jedoch,
-welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: »Das klingt
-hübsch genug, die Melodien gleichen sich auch, aber es fehlt etwas, ich
-weiß nicht was!«
-
-Die wirkliche Nachtigall wurde aus dem Lande und Reiche verwiesen.
-
-Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem Seidenkissen, dicht bei des
-Kaisers Bette. Alle die Geschenke, welche er erhalten, Gold und
-Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er zu einem
-»Hochkaiserlichen Nachttisch-Sänger« gestiegen, im Range bis Nummer eins
-zur linken Seite. Denn der Kaiser rechnete die Seite für die vornehmste,
-auf der das Herz saß, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links.
-Und der Spielmeister schrieb ein Werk von fünfundzwanzig Bänden über den
-Kunstvogel; das war so gelehrt und so lang, voll von den allerschwersten
-chinesischen Wörtern, daß alle Leute sagten, sie hätten es gelesen und
-verstanden, denn sonst wären sie ja dumm gewesen und wären auf den Leib
-getrampelt worden.
-
-So ging es ein ganzes Jahr. Der Kaiser, der Hof und alle die andern
-Chinesen konnten jeden Gluck in des Kunstvogels Gesange auswendig. Aber
-gerade deshalb gefiel er ihnen jetzt am allerbesten: sie konnten selbst
-mitsingen, und das taten sie auch. Die Straßenbuben sangen: »Zizizi!
-Gluckgluckgluck!« und der Kaiser sang es ebenfalls. Ja, das war gewiß
-prächtig!
-
-Eines Abends jedoch, als der Kunstvogel am besten sang, und der Kaiser
-im Bette lag und darauf hörte, sagte es inwendig im Vogel »Schwupp«. Da
-sprang etwas! »Schnurr!« alle Räder liefen herum, und dann stand die
-Musik still.
-
-Der Kaiser sprang gleich aus dem Bette und ließ seinen Leibarzt rufen,
-aber was konnte der helfen! Dann ließen sie den Uhrmacher holen, und
-nach vielem Sprechen und Nachsehen bekam er den Vogel etwas in Ordnung,
-aber er sagte, daß er geschont werden müsse, denn die Zapfen seien
-abgenutzt, und es wäre unmöglich, neue so einzusetzen, daß die Musik
-sicher ginge. Nun war eine große Trauer! Nur einmal des Jahres durfte
-man den Kunstvogel singen lassen, und das war schon fast zu viel. Aber
-dann hielt der Spielmeister eine kleine Rede voll inhaltsschwerer Worte
-und sagte, daß es ebensogut sei, wie früher; dann war es ebensogut, wie
-früher.
-
-Jetzt waren fünf Jahre vergangen, und das Land bekam eine große Trauer.
-Die Chinesen hielten im Grunde alle auf ihren Kaiser, und jetzt war er
-krank und konnte nicht lange mehr leben, sagte man.
-
-Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand draußen auf der
-Straße und fragte den Kavalier, wie es ihrem alten Kaiser ginge.
-
-»P!« sagte er und schüttelte mit dem Kopfe.
-
-Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen, prächtigen Bette; der
-ganze Hof glaubte ihn tot, und ein jeder von ihnen lief hin, den neuen
-Kaiser zu begrüßen. Die Kammerdiener liefen hinaus, um darüber zu
-schwatzen, und die Kammermädchen hatten große Kaffeegesellschaft.
-Ringsumher in alle Säle und Gänge war Tuch gelegt, damit man keinen
-Fußtritt vernehme, und deshalb war es da still, ganz still. Aber der
-Kaiser war noch nicht tot; steif und bleich lag er in dem prächtigen
-Bette, mit den langen Samtgardinen und den schweren Goldquasten, hoch
-oben stand ein Fenster offen, und der Mond schien herein auf den Kaiser
-und den Kunstvogel.
-
-Der arme Kaiser konnte kaum atmen; es war, als ob etwas auf seiner Brust
-säße, er schlug die Augen auf, und da sah er, daß es der Tod sei, der
-auf seiner Brust saß und sich seine goldene Krone aufgesetzt hatte und
-in der einen Hand des Kaisers goldenen Säbel, in der andern seine
-prächtige Fahne hielt. Und ringsumher aus den Falten der großen, samtnen
-Bettgardinen sahen wunderbare Köpfe hervor: einige häßlich, andere
-lieblich und mild. Das waren alle des Kaisers böse und gute Taten,
-welche ihn anblickten, jetzt, da der Tod ihm auf dem Herzen saß.
-
-»Entsinnest du dich dieses?« flüsterte einer nach dem andern. »Erinnerst
-du dich dessen?« Und dann erzählten sie ihm so viel, daß ihm der Schweiß
-von der Stirne rann.
-
-»Das habe ich nicht gewußt!« sagte der Kaiser. »Musik! Musik! die große
-chinesische Trommel!« rief er, »damit ich nicht alles zu hören brauche,
-was sie sagen!«
-
-Und sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese zu allem, was
-gesagt wurde.
-
-»Musik! Musik!« schrie der Kaiser. »Du kleiner herrlicher Goldvogel!
-Singe doch, singe! Ich habe dir ja Gold und Kostbarkeiten gegeben; ich
-habe dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt, singe
-doch, singe!«
-
-Der Vogel aber stand still, es war niemand da, ihn aufzuziehen, und
-sonst sang er nicht, aber der Tod fuhr fort, den Kaiser mit seinen
-großen, hohlen Augen anzustarren, und still war es, schrecklich still!
-
-Da klang auf einmal vom Fenster her der herrlichste Gesang: es war die
-kleine, lebende Nachtigall, welche auf einem Zweige draußen saß. Sie
-hatte von der Not ihres Kaisers gehört und war deshalb gekommen, ihm
-Trost und Hoffnung zu singen. Und wie sie sang, wurden die Gespenster
-immer bleicher und bleicher, das Blut kam immer rascher und rascher in
-des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst der Tod horchte
-und sagte: »Fahre fort, kleine Nachtigall! fahre fort!«
-
-»Ja, willst du mir den prächtigen goldenen Säbel geben? Willst du mir
-die reiche Fahne geben? Willst du mir des Kaisers Krone geben?«
-
-Und der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang, und die Nachtigall fuhr
-noch fort zu singen; sie sang von dem stillen Gottesacker, wo die weißen
-Rosen wachsen, wo der Flieder duftet, und wo das frische Gras von den
-Tränen der Überlebenden befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach
-seinem Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel aus dem Fenster.
-
-»Dank, Dank!« sagte der Kaiser. »Du himmlischer kleiner Vogel! Ich kenne
-dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reiche gejagt! Und doch
-hast du die bösen Gesichter von meinem Bette weggesungen, den Tod von
-meinem Herzen weggeschafft! Wie kann ich dir lohnen?«
-
-»Du hast mich belohnt!« sagte die Nachtigall. »Ich habe deinen Augen
-Tränen entlockt, als ich das erstemal sang: das vergesse ich nie! Das
-sind Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen! Aber schlafe nun und werde
-wieder frisch und stark! Ich werde dir etwas vorsingen!«
-
-Und sie sang -- und der Kaiser fiel in einen süßen Schlummer. Ach! wie
-mild und wohltuend war der Schlaf!
-
-Die Sonne schien durch die Fenster zu ihm herein, als er gestärkt und
-gesund erwachte. Keiner von seinen Dienern war noch zurückgekehrt, denn
-sie glaubten, er sei tot, nur die Nachtigall saß noch bei ihm und sang.
-
-»Immer mußt du bei mir bleiben!« sagte der Kaiser. »Du sollst nun
-singen, wenn du selbst willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend
-Stücke.«
-
-»Tue das nicht!« sagte die Nachtigall. »Der hat ja Gutes getan, so lange
-er konnte! Behalte ihn wie bisher! Ich kann im Schlosse nicht mein Nest
-bauen und bewohnen, aber laß mich kommen, wenn ich selbst Lust habe; da
-will ich des Abends auf dem Zweige dort beim Fenster sitzen und dir
-etwas vorsingen, damit du froh werden kannst und gedankenvoll zugleich!
-Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die da leiden! Ich
-werde vom Bösen und vom Guten singen, was rings um dich her verborgen
-bleibt! Der kleine Singvogel fliegt weit umher, zu dem armen Fischer, zu
-des Landmanns Dach, zu jedem, der weit von dir und deinem Hofe entfernt
-ist! Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat die Krone
-einen Duft von etwas Heiligtum um sich! -- Ich komme, ich singe dir
-etwas vor! -- Aber eins mußt du mir versprechen.« --
-
--- »Alles!« sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht,
-die er selbst angelegt hatte, und drückte den Säbel, welcher schwer von
-Gold war, an sein Herz.
-
-»Um eins bitte ich dich! Erzähle niemand, daß du einen kleinen Vogel
-hast, der dir alles sagt, dann wird es noch besser gehen!«
-
-Da flog die Nachtigall fort.
-
-Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen -- -- ja,
-da standen sie, und der Kaiser sagte: »Guten Morgen!«
-
-
-
-
- Die kleine Seejungfer
-
-
-Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der
-schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas. Aber es ist sehr
-tief, tiefer, als irgendein Ankertau reicht, viele Kirchtürme müßten
-aufeinander gestellt werden, um vom Boden bis über das Wasser zu
-reichen. Dort unten wohnt das Meervolk.
-
-Nun muß man aber nicht glauben, daß da nur der nackte, weiße Sandboden
-sei, nein, da wachsen die sonderbarsten Bäume und Pflanzen, die so
-geschmeidig im Stiele und in den Blättern sind, daß sie sich bei der
-geringsten Bewegung des Wassers rühren, als ob sie lebten. Alle kleinen
-und großen Fische schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch wie hier oben
-die Vögel durch die Bäume. An der tiefsten Stelle liegt des Meerkönigs
-Schloß; die Mauern sind von Korallen und die langen Spitzbogenfenster
-vom klarsten Bernstein, aber das Dach bilden Muschelschalen, die sich
-öffnen und schließen, je nachdem das Wasser strömt. Es sieht herrlich
-aus, denn in jeder liegen strahlende Perlen, eine einzige davon würde
-großen Wert in der Krone einer Königin haben.
-
-Der Meerkönig dort unten war seit vielen Jahren Witwer, während seine
-alte Mutter bei ihm wirtschaftete. Sie war eine kluge Frau, aber stolz
-auf ihren Adel, deshalb trug sie zwölf Austern auf dem Schwanze, die
-andern Vornehmen aber durften nur sechs tragen. -- Sonst verdiente sie
-großes Lob, besonders weil sie viel auf die kleinen Meerprinzessinnen,
-ihre Enkelinnen, hielt. Es waren sechs schöne Kinder, aber die jüngste
-war die schönste von allen, ihre Haut so klar und so fein wie ein
-Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste See, aber ebenso wie die
-andern hatte sie keine Füße, der Körper endete in einen Fischschwanz.
-
-Den ganzen Tag konnten sie unten im Schlosse spielen, in den großen
-Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wänden hervorwuchsen. Die großen
-Bernsteinfenster wurden aufgemacht, und dann schwammen die Fische zu
-ihnen herein, wie bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir die
-Fenster aufmachen; doch die Fische schwammen zu den Prinzessinnen hin,
-fraßen aus ihren Händen und ließen sich streicheln.
-
-Draußen vor dem Schlosse war ein großer Garten mit feuerroten und
-dunkelbraunen Blumen, die Früchte strahlten wie Gold und die Blumen wie
-brennendes Feuer, indem sie fortwährend Stengel und Blätter bewegten.
-Die Erde selbst war der feinste Sand, aber blau, wie die Schwefelflamme.
-Über dem Ganzen lag ein eigentümlich blauer Schein; man hätte eher
-glauben mögen, daß man hoch in der Luft stehe und nur Himmel über und
-unter sich habe, als daß man auf dem Grunde des Meeres sei. Während der
-Windstille konnte man die Sonne erblicken, sie erschien wie eine
-Purpurblume, aus deren Kelche alles Licht strömte.
-
-Eine jede der kleinen Prinzessinnen hatte ihren kleinen Platz im Garten,
-wo sie graben und pflanzen konnte, wie es ihr gefiel. Die eine gab ihrem
-Blumenfleck die Gestalt eines Walfisches, einer andern gefiel es besser,
-daß der ihrige einem kleinen Meerweibe gleiche, aber die jüngste machte
-den ihrigen rund, der Sonne gleich, und hatte Blumen, die rot wie diese
-schienen. Sie war ein sonderbares Kind, still und nachdenkend, und wenn
-die andern Schwestern mit den merkwürdigsten Sachen, welche sie von
-gestrandeten Schiffen erhalten hatten, prunkten, wollte sie außer den
-rosenroten Blumen, die der Sonne dort oben glichen, nur eine hübsche
-Marmorstatue haben. Dies war ein herrlicher Knabe, aus weißem, klarem
-Steine gehauen, der beim Stranden auf den Meeresgrund gekommen war. Sie
-pflanzte bei der Statue eine rosenrote Trauerweide, die wuchs herrlich
-und hing mit ihren frischen Zweigen über derselben, gegen den blauen
-Sandboden herunter, wo der Schatten sich violett zeigte und gleich den
-Zweigen in Bewegung war; es sah aus, als ob die Spitze und die Wurzeln
-miteinander spielten, als wollten sie sich küssen.
-
-Es gab keine größere Freude für sie, als von der Menschenwelt zu hören;
-die Großmutter mußte alles, was sie von Schiffen und Städten, Menschen
-und Tieren wußte, erzählen, hauptsächlich erschien ihr besonders schön,
-daß oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn das taten sie auf dem
-Grunde des Meeres nicht, und daß die Wälder grün wären, und daß die
-Fische, die man dort zwischen den Bäumen erblickte, laut und herrlich
-singen könnten, daß es eine Lust sei. Es waren die kleinen Vögel, welche
-die Großmutter Fische nannte, denn sonst konnten sie sich nicht
-verstehen, da sie noch keinen Vogel gesehen hatten.
-
-»Wenn ihr euer fünfzehntes Jahr erreicht habt,« sagte die Großmutter,
-»dann sollt ihr die Erlaubnis erhalten, aus dem Meere emporzutauchen, im
-Mondenscheine auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe
-vorbeisegeln zu sehen. Wälder und Städte werdet ihr dann erblicken!« In
-dem kommenden Jahre war die eine der Schwestern fünfzehn Jahre alt, aber
-von den andern war die eine immer ein Jahr jünger als die andere; die
-jüngste von ihnen hatte demnach noch volle fünf Jahre zu warten, bevor
-sie von dem Grunde des Meeres hinaufkommen und sehen konnte, wie es bei
-uns aussehe. Aber die eine versprach der andern, zu erzählen, was sie
-erblickt und was sie am ersten Tage am schönsten gefunden habe, denn
-ihre Großmutter erzählte ihnen nicht genug, da war so vieles, worüber
-sie Auskunft haben wollten.
-
-Keine war sehnsüchtiger als die jüngste, gerade sie, die noch die
-längste Zeit zu warten hatte und die stets still und gedankenvoll war.
-Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah durch das dunkelblaue
-Wasser empor, wie die Fische mit ihren Flossen und Schwänzen
-plätscherten. Mond und Sterne konnte sie sehen, freilich schienen diese
-ganz bleich, aber durch das Wasser sahen sie größer aus als vor unsern
-Augen. Zog dann etwas, einer schwarzen Wolke gleich, unter ihr hin, so
-wußte sie, daß es entweder ein Walfisch sei, der über ihr schwamm, oder
-ein Schiff mit vielen Menschen; die dachten sicher nicht daran, daß eine
-leibliche, kleine Seejungfer unten stehe und ihre weißen Hände gegen den
-Kiel emporstreckte.
-
-Nun war die älteste Prinzessin fünfzehn Jahre alt und durfte über die
-Meeresfläche emporsteigen.
-
-Als sie zurückkam, hatte sie Hunderterlei zu erzählen, aber das
-Schönste, sagte sie, sei, im Mondenschein auf einer Sandbank in der
-ruhigen See zu liegen und die nahgelegene Küste mit der großen Stadt zu
-betrachten, wo die Lichter gleich hundert Sternen blinken, die Musik,
-das Lärmen und Toben von Wagen und Menschen zu hören, die vielen
-Kirchtürme zu sehen und das Läuten der Glocken zu vernehmen.
-
-Oh! wie horchte die jüngste Schwester auf, und wenn sie später abends am
-offenen Fenster stand und durch das dunkelblaue Wasser emporblickte,
-gedachte sie der großen Stadt mit dem Lärmen und Toben, dann glaubte
-sie, die Kirchenglocken bis zu sich herunter läuten hören zu können.
-
-Im folgenden Jahre erhielt die zweite Schwester die Erlaubnis, aus dem
-Wasser emporzusteigen und zu schwimmen, wohin sie wolle. Sie tauchte
-auf, als die Sonne unterging, und dieser Anblick, fand sie, sei das
-Schönste. Der ganze Himmel habe wie Gold ausgesehen, und die Schönheit
-der Wolken konnte sie nicht genug beschreiben! Rot und violett waren sie
-über ihr dahingesegelt, aber weit schneller als diese flog einem langen
-weißen Schleier gleich ein Schwarm wilder Schwäne über das Wasser hin,
-wo die Sonne stand. Sie schwamm derselben entgegen, aber die Sonne sank,
-und der Rosenschein erlosch auf der Meeresfläche und in den Wolken.
-
-Das Jahr darauf kam die dritte Schwester hinauf. Sie war die dreisteste
-von allen, deshalb schwamm sie einen breiten Fluß, der in das Meer
-mündete, aufwärts. Herrliche, grüne Hügel mit Weinranken erblickte sie,
-Schlösser und Burgen schimmerten aus prächtigen Wäldern hervor, sie
-hörte, wie alle Vögel sangen, und die Sonne schien so warm, daß sie oft
-unter das Wasser tauchen mußte, um ihr brennendes Antlitz abzukühlen. In
-einer kleinen Bucht traf sie einen Schwarm kleiner Menschenkinder. Diese
-waren völlig nackt und plätscherten im Wasser, sie wollte mit ihnen
-spielen, aber die flohen erschrocken davon, und es kam ein kleines,
-schwarzes Tier, ein Hund -- aber sie hatte nie einen Hund gesehen -- der
-bellte sie so schrecklich an, daß sie ängstlich die offene See zu
-erreichen suchte. Doch nie konnte sie die prächtigen Wälder, die grünen
-Hügel und die niedlichen Kinder vergessen, die im Wasser schwimmen
-konnten, obgleich sie keinen Fischschwanz hatten.
-
-Die vierte Schwester war nicht so dreist, sie blieb draußen im wilden
-Meer und erzählte, daß es dort am schönsten sei! Man sieht ringsumher
-viele Meilen weit, und der Himmel stehe wie eine Glasglocke darüber.
-Schiffe hatte sie gesehen, aber nur aus weiter Ferne, die sahen wie
-Möwen aus; die possierlichen Delphine hatten Purzelbäume geschlagen, und
-die großen Walfische aus ihren Nasenlöchern Wasser emporgespritzt, so
-daß es ausgesehen hatte, wie Hunderte von Springbrunnen ringsumher.
-
-Nun kam die Reihe an die fünfte Schwester, ihr Geburtstag war im Winter,
-und deshalb erblickte sie, was die andern das erstemal nicht gesehen
-hatten. Die See sah ganz grün aus, und rings umher schwammen große
-Eisberge, ein jeder erschien wie eine Perle, sagte sie, und war doch
-weit größer als die Kirchtürme, welche die Menschen bauen. Sie zeigten
-sich in den sonderbarsten Gestalten und glänzten wie Diamanten. Sie
-hatte sich auf einen der größten gesetzt, und alle Segler kreuzten
-erschrocken draußen herum, wo sie saß und den Wind mit ihren langen
-Haaren spielen ließ, aber gegen Abend wurde der Himmel mit Wolken
-überzogen, es blitzte und donnerte, während die schwarze See die großen
-Eisblöcke hoch emporhob und sie im roten Blitze erglänzen ließ. Auf
-allen Schiffen reffte man die Segel ein, da war eine Angst und ein
-Grauen. Aber sie saß ruhig auf ihrem schwimmenden Eisberge und sah die
-blauen Blitzstrahlen im Zickzack in die schimmernde See fahren.
-
-Das erstemal, wenn eine der Schwestern über das Wasser emporkam, war
-eine jede entzückt über das Neue und Schöne, was sie erblickte, aber da
-sie nun als erwachsene Mädchen die Erlaubnis hatten, hinaufzusteigen,
-wann sie wollten, wurde es ihnen gleichgültig. Sie sehnten sich wieder
-zurück, und nach Verlauf eines Monats sagten sie, daß es unten bei ihnen
-am schönsten sei, da sei man so hübsch zu Hause.
-
-In mancher Abendstunde faßten die fünf Schwestern einander an den Armen
-und stiegen in einer Reihe über das Wasser auf, herrliche Stimmen hatten
-sie, schöner denn irgendein Mensch, und wenn dann ein Sturm im Anzuge
-war, so daß sie vermuten konnten, es würden Schiffe untergehen,
-schwammen sie vor den Schiffen her und sangen so lieblich, wie schön es
-auf dem Grunde des Meeres sei, und baten die Seeleute, sich nicht zu
-fürchten, da hinunterzukommen. Aber die konnten die Worte nicht
-verstehen und glaubten, es sei der Sturm, sie bekamen auch die
-Herrlichkeit dort unten nicht zu sehen, denn wenn das Schiff sank, so
-ertranken die Menschen und kamen als Leichen zu des Meerkönigs Schlosse.
-
-Wenn die Schwestern so des Abends, Arm in Arm, hoch durch das Wasser
-hinaufstiegen, dann stand die kleinste Schwester allein und sah ihnen
-nach, und es war ihr, als ob sie weinen müßte, aber die Seejungfer hat
-keine Tränen, und darum leidet sie weit mehr.
-
-»Ach, wäre ich doch fünfzehn Jahre alt!« sagte sie. »Ich weiß, daß ich
-die Welt dort oben und die Menschen, die darauf wohnen und hausen, recht
-lieben werde.«
-
-Endlich war sie denn fünfzehn Jahre alt.
-
-»Sieh, nun bist du erwachsen!« sagte die Großmutter, die alte
-Königswitwe. »Komm nun, laß mich dich schmücken, gleich deinen andern
-Schwestern!« Sie setzte ihr einen Kranz weißer Lilien auf das Haar, aber
-jedes Blatt in der Blume war die Hälfte einer Perle, und die Alte ließ
-acht große Austern im Schweife der Prinzessin sich festklemmen, um ihren
-hohen Rang zu zeigen.
-
-»Das tut so weh!« sagte die kleine Seejungfer.
-
-»Ja, Hoffart muß Zwang leiden!« sagte die Alte.
-
-Oh, sie hätte so gern alle diese Pracht abschütteln und den schweren
-Kranz ablegen mögen, ihre roten Blumen im Garten kleideten sie besser,
-aber sie konnte es nun nicht ändern. »Lebt wohl!« sprach sie, und sie
-stieg dann leicht und klar gleich einer Blase aus dem Wasser auf.
-
-Die Sonne war eben untergegangen, als sie den Kopf über das Wasser
-erhob, aber alle Wolken glänzten noch wie Rosen und Gold und inmitten
-der bleichroten Luft strahlte der Abendstern so hell und schön, die Luft
-war mild und frisch und das Meer ruhig. Da lag ein großes Schiff mit
-drei Masten, nur ein einziges Segel war aufgezogen, denn es regte sich
-kein Lüftchen, und ringsumher im Tauwerk und auf den Rahen saßen die
-Matrosen. Da war Musik und Gesang, und als es dunkelte, wurden Hunderte
-von bunten Laternen angezündet, die sahen aus, als ob aller Nationen
-Flaggen in der Luft wehten. Die kleine Seejungfer schwamm bis zum
-Kajütenfenster, und jedesmal, wenn das Wasser sie emporhob, konnte sie
-durch die spiegelhellen Fensterscheiben hineinblicken, wo viele geputzte
-Menschen standen. Aber der schönste war doch der junge Prinz mit den
-großen, schwarzen Augen, er war sicher nicht viel über sechzehn Jahre
-alt, es war sein Geburtstag, und deshalb herrschte all diese Pracht. Die
-Matrosen tanzten auf dem Verdecke, und als der junge Prinz hinaustrat,
-stiegen über hundert Raketen in die Luft, die leuchteten wie der helle
-Tag, so daß die kleine Seejungfer schon erschrak und unter das Wasser
-tauchte, aber sie streckte bald den Kopf wieder hervor, und da war es,
-als ob alle Sterne des Himmels zu ihr herunterfielen. Nie hatte sie
-solche Feuerkünste gesehen! Große Sonnen sprühten umher, prächtige
-Feuerfische flogen in die blaue Luft, und alles spiegelte sich in der
-klaren, stillen See. Auf dem Schiffe selbst war es so hell, daß man
-jedes kleine Tau, wie viel mehr also die Menschen sehen konnte. Oh, wie
-schön war doch der junge Prinz, er drückte den Leuten die Hand und
-lächelte, während die Musik in der herrlichen Nacht erklang.
-
-Es wurde spät, aber die kleine Seejungfer konnte ihre Augen nicht von
-dem Schiffe und vom schönen Prinzen wegwenden. Die bunten Laternen
-wurden ausgelöscht, Raketen stiegen nicht mehr in die Höhe, es ertönten
-auch keine Kanonenschüsse mehr, aber tief unten im Meere summte und
-brummte es, inzwischen saß sie auf dem Wasser und schaukelte auf und
-nieder, so daß sie in die Kajüte hineinblicken konnte. Aber das Schiff
-bekam mehr Fahrt, ein Segel nach dem andern breitete sich aus, nun
-gingen die Wogen stärker, große Wolken zogen auf, es blitzte in der
-Ferne. Oh, es wird ein böses Wetter werden! Deshalb zogen die Matrosen
-die Segel ein. Das große Schiff schaukelte in fliegender Fahrt auf der
-wilden See, das Wasser erhob sich wie große schwarze Berge, die über die
-Masten rollen wollten, aber das Schiff tauchte wie ein Schwan zwischen
-den hohen Wogen nieder und ließ sich wieder auf die hochgetürmten Wasser
-heben. Der kleinen Seejungfer dünkte es eine recht lustige Fahrt zu
-sein, aber so erschien es den Seeleuten nicht, das Schiff knackte und
-krachte, die dicken Planken bogen sich bei den starken Stößen, die See
-stürzte in das Schiff hinein, der Mast brach mitten durch, als ob es ein
-Rohr wäre, und das Schiff legte sich auf die Seite, während das Wasser
-in den Raum eindrang. Nun sah die kleine Seejungfer, daß sie in Gefahr
-waren, sie mußte sich selbst vor den Balken und Stücken vom Schiffe, die
-auf dem Wasser trieben, in acht nehmen. Einen Augenblick war es so
-finster, daß sie nicht das mindeste sah, aber wenn es dann blitzte,
-wurde es wieder so hell, daß sie alle auf dem Schiffe erkennen konnte,
-besonders suchte sie den jungen Prinzen, und sie sah ihn, als das Schiff
-sich teilte, in das tiefe Meer versinken. Sogleich wurde sie ganz
-vergnügt, denn nun kam er zu ihr hinunter. Aber da gedachte sie, daß die
-Menschen nicht im Wasser leben können, und daß er nicht anders als tot
-zum Schlosse ihres Vaters hinunter gelangen könnte. Nein, sterben durfte
-er nicht, deshalb schwamm sie hin zwischen Balken und Planken, die auf
-der See trieben und vergaß völlig, daß diese sie hätten zerquetschen
-können. Sie tauchte tief unter das Wasser und stieg wieder hoch zwischen
-den Wogen empor und gelangte am Ende so zu dem Prinzen hin, der nicht
-länger in der stürmischen See schwimmen konnte. Seine Arme und Beine
-begannen zu ermatten, die schönen Augen schlossen sich, er hätte sterben
-müssen, wäre die kleine Seejungfer nicht herzugekommen. Sie hielt seinen
-Kopf über das Wasser empor und ließ sich dann mit ihm von den Wogen
-treiben, wohin sie wollten.
-
-Am Morgen war das böse Wetter vorüber, von dem Schiffe war kein Span zu
-erblicken, die Sonne stieg rot und glänzend aus dem Wasser empor, es
-war, als ob des Prinzen Wangen Leben dadurch erhielten, aber die Augen
-blieben geschlossen. Die Seejungfer küßte seine hohe, schöne Stirn und
-strich sein nasses Haar zurück, er kam ihr vor wie die Marmorstatue in
-ihrem kleinen Garten, sie küßte ihn wieder und wünschte, daß er lebte.
-
-Nun erblickte sie vor sich das feste Land, hohe, blaue Berge, auf deren
-Gipfeln der weiße Schnee glänzte, als wären es Schwäne, die dort lägen.
-Unten an der Küste waren herrliche, grüne Wälder, und vorn lag eine
-Kirche oder ein Kloster, das wußte sie nicht recht, aber ein Gebäude war
-es. Zitronen- und Apfelsinenbäume wuchsen im Garten, und vor dem Tore
-standen hohe Palmen. Die See bildete hier eine kleine Bucht, da war sie
-still, aber sehr tief. Gerade auf die Klippe zu, wo der weiße, feine
-Sand aufgespült war, schwamm sie mit dem schönen Prinzen, legte ihn in
-den Sand, sorgte aber besonders dafür, daß der Kopf hoch im warmen
-Sonnenscheine lag.
-
-Nun läuteten alle Glocken in dem großen, weißen Gebäude, und es kamen
-viele junge Mädchen durch den Garten. Da schwamm die kleine Seejungfer
-weiter hinaus hinter einige große Steine, die aus dem Wasser
-hervorragten, legte Seeschaum auf ihr Haar und ihre Brust, so daß
-niemand ihr kleines Gesicht sehen konnte, und dann paßte sie auf, wer zu
-dem armen Prinzen kommen würde.
-
-Es währte nicht lange, da kam ein junges Mädchen dorthin, sie schien
-sehr zu erschrecken, aber nur einen Augenblick, dann holte sie mehrere
-Menschen, und die Seejungfer sah, daß der Prinz zum Leben zurückkam und
-daß er alle anlächelte. Aber ihr lächelte er nicht zu, er wußte ja auch
-nicht, daß sie ihn gerettet hatte, sie war sehr betrübt, und als er in
-das große Gebäude hineingeführt wurde, tauchte sie traurig unter das
-Wasser und kehrte zum Schlosse ihres Vaters zurück.
-
-Immer war sie still und nachdenkend gewesen, aber nun wurde sie es noch
-weit mehr. Die Schwestern fragten sie, was sie das erstemal dort oben
-gesehen habe, aber sie erzählte nichts.
-
-Manchen Abend und Morgen stieg sie hinauf, wo sie den Prinzen verlassen
-hatte. Sie sah, wie die Früchte des Gartens reiften und abgepflückt
-wurden, sie sah, wie der Schnee auf den hohen Bergen schmolz, aber den
-Prinzen erblickte sie nicht, und deshalb kehrte sie immer betrübter
-heim. Da war es ihr einziger Trost, in ihrem kleinen Garten zu sitzen
-und die Arme um die schöne Marmorstatue zu schlingen, die dem Prinzen
-glich, aber ihre Blumen pflegte sie nicht, die wuchsen wie in einer
-Wildnis über die Gänge hinaus und flochten ihre langen Stiele und
-Blätter in die Zweige der Bäume hinein, so daß es dort dunkel war.
-
-Zuletzt konnte sie es nicht länger aushalten, sondern sagte es einer
-ihrer Schwestern, und gleich erfuhren es die andern, aber niemand weiter
-als diese und einige andere Seejungfern, die es nur ihren nächsten
-Freundinnen weiter sagten. Eine von ihnen wußte, wer der Prinz war, sie
-hatte auch das Fest auf dem Schiffe gesehen und gab an, woher er war und
-wo sein Königreich lag.
-
-»Komm, kleine Schwester!« sagten die andern Prinzessinnen und sich
-umschlungen haltend, stiegen sie in einer langen Reihe aus dem Meere
-empor, wo sie wußten, daß des Prinzen Schloß lag.
-
-Dieses war aus einer hellgelben, glänzenden Steinart aufgeführt, mit
-großen Marmortreppen, deren eine in das Meer hinunterreichte. Prächtig
-vergoldete Kuppeln erhoben sich über das Dach, und zwischen den Säulen
-um das ganze Gebäude herum standen Marmorbilder, die aussahen, als
-lebten sie. Durch das klare Glas in den hohen Fenstern blickte man in
-die prächtigen Säle hinein, wo köstliche Seidengardinen und Teppiche
-aufgehängt und alle Wände mit großen Gemälden verziert waren, so daß es
-ein wahres Vergnügen war, es zu betrachten. Mitten in dem größten Saale
-plätscherte ein großer Springbrunnen, seine Strahlen reichten hoch
-hinauf gegen die Glaskuppel in der Decke, durch welche die Sonne auf das
-Wasser und die schönen Pflanzen schien, die im großen Bassin wuchsen.
-
-Nun wußte sie, wo er wohnte, und dort war sie manchen Abend und manche
-Nacht auf dem Wasser. Sie schwamm dem Lande weit näher, als eine der
-andern es gewagt hätte, ja, sie ging den schmalen Kanal hinauf, unter
-den prächtigen Marmoraltan, welcher einen großen Schatten über das
-Wasser warf. Hier saß sie und betrachtete den jungen Prinzen, der da
-glaubte, er sei ganz allein in dem hellen Mondschein.
-
-Sie sah ihn manchen Abend mit Musik in seinem prächtigen Boote segeln,
-auf dem Flaggen wehten; sie lauschte durch das grüne Schilf hervor, und
-ergriff der Wind ihren langen silberweißen Schleier, und sah jemand ihn,
-so glaubte er, es sei ein Schwan, der die Flügel ausbreite.
