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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Märchen (Illustriert von Alfred Kubin) - Die Nachtigall / Die kleine Seejungfrau / Der Reisekamerad - -Author: Hans Christian Andersen - -Illustrator: Alfred Kubin - -Release Date: January 19, 2016 [EBook #50965] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN (ILLUSTRIERT VON *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - H. C. Andersens Märchen - - - - - Die Nachtigall - Die kleine Seejungfrau - Der Reisekamerad - - - von - H. C. Andersen - - Mit Zeichnungen - von - Alfred Kubin - - Im Verlag von Bruno Cassirer, Berlin - 1922 - - - - - Die Nachtigall - - -In China, weißt du wohl, ist der Kaiser ein Chinese, und alle, die er um -sich her hat, sind auch Chinesen. Es ist nun viele Jahre her, aber eben -deshalb ist es der Mühe wert, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen -wird! Des Kaisers Schloß war das prächtigste in der Welt, ganz und gar -von feinem Porzellan, sehr kostbar, aber so spröde, so mißlich, daran zu -rühren, daß man sich sehr in acht nehmen mußte. Im Garten sah man die -wunderbarsten Blumen, und an die prächtigsten waren Silberglocken -gebunden, welche klangen, damit man nicht vorbeigehen möchte, ohne die -Blumen zu bemerken. Ja, alles war in des Kaisers Garten fein -ausspekuliert. Und er erstreckte sich so weit, daß der Gärtner selbst -das Ende desselben nicht kannte. Ging man immer weiter, so kam man in -den herrlichsten Wald mit hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald ging -gerade hinunter bis zum Meere, welches blau und tief war, große Schiffe -konnten bis unter die Zweige der Bäume hinsegeln, und in diesen wohnte -eine Nachtigall, die so herrlich sang, daß selbst der arme Fischer, der -noch viel anderes zu tun hatte, still hielt und horchte, wenn er des -Nachts ausgefahren war, um das Fischnetz auszuwerfen und dann die -Nachtigall hörte. »Ach Gott, wie ist das schön!« sagte er, aber er mußte -auf seine Sachen acht geben und vergaß dabei den Vogel. Doch wenn dieser -in der nächsten Nacht wieder sang und der Fischer dorthin kam, sagte -derselbe: »Ach Gott, wie ist das schön!« - -Aus allen Ländern der Welt kamen Reisende nach der Stadt des Kaisers und -bewunderten diese, das Schloß und den Garten. Doch wenn sie die -Nachtigall zu hören bekamen, sagten sie alle: »Das ist doch das beste!« - -Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause kamen, und die -Gelehrten schrieben viele Bücher über die Stadt, das Schloß und den -Garten. Aber auch die Nachtigall vergaßen sie nicht: die wurde am -höchsten gestellt, und die, welche dichten konnten, schrieben die -herrlichsten Gedichte über die Nachtigall im Walde bei dem tiefen See. - -Die Bücher durchliefen die Welt, und einige davon kamen auch einmal zum -Kaiser. Er saß in seinem goldenen Stuhle und las und las, jeden -Augenblick nickte er mit dem Kopfe, denn es freute ihn, die prächtigen -Beschreibungen der Stadt, des Schlosses und des Gartens zu vernehmen. -»Aber die Nachtigall ist doch das allerbeste!« stand da geschrieben. - -»Was ist das?« sagte der Kaiser. »Die Nachtigall kenne ich ja gar nicht! -Ist ein solcher Vogel in meinem Kaiserreiche und sogar in meinem Garten? -Das habe ich nie gehört! So etwas erst aus Büchern zu erfahren!« - -Und hierauf rief er seinen Kavalier. Der war so vornehm, daß, wenn -jemand, der geringer als er war, mit ihm zu sprechen oder ihn nach etwas -zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte als: »P!« und »das hat -nichts zu bedeuten«. - -»Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, welcher Nachtigall -genannt wird!« sagte der Kaiser. »Man sagt, dies sei das allerbeste in -meinem großen Reiche. Weshalb hat man mir nie etwas davon gesagt?« - -»Ich habe ihn früher nie nennen hören!« sagte der Kavalier. »Er ist nie -bei Hofe vorgestellt worden!« - -»Ich will, daß er heute abend herkommen und vor mir singen soll!« sagte -der Kaiser. »Die ganze Welt weiß, was ich habe, und ich weiß es nicht!« - -»Ich habe ihn früher nie nennen hören!« sagte der Kavalier. »Ich werde -ihn suchen, ich werde ihn finden!« -- - -Aber wo war der zu finden? Der Kavalier lief alle Treppen auf und -nieder, durch Säle und Gänge, aber keiner von allen denen, auf die er -traf, hatte von der Nachtigall sprechen hören. Und der Kavalier lief -wieder zum Kaiser und sagte, daß es sicher eine Fabel von denen sein -müßte, die da Bücher schrieben. »Dero Kaiserliche Majestät können gar -nicht glauben, was alles geschrieben wird! Das sind Erdichtungen und -etwas, was man die schwarze Kunst nennt.« - -»Aber das Buch, in dem ich dieses gelesen habe,« sagte der Kaiser, »ist -mir von dem großmächtigsten Kaiser von Japan gesandt, und es kann also -keine Unwahrheit sein, ich will die Nachtigall hören! Sie muß heute -abend hier sein! Sie hat meine höchste Gnade! Und kommt sie nicht, so -soll dem ganzen Hofe auf den Leib getrampelt werden, wenn er Abendbrot -gegessen hat!« - -»Tsing pe!« sagte der Kavalier und lief wieder alle Treppen auf und -nieder, durch alle Säle und Gänge, und der halbe Hof lief mit, denn sie -wollten nicht gern auf den Leib getrampelt sein. Da gab es ein Fragen -nach der merkwürdigen Nachtigall, welche die ganze Welt kannte, nur -niemand bei Hofe. - -Endlich trafen sie ein armes, kleines Mädchen in der Küche. Die sagte: -»O Gott, die Nachtigall kenne ich gut, ja, wie kann sie singen! Jeden -Abend habe ich Erlaubnis, meiner armen, kranken Mutter Überbleibsel vom -Tische nach Hause zu tragen; sie wohnt unten am Strand, und wenn ich -zurückgehe, müde bin und im Walde ausruhe, dann höre ich die Nachtigall -singen! Es kommen mir dabei die Tränen in die Augen, und es ist, als ob -meine Mutter mich küßte!« - -»Kleine Köchin!« sagte der Kavalier, »ich werde dir eine Anstellung in -der Küche und die Erlaubnis verschaffen, den Kaiser speisen zu sehen, -wenn du uns zur Nachtigall führen kannst, denn sie ist zu heute abend -angesagt.« - -Und so zogen sie alle hinaus in den Wald, wo die Nachtigall zu singen -pflegte, der halbe Hof war mit. Als sie im besten Zuge waren, fing eine -Kuh zu brüllen an. - -»Oh!« sagten die Hofjunker, »nun haben wir sie! Das ist doch eine -merkwürdige Kraft in einem so kleinen Tiere! Die habe ich sicher schon -früher gehört!« - -»Nein, das sind Kühe, welche so brüllen!« sagte die kleine Köchin. »Wir -sind noch weit von dem Orte entfernt!« - -Nun quakten die Frösche im Sumpfe. - -»Herrlich!« sagte der chinesische Hofprediger. »Nun höre ich sie; es -klingt gerade wie kleine Kirchenglocken.« - -»Nein, das sind Frösche!« sagte die kleine Köchin. »Aber nun denke ich, -werden wir sie bald hören!« - -Da begann die Nachtigall zu schlagen. - -»Das ist sie!« sagte das kleine Mädchen. »Hört! Hört! Da sitzt sie!« Und -sie zeigte nach einem kleinen, grauen Vogel oben in den Zweigen. - -»Ist es möglich!« sagte der Kavalier. »So hätte ich sie mir nimmer -gedacht! Wie sie einfach aussieht! Sie hat sicher ihre Farbe darüber -verloren, daß sie so viele vornehme Menschen um sich erblickt!« - -»Kleine Nachtigall!« rief die kleine Köchin laut, »unser gnädigster -Kaiser wünscht, daß Sie vor ihm singen!« - -»Mit dem größten Vergnügen!« sagte die Nachtigall und sang dann, daß es -eine Lust war. - -»Es klingt gerade wie Glasglocken!« sagte der Kavalier. »Und seht die -kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig, daß wir sie früher -nie gehört haben! Sie wird großen Succès bei Hofe machen!« - -»Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?« fragte die Nachtigall, -welche glaubte, der Kaiser sei auch da. - -»Meine vortreffliche kleine Nachtigall!« sagte der Kavalier, »ich habe -die große Freude, Sie zu einem Hoffeste heute abend einzuladen, wo Sie -Dero hohe kaiserliche Gnaden mit ihrem charmanten Gesange bezaubern -werden!« - -»Der hört sich am besten im Grünen an!« sagte die Nachtigall, aber sie -kam doch gern mit, als sie hörte, daß es der Kaiser wünschte. - -Auf dem Schlosse war tüchtig aufgeputzt. Die Wände und der Fußboden, -welche von Porzellan waren, glänzten im Strahle vieler tausend -Goldlampen; die prächtigsten Blumen, welche recht klingeln konnten, -waren in den Gängen aufgestellt. Das war ein Laufen und ein Zugwind, und -alle Glocken klingelten so, daß man sein eigenes Wort nicht hören -konnte. - -Mitten in den großen Saal, wo der Kaiser saß, war ein goldener Stecken -gestellt, auf diesem sollte die Nachtigall sitzen. Der ganze Hof war da, -und die kleine Köchin hatte die Erlaubnis erhalten, hinter der Tür zu -stehen, da sie nun den Titel einer wirklichen Hofköchin bekommen hatte. -Alle waren in ihrem größten Putz, und alle sahen nach dem kleinen grauen -Vogel, dem der Kaiser zunickte. - -Die Nachtigall sang so herrlich, daß dem Kaiser die Tränen in die Augen -traten und ihm über die Wangen herniederliefen, da sang die Nachtigall -noch schöner: das ging recht zu Herzen. Der Kaiser war so froh, daß er -sagte, die Nachtigall sollte seinen goldenen Pantoffel um den Hals zu -tragen bekommen. Aber die Nachtigall dankte, sie habe schon Belohnung -genug erhalten. - -»Ich habe Tränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist mir der reichste -Schatz! Eines Kaisers Tränen haben eine besondere Kraft! Gott weiß es, -ich bin genug belohnt.« Darauf sang sie wieder mit ihrer süßen, -herrlichen Stimme. - -»Das ist die liebenswürdigste Koketterie, die ich kenne!« sagten die -Damen rings umher, und dann nahmen sie Wasser in den Mund um zu glucken, -wenn jemand mit ihnen spräche. Sie glaubten, dann auch Nachtigallen zu -sein. Ja, die Lakaien und Kammermädchen ließen melden, daß auch sie -zufrieden seien; das will viel sagen, denn die sind am schwersten zu -befriedigen. Kurz, die Nachtigall machte wahrlich Glück. - -Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihr eigenes Bauer und die Freiheit -haben, zweimal des Tages und einmal des Nachts herauszuspazieren. Sie -bekam dann zwölf Diener mit, welche ihr alle ein Seidenband um das Bein -geschlungen hatten, an dem sie sie recht fest hielten. Es war durchaus -kein Vergnügen bei einem solchen Ausfluge. - -Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel, und begegneten sich -zwei, so sagte der eine nichts anders als: »Nacht!« -- und der andere -sagte: »gall!« Und dann seufzten sie und verstanden einander. Ja, elf -Hökerkinder wurden nach ihr benannt, aber nicht eins von ihnen hatte -einen Ton in der Kehle. -- - -Eines Tages erhielt der Kaiser ein großes Paket, worauf geschrieben -stand: »Die Nachtigall.« - -»Da haben wir nun ein neues Buch über unsern berühmten Vogel!« sagte der -Kaiser. Aber es war kein Buch, sondern ein kleines Kunstwerk, welches in -einer Schachtel lag: eine künstliche Nachtigall, die der lebenden -gleichen sollte, allein überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren -besetzt war. Sobald man den Kunstvogel aufzog, konnte er eins der -Stücke, die der wirkliche Vogel sang, singen, und dann bewegte sich der -Schweif auf und nieder, und glänzte von Silber und Gold. Um den Hals -hing ein kleines Band, darauf stand geschrieben: »Des Kaisers von Japan -Nachtigall ist arm gegen die des Kaisers von China.« - -»Das ist herrlich!« sagten alle, und der, welcher den künstlichen Vogel -gebracht hatte, erhielt sogleich den Titel: Kaiserlicher -Ober-Nachtigallbringer. - -»Nun müssen sie zusammen singen, was wird das für ein Duett werden.« - -Und so mußten sie zusammen singen, aber es wollte nicht recht passen, -denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise, und der Kunstvogel -ging auf Walzen. »Der hat keine Schuld,« sagte der Spielmeister, »der -ist besonders taktfest und ganz nach meiner Schule!« Nun sollte der -Kunstvogel allein singen. Er machte ebenso viel Glück als der wirkliche, -und dann war er ja viel niedlicher anzusehen: er glänzte wie Armbänder -und Busennadeln. - -Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und war doch nicht -müde. Die Leute hätten ihn gern wieder aufs neue gehört, aber der Kaiser -meinte, daß nun auch die lebendige Nachtigall etwas singen sollte. -- -- -Aber wo war die? Niemand hatte bemerkt, daß sie aus dem offenen Fenster -zu ihren grünen Wäldern fortgeflogen war. - -»Aber was ist denn das?« sagte der Kaiser. Und alle Hofleute schalten -und weinten, daß die Nachtigall ein höchst undankbares Tier sei. »Den -besten Vogel haben wir doch!« sagten sie, und so mußte denn der -Kunstvogel wieder singen, und das war das vierunddreißigstemal, daß sie -dasselbe Stück zu hören bekamen. Sie konnten es dessenungeachtet doch -nicht auswendig, es war gar zu schwer. Und der Spielmeister lobte den -Vogel außerordentlich; ja, er versicherte, daß er besser wie eine -Nachtigall sei, nicht nur was die Kleider und die herrlichen Diamanten -beträfe, sondern auch innerlich. - -»Denn sehen sie, meine Herren, der Kaiser vor allen! bei der wirklichen -Nachtigall kann man nie berechnen, was da kommen wird, aber bei dem -Kunstvogel ist alles bestimmt! Man kann es erklären, man kann ihn öffnen -und dem Menschen begreiflich machen, wie die Walzen liegen, wie sie -gehen, und wie das eine aus dem andern folgt!« - -»Das sind auch unsere Gedanken!« sagten alle, und der Spielmeister -erhielt die Erlaubnis, am nächsten Sonntage den Vogel dem Volke -vorzuzeigen. Es sollte ihn auch singen hören, befahl der Kaiser. Und es -hörte ihn, und es wurde so vergnügt, als ob es sich in Tee berauscht -hätte, denn das ist chinesisch; da sagten alle: »Oh!« und hielten den -Zeigefinger in die Höhe und nickten dazu. Die armen Fischer jedoch, -welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: »Das klingt -hübsch genug, die Melodien gleichen sich auch, aber es fehlt etwas, ich -weiß nicht was!« - -Die wirkliche Nachtigall wurde aus dem Lande und Reiche verwiesen. - -Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem Seidenkissen, dicht bei des -Kaisers Bette. Alle die Geschenke, welche er erhalten, Gold und -Edelsteine, lagen rings um ihn her, und im Titel war er zu einem -»Hochkaiserlichen Nachttisch-Sänger« gestiegen, im Range bis Nummer eins -zur linken Seite. Denn der Kaiser rechnete die Seite für die vornehmste, -auf der das Herz saß, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser links. -Und der Spielmeister schrieb ein Werk von fünfundzwanzig Bänden über den -Kunstvogel; das war so gelehrt und so lang, voll von den allerschwersten -chinesischen Wörtern, daß alle Leute sagten, sie hätten es gelesen und -verstanden, denn sonst wären sie ja dumm gewesen und wären auf den Leib -getrampelt worden. - -So ging es ein ganzes Jahr. Der Kaiser, der Hof und alle die andern -Chinesen konnten jeden Gluck in des Kunstvogels Gesange auswendig. Aber -gerade deshalb gefiel er ihnen jetzt am allerbesten: sie konnten selbst -mitsingen, und das taten sie auch. Die Straßenbuben sangen: »Zizizi! -Gluckgluckgluck!« und der Kaiser sang es ebenfalls. Ja, das war gewiß -prächtig! - -Eines Abends jedoch, als der Kunstvogel am besten sang, und der Kaiser -im Bette lag und darauf hörte, sagte es inwendig im Vogel »Schwupp«. Da -sprang etwas! »Schnurr!« alle Räder liefen herum, und dann stand die -Musik still. - -Der Kaiser sprang gleich aus dem Bette und ließ seinen Leibarzt rufen, -aber was konnte der helfen! Dann ließen sie den Uhrmacher holen, und -nach vielem Sprechen und Nachsehen bekam er den Vogel etwas in Ordnung, -aber er sagte, daß er geschont werden müsse, denn die Zapfen seien -abgenutzt, und es wäre unmöglich, neue so einzusetzen, daß die Musik -sicher ginge. Nun war eine große Trauer! Nur einmal des Jahres durfte -man den Kunstvogel singen lassen, und das war schon fast zu viel. Aber -dann hielt der Spielmeister eine kleine Rede voll inhaltsschwerer Worte -und sagte, daß es ebensogut sei, wie früher; dann war es ebensogut, wie -früher. - -Jetzt waren fünf Jahre vergangen, und das Land bekam eine große Trauer. -Die Chinesen hielten im Grunde alle auf ihren Kaiser, und jetzt war er -krank und konnte nicht lange mehr leben, sagte man. - -Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand draußen auf der -Straße und fragte den Kavalier, wie es ihrem alten Kaiser ginge. - -»P!« sagte er und schüttelte mit dem Kopfe. - -Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen, prächtigen Bette; der -ganze Hof glaubte ihn tot, und ein jeder von ihnen lief hin, den neuen -Kaiser zu begrüßen. Die Kammerdiener liefen hinaus, um darüber zu -schwatzen, und die Kammermädchen hatten große Kaffeegesellschaft. -Ringsumher in alle Säle und Gänge war Tuch gelegt, damit man keinen -Fußtritt vernehme, und deshalb war es da still, ganz still. Aber der -Kaiser war noch nicht tot; steif und bleich lag er in dem prächtigen -Bette, mit den langen Samtgardinen und den schweren Goldquasten, hoch -oben stand ein Fenster offen, und der Mond schien herein auf den Kaiser -und den Kunstvogel. - -Der arme Kaiser konnte kaum atmen; es war, als ob etwas auf seiner Brust -säße, er schlug die Augen auf, und da sah er, daß es der Tod sei, der -auf seiner Brust saß und sich seine goldene Krone aufgesetzt hatte und -in der einen Hand des Kaisers goldenen Säbel, in der andern seine -prächtige Fahne hielt. Und ringsumher aus den Falten der großen, samtnen -Bettgardinen sahen wunderbare Köpfe hervor: einige häßlich, andere -lieblich und mild. Das waren alle des Kaisers böse und gute Taten, -welche ihn anblickten, jetzt, da der Tod ihm auf dem Herzen saß. - -»Entsinnest du dich dieses?« flüsterte einer nach dem andern. »Erinnerst -du dich dessen?« Und dann erzählten sie ihm so viel, daß ihm der Schweiß -von der Stirne rann. - -»Das habe ich nicht gewußt!« sagte der Kaiser. »Musik! Musik! die große -chinesische Trommel!« rief er, »damit ich nicht alles zu hören brauche, -was sie sagen!« - -Und sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese zu allem, was -gesagt wurde. - -»Musik! Musik!« schrie der Kaiser. »Du kleiner herrlicher Goldvogel! -Singe doch, singe! Ich habe dir ja Gold und Kostbarkeiten gegeben; ich -habe dir selbst meinen goldenen Pantoffel um den Hals gehängt, singe -doch, singe!« - -Der Vogel aber stand still, es war niemand da, ihn aufzuziehen, und -sonst sang er nicht, aber der Tod fuhr fort, den Kaiser mit seinen -großen, hohlen Augen anzustarren, und still war es, schrecklich still! - -Da klang auf einmal vom Fenster her der herrlichste Gesang: es war die -kleine, lebende Nachtigall, welche auf einem Zweige draußen saß. Sie -hatte von der Not ihres Kaisers gehört und war deshalb gekommen, ihm -Trost und Hoffnung zu singen. Und wie sie sang, wurden die Gespenster -immer bleicher und bleicher, das Blut kam immer rascher und rascher in -des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst der Tod horchte -und sagte: »Fahre fort, kleine Nachtigall! fahre fort!« - -»Ja, willst du mir den prächtigen goldenen Säbel geben? Willst du mir -die reiche Fahne geben? Willst du mir des Kaisers Krone geben?« - -Und der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang, und die Nachtigall fuhr -noch fort zu singen; sie sang von dem stillen Gottesacker, wo die weißen -Rosen wachsen, wo der Flieder duftet, und wo das frische Gras von den -Tränen der Überlebenden befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehnsucht nach -seinem Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel aus dem Fenster. - -»Dank, Dank!« sagte der Kaiser. »Du himmlischer kleiner Vogel! Ich kenne -dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande und Reiche gejagt! Und doch -hast du die bösen Gesichter von meinem Bette weggesungen, den Tod von -meinem Herzen weggeschafft! Wie kann ich dir lohnen?« - -»Du hast mich belohnt!« sagte die Nachtigall. »Ich habe deinen Augen -Tränen entlockt, als ich das erstemal sang: das vergesse ich nie! Das -sind Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen! Aber schlafe nun und werde -wieder frisch und stark! Ich werde dir etwas vorsingen!« - -Und sie sang -- und der Kaiser fiel in einen süßen Schlummer. Ach! wie -mild und wohltuend war der Schlaf! - -Die Sonne schien durch die Fenster zu ihm herein, als er gestärkt und -gesund erwachte. Keiner von seinen Dienern war noch zurückgekehrt, denn -sie glaubten, er sei tot, nur die Nachtigall saß noch bei ihm und sang. - -»Immer mußt du bei mir bleiben!« sagte der Kaiser. »Du sollst nun -singen, wenn du selbst willst, und den Kunstvogel schlage ich in tausend -Stücke.« - -»Tue das nicht!« sagte die Nachtigall. »Der hat ja Gutes getan, so lange -er konnte! Behalte ihn wie bisher! Ich kann im Schlosse nicht mein Nest -bauen und bewohnen, aber laß mich kommen, wenn ich selbst Lust habe; da -will ich des Abends auf dem Zweige dort beim Fenster sitzen und dir -etwas vorsingen, damit du froh werden kannst und gedankenvoll zugleich! -Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die da leiden! Ich -werde vom Bösen und vom Guten singen, was rings um dich her verborgen -bleibt! Der kleine Singvogel fliegt weit umher, zu dem armen Fischer, zu -des Landmanns Dach, zu jedem, der weit von dir und deinem Hofe entfernt -ist! Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat die Krone -einen Duft von etwas Heiligtum um sich! -- Ich komme, ich singe dir -etwas vor! -- Aber eins mußt du mir versprechen.« -- - --- »Alles!« sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen Tracht, -die er selbst angelegt hatte, und drückte den Säbel, welcher schwer von -Gold war, an sein Herz. - -»Um eins bitte ich dich! Erzähle niemand, daß du einen kleinen Vogel -hast, der dir alles sagt, dann wird es noch besser gehen!« - -Da flog die Nachtigall fort. - -Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu sehen -- -- ja, -da standen sie, und der Kaiser sagte: »Guten Morgen!« - - - - - Die kleine Seejungfer - - -Weit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie die Blätter der -schönsten Kornblume und so klar wie das reinste Glas. Aber es ist sehr -tief, tiefer, als irgendein Ankertau reicht, viele Kirchtürme müßten -aufeinander gestellt werden, um vom Boden bis über das Wasser zu -reichen. Dort unten wohnt das Meervolk. - -Nun muß man aber nicht glauben, daß da nur der nackte, weiße Sandboden -sei, nein, da wachsen die sonderbarsten Bäume und Pflanzen, die so -geschmeidig im Stiele und in den Blättern sind, daß sie sich bei der -geringsten Bewegung des Wassers rühren, als ob sie lebten. Alle kleinen -und großen Fische schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch wie hier oben -die Vögel durch die Bäume. An der tiefsten Stelle liegt des Meerkönigs -Schloß; die Mauern sind von Korallen und die langen Spitzbogenfenster -vom klarsten Bernstein, aber das Dach bilden Muschelschalen, die sich -öffnen und schließen, je nachdem das Wasser strömt. Es sieht herrlich -aus, denn in jeder liegen strahlende Perlen, eine einzige davon würde -großen Wert in der Krone einer Königin haben. - -Der Meerkönig dort unten war seit vielen Jahren Witwer, während seine -alte Mutter bei ihm wirtschaftete. Sie war eine kluge Frau, aber stolz -auf ihren Adel, deshalb trug sie zwölf Austern auf dem Schwanze, die -andern Vornehmen aber durften nur sechs tragen. -- Sonst verdiente sie -großes Lob, besonders weil sie viel auf die kleinen Meerprinzessinnen, -ihre Enkelinnen, hielt. Es waren sechs schöne Kinder, aber die jüngste -war die schönste von allen, ihre Haut so klar und so fein wie ein -Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste See, aber ebenso wie die -andern hatte sie keine Füße, der Körper endete in einen Fischschwanz. - -Den ganzen Tag konnten sie unten im Schlosse spielen, in den großen -Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wänden hervorwuchsen. Die großen -Bernsteinfenster wurden aufgemacht, und dann schwammen die Fische zu -ihnen herein, wie bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir die -Fenster aufmachen; doch die Fische schwammen zu den Prinzessinnen hin, -fraßen aus ihren Händen und ließen sich streicheln. - -Draußen vor dem Schlosse war ein großer Garten mit feuerroten und -dunkelbraunen Blumen, die Früchte strahlten wie Gold und die Blumen wie -brennendes Feuer, indem sie fortwährend Stengel und Blätter bewegten. -Die Erde selbst war der feinste Sand, aber blau, wie die Schwefelflamme. -Über dem Ganzen lag ein eigentümlich blauer Schein; man hätte eher -glauben mögen, daß man hoch in der Luft stehe und nur Himmel über und -unter sich habe, als daß man auf dem Grunde des Meeres sei. Während der -Windstille konnte man die Sonne erblicken, sie erschien wie eine -Purpurblume, aus deren Kelche alles Licht strömte. - -Eine jede der kleinen Prinzessinnen hatte ihren kleinen Platz im Garten, -wo sie graben und pflanzen konnte, wie es ihr gefiel. Die eine gab ihrem -Blumenfleck die Gestalt eines Walfisches, einer andern gefiel es besser, -daß der ihrige einem kleinen Meerweibe gleiche, aber die jüngste machte -den ihrigen rund, der Sonne gleich, und hatte Blumen, die rot wie diese -schienen. Sie war ein sonderbares Kind, still und nachdenkend, und wenn -die andern Schwestern mit den merkwürdigsten Sachen, welche sie von -gestrandeten Schiffen erhalten hatten, prunkten, wollte sie außer den -rosenroten Blumen, die der Sonne dort oben glichen, nur eine hübsche -Marmorstatue haben. Dies war ein herrlicher Knabe, aus weißem, klarem -Steine gehauen, der beim Stranden auf den Meeresgrund gekommen war. Sie -pflanzte bei der Statue eine rosenrote Trauerweide, die wuchs herrlich -und hing mit ihren frischen Zweigen über derselben, gegen den blauen -Sandboden herunter, wo der Schatten sich violett zeigte und gleich den -Zweigen in Bewegung war; es sah aus, als ob die Spitze und die Wurzeln -miteinander spielten, als wollten sie sich küssen. - -Es gab keine größere Freude für sie, als von der Menschenwelt zu hören; -die Großmutter mußte alles, was sie von Schiffen und Städten, Menschen -und Tieren wußte, erzählen, hauptsächlich erschien ihr besonders schön, -daß oben auf der Erde die Blumen dufteten, denn das taten sie auf dem -Grunde des Meeres nicht, und daß die Wälder grün wären, und daß die -Fische, die man dort zwischen den Bäumen erblickte, laut und herrlich -singen könnten, daß es eine Lust sei. Es waren die kleinen Vögel, welche -die Großmutter Fische nannte, denn sonst konnten sie sich nicht -verstehen, da sie noch keinen Vogel gesehen hatten. - -»Wenn ihr euer fünfzehntes Jahr erreicht habt,« sagte die Großmutter, -»dann sollt ihr die Erlaubnis erhalten, aus dem Meere emporzutauchen, im -Mondenscheine auf der Klippe zu sitzen und die großen Schiffe -vorbeisegeln zu sehen. Wälder und Städte werdet ihr dann erblicken!« In -dem kommenden Jahre war die eine der Schwestern fünfzehn Jahre alt, aber -von den andern war die eine immer ein Jahr jünger als die andere; die -jüngste von ihnen hatte demnach noch volle fünf Jahre zu warten, bevor -sie von dem Grunde des Meeres hinaufkommen und sehen konnte, wie es bei -uns aussehe. Aber die eine versprach der andern, zu erzählen, was sie -erblickt und was sie am ersten Tage am schönsten gefunden habe, denn -ihre Großmutter erzählte ihnen nicht genug, da war so vieles, worüber -sie Auskunft haben wollten. - -Keine war sehnsüchtiger als die jüngste, gerade sie, die noch die -längste Zeit zu warten hatte und die stets still und gedankenvoll war. -Manche Nacht stand sie am offenen Fenster und sah durch das dunkelblaue -Wasser empor, wie die Fische mit ihren Flossen und Schwänzen -plätscherten. Mond und Sterne konnte sie sehen, freilich schienen diese -ganz bleich, aber durch das Wasser sahen sie größer aus als vor unsern -Augen. Zog dann etwas, einer schwarzen Wolke gleich, unter ihr hin, so -wußte sie, daß es entweder ein Walfisch sei, der über ihr schwamm, oder -ein Schiff mit vielen Menschen; die dachten sicher nicht daran, daß eine -leibliche, kleine Seejungfer unten stehe und ihre weißen Hände gegen den -Kiel emporstreckte. - -Nun war die älteste Prinzessin fünfzehn Jahre alt und durfte über die -Meeresfläche emporsteigen. - -Als sie zurückkam, hatte sie Hunderterlei zu erzählen, aber das -Schönste, sagte sie, sei, im Mondenschein auf einer Sandbank in der -ruhigen See zu liegen und die nahgelegene Küste mit der großen Stadt zu -betrachten, wo die Lichter gleich hundert Sternen blinken, die Musik, -das Lärmen und Toben von Wagen und Menschen zu hören, die vielen -Kirchtürme zu sehen und das Läuten der Glocken zu vernehmen. - -Oh! wie horchte die jüngste Schwester auf, und wenn sie später abends am -offenen Fenster stand und durch das dunkelblaue Wasser emporblickte, -gedachte sie der großen Stadt mit dem Lärmen und Toben, dann glaubte -sie, die Kirchenglocken bis zu sich herunter läuten hören zu können. - -Im folgenden Jahre erhielt die zweite Schwester die Erlaubnis, aus dem -Wasser emporzusteigen und zu schwimmen, wohin sie wolle. Sie tauchte -auf, als die Sonne unterging, und dieser Anblick, fand sie, sei das -Schönste. Der ganze Himmel habe wie Gold ausgesehen, und die Schönheit -der Wolken konnte sie nicht genug beschreiben! Rot und violett waren sie -über ihr dahingesegelt, aber weit schneller als diese flog einem langen -weißen Schleier gleich ein Schwarm wilder Schwäne über das Wasser hin, -wo die Sonne stand. Sie schwamm derselben entgegen, aber die Sonne sank, -und der Rosenschein erlosch auf der Meeresfläche und in den Wolken. - -Das Jahr darauf kam die dritte Schwester hinauf. Sie war die dreisteste -von allen, deshalb schwamm sie einen breiten Fluß, der in das Meer -mündete, aufwärts. Herrliche, grüne Hügel mit Weinranken erblickte sie, -Schlösser und Burgen schimmerten aus prächtigen Wäldern hervor, sie -hörte, wie alle Vögel sangen, und die Sonne schien so warm, daß sie oft -unter das Wasser tauchen mußte, um ihr brennendes Antlitz abzukühlen. In -einer kleinen Bucht traf sie einen Schwarm kleiner Menschenkinder. Diese -waren völlig nackt und plätscherten im Wasser, sie wollte mit ihnen -spielen, aber die flohen erschrocken davon, und es kam ein kleines, -schwarzes Tier, ein Hund -- aber sie hatte nie einen Hund gesehen -- der -bellte sie so schrecklich an, daß sie ängstlich die offene See zu -erreichen suchte. Doch nie konnte sie die prächtigen Wälder, die grünen -Hügel und die niedlichen Kinder vergessen, die im Wasser schwimmen -konnten, obgleich sie keinen Fischschwanz hatten. - -Die vierte Schwester war nicht so dreist, sie blieb draußen im wilden -Meer und erzählte, daß es dort am schönsten sei! Man sieht ringsumher -viele Meilen weit, und der Himmel stehe wie eine Glasglocke darüber. -Schiffe hatte sie gesehen, aber nur aus weiter Ferne, die sahen wie -Möwen aus; die possierlichen Delphine hatten Purzelbäume geschlagen, und -die großen Walfische aus ihren Nasenlöchern Wasser emporgespritzt, so -daß es ausgesehen hatte, wie Hunderte von Springbrunnen ringsumher. - -Nun kam die Reihe an die fünfte Schwester, ihr Geburtstag war im Winter, -und deshalb erblickte sie, was die andern das erstemal nicht gesehen -hatten. Die See sah ganz grün aus, und rings umher schwammen große -Eisberge, ein jeder erschien wie eine Perle, sagte sie, und war doch -weit größer als die Kirchtürme, welche die Menschen bauen. Sie zeigten -sich in den sonderbarsten Gestalten und glänzten wie Diamanten. Sie -hatte sich auf einen der größten gesetzt, und alle Segler kreuzten -erschrocken draußen herum, wo sie saß und den Wind mit ihren langen -Haaren spielen ließ, aber gegen Abend wurde der Himmel mit Wolken -überzogen, es blitzte und donnerte, während die schwarze See die großen -Eisblöcke hoch emporhob und sie im roten Blitze erglänzen ließ. Auf -allen Schiffen reffte man die Segel ein, da war eine Angst und ein -Grauen. Aber sie saß ruhig auf ihrem schwimmenden Eisberge und sah die -blauen Blitzstrahlen im Zickzack in die schimmernde See fahren. - -Das erstemal, wenn eine der Schwestern über das Wasser emporkam, war -eine jede entzückt über das Neue und Schöne, was sie erblickte, aber da -sie nun als erwachsene Mädchen die Erlaubnis hatten, hinaufzusteigen, -wann sie wollten, wurde es ihnen gleichgültig. Sie sehnten sich wieder -zurück, und nach Verlauf eines Monats sagten sie, daß es unten bei ihnen -am schönsten sei, da sei man so hübsch zu Hause. - -In mancher Abendstunde faßten die fünf Schwestern einander an den Armen -und stiegen in einer Reihe über das Wasser auf, herrliche Stimmen hatten -sie, schöner denn irgendein Mensch, und wenn dann ein Sturm im Anzuge -war, so daß sie vermuten konnten, es würden Schiffe untergehen, -schwammen sie vor den Schiffen her und sangen so lieblich, wie schön es -auf dem Grunde des Meeres sei, und baten die Seeleute, sich nicht zu -fürchten, da hinunterzukommen. Aber die konnten die Worte nicht -verstehen und glaubten, es sei der Sturm, sie bekamen auch die -Herrlichkeit dort unten nicht zu sehen, denn wenn das Schiff sank, so -ertranken die Menschen und kamen als Leichen zu des Meerkönigs Schlosse. - -Wenn die Schwestern so des Abends, Arm in Arm, hoch durch das Wasser -hinaufstiegen, dann stand die kleinste Schwester allein und sah ihnen -nach, und es war ihr, als ob sie weinen müßte, aber die Seejungfer hat -keine Tränen, und darum leidet sie weit mehr. - -»Ach, wäre ich doch fünfzehn Jahre alt!