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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Eine Teufelsaustreibung und andere Geschichten - Eine Teufelsaustreibung / Das Tier / Interessante Männer - / Die Lady Makbeth des Mzensker Landkreises / Der stählerne - Floh - -Author: Nikolai Leskow - -Translator: Alexander Eliasberg - Karl Nötzel - -Release Date: January 13, 2016 [EBook #50912] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE TEUFELSAUSTREIBUNG UND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library. - - - - - - - NIKOLAI LJESSKOW - EINE TEUFELSAUSTREIBUNG - - NIKOLAI - LJESSKOW - - - - - EINE - TEUFELS-AUSTREIBUNG - UND ANDERE GESCHICHTEN - - - ÜBERTRAGEN VON - ALEXANDER ELIASBERG - - 1921 - MUSARION-VERLAG A.-G. MÜNCHEN - - Alle Rechte vorbehalten - - - - - INHALTSVERZEICHNIS - - - Seite - Eine Teufelsaustreibung 7 - Das Tier 29 - Interessante Männer 59 - Die Lady Makbeth des Mzensker Landkreises 145 - Der stählerne Floh (übertragen von Karl Nötzel) 217 - - - - - EINE TEUFELSAUSTREIBUNG - - - - - I - - -Diese heilige Handlung kann man nur in Moskau sehen, und das auch nur, -wenn man besonderes Glück und besondere Protektion hat. - -Dank einer glücklichen Verkettung von Umständen wohnte ich einmal der -Teufelsaustreibung vom Anfang bis zum Ende bei und möchte sie nun den -wahren Kennern und Liebhabern des Ernsten und Majestätischen im -nationalen Stil beschreiben. - -Einerseits gehöre ich zwar zum Adel, stehe aber andererseits dem »Volke« -nahe; meine Mutter ist aus dem Kaufmannsstande. Sie stammte aus einer -sehr reichen Familie, hatte aber gegen den Willen ihrer Eltern, aus -Liebe zu meinem Vater geheiratet. Mein seliger Vater war im Umgang mit -dem weiblichen Geschlecht besonders tüchtig und erreichte bei ihm alles, -was er nur wollte. So gelang es ihm auch, meine Mutter zu ergattern; die -Alten gaben ihm aber zum Lohn für seine Tüchtigkeit nichts außer der -Garderobe, den Betten und der göttlichen Gnade, die das junge Ehepaar -zugleich mit der Verzeihung und dem väterlichen Segen erhielt. Meine -Eltern wohnten in Orjol; sie lebten in recht kümmerlichen Verhältnissen, -hielten sich aber stolz und wollten die reichen mütterlichen Verwandten -niemals um Unterstützung bitten; sie unterhielten mit ihnen sogar -keinerlei Beziehungen. Als ich aber auf die Universität ziehen sollte, -sagte mir Mamachen: - -»Besuche, bitte, deinen Onkel Ilja Fedossejewitsch und grüße ihn von -mir. Das ist keine Erniedrigung; seinen älteren Verwandten muß man alle -Ehrfurcht erweisen; er ist aber mein Bruder, außerdem ein -gottesfürchtiger Mann und hat in Moskau ein großes Gewicht ... Bei allen -feierlichen Empfängen ist er immer dabei und steht mit der Schüssel mit -Salz und Brot oder einem Heiligenbild vor allen andern ... Auch beim -General-Gouverneur und dem Metropoliten wird er empfangen ... Er kann -dich nur Gutes lehren.« - -Ich glaubte um jene Zeit nicht an Gott, liebte aber meine Mutter. Also -sagte ich mir einmal: Jetzt bin ich fast ein ganzes Jahr in Moskau und -habe Mamachens Wunsch noch immer nicht erfüllt; nun will ich doch zum -Onkel Ilja Fedossejewitsch gehen, Mamachens Grüße ausrichten und -schauen, was er mich lehren kann. - -Von Kind auf war ich gewohnt, ältere Leute mit Ehrfurcht zu behandeln, -besonders aber solche, die mit dem Metropoliten und den Gouverneuren -verkehrten. - -Eines Tages bürstete ich mir die Kleider und begab mich zu Onkel Ilja -Fedossejewitsch. - - - - - II - - -Es war gegen sechs Uhr abends. Das Wetter war warm, mild und etwas trüb, -mit einem Wort recht angenehm. Das Haus meines Onkels ist allen bekannt, -es ist eines der ersten Häuser von Moskau. Ich war aber noch niemals -darin gewesen und hatte den Onkel nicht einmal aus der Ferne gesehen. - -Ich gehe aber recht selbstbewußt hin und sage mir: läßt er mich vor, so -ist es gut, und läßt er mich nicht vor, so brauch' ich ihn nicht. - -Ich komme in den Hof; vor der Einfahrt steht eine Equipage, die Pferde -sind wie zwei Löwen, pechkohlrabenschwarz, mit langen Mähnen, und das -Fell glänzt wie teurer Atlas. - -Ich gehe die Treppe hinauf und sage: »So und so, ich bin Neffe und -Student, meldet mich, bitte, Ilja Fedossejewitsch.« Und die Leute -antworten mir: - -»Ilja Fedossejewitsch kommen gleich selbst heraus, sie wollen gerade -ausfahren.« - -Es erscheint eine einfache aber höchst majestätische Gestalt; in den -Augen hat er einige Ähnlichkeit mit meiner Mutter, aber der -Gesichtsausdruck ist doch ganz anders. Ein solider Mann, was man so -nennt. - -Ich stellte mich vor; er hörte mich schweigend an, reichte mir die Hand -und sagte: - -»Setz dich, wir wollen ausfahren.« - -Ich wollte eigentlich nein sagen, brachte es aber doch nicht über die -Lippen und setzte mich in den Wagen. - -»Nach dem Park!« befahl er dem Kutscher. - -Die Löwen rasten dahin, so daß das Hinterteil des Wagens nur so -zitterte; als wir aber außerhalb der Stadt waren, fingen sie an, noch -schneller zu rennen. - -Wir sitzen im Wagen, sprechen kein Wort, und ich sehe nur, wie sich der -Onkel seinen Zylinderhut immer tiefer in die Stirne drückt und wie sein -Gesicht, wohl vor Langweile, immer griesgrämiger wird. - -Er schaut immer nach den Seiten; einmal wirft er aber den Blick auf mich -und sagt ganz unvermittelt: - -»Es ist gar kein Leben!« - -Ich wußte nicht, was darauf zu antworten und schwieg. - -Und wir fahren immer weiter; ich denke mir: wo will er mich nur -hinbringen? Und es scheint mir schon, daß ich in eine dumme Geschichte -hineingeraten bin. - -Der Onkel hatte aber wohl inzwischen irgendeinen Beschluß gefaßt und -begann den Kutscher zu kommandieren: - -»Rechts! Links! Zum >Jar<!« - -Aus dem Restaurant stürzt die ganze Dienerschaft heraus, und alle -verneigen sich vor ihm fast bis zur Erde. Der Onkel sitzt aber im Wagen, -rührt sich nicht und läßt den Besitzer rufen. Man läuft sofort hin. Nun -erscheint der Franzose und verbeugt sich mit großem Respekt. Der Onkel -rührt sich noch immer nicht, klappert mit dem Elfenbeingriff seines -Stockes gegen die Zähne und fragt: - -»Wieviel Fremde habt ihr im Haus?« - -»An die dreißig Personen in den Sälen,« antwortet der Franzose, »und -drei Séparés sind besetzt.« - -»Alle sollen hinaus!« - -»Sehr gut.« - -»Jetzt ist es sieben,« sagt Onkel nach einem Blick auf die Uhr, »um acht -komm ich wieder. Wird alles fertig sein?« - -»Nein,« antwortet jener, »um acht wird es nicht gehen ... Viele haben -sich ihre Sachen vorausbestellt ... Aber so gegen neun wird im ganzen -Restaurant keine fremde Seele sein.« - -»Gut.« - -»Was soll ich vorbereiten?« - -»Selbstverständlich einen Zigeunerchor.« - -»Und noch was?« - -»Ein Orchester.« - -»Nur eines?« - -»Nein, lieber zwei.« - -»Soll ich den Rjabyka holen lassen?« - -»Selbstverständlich.« - -»Französische Damen?« - -»Nein, die will ich nicht!« - -»Weine?« - -»Den ganzen Keller.« - -»Speisen?« - -»Die Karte!« - -Man reicht ihm die Tageskarte. - -Der Onkel wirft einen Blick auf die Karte, liest sie wohl gar nicht, -klopft mit dem Stock auf das Papier und sagt: - -»Dies alles für hundert Personen.« - -Und er rollt die Karte zusammen und steckt sie sich in die Tasche. - -Der Franzose ist erfreut, zugleich aber auch etwas verlegen. - -»Für hundert Personen kann ich es unmöglich herrichten,« sagt er, »denn -es sind auch sehr teure Sachen dabei, von denen ich nur fünf oder sechs -Portionen im Hause habe.« - -»Wie soll ich meine Gäste sortieren? Ein jeder soll alles haben, was er -will. Verstanden?« - -»Sehr wohl.« - -»Sonst wird dir auch der Rjabyka nicht helfen, mein Lieber! Kutscher, -pascholl!« - -Wir ließen den Restaurateur mit seinen Lakaien stehen und fuhren davon. - -Nun war es mir vollkommen klar, daß ich auf ein falsches Geleise geraten -war. Ich versuchte, mich zu verabschieden, der Onkel hörte aber nicht -auf mich. Er schien sehr besorgt. Wir fahren durch den Park, und er ruft -bald den einen, und bald den andern an. - -»Um neun Uhr zum >Jar<!« sagt Onkel einem jeden kurz. - -Die Leute, an die er sich wendet, sind lauter ehrwürdige Greise. Alle -ziehen vor ihm den Hut und antworten ebenso kurz: - -»Wir sind deine Gäste, Fedossejewitsch.« - -Ich glaube, wir hatten auf diese Weise an die zwanzig Personen -eingeladen. Als die Uhr neun schlug, fuhren wir wieder zum >Jar<. Ein -ganzes Rudel Kellner stürzte uns entgegen, alle halfen dem Onkel aus dem -Wagen, der Franzose selbst empfing ihn vor der Türe und klopfte ihm mit -der Serviette den Staub von der Hose ab. - -»Ist's geräumt?« fragt der Onkel. - -»Ein General ist nur noch da,« sagt jener. »Er bittet sehr, noch eine -Weile im Séparé bleiben zu dürfen.« - -»Hinaus mit ihm!« - -»Er ist wirklich sehr bald fertig.« - -»Ich will nicht, er hat genug Zeit gehabt, soll er seine Sachen draußen -auf dem Rasen zu Ende essen.« - -Ich weiß nicht wie das geendet hätte, aber der General kam in diesem -Augenblick mit seinen zwei Damen heraus, stieg in den Wagen und fuhr -davon. Gleichzeitig begannen die Gäste zusammenzuströmen, die der Onkel -im Parke eingeladen hatte. - - - - - III - - -Das Restaurant war aufgeräumt, sauber und vollkommen leer. Nur in einem -der Säle saß irgendein riesengroßer Kerl, der dem Onkel schweigend -entgegenkam und ihm, ohne ein Wort zu sagen, sofort den Stock aus der -Hand nahm, den er gleich irgendwohin versteckte. - -Der Onkel gab ihm den Stock ohne Widerspruch und reichte ihm zugleich -auch seine Brieftasche und sein Portemonnaie. - -Dieser leicht ergraute, massive Riese war jener selbe Rjabyka, dessen -Name in dem mir unverständlichen Auftrag des Onkels erwähnt worden war. -Von Beruf war er eigentlich Schulmeister, hier versah er aber offenbar -irgendein anderes Amt. Er schien hier ebenso notwendig wie die Zigeuner, -wie das Orchester und wie das ganze Personal, das vollzählig erschienen -war. Ich verstand nur nicht, welche Rolle der Schulmeister spielen -sollte, aber das konnte ich bei meiner Unerfahrenheit auch noch gar -nicht wissen. - -Das hell erleuchtete Restaurant war in vollem Betrieb: die Musik -dröhnte, die Zigeuner gingen auf und ab und blieben jeden Augenblick vor -den Büffets stehen, und der Onkel besichtigte die Säle, den -Wintergarten, die Grotten und die Galerien. Er wollte sich überzeugen, -ob tatsächlich keine Fremden da waren; der Schulmeister wich nicht von -seiner Seite. Als sie aber nach diesem Rundgang in den Hauptsaal, wo -schon die ganze Gesellschaft versammelt war, zurückkehrten, konnte man -zwischen ihnen einen großen Unterschied wahrnehmen: der Schulmeister war -ebenso nüchtern, wie vor dem Rundgang, der Onkel aber gänzlich -betrunken. - -Ich weiß nicht, wieso das so schnell geschehen war; jedenfalls war er in -bester Laune. Er übernahm das Präsidium, und die Geschichte ging los. - -Alle Türen waren abgesperrt, und das Restaurant war von der ganzen Welt -abgeschnitten. Zwischen uns und der übrigen Welt gähnte ein Abgrund: der -Abgrund des ganzen ausgetrunkenen Weines, der verzehrten Speisen und, -vor allen Dingen, der, ich will nicht sagen, häßlichen, aber wilden und -tollen Ausgelassenheit, die ich kaum zu schildern vermag. Das kann man -von mir auch garnicht verlangen: als ich mich hier festgeklemmt und von -der ganzen Welt abgeschnitten sah, verlor ich jeden Mut und hatte es -sehr eilig, mich zu betrinken. Darum werde ich auch gar nicht -beschreiben, wie diese Nacht verging. Meiner Feder ist es auch gar nicht -gegeben, _alles_ zu schildern; ich kann mich nur an zwei besonders -bemerkenswerte Episoden der Schlacht und an das Finale erinnern, doch -das _Unheimliche_ steckte eben in ihnen. - - - - - IV - - -Man meldete einen gewissen Iwan Stepanowitsch. Wie es sich später -herausstellte, war er ein angesehener Moskauer Fabrikant und -Großkaufmann. - -Eine peinliche Pause trat ein. - -»Ich hab ja gesagt: niemand darf herein,« erwiderte der Onkel. - -»Der Herr läßt inständigst bitten.« - -»Soll er sich nur dorthin begeben, wo er bisher war.« - -Der Kellner ging hinaus und meldete nach einer Weile sehr kleinlaut: - -»Iwan Stepanowitsch läßt sehr bitten.« - -»Nein, ich will nicht.« - -Die anderen schlagen vor: »Soll er ein Strafgeld zahlen!« - -»Nein, jagt ihn hinaus, ich will sein Strafgeld nicht.« - -Der Kellner kommt zurück und meldet noch kleinlauter: - -»Er ist bereit, jede Strafe zu zahlen. Er sagt, daß es für ihn bei -seinem Alter sehr kränkend ist, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu -sein.« - -Der Onkel erhob sich mit funkelnden Augen von seinem Platz; im gleichen -Augenblick ragte aber schon zwischen ihm und dem Kellner Rjabyka. Er -stieß den Kellner mit der linken Hand wie ein Küken zurück und setzte -mit der Rechten den Onkel wieder auf seinen Platz. - -Unter den Gästen wurden Stimmen für Iwan Stepanowitsch laut: er solle -hundert Rubel für die Musiker zahlen und hereinkommen. - -»Er ist doch einer von den unsrigen, ein gottesfürchtiger Greis, -- was -soll er jetzt anfangen? Er wird vielleicht vor den Augen des ganzen -Publikums Skandal machen. Man muß mit ihm ein Einsehen haben.« - -Der Onkel ließ sich erweichen und sagte: - -»Gut, es soll aber weder nach meinem, noch nach eurem, sondern nach -Gottes Willen geschehen: Iwan Stepanowitsch darf herein, muß aber die -große Pauke schlagen.« - -Der Kellner ging hin und meldete wieder: - -»Er möchte doch lieber eine Geldstrafe zahlen.« - -»Zum Teufel! Wenn er nicht trommeln will, so soll er sich scheren, wohin -er mag!« - -Iwan Stepanowitsch hielt es aber doch nicht aus und ließ nach kurzer -Zeit sagen, daß er bereit sei, die Pauke zu schlagen. - -»Gut, soll er kommen.« - -Ein großer Mann von ehrwürdigem Aussehen mit ernstem Gesicht, -erloschenen Augen, gekrümmtem Rücken und zerzaustem und grün -angelaufenem Bart tritt ein. Er will scherzen und die Gäste begrüßen, -man weist ihn aber zurecht. - -»Nachher, nachher,« schreit ihm der Onkel zu: »Jetzt sollst du die Pauke -schlagen.« - -»Die Pauke schlagen!« fallen die andern ein. - -»Musik! Einen Marsch!« - -Das Orchester stimmt einen dröhnenden Marsch an, der ehrwürdige Greis -nimmt den hölzernen Schlegel und beginnt im Takt und auch nicht im Takt -zu trommeln. - -Ein Höllenlärm und ein Höllengeschrei. Alle sind zufrieden und schreien: - -»Lauter!« - -Iwan Stepanowitsch gibt sich noch mehr Mühe. - -»Lauter! Lauter! Noch lauter!« - -Der Greis trommelt mit aller Kraft, wie der Mohrenfürst bei Freiligrath. -Schließlich erreicht er sein Ziel: man hört einen fürchterlichen Krach, -das Trommelfell zerspringt, alle lachen, der Lärm wird ganz -unerträglich, und Iwan Stepanowitsch muß den Musikern für die -vernichtete Pauke fünfhundert Rubel zahlen. - -Er zahlt, wischt sich den Schweiß aus der Stirne und setzt sich zu den -andern. Während alle sein Wohl trinken, bemerkt er zu seinem Entsetzen -unter den Anwesenden seinen Schwiegersohn. - -Wieder erhebt sich ein Lachen und Lärmen, und das geht so, bis ich das -Bewußtsein verliere. In den wenigen lichten Augenblicken, die ich noch -habe, sehe ich die Zigeunerinnen tanzen und den Onkel, auf dem Stuhle -sitzend, mit den Beinen zucken. Plötzlich taucht vor ihm jemand auf, -aber im gleichen Augenblick ragt schon zwischen dem Onkel und dem andern -Rjabyka. Der andere fliegt auf die Seite, der Onkel sitzt wieder auf -seinem Platz, und vor ihm stecken in der Tischplatte zwei Gabeln. Nun -verstehe ich Rjabykas Rolle. - -Zum Fenster wehte der erste frische Hauch des Moskauer Morgens herein; -ich kam wieder zum Bewußtsein, aber wohl nur, um an der Klarheit meiner -Vernunft zu zweifeln. Ich sah eine wilde Schlacht und das Abholzen eines -Waldes: ich hörte ein Dröhnen und Krachen und sah die riesengroßen -exotischen Bäume schwanken und fallen. Hinter ihnen drängte sich ein -Haufen seltsamer Gestalten mit braunen Gesichtern. An den Wurzeln der -Palmen funkelten schreckliche Äxte; mein Onkel fällte die Bäume, auch -der alte Iwan Stepanowitsch tat mit ... Eine mittelalterliche Vision! -... - -Die Zigeunerinnen, die sich in der Grotte hinter den Bäumen versteckt -hielten, sollten »gefangen genommen« werden; die Zigeuner verteidigten -sie nicht und überließen sie ihrer eigenen Energie. Scherz und Ernst -waren hier nicht mehr auseinanderzuhalten: durch die Luft flogen Teller, -Stühle und Steine aus der Grotte; die Feinde drangen aber immer tiefer -in den Wald ein, und am mutigsten zeigten sich Iwan Stepanowitsch und -mein Onkel. - -Die Festung wurde schließlich genommen: die Zigeunerinnen wurden -ergriffen, umarmt und abgeküßt, und eine jede bekam einen -Hundertrubelschein in das Mieder gesteckt. Damit war die Sache erledigt -... - -Ja, auf einmal war alles still ... Alles war zu Ende. Es war keine -Störung von außen, aber alle hatten genug. Wenn es vorher, wie mein -Onkel gesagt hatte, »gar kein Leben« war, so fühlten wohl jetzt alle -einen Überfluß an Leben. - -Alle hatten genug und alle waren zufrieden. Vielleicht hatte auch die -Bemerkung des Schulmeisters, daß es für ihn Zeit sei, in die Schule zu -gehen, einige Bedeutung. Jedenfalls war die Walpurgisnacht zu Ende, und -»das Leben« trat wieder in seine Rechte. - -Die Gäste verdufteten ohne Abschied einer nach dem andern; das Orchester -und die Zigeuner waren längst verschwunden. Das Restaurant bot das Bild -vollständiger Verwüstung: keine einzige Draperie, kein einziger Spiegel -war ganz; selbst der große Kronleuchter lag zertrümmert am Boden, und -die Kristallprismen zerbrachen unter den Füßen der Kellner, die sich vor -Müdigkeit kaum auf den Beinen hielten. Der Onkel saß ganz allein mitten -auf dem Sofa und trank Kwas. Ab und zu schwebten ihm wohl irgendwelche -Erinnerungen durch den Sinn, und er zuckte mit den Beinen. Vor ihm stand -Rjabyka, der in seine Schule eilte. - -Man reichte ihnen die Rechnung. Es war eine kurze »Pauschalrechnung«. - -Rjabyka studierte die Rechnung sehr aufmerksam und verlangte einen -Nachlaß von fünfzehnhundert Rubeln. Man widersprach ihm nicht viel und -zog das Fazit: die Endsumme machte siebzehntausend, und Rjabyka -erklärte, daß die Rechnung jetzt stimme. Der Onkel sagte einsilbig! -»Zahl's!«, setzte den Hut auf und bedeutete mir durch ein Zeichen, ihm -zu folgen. - -Zu meinem Entsetzen merkte ich, daß er mich nicht vergessen hatte und -daß ich ihm nicht entrinnen konnte. Er flößte mir eine unheimliche Angst -ein, und ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie ich mit ihm nun allein -unter vier Augen bleiben würde. Er hatte mich ja so ganz zufällig -mitgenommen, hatte mir noch keine zwei vernünftigen Worte gesagt und -schleppte mich überall mit sich herum. Was werde ich noch alles erleben? -Vor Entsetzen wurde ich auf einmal ganz nüchtern. Ich fürchtete dieses -schreckliche, wilde Tier mit der zügellosen Phantasie und den -furchtbaren Einfällen. Im Vorzimmer umringte uns eine Menge Kellner. Der -Onkel befahl: »Je fünf!«, und Rjabyka zahlte; die Hausmeister, -Nachtwächter, Schutzleute und Gendarmen, die irgendwelche Dienste -geleistet haben wollten, bekamen etwas weniger. Alle diese Leute wurden -befriedigt. Das machte eine Riesensumme aus. Im Parke draußen drängten -sich aber, so weit das Auge reichte, zahllose Droschken. Die -Droschkenkutscher warteten auf ihr »Väterchen« Ilja Fedossejewitsch, »ob -Seine Gnaden sie nicht irgendwie brauchen könnten.« - -Man stellte ihre Zahl fest und gab einem jeden von ihnen drei Rubel. Der -Onkel und ich stiegen in den Wagen, und Rjabyka reichte dem Onkel seine -Brieftasche. - -Ilja Fedossejewitsch nahm aus der Brieftasche einen Hunderter und gab -ihn Rjabyka. - -Dieser drehte die Banknote in den Fingern und sagte unwirsch: - -»Zu wenig.« - -Der Onkel gab ihm noch zwei Fünfundzwanziger. - -»Auch das genügt noch nicht: es hat ja keinen einzigen Skandal gegeben.« - -Der Onkel gab ihm noch einen dritten Fünfundzwanziger, der Schulmeister -reichte ihm nun auch seinen Stock und verabschiedete sich. - - - - - V - - -Nun blieben wir beide unter vier Augen zurück und fuhren im Trab nach -Moskau; hinter uns jagte aber mit Geschrei und Geklapper das ganze -unübersehbare Heer der Droschken. Ich konnte gar nicht begreifen, was -sie von uns wollten, der Onkel aber hatte es gleich erraten. Es war -eigentlich empörend: um von ihm noch mehr Geld zu erpressen, gaben sie -ihm unter dem Vorwande einer besonderen Ehrung das Geleite und lieferten -ihn auf diese Weise dem allgemeinen Spott aus. - -Moskau lag vor unseren Blicken in herrlicher Morgenbeleuchtung, von -leichten Rauchwölkchen aus den Kaminen und von friedlichem -Glockengeläute umschwebt. - -Rechts und links vom Schlagbaum zogen sich Warenspeicher hin. Der Onkel -ließ vor dem ersten Speicher halten, zeigte auf ein Fäßchen, das an der -Schwelle stand, und fragte: - -»Ist's Honig?« - -»Honig.« - -»Was kostet das Fäßchen?« - -»Wir verkaufen nur pfundweise.« - -»Rechne aus, was das kostet.« - -Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wieviel man dafür verlangte. -Ich glaube siebzig oder achtzig Rubel. - -Der Onkel zählte das Geld ab. - -Das Droschkenheer hatte uns inzwischen eingeholt. - -»Habt ihr mich lieb, ihr städtischen Droschkenkutscher?« - -»Gewiß! Wir sind immer bereit, Euer Gnaden zu dienen.« - -»Seid ihr mir ergeben?« - -»Mit Leib und Seele.« - -»Nehmt die Räder ab!« - -Die Kutscher stehen verständnislos da. - -»Macht es schnell!« kommandiert der Onkel. - -An die zwanzig Kutscher, die flinker als die anderen sind, holen unter -den Sitzen ihre Schraubschlüssel hervor und beginnen die Räder -abzunehmen. - -»Gut so,« sagt der Onkel, »und jetzt schmiert die Räder mit Honig.« - -»Väterchen!« - -»Schmiert!« - -»Das kostbare Gut ... So was nimmt man doch lieber in den Mund!« - -»Schmiert!« - -Ohne auf seinem Wunsche noch weiter zu bestehen, setzte er sich wieder -in den Wagen, und wir rasten davon. Die Droschkenkutscher blieben jedoch -sämtlich mit den abgeschraubten Rädern beim Honig, mit dem sie aber ihre -Räder gar nicht schmierten: sie verteilten ihn wohl unter sich oder -verkauften ihn weiter an den nächsten Krämer. Jedenfalls waren wir sie -los. Wir fuhren ins Bad. Hier erwartete ich das Jüngste Gericht: ich saß -mehr tot als lebendig in der Marmorwanne, während der Onkel in einer -seltsamen apokalyptischen Pose auf dem Boden lag. Die ganze Masse seines -schweren Körpers ruhte nur auf den Spitzen der Finger und der Zehen. Der -rote Körper bebte auf diesen Stützpunkten unter der kalten Dusche, und -er brüllte dabei dumpf wie ein Bär, der sich einen Dorn aus der Tatze -herausziehen will. Das dauerte eine halbe Stunde, und er zitterte -ununterbrochen, wie ein Gelee auf schwankendem Tisch. Plötzlich sprang -er auf, ließ sich Kwas geben, wir kleideten uns an und fuhren auf die -Schmiedebrücke zum »Franzosen«. - -Wir ließen uns hier die Haare stutzen, kräuseln und frisieren und -begaben uns dann zu Fuß durch die innere Stadt ins Geschäft. - -Der Onkel sprach mit mir noch immer nicht, ließ mich aber nicht los. Nur -einmal wandte er sich an mich: - -»Wart, nicht alles auf einmal: wenn du jetzt etwas nicht verstehst, so -wirst du es mit den Jahren verstehen.« - -Im Geschäft verrichtete er zunächst das Morgengebet, vergewisserte sich, -ob alles in Ordnung sei und stellte sich vor das Schreibpult. Das Gefäß -war von außen gereinigt, aber innen noch voller Greuel und lechzte nach -Läuterung. - -Ich sah es und hatte keine Angst mehr. Die Sache interessierte mich; ich -wollte sehen, wie er nun mit sich selbst fertig würde, wie er das -Läuterungswerk machte: ob durch Enthaltsamkeit oder durch irgendeine -andere göttliche Gnade? - -Gegen zehn Uhr morgens litt es ihn nicht mehr im Geschäft. Er wartete -immer auf seinen Nachbarn, um mit ihm ins nächste Wirtshaus zum -Teetrinken zu gehen: wenn man den Tee zu dritt trinkt, kommt er um ganze -fünf Kopeken billiger. Der Nachbar kam aber nicht; er war eines -plötzlichen Todes gestorben. - -Der Onkel bekreuzigte sich und sagte: - -»Wir alle werden sterben.« - -Der plötzliche Tod des Nachbarn brachte ihn aber nicht aus der Fassung, -obwohl er mit ihm seit vierzig Jahren täglich im gleichen Wirtshause Tee -getrunken hatte. - -Er ließ den Nachbarn von der anderen Seite bitten, und wir gingen ins -Wirtshaus, aßen und tranken, nahmen aber keine Spirituosen zu uns. Den -ganzen Tag verbrachte ich mit ihm, teils im Geschäft und teils auf der -Straße. Gegen Abend ließ er den Wagen anspannen, und wir fuhren zur -»Allgepriesenen«. - -Man kannte ihn hier gut und empfing ihn mit der gleichen Ehrfurcht wie -beim >Jar<. - -»Ich will vor der Allgepriesenen niederfallen und über meine Sünden -weinen. Dieser da ist aber mein Neffe, der Sohn meiner Schwester.« - -»Treten Sie nur ein,« sagten die Klosterfrauen: »Von wem soll die -Allgepriesene ein Bußgebet empfangen, wenn nicht von Ihnen, dem größten -Wohltäter ihres Klosters? Jetzt ist just die Stunde der Gnade: eben wird -die Abendmesse gelesen.« - -»Soll nur die Messe zu Ende gehen; ich will, daß keine Leute dabei sind -und daß man mir in der Kirche eine gnadenvolle Dämmerung macht.« - -Man machte ihm die Dämmerung: man löschte alle Lampen bis auf eine oder -zwei aus und ließ auch die große grüne Glasampel vor dem Gnadenbilde -brennen. - -Der Onkel fiel nicht, sondern stürzte auf die Knie, berührte mit der -Stirne den Boden, schluchzte auf und erstarrte. - -Ich saß mit zwei Klosterfrauen in einer dunklen Ecke hinter der Türe. -Der Onkel lag lange Zeit unbeweglich und ohne einen Ton von sich zu -geben. Ich glaubte sogar, daß er eingeschlafen sei und teilte diesen -Verdacht einer der Schwestern mit. Die erfahrene Schwester dachte eine -Weile nach, schüttelte den Kopf, zündete ein dünnes Lichtchen an, -umschloß die Flamme mit der hohlen Hand und schlich sich leise zum -Büßenden. Sie ging einmal auf den Fußspitzen um ihn herum, kehrte erregt -zu uns zurück und flüsterte: - -»Es wirkt ... sogar mit Rückschlag!« - -»Woran merken Sie das?« - -Sie beugte sich vor, bedeutete mir durch ein Zeichen, dasselbe zu tun -und sagte: - -»Blicken Sie gerade über die Flamme auf seine Beine.« - -»Ja!« - -»Sehen Sie nicht das Ringen?« - -Ich blicke genauer hin und sehe wirklich eine Bewegung: der Onkel liegt -voller Andacht im Gebet, aber ihm zu Füßen regt sich etwas; ich glaube -zwei Kater zu sehen, die miteinander ringen: bald hat der eine die -Oberhand, bald der andere. - -»Schwester,« frage ich, »wie kommen denn die Kater her?« - -»Das kommt Ihnen nur so vor, daß es Kater sind. Es sind aber keine -Kater, es ist die Versuchung: Sie sehen doch, wie seine Seele als reine -Flamme in den Himmel strebt und wie seine Beine sich noch in der Hölle -bewegen.« - -Nun sehe ich, daß der Onkel mit den Füßen den gestrigen »Trepak« zu Ende -tanzt; ob seine Seele aber auch wirklich als reine Flamme in den Himmel -strebt? - -Kaum hatte ich mir das gedacht, als er, gleichsam als Antwort auf meinen -Zweifel, tief aufseufzte und aufschrie: - -»Ich erhebe mich nicht, ehe Du mir vergeben hast! Du allein bist heilig, -und wir alle sind verdammt!« Und er fing zu schluchzen an. - -Er schluchzte so herzerweichend, daß auch wir drei in Tränen ausbrachen: -»Herr, erfülle sein Flehen!« - -Und wir merken gar nicht, wie er schon neben uns steht und mit frommer -Stimme zu mir sagt: - -»Komm, wollen wir uns stärken.« - -Die Klosterfrauen fragen ihn: - -»Hatten Sie auch die Gnade, den Lichtschein zu sehen, Väterchen?« - -»Nein,« antwortete er, »den Lichtschein habe ich nicht gesehen, aber -_diese_ Gnade ward mir zuteil ...« - -Und er ballte die Faust zusammen und hob sie langsam, wie man einen -Jungen am Schopf in die Höhe hebt. - -»Wurden Sie in die Höhe gehoben?« - -»Ja.« - -Die Schwester bekreuzigte sich, ich tat dasselbe, der Onkel aber -erklärte: - -»Jetzt ist mir alles vergeben! Von oben, aus der Mitte der Kuppel -streckte sich eine offene Hand nach mir aus, sie faßte mich bei den -Haaren und stellte mich auf die Beine ...« - -Nun ist er glücklich und nicht mehr verworfen. Er beschenkte königlich -das Kloster, in dem er sich dieses Wunder erfleht hatte. Er fühlte -wieder »Leben« in sich und schickte meiner Mutter die Mitgift, die sie -einst von ihren Eltern zu bekommen hatte. Mich aber führte er in den -guten alten Volksglauben ein. - -Von nun an erfaßte ich den Geschmack des Volkes für das Fallen und das -Sich-Erheben ... Dies nennt man eben »Teufelsaustreibung«. Ich -wiederhole aber, daß man sie nur in Moskau allein sehen kann, und das -auch nur bei besonderem Glück und besonderer Protektion seitens der -ehrwürdigsten Greise. - - - - - DAS TIER - - - - - I - - -Mein Vater war ein seinerzeit sehr bekannter Untersuchungsrichter. Ihm -wurden viele wichtige Fälle anvertraut, und er war darum meistens auf -Reisen. Zu Hause blieben nur Mutter, ich und die Dienstboten. - -Meine Mutter war damals noch sehr jung, und ich ein kleiner Bengel. - -Als sich die Geschichte, von der ich hier erzähle, abspielte, war ich -erst fünf Jahre alt. - -Es war zur Winterszeit. Der Winter war in jenem Jahre so streng, daß die -Schafe oft nachts in ihren Ställen erfroren und Dohlen erstarrt auf die -hartgefrorene Erde niederfielen. Mein Vater befand sich damals in einer -dienstlichen Angelegenheit in Jelez und konnte nicht einmal zu -Weihnachten nach Hause kommen. Meine Mutter wollte daher selbst zu ihm -hinüberfahren, damit er das schöne und freudige Fest nicht allein -verbringe. Der fürchterlichen Kälte wegen nahm sie mich nicht mit, -sondern ließ mich bei ihrer Schwester und meiner Tante zurück, die mit -einem Gutsbesitzer aus Orjol verheiratet war. Dieser Onkel hatte nicht -den besten Ruf. Er war reich, alt und grausam. Seine hervorragendsten -Charaktereigenschaften waren Gehässigkeit und Unnachsichtigkeit; er war -darüber durchaus nicht unglücklich, sondern prahlte gerne mit diesen -Eigenschaften, die seiner Ansicht nach den Ausdruck männlicher Kraft und -unbeugsamer Seelenstärke darstellten. - -Er war bestrebt, auch seine Kinder zu der gleichen Manneskraft und -Seelenstärke zu erziehen. Einer seiner Söhne war übrigens mein -Altersgenosse. - -Alle fürchteten den Onkel; ich aber fürchtete ihn noch mehr als alle, -weil er auch mich zur »Manneskraft« erziehen wollte. Als ich drei Jahre -alt war und unheimliche Angst vor Gewittern hatte, stellte er mich -einmal bei einem heftigen Gewitter auf den Balkon hinaus und sperrte die -Türe ab, um mir auf diese Weise meine Angst auszutreiben. - -Natürlich war ich im Hause eines solchen Onkels sehr ungern zu Gast. Ich -war damals aber, wie gesagt, erst fünf Jahre alt, und meine Wünsche und -Neigungen wurden bei den Entscheidungen, denen ich mich fügen mußte, in -keiner Weise in Betracht gezogen. - - - - - II - - -Auf dem Gute meines Onkels befand sich ein riesiges steinernes, -schloßartiges Gebäude. Es war ein prätentiöser, doch unschöner und sogar -häßlicher zweistöckiger Bau mit einer runden Kuppel und einem Turm, über -den allerlei scheußliche Geschichten erzählt wurden. Hier hatte einst -der verrückte Vater des jetzigen Gutsbesitzers gewohnt; später wurde in -diesen Räumen eine Apotheke eingerichtet. Auch das letztere galt aus -irgendeinem Grunde als unheimlich; am unheimlichsten war aber die -sogenannte Äolsharfe, die in einem offenen geschwungenen Fenster oben -auf dem Turme angebracht war. Wenn der Wind durch die Saiten dieses -launischen Instrumentes fuhr, gab es ebenso unerwartete wie seltsame -Töne von sich, die aus einem leisen Girren in unruhige, wilde Seufzer -und in ein wahnsinniges Getöse übergingen, das sich so anhörte, wie wenn -ein ganzer Schwarm von Angst getriebener Geister durch die Saiten zöge. -Alle Bewohner des Hauses konnten diese Harfe nicht leiden und glaubten, -daß sie dem gestrengen Gutsherrn etwas sagte, wogegen er sich nicht -aufzulehnen wagte, das ihn aber noch grausamer und unbeugsamer machte -... Eines stand jedenfalls fest: wenn nachts ein Sturm losbrach und die -Harfe auf dem Turme so laut dröhnte, daß die Töne über den Park und die -Teiche hinweg bis ins Dorf drangen, tat der Herr die ganze Nacht kein -Auge zu und war am Morgen noch finsterer und strenger als sonst; dann -pflegte er irgendeinen grausamen Befehl zu erteilen, der die Herzen -aller seiner Sklaven erbeben machte. - -In diesem Hause war es Gesetz, daß jedes Vergehen unnachsichtliche Sühne -fand und niemand und unter keinen Umständen Verzeihung erlangte. Dieses -Gesetz galt ebenso für die Menschen wie für die Tiere und selbst für die -kleinsten Geschöpfe. Der Onkel kannte keine Barmherzigkeit, liebte sie -nicht und hielt sie für Schwäche. Unnachsichtige Strenge setzte er über -alle Nachsicht. Daher herrschte im Hause und in den zahlreichen Dörfern, -die diesem reichen Gutsbesitzer gehörten, eine ewige Trauer, die mit den -Menschen auch die Tiere teilten. - - - - - III - - -Mein seliger Onkel war leidenschaftlicher Liebhaber der Hetzjagd. Er -pflegte oft mit seiner Meute auszureiten und Wölfe, Hasen und Füchse zu -jagen. In seinem Zwinger gab es auch eigens für die Bärenjagd bestimmte -Hunde. Diese Hunde nannte man »Blutegel«. Sie bissen sich in das Tier -dermaßen fest, daß man sie nicht wieder losreißen konnte. Es kam vor, -daß der Bär, in den sich so ein Blutegel festgebissen hatte, ihn mit -einem Schlag seiner schrecklichen Tatze totschlug oder zerriß, es kam -aber niemals vor, daß der Blutegel lebend vom Tiere abließ. - -Heute, wo die Bärenjagd nur noch mit dem Spieß und als Klapperjagd -betrieben wird, scheint die Rasse der Blutegel in Rußland ausgestorben -zu sein; aber in der Zeit, als sich diese Geschichte zutrug, gehörten -sie zum Bestande eines jeden Zwingers. In unserer Gegend gab es damals -auch sehr viel Bären, und die Bärenjagd zählte zu den beliebtesten -Vergnügungen. - -Wenn es gelang, ein ganzes Bärennest auszuheben, nahm man die Jungen oft -lebend nach Hause mit. Sie wurden gewöhnlich in einem großen gemauerten -Stalle mit kleinen, ganz oben unter dem Dach angebrachten Fenstern -gehalten. In den Fenstern gab es keine Scheiben, sondern nur feste -Eisengitter. Die Bärenjungen kletterten manchmal übereinander bis zu den -Fenstern hinauf und hielten sich mit ihren kräftigen Krallen an den -Gittern fest. Nur auf diese Weise konnten sie aus dem Kerker in Gottes -freie Welt hinausschauen. - -Wenn man uns am Vormittag spazieren führte, gingen wir gerne an diesem -Stalle vorbei, um uns die drolligen Bären, die durch die Gitter -hinausschauten, anzusehen. Unser deutscher Hauslehrer Kolberg pflegte -ihnen mittels eines langen Stockes Brotstücke zu reichen, die wir uns zu -diesem Zweck beim Frühstück aufsparten. - -Die Bären pflegte und fütterte ein junger Jäger namens Ferapont; das -einfache Volk konnte diesen Namen schwer aussprechen und nannte ihn -»Chrapon« oder noch öfter »Chraposchka«. Ich kann mich seiner noch gut -erinnern. Chraposchka war von mittlerem Wuchs, gelenkig, kräftig und -etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Er galt als hübscher Bursche: er hatte -ein weißes Gesicht, rosige Wangen, schwarze Locken und große, schwarze, -etwas hervorquellende Augen. Dazu zeichnete er sich durch ungewöhnlichen -Mut aus. Seine Schwester Annuschka, die die Gehilfin der Kinderfrau war, -erzählte uns oft höchst unterhaltende Dinge über den ungewöhnlichen Mut -ihres kühnen Bruders und über seine Freundschaft mit den Bären, in deren -Stalle er im Sommer wie im Winter zu schlafen pflegte, wobei sie sich um -ihn drängten und ihre Köpfe auf ihn wie auf ein Kissen legten. - -Vor dem Hause meines Onkels befand sich ein großes rundes, von einem -Schmuckgitter eingefaßtes Blumenbeet, dahinter erhob sich das breite -Tor; in der Mitte des Beetes, dem Tore gegenüber, ragte eine hohe, -glattgehobelte Stange, die man den »Mastbaum« nannte. An der Spitze des -Mastbaumes war eine kleine Plattform angebracht. - -Unter den gefangenen jungen Bären wurde immer der »klügste«, das heißt -einer, der den zuverlässigsten und intelligentesten Eindruck machte, -gewählt. Dieser Bär wurde von der übrigen Gesellschaft getrennt und -durfte ganz frei auf dem Hofe und im Parke herumspazieren, hatte aber -die Obliegenheit, am Mastbaume vor dem Tore Posten zu stehen. Auf diesem -Posten verbrachte er den größten Teil des Tages. Er lag oft auf dem -Stroh am Fuße des Mastbaumes und hielt sich mit besonderer Vorliebe oben -auf der Plattform auf, wo er vor der Zudringlichkeit der Menschen und -Hunde sicher war. - -Nicht alle Bären hatten ein Anrecht auf dieses schöne freie Leben, -sondern nur die klügsten und gutmütigsten unter ihnen und selbst diese -nicht ihr Leben lang, sondern nur solange sie nicht ihre tierischen, für -das Zusammenleben mit anderen Geschöpfen ungeeigneten Eigenschaften -zeigten, d. h. solange sie sich ruhig verhielten und weder Gänse noch -Hühner, weder Kälber noch Menschen anrührten. - -Wenn ein Bär auch nur einmal den Burgfrieden störte, wurde er sofort zum -Tode verurteilt, und keine Macht der Welt konnte ihm Begnadigung -erwirken. - - - - - IV - - -Mit der Auswahl dieses »klügsten« Bären wurde Chrapon betraut. Da er -mehr als alle andern mit den Bären zu tun hatte und als großer Kenner -ihres Charakters galt, wurde natürlich angenommen, daß er besser als -jemand anderer diese Wahl vornehmen könne. Chrapon hatte auch die volle -Verantwortung für die Folgen seiner Wahl zu tragen. Er wählte gleich das -erstemal einen ungewöhnlich gelehrigen und klugen Bären, der einen sehr -seltsamen Namen erhielt; während fast alle Bären in Rußland »Mischka« -heißen, wurde dieser mit dem spanischen Namen »Sganarell« ausgezeichnet. -Er hatte bereits fünf Jahre in Freiheit gelebt und noch keinen einzigen -dummen Streich verübt. Wenn man von einem Bären sagte, daß er »Streiche -mache«, so meinte man, daß er seine Tiernatur bereits irgendwie gezeigt -habe. - -Einen solchen »Streichemacher« setzte man zunächst in den »Graben«, der -auf der geräumigen Wiese zwischen der Tenne und dem Walde angelegt war; -nach einiger Zeit ließ man ihn auf die Wiese hinaus, indem man einen -Balken in den Graben steckte, über den er dann selbst herauskletterte, -und hetzte ihn mit jungen »Blutegeln«. Wenn die jungen Hunde mit dem -Bären nicht fertig werden konnten und die Gefahr bestand, daß er in den -Wald entrinnen könne, traten zwei geschickte Jäger, die im Hinterhalt -aufgestellt waren, mit ihren ausgewählten Meuten in Aktion und machten -dem Bären ein schnelles Ende. - -Und wenn auch diese Hunde sich so ungeschickt anstellten, daß der Bär -sich auf die »Insel«, d. h. in den Wald, der mit den weiten Brjansker -Wäldern zusammenhing, flüchten konnte, so feuerte auf ihn ein eigens -bereitgestellter Schütze aus einer langen schweren Kuchenreuterschen -Gabelmuskete die tödliche Kugel ab. - -Es war noch nie vorgekommen, daß ein Bär allen diesen Gefahren entronnen -wäre; das wäre auch zu schrecklich gewesen, denn die Schuldigen wären -wohl kaum mit dem Leben davongekommen. - - - - - V - - -Die kluge und solide Natur Sganarells hatte zur Folge, daß es eine -solche Hetzjagd oder Bärenhinrichtung schon seit fünf Jahren nicht -gegeben hatte. Sganarell war in dieser Zeit zu einem großen Bären von -ungewöhnlicher Kraft, Schönheit und Gelenkigkeit herangewachsen. Er -hatte eine runde, stumpfe Schnauze und einen recht schlanken Körperbau, -so daß er eher einem riesengroßen Griffon oder Pudel, als einem Bären -ähnlich sah. Sein Hinterteil war etwas schmächtig und von kurzem, -glänzenden Fell bedeckt, aber die Schultern und das Genick waren stark -entwickelt und üppig behaart. Sganarell war so gescheit wie ein Pudel -und konnte einige, bei Bären sehr seltene Kunststücke: er verstand gut -und schnell auf den Hinterbeinen vorwärts und auch rückwärts zu laufen, -eine Trommel zu schlagen und mit einem langen Stock, der wie ein Gewehr -angemalt war, zu exerzieren; ebenso gerne und sogar mit größerer Freude -schleppte er mit den Bauern die schwersten Säcke zur Mühle und trug mit -unnachahmlicher drolliger Eleganz einen hohen, spitzen, mit einer -Pfauenfeder oder einem Strohwisch geschmückten Filzhut auf dem Kopfe. - -Aber auch für Sganarell schlug einmal die Schicksalsstunde: die -Tiernatur gewann die Oberhand. Kurz vor meinem Besuch im Hause des -Onkels hatte sich Sganarell mehrere Verfehlungen zu schulden kommen -lassen, von denen eine schwerer war als die andere. - -Das Programm der verbrecherischen Handlungen Sganarells war dasselbe wie -bei allen seinen Vorgängern: als erste Kraftprobe riß er einer Gans -einen Flügel ab; dann legte er seine Tatze einem Füllen, das seiner -Mutter nachlief, auf den Rücken und brach ihm das Rückgrat; zuletzt -erregten irgendein blinder alter Bettler und dessen Führer sein -Mißfallen; er wälzte sich mit ihnen im Schnee und zerquetschte ihnen -Arme und Beine. - -Der Blinde und sein Führer kamen ins Krankenhaus, Chrapon aber erhielt -den Befehl, Sganarell in den Graben zu bringen, aus dem es nur einen Weg --- in den Tod -- gab. - -Als Annuschka mich und meinen kleinen Vetter abends zu Bett legte, -erzählte sie uns, daß es bei der Überführung Sganarells in den Graben, -wo er auf die Todesstrafe zu warten hatte, allerlei Rührendes gegeben -habe. Chrapon habe ihm nicht den üblichen Ring durch die Nase gezogen -und überhaupt nicht die geringste Gewalt angewandt, sondern nur gesagt: - -»Tier, komm mit!« - -Der Bär erhob sich und ging sofort mit; besonders komisch wirkte es, daß -er seinen Hut mit dem Strohwisch aufsetzte, Chrapon wie einen Freund -umarmte und mit ihm so bis zum Graben ging. - -Sie waren ja auch wirkliche Freunde. - - - - - VI - - -Chrapon hatte mit Sganarell natürlich das größte Mitleid, konnte ihm -aber gar nicht helfen. In dem Hause, wo sich dies abspielte, wurde, wie -schon gesagt, kein einziges Vergehen verziehen, und Sganarell, der sich -dermaßen kompromittiert hatte, mußte seine Streiche mit dem grausamen -Tode büßen. - -Die Hetzjagd sollte als eine Nachmittagszerstreuung für die Gäste, die -sich bei meinem Onkel zu Weihnachten versammelten, stattfinden. Die -Anordnungen zu dieser Jagd wurden zur gleichen Zeit gegeben, als Chrapon -den Befehl bekam, den schuldigen Sganarell in den Graben zu bringen. - - - - - VII - - -Man pflegte die Bären auf eine höchst einfache Weise in den Graben zu -setzen. Man legte quer über die Öffnung einige leichte schwache Stangen, -überdeckte diese mit Reisig und schüttete darüber Schnee. Das Loch wurde -so geschickt maskiert, daß der Bär die Falle gar nicht merken konnte. -Man brachte das folgsame Tier bis zu dieser Stelle und ließ es weiter -gehen. Es machte einen oder zwei Schritte und stürzte plötzlich in den -tiefen Graben, aus dem es nicht mehr herauskommen konnte. Der Bär saß -hier bis zu der für die Hetzjagd angesetzten Stunde. Dann legte man -schräg in den Graben einen etwa sieben Ellen langen Balken, und der Bär -kletterte heraus, worauf sofort die Hetzjagd begann. Wenn aber das kluge -Tier Unheil witterte und nicht herauskommen wollte, zwang man es, den -Graben zu verlassen, indem man mit langen, mit eisernen Spitzen -versehenen Stangen nach ihm stach, brennendes Stroh in den Graben warf, -oder blinde Schüsse aus Gewehren und Pistolen abfeuerte. - -Nachdem Chrapon den Bären auf die beschriebene Weise in den Graben -gebracht hatte, kehrte er tief betrübt nach Hause zurück. -Unbedachterweise erzählte er seiner Schwester und unserer Wärterin, wie -willig ihm das Tier gefolgt war, wie es, nachdem es durch den Reisig in -den Graben gestürzt war, sich auf den Boden hingesetzt, die Vordertatzen -wie Hände zusammengelegt und zu weinen angefangen hatte. - -Chrapon sagte seiner Schwester, daß er vom Graben so schnell er konnte -weggelaufen sei, um das jämmerliche Stöhnen Sganarells nicht zu hören, -das ihm ins Herz geschnitten habe. - -»Ich danke nur Gott,« fügte er hinzu, »daß es jemand anderem und nicht -mir befohlen wird, auf ihn zu schießen, wenn er Reißaus nimmt. Wenn -diese Pflicht mir zufiele, würde ich alle Strafen über mich ergehen -lassen, aber um nichts in der Welt auf das Tier schießen.« - - - - - VIII - - -Annuschka teilte uns das alles mit, und wir gaben es unserem Hauslehrer -Kolberg weiter. Kolberg aber erzählte es dem Onkel, um ihn zu amüsieren. -Als der Onkel es hörte, sagte er: »Der Chraposchka ist gut!