-
-Sie hörte in mancher Nacht, wenn die Fischer mit Fackeln auf der See
-waren, viel Gutes von dem jungen Prinzen erzählen, und es freute sie,
-daß sie sein Leben gerettet hatte, als er halbtot auf den Wogen
-umhertrieb, sie dachte daran, wie fest sein Haupt auf ihrem Busen
-geruht, und wie herzlich sie ihn da geküßt hatte, er aber wußte nichts
-davon und konnte nicht einmal von ihr träumen.
-
-Mehr und mehr fing sie an, die Menschen zu lieben, mehr und mehr
-wünschte sie, unter ihnen umherwandeln zu können, deren Welt ihr weit
-großer zu sein schien als die ihrige. Sie konnten ja auf Schiffen über
-das Meer fliegen, auf den hohen Bergen über die Wolken emporsteigen, und
-die Länder, die sie besaßen, erstreckten sich mit Wäldern und Feldern
-weiter, als ihre Blicke reichten. Da war so vieles, was sie zu wissen
-wünschte: aber die Schwestern wußten ihr nicht alles zu beantworten,
-deshalb fragte sie die Großmutter, diese kannte die höhere Welt recht
-gut, die sie sehr richtig die Länder über dem Meere nannte.
-
-»Wenn die Menschen nicht ertrinken,« fragte die kleine Seejungfer,
-»können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht, wie wir hier unten im
-Meere?«
-
-»Ja,« sagte die Alte, »sie müssen auch sterben, und ihre Lebenszeit ist
-sogar noch kürzer als die unsere. Wir können dreihundert Jahre alt
-werden, aber wenn wir dann aufhören, hier zu sein, so werden wir nur in
-Schaum auf dem Wasser verwandelt, haben nicht einmal ein Grab hier unten
-unter unsern Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele, wir erhalten
-nie wieder Leben, wir sind gleich dem grünen Schilfe, ist das einmal
-durchgeschnitten, so kann es nicht wieder grünen! Die Menschen hingegen
-haben eine Seele, die ewig lebt, die noch lebt, nachdem der Körper zur
-Erde geworden ist, sie steigt durch die klare Luft empor, hinauf zu den
-glänzenden Sternen! So wie wir aus dem Wasser auftauchen und die Länder
-der Welt erblicken, so steigen sie zu unbekannten, herrlichen Orten auf,
-die wir nie zu sehen bekommen.«
-
-»Weshalb bekamen wir keine unsterbliche Seele?« fragte die kleine
-Seejungfer betrübt. »Ich möchte meine Hunderte von Jahren, die ich zu
-leben habe, dafür geben, um nur einen Tag Mensch zu sein und dann hoffen
-zu können, Anteil an der himmlischen Welt zu haben.«
-
-»Daran darfst du nicht denken!« sagte die Alte. »Wir fühlen uns weit
-glücklicher und besser wie die Menschen dort oben!«
-
-»Ich werde also sterben und als Schaum auf dem Meere treiben, nicht die
-Musik der Wogen hören, die schönen Blumen und die rote Sonne sehen? Kann
-ich denn gar nichts tun, um eine unsterbliche Seele zu gewinnen?« --
-
-»Nein!« sagte die Alte. »Nur wenn ein Mensch dich so lieben würde, daß
-du ihm mehr als Vater und Mutter wärest, wenn er mit all seinem Denken
-und all seiner Liebe an dir hinge und den Prediger seine rechte Hand in
-die deinige, mit dem Versprechen der Treue hier und in alle Ewigkeit,
-legen ließe, dann flösse seine Seele in deinen Körper über, und auch du
-erhieltest Anteil an der Glückseligkeit der Menschen. Er gäbe dir Seele
-und behielte doch seine eigene. Aber das kann nie geschehen! Was hier im
-Meere schön ist, dein Fischschwanz, finden sie dort auf der Erde
-häßlich; sie verstehen es eben nicht besser, man muß dort zwei plumpe
-Stützen haben, die sie Beine nennen, um schön zu sein!«
-
-Da seufzte die kleine Seejungfer und sah betrübt auf ihren Fischschwanz.
-
-»Laß uns froh sein,« sagte die Alte, »hüpfen und springen wollen wir in
-den dreihundert Jahren, die wir zu leben haben, das ist wahrlich lang
-genug, später kann man sich um so besser ausruhen. Heute abend werden
-wir Hofball haben!«
-
-Das war auch eine Pracht, wie man sie nie auf Erden erblickt. Die Wände
-und die Decke des großen Tanzsaales waren von dickem, aber
-durchsichtigem Glase. Mehrere hundert kolossale Muschelschalen,
-rosenrote und grasgrüne, standen zu jeder Seite in Reihen mit einem blau
-brennenden Feuer, welches den ganzen Saal erleuchtete und durch die
-Wände hindurchschien, so daß die See draußen erleuchtet war, man konnte
-die unzähligen Fische sehen, große und kleine, die gegen die Glasmauern
-schwammen, auf einigen glänzten die Schuppen purpurrot, auf andern
-erschienen sie wie Silber und Gold. -- Mitten durch den Saal floß ein
-breiter Strom, und auf diesem tanzten die Meermänner und Meerweibchen zu
-ihrem eigenen, lieblichen Gesange. So schöne Stimmen haben die Menschen
-auf der Erde nicht. Die kleine Seejungfer sang am schönsten von ihnen
-allen, und der ganze Hof applaudierte mit Händen und Schwänzen, und
-einen Augenblick fühlte sie eine Freude in ihrem Herzen, denn sie wußte,
-daß sie die schönste Stimme von allen auf der Erde und im Meere hatte!
-Aber bald gedachte sie wieder der Welt über sich; sie konnte den
-hübschen Prinzen und ihren Kummer, daß sie keine unsterbliche Seele wie
-er besitze, nicht vergessen. Deshalb schlich sie sich aus ihres Vaters
-Schlosse hinaus, und während alles drinnen Gesang und Frohsinn war, saß
-sie betrübt in ihrem kleinen Garten. Da hörte sie das Waldhorn durch das
-Wasser ertönen und dachte: »Nun segelt er sicher dort oben, an dem meine
-Sinne hangen und in dessen Hand ich meines Lebens Glück legen möchte.
-Alles will ich wagen, um ihn und eine unsterbliche Seele zu gewinnen!
-Während meine Schwestern dort in meines Vaters Schlosse tanzen, will ich
-zur Meerhexe gehen, vor der mir immer so bange gewesen ist, aber sie
-kann vielleicht raten und helfen!«
-
-Nun ging die kleine Seejungfer aus ihrem Garten hinaus nach den
-brausenden Strudeln, hinter denen die Hexe wohnte. Den Weg hatte sie
-früher nie zurückgelegt. Da wuchsen keine Blumen, kein Seegras, nur der
-nackte, graue Sandboden erstreckte sich gegen den Strudel hin, wo das
-Wasser gleich brausenden Mühlrädern herumwirbelte und alles, was er
-erfaßte, mit sich in die Tiefe riß. Mitten zwischen diesen zermalmenden
-Wirbeln mußte sie hindurch, um in das Bereich der Meerhexe zu gelangen:
-und hier war eine lange Strecke kein anderer Weg als über warmen,
-sprudelnden Schlamm, diesen nannte die Hexe ihren Torfmoor. Dahinter lag
-ihr Haus mitten in einem seltsamen Walde, alle Bäume und Büsche waren
-Polypen, halb Tier und halb Pflanze, sie sahen aus wie hundertköpfige
-Schlangen, die aus der Erde hervorwuchsen; alle Zweige waren lange,
-schleimige Arme mit Fingern wie geschmeidige Würmer, und Glied vor Glied
-bewegte sich, von der Wurzel bis zur äußersten Spitze. Alles, was sie im
-Meere erfassen konnten, umschlangen sie fest und ließen es nie wieder
-fahren. Die kleine Seejungfer blieb vor demselben ganz erschrocken
-stehen. Ihr Herz pochte vor Furcht, fast wäre sie umgekehrt, aber da
-dachte sie an den Prinzen und an die Seele der Menschen, und nun bekam
-sie Mut. Ihr langes, fliegendes Haar band sie fest um das Haupt, damit
-die Polypen sie nicht daran ergreifen möchten, beide Hände legte sie
-über ihrer Brust zusammen und schoß so dahin, wie nur der Fisch durch
-das Wasser schießen kann, immer zwischen den häßlichen Polypen hindurch,
-die ihre geschmeidigen Arme und Finger hinter ihr her streckten. Sie
-sah, wie jeder von ihnen etwas, was er ergriffen hatte, mit Hunderten
-von kleinen Armen hielt. Menschen, die auf der See umgekommen und tief
-hinunter gesunken waren, sahen wie weiße Gerippe aus der Polypen Arme
-hervor. Schiffsruder und Kisten hielten sie fest, auch Skelette von
-Landtieren und ein kleines Meerweib, welches sie gefangen und erstickt
-hatten: das war ihr das Schrecklichste.
-
-Nun kam sie zu einem großen, sumpfigen Platze im Walde, wo große, fette
-Wasserschlangen sich wälzten und ihren häßlichen, weißgelben Bauch
-zeigten. Mitten auf dem Platze war ein Haus von weißen Knochen
-ertrunkener Menschen errichtet, da saß die Meerhexe und ließ eine Kröte
-aus ihrem Munde fressen, wie die Menschen einem kleinen Kanarienvogel
-Zucker zu essen geben. Die häßlichen, fetten Wasserschlangen nannte sie
-ihre kleinen Küchlein und ließ sie sich auf ihrer großen schwammigen
-Brust wälzen.
-
-»Ich weiß schon, was du willst!« sagte die Meerhexe. »Es ist zwar dumm
-von dir, doch sollst du deinen Willen haben, denn er wird dich ins
-Unglück stürzen, meine schöne Prinzessin. Du willst gern deinen
-Fischschwanz los sein und statt dessen zwei Stützen wie die Menschen zum
-Gehen haben, damit der junge Prinz sich in dich verliebt und du ihn und
-eine unsterbliche Seele erhalten kannst!« Dabei lachte die Hexe laut und
-widerlich, so daß die Kröte und die Schlangen auf die Erde fielen, wo
-sie sich wälzten. »Du kommst gerade zur rechten Zeit,« sagte die Hexe,
-»morgen, wenn die Sonne aufgeht, könnte ich dir nicht helfen, bis wieder
-ein Jahr um wäre. Ich werde dir einen Trank bereiten, mit dem mußt du,
-bevor die Sonne aufgeht, nach dem Lande schwimmen, dich dort ans Ufer
-setzen und ihn trinken! dann verschwindet dein Schwanz und schrumpft zu
-dem, was die Menschen niedliche Beine nennen, zusammen, aber es tut weh;
-es ist, als ob ein scharfes Schwert dich durchdränge. Alle, die dich
-sehen, werden sagen, du seiest das schönste Menschenkind, das sie
-gesehen hätten. Du behältst deinen schwebenden Gang, keine Tänzerin kann
-sich so leicht bewegen wie du, aber jeder Schritt, den du machst, ist,
-als ob du auf scharfe Messer trätest, als ob dein Blut fließen müßte.
-Willst du alles dieses leiden, so werde ich dir helfen!«
-
-»Ja!« sagte die kleine Seejungfer mit bebender Stimme, und gedachte des
-Prinzen und der unsterblichen Seele.
-
-»Aber bedenke,« sagte die Hexe, »hast du erst menschliche Gestalt
-bekommen, so kannst du nie wieder eine Seejungfer werden! Du kannst nie
-durch das Wasser zu deinen Schwestern und zum Schlosse deines Vaters
-zurück, und gewinnst du des Prinzen Liebe nicht so, daß er um
-deinetwillen Vater und Mutter vergißt, an dir mit Leib und Seele hängt
-und den Priester eure Hände ineinander legen läßt, daß ihr Mann und Frau
-werdet, so bekommst du keine unsterbliche Seele! Am ersten Morgen,
-nachdem er mit einer andern verheiratet ist, wird dein Herz brechen, und
-du wirst zu Schaum auf dem Wasser.«
-
-»Ich will es«, sagte die kleine Seejungfer und war bleich wie der Tod.
-
-»Aber mich mußt du auch bezahlen!« sagte die Hexe, »und es ist nicht
-wenig, was ich verlange. Du hast die schönste Stimme von allen hier auf
-dem Grunde des Meeres, damit glaubst du wohl, ihn bezaubern zu können,
-aber die Stimme mußt du mir geben. Das beste, was du besitzest, will ich
-für meinen köstlichen Trank haben! Mein eigen Blut muß ich dir ja geben,
-damit der Trank scharf wird wie ein zweischneidig Schwert!«
-
-»Aber wenn du meine Stimme nimmst,« sagte die kleine Seejungfer, »was
-bleibt mir dann übrig?«
-
-»Deine schöne Gestalt,« sagte die Hexe, »dein schwebender Gang und deine
-sprechenden Augen, damit kannst du schon ein Menschenherz betören. Nun,
-hast du den Mut verloren? Strecke deine kleine Zunge hervor, dann
-schneide ich sie an Zahlungs Statt ab, und du erhältst den kräftigen
-Trank!«
-
-»Es geschehe!« sagte die kleine Seejungfer, und die Hexe setzte ihren
-Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. »Reinlichkeit ist eine schöne
-Sache!« sagte sie und scheuerte den Kessel mit den Schlangen ab, die sie
-zu einem langen Knoten band, dann ritzte sie selbst die Brust und ließ
-ihr schwarzes Blut hineintröpfeln. Der Dampf bildete die sonderbarsten
-Gestalten, so daß einem angst und bange werden mußte. Jeden Augenblick
-warf die Hexe neue Sachen in den Kessel, und als er kochte, war es, als
-ob ein Krokodil weinte. Endlich war der Trank fertig, er sah wie das
-klarste Wasser aus.
-
-»Da hast du ihn!« sagte die Hexe und schnitt der kleinen Seejungfer die
-Zunge ab, die nun stumm war und weder singen noch sprechen konnte.
-
-»Sollten die Polypen dich ergreifen, wenn du durch meinen Wald
-zurückgehst,« sagte die Hexe, »so wirf nur einen einzigen Tropfen dieses
-Getränkes auf sie, davon zerspringen ihre Arme und Finger in tausend
-Stücke!« Aber das brauchte die kleine Seejungfer nicht zu tun, die
-Polypen zogen sich erschrocken zurück, da sie den glänzenden Trank
-erblickten, der in ihrer Hand leuchtete, als sei er ein funkelnder
-Stern. So kam sie schnell durch den Wald, das Moor und die brausenden
-Strudel.
-
-Sie konnte ihres Vaters Schloß sehen, die Fackeln waren in dem großen
-Tanzsaale erloschen, sie schliefen sicher alle drinnen, aber sie wagte
-doch nicht, sie aufzusuchen, jetzt da sie stumm war und sie auf immer
-verlassen wollte. Es war, als ob ihr Herz vor Trauer zerspringen sollte.
-Sie schlich in den Garten, nahm eine Blume von jedem Blumenbeete ihrer
-Schwestern, warf Tausende von Kußhändchen dem Schlosse zu und stieg
-durch die dunkelblaue See hinauf.
-
-Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie des Prinzen Schloß
-erblickte und die breite Marmortreppe hinaufstieg. Der Mond schien
-herrlich klar. Die kleine Seejungfer trank den brennenden, scharfen
-Trank, und es war, als ging ein zweischneidiges Schwert durch ihren
-feinen Körper, sie fiel dabei in Ohnmacht und lag wie tot da. Als die
-Sonne über die See schien, erwachte sie und fühlte einen schneidenden
-Schmerz, aber gerade vor ihr stand der schöne junge Prinz, er heftete
-seine schwarzen Augen auf sie, so daß sie die ihrigen niederschlug und
-wahrnahm, daß ihr Fischschwanz fort war und sie die niedlichsten weißen
-Beine hatte, die nur ein Mädchen haben kann. Aber sie war nackt, deshalb
-hüllte sie sich in ihr langes Haar ein. Der Prinz fragte, wer sie sei
-und wie sie hierher gekommen wäre, und sie sah ihn mild und doch gar
-betrübt mit ihren dunkelblauen Augen an, sprechen konnte sie ja nicht.
-Da nahm er sie bei der Hand und führte sie in das Schloß hinein. Jeder
-Schritt, den sie tat, war, wie die Hexe im voraus gesagt hatte, als
-trete sie auf spitze Nadeln und Messer, aber das ertrug sie gern; an des
-Prinzen Hand schritt sie so leicht einher wie eine Seifenblase, und er
-sowie alle wunderten sich über ihren lieblichen, schwebenden Gang.
-
-Sie bekam nun herrliche Kleider von Seide und Musselin anzuziehen, im
-Schlosse war sie die Schönste von allen, aber sie war stumm, konnte
-weder singen noch sprechen. Herrliche Sklavinnen, in Seide und Gold
-gekleidet, traten auf und sangen vor dem Prinzen und seinen königlichen
-Eltern, die eine sang schöner als alle andern, und der Prinz klatschte
-in die Hände und lächelte sie an. Da wurde die kleine Seejungfer
-betrübt, sie wußte, daß sie selbst weit schöner gesungen hatte und
-dachte: »Oh, er sollte nur wissen, daß ich, um bei ihm zu sein, meine
-Stimme für alle Ewigkeit hingegeben habe.«
-
-Nun tanzten die Sklavinnen niedliche, schwebende Tänze zur herrlichsten
-Musik, da erhob die kleine Seejungfer ihre schönen, weißen Arme,
-richtete sich auf den Fußspitzen auf und schwebte tanzend über den
-Fußboden hin, wie noch keine getanzt hatte. Bei jeder Bewegung wurde
-ihre Schönheit noch sichtbarer, und ihre Augen sprachen tiefer zum
-Herzen als der Gesang der Sklavinnen.
-
-Alle waren entzückt davon, besonders der Prinz, der sie sein kleines
-Findelkind nannte, und sie tanzte mehr und mehr, obwohl es ihr jedesmal,
-wenn ihr Fuß die Erde berührte, war, als ob sie auf scharfe Messer
-träte. Der Prinz sagte, daß sie immer bei ihm bleiben solle, und sie
-erhielt die Erlaubnis, vor seiner Tür auf einem Sammetkissen zu
-schlafen.
-
-Er ließ ihr eine Männertracht machen, damit sie ihn zu Pferde begleiten
-könne. Sie ritten durch die duftenden Wälder, wo die grünen Zweige ihre
-Schultern berührten und die Vögel hinter den frischen Blättern sangen.
-Sie kletterte mit dem Prinzen auf die hohen Berge hinauf, und obgleich
-ihre zarten Füße bluteten, daß selbst die andern es sehen konnten,
-lachte sie doch darüber und folgte ihm, bis sie die Wolken unter sich
-segeln sahen, als wäre es ein Schwarm Vögel, die nach fremden Ländern
-ziehen.
-
-Daheim in des Prinzen Schlosse, wenn nachts die andern schliefen, ging
-sie auf die breite Marmortreppe hinaus, es kühlte ihre brennenden Füße,
-im kalten Seewasser zu stehen, und dann gedachte sie derer dort unten in
-der Tiefe.
-
-Einmal des Nachts kamen ihre Schwestern Arm in Arm, traurig sangen sie,
-indem sie über dem Wasser schwammen, sie winkte ihnen und sie erkannten
-sie und erzählten ihr, wie sehr sie alle betrübt seien. Darauf besuchte
-sie dieselben in jeder Nacht, und einmal erblickte sie weit draußen ihre
-alte Großmutter, die seit vielen Jahren nicht über der Meeresfläche
-gewesen war, und den Meerkönig mit seiner Krone auf dem Haupte, sie
-streckten die Hände nach ihr aus, wagten sich aber dem Lande nicht so
-nahe wie die Schwestern.
-
-Tag für Tag wurde sie dem Prinzen lieber, er liebte sie, wie man ein
-gutes, liebes Kind liebt -- aber sie zu seiner Königin zu machen, kam
-ihm nicht in den Sinn, und seine Frau mußte sie doch werden, sonst
-erhielt sie keine unsterbliche Seele und mußte an seinem Hochzeitsmorgen
-zu Schaum auf dem Meere werden.
-
-»Liebst du mich nicht am meisten von ihnen allen?« schienen der kleinen
-Seejungfer Augen zu fragen, wenn er sie in seine Arme nahm und ihre
-schöne Stirn küßte.
-
-»Ja, du bist mir die liebste«, sagte der Prinz, »denn du hast das beste
-Herz von allen. Du bist mir am meisten ergeben, und gleichst einem
-jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber sicher nie wiederfinde. Ich war
-auf einem Schiffe, welches strandete, die Wellen warfen mich bei einem
-heiligen Tempel an das Land, wo mehrere junge Mädchen den Dienst
-verrichteten, die jüngste dort fand mich am Ufer und rettete mein Leben,
-ich sah sie nur zweimal, sie wäre die einzige, die ich in dieser Welt
-lieben könnte, aber du gleichst ihr und du verdrängst fast ihr Bild aus
-meiner Seele. Sie gehört dem heiligen Tempel an, und deshalb hat mein
-gutes Glück dich mir gesendet, nie wollen wir uns trennen!«
-
-»Ach, er weiß nicht, daß ich sein Leben gerettet habe!« dachte die
-kleine Seejungfer, »ich trug ihn über das Meer zum Walde hin, wo der
-Tempel steht, ich saß hier hinter dem Schaume und sah, ob keine Menschen
-kommen würden. Ich sah das hübsche Mädchen, die er mehr liebt als mich!«
-sie seufzte tief: weinen konnte sie nicht. »Das Mädchen gehört dem
-heiligen Tempel an, hat er gesagt, sie kommt nie in die Welt hinaus, sie
-begegnen sich nicht mehr, ich bin bei ihm, sehe ihn jeden Tag, ich will
-ihn pflegen, lieben, ihm mein Leben opfern!«
-
-Aber nun sollte der Prinz sich verheiraten und des Nachbarkönigs schöne
-Tochter zur Frau bekommen, erzählte man, deshalb rüstete er ein so
-prächtiges Schiff aus. Der Prinz reist, um des Nachbarkönigs Länder zu
-besichtigen, so heißt es wohl, aber es geschieht, um des Nachbarkönigs
-Tochter zu sehen. Ein großes Gefolge soll ihn begleiten. Die kleine
-Seejungfer schüttelte das Haupt und lächelte; sie kannte des Prinzen
-Gedanken weit besser, als alle andern. »Ich muß reisen!« hatte er zu ihr
-gesagt, »ich muß die schöne Prinzessin sehen: meine Eltern verlangen es,
-aber sie wollen mich nicht zwingen, sie als meine Braut heimzuführen.
-Ich kann sie nicht lieben! Sie gleicht nicht dem schönen Mädchen im
-Tempel, dem du ähnelst, sollte ich eine Braut wählen, so würdest du es
-eher sein, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen!« Und er
-küßte ihren roten Mund, spielte mit ihrem langen Haare und legte sein
-Haupt an ihr Herz, so daß dieses von Menschenglück und einer
-unsterblichen Seele träumte.
-
-»Du fürchtest doch das Meer nicht, mein stummes Kind?« sagte er, als sie
-auf dem prächtigen Schiffe standen, welches ihn nach den Ländern des
-Nachbarkönigs führen sollte, er erzählte ihr vom Sturme und von der
-Windstille, von seltsamen Fischen in der Tiefe und von dem, was die
-Taucher dort gesehen, und sie lächelte bei seiner Erzählung, sie wußte
-ja besser als sonst jemand, was auf dem Grunde des Meeres vorging.
-
-In der mondhellen Nacht, wenn alle schliefen, bis auf den Steuermann,
-der am Steuerruder stand, saß sie am Bord des Schiffes und starrte durch
-das klare Wasser hinunter, sie glaubte ihres Vaters Schloß zu erblicken,
-hoch oben stand die Großmutter mit der Silberkrone auf dem Haupte und
-starrte durch die reißenden Ströme zu des Schiffes Kiel empor. Da kamen
-ihre Schwestern über das Wasser hervor und schauten sie traurig an und
-rangen ihre weißen Hände, sie winkte ihnen, lächelte und wollte
-erzählen, daß es ihr gut und glücklich ginge, aber der Schiffsjunge
-näherte sich ihr und die Schwestern tauchten unter, so daß er glaubte,
-das Weiße, was er gesehen, sei Schaum auf der See gewesen.
-
-Am nächsten Morgen segelte das Schiff in den Hafen von des Nachbarkönigs
-prächtiger Stadt. Alle Kirchenglocken läuteten und von den hohen Türmen
-wurden die Posaunen geblasen, während die Soldaten mit fliegenden Fahnen
-und blitzenden Bajonetten dastanden. Jeder Tag führte ein Fest mit sich.
-Bälle und Gesellschaften folgten einander, aber die Prinzessin war noch
-nicht da; sie werde, weit von hier entfernt, in einem heiligen Tempel
-erzogen, sagten sie, dort lerne sie alle königlichen Tugenden. Endlich
-traf sie ein.
-
-Die kleine Seejungfer war begierig, ihre Schönheit zu sehen, und sie
-mußte solche anerkennen: eine lieblichere Erscheinung hatte sie noch nie
-gesehen. Die Haut war fein und klar, und hinter den langen dunklen
-Augenwimpern lächelten ein Paar schwarzblaue, treue Augen.
-
-»Du bist die!« sagte der Prinz, »die mich gerettet hat, als ich einer
-Leiche gleich an der Küste lag!« Und er drückte seine errötende Braut in
-seine Arme. »Oh, ich bin allzu glücklich!« sagte er zur kleinen
-Seejungfer. »Das Beste, was ich je hoffen durfte, ist mir in Erfüllung
-gegangen. Du wirst dich über mein Glück freuen, denn du meinst es am
-besten mit mir von ihnen allen!« Und die kleine Seejungfer küßte seine
-Hand, und es kam ihr schon vor, als fühlte sie ihr Herz brechen. Sein
-Hochzeitsmorgen würde ihr ja den Tod geben und sie in Schaum auf dem
-Meere verwandeln.
-
-Alle Kirchenglocken läuteten, die Herolde ritten in den Straßen umher
-und verkündeten die Verlobung. Auf allen Altären brannte duftendes Öl in
-köstlichen Silberlampen. Die Priester schwangen die Rauchfässer, und
-Braut und Bräutigam reichten einander die Hand und erhielten den Segen
-des Bischofs. Die kleine Seejungfer war in Seide und Gold gekleidet und
-hielt die Schleppe der Braut, aber ihre Ohren hörten die festliche Musik
-nicht, ihr Auge sah die heilige Zeremonie nicht, sie gedachte ihrer
-Todesnacht und alles dessen, was sie in dieser Welt verloren hatte.
-
-Noch an demselben Abende gingen die Braut und der Bräutigam an Bord des
-Schiffes, die Kanonen donnerten, alle Flaggen wehten, und mitten auf dem
-Schiffe war ein köstliches Zelt von Gold und Purpur und mit den
-schönsten Kissen errichtet, da sollte das Brautpaar in der kühlen,
-stillen Nacht schlafen!
-
-Die Segel schwellten im Winde, und das Schiff glitt leicht und ohne
-große Bewegung über die klare See dahin.
-
-Als es dunkelte, wurden bunte Lampen angezündet, und die Seeleute
-tanzten lustig auf dem Verdecke. Die kleine Seejungfer mußte ihres
-ersten Auftauchens aus dem Meere gedenken, wo sie dieselbe Pracht und
-Freude erblickt hatte, und sie wirbelte sich mit im Tanze, schwebte, wie
-eine Schwalbe schwebt, wenn sie verfolgt wird, und alle jubelten ihr
-Bewunderung zu: nie hatte sie so herrlich getanzt. Es schnitt ihr wie
-scharfe Messer in die zarten Füße, aber sie fühlte es nicht: es schnitt
-ihr noch schmerzlicher durch das Herz. Sie wußte, es sei der letzte
-Abend, an dem sie ihn erblickte, für den sie ihre Verwandten und ihre
-Heimat verlassen, ihre schöne Stimme dahingegeben und täglich unendliche
-Qualen ertragen hatte, ohne daß er es mit einem Gedanken ahnte. Es war
-die letzte Nacht, daß sie dieselbe Luft mit ihm einatmete, das tiefe
-Meer und den sternhellen Himmel erblickte; eine ewige Nacht ohne
-Gedanken und Traum harrte ihrer, die keine Seele hatte, keine Seele
-gewinnen konnte. Und alles war Freude und Heiterkeit auf dem Schiffe bis
-über Mitternacht hinaus, sie lachte und tanzte mit Todesgedanken im
-Herzen. Der Prinz küßte seine schöne Braut, und sie spielte mit seinem
-schwarzen Haare, und Arm in Arm gingen sie zur Ruhe in das prächtige
-Zelt.
-
-Es wurde still auf dem Schiffe, nur der Steuermann stand am Steuerruder,
-die kleine Seejungfer legte ihre weißen Arme auf den Schiffsbord und
-blickte gen Osten nach der Morgenröte: der erste Sonnenstrahl, wußte
-sie, würde sie töten. Da sah sie ihre Schwestern der Flut entsteigen,
-die waren bleich wie sie; ihr langes schönes Haar wehte nicht mehr im
-Winde, es war abgeschnitten.
-
-»Wir haben es der Hexe gegeben, um dir Hilfe bringen zu können, damit du
-diese Nacht nicht stirbst. Sie hat uns ein Messer gegeben, hier ist es!
-Siehst du, wie scharf? Bevor die Sonne aufgeht, mußt du es in das Herz
-des Prinzen stoßen, und wenn dann das warme Blut auf deine Füße spritzt,
-so wachsen diese in einen Fischschwanz zusammen und du wirst wieder eine
-Seejungfer, kannst zu uns herabsteigen und lebst deine dreihundert
-Jahre, bevor du zu totem, salzigem Seeschaume wirst. Beeile dich! Er
-oder du muß sterben, bevor die Sonne aufgeht! Unsere Großmutter trauert
-so, daß ihr weißes Haar wie das unsrige unter der Schere der Hexe
-gefallen ist. Töte den Prinzen und komm zurück! Beeile dich! Siehst du
-den roten Streifen am Himmel? In wenigen Minuten steigt die Sonne auf,
-dann mußt du sterben!« Und sie stießen einen tiefen Seufzer aus und
-versanken in den Wogen.
-
-Die kleine Seejungfer zog den Purpurteppich vom Zelte und sah die schöne
-Braut mit ihrem Haupte an des Prinzen Brust ruhen, und sie bog sich
-nieder, küßte ihn auf seine schöne Stirn, blickte gen Himmel, wo die
-Morgenröte mehr und mehr leuchtete, betrachtete das scharfe Messer und
-heftete die Augen wieder auf den Prinzen, der im Traume seine Braut bei
-Namen nannte. Nur sie war in seinen Gedanken, und das Messer zitterte in
-der Hand der Seejungfer. -- Aber da warf sie es weit hinaus in die
-Wogen, sie glänzten rot, wo es hinfiel, es sah aus, als keimten
-Blutstropfen aus dem Wasser auf. Noch einmal sah sie mit halbgebrochenen
-Blicken auf den Prinzen, stürzte sich vom Schiffe in das Meer hinab und
-fühlte, wie ihr Körper sich in Schaum auflöste.
-
-Nun stieg die Sonne aus dem Meere auf, die Strahlen fielen so mild und
-warm auf den kalten Meeresschaum, und die kleine Seejungfer fühlte
-nichts vom Tode. Sie sah die helle Sonne, und über ihr schwebten
-Hunderte von durchsichtigen, herrlichen Geschöpfen, sie konnte durch
-dieselben des Schiffes weiße Segel und des Himmels rote Wolken
-erblicken, ihre Sprache war melodisch, aber so geisterhaft, daß kein
-menschliches Ohr sie vernehmen, ebenso wie kein irdisches Auge sie
-erblicken konnte, ohne Schwingen schwebten sie vermittelst ihrer eigenen
-Leichtigkeit durch die Luft. Die kleine Seejungfer sah, daß sie einen
-Körper hatte wie diese, der sich mehr und mehr aus dem Schaume erhob.
-
-»Wo komm ich hin?« fragte sie, und ihre Stimme klang wie die der andern
-Wesen, so geisterhaft, daß keine irdische Musik sie wiederzugeben
-vermag.
-
-»Zu den Töchtern der Luft!« erwiderten die andern. »Die Seejungfer hat
-keine unsterbliche Seele und kann sie nie erhalten, wenn sie nicht eines
-Menschen Liebe gewinnt, von einer fremden Macht hängt ihr ewiges Dasein
-ab. Die Töchter der Luft haben auch keine unsterbliche Seele, aber sie
-können durch gute Handlungen sich selbst eine schaffen. Wir fliegen nach
-den warmen Ländern, wo die schwüle Pestluft den Menschen tötet, dort
-fächeln wir Kühlung. Wir breiten den Duft der Blumen durch die Luft aus
-und senden Erquickung und Heilung. Wenn wir dreihundert Jahre lang
-gestrebt haben, alles Gute, was wir vermögen, zu vollbringen, so
-erhalten wir eine unsterbliche Seele und nehmen teil am ewigen Glücke
-der Menschen. Du arme, kleine Seejungfer hast mit ganzem Herzen nach
-demselben wie wir gestrebt; du hast gelitten und geduldet, hast dich zur
-Luftgeisterwelt erhoben und kannst nun dir selbst durch gute Werke nach
-drei Jahrhunderten eine unsterbliche Seele schaffen.«
-
-Und die kleine Seejungfer erhob ihre verklärten Augen gegen Gottes
-Sonne, und zum ersten Male fühlte sie Tränen in ihren Augen. -- Auf dem
-Schiffe war wieder Lärm und Leben, sie sah den Prinzen mit seiner
-schönen Braut nach ihr suchen, wehmütig starrten sie den perlenden
-Schaum an, als ob sie wüßten, daß sie sich in die Fluten gestürzt habe.