« sagte sie. »Ich weiß, daß ich -die Welt dort oben und die Menschen, die darauf wohnen und hausen, recht -lieben werde.« - -Endlich war sie denn fünfzehn Jahre alt. - -»Sieh, nun bist du erwachsen!« sagte die Großmutter, die alte -Königswitwe. »Komm nun, laß mich dich schmücken, gleich deinen andern -Schwestern!« Sie setzte ihr einen Kranz weißer Lilien auf das Haar, aber -jedes Blatt in der Blume war die Hälfte einer Perle, und die Alte ließ -acht große Austern im Schweife der Prinzessin sich festklemmen, um ihren -hohen Rang zu zeigen. - -»Das tut so weh!« sagte die kleine Seejungfer. - -»Ja, Hoffart muß Zwang leiden!« sagte die Alte. - -Oh, sie hätte so gern alle diese Pracht abschütteln und den schweren -Kranz ablegen mögen, ihre roten Blumen im Garten kleideten sie besser, -aber sie konnte es nun nicht ändern. »Lebt wohl!« sprach sie, und sie -stieg dann leicht und klar gleich einer Blase aus dem Wasser auf. - -Die Sonne war eben untergegangen, als sie den Kopf über das Wasser -erhob, aber alle Wolken glänzten noch wie Rosen und Gold und inmitten -der bleichroten Luft strahlte der Abendstern so hell und schön, die Luft -war mild und frisch und das Meer ruhig. Da lag ein großes Schiff mit -drei Masten, nur ein einziges Segel war aufgezogen, denn es regte sich -kein Lüftchen, und ringsumher im Tauwerk und auf den Rahen saßen die -Matrosen. Da war Musik und Gesang, und als es dunkelte, wurden Hunderte -von bunten Laternen angezündet, die sahen aus, als ob aller Nationen -Flaggen in der Luft wehten. Die kleine Seejungfer schwamm bis zum -Kajütenfenster, und jedesmal, wenn das Wasser sie emporhob, konnte sie -durch die spiegelhellen Fensterscheiben hineinblicken, wo viele geputzte -Menschen standen. Aber der schönste war doch der junge Prinz mit den -großen, schwarzen Augen, er war sicher nicht viel über sechzehn Jahre -alt, es war sein Geburtstag, und deshalb herrschte all diese Pracht. Die -Matrosen tanzten auf dem Verdecke, und als der junge Prinz hinaustrat, -stiegen über hundert Raketen in die Luft, die leuchteten wie der helle -Tag, so daß die kleine Seejungfer schon erschrak und unter das Wasser -tauchte, aber sie streckte bald den Kopf wieder hervor, und da war es, -als ob alle Sterne des Himmels zu ihr herunterfielen. Nie hatte sie -solche Feuerkünste gesehen! Große Sonnen sprühten umher, prächtige -Feuerfische flogen in die blaue Luft, und alles spiegelte sich in der -klaren, stillen See. Auf dem Schiffe selbst war es so hell, daß man -jedes kleine Tau, wie viel mehr also die Menschen sehen konnte. Oh, wie -schön war doch der junge Prinz, er drückte den Leuten die Hand und -lächelte, während die Musik in der herrlichen Nacht erklang. - -Es wurde spät, aber die kleine Seejungfer konnte ihre Augen nicht von -dem Schiffe und vom schönen Prinzen wegwenden. Die bunten Laternen -wurden ausgelöscht, Raketen stiegen nicht mehr in die Höhe, es ertönten -auch keine Kanonenschüsse mehr, aber tief unten im Meere summte und -brummte es, inzwischen saß sie auf dem Wasser und schaukelte auf und -nieder, so daß sie in die Kajüte hineinblicken konnte. Aber das Schiff -bekam mehr Fahrt, ein Segel nach dem andern breitete sich aus, nun -gingen die Wogen stärker, große Wolken zogen auf, es blitzte in der -Ferne. Oh, es wird ein böses Wetter werden! Deshalb zogen die Matrosen -die Segel ein. Das große Schiff schaukelte in fliegender Fahrt auf der -wilden See, das Wasser erhob sich wie große schwarze Berge, die über die -Masten rollen wollten, aber das Schiff tauchte wie ein Schwan zwischen -den hohen Wogen nieder und ließ sich wieder auf die hochgetürmten Wasser -heben. Der kleinen Seejungfer dünkte es eine recht lustige Fahrt zu -sein, aber so erschien es den Seeleuten nicht, das Schiff knackte und -krachte, die dicken Planken bogen sich bei den starken Stößen, die See -stürzte in das Schiff hinein, der Mast brach mitten durch, als ob es ein -Rohr wäre, und das Schiff legte sich auf die Seite, während das Wasser -in den Raum eindrang. Nun sah die kleine Seejungfer, daß sie in Gefahr -waren, sie mußte sich selbst vor den Balken und Stücken vom Schiffe, die -auf dem Wasser trieben, in acht nehmen. Einen Augenblick war es so -finster, daß sie nicht das mindeste sah, aber wenn es dann blitzte, -wurde es wieder so hell, daß sie alle auf dem Schiffe erkennen konnte, -besonders suchte sie den jungen Prinzen, und sie sah ihn, als das Schiff -sich teilte, in das tiefe Meer versinken. Sogleich wurde sie ganz -vergnügt, denn nun kam er zu ihr hinunter. Aber da gedachte sie, daß die -Menschen nicht im Wasser leben können, und daß er nicht anders als tot -zum Schlosse ihres Vaters hinunter gelangen könnte. Nein, sterben durfte -er nicht, deshalb schwamm sie hin zwischen Balken und Planken, die auf -der See trieben und vergaß völlig, daß diese sie hätten zerquetschen -können. Sie tauchte tief unter das Wasser und stieg wieder hoch zwischen -den Wogen empor und gelangte am Ende so zu dem Prinzen hin, der nicht -länger in der stürmischen See schwimmen konnte. Seine Arme und Beine -begannen zu ermatten, die schönen Augen schlossen sich, er hätte sterben -müssen, wäre die kleine Seejungfer nicht herzugekommen. Sie hielt seinen -Kopf über das Wasser empor und ließ sich dann mit ihm von den Wogen -treiben, wohin sie wollten. - -Am Morgen war das böse Wetter vorüber, von dem Schiffe war kein Span zu -erblicken, die Sonne stieg rot und glänzend aus dem Wasser empor, es -war, als ob des Prinzen Wangen Leben dadurch erhielten, aber die Augen -blieben geschlossen. Die Seejungfer küßte seine hohe, schöne Stirn und -strich sein nasses Haar zurück, er kam ihr vor wie die Marmorstatue in -ihrem kleinen Garten, sie küßte ihn wieder und wünschte, daß er lebte. - -Nun erblickte sie vor sich das feste Land, hohe, blaue Berge, auf deren -Gipfeln der weiße Schnee glänzte, als wären es Schwäne, die dort lägen. -Unten an der Küste waren herrliche, grüne Wälder, und vorn lag eine -Kirche oder ein Kloster, das wußte sie nicht recht, aber ein Gebäude war -es. Zitronen- und Apfelsinenbäume wuchsen im Garten, und vor dem Tore -standen hohe Palmen. Die See bildete hier eine kleine Bucht, da war sie -still, aber sehr tief. Gerade auf die Klippe zu, wo der weiße, feine -Sand aufgespült war, schwamm sie mit dem schönen Prinzen, legte ihn in -den Sand, sorgte aber besonders dafür, daß der Kopf hoch im warmen -Sonnenscheine lag. - -Nun läuteten alle Glocken in dem großen, weißen Gebäude, und es kamen -viele junge Mädchen durch den Garten. Da schwamm die kleine Seejungfer -weiter hinaus hinter einige große Steine, die aus dem Wasser -hervorragten, legte Seeschaum auf ihr Haar und ihre Brust, so daß -niemand ihr kleines Gesicht sehen konnte, und dann paßte sie auf, wer zu -dem armen Prinzen kommen würde. - -Es währte nicht lange, da kam ein junges Mädchen dorthin, sie schien -sehr zu erschrecken, aber nur einen Augenblick, dann holte sie mehrere -Menschen, und die Seejungfer sah, daß der Prinz zum Leben zurückkam und -daß er alle anlächelte. Aber ihr lächelte er nicht zu, er wußte ja auch -nicht, daß sie ihn gerettet hatte, sie war sehr betrübt, und als er in -das große Gebäude hineingeführt wurde, tauchte sie traurig unter das -Wasser und kehrte zum Schlosse ihres Vaters zurück. - -Immer war sie still und nachdenkend gewesen, aber nun wurde sie es noch -weit mehr. Die Schwestern fragten sie, was sie das erstemal dort oben -gesehen habe, aber sie erzählte nichts. - -Manchen Abend und Morgen stieg sie hinauf, wo sie den Prinzen verlassen -hatte. Sie sah, wie die Früchte des Gartens reiften und abgepflückt -wurden, sie sah, wie der Schnee auf den hohen Bergen schmolz, aber den -Prinzen erblickte sie nicht, und deshalb kehrte sie immer betrübter -heim. Da war es ihr einziger Trost, in ihrem kleinen Garten zu sitzen -und die Arme um die schöne Marmorstatue zu schlingen, die dem Prinzen -glich, aber ihre Blumen pflegte sie nicht, die wuchsen wie in einer -Wildnis über die Gänge hinaus und flochten ihre langen Stiele und -Blätter in die Zweige der Bäume hinein, so daß es dort dunkel war. - -Zuletzt konnte sie es nicht länger aushalten, sondern sagte es einer -ihrer Schwestern, und gleich erfuhren es die andern, aber niemand weiter -als diese und einige andere Seejungfern, die es nur ihren nächsten -Freundinnen weiter sagten. Eine von ihnen wußte, wer der Prinz war, sie -hatte auch das Fest auf dem Schiffe gesehen und gab an, woher er war und -wo sein Königreich lag. - -»Komm, kleine Schwester!« sagten die andern Prinzessinnen und sich -umschlungen haltend, stiegen sie in einer langen Reihe aus dem Meere -empor, wo sie wußten, daß des Prinzen Schloß lag. - -Dieses war aus einer hellgelben, glänzenden Steinart aufgeführt, mit -großen Marmortreppen, deren eine in das Meer hinunterreichte. Prächtig -vergoldete Kuppeln erhoben sich über das Dach, und zwischen den Säulen -um das ganze Gebäude herum standen Marmorbilder, die aussahen, als -lebten sie. Durch das klare Glas in den hohen Fenstern blickte man in -die prächtigen Säle hinein, wo köstliche Seidengardinen und Teppiche -aufgehängt und alle Wände mit großen Gemälden verziert waren, so daß es -ein wahres Vergnügen war, es zu betrachten. Mitten in dem größten Saale -plätscherte ein großer Springbrunnen, seine Strahlen reichten hoch -hinauf gegen die Glaskuppel in der Decke, durch welche die Sonne auf das -Wasser und die schönen Pflanzen schien, die im großen Bassin wuchsen. - -Nun wußte sie, wo er wohnte, und dort war sie manchen Abend und manche -Nacht auf dem Wasser. Sie schwamm dem Lande weit näher, als eine der -andern es gewagt hätte, ja, sie ging den schmalen Kanal hinauf, unter -den prächtigen Marmoraltan, welcher einen großen Schatten über das -Wasser warf. Hier saß sie und betrachtete den jungen Prinzen, der da -glaubte, er sei ganz allein in dem hellen Mondschein. - -Sie sah ihn manchen Abend mit Musik in seinem prächtigen Boote segeln, -auf dem Flaggen wehten; sie lauschte durch das grüne Schilf hervor, und -ergriff der Wind ihren langen silberweißen Schleier, und sah jemand ihn, -so glaubte er, es sei ein Schwan, der die Flügel ausbreite. - -Sie hörte in mancher Nacht, wenn die Fischer mit Fackeln auf der See -waren, viel Gutes von dem jungen Prinzen erzählen, und es freute sie, -daß sie sein Leben gerettet hatte, als er halbtot auf den Wogen -umhertrieb, sie dachte daran, wie fest sein Haupt auf ihrem Busen -geruht, und wie herzlich sie ihn da geküßt hatte, er aber wußte nichts -davon und konnte nicht einmal von ihr träumen. - -Mehr und mehr fing sie an, die Menschen zu lieben, mehr und mehr -wünschte sie, unter ihnen umherwandeln zu können, deren Welt ihr weit -großer zu sein schien als die ihrige. Sie konnten ja auf Schiffen über -das Meer fliegen, auf den hohen Bergen über die Wolken emporsteigen, und -die Länder, die sie besaßen, erstreckten sich mit Wäldern und Feldern -weiter, als ihre Blicke reichten. Da war so vieles, was sie zu wissen -wünschte: aber die Schwestern wußten ihr nicht alles zu beantworten, -deshalb fragte sie die Großmutter, diese kannte die höhere Welt recht -gut, die sie sehr richtig die Länder über dem Meere nannte. - -»Wenn die Menschen nicht ertrinken,« fragte die kleine Seejungfer, -»können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht, wie wir hier unten im -Meere?« - -»Ja,« sagte die Alte, »sie müssen auch sterben, und ihre Lebenszeit ist -sogar noch kürzer als die unsere. Wir können dreihundert Jahre alt -werden, aber wenn wir dann aufhören, hier zu sein, so werden wir nur in -Schaum auf dem Wasser verwandelt, haben nicht einmal ein Grab hier unten -unter unsern Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele, wir erhalten -nie wieder Leben, wir sind gleich dem grünen Schilfe, ist das einmal -durchgeschnitten, so kann es nicht wieder grünen! Die Menschen hingegen -haben eine Seele, die ewig lebt, die noch lebt, nachdem der Körper zur -Erde geworden ist, sie steigt durch die klare Luft empor, hinauf zu den -glänzenden Sternen! So wie wir aus dem Wasser auftauchen und die Länder -der Welt erblicken, so steigen sie zu unbekannten, herrlichen Orten auf, -die wir nie zu sehen bekommen.« - -»Weshalb bekamen wir keine unsterbliche Seele?« fragte die kleine -Seejungfer betrübt. »Ich möchte meine Hunderte von Jahren, die ich zu -leben habe, dafür geben, um nur einen Tag Mensch zu sein und dann hoffen -zu können, Anteil an der himmlischen Welt zu haben.« - -»Daran darfst du nicht denken!« sagte die Alte. »Wir fühlen uns weit -glücklicher und besser wie die Menschen dort oben!« - -»Ich werde also sterben und als Schaum auf dem Meere treiben, nicht die -Musik der Wogen hören, die schönen Blumen und die rote Sonne sehen? Kann -ich denn gar nichts tun, um eine unsterbliche Seele zu gewinnen?« -- - -»Nein!« sagte die Alte. »Nur wenn ein Mensch dich so lieben würde, daß -du ihm mehr als Vater und Mutter wärest, wenn er mit all seinem Denken -und all seiner Liebe an dir hinge und den Prediger seine rechte Hand in -die deinige, mit dem Versprechen der Treue hier und in alle Ewigkeit, -legen ließe, dann flösse seine Seele in deinen Körper über, und auch du -erhieltest Anteil an der Glückseligkeit der Menschen. Er gäbe dir Seele -und behielte doch seine eigene. Aber das kann nie geschehen! Was hier im -Meere schön ist, dein Fischschwanz, finden sie dort auf der Erde -häßlich; sie verstehen es eben nicht besser, man muß dort zwei plumpe -Stützen haben, die sie Beine nennen, um schön zu sein!« - -Da seufzte die kleine Seejungfer und sah betrübt auf ihren Fischschwanz. - -»Laß uns froh sein,« sagte die Alte, »hüpfen und springen wollen wir in -den dreihundert Jahren, die wir zu leben haben, das ist wahrlich lang -genug, später kann man sich um so besser ausruhen. Heute abend werden -wir Hofball haben!« - -Das war auch eine Pracht, wie man sie nie auf Erden erblickt. Die Wände -und die Decke des großen Tanzsaales waren von dickem, aber -durchsichtigem Glase. Mehrere hundert kolossale Muschelschalen, -rosenrote und grasgrüne, standen zu jeder Seite in Reihen mit einem blau -brennenden Feuer, welches den ganzen Saal erleuchtete und durch die -Wände hindurchschien, so daß die See draußen erleuchtet war, man konnte -die unzähligen Fische sehen, große und kleine, die gegen die Glasmauern -schwammen, auf einigen glänzten die Schuppen purpurrot, auf andern -erschienen sie wie Silber und Gold. -- Mitten durch den Saal floß ein -breiter Strom, und auf diesem tanzten die Meermänner und Meerweibchen zu -ihrem eigenen, lieblichen Gesange. So schöne Stimmen haben die Menschen -auf der Erde nicht. Die kleine Seejungfer sang am schönsten von ihnen -allen, und der ganze Hof applaudierte mit Händen und Schwänzen, und -einen Augenblick fühlte sie eine Freude in ihrem Herzen, denn sie wußte, -daß sie die schönste Stimme von allen auf der Erde und im Meere hatte! -Aber bald gedachte sie wieder der Welt über sich; sie konnte den -hübschen Prinzen und ihren Kummer, daß sie keine unsterbliche Seele wie -er besitze, nicht vergessen. Deshalb schlich sie sich aus ihres Vaters -Schlosse hinaus, und während alles drinnen Gesang und Frohsinn war, saß -sie betrübt in ihrem kleinen Garten. Da hörte sie das Waldhorn durch das -Wasser ertönen und dachte: »Nun segelt er sicher dort oben, an dem meine -Sinne hangen und in dessen Hand ich meines Lebens Glück legen möchte. -Alles will ich wagen, um ihn und eine unsterbliche Seele zu gewinnen! -Während meine Schwestern dort in meines Vaters Schlosse tanzen, will ich -zur Meerhexe gehen, vor der mir immer so bange gewesen ist, aber sie -kann vielleicht raten und helfen!« - -Nun ging die kleine Seejungfer aus ihrem Garten hinaus nach den -brausenden Strudeln, hinter denen die Hexe wohnte. Den Weg hatte sie -früher nie zurückgelegt. Da wuchsen keine Blumen, kein Seegras, nur der -nackte, graue Sandboden erstreckte sich gegen den Strudel hin, wo das -Wasser gleich brausenden Mühlrädern herumwirbelte und alles, was er -erfaßte, mit sich in die Tiefe riß. Mitten zwischen diesen zermalmenden -Wirbeln mußte sie hindurch, um in das Bereich der Meerhexe zu gelangen: -und hier war eine lange Strecke kein anderer Weg als über warmen, -sprudelnden Schlamm, diesen nannte die Hexe ihren Torfmoor. Dahinter lag -ihr Haus mitten in einem seltsamen Walde, alle Bäume und Büsche waren -Polypen, halb Tier und halb Pflanze, sie sahen aus wie hundertköpfige -Schlangen, die aus der Erde hervorwuchsen; alle Zweige waren lange, -schleimige Arme mit Fingern wie geschmeidige Würmer, und Glied vor Glied -bewegte sich, von der Wurzel bis zur äußersten Spitze. Alles, was sie im -Meere erfassen konnten, umschlangen sie fest und ließen es nie wieder -fahren. Die kleine Seejungfer blieb vor demselben ganz erschrocken -stehen. Ihr Herz pochte vor Furcht, fast wäre sie umgekehrt, aber da -dachte sie an den Prinzen und an die Seele der Menschen, und nun bekam -sie Mut. Ihr langes, fliegendes Haar band sie fest um das Haupt, damit -die Polypen sie nicht daran ergreifen möchten, beide Hände legte sie -über ihrer Brust zusammen und schoß so dahin, wie nur der Fisch durch -das Wasser schießen kann, immer zwischen den häßlichen Polypen hindurch, -die ihre geschmeidigen Arme und Finger hinter ihr her streckten. Sie -sah, wie jeder von ihnen etwas, was er ergriffen hatte, mit Hunderten -von kleinen Armen hielt. Menschen, die auf der See umgekommen und tief -hinunter gesunken waren, sahen wie weiße Gerippe aus der Polypen Arme -hervor. Schiffsruder und Kisten hielten sie fest, auch Skelette von -Landtieren und ein kleines Meerweib, welches sie gefangen und erstickt -hatten: das war ihr das Schrecklichste. - -Nun kam sie zu einem großen, sumpfigen Platze im Walde, wo große, fette -Wasserschlangen sich wälzten und ihren häßlichen, weißgelben Bauch -zeigten. Mitten auf dem Platze war ein Haus von weißen Knochen -ertrunkener Menschen errichtet, da saß die Meerhexe und ließ eine Kröte -aus ihrem Munde fressen, wie die Menschen einem kleinen Kanarienvogel -Zucker zu essen geben. Die häßlichen, fetten Wasserschlangen nannte sie -ihre kleinen Küchlein und ließ sie sich auf ihrer großen schwammigen -Brust wälzen. - -»Ich weiß schon, was du willst!« sagte die Meerhexe. »Es ist zwar dumm -von dir, doch sollst du deinen Willen haben, denn er wird dich ins -Unglück stürzen, meine schöne Prinzessin. Du willst gern deinen -Fischschwanz los sein und statt dessen zwei Stützen wie die Menschen zum -Gehen haben, damit der junge Prinz sich in dich verliebt und du ihn und -eine unsterbliche Seele erhalten kannst!« Dabei lachte die Hexe laut und -widerlich, so daß die Kröte und die Schlangen auf die Erde fielen, wo -sie sich wälzten. »Du kommst gerade zur rechten Zeit,« sagte die Hexe, -»morgen, wenn die Sonne aufgeht, könnte ich dir nicht helfen, bis wieder -ein Jahr um wäre. Ich werde dir einen Trank bereiten, mit dem mußt du, -bevor die Sonne aufgeht, nach dem Lande schwimmen, dich dort ans Ufer -setzen und ihn trinken! dann verschwindet dein Schwanz und schrumpft zu -dem, was die Menschen niedliche Beine nennen, zusammen, aber es tut weh; -es ist, als ob ein scharfes Schwert dich durchdränge. Alle, die dich -sehen, werden sagen, du seiest das schönste Menschenkind, das sie -gesehen hätten. Du behältst deinen schwebenden Gang, keine Tänzerin kann -sich so leicht bewegen wie du, aber jeder Schritt, den du machst, ist, -als ob du auf scharfe Messer trätest, als ob dein Blut fließen müßte. -Willst du alles dieses leiden, so werde ich dir helfen!« - -»Ja!« sagte die kleine Seejungfer mit bebender Stimme, und gedachte des -Prinzen und der unsterblichen Seele. - -»Aber bedenke,« sagte die Hexe, »hast du erst menschliche Gestalt -bekommen, so kannst du nie wieder eine Seejungfer werden! Du kannst nie -durch das Wasser zu deinen Schwestern und zum Schlosse deines Vaters -zurück, und gewinnst du des Prinzen Liebe nicht so, daß er um -deinetwillen Vater und Mutter vergißt, an dir mit Leib und Seele hängt -und den Priester eure Hände ineinander legen läßt, daß ihr Mann und Frau -werdet, so bekommst du keine unsterbliche Seele! Am ersten Morgen, -nachdem er mit einer andern verheiratet ist, wird dein Herz brechen, und -du wirst zu Schaum auf dem Wasser.« - -»Ich will es«, sagte die kleine Seejungfer und war bleich wie der Tod. - -»Aber mich mußt du auch bezahlen!« sagte die Hexe, »und es ist nicht -wenig, was ich verlange. Du hast die schönste Stimme von allen hier auf -dem Grunde des Meeres, damit glaubst du wohl, ihn bezaubern zu können, -aber die Stimme mußt du mir geben. Das beste, was du besitzest, will ich -für meinen köstlichen Trank haben! Mein eigen Blut muß ich dir ja geben, -damit der Trank scharf wird wie ein zweischneidig Schwert!« - -»Aber wenn du meine Stimme nimmst,« sagte die kleine Seejungfer, »was -bleibt mir dann übrig?« - -»Deine schöne Gestalt,« sagte die Hexe, »dein schwebender Gang und deine -sprechenden Augen, damit kannst du schon ein Menschenherz betören. Nun, -hast du den Mut verloren? Strecke deine kleine Zunge hervor, dann -schneide ich sie an Zahlungs Statt ab, und du erhältst den kräftigen -Trank!« - -»Es geschehe!« sagte die kleine Seejungfer, und die Hexe setzte ihren -Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. »Reinlichkeit ist eine schöne -Sache!« sagte sie und scheuerte den Kessel mit den Schlangen ab, die sie -zu einem langen Knoten band, dann ritzte sie selbst die Brust und ließ -ihr schwarzes Blut hineintröpfeln. Der Dampf bildete die sonderbarsten -Gestalten, so daß einem angst und bange werden mußte. Jeden Augenblick -warf die Hexe neue Sachen in den Kessel, und als er kochte, war es, als -ob ein Krokodil weinte. Endlich war der Trank fertig, er sah wie das -klarste Wasser aus. - -»Da hast du ihn!« sagte die Hexe und schnitt der kleinen Seejungfer die -Zunge ab, die nun stumm war und weder singen noch sprechen konnte. - -»Sollten die Polypen dich ergreifen, wenn du durch meinen Wald -zurückgehst,« sagte die Hexe, »so wirf nur einen einzigen Tropfen dieses -Getränkes auf sie, davon zerspringen ihre Arme und Finger in tausend -Stücke!« Aber das brauchte die kleine Seejungfer nicht zu tun, die -Polypen zogen sich erschrocken zurück, da sie den glänzenden Trank -erblickten, der in ihrer Hand leuchtete, als sei er ein funkelnder -Stern. So kam sie schnell durch den Wald, das Moor und die brausenden -Strudel. - -Sie konnte ihres Vaters Schloß sehen, die Fackeln waren in dem großen -Tanzsaale erloschen, sie schliefen sicher alle drinnen, aber sie wagte -doch nicht, sie aufzusuchen, jetzt da sie stumm war und sie auf immer -verlassen wollte. Es war, als ob ihr Herz vor Trauer zerspringen sollte. -Sie schlich in den Garten, nahm eine Blume von jedem Blumenbeete ihrer -Schwestern, warf Tausende von Kußhändchen dem Schlosse zu und stieg -durch die dunkelblaue See hinauf. - -Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie des Prinzen Schloß -erblickte und die breite Marmortreppe hinaufstieg. Der Mond schien -herrlich klar. Die kleine Seejungfer trank den brennenden, scharfen -Trank, und es war, als ging ein zweischneidiges Schwert durch ihren -feinen Körper, sie fiel dabei in Ohnmacht und lag wie tot da. Als die -Sonne über die See schien, erwachte sie und fühlte einen schneidenden -Schmerz, aber gerade vor ihr stand der schöne junge Prinz, er heftete -seine schwarzen Augen auf sie, so daß sie die ihrigen niederschlug und -wahrnahm, daß ihr Fischschwanz fort war und sie die niedlichsten weißen -Beine hatte, die nur ein Mädchen haben kann. Aber sie war nackt, deshalb -hüllte sie sich in ihr langes Haar ein. Der Prinz fragte, wer sie sei -und wie sie hierher gekommen wäre, und sie sah ihn mild und doch gar -betrübt mit ihren dunkelblauen Augen an, sprechen konnte sie ja nicht. -Da nahm er sie bei der Hand und führte sie in das Schloß hinein. Jeder -Schritt, den sie tat, war, wie die Hexe im voraus gesagt hatte, als -trete sie auf spitze Nadeln und Messer, aber das ertrug sie gern; an des -Prinzen Hand schritt sie so leicht einher wie eine Seifenblase, und er -sowie alle wunderten sich über ihren lieblichen, schwebenden Gang. - -Sie bekam nun herrliche Kleider von Seide und Musselin anzuziehen, im -Schlosse war sie die Schönste von allen, aber sie war stumm, konnte -weder singen noch sprechen. Herrliche Sklavinnen, in Seide und Gold -gekleidet, traten auf und sangen vor dem Prinzen und seinen königlichen -Eltern, die eine sang schöner als alle andern, und der Prinz klatschte -in die Hände und lächelte sie an. Da wurde die kleine Seejungfer -betrübt, sie wußte, daß sie selbst weit schöner gesungen hatte und -dachte: »Oh, er sollte nur wissen, daß ich, um bei ihm zu sein, meine -Stimme für alle Ewigkeit hingegeben habe.« - -Nun tanzten die Sklavinnen niedliche, schwebende Tänze zur herrlichsten -Musik, da erhob die kleine Seejungfer ihre schönen, weißen Arme, -richtete sich auf den Fußspitzen auf und schwebte tanzend über den -Fußboden hin, wie noch keine getanzt hatte. Bei jeder Bewegung wurde -ihre Schönheit noch sichtbarer, und ihre Augen sprachen tiefer zum -Herzen als der Gesang der Sklavinnen. - -Alle waren entzückt davon, besonders der Prinz, der sie sein kleines -Findelkind nannte, und sie tanzte mehr und mehr, obwohl es ihr jedesmal, -wenn ihr Fuß die Erde berührte, war, als ob sie auf scharfe Messer -träte. Der Prinz sagte, daß sie immer bei ihm bleiben solle, und sie -erhielt die Erlaubnis, vor seiner Tür auf einem Sammetkissen zu -schlafen. - -Er ließ ihr eine Männertracht machen, damit sie ihn zu Pferde begleiten -könne. Sie ritten durch die duftenden Wälder, wo die grünen Zweige ihre -Schultern berührten und die Vögel hinter den frischen Blättern sangen. -Sie kletterte mit dem Prinzen auf die hohen Berge hinauf, und obgleich -ihre zarten Füße bluteten, daß selbst die andern es sehen konnten, -lachte sie doch darüber und folgte ihm, bis sie die Wolken unter sich -segeln sahen, als wäre es ein Schwarm Vögel, die nach fremden Ländern -ziehen. - -Daheim in des Prinzen Schlosse, wenn nachts die andern schliefen, ging -sie auf die breite Marmortreppe hinaus, es kühlte ihre brennenden Füße, -im kalten Seewasser zu stehen, und dann gedachte sie derer dort unten in -der Tiefe. - -Einmal des Nachts kamen ihre Schwestern Arm in Arm, traurig sangen sie, -indem sie über dem Wasser schwammen, sie winkte ihnen und sie erkannten -sie und erzählten ihr, wie sehr sie alle betrübt seien. Darauf besuchte -sie dieselben in jeder Nacht, und einmal erblickte sie weit draußen ihre -alte Großmutter, die seit vielen Jahren nicht über der Meeresfläche -gewesen war, und den Meerkönig mit seiner Krone auf dem Haupte, sie -streckten die Hände nach ihr aus, wagten sich aber dem Lande nicht so -nahe wie die Schwestern. - -Tag für Tag wurde sie dem Prinzen lieber, er liebte sie, wie man ein -gutes, liebes Kind liebt -- aber sie zu seiner Königin zu machen, kam -ihm nicht in den Sinn, und seine Frau mußte sie doch werden, sonst -erhielt sie keine unsterbliche Seele und mußte an seinem Hochzeitsmorgen -zu Schaum auf dem Meere werden. - -»Liebst du mich nicht am meisten von ihnen allen?« schienen der kleinen -Seejungfer Augen zu fragen, wenn er sie in seine Arme nahm und ihre -schöne Stirn küßte. - -»Ja, du bist mir die liebste«, sagte der Prinz, »denn du hast das beste -Herz von allen. Du bist mir am meisten ergeben, und gleichst einem -jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber sicher nie wiederfinde. Ich war -auf einem Schiffe, welches strandete, die Wellen warfen mich bei einem -heiligen Tempel an das Land, wo mehrere junge Mädchen den Dienst -verrichteten, die jüngste dort fand mich am Ufer und rettete mein Leben, -ich sah sie nur zweimal, sie wäre die einzige, die ich in dieser Welt -lieben könnte, aber du gleichst ihr und du verdrängst fast ihr Bild aus -meiner Seele. Sie gehört dem heiligen Tempel an, und deshalb hat mein -gutes Glück dich mir gesendet, nie wollen wir uns trennen!« - -»Ach, er weiß nicht, daß ich sein Leben gerettet habe!« dachte die -kleine Seejungfer, »ich trug ihn über das Meer zum Walde hin, wo der -Tempel steht, ich saß hier hinter dem Schaume und sah, ob keine Menschen -kommen würden. Ich sah das hübsche Mädchen, die er mehr liebt als mich!« -sie seufzte tief: weinen konnte sie nicht. »Das Mädchen gehört dem -heiligen Tempel an, hat er gesagt, sie kommt nie in die Welt hinaus, sie -begegnen sich nicht mehr, ich bin bei ihm, sehe ihn jeden Tag, ich will -ihn pflegen, lieben, ihm mein Leben opfern!« - -Aber nun sollte der Prinz sich verheiraten und des Nachbarkönigs schöne -Tochter zur Frau bekommen, erzählte man, deshalb rüstete er ein so -prächtiges Schiff aus. Der Prinz reist, um des Nachbarkönigs Länder zu -besichtigen, so heißt es wohl, aber es geschieht, um des Nachbarkönigs -Tochter zu sehen. Ein großes Gefolge soll ihn begleiten. Die kleine -Seejungfer schüttelte das Haupt und lächelte; sie kannte des Prinzen -Gedanken weit besser, als alle andern. »Ich muß reisen!« hatte er zu ihr -gesagt, »ich muß die schöne Prinzessin sehen: meine Eltern verlangen es, -aber sie wollen mich nicht zwingen, sie als meine Braut heimzuführen. -Ich kann sie nicht lieben! Sie gleicht nicht dem schönen Mädchen im -Tempel, dem du ähnelst, sollte ich eine Braut wählen, so würdest du es -eher sein, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen!« Und er -küßte ihren roten Mund, spielte mit ihrem langen Haare und legte sein -Haupt an ihr Herz, so daß dieses von Menschenglück und einer -unsterblichen Seele träumte. - -»Du fürchtest doch das Meer nicht, mein stummes Kind?« sagte er, als sie -auf dem prächtigen Schiffe standen, welches ihn nach den Ländern des -Nachbarkönigs führen sollte, er erzählte ihr vom Sturme und von der -Windstille, von seltsamen Fischen in der Tiefe und von dem, was die -Taucher dort gesehen, und sie lächelte bei seiner Erzählung, sie wußte -ja besser als sonst jemand, was auf dem Grunde des Meeres vorging. - -In der mondhellen Nacht, wenn alle schliefen, bis auf den Steuermann, -der am Steuerruder stand, saß sie am Bord des Schiffes und starrte durch -das klare Wasser hinunter, sie glaubte ihres Vaters Schloß zu erblicken, -hoch oben stand die Großmutter mit der Silberkrone auf dem Haupte und -starrte durch die reißenden Ströme zu des Schiffes Kiel empor. Da kamen -ihre Schwestern über das Wasser hervor und schauten sie traurig an und -rangen ihre weißen Hände, sie winkte ihnen, lächelte und wollte -erzählen, daß es ihr gut und glücklich ginge, aber der Schiffsjunge -näherte sich ihr und die Schwestern tauchten unter, so daß er glaubte, -das Weiße, was er gesehen, sei Schaum auf der See gewesen. - -Am nächsten Morgen segelte das Schiff in den Hafen von des Nachbarkönigs -prächtiger Stadt. Alle Kirchenglocken läuteten und von den hohen Türmen -wurden die Posaunen geblasen, während die Soldaten mit fliegenden Fahnen -und blitzenden Bajonetten dastanden. Jeder Tag führte ein Fest mit sich. -Bälle und Gesellschaften folgten einander, aber die Prinzessin war noch -nicht da; sie werde, weit von hier entfernt, in einem heiligen Tempel -erzogen, sagten sie, dort lerne sie alle königlichen Tugenden. Endlich -traf sie ein. - -Die kleine Seejungfer war begierig, ihre Schönheit zu sehen, und sie -mußte solche anerkennen: eine lieblichere Erscheinung hatte sie noch nie -gesehen. Die Haut war fein und klar, und hinter den langen dunklen -Augenwimpern lächelten ein Paar schwarzblaue, treue Augen. - -»Du bist die!« sagte der Prinz, »die mich gerettet hat, als ich einer -Leiche gleich an der Küste lag!« Und er drückte seine errötende Braut in -seine Arme. »Oh, ich bin allzu glücklich!« sagte er zur kleinen -Seejungfer. »Das Beste, was ich je hoffen durfte, ist mir in Erfüllung -gegangen. Du wirst dich über mein Glück freuen, denn du meinst es am -besten mit mir von ihnen allen!« Und die kleine Seejungfer küßte seine -Hand, und es kam ihr schon vor, als fühlte sie ihr Herz brechen. Sein -Hochzeitsmorgen würde ihr ja den Tod geben und sie in Schaum auf dem -Meere verwandeln. - -Alle Kirchenglocken läuteten, die Herolde ritten in den Straßen umher -und verkündeten die Verlobung. Auf allen Altären brannte duftendes Öl in -köstlichen Silberlampen. Die Priester schwangen die Rauchfässer, und -Braut und Bräutigam reichten einander die Hand und erhielten den Segen -des Bischofs. Die kleine Seejungfer war in Seide und Gold gekleidet und -hielt die Schleppe der Braut, aber ihre Ohren hörten die festliche Musik -nicht, ihr Auge sah die heilige Zeremonie nicht, sie gedachte ihrer -Todesnacht und alles dessen, was sie in dieser Welt verloren hatte. - -Noch an demselben Abende gingen die Braut und der Bräutigam an Bord des -Schiffes, die Kanonen donnerten, alle Flaggen wehten, und mitten auf dem -Schiffe war ein köstliches Zelt von Gold und Purpur und mit den -schönsten Kissen errichtet, da sollte das Brautpaar in der kühlen, -stillen Nacht schlafen! - -Die Segel schwellten im Winde, und das Schiff glitt leicht und ohne -große Bewegung über die klare See dahin. - -Als es dunkelte, wurden bunte Lampen angezündet, und die Seeleute -tanzten lustig auf dem Verdecke. Die kleine Seejungfer mußte ihres -ersten Auftauchens aus dem Meere gedenken, wo sie dieselbe Pracht und -Freude erblickt hatte, und sie wirbelte sich mit im Tanze, schwebte, wie -eine Schwalbe schwebt, wenn sie verfolgt wird, und alle jubelten ihr -Bewunderung zu: nie hatte sie so herrlich getanzt. Es schnitt ihr wie -scharfe Messer in die zarten Füße, aber sie fühlte es nicht: es schnitt -ihr noch schmerzlicher durch das Herz. Sie wußte, es sei der letzte -Abend, an dem sie ihn erblickte, für den sie ihre Verwandten und ihre -Heimat verlassen, ihre schöne Stimme dahingegeben und täglich unendliche -Qualen ertragen hatte, ohne daß er es mit einem Gedanken ahnte. Es war -die letzte Nacht, daß sie dieselbe Luft mit ihm einatmete, das tiefe -Meer und den sternhellen Himmel erblickte; eine ewige Nacht ohne -Gedanken und Traum harrte ihrer, die keine Seele hatte, keine Seele -gewinnen konnte. Und alles war Freude und Heiterkeit auf dem Schiffe bis -über Mitternacht hinaus, sie lachte und tanzte mit Todesgedanken im -Herzen. Der Prinz küßte seine schöne Braut, und sie spielte mit seinem -schwarzen Haare, und Arm in Arm gingen sie zur Ruhe in das prächtige -Zelt. - -Es wurde still auf dem Schiffe, nur der Steuermann stand am Steuerruder, -die kleine Seejungfer legte ihre weißen Arme auf den Schiffsbord und -blickte gen Osten nach der Morgenröte: der erste Sonnenstrahl, wußte -sie, würde sie töten. Da sah sie ihre Schwestern der Flut entsteigen, -die waren bleich wie sie; ihr langes schönes Haar wehte nicht mehr im -Winde, es war abgeschnitten. - -»Wir haben es der Hexe gegeben, um dir Hilfe bringen zu können, damit du -diese Nacht nicht stirbst. Sie hat uns ein Messer gegeben, hier ist es! -Siehst du, wie scharf? Bevor die Sonne aufgeht, mußt du es in das Herz -des Prinzen stoßen, und wenn dann das warme Blut auf deine Füße spritzt, -so wachsen diese in einen Fischschwanz zusammen und du wirst wieder eine -Seejungfer, kannst zu uns herabsteigen und lebst deine dreihundert -Jahre, bevor du zu totem, salzigem Seeschaume wirst. Beeile dich! Er -oder du muß sterben, bevor die Sonne aufgeht! Unsere Großmutter trauert -so, daß ihr weißes Haar wie das unsrige unter der Schere der Hexe -gefallen ist. Töte den Prinzen und komm zurück! Beeile dich! Siehst du -den roten Streifen am Himmel? In wenigen Minuten steigt die Sonne auf, -dann mußt du sterben!« Und sie stießen einen tiefen Seufzer aus und -versanken in den Wogen. - -Die kleine Seejungfer zog den Purpurteppich vom Zelte und sah die schöne -Braut mit ihrem Haupte an des Prinzen Brust ruhen, und sie bog sich -nieder, küßte ihn auf seine schöne Stirn, blickte gen Himmel, wo die -Morgenröte mehr und mehr leuchtete, betrachtete das scharfe Messer und -heftete die Augen wieder auf den Prinzen, der im Traume seine Braut bei -Namen nannte. Nur sie war in seinen Gedanken, und das Messer zitterte in -der Hand der Seejungfer. -- Aber da warf sie es weit hinaus in die -Wogen, sie glänzten rot, wo es hinfiel, es sah aus, als keimten -Blutstropfen aus dem Wasser auf. Noch einmal sah sie mit halbgebrochenen -Blicken auf den Prinzen, stürzte sich vom Schiffe in das Meer hinab und -fühlte, wie ihr Körper sich in Schaum auflöste. - -Nun stieg die Sonne aus dem Meere auf, die Strahlen fielen so mild und -warm auf den kalten Meeresschaum, und die kleine Seejungfer fühlte -nichts vom Tode. Sie sah die helle Sonne, und über ihr schwebten -Hunderte von durchsichtigen, herrlichen Geschöpfen, sie konnte durch -dieselben des Schiffes weiße Segel und des Himmels rote Wolken -erblicken, ihre Sprache war melodisch, aber so geisterhaft, daß kein -menschliches Ohr sie vernehmen, ebenso wie kein irdisches Auge sie -erblicken konnte, ohne Schwingen schwebten sie vermittelst ihrer eigenen -Leichtigkeit durch die Luft. Die kleine Seejungfer sah, daß sie einen -Körper hatte wie diese, der sich mehr und mehr aus dem Schaume erhob. - -»Wo komm ich hin?« fragte sie, und ihre Stimme klang wie die der andern -Wesen, so geisterhaft, daß keine irdische Musik sie wiederzugeben -vermag. - -»Zu den Töchtern der Luft!« erwiderten die andern. »Die Seejungfer hat -keine unsterbliche Seele und kann sie nie erhalten, wenn sie nicht eines -Menschen Liebe gewinnt, von einer fremden Macht hängt ihr ewiges Dasein -ab. Die Töchter der Luft haben auch keine unsterbliche Seele, aber sie -können durch gute Handlungen sich selbst eine schaffen. Wir fliegen nach -den warmen Ländern, wo die schwüle Pestluft den Menschen tötet, dort -fächeln wir Kühlung. Wir breiten den Duft der Blumen durch die Luft aus -und senden Erquickung und Heilung. Wenn wir dreihundert Jahre lang -gestrebt haben, alles Gute, was wir vermögen, zu vollbringen, so -erhalten wir eine unsterbliche Seele und nehmen teil am ewigen Glücke -der Menschen. Du arme, kleine Seejungfer hast mit ganzem Herzen nach -demselben wie wir gestrebt; du hast gelitten und geduldet, hast dich zur -Luftgeisterwelt erhoben und kannst nun dir selbst durch gute Werke nach -drei Jahrhunderten eine unsterbliche Seele schaffen.« - -Und die kleine Seejungfer erhob ihre verklärten Augen gegen Gottes -Sonne, und zum ersten Male fühlte sie Tränen in ihren Augen. -- Auf dem -Schiffe war wieder Lärm und Leben, sie sah den Prinzen mit seiner -schönen Braut nach ihr suchen, wehmütig starrten sie den perlenden -Schaum an, als ob sie wüßten, daß sie sich in die Fluten gestürzt habe. -Unsichtbar küßte sie die Stirn der Braut, fächelte den Prinzen an und -stieg mit den übrigen Kindern der Luft auf die rosenrote Wolke hinauf, -welche den Äther durchschiffte. - -»Nach dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich Gottes hinein!« - -»Auch können wir noch früher dahin gelangen!« flüsterte eine Tochter der -Luft. »Unsichtbar schweben wir in die Häuser der Menschen hinein, wo -Kinder sind, und für jeden Tag, an dem wir ein gutes Kind finden, -welches seinen Eltern Freude bereitet und deren Liebe verdient, verkürzt -Gott unsere Prüfungszeit. Das Kind weiß nicht, wann wir durch die Stube -fliegen und müssen wir aus Freude über dasselbe lächeln, so wird ein -Jahr von den dreihundert Jahren abgerechnet, sehen wir aber ein -unartiges und böses Kind, so müssen wir Tränen der Trauer vergießen, und -jede Träne legt unserer Prüfungszeit einen Tag zu!« - - - - - Der Reisekamerad - - -Der arme Johannes war tief betrübt, denn sein Vater war sehr krank und -konnte nicht genesen. Außer den beiden war durchaus niemand in dem -kleinen Zimmer: die Lampe auf dem Tische war dem Erlöschen nahe, und es -war spät abends. - -»Du warst ein guter Sohn, Johannes!« sagte der kranke Vater. »Der liebe -Gott wird dir schon in der Welt forthelfen!« Er sah ihn mit ernsten, -milden Augen an, holte tief Atem und starb; es war, als ob er schliefe. -Johannes weinte, nun hatte er niemanden in der Welt, weder Vater noch -Mutter, weder Schwester noch Bruder. Der arme Johannes! Er lag vor dem -Bette auf seinen Knien, küßte des toten Vaters Hand und weinte sehr -viele bittere Tränen, aber zuletzt schlossen sich seine Augen, und er -schlief ein, mit dem Kopfe auf dem harten Bettpfosten liegend. - -Da träumte er einen sonderbaren Traum, er sah, wie Sonne und Mond sich -vor ihm neigten, er erblickte seinen Vater wieder frisch und gesund und -hörte ihn lachen, wie er immer lachte, wenn er recht froh war. Ein -schönes Mädchen mit einer goldenen Krone auf ihrem langen, glänzenden -Haare reichte ihm die Hand, und sein Vater sagte: »Siehst du, was für -eine Braut du erhalten hast? Sie ist die schönste in der Welt.« Da -erwachte er und alle Herrlichkeit war vorbei, sein Vater lag tot und -kalt im Bette, es war niemand bei ihnen. Der arme Johannes! - -In der folgenden Woche wurde der Tote begraben, der Sohn ging dicht -hinter dem Sarge her und konnte nun den guten Vater nicht mehr zu sehen -bekommen, der ihn so sehr geliebt hatte. Er hörte, wie sie die Erde auf -den Sarg hinunterwarfen und sah noch die letzte Ecke desselben, aber -nach der nächsten Schaufel Erde, welche hinabgeworfen wurde, war auch -die verschwunden, da war es, als wolle sein Herz in Stücke zerspringen, -so betrübt war er. Ringsherum sangen sie einen Psalm; es waren schöne, -heilige Klänge, und die Tränen traten dem Johannes in die Augen, er -weinte, und das tat ihm in seiner Trauer wohl. Die Sonne beschien -herrlich die grünen Bäume, als wolle sie sagen: »Du darfst nicht mehr -betrübt sein, Johannes! Siehst du, wie schön der Himmel ist? Dort oben -ist nun dein Vater und bittet den lieben Gott, daß es dir allezeit wohl -ergehen möge!« - -»Ich will auch immer gut sein,« sagte Johannes, »dann komme ich in den -Himmel zu meinem Vater, und was wird das für eine Freude werden, wenn -wir einander wiedersehen! Wieviel werde ich ihm dann nicht erzählen -können, und er wird mir so viele Dinge zeigen, mir die Herrlichkeit des -Himmels erklären, ebenso wie er mich hier auf Erden unterrichtete. Oh, -was für eine Freude wird das werden!« - -Er dachte sich das so deutlich, daß er dabei lächelte, während die -Tränen ihm noch über die Wangen liefen. Die kleinen Vögel saßen oben in -den Kastanienbäumen und zwitscherten: »Quivit, Quivit!« Sie waren froh -und munter, obgleich sie mit bei dem Begräbnisse gewesen: aber sie -wußten wohl, daß der tote Mann nun im Himmel wäre, Flügel hätte, schöner -und größer als die ihrigen, daß er nun glücklich sei, weil er hier auf -Erden gut gewesen, und darüber waren sie vergnügt. Johannes sah, wie sie -von den grünen Bäumen weit in die Welt hinausflogen, da bekam er auch -Lust, mitzufliegen. Aber zuerst schnitt er ein großes Holzkreuz, um es -auf seines Vaters Grab zu setzen, und als er es am Abend dahin brachte, -war das Grab mit Sand und Blumen geschmückt, das hatten fremde Leute -getan, denn sie hielten alle viel von dem lieben Vater, der nun tot war. - -Früh am nächsten Morgen packte Johannes sein kleines Bündel zusammen und -verwahrte in seinem Gürtel sein ganzes Erbteil, welches fünfzig Taler -und ein paar Silberschillinge betrug, damit wollte er in die Welt hinaus -wandern. Aber zuerst ging er nach dem Kirchhofe zu seines Vaters Grabe, -betete ein Vaterunser und sagte: »Lebe wohl!« - -Draußen auf dem Felde, wo er ging, standen alle Blumen frisch und schön -in dem warmen Sonnenscheine, sie nickten im Winde, als wollten sie -sagen: »Willkommen im Grünen! Ist es hier nicht schön?« Aber Johannes -wendete sich noch einmal zurück, um die alte Kirche zu betrachten, in -der er als ein kleines Kind getauft und wo er jeden Sonntag mit seinem -Vater zum Gottesdienst gewesen war und seinen Psalm gesungen hatte; da -sah er hoch oben in einer der Öffnungen des Turmes den Kirchenkobold mit -seiner kleinen, roten, spitzen Mütze stehen, wie er sein Gesicht mit dem -gebogenen Arme beschattete, da ihm sonst die Sonne in die Augen schien. -Johannes nickte ihm Lebewohl zu, und der kleine Kobold schwenkte seine -rote Mütze, legte die Hand auf das Herz und warf ihm viele Kußhändchen -zu, um zu zeigen, wie gut er es mit ihm meine, und daß er ihm eine recht -glückliche Reise wünsche. - -Johannes dachte daran, wie viel Schönes er nun in der großen, prächtigen -Welt zu sehen bekommen würde und ging weiter und weiter fort, so weit -wie er früher nie gewesen war. Er kannte die Orte nicht, durch die er -kam, oder die Menschen, denen er begegnete. -- Nun war er weit draußen -in der Fremde. - -Die erste Nacht mußte er sich auf einem Heuschober auf dem Felde -schlafen legen, ein anderes Bett hatte er nicht. Aber das war recht -hübsch, meinte er, der König könnte es nicht besser haben. Das ganze -Feld mit dem Bache, der Heuschober und dann der blaue Himmel darüber, -das war gewiß eine schöne Schlafkammer. Das grüne Gras mit den kleinen, -roten und weißen Blumen war die Fußdecke, die Fliederbüsche und die -wilden Rosenhecken waren Blumensträuße, und zum Waschbecken diente ihm -der ganze Bach mit dem klaren, frischen Wasser, wo das Schilf sich -neigte und ihm guten Abend und guten Morgen bot. Der Mond war wahrhaft -eine große Nachtlampe, hoch oben unter der blauen Decke, und der zündete -die Gardinen nicht an mit seinem Feuer, Johannes konnte ruhig schlafen, -und er tat es auch und erwachte erst wieder, als die Sonne aufging und -alle die kleinen Vögel rings umher sangen: »Guten Morgen! Guten Morgen! -Bist du noch nicht auf?« - -Die Glocken läuteten zur Kirche! es war Sonntag. Die Leute gingen hin, -den Prediger zu hören, und Johannes folgte ihnen, sang einen Psalm und -hörte Gottes Wort. Es war ihm, als wäre er in seiner eigenen Kirche, in -der er getauft worden war, und wo er Psalmen mit seinem Vater gesungen -hatte. - -Draußen auf dem Kirchhofe waren viele Gräber und auf einigen wuchs hohes -Gras. Da dachte er an seines Vaters Grab, welches am Ende auch so -aussehen würde wie diese, da er es nicht jäten und schmücken konnte. Er -setzte sich also nieder und riß das Gras ab, richtete die Holzkreuze -auf, welche umgefallen waren und legte die Kränze, die der Wind vom -Grabe fortgerissen hatte, wieder auf ihre Stelle, indem er dachte: -vielleicht tut jemand dasselbe an meines Vaters Grabe, da ich es nicht -tun kann! - -Draußen vor der Kirchhofstüre stand ein alter Bettler und stützte sich -auf seine Krücke. Johannes gab ihm die Silberschillinge, die er hatte, -und ging dann glücklich und vergnügt weiter fort in die weite Welt -hinein. - -Gegen Abend war ein schrecklich böses Wetter, er sputete sich, unter -Dach und Fach zu gelangen, aber es wurde bald finstere Nacht, da -erreichte er endlich eine kleine Kirche, die einsam auf einem kleinen -Hügel lag. - -»Hier will ich mich in einen Winkel setzen!« sagte er und ging hinein. -»Ich bin ermüdet und habe es wohl nötig, ein wenig auszuruhen.« Dann -setzte er sich nieder, faltete seine Hände und betete sein Abendgebet, -und ehe er es wußte, schlief und träumte er, während es draußen blitzte -und donnerte. - -Als er wieder erwachte, war es Mitternacht, das böse Wetter war -vorübergezogen und der Mond schien durch die Fenster zu ihm herein. -Mitten in der Kirche stand ein offener Sarg mit einem toten Manne darin, -weil er noch nicht begraben war. Johannes war durchaus nicht furchtsam, -denn er hatte ein gutes Gewissen, und er wußte wohl, daß die Toten -niemandem etwas zuleide tun. Die Lebenden, die Übles tun, sind böse -Menschen. Solche zwei lebende, schlimme Leute standen dicht bei dem -toten Manne, der hier in der Kirche beigesetzt war, bevor er beerdigt -wurde, ihm wollten sie Übles erweisen, ihn nicht in seinem Sarge liegen -lassen, sondern ihn vor die Kirchtüre hinauswerfen, den armen, toten -Mann! - -»Weshalb wollt ihr das tun?« fragte Johannes. »Das ist böse und schlimm, -laßt ihn in Jesu Namen ruhen!« - -»Oh, Schnickschnack!« sagten die beiden häßlichen Menschen. »Er hat uns -angeführt! Er schuldet uns Geld: das konnte er nicht bezahlen, und nun -ist er obendrein tot, nun bekommen wir vollends keinen Pfennig! Deshalb -wollen wir uns rächen: er soll wie ein Hund draußen vor der Kirchtür -liegen!« - -»Ich habe nicht mehr als fünfzig Taler!« sagte Johannes. »Das ist mein -ganzes Erbteil, aber das will ich euch gern geben, wenn ihr mir ehrlich -versprechen wollt, den armen, toten Mann in Ruhe zu lassen. Ich werde -schon durchkommen ohne das Geld, ich habe gesunde, starke Gliedmaßen, -und der liebe Gott wird mir allezeit helfen!« - -»Ja,« sagten die häßlichen Menschen, »wenn du seine Schuld bezahlen -willst, wollen wir beide ihm nichts tun, darauf kannst du dich -verlassen!« Alsdann nahmen sie das Geld, welches er ihnen gab, lachten -laut auf über seine Gutmütigkeit und gingen ihres Weges. Er aber legte -die Leiche wieder im Sarge zurecht und faltete ihre Hände, nahm Abschied -von ihr und ging durch den großen Wald zufrieden weiter. - -Rings umher, wo der Mond durch die Bäume herein schien, sah er die -niedlichen, kleinen Elfen lustig spielen. Sie ließen sich nicht stören: -sie wußten wohl, daß er ein guter, unschuldiger Mensch sei, und es sind -nur die bösen Leute, welche die Elfen nicht zu sehen bekommen. Einige -von ihnen waren nicht größer, als ein Finger breit ist und hatten ihr -langes, gelbes Haar mit Goldkämmen aufgesteckt; je zwei schaukelten sie -sich auf den großen Tautropfen, die auf den Blättern und dem hohen Grase -lagen, zuweilen entrollte der Tropfen, dann fielen sie nieder zwischen -den langen Grashalmen, und das verursachte ein Gelächter und Lärmen -unter den andern Kleinen. Es war allerliebst! Sie sangen, und Johannes -erkannte deutlich die hübschen Lieder, die er als kleiner Knabe gelernt -hatte. Große, bunte Spinnen mit Silberkronen auf dem Kopfe mußten von -der einen Hecke zur andern lange Hängebrücken und Paläste spinnen, -welche, da der feine Tau darauf fiel, wie schimmerndes Glas im -Mondscheine aussahen. So währte es fort, bis die Sonne aufging. Die -kleinen Elfen krochen dann in die Blumenknospen, und der Wind erfaßte -ihre Brücken und Schlösser, die als Spinngewebe durch die Luft flogen. - -Johannes war eben aus dem Walde herausgekommen, als eine starke -Mannesstimme hinter ihm rief: »Holla, Kamerad, wohin geht die Reise?« - -»In die weite Welt hinaus!« sagte er. »Ich habe weder Vater noch Mutter, -bin ein armer Bursche, aber der Herr hilft mir wohl.« - -»Ich will auch in die weite Welt hinaus,« sagte der fremde Mann. »Wollen -wir beide einander Gesellschaft leisten?« - -»Jawohl,« sagte er, und so gingen sie miteinander. Bald gewannen sie -sich recht lieb, denn sie waren beide gute Menschen. Aber Johannes -merkte wohl, daß der Fremde viel klüger war als er. Der hatte fast die -ganze Welt durchreist und wußte von allem Möglichen, was existierte, zu -erzählen. - -Die Sonne stand schon hoch, als sie sich unter einen großen Baum -setzten, ihr Frühstück zu genießen, zur selben Zeit kam eine alte Frau. -Die war sehr alt und ging krumm einher, sie stützte sich auf einen -Krückstock, auf ihrem Rücken trug sie ein Bündel Brennholz, welches sie -sich im Walde gesammelt hatte. Ihre Schürze war aufgebunden, und -Johannes sah, daß drei große Ruten von Farnkraut und Weidenreisern -daraus hervorsahen. Als sie ihnen nahe war, glitt sie mit dem einen Fuße -aus, fiel und tat einen lauten Schrei, denn sie hatte das Bein -gebrochen, die arme, alte Frau! - -Johannes meinte sogleich, daß sie die alte Frau nach Hause tragen -wollten, wo sie wohnte, aber der Fremde machte sein Ränzel auf, nahm -eine Büchse hervor und sagte, daß er hier eine Salbe habe, welche -sogleich ihr Bein wieder gesund und kräftig machen würde, so daß sie -selbst nach Hause gehen könne, und zwar, als ob sie nie das Bein -gebrochen hätte. Allein dafür verlange er auch, daß sie ihm die drei -Ruten schenke, die sie in ihrer Schürze habe. - -»Das wäre gut bezahlt!« sagte die Alte und nickte ganz eigen mit dem -Kopfe. Sie wollte die Ruten nicht gern hergeben, aber es war auch nicht -angenehm, mit gebrochenem Beine dazuliegen. So gab sie ihm denn die -Ruten, und sowie er nur die Salbe auf das Bein gerieben hatte, erhob -sich auch die alte Mutter und ging viel besser denn zuvor. Solches -konnte die Salbe bewirken. Aber die war auch nicht in der Apotheke zu -haben. - -»Was willst du mit den Ruten?« fragte Johannes nun seinen -Reisekameraden. - -»Das sind drei schöne Kräuterbesen,« sagte der, »die liebe ich sehr, -denn ich bin ein närrischer Patron!« - -Dann gingen sie noch ein gutes Stück. - -»Sieh, wie der Himmel sich umzieht,« sagte Johannes und zeigte -geradeaus. »Das sind schrecklich dicke Wolken!« - -»Nein,« sagte der Reisekamerad, »das sind keine Wolken, das sind Berge --- die herrlichen großen Berge, wo man hinauf über die Wolken und in die -frische Luft gelangt! Glaube mir, da ist es herrlich! Morgen sind wir -sicher weit in der Welt.« - -Das war aber nicht so nahe, wie es aussah, sie hatten einen ganzen Tag -zu gehen, bevor sie die Berge erreichten, wo die schwarzen Wälder gegen -den Himmel aufwuchsen und wo es Steine gab, fast so groß als eine große -Stadt. Das mochte wahrlich eine schwere Anstrengung werden, da -hinüberzukommen, aber darum gingen auch Johannes und sein Reisekamerad -in das Wirtshaus hinein, um sich gut auszuruhen und Kräfte zum morgenden -Marsche zu sammeln. - -Unten in der großen Schenkstube im Wirtshause waren viele Menschen -versammelt, denn dort war ein Mann, der gab Puppenkomödie. Er hatte -soeben sein kleines Theater aufgestellt, und die Leute saßen ringsumher, -um die Komödie zu sehen. Aber vorn hatte ein dicker Schlächter Platz -genommen, und zwar den allerbesten; sein großer Bullenbeißer -- der sah -sehr bissig aus! -- saß an seiner Seite und machte große Augen, so, wie -alle andern. - -Nun begann die Komödie, und das war eine niedliche Komödie mit einem -Könige und einer Königin, die saßen auf dem schönsten Throne, hatten -goldene Kronen auf dem Haupte und lange Schleppen an den Kleidern, denn -ihre Mittel erlaubten das. Die niedlichsten Holzpuppen mit Glasaugen und -großen Schnurrbärten standen an allen Türen und machten auf und zu, -damit frische Luft in das Zimmer kommen konnte. Es war eine recht -niedliche Komödie. Aber als die Königin aufstand und über den Fußboden -hinging, machte der große Bullenbeißer -- Gott mag wissen, was er sich -dachte -- da der dicke Schlächter ihn nicht hielt, einen Sprung stracks -hinein in das Theater und packte die Königin mitten um ihre Taille, daß -es knackte. Es war schrecklich! - -Der arme Mann, der die Komödie gab, war sehr erschrocken und betrübt -über seine Königin! Denn es war die allerniedlichste Puppe, die er -hatte, und nun hatte der häßliche Bullenbeißer den Kopf abgebissen. Aber -als die Leute später fortgingen, sagte der Fremde, der mit Johannes -gekommen war, daß er sie schon wieder zurecht machen würde, und dann -nahm er seine Büchse hervor und schmierte die Puppe mit der Salbe, womit -er der alten Frau geholfen, als sie das Bein gebrochen hatte. Sowie die -Puppe geschmiert worden, war sie wieder ganz, ja sie konnte sogar alle -ihre Glieder selbst bewegen, man brauchte nicht mehr an der Schnur zu -ziehen. Die Puppe war wie ein lebendiger Mensch, nur daß sie nicht -sprechen konnte. Der Mann, der das kleine Puppentheater hatte, war sehr -froh, nun brauchte er diese Puppe nicht mehr zu halten, die konnte ja -von selbst tanzen. Das konnte keine der andern. - -Als es später Nacht wurde und alle Leute im Wirtshause zu Bett gegangen -waren, war jemand da, der so schrecklich tief seufzte und solange damit -fortfuhr, daß alle aufstanden, um zu sehen, wer es wäre. Der Mann, der -die Komödie gegeben hatte, ging nach seinem kleinen Theater hin, denn -dort war es, wo jemand seufzte. Alle Holzpuppen lagen untereinander: der -König und alle Trabanten, und die waren es, die so jämmerlich seufzten -und mit ihren Glasaugen stierten, denn sie wollten so gern wie die -Königin ein wenig geschmiert werden, damit sie sich auch von selbst -bewegen könnten. Die Königin legte sich sofort auf die Knie und streckte -ihre prächtige Krone in die Höhe, während sie bat: »Nimm mir diese, aber -schmiere meinen Gemahl und meine Hofleute!« Da konnte der arme Mann, der -das Theater und die Puppen besaß, nicht unterlassen zu weinen, denn es -tat ihm wirklich ihretwegen leid. Er versprach sogleich dem -Reisekameraden, ihm alles Geld zu geben, was er am nächsten Abend für -seine Komödie erhalten würde, wenn er nur vier bis fünf von seinen -niedlichen Puppen schmieren wolle. Aber der Reisekamerad sagte, daß er -durchaus nichts weiter verlange, als den Säbel, den jener an seiner -Seite habe, und als er den erhielt, beschmierte er sechs Puppen, die -sogleich tanzten und zwar so niedlich, daß alle die lebenden -Menschenmädchen, die es sahen, alsbald mittanzten. Der Kutscher und die -Köchin tanzten, der Diener und das Stubenmädchen, alle die Fremden und -die Feuerschaufel und die Feuerzange, aber die fielen um, als sie die -ersten Sprünge machten. -- Ja, das war eine lustige Nacht! - -Am nächsten Morgen ging Johannes mit seinem Reisekameraden von ihnen -fort auf die hohen Berge hinauf und durch die großen Tannenwälder. Sie -kamen so hoch hinauf, daß die Kirchtürme tief unter ihnen zuletzt wie -kleine blaue Beeren unten in all dem Grünen aussahen, sie konnten sehr -weit sehen, viele, viele Meilen weit, wo sie nie gewesen waren! Soviel -Schönes der prächtigen Welt hatte Johannes früher nie auf einmal -gesehen! Die Sonne schien warm aus der frischen blauen Luft, er hörte -auch zwischen den Bergen die Jäger das Waldhorn so schön und lieblich -blasen, daß ihm vor Freude die Tränen in die Augen traten und er nicht -unterlassen konnte, auszurufen: »Du guter, lieber Gott! Ich möchte dich -küssen, weil du so gut gegen uns alle bist und uns all die Herrlichkeit, -die in der Welt ist, gegeben hast!« - -Der Reisekamerad stand auch mit gefalteten Händen da und sah über den -Wald und die Städte in den warmen Sonnenschein hinaus. Zu gleicher Zeit -ertönte es wunderbar lieblich über ihrem Haupte, sie blickten in die -Höhe, ein weißer großer Schwan schwebte in der Luft und sang, wie sie -früher nie einen Vogel hatten singen hören! Aber der Gesang wurde -schwächer und schwächer, er neigte seinen Kopf und sank langsam zu ihren -Füßen nieder, wo er tot liegen blieb, der schöne Vogel! - -»Zwei herrliche Flügel,« sagte der Reisekamerad, »so weiß und groß wie -die, welche der Vogel hat, sind Geldes wert: die will ich mit mir -nehmen! Siehst du nun wohl, daß es gut war, daß ich einen Säbel bekam?« -Und so hieb er mit einem Schlage beide Flügel des toten Schwanes ab: die -wollte er behalten. - -Sie reisten nun viele, viele Meilen weit fort über die Berge, bis sie -zuletzt eine große Stadt vor sich sahen, mit Hunderten von Türmen, die -wie Silber in der Sonne glänzten. In der Stadt war ein prächtiges -Marmorschloß, mit purem Golde gedeckt. Hier wohnte der König. - -Johannes und der Reisekamerad wollten nicht sogleich in die Stadt gehen, -sondern blieben im Wirtshause vor der Stadt, damit sie sich putzen -konnten, denn sie wollten nett aussehen, wenn sie auf die Straße kämen. -Der Wirt erzählte ihnen, daß der König ein sehr guter Mann sei, der nie -einem Menschen etwas zuleide täte, aber seine Tochter, ja, Gott behüte -uns! die sei eine schlimme Prinzessin. Schönheit besaß sie genug, keine -konnte so hübsch und niedlich sein, wie sie war, aber was half das? Sie -war eine böse Hexe, die Schuld daran hatte, daß viele herrliche Prinzen -ihr Leben hatten verlieren müssen. -- Allen Menschen hatte sie die -Erlaubnis erteilt, um sie freien zu dürfen. Ein jeder konnte kommen, er -mochte Prinz oder Bettler sein: das sei ihr gleich. Er sollte nur drei -Sachen raten, an die sie gerade gedacht hätte und um die sie ihn -befragte. Konnte er das, so wollte sie sich mit ihm vermählen, und er -sollte König über das ganze Land sein, wenn ihr Vater stürbe; konnte er -aber die drei Sachen nicht raten, so ließ sie ihn aufhängen oder ihm den -Kopf abhauen! Ihr Vater, der alte König, war sehr betrübt darüber, aber -er konnte ihr nicht verbieten, so böse zu sein, denn er hatte einmal -gesagt, er wolle nie etwas mit ihren Liebhabern zu tun haben, sie könne -selbst tun, was sie wolle. Jedesmal wenn ein Prinz kam und raten sollte, -um die Prinzessin zu erhalten, konnte er es nicht, und dann wurde er -gehängt oder geköpft. Er war ja beizeiten gewarnt, er hätte das Freien -unterlassen können. Der König war so betrübt über all die Trauer und das -Elend, daß er einen ganzen Tag des Jahres mit allen seinen Soldaten auf -den Knien lag und betete, die Prinzessin möge gut werden, aber das -wollte sie durchaus nicht. Die alten Frauen, die Branntwein tranken, -färbten denselben schwarz, bevor sie ihn tranken, so trauerten sie. Und -mehr konnten sie doch nicht tun! - -»Die häßliche Prinzessin!