« und -klatschte dreimal in die Hände. - -Das war das Signal für den alten französischen Kammerdiener Ustin -Petrowitsch, einen ehemaligen Kriegsgefangenen vom Jahre 1812. - -Ustin Petrowitsch, oder eigentlich Justin, erschien in seinem -saubergebürsteten lila Frack mit silbernen Knöpfen, und mein Onkel gab -ihm den Befehl, daß man bei der bevorstehenden Bärenjagd als -Reserveschützen einen gewissen Flegont, der niemals sein Ziel verfehlte, -und Chrapon aufstellen solle. - -Der Onkel erwartete sich offenbar vom Kampfe der widerstrebenden Gefühle -in der Seele des armen Burschen eine große Belustigung. Wenn es ihm -einfiele, auf den Bären entweder überhaupt nicht zu schießen oder ihn -absichtlich nicht zu treffen, so würde es ihm teuer zu stehen kommen; -Flegont würde aber das Tier mit dem zweiten Schuß sicher erlegen. - -Ustin verbeugte sich und ging hinaus, um den Befehl weiterzugeben. Wir -Kinder sahen aber erst jetzt ein, was wir angestellt hatten, und -fühlten, daß etwas Schreckliches im Anzuge sei. Gott weiß, wie das enden -sollte. Unter diesen Umständen hatten wir weder an dem schmackhaften -Weihnachtsessen, das der Sitte gemäß spät abends eingenommen wurde, noch -an den vielen Gästen, die zum Teil mit ihren Kindern gekommen waren, -rechte Freude. - -Sganarell und Ferapont taten uns leid, und wir wußten nicht, mit wem von -beiden wir mehr Mitleid hatten. - -Wir beide, d. h. ich und mein kleiner Vetter, wälzten uns lange in -unseren Bettchen. Wir schliefen spät ein, träumten von dem Bären und -fuhren einigemal schreiend aus dem Schlafe. Und als die Kinderfrau -sagte, daß wir vor dem Bären keine Angst zu haben brauchten, weil er im -Graben sitze und morgen erschossen werden solle, wurde meine Unruhe noch -größer. - -Ich erkundigte mich sogar bei der Alten, ob es erlaubt sei, für -Sganarell zu beten. Diese Frage lag aber außerhalb ihrer religiösen -Kompetenz, und sie antwortete, in einem fort gähnend und sich den Mund -bekreuzigend, daß sie es nicht sicher wisse, weil sie sich danach noch -niemals beim Geistlichen erkundigt habe; der Bär sei aber sicher ein -Geschöpf Gottes und habe sich auch in der Arche Noahs befunden. - -Die Erwähnung der Arche Noahs brachte mich auf den Gedanken, daß die -grenzenlose Barmherzigkeit Gottes sich nicht nur auf die Menschen, -sondern auch auf alle andern Geschöpfe erstrecke. Ich kniete in -kindlicher Andacht in meinem Bettchen nieder, drückte mein Gesicht in -das Kissen und flehte Gottes Majestät an, mir meine Bitte nicht als -Sünde anzurechnen und Sganarell zu retten. - - - - - IX - - -Der erste Weihnachtstag brach an. Wir kamen in unseren Festtagskleidern -in Begleitung unserer Hauslehrer und Erzieherinnen zum Frühstückstisch. -Außer den zahlreichen Verwandten und Gästen befanden sich im Saal auch -der Geistliche, der Diakon und zwei Küster. - -Als der Onkel in den Saal trat, stimmte die Geistlichkeit einen -Weihnachtschoral an. Dann nahm man den Tee und gleich darauf ein -leichtes Frühstück ein. Zu Mittag wurde früher als sonst, nämlich um -zwei Uhr, gegessen. Gleich nach dem Essen sollte die Bärenjagd beginnen: -man durfte sie nicht auf eine spätere Stunde hinausschieben, weil es um -diese Jahreszeit früh Abend wurde und der Bär im Dunkeln leicht Reißaus -nehmen konnte. - -Alles spielte sich genau nach dem festgesetzten Programm ab. Gleich nach -dem Essen zog man uns Hasenfellpelze und zottige, aus Ziegenwolle -gestrickte Stiefel an und setzte uns in die Schlitten, um zur Jagd zu -fahren. Rechts und links vom Hause standen schon viele lange, mit je -drei Pferden bespannte und mit Teppichen belegte Schlitten bereit. Zwei -Reitknechte hielten die englische Fuchsstute »Modedame« an den Zügeln -fest. - -Der Onkel trat in einem kurzen Fuchspelz und einer spitzen -Fuchsfellmütze aus dem Hause, und sobald er in den mit einem schwarzen -Bärenfell bedeckten und mit Türkisen und Schlangenköpfen geschmückten -Sattel stieg, setzte sich unser ganzer langer Zug in Bewegung. In zehn -oder fünfzehn Minuten waren wir schon am Ziel. Alle Schlitten stellten -sich im Halbkreise auf dem glatten schneebedeckten Felde auf, das von -einer Kette berittener Jäger umstellt und in einiger Entfernung vom -Walde abgeschlossen war. - -Dicht am Walde war im Gesträuch das Versteck für die Schützen -eingerichtet, unter denen sich auch Flegont und Chraposchka befinden -mußten. - -Die Schützen selbst waren nicht zu sehen; einige zeigten auf die kaum -sichtbaren Büchsenstützen, von denen auf Sganarell gezielt werden -sollte. - -Der Graben, in dem der Bär saß, war unsichtbar, und wir lenkten daher -unsere Aufmerksamkeit auf die schmucken Reiter, die mit den schönsten -Waffen ausgerüstet waren; es waren die Erzeugnisse der berühmtesten -Büchsenmacher: des Schweden Strabus, des Deutschen Morgenrath, des -Engländers Mortimer und des Warschauers Kolett. - -Mein Onkel stellte sich mit seinem Pferde vor der Kette auf. Man gab ihm -die Leine zweier zusammengekoppelter junger »Blutegel« in die Hand und -legte auf den Sattel vor ihn ein weißes Tuch. - -Die vielen jungen Hunde, die ihre Künste an dem zu Tode verurteilten -Sganarell üben sollten, benahmen sich höchst selbstbewußt und zeigten -brennende Ungeduld und Mangel an Selbstbeherrschung. Sie winselten, -bellten und sprangen um die Pferde herum; die uniformierten Piqueure -knallten in einem fort mit ihren Peitschen, um die außer Rand und Band -geratenen Hunde zur Vernunft zu bringen. Alles brannte vor Ungeduld, -sich über das Tier zu stürzen, dessen Nähe die Hunde mit ihren feinen -Nasen sofort witterten. - -Nun kam der Zeitpunkt, wo Sganarell aus dem Graben heraus gelassen und -den Hunden preisgegeben werden sollte. - -Mein Onkel winkte mit dem weißen Tuche, das vor ihm auf dem Sattel lag, -und sagte: »Los!« - - - - - X - - -Von der Schar der Jäger, die den Stab des Onkels bildeten, trennten sich -an die zehn Mann und gingen quer über das Feld. - -Als sie etwa zweihundert Schritte weit gegangen waren, blieben sie -stehen und hoben vom Schnee einen langen, nicht sehr dicken Balken auf, -der uns bis dahin unsichtbar gewesen war. - -Das spielte sich unmittelbar an dem von unserem Standpunkt aus -gleichfalls nicht sichtbaren Graben ab, in dem Sganarell saß. - -Der Balken wurde in die Höhe gehoben und mit dem einen Ende in den -Graben versenkt. Er lag etwas schräg, so daß das Tier ohne besondere -Mühe wie über eine Treppe herauskommen konnte. - -Das andere Ende des Balkens ruhte auf dem Rande des Grabens und ragte -etwa eine Elle weit heraus. - -Alle Augen verfolgten mit Spannung diese Vorbereitungen, die uns dem -interessantesten Augenblick näher brachten. Man erwartete, daß Sganarell -sofort zum Vorschein kommen würde; er witterte aber wohl Unheil und -blieb im Graben. - -Nun begann man ihn mit Schneebällen zu bewerfen und mit langen Stangen -in dem Graben herumzutreiben; man hörte sein Gebrüll, er ließ sich aber -noch immer nicht blicken. Man gab einige blinde Schüsse in den Graben -ab; Sganarell brüllte noch wütender, kam aber noch immer nicht heraus. - -Nun kam hinter der Schützenkette ein einfacher, mit nur einem Pferde -bespannter Schlitten, wie man ihn zum Mistfahren gebraucht, zum -Vorschein und raste in der Richtung zum Graben. Auf dem Schlitten lag -ein großer Haufen Stroh. - -Das Pferd war groß und mager, eines von den Pferden, die sonst Futter -von der Tenne fahren; trotz seines Alters und seiner Magerkeit -galoppierte es mit erhobenem Schweif und gesträubter Mähne. Es war nicht -recht klar, ob dieser Feuereifer nur ein Überbleibsel seiner Jugendkraft -oder eine Folge der Angst und Verzweiflung war, die dem alten Pferde die -Nähe des Bären einflößte. Das letztere war wohl wahrscheinlicher; das -Pferd war außer der Kandare noch mit einer festen Schnur aufgezäumt, die -in seine vor Alter grauen Lippen einschnitt und sie bereits blutig -gerieben hatte. Der Stallknecht, der es lenkte, riß erbarmungslos an der -Schnur und bearbeitete gleichzeitig den Rücken des Pferdes mit einer -dicken Peitsche; das Pferd rannte wie wild und warf sich nach allen -Seiten. - -Das Stroh wurde in drei Haufen geteilt, angezündet und im gleichen -Augenblick von drei verschiedenen Seiten in den Graben geworfen. Vom -Feuer unberührt blieb nur die eine Stelle am Rande, wo der Balken -herausragte. - -Nun ertönte ein betäubendes, rasendes, mit Stöhnen untermengtes Brüllen, -der Bär kam aber noch immer nicht heraus. - -Man erzählte sich, daß Sganarells Fell schon versengt sei; er hätte sich -die Tatzen auf die Augen gedrückt und liege so fest in einer Ecke des -Grabens, daß man ihn unmöglich heraustreiben könne. - -Das Pferd mit den blutiggeriebenen Lippen lief im gleichen Galopp wieder -zurück .... Alle glaubten, daß es eine neue Portion Stroh holen sollte. -Unter den Zuschauern wurden Vorwürfe laut: warum hat man nicht schon im -Voraus eine genügende Menge Stroh vorbereitet? Mein Onkel wütete und -schrie etwas, was ich im allgemeinen Lärm, Hundegewinsel und -Peitschengeknall nicht verstehen konnte. - -Das Ganze hatte aber eine gewisse Stimmung und eine eigene Harmonie. Das -alte Pferd galoppierte, sich wieder nach allen Seiten werfend und -keuchend, zum Graben, in dem Sganarell lag. Diesmal war es aber kein -Stroh: auf dem Schlitten saß Ferapont. - -Der Befehl, den mein Onkel in seiner Wut gegeben hatte, lautete, daß -Chraposchka in den Graben steigen und seinen Freund _selbst_ -herausführen solle ... - - - - - XI - - -Ferapont stand nun vor dem Graben. Er schien aufs Höchste erregt, -handelte aber entschlossen und energisch. Ohne gegen den Befehl zu -mucksen, nahm er vom Schlitten den Strick, mit dem vorhin das Stroh -zusammengebunden war, und band ihn an das herausragende Ende des -Balkens, wo sich eine Einkerbung befand, fest. Das andere Ende des -Strickes nahm er in die Hand und begann langsam in den Graben zu -steigen. - -Das schreckliche Gebrüll Sganarells hörte sofort auf, und man hörte nur -noch ein dumpfes Brummen. - -Es klang, wie wenn sich das Tier bei seinem Freunde über die grausame -Behandlung beklagte; nun verstummte aber auch dieses Brummen, und es -wurde ganz still. - -»Er umarmt und leckt Chraposchka!« meldete einer der Männer, die am -Grabenrande standen. - -Unter den Leuten, die in den Schlitten saßen, holten die einen tief -Atem, und die andern verzogen das Gesicht. - -Viele hatten offenbar mit dem Bären Mitleid und erwarteten von der -Hetzjagd kein Vergnügen mehr. Alle diese flüchtigen Eindrücke wurden -plötzlich von einem Ereignis unterbrochen, das noch unerwarteter, als -alles Vorhergehende und ungewöhnlich rührend war. - -Aus der Öffnung des Grabens tauchte wie aus der Unterwelt Chraposchkas -lockiger Kopf in der runden Jägermütze auf. Er stieg auf die gleiche -Weise heraus, wie er hinuntergestiegen war; er schritt über den Balken, -sich an dem einen Ende des gespannten Strickes festhaltend, Ferapont kam -aber _nicht allein_: an seiner Seite war Sganarell, der ihm seine große -zottige Tatze auf die Schulter gelegt hatte. Der Bär war übler Laune und -sah recht jämmerlich aus. Matt und abgemagert, wohl weniger durch die -körperlichen Leiden, als durch die moralische Erschütterung erschöpft, -erinnerte er auffallend an König Lear. Seine blutunterlaufenen Augen -brannten vor Zorn und Empörung. Er war ebenso wie König Lear zerzaust, -voller Strohhalme und stellenweise versengt. Seltsamerweise hatte sich -Sganarell, ebenso wie jener unglückliche König, eine Art Krone bewahrt. -Vielleicht Ferapont zu Gefallen, vielleicht auch rein zufällig trug er -unter der Tatze den Hut, den ihm Chraposchka einst geschenkt und den er -in den Graben mitgenommen hatte. Der Bär hatte dieses Freundesgeschenk -aufbewahrt; als sein Herz nun in der Umarmung des Freundes eine -plötzliche Erleichterung fühlte, holte er, sobald er oben war, den arg -zerknitterten Hut aus der Achselhöhle hervor und setzte ihn sich auf. - -Viele lachten über den Anblick, vielen erschien er aber auch -schmerzlich. Manche wandten sich sogar weg, um das unvermeidliche -grausame Ende des Tieres nicht mit ansehen zu müssen. - - - - - XII - - -Die Aufregung der Hunde erreichte nun ihren Höhepunkt, und sie waren -nicht mehr zu halten. Selbst die Peitschen machten auf sie keinen -Eindruck mehr. Die jungen und die alten Blutegel stellten sich, als sie -Sganarell erblickten, auf die Hinterbeine, heulten, keuchten und -erstickten beinahe in ihren Halsbändern. Chraposchka fuhr aber schon im -gleichen Wagen auf seinen Posten am Waldrande zurück. Sganarell, der -allein geblieben war, fuchtelte ungeduldig mit der Tatze, um die sich -zufällig der von Chraposchka vergessene, an das Ende des Balkens -befestigte Strick geschlungen hatte. Das Tier wollte sich offenbar aus -der Schlinge befreien oder den Strick zerreißen, um seinem Freund -nachzulaufen; er war aber trotz seiner Klugheit doch so ungeschickt wie -jeder andere Bär: statt die Schlinge zu lösen, zog er sie nur noch -fester an. - -Als er sah, daß er die Schlinge nicht lösen konnte, begann er am Strick -zu zupfen, um ihn zu zerreißen; der Strick war aber viel zu fest und riß -nicht, der Balken jedoch sprang in die Höhe und ragte plötzlich -senkrecht aus dem Graben. Während sich Sganarell umsah, stürzten zwei -Blutegel, die man in diesem Augenblick losgekoppelt hatte, über ihn her -und bissen sich mit ihren scharfen Zähnen in sein Genick fest. - -Sganarell war so sehr mit dem Strick beschäftigt, daß er im ersten -Augenblick über diese Überrumpelung weniger erbost als erstaunt war; -aber schon nach einer halben Sekunde, als einer der Blutegel ihn -losließ, um die Zähne noch tiefer in ihn zu bohren, holte er mit der -Tatze aus und schleuderte den Hund mit zerrissenem Bauch weit von sich -weg. Während die Gedärme des Hundes auf den blutbefleckten Schnee -fielen, zertrat er den andern Hund mit einer Hintertatze ... Weit -schrecklicher und unerwarteter war aber das, was mit dem Balken geschah. -Als Sganarell zum Schlage ausholte, um den Blutegel von sich zu -schleudern, zog er mit der gleichen Bewegung den Balken, an dem das -andere Ende des Strickes befestigt war, aus dem Graben heraus, und der -Balken sauste, eine flache Bahn beschreibend, durch die Luft. Er flog -nun um Sganarell im Kreise herum und erschlug schon in der ersten Runde -nicht etwa zwei oder drei, sondern eine ganze Menge von Hunden. Die -einen von ihnen winselten noch im Todeskampfe, die andern aber lagen -gleich leblos da. - - - - - XIII - - -Der Bär war wohl zu klug, um nicht einzusehen, was für eine nützliche -Waffe der Balken für ihn war; oder war es nur der Schmerz in der vom -Strick umschlungenen Tatze? -- jedenfalls brüllte er auf und zog den -Strick noch fester an, so daß der Balken in der gleichen horizontalen -Ebene mit seiner Tatze zu liegen kam und wie ein riesenhafter Kreisel zu -surren begann. Er mußte alles, was ihm in den Weg trat, niederschlagen -und zermalmen. Wenn aber der gespannte Strick an einer Stelle nicht -genügend stark wäre und zerrisse, so würde der Balken durch die -Zentrifugalkraft weit hinaus geschleudert werden. Gott allein weiß, wie -weit er fliegen und was er alles unterwegs zermalmen würde. - -Wir alle -- Menschen, Pferde und Hunde, die im Kreise herumstanden, -schwebten in größter Gefahr, und ein jeder wünschte schon aus -Selbsterhaltungstrieb, daß der Strick, an dem Sganarell seine -Riesenschleuder schwang, nicht reiße. Womit sollte aber das alles enden? -Niemand, außer einigen Jägern und den beiden Schützen, die im -Hinterhalte am Waldesrande saßen, hatte Lust, das Ende abzuwarten. Das -ganze übrige Publikum aber, die Gäste und die Verwandten des Onkels, die -dieser Veranstaltung als Zuschauer beiwohnten, fanden an der Sache gar -kein Vergnügen mehr. Alle gaben ihren Kutschern den Befehl, möglichst -schnell die gefährliche Stelle zu verlassen, und die Schlitten sausten, -einander überrennend und überholend, dem Hause zu. - -Bei dieser lächerlichen und unordentlichen Flucht gab es einige -Zusammenstöße und Stürze, einiges zum Lachen und sehr viel Schrecken. -Die aus den Schlitten Herausgefallenen glaubten, daß der Balken sich -schon vom Strick losgerissen habe und über ihre Köpfe surre, während das -wütende Tier ihnen nachsetze. - -Die Gäste, die das Haus erreichten, konnten sich bald beruhigen; -diejenigen aber, die zurückblieben, sahen etwas noch weit -Schrecklicheres. - - - - - XIV - - -Gegen Sganarell konnte man nun keine Blutegel mehr loslassen, denn es -war klar, daß er mit seinem Balken mühelos eine Menge von Hunden -erschlagen würde. Der Bär bewegte sich aber, den Balken immer noch um -sich schwingend, in der Richtung zum Walde, wo Ferapont und der berühmte -Schütze Flegont im Hinterhalte saßen und wo ihn der Tod erwartete. - -Eine wohlgezielte Kugel konnte der Sache ein schnelles Ende machen. - -Das Schicksal war aber dem Bären ungemein günstig: nachdem es sich schon -einmal in diese Sache hineingemischt hatte, wollte es ihn offenbar um -jeden Preis retten. - -Im gleichen Augenblick, als Sganarell die Stelle erreichte, wo auf ihn -hinter Schneewällen die Kuchenreuterschen Musketen Chraposchkas und -Flegonts gerichtet waren, riß der Strick. Der Balken flog wie ein Pfeil -aus einem Bogen auf die eine Seite, während der Bär das Gleichgewicht -verlor und hinpurzelte. - -Denen, die auf dem Felde zurückgeblieben waren, bot sich nun ein neues -schreckliches Bild: der Balken fegte die Gewehrstützen und den -Schneewall, hinter dem Flegont im Hinterhalte saß, einfach weg und blieb -mit dem einen Ende in einem der Schneehaufen stecken. Sganarell verlor -aber keine Zeit; er überschlug sich drei oder viermal und ging direkt -auf das Versteck Chraposchkas zu ... - -Sganarell erkannte augenblicklich seinen Freund, hauchte ihn aus seinem -heißen Rachen an und wollte ihn schon ins Gesicht lecken, als plötzlich -von der anderen Seite her ein von Flegont abgegebener Schuß knallte. Der -Bär entkam in den Wald, und Chraposchka fiel ohnmächtig um. - -Man hob ihn auf und untersuchte ihn: die Kugel hatte seinen Arm -durchbohrt, in der Wunde steckte aber auch ein Büschel Bärenhaare. - -Flegont büßte den Ruf des besten Schützen nicht ein: er hatte ja in -großer Hast aus der schweren Büchse ohne Stütze geschossen, es war auch -nicht mehr hell genug gewesen, und der Bär und Chraposchka waren -allzueng beieinander gestanden. - -Unter diesen Umständen mußte auch dieser Schuß, der das Ziel nur um ein -Haarbreit verfehlt hatte, als ein Meisterschuß angesehen werden. - -So oder anders, -- Sganarell war jedenfalls entkommen! Ihn noch am -gleichen Abend im Walde zu verfolgen, war ganz unmöglich, am nächsten -Morgen aber war der Geist dessen, der hier allein zu befehlen hatte, von -einer ganz neuen Stimmung erleuchtet. - - - - - XV - - -Als der Onkel nach den geschilderten Mißerfolgen nach Hause -zurückkehrte, war er zorniger und härter als je. Noch ehe er aus dem -Sattel sprang, gab er den Befehl, morgen in aller Frühe die Spuren des -Bären im Walde zu suchen und ihn so zu umstellen, daß er nicht mehr -entrinnen könnte. - -Eine richtig durchgeführte Jagd hätte natürlich zu einem ganz anderen -Resultate führen müssen. - -Alle erwarteten nun, was der Onkel wegen des verwundeten Chraposchka -befehlen würde. Alle glaubten, daß ihn etwas Schreckliches erwartete. Er -hatte sich zumindest _die_ Nachlässigkeit zu schulden kommen lassen, daß -er dem Bären in dem Augenblick, als ihn dieser in seinen Tatzen -gehalten, nicht sein Jagdmesser in die Brust gestoßen hatte. Es bestand -außerdem noch der schwere und wohl auch begründete Verdacht, daß -Chraposchka die Hand gegen seinen zottigen Freund nicht hatte erheben -wollen und ihn absichtlich laufen gelassen hatte. - -Die allen bekannte Freundschaft zwischen Chraposchka und Sganarell -machte diese letztere Hypothese sehr wahrscheinlich. - -So dachten nicht nur die Jagdteilnehmer, sondern auch alle übrigen -Gäste. - -Wir lauschten den Gesprächen der Erwachsenen, die sich abends im großen -Saal um den für uns angezündeten Weihnachtsbaum versammelt hatten, und -teilten den allgemeinen Verdacht bezüglich Chraposchkas wie auch die -Angst um sein Los. - -Aus dem Vorzimmer, durch das der Onkel vom Flur in seine Gemächer -gegangen war, drang in den Saal das Gerücht, daß er Chraposchkas Namen -überhaupt noch nicht erwähnt hatte. - -»Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?« flüsterte jemand, und -dieses Flüstern weckte bei der allgemeinen gedrückten Stimmung einen -Widerhall in jedem Herzen. - -Es erreichte auch den alten, mit dem Bronzekreuz für das Jahr 1812 -ausgezeichneten Dorfgeistlichen P. Alexej. Dieser seufzte auf und sagte -leise: - -»Betet zum Heiland, der uns heute geboren wurde!« - -Mit diesen Worten bekreuzigte er sich, und alle Anwesenden, die -Erwachsenen wie die Kinder, die Herrschaften wie die Leibeigenen, taten -dasselbe. Es war auch just die höchste Zeit. Kaum hatten wir unsere -Hände, mit denen wir das Zeichen des Kreuzes gemacht hatten, sinken -lassen, als die Türe weit aufging und der Onkel mit einem Stöckchen in -der Hand in den Saal trat. Ihn begleiteten seine beiden -Lieblingswindspiele und der Kammerdiener Justin. Der letztere trug auf -einem silbernen Teller das weiße Foulardtuch und die mit dem Bildnisse -Pauls I. geschmückte Schnupftabaksdose seines Herrn. - - - - - XVI - - -Der Lehnstuhl für den Onkel war auf einem kleinen Perserteppich in der -Mitte des Zimmers vor dem Weihnachtsbaum aufgestellt. Er setzte sich -schweigend in den Sessel und nahm aus Justins Händen das Tuch und die -Schnupftabaksdose. Die beiden Windspiele legten sich sofort zu seinen -Füßen nieder und streckten ihre langen Schnauzen vor sich aus. - -Der Onkel trug einen blauseidenen, reichgestickten, mit silbernen -Filigranschnallen und großen Türkisen verzierten Hausrock. In der Hand -hatte er einen dünnen, doch kräftigen Stock aus kaukasischer Weichsel. - -Diesen Stock brauchte er diesmal als Stütze: von der allgemeinen Panik, -mit der die Bärenjagd geendet hatte, war selbst die vorzüglich -zugerittene »Modedame« angesteckt worden; sie hatte sich in wilder Angst -auf die Seite geworfen und das Bein ihres Herrn fest gegen einen Baum -geklemmt. - -Der Onkel fühlte heftigen Schmerz im Bein und hinkte sogar ein wenig. -Dieser neue Umstand war selbstverständlich nicht dazu angetan, um sein -ohnehin aufgebrachtes und erbostes Herz milder zu stimmen. Auch machte -es einen schlechten Eindruck, daß wir alle beim Erscheinen des Onkels -plötzlich verstummt waren. Wie alle argwöhnischen Menschen, konnte er so -etwas nicht leiden, und P. Alexej beeilte sich, das Wort zu ergreifen, -um die unheimliche Stille zu brechen. - -Der Geistliche wandte sich an uns Kinder, die um ihn standen, mit der -Frage, ob wir den Sinn des Chorals »Christ wird geboren« auch -verstünden? Es stellte sich heraus, daß dieser Sinn nicht nur uns -Kindern, sondern auch den Erwachsenen nicht recht klar war. Der -Geistliche begann uns den Sinn der Worte »Preiset«, »Lobsinget« und -»Erhebet euch« zu erklären; als er bei diesem letzten Worte angelangt -war, »erhob er sich« selbst mit Herz und Geist. Er sprach von den -»Gaben«, die heute ebenso wie damals auch der Ärmste vor die Krippe des -göttlichen Knäbleins bringen könne und die würdiger und wertvoller -seien, als das Gold, der Weihrauch und die Myrrhen der heiligen drei -Könige. Die schönste Gabe sei ein durch seine Lehre bekehrtes Herz. Der -Alte sprach von Liebe, Verzeihung und von der Pflicht eines jeden, -Freund und Feind »im Namen Christi« zu trösten ... Seine Worte waren -wohl ungemein eindringlich ... Wir alle verstanden, was er damit -bezweckte und hörten ihm mit einem eigentümlichen Gefühl zu: wir beteten -gleichsam, daß seine Worte ihren Zweck erreichten, und manchem von uns -waren Tränen in die Augen getreten ... - -Plötzlich fiel etwas hin ... Es war Onkels Stock ... Man hob ihn auf, er -rührte ihn aber nicht an: er saß tief gebückt, seine Hand hing über die -Sessellehne herab, und seine Finger hielten einen der großen Türkise ... -Er ließ den Stein fallen, doch niemand beeilte sich, ihn aufzuheben ... - -Alle Blicke waren auf sein Gesicht gerichtet. Etwas Ungewöhnliches bot -sich unseren Augen: _er weinte_! - -Der Geistliche schob uns Kinder sanft zur Seite, ging auf den Onkel zu -und erteilte ihm den Priestersegen. - -Der Onkel hob das Gesicht, ergriff die Hand des Alten, küßte sie ganz -unerwartet und sagte leise: »Danke!« - -Dann blickte er Justin an und ließ Ferapont rufen. - -Dieser erschien, bleich, mit verbundenem Arm. - -»Hierher!« befahl ihm der Onkel, auf den Teppich vor seinem Sessel -zeigend. - -Chraposchka kam näher und fiel in die Knie. - -»Steh auf!« sagte der Onkel. »Ich verzeihe dir.« - -Chraposchka fiel wieder in die Knie. Der Onkel begann mit nervöser, -aufgeregter Stimme: - -»Du liebtest das Tier so, wie nicht jedermann einen Menschen zu lieben -versteht. Du hast mich damit gerührt und in Großmütigkeit übertroffen. -Höre nun meine Gnade: ich lasse dich frei und gebe dir hundert Rubel auf -den Weg. Geh, wohin du willst.« - -»Ich danke, werde aber nirgendwohin fortgehen,« rief Chraposchka aus. - -»Was?« - -»Ich gehe nirgendwohin fort,« wiederholte Ferapont. - -»Was willst du denn?« - -»Für Ihre Gnade will ich Ihnen jetzt als freier Mann noch treuer dienen, -als ich bisher als Leibeigener diente.« - -Der Onkel drückte mit der einen Hand das weiße Foulardtuch an seine -Augen, durch die ein Zucken ging, und umarmte mit der anderen Ferapont -... Wir alle erhoben uns von unseren Plätzen und verhüllten gleichfalls -unsere Augen ... Uns genügte das Gefühl, daß hier dem höchsten Gott die -schönste Ehre erwiesen wurde und an Stelle der drückenden Angst der -Friede Christi erblühte. - -Dasselbe fühlten auch alle Leute im Dorfe, denen der Onkel einige Fässer -Bier schicken ließ. Überall wurden Freudenfeuer angezündet, und die -Menschen sprachen im Scherze: - -»Heute haben wir erlebt, daß auch das Tier in die heilige Stille -gegangen ist, um den Heiland zu preisen!« - - * * * * * - -Sganarells Spuren wurden nicht weiter verfolgt. Ferapont, der die -Freiheit bekommen hatte, ersetzte bald den alten Justin und war nicht -nur der treueste Diener, sondern auch der treueste Freund meines Onkels -bis an dessen Ende. Er drückte ihm mit eigenen Händen die Augen zu und -beerdigte ihn auf dem Waganjkow'schen Friedhofe zu Moskau, wo sich sein -Grabstein bis zum heutigen Tage erhalten hat. Zu seinen Füßen ruht -Ferapont. - -Es gibt heute niemand, der diese Gräber mit Blumen schmücken könnte; -aber in den Moskauer Kellerwohnungen und Asylen gibt es noch Menschen, -die sich an einen schlanken, weißhaarigen Greis erinnern, der immer zu -erraten wußte, wo echtes Leid verborgen war und rechtzeitig zu Hilfe -eilte oder seinen guten Diener mit reichen Gaben schickte. - -Diese beiden echten Wohltäter, von denen noch vieles zu sagen wäre, -waren mein Onkel und Ferapont, den er im Scherze den »Tierbändiger« zu -nennen pflegte. - - - - - INTERESSANTE MÄNNER - - - - - I - - -Im Hause einer mir befreundeten Familie erwartete man mit Ungeduld das -Eintreffen des Februarheftes der Moskauer Zeitschrift »Mysl«. Diese -Ungeduld war wohl begreiflich, weil in diesem Hefte eine neue Erzählung -des Grafen Leo Tolstoi hatte erscheinen sollen. Ich kam nun fast täglich -zu meinen Freunden, um das neue Werk unseres großen Dichters gleich nach -Eintreffen der Zeitschrift in einer angenehmen Gesellschaft am runden -Tisch beim milden Schein der Eßzimmerlampe zu lesen. Gleich mir kamen -auch andere intime Freunde mit der gleichen Absicht fast jeden Abend -hin. Das ersehnte Heft traf endlich ein, die Tolstoische Erzählung war -aber darin nicht enthalten: ein kleiner rosa Zettel teilte den -Abonnenten mit, daß die Erzählung nicht veröffentlicht werden könne. -Alle waren enttäuscht und betrübt, und ein jeder zeigte es je nach -seinem Charakter und Temperament: der eine runzelte die Stirne und -schwieg, der andere schimpfte, der dritte suchte nach Parallelen -zwischen der Gegenwart, die wir erlebten, der Vergangenheit, deren wir -gedachten, und der Zukunft, die wir ersehnten. Ich aber blätterte -schweigend in der Zeitschrift und durchflog die neue Skizze Gljeb -Uspenskijs, eines der sehr wenigen russischen Literaten, die immer der -Wahrheit des Lebens treu bleiben und nicht den sogenannten »Richtungen« -zu Liebe lügen. Darum ist die Unterhaltung mit ihm immer angenehm und -oft sogar nützlich. - -Uspenskij erzählte diesmal von einem Gespräch mit einer älteren Dame, -die ihm von der jüngsten Vergangenheit erzählt und die Meinung geäußert -hatte, daß die Männer einst viel _interessanter_ gewesen seien. In ihren -engen Uniformen hätten sie zwar einen kühlen und reservierten Eindruck -gemacht, dabei aber viel Begeisterung, Herzensglut, Edelsinn und andere -Eigenschaften besessen, die den Menschen interessanter und anziehender -machen. Alle diese Eigenschaften seien heute, meinte die Dame, nur sehr -selten und oft gar nicht anzutreffen. Die Männer übten heute zwar -freiere Berufe aus und kleideten sich auch viel ungezwungener, hätten -zuweilen auch große Ideen im Kopfe, seien aber dabei alle nach der -gleichen Form gestanzt, langweilig und uninteressant. - -Die Bemerkungen der alten Dame erschienen mir durchaus treffend, und ich -machte den Vorschlag, nicht länger über die Erzählung Tolstois, die wir -nicht lesen konnten, zu trauern, sondern die Skizze Uspenskijs -vorzunehmen. Mein Vorschlag wurde angenommen, und die von Uspenskij -geäußerten Gedanken fanden allgemeine Zustimmung. Nun rückte ein jeder -mit Erinnerungen und Vergleichen heraus. Unter den Anwesenden gab es -einige, die den jüngst verstorbenen dicken General Rostislaw Faddejew -gekannt hatten; man erzählte sich, wie ungewöhnlich interessant dieser -Mann trotz seines gewöhnlichen, plumpen und wenig versprechenden Äußeren -gewesen war. Wie er selbst im Alter die Aufmerksamkeit der klügsten und -nettesten Damen zu fesseln vermochte und die blühendsten jungen Gecken -aus dem Felde zu schlagen wußte. - -»Ist es denn wirklich so erstaunlich?« sagte ein Herr, der älter als -alle Anwesenden war und wohl auch einen klareren Blick hatte. »Ist es -denn für einen so klugen Mann, wie es der verstorbene Faddejew war, -schwer, das Interesse einer _klugen_ Frau zu fesseln?! Die klugen Frauen -fühlen sich immer ungemütlich. Erstens gibt es ihrer nur sehr wenige, -und zweitens haben sie, da sie mehr als die andern verstehen, auch -größeres Leid zu tragen; daher freuen sie sich so, wenn sie auf einen -wirklich klugen Mann stoßen. Hier gilt der Satz: >Simile simili curatur< -oder >gaudet< -- ich weiß nicht, was richtiger ist. Sie alle und auch -die Dame, deren Worte unser Dichter anführt, wählen ihre Beispiele unter -den Männern von hervorragender Begabung und Bedeutung; weit -bemerkenswerter ist es aber meines Erachtens, daß man einst auch auf -weit tieferen Stufen ungemein lebendige und anziehende Persönlichkeiten, -die man >interessante Männer< zu nennen pflegte, antreffen konnte. Auch -die Damen, auf die sie solchen Eindruck machten, gehörten nicht zu den -Auserwählten, die imstande sind, einen Mann mit hervorragenden -Geistesgaben zu vergöttern; selbst unter den allergewöhnlichsten -Durchschnittsfrauen gab es viele von hervorragender Empfindsamkeit. In -ihnen war wie in tiefen Wassern eine latente Wärme enthalten. Solche -Durchschnittsmenschen halte ich für viel bemerkenswerter als die -Lermontowschen Charaktere, in die sich selbstverständlich jeder -verlieben mußte.« - -»Haben Sie einmal einen solchen Durchschnittsmenschen mit der latenten -Wärme der tiefen Wasser gekannt?« - -»Gewiß.« - -»Erzählen Sie uns also von ihm und entschädigen Sie uns auf diese Weise -für die Unmöglichkeit, die Erzählung Tolstois zu lesen.« - -»Als Entschädigung kann meine Erzählung natürlich nicht gelten, aber -einfach zu Ihrer Unterhaltung will ich Ihnen eine Geschichte aus dem -allergewöhnlichsten Offiziersmilieu zum Besten geben.« - - - - - II - - -Ich diente bei der Kavallerie. Das Regiment lag in mehreren Dörfern des -T-schen Gouvernements in Quartier; der Regimentskommandeur und sein Stab -hielten sich aber natürlich in der Gouvernementsstadt selbst auf. Die -Stadt war auch damals schon sauber und freundlich und hatte ein Theater, -einen Adelsklub und ein riesengroßes, übrigens recht unsinnig angelegtes -Hotel, dessen größten Teil wir mit Beschlag belegt hatten. Die Zimmer -waren zum Teil von den Offizieren bewohnt, die sich ständig in der Stadt -aufhielten, zum Teil für die Offiziere reserviert, die periodisch aus -ihren Dorfquartieren in die Stadt kamen. Diese Zimmer wurden niemals an -gewöhnliche Passanten vermietet. Sobald der eine Offizier auszog, kam -sofort ein anderer gefahren, und diese »Offizierszimmer« waren immer -besetzt. - -Unser Zeitvertreib bestand natürlich im Kartenspiel und im Dienste des -Bachus, sowie auch der Göttin der Herzensfreuden. - -Man spielte zuweilen -- besonders im Winter, während der Wahlen zur -Adelsversammlung -- sehr hoch. Man spielte nicht im Klub, sondern in den -Hotelzimmern, wo man die Röcke ablegen durfte und sich überhaupt -ungezwungener fühlte. Auf diese Weise verbrachte man Tage und Nächte. Es -gibt wohl keinen sinnloseren und öderen Zeitvertreib, und Sie können -daraus wohl selbst schließen, was für Menschen wir damals waren und was -für Ideen uns begeistern konnten. Wir lasen wenig und schrieben noch -weniger; letzteres nur nach großen Verlusten, wenn es galt, unsere -Eltern anzulügen und von ihnen eine Extrasumme zu erpressen. Kurz und -gut, man konnte von uns nichts Gutes lernen. Wir spielten teils unter -uns, teils mit den durchreisenden Gutsbesitzern, die nicht viel ernster -waren als wir; in den Zwischenpausen betranken wir uns, schlugen uns mit -den Beamten herum und entführten Kaufmannsfrauen und Schauspielerinnen, -die wir gleich darauf wieder laufen ließen. - -Die Gesellschaft war furchtbar stupid und verbummelt; die Jüngeren -eiferten den Älteren nach, und die einen wie die anderen zeigten nichts -Gescheites und Beachtenswertes. - -Über die Fragen der Ehre und des Anstandes wurde bei uns niemals -gesprochen. Man trug seine Uniform und lebte nach der einmal -eingeführten Sitte, -- man bummelte und war bemüht, Herz und Seele gegen -alles Erhabene, Empfindsame und Ernste abzustumpfen. Und doch gab es -auch in unserem seichten Sumpfe die »latente Wärme«, die sonst nur -tiefen Wassern eigen ist. - - - - - III - - -Unser Regimentskommandeur war ein nicht mehr junger, sehr anständiger -und guter Soldat, aber ein rauher, strenger Mensch, ganz »ohne -Zartgefühl für das weibliche Geschlecht«, wie man sich damals -ausdrückte. Er war einige fünfzig Jahre alt und schon zweimal -verheiratet gewesen; seine zweite Frau hatte er in T. verloren und war -eben im Begriff, ein junges Mädchen, das aus einer nicht sehr reichen -Gutsbesitzersfamilie stammte, zu heiraten. Sie hieß Anna Nikolajewna. -Dieser so gewöhnliche Name entsprach durchaus ihrer ganzen gewöhnlichen -Erscheinung. Sie war von mittlerem Wuchs, weder dick noch schlank, weder -hübsch noch häßlich, hatte blonde Haare, blaue Äuglein, rote Lippen, -weiße Zähne, ein rundes, weißes Gesicht und je ein Grübchen in jeder -rosigen Wange, -- mit einem Worte, ein Mädchen, das wenig Begeisterung -wecken kann, eines von denen, die man »Trost des Greisenalters« zu -nennen pflegt. - -Unser Kommandeur lernte sie in Gesellschaft durch ihren Bruder, der bei -uns als Kornett diente, kennen und hielt durch Vermittlung dieses selben -Bruders um ihre Hand an. - -Das wurde ganz einfach und kameradschaftlich gemacht. Er ließ den jungen -Offizier zu sich ins Kabinett kommen und sagte ihm: - -»Hören Sie einmal, Ihre würdige Schwester hat auf mich den angenehmsten -Eindruck gemacht. Sie wissen wohl selbst, wie unangenehm es mir in -meinem Alter und bei meiner Position wäre, einen Korb zu bekommen. Wir -beide sind aber Soldaten, und Ihre Aufrichtigkeit kann mich unmöglich -verletzen ... Wenn mein Antrag angenommen wird, so ist es gut; wenn sie -mir aber absagen sollte, wird es mir auch im Traume nicht einfallen, es -Ihnen irgendwie übelzunehmen. Erkundigen Sie sich also ...« - -Jener erwiderte ebenso einfach: - -»Gut, ich werde mich erkundigen.« - -»Danke.« - -»Kann ich vielleicht zu diesem Zweck einen Urlaub von drei oder vier -Tagen bekommen?« - -»Bitte sehr, auch für eine Woche.« - -»Darf mich vielleicht mein Vetter begleiten?« - -Sein Vetter war ein ebenso zarter und rosiger Jüngling wie er selbst. -Wir nannten ihn alle »Sascha die Rose«. Beide jungen Leute waren gleich -gewöhnlich und verdienen keine eingehende Schilderung. - -Der Kommandeur fragte den Kornett: - -»Was brauchen Sie Ihren Vetter in dieser Familienangelegenheit?« - -Der Kornett antwortet, daß er den Vetter eben für diese -Familienangelegenheit brauche. - -»Während ich mit den Eltern verhandeln werde,« sagt der Kornett, »wird -der Vetter meine Schwester in ein Gespräch ziehen und ihre -Aufmerksamkeit ablenken, bis ich mit den Eltern fertig geworden bin.« - -Der Kommandeur antwortet: - -»Gut, fahren Sie in diesem Falle alle beide hin, ich will auch Ihrem -Vetter einen Urlaub geben.« - -Die beiden Kornetts fahren heim und führen den Auftrag zu voller -Zufriedenheit des Kommandeurs aus. Der Bruder des jungen Mädchens kommt -nach einigen Tagen zurück und meldet: - -»Wenn Sie wollen, können Sie bei meinen Eltern brieflich oder mündlich -um die Hand meiner Schwester anhalten. Sie haben keine Absage zu -gewärtigen.« - -»Und wie stellt sich Ihre Schwester dazu?« - -»Auch die Schwester ist einverstanden.« - -»Nun, freut sie sich oder nicht?« - -»Ich weiß wirklich nicht.« - -»Ist sie wenigstens zufrieden oder eher unzufrieden?« - -»Die Wahrheit zu sagen, hat sie überhaupt nichts geäußert. Sie sagte nur -zu den Eltern: Ganz wie Sie es befehlen, ich will mich Ihnen fügen.« - -»Es ist ja sehr schön, daß sie das sagte, aber man kann doch in den -Augen und im Gesicht lesen, was sich ein junges Mädchen dabei denkt!« - -Der Kornett entschuldigt sich und sagt, er sei als Bruder an das Gesicht -seiner Schwester so gewöhnt, daß er darin nicht zu lesen verstünde und -den Ausdruck ihrer Augen nicht beobachtet habe; darum könne er darüber -nichts Bestimmtes sagen. - -»Aber Ihr Vetter hat doch etwas bemerken können. Haben Sie denn nicht -auf der Rückfahrt mit ihm darüber gesprochen?« - -»Nein,« antwortet jener, »wir haben darüber nicht sprechen können: ich -wollte Ihnen die Antwort so schnell wie möglich überbringen, mein Vetter -ist aber noch dort geblieben, und ich habe die Ehre, Ihnen gehorsamst zu -melden: er ist plötzlich erkrankt, und wir haben sofort seine Eltern -benachrichtigt.« - -»So! Was hat er denn?« - -»Es war eine plötzliche Ohnmacht und ein Schwindelanfall.« - -»Eine echte Mädchenkrankheit. Schön. Ich danke Ihnen. Da wir nun -miteinander so gut wie verwandt sind, bitte ich Sie, mit mir heute zu -Mittag zu essen.« - -Beim Mittagessen fragt er ihn immer nach dem Vetter aus: was der für ein -Mensch sei, wie seine Eltern sich zu ihm verhielten, unter welchen -Umständen er in Ohnmacht gefallen sei. Dabei schenkt er dem jungen Mann -immer wieder Wein ein und macht ihn so betrunken, daß der Kornett sich -wohl sicher verschnappt hätte, wenn er etwas gewußt hätte; -glücklicherweise lag aber nichts vor, und der Kommandeur heiratete bald -darauf Anna Nikolajewna. Wir alle waren bei der Hochzeit und tranken -Bier und Wein. Die beiden Kornette -- der Bruder und der Vetter -- waren -aber Brautführer, und man konnte keinem von den Beteiligten auch nur das -Geringste anmerken. Die jungen Leute setzten ihr flottes Leben fort, -unsere Kommandeuse aber wurde von Tag zu Tag voller und begann seltsame -Gelüste zu äußern. Der Kommandeur freute sich darüber und bemühte sich, -alle ihre Wünsche zu befriedigen, und die beiden jungen Leute -- der -Bruder und der Vetter -- suchten ihn darin noch zu übertreffen. Wegen -jeder Kleinigkeit schickte man eine Troika nach Moskau. Ihr Appetit war -aber nicht auf irgendwelche ausgesuchte Leckerbissen, sondern auf ganz -gewöhnliche Dinge gerichtet, doch auf solche, die schwer zu beschaffen -waren: bald verlangte sie nach Sultan-Datteln, bald nach griechischer -Chalwa, mit einem Worte nach lauter einfachen und kindlichen Dingen, wie -sie auch selbst einen durchaus kindlichen Eindruck machte. Endlich kam -für sie die schwere Stunde, und man ließ aus Moskau eine Hebamme kommen. -Ich erinnere mich noch, daß diese Hebamme in die Stadt just um die -Stunde gefahren kam, als man in allen Kirchen zur Abendmesse läutete, -was unsere Heiterkeit erregte: »Schaut nur, die weise Frau wird mit -Glockengeläute begrüßt! Was für Freuden wird sie uns wohl bringen?« Und -wir warteten auf das Ereignis mit solcher Spannung, wie wenn das ganze -Regiment daran beteiligt wäre. Indessen geschah aber etwas ganz -Unerwartetes. - - - - - IV - - -Wenn Sie bei Bret Harte gelesen haben, welches Interesse ein Häuflein -Vagabunden in der amerikanischen Wüste für die Niederkunft einer fremden -Frau zeigte, so werden Sie auch das Interesse begreifen, mit dem wir, -verbummelte Offiziere, die Niederkunft unserer jungen Kommandeuse -erwarteten. Diesem Ereignisse maßen wir große Bedeutung bei und faßten -den Beschluß, die Geburt des Kindes durch ein Trinkgelage zu feiern. Wir -gaben unserem Restaurateur den Auftrag, einen ordentlichen Vorrat an -Sekt bereit zu halten. Um aber inzwischen die Zeit totzuschlagen, -setzten wir uns beim Abendläuten an die Kartentische. - -Ich wiederhole, das Kartenspiel war für uns eine Beschäftigung, eine -Gewohnheit, eine Arbeit und das beste uns bekannte Mittel gegen -Langweile. Das Spiel begann auch an diesem Abend auf die gleiche Weise -wie an den vorhergehenden. Die älteren Offiziere, die Rittmeister und -die Stabsrittmeister mit den ersten grauen Haaren in den Schnurrbärten -und an den Schläfen machten den Anfang. Sie setzten sich an die -Kartentische just in dem Augenblick, als man zur Abendmesse zu läuten -anfing und die Bürger, einander mit großem Respekt begrüßend, in die -Kirchen zogen, um zu beichten und zu kommunizieren: das Ereignis, von -dem ich spreche, spielte sich am Freitag in der sechsten Fastenwoche ab. - -Die Rittmeister blickten diesen guten Christen und auch der Hebamme -nach, die gerade in die Stadt einzog, wünschten ihnen allen in ihren -einfältigen Soldatenherzen Glück und Erfolg, ließen in dem größten -Hotelzimmer die grünen Kattunvorhänge herunter, zündeten die Leuchter an -und setzten sich an die Arbeit. - -Die Jugend machte indessen noch einige Touren durch die Straßen, -wechselte im Vorbeigehen Blicke mit den Kaufmannstöchtern und erschien, -als es schon ganz dunkel geworden war, im gleichen Hotelzimmer. - -Ich kann mich gut an diesen Abend und wie er diesseits und jenseits der -grünen Vorhänge verlief, erinnern. Draußen war es wunderschön. Der -heitere Märztag war im schönsten Abendrot verglommen; die Pfützen, die -während des Tages aufgetaut waren, überzogen sich wieder mit einer -Eiskruste; es wurde frisch und kühl, in der Luft aber schwebte schon der -Duft des Frühlings, und in der Höhe sangen die Lerchen. Die Kirchen -waren halbbeleuchtet, und die von ihren Sünden erlösten Beichtenden -kamen einzeln heraus. Ganz langsam, ohne mit jemand zu sprechen, gingen -sie durch die Gassen und verschwanden stumm in den Häusern. Sie alle -waren nur um das eine besorgt: jeder Ablenkung aus dem Wege zu gehen und -den Frieden, der ihre Herzen erfüllte, nicht zu verlieren. - -In der ganzen Stadt, die ja auch sonst nicht sehr belebt war, wurde es -auf einmal still. Die Haustore wurden abgesperrt, hinter den Zäunen -erklirrten die Ketten der Hofhunde, und alle kleinen Wirtshäuser wurden -geschlossen; nur vor dem von uns besetzten Hotel standen noch immer zwei -Mietsdroschken mit ausgesucht schönen Pferden, in Erwartung, daß wir sie -noch zu irgendeinem Zweck brauchen würden. - -Auf der hartgefrorenen Schneedecke der großen Straße klapperte plötzlich -ein mit drei Pferden bespannter Reiseschlitten. Er hielt vor dem Hotel, -ihm entstieg ein uns unbekannter schlanker Herr in einem Bärenpelz mit -langen Ärmeln und erkundigte sich, ob noch ein Zimmer frei sei. - -Das geschah gerade in dem Augenblick, als ich und noch zwei junge -Offiziere vom letzten Rundgang durch die Straßen, in deren Fenstern -nochmals die spröden Kaufmannstöchter erschienen, ins Hotel -zurückkehrten. - -Wir hörten, wie der Neuankömmling ein Zimmer verlangte und wie der -Zimmerkellner Marko, der ihn mit »Awgust Matwejitsch« anredete, seine -Frage beantwortete: - -»Ich wage es nicht, Sie anzulügen und zu sagen, daß wir kein Zimmer -haben. Wir haben wohl ein Zimmer, aber ich weiß wirklich nicht, ob es -Ihnen passen wird.« - -»Was ist denn damit?« fragte der Gast: »Ist es schmutzig oder voller -Wanzen?« - -»Nein, Sie wissen doch selbst, daß wir bei uns keinen Schmutz und keine -Wanzen dulden. Wir haben aber sehr viel Offiziere im Hause.« - -»Machen die solchen Lärm?« - -»Ja, Sie können es sich wohl selbst denken: es sind lauter Junggesellen, -die immer auf und ab rennen und pfeifen ... Ich muß es Ihnen sagen, -damit Sie uns später keine Vorwürfe machen ... Wir können ja die jungen -Leute nicht bändigen.« - -»Das wäre ja nicht schlecht! Selbstverständlich darf sich niemand -unterstehen, Offizieren Ruhe zu gebieten! Was wäre das für ein Leben? -... Ich bin aber müde und glaube, daß ich schon irgendwie einschlafen -werde.« - -»Natürlich werden Sie einschlafen. Ich mußte aber Euer Gnaden für jeden -Fall darauf aufmerksam machen. Darf ich das Gepäck und das Bettzeug -hinauftragen?« - -»Trag es nur hinauf, mein Bester. Ich komme direkt aus Moskau, habe mich -unterwegs nirgends aufgehalten und bin so müde, daß mich wohl kein Lärm -wecken wird.« - -Der Kellner führte den Gast hinauf, und wir begaben uns in das größte -Zimmer, das dem Schwadrons-Rittmeister gehörte. Hier war unsere ganze -Gesellschaft versammelt mit Ausnahme des Vetters der Kommandeuse: er -klagte über Unwohlsein, wollte weder trinken noch spielen und ging immer -den Korridor auf und ab. - -Der Bruder der Kommandeuse hatte an unserer Fensterparade teilgenommen -und sich gleich uns an den Kartentisch gesetzt. Sascha aber blickte nur -einmal in das Spielzimmer hinein und begann dann wieder im Korridor auf- -und abzugehen. - -Er machte einen seltsamen Eindruck, so daß wir auf ihn aufmerksam werden -mußten. Er schien entweder krank oder verstimmt; wenn man ihn aber -genauer ansah, schien keines von beiden der Fall zu sein. Er machte nur -den Eindruck, wie wenn er im Geiste irgendwo weit von uns allen -schweifte und an etwas, was uns allen fremd und ferne lag, dächte. Wir -sagten im Scherze: »Du hast dich wohl in die Hebamme vergafft!« legten -aber seinem Benehmen keine große Bedeutung bei. Er war ja noch sehr jung -und den beliebten Offizierstrank »aus neun Elementen« nicht gewohnt. Es -war sehr wahrscheinlich, daß sein Zustand nur eine Folge der -vorhergehenden Trinkgelage war. Im Spielzimmer war es wie immer so -vollgeraucht, daß man leicht Kopfweh bekommen konnte; schließlich war es -auch möglich, daß seine Finanzen zerrüttet waren: er hatte in der -letzten Zeit sehr hoch gespielt und größere Summen verloren; er hatte -aber gewisse moralische Grundsätze und scheute sich, seinen Eltern mit -solchen Dingen zu kommen. - -Wir ließen also den jungen Mann in dem mit einem Tuchläufer belegten -Korridor auf und abgehen. Wir selbst aber spielten, tranken und aßen, -stritten und lärmten und dachten weder an die späte Stunde, noch an das -freudige Ereignis, das im Hause des Kommandeurs erwartet wurde. Diese -Vergessenheit wurde vollständig, als sich bald nach Mitternacht etwas -ereignete, wobei der unbekannte Gast, der, wie gesagt, vor unseren Augen -dem Reiseschlitten entstiegen war, die Hauptrolle spielte. - - - - - V - - -Gegen zwei Uhr nachts erschien in unserem Spielzimmer der Zimmerkellner -Marko und meldete nach einigem Zögern, daß der eben eingetroffene -fürstliche Generalbevollmächtigte sich höflichst entschuldige und -anfrage, ob die Herren Offiziere ihm gestatten möchten, zu ihnen zu -kommen und am Kartenspiel teilzunehmen; er könne nämlich nicht -einschlafen und langweile sich. - -»Kennst du denn den Herrn?« fragte der älteste Offizier. - -»Aber ich bitte Sie! Wie sollte ich denn Awgust Matwejitsch nicht -kennen? Man kennt ihn nicht nur hier, sondern in ganz Rußland, überall -wo der Fürst seine Güter hat. Awgust Matwejitsch ist sein -Generalbevollmächtigter, verwaltet alle fürstlichen Güter und -Besitztümer, und sein Gehalt allein beträgt an die vierzigtausend Rubel -im Jahre.« (Damals rechnete man noch nach Assignaten.) - -»Ist er Pole?« - -»Er stammt wohl von Polen ab, ist aber ein wirklich vornehmer Herr und -war einmal selbst Offizier.« - -Wir alle hielten den Kellner, der uns das meldete, für zuverlässig und -uns ergeben. Er war intelligent und sehr religiös; er ging jeden Morgen -zur Frühmesse und sparte Geld, um seinem Heimatsorte eine Kirchenglocke -zu stiften. Als Marko sah, daß wir uns für den Fremden interessierten, -berichtete er uns noch mehr: - -»Awgust Matwejitsch kommt jetzt direkt aus Moskau. Man sagt, daß er eben -zwei fürstliche Güter bei der Vormundschaftsbank verpfändet hat. Er wird -wohl eine nette Summe bei sich haben und möchte sich gerne zerstreuen.« - -Die Offiziere wechselten Blicke, flüsterten miteinander und erklärten: - -»Nun, soll er nur die Dukaten aus seinem Beutel in unsere Taschen -umquartieren. Der neue Mensch soll nur kommen und neues Leben in unsere -Gesellschaft bringen!« - -»Garantierst du uns auch dafür,« fragten wir den Zimmerkellner, »daß er -Geld bei sich hat?« - -»Aber erlauben Sie! Awgust Matwejitsch hat immer Geld bei sich.