-Unsichtbar küßte sie die Stirn der Braut, fächelte den Prinzen an und
-stieg mit den übrigen Kindern der Luft auf die rosenrote Wolke hinauf,
-welche den Äther durchschiffte.
-
-»Nach dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich Gottes hinein!«
-
-»Auch können wir noch früher dahin gelangen!« flüsterte eine Tochter der
-Luft. »Unsichtbar schweben wir in die Häuser der Menschen hinein, wo
-Kinder sind, und für jeden Tag, an dem wir ein gutes Kind finden,
-welches seinen Eltern Freude bereitet und deren Liebe verdient, verkürzt
-Gott unsere Prüfungszeit. Das Kind weiß nicht, wann wir durch die Stube
-fliegen und müssen wir aus Freude über dasselbe lächeln, so wird ein
-Jahr von den dreihundert Jahren abgerechnet, sehen wir aber ein
-unartiges und böses Kind, so müssen wir Tränen der Trauer vergießen, und
-jede Träne legt unserer Prüfungszeit einen Tag zu!«
-
-
-
-
- Der Reisekamerad
-
-
-Der arme Johannes war tief betrübt, denn sein Vater war sehr krank und
-konnte nicht genesen. Außer den beiden war durchaus niemand in dem
-kleinen Zimmer: die Lampe auf dem Tische war dem Erlöschen nahe, und es
-war spät abends.
-
-»Du warst ein guter Sohn, Johannes!« sagte der kranke Vater. »Der liebe
-Gott wird dir schon in der Welt forthelfen!« Er sah ihn mit ernsten,
-milden Augen an, holte tief Atem und starb; es war, als ob er schliefe.
-Johannes weinte, nun hatte er niemanden in der Welt, weder Vater noch
-Mutter, weder Schwester noch Bruder. Der arme Johannes! Er lag vor dem
-Bette auf seinen Knien, küßte des toten Vaters Hand und weinte sehr
-viele bittere Tränen, aber zuletzt schlossen sich seine Augen, und er
-schlief ein, mit dem Kopfe auf dem harten Bettpfosten liegend.
-
-Da träumte er einen sonderbaren Traum, er sah, wie Sonne und Mond sich
-vor ihm neigten, er erblickte seinen Vater wieder frisch und gesund und
-hörte ihn lachen, wie er immer lachte, wenn er recht froh war. Ein
-schönes Mädchen mit einer goldenen Krone auf ihrem langen, glänzenden
-Haare reichte ihm die Hand, und sein Vater sagte: »Siehst du, was für
-eine Braut du erhalten hast? Sie ist die schönste in der Welt.« Da
-erwachte er und alle Herrlichkeit war vorbei, sein Vater lag tot und
-kalt im Bette, es war niemand bei ihnen. Der arme Johannes!
-
-In der folgenden Woche wurde der Tote begraben, der Sohn ging dicht
-hinter dem Sarge her und konnte nun den guten Vater nicht mehr zu sehen
-bekommen, der ihn so sehr geliebt hatte. Er hörte, wie sie die Erde auf
-den Sarg hinunterwarfen und sah noch die letzte Ecke desselben, aber
-nach der nächsten Schaufel Erde, welche hinabgeworfen wurde, war auch
-die verschwunden, da war es, als wolle sein Herz in Stücke zerspringen,
-so betrübt war er. Ringsherum sangen sie einen Psalm; es waren schöne,
-heilige Klänge, und die Tränen traten dem Johannes in die Augen, er
-weinte, und das tat ihm in seiner Trauer wohl. Die Sonne beschien
-herrlich die grünen Bäume, als wolle sie sagen: »Du darfst nicht mehr
-betrübt sein, Johannes! Siehst du, wie schön der Himmel ist? Dort oben
-ist nun dein Vater und bittet den lieben Gott, daß es dir allezeit wohl
-ergehen möge!«
-
-»Ich will auch immer gut sein,« sagte Johannes, »dann komme ich in den
-Himmel zu meinem Vater, und was wird das für eine Freude werden, wenn
-wir einander wiedersehen! Wieviel werde ich ihm dann nicht erzählen
-können, und er wird mir so viele Dinge zeigen, mir die Herrlichkeit des
-Himmels erklären, ebenso wie er mich hier auf Erden unterrichtete. Oh,
-was für eine Freude wird das werden!«
-
-Er dachte sich das so deutlich, daß er dabei lächelte, während die
-Tränen ihm noch über die Wangen liefen. Die kleinen Vögel saßen oben in
-den Kastanienbäumen und zwitscherten: »Quivit, Quivit!« Sie waren froh
-und munter, obgleich sie mit bei dem Begräbnisse gewesen: aber sie
-wußten wohl, daß der tote Mann nun im Himmel wäre, Flügel hätte, schöner
-und größer als die ihrigen, daß er nun glücklich sei, weil er hier auf
-Erden gut gewesen, und darüber waren sie vergnügt. Johannes sah, wie sie
-von den grünen Bäumen weit in die Welt hinausflogen, da bekam er auch
-Lust, mitzufliegen. Aber zuerst schnitt er ein großes Holzkreuz, um es
-auf seines Vaters Grab zu setzen, und als er es am Abend dahin brachte,
-war das Grab mit Sand und Blumen geschmückt, das hatten fremde Leute
-getan, denn sie hielten alle viel von dem lieben Vater, der nun tot war.
-
-Früh am nächsten Morgen packte Johannes sein kleines Bündel zusammen und
-verwahrte in seinem Gürtel sein ganzes Erbteil, welches fünfzig Taler
-und ein paar Silberschillinge betrug, damit wollte er in die Welt hinaus
-wandern. Aber zuerst ging er nach dem Kirchhofe zu seines Vaters Grabe,
-betete ein Vaterunser und sagte: »Lebe wohl!«
-
-Draußen auf dem Felde, wo er ging, standen alle Blumen frisch und schön
-in dem warmen Sonnenscheine, sie nickten im Winde, als wollten sie
-sagen: »Willkommen im Grünen! Ist es hier nicht schön?« Aber Johannes
-wendete sich noch einmal zurück, um die alte Kirche zu betrachten, in
-der er als ein kleines Kind getauft und wo er jeden Sonntag mit seinem
-Vater zum Gottesdienst gewesen war und seinen Psalm gesungen hatte; da
-sah er hoch oben in einer der Öffnungen des Turmes den Kirchenkobold mit
-seiner kleinen, roten, spitzen Mütze stehen, wie er sein Gesicht mit dem
-gebogenen Arme beschattete, da ihm sonst die Sonne in die Augen schien.
-Johannes nickte ihm Lebewohl zu, und der kleine Kobold schwenkte seine
-rote Mütze, legte die Hand auf das Herz und warf ihm viele Kußhändchen
-zu, um zu zeigen, wie gut er es mit ihm meine, und daß er ihm eine recht
-glückliche Reise wünsche.
-
-Johannes dachte daran, wie viel Schönes er nun in der großen, prächtigen
-Welt zu sehen bekommen würde und ging weiter und weiter fort, so weit
-wie er früher nie gewesen war. Er kannte die Orte nicht, durch die er
-kam, oder die Menschen, denen er begegnete. -- Nun war er weit draußen
-in der Fremde.
-
-Die erste Nacht mußte er sich auf einem Heuschober auf dem Felde
-schlafen legen, ein anderes Bett hatte er nicht. Aber das war recht
-hübsch, meinte er, der König könnte es nicht besser haben. Das ganze
-Feld mit dem Bache, der Heuschober und dann der blaue Himmel darüber,
-das war gewiß eine schöne Schlafkammer. Das grüne Gras mit den kleinen,
-roten und weißen Blumen war die Fußdecke, die Fliederbüsche und die
-wilden Rosenhecken waren Blumensträuße, und zum Waschbecken diente ihm
-der ganze Bach mit dem klaren, frischen Wasser, wo das Schilf sich
-neigte und ihm guten Abend und guten Morgen bot. Der Mond war wahrhaft
-eine große Nachtlampe, hoch oben unter der blauen Decke, und der zündete
-die Gardinen nicht an mit seinem Feuer, Johannes konnte ruhig schlafen,
-und er tat es auch und erwachte erst wieder, als die Sonne aufging und
-alle die kleinen Vögel rings umher sangen: »Guten Morgen! Guten Morgen!
-Bist du noch nicht auf?«
-
-Die Glocken läuteten zur Kirche! es war Sonntag. Die Leute gingen hin,
-den Prediger zu hören, und Johannes folgte ihnen, sang einen Psalm und
-hörte Gottes Wort. Es war ihm, als wäre er in seiner eigenen Kirche, in
-der er getauft worden war, und wo er Psalmen mit seinem Vater gesungen
-hatte.
-
-Draußen auf dem Kirchhofe waren viele Gräber und auf einigen wuchs hohes
-Gras. Da dachte er an seines Vaters Grab, welches am Ende auch so
-aussehen würde wie diese, da er es nicht jäten und schmücken konnte. Er
-setzte sich also nieder und riß das Gras ab, richtete die Holzkreuze
-auf, welche umgefallen waren und legte die Kränze, die der Wind vom
-Grabe fortgerissen hatte, wieder auf ihre Stelle, indem er dachte:
-vielleicht tut jemand dasselbe an meines Vaters Grabe, da ich es nicht
-tun kann!
-
-Draußen vor der Kirchhofstüre stand ein alter Bettler und stützte sich
-auf seine Krücke. Johannes gab ihm die Silberschillinge, die er hatte,
-und ging dann glücklich und vergnügt weiter fort in die weite Welt
-hinein.
-
-Gegen Abend war ein schrecklich böses Wetter, er sputete sich, unter
-Dach und Fach zu gelangen, aber es wurde bald finstere Nacht, da
-erreichte er endlich eine kleine Kirche, die einsam auf einem kleinen
-Hügel lag.
-
-»Hier will ich mich in einen Winkel setzen!« sagte er und ging hinein.
-»Ich bin ermüdet und habe es wohl nötig, ein wenig auszuruhen.« Dann
-setzte er sich nieder, faltete seine Hände und betete sein Abendgebet,
-und ehe er es wußte, schlief und träumte er, während es draußen blitzte
-und donnerte.
-
-Als er wieder erwachte, war es Mitternacht, das böse Wetter war
-vorübergezogen und der Mond schien durch die Fenster zu ihm herein.
-Mitten in der Kirche stand ein offener Sarg mit einem toten Manne darin,
-weil er noch nicht begraben war. Johannes war durchaus nicht furchtsam,
-denn er hatte ein gutes Gewissen, und er wußte wohl, daß die Toten
-niemandem etwas zuleide tun. Die Lebenden, die Übles tun, sind böse
-Menschen. Solche zwei lebende, schlimme Leute standen dicht bei dem
-toten Manne, der hier in der Kirche beigesetzt war, bevor er beerdigt
-wurde, ihm wollten sie Übles erweisen, ihn nicht in seinem Sarge liegen
-lassen, sondern ihn vor die Kirchtüre hinauswerfen, den armen, toten
-Mann!
-
-»Weshalb wollt ihr das tun?« fragte Johannes. »Das ist böse und schlimm,
-laßt ihn in Jesu Namen ruhen!«
-
-»Oh, Schnickschnack!« sagten die beiden häßlichen Menschen. »Er hat uns
-angeführt! Er schuldet uns Geld: das konnte er nicht bezahlen, und nun
-ist er obendrein tot, nun bekommen wir vollends keinen Pfennig! Deshalb
-wollen wir uns rächen: er soll wie ein Hund draußen vor der Kirchtür
-liegen!«
-
-»Ich habe nicht mehr als fünfzig Taler!« sagte Johannes. »Das ist mein
-ganzes Erbteil, aber das will ich euch gern geben, wenn ihr mir ehrlich
-versprechen wollt, den armen, toten Mann in Ruhe zu lassen. Ich werde
-schon durchkommen ohne das Geld, ich habe gesunde, starke Gliedmaßen,
-und der liebe Gott wird mir allezeit helfen!«
-
-»Ja,« sagten die häßlichen Menschen, »wenn du seine Schuld bezahlen
-willst, wollen wir beide ihm nichts tun, darauf kannst du dich
-verlassen!« Alsdann nahmen sie das Geld, welches er ihnen gab, lachten
-laut auf über seine Gutmütigkeit und gingen ihres Weges. Er aber legte
-die Leiche wieder im Sarge zurecht und faltete ihre Hände, nahm Abschied
-von ihr und ging durch den großen Wald zufrieden weiter.
-
-Rings umher, wo der Mond durch die Bäume herein schien, sah er die
-niedlichen, kleinen Elfen lustig spielen. Sie ließen sich nicht stören:
-sie wußten wohl, daß er ein guter, unschuldiger Mensch sei, und es sind
-nur die bösen Leute, welche die Elfen nicht zu sehen bekommen. Einige
-von ihnen waren nicht größer, als ein Finger breit ist und hatten ihr
-langes, gelbes Haar mit Goldkämmen aufgesteckt; je zwei schaukelten sie
-sich auf den großen Tautropfen, die auf den Blättern und dem hohen Grase
-lagen, zuweilen entrollte der Tropfen, dann fielen sie nieder zwischen
-den langen Grashalmen, und das verursachte ein Gelächter und Lärmen
-unter den andern Kleinen. Es war allerliebst! Sie sangen, und Johannes
-erkannte deutlich die hübschen Lieder, die er als kleiner Knabe gelernt
-hatte. Große, bunte Spinnen mit Silberkronen auf dem Kopfe mußten von
-der einen Hecke zur andern lange Hängebrücken und Paläste spinnen,
-welche, da der feine Tau darauf fiel, wie schimmerndes Glas im
-Mondscheine aussahen. So währte es fort, bis die Sonne aufging. Die
-kleinen Elfen krochen dann in die Blumenknospen, und der Wind erfaßte
-ihre Brücken und Schlösser, die als Spinngewebe durch die Luft flogen.
-
-Johannes war eben aus dem Walde herausgekommen, als eine starke
-Mannesstimme hinter ihm rief: »Holla, Kamerad, wohin geht die Reise?«
-
-»In die weite Welt hinaus!« sagte er. »Ich habe weder Vater noch Mutter,
-bin ein armer Bursche, aber der Herr hilft mir wohl.«
-
-»Ich will auch in die weite Welt hinaus,« sagte der fremde Mann. »Wollen
-wir beide einander Gesellschaft leisten?«
-
-»Jawohl,« sagte er, und so gingen sie miteinander. Bald gewannen sie
-sich recht lieb, denn sie waren beide gute Menschen. Aber Johannes
-merkte wohl, daß der Fremde viel klüger war als er. Der hatte fast die
-ganze Welt durchreist und wußte von allem Möglichen, was existierte, zu
-erzählen.
-
-Die Sonne stand schon hoch, als sie sich unter einen großen Baum
-setzten, ihr Frühstück zu genießen, zur selben Zeit kam eine alte Frau.
-Die war sehr alt und ging krumm einher, sie stützte sich auf einen
-Krückstock, auf ihrem Rücken trug sie ein Bündel Brennholz, welches sie
-sich im Walde gesammelt hatte. Ihre Schürze war aufgebunden, und
-Johannes sah, daß drei große Ruten von Farnkraut und Weidenreisern
-daraus hervorsahen. Als sie ihnen nahe war, glitt sie mit dem einen Fuße
-aus, fiel und tat einen lauten Schrei, denn sie hatte das Bein
-gebrochen, die arme, alte Frau!
-
-Johannes meinte sogleich, daß sie die alte Frau nach Hause tragen
-wollten, wo sie wohnte, aber der Fremde machte sein Ränzel auf, nahm
-eine Büchse hervor und sagte, daß er hier eine Salbe habe, welche
-sogleich ihr Bein wieder gesund und kräftig machen würde, so daß sie
-selbst nach Hause gehen könne, und zwar, als ob sie nie das Bein
-gebrochen hätte. Allein dafür verlange er auch, daß sie ihm die drei
-Ruten schenke, die sie in ihrer Schürze habe.
-
-»Das wäre gut bezahlt!« sagte die Alte und nickte ganz eigen mit dem
-Kopfe. Sie wollte die Ruten nicht gern hergeben, aber es war auch nicht
-angenehm, mit gebrochenem Beine dazuliegen. So gab sie ihm denn die
-Ruten, und sowie er nur die Salbe auf das Bein gerieben hatte, erhob
-sich auch die alte Mutter und ging viel besser denn zuvor. Solches
-konnte die Salbe bewirken. Aber die war auch nicht in der Apotheke zu
-haben.
-
-»Was willst du mit den Ruten?« fragte Johannes nun seinen
-Reisekameraden.
-
-»Das sind drei schöne Kräuterbesen,« sagte der, »die liebe ich sehr,
-denn ich bin ein närrischer Patron!«
-
-Dann gingen sie noch ein gutes Stück.
-
-»Sieh, wie der Himmel sich umzieht,« sagte Johannes und zeigte
-geradeaus. »Das sind schrecklich dicke Wolken!«
-
-»Nein,« sagte der Reisekamerad, »das sind keine Wolken, das sind Berge
--- die herrlichen großen Berge, wo man hinauf über die Wolken und in die
-frische Luft gelangt! Glaube mir, da ist es herrlich! Morgen sind wir
-sicher weit in der Welt.«
-
-Das war aber nicht so nahe, wie es aussah, sie hatten einen ganzen Tag
-zu gehen, bevor sie die Berge erreichten, wo die schwarzen Wälder gegen
-den Himmel aufwuchsen und wo es Steine gab, fast so groß als eine große
-Stadt. Das mochte wahrlich eine schwere Anstrengung werden, da
-hinüberzukommen, aber darum gingen auch Johannes und sein Reisekamerad
-in das Wirtshaus hinein, um sich gut auszuruhen und Kräfte zum morgenden
-Marsche zu sammeln.
-
-Unten in der großen Schenkstube im Wirtshause waren viele Menschen
-versammelt, denn dort war ein Mann, der gab Puppenkomödie. Er hatte
-soeben sein kleines Theater aufgestellt, und die Leute saßen ringsumher,
-um die Komödie zu sehen. Aber vorn hatte ein dicker Schlächter Platz
-genommen, und zwar den allerbesten; sein großer Bullenbeißer -- der sah
-sehr bissig aus! -- saß an seiner Seite und machte große Augen, so, wie
-alle andern.
-
-Nun begann die Komödie, und das war eine niedliche Komödie mit einem
-Könige und einer Königin, die saßen auf dem schönsten Throne, hatten
-goldene Kronen auf dem Haupte und lange Schleppen an den Kleidern, denn
-ihre Mittel erlaubten das. Die niedlichsten Holzpuppen mit Glasaugen und
-großen Schnurrbärten standen an allen Türen und machten auf und zu,
-damit frische Luft in das Zimmer kommen konnte. Es war eine recht
-niedliche Komödie. Aber als die Königin aufstand und über den Fußboden
-hinging, machte der große Bullenbeißer -- Gott mag wissen, was er sich
-dachte -- da der dicke Schlächter ihn nicht hielt, einen Sprung stracks
-hinein in das Theater und packte die Königin mitten um ihre Taille, daß
-es knackte. Es war schrecklich!
-
-Der arme Mann, der die Komödie gab, war sehr erschrocken und betrübt
-über seine Königin! Denn es war die allerniedlichste Puppe, die er
-hatte, und nun hatte der häßliche Bullenbeißer den Kopf abgebissen. Aber
-als die Leute später fortgingen, sagte der Fremde, der mit Johannes
-gekommen war, daß er sie schon wieder zurecht machen würde, und dann
-nahm er seine Büchse hervor und schmierte die Puppe mit der Salbe, womit
-er der alten Frau geholfen, als sie das Bein gebrochen hatte. Sowie die
-Puppe geschmiert worden, war sie wieder ganz, ja sie konnte sogar alle
-ihre Glieder selbst bewegen, man brauchte nicht mehr an der Schnur zu
-ziehen. Die Puppe war wie ein lebendiger Mensch, nur daß sie nicht
-sprechen konnte. Der Mann, der das kleine Puppentheater hatte, war sehr
-froh, nun brauchte er diese Puppe nicht mehr zu halten, die konnte ja
-von selbst tanzen. Das konnte keine der andern.
-
-Als es später Nacht wurde und alle Leute im Wirtshause zu Bett gegangen
-waren, war jemand da, der so schrecklich tief seufzte und solange damit
-fortfuhr, daß alle aufstanden, um zu sehen, wer es wäre. Der Mann, der
-die Komödie gegeben hatte, ging nach seinem kleinen Theater hin, denn
-dort war es, wo jemand seufzte. Alle Holzpuppen lagen untereinander: der
-König und alle Trabanten, und die waren es, die so jämmerlich seufzten
-und mit ihren Glasaugen stierten, denn sie wollten so gern wie die
-Königin ein wenig geschmiert werden, damit sie sich auch von selbst
-bewegen könnten. Die Königin legte sich sofort auf die Knie und streckte
-ihre prächtige Krone in die Höhe, während sie bat: »Nimm mir diese, aber
-schmiere meinen Gemahl und meine Hofleute!« Da konnte der arme Mann, der
-das Theater und die Puppen besaß, nicht unterlassen zu weinen, denn es
-tat ihm wirklich ihretwegen leid. Er versprach sogleich dem
-Reisekameraden, ihm alles Geld zu geben, was er am nächsten Abend für
-seine Komödie erhalten würde, wenn er nur vier bis fünf von seinen
-niedlichen Puppen schmieren wolle. Aber der Reisekamerad sagte, daß er
-durchaus nichts weiter verlange, als den Säbel, den jener an seiner
-Seite habe, und als er den erhielt, beschmierte er sechs Puppen, die
-sogleich tanzten und zwar so niedlich, daß alle die lebenden
-Menschenmädchen, die es sahen, alsbald mittanzten. Der Kutscher und die
-Köchin tanzten, der Diener und das Stubenmädchen, alle die Fremden und
-die Feuerschaufel und die Feuerzange, aber die fielen um, als sie die
-ersten Sprünge machten. -- Ja, das war eine lustige Nacht!
-
-Am nächsten Morgen ging Johannes mit seinem Reisekameraden von ihnen
-fort auf die hohen Berge hinauf und durch die großen Tannenwälder. Sie
-kamen so hoch hinauf, daß die Kirchtürme tief unter ihnen zuletzt wie
-kleine blaue Beeren unten in all dem Grünen aussahen, sie konnten sehr
-weit sehen, viele, viele Meilen weit, wo sie nie gewesen waren! Soviel
-Schönes der prächtigen Welt hatte Johannes früher nie auf einmal
-gesehen! Die Sonne schien warm aus der frischen blauen Luft, er hörte
-auch zwischen den Bergen die Jäger das Waldhorn so schön und lieblich
-blasen, daß ihm vor Freude die Tränen in die Augen traten und er nicht
-unterlassen konnte, auszurufen: »Du guter, lieber Gott! Ich möchte dich
-küssen, weil du so gut gegen uns alle bist und uns all die Herrlichkeit,
-die in der Welt ist, gegeben hast!«
-
-Der Reisekamerad stand auch mit gefalteten Händen da und sah über den
-Wald und die Städte in den warmen Sonnenschein hinaus. Zu gleicher Zeit
-ertönte es wunderbar lieblich über ihrem Haupte, sie blickten in die
-Höhe, ein weißer großer Schwan schwebte in der Luft und sang, wie sie
-früher nie einen Vogel hatten singen hören! Aber der Gesang wurde
-schwächer und schwächer, er neigte seinen Kopf und sank langsam zu ihren
-Füßen nieder, wo er tot liegen blieb, der schöne Vogel!
-
-»Zwei herrliche Flügel,« sagte der Reisekamerad, »so weiß und groß wie
-die, welche der Vogel hat, sind Geldes wert: die will ich mit mir
-nehmen! Siehst du nun wohl, daß es gut war, daß ich einen Säbel bekam?«
-Und so hieb er mit einem Schlage beide Flügel des toten Schwanes ab: die
-wollte er behalten.
-
-Sie reisten nun viele, viele Meilen weit fort über die Berge, bis sie
-zuletzt eine große Stadt vor sich sahen, mit Hunderten von Türmen, die
-wie Silber in der Sonne glänzten. In der Stadt war ein prächtiges
-Marmorschloß, mit purem Golde gedeckt. Hier wohnte der König.
-
-Johannes und der Reisekamerad wollten nicht sogleich in die Stadt gehen,
-sondern blieben im Wirtshause vor der Stadt, damit sie sich putzen
-konnten, denn sie wollten nett aussehen, wenn sie auf die Straße kämen.
-Der Wirt erzählte ihnen, daß der König ein sehr guter Mann sei, der nie
-einem Menschen etwas zuleide täte, aber seine Tochter, ja, Gott behüte
-uns! die sei eine schlimme Prinzessin. Schönheit besaß sie genug, keine
-konnte so hübsch und niedlich sein, wie sie war, aber was half das? Sie
-war eine böse Hexe, die Schuld daran hatte, daß viele herrliche Prinzen
-ihr Leben hatten verlieren müssen. -- Allen Menschen hatte sie die
-Erlaubnis erteilt, um sie freien zu dürfen. Ein jeder konnte kommen, er
-mochte Prinz oder Bettler sein: das sei ihr gleich. Er sollte nur drei
-Sachen raten, an die sie gerade gedacht hätte und um die sie ihn
-befragte. Konnte er das, so wollte sie sich mit ihm vermählen, und er
-sollte König über das ganze Land sein, wenn ihr Vater stürbe; konnte er
-aber die drei Sachen nicht raten, so ließ sie ihn aufhängen oder ihm den
-Kopf abhauen! Ihr Vater, der alte König, war sehr betrübt darüber, aber
-er konnte ihr nicht verbieten, so böse zu sein, denn er hatte einmal
-gesagt, er wolle nie etwas mit ihren Liebhabern zu tun haben, sie könne
-selbst tun, was sie wolle. Jedesmal wenn ein Prinz kam und raten sollte,
-um die Prinzessin zu erhalten, konnte er es nicht, und dann wurde er
-gehängt oder geköpft. Er war ja beizeiten gewarnt, er hätte das Freien
-unterlassen können. Der König war so betrübt über all die Trauer und das
-Elend, daß er einen ganzen Tag des Jahres mit allen seinen Soldaten auf
-den Knien lag und betete, die Prinzessin möge gut werden, aber das
-wollte sie durchaus nicht. Die alten Frauen, die Branntwein tranken,
-färbten denselben schwarz, bevor sie ihn tranken, so trauerten sie. Und
-mehr konnten sie doch nicht tun!
-
-»Die häßliche Prinzessin!« sagte Johannes. »Sie sollte wirklich die Rute
-bekommen, das würde ihr gut tun. Wäre ich nur der alte König, sie sollte
-schon gegerbt werden!«
-
-Da hörten sie das Volk draußen Hurra rufen. Die Prinzessin kam vorbei,
-sie war wirklich schön, daß alle Leute vergaßen, wie böse sie war,
-deshalb riefen sie Hurra. Zwölf schöne Jungfrauen, alle in weißseidenen
-Kleidern und jede eine goldene Tulpe in der Hand, ritten auf schwarzen
-Pferden ihr zur Seite. Die Prinzessin selbst hatte ein weißes Pferd mit
-Diamanten und Rubinen geschmückt. Ihr Reitkleid war aus purem Goldstoff,
-und die Peitsche, die sie in der Hand hatte, sah aus, als wäre sie ein
-Sonnenstrahl. Die goldene Kette auf dem Haupte war wie kleine Sterne vom
-Himmel, und der Mantel war aus mehr als tausend Schmetterlingsflügeln
-zusammengenäht. Dessenungeachtet war sie noch schöner als ihre Kleider.
-
-Als Johannes sie zu sehen bekam, wurde er so rot im Gesichte wie ein
-Blutstropfen und konnte kaum ein einzelnes Wort sagen.
-
-Die Prinzessin sah so aus wie das schöne Mädchen mit der goldenen Krone,
-von der er in der Nacht geträumt hatte, als sein Vater gestorben war. Er
-fand sie so schön, daß er nicht unterlassen konnte, sie recht zu lieben.
-Das wäre gewiß nicht wahr, daß sie eine böse Hexe sei, welche die Leute
-hängen oder köpfen ließ, wenn sie nicht raten könnten, was sie von ihnen
-verlangte. »Ein jeder hat die Erlaubnis, um sie zu freien, sogar der
-ärmste Bettler. Ich will wirklich nach dem Schlosse gehen, denn ich kann
-es nicht unterlassen!« Sie sagten ihm alle, er möge es nicht tun, es
-würde ihm bestimmt wie all den andern ergehen. Der Reisekamerad riet
-auch davon ab, aber Johannes meinte, es würde schon gehen. Er bürstete
-seine Schuhe und seinen Rock, wusch sich Gesicht und Hände, kämmte sein
-hübsches blondes Haar und ging dann allein in die Stadt hinein und nach
-dem Schlosse.
-
-»Herein!« sagte der alte König, als Johannes an die Türe pochte.
-Johannes öffnete, und der König im Schlafrock und in gestickten
-Pantoffeln kam ihm entgegen, die Krone hatte er auf dem Haupte, das
-Zepter in der einen Hand und den Reichsapfel in der andern. »Warte ein
-bißchen!« sagte er, und nahm den Apfel unter den Arm, um Johannes die
-Hand reichen zu können. Aber sowie er erfuhr, er sei ein Freier, fing er
-so an zu weinen, daß das Zepter sowohl wie der Apfel auf den Fußboden
-fielen und er die Augen mit seinem Schlafrocke trocknen mußte. Der arme,
-alte König!
-
-»Laß es sein!« sagte er. »Es geht Dir schlecht, wie all den andern. Nun,
-Du wirst es sehen!« Dann führte er ihn hinaus nach dem Lustgarten der
-Prinzessin. Da sah es schrecklich aus! Oben in jedem Baume hingen drei,
-vier Königssöhne, die um die Prinzessin gefreit hatten, aber die Sachen,
-die sie ihnen aufgegeben, nicht hatten raten können. Jedesmal, wenn es
-wehte, klapperten alle Gerippe, so daß die kleinen Vögel erschraken und
-nie in den Garten zu kommen wagten. Alle Blumen waren an Menschenknochen
-aufgebunden, und in Blumentöpfen standen Totenköpfe und grinsten. Das
-war wirklich ein sonderbarer Garten für eine Prinzessin.
-
-»Hier siehst Du es!« sagte der alte König. »Es wird Dir ebenso wie
-diesen hier ergehen. Laß es deshalb lieber. Du machst mich wirklich
-unglücklich, denn ich nehme mir das sehr zu Herzen!«
-
-Johannes küßte dem guten, alten König die Hand und sagte, es würde schon
-gehen, denn er sei entzückt von der schönen Prinzessin.
-
-Da kam die Prinzessin selbst mit allen ihren Damen in den Schloßhof
-geritten, sie gingen deshalb zu ihr hinaus und sagten ihr guten Tag. Sie
-war wunderschön anzuschauen und reichte Johannes die Hand. Und er hielt
-noch viel mehr von ihr wie früher. Sie konnte sicher keine böse Hexe
-sein, wie alle Leute es ihr nachsagten. -- Dann begaben sie sich in den
-Saal, und die kleinen Pagen präsentierten ihnen Eingemachtes und
-Pfeffernüsse. Aber der alte König war betrübt, er konnte nichts essen.
-Und die Pfeffernüsse waren ihm auch zu hart.
-
-Es wurde bestimmt, daß Johannes am nächsten Morgen wieder nach dem
-Schlosse kommen sollte, dann würden die Richter und der ganze Rat
-versammelt sein und hören, wie es mit dem Raten gehe. Würde er gut dabei
-fahren, so sollte er dann noch zweimal kommen, aber es war noch nie
-jemand da gewesen, der das erstemal richtig geraten hätte, und dann
-mußte er das Leben verlieren.
-
-Johannes war nicht bekümmert darum, wie es ihm ergehen würde. Er war
-vielmehr vergnügt, gedachte nur der schönen Prinzessin und glaubte
-sicher, der liebe Gott werde ihm schon helfen. Aber wie, dies wußte er
-nicht und wollte lieber nicht daran denken. Er tanzte auf der Landstraße
-dahin, als er nach dem Wirtshause zurückging, wo der Reisekamerad auf
-ihn wartete.
-
-Johannes konnte nicht fertig damit werden, zu erzählen, wie artig die
-Prinzessin gegen ihn gewesen und wie schön sie sei. Er sehne sich schon
-sehr nach dem nächsten Tage, wo er in das Schloß sollte, um sein Glück
-im Raten zu versuchen.
-
-Aber der Reisekamerad schüttelte den Kopf und war betrübt. »Ich bin dir
-so gut!« sagte er. »Wir hätten noch lange beisammen sein können, und nun
-soll ich dich schon verlieren! Du armer, lieber Johannes! Ich möchte
-weinen, aber ich will am letzten Abende, den wir vielleicht beisammen
-sind, deine Freude nicht stören. Wir wollen lustig sein, recht lustig!
-Morgen, wenn du fort bist, kann ich ungestört weinen.«
-
-Alle Leute drinnen in der Stadt hatten sogleich erfahren, daß ein neuer
-Freier der Prinzessin angekommen war, und deshalb herrschte große
-Betrübnis. Das Schauspielhaus blieb geschlossen, alle Kuchenfrauen
-banden Flor um ihre Zuckermänner, der König und die Priester lagen auf
-den Knien in den Kirchen. Es war große Betrübnis, denn es konnte
-Johannes ja nicht besser ergehen, als es allen übrigen Freiern ergangen
-war.
