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-The Project Gutenberg EBook of Eine Teufelsaustreibung und andere
-Geschichten, by Nikolai Leskow
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Eine Teufelsaustreibung und andere Geschichten
- Eine Teufelsaustreibung / Das Tier / Interessante Männer
- / Die Lady Makbeth des Mzensker Landkreises / Der stählerne
- Floh
-
-Author: Nikolai Leskow
-
-Translator: Alexander Eliasberg
- Karl Nötzel
-
-Release Date: January 13, 2016 [EBook #50912]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE TEUFELSAUSTREIBUNG UND ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.
-
-
-
-
-
-
- NIKOLAI LJESSKOW
- EINE TEUFELSAUSTREIBUNG
-
- NIKOLAI
- LJESSKOW
-
-
-
-
- EINE
- TEUFELS-AUSTREIBUNG
- UND ANDERE GESCHICHTEN
-
-
- ÜBERTRAGEN VON
- ALEXANDER ELIASBERG
-
- 1921
- MUSARION-VERLAG A.-G. MÜNCHEN
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
-
-
-
- INHALTSVERZEICHNIS
-
-
- Seite
- Eine Teufelsaustreibung 7
- Das Tier 29
- Interessante Männer 59
- Die Lady Makbeth des Mzensker Landkreises 145
- Der stählerne Floh (übertragen von Karl Nötzel) 217
-
-
-
-
- EINE TEUFELSAUSTREIBUNG
-
-
-
-
- I
-
-
-Diese heilige Handlung kann man nur in Moskau sehen, und das auch nur,
-wenn man besonderes Glück und besondere Protektion hat.
-
-Dank einer glücklichen Verkettung von Umständen wohnte ich einmal der
-Teufelsaustreibung vom Anfang bis zum Ende bei und möchte sie nun den
-wahren Kennern und Liebhabern des Ernsten und Majestätischen im
-nationalen Stil beschreiben.
-
-Einerseits gehöre ich zwar zum Adel, stehe aber andererseits dem »Volke«
-nahe; meine Mutter ist aus dem Kaufmannsstande. Sie stammte aus einer
-sehr reichen Familie, hatte aber gegen den Willen ihrer Eltern, aus
-Liebe zu meinem Vater geheiratet. Mein seliger Vater war im Umgang mit
-dem weiblichen Geschlecht besonders tüchtig und erreichte bei ihm alles,
-was er nur wollte. So gelang es ihm auch, meine Mutter zu ergattern; die
-Alten gaben ihm aber zum Lohn für seine Tüchtigkeit nichts außer der
-Garderobe, den Betten und der göttlichen Gnade, die das junge Ehepaar
-zugleich mit der Verzeihung und dem väterlichen Segen erhielt. Meine
-Eltern wohnten in Orjol; sie lebten in recht kümmerlichen Verhältnissen,
-hielten sich aber stolz und wollten die reichen mütterlichen Verwandten
-niemals um Unterstützung bitten; sie unterhielten mit ihnen sogar
-keinerlei Beziehungen. Als ich aber auf die Universität ziehen sollte,
-sagte mir Mamachen:
-
-»Besuche, bitte, deinen Onkel Ilja Fedossejewitsch und grüße ihn von
-mir. Das ist keine Erniedrigung; seinen älteren Verwandten muß man alle
-Ehrfurcht erweisen; er ist aber mein Bruder, außerdem ein
-gottesfürchtiger Mann und hat in Moskau ein großes Gewicht ... Bei allen
-feierlichen Empfängen ist er immer dabei und steht mit der Schüssel mit
-Salz und Brot oder einem Heiligenbild vor allen andern ... Auch beim
-General-Gouverneur und dem Metropoliten wird er empfangen ... Er kann
-dich nur Gutes lehren.«
-
-Ich glaubte um jene Zeit nicht an Gott, liebte aber meine Mutter. Also
-sagte ich mir einmal: Jetzt bin ich fast ein ganzes Jahr in Moskau und
-habe Mamachens Wunsch noch immer nicht erfüllt; nun will ich doch zum
-Onkel Ilja Fedossejewitsch gehen, Mamachens Grüße ausrichten und
-schauen, was er mich lehren kann.
-
-Von Kind auf war ich gewohnt, ältere Leute mit Ehrfurcht zu behandeln,
-besonders aber solche, die mit dem Metropoliten und den Gouverneuren
-verkehrten.
-
-Eines Tages bürstete ich mir die Kleider und begab mich zu Onkel Ilja
-Fedossejewitsch.
-
-
-
-
- II
-
-
-Es war gegen sechs Uhr abends. Das Wetter war warm, mild und etwas trüb,
-mit einem Wort recht angenehm. Das Haus meines Onkels ist allen bekannt,
-es ist eines der ersten Häuser von Moskau. Ich war aber noch niemals
-darin gewesen und hatte den Onkel nicht einmal aus der Ferne gesehen.
-
-Ich gehe aber recht selbstbewußt hin und sage mir: läßt er mich vor, so
-ist es gut, und läßt er mich nicht vor, so brauch' ich ihn nicht.
-
-Ich komme in den Hof; vor der Einfahrt steht eine Equipage, die Pferde
-sind wie zwei Löwen, pechkohlrabenschwarz, mit langen Mähnen, und das
-Fell glänzt wie teurer Atlas.
-
-Ich gehe die Treppe hinauf und sage: »So und so, ich bin Neffe und
-Student, meldet mich, bitte, Ilja Fedossejewitsch.« Und die Leute
-antworten mir:
-
-»Ilja Fedossejewitsch kommen gleich selbst heraus, sie wollen gerade
-ausfahren.«
-
-Es erscheint eine einfache aber höchst majestätische Gestalt; in den
-Augen hat er einige Ähnlichkeit mit meiner Mutter, aber der
-Gesichtsausdruck ist doch ganz anders. Ein solider Mann, was man so
-nennt.
-
-Ich stellte mich vor; er hörte mich schweigend an, reichte mir die Hand
-und sagte:
-
-»Setz dich, wir wollen ausfahren.«
-
-Ich wollte eigentlich nein sagen, brachte es aber doch nicht über die
-Lippen und setzte mich in den Wagen.
-
-»Nach dem Park!« befahl er dem Kutscher.
-
-Die Löwen rasten dahin, so daß das Hinterteil des Wagens nur so
-zitterte; als wir aber außerhalb der Stadt waren, fingen sie an, noch
-schneller zu rennen.
-
-Wir sitzen im Wagen, sprechen kein Wort, und ich sehe nur, wie sich der
-Onkel seinen Zylinderhut immer tiefer in die Stirne drückt und wie sein
-Gesicht, wohl vor Langweile, immer griesgrämiger wird.
-
-Er schaut immer nach den Seiten; einmal wirft er aber den Blick auf mich
-und sagt ganz unvermittelt:
-
-»Es ist gar kein Leben!«
-
-Ich wußte nicht, was darauf zu antworten und schwieg.
-
-Und wir fahren immer weiter; ich denke mir: wo will er mich nur
-hinbringen? Und es scheint mir schon, daß ich in eine dumme Geschichte
-hineingeraten bin.
-
-Der Onkel hatte aber wohl inzwischen irgendeinen Beschluß gefaßt und
-begann den Kutscher zu kommandieren:
-
-»Rechts! Links! Zum >Jar<!«
-
-Aus dem Restaurant stürzt die ganze Dienerschaft heraus, und alle
-verneigen sich vor ihm fast bis zur Erde. Der Onkel sitzt aber im Wagen,
-rührt sich nicht und läßt den Besitzer rufen. Man läuft sofort hin. Nun
-erscheint der Franzose und verbeugt sich mit großem Respekt. Der Onkel
-rührt sich noch immer nicht, klappert mit dem Elfenbeingriff seines
-Stockes gegen die Zähne und fragt:
-
-»Wieviel Fremde habt ihr im Haus?«
-
-»An die dreißig Personen in den Sälen,« antwortet der Franzose, »und
-drei Séparés sind besetzt.«
-
-»Alle sollen hinaus!«
-
-»Sehr gut.«
-
-»Jetzt ist es sieben,« sagt Onkel nach einem Blick auf die Uhr, »um acht
-komm ich wieder. Wird alles fertig sein?«
-
-»Nein,« antwortet jener, »um acht wird es nicht gehen ... Viele haben
-sich ihre Sachen vorausbestellt ... Aber so gegen neun wird im ganzen
-Restaurant keine fremde Seele sein.«
-
-»Gut.«
-
-»Was soll ich vorbereiten?«
-
-»Selbstverständlich einen Zigeunerchor.«
-
-»Und noch was?«
-
-»Ein Orchester.«
-
-»Nur eines?«
-
-»Nein, lieber zwei.«
-
-»Soll ich den Rjabyka holen lassen?«
-
-»Selbstverständlich.«
-
-»Französische Damen?«
-
-»Nein, die will ich nicht!«
-
-»Weine?«
-
-»Den ganzen Keller.«
-
-»Speisen?«
-
-»Die Karte!«
-
-Man reicht ihm die Tageskarte.
-
-Der Onkel wirft einen Blick auf die Karte, liest sie wohl gar nicht,
-klopft mit dem Stock auf das Papier und sagt:
-
-»Dies alles für hundert Personen.«
-
-Und er rollt die Karte zusammen und steckt sie sich in die Tasche.
-
-Der Franzose ist erfreut, zugleich aber auch etwas verlegen.
-
-»Für hundert Personen kann ich es unmöglich herrichten,« sagt er, »denn
-es sind auch sehr teure Sachen dabei, von denen ich nur fünf oder sechs
-Portionen im Hause habe.«
-
-»Wie soll ich meine Gäste sortieren? Ein jeder soll alles haben, was er
-will. Verstanden?«
-
-»Sehr wohl.«
-
-»Sonst wird dir auch der Rjabyka nicht helfen, mein Lieber! Kutscher,
-pascholl!«
-
-Wir ließen den Restaurateur mit seinen Lakaien stehen und fuhren davon.
-
-Nun war es mir vollkommen klar, daß ich auf ein falsches Geleise geraten
-war. Ich versuchte, mich zu verabschieden, der Onkel hörte aber nicht
-auf mich. Er schien sehr besorgt. Wir fahren durch den Park, und er ruft
-bald den einen, und bald den andern an.
-
-»Um neun Uhr zum >Jar<!« sagt Onkel einem jeden kurz.
-
-Die Leute, an die er sich wendet, sind lauter ehrwürdige Greise. Alle
-ziehen vor ihm den Hut und antworten ebenso kurz:
-
-»Wir sind deine Gäste, Fedossejewitsch.«
-
-Ich glaube, wir hatten auf diese Weise an die zwanzig Personen
-eingeladen. Als die Uhr neun schlug, fuhren wir wieder zum >Jar<. Ein
-ganzes Rudel Kellner stürzte uns entgegen, alle halfen dem Onkel aus dem
-Wagen, der Franzose selbst empfing ihn vor der Türe und klopfte ihm mit
-der Serviette den Staub von der Hose ab.
-
-»Ist's geräumt?« fragt der Onkel.
-
-»Ein General ist nur noch da,« sagt jener. »Er bittet sehr, noch eine
-Weile im Séparé bleiben zu dürfen.«
-
-»Hinaus mit ihm!«
-
-»Er ist wirklich sehr bald fertig.«
-
-»Ich will nicht, er hat genug Zeit gehabt, soll er seine Sachen draußen
-auf dem Rasen zu Ende essen.«
-
-Ich weiß nicht wie das geendet hätte, aber der General kam in diesem
-Augenblick mit seinen zwei Damen heraus, stieg in den Wagen und fuhr
-davon. Gleichzeitig begannen die Gäste zusammenzuströmen, die der Onkel
-im Parke eingeladen hatte.
-
-
-
-
- III
-
-
-Das Restaurant war aufgeräumt, sauber und vollkommen leer. Nur in einem
-der Säle saß irgendein riesengroßer Kerl, der dem Onkel schweigend
-entgegenkam und ihm, ohne ein Wort zu sagen, sofort den Stock aus der
-Hand nahm, den er gleich irgendwohin versteckte.
-
-Der Onkel gab ihm den Stock ohne Widerspruch und reichte ihm zugleich
-auch seine Brieftasche und sein Portemonnaie.
-
-Dieser leicht ergraute, massive Riese war jener selbe Rjabyka, dessen
-Name in dem mir unverständlichen Auftrag des Onkels erwähnt worden war.
-Von Beruf war er eigentlich Schulmeister, hier versah er aber offenbar
-irgendein anderes Amt. Er schien hier ebenso notwendig wie die Zigeuner,
-wie das Orchester und wie das ganze Personal, das vollzählig erschienen
-war. Ich verstand nur nicht, welche Rolle der Schulmeister spielen
-sollte, aber das konnte ich bei meiner Unerfahrenheit auch noch gar
-nicht wissen.
-
-Das hell erleuchtete Restaurant war in vollem Betrieb: die Musik
-dröhnte, die Zigeuner gingen auf und ab und blieben jeden Augenblick vor
-den Büffets stehen, und der Onkel besichtigte die Säle, den
-Wintergarten, die Grotten und die Galerien. Er wollte sich überzeugen,
-ob tatsächlich keine Fremden da waren; der Schulmeister wich nicht von
-seiner Seite. Als sie aber nach diesem Rundgang in den Hauptsaal, wo
-schon die ganze Gesellschaft versammelt war, zurückkehrten, konnte man
-zwischen ihnen einen großen Unterschied wahrnehmen: der Schulmeister war
-ebenso nüchtern, wie vor dem Rundgang, der Onkel aber gänzlich
-betrunken.
-
-Ich weiß nicht, wieso das so schnell geschehen war; jedenfalls war er in
-bester Laune. Er übernahm das Präsidium, und die Geschichte ging los.
-
-Alle Türen waren abgesperrt, und das Restaurant war von der ganzen Welt
-abgeschnitten. Zwischen uns und der übrigen Welt gähnte ein Abgrund: der
-Abgrund des ganzen ausgetrunkenen Weines, der verzehrten Speisen und,
-vor allen Dingen, der, ich will nicht sagen, häßlichen, aber wilden und
-tollen Ausgelassenheit, die ich kaum zu schildern vermag. Das kann man
-von mir auch garnicht verlangen: als ich mich hier festgeklemmt und von
-der ganzen Welt abgeschnitten sah, verlor ich jeden Mut und hatte es
-sehr eilig, mich zu betrinken. Darum werde ich auch gar nicht
-beschreiben, wie diese Nacht verging. Meiner Feder ist es auch gar nicht
-gegeben, _alles_ zu schildern; ich kann mich nur an zwei besonders
-bemerkenswerte Episoden der Schlacht und an das Finale erinnern, doch
-das _Unheimliche_ steckte eben in ihnen.
-
-
-
-
- IV
-
-
-Man meldete einen gewissen Iwan Stepanowitsch. Wie es sich später
-herausstellte, war er ein angesehener Moskauer Fabrikant und
-Großkaufmann.
-
-Eine peinliche Pause trat ein.
-
-»Ich hab ja gesagt: niemand darf herein,« erwiderte der Onkel.
-
-»Der Herr läßt inständigst bitten.«
-
-»Soll er sich nur dorthin begeben, wo er bisher war.«
-
-Der Kellner ging hinaus und meldete nach einer Weile sehr kleinlaut:
-
-»Iwan Stepanowitsch läßt sehr bitten.«
-
-»Nein, ich will nicht.«
-
-Die anderen schlagen vor: »Soll er ein Strafgeld zahlen!«
-
-»Nein, jagt ihn hinaus, ich will sein Strafgeld nicht.«
-
-Der Kellner kommt zurück und meldet noch kleinlauter:
-
-»Er ist bereit, jede Strafe zu zahlen. Er sagt, daß es für ihn bei
-seinem Alter sehr kränkend ist, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu
-sein.«
-
-Der Onkel erhob sich mit funkelnden Augen von seinem Platz; im gleichen
-Augenblick ragte aber schon zwischen ihm und dem Kellner Rjabyka. Er
-stieß den Kellner mit der linken Hand wie ein Küken zurück und setzte
-mit der Rechten den Onkel wieder auf seinen Platz.
-
-Unter den Gästen wurden Stimmen für Iwan Stepanowitsch laut: er solle
-hundert Rubel für die Musiker zahlen und hereinkommen.
-
-»Er ist doch einer von den unsrigen, ein gottesfürchtiger Greis, -- was
-soll er jetzt anfangen? Er wird vielleicht vor den Augen des ganzen
-Publikums Skandal machen. Man muß mit ihm ein Einsehen haben.«
-
-Der Onkel ließ sich erweichen und sagte:
-
-»Gut, es soll aber weder nach meinem, noch nach eurem, sondern nach
-Gottes Willen geschehen: Iwan Stepanowitsch darf herein, muß aber die
-große Pauke schlagen.«
-
-Der Kellner ging hin und meldete wieder:
-
-»Er möchte doch lieber eine Geldstrafe zahlen.«
-
-»Zum Teufel! Wenn er nicht trommeln will, so soll er sich scheren, wohin
-er mag!«
-
-Iwan Stepanowitsch hielt es aber doch nicht aus und ließ nach kurzer
-Zeit sagen, daß er bereit sei, die Pauke zu schlagen.
-
-»Gut, soll er kommen.«
-
-Ein großer Mann von ehrwürdigem Aussehen mit ernstem Gesicht,
-erloschenen Augen, gekrümmtem Rücken und zerzaustem und grün
-angelaufenem Bart tritt ein. Er will scherzen und die Gäste begrüßen,
-man weist ihn aber zurecht.
-
-»Nachher, nachher,« schreit ihm der Onkel zu: »Jetzt sollst du die Pauke
-schlagen.«
-
-»Die Pauke schlagen!« fallen die andern ein.
-
-»Musik! Einen Marsch!«
-
-Das Orchester stimmt einen dröhnenden Marsch an, der ehrwürdige Greis
-nimmt den hölzernen Schlegel und beginnt im Takt und auch nicht im Takt
-zu trommeln.
-
-Ein Höllenlärm und ein Höllengeschrei. Alle sind zufrieden und schreien:
-
-»Lauter!«
-
-Iwan Stepanowitsch gibt sich noch mehr Mühe.
-
-»Lauter! Lauter! Noch lauter!«
-
-Der Greis trommelt mit aller Kraft, wie der Mohrenfürst bei Freiligrath.
-Schließlich erreicht er sein Ziel: man hört einen fürchterlichen Krach,
-das Trommelfell zerspringt, alle lachen, der Lärm wird ganz
-unerträglich, und Iwan Stepanowitsch muß den Musikern für die
-vernichtete Pauke fünfhundert Rubel zahlen.
-
-Er zahlt, wischt sich den Schweiß aus der Stirne und setzt sich zu den
-andern. Während alle sein Wohl trinken, bemerkt er zu seinem Entsetzen
-unter den Anwesenden seinen Schwiegersohn.
-
-Wieder erhebt sich ein Lachen und Lärmen, und das geht so, bis ich das
-Bewußtsein verliere. In den wenigen lichten Augenblicken, die ich noch
-habe, sehe ich die Zigeunerinnen tanzen und den Onkel, auf dem Stuhle
-sitzend, mit den Beinen zucken. Plötzlich taucht vor ihm jemand auf,
-aber im gleichen Augenblick ragt schon zwischen dem Onkel und dem andern
-Rjabyka. Der andere fliegt auf die Seite, der Onkel sitzt wieder auf
-seinem Platz, und vor ihm stecken in der Tischplatte zwei Gabeln. Nun
-verstehe ich Rjabykas Rolle.
-
-Zum Fenster wehte der erste frische Hauch des Moskauer Morgens herein;
-ich kam wieder zum Bewußtsein, aber wohl nur, um an der Klarheit meiner
-Vernunft zu zweifeln. Ich sah eine wilde Schlacht und das Abholzen eines
-Waldes: ich hörte ein Dröhnen und Krachen und sah die riesengroßen
-exotischen Bäume schwanken und fallen. Hinter ihnen drängte sich ein
-Haufen seltsamer Gestalten mit braunen Gesichtern. An den Wurzeln der
-Palmen funkelten schreckliche Äxte; mein Onkel fällte die Bäume, auch
-der alte Iwan Stepanowitsch tat mit ... Eine mittelalterliche Vision!
-...
-
-Die Zigeunerinnen, die sich in der Grotte hinter den Bäumen versteckt
-hielten, sollten »gefangen genommen« werden; die Zigeuner verteidigten
-sie nicht und überließen sie ihrer eigenen Energie. Scherz und Ernst
-waren hier nicht mehr auseinanderzuhalten: durch die Luft flogen Teller,
-Stühle und Steine aus der Grotte; die Feinde drangen aber immer tiefer
-in den Wald ein, und am mutigsten zeigten sich Iwan Stepanowitsch und
-mein Onkel.
-
-Die Festung wurde schließlich genommen: die Zigeunerinnen wurden
-ergriffen, umarmt und abgeküßt, und eine jede bekam einen
-Hundertrubelschein in das Mieder gesteckt. Damit war die Sache erledigt
-...
-
-Ja, auf einmal war alles still ... Alles war zu Ende. Es war keine
-Störung von außen, aber alle hatten genug. Wenn es vorher, wie mein
-Onkel gesagt hatte, »gar kein Leben« war, so fühlten wohl jetzt alle
-einen Überfluß an Leben.
-
-Alle hatten genug und alle waren zufrieden. Vielleicht hatte auch die
-Bemerkung des Schulmeisters, daß es für ihn Zeit sei, in die Schule zu
-gehen, einige Bedeutung. Jedenfalls war die Walpurgisnacht zu Ende, und
-»das Leben« trat wieder in seine Rechte.
-
-Die Gäste verdufteten ohne Abschied einer nach dem andern; das Orchester
-und die Zigeuner waren längst verschwunden. Das Restaurant bot das Bild
-vollständiger Verwüstung: keine einzige Draperie, kein einziger Spiegel
-war ganz; selbst der große Kronleuchter lag zertrümmert am Boden, und
-die Kristallprismen zerbrachen unter den Füßen der Kellner, die sich vor
-Müdigkeit kaum auf den Beinen hielten. Der Onkel saß ganz allein mitten
-auf dem Sofa und trank Kwas. Ab und zu schwebten ihm wohl irgendwelche
-Erinnerungen durch den Sinn, und er zuckte mit den Beinen. Vor ihm stand
-Rjabyka, der in seine Schule eilte.
-
-Man reichte ihnen die Rechnung. Es war eine kurze »Pauschalrechnung«.
-
-Rjabyka studierte die Rechnung sehr aufmerksam und verlangte einen
-Nachlaß von fünfzehnhundert Rubeln. Man widersprach ihm nicht viel und
-zog das Fazit: die Endsumme machte siebzehntausend, und Rjabyka
-erklärte, daß die Rechnung jetzt stimme. Der Onkel sagte einsilbig!
-»Zahl's!«, setzte den Hut auf und bedeutete mir durch ein Zeichen, ihm
-zu folgen.
-
-Zu meinem Entsetzen merkte ich, daß er mich nicht vergessen hatte und
-daß ich ihm nicht entrinnen konnte. Er flößte mir eine unheimliche Angst
-ein, und ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie ich mit ihm nun allein
-unter vier Augen bleiben würde. Er hatte mich ja so ganz zufällig
-mitgenommen, hatte mir noch keine zwei vernünftigen Worte gesagt und
-schleppte mich überall mit sich herum. Was werde ich noch alles erleben?
-Vor Entsetzen wurde ich auf einmal ganz nüchtern. Ich fürchtete dieses
-schreckliche, wilde Tier mit der zügellosen Phantasie und den
-furchtbaren Einfällen. Im Vorzimmer umringte uns eine Menge Kellner. Der
-Onkel befahl: »Je fünf!«, und Rjabyka zahlte; die Hausmeister,
-Nachtwächter, Schutzleute und Gendarmen, die irgendwelche Dienste
-geleistet haben wollten, bekamen etwas weniger. Alle diese Leute wurden
-befriedigt. Das machte eine Riesensumme aus. Im Parke draußen drängten
-sich aber, so weit das Auge reichte, zahllose Droschken. Die
-Droschkenkutscher warteten auf ihr »Väterchen« Ilja Fedossejewitsch, »ob
-Seine Gnaden sie nicht irgendwie brauchen könnten.«
-
-Man stellte ihre Zahl fest und gab einem jeden von ihnen drei Rubel. Der
-Onkel und ich stiegen in den Wagen, und Rjabyka reichte dem Onkel seine
-Brieftasche.
-
-Ilja Fedossejewitsch nahm aus der Brieftasche einen Hunderter und gab
-ihn Rjabyka.
-
-Dieser drehte die Banknote in den Fingern und sagte unwirsch:
-
-»Zu wenig.«
-
-Der Onkel gab ihm noch zwei Fünfundzwanziger.
-
-»Auch das genügt noch nicht: es hat ja keinen einzigen Skandal gegeben.«
-
-Der Onkel gab ihm noch einen dritten Fünfundzwanziger, der Schulmeister
-reichte ihm nun auch seinen Stock und verabschiedete sich.
-
-
-
-
- V
-
-
-Nun blieben wir beide unter vier Augen zurück und fuhren im Trab nach
-Moskau; hinter uns jagte aber mit Geschrei und Geklapper das ganze
-unübersehbare Heer der Droschken. Ich konnte gar nicht begreifen, was
-sie von uns wollten, der Onkel aber hatte es gleich erraten. Es war
-eigentlich empörend: um von ihm noch mehr Geld zu erpressen, gaben sie
-ihm unter dem Vorwande einer besonderen Ehrung das Geleite und lieferten
-ihn auf diese Weise dem allgemeinen Spott aus.
-
-Moskau lag vor unseren Blicken in herrlicher Morgenbeleuchtung, von
-leichten Rauchwölkchen aus den Kaminen und von friedlichem
-Glockengeläute umschwebt.
-
-Rechts und links vom Schlagbaum zogen sich Warenspeicher hin. Der Onkel
-ließ vor dem ersten Speicher halten, zeigte auf ein Fäßchen, das an der
-Schwelle stand, und fragte:
-
-»Ist's Honig?«
-
-»Honig.«
-
-»Was kostet das Fäßchen?«
-
-»Wir verkaufen nur pfundweise.«
-
-»Rechne aus, was das kostet.«
-
-Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wieviel man dafür verlangte.
-Ich glaube siebzig oder achtzig Rubel.
-
-Der Onkel zählte das Geld ab.
-
-Das Droschkenheer hatte uns inzwischen eingeholt.
-
-»Habt ihr mich lieb, ihr städtischen Droschkenkutscher?«
-
-»Gewiß! Wir sind immer bereit, Euer Gnaden zu dienen.«
-
-»Seid ihr mir ergeben?«
-
-»Mit Leib und Seele.«
-
-»Nehmt die Räder ab!«
-
-Die Kutscher stehen verständnislos da.
-
-»Macht es schnell!« kommandiert der Onkel.
-
-An die zwanzig Kutscher, die flinker als die anderen sind, holen unter
-den Sitzen ihre Schraubschlüssel hervor und beginnen die Räder
-abzunehmen.
-
-»Gut so,« sagt der Onkel, »und jetzt schmiert die Räder mit Honig.«
-
-»Väterchen!«
-
-»Schmiert!«
-
-»Das kostbare Gut ... So was nimmt man doch lieber in den Mund!«
-
-»Schmiert!«
-
-Ohne auf seinem Wunsche noch weiter zu bestehen, setzte er sich wieder
-in den Wagen, und wir rasten davon. Die Droschkenkutscher blieben jedoch
-sämtlich mit den abgeschraubten Rädern beim Honig, mit dem sie aber ihre
-Räder gar nicht schmierten: sie verteilten ihn wohl unter sich oder
-verkauften ihn weiter an den nächsten Krämer. Jedenfalls waren wir sie
-los. Wir fuhren ins Bad. Hier erwartete ich das Jüngste Gericht: ich saß
-mehr tot als lebendig in der Marmorwanne, während der Onkel in einer
-seltsamen apokalyptischen Pose auf dem Boden lag. Die ganze Masse seines
-schweren Körpers ruhte nur auf den Spitzen der Finger und der Zehen. Der
-rote Körper bebte auf diesen Stützpunkten unter der kalten Dusche, und
-er brüllte dabei dumpf wie ein Bär, der sich einen Dorn aus der Tatze
-herausziehen will. Das dauerte eine halbe Stunde, und er zitterte
-ununterbrochen, wie ein Gelee auf schwankendem Tisch. Plötzlich sprang
-er auf, ließ sich Kwas geben, wir kleideten uns an und fuhren auf die
-Schmiedebrücke zum »Franzosen«.
-
-Wir ließen uns hier die Haare stutzen, kräuseln und frisieren und
-begaben uns dann zu Fuß durch die innere Stadt ins Geschäft.
-
-Der Onkel sprach mit mir noch immer nicht, ließ mich aber nicht los. Nur
-einmal wandte er sich an mich:
-
-»Wart, nicht alles auf einmal: wenn du jetzt etwas nicht verstehst, so
-wirst du es mit den Jahren verstehen.«
-
-Im Geschäft verrichtete er zunächst das Morgengebet, vergewisserte sich,
-ob alles in Ordnung sei und stellte sich vor das Schreibpult. Das Gefäß
-war von außen gereinigt, aber innen noch voller Greuel und lechzte nach
-Läuterung.
-
-Ich sah es und hatte keine Angst mehr. Die Sache interessierte mich; ich
-wollte sehen, wie er nun mit sich selbst fertig würde, wie er das
-Läuterungswerk machte: ob durch Enthaltsamkeit oder durch irgendeine
-andere göttliche Gnade?
-
-Gegen zehn Uhr morgens litt es ihn nicht mehr im Geschäft. Er wartete
-immer auf seinen Nachbarn, um mit ihm ins nächste Wirtshaus zum
-Teetrinken zu gehen: wenn man den Tee zu dritt trinkt, kommt er um ganze
-fünf Kopeken billiger. Der Nachbar kam aber nicht; er war eines
-plötzlichen Todes gestorben.
-
-Der Onkel bekreuzigte sich und sagte:
-
-»Wir alle werden sterben.«
-
-Der plötzliche Tod des Nachbarn brachte ihn aber nicht aus der Fassung,
-obwohl er mit ihm seit vierzig Jahren täglich im gleichen Wirtshause Tee
-getrunken hatte.
-
-Er ließ den Nachbarn von der anderen Seite bitten, und wir gingen ins
-Wirtshaus, aßen und tranken, nahmen aber keine Spirituosen zu uns. Den
-ganzen Tag verbrachte ich mit ihm, teils im Geschäft und teils auf der
-Straße. Gegen Abend ließ er den Wagen anspannen, und wir fuhren zur
-»Allgepriesenen«.
-
-Man kannte ihn hier gut und empfing ihn mit der gleichen Ehrfurcht wie
-beim >Jar<.
-
-»Ich will vor der Allgepriesenen niederfallen und über meine Sünden
-weinen. Dieser da ist aber mein Neffe, der Sohn meiner Schwester.«
-
-»Treten Sie nur ein,« sagten die Klosterfrauen: »Von wem soll die
-Allgepriesene ein Bußgebet empfangen, wenn nicht von Ihnen, dem größten
-Wohltäter ihres Klosters? Jetzt ist just die Stunde der Gnade: eben wird
-die Abendmesse gelesen.«
-
-»Soll nur die Messe zu Ende gehen; ich will, daß keine Leute dabei sind
-und daß man mir in der Kirche eine gnadenvolle Dämmerung macht.«
-
-Man machte ihm die Dämmerung: man löschte alle Lampen bis auf eine oder
-zwei aus und ließ auch die große grüne Glasampel vor dem Gnadenbilde
-brennen.
-
-Der Onkel fiel nicht, sondern stürzte auf die Knie, berührte mit der
-Stirne den Boden, schluchzte auf und erstarrte.
-
-Ich saß mit zwei Klosterfrauen in einer dunklen Ecke hinter der Türe.
-Der Onkel lag lange Zeit unbeweglich und ohne einen Ton von sich zu
-geben. Ich glaubte sogar, daß er eingeschlafen sei und teilte diesen
-Verdacht einer der Schwestern mit. Die erfahrene Schwester dachte eine
-Weile nach, schüttelte den Kopf, zündete ein dünnes Lichtchen an,
-umschloß die Flamme mit der hohlen Hand und schlich sich leise zum
-Büßenden. Sie ging einmal auf den Fußspitzen um ihn herum, kehrte erregt
-zu uns zurück und flüsterte:
-
-»Es wirkt ... sogar mit Rückschlag!«
-
-»Woran merken Sie das?«
-
-Sie beugte sich vor, bedeutete mir durch ein Zeichen, dasselbe zu tun
-und sagte:
-
-»Blicken Sie gerade über die Flamme auf seine Beine.«
-
-»Ja!«
-
-»Sehen Sie nicht das Ringen?«
-
-Ich blicke genauer hin und sehe wirklich eine Bewegung: der Onkel liegt
-voller Andacht im Gebet, aber ihm zu Füßen regt sich etwas; ich glaube
-zwei Kater zu sehen, die miteinander ringen: bald hat der eine die
-Oberhand, bald der andere.
-
-»Schwester,« frage ich, »wie kommen denn die Kater her?«
-
-»Das kommt Ihnen nur so vor, daß es Kater sind. Es sind aber keine
-Kater, es ist die Versuchung: Sie sehen doch, wie seine Seele als reine
-Flamme in den Himmel strebt und wie seine Beine sich noch in der Hölle
-bewegen.«
-
-Nun sehe ich, daß der Onkel mit den Füßen den gestrigen »Trepak« zu Ende
-tanzt; ob seine Seele aber auch wirklich als reine Flamme in den Himmel
-strebt?
-
-Kaum hatte ich mir das gedacht, als er, gleichsam als Antwort auf meinen
-Zweifel, tief aufseufzte und aufschrie:
-
-»Ich erhebe mich nicht, ehe Du mir vergeben hast! Du allein bist heilig,
-und wir alle sind verdammt!« Und er fing zu schluchzen an.
-
-Er schluchzte so herzerweichend, daß auch wir drei in Tränen ausbrachen:
-»Herr, erfülle sein Flehen!«
-
-Und wir merken gar nicht, wie er schon neben uns steht und mit frommer
-Stimme zu mir sagt:
-
-»Komm, wollen wir uns stärken.«
-
-Die Klosterfrauen fragen ihn:
-
-»Hatten Sie auch die Gnade, den Lichtschein zu sehen, Väterchen?«
-
-»Nein,« antwortete er, »den Lichtschein habe ich nicht gesehen, aber
-_diese_ Gnade ward mir zuteil ...«
-
-Und er ballte die Faust zusammen und hob sie langsam, wie man einen
-Jungen am Schopf in die Höhe hebt.
-
-»Wurden Sie in die Höhe gehoben?«
-
-»Ja.«
-
-Die Schwester bekreuzigte sich, ich tat dasselbe, der Onkel aber
-erklärte:
-
-»Jetzt ist mir alles vergeben! Von oben, aus der Mitte der Kuppel
-streckte sich eine offene Hand nach mir aus, sie faßte mich bei den
-Haaren und stellte mich auf die Beine ...«
-
-Nun ist er glücklich und nicht mehr verworfen. Er beschenkte königlich
-das Kloster, in dem er sich dieses Wunder erfleht hatte. Er fühlte
-wieder »Leben« in sich und schickte meiner Mutter die Mitgift, die sie
-einst von ihren Eltern zu bekommen hatte. Mich aber führte er in den
-guten alten Volksglauben ein.
-
-Von nun an erfaßte ich den Geschmack des Volkes für das Fallen und das
-Sich-Erheben ... Dies nennt man eben »Teufelsaustreibung«. Ich
-wiederhole aber, daß man sie nur in Moskau allein sehen kann, und das
-auch nur bei besonderem Glück und besonderer Protektion seitens der
-ehrwürdigsten Greise.
-
-
-
-
- DAS TIER
-
-
-
-
- I
-
-
-Mein Vater war ein seinerzeit sehr bekannter Untersuchungsrichter. Ihm
-wurden viele wichtige Fälle anvertraut, und er war darum meistens auf
-Reisen. Zu Hause blieben nur Mutter, ich und die Dienstboten.
-
-Meine Mutter war damals noch sehr jung, und ich ein kleiner Bengel.
-
-Als sich die Geschichte, von der ich hier erzähle, abspielte, war ich
-erst fünf Jahre alt.
-
-Es war zur Winterszeit. Der Winter war in jenem Jahre so streng, daß die
-Schafe oft nachts in ihren Ställen erfroren und Dohlen erstarrt auf die
-hartgefrorene Erde niederfielen. Mein Vater befand sich damals in einer
-dienstlichen Angelegenheit in Jelez und konnte nicht einmal zu
-Weihnachten nach Hause kommen. Meine Mutter wollte daher selbst zu ihm
-hinüberfahren, damit er das schöne und freudige Fest nicht allein
-verbringe. Der fürchterlichen Kälte wegen nahm sie mich nicht mit,
-sondern ließ mich bei ihrer Schwester und meiner Tante zurück, die mit
-einem Gutsbesitzer aus Orjol verheiratet war. Dieser Onkel hatte nicht
-den besten Ruf. Er war reich, alt und grausam. Seine hervorragendsten
-Charaktereigenschaften waren Gehässigkeit und Unnachsichtigkeit; er war
-darüber durchaus nicht unglücklich, sondern prahlte gerne mit diesen
-Eigenschaften, die seiner Ansicht nach den Ausdruck männlicher Kraft und
-unbeugsamer Seelenstärke darstellten.
-
-Er war bestrebt, auch seine Kinder zu der gleichen Manneskraft und
-Seelenstärke zu erziehen. Einer seiner Söhne war übrigens mein
-Altersgenosse.
-
-Alle fürchteten den Onkel; ich aber fürchtete ihn noch mehr als alle,
-weil er auch mich zur »Manneskraft« erziehen wollte. Als ich drei Jahre
-alt war und unheimliche Angst vor Gewittern hatte, stellte er mich
-einmal bei einem heftigen Gewitter auf den Balkon hinaus und sperrte die
-Türe ab, um mir auf diese Weise meine Angst auszutreiben.
-
-Natürlich war ich im Hause eines solchen Onkels sehr ungern zu Gast. Ich
-war damals aber, wie gesagt, erst fünf Jahre alt, und meine Wünsche und
-Neigungen wurden bei den Entscheidungen, denen ich mich fügen mußte, in
-keiner Weise in Betracht gezogen.
-
-
-
-
- II
-
-
-Auf dem Gute meines Onkels befand sich ein riesiges steinernes,
-schloßartiges Gebäude. Es war ein prätentiöser, doch unschöner und sogar
-häßlicher zweistöckiger Bau mit einer runden Kuppel und einem Turm, über
-den allerlei scheußliche Geschichten erzählt wurden. Hier hatte einst
-der verrückte Vater des jetzigen Gutsbesitzers gewohnt; später wurde in
-diesen Räumen eine Apotheke eingerichtet. Auch das letztere galt aus
-irgendeinem Grunde als unheimlich; am unheimlichsten war aber die
-sogenannte Äolsharfe, die in einem offenen geschwungenen Fenster oben
-auf dem Turme angebracht war. Wenn der Wind durch die Saiten dieses
-launischen Instrumentes fuhr, gab es ebenso unerwartete wie seltsame
-Töne von sich, die aus einem leisen Girren in unruhige, wilde Seufzer
-und in ein wahnsinniges Getöse übergingen, das sich so anhörte, wie wenn
-ein ganzer Schwarm von Angst getriebener Geister durch die Saiten zöge.
-Alle Bewohner des Hauses konnten diese Harfe nicht leiden und glaubten,
-daß sie dem gestrengen Gutsherrn etwas sagte, wogegen er sich nicht
-aufzulehnen wagte, das ihn aber noch grausamer und unbeugsamer machte
-... Eines stand jedenfalls fest: wenn nachts ein Sturm losbrach und die
-Harfe auf dem Turme so laut dröhnte, daß die Töne über den Park und die
-Teiche hinweg bis ins Dorf drangen, tat der Herr die ganze Nacht kein
-Auge zu und war am Morgen noch finsterer und strenger als sonst; dann
-pflegte er irgendeinen grausamen Befehl zu erteilen, der die Herzen
-aller seiner Sklaven erbeben machte.
-
-In diesem Hause war es Gesetz, daß jedes Vergehen unnachsichtliche Sühne
-fand und niemand und unter keinen Umständen Verzeihung erlangte. Dieses
-Gesetz galt ebenso für die Menschen wie für die Tiere und selbst für die
-kleinsten Geschöpfe. Der Onkel kannte keine Barmherzigkeit, liebte sie
-nicht und hielt sie für Schwäche. Unnachsichtige Strenge setzte er über
-alle Nachsicht. Daher herrschte im Hause und in den zahlreichen Dörfern,
-die diesem reichen Gutsbesitzer gehörten, eine ewige Trauer, die mit den
-Menschen auch die Tiere teilten.
-
-
-
-
- III
-
-
-Mein seliger Onkel war leidenschaftlicher Liebhaber der Hetzjagd. Er
-pflegte oft mit seiner Meute auszureiten und Wölfe, Hasen und Füchse zu
-jagen. In seinem Zwinger gab es auch eigens für die Bärenjagd bestimmte
-Hunde. Diese Hunde nannte man »Blutegel«. Sie bissen sich in das Tier
-dermaßen fest, daß man sie nicht wieder losreißen konnte. Es kam vor,
-daß der Bär, in den sich so ein Blutegel festgebissen hatte, ihn mit
-einem Schlag seiner schrecklichen Tatze totschlug oder zerriß, es kam
-aber niemals vor, daß der Blutegel lebend vom Tiere abließ.
-
-Heute, wo die Bärenjagd nur noch mit dem Spieß und als Klapperjagd
-betrieben wird, scheint die Rasse der Blutegel in Rußland ausgestorben
-zu sein; aber in der Zeit, als sich diese Geschichte zutrug, gehörten
-sie zum Bestande eines jeden Zwingers. In unserer Gegend gab es damals
-auch sehr viel Bären, und die Bärenjagd zählte zu den beliebtesten
-Vergnügungen.
-
-Wenn es gelang, ein ganzes Bärennest auszuheben, nahm man die Jungen oft
-lebend nach Hause mit. Sie wurden gewöhnlich in einem großen gemauerten
-Stalle mit kleinen, ganz oben unter dem Dach angebrachten Fenstern
-gehalten. In den Fenstern gab es keine Scheiben, sondern nur feste
-Eisengitter. Die Bärenjungen kletterten manchmal übereinander bis zu den
-Fenstern hinauf und hielten sich mit ihren kräftigen Krallen an den
-Gittern fest. Nur auf diese Weise konnten sie aus dem Kerker in Gottes
-freie Welt hinausschauen.
-
-Wenn man uns am Vormittag spazieren führte, gingen wir gerne an diesem
-Stalle vorbei, um uns die drolligen Bären, die durch die Gitter
-hinausschauten, anzusehen. Unser deutscher Hauslehrer Kolberg pflegte
-ihnen mittels eines langen Stockes Brotstücke zu reichen, die wir uns zu
-diesem Zweck beim Frühstück aufsparten.
-
-Die Bären pflegte und fütterte ein junger Jäger namens Ferapont; das
-einfache Volk konnte diesen Namen schwer aussprechen und nannte ihn
-»Chrapon« oder noch öfter »Chraposchka«. Ich kann mich seiner noch gut
-erinnern. Chraposchka war von mittlerem Wuchs, gelenkig, kräftig und
-etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Er galt als hübscher Bursche: er hatte
-ein weißes Gesicht, rosige Wangen, schwarze Locken und große, schwarze,
-etwas hervorquellende Augen. Dazu zeichnete er sich durch ungewöhnlichen
-Mut aus. Seine Schwester Annuschka, die die Gehilfin der Kinderfrau war,
-erzählte uns oft höchst unterhaltende Dinge über den ungewöhnlichen Mut
-ihres kühnen Bruders und über seine Freundschaft mit den Bären, in deren
-Stalle er im Sommer wie im Winter zu schlafen pflegte, wobei sie sich um
-ihn drängten und ihre Köpfe auf ihn wie auf ein Kissen legten.
-
-Vor dem Hause meines Onkels befand sich ein großes rundes, von einem
-Schmuckgitter eingefaßtes Blumenbeet, dahinter erhob sich das breite
-Tor; in der Mitte des Beetes, dem Tore gegenüber, ragte eine hohe,
-glattgehobelte Stange, die man den »Mastbaum« nannte. An der Spitze des
-Mastbaumes war eine kleine Plattform angebracht.
-
-Unter den gefangenen jungen Bären wurde immer der »klügste«, das heißt
-einer, der den zuverlässigsten und intelligentesten Eindruck machte,
-gewählt. Dieser Bär wurde von der übrigen Gesellschaft getrennt und
-durfte ganz frei auf dem Hofe und im Parke herumspazieren, hatte aber
-die Obliegenheit, am Mastbaume vor dem Tore Posten zu stehen. Auf diesem
-Posten verbrachte er den größten Teil des Tages. Er lag oft auf dem
-Stroh am Fuße des Mastbaumes und hielt sich mit besonderer Vorliebe oben
-auf der Plattform auf, wo er vor der Zudringlichkeit der Menschen und
-Hunde sicher war.
-
-Nicht alle Bären hatten ein Anrecht auf dieses schöne freie Leben,
-sondern nur die klügsten und gutmütigsten unter ihnen und selbst diese
-nicht ihr Leben lang, sondern nur solange sie nicht ihre tierischen, für
-das Zusammenleben mit anderen Geschöpfen ungeeigneten Eigenschaften
-zeigten, d. h. solange sie sich ruhig verhielten und weder Gänse noch
-Hühner, weder Kälber noch Menschen anrührten.
-
-Wenn ein Bär auch nur einmal den Burgfrieden störte, wurde er sofort zum
-Tode verurteilt, und keine Macht der Welt konnte ihm Begnadigung
-erwirken.
-
-
-
-
- IV
-
-
-Mit der Auswahl dieses »klügsten« Bären wurde Chrapon betraut. Da er
-mehr als alle andern mit den Bären zu tun hatte und als großer Kenner
-ihres Charakters galt, wurde natürlich angenommen, daß er besser als
-jemand anderer diese Wahl vornehmen könne. Chrapon hatte auch die volle
-Verantwortung für die Folgen seiner Wahl zu tragen. Er wählte gleich das
-erstemal einen ungewöhnlich gelehrigen und klugen Bären, der einen sehr
-seltsamen Namen erhielt; während fast alle Bären in Rußland »Mischka«
-heißen, wurde dieser mit dem spanischen Namen »Sganarell« ausgezeichnet.
-Er hatte bereits fünf Jahre in Freiheit gelebt und noch keinen einzigen
-dummen Streich verübt. Wenn man von einem Bären sagte, daß er »Streiche
-mache«, so meinte man, daß er seine Tiernatur bereits irgendwie gezeigt
-habe.
-
-Einen solchen »Streichemacher« setzte man zunächst in den »Graben«, der
-auf der geräumigen Wiese zwischen der Tenne und dem Walde angelegt war;
-nach einiger Zeit ließ man ihn auf die Wiese hinaus, indem man einen
-Balken in den Graben steckte, über den er dann selbst herauskletterte,
-und hetzte ihn mit jungen »Blutegeln«. Wenn die jungen Hunde mit dem
-Bären nicht fertig werden konnten und die Gefahr bestand, daß er in den
-Wald entrinnen könne, traten zwei geschickte Jäger, die im Hinterhalt
-aufgestellt waren, mit ihren ausgewählten Meuten in Aktion und machten
-dem Bären ein schnelles Ende.
-
-Und wenn auch diese Hunde sich so ungeschickt anstellten, daß der Bär
-sich auf die »Insel«, d. h. in den Wald, der mit den weiten Brjansker
-Wäldern zusammenhing, flüchten konnte, so feuerte auf ihn ein eigens
-bereitgestellter Schütze aus einer langen schweren Kuchenreuterschen
-Gabelmuskete die tödliche Kugel ab.
-
-Es war noch nie vorgekommen, daß ein Bär allen diesen Gefahren entronnen
-wäre; das wäre auch zu schrecklich gewesen, denn die Schuldigen wären
-wohl kaum mit dem Leben davongekommen.
-
-
-
-
- V
-
-
-Die kluge und solide Natur Sganarells hatte zur Folge, daß es eine
-solche Hetzjagd oder Bärenhinrichtung schon seit fünf Jahren nicht
-gegeben hatte. Sganarell war in dieser Zeit zu einem großen Bären von
-ungewöhnlicher Kraft, Schönheit und Gelenkigkeit herangewachsen. Er
-hatte eine runde, stumpfe Schnauze und einen recht schlanken Körperbau,
-so daß er eher einem riesengroßen Griffon oder Pudel, als einem Bären
-ähnlich sah. Sein Hinterteil war etwas schmächtig und von kurzem,
-glänzenden Fell bedeckt, aber die Schultern und das Genick waren stark
-entwickelt und üppig behaart. Sganarell war so gescheit wie ein Pudel
-und konnte einige, bei Bären sehr seltene Kunststücke: er verstand gut
-und schnell auf den Hinterbeinen vorwärts und auch rückwärts zu laufen,
-eine Trommel zu schlagen und mit einem langen Stock, der wie ein Gewehr
-angemalt war, zu exerzieren; ebenso gerne und sogar mit größerer Freude
-schleppte er mit den Bauern die schwersten Säcke zur Mühle und trug mit
-unnachahmlicher drolliger Eleganz einen hohen, spitzen, mit einer
-Pfauenfeder oder einem Strohwisch geschmückten Filzhut auf dem Kopfe.
-
-Aber auch für Sganarell schlug einmal die Schicksalsstunde: die
-Tiernatur gewann die Oberhand. Kurz vor meinem Besuch im Hause des
-Onkels hatte sich Sganarell mehrere Verfehlungen zu schulden kommen
-lassen, von denen eine schwerer war als die andere.
-
-Das Programm der verbrecherischen Handlungen Sganarells war dasselbe wie
-bei allen seinen Vorgängern: als erste Kraftprobe riß er einer Gans
-einen Flügel ab; dann legte er seine Tatze einem Füllen, das seiner
-Mutter nachlief, auf den Rücken und brach ihm das Rückgrat; zuletzt
-erregten irgendein blinder alter Bettler und dessen Führer sein
-Mißfallen; er wälzte sich mit ihnen im Schnee und zerquetschte ihnen
-Arme und Beine.
-
-Der Blinde und sein Führer kamen ins Krankenhaus, Chrapon aber erhielt
-den Befehl, Sganarell in den Graben zu bringen, aus dem es nur einen Weg
--- in den Tod -- gab.
-
-Als Annuschka mich und meinen kleinen Vetter abends zu Bett legte,
-erzählte sie uns, daß es bei der Überführung Sganarells in den Graben,
-wo er auf die Todesstrafe zu warten hatte, allerlei Rührendes gegeben
-habe. Chrapon habe ihm nicht den üblichen Ring durch die Nase gezogen
-und überhaupt nicht die geringste Gewalt angewandt, sondern nur gesagt:
-
-»Tier, komm mit!«
-
-Der Bär erhob sich und ging sofort mit; besonders komisch wirkte es, daß
-er seinen Hut mit dem Strohwisch aufsetzte, Chrapon wie einen Freund
-umarmte und mit ihm so bis zum Graben ging.
-
-Sie waren ja auch wirkliche Freunde.
-
-
-
-
- VI
-
-
-Chrapon hatte mit Sganarell natürlich das größte Mitleid, konnte ihm
-aber gar nicht helfen. In dem Hause, wo sich dies abspielte, wurde, wie
-schon gesagt, kein einziges Vergehen verziehen, und Sganarell, der sich
-dermaßen kompromittiert hatte, mußte seine Streiche mit dem grausamen
-Tode büßen.
-
-Die Hetzjagd sollte als eine Nachmittagszerstreuung für die Gäste, die
-sich bei meinem Onkel zu Weihnachten versammelten, stattfinden. Die
-Anordnungen zu dieser Jagd wurden zur gleichen Zeit gegeben, als Chrapon
-den Befehl bekam, den schuldigen Sganarell in den Graben zu bringen.
-
-
-
-
- VII
-
-
-Man pflegte die Bären auf eine höchst einfache Weise in den Graben zu
-setzen. Man legte quer über die Öffnung einige leichte schwache Stangen,
-überdeckte diese mit Reisig und schüttete darüber Schnee. Das Loch wurde
-so geschickt maskiert, daß der Bär die Falle gar nicht merken konnte.
-Man brachte das folgsame Tier bis zu dieser Stelle und ließ es weiter
-gehen. Es machte einen oder zwei Schritte und stürzte plötzlich in den
-tiefen Graben, aus dem es nicht mehr herauskommen konnte. Der Bär saß
-hier bis zu der für die Hetzjagd angesetzten Stunde. Dann legte man
-schräg in den Graben einen etwa sieben Ellen langen Balken, und der Bär
-kletterte heraus, worauf sofort die Hetzjagd begann. Wenn aber das kluge
-Tier Unheil witterte und nicht herauskommen wollte, zwang man es, den
-Graben zu verlassen, indem man mit langen, mit eisernen Spitzen
-versehenen Stangen nach ihm stach, brennendes Stroh in den Graben warf,
-oder blinde Schüsse aus Gewehren und Pistolen abfeuerte.
-
-Nachdem Chrapon den Bären auf die beschriebene Weise in den Graben
-gebracht hatte, kehrte er tief betrübt nach Hause zurück.
-Unbedachterweise erzählte er seiner Schwester und unserer Wärterin, wie
-willig ihm das Tier gefolgt war, wie es, nachdem es durch den Reisig in
-den Graben gestürzt war, sich auf den Boden hingesetzt, die Vordertatzen
-wie Hände zusammengelegt und zu weinen angefangen hatte.
-
-Chrapon sagte seiner Schwester, daß er vom Graben so schnell er konnte
-weggelaufen sei, um das jämmerliche Stöhnen Sganarells nicht zu hören,
-das ihm ins Herz geschnitten habe.
-
-»Ich danke nur Gott,« fügte er hinzu, »daß es jemand anderem und nicht
-mir befohlen wird, auf ihn zu schießen, wenn er Reißaus nimmt. Wenn
-diese Pflicht mir zufiele, würde ich alle Strafen über mich ergehen
-lassen, aber um nichts in der Welt auf das Tier schießen.«
-
-
-
-
- VIII
-
-
-Annuschka teilte uns das alles mit, und wir gaben es unserem Hauslehrer
-Kolberg weiter. Kolberg aber erzählte es dem Onkel, um ihn zu amüsieren.
-Als der Onkel es hörte, sagte er: »Der Chraposchka ist gut!« und
-klatschte dreimal in die Hände.
-
-Das war das Signal für den alten französischen Kammerdiener Ustin
-Petrowitsch, einen ehemaligen Kriegsgefangenen vom Jahre 1812.
-
-Ustin Petrowitsch, oder eigentlich Justin, erschien in seinem
-saubergebürsteten lila Frack mit silbernen Knöpfen, und mein Onkel gab
-ihm den Befehl, daß man bei der bevorstehenden Bärenjagd als
-Reserveschützen einen gewissen Flegont, der niemals sein Ziel verfehlte,
-und Chrapon aufstellen solle.
-
-Der Onkel erwartete sich offenbar vom Kampfe der widerstrebenden Gefühle
-in der Seele des armen Burschen eine große Belustigung. Wenn es ihm
-einfiele, auf den Bären entweder überhaupt nicht zu schießen oder ihn
-absichtlich nicht zu treffen, so würde es ihm teuer zu stehen kommen;
-Flegont würde aber das Tier mit dem zweiten Schuß sicher erlegen.
-
-Ustin verbeugte sich und ging hinaus, um den Befehl weiterzugeben. Wir
-Kinder sahen aber erst jetzt ein, was wir angestellt hatten, und
-fühlten, daß etwas Schreckliches im Anzuge sei. Gott weiß, wie das enden
-sollte. Unter diesen Umständen hatten wir weder an dem schmackhaften
-Weihnachtsessen, das der Sitte gemäß spät abends eingenommen wurde, noch
-an den vielen Gästen, die zum Teil mit ihren Kindern gekommen waren,
-rechte Freude.
-
-Sganarell und Ferapont taten uns leid, und wir wußten nicht, mit wem von
-beiden wir mehr Mitleid hatten.
-
-Wir beide, d. h. ich und mein kleiner Vetter, wälzten uns lange in
-unseren Bettchen. Wir schliefen spät ein, träumten von dem Bären und
-fuhren einigemal schreiend aus dem Schlafe. Und als die Kinderfrau
-sagte, daß wir vor dem Bären keine Angst zu haben brauchten, weil er im
-Graben sitze und morgen erschossen werden solle, wurde meine Unruhe noch
-größer.
-
-Ich erkundigte mich sogar bei der Alten, ob es erlaubt sei, für
-Sganarell zu beten. Diese Frage lag aber außerhalb ihrer religiösen
-Kompetenz, und sie antwortete, in einem fort gähnend und sich den Mund
-bekreuzigend, daß sie es nicht sicher wisse, weil sie sich danach noch
-niemals beim Geistlichen erkundigt habe; der Bär sei aber sicher ein
-Geschöpf Gottes und habe sich auch in der Arche Noahs befunden.
-
-Die Erwähnung der Arche Noahs brachte mich auf den Gedanken, daß die
-grenzenlose Barmherzigkeit Gottes sich nicht nur auf die Menschen,
-sondern auch auf alle andern Geschöpfe erstrecke. Ich kniete in
-kindlicher Andacht in meinem Bettchen nieder, drückte mein Gesicht in
-das Kissen und flehte Gottes Majestät an, mir meine Bitte nicht als
-Sünde anzurechnen und Sganarell zu retten.
-
-
-
-
- IX
-
-
-Der erste Weihnachtstag brach an. Wir kamen in unseren Festtagskleidern
-in Begleitung unserer Hauslehrer und Erzieherinnen zum Frühstückstisch.
-Außer den zahlreichen Verwandten und Gästen befanden sich im Saal auch
-der Geistliche, der Diakon und zwei Küster.
-
-Als der Onkel in den Saal trat, stimmte die Geistlichkeit einen
-Weihnachtschoral an. Dann nahm man den Tee und gleich darauf ein
-leichtes Frühstück ein. Zu Mittag wurde früher als sonst, nämlich um
-zwei Uhr, gegessen. Gleich nach dem Essen sollte die Bärenjagd beginnen:
-man durfte sie nicht auf eine spätere Stunde hinausschieben, weil es um
-diese Jahreszeit früh Abend wurde und der Bär im Dunkeln leicht Reißaus
-nehmen konnte.
-
-Alles spielte sich genau nach dem festgesetzten Programm ab. Gleich nach
-dem Essen zog man uns Hasenfellpelze und zottige, aus Ziegenwolle
-gestrickte Stiefel an und setzte uns in die Schlitten, um zur Jagd zu
-fahren. Rechts und links vom Hause standen schon viele lange, mit je
-drei Pferden bespannte und mit Teppichen belegte Schlitten bereit. Zwei
-Reitknechte hielten die englische Fuchsstute »Modedame« an den Zügeln
-fest.
-
-Der Onkel trat in einem kurzen Fuchspelz und einer spitzen
-Fuchsfellmütze aus dem Hause, und sobald er in den mit einem schwarzen
-Bärenfell bedeckten und mit Türkisen und Schlangenköpfen geschmückten
-Sattel stieg, setzte sich unser ganzer langer Zug in Bewegung. In zehn
-oder fünfzehn Minuten waren wir schon am Ziel. Alle Schlitten stellten
-sich im Halbkreise auf dem glatten schneebedeckten Felde auf, das von
-einer Kette berittener Jäger umstellt und in einiger Entfernung vom
-Walde abgeschlossen war.
-
-Dicht am Walde war im Gesträuch das Versteck für die Schützen
-eingerichtet, unter denen sich auch Flegont und Chraposchka befinden
-mußten.
-
-Die Schützen selbst waren nicht zu sehen; einige zeigten auf die kaum
-sichtbaren Büchsenstützen, von denen auf Sganarell gezielt werden
-sollte.
-
-Der Graben, in dem der Bär saß, war unsichtbar, und wir lenkten daher
-unsere Aufmerksamkeit auf die schmucken Reiter, die mit den schönsten
-Waffen ausgerüstet waren; es waren die Erzeugnisse der berühmtesten
-Büchsenmacher: des Schweden Strabus, des Deutschen Morgenrath, des
-Engländers Mortimer und des Warschauers Kolett.
-
-Mein Onkel stellte sich mit seinem Pferde vor der Kette auf. Man gab ihm
-die Leine zweier zusammengekoppelter junger »Blutegel« in die Hand und
-legte auf den Sattel vor ihn ein weißes Tuch.
-
-Die vielen jungen Hunde, die ihre Künste an dem zu Tode verurteilten
-Sganarell üben sollten, benahmen sich höchst selbstbewußt und zeigten
-brennende Ungeduld und Mangel an Selbstbeherrschung. Sie winselten,
-bellten und sprangen um die Pferde herum; die uniformierten Piqueure
-knallten in einem fort mit ihren Peitschen, um die außer Rand und Band
-geratenen Hunde zur Vernunft zu bringen. Alles brannte vor Ungeduld,
-sich über das Tier zu stürzen, dessen Nähe die Hunde mit ihren feinen
-Nasen sofort witterten.
-
-Nun kam der Zeitpunkt, wo Sganarell aus dem Graben heraus gelassen und
-den Hunden preisgegeben werden sollte.
-
-Mein Onkel winkte mit dem weißen Tuche, das vor ihm auf dem Sattel lag,
-und sagte: »Los!«
-
-
-
-
- X
-
-
-Von der Schar der Jäger, die den Stab des Onkels bildeten, trennten sich
-an die zehn Mann und gingen quer über das Feld.
-
-Als sie etwa zweihundert Schritte weit gegangen waren, blieben sie
-stehen und hoben vom Schnee einen langen, nicht sehr dicken Balken auf,
-der uns bis dahin unsichtbar gewesen war.
-
-Das spielte sich unmittelbar an dem von unserem Standpunkt aus
-gleichfalls nicht sichtbaren Graben ab, in dem Sganarell saß.
-
-Der Balken wurde in die Höhe gehoben und mit dem einen Ende in den
-Graben versenkt. Er lag etwas schräg, so daß das Tier ohne besondere
-Mühe wie über eine Treppe herauskommen konnte.
-
-Das andere Ende des Balkens ruhte auf dem Rande des Grabens und ragte
-etwa eine Elle weit heraus.
-
-Alle Augen verfolgten mit Spannung diese Vorbereitungen, die uns dem
-interessantesten Augenblick näher brachten. Man erwartete, daß Sganarell
-sofort zum Vorschein kommen würde; er witterte aber wohl Unheil und
-blieb im Graben.
-
-Nun begann man ihn mit Schneebällen zu bewerfen und mit langen Stangen
-in dem Graben herumzutreiben; man hörte sein Gebrüll, er ließ sich aber
-noch immer nicht blicken. Man gab einige blinde Schüsse in den Graben
-ab; Sganarell brüllte noch wütender, kam aber noch immer nicht heraus.
-
-Nun kam hinter der Schützenkette ein einfacher, mit nur einem Pferde
-bespannter Schlitten, wie man ihn zum Mistfahren gebraucht, zum
-Vorschein und raste in der Richtung zum Graben. Auf dem Schlitten lag
-ein großer Haufen Stroh.
-
-Das Pferd war groß und mager, eines von den Pferden, die sonst Futter
-von der Tenne fahren; trotz seines Alters und seiner Magerkeit
-galoppierte es mit erhobenem Schweif und gesträubter Mähne. Es war nicht
-recht klar, ob dieser Feuereifer nur ein Überbleibsel seiner Jugendkraft
-oder eine Folge der Angst und Verzweiflung war, die dem alten Pferde die
-Nähe des Bären einflößte. Das letztere war wohl wahrscheinlicher; das
-Pferd war außer der Kandare noch mit einer festen Schnur aufgezäumt, die
-in seine vor Alter grauen Lippen einschnitt und sie bereits blutig
-gerieben hatte. Der Stallknecht, der es lenkte, riß erbarmungslos an der
-Schnur und bearbeitete gleichzeitig den Rücken des Pferdes mit einer
-dicken Peitsche; das Pferd rannte wie wild und warf sich nach allen
-Seiten.
-
-Das Stroh wurde in drei Haufen geteilt, angezündet und im gleichen
-Augenblick von drei verschiedenen Seiten in den Graben geworfen. Vom
-Feuer unberührt blieb nur die eine Stelle am Rande, wo der Balken
-herausragte.
-
-Nun ertönte ein betäubendes, rasendes, mit Stöhnen untermengtes Brüllen,
-der Bär kam aber noch immer nicht heraus.
-
-Man erzählte sich, daß Sganarells Fell schon versengt sei; er hätte sich
-die Tatzen auf die Augen gedrückt und liege so fest in einer Ecke des
-Grabens, daß man ihn unmöglich heraustreiben könne.
-
-Das Pferd mit den blutiggeriebenen Lippen lief im gleichen Galopp wieder
-zurück .... Alle glaubten, daß es eine neue Portion Stroh holen sollte.
-Unter den Zuschauern wurden Vorwürfe laut: warum hat man nicht schon im
-Voraus eine genügende Menge Stroh vorbereitet? Mein Onkel wütete und
-schrie etwas, was ich im allgemeinen Lärm, Hundegewinsel und
-Peitschengeknall nicht verstehen konnte.
-
-Das Ganze hatte aber eine gewisse Stimmung und eine eigene Harmonie. Das
-alte Pferd galoppierte, sich wieder nach allen Seiten werfend und
-keuchend, zum Graben, in dem Sganarell lag. Diesmal war es aber kein
-Stroh: auf dem Schlitten saß Ferapont.
-
-Der Befehl, den mein Onkel in seiner Wut gegeben hatte, lautete, daß
-Chraposchka in den Graben steigen und seinen Freund _selbst_
-herausführen solle ...
-
-
-
-
- XI
-
-
-Ferapont stand nun vor dem Graben. Er schien aufs Höchste erregt,
-handelte aber entschlossen und energisch. Ohne gegen den Befehl zu
-mucksen, nahm er vom Schlitten den Strick, mit dem vorhin das Stroh
-zusammengebunden war, und band ihn an das herausragende Ende des
-Balkens, wo sich eine Einkerbung befand, fest. Das andere Ende des
-Strickes nahm er in die Hand und begann langsam in den Graben zu
-steigen.
-
-Das schreckliche Gebrüll Sganarells hörte sofort auf, und man hörte nur
-noch ein dumpfes Brummen.
-
-Es klang, wie wenn sich das Tier bei seinem Freunde über die grausame
-Behandlung beklagte; nun verstummte aber auch dieses Brummen, und es
-wurde ganz still.
-
-»Er umarmt und leckt Chraposchka!« meldete einer der Männer, die am
-Grabenrande standen.
-
-Unter den Leuten, die in den Schlitten saßen, holten die einen tief
-Atem, und die andern verzogen das Gesicht.
-
-Viele hatten offenbar mit dem Bären Mitleid und erwarteten von der
-Hetzjagd kein Vergnügen mehr. Alle diese flüchtigen Eindrücke wurden
-plötzlich von einem Ereignis unterbrochen, das noch unerwarteter, als
-alles Vorhergehende und ungewöhnlich rührend war.
-
-Aus der Öffnung des Grabens tauchte wie aus der Unterwelt Chraposchkas
-lockiger Kopf in der runden Jägermütze auf. Er stieg auf die gleiche
-Weise heraus, wie er hinuntergestiegen war; er schritt über den Balken,
-sich an dem einen Ende des gespannten Strickes festhaltend, Ferapont kam
-aber _nicht allein_: an seiner Seite war Sganarell, der ihm seine große
-zottige Tatze auf die Schulter gelegt hatte. Der Bär war übler Laune und
-sah recht jämmerlich aus. Matt und abgemagert, wohl weniger durch die
-körperlichen Leiden, als durch die moralische Erschütterung erschöpft,
-erinnerte er auffallend an König Lear. Seine blutunterlaufenen Augen
-brannten vor Zorn und Empörung. Er war ebenso wie König Lear zerzaust,
-voller Strohhalme und stellenweise versengt. Seltsamerweise hatte sich
-Sganarell, ebenso wie jener unglückliche König, eine Art Krone bewahrt.
-Vielleicht Ferapont zu Gefallen, vielleicht auch rein zufällig trug er
-unter der Tatze den Hut, den ihm Chraposchka einst geschenkt und den er
-in den Graben mitgenommen hatte. Der Bär hatte dieses Freundesgeschenk
-aufbewahrt; als sein Herz nun in der Umarmung des Freundes eine
-plötzliche Erleichterung fühlte, holte er, sobald er oben war, den arg
-zerknitterten Hut aus der Achselhöhle hervor und setzte ihn sich auf.
-
-Viele lachten über den Anblick, vielen erschien er aber auch
-schmerzlich. Manche wandten sich sogar weg, um das unvermeidliche
-grausame Ende des Tieres nicht mit ansehen zu müssen.
-
-
-
-
- XII
-
-
-Die Aufregung der Hunde erreichte nun ihren Höhepunkt, und sie waren
-nicht mehr zu halten. Selbst die Peitschen machten auf sie keinen
-Eindruck mehr. Die jungen und die alten Blutegel stellten sich, als sie
-Sganarell erblickten, auf die Hinterbeine, heulten, keuchten und
-erstickten beinahe in ihren Halsbändern. Chraposchka fuhr aber schon im
-gleichen Wagen auf seinen Posten am Waldrande zurück. Sganarell, der
-allein geblieben war, fuchtelte ungeduldig mit der Tatze, um die sich
-zufällig der von Chraposchka vergessene, an das Ende des Balkens
-befestigte Strick geschlungen hatte. Das Tier wollte sich offenbar aus
-der Schlinge befreien oder den Strick zerreißen, um seinem Freund
-nachzulaufen; er war aber trotz seiner Klugheit doch so ungeschickt wie
-jeder andere Bär: statt die Schlinge zu lösen, zog er sie nur noch
-fester an.
-
-Als er sah, daß er die Schlinge nicht lösen konnte, begann er am Strick
-zu zupfen, um ihn zu zerreißen; der Strick war aber viel zu fest und riß
-nicht, der Balken jedoch sprang in die Höhe und ragte plötzlich
-senkrecht aus dem Graben. Während sich Sganarell umsah, stürzten zwei
-Blutegel, die man in diesem Augenblick losgekoppelt hatte, über ihn her
-und bissen sich mit ihren scharfen Zähnen in sein Genick fest.
-
-Sganarell war so sehr mit dem Strick beschäftigt, daß er im ersten
-Augenblick über diese Überrumpelung weniger erbost als erstaunt war;
-aber schon nach einer halben Sekunde, als einer der Blutegel ihn
-losließ, um die Zähne noch tiefer in ihn zu bohren, holte er mit der
-Tatze aus und schleuderte den Hund mit zerrissenem Bauch weit von sich
-weg. Während die Gedärme des Hundes auf den blutbefleckten Schnee
-fielen, zertrat er den andern Hund mit einer Hintertatze ... Weit
-schrecklicher und unerwarteter war aber das, was mit dem Balken geschah.
-Als Sganarell zum Schlage ausholte, um den Blutegel von sich zu
-schleudern, zog er mit der gleichen Bewegung den Balken, an dem das
-andere Ende des Strickes befestigt war, aus dem Graben heraus, und der
-Balken sauste, eine flache Bahn beschreibend, durch die Luft. Er flog
-nun um Sganarell im Kreise herum und erschlug schon in der ersten Runde
-nicht etwa zwei oder drei, sondern eine ganze Menge von Hunden. Die
-einen von ihnen winselten noch im Todeskampfe, die andern aber lagen
-gleich leblos da.
-
-
-
-
- XIII
-
-
-Der Bär war wohl zu klug, um nicht einzusehen, was für eine nützliche
-Waffe der Balken für ihn war; oder war es nur der Schmerz in der vom
-Strick umschlungenen Tatze? -- jedenfalls brüllte er auf und zog den
-Strick noch fester an, so daß der Balken in der gleichen horizontalen
-Ebene mit seiner Tatze zu liegen kam und wie ein riesenhafter Kreisel zu
-surren begann. Er mußte alles, was ihm in den Weg trat, niederschlagen
-und zermalmen. Wenn aber der gespannte Strick an einer Stelle nicht
-genügend stark wäre und zerrisse, so würde der Balken durch die
-Zentrifugalkraft weit hinaus geschleudert werden. Gott allein weiß, wie
-weit er fliegen und was er alles unterwegs zermalmen würde.
-
-Wir alle -- Menschen, Pferde und Hunde, die im Kreise herumstanden,
-schwebten in größter Gefahr, und ein jeder wünschte schon aus
-Selbsterhaltungstrieb, daß der Strick, an dem Sganarell seine
-Riesenschleuder schwang, nicht reiße. Womit sollte aber das alles enden?
-Niemand, außer einigen Jägern und den beiden Schützen, die im
-Hinterhalte am Waldesrande saßen, hatte Lust, das Ende abzuwarten. Das
-ganze übrige Publikum aber, die Gäste und die Verwandten des Onkels, die
-dieser Veranstaltung als Zuschauer beiwohnten, fanden an der Sache gar
-kein Vergnügen mehr. Alle gaben ihren Kutschern den Befehl, möglichst
-schnell die gefährliche Stelle zu verlassen, und die Schlitten sausten,
-einander überrennend und überholend, dem Hause zu.
-
-Bei dieser lächerlichen und unordentlichen Flucht gab es einige
-Zusammenstöße und Stürze, einiges zum Lachen und sehr viel Schrecken.
-Die aus den Schlitten Herausgefallenen glaubten, daß der Balken sich
-schon vom Strick losgerissen habe und über ihre Köpfe surre, während das
-wütende Tier ihnen nachsetze.
-
-Die Gäste, die das Haus erreichten, konnten sich bald beruhigen;
-diejenigen aber, die zurückblieben, sahen etwas noch weit
-Schrecklicheres.
-
-
-
-
- XIV
-
-
-Gegen Sganarell konnte man nun keine Blutegel mehr loslassen, denn es
-war klar, daß er mit seinem Balken mühelos eine Menge von Hunden
-erschlagen würde. Der Bär bewegte sich aber, den Balken immer noch um
-sich schwingend, in der Richtung zum Walde, wo Ferapont und der berühmte
-Schütze Flegont im Hinterhalte saßen und wo ihn der Tod erwartete.
-
-Eine wohlgezielte Kugel konnte der Sache ein schnelles Ende machen.
-
-Das Schicksal war aber dem Bären ungemein günstig: nachdem es sich schon
-einmal in diese Sache hineingemischt hatte, wollte es ihn offenbar um
-jeden Preis retten.
-
-Im gleichen Augenblick, als Sganarell die Stelle erreichte, wo auf ihn
-hinter Schneewällen die Kuchenreuterschen Musketen Chraposchkas und
-Flegonts gerichtet waren, riß der Strick. Der Balken flog wie ein Pfeil
-aus einem Bogen auf die eine Seite, während der Bär das Gleichgewicht
-verlor und hinpurzelte.
-
-Denen, die auf dem Felde zurückgeblieben waren, bot sich nun ein neues
-schreckliches Bild: der Balken fegte die Gewehrstützen und den
-Schneewall, hinter dem Flegont im Hinterhalte saß, einfach weg und blieb
-mit dem einen Ende in einem der Schneehaufen stecken. Sganarell verlor
-aber keine Zeit; er überschlug sich drei oder viermal und ging direkt
-auf das Versteck Chraposchkas zu ...
-
-Sganarell erkannte augenblicklich seinen Freund, hauchte ihn aus seinem
-heißen Rachen an und wollte ihn schon ins Gesicht lecken, als plötzlich
-von der anderen Seite her ein von Flegont abgegebener Schuß knallte. Der
-Bär entkam in den Wald, und Chraposchka fiel ohnmächtig um.
-
-Man hob ihn auf und untersuchte ihn: die Kugel hatte seinen Arm
-durchbohrt, in der Wunde steckte aber auch ein Büschel Bärenhaare.
-
-Flegont büßte den Ruf des besten Schützen nicht ein: er hatte ja in
-großer Hast aus der schweren Büchse ohne Stütze geschossen, es war auch
-nicht mehr hell genug gewesen, und der Bär und Chraposchka waren
-allzueng beieinander gestanden.
-
-Unter diesen Umständen mußte auch dieser Schuß, der das Ziel nur um ein
-Haarbreit verfehlt hatte, als ein Meisterschuß angesehen werden.
-
-So oder anders, -- Sganarell war jedenfalls entkommen! Ihn noch am
-gleichen Abend im Walde zu verfolgen, war ganz unmöglich, am nächsten
-Morgen aber war der Geist dessen, der hier allein zu befehlen hatte, von
-einer ganz neuen Stimmung erleuchtet.
-
-
-
-
- XV
-
-
-Als der Onkel nach den geschilderten Mißerfolgen nach Hause
-zurückkehrte, war er zorniger und härter als je. Noch ehe er aus dem
-Sattel sprang, gab er den Befehl, morgen in aller Frühe die Spuren des
-Bären im Walde zu suchen und ihn so zu umstellen, daß er nicht mehr
-entrinnen könnte.
-
-Eine richtig durchgeführte Jagd hätte natürlich zu einem ganz anderen
-Resultate führen müssen.
-
-Alle erwarteten nun, was der Onkel wegen des verwundeten Chraposchka
-befehlen würde. Alle glaubten, daß ihn etwas Schreckliches erwartete. Er
-hatte sich zumindest _die_ Nachlässigkeit zu schulden kommen lassen, daß
-er dem Bären in dem Augenblick, als ihn dieser in seinen Tatzen
-gehalten, nicht sein Jagdmesser in die Brust gestoßen hatte. Es bestand
-außerdem noch der schwere und wohl auch begründete Verdacht, daß
-Chraposchka die Hand gegen seinen zottigen Freund nicht hatte erheben
-wollen und ihn absichtlich laufen gelassen hatte.
-
-Die allen bekannte Freundschaft zwischen Chraposchka und Sganarell
-machte diese letztere Hypothese sehr wahrscheinlich.
-
-So dachten nicht nur die Jagdteilnehmer, sondern auch alle übrigen
-Gäste.
-
-Wir lauschten den Gesprächen der Erwachsenen, die sich abends im großen
-Saal um den für uns angezündeten Weihnachtsbaum versammelt hatten, und
-teilten den allgemeinen Verdacht bezüglich Chraposchkas wie auch die
-Angst um sein Los.
-
-Aus dem Vorzimmer, durch das der Onkel vom Flur in seine Gemächer
-gegangen war, drang in den Saal das Gerücht, daß er Chraposchkas Namen
-überhaupt noch nicht erwähnt hatte.
-
-»Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?« flüsterte jemand, und
-dieses Flüstern weckte bei der allgemeinen gedrückten Stimmung einen
-Widerhall in jedem Herzen.
-
-Es erreichte auch den alten, mit dem Bronzekreuz für das Jahr 1812
-ausgezeichneten Dorfgeistlichen P. Alexej. Dieser seufzte auf und sagte
-leise:
-
-»Betet zum Heiland, der uns heute geboren wurde!«
-
-Mit diesen Worten bekreuzigte er sich, und alle Anwesenden, die
-Erwachsenen wie die Kinder, die Herrschaften wie die Leibeigenen, taten
-dasselbe. Es war auch just die höchste Zeit. Kaum hatten wir unsere
-Hände, mit denen wir das Zeichen des Kreuzes gemacht hatten, sinken
-lassen, als die Türe weit aufging und der Onkel mit einem Stöckchen in
-der Hand in den Saal trat. Ihn begleiteten seine beiden
-Lieblingswindspiele und der Kammerdiener Justin. Der letztere trug auf
-einem silbernen Teller das weiße Foulardtuch und die mit dem Bildnisse
-Pauls I. geschmückte Schnupftabaksdose seines Herrn.
-
-
-
-
- XVI
-
-
-Der Lehnstuhl für den Onkel war auf einem kleinen Perserteppich in der
-Mitte des Zimmers vor dem Weihnachtsbaum aufgestellt. Er setzte sich
-schweigend in den Sessel und nahm aus Justins Händen das Tuch und die
-Schnupftabaksdose. Die beiden Windspiele legten sich sofort zu seinen
-Füßen nieder und streckten ihre langen Schnauzen vor sich aus.
-
-Der Onkel trug einen blauseidenen, reichgestickten, mit silbernen
-Filigranschnallen und großen Türkisen verzierten Hausrock. In der Hand
-hatte er einen dünnen, doch kräftigen Stock aus kaukasischer Weichsel.