« - -»Wenn es sich so verhält, so soll er nur mit seinem Geld kommen. Nicht -wahr, meine Herren?« wandte sich der älteste Rittmeister an uns alle. - -Alle erklärten sich einverstanden. - -»Schön. Sag ihm also, Marko, daß wir ihn bitten lassen.« - -»Zu Befehl.« - -»Deute ihm aber an oder sage es ihm auch geradeaus, daß wir, obwohl wir -Kameraden sind, auch unter uns nur um bares Geld spielen. Es gibt bei -uns weder Kreide noch Kredit.« - -»Zu Befehl. Sie können aber unbesorgt sein: er hat immer Geld.« - -»Gut, wir lassen bitten.« - -Nach einer ganz kurzen Weile, die für einen Mann, der kein besonderer -Stutzer ist, eben genügt, um sich umzuziehen, geht die Türe auf, und in -unserer Rauchwolke erscheint ein schlanker, wohlgebauter, nicht mehr -junger Herr von höchst anständigem Aussehen. Er trägt Zivil, hält sich -aber wie ein Militär, man könnte beinahe sagen, wie ein Gardeoffizier, -d. h. kühn, selbstbewußt, nicht ohne eine träge Grazie und Blasiertheit, -wie es damals Mode war. Sein Gesicht ist hübsch, seine Züge sind darin -ebenso streng und regelmäßig verteilt wie die Ziffern auf dem -Metallzifferblatt einer englischen Standuhr von Graham. Alles bewegt -sich darin so abgemessen, wie die Zeiger auf einer solchen Uhr. - -Er ist auch selbst so lang wie eine Standuhr, und seine Stimme klingt -wie ein Grahamsches Schlagwerk. - -»Meine Herren, ich bitte um Vergebung, daß ich in Ihren Freundeskreis -eingedrungen bin. Ich heiße so und so, eile aus Moskau nach Hause, bin -aber sehr müde und wollte hier ausschlafen. Da hörte ich Ihre Stimmen, -und die Ruhe floh meine Augenlider. Ich fühlte mich wie ein altes -Schlachtpferd von Kampfeslust beseelt und danke Ihnen aufrichtig, daß -Sie mich in Ihren Kreis aufnehmen wollen.« - -Man antwortet ihm: - -»Wir bitten recht schön! Wir sind einfache Menschen und machen keine -großen Zeremonien. Wir sind unter uns Kameraden und halten uns ganz -ungezwungen.« - -»Einfachheit«, antwortet er, »ist das Schönste in der Welt: Gott liebt -sie, und in ihr liegt die ganze Poesie des Lebens. Ich war ja einmal -selbst beim Militär. Obwohl ich aus Familienrücksichten den Dienst -quittieren mußte, bin ich den militärischen Sitten doch treu geblieben -und hasse alles Zeremonielle. Sie haben aber, wie ich sehe, Ihre Röcke -an, und hier ist es doch so heiß?« - -»Offen gestanden, haben wir die Röcke erst unmittelbar vor Ihrem -Erscheinen angezogen.« - -»Sie sollten sich schämen! Das befürchtete ich ja eben. Da Sie aber -schon einmal so freundlich waren, mich aufzunehmen, so können Sie mir -gleich bei Beginn unserer Bekanntschaft gar keine größere Freude machen, -als wenn Sie die Röcke wieder ablegen und sich ebenso ungezwungen -fühlen, wie Sie es vor meinem Erscheinen waren.« - -Die Offiziere ließen sich überreden und saßen bald in Hemdärmeln da; -dasselbe verlangten sie aber auch vom Unbekannten. Awgust Matwejitsch -schlüpfte flink aus seiner elegant zugeschnittenen Joppe, die in den -Ärmeln mit blauer Seide gefüttert war, und erklärte sich bereit, unsere -Bekanntschaft mit einem Gläschen Schnaps einzuweihen. - -Alle tranken mit und gedachten bei dieser Gelegenheit des Vetters -Sascha, der noch immer im Korridor auf und ab ging. - -»Gestatten Sie«, sagte man dem Gast, »hier fehlt einer von den Unsrigen. -Wir müssen ihn holen!« - -Awgust Matwejitsch fragte: - -»Sie vermissen wohl den interessanten jungen Kornett, der in so -rührender Versunkenheit im Korridor auf und ab geht?« - -»Ja, diesen. Ruft ihn doch her, meine Herren!« - -»Er will nicht kommen.« - -»Was für Dummheiten! ... Er ist sonst ein so lieber junger Kamerad und -hat in der Wissenschaft des Trinkens und Kartenspiels schon so schöne -Fortschritte gezeigt; heute ist er uns aber plötzlich untreu geworden -und benimmt sich so dumm. Meine Herren, bringt ihn mit Gewalt her!« - -Viele protestierten, und es wurde die Meinung laut, daß Sascha -vielleicht tatsächlich krank sei. - -»Was euch nicht einfällt! Ich setze meinen Kopf ein, daß er einfach müde -ist oder den letzten großen Verlust noch nicht verschmerzen kann.« - -»Hat der Kornett viel verloren?« - -»Ja, in der letzten Zeit hat er immer Pech gehabt. Er war irgendwie -aufgeregt und verlor jeden Einsatz.« - -»Was Sie nicht sagen! So was kommt allerdings vor. Er sieht aber so aus, -wie wenn er weniger Unglück im Spiel als Unglück in der Liebe hätte.« - -»Haben Sie ihn denn gesehen?« - -»Gewiß. Ich habe sogar Gelegenheit gehabt, ihn mir sehr genau anzusehen. -Er ist so sehr in Gedanken versunken, daß er vorhin aus Versehen in mein -Zimmer statt in das seinige eintrat, mich auf dem Bette garnicht liegen -sah, direkt auf die Kommode zuging und etwas zu suchen begann. Ich -glaubte sogar, daß es ein Schlafwandler sei, und rief Marko herbei.« - -»Seltsam!« - -»Als Marko ihn fragte, was er bei mir zu suchen habe, verstand er im -ersten Augenblick garnicht, was man von ihm wollte. Und als er seinen -Irrtum einsah, wurde er furchtbar verlegen ... Ich gedachte der alten -Zeiten und sagte mir gleich: der muß eine Herzensaffaire haben!« - -»Ach, was, Herzensaffaire! Das wird wohl bald vergehen. Bei Ihnen in -Polen mißt man solchen Gefühlsduseleien viel zu viel Bedeutung bei; wir -Moskowiter sind aber ein rohes Volk.« - -»Ja, der junge Mann sieht aber gar nicht roh aus; im Gegenteil, er -scheint mir sehr empfindsam und furchtbar erregt.« - -»Er ist einfach müde, und unsere Lebensphilosophie lehrt, daß man in -einem solchen Falle Gewalt anwenden muß. Meine Herren, zwei von Ihnen -möchten hinausgehen und Sascha herbringen: soll er sich nur gegen die -Beschuldigung, daß er hoffnungslos verliebt sei, verteidigen.« - -Zwei Offiziere gingen in den Korridor und kamen mit Sascha zurück, auf -dessen jugendlichem Gesicht Müdigkeit, Verlegenheit und ein Lächeln -miteinander kämpften. - -Er sagte, er fühle sich tatsächlich unwohl, und es rege ihn auf, daß man -von ihm Rechenschaft fordere. Als man ihm im Scherz sagte, daß auch der -»fremde Herr« der Ansicht sei, es sei wohl eine Liebesaffaire im Spiele, -wurde Sascha plötzlich über und über rot, warf unserm Gast einen -unsagbar gehässigen Blick zu und rief erbost aus: - -»Unsinn!« - -Er bat um Erlaubnis, auf sein Zimmer zu gehen und sich schlafen zu -legen; wir erinnerten ihn aber daran, daß heute ein wichtiges Ereignis -bevorstehe, das wir alle gemeinsam begrüßen wollten; es sei daher -unstatthaft, die Gesellschaft zu verlassen. Als er vom »Ereignis« hörte, -erbleichte er wieder. - -Man sagte ihm: - -»Du darfst nicht fortgehen; trinke aber deinen Schnaps, und wenn du -nicht mitspielen willst, so ziehe deinen Rock aus und lege dich hier -aufs Sofa. Wenn dort das Kind zu schreien beginnt, werden wir es hier -hören und dich wecken.« - -Sascha gehorchte, jedoch nicht ganz; er trank seinen Schnaps, zog aber -den Rock nicht aus und legte sich nicht hin, sondern setzte sich in den -Schatten am Fenster, aus dem, da es nicht ganz dicht war, ein frischer -Hauch ins Zimmer zog, und begann auf die Straße hinauszuschauen. - -Ich weiß wirklich nicht, ob er auf jemand wartete, oder ob ihn -irgendetwas innerlich beunruhigte; jedenfalls blickte er unverwandt auf -die Straßenlaterne, die im Winde schwankte und flackerte, warf sich bald -in die Tiefe des Sessels zurück, und machte bald den Eindruck, wie wenn -er aufspringen und davonrennen wollte. - -Unser Gast, neben den ich zu sitzen kam, merkte, daß ich Sascha -beobachtete, und beobachtete ihn auch selbst. Ich mußte es seinen -Blicken anmerken und auch seinen höchst unpassenden Worten, die ich mein -Leben lang nicht vergessen werde: - -»Sind Sie mit dem jungen Kameraden gut befreundet?« - -Bei diesen Worten streifte er den niedergeschlagenen Sascha mit einem -schnellen Blick. - -»Selbstverständlich!« antwortete ich mit dem ganzen Eifer meiner Jugend, -die in dieser Frage eine allzu plumpe Vertraulichkeit erblickt hatte. - -Awgust Matwejitsch bemerkte meine Aufregung und drückte mir unter dem -Tisch stumm die Hand. Ich blickte sein hübsches, ruhiges Gesicht an und -mußte wieder an die gleichmütige englische Standuhr im langen Gehäuse -mit dem Grahamschen Werk denken. Jeder Zeiger bewegt sich in der ihm -vorgeschriebenen Richtung und registriert Stunden und Tage, Minuten und -Sekunden, die Phasen des Mondes und die Tierkreiszeichen, das -Zifferblatt aber ist kühl und teilnahmslos: die Uhr zeigt alles, merkt -sich alles und bleibt dabei selbst unveränderlich. - -Awgust Matwejitsch versöhnte mich durch seinen freundlichen Händedruck; -dann fuhr er fort: - -»Seien Sie mir nicht böse, junger Mann. Glauben Sie mir: ich will von -Ihrem Freund nichts Böses sagen, ich habe aber schon manches erlebt, und -sein Zustand flößt mir seltsame Gedanken ein ...« - -»Wie meinen Sie das?« - -»Sein Zustand erscheint mir ... wie soll ich es Ihnen sagen? .. -irgendwie verhängnisvoll ... Er rührt und beunruhigt mich.« - -»So, er beunruhigt Sie?« - -»Ja, er beunruhigt mich.« - -»Nun, ich kann Sie versichern, daß Ihre Unruhe grundlos ist. Ich kenne -alle Verhältnisse meines Freundes und bürge dafür, daß in ihnen nichts -enthalten ist, was seinen Lebensfaden verwirren oder zerreißen könnte.« - -»_Zerreißen!_« wiederholte er: »C'est le mot! Das ist das richtige Wort: -den Lebensfaden zerreißen!« - -Diese Worte machten auf mich einen unangenehmen Eindruck. Warum hatte -ich nur diesen Ausdruck gewählt, an den sich der Fremde gleich -festklammern konnte. - -Awgust Matwejitsch machte auf mich plötzlich den unangenehmsten -Eindruck, und ich blickte feindselig auf sein präzises Grahamsches -Zifferblatt. Ich sah darin etwas Harmonisches und zugleich Drückendes -und Unwiderstehliches. Das Werk läuft gleichmäßig, läßt in bestimmten -Abständen seine metallischen Schläge erklingen und läuft unverändert -weiter. Alles, was der Mann an hat, ist von erster Qualität ... Sein -Hemd ist unvergleichlich feiner und weißer als unsere Hemden, und unter -den weißen Manschetten leuchtet wie Blut eine rotseidene Jacke hervor. -Es sieht so aus, wie wenn er unter den Kleidern keine Haut am Leibe -hätte. Am Handgelenk trägt er aber ein goldenes Damenarmband, das bald -nach unten rutscht und bald wieder im Ärmel verschwindet. Ich lese -darauf den in polnischen Schriftzeichen gravierten russischen -Frauennamen »Olga«. - -Diese »Olga« erregt mein Mißfallen. Wer sie auch sei, -- seine Verwandte -oder seine Geliebte, -- ich muß mich über sie ärgern. - -Warum? Ich weiß es nicht. Es war wohl eine von den zahllosen Dummheiten, -die uns, niemand weiß woher, in den Sinn kommen, um »die Gedanken des -Sterblichen zu verwirren«. - -Ich will mich von der unangenehmen Wirkung des Wortes »zerreißen«, das -ich selbst zuerst gebraucht habe und dem er einen mir durchaus -unerwünschten Sinn unterschiebt, befreien und sage: - -»Es tut mir leid, daß ich mich so ausgedrückt habe; das von mir -gebrauchte Wort kann aber gar nicht die Bedeutung haben, die Sie ihm -beilegen. Mein Freund ist jung, vermögend, der einzige Sohn seiner -Eltern und der Liebling aller ...« - -»Ja, ja, und doch gefällt er mir nicht.« - -»Ich verstehe Sie nicht.« - -»Er ist doch sterblich?« - -»Selbstverständlich, wie Sie und ich, wie alle Menschen.« - -»Sehr richtig, von den andern Menschen weiß ich aber nichts, und von uns -beiden trägt keiner die verhängnisvollen Zeichen, die ich an ihm sehe.« - -»Was für verhängnisvolle Zeichen meinen Sie?« - -Ich lachte ziemlich unerzogen auf. - -»Warum lachen Sie darüber?« - -»Entschuldigen Sie, ich will wohl zugeben, daß mein Lachen unpassend -ist; versetzen Sie sich aber in meine Lage: wir betrachten beide das -gleiche Gesicht, und Sie erzählen mir, daß Sie darin etwas -Ungewöhnliches wahrnehmen, während ich darin nur das sehe, was ich immer -gesehen habe.« - -»Was Sie immer gesehen haben? Das kann nicht sein.« - -»Ich versichere Sie.« - -»Das hypokratische Gesicht!« - -»Das verstehe ich nicht.« - -»Sie verstehen es nicht? Es gibt doch einen solchen >agent psychique<!« - -»Ich verstehe es nicht,« sagte ich und fühlte zugleich, wie mir dieses -Wort irgendeine dumme Angst einjagte. - -»Agent psychique oder das hypokratische Gesicht ist ein unerklärliches, -seltsames Zeichen, das den Menschen längst bekannt ist. Diese unfaßbaren -Züge erscheinen auf den Gesichtern der Menschen nur in jenen -verhängnisvollen Augenblicken ihres Lebens, wenn sie eben im Begriff -sind, den großen Schritt in das Land zu zu machen, aus dem noch kein -Wanderer zurückgekehrt ist ... Die Schotten und die Hindus der Blauen -Berge haben für diese Züge einen besonders scharfen Blick.« - -»Waren Sie denn je in Schottland?« - -»Ja, ich habe dort die Landwirtschaft studiert; ich bin auch in Indien -gewesen.« - -»Und Sie behaupten, daß Sie diese verdammten Zeichen auf dem Gesicht -unseres guten Sascha sehen?« - -»Ja, wenn dieser junge Mann heute noch Sascha heißt, so wird er wohl -bald _anders_ heißen.« - -Ich fühlte mich plötzlich von einer namenlosen Angst erfaßt und war sehr -froh, daß in diesem Augenblick einer von unseren Offizieren, der schon -recht angeheitert war, auf mich zuging und fragte: - -»Was hast du? Worüber streitest du mit diesem Herrn?« - -Ich antwortete, daß wir uns gar nicht stritten, sondern uns nur über -sehr seltsame Dinge unterhielten. Und ich erzählte ihm kurz alles, -worüber ich eben mit dem Polen gesprochen hatte. - -Der Offizier, ein einfacher und entschlossener Bursche, warf einen Blick -auf Sascha und sagte: - -»Er sieht tatsächlich schlecht aus!« Darauf wandte er sich an Awgust -Matwejitsch und fragte ihn ziemlich barsch: - -»Was sind Sie eigentlich: ein Phrenologe oder ein Wahrsager?« - -Jener antwortete: - -»Ich bin weder Phrenologe noch Wahrsager.« - -»Sondern weiß der Teufel was?« - -»Ich bin auch nicht >weiß der Teufel was<!« erwiderte jener ruhig. - -»Was sind Sie dann: ein Zauberer?« - -»Auch kein Zauberer.« - -»Was denn?« - -»Mystiker.« - -»Ach so, Mystiker -- Whistiker! Sie lieben wohl Whist zu spielen. Solche -Mystiker kenne ich gut,« sagte der Offizier gedehnt. Obwohl er schon -ohnehin ordentlich betrunken war, wandte er sich wieder den Getränken -zu. - -Awgust Matwejitsch blickte ihm halb bedauernd und halb verachtungsvoll -nach. Die Zeiger auf seinem Zifferblatt hatten sich verschoben; er stand -auf und ging zu den Spielenden, die polnischen Verse Krasinskis vor sich -hinmurmelnd: - -»Ich will keinen Gott, ich will keinen Himmel ...« - -Mir wurde es plötzlich so unheimlich zumute, wie wenn ich mit dem -berühmten Zauberer Pan Twardowski gesprochen hätte. Um mir neuen Mut zu -machen, trat ich an den Tisch, auf dem die Schnäpse standen, und -unterhielt mich eine Weile mit dem Kameraden, der vorhin die Bedeutung -des Wortes Mystiker erläutert hatte. Und als ich nach einiger Zeit, wie -von einer Welle erfaßt, zum Kartentisch geworfen wurde, hielt der Pole -schon die Bank. - -Auf dem Tische vor ihm waren Riesensummen von Gewinnen und Verlusten -angekreidet, und alle Gesichter drückten Feindseligkeit gegen ihn aus, -die sich auch in allerlei dummen Bemerkungen äußerte. Die Situation -wurde von Augenblick zu Augenblick gespannter und drohte mit ernsten -Unannehmlichkeiten. - -Es erschien mir ganz unmöglich, daß die Sache ohne Unannehmlichkeiten -ablaufen könnte: ein böses Ende schien schon vom Schicksal beschieden. - - - - - VI - - -Als ich wieder am Kartentisch stand, bemerkte jemand, wie nebenbei zu -Awgust Matwejitsch, daß das Armband, das auf seinem Handgelenk hin und -herrutschte, ihm beim Bankhalten hinderlich sein müsse. Und er fügte dem -noch hinzu: - -»Vielleicht wäre es besser, wenn Sie diesen Frauenschmuck ablegten.« - -Awgust Matwejitsch bewahrte aber seine Ruhe und antwortete: - -»Es wäre allerdings besser, wenn ich ihn ablegen könnte, ich kann aber -Ihrem guten Rat nicht folgen: das Armband ist festgenietet.« - -»Ein seltsamer Einfall, einen Sklaven zu spielen!« - -»Warum auch nicht? Als Sklave fühlt man sich zuweilen gar nicht -schlecht.« - -»So! Das haben also auch die Polen schon eingesehen!« - -»Gewiß. Was mich betrifft, so habe ich vom ersten Tage an, an dem mir -die Begriffe des Guten, Wahren und Schönen verständlich geworden waren, -anerkannt, daß diese Ideale wert sind, über die Gefühle und den Willen -des Menschen zu herrschen.« - -»Wo finden Sie aber diese Ideale vereint?« - -»Natürlich nur im schönsten Geschöpfe Gottes -- im Weibe.« - -»Das den Namen Olga trägt,« scherzte jemand, nachdem er die Inschrift -auf dem Armband gelesen. - -»Ja, Sie haben es erraten: meine Frau heißt Olga. Es ist doch ein -schöner russischer Name, nicht wahr? Besonders, wenn man bedenkt, daß -die Russen ihn nicht wie die andern Dinge den Griechen entlehnt, sondern -schon in ihrer eigenen Umgangssprache vorrätig hatten.« - -»Sind Sie mit einer Russin verheiratet?« - -»Ich bin Witwer. Das Glück, dessen ich würdig befunden war, war zu groß -und zu vollständig, um dauernd zu sein. Ich finde aber auch heute noch -mein höchstes Glück in der Erinnerung an die Russin, die auch ihrerseits -ihr Glück an meiner Seite gefunden hatte.« - -Die Offiziere wechselten Blicke. Seine Antwort erschien ihnen irgendwie -doppelsinnig und verletzend. - -»Hol ihn der Teufel!« sagte jemand. »Will dieser Fremde damit vielleicht -sagen, daß die Herren Polen ganz besonders nett und ritterlich sind, so -daß jede Russin sich in sie verlieben muß?« - -Awgust Matwejitsch hatte das sicher gehört; er blickte sogar schweigend -auf denjenigen, der das gesagt hatte, lächelte und fuhr fort, mit der -größten Seelenruhe die Karten zu verteilen. Er machte die Sache durchaus -einwandfrei und korrekt. Die Pointierenden verfolgten mit der größten -Aufmerksamkeit alle seine Bewegungen, konnten aber nichts Verdächtiges -wahrnehmen. Jeder Verdacht wäre auch sinnlos gewesen, da Awgust -Matwejitsch viel verloren hatte. Gegen vier Uhr hatte er schon über -zweitausend Rubel bezahlt. Als er mit allen abgerechnet hatte, sagte er: - -»Wenn die Herren weiterspielen wollen, setze ich noch einen Tausender -ein.« - -Die Offiziere, die gewonnen hatten, hielten es für unschicklich, seinen -Vorschlag zurückzuweisen und erklärten sich bereit, weiter zu -pointieren. - -Einige wandten sich weg und sahen sich die Banknoten, die sie von Awgust -Matwejitsch erhalten hatten, genauer an. - -Alles stimmte: die Banknoten waren von zweifelloser Echtheit. - -»Ich muß aber bemerken, meine Herren,« sagte er, »daß ich keine -kleineren Noten einsetzen kann: ich habe sie alle ausgegeben. Ich habe -aber Scheine zu fünfhundert und zu tausend Rubel und möchte Sie bitten, -mir einige davon zu wechseln.« - -»Das läßt sich wohl machen,« antwortete man ihm. - -»In diesem Falle werde ich gleich die Ehre haben, Ihnen zwei größere -Scheine vorzulegen und Sie zu bitten, sie zu untersuchen und zu -wechseln.« - -Mit diesen Worten stand er auf, ging zu seinem Rock, der auf dem Sofa -neben dem geistesabwesenden Sascha lag, und begann in den Taschen zu -suchen. Das dauerte auffallend lange. Awgust Matwejitsch warf plötzlich -den Rock fort, griff sich mit der Hand an die Stirne, schwankte und fiel -beinahe um. - -Alle merkten diese Bewegung, und sie erschien so echt und ungekünstelt, -daß Awgust Matwejitsch in vielen lebhaftes Mitgefühl weckte. Zwei oder -drei Herren, die in seiner Nähe saßen, riefen teilnahmsvoll aus: »Was -haben Sie?« und beeilten sich, ihn zu stützen. - -Unser Gast war leichenblaß und ganz verändert. Ich sah zum erstenmal im -Leben, wie ein starker und sich beherrschender Mann, -- und für einen -solchen mußte ich den zu seinem eigenen und unserem Unglück in unseren -Kreis eingedrungenen fürstlichen Generalbevollmächtigten wohl halten, -- -vor großem und unerwartetem Kummer plötzlich alt und ganz verändert -wird. Das plötzliche Unglück zerknittert und zerdrückt den Menschen und -bearbeitet ihn wie die Wäscherin einen Lumpen so lange mit dem -Waschbläuel, bis es aus ihm alles herausgeklopft hat. Ich bin gar nicht -imstande, das Gesicht und die Blicke Awgust Matwejitschs zu beschreiben, -erinnere mich aber lebhaft an den Vergleich, der dem tiefen Ernst der -Situation gar nicht entsprach, der mir aber in den Sinn kam, als ich -mich mit den andern über ihn stürzte und ihm eine Kerze vors Gesicht -hielt. Dieser Vergleich bezog sich wiederum auf eine Uhr und ein -Zifferblatt, und zwar in einem höchst komischen Zusammenhange. - -Mein Vater war leidenschaftlicher Liebhaber alter Bilder. Er war immer -auf der Suche nach solchen Bildern, die er regelmäßig verdarb, indem er -die alte Lackschicht entfernte und sie mit neuem Lack überzog. Oft -bringt er so ein altes Bild heim, das eine gleichmäßige dunkle Fläche -darstellt, in der alle Farbtöne friedlich ineinander geflossen sind, so -daß man auf dem Bilde nichts erkennen kann; da fährt er aber mit einem -in Terpentin getauchten Schwamm darüber; der Lack wirft sich, schmutzige -Ströme fließen über das ganze Bild hin, und alle Farbtöne kommen in -Bewegung und Unordnung. Das Bild sieht plötzlich ganz verändert aus; -eigentlich hat es erst jetzt sein wahres, ungeschminktes Aussehen, das -vom Lack verdeckt war, wiedergewonnen. Ich erinnerte mich also, wie wir -Kinder einst den Vater nachahmen wollten und das Zifferblatt der Uhr in -unserem Kinderzimmer mit Terpentin abwuschen. Zu unserem Entsetzen sahen -wir, wie der auf dem Zifferblatte dargestellte schwarze Mann mit dem -Korbe, in dem die ungezogenen Kinder saßen, seine Umrisse verlor und wie -sein vorher so tapferes Gesicht plötzlich einen zweideutigen und -lächerlichen Ausdruck bekam. - -Dasselbe macht das Unglück mit den lebendigen, sogar sich beherrschenden -und oft stolzen Menschen. Das Unglück wäscht von ihm den Lack ab, und -plötzlich kommen alle trüben Farbtöne und alle Sprünge zum Vorschein. - -Unser Gast war aber stärker als mancher andere. Er beherrschte sich bald -wieder und sagte: - -»Entschuldigen Sie, meine Herren, es ist nichts ... Schenken Sie dem -bitte keine Beachtung und lassen Sie mich gehen. Mir ... mir ist -plötzlich schlecht: entschuldigen Sie mich, ich kann nicht weiter -spielen.« - -Awgust Matwejitsch wandte uns sein Gesicht zu, das ganz wie jenes -abgewaschene Zifferblatt aussah. Er bemühte sich aber, verbindlich zu -lächeln. Offenbar wollte er jeden Skandal vermeiden. In diesem -Augenblick provozierte ihn aber einer von den Unsrigen, der offenbar ein -Glas zuviel getrunken hatte: - -»War Ihnen vielleicht auch schon vorhin schlecht?« - -Der Pole erbleichte. - -»Nein,« sagte er mit erhobener Stimme, »nein, so schlecht war mir noch -nie. Wer sich etwas anderes denkt, ist im Irrtum ... Ich habe eine -unerwartete Entdeckung gemacht ... ich habe einen triftigen Grund, nicht -weiter zu spielen, und verstehe wirklich nicht, was Sie von mir wollen!« - -Nun begannen alle durcheinander zu reden: - -»Wie meint er das? Niemand will von Ihnen was, verehrter Herr! Es wäre -aber immerhin interessant, zu erfahren, was für eine Entdeckung Sie in -unserem Kreise gemacht haben!« - -»Gar keine.« antwortete der Pole. Er dankte mit einem Kopfnicken den -Offizieren, die ihn im Augenblick des plötzlichen Schwächeanfalls -gestützt hatten, und fügte hinzu: »Meine Herren, Sie kennen mich ja -nicht, die Aussage des Kellners über meine Reputation darf Ihnen nicht -genügen. Darum halte ich es für unmöglich, dieses Gespräch fortzusetzen -und möchte mich von Ihnen verabschieden.« - -Man hielt ihn aber zurück: - -»Erlauben Sie einmal,« sagte man ihm, »das geht doch nicht!« - -»Ich weiß nicht, warum das nicht gehen sollte. Ich habe meine -Spielschuld bezahlt, möchte nicht weiter spielen und bitte Sie, mir zu -gestatten, Ihre Gesellschaft verlassen zu dürfen.« - -»Wir sprechen nicht von der Bezahlung!« - -»Ja, nicht von der Bezahlung!« - -»Wovon denn? Ich frage, was Sie wollen, und Sie antworten, daß Sie von -mir nichts wollen. Ich will mich schweigend zurückziehen, und Sie sind -auch damit unzufrieden ... Hol's der Teufel, was ist eigentlich los?« - -Nun ging auf ihn einer der älteren Rittmeister zu, ein >in Schlachten -ergrauter Kamerad<, ein vielerfahrener Mann, der schon manchen -Zusammenstoß am Kartentische erlebt hatte, und sagte: - -»Verehrter Herr! Gestatten Sie, daß ich mich mit Ihnen im Namen aller -auseinandersetze.« - -»Sehr gern, obwohl ich gar nicht einsehe, worüber wir uns -auseinanderzusetzen haben.« - -»Ich will Ihnen gleich alles erklären.« - -»Bitte sehr.« - -»Verehrter Herr, meine Kameraden und ich kennen Sie tatsächlich nicht; -wir haben Sie aber mit russischer Zutraulichkeit in unsere Gesellschaft -aufgenommen. Es gelang Ihnen nicht, zu verheimlichen, daß Sie eben etwas -Unerwartetes erlebt haben. Und zwar in unserem Kreise ... Sie haben -vorhin den Ausdruck >Reputation< gebraucht. Auch wir haben unsere -Reputation, hol's der Teufel ... Jawohl! Wir vertrauen Ihnen, müssen Sie -aber bitten, auch unserer Ehrlichkeit zu vertrauen.« - -»Sehr gerne,« unterbrach ihn der Pole, »sehr gerne!« Und er streckte ihm -seine Hand entgegen. Der Rittmeister schien es aber nicht zu sehen und -fuhr fort: - -»Ich setze meinen Kopf und meine Hand dafür ein, daß Sie hier nicht die -geringsten Unannehmlichkeiten zu gewärtigen haben und daß jeder, der es -wagt, Sie, und wenn auch nur durch eine entfernte Andeutung, zu -verletzen, in mir Ihren Verteidiger finden wird. Wir dürfen aber die -Sache nicht als erledigt betrachten. Ihr Benehmen erscheint uns -sonderbar, und ich bitte Sie im Namen aller Anwesenden, sich zu -beruhigen und uns ernsthaft zu erklären, ob Sie sich tatsächlich unwohl -fühlten oder ob Sie etwas Unerwartetes entdeckt haben. Wir bitten Sie, -uns diese Frage in einem Worte und ganz aufrichtig zu beantworten.« - -Alle fielen ihm ins Wort: »Ja, wir bitten, wir bitten!« Die Bewegung war -eine allgemeine. Nur Sascha allein nahm an ihr nicht teil: er verharrte -nach wie vor in seiner dummen Versunkenheit. Aber auch er erhob sich von -seinem Platz, sagte »Wie ekelhaft!« und wandte sich mit dem Gesicht zum -Fenster. - -Der Pole aber, den wir so bedrängten, verlor seine Selbstbeherrschung -nicht. Im Gegenteil, er nahm eine noch stolzere Haltung an und sagte: - -»Meine Herren, in diesem Falle muß ich Sie um Verzeihung bitten. Ich -wollte nichts sagen und alles in meinem Herzen tragen. Wenn Sie mich -aber unter Berufung auf meine Ehre herausfordern, Ihnen zu sagen, was -ich vorhin gehabt habe, so muß ich als Ehrenmann und Adliger ...« - -Jemand, der sich nicht beherrschen konnte, rief dazwischen: - -»Er redet mir zu viel von Ehre!« - -Der Rittmeister warf einen zornigen Blick in die Richtung, aus der -dieser Zwischenruf gekommen war, und Awgust Matwejitsch fuhr fort: - -»Als Ehrenmann und Adliger muß ich Ihnen, meine Herren, sagen, daß ich -außer der Summe, die ich im Kartenspiel verloren, in meiner Brieftasche -noch zwölftausend Rubel in Banknoten zu tausend und zu fünfhundert Rubel -gehabt habe.« - -»Haben Sie das Geld bei sich gehabt?« fragte der Rittmeister. - -»Ja, bei mir.« - -»Sie können sich daran genau erinnern?« - -»Ja, ganz genau.« - -»Und jetzt ist das Geld fort?« - -»Ja, Sie haben es erraten: es ist fort.« - -Der betrunkene Offizier rief wieder dazwischen: - -»War denn das Geld auch wirklich da?« - -Der Rittmeister sagte aber noch strenger: - -»Ich bitte zu schweigen! Der Herr, den wir vor uns haben, wird sich -nicht unterstehen, uns anzulügen. Er weiß, daß man mit solchen Dingen in -anständiger Gesellschaft nicht scherzt: solche Späße können einem leicht -das Leben kosten. Daß wir aber wirklich anständige Menschen sind, müssen -wir erst durch die Tat beweisen. Meine Herren, niemand rührt sich von -seinem Platz, und ich bitte Sie, Leutnant soundso, und Sie, und auch Sie -(er nannte die Namen dreier Kameraden), sofort alle Türen abzuschließen -und die Schlüssel hier an sichtbarer Stelle niederzulegen. Der Erste, -der den Versuch macht, das Zimmer zu verlassen, wird es mit seinem Leben -büßen. Ich hoffe aber, meine Herren, daß es niemand versuchen wird. -Niemand wagt daran zu zweifeln, daß wir mit dem Verlust, von dem der -fremde Herr spricht, nichts zu tun haben; aber das muß erst bewiesen -werden.« - -»Ja, ja, gewiß!« bestätigten die Offiziere. - -»Und wenn das einmal bewiesen ist, so wird sofort der zweite Akt -beginnen. Jetzt aber müssen wir, um unsere Ehre und unseren Stolz zu -wahren, diesem Herrn gestatten, uns einer genauen Leibesvisitation zu -unterziehen.« - -»Ja, soll er uns nur durchsuchen!« riefen die Offiziere. - -»Und zwar bis aufs Hemd!« sagte der Rittmeister. - -»Ja, bis aufs Hemd!« - -»Wir werden uns nun der Reihe nach vor diesem Herrn vollständig -entkleiden. Ein jeder soll ganz nackt, wie er aus dem Mutterleibe -hervorgegangen ist, vor ihn treten, und der Herr soll einen jeden -eigenhändig durchsuchen. Ich bin hier der Älteste an Jahren und im Range -und will mich als erster dieser Durchsuchung unterziehen, die für einen -Ehrenmann nichts Ehrenrühriges ist. Ich bitte Sie alle, etwas -zurückzutreten und sich in eine Reihe aufzustellen. Und nun entkleide -ich mich.« - -Er begann in großer Hast alle Kleidungsstücke von sich zu werfen und zog -selbst die Socken aus. Als er ganz nackt war, legte er alle Sachen dem -fürstlichen Generalbevollmächtigten vor die Füße, hob die Arme und -sagte: - -»So stehe ich vor Ihnen wie ein Rekrut vor der Kommission. Wollen Sie -mich durchsuchen.« - -Awgust Matwejitsch weigerte sich mit der durchaus stichhaltigen -Begründung, daß er keinerlei Verdacht ausgesprochen und diese -Untersuchung nicht verlangt habe. - -»Nein, auf solche Scherze lassen wir uns nicht ein!« sagte der -Rittmeister, vor Wut ganz rot werdend und mit den bloßen Fersen -stampfend. »Jetzt ist es zu spät, mein Herr, den Großmütigen zu spielen -... Ich habe mich nicht zum Spaß vor Ihnen entkleidet ... Ich bitte Sie, -meine Sachen genau zu durchsuchen. Sonst erschlage ich Sie, nackt wie -ich bin, augenblicklich mit diesem Stuhl!« - -Und er ergriff mit seiner behaarten Hand den schweren Stuhl und schwang -ihn über dem Kopfe des Polen. - - - - - VII - - -Awgust Matwejitsch beugte sich mit Widerstreben über die auf dem -Fußboden ausgebreiteten Sachen des Rittmeisters und tat, wie wenn er sie -durchsuchte. - -Die nackten Fersen stampften noch wütender, und zugleich zischte eine -erstickte Stimme: - -»Nicht so durchsucht man die Sachen! Nicht so! Haltet mich, sonst stürze -ich mich auf ihn und erwürge ihn, wenn er es nicht ordentlich macht!« - -Der Rittmeister war buchstäblich außer sich vor Zorn und bebte so, daß -selbst das üppige schwarze Moos unter seinen muskulösen Armen, die er -krampfhaft über dem Kopfe hielt, zitterte. - -Der Pole ließ sich aber nicht einschüchtern. Er streifte mit einem -ruhigen Blick das von Wut entstellte Gesicht und die Achselhöhlen des -Rittmeisters, in denen sich zwei schwarze Ratten zu regen schienen, und -sagte: - -»Sehr schön. Ich bin zwar fest überzeugt, daß Sie ein Ehrenmann sind; da -Sie aber darauf bestehen, will ich Sie wie einen Dieb durchsuchen.« - -»Ja, hol mich der Teufel, ich bin ein Ehrenmann, und bestehe darauf, daß -Sie mich wie _einen Dieb_ durchsuchen!« - -Awgust Matwejitsch durchsuchte ihn und fand selbstverständlich nichts. - -»Nun bin ich also von jedem Verdacht rein,« sagte der Rittmeister. -»Wollen jetzt die anderen Herren meinem Beispiele folgen.« - -Ein zweiter Offizier entkleidete sich, und Awgust Matwejitsch -durchsuchte ihn auf die gleiche Weise. Dann kam der dritte an die Reihe, -und so unterzogen wir uns alle der Durchsuchung. Sascha allein war noch -nicht durchsucht, und gerade in dem Augenblick, als die Reihe an ihn -kommen sollte, wurde heftig an die Zimmertür geklopft. - -Wir alle fuhren zusammen. - -»Niemand darf herein!« kommandierte der Rittmeister. Man klopfte aber -noch heftiger. - -»Wen bringt der Teufel her? Wir dürfen niemand hereinlassen, solange -diese schmachvolle Sache nicht erledigt ist. Wer es auch sei, jagt ihn -zum Teufel!« - -Es wurde wieder geklopft, und wir hörten zugleich eine wohlbekannte -Stimme: - -»Wollen Sie mich einlassen. Ich bin es.« - -Es war die Stimme unseres Obersten. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Die Offiziere wechselten Blicke. - -»Machen Sie auf, meine Herren!« wiederholte der Oberst. - -Die Türe wurde aufgemacht, und der nicht sehr beliebte Kommandeur trat -wie ein Kamerad in unsere Mitte. Auf seinem Gesicht leuchtete ein -freundliches Lächeln, das er nur sehr selten sehen ließ. - -»Meine Herren!« begann er, noch ehe er sich im Zimmer umgesehen hatte. -»Bei mir zu Hause steht alles gut. Nach den aufreibenden Augenblicken, -die ich eben durchlebt habe, wollte ich etwas frische Luft atmen. Und da -ich Ihren kameradschaftlichen Wunsch, meine Freude zu teilen, kenne, bin -ich zu Ihnen gekommen, um Ihnen persönlich mitzuteilen, daß Gott mir ein -Töchterchen geschenkt hat.« - -Wir gratulierten ihm, unsere Gratulation klang aber natürlich nicht so -lebhaft und freudig, wie es der Oberst, der von unseren Vorbereitungen -gehört hatte, zu erwarten berechtigt war. Das fiel ihm gleich auf. Er -sah sich mit seinen gelben Augen im Zimmer um und richtete sie auf den -Fremden. - -»Wer ist der Herr?« fragte er leise. - -Der Rittmeister antwortete ihm noch leiser und erzählte kurz die ganze -unangenehme Geschichte. - -»Wie ekelhaft!« rief der Oberst. »Wie ist nun die Sache ausgegangen, -oder ist sie noch immer nicht zu Ende?« - -»Wir zwangen ihn, uns alle zu durchsuchen, und bei Ihrem Erscheinen -blieb nur noch der Kornett N. undurchsucht.« - -»Machen Sie ein Ende!« sagte der Oberst, sich auf einen Stuhl in der -Mitte des Zimmers setzend. - -»Kornett N., wollen Sie sich entkleiden!« kommandierte der Rittmeister. - -Sascha, der, die Arme auf der Brust gekreuzt, am Fenster stand, -antwortete nichts und rührte sich nicht. - -»Hören Sie denn nicht, Kornett?« wandte sich der Oberst an ihn. - -Sascha rührte sich nun von seinem Platz und antwortete: - -»Herr Oberst und meine Herren Offiziere, ich schwöre bei meiner Ehre, -daß ich das Geld nicht gestohlen habe ...« - -»Pfui, wozu dieses Schwören!« entgegnete der Oberst. »Alle sind hier -über jeden Verdacht erhaben; wenn aber Ihre Kameraden einmal beschlossen -haben, sich der Durchsuchung zu unterziehen, so müssen auch Sie sich dem -fügen. Dieser Herr soll Sie nun gleich in Gegenwart aller durchsuchen, -und dann beginnt der zweite Akt.« - -»_Ich kann es nicht._« - -»Was ... Was können Sie nicht?« - -»Ich habe das Geld nicht gestohlen, ich will mich aber nicht durchsuchen -lassen!« - -Es erhob sich ein unzufriedenes Geflüster, und alle gerieten in -Bewegung. - -»Was soll das heißen? Es ist einfach dumm ... Warum wollen Sie sich -nicht durchsuchen lassen?« - -»Ich kann es nicht.« - -»Sie _müssen_! Sie müssen einsehen, daß Ihr Trotz den für uns alle -erniedrigenden Verdacht verstärkt ... Wenn Sie auf Ihre eigene Ehre -keinen Wert legen, so muß Ihnen doch die Ehre Ihrer Kameraden teuer -sein, die Ehre des Regiments und der Uniform! Wir alle verlangen von -Ihnen, daß Sie sich augenblicklich entkleiden und sich durchsuchen -lassen ... Und da Ihr Benehmen den Verdacht bereits verstärkt hat, so -freuen wir uns alle, daß Sie in Gegenwart des Obersten durchsucht werden -können ... Wollen Sie sich augenblicklich entkleiden.« - -»Meine Herren!« sagte der Jüngling, der nun leichenblaß geworden und mit -kaltem Schweiß bedeckt war. »Ich habe das Geld nicht genommen ... Ich -schwöre es Ihnen bei meinen Eltern, die ich über alles in der Welt liebe -... Ich habe das Geld dieses Herrn nicht! Ich werde sofort dieses -Fenster einschlagen und mich hinausstürzen, werde mich aber um nichts in -der Welt ausziehen, das verlangt meine Ehre!« - -»Was für eine Ehre?! Was für eine Ehre steht über der Ehre des Regiments -und der Uniform? Wessen Ehre ist es?« - -»Ich sage Ihnen kein Wort mehr, werde mich aber nicht ausziehen. Ich -habe in der Tasche eine Pistole und mache Sie darauf aufmerksam, daß ich -einen jeden niederschieße, der Gewalt gegen mich anzuwenden versucht!« - -Als der Jüngling das sagte, wurde er bald blaß und bald feuerrot; er -keuchte und sah mit irren Blicken auf die Türe; sein einziger Wunsch -war, sich von hier herauszureißen; man hörte, wie er in der Tasche -seiner Reithose den Hahn seiner Pistole spannte. - -Sascha war mit einem Wort ganz außer sich. Seine Ekstase machte alle -weiteren Einwände unmöglich und stimmte uns alle nachdenklich. - -Der Pole zeigte als erster große und selbst rührende Teilnahme. Seine -isolierte und daher sehr unvorteilhafte Stellung in unserem Kreise -gänzlich außer Acht lassend, rief er voller Entsetzen, das seltsam -ansteckend wirkte: - -»Fluch über diesen Tag und dieses Geld! Ich will es nicht mehr, ich -suche es nicht mehr, ich beklage es nicht mehr, ich werde niemals und -niemand von diesem Verlust auch nur ein Wort sagen. Aber ich beschwöre -Sie beim Gott Zebaoth, der Sie alle erschaffen hat, beim Heiland, der -für Recht und Wahrheit ans Kreuz geschlagen wurde, bei Allem, was Ihnen -wert und teuer ist, lassen Sie von diesem _Knaben_ ab ...« - -Ja, er sagte »Knaben« und nicht »Jüngling«. Plötzlich fügte er mit einer -gänzlich veränderten, aus der tiefsten Tiefe der Seele dringenden Stimme -hinzu: - -»Beschleunigen Sie den Gang des Schicksals nicht ... Sehen Sie denn -nicht, wohin er geht? ...« - -Sascha ging oder schlich vielmehr tatsächlich an den Offizieren vorbei -auf die Türe zu. - -Der Oberst verfolgte ihn mit seinen gelben Augen und sagte: - -»Soll er nur gehen ...« - -Dann fügte er leise hinzu: - -»Ich glaube, ich fange etwas zu verstehen an.« - -Als Sascha die Schwelle erreicht hatte, wandte er sich zu allen um und -sagte: - -»Meine Herren! Ich weiß wohl, wie schwer ich Sie beleidigt habe und wie -niedrig meine Handlung Ihnen erscheinen muß. Verzeihen Sie mir ...! Ich -konnte nicht anders ... Es ist mein Geheimnis ... Verzeihen Sie ... So -verlangt es die Ehre ...« - -Seine Stimme bebte wie vor kindlichen Tränen. Er schämte sich ihrer, -bedeckte die Augen mit der Hand, rief: »Lebt wohl!« und stürzte hinaus. - - - - - VIII - - -Es ist sehr schwer, Ereignisse wie dieses gleichgültigen Zuhörern zu -schildern, wenn man auch selbst nicht mehr so erregt ist, wie man es -seinerzeit war. Jetzt, da ich Ihnen erzählen muß, was weiter geschah, -fühle ich, daß ich es unmöglich mit jener Lebendigkeit, Kompaktheit und -Intensität wiedergeben kann, mit der die Ereignisse sich damals -überstürzten und sich aufeinander türmten, um gleichsam von einer -schicksalsschweren Höhe auf die Unzulänglichkeit der menschlichen -Vernunft herabzublicken und sich gleich wieder in der Natur aufzulösen. - -Wenn Sie die Berichte Jacolios oder unserer Landsmännin Rada-Bay gelesen -haben, so wissen Sie vielleicht noch, was sie von der »psychischen -Kraft« der Hindus und von der Abhängigkeit dieser Kraft von der -»geistigen Stimmung« erzählen. Die psychische Kraft wohnt vielleicht -auch dem Stutzer inne, der, das Stöckchen schwingend, durch die Straßen -flaniert und »Nun sind wir da, nun sind wir da!« aus dem »Orpheus« -singt. Nun versuche aber einer zu ergründen, wo in ihm diese Kraft -steckt und worauf sie sich anwenden läßt. Der Prediger Salomo erläutert -es trefflich am Beispiele des Schattens, den der Baum in der Richtung -des auf ihn fallenden Lichtes wirft ... Bei einer allgemeinen Panik -verlieren alle den Kopf und halten das Nebensächlichste für das -Wichtigste; ein einziger anders gestimmter Blick sieht aber in diesem -Moment das einzig Wichtige: da haben Sie einen Fall der »psychischen -Kraft«. - -Ein winziges Teilchen dieser Kraft durchzuckte mich in dem Augenblick, -als Sascha aus dem Zimmer stürzte. In seiner Bewegung, in seinem -plötzlichen Sprung war etwas Schreckliches: er war nicht einfach -weggelaufen, er hatte sich von uns losgerissen, war uns sozusagen auf -Nimmerwiedersehen entschwebt ... Wir hörten sogar seine Schritte nicht, -es war nur ein leises Rauschen durch den Korridor ... Der Pole stürzte -ihm augenblicklich nach ... Wir glaubten, daß er ihn einholen und des -Diebstahls überführen wolle; ich habe Ihnen schon erzählt, daß Sascha -vorher das Unglück gehabt hatte, aus Versehen in das Zimmer des Polen -einzudringen, was diesem das Recht gab, seinen Verdacht gerade auf ihn -zu richten. Übrigens waren wir alle davon überzeugt, daß der Pole das -Geld tatsächlich gehabt hatte und daß es ihm in unserem Kreise abhanden -gekommen war. Mehrere Offiziere stürzten zur Türe, um Awgust Matwejitsch -den Weg zu versperren, und der Oberst rief ihm zu: - -»Sie bleiben hier! Ihr Geld wird Ihnen ersetzt werden!« - -Der Pole aber stieß die Offiziere mit unerwarteter Kraft zurück und -antwortete dem Obersten: - -»Der Teufel soll das Geld holen!« Und lief Sascha nach. - -Jetzt erst sahen wir den unverzeihlichen Fehler ein, den wir vorhin -gemacht hatten, als wir uns selbst durchsuchen ließen und dasselbe nicht -auch vom Polen, der diese ganze Geschichte verschuldet hatte, -verlangten. Wir stürzten ihm nach, um ihn zu packen und ihm die -Möglichkeit zu nehmen, das Geld irgendwo zu verstecken und uns hinterher -zu beschuldigen; aber in diesem selben Augenblick, -- es ging viel -schneller, als ich es Ihnen erzähle, -- erklang im Korridor etwas wie -Händeklatschen ... - -Uns durchzuckte der Gedanke, daß der Pole Sascha ins Gesicht geschlagen -hatte, und wir eilten unserem Kameraden zu Hilfe. Die Hilfe war aber -unnötig ... - -In der Türe vor uns stand schwankend die lange, an eine Standuhr -gemahnende Gestalt Awgust Matwejitschs mit dem Grahamschen Zifferblatt, -dessen Zeiger nach unten wiesen ... - -»Es ist zu spät ...« keuchte er: »_er hat sich erschossen_.« - - - - - IX - - -Wir drängten uns in Saschas kleines Zimmer und sahen ein erschütterndes -Bild: mitten im Zimmer stand, von einer niedergebrannten Kerze -beleuchtet, Saschas erschrockener Bursche und hielt ihn in seinen Armen, -während Saschas Kopf auf seiner Schulter ruhte. Die Arme hingen kraftlos -herab, aber die eingeknickten Kniee zuckten noch, wie wenn man ihn -kitzelte. - -Die Geschichte mit dem Geld, die dies alles verschuldet, die sich -jedenfalls zur rechten Zeit abgespielt hatte, um dem Erscheinen der -»hypokratischen Züge« auf dem jugendlichen Gesicht des armen Sascha eine -Begründung zu geben, war nun vergessen ... Auch die Angst vor einem -Skandal war völlig in den Hintergrund getreten. Wir legten den -Verwundeten aufs Bett, schickten nach Ärzten und bemühten uns, ihm, dem -nichts mehr helfen konnte, Hilfe zu bringen ... Wir versuchten das Blut, -das unaufhörlich aus der Wunde strömte, zu stillen, riefen ihn bei -seinem Namen und schrien ihm ins Ohr: »Sascha! Sascha! Lieber Sascha!« -Er hörte aber wohl nichts mehr; er erlosch und erkaltete und lag nach -einer Minute auf seinem Bett so steif und unbeweglich wie ein Bleistift. - -Viele weinten, und der Bursche schluchzte laut ... Der Zimmerkellner -Marko drängte sich zu der Leiche vor und sagte leise, seiner religiösen -Stimmung treu: - -»Meine Herren, man darf nicht weinen, wenn eine Seele den Körper -verläßt. Beten Sie doch lieber!« Mit diesen Worten schob er uns etwas -zur Seite und stellte auf den Tisch einen Teller mit reinem Wasser. - -»Was ist das?« fragten wir ihn. - -»Wasser«, antwortete er. - -»Wozu?« - -»Damit seine Seele sich darin wäscht.« - -Marko legte die Leiche ordentlich auf den Rücken und drückte ihr die -Augenlider zu ... - -Wir alle bekreuzigten uns und weinten. Der Bursche fiel in die Kniee und -schlug mit der Stirne gegen den Fußboden, daß man es hörte. - -Zwei Ärzte -- unser Regimentsarzt und einer von der Polizei -- kamen -gelaufen und konstatierten »die Tatsache des Todes«. - -Sascha war tot ... - -Wer oder was war die Ursache seines Selbstmordes? Wo ist das Geld, wer -ist der Dieb, der es genommen hat? Wie wird sich diese Geschichte, die -wie der Inhalt eines aufgeschnittenen Daunenkissens durch die Luft -wirbelte und an uns allen kleben blieb, weiter entwickeln? - -Allen war es ganz wirr im Kopfe. Die Leiche hatte aber doch die Kraft, -alle Gedanken auf sich zu lenken und uns zu zwingen, sich in erster -Linie mit ihr zu befassen. - -In Saschas Zimmer erschienen Polizeibeamte, Ärzte und Heilgehilfen, und -man begann ein Protokoll aufzunehmen. Unsere Gegenwart wurde als störend -befunden, und man ersuchte uns, das Zimmer zu verlassen. Man entkleidete -Sascha und durchsuchte seine Sachen in Gegenwart von Zeugen, unter denen -sich der Zimmerkellner Marko, unser Regimentsarzt und einer der -Offiziere als Delegierter befanden. Das Geld wurde selbstverständlich -nicht gefunden. - -Unter dem Tische fand man die Pistole und auf dem Tische einen Zettel, -auf dem Sascha mit flüchtiger Schrift hingekritzelt hatte: »Papa und -Mama, verzeiht mir, ich bin unschuldig.« - -Um dieses zu schreiben, hatte er wohl kaum mehr als zwei Sekunden -gebraucht. - -Der Bursche, der Zeuge des Selbstmordes gewesen war, erzählte, daß -Sascha, gleich als er in sein Zimmer hereingestürzt war, stehend diese -Zeilen geschrieben, sich dann die Kugel ins Herz gejagt hatte und -sterbend in seine Arme gefallen war. - -Der Soldat wiederholte diesen Bericht einige Male in der gleichen -Fassung allen, die ihn ausfragten. Dann stand er schweigend da und -zwinkerte mit den Augen. Als aber Awgust Matwejitsch auf ihn zuging, ihm -in die Augen blickte und ihn nach weiteren Einzelheiten ausfragen -wollte, wandte sich der Bursche an den Rittmeister und sagte: - -»Herr Rittmeister, erlauben Sie, daß ich hinausgehe und mich wasche: an -meinen Händen ist Christenblut.« - -Man erlaubte es ihm, weil er tatsächlich über und über mit Blut befleckt -war, was einen schrecklichen Anblick bot. - -Das alles spielte sich bei Tagesanbruch ab; der Himmel rötete sich -schon, und das erste Morgenlicht drang durch die Fenster herein. - -In den von den Offizieren bewohnten Zimmern standen alle Türen nach dem -Korridor offen, und überall brannte Licht. Einige Offiziere saßen mit -gesenkten Köpfen ganz fassungslos in ihren Zimmern. Alle sahen mehr wie -Mumien als wie lebende Menschen aus. Der Rausch hatte sich wie ein Nebel -verflüchtigt, ohne auch eine Spur zu hinterlassen ... Alle Gesichter -drückten Verzweiflung und Trauer aus ... - -Der arme Sascha! Wenn sein Geist sich noch für die irdischen Dinge -interessieren könnte, so würde er sicher einen Trost darin finden, daß -alle mit solcher Liebe an ihm hingen und daß es allen so weh tat, ihn, -den blühenden und lebensvollen Jüngling zu überleben! - -Auf ihm lastete aber ein Verdacht ... ein schrecklicher, schändlicher -Verdacht. Wer würde es aber jetzt wagen, von diesem Verdacht zu seinen -alten Kameraden zu sprechen, über deren bekümmerte Gesichter die Tränen -rollten? ... - -»Sascha! Sascha! Armer junger Sascha! Was hast du getan?