-
-Gegen Abend bereitete der Reisekamerad eine große Bowle Punsch und sagte
-zu Johannes: »Nun wollen wir recht lustig sein und auf der Prinzessin
-Gesundheit trinken.« Als aber Johannes zwei Gläser getrunken hatte,
-wurde er so schläfrig, daß es ihm unmöglich war, die Augen offen zu
-halten, er sank in tiefen Schlaf. Der Reisekamerad hob ihn sanft vom
-Stuhle und legte ihn in das Bett hinein, und als es dunkle Nacht wurde,
-nahm er die beiden großen Flügel, die er von dem Schwane abgehauen
-hatte, und band sie an seine Schultern fest. Die größte Rute, die er von
-der alten Frau erhalten, welche gefallen war und das Bein gebrochen
-hatte, steckte er in seine Tasche, öffnete das Fenster und flog so über
-die Stadt, nach dem Schlosse hin, wo er sich in einen Winkel unter das
-Fenster setzte, wo es in die Schlafstube der Prinzessin ging.
-
-Es war still in der ganzen Stadt. Nun schlug die Uhr dreiviertel auf
-Zwölf, das Fenster ging auf und die Prinzessin flog in einem langen,
-weißen Mantel und mit schwarzen Flügeln über die Stadt weg hinaus zu
-einem großen Berge. Aber der Reisekamerad machte sich unsichtbar, so daß
-sie ihn nicht sehen konnte, flog hinterher und peitschte die Prinzessin
-mit seiner Rute, so daß Blut kam, wohin er schlug. Ach, das war eine
-Fahrt durch die Luft! Der Wind erfaßte ihren Mantel, der sich nach allen
-Seiten ausbreitete gleich einem großen Schiffssegel, und der Mond schien
-durch denselben.
-
-»Wie es hagelt! wie es hagelt!« sagte die Prinzessin bei jedem Schlage,
-den sie von der Rute bekam, und das war ihr schon recht. Endlich kam sie
-hinaus zum Berge und klopfte an. Es rollte gleich dem Donner, indem der
-Berg sich öffnete, sie ging hinein. Der Reisekamerad folgte ihr, denn
-niemand konnte ihn sehen, er war unsichtbar. Sie gingen durch einen
-großen, langen Gang, wo die Wände eigentümlich glänzten, es waren über
-tausend glühende Spinnen, die an der Mauer auf- und abliefen und wie
-Feuer leuchteten. Da kamen sie in einen großen Saal, von Silber und Gold
-erbaut, Blumen so groß wie Sonnenblumen, rote und blaue, glänzten an den
-Wänden, aber niemand konnte die Blumen pflücken, denn die Stengel waren
-häßliche, giftige Schlangen, und die Blumen waren Feuer, welches ihnen
-aus dem Rachen heraus brannte. Die ganze Decke war mit leuchtenden
-Johanneswürmchen und himmelblauen Fledermäusen bedeckt, die mit den
-dünnen Flügeln schlugen. Es sah ganz schauerlich aus! Mitten auf dem
-Fußboden war ein Thron, der von vier Pferdegerippen getragen wurde,
-welchen Zaumzeug von den roten Feuerspinnen aufgelegt war, der Thron
-selbst war aus milchweißem Glase, und die Kissen waren kleine, schwarze
-Mäuse, die einander in den Schwanz bissen. Über demselben war ein Dach
-von rosenrotem Spinngewebe, mit den niedlichen, kleinen grünen Flügeln
-besetzt, welche wie Edelsteine glänzten. Auf dem Throne saß ein alter
-Zauberer, mit einer Krone auf dem häßlichen Kopfe und einem Zepter in
-der Hand. Er küßte die Prinzessin auf die Stirn, ließ sie an seine Seite
-auf den kostbaren Thron setzen, und dann begann die Musik. Große,
-schwarze Heuschrecken bliesen auf Mundharmonikas, und die Ente schlug
-sich auf den Leib, denn sie hatte keine Trommel. Das war ein
-possierliches Konzert. Kleine, schwarze Kobolde mit einem Irrlichte auf
-der Mütze tanzten im Saale herum. Niemand aber konnte den Reisekameraden
-erblicken, er hatte sich hinter den Thron gestellt und hörte und sah
-alles. Die Hofleute, die nun herein kamen, waren sehr fein und vornehm!
-Der, welcher sehen konnte, merkte wohl, wie es damit zusammenhing. Sie
-waren nichts weiter als Besenstiele mit Kohlköpfen darauf, in die der
-Zauberer Leben gehext und denen er gestickte Kleider gegeben hatte. Aber
-das machte nichts aus, sie wurden doch nur zum Prunk gebraucht.
-
-Nachdem erst etwas getanzt war, erzählte die Prinzessin dem Zauberer,
-daß sie einen neuen Freier erhalten habe und fragte deshalb, woran sie
-wohl denken sollte, um ihn am nächsten Morgen darnach zu fragen, wenn er
-nach dem Schlosse käme.
-
-»Höre,« sagte der Zauberer, »das will ich dir sagen! Du mußt etwas recht
-Leichtes wählen, denn dann fällt er gar nicht darauf. Denke an einen
-deiner Schuhe. Das rät er nicht. Laß ihm den Kopf abhauen, doch vergiß
-nicht, wenn du morgen Nacht wieder zu mir kommst, mir seine Augen
-mitzubringen, denn die will ich essen!«
-
-Die Prinzessin verneigte sich tief und sagte, sie würde die Augen nicht
-vergessen. Der Zauberer öffnete nun den Berg, und sie flog wieder
-zurück, aber der Reisekamerad folgte ihr und prügelte sie wieder so
-stark mit der Rute, daß sie tief über das starke Hagelwetter seufzte und
-sich, so sehr sie konnte, beeilte, durch das Fenster in ihre Schlafstube
-zu gelangen. Der Reisekamerad dagegen flog zum Wirtshause zurück, wo
-Johannes noch schlief, löste seine Flügel ab und legte sich dann auch
-auf das Bett, denn er konnte wohl müde sein.
-
-Es war früh am Morgen, als Johannes erwachte. Der Reisekamerad stand
-auch auf und erzählte, daß er diese Nacht einen sonderbaren Traum von
-der Prinzessin und ihrem Schuhe gehabt habe und bat ihn, deshalb doch zu
-fragen, ob die Prinzessin nicht an ihren Schuh gedacht haben sollte.
-Denn das war es ja, was er von dem Zauberer im Berge gehört hatte.
-
-»Ich kann ebensogut darnach als nach etwas anderem fragen,« sagte
-Johannes. »Vielleicht ist das richtig, was du geträumt hast, denn ich
-vertraue auf den lieben Gott, der mir schon helfen wird. Aber ich will
-dir noch Lebewohl sagen, denn rate ich falsch, so bekomme ich dich nie
-mehr zu sehen.«
-
-Dann küßten sie sich, und Johannes ging in die Stadt und nach dem
-Schlosse. Der Saal war mit Menschen angefüllt, die Richter saßen in
-ihren Lehnstühlen und hatten Eiderdunenkissen unter den Köpfen, denn sie
-hatten gar viel zu denken. Der alte König stand auf und trocknete seine
-Augen mit einem weißen Taschentuche. Nun trat die Prinzessin herein. Sie
-war noch schöner wie gestern und grüßte alle in anmutigster Weise, aber
-dem Johannes gab sie die Hand und sagte: »Guten Morgen, du!«
-
-Nun sollte Johannes raten, woran sie gedacht habe, Gott, wie sah sie ihn
-freundlich an! Aber sowie sie ihn das eine Wort »Schuh« aussprechen
-hörte, wurde sie kreideweiß im Gesicht und zitterte am ganzen Körper.
-Allein das konnte ihr nichts helfen, denn er hatte richtig geraten!
-
-Der Tausend! wie wurde der alte König vergnügt, er schoß einen
-Purzelbaum, daß es eine Lust war. Und alle Leute klatschten in die
-Hände, ihm und Johannes zu Ehren, der das erstemal richtig geraten
-hatte.
-
-Der Reisekamerad war auch erfreut, als er erfuhr, wie gut es abgelaufen
-war. Aber Johannes faltete die Hände und dankte seinem Gotte, der sicher
-die beiden andern Male wieder helfen würde. Am nächsten Tage sollte
-schon wieder geraten werden.
-
-Der Abend verging ebenso wie der gestrige. Als Johannes schlief, flog
-der Reisekamerad hinter der Prinzessin her zum Berge hinaus und prügelte
-sie noch stärker als das vorige Mal, denn nun hatte er zwei Ruten
-genommen. Niemand bekam ihn zu sehen, und er hörte alles. Die Prinzessin
-wollte an ihren Handschuh denken, und das erzählte er wieder dem
-Johannes, als ob es ein Traum sei. Daher konnte derselbe richtig raten,
-und es verursachte eine große Freude auf dem Schlosse. Der ganze Hof
-schoß Purzelbäume, sowie sie es den König das erstemal hatten machen
-sehen. Aber die Prinzessin lag auf dem Sofa und wollte nicht ein
-einziges Wort sagen. Nun kam es darauf an, ob Johannes das drittemal
-richtig raten konnte. Glückte es, so sollte er ja die schöne Prinzessin
-haben und nach dem Tode des alten Königs das ganze Reich erben. Riet er
-falsch, so sollte er sein Leben verlieren und der Zauberer seine
-schönen, blauen Augen essen.
-
-Den Abend vorher ging Johannes zeitig zu Bett, betete sein Abendgebet
-und schlief dann ruhig. Aber der Reisekamerad band seine Flügel an den
-Rücken, den Säbel aber an seine Seite, nahm alle drei Ruten mit sich und
-flog nach dem Schlosse.
-
-Es war finstere Nacht. Es stürmte so, daß die Dachsteine von den Häusern
-flogen, und die Bäume drinnen im Garten, wo die Gerippe hingen, bogen
-sich gleich nach dem Schilfe vor dem Sturmwinde. Es blitzte jeden
-Augenblick und der Donner rollte, als ob es nur ein einziger Schlag sei,
-der die ganze Nacht währte. Nun ging das Fenster auf, und die Prinzessin
-flog heraus. Sie war so bleich wie der Tod, aber sie lachte über das
-böse Wetter und meinte, es sei noch nicht arg genug. Und ihr weißer
-Mantel wirbelte in der Luft umher, gleich einem großen Schiffssegel,
-aber der Reisekamerad peitschte sie mit seinen drei Ruten, daß das Blut
-auf die Erde tröpfelte und sie zuletzt kaum weiter fliegen konnte.
-Endlich kam sie doch nach dem Berge.
-
-»Es hagelt und stürmt,« sagte sie, »nie bin ich bei solchem Wetter
-ausgewesen.«
-
-»Man kann auch des Guten zu viel haben!« sagte der Zauberer. Nun
-erzählte sie ihm, daß Johannes auch das zweitemal richtig geraten habe,
-würde er dasselbe morgen tun, so hätte er gewonnen, und sie könne nie
-mehr nach dem Berge hinauskommen, vermöchte nie mehr solche Zauberkünste
-wie früher zu machen, deshalb war sie betrübt.
-
-»Er soll es nicht erraten können!« sagte der Zauberer. »Ich werde schon
-etwas erdenken, was er sich nie gedacht hat, oder er müßte ein größerer
-Zauberer gewesen sein als ich. Aber nun wollen wir lustig sein!« Und
-dann faßte er die Prinzessin bei den Händen, und sie tanzten mit allen
-den kleinen Kobolden mit Irrlichtern herum, die in dem Zimmer waren. Die
-roten Spinnen sprangen an den Wänden ebenso lustig auf und nieder, es
-sah aus, als ob Feuerblumen sprühten. Die Eule schlug auf die Trommel,
-die Heimchen pfiffen, und die schwarzen Heuschrecken bliesen auf
-Mundharmonikas. Es war ein lustiger Ball. --
-
-Als sie nun lange genug getanzt hatten, mußte die Prinzessin nach Hause,
-sonst möchte sie im Schlosse vermißt werden. Der Zauberer sagte, daß er
-sie begleiten wolle, da wären sie doch unterwegs noch beisammen.
-
-Dann flogen sie in dem bösen Wetter davon, und der Reisekamerad schlug
-seine drei Ruten auf ihrem Rücken entzwei. Nie war der Zauberer in
-solchem Hagelwetter ausgewesen. Draußen vor dem Schlosse sagte er der
-Prinzessin Lebewohl und flüsterte ihr zugleich zu: »Denke an meinen
-Kopf!« Aber der Reisekamerad hörte es wohl, und gerade in dem
-Augenblick, als die Prinzessin durch das Fenster in ihr Schlafgemach
-schlüpfte und der Zauberer wieder umkehren wollte, ergriff er ihn an
-seinem langen Barte und hieb mit dem Säbel seinen häßlichen Zaubererkopf
-bei den Schultern ab, so daß der Zauberer ihn nicht einmal selbst zu
-sehen bekam. Den Körper warf er hinaus in den See zu den Fischen, den
-Kopf aber tauchte er nur in das Wasser und band ihn dann in sein
-seidenes Taschentuch, nahm ihn mit nach dem Wirtshause und legte sich
-dann schlafen.
-
-Am nächsten Morgen gab er Johannes das Taschentuch und sagte ihm dabei,
-daß er es nicht aufbinden dürfe, bevor die Prinzessin frage, woran sie
-gedacht habe.
-
-Es waren so viele Menschen in dem großen Saale auf dem Schlosse, daß sie
-so dicht standen wie Radieschen, die in ein Bündel zusammengebunden
-sind. Der Rat saß auf seinen Stühlen mit den weichen Kissen, und der
-alte König hatte neue Kleider an, die goldene Krone und das Zepter waren
-poliert: er sah feierlich aus. Aber die Prinzessin war bleich und hatte
-ein schwarzes Kleid an, als gehe sie zum Begräbnis.
-
-»Woran habe ich gedacht?« fragte sie den Johannes. Und sogleich löste er
-das Taschentuch und war selbst erschrocken, als er das häßliche
-Zaubererhaupt erblickte. Es schauderte alle Menschen, denn es war
-schrecklich anzusehen, aber die Prinzessin saß da wie ein Steinbild und
-konnte nicht ein einziges Wort sagen. Endlich erhob sie sich und reichte
-Johannes die Hand, denn er hatte ja richtig geraten. Sie sah weder auf
-den einen noch auf den andern, sondern sie seufzte laut: »Nun bist du
-mein Herr! Diesen Abend wollen wir Hochzeit halten!«
-
-»Das gefällt mir!« sagte der alte König. »So will ich es haben!« Alle
-Leute riefen hurra, die Wachtparade machte Musik in den Straßen, die
-Glocken läuteten und die Kuchenfrauen nahmen den schwarzen Flor von
-ihren Zuckermännern, denn nun herrschte große Freude. Drei gebratene
-Ochsen, mit Enten und Hühnern gefüllt, wurden mitten auf den Markt
-gesetzt, und jeder konnte sich ein Stück abschneiden, in den
-Springbrunnen sprudelte der schönste Wein, und kaufte man eine
-Pfennigbrezel beim Bäcker, so bekam man sechs große Zwiebacke als
-Zugabe, und die Zwiebacke mit Rosinen darin.
-
-Am Abende war die ganze Stadt erleuchtet, die Soldaten schossen mit
-Kanonen, die Knaben mit Knallerbsen, und es wurde gegessen und
-getrunken, angestoßen und gesprungen oben im Schlosse. Alle die
-vornehmen Fräulein tanzten miteinander, man konnte in weiter Ferne
-hören, wie sie sangen:
-
- Hier sind viel hübsche Mädchen,
- Die gern tanzen rund herum,
- Drehen sich wie Spinnerädchen;
- Hübsches Mädchen, schwenk' dich um.
- Tanzt und springet immerzu,
- Bis die Sohle fällt vom Schuh.
-
-Aber die Prinzessin war ja noch eine Hexe und mochte Johannes gar nicht
-leiden. Das fiel dem Reisekameraden ein, und deshalb gab er Johannes
-drei Federn aus den Schwanenflügeln und eine kleine Flasche mit einigen
-Tropfen darin und sagte ihm dann, daß er ein großes Faß mit Wasser
-gefüllt vor das Bett der Prinzessin setzen lassen solle, und wenn die
-Prinzessin hineinsteigen wolle, sollte er ihr einen kleinen Stoß geben,
-so daß sie in das Wasser hinunterfalle, wo er sie dreimal untertauchen
-müsse, nachdem er vorher die Federn und die Tropfen hineingeschüttet
-habe, dann werde sie ihre Zauberei verlieren und ihn recht lieb haben.
-
-Johannes tat alles, was der Reisekamerad ihm geraten hatte. Die
-Prinzessin schrie laut, als er sie unter das Wasser tauchte, und
-zappelte ihm unter den Händen wie ein großer, schwarzer Schwan mit
-funkelnden Augen. Als sie das zweitemal wieder über das Wasser herauf
-kam, war der Schwan weiß, bis auf einen schwarzen Ring um den Hals.
-Johannes betete fromm zu Gott und ließ das Wasser das drittemal über den
-Vogel zusammenschlagen, und in demselben Augenblick wurde dieser in die
-schönste Prinzessin verwandelt. Sie war noch schöner als zuvor und
-dankte ihm mit Tränen in ihren herrlichen Augen, daß er den Zauber von
-ihr gelöst habe.
-
-Am nächsten Morgen kam der alte König mit seinem ganzen Hofstaate, da
-gab es ein Gratulieren bis spät in den Tag hinein. Zuletzt kam der
-Reisekamerad, er hatte seinen Stock in der Hand und das Ränzel auf dem
-Rücken. Johannes küßte ihn viele Mal und sagte, er dürfe nicht
-fortreisen, er solle bei ihm bleiben, denn er wäre ja die Ursache seines
-Glücks. Aber der Reisekamerad schüttelte mit dem Kopfe und sagte mild
-und freundlich: »Nein, nun ist meine Zeit um. Ich habe nur meine Schuld
-bezahlt. Erinnerst du dich des toten Mannes, dem die bösen Menschen
-Übles tun wollten? Du gabst alles, was du besaßest, damit er Ruhe in
-seinem Grabe haben konnte. Der Tote bin ich!«
-
-In demselben Augenblicke war er verschwunden. --
-
-Die Hochzeit währte nun einen ganzen Monat. Johannes und die Prinzessin
-liebten einander innig, und der alte König erlebte manche frohe Tage und
-ließ ihre kleinen Kinderchen auf seinen Knien reiten und mit seinem
-Zepter spielen. Aber Johannes wurde König über das ganze Land.
-
-
-
-
- Das Märchenbuch
-
-
- Eine Sammlung von Märchenbüchern
- für Kinder und Erwachsene
-
- Mit Zeichnungen der besten deutschen Maler
-
- Herausgegeben von Bruno Cassirer
-
- Band 1
- Deutsche Märchen
- Illustriert von Max Slevogt
- Gebunden 10 Mark
-
- Band 2
- Deutsche Märchen
- Illustriert von Graf L. von Kalckreuth
- Gebunden 8 Mark
-
- Band 3
- Genovefa -- Der arme Heinrich
- Illustriert von W. Klemm
- Gebunden 8 Mark
-
- Band 4
- Aladdin oder die Wunderlampe
- Illustriert von C. Strathmann
- Gebunden 8 Mark
-
- Band 5
- Zwerg Nase
- Farbig illustriert von Karl Walser
- Zweite Auflage. Gebunden 13.50 Mark
-
- Band 6
- Rübezahl
- Illustriert von Max Slevogt
- Gebunden 10 Mark
-
- Band 7
- Das kalte Herz
- Farbig illustriert von Karl Walser
- Gebunden 10 Mark
-
- Band 8
- Kalif Storch -- Der kleine Muck
- Farbig illustriert von Karl Walser
- Gebunden 10 Mark
-
- Band 9
- Frau Holle und anderes
- Illustriert von Bernhard Hasler
- Gebunden 15 Mark
-
- Band 10
- Ali Baba und die vierzig Räuber
- Illustriert, teils mehrfarbig, von Max Slevogt
- Zweite Auflage. In Halbleinen gebunden 35 Mark
-
- Von einigen Bänden sind noch wenige Exemplare in Ganzleder mit
- Goldprägung zum Preise von 200 Mark vorrätig. Hergestellt wurden
- je 100 numerierte Exemplare
-
- Druck: Hof-Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner in Weimar
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt
-(vorher/nachher):
-
- [S. 23]:
- ... Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im Stile und in ...
- ... Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im Stiele und in ...
-
- [S. 37]:
- ... Berge, auf deren Gipfel der weiße Schnee glänzte, als wären ...
- ... Berge, auf deren Gipfeln der weiße Schnee glänzte, als wären ...
-
- [S. 58]:
- ... deine dreihundert Jahre, bevor du zu toten, salzigem
- Seeschaume ...
- ... deine dreihundert Jahre, bevor du zu totem, salzigem
- Seeschaume ...
-
- [S. 74]:
- ... von allem Möglichem, was existierte, zu erzählen. ...
- ... von allem Möglichen, was existierte, zu erzählen. ...
-
- [S. 91]:
- ... wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie ihm das eine
- Wort ...
- ... wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie ihn das eine
- Wort ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Märchen (Illustriert von Alfred Kubin), by
-Hans Christian Andersen
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN (ILLUSTRIERT VON ***
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Märchen (Illustriert von Alfred Kubin), by Hans Christian Andersen</title>
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- <!-- TITLE="Märchen (Illustriert von Alfred Kubin)" -->
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Märchen (Illustriert von Alfred Kubin), by
-Hans Christian Andersen
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Märchen (Illustriert von Alfred Kubin)
- Die Nachtigall / Die kleine Seejungfrau / Der Reisekamerad
-
-Author: Hans Christian Andersen
-
-Illustrator: Alfred Kubin
-
-Release Date: January 19, 2016 [EBook #50965]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN (ILLUSTRIERT VON ***
-
-
-
-
-Produced by Jens Sadowski
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="titlematter">
-<p class="half">
-H. C. Andersens Märchen
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="titlematter">
-<div class="centerpic" id="img-frontispiz">
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-
-</div>
-
-<div class="titlematter">
-<h1 class="title">
-Die Nachtigall<br />
-Die kleine Seejungfrau<br />
-Der Reisekamerad
-</h1>
-
-<p class="aut">
-<span class="line1">von</span><br />
-<span class="line2">H. C. Andersen</span>
-</p>
-
-<p class="ill">
-Mit Zeichnungen<br />
-von<br />
-Alfred Kubin
-</p>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">Im Verlag von Bruno Cassirer, Berlin</span><br />
-<span class="line2">1922</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="part" id="part-1">
-<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a>
-Die Nachtigall
-</h2>
-
-<div class="ulshapepic pbb" id="img-003">
-<div class="boxu box003u">
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-</div>
-<div class="boxl box003l"></div>
-</div>
-
-<p class="drop_i">
-<span class="drop">I</span>n China, weißt du wohl, ist der Kaiser ein
-Chinese, und alle, die er um sich her hat,
-sind auch Chinesen. Es ist nun viele Jahre
-her, aber eben deshalb ist es der Mühe
-wert, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen
-wird! Des Kaisers Schloß war
-das prächtigste in der Welt, ganz und
-gar von feinem Porzellan, sehr kostbar,
-aber so spröde, so mißlich, daran zu
-rühren, daß man sich sehr in acht nehmen
-mußte. Im Garten sah man die wunderbarsten Blumen,
-und an die prächtigsten waren Silberglocken gebunden,
-welche klangen, damit man nicht vorbeigehen möchte,
-ohne die Blumen zu bemerken. Ja, alles war in des Kaisers
-Garten fein ausspekuliert. Und er erstreckte sich so weit, daß
-der Gärtner selbst das Ende desselben nicht kannte. Ging
-man immer weiter, so kam man in den herrlichsten Wald mit
-hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald ging gerade
-hinunter bis zum Meere, welches blau und tief war, große
-Schiffe konnten bis unter die Zweige der Bäume hinsegeln,
-und in diesen wohnte eine Nachtigall, die so herrlich sang,
-daß selbst der arme Fischer, der noch viel anderes zu tun
-hatte, still hielt und horchte, wenn er des Nachts ausgefahren
-war, um das Fischnetz auszuwerfen und dann die
-Nachtigall hörte. &bdquo;Ach Gott, wie ist das schön!&ldquo; sagte er,
-aber er mußte auf seine Sachen acht geben und vergaß dabei
-den Vogel. Doch wenn dieser in der nächsten Nacht wieder
-<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a>
-sang und der Fischer dorthin kam, sagte derselbe: &bdquo;Ach Gott,
-wie ist das schön!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aus allen Ländern der Welt kamen Reisende nach der
-Stadt des Kaisers und bewunderten diese, das Schloß und
-den Garten. Doch wenn sie die Nachtigall zu hören bekamen,
-sagten sie alle: &bdquo;Das ist doch das beste!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause
-kamen, und die Gelehrten schrieben viele Bücher über die
-Stadt, das Schloß und den Garten. Aber auch die Nachtigall
-vergaßen sie nicht: die wurde am höchsten gestellt, und die,
-welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über
-die Nachtigall im Walde bei dem tiefen See.
-</p>
-
-<p>
-Die Bücher durchliefen die Welt, und einige davon kamen
-auch einmal zum Kaiser. Er saß in seinem goldenen Stuhle
-und las und las, jeden Augenblick nickte er mit dem Kopfe,
-denn es freute ihn, die prächtigen Beschreibungen der Stadt,
-des Schlosses und des Gartens zu vernehmen. &bdquo;Aber die
-Nachtigall ist doch das allerbeste!&ldquo; stand da geschrieben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was ist das?&ldquo; sagte der Kaiser. &bdquo;Die Nachtigall kenne
-ich ja gar nicht! Ist ein solcher Vogel in meinem Kaiserreiche
-und sogar in meinem Garten? Das habe ich nie gehört! So
-etwas erst aus Büchern zu erfahren!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und hierauf rief er seinen Kavalier. Der war so vornehm,
-daß, wenn jemand, der geringer als er war, mit ihm zu sprechen
-oder ihn nach etwas zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte
-als: &bdquo;P!&ldquo; und &bdquo;das hat nichts zu bedeuten&ldquo;.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, welcher
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-Nachtigall genannt wird!&ldquo; sagte der Kaiser. &bdquo;Man sagt, dies
-sei das allerbeste in meinem großen Reiche. Weshalb hat man
-mir nie etwas davon gesagt?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe ihn früher nie nennen hören!&ldquo; sagte der Kavalier.
-&bdquo;Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will, daß er heute abend herkommen und vor mir
-singen soll!&ldquo; sagte der Kaiser. &bdquo;Die ganze Welt weiß, was
-ich habe, und ich weiß es nicht!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe ihn früher nie nennen hören!&ldquo; sagte der Kavalier.
-&bdquo;Ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Aber wo war der zu finden? Der Kavalier lief alle Treppen
-auf und nieder, durch Säle und Gänge, aber keiner von
-allen denen, auf die er traf, hatte von der Nachtigall sprechen
-hören. Und der Kavalier lief wieder zum Kaiser und sagte,
-daß es sicher eine Fabel von denen sein müßte, die da Bücher
-schrieben. &bdquo;Dero Kaiserliche Majestät können gar nicht glauben,
-was alles geschrieben wird! Das sind Erdichtungen und
-etwas, was man die schwarze Kunst nennt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber das Buch, in dem ich dieses gelesen habe,&ldquo; sagte
-der Kaiser, &bdquo;ist mir von dem großmächtigsten Kaiser von
-Japan gesandt, und es kann also keine Unwahrheit sein, ich
-will die Nachtigall hören! Sie muß heute abend hier sein!
-Sie hat meine höchste Gnade! Und kommt sie nicht, so soll
-dem ganzen Hofe auf den Leib getrampelt werden, wenn er
-Abendbrot gegessen hat!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Tsing pe!&ldquo; sagte der Kavalier und lief wieder alle Treppen
-auf und nieder, durch alle Säle und Gänge, und der
-<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a>
-halbe Hof lief mit, denn sie wollten nicht gern auf den Leib
-getrampelt sein. Da gab es ein Fragen nach der merkwürdigen
-Nachtigall, welche die ganze Welt kannte, nur niemand bei
-Hofe.
-</p>
-
-<p>
-Endlich trafen sie ein armes, kleines Mädchen in der Küche.
-Die sagte: &bdquo;O Gott, die Nachtigall kenne ich gut, ja, wie
-kann sie singen! Jeden Abend habe ich Erlaubnis, meiner
-armen, kranken Mutter Überbleibsel vom Tische nach Hause zu
-tragen; sie wohnt unten am Strand, und wenn ich zurückgehe,
-müde bin und im Walde ausruhe, dann höre ich die Nachtigall
-singen! Es kommen mir dabei die Tränen in die Augen,
-und es ist, als ob meine Mutter mich küßte!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kleine Köchin!&ldquo; sagte der Kavalier, &bdquo;ich werde dir eine
-Anstellung in der Küche und die Erlaubnis verschaffen, den
-Kaiser speisen zu sehen, wenn du uns zur Nachtigall führen
-kannst, denn sie ist zu heute abend angesagt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und so zogen sie alle hinaus in den Wald, wo die Nachtigall
-zu singen pflegte, der halbe Hof war mit. Als sie im
-besten Zuge waren, fing eine Kuh zu brüllen an.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh!&ldquo; sagten die Hofjunker, &bdquo;nun haben wir sie! Das ist
-doch eine merkwürdige Kraft in einem so kleinen Tiere! Die
-habe ich sicher schon früher gehört!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, das sind Kühe, welche so brüllen!&ldquo; sagte die kleine
-Köchin. &bdquo;Wir sind noch weit von dem Orte entfernt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun quakten die Frösche im Sumpfe.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herrlich!&ldquo; sagte der chinesische Hofprediger. &bdquo;Nun höre
-ich sie; es klingt gerade wie kleine Kirchenglocken.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="rightpic" id="img-007">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a><img src="images/007.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-&bdquo;Nein, das sind
-Frösche!&ldquo; sagte die
-kleine Köchin. &bdquo;Aber
-nun denke ich, werden
-wir sie bald
-hören!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da begann die
-Nachtigall zu schlagen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist sie!&ldquo;
-sagte das kleine Mädchen.
-&bdquo;Hört! Hört!
-Da sitzt sie!&ldquo; Und
-sie zeigte nach einem
-kleinen, grauen Vogel
-oben in den
-Zweigen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ist es möglich!&ldquo; sagte der Kavalier. &bdquo;So hätte ich sie
-mir nimmer gedacht! Wie sie einfach aussieht! Sie hat sicher
-ihre Farbe darüber verloren, daß sie so viele vornehme Menschen
-um sich erblickt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Kleine Nachtigall!&ldquo; rief die kleine Köchin laut, &bdquo;unser
-gnädigster Kaiser wünscht, daß Sie vor ihm singen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Mit dem größten Vergnügen!&ldquo; sagte die Nachtigall und
-sang dann, daß es eine Lust war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es klingt gerade wie Glasglocken!&ldquo; sagte der Kavalier.
-&bdquo;Und seht die kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig,
-<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a>
-daß wir sie früher nie gehört haben! Sie wird großen <i>Succès</i>
-bei Hofe machen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?&ldquo; fragte die
-Nachtigall, welche glaubte, der Kaiser sei auch da.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Meine vortreffliche kleine Nachtigall!&ldquo; sagte der Kavalier,
-&bdquo;ich habe die große Freude, Sie zu einem Hoffeste heute
-abend einzuladen, wo Sie Dero hohe kaiserliche Gnaden mit
-ihrem charmanten Gesange bezaubern werden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Der hört sich am besten im Grünen an!&ldquo; sagte die Nachtigall,
-aber sie kam doch gern mit, als sie hörte, daß es der
-Kaiser wünschte.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Schlosse war tüchtig aufgeputzt. Die Wände
-und der Fußboden, welche von Porzellan waren, glänzten im
-Strahle vieler tausend Goldlampen; die prächtigsten Blumen,
-welche recht klingeln konnten, waren in den Gängen aufgestellt.
-Das war ein Laufen und ein Zugwind, und alle Glocken
-klingelten so, daß man sein eigenes Wort nicht hören konnte.
-</p>
-
-<p>
-Mitten in den großen Saal, wo der Kaiser saß, war ein
-goldener Stecken gestellt, auf diesem sollte die Nachtigall sitzen.
-Der ganze Hof war da, und die kleine Köchin hatte die Erlaubnis
-erhalten, hinter der Tür zu stehen, da sie nun den Titel
-einer wirklichen Hofköchin bekommen hatte. Alle waren in
-ihrem größten Putz, und alle sahen nach dem kleinen grauen
-Vogel, dem der Kaiser zunickte.
-</p>
-
-<p>
-Die Nachtigall sang so herrlich, daß dem Kaiser die
-Tränen in die Augen traten und ihm über die Wangen
-herniederliefen, da sang die Nachtigall noch schöner: das ging
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-recht zu Herzen. Der Kaiser war so froh, daß er sagte, die
-Nachtigall sollte seinen goldenen Pantoffel um den Hals zu
-tragen bekommen. Aber die Nachtigall dankte, sie habe schon
-Belohnung genug erhalten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe Tränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist
-mir der reichste Schatz! Eines Kaisers Tränen haben eine besondere
-Kraft! Gott weiß es, ich bin genug belohnt.&ldquo; Darauf
-sang sie wieder mit ihrer süßen, herrlichen Stimme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist die liebenswürdigste Koketterie, die ich kenne!&ldquo;
-sagten die Damen rings umher, und dann nahmen sie Wasser
-in den Mund um zu glucken, wenn jemand mit ihnen spräche.
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Sie glaubten, dann auch Nachtigallen zu sein. Ja, die Lakaien
-und Kammermädchen ließen melden, daß auch sie zufrieden
-seien; das will viel sagen, denn die sind am schwersten zu befriedigen.