« sagte Johannes. »Sie sollte wirklich die Rute -bekommen, das würde ihr gut tun. Wäre ich nur der alte König, sie sollte -schon gegerbt werden!« - -Da hörten sie das Volk draußen Hurra rufen. Die Prinzessin kam vorbei, -sie war wirklich schön, daß alle Leute vergaßen, wie böse sie war, -deshalb riefen sie Hurra. Zwölf schöne Jungfrauen, alle in weißseidenen -Kleidern und jede eine goldene Tulpe in der Hand, ritten auf schwarzen -Pferden ihr zur Seite. Die Prinzessin selbst hatte ein weißes Pferd mit -Diamanten und Rubinen geschmückt. Ihr Reitkleid war aus purem Goldstoff, -und die Peitsche, die sie in der Hand hatte, sah aus, als wäre sie ein -Sonnenstrahl. Die goldene Kette auf dem Haupte war wie kleine Sterne vom -Himmel, und der Mantel war aus mehr als tausend Schmetterlingsflügeln -zusammengenäht. Dessenungeachtet war sie noch schöner als ihre Kleider. - -Als Johannes sie zu sehen bekam, wurde er so rot im Gesichte wie ein -Blutstropfen und konnte kaum ein einzelnes Wort sagen. - -Die Prinzessin sah so aus wie das schöne Mädchen mit der goldenen Krone, -von der er in der Nacht geträumt hatte, als sein Vater gestorben war. Er -fand sie so schön, daß er nicht unterlassen konnte, sie recht zu lieben. -Das wäre gewiß nicht wahr, daß sie eine böse Hexe sei, welche die Leute -hängen oder köpfen ließ, wenn sie nicht raten könnten, was sie von ihnen -verlangte. »Ein jeder hat die Erlaubnis, um sie zu freien, sogar der -ärmste Bettler. Ich will wirklich nach dem Schlosse gehen, denn ich kann -es nicht unterlassen!« Sie sagten ihm alle, er möge es nicht tun, es -würde ihm bestimmt wie all den andern ergehen. Der Reisekamerad riet -auch davon ab, aber Johannes meinte, es würde schon gehen. Er bürstete -seine Schuhe und seinen Rock, wusch sich Gesicht und Hände, kämmte sein -hübsches blondes Haar und ging dann allein in die Stadt hinein und nach -dem Schlosse. - -»Herein!« sagte der alte König, als Johannes an die Türe pochte. -Johannes öffnete, und der König im Schlafrock und in gestickten -Pantoffeln kam ihm entgegen, die Krone hatte er auf dem Haupte, das -Zepter in der einen Hand und den Reichsapfel in der andern. »Warte ein -bißchen!« sagte er, und nahm den Apfel unter den Arm, um Johannes die -Hand reichen zu können. Aber sowie er erfuhr, er sei ein Freier, fing er -so an zu weinen, daß das Zepter sowohl wie der Apfel auf den Fußboden -fielen und er die Augen mit seinem Schlafrocke trocknen mußte. Der arme, -alte König! - -»Laß es sein!« sagte er. »Es geht Dir schlecht, wie all den andern. Nun, -Du wirst es sehen!« Dann führte er ihn hinaus nach dem Lustgarten der -Prinzessin. Da sah es schrecklich aus! Oben in jedem Baume hingen drei, -vier Königssöhne, die um die Prinzessin gefreit hatten, aber die Sachen, -die sie ihnen aufgegeben, nicht hatten raten können. Jedesmal, wenn es -wehte, klapperten alle Gerippe, so daß die kleinen Vögel erschraken und -nie in den Garten zu kommen wagten. Alle Blumen waren an Menschenknochen -aufgebunden, und in Blumentöpfen standen Totenköpfe und grinsten. Das -war wirklich ein sonderbarer Garten für eine Prinzessin. - -»Hier siehst Du es!« sagte der alte König. »Es wird Dir ebenso wie -diesen hier ergehen. Laß es deshalb lieber. Du machst mich wirklich -unglücklich, denn ich nehme mir das sehr zu Herzen!« - -Johannes küßte dem guten, alten König die Hand und sagte, es würde schon -gehen, denn er sei entzückt von der schönen Prinzessin. - -Da kam die Prinzessin selbst mit allen ihren Damen in den Schloßhof -geritten, sie gingen deshalb zu ihr hinaus und sagten ihr guten Tag. Sie -war wunderschön anzuschauen und reichte Johannes die Hand. Und er hielt -noch viel mehr von ihr wie früher. Sie konnte sicher keine böse Hexe -sein, wie alle Leute es ihr nachsagten. -- Dann begaben sie sich in den -Saal, und die kleinen Pagen präsentierten ihnen Eingemachtes und -Pfeffernüsse. Aber der alte König war betrübt, er konnte nichts essen. -Und die Pfeffernüsse waren ihm auch zu hart. - -Es wurde bestimmt, daß Johannes am nächsten Morgen wieder nach dem -Schlosse kommen sollte, dann würden die Richter und der ganze Rat -versammelt sein und hören, wie es mit dem Raten gehe. Würde er gut dabei -fahren, so sollte er dann noch zweimal kommen, aber es war noch nie -jemand da gewesen, der das erstemal richtig geraten hätte, und dann -mußte er das Leben verlieren. - -Johannes war nicht bekümmert darum, wie es ihm ergehen würde. Er war -vielmehr vergnügt, gedachte nur der schönen Prinzessin und glaubte -sicher, der liebe Gott werde ihm schon helfen. Aber wie, dies wußte er -nicht und wollte lieber nicht daran denken. Er tanzte auf der Landstraße -dahin, als er nach dem Wirtshause zurückging, wo der Reisekamerad auf -ihn wartete. - -Johannes konnte nicht fertig damit werden, zu erzählen, wie artig die -Prinzessin gegen ihn gewesen und wie schön sie sei. Er sehne sich schon -sehr nach dem nächsten Tage, wo er in das Schloß sollte, um sein Glück -im Raten zu versuchen. - -Aber der Reisekamerad schüttelte den Kopf und war betrübt. »Ich bin dir -so gut!« sagte er. »Wir hätten noch lange beisammen sein können, und nun -soll ich dich schon verlieren! Du armer, lieber Johannes! Ich möchte -weinen, aber ich will am letzten Abende, den wir vielleicht beisammen -sind, deine Freude nicht stören. Wir wollen lustig sein, recht lustig! -Morgen, wenn du fort bist, kann ich ungestört weinen.« - -Alle Leute drinnen in der Stadt hatten sogleich erfahren, daß ein neuer -Freier der Prinzessin angekommen war, und deshalb herrschte große -Betrübnis. Das Schauspielhaus blieb geschlossen, alle Kuchenfrauen -banden Flor um ihre Zuckermänner, der König und die Priester lagen auf -den Knien in den Kirchen. Es war große Betrübnis, denn es konnte -Johannes ja nicht besser ergehen, als es allen übrigen Freiern ergangen -war. - -Gegen Abend bereitete der Reisekamerad eine große Bowle Punsch und sagte -zu Johannes: »Nun wollen wir recht lustig sein und auf der Prinzessin -Gesundheit trinken.« Als aber Johannes zwei Gläser getrunken hatte, -wurde er so schläfrig, daß es ihm unmöglich war, die Augen offen zu -halten, er sank in tiefen Schlaf. Der Reisekamerad hob ihn sanft vom -Stuhle und legte ihn in das Bett hinein, und als es dunkle Nacht wurde, -nahm er die beiden großen Flügel, die er von dem Schwane abgehauen -hatte, und band sie an seine Schultern fest. Die größte Rute, die er von -der alten Frau erhalten, welche gefallen war und das Bein gebrochen -hatte, steckte er in seine Tasche, öffnete das Fenster und flog so über -die Stadt, nach dem Schlosse hin, wo er sich in einen Winkel unter das -Fenster setzte, wo es in die Schlafstube der Prinzessin ging. - -Es war still in der ganzen Stadt. Nun schlug die Uhr dreiviertel auf -Zwölf, das Fenster ging auf und die Prinzessin flog in einem langen, -weißen Mantel und mit schwarzen Flügeln über die Stadt weg hinaus zu -einem großen Berge. Aber der Reisekamerad machte sich unsichtbar, so daß -sie ihn nicht sehen konnte, flog hinterher und peitschte die Prinzessin -mit seiner Rute, so daß Blut kam, wohin er schlug. Ach, das war eine -Fahrt durch die Luft! Der Wind erfaßte ihren Mantel, der sich nach allen -Seiten ausbreitete gleich einem großen Schiffssegel, und der Mond schien -durch denselben. - -»Wie es hagelt! wie es hagelt!« sagte die Prinzessin bei jedem Schlage, -den sie von der Rute bekam, und das war ihr schon recht. Endlich kam sie -hinaus zum Berge und klopfte an. Es rollte gleich dem Donner, indem der -Berg sich öffnete, sie ging hinein. Der Reisekamerad folgte ihr, denn -niemand konnte ihn sehen, er war unsichtbar. Sie gingen durch einen -großen, langen Gang, wo die Wände eigentümlich glänzten, es waren über -tausend glühende Spinnen, die an der Mauer auf- und abliefen und wie -Feuer leuchteten. Da kamen sie in einen großen Saal, von Silber und Gold -erbaut, Blumen so groß wie Sonnenblumen, rote und blaue, glänzten an den -Wänden, aber niemand konnte die Blumen pflücken, denn die Stengel waren -häßliche, giftige Schlangen, und die Blumen waren Feuer, welches ihnen -aus dem Rachen heraus brannte. Die ganze Decke war mit leuchtenden -Johanneswürmchen und himmelblauen Fledermäusen bedeckt, die mit den -dünnen Flügeln schlugen. Es sah ganz schauerlich aus! Mitten auf dem -Fußboden war ein Thron, der von vier Pferdegerippen getragen wurde, -welchen Zaumzeug von den roten Feuerspinnen aufgelegt war, der Thron -selbst war aus milchweißem Glase, und die Kissen waren kleine, schwarze -Mäuse, die einander in den Schwanz bissen. Über demselben war ein Dach -von rosenrotem Spinngewebe, mit den niedlichen, kleinen grünen Flügeln -besetzt, welche wie Edelsteine glänzten. Auf dem Throne saß ein alter -Zauberer, mit einer Krone auf dem häßlichen Kopfe und einem Zepter in -der Hand. Er küßte die Prinzessin auf die Stirn, ließ sie an seine Seite -auf den kostbaren Thron setzen, und dann begann die Musik. Große, -schwarze Heuschrecken bliesen auf Mundharmonikas, und die Ente schlug -sich auf den Leib, denn sie hatte keine Trommel. Das war ein -possierliches Konzert. Kleine, schwarze Kobolde mit einem Irrlichte auf -der Mütze tanzten im Saale herum. Niemand aber konnte den Reisekameraden -erblicken, er hatte sich hinter den Thron gestellt und hörte und sah -alles. Die Hofleute, die nun herein kamen, waren sehr fein und vornehm! -Der, welcher sehen konnte, merkte wohl, wie es damit zusammenhing. Sie -waren nichts weiter als Besenstiele mit Kohlköpfen darauf, in die der -Zauberer Leben gehext und denen er gestickte Kleider gegeben hatte. Aber -das machte nichts aus, sie wurden doch nur zum Prunk gebraucht. - -Nachdem erst etwas getanzt war, erzählte die Prinzessin dem Zauberer, -daß sie einen neuen Freier erhalten habe und fragte deshalb, woran sie -wohl denken sollte, um ihn am nächsten Morgen darnach zu fragen, wenn er -nach dem Schlosse käme. - -»Höre,« sagte der Zauberer, »das will ich dir sagen! Du mußt etwas recht -Leichtes wählen, denn dann fällt er gar nicht darauf. Denke an einen -deiner Schuhe. Das rät er nicht. Laß ihm den Kopf abhauen, doch vergiß -nicht, wenn du morgen Nacht wieder zu mir kommst, mir seine Augen -mitzubringen, denn die will ich essen!« - -Die Prinzessin verneigte sich tief und sagte, sie würde die Augen nicht -vergessen. Der Zauberer öffnete nun den Berg, und sie flog wieder -zurück, aber der Reisekamerad folgte ihr und prügelte sie wieder so -stark mit der Rute, daß sie tief über das starke Hagelwetter seufzte und -sich, so sehr sie konnte, beeilte, durch das Fenster in ihre Schlafstube -zu gelangen. Der Reisekamerad dagegen flog zum Wirtshause zurück, wo -Johannes noch schlief, löste seine Flügel ab und legte sich dann auch -auf das Bett, denn er konnte wohl müde sein. - -Es war früh am Morgen, als Johannes erwachte. Der Reisekamerad stand -auch auf und erzählte, daß er diese Nacht einen sonderbaren Traum von -der Prinzessin und ihrem Schuhe gehabt habe und bat ihn, deshalb doch zu -fragen, ob die Prinzessin nicht an ihren Schuh gedacht haben sollte. -Denn das war es ja, was er von dem Zauberer im Berge gehört hatte. - -»Ich kann ebensogut darnach als nach etwas anderem fragen,« sagte -Johannes. »Vielleicht ist das richtig, was du geträumt hast, denn ich -vertraue auf den lieben Gott, der mir schon helfen wird. Aber ich will -dir noch Lebewohl sagen, denn rate ich falsch, so bekomme ich dich nie -mehr zu sehen.« - -Dann küßten sie sich, und Johannes ging in die Stadt und nach dem -Schlosse. Der Saal war mit Menschen angefüllt, die Richter saßen in -ihren Lehnstühlen und hatten Eiderdunenkissen unter den Köpfen, denn sie -hatten gar viel zu denken. Der alte König stand auf und trocknete seine -Augen mit einem weißen Taschentuche. Nun trat die Prinzessin herein. Sie -war noch schöner wie gestern und grüßte alle in anmutigster Weise, aber -dem Johannes gab sie die Hand und sagte: »Guten Morgen, du!« - -Nun sollte Johannes raten, woran sie gedacht habe, Gott, wie sah sie ihn -freundlich an! Aber sowie sie ihn das eine Wort »Schuh« aussprechen -hörte, wurde sie kreideweiß im Gesicht und zitterte am ganzen Körper. -Allein das konnte ihr nichts helfen, denn er hatte richtig geraten! - -Der Tausend! wie wurde der alte König vergnügt, er schoß einen -Purzelbaum, daß es eine Lust war. Und alle Leute klatschten in die -Hände, ihm und Johannes zu Ehren, der das erstemal richtig geraten -hatte. - -Der Reisekamerad war auch erfreut, als er erfuhr, wie gut es abgelaufen -war. Aber Johannes faltete die Hände und dankte seinem Gotte, der sicher -die beiden andern Male wieder helfen würde. Am nächsten Tage sollte -schon wieder geraten werden. - -Der Abend verging ebenso wie der gestrige. Als Johannes schlief, flog -der Reisekamerad hinter der Prinzessin her zum Berge hinaus und prügelte -sie noch stärker als das vorige Mal, denn nun hatte er zwei Ruten -genommen. Niemand bekam ihn zu sehen, und er hörte alles. Die Prinzessin -wollte an ihren Handschuh denken, und das erzählte er wieder dem -Johannes, als ob es ein Traum sei. Daher konnte derselbe richtig raten, -und es verursachte eine große Freude auf dem Schlosse. Der ganze Hof -schoß Purzelbäume, sowie sie es den König das erstemal hatten machen -sehen. Aber die Prinzessin lag auf dem Sofa und wollte nicht ein -einziges Wort sagen. Nun kam es darauf an, ob Johannes das drittemal -richtig raten konnte. Glückte es, so sollte er ja die schöne Prinzessin -haben und nach dem Tode des alten Königs das ganze Reich erben. Riet er -falsch, so sollte er sein Leben verlieren und der Zauberer seine -schönen, blauen Augen essen. - -Den Abend vorher ging Johannes zeitig zu Bett, betete sein Abendgebet -und schlief dann ruhig. Aber der Reisekamerad band seine Flügel an den -Rücken, den Säbel aber an seine Seite, nahm alle drei Ruten mit sich und -flog nach dem Schlosse. - -Es war finstere Nacht. Es stürmte so, daß die Dachsteine von den Häusern -flogen, und die Bäume drinnen im Garten, wo die Gerippe hingen, bogen -sich gleich nach dem Schilfe vor dem Sturmwinde. Es blitzte jeden -Augenblick und der Donner rollte, als ob es nur ein einziger Schlag sei, -der die ganze Nacht währte. Nun ging das Fenster auf, und die Prinzessin -flog heraus. Sie war so bleich wie der Tod, aber sie lachte über das -böse Wetter und meinte, es sei noch nicht arg genug. Und ihr weißer -Mantel wirbelte in der Luft umher, gleich einem großen Schiffssegel, -aber der Reisekamerad peitschte sie mit seinen drei Ruten, daß das Blut -auf die Erde tröpfelte und sie zuletzt kaum weiter fliegen konnte. -Endlich kam sie doch nach dem Berge. - -»Es hagelt und stürmt,« sagte sie, »nie bin ich bei solchem Wetter -ausgewesen.« - -»Man kann auch des Guten zu viel haben!« sagte der Zauberer. Nun -erzählte sie ihm, daß Johannes auch das zweitemal richtig geraten habe, -würde er dasselbe morgen tun, so hätte er gewonnen, und sie könne nie -mehr nach dem Berge hinauskommen, vermöchte nie mehr solche Zauberkünste -wie früher zu machen, deshalb war sie betrübt. - -»Er soll es nicht erraten können!« sagte der Zauberer. »Ich werde schon -etwas erdenken, was er sich nie gedacht hat, oder er müßte ein größerer -Zauberer gewesen sein als ich. Aber nun wollen wir lustig sein!« Und -dann faßte er die Prinzessin bei den Händen, und sie tanzten mit allen -den kleinen Kobolden mit Irrlichtern herum, die in dem Zimmer waren. Die -roten Spinnen sprangen an den Wänden ebenso lustig auf und nieder, es -sah aus, als ob Feuerblumen sprühten. Die Eule schlug auf die Trommel, -die Heimchen pfiffen, und die schwarzen Heuschrecken bliesen auf -Mundharmonikas. Es war ein lustiger Ball. -- - -Als sie nun lange genug getanzt hatten, mußte die Prinzessin nach Hause, -sonst möchte sie im Schlosse vermißt werden. Der Zauberer sagte, daß er -sie begleiten wolle, da wären sie doch unterwegs noch beisammen. - -Dann flogen sie in dem bösen Wetter davon, und der Reisekamerad schlug -seine drei Ruten auf ihrem Rücken entzwei. Nie war der Zauberer in -solchem Hagelwetter ausgewesen. Draußen vor dem Schlosse sagte er der -Prinzessin Lebewohl und flüsterte ihr zugleich zu: »Denke an meinen -Kopf!« Aber der Reisekamerad hörte es wohl, und gerade in dem -Augenblick, als die Prinzessin durch das Fenster in ihr Schlafgemach -schlüpfte und der Zauberer wieder umkehren wollte, ergriff er ihn an -seinem langen Barte und hieb mit dem Säbel seinen häßlichen Zaubererkopf -bei den Schultern ab, so daß der Zauberer ihn nicht einmal selbst zu -sehen bekam. Den Körper warf er hinaus in den See zu den Fischen, den -Kopf aber tauchte er nur in das Wasser und band ihn dann in sein -seidenes Taschentuch, nahm ihn mit nach dem Wirtshause und legte sich -dann schlafen. - -Am nächsten Morgen gab er Johannes das Taschentuch und sagte ihm dabei, -daß er es nicht aufbinden dürfe, bevor die Prinzessin frage, woran sie -gedacht habe. - -Es waren so viele Menschen in dem großen Saale auf dem Schlosse, daß sie -so dicht standen wie Radieschen, die in ein Bündel zusammengebunden -sind. Der Rat saß auf seinen Stühlen mit den weichen Kissen, und der -alte König hatte neue Kleider an, die goldene Krone und das Zepter waren -poliert: er sah feierlich aus. Aber die Prinzessin war bleich und hatte -ein schwarzes Kleid an, als gehe sie zum Begräbnis. - -»Woran habe ich gedacht?« fragte sie den Johannes. Und sogleich löste er -das Taschentuch und war selbst erschrocken, als er das häßliche -Zaubererhaupt erblickte. Es schauderte alle Menschen, denn es war -schrecklich anzusehen, aber die Prinzessin saß da wie ein Steinbild und -konnte nicht ein einziges Wort sagen. Endlich erhob sie sich und reichte -Johannes die Hand, denn er hatte ja richtig geraten. Sie sah weder auf -den einen noch auf den andern, sondern sie seufzte laut: »Nun bist du -mein Herr! Diesen Abend wollen wir Hochzeit halten!« - -»Das gefällt mir!« sagte der alte König. »So will ich es haben!« Alle -Leute riefen hurra, die Wachtparade machte Musik in den Straßen, die -Glocken läuteten und die Kuchenfrauen nahmen den schwarzen Flor von -ihren Zuckermännern, denn nun herrschte große Freude. Drei gebratene -Ochsen, mit Enten und Hühnern gefüllt, wurden mitten auf den Markt -gesetzt, und jeder konnte sich ein Stück abschneiden, in den -Springbrunnen sprudelte der schönste Wein, und kaufte man eine -Pfennigbrezel beim Bäcker, so bekam man sechs große Zwiebacke als -Zugabe, und die Zwiebacke mit Rosinen darin. - -Am Abende war die ganze Stadt erleuchtet, die Soldaten schossen mit -Kanonen, die Knaben mit Knallerbsen, und es wurde gegessen und -getrunken, angestoßen und gesprungen oben im Schlosse. Alle die -vornehmen Fräulein tanzten miteinander, man konnte in weiter Ferne -hören, wie sie sangen: - - Hier sind viel hübsche Mädchen, - Die gern tanzen rund herum, - Drehen sich wie Spinnerädchen; - Hübsches Mädchen, schwenk' dich um. - Tanzt und springet immerzu, - Bis die Sohle fällt vom Schuh. - -Aber die Prinzessin war ja noch eine Hexe und mochte Johannes gar nicht -leiden. Das fiel dem Reisekameraden ein, und deshalb gab er Johannes -drei Federn aus den Schwanenflügeln und eine kleine Flasche mit einigen -Tropfen darin und sagte ihm dann, daß er ein großes Faß mit Wasser -gefüllt vor das Bett der Prinzessin setzen lassen solle, und wenn die -Prinzessin hineinsteigen wolle, sollte er ihr einen kleinen Stoß geben, -so daß sie in das Wasser hinunterfalle, wo er sie dreimal untertauchen -müsse, nachdem er vorher die Federn und die Tropfen hineingeschüttet -habe, dann werde sie ihre Zauberei verlieren und ihn recht lieb haben. - -Johannes tat alles, was der Reisekamerad ihm geraten hatte. Die -Prinzessin schrie laut, als er sie unter das Wasser tauchte, und -zappelte ihm unter den Händen wie ein großer, schwarzer Schwan mit -funkelnden Augen. Als sie das zweitemal wieder über das Wasser herauf -kam, war der Schwan weiß, bis auf einen schwarzen Ring um den Hals. -Johannes betete fromm zu Gott und ließ das Wasser das drittemal über den -Vogel zusammenschlagen, und in demselben Augenblick wurde dieser in die -schönste Prinzessin verwandelt. Sie war noch schöner als zuvor und -dankte ihm mit Tränen in ihren herrlichen Augen, daß er den Zauber von -ihr gelöst habe. - -Am nächsten Morgen kam der alte König mit seinem ganzen Hofstaate, da -gab es ein Gratulieren bis spät in den Tag hinein. Zuletzt kam der -Reisekamerad, er hatte seinen Stock in der Hand und das Ränzel auf dem -Rücken. Johannes küßte ihn viele Mal und sagte, er dürfe nicht -fortreisen, er solle bei ihm bleiben, denn er wäre ja die Ursache seines -Glücks. Aber der Reisekamerad schüttelte mit dem Kopfe und sagte mild -und freundlich: »Nein, nun ist meine Zeit um. Ich habe nur meine Schuld -bezahlt. Erinnerst du dich des toten Mannes, dem die bösen Menschen -Übles tun wollten? Du gabst alles, was du besaßest, damit er Ruhe in -seinem Grabe haben konnte. Der Tote bin ich!« - -In demselben Augenblicke war er verschwunden. -- - -Die Hochzeit währte nun einen ganzen Monat. Johannes und die Prinzessin -liebten einander innig, und der alte König erlebte manche frohe Tage und -ließ ihre kleinen Kinderchen auf seinen Knien reiten und mit seinem -Zepter spielen. Aber Johannes wurde König über das ganze Land. - - - - - Das Märchenbuch - - - Eine Sammlung von Märchenbüchern - für Kinder und Erwachsene - - Mit Zeichnungen der besten deutschen Maler - - Herausgegeben von Bruno Cassirer - - Band 1 - Deutsche Märchen - Illustriert von Max Slevogt - Gebunden 10 Mark - - Band 2 - Deutsche Märchen - Illustriert von Graf L. von Kalckreuth - Gebunden 8 Mark - - Band 3 - Genovefa -- Der arme Heinrich - Illustriert von W. Klemm - Gebunden 8 Mark - - Band 4 - Aladdin oder die Wunderlampe - Illustriert von C. Strathmann - Gebunden 8 Mark - - Band 5 - Zwerg Nase - Farbig illustriert von Karl Walser - Zweite Auflage. Gebunden 13.50 Mark - - Band 6 - Rübezahl - Illustriert von Max Slevogt - Gebunden 10 Mark - - Band 7 - Das kalte Herz - Farbig illustriert von Karl Walser - Gebunden 10 Mark - - Band 8 - Kalif Storch -- Der kleine Muck - Farbig illustriert von Karl Walser - Gebunden 10 Mark - - Band 9 - Frau Holle und anderes - Illustriert von Bernhard Hasler - Gebunden 15 Mark - - Band 10 - Ali Baba und die vierzig Räuber - Illustriert, teils mehrfarbig, von Max Slevogt - Zweite Auflage. In Halbleinen gebunden 35 Mark - - Von einigen Bänden sind noch wenige Exemplare in Ganzleder mit - Goldprägung zum Preise von 200 Mark vorrätig. Hergestellt wurden - je 100 numerierte Exemplare - - Druck: Hof-Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner in Weimar - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 23]: - ... Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im Stile und in ... - ... Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im Stiele und in ... - - [S. 37]: - ... Berge, auf deren Gipfel der weiße Schnee glänzte, als wären ... - ... Berge, auf deren Gipfeln der weiße Schnee glänzte, als wären ... - - [S. 58]: - ... deine dreihundert Jahre, bevor du zu toten, salzigem - Seeschaume ... - ... deine dreihundert Jahre, bevor du zu totem, salzigem - Seeschaume ... - - [S. 74]: - ... von allem Möglichem, was existierte, zu erzählen. ... - ... von allem Möglichen, was existierte, zu erzählen. ... - - [S. 91]: - ... wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie ihm das eine - Wort ... - ... wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie ihn das eine - Wort ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Märchen (Illustriert von Alfred Kubin), by -Hans Christian Andersen - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN (ILLUSTRIERT VON *** - -***** This file should be named 50965-8.txt or 50965-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/6/50965/ - -Produced by Jens Sadowski -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Märchen (Illustriert von Alfred Kubin) - Die Nachtigall / Die kleine Seejungfrau / Der Reisekamerad - -Author: Hans Christian Andersen - -Illustrator: Alfred Kubin - -Release Date: January 19, 2016 [EBook #50965] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN (ILLUSTRIERT VON *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - -</pre> - - -<div class="titlematter"> -<p class="half"> -H. C. Andersens Märchen -</p> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<div class="centerpic" id="img-frontispiz"> -<img src="images/frontispiz.jpg" alt="" /></div> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<h1 class="title"> -Die Nachtigall<br /> -Die kleine Seejungfrau<br /> -Der Reisekamerad -</h1> - -<p class="aut"> -<span class="line1">von</span><br /> -<span class="line2">H. C. Andersen</span> -</p> - -<p class="ill"> -Mit Zeichnungen<br /> -von<br /> -Alfred Kubin -</p> - -<p class="pub"> -<span class="line1">Im Verlag von Bruno Cassirer, Berlin</span><br /> -<span class="line2">1922</span> -</p> - -</div> - -<h2 class="part" id="part-1"> -<a id="page-1" class="pagenum" title="1"></a> -Die Nachtigall -</h2> - -<div class="ulshapepic pbb" id="img-003"> -<div class="boxu box003u"> -<a id="page-3" class="pagenum" title="3"></a><img src="images/003.jpg" alt="" /> -</div> -<div class="boxl box003l"></div> -</div> - -<p class="drop_i"> -<span class="drop">I</span>n China, weißt du wohl, ist der Kaiser ein -Chinese, und alle, die er um sich her hat, -sind auch Chinesen. Es ist nun viele Jahre -her, aber eben deshalb ist es der Mühe -wert, die Geschichte zu hören, ehe sie vergessen -wird! Des Kaisers Schloß war -das prächtigste in der Welt, ganz und -gar von feinem Porzellan, sehr kostbar, -aber so spröde, so mißlich, daran zu -rühren, daß man sich sehr in acht nehmen -mußte. Im Garten sah man die wunderbarsten Blumen, -und an die prächtigsten waren Silberglocken gebunden, -welche klangen, damit man nicht vorbeigehen möchte, -ohne die Blumen zu bemerken. Ja, alles war in des Kaisers -Garten fein ausspekuliert. Und er erstreckte sich so weit, daß -der Gärtner selbst das Ende desselben nicht kannte. Ging -man immer weiter, so kam man in den herrlichsten Wald mit -hohen Bäumen und tiefen Seen. Der Wald ging gerade -hinunter bis zum Meere, welches blau und tief war, große -Schiffe konnten bis unter die Zweige der Bäume hinsegeln, -und in diesen wohnte eine Nachtigall, die so herrlich sang, -daß selbst der arme Fischer, der noch viel anderes zu tun -hatte, still hielt und horchte, wenn er des Nachts ausgefahren -war, um das Fischnetz auszuwerfen und dann die -Nachtigall hörte. „Ach Gott, wie ist das schön!“ sagte er, -aber er mußte auf seine Sachen acht geben und vergaß dabei -den Vogel. Doch wenn dieser in der nächsten Nacht wieder -<a id="page-4" class="pagenum" title="4"></a> -sang und der Fischer dorthin kam, sagte derselbe: „Ach Gott, -wie ist das schön!“ -</p> - -<p> -Aus allen Ländern der Welt kamen Reisende nach der -Stadt des Kaisers und bewunderten diese, das Schloß und -den Garten. Doch wenn sie die Nachtigall zu hören bekamen, -sagten sie alle: „Das ist doch das beste!“ -</p> - -<p> -Die Reisenden erzählten davon, wenn sie nach Hause -kamen, und die Gelehrten schrieben viele Bücher über die -Stadt, das Schloß und den Garten. Aber auch die Nachtigall -vergaßen sie nicht: die wurde am höchsten gestellt, und die, -welche dichten konnten, schrieben die herrlichsten Gedichte über -die Nachtigall im Walde bei dem tiefen See. -</p> - -<p> -Die Bücher durchliefen die Welt, und einige davon kamen -auch einmal zum Kaiser. Er saß in seinem goldenen Stuhle -und las und las, jeden Augenblick nickte er mit dem Kopfe, -denn es freute ihn, die prächtigen Beschreibungen der Stadt, -des Schlosses und des Gartens zu vernehmen. „Aber die -Nachtigall ist doch das allerbeste!“ stand da geschrieben. -</p> - -<p> -„Was ist das?“ sagte der Kaiser. „Die Nachtigall kenne -ich ja gar nicht! Ist ein solcher Vogel in meinem Kaiserreiche -und sogar in meinem Garten? Das habe ich nie gehört! So -etwas erst aus Büchern zu erfahren!“ -</p> - -<p> -Und hierauf rief er seinen Kavalier. Der war so vornehm, -daß, wenn jemand, der geringer als er war, mit ihm zu sprechen -oder ihn nach etwas zu fragen wagte, er weiter nichts erwiderte -als: „P!“ und „das hat nichts zu bedeuten“. -</p> - -<p> -„Hier soll ja ein höchst merkwürdiger Vogel sein, welcher -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -Nachtigall genannt wird!“ sagte der Kaiser. „Man sagt, dies -sei das allerbeste in meinem großen Reiche. Weshalb hat man -mir nie etwas davon gesagt?“ -</p> - -<p> -„Ich habe ihn früher nie nennen hören!“ sagte der Kavalier. -„Er ist nie bei Hofe vorgestellt worden!“ -</p> - -<p> -„Ich will, daß er heute abend herkommen und vor mir -singen soll!“ sagte der Kaiser. „Die ganze Welt weiß, was -ich habe, und ich weiß es nicht!“ -</p> - -<p> -„Ich habe ihn früher nie nennen hören!“ sagte der Kavalier. -„Ich werde ihn suchen, ich werde ihn finden!“ — -</p> - -<p> -Aber wo war der zu finden? Der Kavalier lief alle Treppen -auf und nieder, durch Säle und Gänge, aber keiner von -allen denen, auf die er traf, hatte von der Nachtigall sprechen -hören. Und der Kavalier lief wieder zum Kaiser und sagte, -daß es sicher eine Fabel von denen sein müßte, die da Bücher -schrieben. „Dero Kaiserliche Majestät können gar nicht glauben, -was alles geschrieben wird! Das sind Erdichtungen und -etwas, was man die schwarze Kunst nennt.“ -</p> - -<p> -„Aber das Buch, in dem ich dieses gelesen habe,“ sagte -der Kaiser, „ist mir von dem großmächtigsten Kaiser von -Japan gesandt, und es kann also keine Unwahrheit sein, ich -will die Nachtigall hören! Sie muß heute abend hier sein! -Sie hat meine höchste Gnade! Und kommt sie nicht, so soll -dem ganzen Hofe auf den Leib getrampelt werden, wenn er -Abendbrot gegessen hat!“ -</p> - -<p> -„Tsing pe!“ sagte der Kavalier und lief wieder alle Treppen -auf und nieder, durch alle Säle und Gänge, und der -<a id="page-6" class="pagenum" title="6"></a> -halbe Hof lief mit, denn sie wollten nicht gern auf den Leib -getrampelt sein. Da gab es ein Fragen nach der merkwürdigen -Nachtigall, welche die ganze Welt kannte, nur niemand bei -Hofe. -</p> - -<p> -Endlich trafen sie ein armes, kleines Mädchen in der Küche. -Die sagte: „O Gott, die Nachtigall kenne ich gut, ja, wie -kann sie singen! Jeden Abend habe ich Erlaubnis, meiner -armen, kranken Mutter Überbleibsel vom Tische nach Hause zu -tragen; sie wohnt unten am Strand, und wenn ich zurückgehe, -müde bin und im Walde ausruhe, dann höre ich die Nachtigall -singen! Es kommen mir dabei die Tränen in die Augen, -und es ist, als ob meine Mutter mich küßte!“ -</p> - -<p> -„Kleine Köchin!“ sagte der Kavalier, „ich werde dir eine -Anstellung in der Küche und die Erlaubnis verschaffen, den -Kaiser speisen zu sehen, wenn du uns zur Nachtigall führen -kannst, denn sie ist zu heute abend angesagt.“ -</p> - -<p> -Und so zogen sie alle hinaus in den Wald, wo die Nachtigall -zu singen pflegte, der halbe Hof war mit. Als sie im -besten Zuge waren, fing eine Kuh zu brüllen an. -</p> - -<p> -„Oh!“ sagten die Hofjunker, „nun haben wir sie! Das ist -doch eine merkwürdige Kraft in einem so kleinen Tiere! Die -habe ich sicher schon früher gehört!