« flüsterten -alle Lippen, und plötzlich standen alle Herzen still, und ein jeder von -uns fragte sich: »Bist du nicht auch selbst schuld daran? Hast du nicht -gesehen, in welcher Verfassung er war? Hast du auf deine Kameraden -einzuwirken versucht, daß sie ihn in Ruhe ließen? Hast du ihnen gesagt, -daß du ihm vertraust und die Unantastbarkeit seines Geheimnisses -achtest? Sascha! Armer Sascha! Was ist das für ein Geheimnis, das ihn -zugrunde gerichtet hat, das er ins Jenseits mitgenommen hat? ... Er ist -natürlich rein und von jedem schmählichen Verdacht frei ... Fluch über -den, der ihn in den Tod getrieben hat!« - -Wer hat es aber getan? - - - - - X - - -Awgust Matwejitschs Türe stand ebenso offen wie die Türen aller -Offizierszimmer; es brannte aber darin kein Licht, und im blassen -Morgenscheine konnte man nur einen eleganten Reisekoffer und anderes -Gepäck unterscheiden. In einer Ecke stand das leicht aufgewühlte Bett. - -Wenn man an diesem Zimmer vorbeiging, hatte man den Wunsch, stehen zu -bleiben und einen Blick hineinzuwerfen: Was birgt dieses Zimmer? Woher -und wofür ist dieses Unglück über uns gekommen? - -Mich zog es hin, nachzuschauen, ob das verschwundene Geld nicht in -diesem Zimmer sei: hat nicht der Pole selbst das Geld in seinem Zimmer -vergessen und dann diese ganze Geschichte inszeniert, die uns so viel -Unannehmlichkeiten und den Verlust unseres schönen, jungen Kameraden -gekostet hat? Ich war schon bereit, in das Zimmer einzudringen und es zu -durchsuchen; glücklicherweise wurde ich aber rechtzeitig gestört. - -Aus dem Ende des Korridors, wo sich das große Zimmer befand, in dem -nachts gespielt und gezecht wurde, riefen mir in diesem Augenblick -mehrere Stimmen zu: - -»Wohin? Wohin? .. Diese Dummheit fehlt uns noch gerade!« - -Ich fühlte mich auf einmal verlegen und entmutigt. Ich sah plötzlich -ein, wie leichtsinnig mein Vorhaben war und wie leicht ich in den -Verdacht kommen könnte, in diese Sache irgendwie verwickelt zu sein. - -Ich bekreuzigte mich und ging mit raschen Schritten auf die Stimmen zu, -die mich von meinem Vorhaben abgebracht hatten. - -Vor dem noch finstern, nach Norden gehenden Korridorfenster saßen auf -der mit einer schmutzigen Pferdedecke bedeckten Bank, die dem Burschen -des Rittmeisters als Lager diente, drei Offiziere und unser -Regimentspfarrer. Der Pfarrer trug sein langes Haar zum Zopf geflochten -und hatte einen üppigen blonden Vollbart, dem er den Namen »Vater -Barbarossa« verdankte. Er war sehr gutmütig, nahm sich alle unsere -Regimentsaffären zu Herzen, drückte aber seine Gefühle nicht durch -Worte, sondern nur durch ein vielsagendes Kopfnicken und ein gedehntes -»Ja« aus. Nur in den dringendsten Fällen sprach er etwas mehr und zeigte -dann immer Geistesgegenwart und Findigkeit. - -Die drei Offiziere und der Pfarrer rauchten abwechselnd aus zwei -Pfeifen. Der Pfarrer saß in der Mitte der Gruppe und bekam daher die -Pfeife wie von rechts, so auch von links gereicht; auf diese Weise hatte -er vom Rauchen den doppelten Genuß, den er außerdem noch auf die Weise -vergrößerte, daß er nach jedem Zug aus der Pfeife sich das Gesicht mit -dem herrlichen Vollbart bedeckte und den Rauch ganz langsam durch diesen -eigenartigen Respirator hinausließ. - -Diese guten Menschen saßen auf ihrer Bank nahe bei dem Zimmer des -Rittmeisters, das jetzt abgesperrt war; drinnen wurde lebhaft, aber -gedämpft gesprochen. Man hörte mehrere Stimmen, konnte aber kein -einziges Wort unterscheiden. - -Hinter der verschlossenen Tür befanden sich unser Regimentskommandeur, -der Rittmeister und der Urheber des ganzen Unglücks -- Awgust -Matwejitsch. Der Oberst selbst hatte die beiden Herren zu dieser -Besprechung eingeladen, niemand wußte aber, was er von ihnen wollte. Die -drei Offiziere und der Pfarrer hatten aus eigenem Antriebe den Posten in -der Nähe des Zimmers bezogen, um den Kameraden zur Hilfe eilen zu -können, wenn die Auseinandersetzung sich zuspitzen sollte. - -Diese Befürchtungen erwiesen sich aber als grundlos: das Gespräch wurde, -wie gesagt, in höchst anständiger Form geführt; der Ton wurde immer -weicher und klang zuletzt durchaus freundschaftlich und herzlich. Dann -hörten wir, wie die Stühle zurückgeschoben wurden und wie zwei Herren -sich der Türe näherten. - -Der Schlüssel wurde umgedreht, und in der offenen Tür erschienen der -Regimentskommandeur und Awgust Matwejitsch. - -Ihr Gesichtsausdruck war, wenn auch nicht gerade ruhig, so doch -jedenfalls friedfertig. - -Der Oberst drückte dem Polen die Hand und sagte: - -»Ich freue mich, daß ich Ihnen die Gefühle entgegenbringen kann, die Sie -mir unter diesen schrecklichen Umständen einzuflößen verstanden. Ich -bitte Sie, meiner Aufrichtigkeit ebenso zu vertrauen, wie ich der -Ihrigen vertraue.« - -Der Pole verbeugte sich vor ihm mit großer Würde und begab sich -schweigend auf sein Zimmer; der Oberst aber wandte sich an uns mit den -Worten: - -»Ich eile nach Hause und bitte Sie, sich zum Rittmeister zu begeben: Sie -werden von ihm erfahren, wie wir uns alle zu verhalten haben.« - -Der Oberst nickte uns zu und begab sich zum Ausgang. Noch ehe die Türe -unten hinter ihm ins Schloß gefallen war, füllten wir schon das Zimmer -des Rittmeisters. - - - - - XI - - -Unser Rittmeister war ein Prachtkerl, aber nervös und aufbrausend. Er -war schlagfertig und klug, konnte sich aber nicht beherrschen, und seine -Redegabe war echt militärisch: er verstand wohl zu befehlen, aber nicht -zu erzählen und seine Gedanken darzulegen. - -So war er auch in diesem Augenblick. Er riß seine Halsbinde von sich und -warf uns allen wütende Blicke zu. - -»Nun, das sind schöne Geschichten, nicht wahr?« wandte er sich an den -Pfarrer. - -Dieser sagte nur »Ja, ja, ja« und nickte. - -»Das ist es eben: ja, ja, ja! Gute Werke haben schöne Folgen!« - -Der Pfarrer sagte wieder: »Ja, ja, ja.« - -»Das wäre aber eigentlich Ihre Sache!« - -»Was denn?« - -»Uns ganz andere Stimmungen beizubringen ...« - -»Ja.« - -»Sie haben aber gar keinen Einfluß auf uns.« - -»Unsinn!« - -»Es ist kein Unsinn. Was sind Sie jetzt hergekommen? Viel notwendiger -braucht man jetzt einen Küster, damit er bei der Leiche die Psalmen -liest.« - -»Wie steht es? Was sollen wir tun?« drangen die Offiziere in ihn. »Der -Oberst ist fort, und Sie sind aufgeregt und machen dem Pfarrer eine -Szene ... Würden wir denn auf ihn hören, wenn er uns bekehren wollte? .. -Wo ist der Pole? Weiß der Teufel, ob er das Geld überhaupt gehabt hat. -Was treibt er jetzt allein auf seinem Zimmer? Sagen Sie bitte, was Sie -beschlossen haben! Wer ist der Schuldige?« - -»Der Teufel ist der Schuldige! Sonst gibt es keinen Schuldigen!« -antwortete der Rittmeister. - -»Aber dieser Pole ...« - -»Der Pole ist über jeden Verdacht erhaben ...« - -»Wer hat Ihnen das eröffnet?« - -»Wir selbst, meine Herren, wir selbst! Ich und unser Regimentskommandeur -bürgen für ihn. Wir behaupten nicht, daß er der ehrlichste Mensch ist, -wir sehen aber, daß er die Wahrheit spricht, daß er das Geld gehabt hat -und daß es verschwunden ist. Nur der Teufel allein kann es gestohlen -haben ... Daß das Geld tatsächlich vorhanden war, folgt schon daraus, -daß, als der Oberst, der jeden Skandal vermeiden möchte, ihm hier in -meiner Gegenwart die zwölftausend Rubel anbot, er auf sie verzichtete -...« - -»Er verzichtete?« - -»Ja, und noch mehr als das: er verpflichtete sich aus eigenem Antrieb, -keine Anzeige über den Verlust zu erstatten und keinem Menschen auch nur -ein Sterbenswort von dieser verfluchten Angelegenheit zu sagen. Kurz, er -benahm sich so korrekt, vornehm und feinfühlend, wie man es nur wünschen -kann.« - -»Ja, ja, ja!« versetzte der Pfarrer. - -»Der Oberst und ich gaben ihm im Namen aller das Wort, daß wir ihm unser -volles Vertrauen entgegenbringen und uns während eines ganzen Jahres als -seine Schuldner betrachten werden; wenn die Sache sich vor Ablauf dieses -Jahres nicht aufklärt und das Geld nicht zum Vorschein kommt, so -bezahlen wir ihm die zwölftausend Rubel, und er verpflichtet sich, sie -anzunehmen ...« - -»Selbstverständlich nehmen wir diese Schuld auf uns und werden sie -gewissenhaft abzahlen«, fielen ihm die Offiziere ins Wort. - -»Meine Herren«, fuhr der Rittmeister etwas leiser fort, »er ist aber -fest überzeugt, daß wir nichts zu zahlen brauchen werden; er behauptet, -daß das Geld sich finden wird. Er sagt das so bestimmt und mit solcher -Überzeugung, daß, wenn wahrhaftig der Glaube Berge versetzen kann, seine -Erwartung sicher in Erfüllung gehen muß. Ja, sie muß sich erfüllen, denn -sie ist mit Blut erkauft ... Er hat mit seinem Glauben auch mich und den -Kommandeur angesteckt. Er bat uns zwar, ihn zu durchsuchen, wir -verzichteten aber darauf ... Wenn Sie es aber wünschen, so können Sie es -noch nachholen; er sitzt in seinem Zimmer und erwartet Sie, Sie können -es tun. Ich stelle Ihnen aber eine Bedingung: alles muß unter uns -bleiben. Sie müssen sich dazu mit Ihrem Ehrenwort verpflichten.« - -Wir gaben ihm das Ehrenwort, durchsuchten aber den Polen nicht. Wir -gingen nur alle zu ihm ins Zimmer und drückten ihm stumm die Hand. - - - - - XII - - -Und doch blieb in uns allen neben der Trauer um den Kameraden ein -schwerer Zweifel zurück. An Saschas Leiche wurde aber indessen die -Sektion vorgenommen, man fälschte den Tatbestand und schrieb ins -Protokoll, daß er den Selbstmord »in einem Anfall von Wahnsinn« verübt -habe; der Pfarrer segnete die Leiche ein, und der Küster las eintönig -den Psalm: »Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet -meine Seele, Gott, zu dir.« - -Wir alle waren in gedrückter Stimmung. Wir gingen auf und ab, rauchten -bis zur Bewußtlosigkeit und weinten sogar ab und zu. Eine solche Jugend, -eine solche Frische mußte erlöschen! .. So wenig hatte er vom Honig -gekostet und mußte schon sterben! - -Wir alle, in Schlachten erprobte oder jedenfalls zu Schlachten bestimmte -Männer waren auf einmal zu Waschlappen geworden. Der Pole verschob seine -Abreise: er wollte mit uns Sascha zum Grabe geleiten und dessen Vater -sehen, der, gleich am Morgen benachrichtigt, gegen Abend ankommen -sollte. - -Wenn der Zimmerkellner Marko nicht gewesen wäre, so hätten wir wohl die -Stunden der Mahlzeiten vergessen; er aber sorgte für uns und auch für -die Leiche. Er wusch und kleidete sie ein, sagte uns, was und wo man -kaufen müsse und redete auf uns ein, wir sollten uns beruhigen. - -»Alles geht nach dem Willen Gottes.« pflegte er zu sagen. »Wir sind wie -Gras.« - -Er war immer auf dem Sprung und machte allerlei Besorgungen. Man -verhaftete die Hotelbediensteten unter verschiedenen Vorwänden und -durchsuchte ihre Sachen. Auch Saschas Bursche wurde durchsucht und -verhört, ob der Selbstmörder ihm vor dem Tode nichts übergeben hätte. - -Der Soldat schien die Frage im ersten Augenblick nicht verstanden zu -haben. Nach einer Weile antwortete er aber: - -»Der Herr Kornett hat mir keinerlei Geld übergeben.« - -»Weißt du, was auf Hehlerei steht?« - -»Jawohl.« - -Selbstverständlich wurde er nicht von uns, sondern von den -Gerichtsbeamten verhört, denen man bekanntlich keinen Überfluß an -Zartgefühl vorwerfen kann. - -Man ließ den Burschen laufen, und bald darauf sah man ihn schon mit dem -Putzen von Saschas Reservestiefeln beschäftigt. - - - - - XIII - - -Abends kam der Vater, ein noch nicht sehr alter, etwa -zweiundfünfzigjähriger Herr von angenehmem Äußeren. Er hatte eine -militärische Haltung, trug die Uniform eines verabschiedeten Offiziers -und Sporen, aber keinen Schnurrbart. Wir kannten ihn noch nicht und -merkten garnicht, wie er in das Zimmer seines Sohnes trat; wir sahen ihn -erst, als er wieder herauskam. - -Gleich nach seiner Ankunft fragte er nach dem Burschen, ließ sich von -ihm ins Sterbezimmer führen und verblieb dort mit ihm unter vier Augen -mehrere Minuten. Als er dann zu uns in den Saal trat, mußten wir über -die stille Majestät in seinen Zügen staunen. - -»Meine Herren,« sagte er, sich vor uns verbeugend, »ich stelle mich -Ihnen vor: ich bin der Vater Ihres unglücklichen Kameraden. Mein Sohn -ist tot, er hat selbst Hand an sich gelegt und mich und seine Mutter in -namenloses Unglück gestürzt ... Aber er konnte nicht anders, meine -Herren ... Er starb wie ein Mann von Ehre und Gewissen ... Und dies ist, -glauben Sie es mir, mein einziger Trost ...« - -Mit diesen Worten ließ sich der alte Herr, der unsere Herzen sofort -gefangen genommen hatte, in einen Sessel vor dem runden Tisch sinken, -vergrub das Gesicht in die Hände und begann laut wie ein Kind zu -schluchzen. - -Ich reichte ihm mit zitternder Hand ein Glas Wasser. - -Er trank davon zwei Schluck, drückte mir freundlich die Hand und sagte: - -»Ich danke Ihnen allen, meine Herren!« - -Dann fuhr er sich mit dem Tuch über das Gesicht und sagte: - -»Das ist noch nicht das Schwerste ... Was bin ich? Aber wie soll ich es -meiner Frau sagen? ... Das Mutterherz wird es nicht ertragen können!« - -Er wischte sich wieder die Tränen aus den Augen und begab sich zum -Obersten, um sich ihm vorzustellen. - -Auch zum Obersten sagte er, daß Sascha »wie ein Mann von Ehre und -Gewissen« gestorben sei und daß er anders gar nicht hätte handeln -können. - -Der Oberst starrte ihn lange an, lutschte dabei, wie es seine Gewohnheit -war, an einem Bonbon und sagte schließlich: - -»Sie wissen doch, daß dem Selbstmorde ein gewisser unglücklicher Umstand -vorangegangen war ... Wir sind ja miteinander verwandt, und ich kann und -muß Ihnen alles sagen. Ich glaube an nichts, aber das Benehmen des -Kornetts war immerhin etwas sonderbar ...« - -»Sein Benehmen war durchaus korrekt, Herr Oberst!« - -»Ich glaube es Ihnen; wenn Sie aber doch den Schleier, der das Geheimnis -vor uns verdeckt, ein wenig lüften wollten ...« - -»Ich kann es nicht, Herr Oberst ...« - -Der Oberst zuckte die Achseln. - -»Was soll man machen?!« sagte er. »Nun, mag es so bleiben.« - -»Nur noch eines, Herr Oberst. Der fürstliche Generalbevollmächtigte wird -sein Geld nicht vom Regiment, sondern von mir bekommen. Dies ist mein -trauriges Vorrecht.« - -»Ich wage nicht zu widersprechen.« - -Saschas Vater überreichte an diesem selben Tag dem Polen unter vier -Augen die zwölftausend Rubel. - -Awgust Matwejitsch nahm das Geld in die Hand, sagte: »Um nichts in der -Welt!« und steckte es dem Alten in die Tasche. Dann setzten sie sich -einander gegenüber und fingen beide zu weinen an. - -»Großer Gott! Großer Gott!« rief der Alte. »Er hat so ehrenhaft, so -vornehm gehandelt, und doch ist noch ein Bösewicht im Spiele, der den -Diebstahl verübt hat.« - -»Man wird ihn schon finden.« - -»Ja, aber mein Sohn wird nicht wieder lebendig!« - - - - - XIV - - -Worin bestand nun das Geheimnis? - -Damit meine Erzählung endlich einmal verständlich wird, muß ich es nun -verraten: - -Sascha trug an seiner Brust das Aquarellbildnis seiner geliebten rosigen -Kusine Anna, die nun die Frau seines Obersten war und just in dem -Augenblick, in dem Sascha sich das Leben genommen, einem neuen -menschlichen Wesen das Leben geschenkt hatte. - -Dieses Bildnis war weniger das Pfand leidenschaftlicher Liebe als -unschuldsvoller kindlicher Freundschaft und keuscher Gelübde; die rosige -Anna war aber die Frau des Obersten geworden, dieser wurde auf ihren -Vetter eifersüchtig, und Sascha mußte die Qualen eines Don Carlos -erdulden. Als diese Qual ihn schon beinahe wahnsinnig gemacht hatte, kam -die Geschichte mit dem Geld und der Durchsuchung, der obendrein auch -noch der Oberst beiwohnte, dazwischen. - -Sascha hatte das Geheimnis seiner Kusine treu bewahrt. - -Als er die Pistole schon vor die Brust hielt, händigte er das Bildnis -seinem Burschen ein und sagte ihm: - -»Ich beschwöre dich bei Gott: übergib es dem Vater.« - -Dieser gab es auch dem Vater vor dem Sarge des Sohnes. - -Der Vater sagte, daß der Sohn wie ein Mann von Ehre und Gewissen -gestorben sei. - -Das Bildnis war unschuldig, ziemlich unähnlich und trug in winziger -Schrift die Widmung: »Dem lieben Sascha seine treue Anna.« - -Und kein Wort mehr ... - -Heute erscheint es komisch, vielleicht sogar dumm! Vielleicht ist es -auch wirklich dumm. »Jede Zeit hat ihre Vögel, jeder Vogel hat sein -Lied.« Ich will nichts rechtfertigen und nichts kritisieren; ich will -nur von den Männern sprechen, die den Frauen _interessant_ erschienen. - -Was war eigentlich dieser Kornett Sascha? Eine Null, oder sehr wenig, -- -ein rosiger Knabe, ein Junker, ein gemästetes Muttersöhnchen in Uniform. -Er hatte keinerlei bezaubernde Gaben außer der Gabe der Jugend und des -... unbeugsamen Gefühls für die persönliche Ehre der Frau ... Sie werden -wohl sagen: ist denn das wert, daß man davor anbetend in die Knie sinkt? -Ich will Ihnen aber erzählen, wie die Leute aufs Angesicht fielen! - -Das Geheimnis, das ich Ihnen eben zum Verständnis der Geschichte -eröffnen mußte, war damals natürlich keinem Menschen in der Stadt -bekannt; der Bursche kannte es nur zum Teil, und nur der Vater begriff -es vollkommen. Außerdem kam noch ein neuer Umstand hinzu, der die Sache -noch dunkler und verworrener erscheinen lassen mußte: der Zimmerkellner -Marko erzählte vielen Leuten unter Diskretion, daß er mit eigenen Augen -gesehen habe, wie der Bursche des Verstorbenen dem Vater etwas -eingehändigt hätte. Was mochte es wohl sein, das der eine so -geheimnisvoll übergeben und der andere ebenso geheimnisvoll eingesteckt -hatte? ... Das weiß Gott allein! Marko bekreuzigte sich und sagte: - -»Ich will keine Sünde auf meine Seele nehmen, -- ich konnte nicht sehen, -was es war; ich sah nur ein in Papier eingewickeltes Paketchen.« - -War das vielleicht das Geld? Warum sollte man unter diesen Umständen, -die von Augenblick zu Augenblick verworrener wurden und den -demoralisierenden Verdacht immer weiter um sich verbreiteten, nicht auch -an eine solche Möglichkeit denken? ... Ist denn nicht ein jeder, der ein -Paar Hände hat, auch imstande, sich mit ihnen das Geld anzueignen? Den -Dieb ausfindig zu machen, -- das ist die wichtigste Aufgabe: und die -Pflicht eines jeden ist, keinen noch so winzigen verdächtigen Umstand -außer Acht zu lassen ... - -Ja, die Pflicht eines jeden, dessen argwöhnische Augen besser sehen als -das lichte Auge eines rührseligen Herzens; die Menschheit ist aber zu -ihrem großen Glück auch seelischen Offenbarungen zugänglich; die -Menschen betasten gleichsam die unsichtbare Wahrheit und ehren, durch -nichts gehemmt, einem elementaren Triebe gehorchend, das Unglück mit -ihren Tränen. Das sind heilige Stürme, die herabgesandt werden, um den -dicken erstickenden Nebel zu zerreißen; sie sind ein Hauch aus dem -Jenseits, sie sind eine Offenbarung, in der alles Verworrene klar wird. - -Man ließ Marko nicht viel erzählen, was er alles gesehen haben wollte. -Alle _wußten_, daß der Bursche dem Vater des unglücklichen Sascha ein -_weibliches Bildnis_ übergeben hatte. Keine einzige Menschenseele wollte -daran auch nur einen Augenblick zweifeln; davon zeugte das Licht, wenn -es ins Fenster des Zimmers blickte, in dem die geheimnisvolle Übergabe -stattgefunden hatte; jeder Windhauch bestätigte es, und die Lerche sang -davon, in die Lüfte steigend ... - -Saschas Beerdigung war nicht feierlich und nicht einmal rührend, sondern -erschreckend. Sie haben wohl alle, meine Herren, sogenannte »prunkvolle« -Beerdigungen gesehen. Ich meine garnicht die Beerdigungen mit großer -Parade, in denen sich nur die menschliche Eitelkeit äußert. Denken Sie -aber an die uns aus Beschreibungen bekannte Beerdigung Gogols, -Nekrassows oder Dostojewskijs, die allgemein als »weltgeschichtliche -Ereignisse« angesehen wurden. Sicher war in allen diesen Fällen auch -viel aufrichtiges Gefühl dabei, die Aufrichtigkeit wurde aber von -Nebensächlichkeiten erdrückt. Ich selbst habe der Beerdigung des -Generals Skobelew in Moskau beigewohnt. In diesem Falle war vielleicht -etwas mehr echte Trauer zum Durchbruch gekommen ... Sie können, wenn Sie -wollen, mich auslachen, ich muß aber sagen, daß Saschas Beerdigung auf -mich einen unvergleichlich tieferen Eindruck gemacht hat als jede andere -... Auch er wurde als Offizier mit allen vorgeschriebenen militärischen -Ehren beerdigt, aber alle diese Zeremonien standen nicht im Vordergrund -und wurden von den meisten überhaupt nicht beachtet. Die echte Trauer -der Menschen, die von überall herbeigeströmt waren, um beim Anblick -seines jugendlichen, totenblassen Gesichts zu weinen und vor Kummer zu -vergehen, hatte alles andere erdrückt und die ganze Luft in Beben -versetzt. - - - - - XV - - -Wir hatten zu dieser Beerdigung niemand außer den Angehörigen der -Schwadron, in der der Verstorbene gedient hatte, eingeladen; die Leute -strömten aber auch ungeladen von allen Seiten herbei. Auf dem ganzen -Wege vom Hotel bis zur Friedhofskirche standen Menschen aller Stände -Spalier. Die Frauen waren in der Mehrzahl. Niemand hatte ihnen erklärt, -was sie zu beweinen hätten. Sie wußten es aber selbst und trauerten um -das junge Leben, das sich aus »Adliger Gesinnung« selbst vernichtet -hatte. Ich gebrauche gerade dieses Wort, das damals in aller Munde war: - -»Der Arme ist für seine adlige Gesinnung gestorben!« - -»Hat sich für sein Herzliebchen aufgeopfert!« - -Da steht so eine alte Tante aus der Vorstadt und jammert: - -»Der Liebe, Herzige ... hat aus adliger Gesinnung das Leben hingegeben -...« - -Und wo man auch lauschte, überall konnte man nur ähnliche warme, -herzliche Worte hören. Alle duzten ihn dabei und bemühten sich, -möglichst freundlich zu sprechen, gleichsam sein Herz zu liebkosen: - -»Mein lieber Kleiner! ... Du Junger, Edler! ...« - -»Du mein gefühlvoller Engel! ... Wie sollte man dich nicht lieben?!« - -Alles in diesem Sinne. Damen vom Adel, Kaufmannsfrauen, Popentöchter, -Kleinbürgerinnen, Dienstmädchen und Varieté-Zigeunerinnen -- diese -letzteren als Meisterinnen und Priesterinnen des tragischen Stils in der -Liebe in erster Linie -- alle stammeln mit bebenden Lippen herzliche -Worte und beweinen ihn wie ihren besten Freund, wie ihren eigenen -Geliebten, als ob sie ihn zum letzten Male in ihren Armen hielten und -liebkosten. - -Alle diese Frauen waren aber in keiner Beziehung hervorragend; sie -kannten Sascha auch garnicht, hatten ihn vorher noch nie gesehen und -hätten ihn vielleicht auch nicht lieb gewonnen, wenn sie ihn, so wie er -im Leben war, mit allen seinen guten und schlechten Eigenschaften -gekannt hätten. Aber jetzt, wo sie wußten, daß er aus »adliger -Gesinnung« für sein »Herzliebchen« gestorben war, hatten sie gar keine -Zeit, sich durch irgendwelche Überlegungen zu ernüchtern: sie konnten -nur weinen und klagen ... Jede Seele verging vor Wehmut. - -Der bekannte Kanzelredner, Erzbischof Innokentij rührte einmal alle -Herzen, als er statt einer richtigen Grabpredigt nur die Worte sagte: -»Er liegt im Sarge, -- laßt uns weinen.« Nur diese Worte sagte er, und -alle flossen in Tränen. Ein Fieber hatte alle Herzen ergriffen. Als die -Frauen Sascha im Sarge sahen (in unseren Städten werden die Toten in -offenen Särgen zum Friedhof getragen), fanden sie sein durchaus -gewöhnliches Gesicht erhaben und herrlich ... Sie sagten: »In diesem -Gesicht steht geschrieben: Treue bis in den Tod!« - -Es ist ganz gleichgültig, ob in seinem Gesicht tatsächlich das oder -etwas ganz anderes geschrieben stand. Sie lasen nur das, was ihre Augen -sahen, und das genügt. - -Alle Lippen zittern, und alle Gesichter sind feucht von Tränen; alle -sind gerührt und alle sprechen zu ihm: - -»Schlaf, schlaf, du Märtyrer!« - -In der Kirche herrscht eine andere, noch stärkere Stimmung. Keine -Predigt wagt den heiligen Schauer der Grabgesänge des Johannes von -Damaskus zu stören. Seine poetischen Wehklagen brennen und heilen -zugleich die Wunde. - -Ich muß Ihnen, meine Herren, sagen, daß wir uns wirklich vor dem Herrn -niederwarfen! ... Wie groß Saschas Vergehen, vom Standpunkte der -theologischen Wissenschaft aus betrachtet, war, konnten die ihn -Beweinenden nicht beurteilen; sie flehten aber den Herrn so inständig -an, ihn »in seine himmlischen Wohnungen aufzunehmen,« daß ich gar nicht -weiß, wie man diese Herzensschreie mit den Gründen jener Wissenschaft in -Einklang bringen soll. Ich kann es jedenfalls nicht. - -Es wird oft behauptet, daß es heute keinen guten Prediger mehr gäbe. Ist -dieser Vorwurf auch gerechtfertigt? Man versteht allerdings nicht gut zu -predigen, es ist aber auch gar nicht nötig, überall, wo es die Sitte -verlangt, zu reden. Es gibt Fälle, wo es besser ist, einfach zu weinen, -wo ein gewöhnliches »Vergib!« oder »Nimm ihn auf!« viel eindringlicher -ist als jede Predigt, die zuweilen mit verstiegenen Worten entweder die -Vernunft oder das Gefühl verletzt. Denken Sie nur an den Großinquisitor -bei Schiller. Darum ziehe ich auch die Beerdigung nach orientalischem -Ritus vor. Man kommt und geht wie auf den Ruf des Propheten Jesajas: »So -kommt und laßt uns miteinander rechten ...« Wie soll man aber mit Ihm -rechten? Es ist ja klar, wer siegen wird. Du kannst aber alles, Du hast -den Menschen berufen ... vergiß, verzeih und vergib ihm alles, worin er -sich vor Dir nicht rechtfertigen kann ... - -Man denkt an die Parabel vom Mächtigen, der nichts fürchtete und nichts -scheute; als man aber mit großem Eifer in ihn drang, da sagte er: »Ich -werde es tun.« Und man fühlt sich beruhigt. - -Und Er, der das Ohr erschaffen hat, um alles zu hören, kann Er denn -einschlafen und dem Flehen so vieler gerührter Herzen kein Gehör -schenken? ... - -Bei Saschas Beerdigung gab es einen Zwischenfall mit einer Dame, der -Witwe eines bekannten Staatsmannes. Die Dame war von altem Adel, sehr -klug, sehr wohlerzogen, hatte aber den Zunamen: »Schlange«. Dieser -Zuname war eigentlich recht ungeschickt gewählt: man nannte sie so, -nicht weil sie böse war -- nein, sie tat niemand etwas zu Leide! -- -sondern weil sie so furchtbar spöttisch war. Diese Dame mochte nichts -Russisches: weder die Sprache, noch die Religion, noch die Sitten; sie -verachtete das alles und zwar nicht aus Leichtsinn oder -Originalitätssucht, sondern tief, aufrichtig und bewußt. Sie tadelte -nichts und verwarf nichts, sie war einfach der Meinung, daß alles -Russische nicht die geringste Beachtung verdiene ... Sie wunderte sich -sogar, daß die Geographen es für nötig hielten, dieses Land in die -Landkarten einzuzeichnen. Ja, solche Damen hat es damals gegeben! Als -diese »Schlange« hörte, daß alle Leute irgendeinen Offizier beweinten, -der sich aus »adliger Gesinnung« erschossen hatte, ließ sie die -Doppeltüre ihres Balkons, an dem der Leichenzug vorbeiging, aufmachen -und trat mit einem Lorgnon in der Hand hinaus. Ich kann mich an sie noch -gut erinnern: schlank, in einem roten, mit Zobel gefütterten Mantel -steht sie auf dem Balkon und blickt durch ihr Lorgnon herab. - -Unser jugendlich schöner Sascha schwimmt aber wie ein vom Winde -abgebrochener Zweig über das Meer der Menschenköpfe vor ihren Blicken -vorbei. - -Die Schlange unterdrückt einen Seufzer und wendet sich an die -Engländerin, die neben ihr steht: - -»Die Jugend ist überall wahnsinnig, der Wahnsinn gleicht oft dem -Heldentume, und das Heldentum gefällt der Menge.« - -Die Engländerin erwidert: - -»O yes!« Dann sagt sie noch, daß das allgemeine Gefühl, von dem diese -ganze Menge ergriffen sei, sie interessiere. Der Ausländerin zu Gefallen -läßt sich die Schlange herab, mit ihr in die Kirche zu gehen, wo der -Hammer des Sargtischlers den letzten Punkt hinter diese Geschichte -setzen wird. - - - - - XVI - - -Gegen alle Gesetze der Architektonik und Ökonomie im Aufbau der -Erzählung, habe ich zum Schluß diese neue Person auftreten lassen und -muß ihr nun einige Worte widmen, damit Sie wissen, wie giftig sie war. -Als ihr Gatte noch lebte, bekamen sie einmal Besuch von einer -hochgestellten Persönlichkeit, der sich ihr Mann in seinem ganzen Glanze -zeigen wollte; sie verachtete aber den Mann ebenso wie alle andern -Menschen, vielleicht auch etwas mehr. Der Mann wußte es und bat sie, ihn -wenigstens bei dieser Gelegenheit nicht bloßzustellen. Er bat sie nur um -den einen Gefallen: »Widersprechen Sie mir wenigstens in Gegenwart des -Gastes nicht.« Sie sah ihn an und versprach es ihm: - -»Ich bin sogar bereit, Sie zu unterstützen.« - -Der Mann dankte ihr dafür mit einer Verbeugung. Der hohe Gast war -gutmütig und gab sich gerne einfach. Diesmal wollte er den Vortrag des -ihm unterstellten Würdenträgers im häuslichen Kreise, am Teetische -hören, wo ihm die Hausfrau selbst den Tee kredenzte. Der Hausherr begann -nun zu prahlen, wie gut er alles wisse, kenne, voraussehe und zum -allgemeinen Wohle ordne ... Er sprach und sprach und verschnappte sich -zuletzt und sagte auch etwas Wahres. Die »Schlange« fiel in diesem -Augenblick ein und bestätigte: - -»Voilà ça c'est vrai!« - -Nur dieses sagte sie. Dem Gast genügte es aber; er lachte auf, küßte ihr -die Hand und sagte ihrem Gemahl: - -»Es ist genug: ich will annehmen, daß tout ça est vrai!« - -Als der Gemahl nach diesem Vorfall starb, ließ sie sich hier mit ihrer -Engländerin nieder und widmete sich ganz der Lektüre ausländischer -Bücher. - -Sie erschien sonst niemals in der Öffentlichkeit. Als sie nun mit ihrer -Engländerin in die Kirche trat, in der Saschas Leiche eingesegnet wurde, -erregte sie allgemeines Aufsehen, und alle machten ihr Platz. Die Menge -selbst schob die beiden Damen nach vorne, gleichsam um sie besser sehen -zu können. Dem Himmel war es aber nicht genehm, daß etwas -Nebensächliches die allgemeine Aufmerksamkeit von den Dingen ablenke, -die den Verstorbenen am nächsten angingen. - -Im gleichen Augenblick, als diese beiden imposanten Damen sich durch die -Menge bewegten, erschien in der Kirchentüre eine dritte weibliche -Gestalt, eine bescheidene Dame in schwarzem Pelzmantel, der noch von der -Reise verstaubt war. Ihr Gesicht war der Kummer selbst ... - -Niemand kannte sie, alle hatten sie aber sofort erkannt, und durch die -Menge tönte das eine Wort: - -»Die Mutter!« - -Man ließ ihr eine breite Straße zu dem ihr so teuren Sarge frei. - -Sie ging schnell, beide Arme vor sich ausgestreckt, durch die Menge, die -vor ihr gewichen war, und als sie den Sarg erreichte, umschlang sie ihn -mit beiden Armen und erstarrte ... - -Und alles fiel nieder und erstarrte zugleich mit ihr. Alle sanken in die -Knie, und es wurde so still, daß, als die Mutter sich erhob und den -toten Sohn bekreuzigte, wir alle ihr Flüstern hörten: - -»Schlaf, mein armer Junge ... du bist als Ehrenmann gestorben ...« - -Sie hatte diese Worte ganz leise, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung -der Lippen gesprochen, und doch drangen sie allen ins Herz, wie wenn wir -alle ihre Kinder wären. - -Nun erklang der Hammer des Sargtischlers, man trug den Sarg zur -Ausgangstüre; der Vater führte die unglückliche Mutter am Arm, während -ihre stillen Blicke in die Höhe gerichtet waren ... Sie wußte wohl, -woher sie die Kraft, solches Leid zu tragen, schöpfen sollte, und sie -merkte garnicht, wie junge Frauen und Mädchen sich um sie drängten und -ihr wie einer Heiligen die Hände küßten ... - -Auf dem Wege vom Grabe bis zum Friedhofstore gab es wieder das gleiche -Gedränge, die gleiche Bewegung. - -Vor dem Tore, wo der Wagen auf sie wartete, schien die Mutter zur -Besinnung gekommen zu sein; sie wandte sich um und wollte allen »Danke!« -zurufen, wurde aber beinahe ohnmächtig. Die »Schlange«, die neben ihr -stand, stützte sie und küßte ihr die Hand. - -So sehr hatte unser armer Sascha alle Herzen gerührt und gefangen -genommen; so wurde sein einfacher und vielleicht gar nicht ordentlich -überlegter Entschluß, »die Frau nicht zu verraten« belohnt und geehrt. - -Niemand fragte sich, was das für eine Frau gewesen und ob sie dieses -Opfers auch wert sei. Das war allen gleich. Was war das auch für eine -Liebe, und worauf war sie gegründet? Alles hatte im Kinderzimmer, wo sie -»Vater und Mutter« spielten, begonnen; dann trennten sich ihre Wege; sie -ist ja so leer, daß sie mit ihrem Mann vielleicht auch glücklich ist; er -hat sich aber irgendeinen Fetzen aufgehoben und tötet sich dieses -Fetzens wegen ... Das ist ja ganz gleich! Er ist _schön_, er ist allen -_interessant_! Es ist so leicht und so süß, um ihn zu weinen. - -Mit einem Worte: hier ist niemand durch gesperrten Druck besonders -hervorzuheben; alle spielen ihre Rollen mit gleichem Ernst und Talent, -wie die Mitglieder der Meiningenschen Hoftruppe, die vor kurzem ganz -Petersburg in Entzücken versetzt hat. Alles war mit so tiefem Ernst -inszeniert! - -Die Engländerin, die ich vorhin erwähnte, stand uns doch sicher am -fernsten. Saschas Tat mußte sie ja mit ganz anderen Augen betrachten, -als die Varieté-Zigeunerinnen, die ihn beweinten; man könnte annehmen, -daß sie sich die Sache nur ansehen und sich dann wieder in ihr Gehäuse -zurückziehen würde. Aber nein: auch sie mußte ihren Pinselstrich dem -allgemeinen Gemälde beisteuern. Sie schrieb Notizen über Rußland und -machte die Sache sehr gründlich an Hand der bereits erschienenen Werke -über unsere Heimat. Sie vervollständigte die von Anderen gemachten -Beobachtungen über unsere Sitten durch ihre eigenen Wahrnehmungen. Den -älteren Werken entnahm sie die Behauptung, daß »die Weiber nirgends so -gemein behandelt werden wie in Moskowien«. Um die von ihr gemachte neue -Wahrnehmung zu ergründen, wählte sie einen passenden Zeitpunkt und -wandte sich an Saschas Vater selbst. Sie schrieb ihm einen sehr -gemütvollen und höflichen Brief, in dem sie ihrem Mitgefühl Ausdruck gab -und der großen Würde, mit der er und seine Gattin das schwere Leid -trugen, hohe Bewunderung zollte. Zum Schluß richtete sie an ihn die -Frage, wo sie ihre Erziehung genossen hätten, der sie diese würdigen -Gefühle verdankten? - -Der Alte antwortete, daß seine Frau ein französisches Pensionat besucht -hätte, während er selbst von einem Monsieur Ravel aus Paris erzogen -worden sei. - -Die Engländerin fand dies sehr seltsam, die »Schlange« gab ihr aber die -Aufklärung: - -»Wenn sie von einem Seminaristen erzogen worden wären, so hätten Sie -wohl überhaupt keine Antwort bekommen.« - -Damals war man nämlich der Ansicht, daß alles Rohe und Plumpe aus den -Priesterseminaren komme. - - - - - XVII - - -Nun muß ich auch noch die kriminelle Seite der Angelegenheit erledigen. -Ob das Geld wirklich gestohlen worden war oder nicht, jedenfalls wurde, -wie Sie sich wohl erinnern, beschlossen, dem Polen seinen Verlust zu -ersetzen. Auch dies hatte noch seine Fortsetzung. - -Außer den Regimentskameraden gab es noch einen freiwilligen Schuldner, -und zwar einen sehr hartnäckigen -- ich meine Saschas Vater. Den Polen -kostete es große Mühe, das Geld, das er ihm unbedingt aufdrängen wollte, -zurückzuweisen. Awgust Matwejitsch benahm sich in der ganzen Affäre -überhaupt außerordentlich korrekt und vornehm, und wir hatten ihm auch -nicht das Geringste vorzuwerfen. Niemand zweifelte mehr daran, daß er -das Geld gehabt hatte und daß es verschwunden war. Warum hatte er denn -sonst auf die ihm angebotene Zahlung verzichtet und was brauchte er -überhaupt die ganze unangenehme Geschichte mit dem blutigen Ende? - -Die ganze Einwohnerschaft der Stadt, vor der wir unser nächtliches -Erlebnis natürlich nicht geheim halten konnten, war der gleichen -Ansicht; ein einziger Mensch sah aber die Sache doch ganz anders an und -gab uns damit eine harte Nuß zu knacken. - -Es war der sonst wenig interessante, von mir schon einigemal erwähnte -Zimmerkellner Marko. Er war nicht so leicht zu durchschauen: obwohl wir -unsere Bekanntschaft mit Awgust Matwejitsch nur ihm zu verdanken hatten, -stand er jetzt durchaus nicht auf seiner Seite, was er uns auch selbst -gestand. - -»Ich bin bereit,« sagte er, »jede Kirchenbuße auf mich zu nehmen, weil -ich Sie mit dem Herrn bekannt gemacht habe; jetzt glaube ich aber, daß -es weniger meine Schuld als Gottes Wille war. Und Ihre ganze jetzige -Sympathie für ihn beruht nur darauf, -- nehmen Sie es mir nicht übel! -- -daß er nicht russischer Abstammung ist; er aber hat es verschuldet, daß -unser Geschäft jetzt in schlechtem Rufe steht und daß die Polizei unsere -Angestellten unter allen möglichen Vorwänden einsperrt und überall nach -dem Gelde forscht ... Es ist nur Sünde und nichts als Sünde ...« schloß -Marko und zog sich in seine finstere Kammer zurück, wo er einen -mächtigen Heiligenschrein hatte, vor dem ein ewiges Lämpchen brannte. - -Marko tat uns irgendwie leid. Manchmal stand er stundenlang vor den -Heiligenbildern und dachte über etwas nach. - -»Was denkst du immer, Marko?« - -Er zuckt die Achseln und antwortet: - -»Wie sollte ich nicht denken, meine Herren? So ein Unglück, so eine -Schande ... eine Christenseele ist zugrunde gegangen!« - -Diejenigen, die mit ihm öfters sprachen, kamen zuerst auf einen neuen -Gedanken, in den sie nach und nach auch die Anderen einweihten. - -»Marko ist ein einfacher Mensch,« pflegten sie zu sagen, »aus dem -Bauernstande; ist aber klug und hat den gesunden Menschenverstand eines -einfachen russischen Bauern.« - -»Und ist obendrein ehrlich.« - -»Ja, auch ehrlich. Sonst hätte ihm der Hotelbesitzer das Geschäft -garnicht anvertraut. Er ist eben ein zuverlässiger Mensch.« - -»Ja, ja, ja,« bestätigte der Pfarrer, den Rauch durch seinen breiten -Bart blasend. - -»Er sieht die Dinge ganz einfach an und merkt darum manches, was wir -nicht merken. Er beurteilt die Sache so: wozu hat der die ganze Sache -eingebrockt? Das Geld will er ja nicht nehmen. Also braucht er das Geld -gar nicht ...« - -»Es ist klar, daß er es nicht braucht, wenn er es nicht nimmt.« - -»Natürlich! Er hat ja das Ganze auch nicht des Geldes wegen eingebrockt -...« - -»Wozu denn sonst?« - -»Fragen Sie danach Marko und nicht mich.« - -Auch der Pfarrer sagte: - -»Ja, ja, ja, wollen wir Marko hören.« - -»Und was sagt Marko?« - -»Marko sagt: traue dem Polen nicht.« - -»Warum denn?« - -»Weil er eben Pole und Ketzer ist.« - -»Aber erlauben Sie doch! Ketzer ist eine Sache für sich, und Dieb wieder -eine Sache für sich. Die Polen sind ein Volk mit großer Ambition, und es -ist nicht ganz anständig, von ihnen so zu denken.« - -»Aber erlauben Sie, erlauben Sie!« unterbricht der von Marko inspirierte -Kamerad: »Sie sagen: man darf von ihm nicht so denken; Sie wissen aber -gar nicht, was für ein Denken ich meine ... Von einem Diebstahl ist -nicht die Rede, nicht der geringste Verdacht liegt gegen ihn vor; der -Pole hat aber das, was Sie vorhin selbst sagten: Ambition.« - -»Was für ein Interesse hat er dann, daß das Geld verschwunden sein -soll?« - -»Was für ein Interesse er daran hat?« - -»Jawohl!« - -»Fällt Ihnen denn selbst gar nichts ein?« - -Alle dachten angestrengt nach: Was kann mir dazu einfallen? - -»Nein, uns fällt nichts ein.« - -»Das kommt eben davon, daß Ihre Köpfe mit Adel vollgestopft sind. Der -einfache russische Bauer sieht aber, was der Pole will.« - -»Nun was will er denn? Sagen Sie es einmal, es geht uns doch alle an!« - -»Ja, es geht uns alle an ... Es liegt im Interesse seiner Heimat, uns -diese Schande anzutun.« - -»Mein Gott!« - -»Selbstverständlich! Nun kann er überall verbreiten, daß in der -Gesellschaft russischer Offiziere ein gemeiner Diebstahl möglich ist ..« - -»Wenn es sich so verhält, wie Sie es meinen ...« - -»Natürlich verhält es sich so!« - -»Hol ihn der Teufel!« - -»Was für ein tückisches Volk die Polen doch sind!« - -Auch der Pfarrer war der gleichen Ansicht und sagte: - -»Ja, ja, ja!« - -Wir überlegten uns die Sache noch weiter und kamen zum Entschluß, daß -man Markos Kombination auch dem Kommandeur mitteilen müsse; man dürfe -ihm aber nicht verraten, daß die Idee von Marko stamme, weil es den -Eindruck abschwächen könnte; man müsse sich vielmehr auf eine andere -Quelle von größerer Autorität und geringerer Verantwortlichkeit berufen. - -»Jemand hat es im Wirtshaus beim Billardspiel erzählt ...« - -»Nein, das klingt nicht gut. Der Oberst wird darauf sagen: Sie haben so -etwas gehört und sind nicht eingeschritten? So einen Kerl hätten Sie -doch auf der Stelle verhaften müssen!« - -»Man muß eben etwas anderes ausdenken.« - -»Was denn?« - -Hier half uns der Pfarrer: - -»Sie sagen einfach, daß Sie es im Dampfbade gehört haben.« - -Dieser Vorschlag gefiel allen. Das war ja in der Tat klug erdacht: das -Dampfbad ist ein öffentlicher Ort, da reden und schreien alle -durcheinander, und alle sind nackt. Wer hat es gesagt? -- Geh einer hin -und stelle es fest; da müßte man doch alle verhaften, denn im Dampfbade -sind alle Menschen nackt und gleich. - -Man nahm diesen Vorschlag an und ersuchte den Pfarrer, ihn auch -auszuführen. - -Der Pfarrer ging am nächsten Tag zum Obersten und erzählte es ihm. - -Der Oberst zeigte für das Gerücht Interesse und sagte: - -»Das Schlimmste dabei ist, daß es schon zu einem allgemeinen Gerede -geworden ist ... Selbst im Bade sprechen die Leute schon davon.« - -Der Pfarrer fiel ein: - -»Ja, ja, ja! Ich habe es selbst im Bade gehört.« - -»Und Sie konnten wirklich nicht feststellen, wer das gesagt hat?« - -»Nein, ich konnte es beim besten Willen nicht.« - -»Das ist sehr schade.« - -»Ja ... Ich hätte es selbst gerne festgestellt, konnte es aber nicht, -weil im Bade alle Menschen gleich sind. Uns geistliche Personen kann man -noch einigermaßen unterscheiden, weil wir zwar Männer sind, aber Zöpfe -tragen. Doch die anderen Menschen sehen einander vollkommen gleich.« - -»Sie hätten ja den, der es gesagt hat, bei der Hand packen können.« - -»Bedenken Sie doch, ein eingeseifter Mensch kann mir leicht -entschlüpfen! Außerdem befand ich mich gerade auf der obersten Dampfbank -und konnte den Betreffenden nicht einmal mit der Hand erreichen.« - -»Na ja, -- wenn Sie ihn nicht erreichen konnten, so ist eben nichts zu -machen ... Nun glaube ich, das Beste wäre, die Sache jetzt auf sich -beruhen zu lassen ... Es ist ja schon einige Zeit verstrichen, und der -Pole hat uns das Wort gegeben, nach einem Jahre wieder herzukommen ... -Ich glaube, daß er sein Wort halten wird. Sagen Sie mir jetzt bitte -folgendes: was halten Sie, als Geistlicher, von den Träumen? Sind die -Träume Unsinn oder nicht?« - -Der Pfarrer antwortete: - -»Das hängt von den Überzeugungen ab ...« - -»Von was für Überzeugungen?« - -»Nein, ich wollte etwas anderes sagen ... Es gibt Träume, die von Gott -kommen und den Menschen erleuchten; es gibt auch natürliche Träume, die -von der Verdauung kommen; es gibt auch verderbliche Träume, und diese -sind vom Bösen.« - -»So ist es eben,« antwortete der Oberst. »Aber das ist wohl noch nicht -alles. Wo würden Sie folgenden Traum einreihen: Meine Frau ist, wie Sie -wissen, jung, und der verstorbene Kornett war ihr Vetter und -Jugendfreund; sein Tod hat sie daher sehr erschüttert und abergläubisch -gemacht. Außerdem ist unser Kind gestorben. Kurz vorher hatte sie aber -einen Traum.« - -»Was Sie nicht sagen!« - -»Ja, ja, ja. Was die Träume betrifft, so beurteilt sie diese so, wie Sie -eben sagten. Ich stehe nicht auf diesem Standpunkte, will aber dem auch -nicht widersprechen. Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß man -schlechte Träume hat, wenn man spät zu Abend ißt; solche Träume kommen -offenbar vom Magen.« - -»Ja, vom Magen«, stimmte der Pfarrer zu. »Die meisten Träume kommen vom -Magen.« Der Oberst ließ ihn aber noch nicht los. - -»Jawohl«, fuhr der Oberst fort, »das ist eben die Sache, daß sie keinen -Traum, sondern eine Vision gehabt hat ...« - -»Was, eine Vision?« - -»Ja, eine Vision: sie sieht und hört es nicht im Schlafe und nicht mit -geschlossenen Augen, sondern im Wachen ...« - -»Das ist seltsam.« - -»Sehr seltsam, -- umsomehr, als sie ihn noch nie gesehen hat!« - -»Ja, ja, ja ... Wen hat sie nicht gesehen?« - -»Den Polen natürlich!« - -»Ach so! .. ja, ja, ja! Ich verstehe.« - -»Meine Frau hat ihn niemals gesehen, weil sie während jenes -unglücklichen Ereignisses zu Bett lag. Sie konnte nicht einmal von der -Leiche des Unglücklichen Abschied nehmen, -- wir verheimlichten vor ihr -seinen Tod, damit ihr die Milch nicht in den Kopf steige.« - -»Behüte Gott!« - -»Gewiß ... Natürlich wäre schon der Tod besser als das ... Es ist wohl -Wahnsinn. Aber denken Sie sich nur: er verfolgt sie auf Schritt und -Tritt!« - -»Der Verstorbene?« - -»Aber nein -- der Pole! Ich bin jetzt sogar sehr froh, daß Sie mich nach -dem Bade aufgesucht haben und ich mit Ihnen darüber sprechen kann ... -Vielleicht können Sie mir dazu auf Grund Ihrer geistlichen Praxis etwas -sagen.« - -Und der Oberst erzählte dem Pfarrer, daß unsere junge, rosige -Kommandeuse immer den Polen vor sich sehe ... Sie schildere unseren -Awgust Matwejitsch wie er leibt und lebt, und er komme ihr wie eine -altmodische englische Standuhr vor ... - -Als der Pfarrer das hörte, sprang er förmlich auf. - -»Das ist ja einfach unglaublich!« rief er aus: »Alle Offiziere nennen -ihn ja >die Standuhr<!« - -»Darum erzähle ich es eben, weil es so unglaublich ist! Stellen Sie sich -nun vor, daß wir in unserm Salon just eine solche altmodische Standuhr, -obendrein eine mit einem Glockenspiel stehen haben; wenn man sie -aufzieht, so hört das Bimmeln gar nicht auf. Meine Frau fürchtet sich -sogar, in der Dämmerung durch den Salon zu gehen. Wir können aber die -Uhr nirgends fortschaffen; sie soll auch sehr wertvoll sein, und meine -Frau hat sie jetzt auch selbst lieb gewonnen.« - -»Warum eigentlich?« - -»Sie sinnt gerne ... sie glaubt, im Pendelschlag etwas zu hören ... Sie -hört darin immer die Worte: >Ich -- such! -- Ich -- such!< Jawohl! Sie -fühlt sich dadurch irgendwie angezogen und hat zugleich unheimliche -Angst ... Sie schmiegt sich immer an mich und will, daß ich sie in den -Armen halte. Ich glaube sogar, daß sie wieder in Umständen ist.« - -»Ja, ja ... das ist ja bei einer verheirateten Frau wohl möglich ... -Sogar sehr möglich!« platzte der Pfarrer heraus. Mit diesen Worten lief -er davon und kam zu uns, so verschwitzt, wie wenn er tatsächlich aus dem -Dampfbade käme. Er erzählte uns alles in einem Zug, ersuchte uns aber, -alles geheim zu halten. - -Der Verlauf seiner Unterredung mit dem Obersten gefiel uns übrigens -nicht. Wir waren der Ansicht, daß der Oberst der ihm mitgeteilten -Entdeckung nicht die gebührende Beachtung geschenkt und sie auf eine -ganz unpassende Weise mit seinen eigenen Eheangelegenheiten in -Verbindung gebracht habe. - -Einer von uns, ein Kleinrusse, fand dafür sofort eine Erklärung. - -»Die Mutter des Obersten«, sagte er, »heißt Veronika Stanislawowna.« - -Die anderen fragten ihn: - -»Was wollen Sie damit sagen?« - -»Nichts weiter, als daß seine Mutter Veronika Stanislawowna heißt.« - -Man deutete es natürlich in dem Sinne, daß die Mutter des Obersten Polin -sei und er daher ungern derartige Ansichten über die Polen höre. - -Unsere Offiziere beschlossen, den Obersten gänzlich aus dem Spiele zu -lassen, und wählten einen Kameraden, der imstande war, jeden beliebigen -Menschen tätlich zu beleidigen. Dieser Kamerad nahm Urlaub und begab -sich auf die Suche nach Awgust Matwejitsch, um ihn zu zwingen, das Geld -anzunehmen; im Falle er die Annahme verweigern sollte, würde er ihn aber -ins Gesicht schlagen. - -Er hätte diesen Beschluß auch sicher ausgeführt, wenn er ihn gefunden -hätte. Nach der Fügung des Himmels kam es aber ganz anders. - - - - - XVIII - - -An einem heißen Tag Ende Mai kam ganz unerwartet Awgust Matwejitsch in -eigener Person angefahren. Er lief schnell die Treppe hinauf und rief: - -»He, Marko!