-Kurz, die Nachtigall machte wahrlich Glück.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-009">
-<img src="images/009.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihr eigenes Bauer und
-die Freiheit haben, zweimal des Tages und einmal des
-Nachts herauszuspazieren. Sie bekam dann zwölf Diener mit,
-welche ihr alle ein Seidenband um das Bein geschlungen
-hatten, an dem sie sie recht fest hielten. Es war durchaus kein
-Vergnügen bei einem solchen Ausfluge.
-</p>
-
-<p>
-Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel,
-und begegneten sich zwei, so sagte der eine nichts anders als:
-&bdquo;Nacht!&ldquo; &mdash; und der andere sagte: &bdquo;gall!&ldquo; Und dann seufzten
-sie und verstanden einander. Ja, elf Hökerkinder wurden nach
-ihr benannt, aber nicht eins von ihnen hatte einen Ton in der
-Kehle. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages erhielt der Kaiser ein großes Paket, worauf
-geschrieben stand: &bdquo;Die Nachtigall.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Da haben wir nun ein neues Buch über unsern berühmten
-Vogel!&ldquo; sagte der Kaiser. Aber es war kein Buch, sondern
-ein kleines Kunstwerk, welches in einer Schachtel lag: eine
-künstliche Nachtigall, die der lebenden gleichen sollte, allein
-überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt war.
-Sobald man den Kunstvogel aufzog, konnte er eins der Stücke,
-die der wirkliche Vogel sang, singen, und dann bewegte sich
-der Schweif auf und nieder, und glänzte von Silber und
-Gold. Um den Hals hing ein kleines Band, darauf stand geschrieben:
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-&bdquo;Des Kaisers von Japan Nachtigall ist arm gegen
-die des Kaisers von China.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das ist herrlich!&ldquo; sagten alle, und der, welcher den künstlichen
-Vogel gebracht hatte, erhielt sogleich den Titel: Kaiserlicher
-Ober-Nachtigallbringer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nun müssen sie zusammen singen, was wird das für ein
-Duett werden.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und so mußten sie zusammen singen, aber es wollte nicht
-recht passen, denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise,
-und der Kunstvogel ging auf Walzen. &bdquo;Der hat keine Schuld,&ldquo;
-sagte der Spielmeister, &bdquo;der ist besonders taktfest und ganz
-nach meiner Schule!&ldquo; Nun sollte der Kunstvogel allein singen.
-Er machte ebenso viel Glück als der wirkliche, und dann war
-er ja viel niedlicher anzusehen: er glänzte wie Armbänder und
-Busennadeln.
-</p>
-
-<p>
-Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und
-war doch nicht müde. Die Leute hätten ihn gern wieder aufs
-neue gehört, aber der Kaiser meinte, daß nun auch die lebendige
-Nachtigall etwas singen sollte. &mdash; &mdash; Aber wo war die?
-Niemand hatte bemerkt, daß sie aus dem offenen Fenster zu
-ihren grünen Wäldern fortgeflogen war.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber was ist denn das?&ldquo; sagte der Kaiser. Und alle Hofleute
-schalten und weinten, daß die Nachtigall ein höchst undankbares
-Tier sei. &bdquo;Den besten Vogel haben wir doch!&ldquo;
-sagten sie, und so mußte denn der Kunstvogel wieder singen,
-und das war das vierunddreißigstemal, daß sie dasselbe Stück
-zu hören bekamen. Sie konnten es dessenungeachtet doch nicht
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-auswendig, es war gar zu schwer. Und der Spielmeister lobte
-den Vogel außerordentlich; ja, er versicherte, daß er besser wie
-eine Nachtigall sei, nicht nur was die Kleider und die herrlichen
-Diamanten beträfe, sondern auch innerlich.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Denn sehen sie, meine Herren, der Kaiser vor allen! bei
-der wirklichen Nachtigall kann man nie berechnen, was da
-kommen wird, aber bei dem Kunstvogel ist alles bestimmt!
-Man kann es erklären, man kann ihn öffnen und dem Menschen
-begreiflich machen, wie die Walzen liegen, wie sie gehen,
-und wie das eine aus dem andern folgt!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das sind auch unsere Gedanken!&ldquo; sagten alle, und der
-Spielmeister erhielt die Erlaubnis, am nächsten Sonntage den
-Vogel dem Volke vorzuzeigen. Es sollte ihn auch singen hören,
-befahl der Kaiser. Und es hörte ihn, und es wurde so vergnügt,
-als ob es sich in Tee berauscht hätte, denn das ist
-chinesisch; da sagten alle: &bdquo;Oh!&ldquo; und hielten den Zeigefinger
-in die Höhe und nickten dazu. Die armen Fischer jedoch,
-welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: &bdquo;Das
-klingt hübsch genug, die Melodien gleichen sich auch, aber es
-fehlt etwas, ich weiß nicht was!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die wirkliche Nachtigall wurde aus dem Lande und Reiche
-verwiesen.
-</p>
-
-<p>
-Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem Seidenkissen,
-dicht bei des Kaisers Bette. Alle die Geschenke, welche er
-erhalten, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und
-im Titel war er zu einem &bdquo;Hochkaiserlichen Nachttisch-Sänger&ldquo;
-gestiegen, im Range bis Nummer eins zur linken Seite.
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-Denn der Kaiser rechnete die Seite für die vornehmste, auf
-der das Herz saß, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser
-links. Und der Spielmeister schrieb ein Werk von fünfundzwanzig
-Bänden über den Kunstvogel; das war so gelehrt
-und so lang, voll von den allerschwersten chinesischen Wörtern,
-daß alle Leute sagten, sie hätten es gelesen und verstanden,
-denn sonst wären sie ja dumm gewesen und wären
-auf den Leib getrampelt worden.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-013">
-<img src="images/013.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-So ging es ein ganzes Jahr. Der Kaiser, der Hof und
-alle die andern Chinesen konnten jeden Gluck in des Kunstvogels
-Gesange auswendig. Aber gerade deshalb gefiel er
-ihnen jetzt am allerbesten: sie konnten selbst mitsingen, und
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-das taten sie auch. Die Straßenbuben sangen: &bdquo;Zizizi!
-Gluckgluckgluck!&ldquo; und der Kaiser sang es ebenfalls. Ja, das
-war gewiß prächtig!
-</p>
-
-<p>
-Eines Abends jedoch, als der Kunstvogel am besten sang,
-und der Kaiser im Bette lag und darauf hörte, sagte es inwendig
-im Vogel &bdquo;Schwupp&ldquo;. Da sprang etwas! &bdquo;Schnurr!&ldquo;
-alle Räder liefen herum, und dann stand die Musik still.
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser sprang gleich aus dem Bette und ließ seinen
-Leibarzt rufen, aber was konnte der helfen! Dann ließen sie
-den Uhrmacher holen, und nach vielem Sprechen und Nachsehen
-bekam er den Vogel etwas in Ordnung, aber er sagte,
-daß er geschont werden müsse, denn die Zapfen seien abgenutzt,
-und es wäre unmöglich, neue so einzusetzen, daß die Musik
-sicher ginge. Nun war eine große Trauer! Nur einmal des
-Jahres durfte man den Kunstvogel singen lassen, und das
-war schon fast zu viel. Aber dann hielt der Spielmeister
-eine kleine Rede voll inhaltsschwerer Worte und sagte, daß
-es ebensogut sei, wie früher; dann war es ebensogut, wie
-früher.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt waren fünf Jahre vergangen, und das Land bekam
-eine große Trauer. Die Chinesen hielten im Grunde alle auf
-ihren Kaiser, und jetzt war er krank und konnte nicht lange
-mehr leben, sagte man.
-</p>
-
-<p>
-Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand
-draußen auf der Straße und fragte den Kavalier, wie es
-ihrem alten Kaiser ginge.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;P!&ldquo; sagte er und schüttelte mit dem Kopfe.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-015">
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a><img src="images/015.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen, prächtigen
-Bette; der ganze Hof glaubte ihn tot, und ein jeder von
-ihnen lief hin, den neuen Kaiser zu begrüßen. Die Kammerdiener
-liefen hinaus, um darüber zu schwatzen, und die Kammermädchen
-hatten große Kaffeegesellschaft. Ringsumher in alle
-Säle und Gänge war Tuch gelegt, damit man keinen Fußtritt
-vernehme, und deshalb war es da still, ganz still. Aber der
-Kaiser war noch nicht tot; steif und bleich lag er in dem
-prächtigen Bette, mit den langen Samtgardinen und den
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-schweren Goldquasten, hoch oben stand ein Fenster offen,
-und der Mond schien herein auf den Kaiser und den Kunstvogel.
-</p>
-
-<p>
-Der arme Kaiser konnte kaum atmen; es war, als ob
-etwas auf seiner Brust säße, er schlug die Augen auf, und
-da sah er, daß es der Tod sei, der auf seiner Brust saß und
-sich seine goldene Krone aufgesetzt hatte und in der einen
-Hand des Kaisers goldenen Säbel, in der andern seine prächtige
-Fahne hielt. Und ringsumher aus den Falten der großen,
-samtnen Bettgardinen sahen wunderbare Köpfe hervor: einige
-häßlich, andere lieblich und mild. Das waren alle des Kaisers
-böse und gute Taten, welche ihn anblickten, jetzt, da der Tod
-ihm auf dem Herzen saß.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Entsinnest du dich dieses?&ldquo; flüsterte einer nach dem andern.
-&bdquo;Erinnerst du dich dessen?&ldquo; Und dann erzählten sie ihm so
-viel, daß ihm der Schweiß von der Stirne rann.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das habe ich nicht gewußt!&ldquo; sagte der Kaiser. &bdquo;Musik!
-Musik! die große chinesische Trommel!&ldquo; rief er, &bdquo;damit ich
-nicht alles zu hören brauche, was sie sagen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese
-zu allem, was gesagt wurde.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Musik! Musik!&ldquo; schrie der Kaiser. &bdquo;Du kleiner herrlicher
-Goldvogel! Singe doch, singe! Ich habe dir ja Gold und
-Kostbarkeiten gegeben; ich habe dir selbst meinen goldenen
-Pantoffel um den Hals gehängt, singe doch, singe!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Vogel aber stand still, es war niemand da, ihn aufzuziehen,
-und sonst sang er nicht, aber der Tod fuhr fort, den
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-Kaiser mit seinen großen, hohlen Augen anzustarren, und still
-war es, schrecklich still!
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-017">
-<img src="images/017.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Da klang auf einmal vom Fenster her der herrlichste Gesang:
-es war die kleine, lebende Nachtigall, welche auf einem
-Zweige draußen saß. Sie hatte von der Not ihres Kaisers
-gehört und war deshalb gekommen, ihm Trost und Hoffnung
-zu singen. Und wie sie sang, wurden die Gespenster immer
-bleicher und bleicher, das Blut kam immer rascher und rascher
-in des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst
-der Tod horchte und sagte: &bdquo;Fahre fort, kleine Nachtigall!
-fahre fort!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, willst du mir den prächtigen goldenen Säbel geben?
-Willst du mir die reiche Fahne geben? Willst du mir des
-Kaisers Krone geben?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang, und
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-die Nachtigall fuhr noch fort zu singen; sie sang von dem
-stillen Gottesacker, wo die weißen Rosen wachsen, wo der
-Flieder duftet, und wo das frische Gras von den Tränen der
-Überlebenden befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehnsucht
-nach seinem Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel
-aus dem Fenster.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Dank, Dank!&ldquo; sagte der Kaiser. &bdquo;Du himmlischer kleiner
-Vogel! Ich kenne dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande
-und Reiche gejagt! Und doch hast du die bösen Gesichter von
-meinem Bette weggesungen, den Tod von meinem Herzen
-weggeschafft! Wie kann ich dir lohnen?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du hast mich belohnt!&ldquo; sagte die Nachtigall. &bdquo;Ich habe
-deinen Augen Tränen entlockt, als ich das erstemal sang: das
-vergesse ich nie! Das sind Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen!
-Aber schlafe nun und werde wieder frisch und stark!
-Ich werde dir etwas vorsingen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und sie sang &mdash; und der Kaiser fiel in einen süßen
-Schlummer. Ach! wie mild und wohltuend war der Schlaf!
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne schien durch die Fenster zu ihm herein, als er
-gestärkt und gesund erwachte. Keiner von seinen Dienern war
-noch zurückgekehrt, denn sie glaubten, er sei tot, nur die Nachtigall
-saß noch bei ihm und sang.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Immer mußt du bei mir bleiben!&ldquo; sagte der Kaiser.
-&bdquo;Du sollst nun singen, wenn du selbst willst, und den Kunstvogel
-schlage ich in tausend Stücke.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Tue das nicht!&ldquo; sagte die Nachtigall. &bdquo;Der hat ja Gutes
-getan, so lange er konnte! Behalte ihn wie bisher! Ich kann
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-im Schlosse nicht mein Nest bauen und bewohnen, aber laß
-mich kommen, wenn ich selbst Lust habe; da will ich des Abends
-auf dem Zweige dort beim Fenster sitzen und dir etwas vorsingen,
-damit du froh werden kannst und gedankenvoll zugleich!
-Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die da
-leiden! Ich werde vom Bösen und vom Guten singen, was
-rings um dich her verborgen bleibt! Der kleine Singvogel
-fliegt weit umher, zu dem armen Fischer, zu des Landmanns
-Dach, zu jedem, der weit von dir und deinem Hofe entfernt
-ist! Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat
-die Krone einen Duft von etwas Heiligtum um sich! &mdash; Ich
-komme, ich singe dir etwas vor! &mdash; Aber eins mußt du mir
-versprechen.&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-019">
-<img src="images/019.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-&mdash; &bdquo;Alles!&ldquo; sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen
-Tracht, die er selbst angelegt hatte, und drückte den
-Säbel, welcher schwer von Gold war, an sein Herz.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Um eins bitte ich dich! Erzähle niemand, daß du einen
-kleinen Vogel hast, der dir alles sagt, dann wird es noch
-besser gehen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da flog die Nachtigall fort.
-</p>
-
-<p>
-Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu
-sehen &mdash; &mdash; ja, da standen sie, und der Kaiser sagte: &bdquo;Guten
-Morgen!&ldquo;
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-020">
-<img src="images/020.jpg" alt="" /></div>
-
-<h2 class="part" id="part-2">
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-Die kleine Seejungfer
-</h2>
-
-<div class="centerpic pbb" id="img-023">
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a><img src="images/023.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">W</span>eit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie
-die Blätter der schönsten Kornblume und so klar wie
-das reinste Glas. Aber es ist sehr tief, tiefer, als irgendein
-Ankertau reicht, viele Kirchtürme müßten aufeinander gestellt
-werden, um vom Boden bis über das Wasser zu reichen. Dort
-unten wohnt das Meervolk.
-</p>
-
-<p>
-Nun muß man aber nicht glauben, daß da nur der nackte,
-weiße Sandboden sei, nein, da wachsen die sonderbarsten
-Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im <a id="corr-0"></a>Stiele und in
-den Blättern sind, daß sie sich bei der geringsten Bewegung
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-des Wassers rühren, als ob sie lebten. Alle kleinen und großen
-Fische schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch wie hier oben
-die Vögel durch die Bäume. An der tiefsten Stelle liegt des
-Meerkönigs Schloß; die Mauern sind von Korallen und die
-langen Spitzbogenfenster vom klarsten Bernstein, aber das Dach
-bilden Muschelschalen, die sich öffnen und schließen, je nachdem
-das Wasser strömt. Es sieht herrlich aus, denn in jeder
-liegen strahlende Perlen, eine einzige davon würde großen
-Wert in der Krone einer Königin haben.
-</p>
-
-<p>
-Der Meerkönig dort unten war seit vielen Jahren Witwer,
-während seine alte Mutter bei ihm wirtschaftete. Sie war
-eine kluge Frau, aber stolz auf ihren Adel, deshalb trug sie
-zwölf Austern auf dem Schwanze, die andern Vornehmen
-aber durften nur sechs tragen. &mdash; Sonst verdiente sie großes
-Lob, besonders weil sie viel auf die kleinen Meerprinzessinnen,
-ihre Enkelinnen, hielt. Es waren sechs schöne Kinder, aber die
-jüngste war die schönste von allen, ihre Haut so klar und so
-fein wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste
-See, aber ebenso wie die andern hatte sie keine Füße, der
-Körper endete in einen Fischschwanz.
-</p>
-
-<p>
-Den ganzen Tag konnten sie unten im Schlosse spielen,
-in den großen Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wänden
-hervorwuchsen. Die großen Bernsteinfenster wurden aufgemacht,
-und dann schwammen die Fische zu ihnen herein, wie
-bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir die Fenster
-aufmachen; doch die Fische schwammen zu den Prinzessinnen
-hin, fraßen aus ihren Händen und ließen sich streicheln.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-Draußen vor dem Schlosse war ein großer Garten mit
-feuerroten und dunkelbraunen Blumen, die Früchte strahlten
-wie Gold und die Blumen wie brennendes Feuer, indem sie
-fortwährend Stengel und Blätter bewegten. Die Erde selbst
-war der feinste Sand, aber blau, wie die Schwefelflamme.
-Über dem Ganzen lag ein eigentümlich blauer Schein; man
-hätte eher glauben mögen, daß man hoch in der Luft stehe und
-nur Himmel über und unter sich habe, als daß man auf dem
-Grunde des Meeres sei. Während der Windstille konnte man
-die Sonne erblicken, sie erschien wie eine Purpurblume, aus
-deren Kelche alles Licht strömte.
-</p>
-
-<p>
-Eine jede der kleinen Prinzessinnen hatte ihren kleinen
-Platz im Garten, wo sie graben und pflanzen konnte, wie es
-ihr gefiel. Die eine gab ihrem Blumenfleck die Gestalt eines
-Walfisches, einer andern gefiel es besser, daß der ihrige einem
-kleinen Meerweibe gleiche, aber die jüngste machte den ihrigen
-rund, der Sonne gleich, und hatte Blumen, die rot wie diese
-schienen. Sie war ein sonderbares Kind, still und nachdenkend,
-und wenn die andern Schwestern mit den merkwürdigsten
-Sachen, welche sie von gestrandeten Schiffen erhalten hatten,
-prunkten, wollte sie außer den rosenroten Blumen, die der
-Sonne dort oben glichen, nur eine hübsche Marmorstatue
-haben. Dies war ein herrlicher Knabe, aus weißem, klarem
-Steine gehauen, der beim Stranden auf den Meeresgrund
-gekommen war. Sie pflanzte bei der Statue eine rosenrote
-Trauerweide, die wuchs herrlich und hing mit ihren frischen
-Zweigen über derselben, gegen den blauen Sandboden herunter,
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-wo der Schatten sich violett zeigte und gleich den Zweigen
-in Bewegung war; es sah aus, als ob die Spitze und die
-Wurzeln miteinander spielten, als wollten sie sich küssen.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-026">
-<img src="images/026.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Es gab keine größere Freude für sie, als von der Menschenwelt
-zu hören; die Großmutter mußte alles, was sie von
-Schiffen und Städten, Menschen und Tieren wußte, erzählen,
-hauptsächlich erschien ihr besonders schön, daß oben auf der
-Erde die Blumen dufteten, denn das taten sie auf dem Grunde
-des Meeres nicht, und daß die Wälder grün wären, und daß
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-die Fische, die man dort zwischen den Bäumen erblickte, laut
-und herrlich singen könnten, daß es eine Lust sei. Es waren
-die kleinen Vögel, welche die Großmutter Fische nannte,
-denn sonst konnten sie sich nicht verstehen, da sie noch keinen
-Vogel gesehen hatten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn ihr euer fünfzehntes Jahr erreicht habt,&ldquo; sagte
-die Großmutter, &bdquo;dann sollt ihr die Erlaubnis erhalten, aus
-dem Meere emporzutauchen, im Mondenscheine auf der Klippe
-zu sitzen und die großen Schiffe vorbeisegeln zu sehen. Wälder
-und Städte werdet ihr dann erblicken!&ldquo; In dem kommenden
-Jahre war die eine der Schwestern fünfzehn Jahre alt, aber
-von den andern war die eine immer ein Jahr jünger als die
-andere; die jüngste von ihnen hatte demnach noch volle fünf
-Jahre zu warten, bevor sie von dem Grunde des Meeres
-hinaufkommen und sehen konnte, wie es bei uns aussehe.
-Aber die eine versprach der andern, zu erzählen, was sie erblickt
-und was sie am ersten Tage am schönsten gefunden habe,
-denn ihre Großmutter erzählte ihnen nicht genug, da war so
-vieles, worüber sie Auskunft haben wollten.
-</p>
-
-<p>
-Keine war sehnsüchtiger als die jüngste, gerade sie, die
-noch die längste Zeit zu warten hatte und die stets still und
-gedankenvoll war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster
-und sah durch das dunkelblaue Wasser empor, wie die Fische
-mit ihren Flossen und Schwänzen plätscherten. Mond und
-Sterne konnte sie sehen, freilich schienen diese ganz bleich,
-aber durch das Wasser sahen sie größer aus als vor unsern
-Augen. Zog dann etwas, einer schwarzen Wolke gleich, unter
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-ihr hin, so wußte sie, daß es entweder ein Walfisch sei, der
-über ihr schwamm, oder ein Schiff mit vielen Menschen; die
-dachten sicher nicht daran, daß eine leibliche, kleine Seejungfer
-unten stehe und ihre weißen Hände gegen den Kiel emporstreckte.
-</p>
-
-<p>
-Nun war die älteste Prinzessin fünfzehn Jahre alt und
-durfte über die Meeresfläche emporsteigen.
-</p>
-
-<p>
-Als sie zurückkam, hatte sie Hunderterlei zu erzählen, aber
-das Schönste, sagte sie, sei, im Mondenschein auf einer Sandbank
-in der ruhigen See zu liegen und die nahgelegene Küste
-mit der großen Stadt zu betrachten, wo die Lichter gleich
-hundert Sternen blinken, die Musik, das Lärmen und Toben
-von Wagen und Menschen zu hören, die vielen Kirchtürme
-zu sehen und das Läuten der Glocken zu vernehmen.
-</p>
-
-<p>
-Oh! wie horchte die jüngste Schwester auf, und wenn sie
-später abends am offenen Fenster stand und durch das dunkelblaue
-Wasser emporblickte, gedachte sie der großen Stadt mit
-dem Lärmen und Toben, dann glaubte sie, die Kirchenglocken
-bis zu sich herunter läuten hören zu können.
-</p>
-
-<p>
-Im folgenden Jahre erhielt die zweite Schwester die Erlaubnis,
-aus dem Wasser emporzusteigen und zu schwimmen,
-wohin sie wolle. Sie tauchte auf, als die Sonne unterging,
-und dieser Anblick, fand sie, sei das Schönste. Der ganze
-Himmel habe wie Gold ausgesehen, und die Schönheit der
-Wolken konnte sie nicht genug beschreiben! Rot und violett
-waren sie über ihr dahingesegelt, aber weit schneller als diese
-flog einem langen weißen Schleier gleich ein Schwarm wilder
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-Schwäne über das Wasser hin, wo die Sonne stand. Sie
-schwamm derselben entgegen, aber die Sonne sank, und der
-Rosenschein erlosch auf der Meeresfläche und in den Wolken.
-</p>
-
-<p>
-Das Jahr darauf kam die dritte Schwester hinauf. Sie
-war die dreisteste von allen, deshalb schwamm sie einen breiten
-Fluß, der in das Meer mündete, aufwärts. Herrliche, grüne
-Hügel mit Weinranken erblickte sie, Schlösser und Burgen
-schimmerten aus prächtigen Wäldern hervor, sie hörte, wie
-alle Vögel sangen, und die Sonne schien so warm, daß sie oft
-unter das Wasser tauchen mußte, um ihr brennendes Antlitz
-abzukühlen. In einer kleinen Bucht traf sie einen Schwarm
-kleiner Menschenkinder. Diese waren völlig nackt und plätscherten
-<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a>
-im Wasser, sie wollte mit ihnen spielen, aber die flohen
-erschrocken davon, und es kam ein kleines, schwarzes Tier, ein
-Hund &mdash; aber sie hatte nie einen Hund gesehen &mdash; der bellte
-sie so schrecklich an, daß sie ängstlich die offene See zu erreichen
-suchte. Doch nie konnte sie die prächtigen Wälder, die grünen
-Hügel und die niedlichen Kinder vergessen, die im Wasser
-schwimmen konnten, obgleich sie keinen Fischschwanz hatten.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-029">
-<img src="images/029.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Die vierte Schwester war nicht so dreist, sie blieb draußen
-im wilden Meer und erzählte, daß es dort am schönsten sei!
-Man sieht ringsumher viele Meilen weit, und der Himmel
-stehe wie eine Glasglocke darüber. Schiffe hatte sie gesehen,
-aber nur aus weiter Ferne, die sahen wie Möwen aus; die
-possierlichen Delphine hatten Purzelbäume geschlagen, und
-die großen Walfische aus ihren Nasenlöchern Wasser emporgespritzt,
-so daß es ausgesehen hatte, wie Hunderte von
-Springbrunnen ringsumher.
-</p>
-
-<p>
-Nun kam die Reihe an die fünfte Schwester, ihr Geburtstag
-war im Winter, und deshalb erblickte sie, was die andern
-das erstemal nicht gesehen hatten. Die See sah ganz grün aus,
-und rings umher schwammen große Eisberge, ein jeder erschien
-wie eine Perle, sagte sie, und war doch weit größer als die
-Kirchtürme, welche die Menschen bauen. Sie zeigten sich in
-den sonderbarsten Gestalten und glänzten wie Diamanten. Sie
-hatte sich auf einen der größten gesetzt, und alle Segler kreuzten
-erschrocken draußen herum, wo sie saß und den Wind mit
-ihren langen Haaren spielen ließ, aber gegen Abend wurde
-der Himmel mit Wolken überzogen, es blitzte und donnerte,
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-während die schwarze See die großen Eisblöcke hoch emporhob
-und sie im roten Blitze erglänzen ließ. Auf allen Schiffen
-reffte man die Segel ein, da war eine Angst und ein Grauen.
-Aber sie saß ruhig auf ihrem schwimmenden Eisberge und sah
-die blauen Blitzstrahlen im Zickzack in die schimmernde See
-fahren.
-</p>
-
-<p>
-Das erstemal, wenn eine der Schwestern über das Wasser
-emporkam, war eine jede entzückt über das Neue und Schöne,
-was sie erblickte, aber da sie nun als erwachsene Mädchen die
-Erlaubnis hatten, hinaufzusteigen, wann sie wollten, wurde es
-ihnen gleichgültig. Sie sehnten sich wieder zurück, und nach
-Verlauf eines Monats sagten sie, daß es unten bei ihnen am
-schönsten sei, da sei man so hübsch zu Hause.
-</p>
-
-<p>
-In mancher Abendstunde faßten die fünf Schwestern einander
-an den Armen und stiegen in einer Reihe über das
-Wasser auf, herrliche Stimmen hatten sie, schöner denn irgendein
-Mensch, und wenn dann ein Sturm im Anzuge war, so
-daß sie vermuten konnten, es würden Schiffe untergehen,
-schwammen sie vor den Schiffen her und sangen so lieblich,
-wie schön es auf dem Grunde des Meeres sei, und baten die
-Seeleute, sich nicht zu fürchten, da hinunterzukommen. Aber
-die konnten die Worte nicht verstehen und glaubten, es sei der
-Sturm, sie bekamen auch die Herrlichkeit dort unten nicht zu
-sehen, denn wenn das Schiff sank, so ertranken die Menschen
-und kamen als Leichen zu des Meerkönigs Schlosse.
-</p>
-
-<p>
-Wenn die Schwestern so des Abends, Arm in Arm, hoch
-durch das Wasser hinaufstiegen, dann stand die kleinste Schwester
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-allein und sah ihnen nach, und es war ihr, als ob sie weinen
-müßte, aber die Seejungfer hat keine Tränen, und darum leidet
-sie weit mehr.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, wäre ich doch fünfzehn Jahre alt!&ldquo; sagte sie. &bdquo;Ich
-weiß, daß ich die Welt dort oben und die Menschen, die
-darauf wohnen und hausen, recht lieben werde.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Endlich war sie denn fünfzehn Jahre alt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh, nun bist du erwachsen!&ldquo; sagte die Großmutter,
-die alte Königswitwe. &bdquo;Komm nun, laß mich dich schmücken,
-gleich deinen andern Schwestern!&ldquo; Sie setzte ihr einen Kranz
-weißer Lilien auf das Haar, aber jedes Blatt in der Blume
-war die Hälfte einer Perle, und die Alte ließ acht große
-Austern im Schweife der Prinzessin sich festklemmen, um ihren
-hohen Rang zu zeigen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das tut so weh!&ldquo; sagte die kleine Seejungfer.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, Hoffart muß Zwang leiden!&ldquo; sagte die Alte.
-</p>
-
-<p>
-Oh, sie hätte so gern alle diese Pracht abschütteln und
-den schweren Kranz ablegen mögen, ihre roten Blumen im
-Garten kleideten sie besser, aber sie konnte es nun nicht ändern.
-&bdquo;Lebt wohl!&ldquo; sprach sie, und sie stieg dann leicht und klar
-gleich einer Blase aus dem Wasser auf.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne war eben untergegangen, als sie den Kopf
-über das Wasser erhob, aber alle Wolken glänzten noch wie
-Rosen und Gold und inmitten der bleichroten Luft strahlte
-der Abendstern so hell und schön, die Luft war mild und frisch
-und das Meer ruhig. Da lag ein großes Schiff mit drei
-Masten, nur ein einziges Segel war aufgezogen, denn es
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-regte sich kein Lüftchen, und ringsumher im Tauwerk und
-auf den Rahen saßen die Matrosen. Da war Musik und
-Gesang, und als es dunkelte, wurden Hunderte von bunten
-Laternen angezündet, die sahen aus, als ob aller Nationen
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-Flaggen in der Luft wehten. Die kleine Seejungfer schwamm
-bis zum Kajütenfenster, und jedesmal, wenn das Wasser sie
-emporhob, konnte sie durch die spiegelhellen Fensterscheiben
-hineinblicken, wo viele geputzte Menschen standen. Aber der
-schönste war doch der junge Prinz mit den großen, schwarzen
-Augen, er war sicher nicht viel über sechzehn Jahre alt, es
-war sein Geburtstag, und deshalb herrschte all diese Pracht.
-Die Matrosen tanzten auf dem Verdecke, und als der junge
-Prinz hinaustrat, stiegen über hundert Raketen in die Luft,
-die leuchteten wie der helle Tag, so daß die kleine Seejungfer
-schon erschrak und unter das Wasser tauchte, aber sie streckte
-bald den Kopf wieder hervor, und da war es, als ob alle
-Sterne des Himmels zu ihr herunterfielen. Nie hatte sie solche
-Feuerkünste gesehen! Große Sonnen sprühten umher, prächtige
-Feuerfische flogen in die blaue Luft, und alles spiegelte
-sich in der klaren, stillen See. Auf dem Schiffe selbst war es
-so hell, daß man jedes kleine Tau, wie viel mehr also die
-Menschen sehen konnte. Oh, wie schön war doch der junge
-Prinz, er drückte den Leuten die Hand und lächelte, während
-die Musik in der herrlichen Nacht erklang.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-033">
-<img src="images/033.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Es wurde spät, aber die kleine Seejungfer konnte ihre
-Augen nicht von dem Schiffe und vom schönen Prinzen wegwenden.
-Die bunten Laternen wurden ausgelöscht, Raketen
-stiegen nicht mehr in die Höhe, es ertönten auch keine Kanonenschüsse
-mehr, aber tief unten im Meere summte und brummte
-es, inzwischen saß sie auf dem Wasser und schaukelte auf und
-nieder, so daß sie in die Kajüte hineinblicken konnte. Aber das
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Schiff bekam mehr Fahrt, ein Segel nach dem andern breitete
-sich aus, nun gingen die Wogen stärker, große Wolken zogen
-auf, es blitzte in der Ferne. Oh, es wird ein böses Wetter
-werden! Deshalb zogen die Matrosen die Segel ein. Das
-große Schiff schaukelte in fliegender Fahrt auf der wilden
-See, das Wasser erhob sich wie große schwarze Berge, die
-über die Masten rollen wollten, aber das Schiff tauchte wie
-ein Schwan zwischen den hohen Wogen nieder und ließ sich
-wieder auf die hochgetürmten Wasser heben. Der kleinen Seejungfer
-dünkte es eine recht lustige Fahrt zu sein, aber so erschien
-es den Seeleuten nicht, das Schiff knackte und krachte,
-die dicken Planken bogen sich bei den starken Stößen, die See
-stürzte in das Schiff hinein, der Mast brach mitten durch,
-als ob es ein Rohr wäre, und das Schiff legte sich auf die
-Seite, während das Wasser in den Raum eindrang. Nun
-sah die kleine Seejungfer, daß sie in Gefahr waren, sie mußte
-sich selbst vor den Balken und Stücken vom Schiffe, die auf
-dem Wasser trieben, in acht nehmen. Einen Augenblick war
-es so finster, daß sie nicht das mindeste sah, aber wenn es
-dann blitzte, wurde es wieder so hell, daß sie alle auf dem
-Schiffe erkennen konnte, besonders suchte sie den jungen Prinzen,
-und sie sah ihn, als das Schiff sich teilte, in das tiefe Meer
-versinken. Sogleich wurde sie ganz vergnügt, denn nun kam
-er zu ihr hinunter. Aber da gedachte sie, daß die Menschen
-nicht im Wasser leben können, und daß er nicht anders als
-tot zum Schlosse ihres Vaters hinunter gelangen könnte. Nein,
-sterben durfte er nicht, deshalb schwamm sie hin zwischen
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-Balken und Planken, die auf der See trieben und vergaß
-völlig, daß diese sie hätten zerquetschen können. Sie tauchte
-tief unter das Wasser und stieg wieder hoch zwischen den
-Wogen empor und gelangte am Ende so zu dem Prinzen
-hin, der nicht länger in der stürmischen See schwimmen konnte.