-
-Diesen Stock brauchte er diesmal als Stütze: von der allgemeinen Panik,
-mit der die Bärenjagd geendet hatte, war selbst die vorzüglich
-zugerittene »Modedame« angesteckt worden; sie hatte sich in wilder Angst
-auf die Seite geworfen und das Bein ihres Herrn fest gegen einen Baum
-geklemmt.
-
-Der Onkel fühlte heftigen Schmerz im Bein und hinkte sogar ein wenig.
-Dieser neue Umstand war selbstverständlich nicht dazu angetan, um sein
-ohnehin aufgebrachtes und erbostes Herz milder zu stimmen. Auch machte
-es einen schlechten Eindruck, daß wir alle beim Erscheinen des Onkels
-plötzlich verstummt waren. Wie alle argwöhnischen Menschen, konnte er so
-etwas nicht leiden, und P. Alexej beeilte sich, das Wort zu ergreifen,
-um die unheimliche Stille zu brechen.
-
-Der Geistliche wandte sich an uns Kinder, die um ihn standen, mit der
-Frage, ob wir den Sinn des Chorals »Christ wird geboren« auch
-verstünden? Es stellte sich heraus, daß dieser Sinn nicht nur uns
-Kindern, sondern auch den Erwachsenen nicht recht klar war. Der
-Geistliche begann uns den Sinn der Worte »Preiset«, »Lobsinget« und
-»Erhebet euch« zu erklären; als er bei diesem letzten Worte angelangt
-war, »erhob er sich« selbst mit Herz und Geist. Er sprach von den
-»Gaben«, die heute ebenso wie damals auch der Ärmste vor die Krippe des
-göttlichen Knäbleins bringen könne und die würdiger und wertvoller
-seien, als das Gold, der Weihrauch und die Myrrhen der heiligen drei
-Könige. Die schönste Gabe sei ein durch seine Lehre bekehrtes Herz. Der
-Alte sprach von Liebe, Verzeihung und von der Pflicht eines jeden,
-Freund und Feind »im Namen Christi« zu trösten ... Seine Worte waren
-wohl ungemein eindringlich ... Wir alle verstanden, was er damit
-bezweckte und hörten ihm mit einem eigentümlichen Gefühl zu: wir beteten
-gleichsam, daß seine Worte ihren Zweck erreichten, und manchem von uns
-waren Tränen in die Augen getreten ...
-
-Plötzlich fiel etwas hin ... Es war Onkels Stock ... Man hob ihn auf, er
-rührte ihn aber nicht an: er saß tief gebückt, seine Hand hing über die
-Sessellehne herab, und seine Finger hielten einen der großen Türkise ...
-Er ließ den Stein fallen, doch niemand beeilte sich, ihn aufzuheben ...
-
-Alle Blicke waren auf sein Gesicht gerichtet. Etwas Ungewöhnliches bot
-sich unseren Augen: _er weinte_!
-
-Der Geistliche schob uns Kinder sanft zur Seite, ging auf den Onkel zu
-und erteilte ihm den Priestersegen.
-
-Der Onkel hob das Gesicht, ergriff die Hand des Alten, küßte sie ganz
-unerwartet und sagte leise: »Danke!«
-
-Dann blickte er Justin an und ließ Ferapont rufen.
-
-Dieser erschien, bleich, mit verbundenem Arm.
-
-»Hierher!« befahl ihm der Onkel, auf den Teppich vor seinem Sessel
-zeigend.
-
-Chraposchka kam näher und fiel in die Knie.
-
-»Steh auf!« sagte der Onkel. »Ich verzeihe dir.«
-
-Chraposchka fiel wieder in die Knie. Der Onkel begann mit nervöser,
-aufgeregter Stimme:
-
-»Du liebtest das Tier so, wie nicht jedermann einen Menschen zu lieben
-versteht. Du hast mich damit gerührt und in Großmütigkeit übertroffen.
-Höre nun meine Gnade: ich lasse dich frei und gebe dir hundert Rubel auf
-den Weg. Geh, wohin du willst.«
-
-»Ich danke, werde aber nirgendwohin fortgehen,« rief Chraposchka aus.
-
-»Was?«
-
-»Ich gehe nirgendwohin fort,« wiederholte Ferapont.
-
-»Was willst du denn?«
-
-»Für Ihre Gnade will ich Ihnen jetzt als freier Mann noch treuer dienen,
-als ich bisher als Leibeigener diente.«
-
-Der Onkel drückte mit der einen Hand das weiße Foulardtuch an seine
-Augen, durch die ein Zucken ging, und umarmte mit der anderen Ferapont
-... Wir alle erhoben uns von unseren Plätzen und verhüllten gleichfalls
-unsere Augen ... Uns genügte das Gefühl, daß hier dem höchsten Gott die
-schönste Ehre erwiesen wurde und an Stelle der drückenden Angst der
-Friede Christi erblühte.
-
-Dasselbe fühlten auch alle Leute im Dorfe, denen der Onkel einige Fässer
-Bier schicken ließ. Überall wurden Freudenfeuer angezündet, und die
-Menschen sprachen im Scherze:
-
-»Heute haben wir erlebt, daß auch das Tier in die heilige Stille
-gegangen ist, um den Heiland zu preisen!«
-
- * * * * *
-
-Sganarells Spuren wurden nicht weiter verfolgt. Ferapont, der die
-Freiheit bekommen hatte, ersetzte bald den alten Justin und war nicht
-nur der treueste Diener, sondern auch der treueste Freund meines Onkels
-bis an dessen Ende. Er drückte ihm mit eigenen Händen die Augen zu und
-beerdigte ihn auf dem Waganjkow'schen Friedhofe zu Moskau, wo sich sein
-Grabstein bis zum heutigen Tage erhalten hat. Zu seinen Füßen ruht
-Ferapont.
-
-Es gibt heute niemand, der diese Gräber mit Blumen schmücken könnte;
-aber in den Moskauer Kellerwohnungen und Asylen gibt es noch Menschen,
-die sich an einen schlanken, weißhaarigen Greis erinnern, der immer zu
-erraten wußte, wo echtes Leid verborgen war und rechtzeitig zu Hilfe
-eilte oder seinen guten Diener mit reichen Gaben schickte.
-
-Diese beiden echten Wohltäter, von denen noch vieles zu sagen wäre,
-waren mein Onkel und Ferapont, den er im Scherze den »Tierbändiger« zu
-nennen pflegte.
-
-
-
-
- INTERESSANTE MÄNNER
-
-
-
-
- I
-
-
-Im Hause einer mir befreundeten Familie erwartete man mit Ungeduld das
-Eintreffen des Februarheftes der Moskauer Zeitschrift »Mysl«. Diese
-Ungeduld war wohl begreiflich, weil in diesem Hefte eine neue Erzählung
-des Grafen Leo Tolstoi hatte erscheinen sollen. Ich kam nun fast täglich
-zu meinen Freunden, um das neue Werk unseres großen Dichters gleich nach
-Eintreffen der Zeitschrift in einer angenehmen Gesellschaft am runden
-Tisch beim milden Schein der Eßzimmerlampe zu lesen. Gleich mir kamen
-auch andere intime Freunde mit der gleichen Absicht fast jeden Abend
-hin. Das ersehnte Heft traf endlich ein, die Tolstoische Erzählung war
-aber darin nicht enthalten: ein kleiner rosa Zettel teilte den
-Abonnenten mit, daß die Erzählung nicht veröffentlicht werden könne.
-Alle waren enttäuscht und betrübt, und ein jeder zeigte es je nach
-seinem Charakter und Temperament: der eine runzelte die Stirne und
-schwieg, der andere schimpfte, der dritte suchte nach Parallelen
-zwischen der Gegenwart, die wir erlebten, der Vergangenheit, deren wir
-gedachten, und der Zukunft, die wir ersehnten. Ich aber blätterte
-schweigend in der Zeitschrift und durchflog die neue Skizze Gljeb
-Uspenskijs, eines der sehr wenigen russischen Literaten, die immer der
-Wahrheit des Lebens treu bleiben und nicht den sogenannten »Richtungen«
-zu Liebe lügen. Darum ist die Unterhaltung mit ihm immer angenehm und
-oft sogar nützlich.
-
-Uspenskij erzählte diesmal von einem Gespräch mit einer älteren Dame,
-die ihm von der jüngsten Vergangenheit erzählt und die Meinung geäußert
-hatte, daß die Männer einst viel _interessanter_ gewesen seien. In ihren
-engen Uniformen hätten sie zwar einen kühlen und reservierten Eindruck
-gemacht, dabei aber viel Begeisterung, Herzensglut, Edelsinn und andere
-Eigenschaften besessen, die den Menschen interessanter und anziehender
-machen. Alle diese Eigenschaften seien heute, meinte die Dame, nur sehr
-selten und oft gar nicht anzutreffen. Die Männer übten heute zwar
-freiere Berufe aus und kleideten sich auch viel ungezwungener, hätten
-zuweilen auch große Ideen im Kopfe, seien aber dabei alle nach der
-gleichen Form gestanzt, langweilig und uninteressant.
-
-Die Bemerkungen der alten Dame erschienen mir durchaus treffend, und ich
-machte den Vorschlag, nicht länger über die Erzählung Tolstois, die wir
-nicht lesen konnten, zu trauern, sondern die Skizze Uspenskijs
-vorzunehmen. Mein Vorschlag wurde angenommen, und die von Uspenskij
-geäußerten Gedanken fanden allgemeine Zustimmung. Nun rückte ein jeder
-mit Erinnerungen und Vergleichen heraus. Unter den Anwesenden gab es
-einige, die den jüngst verstorbenen dicken General Rostislaw Faddejew
-gekannt hatten; man erzählte sich, wie ungewöhnlich interessant dieser
-Mann trotz seines gewöhnlichen, plumpen und wenig versprechenden Äußeren
-gewesen war. Wie er selbst im Alter die Aufmerksamkeit der klügsten und
-nettesten Damen zu fesseln vermochte und die blühendsten jungen Gecken
-aus dem Felde zu schlagen wußte.
-
-»Ist es denn wirklich so erstaunlich?« sagte ein Herr, der älter als
-alle Anwesenden war und wohl auch einen klareren Blick hatte. »Ist es
-denn für einen so klugen Mann, wie es der verstorbene Faddejew war,
-schwer, das Interesse einer _klugen_ Frau zu fesseln?! Die klugen Frauen
-fühlen sich immer ungemütlich. Erstens gibt es ihrer nur sehr wenige,
-und zweitens haben sie, da sie mehr als die andern verstehen, auch
-größeres Leid zu tragen; daher freuen sie sich so, wenn sie auf einen
-wirklich klugen Mann stoßen. Hier gilt der Satz: >Simile simili curatur<
-oder >gaudet< -- ich weiß nicht, was richtiger ist. Sie alle und auch
-die Dame, deren Worte unser Dichter anführt, wählen ihre Beispiele unter
-den Männern von hervorragender Begabung und Bedeutung; weit
-bemerkenswerter ist es aber meines Erachtens, daß man einst auch auf
-weit tieferen Stufen ungemein lebendige und anziehende Persönlichkeiten,
-die man >interessante Männer< zu nennen pflegte, antreffen konnte. Auch
-die Damen, auf die sie solchen Eindruck machten, gehörten nicht zu den
-Auserwählten, die imstande sind, einen Mann mit hervorragenden
-Geistesgaben zu vergöttern; selbst unter den allergewöhnlichsten
-Durchschnittsfrauen gab es viele von hervorragender Empfindsamkeit. In
-ihnen war wie in tiefen Wassern eine latente Wärme enthalten. Solche
-Durchschnittsmenschen halte ich für viel bemerkenswerter als die
-Lermontowschen Charaktere, in die sich selbstverständlich jeder
-verlieben mußte.«
-
-»Haben Sie einmal einen solchen Durchschnittsmenschen mit der latenten
-Wärme der tiefen Wasser gekannt?«
-
-»Gewiß.«
-
-»Erzählen Sie uns also von ihm und entschädigen Sie uns auf diese Weise
-für die Unmöglichkeit, die Erzählung Tolstois zu lesen.«
-
-»Als Entschädigung kann meine Erzählung natürlich nicht gelten, aber
-einfach zu Ihrer Unterhaltung will ich Ihnen eine Geschichte aus dem
-allergewöhnlichsten Offiziersmilieu zum Besten geben.«
-
-
-
-
- II
-
-
-Ich diente bei der Kavallerie. Das Regiment lag in mehreren Dörfern des
-T-schen Gouvernements in Quartier; der Regimentskommandeur und sein Stab
-hielten sich aber natürlich in der Gouvernementsstadt selbst auf. Die
-Stadt war auch damals schon sauber und freundlich und hatte ein Theater,
-einen Adelsklub und ein riesengroßes, übrigens recht unsinnig angelegtes
-Hotel, dessen größten Teil wir mit Beschlag belegt hatten. Die Zimmer
-waren zum Teil von den Offizieren bewohnt, die sich ständig in der Stadt
-aufhielten, zum Teil für die Offiziere reserviert, die periodisch aus
-ihren Dorfquartieren in die Stadt kamen. Diese Zimmer wurden niemals an
-gewöhnliche Passanten vermietet. Sobald der eine Offizier auszog, kam
-sofort ein anderer gefahren, und diese »Offizierszimmer« waren immer
-besetzt.
-
-Unser Zeitvertreib bestand natürlich im Kartenspiel und im Dienste des
-Bachus, sowie auch der Göttin der Herzensfreuden.
-
-Man spielte zuweilen -- besonders im Winter, während der Wahlen zur
-Adelsversammlung -- sehr hoch. Man spielte nicht im Klub, sondern in den
-Hotelzimmern, wo man die Röcke ablegen durfte und sich überhaupt
-ungezwungener fühlte. Auf diese Weise verbrachte man Tage und Nächte. Es
-gibt wohl keinen sinnloseren und öderen Zeitvertreib, und Sie können
-daraus wohl selbst schließen, was für Menschen wir damals waren und was
-für Ideen uns begeistern konnten. Wir lasen wenig und schrieben noch
-weniger; letzteres nur nach großen Verlusten, wenn es galt, unsere
-Eltern anzulügen und von ihnen eine Extrasumme zu erpressen. Kurz und
-gut, man konnte von uns nichts Gutes lernen. Wir spielten teils unter
-uns, teils mit den durchreisenden Gutsbesitzern, die nicht viel ernster
-waren als wir; in den Zwischenpausen betranken wir uns, schlugen uns mit
-den Beamten herum und entführten Kaufmannsfrauen und Schauspielerinnen,
-die wir gleich darauf wieder laufen ließen.
-
-Die Gesellschaft war furchtbar stupid und verbummelt; die Jüngeren
-eiferten den Älteren nach, und die einen wie die anderen zeigten nichts
-Gescheites und Beachtenswertes.
-
-Über die Fragen der Ehre und des Anstandes wurde bei uns niemals
-gesprochen. Man trug seine Uniform und lebte nach der einmal
-eingeführten Sitte, -- man bummelte und war bemüht, Herz und Seele gegen
-alles Erhabene, Empfindsame und Ernste abzustumpfen. Und doch gab es
-auch in unserem seichten Sumpfe die »latente Wärme«, die sonst nur
-tiefen Wassern eigen ist.
-
-
-
-
- III
-
-
-Unser Regimentskommandeur war ein nicht mehr junger, sehr anständiger
-und guter Soldat, aber ein rauher, strenger Mensch, ganz »ohne
-Zartgefühl für das weibliche Geschlecht«, wie man sich damals
-ausdrückte. Er war einige fünfzig Jahre alt und schon zweimal
-verheiratet gewesen; seine zweite Frau hatte er in T. verloren und war
-eben im Begriff, ein junges Mädchen, das aus einer nicht sehr reichen
-Gutsbesitzersfamilie stammte, zu heiraten. Sie hieß Anna Nikolajewna.
-Dieser so gewöhnliche Name entsprach durchaus ihrer ganzen gewöhnlichen
-Erscheinung. Sie war von mittlerem Wuchs, weder dick noch schlank, weder
-hübsch noch häßlich, hatte blonde Haare, blaue Äuglein, rote Lippen,
-weiße Zähne, ein rundes, weißes Gesicht und je ein Grübchen in jeder
-rosigen Wange, -- mit einem Worte, ein Mädchen, das wenig Begeisterung
-wecken kann, eines von denen, die man »Trost des Greisenalters« zu
-nennen pflegt.
-
-Unser Kommandeur lernte sie in Gesellschaft durch ihren Bruder, der bei
-uns als Kornett diente, kennen und hielt durch Vermittlung dieses selben
-Bruders um ihre Hand an.
-
-Das wurde ganz einfach und kameradschaftlich gemacht. Er ließ den jungen
-Offizier zu sich ins Kabinett kommen und sagte ihm:
-
-»Hören Sie einmal, Ihre würdige Schwester hat auf mich den angenehmsten
-Eindruck gemacht. Sie wissen wohl selbst, wie unangenehm es mir in
-meinem Alter und bei meiner Position wäre, einen Korb zu bekommen. Wir
-beide sind aber Soldaten, und Ihre Aufrichtigkeit kann mich unmöglich
-verletzen ... Wenn mein Antrag angenommen wird, so ist es gut; wenn sie
-mir aber absagen sollte, wird es mir auch im Traume nicht einfallen, es
-Ihnen irgendwie übelzunehmen. Erkundigen Sie sich also ...«
-
-Jener erwiderte ebenso einfach:
-
-»Gut, ich werde mich erkundigen.«
-
-»Danke.«
-
-»Kann ich vielleicht zu diesem Zweck einen Urlaub von drei oder vier
-Tagen bekommen?«
-
-»Bitte sehr, auch für eine Woche.«
-
-»Darf mich vielleicht mein Vetter begleiten?«
-
-Sein Vetter war ein ebenso zarter und rosiger Jüngling wie er selbst.
-Wir nannten ihn alle »Sascha die Rose«. Beide jungen Leute waren gleich
-gewöhnlich und verdienen keine eingehende Schilderung.
-
-Der Kommandeur fragte den Kornett:
-
-»Was brauchen Sie Ihren Vetter in dieser Familienangelegenheit?«
-
-Der Kornett antwortet, daß er den Vetter eben für diese
-Familienangelegenheit brauche.
-
-»Während ich mit den Eltern verhandeln werde,« sagt der Kornett, »wird
-der Vetter meine Schwester in ein Gespräch ziehen und ihre
-Aufmerksamkeit ablenken, bis ich mit den Eltern fertig geworden bin.«
-
-Der Kommandeur antwortet:
-
-»Gut, fahren Sie in diesem Falle alle beide hin, ich will auch Ihrem
-Vetter einen Urlaub geben.«
-
-Die beiden Kornetts fahren heim und führen den Auftrag zu voller
-Zufriedenheit des Kommandeurs aus. Der Bruder des jungen Mädchens kommt
-nach einigen Tagen zurück und meldet:
-
-»Wenn Sie wollen, können Sie bei meinen Eltern brieflich oder mündlich
-um die Hand meiner Schwester anhalten. Sie haben keine Absage zu
-gewärtigen.«
-
-»Und wie stellt sich Ihre Schwester dazu?«
-
-»Auch die Schwester ist einverstanden.«
-
-»Nun, freut sie sich oder nicht?«
-
-»Ich weiß wirklich nicht.«
-
-»Ist sie wenigstens zufrieden oder eher unzufrieden?«
-
-»Die Wahrheit zu sagen, hat sie überhaupt nichts geäußert. Sie sagte nur
-zu den Eltern: Ganz wie Sie es befehlen, ich will mich Ihnen fügen.«
-
-»Es ist ja sehr schön, daß sie das sagte, aber man kann doch in den
-Augen und im Gesicht lesen, was sich ein junges Mädchen dabei denkt!«
-
-Der Kornett entschuldigt sich und sagt, er sei als Bruder an das Gesicht
-seiner Schwester so gewöhnt, daß er darin nicht zu lesen verstünde und
-den Ausdruck ihrer Augen nicht beobachtet habe; darum könne er darüber
-nichts Bestimmtes sagen.
-
-»Aber Ihr Vetter hat doch etwas bemerken können. Haben Sie denn nicht
-auf der Rückfahrt mit ihm darüber gesprochen?«
-
-»Nein,« antwortet jener, »wir haben darüber nicht sprechen können: ich
-wollte Ihnen die Antwort so schnell wie möglich überbringen, mein Vetter
-ist aber noch dort geblieben, und ich habe die Ehre, Ihnen gehorsamst zu
-melden: er ist plötzlich erkrankt, und wir haben sofort seine Eltern
-benachrichtigt.«
-
-»So! Was hat er denn?«
-
-»Es war eine plötzliche Ohnmacht und ein Schwindelanfall.«
-
-»Eine echte Mädchenkrankheit. Schön. Ich danke Ihnen. Da wir nun
-miteinander so gut wie verwandt sind, bitte ich Sie, mit mir heute zu
-Mittag zu essen.«
-
-Beim Mittagessen fragt er ihn immer nach dem Vetter aus: was der für ein
-Mensch sei, wie seine Eltern sich zu ihm verhielten, unter welchen
-Umständen er in Ohnmacht gefallen sei. Dabei schenkt er dem jungen Mann
-immer wieder Wein ein und macht ihn so betrunken, daß der Kornett sich
-wohl sicher verschnappt hätte, wenn er etwas gewußt hätte;
-glücklicherweise lag aber nichts vor, und der Kommandeur heiratete bald
-darauf Anna Nikolajewna. Wir alle waren bei der Hochzeit und tranken
-Bier und Wein. Die beiden Kornette -- der Bruder und der Vetter -- waren
-aber Brautführer, und man konnte keinem von den Beteiligten auch nur das
-Geringste anmerken. Die jungen Leute setzten ihr flottes Leben fort,
-unsere Kommandeuse aber wurde von Tag zu Tag voller und begann seltsame
-Gelüste zu äußern. Der Kommandeur freute sich darüber und bemühte sich,
-alle ihre Wünsche zu befriedigen, und die beiden jungen Leute -- der
-Bruder und der Vetter -- suchten ihn darin noch zu übertreffen. Wegen
-jeder Kleinigkeit schickte man eine Troika nach Moskau. Ihr Appetit war
-aber nicht auf irgendwelche ausgesuchte Leckerbissen, sondern auf ganz
-gewöhnliche Dinge gerichtet, doch auf solche, die schwer zu beschaffen
-waren: bald verlangte sie nach Sultan-Datteln, bald nach griechischer
-Chalwa, mit einem Worte nach lauter einfachen und kindlichen Dingen, wie
-sie auch selbst einen durchaus kindlichen Eindruck machte. Endlich kam
-für sie die schwere Stunde, und man ließ aus Moskau eine Hebamme kommen.
-Ich erinnere mich noch, daß diese Hebamme in die Stadt just um die
-Stunde gefahren kam, als man in allen Kirchen zur Abendmesse läutete,
-was unsere Heiterkeit erregte: »Schaut nur, die weise Frau wird mit
-Glockengeläute begrüßt! Was für Freuden wird sie uns wohl bringen?« Und
-wir warteten auf das Ereignis mit solcher Spannung, wie wenn das ganze
-Regiment daran beteiligt wäre. Indessen geschah aber etwas ganz
-Unerwartetes.
-
-
-
-
- IV
-
-
-Wenn Sie bei Bret Harte gelesen haben, welches Interesse ein Häuflein
-Vagabunden in der amerikanischen Wüste für die Niederkunft einer fremden
-Frau zeigte, so werden Sie auch das Interesse begreifen, mit dem wir,
-verbummelte Offiziere, die Niederkunft unserer jungen Kommandeuse
-erwarteten. Diesem Ereignisse maßen wir große Bedeutung bei und faßten
-den Beschluß, die Geburt des Kindes durch ein Trinkgelage zu feiern. Wir
-gaben unserem Restaurateur den Auftrag, einen ordentlichen Vorrat an
-Sekt bereit zu halten. Um aber inzwischen die Zeit totzuschlagen,
-setzten wir uns beim Abendläuten an die Kartentische.
-
-Ich wiederhole, das Kartenspiel war für uns eine Beschäftigung, eine
-Gewohnheit, eine Arbeit und das beste uns bekannte Mittel gegen
-Langweile. Das Spiel begann auch an diesem Abend auf die gleiche Weise
-wie an den vorhergehenden. Die älteren Offiziere, die Rittmeister und
-die Stabsrittmeister mit den ersten grauen Haaren in den Schnurrbärten
-und an den Schläfen machten den Anfang. Sie setzten sich an die
-Kartentische just in dem Augenblick, als man zur Abendmesse zu läuten
-anfing und die Bürger, einander mit großem Respekt begrüßend, in die
-Kirchen zogen, um zu beichten und zu kommunizieren: das Ereignis, von
-dem ich spreche, spielte sich am Freitag in der sechsten Fastenwoche ab.
-
-Die Rittmeister blickten diesen guten Christen und auch der Hebamme
-nach, die gerade in die Stadt einzog, wünschten ihnen allen in ihren
-einfältigen Soldatenherzen Glück und Erfolg, ließen in dem größten
-Hotelzimmer die grünen Kattunvorhänge herunter, zündeten die Leuchter an
-und setzten sich an die Arbeit.
-
-Die Jugend machte indessen noch einige Touren durch die Straßen,
-wechselte im Vorbeigehen Blicke mit den Kaufmannstöchtern und erschien,
-als es schon ganz dunkel geworden war, im gleichen Hotelzimmer.
-
-Ich kann mich gut an diesen Abend und wie er diesseits und jenseits der
-grünen Vorhänge verlief, erinnern. Draußen war es wunderschön. Der
-heitere Märztag war im schönsten Abendrot verglommen; die Pfützen, die
-während des Tages aufgetaut waren, überzogen sich wieder mit einer
-Eiskruste; es wurde frisch und kühl, in der Luft aber schwebte schon der
-Duft des Frühlings, und in der Höhe sangen die Lerchen. Die Kirchen
-waren halbbeleuchtet, und die von ihren Sünden erlösten Beichtenden
-kamen einzeln heraus. Ganz langsam, ohne mit jemand zu sprechen, gingen
-sie durch die Gassen und verschwanden stumm in den Häusern. Sie alle
-waren nur um das eine besorgt: jeder Ablenkung aus dem Wege zu gehen und
-den Frieden, der ihre Herzen erfüllte, nicht zu verlieren.
-
-In der ganzen Stadt, die ja auch sonst nicht sehr belebt war, wurde es
-auf einmal still. Die Haustore wurden abgesperrt, hinter den Zäunen
-erklirrten die Ketten der Hofhunde, und alle kleinen Wirtshäuser wurden
-geschlossen; nur vor dem von uns besetzten Hotel standen noch immer zwei
-Mietsdroschken mit ausgesucht schönen Pferden, in Erwartung, daß wir sie
-noch zu irgendeinem Zweck brauchen würden.
-
-Auf der hartgefrorenen Schneedecke der großen Straße klapperte plötzlich
-ein mit drei Pferden bespannter Reiseschlitten. Er hielt vor dem Hotel,
-ihm entstieg ein uns unbekannter schlanker Herr in einem Bärenpelz mit
-langen Ärmeln und erkundigte sich, ob noch ein Zimmer frei sei.
-
-Das geschah gerade in dem Augenblick, als ich und noch zwei junge
-Offiziere vom letzten Rundgang durch die Straßen, in deren Fenstern
-nochmals die spröden Kaufmannstöchter erschienen, ins Hotel
-zurückkehrten.
-
-Wir hörten, wie der Neuankömmling ein Zimmer verlangte und wie der
-Zimmerkellner Marko, der ihn mit »Awgust Matwejitsch« anredete, seine
-Frage beantwortete:
-
-»Ich wage es nicht, Sie anzulügen und zu sagen, daß wir kein Zimmer
-haben. Wir haben wohl ein Zimmer, aber ich weiß wirklich nicht, ob es
-Ihnen passen wird.«
-
-»Was ist denn damit?« fragte der Gast: »Ist es schmutzig oder voller
-Wanzen?«
-
-»Nein, Sie wissen doch selbst, daß wir bei uns keinen Schmutz und keine
-Wanzen dulden. Wir haben aber sehr viel Offiziere im Hause.«
-
-»Machen die solchen Lärm?«
-
-»Ja, Sie können es sich wohl selbst denken: es sind lauter Junggesellen,
-die immer auf und ab rennen und pfeifen ... Ich muß es Ihnen sagen,
-damit Sie uns später keine Vorwürfe machen ... Wir können ja die jungen
-Leute nicht bändigen.«
-
-»Das wäre ja nicht schlecht! Selbstverständlich darf sich niemand
-unterstehen, Offizieren Ruhe zu gebieten! Was wäre das für ein Leben?
-... Ich bin aber müde und glaube, daß ich schon irgendwie einschlafen
-werde.«
-
-»Natürlich werden Sie einschlafen. Ich mußte aber Euer Gnaden für jeden
-Fall darauf aufmerksam machen. Darf ich das Gepäck und das Bettzeug
-hinauftragen?«
-
-»Trag es nur hinauf, mein Bester. Ich komme direkt aus Moskau, habe mich
-unterwegs nirgends aufgehalten und bin so müde, daß mich wohl kein Lärm
-wecken wird.«
-
-Der Kellner führte den Gast hinauf, und wir begaben uns in das größte
-Zimmer, das dem Schwadrons-Rittmeister gehörte. Hier war unsere ganze
-Gesellschaft versammelt mit Ausnahme des Vetters der Kommandeuse: er
-klagte über Unwohlsein, wollte weder trinken noch spielen und ging immer
-den Korridor auf und ab.
-
-Der Bruder der Kommandeuse hatte an unserer Fensterparade teilgenommen
-und sich gleich uns an den Kartentisch gesetzt. Sascha aber blickte nur
-einmal in das Spielzimmer hinein und begann dann wieder im Korridor auf-
-und abzugehen.
-
-Er machte einen seltsamen Eindruck, so daß wir auf ihn aufmerksam werden
-mußten. Er schien entweder krank oder verstimmt; wenn man ihn aber
-genauer ansah, schien keines von beiden der Fall zu sein. Er machte nur
-den Eindruck, wie wenn er im Geiste irgendwo weit von uns allen
-schweifte und an etwas, was uns allen fremd und ferne lag, dächte. Wir
-sagten im Scherze: »Du hast dich wohl in die Hebamme vergafft!« legten
-aber seinem Benehmen keine große Bedeutung bei. Er war ja noch sehr jung
-und den beliebten Offizierstrank »aus neun Elementen« nicht gewohnt. Es
-war sehr wahrscheinlich, daß sein Zustand nur eine Folge der
-vorhergehenden Trinkgelage war. Im Spielzimmer war es wie immer so
-vollgeraucht, daß man leicht Kopfweh bekommen konnte; schließlich war es
-auch möglich, daß seine Finanzen zerrüttet waren: er hatte in der
-letzten Zeit sehr hoch gespielt und größere Summen verloren; er hatte
-aber gewisse moralische Grundsätze und scheute sich, seinen Eltern mit
-solchen Dingen zu kommen.
-
-Wir ließen also den jungen Mann in dem mit einem Tuchläufer belegten
-Korridor auf und abgehen. Wir selbst aber spielten, tranken und aßen,
-stritten und lärmten und dachten weder an die späte Stunde, noch an das
-freudige Ereignis, das im Hause des Kommandeurs erwartet wurde. Diese
-Vergessenheit wurde vollständig, als sich bald nach Mitternacht etwas
-ereignete, wobei der unbekannte Gast, der, wie gesagt, vor unseren Augen
-dem Reiseschlitten entstiegen war, die Hauptrolle spielte.
-
-
-
-
- V
-
-
-Gegen zwei Uhr nachts erschien in unserem Spielzimmer der Zimmerkellner
-Marko und meldete nach einigem Zögern, daß der eben eingetroffene
-fürstliche Generalbevollmächtigte sich höflichst entschuldige und
-anfrage, ob die Herren Offiziere ihm gestatten möchten, zu ihnen zu
-kommen und am Kartenspiel teilzunehmen; er könne nämlich nicht
-einschlafen und langweile sich.
-
-»Kennst du denn den Herrn?« fragte der älteste Offizier.
-
-»Aber ich bitte Sie! Wie sollte ich denn Awgust Matwejitsch nicht
-kennen? Man kennt ihn nicht nur hier, sondern in ganz Rußland, überall
-wo der Fürst seine Güter hat. Awgust Matwejitsch ist sein
-Generalbevollmächtigter, verwaltet alle fürstlichen Güter und
-Besitztümer, und sein Gehalt allein beträgt an die vierzigtausend Rubel
-im Jahre.« (Damals rechnete man noch nach Assignaten.)
-
-»Ist er Pole?«
-
-»Er stammt wohl von Polen ab, ist aber ein wirklich vornehmer Herr und
-war einmal selbst Offizier.«
-
-Wir alle hielten den Kellner, der uns das meldete, für zuverlässig und
-uns ergeben. Er war intelligent und sehr religiös; er ging jeden Morgen
-zur Frühmesse und sparte Geld, um seinem Heimatsorte eine Kirchenglocke
-zu stiften. Als Marko sah, daß wir uns für den Fremden interessierten,
-berichtete er uns noch mehr:
-
-»Awgust Matwejitsch kommt jetzt direkt aus Moskau. Man sagt, daß er eben
-zwei fürstliche Güter bei der Vormundschaftsbank verpfändet hat. Er wird
-wohl eine nette Summe bei sich haben und möchte sich gerne zerstreuen.«
-
-Die Offiziere wechselten Blicke, flüsterten miteinander und erklärten:
-
-»Nun, soll er nur die Dukaten aus seinem Beutel in unsere Taschen
-umquartieren. Der neue Mensch soll nur kommen und neues Leben in unsere
-Gesellschaft bringen!«
-
-»Garantierst du uns auch dafür,« fragten wir den Zimmerkellner, »daß er
-Geld bei sich hat?«
-
-»Aber erlauben Sie! Awgust Matwejitsch hat immer Geld bei sich.«
-
-»Wenn es sich so verhält, so soll er nur mit seinem Geld kommen. Nicht
-wahr, meine Herren?« wandte sich der älteste Rittmeister an uns alle.
-
-Alle erklärten sich einverstanden.
-
-»Schön. Sag ihm also, Marko, daß wir ihn bitten lassen.«
-
-»Zu Befehl.«
-
-»Deute ihm aber an oder sage es ihm auch geradeaus, daß wir, obwohl wir
-Kameraden sind, auch unter uns nur um bares Geld spielen. Es gibt bei
-uns weder Kreide noch Kredit.«
-
-»Zu Befehl. Sie können aber unbesorgt sein: er hat immer Geld.«
-
-»Gut, wir lassen bitten.«
-
-Nach einer ganz kurzen Weile, die für einen Mann, der kein besonderer
-Stutzer ist, eben genügt, um sich umzuziehen, geht die Türe auf, und in
-unserer Rauchwolke erscheint ein schlanker, wohlgebauter, nicht mehr
-junger Herr von höchst anständigem Aussehen. Er trägt Zivil, hält sich
-aber wie ein Militär, man könnte beinahe sagen, wie ein Gardeoffizier,
-d. h. kühn, selbstbewußt, nicht ohne eine träge Grazie und Blasiertheit,
-wie es damals Mode war. Sein Gesicht ist hübsch, seine Züge sind darin
-ebenso streng und regelmäßig verteilt wie die Ziffern auf dem
-Metallzifferblatt einer englischen Standuhr von Graham. Alles bewegt
-sich darin so abgemessen, wie die Zeiger auf einer solchen Uhr.
-
-Er ist auch selbst so lang wie eine Standuhr, und seine Stimme klingt
-wie ein Grahamsches Schlagwerk.
-
-»Meine Herren, ich bitte um Vergebung, daß ich in Ihren Freundeskreis
-eingedrungen bin. Ich heiße so und so, eile aus Moskau nach Hause, bin
-aber sehr müde und wollte hier ausschlafen. Da hörte ich Ihre Stimmen,
-und die Ruhe floh meine Augenlider. Ich fühlte mich wie ein altes
-Schlachtpferd von Kampfeslust beseelt und danke Ihnen aufrichtig, daß
-Sie mich in Ihren Kreis aufnehmen wollen.«
-
-Man antwortet ihm:
-
-»Wir bitten recht schön! Wir sind einfache Menschen und machen keine
-großen Zeremonien. Wir sind unter uns Kameraden und halten uns ganz
-ungezwungen.«
-
-»Einfachheit«, antwortet er, »ist das Schönste in der Welt: Gott liebt
-sie, und in ihr liegt die ganze Poesie des Lebens. Ich war ja einmal
-selbst beim Militär. Obwohl ich aus Familienrücksichten den Dienst
-quittieren mußte, bin ich den militärischen Sitten doch treu geblieben
-und hasse alles Zeremonielle. Sie haben aber, wie ich sehe, Ihre Röcke
-an, und hier ist es doch so heiß?«
-
-»Offen gestanden, haben wir die Röcke erst unmittelbar vor Ihrem
-Erscheinen angezogen.«
-
-»Sie sollten sich schämen! Das befürchtete ich ja eben. Da Sie aber
-schon einmal so freundlich waren, mich aufzunehmen, so können Sie mir
-gleich bei Beginn unserer Bekanntschaft gar keine größere Freude machen,
-als wenn Sie die Röcke wieder ablegen und sich ebenso ungezwungen
-fühlen, wie Sie es vor meinem Erscheinen waren.«
-
-Die Offiziere ließen sich überreden und saßen bald in Hemdärmeln da;
-dasselbe verlangten sie aber auch vom Unbekannten. Awgust Matwejitsch
-schlüpfte flink aus seiner elegant zugeschnittenen Joppe, die in den
-Ärmeln mit blauer Seide gefüttert war, und erklärte sich bereit, unsere
-Bekanntschaft mit einem Gläschen Schnaps einzuweihen.
-
-Alle tranken mit und gedachten bei dieser Gelegenheit des Vetters
-Sascha, der noch immer im Korridor auf und ab ging.
-
-»Gestatten Sie«, sagte man dem Gast, »hier fehlt einer von den Unsrigen.
-Wir müssen ihn holen!«
-
-Awgust Matwejitsch fragte:
-
-»Sie vermissen wohl den interessanten jungen Kornett, der in so
-rührender Versunkenheit im Korridor auf und ab geht?«
-
-»Ja, diesen. Ruft ihn doch her, meine Herren!«
-
-»Er will nicht kommen.«
-
-»Was für Dummheiten! ... Er ist sonst ein so lieber junger Kamerad und
-hat in der Wissenschaft des Trinkens und Kartenspiels schon so schöne
-Fortschritte gezeigt; heute ist er uns aber plötzlich untreu geworden
-und benimmt sich so dumm. Meine Herren, bringt ihn mit Gewalt her!«
-
-Viele protestierten, und es wurde die Meinung laut, daß Sascha
-vielleicht tatsächlich krank sei.
-
-»Was euch nicht einfällt! Ich setze meinen Kopf ein, daß er einfach müde
-ist oder den letzten großen Verlust noch nicht verschmerzen kann.«
-
-»Hat der Kornett viel verloren?«
-
-»Ja, in der letzten Zeit hat er immer Pech gehabt. Er war irgendwie
-aufgeregt und verlor jeden Einsatz.«
-
-»Was Sie nicht sagen! So was kommt allerdings vor. Er sieht aber so aus,
-wie wenn er weniger Unglück im Spiel als Unglück in der Liebe hätte.«
-
-»Haben Sie ihn denn gesehen?«
-
-»Gewiß. Ich habe sogar Gelegenheit gehabt, ihn mir sehr genau anzusehen.
-Er ist so sehr in Gedanken versunken, daß er vorhin aus Versehen in mein
-Zimmer statt in das seinige eintrat, mich auf dem Bette garnicht liegen
-sah, direkt auf die Kommode zuging und etwas zu suchen begann. Ich
-glaubte sogar, daß es ein Schlafwandler sei, und rief Marko herbei.«
-
-»Seltsam!«
-
-»Als Marko ihn fragte, was er bei mir zu suchen habe, verstand er im
-ersten Augenblick garnicht, was man von ihm wollte. Und als er seinen
-Irrtum einsah, wurde er furchtbar verlegen ... Ich gedachte der alten
-Zeiten und sagte mir gleich: der muß eine Herzensaffaire haben!«
-
-»Ach, was, Herzensaffaire! Das wird wohl bald vergehen. Bei Ihnen in
-Polen mißt man solchen Gefühlsduseleien viel zu viel Bedeutung bei; wir
-Moskowiter sind aber ein rohes Volk.«
-
-»Ja, der junge Mann sieht aber gar nicht roh aus; im Gegenteil, er
-scheint mir sehr empfindsam und furchtbar erregt.«
-
-»Er ist einfach müde, und unsere Lebensphilosophie lehrt, daß man in
-einem solchen Falle Gewalt anwenden muß. Meine Herren, zwei von Ihnen
-möchten hinausgehen und Sascha herbringen: soll er sich nur gegen die
-Beschuldigung, daß er hoffnungslos verliebt sei, verteidigen.«
-
-Zwei Offiziere gingen in den Korridor und kamen mit Sascha zurück, auf
-dessen jugendlichem Gesicht Müdigkeit, Verlegenheit und ein Lächeln
-miteinander kämpften.
-
-Er sagte, er fühle sich tatsächlich unwohl, und es rege ihn auf, daß man
-von ihm Rechenschaft fordere. Als man ihm im Scherz sagte, daß auch der
-»fremde Herr« der Ansicht sei, es sei wohl eine Liebesaffaire im Spiele,
-wurde Sascha plötzlich über und über rot, warf unserm Gast einen
-unsagbar gehässigen Blick zu und rief erbost aus:
-
-»Unsinn!«
-
-Er bat um Erlaubnis, auf sein Zimmer zu gehen und sich schlafen zu
-legen; wir erinnerten ihn aber daran, daß heute ein wichtiges Ereignis
-bevorstehe, das wir alle gemeinsam begrüßen wollten; es sei daher
-unstatthaft, die Gesellschaft zu verlassen. Als er vom »Ereignis« hörte,
-erbleichte er wieder.
-
-Man sagte ihm:
-
-»Du darfst nicht fortgehen; trinke aber deinen Schnaps, und wenn du
-nicht mitspielen willst, so ziehe deinen Rock aus und lege dich hier
-aufs Sofa. Wenn dort das Kind zu schreien beginnt, werden wir es hier
-hören und dich wecken.«
-
-Sascha gehorchte, jedoch nicht ganz; er trank seinen Schnaps, zog aber
-den Rock nicht aus und legte sich nicht hin, sondern setzte sich in den
-Schatten am Fenster, aus dem, da es nicht ganz dicht war, ein frischer
-Hauch ins Zimmer zog, und begann auf die Straße hinauszuschauen.
-
-Ich weiß wirklich nicht, ob er auf jemand wartete, oder ob ihn
-irgendetwas innerlich beunruhigte; jedenfalls blickte er unverwandt auf
-die Straßenlaterne, die im Winde schwankte und flackerte, warf sich bald
-in die Tiefe des Sessels zurück, und machte bald den Eindruck, wie wenn
-er aufspringen und davonrennen wollte.
-
-Unser Gast, neben den ich zu sitzen kam, merkte, daß ich Sascha
-beobachtete, und beobachtete ihn auch selbst. Ich mußte es seinen
-Blicken anmerken und auch seinen höchst unpassenden Worten, die ich mein
-Leben lang nicht vergessen werde:
-
-»Sind Sie mit dem jungen Kameraden gut befreundet?«
-
-Bei diesen Worten streifte er den niedergeschlagenen Sascha mit einem
-schnellen Blick.
-
-»Selbstverständlich!« antwortete ich mit dem ganzen Eifer meiner Jugend,
-die in dieser Frage eine allzu plumpe Vertraulichkeit erblickt hatte.
-
-Awgust Matwejitsch bemerkte meine Aufregung und drückte mir unter dem
-Tisch stumm die Hand. Ich blickte sein hübsches, ruhiges Gesicht an und
-mußte wieder an die gleichmütige englische Standuhr im langen Gehäuse
-mit dem Grahamschen Werk denken. Jeder Zeiger bewegt sich in der ihm
-vorgeschriebenen Richtung und registriert Stunden und Tage, Minuten und
-Sekunden, die Phasen des Mondes und die Tierkreiszeichen, das
-Zifferblatt aber ist kühl und teilnahmslos: die Uhr zeigt alles, merkt
-sich alles und bleibt dabei selbst unveränderlich.
-
-Awgust Matwejitsch versöhnte mich durch seinen freundlichen Händedruck;
-dann fuhr er fort:
-
-»Seien Sie mir nicht böse, junger Mann. Glauben Sie mir: ich will von
-Ihrem Freund nichts Böses sagen, ich habe aber schon manches erlebt, und
-sein Zustand flößt mir seltsame Gedanken ein ...«
-
-»Wie meinen Sie das?«
-
-»Sein Zustand erscheint mir ... wie soll ich es Ihnen sagen? ..
-irgendwie verhängnisvoll ... Er rührt und beunruhigt mich.«
-
-»So, er beunruhigt Sie?«
-
-»Ja, er beunruhigt mich.«
-
-»Nun, ich kann Sie versichern, daß Ihre Unruhe grundlos ist. Ich kenne
-alle Verhältnisse meines Freundes und bürge dafür, daß in ihnen nichts
-enthalten ist, was seinen Lebensfaden verwirren oder zerreißen könnte.«
-
-»_Zerreißen!_« wiederholte er: »C'est le mot! Das ist das richtige Wort:
-den Lebensfaden zerreißen!«
-
-Diese Worte machten auf mich einen unangenehmen Eindruck. Warum hatte
-ich nur diesen Ausdruck gewählt, an den sich der Fremde gleich
-festklammern konnte.
-
-Awgust Matwejitsch machte auf mich plötzlich den unangenehmsten
-Eindruck, und ich blickte feindselig auf sein präzises Grahamsches
-Zifferblatt. Ich sah darin etwas Harmonisches und zugleich Drückendes
-und Unwiderstehliches. Das Werk läuft gleichmäßig, läßt in bestimmten
-Abständen seine metallischen Schläge erklingen und läuft unverändert
-weiter. Alles, was der Mann an hat, ist von erster Qualität ... Sein
-Hemd ist unvergleichlich feiner und weißer als unsere Hemden, und unter
-den weißen Manschetten leuchtet wie Blut eine rotseidene Jacke hervor.
-Es sieht so aus, wie wenn er unter den Kleidern keine Haut am Leibe
-hätte. Am Handgelenk trägt er aber ein goldenes Damenarmband, das bald
-nach unten rutscht und bald wieder im Ärmel verschwindet. Ich lese
-darauf den in polnischen Schriftzeichen gravierten russischen
-Frauennamen »Olga«.
-
-Diese »Olga« erregt mein Mißfallen. Wer sie auch sei, -- seine Verwandte
-oder seine Geliebte, -- ich muß mich über sie ärgern.
-
-Warum? Ich weiß es nicht. Es war wohl eine von den zahllosen Dummheiten,
-die uns, niemand weiß woher, in den Sinn kommen, um »die Gedanken des
-Sterblichen zu verwirren«.
-
-Ich will mich von der unangenehmen Wirkung des Wortes »zerreißen«, das
-ich selbst zuerst gebraucht habe und dem er einen mir durchaus
-unerwünschten Sinn unterschiebt, befreien und sage:
-
-»Es tut mir leid, daß ich mich so ausgedrückt habe; das von mir
-gebrauchte Wort kann aber gar nicht die Bedeutung haben, die Sie ihm
-beilegen. Mein Freund ist jung, vermögend, der einzige Sohn seiner
-Eltern und der Liebling aller ...«
-
-»Ja, ja, und doch gefällt er mir nicht.«
-
-»Ich verstehe Sie nicht.«
-
-»Er ist doch sterblich?«
-
-»Selbstverständlich, wie Sie und ich, wie alle Menschen.«
-
-»Sehr richtig, von den andern Menschen weiß ich aber nichts, und von uns
-beiden trägt keiner die verhängnisvollen Zeichen, die ich an ihm sehe.«
-
-»Was für verhängnisvolle Zeichen meinen Sie?«
-
-Ich lachte ziemlich unerzogen auf.
-
-»Warum lachen Sie darüber?«
-
-»Entschuldigen Sie, ich will wohl zugeben, daß mein Lachen unpassend
-ist; versetzen Sie sich aber in meine Lage: wir betrachten beide das
-gleiche Gesicht, und Sie erzählen mir, daß Sie darin etwas
-Ungewöhnliches wahrnehmen, während ich darin nur das sehe, was ich immer
-gesehen habe.«
-
-»Was Sie immer gesehen haben? Das kann nicht sein.«
-
-»Ich versichere Sie.«
-
-»Das hypokratische Gesicht!«
-
-»Das verstehe ich nicht.«
-
-»Sie verstehen es nicht? Es gibt doch einen solchen >agent psychique<!«
-
-»Ich verstehe es nicht,« sagte ich und fühlte zugleich, wie mir dieses
-Wort irgendeine dumme Angst einjagte.
-
-»Agent psychique oder das hypokratische Gesicht ist ein unerklärliches,
-seltsames Zeichen, das den Menschen längst bekannt ist. Diese unfaßbaren
-Züge erscheinen auf den Gesichtern der Menschen nur in jenen
-verhängnisvollen Augenblicken ihres Lebens, wenn sie eben im Begriff
-sind, den großen Schritt in das Land zu zu machen, aus dem noch kein
-Wanderer zurückgekehrt ist ... Die Schotten und die Hindus der Blauen
-Berge haben für diese Züge einen besonders scharfen Blick.«
-
-»Waren Sie denn je in Schottland?«
-
-»Ja, ich habe dort die Landwirtschaft studiert; ich bin auch in Indien
-gewesen.«
-
-»Und Sie behaupten, daß Sie diese verdammten Zeichen auf dem Gesicht
-unseres guten Sascha sehen?«
-
-»Ja, wenn dieser junge Mann heute noch Sascha heißt, so wird er wohl
-bald _anders_ heißen.«
-
-Ich fühlte mich plötzlich von einer namenlosen Angst erfaßt und war sehr
-froh, daß in diesem Augenblick einer von unseren Offizieren, der schon
-recht angeheitert war, auf mich zuging und fragte:
-
-»Was hast du? Worüber streitest du mit diesem Herrn?«
-
-Ich antwortete, daß wir uns gar nicht stritten, sondern uns nur über
-sehr seltsame Dinge unterhielten. Und ich erzählte ihm kurz alles,
-worüber ich eben mit dem Polen gesprochen hatte.
-
-Der Offizier, ein einfacher und entschlossener Bursche, warf einen Blick
-auf Sascha und sagte:
-
-»Er sieht tatsächlich schlecht aus!« Darauf wandte er sich an Awgust
-Matwejitsch und fragte ihn ziemlich barsch:
-
-»Was sind Sie eigentlich: ein Phrenologe oder ein Wahrsager?«
-
-Jener antwortete:
-
-»Ich bin weder Phrenologe noch Wahrsager.«
-
-»Sondern weiß der Teufel was?«
-
-»Ich bin auch nicht >weiß der Teufel was<!« erwiderte jener ruhig.
-
-»Was sind Sie dann: ein Zauberer?«
-
-»Auch kein Zauberer.«
-
-»Was denn?«
-
-»Mystiker.«
-
-»Ach so, Mystiker -- Whistiker! Sie lieben wohl Whist zu spielen. Solche
-Mystiker kenne ich gut,« sagte der Offizier gedehnt. Obwohl er schon
-ohnehin ordentlich betrunken war, wandte er sich wieder den Getränken
-zu.
-
-Awgust Matwejitsch blickte ihm halb bedauernd und halb verachtungsvoll
-nach. Die Zeiger auf seinem Zifferblatt hatten sich verschoben; er stand
-auf und ging zu den Spielenden, die polnischen Verse Krasinskis vor sich
-hinmurmelnd:
-
-»Ich will keinen Gott, ich will keinen Himmel ...«
-
-Mir wurde es plötzlich so unheimlich zumute, wie wenn ich mit dem
-berühmten Zauberer Pan Twardowski gesprochen hätte. Um mir neuen Mut zu
-machen, trat ich an den Tisch, auf dem die Schnäpse standen, und
-unterhielt mich eine Weile mit dem Kameraden, der vorhin die Bedeutung
-des Wortes Mystiker erläutert hatte. Und als ich nach einiger Zeit, wie
-von einer Welle erfaßt, zum Kartentisch geworfen wurde, hielt der Pole
-schon die Bank.
-
-Auf dem Tische vor ihm waren Riesensummen von Gewinnen und Verlusten
-angekreidet, und alle Gesichter drückten Feindseligkeit gegen ihn aus,
-die sich auch in allerlei dummen Bemerkungen äußerte. Die Situation
-wurde von Augenblick zu Augenblick gespannter und drohte mit ernsten
-Unannehmlichkeiten.
-
-Es erschien mir ganz unmöglich, daß die Sache ohne Unannehmlichkeiten
-ablaufen könnte: ein böses Ende schien schon vom Schicksal beschieden.
-
-
-
-
- VI
-
-
-Als ich wieder am Kartentisch stand, bemerkte jemand, wie nebenbei zu
-Awgust Matwejitsch, daß das Armband, das auf seinem Handgelenk hin und
-herrutschte, ihm beim Bankhalten hinderlich sein müsse. Und er fügte dem
-noch hinzu:
-
-»Vielleicht wäre es besser, wenn Sie diesen Frauenschmuck ablegten.«
-
-Awgust Matwejitsch bewahrte aber seine Ruhe und antwortete:
-
-»Es wäre allerdings besser, wenn ich ihn ablegen könnte, ich kann aber
-Ihrem guten Rat nicht folgen: das Armband ist festgenietet.«
-
-»Ein seltsamer Einfall, einen Sklaven zu spielen!«
-
-»Warum auch nicht? Als Sklave fühlt man sich zuweilen gar nicht
-schlecht.«
-
-»So! Das haben also auch die Polen schon eingesehen!«
-
-»Gewiß. Was mich betrifft, so habe ich vom ersten Tage an, an dem mir
-die Begriffe des Guten, Wahren und Schönen verständlich geworden waren,
-anerkannt, daß diese Ideale wert sind, über die Gefühle und den Willen
-des Menschen zu herrschen.«
-
-»Wo finden Sie aber diese Ideale vereint?«
-
-»Natürlich nur im schönsten Geschöpfe Gottes -- im Weibe.«
-
-»Das den Namen Olga trägt,« scherzte jemand, nachdem er die Inschrift
-auf dem Armband gelesen.
-
-»Ja, Sie haben es erraten: meine Frau heißt Olga. Es ist doch ein
-schöner russischer Name, nicht wahr? Besonders, wenn man bedenkt, daß
-die Russen ihn nicht wie die andern Dinge den Griechen entlehnt, sondern
-schon in ihrer eigenen Umgangssprache vorrätig hatten.«
-
-»Sind Sie mit einer Russin verheiratet?«
-
-»Ich bin Witwer. Das Glück, dessen ich würdig befunden war, war zu groß
-und zu vollständig, um dauernd zu sein. Ich finde aber auch heute noch
-mein höchstes Glück in der Erinnerung an die Russin, die auch ihrerseits
-ihr Glück an meiner Seite gefunden hatte.«
-
-Die Offiziere wechselten Blicke. Seine Antwort erschien ihnen irgendwie
-doppelsinnig und verletzend.
-
-»Hol ihn der Teufel!« sagte jemand. »Will dieser Fremde damit vielleicht
-sagen, daß die Herren Polen ganz besonders nett und ritterlich sind, so
-daß jede Russin sich in sie verlieben muß?«
-
-Awgust Matwejitsch hatte das sicher gehört; er blickte sogar schweigend
-auf denjenigen, der das gesagt hatte, lächelte und fuhr fort, mit der
-größten Seelenruhe die Karten zu verteilen. Er machte die Sache durchaus
-einwandfrei und korrekt. Die Pointierenden verfolgten mit der größten
-Aufmerksamkeit alle seine Bewegungen, konnten aber nichts Verdächtiges
-wahrnehmen. Jeder Verdacht wäre auch sinnlos gewesen, da Awgust
-Matwejitsch viel verloren hatte. Gegen vier Uhr hatte er schon über
-zweitausend Rubel bezahlt. Als er mit allen abgerechnet hatte, sagte er:
-
-»Wenn die Herren weiterspielen wollen, setze ich noch einen Tausender
-ein.«
-
-Die Offiziere, die gewonnen hatten, hielten es für unschicklich, seinen
-Vorschlag zurückzuweisen und erklärten sich bereit, weiter zu
-pointieren.
-
-Einige wandten sich weg und sahen sich die Banknoten, die sie von Awgust
-Matwejitsch erhalten hatten, genauer an.
-
-Alles stimmte: die Banknoten waren von zweifelloser Echtheit.
-
-»Ich muß aber bemerken, meine Herren,« sagte er, »daß ich keine
-kleineren Noten einsetzen kann: ich habe sie alle ausgegeben. Ich habe
-aber Scheine zu fünfhundert und zu tausend Rubel und möchte Sie bitten,
-mir einige davon zu wechseln.«
-
-»Das läßt sich wohl machen,« antwortete man ihm.
-
-»In diesem Falle werde ich gleich die Ehre haben, Ihnen zwei größere
-Scheine vorzulegen und Sie zu bitten, sie zu untersuchen und zu
-wechseln.«
-
-Mit diesen Worten stand er auf, ging zu seinem Rock, der auf dem Sofa
-neben dem geistesabwesenden Sascha lag, und begann in den Taschen zu
-suchen. Das dauerte auffallend lange. Awgust Matwejitsch warf plötzlich
-den Rock fort, griff sich mit der Hand an die Stirne, schwankte und fiel
-beinahe um.
-
-Alle merkten diese Bewegung, und sie erschien so echt und ungekünstelt,
-daß Awgust Matwejitsch in vielen lebhaftes Mitgefühl weckte. Zwei oder
-drei Herren, die in seiner Nähe saßen, riefen teilnahmsvoll aus: »Was
-haben Sie?« und beeilten sich, ihn zu stützen.
-
-Unser Gast war leichenblaß und ganz verändert. Ich sah zum erstenmal im
-Leben, wie ein starker und sich beherrschender Mann, -- und für einen
-solchen mußte ich den zu seinem eigenen und unserem Unglück in unseren
-Kreis eingedrungenen fürstlichen Generalbevollmächtigten wohl halten, --
-vor großem und unerwartetem Kummer plötzlich alt und ganz verändert
-wird. Das plötzliche Unglück zerknittert und zerdrückt den Menschen und
-bearbeitet ihn wie die Wäscherin einen Lumpen so lange mit dem
-Waschbläuel, bis es aus ihm alles herausgeklopft hat. Ich bin gar nicht
-imstande, das Gesicht und die Blicke Awgust Matwejitschs zu beschreiben,
-erinnere mich aber lebhaft an den Vergleich, der dem tiefen Ernst der
-Situation gar nicht entsprach, der mir aber in den Sinn kam, als ich
-mich mit den andern über ihn stürzte und ihm eine Kerze vors Gesicht
-hielt. Dieser Vergleich bezog sich wiederum auf eine Uhr und ein
-Zifferblatt, und zwar in einem höchst komischen Zusammenhange.
-
-Mein Vater war leidenschaftlicher Liebhaber alter Bilder. Er war immer
-auf der Suche nach solchen Bildern, die er regelmäßig verdarb, indem er
-die alte Lackschicht entfernte und sie mit neuem Lack überzog. Oft
-bringt er so ein altes Bild heim, das eine gleichmäßige dunkle Fläche
-darstellt, in der alle Farbtöne friedlich ineinander geflossen sind, so
-daß man auf dem Bilde nichts erkennen kann; da fährt er aber mit einem
-in Terpentin getauchten Schwamm darüber; der Lack wirft sich, schmutzige
-Ströme fließen über das ganze Bild hin, und alle Farbtöne kommen in
-Bewegung und Unordnung. Das Bild sieht plötzlich ganz verändert aus;
-eigentlich hat es erst jetzt sein wahres, ungeschminktes Aussehen, das
-vom Lack verdeckt war, wiedergewonnen. Ich erinnerte mich also, wie wir
-Kinder einst den Vater nachahmen wollten und das Zifferblatt der Uhr in
-unserem Kinderzimmer mit Terpentin abwuschen. Zu unserem Entsetzen sahen
-wir, wie der auf dem Zifferblatte dargestellte schwarze Mann mit dem
-Korbe, in dem die ungezogenen Kinder saßen, seine Umrisse verlor und wie
-sein vorher so tapferes Gesicht plötzlich einen zweideutigen und
-lächerlichen Ausdruck bekam.
-
-Dasselbe macht das Unglück mit den lebendigen, sogar sich beherrschenden
-und oft stolzen Menschen. Das Unglück wäscht von ihm den Lack ab, und
-plötzlich kommen alle trüben Farbtöne und alle Sprünge zum Vorschein.
-
-Unser Gast war aber stärker als mancher andere. Er beherrschte sich bald
-wieder und sagte:
-
-»Entschuldigen Sie, meine Herren, es ist nichts ... Schenken Sie dem
-bitte keine Beachtung und lassen Sie mich gehen. Mir ... mir ist
-plötzlich schlecht: entschuldigen Sie mich, ich kann nicht weiter
-spielen.«
-
-Awgust Matwejitsch wandte uns sein Gesicht zu, das ganz wie jenes
-abgewaschene Zifferblatt aussah. Er bemühte sich aber, verbindlich zu
-lächeln. Offenbar wollte er jeden Skandal vermeiden. In diesem
-Augenblick provozierte ihn aber einer von den Unsrigen, der offenbar ein
-Glas zuviel getrunken hatte:
-
-»War Ihnen vielleicht auch schon vorhin schlecht?«
-
-Der Pole erbleichte.
-
-»Nein,« sagte er mit erhobener Stimme, »nein, so schlecht war mir noch
-nie. Wer sich etwas anderes denkt, ist im Irrtum ... Ich habe eine
-unerwartete Entdeckung gemacht ... ich habe einen triftigen Grund, nicht
-weiter zu spielen, und verstehe wirklich nicht, was Sie von mir wollen!«
-
-Nun begannen alle durcheinander zu reden:
-
-»Wie meint er das? Niemand will von Ihnen was, verehrter Herr! Es wäre
-aber immerhin interessant, zu erfahren, was für eine Entdeckung Sie in
-unserem Kreise gemacht haben!«
-
-»Gar keine.« antwortete der Pole. Er dankte mit einem Kopfnicken den
-Offizieren, die ihn im Augenblick des plötzlichen Schwächeanfalls
-gestützt hatten, und fügte hinzu: »Meine Herren, Sie kennen mich ja
-nicht, die Aussage des Kellners über meine Reputation darf Ihnen nicht
-genügen. Darum halte ich es für unmöglich, dieses Gespräch fortzusetzen
-und möchte mich von Ihnen verabschieden.«
-
-Man hielt ihn aber zurück:
-
-»Erlauben Sie einmal,« sagte man ihm, »das geht doch nicht!«
-
-»Ich weiß nicht, warum das nicht gehen sollte. Ich habe meine
-Spielschuld bezahlt, möchte nicht weiter spielen und bitte Sie, mir zu
-gestatten, Ihre Gesellschaft verlassen zu dürfen.«
-
-»Wir sprechen nicht von der Bezahlung!«
-
-»Ja, nicht von der Bezahlung!«
-
-»Wovon denn? Ich frage, was Sie wollen, und Sie antworten, daß Sie von
-mir nichts wollen. Ich will mich schweigend zurückziehen, und Sie sind
-auch damit unzufrieden ... Hol's der Teufel, was ist eigentlich los?«
-
-Nun ging auf ihn einer der älteren Rittmeister zu, ein >in Schlachten
-ergrauter Kamerad<, ein vielerfahrener Mann, der schon manchen
-Zusammenstoß am Kartentische erlebt hatte, und sagte:
-
-»Verehrter Herr! Gestatten Sie, daß ich mich mit Ihnen im Namen aller
-auseinandersetze.«
-
-»Sehr gern, obwohl ich gar nicht einsehe, worüber wir uns
-auseinanderzusetzen haben.«
-
-»Ich will Ihnen gleich alles erklären.«
-
-»Bitte sehr.«
-
-»Verehrter Herr, meine Kameraden und ich kennen Sie tatsächlich nicht;
-wir haben Sie aber mit russischer Zutraulichkeit in unsere Gesellschaft
-aufgenommen. Es gelang Ihnen nicht, zu verheimlichen, daß Sie eben etwas
-Unerwartetes erlebt haben. Und zwar in unserem Kreise ... Sie haben
-vorhin den Ausdruck >Reputation< gebraucht. Auch wir haben unsere
-Reputation, hol's der Teufel ... Jawohl! Wir vertrauen Ihnen, müssen Sie
-aber bitten, auch unserer Ehrlichkeit zu vertrauen.«
-
-»Sehr gerne,« unterbrach ihn der Pole, »sehr gerne!« Und er streckte ihm
-seine Hand entgegen. Der Rittmeister schien es aber nicht zu sehen und
-fuhr fort:
-
-»Ich setze meinen Kopf und meine Hand dafür ein, daß Sie hier nicht die
-geringsten Unannehmlichkeiten zu gewärtigen haben und daß jeder, der es
-wagt, Sie, und wenn auch nur durch eine entfernte Andeutung, zu
-verletzen, in mir Ihren Verteidiger finden wird. Wir dürfen aber die
-Sache nicht als erledigt betrachten. Ihr Benehmen erscheint uns
-sonderbar, und ich bitte Sie im Namen aller Anwesenden, sich zu
-beruhigen und uns ernsthaft zu erklären, ob Sie sich tatsächlich unwohl
-fühlten oder ob Sie etwas Unerwartetes entdeckt haben. Wir bitten Sie,
-uns diese Frage in einem Worte und ganz aufrichtig zu beantworten.«
-
-Alle fielen ihm ins Wort: »Ja, wir bitten, wir bitten!« Die Bewegung war
-eine allgemeine. Nur Sascha allein nahm an ihr nicht teil: er verharrte
-nach wie vor in seiner dummen Versunkenheit. Aber auch er erhob sich von
-seinem Platz, sagte »Wie ekelhaft!« und wandte sich mit dem Gesicht zum
-Fenster.
-
-Der Pole aber, den wir so bedrängten, verlor seine Selbstbeherrschung
-nicht. Im Gegenteil, er nahm eine noch stolzere Haltung an und sagte:
-
-»Meine Herren, in diesem Falle muß ich Sie um Verzeihung bitten. Ich
-wollte nichts sagen und alles in meinem Herzen tragen. Wenn Sie mich
-aber unter Berufung auf meine Ehre herausfordern, Ihnen zu sagen, was
-ich vorhin gehabt habe, so muß ich als Ehrenmann und Adliger ...«
-
-Jemand, der sich nicht beherrschen konnte, rief dazwischen:
-
-»Er redet mir zu viel von Ehre!«
-
-Der Rittmeister warf einen zornigen Blick in die Richtung, aus der
-dieser Zwischenruf gekommen war, und Awgust Matwejitsch fuhr fort:
-
-»Als Ehrenmann und Adliger muß ich Ihnen, meine Herren, sagen, daß ich
-außer der Summe, die ich im Kartenspiel verloren, in meiner Brieftasche
-noch zwölftausend Rubel in Banknoten zu tausend und zu fünfhundert Rubel
-gehabt habe.«
-
-»Haben Sie das Geld bei sich gehabt?« fragte der Rittmeister.
-
-»Ja, bei mir.«
-
-»Sie können sich daran genau erinnern?«
-
-»Ja, ganz genau.«
-
-»Und jetzt ist das Geld fort?«
-
-»Ja, Sie haben es erraten: es ist fort.«
-
-Der betrunkene Offizier rief wieder dazwischen:
-
-»War denn das Geld auch wirklich da?«
-
-Der Rittmeister sagte aber noch strenger:
-
-»Ich bitte zu schweigen! Der Herr, den wir vor uns haben, wird sich
-nicht unterstehen, uns anzulügen. Er weiß, daß man mit solchen Dingen in
-anständiger Gesellschaft nicht scherzt: solche Späße können einem leicht
-das Leben kosten. Daß wir aber wirklich anständige Menschen sind, müssen
-wir erst durch die Tat beweisen. Meine Herren, niemand rührt sich von
-seinem Platz, und ich bitte Sie, Leutnant soundso, und Sie, und auch Sie
-(er nannte die Namen dreier Kameraden), sofort alle Türen abzuschließen
-und die Schlüssel hier an sichtbarer Stelle niederzulegen. Der Erste,
-der den Versuch macht, das Zimmer zu verlassen, wird es mit seinem Leben
-büßen. Ich hoffe aber, meine Herren, daß es niemand versuchen wird.
-Niemand wagt daran zu zweifeln, daß wir mit dem Verlust, von dem der
-fremde Herr spricht, nichts zu tun haben; aber das muß erst bewiesen
-werden.«
-
-»Ja, ja, gewiß!« bestätigten die Offiziere.
-
-»Und wenn das einmal bewiesen ist, so wird sofort der zweite Akt
-beginnen. Jetzt aber müssen wir, um unsere Ehre und unseren Stolz zu
-wahren, diesem Herrn gestatten, uns einer genauen Leibesvisitation zu
-unterziehen.«
-
-»Ja, soll er uns nur durchsuchen!« riefen die Offiziere.
-
-»Und zwar bis aufs Hemd!« sagte der Rittmeister.
-
-»Ja, bis aufs Hemd!«
-
-»Wir werden uns nun der Reihe nach vor diesem Herrn vollständig
-entkleiden. Ein jeder soll ganz nackt, wie er aus dem Mutterleibe
-hervorgegangen ist, vor ihn treten, und der Herr soll einen jeden
-eigenhändig durchsuchen. Ich bin hier der Älteste an Jahren und im Range
-und will mich als erster dieser Durchsuchung unterziehen, die für einen
-Ehrenmann nichts Ehrenrühriges ist. Ich bitte Sie alle, etwas
-zurückzutreten und sich in eine Reihe aufzustellen. Und nun entkleide
-ich mich.«
-
-Er begann in großer Hast alle Kleidungsstücke von sich zu werfen und zog
-selbst die Socken aus. Als er ganz nackt war, legte er alle Sachen dem
-fürstlichen Generalbevollmächtigten vor die Füße, hob die Arme und
-sagte:
-
-»So stehe ich vor Ihnen wie ein Rekrut vor der Kommission. Wollen Sie
-mich durchsuchen.«
-
-Awgust Matwejitsch weigerte sich mit der durchaus stichhaltigen
-Begründung, daß er keinerlei Verdacht ausgesprochen und diese
-Untersuchung nicht verlangt habe.
-
-»Nein, auf solche Scherze lassen wir uns nicht ein!« sagte der
-Rittmeister, vor Wut ganz rot werdend und mit den bloßen Fersen
-stampfend. »Jetzt ist es zu spät, mein Herr, den Großmütigen zu spielen
-... Ich habe mich nicht zum Spaß vor Ihnen entkleidet ... Ich bitte Sie,
-meine Sachen genau zu durchsuchen. Sonst erschlage ich Sie, nackt wie
-ich bin, augenblicklich mit diesem Stuhl!«
-
-Und er ergriff mit seiner behaarten Hand den schweren Stuhl und schwang
-ihn über dem Kopfe des Polen.
-
-
-
-
- VII
-
-
-Awgust Matwejitsch beugte sich mit Widerstreben über die auf dem
-Fußboden ausgebreiteten Sachen des Rittmeisters und tat, wie wenn er sie
-durchsuchte.
-
-Die nackten Fersen stampften noch wütender, und zugleich zischte eine
-erstickte Stimme:
-
-»Nicht so durchsucht man die Sachen! Nicht so! Haltet mich, sonst stürze
-ich mich auf ihn und erwürge ihn, wenn er es nicht ordentlich macht!«
-
-Der Rittmeister war buchstäblich außer sich vor Zorn und bebte so, daß
-selbst das üppige schwarze Moos unter seinen muskulösen Armen, die er
-krampfhaft über dem Kopfe hielt, zitterte.
-
-Der Pole ließ sich aber nicht einschüchtern. Er streifte mit einem
-ruhigen Blick das von Wut entstellte Gesicht und die Achselhöhlen des
-Rittmeisters, in denen sich zwei schwarze Ratten zu regen schienen, und
-sagte:
-
-»Sehr schön. Ich bin zwar fest überzeugt, daß Sie ein Ehrenmann sind; da
-Sie aber darauf bestehen, will ich Sie wie einen Dieb durchsuchen.«
-
-»Ja, hol mich der Teufel, ich bin ein Ehrenmann, und bestehe darauf, daß
-Sie mich wie _einen Dieb_ durchsuchen!«
-
-Awgust Matwejitsch durchsuchte ihn und fand selbstverständlich nichts.
-
-»Nun bin ich also von jedem Verdacht rein,« sagte der Rittmeister.
-»Wollen jetzt die anderen Herren meinem Beispiele folgen.«
-
-Ein zweiter Offizier entkleidete sich, und Awgust Matwejitsch
-durchsuchte ihn auf die gleiche Weise. Dann kam der dritte an die Reihe,
-und so unterzogen wir uns alle der Durchsuchung. Sascha allein war noch
-nicht durchsucht, und gerade in dem Augenblick, als die Reihe an ihn
-kommen sollte, wurde heftig an die Zimmertür geklopft.
-
-Wir alle fuhren zusammen.
-
-»Niemand darf herein!« kommandierte der Rittmeister. Man klopfte aber
-noch heftiger.
-
-»Wen bringt der Teufel her? Wir dürfen niemand hereinlassen, solange
-diese schmachvolle Sache nicht erledigt ist. Wer es auch sei, jagt ihn
-zum Teufel!«
-
-Es wurde wieder geklopft, und wir hörten zugleich eine wohlbekannte
-Stimme:
-
-»Wollen Sie mich einlassen. Ich bin es.«
-
-Es war die Stimme unseres Obersten.
-
--- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
-
-Die Offiziere wechselten Blicke.
-
-»Machen Sie auf, meine Herren!« wiederholte der Oberst.
-
-Die Türe wurde aufgemacht, und der nicht sehr beliebte Kommandeur trat
-wie ein Kamerad in unsere Mitte. Auf seinem Gesicht leuchtete ein
-freundliches Lächeln, das er nur sehr selten sehen ließ.
-
-»Meine Herren!« begann er, noch ehe er sich im Zimmer umgesehen hatte.
-»Bei mir zu Hause steht alles gut. Nach den aufreibenden Augenblicken,
-die ich eben durchlebt habe, wollte ich etwas frische Luft atmen. Und da
-ich Ihren kameradschaftlichen Wunsch, meine Freude zu teilen, kenne, bin
-ich zu Ihnen gekommen, um Ihnen persönlich mitzuteilen, daß Gott mir ein
-Töchterchen geschenkt hat.«
-
-Wir gratulierten ihm, unsere Gratulation klang aber natürlich nicht so
-lebhaft und freudig, wie es der Oberst, der von unseren Vorbereitungen
-gehört hatte, zu erwarten berechtigt war. Das fiel ihm gleich auf. Er
-sah sich mit seinen gelben Augen im Zimmer um und richtete sie auf den
-Fremden.
-
-»Wer ist der Herr?« fragte er leise.
-
-Der Rittmeister antwortete ihm noch leiser und erzählte kurz die ganze
-unangenehme Geschichte.
-
-»Wie ekelhaft!« rief der Oberst. »Wie ist nun die Sache ausgegangen,
-oder ist sie noch immer nicht zu Ende?«
-
-»Wir zwangen ihn, uns alle zu durchsuchen, und bei Ihrem Erscheinen
-blieb nur noch der Kornett N. undurchsucht.«
-
-»Machen Sie ein Ende!« sagte der Oberst, sich auf einen Stuhl in der
-Mitte des Zimmers setzend.
-
-»Kornett N., wollen Sie sich entkleiden!« kommandierte der Rittmeister.
-
-Sascha, der, die Arme auf der Brust gekreuzt, am Fenster stand,
-antwortete nichts und rührte sich nicht.
-
-»Hören Sie denn nicht, Kornett?« wandte sich der Oberst an ihn.
-
-Sascha rührte sich nun von seinem Platz und antwortete:
-
-»Herr Oberst und meine Herren Offiziere, ich schwöre bei meiner Ehre,
-daß ich das Geld nicht gestohlen habe ...«
-
-»Pfui, wozu dieses Schwören!« entgegnete der Oberst. »Alle sind hier
-über jeden Verdacht erhaben; wenn aber Ihre Kameraden einmal beschlossen
-haben, sich der Durchsuchung zu unterziehen, so müssen auch Sie sich dem
-fügen. Dieser Herr soll Sie nun gleich in Gegenwart aller durchsuchen,
-und dann beginnt der zweite Akt.«
-
-»_Ich kann es nicht._«
-
-»Was ... Was können Sie nicht?«
-
-»Ich habe das Geld nicht gestohlen, ich will mich aber nicht durchsuchen
-lassen!«
-
-Es erhob sich ein unzufriedenes Geflüster, und alle gerieten in
-Bewegung.
-
-»Was soll das heißen? Es ist einfach dumm ... Warum wollen Sie sich
-nicht durchsuchen lassen?«
-
-»Ich kann es nicht.«
-
-»Sie _müssen_! Sie müssen einsehen, daß Ihr Trotz den für uns alle
-erniedrigenden Verdacht verstärkt ... Wenn Sie auf Ihre eigene Ehre
-keinen Wert legen, so muß Ihnen doch die Ehre Ihrer Kameraden teuer
-sein, die Ehre des Regiments und der Uniform! Wir alle verlangen von
-Ihnen, daß Sie sich augenblicklich entkleiden und sich durchsuchen
-lassen ... Und da Ihr Benehmen den Verdacht bereits verstärkt hat, so
-freuen wir uns alle, daß Sie in Gegenwart des Obersten durchsucht werden
-können ... Wollen Sie sich augenblicklich entkleiden.«
-
-»Meine Herren!« sagte der Jüngling, der nun leichenblaß geworden und mit
-kaltem Schweiß bedeckt war. »Ich habe das Geld nicht genommen ... Ich
-schwöre es Ihnen bei meinen Eltern, die ich über alles in der Welt liebe
-... Ich habe das Geld dieses Herrn nicht! Ich werde sofort dieses
-Fenster einschlagen und mich hinausstürzen, werde mich aber um nichts in
-der Welt ausziehen, das verlangt meine Ehre!«
-
-»Was für eine Ehre?! Was für eine Ehre steht über der Ehre des Regiments
-und der Uniform? Wessen Ehre ist es?«
-
-»Ich sage Ihnen kein Wort mehr, werde mich aber nicht ausziehen. Ich
-habe in der Tasche eine Pistole und mache Sie darauf aufmerksam, daß ich
-einen jeden niederschieße, der Gewalt gegen mich anzuwenden versucht!«
-
-Als der Jüngling das sagte, wurde er bald blaß und bald feuerrot; er
-keuchte und sah mit irren Blicken auf die Türe; sein einziger Wunsch
-war, sich von hier herauszureißen; man hörte, wie er in der Tasche
-seiner Reithose den Hahn seiner Pistole spannte.
-
-Sascha war mit einem Wort ganz außer sich. Seine Ekstase machte alle
-weiteren Einwände unmöglich und stimmte uns alle nachdenklich.
-
-Der Pole zeigte als erster große und selbst rührende Teilnahme. Seine
-isolierte und daher sehr unvorteilhafte Stellung in unserem Kreise
-gänzlich außer Acht lassend, rief er voller Entsetzen, das seltsam
-ansteckend wirkte:
-
-»Fluch über diesen Tag und dieses Geld! Ich will es nicht mehr, ich
-suche es nicht mehr, ich beklage es nicht mehr, ich werde niemals und
-niemand von diesem Verlust auch nur ein Wort sagen. Aber ich beschwöre
-Sie beim Gott Zebaoth, der Sie alle erschaffen hat, beim Heiland, der
-für Recht und Wahrheit ans Kreuz geschlagen wurde, bei Allem, was Ihnen
-wert und teuer ist, lassen Sie von diesem _Knaben_ ab ...«
-
-Ja, er sagte »Knaben« und nicht »Jüngling«. Plötzlich fügte er mit einer
-gänzlich veränderten, aus der tiefsten Tiefe der Seele dringenden Stimme
-hinzu:
-
-»Beschleunigen Sie den Gang des Schicksals nicht ... Sehen Sie denn
-nicht, wohin er geht? ...«
-
-Sascha ging oder schlich vielmehr tatsächlich an den Offizieren vorbei
-auf die Türe zu.