“ -</p> - -<p> -„Nein, das sind Kühe, welche so brüllen!“ sagte die kleine -Köchin. „Wir sind noch weit von dem Orte entfernt!“ -</p> - -<p> -Nun quakten die Frösche im Sumpfe. -</p> - -<p> -„Herrlich!“ sagte der chinesische Hofprediger. „Nun höre -ich sie; es klingt gerade wie kleine Kirchenglocken.“ -</p> - -<div class="rightpic" id="img-007"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a><img src="images/007.jpg" alt="" /></div> - -<p> -„Nein, das sind -Frösche!“ sagte die -kleine Köchin. „Aber -nun denke ich, werden -wir sie bald -hören!“ -</p> - -<p> -Da begann die -Nachtigall zu schlagen. -</p> - -<p> -„Das ist sie!“ -sagte das kleine Mädchen. -„Hört! Hört! -Da sitzt sie!“ Und -sie zeigte nach einem -kleinen, grauen Vogel -oben in den -Zweigen. -</p> - -<p> -„Ist es möglich!“ sagte der Kavalier. „So hätte ich sie -mir nimmer gedacht! Wie sie einfach aussieht! Sie hat sicher -ihre Farbe darüber verloren, daß sie so viele vornehme Menschen -um sich erblickt!“ -</p> - -<p> -„Kleine Nachtigall!“ rief die kleine Köchin laut, „unser -gnädigster Kaiser wünscht, daß Sie vor ihm singen!“ -</p> - -<p> -„Mit dem größten Vergnügen!“ sagte die Nachtigall und -sang dann, daß es eine Lust war. -</p> - -<p> -„Es klingt gerade wie Glasglocken!“ sagte der Kavalier. -„Und seht die kleine Kehle, wie sie arbeitet! Es ist merkwürdig, -<a id="page-8" class="pagenum" title="8"></a> -daß wir sie früher nie gehört haben! Sie wird großen <i>Succès</i> -bei Hofe machen!“ -</p> - -<p> -„Soll ich noch einmal vor dem Kaiser singen?“ fragte die -Nachtigall, welche glaubte, der Kaiser sei auch da. -</p> - -<p> -„Meine vortreffliche kleine Nachtigall!“ sagte der Kavalier, -„ich habe die große Freude, Sie zu einem Hoffeste heute -abend einzuladen, wo Sie Dero hohe kaiserliche Gnaden mit -ihrem charmanten Gesange bezaubern werden!“ -</p> - -<p> -„Der hört sich am besten im Grünen an!“ sagte die Nachtigall, -aber sie kam doch gern mit, als sie hörte, daß es der -Kaiser wünschte. -</p> - -<p> -Auf dem Schlosse war tüchtig aufgeputzt. Die Wände -und der Fußboden, welche von Porzellan waren, glänzten im -Strahle vieler tausend Goldlampen; die prächtigsten Blumen, -welche recht klingeln konnten, waren in den Gängen aufgestellt. -Das war ein Laufen und ein Zugwind, und alle Glocken -klingelten so, daß man sein eigenes Wort nicht hören konnte. -</p> - -<p> -Mitten in den großen Saal, wo der Kaiser saß, war ein -goldener Stecken gestellt, auf diesem sollte die Nachtigall sitzen. -Der ganze Hof war da, und die kleine Köchin hatte die Erlaubnis -erhalten, hinter der Tür zu stehen, da sie nun den Titel -einer wirklichen Hofköchin bekommen hatte. Alle waren in -ihrem größten Putz, und alle sahen nach dem kleinen grauen -Vogel, dem der Kaiser zunickte. -</p> - -<p> -Die Nachtigall sang so herrlich, daß dem Kaiser die -Tränen in die Augen traten und ihm über die Wangen -herniederliefen, da sang die Nachtigall noch schöner: das ging -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -recht zu Herzen. Der Kaiser war so froh, daß er sagte, die -Nachtigall sollte seinen goldenen Pantoffel um den Hals zu -tragen bekommen. Aber die Nachtigall dankte, sie habe schon -Belohnung genug erhalten. -</p> - -<p> -„Ich habe Tränen in des Kaisers Augen gesehen, das ist -mir der reichste Schatz! Eines Kaisers Tränen haben eine besondere -Kraft! Gott weiß es, ich bin genug belohnt.“ Darauf -sang sie wieder mit ihrer süßen, herrlichen Stimme. -</p> - -<p> -„Das ist die liebenswürdigste Koketterie, die ich kenne!“ -sagten die Damen rings umher, und dann nahmen sie Wasser -in den Mund um zu glucken, wenn jemand mit ihnen spräche. -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Sie glaubten, dann auch Nachtigallen zu sein. Ja, die Lakaien -und Kammermädchen ließen melden, daß auch sie zufrieden -seien; das will viel sagen, denn die sind am schwersten zu befriedigen. -Kurz, die Nachtigall machte wahrlich Glück. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-009"> -<img src="images/009.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Sie sollte nun bei Hofe bleiben, ihr eigenes Bauer und -die Freiheit haben, zweimal des Tages und einmal des -Nachts herauszuspazieren. Sie bekam dann zwölf Diener mit, -welche ihr alle ein Seidenband um das Bein geschlungen -hatten, an dem sie sie recht fest hielten. Es war durchaus kein -Vergnügen bei einem solchen Ausfluge. -</p> - -<p> -Die ganze Stadt sprach von dem merkwürdigen Vogel, -und begegneten sich zwei, so sagte der eine nichts anders als: -„Nacht!“ — und der andere sagte: „gall!“ Und dann seufzten -sie und verstanden einander. Ja, elf Hökerkinder wurden nach -ihr benannt, aber nicht eins von ihnen hatte einen Ton in der -Kehle. — -</p> - -<p> -Eines Tages erhielt der Kaiser ein großes Paket, worauf -geschrieben stand: „Die Nachtigall.“ -</p> - -<p> -„Da haben wir nun ein neues Buch über unsern berühmten -Vogel!“ sagte der Kaiser. Aber es war kein Buch, sondern -ein kleines Kunstwerk, welches in einer Schachtel lag: eine -künstliche Nachtigall, die der lebenden gleichen sollte, allein -überall mit Diamanten, Rubinen und Saphiren besetzt war. -Sobald man den Kunstvogel aufzog, konnte er eins der Stücke, -die der wirkliche Vogel sang, singen, und dann bewegte sich -der Schweif auf und nieder, und glänzte von Silber und -Gold. Um den Hals hing ein kleines Band, darauf stand geschrieben: -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -„Des Kaisers von Japan Nachtigall ist arm gegen -die des Kaisers von China.“ -</p> - -<p> -„Das ist herrlich!“ sagten alle, und der, welcher den künstlichen -Vogel gebracht hatte, erhielt sogleich den Titel: Kaiserlicher -Ober-Nachtigallbringer. -</p> - -<p> -„Nun müssen sie zusammen singen, was wird das für ein -Duett werden.“ -</p> - -<p> -Und so mußten sie zusammen singen, aber es wollte nicht -recht passen, denn die wirkliche Nachtigall sang auf ihre Weise, -und der Kunstvogel ging auf Walzen. „Der hat keine Schuld,“ -sagte der Spielmeister, „der ist besonders taktfest und ganz -nach meiner Schule!“ Nun sollte der Kunstvogel allein singen. -Er machte ebenso viel Glück als der wirkliche, und dann war -er ja viel niedlicher anzusehen: er glänzte wie Armbänder und -Busennadeln. -</p> - -<p> -Dreiunddreißigmal sang er ein und dasselbe Stück und -war doch nicht müde. Die Leute hätten ihn gern wieder aufs -neue gehört, aber der Kaiser meinte, daß nun auch die lebendige -Nachtigall etwas singen sollte. — — Aber wo war die? -Niemand hatte bemerkt, daß sie aus dem offenen Fenster zu -ihren grünen Wäldern fortgeflogen war. -</p> - -<p> -„Aber was ist denn das?“ sagte der Kaiser. Und alle Hofleute -schalten und weinten, daß die Nachtigall ein höchst undankbares -Tier sei. „Den besten Vogel haben wir doch!“ -sagten sie, und so mußte denn der Kunstvogel wieder singen, -und das war das vierunddreißigstemal, daß sie dasselbe Stück -zu hören bekamen. Sie konnten es dessenungeachtet doch nicht -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -auswendig, es war gar zu schwer. Und der Spielmeister lobte -den Vogel außerordentlich; ja, er versicherte, daß er besser wie -eine Nachtigall sei, nicht nur was die Kleider und die herrlichen -Diamanten beträfe, sondern auch innerlich. -</p> - -<p> -„Denn sehen sie, meine Herren, der Kaiser vor allen! bei -der wirklichen Nachtigall kann man nie berechnen, was da -kommen wird, aber bei dem Kunstvogel ist alles bestimmt! -Man kann es erklären, man kann ihn öffnen und dem Menschen -begreiflich machen, wie die Walzen liegen, wie sie gehen, -und wie das eine aus dem andern folgt!“ -</p> - -<p> -„Das sind auch unsere Gedanken!“ sagten alle, und der -Spielmeister erhielt die Erlaubnis, am nächsten Sonntage den -Vogel dem Volke vorzuzeigen. Es sollte ihn auch singen hören, -befahl der Kaiser. Und es hörte ihn, und es wurde so vergnügt, -als ob es sich in Tee berauscht hätte, denn das ist -chinesisch; da sagten alle: „Oh!“ und hielten den Zeigefinger -in die Höhe und nickten dazu. Die armen Fischer jedoch, -welche die wirkliche Nachtigall gehört hatten, sagten: „Das -klingt hübsch genug, die Melodien gleichen sich auch, aber es -fehlt etwas, ich weiß nicht was!“ -</p> - -<p> -Die wirkliche Nachtigall wurde aus dem Lande und Reiche -verwiesen. -</p> - -<p> -Der Kunstvogel hatte seinen Platz auf einem Seidenkissen, -dicht bei des Kaisers Bette. Alle die Geschenke, welche er -erhalten, Gold und Edelsteine, lagen rings um ihn her, und -im Titel war er zu einem „Hochkaiserlichen Nachttisch-Sänger“ -gestiegen, im Range bis Nummer eins zur linken Seite. -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -Denn der Kaiser rechnete die Seite für die vornehmste, auf -der das Herz saß, und das Herz sitzt auch bei einem Kaiser -links. Und der Spielmeister schrieb ein Werk von fünfundzwanzig -Bänden über den Kunstvogel; das war so gelehrt -und so lang, voll von den allerschwersten chinesischen Wörtern, -daß alle Leute sagten, sie hätten es gelesen und verstanden, -denn sonst wären sie ja dumm gewesen und wären -auf den Leib getrampelt worden. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-013"> -<img src="images/013.jpg" alt="" /></div> - -<p> -So ging es ein ganzes Jahr. Der Kaiser, der Hof und -alle die andern Chinesen konnten jeden Gluck in des Kunstvogels -Gesange auswendig. Aber gerade deshalb gefiel er -ihnen jetzt am allerbesten: sie konnten selbst mitsingen, und -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -das taten sie auch. Die Straßenbuben sangen: „Zizizi! -Gluckgluckgluck!“ und der Kaiser sang es ebenfalls. Ja, das -war gewiß prächtig! -</p> - -<p> -Eines Abends jedoch, als der Kunstvogel am besten sang, -und der Kaiser im Bette lag und darauf hörte, sagte es inwendig -im Vogel „Schwupp“. Da sprang etwas! „Schnurr!“ -alle Räder liefen herum, und dann stand die Musik still. -</p> - -<p> -Der Kaiser sprang gleich aus dem Bette und ließ seinen -Leibarzt rufen, aber was konnte der helfen! Dann ließen sie -den Uhrmacher holen, und nach vielem Sprechen und Nachsehen -bekam er den Vogel etwas in Ordnung, aber er sagte, -daß er geschont werden müsse, denn die Zapfen seien abgenutzt, -und es wäre unmöglich, neue so einzusetzen, daß die Musik -sicher ginge. Nun war eine große Trauer! Nur einmal des -Jahres durfte man den Kunstvogel singen lassen, und das -war schon fast zu viel. Aber dann hielt der Spielmeister -eine kleine Rede voll inhaltsschwerer Worte und sagte, daß -es ebensogut sei, wie früher; dann war es ebensogut, wie -früher. -</p> - -<p> -Jetzt waren fünf Jahre vergangen, und das Land bekam -eine große Trauer. Die Chinesen hielten im Grunde alle auf -ihren Kaiser, und jetzt war er krank und konnte nicht lange -mehr leben, sagte man. -</p> - -<p> -Schon war ein neuer Kaiser gewählt, und das Volk stand -draußen auf der Straße und fragte den Kavalier, wie es -ihrem alten Kaiser ginge. -</p> - -<p> -„P!“ sagte er und schüttelte mit dem Kopfe. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-015"> -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a><img src="images/015.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Kalt und bleich lag der Kaiser in seinem großen, prächtigen -Bette; der ganze Hof glaubte ihn tot, und ein jeder von -ihnen lief hin, den neuen Kaiser zu begrüßen. Die Kammerdiener -liefen hinaus, um darüber zu schwatzen, und die Kammermädchen -hatten große Kaffeegesellschaft. Ringsumher in alle -Säle und Gänge war Tuch gelegt, damit man keinen Fußtritt -vernehme, und deshalb war es da still, ganz still. Aber der -Kaiser war noch nicht tot; steif und bleich lag er in dem -prächtigen Bette, mit den langen Samtgardinen und den -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -schweren Goldquasten, hoch oben stand ein Fenster offen, -und der Mond schien herein auf den Kaiser und den Kunstvogel. -</p> - -<p> -Der arme Kaiser konnte kaum atmen; es war, als ob -etwas auf seiner Brust säße, er schlug die Augen auf, und -da sah er, daß es der Tod sei, der auf seiner Brust saß und -sich seine goldene Krone aufgesetzt hatte und in der einen -Hand des Kaisers goldenen Säbel, in der andern seine prächtige -Fahne hielt. Und ringsumher aus den Falten der großen, -samtnen Bettgardinen sahen wunderbare Köpfe hervor: einige -häßlich, andere lieblich und mild. Das waren alle des Kaisers -böse und gute Taten, welche ihn anblickten, jetzt, da der Tod -ihm auf dem Herzen saß. -</p> - -<p> -„Entsinnest du dich dieses?“ flüsterte einer nach dem andern. -„Erinnerst du dich dessen?“ Und dann erzählten sie ihm so -viel, daß ihm der Schweiß von der Stirne rann. -</p> - -<p> -„Das habe ich nicht gewußt!“ sagte der Kaiser. „Musik! -Musik! die große chinesische Trommel!“ rief er, „damit ich -nicht alles zu hören brauche, was sie sagen!“ -</p> - -<p> -Und sie fuhren fort, und der Tod nickte wie ein Chinese -zu allem, was gesagt wurde. -</p> - -<p> -„Musik! Musik!“ schrie der Kaiser. „Du kleiner herrlicher -Goldvogel! Singe doch, singe! Ich habe dir ja Gold und -Kostbarkeiten gegeben; ich habe dir selbst meinen goldenen -Pantoffel um den Hals gehängt, singe doch, singe!“ -</p> - -<p> -Der Vogel aber stand still, es war niemand da, ihn aufzuziehen, -und sonst sang er nicht, aber der Tod fuhr fort, den -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -Kaiser mit seinen großen, hohlen Augen anzustarren, und still -war es, schrecklich still! -</p> - -<div class="centerpic" id="img-017"> -<img src="images/017.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Da klang auf einmal vom Fenster her der herrlichste Gesang: -es war die kleine, lebende Nachtigall, welche auf einem -Zweige draußen saß. Sie hatte von der Not ihres Kaisers -gehört und war deshalb gekommen, ihm Trost und Hoffnung -zu singen. Und wie sie sang, wurden die Gespenster immer -bleicher und bleicher, das Blut kam immer rascher und rascher -in des Kaisers schwachen Gliedern in Bewegung, und selbst -der Tod horchte und sagte: „Fahre fort, kleine Nachtigall! -fahre fort!“ -</p> - -<p> -„Ja, willst du mir den prächtigen goldenen Säbel geben? -Willst du mir die reiche Fahne geben? Willst du mir des -Kaisers Krone geben?“ -</p> - -<p> -Und der Tod gab jedes Kleinod für einen Gesang, und -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -die Nachtigall fuhr noch fort zu singen; sie sang von dem -stillen Gottesacker, wo die weißen Rosen wachsen, wo der -Flieder duftet, und wo das frische Gras von den Tränen der -Überlebenden befeuchtet wird. Da bekam der Tod Sehnsucht -nach seinem Garten und schwebte wie ein kalter, weißer Nebel -aus dem Fenster. -</p> - -<p> -„Dank, Dank!“ sagte der Kaiser. „Du himmlischer kleiner -Vogel! Ich kenne dich wohl! Dich habe ich aus meinem Lande -und Reiche gejagt! Und doch hast du die bösen Gesichter von -meinem Bette weggesungen, den Tod von meinem Herzen -weggeschafft! Wie kann ich dir lohnen?“ -</p> - -<p> -„Du hast mich belohnt!“ sagte die Nachtigall. „Ich habe -deinen Augen Tränen entlockt, als ich das erstemal sang: das -vergesse ich nie! Das sind Juwelen, die ein Sängerherz erfreuen! -Aber schlafe nun und werde wieder frisch und stark! -Ich werde dir etwas vorsingen!“ -</p> - -<p> -Und sie sang — und der Kaiser fiel in einen süßen -Schlummer. Ach! wie mild und wohltuend war der Schlaf! -</p> - -<p> -Die Sonne schien durch die Fenster zu ihm herein, als er -gestärkt und gesund erwachte. Keiner von seinen Dienern war -noch zurückgekehrt, denn sie glaubten, er sei tot, nur die Nachtigall -saß noch bei ihm und sang. -</p> - -<p> -„Immer mußt du bei mir bleiben!“ sagte der Kaiser. -„Du sollst nun singen, wenn du selbst willst, und den Kunstvogel -schlage ich in tausend Stücke.“ -</p> - -<p> -„Tue das nicht!“ sagte die Nachtigall. „Der hat ja Gutes -getan, so lange er konnte! Behalte ihn wie bisher! Ich kann -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -im Schlosse nicht mein Nest bauen und bewohnen, aber laß -mich kommen, wenn ich selbst Lust habe; da will ich des Abends -auf dem Zweige dort beim Fenster sitzen und dir etwas vorsingen, -damit du froh werden kannst und gedankenvoll zugleich! -Ich werde von den Glücklichen singen und von denen, die da -leiden! Ich werde vom Bösen und vom Guten singen, was -rings um dich her verborgen bleibt! Der kleine Singvogel -fliegt weit umher, zu dem armen Fischer, zu des Landmanns -Dach, zu jedem, der weit von dir und deinem Hofe entfernt -ist! Ich liebe dein Herz mehr als deine Krone, und doch hat -die Krone einen Duft von etwas Heiligtum um sich! — Ich -komme, ich singe dir etwas vor! — Aber eins mußt du mir -versprechen.“ — -</p> - -<div class="centerpic" id="img-019"> -<img src="images/019.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -— „Alles!“ sagte der Kaiser und stand da in seiner kaiserlichen -Tracht, die er selbst angelegt hatte, und drückte den -Säbel, welcher schwer von Gold war, an sein Herz. -</p> - -<p> -„Um eins bitte ich dich! Erzähle niemand, daß du einen -kleinen Vogel hast, der dir alles sagt, dann wird es noch -besser gehen!“ -</p> - -<p> -Da flog die Nachtigall fort. -</p> - -<p> -Die Diener kamen herein, um nach ihrem toten Kaiser zu -sehen — — ja, da standen sie, und der Kaiser sagte: „Guten -Morgen!“ -</p> - -<div class="centerpic" id="img-020"> -<img src="images/020.jpg" alt="" /></div> - -<h2 class="part" id="part-2"> -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -Die kleine Seejungfer -</h2> - -<div class="centerpic pbb" id="img-023"> -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a><img src="images/023.jpg" alt="" /></div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">W</span>eit draußen im Meere ist das Wasser so blau wie -die Blätter der schönsten Kornblume und so klar wie -das reinste Glas. Aber es ist sehr tief, tiefer, als irgendein -Ankertau reicht, viele Kirchtürme müßten aufeinander gestellt -werden, um vom Boden bis über das Wasser zu reichen. Dort -unten wohnt das Meervolk. -</p> - -<p> -Nun muß man aber nicht glauben, daß da nur der nackte, -weiße Sandboden sei, nein, da wachsen die sonderbarsten -Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im <a id="corr-0"></a>Stiele und in -den Blättern sind, daß sie sich bei der geringsten Bewegung -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -des Wassers rühren, als ob sie lebten. Alle kleinen und großen -Fische schlüpfen zwischen den Zweigen hindurch wie hier oben -die Vögel durch die Bäume. An der tiefsten Stelle liegt des -Meerkönigs Schloß; die Mauern sind von Korallen und die -langen Spitzbogenfenster vom klarsten Bernstein, aber das Dach -bilden Muschelschalen, die sich öffnen und schließen, je nachdem -das Wasser strömt. Es sieht herrlich aus, denn in jeder -liegen strahlende Perlen, eine einzige davon würde großen -Wert in der Krone einer Königin haben. -</p> - -<p> -Der Meerkönig dort unten war seit vielen Jahren Witwer, -während seine alte Mutter bei ihm wirtschaftete. Sie war -eine kluge Frau, aber stolz auf ihren Adel, deshalb trug sie -zwölf Austern auf dem Schwanze, die andern Vornehmen -aber durften nur sechs tragen. — Sonst verdiente sie großes -Lob, besonders weil sie viel auf die kleinen Meerprinzessinnen, -ihre Enkelinnen, hielt. Es waren sechs schöne Kinder, aber die -jüngste war die schönste von allen, ihre Haut so klar und so -fein wie ein Rosenblatt, ihre Augen so blau wie die tiefste -See, aber ebenso wie die andern hatte sie keine Füße, der -Körper endete in einen Fischschwanz. -</p> - -<p> -Den ganzen Tag konnten sie unten im Schlosse spielen, -in den großen Sälen, wo lebendige Blumen aus den Wänden -hervorwuchsen. Die großen Bernsteinfenster wurden aufgemacht, -und dann schwammen die Fische zu ihnen herein, wie -bei uns die Schwalben hereinfliegen, wenn wir die Fenster -aufmachen; doch die Fische schwammen zu den Prinzessinnen -hin, fraßen aus ihren Händen und ließen sich streicheln. -</p> - -<p> -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -Draußen vor dem Schlosse war ein großer Garten mit -feuerroten und dunkelbraunen Blumen, die Früchte strahlten -wie Gold und die Blumen wie brennendes Feuer, indem sie -fortwährend Stengel und Blätter bewegten. Die Erde selbst -war der feinste Sand, aber blau, wie die Schwefelflamme. -Über dem Ganzen lag ein eigentümlich blauer Schein; man -hätte eher glauben mögen, daß man hoch in der Luft stehe und -nur Himmel über und unter sich habe, als daß man auf dem -Grunde des Meeres sei. Während der Windstille konnte man -die Sonne erblicken, sie erschien wie eine Purpurblume, aus -deren Kelche alles Licht strömte. -</p> - -<p> -Eine jede der kleinen Prinzessinnen hatte ihren kleinen -Platz im Garten, wo sie graben und pflanzen konnte, wie es -ihr gefiel. Die eine gab ihrem Blumenfleck die Gestalt eines -Walfisches, einer andern gefiel es besser, daß der ihrige einem -kleinen Meerweibe gleiche, aber die jüngste machte den ihrigen -rund, der Sonne gleich, und hatte Blumen, die rot wie diese -schienen. Sie war ein sonderbares Kind, still und nachdenkend, -und wenn die andern Schwestern mit den merkwürdigsten -Sachen, welche sie von gestrandeten Schiffen erhalten hatten, -prunkten, wollte sie außer den rosenroten Blumen, die der -Sonne dort oben glichen, nur eine hübsche Marmorstatue -haben. Dies war ein herrlicher Knabe, aus weißem, klarem -Steine gehauen, der beim Stranden auf den Meeresgrund -gekommen war. Sie pflanzte bei der Statue eine rosenrote -Trauerweide, die wuchs herrlich und hing mit ihren frischen -Zweigen über derselben, gegen den blauen Sandboden herunter, -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -wo der Schatten sich violett zeigte und gleich den Zweigen -in Bewegung war; es sah aus, als ob die Spitze und die -Wurzeln miteinander spielten, als wollten sie sich küssen. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-026"> -<img src="images/026.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Es gab keine größere Freude für sie, als von der Menschenwelt -zu hören; die Großmutter mußte alles, was sie von -Schiffen und Städten, Menschen und Tieren wußte, erzählen, -hauptsächlich erschien ihr besonders schön, daß oben auf der -Erde die Blumen dufteten, denn das taten sie auf dem Grunde -des Meeres nicht, und daß die Wälder grün wären, und daß -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -die Fische, die man dort zwischen den Bäumen erblickte, laut -und herrlich singen könnten, daß es eine Lust sei. Es waren -die kleinen Vögel, welche die Großmutter Fische nannte, -denn sonst konnten sie sich nicht verstehen, da sie noch keinen -Vogel gesehen hatten. -</p> - -<p> -„Wenn ihr euer fünfzehntes Jahr erreicht habt,“ sagte -die Großmutter, „dann sollt ihr die Erlaubnis erhalten, aus -dem Meere emporzutauchen, im Mondenscheine auf der Klippe -zu sitzen und die großen Schiffe vorbeisegeln zu sehen. Wälder -und Städte werdet ihr dann erblicken!“ In dem kommenden -Jahre war die eine der Schwestern fünfzehn Jahre alt, aber -von den andern war die eine immer ein Jahr jünger als die -andere; die jüngste von ihnen hatte demnach noch volle fünf -Jahre zu warten, bevor sie von dem Grunde des Meeres -hinaufkommen und sehen konnte, wie es bei uns aussehe. -Aber die eine versprach der andern, zu erzählen, was sie erblickt -und was sie am ersten Tage am schönsten gefunden habe, -denn ihre Großmutter erzählte ihnen nicht genug, da war so -vieles, worüber sie Auskunft haben wollten. -</p> - -<p> -Keine war sehnsüchtiger als die jüngste, gerade sie, die -noch die längste Zeit zu warten hatte und die stets still und -gedankenvoll war. Manche Nacht stand sie am offenen Fenster -und sah durch das dunkelblaue Wasser empor, wie die Fische -mit ihren Flossen und Schwänzen plätscherten. Mond und -Sterne konnte sie sehen, freilich schienen diese ganz bleich, -aber durch das Wasser sahen sie größer aus als vor unsern -Augen. Zog dann etwas, einer schwarzen Wolke gleich, unter -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -ihr hin, so wußte sie, daß es entweder ein Walfisch sei, der -über ihr schwamm, oder ein Schiff mit vielen Menschen; die -dachten sicher nicht daran, daß eine leibliche, kleine Seejungfer -unten stehe und ihre weißen Hände gegen den Kiel emporstreckte. -</p> - -<p> -Nun war die älteste Prinzessin fünfzehn Jahre alt und -durfte über die Meeresfläche emporsteigen. -</p> - -<p> -Als sie zurückkam, hatte sie Hunderterlei zu erzählen, aber -das Schönste, sagte sie, sei, im Mondenschein auf einer Sandbank -in der ruhigen See zu liegen und die nahgelegene Küste -mit der großen Stadt zu betrachten, wo die Lichter gleich -hundert Sternen blinken, die Musik, das Lärmen und Toben -von Wagen und Menschen zu hören, die vielen Kirchtürme -zu sehen und das Läuten der Glocken zu vernehmen. -</p> - -<p> -Oh! wie horchte die jüngste Schwester auf, und wenn sie -später abends am offenen Fenster stand und durch das dunkelblaue -Wasser emporblickte, gedachte sie der großen Stadt mit -dem Lärmen und Toben, dann glaubte sie, die Kirchenglocken -bis zu sich herunter läuten hören zu können. -</p> - -<p> -Im folgenden Jahre erhielt die zweite Schwester die Erlaubnis, -aus dem Wasser emporzusteigen und zu schwimmen, -wohin sie wolle. Sie tauchte auf, als die Sonne unterging, -und dieser Anblick, fand sie, sei das Schönste. Der ganze -Himmel habe wie Gold ausgesehen, und die Schönheit der -Wolken konnte sie nicht genug beschreiben! Rot und violett -waren sie über ihr dahingesegelt, aber weit schneller als diese -flog einem langen weißen Schleier gleich ein Schwarm wilder -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -Schwäne über das Wasser hin, wo die Sonne stand. Sie -schwamm derselben entgegen, aber die Sonne sank, und der -Rosenschein erlosch auf der Meeresfläche und in den Wolken. -</p> - -<p> -Das Jahr darauf kam die dritte Schwester hinauf. Sie -war die dreisteste von allen, deshalb schwamm sie einen breiten -Fluß, der in das Meer mündete, aufwärts. Herrliche, grüne -Hügel mit Weinranken erblickte sie, Schlösser und Burgen -schimmerten aus prächtigen Wäldern hervor, sie hörte, wie -alle Vögel sangen, und die Sonne schien so warm, daß sie oft -unter das Wasser tauchen mußte, um ihr brennendes Antlitz -abzukühlen. In einer kleinen Bucht traf sie einen Schwarm -kleiner Menschenkinder. Diese waren völlig nackt und plätscherten -<a id="page-30" class="pagenum" title="30"></a> -im Wasser, sie wollte mit ihnen spielen, aber die flohen -erschrocken davon, und es kam ein kleines, schwarzes Tier, ein -Hund — aber sie hatte nie einen Hund gesehen — der bellte -sie so schrecklich an, daß sie ängstlich die offene See zu erreichen -suchte. Doch nie konnte sie die prächtigen Wälder, die grünen -Hügel und die niedlichen Kinder vergessen, die im Wasser -schwimmen konnten, obgleich sie keinen Fischschwanz hatten. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-029"> -<img src="images/029.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Die vierte Schwester war nicht so dreist, sie blieb draußen -im wilden Meer und erzählte, daß es dort am schönsten sei! -Man sieht ringsumher viele Meilen weit, und der Himmel -stehe wie eine Glasglocke darüber. Schiffe hatte sie gesehen, -aber nur aus weiter Ferne, die sahen wie Möwen aus; die -possierlichen Delphine hatten Purzelbäume geschlagen, und -die großen Walfische aus ihren Nasenlöchern Wasser emporgespritzt, -so daß es ausgesehen hatte, wie Hunderte von -Springbrunnen ringsumher. -</p> - -<p> -Nun kam die Reihe an die fünfte Schwester, ihr Geburtstag -war im Winter, und deshalb erblickte sie, was die andern -das erstemal nicht gesehen hatten. Die See sah ganz grün aus, -und rings umher schwammen große Eisberge, ein jeder erschien -wie eine Perle, sagte sie, und war doch weit größer als die -Kirchtürme, welche die Menschen bauen. Sie zeigten sich in -den sonderbarsten Gestalten und glänzten wie Diamanten. Sie -hatte sich auf einen der größten gesetzt, und alle Segler kreuzten -erschrocken draußen herum, wo sie saß und den Wind mit -ihren langen Haaren spielen ließ, aber gegen Abend wurde -der Himmel mit Wolken überzogen, es blitzte und donnerte, -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -während die schwarze See die großen Eisblöcke hoch emporhob -und sie im roten Blitze erglänzen ließ. Auf allen Schiffen -reffte man die Segel ein, da war eine Angst und ein Grauen. -Aber sie saß ruhig auf ihrem schwimmenden Eisberge und sah -die blauen Blitzstrahlen im Zickzack in die schimmernde See -fahren. -</p> - -<p> -Das erstemal, wenn eine der Schwestern über das Wasser -emporkam, war eine jede entzückt über das Neue und Schöne, -was sie erblickte, aber da sie nun als erwachsene Mädchen die -Erlaubnis hatten, hinaufzusteigen, wann sie wollten, wurde es -ihnen gleichgültig. Sie sehnten sich wieder zurück, und nach -Verlauf eines Monats sagten sie, daß es unten bei ihnen am -schönsten sei, da sei man so hübsch zu Hause. -</p> - -<p> -In mancher Abendstunde faßten die fünf Schwestern einander -an den Armen und stiegen in einer Reihe über das -Wasser auf, herrliche Stimmen hatten sie, schöner denn irgendein -Mensch, und wenn dann ein Sturm im Anzuge war, so -daß sie vermuten konnten, es würden Schiffe untergehen, -schwammen sie vor den Schiffen her und sangen so lieblich, -wie schön es auf dem Grunde des Meeres sei, und baten die -Seeleute, sich nicht zu fürchten, da hinunterzukommen. Aber -die konnten die Worte nicht verstehen und glaubten, es sei der -Sturm, sie bekamen auch die Herrlichkeit dort unten nicht zu -sehen, denn wenn das Schiff sank, so ertranken die Menschen -und kamen als Leichen zu des Meerkönigs Schlosse. -</p> - -<p> -Wenn die Schwestern so des Abends, Arm in Arm, hoch -durch das Wasser hinaufstiegen, dann stand die kleinste Schwester -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -allein und sah ihnen nach, und es war ihr, als ob sie weinen -müßte, aber die Seejungfer hat keine Tränen, und darum leidet -sie weit mehr. -</p> - -<p> -„Ach, wäre ich doch fünfzehn Jahre alt!“ sagte sie. „Ich -weiß, daß ich die Welt dort oben und die Menschen, die -darauf wohnen und hausen, recht lieben werde.“ -</p> - -<p> -Endlich war sie denn fünfzehn Jahre alt. -</p> - -<p> -„Sieh, nun bist du erwachsen!“ sagte die Großmutter, -die alte Königswitwe. „Komm nun, laß mich dich schmücken, -gleich deinen andern Schwestern!“ Sie setzte ihr einen Kranz -weißer Lilien auf das Haar, aber jedes Blatt in der Blume -war die Hälfte einer Perle, und die Alte ließ acht große -Austern im Schweife der Prinzessin sich festklemmen, um ihren -hohen Rang zu zeigen. -</p> - -<p> -„Das tut so weh!“ sagte die kleine Seejungfer. -</p> - -<p> -„Ja, Hoffart muß Zwang leiden!“ sagte die Alte. -</p> - -<p> -Oh, sie hätte so gern alle diese Pracht abschütteln und -den schweren Kranz ablegen mögen, ihre roten Blumen im -Garten kleideten sie besser, aber sie konnte es nun nicht ändern. -„Lebt wohl!