-Seine Arme und Beine begannen zu ermatten, die schönen
-Augen schlossen sich, er hätte sterben müssen, wäre die kleine
-Seejungfer nicht herzugekommen. Sie hielt seinen Kopf über
-das Wasser empor und ließ sich dann mit ihm von den Wogen
-treiben, wohin sie wollten.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-036">
-<img src="images/036.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Am Morgen war das böse Wetter vorüber, von dem
-Schiffe war kein Span zu erblicken, die Sonne stieg rot und
-glänzend aus dem Wasser empor, es war, als ob des Prinzen
-Wangen Leben dadurch erhielten, aber die Augen blieben geschlossen.
-Die Seejungfer küßte seine hohe, schöne Stirn und
-strich sein nasses Haar zurück, er kam ihr vor wie die Marmorstatue
-in ihrem kleinen Garten, sie küßte ihn wieder und wünschte,
-daß er lebte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-Nun erblickte sie vor sich das feste Land, hohe, blaue
-Berge, auf deren <a id="corr-1"></a>Gipfeln der weiße Schnee glänzte, als wären
-es Schwäne, die dort lägen. Unten an der Küste waren herrliche,
-grüne Wälder, und vorn lag eine Kirche oder ein Kloster,
-das wußte sie nicht recht, aber ein Gebäude war es. Zitronen-
-und Apfelsinenbäume wuchsen im Garten, und vor dem Tore
-standen hohe Palmen. Die See bildete hier eine kleine Bucht,
-da war sie still, aber sehr tief. Gerade auf die Klippe zu, wo
-der weiße, feine Sand aufgespült war, schwamm sie mit dem
-schönen Prinzen, legte ihn in den Sand, sorgte aber besonders
-dafür, daß der Kopf hoch im warmen Sonnenscheine lag.
-</p>
-
-<p>
-Nun läuteten alle Glocken in dem großen, weißen Gebäude,
-und es kamen viele junge Mädchen durch den Garten.
-Da schwamm die kleine Seejungfer weiter hinaus hinter einige
-große Steine, die aus dem Wasser hervorragten, legte Seeschaum
-auf ihr Haar und ihre Brust, so daß niemand ihr
-kleines Gesicht sehen konnte, und dann paßte sie auf, wer zu
-dem armen Prinzen kommen würde.
-</p>
-
-<p>
-Es währte nicht lange, da kam ein junges Mädchen dorthin,
-sie schien sehr zu erschrecken, aber nur einen Augenblick,
-dann holte sie mehrere Menschen, und die Seejungfer sah,
-daß der Prinz zum Leben zurückkam und daß er alle anlächelte.
-Aber ihr lächelte er nicht zu, er wußte ja auch nicht,
-daß sie ihn gerettet hatte, sie war sehr betrübt, und als er in
-das große Gebäude hineingeführt wurde, tauchte sie traurig
-unter das Wasser und kehrte zum Schlosse ihres Vaters
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-Immer war sie still und nachdenkend gewesen, aber nun
-wurde sie es noch weit mehr. Die Schwestern fragten sie, was
-sie das erstemal dort oben gesehen habe, aber sie erzählte nichts.
-</p>
-
-<p>
-Manchen Abend und Morgen stieg sie hinauf, wo sie
-den Prinzen verlassen hatte. Sie sah, wie die Früchte des
-Gartens reiften und abgepflückt wurden, sie sah, wie der Schnee
-auf den hohen Bergen schmolz, aber den Prinzen erblickte sie
-nicht, und deshalb kehrte sie immer betrübter heim. Da war
-es ihr einziger Trost, in ihrem kleinen Garten zu sitzen
-und die Arme um die schöne Marmorstatue zu schlingen, die
-dem Prinzen glich, aber ihre Blumen pflegte sie nicht, die
-wuchsen wie in einer Wildnis über die Gänge hinaus und
-flochten ihre langen Stiele und Blätter in die Zweige der
-Bäume hinein, so daß es dort dunkel war.
-</p>
-
-<p>
-Zuletzt konnte sie es nicht länger aushalten, sondern sagte
-es einer ihrer Schwestern, und gleich erfuhren es die andern,
-aber niemand weiter als diese und einige andere Seejungfern,
-die es nur ihren nächsten Freundinnen weiter sagten. Eine
-von ihnen wußte, wer der Prinz war, sie hatte auch das Fest
-auf dem Schiffe gesehen und gab an, woher er war und wo
-sein Königreich lag.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Komm, kleine Schwester!&ldquo; sagten die andern Prinzessinnen
-und sich umschlungen haltend, stiegen sie in einer langen Reihe
-aus dem Meere empor, wo sie wußten, daß des Prinzen
-Schloß lag.
-</p>
-
-<p>
-Dieses war aus einer hellgelben, glänzenden Steinart aufgeführt,
-mit großen Marmortreppen, deren eine in das Meer
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-hinunterreichte. Prächtig vergoldete Kuppeln erhoben sich über
-das Dach, und zwischen den Säulen um das ganze Gebäude
-herum standen Marmorbilder, die aussahen, als lebten sie.
-Durch das klare Glas in den hohen Fenstern blickte man in
-die prächtigen Säle hinein, wo köstliche Seidengardinen und
-Teppiche aufgehängt und alle Wände mit großen Gemälden
-verziert waren, so daß es ein wahres Vergnügen war, es zu
-betrachten. Mitten in dem größten Saale plätscherte ein großer
-Springbrunnen, seine Strahlen reichten hoch hinauf gegen die
-Glaskuppel in der Decke, durch welche die Sonne auf das
-Wasser und die schönen Pflanzen schien, die im großen Bassin
-wuchsen.
-</p>
-
-<p>
-Nun wußte sie, wo er wohnte, und dort war sie manchen
-Abend und manche Nacht auf dem Wasser. Sie schwamm
-dem Lande weit näher, als eine der andern es gewagt hätte,
-ja, sie ging den schmalen Kanal hinauf, unter den prächtigen
-Marmoraltan, welcher einen großen Schatten über das Wasser
-warf. Hier saß sie und betrachtete den jungen Prinzen, der da
-glaubte, er sei ganz allein in dem hellen Mondschein.
-</p>
-
-<p>
-Sie sah ihn manchen Abend mit Musik in seinem prächtigen
-Boote segeln, auf dem Flaggen wehten; sie lauschte
-durch das grüne Schilf hervor, und ergriff der Wind ihren
-langen silberweißen Schleier, und sah jemand ihn, so glaubte
-er, es sei ein Schwan, der die Flügel ausbreite.
-</p>
-
-<p>
-Sie hörte in mancher Nacht, wenn die Fischer mit Fackeln
-auf der See waren, viel Gutes von dem jungen Prinzen erzählen,
-und es freute sie, daß sie sein Leben gerettet hatte, als
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-er halbtot auf den Wogen umhertrieb, sie dachte daran, wie
-fest sein Haupt auf ihrem Busen geruht, und wie herzlich sie
-ihn da geküßt hatte, er aber wußte nichts davon und konnte
-nicht einmal von ihr träumen.
-</p>
-
-<p>
-Mehr und mehr fing sie an, die Menschen zu lieben,
-mehr und mehr wünschte sie, unter ihnen umherwandeln zu
-können, deren Welt ihr weit großer zu sein schien als die ihrige.
-Sie konnten ja auf Schiffen über das Meer fliegen, auf den
-hohen Bergen über die Wolken emporsteigen, und die Länder,
-die sie besaßen, erstreckten sich mit Wäldern und Feldern weiter,
-als ihre Blicke reichten. Da war so vieles, was sie zu wissen
-wünschte: aber die Schwestern wußten ihr nicht alles zu beantworten,
-deshalb fragte sie die Großmutter, diese kannte die
-höhere Welt recht gut, die sie sehr richtig die Länder über
-dem Meere nannte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wenn die Menschen nicht ertrinken,&ldquo; fragte die kleine
-Seejungfer, &bdquo;können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht,
-wie wir hier unten im Meere?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagte die Alte, &bdquo;sie müssen auch sterben, und ihre
-Lebenszeit ist sogar noch kürzer als die unsere. Wir können
-dreihundert Jahre alt werden, aber wenn wir dann aufhören,
-hier zu sein, so werden wir nur in Schaum auf dem Wasser
-verwandelt, haben nicht einmal ein Grab hier unten unter
-unsern Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele, wir erhalten
-nie wieder Leben, wir sind gleich dem grünen Schilfe,
-ist das einmal durchgeschnitten, so kann es nicht wieder grünen!
-Die Menschen hingegen haben eine Seele, die ewig lebt, die
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-noch lebt, nachdem der Körper zur Erde geworden ist, sie steigt
-durch die klare Luft empor, hinauf zu den glänzenden Sternen!
-So wie wir aus dem Wasser auftauchen und die Länder der
-Welt erblicken, so steigen sie zu unbekannten, herrlichen Orten
-auf, die wir nie zu sehen bekommen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weshalb bekamen wir keine unsterbliche Seele?&ldquo; fragte
-die kleine Seejungfer betrübt. &bdquo;Ich möchte meine Hunderte
-von Jahren, die ich zu leben habe, dafür geben, um nur einen
-Tag Mensch zu sein und dann hoffen zu können, Anteil an
-der himmlischen Welt zu haben.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Daran darfst du nicht denken!&ldquo; sagte die Alte. &bdquo;Wir
-fühlen uns weit glücklicher und besser wie die Menschen dort
-oben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich werde also sterben und als Schaum auf dem Meere
-treiben, nicht die Musik der Wogen hören, die schönen Blumen
-und die rote Sonne sehen? Kann ich denn gar nichts tun, um
-eine unsterbliche Seele zu gewinnen?&ldquo; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein!&ldquo; sagte die Alte. &bdquo;Nur wenn ein Mensch dich so
-lieben würde, daß du ihm mehr als Vater und Mutter wärest,
-wenn er mit all seinem Denken und all seiner Liebe an dir
-hinge und den Prediger seine rechte Hand in die deinige, mit
-dem Versprechen der Treue hier und in alle Ewigkeit, legen
-ließe, dann flösse seine Seele in deinen Körper über, und auch
-du erhieltest Anteil an der Glückseligkeit der Menschen. Er
-gäbe dir Seele und behielte doch seine eigene. Aber das kann
-nie geschehen! Was hier im Meere schön ist, dein Fischschwanz,
-finden sie dort auf der Erde häßlich; sie verstehen es eben nicht
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-besser, man muß dort zwei plumpe Stützen haben, die sie
-Beine nennen, um schön zu sein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Da seufzte die kleine Seejungfer und sah betrübt auf ihren
-Fischschwanz.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laß uns froh sein,&ldquo; sagte die Alte, &bdquo;hüpfen und springen
-wollen wir in den dreihundert Jahren, die wir zu leben haben,
-das ist wahrlich lang genug, später kann man sich um so besser
-ausruhen. Heute abend werden wir Hofball haben!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das war auch eine Pracht, wie man sie nie auf Erden
-erblickt. Die Wände und die Decke des großen Tanzsaales
-waren von dickem, aber durchsichtigem Glase. Mehrere hundert
-kolossale Muschelschalen, rosenrote und grasgrüne, standen zu
-jeder Seite in Reihen mit einem blau brennenden Feuer,
-welches den ganzen Saal erleuchtete und durch die Wände
-hindurchschien, so daß die See draußen erleuchtet war, man
-konnte die unzähligen Fische sehen, große und kleine, die gegen
-die Glasmauern schwammen, auf einigen glänzten die Schuppen
-purpurrot, auf andern erschienen sie wie Silber und Gold. &mdash;
-Mitten durch den Saal floß ein breiter Strom, und auf diesem
-tanzten die Meermänner und Meerweibchen zu ihrem eigenen,
-lieblichen Gesange. So schöne Stimmen haben die Menschen
-auf der Erde nicht. Die kleine Seejungfer sang am
-schönsten von ihnen allen, und der ganze Hof applaudierte
-mit Händen und Schwänzen, und einen Augenblick fühlte sie
-eine Freude in ihrem Herzen, denn sie wußte, daß sie die
-schönste Stimme von allen auf der Erde und im Meere hatte!
-Aber bald gedachte sie wieder der Welt über sich; sie konnte
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-den hübschen Prinzen und ihren Kummer, daß sie keine unsterbliche
-Seele wie er besitze, nicht vergessen. Deshalb schlich
-sie sich aus ihres Vaters Schlosse hinaus, und während alles
-drinnen Gesang und Frohsinn war, saß sie betrübt in ihrem
-kleinen Garten. Da hörte sie das Waldhorn durch das Wasser
-ertönen und dachte: &bdquo;Nun segelt er sicher dort oben, an dem
-meine Sinne hangen und in dessen Hand ich meines Lebens
-Glück legen möchte. Alles will ich wagen, um ihn und eine
-unsterbliche Seele zu gewinnen! Während meine Schwestern
-dort in meines Vaters Schlosse tanzen, will ich zur Meerhexe
-gehen, vor der mir immer so bange gewesen ist, aber sie kann
-vielleicht raten und helfen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun ging die kleine Seejungfer aus ihrem Garten hinaus
-nach den brausenden Strudeln, hinter denen die Hexe wohnte.
-Den Weg hatte sie früher nie zurückgelegt. Da wuchsen keine
-Blumen, kein Seegras, nur der nackte, graue Sandboden erstreckte
-sich gegen den Strudel hin, wo das Wasser gleich
-brausenden Mühlrädern herumwirbelte und alles, was er erfaßte,
-mit sich in die Tiefe riß. Mitten zwischen diesen zermalmenden
-Wirbeln mußte sie hindurch, um in das Bereich
-der Meerhexe zu gelangen: und hier war eine lange Strecke
-kein anderer Weg als über warmen, sprudelnden Schlamm,
-diesen nannte die Hexe ihren Torfmoor. Dahinter lag ihr
-Haus mitten in einem seltsamen Walde, alle Bäume und
-Büsche waren Polypen, halb Tier und halb Pflanze, sie
-sahen aus wie hundertköpfige Schlangen, die aus der Erde
-hervorwuchsen; alle Zweige waren lange, schleimige Arme mit
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-Fingern wie geschmeidige Würmer, und Glied vor Glied bewegte
-sich, von der Wurzel bis zur äußersten Spitze. Alles,
-was sie im Meere erfassen konnten, umschlangen sie fest und
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-ließen es nie wieder fahren. Die kleine Seejungfer blieb vor
-demselben ganz erschrocken stehen. Ihr Herz pochte vor Furcht,
-fast wäre sie umgekehrt, aber da dachte sie an den Prinzen
-und an die Seele der Menschen, und nun bekam sie Mut.
-Ihr langes, fliegendes Haar band sie fest um das Haupt,
-damit die Polypen sie nicht daran ergreifen möchten, beide
-Hände legte sie über ihrer Brust zusammen und schoß so dahin,
-wie nur der Fisch durch das Wasser schießen kann, immer
-zwischen den häßlichen Polypen hindurch, die ihre geschmeidigen
-Arme und Finger hinter ihr her streckten. Sie sah, wie
-jeder von ihnen etwas, was er ergriffen hatte, mit Hunderten
-von kleinen Armen hielt. Menschen, die auf der See umgekommen
-und tief hinunter gesunken waren, sahen wie weiße
-Gerippe aus der Polypen Arme hervor. Schiffsruder und
-Kisten hielten sie fest, auch Skelette von Landtieren und ein
-kleines Meerweib, welches sie gefangen und erstickt hatten: das
-war ihr das Schrecklichste.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-044">
-<img src="images/044.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Nun kam sie zu einem großen, sumpfigen Platze im Walde,
-wo große, fette Wasserschlangen sich wälzten und ihren häßlichen,
-weißgelben Bauch zeigten. Mitten auf dem Platze war ein
-Haus von weißen Knochen ertrunkener Menschen errichtet, da
-saß die Meerhexe und ließ eine Kröte aus ihrem Munde
-fressen, wie die Menschen einem kleinen Kanarienvogel Zucker
-zu essen geben. Die häßlichen, fetten Wasserschlangen nannte
-sie ihre kleinen Küchlein und ließ sie sich auf ihrer großen
-schwammigen Brust wälzen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich weiß schon, was du willst!&ldquo; sagte die Meerhexe.
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-&bdquo;Es ist zwar dumm von dir, doch sollst du deinen Willen
-haben, denn er wird dich ins Unglück stürzen, meine schöne
-Prinzessin. Du willst gern deinen Fischschwanz los sein und
-statt dessen zwei Stützen wie die Menschen zum Gehen haben,
-damit der junge Prinz sich in dich verliebt und du ihn und
-eine unsterbliche Seele erhalten kannst!&ldquo; Dabei lachte die Hexe
-laut und widerlich, so daß die Kröte und die Schlangen auf
-die Erde fielen, wo sie sich wälzten. &bdquo;Du kommst gerade zur
-rechten Zeit,&ldquo; sagte die Hexe, &bdquo;morgen, wenn die Sonne aufgeht,
-könnte ich dir nicht helfen, bis wieder ein Jahr um wäre.
-Ich werde dir einen Trank bereiten, mit dem mußt du, bevor
-die Sonne aufgeht, nach dem Lande schwimmen, dich dort ans
-Ufer setzen und ihn trinken! dann verschwindet dein Schwanz
-und schrumpft zu dem, was die Menschen niedliche Beine
-nennen, zusammen, aber es tut weh; es ist, als ob ein scharfes
-Schwert dich durchdränge. Alle, die dich sehen, werden sagen,
-du seiest das schönste Menschenkind, das sie gesehen hätten. Du
-behältst deinen schwebenden Gang, keine Tänzerin kann sich so
-leicht bewegen wie du, aber jeder Schritt, den du machst, ist, als
-ob du auf scharfe Messer trätest, als ob dein Blut fließen müßte.
-Willst du alles dieses leiden, so werde ich dir helfen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja!&ldquo; sagte die kleine Seejungfer mit bebender Stimme,
-und gedachte des Prinzen und der unsterblichen Seele.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber bedenke,&ldquo; sagte die Hexe, &bdquo;hast du erst menschliche
-Gestalt bekommen, so kannst du nie wieder eine Seejungfer
-werden! Du kannst nie durch das Wasser zu deinen Schwestern
-und zum Schlosse deines Vaters zurück, und gewinnst du des
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-Prinzen Liebe nicht so, daß er um deinetwillen Vater und
-Mutter vergißt, an dir mit Leib und Seele hängt und den
-Priester eure Hände ineinander legen läßt, daß ihr Mann
-und Frau werdet, so bekommst du keine unsterbliche Seele!
-Am ersten Morgen, nachdem er mit einer andern verheiratet
-ist, wird dein Herz brechen, und du wirst zu Schaum auf dem
-Wasser.&ldquo;
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-047">
-<img src="images/047.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-&bdquo;Ich will es&ldquo;, sagte die kleine Seejungfer und war bleich
-wie der Tod.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber mich mußt du auch bezahlen!&ldquo; sagte die Hexe,
-&bdquo;und es ist nicht wenig, was ich verlange. Du hast die schönste
-Stimme von allen hier auf dem Grunde des Meeres, damit
-glaubst du wohl, ihn bezaubern zu können, aber die Stimme
-mußt du mir geben. Das beste, was du besitzest, will ich für
-meinen köstlichen Trank haben! Mein eigen Blut muß ich dir
-ja geben, damit der Trank scharf wird wie ein zweischneidig
-Schwert!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Aber wenn du meine Stimme nimmst,&ldquo; sagte die kleine
-Seejungfer, &bdquo;was bleibt mir dann übrig?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Deine schöne Gestalt,&ldquo; sagte die Hexe, &bdquo;dein schwebender
-Gang und deine sprechenden Augen, damit kannst du schon ein
-Menschenherz betören. Nun, hast du den Mut verloren? Strecke
-deine kleine Zunge hervor, dann schneide ich sie an Zahlungs
-Statt ab, und du erhältst den kräftigen Trank!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es geschehe!&ldquo; sagte die kleine Seejungfer, und die Hexe
-setzte ihren Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. &bdquo;Reinlichkeit
-ist eine schöne Sache!&ldquo; sagte sie und scheuerte den Kessel
-mit den Schlangen ab, die sie zu einem langen Knoten band,
-dann ritzte sie selbst die Brust und ließ ihr schwarzes Blut
-hineintröpfeln. Der Dampf bildete die sonderbarsten Gestalten,
-so daß einem angst und bange werden mußte. Jeden Augenblick
-warf die Hexe neue Sachen in den Kessel, und als er kochte,
-war es, als ob ein Krokodil weinte. Endlich war der Trank
-fertig, er sah wie das klarste Wasser aus.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-&bdquo;Da hast du ihn!&ldquo; sagte die Hexe und schnitt der kleinen
-Seejungfer die Zunge ab, die nun stumm war und weder
-singen noch sprechen konnte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sollten die Polypen dich ergreifen, wenn du durch meinen
-Wald zurückgehst,&ldquo; sagte die Hexe, &bdquo;so wirf nur einen einzigen
-Tropfen dieses Getränkes auf sie, davon zerspringen ihre Arme
-und Finger in tausend Stücke!&ldquo; Aber das brauchte die kleine
-Seejungfer nicht zu tun, die Polypen zogen sich erschrocken
-zurück, da sie den glänzenden Trank erblickten, der in ihrer
-Hand leuchtete, als sei er ein funkelnder Stern. So kam sie
-schnell durch den Wald, das Moor und die brausenden Strudel.
-</p>
-
-<p>
-Sie konnte ihres Vaters Schloß sehen, die Fackeln waren
-in dem großen Tanzsaale erloschen, sie schliefen sicher alle
-drinnen, aber sie wagte doch nicht, sie aufzusuchen, jetzt da sie
-stumm war und sie auf immer verlassen wollte. Es war, als
-ob ihr Herz vor Trauer zerspringen sollte. Sie schlich in den
-Garten, nahm eine Blume von jedem Blumenbeete ihrer
-Schwestern, warf Tausende von Kußhändchen dem Schlosse
-zu und stieg durch die dunkelblaue See hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie des Prinzen
-Schloß erblickte und die breite Marmortreppe hinaufstieg. Der
-Mond schien herrlich klar. Die kleine Seejungfer trank den
-brennenden, scharfen Trank, und es war, als ging ein zweischneidiges
-Schwert durch ihren feinen Körper, sie fiel dabei
-in Ohnmacht und lag wie tot da. Als die Sonne über die See
-schien, erwachte sie und fühlte einen schneidenden Schmerz,
-aber gerade vor ihr stand der schöne junge Prinz, er heftete
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-seine schwarzen Augen auf sie, so daß sie die ihrigen niederschlug
-und wahrnahm, daß ihr Fischschwanz fort war und sie
-die niedlichsten weißen Beine hatte, die nur ein Mädchen
-haben kann. Aber sie war nackt, deshalb hüllte sie sich in ihr
-langes Haar ein. Der Prinz fragte, wer sie sei und wie sie
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-hierher gekommen wäre, und sie sah ihn mild und doch gar
-betrübt mit ihren dunkelblauen Augen an, sprechen konnte sie
-ja nicht. Da nahm er sie bei der Hand und führte sie in das
-Schloß hinein. Jeder Schritt, den sie tat, war, wie die Hexe
-im voraus gesagt hatte, als trete sie auf spitze Nadeln und
-Messer, aber das ertrug sie gern; an des Prinzen Hand schritt
-sie so leicht einher wie eine Seifenblase, und er sowie alle
-wunderten sich über ihren lieblichen, schwebenden Gang.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-050">
-<img src="images/050.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Sie bekam nun herrliche Kleider von Seide und Musselin
-anzuziehen, im Schlosse war sie die Schönste von allen, aber
-sie war stumm, konnte weder singen noch sprechen. Herrliche
-Sklavinnen, in Seide und Gold gekleidet, traten auf und sangen
-vor dem Prinzen und seinen königlichen Eltern, die eine sang
-schöner als alle andern, und der Prinz klatschte in die Hände
-und lächelte sie an. Da wurde die kleine Seejungfer betrübt,
-sie wußte, daß sie selbst weit schöner gesungen hatte und dachte:
-&bdquo;Oh, er sollte nur wissen, daß ich, um bei ihm zu sein, meine
-Stimme für alle Ewigkeit hingegeben habe.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun tanzten die Sklavinnen niedliche, schwebende Tänze
-zur herrlichsten Musik, da erhob die kleine Seejungfer ihre
-schönen, weißen Arme, richtete sich auf den Fußspitzen auf
-und schwebte tanzend über den Fußboden hin, wie noch keine
-getanzt hatte. Bei jeder Bewegung wurde ihre Schönheit noch
-sichtbarer, und ihre Augen sprachen tiefer zum Herzen als der
-Gesang der Sklavinnen.
-</p>
-
-<p>
-Alle waren entzückt davon, besonders der Prinz, der sie
-sein kleines Findelkind nannte, und sie tanzte mehr und mehr,
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-obwohl es ihr jedesmal, wenn ihr Fuß die Erde berührte, war,
-als ob sie auf scharfe Messer träte. Der Prinz sagte, daß sie
-immer bei ihm bleiben solle, und sie erhielt die Erlaubnis, vor
-seiner Tür auf einem Sammetkissen zu schlafen.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-052">
-<img src="images/052.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Er ließ ihr eine Männertracht machen, damit sie ihn zu
-Pferde begleiten könne. Sie ritten durch die duftenden Wälder,
-wo die grünen Zweige ihre Schultern berührten und die Vögel
-hinter den frischen Blättern sangen. Sie kletterte mit dem
-Prinzen auf die hohen Berge hinauf, und obgleich ihre zarten
-Füße bluteten, daß selbst die andern es sehen konnten, lachte
-sie doch darüber und folgte ihm, bis sie die Wolken unter sich
-segeln sahen, als wäre es ein Schwarm Vögel, die nach fremden
-Ländern ziehen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Daheim in des Prinzen Schlosse, wenn nachts die andern
-schliefen, ging sie auf die breite Marmortreppe hinaus, es
-kühlte ihre brennenden Füße, im kalten Seewasser zu stehen,
-und dann gedachte sie derer dort unten in der Tiefe.
-</p>
-
-<p>
-Einmal des Nachts kamen ihre Schwestern Arm in Arm,
-traurig sangen sie, indem sie über dem Wasser schwammen,
-sie winkte ihnen und sie erkannten sie und erzählten ihr, wie
-sehr sie alle betrübt seien. Darauf besuchte sie dieselben in
-jeder Nacht, und einmal erblickte sie weit draußen ihre alte
-Großmutter, die seit vielen Jahren nicht über der Meeresfläche
-gewesen war, und den Meerkönig mit seiner Krone auf
-dem Haupte, sie streckten die Hände nach ihr aus, wagten sich
-aber dem Lande nicht so nahe wie die Schwestern.
-</p>
-
-<p>
-Tag für Tag wurde sie dem Prinzen lieber, er liebte sie,
-wie man ein gutes, liebes Kind liebt &mdash; aber sie zu seiner
-Königin zu machen, kam ihm nicht in den Sinn, und seine
-Frau mußte sie doch werden, sonst erhielt sie keine unsterbliche
-Seele und mußte an seinem Hochzeitsmorgen zu Schaum auf
-dem Meere werden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Liebst du mich nicht am meisten von ihnen allen?&ldquo; schienen
-der kleinen Seejungfer Augen zu fragen, wenn er sie in seine
-Arme nahm und ihre schöne Stirn küßte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja, du bist mir die liebste&ldquo;, sagte der Prinz, &bdquo;denn du
-hast das beste Herz von allen. Du bist mir am meisten ergeben,
-und gleichst einem jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber
-sicher nie wiederfinde. Ich war auf einem Schiffe, welches
-strandete, die Wellen warfen mich bei einem heiligen Tempel
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-an das Land, wo mehrere junge Mädchen den Dienst verrichteten,
-die jüngste dort fand mich am Ufer und rettete mein
-Leben, ich sah sie nur zweimal, sie wäre die einzige, die ich in
-dieser Welt lieben könnte, aber du gleichst ihr und du verdrängst
-fast ihr Bild aus meiner Seele. Sie gehört dem
-heiligen Tempel an, und deshalb hat mein gutes Glück dich
-mir gesendet, nie wollen wir uns trennen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ach, er weiß nicht, daß ich sein Leben gerettet habe!&ldquo;
-dachte die kleine Seejungfer, &bdquo;ich trug ihn über das Meer
-zum Walde hin, wo der Tempel steht, ich saß hier hinter dem
-Schaume und sah, ob keine Menschen kommen würden. Ich
-sah das hübsche Mädchen, die er mehr liebt als mich!&ldquo; sie
-seufzte tief: weinen konnte sie nicht. &bdquo;Das Mädchen gehört
-dem heiligen Tempel an, hat er gesagt, sie kommt nie in die
-Welt hinaus, sie begegnen sich nicht mehr, ich bin bei ihm,
-sehe ihn jeden Tag, ich will ihn pflegen, lieben, ihm mein Leben
-opfern!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Aber nun sollte der Prinz sich verheiraten und des Nachbarkönigs
-schöne Tochter zur Frau bekommen, erzählte man, deshalb
-rüstete er ein so prächtiges Schiff aus. Der Prinz reist,
-um des Nachbarkönigs Länder zu besichtigen, so heißt es wohl,
-aber es geschieht, um des Nachbarkönigs Tochter zu sehen.
-Ein großes Gefolge soll ihn begleiten. Die kleine Seejungfer
-schüttelte das Haupt und lächelte; sie kannte des Prinzen
-Gedanken weit besser, als alle andern. &bdquo;Ich muß reisen!&ldquo; hatte
-er zu ihr gesagt, &bdquo;ich muß die schöne Prinzessin sehen: meine
-Eltern verlangen es, aber sie wollen mich nicht zwingen, sie
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-als meine Braut heimzuführen. Ich kann sie nicht lieben!
-Sie gleicht nicht dem schönen Mädchen im Tempel, dem du
-ähnelst, sollte ich eine Braut wählen, so würdest du es eher
-sein, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen!&ldquo;
-Und er küßte ihren roten Mund, spielte mit ihrem langen
-Haare und legte sein Haupt an ihr Herz, so daß dieses von
-Menschenglück und einer unsterblichen Seele träumte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du fürchtest doch das Meer nicht, mein stummes Kind?&ldquo;
-sagte er, als sie auf dem prächtigen Schiffe standen, welches
-ihn nach den Ländern des Nachbarkönigs führen sollte, er
-erzählte ihr vom Sturme und von der Windstille, von seltsamen
-Fischen in der Tiefe und von dem, was die Taucher
-dort gesehen, und sie lächelte bei seiner Erzählung, sie wußte
-ja besser als sonst jemand, was auf dem Grunde des Meeres
-vorging.
-</p>
-
-<p>
-In der mondhellen Nacht, wenn alle schliefen, bis auf
-den Steuermann, der am Steuerruder stand, saß sie am Bord
-des Schiffes und starrte durch das klare Wasser hinunter, sie
-glaubte ihres Vaters Schloß zu erblicken, hoch oben stand die
-Großmutter mit der Silberkrone auf dem Haupte und starrte
-durch die reißenden Ströme zu des Schiffes Kiel empor. Da
-kamen ihre Schwestern über das Wasser hervor und schauten
-sie traurig an und rangen ihre weißen Hände, sie winkte ihnen,
-lächelte und wollte erzählen, daß es ihr gut und glücklich ginge,
-aber der Schiffsjunge näherte sich ihr und die Schwestern
-tauchten unter, so daß er glaubte, das Weiße, was er gesehen,
-sei Schaum auf der See gewesen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-Am nächsten Morgen segelte das Schiff in den Hafen
-von des Nachbarkönigs prächtiger Stadt. Alle Kirchenglocken
-läuteten und von den hohen Türmen wurden die Posaunen
-geblasen, während die Soldaten mit fliegenden Fahnen und
-blitzenden Bajonetten dastanden. Jeder Tag führte ein Fest
-mit sich. Bälle und Gesellschaften folgten einander, aber die
-Prinzessin war noch nicht da; sie werde, weit von hier entfernt,
-in einem heiligen Tempel erzogen, sagten sie, dort lerne sie
-alle königlichen Tugenden. Endlich traf sie ein.
-</p>
-
-<p>
-Die kleine Seejungfer war begierig, ihre Schönheit zu sehen,
-und sie mußte solche anerkennen: eine lieblichere Erscheinung
-hatte sie noch nie gesehen. Die Haut war fein und klar, und
-hinter den langen dunklen Augenwimpern lächelten ein Paar
-schwarzblaue, treue Augen.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du bist die!&ldquo; sagte der Prinz, &bdquo;die mich gerettet hat,
-als ich einer Leiche gleich an der Küste lag!&ldquo; Und er drückte
-seine errötende Braut in seine Arme. &bdquo;Oh, ich bin allzu glücklich!&ldquo;
-sagte er zur kleinen Seejungfer. &bdquo;Das Beste, was ich
-je hoffen durfte, ist mir in Erfüllung gegangen. Du wirst dich
-über mein Glück freuen, denn du meinst es am besten mit mir
-von ihnen allen!&ldquo; Und die kleine Seejungfer küßte seine Hand,
-und es kam ihr schon vor, als fühlte sie ihr Herz brechen. Sein
-Hochzeitsmorgen würde ihr ja den Tod geben und sie in
-Schaum auf dem Meere verwandeln.