-
-Der Oberst verfolgte ihn mit seinen gelben Augen und sagte:
-
-»Soll er nur gehen ...«
-
-Dann fügte er leise hinzu:
-
-»Ich glaube, ich fange etwas zu verstehen an.«
-
-Als Sascha die Schwelle erreicht hatte, wandte er sich zu allen um und
-sagte:
-
-»Meine Herren! Ich weiß wohl, wie schwer ich Sie beleidigt habe und wie
-niedrig meine Handlung Ihnen erscheinen muß. Verzeihen Sie mir ...! Ich
-konnte nicht anders ... Es ist mein Geheimnis ... Verzeihen Sie ... So
-verlangt es die Ehre ...«
-
-Seine Stimme bebte wie vor kindlichen Tränen. Er schämte sich ihrer,
-bedeckte die Augen mit der Hand, rief: »Lebt wohl!« und stürzte hinaus.
-
-
-
-
- VIII
-
-
-Es ist sehr schwer, Ereignisse wie dieses gleichgültigen Zuhörern zu
-schildern, wenn man auch selbst nicht mehr so erregt ist, wie man es
-seinerzeit war. Jetzt, da ich Ihnen erzählen muß, was weiter geschah,
-fühle ich, daß ich es unmöglich mit jener Lebendigkeit, Kompaktheit und
-Intensität wiedergeben kann, mit der die Ereignisse sich damals
-überstürzten und sich aufeinander türmten, um gleichsam von einer
-schicksalsschweren Höhe auf die Unzulänglichkeit der menschlichen
-Vernunft herabzublicken und sich gleich wieder in der Natur aufzulösen.
-
-Wenn Sie die Berichte Jacolios oder unserer Landsmännin Rada-Bay gelesen
-haben, so wissen Sie vielleicht noch, was sie von der »psychischen
-Kraft« der Hindus und von der Abhängigkeit dieser Kraft von der
-»geistigen Stimmung« erzählen. Die psychische Kraft wohnt vielleicht
-auch dem Stutzer inne, der, das Stöckchen schwingend, durch die Straßen
-flaniert und »Nun sind wir da, nun sind wir da!« aus dem »Orpheus«
-singt. Nun versuche aber einer zu ergründen, wo in ihm diese Kraft
-steckt und worauf sie sich anwenden läßt. Der Prediger Salomo erläutert
-es trefflich am Beispiele des Schattens, den der Baum in der Richtung
-des auf ihn fallenden Lichtes wirft ... Bei einer allgemeinen Panik
-verlieren alle den Kopf und halten das Nebensächlichste für das
-Wichtigste; ein einziger anders gestimmter Blick sieht aber in diesem
-Moment das einzig Wichtige: da haben Sie einen Fall der »psychischen
-Kraft«.
-
-Ein winziges Teilchen dieser Kraft durchzuckte mich in dem Augenblick,
-als Sascha aus dem Zimmer stürzte. In seiner Bewegung, in seinem
-plötzlichen Sprung war etwas Schreckliches: er war nicht einfach
-weggelaufen, er hatte sich von uns losgerissen, war uns sozusagen auf
-Nimmerwiedersehen entschwebt ... Wir hörten sogar seine Schritte nicht,
-es war nur ein leises Rauschen durch den Korridor ... Der Pole stürzte
-ihm augenblicklich nach ... Wir glaubten, daß er ihn einholen und des
-Diebstahls überführen wolle; ich habe Ihnen schon erzählt, daß Sascha
-vorher das Unglück gehabt hatte, aus Versehen in das Zimmer des Polen
-einzudringen, was diesem das Recht gab, seinen Verdacht gerade auf ihn
-zu richten. Übrigens waren wir alle davon überzeugt, daß der Pole das
-Geld tatsächlich gehabt hatte und daß es ihm in unserem Kreise abhanden
-gekommen war. Mehrere Offiziere stürzten zur Türe, um Awgust Matwejitsch
-den Weg zu versperren, und der Oberst rief ihm zu:
-
-»Sie bleiben hier! Ihr Geld wird Ihnen ersetzt werden!«
-
-Der Pole aber stieß die Offiziere mit unerwarteter Kraft zurück und
-antwortete dem Obersten:
-
-»Der Teufel soll das Geld holen!« Und lief Sascha nach.
-
-Jetzt erst sahen wir den unverzeihlichen Fehler ein, den wir vorhin
-gemacht hatten, als wir uns selbst durchsuchen ließen und dasselbe nicht
-auch vom Polen, der diese ganze Geschichte verschuldet hatte,
-verlangten. Wir stürzten ihm nach, um ihn zu packen und ihm die
-Möglichkeit zu nehmen, das Geld irgendwo zu verstecken und uns hinterher
-zu beschuldigen; aber in diesem selben Augenblick, -- es ging viel
-schneller, als ich es Ihnen erzähle, -- erklang im Korridor etwas wie
-Händeklatschen ...
-
-Uns durchzuckte der Gedanke, daß der Pole Sascha ins Gesicht geschlagen
-hatte, und wir eilten unserem Kameraden zu Hilfe. Die Hilfe war aber
-unnötig ...
-
-In der Türe vor uns stand schwankend die lange, an eine Standuhr
-gemahnende Gestalt Awgust Matwejitschs mit dem Grahamschen Zifferblatt,
-dessen Zeiger nach unten wiesen ...
-
-»Es ist zu spät ...« keuchte er: »_er hat sich erschossen_.«
-
-
-
-
- IX
-
-
-Wir drängten uns in Saschas kleines Zimmer und sahen ein erschütterndes
-Bild: mitten im Zimmer stand, von einer niedergebrannten Kerze
-beleuchtet, Saschas erschrockener Bursche und hielt ihn in seinen Armen,
-während Saschas Kopf auf seiner Schulter ruhte. Die Arme hingen kraftlos
-herab, aber die eingeknickten Kniee zuckten noch, wie wenn man ihn
-kitzelte.
-
-Die Geschichte mit dem Geld, die dies alles verschuldet, die sich
-jedenfalls zur rechten Zeit abgespielt hatte, um dem Erscheinen der
-»hypokratischen Züge« auf dem jugendlichen Gesicht des armen Sascha eine
-Begründung zu geben, war nun vergessen ... Auch die Angst vor einem
-Skandal war völlig in den Hintergrund getreten. Wir legten den
-Verwundeten aufs Bett, schickten nach Ärzten und bemühten uns, ihm, dem
-nichts mehr helfen konnte, Hilfe zu bringen ... Wir versuchten das Blut,
-das unaufhörlich aus der Wunde strömte, zu stillen, riefen ihn bei
-seinem Namen und schrien ihm ins Ohr: »Sascha! Sascha! Lieber Sascha!«
-Er hörte aber wohl nichts mehr; er erlosch und erkaltete und lag nach
-einer Minute auf seinem Bett so steif und unbeweglich wie ein Bleistift.
-
-Viele weinten, und der Bursche schluchzte laut ... Der Zimmerkellner
-Marko drängte sich zu der Leiche vor und sagte leise, seiner religiösen
-Stimmung treu:
-
-»Meine Herren, man darf nicht weinen, wenn eine Seele den Körper
-verläßt. Beten Sie doch lieber!« Mit diesen Worten schob er uns etwas
-zur Seite und stellte auf den Tisch einen Teller mit reinem Wasser.
-
-»Was ist das?« fragten wir ihn.
-
-»Wasser«, antwortete er.
-
-»Wozu?«
-
-»Damit seine Seele sich darin wäscht.«
-
-Marko legte die Leiche ordentlich auf den Rücken und drückte ihr die
-Augenlider zu ...
-
-Wir alle bekreuzigten uns und weinten. Der Bursche fiel in die Kniee und
-schlug mit der Stirne gegen den Fußboden, daß man es hörte.
-
-Zwei Ärzte -- unser Regimentsarzt und einer von der Polizei -- kamen
-gelaufen und konstatierten »die Tatsache des Todes«.
-
-Sascha war tot ...
-
-Wer oder was war die Ursache seines Selbstmordes? Wo ist das Geld, wer
-ist der Dieb, der es genommen hat? Wie wird sich diese Geschichte, die
-wie der Inhalt eines aufgeschnittenen Daunenkissens durch die Luft
-wirbelte und an uns allen kleben blieb, weiter entwickeln?
-
-Allen war es ganz wirr im Kopfe. Die Leiche hatte aber doch die Kraft,
-alle Gedanken auf sich zu lenken und uns zu zwingen, sich in erster
-Linie mit ihr zu befassen.
-
-In Saschas Zimmer erschienen Polizeibeamte, Ärzte und Heilgehilfen, und
-man begann ein Protokoll aufzunehmen. Unsere Gegenwart wurde als störend
-befunden, und man ersuchte uns, das Zimmer zu verlassen. Man entkleidete
-Sascha und durchsuchte seine Sachen in Gegenwart von Zeugen, unter denen
-sich der Zimmerkellner Marko, unser Regimentsarzt und einer der
-Offiziere als Delegierter befanden. Das Geld wurde selbstverständlich
-nicht gefunden.
-
-Unter dem Tische fand man die Pistole und auf dem Tische einen Zettel,
-auf dem Sascha mit flüchtiger Schrift hingekritzelt hatte: »Papa und
-Mama, verzeiht mir, ich bin unschuldig.«
-
-Um dieses zu schreiben, hatte er wohl kaum mehr als zwei Sekunden
-gebraucht.
-
-Der Bursche, der Zeuge des Selbstmordes gewesen war, erzählte, daß
-Sascha, gleich als er in sein Zimmer hereingestürzt war, stehend diese
-Zeilen geschrieben, sich dann die Kugel ins Herz gejagt hatte und
-sterbend in seine Arme gefallen war.
-
-Der Soldat wiederholte diesen Bericht einige Male in der gleichen
-Fassung allen, die ihn ausfragten. Dann stand er schweigend da und
-zwinkerte mit den Augen. Als aber Awgust Matwejitsch auf ihn zuging, ihm
-in die Augen blickte und ihn nach weiteren Einzelheiten ausfragen
-wollte, wandte sich der Bursche an den Rittmeister und sagte:
-
-»Herr Rittmeister, erlauben Sie, daß ich hinausgehe und mich wasche: an
-meinen Händen ist Christenblut.«
-
-Man erlaubte es ihm, weil er tatsächlich über und über mit Blut befleckt
-war, was einen schrecklichen Anblick bot.
-
-Das alles spielte sich bei Tagesanbruch ab; der Himmel rötete sich
-schon, und das erste Morgenlicht drang durch die Fenster herein.
-
-In den von den Offizieren bewohnten Zimmern standen alle Türen nach dem
-Korridor offen, und überall brannte Licht. Einige Offiziere saßen mit
-gesenkten Köpfen ganz fassungslos in ihren Zimmern. Alle sahen mehr wie
-Mumien als wie lebende Menschen aus. Der Rausch hatte sich wie ein Nebel
-verflüchtigt, ohne auch eine Spur zu hinterlassen ... Alle Gesichter
-drückten Verzweiflung und Trauer aus ...
-
-Der arme Sascha! Wenn sein Geist sich noch für die irdischen Dinge
-interessieren könnte, so würde er sicher einen Trost darin finden, daß
-alle mit solcher Liebe an ihm hingen und daß es allen so weh tat, ihn,
-den blühenden und lebensvollen Jüngling zu überleben!
-
-Auf ihm lastete aber ein Verdacht ... ein schrecklicher, schändlicher
-Verdacht. Wer würde es aber jetzt wagen, von diesem Verdacht zu seinen
-alten Kameraden zu sprechen, über deren bekümmerte Gesichter die Tränen
-rollten? ...
-
-»Sascha! Sascha! Armer junger Sascha! Was hast du getan?« flüsterten
-alle Lippen, und plötzlich standen alle Herzen still, und ein jeder von
-uns fragte sich: »Bist du nicht auch selbst schuld daran? Hast du nicht
-gesehen, in welcher Verfassung er war? Hast du auf deine Kameraden
-einzuwirken versucht, daß sie ihn in Ruhe ließen? Hast du ihnen gesagt,
-daß du ihm vertraust und die Unantastbarkeit seines Geheimnisses
-achtest? Sascha! Armer Sascha! Was ist das für ein Geheimnis, das ihn
-zugrunde gerichtet hat, das er ins Jenseits mitgenommen hat? ... Er ist
-natürlich rein und von jedem schmählichen Verdacht frei ... Fluch über
-den, der ihn in den Tod getrieben hat!«
-
-Wer hat es aber getan?
-
-
-
-
- X
-
-
-Awgust Matwejitschs Türe stand ebenso offen wie die Türen aller
-Offizierszimmer; es brannte aber darin kein Licht, und im blassen
-Morgenscheine konnte man nur einen eleganten Reisekoffer und anderes
-Gepäck unterscheiden. In einer Ecke stand das leicht aufgewühlte Bett.
-
-Wenn man an diesem Zimmer vorbeiging, hatte man den Wunsch, stehen zu
-bleiben und einen Blick hineinzuwerfen: Was birgt dieses Zimmer? Woher
-und wofür ist dieses Unglück über uns gekommen?
-
-Mich zog es hin, nachzuschauen, ob das verschwundene Geld nicht in
-diesem Zimmer sei: hat nicht der Pole selbst das Geld in seinem Zimmer
-vergessen und dann diese ganze Geschichte inszeniert, die uns so viel
-Unannehmlichkeiten und den Verlust unseres schönen, jungen Kameraden
-gekostet hat? Ich war schon bereit, in das Zimmer einzudringen und es zu
-durchsuchen; glücklicherweise wurde ich aber rechtzeitig gestört.
-
-Aus dem Ende des Korridors, wo sich das große Zimmer befand, in dem
-nachts gespielt und gezecht wurde, riefen mir in diesem Augenblick
-mehrere Stimmen zu:
-
-»Wohin? Wohin? .. Diese Dummheit fehlt uns noch gerade!«
-
-Ich fühlte mich auf einmal verlegen und entmutigt. Ich sah plötzlich
-ein, wie leichtsinnig mein Vorhaben war und wie leicht ich in den
-Verdacht kommen könnte, in diese Sache irgendwie verwickelt zu sein.
-
-Ich bekreuzigte mich und ging mit raschen Schritten auf die Stimmen zu,
-die mich von meinem Vorhaben abgebracht hatten.
-
-Vor dem noch finstern, nach Norden gehenden Korridorfenster saßen auf
-der mit einer schmutzigen Pferdedecke bedeckten Bank, die dem Burschen
-des Rittmeisters als Lager diente, drei Offiziere und unser
-Regimentspfarrer. Der Pfarrer trug sein langes Haar zum Zopf geflochten
-und hatte einen üppigen blonden Vollbart, dem er den Namen »Vater
-Barbarossa« verdankte. Er war sehr gutmütig, nahm sich alle unsere
-Regimentsaffären zu Herzen, drückte aber seine Gefühle nicht durch
-Worte, sondern nur durch ein vielsagendes Kopfnicken und ein gedehntes
-»Ja« aus. Nur in den dringendsten Fällen sprach er etwas mehr und zeigte
-dann immer Geistesgegenwart und Findigkeit.
-
-Die drei Offiziere und der Pfarrer rauchten abwechselnd aus zwei
-Pfeifen. Der Pfarrer saß in der Mitte der Gruppe und bekam daher die
-Pfeife wie von rechts, so auch von links gereicht; auf diese Weise hatte
-er vom Rauchen den doppelten Genuß, den er außerdem noch auf die Weise
-vergrößerte, daß er nach jedem Zug aus der Pfeife sich das Gesicht mit
-dem herrlichen Vollbart bedeckte und den Rauch ganz langsam durch diesen
-eigenartigen Respirator hinausließ.
-
-Diese guten Menschen saßen auf ihrer Bank nahe bei dem Zimmer des
-Rittmeisters, das jetzt abgesperrt war; drinnen wurde lebhaft, aber
-gedämpft gesprochen. Man hörte mehrere Stimmen, konnte aber kein
-einziges Wort unterscheiden.
-
-Hinter der verschlossenen Tür befanden sich unser Regimentskommandeur,
-der Rittmeister und der Urheber des ganzen Unglücks -- Awgust
-Matwejitsch. Der Oberst selbst hatte die beiden Herren zu dieser
-Besprechung eingeladen, niemand wußte aber, was er von ihnen wollte. Die
-drei Offiziere und der Pfarrer hatten aus eigenem Antriebe den Posten in
-der Nähe des Zimmers bezogen, um den Kameraden zur Hilfe eilen zu
-können, wenn die Auseinandersetzung sich zuspitzen sollte.
-
-Diese Befürchtungen erwiesen sich aber als grundlos: das Gespräch wurde,
-wie gesagt, in höchst anständiger Form geführt; der Ton wurde immer
-weicher und klang zuletzt durchaus freundschaftlich und herzlich. Dann
-hörten wir, wie die Stühle zurückgeschoben wurden und wie zwei Herren
-sich der Türe näherten.
-
-Der Schlüssel wurde umgedreht, und in der offenen Tür erschienen der
-Regimentskommandeur und Awgust Matwejitsch.
-
-Ihr Gesichtsausdruck war, wenn auch nicht gerade ruhig, so doch
-jedenfalls friedfertig.
-
-Der Oberst drückte dem Polen die Hand und sagte:
-
-»Ich freue mich, daß ich Ihnen die Gefühle entgegenbringen kann, die Sie
-mir unter diesen schrecklichen Umständen einzuflößen verstanden. Ich
-bitte Sie, meiner Aufrichtigkeit ebenso zu vertrauen, wie ich der
-Ihrigen vertraue.«
-
-Der Pole verbeugte sich vor ihm mit großer Würde und begab sich
-schweigend auf sein Zimmer; der Oberst aber wandte sich an uns mit den
-Worten:
-
-»Ich eile nach Hause und bitte Sie, sich zum Rittmeister zu begeben: Sie
-werden von ihm erfahren, wie wir uns alle zu verhalten haben.«
-
-Der Oberst nickte uns zu und begab sich zum Ausgang. Noch ehe die Türe
-unten hinter ihm ins Schloß gefallen war, füllten wir schon das Zimmer
-des Rittmeisters.
-
-
-
-
- XI
-
-
-Unser Rittmeister war ein Prachtkerl, aber nervös und aufbrausend. Er
-war schlagfertig und klug, konnte sich aber nicht beherrschen, und seine
-Redegabe war echt militärisch: er verstand wohl zu befehlen, aber nicht
-zu erzählen und seine Gedanken darzulegen.
-
-So war er auch in diesem Augenblick. Er riß seine Halsbinde von sich und
-warf uns allen wütende Blicke zu.
-
-»Nun, das sind schöne Geschichten, nicht wahr?« wandte er sich an den
-Pfarrer.
-
-Dieser sagte nur »Ja, ja, ja« und nickte.
-
-»Das ist es eben: ja, ja, ja! Gute Werke haben schöne Folgen!«
-
-Der Pfarrer sagte wieder: »Ja, ja, ja.«
-
-»Das wäre aber eigentlich Ihre Sache!«
-
-»Was denn?«
-
-»Uns ganz andere Stimmungen beizubringen ...«
-
-»Ja.«
-
-»Sie haben aber gar keinen Einfluß auf uns.«
-
-»Unsinn!«
-
-»Es ist kein Unsinn. Was sind Sie jetzt hergekommen? Viel notwendiger
-braucht man jetzt einen Küster, damit er bei der Leiche die Psalmen
-liest.«
-
-»Wie steht es? Was sollen wir tun?« drangen die Offiziere in ihn. »Der
-Oberst ist fort, und Sie sind aufgeregt und machen dem Pfarrer eine
-Szene ... Würden wir denn auf ihn hören, wenn er uns bekehren wollte? ..
-Wo ist der Pole? Weiß der Teufel, ob er das Geld überhaupt gehabt hat.
-Was treibt er jetzt allein auf seinem Zimmer? Sagen Sie bitte, was Sie
-beschlossen haben! Wer ist der Schuldige?«
-
-»Der Teufel ist der Schuldige! Sonst gibt es keinen Schuldigen!«
-antwortete der Rittmeister.
-
-»Aber dieser Pole ...«
-
-»Der Pole ist über jeden Verdacht erhaben ...«
-
-»Wer hat Ihnen das eröffnet?«
-
-»Wir selbst, meine Herren, wir selbst! Ich und unser Regimentskommandeur
-bürgen für ihn. Wir behaupten nicht, daß er der ehrlichste Mensch ist,
-wir sehen aber, daß er die Wahrheit spricht, daß er das Geld gehabt hat
-und daß es verschwunden ist. Nur der Teufel allein kann es gestohlen
-haben ... Daß das Geld tatsächlich vorhanden war, folgt schon daraus,
-daß, als der Oberst, der jeden Skandal vermeiden möchte, ihm hier in
-meiner Gegenwart die zwölftausend Rubel anbot, er auf sie verzichtete
-...«
-
-»Er verzichtete?«
-
-»Ja, und noch mehr als das: er verpflichtete sich aus eigenem Antrieb,
-keine Anzeige über den Verlust zu erstatten und keinem Menschen auch nur
-ein Sterbenswort von dieser verfluchten Angelegenheit zu sagen. Kurz, er
-benahm sich so korrekt, vornehm und feinfühlend, wie man es nur wünschen
-kann.«
-
-»Ja, ja, ja!« versetzte der Pfarrer.
-
-»Der Oberst und ich gaben ihm im Namen aller das Wort, daß wir ihm unser
-volles Vertrauen entgegenbringen und uns während eines ganzen Jahres als
-seine Schuldner betrachten werden; wenn die Sache sich vor Ablauf dieses
-Jahres nicht aufklärt und das Geld nicht zum Vorschein kommt, so
-bezahlen wir ihm die zwölftausend Rubel, und er verpflichtet sich, sie
-anzunehmen ...«
-
-»Selbstverständlich nehmen wir diese Schuld auf uns und werden sie
-gewissenhaft abzahlen«, fielen ihm die Offiziere ins Wort.
-
-»Meine Herren«, fuhr der Rittmeister etwas leiser fort, »er ist aber
-fest überzeugt, daß wir nichts zu zahlen brauchen werden; er behauptet,
-daß das Geld sich finden wird. Er sagt das so bestimmt und mit solcher
-Überzeugung, daß, wenn wahrhaftig der Glaube Berge versetzen kann, seine
-Erwartung sicher in Erfüllung gehen muß. Ja, sie muß sich erfüllen, denn
-sie ist mit Blut erkauft ... Er hat mit seinem Glauben auch mich und den
-Kommandeur angesteckt. Er bat uns zwar, ihn zu durchsuchen, wir
-verzichteten aber darauf ... Wenn Sie es aber wünschen, so können Sie es
-noch nachholen; er sitzt in seinem Zimmer und erwartet Sie, Sie können
-es tun. Ich stelle Ihnen aber eine Bedingung: alles muß unter uns
-bleiben. Sie müssen sich dazu mit Ihrem Ehrenwort verpflichten.«
-
-Wir gaben ihm das Ehrenwort, durchsuchten aber den Polen nicht. Wir
-gingen nur alle zu ihm ins Zimmer und drückten ihm stumm die Hand.
-
-
-
-
- XII
-
-
-Und doch blieb in uns allen neben der Trauer um den Kameraden ein
-schwerer Zweifel zurück. An Saschas Leiche wurde aber indessen die
-Sektion vorgenommen, man fälschte den Tatbestand und schrieb ins
-Protokoll, daß er den Selbstmord »in einem Anfall von Wahnsinn« verübt
-habe; der Pfarrer segnete die Leiche ein, und der Küster las eintönig
-den Psalm: »Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet
-meine Seele, Gott, zu dir.«
-
-Wir alle waren in gedrückter Stimmung. Wir gingen auf und ab, rauchten
-bis zur Bewußtlosigkeit und weinten sogar ab und zu. Eine solche Jugend,
-eine solche Frische mußte erlöschen! .. So wenig hatte er vom Honig
-gekostet und mußte schon sterben!
-
-Wir alle, in Schlachten erprobte oder jedenfalls zu Schlachten bestimmte
-Männer waren auf einmal zu Waschlappen geworden. Der Pole verschob seine
-Abreise: er wollte mit uns Sascha zum Grabe geleiten und dessen Vater
-sehen, der, gleich am Morgen benachrichtigt, gegen Abend ankommen
-sollte.
-
-Wenn der Zimmerkellner Marko nicht gewesen wäre, so hätten wir wohl die
-Stunden der Mahlzeiten vergessen; er aber sorgte für uns und auch für
-die Leiche. Er wusch und kleidete sie ein, sagte uns, was und wo man
-kaufen müsse und redete auf uns ein, wir sollten uns beruhigen.
-
-»Alles geht nach dem Willen Gottes.« pflegte er zu sagen. »Wir sind wie
-Gras.«
-
-Er war immer auf dem Sprung und machte allerlei Besorgungen. Man
-verhaftete die Hotelbediensteten unter verschiedenen Vorwänden und
-durchsuchte ihre Sachen. Auch Saschas Bursche wurde durchsucht und
-verhört, ob der Selbstmörder ihm vor dem Tode nichts übergeben hätte.
-
-Der Soldat schien die Frage im ersten Augenblick nicht verstanden zu
-haben. Nach einer Weile antwortete er aber:
-
-»Der Herr Kornett hat mir keinerlei Geld übergeben.«
-
-»Weißt du, was auf Hehlerei steht?«
-
-»Jawohl.«
-
-Selbstverständlich wurde er nicht von uns, sondern von den
-Gerichtsbeamten verhört, denen man bekanntlich keinen Überfluß an
-Zartgefühl vorwerfen kann.
-
-Man ließ den Burschen laufen, und bald darauf sah man ihn schon mit dem
-Putzen von Saschas Reservestiefeln beschäftigt.
-
-
-
-
- XIII
-
-
-Abends kam der Vater, ein noch nicht sehr alter, etwa
-zweiundfünfzigjähriger Herr von angenehmem Äußeren. Er hatte eine
-militärische Haltung, trug die Uniform eines verabschiedeten Offiziers
-und Sporen, aber keinen Schnurrbart. Wir kannten ihn noch nicht und
-merkten garnicht, wie er in das Zimmer seines Sohnes trat; wir sahen ihn
-erst, als er wieder herauskam.
-
-Gleich nach seiner Ankunft fragte er nach dem Burschen, ließ sich von
-ihm ins Sterbezimmer führen und verblieb dort mit ihm unter vier Augen
-mehrere Minuten. Als er dann zu uns in den Saal trat, mußten wir über
-die stille Majestät in seinen Zügen staunen.
-
-»Meine Herren,« sagte er, sich vor uns verbeugend, »ich stelle mich
-Ihnen vor: ich bin der Vater Ihres unglücklichen Kameraden. Mein Sohn
-ist tot, er hat selbst Hand an sich gelegt und mich und seine Mutter in
-namenloses Unglück gestürzt ... Aber er konnte nicht anders, meine
-Herren ... Er starb wie ein Mann von Ehre und Gewissen ... Und dies ist,
-glauben Sie es mir, mein einziger Trost ...«
-
-Mit diesen Worten ließ sich der alte Herr, der unsere Herzen sofort
-gefangen genommen hatte, in einen Sessel vor dem runden Tisch sinken,
-vergrub das Gesicht in die Hände und begann laut wie ein Kind zu
-schluchzen.
-
-Ich reichte ihm mit zitternder Hand ein Glas Wasser.
-
-Er trank davon zwei Schluck, drückte mir freundlich die Hand und sagte:
-
-»Ich danke Ihnen allen, meine Herren!«
-
-Dann fuhr er sich mit dem Tuch über das Gesicht und sagte:
-
-»Das ist noch nicht das Schwerste ... Was bin ich? Aber wie soll ich es
-meiner Frau sagen? ... Das Mutterherz wird es nicht ertragen können!«
-
-Er wischte sich wieder die Tränen aus den Augen und begab sich zum
-Obersten, um sich ihm vorzustellen.
-
-Auch zum Obersten sagte er, daß Sascha »wie ein Mann von Ehre und
-Gewissen« gestorben sei und daß er anders gar nicht hätte handeln
-können.
-
-Der Oberst starrte ihn lange an, lutschte dabei, wie es seine Gewohnheit
-war, an einem Bonbon und sagte schließlich:
-
-»Sie wissen doch, daß dem Selbstmorde ein gewisser unglücklicher Umstand
-vorangegangen war ... Wir sind ja miteinander verwandt, und ich kann und
-muß Ihnen alles sagen. Ich glaube an nichts, aber das Benehmen des
-Kornetts war immerhin etwas sonderbar ...«
-
-»Sein Benehmen war durchaus korrekt, Herr Oberst!«
-
-»Ich glaube es Ihnen; wenn Sie aber doch den Schleier, der das Geheimnis
-vor uns verdeckt, ein wenig lüften wollten ...«
-
-»Ich kann es nicht, Herr Oberst ...«
-
-Der Oberst zuckte die Achseln.
-
-»Was soll man machen?!« sagte er. »Nun, mag es so bleiben.«
-
-»Nur noch eines, Herr Oberst. Der fürstliche Generalbevollmächtigte wird
-sein Geld nicht vom Regiment, sondern von mir bekommen. Dies ist mein
-trauriges Vorrecht.«
-
-»Ich wage nicht zu widersprechen.«
-
-Saschas Vater überreichte an diesem selben Tag dem Polen unter vier
-Augen die zwölftausend Rubel.
-
-Awgust Matwejitsch nahm das Geld in die Hand, sagte: »Um nichts in der
-Welt!« und steckte es dem Alten in die Tasche. Dann setzten sie sich
-einander gegenüber und fingen beide zu weinen an.
-
-»Großer Gott! Großer Gott!« rief der Alte. »Er hat so ehrenhaft, so
-vornehm gehandelt, und doch ist noch ein Bösewicht im Spiele, der den
-Diebstahl verübt hat.«
-
-»Man wird ihn schon finden.«
-
-»Ja, aber mein Sohn wird nicht wieder lebendig!«
-
-
-
-
- XIV
-
-
-Worin bestand nun das Geheimnis?
-
-Damit meine Erzählung endlich einmal verständlich wird, muß ich es nun
-verraten:
-
-Sascha trug an seiner Brust das Aquarellbildnis seiner geliebten rosigen
-Kusine Anna, die nun die Frau seines Obersten war und just in dem
-Augenblick, in dem Sascha sich das Leben genommen, einem neuen
-menschlichen Wesen das Leben geschenkt hatte.
-
-Dieses Bildnis war weniger das Pfand leidenschaftlicher Liebe als
-unschuldsvoller kindlicher Freundschaft und keuscher Gelübde; die rosige
-Anna war aber die Frau des Obersten geworden, dieser wurde auf ihren
-Vetter eifersüchtig, und Sascha mußte die Qualen eines Don Carlos
-erdulden. Als diese Qual ihn schon beinahe wahnsinnig gemacht hatte, kam
-die Geschichte mit dem Geld und der Durchsuchung, der obendrein auch
-noch der Oberst beiwohnte, dazwischen.
-
-Sascha hatte das Geheimnis seiner Kusine treu bewahrt.
-
-Als er die Pistole schon vor die Brust hielt, händigte er das Bildnis
-seinem Burschen ein und sagte ihm:
-
-»Ich beschwöre dich bei Gott: übergib es dem Vater.«
-
-Dieser gab es auch dem Vater vor dem Sarge des Sohnes.
-
-Der Vater sagte, daß der Sohn wie ein Mann von Ehre und Gewissen
-gestorben sei.
-
-Das Bildnis war unschuldig, ziemlich unähnlich und trug in winziger
-Schrift die Widmung: »Dem lieben Sascha seine treue Anna.«
-
-Und kein Wort mehr ...
-
-Heute erscheint es komisch, vielleicht sogar dumm! Vielleicht ist es
-auch wirklich dumm. »Jede Zeit hat ihre Vögel, jeder Vogel hat sein
-Lied.« Ich will nichts rechtfertigen und nichts kritisieren; ich will
-nur von den Männern sprechen, die den Frauen _interessant_ erschienen.
-
-Was war eigentlich dieser Kornett Sascha? Eine Null, oder sehr wenig, --
-ein rosiger Knabe, ein Junker, ein gemästetes Muttersöhnchen in Uniform.
-Er hatte keinerlei bezaubernde Gaben außer der Gabe der Jugend und des
-... unbeugsamen Gefühls für die persönliche Ehre der Frau ... Sie werden
-wohl sagen: ist denn das wert, daß man davor anbetend in die Knie sinkt?
-Ich will Ihnen aber erzählen, wie die Leute aufs Angesicht fielen!
-
-Das Geheimnis, das ich Ihnen eben zum Verständnis der Geschichte
-eröffnen mußte, war damals natürlich keinem Menschen in der Stadt
-bekannt; der Bursche kannte es nur zum Teil, und nur der Vater begriff
-es vollkommen. Außerdem kam noch ein neuer Umstand hinzu, der die Sache
-noch dunkler und verworrener erscheinen lassen mußte: der Zimmerkellner
-Marko erzählte vielen Leuten unter Diskretion, daß er mit eigenen Augen
-gesehen habe, wie der Bursche des Verstorbenen dem Vater etwas
-eingehändigt hätte. Was mochte es wohl sein, das der eine so
-geheimnisvoll übergeben und der andere ebenso geheimnisvoll eingesteckt
-hatte? ... Das weiß Gott allein! Marko bekreuzigte sich und sagte:
-
-»Ich will keine Sünde auf meine Seele nehmen, -- ich konnte nicht sehen,
-was es war; ich sah nur ein in Papier eingewickeltes Paketchen.«
-
-War das vielleicht das Geld? Warum sollte man unter diesen Umständen,
-die von Augenblick zu Augenblick verworrener wurden und den
-demoralisierenden Verdacht immer weiter um sich verbreiteten, nicht auch
-an eine solche Möglichkeit denken? ... Ist denn nicht ein jeder, der ein
-Paar Hände hat, auch imstande, sich mit ihnen das Geld anzueignen? Den
-Dieb ausfindig zu machen, -- das ist die wichtigste Aufgabe: und die
-Pflicht eines jeden ist, keinen noch so winzigen verdächtigen Umstand
-außer Acht zu lassen ...
-
-Ja, die Pflicht eines jeden, dessen argwöhnische Augen besser sehen als
-das lichte Auge eines rührseligen Herzens; die Menschheit ist aber zu
-ihrem großen Glück auch seelischen Offenbarungen zugänglich; die
-Menschen betasten gleichsam die unsichtbare Wahrheit und ehren, durch
-nichts gehemmt, einem elementaren Triebe gehorchend, das Unglück mit
-ihren Tränen. Das sind heilige Stürme, die herabgesandt werden, um den
-dicken erstickenden Nebel zu zerreißen; sie sind ein Hauch aus dem
-Jenseits, sie sind eine Offenbarung, in der alles Verworrene klar wird.
-
-Man ließ Marko nicht viel erzählen, was er alles gesehen haben wollte.
-Alle _wußten_, daß der Bursche dem Vater des unglücklichen Sascha ein
-_weibliches Bildnis_ übergeben hatte. Keine einzige Menschenseele wollte
-daran auch nur einen Augenblick zweifeln; davon zeugte das Licht, wenn
-es ins Fenster des Zimmers blickte, in dem die geheimnisvolle Übergabe
-stattgefunden hatte; jeder Windhauch bestätigte es, und die Lerche sang
-davon, in die Lüfte steigend ...
-
-Saschas Beerdigung war nicht feierlich und nicht einmal rührend, sondern
-erschreckend. Sie haben wohl alle, meine Herren, sogenannte »prunkvolle«
-Beerdigungen gesehen. Ich meine garnicht die Beerdigungen mit großer
-Parade, in denen sich nur die menschliche Eitelkeit äußert. Denken Sie
-aber an die uns aus Beschreibungen bekannte Beerdigung Gogols,
-Nekrassows oder Dostojewskijs, die allgemein als »weltgeschichtliche
-Ereignisse« angesehen wurden. Sicher war in allen diesen Fällen auch
-viel aufrichtiges Gefühl dabei, die Aufrichtigkeit wurde aber von
-Nebensächlichkeiten erdrückt. Ich selbst habe der Beerdigung des
-Generals Skobelew in Moskau beigewohnt. In diesem Falle war vielleicht
-etwas mehr echte Trauer zum Durchbruch gekommen ... Sie können, wenn Sie
-wollen, mich auslachen, ich muß aber sagen, daß Saschas Beerdigung auf
-mich einen unvergleichlich tieferen Eindruck gemacht hat als jede andere
-... Auch er wurde als Offizier mit allen vorgeschriebenen militärischen
-Ehren beerdigt, aber alle diese Zeremonien standen nicht im Vordergrund
-und wurden von den meisten überhaupt nicht beachtet. Die echte Trauer
-der Menschen, die von überall herbeigeströmt waren, um beim Anblick
-seines jugendlichen, totenblassen Gesichts zu weinen und vor Kummer zu
-vergehen, hatte alles andere erdrückt und die ganze Luft in Beben
-versetzt.
-
-
-
-
- XV
-
-
-Wir hatten zu dieser Beerdigung niemand außer den Angehörigen der
-Schwadron, in der der Verstorbene gedient hatte, eingeladen; die Leute
-strömten aber auch ungeladen von allen Seiten herbei. Auf dem ganzen
-Wege vom Hotel bis zur Friedhofskirche standen Menschen aller Stände
-Spalier. Die Frauen waren in der Mehrzahl. Niemand hatte ihnen erklärt,
-was sie zu beweinen hätten. Sie wußten es aber selbst und trauerten um
-das junge Leben, das sich aus »Adliger Gesinnung« selbst vernichtet
-hatte. Ich gebrauche gerade dieses Wort, das damals in aller Munde war:
-
-»Der Arme ist für seine adlige Gesinnung gestorben!«
-
-»Hat sich für sein Herzliebchen aufgeopfert!«
-
-Da steht so eine alte Tante aus der Vorstadt und jammert:
-
-»Der Liebe, Herzige ... hat aus adliger Gesinnung das Leben hingegeben
-...«
-
-Und wo man auch lauschte, überall konnte man nur ähnliche warme,
-herzliche Worte hören. Alle duzten ihn dabei und bemühten sich,
-möglichst freundlich zu sprechen, gleichsam sein Herz zu liebkosen:
-
-»Mein lieber Kleiner! ... Du Junger, Edler! ...«
-
-»Du mein gefühlvoller Engel! ... Wie sollte man dich nicht lieben?!«
-
-Alles in diesem Sinne. Damen vom Adel, Kaufmannsfrauen, Popentöchter,
-Kleinbürgerinnen, Dienstmädchen und Varieté-Zigeunerinnen -- diese
-letzteren als Meisterinnen und Priesterinnen des tragischen Stils in der
-Liebe in erster Linie -- alle stammeln mit bebenden Lippen herzliche
-Worte und beweinen ihn wie ihren besten Freund, wie ihren eigenen
-Geliebten, als ob sie ihn zum letzten Male in ihren Armen hielten und
-liebkosten.
-
-Alle diese Frauen waren aber in keiner Beziehung hervorragend; sie
-kannten Sascha auch garnicht, hatten ihn vorher noch nie gesehen und
-hätten ihn vielleicht auch nicht lieb gewonnen, wenn sie ihn, so wie er
-im Leben war, mit allen seinen guten und schlechten Eigenschaften
-gekannt hätten. Aber jetzt, wo sie wußten, daß er aus »adliger
-Gesinnung« für sein »Herzliebchen« gestorben war, hatten sie gar keine
-Zeit, sich durch irgendwelche Überlegungen zu ernüchtern: sie konnten
-nur weinen und klagen ... Jede Seele verging vor Wehmut.
-
-Der bekannte Kanzelredner, Erzbischof Innokentij rührte einmal alle
-Herzen, als er statt einer richtigen Grabpredigt nur die Worte sagte:
-»Er liegt im Sarge, -- laßt uns weinen.« Nur diese Worte sagte er, und
-alle flossen in Tränen. Ein Fieber hatte alle Herzen ergriffen. Als die
-Frauen Sascha im Sarge sahen (in unseren Städten werden die Toten in
-offenen Särgen zum Friedhof getragen), fanden sie sein durchaus
-gewöhnliches Gesicht erhaben und herrlich ... Sie sagten: »In diesem
-Gesicht steht geschrieben: Treue bis in den Tod!«
-
-Es ist ganz gleichgültig, ob in seinem Gesicht tatsächlich das oder
-etwas ganz anderes geschrieben stand. Sie lasen nur das, was ihre Augen
-sahen, und das genügt.
-
-Alle Lippen zittern, und alle Gesichter sind feucht von Tränen; alle
-sind gerührt und alle sprechen zu ihm:
-
-»Schlaf, schlaf, du Märtyrer!«
-
-In der Kirche herrscht eine andere, noch stärkere Stimmung. Keine
-Predigt wagt den heiligen Schauer der Grabgesänge des Johannes von
-Damaskus zu stören. Seine poetischen Wehklagen brennen und heilen
-zugleich die Wunde.
-
-Ich muß Ihnen, meine Herren, sagen, daß wir uns wirklich vor dem Herrn
-niederwarfen! ... Wie groß Saschas Vergehen, vom Standpunkte der
-theologischen Wissenschaft aus betrachtet, war, konnten die ihn
-Beweinenden nicht beurteilen; sie flehten aber den Herrn so inständig
-an, ihn »in seine himmlischen Wohnungen aufzunehmen,« daß ich gar nicht
-weiß, wie man diese Herzensschreie mit den Gründen jener Wissenschaft in
-Einklang bringen soll. Ich kann es jedenfalls nicht.
-
-Es wird oft behauptet, daß es heute keinen guten Prediger mehr gäbe. Ist
-dieser Vorwurf auch gerechtfertigt? Man versteht allerdings nicht gut zu
-predigen, es ist aber auch gar nicht nötig, überall, wo es die Sitte
-verlangt, zu reden. Es gibt Fälle, wo es besser ist, einfach zu weinen,
-wo ein gewöhnliches »Vergib!« oder »Nimm ihn auf!« viel eindringlicher
-ist als jede Predigt, die zuweilen mit verstiegenen Worten entweder die
-Vernunft oder das Gefühl verletzt. Denken Sie nur an den Großinquisitor
-bei Schiller. Darum ziehe ich auch die Beerdigung nach orientalischem
-Ritus vor. Man kommt und geht wie auf den Ruf des Propheten Jesajas: »So
-kommt und laßt uns miteinander rechten ...« Wie soll man aber mit Ihm
-rechten? Es ist ja klar, wer siegen wird. Du kannst aber alles, Du hast
-den Menschen berufen ... vergiß, verzeih und vergib ihm alles, worin er
-sich vor Dir nicht rechtfertigen kann ...
-
-Man denkt an die Parabel vom Mächtigen, der nichts fürchtete und nichts
-scheute; als man aber mit großem Eifer in ihn drang, da sagte er: »Ich
-werde es tun.« Und man fühlt sich beruhigt.
-
-Und Er, der das Ohr erschaffen hat, um alles zu hören, kann Er denn
-einschlafen und dem Flehen so vieler gerührter Herzen kein Gehör
-schenken? ...
-
-Bei Saschas Beerdigung gab es einen Zwischenfall mit einer Dame, der
-Witwe eines bekannten Staatsmannes. Die Dame war von altem Adel, sehr
-klug, sehr wohlerzogen, hatte aber den Zunamen: »Schlange«. Dieser
-Zuname war eigentlich recht ungeschickt gewählt: man nannte sie so,
-nicht weil sie böse war -- nein, sie tat niemand etwas zu Leide! --
-sondern weil sie so furchtbar spöttisch war. Diese Dame mochte nichts
-Russisches: weder die Sprache, noch die Religion, noch die Sitten; sie
-verachtete das alles und zwar nicht aus Leichtsinn oder
-Originalitätssucht, sondern tief, aufrichtig und bewußt. Sie tadelte
-nichts und verwarf nichts, sie war einfach der Meinung, daß alles
-Russische nicht die geringste Beachtung verdiene ... Sie wunderte sich
-sogar, daß die Geographen es für nötig hielten, dieses Land in die
-Landkarten einzuzeichnen. Ja, solche Damen hat es damals gegeben! Als
-diese »Schlange« hörte, daß alle Leute irgendeinen Offizier beweinten,
-der sich aus »adliger Gesinnung« erschossen hatte, ließ sie die
-Doppeltüre ihres Balkons, an dem der Leichenzug vorbeiging, aufmachen
-und trat mit einem Lorgnon in der Hand hinaus. Ich kann mich an sie noch
-gut erinnern: schlank, in einem roten, mit Zobel gefütterten Mantel
-steht sie auf dem Balkon und blickt durch ihr Lorgnon herab.
-
-Unser jugendlich schöner Sascha schwimmt aber wie ein vom Winde
-abgebrochener Zweig über das Meer der Menschenköpfe vor ihren Blicken
-vorbei.
-
-Die Schlange unterdrückt einen Seufzer und wendet sich an die
-Engländerin, die neben ihr steht:
-
-»Die Jugend ist überall wahnsinnig, der Wahnsinn gleicht oft dem
-Heldentume, und das Heldentum gefällt der Menge.«
-
-Die Engländerin erwidert:
-
-»O yes!« Dann sagt sie noch, daß das allgemeine Gefühl, von dem diese
-ganze Menge ergriffen sei, sie interessiere. Der Ausländerin zu Gefallen
-läßt sich die Schlange herab, mit ihr in die Kirche zu gehen, wo der
-Hammer des Sargtischlers den letzten Punkt hinter diese Geschichte
-setzen wird.
-
-
-
-
- XVI
-
-
-Gegen alle Gesetze der Architektonik und Ökonomie im Aufbau der
-Erzählung, habe ich zum Schluß diese neue Person auftreten lassen und
-muß ihr nun einige Worte widmen, damit Sie wissen, wie giftig sie war.
-Als ihr Gatte noch lebte, bekamen sie einmal Besuch von einer
-hochgestellten Persönlichkeit, der sich ihr Mann in seinem ganzen Glanze
-zeigen wollte; sie verachtete aber den Mann ebenso wie alle andern
-Menschen, vielleicht auch etwas mehr. Der Mann wußte es und bat sie, ihn
-wenigstens bei dieser Gelegenheit nicht bloßzustellen. Er bat sie nur um
-den einen Gefallen: »Widersprechen Sie mir wenigstens in Gegenwart des
-Gastes nicht.« Sie sah ihn an und versprach es ihm:
-
-»Ich bin sogar bereit, Sie zu unterstützen.«
-
-Der Mann dankte ihr dafür mit einer Verbeugung. Der hohe Gast war
-gutmütig und gab sich gerne einfach. Diesmal wollte er den Vortrag des
-ihm unterstellten Würdenträgers im häuslichen Kreise, am Teetische
-hören, wo ihm die Hausfrau selbst den Tee kredenzte. Der Hausherr begann
-nun zu prahlen, wie gut er alles wisse, kenne, voraussehe und zum
-allgemeinen Wohle ordne ... Er sprach und sprach und verschnappte sich
-zuletzt und sagte auch etwas Wahres. Die »Schlange« fiel in diesem
-Augenblick ein und bestätigte:
-
-»Voilà ça c'est vrai!«
-
-Nur dieses sagte sie. Dem Gast genügte es aber; er lachte auf, küßte ihr
-die Hand und sagte ihrem Gemahl:
-
-»Es ist genug: ich will annehmen, daß tout ça est vrai!«
-
-Als der Gemahl nach diesem Vorfall starb, ließ sie sich hier mit ihrer
-Engländerin nieder und widmete sich ganz der Lektüre ausländischer
-Bücher.
-
-Sie erschien sonst niemals in der Öffentlichkeit. Als sie nun mit ihrer
-Engländerin in die Kirche trat, in der Saschas Leiche eingesegnet wurde,
-erregte sie allgemeines Aufsehen, und alle machten ihr Platz. Die Menge
-selbst schob die beiden Damen nach vorne, gleichsam um sie besser sehen
-zu können. Dem Himmel war es aber nicht genehm, daß etwas
-Nebensächliches die allgemeine Aufmerksamkeit von den Dingen ablenke,
-die den Verstorbenen am nächsten angingen.
-
-Im gleichen Augenblick, als diese beiden imposanten Damen sich durch die
-Menge bewegten, erschien in der Kirchentüre eine dritte weibliche
-Gestalt, eine bescheidene Dame in schwarzem Pelzmantel, der noch von der
-Reise verstaubt war. Ihr Gesicht war der Kummer selbst ...
-
-Niemand kannte sie, alle hatten sie aber sofort erkannt, und durch die
-Menge tönte das eine Wort:
-
-»Die Mutter!«
-
-Man ließ ihr eine breite Straße zu dem ihr so teuren Sarge frei.
-
-Sie ging schnell, beide Arme vor sich ausgestreckt, durch die Menge, die
-vor ihr gewichen war, und als sie den Sarg erreichte, umschlang sie ihn
-mit beiden Armen und erstarrte ...
-
-Und alles fiel nieder und erstarrte zugleich mit ihr. Alle sanken in die
-Knie, und es wurde so still, daß, als die Mutter sich erhob und den
-toten Sohn bekreuzigte, wir alle ihr Flüstern hörten:
-
-»Schlaf, mein armer Junge ... du bist als Ehrenmann gestorben ...«
-
-Sie hatte diese Worte ganz leise, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung
-der Lippen gesprochen, und doch drangen sie allen ins Herz, wie wenn wir
-alle ihre Kinder wären.
-
-Nun erklang der Hammer des Sargtischlers, man trug den Sarg zur
-Ausgangstüre; der Vater führte die unglückliche Mutter am Arm, während
-ihre stillen Blicke in die Höhe gerichtet waren ... Sie wußte wohl,
-woher sie die Kraft, solches Leid zu tragen, schöpfen sollte, und sie
-merkte garnicht, wie junge Frauen und Mädchen sich um sie drängten und
-ihr wie einer Heiligen die Hände küßten ...
-
-Auf dem Wege vom Grabe bis zum Friedhofstore gab es wieder das gleiche
-Gedränge, die gleiche Bewegung.
-
-Vor dem Tore, wo der Wagen auf sie wartete, schien die Mutter zur
-Besinnung gekommen zu sein; sie wandte sich um und wollte allen »Danke!«
-zurufen, wurde aber beinahe ohnmächtig. Die »Schlange«, die neben ihr
-stand, stützte sie und küßte ihr die Hand.
-
-So sehr hatte unser armer Sascha alle Herzen gerührt und gefangen
-genommen; so wurde sein einfacher und vielleicht gar nicht ordentlich
-überlegter Entschluß, »die Frau nicht zu verraten« belohnt und geehrt.
-
-Niemand fragte sich, was das für eine Frau gewesen und ob sie dieses
-Opfers auch wert sei. Das war allen gleich. Was war das auch für eine
-Liebe, und worauf war sie gegründet? Alles hatte im Kinderzimmer, wo sie
-»Vater und Mutter« spielten, begonnen; dann trennten sich ihre Wege; sie
-ist ja so leer, daß sie mit ihrem Mann vielleicht auch glücklich ist; er
-hat sich aber irgendeinen Fetzen aufgehoben und tötet sich dieses
-Fetzens wegen ... Das ist ja ganz gleich! Er ist _schön_, er ist allen
-_interessant_! Es ist so leicht und so süß, um ihn zu weinen.
-
-Mit einem Worte: hier ist niemand durch gesperrten Druck besonders
-hervorzuheben; alle spielen ihre Rollen mit gleichem Ernst und Talent,
-wie die Mitglieder der Meiningenschen Hoftruppe, die vor kurzem ganz
-Petersburg in Entzücken versetzt hat. Alles war mit so tiefem Ernst
-inszeniert!
-
-Die Engländerin, die ich vorhin erwähnte, stand uns doch sicher am
-fernsten. Saschas Tat mußte sie ja mit ganz anderen Augen betrachten,
-als die Varieté-Zigeunerinnen, die ihn beweinten; man könnte annehmen,
-daß sie sich die Sache nur ansehen und sich dann wieder in ihr Gehäuse
-zurückziehen würde. Aber nein: auch sie mußte ihren Pinselstrich dem
-allgemeinen Gemälde beisteuern. Sie schrieb Notizen über Rußland und
-machte die Sache sehr gründlich an Hand der bereits erschienenen Werke
-über unsere Heimat. Sie vervollständigte die von Anderen gemachten
-Beobachtungen über unsere Sitten durch ihre eigenen Wahrnehmungen. Den
-älteren Werken entnahm sie die Behauptung, daß »die Weiber nirgends so
-gemein behandelt werden wie in Moskowien«. Um die von ihr gemachte neue
-Wahrnehmung zu ergründen, wählte sie einen passenden Zeitpunkt und
-wandte sich an Saschas Vater selbst. Sie schrieb ihm einen sehr
-gemütvollen und höflichen Brief, in dem sie ihrem Mitgefühl Ausdruck gab
-und der großen Würde, mit der er und seine Gattin das schwere Leid
-trugen, hohe Bewunderung zollte. Zum Schluß richtete sie an ihn die
-Frage, wo sie ihre Erziehung genossen hätten, der sie diese würdigen
-Gefühle verdankten?
-
-Der Alte antwortete, daß seine Frau ein französisches Pensionat besucht
-hätte, während er selbst von einem Monsieur Ravel aus Paris erzogen
-worden sei.
-
-Die Engländerin fand dies sehr seltsam, die »Schlange« gab ihr aber die
-Aufklärung:
-
-»Wenn sie von einem Seminaristen erzogen worden wären, so hätten Sie
-wohl überhaupt keine Antwort bekommen.«
-
-Damals war man nämlich der Ansicht, daß alles Rohe und Plumpe aus den
-Priesterseminaren komme.
-
-
-
-
- XVII
-
-
-Nun muß ich auch noch die kriminelle Seite der Angelegenheit erledigen.
-Ob das Geld wirklich gestohlen worden war oder nicht, jedenfalls wurde,
-wie Sie sich wohl erinnern, beschlossen, dem Polen seinen Verlust zu
-ersetzen. Auch dies hatte noch seine Fortsetzung.
-
-Außer den Regimentskameraden gab es noch einen freiwilligen Schuldner,
-und zwar einen sehr hartnäckigen -- ich meine Saschas Vater. Den Polen
-kostete es große Mühe, das Geld, das er ihm unbedingt aufdrängen wollte,
-zurückzuweisen. Awgust Matwejitsch benahm sich in der ganzen Affäre
-überhaupt außerordentlich korrekt und vornehm, und wir hatten ihm auch
-nicht das Geringste vorzuwerfen. Niemand zweifelte mehr daran, daß er
-das Geld gehabt hatte und daß es verschwunden war. Warum hatte er denn
-sonst auf die ihm angebotene Zahlung verzichtet und was brauchte er
-überhaupt die ganze unangenehme Geschichte mit dem blutigen Ende?
-
-Die ganze Einwohnerschaft der Stadt, vor der wir unser nächtliches
-Erlebnis natürlich nicht geheim halten konnten, war der gleichen
-Ansicht; ein einziger Mensch sah aber die Sache doch ganz anders an und
-gab uns damit eine harte Nuß zu knacken.
-
-Es war der sonst wenig interessante, von mir schon einigemal erwähnte
-Zimmerkellner Marko. Er war nicht so leicht zu durchschauen: obwohl wir
-unsere Bekanntschaft mit Awgust Matwejitsch nur ihm zu verdanken hatten,
-stand er jetzt durchaus nicht auf seiner Seite, was er uns auch selbst
-gestand.
-
-»Ich bin bereit,« sagte er, »jede Kirchenbuße auf mich zu nehmen, weil
-ich Sie mit dem Herrn bekannt gemacht habe; jetzt glaube ich aber, daß
-es weniger meine Schuld als Gottes Wille war. Und Ihre ganze jetzige
-Sympathie für ihn beruht nur darauf, -- nehmen Sie es mir nicht übel! --
-daß er nicht russischer Abstammung ist; er aber hat es verschuldet, daß
-unser Geschäft jetzt in schlechtem Rufe steht und daß die Polizei unsere
-Angestellten unter allen möglichen Vorwänden einsperrt und überall nach
-dem Gelde forscht ... Es ist nur Sünde und nichts als Sünde ...« schloß
-Marko und zog sich in seine finstere Kammer zurück, wo er einen
-mächtigen Heiligenschrein hatte, vor dem ein ewiges Lämpchen brannte.
-
-Marko tat uns irgendwie leid. Manchmal stand er stundenlang vor den
-Heiligenbildern und dachte über etwas nach.
-
-»Was denkst du immer, Marko?«
-
-Er zuckt die Achseln und antwortet:
-
-»Wie sollte ich nicht denken, meine Herren? So ein Unglück, so eine
-Schande ... eine Christenseele ist zugrunde gegangen!«
-
-Diejenigen, die mit ihm öfters sprachen, kamen zuerst auf einen neuen
-Gedanken, in den sie nach und nach auch die Anderen einweihten.
-
-»Marko ist ein einfacher Mensch,« pflegten sie zu sagen, »aus dem
-Bauernstande; ist aber klug und hat den gesunden Menschenverstand eines
-einfachen russischen Bauern.«
-
-»Und ist obendrein ehrlich.«
-
-»Ja, auch ehrlich. Sonst hätte ihm der Hotelbesitzer das Geschäft
-garnicht anvertraut. Er ist eben ein zuverlässiger Mensch.«
-
-»Ja, ja, ja,« bestätigte der Pfarrer, den Rauch durch seinen breiten
-Bart blasend.
-
-»Er sieht die Dinge ganz einfach an und merkt darum manches, was wir
-nicht merken. Er beurteilt die Sache so: wozu hat der die ganze Sache
-eingebrockt? Das Geld will er ja nicht nehmen. Also braucht er das Geld
-gar nicht ...«
-
-»Es ist klar, daß er es nicht braucht, wenn er es nicht nimmt.«
-
-»Natürlich! Er hat ja das Ganze auch nicht des Geldes wegen eingebrockt
-...«
-
-»Wozu denn sonst?«
-
-»Fragen Sie danach Marko und nicht mich.«
-
-Auch der Pfarrer sagte:
-
-»Ja, ja, ja, wollen wir Marko hören.«
-
-»Und was sagt Marko?«
-
-»Marko sagt: traue dem Polen nicht.«
-
-»Warum denn?«
-
-»Weil er eben Pole und Ketzer ist.«
-
-»Aber erlauben Sie doch! Ketzer ist eine Sache für sich, und Dieb wieder
-eine Sache für sich. Die Polen sind ein Volk mit großer Ambition, und es
-ist nicht ganz anständig, von ihnen so zu denken.«
-
-»Aber erlauben Sie, erlauben Sie!« unterbricht der von Marko inspirierte
-Kamerad: »Sie sagen: man darf von ihm nicht so denken; Sie wissen aber
-gar nicht, was für ein Denken ich meine ... Von einem Diebstahl ist
-nicht die Rede, nicht der geringste Verdacht liegt gegen ihn vor; der
-Pole hat aber das, was Sie vorhin selbst sagten: Ambition.«
-
-»Was für ein Interesse hat er dann, daß das Geld verschwunden sein
-soll?«
-
-»Was für ein Interesse er daran hat?«
-
-»Jawohl!«
-
-»Fällt Ihnen denn selbst gar nichts ein?«
-
-Alle dachten angestrengt nach: Was kann mir dazu einfallen?
-
-»Nein, uns fällt nichts ein.«
-
-»Das kommt eben davon, daß Ihre Köpfe mit Adel vollgestopft sind. Der
-einfache russische Bauer sieht aber, was der Pole will.«
-
-»Nun was will er denn? Sagen Sie es einmal, es geht uns doch alle an!«
-
-»Ja, es geht uns alle an ... Es liegt im Interesse seiner Heimat, uns
-diese Schande anzutun.«
-
-»Mein Gott!«
-
-»Selbstverständlich! Nun kann er überall verbreiten, daß in der
-Gesellschaft russischer Offiziere ein gemeiner Diebstahl möglich ist ..«
-
-»Wenn es sich so verhält, wie Sie es meinen ...«
-
-»Natürlich verhält es sich so!«
-
-»Hol ihn der Teufel!«
-
-»Was für ein tückisches Volk die Polen doch sind!«
-
-Auch der Pfarrer war der gleichen Ansicht und sagte:
-
-»Ja, ja, ja!«
-
-Wir überlegten uns die Sache noch weiter und kamen zum Entschluß, daß
-man Markos Kombination auch dem Kommandeur mitteilen müsse; man dürfe
-ihm aber nicht verraten, daß die Idee von Marko stamme, weil es den
-Eindruck abschwächen könnte; man müsse sich vielmehr auf eine andere
-Quelle von größerer Autorität und geringerer Verantwortlichkeit berufen.
-
-»Jemand hat es im Wirtshaus beim Billardspiel erzählt ...«
-
-»Nein, das klingt nicht gut. Der Oberst wird darauf sagen: Sie haben so
-etwas gehört und sind nicht eingeschritten? So einen Kerl hätten Sie
-doch auf der Stelle verhaften müssen!«
-
-»Man muß eben etwas anderes ausdenken.«
-
-»Was denn?«
-
-Hier half uns der Pfarrer:
-
-»Sie sagen einfach, daß Sie es im Dampfbade gehört haben.«
-
-Dieser Vorschlag gefiel allen. Das war ja in der Tat klug erdacht: das
-Dampfbad ist ein öffentlicher Ort, da reden und schreien alle
-durcheinander, und alle sind nackt. Wer hat es gesagt? -- Geh einer hin
-und stelle es fest; da müßte man doch alle verhaften, denn im Dampfbade
-sind alle Menschen nackt und gleich.
-
-Man nahm diesen Vorschlag an und ersuchte den Pfarrer, ihn auch
-auszuführen.
-
-Der Pfarrer ging am nächsten Tag zum Obersten und erzählte es ihm.
-
-Der Oberst zeigte für das Gerücht Interesse und sagte:
-
-»Das Schlimmste dabei ist, daß es schon zu einem allgemeinen Gerede
-geworden ist ... Selbst im Bade sprechen die Leute schon davon.«
-
-Der Pfarrer fiel ein:
-
-»Ja, ja, ja! Ich habe es selbst im Bade gehört.«
-
-»Und Sie konnten wirklich nicht feststellen, wer das gesagt hat?«
-
-»Nein, ich konnte es beim besten Willen nicht.«
-
-»Das ist sehr schade.«
-
-»Ja ... Ich hätte es selbst gerne festgestellt, konnte es aber nicht,
-weil im Bade alle Menschen gleich sind. Uns geistliche Personen kann man
-noch einigermaßen unterscheiden, weil wir zwar Männer sind, aber Zöpfe
-tragen. Doch die anderen Menschen sehen einander vollkommen gleich.«
-
-»Sie hätten ja den, der es gesagt hat, bei der Hand packen können.«
-
-»Bedenken Sie doch, ein eingeseifter Mensch kann mir leicht
-entschlüpfen! Außerdem befand ich mich gerade auf der obersten Dampfbank
-und konnte den Betreffenden nicht einmal mit der Hand erreichen.«
-
-»Na ja, -- wenn Sie ihn nicht erreichen konnten, so ist eben nichts zu
-machen ... Nun glaube ich, das Beste wäre, die Sache jetzt auf sich
-beruhen zu lassen ... Es ist ja schon einige Zeit verstrichen, und der
-Pole hat uns das Wort gegeben, nach einem Jahre wieder herzukommen ...
-Ich glaube, daß er sein Wort halten wird. Sagen Sie mir jetzt bitte
-folgendes: was halten Sie, als Geistlicher, von den Träumen? Sind die
-Träume Unsinn oder nicht?«
-
-Der Pfarrer antwortete:
-
-»Das hängt von den Überzeugungen ab ...«
-
-»Von was für Überzeugungen?«
-
-»Nein, ich wollte etwas anderes sagen ... Es gibt Träume, die von Gott
-kommen und den Menschen erleuchten; es gibt auch natürliche Träume, die
-von der Verdauung kommen; es gibt auch verderbliche Träume, und diese
-sind vom Bösen.«
-
-»So ist es eben,« antwortete der Oberst. »Aber das ist wohl noch nicht
-alles. Wo würden Sie folgenden Traum einreihen: Meine Frau ist, wie Sie
-wissen, jung, und der verstorbene Kornett war ihr Vetter und
-Jugendfreund; sein Tod hat sie daher sehr erschüttert und abergläubisch
-gemacht. Außerdem ist unser Kind gestorben. Kurz vorher hatte sie aber
-einen Traum.«
-
-»Was Sie nicht sagen!«
-
-»Ja, ja, ja. Was die Träume betrifft, so beurteilt sie diese so, wie Sie
-eben sagten. Ich stehe nicht auf diesem Standpunkte, will aber dem auch
-nicht widersprechen. Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß man
-schlechte Träume hat, wenn man spät zu Abend ißt; solche Träume kommen
-offenbar vom Magen.«
-
-»Ja, vom Magen«, stimmte der Pfarrer zu. »Die meisten Träume kommen vom
-Magen.« Der Oberst ließ ihn aber noch nicht los.
-
-»Jawohl«, fuhr der Oberst fort, »das ist eben die Sache, daß sie keinen
-Traum, sondern eine Vision gehabt hat ...«
-
-»Was, eine Vision?«
-
-»Ja, eine Vision: sie sieht und hört es nicht im Schlafe und nicht mit
-geschlossenen Augen, sondern im Wachen ...«
-
-»Das ist seltsam.«
-
-»Sehr seltsam, -- umsomehr, als sie ihn noch nie gesehen hat!«
-
-»Ja, ja, ja ... Wen hat sie nicht gesehen?«
-
-»Den Polen natürlich!«
-
-»Ach so! .. ja, ja, ja! Ich verstehe.«
-
-»Meine Frau hat ihn niemals gesehen, weil sie während jenes
-unglücklichen Ereignisses zu Bett lag. Sie konnte nicht einmal von der
-Leiche des Unglücklichen Abschied nehmen, -- wir verheimlichten vor ihr
-seinen Tod, damit ihr die Milch nicht in den Kopf steige.«
-
-»Behüte Gott!«
-
-»Gewiß ... Natürlich wäre schon der Tod besser als das ... Es ist wohl
-Wahnsinn. Aber denken Sie sich nur: er verfolgt sie auf Schritt und
-Tritt!«
-
-»Der Verstorbene?«
-
-»Aber nein -- der Pole! Ich bin jetzt sogar sehr froh, daß Sie mich nach
-dem Bade aufgesucht haben und ich mit Ihnen darüber sprechen kann ...
-Vielleicht können Sie mir dazu auf Grund Ihrer geistlichen Praxis etwas
-sagen.«
-
-Und der Oberst erzählte dem Pfarrer, daß unsere junge, rosige
-Kommandeuse immer den Polen vor sich sehe ... Sie schildere unseren
-Awgust Matwejitsch wie er leibt und lebt, und er komme ihr wie eine
-altmodische englische Standuhr vor ...
-
-Als der Pfarrer das hörte, sprang er förmlich auf.
-
-»Das ist ja einfach unglaublich!« rief er aus: »Alle Offiziere nennen
-ihn ja >die Standuhr<!«
-
-»Darum erzähle ich es eben, weil es so unglaublich ist! Stellen Sie sich
-nun vor, daß wir in unserm Salon just eine solche altmodische Standuhr,
-obendrein eine mit einem Glockenspiel stehen haben; wenn man sie
-aufzieht, so hört das Bimmeln gar nicht auf. Meine Frau fürchtet sich
-sogar, in der Dämmerung durch den Salon zu gehen. Wir können aber die
-Uhr nirgends fortschaffen; sie soll auch sehr wertvoll sein, und meine
-Frau hat sie jetzt auch selbst lieb gewonnen.«
-
-»Warum eigentlich?«
-
-»Sie sinnt gerne ... sie glaubt, im Pendelschlag etwas zu hören ... Sie
-hört darin immer die Worte: >Ich -- such! -- Ich -- such!< Jawohl! Sie
-fühlt sich dadurch irgendwie angezogen und hat zugleich unheimliche
-Angst ... Sie schmiegt sich immer an mich und will, daß ich sie in den
-Armen halte. Ich glaube sogar, daß sie wieder in Umständen ist.«
-
-»Ja, ja ... das ist ja bei einer verheirateten Frau wohl möglich ...
-Sogar sehr möglich!« platzte der Pfarrer heraus. Mit diesen Worten lief
-er davon und kam zu uns, so verschwitzt, wie wenn er tatsächlich aus dem
-Dampfbade käme. Er erzählte uns alles in einem Zug, ersuchte uns aber,
-alles geheim zu halten.
-
-Der Verlauf seiner Unterredung mit dem Obersten gefiel uns übrigens
-nicht. Wir waren der Ansicht, daß der Oberst der ihm mitgeteilten
-Entdeckung nicht die gebührende Beachtung geschenkt und sie auf eine
-ganz unpassende Weise mit seinen eigenen Eheangelegenheiten in
-Verbindung gebracht habe.
-
-Einer von uns, ein Kleinrusse, fand dafür sofort eine Erklärung.
-
-»Die Mutter des Obersten«, sagte er, »heißt Veronika Stanislawowna.«
-
-Die anderen fragten ihn:
-
-»Was wollen Sie damit sagen?«
-
-»Nichts weiter, als daß seine Mutter Veronika Stanislawowna heißt.«
-
-Man deutete es natürlich in dem Sinne, daß die Mutter des Obersten Polin
-sei und er daher ungern derartige Ansichten über die Polen höre.
-
-Unsere Offiziere beschlossen, den Obersten gänzlich aus dem Spiele zu
-lassen, und wählten einen Kameraden, der imstande war, jeden beliebigen
-Menschen tätlich zu beleidigen. Dieser Kamerad nahm Urlaub und begab
-sich auf die Suche nach Awgust Matwejitsch, um ihn zu zwingen, das Geld
-anzunehmen; im Falle er die Annahme verweigern sollte, würde er ihn aber
-ins Gesicht schlagen.
-
-Er hätte diesen Beschluß auch sicher ausgeführt, wenn er ihn gefunden
-hätte. Nach der Fügung des Himmels kam es aber ganz anders.
-
-
-
-
- XVIII
-
-
-An einem heißen Tag Ende Mai kam ganz unerwartet Awgust Matwejitsch in
-eigener Person angefahren. Er lief schnell die Treppe hinauf und rief:
-
-»He, Marko!«
-
-Marko, der in seiner Kammer war, wo er wohl vor den Heiligenbildern
-betete, kam sofort herausgesprungen.
-
-»Awgust Matwejitsch«, ruft er: »nun sind Sie endlich wieder einmal
-hier!«
-
-Jener aber antwortet:
-
-»Ja, mein Lieber, ich bin wieder hier. Und du, Schurke, gießt noch immer
-deine Kirchenglocken und verbreitest, damit sie besser läuten, unsinnige
-Gerüchte über anständige Menschen?«
-
-Und mit diesen Worten schlägt er ihn ins Gesicht.
-
-Marko fällt um und schreit:
-
-»Was ist denn das? .. Wofür? ..«
-
-Wir alle, die gerade zu Hause waren, sprangen aus unseren Zimmern heraus
-und wollten schon für Marko eintreten. Was hat er denn für ein Recht,
-Marko zu schlagen: Marko ist ja so ehrlich!
-
-Awgust Matwejitsch aber sagt:
-
-»Ich bitte Sie, einen Augenblick zu warten: mir folgen auf dem Fuße noch
-andere Gäste, in deren Gegenwart ich Ihnen seine Ehrlichkeit beweisen
-werde. Ich bitte Sie nur, ihn nicht anzurühren, damit ich ihn für keinen
-Augenblick aus den Augen verliere.«
-
-Wir traten etwas zurück, und im nächsten Augenblick kam schon die
-Polizei.
-
-Awgust Matwejitsch wandte sich an die Beamten und sagte:
-
-»Wollen Sie ihn verhaften: ich übergebe Ihnen hiermit einen völlig
-überführten Dieb, und hier sind die Beweise.«
-
-Und er legte eine Bestätigung vor, aus der hervorging, daß die
-Glockengießerei von Marko eine Banknote erhalten hatte, deren Nummer mit
-einer der Banknoten, die Awgust Matwejitsch am Tage vor dem Diebstahl
-ausbezahlt bekam, übereinstimmte.
-
-Marko fiel in die Knie und gestand, wie die Sache war. Awgust
-Matwejitsch hatte gleich nach seiner Ankunft die Banknoten aus der
-Tasche genommen und unter das Kopfkissen gesteckt. Diesen Umstand hatte
-er später vergessen und sich eingebildet, das Geld befinde sich noch in
-seiner Rocktasche. Als Marko ihm das Bett machte, fand er das Geld und
-eignete es sich an, in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde, jemand
-anderen in die Sache zu verwickeln, was ihm, wie wir gesehen haben, auch
-wirklich gelang. Um seine Sünde vor Gott wieder gutzumachen, bestellte
-er zu der bereits vorher angeschafften Kirchenglocke noch ein ganzes
-abgestimmtes Glockenspiel, das er mit einer der gestohlenen Banknoten
-bezahlte.
-
-Die übrigen Banknoten fand man auch sofort im Kasten unter dem
-Heiligenschreine.
-
-Und nun begannen bei uns unsere eigenen »Glocken von Corneville« zu
-läuten. Alle schlugen die Hände über den Köpfen zusammen, weinten dem
-unglücklichen Sascha noch eine Träne nach und beschlossen zuletzt, die
-erfreuliche Entdeckung gebührend zu feiern.
-
-Alle waren Awgust Matwejitsch dankbar, und der Kommandeur veranstaltete,
-um ihm seinen Dank und seine Achtung zu zeigen, einen großen Abend ihm
-zu Ehren, zu dem er den ganzen Adel einlud. Selbst seine Mutter, die
-bereits erwähnte Veronika -- sie war schon in den Siebzigern -- kam zu
-dieser Festlichkeit gefahren; es stellte sich aber heraus, daß sie gar
-nicht »Stanislawowna« sondern Veronika »Wassiljewna« hieß; auch stammte
-sie aus dem geistlichen Stande und war die Tochter eines Protopopen; der
-Name »Veronika« kommt aber auch im russischen Kalender vor. Warum man
-sie vorher für eine »Stanislawowna« gehalten hatte, blieb unaufgeklärt.
-
-Die Kommandeuse zeichnete Awgust Matwejitsch ganz besonders aus: sie
-stand auf, ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hände; er bat sie,
-ihm seine »polnische Manier« zu entschuldigen, und küßte ihr beide
-Hände. Am nächsten Tage schickte er ihr aber einen Brief in
-französischer Sprache, in dem er ihr sagte, daß er das Geld gar nicht
-des Geldes wegen, sondern nur der Ehre wegen gesucht habe ... Obwohl es
-nun gefunden worden sei, wolle er es nicht annehmen, »weil daran Blut
-klebe«. Und er bat die Frau Oberst, ihm die Gnade zu erweisen und mit
-diesem Gelde ein armes kleines Waisenmädchen groß zu ziehen, das er
-ausfindig gemacht habe; es sei just in derselben Nacht zur Welt
-gekommen, in der Sascha aus dem Leben geschieden. »Vielleicht wohnt in
-dem Kinde seine Seele.«
-
-Die junge Kommandeuse war sehr gerührt und erklärte sich bereit, das
-Kind anzunehmen. Awgust Matwejitsch überbrachte es ihr persönlich in
-einem sauberen weißen, mit Tüll und weißen Bändern garnierten Korbe.
-
-»Der schlaue Pole!« Alle beneideten ihn, daß er es in einer so schönen,
-zarten und einschmeichelnden Form einzurichten verstand. Ja, dieser
-Mystiker!
-
-Sie soll beim Abschied von ihm geweint haben; wir aber verabschiedeten
-uns von ihm unter Trinksprüchen und Schmollistrinken im Wäldchen vor der
-Stadt. Das war ganz zufällig gekommen: wir zechten gerade draußen, als
-er vorbeifuhr. Wir entschuldigten uns zuvor, zogen ihn dann vom Wagen,
-tranken ohne Ende und erzählten ihm ganz aufrichtig, was für eine
-schlechte Meinung wir von ihm gehabt hatten.
-
-»Erzähle uns nun, wie du das so eingerichtet hast!« drangen wir in ihn.
-
-Er sagte:
-
-»Ich habe gar nichts eingerichtet, meine Herren, es ist alles ganz von
-selbst so gekommen ...«
-
-»Mache keine Ausflüchte«, sagten wir ihm, »du bist ja Pole, und wir
-können dir daraus keinen Vorwurf machen. Wie hast du es aber fertig
-gebracht, ein Kind zu finden, das just in der Nacht auf die Welt kam, in
-der Sascha gestorben ist, so daß es das gleiche Alter hat wie das
-verstorbene Kind der Kommandeuse? ..«
-
-Der Pole lachte:
-
-»Meine Herren, wie habe ich das einrichten können?«
-
-»Das ist es eben! Ihr Polen seid so fein, daß sich der Teufel in euch
-auskennt!«
-
-»Glauben Sie mir: ich höre heute zum erstenmal, ich sei so fein, daß ich
-mich selbst nicht sehe. Lassen Sie mich aber weiterfahren, sonst spannt
-der Postkutscher, wie es seine Pflicht ist, die Pferde aus.«
-
-Wir ließen von ihm ab, halfen ihm in den Wagen und riefen dem Kutscher
-zu: »Los!«
-
-Er versuchte, sich vor uns möglichst graziös zu verbeugen, die Pferde
-zogen aber in diesem Augenblick an, und er verbeugte sich höchst
-zweideutig mit dem Rücken. So endete unsere traurige Geschichte. Sie
-finden darin keine Ideen, die irgendeine Beachtung verdienten; ich
-erzählte sie nur, weil sie mir interessant erscheint. Vor Zeiten war es
-so, daß jede noch so unbedeutende Sache leicht zu etwas Großem und
-Interessantem anwachsen konnte. Heute ist es aber umgekehrt: eine
-Geschichte läßt sich Gott weiß wie groß an; wie sie aber den Leuten in
-die Hände kommt, wird sie immer kleiner und kleiner, bis von ihr
-schließlich nichts mehr zurückbleibt ... Gar mancher fängt zu lieben an
-und gibt es plötzlich auf, weil es ihm zu langweilig wird. Worauf mag
-das beruhen? Ich glaube, daß es viele Gründe hat. Und ist nicht einer
-der Hauptgründe unsere Gleichgültigkeit gegen das, was man _persönliche
-Ehre_ nennt?
-
-
-
-
- DIE LADY MAKBETH DES MZENSKER LANDKREISES
-
-
-
-
- I
-
-
-In unserer Gegend kommen manchmal so seltsame Charaktere vor, daß man
-sich ihrer nicht ohne tiefste Erschütterung erinnern kann, selbst wenn
-schon viele Jahre nach der letzten Begegnung mit ihnen vergangen sind.
-Zu solchen Charakteren zählte die Kaufmannsfrau Katerina Lwowna
-Ismajlowa, die einst im Mittelpunkte eines grauenhaften Dramas gestanden
-hatte und bei unseren Gutsbesitzern unter dem treffenden Namen »Lady
-Makbeth des Mzensker Landkreises« bekannt war.
-
-Katerina Lwowna war nicht, was man eine Schönheit nennt, doch von
-angenehmem Äußeren. Sie war erst vierundzwanzig Jahre alt, nicht sehr
-groß, doch schlank, hatte einen wie aus Marmor gemeißelten Hals,
-rundliche Schultern, einen prallen Busen, eine gerade, feine Nase,
-schwarze lebhafte Augen, eine hohe weiße Stirne und schwarzes, sogar
-blauschwarzes Haar. Man verheiratete sie mit einem Landsmann, dem
-Kaufmann Ismajlow aus Tuskarj im Kursker Gouvernement. Sie fühlte zwar
-keine Neigung zu ihm; Ismajlow hatte aber den Antrag gemacht, und sie
-durfte als armes Mädchen nicht wählerisch sein. Die Ismajlows waren in
-unserer Gegend angesehen: sie betrieben einen großen Mehlhandel, hatten
-auf dem Lande eine große Mühle in Pacht, einen einträglichen Garten vor
-der Stadt und ein schönes Haus in der Stadt und gehörten zu den
-wohlhabendsten Kaufleuten. Die Familie war obendrein nicht zu groß und
-bestand nur aus dem Schwiegervater Boris Timofejitsch Ismajlow, der
-schon an die achtzig Jahre alt und seit langem verwitwet war, seinem
-Sohn Sinowij Borissowitsch, Katerinas Mann, der auch nicht mehr jung --
-über fünfzig -- war, und Katerina Lwowna selbst. Nach fünfjähriger Ehe
-hatte Katerina Lwowna noch immer kein Kind; Sinowij Borissowitsch hatte
-auch von seiner ersten Frau, mit der er zwanzig Jahre gelebt hatte,
-bevor er Katerina Lwowna heiratete, keine Kinder. Er hatte gehofft, daß
-Gott ihm wenigstens in seiner zweiten Ehe Kinder schenken würde, die
-seine Firma und sein Kapital erben könnten; er hatte aber auch mit
-Katerina Lwowna kein Glück.