“ sprach sie, und sie stieg dann leicht und klar -gleich einer Blase aus dem Wasser auf. -</p> - -<p> -Die Sonne war eben untergegangen, als sie den Kopf -über das Wasser erhob, aber alle Wolken glänzten noch wie -Rosen und Gold und inmitten der bleichroten Luft strahlte -der Abendstern so hell und schön, die Luft war mild und frisch -und das Meer ruhig. Da lag ein großes Schiff mit drei -Masten, nur ein einziges Segel war aufgezogen, denn es -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -regte sich kein Lüftchen, und ringsumher im Tauwerk und -auf den Rahen saßen die Matrosen. Da war Musik und -Gesang, und als es dunkelte, wurden Hunderte von bunten -Laternen angezündet, die sahen aus, als ob aller Nationen -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -Flaggen in der Luft wehten. Die kleine Seejungfer schwamm -bis zum Kajütenfenster, und jedesmal, wenn das Wasser sie -emporhob, konnte sie durch die spiegelhellen Fensterscheiben -hineinblicken, wo viele geputzte Menschen standen. Aber der -schönste war doch der junge Prinz mit den großen, schwarzen -Augen, er war sicher nicht viel über sechzehn Jahre alt, es -war sein Geburtstag, und deshalb herrschte all diese Pracht. -Die Matrosen tanzten auf dem Verdecke, und als der junge -Prinz hinaustrat, stiegen über hundert Raketen in die Luft, -die leuchteten wie der helle Tag, so daß die kleine Seejungfer -schon erschrak und unter das Wasser tauchte, aber sie streckte -bald den Kopf wieder hervor, und da war es, als ob alle -Sterne des Himmels zu ihr herunterfielen. Nie hatte sie solche -Feuerkünste gesehen! Große Sonnen sprühten umher, prächtige -Feuerfische flogen in die blaue Luft, und alles spiegelte -sich in der klaren, stillen See. Auf dem Schiffe selbst war es -so hell, daß man jedes kleine Tau, wie viel mehr also die -Menschen sehen konnte. Oh, wie schön war doch der junge -Prinz, er drückte den Leuten die Hand und lächelte, während -die Musik in der herrlichen Nacht erklang. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-033"> -<img src="images/033.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Es wurde spät, aber die kleine Seejungfer konnte ihre -Augen nicht von dem Schiffe und vom schönen Prinzen wegwenden. -Die bunten Laternen wurden ausgelöscht, Raketen -stiegen nicht mehr in die Höhe, es ertönten auch keine Kanonenschüsse -mehr, aber tief unten im Meere summte und brummte -es, inzwischen saß sie auf dem Wasser und schaukelte auf und -nieder, so daß sie in die Kajüte hineinblicken konnte. Aber das -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -Schiff bekam mehr Fahrt, ein Segel nach dem andern breitete -sich aus, nun gingen die Wogen stärker, große Wolken zogen -auf, es blitzte in der Ferne. Oh, es wird ein böses Wetter -werden! Deshalb zogen die Matrosen die Segel ein. Das -große Schiff schaukelte in fliegender Fahrt auf der wilden -See, das Wasser erhob sich wie große schwarze Berge, die -über die Masten rollen wollten, aber das Schiff tauchte wie -ein Schwan zwischen den hohen Wogen nieder und ließ sich -wieder auf die hochgetürmten Wasser heben. Der kleinen Seejungfer -dünkte es eine recht lustige Fahrt zu sein, aber so erschien -es den Seeleuten nicht, das Schiff knackte und krachte, -die dicken Planken bogen sich bei den starken Stößen, die See -stürzte in das Schiff hinein, der Mast brach mitten durch, -als ob es ein Rohr wäre, und das Schiff legte sich auf die -Seite, während das Wasser in den Raum eindrang. Nun -sah die kleine Seejungfer, daß sie in Gefahr waren, sie mußte -sich selbst vor den Balken und Stücken vom Schiffe, die auf -dem Wasser trieben, in acht nehmen. Einen Augenblick war -es so finster, daß sie nicht das mindeste sah, aber wenn es -dann blitzte, wurde es wieder so hell, daß sie alle auf dem -Schiffe erkennen konnte, besonders suchte sie den jungen Prinzen, -und sie sah ihn, als das Schiff sich teilte, in das tiefe Meer -versinken. Sogleich wurde sie ganz vergnügt, denn nun kam -er zu ihr hinunter. Aber da gedachte sie, daß die Menschen -nicht im Wasser leben können, und daß er nicht anders als -tot zum Schlosse ihres Vaters hinunter gelangen könnte. Nein, -sterben durfte er nicht, deshalb schwamm sie hin zwischen -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -Balken und Planken, die auf der See trieben und vergaß -völlig, daß diese sie hätten zerquetschen können. Sie tauchte -tief unter das Wasser und stieg wieder hoch zwischen den -Wogen empor und gelangte am Ende so zu dem Prinzen -hin, der nicht länger in der stürmischen See schwimmen konnte. -Seine Arme und Beine begannen zu ermatten, die schönen -Augen schlossen sich, er hätte sterben müssen, wäre die kleine -Seejungfer nicht herzugekommen. Sie hielt seinen Kopf über -das Wasser empor und ließ sich dann mit ihm von den Wogen -treiben, wohin sie wollten. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-036"> -<img src="images/036.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Am Morgen war das böse Wetter vorüber, von dem -Schiffe war kein Span zu erblicken, die Sonne stieg rot und -glänzend aus dem Wasser empor, es war, als ob des Prinzen -Wangen Leben dadurch erhielten, aber die Augen blieben geschlossen. -Die Seejungfer küßte seine hohe, schöne Stirn und -strich sein nasses Haar zurück, er kam ihr vor wie die Marmorstatue -in ihrem kleinen Garten, sie küßte ihn wieder und wünschte, -daß er lebte. -</p> - -<p> -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -Nun erblickte sie vor sich das feste Land, hohe, blaue -Berge, auf deren <a id="corr-1"></a>Gipfeln der weiße Schnee glänzte, als wären -es Schwäne, die dort lägen. Unten an der Küste waren herrliche, -grüne Wälder, und vorn lag eine Kirche oder ein Kloster, -das wußte sie nicht recht, aber ein Gebäude war es. Zitronen- -und Apfelsinenbäume wuchsen im Garten, und vor dem Tore -standen hohe Palmen. Die See bildete hier eine kleine Bucht, -da war sie still, aber sehr tief. Gerade auf die Klippe zu, wo -der weiße, feine Sand aufgespült war, schwamm sie mit dem -schönen Prinzen, legte ihn in den Sand, sorgte aber besonders -dafür, daß der Kopf hoch im warmen Sonnenscheine lag. -</p> - -<p> -Nun läuteten alle Glocken in dem großen, weißen Gebäude, -und es kamen viele junge Mädchen durch den Garten. -Da schwamm die kleine Seejungfer weiter hinaus hinter einige -große Steine, die aus dem Wasser hervorragten, legte Seeschaum -auf ihr Haar und ihre Brust, so daß niemand ihr -kleines Gesicht sehen konnte, und dann paßte sie auf, wer zu -dem armen Prinzen kommen würde. -</p> - -<p> -Es währte nicht lange, da kam ein junges Mädchen dorthin, -sie schien sehr zu erschrecken, aber nur einen Augenblick, -dann holte sie mehrere Menschen, und die Seejungfer sah, -daß der Prinz zum Leben zurückkam und daß er alle anlächelte. -Aber ihr lächelte er nicht zu, er wußte ja auch nicht, -daß sie ihn gerettet hatte, sie war sehr betrübt, und als er in -das große Gebäude hineingeführt wurde, tauchte sie traurig -unter das Wasser und kehrte zum Schlosse ihres Vaters -zurück. -</p> - -<p> -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -Immer war sie still und nachdenkend gewesen, aber nun -wurde sie es noch weit mehr. Die Schwestern fragten sie, was -sie das erstemal dort oben gesehen habe, aber sie erzählte nichts. -</p> - -<p> -Manchen Abend und Morgen stieg sie hinauf, wo sie -den Prinzen verlassen hatte. Sie sah, wie die Früchte des -Gartens reiften und abgepflückt wurden, sie sah, wie der Schnee -auf den hohen Bergen schmolz, aber den Prinzen erblickte sie -nicht, und deshalb kehrte sie immer betrübter heim. Da war -es ihr einziger Trost, in ihrem kleinen Garten zu sitzen -und die Arme um die schöne Marmorstatue zu schlingen, die -dem Prinzen glich, aber ihre Blumen pflegte sie nicht, die -wuchsen wie in einer Wildnis über die Gänge hinaus und -flochten ihre langen Stiele und Blätter in die Zweige der -Bäume hinein, so daß es dort dunkel war. -</p> - -<p> -Zuletzt konnte sie es nicht länger aushalten, sondern sagte -es einer ihrer Schwestern, und gleich erfuhren es die andern, -aber niemand weiter als diese und einige andere Seejungfern, -die es nur ihren nächsten Freundinnen weiter sagten. Eine -von ihnen wußte, wer der Prinz war, sie hatte auch das Fest -auf dem Schiffe gesehen und gab an, woher er war und wo -sein Königreich lag. -</p> - -<p> -„Komm, kleine Schwester!“ sagten die andern Prinzessinnen -und sich umschlungen haltend, stiegen sie in einer langen Reihe -aus dem Meere empor, wo sie wußten, daß des Prinzen -Schloß lag. -</p> - -<p> -Dieses war aus einer hellgelben, glänzenden Steinart aufgeführt, -mit großen Marmortreppen, deren eine in das Meer -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -hinunterreichte. Prächtig vergoldete Kuppeln erhoben sich über -das Dach, und zwischen den Säulen um das ganze Gebäude -herum standen Marmorbilder, die aussahen, als lebten sie. -Durch das klare Glas in den hohen Fenstern blickte man in -die prächtigen Säle hinein, wo köstliche Seidengardinen und -Teppiche aufgehängt und alle Wände mit großen Gemälden -verziert waren, so daß es ein wahres Vergnügen war, es zu -betrachten. Mitten in dem größten Saale plätscherte ein großer -Springbrunnen, seine Strahlen reichten hoch hinauf gegen die -Glaskuppel in der Decke, durch welche die Sonne auf das -Wasser und die schönen Pflanzen schien, die im großen Bassin -wuchsen. -</p> - -<p> -Nun wußte sie, wo er wohnte, und dort war sie manchen -Abend und manche Nacht auf dem Wasser. Sie schwamm -dem Lande weit näher, als eine der andern es gewagt hätte, -ja, sie ging den schmalen Kanal hinauf, unter den prächtigen -Marmoraltan, welcher einen großen Schatten über das Wasser -warf. Hier saß sie und betrachtete den jungen Prinzen, der da -glaubte, er sei ganz allein in dem hellen Mondschein. -</p> - -<p> -Sie sah ihn manchen Abend mit Musik in seinem prächtigen -Boote segeln, auf dem Flaggen wehten; sie lauschte -durch das grüne Schilf hervor, und ergriff der Wind ihren -langen silberweißen Schleier, und sah jemand ihn, so glaubte -er, es sei ein Schwan, der die Flügel ausbreite. -</p> - -<p> -Sie hörte in mancher Nacht, wenn die Fischer mit Fackeln -auf der See waren, viel Gutes von dem jungen Prinzen erzählen, -und es freute sie, daß sie sein Leben gerettet hatte, als -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -er halbtot auf den Wogen umhertrieb, sie dachte daran, wie -fest sein Haupt auf ihrem Busen geruht, und wie herzlich sie -ihn da geküßt hatte, er aber wußte nichts davon und konnte -nicht einmal von ihr träumen. -</p> - -<p> -Mehr und mehr fing sie an, die Menschen zu lieben, -mehr und mehr wünschte sie, unter ihnen umherwandeln zu -können, deren Welt ihr weit großer zu sein schien als die ihrige. -Sie konnten ja auf Schiffen über das Meer fliegen, auf den -hohen Bergen über die Wolken emporsteigen, und die Länder, -die sie besaßen, erstreckten sich mit Wäldern und Feldern weiter, -als ihre Blicke reichten. Da war so vieles, was sie zu wissen -wünschte: aber die Schwestern wußten ihr nicht alles zu beantworten, -deshalb fragte sie die Großmutter, diese kannte die -höhere Welt recht gut, die sie sehr richtig die Länder über -dem Meere nannte. -</p> - -<p> -„Wenn die Menschen nicht ertrinken,“ fragte die kleine -Seejungfer, „können sie dann ewig leben? Sterben sie nicht, -wie wir hier unten im Meere?“ -</p> - -<p> -„Ja,“ sagte die Alte, „sie müssen auch sterben, und ihre -Lebenszeit ist sogar noch kürzer als die unsere. Wir können -dreihundert Jahre alt werden, aber wenn wir dann aufhören, -hier zu sein, so werden wir nur in Schaum auf dem Wasser -verwandelt, haben nicht einmal ein Grab hier unten unter -unsern Lieben. Wir haben keine unsterbliche Seele, wir erhalten -nie wieder Leben, wir sind gleich dem grünen Schilfe, -ist das einmal durchgeschnitten, so kann es nicht wieder grünen! -Die Menschen hingegen haben eine Seele, die ewig lebt, die -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -noch lebt, nachdem der Körper zur Erde geworden ist, sie steigt -durch die klare Luft empor, hinauf zu den glänzenden Sternen! -So wie wir aus dem Wasser auftauchen und die Länder der -Welt erblicken, so steigen sie zu unbekannten, herrlichen Orten -auf, die wir nie zu sehen bekommen.“ -</p> - -<p> -„Weshalb bekamen wir keine unsterbliche Seele?“ fragte -die kleine Seejungfer betrübt. „Ich möchte meine Hunderte -von Jahren, die ich zu leben habe, dafür geben, um nur einen -Tag Mensch zu sein und dann hoffen zu können, Anteil an -der himmlischen Welt zu haben.“ -</p> - -<p> -„Daran darfst du nicht denken!“ sagte die Alte. „Wir -fühlen uns weit glücklicher und besser wie die Menschen dort -oben!“ -</p> - -<p> -„Ich werde also sterben und als Schaum auf dem Meere -treiben, nicht die Musik der Wogen hören, die schönen Blumen -und die rote Sonne sehen? Kann ich denn gar nichts tun, um -eine unsterbliche Seele zu gewinnen?“ — -</p> - -<p> -„Nein!“ sagte die Alte. „Nur wenn ein Mensch dich so -lieben würde, daß du ihm mehr als Vater und Mutter wärest, -wenn er mit all seinem Denken und all seiner Liebe an dir -hinge und den Prediger seine rechte Hand in die deinige, mit -dem Versprechen der Treue hier und in alle Ewigkeit, legen -ließe, dann flösse seine Seele in deinen Körper über, und auch -du erhieltest Anteil an der Glückseligkeit der Menschen. Er -gäbe dir Seele und behielte doch seine eigene. Aber das kann -nie geschehen! Was hier im Meere schön ist, dein Fischschwanz, -finden sie dort auf der Erde häßlich; sie verstehen es eben nicht -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -besser, man muß dort zwei plumpe Stützen haben, die sie -Beine nennen, um schön zu sein!“ -</p> - -<p> -Da seufzte die kleine Seejungfer und sah betrübt auf ihren -Fischschwanz. -</p> - -<p> -„Laß uns froh sein,“ sagte die Alte, „hüpfen und springen -wollen wir in den dreihundert Jahren, die wir zu leben haben, -das ist wahrlich lang genug, später kann man sich um so besser -ausruhen. Heute abend werden wir Hofball haben!“ -</p> - -<p> -Das war auch eine Pracht, wie man sie nie auf Erden -erblickt. Die Wände und die Decke des großen Tanzsaales -waren von dickem, aber durchsichtigem Glase. Mehrere hundert -kolossale Muschelschalen, rosenrote und grasgrüne, standen zu -jeder Seite in Reihen mit einem blau brennenden Feuer, -welches den ganzen Saal erleuchtete und durch die Wände -hindurchschien, so daß die See draußen erleuchtet war, man -konnte die unzähligen Fische sehen, große und kleine, die gegen -die Glasmauern schwammen, auf einigen glänzten die Schuppen -purpurrot, auf andern erschienen sie wie Silber und Gold. — -Mitten durch den Saal floß ein breiter Strom, und auf diesem -tanzten die Meermänner und Meerweibchen zu ihrem eigenen, -lieblichen Gesange. So schöne Stimmen haben die Menschen -auf der Erde nicht. Die kleine Seejungfer sang am -schönsten von ihnen allen, und der ganze Hof applaudierte -mit Händen und Schwänzen, und einen Augenblick fühlte sie -eine Freude in ihrem Herzen, denn sie wußte, daß sie die -schönste Stimme von allen auf der Erde und im Meere hatte! -Aber bald gedachte sie wieder der Welt über sich; sie konnte -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -den hübschen Prinzen und ihren Kummer, daß sie keine unsterbliche -Seele wie er besitze, nicht vergessen. Deshalb schlich -sie sich aus ihres Vaters Schlosse hinaus, und während alles -drinnen Gesang und Frohsinn war, saß sie betrübt in ihrem -kleinen Garten. Da hörte sie das Waldhorn durch das Wasser -ertönen und dachte: „Nun segelt er sicher dort oben, an dem -meine Sinne hangen und in dessen Hand ich meines Lebens -Glück legen möchte. Alles will ich wagen, um ihn und eine -unsterbliche Seele zu gewinnen! Während meine Schwestern -dort in meines Vaters Schlosse tanzen, will ich zur Meerhexe -gehen, vor der mir immer so bange gewesen ist, aber sie kann -vielleicht raten und helfen!“ -</p> - -<p> -Nun ging die kleine Seejungfer aus ihrem Garten hinaus -nach den brausenden Strudeln, hinter denen die Hexe wohnte. -Den Weg hatte sie früher nie zurückgelegt. Da wuchsen keine -Blumen, kein Seegras, nur der nackte, graue Sandboden erstreckte -sich gegen den Strudel hin, wo das Wasser gleich -brausenden Mühlrädern herumwirbelte und alles, was er erfaßte, -mit sich in die Tiefe riß. Mitten zwischen diesen zermalmenden -Wirbeln mußte sie hindurch, um in das Bereich -der Meerhexe zu gelangen: und hier war eine lange Strecke -kein anderer Weg als über warmen, sprudelnden Schlamm, -diesen nannte die Hexe ihren Torfmoor. Dahinter lag ihr -Haus mitten in einem seltsamen Walde, alle Bäume und -Büsche waren Polypen, halb Tier und halb Pflanze, sie -sahen aus wie hundertköpfige Schlangen, die aus der Erde -hervorwuchsen; alle Zweige waren lange, schleimige Arme mit -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -Fingern wie geschmeidige Würmer, und Glied vor Glied bewegte -sich, von der Wurzel bis zur äußersten Spitze. Alles, -was sie im Meere erfassen konnten, umschlangen sie fest und -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -ließen es nie wieder fahren. Die kleine Seejungfer blieb vor -demselben ganz erschrocken stehen. Ihr Herz pochte vor Furcht, -fast wäre sie umgekehrt, aber da dachte sie an den Prinzen -und an die Seele der Menschen, und nun bekam sie Mut. -Ihr langes, fliegendes Haar band sie fest um das Haupt, -damit die Polypen sie nicht daran ergreifen möchten, beide -Hände legte sie über ihrer Brust zusammen und schoß so dahin, -wie nur der Fisch durch das Wasser schießen kann, immer -zwischen den häßlichen Polypen hindurch, die ihre geschmeidigen -Arme und Finger hinter ihr her streckten. Sie sah, wie -jeder von ihnen etwas, was er ergriffen hatte, mit Hunderten -von kleinen Armen hielt. Menschen, die auf der See umgekommen -und tief hinunter gesunken waren, sahen wie weiße -Gerippe aus der Polypen Arme hervor. Schiffsruder und -Kisten hielten sie fest, auch Skelette von Landtieren und ein -kleines Meerweib, welches sie gefangen und erstickt hatten: das -war ihr das Schrecklichste. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-044"> -<img src="images/044.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Nun kam sie zu einem großen, sumpfigen Platze im Walde, -wo große, fette Wasserschlangen sich wälzten und ihren häßlichen, -weißgelben Bauch zeigten. Mitten auf dem Platze war ein -Haus von weißen Knochen ertrunkener Menschen errichtet, da -saß die Meerhexe und ließ eine Kröte aus ihrem Munde -fressen, wie die Menschen einem kleinen Kanarienvogel Zucker -zu essen geben. Die häßlichen, fetten Wasserschlangen nannte -sie ihre kleinen Küchlein und ließ sie sich auf ihrer großen -schwammigen Brust wälzen. -</p> - -<p> -„Ich weiß schon, was du willst!“ sagte die Meerhexe. -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -„Es ist zwar dumm von dir, doch sollst du deinen Willen -haben, denn er wird dich ins Unglück stürzen, meine schöne -Prinzessin. Du willst gern deinen Fischschwanz los sein und -statt dessen zwei Stützen wie die Menschen zum Gehen haben, -damit der junge Prinz sich in dich verliebt und du ihn und -eine unsterbliche Seele erhalten kannst!“ Dabei lachte die Hexe -laut und widerlich, so daß die Kröte und die Schlangen auf -die Erde fielen, wo sie sich wälzten. „Du kommst gerade zur -rechten Zeit,“ sagte die Hexe, „morgen, wenn die Sonne aufgeht, -könnte ich dir nicht helfen, bis wieder ein Jahr um wäre. -Ich werde dir einen Trank bereiten, mit dem mußt du, bevor -die Sonne aufgeht, nach dem Lande schwimmen, dich dort ans -Ufer setzen und ihn trinken! dann verschwindet dein Schwanz -und schrumpft zu dem, was die Menschen niedliche Beine -nennen, zusammen, aber es tut weh; es ist, als ob ein scharfes -Schwert dich durchdränge. Alle, die dich sehen, werden sagen, -du seiest das schönste Menschenkind, das sie gesehen hätten. Du -behältst deinen schwebenden Gang, keine Tänzerin kann sich so -leicht bewegen wie du, aber jeder Schritt, den du machst, ist, als -ob du auf scharfe Messer trätest, als ob dein Blut fließen müßte. -Willst du alles dieses leiden, so werde ich dir helfen!“ -</p> - -<p> -„Ja!“ sagte die kleine Seejungfer mit bebender Stimme, -und gedachte des Prinzen und der unsterblichen Seele. -</p> - -<p> -„Aber bedenke,“ sagte die Hexe, „hast du erst menschliche -Gestalt bekommen, so kannst du nie wieder eine Seejungfer -werden! Du kannst nie durch das Wasser zu deinen Schwestern -und zum Schlosse deines Vaters zurück, und gewinnst du des -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -Prinzen Liebe nicht so, daß er um deinetwillen Vater und -Mutter vergißt, an dir mit Leib und Seele hängt und den -Priester eure Hände ineinander legen läßt, daß ihr Mann -und Frau werdet, so bekommst du keine unsterbliche Seele! -Am ersten Morgen, nachdem er mit einer andern verheiratet -ist, wird dein Herz brechen, und du wirst zu Schaum auf dem -Wasser.“ -</p> - -<div class="centerpic" id="img-047"> -<img src="images/047.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -„Ich will es“, sagte die kleine Seejungfer und war bleich -wie der Tod. -</p> - -<p> -„Aber mich mußt du auch bezahlen!“ sagte die Hexe, -„und es ist nicht wenig, was ich verlange. Du hast die schönste -Stimme von allen hier auf dem Grunde des Meeres, damit -glaubst du wohl, ihn bezaubern zu können, aber die Stimme -mußt du mir geben. Das beste, was du besitzest, will ich für -meinen köstlichen Trank haben! Mein eigen Blut muß ich dir -ja geben, damit der Trank scharf wird wie ein zweischneidig -Schwert!“ -</p> - -<p> -„Aber wenn du meine Stimme nimmst,“ sagte die kleine -Seejungfer, „was bleibt mir dann übrig?“ -</p> - -<p> -„Deine schöne Gestalt,“ sagte die Hexe, „dein schwebender -Gang und deine sprechenden Augen, damit kannst du schon ein -Menschenherz betören. Nun, hast du den Mut verloren? Strecke -deine kleine Zunge hervor, dann schneide ich sie an Zahlungs -Statt ab, und du erhältst den kräftigen Trank!“ -</p> - -<p> -„Es geschehe!“ sagte die kleine Seejungfer, und die Hexe -setzte ihren Kessel auf, um den Zaubertrank zu kochen. „Reinlichkeit -ist eine schöne Sache!“ sagte sie und scheuerte den Kessel -mit den Schlangen ab, die sie zu einem langen Knoten band, -dann ritzte sie selbst die Brust und ließ ihr schwarzes Blut -hineintröpfeln. Der Dampf bildete die sonderbarsten Gestalten, -so daß einem angst und bange werden mußte. Jeden Augenblick -warf die Hexe neue Sachen in den Kessel, und als er kochte, -war es, als ob ein Krokodil weinte. Endlich war der Trank -fertig, er sah wie das klarste Wasser aus. -</p> - -<p> -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -„Da hast du ihn!“ sagte die Hexe und schnitt der kleinen -Seejungfer die Zunge ab, die nun stumm war und weder -singen noch sprechen konnte. -</p> - -<p> -„Sollten die Polypen dich ergreifen, wenn du durch meinen -Wald zurückgehst,“ sagte die Hexe, „so wirf nur einen einzigen -Tropfen dieses Getränkes auf sie, davon zerspringen ihre Arme -und Finger in tausend Stücke!“ Aber das brauchte die kleine -Seejungfer nicht zu tun, die Polypen zogen sich erschrocken -zurück, da sie den glänzenden Trank erblickten, der in ihrer -Hand leuchtete, als sei er ein funkelnder Stern. So kam sie -schnell durch den Wald, das Moor und die brausenden Strudel. -</p> - -<p> -Sie konnte ihres Vaters Schloß sehen, die Fackeln waren -in dem großen Tanzsaale erloschen, sie schliefen sicher alle -drinnen, aber sie wagte doch nicht, sie aufzusuchen, jetzt da sie -stumm war und sie auf immer verlassen wollte. Es war, als -ob ihr Herz vor Trauer zerspringen sollte. Sie schlich in den -Garten, nahm eine Blume von jedem Blumenbeete ihrer -Schwestern, warf Tausende von Kußhändchen dem Schlosse -zu und stieg durch die dunkelblaue See hinauf. -</p> - -<p> -Die Sonne war noch nicht aufgegangen, als sie des Prinzen -Schloß erblickte und die breite Marmortreppe hinaufstieg. Der -Mond schien herrlich klar. Die kleine Seejungfer trank den -brennenden, scharfen Trank, und es war, als ging ein zweischneidiges -Schwert durch ihren feinen Körper, sie fiel dabei -in Ohnmacht und lag wie tot da. Als die Sonne über die See -schien, erwachte sie und fühlte einen schneidenden Schmerz, -aber gerade vor ihr stand der schöne junge Prinz, er heftete -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -seine schwarzen Augen auf sie, so daß sie die ihrigen niederschlug -und wahrnahm, daß ihr Fischschwanz fort war und sie -die niedlichsten weißen Beine hatte, die nur ein Mädchen -haben kann. Aber sie war nackt, deshalb hüllte sie sich in ihr -langes Haar ein. Der Prinz fragte, wer sie sei und wie sie -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -hierher gekommen wäre, und sie sah ihn mild und doch gar -betrübt mit ihren dunkelblauen Augen an, sprechen konnte sie -ja nicht. Da nahm er sie bei der Hand und führte sie in das -Schloß hinein. Jeder Schritt, den sie tat, war, wie die Hexe -im voraus gesagt hatte, als trete sie auf spitze Nadeln und -Messer, aber das ertrug sie gern; an des Prinzen Hand schritt -sie so leicht einher wie eine Seifenblase, und er sowie alle -wunderten sich über ihren lieblichen, schwebenden Gang. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-050"> -<img src="images/050.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Sie bekam nun herrliche Kleider von Seide und Musselin -anzuziehen, im Schlosse war sie die Schönste von allen, aber -sie war stumm, konnte weder singen noch sprechen. Herrliche -Sklavinnen, in Seide und Gold gekleidet, traten auf und sangen -vor dem Prinzen und seinen königlichen Eltern, die eine sang -schöner als alle andern, und der Prinz klatschte in die Hände -und lächelte sie an. Da wurde die kleine Seejungfer betrübt, -sie wußte, daß sie selbst weit schöner gesungen hatte und dachte: -„Oh, er sollte nur wissen, daß ich, um bei ihm zu sein, meine -Stimme für alle Ewigkeit hingegeben habe.“ -</p> - -<p> -Nun tanzten die Sklavinnen niedliche, schwebende Tänze -zur herrlichsten Musik, da erhob die kleine Seejungfer ihre -schönen, weißen Arme, richtete sich auf den Fußspitzen auf -und schwebte tanzend über den Fußboden hin, wie noch keine -getanzt hatte. Bei jeder Bewegung wurde ihre Schönheit noch -sichtbarer, und ihre Augen sprachen tiefer zum Herzen als der -Gesang der Sklavinnen. -</p> - -<p> -Alle waren entzückt davon, besonders der Prinz, der sie -sein kleines Findelkind nannte, und sie tanzte mehr und mehr, -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -obwohl es ihr jedesmal, wenn ihr Fuß die Erde berührte, war, -als ob sie auf scharfe Messer träte. Der Prinz sagte, daß sie -immer bei ihm bleiben solle, und sie erhielt die Erlaubnis, vor -seiner Tür auf einem Sammetkissen zu schlafen. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-052"> -<img src="images/052.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Er ließ ihr eine Männertracht machen, damit sie ihn zu -Pferde begleiten könne. Sie ritten durch die duftenden Wälder, -wo die grünen Zweige ihre Schultern berührten und die Vögel -hinter den frischen Blättern sangen. Sie kletterte mit dem -Prinzen auf die hohen Berge hinauf, und obgleich ihre zarten -Füße bluteten, daß selbst die andern es sehen konnten, lachte -sie doch darüber und folgte ihm, bis sie die Wolken unter sich -segeln sahen, als wäre es ein Schwarm Vögel, die nach fremden -Ländern ziehen. -</p> - -<p> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -Daheim in des Prinzen Schlosse, wenn nachts die andern -schliefen, ging sie auf die breite Marmortreppe hinaus, es -kühlte ihre brennenden Füße, im kalten Seewasser zu stehen, -und dann gedachte sie derer dort unten in der Tiefe. -</p> - -<p> -Einmal des Nachts kamen ihre Schwestern Arm in Arm, -traurig sangen sie, indem sie über dem Wasser schwammen, -sie winkte ihnen und sie erkannten sie und erzählten ihr, wie -sehr sie alle betrübt seien. Darauf besuchte sie dieselben in -jeder Nacht, und einmal erblickte sie weit draußen ihre alte -Großmutter, die seit vielen Jahren nicht über der Meeresfläche -gewesen war, und den Meerkönig mit seiner Krone auf -dem Haupte, sie streckten die Hände nach ihr aus, wagten sich -aber dem Lande nicht so nahe wie die Schwestern. -</p> - -<p> -Tag für Tag wurde sie dem Prinzen lieber, er liebte sie, -wie man ein gutes, liebes Kind liebt — aber sie zu seiner -Königin zu machen, kam ihm nicht in den Sinn, und seine -Frau mußte sie doch werden, sonst erhielt sie keine unsterbliche -Seele und mußte an seinem Hochzeitsmorgen zu Schaum auf -dem Meere werden. -</p> - -<p> -„Liebst du mich nicht am meisten von ihnen allen?“ schienen -der kleinen Seejungfer Augen zu fragen, wenn er sie in seine -Arme nahm und ihre schöne Stirn küßte. -</p> - -<p> -„Ja, du bist mir die liebste“, sagte der Prinz, „denn du -hast das beste Herz von allen. Du bist mir am meisten ergeben, -und gleichst einem jungen Mädchen, das ich einmal sah, aber -sicher nie wiederfinde. Ich war auf einem Schiffe, welches -strandete, die Wellen warfen mich bei einem heiligen Tempel -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -an das Land, wo mehrere junge Mädchen den Dienst verrichteten, -die jüngste dort fand mich am Ufer und rettete mein -Leben, ich sah sie nur zweimal, sie wäre die einzige, die ich in -dieser Welt lieben könnte, aber du gleichst ihr und du verdrängst -fast ihr Bild aus meiner Seele. Sie gehört dem -heiligen Tempel an, und deshalb hat mein gutes Glück dich -mir gesendet, nie wollen wir uns trennen!“ -</p> - -<p> -„Ach, er weiß nicht, daß ich sein Leben gerettet habe!“ -dachte die kleine Seejungfer, „ich trug ihn über das Meer -zum Walde hin, wo der Tempel steht, ich saß hier hinter dem -Schaume und sah, ob keine Menschen kommen würden. Ich -sah das hübsche Mädchen, die er mehr liebt als mich!“ sie -seufzte tief: weinen konnte sie nicht. „Das Mädchen gehört -dem heiligen Tempel an, hat er gesagt, sie kommt nie in die -Welt hinaus, sie begegnen sich nicht mehr, ich bin bei ihm, -sehe ihn jeden Tag, ich will ihn pflegen, lieben, ihm mein Leben -opfern!“ -</p> - -<p> -Aber nun sollte der Prinz sich verheiraten und des Nachbarkönigs -schöne Tochter zur Frau bekommen, erzählte man, deshalb -rüstete er ein so prächtiges Schiff aus. Der Prinz reist, -um des Nachbarkönigs Länder zu besichtigen, so heißt es wohl, -aber es geschieht, um des Nachbarkönigs Tochter zu sehen. -Ein großes Gefolge soll ihn begleiten. Die kleine Seejungfer -schüttelte das Haupt und lächelte; sie kannte des Prinzen -Gedanken weit besser, als alle andern. „Ich muß reisen!“ hatte -er zu ihr gesagt, „ich muß die schöne Prinzessin sehen: meine -Eltern verlangen es, aber sie wollen mich nicht zwingen, sie -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -als meine Braut heimzuführen. Ich kann sie nicht lieben! -Sie gleicht nicht dem schönen Mädchen im Tempel, dem du -ähnelst, sollte ich eine Braut wählen, so würdest du es eher -sein, mein stummes Findelkind mit den sprechenden Augen!“ -Und er küßte ihren roten Mund, spielte mit ihrem langen -Haare und legte sein Haupt an ihr Herz, so daß dieses von -Menschenglück und einer unsterblichen Seele träumte. -</p> - -<p> -„Du fürchtest doch das Meer nicht, mein stummes Kind?