« - -Marko, der in seiner Kammer war, wo er wohl vor den Heiligenbildern -betete, kam sofort herausgesprungen. - -»Awgust Matwejitsch«, ruft er: »nun sind Sie endlich wieder einmal -hier!« - -Jener aber antwortet: - -»Ja, mein Lieber, ich bin wieder hier. Und du, Schurke, gießt noch immer -deine Kirchenglocken und verbreitest, damit sie besser läuten, unsinnige -Gerüchte über anständige Menschen?« - -Und mit diesen Worten schlägt er ihn ins Gesicht. - -Marko fällt um und schreit: - -»Was ist denn das? .. Wofür? ..« - -Wir alle, die gerade zu Hause waren, sprangen aus unseren Zimmern heraus -und wollten schon für Marko eintreten. Was hat er denn für ein Recht, -Marko zu schlagen: Marko ist ja so ehrlich! - -Awgust Matwejitsch aber sagt: - -»Ich bitte Sie, einen Augenblick zu warten: mir folgen auf dem Fuße noch -andere Gäste, in deren Gegenwart ich Ihnen seine Ehrlichkeit beweisen -werde. Ich bitte Sie nur, ihn nicht anzurühren, damit ich ihn für keinen -Augenblick aus den Augen verliere.« - -Wir traten etwas zurück, und im nächsten Augenblick kam schon die -Polizei. - -Awgust Matwejitsch wandte sich an die Beamten und sagte: - -»Wollen Sie ihn verhaften: ich übergebe Ihnen hiermit einen völlig -überführten Dieb, und hier sind die Beweise.« - -Und er legte eine Bestätigung vor, aus der hervorging, daß die -Glockengießerei von Marko eine Banknote erhalten hatte, deren Nummer mit -einer der Banknoten, die Awgust Matwejitsch am Tage vor dem Diebstahl -ausbezahlt bekam, übereinstimmte. - -Marko fiel in die Knie und gestand, wie die Sache war. Awgust -Matwejitsch hatte gleich nach seiner Ankunft die Banknoten aus der -Tasche genommen und unter das Kopfkissen gesteckt. Diesen Umstand hatte -er später vergessen und sich eingebildet, das Geld befinde sich noch in -seiner Rocktasche. Als Marko ihm das Bett machte, fand er das Geld und -eignete es sich an, in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde, jemand -anderen in die Sache zu verwickeln, was ihm, wie wir gesehen haben, auch -wirklich gelang. Um seine Sünde vor Gott wieder gutzumachen, bestellte -er zu der bereits vorher angeschafften Kirchenglocke noch ein ganzes -abgestimmtes Glockenspiel, das er mit einer der gestohlenen Banknoten -bezahlte. - -Die übrigen Banknoten fand man auch sofort im Kasten unter dem -Heiligenschreine. - -Und nun begannen bei uns unsere eigenen »Glocken von Corneville« zu -läuten. Alle schlugen die Hände über den Köpfen zusammen, weinten dem -unglücklichen Sascha noch eine Träne nach und beschlossen zuletzt, die -erfreuliche Entdeckung gebührend zu feiern. - -Alle waren Awgust Matwejitsch dankbar, und der Kommandeur veranstaltete, -um ihm seinen Dank und seine Achtung zu zeigen, einen großen Abend ihm -zu Ehren, zu dem er den ganzen Adel einlud. Selbst seine Mutter, die -bereits erwähnte Veronika -- sie war schon in den Siebzigern -- kam zu -dieser Festlichkeit gefahren; es stellte sich aber heraus, daß sie gar -nicht »Stanislawowna« sondern Veronika »Wassiljewna« hieß; auch stammte -sie aus dem geistlichen Stande und war die Tochter eines Protopopen; der -Name »Veronika« kommt aber auch im russischen Kalender vor. Warum man -sie vorher für eine »Stanislawowna« gehalten hatte, blieb unaufgeklärt. - -Die Kommandeuse zeichnete Awgust Matwejitsch ganz besonders aus: sie -stand auf, ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hände; er bat sie, -ihm seine »polnische Manier« zu entschuldigen, und küßte ihr beide -Hände. Am nächsten Tage schickte er ihr aber einen Brief in -französischer Sprache, in dem er ihr sagte, daß er das Geld gar nicht -des Geldes wegen, sondern nur der Ehre wegen gesucht habe ... Obwohl es -nun gefunden worden sei, wolle er es nicht annehmen, »weil daran Blut -klebe«. Und er bat die Frau Oberst, ihm die Gnade zu erweisen und mit -diesem Gelde ein armes kleines Waisenmädchen groß zu ziehen, das er -ausfindig gemacht habe; es sei just in derselben Nacht zur Welt -gekommen, in der Sascha aus dem Leben geschieden. »Vielleicht wohnt in -dem Kinde seine Seele.« - -Die junge Kommandeuse war sehr gerührt und erklärte sich bereit, das -Kind anzunehmen. Awgust Matwejitsch überbrachte es ihr persönlich in -einem sauberen weißen, mit Tüll und weißen Bändern garnierten Korbe. - -»Der schlaue Pole!« Alle beneideten ihn, daß er es in einer so schönen, -zarten und einschmeichelnden Form einzurichten verstand. Ja, dieser -Mystiker! - -Sie soll beim Abschied von ihm geweint haben; wir aber verabschiedeten -uns von ihm unter Trinksprüchen und Schmollistrinken im Wäldchen vor der -Stadt. Das war ganz zufällig gekommen: wir zechten gerade draußen, als -er vorbeifuhr. Wir entschuldigten uns zuvor, zogen ihn dann vom Wagen, -tranken ohne Ende und erzählten ihm ganz aufrichtig, was für eine -schlechte Meinung wir von ihm gehabt hatten. - -»Erzähle uns nun, wie du das so eingerichtet hast!« drangen wir in ihn. - -Er sagte: - -»Ich habe gar nichts eingerichtet, meine Herren, es ist alles ganz von -selbst so gekommen ...« - -»Mache keine Ausflüchte«, sagten wir ihm, »du bist ja Pole, und wir -können dir daraus keinen Vorwurf machen. Wie hast du es aber fertig -gebracht, ein Kind zu finden, das just in der Nacht auf die Welt kam, in -der Sascha gestorben ist, so daß es das gleiche Alter hat wie das -verstorbene Kind der Kommandeuse? ..« - -Der Pole lachte: - -»Meine Herren, wie habe ich das einrichten können?« - -»Das ist es eben! Ihr Polen seid so fein, daß sich der Teufel in euch -auskennt!« - -»Glauben Sie mir: ich höre heute zum erstenmal, ich sei so fein, daß ich -mich selbst nicht sehe. Lassen Sie mich aber weiterfahren, sonst spannt -der Postkutscher, wie es seine Pflicht ist, die Pferde aus.« - -Wir ließen von ihm ab, halfen ihm in den Wagen und riefen dem Kutscher -zu: »Los!« - -Er versuchte, sich vor uns möglichst graziös zu verbeugen, die Pferde -zogen aber in diesem Augenblick an, und er verbeugte sich höchst -zweideutig mit dem Rücken. So endete unsere traurige Geschichte. Sie -finden darin keine Ideen, die irgendeine Beachtung verdienten; ich -erzählte sie nur, weil sie mir interessant erscheint. Vor Zeiten war es -so, daß jede noch so unbedeutende Sache leicht zu etwas Großem und -Interessantem anwachsen konnte. Heute ist es aber umgekehrt: eine -Geschichte läßt sich Gott weiß wie groß an; wie sie aber den Leuten in -die Hände kommt, wird sie immer kleiner und kleiner, bis von ihr -schließlich nichts mehr zurückbleibt ... Gar mancher fängt zu lieben an -und gibt es plötzlich auf, weil es ihm zu langweilig wird. Worauf mag -das beruhen? Ich glaube, daß es viele Gründe hat. Und ist nicht einer -der Hauptgründe unsere Gleichgültigkeit gegen das, was man _persönliche -Ehre_ nennt? - - - - - DIE LADY MAKBETH DES MZENSKER LANDKREISES - - - - - I - - -In unserer Gegend kommen manchmal so seltsame Charaktere vor, daß man -sich ihrer nicht ohne tiefste Erschütterung erinnern kann, selbst wenn -schon viele Jahre nach der letzten Begegnung mit ihnen vergangen sind. -Zu solchen Charakteren zählte die Kaufmannsfrau Katerina Lwowna -Ismajlowa, die einst im Mittelpunkte eines grauenhaften Dramas gestanden -hatte und bei unseren Gutsbesitzern unter dem treffenden Namen »Lady -Makbeth des Mzensker Landkreises« bekannt war. - -Katerina Lwowna war nicht, was man eine Schönheit nennt, doch von -angenehmem Äußeren. Sie war erst vierundzwanzig Jahre alt, nicht sehr -groß, doch schlank, hatte einen wie aus Marmor gemeißelten Hals, -rundliche Schultern, einen prallen Busen, eine gerade, feine Nase, -schwarze lebhafte Augen, eine hohe weiße Stirne und schwarzes, sogar -blauschwarzes Haar. Man verheiratete sie mit einem Landsmann, dem -Kaufmann Ismajlow aus Tuskarj im Kursker Gouvernement. Sie fühlte zwar -keine Neigung zu ihm; Ismajlow hatte aber den Antrag gemacht, und sie -durfte als armes Mädchen nicht wählerisch sein. Die Ismajlows waren in -unserer Gegend angesehen: sie betrieben einen großen Mehlhandel, hatten -auf dem Lande eine große Mühle in Pacht, einen einträglichen Garten vor -der Stadt und ein schönes Haus in der Stadt und gehörten zu den -wohlhabendsten Kaufleuten. Die Familie war obendrein nicht zu groß und -bestand nur aus dem Schwiegervater Boris Timofejitsch Ismajlow, der -schon an die achtzig Jahre alt und seit langem verwitwet war, seinem -Sohn Sinowij Borissowitsch, Katerinas Mann, der auch nicht mehr jung -- -über fünfzig -- war, und Katerina Lwowna selbst. Nach fünfjähriger Ehe -hatte Katerina Lwowna noch immer kein Kind; Sinowij Borissowitsch hatte -auch von seiner ersten Frau, mit der er zwanzig Jahre gelebt hatte, -bevor er Katerina Lwowna heiratete, keine Kinder. Er hatte gehofft, daß -Gott ihm wenigstens in seiner zweiten Ehe Kinder schenken würde, die -seine Firma und sein Kapital erben könnten; er hatte aber auch mit -Katerina Lwowna kein Glück. - -Die Kinderlosigkeit machte Sinowij Borissowitsch großen Kummer, und -nicht nur ihm allein, sondern auch dem alten Boris Timofejitsch; auch -Katerina Lwowna selbst war darüber sehr traurig. Die tödliche Langweile -in dem verschlossenen Kaufmannshause mit dem hohen Zaun und den bösen -Kettenhunden machte die junge Kaufmannsfrau oft erstarren, so daß sie -Gott weiß wie froh gewesen wäre, wenn sie ein Kindchen zu pflegen gehabt -hätte; dann hatte sie auch die ewigen Vorwürfe satt: »Warum bist du -diese Ehe eingegangen, warum hast du dem Menschen sein Schicksal -gebunden, du Unfruchtbare?!« Als ob sie tatsächlich ein Verbrechen -an ihrem Manne, am Schwiegervater und am ganzen ehrbaren -Kaufmannsgeschlecht begangen hätte! - -Bei allem Reichtum war das Leben Katerina Lwownas im Hause des -Schwiegervaters öde und traurig. Sie kam fast nie aus dem Hause, und -selbst wenn sie mit ihrem Manne irgendwo in Kaufmannsfamilien Besuch -machte, hatte sie wenig Freude daran. Es waren lauter strenge Leute, die -immer beobachteten, wie sie saß, wie sie ging, wie sie stand. Katerina -Lwowna hatte aber einen feurigen Charakter und war als Mädchen ein -freies Leben gewohnt; einst durfte sie mit den Eimern zum Fluß laufen, -im Hemd am Landungssteg baden oder einen vorbeigehenden Burschen über -die Gartenpforte mit Schalen von Sonnenblumenkernen überschütten; hier -ist aber alles anders. Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller -Herrgottsfrühe auf, trinken um sechs Uhr Tee und gehen gleich an ihre -Geschäfte. Sie aber wandert von Zimmer zu Zimmer. Überall ist es so -rein, so still und so leer, vor den Heiligenbildern brennen die -Lämpchen, und im ganzen Hause ist kein lebender Ton, keine menschliche -Stimme. - -Katerina Lwowna irrt eine Zeitlang durch die leeren Zimmer, beginnt vor -Langweile zu gähnen und geht die Stiege in das eheliche Schlafzimmer im -Mezzanin hinauf. Sie sitzt da, schaut zum Fenster hinaus, wie man vor -den Speichern den Hanf aufhängt oder das Mehl in Säcke füllt; sie muß -wieder gähnen und freut sich, daß sie eine oder zwei Stunden schlafen -kann. Und wenn sie erwacht, überkommt sie wieder die Langweile des -altrussischen Kaufmannshauses, vor der man sich, wie es heißt, mit -Freuden erhängt. Katerina Lwowna fand auch am Lesen keine Freude, und im -Hause gab es keine Bücher außer dem Kiewer Heiligenbuch. - -So öde war das Leben Katerina Lwownas in dem reichen Hause, in dem sie -nun schon fünf Jahre an der Seite eines lieblosen Gatten lebte. Aber, -wie es so immer geht, niemand schenkte ihrer Langweile auch nur die -geringste Beachtung. - - - - - II - - -Im Frühjahr des sechsten Jahres nach Katerina Lwownas Verheiratung gab -es auf der Ismajlowschen Mühle ein Unglück: das Hochwasser hatte den -Damm durchbrochen. Die Mühle hatte gerade viel Arbeit, und der Schaden -war sehr groß: das Wasser kam unter den Lauftrog des leeren Gerinnes und -ließ sich nicht wieder einfangen. Sinowij Borissowitsch trieb die Leute -aus der ganzen Umgegend zusammen und überwachte Tag und Nacht die -Arbeiten; die Geschäfte in der Stadt versah der Alte, und Katerina -Lwowna war tagelang allein zu Hause. Als sie ohne Mann geblieben war, -fühlte sie anfangs noch größere Langweile; dieser Zustand gefiel ihr -aber mit der Zeit nicht schlecht; sie konnte freier aufatmen. Sie hatte -ihn ja niemals geliebt, nun hatte sie wenigstens einen Aufseher weniger. - -Einmal saß sie in ihrem Mezzanin am Fenster, gähnte, dachte an nichts -Bestimmtes und schämte sich zuletzt, immer so zu gähnen. Draußen war -aber der herrlichste Tag: warm, heiter, lustig, und durch das grüne -Holzgitter des Gartens waren flinke Vöglein zu sehen, die von Zweig zu -Zweig hüpften. - --- Warum gähne ich so? -- fragte sich Katerina Lwowna. -- Ich will -einmal aufstehen und in den Hof oder in den Garten gehen. -- - -Sie warf sich einen alten Pelzumhang um und ging hinaus. - -Unten auf dem Hofe ist es so hell, die Luft ist so erfrischend, und auf -der Galerie bei den Speichern schallt lustiges Gelächter. - -»Was freut ihr euch so?« fragte Katerina Lwowna die Angestellten des -Schwiegervaters. - -»Wir haben eben ein lebendes Schwein gewogen,« antwortete ihr der alte -Verwalter. - -»Was für ein Schwein?« - -»Das Schwein Aksinja, das den Sohn Wassilij geboren und uns zur Taufe -nicht eingeladen hat,« berichtete ihr frech und lustig ein Bursche mit -kühnem, hübschem Gesicht, pechschwarzen Locken und einem kaum -sprossenden Bärtchen. - -Aus dem Mehlkübel, der am Wagbalken angehängt war, sah in diesem -Augenblick das dicke rotbackige Gesicht der Köchin Aksinja heraus. - -»Verdammte Teufel!« fluchte die Köchin, indem sie nach dem eisernen -Wagbalken griff und sich Mühe gab, aus dem hin- und herpendelnden Kübel -herauszukriechen. - -»Acht Pud wiegt sie vor dem Essen, und wenn sie zu Mittag ein Fuder Heu -gefressen hat, so langen die Gewichte nicht!« erklärte der gleiche -hübsche Bursche. Mit diesen Worten drehte er den Kübel um und warf die -Köchin auf die in der Ecke geschichteten Säcke. - -Die Köchin fluchte noch immer, eigentlich mehr im Scherz, und zupfte -sich das Kleid zurecht. - -»Nun, und wieviel wiege ich?« fragte Katerina Lwowna. Sie stieg auf das -Brett und hielt sich an den Stricken fest. - -»Drei Pud sieben Pfund,« antwortete der hübsche Bursche Ssergej, nachdem -er die Gewichte nachgezählt hatte. »Ein Wunder!« - -»Was wunderst du dich so?« - -»Daß Sie über drei Pud wiegen, Katerina Lwowna. Ich glaube, daß ich Sie -den ganzen Tag auf den Armen herumtragen könnte, ohne dabei müde zu -werden. Ich würde es sogar für das größte Vergnügen ansehen.« - -»Bin ich denn etwa kein Mensch? Würdest wohl müde werden!« erwiderte -leicht errötend Katerina Lwowna, die solche Reden nicht mehr gewohnt war -und plötzlich das Verlangen fühlte, lustig zu plaudern und zu scherzen. - -»Gott behüte! Ich würde Sie bis nach dem glückseligen Arabien tragen,« -antwortete Ssergej auf ihre Bemerkung. - -»Du redest Unsinn,« sagte der Bauer, der das Getreide aufschüttete. »Was -ist unsere Schwere? Ist es denn unser Körper, der was wiegt? Unser -Körper, mein Lieber, wiegt nicht, es ist nur unsere Kraft, die uns zur -Erde zieht, und nicht der Körper!« - -»Als Mädchen hatte ich eine große Kraft,« sagte Katerina Lwowna, die -sich wieder nicht beherrschen konnte. »Mancher Mann konnte mich nicht -niederringen!« - -»Erlauben Sie mal Ihr Händchen, wenn das wahr ist,« bat der hübsche -Bursche. - -Katerina Lwowna errötete wieder, reichte ihm aber die Hand. - -»Laß los, es tut weh!« schrie Katerina Lwowna auf, als Ssergej ihre Hand -in der seinigen zusammendrückte. Mit der freien Hand stieß sie ihn vor -die Brust. - -Der Bursche ließ ihre Hand los und taumelte vor ihrem Stoß einige -Schritte zur Seite. - -»Und das will ein Frauenzimmer sein!« wunderte sich der Bauer. - -»Nein, nicht so! Wollen wir einmal richtig ringen?« sagte Ssergej, seine -Locken schüttelnd. - -»Nun, versuch's,« antwortete Katerina Lwowna, immer lustiger werdend, -und hob die Ellenbogen. - -Ssergej umschlang die junge Frau und drückte ihre pralle Brust an sein -rotes Hemd. Katerina Lwowna rührte nur die Schultern, Ssergej hatte sie -aber schon in die Höhe gehoben, hielt sie eine Weile in den Armen, -drückte sie zusammen und setzte sie zuletzt auf einen umgekehrten -Scheffel. - -Katerina Lwowna hatte nicht einmal Zeit gehabt, ihre Kraft, mit der sie -so prahlte, zu zeigen. Über und über rot, zupfte sie den Pelzumhang, der -ihr von der Schulter geglitten war, zurecht und ging langsam aus dem -Speicher. Ssergej räusperte sich aber und rief: - -»He, ihr Esel! Schüttet das Getreide auf, schont die Arme nicht! Wenn -was übrig bleibt, so ist's unser Verdienst!« - -Er tat so, als hätte auf ihn der Ringkampf mit Katerina Lwowna nicht den -geringsten Eindruck gemacht. - -»Dieser Ssergej ist ein verdammter Mädchenjäger!« berichtete die Köchin -Aksinja, ihrer Herrin nachgehend. »Alles an ihm ist gleich schön: der -Wuchs, das Gesicht, die Gestalt. Er kann jedes Frauenzimmer betören und -zur Sünde verführen. Dabei ist er ein untreuer, gemeiner Kerl!« - -»Sag einmal, Aksinja,« sagte die junge Frau, vor der Köchin hergehend, -»lebt dein Kind noch?« - -»Es lebt, Mütterchen, es lebt, was soll ihm geschehen? Wenn man ein Kind -nicht braucht, so ist es immer zählebig.« - -»Wo hast du nur das Kind her?« - -»Ach, man kriegt es leicht, wenn man unter Menschen lebt.« - -»Ist dieser Bursche schon lange bei uns?« - -»Welcher? Meinen Sie Ssergej?« - -»Ja.« - -»An die vier Wochen. Vorher war er bei den Kontschonows in Stellung, -wurde aber hinausgejagt.« Aksinja fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Man -sagt, er hätte dort mit der Hausfrau selbst angebandelt, darum hat ihn -auch der Herr hinausgejagt ... Er ist so furchtbar frech, der -Verruchte!« - - - - - III - - -Eine warme milchweiße Dämmerung schwebte über der Stadt. Sinowij -Borissowitsch war noch immer nicht von der Mühle heimgekehrt. Auch der -Schwiegervater Boris Timofejewitsch war nicht zu Hause: er war zu einem -alten Freund zum Namenstag gefahren und hatte angesagt, daß man ihn zum -Abendessen nicht erwarten solle. Katerina Lwowna aß früh zu Abend, stand -dann wieder am Fenster ihres Schlafzimmers, lehnte sich mit der Wange an -den Pfosten und knackte Sonnenblumenkerne. Die Leute hatten eben in der -Küche genachtmahlt und begaben sich zur Ruhe: der eine in die Tenne, der -andere in den Speicher, der dritte auf den duftenden Heuboden. Als -letzter kam aus der Küche Ssergej. Er schlenderte durch den Hof, ließ -die Kettenhunde los, pfiff ein Liedchen, ging am Fenster Katerina -Lwownas vorbei, blickte zu ihr hinauf und verneigte sich vor ihr. - -»Guten Abend,« sagte Katerina Lwowna leise von ihrem Fenster herab, und -auf dem Hofe wurde es plötzlich so still wie in einer Wüste. - -»Gnädige Frau!« tönte es zwei Minuten später vor der versperrten Türe -des Schlafzimmers. - -»Wer ist da?« fragte Katerina Lwowna erschrocken. - -»Erschrecken Sie nicht: ich bin es, Ssergej.« - -»Was willst du, Ssergej?« - -»Ich habe eine Bitte an Sie, Katerina Lwowna. Gestatten Sie mir, daß ich -für einen Augenblick eintrete.« - -Katerina Lwowna sperrte die Türe auf und ließ ihn ein. - -»Was willst du?« fragte sie, wieder ans Fenster tretend. - -»Ich möchte Sie fragen, Katerina Lwowna, ob Sie mir nicht irgendein -Büchlein zum Lesen geben können. Ich vergehe vor Langweile.« - -»Ich habe gar keine Bücher, Ssergej, ich lese niemals,« antwortete -Katerina Lwowna. - -»So furchtbar langweilig ist es hier,« klagte Ssergej. - -»Was weißt du von Langweile?« - -»Erlauben Sie einmal! Wie soll ich mich nicht langweilen? Ich bin ja ein -junger Mensch, wir leben hier wie in einem Kloster, und ich habe vor mir -keine andere Aussicht, als hier in der Einsamkeit zugrunde zu gehen. -Zuweilen verzweifle ich an meinem Leben.« - -»Warum heiratest du nicht?« - -»Ja, heiraten, das ist leicht gesagt! Wen soll ich hier heiraten? Ich -bin ja ein unbedeutender Mensch; ein Mädchen aus dem Kaufmannsstande -wird mich nicht nehmen, und die von unserem armen Stande sind viel zu -ungebildet, das wissen Sie doch selbst. Kann denn so ein Mädchen die -Liebe richtig verstehen? Aber auch die Reichen verstehen sie nicht viel -besser. Für jeden andern Menschen wären Sie wohl der Trost seines -Lebens, Ihr Gemahl hält Sie aber wie einen Kanarienvogel im Bauer.« - -»Ja, ich langweile mich,« sagte Katerina Lwowna unwillkürlich. - -»Wie soll man sich auch nicht langweilen bei solch einem Leben, gnädige -Frau! Selbst wenn Sie einen Geliebten hätten, wie die andern Frauen, so -hätten Sie gar keine Möglichkeit, mit ihm zusammenzukommen.« - -»Nein, du redest Unsinn. Ich glaube aber, daß es mir lustiger zumute -wäre, wenn ich ein Kindchen hätte.« - -»Erlauben Sie die Bemerkung, gnädige Frau: ein Kind kann man auch nicht -so von heute auf morgen bekommen. Ich habe ja genug in den -Kaufmannsfamilien gelebt und kenne mich in diesen Dingen gut aus. In -einem Liede heißt es: >Wenn du keinen Liebsten hast, stirbt das Herz vor -Schmerzenslast.< Diesen Schmerz empfinde ich so stark, Katerina Lwowna, -daß ich mir das Herz aus der Brust schneiden und es Ihnen vor die -Füßchen werfen könnte. Und es würde mir dann viel leichter zumute werden -...« - -Seine Stimme zitterte. - -»Was erzählst du mir von deinem Herzen? Ich brauche es nicht. Geh ...« - -»Nein, erlauben Sie, gnädige Frau,« sagte Ssergej, am ganzen Leibe -zitternd und einen Schritt näher kommend. »Ich weiß, ich sehe und -begreife, daß auch Sie es nicht leichter haben als ich. Alles hängt -jetzt aber nur von Ihnen ab, alles ruht in Ihrer Hand!« Die letzten -Worte hauchte er nur. - -»Was willst du? Was willst du? Was bist du zu mir gekommen? Ich werde -mich aus dem Fenster stürzen,« sagte Katerina Lwowna, von einer -namenlosen Angst erfaßt, und griff mit den Händen nach dem Fensterbrett. - -»Du Unvergleichliche, du mein Leben! Was sollst du dich aus dem Fenster -stürzen?« flüsterte Ssergej frech. Er riß die junge Frau vom Fenster los -und umschlang sie mit seinen Armen. - -»Laß los! Laß los!« stöhnte Katerina Lwowna leise, unter Ssergejs heißen -Küssen ermattend und sich unwillkürlich an seine mächtige Brust -schmiegend. - -Ssergej nahm sie wie ein kleines Kind auf die Arme und trug sie in eine -dunkle Ecke. - -Im Zimmer trat nun eine Stille ein, die nur durch das gleichmäßige -Ticken der Taschenuhr Sinowij Borissowitschs unterbrochen wurde, die -über dem Bette Katerina Lwownas hing. Dieses Ticken störte aber niemand. - -»Geh,« sagte Lwowna nach einer halben Stunde, ohne Ssergej anzublicken, -ihr zerzaustes Haar vor dem kleinen Spiegel richtend. - -»Was soll ich jetzt von hier fortgehen?« fragte Ssergej mit seliger -Stimme. - -»Der Schwiegervater wird die Türe zusperren.« - -»Ach, meine liebe Seele! Hast du denn nur solche Männer gekannt, die -eine Türe brauchen, um zur Geliebten zu gelangen? Wenn ich zu dir oder -von dir will, so finde ich überall eine Türe,« antwortete der Bursche, -auf die Balken, die die Galerie stützten, zeigend. - - - - - IV - - -Sinowij Borissowitsch blieb noch eine Woche auf der Mühle, und seine -Frau ergötzte sich diese ganze Zeit allnächtlich bis an den lichten Tag -mit Ssergej. - -In diesen Nächten wurde im Schlafzimmer Sinowij Borissowitschs gar viel -Wein aus dem Keller des Schwiegervaters ausgetrunken, viel Süßes -gegessen, viel geküßt und viel mit den schwarzen Locken auf den weichen -Kopfkissen gespielt. Die Landstraße ist aber nicht immer so eben wie -eine Tischdecke, es gibt auch Löcher und Buckel. - -Boris Timofejitsch konnte keinen Schlaf finden. Der Alte irrte in seinem -bunten Kattunhemd durch das stille Haus, trat bald an das eine, bald an -das andere Fenster und sah plötzlich das rote Hemd Ssergejs langsam den -Balken unter dem Fenster der Schwiegertochter hinuntergleiten. Eine -schöne Bescherung! Boris Timofejitsch ging in den Hof und packte den -Burschen bei den Beinen. Dieser holte zuerst zu einem Schlage aus, -überlegte sich aber, daß es zu viel Lärm geben würde. - -»Sag einmal,« fragte Boris Timofejitsch, »wo warst du eben, du Dieb?« - -»Wo ich war, da bin ich nicht mehr, Boris Timofejitsch,« antwortete -Ssergej. - -»Hast du bei der Schwiegertochter übernachtet?« - -»Das ist meine Sache, Herr, wo ich übernachtet habe. Höre aber auf meine -Worte, Boris Timofejitsch: was gewesen ist, läßt sich nicht mehr ändern. -Tu wenigstens deinem Kaufmannshause keine Schande an. Sag mir, was -willst du jetzt von mir? Was für eine Genugtuung soll ich dir geben?« - -»Du sollst, Verruchter, fünfhundert Peitschenschläge bekommen,« -antwortete Boris Timofejitsch. - -»Die Schuld ist mein, der Wille ist dein,« sagte der Bursche. »Sag, -wohin ich dir folgen soll, trinke mein Blut.« - -Boris Timofejitsch führte Ssergej in seine gemauerte Vorratskammer und -schlug ihn so lange mit der Peitsche, bis sein Arm erlahmte. Ssergej gab -keinen Ton von sich, zerkaute aber die Hälfte seines Hemdärmels mit den -Zähnen. - -Boris Timofejitsch ließ Ssergej in der Kammer liegen, bis sein -blutiggeschlagener Rücken verheilen würde, stellte ihm einen irdenen -Krug mit Wasser hin, versperrte die Kammer mit einem großen Schloß und -schickte nach dem Sohn. - -Auch heute noch legt man hundert Werst auf einer russischen Landstraße -nicht an einem Tag zurück, Katerina Lwowna kann aber ohne ihren Ssergej -auch nicht eine Stunde aushalten. Ihre ganze zügellose Natur kam zum -Durchbruch, und sie wurde sehr kühn und entschlossen. Sie erfuhr, wo -Ssergej eingesperrt war, sprach mit ihm durch die Eisentüre einige Worte -und machte sich auf die Suche nach den Schlüsseln. »Väterchen, laß doch -den Ssergej heraus!« wandte sie sich an den Schwiegervater. - -Der Alte wurde ganz grün vor Wut. Von seiner sündigen, bisher aber noch -immer gehorsamen Schwiegertochter hatte er eine solche Frechheit nicht -erwartet. - -»Was fällt dir ein?« Und er fiel über Katerina Lwowna mit Schimpfworten -her. - -»Laß ihn heraus,« bestürmte sie ihn, »ich schwöre dir bei meinem -Gewissen, daß es zwischen uns nichts Schlimmes gegeben hat.« - -»So, es hat nichts Schlimmes gegeben!« sagt er und knirscht mit den -Zähnen. »Was habt ihr dann in den Nächten getrieben? Die Kissen deines -Mannes durchgeklopft?« - -Sie aber hört gar nicht auf: »Laß ihn heraus!« - -»Wenn die Dinge so stehen,« sagt Boris Timofejitsch, »so will ich dir -folgendes sagen: wenn dein Mann zurückkommt, werden wir dich, du -treulose Frau, im Pferdestalle mit eigenen Händen durchpeitschen. Ihn -aber, den Schurken, werde ich gleich morgen ins Zuchthaus schicken.« - -So hatte Boris Timofejitsch beschlossen; sein Beschluß wurde aber nicht -zur Tat. - - - - - V - - -Boris Timofejitsch aß an diesem Abend einen Brei mit Pilzen und fühlte -gleich darauf ein Brennen im Schlunde; es zwickte ihn im Magen, er bekam -Erbrechen und starb gegen Morgen auf die gleiche Weise, wie die Ratten -in seinem Speicher. Für die Ratten aber pflegte Katerina Lwowna mit -eigenen Händen eine Speise mit einem gefährlichen weißen Pulver, das sie -in Verwahrung hatte, anzurichten. - -Katerina Lwowna ließ ihren Ssergej sofort aus der gemauerten Kammer -heraus und legte ihn, ganz ohne Scheu vor den Leuten, auf das Bett ihres -Mannes, damit er sich nach den Schlägen des Schwiegervaters erhole; dem -Schwiegervater Boris Timofejitsch gab sie aber ein christliches -Begräbnis. Seltsamerweise machte sich niemand über den Tod des Alten -irgendwelche Gedanken. Boris Timofejitsch war eben gestorben, wie viele -nach dem Genuß von Pilzen starben. Man beerdigte ihn in aller Eile, ohne -selbst die Rückkehr des Sohnes abzuwarten, denn die Tage waren heiß; der -nach Sinowij Borissowitsch geschickte Bote hatte ihn auf der Mühle nicht -angetroffen. Sinowij Borissowitsch hatte gerade die Gelegenheit, einen -Wald, der hundert Werst weiter lag, billig zu kaufen; er war -hingefahren, um sich den Wald anzusehen, und hatte niemandem angesagt, -wo dieser Wald liege. - -Nachdem Katerina Lwowna dieses erledigt hatte, geriet sie ganz außer -Rand und Band. Sie war ja auch sonst keine schüchterne Frau; jetzt -konnte man aber unmöglich erraten, was sie noch alles vorhatte. Sie geht -stolz einher, kommandiert das ganze Haus und läßt Ssergej nicht von -ihrer Seite. Das kam dem Hausgesinde anfangs etwas merkwürdig vor, -Katerina Lwowna verstand aber, die Leute so reich zu beschenken, daß -ihnen das Staunen verging. Sie sagten sich nur: Die Frau hat wohl mit -dem Ssergej angebandelt. Das ist ihre Sache, und nur sie allein wird -sich dafür zu verantworten haben. - -Ssergej genas indessen von seinen Wunden, ging wieder aufrecht einher, -tänzelte stolz wie ein Falke um Katerina Lwowna, und die beiden hatten -wieder das allerschönste Leben. Die Zeit rollte aber nicht nur für sie -beide dahin: der beleidigte Gatte Sinowij Borissowitsch eilte nach -langer Abwesenheit nach Hause. - - - - - VI - - -Es war ein glühheißer Nachmittag, und die Fliegen ließen keine Ruhe. -Katerina Lwowna schloß die Fenster des Schlafzimmers, verhängte es von -innen mit einem wollenen Tuche und legte sich mit Ssergej auf das -hochgetürmte Bett, um nach dem Essen auszuruhen. Katerina Lwowna weiß -nicht, ob sie schläft oder wacht, es ist aber so furchtbar heiß, der -Schweiß läuft ihr von der Stirne, und sie kann vor Hitze kaum atmen. -Katerina Lwowna fühlt, daß es nun Zeit ist, aufzuwachen; daß es Zeit -ist, in den Garten zu gehen, um Tee zu trinken; sie kann aber unmöglich -aufstehen. Endlich kommt die Köchin vor die Schlafzimmertüre und klopft: -»Der Samowar unter dem Apfelbaume wird kalt.« Katerina Lwowna erwacht -und beginnt den Kater zu tätscheln. Zwischen ihr und Ssergej wälzt sich -auf dem Bette ein prächtiger, grauer Kater; er ist groß und wohlgenährt -und hat einen so mächtigen Schnurrbart wie ein Amtmann. Katerina Lwowna -streichelt ihm das weiche Fell, und er schnuppert immer mit seiner -stumpfen Schnauze an ihrem prallen Busen und schnurrt ein leises Lied, -wie wenn er von der Liebe sprechen wollte. »Wie kommt nur der Kater -her?« fragt sich Katerina Lwowna. »Ich habe hier auf dem Fenster Sahne -stehen, er wird sie sicher fressen. Ich muß ihn hinauswerfen!« sagt sie -sich und greift nach dem Kater. Er ist aber unter ihren Fingern wie ein -Nebel verschwunden. »Wie kommt nur der Kater zu uns her?« denkt sich -Katerina Lwowna im Halbschlummer. »In unserm Schlafzimmer hat es doch -niemals einen Kater gegeben, und auf einmal ist so ein Vieh da!« Sie -will wieder nach dem Kater greifen, und er ist schon wieder weg. »Was -ist denn das? Ist es denn nur ein Kater?« fragt sich Katerina Lwowna -wieder. Sie bekommt Angst, und ihre ganze Schläfrigkeit ist auf einmal -wie weggeblasen. Sie sieht sich um -- es ist gar kein Kater in der -Stube, an ihrer Seite liegt nur der hübsche Ssergej und drückt mit -seiner starken Hand ihre Brust gegen sein glühendes Gesicht. - -Katerina Lwowna stand auf, setzte sich auf das Bett und begann ihren -Ssergej zu küssen und zu liebkosen. Dann richtete sie die zerwühlten -Kissen und ging in den Garten, um Tee zu trinken. Die Sonne stand aber -schon tief am Himmel, und auf die warme Erde senkte sich ein märchenhaft -schöner Abend. - -»Ich habe zu lange geschlafen,« sagte Katerina Lwowna zu Aksinja und -setzte sich auf den Teppich unter den blühenden Apfelbaum. »Aksinja, was -mag das bedeuten?« fragte sie die Köchin, die Tassen mit dem Handtuch -abwischend. - -»Was denn, Mütterchen?« - -»Es war kein Traum, ich sah es im Wachen, wie sich an mich irgendein -Kater schmiegte.« - -»Was redest du?« - -»Es war wirklich ein Kater.« - -Und Katerina Lwowna erzählte ihr, was sie eben erlebt hatte. - -»Was brauchtest du ihn zu streicheln?« - -»Das weiß ich selbst nicht, warum ich ihn gestreichelt habe.« - -»Es ist doch seltsam!« rief die Köchin aus. - -»Es kommt auch mir seltsam vor.« - -»Das bedeutet sicher, daß dir etwas zustößt.« - -»Was soll mir zustoßen?« - -»_Was_ dir zustoßen wird, kann dir, meine Liebe, niemand erklären. Es -wird dir aber sicher etwas zustoßen.« - -»Ich habe den Mond im Traume gesehen, und dann kam dieser Kater,« fuhr -Katerina Lwowna fort. - -»Der Mond bedeutet ein Kind.« - -Katerina Lwowna errötete. - -»Soll ich dir nicht den Ssergej herschicken?« fragte Aksinja mit der -Vertraulichkeit einer Freundin. - -»Meinetwegen,« antwortete Katerina Lwowna. »Schick ihn mir wirklich her: -ich will mit ihm Tee trinken.« - -»Darum frage ich auch, ob ich ihn herschicken soll,« sagte Aksinja und -wackelte wie eine Ente zum Gartentor. - -Katerina Lwowna erzählte auch Ssergej das von dem Kater. - -»Es ist nichts als Einbildung,« antwortete Ssergej. - -»Warum habe ich aber früher diese Einbildung niemals gehabt, -Sserjoscha?« - -»Ja, früher war manches anders! Früher verschmachtete mir das Herz, wenn -ich dich auch nur mit einem Auge ansah, und heute habe ich deinen ganzen -weißen Leib in meiner Gewalt.« - -Ssergej nahm Katerina Lwowna auf die Arme, drehte sie einmal in der Luft -um und warf sie auf den weichen Teppich. - -»Ach, es schwindelt mir!« sagte Katerina Lwowna. - -»Sserjoscha, komm einmal her, setz dich zu mir,« rief sie, sich -wollüstig streckend. - -Ssergej beugte sich, trat unter die tief herabhängenden, mit weißen -Blüten beladenen Äste des Apfelbaumes und setzte sich auf den Teppich -Katerina Lwowna zu Füßen. - -»Hast du wirklich nach mir geschmachtet, Sserjoscha?« - -»Gewiß, ich habe wohl geschmachtet.« - -»Wie hast du geschmachtet? Erzähl es mir!« - -»Kann man es denn erklären, wie man schmachtet? Ich habe mich halt nach -dir gesehnt.« - -»Warum habe ich nicht gefühlt, daß du dich nach mir sehntest, -Sserjoscha? Es heißt ja, daß man so was immer fühlt.« - -Ssergej gab keine Antwort. - -»Warum hast du immer gesungen, wenn du dich wirklich nach mir gesehnt -hast? Ich hab ja gehört, wie du auf der Galerie deine Lieder sangst,« -fragte Katerina Lwowna unter Küssen und Liebkosungen. - -»Was folgt daraus, daß ich gesungen habe? Auch die Mücke singt ihr Leben -lang, doch nicht vor Freude,« antwortete Ssergej trocken. - -Es entstand eine Pause. Ssergejs Geständnis erfüllte Katerina Lwowna mit -höchster Freude. - -Sie wollte noch mehr darüber sprechen, aber Ssergej runzelte die Stirne -und schwieg. - -»Schau nur, Sserjoscha, was das für ein Paradies ist!« rief Katerina -Lwowna aus, durch die dichten Zweige des blühenden Apfelbaumes in den -heiteren blauen Himmel mit dem Vollmond blickend. - -Das Mondlicht drang durch die Blüten und Blätter des Apfelbaumes und -überschüttete die Figur und das Gesicht der auf dem Rücken liegenden -Katerina Lwowna mit zauberhaften Lichtflecken. Ein leiser warmer -Windhauch bewegte kaum die schlafenden Blätter und brachte den feinen -Duft der blühenden Gräser und Bäume. Die Luft flößte eine süße -Mattigkeit, Wollust und dunkles Sehnen ein. - -Ssergej sagte noch immer nichts, und Katerina Lwowna hielt wieder inne -und blickte durch die blaßrosa Apfelblüten zum Himmel empor. Auch -Ssergej schwieg; der Himmel schien ihn aber nicht zu interessieren. Er -saß, seine Knie mit beiden Armen umschlingend, und betrachtete -aufmerksam seine Stiefel. - -Eine goldene Nacht! Stille, Licht, Duft und belebende Wärme. In der -Ferne hinter dem Garten stimmte jemand ein wohlklingendes Lied an. In -den dichten Faulbeersträuchern am Zaune begann eine Nachtigall zu -schlagen; im Bauer an der hohen Stange zwitscherte eine verschlafene -Wachtel. Man hörte das wohlgenährte Pferd im Stalle atmen und sah eine -lustige Hundeschar über die Wiese hinter dem Gartenzaune lautlos rennen -und in dem formlosen schwarzen Schatten der zerfallenen alten -Salzspeicher verschwinden. - -Katerina Lwowna stützte sich auf einen Ellenbogen und blickte auf das -hohe Gras, das im Mondlichte schimmerte. Es sah wie vergoldet aus, -seltsame Mondflecken huschten wie leuchtende Falter durch die Halme, und -das Gras unter den Bäumen schien, in das Netz der Mondlichtstrahlen -verfangen, hin und her zu schwanken. - -»Ach, Sserjoscha, schau nur, wie schön es ist!« rief Katerina Lwowna -aus. - -Ssergej sah sich gleichgültig um. - -»Was bist du heute so freudlos, Sserjoscha? Bist du vielleicht meiner -Liebe schon überdrüssig?« - -»Sprich nicht solchen Unsinn!« antwortete Ssergej trocken. Er beugte -sich träge zu ihr und küßte sie. - -»Du bist treulos, Sserjoscha,« sagte Katerina Lwowna, »du bist gar zu -unbeständig.« - -»Ich kann diese Worte gar nicht auf mich beziehen,« antwortete Ssergej -ruhig. - -»Warum küßt du mich dann so lässig?« - -Ssergej gab keine Antwort. - -»Nur die Ehemänner küssen ihre Frauen so,« fuhr Katerina Lwowna fort, -mit seinen Locken spielend, »wie wenn sie die Lippen nur abstauben -wollten. Küsse mich, daß die jungen Blüten vom Apfelbaume, unter dem wir -sitzen, herabfallen!« - -»Siehst du, so!« flüsterte Katerina Lwowna, ihren Geliebten umschlingend -und mit leidenschaftlichen Küssen überschüttend. - -»Hör einmal, Sserjoscha,« fuhr Katerina Lwowna nach einer Weile fort: -»warum sagen die Leute, daß du treulos bist?« - -»Wer wird mich so verleumden?« - -»Alle sagen es.« - -»Es mag ja sein, daß ich gegen solche treulos war, die meine Liebe gar -nicht verdienten.« - -»Warum hast du dich denn mit solchen eingelassen? Eine, die es nicht -verdient, soll man gar nicht lieben.« - -»Ja, das ist leicht gesagt! Überlegt man sich denn so eine Sache zuvor? -In solchen Dingen wirkt die Versuchung allein. Kaum hat unsereiner so -ganz ohne jede Absicht sein Gebot übertreten, als sie sich ihm gleich an -den Hals hängt. Das ist die ganze Liebe!« - -»Hör einmal, Sserjoscha! Wie die andern waren, weiß ich nicht und will -es auch gar nicht wissen. Zu unserer Liebe hast du mich aber selbst -verführt, du weißt, daß deine Verführungskünste ebenso stark waren wie -mein eigener Wille. Darum muß ich es dir sagen: und wenn du mir auch -einmal untreu wirst, und wenn du mir eine andere vorziehst, so werde -ich, nimm es mir nicht übel, solange ich lebe, nicht von dir lassen!« - -Ssergej fuhr zusammen. - -»Katerina Lwowna, du Licht meiner Seele!« sagte er. »Betrachte einmal -selbst, wie unsere Sache steht. Du siehst nur, daß ich heute -nachdenklich bin; du fragst dich gar nicht, warum ich es bin. Vielleicht -ertrinkt jetzt mein Herz in geronnenem Blut.« - -»Sserjoscha, erzähle alles, was dich so bedrückt.« - -»Was soll ich viel erzählen! Da wird bald mit Gottes Hilfe dein Mann -gefahren kommen, und es wird gleich heißen: Ssergej Philippowitsch, geh -jetzt auf den Hinterhof zu den Spielleuten und sieh hinter der Scheune -zu, wie im Schlafzimmer Katerina Lwownas ein Lichtlein brennt, wie sie -ihr Bett aufrüttelt und sich mit ihrem ehelichen Gemahl Sinowij -Borissowitsch zur Ruhe begibt.« - -»Das wird niemals sein!« rief Katerina Lwowna voll ausgelassener Freude -und winkte mit der Hand. - -»Warum sollte das nicht sein? Ich glaube, daß es unbedingt so sein wird. -Aber auch ich habe ein Herz, Katerina Lwowna, das jede Pein empfindet.« - -»Genug davon!« - -Ssergejs Eifersucht machte Katerina Lwowna großes Vergnügen. Sie lachte -auf und begann ihn wieder zu küssen. - -»Und dann muß ich noch dieses sagen«, fuhr Ssergej fort, seinen Kopf -behutsam aus den nackten Armen Katerina Lwownas befreiend: »Und dann muß -ich noch dieses sagen: mein niederer Stand zwingt mich, mir die Sache -doppelt und zehnfach zu überlegen. Wäre ich Ihnen gleich, wäre ich ein -vornehmer Herr oder Kaufmann, so würde ich mich von Ihnen, Katerina -Lwowna, niemals trennen. Wie stehe ich aber vor Ihnen da? Wenn ich sehe, -wie man Sie bei Ihren weißen Händchen nimmt und ins Schlafzimmer führt, -wenn mein Herz das alles über sich ergehen lassen muß, so werde ich mir -selbst vielleicht mein ganzes Leben lang ein Ekel sein. Katerina Lwowna! -Ich bin nicht wie die andern, die bei der Frau nur Vergnügen suchen. Ich -weiß, was die Liebe ist, und fühle, wie sie als schwarze Schlange an -meinem Herzen saugt ...« - -»Was redest du heute in einem fort?« unterbrach ihn Katerina Lwowna. - -Sie hatte mit Ssergej Mitleid. - -»Katerina Lwowna! Wie sollte ich davon nicht reden? Wenn es vielleicht -schon bestimmt und beschlossen ist, daß Ssergej nicht etwa in der -Zukunft, sondern schon morgen dieses Haus räumen muß ...« - -»Nein, nein, sprich nicht davon, Sserjoscha! Es ist unmöglich, daß ich -ohne dich bleibe«, suchte ihn Katerina Lwowna zu beruhigen. »Wenn es -einmal so weit ist, so muß entweder er oder ich aus dem Leben scheiden. -Du aber bleibst in jedem Falle bei mir.« - -»Das kann unmöglich sein, Katerina Lwowna«, sagte Ssergej, mit traurigem -Kopfschütteln. »Diese Liebe macht mich nicht froh. Wenn ich jemanden -liebte, der mir gleich wäre, so wäre ich zufrieden. Wie kann ich aber -daran auch nur denken, daß Sie immer mit mir bleiben? Ist es denn eine -Ehre für Sie, meine Geliebte zu sein? Ich wollte, ich könnte vor dem -heiligen Altar des ewigen Gottes Ihr Gatte werden; ich würde mich dann -zwar immer für geringer halten als Sie, wäre aber froh, den Leuten zu -zeigen, was für Ehren ich bei meiner Frau dank meiner Liebe genieße ...« - -Katerina Lwowna war von diesen Worten Ssergejs, von seiner Eifersucht -und seinem Wunsche, sie zu heiraten, wie berauscht: solch ein Wunsch ist -der Frau stets angenehm, selbst wenn sie vor der Verheiratung ein noch -so kurzes Verhältnis mit dem Manne gehabt hat. Katerina Lwowna war jetzt -bereit, für Ssergej ins Feuer und Wasser zu gehen, Kerker und Kreuz zu -erdulden. Er hatte sie so verliebt gemacht, daß ihre Ergebenheit ganz -grenzenlos war. Sie war vor Glück wie wahnsinnig; ihr Blut siedete, und -sie konnte nichts mehr hören. Sie drückte ihm den Mund mit der Hand zu, -schmiegte seinen Kopf an ihre Brust und sagte: - -»Ich weiß schon, wie ich es einrichte, daß du ein Kaufmann wirst und ich -mit dir in richtiger Ehe zusammenleben kann. Mache mir aber jetzt keinen -Kummer, solange wir noch nicht so weit sind.« - -Und sie überschüttete ihn wieder mit ihren Küssen. - -Der alte Verwalter, der in der Scheune schlief, hörte in der Stille der -Nacht bald ein Flüstern und Kichern, als ob ausgelassene Kinder sich -berieten, wie sie den Alten einen Streich spielen könnten; bald ein -helles lustiges Lachen, wie wenn die Nixen im See jemand kitzelten. -Katerina Lwowna wälzte sich, vom Mondlichte übergossen, auf dem weichen -Teppich und spielte mit dem jungen Burschen. Die weißen Blüten des -Apfelbaums regneten auf sie herab und hörten schließlich zu regnen auf. -Die kurze Sommernacht ging aber zu Ende, der Mond zog sich hinter den -steilen Giebel des hohen Speichers zurück und blickte auf die Erde immer -trüber herab; vom Küchendache herab erklang ein durchdringendes -Katzenduett; dann hörte man ein böses Fauchen, und gleich darauf rollten -zwei oder drei Katzen vom Dache herab. - -»Komm schlafen«, sagte Katerina Lwowna, langsam, wie zerschlagen, stand -vom Teppich auf und ging im bloßen Hemd und Unterrock, so wie sie war, -durch den stillen, wie ausgestorbenen Hof. Ssergej trug ihr aber den -Teppich und die Jacke nach, die sie im mutwilligen Spiel von sich -geworfen hatte. - - - - - VII - - -Kaum hatte Katerina Lwowna die Kerze ausgeblasen und sich auf dem -weichen Pfühle ausgestreckt, als sie auch sofort einschlief. Nach den -ausgelassenen Spielen dieser Nacht schläft sie so fest, daß auch Arme -und Beine wie erstarrt sind; und sie hört durch den Schlaf, wie die Türe -aufgeht und der gestrige Kater als ein schweres Knäuel aufs Bett -springt. - -»Was ist das für eine Plage mit diesem Kater?« fragt sich die todmüde -Katerina Lwowna. »Ich habe ja die Türe mit eigenen Händen zugesperrt und -auch das Fenster geschlossen, und er ist schon wieder da. Gleich werde -ich ihn hinauswerfen!« Katerina Lwowna wollte schon aufstehen, aber die -schlafenden Arme und Beine gehorchten ihr nicht. Der Kater stieg aber -auf ihrem Körper umher und schnurrte so seltsam, wie wenn er -Menschenworte spräche. Katerina Lwowna überlief es kalt. - -»Morgen muß ich ganz bestimmt Weihwasser mit ins Bett nehmen«, sagt sie -sich, »anders kann ich diesen seltsamen Kater gar nicht los werden!« - -Der Kater aber schnurrt ihr dicht vor dem Ohre und spricht: »Bin ich -denn ein Kater? Du urteilst nicht klug, Katerina Lwowna, wenn du mich -für einen Kater hältst. Ich bin ja der ehrengeachtete Kaufmann Boris -Timofejitsch. Ich sehe jetzt bloß darum so schlecht aus, weil mir nach -dem Imbiß, den mir meine liebe Schwiegertochter vorgesetzt hat, alle -Gedärme gesprungen sind. Darum erscheine ich auch denen, die von der -Sache wenig verstehen, als ein Kater. Wie geht es dir nun jetzt, -Katerina Lwowna? Wie beobachtest du Gottes Gebot? Ich bin vom Friedhofe -hergekommen, um zu sehen, wie du mit Ssergej Philippowitsch das Bett -deines Mannes wärmst. Schnurr -- Murr, ich sehe ja nichts. Fürchte mich -nicht: nach deinem Imbiß sind mir, wie du siehst, auch die Augen -ausgelaufen. Schau mir doch in die Augen, meine Liebe, fürchte dich -nicht!« - -Katerina Lwowna sah hin und schrie vor Entsetzen auf. Zwischen ihr und -Ssergej liegt wieder der Kater. Er hat den Kopf des Boris Timofejitsch -in der gleichen Größe, wie ihn der Verstorbene bei Lebzeiten gehabt hat, -und statt der Augen Feuerkreise, die sich nach verschiedenen Richtungen -drehen. - -Ssergej erwachte, beruhigte Katerina Lwowna und schlief wieder ein. Sie -konnte aber nicht mehr einschlafen, und das war gut. - -Sie liegt mit offenen Augen da, und plötzlich kommt es ihr vor, als ob -jemand über das Tor in den Hof gestiegen wäre. Sie hört, wie die Hunde -aufspringen, sich aber gleich wieder beruhigen, wie wenn sie jemand -streichelte. Es vergeht eine Minute, und sie hört, wie der Riegel unten -zurückgeschoben wird und wie die Haustür aufgeht. »Entweder kommt mir -das alles nur so vor, oder mein Sinowij Borissowitsch ist eben -zurückgekehrt und hat die Türe mit seinem Schlüssel aufgemacht«, dachte -sich Katerina Lwowna und stieß Ssergej in die Seite. - -»Sserjoscha, hör einmal«, sagte sie, sich auf einen Ellenbogen -aufrichtend und die Ohren spitzend. - -Jemand stieg tatsächlich die Treppe hinauf und näherte sich langsam mit -leisen Schritten der versperrten Schlafzimmertüre. - -Katerina Lwowna sprang schnell im bloßen Hemd aus dem Bett und machte -das Fenster auf. Ssergej stürzte im gleichen Augenblick auf die Galerie -und umschlang mit den Beinen den Balken, an dem er schon mehr als einmal -aus dem Schlafzimmer der Hausfrau hinuntergeglitten war. - -»Nein, du sollst nicht fort! Leg dich hier nieder ... Bleib in meiner -Nähe«, flüsterte Katerina Lwowna und warf ihm durch das Fenster seine -Kleider und Schuhe zu. Sie selbst schlüpfte aber wieder unter die -Bettdecke und wartete. - -Ssergej hörte auf Katerina Lwowna; er glitt den Balken nicht hinunter, -sondern kauerte sich auf der Galerie unter dem Dachvorsprung nieder. - -Katerina Lwowna hört indessen, wie ihr Mann dicht vor die Türe kommt und -mit verhaltenem Atem lauscht. Sie hört sogar sein Herz vor Eifersucht -klopfen; sie fühlt aber kein Mitleid, sondern nur ein böses Lachen in -sich aufsteigen. - -»Ja, suche nur den gestrigen Tag!