-</p>
-
-<p>
-Alle Kirchenglocken läuteten, die Herolde ritten in den
-Straßen umher und verkündeten die Verlobung. Auf allen
-Altären brannte duftendes Öl in köstlichen Silberlampen. Die
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Priester schwangen die Rauchfässer, und Braut und Bräutigam
-reichten einander die Hand und erhielten den Segen des
-Bischofs. Die kleine Seejungfer war in Seide und Gold
-gekleidet und hielt die Schleppe der Braut, aber ihre Ohren
-hörten die festliche Musik nicht, ihr Auge sah die heilige
-Zeremonie nicht, sie gedachte ihrer Todesnacht und alles dessen,
-was sie in dieser Welt verloren hatte.
-</p>
-
-<p>
-Noch an demselben Abende gingen die Braut und der
-Bräutigam an Bord des Schiffes, die Kanonen donnerten,
-alle Flaggen wehten, und mitten auf dem Schiffe war ein
-köstliches Zelt von Gold und Purpur und mit den schönsten
-Kissen errichtet, da sollte das Brautpaar in der kühlen, stillen
-Nacht schlafen!
-</p>
-
-<p>
-Die Segel schwellten im Winde, und das Schiff glitt leicht
-und ohne große Bewegung über die klare See dahin.
-</p>
-
-<p>
-Als es dunkelte, wurden bunte Lampen angezündet, und
-die Seeleute tanzten lustig auf dem Verdecke. Die kleine Seejungfer
-mußte ihres ersten Auftauchens aus dem Meere gedenken,
-wo sie dieselbe Pracht und Freude erblickt hatte, und
-sie wirbelte sich mit im Tanze, schwebte, wie eine Schwalbe
-schwebt, wenn sie verfolgt wird, und alle jubelten ihr Bewunderung
-zu: nie hatte sie so herrlich getanzt. Es schnitt ihr
-wie scharfe Messer in die zarten Füße, aber sie fühlte es nicht:
-es schnitt ihr noch schmerzlicher durch das Herz. Sie wußte,
-es sei der letzte Abend, an dem sie ihn erblickte, für den sie
-ihre Verwandten und ihre Heimat verlassen, ihre schöne Stimme
-dahingegeben und täglich unendliche Qualen ertragen hatte,
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-ohne daß er es mit einem Gedanken ahnte. Es war die letzte
-Nacht, daß sie dieselbe Luft mit ihm einatmete, das tiefe Meer
-und den sternhellen Himmel erblickte; eine ewige Nacht ohne
-Gedanken und Traum harrte ihrer, die keine Seele hatte, keine
-Seele gewinnen konnte. Und alles war Freude und Heiterkeit
-auf dem Schiffe bis über Mitternacht hinaus, sie lachte
-und tanzte mit Todesgedanken im Herzen. Der Prinz küßte
-seine schöne Braut, und sie spielte mit seinem schwarzen
-Haare, und Arm in Arm gingen sie zur Ruhe in das prächtige
-Zelt.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde still auf dem Schiffe, nur der Steuermann stand
-am Steuerruder, die kleine Seejungfer legte ihre weißen Arme
-auf den Schiffsbord und blickte gen Osten nach der Morgenröte:
-der erste Sonnenstrahl, wußte sie, würde sie töten. Da
-sah sie ihre Schwestern der Flut entsteigen, die waren bleich
-wie sie; ihr langes schönes Haar wehte nicht mehr im Winde,
-es war abgeschnitten.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wir haben es der Hexe gegeben, um dir Hilfe bringen
-zu können, damit du diese Nacht nicht stirbst. Sie hat uns ein
-Messer gegeben, hier ist es! Siehst du, wie scharf? Bevor die
-Sonne aufgeht, mußt du es in das Herz des Prinzen stoßen,
-und wenn dann das warme Blut auf deine Füße spritzt, so
-wachsen diese in einen Fischschwanz zusammen und du wirst
-wieder eine Seejungfer, kannst zu uns herabsteigen und lebst
-deine dreihundert Jahre, bevor du zu <a id="corr-4"></a>totem, salzigem Seeschaume
-wirst. Beeile dich! Er oder du muß sterben, bevor
-die Sonne aufgeht! Unsere Großmutter trauert so, daß ihr
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-weißes Haar wie das unsrige unter der Schere der Hexe gefallen
-ist. Töte den Prinzen und komm zurück! Beeile dich!
-Siehst du den roten Streifen am Himmel? In wenigen
-Minuten steigt die Sonne auf, dann mußt du sterben!&ldquo; Und
-sie stießen einen tiefen Seufzer aus und versanken in den
-Wogen.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-059">
-<img src="images/059.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Die kleine Seejungfer zog den Purpurteppich vom Zelte
-und sah die schöne Braut mit ihrem Haupte an des Prinzen
-Brust ruhen, und sie bog sich nieder, küßte ihn auf seine schöne
-Stirn, blickte gen Himmel, wo die Morgenröte mehr und mehr
-leuchtete, betrachtete das scharfe Messer und heftete die Augen
-wieder auf den Prinzen, der im Traume seine Braut bei
-Namen nannte. Nur sie war in seinen Gedanken, und das
-<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a>
-Messer zitterte in der Hand der Seejungfer. &mdash; Aber da warf
-sie es weit hinaus in die Wogen, sie glänzten rot, wo es hinfiel,
-es sah aus, als keimten Blutstropfen aus dem Wasser
-auf. Noch einmal sah sie mit halbgebrochenen Blicken auf den
-Prinzen, stürzte sich vom Schiffe in das Meer hinab und
-fühlte, wie ihr Körper sich in Schaum auflöste.
-</p>
-
-<p>
-Nun stieg die Sonne aus dem Meere auf, die Strahlen
-fielen so mild und warm auf den kalten Meeresschaum, und
-die kleine Seejungfer fühlte nichts vom Tode. Sie sah die helle
-Sonne, und über ihr schwebten Hunderte von durchsichtigen,
-herrlichen Geschöpfen, sie konnte durch dieselben des Schiffes
-weiße Segel und des Himmels rote Wolken erblicken, ihre
-Sprache war melodisch, aber so geisterhaft, daß kein menschliches
-Ohr sie vernehmen, ebenso wie kein irdisches Auge sie
-erblicken konnte, ohne Schwingen schwebten sie vermittelst ihrer
-eigenen Leichtigkeit durch die Luft. Die kleine Seejungfer sah,
-daß sie einen Körper hatte wie diese, der sich mehr und mehr
-aus dem Schaume erhob.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Wo komm ich hin?&ldquo; fragte sie, und ihre Stimme klang
-wie die der andern Wesen, so geisterhaft, daß keine irdische
-Musik sie wiederzugeben vermag.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zu den Töchtern der Luft!&ldquo; erwiderten die andern. &bdquo;Die
-Seejungfer hat keine unsterbliche Seele und kann sie nie erhalten,
-wenn sie nicht eines Menschen Liebe gewinnt, von einer fremden
-Macht hängt ihr ewiges Dasein ab. Die Töchter der Luft
-haben auch keine unsterbliche Seele, aber sie können durch gute
-Handlungen sich selbst eine schaffen. Wir fliegen nach den
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-warmen Ländern, wo die schwüle Pestluft den Menschen tötet,
-dort fächeln wir Kühlung. Wir breiten den Duft der Blumen
-durch die Luft aus und senden Erquickung und Heilung.
-Wenn wir dreihundert Jahre lang gestrebt haben, alles Gute,
-was wir vermögen, zu vollbringen, so erhalten wir eine unsterbliche
-Seele und nehmen teil am ewigen Glücke der Menschen.
-Du arme, kleine Seejungfer hast mit ganzem Herzen
-nach demselben wie wir gestrebt; du hast gelitten und geduldet,
-hast dich zur Luftgeisterwelt erhoben und kannst nun dir selbst
-durch gute Werke nach drei Jahrhunderten eine unsterbliche
-Seele schaffen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Und die kleine Seejungfer erhob ihre verklärten Augen
-gegen Gottes Sonne, und zum ersten Male fühlte sie Tränen
-in ihren Augen. &mdash; Auf dem Schiffe war wieder Lärm und
-Leben, sie sah den Prinzen mit seiner schönen Braut nach ihr
-suchen, wehmütig starrten sie den perlenden Schaum an, als
-ob sie wüßten, daß sie sich in die Fluten gestürzt habe. Unsichtbar
-küßte sie die Stirn der Braut, fächelte den Prinzen
-an und stieg mit den übrigen Kindern der Luft auf die rosenrote
-Wolke hinauf, welche den Äther durchschiffte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nach dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich
-Gottes hinein!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Auch können wir noch früher dahin gelangen!&ldquo; flüsterte
-eine Tochter der Luft. &bdquo;Unsichtbar schweben wir in die Häuser
-der Menschen hinein, wo Kinder sind, und für jeden Tag, an
-dem wir ein gutes Kind finden, welches seinen Eltern Freude
-bereitet und deren Liebe verdient, verkürzt Gott unsere Prüfungszeit.
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-Das Kind weiß nicht, wann wir durch die Stube fliegen
-und müssen wir aus Freude über dasselbe lächeln, so wird ein
-Jahr von den dreihundert Jahren abgerechnet, sehen wir aber
-ein unartiges und böses Kind, so müssen wir Tränen der
-Trauer vergießen, und jede Träne legt unserer Prüfungszeit
-einen Tag zu!&ldquo;
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-062">
-<img src="images/062.jpg" alt="" /></div>
-
-<h2 class="part" id="part-3">
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-Der Reisekamerad
-</h2>
-
-<div class="centerpic pbb" id="img-065">
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a><img src="images/065.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>er arme Johannes war tief betrübt, denn sein Vater war
-sehr krank und konnte nicht genesen. Außer den beiden
-war durchaus niemand in dem kleinen Zimmer: die Lampe auf
-dem Tische war dem Erlöschen nahe, und es war spät abends.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Du warst ein guter Sohn, Johannes!&ldquo; sagte der kranke
-Vater. &bdquo;Der liebe Gott wird dir schon in der Welt forthelfen!&ldquo;
-Er sah ihn mit ernsten, milden Augen an, holte tief Atem und
-starb; es war, als ob er schliefe. Johannes weinte, nun hatte
-er niemanden in der Welt, weder Vater noch Mutter, weder
-Schwester noch Bruder. Der arme Johannes! Er lag vor dem
-Bette auf seinen Knien, küßte des toten Vaters Hand und
-weinte sehr viele bittere Tränen, aber zuletzt schlossen sich seine
-Augen, und er schlief ein, mit dem Kopfe auf dem harten
-Bettpfosten liegend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-Da träumte er einen sonderbaren Traum, er sah, wie Sonne
-und Mond sich vor ihm neigten, er erblickte seinen Vater wieder
-frisch und gesund und hörte ihn lachen, wie er immer lachte,
-wenn er recht froh war. Ein schönes Mädchen mit einer goldenen
-Krone auf ihrem langen, glänzenden Haare reichte ihm
-die Hand, und sein Vater sagte: &bdquo;Siehst du, was für eine
-Braut du erhalten hast? Sie ist die schönste in der Welt.&ldquo; Da
-erwachte er und alle Herrlichkeit war vorbei, sein Vater lag tot
-und kalt im Bette, es war niemand bei ihnen. Der arme Johannes!
-</p>
-
-<p>
-In der folgenden Woche wurde der Tote begraben, der
-Sohn ging dicht hinter dem Sarge her und konnte nun den guten
-Vater nicht mehr zu sehen bekommen, der ihn so sehr geliebt
-hatte. Er hörte, wie sie die Erde auf den Sarg hinunterwarfen
-und sah noch die letzte Ecke desselben, aber nach der nächsten
-Schaufel Erde, welche hinabgeworfen wurde, war auch die verschwunden,
-da war es, als wolle sein Herz in Stücke zerspringen,
-so betrübt war er. Ringsherum sangen sie einen Psalm; es
-waren schöne, heilige Klänge, und die Tränen traten dem Johannes
-in die Augen, er weinte, und das tat ihm in seiner
-Trauer wohl. Die Sonne beschien herrlich die grünen Bäume,
-als wolle sie sagen: &bdquo;Du darfst nicht mehr betrübt sein, Johannes!
-Siehst du, wie schön der Himmel ist? Dort oben ist
-nun dein Vater und bittet den lieben Gott, daß es dir allezeit
-wohl ergehen möge!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will auch immer gut sein,&ldquo; sagte Johannes, &bdquo;dann
-komme ich in den Himmel zu meinem Vater, und was wird
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-das für eine Freude werden, wenn wir einander wiedersehen!
-Wieviel werde ich ihm dann nicht erzählen können, und er wird
-mir so viele Dinge zeigen, mir die Herrlichkeit des Himmels
-erklären, ebenso wie er mich hier auf Erden unterrichtete. Oh,
-was für eine Freude wird das werden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Er dachte sich das so deutlich, daß er dabei lächelte, während
-die Tränen ihm noch über die Wangen liefen. Die
-kleinen Vögel saßen oben in den Kastanienbäumen und zwitscherten:
-&bdquo;Quivit, Quivit!&ldquo; Sie waren froh und munter, obgleich
-sie mit bei dem Begräbnisse gewesen: aber sie wußten
-wohl, daß der tote Mann nun im Himmel wäre, Flügel hätte,
-schöner und größer als die ihrigen, daß er nun glücklich sei,
-weil er hier auf Erden gut gewesen, und darüber waren sie
-vergnügt. Johannes sah, wie sie von den grünen Bäumen weit
-in die Welt hinausflogen, da bekam er auch Lust, mitzufliegen.
-Aber zuerst schnitt er ein großes Holzkreuz, um es auf seines
-Vaters Grab zu setzen, und als er es am Abend dahin brachte,
-war das Grab mit Sand und Blumen geschmückt, das hatten
-fremde Leute getan, denn sie hielten alle viel von dem lieben
-Vater, der nun tot war.
-</p>
-
-<p>
-Früh am nächsten Morgen packte Johannes sein kleines
-Bündel zusammen und verwahrte in seinem Gürtel sein ganzes
-Erbteil, welches fünfzig Taler und ein paar Silberschillinge
-betrug, damit wollte er in die Welt hinaus wandern. Aber
-zuerst ging er nach dem Kirchhofe zu seines Vaters Grabe, betete
-ein Vaterunser und sagte: &bdquo;Lebe wohl!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Draußen auf dem Felde, wo er ging, standen alle Blumen
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-frisch und schön in dem warmen Sonnenscheine, sie nickten im
-Winde, als wollten sie sagen: &bdquo;Willkommen im Grünen! Ist
-es hier nicht schön?&ldquo; Aber Johannes wendete sich noch einmal
-zurück, um die alte Kirche zu betrachten, in der er als ein kleines
-Kind getauft und wo er jeden Sonntag mit seinem Vater zum
-Gottesdienst gewesen war und seinen Psalm gesungen hatte;
-da sah er hoch oben in einer der Öffnungen des Turmes den
-Kirchenkobold mit seiner kleinen, roten, spitzen Mütze stehen, wie
-er sein Gesicht mit dem gebogenen Arme beschattete, da ihm
-sonst die Sonne in die Augen schien. Johannes nickte ihm Lebewohl
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-zu, und der kleine Kobold schwenkte seine rote Mütze, legte
-die Hand auf das Herz und warf ihm viele Kußhändchen zu,
-um zu zeigen, wie gut er es mit ihm meine, und daß er ihm
-eine recht glückliche Reise wünsche.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-068">
-<img src="images/068.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Johannes dachte daran, wie viel Schönes er nun in der
-großen, prächtigen Welt zu sehen bekommen würde und ging
-weiter und weiter fort, so weit wie er früher nie gewesen war.
-Er kannte die Orte nicht, durch die er kam, oder die Menschen,
-denen er begegnete. &mdash; Nun war er weit draußen in der Fremde.
-</p>
-
-<p>
-Die erste Nacht mußte er sich auf einem Heuschober auf
-dem Felde schlafen legen, ein anderes Bett hatte er nicht. Aber
-das war recht hübsch, meinte er, der König könnte es nicht besser
-haben. Das ganze Feld mit dem Bache, der Heuschober und
-dann der blaue Himmel darüber, das war gewiß eine schöne
-Schlafkammer. Das grüne Gras mit den kleinen, roten und
-weißen Blumen war die Fußdecke, die Fliederbüsche und die
-wilden Rosenhecken waren Blumensträuße, und zum Waschbecken
-diente ihm der ganze Bach mit dem klaren, frischen
-Wasser, wo das Schilf sich neigte und ihm guten Abend und
-guten Morgen bot. Der Mond war wahrhaft eine große Nachtlampe,
-hoch oben unter der blauen Decke, und der zündete die
-Gardinen nicht an mit seinem Feuer, Johannes konnte ruhig
-schlafen, und er tat es auch und erwachte erst wieder, als die
-Sonne aufging und alle die kleinen Vögel rings umher sangen:
-&bdquo;Guten Morgen! Guten Morgen! Bist du noch nicht auf?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Glocken läuteten zur Kirche! es war Sonntag. Die
-Leute gingen hin, den Prediger zu hören, und Johannes folgte
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-ihnen, sang einen Psalm und hörte Gottes Wort. Es war ihm,
-als wäre er in seiner eigenen Kirche, in der er getauft worden
-war, und wo er Psalmen mit seinem Vater gesungen hatte.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-070">
-<img src="images/070.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Draußen auf dem Kirchhofe waren viele Gräber und auf
-einigen wuchs hohes Gras. Da dachte er an seines Vaters
-Grab, welches am Ende auch so aussehen würde wie diese, da
-er es nicht jäten und schmücken konnte. Er setzte sich also nieder
-und riß das Gras ab, richtete die Holzkreuze auf, welche umgefallen
-waren und legte die Kränze, die der Wind vom Grabe
-fortgerissen hatte, wieder auf ihre Stelle, indem er dachte:
-vielleicht tut jemand dasselbe an meines Vaters Grabe, da ich
-es nicht tun kann!
-</p>
-
-<p>
-Draußen vor der Kirchhofstüre stand ein alter Bettler und
-stützte sich auf seine Krücke. Johannes gab ihm die Silberschillinge,
-die er hatte, und ging dann glücklich und vergnügt
-weiter fort in die weite Welt hinein.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-071">
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a><img src="images/071.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Gegen Abend war ein schrecklich böses Wetter, er sputete
-sich, unter Dach und Fach zu gelangen, aber es wurde bald
-finstere Nacht, da erreichte er endlich eine kleine Kirche, die
-einsam auf einem kleinen Hügel lag.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier will ich mich in einen Winkel setzen!&ldquo; sagte er und
-ging hinein. &bdquo;Ich bin ermüdet und habe es wohl nötig, ein
-wenig auszuruhen.&ldquo; Dann setzte er sich nieder, faltete seine Hände
-und betete sein Abendgebet, und ehe er es wußte, schlief und
-träumte er, während es draußen blitzte und donnerte.
-</p>
-
-<p>
-Als er wieder erwachte, war es Mitternacht, das böse Wetter
-war vorübergezogen und der Mond schien durch die Fenster
-zu ihm herein. Mitten in der Kirche stand ein offener Sarg mit
-einem toten Manne darin, weil er noch nicht begraben war.
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-Johannes war durchaus nicht furchtsam, denn er hatte ein gutes
-Gewissen, und er wußte wohl, daß die Toten niemandem etwas
-zuleide tun. Die Lebenden, die Übles tun, sind böse Menschen.
-Solche zwei lebende, schlimme Leute standen dicht bei dem toten
-Manne, der hier in der Kirche beigesetzt war, bevor er beerdigt
-wurde, ihm wollten sie Übles erweisen, ihn nicht in seinem Sarge
-liegen lassen, sondern ihn vor die Kirchtüre hinauswerfen, den
-armen, toten Mann!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Weshalb wollt ihr das tun?&ldquo; fragte Johannes. &bdquo;Das ist
-böse und schlimm, laßt ihn in Jesu Namen ruhen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Oh, Schnickschnack!&ldquo; sagten die beiden häßlichen Menschen.
-&bdquo;Er hat uns angeführt! Er schuldet uns Geld: das
-konnte er nicht bezahlen, und nun ist er obendrein tot, nun
-bekommen wir vollends keinen Pfennig! Deshalb wollen wir
-uns rächen: er soll wie ein Hund draußen vor der Kirchtür
-liegen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich habe nicht mehr als fünfzig Taler!&ldquo; sagte Johannes.
-&bdquo;Das ist mein ganzes Erbteil, aber das will ich euch gern
-geben, wenn ihr mir ehrlich versprechen wollt, den armen, toten
-Mann in Ruhe zu lassen. Ich werde schon durchkommen ohne
-das Geld, ich habe gesunde, starke Gliedmaßen, und der liebe
-Gott wird mir allezeit helfen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ja,&ldquo; sagten die häßlichen Menschen, &bdquo;wenn du seine
-Schuld bezahlen willst, wollen wir beide ihm nichts tun, darauf
-kannst du dich verlassen!&ldquo; Alsdann nahmen sie das Geld, welches
-er ihnen gab, lachten laut auf über seine Gutmütigkeit und
-gingen ihres Weges. Er aber legte die Leiche wieder im Sarge
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-zurecht und faltete ihre Hände, nahm Abschied von ihr und
-ging durch den großen Wald zufrieden weiter.
-</p>
-
-<p>
-Rings umher, wo der Mond durch die Bäume herein schien,
-sah er die niedlichen, kleinen Elfen lustig spielen. Sie ließen sich
-nicht stören: sie wußten wohl, daß er ein guter, unschuldiger
-Mensch sei, und es sind nur die bösen Leute, welche die Elfen
-nicht zu sehen bekommen. Einige von ihnen waren nicht größer,
-als ein Finger breit ist und hatten ihr langes, gelbes Haar mit
-Goldkämmen aufgesteckt; je zwei schaukelten sie sich auf den
-großen Tautropfen, die auf den Blättern und dem hohen Grase
-lagen, zuweilen entrollte der Tropfen, dann fielen sie nieder
-zwischen den langen Grashalmen, und das verursachte ein Gelächter
-und Lärmen unter den andern Kleinen. Es war allerliebst!
-Sie sangen, und Johannes erkannte deutlich die hübschen
-Lieder, die er als kleiner Knabe gelernt hatte. Große,
-bunte Spinnen mit Silberkronen auf dem Kopfe mußten
-von der einen Hecke zur andern lange Hängebrücken und
-Paläste spinnen, welche, da der feine Tau darauf fiel, wie
-schimmerndes Glas im Mondscheine aussahen. So währte
-es fort, bis die Sonne aufging. Die kleinen Elfen krochen
-dann in die Blumenknospen, und der Wind erfaßte ihre
-Brücken und Schlösser, die als Spinngewebe durch die Luft
-flogen.
-</p>
-
-<p>
-Johannes war eben aus dem Walde herausgekommen, als
-eine starke Mannesstimme hinter ihm rief: &bdquo;Holla, Kamerad,
-wohin geht die Reise?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;In die weite Welt hinaus!&ldquo; sagte er. &bdquo;Ich habe weder
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Vater noch Mutter, bin ein armer Bursche, aber der Herr
-hilft mir wohl.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich will auch in die weite Welt hinaus,&ldquo; sagte der fremde
-Mann. &bdquo;Wollen wir beide einander Gesellschaft leisten?&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Jawohl,&ldquo; sagte er, und so gingen sie miteinander. Bald
-gewannen sie sich recht lieb, denn sie waren beide gute Menschen.
-Aber Johannes merkte wohl, daß der Fremde viel klüger
-war als er. Der hatte fast die ganze Welt durchreist und wußte
-von allem <a id="corr-5"></a>Möglichen, was existierte, zu erzählen.
-</p>
-
-<p>
-Die Sonne stand schon hoch, als sie sich unter einen großen
-Baum setzten, ihr Frühstück zu genießen, zur selben Zeit kam
-eine alte Frau. Die war sehr alt und ging krumm einher, sie
-stützte sich auf einen Krückstock, auf ihrem Rücken trug sie ein
-Bündel Brennholz, welches sie sich im Walde gesammelt hatte.
-Ihre Schürze war aufgebunden, und Johannes sah, daß drei
-große Ruten von Farnkraut und Weidenreisern daraus hervorsahen.
-Als sie ihnen nahe war, glitt sie mit dem einen Fuße
-aus, fiel und tat einen lauten Schrei, denn sie hatte das Bein
-gebrochen, die arme, alte Frau!
-</p>
-
-<p>
-Johannes meinte sogleich, daß sie die alte Frau nach Hause
-tragen wollten, wo sie wohnte, aber der Fremde machte sein
-Ränzel auf, nahm eine Büchse hervor und sagte, daß er hier
-eine Salbe habe, welche sogleich ihr Bein wieder gesund und
-kräftig machen würde, so daß sie selbst nach Hause gehen könne,
-und zwar, als ob sie nie das Bein gebrochen hätte. Allein
-dafür verlange er auch, daß sie ihm die drei Ruten schenke, die
-sie in ihrer Schürze habe.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-075">
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a><img src="images/075.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-&bdquo;Das wäre gut bezahlt!&ldquo; sagte die Alte und nickte ganz
-eigen mit dem Kopfe. Sie wollte die Ruten nicht gern hergeben,
-aber es war auch nicht angenehm, mit gebrochenem Beine
-dazuliegen. So gab sie ihm denn die Ruten, und sowie er nur
-die Salbe auf das Bein gerieben hatte, erhob sich auch die alte
-Mutter und ging viel besser denn zuvor. Solches konnte die
-Salbe bewirken. Aber die war auch nicht in der Apotheke zu
-haben.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Was willst du mit den Ruten?&ldquo; fragte Johannes nun
-seinen Reisekameraden.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das sind drei schöne Kräuterbesen,&ldquo; sagte der, &bdquo;die liebe
-ich sehr, denn ich bin ein närrischer Patron!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-Dann gingen sie noch ein gutes Stück.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Sieh, wie der Himmel sich umzieht,&ldquo; sagte Johannes und
-zeigte geradeaus. &bdquo;Das sind schrecklich dicke Wolken!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Nein,&ldquo; sagte der Reisekamerad, &bdquo;das sind keine Wolken,
-das sind Berge &mdash; die herrlichen großen Berge, wo man hinauf
-über die Wolken und in die frische Luft gelangt! Glaube mir,
-da ist es herrlich! Morgen sind wir sicher weit in der Welt.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Das war aber nicht so nahe, wie es aussah, sie hatten einen
-ganzen Tag zu gehen, bevor sie die Berge erreichten, wo die
-schwarzen Wälder gegen den Himmel aufwuchsen und wo es
-Steine gab, fast so groß als eine große Stadt. Das mochte
-wahrlich eine schwere Anstrengung werden, da hinüberzukommen,
-aber darum gingen auch Johannes und sein Reisekamerad in
-das Wirtshaus hinein, um sich gut auszuruhen und Kräfte zum
-morgenden Marsche zu sammeln.
-</p>
-
-<p>
-Unten in der großen Schenkstube im Wirtshause waren
-viele Menschen versammelt, denn dort war ein Mann, der gab
-Puppenkomödie. Er hatte soeben sein kleines Theater aufgestellt,
-und die Leute saßen ringsumher, um die Komödie zu
-sehen. Aber vorn hatte ein dicker Schlächter Platz genommen,
-und zwar den allerbesten; sein großer Bullenbeißer &mdash; der sah
-sehr bissig aus! &mdash; saß an seiner Seite und machte große Augen,
-so, wie alle andern.
-</p>
-
-<p>
-Nun begann die Komödie, und das war eine niedliche
-Komödie mit einem Könige und einer Königin, die saßen auf
-dem schönsten Throne, hatten goldene Kronen auf dem Haupte
-und lange Schleppen an den Kleidern, denn ihre Mittel erlaubten
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-das. Die niedlichsten Holzpuppen mit Glasaugen und
-großen Schnurrbärten standen an allen Türen und machten auf
-und zu, damit frische Luft in das Zimmer kommen konnte. Es
-war eine recht niedliche Komödie. Aber als die Königin aufstand
-und über den Fußboden hinging, machte der große Bullenbeißer
-&mdash; Gott mag wissen, was er sich dachte &mdash; da der dicke
-Schlächter ihn nicht hielt, einen Sprung stracks hinein in das
-Theater und packte die Königin mitten um ihre Taille, daß es
-knackte. Es war schrecklich!
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-077">
-<img src="images/077.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Der arme Mann, der die Komödie gab, war sehr erschrocken
-und betrübt über seine Königin! Denn es war die allerniedlichste
-Puppe, die er hatte, und nun hatte der häßliche Bullenbeißer
-den Kopf abgebissen. Aber als die Leute später fortgingen,
-sagte der Fremde, der mit Johannes gekommen war,
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-daß er sie schon wieder zurecht machen würde, und dann nahm
-er seine Büchse hervor und schmierte die Puppe mit der Salbe,
-womit er der alten Frau geholfen, als sie das Bein gebrochen
-hatte. Sowie die Puppe geschmiert worden, war sie wieder
-ganz, ja sie konnte sogar alle ihre Glieder selbst bewegen, man
-brauchte nicht mehr an der Schnur zu ziehen. Die Puppe war
-wie ein lebendiger Mensch, nur daß sie nicht sprechen konnte.
-Der Mann, der das kleine Puppentheater hatte, war sehr
-froh, nun brauchte er diese Puppe nicht mehr zu halten, die
-konnte ja von selbst tanzen. Das konnte keine der andern.
-</p>
-
-<p>
-Als es später Nacht wurde und alle Leute im Wirtshause
-zu Bett gegangen waren, war jemand da, der so schrecklich tief
-seufzte und solange damit fortfuhr, daß alle aufstanden, um
-zu sehen, wer es wäre. Der Mann, der die Komödie gegeben
-hatte, ging nach seinem kleinen Theater hin, denn dort war
-es, wo jemand seufzte. Alle Holzpuppen lagen untereinander:
-der König und alle Trabanten, und die waren es, die so jämmerlich
-seufzten und mit ihren Glasaugen stierten, denn sie
-wollten so gern wie die Königin ein wenig geschmiert werden,
-damit sie sich auch von selbst bewegen könnten. Die Königin
-legte sich sofort auf die Knie und streckte ihre prächtige Krone
-in die Höhe, während sie bat: &bdquo;Nimm mir diese, aber schmiere
-meinen Gemahl und meine Hofleute!&ldquo; Da konnte der arme
-Mann, der das Theater und die Puppen besaß, nicht unterlassen
-zu weinen, denn es tat ihm wirklich ihretwegen leid. Er
-versprach sogleich dem Reisekameraden, ihm alles Geld zu geben,
-was er am nächsten Abend für seine Komödie erhalten würde,
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-wenn er nur vier bis fünf von seinen niedlichen Puppen
-schmieren wolle. Aber der Reisekamerad sagte, daß er durchaus
-nichts weiter verlange, als den Säbel, den jener an seiner Seite
-habe, und als er den erhielt, beschmierte er sechs Puppen, die
-sogleich tanzten und zwar so niedlich, daß alle die lebenden
-Menschenmädchen, die es sahen, alsbald mittanzten. Der Kutscher
-und die Köchin tanzten, der Diener und das Stubenmädchen,
-alle die Fremden und die Feuerschaufel und die Feuerzange,
-aber die fielen um, als sie die ersten Sprünge machten.
-&mdash; Ja, das war eine lustige Nacht!
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-079">
-<img src="images/079.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Am nächsten Morgen ging Johannes mit seinem Reisekameraden
-von ihnen fort auf die hohen Berge hinauf und
-durch die großen Tannenwälder. Sie kamen so hoch hinauf,
-daß die Kirchtürme tief unter ihnen zuletzt wie kleine blaue
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-Beeren unten in all dem Grünen aussahen, sie konnten sehr
-weit sehen, viele, viele Meilen weit, wo sie nie gewesen waren!
-Soviel Schönes der prächtigen Welt hatte Johannes früher
-nie auf einmal gesehen! Die Sonne schien warm aus der frischen
-blauen Luft, er hörte auch zwischen den Bergen die Jäger das
-Waldhorn so schön und lieblich blasen, daß ihm vor Freude
-die Tränen in die Augen traten und er nicht unterlassen konnte,
-auszurufen: &bdquo;Du guter, lieber Gott! Ich möchte dich küssen,
-weil du so gut gegen uns alle bist und uns all die Herrlichkeit,
-die in der Welt ist, gegeben hast!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Der Reisekamerad stand auch mit gefalteten Händen da
-und sah über den Wald und die Städte in den warmen Sonnenschein
-hinaus. Zu gleicher Zeit ertönte es wunderbar lieblich
-über ihrem Haupte, sie blickten in die Höhe, ein weißer
-großer Schwan schwebte in der Luft und sang, wie sie früher
-nie einen Vogel hatten singen hören! Aber der Gesang wurde
-schwächer und schwächer, er neigte seinen Kopf und sank langsam
-zu ihren Füßen nieder, wo er tot liegen blieb, der schöne
-Vogel!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Zwei herrliche Flügel,&ldquo; sagte der Reisekamerad, &bdquo;so weiß
-und groß wie die, welche der Vogel hat, sind Geldes wert: die
-will ich mit mir nehmen! Siehst du nun wohl, daß es gut
-war, daß ich einen Säbel bekam?&ldquo; Und so hieb er mit einem
-Schlage beide Flügel des toten Schwanes ab: die wollte er
-behalten.