“ -sagte er, als sie auf dem prächtigen Schiffe standen, welches -ihn nach den Ländern des Nachbarkönigs führen sollte, er -erzählte ihr vom Sturme und von der Windstille, von seltsamen -Fischen in der Tiefe und von dem, was die Taucher -dort gesehen, und sie lächelte bei seiner Erzählung, sie wußte -ja besser als sonst jemand, was auf dem Grunde des Meeres -vorging. -</p> - -<p> -In der mondhellen Nacht, wenn alle schliefen, bis auf -den Steuermann, der am Steuerruder stand, saß sie am Bord -des Schiffes und starrte durch das klare Wasser hinunter, sie -glaubte ihres Vaters Schloß zu erblicken, hoch oben stand die -Großmutter mit der Silberkrone auf dem Haupte und starrte -durch die reißenden Ströme zu des Schiffes Kiel empor. Da -kamen ihre Schwestern über das Wasser hervor und schauten -sie traurig an und rangen ihre weißen Hände, sie winkte ihnen, -lächelte und wollte erzählen, daß es ihr gut und glücklich ginge, -aber der Schiffsjunge näherte sich ihr und die Schwestern -tauchten unter, so daß er glaubte, das Weiße, was er gesehen, -sei Schaum auf der See gewesen. -</p> - -<p> -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -Am nächsten Morgen segelte das Schiff in den Hafen -von des Nachbarkönigs prächtiger Stadt. Alle Kirchenglocken -läuteten und von den hohen Türmen wurden die Posaunen -geblasen, während die Soldaten mit fliegenden Fahnen und -blitzenden Bajonetten dastanden. Jeder Tag führte ein Fest -mit sich. Bälle und Gesellschaften folgten einander, aber die -Prinzessin war noch nicht da; sie werde, weit von hier entfernt, -in einem heiligen Tempel erzogen, sagten sie, dort lerne sie -alle königlichen Tugenden. Endlich traf sie ein. -</p> - -<p> -Die kleine Seejungfer war begierig, ihre Schönheit zu sehen, -und sie mußte solche anerkennen: eine lieblichere Erscheinung -hatte sie noch nie gesehen. Die Haut war fein und klar, und -hinter den langen dunklen Augenwimpern lächelten ein Paar -schwarzblaue, treue Augen. -</p> - -<p> -„Du bist die!“ sagte der Prinz, „die mich gerettet hat, -als ich einer Leiche gleich an der Küste lag!“ Und er drückte -seine errötende Braut in seine Arme. „Oh, ich bin allzu glücklich!“ -sagte er zur kleinen Seejungfer. „Das Beste, was ich -je hoffen durfte, ist mir in Erfüllung gegangen. Du wirst dich -über mein Glück freuen, denn du meinst es am besten mit mir -von ihnen allen!“ Und die kleine Seejungfer küßte seine Hand, -und es kam ihr schon vor, als fühlte sie ihr Herz brechen. Sein -Hochzeitsmorgen würde ihr ja den Tod geben und sie in -Schaum auf dem Meere verwandeln. -</p> - -<p> -Alle Kirchenglocken läuteten, die Herolde ritten in den -Straßen umher und verkündeten die Verlobung. Auf allen -Altären brannte duftendes Öl in köstlichen Silberlampen. Die -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Priester schwangen die Rauchfässer, und Braut und Bräutigam -reichten einander die Hand und erhielten den Segen des -Bischofs. Die kleine Seejungfer war in Seide und Gold -gekleidet und hielt die Schleppe der Braut, aber ihre Ohren -hörten die festliche Musik nicht, ihr Auge sah die heilige -Zeremonie nicht, sie gedachte ihrer Todesnacht und alles dessen, -was sie in dieser Welt verloren hatte. -</p> - -<p> -Noch an demselben Abende gingen die Braut und der -Bräutigam an Bord des Schiffes, die Kanonen donnerten, -alle Flaggen wehten, und mitten auf dem Schiffe war ein -köstliches Zelt von Gold und Purpur und mit den schönsten -Kissen errichtet, da sollte das Brautpaar in der kühlen, stillen -Nacht schlafen! -</p> - -<p> -Die Segel schwellten im Winde, und das Schiff glitt leicht -und ohne große Bewegung über die klare See dahin. -</p> - -<p> -Als es dunkelte, wurden bunte Lampen angezündet, und -die Seeleute tanzten lustig auf dem Verdecke. Die kleine Seejungfer -mußte ihres ersten Auftauchens aus dem Meere gedenken, -wo sie dieselbe Pracht und Freude erblickt hatte, und -sie wirbelte sich mit im Tanze, schwebte, wie eine Schwalbe -schwebt, wenn sie verfolgt wird, und alle jubelten ihr Bewunderung -zu: nie hatte sie so herrlich getanzt. Es schnitt ihr -wie scharfe Messer in die zarten Füße, aber sie fühlte es nicht: -es schnitt ihr noch schmerzlicher durch das Herz. Sie wußte, -es sei der letzte Abend, an dem sie ihn erblickte, für den sie -ihre Verwandten und ihre Heimat verlassen, ihre schöne Stimme -dahingegeben und täglich unendliche Qualen ertragen hatte, -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -ohne daß er es mit einem Gedanken ahnte. Es war die letzte -Nacht, daß sie dieselbe Luft mit ihm einatmete, das tiefe Meer -und den sternhellen Himmel erblickte; eine ewige Nacht ohne -Gedanken und Traum harrte ihrer, die keine Seele hatte, keine -Seele gewinnen konnte. Und alles war Freude und Heiterkeit -auf dem Schiffe bis über Mitternacht hinaus, sie lachte -und tanzte mit Todesgedanken im Herzen. Der Prinz küßte -seine schöne Braut, und sie spielte mit seinem schwarzen -Haare, und Arm in Arm gingen sie zur Ruhe in das prächtige -Zelt. -</p> - -<p> -Es wurde still auf dem Schiffe, nur der Steuermann stand -am Steuerruder, die kleine Seejungfer legte ihre weißen Arme -auf den Schiffsbord und blickte gen Osten nach der Morgenröte: -der erste Sonnenstrahl, wußte sie, würde sie töten. Da -sah sie ihre Schwestern der Flut entsteigen, die waren bleich -wie sie; ihr langes schönes Haar wehte nicht mehr im Winde, -es war abgeschnitten. -</p> - -<p> -„Wir haben es der Hexe gegeben, um dir Hilfe bringen -zu können, damit du diese Nacht nicht stirbst. Sie hat uns ein -Messer gegeben, hier ist es! Siehst du, wie scharf? Bevor die -Sonne aufgeht, mußt du es in das Herz des Prinzen stoßen, -und wenn dann das warme Blut auf deine Füße spritzt, so -wachsen diese in einen Fischschwanz zusammen und du wirst -wieder eine Seejungfer, kannst zu uns herabsteigen und lebst -deine dreihundert Jahre, bevor du zu <a id="corr-4"></a>totem, salzigem Seeschaume -wirst. Beeile dich! Er oder du muß sterben, bevor -die Sonne aufgeht! Unsere Großmutter trauert so, daß ihr -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -weißes Haar wie das unsrige unter der Schere der Hexe gefallen -ist. Töte den Prinzen und komm zurück! Beeile dich! -Siehst du den roten Streifen am Himmel? In wenigen -Minuten steigt die Sonne auf, dann mußt du sterben!“ Und -sie stießen einen tiefen Seufzer aus und versanken in den -Wogen. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-059"> -<img src="images/059.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Die kleine Seejungfer zog den Purpurteppich vom Zelte -und sah die schöne Braut mit ihrem Haupte an des Prinzen -Brust ruhen, und sie bog sich nieder, küßte ihn auf seine schöne -Stirn, blickte gen Himmel, wo die Morgenröte mehr und mehr -leuchtete, betrachtete das scharfe Messer und heftete die Augen -wieder auf den Prinzen, der im Traume seine Braut bei -Namen nannte. Nur sie war in seinen Gedanken, und das -<a id="page-60" class="pagenum" title="60"></a> -Messer zitterte in der Hand der Seejungfer. — Aber da warf -sie es weit hinaus in die Wogen, sie glänzten rot, wo es hinfiel, -es sah aus, als keimten Blutstropfen aus dem Wasser -auf. Noch einmal sah sie mit halbgebrochenen Blicken auf den -Prinzen, stürzte sich vom Schiffe in das Meer hinab und -fühlte, wie ihr Körper sich in Schaum auflöste. -</p> - -<p> -Nun stieg die Sonne aus dem Meere auf, die Strahlen -fielen so mild und warm auf den kalten Meeresschaum, und -die kleine Seejungfer fühlte nichts vom Tode. Sie sah die helle -Sonne, und über ihr schwebten Hunderte von durchsichtigen, -herrlichen Geschöpfen, sie konnte durch dieselben des Schiffes -weiße Segel und des Himmels rote Wolken erblicken, ihre -Sprache war melodisch, aber so geisterhaft, daß kein menschliches -Ohr sie vernehmen, ebenso wie kein irdisches Auge sie -erblicken konnte, ohne Schwingen schwebten sie vermittelst ihrer -eigenen Leichtigkeit durch die Luft. Die kleine Seejungfer sah, -daß sie einen Körper hatte wie diese, der sich mehr und mehr -aus dem Schaume erhob. -</p> - -<p> -„Wo komm ich hin?“ fragte sie, und ihre Stimme klang -wie die der andern Wesen, so geisterhaft, daß keine irdische -Musik sie wiederzugeben vermag. -</p> - -<p> -„Zu den Töchtern der Luft!“ erwiderten die andern. „Die -Seejungfer hat keine unsterbliche Seele und kann sie nie erhalten, -wenn sie nicht eines Menschen Liebe gewinnt, von einer fremden -Macht hängt ihr ewiges Dasein ab. Die Töchter der Luft -haben auch keine unsterbliche Seele, aber sie können durch gute -Handlungen sich selbst eine schaffen. Wir fliegen nach den -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -warmen Ländern, wo die schwüle Pestluft den Menschen tötet, -dort fächeln wir Kühlung. Wir breiten den Duft der Blumen -durch die Luft aus und senden Erquickung und Heilung. -Wenn wir dreihundert Jahre lang gestrebt haben, alles Gute, -was wir vermögen, zu vollbringen, so erhalten wir eine unsterbliche -Seele und nehmen teil am ewigen Glücke der Menschen. -Du arme, kleine Seejungfer hast mit ganzem Herzen -nach demselben wie wir gestrebt; du hast gelitten und geduldet, -hast dich zur Luftgeisterwelt erhoben und kannst nun dir selbst -durch gute Werke nach drei Jahrhunderten eine unsterbliche -Seele schaffen.“ -</p> - -<p> -Und die kleine Seejungfer erhob ihre verklärten Augen -gegen Gottes Sonne, und zum ersten Male fühlte sie Tränen -in ihren Augen. — Auf dem Schiffe war wieder Lärm und -Leben, sie sah den Prinzen mit seiner schönen Braut nach ihr -suchen, wehmütig starrten sie den perlenden Schaum an, als -ob sie wüßten, daß sie sich in die Fluten gestürzt habe. Unsichtbar -küßte sie die Stirn der Braut, fächelte den Prinzen -an und stieg mit den übrigen Kindern der Luft auf die rosenrote -Wolke hinauf, welche den Äther durchschiffte. -</p> - -<p> -„Nach dreihundert Jahren schweben wir so in das Reich -Gottes hinein!“ -</p> - -<p> -„Auch können wir noch früher dahin gelangen!“ flüsterte -eine Tochter der Luft. „Unsichtbar schweben wir in die Häuser -der Menschen hinein, wo Kinder sind, und für jeden Tag, an -dem wir ein gutes Kind finden, welches seinen Eltern Freude -bereitet und deren Liebe verdient, verkürzt Gott unsere Prüfungszeit. -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -Das Kind weiß nicht, wann wir durch die Stube fliegen -und müssen wir aus Freude über dasselbe lächeln, so wird ein -Jahr von den dreihundert Jahren abgerechnet, sehen wir aber -ein unartiges und böses Kind, so müssen wir Tränen der -Trauer vergießen, und jede Träne legt unserer Prüfungszeit -einen Tag zu!“ -</p> - -<div class="centerpic" id="img-062"> -<img src="images/062.jpg" alt="" /></div> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -Der Reisekamerad -</h2> - -<div class="centerpic pbb" id="img-065"> -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a><img src="images/065.jpg" alt="" /></div> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>er arme Johannes war tief betrübt, denn sein Vater war -sehr krank und konnte nicht genesen. Außer den beiden -war durchaus niemand in dem kleinen Zimmer: die Lampe auf -dem Tische war dem Erlöschen nahe, und es war spät abends. -</p> - -<p> -„Du warst ein guter Sohn, Johannes!“ sagte der kranke -Vater. „Der liebe Gott wird dir schon in der Welt forthelfen!“ -Er sah ihn mit ernsten, milden Augen an, holte tief Atem und -starb; es war, als ob er schliefe. Johannes weinte, nun hatte -er niemanden in der Welt, weder Vater noch Mutter, weder -Schwester noch Bruder. Der arme Johannes! Er lag vor dem -Bette auf seinen Knien, küßte des toten Vaters Hand und -weinte sehr viele bittere Tränen, aber zuletzt schlossen sich seine -Augen, und er schlief ein, mit dem Kopfe auf dem harten -Bettpfosten liegend. -</p> - -<p> -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -Da träumte er einen sonderbaren Traum, er sah, wie Sonne -und Mond sich vor ihm neigten, er erblickte seinen Vater wieder -frisch und gesund und hörte ihn lachen, wie er immer lachte, -wenn er recht froh war. Ein schönes Mädchen mit einer goldenen -Krone auf ihrem langen, glänzenden Haare reichte ihm -die Hand, und sein Vater sagte: „Siehst du, was für eine -Braut du erhalten hast? Sie ist die schönste in der Welt.“ Da -erwachte er und alle Herrlichkeit war vorbei, sein Vater lag tot -und kalt im Bette, es war niemand bei ihnen. Der arme Johannes! -</p> - -<p> -In der folgenden Woche wurde der Tote begraben, der -Sohn ging dicht hinter dem Sarge her und konnte nun den guten -Vater nicht mehr zu sehen bekommen, der ihn so sehr geliebt -hatte. Er hörte, wie sie die Erde auf den Sarg hinunterwarfen -und sah noch die letzte Ecke desselben, aber nach der nächsten -Schaufel Erde, welche hinabgeworfen wurde, war auch die verschwunden, -da war es, als wolle sein Herz in Stücke zerspringen, -so betrübt war er. Ringsherum sangen sie einen Psalm; es -waren schöne, heilige Klänge, und die Tränen traten dem Johannes -in die Augen, er weinte, und das tat ihm in seiner -Trauer wohl. Die Sonne beschien herrlich die grünen Bäume, -als wolle sie sagen: „Du darfst nicht mehr betrübt sein, Johannes! -Siehst du, wie schön der Himmel ist? Dort oben ist -nun dein Vater und bittet den lieben Gott, daß es dir allezeit -wohl ergehen möge!“ -</p> - -<p> -„Ich will auch immer gut sein,“ sagte Johannes, „dann -komme ich in den Himmel zu meinem Vater, und was wird -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -das für eine Freude werden, wenn wir einander wiedersehen! -Wieviel werde ich ihm dann nicht erzählen können, und er wird -mir so viele Dinge zeigen, mir die Herrlichkeit des Himmels -erklären, ebenso wie er mich hier auf Erden unterrichtete. Oh, -was für eine Freude wird das werden!“ -</p> - -<p> -Er dachte sich das so deutlich, daß er dabei lächelte, während -die Tränen ihm noch über die Wangen liefen. Die -kleinen Vögel saßen oben in den Kastanienbäumen und zwitscherten: -„Quivit, Quivit!“ Sie waren froh und munter, obgleich -sie mit bei dem Begräbnisse gewesen: aber sie wußten -wohl, daß der tote Mann nun im Himmel wäre, Flügel hätte, -schöner und größer als die ihrigen, daß er nun glücklich sei, -weil er hier auf Erden gut gewesen, und darüber waren sie -vergnügt. Johannes sah, wie sie von den grünen Bäumen weit -in die Welt hinausflogen, da bekam er auch Lust, mitzufliegen. -Aber zuerst schnitt er ein großes Holzkreuz, um es auf seines -Vaters Grab zu setzen, und als er es am Abend dahin brachte, -war das Grab mit Sand und Blumen geschmückt, das hatten -fremde Leute getan, denn sie hielten alle viel von dem lieben -Vater, der nun tot war. -</p> - -<p> -Früh am nächsten Morgen packte Johannes sein kleines -Bündel zusammen und verwahrte in seinem Gürtel sein ganzes -Erbteil, welches fünfzig Taler und ein paar Silberschillinge -betrug, damit wollte er in die Welt hinaus wandern. Aber -zuerst ging er nach dem Kirchhofe zu seines Vaters Grabe, betete -ein Vaterunser und sagte: „Lebe wohl!“ -</p> - -<p> -Draußen auf dem Felde, wo er ging, standen alle Blumen -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -frisch und schön in dem warmen Sonnenscheine, sie nickten im -Winde, als wollten sie sagen: „Willkommen im Grünen! Ist -es hier nicht schön?“ Aber Johannes wendete sich noch einmal -zurück, um die alte Kirche zu betrachten, in der er als ein kleines -Kind getauft und wo er jeden Sonntag mit seinem Vater zum -Gottesdienst gewesen war und seinen Psalm gesungen hatte; -da sah er hoch oben in einer der Öffnungen des Turmes den -Kirchenkobold mit seiner kleinen, roten, spitzen Mütze stehen, wie -er sein Gesicht mit dem gebogenen Arme beschattete, da ihm -sonst die Sonne in die Augen schien. Johannes nickte ihm Lebewohl -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -zu, und der kleine Kobold schwenkte seine rote Mütze, legte -die Hand auf das Herz und warf ihm viele Kußhändchen zu, -um zu zeigen, wie gut er es mit ihm meine, und daß er ihm -eine recht glückliche Reise wünsche. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-068"> -<img src="images/068.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Johannes dachte daran, wie viel Schönes er nun in der -großen, prächtigen Welt zu sehen bekommen würde und ging -weiter und weiter fort, so weit wie er früher nie gewesen war. -Er kannte die Orte nicht, durch die er kam, oder die Menschen, -denen er begegnete. — Nun war er weit draußen in der Fremde. -</p> - -<p> -Die erste Nacht mußte er sich auf einem Heuschober auf -dem Felde schlafen legen, ein anderes Bett hatte er nicht. Aber -das war recht hübsch, meinte er, der König könnte es nicht besser -haben. Das ganze Feld mit dem Bache, der Heuschober und -dann der blaue Himmel darüber, das war gewiß eine schöne -Schlafkammer. Das grüne Gras mit den kleinen, roten und -weißen Blumen war die Fußdecke, die Fliederbüsche und die -wilden Rosenhecken waren Blumensträuße, und zum Waschbecken -diente ihm der ganze Bach mit dem klaren, frischen -Wasser, wo das Schilf sich neigte und ihm guten Abend und -guten Morgen bot. Der Mond war wahrhaft eine große Nachtlampe, -hoch oben unter der blauen Decke, und der zündete die -Gardinen nicht an mit seinem Feuer, Johannes konnte ruhig -schlafen, und er tat es auch und erwachte erst wieder, als die -Sonne aufging und alle die kleinen Vögel rings umher sangen: -„Guten Morgen! Guten Morgen! Bist du noch nicht auf?“ -</p> - -<p> -Die Glocken läuteten zur Kirche! es war Sonntag. Die -Leute gingen hin, den Prediger zu hören, und Johannes folgte -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -ihnen, sang einen Psalm und hörte Gottes Wort. Es war ihm, -als wäre er in seiner eigenen Kirche, in der er getauft worden -war, und wo er Psalmen mit seinem Vater gesungen hatte. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-070"> -<img src="images/070.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Draußen auf dem Kirchhofe waren viele Gräber und auf -einigen wuchs hohes Gras. Da dachte er an seines Vaters -Grab, welches am Ende auch so aussehen würde wie diese, da -er es nicht jäten und schmücken konnte. Er setzte sich also nieder -und riß das Gras ab, richtete die Holzkreuze auf, welche umgefallen -waren und legte die Kränze, die der Wind vom Grabe -fortgerissen hatte, wieder auf ihre Stelle, indem er dachte: -vielleicht tut jemand dasselbe an meines Vaters Grabe, da ich -es nicht tun kann! -</p> - -<p> -Draußen vor der Kirchhofstüre stand ein alter Bettler und -stützte sich auf seine Krücke. Johannes gab ihm die Silberschillinge, -die er hatte, und ging dann glücklich und vergnügt -weiter fort in die weite Welt hinein. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-071"> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a><img src="images/071.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Gegen Abend war ein schrecklich böses Wetter, er sputete -sich, unter Dach und Fach zu gelangen, aber es wurde bald -finstere Nacht, da erreichte er endlich eine kleine Kirche, die -einsam auf einem kleinen Hügel lag. -</p> - -<p> -„Hier will ich mich in einen Winkel setzen!“ sagte er und -ging hinein. „Ich bin ermüdet und habe es wohl nötig, ein -wenig auszuruhen.“ Dann setzte er sich nieder, faltete seine Hände -und betete sein Abendgebet, und ehe er es wußte, schlief und -träumte er, während es draußen blitzte und donnerte. -</p> - -<p> -Als er wieder erwachte, war es Mitternacht, das böse Wetter -war vorübergezogen und der Mond schien durch die Fenster -zu ihm herein. Mitten in der Kirche stand ein offener Sarg mit -einem toten Manne darin, weil er noch nicht begraben war. -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -Johannes war durchaus nicht furchtsam, denn er hatte ein gutes -Gewissen, und er wußte wohl, daß die Toten niemandem etwas -zuleide tun. Die Lebenden, die Übles tun, sind böse Menschen. -Solche zwei lebende, schlimme Leute standen dicht bei dem toten -Manne, der hier in der Kirche beigesetzt war, bevor er beerdigt -wurde, ihm wollten sie Übles erweisen, ihn nicht in seinem Sarge -liegen lassen, sondern ihn vor die Kirchtüre hinauswerfen, den -armen, toten Mann! -</p> - -<p> -„Weshalb wollt ihr das tun?“ fragte Johannes. „Das ist -böse und schlimm, laßt ihn in Jesu Namen ruhen!“ -</p> - -<p> -„Oh, Schnickschnack!“ sagten die beiden häßlichen Menschen. -„Er hat uns angeführt! Er schuldet uns Geld: das -konnte er nicht bezahlen, und nun ist er obendrein tot, nun -bekommen wir vollends keinen Pfennig! Deshalb wollen wir -uns rächen: er soll wie ein Hund draußen vor der Kirchtür -liegen!“ -</p> - -<p> -„Ich habe nicht mehr als fünfzig Taler!“ sagte Johannes. -„Das ist mein ganzes Erbteil, aber das will ich euch gern -geben, wenn ihr mir ehrlich versprechen wollt, den armen, toten -Mann in Ruhe zu lassen. Ich werde schon durchkommen ohne -das Geld, ich habe gesunde, starke Gliedmaßen, und der liebe -Gott wird mir allezeit helfen!“ -</p> - -<p> -„Ja,“ sagten die häßlichen Menschen, „wenn du seine -Schuld bezahlen willst, wollen wir beide ihm nichts tun, darauf -kannst du dich verlassen!“ Alsdann nahmen sie das Geld, welches -er ihnen gab, lachten laut auf über seine Gutmütigkeit und -gingen ihres Weges. Er aber legte die Leiche wieder im Sarge -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -zurecht und faltete ihre Hände, nahm Abschied von ihr und -ging durch den großen Wald zufrieden weiter. -</p> - -<p> -Rings umher, wo der Mond durch die Bäume herein schien, -sah er die niedlichen, kleinen Elfen lustig spielen. Sie ließen sich -nicht stören: sie wußten wohl, daß er ein guter, unschuldiger -Mensch sei, und es sind nur die bösen Leute, welche die Elfen -nicht zu sehen bekommen. Einige von ihnen waren nicht größer, -als ein Finger breit ist und hatten ihr langes, gelbes Haar mit -Goldkämmen aufgesteckt; je zwei schaukelten sie sich auf den -großen Tautropfen, die auf den Blättern und dem hohen Grase -lagen, zuweilen entrollte der Tropfen, dann fielen sie nieder -zwischen den langen Grashalmen, und das verursachte ein Gelächter -und Lärmen unter den andern Kleinen. Es war allerliebst! -Sie sangen, und Johannes erkannte deutlich die hübschen -Lieder, die er als kleiner Knabe gelernt hatte. Große, -bunte Spinnen mit Silberkronen auf dem Kopfe mußten -von der einen Hecke zur andern lange Hängebrücken und -Paläste spinnen, welche, da der feine Tau darauf fiel, wie -schimmerndes Glas im Mondscheine aussahen. So währte -es fort, bis die Sonne aufging. Die kleinen Elfen krochen -dann in die Blumenknospen, und der Wind erfaßte ihre -Brücken und Schlösser, die als Spinngewebe durch die Luft -flogen. -</p> - -<p> -Johannes war eben aus dem Walde herausgekommen, als -eine starke Mannesstimme hinter ihm rief: „Holla, Kamerad, -wohin geht die Reise?“ -</p> - -<p> -„In die weite Welt hinaus!“ sagte er. „Ich habe weder -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Vater noch Mutter, bin ein armer Bursche, aber der Herr -hilft mir wohl.“ -</p> - -<p> -„Ich will auch in die weite Welt hinaus,“ sagte der fremde -Mann. „Wollen wir beide einander Gesellschaft leisten?“ -</p> - -<p> -„Jawohl,“ sagte er, und so gingen sie miteinander. Bald -gewannen sie sich recht lieb, denn sie waren beide gute Menschen. -Aber Johannes merkte wohl, daß der Fremde viel klüger -war als er. Der hatte fast die ganze Welt durchreist und wußte -von allem <a id="corr-5"></a>Möglichen, was existierte, zu erzählen. -</p> - -<p> -Die Sonne stand schon hoch, als sie sich unter einen großen -Baum setzten, ihr Frühstück zu genießen, zur selben Zeit kam -eine alte Frau. Die war sehr alt und ging krumm einher, sie -stützte sich auf einen Krückstock, auf ihrem Rücken trug sie ein -Bündel Brennholz, welches sie sich im Walde gesammelt hatte. -Ihre Schürze war aufgebunden, und Johannes sah, daß drei -große Ruten von Farnkraut und Weidenreisern daraus hervorsahen. -Als sie ihnen nahe war, glitt sie mit dem einen Fuße -aus, fiel und tat einen lauten Schrei, denn sie hatte das Bein -gebrochen, die arme, alte Frau! -</p> - -<p> -Johannes meinte sogleich, daß sie die alte Frau nach Hause -tragen wollten, wo sie wohnte, aber der Fremde machte sein -Ränzel auf, nahm eine Büchse hervor und sagte, daß er hier -eine Salbe habe, welche sogleich ihr Bein wieder gesund und -kräftig machen würde, so daß sie selbst nach Hause gehen könne, -und zwar, als ob sie nie das Bein gebrochen hätte. Allein -dafür verlange er auch, daß sie ihm die drei Ruten schenke, die -sie in ihrer Schürze habe. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-075"> -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a><img src="images/075.jpg" alt="" /></div> - -<p> -„Das wäre gut bezahlt!“ sagte die Alte und nickte ganz -eigen mit dem Kopfe. Sie wollte die Ruten nicht gern hergeben, -aber es war auch nicht angenehm, mit gebrochenem Beine -dazuliegen. So gab sie ihm denn die Ruten, und sowie er nur -die Salbe auf das Bein gerieben hatte, erhob sich auch die alte -Mutter und ging viel besser denn zuvor. Solches konnte die -Salbe bewirken. Aber die war auch nicht in der Apotheke zu -haben. -</p> - -<p> -„Was willst du mit den Ruten?“ fragte Johannes nun -seinen Reisekameraden. -</p> - -<p> -„Das sind drei schöne Kräuterbesen,“ sagte der, „die liebe -ich sehr, denn ich bin ein närrischer Patron!“ -</p> - -<p> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -Dann gingen sie noch ein gutes Stück. -</p> - -<p> -„Sieh, wie der Himmel sich umzieht,“ sagte Johannes und -zeigte geradeaus. „Das sind schrecklich dicke Wolken!“ -</p> - -<p> -„Nein,“ sagte der Reisekamerad, „das sind keine Wolken, -das sind Berge — die herrlichen großen Berge, wo man hinauf -über die Wolken und in die frische Luft gelangt! Glaube mir, -da ist es herrlich! Morgen sind wir sicher weit in der Welt.“ -</p> - -<p> -Das war aber nicht so nahe, wie es aussah, sie hatten einen -ganzen Tag zu gehen, bevor sie die Berge erreichten, wo die -schwarzen Wälder gegen den Himmel aufwuchsen und wo es -Steine gab, fast so groß als eine große Stadt. Das mochte -wahrlich eine schwere Anstrengung werden, da hinüberzukommen, -aber darum gingen auch Johannes und sein Reisekamerad in -das Wirtshaus hinein, um sich gut auszuruhen und Kräfte zum -morgenden Marsche zu sammeln. -</p> - -<p> -Unten in der großen Schenkstube im Wirtshause waren -viele Menschen versammelt, denn dort war ein Mann, der gab -Puppenkomödie. Er hatte soeben sein kleines Theater aufgestellt, -und die Leute saßen ringsumher, um die Komödie zu -sehen. Aber vorn hatte ein dicker Schlächter Platz genommen, -und zwar den allerbesten; sein großer Bullenbeißer — der sah -sehr bissig aus! — saß an seiner Seite und machte große Augen, -so, wie alle andern. -</p> - -<p> -Nun begann die Komödie, und das war eine niedliche -Komödie mit einem Könige und einer Königin, die saßen auf -dem schönsten Throne, hatten goldene Kronen auf dem Haupte -und lange Schleppen an den Kleidern, denn ihre Mittel erlaubten -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -das. Die niedlichsten Holzpuppen mit Glasaugen und -großen Schnurrbärten standen an allen Türen und machten auf -und zu, damit frische Luft in das Zimmer kommen konnte. Es -war eine recht niedliche Komödie. Aber als die Königin aufstand -und über den Fußboden hinging, machte der große Bullenbeißer -— Gott mag wissen, was er sich dachte — da der dicke -Schlächter ihn nicht hielt, einen Sprung stracks hinein in das -Theater und packte die Königin mitten um ihre Taille, daß es -knackte. Es war schrecklich! -</p> - -<div class="centerpic" id="img-077"> -<img src="images/077.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Der arme Mann, der die Komödie gab, war sehr erschrocken -und betrübt über seine Königin! Denn es war die allerniedlichste -Puppe, die er hatte, und nun hatte der häßliche Bullenbeißer -den Kopf abgebissen. Aber als die Leute später fortgingen, -sagte der Fremde, der mit Johannes gekommen war, -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -daß er sie schon wieder zurecht machen würde, und dann nahm -er seine Büchse hervor und schmierte die Puppe mit der Salbe, -womit er der alten Frau geholfen, als sie das Bein gebrochen -hatte. Sowie die Puppe geschmiert worden, war sie wieder -ganz, ja sie konnte sogar alle ihre Glieder selbst bewegen, man -brauchte nicht mehr an der Schnur zu ziehen. Die Puppe war -wie ein lebendiger Mensch, nur daß sie nicht sprechen konnte. -Der Mann, der das kleine Puppentheater hatte, war sehr -froh, nun brauchte er diese Puppe nicht mehr zu halten, die -konnte ja von selbst tanzen. Das konnte keine der andern. -</p> - -<p> -Als es später Nacht wurde und alle Leute im Wirtshause -zu Bett gegangen waren, war jemand da, der so schrecklich tief -seufzte und solange damit fortfuhr, daß alle aufstanden, um -zu sehen, wer es wäre. Der Mann, der die Komödie gegeben -hatte, ging nach seinem kleinen Theater hin, denn dort war -es, wo jemand seufzte. Alle Holzpuppen lagen untereinander: -der König und alle Trabanten, und die waren es, die so jämmerlich -seufzten und mit ihren Glasaugen stierten, denn sie -wollten so gern wie die Königin ein wenig geschmiert werden, -damit sie sich auch von selbst bewegen könnten. Die Königin -legte sich sofort auf die Knie und streckte ihre prächtige Krone -in die Höhe, während sie bat: „Nimm mir diese, aber schmiere -meinen Gemahl und meine Hofleute!“ Da konnte der arme -Mann, der das Theater und die Puppen besaß, nicht unterlassen -zu weinen, denn es tat ihm wirklich ihretwegen leid. Er -versprach sogleich dem Reisekameraden, ihm alles Geld zu geben, -was er am nächsten Abend für seine Komödie erhalten würde, -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -wenn er nur vier bis fünf von seinen niedlichen Puppen -schmieren wolle. Aber der Reisekamerad sagte, daß er durchaus -nichts weiter verlange, als den Säbel, den jener an seiner Seite -habe, und als er den erhielt, beschmierte er sechs Puppen, die -sogleich tanzten und zwar so niedlich, daß alle die lebenden -Menschenmädchen, die es sahen, alsbald mittanzten. Der Kutscher -und die Köchin tanzten, der Diener und das Stubenmädchen, -alle die Fremden und die Feuerschaufel und die Feuerzange, -aber die fielen um, als sie die ersten Sprünge machten. -— Ja, das war eine lustige Nacht! -</p> - -<div class="centerpic" id="img-079"> -<img src="images/079.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Am nächsten Morgen ging Johannes mit seinem Reisekameraden -von ihnen fort auf die hohen Berge hinauf und -durch die großen Tannenwälder. Sie kamen so hoch hinauf, -daß die Kirchtürme tief unter ihnen zuletzt wie kleine blaue -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -Beeren unten in all dem Grünen aussahen, sie konnten sehr -weit sehen, viele, viele Meilen weit, wo sie nie gewesen waren! -Soviel Schönes der prächtigen Welt hatte Johannes früher -nie auf einmal gesehen! Die Sonne schien warm aus der frischen -blauen Luft, er hörte auch zwischen den Bergen die Jäger das -Waldhorn so schön und lieblich blasen, daß ihm vor Freude -die Tränen in die Augen traten und er nicht unterlassen konnte, -auszurufen: „Du guter, lieber Gott! Ich möchte dich küssen, -weil du so gut gegen uns alle bist und uns all die Herrlichkeit, -die in der Welt ist, gegeben hast!“ -</p> - -<p> -Der Reisekamerad stand auch mit gefalteten Händen da -und sah über den Wald und die Städte in den warmen Sonnenschein -hinaus. Zu gleicher Zeit ertönte es wunderbar lieblich -über ihrem Haupte, sie blickten in die Höhe, ein weißer -großer Schwan schwebte in der Luft und sang, wie sie früher -nie einen Vogel hatten singen hören! Aber der Gesang wurde -schwächer und schwächer, er neigte seinen Kopf und sank langsam -zu ihren Füßen nieder, wo er tot liegen blieb, der schöne -Vogel! -</p> - -<p> -„Zwei herrliche Flügel,“ sagte der Reisekamerad, „so weiß -und groß wie die, welche der Vogel hat, sind Geldes wert: die -will ich mit mir nehmen! Siehst du nun wohl, daß es gut -war, daß ich einen Säbel bekam?