-
-Die Kinderlosigkeit machte Sinowij Borissowitsch großen Kummer, und
-nicht nur ihm allein, sondern auch dem alten Boris Timofejitsch; auch
-Katerina Lwowna selbst war darüber sehr traurig. Die tödliche Langweile
-in dem verschlossenen Kaufmannshause mit dem hohen Zaun und den bösen
-Kettenhunden machte die junge Kaufmannsfrau oft erstarren, so daß sie
-Gott weiß wie froh gewesen wäre, wenn sie ein Kindchen zu pflegen gehabt
-hätte; dann hatte sie auch die ewigen Vorwürfe satt: »Warum bist du
-diese Ehe eingegangen, warum hast du dem Menschen sein Schicksal
-gebunden, du Unfruchtbare?!« Als ob sie tatsächlich ein Verbrechen
-an ihrem Manne, am Schwiegervater und am ganzen ehrbaren
-Kaufmannsgeschlecht begangen hätte!
-
-Bei allem Reichtum war das Leben Katerina Lwownas im Hause des
-Schwiegervaters öde und traurig. Sie kam fast nie aus dem Hause, und
-selbst wenn sie mit ihrem Manne irgendwo in Kaufmannsfamilien Besuch
-machte, hatte sie wenig Freude daran. Es waren lauter strenge Leute, die
-immer beobachteten, wie sie saß, wie sie ging, wie sie stand. Katerina
-Lwowna hatte aber einen feurigen Charakter und war als Mädchen ein
-freies Leben gewohnt; einst durfte sie mit den Eimern zum Fluß laufen,
-im Hemd am Landungssteg baden oder einen vorbeigehenden Burschen über
-die Gartenpforte mit Schalen von Sonnenblumenkernen überschütten; hier
-ist aber alles anders. Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller
-Herrgottsfrühe auf, trinken um sechs Uhr Tee und gehen gleich an ihre
-Geschäfte. Sie aber wandert von Zimmer zu Zimmer. Überall ist es so
-rein, so still und so leer, vor den Heiligenbildern brennen die
-Lämpchen, und im ganzen Hause ist kein lebender Ton, keine menschliche
-Stimme.
-
-Katerina Lwowna irrt eine Zeitlang durch die leeren Zimmer, beginnt vor
-Langweile zu gähnen und geht die Stiege in das eheliche Schlafzimmer im
-Mezzanin hinauf. Sie sitzt da, schaut zum Fenster hinaus, wie man vor
-den Speichern den Hanf aufhängt oder das Mehl in Säcke füllt; sie muß
-wieder gähnen und freut sich, daß sie eine oder zwei Stunden schlafen
-kann. Und wenn sie erwacht, überkommt sie wieder die Langweile des
-altrussischen Kaufmannshauses, vor der man sich, wie es heißt, mit
-Freuden erhängt. Katerina Lwowna fand auch am Lesen keine Freude, und im
-Hause gab es keine Bücher außer dem Kiewer Heiligenbuch.
-
-So öde war das Leben Katerina Lwownas in dem reichen Hause, in dem sie
-nun schon fünf Jahre an der Seite eines lieblosen Gatten lebte. Aber,
-wie es so immer geht, niemand schenkte ihrer Langweile auch nur die
-geringste Beachtung.
-
-
-
-
- II
-
-
-Im Frühjahr des sechsten Jahres nach Katerina Lwownas Verheiratung gab
-es auf der Ismajlowschen Mühle ein Unglück: das Hochwasser hatte den
-Damm durchbrochen. Die Mühle hatte gerade viel Arbeit, und der Schaden
-war sehr groß: das Wasser kam unter den Lauftrog des leeren Gerinnes und
-ließ sich nicht wieder einfangen. Sinowij Borissowitsch trieb die Leute
-aus der ganzen Umgegend zusammen und überwachte Tag und Nacht die
-Arbeiten; die Geschäfte in der Stadt versah der Alte, und Katerina
-Lwowna war tagelang allein zu Hause. Als sie ohne Mann geblieben war,
-fühlte sie anfangs noch größere Langweile; dieser Zustand gefiel ihr
-aber mit der Zeit nicht schlecht; sie konnte freier aufatmen. Sie hatte
-ihn ja niemals geliebt, nun hatte sie wenigstens einen Aufseher weniger.
-
-Einmal saß sie in ihrem Mezzanin am Fenster, gähnte, dachte an nichts
-Bestimmtes und schämte sich zuletzt, immer so zu gähnen. Draußen war
-aber der herrlichste Tag: warm, heiter, lustig, und durch das grüne
-Holzgitter des Gartens waren flinke Vöglein zu sehen, die von Zweig zu
-Zweig hüpften.
-
--- Warum gähne ich so? -- fragte sich Katerina Lwowna. -- Ich will
-einmal aufstehen und in den Hof oder in den Garten gehen. --
-
-Sie warf sich einen alten Pelzumhang um und ging hinaus.
-
-Unten auf dem Hofe ist es so hell, die Luft ist so erfrischend, und auf
-der Galerie bei den Speichern schallt lustiges Gelächter.
-
-»Was freut ihr euch so?« fragte Katerina Lwowna die Angestellten des
-Schwiegervaters.
-
-»Wir haben eben ein lebendes Schwein gewogen,« antwortete ihr der alte
-Verwalter.
-
-»Was für ein Schwein?«
-
-»Das Schwein Aksinja, das den Sohn Wassilij geboren und uns zur Taufe
-nicht eingeladen hat,« berichtete ihr frech und lustig ein Bursche mit
-kühnem, hübschem Gesicht, pechschwarzen Locken und einem kaum
-sprossenden Bärtchen.
-
-Aus dem Mehlkübel, der am Wagbalken angehängt war, sah in diesem
-Augenblick das dicke rotbackige Gesicht der Köchin Aksinja heraus.
-
-»Verdammte Teufel!« fluchte die Köchin, indem sie nach dem eisernen
-Wagbalken griff und sich Mühe gab, aus dem hin- und herpendelnden Kübel
-herauszukriechen.
-
-»Acht Pud wiegt sie vor dem Essen, und wenn sie zu Mittag ein Fuder Heu
-gefressen hat, so langen die Gewichte nicht!« erklärte der gleiche
-hübsche Bursche. Mit diesen Worten drehte er den Kübel um und warf die
-Köchin auf die in der Ecke geschichteten Säcke.
-
-Die Köchin fluchte noch immer, eigentlich mehr im Scherz, und zupfte
-sich das Kleid zurecht.
-
-»Nun, und wieviel wiege ich?« fragte Katerina Lwowna. Sie stieg auf das
-Brett und hielt sich an den Stricken fest.
-
-»Drei Pud sieben Pfund,« antwortete der hübsche Bursche Ssergej, nachdem
-er die Gewichte nachgezählt hatte. »Ein Wunder!«
-
-»Was wunderst du dich so?«
-
-»Daß Sie über drei Pud wiegen, Katerina Lwowna. Ich glaube, daß ich Sie
-den ganzen Tag auf den Armen herumtragen könnte, ohne dabei müde zu
-werden. Ich würde es sogar für das größte Vergnügen ansehen.«
-
-»Bin ich denn etwa kein Mensch? Würdest wohl müde werden!« erwiderte
-leicht errötend Katerina Lwowna, die solche Reden nicht mehr gewohnt war
-und plötzlich das Verlangen fühlte, lustig zu plaudern und zu scherzen.
-
-»Gott behüte! Ich würde Sie bis nach dem glückseligen Arabien tragen,«
-antwortete Ssergej auf ihre Bemerkung.
-
-»Du redest Unsinn,« sagte der Bauer, der das Getreide aufschüttete. »Was
-ist unsere Schwere? Ist es denn unser Körper, der was wiegt? Unser
-Körper, mein Lieber, wiegt nicht, es ist nur unsere Kraft, die uns zur
-Erde zieht, und nicht der Körper!«
-
-»Als Mädchen hatte ich eine große Kraft,« sagte Katerina Lwowna, die
-sich wieder nicht beherrschen konnte. »Mancher Mann konnte mich nicht
-niederringen!«
-
-»Erlauben Sie mal Ihr Händchen, wenn das wahr ist,« bat der hübsche
-Bursche.
-
-Katerina Lwowna errötete wieder, reichte ihm aber die Hand.
-
-»Laß los, es tut weh!« schrie Katerina Lwowna auf, als Ssergej ihre Hand
-in der seinigen zusammendrückte. Mit der freien Hand stieß sie ihn vor
-die Brust.
-
-Der Bursche ließ ihre Hand los und taumelte vor ihrem Stoß einige
-Schritte zur Seite.
-
-»Und das will ein Frauenzimmer sein!« wunderte sich der Bauer.
-
-»Nein, nicht so! Wollen wir einmal richtig ringen?« sagte Ssergej, seine
-Locken schüttelnd.
-
-»Nun, versuch's,« antwortete Katerina Lwowna, immer lustiger werdend,
-und hob die Ellenbogen.
-
-Ssergej umschlang die junge Frau und drückte ihre pralle Brust an sein
-rotes Hemd. Katerina Lwowna rührte nur die Schultern, Ssergej hatte sie
-aber schon in die Höhe gehoben, hielt sie eine Weile in den Armen,
-drückte sie zusammen und setzte sie zuletzt auf einen umgekehrten
-Scheffel.
-
-Katerina Lwowna hatte nicht einmal Zeit gehabt, ihre Kraft, mit der sie
-so prahlte, zu zeigen. Über und über rot, zupfte sie den Pelzumhang, der
-ihr von der Schulter geglitten war, zurecht und ging langsam aus dem
-Speicher. Ssergej räusperte sich aber und rief:
-
-»He, ihr Esel! Schüttet das Getreide auf, schont die Arme nicht! Wenn
-was übrig bleibt, so ist's unser Verdienst!«
-
-Er tat so, als hätte auf ihn der Ringkampf mit Katerina Lwowna nicht den
-geringsten Eindruck gemacht.
-
-»Dieser Ssergej ist ein verdammter Mädchenjäger!« berichtete die Köchin
-Aksinja, ihrer Herrin nachgehend. »Alles an ihm ist gleich schön: der
-Wuchs, das Gesicht, die Gestalt. Er kann jedes Frauenzimmer betören und
-zur Sünde verführen. Dabei ist er ein untreuer, gemeiner Kerl!«
-
-»Sag einmal, Aksinja,« sagte die junge Frau, vor der Köchin hergehend,
-»lebt dein Kind noch?«
-
-»Es lebt, Mütterchen, es lebt, was soll ihm geschehen? Wenn man ein Kind
-nicht braucht, so ist es immer zählebig.«
-
-»Wo hast du nur das Kind her?«
-
-»Ach, man kriegt es leicht, wenn man unter Menschen lebt.«
-
-»Ist dieser Bursche schon lange bei uns?«
-
-»Welcher? Meinen Sie Ssergej?«
-
-»Ja.«
-
-»An die vier Wochen. Vorher war er bei den Kontschonows in Stellung,
-wurde aber hinausgejagt.« Aksinja fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Man
-sagt, er hätte dort mit der Hausfrau selbst angebandelt, darum hat ihn
-auch der Herr hinausgejagt ... Er ist so furchtbar frech, der
-Verruchte!«
-
-
-
-
- III
-
-
-Eine warme milchweiße Dämmerung schwebte über der Stadt. Sinowij
-Borissowitsch war noch immer nicht von der Mühle heimgekehrt. Auch der
-Schwiegervater Boris Timofejewitsch war nicht zu Hause: er war zu einem
-alten Freund zum Namenstag gefahren und hatte angesagt, daß man ihn zum
-Abendessen nicht erwarten solle. Katerina Lwowna aß früh zu Abend, stand
-dann wieder am Fenster ihres Schlafzimmers, lehnte sich mit der Wange an
-den Pfosten und knackte Sonnenblumenkerne. Die Leute hatten eben in der
-Küche genachtmahlt und begaben sich zur Ruhe: der eine in die Tenne, der
-andere in den Speicher, der dritte auf den duftenden Heuboden. Als
-letzter kam aus der Küche Ssergej. Er schlenderte durch den Hof, ließ
-die Kettenhunde los, pfiff ein Liedchen, ging am Fenster Katerina
-Lwownas vorbei, blickte zu ihr hinauf und verneigte sich vor ihr.
-
-»Guten Abend,« sagte Katerina Lwowna leise von ihrem Fenster herab, und
-auf dem Hofe wurde es plötzlich so still wie in einer Wüste.
-
-»Gnädige Frau!« tönte es zwei Minuten später vor der versperrten Türe
-des Schlafzimmers.
-
-»Wer ist da?« fragte Katerina Lwowna erschrocken.
-
-»Erschrecken Sie nicht: ich bin es, Ssergej.«
-
-»Was willst du, Ssergej?«
-
-»Ich habe eine Bitte an Sie, Katerina Lwowna. Gestatten Sie mir, daß ich
-für einen Augenblick eintrete.«
-
-Katerina Lwowna sperrte die Türe auf und ließ ihn ein.
-
-»Was willst du?« fragte sie, wieder ans Fenster tretend.
-
-»Ich möchte Sie fragen, Katerina Lwowna, ob Sie mir nicht irgendein
-Büchlein zum Lesen geben können. Ich vergehe vor Langweile.«
-
-»Ich habe gar keine Bücher, Ssergej, ich lese niemals,« antwortete
-Katerina Lwowna.
-
-»So furchtbar langweilig ist es hier,« klagte Ssergej.
-
-»Was weißt du von Langweile?«
-
-»Erlauben Sie einmal! Wie soll ich mich nicht langweilen? Ich bin ja ein
-junger Mensch, wir leben hier wie in einem Kloster, und ich habe vor mir
-keine andere Aussicht, als hier in der Einsamkeit zugrunde zu gehen.
-Zuweilen verzweifle ich an meinem Leben.«
-
-»Warum heiratest du nicht?«
-
-»Ja, heiraten, das ist leicht gesagt! Wen soll ich hier heiraten? Ich
-bin ja ein unbedeutender Mensch; ein Mädchen aus dem Kaufmannsstande
-wird mich nicht nehmen, und die von unserem armen Stande sind viel zu
-ungebildet, das wissen Sie doch selbst. Kann denn so ein Mädchen die
-Liebe richtig verstehen? Aber auch die Reichen verstehen sie nicht viel
-besser. Für jeden andern Menschen wären Sie wohl der Trost seines
-Lebens, Ihr Gemahl hält Sie aber wie einen Kanarienvogel im Bauer.«
-
-»Ja, ich langweile mich,« sagte Katerina Lwowna unwillkürlich.
-
-»Wie soll man sich auch nicht langweilen bei solch einem Leben, gnädige
-Frau! Selbst wenn Sie einen Geliebten hätten, wie die andern Frauen, so
-hätten Sie gar keine Möglichkeit, mit ihm zusammenzukommen.«
-
-»Nein, du redest Unsinn. Ich glaube aber, daß es mir lustiger zumute
-wäre, wenn ich ein Kindchen hätte.«
-
-»Erlauben Sie die Bemerkung, gnädige Frau: ein Kind kann man auch nicht
-so von heute auf morgen bekommen. Ich habe ja genug in den
-Kaufmannsfamilien gelebt und kenne mich in diesen Dingen gut aus. In
-einem Liede heißt es: >Wenn du keinen Liebsten hast, stirbt das Herz vor
-Schmerzenslast.< Diesen Schmerz empfinde ich so stark, Katerina Lwowna,
-daß ich mir das Herz aus der Brust schneiden und es Ihnen vor die
-Füßchen werfen könnte. Und es würde mir dann viel leichter zumute werden
-...«
-
-Seine Stimme zitterte.
-
-»Was erzählst du mir von deinem Herzen? Ich brauche es nicht. Geh ...«
-
-»Nein, erlauben Sie, gnädige Frau,« sagte Ssergej, am ganzen Leibe
-zitternd und einen Schritt näher kommend. »Ich weiß, ich sehe und
-begreife, daß auch Sie es nicht leichter haben als ich. Alles hängt
-jetzt aber nur von Ihnen ab, alles ruht in Ihrer Hand!« Die letzten
-Worte hauchte er nur.
-
-»Was willst du? Was willst du? Was bist du zu mir gekommen? Ich werde
-mich aus dem Fenster stürzen,« sagte Katerina Lwowna, von einer
-namenlosen Angst erfaßt, und griff mit den Händen nach dem Fensterbrett.
-
-»Du Unvergleichliche, du mein Leben! Was sollst du dich aus dem Fenster
-stürzen?« flüsterte Ssergej frech. Er riß die junge Frau vom Fenster los
-und umschlang sie mit seinen Armen.
-
-»Laß los! Laß los!« stöhnte Katerina Lwowna leise, unter Ssergejs heißen
-Küssen ermattend und sich unwillkürlich an seine mächtige Brust
-schmiegend.
-
-Ssergej nahm sie wie ein kleines Kind auf die Arme und trug sie in eine
-dunkle Ecke.
-
-Im Zimmer trat nun eine Stille ein, die nur durch das gleichmäßige
-Ticken der Taschenuhr Sinowij Borissowitschs unterbrochen wurde, die
-über dem Bette Katerina Lwownas hing. Dieses Ticken störte aber niemand.
-
-»Geh,« sagte Lwowna nach einer halben Stunde, ohne Ssergej anzublicken,
-ihr zerzaustes Haar vor dem kleinen Spiegel richtend.
-
-»Was soll ich jetzt von hier fortgehen?« fragte Ssergej mit seliger
-Stimme.
-
-»Der Schwiegervater wird die Türe zusperren.«
-
-»Ach, meine liebe Seele! Hast du denn nur solche Männer gekannt, die
-eine Türe brauchen, um zur Geliebten zu gelangen? Wenn ich zu dir oder
-von dir will, so finde ich überall eine Türe,« antwortete der Bursche,
-auf die Balken, die die Galerie stützten, zeigend.
-
-
-
-
- IV
-
-
-Sinowij Borissowitsch blieb noch eine Woche auf der Mühle, und seine
-Frau ergötzte sich diese ganze Zeit allnächtlich bis an den lichten Tag
-mit Ssergej.
-
-In diesen Nächten wurde im Schlafzimmer Sinowij Borissowitschs gar viel
-Wein aus dem Keller des Schwiegervaters ausgetrunken, viel Süßes
-gegessen, viel geküßt und viel mit den schwarzen Locken auf den weichen
-Kopfkissen gespielt. Die Landstraße ist aber nicht immer so eben wie
-eine Tischdecke, es gibt auch Löcher und Buckel.
-
-Boris Timofejitsch konnte keinen Schlaf finden. Der Alte irrte in seinem
-bunten Kattunhemd durch das stille Haus, trat bald an das eine, bald an
-das andere Fenster und sah plötzlich das rote Hemd Ssergejs langsam den
-Balken unter dem Fenster der Schwiegertochter hinuntergleiten. Eine
-schöne Bescherung! Boris Timofejitsch ging in den Hof und packte den
-Burschen bei den Beinen. Dieser holte zuerst zu einem Schlage aus,
-überlegte sich aber, daß es zu viel Lärm geben würde.
-
-»Sag einmal,« fragte Boris Timofejitsch, »wo warst du eben, du Dieb?«
-
-»Wo ich war, da bin ich nicht mehr, Boris Timofejitsch,« antwortete
-Ssergej.
-
-»Hast du bei der Schwiegertochter übernachtet?«
-
-»Das ist meine Sache, Herr, wo ich übernachtet habe. Höre aber auf meine
-Worte, Boris Timofejitsch: was gewesen ist, läßt sich nicht mehr ändern.
-Tu wenigstens deinem Kaufmannshause keine Schande an. Sag mir, was
-willst du jetzt von mir? Was für eine Genugtuung soll ich dir geben?«
-
-»Du sollst, Verruchter, fünfhundert Peitschenschläge bekommen,«
-antwortete Boris Timofejitsch.
-
-»Die Schuld ist mein, der Wille ist dein,« sagte der Bursche. »Sag,
-wohin ich dir folgen soll, trinke mein Blut.«
-
-Boris Timofejitsch führte Ssergej in seine gemauerte Vorratskammer und
-schlug ihn so lange mit der Peitsche, bis sein Arm erlahmte. Ssergej gab
-keinen Ton von sich, zerkaute aber die Hälfte seines Hemdärmels mit den
-Zähnen.
-
-Boris Timofejitsch ließ Ssergej in der Kammer liegen, bis sein
-blutiggeschlagener Rücken verheilen würde, stellte ihm einen irdenen
-Krug mit Wasser hin, versperrte die Kammer mit einem großen Schloß und
-schickte nach dem Sohn.
-
-Auch heute noch legt man hundert Werst auf einer russischen Landstraße
-nicht an einem Tag zurück, Katerina Lwowna kann aber ohne ihren Ssergej
-auch nicht eine Stunde aushalten. Ihre ganze zügellose Natur kam zum
-Durchbruch, und sie wurde sehr kühn und entschlossen. Sie erfuhr, wo
-Ssergej eingesperrt war, sprach mit ihm durch die Eisentüre einige Worte
-und machte sich auf die Suche nach den Schlüsseln. »Väterchen, laß doch
-den Ssergej heraus!« wandte sie sich an den Schwiegervater.
-
-Der Alte wurde ganz grün vor Wut. Von seiner sündigen, bisher aber noch
-immer gehorsamen Schwiegertochter hatte er eine solche Frechheit nicht
-erwartet.
-
-»Was fällt dir ein?« Und er fiel über Katerina Lwowna mit Schimpfworten
-her.
-
-»Laß ihn heraus,« bestürmte sie ihn, »ich schwöre dir bei meinem
-Gewissen, daß es zwischen uns nichts Schlimmes gegeben hat.«
-
-»So, es hat nichts Schlimmes gegeben!« sagt er und knirscht mit den
-Zähnen. »Was habt ihr dann in den Nächten getrieben? Die Kissen deines
-Mannes durchgeklopft?«
-
-Sie aber hört gar nicht auf: »Laß ihn heraus!«
-
-»Wenn die Dinge so stehen,« sagt Boris Timofejitsch, »so will ich dir
-folgendes sagen: wenn dein Mann zurückkommt, werden wir dich, du
-treulose Frau, im Pferdestalle mit eigenen Händen durchpeitschen. Ihn
-aber, den Schurken, werde ich gleich morgen ins Zuchthaus schicken.«
-
-So hatte Boris Timofejitsch beschlossen; sein Beschluß wurde aber nicht
-zur Tat.
-
-
-
-
- V
-
-
-Boris Timofejitsch aß an diesem Abend einen Brei mit Pilzen und fühlte
-gleich darauf ein Brennen im Schlunde; es zwickte ihn im Magen, er bekam
-Erbrechen und starb gegen Morgen auf die gleiche Weise, wie die Ratten
-in seinem Speicher. Für die Ratten aber pflegte Katerina Lwowna mit
-eigenen Händen eine Speise mit einem gefährlichen weißen Pulver, das sie
-in Verwahrung hatte, anzurichten.
-
-Katerina Lwowna ließ ihren Ssergej sofort aus der gemauerten Kammer
-heraus und legte ihn, ganz ohne Scheu vor den Leuten, auf das Bett ihres
-Mannes, damit er sich nach den Schlägen des Schwiegervaters erhole; dem
-Schwiegervater Boris Timofejitsch gab sie aber ein christliches
-Begräbnis. Seltsamerweise machte sich niemand über den Tod des Alten
-irgendwelche Gedanken. Boris Timofejitsch war eben gestorben, wie viele
-nach dem Genuß von Pilzen starben. Man beerdigte ihn in aller Eile, ohne
-selbst die Rückkehr des Sohnes abzuwarten, denn die Tage waren heiß; der
-nach Sinowij Borissowitsch geschickte Bote hatte ihn auf der Mühle nicht
-angetroffen. Sinowij Borissowitsch hatte gerade die Gelegenheit, einen
-Wald, der hundert Werst weiter lag, billig zu kaufen; er war
-hingefahren, um sich den Wald anzusehen, und hatte niemandem angesagt,
-wo dieser Wald liege.
-
-Nachdem Katerina Lwowna dieses erledigt hatte, geriet sie ganz außer
-Rand und Band. Sie war ja auch sonst keine schüchterne Frau; jetzt
-konnte man aber unmöglich erraten, was sie noch alles vorhatte. Sie geht
-stolz einher, kommandiert das ganze Haus und läßt Ssergej nicht von
-ihrer Seite. Das kam dem Hausgesinde anfangs etwas merkwürdig vor,
-Katerina Lwowna verstand aber, die Leute so reich zu beschenken, daß
-ihnen das Staunen verging. Sie sagten sich nur: Die Frau hat wohl mit
-dem Ssergej angebandelt. Das ist ihre Sache, und nur sie allein wird
-sich dafür zu verantworten haben.
-
-Ssergej genas indessen von seinen Wunden, ging wieder aufrecht einher,
-tänzelte stolz wie ein Falke um Katerina Lwowna, und die beiden hatten
-wieder das allerschönste Leben. Die Zeit rollte aber nicht nur für sie
-beide dahin: der beleidigte Gatte Sinowij Borissowitsch eilte nach
-langer Abwesenheit nach Hause.
-
-
-
-
- VI
-
-
-Es war ein glühheißer Nachmittag, und die Fliegen ließen keine Ruhe.
-Katerina Lwowna schloß die Fenster des Schlafzimmers, verhängte es von
-innen mit einem wollenen Tuche und legte sich mit Ssergej auf das
-hochgetürmte Bett, um nach dem Essen auszuruhen. Katerina Lwowna weiß
-nicht, ob sie schläft oder wacht, es ist aber so furchtbar heiß, der
-Schweiß läuft ihr von der Stirne, und sie kann vor Hitze kaum atmen.
-Katerina Lwowna fühlt, daß es nun Zeit ist, aufzuwachen; daß es Zeit
-ist, in den Garten zu gehen, um Tee zu trinken; sie kann aber unmöglich
-aufstehen. Endlich kommt die Köchin vor die Schlafzimmertüre und klopft:
-»Der Samowar unter dem Apfelbaume wird kalt.« Katerina Lwowna erwacht
-und beginnt den Kater zu tätscheln. Zwischen ihr und Ssergej wälzt sich
-auf dem Bette ein prächtiger, grauer Kater; er ist groß und wohlgenährt
-und hat einen so mächtigen Schnurrbart wie ein Amtmann. Katerina Lwowna
-streichelt ihm das weiche Fell, und er schnuppert immer mit seiner
-stumpfen Schnauze an ihrem prallen Busen und schnurrt ein leises Lied,
-wie wenn er von der Liebe sprechen wollte. »Wie kommt nur der Kater
-her?« fragt sich Katerina Lwowna. »Ich habe hier auf dem Fenster Sahne
-stehen, er wird sie sicher fressen. Ich muß ihn hinauswerfen!« sagt sie
-sich und greift nach dem Kater. Er ist aber unter ihren Fingern wie ein
-Nebel verschwunden. »Wie kommt nur der Kater zu uns her?« denkt sich
-Katerina Lwowna im Halbschlummer. »In unserm Schlafzimmer hat es doch
-niemals einen Kater gegeben, und auf einmal ist so ein Vieh da!« Sie
-will wieder nach dem Kater greifen, und er ist schon wieder weg. »Was
-ist denn das? Ist es denn nur ein Kater?« fragt sich Katerina Lwowna
-wieder. Sie bekommt Angst, und ihre ganze Schläfrigkeit ist auf einmal
-wie weggeblasen. Sie sieht sich um -- es ist gar kein Kater in der
-Stube, an ihrer Seite liegt nur der hübsche Ssergej und drückt mit
-seiner starken Hand ihre Brust gegen sein glühendes Gesicht.
-
-Katerina Lwowna stand auf, setzte sich auf das Bett und begann ihren
-Ssergej zu küssen und zu liebkosen. Dann richtete sie die zerwühlten
-Kissen und ging in den Garten, um Tee zu trinken. Die Sonne stand aber
-schon tief am Himmel, und auf die warme Erde senkte sich ein märchenhaft
-schöner Abend.
-
-»Ich habe zu lange geschlafen,« sagte Katerina Lwowna zu Aksinja und
-setzte sich auf den Teppich unter den blühenden Apfelbaum. »Aksinja, was
-mag das bedeuten?« fragte sie die Köchin, die Tassen mit dem Handtuch
-abwischend.
-
-»Was denn, Mütterchen?«
-
-»Es war kein Traum, ich sah es im Wachen, wie sich an mich irgendein
-Kater schmiegte.«
-
-»Was redest du?«
-
-»Es war wirklich ein Kater.«
-
-Und Katerina Lwowna erzählte ihr, was sie eben erlebt hatte.
-
-»Was brauchtest du ihn zu streicheln?«
-
-»Das weiß ich selbst nicht, warum ich ihn gestreichelt habe.«
-
-»Es ist doch seltsam!« rief die Köchin aus.
-
-»Es kommt auch mir seltsam vor.«
-
-»Das bedeutet sicher, daß dir etwas zustößt.«
-
-»Was soll mir zustoßen?«
-
-»_Was_ dir zustoßen wird, kann dir, meine Liebe, niemand erklären. Es
-wird dir aber sicher etwas zustoßen.«
-
-»Ich habe den Mond im Traume gesehen, und dann kam dieser Kater,« fuhr
-Katerina Lwowna fort.
-
-»Der Mond bedeutet ein Kind.«
-
-Katerina Lwowna errötete.
-
-»Soll ich dir nicht den Ssergej herschicken?« fragte Aksinja mit der
-Vertraulichkeit einer Freundin.
-
-»Meinetwegen,« antwortete Katerina Lwowna. »Schick ihn mir wirklich her:
-ich will mit ihm Tee trinken.«
-
-»Darum frage ich auch, ob ich ihn herschicken soll,« sagte Aksinja und
-wackelte wie eine Ente zum Gartentor.
-
-Katerina Lwowna erzählte auch Ssergej das von dem Kater.
-
-»Es ist nichts als Einbildung,« antwortete Ssergej.
-
-»Warum habe ich aber früher diese Einbildung niemals gehabt,
-Sserjoscha?«
-
-»Ja, früher war manches anders! Früher verschmachtete mir das Herz, wenn
-ich dich auch nur mit einem Auge ansah, und heute habe ich deinen ganzen
-weißen Leib in meiner Gewalt.«
-
-Ssergej nahm Katerina Lwowna auf die Arme, drehte sie einmal in der Luft
-um und warf sie auf den weichen Teppich.
-
-»Ach, es schwindelt mir!« sagte Katerina Lwowna.
-
-»Sserjoscha, komm einmal her, setz dich zu mir,« rief sie, sich
-wollüstig streckend.
-
-Ssergej beugte sich, trat unter die tief herabhängenden, mit weißen
-Blüten beladenen Äste des Apfelbaumes und setzte sich auf den Teppich
-Katerina Lwowna zu Füßen.
-
-»Hast du wirklich nach mir geschmachtet, Sserjoscha?«
-
-»Gewiß, ich habe wohl geschmachtet.«
-
-»Wie hast du geschmachtet? Erzähl es mir!«
-
-»Kann man es denn erklären, wie man schmachtet? Ich habe mich halt nach
-dir gesehnt.«
-
-»Warum habe ich nicht gefühlt, daß du dich nach mir sehntest,
-Sserjoscha? Es heißt ja, daß man so was immer fühlt.«
-
-Ssergej gab keine Antwort.
-
-»Warum hast du immer gesungen, wenn du dich wirklich nach mir gesehnt
-hast? Ich hab ja gehört, wie du auf der Galerie deine Lieder sangst,«
-fragte Katerina Lwowna unter Küssen und Liebkosungen.
-
-»Was folgt daraus, daß ich gesungen habe? Auch die Mücke singt ihr Leben
-lang, doch nicht vor Freude,« antwortete Ssergej trocken.
-
-Es entstand eine Pause. Ssergejs Geständnis erfüllte Katerina Lwowna mit
-höchster Freude.
-
-Sie wollte noch mehr darüber sprechen, aber Ssergej runzelte die Stirne
-und schwieg.
-
-»Schau nur, Sserjoscha, was das für ein Paradies ist!« rief Katerina
-Lwowna aus, durch die dichten Zweige des blühenden Apfelbaumes in den
-heiteren blauen Himmel mit dem Vollmond blickend.
-
-Das Mondlicht drang durch die Blüten und Blätter des Apfelbaumes und
-überschüttete die Figur und das Gesicht der auf dem Rücken liegenden
-Katerina Lwowna mit zauberhaften Lichtflecken. Ein leiser warmer
-Windhauch bewegte kaum die schlafenden Blätter und brachte den feinen
-Duft der blühenden Gräser und Bäume. Die Luft flößte eine süße
-Mattigkeit, Wollust und dunkles Sehnen ein.
-
-Ssergej sagte noch immer nichts, und Katerina Lwowna hielt wieder inne
-und blickte durch die blaßrosa Apfelblüten zum Himmel empor. Auch
-Ssergej schwieg; der Himmel schien ihn aber nicht zu interessieren. Er
-saß, seine Knie mit beiden Armen umschlingend, und betrachtete
-aufmerksam seine Stiefel.
-
-Eine goldene Nacht! Stille, Licht, Duft und belebende Wärme. In der
-Ferne hinter dem Garten stimmte jemand ein wohlklingendes Lied an. In
-den dichten Faulbeersträuchern am Zaune begann eine Nachtigall zu
-schlagen; im Bauer an der hohen Stange zwitscherte eine verschlafene
-Wachtel. Man hörte das wohlgenährte Pferd im Stalle atmen und sah eine
-lustige Hundeschar über die Wiese hinter dem Gartenzaune lautlos rennen
-und in dem formlosen schwarzen Schatten der zerfallenen alten
-Salzspeicher verschwinden.
-
-Katerina Lwowna stützte sich auf einen Ellenbogen und blickte auf das
-hohe Gras, das im Mondlichte schimmerte. Es sah wie vergoldet aus,
-seltsame Mondflecken huschten wie leuchtende Falter durch die Halme, und
-das Gras unter den Bäumen schien, in das Netz der Mondlichtstrahlen
-verfangen, hin und her zu schwanken.
-
-»Ach, Sserjoscha, schau nur, wie schön es ist!« rief Katerina Lwowna
-aus.
-
-Ssergej sah sich gleichgültig um.
-
-»Was bist du heute so freudlos, Sserjoscha? Bist du vielleicht meiner
-Liebe schon überdrüssig?«
-
-»Sprich nicht solchen Unsinn!« antwortete Ssergej trocken. Er beugte
-sich träge zu ihr und küßte sie.
-
-»Du bist treulos, Sserjoscha,« sagte Katerina Lwowna, »du bist gar zu
-unbeständig.«
-
-»Ich kann diese Worte gar nicht auf mich beziehen,« antwortete Ssergej
-ruhig.
-
-»Warum küßt du mich dann so lässig?«
-
-Ssergej gab keine Antwort.
-
-»Nur die Ehemänner küssen ihre Frauen so,« fuhr Katerina Lwowna fort,
-mit seinen Locken spielend, »wie wenn sie die Lippen nur abstauben
-wollten. Küsse mich, daß die jungen Blüten vom Apfelbaume, unter dem wir
-sitzen, herabfallen!«
-
-»Siehst du, so!« flüsterte Katerina Lwowna, ihren Geliebten umschlingend
-und mit leidenschaftlichen Küssen überschüttend.
-
-»Hör einmal, Sserjoscha,« fuhr Katerina Lwowna nach einer Weile fort:
-»warum sagen die Leute, daß du treulos bist?«
-
-»Wer wird mich so verleumden?«
-
-»Alle sagen es.«
-
-»Es mag ja sein, daß ich gegen solche treulos war, die meine Liebe gar
-nicht verdienten.«
-
-»Warum hast du dich denn mit solchen eingelassen? Eine, die es nicht
-verdient, soll man gar nicht lieben.«
-
-»Ja, das ist leicht gesagt! Überlegt man sich denn so eine Sache zuvor?
-In solchen Dingen wirkt die Versuchung allein. Kaum hat unsereiner so
-ganz ohne jede Absicht sein Gebot übertreten, als sie sich ihm gleich an
-den Hals hängt. Das ist die ganze Liebe!«
-
-»Hör einmal, Sserjoscha! Wie die andern waren, weiß ich nicht und will
-es auch gar nicht wissen. Zu unserer Liebe hast du mich aber selbst
-verführt, du weißt, daß deine Verführungskünste ebenso stark waren wie
-mein eigener Wille. Darum muß ich es dir sagen: und wenn du mir auch
-einmal untreu wirst, und wenn du mir eine andere vorziehst, so werde
-ich, nimm es mir nicht übel, solange ich lebe, nicht von dir lassen!«
-
-Ssergej fuhr zusammen.
-
-»Katerina Lwowna, du Licht meiner Seele!« sagte er. »Betrachte einmal
-selbst, wie unsere Sache steht. Du siehst nur, daß ich heute
-nachdenklich bin; du fragst dich gar nicht, warum ich es bin. Vielleicht
-ertrinkt jetzt mein Herz in geronnenem Blut.«
-
-»Sserjoscha, erzähle alles, was dich so bedrückt.«
-
-»Was soll ich viel erzählen! Da wird bald mit Gottes Hilfe dein Mann
-gefahren kommen, und es wird gleich heißen: Ssergej Philippowitsch, geh
-jetzt auf den Hinterhof zu den Spielleuten und sieh hinter der Scheune
-zu, wie im Schlafzimmer Katerina Lwownas ein Lichtlein brennt, wie sie
-ihr Bett aufrüttelt und sich mit ihrem ehelichen Gemahl Sinowij
-Borissowitsch zur Ruhe begibt.«
-
-»Das wird niemals sein!« rief Katerina Lwowna voll ausgelassener Freude
-und winkte mit der Hand.
-
-»Warum sollte das nicht sein? Ich glaube, daß es unbedingt so sein wird.
-Aber auch ich habe ein Herz, Katerina Lwowna, das jede Pein empfindet.«
-
-»Genug davon!«
-
-Ssergejs Eifersucht machte Katerina Lwowna großes Vergnügen. Sie lachte
-auf und begann ihn wieder zu küssen.
-
-»Und dann muß ich noch dieses sagen«, fuhr Ssergej fort, seinen Kopf
-behutsam aus den nackten Armen Katerina Lwownas befreiend: »Und dann muß
-ich noch dieses sagen: mein niederer Stand zwingt mich, mir die Sache
-doppelt und zehnfach zu überlegen. Wäre ich Ihnen gleich, wäre ich ein
-vornehmer Herr oder Kaufmann, so würde ich mich von Ihnen, Katerina
-Lwowna, niemals trennen. Wie stehe ich aber vor Ihnen da? Wenn ich sehe,
-wie man Sie bei Ihren weißen Händchen nimmt und ins Schlafzimmer führt,
-wenn mein Herz das alles über sich ergehen lassen muß, so werde ich mir
-selbst vielleicht mein ganzes Leben lang ein Ekel sein. Katerina Lwowna!
-Ich bin nicht wie die andern, die bei der Frau nur Vergnügen suchen. Ich
-weiß, was die Liebe ist, und fühle, wie sie als schwarze Schlange an
-meinem Herzen saugt ...«
-
-»Was redest du heute in einem fort?« unterbrach ihn Katerina Lwowna.
-
-Sie hatte mit Ssergej Mitleid.
-
-»Katerina Lwowna! Wie sollte ich davon nicht reden? Wenn es vielleicht
-schon bestimmt und beschlossen ist, daß Ssergej nicht etwa in der
-Zukunft, sondern schon morgen dieses Haus räumen muß ...«
-
-»Nein, nein, sprich nicht davon, Sserjoscha! Es ist unmöglich, daß ich
-ohne dich bleibe«, suchte ihn Katerina Lwowna zu beruhigen. »Wenn es
-einmal so weit ist, so muß entweder er oder ich aus dem Leben scheiden.
-Du aber bleibst in jedem Falle bei mir.«
-
-»Das kann unmöglich sein, Katerina Lwowna«, sagte Ssergej, mit traurigem
-Kopfschütteln. »Diese Liebe macht mich nicht froh. Wenn ich jemanden
-liebte, der mir gleich wäre, so wäre ich zufrieden. Wie kann ich aber
-daran auch nur denken, daß Sie immer mit mir bleiben? Ist es denn eine
-Ehre für Sie, meine Geliebte zu sein? Ich wollte, ich könnte vor dem
-heiligen Altar des ewigen Gottes Ihr Gatte werden; ich würde mich dann
-zwar immer für geringer halten als Sie, wäre aber froh, den Leuten zu
-zeigen, was für Ehren ich bei meiner Frau dank meiner Liebe genieße ...«
-
-Katerina Lwowna war von diesen Worten Ssergejs, von seiner Eifersucht
-und seinem Wunsche, sie zu heiraten, wie berauscht: solch ein Wunsch ist
-der Frau stets angenehm, selbst wenn sie vor der Verheiratung ein noch
-so kurzes Verhältnis mit dem Manne gehabt hat. Katerina Lwowna war jetzt
-bereit, für Ssergej ins Feuer und Wasser zu gehen, Kerker und Kreuz zu
-erdulden. Er hatte sie so verliebt gemacht, daß ihre Ergebenheit ganz
-grenzenlos war. Sie war vor Glück wie wahnsinnig; ihr Blut siedete, und
-sie konnte nichts mehr hören. Sie drückte ihm den Mund mit der Hand zu,
-schmiegte seinen Kopf an ihre Brust und sagte:
-
-»Ich weiß schon, wie ich es einrichte, daß du ein Kaufmann wirst und ich
-mit dir in richtiger Ehe zusammenleben kann. Mache mir aber jetzt keinen
-Kummer, solange wir noch nicht so weit sind.«
-
-Und sie überschüttete ihn wieder mit ihren Küssen.
-
-Der alte Verwalter, der in der Scheune schlief, hörte in der Stille der
-Nacht bald ein Flüstern und Kichern, als ob ausgelassene Kinder sich
-berieten, wie sie den Alten einen Streich spielen könnten; bald ein
-helles lustiges Lachen, wie wenn die Nixen im See jemand kitzelten.
-Katerina Lwowna wälzte sich, vom Mondlichte übergossen, auf dem weichen
-Teppich und spielte mit dem jungen Burschen. Die weißen Blüten des
-Apfelbaums regneten auf sie herab und hörten schließlich zu regnen auf.
-Die kurze Sommernacht ging aber zu Ende, der Mond zog sich hinter den
-steilen Giebel des hohen Speichers zurück und blickte auf die Erde immer
-trüber herab; vom Küchendache herab erklang ein durchdringendes
-Katzenduett; dann hörte man ein böses Fauchen, und gleich darauf rollten
-zwei oder drei Katzen vom Dache herab.
-
-»Komm schlafen«, sagte Katerina Lwowna, langsam, wie zerschlagen, stand
-vom Teppich auf und ging im bloßen Hemd und Unterrock, so wie sie war,
-durch den stillen, wie ausgestorbenen Hof. Ssergej trug ihr aber den
-Teppich und die Jacke nach, die sie im mutwilligen Spiel von sich
-geworfen hatte.
-
-
-
-
- VII
-
-
-Kaum hatte Katerina Lwowna die Kerze ausgeblasen und sich auf dem
-weichen Pfühle ausgestreckt, als sie auch sofort einschlief. Nach den
-ausgelassenen Spielen dieser Nacht schläft sie so fest, daß auch Arme
-und Beine wie erstarrt sind; und sie hört durch den Schlaf, wie die Türe
-aufgeht und der gestrige Kater als ein schweres Knäuel aufs Bett
-springt.
-
-»Was ist das für eine Plage mit diesem Kater?« fragt sich die todmüde
-Katerina Lwowna. »Ich habe ja die Türe mit eigenen Händen zugesperrt und
-auch das Fenster geschlossen, und er ist schon wieder da. Gleich werde
-ich ihn hinauswerfen!« Katerina Lwowna wollte schon aufstehen, aber die
-schlafenden Arme und Beine gehorchten ihr nicht. Der Kater stieg aber
-auf ihrem Körper umher und schnurrte so seltsam, wie wenn er
-Menschenworte spräche. Katerina Lwowna überlief es kalt.
-
-»Morgen muß ich ganz bestimmt Weihwasser mit ins Bett nehmen«, sagt sie
-sich, »anders kann ich diesen seltsamen Kater gar nicht los werden!«
-
-Der Kater aber schnurrt ihr dicht vor dem Ohre und spricht: »Bin ich
-denn ein Kater? Du urteilst nicht klug, Katerina Lwowna, wenn du mich
-für einen Kater hältst. Ich bin ja der ehrengeachtete Kaufmann Boris
-Timofejitsch. Ich sehe jetzt bloß darum so schlecht aus, weil mir nach
-dem Imbiß, den mir meine liebe Schwiegertochter vorgesetzt hat, alle
-Gedärme gesprungen sind. Darum erscheine ich auch denen, die von der
-Sache wenig verstehen, als ein Kater. Wie geht es dir nun jetzt,
-Katerina Lwowna? Wie beobachtest du Gottes Gebot? Ich bin vom Friedhofe
-hergekommen, um zu sehen, wie du mit Ssergej Philippowitsch das Bett
-deines Mannes wärmst. Schnurr -- Murr, ich sehe ja nichts. Fürchte mich
-nicht: nach deinem Imbiß sind mir, wie du siehst, auch die Augen
-ausgelaufen. Schau mir doch in die Augen, meine Liebe, fürchte dich
-nicht!«
-
-Katerina Lwowna sah hin und schrie vor Entsetzen auf. Zwischen ihr und
-Ssergej liegt wieder der Kater. Er hat den Kopf des Boris Timofejitsch
-in der gleichen Größe, wie ihn der Verstorbene bei Lebzeiten gehabt hat,
-und statt der Augen Feuerkreise, die sich nach verschiedenen Richtungen
-drehen.
-
-Ssergej erwachte, beruhigte Katerina Lwowna und schlief wieder ein. Sie
-konnte aber nicht mehr einschlafen, und das war gut.
-
-Sie liegt mit offenen Augen da, und plötzlich kommt es ihr vor, als ob
-jemand über das Tor in den Hof gestiegen wäre. Sie hört, wie die Hunde
-aufspringen, sich aber gleich wieder beruhigen, wie wenn sie jemand
-streichelte. Es vergeht eine Minute, und sie hört, wie der Riegel unten
-zurückgeschoben wird und wie die Haustür aufgeht. »Entweder kommt mir
-das alles nur so vor, oder mein Sinowij Borissowitsch ist eben
-zurückgekehrt und hat die Türe mit seinem Schlüssel aufgemacht«, dachte
-sich Katerina Lwowna und stieß Ssergej in die Seite.
-
-»Sserjoscha, hör einmal«, sagte sie, sich auf einen Ellenbogen
-aufrichtend und die Ohren spitzend.
-
-Jemand stieg tatsächlich die Treppe hinauf und näherte sich langsam mit
-leisen Schritten der versperrten Schlafzimmertüre.
-
-Katerina Lwowna sprang schnell im bloßen Hemd aus dem Bett und machte
-das Fenster auf. Ssergej stürzte im gleichen Augenblick auf die Galerie
-und umschlang mit den Beinen den Balken, an dem er schon mehr als einmal
-aus dem Schlafzimmer der Hausfrau hinuntergeglitten war.
-
-»Nein, du sollst nicht fort! Leg dich hier nieder ... Bleib in meiner
-Nähe«, flüsterte Katerina Lwowna und warf ihm durch das Fenster seine
-Kleider und Schuhe zu. Sie selbst schlüpfte aber wieder unter die
-Bettdecke und wartete.
-
-Ssergej hörte auf Katerina Lwowna; er glitt den Balken nicht hinunter,
-sondern kauerte sich auf der Galerie unter dem Dachvorsprung nieder.
-
-Katerina Lwowna hört indessen, wie ihr Mann dicht vor die Türe kommt und
-mit verhaltenem Atem lauscht. Sie hört sogar sein Herz vor Eifersucht
-klopfen; sie fühlt aber kein Mitleid, sondern nur ein böses Lachen in
-sich aufsteigen.
-
-»Ja, suche nur den gestrigen Tag!« denkt sie sich und lächelt so
-unschuldig wie ein neugeborenes Kind.
-
-Das dauerte an die zehn Minuten. Schließlich wurde es Sinowij
-Borissowitsch zu dumm, draußen zu stehen und zu lauschen, wie seine Frau
-schläft. Er klopfte an ...
-
-»Wer ist da?« rief Katerina Lwowna nach einer Weile mit verschlafener
-Stimme.
-
-»Einer von der Familie«, antwortete Sinowij Borissowitsch.
-
-»Bist du es, Sinowij Borissowitsch?«
-
-»Natürlich! Als ob du es nicht hörtest!«
-
-Katerina Lwowna sprang im bloßen Hemd auf, ließ den Mann ein und
-schlüpfte wieder in das warme Bett.
-
-»Vor Sonnenaufgang ist es immer so kalt,« sagte sie, sich in die Decke
-hüllend.
-
-Sinowij Borissowitsch trat ein, sah sich um, betete vor dem
-Heiligenbilde und sah sich wieder um.
-
-»Nun, wie geht es dir?« fragte er seine Frau.
-
-»Es geht«, antwortete Katerina Lwowna, sich aufsetzend und eine vorne
-offene Jacke anziehend.
-
-»Ich soll wohl den Samowar bereiten?« fragte sie.
-
-»Nein, wecke die Aksinja, daß sie es macht.«
-
-Katerina Lwowna schlüpfte in die Schuhe und lief hinaus. Eine halbe
-Stunde blieb sie fort. In dieser Zeit machte sie den Samowar und schlich
-sich leise auf die Galerie hinaus.
-
-»Bleib da!« flüsterte sie Ssergej zu.
-
-»Wie lange soll ich noch sitzen?« fragte Sserjoscha gleichfalls
-flüsternd.
-
-»Wie dumm du doch bist! Sitz, bis ich dich rufe.«
-
-Und Katerina Lwowna setzte ihn wieder auf die gleiche Stelle hin.
-
-Ssergej konnte aber von der Galerie alles hören, was im Schlafzimmer
-vorging. Er hörte, wie die Türe wieder aufging und wie Katerina Lwowna
-zu ihrem Mann zurückkehrte. Jedes Wort konnte er hören.
-
-»Was hast du so lange getrieben?« fragte Sinowij Borissowitsch seine
-Frau.
-
-»Den Samowar habe ich gemacht«, antwortet sie ruhig.
-
-Es vergehen wieder einige Minuten. Ssergej hört, wie Sinowij
-Borissowitsch seinen Rock auf den Kleiderrechen hängt. Nun wäscht er
-sich und spritzt mit dem Wasser umher; dann läßt er sich ein Handtuch
-geben; dann beginnt er wieder ein Gespräch.
-
-»Wie habt ihr den Vater beerdigt?« fragt er.
-
-»Er ist verschieden, und wir haben ihn beerdigt«, antwortet sie.
-
-»Das ist doch wirklich sonderbar!«
-
-»Gott allein weiß, wie es gekommen ist,« antwortet Katerina Lwowna, mit
-den Teetassen klappernd.
-
-Sinowij Borissowitsch geht nachdenklich durch das Zimmer.
-
-»Nun, und wie hast du die Zeit verbracht?« fragt Sinowij Borissowitsch
-seine Frau von neuem aus.
-
-»Ich glaube, unser Zeitvertreib ist jedermann bekannt; Bälle besuchen
-wir nicht, Theater ebenfalls nicht.«
-
-»Du scheinst dich aber wenig über die Rückkehr des Gatten zu freuen!«
-beginnt Sinowij Borissowitsch wieder, sie scheel anblickend.
-
-»Wir beide sind ja nicht mehr so jung, daß wir vor Freude den Verstand
-verlieren sollen! Was soll ich mich auch freuen? Nun muß ich wieder für
-dich arbeiten und herumrennen!«
-
-Katerina Lwowna lief hinaus, um den Samowar zu holen, machte wieder
-einen Sprung auf die Galerie zu Ssergej, zupfte ihn am Ärmel und sagte
-ihm: »Sserjoscha, paß jetzt auf!«
-
-Ssergej wußte zwar nicht recht, was jetzt kommen sollte, machte sich
-aber bereit.
-
-Katerina Lwowna kehrte ins Schlafzimmer zurück. Sinowij Borissowitsch
-kniete eben auf dem Bett und hängte über dem Kopfende seine silberne Uhr
-mit der Glasperlenkette auf.
-
-»Sagen Sie mir einmal, Katerina Lwowna, warum haben Sie, wo Sie allein
-waren, beide Betten aufgedeckt?« fragte er plötzlich die Frau mit
-seltsamem Ausdruck.
-
-»Ich habe Sie immer erwartet«, antwortete Katerina Lwowna, ihn ruhig
-anblickend.
-
-»Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar ... Wie kommt aber dieser Gegenstand
-zu Ihnen ins Bett?«
-
-Sinowij Borissowitsch hob von ihrem Bett den wollenen Gürtel Ssergejs
-auf und hielt ihn ihr vor die Augen.
-
-Katerina Lwowna verlor gar nicht die Fassung.
-
-»Ich habe ihn im Garten gefunden und mir damit den Rock festgebunden.«
-
-»So, so!« sagte Sinowij Borissowitsch mit eigentümlicher Betonung. »Von
-Ihren Röcken haben wir ja auch manches gehört.«
-
-»Was haben Sie gehört?«
-
-»Manches von Ihren Heldentaten!«
-
-»Ich weiß nichts von Heldentaten.«
-
-»Das werden wir alles untersuchen«, antwortete Sinowij Borissowitsch,
-der Frau seine geleerte Teetasse zuschiebend.
-
-»Wir werden alle Ihre Taten ans Licht bringen«, sagte Sinowij
-Borissowitsch nach einer langen Pause, die Brauen runzelnd.
-
-»Ihre Katerina Lwowna ist gar nicht so furchtsam. Sie hat keine Angst
-davor«, antwortet sie.
-
-»Was?!« herrschte sie Sinowij Borissowitsch mit erhobener Stimme an.
-
-»Nichts, ist schon vorbei«, antwortete die Frau.
-
-»Du, paß auf! Du bist mir hier allzu gesprächig geworden!«
-
-»Warum soll ich auch nicht gesprächig sein?« erwiderte Katerina Lwowna.
-
-»Hättest doch mehr acht auf dein Benehmen gegeben!«
-
-»Das brauche ich nicht. Ich kann gar nicht wissen, was die bösen Zungen
-über mich alles gesagt haben, und nun muß ich alle diese Schimpfreden
-über mich ergehen lassen. Das ist doch wirklich unerhört!«
-
-»Ich spreche nicht von den bösen Zungen, mir sind aber alle Ihre
-Liebesabenteuer bekannt.«
-
-»Was für Liebesabenteuer?« schrie Katerina Lwowna in aufrichtigem Zorne
-auf.
-
-»Das weiß ich schon selbst.«
-
-»Und wenn Sie es wissen, so sagen Sie es mir bitte!«
-
-Sinowij Borissowitsch antwortete nichts und schob der Frau wieder die
-geleerte Tasse hin.
-
-»Offenbar wissen Sie selbst nicht, was zu sagen«, sagte Katerina Lwowna
-verachtungsvoll und warf wütend den Teelöffel in die leere Tasse des
-Mannes. »Nun, sagen Sie einmal, was Sie gehört haben? Wer soll mein
-Geliebter sein?«
-
-»Keine Eile, Sie werden es schon hören.«
-
-»Hat man Ihnen vielleicht etwas von Ssergej gesagt?«
-
-»Das werden wir bald alles erfahren, Katerina Lwowna. Niemand hat mir
-noch meine Gewalt über Sie genommen und niemand kann sie mir nehmen ...
-Sie werden bald selbst alles sagen ...«
-
-»Ach! Das kann ich nicht leiden!« schrie Katerina Lwowna, mit den Zähnen
-knirschend, auf, wurde kreideblaß und sprang plötzlich durch die Türe
-hinaus.
-
-»Da ist er!« sagte sie nach wenigen Augenblicken, Ssergej bei der Hand
-ins Zimmer führend. »Fragen Sie ihn und mich aus. Vielleicht wirst du
-sogar etwas mehr erfahren, als dir lieb ist.«
-
-Sinowij Borissowitsch war ganz bestürzt. Er blickte bald Ssergej an, der
-an der Schwelle stand, bald seine Frau, die ruhig, mit gekreuzten Armen
-auf dem Bettrande saß, und wußte gar nicht, womit das alles enden
-sollte.
-
-»Was hast du vor, du Schlange?« brachte er mit Mühe hervor, ohne vom
-Sessel aufzustehen.
-
-»Frage mich nun aus, was du so gut weißt«, antwortete Katerina Lwowna
-frech. »Du willst mich mit Schlägen einschüchtern«, fuhr sie fort,
-bedeutungsvoll mit den Augen zwinkernd. »Das wird niemals sein! Was ich
-aber vielleicht noch vor allen deinen Drohungen über dich beschlossen
-habe, das werde ich jetzt tun.«
-
-»Was? Hinaus!« schrie Sinowij Borissowitsch Ssergej an.
-
-»Warum nicht gar!« höhnte Katerina Lwowna.
-
-Sie sperrte schnell die Türe zu, steckte den Schlüssel in die Tasche und
-legte sich wieder in ihrer offenen Jacke aufs Bett.
-
-»Nun, Sserjoscha, mein Liebster, komm einmal her!« rief sie den Burschen
-zu sich heran.
-
-Ssergej schüttelte seinen Lockenkopf und setzte sich kühn neben die
-Hausfrau.
-
-»Mein Gott! Was ist denn das? Was wollt ihr, ihr Barbaren?!« schrie
-Sinowij Borissowitsch, ganz rot vor Zorn, sich vom Sessel erhebend.
-
-»Wie? Paßt dir das nicht? Schau nur, schau nur, mein Liebster, wie schön
-das ist!«
-
-Katerina Lwowna lachte auf und küßte vor den Augen ihres Mannes Ssergej
-mit großer Leidenschaft.
-
-Im gleichen Augenblick brannte auf ihrer Wange ein betäubender Schlag,
-und Sinowij Borissowitsch stürzte ans offene Fenster.
-
-
-
-
- VIII
-
-
-»Ach so! ... Ich danke dir, lieber Freund: nur darauf habe ich
-gewartet!« schrie Katerina Lwowna auf. »Nun wird es wohl weder nach
-meinem noch nach deinem Willen gehen ...«
-
-Mit einem Ruck stieß sie Ssergej von sich, stürzte sich auf den Mann,
-packte ihn, noch ehe Sinowij Borissowitsch das Fenster erreicht hatte,
-mit ihren feinen Fingern an der Kehle und warf ihn wie eine Hanfgarbe zu
-Boden.
-
-Sinowij Borissowitsch schlug sich mit dem Nacken am Fußboden an und
-wurde ganz wahnsinnig vor Entsetzen. Ein so schnelles Ende hatte er
-nicht erwartet. Die erste Gewalttätigkeit seiner Frau gegen ihn zeigte
-ihm, daß sie zu allem entschlossen sei, um ihn loszuwerden, und daß er
-sich in höchster Gefahr befinde. Sinowij Borissowitsch hatte das alles
-blitzartig im Augenblick seines Sturzes erfaßt; er schrie nicht einmal
-auf, denn er wußte, daß seine Stimme kein Ohr erreichen und die Sache
-nur noch beschleunigen würde. Er ließ seinen Blick schweigend um sich
-schweifen, und richtete ihn zuletzt mit einem Ausdruck von Haß, Vorwurf
-und Schmerz auf seine Frau, deren feine Finger seine Kehle
-zusammenpreßten.
-
-Sinowij Borissowitsch wehrte sich nicht, seine Arme mit den geballten
-Fäusten lagen ausgestreckt da und zuckten wie in einem Krampfe. Der eine
-Arm war frei, den andern hatte Katerina Lwowna mit dem Knie gegen den
-Boden gedrückt.
-
-»Halt ihn einmal fest,« flüsterte sie gleichgültig Ssergej zu und wandte
-sich wieder zum Mann.
-
-Ssergej setzte sich rittlings auf seinen Herrn und drückte dessen beide
-Hände mit den Knien gegen den Boden. Er wollte ihn unter den Händen
-Katerina Lwownas an der Kehle fassen, schrie aber in diesem selben
-Augenblick selbst wahnsinnig auf. Als Sinowij Borissowitsch seinen
-Todfeind so nahe vor sich sah, nahm er seine letzten Kräfte zusammen:
-mit einem verzweifelten Ruck befreite er seine Hände unter Ssergejs
-Knie, packte ihn an den schwarzen Locken und biß sich wie ein wildes
-Tier in seine Kehle fest. Dies dauerte aber nur wenige Augenblicke;
-Sinowij Borissowitsch stöhnte schwer auf, und sein Kopf fiel wieder
-zurück.
-
-Katerina Lwowna stand blaß, fast ohne zu atmen über den Mann und den
-Geliebten gebeugt; in der rechten Hand hielt sie einen schweren
-gegossenen Leuchter am oberen Ende, so daß der schwere Fuß nach unten
-gerichtet war. Über die Schläfe und Wange Sinowij Borissowitschs
-rieselte ein dünnes Bächlein hellroten Blutes.
-
-»Einen Popen ...« stöhnte Sinowij Borissowitsch dumpf, den Kopf voller
-Ekel so weit es ging vor dem auf ihm sitzenden Ssergej zurückwerfend.
-»Beichten ...« sagte er noch dumpfer, am ganzen Leibe zitternd und auf
-das über sein Gesicht fließende warme Blut schielend.
-
-»Bist auch ohne Beichte gut,« flüsterte Katerina Lwowna.
-
-»Mach keine langen Geschichten,« sagte sie zu Ssergej. »Pack ihn einmal
-ordentlich an der Gurgel.«
-
-Sinowij Borissowitsch röchelte.
-
-Katerina Lwowna beugte sich über ihn, preßte mit ihren Händen Ssergejs
-Hände, die die Kehle ihres Mannes umklammerten, noch fester zusammen und
-drückte ihr Ohr an dessen Brust. Nach fünf stummen Minuten stand sie auf
-und sagte:
-
-»Es ist genug, er ist fertig.«
-
-Ssergej stand ebenfalls auf und holte tief Atem. Sinowij Borissowitsch
-lag leblos mit eingedrückter Kehle und zerschmetterter Schläfe da. Auf
-dem Fußboden links von seinem Kopfe war ein kleiner Blutfleck; aus der
-kleinen Wunde, an der schon die Haare klebten, kam aber kein neues Blut
-mehr.
-
-Ssergej trug die Leiche in den Keller unter der gemauerten
-Vorratskammer, in die ihn vor nicht langer Zeit der selige Boris
-Timofejitsch eingesperrt hatte, und kehrte bald ins Schlafzimmer zurück.
-Katerina Lwowna hatte die Ärmel ihrer Jacke aufgekrempelt und den Saum
-ihres Rockes gerafft und wusch mit Seife den Blutfleck, den Sinowij
-Borissowitsch auf dem Fußboden seines Schlafzimmers hinterlassen hatte.
-Der Samowar, aus dem er soeben den vergifteten Tee getrunken hatte, war
-noch nicht erkaltet, und der Blutfleck ließ sich mit dem heißen Wasser
-spurlos abwaschen.
-
-Katerina Lwowna nahm die kupferne Spülschale und einen eingeseiften
-Bastwisch in die Hand.
-
-»Leuchte mir einmal,« sagte sie zu Ssergej, zu der Türe gehend. »Halte
-die Kerze tiefer!« sagte sie, die Dielenbretter untersuchend, über die
-Ssergej die Leiche in den Keller geschleppt hatte.
-
-Nur an zwei Stellen waren auf der gestrichenen Diele zwei kirschengroße
-Flecke zu sehen. Katerina Lwowna rieb sie mit dem Bastwisch, und sie
-verschwanden spurlos.
-
-»Nun wirst du nicht mehr wie ein Dieb zu deiner Frau schleichen und sie
-belauern,« sagte Katerina Lwowna, sich aufrichtend und einen Blick zur
-Vorratskammer werfend.
-
-»Jetzt ist Schluß,« sagte Ssergej und fuhr vor dem Klange seiner eigenen
-Stimme zusammen.
-
-Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrten, zeigte sich im Osten schon der
-erste feine Streif des Morgenrots, das die blühenden Apfelbäume mit
-schwachem goldenem Scheine übergoß und durch das grüne Gartengitter in
-das Schlafzimmer Katerina Lwownas hereinblickte.
-
-Über den Hof ging aus der Scheune in die Küche, den Schafspelz über die
-Schultern geworfen, gähnend und sich bekreuzigend, der alte Verwalter.
-
-Katerina Lwowna schloß leise den Fensterladen und warf einen
-durchdringenden Blick auf Ssergej, als wollte sie ihm in die Tiefe
-seiner Seele blicken.
-
-»Nun bist du Kaufmann,« sagte sie, ihm ihre weißen Hände auf die
-Schultern legend.
-
-Ssergej erwiderte nichts.
-
-Er zitterte wie im Fieber. Katerina Lwowna fühlte nur Kälte um die
-Lippen.
-
-Nach zwei Tagen hatte Ssergej an beiden Händen Schwielen, die vom
-Brecheisen und dem schweren Spaten herrührten. Sinowij Borissowitsch war
-dafür so gut verwahrt, daß ihn vor der allgemeinen Auferstehung wohl
-niemand ohne Beihilfe Katerina Lwownas und ihres Geliebten finden würde.
-
-
-
-
- IX
-
-
-Ssergej trug ein rotes wollenes Halstuch und klagte über Halsschmerzen.
-Ehe aber die Male von den Zähnen Sinowij Borissowitschs auf seinem Halse
-vernarbt waren, fiel den Leuten die allzu lange Abwesenheit des
-Hausherrn auf. Ssergej selbst sprach am häufigsten von ihm. Wenn er
-abends mit den anderen Burschen auf der Bank vor dem Tore saß, brachte
-er oft die Rede auf ihn: »Was bleibt unser Herr so lange aus?«
-
-Auch die Burschen wunderten sich.
-
-Von der Mühle kam aber die Nachricht, daß Sinowij Borissowitsch schon
-längst einen Wagen gedungen hatte und nach Hause abgereist war. Der
-Kutscher, der ihn gefahren hatte, berichtete, daß Sinowij Borissowitsch
-in einer seltsamen Aufregung gewesen sei; am Kloster, etwa drei Werst
-vor der Stadt, sei er mit seiner Reisetasche aus dem Wagen gestiegen und
-hätte den Kutscher entlassen. Als die Leute diesen Bericht hörten,
-staunten sie noch mehr.
-
-Sinowij Borissowitsch schien spurlos verschwunden zu sein.
-
-Man fing zu suchen an, konnte aber auch nicht die geringste Spur finden.
-Der Kutscher, den man bald verhaftete, wußte nur zu berichten, daß der
-Kaufmann vor dem Kloster den Wagen verlassen und zu Fuß weitergegangen
-sei. Die Sache blieb rätselhaft. Katerina Lwowna erfreute sich indessen
-ihrer Witwenfreiheit und lebte mit Ssergej ohne jede Scheu zusammen. Man
-meldete zwar ab und zu, daß man Sinowij Borissowitsch bald hier und bald
-dort gesehen hätte, er kam aber nicht zurück, und Katerina Lwowna wußte
-am besten, daß er überhaupt nicht mehr zurückkehren konnte.
-
-So verging ein Monat, ein zweiter und ein dritter, und Katerina Lwowna
-fühlte sich in anderen Umständen.
-
-»Das Kapital wird uns zufallen, Sserjoscha: ich habe jetzt einen Erben,«
-sagte sie zu Ssergej. Sie ging auf das Kaufmannsgericht und meldete, daß
-sie in Umständen sei; die Geschäfte lägen brach; man möchte ihr daher
-die Vollmacht geben, das Geschäft selbständig zu führen.
-
-Man durfte das alte Handelshaus doch nicht zugrunde gehen lassen;
-Katerina Lwowna war ja die eheliche Gemahlin Sinowij Borissowitschs,
-Schulden waren keine vorhanden, also konnte man ihr ohne Bedenken die
-Vollmacht geben.
-
-Katerina Lwowna ist nun unumschränkte Herrin, und Ssergej wird auf ihren
-Wunsch von allen Ssergej Philippowitsch genannt. Plötzlich kommt eine
-ganz neue Sorge. Man meldet dem Bürgermeister aus Liwny, daß Sinowij
-Borissowitsch nicht bloß mit eigenem Kapital Handel getrieben habe; in
-seinem Geschäft hätte auch das Geld seines minderjährigen Neffen Fjodor
-Ignatjewitsch Ljamin gesteckt, das sein eigenes Kapital um ein
-Beträchtliches überstiegen habe; diese Sache müsse noch genauer
-untersucht werden, und man dürfe nicht das ganze Geschäft Katerina
-Lwowna allein anvertrauen. Als diese Nachricht eintraf, ließ der
-Bürgermeister Katerina Lwowna zu sich kommen und teilte ihr alles mit.
-Nach acht Tagen kommt aber aus Liwny eine alte Frau mit einem
-halbwüchsigen Jungen.
-
-»Ich bin eine Base des seligen Boris Timofejitsch,« sagt sie, »und der
-Junge ist mein Großneffe Fjodor Ljamin.«
-
-Katerina Lwowna nahm sie huldvoll auf.
-
-Als Ssergej die Gäste und den Empfang, den ihnen Katerina Lwowna
-bereitete, sah, wurde er kreideblaß.
-
-»Was hast du?« fragte ihn Katerina Lwowna, als er gleich nach den Gästen
-ins Haus trat und aufgeregt im Vorzimmer stehen blieb.
-
-»Nichts,« antwortete der Bursche, aus dem Vorzimmer wieder in den
-Hausflur gehend. »Ich denke mir nur, was für eine wunderbare Stadt
-dieses Liwny ist,« fügte er seufzend hinzu, die Haustüre hinter sich
-schließend.
-
-»Was sollen wir jetzt anfangen?« fragte Ssergej Philippowitsch nachts am
-Teetisch Katerina Lwowna. »Unsere Sache steht jetzt wohl sehr schlecht.«
-
-»Warum sollte sie schlecht stehen, Sserjoscha?«
-
-»Weil die Erbschaft geteilt werden wird. Wie willst du wirtschaften,
-wenn dir kein Geld im Geschäfte bleibt?«
-
-»Glaubst du, daß es für dich nicht langen wird, Sserjoscha?«
-
-»Ich spreche nicht von mir, ich glaube nur, daß wir beide jetzt nicht
-mehr so glücklich werden leben können.«
-
-»Warum glaubst du das, Sserjoscha?«
-
-»Ich liebe Sie, Katerina Lwowna, und möchte Sie als wirkliche Dame sehen
-und nicht in der Lage, in der Sie vor Ihrer Heirat gelebt haben,«
-antwortete Ssergej Philippowitsch. »Nun wird aber das Kapital so sehr
-verringert, daß Sie noch ärmer sein werden, als Sie es als Mädchen
-waren.«
-
-»Brauche ich denn das viele Geld, Sserjoscha?«
-
-»Es ist wohl möglich, Katerina Lwowna, daß Sie für das Geld gar kein
-Interesse haben. Ich achte Sie aber so sehr, daß es mir schmerzlich sein
-wird, zu sehen, wie die gemeinen und neidischen Menschen Sie anschauen
-werden. Sie können darüber natürlich urteilen, wie es Ihnen beliebt, ich
-bin aber der Ansicht, daß ich dann unmöglich so glücklich sein kann, wie
-ich es bisher gewesen.«
-
-Und er redete in einem fort, daß dieser Fedja Ljamin ihn zum
-unglücklichsten Menschen mache und daß er nicht mehr die Möglichkeit
-habe, sie, Katerina Lwowna, vor den Augen der ganzen Kaufmannschaft zu
-erhöhen und zu ehren. Wenn dieser Fedja nicht wäre, so bekäme Katerina
-Lwowna, nachdem sie vor Ablauf der neunmonatlichen Frist nach dem
-Verschwinden ihres Mannes ein Kind geboren haben würde, das ganze
-Kapital; dann würde ihr gemeinsames Glück ganz grenzenlos sein.
-
-
-
-
- X
-
-
-Nach einiger Zeit hörte aber Ssergej ganz auf, von der Erbschaft zu
-sprechen. Dafür nahm jetzt Fedja Ljamin alle Gedanken und Regungen
-Katerina Lwownas gefangen. Sie war nun immer nachdenklich und gegen
-Ssergej oft sogar unfreundlich. Ob sie schläft, oder den Geschäften
-nachgeht, oder betet, -- immer denkt sie an das eine: »Wie ist es nun?
-Warum muß ich seinetwegen das ganze Kapital verlieren? Ich habe so viel
-durchgemacht, habe eine solche Sünde auf mich genommen, und er kommt
-gefahren und nimmt mir ruhig alles ab ... Wenn er wenigstens ein
-erwachsener Mensch wäre, aber er ist nur ein kleines Kind ...«
-
-In diesem Jahre kamen die Fröste früh. Von Sinowij Borissowitsch war
-natürlich nichts zu hören. Katerina Lwowna nahm von Tag zu Tag an
-Leibesumfang zu und war immer nachdenklich. In der Stadt sprachen die
-Leute nur noch von ihr: die junge Ismajlowa ist doch immer kinderlos und
-mager gewesen, und nun ist sie plötzlich so aufgedunsen. Das ist doch
-seltsam! Der junge Miterbe Fedja Ljamin ging aber indessen in einem
-leichten Halbpelz aus Eichhornfellen auf dem Hofe herum und brach mit
-den Absätzen das Eis in den Pfützen ein.
-
-»Du, Fjodor Ignatjewitsch!« schrie ihm manchmal die Köchin Aksinja zu.
-»Paßt es denn für dich, den Kaufmannssohn, in den Pfützen
-herumzustapfen?«
-
-Der Miterbe, der Katerina Lwowna und ihrem Geliebten solche Sorgen
-machte, sprang aber so vergnügt wie ein Böcklein den ganzen Tag herum;
-nachts schlief er ruhig und sorglos unter der Obhut seiner Großtante und
-dachte gar nicht daran, daß jemand ihm in den Weg treten und sein
-glückliches Dasein verdunkeln könnte.
-
-Fedja lief so lange auf dem Hofe herum, bis er eines Tages die
-Windpocken bekam. Zu den Windpocken gesellte sich auch eine
-Lungenentzündung. Der Junge lag krank darnieder. Man behandelte ihn
-zuerst mit allerlei Hausmitteln und ließ schließlich auch den Arzt
-kommen.
-
-Der Arzt kam alle paar Tage ins Haus und schrieb Arzneien auf. Der Junge
-bekam sie alle paar Stunden nach der Uhr. Die Großtante selbst gab sie
-ihm ein. Manchmal mußte es auch Katerina Lwowna tun.
-
-»Bemühe dich einmal, Katerina,« sagte sie ihr. »Du bist gesegneten
-Leibes, erwartest das Gericht Gottes, also kannst du dich auch einmal
-bemühen.«
-
-Katerina Lwowna tat der Alten den Gefallen. Wenn jene in die Kirche
-ging, um »für den auf dem Krankenlager liegenden Knaben Fjodor« zu beten
-oder ein Stückchen Hostie für ihn zu holen, saß Katerina Lwowna am Bette
-des Kranken und gab ihm pünktlich seine Arzneien ein.
-
-So ging die Alte auch am Festtage der Darstellung Mariä in die Kirche
-zur Abendmesse und Frühmesse und bat Katerina Lwowna wieder, nach dem
-Jungen zu sehen. Fedja ging es schon viel besser.
-
-Katerina Lwowna kommt zu Fedja ins Zimmer, er sitzt aber schon in seinem
-Eichhornpelz auf dem Bette und liest.
-
-»Was liest du, Fedja?« fragte Katerina Lwowna, sich in den Sessel vor
-seinem Bette setzend.
-
-»Ich lese im Heiligenleben, Tantchen.«
-
-»Ist es interessant?«
-
-»Sehr interessant, Tantchen.«
-
-Katerina Lwowna stützt den Kopf in die Hand und blickt auf Fedja, der
-lautlos die Lippen bewegt. Wie wenn sich alle Dämonen von den Ketten
-losgerissen hätten, bemächtigt sich ihrer plötzlich wieder der alte
-Gedanke, daß dieser Junge ihr soviel Böses zufüge und daß es viel besser
-wäre, wenn es ihn gar nicht auf der Welt gäbe.
-
--- Er ist krank, -- dachte sich Katerina Lwowna. -- Er nimmt Arzneien
-ein ... Einem kranken Kind kann ja manches zustoßen ... Hinterher kann
-man sagen, daß der Arzt eine unrechte Medizin verordnet hat ...
-
-»Ist es nicht Zeit, die Medizin zu nehmen, Fedja?«
-
-»Bitte, Tantchen!« sagte der Junge. Er schluckte die Medizin herunter
-und fügte hinzu: »Das Buch ist sehr interessant, Tantchen, es wird darin
-das Leben der Heiligen beschrieben.«
-
-»Lies nur, lies,« versetzte Katerina Lwowna. Sie sah sich kaltblütig im
-Zimmer um und richtete den Blick auf das mit Eisblumen überzogene
-Fenster.
-
-»Man muß die Fenster schließen lassen,« sagte sie. Dann ging sie durch
-das Gastzimmer in den Saal und von dort zu sich ins Schlafzimmer. Hier
-setzte sie sich hin.
-
-Nach etwa fünf Minuten trat ins Schlafzimmer in einem mit Seebärenfell
-besetzten Halbpelz Ssergej.
-
-»Hat man die Fenster geschlossen?« fragte ihn Katerina Lwowna.
-
-»Man hat sie geschlossen,« antwortete Ssergej. Er putzte die Kerze und
-stellte sich vor den Ofen.
-
-Beide schwiegen.
-
-»Heute geht die Abendmesse wohl nicht so bald zu Ende?« fragte Katerina
-Lwowna.
-
-»Morgen ist ein großer Feiertag, der Gottesdienst wird heute lange
-dauern,« antwortete Ssergej.
-
-Es entstand wieder eine Pause.
-
-»Ich muß nach Fedja schauen, er ist allein,« sagte Katerina Lwowna, sich
-erhebend.
-
-»Allein?« fragte Ssergej, sie mürrisch anblickend.
-
-»Ja, allein,« antwortete sie leise: »Warum?«
-
-Von einem Augenpaar zum andern zuckten schnelle Blitze; aber keiner von
-ihnen sagte ein Wort.
-
-Katerina Lwowna ging hinunter und machte eine Runde durch die leeren
-Zimmer. Überall war es still; vor den Heiligenbildern brannten ruhig die
-Lämpchen; ihr eigener Schatten huschte über die Wände; die Außenläden
-waren schon geschlossen, und die Fensterscheiben tauten auf und tränten.
-Fedja saß auf dem Bett und las. Als er Katerina erblickte, sagte er ihr:
-
-»Tantchen, legen Sie, bitte, dieses Buch weg und geben Sie mir das
-andere, das auf dem Heiligenschrein liegt.«
-
-Katerina Lwowna erfüllte die Bitte des Neffen und gab ihm das Buch.
-
-»Willst du nicht einschlafen, Fedja?«
-
-»Nein, Tantchen, ich möchte auf die Großtante warten.«
-
-»Warum willst du auf sie warten?«
-
-»Sie versprach mir, geweihtes Brot von der Abendmesse mitzubringen.«
-
-Katerina Lwowna wurde plötzlich blaß: ihr eigenes Kind regte sich eben
-zum erstenmal unter ihrem Herzen, und sie fühlte Kälte in der Brust. Sie
-stand noch eine Weile mitten im Zimmer da und ging hinaus, die
-erkaltenden Hände gegeneinander reibend.
-
-»Nun!« flüsterte sie, leise ins Schlafzimmer tretend, wo Ssergej noch
-immer vor dem Ofen stand.
-
-»Was denn?« fragte Ssergej kaum hörbar. Ihm stockte der Atem.
-
-»Er ist allein.«
-
-Ssergej runzelte die Brauen und begann schwer zu atmen.
-
-»Komm!« sagte Katerina Lwowna hastig, sich zur Türe wendend.
-
-Ssergej zog sich schnell die Stiefel aus und fragte:
-
-»Was soll ich mitnehmen?«
-
-»Nichts!« hauchte Katerina Lwowna und führte ihn leise hinaus.
-
-
-
-
- XI
-
-
-Der kranke Knabe fuhr zusammen und ließ das Buch auf den Schoß sinken,
-als Katerina Lwowna zum drittenmal zu ihm hereinkam.
-
-»Was hast du, Fedja?«
-
-»Ach, Tantchen, ich habe solche Angst, ich weiß selbst nicht warum,«
-antwortete er, lächelnd und sich unruhig in eine Ecke des Bettes
-drückend.