-</p>
-
-<p>
-Sie reisten nun viele, viele Meilen weit fort über die Berge,
-bis sie zuletzt eine große Stadt vor sich sahen, mit Hunderten
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-von Türmen, die wie Silber in der Sonne glänzten. In der
-Stadt war ein prächtiges Marmorschloß, mit purem Golde
-gedeckt. Hier wohnte der König.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-081">
-<img src="images/081.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Johannes und der Reisekamerad wollten nicht sogleich in
-die Stadt gehen, sondern blieben im Wirtshause vor der Stadt,
-damit sie sich putzen konnten, denn sie wollten nett aussehen,
-wenn sie auf die Straße kämen. Der Wirt erzählte ihnen, daß
-der König ein sehr guter Mann sei, der nie einem Menschen
-etwas zuleide täte, aber seine Tochter, ja, Gott behüte uns! die
-sei eine schlimme Prinzessin. Schönheit besaß sie genug, keine
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-konnte so hübsch und niedlich sein, wie sie war, aber was half
-das? Sie war eine böse Hexe, die Schuld daran hatte, daß
-viele herrliche Prinzen ihr Leben hatten verlieren müssen. &mdash;
-Allen Menschen hatte sie die Erlaubnis erteilt, um sie freien
-zu dürfen. Ein jeder konnte kommen, er mochte Prinz oder
-Bettler sein: das sei ihr gleich. Er sollte nur drei Sachen raten,
-an die sie gerade gedacht hätte und um die sie ihn befragte.
-Konnte er das, so wollte sie sich mit ihm vermählen, und er
-sollte König über das ganze Land sein, wenn ihr Vater stürbe;
-konnte er aber die drei Sachen nicht raten, so ließ sie ihn aufhängen
-oder ihm den Kopf abhauen! Ihr Vater, der alte König,
-war sehr betrübt darüber, aber er konnte ihr nicht verbieten, so
-böse zu sein, denn er hatte einmal gesagt, er wolle nie etwas
-mit ihren Liebhabern zu tun haben, sie könne selbst tun, was
-sie wolle. Jedesmal wenn ein Prinz kam und raten sollte, um
-die Prinzessin zu erhalten, konnte er es nicht, und dann wurde
-er gehängt oder geköpft. Er war ja beizeiten gewarnt, er hätte
-das Freien unterlassen können. Der König war so betrübt über
-all die Trauer und das Elend, daß er einen ganzen Tag des
-Jahres mit allen seinen Soldaten auf den Knien lag und
-betete, die Prinzessin möge gut werden, aber das wollte sie
-durchaus nicht. Die alten Frauen, die Branntwein tranken,
-färbten denselben schwarz, bevor sie ihn tranken, so trauerten
-sie. Und mehr konnten sie doch nicht tun!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Die häßliche Prinzessin!&ldquo; sagte Johannes. &bdquo;Sie sollte
-wirklich die Rute bekommen, das würde ihr gut tun. Wäre ich
-nur der alte König, sie sollte schon gegerbt werden!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Da hörten sie das Volk draußen Hurra rufen. Die Prinzessin
-kam vorbei, sie war wirklich schön, daß alle Leute vergaßen,
-wie böse sie war, deshalb riefen sie Hurra. Zwölf schöne
-Jungfrauen, alle in weißseidenen Kleidern und jede eine goldene
-Tulpe in der Hand, ritten auf schwarzen Pferden ihr
-zur Seite. Die Prinzessin selbst hatte ein weißes Pferd mit
-Diamanten und Rubinen geschmückt. Ihr Reitkleid war aus
-purem Goldstoff, und die Peitsche, die sie in der Hand hatte,
-sah aus, als wäre sie ein Sonnenstrahl. Die goldene Kette auf
-dem Haupte war wie kleine Sterne vom Himmel, und der
-Mantel war aus mehr als tausend Schmetterlingsflügeln zusammengenäht.
-Dessenungeachtet war sie noch schöner als ihre
-Kleider.
-</p>
-
-<p>
-Als Johannes sie zu sehen bekam, wurde er so rot im Gesichte
-wie ein Blutstropfen und konnte kaum ein einzelnes Wort
-sagen.
-</p>
-
-<p>
-Die Prinzessin sah so aus wie das schöne Mädchen mit
-der goldenen Krone, von der er in der Nacht geträumt hatte,
-als sein Vater gestorben war. Er fand sie so schön, daß er nicht
-unterlassen konnte, sie recht zu lieben. Das wäre gewiß nicht
-wahr, daß sie eine böse Hexe sei, welche die Leute hängen oder
-köpfen ließ, wenn sie nicht raten könnten, was sie von ihnen
-verlangte. &bdquo;Ein jeder hat die Erlaubnis, um sie zu freien, sogar
-der ärmste Bettler. Ich will wirklich nach dem Schlosse
-gehen, denn ich kann es nicht unterlassen!&ldquo; Sie sagten ihm alle,
-er möge es nicht tun, es würde ihm bestimmt wie all den
-andern ergehen. Der Reisekamerad riet auch davon ab, aber
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-Johannes meinte, es würde schon gehen. Er bürstete seine
-Schuhe und seinen Rock, wusch sich Gesicht und Hände, kämmte
-sein hübsches blondes Haar und ging dann allein in die Stadt
-hinein und nach dem Schlosse.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Herein!&ldquo; sagte der alte König, als Johannes an die Türe
-pochte. Johannes öffnete, und der König im Schlafrock und in
-gestickten Pantoffeln kam ihm entgegen, die Krone hatte er auf
-dem Haupte, das Zepter in der einen Hand und den Reichsapfel
-in der andern. &bdquo;Warte ein bißchen!&ldquo; sagte er, und nahm
-den Apfel unter den Arm, um Johannes die Hand reichen zu
-können. Aber sowie er erfuhr, er sei ein Freier, fing er so an
-zu weinen, daß das Zepter sowohl wie der Apfel auf den Fußboden
-fielen und er die Augen mit seinem Schlafrocke trocknen
-mußte. Der arme, alte König!
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Laß es sein!&ldquo; sagte er. &bdquo;Es geht Dir schlecht, wie all den
-andern. Nun, Du wirst es sehen!&ldquo; Dann führte er ihn hinaus
-nach dem Lustgarten der Prinzessin. Da sah es schrecklich aus!
-Oben in jedem Baume hingen drei, vier Königssöhne, die um
-die Prinzessin gefreit hatten, aber die Sachen, die sie ihnen
-aufgegeben, nicht hatten raten können. Jedesmal, wenn es wehte,
-klapperten alle Gerippe, so daß die kleinen Vögel erschraken
-und nie in den Garten zu kommen wagten. Alle Blumen waren
-an Menschenknochen aufgebunden, und in Blumentöpfen standen
-Totenköpfe und grinsten. Das war wirklich ein sonderbarer
-Garten für eine Prinzessin.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Hier siehst Du es!&ldquo; sagte der alte König. &bdquo;Es wird Dir
-ebenso wie diesen hier ergehen. Laß es deshalb lieber. Du
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-machst mich wirklich unglücklich, denn ich nehme mir das sehr
-zu Herzen!&ldquo;
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-085">
-<img src="images/085.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-Johannes küßte dem guten, alten König die Hand und
-sagte, es würde schon gehen, denn er sei entzückt von der schönen
-Prinzessin.
-</p>
-
-<p>
-Da kam die Prinzessin selbst mit allen ihren Damen in
-den Schloßhof geritten, sie gingen deshalb zu ihr hinaus und
-sagten ihr guten Tag. Sie war wunderschön anzuschauen und
-reichte Johannes die Hand. Und er hielt noch viel mehr von
-ihr wie früher. Sie konnte sicher keine böse Hexe sein, wie alle
-Leute es ihr nachsagten. &mdash; Dann begaben sie sich in den Saal,
-und die kleinen Pagen präsentierten ihnen Eingemachtes und
-Pfeffernüsse. Aber der alte König war betrübt, er konnte nichts
-essen. Und die Pfeffernüsse waren ihm auch zu hart.
-</p>
-
-<p>
-Es wurde bestimmt, daß Johannes am nächsten Morgen
-wieder nach dem Schlosse kommen sollte, dann würden die
-Richter und der ganze Rat versammelt sein und hören, wie es
-mit dem Raten gehe. Würde er gut dabei fahren, so sollte er
-dann noch zweimal kommen, aber es war noch nie jemand da
-gewesen, der das erstemal richtig geraten hätte, und dann mußte
-er das Leben verlieren.
-</p>
-
-<p>
-Johannes war nicht bekümmert darum, wie es ihm ergehen
-würde. Er war vielmehr vergnügt, gedachte nur der schönen Prinzessin
-und glaubte sicher, der liebe Gott werde ihm schon helfen.
-Aber wie, dies wußte er nicht und wollte lieber nicht daran
-denken. Er tanzte auf der Landstraße dahin, als er nach dem
-Wirtshause zurückging, wo der Reisekamerad auf ihn wartete.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Johannes konnte nicht fertig damit werden, zu erzählen,
-wie artig die Prinzessin gegen ihn gewesen und wie schön sie
-sei. Er sehne sich schon sehr nach dem nächsten Tage, wo er in
-das Schloß sollte, um sein Glück im Raten zu versuchen.
-</p>
-
-<p>
-Aber der Reisekamerad schüttelte den Kopf und war betrübt.
-&bdquo;Ich bin dir so gut!&ldquo; sagte er. &bdquo;Wir hätten noch lange
-beisammen sein können, und nun soll ich dich schon verlieren!
-Du armer, lieber Johannes! Ich möchte weinen, aber ich will
-am letzten Abende, den wir vielleicht beisammen sind, deine
-Freude nicht stören. Wir wollen lustig sein, recht lustig! Morgen,
-wenn du fort bist, kann ich ungestört weinen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Alle Leute drinnen in der Stadt hatten sogleich erfahren,
-daß ein neuer Freier der Prinzessin angekommen war, und
-deshalb herrschte große Betrübnis. Das Schauspielhaus blieb
-geschlossen, alle Kuchenfrauen banden Flor um ihre Zuckermänner,
-der König und die Priester lagen auf den Knien in
-den Kirchen. Es war große Betrübnis, denn es konnte Johannes
-ja nicht besser ergehen, als es allen übrigen Freiern ergangen war.
-</p>
-
-<p>
-Gegen Abend bereitete der Reisekamerad eine große Bowle
-Punsch und sagte zu Johannes: &bdquo;Nun wollen wir recht lustig
-sein und auf der Prinzessin Gesundheit trinken.&ldquo; Als aber Johannes
-zwei Gläser getrunken hatte, wurde er so schläfrig, daß
-es ihm unmöglich war, die Augen offen zu halten, er sank in
-tiefen Schlaf. Der Reisekamerad hob ihn sanft vom Stuhle
-und legte ihn in das Bett hinein, und als es dunkle Nacht
-wurde, nahm er die beiden großen Flügel, die er von dem
-Schwane abgehauen hatte, und band sie an seine Schultern fest.
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-Die größte Rute, die er von der alten Frau erhalten, welche
-gefallen war und das Bein gebrochen hatte, steckte er in seine
-Tasche, öffnete das Fenster und flog so über die Stadt, nach
-dem Schlosse hin, wo er sich in einen Winkel unter das Fenster
-setzte, wo es in die Schlafstube der Prinzessin ging.
-</p>
-
-<p>
-Es war still in der ganzen Stadt. Nun schlug die Uhr dreiviertel
-auf Zwölf, das Fenster ging auf und die Prinzessin flog
-in einem langen, weißen Mantel und mit schwarzen Flügeln
-über die Stadt weg hinaus zu einem großen Berge. Aber der
-Reisekamerad machte sich unsichtbar, so daß sie ihn nicht sehen
-konnte, flog hinterher und peitschte die Prinzessin mit seiner
-Rute, so daß Blut kam, wohin er schlug. Ach, das war eine
-Fahrt durch die Luft! Der Wind erfaßte ihren Mantel, der
-sich nach allen Seiten ausbreitete gleich einem großen Schiffssegel,
-und der Mond schien durch denselben.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-088">
-<img src="images/088.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-&bdquo;Wie es hagelt! wie es hagelt!&ldquo; sagte die Prinzessin bei
-jedem Schlage, den sie von der Rute bekam, und das war ihr
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-schon recht. Endlich kam sie hinaus zum Berge und klopfte an.
-Es rollte gleich dem Donner, indem der Berg sich öffnete, sie
-ging hinein. Der Reisekamerad folgte ihr, denn niemand konnte
-ihn sehen, er war unsichtbar. Sie gingen durch einen großen,
-langen Gang, wo die Wände eigentümlich glänzten, es waren
-über tausend glühende Spinnen, die an der Mauer auf- und
-abliefen und wie Feuer leuchteten. Da kamen sie in einen großen
-Saal, von Silber und Gold erbaut, Blumen so groß wie Sonnenblumen,
-rote und blaue, glänzten an den Wänden, aber niemand
-konnte die Blumen pflücken, denn die Stengel waren häßliche,
-giftige Schlangen, und die Blumen waren Feuer, welches
-ihnen aus dem Rachen heraus brannte. Die ganze Decke war
-mit leuchtenden Johanneswürmchen und himmelblauen Fledermäusen
-bedeckt, die mit den dünnen Flügeln schlugen. Es sah
-ganz schauerlich aus! Mitten auf dem Fußboden war ein
-Thron, der von vier Pferdegerippen getragen wurde, welchen
-Zaumzeug von den roten Feuerspinnen aufgelegt war, der Thron
-selbst war aus milchweißem Glase, und die Kissen waren kleine,
-schwarze Mäuse, die einander in den Schwanz bissen. Über
-demselben war ein Dach von rosenrotem Spinngewebe, mit den
-niedlichen, kleinen grünen Flügeln besetzt, welche wie Edelsteine
-glänzten. Auf dem Throne saß ein alter Zauberer, mit einer
-Krone auf dem häßlichen Kopfe und einem Zepter in der Hand.
-Er küßte die Prinzessin auf die Stirn, ließ sie an seine Seite
-auf den kostbaren Thron setzen, und dann begann die Musik.
-Große, schwarze Heuschrecken bliesen auf Mundharmonikas,
-und die Ente schlug sich auf den Leib, denn sie hatte keine
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Trommel. Das war ein possierliches Konzert. Kleine, schwarze
-Kobolde mit einem Irrlichte auf der Mütze tanzten im Saale
-herum. Niemand aber konnte den Reisekameraden erblicken, er
-hatte sich hinter den Thron gestellt und hörte und sah alles. Die
-Hofleute, die nun herein kamen, waren sehr fein und vornehm!
-Der, welcher sehen konnte, merkte wohl, wie es damit zusammenhing.
-Sie waren nichts weiter als Besenstiele mit Kohlköpfen
-darauf, in die der Zauberer Leben gehext und denen er gestickte
-Kleider gegeben hatte. Aber das machte nichts aus, sie wurden
-doch nur zum Prunk gebraucht.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem erst etwas getanzt war, erzählte die Prinzessin
-dem Zauberer, daß sie einen neuen Freier erhalten habe und
-fragte deshalb, woran sie wohl denken sollte, um ihn am nächsten
-Morgen darnach zu fragen, wenn er nach dem Schlosse käme.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Höre,&ldquo; sagte der Zauberer, &bdquo;das will ich dir sagen! Du
-mußt etwas recht Leichtes wählen, denn dann fällt er gar nicht
-darauf. Denke an einen deiner Schuhe. Das rät er nicht. Laß
-ihm den Kopf abhauen, doch vergiß nicht, wenn du morgen
-Nacht wieder zu mir kommst, mir seine Augen mitzubringen,
-denn die will ich essen!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Die Prinzessin verneigte sich tief und sagte, sie würde die
-Augen nicht vergessen. Der Zauberer öffnete nun den Berg,
-und sie flog wieder zurück, aber der Reisekamerad folgte ihr und
-prügelte sie wieder so stark mit der Rute, daß sie tief über das
-starke Hagelwetter seufzte und sich, so sehr sie konnte, beeilte,
-durch das Fenster in ihre Schlafstube zu gelangen. Der Reisekamerad
-dagegen flog zum Wirtshause zurück, wo Johannes
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-noch schlief, löste seine Flügel ab und legte sich dann auch auf
-das Bett, denn er konnte wohl müde sein.
-</p>
-
-<p>
-Es war früh am Morgen, als Johannes erwachte. Der
-Reisekamerad stand auch auf und erzählte, daß er diese Nacht
-einen sonderbaren Traum von der Prinzessin und ihrem Schuhe
-gehabt habe und bat ihn, deshalb doch zu fragen, ob die Prinzessin
-nicht an ihren Schuh gedacht haben sollte. Denn das war
-es ja, was er von dem Zauberer im Berge gehört hatte.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Ich kann ebensogut darnach als nach etwas anderem fragen,&ldquo;
-sagte Johannes. &bdquo;Vielleicht ist das richtig, was du geträumt
-hast, denn ich vertraue auf den lieben Gott, der mir
-schon helfen wird. Aber ich will dir noch Lebewohl sagen, denn
-rate ich falsch, so bekomme ich dich nie mehr zu sehen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Dann küßten sie sich, und Johannes ging in die Stadt und
-nach dem Schlosse. Der Saal war mit Menschen angefüllt, die
-Richter saßen in ihren Lehnstühlen und hatten Eiderdunenkissen
-unter den Köpfen, denn sie hatten gar viel zu denken. Der alte
-König stand auf und trocknete seine Augen mit einem weißen
-Taschentuche. Nun trat die Prinzessin herein. Sie war noch
-schöner wie gestern und grüßte alle in anmutigster Weise, aber
-dem Johannes gab sie die Hand und sagte: &bdquo;Guten Morgen, du!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-Nun sollte Johannes raten, woran sie gedacht habe, Gott,
-wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie <a id="corr-6"></a>ihn das eine Wort
-&bdquo;Schuh&ldquo; aussprechen hörte, wurde sie kreideweiß im Gesicht
-und zitterte am ganzen Körper. Allein das konnte ihr nichts
-helfen, denn er hatte richtig geraten!
-</p>
-
-<p>
-Der Tausend! wie wurde der alte König vergnügt, er schoß
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-einen Purzelbaum, daß es eine Lust war. Und alle Leute klatschten
-in die Hände, ihm und Johannes zu Ehren, der das erstemal
-richtig geraten hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der Reisekamerad war auch erfreut, als er erfuhr, wie gut
-es abgelaufen war. Aber Johannes faltete die Hände und dankte
-seinem Gotte, der sicher die beiden andern Male wieder helfen
-würde. Am nächsten Tage sollte schon wieder geraten werden.
-</p>
-
-<p>
-Der Abend verging ebenso wie der gestrige. Als Johannes
-schlief, flog der Reisekamerad hinter der Prinzessin her zum
-Berge hinaus und prügelte sie noch stärker als das vorige Mal,
-denn nun hatte er zwei Ruten genommen. Niemand bekam ihn
-zu sehen, und er hörte alles. Die Prinzessin wollte an ihren
-Handschuh denken, und das erzählte er wieder dem Johannes,
-als ob es ein Traum sei. Daher konnte derselbe richtig raten,
-und es verursachte eine große Freude auf dem Schlosse. Der
-ganze Hof schoß Purzelbäume, sowie sie es den König das
-erstemal hatten machen sehen. Aber die Prinzessin lag auf dem
-Sofa und wollte nicht ein einziges Wort sagen. Nun kam es
-darauf an, ob Johannes das drittemal richtig raten konnte.
-Glückte es, so sollte er ja die schöne Prinzessin haben und nach
-dem Tode des alten Königs das ganze Reich erben. Riet er
-falsch, so sollte er sein Leben verlieren und der Zauberer seine
-schönen, blauen Augen essen.
-</p>
-
-<p>
-Den Abend vorher ging Johannes zeitig zu Bett, betete
-sein Abendgebet und schlief dann ruhig. Aber der Reisekamerad
-band seine Flügel an den Rücken, den Säbel aber an seine
-Seite, nahm alle drei Ruten mit sich und flog nach dem Schlosse.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-Es war finstere Nacht. Es stürmte so, daß die Dachsteine
-von den Häusern flogen, und die Bäume drinnen im Garten,
-wo die Gerippe hingen, bogen sich gleich nach dem Schilfe vor
-dem Sturmwinde. Es blitzte jeden Augenblick und der Donner
-rollte, als ob es nur ein einziger Schlag sei, der die ganze
-Nacht währte. Nun ging das Fenster auf, und die Prinzessin
-flog heraus. Sie war so bleich wie der Tod, aber sie lachte über
-das böse Wetter und meinte, es sei noch nicht arg genug. Und
-ihr weißer Mantel wirbelte in der Luft umher, gleich einem
-großen Schiffssegel, aber der Reisekamerad peitschte sie mit
-seinen drei Ruten, daß das Blut auf die Erde tröpfelte und
-sie zuletzt kaum weiter fliegen konnte. Endlich kam sie doch nach
-dem Berge.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Es hagelt und stürmt,&ldquo; sagte sie, &bdquo;nie bin ich bei solchem
-Wetter ausgewesen.&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Man kann auch des Guten zu viel haben!&ldquo; sagte der Zauberer.
-Nun erzählte sie ihm, daß Johannes auch das zweitemal
-richtig geraten habe, würde er dasselbe morgen tun, so hätte er
-gewonnen, und sie könne nie mehr nach dem Berge hinauskommen,
-vermöchte nie mehr solche Zauberkünste wie früher zu
-machen, deshalb war sie betrübt.
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Er soll es nicht erraten können!&ldquo; sagte der Zauberer. &bdquo;Ich
-werde schon etwas erdenken, was er sich nie gedacht hat, oder
-er müßte ein größerer Zauberer gewesen sein als ich. Aber nun
-wollen wir lustig sein!&ldquo; Und dann faßte er die Prinzessin bei
-den Händen, und sie tanzten mit allen den kleinen Kobolden
-mit Irrlichtern herum, die in dem Zimmer waren. Die roten
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-Spinnen sprangen an den Wänden ebenso lustig auf und nieder,
-es sah aus, als ob Feuerblumen sprühten. Die Eule schlug auf
-die Trommel, die Heimchen pfiffen, und die schwarzen Heuschrecken
-bliesen auf Mundharmonikas. Es war ein lustiger
-Ball. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Als sie nun lange genug getanzt hatten, mußte die Prinzessin
-nach Hause, sonst möchte sie im Schlosse vermißt werden.
-Der Zauberer sagte, daß er sie begleiten wolle, da wären sie
-doch unterwegs noch beisammen.
-</p>
-
-<p>
-Dann flogen sie in dem bösen Wetter davon, und der Reisekamerad
-schlug seine drei Ruten auf ihrem Rücken entzwei.
-Nie war der Zauberer in solchem Hagelwetter ausgewesen.
-Draußen vor dem Schlosse sagte er der Prinzessin Lebewohl
-und flüsterte ihr zugleich zu: &bdquo;Denke an meinen Kopf!&ldquo; Aber
-der Reisekamerad hörte es wohl, und gerade in dem Augenblick,
-als die Prinzessin durch das Fenster in ihr Schlafgemach
-schlüpfte und der Zauberer wieder umkehren wollte, ergriff er
-ihn an seinem langen Barte und hieb mit dem Säbel seinen
-häßlichen Zaubererkopf bei den Schultern ab, so daß der Zauberer
-ihn nicht einmal selbst zu sehen bekam. Den Körper warf
-er hinaus in den See zu den Fischen, den Kopf aber tauchte er
-nur in das Wasser und band ihn dann in sein seidenes Taschentuch,
-nahm ihn mit nach dem Wirtshause und legte sich dann
-schlafen.
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Morgen gab er Johannes das Taschentuch
-und sagte ihm dabei, daß er es nicht aufbinden dürfe, bevor die
-Prinzessin frage, woran sie gedacht habe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-Es waren so viele Menschen in dem großen Saale auf
-dem Schlosse, daß sie so dicht standen wie Radieschen, die in
-ein Bündel zusammengebunden sind. Der Rat saß auf seinen
-Stühlen mit den weichen Kissen, und der alte König hatte neue
-Kleider an, die goldene Krone und das Zepter waren poliert:
-er sah feierlich aus. Aber die Prinzessin war bleich und hatte
-ein schwarzes Kleid an, als gehe sie zum Begräbnis.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-095">
-<img src="images/095.jpg" alt="" /></div>
-
-<p>
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-&bdquo;Woran habe ich gedacht?&ldquo; fragte sie den Johannes. Und
-sogleich löste er das Taschentuch und war selbst erschrocken, als
-er das häßliche Zaubererhaupt erblickte. Es schauderte alle Menschen,
-denn es war schrecklich anzusehen, aber die Prinzessin
-saß da wie ein Steinbild und konnte nicht ein einziges Wort
-sagen. Endlich erhob sie sich und reichte Johannes die Hand,
-denn er hatte ja richtig geraten. Sie sah weder auf den einen
-noch auf den andern, sondern sie seufzte laut: &bdquo;Nun bist du
-mein Herr! Diesen Abend wollen wir Hochzeit halten!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-&bdquo;Das gefällt mir!&ldquo; sagte der alte König. &bdquo;So will ich es
-haben!&ldquo; Alle Leute riefen hurra, die Wachtparade machte Musik
-in den Straßen, die Glocken läuteten und die Kuchenfrauen
-nahmen den schwarzen Flor von ihren Zuckermännern, denn
-nun herrschte große Freude. Drei gebratene Ochsen, mit Enten
-und Hühnern gefüllt, wurden mitten auf den Markt gesetzt,
-und jeder konnte sich ein Stück abschneiden, in den Springbrunnen
-sprudelte der schönste Wein, und kaufte man eine Pfennigbrezel
-beim Bäcker, so bekam man sechs große Zwiebacke als
-Zugabe, und die Zwiebacke mit Rosinen darin.
-</p>
-
-<p>
-Am Abende war die ganze Stadt erleuchtet, die Soldaten
-schossen mit Kanonen, die Knaben mit Knallerbsen, und es wurde
-gegessen und getrunken, angestoßen und gesprungen oben im
-Schlosse. Alle die vornehmen Fräulein tanzten miteinander,
-man konnte in weiter Ferne hören, wie sie sangen:
-</p>
-
-<div class="poem-container">
- <div class="poem">
- <div class="stanza">
- <p class="verse">Hier sind viel hübsche Mädchen,</p>
- <p class="verse">Die gern tanzen rund herum,</p>
- <p class="verse">Drehen sich wie Spinnerädchen;</p>
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
- <p class="verse">Hübsches Mädchen, schwenk&rsquo; dich um.</p>
- <p class="verse">Tanzt und springet immerzu,</p>
- <p class="verse">Bis die Sohle fällt vom Schuh.</p>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Aber die Prinzessin war ja noch eine Hexe und mochte Johannes
-gar nicht leiden. Das fiel dem Reisekameraden ein, und
-deshalb gab er Johannes drei Federn aus den Schwanenflügeln
-und eine kleine Flasche mit einigen Tropfen darin und sagte
-ihm dann, daß er ein großes Faß mit Wasser gefüllt vor das
-Bett der Prinzessin setzen lassen solle, und wenn die Prinzessin
-hineinsteigen wolle, sollte er ihr einen kleinen Stoß geben, so
-daß sie in das Wasser hinunterfalle, wo er sie dreimal untertauchen
-müsse, nachdem er vorher die Federn und die Tropfen
-hineingeschüttet habe, dann werde sie ihre Zauberei verlieren
-und ihn recht lieb haben.
-</p>
-
-<p>
-Johannes tat alles, was der Reisekamerad ihm geraten
-hatte. Die Prinzessin schrie laut, als er sie unter das Wasser
-tauchte, und zappelte ihm unter den Händen wie ein großer,
-schwarzer Schwan mit funkelnden Augen. Als sie das zweitemal
-wieder über das Wasser herauf kam, war der Schwan weiß,
-bis auf einen schwarzen Ring um den Hals. Johannes betete
-fromm zu Gott und ließ das Wasser das drittemal über den
-Vogel zusammenschlagen, und in demselben Augenblick wurde
-dieser in die schönste Prinzessin verwandelt. Sie war noch
-schöner als zuvor und dankte ihm mit Tränen in ihren herrlichen
-Augen, daß er den Zauber von ihr gelöst habe.
-</p>
-
-<p>
-Am nächsten Morgen kam der alte König mit seinem ganzen
-Hofstaate, da gab es ein Gratulieren bis spät in den Tag hinein.
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-Zuletzt kam der Reisekamerad, er hatte seinen Stock in der
-Hand und das Ränzel auf dem Rücken. Johannes küßte ihn
-viele Mal und sagte, er dürfe nicht fortreisen, er solle bei ihm
-bleiben, denn er wäre ja die Ursache seines Glücks. Aber der
-Reisekamerad schüttelte mit dem Kopfe und sagte mild und
-freundlich: &bdquo;Nein, nun ist meine Zeit um. Ich habe nur meine
-Schuld bezahlt. Erinnerst du dich des toten Mannes, dem die
-bösen Menschen Übles tun wollten? Du gabst alles, was du
-besaßest, damit er Ruhe in seinem Grabe haben konnte. Der
-Tote bin ich!&ldquo;
-</p>
-
-<p>
-In demselben Augenblicke war er verschwunden. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die Hochzeit währte nun einen ganzen Monat. Johannes
-und die Prinzessin liebten einander innig, und der alte König
-erlebte manche frohe Tage und ließ ihre kleinen Kinderchen auf
-seinen Knien reiten und mit seinem Zepter spielen. Aber Johannes
-wurde König über das ganze Land.
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-098">
-<img src="images/098.jpg" alt="" /></div>
-
-<div class="ads">
-<p class="hdr">
-Das Märchenbuch
-</p>
-
-<p class="subt">
-Eine Sammlung von Märchenbüchern<br />
-für Kinder und Erwachsene
-</p>
-
-<p class="illu">
-Mit Zeichnungen der besten deutschen Maler
-</p>
-
-<p class="edt">
-Herausgegeben von Bruno Cassirer
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="book">
-<span class="line1">Band 1</span><br />
-<span class="line2">Deutsche Märchen</span><br />
-<span class="line3">Illustriert von <em>Max Slevogt</em></span><br />
-<span class="line4">Gebunden 10 Mark</span>
-</p>
-
-<p class="book">
-<span class="line1">Band 2</span><br />
-<span class="line2">Deutsche Märchen</span><br />
-<span class="line3">Illustriert von Graf <em>L. von Kalckreuth</em></span><br />
-<span class="line4">Gebunden 8 Mark</span>
-</p>
-
-<p class="book">
-<span class="line1">Band 3</span><br />
-<span class="line2">Genovefa &mdash; Der arme Heinrich</span><br />
-<span class="line3">Illustriert von <em>W. Klemm</em></span><br />
-<span class="line4">Gebunden 8 Mark</span>
-</p>
-
-<p class="book">
-<span class="line1">Band 4</span><br />
-<span class="line2">Aladdin oder die Wunderlampe</span><br />
-<span class="line3">Illustriert von <em>C. Strathmann</em></span><br />
-<span class="line4">Gebunden 8 Mark</span>
-</p>
-
-<p class="book">
-<span class="line1">Band 5</span><br />
-<span class="line2">Zwerg Nase</span><br />
-<span class="line3">Farbig illustriert von <em>Karl Walser</em></span><br />
-<span class="line4">Zweite Auflage. Gebunden 13.50 Mark</span>
-</p>
-
-<p class="book">
-<span class="line1">Band 6</span><br />
-<span class="line2">Rübezahl</span><br />
-<span class="line3">Illustriert von <em>Max Slevogt</em></span><br />
-<span class="line4">Gebunden 10 Mark</span>
-</p>
-
-<p class="book">
-<span class="line1">Band 7</span><br />
-<span class="line2">Das kalte Herz</span><br />
-<span class="line3">Farbig illustriert von <em>Karl Walser</em></span><br />
-<span class="line4">Gebunden 10 Mark</span>
-</p>
-
-<p class="book">
-<span class="line1">Band 8</span><br />
-<span class="line2">Kalif Storch &mdash; Der kleine Muck</span><br />
-<span class="line3">Farbig illustriert von <em>Karl Walser</em></span><br />
-<span class="line4">Gebunden 10 Mark</span>
-</p>
-
-<p class="book">
-<span class="line1">Band 9</span><br />
-<span class="line2">Frau Holle und anderes</span><br />
-<span class="line3">Illustriert von <em>Bernhard Hasler</em></span><br />
-<span class="line4">Gebunden 15 Mark</span>
-</p>
-
-<p class="book">
-<span class="line1">Band 10</span><br />
-<span class="line2">Ali Baba und die vierzig Räuber</span><br />
-<span class="line3">Illustriert, teils mehrfarbig, von <em>Max Slevogt</em></span><br />
-<span class="line4">Zweite Auflage. In Halbleinen gebunden 35 Mark</span>
-</p>
-
-<p class="center">
-Von einigen Bänden sind noch wenige Exemplare in Ganzleder mit Goldprägung
-zum Preise von 200 Mark vorrätig. Hergestellt wurden je 100 numerierte Exemplare
-</p>
-
-<hr />
-
-<p class="printer">
-Druck: Hof-Buch- und -Steindruckerei Dietsch &amp; Brückner in Weimar
-</p>
-
-</div>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p>
-Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im <span class="underline">Stile</span> und in ...<br />
-... Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im <a href="#corr-0"><span class="underline">Stiele</span></a> und in ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Berge, auf deren <span class="underline">Gipfel</span> der weiße Schnee glänzte, als wären ...<br />
-... Berge, auf deren <a href="#corr-1"><span class="underline">Gipfeln</span></a> der weiße Schnee glänzte, als wären ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... deine dreihundert Jahre, bevor du zu <span class="underline">toten</span>, salzigem Seeschaume ...<br />
-... deine dreihundert Jahre, bevor du zu <a href="#corr-4"><span class="underline">totem</span></a>, salzigem Seeschaume ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... von allem <span class="underline">Möglichem</span>, was existierte, zu erzählen. ...<br />
-... von allem <a href="#corr-5"><span class="underline">Möglichen</span></a>, was existierte, zu erzählen. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie <span class="underline">ihm</span> das eine Wort ...<br />
-... wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie <a href="#corr-6"><span class="underline">ihn</span></a> das eine Wort ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Märchen (Illustriert von Alfred Kubin), by
-Hans Christian Andersen
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN (ILLUSTRIERT VON ***
-
-***** This file should be named 50965-h.htm or 50965-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/0/9/6/50965/
-
-Produced by Jens Sadowski
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
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