« denkt sie sich und lächelt so -unschuldig wie ein neugeborenes Kind. - -Das dauerte an die zehn Minuten. Schließlich wurde es Sinowij -Borissowitsch zu dumm, draußen zu stehen und zu lauschen, wie seine Frau -schläft. Er klopfte an ... - -»Wer ist da?« rief Katerina Lwowna nach einer Weile mit verschlafener -Stimme. - -»Einer von der Familie«, antwortete Sinowij Borissowitsch. - -»Bist du es, Sinowij Borissowitsch?« - -»Natürlich! Als ob du es nicht hörtest!« - -Katerina Lwowna sprang im bloßen Hemd auf, ließ den Mann ein und -schlüpfte wieder in das warme Bett. - -»Vor Sonnenaufgang ist es immer so kalt,« sagte sie, sich in die Decke -hüllend. - -Sinowij Borissowitsch trat ein, sah sich um, betete vor dem -Heiligenbilde und sah sich wieder um. - -»Nun, wie geht es dir?« fragte er seine Frau. - -»Es geht«, antwortete Katerina Lwowna, sich aufsetzend und eine vorne -offene Jacke anziehend. - -»Ich soll wohl den Samowar bereiten?« fragte sie. - -»Nein, wecke die Aksinja, daß sie es macht.« - -Katerina Lwowna schlüpfte in die Schuhe und lief hinaus. Eine halbe -Stunde blieb sie fort. In dieser Zeit machte sie den Samowar und schlich -sich leise auf die Galerie hinaus. - -»Bleib da!« flüsterte sie Ssergej zu. - -»Wie lange soll ich noch sitzen?« fragte Sserjoscha gleichfalls -flüsternd. - -»Wie dumm du doch bist! Sitz, bis ich dich rufe.« - -Und Katerina Lwowna setzte ihn wieder auf die gleiche Stelle hin. - -Ssergej konnte aber von der Galerie alles hören, was im Schlafzimmer -vorging. Er hörte, wie die Türe wieder aufging und wie Katerina Lwowna -zu ihrem Mann zurückkehrte. Jedes Wort konnte er hören. - -»Was hast du so lange getrieben?« fragte Sinowij Borissowitsch seine -Frau. - -»Den Samowar habe ich gemacht«, antwortet sie ruhig. - -Es vergehen wieder einige Minuten. Ssergej hört, wie Sinowij -Borissowitsch seinen Rock auf den Kleiderrechen hängt. Nun wäscht er -sich und spritzt mit dem Wasser umher; dann läßt er sich ein Handtuch -geben; dann beginnt er wieder ein Gespräch. - -»Wie habt ihr den Vater beerdigt?« fragt er. - -»Er ist verschieden, und wir haben ihn beerdigt«, antwortet sie. - -»Das ist doch wirklich sonderbar!« - -»Gott allein weiß, wie es gekommen ist,« antwortet Katerina Lwowna, mit -den Teetassen klappernd. - -Sinowij Borissowitsch geht nachdenklich durch das Zimmer. - -»Nun, und wie hast du die Zeit verbracht?« fragt Sinowij Borissowitsch -seine Frau von neuem aus. - -»Ich glaube, unser Zeitvertreib ist jedermann bekannt; Bälle besuchen -wir nicht, Theater ebenfalls nicht.« - -»Du scheinst dich aber wenig über die Rückkehr des Gatten zu freuen!« -beginnt Sinowij Borissowitsch wieder, sie scheel anblickend. - -»Wir beide sind ja nicht mehr so jung, daß wir vor Freude den Verstand -verlieren sollen! Was soll ich mich auch freuen? Nun muß ich wieder für -dich arbeiten und herumrennen!« - -Katerina Lwowna lief hinaus, um den Samowar zu holen, machte wieder -einen Sprung auf die Galerie zu Ssergej, zupfte ihn am Ärmel und sagte -ihm: »Sserjoscha, paß jetzt auf!« - -Ssergej wußte zwar nicht recht, was jetzt kommen sollte, machte sich -aber bereit. - -Katerina Lwowna kehrte ins Schlafzimmer zurück. Sinowij Borissowitsch -kniete eben auf dem Bett und hängte über dem Kopfende seine silberne Uhr -mit der Glasperlenkette auf. - -»Sagen Sie mir einmal, Katerina Lwowna, warum haben Sie, wo Sie allein -waren, beide Betten aufgedeckt?« fragte er plötzlich die Frau mit -seltsamem Ausdruck. - -»Ich habe Sie immer erwartet«, antwortete Katerina Lwowna, ihn ruhig -anblickend. - -»Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar ... Wie kommt aber dieser Gegenstand -zu Ihnen ins Bett?« - -Sinowij Borissowitsch hob von ihrem Bett den wollenen Gürtel Ssergejs -auf und hielt ihn ihr vor die Augen. - -Katerina Lwowna verlor gar nicht die Fassung. - -»Ich habe ihn im Garten gefunden und mir damit den Rock festgebunden.« - -»So, so!« sagte Sinowij Borissowitsch mit eigentümlicher Betonung. »Von -Ihren Röcken haben wir ja auch manches gehört.« - -»Was haben Sie gehört?« - -»Manches von Ihren Heldentaten!« - -»Ich weiß nichts von Heldentaten.« - -»Das werden wir alles untersuchen«, antwortete Sinowij Borissowitsch, -der Frau seine geleerte Teetasse zuschiebend. - -»Wir werden alle Ihre Taten ans Licht bringen«, sagte Sinowij -Borissowitsch nach einer langen Pause, die Brauen runzelnd. - -»Ihre Katerina Lwowna ist gar nicht so furchtsam. Sie hat keine Angst -davor«, antwortet sie. - -»Was?!« herrschte sie Sinowij Borissowitsch mit erhobener Stimme an. - -»Nichts, ist schon vorbei«, antwortete die Frau. - -»Du, paß auf! Du bist mir hier allzu gesprächig geworden!« - -»Warum soll ich auch nicht gesprächig sein?« erwiderte Katerina Lwowna. - -»Hättest doch mehr acht auf dein Benehmen gegeben!« - -»Das brauche ich nicht. Ich kann gar nicht wissen, was die bösen Zungen -über mich alles gesagt haben, und nun muß ich alle diese Schimpfreden -über mich ergehen lassen. Das ist doch wirklich unerhört!« - -»Ich spreche nicht von den bösen Zungen, mir sind aber alle Ihre -Liebesabenteuer bekannt.« - -»Was für Liebesabenteuer?« schrie Katerina Lwowna in aufrichtigem Zorne -auf. - -»Das weiß ich schon selbst.« - -»Und wenn Sie es wissen, so sagen Sie es mir bitte!« - -Sinowij Borissowitsch antwortete nichts und schob der Frau wieder die -geleerte Tasse hin. - -»Offenbar wissen Sie selbst nicht, was zu sagen«, sagte Katerina Lwowna -verachtungsvoll und warf wütend den Teelöffel in die leere Tasse des -Mannes. »Nun, sagen Sie einmal, was Sie gehört haben? Wer soll mein -Geliebter sein?« - -»Keine Eile, Sie werden es schon hören.« - -»Hat man Ihnen vielleicht etwas von Ssergej gesagt?« - -»Das werden wir bald alles erfahren, Katerina Lwowna. Niemand hat mir -noch meine Gewalt über Sie genommen und niemand kann sie mir nehmen ... -Sie werden bald selbst alles sagen ...« - -»Ach! Das kann ich nicht leiden!« schrie Katerina Lwowna, mit den Zähnen -knirschend, auf, wurde kreideblaß und sprang plötzlich durch die Türe -hinaus. - -»Da ist er!« sagte sie nach wenigen Augenblicken, Ssergej bei der Hand -ins Zimmer führend. »Fragen Sie ihn und mich aus. Vielleicht wirst du -sogar etwas mehr erfahren, als dir lieb ist.« - -Sinowij Borissowitsch war ganz bestürzt. Er blickte bald Ssergej an, der -an der Schwelle stand, bald seine Frau, die ruhig, mit gekreuzten Armen -auf dem Bettrande saß, und wußte gar nicht, womit das alles enden -sollte. - -»Was hast du vor, du Schlange?« brachte er mit Mühe hervor, ohne vom -Sessel aufzustehen. - -»Frage mich nun aus, was du so gut weißt«, antwortete Katerina Lwowna -frech. »Du willst mich mit Schlägen einschüchtern«, fuhr sie fort, -bedeutungsvoll mit den Augen zwinkernd. »Das wird niemals sein! Was ich -aber vielleicht noch vor allen deinen Drohungen über dich beschlossen -habe, das werde ich jetzt tun.« - -»Was? Hinaus!« schrie Sinowij Borissowitsch Ssergej an. - -»Warum nicht gar!« höhnte Katerina Lwowna. - -Sie sperrte schnell die Türe zu, steckte den Schlüssel in die Tasche und -legte sich wieder in ihrer offenen Jacke aufs Bett. - -»Nun, Sserjoscha, mein Liebster, komm einmal her!« rief sie den Burschen -zu sich heran. - -Ssergej schüttelte seinen Lockenkopf und setzte sich kühn neben die -Hausfrau. - -»Mein Gott! Was ist denn das? Was wollt ihr, ihr Barbaren?!« schrie -Sinowij Borissowitsch, ganz rot vor Zorn, sich vom Sessel erhebend. - -»Wie? Paßt dir das nicht? Schau nur, schau nur, mein Liebster, wie schön -das ist!« - -Katerina Lwowna lachte auf und küßte vor den Augen ihres Mannes Ssergej -mit großer Leidenschaft. - -Im gleichen Augenblick brannte auf ihrer Wange ein betäubender Schlag, -und Sinowij Borissowitsch stürzte ans offene Fenster. - - - - - VIII - - -»Ach so! ... Ich danke dir, lieber Freund: nur darauf habe ich -gewartet!« schrie Katerina Lwowna auf. »Nun wird es wohl weder nach -meinem noch nach deinem Willen gehen ...« - -Mit einem Ruck stieß sie Ssergej von sich, stürzte sich auf den Mann, -packte ihn, noch ehe Sinowij Borissowitsch das Fenster erreicht hatte, -mit ihren feinen Fingern an der Kehle und warf ihn wie eine Hanfgarbe zu -Boden. - -Sinowij Borissowitsch schlug sich mit dem Nacken am Fußboden an und -wurde ganz wahnsinnig vor Entsetzen. Ein so schnelles Ende hatte er -nicht erwartet. Die erste Gewalttätigkeit seiner Frau gegen ihn zeigte -ihm, daß sie zu allem entschlossen sei, um ihn loszuwerden, und daß er -sich in höchster Gefahr befinde. Sinowij Borissowitsch hatte das alles -blitzartig im Augenblick seines Sturzes erfaßt; er schrie nicht einmal -auf, denn er wußte, daß seine Stimme kein Ohr erreichen und die Sache -nur noch beschleunigen würde. Er ließ seinen Blick schweigend um sich -schweifen, und richtete ihn zuletzt mit einem Ausdruck von Haß, Vorwurf -und Schmerz auf seine Frau, deren feine Finger seine Kehle -zusammenpreßten. - -Sinowij Borissowitsch wehrte sich nicht, seine Arme mit den geballten -Fäusten lagen ausgestreckt da und zuckten wie in einem Krampfe. Der eine -Arm war frei, den andern hatte Katerina Lwowna mit dem Knie gegen den -Boden gedrückt. - -»Halt ihn einmal fest,« flüsterte sie gleichgültig Ssergej zu und wandte -sich wieder zum Mann. - -Ssergej setzte sich rittlings auf seinen Herrn und drückte dessen beide -Hände mit den Knien gegen den Boden. Er wollte ihn unter den Händen -Katerina Lwownas an der Kehle fassen, schrie aber in diesem selben -Augenblick selbst wahnsinnig auf. Als Sinowij Borissowitsch seinen -Todfeind so nahe vor sich sah, nahm er seine letzten Kräfte zusammen: -mit einem verzweifelten Ruck befreite er seine Hände unter Ssergejs -Knie, packte ihn an den schwarzen Locken und biß sich wie ein wildes -Tier in seine Kehle fest. Dies dauerte aber nur wenige Augenblicke; -Sinowij Borissowitsch stöhnte schwer auf, und sein Kopf fiel wieder -zurück. - -Katerina Lwowna stand blaß, fast ohne zu atmen über den Mann und den -Geliebten gebeugt; in der rechten Hand hielt sie einen schweren -gegossenen Leuchter am oberen Ende, so daß der schwere Fuß nach unten -gerichtet war. Über die Schläfe und Wange Sinowij Borissowitschs -rieselte ein dünnes Bächlein hellroten Blutes. - -»Einen Popen ...« stöhnte Sinowij Borissowitsch dumpf, den Kopf voller -Ekel so weit es ging vor dem auf ihm sitzenden Ssergej zurückwerfend. -»Beichten ...« sagte er noch dumpfer, am ganzen Leibe zitternd und auf -das über sein Gesicht fließende warme Blut schielend. - -»Bist auch ohne Beichte gut,« flüsterte Katerina Lwowna. - -»Mach keine langen Geschichten,« sagte sie zu Ssergej. »Pack ihn einmal -ordentlich an der Gurgel.« - -Sinowij Borissowitsch röchelte. - -Katerina Lwowna beugte sich über ihn, preßte mit ihren Händen Ssergejs -Hände, die die Kehle ihres Mannes umklammerten, noch fester zusammen und -drückte ihr Ohr an dessen Brust. Nach fünf stummen Minuten stand sie auf -und sagte: - -»Es ist genug, er ist fertig.« - -Ssergej stand ebenfalls auf und holte tief Atem. Sinowij Borissowitsch -lag leblos mit eingedrückter Kehle und zerschmetterter Schläfe da. Auf -dem Fußboden links von seinem Kopfe war ein kleiner Blutfleck; aus der -kleinen Wunde, an der schon die Haare klebten, kam aber kein neues Blut -mehr. - -Ssergej trug die Leiche in den Keller unter der gemauerten -Vorratskammer, in die ihn vor nicht langer Zeit der selige Boris -Timofejitsch eingesperrt hatte, und kehrte bald ins Schlafzimmer zurück. -Katerina Lwowna hatte die Ärmel ihrer Jacke aufgekrempelt und den Saum -ihres Rockes gerafft und wusch mit Seife den Blutfleck, den Sinowij -Borissowitsch auf dem Fußboden seines Schlafzimmers hinterlassen hatte. -Der Samowar, aus dem er soeben den vergifteten Tee getrunken hatte, war -noch nicht erkaltet, und der Blutfleck ließ sich mit dem heißen Wasser -spurlos abwaschen. - -Katerina Lwowna nahm die kupferne Spülschale und einen eingeseiften -Bastwisch in die Hand. - -»Leuchte mir einmal,« sagte sie zu Ssergej, zu der Türe gehend. »Halte -die Kerze tiefer!« sagte sie, die Dielenbretter untersuchend, über die -Ssergej die Leiche in den Keller geschleppt hatte. - -Nur an zwei Stellen waren auf der gestrichenen Diele zwei kirschengroße -Flecke zu sehen. Katerina Lwowna rieb sie mit dem Bastwisch, und sie -verschwanden spurlos. - -»Nun wirst du nicht mehr wie ein Dieb zu deiner Frau schleichen und sie -belauern,« sagte Katerina Lwowna, sich aufrichtend und einen Blick zur -Vorratskammer werfend. - -»Jetzt ist Schluß,« sagte Ssergej und fuhr vor dem Klange seiner eigenen -Stimme zusammen. - -Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrten, zeigte sich im Osten schon der -erste feine Streif des Morgenrots, das die blühenden Apfelbäume mit -schwachem goldenem Scheine übergoß und durch das grüne Gartengitter in -das Schlafzimmer Katerina Lwownas hereinblickte. - -Über den Hof ging aus der Scheune in die Küche, den Schafspelz über die -Schultern geworfen, gähnend und sich bekreuzigend, der alte Verwalter. - -Katerina Lwowna schloß leise den Fensterladen und warf einen -durchdringenden Blick auf Ssergej, als wollte sie ihm in die Tiefe -seiner Seele blicken. - -»Nun bist du Kaufmann,« sagte sie, ihm ihre weißen Hände auf die -Schultern legend. - -Ssergej erwiderte nichts. - -Er zitterte wie im Fieber. Katerina Lwowna fühlte nur Kälte um die -Lippen. - -Nach zwei Tagen hatte Ssergej an beiden Händen Schwielen, die vom -Brecheisen und dem schweren Spaten herrührten. Sinowij Borissowitsch war -dafür so gut verwahrt, daß ihn vor der allgemeinen Auferstehung wohl -niemand ohne Beihilfe Katerina Lwownas und ihres Geliebten finden würde. - - - - - IX - - -Ssergej trug ein rotes wollenes Halstuch und klagte über Halsschmerzen. -Ehe aber die Male von den Zähnen Sinowij Borissowitschs auf seinem Halse -vernarbt waren, fiel den Leuten die allzu lange Abwesenheit des -Hausherrn auf. Ssergej selbst sprach am häufigsten von ihm. Wenn er -abends mit den anderen Burschen auf der Bank vor dem Tore saß, brachte -er oft die Rede auf ihn: »Was bleibt unser Herr so lange aus?« - -Auch die Burschen wunderten sich. - -Von der Mühle kam aber die Nachricht, daß Sinowij Borissowitsch schon -längst einen Wagen gedungen hatte und nach Hause abgereist war. Der -Kutscher, der ihn gefahren hatte, berichtete, daß Sinowij Borissowitsch -in einer seltsamen Aufregung gewesen sei; am Kloster, etwa drei Werst -vor der Stadt, sei er mit seiner Reisetasche aus dem Wagen gestiegen und -hätte den Kutscher entlassen. Als die Leute diesen Bericht hörten, -staunten sie noch mehr. - -Sinowij Borissowitsch schien spurlos verschwunden zu sein. - -Man fing zu suchen an, konnte aber auch nicht die geringste Spur finden. -Der Kutscher, den man bald verhaftete, wußte nur zu berichten, daß der -Kaufmann vor dem Kloster den Wagen verlassen und zu Fuß weitergegangen -sei. Die Sache blieb rätselhaft. Katerina Lwowna erfreute sich indessen -ihrer Witwenfreiheit und lebte mit Ssergej ohne jede Scheu zusammen. Man -meldete zwar ab und zu, daß man Sinowij Borissowitsch bald hier und bald -dort gesehen hätte, er kam aber nicht zurück, und Katerina Lwowna wußte -am besten, daß er überhaupt nicht mehr zurückkehren konnte. - -So verging ein Monat, ein zweiter und ein dritter, und Katerina Lwowna -fühlte sich in anderen Umständen. - -»Das Kapital wird uns zufallen, Sserjoscha: ich habe jetzt einen Erben,« -sagte sie zu Ssergej. Sie ging auf das Kaufmannsgericht und meldete, daß -sie in Umständen sei; die Geschäfte lägen brach; man möchte ihr daher -die Vollmacht geben, das Geschäft selbständig zu führen. - -Man durfte das alte Handelshaus doch nicht zugrunde gehen lassen; -Katerina Lwowna war ja die eheliche Gemahlin Sinowij Borissowitschs, -Schulden waren keine vorhanden, also konnte man ihr ohne Bedenken die -Vollmacht geben. - -Katerina Lwowna ist nun unumschränkte Herrin, und Ssergej wird auf ihren -Wunsch von allen Ssergej Philippowitsch genannt. Plötzlich kommt eine -ganz neue Sorge. Man meldet dem Bürgermeister aus Liwny, daß Sinowij -Borissowitsch nicht bloß mit eigenem Kapital Handel getrieben habe; in -seinem Geschäft hätte auch das Geld seines minderjährigen Neffen Fjodor -Ignatjewitsch Ljamin gesteckt, das sein eigenes Kapital um ein -Beträchtliches überstiegen habe; diese Sache müsse noch genauer -untersucht werden, und man dürfe nicht das ganze Geschäft Katerina -Lwowna allein anvertrauen. Als diese Nachricht eintraf, ließ der -Bürgermeister Katerina Lwowna zu sich kommen und teilte ihr alles mit. -Nach acht Tagen kommt aber aus Liwny eine alte Frau mit einem -halbwüchsigen Jungen. - -»Ich bin eine Base des seligen Boris Timofejitsch,« sagt sie, »und der -Junge ist mein Großneffe Fjodor Ljamin.« - -Katerina Lwowna nahm sie huldvoll auf. - -Als Ssergej die Gäste und den Empfang, den ihnen Katerina Lwowna -bereitete, sah, wurde er kreideblaß. - -»Was hast du?« fragte ihn Katerina Lwowna, als er gleich nach den Gästen -ins Haus trat und aufgeregt im Vorzimmer stehen blieb. - -»Nichts,« antwortete der Bursche, aus dem Vorzimmer wieder in den -Hausflur gehend. »Ich denke mir nur, was für eine wunderbare Stadt -dieses Liwny ist,« fügte er seufzend hinzu, die Haustüre hinter sich -schließend. - -»Was sollen wir jetzt anfangen?« fragte Ssergej Philippowitsch nachts am -Teetisch Katerina Lwowna. »Unsere Sache steht jetzt wohl sehr schlecht.« - -»Warum sollte sie schlecht stehen, Sserjoscha?« - -»Weil die Erbschaft geteilt werden wird. Wie willst du wirtschaften, -wenn dir kein Geld im Geschäfte bleibt?« - -»Glaubst du, daß es für dich nicht langen wird, Sserjoscha?« - -»Ich spreche nicht von mir, ich glaube nur, daß wir beide jetzt nicht -mehr so glücklich werden leben können.« - -»Warum glaubst du das, Sserjoscha?« - -»Ich liebe Sie, Katerina Lwowna, und möchte Sie als wirkliche Dame sehen -und nicht in der Lage, in der Sie vor Ihrer Heirat gelebt haben,« -antwortete Ssergej Philippowitsch. »Nun wird aber das Kapital so sehr -verringert, daß Sie noch ärmer sein werden, als Sie es als Mädchen -waren.« - -»Brauche ich denn das viele Geld, Sserjoscha?« - -»Es ist wohl möglich, Katerina Lwowna, daß Sie für das Geld gar kein -Interesse haben. Ich achte Sie aber so sehr, daß es mir schmerzlich sein -wird, zu sehen, wie die gemeinen und neidischen Menschen Sie anschauen -werden. Sie können darüber natürlich urteilen, wie es Ihnen beliebt, ich -bin aber der Ansicht, daß ich dann unmöglich so glücklich sein kann, wie -ich es bisher gewesen.« - -Und er redete in einem fort, daß dieser Fedja Ljamin ihn zum -unglücklichsten Menschen mache und daß er nicht mehr die Möglichkeit -habe, sie, Katerina Lwowna, vor den Augen der ganzen Kaufmannschaft zu -erhöhen und zu ehren. Wenn dieser Fedja nicht wäre, so bekäme Katerina -Lwowna, nachdem sie vor Ablauf der neunmonatlichen Frist nach dem -Verschwinden ihres Mannes ein Kind geboren haben würde, das ganze -Kapital; dann würde ihr gemeinsames Glück ganz grenzenlos sein. - - - - - X - - -Nach einiger Zeit hörte aber Ssergej ganz auf, von der Erbschaft zu -sprechen. Dafür nahm jetzt Fedja Ljamin alle Gedanken und Regungen -Katerina Lwownas gefangen. Sie war nun immer nachdenklich und gegen -Ssergej oft sogar unfreundlich. Ob sie schläft, oder den Geschäften -nachgeht, oder betet, -- immer denkt sie an das eine: »Wie ist es nun? -Warum muß ich seinetwegen das ganze Kapital verlieren? Ich habe so viel -durchgemacht, habe eine solche Sünde auf mich genommen, und er kommt -gefahren und nimmt mir ruhig alles ab ... Wenn er wenigstens ein -erwachsener Mensch wäre, aber er ist nur ein kleines Kind ...« - -In diesem Jahre kamen die Fröste früh. Von Sinowij Borissowitsch war -natürlich nichts zu hören. Katerina Lwowna nahm von Tag zu Tag an -Leibesumfang zu und war immer nachdenklich. In der Stadt sprachen die -Leute nur noch von ihr: die junge Ismajlowa ist doch immer kinderlos und -mager gewesen, und nun ist sie plötzlich so aufgedunsen. Das ist doch -seltsam! Der junge Miterbe Fedja Ljamin ging aber indessen in einem -leichten Halbpelz aus Eichhornfellen auf dem Hofe herum und brach mit -den Absätzen das Eis in den Pfützen ein. - -»Du, Fjodor Ignatjewitsch!« schrie ihm manchmal die Köchin Aksinja zu. -»Paßt es denn für dich, den Kaufmannssohn, in den Pfützen -herumzustapfen?« - -Der Miterbe, der Katerina Lwowna und ihrem Geliebten solche Sorgen -machte, sprang aber so vergnügt wie ein Böcklein den ganzen Tag herum; -nachts schlief er ruhig und sorglos unter der Obhut seiner Großtante und -dachte gar nicht daran, daß jemand ihm in den Weg treten und sein -glückliches Dasein verdunkeln könnte. - -Fedja lief so lange auf dem Hofe herum, bis er eines Tages die -Windpocken bekam. Zu den Windpocken gesellte sich auch eine -Lungenentzündung. Der Junge lag krank darnieder. Man behandelte ihn -zuerst mit allerlei Hausmitteln und ließ schließlich auch den Arzt -kommen. - -Der Arzt kam alle paar Tage ins Haus und schrieb Arzneien auf. Der Junge -bekam sie alle paar Stunden nach der Uhr. Die Großtante selbst gab sie -ihm ein. Manchmal mußte es auch Katerina Lwowna tun. - -»Bemühe dich einmal, Katerina,« sagte sie ihr. »Du bist gesegneten -Leibes, erwartest das Gericht Gottes, also kannst du dich auch einmal -bemühen.« - -Katerina Lwowna tat der Alten den Gefallen. Wenn jene in die Kirche -ging, um »für den auf dem Krankenlager liegenden Knaben Fjodor« zu beten -oder ein Stückchen Hostie für ihn zu holen, saß Katerina Lwowna am Bette -des Kranken und gab ihm pünktlich seine Arzneien ein. - -So ging die Alte auch am Festtage der Darstellung Mariä in die Kirche -zur Abendmesse und Frühmesse und bat Katerina Lwowna wieder, nach dem -Jungen zu sehen. Fedja ging es schon viel besser. - -Katerina Lwowna kommt zu Fedja ins Zimmer, er sitzt aber schon in seinem -Eichhornpelz auf dem Bette und liest. - -»Was liest du, Fedja?« fragte Katerina Lwowna, sich in den Sessel vor -seinem Bette setzend. - -»Ich lese im Heiligenleben, Tantchen.« - -»Ist es interessant?« - -»Sehr interessant, Tantchen.« - -Katerina Lwowna stützt den Kopf in die Hand und blickt auf Fedja, der -lautlos die Lippen bewegt. Wie wenn sich alle Dämonen von den Ketten -losgerissen hätten, bemächtigt sich ihrer plötzlich wieder der alte -Gedanke, daß dieser Junge ihr soviel Böses zufüge und daß es viel besser -wäre, wenn es ihn gar nicht auf der Welt gäbe. - --- Er ist krank, -- dachte sich Katerina Lwowna. -- Er nimmt Arzneien -ein ... Einem kranken Kind kann ja manches zustoßen ... Hinterher kann -man sagen, daß der Arzt eine unrechte Medizin verordnet hat ... - -»Ist es nicht Zeit, die Medizin zu nehmen, Fedja?« - -»Bitte, Tantchen!« sagte der Junge. Er schluckte die Medizin herunter -und fügte hinzu: »Das Buch ist sehr interessant, Tantchen, es wird darin -das Leben der Heiligen beschrieben.« - -»Lies nur, lies,« versetzte Katerina Lwowna. Sie sah sich kaltblütig im -Zimmer um und richtete den Blick auf das mit Eisblumen überzogene -Fenster. - -»Man muß die Fenster schließen lassen,« sagte sie. Dann ging sie durch -das Gastzimmer in den Saal und von dort zu sich ins Schlafzimmer. Hier -setzte sie sich hin. - -Nach etwa fünf Minuten trat ins Schlafzimmer in einem mit Seebärenfell -besetzten Halbpelz Ssergej. - -»Hat man die Fenster geschlossen?« fragte ihn Katerina Lwowna. - -»Man hat sie geschlossen,« antwortete Ssergej. Er putzte die Kerze und -stellte sich vor den Ofen. - -Beide schwiegen. - -»Heute geht die Abendmesse wohl nicht so bald zu Ende?« fragte Katerina -Lwowna. - -»Morgen ist ein großer Feiertag, der Gottesdienst wird heute lange -dauern,« antwortete Ssergej. - -Es entstand wieder eine Pause. - -»Ich muß nach Fedja schauen, er ist allein,« sagte Katerina Lwowna, sich -erhebend. - -»Allein?« fragte Ssergej, sie mürrisch anblickend. - -»Ja, allein,« antwortete sie leise: »Warum?« - -Von einem Augenpaar zum andern zuckten schnelle Blitze; aber keiner von -ihnen sagte ein Wort. - -Katerina Lwowna ging hinunter und machte eine Runde durch die leeren -Zimmer. Überall war es still; vor den Heiligenbildern brannten ruhig die -Lämpchen; ihr eigener Schatten huschte über die Wände; die Außenläden -waren schon geschlossen, und die Fensterscheiben tauten auf und tränten. -Fedja saß auf dem Bett und las. Als er Katerina erblickte, sagte er ihr: - -»Tantchen, legen Sie, bitte, dieses Buch weg und geben Sie mir das -andere, das auf dem Heiligenschrein liegt.« - -Katerina Lwowna erfüllte die Bitte des Neffen und gab ihm das Buch. - -»Willst du nicht einschlafen, Fedja?« - -»Nein, Tantchen, ich möchte auf die Großtante warten.« - -»Warum willst du auf sie warten?« - -»Sie versprach mir, geweihtes Brot von der Abendmesse mitzubringen.« - -Katerina Lwowna wurde plötzlich blaß: ihr eigenes Kind regte sich eben -zum erstenmal unter ihrem Herzen, und sie fühlte Kälte in der Brust. Sie -stand noch eine Weile mitten im Zimmer da und ging hinaus, die -erkaltenden Hände gegeneinander reibend. - -»Nun!« flüsterte sie, leise ins Schlafzimmer tretend, wo Ssergej noch -immer vor dem Ofen stand. - -»Was denn?« fragte Ssergej kaum hörbar. Ihm stockte der Atem. - -»Er ist allein.« - -Ssergej runzelte die Brauen und begann schwer zu atmen. - -»Komm!« sagte Katerina Lwowna hastig, sich zur Türe wendend. - -Ssergej zog sich schnell die Stiefel aus und fragte: - -»Was soll ich mitnehmen?« - -»Nichts!« hauchte Katerina Lwowna und führte ihn leise hinaus. - - - - - XI - - -Der kranke Knabe fuhr zusammen und ließ das Buch auf den Schoß sinken, -als Katerina Lwowna zum drittenmal zu ihm hereinkam. - -»Was hast du, Fedja?« - -»Ach, Tantchen, ich habe solche Angst, ich weiß selbst nicht warum,« -antwortete er, lächelnd und sich unruhig in eine Ecke des Bettes -drückend. - -»Wovor hast du Angst?« - -»Wer war eben mit Ihnen, Tantchen?« - -»Wo? Niemand war mit mir, mein Liebling.« - -»Niemand?« - -Der Knabe beugte sich zum Fußende des Bettes vor, kniff die Augen -zusammen, blickte zur Türe, durch die seine Tante soeben gekommen war, -und beruhigte sich. - -»Es ist mir wohl nur so vorgekommen,« sagte er. - -Katerina Lwowna lehnte sich an die Kopfwand seines Bettes. - -Fedja blickte die Tante an und fragte sie, warum sie so blaß sei. - -Katerina Lwowna hüstelte nur und blickte erwartungsvoll auf die Türe des -Gastzimmers. Dort knarrte leise ein Dielenbrett. - -»Ich lese eben die Lebensgeschichte meines Namenspatrons Fjodors des -Stratilaten. Was der für ein gottgefälliges Leben führte!« - -Katerina Lwowna stand schweigend da. - -»Tantchen, wollen Sie sich nicht hinsetzen? Ich möchte Ihnen vorlesen!« -sagte der Neffe, sie liebevoll anblickend. - -»Wart, ich komme gleich, ich will nur das Lämpchen im Saal richten,« -antwortete Katerina Lwowna und verließ schnell das Zimmer. - -Im Gastzimmer wurde ganz leise, fast unhörbar geflüstert; das Kind hörte -es aber in der tiefen Stille mit seinen scharfen Ohren. - -»Tantchen! Was ist denn das? Mit wem tuscheln Sie denn?« schrie der -Knabe mit tränenerstickter Stimme. »Tantchen, kommen Sie doch her, ich -habe solche Angst!« rief er nach einem Augenblick noch klagender: es kam -ihm vor, als ob die Tante im Gastzimmer zu jemand »Jetzt!« gesagt hätte. -Der Knabe bezog es auf sich. - -»Was hast du Angst?« fragte Katerina Lwowna heiser, mit festen, -entschlossenen Schritten ins Zimmer tretend. Sie stellte sich vor das -Bett so hin, daß ihr Körper die Gastzimmertüre vor den Blicken des -Kranken verdeckte. »Leg dich!« sagte sie ihm. - -»Ich will nicht, Tantchen.« - -»Nein, Fedja, hör auf mich, leg dich ... Es ist spät ... Leg dich ...« -wiederholte Katerina Lwowna. - -»Was fällt Ihnen ein, Tantchen! Ich will noch gar nicht liegen.« - -»Nein, leg dich, leg dich,« sagte Katerina Lwowna mit veränderter, -abgerissener Stimme. Sie nahm den Jungen unter den Achseln und legte ihn -gewaltsam hin. - -In diesem Augenblick stieß Fedja einen wahnsinnigen Schrei aus: er sah -Ssergej, blaß und barfuß ins Zimmer treten. - -Katerina Lwowna drückte ihre Hand auf den vor Entsetzen weit geöffneten -Mund des Kindes und schrie: - -»Schnell! Halt ihn einmal, damit er nicht zappelt!« - -Ssergej packte Fedja an Armen und Beinen, Katerina Lwowna warf mit einem -schnellen Ruck ein großes Daunenkissen auf das Gesicht des unglücklichen -Kindes und legte sich mit der ganzen Schwere ihres Rumpfes darauf. - -An die vier Minuten herrschte im Zimmer eine Grabesstille. - -»Er hat genug,« flüsterte Katerina Lwowna. Kaum hatte sie sich aber -erhoben, um alles in Ordnung zu bringen, als die Wände des stillen -Hauses, das so viele Verbrechen in sich barg, von wuchtigen Schlägen -erdröhnten: die Fenster klirrten, die Böden bebten, die Lämpchen vor den -Heiligenbildern zitterten an ihren Ketten, und unheimliche Schatten -huschten über die Wände. - -Ssergej fuhr zusammen und stürzte hinaus; Katerina Lwowna rannte ihm -nach, und das Dröhnen folgte ihnen. Es war, wie wenn überirdische Kräfte -das sündige Haus bis auf den Grund erschütterten. - -Katerina Lwowna fürchtete, daß der von Entsetzen gepeitschte Ssergej -hinauslaufen und sich durch seinen Schreck verraten könnte; er lief aber -in das Schlafzimmer hinauf. - -Als Ssergej die Treppe hinaufgelaufen war, schlug er im Finstern mit der -Stirne an die Tür und stürzte, ganz wahnsinnig vor Entsetzen, die Stufen -hinunter. - -»Sinowij Borissowitsch, Sinowij Borissowitsch!« stammelte er, kopfüber -die Treppe hinunterstürzend und Katerina Lwowna umwerfend und mit sich -reißend. - -»Wo?« fragte sie. - -»Da flog er eben als ein eisernes Blech über uns vorbei! Da fliegt er!« -schrie Ssergej auf. »Da dröhnt er schon wieder!« - -Nun war es klar, daß viele Hände von außen gegen alle Fenster hämmerten -und auch die Türe einzuschlagen versuchten. - -»Narr! Steh auf, Narr!« schrie Katerina Lwowna. Mit diesen Worten lief -sie schnell wie der Blitz in Fedjas Zimmer, legte seinen toten Kopf in -der natürlichen Stellung eines Schlafenden auf die Kissen hin und machte -mit fester Hand die Türe auf, in die ein großer Haufen Menschen -einzudringen suchte. - -Das Bild, das sich ihr bot, war schrecklich. Katerina Lwowna blickte -über die Köpfe der Menge, die die Haustüre belagerte, sah viele -unbekannte Menschen über den hohen Zaun in den Hof klettern und hörte -das Brausen vieler Stimmen. - -Katerina Lwowna hatte noch nicht Zeit gehabt, die Sachlage zu erfassen, -als die Menschen, die vor der Türe standen, über sie herfielen und sie -zurück ins Haus drängten. - - - - - XII - - -Dieser Menschenauflauf war aber folgendermaßen entstanden. In allen -Gotteshäusern der recht großen und lebhaften Kreisstadt, in der Katerina -Lwowna lebte, hatte sich am Vorabend des großen Festes eine Menge -Menschen angesammelt; in der Kirche aber, die morgen ihr Altarfest -feiern sollte, war das Gedränge so groß, daß keine Stecknadel zu Boden -fallen konnte. In dieser Kirche sang ein Chor, der aus Handelsgehilfen -bestand und von einem bekannten Liebhaber der Gesangskunst dirigiert -wurde. - -Unser Volk ist religiös und dem Gottesdienste zugetan; außerdem haben -die Leute bei uns eine künstlerische Ader, und schöner Chorgesang und -prunkvoller Gottesdienst sind für sie der reinste Hochgenuß. Wenn in -einer Kirche ein Chor singt, läuft gleich die halbe Stadt zusammen; in -erster Linie aber der Handels- und der Arbeiterstand: Handelsgehilfen, -Lehrjungen, Handlanger, Fabrikarbeiter und auch die Geschäftsinhaber -selbst mit ihren Gemahlinnen. Alle drängen sich in einer der Kirchen -zusammen, ein jeder will wenigstens vor der Kirchentüre oder vor dem -Fenster, selbst bei brennender Sonnenglut, selbst bei strengstem Frost -stehen und den tiefen Bässen und kunstvollen Tenören, wenn sie ihre -Variationen singen, lauschen. - -In der Kirche, zu deren Sprengel das Ismailowsche Haus gehörte, gab es -einen Altar zur Darstellung Mariä. Zu derselben Zeit, als sich alles -oben Beschriebene mit Fedja abspielte, hatte sich die Jugend der ganzen -Stadt in dieser Kirche versammelt; die Leute verzogen sich nach dem -Gottesdienste in Scharen und besprachen die Vorzüge des bekannten Tenors -und die Fehler des ebenso bekannten Basses. - -Aber nicht alle interessierten sich so für die musikalischen Dinge; in -der Menge gab es auch Leute, die andere Fragen erörterten. - -»Seltsame Dinge erzählt man sich von der jungen Ismailowa,« sagte der -junge Maschinist, den sich einer der Kaufleute für seine Dampfmühle aus -Petersburg verschrieben hatte, mit seinen Freunden am Ismailowschen -Hause vorbeigehend. »Man sagt, daß sie mit ihrem Angestellten Ssergej -ein Liebesverhältnis hat ...« - -»Das ist ja allen bekannt,« sagte ein Mann in einem mit blauem Nanking -besetzten Schafspelz. »Sie war heute wohl auch gar nicht in der Kirche.« - -»Ach was, Kirche! Die Frau ist so tief gesunken, daß sie weder vor Gott, -noch vor ihrem Gewissen, noch vor den Menschen Angst hat!« - -»Schaut nur, da brennt bei ihr Licht,« sagte der Maschinist, auf einen -Spalt im Fensterladen zeigend, durch den ein Lichtschein drang. - -»Sieh mal hinein, was sie jetzt treiben,« schlugen einige Stimmen vor. - -Der Maschinist stützte sich auf die Schultern zweier Freunde, blickte -durch den Spalt hinein und schrie entsetzt auf: - -»Brüder! Da wird gerade jemand erwürgt!« - -Der Maschinist begann mit aller Kraft an den Fensterladen zu klopfen. An -die zehn Mann folgten seinem Beispiel und hämmerten mit den Fäusten -gegen die Fenster. - -Die Menge wuchs von Augenblick zu Augenblick an, und so entstand die uns -bereits bekannte Belagerung des Ismailowschen Hauses. - -»Ich hab es gesehen, mit meinen eigenen Augen hab ich es gesehen,« -bezeugte der Maschinist vor Fedjas Leiche. »Das Kind lag auf dem Bett, -und die beiden würgten es.« - -Ssergej wurde noch am gleichen Abend ins Gefängnis abgeführt; Katerina -Lwowna sperrte man aber in ihrem Schlafzimmer ein und stellte zwei -Wachtposten vor die Türe. - -Im Ismailowschen Hause war es nun unerträglich kalt; die Öfen wurden -nicht geheizt, die Türen standen den ganzen Tag offen, und eine -neugierige Volksmenge löste die andere ab. Die Leute sahen sich den -offenen Sarg mit Fedjas Leiche an, und auch den andern großen -geschlossenen Sarg, der daneben stand. Fedja hatte an der Stirne ein -weißes Atlasband, das den von der Sektion herrührenden Schnitt verdecken -sollte. Die gerichtsärztliche Untersuchung hatte ergeben, daß Fedja an -Erstickung gestorben war, und Ssergej, den man vor die Leiche führte, -brach, gleich nach den ersten Worten des Geistlichen vom Jüngsten -Gericht und von den ewigen Qualen der unbußfertigen Sünder, in Tränen -aus und gestand nicht nur den Mord an Fedja ein, sondern bat auch, die -Leiche des von ihm ohne christliches Begräbnis verscharrten Sinowij -Borissowitsch auszugraben. Die Leiche des letzteren, die im trockenen -Sande lag, war noch nicht verwest; man grub sie aus und legte sie in den -großen Sarg. Zum allgemeinen Entsetzen bezeichnete Ssergej Katerina -Lwowna als die Mitschuldige an den beiden Verbrechen. Katerina Lwowna -antwortete auf alle Fragen: »Ich weiß von nichts.« Als man sie aber mit -Ssergej konfrontierte, und sie sein Geständnis hörte, blickte sie ihn -erstaunt, doch ohne Zorn an und sagte gleichgültig: - -»Wenn es ihm schon einmal eingefallen ist, alles zu gestehen, so will -auch ich nicht länger leugnen: ich habe die Morde begangen.« - -»Zu welchem Zweck?« fragte man sie. - -»Nur ihm zuliebe«, antwortete sie, auf Ssergej zeigend, der mit -gesenktem Kopf dastand. - -Die beiden Verbrecher wurden in getrennte Gefängniszellen gesperrt, und -der grauenhafte Fall, der weit und breit Aufsehen und Empörung erregte, -kam bald vors Gericht. Ende Februar wurde das Urteil verkündet: Ssergej -und die Kaufmannswitwe Katerina Lwowna Ismailowa sollten auf dem -Marktplatze ihrer Stadt mit der Knute bestraft und dann auf die Katorga -nach Sibirien verschickt werden. An einem frostigen Märzmorgen zeichnete -der Scharfrichter Katerina Lwownas entblößten weißen Rücken mit der -vorgeschriebenen Zahl von blauroten Striemen; dann verabreichte er die -gleiche Portion auch Ssergej und brannte ihm in sein hübsches Gesicht -die drei Katorgamale. - -Ssergej erregte bei den Leuten aus irgendeinem Grunde viel mehr -Mitgefühl als Katerina Lwowna. Als er blutbefleckt die Stufen des -schwarzen Schafotts herunterging, fiel er beinahe um. Katerina Lwowna -hielt sich aber aufrecht und ruhig und war nur darauf bedacht, daß das -grobe Hemd ihr nicht den zerfetzten Rücken scheuere. - -Als man ihr im Gefängnisspital ihr neugeborenes Kind reichte, sagte sie -nur: »Hol es der Kuckuck!« Dann wandte sie sich ohne einen Ton von sich -zu geben zur Wand und fiel mit der Brust auf das harte Bett. - - - - - XIII - - -Der Sträflingstransport, mit dem Ssergej und Katerina Lwowna nach -Sibirien verschickt wurden, brach zu einer Zeit auf, wo der Frühling nur -im Kalender stand und die Sonne zwar leuchtete aber noch nicht wärmte. - -Katerina Lwownas Kind wurde der alten Base des seligen Boris -Timofejitsch zur Pflege gegeben: das Kind war nach dem Gesetz ein -ehelicher Sohn des ermordeten Sinowij Borissowitsch und einziger Erbe -des ganzen Ismailowschen Vermögens. Katerina Lwowna war damit sehr -zufrieden und gab ihr Kind gleichgültig hin. Wie es bei -leidenschaftlichen Frauen oft der Fall ist, hatte sich ihre Liebe zum -Vater in keiner Weise auf das Kind übertragen. - -Es gab für sie übrigens kein Licht und kein Dunkel, kein Gut und kein -Böse, keine Freude und keine Langweile; sie begriff nichts; liebte -niemand, nicht einmal sich selbst. Sie wartete mit Ungeduld auf den -Ausmarsch; sie hoffte unterwegs ihren Ssergej zu sehen, ihr Kind hatte -sie aber schon ganz vergessen. - -Katerina Lwownas Hoffnung wurde nicht getäuscht: der gebrandmarkte, mit -schweren Ketten beladene Ssergej verließ zugleich mit ihr das -Gefängnistor. - -Der Mensch gewöhnt sich an jedes noch so schreckliche Elend und behält -in jeder Lage die Fähigkeit, seinen kümmerlichen Freuden nachzugehen. -Katerina Lwowna aber brauchte sich an nichts zu gewöhnen; sie sah ihren -Ssergej wieder, und der Weg nach Sibirien bedeutete für sie an seiner -Seite den Weg zum Glück. - -Katerina Lwowna konnte in ihrem Leinensack nur wenig Wertgegenstände und -noch weniger bares Geld mitnehmen. Dies alles verteilte sie, noch ehe -der Transport Nischnij-Nowgorod erreicht hatte, unter den -Gefängnisaufsehern für die Erlaubnis, an Ssergejs Seite zu marschieren -und manchmal bei finsterer Nacht ein Stündchen mit ihm in einer kalten -Ecke des schmalen Gefängniskorridors zu verbringen. - -Der gebrandmarkte Freund Katerina Lwownas war aber gegen sie lieblos -geworden; sie bekam von ihm kein einziges freundliches Wort mehr zu -hören; er legte auch wenig Wert auf die geheimen Zusammenkünfte mit ihr, -für die sie ihr letztes Geld hergeben mußte, und sagte ihr sogar mehr -als einmal: - -»Statt mit mir im Korridor herumzustehen, hättest du doch lieber das -Geld, das du dafür dem Aufseher zahlst, mir gegeben!« - -»Es waren ja nur fünfundzwanzig Kopeken, Sserjoscha!« rechtfertigte sich -Katerina Lwowna. - -»Sind denn fünfundzwanzig Kopeken kein Geld? Du hast doch unterwegs noch -kein einziges Geldstück gefunden, hast aber schon eine ganze Menge -ausgegeben.« - -»Dafür habe ich dich sehen dürfen, Sserjoscha!« - -»Das Wiedersehen nach all dem Elend ist doch wirklich keine Freude! Ich -verfluche mein Leben und will an diese Zusammenkünfte gar nicht denken!« - -»Mir ist aber alles gleich, Sserjoscha! Wenn ich dich nur sehen kann!« - -»Das sind Dummheiten«, entgegnete Ssergej. - -Als Katerina Lwowna solche Antworten zu hören bekam, biß sie sich oft -die Lippen blutig. Bei den nächtlichen Zusammenkünften traten ihr oft -Tränen der Erbitterung in die Augen, die sonst niemals weinten. Sie trug -aber alles schweigend und suchte sich selbst zu betrügen. - -So sehr hatten sich ihre Beziehungen zueinander geändert, als sie -Nischnij-Nowgorod erreichten. Hier schloß sich an ihren Transport ein -anderer an, der aus Moskau kam. - -In diesem sehr großen Transport befanden sich unter anderm zwei -interessante weibliche Individuen: die Soldatenfrau Fiona aus Jaroslawl, -ein üppiges, großes, schönes Weib mit langem, schwarzem Zopf und -schmachtenden dunklen Augen, die von den langen Wimpern wie von einem -geheimnisvollen Schleier beschattet waren. Die andere war ein -siebzehnjähriges Ding mit spitzigem Gesicht und zarter, rosiger Haut, -kleinem Mündchen, Grübchen in den frischen Wangen und goldblonden -Locken, die unter dem leinenen Kopftuch lustig auf die Stirne -niederfielen. Dieses Mädel wurde von den Sträflingen Ssonetka genannt. - -Die schöne Fiona war sanft und faul. Alle Sträflinge kannten sie; keiner -von den Männern zeigte besondere Freude, wenn sie ihm ihre Huld -schenkte; niemand grämte sich auch, wenn sie diese Huld auf einen andern -übertrug. - -»Fiona ist ein guter Mensch, sie benachteiligt niemand«, scherzten die -Sträflinge. - -Ssonetka war aber ganz anders. - -Von ihr sagte man: - -»Sie ist wie ein Aal: sie gleitet einem durch die Finger und läßt sich -von niemand einfangen.« - -Ssonetka hatte Geschmack und war wählerisch; sie wollte, daß man ihr die -Leidenschaft nicht im rohen Zustande, sondern mit einer pikanten Sauce -entgegenbringe; sie verlangte Leiden und Opfer. Fiona war aber die -verkörperte russische Einfalt, die viel zu faul ist, um jemand »Nein« zu -sagen und die nur das eine weiß, daß sie ein Weib ist. Solche Frauen -werden in den Räuberbanden, Sträflingstransporten und Petersburger -sozialistischen Kommunen sehr geschätzt. - -Das Erscheinen dieser beiden Frauen in dem gleichen Transport, in dem -sich Ssergej und Katerina Lwowna befanden, hatte für diese letztere eine -tragische Bedeutung. - - - - - XIV - - -Gleich in den ersten Tagen nach dem Ausmarsche aus Nischnij-Nowgorod -begann sich Ssergej in auffälliger Weise um die Gunst der Soldatenfrau -Fiona zu bewerben. Er hatte auch bald Erfolg. Die schöne Fiona ließ ihn -nicht allzu lange zappeln und erfüllte sein Sehnen, wie sie in ihrer -Herzensgüte auch jeden anderen beglückte. Auf der dritten oder vierten -Etappe hatte Katerina Lwowna sich wieder die Möglichkeit einer -Zusammenkunft mit Ssergej erkauft. Sie liegt auf ihrem Lager und wartet: -gleich wird der Aufseher kommen und ihr zuraunen: »Lauf schnell hinaus!« -Die Türe geht einmal auf, und eine der Frauen huscht hinaus; die Türe -geht wieder auf, und von der Pritsche springt eine andere Frau und -verschwindet im Korridor. Endlich zupft jemand Katerina Lwowna am -Kittel. Sie springt schnell von der von so vielen Sträflingsrücken -glattgescheuerten Pritsche, wirft sich den Kittel um und folgt dem -Aufseher. - -Als Katerina Lwowna durch den Korridor ging, der nur an einer Stelle -ganz schwach von einem kleinen Lämpchen beleuchtet war, stieß sie auf -zwei oder drei Paare, die sie aus der Entfernung nicht sehen konnte. Aus -der Männerabteilung tönte durch das Türgitter verhaltenes Lachen. - -»Wie die wiehern!« brummte der Begleiter Katerina Lwownas. Er nahm sie -bei den Schultern, stieß sie in eine Ecke und zog sich zurück. - -Katerina Lwowna stieß mit der Hand auf einen groben Kittel und einen -Bart; ihre andere Hand berührte ein heißes Frauengesicht. - -»Wer ist's?« fragte Ssergej leise. - -»Und mit wem bist du hier?« - -Katerina Lwowna riß der Nebenbuhlerin im Finstern das Tuch vom Kopfe. -Jene taumelte auf die Seite, fing zu laufen an, stolperte aber und fiel -hin. - -Aus der Männerabteilung erscholl lautes Lachen. - -»Schurke!« flüsterte Katerina Lwowna und schlug Ssergej mit den Enden -des Tuches, das sie seiner neuen Geliebten vom Kopfe gerissen hatte, ins -Gesicht. - -Ssergej erhob seine Hand; Katerina Lwowna huschte aber durch den -Korridor zur Türe ihrer Zelle. Aus der Männerabteilung klang nun so -lautes Lachen, daß der Wachtposten, der vor dem Lämpchen stand und sich -gleichgültig auf die Spitze seines Stiefels spuckte, den Kopf hob und -rief: - -»Ruhe!« - -Katerina Lwowna legte sich schweigend auf ihre Pritsche und lag so bis -zum Morgen da. Sie wollte sich sagen: »Ich liebe ihn nicht mehr«, fühlte -aber, daß sie ihn noch mehr, noch glühender liebte. Und sie malte sich -aus, wie seine Hand, mit der er die Andere am Kinn gehalten, bei der -Berührung mit der ihrigen gezittert, wie seine andere Hand die warmen -Schultern der Andern umschlungen hatte. - -Die arme Frau brach in Tränen aus und wünschte sich, daß die gleichen -Hände in diesen Augenblicken ihr Gesicht streicheln und ihre krampfhaft -zuckenden Schultern umfassen möchten. - -»Gib mir mein Tuch zurück«, mit diesen Worten wurde sie am Morgen von -der Soldatenfrau Fiona geweckt. - -»Du warst es also?« - -»Gib's mir, bitte, zurück!« - -»Warum trennst du uns voneinander?« - -»Trenne ich euch denn? Ist es eine Liebe, oder habe ich irgendeinen -Vorteil davon, daß du mir zürnen sollst?« - -Katerina Lwowna dachte einen Augenblick nach, holte unter dem Kissen das -Tuch, das sie der andern nachts vom Kopfe gerissen hatte, warf es Fiona -zu und wandte sich zur Wand. - -Sie fühlte sich ein wenig erleichtert. - -»Pfui«, sagte sie sich, »werde ich denn auf so einen angemalten -Mistkübel eifersüchtig sein? Mag sie in die Erde versinken. Es täte mir -weh, mich mit ihr auch nur zu vergleichen.« - -»Hör einmal, Katerina Lwowna«, sagte ihr am nächsten Tage Ssergej, an -ihrer Seite gehend, »merke dir bitte, daß ich nicht Sinowij -Borissowitsch, sondern ein Anderer bin und daß du nicht mehr die feine -Dame bist. Tu darum, bitte, nicht so stolz. Bockigkeit gilt hier nicht.« - -Katerina Lwowna erwiderte nichts. In den nächsten acht Tagen wechselte -sie mit Ssergej weder ein Wort, noch einen Blick. Sie fühlte sich -beleidigt und war stolz genug, um nicht den ersten Schritt zur -Versöhnung mit Ssergej, mit dem sie sich zum erstenmal im Leben entzweit -hatte, zu machen. - -Während Katerina Lwowna ihm schmollte, begann Ssergej mit der weißen -Ssonetka anzubandeln. Bald begrüßte er sie als »Ergebenster Diener«, -bald lächelte er ihr zu, bald versuchte er sie zu umarmen und an sich zu -drücken. Katerina Lwowna sah alles, und in ihrem Herzen siedete es noch -mehr. - -»Soll ich mich mit ihm vielleicht doch aussöhnen?« fragte sie sich, in -einemfort stolpernd. - -Ihr Stolz erlaubte es ihr nun noch weniger als früher, den ersten -Schritt zu tun. Ssergej klebte aber immer fester an Ssonetka, und allen -kam es vor, als ob die unzugängliche Ssonetka, die sonst allen wie ein -Aal durch die Finger glitt, etwas gefügiger geworden wäre. - -»Du warst mir böse«, sagte einmal Fiona zu Katerina Lwowna: »was habe -ich dir aber getan? Mit mir hat er ja nur ganz kurz angebandelt. Ich -rate dir aber, auf die Ssonetka aufzupassen.