-
-»Wovor hast du Angst?«
-
-»Wer war eben mit Ihnen, Tantchen?«
-
-»Wo? Niemand war mit mir, mein Liebling.«
-
-»Niemand?«
-
-Der Knabe beugte sich zum Fußende des Bettes vor, kniff die Augen
-zusammen, blickte zur Türe, durch die seine Tante soeben gekommen war,
-und beruhigte sich.
-
-»Es ist mir wohl nur so vorgekommen,« sagte er.
-
-Katerina Lwowna lehnte sich an die Kopfwand seines Bettes.
-
-Fedja blickte die Tante an und fragte sie, warum sie so blaß sei.
-
-Katerina Lwowna hüstelte nur und blickte erwartungsvoll auf die Türe des
-Gastzimmers. Dort knarrte leise ein Dielenbrett.
-
-»Ich lese eben die Lebensgeschichte meines Namenspatrons Fjodors des
-Stratilaten. Was der für ein gottgefälliges Leben führte!«
-
-Katerina Lwowna stand schweigend da.
-
-»Tantchen, wollen Sie sich nicht hinsetzen? Ich möchte Ihnen vorlesen!«
-sagte der Neffe, sie liebevoll anblickend.
-
-»Wart, ich komme gleich, ich will nur das Lämpchen im Saal richten,«
-antwortete Katerina Lwowna und verließ schnell das Zimmer.
-
-Im Gastzimmer wurde ganz leise, fast unhörbar geflüstert; das Kind hörte
-es aber in der tiefen Stille mit seinen scharfen Ohren.
-
-»Tantchen! Was ist denn das? Mit wem tuscheln Sie denn?« schrie der
-Knabe mit tränenerstickter Stimme. »Tantchen, kommen Sie doch her, ich
-habe solche Angst!« rief er nach einem Augenblick noch klagender: es kam
-ihm vor, als ob die Tante im Gastzimmer zu jemand »Jetzt!« gesagt hätte.
-Der Knabe bezog es auf sich.
-
-»Was hast du Angst?« fragte Katerina Lwowna heiser, mit festen,
-entschlossenen Schritten ins Zimmer tretend. Sie stellte sich vor das
-Bett so hin, daß ihr Körper die Gastzimmertüre vor den Blicken des
-Kranken verdeckte. »Leg dich!« sagte sie ihm.
-
-»Ich will nicht, Tantchen.«
-
-»Nein, Fedja, hör auf mich, leg dich ... Es ist spät ... Leg dich ...«
-wiederholte Katerina Lwowna.
-
-»Was fällt Ihnen ein, Tantchen! Ich will noch gar nicht liegen.«
-
-»Nein, leg dich, leg dich,« sagte Katerina Lwowna mit veränderter,
-abgerissener Stimme. Sie nahm den Jungen unter den Achseln und legte ihn
-gewaltsam hin.
-
-In diesem Augenblick stieß Fedja einen wahnsinnigen Schrei aus: er sah
-Ssergej, blaß und barfuß ins Zimmer treten.
-
-Katerina Lwowna drückte ihre Hand auf den vor Entsetzen weit geöffneten
-Mund des Kindes und schrie:
-
-»Schnell! Halt ihn einmal, damit er nicht zappelt!«
-
-Ssergej packte Fedja an Armen und Beinen, Katerina Lwowna warf mit einem
-schnellen Ruck ein großes Daunenkissen auf das Gesicht des unglücklichen
-Kindes und legte sich mit der ganzen Schwere ihres Rumpfes darauf.
-
-An die vier Minuten herrschte im Zimmer eine Grabesstille.
-
-»Er hat genug,« flüsterte Katerina Lwowna. Kaum hatte sie sich aber
-erhoben, um alles in Ordnung zu bringen, als die Wände des stillen
-Hauses, das so viele Verbrechen in sich barg, von wuchtigen Schlägen
-erdröhnten: die Fenster klirrten, die Böden bebten, die Lämpchen vor den
-Heiligenbildern zitterten an ihren Ketten, und unheimliche Schatten
-huschten über die Wände.
-
-Ssergej fuhr zusammen und stürzte hinaus; Katerina Lwowna rannte ihm
-nach, und das Dröhnen folgte ihnen. Es war, wie wenn überirdische Kräfte
-das sündige Haus bis auf den Grund erschütterten.
-
-Katerina Lwowna fürchtete, daß der von Entsetzen gepeitschte Ssergej
-hinauslaufen und sich durch seinen Schreck verraten könnte; er lief aber
-in das Schlafzimmer hinauf.
-
-Als Ssergej die Treppe hinaufgelaufen war, schlug er im Finstern mit der
-Stirne an die Tür und stürzte, ganz wahnsinnig vor Entsetzen, die Stufen
-hinunter.
-
-»Sinowij Borissowitsch, Sinowij Borissowitsch!« stammelte er, kopfüber
-die Treppe hinunterstürzend und Katerina Lwowna umwerfend und mit sich
-reißend.
-
-»Wo?« fragte sie.
-
-»Da flog er eben als ein eisernes Blech über uns vorbei! Da fliegt er!«
-schrie Ssergej auf. »Da dröhnt er schon wieder!«
-
-Nun war es klar, daß viele Hände von außen gegen alle Fenster hämmerten
-und auch die Türe einzuschlagen versuchten.
-
-»Narr! Steh auf, Narr!« schrie Katerina Lwowna. Mit diesen Worten lief
-sie schnell wie der Blitz in Fedjas Zimmer, legte seinen toten Kopf in
-der natürlichen Stellung eines Schlafenden auf die Kissen hin und machte
-mit fester Hand die Türe auf, in die ein großer Haufen Menschen
-einzudringen suchte.
-
-Das Bild, das sich ihr bot, war schrecklich. Katerina Lwowna blickte
-über die Köpfe der Menge, die die Haustüre belagerte, sah viele
-unbekannte Menschen über den hohen Zaun in den Hof klettern und hörte
-das Brausen vieler Stimmen.
-
-Katerina Lwowna hatte noch nicht Zeit gehabt, die Sachlage zu erfassen,
-als die Menschen, die vor der Türe standen, über sie herfielen und sie
-zurück ins Haus drängten.
-
-
-
-
- XII
-
-
-Dieser Menschenauflauf war aber folgendermaßen entstanden. In allen
-Gotteshäusern der recht großen und lebhaften Kreisstadt, in der Katerina
-Lwowna lebte, hatte sich am Vorabend des großen Festes eine Menge
-Menschen angesammelt; in der Kirche aber, die morgen ihr Altarfest
-feiern sollte, war das Gedränge so groß, daß keine Stecknadel zu Boden
-fallen konnte. In dieser Kirche sang ein Chor, der aus Handelsgehilfen
-bestand und von einem bekannten Liebhaber der Gesangskunst dirigiert
-wurde.
-
-Unser Volk ist religiös und dem Gottesdienste zugetan; außerdem haben
-die Leute bei uns eine künstlerische Ader, und schöner Chorgesang und
-prunkvoller Gottesdienst sind für sie der reinste Hochgenuß. Wenn in
-einer Kirche ein Chor singt, läuft gleich die halbe Stadt zusammen; in
-erster Linie aber der Handels- und der Arbeiterstand: Handelsgehilfen,
-Lehrjungen, Handlanger, Fabrikarbeiter und auch die Geschäftsinhaber
-selbst mit ihren Gemahlinnen. Alle drängen sich in einer der Kirchen
-zusammen, ein jeder will wenigstens vor der Kirchentüre oder vor dem
-Fenster, selbst bei brennender Sonnenglut, selbst bei strengstem Frost
-stehen und den tiefen Bässen und kunstvollen Tenören, wenn sie ihre
-Variationen singen, lauschen.
-
-In der Kirche, zu deren Sprengel das Ismailowsche Haus gehörte, gab es
-einen Altar zur Darstellung Mariä. Zu derselben Zeit, als sich alles
-oben Beschriebene mit Fedja abspielte, hatte sich die Jugend der ganzen
-Stadt in dieser Kirche versammelt; die Leute verzogen sich nach dem
-Gottesdienste in Scharen und besprachen die Vorzüge des bekannten Tenors
-und die Fehler des ebenso bekannten Basses.
-
-Aber nicht alle interessierten sich so für die musikalischen Dinge; in
-der Menge gab es auch Leute, die andere Fragen erörterten.
-
-»Seltsame Dinge erzählt man sich von der jungen Ismailowa,« sagte der
-junge Maschinist, den sich einer der Kaufleute für seine Dampfmühle aus
-Petersburg verschrieben hatte, mit seinen Freunden am Ismailowschen
-Hause vorbeigehend. »Man sagt, daß sie mit ihrem Angestellten Ssergej
-ein Liebesverhältnis hat ...«
-
-»Das ist ja allen bekannt,« sagte ein Mann in einem mit blauem Nanking
-besetzten Schafspelz. »Sie war heute wohl auch gar nicht in der Kirche.«
-
-»Ach was, Kirche! Die Frau ist so tief gesunken, daß sie weder vor Gott,
-noch vor ihrem Gewissen, noch vor den Menschen Angst hat!«
-
-»Schaut nur, da brennt bei ihr Licht,« sagte der Maschinist, auf einen
-Spalt im Fensterladen zeigend, durch den ein Lichtschein drang.
-
-»Sieh mal hinein, was sie jetzt treiben,« schlugen einige Stimmen vor.
-
-Der Maschinist stützte sich auf die Schultern zweier Freunde, blickte
-durch den Spalt hinein und schrie entsetzt auf:
-
-»Brüder! Da wird gerade jemand erwürgt!«
-
-Der Maschinist begann mit aller Kraft an den Fensterladen zu klopfen. An
-die zehn Mann folgten seinem Beispiel und hämmerten mit den Fäusten
-gegen die Fenster.
-
-Die Menge wuchs von Augenblick zu Augenblick an, und so entstand die uns
-bereits bekannte Belagerung des Ismailowschen Hauses.
-
-»Ich hab es gesehen, mit meinen eigenen Augen hab ich es gesehen,«
-bezeugte der Maschinist vor Fedjas Leiche. »Das Kind lag auf dem Bett,
-und die beiden würgten es.«
-
-Ssergej wurde noch am gleichen Abend ins Gefängnis abgeführt; Katerina
-Lwowna sperrte man aber in ihrem Schlafzimmer ein und stellte zwei
-Wachtposten vor die Türe.
-
-Im Ismailowschen Hause war es nun unerträglich kalt; die Öfen wurden
-nicht geheizt, die Türen standen den ganzen Tag offen, und eine
-neugierige Volksmenge löste die andere ab. Die Leute sahen sich den
-offenen Sarg mit Fedjas Leiche an, und auch den andern großen
-geschlossenen Sarg, der daneben stand. Fedja hatte an der Stirne ein
-weißes Atlasband, das den von der Sektion herrührenden Schnitt verdecken
-sollte. Die gerichtsärztliche Untersuchung hatte ergeben, daß Fedja an
-Erstickung gestorben war, und Ssergej, den man vor die Leiche führte,
-brach, gleich nach den ersten Worten des Geistlichen vom Jüngsten
-Gericht und von den ewigen Qualen der unbußfertigen Sünder, in Tränen
-aus und gestand nicht nur den Mord an Fedja ein, sondern bat auch, die
-Leiche des von ihm ohne christliches Begräbnis verscharrten Sinowij
-Borissowitsch auszugraben. Die Leiche des letzteren, die im trockenen
-Sande lag, war noch nicht verwest; man grub sie aus und legte sie in den
-großen Sarg. Zum allgemeinen Entsetzen bezeichnete Ssergej Katerina
-Lwowna als die Mitschuldige an den beiden Verbrechen. Katerina Lwowna
-antwortete auf alle Fragen: »Ich weiß von nichts.« Als man sie aber mit
-Ssergej konfrontierte, und sie sein Geständnis hörte, blickte sie ihn
-erstaunt, doch ohne Zorn an und sagte gleichgültig:
-
-»Wenn es ihm schon einmal eingefallen ist, alles zu gestehen, so will
-auch ich nicht länger leugnen: ich habe die Morde begangen.«
-
-»Zu welchem Zweck?« fragte man sie.
-
-»Nur ihm zuliebe«, antwortete sie, auf Ssergej zeigend, der mit
-gesenktem Kopf dastand.
-
-Die beiden Verbrecher wurden in getrennte Gefängniszellen gesperrt, und
-der grauenhafte Fall, der weit und breit Aufsehen und Empörung erregte,
-kam bald vors Gericht. Ende Februar wurde das Urteil verkündet: Ssergej
-und die Kaufmannswitwe Katerina Lwowna Ismailowa sollten auf dem
-Marktplatze ihrer Stadt mit der Knute bestraft und dann auf die Katorga
-nach Sibirien verschickt werden. An einem frostigen Märzmorgen zeichnete
-der Scharfrichter Katerina Lwownas entblößten weißen Rücken mit der
-vorgeschriebenen Zahl von blauroten Striemen; dann verabreichte er die
-gleiche Portion auch Ssergej und brannte ihm in sein hübsches Gesicht
-die drei Katorgamale.
-
-Ssergej erregte bei den Leuten aus irgendeinem Grunde viel mehr
-Mitgefühl als Katerina Lwowna. Als er blutbefleckt die Stufen des
-schwarzen Schafotts herunterging, fiel er beinahe um. Katerina Lwowna
-hielt sich aber aufrecht und ruhig und war nur darauf bedacht, daß das
-grobe Hemd ihr nicht den zerfetzten Rücken scheuere.
-
-Als man ihr im Gefängnisspital ihr neugeborenes Kind reichte, sagte sie
-nur: »Hol es der Kuckuck!« Dann wandte sie sich ohne einen Ton von sich
-zu geben zur Wand und fiel mit der Brust auf das harte Bett.
-
-
-
-
- XIII
-
-
-Der Sträflingstransport, mit dem Ssergej und Katerina Lwowna nach
-Sibirien verschickt wurden, brach zu einer Zeit auf, wo der Frühling nur
-im Kalender stand und die Sonne zwar leuchtete aber noch nicht wärmte.
-
-Katerina Lwownas Kind wurde der alten Base des seligen Boris
-Timofejitsch zur Pflege gegeben: das Kind war nach dem Gesetz ein
-ehelicher Sohn des ermordeten Sinowij Borissowitsch und einziger Erbe
-des ganzen Ismailowschen Vermögens. Katerina Lwowna war damit sehr
-zufrieden und gab ihr Kind gleichgültig hin. Wie es bei
-leidenschaftlichen Frauen oft der Fall ist, hatte sich ihre Liebe zum
-Vater in keiner Weise auf das Kind übertragen.
-
-Es gab für sie übrigens kein Licht und kein Dunkel, kein Gut und kein
-Böse, keine Freude und keine Langweile; sie begriff nichts; liebte
-niemand, nicht einmal sich selbst. Sie wartete mit Ungeduld auf den
-Ausmarsch; sie hoffte unterwegs ihren Ssergej zu sehen, ihr Kind hatte
-sie aber schon ganz vergessen.
-
-Katerina Lwownas Hoffnung wurde nicht getäuscht: der gebrandmarkte, mit
-schweren Ketten beladene Ssergej verließ zugleich mit ihr das
-Gefängnistor.
-
-Der Mensch gewöhnt sich an jedes noch so schreckliche Elend und behält
-in jeder Lage die Fähigkeit, seinen kümmerlichen Freuden nachzugehen.
-Katerina Lwowna aber brauchte sich an nichts zu gewöhnen; sie sah ihren
-Ssergej wieder, und der Weg nach Sibirien bedeutete für sie an seiner
-Seite den Weg zum Glück.
-
-Katerina Lwowna konnte in ihrem Leinensack nur wenig Wertgegenstände und
-noch weniger bares Geld mitnehmen. Dies alles verteilte sie, noch ehe
-der Transport Nischnij-Nowgorod erreicht hatte, unter den
-Gefängnisaufsehern für die Erlaubnis, an Ssergejs Seite zu marschieren
-und manchmal bei finsterer Nacht ein Stündchen mit ihm in einer kalten
-Ecke des schmalen Gefängniskorridors zu verbringen.
-
-Der gebrandmarkte Freund Katerina Lwownas war aber gegen sie lieblos
-geworden; sie bekam von ihm kein einziges freundliches Wort mehr zu
-hören; er legte auch wenig Wert auf die geheimen Zusammenkünfte mit ihr,
-für die sie ihr letztes Geld hergeben mußte, und sagte ihr sogar mehr
-als einmal:
-
-»Statt mit mir im Korridor herumzustehen, hättest du doch lieber das
-Geld, das du dafür dem Aufseher zahlst, mir gegeben!«
-
-»Es waren ja nur fünfundzwanzig Kopeken, Sserjoscha!« rechtfertigte sich
-Katerina Lwowna.
-
-»Sind denn fünfundzwanzig Kopeken kein Geld? Du hast doch unterwegs noch
-kein einziges Geldstück gefunden, hast aber schon eine ganze Menge
-ausgegeben.«
-
-»Dafür habe ich dich sehen dürfen, Sserjoscha!«
-
-»Das Wiedersehen nach all dem Elend ist doch wirklich keine Freude! Ich
-verfluche mein Leben und will an diese Zusammenkünfte gar nicht denken!«
-
-»Mir ist aber alles gleich, Sserjoscha! Wenn ich dich nur sehen kann!«
-
-»Das sind Dummheiten«, entgegnete Ssergej.
-
-Als Katerina Lwowna solche Antworten zu hören bekam, biß sie sich oft
-die Lippen blutig. Bei den nächtlichen Zusammenkünften traten ihr oft
-Tränen der Erbitterung in die Augen, die sonst niemals weinten. Sie trug
-aber alles schweigend und suchte sich selbst zu betrügen.
-
-So sehr hatten sich ihre Beziehungen zueinander geändert, als sie
-Nischnij-Nowgorod erreichten. Hier schloß sich an ihren Transport ein
-anderer an, der aus Moskau kam.
-
-In diesem sehr großen Transport befanden sich unter anderm zwei
-interessante weibliche Individuen: die Soldatenfrau Fiona aus Jaroslawl,
-ein üppiges, großes, schönes Weib mit langem, schwarzem Zopf und
-schmachtenden dunklen Augen, die von den langen Wimpern wie von einem
-geheimnisvollen Schleier beschattet waren. Die andere war ein
-siebzehnjähriges Ding mit spitzigem Gesicht und zarter, rosiger Haut,
-kleinem Mündchen, Grübchen in den frischen Wangen und goldblonden
-Locken, die unter dem leinenen Kopftuch lustig auf die Stirne
-niederfielen. Dieses Mädel wurde von den Sträflingen Ssonetka genannt.
-
-Die schöne Fiona war sanft und faul. Alle Sträflinge kannten sie; keiner
-von den Männern zeigte besondere Freude, wenn sie ihm ihre Huld
-schenkte; niemand grämte sich auch, wenn sie diese Huld auf einen andern
-übertrug.
-
-»Fiona ist ein guter Mensch, sie benachteiligt niemand«, scherzten die
-Sträflinge.
-
-Ssonetka war aber ganz anders.
-
-Von ihr sagte man:
-
-»Sie ist wie ein Aal: sie gleitet einem durch die Finger und läßt sich
-von niemand einfangen.«
-
-Ssonetka hatte Geschmack und war wählerisch; sie wollte, daß man ihr die
-Leidenschaft nicht im rohen Zustande, sondern mit einer pikanten Sauce
-entgegenbringe; sie verlangte Leiden und Opfer. Fiona war aber die
-verkörperte russische Einfalt, die viel zu faul ist, um jemand »Nein« zu
-sagen und die nur das eine weiß, daß sie ein Weib ist. Solche Frauen
-werden in den Räuberbanden, Sträflingstransporten und Petersburger
-sozialistischen Kommunen sehr geschätzt.
-
-Das Erscheinen dieser beiden Frauen in dem gleichen Transport, in dem
-sich Ssergej und Katerina Lwowna befanden, hatte für diese letztere eine
-tragische Bedeutung.
-
-
-
-
- XIV
-
-
-Gleich in den ersten Tagen nach dem Ausmarsche aus Nischnij-Nowgorod
-begann sich Ssergej in auffälliger Weise um die Gunst der Soldatenfrau
-Fiona zu bewerben. Er hatte auch bald Erfolg. Die schöne Fiona ließ ihn
-nicht allzu lange zappeln und erfüllte sein Sehnen, wie sie in ihrer
-Herzensgüte auch jeden anderen beglückte. Auf der dritten oder vierten
-Etappe hatte Katerina Lwowna sich wieder die Möglichkeit einer
-Zusammenkunft mit Ssergej erkauft. Sie liegt auf ihrem Lager und wartet:
-gleich wird der Aufseher kommen und ihr zuraunen: »Lauf schnell hinaus!«
-Die Türe geht einmal auf, und eine der Frauen huscht hinaus; die Türe
-geht wieder auf, und von der Pritsche springt eine andere Frau und
-verschwindet im Korridor. Endlich zupft jemand Katerina Lwowna am
-Kittel. Sie springt schnell von der von so vielen Sträflingsrücken
-glattgescheuerten Pritsche, wirft sich den Kittel um und folgt dem
-Aufseher.
-
-Als Katerina Lwowna durch den Korridor ging, der nur an einer Stelle
-ganz schwach von einem kleinen Lämpchen beleuchtet war, stieß sie auf
-zwei oder drei Paare, die sie aus der Entfernung nicht sehen konnte. Aus
-der Männerabteilung tönte durch das Türgitter verhaltenes Lachen.
-
-»Wie die wiehern!« brummte der Begleiter Katerina Lwownas. Er nahm sie
-bei den Schultern, stieß sie in eine Ecke und zog sich zurück.
-
-Katerina Lwowna stieß mit der Hand auf einen groben Kittel und einen
-Bart; ihre andere Hand berührte ein heißes Frauengesicht.
-
-»Wer ist's?« fragte Ssergej leise.
-
-»Und mit wem bist du hier?«
-
-Katerina Lwowna riß der Nebenbuhlerin im Finstern das Tuch vom Kopfe.
-Jene taumelte auf die Seite, fing zu laufen an, stolperte aber und fiel
-hin.
-
-Aus der Männerabteilung erscholl lautes Lachen.
-
-»Schurke!« flüsterte Katerina Lwowna und schlug Ssergej mit den Enden
-des Tuches, das sie seiner neuen Geliebten vom Kopfe gerissen hatte, ins
-Gesicht.
-
-Ssergej erhob seine Hand; Katerina Lwowna huschte aber durch den
-Korridor zur Türe ihrer Zelle. Aus der Männerabteilung klang nun so
-lautes Lachen, daß der Wachtposten, der vor dem Lämpchen stand und sich
-gleichgültig auf die Spitze seines Stiefels spuckte, den Kopf hob und
-rief:
-
-»Ruhe!«
-
-Katerina Lwowna legte sich schweigend auf ihre Pritsche und lag so bis
-zum Morgen da. Sie wollte sich sagen: »Ich liebe ihn nicht mehr«, fühlte
-aber, daß sie ihn noch mehr, noch glühender liebte. Und sie malte sich
-aus, wie seine Hand, mit der er die Andere am Kinn gehalten, bei der
-Berührung mit der ihrigen gezittert, wie seine andere Hand die warmen
-Schultern der Andern umschlungen hatte.
-
-Die arme Frau brach in Tränen aus und wünschte sich, daß die gleichen
-Hände in diesen Augenblicken ihr Gesicht streicheln und ihre krampfhaft
-zuckenden Schultern umfassen möchten.
-
-»Gib mir mein Tuch zurück«, mit diesen Worten wurde sie am Morgen von
-der Soldatenfrau Fiona geweckt.
-
-»Du warst es also?«
-
-»Gib's mir, bitte, zurück!«
-
-»Warum trennst du uns voneinander?«
-
-»Trenne ich euch denn? Ist es eine Liebe, oder habe ich irgendeinen
-Vorteil davon, daß du mir zürnen sollst?«
-
-Katerina Lwowna dachte einen Augenblick nach, holte unter dem Kissen das
-Tuch, das sie der andern nachts vom Kopfe gerissen hatte, warf es Fiona
-zu und wandte sich zur Wand.
-
-Sie fühlte sich ein wenig erleichtert.
-
-»Pfui«, sagte sie sich, »werde ich denn auf so einen angemalten
-Mistkübel eifersüchtig sein? Mag sie in die Erde versinken. Es täte mir
-weh, mich mit ihr auch nur zu vergleichen.«
-
-»Hör einmal, Katerina Lwowna«, sagte ihr am nächsten Tage Ssergej, an
-ihrer Seite gehend, »merke dir bitte, daß ich nicht Sinowij
-Borissowitsch, sondern ein Anderer bin und daß du nicht mehr die feine
-Dame bist. Tu darum, bitte, nicht so stolz. Bockigkeit gilt hier nicht.«
-
-Katerina Lwowna erwiderte nichts. In den nächsten acht Tagen wechselte
-sie mit Ssergej weder ein Wort, noch einen Blick. Sie fühlte sich
-beleidigt und war stolz genug, um nicht den ersten Schritt zur
-Versöhnung mit Ssergej, mit dem sie sich zum erstenmal im Leben entzweit
-hatte, zu machen.
-
-Während Katerina Lwowna ihm schmollte, begann Ssergej mit der weißen
-Ssonetka anzubandeln. Bald begrüßte er sie als »Ergebenster Diener«,
-bald lächelte er ihr zu, bald versuchte er sie zu umarmen und an sich zu
-drücken. Katerina Lwowna sah alles, und in ihrem Herzen siedete es noch
-mehr.
-
-»Soll ich mich mit ihm vielleicht doch aussöhnen?« fragte sie sich, in
-einemfort stolpernd.
-
-Ihr Stolz erlaubte es ihr nun noch weniger als früher, den ersten
-Schritt zu tun. Ssergej klebte aber immer fester an Ssonetka, und allen
-kam es vor, als ob die unzugängliche Ssonetka, die sonst allen wie ein
-Aal durch die Finger glitt, etwas gefügiger geworden wäre.
-
-»Du warst mir böse«, sagte einmal Fiona zu Katerina Lwowna: »was habe
-ich dir aber getan? Mit mir hat er ja nur ganz kurz angebandelt. Ich
-rate dir aber, auf die Ssonetka aufzupassen.«
-
--- Jetzt gebe ich aber meinen Stolz auf: heute noch will ich mich mit
-ihm aussöhnen! -- sagte sich Katerina Lwowna. Sie überlegte sich nur
-noch, wie sie am besten den ersten Schritt machen sollte.
-
-Aus dieser schwierigen Lage befreite sie Ssergej selbst.
-
-»Katerina Lwowna!« sagte er ihr auf einer Station: »Komm heute Nacht für
-einen Augenblick zu mir heraus: ich muß dich sprechen.«
-
-Katerina Lwowna sagte nichts.
-
-»Zürnst du mir vielleicht noch immer? Wirst du nicht kommen?«
-
-Katerina Lwowna sagte noch immer nichts.
-
-Ssergej und alle, die Katerina Lwowna beobachteten, sahen aber, wie sie
-sich vor dem Etappengebäude an den Oberaufseher heranmachte und ihm die
-siebzehn Kopeken, die sie unterwegs zusammengebettelt hatte, in die Hand
-drückte.
-
-»Wenn ich noch mehr zusammengebettelt habe, kriegst du noch zehn
-Kopeken«, flüsterte sie ihm zu.
-
-Der Oberaufseher steckte das Geld in den Ärmelaufschlag und sagte:
-
-»Gut.«
-
-Als diese Unterhandlungen zu Ende waren, blinzelte Ssergej mit einem
-vielsagenden Hüsteln Ssonetka zu.
-
-»Ach, Katerina Lwowna!« sagte er, sie auf den Stufen des Etappengebäudes
-umarmend. »Kinder, es gibt auf der ganzen Welt kein zweites Weib wie
-dieses!«
-
-Katerina Lwowna errötete vor Glück, und ihr stockte der Atem.
-
-Als nachts die Türe leise aufging, sprang sie ungestüm hinaus. Am ganzen
-Leibe zitternd, tastete sie den dunklen Korridor nach Ssergej ab.
-
-»Meine liebe Katja!« sagte Ssergej, sie umarmend.
-
-»Ach, du Böser!« antwortete Katerina Lwowna unter Tränen und drückte
-ihre Lippen auf die seinigen.
-
-Der Wachtposten ging im Korridor auf und ab, blieb manchmal stehen, um
-sich auf die Stiefel zu spucken; die müden Sträflinge schnarchten in
-ihren Zellen; irgendwo knabberte eine Maus an einem Federkiel; hinter
-dem Ofen zirpten die Heimchen; Katerina Lwowna aber genoß in vollen
-Zügen ihr höchstes Glück.
-
-Die Verzückung legte sich, und es begann die unvermeidliche Prosa des
-Alltags.
-
-»Ich halt es nicht länger aus; das Bein schmerzt mir vom Knöchel bis zum
-Knie,« jammerte Ssergej, an ihrer Seite in einem Korridorwinkel sitzend.
-
-»Was kann man dagegen tun?« fragte sie, sich unter seinen Kittel
-schmiegend.
-
-»Soll ich mich vielleicht in Kasan ins Lazarett legen?«
-
-»Was fällt dir ein, Sserjoscha?«
-
-»Was soll ich denn machen, wenn es mir so weh tut?«
-
-»Du wirst im Lazarett bleiben, und ich soll allein weiter marschieren?
-...«
-
-»Was soll ich machen? Die Ketten werden mir bald die Knochen
-durchwetzen. -- Wenn ich wenigstens ein Paar wollene Strümpfe unter die
-Ketten tun könnte,« fügte Ssergej nach einer Weile hinzu.
-
-»Strümpfe? Sserjoscha, ich habe noch ein paar neue Strümpfe.«
-
-»Ach, behalt sie nur!«
-
-Katerina Lwowna sagte kein Wort. Sie lief in ihre Zelle, packte in aller
-Eile ihren Sack aus und brachte Ssergej ein Paar dicke blaue wollene
-Strümpfe mit grellfarbigen Zwickeln.
-
-»Jetzt wird es irgendwie gehen,« sagte Ssergej, sich von ihr
-verabschiedend und ihr letztes Paar Strümpfe mitnehmend.
-
-Katerina Lwowna kehrte überglücklich in ihre Zelle zurück und schlief
-sofort ein.
-
-Sie hörte gar nicht, wie gleich darauf Ssonetka in den Korridor kam und
-wie sie erst bei Morgengrauen wieder zurückging.
-
-Das spielte sich nur zwei Tagemärsche vor Kasan ab.
-
-
-
-
- XV
-
-
-Ein kalter trüber Tag mit durchdringendem Wind und einem mit Schnee
-vermengten Regen empfing den Transport vor dem Tore des dumpfen
-Etappengefängnisses. Katerina Lwowna trat recht frisch und munter ins
-Freie. Als sie sich aber an ihren Platz stellte, erbebte sie am ganzen
-Leibe und wurde grün. Es wurde ihr finster vor den Augen, und alle ihre
-Glieder begannen zu schmerzen. Sie hatte Ssonetka in den ihr
-wohlbekannten blauen wollenen Strümpfen mit den grellfarbigen Zwickeln
-erblickt.
-
-Katerina Lwowna schleppte sich mehr tot als lebendig vorwärts; sie
-blickte wie irrsinnig und wandte ihre Augen nicht von Ssergej.
-
-Auf der ersten Station ging sie ruhig auf ihn zu, flüsterte »Schurke!«
-und spuckte ihm ganz unerwartet in die Augen.
-
-Ssergej wollte sich auf sie stürzen, man hielt ihn aber zurück.
-
-»Warte nur!« sagte er, sich das Gesicht abwischend.
-
-»Wie tapfer sie doch gegen dich ist!« spotteten unterwegs die Sträflinge
-über Ssergej. Am lustigsten lachte Ssonetka.
-
-Dieses Zwischenspiel war ganz nach ihrem Geschmack.
-
-»Ich werde es dir schon zeigen!« drohte Ssergej Katerina Lwowna.
-
-Vom anstrengenden Marsch bei dem schlechten Wetter ermüdet, schlief
-Katerina Lwowna mit blutendem Herzen auf der Pritsche der nächsten
-Etappe ein. Sie hörte gar nicht, wie in die Frauenabteilung zwei Männer
-kamen.
-
-Bei ihrem Erscheinen erhob sich Ssonetka von der Pritsche, zeigte stumm
-auf Katerina Lwowna, legte sich wieder hin und hüllte sich in ihren
-Kittel.
-
-In diesem Augenblick wurde Katerina Lwowna der Kittel über den Kopf
-gezogen, und auf ihren Rücken, der nur noch mit dem groben Hemd
-bekleidet war, sauste das dicke Ende eines doppelt zusammengedrehten
-Strickes nieder.
-
-Katerina Lwowna schrie auf. Der Kittel, der ihr über den Kopf geworfen
-war, erstickte aber ihre Stimme. Sie versuchte aufzuspringen, konnte
-sich aber nicht rühren; auf ihren Schultern saß ein kräftiger Mann, der
-sie an den Händen festhielt.
-
-»Fünfzig!« zählte schließlich eine Stimme, in der sie unschwer die
-Stimme Ssergejs erkennen konnte. Die nächtlichen Gäste verschwanden
-ebenso plötzlich, wie sie gekommen waren.
-
-Katerina Lwowna befreite ihren Kopf und sprang auf. Niemand war mehr in
-der Zelle. In der Nähe kicherte aber jemand. Katerina Lwowna erkannte
-Ssonetkas Stimme.
-
-Ihr Schmerz wurde nun grenzenlos; grenzenlos war auch der Haß, der in
-diesem Augenblick in ihrem Herzen aufloderte. Sie sprang auf, um sich
-auf Ssonetka zu stürzen und fiel ohnmächtig in die Arme Fionas, die ihr
-zu Hilfe eilte.
-
-An der Brust der stumpfsinnigen Nebenbuhlerin, die erst vor kurzem den
-ungetreuen Geliebten Katerina Lwownas vor Wollust zittern ließ, weinte
-sie nun vor unerträglichem Schmerz. Sie schmiegte sich an Fiona, wie
-sich ein Kind an seine Mutter schmiegt. Nun waren sie beide gleich:
-beide waren im Werte gesunken, beide waren verlassen.
-
-Die sich jedem Zufall hingebende Fiona und die Heldin der
-Liebestragödie, Katerina Lwowna, waren nun einander gleich!
-
-Katerina Lwowna fühlte sich aber dadurch gar nicht verletzt. Als sie
-alle ihre Tränen ausgeweint hatte, erstarrte sie zu Stein und machte
-sich bereit, zum Appell zu gehen.
-
-Die Trommel wirbelt; die gefesselten und nicht gefesselten Sträflinge
-stürzen in den Hof; auch Ssergej ist darunter, auch Fiona, Ssonetka und
-Katerina Lwowna; ein mit einem Juden zusammengeketteter Sektierer, und
-ein Pole an der gleichen Kette mit einem Tataren.
-
-Alle drängten sich zuerst zu einem unordentlichen Haufen zusammen,
-stellten sich dann in Reihen auf, und der Zug setzte sich in Bewegung.
-
-Ein furchtbar trauriges Bild: ein Häuflein Menschen, die von der Welt
-losgerissen sind und auch nicht den Schatten einer Hoffnung auf eine
-bessere Zukunft haben, watet durch den kalten schwarzen Straßenkot.
-Alles ist so häßlich: der unendliche Schmutz, der graue Himmel, die
-entblätterten, nassen Weiden und die mürrische Krähe, die
-zusammengekauert in den nackten Ästen hockt. Der Wind stöhnt und wütet,
-heult und brüllt.
-
-Aus diesen höllischen, herzzerreißenden Tönen, die das Grauen des Bildes
-vervollständigen, klingen die Worte der Frau des biblischen Hiob:
-»Verfluche den Tag deiner Geburt und stirb!«
-
-Wer diesen Worten nicht lauschen will, wen der Gedanke an den Tod selbst
-in dieser traurigen Lage nicht erfreut, sondern erschreckt, der muß alle
-die heulenden Stimmen mit einem noch häßlicheren Geheul übertönen. Das
-einfache Volk weiß das sehr gut: es entfesselt dann seine ganze
-tierische Natur und beginnt, sich selbst, die andern Menschen und alle
-Gefühle zu verhöhnen. Es ist auch sonst nicht besonders zartfühlend;
-unter solchen Umständen wird es aber noch einmal so roh und boshaft.
-
- * * * * *
-
-»Wie geht's, Kaufmannsfrau? Sind Euer Wohlgeboren bei guter Gesundheit?«
-fragte Ssergej in frechem Tone Katerina Lwowna, als das Dorf, in dem der
-Transport die letzte Nacht verbracht hatte, hinter dem nassen Hügel
-verschwunden war.
-
-Gleich darauf wandte er sich an Ssonetka, hüllte sie in den Schoß seines
-Mantels und begann mit hoher Stimme zu singen:
-
- »Hinterm Fenster leuchten deine Locken, Schätzchen,
- Ach, mein Jammer schläft nicht, und du schläfst nicht, Kätzchen,
- Mit des Mantels Saume will ich dich bedecken ...«
-
-Bei diesen Worten umarmte er Ssonetka und küßte sie vor aller Augen ...
-
-Katerina Lwowna sah es und sah es nicht. Sie war wie geistesabwesend.
-Die Leute stießen sie in die Seite und machten sie darauf aufmerksam,
-wie sich Ssergej gegen Ssonetka benahm. Sie wurde zur Zielscheibe des
-allgemeinen Spottes.
-
-»Laßt sie in Ruhe,« trat Fiona für sie ein, sooft jemand von den
-Sträflingen über die halbohnmächtige Katerina Lwowna zu spotten anfing.
-»Seht ihr denn nicht, daß die Frau ganz krank ist?«
-
-»Sie hat sich wohl die Füßchen durchnäßt,« scherzte ein junger
-Sträfling.
-
-»Natürlich: sie ist ja vom Kaufmannsstande und verwöhnt,« versetzte
-Ssergej.
-
-»Wenn sie wenigstens warme Strümpfe hätte, würde es ihr wohl weniger
-machen,« fügte er hinzu.
-
-Katerina Lwowna fuhr wie aus dem Schlafe auf.
-
-»Gemeine Schlange!« sagte sie, unfähig, sich länger zu beherrschen.
-»Spotte nur, du Schuft, spotte nur!«
-
-»Ich spotte ja gar nicht, sondern meine es ganz ernst: Ssonetka hat ein
-paar vortreffliche Strümpfe zu verkaufen. Ich frage mich, ob die
-Kaufmannsfrau sie nicht kaufen will.«
-
-Viele lachten. Katerina Lwowna ging wie ein aufgezogener Automat weiter.
-
-Das Wetter wurde immer schlechter. Aus den grauen Wolken, die den Himmel
-bedeckten, fielen nasse Schneeflocken herab, die, sobald sie nur den
-Boden berührten, tauten und den Straßenschmutz noch vergrößerten.
-Endlich zeigte sich am Horizont ein dunkler bleigrauer Streif, dessen
-Breite man gar nicht überblicken konnte: es war die Wolga. Über dem
-Strome zog ein steifer Wind, der breite, dunkle Wellen vor sich trieb.
-
-Die durchnäßten und halberfrorenen Sträflinge gingen langsam zum
-Landungssteg und blieben in Erwartung der Fähre stehen.
-
-Die nasse dunkle Fähre kam ans Ufer. Die Begleitmannschaften trieben die
-Sträflinge auf die Fähre.
-
-»Auf dieser Fähre gibt es Schnaps zu kaufen,« sagte einer der
-Sträflinge, als die von nassen Schneeflocken überschüttete Fähre vom
-Ufer stieß und auf den Wellen des Stromes zu schwanken begann.
-
-»Es wäre wirklich gut, einen Tropfen zu trinken!« sagte Ssergej. Zur
-Belustigung Ssonetkas machte er sich wieder an Katerina Lwowna heran und
-sagte: »Kaufmannsfrau, wir sind ja alte Freunde: kauf mir etwas Schnaps.
-Geize nicht. Gedenke doch, Liebste, unserer alten Liebe! Weißt du noch,
-meine Freude, wie wir die langen Herbstnächte miteinander verbrachten
-und deine Verwandten ohne Popen und ohne Küster ins Jenseits schickten?«
-
-Katerina Lwowna zitterte vor Kälte, die ihr unter den nassen Kleidern
-durch Mark und Bein drang. In ihr ging aber auch etwas anderes vor. Ihr
-Kopf brannte wie im Feuer; die Pupillen waren erweitert, von einem
-irren, scharfen Glanz belebt und starr auf die Wellen gerichtet.
-
-»Auch ich würde gerne etwas Schnaps trinken: es ist so unerträglich
-kalt!« sagte Ssonetka mit ihrer hellen Stimme.
-
-»Kaufmannsfrau, kauf uns doch Schnaps!« drang Ssergej in sie ein.
-
-»Du hast wirklich kein Gewissen im Leibe!« sagte Fiona, vorwurfsvoll den
-Kopf schüttelnd.
-
-»Das macht dir keine Ehre,« unterstützte der junge Sträfling Gordjuschka
-die Soldatenfrau.
-
-»Wenn du dich vor ihr nicht schämst, so solltest du dich wenigstens vor
-den Leuten schämen!«
-
-»Ach, du, Allerwelts-Schnupftabaksdose!« schrie Ssergej Fiona an. »Was
-redest du vom Gewissen? Vor wem brauche ich mich zu schämen? Vielleicht
-habe ich sie überhaupt niemals geliebt, und jetzt ... jetzt ist mir
-Ssonetkas ausgetretener Schuh lieber als die Fratze dieser geschundenen
-Katze. Was hast du mir vorzuwerfen? Soll sie nur den schiefmäuligen
-Gordjuschka lieben, oder ... (er blickte auf den kleinen Wachsoldaten,
-der in Uniformmütze und langhaarigem Filzmantel im Sattel saß,) oder
-diesen Soldaten da: unter seinem Filzmantel ist sie wenigstens vom Regen
-geschützt.«
-
-»Und dann wird sie Offiziersfrau heißen,« lachte Ssonetka.
-
-»Gewiß! Und hat auch Geld, um sich Strümpfe zu kaufen,« fügte Ssergej
-hinzu.
-
-Katerina Lwowna wehrte sich nicht; sie blickte immer starrer auf die
-Wellen und bewegte lautlos die Lippen. Zwischen den häßlichen Worten
-Ssergejs hörte sie die Wogen dröhnen und heulen. In einem sich
-brechenden Wolkenkamme erscheint plötzlich der blaue Kopf Boris
-Timofejewitschs; aus einer anderen Welle erhebt sich die Gestalt ihres
-Mannes; er schwankt und hält Fedja, der den Kopf gesenkt hat, umarmt.
-Katerina Lwowna will sich auf irgendein Gebet besinnen, ihre Lippen
-flüstern aber: »Wie wir die langen Herbstnächte miteinander verbrachten
-und die Verwandten ohne Popen und ohne Küster ins Jenseits schickten.«
-
-Katerina Lwowna zitterte. Ihre irren Blicke waren auf einen Punkt
-gerichtet. Sie hob einige Male die Arme, streckte sie vor sich aus und
-ließ sie wieder sinken. Noch einen Augenblick -- und sie beugte sich,
-ohne die Augen von einer dunklen Woge zu wenden, vor, packte Ssonetka an
-den Beinen und sprang mit ihr über das Geländer der Fähre.
-
-Alle waren vor Schreck wie erstarrt.
-
-Katerina Lwowna erschien auf dem Kamme einer Woge und ging wieder unter;
-aus einer andern Welle tauchte Ssonetka auf.
-
-»Den Bootshaken her! Werft den Bootshaken aus!« schrieen die Leute auf
-der Fähre.
-
-Der schwere Bootshaken flog am langen Strick durch die Luft und fiel ins
-Wasser. Von Ssonetka war wieder nichts zu sehen. Nach zwei Sekunden warf
-sie, von der Strömung um ein weites Stück von der Fähre fortgetrieben,
-beide Arme aus dem Wasser empor; in diesem Augenblick tauchte aus einer
-anderen Welle fast bis zu den Hüften Katerina Lwowna empor. Sie stürzte
-sich wie ein kräftiger Hecht über eine schwache Plötze auf Ssonetka, und
-beide kamen nicht mehr zum Vorschein.
-
-
-
-
- DER STÄHLERNE FLOH
-
-
- (Übertragen von Karl Nötzel)
-
- Was man vom Tulaer schieläugigen Linkser erzählt und von einem
- stählernen Floh
-
-
-
-
- I
-
-
-Als Kaiser Alexander Pawlowitsch die Wiener Plauderei beendet hatte,
-wollte er in Europa herumfahren und sich in den einzelnen Ländern die
-Wunderdinge anschauen. Er bereiste alle Staaten, und überall hatte er
-seiner Freundlichkeit wegen die vertraulichsten Gespräche mit allen
-Leuten, und alle wollten ihn durch irgend etwas in Staunen setzen und
-für sich gewinnen. Mit ihm war aber der Donsche Kosak Platow, der solche
-Neigungen nicht liebte, sich ständig nach seiner Häuslichkeit sehnte und
-deshalb den Kaiser immer antrieb, zurückzukehren. Und kaum merkte
-Platow, daß der Kaiser sich für irgend etwas Ausländisches
-interessierte, das ganze Gefolge aber schwieg, so sagte er auch schon
-alsogleich: »So und so, auch bei uns zu Hause ist das Unsrige nicht
-schlechter« -- und lenkte irgendwie den Kaiser ab.
-
-Die Engländer wußten das und dachten sich zur Ankunft des Kaisers
-allerlei Listen aus, um ihn für das Ausländische zu gewinnen und den
-Russen zu entfremden. In vielen Fällen erreichten sie das auch,
-besonders auf großen Versammlungen, wo Platow nicht perfekt französisch
-sprechen konnte. Er interessierte sich indes auch wenig dafür: er war
-ein verheirateter Mann, und alle französischen Gespräche hielt er für
-Nichtigkeiten, die der Aufmerksamkeit nicht wert seien. Als aber die
-Engländer den Kaiser in ihre mannigfaltigen Zeughäuser, Waffen-, Seifen-
-und Sägewerke einluden, um ihm zu zeigen, wie überlegen sie uns in allen
-diesen Dingen seien und um sich dessen zu rühmen -- da sagte Platow zu
-sich selber:
-
--- »Nein, damit aber Schluß. Bis jetzt habe ich noch ruhig zugesehen,
-weiter geht das aber nicht mehr. Ob ich zu sprechen verstehe oder nicht,
-die Meinigen werde ich nicht preisgeben!«
-
-Und kaum hatte er zu sich selber ein solches Wort gesagt, da sprach auch
-der Kaiser zu ihm:
-
-»So und so, morgen werde ich mit dir fahren, ihre Waffenkunstkammer zu
-besichtigen. Dort,« spricht er, »sind solche Vollkommenheiten der Natur,
-daß, wenn du nur hinschaust, du weiter nicht mehr bestreiten wirst, daß
-wir Russen mit unserm Wissen gar nichts taugen.«
-
-Platow antwortete dem Kaiser gar nichts. Er senkte nur seine gekrümmte
-Nase auf seinen zottigen Überwurf; als er aber in seine Wohnung kam,
-befahl er seinem Burschen, ihm aus dem Keller eine Flasche kaukasischen
-Branntwein zu bringen, goß ein schönes Glas davon hinter die Binde,
-betete vor seinem Reiseheiligenbilde zu Gott, hüllte sich in seinen
-Überwurf und fing derart zu schnarchen an, daß in dem ganzen Hause kein
-Engländer schlafen konnte.
-
-Er dachte: »Morgenstund' hat Gold im Mund'«.
-
-
-
-
- II
-
-
-Am andern Tage fuhr der Kaiser mit Platow in die Kunstkammern. Sonst
-hatte der Kaiser niemanden von den Russen mitgenommen, weil man ihm nur
-einen zweisitzigen Wagen geschickt hatte.
-
-Sie langten bei einem nicht allzu großen Gebäude an -- die Auffahrt ist
-unbeschreiblich, Korridore ins Unendliche, die Zimmer gehen eines in das
-andere, und endlich in dem hauptsächlichsten Saale stehen verschiedene
-gewaltige Büsten, und in der Mitte unter einem Baldachin steht »Abolon
-von Polwedere«.
-
-Der Kaiser blickt auf Platow, ob er wohl sehr erstaunt sei, und worauf
-er schaue. Der aber geht, die Augen zu Boden gesenkt, so dahin, als sehe
-er gar nichts -- und dreht nur Ringe aus seinem Schnurrbart.
-
-Die Engländer begannen alsogleich, verschiedene Wunder zu zeigen und zu
-erklären, was bei ihnen für kriegerische Zwecke eingerichtet ist.
-»Sturmmesser« für die Marine, »Pontonen« für das Fußvolk und geteerte
-Segeltücher für die Reiterei. Der Kaiser hat an dem allen seine Freude,
-alles kommt ihm sehr schön vor, Platow aber bleibt dabei, daß für ihn
-das alles gar nichts bedeute.
-
-Der Kaiser spricht: »Wie ist denn das möglich? -- Weshalb ist in dir
-eine solche Gefühllosigkeit? Gibt es denn wirklich hier gar nichts für
-dich zu bewundern?«
-
-Platow antwortet: »Mir ist hier nur das Eine erstaunlich, daß meine
-forschen Kerle vom Don ohne dies alles Krieg führten und zwölf
-Heidenvölker davonjagten!«
-
-Der Kaiser spricht: »Das ist Unsinn!«
-
-Platow antwortet: »Ich weiß nicht, worauf ich das beziehen soll, zu
-streiten wage ich aber nicht und muß schweigen.«
-
-Als aber die Engländer eine solche Auseinandersetzung zwischen ihnen
-wahrnahmen, führten sie ihn sogleich gerade zu dem »Abolon von
-Polwedere« und nahmen dem aus der einen Hand ein Mortimergewehr, aus der
-andern eine Pistole.
-
-»Sehen Sie« -- sprachen sie -- »wie bei uns gearbeitet wird« und zeigten
-ihm das Gewehr.
-
-Der Kaiser schaute ruhig auf das Mortimergewehr, weil er solche in
-Zarskoje Ssjelo selber besitzt, jene aber geben ihm darauf die Pistole
-und sagen:
-
-»Diese Pistole ist von unbekannter, unnachahmlicher Meisterschaft. Unser
-Admiral zog sie einem Räuberhauptmann in >Kandelabrien< aus dem Gürtel.«
-
-Der Kaiser schaut auf die Pistole und kann sich nicht satt sehen. Er
-seufzt furchtbar.
-
-»Ach, ach, ach ...« -- spricht er -- »wie kann man nur so, wie kann man
-das denn überhaupt so fein machen!« -- Und er wendet sich zu Platow und
-spricht zu ihm auf russisch: »Siehst du, wenn bei mir in Rußland auch
-nur _ein_ solcher Meister wäre, würde ich darüber äußerst glücklich und
-stolz sein und diesen Meister sogleich in den Adelstand erheben!«
-
-Platow aber versenkte auf diese Worte hin sofort seine rechte Hand in
-seine weiten Pluderhosen und zog von dort einen Gewehrschraubenzieher
-heraus. Die Engländer sagen: »Das läßt sich nicht öffnen!« Er aber gibt
-gar nicht darauf acht und beginnt das Schloß aufzudrehen. Er dreht
-einmal um, zweimal -- das Schloß ist herausgefallen. Platow zeigt dem
-Kaiser den Drücker und grade auf der Rundung die russische Aufschrift:
-»Iwan Moskwin aus der Stadt Tula«.
-
-Die Engländer erstaunen, und einer stößt den andern an:
-
-»O je, da sind wir hereingefallen!«
-
-Der Kaiser aber spricht kummervoll:
-
-»Weshalb hast du sie so in Verlegenheit gebracht, mir tun sie jetzt sehr
-leid. Laßt uns abfahren.«
-
-Sie setzten sich wiederum in denselben zweisitzigen Wagen und fuhren ab;
-und der Kaiser war an diesem Tage auf einem Ball. Platow aber goß ein
-noch größeres Glas Branntwein hinter die Binde und entschlummerte eines
-festen Kosakenschlafes.
-
-Es war ihm froh zumute, daß er die Engländer in Verlegenheit gebracht
-und ihnen den Tulaer Meister zum Vorbild gegeben hatte. Dabei war es ihm
-aber auch verdrießlich: Weshalb hatte der Kaiser bei einer solchen
-Gelegenheit die Engländer bemitleidet!
-
-»Worüber hat sich denn da der Kaiser gegrämt« -- dachte Platow -- »ich
-verstehe das ganz und gar nicht« -- und in solchen Gedanken stand er
-zweimal auf, bekreuzte sich und trank Schnaps, bis er sich gewaltsam
-einen starken Schlaf zugezogen hatte.
-
-Die Engländer aber konnten zu dieser selben Zeit gleichfalls nicht
-schlafen, weil es auch ihnen »wirbelte«. Während der Kaiser sich auf dem
-Ball vergnügte, bereiteten sie ihm ein derartiges neues Wunderwerk vor,
-daß diesmal auch Platow alle Phantasie ausging.
-
-
-
-
- III
-
-
-Am andern Tage, als Platow beim Kaiser erschien, um ihm einen guten
-Morgen zu wünschen, spricht er zu ihm:
-
-»Laß sogleich den zweisitzigen Wagen anspannen, um die neuen
-Kunstkammern anzusehen!«
-
-Platow erkühnte sich sogar, zu bemerken, ob es nicht etwa genug sei, die
-fremdländischen Erzeugnisse anzuschauen und ob es nicht besser wäre,
-sich auf den Weg nach Rußland zu machen.
-
-Der Kaiser aber spricht:
-
-»Nein, ich wünsche noch andere Neuigkeiten zu sehen: man hat sich vor
-mir gebrüstet, daß man bei ihnen die erste Sorte Zucker bereite.«
-
-Sie fuhren ab.
-
-Die Engländer zeigten dem Kaiser, was sie für verschiedene erste Sorten
-haben, Platow aber schaut und schaut und spricht plötzlich:
-
-»Aber zeigt uns doch aus Euern Fabriken den Zucker >Chalva<!«
-
-Die Engländer wissen nicht, was das bedeutet »Chalva«. Sie flüstern
-untereinander, zwinkern einander zu und wiederholen »Chalva?« »Chalva?«,
-können aber nicht verstehen, daß bei uns ein solcher Zucker hergestellt
-wird, und müssen zugeben, daß es bei ihnen alle Arten Zucker gibt,
-»Chalva« aber nicht.
-
-Platow spricht:
-
-»Nun, so ist auch kein Grund, zu prahlen. Kommt zu uns, wir werden Euch
-Tee zu trinken geben mit echtem >Chalva< aus der Bobrinskijschen
-Fabrik.«
-
-Aber der Kaiser zupfte ihn am Ärmel und sprach leise zu ihm: »Bitte,
-verdirb mir nicht die Politik!«
-
-Da riefen die Engländer den Kaiser in die allerletzte Kunstkammer, wo in
-der ganzen Welt gesammelte Mineralien und »Nymphusorien« lagen, von der
-allergrößten ägyptischen Pyramide bis zu einem »unterhäutigen« Floh, den
-man mit bloßem Auge selber gar nicht wahrnehmen, wohl aber seine Bisse
-zwischen Haut und Körper verspüren konnte.
-
-Der Kaiser fuhr dorthin.
-
-Man beschaute die Pyramiden und allerhand ausgestopfte Tiere und ging
-weg. Platow aber denkt bei sich:
-
-»Nun, Gott sei Dank, alles steht gut -- der Kaiser staunt über gar
-nichts.«
-
-Kaum aber waren sie in die allerletzte Kammer getreten, so stehen dort
-ihre Arbeiter in Arbeitskleidung und Schürzen und halten eine
-»Tablette«, auf der gar nichts liegt.
-
-Der Kaiser erstaunte sich plötzlich -- daß man ihm eine leere »Tablette«
-hinhält.
-
-»Was bedeutet das?« fragte er; die englischen Meister aber antworten:
-»Das ist unser untertäniges Geschenk an Eure Majestät!«
-
-»Was ist es denn?«
-
-»Aber« -- sprechen sie -- »geruhen Sie dort ein Körnchen zu sehen?«
-
-Der Kaiser schaute hin und sieht, auf der silbernen »Tablette« liegt
-wirklich das allerwinzigste Körnchen.
-
-Die Arbeiter sprechen:
-
-»Geruhen Sie Ihre Fingerchen anzuspeicheln und es aufs Händchen zu
-nehmen.«
-
-»Was soll mir aber denn das Körnchen?«
-
-»Dies« -- antworten sie -- »ist kein Körnchen, vielmehr ein
->Nymphusorium<.«
-
-»Ist es lebendig?«
-
-»Keineswegs« -- antworten sie -- »es ist nicht lebendig, vielmehr ganz
-aus englischem Stahl in Gestalt eines Flohs von uns ausgeschmiedet, und
-in seiner Mitte ist ein Uhrwerk und eine Feder. Geruhen Sie es mit dem
-Schlüssel aufzuziehen: es wird sogleich zu tanzen beginnen!« Der Kaiser
-ward neugierig und fragt: »Wo ist denn aber das Schlüsselchen?«
-
-Die Engländer sagen:
-
-»Hier ist auch der Schlüssel, vor Ihren Augen.«
-
-»Weshalb aber« -- spricht der Kaiser -- »sehe ich ihn nicht?«
-
-»Deshalb« -- antworten sie -- »weil man dazu ein >Winzigglas< braucht.«
-
-Man reichte ein »Winzigglas«, und der Kaiser sah, daß tatsächlich neben
-dem Floh ein Schlüsselchen auf der »Tablette« lag.
-
-»Geruhen Sie« -- sprachen sie -- »es ins Händchen zu nehmen. Bei ihm im
-Bäuchelchen ist ein Aufziehlöchelchen, der Schlüssel macht sieben
-Umdrehungen, und dann wird es zu tanzen anfangen ...«
-
-Mit Mühe erfaßte der Kaiser dieses Schlüsselchen und kaum vermochte er
-es mit den Fingerspitzen zu halten. Mit der anderen Hand aber nahm er
-das Flöhchen, und kaum hatte er das Schlüsselchen hineingesteckt, als er
-fühlte, wie der Floh sein Schnurrbärtchen zu bewegen begann, dann mit
-den Füßchen zu trippeln und endlich zu springen und in einem Flug gleich
-ein »Dansé« und zwei »Variationen« nach der einen Seite zu machen, dann
-nach der anderen, und so tanzte er in drei »Variationen« die ganze
-Quadrille.
-
-Der Kaiser befahl sogleich, den Engländern eine Million zu geben, in was
-für Geld sie selber wollten -- sei es in silbernen Fünfkopekenstücken,
-sei es in kleinen Assignaten.
-
-Die Engländer baten, man möchte es ihnen in Silber auszahlen, weil sie
-sich in den Papierchen nicht auskennten; dabei aber offenbarten sie aufs
-neue ihre Schlauheit: den Floh gaben sie zum Geschenk, ein Futteral für
-ihn hatten sie indes nicht mitgebracht. Ohne Futteral konnte man aber
-weder ihn noch das Schlüsselchen halten, weil sie sich sonst verlieren,
-und man sie dann mit dem Kehricht hinauswirft. Das Futteral zu ihm
-bestand aber in einer Diamantnuß, aus einem Stück gemacht -- dem Floh
-war ein Plätzchen in der Mitte ausgeschliffen. Dies Futteral gaben sie
-nicht, weil es, so sagen sie, dem Staate gehöre, und in dieser Beziehung
-sei es bei ihnen streng: nicht einmal für den Kaiser dürfe man es
-opfern.
-
-Platow wollte sich schon sehr erzürnen. »Wozu«, so spricht er, »ein
-solcher Betrug! Das Geschenk haben sie dargebracht und eine Million
-dafür erhalten, und immer noch nicht genug! Ein Futteral«, spricht er,
-»gehört immer zu jeder Sache.«
-
-Der Kaiser aber spricht:
-
-»Hör' bitte auf, das ist nicht deine Sache -- verdirb' mir nicht die
-Politik. Sie haben ihre Gebräuche« -- und er fragt: »Wieviel kostet
-diese Nuß, in die der Floh hineingeht?«
-
-Die Engländer setzen dafür noch Fünftausend fest.
-
-Kaiser Alexander Pawlowitsch sagt:
-
-»Man soll es ihnen auszahlen«, selber aber steckt er den Floh in dies
-Nüßchen, und mit ihm zugleich auch das Schlüsselchen. Um aber nicht die
-Nuß zu verlieren, legte er sie in seine goldene Tabaksdose; die
-Tabaksdose aber befahl er in seine Reiseschatulle zu legen, die ganz
-ausgelegt war mit Perlmutter und Fischbein. Die englischen Meister
-entließ der Kaiser in Ehren und sagte ihnen: »Ihr seid die ersten
-Meister in der ganzen Welt, und meine Leute verstehen im Vergleich zu
-Euch gar nichts.«
-
-Jene blieben sehr zufrieden, Platow aber konnte den Worten des Kaisers
-nichts widersprechen. Er nahm nur das »Winzigglas«, ja, und ohne ein
-Wort zu sagen, steckte er es in seine Tasche. »Weil« -- spricht er --
-»es auch dazu gehört, und ihr so schon viel Geld von uns genommen habt!«
-
-Der Kaiser wußte das gar nicht bis ganz zu seiner Ankunft in Rußland.
-Sie reisten aber sehr bald ab, weil der Kaiser von allen diesen
-»Militärangelegenheiten« in Melancholie verfiel, und er eine geistige
-Beichte haben wollte in Taganrog beim Popen Fjedot. Unterwegs hatten er
-und Platow sehr wenig angenehme Unterhaltung, weil sie völlig
-verschiedene Gedanken hegten: der Kaiser glaubte, den Engländern sei
-niemand an Kunstfertigkeit gleich, Platow hingegen bestand darauf, daß
-auch die Unsrigen alles machen können, was sie anschauen, nur fehle es
-ihnen an nützlicher Lehre. Und er hielt dem Kaiser vor, daß bei den
-englischen Meistern durchaus in allem andere Regeln des Lebens, der
-Wissenschaft und der »Verpflegung« gelten und jeder Mensch bei ihnen
-alle »absoluten« Möglichkeiten für sich habe, und deshalb sei in ihm
-auch ein ganz anderer Geist.
-
-Der Kaiser wollte das nicht lange anhören, Platow aber steigt auf jeder
-Station aus und trinkt vor Verdruß ein Wasserglas Schnaps, beißt
-gesalzene Bretzel zu, raucht seine Weichselpfeife, in die ein ganzes
-Pfund Schukowscher Tabak hineinging, setzt sich dann hin und sitzt so
-schweigend neben dem Kaiser im Wagen. Der Kaiser schaut auf eine Seite,
-Platow steckt durch das andere Fenster seine Pfeife hinaus und läßt den
-Rauch in die Luft. So reisten sie bis Petersburg; zum Popen Fjedot nahm
-aber der Kaiser den Platow schon gar nicht mehr mit.
-
-»Du« -- spricht er -- »bist in geistlicher Unterhaltung unenthaltsam und
-rauchst so viel, daß sich von deinem Qualm nur Ruß im Kopfe ansetzt!«
-Platow blieb gekränkt zurück und legte sich zu Hause auf sein
-»Verdrußsofa«, und er lag dort immerfort und rauchte ohne Unterlaß
-Schukowschen Tabak.
-
-
-
-
- IV
-
-
-Der erstaunliche Floh aus gehärtetem Stahl blieb bei Alexander
-Pawlowitsch in der Schatulle unter dem Fischbein, bis der Kaiser in
-Taganrog starb, nachdem er ihn dem Popen Fjedot gegeben hatte, damit der
-ihn später der Kaiserin gebe, wenn sie sich getröstet habe. Die Kaiserin
-Jelisaweta Alexejewna schaute die Variationen des Flohs an und lächelte,
-beschäftigte sich aber weiter nicht mehr mit ihm.
-
-»Meine Sache,« spricht sie, »ist die einer Witwe, und mir sind keinerlei
-Unterhaltungen verführerisch,« und als sie nach Petersburg zurückgekehrt
-war, übergab sie dies Wunderding mit allen andern Kostbarkeiten dem
-neuen Kaiser zum Erbe.
-
-Kaiser Nikolai Pawlowitsch schenkte gleichfalls anfangs dem Floh nicht
-die geringste Aufmerksamkeit, weil bei seiner Thronbesteigung eine
-»Verwirrung« war, später aber begann er einmal die ihm von seinem Bruder
-hinterlassene Schatulle durchzusehen und nahm aus ihr die Tabaksdose
-heraus, aus der Tabaksdose die Brillantnuß, und in ihr fand er den
-stählernen Floh, der schon lange nicht mehr aufgezogen war, und sich
-deshalb nicht bewegte, vielmehr friedlich dalag, als ob er versteinert
-wäre.
-
-Der Kaiser schaute hin und staunte.
-
-»Was ist denn da noch für eine Nichtigkeit, und wozu ward sie dort von
-meinem Bruder so aufbewahrt?«
-
-Die Hofleute wollten es wegwerfen, der Kaiser aber spricht:
-
-»Nein -- das bedeutet irgend etwas!«
-
-Man rief von der Anitschkin-Brücke aus der gegenüberliegenden Apotheke
-einen Chemiker, der auf der allerkleinsten Wage Gift abzuwiegen pflegte,
-und zeigte ihm das Ding; der aber nahm sogleich den Floh, legte ihn auf
-die Zunge und spricht: »Ich empfinde Kälte wie von einem festen Metall«.
-Darauf drückte er es leicht mit den Zähnen und erklärte:
-
-»Wie es Ihnen beliebt, dies ist aber kein wirklicher Floh, vielmehr ein
-»Nymphusorium«, und es ist aus Metall gemacht, und die Arbeit ist nicht
-die unsrige, nicht russische.«
-
-Der Kaiser befahl zu erkunden, woher dies stamme, und was es bedeute.
-Man stürzte sich sogleich in die Akten, um Verzeichnisse einzusehen --
-in den Akten aber war nichts eingetragen. Man begann diesen und jenen
-auszufragen -- niemand wußte etwas. Zum Glück weilte aber damals noch
-der Donsche Kosak Platow unter den Lebenden und lag sogar immer noch auf
-seinem Verdrußsofa und rauchte seine Pfeife. Als der nun vernahm, daß
-bei Hof eine solche Unruhe sei, erhob er sich sogleich von seiner
-Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien beim Kaiser in allen
-seinen Orden. Der Kaiser spricht: »Was willst du von mir, tapferer
-Greis?«
-
-Platow aber antwortet:
-
-»Mir, Eure Majestät, ist nichts für mich selber nötig, da ich esse und
-trinke, wozu ich Lust habe, und mit allem zufrieden bin; ich bin aber«
--- spricht er -- »gekommen, wegen dieses >Nymphusoriums< zu berichten,
-das man ausfindig machte; das« -- spricht er -- »war so und so, und
-folgendermaßen hat es sich vor meinen Augen in England zugetragen -- und
-dort bei ihm liegt ein Schlüsselchen, ich aber besitze ihren
->Winzigseher<, in dem man es sehen kann; und mit diesem Schlüssel durch
-das Löchelchen in seinem Bäuchelchen kann man dies >Nymphusorium<
-aufziehen, und es wird hüpfen, wo und wann man es wünscht und zur Seite
-Variationen machen.«
-
-Man zog den Floh auf, er begann zu springen. Platow aber spricht:
-
-»Dies,« -- spricht er -- »Eure Majestät, ist wirklich eine sehr feine
-und interessante Arbeit; nur ziemt es sich nicht, daß wir uns darüber
-lediglich wundern mit entzücktem Gefühl, vielmehr muß man sie russischen
-Meistern in Tula oder in Sesterbek (damals nannte man noch Sestrorezk --
-Sesterbek) zeigen -- ob nicht unsere Meister erreichen können, daß die
-Engländer sich nicht mehr über die Russen überheben.«
-
-Kaiser Nikolai Pawlowitsch hegte großes Zutrauen zu seinen Leuten und
-liebte es nicht, sie irgend einem Ausländer hintanzusetzen, er
-antwortete denn auch Platow:
-
-»Das sprichst du gut, wackerer Greis! Und ich übertrage dir diese Sache.
-Ich brauche sowieso dieses Schächtelchen nicht, bei meinen vielen
-Sorgen. Du aber nimm es mit dir und lege dich nicht mehr auf dein
->Verdrußsofa<, fahre vielmehr zum stillen Don und führe dort mit meinen
-Donzern vertrauliche Gespräche über ihr Leben, ihre Ergebenheit und was
-ihnen beliebt. Wenn du aber durch Tula kommen wirst, so zeige meinen
-Tulaer Meistern dieses >Nymphusorium<, dann mögen sie darüber
-nachdenken. Sage ihnen von mir, daß mein Bruder sich über dies Ding
-erstaunte und die Fremdländer, die das >Nymphusorium< machten, über
-alles lobte; daß ich aber auf die Meinen baue, daß sie durchaus nicht
-schlechter sind. Sie werden mein Wort nicht zuschanden werden lassen und
-irgend etwas erfinden.«
-
-
-
-
- V
-
-
-Platow nahm den stählernen Floh, und als er durch Tula zum Don fuhr,
-zeigte er ihn den Tulaer Waffenschmieden, überbrachte ihnen das Wort des
-Kaisers und fragte sie dann:
-
-»Wie soll es jetzt mit uns sein, Rechtgläubige?«
-
-Die Waffenschmiede antworteten:
-
-»Wir, Väterchen, fühlen das gnädige Wort des Zaren und können es niemals
-vergessen, deshalb, weil er auf seine Leute hofft. Wie es aber im
-vorliegenden Falle sein wird, das können wir in einem Augenblick nicht
-entscheiden, weil die englische Nation gleichfalls nicht dumm ist,
-vielmehr sogar ziemlich schlau, und die Kunst in ihr mit großem
-Verstande betrieben wird. Ihr gegenüber,« sprechen sie, »muß man sich
-nach reiflicher Überlegung und mit Gottes Segen ans Werk machen. Du
-aber, wenn deine Gnaden zu uns ebensolches Vertrauen hegt, wie unser
-Zar, so fahre in deine Heimat nach dem stillen Don, uns aber hinterlasse
-das Flöhchen, wie es ist, im Futteral und in der goldenen zarischen
-Tabaksdose. Lustwandle am Don und heile die Wunden, die du fürs
-Vaterland erhieltest. Wenn du aber durch Tula zurückkehren wirst -- so
-mache Halt und laß uns rufen: Wir werden bis zu dieser Zeit, wenn Gott
-es will, irgend etwas ausdenken«.
-
-Platow war nicht völlig damit zufrieden, daß die Tulaer so viel Zeit
-verlangten und dabei noch nicht einmal deutlich aussprachen, was sie
-eigentlich zu tun gedächten. Er frug sie so und anders und sprach auf
-jede Weise mit ihnen, schlau, auf Donsche Art. Die Tulaer gaben ihm aber
-an Schläue nicht das Geringste nach, weil sie sogleich schon einen
-solchen Gedanken hegten, von dem sie nicht einmal hofften, daß sogar
-Platow ihnen glauben werde. Sie wollten vielmehr unmittelbar ihren
-Gedanken ausführen, und dann auch die Sache übergeben.
-
-Sie sprechen:
-
-»Wir wissen selber noch nicht, was wir tun werden. Wir hoffen nur auf
-Gott, und das Wort des Zaren wird wohl nicht durch uns zuschanden
-werden.«
-
-So versuchte es denn Platow mit Kniffen, die Tulaer aber gleichfalls.
-
-Platow verstellte sich, verstellte sich lange und sah, daß er die Tulaer
-nicht überlisten werde. Er gab ihnen endlich die Tabaksdose mit dem
-»Nymphusorium« und sprach:
-
-»Nun, da ist nichts zu machen; möge es«, spricht er, »nach eurem Willen
-gehen. Ich kenne euch, was ihr für Leute seid, nun, gleichwohl, da ist
-nichts zu machen. Ich vertraue euch, schaut nur zu, daß ihr den
-Brillanten nicht umtauscht und verderbt nicht die feine englische Arbeit
-und braucht auch nicht zulange Zeit, weil ich rasch reise; es werden
-nicht zwei Wochen vergangen sein, so werde ich vom stillen Don wiederum
-nach Petersburg zurückkehren -- daß dann unbedingt etwas dem Kaiser zu
-zeigen da sei.«
-
-Die Waffenschmiede beruhigten ihn vollauf:
-
-»Der feinen Arbeit werden wir« -- sprechen sie -- »keinen Schaden tun,
-und den Brillanten werden wir nicht umtauschen. Zwei Wochen ist uns aber
-Zeit genug, und wann du zurückkehren wirst, wird dir _irgend etwas_
-dargeboten, was würdig ist der Herrlichkeit des Zaren vorgelegt zu
-werden!«
-
-Aber _was_ eigentlich, das haben sie nicht gesagt!
-
-
-
-
- VI
-
-
-Platow reiste aus Tula ab, die Waffenschmiede aber, drei Mann, die
-allerkunstfertigsten -- einer von ihnen schieläugig und linkshändig,
-trägt auf der Backe ein Muttermal, und an den Schläfen sind ihm die
-Haare schon in seiner Lehrzeit ausgerissen worden -- verabschiedeten
-sich von ihren Kameraden und Familienangehörigen, und ohne irgend wem
-irgend etwas zu sagen, nahmen sie eine Tasche, legten da hinein, was zu
-essen nötig ist, und verschwanden aus der Stadt.
-
-Man hatte nur bemerkt, daß sie nicht nach dem Moskauer Stadttor gingen,
-vielmehr auf die entgegengesetzte Kiewer Seite, und man glaubte, sie
-seien nach Kiew gegangen: die verstorbenen Wundertäter anzubeten oder
-sich dort mit irgend einem von den noch lebenden heiligen Männern zu
-beraten, die es immer im Überfluß in Kiew gab.
-
-Das war alles nur der Wahrheit nahe, nicht aber die Wahrheit selber.
-Weder die Zeit noch die Entfernung erlaubten es den Tulaer Meistern, in
-drei Wochen zu Fuß nach Kiew zu ziehen, und dazu noch eine für die
-englische Nation beschämende Arbeit zu verrichten. Eher hätten sie noch
-nach Moskau beten gehen können, wohin es im ganzen zweimal 90 Werst
-sind, und heilige Wundertäter gibt es auch dort zu verehren nicht
-weniger. Nach der anderen Seite -- bis Orjol, sind es ebensolche zweimal
-90 Werst, und über Orjol hinaus bis Kiew sind es wiederum noch gute 500
-Werst. Einen solchen Weg wirst du nicht rasch zurücklegen, und wenn du
-ihn zurückgelegt hast, wirst du nicht so rasch ausruhen -- lange noch
-werden dir die Beine steif sein und die Hände zittern.
-
-Einigen kam es sogar so vor, als ob die Meister sich vor Platow nur
-gebrüstet hätten, nachher aber, nachdem sie sich die Sache überlegt
-hatten, bange geworden und ganz davongelaufen wären, sowohl die goldene
-Tabaksdose mit sich fortnehmend, wie den Brillanten und den englischen
-stählernen Floh im Futteral, der ihnen soviel Aufregung verursacht
-hatte.
-
-Indes war eine solche Annahme gleichfalls völlig unbegründet und
-kunstfertiger Leute, auf denen nunmehr die Hoffnung der Nation beruhte,
-unwürdig.
-
-
-
-
- VII
-
-
-Die Tulaer, gescheite Leute und erfahren in Metallarbeiten, sind
-gleichfalls berühmt als erstklassige Kenner in der Religion. Ihres
-Ruhmes in dieser Hinsicht ist sowohl die heimische Erde voll wie sogar
-der heilige Athos: sie sind nicht nur Meister im Singen mit Variationen,
-sie wissen vielmehr auch, wie das Bild »Der abendliche Klang« gemalt
-wird. Und wenn jemand von ihnen sich größere Opfer auferlegt und ins
-Mönchstum übertritt, so werden aus ihnen die allerbesten Klosterökonomen
-und gehen aus ihnen die allerfähigsten Gabeneinsammler hervor. Auf
-dem heiligen Athos aber weiß man, daß die Tulaer -- das
-allergewinnbringendste Volk sind, und wenn sie nicht wären, so hätten
-die dunklen Winkel Rußlands wahrscheinlich nicht sehr viele Heiligtümer
-des fernen Ostens gesehen, und der Athos hätte viele nützliche
-Darbringungen russischer Freigebigkeit und Frömmigkeit entbehren müssen.
-Jetzt aber fahren die Tulaer vom Athos Heiligtümer in unserm ganzen
-Vaterlande umher und sammeln meisterhaft milde Gaben auch dort, wo
-eigentlich gar nichts zu holen ist. Der Tulaer ist erfüllt von
-kirchlicher Frömmigkeit und dabei ein großer Praktiker in dieser Sache,
-und deshalb begingen auch die drei Meister, die es auf sich genommen
-hatten, Platow zu unterstützen und mit ihm ganz Rußland, durchaus keinen
-Fehler, als sie sich nicht nach Moskau, vielmehr nach dem Süden
-aufmachten. Sie gingen aber nicht nach Kiew, vielmehr nach Mzensk, einer
-Kreisstadt im Orlowschen Gouvernement, in der ein altes steingemeißeltes
-Heiligenbild des heiligen Nikolai steht, das in den allerältesten Zeiten
-auf einem großen, gleichfalls steinernen Kreuz auf dem Fluß Suscha
-dahergeschwommen kam. Dies Heiligenbild ist von strengem und
-schrecklichem Aussehen, der Heilige ist auf ihm in Lebensgröße
-dargestellt, ganz angetan mit einem vergoldeten Silbergewand, dunkel von
-Angesicht, und in einer Hand hält er einen Tempel, in der andern -- das
-Schwert, das Zeichen des Sieges. Und grade in diesem »Zeichen des
-Sieges« war auch der Sinn der Sache beschlossen: der heilige Nikolai ist
-überhaupt der Beschützer in Handels- und Kriegsangelegenheiten, und der
-Nikolai von Mzensk ganz im Besondern, und grade vor ihm sich zu
-verneigen, waren auch die Tulaer gekommen. Sie ließen einen
-Bittgottesdienst unmittelbar beim Heiligenbilde halten, dann beim
-steinernen Kreuz, endlich kehrten sie bei Nacht nach Hause zurück, und
-ohne irgendwem irgend etwas zu sagen, machten sie sich in furchtbarer
-Heimlichkeit ans Werk. Sie gingen alle drei in ein und dasselbe Häuschen
-zum Linkser, schlossen die Türen und die Fensterläden, entzündeten vor
-dem Heiligenbild des Nikolai das Lämpchen und begannen zu arbeiten.
-
-Einen Tag, zwei, drei sitzen sie und gehen nicht aus, immer klopfen sie
-nur mit den Hämmerchen. Sie schmieden irgend etwas, was sie aber
-schmieden -- ist unbekannt.
-
-Alle sind neugierig, aber niemand kann etwas erfahren, weil die
-Arbeitenden gar nichts erzählen und sich nach außen nicht zeigen.
-Verschiedene Leute gingen zum Häuschen, klopften unter mannigfachen
-Vorwänden an die Türe, um Feuer oder um Salz zu bitten. Die drei Meister
-öffneten aber auf gar keine Bitte, und sogar womit sie sich nährten --
-war unbekannt. Man versuchte sie zu erschrecken: man tat so, als brenne
-in der Nachbarschaft ein Haus -- ob sie nicht vor Schrecken
-herausspringen würden, und es sich dann offenbaren werde, was von ihnen
-geschmiedet sei. Nichts aber verführte diese schlauen Meister: einmal
-nur streckte sich der Linkser bis zur Schulter aus dem Fenster heraus
-und schrie:
-
-»Brennt ihr nur für euch, wir aber haben keine Zeit« -- und wiederum
-verbarg er seinen zerrupften Kopf, warf den Laden zu und machte sich an
-seine Arbeit.
-
-Nur durch die kleinen Spalten war zu sehen, wie im Innern des Hauses das
-Feuerchen leuchtete, es war auch zu hören, daß feine Hämmerchen auf
-feinen Amboßen pochten.
-
-Mit einem Worte, die ganze Sache ward in so furchtbarem Geheimnis
-ausgeführt, daß es unmöglich war, irgend etwas zu erfahren, und dabei
-zog sie sich hin bis gerade zur Rückkehr des Kosaken Platow vom stillen
-Don zum Kaiser; und in dieser ganzen Zeit sahen und sprachen die Meister
-niemanden.
-
-
-
-
- VIII
-
-
-Platow fuhr sehr rasch und mit »Zeremonie«: selber saß er im Wagen, auf
-dem Bock aber befanden sich zwei Kosaken mit Knuten zu beiden Seiten des
-Fuhrmanns und schlugen ihn erbarmungslos, damit er galoppieren lasse.