“ Und so hieb er mit einem -Schlage beide Flügel des toten Schwanes ab: die wollte er -behalten. -</p> - -<p> -Sie reisten nun viele, viele Meilen weit fort über die Berge, -bis sie zuletzt eine große Stadt vor sich sahen, mit Hunderten -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -von Türmen, die wie Silber in der Sonne glänzten. In der -Stadt war ein prächtiges Marmorschloß, mit purem Golde -gedeckt. Hier wohnte der König. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-081"> -<img src="images/081.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Johannes und der Reisekamerad wollten nicht sogleich in -die Stadt gehen, sondern blieben im Wirtshause vor der Stadt, -damit sie sich putzen konnten, denn sie wollten nett aussehen, -wenn sie auf die Straße kämen. Der Wirt erzählte ihnen, daß -der König ein sehr guter Mann sei, der nie einem Menschen -etwas zuleide täte, aber seine Tochter, ja, Gott behüte uns! die -sei eine schlimme Prinzessin. Schönheit besaß sie genug, keine -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -konnte so hübsch und niedlich sein, wie sie war, aber was half -das? Sie war eine böse Hexe, die Schuld daran hatte, daß -viele herrliche Prinzen ihr Leben hatten verlieren müssen. — -Allen Menschen hatte sie die Erlaubnis erteilt, um sie freien -zu dürfen. Ein jeder konnte kommen, er mochte Prinz oder -Bettler sein: das sei ihr gleich. Er sollte nur drei Sachen raten, -an die sie gerade gedacht hätte und um die sie ihn befragte. -Konnte er das, so wollte sie sich mit ihm vermählen, und er -sollte König über das ganze Land sein, wenn ihr Vater stürbe; -konnte er aber die drei Sachen nicht raten, so ließ sie ihn aufhängen -oder ihm den Kopf abhauen! Ihr Vater, der alte König, -war sehr betrübt darüber, aber er konnte ihr nicht verbieten, so -böse zu sein, denn er hatte einmal gesagt, er wolle nie etwas -mit ihren Liebhabern zu tun haben, sie könne selbst tun, was -sie wolle. Jedesmal wenn ein Prinz kam und raten sollte, um -die Prinzessin zu erhalten, konnte er es nicht, und dann wurde -er gehängt oder geköpft. Er war ja beizeiten gewarnt, er hätte -das Freien unterlassen können. Der König war so betrübt über -all die Trauer und das Elend, daß er einen ganzen Tag des -Jahres mit allen seinen Soldaten auf den Knien lag und -betete, die Prinzessin möge gut werden, aber das wollte sie -durchaus nicht. Die alten Frauen, die Branntwein tranken, -färbten denselben schwarz, bevor sie ihn tranken, so trauerten -sie. Und mehr konnten sie doch nicht tun! -</p> - -<p> -„Die häßliche Prinzessin!“ sagte Johannes. „Sie sollte -wirklich die Rute bekommen, das würde ihr gut tun. Wäre ich -nur der alte König, sie sollte schon gegerbt werden!“ -</p> - -<p> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Da hörten sie das Volk draußen Hurra rufen. Die Prinzessin -kam vorbei, sie war wirklich schön, daß alle Leute vergaßen, -wie böse sie war, deshalb riefen sie Hurra. Zwölf schöne -Jungfrauen, alle in weißseidenen Kleidern und jede eine goldene -Tulpe in der Hand, ritten auf schwarzen Pferden ihr -zur Seite. Die Prinzessin selbst hatte ein weißes Pferd mit -Diamanten und Rubinen geschmückt. Ihr Reitkleid war aus -purem Goldstoff, und die Peitsche, die sie in der Hand hatte, -sah aus, als wäre sie ein Sonnenstrahl. Die goldene Kette auf -dem Haupte war wie kleine Sterne vom Himmel, und der -Mantel war aus mehr als tausend Schmetterlingsflügeln zusammengenäht. -Dessenungeachtet war sie noch schöner als ihre -Kleider. -</p> - -<p> -Als Johannes sie zu sehen bekam, wurde er so rot im Gesichte -wie ein Blutstropfen und konnte kaum ein einzelnes Wort -sagen. -</p> - -<p> -Die Prinzessin sah so aus wie das schöne Mädchen mit -der goldenen Krone, von der er in der Nacht geträumt hatte, -als sein Vater gestorben war. Er fand sie so schön, daß er nicht -unterlassen konnte, sie recht zu lieben. Das wäre gewiß nicht -wahr, daß sie eine böse Hexe sei, welche die Leute hängen oder -köpfen ließ, wenn sie nicht raten könnten, was sie von ihnen -verlangte. „Ein jeder hat die Erlaubnis, um sie zu freien, sogar -der ärmste Bettler. Ich will wirklich nach dem Schlosse -gehen, denn ich kann es nicht unterlassen!“ Sie sagten ihm alle, -er möge es nicht tun, es würde ihm bestimmt wie all den -andern ergehen. Der Reisekamerad riet auch davon ab, aber -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -Johannes meinte, es würde schon gehen. Er bürstete seine -Schuhe und seinen Rock, wusch sich Gesicht und Hände, kämmte -sein hübsches blondes Haar und ging dann allein in die Stadt -hinein und nach dem Schlosse. -</p> - -<p> -„Herein!“ sagte der alte König, als Johannes an die Türe -pochte. Johannes öffnete, und der König im Schlafrock und in -gestickten Pantoffeln kam ihm entgegen, die Krone hatte er auf -dem Haupte, das Zepter in der einen Hand und den Reichsapfel -in der andern. „Warte ein bißchen!“ sagte er, und nahm -den Apfel unter den Arm, um Johannes die Hand reichen zu -können. Aber sowie er erfuhr, er sei ein Freier, fing er so an -zu weinen, daß das Zepter sowohl wie der Apfel auf den Fußboden -fielen und er die Augen mit seinem Schlafrocke trocknen -mußte. Der arme, alte König! -</p> - -<p> -„Laß es sein!“ sagte er. „Es geht Dir schlecht, wie all den -andern. Nun, Du wirst es sehen!“ Dann führte er ihn hinaus -nach dem Lustgarten der Prinzessin. Da sah es schrecklich aus! -Oben in jedem Baume hingen drei, vier Königssöhne, die um -die Prinzessin gefreit hatten, aber die Sachen, die sie ihnen -aufgegeben, nicht hatten raten können. Jedesmal, wenn es wehte, -klapperten alle Gerippe, so daß die kleinen Vögel erschraken -und nie in den Garten zu kommen wagten. Alle Blumen waren -an Menschenknochen aufgebunden, und in Blumentöpfen standen -Totenköpfe und grinsten. Das war wirklich ein sonderbarer -Garten für eine Prinzessin. -</p> - -<p> -„Hier siehst Du es!“ sagte der alte König. „Es wird Dir -ebenso wie diesen hier ergehen. Laß es deshalb lieber. Du -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -machst mich wirklich unglücklich, denn ich nehme mir das sehr -zu Herzen!“ -</p> - -<div class="centerpic" id="img-085"> -<img src="images/085.jpg" alt="" /></div> - -<p> -Johannes küßte dem guten, alten König die Hand und -sagte, es würde schon gehen, denn er sei entzückt von der schönen -Prinzessin. -</p> - -<p> -Da kam die Prinzessin selbst mit allen ihren Damen in -den Schloßhof geritten, sie gingen deshalb zu ihr hinaus und -sagten ihr guten Tag. Sie war wunderschön anzuschauen und -reichte Johannes die Hand. Und er hielt noch viel mehr von -ihr wie früher. Sie konnte sicher keine böse Hexe sein, wie alle -Leute es ihr nachsagten. — Dann begaben sie sich in den Saal, -und die kleinen Pagen präsentierten ihnen Eingemachtes und -Pfeffernüsse. Aber der alte König war betrübt, er konnte nichts -essen. Und die Pfeffernüsse waren ihm auch zu hart. -</p> - -<p> -Es wurde bestimmt, daß Johannes am nächsten Morgen -wieder nach dem Schlosse kommen sollte, dann würden die -Richter und der ganze Rat versammelt sein und hören, wie es -mit dem Raten gehe. Würde er gut dabei fahren, so sollte er -dann noch zweimal kommen, aber es war noch nie jemand da -gewesen, der das erstemal richtig geraten hätte, und dann mußte -er das Leben verlieren. -</p> - -<p> -Johannes war nicht bekümmert darum, wie es ihm ergehen -würde. Er war vielmehr vergnügt, gedachte nur der schönen Prinzessin -und glaubte sicher, der liebe Gott werde ihm schon helfen. -Aber wie, dies wußte er nicht und wollte lieber nicht daran -denken. Er tanzte auf der Landstraße dahin, als er nach dem -Wirtshause zurückging, wo der Reisekamerad auf ihn wartete. -</p> - -<p> -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Johannes konnte nicht fertig damit werden, zu erzählen, -wie artig die Prinzessin gegen ihn gewesen und wie schön sie -sei. Er sehne sich schon sehr nach dem nächsten Tage, wo er in -das Schloß sollte, um sein Glück im Raten zu versuchen. -</p> - -<p> -Aber der Reisekamerad schüttelte den Kopf und war betrübt. -„Ich bin dir so gut!“ sagte er. „Wir hätten noch lange -beisammen sein können, und nun soll ich dich schon verlieren! -Du armer, lieber Johannes! Ich möchte weinen, aber ich will -am letzten Abende, den wir vielleicht beisammen sind, deine -Freude nicht stören. Wir wollen lustig sein, recht lustig! Morgen, -wenn du fort bist, kann ich ungestört weinen.“ -</p> - -<p> -Alle Leute drinnen in der Stadt hatten sogleich erfahren, -daß ein neuer Freier der Prinzessin angekommen war, und -deshalb herrschte große Betrübnis. Das Schauspielhaus blieb -geschlossen, alle Kuchenfrauen banden Flor um ihre Zuckermänner, -der König und die Priester lagen auf den Knien in -den Kirchen. Es war große Betrübnis, denn es konnte Johannes -ja nicht besser ergehen, als es allen übrigen Freiern ergangen war. -</p> - -<p> -Gegen Abend bereitete der Reisekamerad eine große Bowle -Punsch und sagte zu Johannes: „Nun wollen wir recht lustig -sein und auf der Prinzessin Gesundheit trinken.“ Als aber Johannes -zwei Gläser getrunken hatte, wurde er so schläfrig, daß -es ihm unmöglich war, die Augen offen zu halten, er sank in -tiefen Schlaf. Der Reisekamerad hob ihn sanft vom Stuhle -und legte ihn in das Bett hinein, und als es dunkle Nacht -wurde, nahm er die beiden großen Flügel, die er von dem -Schwane abgehauen hatte, und band sie an seine Schultern fest. -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -Die größte Rute, die er von der alten Frau erhalten, welche -gefallen war und das Bein gebrochen hatte, steckte er in seine -Tasche, öffnete das Fenster und flog so über die Stadt, nach -dem Schlosse hin, wo er sich in einen Winkel unter das Fenster -setzte, wo es in die Schlafstube der Prinzessin ging. -</p> - -<p> -Es war still in der ganzen Stadt. Nun schlug die Uhr dreiviertel -auf Zwölf, das Fenster ging auf und die Prinzessin flog -in einem langen, weißen Mantel und mit schwarzen Flügeln -über die Stadt weg hinaus zu einem großen Berge. Aber der -Reisekamerad machte sich unsichtbar, so daß sie ihn nicht sehen -konnte, flog hinterher und peitschte die Prinzessin mit seiner -Rute, so daß Blut kam, wohin er schlug. Ach, das war eine -Fahrt durch die Luft! Der Wind erfaßte ihren Mantel, der -sich nach allen Seiten ausbreitete gleich einem großen Schiffssegel, -und der Mond schien durch denselben. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-088"> -<img src="images/088.jpg" alt="" /></div> - -<p> -„Wie es hagelt! wie es hagelt!“ sagte die Prinzessin bei -jedem Schlage, den sie von der Rute bekam, und das war ihr -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -schon recht. Endlich kam sie hinaus zum Berge und klopfte an. -Es rollte gleich dem Donner, indem der Berg sich öffnete, sie -ging hinein. Der Reisekamerad folgte ihr, denn niemand konnte -ihn sehen, er war unsichtbar. Sie gingen durch einen großen, -langen Gang, wo die Wände eigentümlich glänzten, es waren -über tausend glühende Spinnen, die an der Mauer auf- und -abliefen und wie Feuer leuchteten. Da kamen sie in einen großen -Saal, von Silber und Gold erbaut, Blumen so groß wie Sonnenblumen, -rote und blaue, glänzten an den Wänden, aber niemand -konnte die Blumen pflücken, denn die Stengel waren häßliche, -giftige Schlangen, und die Blumen waren Feuer, welches -ihnen aus dem Rachen heraus brannte. Die ganze Decke war -mit leuchtenden Johanneswürmchen und himmelblauen Fledermäusen -bedeckt, die mit den dünnen Flügeln schlugen. Es sah -ganz schauerlich aus! Mitten auf dem Fußboden war ein -Thron, der von vier Pferdegerippen getragen wurde, welchen -Zaumzeug von den roten Feuerspinnen aufgelegt war, der Thron -selbst war aus milchweißem Glase, und die Kissen waren kleine, -schwarze Mäuse, die einander in den Schwanz bissen. Über -demselben war ein Dach von rosenrotem Spinngewebe, mit den -niedlichen, kleinen grünen Flügeln besetzt, welche wie Edelsteine -glänzten. Auf dem Throne saß ein alter Zauberer, mit einer -Krone auf dem häßlichen Kopfe und einem Zepter in der Hand. -Er küßte die Prinzessin auf die Stirn, ließ sie an seine Seite -auf den kostbaren Thron setzen, und dann begann die Musik. -Große, schwarze Heuschrecken bliesen auf Mundharmonikas, -und die Ente schlug sich auf den Leib, denn sie hatte keine -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Trommel. Das war ein possierliches Konzert. Kleine, schwarze -Kobolde mit einem Irrlichte auf der Mütze tanzten im Saale -herum. Niemand aber konnte den Reisekameraden erblicken, er -hatte sich hinter den Thron gestellt und hörte und sah alles. Die -Hofleute, die nun herein kamen, waren sehr fein und vornehm! -Der, welcher sehen konnte, merkte wohl, wie es damit zusammenhing. -Sie waren nichts weiter als Besenstiele mit Kohlköpfen -darauf, in die der Zauberer Leben gehext und denen er gestickte -Kleider gegeben hatte. Aber das machte nichts aus, sie wurden -doch nur zum Prunk gebraucht. -</p> - -<p> -Nachdem erst etwas getanzt war, erzählte die Prinzessin -dem Zauberer, daß sie einen neuen Freier erhalten habe und -fragte deshalb, woran sie wohl denken sollte, um ihn am nächsten -Morgen darnach zu fragen, wenn er nach dem Schlosse käme. -</p> - -<p> -„Höre,“ sagte der Zauberer, „das will ich dir sagen! Du -mußt etwas recht Leichtes wählen, denn dann fällt er gar nicht -darauf. Denke an einen deiner Schuhe. Das rät er nicht. Laß -ihm den Kopf abhauen, doch vergiß nicht, wenn du morgen -Nacht wieder zu mir kommst, mir seine Augen mitzubringen, -denn die will ich essen!“ -</p> - -<p> -Die Prinzessin verneigte sich tief und sagte, sie würde die -Augen nicht vergessen. Der Zauberer öffnete nun den Berg, -und sie flog wieder zurück, aber der Reisekamerad folgte ihr und -prügelte sie wieder so stark mit der Rute, daß sie tief über das -starke Hagelwetter seufzte und sich, so sehr sie konnte, beeilte, -durch das Fenster in ihre Schlafstube zu gelangen. Der Reisekamerad -dagegen flog zum Wirtshause zurück, wo Johannes -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -noch schlief, löste seine Flügel ab und legte sich dann auch auf -das Bett, denn er konnte wohl müde sein. -</p> - -<p> -Es war früh am Morgen, als Johannes erwachte. Der -Reisekamerad stand auch auf und erzählte, daß er diese Nacht -einen sonderbaren Traum von der Prinzessin und ihrem Schuhe -gehabt habe und bat ihn, deshalb doch zu fragen, ob die Prinzessin -nicht an ihren Schuh gedacht haben sollte. Denn das war -es ja, was er von dem Zauberer im Berge gehört hatte. -</p> - -<p> -„Ich kann ebensogut darnach als nach etwas anderem fragen,“ -sagte Johannes. „Vielleicht ist das richtig, was du geträumt -hast, denn ich vertraue auf den lieben Gott, der mir -schon helfen wird. Aber ich will dir noch Lebewohl sagen, denn -rate ich falsch, so bekomme ich dich nie mehr zu sehen.“ -</p> - -<p> -Dann küßten sie sich, und Johannes ging in die Stadt und -nach dem Schlosse. Der Saal war mit Menschen angefüllt, die -Richter saßen in ihren Lehnstühlen und hatten Eiderdunenkissen -unter den Köpfen, denn sie hatten gar viel zu denken. Der alte -König stand auf und trocknete seine Augen mit einem weißen -Taschentuche. Nun trat die Prinzessin herein. Sie war noch -schöner wie gestern und grüßte alle in anmutigster Weise, aber -dem Johannes gab sie die Hand und sagte: „Guten Morgen, du!“ -</p> - -<p> -Nun sollte Johannes raten, woran sie gedacht habe, Gott, -wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie <a id="corr-6"></a>ihn das eine Wort -„Schuh“ aussprechen hörte, wurde sie kreideweiß im Gesicht -und zitterte am ganzen Körper. Allein das konnte ihr nichts -helfen, denn er hatte richtig geraten! -</p> - -<p> -Der Tausend! wie wurde der alte König vergnügt, er schoß -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -einen Purzelbaum, daß es eine Lust war. Und alle Leute klatschten -in die Hände, ihm und Johannes zu Ehren, der das erstemal -richtig geraten hatte. -</p> - -<p> -Der Reisekamerad war auch erfreut, als er erfuhr, wie gut -es abgelaufen war. Aber Johannes faltete die Hände und dankte -seinem Gotte, der sicher die beiden andern Male wieder helfen -würde. Am nächsten Tage sollte schon wieder geraten werden. -</p> - -<p> -Der Abend verging ebenso wie der gestrige. Als Johannes -schlief, flog der Reisekamerad hinter der Prinzessin her zum -Berge hinaus und prügelte sie noch stärker als das vorige Mal, -denn nun hatte er zwei Ruten genommen. Niemand bekam ihn -zu sehen, und er hörte alles. Die Prinzessin wollte an ihren -Handschuh denken, und das erzählte er wieder dem Johannes, -als ob es ein Traum sei. Daher konnte derselbe richtig raten, -und es verursachte eine große Freude auf dem Schlosse. Der -ganze Hof schoß Purzelbäume, sowie sie es den König das -erstemal hatten machen sehen. Aber die Prinzessin lag auf dem -Sofa und wollte nicht ein einziges Wort sagen. Nun kam es -darauf an, ob Johannes das drittemal richtig raten konnte. -Glückte es, so sollte er ja die schöne Prinzessin haben und nach -dem Tode des alten Königs das ganze Reich erben. Riet er -falsch, so sollte er sein Leben verlieren und der Zauberer seine -schönen, blauen Augen essen. -</p> - -<p> -Den Abend vorher ging Johannes zeitig zu Bett, betete -sein Abendgebet und schlief dann ruhig. Aber der Reisekamerad -band seine Flügel an den Rücken, den Säbel aber an seine -Seite, nahm alle drei Ruten mit sich und flog nach dem Schlosse. -</p> - -<p> -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -Es war finstere Nacht. Es stürmte so, daß die Dachsteine -von den Häusern flogen, und die Bäume drinnen im Garten, -wo die Gerippe hingen, bogen sich gleich nach dem Schilfe vor -dem Sturmwinde. Es blitzte jeden Augenblick und der Donner -rollte, als ob es nur ein einziger Schlag sei, der die ganze -Nacht währte. Nun ging das Fenster auf, und die Prinzessin -flog heraus. Sie war so bleich wie der Tod, aber sie lachte über -das böse Wetter und meinte, es sei noch nicht arg genug. Und -ihr weißer Mantel wirbelte in der Luft umher, gleich einem -großen Schiffssegel, aber der Reisekamerad peitschte sie mit -seinen drei Ruten, daß das Blut auf die Erde tröpfelte und -sie zuletzt kaum weiter fliegen konnte. Endlich kam sie doch nach -dem Berge. -</p> - -<p> -„Es hagelt und stürmt,“ sagte sie, „nie bin ich bei solchem -Wetter ausgewesen.“ -</p> - -<p> -„Man kann auch des Guten zu viel haben!“ sagte der Zauberer. -Nun erzählte sie ihm, daß Johannes auch das zweitemal -richtig geraten habe, würde er dasselbe morgen tun, so hätte er -gewonnen, und sie könne nie mehr nach dem Berge hinauskommen, -vermöchte nie mehr solche Zauberkünste wie früher zu -machen, deshalb war sie betrübt. -</p> - -<p> -„Er soll es nicht erraten können!“ sagte der Zauberer. „Ich -werde schon etwas erdenken, was er sich nie gedacht hat, oder -er müßte ein größerer Zauberer gewesen sein als ich. Aber nun -wollen wir lustig sein!“ Und dann faßte er die Prinzessin bei -den Händen, und sie tanzten mit allen den kleinen Kobolden -mit Irrlichtern herum, die in dem Zimmer waren. Die roten -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -Spinnen sprangen an den Wänden ebenso lustig auf und nieder, -es sah aus, als ob Feuerblumen sprühten. Die Eule schlug auf -die Trommel, die Heimchen pfiffen, und die schwarzen Heuschrecken -bliesen auf Mundharmonikas. Es war ein lustiger -Ball. — -</p> - -<p> -Als sie nun lange genug getanzt hatten, mußte die Prinzessin -nach Hause, sonst möchte sie im Schlosse vermißt werden. -Der Zauberer sagte, daß er sie begleiten wolle, da wären sie -doch unterwegs noch beisammen. -</p> - -<p> -Dann flogen sie in dem bösen Wetter davon, und der Reisekamerad -schlug seine drei Ruten auf ihrem Rücken entzwei. -Nie war der Zauberer in solchem Hagelwetter ausgewesen. -Draußen vor dem Schlosse sagte er der Prinzessin Lebewohl -und flüsterte ihr zugleich zu: „Denke an meinen Kopf!“ Aber -der Reisekamerad hörte es wohl, und gerade in dem Augenblick, -als die Prinzessin durch das Fenster in ihr Schlafgemach -schlüpfte und der Zauberer wieder umkehren wollte, ergriff er -ihn an seinem langen Barte und hieb mit dem Säbel seinen -häßlichen Zaubererkopf bei den Schultern ab, so daß der Zauberer -ihn nicht einmal selbst zu sehen bekam. Den Körper warf -er hinaus in den See zu den Fischen, den Kopf aber tauchte er -nur in das Wasser und band ihn dann in sein seidenes Taschentuch, -nahm ihn mit nach dem Wirtshause und legte sich dann -schlafen. -</p> - -<p> -Am nächsten Morgen gab er Johannes das Taschentuch -und sagte ihm dabei, daß er es nicht aufbinden dürfe, bevor die -Prinzessin frage, woran sie gedacht habe. -</p> - -<p> -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -Es waren so viele Menschen in dem großen Saale auf -dem Schlosse, daß sie so dicht standen wie Radieschen, die in -ein Bündel zusammengebunden sind. Der Rat saß auf seinen -Stühlen mit den weichen Kissen, und der alte König hatte neue -Kleider an, die goldene Krone und das Zepter waren poliert: -er sah feierlich aus. Aber die Prinzessin war bleich und hatte -ein schwarzes Kleid an, als gehe sie zum Begräbnis. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-095"> -<img src="images/095.jpg" alt="" /></div> - -<p> -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -„Woran habe ich gedacht?“ fragte sie den Johannes. Und -sogleich löste er das Taschentuch und war selbst erschrocken, als -er das häßliche Zaubererhaupt erblickte. Es schauderte alle Menschen, -denn es war schrecklich anzusehen, aber die Prinzessin -saß da wie ein Steinbild und konnte nicht ein einziges Wort -sagen. Endlich erhob sie sich und reichte Johannes die Hand, -denn er hatte ja richtig geraten. Sie sah weder auf den einen -noch auf den andern, sondern sie seufzte laut: „Nun bist du -mein Herr! Diesen Abend wollen wir Hochzeit halten!“ -</p> - -<p> -„Das gefällt mir!“ sagte der alte König. „So will ich es -haben!“ Alle Leute riefen hurra, die Wachtparade machte Musik -in den Straßen, die Glocken läuteten und die Kuchenfrauen -nahmen den schwarzen Flor von ihren Zuckermännern, denn -nun herrschte große Freude. Drei gebratene Ochsen, mit Enten -und Hühnern gefüllt, wurden mitten auf den Markt gesetzt, -und jeder konnte sich ein Stück abschneiden, in den Springbrunnen -sprudelte der schönste Wein, und kaufte man eine Pfennigbrezel -beim Bäcker, so bekam man sechs große Zwiebacke als -Zugabe, und die Zwiebacke mit Rosinen darin. -</p> - -<p> -Am Abende war die ganze Stadt erleuchtet, die Soldaten -schossen mit Kanonen, die Knaben mit Knallerbsen, und es wurde -gegessen und getrunken, angestoßen und gesprungen oben im -Schlosse. Alle die vornehmen Fräulein tanzten miteinander, -man konnte in weiter Ferne hören, wie sie sangen: -</p> - -<div class="poem-container"> - <div class="poem"> - <div class="stanza"> - <p class="verse">Hier sind viel hübsche Mädchen,</p> - <p class="verse">Die gern tanzen rund herum,</p> - <p class="verse">Drehen sich wie Spinnerädchen;</p> -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> - <p class="verse">Hübsches Mädchen, schwenk’ dich um.</p> - <p class="verse">Tanzt und springet immerzu,</p> - <p class="verse">Bis die Sohle fällt vom Schuh.</p> - </div> - </div> -</div> - -<p class="noindent"> -Aber die Prinzessin war ja noch eine Hexe und mochte Johannes -gar nicht leiden. Das fiel dem Reisekameraden ein, und -deshalb gab er Johannes drei Federn aus den Schwanenflügeln -und eine kleine Flasche mit einigen Tropfen darin und sagte -ihm dann, daß er ein großes Faß mit Wasser gefüllt vor das -Bett der Prinzessin setzen lassen solle, und wenn die Prinzessin -hineinsteigen wolle, sollte er ihr einen kleinen Stoß geben, so -daß sie in das Wasser hinunterfalle, wo er sie dreimal untertauchen -müsse, nachdem er vorher die Federn und die Tropfen -hineingeschüttet habe, dann werde sie ihre Zauberei verlieren -und ihn recht lieb haben. -</p> - -<p> -Johannes tat alles, was der Reisekamerad ihm geraten -hatte. Die Prinzessin schrie laut, als er sie unter das Wasser -tauchte, und zappelte ihm unter den Händen wie ein großer, -schwarzer Schwan mit funkelnden Augen. Als sie das zweitemal -wieder über das Wasser herauf kam, war der Schwan weiß, -bis auf einen schwarzen Ring um den Hals. Johannes betete -fromm zu Gott und ließ das Wasser das drittemal über den -Vogel zusammenschlagen, und in demselben Augenblick wurde -dieser in die schönste Prinzessin verwandelt. Sie war noch -schöner als zuvor und dankte ihm mit Tränen in ihren herrlichen -Augen, daß er den Zauber von ihr gelöst habe. -</p> - -<p> -Am nächsten Morgen kam der alte König mit seinem ganzen -Hofstaate, da gab es ein Gratulieren bis spät in den Tag hinein. -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -Zuletzt kam der Reisekamerad, er hatte seinen Stock in der -Hand und das Ränzel auf dem Rücken. Johannes küßte ihn -viele Mal und sagte, er dürfe nicht fortreisen, er solle bei ihm -bleiben, denn er wäre ja die Ursache seines Glücks. Aber der -Reisekamerad schüttelte mit dem Kopfe und sagte mild und -freundlich: „Nein, nun ist meine Zeit um. Ich habe nur meine -Schuld bezahlt. Erinnerst du dich des toten Mannes, dem die -bösen Menschen Übles tun wollten? Du gabst alles, was du -besaßest, damit er Ruhe in seinem Grabe haben konnte. Der -Tote bin ich!“ -</p> - -<p> -In demselben Augenblicke war er verschwunden. — -</p> - -<p> -Die Hochzeit währte nun einen ganzen Monat. Johannes -und die Prinzessin liebten einander innig, und der alte König -erlebte manche frohe Tage und ließ ihre kleinen Kinderchen auf -seinen Knien reiten und mit seinem Zepter spielen. Aber Johannes -wurde König über das ganze Land. -</p> - -<div class="centerpic" id="img-098"> -<img src="images/098.jpg" alt="" /></div> - -<div class="ads"> -<p class="hdr"> -Das Märchenbuch -</p> - -<p class="subt"> -Eine Sammlung von Märchenbüchern<br /> -für Kinder und Erwachsene -</p> - -<p class="illu"> -Mit Zeichnungen der besten deutschen Maler -</p> - -<p class="edt"> -Herausgegeben von Bruno Cassirer -</p> - -<hr /> - -<p class="book"> -<span class="line1">Band 1</span><br /> -<span class="line2">Deutsche Märchen</span><br /> -<span class="line3">Illustriert von <em>Max Slevogt</em></span><br /> -<span class="line4">Gebunden 10 Mark</span> -</p> - -<p class="book"> -<span class="line1">Band 2</span><br /> -<span class="line2">Deutsche Märchen</span><br /> -<span class="line3">Illustriert von Graf <em>L. von Kalckreuth</em></span><br /> -<span class="line4">Gebunden 8 Mark</span> -</p> - -<p class="book"> -<span class="line1">Band 3</span><br /> -<span class="line2">Genovefa — Der arme Heinrich</span><br /> -<span class="line3">Illustriert von <em>W. Klemm</em></span><br /> -<span class="line4">Gebunden 8 Mark</span> -</p> - -<p class="book"> -<span class="line1">Band 4</span><br /> -<span class="line2">Aladdin oder die Wunderlampe</span><br /> -<span class="line3">Illustriert von <em>C. Strathmann</em></span><br /> -<span class="line4">Gebunden 8 Mark</span> -</p> - -<p class="book"> -<span class="line1">Band 5</span><br /> -<span class="line2">Zwerg Nase</span><br /> -<span class="line3">Farbig illustriert von <em>Karl Walser</em></span><br /> -<span class="line4">Zweite Auflage. Gebunden 13.50 Mark</span> -</p> - -<p class="book"> -<span class="line1">Band 6</span><br /> -<span class="line2">Rübezahl</span><br /> -<span class="line3">Illustriert von <em>Max Slevogt</em></span><br /> -<span class="line4">Gebunden 10 Mark</span> -</p> - -<p class="book"> -<span class="line1">Band 7</span><br /> -<span class="line2">Das kalte Herz</span><br /> -<span class="line3">Farbig illustriert von <em>Karl Walser</em></span><br /> -<span class="line4">Gebunden 10 Mark</span> -</p> - -<p class="book"> -<span class="line1">Band 8</span><br /> -<span class="line2">Kalif Storch — Der kleine Muck</span><br /> -<span class="line3">Farbig illustriert von <em>Karl Walser</em></span><br /> -<span class="line4">Gebunden 10 Mark</span> -</p> - -<p class="book"> -<span class="line1">Band 9</span><br /> -<span class="line2">Frau Holle und anderes</span><br /> -<span class="line3">Illustriert von <em>Bernhard Hasler</em></span><br /> -<span class="line4">Gebunden 15 Mark</span> -</p> - -<p class="book"> -<span class="line1">Band 10</span><br /> -<span class="line2">Ali Baba und die vierzig Räuber</span><br /> -<span class="line3">Illustriert, teils mehrfarbig, von <em>Max Slevogt</em></span><br /> -<span class="line4">Zweite Auflage. In Halbleinen gebunden 35 Mark</span> -</p> - -<p class="center"> -Von einigen Bänden sind noch wenige Exemplare in Ganzleder mit Goldprägung -zum Preise von 200 Mark vorrätig. Hergestellt wurden je 100 numerierte Exemplare -</p> - -<hr /> - -<p class="printer"> -Druck: Hof-Buch- und -Steindruckerei Dietsch & Brückner in Weimar -</p> - -</div> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="chapter"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p> -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im <span class="underline">Stile</span> und in ...<br /> -... Bäume und Pflanzen, die so geschmeidig im <a href="#corr-0"><span class="underline">Stiele</span></a> und in ...<br /> -</li> - -<li> -... Berge, auf deren <span class="underline">Gipfel</span> der weiße Schnee glänzte, als wären ...<br /> -... Berge, auf deren <a href="#corr-1"><span class="underline">Gipfeln</span></a> der weiße Schnee glänzte, als wären ...<br /> -</li> - -<li> -... deine dreihundert Jahre, bevor du zu <span class="underline">toten</span>, salzigem Seeschaume ...<br /> -... deine dreihundert Jahre, bevor du zu <a href="#corr-4"><span class="underline">totem</span></a>, salzigem Seeschaume ...<br /> -</li> - -<li> -... von allem <span class="underline">Möglichem</span>, was existierte, zu erzählen. ...<br /> -... von allem <a href="#corr-5"><span class="underline">Möglichen</span></a>, was existierte, zu erzählen. ...<br /> -</li> - -<li> -... wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie <span class="underline">ihm</span> das eine Wort ...<br /> -... wie sah sie ihn freundlich an! Aber sowie sie <a href="#corr-6"><span class="underline">ihn</span></a> das eine Wort ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Märchen (Illustriert von Alfred Kubin), by -Hans Christian Andersen - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MÄRCHEN (ILLUSTRIERT VON *** - -***** This file should be named 50965-h.htm or 50965-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/6/50965/ - -Produced by Jens Sadowski -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/50965-h/images/003.jpg b/old/50965-h/images/003.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 2801c40..0000000 --- a/old/50965-h/images/003.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50965-h/images/007.jpg b/old/50965-h/images/007.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 785f443..0000000 --- a/old/50965-h/images/007.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50965-h/images/009.jpg b/old/50965-h/images/009.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b7dd450..0000000 --- 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