« - --- Jetzt gebe ich aber meinen Stolz auf: heute noch will ich mich mit -ihm aussöhnen! -- sagte sich Katerina Lwowna. Sie überlegte sich nur -noch, wie sie am besten den ersten Schritt machen sollte. - -Aus dieser schwierigen Lage befreite sie Ssergej selbst. - -»Katerina Lwowna!« sagte er ihr auf einer Station: »Komm heute Nacht für -einen Augenblick zu mir heraus: ich muß dich sprechen.« - -Katerina Lwowna sagte nichts. - -»Zürnst du mir vielleicht noch immer? Wirst du nicht kommen?« - -Katerina Lwowna sagte noch immer nichts. - -Ssergej und alle, die Katerina Lwowna beobachteten, sahen aber, wie sie -sich vor dem Etappengebäude an den Oberaufseher heranmachte und ihm die -siebzehn Kopeken, die sie unterwegs zusammengebettelt hatte, in die Hand -drückte. - -»Wenn ich noch mehr zusammengebettelt habe, kriegst du noch zehn -Kopeken«, flüsterte sie ihm zu. - -Der Oberaufseher steckte das Geld in den Ärmelaufschlag und sagte: - -»Gut.« - -Als diese Unterhandlungen zu Ende waren, blinzelte Ssergej mit einem -vielsagenden Hüsteln Ssonetka zu. - -»Ach, Katerina Lwowna!« sagte er, sie auf den Stufen des Etappengebäudes -umarmend. »Kinder, es gibt auf der ganzen Welt kein zweites Weib wie -dieses!« - -Katerina Lwowna errötete vor Glück, und ihr stockte der Atem. - -Als nachts die Türe leise aufging, sprang sie ungestüm hinaus. Am ganzen -Leibe zitternd, tastete sie den dunklen Korridor nach Ssergej ab. - -»Meine liebe Katja!« sagte Ssergej, sie umarmend. - -»Ach, du Böser!« antwortete Katerina Lwowna unter Tränen und drückte -ihre Lippen auf die seinigen. - -Der Wachtposten ging im Korridor auf und ab, blieb manchmal stehen, um -sich auf die Stiefel zu spucken; die müden Sträflinge schnarchten in -ihren Zellen; irgendwo knabberte eine Maus an einem Federkiel; hinter -dem Ofen zirpten die Heimchen; Katerina Lwowna aber genoß in vollen -Zügen ihr höchstes Glück. - -Die Verzückung legte sich, und es begann die unvermeidliche Prosa des -Alltags. - -»Ich halt es nicht länger aus; das Bein schmerzt mir vom Knöchel bis zum -Knie,« jammerte Ssergej, an ihrer Seite in einem Korridorwinkel sitzend. - -»Was kann man dagegen tun?« fragte sie, sich unter seinen Kittel -schmiegend. - -»Soll ich mich vielleicht in Kasan ins Lazarett legen?« - -»Was fällt dir ein, Sserjoscha?« - -»Was soll ich denn machen, wenn es mir so weh tut?« - -»Du wirst im Lazarett bleiben, und ich soll allein weiter marschieren? -...« - -»Was soll ich machen? Die Ketten werden mir bald die Knochen -durchwetzen. -- Wenn ich wenigstens ein Paar wollene Strümpfe unter die -Ketten tun könnte,« fügte Ssergej nach einer Weile hinzu. - -»Strümpfe? Sserjoscha, ich habe noch ein paar neue Strümpfe.« - -»Ach, behalt sie nur!« - -Katerina Lwowna sagte kein Wort. Sie lief in ihre Zelle, packte in aller -Eile ihren Sack aus und brachte Ssergej ein Paar dicke blaue wollene -Strümpfe mit grellfarbigen Zwickeln. - -»Jetzt wird es irgendwie gehen,« sagte Ssergej, sich von ihr -verabschiedend und ihr letztes Paar Strümpfe mitnehmend. - -Katerina Lwowna kehrte überglücklich in ihre Zelle zurück und schlief -sofort ein. - -Sie hörte gar nicht, wie gleich darauf Ssonetka in den Korridor kam und -wie sie erst bei Morgengrauen wieder zurückging. - -Das spielte sich nur zwei Tagemärsche vor Kasan ab. - - - - - XV - - -Ein kalter trüber Tag mit durchdringendem Wind und einem mit Schnee -vermengten Regen empfing den Transport vor dem Tore des dumpfen -Etappengefängnisses. Katerina Lwowna trat recht frisch und munter ins -Freie. Als sie sich aber an ihren Platz stellte, erbebte sie am ganzen -Leibe und wurde grün. Es wurde ihr finster vor den Augen, und alle ihre -Glieder begannen zu schmerzen. Sie hatte Ssonetka in den ihr -wohlbekannten blauen wollenen Strümpfen mit den grellfarbigen Zwickeln -erblickt. - -Katerina Lwowna schleppte sich mehr tot als lebendig vorwärts; sie -blickte wie irrsinnig und wandte ihre Augen nicht von Ssergej. - -Auf der ersten Station ging sie ruhig auf ihn zu, flüsterte »Schurke!« -und spuckte ihm ganz unerwartet in die Augen. - -Ssergej wollte sich auf sie stürzen, man hielt ihn aber zurück. - -»Warte nur!« sagte er, sich das Gesicht abwischend. - -»Wie tapfer sie doch gegen dich ist!« spotteten unterwegs die Sträflinge -über Ssergej. Am lustigsten lachte Ssonetka. - -Dieses Zwischenspiel war ganz nach ihrem Geschmack. - -»Ich werde es dir schon zeigen!« drohte Ssergej Katerina Lwowna. - -Vom anstrengenden Marsch bei dem schlechten Wetter ermüdet, schlief -Katerina Lwowna mit blutendem Herzen auf der Pritsche der nächsten -Etappe ein. Sie hörte gar nicht, wie in die Frauenabteilung zwei Männer -kamen. - -Bei ihrem Erscheinen erhob sich Ssonetka von der Pritsche, zeigte stumm -auf Katerina Lwowna, legte sich wieder hin und hüllte sich in ihren -Kittel. - -In diesem Augenblick wurde Katerina Lwowna der Kittel über den Kopf -gezogen, und auf ihren Rücken, der nur noch mit dem groben Hemd -bekleidet war, sauste das dicke Ende eines doppelt zusammengedrehten -Strickes nieder. - -Katerina Lwowna schrie auf. Der Kittel, der ihr über den Kopf geworfen -war, erstickte aber ihre Stimme. Sie versuchte aufzuspringen, konnte -sich aber nicht rühren; auf ihren Schultern saß ein kräftiger Mann, der -sie an den Händen festhielt. - -»Fünfzig!« zählte schließlich eine Stimme, in der sie unschwer die -Stimme Ssergejs erkennen konnte. Die nächtlichen Gäste verschwanden -ebenso plötzlich, wie sie gekommen waren. - -Katerina Lwowna befreite ihren Kopf und sprang auf. Niemand war mehr in -der Zelle. In der Nähe kicherte aber jemand. Katerina Lwowna erkannte -Ssonetkas Stimme. - -Ihr Schmerz wurde nun grenzenlos; grenzenlos war auch der Haß, der in -diesem Augenblick in ihrem Herzen aufloderte. Sie sprang auf, um sich -auf Ssonetka zu stürzen und fiel ohnmächtig in die Arme Fionas, die ihr -zu Hilfe eilte. - -An der Brust der stumpfsinnigen Nebenbuhlerin, die erst vor kurzem den -ungetreuen Geliebten Katerina Lwownas vor Wollust zittern ließ, weinte -sie nun vor unerträglichem Schmerz. Sie schmiegte sich an Fiona, wie -sich ein Kind an seine Mutter schmiegt. Nun waren sie beide gleich: -beide waren im Werte gesunken, beide waren verlassen. - -Die sich jedem Zufall hingebende Fiona und die Heldin der -Liebestragödie, Katerina Lwowna, waren nun einander gleich! - -Katerina Lwowna fühlte sich aber dadurch gar nicht verletzt. Als sie -alle ihre Tränen ausgeweint hatte, erstarrte sie zu Stein und machte -sich bereit, zum Appell zu gehen. - -Die Trommel wirbelt; die gefesselten und nicht gefesselten Sträflinge -stürzen in den Hof; auch Ssergej ist darunter, auch Fiona, Ssonetka und -Katerina Lwowna; ein mit einem Juden zusammengeketteter Sektierer, und -ein Pole an der gleichen Kette mit einem Tataren. - -Alle drängten sich zuerst zu einem unordentlichen Haufen zusammen, -stellten sich dann in Reihen auf, und der Zug setzte sich in Bewegung. - -Ein furchtbar trauriges Bild: ein Häuflein Menschen, die von der Welt -losgerissen sind und auch nicht den Schatten einer Hoffnung auf eine -bessere Zukunft haben, watet durch den kalten schwarzen Straßenkot. -Alles ist so häßlich: der unendliche Schmutz, der graue Himmel, die -entblätterten, nassen Weiden und die mürrische Krähe, die -zusammengekauert in den nackten Ästen hockt. Der Wind stöhnt und wütet, -heult und brüllt. - -Aus diesen höllischen, herzzerreißenden Tönen, die das Grauen des Bildes -vervollständigen, klingen die Worte der Frau des biblischen Hiob: -»Verfluche den Tag deiner Geburt und stirb!« - -Wer diesen Worten nicht lauschen will, wen der Gedanke an den Tod selbst -in dieser traurigen Lage nicht erfreut, sondern erschreckt, der muß alle -die heulenden Stimmen mit einem noch häßlicheren Geheul übertönen. Das -einfache Volk weiß das sehr gut: es entfesselt dann seine ganze -tierische Natur und beginnt, sich selbst, die andern Menschen und alle -Gefühle zu verhöhnen. Es ist auch sonst nicht besonders zartfühlend; -unter solchen Umständen wird es aber noch einmal so roh und boshaft. - - * * * * * - -»Wie geht's, Kaufmannsfrau? Sind Euer Wohlgeboren bei guter Gesundheit?« -fragte Ssergej in frechem Tone Katerina Lwowna, als das Dorf, in dem der -Transport die letzte Nacht verbracht hatte, hinter dem nassen Hügel -verschwunden war. - -Gleich darauf wandte er sich an Ssonetka, hüllte sie in den Schoß seines -Mantels und begann mit hoher Stimme zu singen: - - »Hinterm Fenster leuchten deine Locken, Schätzchen, - Ach, mein Jammer schläft nicht, und du schläfst nicht, Kätzchen, - Mit des Mantels Saume will ich dich bedecken ...« - -Bei diesen Worten umarmte er Ssonetka und küßte sie vor aller Augen ... - -Katerina Lwowna sah es und sah es nicht. Sie war wie geistesabwesend. -Die Leute stießen sie in die Seite und machten sie darauf aufmerksam, -wie sich Ssergej gegen Ssonetka benahm. Sie wurde zur Zielscheibe des -allgemeinen Spottes. - -»Laßt sie in Ruhe,« trat Fiona für sie ein, sooft jemand von den -Sträflingen über die halbohnmächtige Katerina Lwowna zu spotten anfing. -»Seht ihr denn nicht, daß die Frau ganz krank ist?« - -»Sie hat sich wohl die Füßchen durchnäßt,« scherzte ein junger -Sträfling. - -»Natürlich: sie ist ja vom Kaufmannsstande und verwöhnt,« versetzte -Ssergej. - -»Wenn sie wenigstens warme Strümpfe hätte, würde es ihr wohl weniger -machen,« fügte er hinzu. - -Katerina Lwowna fuhr wie aus dem Schlafe auf. - -»Gemeine Schlange!« sagte sie, unfähig, sich länger zu beherrschen. -»Spotte nur, du Schuft, spotte nur!« - -»Ich spotte ja gar nicht, sondern meine es ganz ernst: Ssonetka hat ein -paar vortreffliche Strümpfe zu verkaufen. Ich frage mich, ob die -Kaufmannsfrau sie nicht kaufen will.« - -Viele lachten. Katerina Lwowna ging wie ein aufgezogener Automat weiter. - -Das Wetter wurde immer schlechter. Aus den grauen Wolken, die den Himmel -bedeckten, fielen nasse Schneeflocken herab, die, sobald sie nur den -Boden berührten, tauten und den Straßenschmutz noch vergrößerten. -Endlich zeigte sich am Horizont ein dunkler bleigrauer Streif, dessen -Breite man gar nicht überblicken konnte: es war die Wolga. Über dem -Strome zog ein steifer Wind, der breite, dunkle Wellen vor sich trieb. - -Die durchnäßten und halberfrorenen Sträflinge gingen langsam zum -Landungssteg und blieben in Erwartung der Fähre stehen. - -Die nasse dunkle Fähre kam ans Ufer. Die Begleitmannschaften trieben die -Sträflinge auf die Fähre. - -»Auf dieser Fähre gibt es Schnaps zu kaufen,« sagte einer der -Sträflinge, als die von nassen Schneeflocken überschüttete Fähre vom -Ufer stieß und auf den Wellen des Stromes zu schwanken begann. - -»Es wäre wirklich gut, einen Tropfen zu trinken!« sagte Ssergej. Zur -Belustigung Ssonetkas machte er sich wieder an Katerina Lwowna heran und -sagte: »Kaufmannsfrau, wir sind ja alte Freunde: kauf mir etwas Schnaps. -Geize nicht. Gedenke doch, Liebste, unserer alten Liebe! Weißt du noch, -meine Freude, wie wir die langen Herbstnächte miteinander verbrachten -und deine Verwandten ohne Popen und ohne Küster ins Jenseits schickten?« - -Katerina Lwowna zitterte vor Kälte, die ihr unter den nassen Kleidern -durch Mark und Bein drang. In ihr ging aber auch etwas anderes vor. Ihr -Kopf brannte wie im Feuer; die Pupillen waren erweitert, von einem -irren, scharfen Glanz belebt und starr auf die Wellen gerichtet. - -»Auch ich würde gerne etwas Schnaps trinken: es ist so unerträglich -kalt!« sagte Ssonetka mit ihrer hellen Stimme. - -»Kaufmannsfrau, kauf uns doch Schnaps!« drang Ssergej in sie ein. - -»Du hast wirklich kein Gewissen im Leibe!« sagte Fiona, vorwurfsvoll den -Kopf schüttelnd. - -»Das macht dir keine Ehre,« unterstützte der junge Sträfling Gordjuschka -die Soldatenfrau. - -»Wenn du dich vor ihr nicht schämst, so solltest du dich wenigstens vor -den Leuten schämen!« - -»Ach, du, Allerwelts-Schnupftabaksdose!« schrie Ssergej Fiona an. »Was -redest du vom Gewissen? Vor wem brauche ich mich zu schämen? Vielleicht -habe ich sie überhaupt niemals geliebt, und jetzt ... jetzt ist mir -Ssonetkas ausgetretener Schuh lieber als die Fratze dieser geschundenen -Katze. Was hast du mir vorzuwerfen? Soll sie nur den schiefmäuligen -Gordjuschka lieben, oder ... (er blickte auf den kleinen Wachsoldaten, -der in Uniformmütze und langhaarigem Filzmantel im Sattel saß,) oder -diesen Soldaten da: unter seinem Filzmantel ist sie wenigstens vom Regen -geschützt.« - -»Und dann wird sie Offiziersfrau heißen,« lachte Ssonetka. - -»Gewiß! Und hat auch Geld, um sich Strümpfe zu kaufen,« fügte Ssergej -hinzu. - -Katerina Lwowna wehrte sich nicht; sie blickte immer starrer auf die -Wellen und bewegte lautlos die Lippen. Zwischen den häßlichen Worten -Ssergejs hörte sie die Wogen dröhnen und heulen. In einem sich -brechenden Wolkenkamme erscheint plötzlich der blaue Kopf Boris -Timofejewitschs; aus einer anderen Welle erhebt sich die Gestalt ihres -Mannes; er schwankt und hält Fedja, der den Kopf gesenkt hat, umarmt. -Katerina Lwowna will sich auf irgendein Gebet besinnen, ihre Lippen -flüstern aber: »Wie wir die langen Herbstnächte miteinander verbrachten -und die Verwandten ohne Popen und ohne Küster ins Jenseits schickten.« - -Katerina Lwowna zitterte. Ihre irren Blicke waren auf einen Punkt -gerichtet. Sie hob einige Male die Arme, streckte sie vor sich aus und -ließ sie wieder sinken. Noch einen Augenblick -- und sie beugte sich, -ohne die Augen von einer dunklen Woge zu wenden, vor, packte Ssonetka an -den Beinen und sprang mit ihr über das Geländer der Fähre. - -Alle waren vor Schreck wie erstarrt. - -Katerina Lwowna erschien auf dem Kamme einer Woge und ging wieder unter; -aus einer andern Welle tauchte Ssonetka auf. - -»Den Bootshaken her! Werft den Bootshaken aus!« schrieen die Leute auf -der Fähre. - -Der schwere Bootshaken flog am langen Strick durch die Luft und fiel ins -Wasser. Von Ssonetka war wieder nichts zu sehen. Nach zwei Sekunden warf -sie, von der Strömung um ein weites Stück von der Fähre fortgetrieben, -beide Arme aus dem Wasser empor; in diesem Augenblick tauchte aus einer -anderen Welle fast bis zu den Hüften Katerina Lwowna empor. Sie stürzte -sich wie ein kräftiger Hecht über eine schwache Plötze auf Ssonetka, und -beide kamen nicht mehr zum Vorschein. - - - - - DER STÄHLERNE FLOH - - - (Übertragen von Karl Nötzel) - - Was man vom Tulaer schieläugigen Linkser erzählt und von einem - stählernen Floh - - - - - I - - -Als Kaiser Alexander Pawlowitsch die Wiener Plauderei beendet hatte, -wollte er in Europa herumfahren und sich in den einzelnen Ländern die -Wunderdinge anschauen. Er bereiste alle Staaten, und überall hatte er -seiner Freundlichkeit wegen die vertraulichsten Gespräche mit allen -Leuten, und alle wollten ihn durch irgend etwas in Staunen setzen und -für sich gewinnen. Mit ihm war aber der Donsche Kosak Platow, der solche -Neigungen nicht liebte, sich ständig nach seiner Häuslichkeit sehnte und -deshalb den Kaiser immer antrieb, zurückzukehren. Und kaum merkte -Platow, daß der Kaiser sich für irgend etwas Ausländisches -interessierte, das ganze Gefolge aber schwieg, so sagte er auch schon -alsogleich: »So und so, auch bei uns zu Hause ist das Unsrige nicht -schlechter« -- und lenkte irgendwie den Kaiser ab. - -Die Engländer wußten das und dachten sich zur Ankunft des Kaisers -allerlei Listen aus, um ihn für das Ausländische zu gewinnen und den -Russen zu entfremden. In vielen Fällen erreichten sie das auch, -besonders auf großen Versammlungen, wo Platow nicht perfekt französisch -sprechen konnte. Er interessierte sich indes auch wenig dafür: er war -ein verheirateter Mann, und alle französischen Gespräche hielt er für -Nichtigkeiten, die der Aufmerksamkeit nicht wert seien. Als aber die -Engländer den Kaiser in ihre mannigfaltigen Zeughäuser, Waffen-, Seifen- -und Sägewerke einluden, um ihm zu zeigen, wie überlegen sie uns in allen -diesen Dingen seien und um sich dessen zu rühmen -- da sagte Platow zu -sich selber: - --- »Nein, damit aber Schluß. Bis jetzt habe ich noch ruhig zugesehen, -weiter geht das aber nicht mehr. Ob ich zu sprechen verstehe oder nicht, -die Meinigen werde ich nicht preisgeben!« - -Und kaum hatte er zu sich selber ein solches Wort gesagt, da sprach auch -der Kaiser zu ihm: - -»So und so, morgen werde ich mit dir fahren, ihre Waffenkunstkammer zu -besichtigen. Dort,« spricht er, »sind solche Vollkommenheiten der Natur, -daß, wenn du nur hinschaust, du weiter nicht mehr bestreiten wirst, daß -wir Russen mit unserm Wissen gar nichts taugen.« - -Platow antwortete dem Kaiser gar nichts. Er senkte nur seine gekrümmte -Nase auf seinen zottigen Überwurf; als er aber in seine Wohnung kam, -befahl er seinem Burschen, ihm aus dem Keller eine Flasche kaukasischen -Branntwein zu bringen, goß ein schönes Glas davon hinter die Binde, -betete vor seinem Reiseheiligenbilde zu Gott, hüllte sich in seinen -Überwurf und fing derart zu schnarchen an, daß in dem ganzen Hause kein -Engländer schlafen konnte. - -Er dachte: »Morgenstund' hat Gold im Mund'«. - - - - - II - - -Am andern Tage fuhr der Kaiser mit Platow in die Kunstkammern. Sonst -hatte der Kaiser niemanden von den Russen mitgenommen, weil man ihm nur -einen zweisitzigen Wagen geschickt hatte. - -Sie langten bei einem nicht allzu großen Gebäude an -- die Auffahrt ist -unbeschreiblich, Korridore ins Unendliche, die Zimmer gehen eines in das -andere, und endlich in dem hauptsächlichsten Saale stehen verschiedene -gewaltige Büsten, und in der Mitte unter einem Baldachin steht »Abolon -von Polwedere«. - -Der Kaiser blickt auf Platow, ob er wohl sehr erstaunt sei, und worauf -er schaue. Der aber geht, die Augen zu Boden gesenkt, so dahin, als sehe -er gar nichts -- und dreht nur Ringe aus seinem Schnurrbart. - -Die Engländer begannen alsogleich, verschiedene Wunder zu zeigen und zu -erklären, was bei ihnen für kriegerische Zwecke eingerichtet ist. -»Sturmmesser« für die Marine, »Pontonen« für das Fußvolk und geteerte -Segeltücher für die Reiterei. Der Kaiser hat an dem allen seine Freude, -alles kommt ihm sehr schön vor, Platow aber bleibt dabei, daß für ihn -das alles gar nichts bedeute. - -Der Kaiser spricht: »Wie ist denn das möglich? -- Weshalb ist in dir -eine solche Gefühllosigkeit? Gibt es denn wirklich hier gar nichts für -dich zu bewundern?« - -Platow antwortet: »Mir ist hier nur das Eine erstaunlich, daß meine -forschen Kerle vom Don ohne dies alles Krieg führten und zwölf -Heidenvölker davonjagten!« - -Der Kaiser spricht: »Das ist Unsinn!« - -Platow antwortet: »Ich weiß nicht, worauf ich das beziehen soll, zu -streiten wage ich aber nicht und muß schweigen.« - -Als aber die Engländer eine solche Auseinandersetzung zwischen ihnen -wahrnahmen, führten sie ihn sogleich gerade zu dem »Abolon von -Polwedere« und nahmen dem aus der einen Hand ein Mortimergewehr, aus der -andern eine Pistole. - -»Sehen Sie« -- sprachen sie -- »wie bei uns gearbeitet wird« und zeigten -ihm das Gewehr. - -Der Kaiser schaute ruhig auf das Mortimergewehr, weil er solche in -Zarskoje Ssjelo selber besitzt, jene aber geben ihm darauf die Pistole -und sagen: - -»Diese Pistole ist von unbekannter, unnachahmlicher Meisterschaft. Unser -Admiral zog sie einem Räuberhauptmann in >Kandelabrien< aus dem Gürtel.« - -Der Kaiser schaut auf die Pistole und kann sich nicht satt sehen. Er -seufzt furchtbar. - -»Ach, ach, ach ...« -- spricht er -- »wie kann man nur so, wie kann man -das denn überhaupt so fein machen!« -- Und er wendet sich zu Platow und -spricht zu ihm auf russisch: »Siehst du, wenn bei mir in Rußland auch -nur _ein_ solcher Meister wäre, würde ich darüber äußerst glücklich und -stolz sein und diesen Meister sogleich in den Adelstand erheben!« - -Platow aber versenkte auf diese Worte hin sofort seine rechte Hand in -seine weiten Pluderhosen und zog von dort einen Gewehrschraubenzieher -heraus. Die Engländer sagen: »Das läßt sich nicht öffnen!« Er aber gibt -gar nicht darauf acht und beginnt das Schloß aufzudrehen. Er dreht -einmal um, zweimal -- das Schloß ist herausgefallen. Platow zeigt dem -Kaiser den Drücker und grade auf der Rundung die russische Aufschrift: -»Iwan Moskwin aus der Stadt Tula«. - -Die Engländer erstaunen, und einer stößt den andern an: - -»O je, da sind wir hereingefallen!« - -Der Kaiser aber spricht kummervoll: - -»Weshalb hast du sie so in Verlegenheit gebracht, mir tun sie jetzt sehr -leid. Laßt uns abfahren.« - -Sie setzten sich wiederum in denselben zweisitzigen Wagen und fuhren ab; -und der Kaiser war an diesem Tage auf einem Ball. Platow aber goß ein -noch größeres Glas Branntwein hinter die Binde und entschlummerte eines -festen Kosakenschlafes. - -Es war ihm froh zumute, daß er die Engländer in Verlegenheit gebracht -und ihnen den Tulaer Meister zum Vorbild gegeben hatte. Dabei war es ihm -aber auch verdrießlich: Weshalb hatte der Kaiser bei einer solchen -Gelegenheit die Engländer bemitleidet! - -»Worüber hat sich denn da der Kaiser gegrämt« -- dachte Platow -- »ich -verstehe das ganz und gar nicht« -- und in solchen Gedanken stand er -zweimal auf, bekreuzte sich und trank Schnaps, bis er sich gewaltsam -einen starken Schlaf zugezogen hatte. - -Die Engländer aber konnten zu dieser selben Zeit gleichfalls nicht -schlafen, weil es auch ihnen »wirbelte«. Während der Kaiser sich auf dem -Ball vergnügte, bereiteten sie ihm ein derartiges neues Wunderwerk vor, -daß diesmal auch Platow alle Phantasie ausging. - - - - - III - - -Am andern Tage, als Platow beim Kaiser erschien, um ihm einen guten -Morgen zu wünschen, spricht er zu ihm: - -»Laß sogleich den zweisitzigen Wagen anspannen, um die neuen -Kunstkammern anzusehen!« - -Platow erkühnte sich sogar, zu bemerken, ob es nicht etwa genug sei, die -fremdländischen Erzeugnisse anzuschauen und ob es nicht besser wäre, -sich auf den Weg nach Rußland zu machen. - -Der Kaiser aber spricht: - -»Nein, ich wünsche noch andere Neuigkeiten zu sehen: man hat sich vor -mir gebrüstet, daß man bei ihnen die erste Sorte Zucker bereite.« - -Sie fuhren ab. - -Die Engländer zeigten dem Kaiser, was sie für verschiedene erste Sorten -haben, Platow aber schaut und schaut und spricht plötzlich: - -»Aber zeigt uns doch aus Euern Fabriken den Zucker >Chalva<!« - -Die Engländer wissen nicht, was das bedeutet »Chalva«. Sie flüstern -untereinander, zwinkern einander zu und wiederholen »Chalva?« »Chalva?«, -können aber nicht verstehen, daß bei uns ein solcher Zucker hergestellt -wird, und müssen zugeben, daß es bei ihnen alle Arten Zucker gibt, -»Chalva« aber nicht. - -Platow spricht: - -»Nun, so ist auch kein Grund, zu prahlen. Kommt zu uns, wir werden Euch -Tee zu trinken geben mit echtem >Chalva< aus der Bobrinskijschen -Fabrik.« - -Aber der Kaiser zupfte ihn am Ärmel und sprach leise zu ihm: »Bitte, -verdirb mir nicht die Politik!« - -Da riefen die Engländer den Kaiser in die allerletzte Kunstkammer, wo in -der ganzen Welt gesammelte Mineralien und »Nymphusorien« lagen, von der -allergrößten ägyptischen Pyramide bis zu einem »unterhäutigen« Floh, den -man mit bloßem Auge selber gar nicht wahrnehmen, wohl aber seine Bisse -zwischen Haut und Körper verspüren konnte. - -Der Kaiser fuhr dorthin. - -Man beschaute die Pyramiden und allerhand ausgestopfte Tiere und ging -weg. Platow aber denkt bei sich: - -»Nun, Gott sei Dank, alles steht gut -- der Kaiser staunt über gar -nichts.« - -Kaum aber waren sie in die allerletzte Kammer getreten, so stehen dort -ihre Arbeiter in Arbeitskleidung und Schürzen und halten eine -»Tablette«, auf der gar nichts liegt. - -Der Kaiser erstaunte sich plötzlich -- daß man ihm eine leere »Tablette« -hinhält. - -»Was bedeutet das?« fragte er; die englischen Meister aber antworten: -»Das ist unser untertäniges Geschenk an Eure Majestät!« - -»Was ist es denn?« - -»Aber« -- sprechen sie -- »geruhen Sie dort ein Körnchen zu sehen?« - -Der Kaiser schaute hin und sieht, auf der silbernen »Tablette« liegt -wirklich das allerwinzigste Körnchen. - -Die Arbeiter sprechen: - -»Geruhen Sie Ihre Fingerchen anzuspeicheln und es aufs Händchen zu -nehmen.« - -»Was soll mir aber denn das Körnchen?« - -»Dies« -- antworten sie -- »ist kein Körnchen, vielmehr ein ->Nymphusorium<.« - -»Ist es lebendig?« - -»Keineswegs« -- antworten sie -- »es ist nicht lebendig, vielmehr ganz -aus englischem Stahl in Gestalt eines Flohs von uns ausgeschmiedet, und -in seiner Mitte ist ein Uhrwerk und eine Feder. Geruhen Sie es mit dem -Schlüssel aufzuziehen: es wird sogleich zu tanzen beginnen!« Der Kaiser -ward neugierig und fragt: »Wo ist denn aber das Schlüsselchen?« - -Die Engländer sagen: - -»Hier ist auch der Schlüssel, vor Ihren Augen.« - -»Weshalb aber« -- spricht der Kaiser -- »sehe ich ihn nicht?« - -»Deshalb« -- antworten sie -- »weil man dazu ein >Winzigglas< braucht.« - -Man reichte ein »Winzigglas«, und der Kaiser sah, daß tatsächlich neben -dem Floh ein Schlüsselchen auf der »Tablette« lag. - -»Geruhen Sie« -- sprachen sie -- »es ins Händchen zu nehmen. Bei ihm im -Bäuchelchen ist ein Aufziehlöchelchen, der Schlüssel macht sieben -Umdrehungen, und dann wird es zu tanzen anfangen ...« - -Mit Mühe erfaßte der Kaiser dieses Schlüsselchen und kaum vermochte er -es mit den Fingerspitzen zu halten. Mit der anderen Hand aber nahm er -das Flöhchen, und kaum hatte er das Schlüsselchen hineingesteckt, als er -fühlte, wie der Floh sein Schnurrbärtchen zu bewegen begann, dann mit -den Füßchen zu trippeln und endlich zu springen und in einem Flug gleich -ein »Dansé« und zwei »Variationen« nach der einen Seite zu machen, dann -nach der anderen, und so tanzte er in drei »Variationen« die ganze -Quadrille. - -Der Kaiser befahl sogleich, den Engländern eine Million zu geben, in was -für Geld sie selber wollten -- sei es in silbernen Fünfkopekenstücken, -sei es in kleinen Assignaten. - -Die Engländer baten, man möchte es ihnen in Silber auszahlen, weil sie -sich in den Papierchen nicht auskennten; dabei aber offenbarten sie aufs -neue ihre Schlauheit: den Floh gaben sie zum Geschenk, ein Futteral für -ihn hatten sie indes nicht mitgebracht. Ohne Futteral konnte man aber -weder ihn noch das Schlüsselchen halten, weil sie sich sonst verlieren, -und man sie dann mit dem Kehricht hinauswirft. Das Futteral zu ihm -bestand aber in einer Diamantnuß, aus einem Stück gemacht -- dem Floh -war ein Plätzchen in der Mitte ausgeschliffen. Dies Futteral gaben sie -nicht, weil es, so sagen sie, dem Staate gehöre, und in dieser Beziehung -sei es bei ihnen streng: nicht einmal für den Kaiser dürfe man es -opfern. - -Platow wollte sich schon sehr erzürnen. »Wozu«, so spricht er, »ein -solcher Betrug! Das Geschenk haben sie dargebracht und eine Million -dafür erhalten, und immer noch nicht genug! Ein Futteral«, spricht er, -»gehört immer zu jeder Sache.« - -Der Kaiser aber spricht: - -»Hör' bitte auf, das ist nicht deine Sache -- verdirb' mir nicht die -Politik. Sie haben ihre Gebräuche« -- und er fragt: »Wieviel kostet -diese Nuß, in die der Floh hineingeht?« - -Die Engländer setzen dafür noch Fünftausend fest. - -Kaiser Alexander Pawlowitsch sagt: - -»Man soll es ihnen auszahlen«, selber aber steckt er den Floh in dies -Nüßchen, und mit ihm zugleich auch das Schlüsselchen. Um aber nicht die -Nuß zu verlieren, legte er sie in seine goldene Tabaksdose; die -Tabaksdose aber befahl er in seine Reiseschatulle zu legen, die ganz -ausgelegt war mit Perlmutter und Fischbein. Die englischen Meister -entließ der Kaiser in Ehren und sagte ihnen: »Ihr seid die ersten -Meister in der ganzen Welt, und meine Leute verstehen im Vergleich zu -Euch gar nichts.« - -Jene blieben sehr zufrieden, Platow aber konnte den Worten des Kaisers -nichts widersprechen. Er nahm nur das »Winzigglas«, ja, und ohne ein -Wort zu sagen, steckte er es in seine Tasche. »Weil« -- spricht er -- -»es auch dazu gehört, und ihr so schon viel Geld von uns genommen habt!« - -Der Kaiser wußte das gar nicht bis ganz zu seiner Ankunft in Rußland. -Sie reisten aber sehr bald ab, weil der Kaiser von allen diesen -»Militärangelegenheiten« in Melancholie verfiel, und er eine geistige -Beichte haben wollte in Taganrog beim Popen Fjedot. Unterwegs hatten er -und Platow sehr wenig angenehme Unterhaltung, weil sie völlig -verschiedene Gedanken hegten: der Kaiser glaubte, den Engländern sei -niemand an Kunstfertigkeit gleich, Platow hingegen bestand darauf, daß -auch die Unsrigen alles machen können, was sie anschauen, nur fehle es -ihnen an nützlicher Lehre. Und er hielt dem Kaiser vor, daß bei den -englischen Meistern durchaus in allem andere Regeln des Lebens, der -Wissenschaft und der »Verpflegung« gelten und jeder Mensch bei ihnen -alle »absoluten« Möglichkeiten für sich habe, und deshalb sei in ihm -auch ein ganz anderer Geist. - -Der Kaiser wollte das nicht lange anhören, Platow aber steigt auf jeder -Station aus und trinkt vor Verdruß ein Wasserglas Schnaps, beißt -gesalzene Bretzel zu, raucht seine Weichselpfeife, in die ein ganzes -Pfund Schukowscher Tabak hineinging, setzt sich dann hin und sitzt so -schweigend neben dem Kaiser im Wagen. Der Kaiser schaut auf eine Seite, -Platow steckt durch das andere Fenster seine Pfeife hinaus und läßt den -Rauch in die Luft. So reisten sie bis Petersburg; zum Popen Fjedot nahm -aber der Kaiser den Platow schon gar nicht mehr mit. - -»Du« -- spricht er -- »bist in geistlicher Unterhaltung unenthaltsam und -rauchst so viel, daß sich von deinem Qualm nur Ruß im Kopfe ansetzt!« -Platow blieb gekränkt zurück und legte sich zu Hause auf sein -»Verdrußsofa«, und er lag dort immerfort und rauchte ohne Unterlaß -Schukowschen Tabak. - - - - - IV - - -Der erstaunliche Floh aus gehärtetem Stahl blieb bei Alexander -Pawlowitsch in der Schatulle unter dem Fischbein, bis der Kaiser in -Taganrog starb, nachdem er ihn dem Popen Fjedot gegeben hatte, damit der -ihn später der Kaiserin gebe, wenn sie sich getröstet habe. Die Kaiserin -Jelisaweta Alexejewna schaute die Variationen des Flohs an und lächelte, -beschäftigte sich aber weiter nicht mehr mit ihm. - -»Meine Sache,« spricht sie, »ist die einer Witwe, und mir sind keinerlei -Unterhaltungen verführerisch,« und als sie nach Petersburg zurückgekehrt -war, übergab sie dies Wunderding mit allen andern Kostbarkeiten dem -neuen Kaiser zum Erbe. - -Kaiser Nikolai Pawlowitsch schenkte gleichfalls anfangs dem Floh nicht -die geringste Aufmerksamkeit, weil bei seiner Thronbesteigung eine -»Verwirrung« war, später aber begann er einmal die ihm von seinem Bruder -hinterlassene Schatulle durchzusehen und nahm aus ihr die Tabaksdose -heraus, aus der Tabaksdose die Brillantnuß, und in ihr fand er den -stählernen Floh, der schon lange nicht mehr aufgezogen war, und sich -deshalb nicht bewegte, vielmehr friedlich dalag, als ob er versteinert -wäre. - -Der Kaiser schaute hin und staunte. - -»Was ist denn da noch für eine Nichtigkeit, und wozu ward sie dort von -meinem Bruder so aufbewahrt?« - -Die Hofleute wollten es wegwerfen, der Kaiser aber spricht: - -»Nein -- das bedeutet irgend etwas!« - -Man rief von der Anitschkin-Brücke aus der gegenüberliegenden Apotheke -einen Chemiker, der auf der allerkleinsten Wage Gift abzuwiegen pflegte, -und zeigte ihm das Ding; der aber nahm sogleich den Floh, legte ihn auf -die Zunge und spricht: »Ich empfinde Kälte wie von einem festen Metall«. -Darauf drückte er es leicht mit den Zähnen und erklärte: - -»Wie es Ihnen beliebt, dies ist aber kein wirklicher Floh, vielmehr ein -»Nymphusorium«, und es ist aus Metall gemacht, und die Arbeit ist nicht -die unsrige, nicht russische.« - -Der Kaiser befahl zu erkunden, woher dies stamme, und was es bedeute. -Man stürzte sich sogleich in die Akten, um Verzeichnisse einzusehen -- -in den Akten aber war nichts eingetragen. Man begann diesen und jenen -auszufragen -- niemand wußte etwas. Zum Glück weilte aber damals noch -der Donsche Kosak Platow unter den Lebenden und lag sogar immer noch auf -seinem Verdrußsofa und rauchte seine Pfeife. Als der nun vernahm, daß -bei Hof eine solche Unruhe sei, erhob er sich sogleich von seiner -Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien beim Kaiser in allen -seinen Orden. Der Kaiser spricht: »Was willst du von mir, tapferer -Greis?« - -Platow aber antwortet: - -»Mir, Eure Majestät, ist nichts für mich selber nötig, da ich esse und -trinke, wozu ich Lust habe, und mit allem zufrieden bin; ich bin aber« --- spricht er -- »gekommen, wegen dieses >Nymphusoriums< zu berichten, -das man ausfindig machte; das« -- spricht er -- »war so und so, und -folgendermaßen hat es sich vor meinen Augen in England zugetragen -- und -dort bei ihm liegt ein Schlüsselchen, ich aber besitze ihren ->Winzigseher<, in dem man es sehen kann; und mit diesem Schlüssel durch -das Löchelchen in seinem Bäuchelchen kann man dies >Nymphusorium< -aufziehen, und es wird hüpfen, wo und wann man es wünscht und zur Seite -Variationen machen.« - -Man zog den Floh auf, er begann zu springen. Platow aber spricht: - -»Dies,« -- spricht er -- »Eure Majestät, ist wirklich eine sehr feine -und interessante Arbeit; nur ziemt es sich nicht, daß wir uns darüber -lediglich wundern mit entzücktem Gefühl, vielmehr muß man sie russischen -Meistern in Tula oder in Sesterbek (damals nannte man noch Sestrorezk -- -Sesterbek) zeigen -- ob nicht unsere Meister erreichen können, daß die -Engländer sich nicht mehr über die Russen überheben.« - -Kaiser Nikolai Pawlowitsch hegte großes Zutrauen zu seinen Leuten und -liebte es nicht, sie irgend einem Ausländer hintanzusetzen, er -antwortete denn auch Platow: - -»Das sprichst du gut, wackerer Greis! Und ich übertrage dir diese Sache. -Ich brauche sowieso dieses Schächtelchen nicht, bei meinen vielen -Sorgen. Du aber nimm es mit dir und lege dich nicht mehr auf dein ->Verdrußsofa<, fahre vielmehr zum stillen Don und führe dort mit meinen -Donzern vertrauliche Gespräche über ihr Leben, ihre Ergebenheit und was -ihnen beliebt. Wenn du aber durch Tula kommen wirst, so zeige meinen -Tulaer Meistern dieses >Nymphusorium<, dann mögen sie darüber -nachdenken. Sage ihnen von mir, daß mein Bruder sich über dies Ding -erstaunte und die Fremdländer, die das >Nymphusorium< machten, über -alles lobte; daß ich aber auf die Meinen baue, daß sie durchaus nicht -schlechter sind. Sie werden mein Wort nicht zuschanden werden lassen und -irgend etwas erfinden.« - - - - - V - - -Platow nahm den stählernen Floh, und als er durch Tula zum Don fuhr, -zeigte er ihn den Tulaer Waffenschmieden, überbrachte ihnen das Wort des -Kaisers und fragte sie dann: - -»Wie soll es jetzt mit uns sein, Rechtgläubige?« - -Die Waffenschmiede antworteten: - -»Wir, Väterchen, fühlen das gnädige Wort des Zaren und können es niemals -vergessen, deshalb, weil er auf seine Leute hofft. Wie es aber im -vorliegenden Falle sein wird, das können wir in einem Augenblick nicht -entscheiden, weil die englische Nation gleichfalls nicht dumm ist, -vielmehr sogar ziemlich schlau, und die Kunst in ihr mit großem -Verstande betrieben wird. Ihr gegenüber,« sprechen sie, »muß man sich -nach reiflicher Überlegung und mit Gottes Segen ans Werk machen. Du -aber, wenn deine Gnaden zu uns ebensolches Vertrauen hegt, wie unser -Zar, so fahre in deine Heimat nach dem stillen Don, uns aber hinterlasse -das Flöhchen, wie es ist, im Futteral und in der goldenen zarischen -Tabaksdose. Lustwandle am Don und heile die Wunden, die du fürs -Vaterland erhieltest. Wenn du aber durch Tula zurückkehren wirst -- so -mache Halt und laß uns rufen: Wir werden bis zu dieser Zeit, wenn Gott -es will, irgend etwas ausdenken«. - -Platow war nicht völlig damit zufrieden, daß die Tulaer so viel Zeit -verlangten und dabei noch nicht einmal deutlich aussprachen, was sie -eigentlich zu tun gedächten. Er frug sie so und anders und sprach auf -jede Weise mit ihnen, schlau, auf Donsche Art. Die Tulaer gaben ihm aber -an Schläue nicht das Geringste nach, weil sie sogleich schon einen -solchen Gedanken hegten, von dem sie nicht einmal hofften, daß sogar -Platow ihnen glauben werde. Sie wollten vielmehr unmittelbar ihren -Gedanken ausführen, und dann auch die Sache übergeben. - -Sie sprechen: - -»Wir wissen selber noch nicht, was wir tun werden. Wir hoffen nur auf -Gott, und das Wort des Zaren wird wohl nicht durch uns zuschanden -werden.« - -So versuchte es denn Platow mit Kniffen, die Tulaer aber gleichfalls. - -Platow verstellte sich, verstellte sich lange und sah, daß er die Tulaer -nicht überlisten werde. Er gab ihnen endlich die Tabaksdose mit dem -»Nymphusorium« und sprach: - -»Nun, da ist nichts zu machen; möge es«, spricht er, »nach eurem Willen -gehen. Ich kenne euch, was ihr für Leute seid, nun, gleichwohl, da ist -nichts zu machen. Ich vertraue euch, schaut nur zu, daß ihr den -Brillanten nicht umtauscht und verderbt nicht die feine englische Arbeit -und braucht auch nicht zulange Zeit, weil ich rasch reise; es werden -nicht zwei Wochen vergangen sein, so werde ich vom stillen Don wiederum -nach Petersburg zurückkehren -- daß dann unbedingt etwas dem Kaiser zu -zeigen da sei.« - -Die Waffenschmiede beruhigten ihn vollauf: - -»Der feinen Arbeit werden wir« -- sprechen sie -- »keinen Schaden tun, -und den Brillanten werden wir nicht umtauschen. Zwei Wochen ist uns aber -Zeit genug, und wann du zurückkehren wirst, wird dir _irgend etwas_ -dargeboten, was würdig ist der Herrlichkeit des Zaren vorgelegt zu -werden!« - -Aber _was_ eigentlich, das haben sie nicht gesagt! - - - - - VI - - -Platow reiste aus Tula ab, die Waffenschmiede aber, drei Mann, die -allerkunstfertigsten -- einer von ihnen schieläugig und linkshändig, -trägt auf der Backe ein Muttermal, und an den Schläfen sind ihm die -Haare schon in seiner Lehrzeit ausgerissen worden -- verabschiedeten -sich von ihren Kameraden und Familienangehörigen, und ohne irgend wem -irgend etwas zu sagen, nahmen sie eine Tasche, legten da hinein, was zu -essen nötig ist, und verschwanden aus der Stadt. - -Man hatte nur bemerkt, daß sie nicht nach dem Moskauer Stadttor gingen, -vielmehr auf die entgegengesetzte Kiewer Seite, und man glaubte, sie -seien nach Kiew gegangen: die verstorbenen Wundertäter anzubeten oder -sich dort mit irgend einem von den noch lebenden heiligen Männern zu -beraten, die es immer im Überfluß in Kiew gab. - -Das war alles nur der Wahrheit nahe, nicht aber die Wahrheit selber. -Weder die Zeit noch die Entfernung erlaubten es den Tulaer Meistern, in -drei Wochen zu Fuß nach Kiew zu ziehen, und dazu noch eine für die -englische Nation beschämende Arbeit zu verrichten. Eher hätten sie noch -nach Moskau beten gehen können, wohin es im ganzen zweimal 90 Werst -sind, und heilige Wundertäter gibt es auch dort zu verehren nicht -weniger. Nach der anderen Seite -- bis Orjol, sind es ebensolche zweimal -90 Werst, und über Orjol hinaus bis Kiew sind es wiederum noch gute 500 -Werst. Einen solchen Weg wirst du nicht rasch zurücklegen, und wenn du -ihn zurückgelegt hast, wirst du nicht so rasch ausruhen -- lange noch -werden dir die Beine steif sein und die Hände zittern. - -Einigen kam es sogar so vor, als ob die Meister sich vor Platow nur -gebrüstet hätten, nachher aber, nachdem sie sich die Sache überlegt -hatten, bange geworden und ganz davongelaufen wären, sowohl die goldene -Tabaksdose mit sich fortnehmend, wie den Brillanten und den englischen -stählernen Floh im Futteral, der ihnen soviel Aufregung verursacht -hatte. - -Indes war eine solche Annahme gleichfalls völlig unbegründet und -kunstfertiger Leute, auf denen nunmehr die Hoffnung der Nation beruhte, -unwürdig. - - - - - VII - - -Die Tulaer, gescheite Leute und erfahren in Metallarbeiten, sind -gleichfalls berühmt als erstklassige Kenner in der Religion. Ihres -Ruhmes in dieser Hinsicht ist sowohl die heimische Erde voll wie sogar -der heilige Athos: sie sind nicht nur Meister im Singen mit Variationen, -sie wissen vielmehr auch, wie das Bild »Der abendliche Klang« gemalt -wird. Und wenn jemand von ihnen sich größere Opfer auferlegt und ins -Mönchstum übertritt, so werden aus ihnen die allerbesten Klosterökonomen -und gehen aus ihnen die allerfähigsten Gabeneinsammler hervor. Auf -dem heiligen Athos aber weiß man, daß die Tulaer -- das -allergewinnbringendste Volk sind, und wenn sie nicht wären, so hätten -die dunklen Winkel Rußlands wahrscheinlich nicht sehr viele Heiligtümer -des fernen Ostens gesehen, und der Athos hätte viele nützliche -Darbringungen russischer Freigebigkeit und Frömmigkeit entbehren müssen. -Jetzt aber fahren die Tulaer vom Athos Heiligtümer in unserm ganzen -Vaterlande umher und sammeln meisterhaft milde Gaben auch dort, wo -eigentlich gar nichts zu holen ist. Der Tulaer ist erfüllt von -kirchlicher Frömmigkeit und dabei ein großer Praktiker in dieser Sache, -und deshalb begingen auch die drei Meister, die es auf sich genommen -hatten, Platow zu unterstützen und mit ihm ganz Rußland, durchaus keinen -Fehler, als sie sich nicht nach Moskau, vielmehr nach dem Süden -aufmachten. Sie gingen aber nicht nach Kiew, vielmehr nach Mzensk, einer -Kreisstadt im Orlowschen Gouvernement, in der ein altes steingemeißeltes -Heiligenbild des heiligen Nikolai steht, das in den allerältesten Zeiten -auf einem großen, gleichfalls steinernen Kreuz auf dem Fluß Suscha -dahergeschwommen kam. Dies Heiligenbild ist von strengem und -schrecklichem Aussehen, der Heilige ist auf ihm in Lebensgröße -dargestellt, ganz angetan mit einem vergoldeten Silbergewand, dunkel von -Angesicht, und in einer Hand hält er einen Tempel, in der andern -- das -Schwert, das Zeichen des Sieges. Und grade in diesem »Zeichen des -Sieges« war auch der Sinn der Sache beschlossen: der heilige Nikolai ist -überhaupt der Beschützer in Handels- und Kriegsangelegenheiten, und der -Nikolai von Mzensk ganz im Besondern, und grade vor ihm sich zu -verneigen, waren auch die Tulaer gekommen. Sie ließen einen -Bittgottesdienst unmittelbar beim Heiligenbilde halten, dann beim -steinernen Kreuz, endlich kehrten sie bei Nacht nach Hause zurück, und -ohne irgendwem irgend etwas zu sagen, machten sie sich in furchtbarer -Heimlichkeit ans Werk. Sie gingen alle drei in ein und dasselbe Häuschen -zum Linkser, schlossen die Türen und die Fensterläden, entzündeten vor -dem Heiligenbild des Nikolai das Lämpchen und begannen zu arbeiten. - -Einen Tag, zwei, drei sitzen sie und gehen nicht aus, immer klopfen sie -nur mit den Hämmerchen. Sie schmieden irgend etwas, was sie aber -schmieden -- ist unbekannt. - -Alle sind neugierig, aber niemand kann etwas erfahren, weil die -Arbeitenden gar nichts erzählen und sich nach außen nicht zeigen. -Verschiedene Leute gingen zum Häuschen, klopften unter mannigfachen -Vorwänden an die Türe, um Feuer oder um Salz zu bitten. Die drei Meister -öffneten aber auf gar keine Bitte, und sogar womit sie sich nährten -- -war unbekannt. Man versuchte sie zu erschrecken: man tat so, als brenne -in der Nachbarschaft ein Haus -- ob sie nicht vor Schrecken -herausspringen würden, und es sich dann offenbaren werde, was von ihnen -geschmiedet sei. Nichts aber verführte diese schlauen Meister: einmal -nur streckte sich der Linkser bis zur Schulter aus dem Fenster heraus -und schrie: - -»Brennt ihr nur für euch, wir aber haben keine Zeit« -- und wiederum -verbarg er seinen zerrupften Kopf, warf den Laden zu und machte sich an -seine Arbeit. - -Nur durch die kleinen Spalten war zu sehen, wie im Innern des Hauses das -Feuerchen leuchtete, es war auch zu hören, daß feine Hämmerchen auf -feinen Amboßen pochten. - -Mit einem Worte, die ganze Sache ward in so furchtbarem Geheimnis -ausgeführt, daß es unmöglich war, irgend etwas zu erfahren, und dabei -zog sie sich hin bis gerade zur Rückkehr des Kosaken Platow vom stillen -Don zum Kaiser; und in dieser ganzen Zeit sahen und sprachen die Meister -niemanden. - - - - - VIII - - -Platow fuhr sehr rasch und mit »Zeremonie«: selber saß er im Wagen, auf -dem Bock aber befanden sich zwei Kosaken mit Knuten zu beiden Seiten des -Fuhrmanns und schlugen ihn erbarmungslos, damit er galoppieren lasse. -Wenn aber einer der Kosaken einschlafen wollte, so stieß ihn Platow -selber aus dem Wagen heraus mit dem Fuß, und noch böser jagten sie -dahin. Die Maßnahmen zur Ermunterung wirkten derart erfolgreich, daß man -auf keiner Station die Pferde anhalten konnte, sie vielmehr hundert -Sprünge an dem Anhaltsorte vorbeigaloppierten. Dann »wirkte« wiederum -der Kosak auf den Fuhrmann in umgekehrter Richtung, und sie kehrten zur -Auffahrt zurück. - -So kamen sie auch in Tula an -- sie flogen um hundert Galoppsprünge an -dem Moskauer Schlagbaum vorüber, darauf aber wirkte der Kosak auf den -Fuhrmann nach der entgegengesetzten Richtung ein, und sie begannen dann -bei dem Haustor frische Pferde anzuspannen. - -Platow stieg gar nicht aus, er befahl nur einem Kurier, möglichst rasch -die Handwerker zu ihm zu führen, denen er den Floh hinterlassen hatte. - -Der Kurier kam herbeigelaufen: sie möchten möglichst rasch kommen und -seinem Herrn die Arbeit bringen, durch die sie die Engländer zuschanden -machen sollten; und kaum war dieser Kurier fortgelaufen, als Platow ihm -noch neue Boten nachsandte, damit es möglichst rasch gehe. - -Alle seine Leute hatte er ausgeschickt und begann bereits einfache Leute -aus dem neugierigen Publikum auszusenden, ja sogar selber streckt er vor -Ungeduld seinen Fuß aus dem Wagen und selber will er vor Ungeduld -hinlaufen und mit den Zähnen knirscht er nur so -- immer scheint es ihm -noch nicht rasch genug. - -So ward in damaliger Zeit alles genau und rasch verlangt, damit auch -keine Minute für den Nutzen Rußlands verloren gehe. - - - - - IX - - -Die Tulaer Meister, die ein erstaunliches Werk verrichtet hatten, -beendeten in dieser Zeit grade nur eben ihre Arbeit. Die Boten kamen -keuchend zu ihnen gelaufen, die einfachen Leute aber aus dem neugierigen -Publikum kamen überhaupt nicht bis ans Ziel, weil sie aus Ungewohntheit -unterwegs ihre Beine verloren hatten und hingestürzt waren, und dann -auch aus Furcht, um Platow nicht vor die Augen zu treten, sich nach -Hause geschlichen, ja, und wo es sich grade traf, sich versteckt hatten. - -Als aber die Kuriere herbeigaloppiert kamen, fingen sie sogleich zu -schreien an, und wie sie sahen, daß die Meister nicht öffneten, begannen -sie sofort ohne Zeremonie die Riegel an den Läden abzureißen; die Bolzen -saßen aber so fest, daß sie nicht im Geringsten nachgaben; sie rissen an -den Türen, die Türen waren aber von innen zugeriegelt mit eichenen -Riegeln. Da nahmen die Boten einen Balken von der Straße, stemmten ihn -nach Art der Feuerwehrleute unter den Dachsattel und schoben das Dach -von dem kleinen Hause auf einmal weg. Sie nahmen das Dach ab und selber -stürzten sie sogleich zu Boden, weil von den Meistern im engen Häuschen -von der ununterbrochenen Arbeit in der Luft eine solche »Schweißspirale« -entstanden war, daß der Ungewohnte, der aus der frischen Luft kommt, -kein einziges Mal atmen kann. - -Die Boten schreien: - -»Was macht ihr denn, ihr, so und so, ihr Pack, daß ihr uns auch noch mit -einer solchen >Spirale< zu betäuben wagt! Habt ihr etwa keinen Gott -mehr?