-Wenn aber einer der Kosaken einschlafen wollte, so stieß ihn Platow
-selber aus dem Wagen heraus mit dem Fuß, und noch böser jagten sie
-dahin. Die Maßnahmen zur Ermunterung wirkten derart erfolgreich, daß man
-auf keiner Station die Pferde anhalten konnte, sie vielmehr hundert
-Sprünge an dem Anhaltsorte vorbeigaloppierten. Dann »wirkte« wiederum
-der Kosak auf den Fuhrmann in umgekehrter Richtung, und sie kehrten zur
-Auffahrt zurück.
-
-So kamen sie auch in Tula an -- sie flogen um hundert Galoppsprünge an
-dem Moskauer Schlagbaum vorüber, darauf aber wirkte der Kosak auf den
-Fuhrmann nach der entgegengesetzten Richtung ein, und sie begannen dann
-bei dem Haustor frische Pferde anzuspannen.
-
-Platow stieg gar nicht aus, er befahl nur einem Kurier, möglichst rasch
-die Handwerker zu ihm zu führen, denen er den Floh hinterlassen hatte.
-
-Der Kurier kam herbeigelaufen: sie möchten möglichst rasch kommen und
-seinem Herrn die Arbeit bringen, durch die sie die Engländer zuschanden
-machen sollten; und kaum war dieser Kurier fortgelaufen, als Platow ihm
-noch neue Boten nachsandte, damit es möglichst rasch gehe.
-
-Alle seine Leute hatte er ausgeschickt und begann bereits einfache Leute
-aus dem neugierigen Publikum auszusenden, ja sogar selber streckt er vor
-Ungeduld seinen Fuß aus dem Wagen und selber will er vor Ungeduld
-hinlaufen und mit den Zähnen knirscht er nur so -- immer scheint es ihm
-noch nicht rasch genug.
-
-So ward in damaliger Zeit alles genau und rasch verlangt, damit auch
-keine Minute für den Nutzen Rußlands verloren gehe.
-
-
-
-
- IX
-
-
-Die Tulaer Meister, die ein erstaunliches Werk verrichtet hatten,
-beendeten in dieser Zeit grade nur eben ihre Arbeit. Die Boten kamen
-keuchend zu ihnen gelaufen, die einfachen Leute aber aus dem neugierigen
-Publikum kamen überhaupt nicht bis ans Ziel, weil sie aus Ungewohntheit
-unterwegs ihre Beine verloren hatten und hingestürzt waren, und dann
-auch aus Furcht, um Platow nicht vor die Augen zu treten, sich nach
-Hause geschlichen, ja, und wo es sich grade traf, sich versteckt hatten.
-
-Als aber die Kuriere herbeigaloppiert kamen, fingen sie sogleich zu
-schreien an, und wie sie sahen, daß die Meister nicht öffneten, begannen
-sie sofort ohne Zeremonie die Riegel an den Läden abzureißen; die Bolzen
-saßen aber so fest, daß sie nicht im Geringsten nachgaben; sie rissen an
-den Türen, die Türen waren aber von innen zugeriegelt mit eichenen
-Riegeln. Da nahmen die Boten einen Balken von der Straße, stemmten ihn
-nach Art der Feuerwehrleute unter den Dachsattel und schoben das Dach
-von dem kleinen Hause auf einmal weg. Sie nahmen das Dach ab und selber
-stürzten sie sogleich zu Boden, weil von den Meistern im engen Häuschen
-von der ununterbrochenen Arbeit in der Luft eine solche »Schweißspirale«
-entstanden war, daß der Ungewohnte, der aus der frischen Luft kommt,
-kein einziges Mal atmen kann.
-
-Die Boten schreien:
-
-»Was macht ihr denn, ihr, so und so, ihr Pack, daß ihr uns auch noch mit
-einer solchen >Spirale< zu betäuben wagt! Habt ihr etwa keinen Gott
-mehr?«
-
-Die aber antworten:
-
-»Wir sind ja sogleich fertig. Wir schlagen soeben noch das letzte
-Nägelchen ein, und wenn wir es eingeschlagen haben, dann werden wir
-unsere Arbeit selber hinaustragen.«
-
-Die Boten aber sprechen:
-
-»Er wird uns bis dahin lebendig auffressen und nichts zum Gedächtnis der
-Seele zurücklassen.«
-
-Die Meister aber sagen:
-
-»Er wird nicht Zeit haben, euch zu verschlucken, weil, bis ihr
-gesprochen habt, bei uns auch schon dieser letzte Nagel eingeschlagen
-ist. Lauft und sagt, daß wir die Sache sogleich bringen.«
-
-Die Boten liefen, waren aber nicht überzeugt -- sie glaubten, daß die
-Meister sie betrügen würden; und deshalb liefen sie zwar so rasch sie
-konnten, sie schauten sich aber ständig um; die Meister kamen aber
-hinter ihnen her und eilten so sehr, daß sie sich sogar nicht völlig
-angekleidet hatten, wie es sich gehört, um vor einer wichtigen
-Persönlichkeit zu erscheinen, sie schlossen vielmehr noch im Gehen die
-Haken an ihren Röcken. Zwei von ihnen trugen überhaupt nichts in Händen,
-der dritte aber, der Linkser, hielt im grünen Futteral die zarische
-Schatulle mit dem englischen stählernen Floh.
-
-
-
-
- X
-
-
-Die Boten laufen zu Platow und sprechen:
-
-»Da sind sie jetzt selber hier!«
-
-Platow spricht sogleich zu den Meistern:
-
-»Ist es fertig?«
-
-»Alles«, antworten sie, »ist fertig!«
-
-»Gebt her!«
-
-Sie gaben es.
-
-Die Equipage war aber bereits angespannt, und Fuhrmann und Vorreiter an
-ihrem Platz. Die Kosaken setzten sich sogleich schon neben den Fuhrmann
-und erhoben die Nagaiken über ihn, und so ausholend halten sie sie auch.
-
-Platow riß das grüne Futteral ab, öffnete die Schatulle, nahm aus der
-Watte die goldene Tabaksdose heraus, aus der Tabaksdose die brillantene
-Nuß -- und sieht: der englische Floh liegt dort wie er war, aber außer
-ihm ist nichts weiter da.
-
-Platow spricht:
-
-»Was ist denn das? Wo ist denn eure Arbeit, mit der ihr den Kaiser
-erfreuen wolltet?«
-
-Die Waffenschmiede antworten:
-
-»Da ist auch unsere Arbeit!«
-
-Platow spricht:
-
-»Worin ist sie denn beschlossen?«
-
-Die Waffenschmiede antworten:
-
-»Wozu das erklären? Alles ist hier vor Eurem Blick -- schaut nur selber
-zu!«
-
-Platow zuckt die Achseln und schreit:
-
-»Wo ist aber der Schlüssel zum Floh?«
-
-»Aber da« -- antworten sie -- »wo der Floh ist, da ist auch der
-Schlüssel, in derselben Nuß!«
-
-Platow wollte den Schlüssel fassen, die Finger waren aber bei ihm zu
-kurz und zu dick; er bemühte sich lange Zeit -- konnte aber auf keine
-Weise weder den Floh erfassen, noch das Schlüsselchen zu dem Uhrwerk in
-seinem Bauch. Plötzlich erzürnte er sich und begann zu schimpfen auf
-kosakische Art.
-
-Er schrie:
-
-»Was habt ihr denn, ihr Halunken, gar nichts getan, ja dazu noch am Ende
-gar die ganze Sache verdorben! Ich werde euch den Kopf abreißen!«
-
-Die Tulaer geben ihm zur Antwort:
-
-»Ganz umsonst beleidigen Sie uns so -- wir müssen von Ihnen, als dem
-Abgesandten des Kaisers, alle Beleidigungen erdulden. Deswegen aber,
-weil Sie an uns zweifelten und glaubten, daß wir sogar den kaiserlichen
-Namen zu betrügen fähig seien -- werden wir Ihnen jetzt das Geheimnis
-unserer Arbeit nicht eröffnen. Geruhen Sie doch dieses Ding zum Kaiser
-zu bringen -- er wird erkennen, was für Leute er an uns hat, und ob er
-sich unserer zu schämen braucht!«
-
-Platow schrie:
-
-»Nun, so lügt ihr denn, ihr Schufte! Ich werde mich aber von euch nicht
-so trennen, vielmehr wird einer von euch mit mir nach Petersburg fahren,
-und ich werde schon von ihm herausbekommen, was eure Schlauheiten sind!«
-
-Damit streckte er die Hand aus, faßte mit seinen kurzen Fingern den
-schieläugigen Linkser am Kragen, so daß bei ihm alle Haken vom Rock
-abflogen, und stieß ihn zu sich in den Wagen, zu seinen Füßen.
-
-»Sitze hier« -- spricht er -- »bis nach Petersburg, wie ein Pudel. Du
-wirst mir alle verantworten. Ihr aber«, spricht er zu den Boten, »jetzt
-heida! Sperrt nicht das Maul auf, damit ich übermorgen in Petersburg
-beim Zaren bin!«
-
-Die Meister wagten nur für ihren Kameraden einzutreten: »Wie denn, Sie
-werden ihn von uns so ohne ein >Tugament< wegführen? Ihm wird es
-unmöglich sein, zurückzukommen!« Platow aber zeigte ihnen statt der
-Antwort nur die Faust, eine so furchtbare -- sie ist rotbraun, ganz mit
-Narben bedeckt, und irgendwie zusammengewachsen -- und drohend spricht
-er: »Da habt ihr das >Tugament<!« Den Kosaken aber schrie er zu:
-
-»Heida, Kinder!«
-
-Die Kosaken, die Fuhrleute und die Pferde -- alles begann gleichzeitig
-zu arbeiten, und man entführte den Linkser ohne Dokument; und einen Tag
-später, wie Platow befohlen hatte, fuhr man auch schon beim Palast des
-Zaren vor, und sogar galoppierend, wie es sich gehörte, fuhren sie bei
-den Säulen vorbei.
-
-Platow stand auf, hing die Orden an und ging zum Kaiser, befahl aber den
-ihn begleitenden Kosaken, den schieläugigen Linkser beim Eingang zu
-bewachen.
-
-
-
-
- XI
-
-
-Platow fürchtete sich, dem Kaiser vor Augen zu treten, weil Nikolai
-Pawlowitsch alles bemerkte und im Gedächtnis behielt; nichts pflegte er
-zu vergessen. Platow wußte, daß er ihn unbedingt nach dem Floh fragen
-werde. Und wenn er auch keinen Feind auf der ganzen Welt fürchtete, so
-fürchtete er sich in diesem Falle doch: er ging ins Schloß mit der
-kleinen Schatulle und stellte sie ganz leise im Saal hinter den Ofen.
-
-Nachdem er die Schatulle verborgen hatte, ging Platow zum Kaiser ins
-Kabinett und begann rasch zu berichten, was die Kosaken am stillen Don
-für Gespräche unter einander führen. Er beschloß so: hiermit den Kaiser
-zu beschäftigen und dann, wenn der Kaiser sich selber entsinnen und von
-dem Floh beginnen werde, werde es nötig sein, ihn herzugeben und Rede zu
-stehen; wenn er aber davon nicht anfange, dann zu schweigen, die
-Schatulle dem Kammerdiener zu verstecken befehlen und den Tulaer Linkser
-auf unbestimmte Zeit in eine Festungskasematte zu stecken, damit er dort
-sitze bis zu der Zeit, daß man seiner bedürfen werde.
-
-Kaiser Nikolai Pawlowitsch hatte aber gar nichts vergessen, und kaum
-hatte Platow seinen Bericht über die Gespräche der Kosaken untereinander
-geendet, so fragte er ihn auch schon sogleich:
-
-»Aber wie denn, wie haben meine Tulaer Meister sich gerechtfertigt
-gegenüber dem englischen >Nymphusorium<?«
-
-Platow antwortete in der Weise, wie ihm die Sache zu sein schien.
-
-»Das >Nymphusorium<« -- spricht er -- »Eure Majestät, ist immer noch auf
-der Welt, und ich habe es zurückgebracht, die Tulaer Meister haben aber
-nichts Erstaunliches zu tun vermocht.«
-
-Der Kaiser antwortet:
-
-»Du bist ein tapferer Greis, doch das, was du mir da vorbringst, kann
-nicht so sein.«
-
-Platow begann ihn zu überzeugen und erzählte, wie die ganze Sache
-verlief, und als er bis dahin gelangt war, daß die Tulaer ihn baten, den
-Floh dem Kaiser zu zeigen, da klopfte ihm Nikolai Pawlowitsch auf die
-Schulter und sagte:
-
-»Bring her. Ich weiß, daß die Meinigen mich nicht betrügen können. Da
-ist irgend etwas über das Verstehen hinaus geschehen!«
-
-
-
-
- XII
-
-
-Man brachte die Schatulle hinter dem Ofen hervor, nahm von ihr die
-Decke, enthüllte die goldene Tabaksdose und die brillantene Nuß -- in
-ihr aber liegt der Floh, wie er vordem gewesen war und wie er früher
-gelegen hatte.
-
-Der Kaiser schaute hin und sprach:
-
-»Das ist eine List!« -- Aber von seinem Glauben an die russischen
-Meister verlor er gar nichts. Er befahl, seine Lieblingstochter
-Alexandra Nikolajewna zu rufen und sagte ihr:
-
-»An deinen Händen hast du feine Finger! Nimm das kleine Schlüsselchen
-und ziehe rasch in diesem >Nymphusorium< die Bauchmaschine auf!«
-
-Die Prinzessin begann mit dem Schlüsselchen zu drehen, und der Floh
-bewegte sogleich seinen Schnurrbart, aber mit den Füßen rührte er sich
-nicht. Alexandra Nikolajewna zog das ganze Uhrwerk auf, aber das
-»Nymphusorium« tanzte trotzdem kein »Dansé« und ließ keine einzige
-»Variation« los wie vordem.
-
-Platow ward ganz grün und schrie:
-
-»Ach, das sind hündische Schelme! Jetzt verstehe ich, weshalb sie mir
-dort nichts sagen wollten. Es ist noch gut, daß ich einen Dummkopf von
-ihnen mit mir nahm!«
-
-Mit diesen Worten lief er zur Auffahrt, packte den Linkser an den Haaren
-und begann ihn dahin und dorthin zu zausen, so, daß die Haarbüschel nur
-so flogen. Jener aber, als Platow aufhörte, ihn zu schlagen, machte sich
-nur zurecht und spricht:
-
-»Man hat mir so schon in der Lehre alle Schopfhaare ausgerissen, ich
-weiß nur nicht wegen welcher Notwendigkeit man eine solche Wiederholung
-vornimmt?«
-
-»Das ist deshalb« -- spricht Platow -- »weil ich auf euch hoffte und
-mich verpflichtete. Ihr aber habt diese seltene Sache verdorben!«
-
-Der Linkser antwortet:
-
-»Gar sehr sind wir zufrieden, daß du dich für uns verpflichtetest,
-verdorben haben wir aber gar nichts: Nehmt und schaut durch das
-allerstärkste >Winzigglas<.«
-
-Platow lief zurück, um von dem >Winzigschauer< zu erzählen, dem Linkser
-aber drohte er nur:
-
-»Ich werde dir« -- spricht er -- »du ... so und so ... noch etwas geben
-...«
-
-Und er befiehlt seinen Leuten, dem Linkser noch stärker die Ellenbogen
-zurückzubinden, selber aber steigt er die Stufen hinauf, keucht und
-spricht sein Gebet: »Gesegnete Mutter des gesegneten Königs,
-Allerreinste und Reine ...« usw., wie es sich gehört. Die zarischen
-Hofdiener, die auf den Stufen stehen, wenden sich alle von ihm ab und
-denken: Platow ist hineingefallen, und sogleich wird man ihn aus dem
-Schloß wegjagen -- denn sie konnten ihn nicht ausstehen wegen seiner
-Tapferkeit.
-
-
-
-
- XIII
-
-
-Als Platow dem Kaiser die Worte des Linksers hinterbrachte, spricht der
-sogleich mit Freuden:
-
-»Ich weiß, daß meine Russen mich nicht betrügen werden« -- und befahl,
-den »Winzigschauer« auf einem Kissen zu reichen.
-
-In einem Augenblick ward der >Winzigschauer< gebracht, und der Kaiser
-nahm den Floh und legte ihn unter das Glas: zuerst mit dem Rücken nach
-oben, dann mit der Seite, dann mit dem Bäuchelchen -- mit einem Worte,
-man drehte ihn nach allen Seiten, sah aber garnichts. Der Kaiser verlor
-aber auch da nicht seinen Glauben, er sagte nur:
-
-»Man führe jenen Waffenschmied, der sich unten befindet, sogleich
-hierher zu mir.«
-
-Platow berichtet:
-
-»Man müßte ihn umkleiden -- er ward genommen wie er war und ist jetzt
-gar sehr in schlechtem Aussehen.«
-
-Der Kaiser aber antwortet:
-
-»Das tut nichts, man bringe ihn so, wie er ist.«
-
-Platow spricht:
-
-»Nun gehe jetzt selber, du, so und so, vor den Augen des Kaisers zu
-antworten.«
-
-Der Linkser aber sagt:
-
-»Was ist denn dabei, ich werde gehen, und werde auch antworten!«
-
-Er kommt so, wie er war: in abgetretenen Stiefeln, ein Hosenbein im
-Stiefel, das andere baumelt herum, sein breiter Rock ist ältlich, die
-Haken schließen nicht, sie fehlen sogar, und der Kragen ist zerrissen;
-er geniert sich aber garnicht.
-
-»Wie denn« -- denkt er -- »wenn es dem Zaren gefällig ist, mich zu sehen
--- so muß ich eben kommen; wenn ich aber kein >Tugament< habe -- so bin
-ich daran unschuldig und werde erzählen, wie sich die Sache zutrug.«
-
-Als der Linkser eintrat und sich verneigte, spricht der Kaiser sogleich
-schon zu ihm:
-
-»Was bedeutet das denn, Brüderchen, daß wir so und so zuschauten und den
-Floh unter den >Winzigschauer< legten, aber nichts Bemerkenswertes
-erschauten.«
-
-Der Linkser aber antwortet:
-
-»Haben Sie, Euer Majestät, denn richtig zu schauen geruht?«
-
-Die Höflinge geben ihm ein Zeichen: »Du sprichst nicht so, wie 's sich
-gehört!« Er aber versteht nicht, wie es nötig ist auf Höflingsart mit
-Schmeichelei oder mit List, er antwortet vielmehr ganz einfach. Der
-Kaiser spricht:
-
-»Hört doch auf, ihn zu schulmeistern -- er soll antworten, wie er es
-versteht.«
-
-Und sogleich erklärte er ihm:
-
-»Wir,« spricht er, »haben ihn so hingelegt« -- und er legte den Floh
-unter den Winzigschauer. »Schau nur selber«; spricht er -- »es ist
-nichts zu sehen.«
-
-Der Linkser antwortet:
-
-»Euer Majestät, so ist es auch gar nicht möglich, irgend etwas zu sehen,
-weil nämlich unsere Arbeit gegenüber einem solchen Maßstab bei weitem
-geheimnisvoller ist.«
-
-Der Kaiser fragte:
-
-»Wie soll man dann aber?«
-
-»Man muß« -- spricht er -- »nur sein einzelnes Füßchen unter den ganzen
->Winzigschauer< führen und im einzelnen auf jedes Ferschen schauen,
-womit er auftritt.«
-
-»Erbarme dich, sag' einmal« -- spricht der Kaiser -- »dies ist schon
-allzufein.«
-
-»Aber was soll man denn machen« -- antwortet der Linkser -- »wenn man
-nur so unsere Arbeit bemerken kann: dann wird sich auch das ganze
-Staunen offenbaren.«
-
-Sie legten den Floh so hin, wie der Linkser gesagt hatte, und als der
-Kaiser nur eben in das obere Glas schaute, so strahlte er auch nur so --
-er nahm den Linkser, so wie er war, unfrisiert und ungewaschen, voll
-Staub -- umarmte ihn und küßte ihn, darauf aber wandte er sich an alle
-Hofleute und sagte:
-
-»Seht ihr, ich wußte besser als ihr alle, daß meine Russen nicht
-versagen werden. Schaut bitte hin, die Schelme haben dem englischen Floh
-Hufeisen angeschmiedet!«
-
-
-
-
- XIV
-
-
-Alle begannen heranzutreten und zu schauen: der Floh trug tatsächlich an
-allen seinen Füßen wirkliche Hufeisen, der Linkser aber bemerkte, daß
-auch dies nicht das ganze Erstaunliche sei.
-
-»Wenn« -- spricht er -- »ein besserer >Winzigschauer< da wäre, der
-fünfmillionenmal vergrößert, so würden Sie,« spricht er, »geruhen zu
-erschauen, daß auf jedem Hufeisenchen der Name steht: welcher russische
-Meister dieses Hufeisen schmiedete.«
-
-»Ist auch dein Name dabei?«
-
-»Keineswegs« -- antwortet der Linkser -- »eben mein Name fehlt nur.«
-
-»Weshalb denn?«
-
-»Aber deshalb« -- spricht er -- »weil ich noch feinere Arbeit leistete:
-Ich schmiedete die Nägelchen, mit denen die Hufeisen angeschlagen sind
--- die vermag schon kein >Winzigschauer< zu erfassen.«
-
-Der Kaiser fragte:
-
-»Wo ist dann aber euer >Winzigschauer<, mit dem ihr dieses Wunder
-vollbringen konntet?«
-
-Der Linkser antwortet:
-
-»Wir sind arme Leute und haben wegen unserer Armut keinen
->Winzigschauer<, bei uns ist vielmehr unser Auge so gewöhnt.«
-
-Da begannen auch die übrigen Höflinge, sehend, daß die Sache des
-Linksers gewonnen war, ihn zu küssen. Platow aber gab ihm hundert Rubel
-und sprach:
-
-»Verzeih' mir, Brüderchen, daß ich dich an den Haaren zog!«
-
-Der Linkser antwortet:
-
-»Gott wird dir verzeihen -- da ist uns nicht zum ersten Male ein solcher
-Schnee auf den Kopf gefallen!«
-
-Mehr aber sprach er nicht, und er hatte auch keine Zeit mit irgendwem zu
-sprechen, weil der Kaiser befahl, schon sogleich dieses behufte
-»Nymphusorium« einzupacken und nach England zurückzuschicken -- in der
-Art eines Geschenkes, damit man dort verstehe, daß uns dies nicht
-erstaunlich sei. Und es befahl der Kaiser, daß ein besonderer Kurier,
-der alle Sprachen versteht, den Floh bringen, und daß sich der Linkser
-bei ihm befinden solle, damit er selber den Engländern die Arbeit zeigen
-könne, und was es für Meister bei uns in Tula gibt.
-
-Platow bekreuzte ihn:
-
-»Möge« -- spricht er -- »über dir Segen sein, auf den Weg aber werde ich
-dir meinen eigenen Bittern senden. Trinke nicht viel und nicht wenig,
-trinke vielmehr mittelmäßig!«
-
-So tat er auch -- er schickte ihm seinen Bittern.
-
-Graf Kiselwrode aber befahl, daß man den Linkser in den Tuljakowschen
-öffentlichen Bädern bade, ihm beim Barbier die Haare schneide und ihm
-einen Paradekaftan von einem Hofsänger anziehe, damit es so aussehe, als
-habe er irgend einen besondern Rang.
-
-Als sie ihn auf diese Weise umgebildet und zur Reise mit Tee und
-Platowschem Bittern getränkt hatten, zogen sie ihm den Gürtelriemen
-möglichst eng, damit die Därme nicht schlotterten, und führten ihn nach
-London. Von daher bekam der Linkser auch ausländische »Ansichten« zu
-schauen.
-
-
-
-
- XV
-
-
-Die Kuriere mit dem Linkser reisten sehr rasch, so daß sie von
-Petersburg bis London nirgends Rast machten, vielmehr zogen sie auf
-jeder Station den Gürtel noch um ein Loch enger, damit sich die Gedärme
-nicht mit den Lungen vermengen sollten. Da aber dem Linkser nach der
-Vorstellung beim Kaiser auf Befehl Platows auf Kronskosten eine
-Schnapsportion nach Gutdünken bewilligt war, so hielt er sich ohne zu
-essen damit allein aufrecht und sang durch ganz Europa hindurch
-russische Lieder, nur den Kehrreim sang er auf ausländische Weise: --
-»ai -- ljuli -- ssee tree schuli.«
-
-Der Kurier brachte ihn nach London, zeigte sich, bei wem es nötig war,
-gab die Schatulle ab, führte den Linkser in ein Gasthaus und mietete für
-ihn ein Zimmer. Dem aber ward es dort bald langweilig, und ihn verlangte
-es zu essen. Er pochte an die Türe und deutete sich vor dem Aufwartenden
-auf den Mund. Der aber führte ihn sogleich schon in das
-Speisenempfangszimmer.
-
-Der Linkser setzt sich dort an den Tisch und sitzt da. Irgend etwas auf
-englisch zu fragen -- versteht er aber nicht. Darauf erriet er es:
-wiederum pocht er einfach mit dem Finger auf den Tisch und zeigt sich
-auf den Mund -- die Engländer erraten und tragen auf, nur nicht immer
-das, was nötig ist. Er nimmt aber das nicht an, was ihm nicht paßt. Man
-gab nach ihrer Zubereitung heißen Pudding »im Feuer«. Er spricht: »ich
-weiß nicht, daß man so etwas essen kann« -- und aß auch nicht. Sie
-tauschten es ihm um und gaben ihm ein anderes Gericht. Ebenso wollte er
-nicht ihren Schnaps trinken, weil er grün war -- als sei er mit Grünspan
-angesetzt. Er wählte vielmehr das Allernatürlichste und erwartete den
-Kurier gemütlich hinter einem Fläschchen.
-
-Die Leute aber, denen der Kurier das »Nymphusorium« gegeben hatte,
-beschauten es alsogleich durch den allerstärksten »Winzigschauer« und
-sogleich schickten sie auch eine Beschreibung in die öffentlichen
-Nachrichten, damit morgen schon zur allgemeinen Kunde ein »Kleveton«
-erscheine.
-
-»Diesen Meister aber« -- sagen sie -- »wollen wir sogleich sehen.«
-
-Der Kurier geleitete sie in das Gasthauszimmer und von dort in den
-»Speisenempfangsraum«, wo sich unser Linkser bereits gehörig gerötet
-hatte und spricht: »Da ist er!«
-
-Die Engländer schlagen sogleich den Linkser auf die Schulter und wie
-einem ihnen Gleichen reichen sie ihm die Hand: »Kamerad«, sprechen sie,
-»du bist ein guter Meister, sprechen werden wir mit dir erst später,
-jetzt aber laßt uns auf dein Wohl trinken!«
-
-Sie bestellten viel Wein und dem Linkser den ersten Becher. Er aber
-wollte aus »Höflichkeit« nicht zuerst trinken. Er dachte: vielleicht
-wollt ihr mich aus Verdruß vergiften.
-
-»Nein,« spricht er, »das ist nicht in Ordnung; auch in Polen geht der
-Herr voran -- trinkt selber zuerst!«
-
-Die Engländer kosteten alle Weine vor ihm und dann begannen sie ihm
-einzuschütten. Er stand auf, bekreuzte sich mit der linken Hand und
-trank auf ihrer aller Gesundheit.
-
-Sie bemerken, daß er sich mit der linken Hand bekreuzte und fragen den
-Kurier:
-
-»Was ist er denn: Lutheraner oder Protestantist?«
-
-Der Kurier antwortet:
-
-»Nein, er ist kein Lutheraner und kein Protestantist, vielmehr von
-russischem Glauben.«
-
-»Aber weshalb bekreuzt er sich denn mit der linken Hand?«
-
-Der Kurier spricht:
-
-»Er ist -- ein Linkser und macht alles mit der linken Hand.«
-
-Die Engländer verwunderten sich noch mehr und begannen dem Linkser und
-dem Kurier Wein einzupumpen, und so taten sie volle drei Tage
-nacheinander, und dann sprachen sie: »Jetzt ist es genug!« Jeder trank
-einen »Symphon« Wasser mit »Jerphiks«, sie wurden danach völlig frisch
-und begannen den Linkser auszufragen: Wo und was er gelernt habe und wie
-weit er die Arithmetik verstehe?
-
-Der Linkser antwortet:
-
-»Unsere Wissenschaft ist eine einfache: der Psalter ja und der
-Traumdeuter; von der Arithmetik wissen wir aber ganz und gar nichts.«
-
-Die Engländer schauen einander an und sprechen:
-
-»Das ist erstaunlich!«
-
-Der Linkser antwortet:
-
-»Bei uns ist das überall so.«
-
-»Was ist das aber« -- fragen sie -- »für ein Buch in Rußland >der
-Traumdeuter<?«
-
-»Das« spricht er -- »ist ein Buch, das sich darauf bezieht, daß, wenn
-König David im Psalter irgend etwas hinsichtlich des Wahrsagens nicht
-deutlich genug erklärte, dann erraten sie im Traumdeuter die Ergänzung.«
-
-»Das ist schade, besser wäre es, ihr wüßtet etwas aus der Arithmetik,
-wenn auch nur die vier Spezies, -- das wäre euch bei weitem nützlicher
-als den ganzen Traumdeuter zu kennen. Dann könntet ihr euch vorstellen,
-daß in jeder Maschine die Kraft berechnet ist, aber sonst, wenn ihr auch
-sehr kunstvoll mit den Händen seid, habt ihr nicht wissen können, daß
-ein so kleines Maschinchen, wie in dem >Nymphusorium<, auf die
-allergenaueste Genauigkeit berechnet ist und eure Hufeisen nicht tragen
-kann. Deshalb springt auch jetzt das >Nymphusorium< nicht und tanzt kein
->Dansé<.«
-
-Der Linkser stimmte bei.
-
-»Darüber« -- spricht er -- »gibt es keinen Streit, daß wir in den
-Wissenschaften nicht kundig sind, nur sind wir unserm Vaterlande treu
-ergeben.«
-
-Die Engländer aber sagen ihm:
-
-»Bleibt bei uns; wir werden Euch eine große Gebildetheit beibringen, und
-aus Euch wird ein erstaunlicher Meister werden.«
-
-Damit war aber der Linkser nicht einverstanden.
-
-»Ich« -- spricht er -- »habe zu Hause Eltern.«
-
-Die Engländer erklärten sich bereit, seinen Eltern Geld zu schicken, der
-Linkser nahm aber nicht an.
-
-»Wir« -- spricht er -- »hängen an unserer Heimat, und mein Väterchen
-oben ist schon ein alter Mann, meine Mutter ein altes Frauchen und
-gewohnt in ihrer Gemeinde zur Kirche zu gehen; und auch mir wird es hier
-in der Einsamkeit langweilig sein, weil ich noch unverheiratet bin.«
-
-»Ihr« -- sprechen sie -- »werdet Euch gewöhnen. Ihr werdet unsern
-Glauben annehmen, und wir werden Euch verheiraten.«
-
-»Dies« antwortet der Linkser »wird niemals sein können.«
-
-»Weshalb denn?«
-
-»Weil« -- antwortet er -- »unser russischer Glaube der allerrichtigste
-ist, und wie unsere Vorväter glaubten, genau so sollen auch die
-Nachkommen glauben.«
-
-»Ihr« -- sprechen die Engländer -- »kennt nicht unsern Glauben: wir sind
-von demselben christlichen Gesetz und haben dasselbe Evangelium.«
-
-»Das Evangelium« -- antwortet der Linkser -- »ist tatsächlich bei allen
-eines, nur sind unsere Bücher dicker als eure, und auch der Glaube ist
-bei uns >voller<«.
-
-»Weshalb könnt Ihr das so beurteilen?«
-
-»Wir haben dafür« -- antwortet er -- »alle augenscheinlichen Beweise.«
-
-»Welche?«
-
-»Aber solche:« -- antwortet er -- »bei uns gibt es sowohl wundertätige
-Heiligenbilder, öltropfende Schädel und Reliquien, bei euch aber gibt es
-gar nichts, und sogar außer dem einen Sonntag keinerlei außerordentliche
-Feiertage; aber auch aus einer zweiten Ursache wird es mir mit einer
-Engländerin zu leben, mögen wir auch nach dem Gesetze getraut sein,
-konfus sein.«
-
-»Weshalb denn das?« -- fragen sie. -- »Ihr braucht die unsrigen nicht
-gering zu schätzen -- sie kleiden sich gleichfalls sehr sauber und sind
-wirtschaftlich.«
-
-Der Linkser aber spricht:
-
-»Ich kenne sie nicht!«
-
-Die Engländer antworten:
-
-»Das ist nicht wichtig -- Ihr werdet sie kennen lernen können. Wir
-werden euch ein >Grandewu< bereiten.«
-
-Der Linkser ward verschämt.
-
-»Weshalb« spricht er »umsonst die Mädchen irreführen,« und er bedankte
-sich. »Ein >Grandewu<« spricht er -- »das ist eine Sache für
-Herrschaften, uns aber ziemt es nicht, und wenn man davon zu Hause, in
-Tula, erfahren wird, wird man über mich ein großes Gelächter anstimmen.«
-
-Die Engländer wurden neugierig.
-
-»Wenn aber« -- sprechen sie -- »ohne >Grandewu<, wie verfährt man dann
-bei euch in solchen Fällen, um eine angenehme Wahl zu treffen?«
-
-Der Linkser erklärte ihnen unsere Lage:
-
-»Bei uns« -- spricht er -- »wenn ein Mann hinsichtlich eines Mädchens
-eine ernsthafte Absicht eröffnen will, so sendet er ein >redsames< Weib,
-und nachdem sie den Vorschlag machte, kommt man höflich ins Haus, und
-das Mädchen schaut man an, nicht sich heimlich versteckend, vielmehr in
-Gegenwart der ganzen Verwandtschaft.«
-
-Sie verstanden, antworteten aber, bei ihnen gäbe es keine »redsamen«
-Weiber, und eine solche Gewohnheit sei nicht eingeführt.
-
-Der Linkser aber spricht:
-
-»Desto angenehmer ist es auch. Wenn man sich mit solchen Dingen befaßt,
-so muß man das mit wirklicher Absicht tun; da ich aber dies zu einer
-fremden Nation nicht empfinde, weshalb soll man dann die Mädchen
-irreführen?«
-
-Er gefiel den Engländern auch in diesen seinen Urteilen, so daß sie
-wiederum anfingen, ihm freundschaftlich auf Schulter und Knie mit der
-Hand zu schlagen, selber aber fragen sie:
-
-»Wir« -- sprechen sie -- »wünschten einzig und allein aus Neugierde zu
-wissen: welche fehlerhaften Kennzeichen Ihr bei unsern Mädchen bemerkt
-habt, und weshalb Ihr sie meidet?«
-
-Da antwortete ihnen der Linkser schon ganz offen:
-
-»Ich tadle sie nicht, mir gefällt nur nicht, daß die Kleidung um sie
-herumschlottert, und man nicht herausbekommt, was da eigentlich
-angezogen ist und für welche Notwendigkeit; da ist irgend etwas, und
-weiter unten ist noch irgend etwas anderes angesteckt, an den Händen
-aber so eine Art Strümpfe. Ganz genau wie ein Affe -- >sapajou< --
->Plüschtalma<!«
-
-Die Engländer brachen in Lachen aus und sprechen:
-
-»Was für ein Hindernis liegt denn für Euch darin?«
-
-»Ein Hindernis« -- antwortet der Linkser -- »ist das nicht, ich fürchte
-nur, daß es schamvoll sein wird, zuzuschauen und zu erwarten, wie sie
-sich aus dem allen herausschälen wird!«
-
-»Ist denn wirklich« -- sprechen sie -- »euere >Fasson< besser?«
-
-»Unsere Fasson« -- antwortet er -- »ist in Tula einfach: jede geht in
-ihren selbstgefertigten Spitzen, und unsere Spitzen tragen sogar auch
-die großen Damen!«
-
-Sie stellten ihn auch ihren Damen vor, und dort goß man ihm Tee ein und
-fragte:
-
-»Weshalb verzieht Ihr Euer Gesicht?«
-
-»Weil wir« -- spricht er -- »nicht gewohnt sind süß zu trinken!« Darauf
-gaben sie ihm auf russische Weise Zucker zum Zubeißen. Ihnen scheint es,
-daß es so schlechter sei, er aber spricht: »Nach unserm Geschmack ist es
-so wohlschmeckender.«
-
-Durch gar nichts vermochten die Engländer ihn zu bestimmen, daß er sich
-an ihr Leben fessele; sie überredeten ihn nur, kurze Zeit bei ihnen als
-Gast zu bleiben, sie würden ihn in dieser Zeit durch verschiedene
-Werkstätten führen und ihm ihre Kunst zeigen.
-
-»Darauf aber« -- sprechen sie -- »werden wir ihn auf unserm eigenem
-Schiff fahren und lebendig nach Petersburg bringen.«
-
-Damit war er einverstanden.
-
-
-
-
- XVI
-
-
-Die Engländer nahmen den Linkser bei sich auf, den russischen Kurier
-aber schafften sie zurück nach Rußland. Obgleich der Kurier einen Rang
-hatte und mehrere Sprachen verstand, interessierten sie sich nicht für
-ihn, für den Linkser interessierten sie sich aber; und sie begannen ihn
-zu führen und ihm alles zu zeigen. Er beschaute ihre ganze Produktion,
-sowohl die Metallfabriken wie die Seifen- und Sägewerke, und alle ihre
-wirtschaftlichen Einrichtungen gefielen ihm sehr, besonders hinsichtlich
-der Lage der Arbeiter. Jeder Arbeiter ist bei ihnen ständig satt und
-nicht in Lumpen angezogen, vielmehr jeder trägt geeignete Kleidung und
-ist beschuht mit dicken benagelten Stiefeln, damit man sich nirgends den
-Fuß verletzen kann, er arbeitet nicht mit irgend einem Brecheisen,
-vielmehr mit einem Werkzeug, und er hat Verständnis. Jedem hängt eine
-Rechentabelle vor Augen, und unter der Hand hat er eine Abwischtafel:
-bei allem, was nur ein Meister macht -- schaut er auf die Tabelle und
-vergleicht mit Verständnis, darauf aber schreibt er etwas auf dem
-Täfelchen, anderes streicht er aus und führt es akkurat aus: Was mit
-Zahlen geschrieben steht, das kommt auch in der Tat heraus. Ist es aber
-Feiertag, so nimmt jeder sein Liebchen und in die Hand ein Stöckchen,
-und dann gehen sie spazieren, ehrsam, wohlanständig, wie es sich gehört.
-
-Der Linkser schaut auf ihr ganzes Leben, und auf alle ihre Arbeiten,
-aber am allermeisten Aufmerksamkeit verwandte er auf einen solchen
-Gegenstand, daß die Engländer sehr staunten. Nicht so sehr interessiert
-es ihn, wie man neue Gewehre macht, als in welchem Zustand sich die
-alten befinden. Überall geht er umher, lobt und spricht:
-
-»Das können auch wir so.«
-
-Wenn er aber zu einem alten Gewehr kommt -- steckt er den Finger in den
-Lauf, fährt mit ihm an der Innenwand herum und seufzt:
-
-»Das« -- spricht er -- »ist unvergleichlich besser als bei uns.«
-
-Die Engländer vermochten durchaus nicht zu erraten, was da der Linkser
-bemerkt, er aber fragt:
-
-»Kann ich nicht« -- spricht er -- »wissen, ob unsere Generäle dies
-irgendwann anschauten oder nicht?«
-
-Man sagte ihm:
-
-»Die hier waren, die müssen es wohl gesehen haben.«
-
-»Wie aber« -- spricht er »waren sie: in Handschuhen oder ohne?«
-
-»Eure Generäle« -- sprechen sie -- »sind ausgeputzt, sie gehen immer in
-Handschuhen, so sind sie wohl auch hier so gewesen.«
-
-Der Linkser sagte gar nichts. Plötzlich aber begann er unruhig zu werden
-und sich zu grämen und spricht zu den Engländern:
-
-»Ergebenst danke ich euch für alle Bewirtung, und ich bin mit allem bei
-euch sehr zufrieden, und alles, was mir nötig war zu schauen, habe ich
-schon erschaut, jetzt aber möchte ich möglichst rasch nach Hause!«
-
-Auf keine Weise vermochten sie ihn weiter zurückzuhalten. Zu Lande
-konnte man ihn nicht ziehen lassen, weil er keine Sprache kannte, auf
-dem Wasser zu schwimmen war aber nicht gut, weil es Herbstzeit war und
-stürmisch; er aber bestand darauf: »Laßt mich ziehen!«
-
-»Wir« -- sprechen sie -- »haben auf den Sturmmesser geschaut: es wird
-Sturm geben, du kannst ertrinken: das ist ja nicht das, was bei euch der
-finnische Meerbusen ist, vielmehr ist da das wirkliche >festländische<
-Meer.«
-
-»Dies ist alles einerlei« -- antwortete er -- »weshalb sterben -- alles
-ist der Wille Gottes, ich aber wünsche möglichst rasch nach der Heimat
-zurückzukehren, weil ich mir sonst eine Art Geistesstörung holen kann.«
-
-Man hielt ihn nicht mit Gewalt zurück: man fütterte ihn, belohnte ihn
-mit Geld, schenkte ihm zum Andenken eine goldene Uhr mit »Trepetir«,
-gegen die Frische des Meeres einen Friesmantel mit »Windkapuze« auf den
-Kopf. Sehr warm kleideten sie den Linkser und führten ihn auf das
-Schiff, das nach Rußland fuhr. Dort brachten sie den Linkser am besten
-Platz unter, wie einen wirklichen Herrn; er aber liebte es nicht, mit
-den übrigen Herrschaften in der Kajüte zu sitzen, und es war ihm
-peinlich. Er ging vielmehr auf das Deck, setzte sich unter das »Present«
-und fragte:
-
-»Wo ist unser Rußland?«
-
-Der Engländer, den er fragt, deutet ihm mit der Hand oder zeigt ihm mit
-dem Kopf, er aber wendet sich mit dem Gesicht dahin und schaut
-ungeduldig nach der heimatlichen Seite.
-
-Als sie aus der Bucht ins »festländische« Meer kamen, da überkam ihn
-eine solche Sehnsucht nach Rußland, daß man ihn auf keine Weise
-beruhigen konnte. Die Wasserströmung war furchtbar, aber der Linkser
-geht immer nicht hinunter in die Kajüte -- er sitzt unter dem >Present<,
-hat die Kapuze vorgerückt und schaut nach dem Vaterland.
-
-Oftmals kamen die Engländer, um ihn in den warmen Raum nach unten zu
-rufen, er aber, damit sie ihn nicht langweilen, begann sogar drauflos zu
-schimpfen.
-
-»Nein« -- antwortet er -- »mir ist es besser hier draußen, sonst wird
-aus mir unter dem Dach von dem Schwanken noch ein Meerschweinchen
-werden.«
-
-So ging er denn die ganze Zeit bis zu einem ganz besonderen Fall nicht
-hinunter, und dadurch gefiel er sehr einem Bootsmann, der zum Unglück
-unseres Linksers russisch zu sprechen verstand. Dieser Bootsmann konnte
-nicht genug darüber staunen, daß ein russischer Landmensch auch so alle
-Unwetter aushalte.
-
-»Ein forscher Kerl« -- spricht er -- »der Russe. Laßt uns trinken!«
-
-Der Linkser trank.
-
-Der Bootsmann sagt:
-
-»Noch!«
-
-Der Linkser trank noch, und sie betranken sich.
-
-Der Bootsmann fragt ihn auch:
-
-»Was für ein Geheimnis bringst du von unserm Reich nach Rußland?«
-
-Der Linkser antwortet: »Das ist meine Sache!«
-
-»Aber wenn so« -- antwortet der Bootsmann -- »so laß uns eine englische
-Wette eingehen.«
-
-Der Linkser fragt:
-
-»Was für eine?«
-
-»Eine solche: nichts allein zu trinken, vielmehr alles in gleicher Weise
--- was der eine, das unbedingt auch der andere, und wer den andern
-übertrinkt, der ist auch obenauf.«
-
-Der Linkser denkt: »der Himmel bewölkt sich, den Bauch treibt es auf --
-die Langeweile ist groß, der Weg ist lang, und die Heimat hinter der
-Welle nicht sichtbar -- die Wette zu halten wird gleichwohl lustiger
-sein.«
-
-»Schön« -- spricht er -- »es gilt!«
-
-»Nur, daß es ehrlich zugehe!«
-
-»Ja, schon darüber,« spricht er, »beunruhigt Euch nicht!«
-
-Sie wurden einig und gaben einander die Hand.
-
-
-
-
- XVII
-
-
-Die Wette begann noch im »festländischen« Meere, und sie tranken bis zur
-Rigaschen Dünamünde, aber sie tranken immer gleich und gaben einer dem
-andern nicht nach, und bis dahin tat es einer dem andern gleich, daß,
-wenn der eine ins Meer blickte und sah, wie aus dem Wasser der Teufel
-hervorkriecht, sich sogleich auch dem andern ganz dasselbe offenbarte.
-Nur, daß der Bootsmann einen rothaarigen Teufel sieht, während der
-Linkser sagt, er sei dunkelhaarig, wie ein Mohr.
-
-Der Linkser spricht:
-
-»Bekreuze dich und drehe dich weg -- das ist der Teufel aus der
-Meerestiefe.«
-
-Der Engländer aber streitet:
-
-»Das ist ein Taucher.«
-
-»Willst du« -- spricht er -- »so will ich dich ins Meer schleudern, aber
-fürchte dich nur nicht, er wird dich mir sogleich zurückgeben.«
-
-Der Linkser aber antwortet:
-
-»Wenn das so ist, so wirf mich nur ins Wasser.«
-
-Der Bootsmann nahm ihn auf den Rücken und trug ihn zum Bord.
-
-Die Matrosen sahen dies, hielten sie an und teilten das dem Kapitän mit;
-der aber befahl, sie beide unten einzuschließen und ihnen Rum und Wein
-zu geben und kalte Speisen, damit sie essen und trinken und ihre Wette
-ausrichten könnten. Aber den heißen »Studing« ihnen brennend zu geben
-verbot er, damit bei ihnen im Innern der Spiritus sich nicht entzünden
-könne.
-
-So brachten sie sie eingesperrt bis nach Petersburg, und jene Wette
-hatte keiner an den andern verloren, dort aber legte man sie auf gleiche
-Tragbahren und brachte den Engländer ins Gesandtenhaus auf dem
-»Englischen Quai«, den Linkser aber ins Polizeirevier.
-
-Von da an begann ihr Schicksal sich gar sehr zu unterscheiden.
-
-
-
-
- XVIII
-
-
-Als man den Engländer ins Gesandtenhaus gebracht hatte, rief man
-sogleich einen Arzt und einen Apotheker zu ihm. -- Der Arzt befahl, ihn
-in seiner Gegenwart in eine warme Wanne zu setzen, der Apotheker aber
-drehte sogleich eine Guttaperchapille und steckte sie ihm in den Mund,
-darauf aber legten sie ihn beide zusammen auf ein Federbett, bedeckten
-ihn mit einem Pelz und ließen ihn schwitzen, damit ihn aber niemand
-störe, ward in der ganzen Gesandtschaft der Befehl gegeben, daß niemand
-zu niesen wage. Es warteten der Arzt und der Apotheker, bis der
-Bootsmann eingeschlafen war, und dann bereiteten sie ihm eine zweite
-Guttaperchapille, legten sie neben das Kopfende auf ein Tischchen und
-gingen hinaus.
-
-Den Linkser dagegen legte man im Polizeihaus auf den Fußboden und man
-fragte ihn: Wer er ist, und von woher, und ob er einen Paß, oder ein
-anderes »Tugament« besitze?
-
-Er aber war von der Krankheit, vom Trinken und vom langen Schwanken so
-schwach geworden, daß er kein Wort antwortet, vielmehr nur stöhnt.
-
-Darauf suchten sie ihn sogleich aus, nahmen ihm sein Kleid ab, nahmen
-ihm auch die Trepetiruhr und das Geld, und ihn selber befahl der
-Polizeimeister in der ersten besten Droschke kostenlos ins Krankenhaus
-abzuliefern.
-
-Der Schutzmann führte den Linkser hinaus, um ihn auf einen Schlitten zu
-setzen, lange konnte er aber keinen einzigen Kutscher festkriegen, weil
-sie alle vor dem Polizisten davonlaufen. Der Linkser aber lag diese
-ganze Zeit über auf dem kalten Boden der Auffahrt; alsdann erwischte der
-Schutzmann einen Fuhrmann, nur ohne die warme Pelzdecke, weil sie sie in
-solchem Falle unter sich zu verstecken pflegen, damit dem Polizisten
-möglichst rasch die Füße kalt werden sollen. Man fuhr den Linkser so,
-unbedeckt; wie sie ihn von einer Droschke auf die andere übersetzen,
-lassen sie ihn immer fallen, wenn sie ihn aber aufheben, dann reißen sie
-ihn an den Ohren, damit er zur Besinnung komme. Man brachte ihn in ein
-Krankenhaus, man nimmt ihn nicht an ohne Tugament; man bringt ihn in ein
-anderes -- auch dort nimmt man ihn nicht auf, und so in ein drittes und
-in ein viertes -- bis ganz zum Morgen schleppten sie ihn über alle
-entfernten Krummwege und setzten ihn immer so von einem Schlitten auf
-einen andern, daß er sich völlig zerschlug. Da sagte ein Unterarzt dem
-Schutzmann, man solle ihn in das Obuchowsche Armenkrankenhaus bringen --
-wo man alle von unbekanntem Stande zum Sterben aufnimmt.
-
-Dort befahl man eine Quittung zu geben, den Linkser aber bis zur
-Aufnahme auf den Boden im Korridor hinzulegen.
-
-Der englische Bootsmann stand aber um diese selbe Zeit am andern Tage
-auf, verschluckte die andere Guttaperchapille, aß zum leichten Frühstück
-ein Huhn mit Reis, trank Schnaps und sprach:
-
-»Wo ist mein russischer Kamerad? Ich werde ihn suchen gehen!«
-
-Er zog sich an und lief davon.
-
-
-
-
- XIX
-
-
-Wunderbarerweise fand der Bootsmann sehr rasch den Linkser, man hatte
-ihn nur noch nicht ins Bett gelegt, er lag vielmehr im Korridor auf dem
-Fußboden und beklagte sich vor dem Engländer:
-
-»Ich müßte« -- spricht er -- »unbedingt zwei Worte dem Kaiser sagen.«
-
-Der Engländer lief zum Grafen Kleinmichel und machte Lärm.
-
-»Kann man denn so! Wenn er auch einen Schafpelz trägt, so hat er doch
-eine Menschenseele.«
-
-Den Engländer jagte man sogleich wegen dieser Bemerkung fort -- damit er
-nur nicht wage, an die Menschenseele zu erinnern. Darauf aber sagte ihm
-irgend jemand:
-
-»Geh' du lieber zum Kosak Platow -- er hat einfache Gefühle.«
-
-Der Engländer traf Platow an, der jetzt wiederum auf der Kouschette lag.
-Platow hörte ihm zu und erinnerte sich des Linksers.
-
-»Wie denn, Brüderchen« -- spricht er -- »ich bin sehr nahe mit ihm
-bekannt; ich habe ihn sogar an den Haaren gezogen; ich weiß nur nicht,
-wie ich ihm in einer so unglücklichen Lage helfen kann, weil ich schon
-ausgedient habe und völlige Entlassung erhielt. Jetzt achtet man nicht
-mehr auf mich. Du aber laufe möglichst rasch zum Kommandanten Skobelew,
-er ist in der Macht und gleichfalls auf diesem Gebiet erfahren -- er
-wird irgend etwas tun.«
-
-Der Bootsmann ging auch zu Skobelew und erzählte alles: was für eine
-Krankheit der Linkser hat und woher sie stammt. Skobelew spricht:
-
-»Ich verstehe diese Krankheit, nur können sie die Deutschen nicht
-heilen, da braucht man vielmehr einen Arzt aus dem geistlichen Stande,
-weil die in diesen Sachen heranwachsen und zu helfen vermögen; ich werde
-sogleich den russischen Arzt Martyn-Solskij dahin schicken.«
-
-Als aber Martyn-Solskij nur eben ankam, war der Linkser schon am
-Sterben, weil sein Nacken an der Eingangstreppe zerschlagen worden war.
-Und er vermochte nur eines vernehmlich zu sprechen:
-
-»Sagt dem Kaiser, daß man bei den Engländern die Gewehre nicht mit
-Ziegel reinigt. Mögen sie auch bei uns sie nicht so reinigen, sonst,
-behüte Gott, sollte ein Krieg werden, so taugen sie nicht zum Schießen.«
-
-Und mit dieser Wahrheit bekreuzte sich der Linkser und starb.
-
-Martyn-Solskij ging sogleich, dies dem Grafen Tschernyschow zu
-berichten, damit der es dem Kaiser hinterbringe. Graf Tschernyschow aber
-schrie ihn an:
-
-»Wisse« -- spricht er -- »deine Brech- und Abführmittel, mische dich
-aber nicht in das, was nicht deine Sache ist -- in Rußland gibt es dafür
-Generäle.«
-
-Dem Kaiser hat man es so auch nicht gesagt, und diese Reinigung der
-Gewehre ward fortgesetzt bis zum Krimkriege. Als man damals die Gewehre
-lud, wackelten die Kugeln in ihnen hin und her, weil die Läufe mit
-Ziegel gereinigt waren. Da erinnerte Martyn-Solskij den Tschernyschow an
-den Linkser. Graf Tschernyschow aber spricht:
-
-»Geh zum Teufel, >Plesirspitze<, mische dich nicht in das, was nicht
-deine Sache ist, sonst werde ich ableugnen, daß ich von dir hierüber
-hörte -- dann wirst du selber hereinfallen.«
-
-Martyn-Solskij dachte nach: in der Tat wird er ableugnen, und so schwieg
-er auch.
-
-Hätte man aber die Worte des Linksers zu seiner Zeit dem Kaiser
-hinterbracht, so hätte der Kampf mit dem Feinde in der Krim eine ganz
-andere Wendung genommen.
-
-
-
-
- Nachwort des Verfassers
-
-
-Heute ist dies alles schon -- »Sache vergangener Zeiten« und
-»Überlieferung des Altertums«, wenn auch eines nicht weit
-zurückliegenden; es liegt indes keine Notwendigkeit vor, diese
-Überlieferungen rasch zu vergessen, ungeachtet des märchenhaften
-Zuschnitts der Legende und des epischen Charakters ihres Haupthelden.
-Der eigentliche Name des Linksers ging, gleich dem Namen vieler größter
-Genies, für immer für die Nachkommenschaft verloren; aber als durch die
-Volksphantasie verkörperte Mythe bleibt er interessant, und seine Taten
-können zur Erinnerung dienen an eine Epoche, deren allgemeiner Geist
-scharf und richtig erfaßt ward.
-
-Solche Meister wie der sagenhafte Linkser gibt es jetzt, versteht sich,
-schon nicht mehr in Tula: die Maschinen glichen die Ungleichheit der
-Talente und Begabungen aus, und das Genie kommt nicht auf im Kampf gegen
-Fleiß und Genauigkeit. Die Maschinen sind indes zwar der Erhöhung des
-Arbeitslohnes günstig, nicht aber dem künstlerischen Wagemut, der
-freilich manchmal auch nicht Maß hielt, indem er die Volksphantasie zum
-Schaffen derartiger, heute märchenhafter Legenden begeisterte.
-
-Die Arbeiter wissen natürlich die Vorteile zu schätzen, die ihnen durch
-die praktischen Vorrichtungen der mechanischen Wissenschaft geboten
-werden, an die frühere Zeit erinnern sie sich aber mit Stolz und Liebe.
-Das ist ihr Epos, und dabei mit einer sehr »menschlichen Seele«.
-
-
-
-
- Anmerkungen
-
-
-Seite 221. »Abolon von Polwedere« (statt Appolo von Belvedere) wörtlich
-»vom halben Eimer« (Schnapsmaß).
-
-Seite 224. »Chalva« dick eingekochter Zuckersyrup mit Zusatz von Nüssen.
-
-Seite 226. »Winzigschauer« für Mikroskop.
-
-Seite 230. Unter »Verwirrung« ist der Dekabristenaufstand gemeint.
-
-Seite 236. Das Bild »Der abendliche Klang« ist ein bekanntes
-Andachtsbild.
-
-Seite 244. »Tugament« gleich Dokument. (Eigentlich »Paß«).
-
-Seite 252. Graf »Kiselwrode« wörtlich »Fruchtbreiartig«, gemeint ist
-wohl Nesselrode.
-
-Seite 253. »Kleveton« gleich Feuilleton.
-
-Seite 255. »Jer« heißt ein unausgesprochener russischer Buchstabe, der
-die harte Aussprache einen Endkonsonanten bezeichnet. »Jerphiks« muß
-hier einen ähnlich klingenden englischen Schnaps bedeuten.
-
-Seite 262. Uhr mit »Trepetir« gleich Repetieruhr.
-
-Seite 262. »Present« soll heißen »Bresent«. Hier Winddach auf Deck.
-
-Seite 265. »Studing« gleich Puding.
-
-Seite 269. »Plesierspitze« gleich Klistierspitze.
-
- Hof-Buch- und -Steindruckerei
- Dietsch & Brückner in Weimar
-
-
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
-
-Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit
-Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet.
-
-Die folgenden Fehler wurden, teilweise unter Verwendung der russischen
-Originaltexte, wie hier aufgeführt korrigiert (vorher/nachher):
-
- [S. 34]:
- ... losreißen konnnte. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so ...
- ... losreißen konnte. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so ...
-
- [S. 37]:
- ... Gabelmuskete die tötliche Kugel ab. ...
- ... Gabelmuskete die tödliche Kugel ab. ...
-
- [S. 37]:
- ... Körperbau, so daß er eher einem rießengroßen Griffon ...
- ... Körperbau, so daß er eher einem riesengroßen Griffon ...
-
- [S. 41]:
- ... Das war das Signal für den alten fränzösischen Kammerdiener ...
- ... Das war das Signal für den alten französischen Kammerdiener ...
-
- [S. 41]:
- ... der bevorstehenden Bärenjad als Reserveschützen einen ...
- ... der bevorstehenden Bärenjagd als Reserveschützen einen ...
-
- [S. 45]:
- ... Nun begann man ihn mit Schneeballen zu bewerfen ...
- ... Nun begann man ihn mit Schneebällen zu bewerfen ...
-
- [S. 48]:
- ... Vorhergehende und ungewöhlich rührend war. ...
- ... Vorhergehende und ungewöhnlich rührend war. ...
-
- [S. 54]:
- ... und Sgaranell machte diese letztere Hypothese ...
- ... und Sganarell machte diese letztere Hypothese ...
-
- [S. 67]:
- ... Beide junge Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen ...
- ... Beide jungen Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen ...
-
- [S. 72]:
- ... mit »Awgust Martwejitsch« anredete, seine Frage beantwortete: ...
- ... mit »Awgust Matwejitsch« anredete, seine Frage beantwortete: ...
-
- [S. 77]:
- ... in Hemdärmeln da; dasselbe verlangten Sie aber auch ...
- ... in Hemdärmeln da; dasselbe verlangten sie aber auch ...
-
- [S. 101]:
- ... Zuhörern zu schilden, wenn man auch selbst nicht mehr ...
- ... Zuhörern zu schildern, wenn man auch selbst nicht mehr ...
-
- [S. 104]:
- ... Viele weinten, und der Burche schluchzte laut ... Der ...
- ... Viele weinten, und der Bursche schluchzte laut ... Der ...
-
- [S. 115]:
- ... (Fehlende Überschrift) ...
- ... XIII ...
-
- [S. 149]:
- ... Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller Hergottsfrühe ...
- ... Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller
- Herrgottsfrühe ...
-
- [S. 163]: (mehrfache Fälle)
- ... »Soll ich dir nicht den Sjergej herschicken?« fragte ...
- ... »Soll ich dir nicht den Ssergej herschicken?« fragte ...
-
- [S. 171]:
- ... Ich sehe jetzt blos darum so schlecht aus, weil mir nach ...
- ... Ich sehe jetzt bloß darum so schlecht aus, weil mir nach ...
-
- [S. 206]:
- ... »Ach, du Böser!« antwortete Katarina Lwowna unter ...
- ... »Ach, du Böser!« antwortete Katerina Lwowna unter ...
-
- [S. 206]:
- ... Der Wachtposten ging im Korrider auf und ab, blieb ...
- ... Der Wachtposten ging im Korridor auf und ab, blieb ...
-
- [S. 231]:
- ... von seiner Kuschette, warf die Pfeife fort und erschien ...
- ... von seiner Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien ...
-
- [S. 249]:
- ... »Wir,« spricht er, »haben ihm so hingelegt« -- und er ...
- ... »Wir,« spricht er, »haben ihn so hingelegt« -- und er ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Eine Teufelsaustreibung und andere
-Geschichten, by Nikolai Leskow
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE TEUFELSAUSTREIBUNG UND ***
-
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-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
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-electronic works. See paragraph 1.E below.
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-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
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-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
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-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
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-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
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-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
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-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
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-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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-<title>The Project Gutenberg eBook of Eine Teufelsaustreibung und andere Geschichten, by Nikolai Leskow</title>
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- <!-- TITLE="Eine Teufelsaustreibung und andere Geschichten" -->
- <!-- AUTHOR="Nikolai Leskow" -->
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-
-</style>
-</head>
-
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Eine Teufelsaustreibung und andere
-Geschichten, by Nikolai Leskow
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-Title: Eine Teufelsaustreibung und andere Geschichten
- Eine Teufelsaustreibung / Das Tier / Interessante Männer
- / Die Lady Makbeth des Mzensker Landkreises / Der stählerne
- Floh
-
-Author: Nikolai Leskow
-
-Translator: Alexander Eliasberg
- Karl Nötzel
-
-Release Date: January 13, 2016 [EBook #50912]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE TEUFELSAUSTREIBUNG UND ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net. This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="titlematter">
-<p class="half">
-NIKOLAI LJESSKOW<br />
-EINE TEUFELSAUSTREIBUNG
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="titlematter">
-<p class="aut">
-NIKOLAI<br />
-LJESSKOW
-</p>
-
-<h1 class="title">
-EINE<br />
-TEUFELS-AUSTREIBUNG<br />
-UND ANDERE GESCHICHTEN
-</h1>
-
-<p class="trn">
-ÜBERTRAGEN VON<br />
-ALEXANDER ELIASBERG
-</p>
-
-<div class="centerpic" id="img-logo">
-<img src="images/logo.jpg" alt="" /></div>
-
-<p class="pub">
-<span class="line1">1921</span><br />
-<span class="line2">MUSARION-VERLAG A.-G. MÜNCHEN</span>
-</p>
-
-</div>
-
-<div class="titlematter">
-<p class="cop">
-Alle Rechte vorbehalten
-</p>
-
-</div>
-
-<h2 class="part" id="part-1">
-<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a>
-INHALTSVERZEICHNIS
-</h2>
-
-<div class="table">
-<table class="toc" summary="TOC">
-<tbody>
- <tr>
- <td class="col1">&nbsp;</td>
- <td class="col_page">Seite</td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Eine Teufelsaustreibung</td>
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- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Das Tier</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-29">29</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Interessante Männer</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-59">59</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Die Lady Makbeth des Mzensker Landkreises</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-145">145</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="col1">Der stählerne Floh (übertragen von Karl Nötzel)</td>
- <td class="col_page"><a href="#page-217">217</a></td>
- </tr>
-</tbody>
-</table>
-</div>
-
-<h2 class="part" id="part-2">
-<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a>
-EINE
-TEUFELSAUSTREIBUNG
-</h2>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-2-1">
-<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a>
-I
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">D</span>iese heilige Handlung kann man nur in Moskau
-sehen, und das auch nur, wenn man besonderes
-Glück und besondere Protektion hat.
-</p>
-
-<p>
-Dank einer glücklichen Verkettung von Umständen
-wohnte ich einmal der Teufelsaustreibung vom Anfang
-bis zum Ende bei und möchte sie nun den wahren Kennern
-und Liebhabern des Ernsten und Majestätischen
-im nationalen Stil beschreiben.
-</p>
-
-<p>
-Einerseits gehöre ich zwar zum Adel, stehe aber andererseits
-dem »Volke« nahe; meine Mutter ist aus dem Kaufmannsstande.
-Sie stammte aus einer sehr reichen Familie,
-hatte aber gegen den Willen ihrer Eltern, aus Liebe zu
-meinem Vater geheiratet. Mein seliger Vater war im Umgang
-mit dem weiblichen Geschlecht besonders tüchtig
-und erreichte bei ihm alles, was er nur wollte. So gelang es
-ihm auch, meine Mutter zu ergattern; die Alten gaben
-ihm aber zum Lohn für seine Tüchtigkeit nichts außer der
-Garderobe, den Betten und der göttlichen Gnade, die
-das junge Ehepaar zugleich mit der Verzeihung und
-dem väterlichen Segen erhielt. Meine Eltern wohnten in
-Orjol; sie lebten in recht kümmerlichen Verhältnissen,
-hielten sich aber stolz und wollten die reichen mütterlichen
-Verwandten niemals um Unterstützung bitten;
-sie unterhielten mit ihnen sogar keinerlei Beziehungen.
-<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a>
-Als ich aber auf die Universität ziehen sollte, sagte mir
-Mamachen:
-</p>
-
-<p>
-»Besuche, bitte, deinen Onkel Ilja Fedossejewitsch und
-grüße ihn von mir. Das ist keine Erniedrigung; seinen
-älteren Verwandten muß man alle Ehrfurcht erweisen; er
-ist aber mein Bruder, außerdem ein gottesfürchtiger Mann
-und hat in Moskau ein großes Gewicht ... Bei allen feierlichen
-Empfängen ist er immer dabei und steht mit der
-Schüssel mit Salz und Brot oder einem Heiligenbild vor
-allen andern ... Auch beim General-Gouverneur und
-dem Metropoliten wird er empfangen ... Er kann dich
-nur Gutes lehren.«
-</p>
-
-<p>
-Ich glaubte um jene Zeit nicht an Gott, liebte aber
-meine Mutter. Also sagte ich mir einmal: Jetzt bin ich
-fast ein ganzes Jahr in Moskau und habe Mamachens
-Wunsch noch immer nicht erfüllt; nun will ich doch zum
-Onkel Ilja Fedossejewitsch gehen, Mamachens Grüße
-ausrichten und schauen, was er mich lehren kann.
-</p>
-
-<p>
-Von Kind auf war ich gewohnt, ältere Leute mit Ehrfurcht
-zu behandeln, besonders aber solche, die mit dem
-Metropoliten und den Gouverneuren verkehrten.
-</p>
-
-<p>
-Eines Tages bürstete ich mir die Kleider und begab
-mich zu Onkel Ilja Fedossejewitsch.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-2">
-II
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Es war gegen sechs Uhr abends. Das Wetter war warm,
-mild und etwas trüb, mit einem Wort recht angenehm.
-Das Haus meines Onkels ist allen bekannt, es ist eines
-der ersten Häuser von Moskau. Ich war aber noch niemals
-darin gewesen und hatte den Onkel nicht einmal
-aus der Ferne gesehen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a>
-Ich gehe aber recht selbstbewußt hin und sage mir:
-läßt er mich vor, so ist es gut, und läßt er mich nicht vor,
-so brauch&rsquo; ich ihn nicht.
-</p>
-
-<p>
-Ich komme in den Hof; vor der Einfahrt steht eine
-Equipage, die Pferde sind wie zwei Löwen, pechkohlrabenschwarz,
-mit langen Mähnen, und das Fell glänzt
-wie teurer Atlas.
-</p>
-
-<p>
-Ich gehe die Treppe hinauf und sage: »So und so, ich
-bin Neffe und Student, meldet mich, bitte, Ilja Fedossejewitsch.«
-Und die Leute antworten mir:
-</p>
-
-<p>
-»Ilja Fedossejewitsch kommen gleich selbst heraus,
-sie wollen gerade ausfahren.«
-</p>
-
-<p>
-Es erscheint eine einfache aber höchst majestätische
-Gestalt; in den Augen hat er einige Ähnlichkeit mit
-meiner Mutter, aber der Gesichtsausdruck ist doch ganz
-anders. Ein solider Mann, was man so nennt.
-</p>
-
-<p>
-Ich stellte mich vor; er hörte mich schweigend an,
-reichte mir die Hand und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Setz dich, wir wollen ausfahren.«
-</p>
-
-<p>
-Ich wollte eigentlich nein sagen, brachte es aber doch
-nicht über die Lippen und setzte mich in den Wagen.
-</p>
-
-<p>
-»Nach dem Park!« befahl er dem Kutscher.
-</p>
-
-<p>
-Die Löwen rasten dahin, so daß das Hinterteil des
-Wagens nur so zitterte; als wir aber außerhalb der Stadt
-waren, fingen sie an, noch schneller zu rennen.
-</p>
-
-<p>
-Wir sitzen im Wagen, sprechen kein Wort, und ich
-sehe nur, wie sich der Onkel seinen Zylinderhut immer
-tiefer in die Stirne drückt und wie sein Gesicht, wohl
-vor Langweile, immer griesgrämiger wird.
-</p>
-
-<p>
-Er schaut immer nach den Seiten; einmal wirft er aber
-den Blick auf mich und sagt ganz unvermittelt:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a>
-»Es ist gar kein Leben!«
-</p>
-
-<p>
-Ich wußte nicht, was darauf zu antworten und schwieg.
-</p>
-
-<p>
-Und wir fahren immer weiter; ich denke mir: wo will
-er mich nur hinbringen? Und es scheint mir schon, daß
-ich in eine dumme Geschichte hineingeraten bin.
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel hatte aber wohl inzwischen irgendeinen
-Beschluß gefaßt und begann den Kutscher zu kommandieren:
-</p>
-
-<p>
-»Rechts! Links! Zum &sbquo;Jar&lsquo;!«
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Restaurant stürzt die ganze Dienerschaft
-heraus, und alle verneigen sich vor ihm fast bis zur
-Erde. Der Onkel sitzt aber im Wagen, rührt sich nicht
-und läßt den Besitzer rufen. Man läuft sofort hin. Nun
-erscheint der Franzose und verbeugt sich mit großem
-Respekt. Der Onkel rührt sich noch immer nicht, klappert
-mit dem Elfenbeingriff seines Stockes gegen die Zähne
-und fragt:
-</p>
-
-<p>
-»Wieviel Fremde habt ihr im Haus?«
-</p>
-
-<p>
-»An die dreißig Personen in den Sälen,« antwortet
-der Franzose, »und drei Séparés sind besetzt.«
-</p>
-
-<p>
-»Alle sollen hinaus!«
-</p>
-
-<p>
-»Sehr gut.«
-</p>
-
-<p>
-»Jetzt ist es sieben,« sagt Onkel nach einem Blick auf die
-Uhr, »um acht komm ich wieder. Wird alles fertig sein?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein,« antwortet jener, »um acht wird es nicht gehen
-... Viele haben sich ihre Sachen vorausbestellt ...
-Aber so gegen neun wird im ganzen Restaurant keine
-fremde Seele sein.«
-</p>
-
-<p>
-»Gut.«
-</p>
-
-<p>
-»Was soll ich vorbereiten?«
-</p>
-
-<p>
-»Selbstverständlich einen Zigeunerchor.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a>
-»Und noch was?«
-</p>
-
-<p>
-»Ein Orchester.«
-</p>
-
-<p>
-»Nur eines?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, lieber zwei.«
-</p>
-
-<p>
-»Soll ich den Rjabyka holen lassen?«
-</p>
-
-<p>
-»Selbstverständlich.«
-</p>
-
-<p>
-»Französische Damen?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, die will ich nicht!«
-</p>
-
-<p>
-»Weine?«
-</p>
-
-<p>
-»Den ganzen Keller.«
-</p>
-
-<p>
-»Speisen?«
-</p>
-
-<p>
-»Die Karte!«
-</p>
-
-<p>
-Man reicht ihm die Tageskarte.
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel wirft einen Blick auf die Karte, liest sie wohl
-gar nicht, klopft mit dem Stock auf das Papier und sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Dies alles für hundert Personen.«
-</p>
-
-<p>
-Und er rollt die Karte zusammen und steckt sie sich
-in die Tasche.
-</p>
-
-<p>
-Der Franzose ist erfreut, zugleich aber auch etwas
-verlegen.
-</p>
-
-<p>
-»Für hundert Personen kann ich es unmöglich herrichten,«
-sagt er, »denn es sind auch sehr teure Sachen
-dabei, von denen ich nur fünf oder sechs Portionen im
-Hause habe.«
-</p>
-
-<p>
-»Wie soll ich meine Gäste sortieren? Ein jeder soll
-alles haben, was er will. Verstanden?«
-</p>
-
-<p>
-»Sehr wohl.«
-</p>
-
-<p>
-»Sonst wird dir auch der Rjabyka nicht helfen, mein
-Lieber! Kutscher, pascholl!«
-</p>
-
-<p>
-Wir ließen den Restaurateur mit seinen Lakaien stehen
-und fuhren davon.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a>
-Nun war es mir vollkommen klar, daß ich auf ein falsches
-Geleise geraten war. Ich versuchte, mich zu verabschieden,
-der Onkel hörte aber nicht auf mich. Er schien
-sehr besorgt. Wir fahren durch den Park, und er ruft bald
-den einen, und bald den andern an.
-</p>
-
-<p>
-»Um neun Uhr zum &sbquo;Jar&lsquo;!« sagt Onkel einem jeden
-kurz.
-</p>
-
-<p>
-Die Leute, an die er sich wendet, sind lauter ehrwürdige
-Greise. Alle ziehen vor ihm den Hut und antworten
-ebenso kurz:
-</p>
-
-<p>
-»Wir sind deine Gäste, Fedossejewitsch.«
-</p>
-
-<p>
-Ich glaube, wir hatten auf diese Weise an die zwanzig
-Personen eingeladen. Als die Uhr neun schlug, fuhren
-wir wieder zum &sbquo;Jar&lsquo;. Ein ganzes Rudel Kellner stürzte
-uns entgegen, alle halfen dem Onkel aus dem Wagen, der
-Franzose selbst empfing ihn vor der Türe und klopfte ihm
-mit der Serviette den Staub von der Hose ab.
-</p>
-
-<p>
-»Ist&rsquo;s geräumt?« fragt der Onkel.
-</p>
-
-<p>
-»Ein General ist nur noch da,« sagt jener. »Er bittet
-sehr, noch eine Weile im Séparé bleiben zu dürfen.«
-</p>
-
-<p>
-»Hinaus mit ihm!«
-</p>
-
-<p>
-»Er ist wirklich sehr bald fertig.«
-</p>
-
-<p>
-»Ich will nicht, er hat genug Zeit gehabt, soll er seine
-Sachen draußen auf dem Rasen zu Ende essen.«
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß nicht wie das geendet hätte, aber der General
-kam in diesem Augenblick mit seinen zwei Damen heraus,
-stieg in den Wagen und fuhr davon. Gleichzeitig
-begannen die Gäste zusammenzuströmen, die der Onkel
-im Parke eingeladen hatte.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-3">
-<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a>
-III
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Das Restaurant war aufgeräumt, sauber und vollkommen
-leer. Nur in einem der Säle saß irgendein riesengroßer
-Kerl, der dem Onkel schweigend entgegenkam und ihm,
-ohne ein Wort zu sagen, sofort den Stock aus der Hand
-nahm, den er gleich irgendwohin versteckte.
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel gab ihm den Stock ohne Widerspruch und
-reichte ihm zugleich auch seine Brieftasche und sein
-Portemonnaie.
-</p>
-
-<p>
-Dieser leicht ergraute, massive Riese war jener selbe
-Rjabyka, dessen Name in dem mir unverständlichen Auftrag
-des Onkels erwähnt worden war. Von Beruf war er
-eigentlich Schulmeister, hier versah er aber offenbar
-irgendein anderes Amt. Er schien hier ebenso notwendig
-wie die Zigeuner, wie das Orchester und wie das ganze
-Personal, das vollzählig erschienen war. Ich verstand nur
-nicht, welche Rolle der Schulmeister spielen sollte, aber
-das konnte ich bei meiner Unerfahrenheit auch noch gar
-nicht wissen.
-</p>
-
-<p>
-Das hell erleuchtete Restaurant war in vollem Betrieb:
-die Musik dröhnte, die Zigeuner gingen auf und ab und
-blieben jeden Augenblick vor den Büffets stehen, und
-der Onkel besichtigte die Säle, den Wintergarten, die Grotten
-und die Galerien. Er wollte sich überzeugen, ob tatsächlich
-keine Fremden da waren; der Schulmeister wich
-nicht von seiner Seite. Als sie aber nach diesem Rundgang
-in den Hauptsaal, wo schon die ganze Gesellschaft
-versammelt war, zurückkehrten, konnte man zwischen
-ihnen einen großen Unterschied wahrnehmen: der Schulmeister
-war ebenso nüchtern, wie vor dem Rundgang,
-der Onkel aber gänzlich betrunken.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a>
-Ich weiß nicht, wieso das so schnell geschehen war;
-jedenfalls war er in bester Laune. Er übernahm das Präsidium,
-und die Geschichte ging los.
-</p>
-
-<p>
-Alle Türen waren abgesperrt, und das Restaurant war
-von der ganzen Welt abgeschnitten. Zwischen uns und
-der übrigen Welt gähnte ein Abgrund: der Abgrund des
-ganzen ausgetrunkenen Weines, der verzehrten Speisen
-und, vor allen Dingen, der, ich will nicht sagen, häßlichen,
-aber wilden und tollen Ausgelassenheit, die ich
-kaum zu schildern vermag. Das kann man von mir auch
-garnicht verlangen: als ich mich hier festgeklemmt und
-von der ganzen Welt abgeschnitten sah, verlor ich jeden
-Mut und hatte es sehr eilig, mich zu betrinken. Darum
-werde ich auch gar nicht beschreiben, wie diese Nacht
-verging. Meiner Feder ist es auch gar nicht gegeben,
-<em>alles</em> zu schildern; ich kann mich nur an zwei besonders
-bemerkenswerte Episoden der Schlacht und an das
-Finale erinnern, doch das <em>Unheimliche</em> steckte eben
-in ihnen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-4">
-IV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Man meldete einen gewissen Iwan Stepanowitsch. Wie
-es sich später herausstellte, war er ein angesehener Moskauer
-Fabrikant und Großkaufmann.
-</p>
-
-<p>
-Eine peinliche Pause trat ein.
-</p>
-
-<p>
-»Ich hab ja gesagt: niemand darf herein,« erwiderte
-der Onkel.
-</p>
-
-<p>
-»Der Herr läßt inständigst bitten.«
-</p>
-
-<p>
-»Soll er sich nur dorthin begeben, wo er bisher war.«
-</p>
-
-<p>
-Der Kellner ging hinaus und meldete nach einer Weile
-sehr kleinlaut:
-</p>
-
-<p>
-»Iwan Stepanowitsch läßt sehr bitten.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a>
-»Nein, ich will nicht.«
-</p>
-
-<p>
-Die anderen schlagen vor: »Soll er ein Strafgeld
-zahlen!«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, jagt ihn hinaus, ich will sein Strafgeld nicht.«
-</p>
-
-<p>
-Der Kellner kommt zurück und meldet noch kleinlauter:
-</p>
-
-<p>
-»Er ist bereit, jede Strafe zu zahlen. Er sagt, daß es für
-ihn bei seinem Alter sehr kränkend ist, von der Gesellschaft
-ausgeschlossen zu sein.«
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel erhob sich mit funkelnden Augen von
-seinem Platz; im gleichen Augenblick ragte aber schon
-zwischen ihm und dem Kellner Rjabyka. Er stieß den
-Kellner mit der linken Hand wie ein Küken zurück
-und setzte mit der Rechten den Onkel wieder auf seinen
-Platz.
-</p>
-
-<p>
-Unter den Gästen wurden Stimmen für Iwan Stepanowitsch
-laut: er solle hundert Rubel für die Musiker zahlen
-und hereinkommen.
-</p>
-
-<p>
-»Er ist doch einer von den unsrigen, ein gottesfürchtiger
-Greis, &mdash; was soll er jetzt anfangen? Er wird vielleicht
-vor den Augen des ganzen Publikums Skandal
-machen. Man muß mit ihm ein Einsehen haben.«
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel ließ sich erweichen und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Gut, es soll aber weder nach meinem, noch nach
-eurem, sondern nach Gottes Willen geschehen: Iwan
-Stepanowitsch darf herein, muß aber die große Pauke
-schlagen.«
-</p>
-
-<p>
-Der Kellner ging hin und meldete wieder:
-</p>
-
-<p>
-»Er möchte doch lieber eine Geldstrafe zahlen.«
-</p>
-
-<p>
-»Zum Teufel! Wenn er nicht trommeln will, so soll er
-sich scheren, wohin er mag!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a>
-Iwan Stepanowitsch hielt es aber doch nicht aus und
-ließ nach kurzer Zeit sagen, daß er bereit sei, die Pauke
-zu schlagen.
-</p>
-
-<p>
-»Gut, soll er kommen.«
-</p>
-
-<p>
-Ein großer Mann von ehrwürdigem Aussehen mit ernstem
-Gesicht, erloschenen Augen, gekrümmtem Rücken
-und zerzaustem und grün angelaufenem Bart tritt ein. Er
-will scherzen und die Gäste begrüßen, man weist ihn
-aber zurecht.
-</p>
-
-<p>
-»Nachher, nachher,« schreit ihm der Onkel zu: »Jetzt
-sollst du die Pauke schlagen.«
-</p>
-
-<p>
-»Die Pauke schlagen!« fallen die andern ein.
-</p>
-
-<p>
-»Musik! Einen Marsch!«
-</p>
-
-<p>
-Das Orchester stimmt einen dröhnenden Marsch an,
-der ehrwürdige Greis nimmt den hölzernen Schlegel und
-beginnt im Takt und auch nicht im Takt zu trommeln.
-</p>
-
-<p>
-Ein Höllenlärm und ein Höllengeschrei. Alle sind zufrieden
-und schreien:
-</p>
-
-<p>
-»Lauter!«
-</p>
-
-<p>
-Iwan Stepanowitsch gibt sich noch mehr Mühe.
-</p>
-
-<p>
-»Lauter! Lauter! Noch lauter!«
-</p>
-
-<p>
-Der Greis trommelt mit aller Kraft, wie der Mohrenfürst
-bei Freiligrath. Schließlich erreicht er sein Ziel: man
-hört einen fürchterlichen Krach, das Trommelfell zerspringt,
-alle lachen, der Lärm wird ganz unerträglich, und
-Iwan Stepanowitsch muß den Musikern für die vernichtete
-Pauke fünfhundert Rubel zahlen.
-</p>
-
-<p>
-Er zahlt, wischt sich den Schweiß aus der Stirne und
-setzt sich zu den andern. Während alle sein Wohl trinken,
-bemerkt er zu seinem Entsetzen unter den Anwesenden
-seinen Schwiegersohn.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a>
-Wieder erhebt sich ein Lachen und Lärmen, und das
-geht so, bis ich das Bewußtsein verliere. In den wenigen
-lichten Augenblicken, die ich noch habe, sehe ich die
-Zigeunerinnen tanzen und den Onkel, auf dem Stuhle
-sitzend, mit den Beinen zucken. Plötzlich taucht vor ihm
-jemand auf, aber im gleichen Augenblick ragt schon
-zwischen dem Onkel und dem andern Rjabyka. Der
-andere fliegt auf die Seite, der Onkel sitzt wieder auf
-seinem Platz, und vor ihm stecken in der Tischplatte
-zwei Gabeln. Nun verstehe ich Rjabykas Rolle.
-</p>
-
-<p>
-Zum Fenster wehte der erste frische Hauch des Moskauer
-Morgens herein; ich kam wieder zum Bewußtsein,
-aber wohl nur, um an der Klarheit meiner Vernunft zu
-zweifeln. Ich sah eine wilde Schlacht und das Abholzen
-eines Waldes: ich hörte ein Dröhnen und Krachen und
-sah die riesengroßen exotischen Bäume schwanken und
-fallen. Hinter ihnen drängte sich ein Haufen seltsamer
-Gestalten mit braunen Gesichtern. An den Wurzeln der
-Palmen funkelten schreckliche Äxte; mein Onkel fällte
-die Bäume, auch der alte Iwan Stepanowitsch tat mit ...
-Eine mittelalterliche Vision! ...
-</p>
-
-<p>
-Die Zigeunerinnen, die sich in der Grotte hinter den
-Bäumen versteckt hielten, sollten »gefangen genommen«
-werden; die Zigeuner verteidigten sie nicht und überließen
-sie ihrer eigenen Energie. Scherz und Ernst waren hier
-nicht mehr auseinanderzuhalten: durch die Luft flogen
-Teller, Stühle und Steine aus der Grotte; die Feinde
-drangen aber immer tiefer in den Wald ein, und am mutigsten
-zeigten sich Iwan Stepanowitsch und mein Onkel.
-</p>
-
-<p>
-Die Festung wurde schließlich genommen: die Zigeunerinnen
-wurden ergriffen, umarmt und abgeküßt, und
-<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a>
-eine jede bekam einen Hundertrubelschein in das Mieder
-gesteckt. Damit war die Sache erledigt ...
-</p>
-
-<p>
-Ja, auf einmal war alles still ... Alles war zu Ende.
-Es war keine Störung von außen, aber alle hatten genug.
-Wenn es vorher, wie mein Onkel gesagt hatte, »gar kein
-Leben« war, so fühlten wohl jetzt alle einen Überfluß
-an Leben.
-</p>
-
-<p>
-Alle hatten genug und alle waren zufrieden. Vielleicht
-hatte auch die Bemerkung des Schulmeisters, daß es für
-ihn Zeit sei, in die Schule zu gehen, einige Bedeutung.
-Jedenfalls war die Walpurgisnacht zu Ende, und »das
-Leben« trat wieder in seine Rechte.
-</p>
-
-<p>
-Die Gäste verdufteten ohne Abschied einer nach dem
-andern; das Orchester und die Zigeuner waren längst
-verschwunden. Das Restaurant bot das Bild vollständiger
-Verwüstung: keine einzige Draperie, kein einziger Spiegel
-war ganz; selbst der große Kronleuchter lag zertrümmert
-am Boden, und die Kristallprismen zerbrachen unter den
-Füßen der Kellner, die sich vor Müdigkeit kaum auf den
-Beinen hielten. Der Onkel saß ganz allein mitten auf dem
-Sofa und trank Kwas. Ab und zu schwebten ihm wohl
-irgendwelche Erinnerungen durch den Sinn, und er zuckte
-mit den Beinen. Vor ihm stand Rjabyka, der in seine
-Schule eilte.
-</p>
-
-<p>
-Man reichte ihnen die Rechnung. Es war eine kurze
-»Pauschalrechnung«.
-</p>
-
-<p>
-Rjabyka studierte die Rechnung sehr aufmerksam und
-verlangte einen Nachlaß von fünfzehnhundert Rubeln.
-Man widersprach ihm nicht viel und zog das Fazit:
-die Endsumme machte siebzehntausend, und Rjabyka
-erklärte, daß die Rechnung jetzt stimme. Der Onkel sagte
-<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a>
-einsilbig! »Zahl&rsquo;s!«, setzte den Hut auf und bedeutete
-mir durch ein Zeichen, ihm zu folgen.
-</p>
-
-<p>
-Zu meinem Entsetzen merkte ich, daß er mich nicht
-vergessen hatte und daß ich ihm nicht entrinnen konnte.
-Er flößte mir eine unheimliche Angst ein, und ich konnte
-mir gar nicht vorstellen, wie ich mit ihm nun allein unter
-vier Augen bleiben würde. Er hatte mich ja so ganz zufällig
-mitgenommen, hatte mir noch keine zwei vernünftigen
-Worte gesagt und schleppte mich überall mit sich
-herum. Was werde ich noch alles erleben? Vor Entsetzen
-wurde ich auf einmal ganz nüchtern. Ich fürchtete dieses
-schreckliche, wilde Tier mit der zügellosen Phantasie
-und den furchtbaren Einfällen. Im Vorzimmer umringte
-uns eine Menge Kellner. Der Onkel befahl: »Je fünf!«,
-und Rjabyka zahlte; die Hausmeister, Nachtwächter,
-Schutzleute und Gendarmen, die irgendwelche Dienste
-geleistet haben wollten, bekamen etwas weniger. Alle
-diese Leute wurden befriedigt. Das machte eine Riesensumme
-aus. Im Parke draußen drängten sich aber, so weit
-das Auge reichte, zahllose Droschken. Die Droschkenkutscher
-warteten auf ihr »Väterchen« Ilja Fedossejewitsch,
-»ob Seine Gnaden sie nicht irgendwie brauchen
-könnten.«
-</p>
-
-<p>
-Man stellte ihre Zahl fest und gab einem jeden von
-ihnen drei Rubel. Der Onkel und ich stiegen in den
-Wagen, und Rjabyka reichte dem Onkel seine Brieftasche.
-</p>
-
-<p>
-Ilja Fedossejewitsch nahm aus der Brieftasche einen
-Hunderter und gab ihn Rjabyka.
-</p>
-
-<p>
-Dieser drehte die Banknote in den Fingern und sagte
-unwirsch:
-</p>
-
-<p>
-»Zu wenig.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a>
-Der Onkel gab ihm noch zwei Fünfundzwanziger.
-</p>
-
-<p>
-»Auch das genügt noch nicht: es hat ja keinen einzigen
-Skandal gegeben.«
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel gab ihm noch einen dritten Fünfundzwanziger,
-der Schulmeister reichte ihm nun auch seinen
-Stock und verabschiedete sich.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-2-5">
-V
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Nun blieben wir beide unter vier Augen zurück und
-fuhren im Trab nach Moskau; hinter uns jagte aber mit
-Geschrei und Geklapper das ganze unübersehbare Heer
-der Droschken. Ich konnte gar nicht begreifen, was sie
-von uns wollten, der Onkel aber hatte es gleich erraten.
-Es war eigentlich empörend: um von ihm noch mehr
-Geld zu erpressen, gaben sie ihm unter dem Vorwande
-einer besonderen Ehrung das Geleite und lieferten ihn
-auf diese Weise dem allgemeinen Spott aus.
-</p>
-
-<p>
-Moskau lag vor unseren Blicken in herrlicher Morgenbeleuchtung,
-von leichten Rauchwölkchen aus den
-Kaminen und von friedlichem Glockengeläute umschwebt.
-</p>
-
-<p>
-Rechts und links vom Schlagbaum zogen sich Warenspeicher
-hin. Der Onkel ließ vor dem ersten Speicher
-halten, zeigte auf ein Fäßchen, das an der Schwelle stand,
-und fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Ist&rsquo;s Honig?«
-</p>
-
-<p>
-»Honig.«
-</p>
-
-<p>
-»Was kostet das Fäßchen?«
-</p>
-
-<p>
-»Wir verkaufen nur pfundweise.«
-</p>
-
-<p>
-»Rechne aus, was das kostet.«
-</p>
-
-<p>
-Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wieviel
-<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a>
-man dafür verlangte. Ich glaube siebzig oder achtzig
-Rubel.
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel zählte das Geld ab.
-</p>
-
-<p>
-Das Droschkenheer hatte uns inzwischen eingeholt.
-</p>
-
-<p>
-»Habt ihr mich lieb, ihr städtischen Droschkenkutscher?«
-</p>
-
-<p>
-»Gewiß! Wir sind immer bereit, Euer Gnaden zu
-dienen.«
-</p>
-
-<p>
-»Seid ihr mir ergeben?«
-</p>
-
-<p>
-»Mit Leib und Seele.«
-</p>
-
-<p>
-»Nehmt die Räder ab!«
-</p>
-
-<p>
-Die Kutscher stehen verständnislos da.
-</p>
-
-<p>
-»Macht es schnell!« kommandiert der Onkel.
-</p>
-
-<p>
-An die zwanzig Kutscher, die flinker als die anderen
-sind, holen unter den Sitzen ihre Schraubschlüssel hervor
-und beginnen die Räder abzunehmen.
-</p>
-
-<p>
-»Gut so,« sagt der Onkel, »und jetzt schmiert die
-Räder mit Honig.«
-</p>
-
-<p>
-»Väterchen!«
-</p>
-
-<p>
-»Schmiert!«
-</p>
-
-<p>
-»Das kostbare Gut ... So was nimmt man doch lieber
-in den Mund!«
-</p>
-
-<p>
-»Schmiert!«
-</p>
-
-<p>
-Ohne auf seinem Wunsche noch weiter zu bestehen,
-setzte er sich wieder in den Wagen, und wir rasten davon.
-Die Droschkenkutscher blieben jedoch sämtlich mit den
-abgeschraubten Rädern beim Honig, mit dem sie aber
-ihre Räder gar nicht schmierten: sie verteilten ihn wohl
-unter sich oder verkauften ihn weiter an den nächsten
-Krämer. Jedenfalls waren wir sie los. Wir fuhren ins
-Bad. Hier erwartete ich das Jüngste Gericht: ich saß mehr
-<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a>
-tot als lebendig in der Marmorwanne, während der Onkel
-in einer seltsamen apokalyptischen Pose auf dem Boden
-lag. Die ganze Masse seines schweren Körpers ruhte nur
-auf den Spitzen der Finger und der Zehen. Der rote
-Körper bebte auf diesen Stützpunkten unter der kalten
-Dusche, und er brüllte dabei dumpf wie ein Bär, der sich
-einen Dorn aus der Tatze herausziehen will. Das dauerte
-eine halbe Stunde, und er zitterte ununterbrochen, wie
-ein Gelee auf schwankendem Tisch. Plötzlich sprang er
-auf, ließ sich Kwas geben, wir kleideten uns an und fuhren
-auf die Schmiedebrücke zum »Franzosen«.
-</p>
-
-<p>
-Wir ließen uns hier die Haare stutzen, kräuseln und
-frisieren und begaben uns dann zu Fuß durch die innere
-Stadt ins Geschäft.
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel sprach mit mir noch immer nicht, ließ mich
-aber nicht los. Nur einmal wandte er sich an mich:
-</p>
-
-<p>
-»Wart, nicht alles auf einmal: wenn du jetzt etwas nicht
-verstehst, so wirst du es mit den Jahren verstehen.«
-</p>
-
-<p>
-Im Geschäft verrichtete er zunächst das Morgengebet,
-vergewisserte sich, ob alles in Ordnung sei und stellte
-sich vor das Schreibpult. Das Gefäß war von außen gereinigt,
-aber innen noch voller Greuel und lechzte nach
-Läuterung.
-</p>
-
-<p>
-Ich sah es und hatte keine Angst mehr. Die Sache
-interessierte mich; ich wollte sehen, wie er nun mit sich
-selbst fertig würde, wie er das Läuterungswerk machte:
-ob durch Enthaltsamkeit oder durch irgendeine andere
-göttliche Gnade?
-</p>
-
-<p>
-Gegen zehn Uhr morgens litt es ihn nicht mehr im
-Geschäft. Er wartete immer auf seinen Nachbarn, um mit
-ihm ins nächste Wirtshaus zum Teetrinken zu gehen:
-<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a>
-wenn man den Tee zu dritt trinkt, kommt er um ganze
-fünf Kopeken billiger. Der Nachbar kam aber nicht; er
-war eines plötzlichen Todes gestorben.
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel bekreuzigte sich und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Wir alle werden sterben.«
-</p>
-
-<p>
-Der plötzliche Tod des Nachbarn brachte ihn aber
-nicht aus der Fassung, obwohl er mit ihm seit vierzig
-Jahren täglich im gleichen Wirtshause Tee getrunken
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Er ließ den Nachbarn von der anderen Seite bitten,
-und wir gingen ins Wirtshaus, aßen und tranken, nahmen
-aber keine Spirituosen zu uns. Den ganzen Tag verbrachte
-ich mit ihm, teils im Geschäft und teils auf der Straße.
-Gegen Abend ließ er den Wagen anspannen, und wir
-fuhren zur »Allgepriesenen«.
-</p>
-
-<p>
-Man kannte ihn hier gut und empfing ihn mit der
-gleichen Ehrfurcht wie beim &sbquo;Jar&lsquo;.
-</p>
-
-<p>
-»Ich will vor der Allgepriesenen niederfallen und über
-meine Sünden weinen. Dieser da ist aber mein Neffe, der
-Sohn meiner Schwester.«
-</p>
-
-<p>
-»Treten Sie nur ein,« sagten die Klosterfrauen: »Von
-wem soll die Allgepriesene ein Bußgebet empfangen,
-wenn nicht von Ihnen, dem größten Wohltäter ihres
-Klosters? Jetzt ist just die Stunde der Gnade: eben wird
-die Abendmesse gelesen.«
-</p>
-
-<p>
-»Soll nur die Messe zu Ende gehen; ich will, daß keine
-Leute dabei sind und daß man mir in der Kirche eine
-gnadenvolle Dämmerung macht.«
-</p>
-
-<p>
-Man machte ihm die Dämmerung: man löschte alle
-Lampen bis auf eine oder zwei aus und ließ auch die große
-grüne Glasampel vor dem Gnadenbilde brennen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a>
-Der Onkel fiel nicht, sondern stürzte auf die Knie, berührte
-mit der Stirne den Boden, schluchzte auf und erstarrte.
-</p>
-
-<p>
-Ich saß mit zwei Klosterfrauen in einer dunklen Ecke
-hinter der Türe. Der Onkel lag lange Zeit unbeweglich
-und ohne einen Ton von sich zu geben. Ich glaubte sogar,
-daß er eingeschlafen sei und teilte diesen Verdacht
-einer der Schwestern mit. Die erfahrene Schwester dachte
-eine Weile nach, schüttelte den Kopf, zündete ein dünnes
-Lichtchen an, umschloß die Flamme mit der hohlen Hand
-und schlich sich leise zum Büßenden. Sie ging einmal auf
-den Fußspitzen um ihn herum, kehrte erregt zu uns zurück
-und flüsterte:
-</p>
-
-<p>
-»Es wirkt ... sogar mit Rückschlag!«
-</p>
-
-<p>
-»Woran merken Sie das?«
-</p>
-
-<p>
-Sie beugte sich vor, bedeutete mir durch ein Zeichen,
-dasselbe zu tun und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Blicken Sie gerade über die Flamme auf seine
-Beine.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja!«
-</p>
-
-<p>
-»Sehen Sie nicht das Ringen?«
-</p>
-
-<p>
-Ich blicke genauer hin und sehe wirklich eine Bewegung:
-der Onkel liegt voller Andacht im Gebet, aber
-ihm zu Füßen regt sich etwas; ich glaube zwei Kater zu
-sehen, die miteinander ringen: bald hat der eine die Oberhand,
-bald der andere.
-</p>
-
-<p>
-»Schwester,« frage ich, »wie kommen denn die Kater
-her?«
-</p>
-
-<p>
-»Das kommt Ihnen nur so vor, daß es Kater sind. Es
-sind aber keine Kater, es ist die Versuchung: Sie sehen
-doch, wie seine Seele als reine Flamme in den Himmel
-<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a>
-strebt und wie seine Beine sich noch in der Hölle bewegen.«
-</p>
-
-<p>
-Nun sehe ich, daß der Onkel mit den Füßen den
-gestrigen »Trepak« zu Ende tanzt; ob seine Seele aber
-auch wirklich als reine Flamme in den Himmel strebt?
-</p>
-
-<p>
-Kaum hatte ich mir das gedacht, als er, gleichsam als
-Antwort auf meinen Zweifel, tief aufseufzte und aufschrie:
-</p>
-
-<p>
-»Ich erhebe mich nicht, ehe Du mir vergeben hast!
-Du allein bist heilig, und wir alle sind verdammt!« Und
-er fing zu schluchzen an.
-</p>
-
-<p>
-Er schluchzte so herzerweichend, daß auch wir drei in
-Tränen ausbrachen: »Herr, erfülle sein Flehen!«
-</p>
-
-<p>
-Und wir merken gar nicht, wie er schon neben uns
-steht und mit frommer Stimme zu mir sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Komm, wollen wir uns stärken.«
-</p>
-
-<p>
-Die Klosterfrauen fragen ihn:
-</p>
-
-<p>
-»Hatten Sie auch die Gnade, den Lichtschein zu sehen,
-Väterchen?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein,« antwortete er, »den Lichtschein habe ich nicht
-gesehen, aber <em>diese</em> Gnade ward mir zuteil ...«
-</p>
-
-<p>
-Und er ballte die Faust zusammen und hob sie langsam,
-wie man einen Jungen am Schopf in die Höhe hebt.
-</p>
-
-<p>
-»Wurden Sie in die Höhe gehoben?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja.«
-</p>
-
-<p>
-Die Schwester bekreuzigte sich, ich tat dasselbe, der
-Onkel aber erklärte:
-</p>
-
-<p>
-»Jetzt ist mir alles vergeben! Von oben, aus der Mitte
-der Kuppel streckte sich eine offene Hand nach mir aus,
-sie faßte mich bei den Haaren und stellte mich auf die
-Beine ...«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a>
-Nun ist er glücklich und nicht mehr verworfen. Er beschenkte
-königlich das Kloster, in dem er sich dieses Wunder
-erfleht hatte. Er fühlte wieder »Leben« in sich und
-schickte meiner Mutter die Mitgift, die sie einst von ihren
-Eltern zu bekommen hatte. Mich aber führte er in den
-guten alten Volksglauben ein.
-</p>
-
-<p>
-Von nun an erfaßte ich den Geschmack des Volkes für
-das Fallen und das Sich-Erheben ... Dies nennt man eben
-»Teufelsaustreibung«. Ich wiederhole aber, daß man sie
-nur in Moskau allein sehen kann, und das auch nur bei
-besonderem Glück und besonderer Protektion seitens
-der ehrwürdigsten Greise.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-3">
-<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a>
-DAS TIER
-</h2>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-3-1">
-<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a>
-I
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">M</span>ein Vater war ein seinerzeit sehr bekannter Untersuchungsrichter.
-Ihm wurden viele wichtige Fälle
-anvertraut, und er war darum meistens auf Reisen. Zu
-Hause blieben nur Mutter, ich und die Dienstboten.
-</p>
-
-<p>
-Meine Mutter war damals noch sehr jung, und ich ein
-kleiner Bengel.
-</p>
-
-<p>
-Als sich die Geschichte, von der ich hier erzähle, abspielte,
-war ich erst fünf Jahre alt.
-</p>
-
-<p>
-Es war zur Winterszeit. Der Winter war in jenem Jahre
-so streng, daß die Schafe oft nachts in ihren Ställen erfroren
-und Dohlen erstarrt auf die hartgefrorene Erde
-niederfielen. Mein Vater befand sich damals in einer
-dienstlichen Angelegenheit in Jelez und konnte nicht einmal
-zu Weihnachten nach Hause kommen. Meine Mutter
-wollte daher selbst zu ihm hinüberfahren, damit er das
-schöne und freudige Fest nicht allein verbringe. Der fürchterlichen
-Kälte wegen nahm sie mich nicht mit, sondern
-ließ mich bei ihrer Schwester und meiner Tante zurück,
-die mit einem Gutsbesitzer aus Orjol verheiratet war.
-Dieser Onkel hatte nicht den besten Ruf. Er war reich,
-alt und grausam. Seine hervorragendsten Charaktereigenschaften
-waren Gehässigkeit und Unnachsichtigkeit;
-er war darüber durchaus nicht unglücklich, sondern
-prahlte gerne mit diesen Eigenschaften, die seiner Ansicht
-<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a>
-nach den Ausdruck männlicher Kraft und unbeugsamer
-Seelenstärke darstellten.
-</p>
-
-<p>
-Er war bestrebt, auch seine Kinder zu der gleichen
-Manneskraft und Seelenstärke zu erziehen. Einer seiner
-Söhne war übrigens mein Altersgenosse.
-</p>
-
-<p>
-Alle fürchteten den Onkel; ich aber fürchtete ihn noch
-mehr als alle, weil er auch mich zur »Manneskraft« erziehen
-wollte. Als ich drei Jahre alt war und unheimliche
-Angst vor Gewittern hatte, stellte er mich einmal bei einem
-heftigen Gewitter auf den Balkon hinaus und sperrte die
-Türe ab, um mir auf diese Weise meine Angst auszutreiben.
-</p>
-
-<p>
-Natürlich war ich im Hause eines solchen Onkels sehr
-ungern zu Gast. Ich war damals aber, wie gesagt, erst
-fünf Jahre alt, und meine Wünsche und Neigungen wurden
-bei den Entscheidungen, denen ich mich fügen mußte,
-in keiner Weise in Betracht gezogen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-2">
-II
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Auf dem Gute meines Onkels befand sich ein riesiges
-steinernes, schloßartiges Gebäude. Es war ein prätentiöser,
-doch unschöner und sogar häßlicher zweistöckiger
-Bau mit einer runden Kuppel und einem Turm, über den
-allerlei scheußliche Geschichten erzählt wurden. Hier
-hatte einst der verrückte Vater des jetzigen Gutsbesitzers
-gewohnt; später wurde in diesen Räumen eine Apotheke
-eingerichtet. Auch das letztere galt aus irgendeinem
-Grunde als unheimlich; am unheimlichsten war aber die
-sogenannte Äolsharfe, die in einem offenen geschwungenen
-Fenster oben auf dem Turme angebracht war. Wenn
-der Wind durch die Saiten dieses launischen Instrumentes
-<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a>
-fuhr, gab es ebenso unerwartete wie seltsame Töne
-von sich, die aus einem leisen Girren in unruhige, wilde
-Seufzer und in ein wahnsinniges Getöse übergingen, das
-sich so anhörte, wie wenn ein ganzer Schwarm von
-Angst getriebener Geister durch die Saiten zöge. Alle
-Bewohner des Hauses konnten diese Harfe nicht leiden
-und glaubten, daß sie dem gestrengen Gutsherrn etwas
-sagte, wogegen er sich nicht aufzulehnen wagte, das ihn
-aber noch grausamer und unbeugsamer machte ... Eines
-stand jedenfalls fest: wenn nachts ein Sturm losbrach und
-die Harfe auf dem Turme so laut dröhnte, daß die Töne
-über den Park und die Teiche hinweg bis ins Dorf
-drangen, tat der Herr die ganze Nacht kein Auge zu
-und war am Morgen noch finsterer und strenger als
-sonst; dann pflegte er irgendeinen grausamen Befehl zu
-erteilen, der die Herzen aller seiner Sklaven erbeben
-machte.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Hause war es Gesetz, daß jedes Vergehen
-unnachsichtliche Sühne fand und niemand und unter keinen
-Umständen Verzeihung erlangte. Dieses Gesetz galt
-ebenso für die Menschen wie für die Tiere und selbst für
-die kleinsten Geschöpfe. Der Onkel kannte keine Barmherzigkeit,
-liebte sie nicht und hielt sie für Schwäche.
-Unnachsichtige Strenge setzte er über alle Nachsicht.
-Daher herrschte im Hause und in den zahlreichen Dörfern,
-die diesem reichen Gutsbesitzer gehörten, eine
-ewige Trauer, die mit den Menschen auch die Tiere
-teilten.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-3">
-III
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Mein seliger Onkel war leidenschaftlicher Liebhaber
-der Hetzjagd. Er pflegte oft mit seiner Meute auszureiten
-<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a>
-und Wölfe, Hasen und Füchse zu jagen. In seinem
-Zwinger gab es auch eigens für die Bärenjagd bestimmte
-Hunde. Diese Hunde nannte man »Blutegel«. Sie bissen
-sich in das Tier dermaßen fest, daß man sie nicht wieder
-losreißen <a id="corr-3"></a>konnte. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so
-ein Blutegel festgebissen hatte, ihn mit einem Schlag seiner
-schrecklichen Tatze totschlug oder zerriß, es kam aber
-niemals vor, daß der Blutegel lebend vom Tiere abließ.
-</p>
-
-<p>
-Heute, wo die Bärenjagd nur noch mit dem Spieß und
-als Klapperjagd betrieben wird, scheint die Rasse der
-Blutegel in Rußland ausgestorben zu sein; aber in der
-Zeit, als sich diese Geschichte zutrug, gehörten sie zum
-Bestande eines jeden Zwingers. In unserer Gegend gab
-es damals auch sehr viel Bären, und die Bärenjagd zählte
-zu den beliebtesten Vergnügungen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn es gelang, ein ganzes Bärennest auszuheben,
-nahm man die Jungen oft lebend nach Hause mit. Sie
-wurden gewöhnlich in einem großen gemauerten Stalle
-mit kleinen, ganz oben unter dem Dach angebrachten
-Fenstern gehalten. In den Fenstern gab es keine Scheiben,
-sondern nur feste Eisengitter. Die Bärenjungen kletterten
-manchmal übereinander bis zu den Fenstern hinauf
-und hielten sich mit ihren kräftigen Krallen an den Gittern
-fest. Nur auf diese Weise konnten sie aus dem Kerker
-in Gottes freie Welt hinausschauen.
-</p>
-
-<p>
-Wenn man uns am Vormittag spazieren führte, gingen
-wir gerne an diesem Stalle vorbei, um uns die drolligen
-Bären, die durch die Gitter hinausschauten, anzusehen.
-Unser deutscher Hauslehrer Kolberg pflegte ihnen mittels
-eines langen Stockes Brotstücke zu reichen, die wir
-uns zu diesem Zweck beim Frühstück aufsparten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a>
-Die Bären pflegte und fütterte ein junger Jäger namens
-Ferapont; das einfache Volk konnte diesen Namen
-schwer aussprechen und nannte ihn »Chrapon« oder
-noch öfter »Chraposchka«. Ich kann mich seiner noch
-gut erinnern. Chraposchka war von mittlerem Wuchs,
-gelenkig, kräftig und etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Er
-galt als hübscher Bursche: er hatte ein weißes Gesicht,
-rosige Wangen, schwarze Locken und große, schwarze,
-etwas hervorquellende Augen. Dazu zeichnete er sich
-durch ungewöhnlichen Mut aus. Seine Schwester Annuschka,
-die die Gehilfin der Kinderfrau war, erzählte
-uns oft höchst unterhaltende Dinge über den ungewöhnlichen
-Mut ihres kühnen Bruders und über seine Freundschaft
-mit den Bären, in deren Stalle er im Sommer wie
-im Winter zu schlafen pflegte, wobei sie sich um ihn
-drängten und ihre Köpfe auf ihn wie auf ein Kissen
-legten.
-</p>
-
-<p>
-Vor dem Hause meines Onkels befand sich ein großes
-rundes, von einem Schmuckgitter eingefaßtes Blumenbeet,
-dahinter erhob sich das breite Tor; in der Mitte des
-Beetes, dem Tore gegenüber, ragte eine hohe, glattgehobelte
-Stange, die man den »Mastbaum« nannte. An der
-Spitze des Mastbaumes war eine kleine Plattform angebracht.
-</p>
-
-<p>
-Unter den gefangenen jungen Bären wurde immer der
-»klügste«, das heißt einer, der den zuverlässigsten und
-intelligentesten Eindruck machte, gewählt. Dieser Bär
-wurde von der übrigen Gesellschaft getrennt und durfte
-ganz frei auf dem Hofe und im Parke herumspazieren,
-hatte aber die Obliegenheit, am Mastbaume vor dem Tore
-Posten zu stehen. Auf diesem Posten verbrachte er den
-<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a>
-größten Teil des Tages. Er lag oft auf dem Stroh am Fuße
-des Mastbaumes und hielt sich mit besonderer Vorliebe
-oben auf der Plattform auf, wo er vor der Zudringlichkeit
-der Menschen und Hunde sicher war.
-</p>
-
-<p>
-Nicht alle Bären hatten ein Anrecht auf dieses schöne
-freie Leben, sondern nur die klügsten und gutmütigsten
-unter ihnen und selbst diese nicht ihr Leben lang, sondern
-nur solange sie nicht ihre tierischen, für das Zusammenleben
-mit anderen Geschöpfen ungeeigneten
-Eigenschaften zeigten, d. h. solange sie sich ruhig verhielten
-und weder Gänse noch Hühner, weder Kälber
-noch Menschen anrührten.
-</p>
-
-<p>
-Wenn ein Bär auch nur einmal den Burgfrieden störte,
-wurde er sofort zum Tode verurteilt, und keine Macht
-der Welt konnte ihm Begnadigung erwirken.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-4">
-IV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Mit der Auswahl dieses »klügsten« Bären wurde Chrapon
-betraut. Da er mehr als alle andern mit den Bären
-zu tun hatte und als großer Kenner ihres Charakters
-galt, wurde natürlich angenommen, daß er besser als jemand
-anderer diese Wahl vornehmen könne. Chrapon
-hatte auch die volle Verantwortung für die Folgen seiner
-Wahl zu tragen. Er wählte gleich das erstemal einen ungewöhnlich
-gelehrigen und klugen Bären, der einen sehr
-seltsamen Namen erhielt; während fast alle Bären in
-Rußland »Mischka« heißen, wurde dieser mit dem
-spanischen Namen »Sganarell« ausgezeichnet. Er hatte
-bereits fünf Jahre in Freiheit gelebt und noch keinen
-einzigen dummen Streich verübt. Wenn man von
-einem Bären sagte, daß er »Streiche mache«, so meinte
-<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a>
-man, daß er seine Tiernatur bereits irgendwie gezeigt
-habe.
-</p>
-
-<p>
-Einen solchen »Streichemacher« setzte man zunächst
-in den »Graben«, der auf der geräumigen Wiese zwischen
-der Tenne und dem Walde angelegt war; nach einiger Zeit
-ließ man ihn auf die Wiese hinaus, indem man einen Balken
-in den Graben steckte, über den er dann selbst herauskletterte,
-und hetzte ihn mit jungen »Blutegeln«. Wenn
-die jungen Hunde mit dem Bären nicht fertig werden
-konnten und die Gefahr bestand, daß er in den Wald
-entrinnen könne, traten zwei geschickte Jäger, die im Hinterhalt
-aufgestellt waren, mit ihren ausgewählten Meuten
-in Aktion und machten dem Bären ein schnelles Ende.
-</p>
-
-<p>
-Und wenn auch diese Hunde sich so ungeschickt anstellten,
-daß der Bär sich auf die »Insel«, d. h. in den
-Wald, der mit den weiten Brjansker Wäldern zusammenhing,
-flüchten konnte, so feuerte auf ihn ein eigens bereitgestellter
-Schütze aus einer langen schweren Kuchenreuterschen
-Gabelmuskete die <a id="corr-4"></a>tödliche Kugel ab.
-</p>
-
-<p>
-Es war noch nie vorgekommen, daß ein Bär allen diesen
-Gefahren entronnen wäre; das wäre auch zu schrecklich
-gewesen, denn die Schuldigen wären wohl kaum mit dem
-Leben davongekommen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-5">
-V
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die kluge und solide Natur Sganarells hatte zur Folge,
-daß es eine solche Hetzjagd oder Bärenhinrichtung schon
-seit fünf Jahren nicht gegeben hatte. Sganarell war in dieser
-Zeit zu einem großen Bären von ungewöhnlicher Kraft,
-Schönheit und Gelenkigkeit herangewachsen. Er hatte
-eine runde, stumpfe Schnauze und einen recht schlanken
-Körperbau, so daß er eher einem <a id="corr-5"></a>riesengroßen Griffon
-<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a>
-oder Pudel, als einem Bären ähnlich sah. Sein Hinterteil
-war etwas schmächtig und von kurzem, glänzenden Fell
-bedeckt, aber die Schultern und das Genick waren stark
-entwickelt und üppig behaart. Sganarell war so gescheit
-wie ein Pudel und konnte einige, bei Bären sehr seltene
-Kunststücke: er verstand gut und schnell auf den Hinterbeinen
-vorwärts und auch rückwärts zu laufen, eine
-Trommel zu schlagen und mit einem langen Stock, der
-wie ein Gewehr angemalt war, zu exerzieren; ebenso
-gerne und sogar mit größerer Freude schleppte er mit
-den Bauern die schwersten Säcke zur Mühle und trug
-mit unnachahmlicher drolliger Eleganz einen hohen,
-spitzen, mit einer Pfauenfeder oder einem Strohwisch
-geschmückten Filzhut auf dem Kopfe.
-</p>
-
-<p>
-Aber auch für Sganarell schlug einmal die Schicksalsstunde:
-die Tiernatur gewann die Oberhand. Kurz vor
-meinem Besuch im Hause des Onkels hatte sich Sganarell
-mehrere Verfehlungen zu schulden kommen lassen, von
-denen eine schwerer war als die andere.
-</p>
-
-<p>
-Das Programm der verbrecherischen Handlungen
-Sganarells war dasselbe wie bei allen seinen Vorgängern:
-als erste Kraftprobe riß er einer Gans einen Flügel ab;
-dann legte er seine Tatze einem Füllen, das seiner Mutter
-nachlief, auf den Rücken und brach ihm das Rückgrat;
-zuletzt erregten irgendein blinder alter Bettler und dessen
-Führer sein Mißfallen; er wälzte sich mit ihnen im Schnee
-und zerquetschte ihnen Arme und Beine.
-</p>
-
-<p>
-Der Blinde und sein Führer kamen ins Krankenhaus,
-Chrapon aber erhielt den Befehl, Sganarell in den
-Graben zu bringen, aus dem es nur einen Weg &mdash; in
-den Tod &mdash; gab.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a>
-Als Annuschka mich und meinen kleinen Vetter abends
-zu Bett legte, erzählte sie uns, daß es bei der Überführung
-Sganarells in den Graben, wo er auf die Todesstrafe zu
-warten hatte, allerlei Rührendes gegeben habe. Chrapon
-habe ihm nicht den üblichen Ring durch die Nase gezogen
-und überhaupt nicht die geringste Gewalt angewandt,
-sondern nur gesagt:
-</p>
-
-<p>
-»Tier, komm mit!«
-</p>
-
-<p>
-Der Bär erhob sich und ging sofort mit; besonders
-komisch wirkte es, daß er seinen Hut mit dem Strohwisch
-aufsetzte, Chrapon wie einen Freund umarmte und mit
-ihm so bis zum Graben ging.
-</p>
-
-<p>
-Sie waren ja auch wirkliche Freunde.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-6">
-VI
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Chrapon hatte mit Sganarell natürlich das größte Mitleid,
-konnte ihm aber gar nicht helfen. In dem Hause, wo
-sich dies abspielte, wurde, wie schon gesagt, kein einziges
-Vergehen verziehen, und Sganarell, der sich dermaßen
-kompromittiert hatte, mußte seine Streiche mit
-dem grausamen Tode büßen.
-</p>
-
-<p>
-Die Hetzjagd sollte als eine Nachmittagszerstreuung
-für die Gäste, die sich bei meinem Onkel zu Weihnachten
-versammelten, stattfinden. Die Anordnungen zu dieser
-Jagd wurden zur gleichen Zeit gegeben, als Chrapon den
-Befehl bekam, den schuldigen Sganarell in den Graben
-zu bringen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-7">
-VII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Man pflegte die Bären auf eine höchst einfache Weise
-in den Graben zu setzen. Man legte quer über die Öffnung
-einige leichte schwache Stangen, überdeckte diese mit
-<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a>
-Reisig und schüttete darüber Schnee. Das Loch wurde so
-geschickt maskiert, daß der Bär die Falle gar nicht merken
-konnte. Man brachte das folgsame Tier bis zu dieser
-Stelle und ließ es weiter gehen. Es machte einen oder
-zwei Schritte und stürzte plötzlich in den tiefen Graben,
-aus dem es nicht mehr herauskommen konnte. Der Bär
-saß hier bis zu der für die Hetzjagd angesetzten Stunde.
-Dann legte man schräg in den Graben einen etwa
-sieben Ellen langen Balken, und der Bär kletterte heraus,
-worauf sofort die Hetzjagd begann. Wenn aber das kluge
-Tier Unheil witterte und nicht herauskommen wollte,
-zwang man es, den Graben zu verlassen, indem man
-mit langen, mit eisernen Spitzen versehenen Stangen
-nach ihm stach, brennendes Stroh in den Graben warf,
-oder blinde Schüsse aus Gewehren und Pistolen abfeuerte.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem Chrapon den Bären auf die beschriebene
-Weise in den Graben gebracht hatte, kehrte er tief betrübt
-nach Hause zurück. Unbedachterweise erzählte er
-seiner Schwester und unserer Wärterin, wie willig ihm
-das Tier gefolgt war, wie es, nachdem es durch den Reisig
-in den Graben gestürzt war, sich auf den Boden hingesetzt,
-die Vordertatzen wie Hände zusammengelegt
-und zu weinen angefangen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Chrapon sagte seiner Schwester, daß er vom Graben
-so schnell er konnte weggelaufen sei, um das jämmerliche
-Stöhnen Sganarells nicht zu hören, das ihm ins Herz
-geschnitten habe.
-</p>
-
-<p>
-»Ich danke nur Gott,« fügte er hinzu, »daß es jemand
-anderem und nicht mir befohlen wird, auf ihn zu schießen,
-wenn er Reißaus nimmt. Wenn diese Pflicht mir zufiele,
-<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a>
-würde ich alle Strafen über mich ergehen lassen, aber um
-nichts in der Welt auf das Tier schießen.«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-8">
-VIII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Annuschka teilte uns das alles mit, und wir gaben es
-unserem Hauslehrer Kolberg weiter. Kolberg aber erzählte
-es dem Onkel, um ihn zu amüsieren. Als der Onkel es
-hörte, sagte er: »Der Chraposchka ist gut!« und klatschte
-dreimal in die Hände.
-</p>
-
-<p>
-Das war das Signal für den alten <a id="corr-6"></a>französischen Kammerdiener
-Ustin Petrowitsch, einen ehemaligen Kriegsgefangenen
-vom Jahre 1812.
-</p>
-
-<p>
-Ustin Petrowitsch, oder eigentlich Justin, erschien in
-seinem saubergebürsteten lila Frack mit silbernen Knöpfen,
-und mein Onkel gab ihm den Befehl, daß man bei
-der bevorstehenden Bären<a id="corr-7"></a>jagd als Reserveschützen einen
-gewissen Flegont, der niemals sein Ziel verfehlte, und
-Chrapon aufstellen solle.
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel erwartete sich offenbar vom Kampfe der
-widerstrebenden Gefühle in der Seele des armen Burschen
-eine große Belustigung. Wenn es ihm einfiele, auf den
-Bären entweder überhaupt nicht zu schießen oder ihn
-absichtlich nicht zu treffen, so würde es ihm teuer zu
-stehen kommen; Flegont würde aber das Tier mit dem
-zweiten Schuß sicher erlegen.
-</p>
-
-<p>
-Ustin verbeugte sich und ging hinaus, um den Befehl
-weiterzugeben. Wir Kinder sahen aber erst jetzt ein, was
-wir angestellt hatten, und fühlten, daß etwas Schreckliches
-im Anzuge sei. Gott weiß, wie das enden sollte.
-Unter diesen Umständen hatten wir weder an dem
-schmackhaften Weihnachtsessen, das der Sitte gemäß spät
-<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a>
-abends eingenommen wurde, noch an den vielen Gästen,
-die zum Teil mit ihren Kindern gekommen waren, rechte
-Freude.
-</p>
-
-<p>
-Sganarell und Ferapont taten uns leid, und wir wußten
-nicht, mit wem von beiden wir mehr Mitleid hatten.
-</p>
-
-<p>
-Wir beide, d. h. ich und mein kleiner Vetter, wälzten
-uns lange in unseren Bettchen. Wir schliefen spät ein,
-träumten von dem Bären und fuhren einigemal schreiend
-aus dem Schlafe. Und als die Kinderfrau sagte, daß wir
-vor dem Bären keine Angst zu haben brauchten, weil
-er im Graben sitze und morgen erschossen werden solle,
-wurde meine Unruhe noch größer.
-</p>
-
-<p>
-Ich erkundigte mich sogar bei der Alten, ob es erlaubt
-sei, für Sganarell zu beten. Diese Frage lag aber außerhalb
-ihrer religiösen Kompetenz, und sie antwortete,
-in einem fort gähnend und sich den Mund bekreuzigend,
-daß sie es nicht sicher wisse, weil sie sich danach noch
-niemals beim Geistlichen erkundigt habe; der Bär sei
-aber sicher ein Geschöpf Gottes und habe sich auch in
-der Arche Noahs befunden.
-</p>
-
-<p>
-Die Erwähnung der Arche Noahs brachte mich auf den
-Gedanken, daß die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes
-sich nicht nur auf die Menschen, sondern auch auf alle
-andern Geschöpfe erstrecke. Ich kniete in kindlicher
-Andacht in meinem Bettchen nieder, drückte mein
-Gesicht in das Kissen und flehte Gottes Majestät an, mir
-meine Bitte nicht als Sünde anzurechnen und Sganarell
-zu retten.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-9">
-IX
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Der erste Weihnachtstag brach an. Wir kamen in
-unseren Festtagskleidern in Begleitung unserer Hauslehrer
-<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a>
-und Erzieherinnen zum Frühstückstisch. Außer
-den zahlreichen Verwandten und Gästen befanden sich
-im Saal auch der Geistliche, der Diakon und zwei
-Küster.
-</p>
-
-<p>
-Als der Onkel in den Saal trat, stimmte die Geistlichkeit
-einen Weihnachtschoral an. Dann nahm man den
-Tee und gleich darauf ein leichtes Frühstück ein. Zu
-Mittag wurde früher als sonst, nämlich um zwei Uhr,
-gegessen. Gleich nach dem Essen sollte die Bärenjagd
-beginnen: man durfte sie nicht auf eine spätere Stunde
-hinausschieben, weil es um diese Jahreszeit früh Abend
-wurde und der Bär im Dunkeln leicht Reißaus nehmen
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Alles spielte sich genau nach dem festgesetzten Programm
-ab. Gleich nach dem Essen zog man uns Hasenfellpelze
-und zottige, aus Ziegenwolle gestrickte Stiefel
-an und setzte uns in die Schlitten, um zur Jagd zu fahren.
-Rechts und links vom Hause standen schon viele lange,
-mit je drei Pferden bespannte und mit Teppichen belegte
-Schlitten bereit. Zwei Reitknechte hielten die englische
-Fuchsstute »Modedame« an den Zügeln fest.
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel trat in einem kurzen Fuchspelz und einer
-spitzen Fuchsfellmütze aus dem Hause, und sobald er in
-den mit einem schwarzen Bärenfell bedeckten und mit
-Türkisen und Schlangenköpfen geschmückten Sattel stieg,
-setzte sich unser ganzer langer Zug in Bewegung. In zehn
-oder fünfzehn Minuten waren wir schon am Ziel. Alle
-Schlitten stellten sich im Halbkreise auf dem glatten
-schneebedeckten Felde auf, das von einer Kette berittener
-Jäger umstellt und in einiger Entfernung vom Walde
-abgeschlossen war.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a>
-Dicht am Walde war im Gesträuch das Versteck für
-die Schützen eingerichtet, unter denen sich auch Flegont
-und Chraposchka befinden mußten.
-</p>
-
-<p>
-Die Schützen selbst waren nicht zu sehen; einige
-zeigten auf die kaum sichtbaren Büchsenstützen, von
-denen auf Sganarell gezielt werden sollte.
-</p>
-
-<p>
-Der Graben, in dem der Bär saß, war unsichtbar, und wir
-lenkten daher unsere Aufmerksamkeit auf die schmucken
-Reiter, die mit den schönsten Waffen ausgerüstet waren; es
-waren die Erzeugnisse der berühmtesten Büchsenmacher:
-des Schweden Strabus, des Deutschen Morgenrath, des
-Engländers Mortimer und des Warschauers Kolett.
-</p>
-
-<p>
-Mein Onkel stellte sich mit seinem Pferde vor der
-Kette auf. Man gab ihm die Leine zweier zusammengekoppelter
-junger »Blutegel« in die Hand und legte
-auf den Sattel vor ihn ein weißes Tuch.
-</p>
-
-<p>
-Die vielen jungen Hunde, die ihre Künste an dem zu
-Tode verurteilten Sganarell üben sollten, benahmen sich
-höchst selbstbewußt und zeigten brennende Ungeduld
-und Mangel an Selbstbeherrschung. Sie winselten, bellten
-und sprangen um die Pferde herum; die uniformierten
-Piqueure knallten in einem fort mit ihren Peitschen, um
-die außer Rand und Band geratenen Hunde zur Vernunft
-zu bringen. Alles brannte vor Ungeduld, sich über das
-Tier zu stürzen, dessen Nähe die Hunde mit ihren feinen
-Nasen sofort witterten.
-</p>
-
-<p>
-Nun kam der Zeitpunkt, wo Sganarell aus dem Graben
-heraus gelassen und den Hunden preisgegeben werden
-sollte.
-</p>
-
-<p>
-Mein Onkel winkte mit dem weißen Tuche, das vor
-ihm auf dem Sattel lag, und sagte: »Los!«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-10">
-<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a>
-X
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Von der Schar der Jäger, die den Stab des Onkels
-bildeten, trennten sich an die zehn Mann und gingen
-quer über das Feld.
-</p>
-
-<p>
-Als sie etwa zweihundert Schritte weit gegangen
-waren, blieben sie stehen und hoben vom Schnee einen
-langen, nicht sehr dicken Balken auf, der uns bis dahin
-unsichtbar gewesen war.
-</p>
-
-<p>
-Das spielte sich unmittelbar an dem von unserem
-Standpunkt aus gleichfalls nicht sichtbaren Graben ab,
-in dem Sganarell saß.
-</p>
-
-<p>
-Der Balken wurde in die Höhe gehoben und mit dem
-einen Ende in den Graben versenkt. Er lag etwas schräg,
-so daß das Tier ohne besondere Mühe wie über eine
-Treppe herauskommen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Das andere Ende des Balkens ruhte auf dem Rande
-des Grabens und ragte etwa eine Elle weit heraus.
-</p>
-
-<p>
-Alle Augen verfolgten mit Spannung diese Vorbereitungen,
-die uns dem interessantesten Augenblick näher
-brachten. Man erwartete, daß Sganarell sofort zum Vorschein
-kommen würde; er witterte aber wohl Unheil
-und blieb im Graben.
-</p>
-
-<p>
-Nun begann man ihn mit Schnee<a id="corr-8"></a>bällen zu bewerfen
-und mit langen Stangen in dem Graben herumzutreiben;
-man hörte sein Gebrüll, er ließ sich aber noch immer
-nicht blicken. Man gab einige blinde Schüsse in den
-Graben ab; Sganarell brüllte noch wütender, kam aber
-noch immer nicht heraus.
-</p>
-
-<p>
-Nun kam hinter der Schützenkette ein einfacher, mit
-nur einem Pferde bespannter Schlitten, wie man ihn zum
-Mistfahren gebraucht, zum Vorschein und raste in der
-<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a>
-Richtung zum Graben. Auf dem Schlitten lag ein großer
-Haufen Stroh.
-</p>
-
-<p>
-Das Pferd war groß und mager, eines von den Pferden,
-die sonst Futter von der Tenne fahren; trotz seines
-Alters und seiner Magerkeit galoppierte es mit erhobenem
-Schweif und gesträubter Mähne. Es war nicht recht klar,
-ob dieser Feuereifer nur ein Überbleibsel seiner Jugendkraft
-oder eine Folge der Angst und Verzweiflung war,
-die dem alten Pferde die Nähe des Bären einflößte. Das
-letztere war wohl wahrscheinlicher; das Pferd war außer
-der Kandare noch mit einer festen Schnur aufgezäumt,
-die in seine vor Alter grauen Lippen einschnitt und sie
-bereits blutig gerieben hatte. Der Stallknecht, der es
-lenkte, riß erbarmungslos an der Schnur und bearbeitete
-gleichzeitig den Rücken des Pferdes mit einer dicken
-Peitsche; das Pferd rannte wie wild und warf sich nach
-allen Seiten.
-</p>
-
-<p>
-Das Stroh wurde in drei Haufen geteilt, angezündet
-und im gleichen Augenblick von drei verschiedenen
-Seiten in den Graben geworfen. Vom Feuer unberührt
-blieb nur die eine Stelle am Rande, wo der Balken
-herausragte.
-</p>
-
-<p>
-Nun ertönte ein betäubendes, rasendes, mit Stöhnen
-untermengtes Brüllen, der Bär kam aber noch immer
-nicht heraus.
-</p>
-
-<p>
-Man erzählte sich, daß Sganarells Fell schon versengt
-sei; er hätte sich die Tatzen auf die Augen gedrückt und
-liege so fest in einer Ecke des Grabens, daß man ihn
-unmöglich heraustreiben könne.
-</p>
-
-<p>
-Das Pferd mit den blutiggeriebenen Lippen lief im
-gleichen Galopp wieder zurück .... Alle glaubten, daß
-<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a>
-es eine neue Portion Stroh holen sollte. Unter den Zuschauern
-wurden Vorwürfe laut: warum hat man nicht
-schon im Voraus eine genügende Menge Stroh vorbereitet?
-Mein Onkel wütete und schrie etwas, was ich im
-allgemeinen Lärm, Hundegewinsel und Peitschengeknall
-nicht verstehen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Das Ganze hatte aber eine gewisse Stimmung und eine
-eigene Harmonie. Das alte Pferd galoppierte, sich wieder
-nach allen Seiten werfend und keuchend, zum Graben,
-in dem Sganarell lag. Diesmal war es aber kein Stroh:
-auf dem Schlitten saß Ferapont.
-</p>
-
-<p>
-Der Befehl, den mein Onkel in seiner Wut gegeben
-hatte, lautete, daß Chraposchka in den Graben steigen
-und seinen Freund <em>selbst</em> herausführen solle ...
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-11">
-XI
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Ferapont stand nun vor dem Graben. Er schien aufs
-Höchste erregt, handelte aber entschlossen und energisch.
-Ohne gegen den Befehl zu mucksen, nahm er vom Schlitten
-den Strick, mit dem vorhin das Stroh zusammengebunden
-war, und band ihn an das herausragende Ende des
-Balkens, wo sich eine Einkerbung befand, fest. Das
-andere Ende des Strickes nahm er in die Hand und begann
-langsam in den Graben zu steigen.
-</p>
-
-<p>
-Das schreckliche Gebrüll Sganarells hörte sofort auf,
-und man hörte nur noch ein dumpfes Brummen.
-</p>
-
-<p>
-Es klang, wie wenn sich das Tier bei seinem Freunde
-über die grausame Behandlung beklagte; nun verstummte
-aber auch dieses Brummen, und es wurde ganz still.
-</p>
-
-<p>
-»Er umarmt und leckt Chraposchka!« meldete einer
-der Männer, die am Grabenrande standen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a>
-Unter den Leuten, die in den Schlitten saßen, holten
-die einen tief Atem, und die andern verzogen das Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Viele hatten offenbar mit dem Bären Mitleid und erwarteten
-von der Hetzjagd kein Vergnügen mehr. Alle
-diese flüchtigen Eindrücke wurden plötzlich von einem
-Ereignis unterbrochen, das noch unerwarteter, als alles
-Vorhergehende und <a id="corr-9"></a>ungewöhnlich rührend war.
-</p>
-
-<p>
-Aus der Öffnung des Grabens tauchte wie aus der
-Unterwelt Chraposchkas lockiger Kopf in der runden
-Jägermütze auf. Er stieg auf die gleiche Weise heraus,
-wie er hinuntergestiegen war; er schritt über den Balken,
-sich an dem einen Ende des gespannten Strickes festhaltend,
-Ferapont kam aber <em>nicht allein</em>: an seiner Seite
-war Sganarell, der ihm seine große zottige Tatze auf die
-Schulter gelegt hatte. Der Bär war übler Laune und sah
-recht jämmerlich aus. Matt und abgemagert, wohl weniger
-durch die körperlichen Leiden, als durch die moralische
-Erschütterung erschöpft, erinnerte er auffallend an König
-Lear. Seine blutunterlaufenen Augen brannten vor Zorn
-und Empörung. Er war ebenso wie König Lear zerzaust,
-voller Strohhalme und stellenweise versengt. Seltsamerweise
-hatte sich Sganarell, ebenso wie jener unglückliche
-König, eine Art Krone bewahrt. Vielleicht Ferapont zu
-Gefallen, vielleicht auch rein zufällig trug er unter der
-Tatze den Hut, den ihm Chraposchka einst geschenkt
-und den er in den Graben mitgenommen hatte. Der Bär
-hatte dieses Freundesgeschenk aufbewahrt; als sein Herz
-nun in der Umarmung des Freundes eine plötzliche Erleichterung
-fühlte, holte er, sobald er oben war, den arg
-zerknitterten Hut aus der Achselhöhle hervor und setzte
-ihn sich auf.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a>
-Viele lachten über den Anblick, vielen erschien er aber
-auch schmerzlich. Manche wandten sich sogar weg, um
-das unvermeidliche grausame Ende des Tieres nicht mit
-ansehen zu müssen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-12">
-XII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Aufregung der Hunde erreichte nun ihren Höhepunkt,
-und sie waren nicht mehr zu halten. Selbst die
-Peitschen machten auf sie keinen Eindruck mehr. Die
-jungen und die alten Blutegel stellten sich, als sie Sganarell
-erblickten, auf die Hinterbeine, heulten, keuchten und
-erstickten beinahe in ihren Halsbändern. Chraposchka
-fuhr aber schon im gleichen Wagen auf seinen Posten am
-Waldrande zurück. Sganarell, der allein geblieben war,
-fuchtelte ungeduldig mit der Tatze, um die sich zufällig
-der von Chraposchka vergessene, an das Ende des Balkens
-befestigte Strick geschlungen hatte. Das Tier wollte sich
-offenbar aus der Schlinge befreien oder den Strick zerreißen,
-um seinem Freund nachzulaufen; er war aber
-trotz seiner Klugheit doch so ungeschickt wie jeder
-andere Bär: statt die Schlinge zu lösen, zog er sie nur
-noch fester an.
-</p>
-
-<p>
-Als er sah, daß er die Schlinge nicht lösen konnte, begann
-er am Strick zu zupfen, um ihn zu zerreißen; der
-Strick war aber viel zu fest und riß nicht, der Balken
-jedoch sprang in die Höhe und ragte plötzlich senkrecht
-aus dem Graben. Während sich Sganarell umsah, stürzten
-zwei Blutegel, die man in diesem Augenblick losgekoppelt
-hatte, über ihn her und bissen sich mit ihren scharfen Zähnen
-in sein Genick fest.
-</p>
-
-<p>
-Sganarell war so sehr mit dem Strick beschäftigt, daß
-er im ersten Augenblick über diese Überrumpelung
-<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a>
-weniger erbost als erstaunt war; aber schon nach einer
-halben Sekunde, als einer der Blutegel ihn losließ, um
-die Zähne noch tiefer in ihn zu bohren, holte er mit
-der Tatze aus und schleuderte den Hund mit zerrissenem
-Bauch weit von sich weg. Während die Gedärme des
-Hundes auf den blutbefleckten Schnee fielen, zertrat er
-den andern Hund mit einer Hintertatze ... Weit schrecklicher
-und unerwarteter war aber das, was mit dem
-Balken geschah. Als Sganarell zum Schlage ausholte,
-um den Blutegel von sich zu schleudern, zog er mit der
-gleichen Bewegung den Balken, an dem das andere Ende
-des Strickes befestigt war, aus dem Graben heraus, und
-der Balken sauste, eine flache Bahn beschreibend, durch
-die Luft. Er flog nun um Sganarell im Kreise herum und
-erschlug schon in der ersten Runde nicht etwa zwei
-oder drei, sondern eine ganze Menge von Hunden.
-Die einen von ihnen winselten noch im Todeskampfe,
-die andern aber lagen gleich leblos da.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-13">
-XIII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Der Bär war wohl zu klug, um nicht einzusehen, was
-für eine nützliche Waffe der Balken für ihn war; oder war
-es nur der Schmerz in der vom Strick umschlungenen
-Tatze? &mdash; jedenfalls brüllte er auf und zog den Strick noch
-fester an, so daß der Balken in der gleichen horizontalen
-Ebene mit seiner Tatze zu liegen kam und wie ein riesenhafter
-Kreisel zu surren begann. Er mußte alles, was ihm
-in den Weg trat, niederschlagen und zermalmen. Wenn
-aber der gespannte Strick an einer Stelle nicht genügend
-stark wäre und zerrisse, so würde der Balken durch die
-Zentrifugalkraft weit hinaus geschleudert werden. Gott
-<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a>
-allein weiß, wie weit er fliegen und was er alles unterwegs
-zermalmen würde.
-</p>
-
-<p>
-Wir alle &mdash; Menschen, Pferde und Hunde, die im Kreise
-herumstanden, schwebten in größter Gefahr, und ein
-jeder wünschte schon aus Selbsterhaltungstrieb, daß der
-Strick, an dem Sganarell seine Riesenschleuder schwang,
-nicht reiße. Womit sollte aber das alles enden? Niemand,
-außer einigen Jägern und den beiden Schützen, die im
-Hinterhalte am Waldesrande saßen, hatte Lust, das Ende
-abzuwarten. Das ganze übrige Publikum aber, die Gäste
-und die Verwandten des Onkels, die dieser Veranstaltung
-als Zuschauer beiwohnten, fanden an der Sache gar kein
-Vergnügen mehr. Alle gaben ihren Kutschern den Befehl,
-möglichst schnell die gefährliche Stelle zu verlassen, und
-die Schlitten sausten, einander überrennend und überholend,
-dem Hause zu.
-</p>
-
-<p>
-Bei dieser lächerlichen und unordentlichen Flucht gab
-es einige Zusammenstöße und Stürze, einiges zum Lachen
-und sehr viel Schrecken. Die aus den Schlitten Herausgefallenen
-glaubten, daß der Balken sich schon vom Strick
-losgerissen habe und über ihre Köpfe surre, während das
-wütende Tier ihnen nachsetze.
-</p>
-
-<p>
-Die Gäste, die das Haus erreichten, konnten sich bald
-beruhigen; diejenigen aber, die zurückblieben, sahen
-etwas noch weit Schrecklicheres.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-14">
-XIV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Gegen Sganarell konnte man nun keine Blutegel mehr
-loslassen, denn es war klar, daß er mit seinem Balken
-mühelos eine Menge von Hunden erschlagen würde. Der
-Bär bewegte sich aber, den Balken immer noch um sich
-<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a>
-schwingend, in der Richtung zum Walde, wo Ferapont
-und der berühmte Schütze Flegont im Hinterhalte saßen
-und wo ihn der Tod erwartete.
-</p>
-
-<p>
-Eine wohlgezielte Kugel konnte der Sache ein schnelles
-Ende machen.
-</p>
-
-<p>
-Das Schicksal war aber dem Bären ungemein günstig:
-nachdem es sich schon einmal in diese Sache hineingemischt
-hatte, wollte es ihn offenbar um jeden Preis
-retten.
-</p>
-
-<p>
-Im gleichen Augenblick, als Sganarell die Stelle erreichte,
-wo auf ihn hinter Schneewällen die Kuchenreuterschen
-Musketen Chraposchkas und Flegonts gerichtet
-waren, riß der Strick. Der Balken flog wie ein Pfeil aus
-einem Bogen auf die eine Seite, während der Bär das
-Gleichgewicht verlor und hinpurzelte.
-</p>
-
-<p>
-Denen, die auf dem Felde zurückgeblieben waren, bot
-sich nun ein neues schreckliches Bild: der Balken fegte
-die Gewehrstützen und den Schneewall, hinter dem Flegont
-im Hinterhalte saß, einfach weg und blieb mit dem
-einen Ende in einem der Schneehaufen stecken. Sganarell
-verlor aber keine Zeit; er überschlug sich drei oder viermal
-und ging direkt auf das Versteck Chraposchkas zu ...
-</p>
-
-<p>
-Sganarell erkannte augenblicklich seinen Freund,
-hauchte ihn aus seinem heißen Rachen an und wollte ihn
-schon ins Gesicht lecken, als plötzlich von der anderen
-Seite her ein von Flegont abgegebener Schuß knallte. Der
-Bär entkam in den Wald, und Chraposchka fiel ohnmächtig
-um.
-</p>
-
-<p>
-Man hob ihn auf und untersuchte ihn: die Kugel hatte
-seinen Arm durchbohrt, in der Wunde steckte aber auch
-ein Büschel Bärenhaare.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a>
-Flegont büßte den Ruf des besten Schützen nicht ein:
-er hatte ja in großer Hast aus der schweren Büchse ohne
-Stütze geschossen, es war auch nicht mehr hell genug gewesen,
-und der Bär und Chraposchka waren allzueng
-beieinander gestanden.
-</p>
-
-<p>
-Unter diesen Umständen mußte auch dieser Schuß, der
-das Ziel nur um ein Haarbreit verfehlt hatte, als ein Meisterschuß
-angesehen werden.
-</p>
-
-<p>
-So oder anders, &mdash; Sganarell war jedenfalls entkommen!
-Ihn noch am gleichen Abend im Walde zu verfolgen, war
-ganz unmöglich, am nächsten Morgen aber war der Geist
-dessen, der hier allein zu befehlen hatte, von einer ganz
-neuen Stimmung erleuchtet.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-15">
-XV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Als der Onkel nach den geschilderten Mißerfolgen
-nach Hause zurückkehrte, war er zorniger und härter als
-je. Noch ehe er aus dem Sattel sprang, gab er den Befehl,
-morgen in aller Frühe die Spuren des Bären im Walde
-zu suchen und ihn so zu umstellen, daß er nicht mehr
-entrinnen könnte.
-</p>
-
-<p>
-Eine richtig durchgeführte Jagd hätte natürlich zu
-einem ganz anderen Resultate führen müssen.
-</p>
-
-<p>
-Alle erwarteten nun, was der Onkel wegen des verwundeten
-Chraposchka befehlen würde. Alle glaubten, daß
-ihn etwas Schreckliches erwartete. Er hatte sich zumindest
-<em>die</em> Nachlässigkeit zu schulden kommen lassen, daß er
-dem Bären in dem Augenblick, als ihn dieser in seinen
-Tatzen gehalten, nicht sein Jagdmesser in die Brust gestoßen
-hatte. Es bestand außerdem noch der schwere
-und wohl auch begründete Verdacht, daß Chraposchka
-<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a>
-die Hand gegen seinen zottigen Freund nicht hatte
-erheben wollen und ihn absichtlich laufen gelassen
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-Die allen bekannte Freundschaft zwischen Chraposchka
-und <a id="corr-10"></a>Sganarell machte diese letztere Hypothese
-sehr wahrscheinlich.
-</p>
-
-<p>
-So dachten nicht nur die Jagdteilnehmer, sondern auch
-alle übrigen Gäste.
-</p>
-
-<p>
-Wir lauschten den Gesprächen der Erwachsenen, die
-sich abends im großen Saal um den für uns angezündeten
-Weihnachtsbaum versammelt hatten, und teilten den allgemeinen
-Verdacht bezüglich Chraposchkas wie auch
-die Angst um sein Los.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Vorzimmer, durch das der Onkel vom Flur
-in seine Gemächer gegangen war, drang in den Saal das
-Gerücht, daß er Chraposchkas Namen überhaupt noch
-nicht erwähnt hatte.
-</p>
-
-<p>
-»Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?« flüsterte
-jemand, und dieses Flüstern weckte bei der allgemeinen
-gedrückten Stimmung einen Widerhall in jedem
-Herzen.
-</p>
-
-<p>
-Es erreichte auch den alten, mit dem Bronzekreuz für
-das Jahr 1812 ausgezeichneten Dorfgeistlichen P. Alexej.
-Dieser seufzte auf und sagte leise:
-</p>
-
-<p>
-»Betet zum Heiland, der uns heute geboren wurde!«
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten bekreuzigte er sich, und alle Anwesenden,
-die Erwachsenen wie die Kinder, die Herrschaften
-wie die Leibeigenen, taten dasselbe. Es war
-auch just die höchste Zeit. Kaum hatten wir unsere
-Hände, mit denen wir das Zeichen des Kreuzes gemacht
-hatten, sinken lassen, als die Türe weit aufging und der
-<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a>
-Onkel mit einem Stöckchen in der Hand in den Saal trat.
-Ihn begleiteten seine beiden Lieblingswindspiele und
-der Kammerdiener Justin. Der letztere trug auf einem
-silbernen Teller das weiße Foulardtuch und die mit dem
-Bildnisse Pauls I. geschmückte Schnupftabaksdose seines
-Herrn.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-3-16">
-XVI
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Der Lehnstuhl für den Onkel war auf einem kleinen
-Perserteppich in der Mitte des Zimmers vor dem Weihnachtsbaum
-aufgestellt. Er setzte sich schweigend in den
-Sessel und nahm aus Justins Händen das Tuch und die
-Schnupftabaksdose. Die beiden Windspiele legten sich
-sofort zu seinen Füßen nieder und streckten ihre langen
-Schnauzen vor sich aus.
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel trug einen blauseidenen, reichgestickten,
-mit silbernen Filigranschnallen und großen Türkisen verzierten
-Hausrock. In der Hand hatte er einen dünnen,
-doch kräftigen Stock aus kaukasischer Weichsel.
-</p>
-
-<p>
-Diesen Stock brauchte er diesmal als Stütze: von der
-allgemeinen Panik, mit der die Bärenjagd geendet hatte,
-war selbst die vorzüglich zugerittene »Modedame« angesteckt
-worden; sie hatte sich in wilder Angst auf die
-Seite geworfen und das Bein ihres Herrn fest gegen einen
-Baum geklemmt.
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel fühlte heftigen Schmerz im Bein und hinkte
-sogar ein wenig. Dieser neue Umstand war selbstverständlich
-nicht dazu angetan, um sein ohnehin aufgebrachtes
-und erbostes Herz milder zu stimmen. Auch
-machte es einen schlechten Eindruck, daß wir alle beim
-Erscheinen des Onkels plötzlich verstummt waren. Wie
-<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a>
-alle argwöhnischen Menschen, konnte er so etwas nicht
-leiden, und P. Alexej beeilte sich, das Wort zu ergreifen,
-um die unheimliche Stille zu brechen.
-</p>
-
-<p>
-Der Geistliche wandte sich an uns Kinder, die um ihn
-standen, mit der Frage, ob wir den Sinn des Chorals
-»Christ wird geboren« auch verstünden? Es stellte sich
-heraus, daß dieser Sinn nicht nur uns Kindern, sondern
-auch den Erwachsenen nicht recht klar war. Der Geistliche
-begann uns den Sinn der Worte »Preiset«, »Lobsinget«
-und »Erhebet euch« zu erklären; als er bei diesem
-letzten Worte angelangt war, »erhob er sich« selbst mit
-Herz und Geist. Er sprach von den »Gaben«, die heute
-ebenso wie damals auch der Ärmste vor die Krippe des
-göttlichen Knäbleins bringen könne und die würdiger
-und wertvoller seien, als das Gold, der Weihrauch und
-die Myrrhen der heiligen drei Könige. Die schönste
-Gabe sei ein durch seine Lehre bekehrtes Herz. Der Alte
-sprach von Liebe, Verzeihung und von der Pflicht eines
-jeden, Freund und Feind »im Namen Christi« zu trösten
-... Seine Worte waren wohl ungemein eindringlich
-... Wir alle verstanden, was er damit bezweckte
-und hörten ihm mit einem eigentümlichen Gefühl zu:
-wir beteten gleichsam, daß seine Worte ihren Zweck erreichten,
-und manchem von uns waren Tränen in die
-Augen getreten ...
-</p>
-
-<p>
-Plötzlich fiel etwas hin ... Es war Onkels Stock ...
-Man hob ihn auf, er rührte ihn aber nicht an: er saß tief
-gebückt, seine Hand hing über die Sessellehne herab,
-und seine Finger hielten einen der großen Türkise ...
-Er ließ den Stein fallen, doch niemand beeilte sich, ihn
-aufzuheben ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a>
-Alle Blicke waren auf sein Gesicht gerichtet. Etwas
-Ungewöhnliches bot sich unseren Augen: <em>er weinte</em>!
-</p>
-
-<p>
-Der Geistliche schob uns Kinder sanft zur Seite, ging
-auf den Onkel zu und erteilte ihm den Priestersegen.
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel hob das Gesicht, ergriff die Hand des Alten,
-küßte sie ganz unerwartet und sagte leise: »Danke!«
-</p>
-
-<p>
-Dann blickte er Justin an und ließ Ferapont rufen.
-</p>
-
-<p>
-Dieser erschien, bleich, mit verbundenem Arm.
-</p>
-
-<p>
-»Hierher!« befahl ihm der Onkel, auf den Teppich
-vor seinem Sessel zeigend.
-</p>
-
-<p>
-Chraposchka kam näher und fiel in die Knie.
-</p>
-
-<p>
-»Steh auf!« sagte der Onkel. »Ich verzeihe dir.«
-</p>
-
-<p>
-Chraposchka fiel wieder in die Knie. Der Onkel begann
-mit nervöser, aufgeregter Stimme:
-</p>
-
-<p>
-»Du liebtest das Tier so, wie nicht jedermann einen
-Menschen zu lieben versteht. Du hast mich damit gerührt
-und in Großmütigkeit übertroffen. Höre nun meine
-Gnade: ich lasse dich frei und gebe dir hundert Rubel
-auf den Weg. Geh, wohin du willst.«
-</p>
-
-<p>
-»Ich danke, werde aber nirgendwohin fortgehen,« rief
-Chraposchka aus.
-</p>
-
-<p>
-»Was?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich gehe nirgendwohin fort,« wiederholte Ferapont.
-</p>
-
-<p>
-»Was willst du denn?«
-</p>
-
-<p>
-»Für Ihre Gnade will ich Ihnen jetzt als freier Mann
-noch treuer dienen, als ich bisher als Leibeigener diente.«
-</p>
-
-<p>
-Der Onkel drückte mit der einen Hand das weiße
-Foulardtuch an seine Augen, durch die ein Zucken ging,
-und umarmte mit der anderen Ferapont ... Wir alle erhoben
-uns von unseren Plätzen und verhüllten gleichfalls
-unsere Augen ... Uns genügte das Gefühl, daß hier
-<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a>
-dem höchsten Gott die schönste Ehre erwiesen wurde
-und an Stelle der drückenden Angst der Friede Christi
-erblühte.
-</p>
-
-<p>
-Dasselbe fühlten auch alle Leute im Dorfe, denen der
-Onkel einige Fässer Bier schicken ließ. Überall wurden
-Freudenfeuer angezündet, und die Menschen sprachen
-im Scherze:
-</p>
-
-<p>
-»Heute haben wir erlebt, daß auch das Tier in die
-heilige Stille gegangen ist, um den Heiland zu preisen!«
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-Sganarells Spuren wurden nicht weiter verfolgt. Ferapont,
-der die Freiheit bekommen hatte, ersetzte bald den
-alten Justin und war nicht nur der treueste Diener, sondern
-auch der treueste Freund meines Onkels bis an dessen
-Ende. Er drückte ihm mit eigenen Händen die Augen
-zu und beerdigte ihn auf dem Waganjkow&rsquo;schen Friedhofe
-zu Moskau, wo sich sein Grabstein bis zum heutigen
-Tage erhalten hat. Zu seinen Füßen ruht Ferapont.
-</p>
-
-<p>
-Es gibt heute niemand, der diese Gräber mit Blumen
-schmücken könnte; aber in den Moskauer Kellerwohnungen
-und Asylen gibt es noch Menschen, die sich an
-einen schlanken, weißhaarigen Greis erinnern, der immer
-zu erraten wußte, wo echtes Leid verborgen war und
-rechtzeitig zu Hilfe eilte oder seinen guten Diener mit
-reichen Gaben schickte.
-</p>
-
-<p>
-Diese beiden echten Wohltäter, von denen noch vieles
-zu sagen wäre, waren mein Onkel und Ferapont, den er
-im Scherze den »Tierbändiger« zu nennen pflegte.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-4">
-<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a>
-INTERESSANTE MÄNNER
-</h2>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-1">
-<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a>
-I
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>m Hause einer mir befreundeten Familie erwartete man
-mit Ungeduld das Eintreffen des Februarheftes der
-Moskauer Zeitschrift »Mysl«. Diese Ungeduld war wohl
-begreiflich, weil in diesem Hefte eine neue Erzählung des
-Grafen Leo Tolstoi hatte erscheinen sollen. Ich kam nun
-fast täglich zu meinen Freunden, um das neue Werk
-unseres großen Dichters gleich nach Eintreffen der Zeitschrift
-in einer angenehmen Gesellschaft am runden
-Tisch beim milden Schein der Eßzimmerlampe zu lesen.
-Gleich mir kamen auch andere intime Freunde mit der
-gleichen Absicht fast jeden Abend hin. Das ersehnte
-Heft traf endlich ein, die Tolstoische Erzählung war aber
-darin nicht enthalten: ein kleiner rosa Zettel teilte den
-Abonnenten mit, daß die Erzählung nicht veröffentlicht
-werden könne. Alle waren enttäuscht und betrübt, und
-ein jeder zeigte es je nach seinem Charakter und Temperament:
-der eine runzelte die Stirne und schwieg, der
-andere schimpfte, der dritte suchte nach Parallelen
-zwischen der Gegenwart, die wir erlebten, der Vergangenheit,
-deren wir gedachten, und der Zukunft, die
-wir ersehnten. Ich aber blätterte schweigend in der Zeitschrift
-und durchflog die neue Skizze Gljeb Uspenskijs,
-eines der sehr wenigen russischen Literaten, die immer
-der Wahrheit des Lebens treu bleiben und nicht den sogenannten
-<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a>
-»Richtungen« zu Liebe lügen. Darum ist die
-Unterhaltung mit ihm immer angenehm und oft sogar
-nützlich.
-</p>
-
-<p>
-Uspenskij erzählte diesmal von einem Gespräch mit
-einer älteren Dame, die ihm von der jüngsten Vergangenheit
-erzählt und die Meinung geäußert hatte, daß die
-Männer einst viel <em>interessanter</em> gewesen seien. In ihren
-engen Uniformen hätten sie zwar einen kühlen und reservierten
-Eindruck gemacht, dabei aber viel Begeisterung,
-Herzensglut, Edelsinn und andere Eigenschaften besessen,
-die den Menschen interessanter und anziehender machen.
-Alle diese Eigenschaften seien heute, meinte die Dame,
-nur sehr selten und oft gar nicht anzutreffen. Die Männer
-übten heute zwar freiere Berufe aus und kleideten sich
-auch viel ungezwungener, hätten zuweilen auch große
-Ideen im Kopfe, seien aber dabei alle nach der gleichen
-Form gestanzt, langweilig und uninteressant.
-</p>
-
-<p>
-Die Bemerkungen der alten Dame erschienen mir
-durchaus treffend, und ich machte den Vorschlag, nicht
-länger über die Erzählung Tolstois, die wir nicht lesen
-konnten, zu trauern, sondern die Skizze Uspenskijs vorzunehmen.
-Mein Vorschlag wurde angenommen, und die
-von Uspenskij geäußerten Gedanken fanden allgemeine
-Zustimmung. Nun rückte ein jeder mit Erinnerungen
-und Vergleichen heraus. Unter den Anwesenden gab es
-einige, die den jüngst verstorbenen dicken General
-Rostislaw Faddejew gekannt hatten; man erzählte sich,
-wie ungewöhnlich interessant dieser Mann trotz seines
-gewöhnlichen, plumpen und wenig versprechenden
-Äußeren gewesen war. Wie er selbst im Alter die Aufmerksamkeit
-der klügsten und nettesten Damen zu fesseln
-<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a>
-vermochte und die blühendsten jungen Gecken aus dem
-Felde zu schlagen wußte.