« - -Die aber antworten: - -»Wir sind ja sogleich fertig. Wir schlagen soeben noch das letzte -Nägelchen ein, und wenn wir es eingeschlagen haben, dann werden wir -unsere Arbeit selber hinaustragen.« - -Die Boten aber sprechen: - -»Er wird uns bis dahin lebendig auffressen und nichts zum Gedächtnis der -Seele zurücklassen.« - -Die Meister aber sagen: - -»Er wird nicht Zeit haben, euch zu verschlucken, weil, bis ihr -gesprochen habt, bei uns auch schon dieser letzte Nagel eingeschlagen -ist. Lauft und sagt, daß wir die Sache sogleich bringen.« - -Die Boten liefen, waren aber nicht überzeugt -- sie glaubten, daß die -Meister sie betrügen würden; und deshalb liefen sie zwar so rasch sie -konnten, sie schauten sich aber ständig um; die Meister kamen aber -hinter ihnen her und eilten so sehr, daß sie sich sogar nicht völlig -angekleidet hatten, wie es sich gehört, um vor einer wichtigen -Persönlichkeit zu erscheinen, sie schlossen vielmehr noch im Gehen die -Haken an ihren Röcken. Zwei von ihnen trugen überhaupt nichts in Händen, -der dritte aber, der Linkser, hielt im grünen Futteral die zarische -Schatulle mit dem englischen stählernen Floh. - - - - - X - - -Die Boten laufen zu Platow und sprechen: - -»Da sind sie jetzt selber hier!« - -Platow spricht sogleich zu den Meistern: - -»Ist es fertig?« - -»Alles«, antworten sie, »ist fertig!« - -»Gebt her!« - -Sie gaben es. - -Die Equipage war aber bereits angespannt, und Fuhrmann und Vorreiter an -ihrem Platz. Die Kosaken setzten sich sogleich schon neben den Fuhrmann -und erhoben die Nagaiken über ihn, und so ausholend halten sie sie auch. - -Platow riß das grüne Futteral ab, öffnete die Schatulle, nahm aus der -Watte die goldene Tabaksdose heraus, aus der Tabaksdose die brillantene -Nuß -- und sieht: der englische Floh liegt dort wie er war, aber außer -ihm ist nichts weiter da. - -Platow spricht: - -»Was ist denn das? Wo ist denn eure Arbeit, mit der ihr den Kaiser -erfreuen wolltet?« - -Die Waffenschmiede antworten: - -»Da ist auch unsere Arbeit!« - -Platow spricht: - -»Worin ist sie denn beschlossen?« - -Die Waffenschmiede antworten: - -»Wozu das erklären? Alles ist hier vor Eurem Blick -- schaut nur selber -zu!« - -Platow zuckt die Achseln und schreit: - -»Wo ist aber der Schlüssel zum Floh?« - -»Aber da« -- antworten sie -- »wo der Floh ist, da ist auch der -Schlüssel, in derselben Nuß!« - -Platow wollte den Schlüssel fassen, die Finger waren aber bei ihm zu -kurz und zu dick; er bemühte sich lange Zeit -- konnte aber auf keine -Weise weder den Floh erfassen, noch das Schlüsselchen zu dem Uhrwerk in -seinem Bauch. Plötzlich erzürnte er sich und begann zu schimpfen auf -kosakische Art. - -Er schrie: - -»Was habt ihr denn, ihr Halunken, gar nichts getan, ja dazu noch am Ende -gar die ganze Sache verdorben! Ich werde euch den Kopf abreißen!« - -Die Tulaer geben ihm zur Antwort: - -»Ganz umsonst beleidigen Sie uns so -- wir müssen von Ihnen, als dem -Abgesandten des Kaisers, alle Beleidigungen erdulden. Deswegen aber, -weil Sie an uns zweifelten und glaubten, daß wir sogar den kaiserlichen -Namen zu betrügen fähig seien -- werden wir Ihnen jetzt das Geheimnis -unserer Arbeit nicht eröffnen. Geruhen Sie doch dieses Ding zum Kaiser -zu bringen -- er wird erkennen, was für Leute er an uns hat, und ob er -sich unserer zu schämen braucht!« - -Platow schrie: - -»Nun, so lügt ihr denn, ihr Schufte! Ich werde mich aber von euch nicht -so trennen, vielmehr wird einer von euch mit mir nach Petersburg fahren, -und ich werde schon von ihm herausbekommen, was eure Schlauheiten sind!« - -Damit streckte er die Hand aus, faßte mit seinen kurzen Fingern den -schieläugigen Linkser am Kragen, so daß bei ihm alle Haken vom Rock -abflogen, und stieß ihn zu sich in den Wagen, zu seinen Füßen. - -»Sitze hier« -- spricht er -- »bis nach Petersburg, wie ein Pudel. Du -wirst mir alle verantworten. Ihr aber«, spricht er zu den Boten, »jetzt -heida! Sperrt nicht das Maul auf, damit ich übermorgen in Petersburg -beim Zaren bin!« - -Die Meister wagten nur für ihren Kameraden einzutreten: »Wie denn, Sie -werden ihn von uns so ohne ein >Tugament< wegführen? Ihm wird es -unmöglich sein, zurückzukommen!« Platow aber zeigte ihnen statt der -Antwort nur die Faust, eine so furchtbare -- sie ist rotbraun, ganz mit -Narben bedeckt, und irgendwie zusammengewachsen -- und drohend spricht -er: »Da habt ihr das >Tugament<!« Den Kosaken aber schrie er zu: - -»Heida, Kinder!« - -Die Kosaken, die Fuhrleute und die Pferde -- alles begann gleichzeitig -zu arbeiten, und man entführte den Linkser ohne Dokument; und einen Tag -später, wie Platow befohlen hatte, fuhr man auch schon beim Palast des -Zaren vor, und sogar galoppierend, wie es sich gehörte, fuhren sie bei -den Säulen vorbei. - -Platow stand auf, hing die Orden an und ging zum Kaiser, befahl aber den -ihn begleitenden Kosaken, den schieläugigen Linkser beim Eingang zu -bewachen. - - - - - XI - - -Platow fürchtete sich, dem Kaiser vor Augen zu treten, weil Nikolai -Pawlowitsch alles bemerkte und im Gedächtnis behielt; nichts pflegte er -zu vergessen. Platow wußte, daß er ihn unbedingt nach dem Floh fragen -werde. Und wenn er auch keinen Feind auf der ganzen Welt fürchtete, so -fürchtete er sich in diesem Falle doch: er ging ins Schloß mit der -kleinen Schatulle und stellte sie ganz leise im Saal hinter den Ofen. - -Nachdem er die Schatulle verborgen hatte, ging Platow zum Kaiser ins -Kabinett und begann rasch zu berichten, was die Kosaken am stillen Don -für Gespräche unter einander führen. Er beschloß so: hiermit den Kaiser -zu beschäftigen und dann, wenn der Kaiser sich selber entsinnen und von -dem Floh beginnen werde, werde es nötig sein, ihn herzugeben und Rede zu -stehen; wenn er aber davon nicht anfange, dann zu schweigen, die -Schatulle dem Kammerdiener zu verstecken befehlen und den Tulaer Linkser -auf unbestimmte Zeit in eine Festungskasematte zu stecken, damit er dort -sitze bis zu der Zeit, daß man seiner bedürfen werde. - -Kaiser Nikolai Pawlowitsch hatte aber gar nichts vergessen, und kaum -hatte Platow seinen Bericht über die Gespräche der Kosaken untereinander -geendet, so fragte er ihn auch schon sogleich: - -»Aber wie denn, wie haben meine Tulaer Meister sich gerechtfertigt -gegenüber dem englischen >Nymphusorium<?« - -Platow antwortete in der Weise, wie ihm die Sache zu sein schien. - -»Das >Nymphusorium<« -- spricht er -- »Eure Majestät, ist immer noch auf -der Welt, und ich habe es zurückgebracht, die Tulaer Meister haben aber -nichts Erstaunliches zu tun vermocht.« - -Der Kaiser antwortet: - -»Du bist ein tapferer Greis, doch das, was du mir da vorbringst, kann -nicht so sein.« - -Platow begann ihn zu überzeugen und erzählte, wie die ganze Sache -verlief, und als er bis dahin gelangt war, daß die Tulaer ihn baten, den -Floh dem Kaiser zu zeigen, da klopfte ihm Nikolai Pawlowitsch auf die -Schulter und sagte: - -»Bring her. Ich weiß, daß die Meinigen mich nicht betrügen können. Da -ist irgend etwas über das Verstehen hinaus geschehen!« - - - - - XII - - -Man brachte die Schatulle hinter dem Ofen hervor, nahm von ihr die -Decke, enthüllte die goldene Tabaksdose und die brillantene Nuß -- in -ihr aber liegt der Floh, wie er vordem gewesen war und wie er früher -gelegen hatte. - -Der Kaiser schaute hin und sprach: - -»Das ist eine List!« -- Aber von seinem Glauben an die russischen -Meister verlor er gar nichts. Er befahl, seine Lieblingstochter -Alexandra Nikolajewna zu rufen und sagte ihr: - -»An deinen Händen hast du feine Finger! Nimm das kleine Schlüsselchen -und ziehe rasch in diesem >Nymphusorium< die Bauchmaschine auf!« - -Die Prinzessin begann mit dem Schlüsselchen zu drehen, und der Floh -bewegte sogleich seinen Schnurrbart, aber mit den Füßen rührte er sich -nicht. Alexandra Nikolajewna zog das ganze Uhrwerk auf, aber das -»Nymphusorium« tanzte trotzdem kein »Dansé« und ließ keine einzige -»Variation« los wie vordem. - -Platow ward ganz grün und schrie: - -»Ach, das sind hündische Schelme! Jetzt verstehe ich, weshalb sie mir -dort nichts sagen wollten. Es ist noch gut, daß ich einen Dummkopf von -ihnen mit mir nahm!« - -Mit diesen Worten lief er zur Auffahrt, packte den Linkser an den Haaren -und begann ihn dahin und dorthin zu zausen, so, daß die Haarbüschel nur -so flogen. Jener aber, als Platow aufhörte, ihn zu schlagen, machte sich -nur zurecht und spricht: - -»Man hat mir so schon in der Lehre alle Schopfhaare ausgerissen, ich -weiß nur nicht wegen welcher Notwendigkeit man eine solche Wiederholung -vornimmt?« - -»Das ist deshalb« -- spricht Platow -- »weil ich auf euch hoffte und -mich verpflichtete. Ihr aber habt diese seltene Sache verdorben!« - -Der Linkser antwortet: - -»Gar sehr sind wir zufrieden, daß du dich für uns verpflichtetest, -verdorben haben wir aber gar nichts: Nehmt und schaut durch das -allerstärkste >Winzigglas<.« - -Platow lief zurück, um von dem >Winzigschauer< zu erzählen, dem Linkser -aber drohte er nur: - -»Ich werde dir« -- spricht er -- »du ... so und so ... noch etwas geben -...« - -Und er befiehlt seinen Leuten, dem Linkser noch stärker die Ellenbogen -zurückzubinden, selber aber steigt er die Stufen hinauf, keucht und -spricht sein Gebet: »Gesegnete Mutter des gesegneten Königs, -Allerreinste und Reine ...« usw., wie es sich gehört. Die zarischen -Hofdiener, die auf den Stufen stehen, wenden sich alle von ihm ab und -denken: Platow ist hineingefallen, und sogleich wird man ihn aus dem -Schloß wegjagen -- denn sie konnten ihn nicht ausstehen wegen seiner -Tapferkeit. - - - - - XIII - - -Als Platow dem Kaiser die Worte des Linksers hinterbrachte, spricht der -sogleich mit Freuden: - -»Ich weiß, daß meine Russen mich nicht betrügen werden« -- und befahl, -den »Winzigschauer« auf einem Kissen zu reichen. - -In einem Augenblick ward der >Winzigschauer< gebracht, und der Kaiser -nahm den Floh und legte ihn unter das Glas: zuerst mit dem Rücken nach -oben, dann mit der Seite, dann mit dem Bäuchelchen -- mit einem Worte, -man drehte ihn nach allen Seiten, sah aber garnichts. Der Kaiser verlor -aber auch da nicht seinen Glauben, er sagte nur: - -»Man führe jenen Waffenschmied, der sich unten befindet, sogleich -hierher zu mir.« - -Platow berichtet: - -»Man müßte ihn umkleiden -- er ward genommen wie er war und ist jetzt -gar sehr in schlechtem Aussehen.« - -Der Kaiser aber antwortet: - -»Das tut nichts, man bringe ihn so, wie er ist.« - -Platow spricht: - -»Nun gehe jetzt selber, du, so und so, vor den Augen des Kaisers zu -antworten.« - -Der Linkser aber sagt: - -»Was ist denn dabei, ich werde gehen, und werde auch antworten!« - -Er kommt so, wie er war: in abgetretenen Stiefeln, ein Hosenbein im -Stiefel, das andere baumelt herum, sein breiter Rock ist ältlich, die -Haken schließen nicht, sie fehlen sogar, und der Kragen ist zerrissen; -er geniert sich aber garnicht. - -»Wie denn« -- denkt er -- »wenn es dem Zaren gefällig ist, mich zu sehen --- so muß ich eben kommen; wenn ich aber kein >Tugament< habe -- so bin -ich daran unschuldig und werde erzählen, wie sich die Sache zutrug.« - -Als der Linkser eintrat und sich verneigte, spricht der Kaiser sogleich -schon zu ihm: - -»Was bedeutet das denn, Brüderchen, daß wir so und so zuschauten und den -Floh unter den >Winzigschauer< legten, aber nichts Bemerkenswertes -erschauten.« - -Der Linkser aber antwortet: - -»Haben Sie, Euer Majestät, denn richtig zu schauen geruht?« - -Die Höflinge geben ihm ein Zeichen: »Du sprichst nicht so, wie 's sich -gehört!« Er aber versteht nicht, wie es nötig ist auf Höflingsart mit -Schmeichelei oder mit List, er antwortet vielmehr ganz einfach. Der -Kaiser spricht: - -»Hört doch auf, ihn zu schulmeistern -- er soll antworten, wie er es -versteht.« - -Und sogleich erklärte er ihm: - -»Wir,« spricht er, »haben ihn so hingelegt« -- und er legte den Floh -unter den Winzigschauer. »Schau nur selber«; spricht er -- »es ist -nichts zu sehen.« - -Der Linkser antwortet: - -»Euer Majestät, so ist es auch gar nicht möglich, irgend etwas zu sehen, -weil nämlich unsere Arbeit gegenüber einem solchen Maßstab bei weitem -geheimnisvoller ist.« - -Der Kaiser fragte: - -»Wie soll man dann aber?« - -»Man muß« -- spricht er -- »nur sein einzelnes Füßchen unter den ganzen ->Winzigschauer< führen und im einzelnen auf jedes Ferschen schauen, -womit er auftritt.« - -»Erbarme dich, sag' einmal« -- spricht der Kaiser -- »dies ist schon -allzufein.« - -»Aber was soll man denn machen« -- antwortet der Linkser -- »wenn man -nur so unsere Arbeit bemerken kann: dann wird sich auch das ganze -Staunen offenbaren.« - -Sie legten den Floh so hin, wie der Linkser gesagt hatte, und als der -Kaiser nur eben in das obere Glas schaute, so strahlte er auch nur so -- -er nahm den Linkser, so wie er war, unfrisiert und ungewaschen, voll -Staub -- umarmte ihn und küßte ihn, darauf aber wandte er sich an alle -Hofleute und sagte: - -»Seht ihr, ich wußte besser als ihr alle, daß meine Russen nicht -versagen werden. Schaut bitte hin, die Schelme haben dem englischen Floh -Hufeisen angeschmiedet!« - - - - - XIV - - -Alle begannen heranzutreten und zu schauen: der Floh trug tatsächlich an -allen seinen Füßen wirkliche Hufeisen, der Linkser aber bemerkte, daß -auch dies nicht das ganze Erstaunliche sei. - -»Wenn« -- spricht er -- »ein besserer >Winzigschauer< da wäre, der -fünfmillionenmal vergrößert, so würden Sie,« spricht er, »geruhen zu -erschauen, daß auf jedem Hufeisenchen der Name steht: welcher russische -Meister dieses Hufeisen schmiedete.« - -»Ist auch dein Name dabei?« - -»Keineswegs« -- antwortet der Linkser -- »eben mein Name fehlt nur.« - -»Weshalb denn?« - -»Aber deshalb« -- spricht er -- »weil ich noch feinere Arbeit leistete: -Ich schmiedete die Nägelchen, mit denen die Hufeisen angeschlagen sind --- die vermag schon kein >Winzigschauer< zu erfassen.« - -Der Kaiser fragte: - -»Wo ist dann aber euer >Winzigschauer<, mit dem ihr dieses Wunder -vollbringen konntet?« - -Der Linkser antwortet: - -»Wir sind arme Leute und haben wegen unserer Armut keinen ->Winzigschauer<, bei uns ist vielmehr unser Auge so gewöhnt.« - -Da begannen auch die übrigen Höflinge, sehend, daß die Sache des -Linksers gewonnen war, ihn zu küssen. Platow aber gab ihm hundert Rubel -und sprach: - -»Verzeih' mir, Brüderchen, daß ich dich an den Haaren zog!« - -Der Linkser antwortet: - -»Gott wird dir verzeihen -- da ist uns nicht zum ersten Male ein solcher -Schnee auf den Kopf gefallen!« - -Mehr aber sprach er nicht, und er hatte auch keine Zeit mit irgendwem zu -sprechen, weil der Kaiser befahl, schon sogleich dieses behufte -»Nymphusorium« einzupacken und nach England zurückzuschicken -- in der -Art eines Geschenkes, damit man dort verstehe, daß uns dies nicht -erstaunlich sei. Und es befahl der Kaiser, daß ein besonderer Kurier, -der alle Sprachen versteht, den Floh bringen, und daß sich der Linkser -bei ihm befinden solle, damit er selber den Engländern die Arbeit zeigen -könne, und was es für Meister bei uns in Tula gibt. - -Platow bekreuzte ihn: - -»Möge« -- spricht er -- »über dir Segen sein, auf den Weg aber werde ich -dir meinen eigenen Bittern senden. Trinke nicht viel und nicht wenig, -trinke vielmehr mittelmäßig!« - -So tat er auch -- er schickte ihm seinen Bittern. - -Graf Kiselwrode aber befahl, daß man den Linkser in den Tuljakowschen -öffentlichen Bädern bade, ihm beim Barbier die Haare schneide und ihm -einen Paradekaftan von einem Hofsänger anziehe, damit es so aussehe, als -habe er irgend einen besondern Rang. - -Als sie ihn auf diese Weise umgebildet und zur Reise mit Tee und -Platowschem Bittern getränkt hatten, zogen sie ihm den Gürtelriemen -möglichst eng, damit die Därme nicht schlotterten, und führten ihn nach -London. Von daher bekam der Linkser auch ausländische »Ansichten« zu -schauen. - - - - - XV - - -Die Kuriere mit dem Linkser reisten sehr rasch, so daß sie von -Petersburg bis London nirgends Rast machten, vielmehr zogen sie auf -jeder Station den Gürtel noch um ein Loch enger, damit sich die Gedärme -nicht mit den Lungen vermengen sollten. Da aber dem Linkser nach der -Vorstellung beim Kaiser auf Befehl Platows auf Kronskosten eine -Schnapsportion nach Gutdünken bewilligt war, so hielt er sich ohne zu -essen damit allein aufrecht und sang durch ganz Europa hindurch -russische Lieder, nur den Kehrreim sang er auf ausländische Weise: -- -»ai -- ljuli -- ssee tree schuli.« - -Der Kurier brachte ihn nach London, zeigte sich, bei wem es nötig war, -gab die Schatulle ab, führte den Linkser in ein Gasthaus und mietete für -ihn ein Zimmer. Dem aber ward es dort bald langweilig, und ihn verlangte -es zu essen. Er pochte an die Türe und deutete sich vor dem Aufwartenden -auf den Mund. Der aber führte ihn sogleich schon in das -Speisenempfangszimmer. - -Der Linkser setzt sich dort an den Tisch und sitzt da. Irgend etwas auf -englisch zu fragen -- versteht er aber nicht. Darauf erriet er es: -wiederum pocht er einfach mit dem Finger auf den Tisch und zeigt sich -auf den Mund -- die Engländer erraten und tragen auf, nur nicht immer -das, was nötig ist. Er nimmt aber das nicht an, was ihm nicht paßt. Man -gab nach ihrer Zubereitung heißen Pudding »im Feuer«. Er spricht: »ich -weiß nicht, daß man so etwas essen kann« -- und aß auch nicht. Sie -tauschten es ihm um und gaben ihm ein anderes Gericht. Ebenso wollte er -nicht ihren Schnaps trinken, weil er grün war -- als sei er mit Grünspan -angesetzt. Er wählte vielmehr das Allernatürlichste und erwartete den -Kurier gemütlich hinter einem Fläschchen. - -Die Leute aber, denen der Kurier das »Nymphusorium« gegeben hatte, -beschauten es alsogleich durch den allerstärksten »Winzigschauer« und -sogleich schickten sie auch eine Beschreibung in die öffentlichen -Nachrichten, damit morgen schon zur allgemeinen Kunde ein »Kleveton« -erscheine. - -»Diesen Meister aber« -- sagen sie -- »wollen wir sogleich sehen.« - -Der Kurier geleitete sie in das Gasthauszimmer und von dort in den -»Speisenempfangsraum«, wo sich unser Linkser bereits gehörig gerötet -hatte und spricht: »Da ist er!« - -Die Engländer schlagen sogleich den Linkser auf die Schulter und wie -einem ihnen Gleichen reichen sie ihm die Hand: »Kamerad«, sprechen sie, -»du bist ein guter Meister, sprechen werden wir mit dir erst später, -jetzt aber laßt uns auf dein Wohl trinken!« - -Sie bestellten viel Wein und dem Linkser den ersten Becher. Er aber -wollte aus »Höflichkeit« nicht zuerst trinken. Er dachte: vielleicht -wollt ihr mich aus Verdruß vergiften. - -»Nein,« spricht er, »das ist nicht in Ordnung; auch in Polen geht der -Herr voran -- trinkt selber zuerst!« - -Die Engländer kosteten alle Weine vor ihm und dann begannen sie ihm -einzuschütten. Er stand auf, bekreuzte sich mit der linken Hand und -trank auf ihrer aller Gesundheit. - -Sie bemerken, daß er sich mit der linken Hand bekreuzte und fragen den -Kurier: - -»Was ist er denn: Lutheraner oder Protestantist?« - -Der Kurier antwortet: - -»Nein, er ist kein Lutheraner und kein Protestantist, vielmehr von -russischem Glauben.« - -»Aber weshalb bekreuzt er sich denn mit der linken Hand?« - -Der Kurier spricht: - -»Er ist -- ein Linkser und macht alles mit der linken Hand.« - -Die Engländer verwunderten sich noch mehr und begannen dem Linkser und -dem Kurier Wein einzupumpen, und so taten sie volle drei Tage -nacheinander, und dann sprachen sie: »Jetzt ist es genug!« Jeder trank -einen »Symphon« Wasser mit »Jerphiks«, sie wurden danach völlig frisch -und begannen den Linkser auszufragen: Wo und was er gelernt habe und wie -weit er die Arithmetik verstehe? - -Der Linkser antwortet: - -»Unsere Wissenschaft ist eine einfache: der Psalter ja und der -Traumdeuter; von der Arithmetik wissen wir aber ganz und gar nichts.« - -Die Engländer schauen einander an und sprechen: - -»Das ist erstaunlich!« - -Der Linkser antwortet: - -»Bei uns ist das überall so.« - -»Was ist das aber« -- fragen sie -- »für ein Buch in Rußland >der -Traumdeuter<?« - -»Das« spricht er -- »ist ein Buch, das sich darauf bezieht, daß, wenn -König David im Psalter irgend etwas hinsichtlich des Wahrsagens nicht -deutlich genug erklärte, dann erraten sie im Traumdeuter die Ergänzung.« - -»Das ist schade, besser wäre es, ihr wüßtet etwas aus der Arithmetik, -wenn auch nur die vier Spezies, -- das wäre euch bei weitem nützlicher -als den ganzen Traumdeuter zu kennen. Dann könntet ihr euch vorstellen, -daß in jeder Maschine die Kraft berechnet ist, aber sonst, wenn ihr auch -sehr kunstvoll mit den Händen seid, habt ihr nicht wissen können, daß -ein so kleines Maschinchen, wie in dem >Nymphusorium<, auf die -allergenaueste Genauigkeit berechnet ist und eure Hufeisen nicht tragen -kann. Deshalb springt auch jetzt das >Nymphusorium< nicht und tanzt kein ->Dansé<.« - -Der Linkser stimmte bei. - -»Darüber« -- spricht er -- »gibt es keinen Streit, daß wir in den -Wissenschaften nicht kundig sind, nur sind wir unserm Vaterlande treu -ergeben.« - -Die Engländer aber sagen ihm: - -»Bleibt bei uns; wir werden Euch eine große Gebildetheit beibringen, und -aus Euch wird ein erstaunlicher Meister werden.« - -Damit war aber der Linkser nicht einverstanden. - -»Ich« -- spricht er -- »habe zu Hause Eltern.« - -Die Engländer erklärten sich bereit, seinen Eltern Geld zu schicken, der -Linkser nahm aber nicht an. - -»Wir« -- spricht er -- »hängen an unserer Heimat, und mein Väterchen -oben ist schon ein alter Mann, meine Mutter ein altes Frauchen und -gewohnt in ihrer Gemeinde zur Kirche zu gehen; und auch mir wird es hier -in der Einsamkeit langweilig sein, weil ich noch unverheiratet bin.« - -»Ihr« -- sprechen sie -- »werdet Euch gewöhnen. Ihr werdet unsern -Glauben annehmen, und wir werden Euch verheiraten.« - -»Dies« antwortet der Linkser »wird niemals sein können.« - -»Weshalb denn?« - -»Weil« -- antwortet er -- »unser russischer Glaube der allerrichtigste -ist, und wie unsere Vorväter glaubten, genau so sollen auch die -Nachkommen glauben.« - -»Ihr« -- sprechen die Engländer -- »kennt nicht unsern Glauben: wir sind -von demselben christlichen Gesetz und haben dasselbe Evangelium.« - -»Das Evangelium« -- antwortet der Linkser -- »ist tatsächlich bei allen -eines, nur sind unsere Bücher dicker als eure, und auch der Glaube ist -bei uns >voller<«. - -»Weshalb könnt Ihr das so beurteilen?« - -»Wir haben dafür« -- antwortet er -- »alle augenscheinlichen Beweise.« - -»Welche?« - -»Aber solche:« -- antwortet er -- »bei uns gibt es sowohl wundertätige -Heiligenbilder, öltropfende Schädel und Reliquien, bei euch aber gibt es -gar nichts, und sogar außer dem einen Sonntag keinerlei außerordentliche -Feiertage; aber auch aus einer zweiten Ursache wird es mir mit einer -Engländerin zu leben, mögen wir auch nach dem Gesetze getraut sein, -konfus sein.« - -»Weshalb denn das?« -- fragen sie. -- »Ihr braucht die unsrigen nicht -gering zu schätzen -- sie kleiden sich gleichfalls sehr sauber und sind -wirtschaftlich.« - -Der Linkser aber spricht: - -»Ich kenne sie nicht!« - -Die Engländer antworten: - -»Das ist nicht wichtig -- Ihr werdet sie kennen lernen können. Wir -werden euch ein >Grandewu< bereiten.« - -Der Linkser ward verschämt. - -»Weshalb« spricht er »umsonst die Mädchen irreführen,« und er bedankte -sich. »Ein >Grandewu<« spricht er -- »das ist eine Sache für -Herrschaften, uns aber ziemt es nicht, und wenn man davon zu Hause, in -Tula, erfahren wird, wird man über mich ein großes Gelächter anstimmen.« - -Die Engländer wurden neugierig. - -»Wenn aber« -- sprechen sie -- »ohne >Grandewu<, wie verfährt man dann -bei euch in solchen Fällen, um eine angenehme Wahl zu treffen?« - -Der Linkser erklärte ihnen unsere Lage: - -»Bei uns« -- spricht er -- »wenn ein Mann hinsichtlich eines Mädchens -eine ernsthafte Absicht eröffnen will, so sendet er ein >redsames< Weib, -und nachdem sie den Vorschlag machte, kommt man höflich ins Haus, und -das Mädchen schaut man an, nicht sich heimlich versteckend, vielmehr in -Gegenwart der ganzen Verwandtschaft.« - -Sie verstanden, antworteten aber, bei ihnen gäbe es keine »redsamen« -Weiber, und eine solche Gewohnheit sei nicht eingeführt. - -Der Linkser aber spricht: - -»Desto angenehmer ist es auch. Wenn man sich mit solchen Dingen befaßt, -so muß man das mit wirklicher Absicht tun; da ich aber dies zu einer -fremden Nation nicht empfinde, weshalb soll man dann die Mädchen -irreführen?« - -Er gefiel den Engländern auch in diesen seinen Urteilen, so daß sie -wiederum anfingen, ihm freundschaftlich auf Schulter und Knie mit der -Hand zu schlagen, selber aber fragen sie: - -»Wir« -- sprechen sie -- »wünschten einzig und allein aus Neugierde zu -wissen: welche fehlerhaften Kennzeichen Ihr bei unsern Mädchen bemerkt -habt, und weshalb Ihr sie meidet?« - -Da antwortete ihnen der Linkser schon ganz offen: - -»Ich tadle sie nicht, mir gefällt nur nicht, daß die Kleidung um sie -herumschlottert, und man nicht herausbekommt, was da eigentlich -angezogen ist und für welche Notwendigkeit; da ist irgend etwas, und -weiter unten ist noch irgend etwas anderes angesteckt, an den Händen -aber so eine Art Strümpfe. Ganz genau wie ein Affe -- >sapajou< -- ->Plüschtalma<!« - -Die Engländer brachen in Lachen aus und sprechen: - -»Was für ein Hindernis liegt denn für Euch darin?« - -»Ein Hindernis« -- antwortet der Linkser -- »ist das nicht, ich fürchte -nur, daß es schamvoll sein wird, zuzuschauen und zu erwarten, wie sie -sich aus dem allen herausschälen wird!« - -»Ist denn wirklich« -- sprechen sie -- »euere >Fasson< besser?« - -»Unsere Fasson« -- antwortet er -- »ist in Tula einfach: jede geht in -ihren selbstgefertigten Spitzen, und unsere Spitzen tragen sogar auch -die großen Damen!« - -Sie stellten ihn auch ihren Damen vor, und dort goß man ihm Tee ein und -fragte: - -»Weshalb verzieht Ihr Euer Gesicht?« - -»Weil wir« -- spricht er -- »nicht gewohnt sind süß zu trinken!« Darauf -gaben sie ihm auf russische Weise Zucker zum Zubeißen. Ihnen scheint es, -daß es so schlechter sei, er aber spricht: »Nach unserm Geschmack ist es -so wohlschmeckender.« - -Durch gar nichts vermochten die Engländer ihn zu bestimmen, daß er sich -an ihr Leben fessele; sie überredeten ihn nur, kurze Zeit bei ihnen als -Gast zu bleiben, sie würden ihn in dieser Zeit durch verschiedene -Werkstätten führen und ihm ihre Kunst zeigen. - -»Darauf aber« -- sprechen sie -- »werden wir ihn auf unserm eigenem -Schiff fahren und lebendig nach Petersburg bringen.« - -Damit war er einverstanden. - - - - - XVI - - -Die Engländer nahmen den Linkser bei sich auf, den russischen Kurier -aber schafften sie zurück nach Rußland. Obgleich der Kurier einen Rang -hatte und mehrere Sprachen verstand, interessierten sie sich nicht für -ihn, für den Linkser interessierten sie sich aber; und sie begannen ihn -zu führen und ihm alles zu zeigen. Er beschaute ihre ganze Produktion, -sowohl die Metallfabriken wie die Seifen- und Sägewerke, und alle ihre -wirtschaftlichen Einrichtungen gefielen ihm sehr, besonders hinsichtlich -der Lage der Arbeiter. Jeder Arbeiter ist bei ihnen ständig satt und -nicht in Lumpen angezogen, vielmehr jeder trägt geeignete Kleidung und -ist beschuht mit dicken benagelten Stiefeln, damit man sich nirgends den -Fuß verletzen kann, er arbeitet nicht mit irgend einem Brecheisen, -vielmehr mit einem Werkzeug, und er hat Verständnis. Jedem hängt eine -Rechentabelle vor Augen, und unter der Hand hat er eine Abwischtafel: -bei allem, was nur ein Meister macht -- schaut er auf die Tabelle und -vergleicht mit Verständnis, darauf aber schreibt er etwas auf dem -Täfelchen, anderes streicht er aus und führt es akkurat aus: Was mit -Zahlen geschrieben steht, das kommt auch in der Tat heraus. Ist es aber -Feiertag, so nimmt jeder sein Liebchen und in die Hand ein Stöckchen, -und dann gehen sie spazieren, ehrsam, wohlanständig, wie es sich gehört. - -Der Linkser schaut auf ihr ganzes Leben, und auf alle ihre Arbeiten, -aber am allermeisten Aufmerksamkeit verwandte er auf einen solchen -Gegenstand, daß die Engländer sehr staunten. Nicht so sehr interessiert -es ihn, wie man neue Gewehre macht, als in welchem Zustand sich die -alten befinden. Überall geht er umher, lobt und spricht: - -»Das können auch wir so.« - -Wenn er aber zu einem alten Gewehr kommt -- steckt er den Finger in den -Lauf, fährt mit ihm an der Innenwand herum und seufzt: - -»Das« -- spricht er -- »ist unvergleichlich besser als bei uns.« - -Die Engländer vermochten durchaus nicht zu erraten, was da der Linkser -bemerkt, er aber fragt: - -»Kann ich nicht« -- spricht er -- »wissen, ob unsere Generäle dies -irgendwann anschauten oder nicht?« - -Man sagte ihm: - -»Die hier waren, die müssen es wohl gesehen haben.« - -»Wie aber« -- spricht er »waren sie: in Handschuhen oder ohne?« - -»Eure Generäle« -- sprechen sie -- »sind ausgeputzt, sie gehen immer in -Handschuhen, so sind sie wohl auch hier so gewesen.« - -Der Linkser sagte gar nichts. Plötzlich aber begann er unruhig zu werden -und sich zu grämen und spricht zu den Engländern: - -»Ergebenst danke ich euch für alle Bewirtung, und ich bin mit allem bei -euch sehr zufrieden, und alles, was mir nötig war zu schauen, habe ich -schon erschaut, jetzt aber möchte ich möglichst rasch nach Hause!« - -Auf keine Weise vermochten sie ihn weiter zurückzuhalten. Zu Lande -konnte man ihn nicht ziehen lassen, weil er keine Sprache kannte, auf -dem Wasser zu schwimmen war aber nicht gut, weil es Herbstzeit war und -stürmisch; er aber bestand darauf: »Laßt mich ziehen!« - -»Wir« -- sprechen sie -- »haben auf den Sturmmesser geschaut: es wird -Sturm geben, du kannst ertrinken: das ist ja nicht das, was bei euch der -finnische Meerbusen ist, vielmehr ist da das wirkliche >festländische< -Meer.« - -»Dies ist alles einerlei« -- antwortete er -- »weshalb sterben -- alles -ist der Wille Gottes, ich aber wünsche möglichst rasch nach der Heimat -zurückzukehren, weil ich mir sonst eine Art Geistesstörung holen kann.« - -Man hielt ihn nicht mit Gewalt zurück: man fütterte ihn, belohnte ihn -mit Geld, schenkte ihm zum Andenken eine goldene Uhr mit »Trepetir«, -gegen die Frische des Meeres einen Friesmantel mit »Windkapuze« auf den -Kopf. Sehr warm kleideten sie den Linkser und führten ihn auf das -Schiff, das nach Rußland fuhr. Dort brachten sie den Linkser am besten -Platz unter, wie einen wirklichen Herrn; er aber liebte es nicht, mit -den übrigen Herrschaften in der Kajüte zu sitzen, und es war ihm -peinlich. Er ging vielmehr auf das Deck, setzte sich unter das »Present« -und fragte: - -»Wo ist unser Rußland?« - -Der Engländer, den er fragt, deutet ihm mit der Hand oder zeigt ihm mit -dem Kopf, er aber wendet sich mit dem Gesicht dahin und schaut -ungeduldig nach der heimatlichen Seite. - -Als sie aus der Bucht ins »festländische« Meer kamen, da überkam ihn -eine solche Sehnsucht nach Rußland, daß man ihn auf keine Weise -beruhigen konnte. Die Wasserströmung war furchtbar, aber der Linkser -geht immer nicht hinunter in die Kajüte -- er sitzt unter dem >Present<, -hat die Kapuze vorgerückt und schaut nach dem Vaterland. - -Oftmals kamen die Engländer, um ihn in den warmen Raum nach unten zu -rufen, er aber, damit sie ihn nicht langweilen, begann sogar drauflos zu -schimpfen. - -»Nein« -- antwortet er -- »mir ist es besser hier draußen, sonst wird -aus mir unter dem Dach von dem Schwanken noch ein Meerschweinchen -werden.« - -So ging er denn die ganze Zeit bis zu einem ganz besonderen Fall nicht -hinunter, und dadurch gefiel er sehr einem Bootsmann, der zum Unglück -unseres Linksers russisch zu sprechen verstand. Dieser Bootsmann konnte -nicht genug darüber staunen, daß ein russischer Landmensch auch so alle -Unwetter aushalte. - -»Ein forscher Kerl« -- spricht er -- »der Russe. Laßt uns trinken!« - -Der Linkser trank. - -Der Bootsmann sagt: - -»Noch!« - -Der Linkser trank noch, und sie betranken sich. - -Der Bootsmann fragt ihn auch: - -»Was für ein Geheimnis bringst du von unserm Reich nach Rußland?« - -Der Linkser antwortet: »Das ist meine Sache!« - -»Aber wenn so« -- antwortet der Bootsmann -- »so laß uns eine englische -Wette eingehen.« - -Der Linkser fragt: - -»Was für eine?« - -»Eine solche: nichts allein zu trinken, vielmehr alles in gleicher Weise --- was der eine, das unbedingt auch der andere, und wer den andern -übertrinkt, der ist auch obenauf.« - -Der Linkser denkt: »der Himmel bewölkt sich, den Bauch treibt es auf -- -die Langeweile ist groß, der Weg ist lang, und die Heimat hinter der -Welle nicht sichtbar -- die Wette zu halten wird gleichwohl lustiger -sein.« - -»Schön« -- spricht er -- »es gilt!« - -»Nur, daß es ehrlich zugehe!« - -»Ja, schon darüber,« spricht er, »beunruhigt Euch nicht!« - -Sie wurden einig und gaben einander die Hand. - - - - - XVII - - -Die Wette begann noch im »festländischen« Meere, und sie tranken bis zur -Rigaschen Dünamünde, aber sie tranken immer gleich und gaben einer dem -andern nicht nach, und bis dahin tat es einer dem andern gleich, daß, -wenn der eine ins Meer blickte und sah, wie aus dem Wasser der Teufel -hervorkriecht, sich sogleich auch dem andern ganz dasselbe offenbarte. -Nur, daß der Bootsmann einen rothaarigen Teufel sieht, während der -Linkser sagt, er sei dunkelhaarig, wie ein Mohr. - -Der Linkser spricht: - -»Bekreuze dich und drehe dich weg -- das ist der Teufel aus der -Meerestiefe.« - -Der Engländer aber streitet: - -»Das ist ein Taucher.« - -»Willst du« -- spricht er -- »so will ich dich ins Meer schleudern, aber -fürchte dich nur nicht, er wird dich mir sogleich zurückgeben.« - -Der Linkser aber antwortet: - -»Wenn das so ist, so wirf mich nur ins Wasser.« - -Der Bootsmann nahm ihn auf den Rücken und trug ihn zum Bord. - -Die Matrosen sahen dies, hielten sie an und teilten das dem Kapitän mit; -der aber befahl, sie beide unten einzuschließen und ihnen Rum und Wein -zu geben und kalte Speisen, damit sie essen und trinken und ihre Wette -ausrichten könnten. Aber den heißen »Studing« ihnen brennend zu geben -verbot er, damit bei ihnen im Innern der Spiritus sich nicht entzünden -könne. - -So brachten sie sie eingesperrt bis nach Petersburg, und jene Wette -hatte keiner an den andern verloren, dort aber legte man sie auf gleiche -Tragbahren und brachte den Engländer ins Gesandtenhaus auf dem -»Englischen Quai«, den Linkser aber ins Polizeirevier. - -Von da an begann ihr Schicksal sich gar sehr zu unterscheiden. - - - - - XVIII - - -Als man den Engländer ins Gesandtenhaus gebracht hatte, rief man -sogleich einen Arzt und einen Apotheker zu ihm. -- Der Arzt befahl, ihn -in seiner Gegenwart in eine warme Wanne zu setzen, der Apotheker aber -drehte sogleich eine Guttaperchapille und steckte sie ihm in den Mund, -darauf aber legten sie ihn beide zusammen auf ein Federbett, bedeckten -ihn mit einem Pelz und ließen ihn schwitzen, damit ihn aber niemand -störe, ward in der ganzen Gesandtschaft der Befehl gegeben, daß niemand -zu niesen wage. Es warteten der Arzt und der Apotheker, bis der -Bootsmann eingeschlafen war, und dann bereiteten sie ihm eine zweite -Guttaperchapille, legten sie neben das Kopfende auf ein Tischchen und -gingen hinaus. - -Den Linkser dagegen legte man im Polizeihaus auf den Fußboden und man -fragte ihn: Wer er ist, und von woher, und ob er einen Paß, oder ein -anderes »Tugament« besitze? - -Er aber war von der Krankheit, vom Trinken und vom langen Schwanken so -schwach geworden, daß er kein Wort antwortet, vielmehr nur stöhnt. - -Darauf suchten sie ihn sogleich aus, nahmen ihm sein Kleid ab, nahmen -ihm auch die Trepetiruhr und das Geld, und ihn selber befahl der -Polizeimeister in der ersten besten Droschke kostenlos ins Krankenhaus -abzuliefern. - -Der Schutzmann führte den Linkser hinaus, um ihn auf einen Schlitten zu -setzen, lange konnte er aber keinen einzigen Kutscher festkriegen, weil -sie alle vor dem Polizisten davonlaufen. Der Linkser aber lag diese -ganze Zeit über auf dem kalten Boden der Auffahrt; alsdann erwischte der -Schutzmann einen Fuhrmann, nur ohne die warme Pelzdecke, weil sie sie in -solchem Falle unter sich zu verstecken pflegen, damit dem Polizisten -möglichst rasch die Füße kalt werden sollen. Man fuhr den Linkser so, -unbedeckt; wie sie ihn von einer Droschke auf die andere übersetzen, -lassen sie ihn immer fallen, wenn sie ihn aber aufheben, dann reißen sie -ihn an den Ohren, damit er zur Besinnung komme. Man brachte ihn in ein -Krankenhaus, man nimmt ihn nicht an ohne Tugament; man bringt ihn in ein -anderes -- auch dort nimmt man ihn nicht auf, und so in ein drittes und -in ein viertes -- bis ganz zum Morgen schleppten sie ihn über alle -entfernten Krummwege und setzten ihn immer so von einem Schlitten auf -einen andern, daß er sich völlig zerschlug. Da sagte ein Unterarzt dem -Schutzmann, man solle ihn in das Obuchowsche Armenkrankenhaus bringen -- -wo man alle von unbekanntem Stande zum Sterben aufnimmt. - -Dort befahl man eine Quittung zu geben, den Linkser aber bis zur -Aufnahme auf den Boden im Korridor hinzulegen. - -Der englische Bootsmann stand aber um diese selbe Zeit am andern Tage -auf, verschluckte die andere Guttaperchapille, aß zum leichten Frühstück -ein Huhn mit Reis, trank Schnaps und sprach: - -»Wo ist mein russischer Kamerad? Ich werde ihn suchen gehen!« - -Er zog sich an und lief davon. - - - - - XIX - - -Wunderbarerweise fand der Bootsmann sehr rasch den Linkser, man hatte -ihn nur noch nicht ins Bett gelegt, er lag vielmehr im Korridor auf dem -Fußboden und beklagte sich vor dem Engländer: - -»Ich müßte« -- spricht er -- »unbedingt zwei Worte dem Kaiser sagen.« - -Der Engländer lief zum Grafen Kleinmichel und machte Lärm. - -»Kann man denn so! Wenn er auch einen Schafpelz trägt, so hat er doch -eine Menschenseele.« - -Den Engländer jagte man sogleich wegen dieser Bemerkung fort -- damit er -nur nicht wage, an die Menschenseele zu erinnern. Darauf aber sagte ihm -irgend jemand: - -»Geh' du lieber zum Kosak Platow -- er hat einfache Gefühle.« - -Der Engländer traf Platow an, der jetzt wiederum auf der Kouschette lag. -Platow hörte ihm zu und erinnerte sich des Linksers. - -»Wie denn, Brüderchen« -- spricht er -- »ich bin sehr nahe mit ihm -bekannt; ich habe ihn sogar an den Haaren gezogen; ich weiß nur nicht, -wie ich ihm in einer so unglücklichen Lage helfen kann, weil ich schon -ausgedient habe und völlige Entlassung erhielt. Jetzt achtet man nicht -mehr auf mich. Du aber laufe möglichst rasch zum Kommandanten Skobelew, -er ist in der Macht und gleichfalls auf diesem Gebiet erfahren -- er -wird irgend etwas tun.« - -Der Bootsmann ging auch zu Skobelew und erzählte alles: was für eine -Krankheit der Linkser hat und woher sie stammt. Skobelew spricht: - -»Ich verstehe diese Krankheit, nur können sie die Deutschen nicht -heilen, da braucht man vielmehr einen Arzt aus dem geistlichen Stande, -weil die in diesen Sachen heranwachsen und zu helfen vermögen; ich werde -sogleich den russischen Arzt Martyn-Solskij dahin schicken.« - -Als aber Martyn-Solskij nur eben ankam, war der Linkser schon am -Sterben, weil sein Nacken an der Eingangstreppe zerschlagen worden war. -Und er vermochte nur eines vernehmlich zu sprechen: - -»Sagt dem Kaiser, daß man bei den Engländern die Gewehre nicht mit -Ziegel reinigt. Mögen sie auch bei uns sie nicht so reinigen, sonst, -behüte Gott, sollte ein Krieg werden, so taugen sie nicht zum Schießen.« - -Und mit dieser Wahrheit bekreuzte sich der Linkser und starb. - -Martyn-Solskij ging sogleich, dies dem Grafen Tschernyschow zu -berichten, damit der es dem Kaiser hinterbringe. Graf Tschernyschow aber -schrie ihn an: - -»Wisse« -- spricht er -- »deine Brech- und Abführmittel, mische dich -aber nicht in das, was nicht deine Sache ist -- in Rußland gibt es dafür -Generäle.« - -Dem Kaiser hat man es so auch nicht gesagt, und diese Reinigung der -Gewehre ward fortgesetzt bis zum Krimkriege. Als man damals die Gewehre -lud, wackelten die Kugeln in ihnen hin und her, weil die Läufe mit -Ziegel gereinigt waren. Da erinnerte Martyn-Solskij den Tschernyschow an -den Linkser. Graf Tschernyschow aber spricht: - -»Geh zum Teufel, >Plesirspitze<, mische dich nicht in das, was nicht -deine Sache ist, sonst werde ich ableugnen, daß ich von dir hierüber -hörte -- dann wirst du selber hereinfallen.« - -Martyn-Solskij dachte nach: in der Tat wird er ableugnen, und so schwieg -er auch. - -Hätte man aber die Worte des Linksers zu seiner Zeit dem Kaiser -hinterbracht, so hätte der Kampf mit dem Feinde in der Krim eine ganz -andere Wendung genommen. - - - - - Nachwort des Verfassers - - -Heute ist dies alles schon -- »Sache vergangener Zeiten« und -»Überlieferung des Altertums«, wenn auch eines nicht weit -zurückliegenden; es liegt indes keine Notwendigkeit vor, diese -Überlieferungen rasch zu vergessen, ungeachtet des märchenhaften -Zuschnitts der Legende und des epischen Charakters ihres Haupthelden. -Der eigentliche Name des Linksers ging, gleich dem Namen vieler größter -Genies, für immer für die Nachkommenschaft verloren; aber als durch die -Volksphantasie verkörperte Mythe bleibt er interessant, und seine Taten -können zur Erinnerung dienen an eine Epoche, deren allgemeiner Geist -scharf und richtig erfaßt ward. - -Solche Meister wie der sagenhafte Linkser gibt es jetzt, versteht sich, -schon nicht mehr in Tula: die Maschinen glichen die Ungleichheit der -Talente und Begabungen aus, und das Genie kommt nicht auf im Kampf gegen -Fleiß und Genauigkeit. Die Maschinen sind indes zwar der Erhöhung des -Arbeitslohnes günstig, nicht aber dem künstlerischen Wagemut, der -freilich manchmal auch nicht Maß hielt, indem er die Volksphantasie zum -Schaffen derartiger, heute märchenhafter Legenden begeisterte. - -Die Arbeiter wissen natürlich die Vorteile zu schätzen, die ihnen durch -die praktischen Vorrichtungen der mechanischen Wissenschaft geboten -werden, an die frühere Zeit erinnern sie sich aber mit Stolz und Liebe. -Das ist ihr Epos, und dabei mit einer sehr »menschlichen Seele«. - - - - - Anmerkungen - - -Seite 221. »Abolon von Polwedere« (statt Appolo von Belvedere) wörtlich -»vom halben Eimer« (Schnapsmaß). - -Seite 224. »Chalva« dick eingekochter Zuckersyrup mit Zusatz von Nüssen. - -Seite 226. »Winzigschauer« für Mikroskop. - -Seite 230. Unter »Verwirrung« ist der Dekabristenaufstand gemeint. - -Seite 236. Das Bild »Der abendliche Klang« ist ein bekanntes -Andachtsbild. - -Seite 244. »Tugament« gleich Dokument. (Eigentlich »Paß«). - -Seite 252. Graf »Kiselwrode« wörtlich »Fruchtbreiartig«, gemeint ist -wohl Nesselrode. - -Seite 253. »Kleveton« gleich Feuilleton. - -Seite 255. »Jer« heißt ein unausgesprochener russischer Buchstabe, der -die harte Aussprache einen Endkonsonanten bezeichnet. »Jerphiks« muß -hier einen ähnlich klingenden englischen Schnaps bedeuten. - -Seite 262. Uhr mit »Trepetir« gleich Repetieruhr. - -Seite 262. »Present« soll heißen »Bresent«. Hier Winddach auf Deck. - -Seite 265. »Studing« gleich Puding. - -Seite 269. »Plesierspitze« gleich Klistierspitze. - - Hof-Buch- und -Steindruckerei - Dietsch & Brückner in Weimar - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit -Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. - -Die folgenden Fehler wurden, teilweise unter Verwendung der russischen -Originaltexte, wie hier aufgeführt korrigiert (vorher/nachher): - - [S. 34]: - ... losreißen konnnte. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so ... - ... losreißen konnte. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so ... - - [S. 37]: - ... Gabelmuskete die tötliche Kugel ab. ... - ... Gabelmuskete die tödliche Kugel ab. ... - - [S. 37]: - ... Körperbau, so daß er eher einem rießengroßen Griffon ... - ... Körperbau, so daß er eher einem riesengroßen Griffon ... - - [S. 41]: - ... Das war das Signal für den alten fränzösischen Kammerdiener ... - ... Das war das Signal für den alten französischen Kammerdiener ... - - [S. 41]: - ... der bevorstehenden Bärenjad als Reserveschützen einen ... - ... der bevorstehenden Bärenjagd als Reserveschützen einen ... - - [S. 45]: - ... Nun begann man ihn mit Schneeballen zu bewerfen ... - ... Nun begann man ihn mit Schneebällen zu bewerfen ... - - [S. 48]: - ... Vorhergehende und ungewöhlich rührend war. ... - ... Vorhergehende und ungewöhnlich rührend war. ... - - [S. 54]: - ... und Sgaranell machte diese letztere Hypothese ... - ... und Sganarell machte diese letztere Hypothese ... - - [S. 67]: - ... Beide junge Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen ... - ... Beide jungen Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen ... - - [S. 72]: - ... mit »Awgust Martwejitsch« anredete, seine Frage beantwortete: ... - ... mit »Awgust Matwejitsch« anredete, seine Frage beantwortete: ... - - [S. 77]: - ... in Hemdärmeln da; dasselbe verlangten Sie aber auch ... - ... in Hemdärmeln da; dasselbe verlangten sie aber auch ... - - [S. 101]: - ... Zuhörern zu schilden, wenn man auch selbst nicht mehr ... - ... Zuhörern zu schildern, wenn man auch selbst nicht mehr ... - - [S. 104]: - ... Viele weinten, und der Burche schluchzte laut ... Der ... - ... Viele weinten, und der Bursche schluchzte laut ... Der ... - - [S. 115]: - ... (Fehlende Überschrift) ... - ... XIII ... - - [S. 149]: - ... Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller Hergottsfrühe ... - ... Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller - Herrgottsfrühe ... - - [S. 163]: (mehrfache Fälle) - ... »Soll ich dir nicht den Sjergej herschicken?« fragte ... - ... »Soll ich dir nicht den Ssergej herschicken?« fragte ... - - [S. 171]: - ... Ich sehe jetzt blos darum so schlecht aus, weil mir nach ... - ... Ich sehe jetzt bloß darum so schlecht aus, weil mir nach ... - - [S. 206]: - ... »Ach, du Böser!« antwortete Katarina Lwowna unter ... - ... »Ach, du Böser!« antwortete Katerina Lwowna unter ... - - [S. 206]: - ... Der Wachtposten ging im Korrider auf und ab, blieb ... - ... Der Wachtposten ging im Korridor auf und ab, blieb ... - - [S. 231]: - ... von seiner Kuschette, warf die Pfeife fort und erschien ... - ... von seiner Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien ... - - [S. 249]: - ... »Wir,« spricht er, »haben ihm so hingelegt« -- und er ... - ... »Wir,« spricht er, »haben ihn so hingelegt« -- und er ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Eine Teufelsaustreibung und andere -Geschichten, by Nikolai Leskow - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE TEUFELSAUSTREIBUNG UND *** - -***** This file should be named 50912-8.txt or 50912-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/1/50912/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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