-</p>
-
-<p>
-»Ist es denn wirklich so erstaunlich?« sagte ein Herr,
-der älter als alle Anwesenden war und wohl auch einen
-klareren Blick hatte. »Ist es denn für einen so klugen
-Mann, wie es der verstorbene Faddejew war, schwer,
-das Interesse einer <em>klugen</em> Frau zu fesseln?! Die klugen
-Frauen fühlen sich immer ungemütlich. Erstens gibt es
-ihrer nur sehr wenige, und zweitens haben sie, da sie
-mehr als die andern verstehen, auch größeres Leid zu
-tragen; daher freuen sie sich so, wenn sie auf einen wirklich
-klugen Mann stoßen. Hier gilt der Satz: &sbquo;Simile
-simili curatur&lsquo; oder &sbquo;gaudet&lsquo; &mdash; ich weiß nicht, was richtiger
-ist. Sie alle und auch die Dame, deren Worte unser
-Dichter anführt, wählen ihre Beispiele unter den Männern
-von hervorragender Begabung und Bedeutung; weit bemerkenswerter
-ist es aber meines Erachtens, daß man
-einst auch auf weit tieferen Stufen ungemein lebendige
-und anziehende Persönlichkeiten, die man &sbquo;interessante
-Männer&lsquo; zu nennen pflegte, antreffen konnte. Auch die
-Damen, auf die sie solchen Eindruck machten, gehörten
-nicht zu den Auserwählten, die imstande sind, einen
-Mann mit hervorragenden Geistesgaben zu vergöttern;
-selbst unter den allergewöhnlichsten Durchschnittsfrauen
-gab es viele von hervorragender Empfindsamkeit. In
-ihnen war wie in tiefen Wassern eine latente Wärme
-enthalten. Solche Durchschnittsmenschen halte ich für
-viel bemerkenswerter als die Lermontowschen Charaktere,
-in die sich selbstverständlich jeder verlieben mußte.«
-</p>
-
-<p>
-»Haben Sie einmal einen solchen Durchschnittsmenschen
-mit der latenten Wärme der tiefen Wasser gekannt?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a>
-»Gewiß.«
-</p>
-
-<p>
-»Erzählen Sie uns also von ihm und entschädigen Sie
-uns auf diese Weise für die Unmöglichkeit, die Erzählung
-Tolstois zu lesen.«
-</p>
-
-<p>
-»Als Entschädigung kann meine Erzählung natürlich
-nicht gelten, aber einfach zu Ihrer Unterhaltung will ich
-Ihnen eine Geschichte aus dem allergewöhnlichsten Offiziersmilieu
-zum Besten geben.«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-2">
-II
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Ich diente bei der Kavallerie. Das Regiment lag in
-mehreren Dörfern des T-schen Gouvernements in Quartier;
-der Regimentskommandeur und sein Stab hielten
-sich aber natürlich in der Gouvernementsstadt selbst auf.
-Die Stadt war auch damals schon sauber und freundlich
-und hatte ein Theater, einen Adelsklub und ein riesengroßes,
-übrigens recht unsinnig angelegtes Hotel, dessen
-größten Teil wir mit Beschlag belegt hatten. Die Zimmer
-waren zum Teil von den Offizieren bewohnt, die sich
-ständig in der Stadt aufhielten, zum Teil für die Offiziere
-reserviert, die periodisch aus ihren Dorfquartieren in die
-Stadt kamen. Diese Zimmer wurden niemals an gewöhnliche
-Passanten vermietet. Sobald der eine Offizier auszog,
-kam sofort ein anderer gefahren, und diese »Offizierszimmer«
-waren immer besetzt.
-</p>
-
-<p>
-Unser Zeitvertreib bestand natürlich im Kartenspiel
-und im Dienste des Bachus, sowie auch der Göttin der
-Herzensfreuden.
-</p>
-
-<p>
-Man spielte zuweilen &mdash; besonders im Winter, während
-der Wahlen zur Adelsversammlung &mdash; sehr hoch. Man
-spielte nicht im Klub, sondern in den Hotelzimmern,
-<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a>
-wo man die Röcke ablegen durfte und sich überhaupt
-ungezwungener fühlte. Auf diese Weise verbrachte man
-Tage und Nächte. Es gibt wohl keinen sinnloseren und
-öderen Zeitvertreib, und Sie können daraus wohl selbst
-schließen, was für Menschen wir damals waren und
-was für Ideen uns begeistern konnten. Wir lasen
-wenig und schrieben noch weniger; letzteres nur nach
-großen Verlusten, wenn es galt, unsere Eltern anzulügen
-und von ihnen eine Extrasumme zu erpressen. Kurz und
-gut, man konnte von uns nichts Gutes lernen. Wir spielten
-teils unter uns, teils mit den durchreisenden Gutsbesitzern,
-die nicht viel ernster waren als wir; in den Zwischenpausen
-betranken wir uns, schlugen uns mit den Beamten
-herum und entführten Kaufmannsfrauen und Schauspielerinnen,
-die wir gleich darauf wieder laufen ließen.
-</p>
-
-<p>
-Die Gesellschaft war furchtbar stupid und verbummelt;
-die Jüngeren eiferten den Älteren nach, und die
-einen wie die anderen zeigten nichts Gescheites und
-Beachtenswertes.
-</p>
-
-<p>
-Über die Fragen der Ehre und des Anstandes wurde
-bei uns niemals gesprochen. Man trug seine Uniform
-und lebte nach der einmal eingeführten Sitte, &mdash; man
-bummelte und war bemüht, Herz und Seele gegen alles
-Erhabene, Empfindsame und Ernste abzustumpfen. Und
-doch gab es auch in unserem seichten Sumpfe die »latente
-Wärme«, die sonst nur tiefen Wassern eigen ist.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-3">
-III
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Unser Regimentskommandeur war ein nicht mehr
-junger, sehr anständiger und guter Soldat, aber ein
-rauher, strenger Mensch, ganz »ohne Zartgefühl für das
-<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a>
-weibliche Geschlecht«, wie man sich damals ausdrückte.
-Er war einige fünfzig Jahre alt und schon zweimal verheiratet
-gewesen; seine zweite Frau hatte er in T. verloren
-und war eben im Begriff, ein junges Mädchen,
-das aus einer nicht sehr reichen Gutsbesitzersfamilie
-stammte, zu heiraten. Sie hieß Anna Nikolajewna. Dieser
-so gewöhnliche Name entsprach durchaus ihrer ganzen
-gewöhnlichen Erscheinung. Sie war von mittlerem Wuchs,
-weder dick noch schlank, weder hübsch noch häßlich,
-hatte blonde Haare, blaue Äuglein, rote Lippen, weiße
-Zähne, ein rundes, weißes Gesicht und je ein Grübchen
-in jeder rosigen Wange, &mdash; mit einem Worte, ein Mädchen,
-das wenig Begeisterung wecken kann, eines von denen,
-die man »Trost des Greisenalters« zu nennen pflegt.
-</p>
-
-<p>
-Unser Kommandeur lernte sie in Gesellschaft durch
-ihren Bruder, der bei uns als Kornett diente, kennen und
-hielt durch Vermittlung dieses selben Bruders um ihre
-Hand an.
-</p>
-
-<p>
-Das wurde ganz einfach und kameradschaftlich gemacht.
-Er ließ den jungen Offizier zu sich ins Kabinett
-kommen und sagte ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Hören Sie einmal, Ihre würdige Schwester hat auf
-mich den angenehmsten Eindruck gemacht. Sie wissen
-wohl selbst, wie unangenehm es mir in meinem Alter
-und bei meiner Position wäre, einen Korb zu bekommen.
-Wir beide sind aber Soldaten, und Ihre Aufrichtigkeit
-kann mich unmöglich verletzen ... Wenn mein Antrag
-angenommen wird, so ist es gut; wenn sie mir aber absagen
-sollte, wird es mir auch im Traume nicht einfallen,
-es Ihnen irgendwie übelzunehmen. Erkundigen Sie sich
-also ...«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a>
-Jener erwiderte ebenso einfach:
-</p>
-
-<p>
-»Gut, ich werde mich erkundigen.«
-</p>
-
-<p>
-»Danke.«
-</p>
-
-<p>
-»Kann ich vielleicht zu diesem Zweck einen Urlaub
-von drei oder vier Tagen bekommen?«
-</p>
-
-<p>
-»Bitte sehr, auch für eine Woche.«
-</p>
-
-<p>
-»Darf mich vielleicht mein Vetter begleiten?«
-</p>
-
-<p>
-Sein Vetter war ein ebenso zarter und rosiger Jüngling
-wie er selbst. Wir nannten ihn alle »Sascha die Rose«.
-Beide <a id="corr-11"></a>jungen Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen
-keine eingehende Schilderung.
-</p>
-
-<p>
-Der Kommandeur fragte den Kornett:
-</p>
-
-<p>
-»Was brauchen Sie Ihren Vetter in dieser Familienangelegenheit?«
-</p>
-
-<p>
-Der Kornett antwortet, daß er den Vetter eben für
-diese Familienangelegenheit brauche.
-</p>
-
-<p>
-»Während ich mit den Eltern verhandeln werde,« sagt
-der Kornett, »wird der Vetter meine Schwester in ein
-Gespräch ziehen und ihre Aufmerksamkeit ablenken,
-bis ich mit den Eltern fertig geworden bin.«
-</p>
-
-<p>
-Der Kommandeur antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Gut, fahren Sie in diesem Falle alle beide hin, ich
-will auch Ihrem Vetter einen Urlaub geben.«
-</p>
-
-<p>
-Die beiden Kornetts fahren heim und führen den
-Auftrag zu voller Zufriedenheit des Kommandeurs aus.
-Der Bruder des jungen Mädchens kommt nach einigen
-Tagen zurück und meldet:
-</p>
-
-<p>
-»Wenn Sie wollen, können Sie bei meinen Eltern brieflich
-oder mündlich um die Hand meiner Schwester anhalten.
-Sie haben keine Absage zu gewärtigen.«
-</p>
-
-<p>
-»Und wie stellt sich Ihre Schwester dazu?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a>
-»Auch die Schwester ist einverstanden.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, freut sie sich oder nicht?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß wirklich nicht.«
-</p>
-
-<p>
-»Ist sie wenigstens zufrieden oder eher unzufrieden?«
-</p>
-
-<p>
-»Die Wahrheit zu sagen, hat sie überhaupt nichts geäußert.
-Sie sagte nur zu den Eltern: Ganz wie Sie es
-befehlen, ich will mich Ihnen fügen.«
-</p>
-
-<p>
-»Es ist ja sehr schön, daß sie das sagte, aber man kann
-doch in den Augen und im Gesicht lesen, was sich ein
-junges Mädchen dabei denkt!«
-</p>
-
-<p>
-Der Kornett entschuldigt sich und sagt, er sei als
-Bruder an das Gesicht seiner Schwester so gewöhnt,
-daß er darin nicht zu lesen verstünde und den Ausdruck
-ihrer Augen nicht beobachtet habe; darum könne er darüber
-nichts Bestimmtes sagen.
-</p>
-
-<p>
-»Aber Ihr Vetter hat doch etwas bemerken können.
-Haben Sie denn nicht auf der Rückfahrt mit ihm darüber
-gesprochen?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein,« antwortet jener, »wir haben darüber nicht
-sprechen können: ich wollte Ihnen die Antwort so schnell
-wie möglich überbringen, mein Vetter ist aber noch dort
-geblieben, und ich habe die Ehre, Ihnen gehorsamst zu
-melden: er ist plötzlich erkrankt, und wir haben sofort
-seine Eltern benachrichtigt.«
-</p>
-
-<p>
-»So! Was hat er denn?«
-</p>
-
-<p>
-»Es war eine plötzliche Ohnmacht und ein Schwindelanfall.«
-</p>
-
-<p>
-»Eine echte Mädchenkrankheit. Schön. Ich danke
-Ihnen. Da wir nun miteinander so gut wie verwandt
-sind, bitte ich Sie, mit mir heute zu Mittag zu
-essen.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a>
-Beim Mittagessen fragt er ihn immer nach dem Vetter
-aus: was der für ein Mensch sei, wie seine Eltern sich zu
-ihm verhielten, unter welchen Umständen er in Ohnmacht
-gefallen sei. Dabei schenkt er dem jungen Mann immer
-wieder Wein ein und macht ihn so betrunken, daß der
-Kornett sich wohl sicher verschnappt hätte, wenn er etwas
-gewußt hätte; glücklicherweise lag aber nichts vor, und der
-Kommandeur heiratete bald darauf Anna Nikolajewna.
-Wir alle waren bei der Hochzeit und tranken Bier und
-Wein. Die beiden Kornette &mdash; der Bruder und der Vetter
-&mdash; waren aber Brautführer, und man konnte keinem von
-den Beteiligten auch nur das Geringste anmerken. Die
-jungen Leute setzten ihr flottes Leben fort, unsere Kommandeuse
-aber wurde von Tag zu Tag voller und begann
-seltsame Gelüste zu äußern. Der Kommandeur freute sich
-darüber und bemühte sich, alle ihre Wünsche zu befriedigen,
-und die beiden jungen Leute &mdash; der Bruder und der
-Vetter &mdash; suchten ihn darin noch zu übertreffen. Wegen
-jeder Kleinigkeit schickte man eine Troika nach Moskau.
-Ihr Appetit war aber nicht auf irgendwelche ausgesuchte
-Leckerbissen, sondern auf ganz gewöhnliche Dinge gerichtet,
-doch auf solche, die schwer zu beschaffen waren:
-bald verlangte sie nach Sultan-Datteln, bald nach griechischer
-Chalwa, mit einem Worte nach lauter einfachen
-und kindlichen Dingen, wie sie auch selbst einen durchaus
-kindlichen Eindruck machte. Endlich kam für sie die
-schwere Stunde, und man ließ aus Moskau eine Hebamme
-kommen. Ich erinnere mich noch, daß diese Hebamme
-in die Stadt just um die Stunde gefahren kam, als man
-in allen Kirchen zur Abendmesse läutete, was unsere
-Heiterkeit erregte: »Schaut nur, die weise Frau wird mit
-<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a>
-Glockengeläute begrüßt! Was für Freuden wird sie uns
-wohl bringen?« Und wir warteten auf das Ereignis mit
-solcher Spannung, wie wenn das ganze Regiment daran
-beteiligt wäre. Indessen geschah aber etwas ganz Unerwartetes.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-4">
-IV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Wenn Sie bei Bret Harte gelesen haben, welches Interesse
-ein Häuflein Vagabunden in der amerikanischen
-Wüste für die Niederkunft einer fremden Frau zeigte, so
-werden Sie auch das Interesse begreifen, mit dem wir,
-verbummelte Offiziere, die Niederkunft unserer jungen
-Kommandeuse erwarteten. Diesem Ereignisse maßen wir
-große Bedeutung bei und faßten den Beschluß, die Geburt
-des Kindes durch ein Trinkgelage zu feiern. Wir
-gaben unserem Restaurateur den Auftrag, einen ordentlichen
-Vorrat an Sekt bereit zu halten. Um aber inzwischen
-die Zeit totzuschlagen, setzten wir uns beim
-Abendläuten an die Kartentische.
-</p>
-
-<p>
-Ich wiederhole, das Kartenspiel war für uns eine Beschäftigung,
-eine Gewohnheit, eine Arbeit und das beste
-uns bekannte Mittel gegen Langweile. Das Spiel begann
-auch an diesem Abend auf die gleiche Weise wie an den
-vorhergehenden. Die älteren Offiziere, die Rittmeister
-und die Stabsrittmeister mit den ersten grauen Haaren
-in den Schnurrbärten und an den Schläfen machten den
-Anfang. Sie setzten sich an die Kartentische just in dem
-Augenblick, als man zur Abendmesse zu läuten anfing
-und die Bürger, einander mit großem Respekt begrüßend,
-in die Kirchen zogen, um zu beichten und zu kommunizieren:
-das Ereignis, von dem ich spreche, spielte sich am
-Freitag in der sechsten Fastenwoche ab.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a>
-Die Rittmeister blickten diesen guten Christen und
-auch der Hebamme nach, die gerade in die Stadt einzog,
-wünschten ihnen allen in ihren einfältigen Soldatenherzen
-Glück und Erfolg, ließen in dem größten Hotelzimmer
-die grünen Kattunvorhänge herunter, zündeten die Leuchter
-an und setzten sich an die Arbeit.
-</p>
-
-<p>
-Die Jugend machte indessen noch einige Touren durch
-die Straßen, wechselte im Vorbeigehen Blicke mit den
-Kaufmannstöchtern und erschien, als es schon ganz dunkel
-geworden war, im gleichen Hotelzimmer.
-</p>
-
-<p>
-Ich kann mich gut an diesen Abend und wie er diesseits
-und jenseits der grünen Vorhänge verlief, erinnern.
-Draußen war es wunderschön. Der heitere Märztag war
-im schönsten Abendrot verglommen; die Pfützen, die
-während des Tages aufgetaut waren, überzogen sich wieder
-mit einer Eiskruste; es wurde frisch und kühl, in der
-Luft aber schwebte schon der Duft des Frühlings, und
-in der Höhe sangen die Lerchen. Die Kirchen waren
-halbbeleuchtet, und die von ihren Sünden erlösten Beichtenden
-kamen einzeln heraus. Ganz langsam, ohne mit
-jemand zu sprechen, gingen sie durch die Gassen und
-verschwanden stumm in den Häusern. Sie alle waren nur
-um das eine besorgt: jeder Ablenkung aus dem Wege zu
-gehen und den Frieden, der ihre Herzen erfüllte, nicht
-zu verlieren.
-</p>
-
-<p>
-In der ganzen Stadt, die ja auch sonst nicht sehr belebt
-war, wurde es auf einmal still. Die Haustore wurden abgesperrt,
-hinter den Zäunen erklirrten die Ketten der
-Hofhunde, und alle kleinen Wirtshäuser wurden geschlossen;
-nur vor dem von uns besetzten Hotel standen noch
-immer zwei Mietsdroschken mit ausgesucht schönen Pferden,
-<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a>
-in Erwartung, daß wir sie noch zu irgendeinem Zweck
-brauchen würden.
-</p>
-
-<p>
-Auf der hartgefrorenen Schneedecke der großen Straße
-klapperte plötzlich ein mit drei Pferden bespannter Reiseschlitten.
-Er hielt vor dem Hotel, ihm entstieg ein uns unbekannter
-schlanker Herr in einem Bärenpelz mit langen
-Ärmeln und erkundigte sich, ob noch ein Zimmer frei sei.
-</p>
-
-<p>
-Das geschah gerade in dem Augenblick, als ich und
-noch zwei junge Offiziere vom letzten Rundgang durch
-die Straßen, in deren Fenstern nochmals die spröden Kaufmannstöchter
-erschienen, ins Hotel zurückkehrten.
-</p>
-
-<p>
-Wir hörten, wie der Neuankömmling ein Zimmer
-verlangte und wie der Zimmerkellner Marko, der ihn
-mit »Awgust <a id="corr-13"></a>Matwejitsch« anredete, seine Frage beantwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Ich wage es nicht, Sie anzulügen und zu sagen, daß
-wir kein Zimmer haben. Wir haben wohl ein Zimmer,
-aber ich weiß wirklich nicht, ob es Ihnen passen wird.«
-</p>
-
-<p>
-»Was ist denn damit?« fragte der Gast: »Ist es schmutzig
-oder voller Wanzen?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, Sie wissen doch selbst, daß wir bei uns keinen
-Schmutz und keine Wanzen dulden. Wir haben aber sehr
-viel Offiziere im Hause.«
-</p>
-
-<p>
-»Machen die solchen Lärm?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, Sie können es sich wohl selbst denken: es sind
-lauter Junggesellen, die immer auf und ab rennen und
-pfeifen ... Ich muß es Ihnen sagen, damit Sie uns später
-keine Vorwürfe machen ... Wir können ja die jungen
-Leute nicht bändigen.«
-</p>
-
-<p>
-»Das wäre ja nicht schlecht! Selbstverständlich darf
-sich niemand unterstehen, Offizieren Ruhe zu gebieten!
-<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a>
-Was wäre das für ein Leben? ... Ich bin aber müde und
-glaube, daß ich schon irgendwie einschlafen werde.«
-</p>
-
-<p>
-»Natürlich werden Sie einschlafen. Ich mußte aber
-Euer Gnaden für jeden Fall darauf aufmerksam machen.
-Darf ich das Gepäck und das Bettzeug hinauftragen?«
-</p>
-
-<p>
-»Trag es nur hinauf, mein Bester. Ich komme direkt
-aus Moskau, habe mich unterwegs nirgends aufgehalten
-und bin so müde, daß mich wohl kein Lärm wecken wird.«
-</p>
-
-<p>
-Der Kellner führte den Gast hinauf, und wir begaben
-uns in das größte Zimmer, das dem Schwadrons-Rittmeister
-gehörte. Hier war unsere ganze Gesellschaft
-versammelt mit Ausnahme des Vetters der Kommandeuse:
-er klagte über Unwohlsein, wollte weder trinken
-noch spielen und ging immer den Korridor auf und ab.
-</p>
-
-<p>
-Der Bruder der Kommandeuse hatte an unserer Fensterparade
-teilgenommen und sich gleich uns an den Kartentisch
-gesetzt. Sascha aber blickte nur einmal in das
-Spielzimmer hinein und begann dann wieder im Korridor
-auf- und abzugehen.
-</p>
-
-<p>
-Er machte einen seltsamen Eindruck, so daß wir auf
-ihn aufmerksam werden mußten. Er schien entweder
-krank oder verstimmt; wenn man ihn aber genauer ansah,
-schien keines von beiden der Fall zu sein. Er machte nur
-den Eindruck, wie wenn er im Geiste irgendwo weit von
-uns allen schweifte und an etwas, was uns allen fremd
-und ferne lag, dächte. Wir sagten im Scherze: »Du hast
-dich wohl in die Hebamme vergafft!« legten aber seinem
-Benehmen keine große Bedeutung bei. Er war ja noch
-sehr jung und den beliebten Offizierstrank »aus neun
-Elementen« nicht gewohnt. Es war sehr wahrscheinlich,
-daß sein Zustand nur eine Folge der vorhergehenden
-<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a>
-Trinkgelage war. Im Spielzimmer war es wie immer so
-vollgeraucht, daß man leicht Kopfweh bekommen konnte;
-schließlich war es auch möglich, daß seine Finanzen zerrüttet
-waren: er hatte in der letzten Zeit sehr hoch gespielt
-und größere Summen verloren; er hatte aber gewisse
-moralische Grundsätze und scheute sich, seinen Eltern
-mit solchen Dingen zu kommen.
-</p>
-
-<p>
-Wir ließen also den jungen Mann in dem mit einem
-Tuchläufer belegten Korridor auf und abgehen. Wir selbst
-aber spielten, tranken und aßen, stritten und lärmten und
-dachten weder an die späte Stunde, noch an das freudige
-Ereignis, das im Hause des Kommandeurs erwartet wurde.
-Diese Vergessenheit wurde vollständig, als sich bald nach
-Mitternacht etwas ereignete, wobei der unbekannte Gast,
-der, wie gesagt, vor unseren Augen dem Reiseschlitten
-entstiegen war, die Hauptrolle spielte.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-5">
-V
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Gegen zwei Uhr nachts erschien in unserem Spielzimmer
-der Zimmerkellner Marko und meldete nach einigem
-Zögern, daß der eben eingetroffene fürstliche Generalbevollmächtigte
-sich höflichst entschuldige und anfrage,
-ob die Herren Offiziere ihm gestatten möchten, zu ihnen
-zu kommen und am Kartenspiel teilzunehmen; er könne
-nämlich nicht einschlafen und langweile sich.
-</p>
-
-<p>
-»Kennst du denn den Herrn?« fragte der älteste
-Offizier.
-</p>
-
-<p>
-»Aber ich bitte Sie! Wie sollte ich denn Awgust Matwejitsch
-nicht kennen? Man kennt ihn nicht nur hier,
-sondern in ganz Rußland, überall wo der Fürst seine
-Güter hat. Awgust Matwejitsch ist sein Generalbevollmächtigter,
-<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a>
-verwaltet alle fürstlichen Güter und Besitztümer,
-und sein Gehalt allein beträgt an die vierzigtausend
-Rubel im Jahre.« (Damals rechnete man noch
-nach Assignaten.)
-</p>
-
-<p>
-»Ist er Pole?«
-</p>
-
-<p>
-»Er stammt wohl von Polen ab, ist aber ein wirklich
-vornehmer Herr und war einmal selbst Offizier.«
-</p>
-
-<p>
-Wir alle hielten den Kellner, der uns das meldete, für
-zuverlässig und uns ergeben. Er war intelligent und sehr
-religiös; er ging jeden Morgen zur Frühmesse und sparte
-Geld, um seinem Heimatsorte eine Kirchenglocke zu
-stiften. Als Marko sah, daß wir uns für den Fremden interessierten,
-berichtete er uns noch mehr:
-</p>
-
-<p>
-»Awgust Matwejitsch kommt jetzt direkt aus Moskau.
-Man sagt, daß er eben zwei fürstliche Güter bei der Vormundschaftsbank
-verpfändet hat. Er wird wohl eine nette
-Summe bei sich haben und möchte sich gerne zerstreuen.«
-</p>
-
-<p>
-Die Offiziere wechselten Blicke, flüsterten miteinander
-und erklärten:
-</p>
-
-<p>
-»Nun, soll er nur die Dukaten aus seinem Beutel
-in unsere Taschen umquartieren. Der neue Mensch soll
-nur kommen und neues Leben in unsere Gesellschaft
-bringen!«
-</p>
-
-<p>
-»Garantierst du uns auch dafür,« fragten wir den Zimmerkellner,
-»daß er Geld bei sich hat?«
-</p>
-
-<p>
-»Aber erlauben Sie! Awgust Matwejitsch hat immer
-Geld bei sich.«
-</p>
-
-<p>
-»Wenn es sich so verhält, so soll er nur mit seinem
-Geld kommen. Nicht wahr, meine Herren?« wandte
-sich der älteste Rittmeister an uns alle.
-</p>
-
-<p>
-Alle erklärten sich einverstanden.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a>
-»Schön. Sag ihm also, Marko, daß wir ihn bitten
-lassen.«
-</p>
-
-<p>
-»Zu Befehl.«
-</p>
-
-<p>
-»Deute ihm aber an oder sage es ihm auch geradeaus,
-daß wir, obwohl wir Kameraden sind, auch unter uns
-nur um bares Geld spielen. Es gibt bei uns weder Kreide
-noch Kredit.«
-</p>
-
-<p>
-»Zu Befehl. Sie können aber unbesorgt sein: er hat
-immer Geld.«
-</p>
-
-<p>
-»Gut, wir lassen bitten.«
-</p>
-
-<p>
-Nach einer ganz kurzen Weile, die für einen Mann,
-der kein besonderer Stutzer ist, eben genügt, um sich
-umzuziehen, geht die Türe auf, und in unserer Rauchwolke
-erscheint ein schlanker, wohlgebauter, nicht mehr
-junger Herr von höchst anständigem Aussehen. Er trägt
-Zivil, hält sich aber wie ein Militär, man könnte beinahe
-sagen, wie ein Gardeoffizier, d. h. kühn, selbstbewußt,
-nicht ohne eine träge Grazie und Blasiertheit, wie es
-damals Mode war. Sein Gesicht ist hübsch, seine Züge
-sind darin ebenso streng und regelmäßig verteilt wie die
-Ziffern auf dem Metallzifferblatt einer englischen Standuhr
-von Graham. Alles bewegt sich darin so abgemessen,
-wie die Zeiger auf einer solchen Uhr.
-</p>
-
-<p>
-Er ist auch selbst so lang wie eine Standuhr, und seine
-Stimme klingt wie ein Grahamsches Schlagwerk.
-</p>
-
-<p>
-»Meine Herren, ich bitte um Vergebung, daß ich in
-Ihren Freundeskreis eingedrungen bin. Ich heiße so und
-so, eile aus Moskau nach Hause, bin aber sehr müde
-und wollte hier ausschlafen. Da hörte ich Ihre Stimmen,
-und die Ruhe floh meine Augenlider. Ich fühlte mich
-wie ein altes Schlachtpferd von Kampfeslust beseelt und
-<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a>
-danke Ihnen aufrichtig, daß Sie mich in Ihren Kreis
-aufnehmen wollen.«
-</p>
-
-<p>
-Man antwortet ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Wir bitten recht schön! Wir sind einfache Menschen
-und machen keine großen Zeremonien. Wir sind unter
-uns Kameraden und halten uns ganz ungezwungen.«
-</p>
-
-<p>
-»Einfachheit«, antwortet er, »ist das Schönste in der
-Welt: Gott liebt sie, und in ihr liegt die ganze Poesie
-des Lebens. Ich war ja einmal selbst beim Militär. Obwohl
-ich aus Familienrücksichten den Dienst quittieren
-mußte, bin ich den militärischen Sitten doch treu geblieben
-und hasse alles Zeremonielle. Sie haben aber, wie ich
-sehe, Ihre Röcke an, und hier ist es doch so heiß?«
-</p>
-
-<p>
-»Offen gestanden, haben wir die Röcke erst unmittelbar
-vor Ihrem Erscheinen angezogen.«
-</p>
-
-<p>
-»Sie sollten sich schämen! Das befürchtete ich ja eben.
-Da Sie aber schon einmal so freundlich waren, mich aufzunehmen,
-so können Sie mir gleich bei Beginn unserer
-Bekanntschaft gar keine größere Freude machen, als wenn
-Sie die Röcke wieder ablegen und sich ebenso ungezwungen
-fühlen, wie Sie es vor meinem Erscheinen waren.«
-</p>
-
-<p>
-Die Offiziere ließen sich überreden und saßen bald
-in Hemdärmeln da; dasselbe verlangten <a id="corr-14"></a>sie aber auch
-vom Unbekannten. Awgust Matwejitsch schlüpfte flink
-aus seiner elegant zugeschnittenen Joppe, die in den
-Ärmeln mit blauer Seide gefüttert war, und erklärte sich
-bereit, unsere Bekanntschaft mit einem Gläschen Schnaps
-einzuweihen.
-</p>
-
-<p>
-Alle tranken mit und gedachten bei dieser Gelegenheit
-des Vetters Sascha, der noch immer im Korridor auf
-und ab ging.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a>
-»Gestatten Sie«, sagte man dem Gast, »hier fehlt einer
-von den Unsrigen. Wir müssen ihn holen!«
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Sie vermissen wohl den interessanten jungen Kornett,
-der in so rührender Versunkenheit im Korridor auf und
-ab geht?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, diesen. Ruft ihn doch her, meine Herren!«
-</p>
-
-<p>
-»Er will nicht kommen.«
-</p>
-
-<p>
-»Was für Dummheiten! ... Er ist sonst ein so lieber
-junger Kamerad und hat in der Wissenschaft des Trinkens
-und Kartenspiels schon so schöne Fortschritte gezeigt;
-heute ist er uns aber plötzlich untreu geworden und benimmt
-sich so dumm. Meine Herren, bringt ihn mit Gewalt
-her!«
-</p>
-
-<p>
-Viele protestierten, und es wurde die Meinung laut,
-daß Sascha vielleicht tatsächlich krank sei.
-</p>
-
-<p>
-»Was euch nicht einfällt! Ich setze meinen Kopf ein,
-daß er einfach müde ist oder den letzten großen Verlust
-noch nicht verschmerzen kann.«
-</p>
-
-<p>
-»Hat der Kornett viel verloren?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, in der letzten Zeit hat er immer Pech gehabt. Er
-war irgendwie aufgeregt und verlor jeden Einsatz.«
-</p>
-
-<p>
-»Was Sie nicht sagen! So was kommt allerdings vor.
-Er sieht aber so aus, wie wenn er weniger Unglück im
-Spiel als Unglück in der Liebe hätte.«
-</p>
-
-<p>
-»Haben Sie ihn denn gesehen?«
-</p>
-
-<p>
-»Gewiß. Ich habe sogar Gelegenheit gehabt, ihn mir
-sehr genau anzusehen. Er ist so sehr in Gedanken versunken,
-daß er vorhin aus Versehen in mein Zimmer
-statt in das seinige eintrat, mich auf dem Bette garnicht
-liegen sah, direkt auf die Kommode zuging und etwas
-<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a>
-zu suchen begann. Ich glaubte sogar, daß es ein Schlafwandler
-sei, und rief Marko herbei.«
-</p>
-
-<p>
-»Seltsam!«
-</p>
-
-<p>
-»Als Marko ihn fragte, was er bei mir zu suchen habe,
-verstand er im ersten Augenblick garnicht, was man von
-ihm wollte. Und als er seinen Irrtum einsah, wurde er
-furchtbar verlegen ... Ich gedachte der alten Zeiten und
-sagte mir gleich: der muß eine Herzensaffaire haben!«
-</p>
-
-<p>
-»Ach, was, Herzensaffaire! Das wird wohl bald vergehen.
-Bei Ihnen in Polen mißt man solchen Gefühlsduseleien
-viel zu viel Bedeutung bei; wir Moskowiter
-sind aber ein rohes Volk.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, der junge Mann sieht aber gar nicht roh aus; im
-Gegenteil, er scheint mir sehr empfindsam und furchtbar
-erregt.«
-</p>
-
-<p>
-»Er ist einfach müde, und unsere Lebensphilosophie
-lehrt, daß man in einem solchen Falle Gewalt anwenden
-muß. Meine Herren, zwei von Ihnen möchten hinausgehen
-und Sascha herbringen: soll er sich nur gegen
-die Beschuldigung, daß er hoffnungslos verliebt sei,
-verteidigen.«
-</p>
-
-<p>
-Zwei Offiziere gingen in den Korridor und kamen mit
-Sascha zurück, auf dessen jugendlichem Gesicht Müdigkeit,
-Verlegenheit und ein Lächeln miteinander kämpften.
-</p>
-
-<p>
-Er sagte, er fühle sich tatsächlich unwohl, und es rege
-ihn auf, daß man von ihm Rechenschaft fordere. Als
-man ihm im Scherz sagte, daß auch der »fremde Herr«
-der Ansicht sei, es sei wohl eine Liebesaffaire im Spiele,
-wurde Sascha plötzlich über und über rot, warf unserm
-Gast einen unsagbar gehässigen Blick zu und rief erbost
-aus:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a>
-»Unsinn!«
-</p>
-
-<p>
-Er bat um Erlaubnis, auf sein Zimmer zu gehen und
-sich schlafen zu legen; wir erinnerten ihn aber daran,
-daß heute ein wichtiges Ereignis bevorstehe, das wir alle
-gemeinsam begrüßen wollten; es sei daher unstatthaft,
-die Gesellschaft zu verlassen. Als er vom »Ereignis«
-hörte, erbleichte er wieder.
-</p>
-
-<p>
-Man sagte ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Du darfst nicht fortgehen; trinke aber deinen Schnaps,
-und wenn du nicht mitspielen willst, so ziehe deinen
-Rock aus und lege dich hier aufs Sofa. Wenn dort das
-Kind zu schreien beginnt, werden wir es hier hören und
-dich wecken.«
-</p>
-
-<p>
-Sascha gehorchte, jedoch nicht ganz; er trank seinen
-Schnaps, zog aber den Rock nicht aus und legte sich
-nicht hin, sondern setzte sich in den Schatten am Fenster,
-aus dem, da es nicht ganz dicht war, ein frischer Hauch
-ins Zimmer zog, und begann auf die Straße hinauszuschauen.
-</p>
-
-<p>
-Ich weiß wirklich nicht, ob er auf jemand wartete,
-oder ob ihn irgendetwas innerlich beunruhigte; jedenfalls
-blickte er unverwandt auf die Straßenlaterne, die
-im Winde schwankte und flackerte, warf sich bald in die
-Tiefe des Sessels zurück, und machte bald den Eindruck,
-wie wenn er aufspringen und davonrennen wollte.
-</p>
-
-<p>
-Unser Gast, neben den ich zu sitzen kam, merkte, daß
-ich Sascha beobachtete, und beobachtete ihn auch selbst.
-Ich mußte es seinen Blicken anmerken und auch seinen
-höchst unpassenden Worten, die ich mein Leben lang
-nicht vergessen werde:
-</p>
-
-<p>
-»Sind Sie mit dem jungen Kameraden gut befreundet?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a>
-Bei diesen Worten streifte er den niedergeschlagenen
-Sascha mit einem schnellen Blick.
-</p>
-
-<p>
-»Selbstverständlich!« antwortete ich mit dem ganzen
-Eifer meiner Jugend, die in dieser Frage eine allzu plumpe
-Vertraulichkeit erblickt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch bemerkte meine Aufregung und
-drückte mir unter dem Tisch stumm die Hand. Ich blickte
-sein hübsches, ruhiges Gesicht an und mußte wieder an
-die gleichmütige englische Standuhr im langen Gehäuse
-mit dem Grahamschen Werk denken. Jeder Zeiger bewegt
-sich in der ihm vorgeschriebenen Richtung und
-registriert Stunden und Tage, Minuten und Sekunden,
-die Phasen des Mondes und die Tierkreiszeichen, das
-Zifferblatt aber ist kühl und teilnahmslos: die Uhr
-zeigt alles, merkt sich alles und bleibt dabei selbst unveränderlich.
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch versöhnte mich durch seinen
-freundlichen Händedruck; dann fuhr er fort:
-</p>
-
-<p>
-»Seien Sie mir nicht böse, junger Mann. Glauben Sie
-mir: ich will von Ihrem Freund nichts Böses sagen, ich
-habe aber schon manches erlebt, und sein Zustand flößt
-mir seltsame Gedanken ein ...«
-</p>
-
-<p>
-»Wie meinen Sie das?«
-</p>
-
-<p>
-»Sein Zustand erscheint mir ... wie soll ich es Ihnen
-sagen? .. irgendwie verhängnisvoll ... Er rührt und beunruhigt
-mich.«
-</p>
-
-<p>
-»So, er beunruhigt Sie?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, er beunruhigt mich.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun, ich kann Sie versichern, daß Ihre Unruhe
-grundlos ist. Ich kenne alle Verhältnisse meines Freundes
-und bürge dafür, daß in ihnen nichts enthalten
-<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a>
-ist, was seinen Lebensfaden verwirren oder zerreißen
-könnte.«
-</p>
-
-<p>
-»<em>Zerreißen!</em>« wiederholte er: »C&rsquo;est le mot! Das
-ist das richtige Wort: den Lebensfaden zerreißen!«
-</p>
-
-<p>
-Diese Worte machten auf mich einen unangenehmen
-Eindruck. Warum hatte ich nur diesen Ausdruck gewählt,
-an den sich der Fremde gleich festklammern
-konnte.
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch machte auf mich plötzlich den
-unangenehmsten Eindruck, und ich blickte feindselig
-auf sein präzises Grahamsches Zifferblatt. Ich sah darin
-etwas Harmonisches und zugleich Drückendes und Unwiderstehliches.
-Das Werk läuft gleichmäßig, läßt in
-bestimmten Abständen seine metallischen Schläge erklingen
-und läuft unverändert weiter. Alles, was der
-Mann an hat, ist von erster Qualität ... Sein Hemd ist
-unvergleichlich feiner und weißer als unsere Hemden,
-und unter den weißen Manschetten leuchtet wie Blut
-eine rotseidene Jacke hervor. Es sieht so aus, wie wenn
-er unter den Kleidern keine Haut am Leibe hätte. Am
-Handgelenk trägt er aber ein goldenes Damenarmband,
-das bald nach unten rutscht und bald wieder im Ärmel
-verschwindet. Ich lese darauf den in polnischen Schriftzeichen
-gravierten russischen Frauennamen »Olga«.
-</p>
-
-<p>
-Diese »Olga« erregt mein Mißfallen. Wer sie auch
-sei, &mdash; seine Verwandte oder seine Geliebte, &mdash; ich muß
-mich über sie ärgern.
-</p>
-
-<p>
-Warum? Ich weiß es nicht. Es war wohl eine von den
-zahllosen Dummheiten, die uns, niemand weiß woher,
-in den Sinn kommen, um »die Gedanken des Sterblichen
-zu verwirren«.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a>
-Ich will mich von der unangenehmen Wirkung des
-Wortes »zerreißen«, das ich selbst zuerst gebraucht habe
-und dem er einen mir durchaus unerwünschten Sinn
-unterschiebt, befreien und sage:
-</p>
-
-<p>
-»Es tut mir leid, daß ich mich so ausgedrückt habe;
-das von mir gebrauchte Wort kann aber gar nicht die
-Bedeutung haben, die Sie ihm beilegen. Mein Freund ist
-jung, vermögend, der einzige Sohn seiner Eltern und der
-Liebling aller ...«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ja, und doch gefällt er mir nicht.«
-</p>
-
-<p>
-»Ich verstehe Sie nicht.«
-</p>
-
-<p>
-»Er ist doch sterblich?«
-</p>
-
-<p>
-»Selbstverständlich, wie Sie und ich, wie alle Menschen.«
-</p>
-
-<p>
-»Sehr richtig, von den andern Menschen weiß ich aber
-nichts, und von uns beiden trägt keiner die verhängnisvollen
-Zeichen, die ich an ihm sehe.«
-</p>
-
-<p>
-»Was für verhängnisvolle Zeichen meinen Sie?«
-</p>
-
-<p>
-Ich lachte ziemlich unerzogen auf.
-</p>
-
-<p>
-»Warum lachen Sie darüber?«
-</p>
-
-<p>
-»Entschuldigen Sie, ich will wohl zugeben, daß mein
-Lachen unpassend ist; versetzen Sie sich aber in meine
-Lage: wir betrachten beide das gleiche Gesicht, und Sie
-erzählen mir, daß Sie darin etwas Ungewöhnliches wahrnehmen,
-während ich darin nur das sehe, was ich immer
-gesehen habe.«
-</p>
-
-<p>
-»Was Sie immer gesehen haben? Das kann nicht sein.«
-</p>
-
-<p>
-»Ich versichere Sie.«
-</p>
-
-<p>
-»Das hypokratische Gesicht!«
-</p>
-
-<p>
-»Das verstehe ich nicht.«
-</p>
-
-<p>
-»Sie verstehen es nicht? Es gibt doch einen solchen
-&sbquo;agent psychique&lsquo;!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a>
-»Ich verstehe es nicht,« sagte ich und fühlte zugleich,
-wie mir dieses Wort irgendeine dumme Angst einjagte.
-</p>
-
-<p>
-»Agent psychique oder das hypokratische Gesicht ist
-ein unerklärliches, seltsames Zeichen, das den Menschen
-längst bekannt ist. Diese unfaßbaren Züge erscheinen
-auf den Gesichtern der Menschen nur in jenen verhängnisvollen
-Augenblicken ihres Lebens, wenn sie eben
-im Begriff sind, den großen Schritt in das Land zu
-zu machen, aus dem noch kein Wanderer zurückgekehrt
-ist ... Die Schotten und die Hindus der Blauen Berge
-haben für diese Züge einen besonders scharfen Blick.«
-</p>
-
-<p>
-»Waren Sie denn je in Schottland?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ich habe dort die Landwirtschaft studiert; ich bin
-auch in Indien gewesen.«
-</p>
-
-<p>
-»Und Sie behaupten, daß Sie diese verdammten
-Zeichen auf dem Gesicht unseres guten Sascha sehen?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, wenn dieser junge Mann heute noch Sascha
-heißt, so wird er wohl bald <em>anders</em> heißen.«
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte mich plötzlich von einer namenlosen Angst
-erfaßt und war sehr froh, daß in diesem Augenblick
-einer von unseren Offizieren, der schon recht angeheitert
-war, auf mich zuging und fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Was hast du? Worüber streitest du mit diesem
-Herrn?«
-</p>
-
-<p>
-Ich antwortete, daß wir uns gar nicht stritten, sondern
-uns nur über sehr seltsame Dinge unterhielten. Und ich
-erzählte ihm kurz alles, worüber ich eben mit dem Polen
-gesprochen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der Offizier, ein einfacher und entschlossener Bursche,
-warf einen Blick auf Sascha und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Er sieht tatsächlich schlecht aus!« Darauf wandte er
-<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a>
-sich an Awgust Matwejitsch und fragte ihn ziemlich
-barsch:
-</p>
-
-<p>
-»Was sind Sie eigentlich: ein Phrenologe oder ein
-Wahrsager?«
-</p>
-
-<p>
-Jener antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Ich bin weder Phrenologe noch Wahrsager.«
-</p>
-
-<p>
-»Sondern weiß der Teufel was?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich bin auch nicht &sbquo;weiß der Teufel was&lsquo;!« erwiderte
-jener ruhig.
-</p>
-
-<p>
-»Was sind Sie dann: ein Zauberer?«
-</p>
-
-<p>
-»Auch kein Zauberer.«
-</p>
-
-<p>
-»Was denn?«
-</p>
-
-<p>
-»Mystiker.«
-</p>
-
-<p>
-»Ach so, Mystiker &mdash; Whistiker! Sie lieben wohl
-Whist zu spielen. Solche Mystiker kenne ich gut,«
-sagte der Offizier gedehnt. Obwohl er schon ohnehin
-ordentlich betrunken war, wandte er sich wieder den
-Getränken zu.
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch blickte ihm halb bedauernd und
-halb verachtungsvoll nach. Die Zeiger auf seinem Zifferblatt
-hatten sich verschoben; er stand auf und ging zu
-den Spielenden, die polnischen Verse Krasinskis vor sich
-hinmurmelnd:
-</p>
-
-<p>
-»Ich will keinen Gott, ich will keinen Himmel ...«
-</p>
-
-<p>
-Mir wurde es plötzlich so unheimlich zumute, wie
-wenn ich mit dem berühmten Zauberer Pan Twardowski
-gesprochen hätte. Um mir neuen Mut zu machen, trat
-ich an den Tisch, auf dem die Schnäpse standen, und
-unterhielt mich eine Weile mit dem Kameraden, der vorhin
-die Bedeutung des Wortes Mystiker erläutert hatte.
-Und als ich nach einiger Zeit, wie von einer Welle erfaßt,
-<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a>
-zum Kartentisch geworfen wurde, hielt der Pole schon
-die Bank.
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Tische vor ihm waren Riesensummen von
-Gewinnen und Verlusten angekreidet, und alle Gesichter
-drückten Feindseligkeit gegen ihn aus, die sich auch in
-allerlei dummen Bemerkungen äußerte. Die Situation
-wurde von Augenblick zu Augenblick gespannter und
-drohte mit ernsten Unannehmlichkeiten.
-</p>
-
-<p>
-Es erschien mir ganz unmöglich, daß die Sache ohne
-Unannehmlichkeiten ablaufen könnte: ein böses Ende
-schien schon vom Schicksal beschieden.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-6">
-VI
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Als ich wieder am Kartentisch stand, bemerkte jemand,
-wie nebenbei zu Awgust Matwejitsch, daß das Armband,
-das auf seinem Handgelenk hin und herrutschte, ihm
-beim Bankhalten hinderlich sein müsse. Und er fügte
-dem noch hinzu:
-</p>
-
-<p>
-»Vielleicht wäre es besser, wenn Sie diesen Frauenschmuck
-ablegten.«
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch bewahrte aber seine Ruhe und
-antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Es wäre allerdings besser, wenn ich ihn ablegen
-könnte, ich kann aber Ihrem guten Rat nicht folgen:
-das Armband ist festgenietet.«
-</p>
-
-<p>
-»Ein seltsamer Einfall, einen Sklaven zu spielen!«
-</p>
-
-<p>
-»Warum auch nicht? Als Sklave fühlt man sich zuweilen
-gar nicht schlecht.«
-</p>
-
-<p>
-»So! Das haben also auch die Polen schon eingesehen!«
-</p>
-
-<p>
-»Gewiß. Was mich betrifft, so habe ich vom ersten
-<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a>
-Tage an, an dem mir die Begriffe des Guten, Wahren
-und Schönen verständlich geworden waren, anerkannt,
-daß diese Ideale wert sind, über die Gefühle und den
-Willen des Menschen zu herrschen.«
-</p>
-
-<p>
-»Wo finden Sie aber diese Ideale vereint?«
-</p>
-
-<p>
-»Natürlich nur im schönsten Geschöpfe Gottes &mdash; im
-Weibe.«
-</p>
-
-<p>
-»Das den Namen Olga trägt,« scherzte jemand, nachdem
-er die Inschrift auf dem Armband gelesen.
-</p>
-
-<p>
-»Ja, Sie haben es erraten: meine Frau heißt Olga. Es
-ist doch ein schöner russischer Name, nicht wahr? Besonders,
-wenn man bedenkt, daß die Russen ihn nicht
-wie die andern Dinge den Griechen entlehnt, sondern
-schon in ihrer eigenen Umgangssprache vorrätig hatten.«
-</p>
-
-<p>
-»Sind Sie mit einer Russin verheiratet?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich bin Witwer. Das Glück, dessen ich würdig befunden
-war, war zu groß und zu vollständig, um dauernd
-zu sein. Ich finde aber auch heute noch mein höchstes
-Glück in der Erinnerung an die Russin, die auch ihrerseits
-ihr Glück an meiner Seite gefunden hatte.«
-</p>
-
-<p>
-Die Offiziere wechselten Blicke. Seine Antwort erschien
-ihnen irgendwie doppelsinnig und verletzend.
-</p>
-
-<p>
-»Hol ihn der Teufel!« sagte jemand. »Will dieser
-Fremde damit vielleicht sagen, daß die Herren Polen
-ganz besonders nett und ritterlich sind, so daß jede
-Russin sich in sie verlieben muß?«
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch hatte das sicher gehört; er blickte
-sogar schweigend auf denjenigen, der das gesagt hatte,
-lächelte und fuhr fort, mit der größten Seelenruhe die
-Karten zu verteilen. Er machte die Sache durchaus einwandfrei
-und korrekt. Die Pointierenden verfolgten mit
-<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a>
-der größten Aufmerksamkeit alle seine Bewegungen,
-konnten aber nichts Verdächtiges wahrnehmen. Jeder
-Verdacht wäre auch sinnlos gewesen, da Awgust Matwejitsch
-viel verloren hatte. Gegen vier Uhr hatte er
-schon über zweitausend Rubel bezahlt. Als er mit allen
-abgerechnet hatte, sagte er:
-</p>
-
-<p>
-»Wenn die Herren weiterspielen wollen, setze ich
-noch einen Tausender ein.«
-</p>
-
-<p>
-Die Offiziere, die gewonnen hatten, hielten es für
-unschicklich, seinen Vorschlag zurückzuweisen und erklärten
-sich bereit, weiter zu pointieren.
-</p>
-
-<p>
-Einige wandten sich weg und sahen sich die Banknoten,
-die sie von Awgust Matwejitsch erhalten hatten,
-genauer an.
-</p>
-
-<p>
-Alles stimmte: die Banknoten waren von zweifelloser
-Echtheit.
-</p>
-
-<p>
-»Ich muß aber bemerken, meine Herren,« sagte er,
-»daß ich keine kleineren Noten einsetzen kann: ich habe
-sie alle ausgegeben. Ich habe aber Scheine zu fünfhundert
-und zu tausend Rubel und möchte Sie bitten,
-mir einige davon zu wechseln.«
-</p>
-
-<p>
-»Das läßt sich wohl machen,« antwortete man ihm.
-</p>
-
-<p>
-»In diesem Falle werde ich gleich die Ehre haben,
-Ihnen zwei größere Scheine vorzulegen und Sie zu bitten,
-sie zu untersuchen und zu wechseln.«
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten stand er auf, ging zu seinem Rock,
-der auf dem Sofa neben dem geistesabwesenden Sascha
-lag, und begann in den Taschen zu suchen. Das dauerte
-auffallend lange. Awgust Matwejitsch warf plötzlich den
-Rock fort, griff sich mit der Hand an die Stirne, schwankte
-und fiel beinahe um.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a>
-Alle merkten diese Bewegung, und sie erschien so
-echt und ungekünstelt, daß Awgust Matwejitsch in vielen
-lebhaftes Mitgefühl weckte. Zwei oder drei Herren, die
-in seiner Nähe saßen, riefen teilnahmsvoll aus: »Was
-haben Sie?« und beeilten sich, ihn zu stützen.
-</p>
-
-<p>
-Unser Gast war leichenblaß und ganz verändert. Ich
-sah zum erstenmal im Leben, wie ein starker und sich
-beherrschender Mann, &mdash; und für einen solchen mußte
-ich den zu seinem eigenen und unserem Unglück in unseren
-Kreis eingedrungenen fürstlichen Generalbevollmächtigten
-wohl halten, &mdash; vor großem und unerwartetem
-Kummer plötzlich alt und ganz verändert wird. Das
-plötzliche Unglück zerknittert und zerdrückt den Menschen
-und bearbeitet ihn wie die Wäscherin einen Lumpen
-so lange mit dem Waschbläuel, bis es aus ihm alles
-herausgeklopft hat. Ich bin gar nicht imstande, das
-Gesicht und die Blicke Awgust Matwejitschs zu beschreiben,
-erinnere mich aber lebhaft an den Vergleich,
-der dem tiefen Ernst der Situation gar nicht entsprach,
-der mir aber in den Sinn kam, als ich mich mit den
-andern über ihn stürzte und ihm eine Kerze vors Gesicht
-hielt. Dieser Vergleich bezog sich wiederum auf eine
-Uhr und ein Zifferblatt, und zwar in einem höchst
-komischen Zusammenhange.
-</p>
-
-<p>
-Mein Vater war leidenschaftlicher Liebhaber alter
-Bilder. Er war immer auf der Suche nach solchen Bildern,
-die er regelmäßig verdarb, indem er die alte Lackschicht
-entfernte und sie mit neuem Lack überzog.
-Oft bringt er so ein altes Bild heim, das eine gleichmäßige
-dunkle Fläche darstellt, in der alle Farbtöne
-friedlich ineinander geflossen sind, so daß man auf dem
-<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a>
-Bilde nichts erkennen kann; da fährt er aber mit einem
-in Terpentin getauchten Schwamm darüber; der Lack
-wirft sich, schmutzige Ströme fließen über das ganze
-Bild hin, und alle Farbtöne kommen in Bewegung und
-Unordnung. Das Bild sieht plötzlich ganz verändert
-aus; eigentlich hat es erst jetzt sein wahres, ungeschminktes
-Aussehen, das vom Lack verdeckt war,
-wiedergewonnen. Ich erinnerte mich also, wie wir Kinder
-einst den Vater nachahmen wollten und das Zifferblatt
-der Uhr in unserem Kinderzimmer mit Terpentin
-abwuschen. Zu unserem Entsetzen sahen wir, wie der
-auf dem Zifferblatte dargestellte schwarze Mann mit
-dem Korbe, in dem die ungezogenen Kinder saßen, seine
-Umrisse verlor und wie sein vorher so tapferes Gesicht
-plötzlich einen zweideutigen und lächerlichen Ausdruck
-bekam.
-</p>
-
-<p>
-Dasselbe macht das Unglück mit den lebendigen,
-sogar sich beherrschenden und oft stolzen Menschen.
-Das Unglück wäscht von ihm den Lack ab, und plötzlich
-kommen alle trüben Farbtöne und alle Sprünge zum
-Vorschein.
-</p>
-
-<p>
-Unser Gast war aber stärker als mancher andere. Er
-beherrschte sich bald wieder und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Entschuldigen Sie, meine Herren, es ist nichts ...
-Schenken Sie dem bitte keine Beachtung und lassen Sie
-mich gehen. Mir ... mir ist plötzlich schlecht: entschuldigen
-Sie mich, ich kann nicht weiter spielen.«
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch wandte uns sein Gesicht zu, das
-ganz wie jenes abgewaschene Zifferblatt aussah. Er bemühte
-sich aber, verbindlich zu lächeln. Offenbar wollte
-er jeden Skandal vermeiden. In diesem Augenblick provozierte
-<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a>
-ihn aber einer von den Unsrigen, der offenbar
-ein Glas zuviel getrunken hatte:
-</p>
-
-<p>
-»War Ihnen vielleicht auch schon vorhin schlecht?«
-</p>
-
-<p>
-Der Pole erbleichte.
-</p>
-
-<p>
-»Nein,« sagte er mit erhobener Stimme, »nein, so
-schlecht war mir noch nie. Wer sich etwas anderes denkt,
-ist im Irrtum ... Ich habe eine unerwartete Entdeckung
-gemacht ... ich habe einen triftigen Grund, nicht weiter
-zu spielen, und verstehe wirklich nicht, was Sie von mir
-wollen!«
-</p>
-
-<p>
-Nun begannen alle durcheinander zu reden:
-</p>
-
-<p>
-»Wie meint er das? Niemand will von Ihnen was,
-verehrter Herr! Es wäre aber immerhin interessant, zu
-erfahren, was für eine Entdeckung Sie in unserem Kreise
-gemacht haben!«
-</p>
-
-<p>
-»Gar keine.« antwortete der Pole. Er dankte mit einem
-Kopfnicken den Offizieren, die ihn im Augenblick des
-plötzlichen Schwächeanfalls gestützt hatten, und fügte
-hinzu: »Meine Herren, Sie kennen mich ja nicht, die
-Aussage des Kellners über meine Reputation darf Ihnen
-nicht genügen. Darum halte ich es für unmöglich, dieses
-Gespräch fortzusetzen und möchte mich von Ihnen verabschieden.«
-</p>
-
-<p>
-Man hielt ihn aber zurück:
-</p>
-
-<p>
-»Erlauben Sie einmal,« sagte man ihm, »das geht doch
-nicht!«
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß nicht, warum das nicht gehen sollte. Ich
-habe meine Spielschuld bezahlt, möchte nicht weiter
-spielen und bitte Sie, mir zu gestatten, Ihre Gesellschaft
-verlassen zu dürfen.«
-</p>
-
-<p>
-»Wir sprechen nicht von der Bezahlung!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a>
-»Ja, nicht von der Bezahlung!«
-</p>
-
-<p>
-»Wovon denn? Ich frage, was Sie wollen, und Sie
-antworten, daß Sie von mir nichts wollen. Ich will mich
-schweigend zurückziehen, und Sie sind auch damit unzufrieden
-... Hol&rsquo;s der Teufel, was ist eigentlich los?«
-</p>
-
-<p>
-Nun ging auf ihn einer der älteren Rittmeister zu, ein
-&sbquo;in Schlachten ergrauter Kamerad&lsquo;, ein vielerfahrener
-Mann, der schon manchen Zusammenstoß am Kartentische
-erlebt hatte, und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Verehrter Herr! Gestatten Sie, daß ich mich mit Ihnen
-im Namen aller auseinandersetze.«
-</p>
-
-<p>
-»Sehr gern, obwohl ich gar nicht einsehe, worüber wir
-uns auseinanderzusetzen haben.«
-</p>
-
-<p>
-»Ich will Ihnen gleich alles erklären.«
-</p>
-
-<p>
-»Bitte sehr.«
-</p>
-
-<p>
-»Verehrter Herr, meine Kameraden und ich kennen
-Sie tatsächlich nicht; wir haben Sie aber mit russischer
-Zutraulichkeit in unsere Gesellschaft aufgenommen. Es
-gelang Ihnen nicht, zu verheimlichen, daß Sie eben etwas
-Unerwartetes erlebt haben. Und zwar in unserem Kreise
-... Sie haben vorhin den Ausdruck &sbquo;Reputation&lsquo; gebraucht.
-Auch wir haben unsere Reputation, hol&rsquo;s der
-Teufel ... Jawohl! Wir vertrauen Ihnen, müssen Sie aber
-bitten, auch unserer Ehrlichkeit zu vertrauen.«
-</p>
-
-<p>
-»Sehr gerne,« unterbrach ihn der Pole, »sehr gerne!«
-Und er streckte ihm seine Hand entgegen. Der Rittmeister
-schien es aber nicht zu sehen und fuhr fort:
-</p>
-
-<p>
-»Ich setze meinen Kopf und meine Hand dafür ein,
-daß Sie hier nicht die geringsten Unannehmlichkeiten zu
-gewärtigen haben und daß jeder, der es wagt, Sie, und
-wenn auch nur durch eine entfernte Andeutung, zu verletzen,
-<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a>
-in mir Ihren Verteidiger finden wird. Wir dürfen
-aber die Sache nicht als erledigt betrachten. Ihr Benehmen
-erscheint uns sonderbar, und ich bitte Sie im Namen
-aller Anwesenden, sich zu beruhigen und uns ernsthaft
-zu erklären, ob Sie sich tatsächlich unwohl fühlten oder
-ob Sie etwas Unerwartetes entdeckt haben. Wir bitten
-Sie, uns diese Frage in einem Worte und ganz aufrichtig
-zu beantworten.«
-</p>
-
-<p>
-Alle fielen ihm ins Wort: »Ja, wir bitten, wir bitten!«
-Die Bewegung war eine allgemeine. Nur Sascha allein
-nahm an ihr nicht teil: er verharrte nach wie vor in seiner
-dummen Versunkenheit. Aber auch er erhob sich von seinem
-Platz, sagte »Wie ekelhaft!« und wandte sich mit dem
-Gesicht zum Fenster.
-</p>
-
-<p>
-Der Pole aber, den wir so bedrängten, verlor seine
-Selbstbeherrschung nicht. Im Gegenteil, er nahm eine
-noch stolzere Haltung an und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Meine Herren, in diesem Falle muß ich Sie um Verzeihung
-bitten. Ich wollte nichts sagen und alles in meinem
-Herzen tragen. Wenn Sie mich aber unter Berufung
-auf meine Ehre herausfordern, Ihnen zu sagen, was ich
-vorhin gehabt habe, so muß ich als Ehrenmann und
-Adliger ...«
-</p>
-
-<p>
-Jemand, der sich nicht beherrschen konnte, rief dazwischen:
-</p>
-
-<p>
-»Er redet mir zu viel von Ehre!«
-</p>
-
-<p>
-Der Rittmeister warf einen zornigen Blick in die Richtung,
-aus der dieser Zwischenruf gekommen war, und
-Awgust Matwejitsch fuhr fort:
-</p>
-
-<p>
-»Als Ehrenmann und Adliger muß ich Ihnen, meine
-Herren, sagen, daß ich außer der Summe, die ich im Kartenspiel
-<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a>
-verloren, in meiner Brieftasche noch zwölftausend
-Rubel in Banknoten zu tausend und zu fünfhundert
-Rubel gehabt habe.«
-</p>
-
-<p>
-»Haben Sie das Geld bei sich gehabt?« fragte der Rittmeister.
-</p>
-
-<p>
-»Ja, bei mir.«
-</p>
-
-<p>
-»Sie können sich daran genau erinnern?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ganz genau.«
-</p>
-
-<p>
-»Und jetzt ist das Geld fort?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, Sie haben es erraten: es ist fort.«
-</p>
-
-<p>
-Der betrunkene Offizier rief wieder dazwischen:
-</p>
-
-<p>
-»War denn das Geld auch wirklich da?«
-</p>
-
-<p>
-Der Rittmeister sagte aber noch strenger:
-</p>
-
-<p>
-»Ich bitte zu schweigen! Der Herr, den wir vor uns
-haben, wird sich nicht unterstehen, uns anzulügen. Er
-weiß, daß man mit solchen Dingen in anständiger Gesellschaft
-nicht scherzt: solche Späße können einem leicht
-das Leben kosten. Daß wir aber wirklich anständige Menschen
-sind, müssen wir erst durch die Tat beweisen. Meine
-Herren, niemand rührt sich von seinem Platz, und ich
-bitte Sie, Leutnant soundso, und Sie, und auch Sie (er
-nannte die Namen dreier Kameraden), sofort alle Türen
-abzuschließen und die Schlüssel hier an sichtbarer Stelle
-niederzulegen. Der Erste, der den Versuch macht, das
-Zimmer zu verlassen, wird es mit seinem Leben büßen.
-Ich hoffe aber, meine Herren, daß es niemand versuchen
-wird. Niemand wagt daran zu zweifeln, daß wir mit dem
-Verlust, von dem der fremde Herr spricht, nichts zu tun
-haben; aber das muß erst bewiesen werden.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ja, gewiß!« bestätigten die Offiziere.
-</p>
-
-<p>
-»Und wenn das einmal bewiesen ist, so wird sofort der
-<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a>
-zweite Akt beginnen. Jetzt aber müssen wir, um unsere
-Ehre und unseren Stolz zu wahren, diesem Herrn gestatten,
-uns einer genauen Leibesvisitation zu unterziehen.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, soll er uns nur durchsuchen!« riefen die Offiziere.
-</p>
-
-<p>
-»Und zwar bis aufs Hemd!« sagte der Rittmeister.
-</p>
-
-<p>
-»Ja, bis aufs Hemd!«
-</p>
-
-<p>
-»Wir werden uns nun der Reihe nach vor diesem Herrn
-vollständig entkleiden. Ein jeder soll ganz nackt, wie er
-aus dem Mutterleibe hervorgegangen ist, vor ihn treten,
-und der Herr soll einen jeden eigenhändig durchsuchen.
-Ich bin hier der Älteste an Jahren und im Range und will
-mich als erster dieser Durchsuchung unterziehen, die für
-einen Ehrenmann nichts Ehrenrühriges ist. Ich bitte Sie
-alle, etwas zurückzutreten und sich in eine Reihe aufzustellen.
-Und nun entkleide ich mich.«
-</p>
-
-<p>
-Er begann in großer Hast alle Kleidungsstücke von
-sich zu werfen und zog selbst die Socken aus. Als er ganz
-nackt war, legte er alle Sachen dem fürstlichen Generalbevollmächtigten
-vor die Füße, hob die Arme und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»So stehe ich vor Ihnen wie ein Rekrut vor der Kommission.
-Wollen Sie mich durchsuchen.«
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch weigerte sich mit der durchaus
-stichhaltigen Begründung, daß er keinerlei Verdacht ausgesprochen
-und diese Untersuchung nicht verlangt habe.
-</p>
-
-<p>
-»Nein, auf solche Scherze lassen wir uns nicht ein!«
-sagte der Rittmeister, vor Wut ganz rot werdend und
-mit den bloßen Fersen stampfend. »Jetzt ist es zu spät,
-mein Herr, den Großmütigen zu spielen ... Ich habe mich
-nicht zum Spaß vor Ihnen entkleidet ... Ich bitte Sie,
-meine Sachen genau zu durchsuchen. Sonst erschlage ich
-Sie, nackt wie ich bin, augenblicklich mit diesem Stuhl!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a>
-Und er ergriff mit seiner behaarten Hand den schweren
-Stuhl und schwang ihn über dem Kopfe des Polen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-7">
-VII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Awgust Matwejitsch beugte sich mit Widerstreben
-über die auf dem Fußboden ausgebreiteten Sachen des
-Rittmeisters und tat, wie wenn er sie durchsuchte.
-</p>
-
-<p>
-Die nackten Fersen stampften noch wütender, und zugleich
-zischte eine erstickte Stimme:
-</p>
-
-<p>
-»Nicht so durchsucht man die Sachen! Nicht so! Haltet
-mich, sonst stürze ich mich auf ihn und erwürge ihn,
-wenn er es nicht ordentlich macht!«
-</p>
-
-<p>
-Der Rittmeister war buchstäblich außer sich vor Zorn
-und bebte so, daß selbst das üppige schwarze Moos unter
-seinen muskulösen Armen, die er krampfhaft über dem
-Kopfe hielt, zitterte.
-</p>
-
-<p>
-Der Pole ließ sich aber nicht einschüchtern. Er streifte
-mit einem ruhigen Blick das von Wut entstellte Gesicht
-und die Achselhöhlen des Rittmeisters, in denen sich
-zwei schwarze Ratten zu regen schienen, und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Sehr schön. Ich bin zwar fest überzeugt, daß Sie ein
-Ehrenmann sind; da Sie aber darauf bestehen, will ich
-Sie wie einen Dieb durchsuchen.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, hol mich der Teufel, ich bin ein Ehrenmann, und
-bestehe darauf, daß Sie mich wie <em>einen Dieb</em> durchsuchen!«
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch durchsuchte ihn und fand selbstverständlich
-nichts.
-</p>
-
-<p>
-»Nun bin ich also von jedem Verdacht rein,« sagte
-der Rittmeister. »Wollen jetzt die anderen Herren meinem
-Beispiele folgen.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a>
-Ein zweiter Offizier entkleidete sich, und Awgust Matwejitsch
-durchsuchte ihn auf die gleiche Weise. Dann
-kam der dritte an die Reihe, und so unterzogen wir uns
-alle der Durchsuchung. Sascha allein war noch nicht
-durchsucht, und gerade in dem Augenblick, als die Reihe
-an ihn kommen sollte, wurde heftig an die Zimmertür
-geklopft.
-</p>
-
-<p>
-Wir alle fuhren zusammen.
-</p>
-
-<p>
-»Niemand darf herein!« kommandierte der Rittmeister.
-Man klopfte aber noch heftiger.
-</p>
-
-<p>
-»Wen bringt der Teufel her? Wir dürfen niemand hereinlassen,
-solange diese schmachvolle Sache nicht erledigt
-ist. Wer es auch sei, jagt ihn zum Teufel!«
-</p>
-
-<p>
-Es wurde wieder geklopft, und wir hörten zugleich
-eine wohlbekannte Stimme:
-</p>
-
-<p>
-»Wollen Sie mich einlassen. Ich bin es.«
-</p>
-
-<p>
-Es war die Stimme unseres Obersten.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Die Offiziere wechselten Blicke.
-</p>
-
-<p>
-»Machen Sie auf, meine Herren!« wiederholte der
-Oberst.
-</p>
-
-<p>
-Die Türe wurde aufgemacht, und der nicht sehr beliebte
-Kommandeur trat wie ein Kamerad in unsere Mitte.
-Auf seinem Gesicht leuchtete ein freundliches Lächeln,
-das er nur sehr selten sehen ließ.
-</p>
-
-<p>
-»Meine Herren!« begann er, noch ehe er sich im Zimmer
-umgesehen hatte. »Bei mir zu Hause steht alles gut.
-Nach den aufreibenden Augenblicken, die ich eben
-durchlebt habe, wollte ich etwas frische Luft atmen. Und
-da ich Ihren kameradschaftlichen Wunsch, meine Freude
-zu teilen, kenne, bin ich zu Ihnen gekommen, um Ihnen
-<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a>
-persönlich mitzuteilen, daß Gott mir ein Töchterchen geschenkt
-hat.«
-</p>
-
-<p>
-Wir gratulierten ihm, unsere Gratulation klang aber
-natürlich nicht so lebhaft und freudig, wie es der Oberst,
-der von unseren Vorbereitungen gehört hatte, zu erwarten
-berechtigt war. Das fiel ihm gleich auf. Er sah sich mit
-seinen gelben Augen im Zimmer um und richtete sie auf
-den Fremden.
-</p>
-
-<p>
-»Wer ist der Herr?« fragte er leise.
-</p>
-
-<p>
-Der Rittmeister antwortete ihm noch leiser und erzählte
-kurz die ganze unangenehme Geschichte.
-</p>
-
-<p>
-»Wie ekelhaft!« rief der Oberst. »Wie ist nun die Sache
-ausgegangen, oder ist sie noch immer nicht zu Ende?«
-</p>
-
-<p>
-»Wir zwangen ihn, uns alle zu durchsuchen, und bei
-Ihrem Erscheinen blieb nur noch der Kornett N. undurchsucht.«
-</p>
-
-<p>
-»Machen Sie ein Ende!« sagte der Oberst, sich auf
-einen Stuhl in der Mitte des Zimmers setzend.
-</p>
-
-<p>
-»Kornett N., wollen Sie sich entkleiden!« kommandierte
-der Rittmeister.
-</p>
-
-<p>
-Sascha, der, die Arme auf der Brust gekreuzt, am Fenster
-stand, antwortete nichts und rührte sich nicht.
-</p>
-
-<p>
-»Hören Sie denn nicht, Kornett?« wandte sich der
-Oberst an ihn.
-</p>
-
-<p>
-Sascha rührte sich nun von seinem Platz und antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Herr Oberst und meine Herren Offiziere, ich schwöre
-bei meiner Ehre, daß ich das Geld nicht gestohlen
-habe ...«
-</p>
-
-<p>
-»Pfui, wozu dieses Schwören!« entgegnete der Oberst.
-»Alle sind hier über jeden Verdacht erhaben; wenn aber
-<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a>
-Ihre Kameraden einmal beschlossen haben, sich der
-Durchsuchung zu unterziehen, so müssen auch Sie sich
-dem fügen. Dieser Herr soll Sie nun gleich in Gegenwart
-aller durchsuchen, und dann beginnt der zweite Akt.«
-</p>
-
-<p>
-»<em>Ich kann es nicht.</em>«
-</p>
-
-<p>
-»Was ... Was können Sie nicht?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe das Geld nicht gestohlen, ich will mich aber
-nicht durchsuchen lassen!«
-</p>
-
-<p>
-Es erhob sich ein unzufriedenes Geflüster, und alle gerieten
-in Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-»Was soll das heißen? Es ist einfach dumm ... Warum
-wollen Sie sich nicht durchsuchen lassen?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich kann es nicht.«
-</p>
-
-<p>
-»Sie <em>müssen</em>! Sie müssen einsehen, daß Ihr Trotz den
-für uns alle erniedrigenden Verdacht verstärkt ... Wenn
-Sie auf Ihre eigene Ehre keinen Wert legen, so muß
-Ihnen doch die Ehre Ihrer Kameraden teuer sein, die Ehre
-des Regiments und der Uniform! Wir alle verlangen von
-Ihnen, daß Sie sich augenblicklich entkleiden und sich
-durchsuchen lassen ... Und da Ihr Benehmen den Verdacht
-bereits verstärkt hat, so freuen wir uns alle, daß
-Sie in Gegenwart des Obersten durchsucht werden können
-... Wollen Sie sich augenblicklich entkleiden.«
-</p>
-
-<p>
-»Meine Herren!« sagte der Jüngling, der nun leichenblaß
-geworden und mit kaltem Schweiß bedeckt war.
-»Ich habe das Geld nicht genommen ... Ich schwöre es
-Ihnen bei meinen Eltern, die ich über alles in der Welt
-liebe ... Ich habe das Geld dieses Herrn nicht! Ich werde
-sofort dieses Fenster einschlagen und mich hinausstürzen,
-werde mich aber um nichts in der Welt ausziehen, das
-verlangt meine Ehre!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a>
-»Was für eine Ehre?! Was für eine Ehre steht über
-der Ehre des Regiments und der Uniform? Wessen Ehre
-ist es?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich sage Ihnen kein Wort mehr, werde mich aber
-nicht ausziehen. Ich habe in der Tasche eine Pistole und
-mache Sie darauf aufmerksam, daß ich einen jeden niederschieße,
-der Gewalt gegen mich anzuwenden versucht!«
-</p>
-
-<p>
-Als der Jüngling das sagte, wurde er bald blaß und
-bald feuerrot; er keuchte und sah mit irren Blicken auf
-die Türe; sein einziger Wunsch war, sich von hier herauszureißen;
-man hörte, wie er in der Tasche seiner Reithose
-den Hahn seiner Pistole spannte.
-</p>
-
-<p>
-Sascha war mit einem Wort ganz außer sich. Seine
-Ekstase machte alle weiteren Einwände unmöglich und
-stimmte uns alle nachdenklich.
-</p>
-
-<p>
-Der Pole zeigte als erster große und selbst rührende
-Teilnahme. Seine isolierte und daher sehr unvorteilhafte
-Stellung in unserem Kreise gänzlich außer Acht lassend,
-rief er voller Entsetzen, das seltsam ansteckend wirkte:
-</p>
-
-<p>
-»Fluch über diesen Tag und dieses Geld! Ich will es
-nicht mehr, ich suche es nicht mehr, ich beklage es nicht
-mehr, ich werde niemals und niemand von diesem Verlust
-auch nur ein Wort sagen. Aber ich beschwöre Sie
-beim Gott Zebaoth, der Sie alle erschaffen hat, beim Heiland,
-der für Recht und Wahrheit ans Kreuz geschlagen
-wurde, bei Allem, was Ihnen wert und teuer ist, lassen
-Sie von diesem <em>Knaben</em> ab ...«
-</p>
-
-<p>
-Ja, er sagte »Knaben« und nicht »Jüngling«. Plötzlich
-fügte er mit einer gänzlich veränderten, aus der tiefsten
-Tiefe der Seele dringenden Stimme hinzu:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a>
-»Beschleunigen Sie den Gang des Schicksals nicht ...
-Sehen Sie denn nicht, wohin er geht? ...«
-</p>
-
-<p>
-Sascha ging oder schlich vielmehr tatsächlich an den
-Offizieren vorbei auf die Türe zu.
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst verfolgte ihn mit seinen gelben Augen
-und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Soll er nur gehen ...«
-</p>
-
-<p>
-Dann fügte er leise hinzu:
-</p>
-
-<p>
-»Ich glaube, ich fange etwas zu verstehen an.«
-</p>
-
-<p>
-Als Sascha die Schwelle erreicht hatte, wandte er sich
-zu allen um und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Meine Herren! Ich weiß wohl, wie schwer ich Sie
-beleidigt habe und wie niedrig meine Handlung Ihnen
-erscheinen muß. Verzeihen Sie mir ...! Ich konnte nicht
-anders ... Es ist mein Geheimnis ... Verzeihen Sie ...
-So verlangt es die Ehre ...«
-</p>
-
-<p>
-Seine Stimme bebte wie vor kindlichen Tränen. Er
-schämte sich ihrer, bedeckte die Augen mit der Hand,
-rief: »Lebt wohl!« und stürzte hinaus.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-8">
-VIII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Es ist sehr schwer, Ereignisse wie dieses gleichgültigen
-Zuhörern zu <a id="corr-16"></a>schildern, wenn man auch selbst nicht mehr
-so erregt ist, wie man es seinerzeit war. Jetzt, da ich Ihnen
-erzählen muß, was weiter geschah, fühle ich, daß ich es
-unmöglich mit jener Lebendigkeit, Kompaktheit und
-Intensität wiedergeben kann, mit der die Ereignisse sich
-damals überstürzten und sich aufeinander türmten, um
-gleichsam von einer schicksalsschweren Höhe auf die Unzulänglichkeit
-der menschlichen Vernunft herabzublicken
-und sich gleich wieder in der Natur aufzulösen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a>
-Wenn Sie die Berichte Jacolios oder unserer Landsmännin
-Rada-Bay gelesen haben, so wissen Sie vielleicht
-noch, was sie von der »psychischen Kraft« der Hindus
-und von der Abhängigkeit dieser Kraft von der »geistigen
-Stimmung« erzählen. Die psychische Kraft wohnt
-vielleicht auch dem Stutzer inne, der, das Stöckchen
-schwingend, durch die Straßen flaniert und »Nun sind
-wir da, nun sind wir da!« aus dem »Orpheus« singt.
-Nun versuche aber einer zu ergründen, wo in ihm diese
-Kraft steckt und worauf sie sich anwenden läßt. Der
-Prediger Salomo erläutert es trefflich am Beispiele des
-Schattens, den der Baum in der Richtung des auf ihn
-fallenden Lichtes wirft ... Bei einer allgemeinen Panik
-verlieren alle den Kopf und halten das Nebensächlichste
-für das Wichtigste; ein einziger anders gestimmter Blick
-sieht aber in diesem Moment das einzig Wichtige: da
-haben Sie einen Fall der »psychischen Kraft«.
-</p>
-
-<p>
-Ein winziges Teilchen dieser Kraft durchzuckte mich
-in dem Augenblick, als Sascha aus dem Zimmer stürzte.
-In seiner Bewegung, in seinem plötzlichen Sprung war
-etwas Schreckliches: er war nicht einfach weggelaufen,
-er hatte sich von uns losgerissen, war uns sozusagen auf
-Nimmerwiedersehen entschwebt ... Wir hörten sogar
-seine Schritte nicht, es war nur ein leises Rauschen durch
-den Korridor ... Der Pole stürzte ihm augenblicklich
-nach ... Wir glaubten, daß er ihn einholen und des
-Diebstahls überführen wolle; ich habe Ihnen schon erzählt,
-daß Sascha vorher das Unglück gehabt hatte, aus
-Versehen in das Zimmer des Polen einzudringen, was
-diesem das Recht gab, seinen Verdacht gerade auf ihn zu
-richten. Übrigens waren wir alle davon überzeugt, daß
-<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a>
-der Pole das Geld tatsächlich gehabt hatte und daß es
-ihm in unserem Kreise abhanden gekommen war. Mehrere
-Offiziere stürzten zur Türe, um Awgust Matwejitsch
-den Weg zu versperren, und der Oberst rief ihm zu:
-</p>
-
-<p>
-»Sie bleiben hier! Ihr Geld wird Ihnen ersetzt werden!«
-</p>
-
-<p>
-Der Pole aber stieß die Offiziere mit unerwarteter
-Kraft zurück und antwortete dem Obersten:
-</p>
-
-<p>
-»Der Teufel soll das Geld holen!« Und lief Sascha
-nach.
-</p>
-
-<p>
-Jetzt erst sahen wir den unverzeihlichen Fehler ein,
-den wir vorhin gemacht hatten, als wir uns selbst durchsuchen
-ließen und dasselbe nicht auch vom Polen, der
-diese ganze Geschichte verschuldet hatte, verlangten.
-Wir stürzten ihm nach, um ihn zu packen und ihm die
-Möglichkeit zu nehmen, das Geld irgendwo zu verstecken
-und uns hinterher zu beschuldigen; aber in
-diesem selben Augenblick, &mdash; es ging viel schneller, als
-ich es Ihnen erzähle, &mdash; erklang im Korridor etwas wie
-Händeklatschen ...
-</p>
-
-<p>
-Uns durchzuckte der Gedanke, daß der Pole Sascha
-ins Gesicht geschlagen hatte, und wir eilten unserem
-Kameraden zu Hilfe. Die Hilfe war aber unnötig ...
-</p>
-
-<p>
-In der Türe vor uns stand schwankend die lange, an
-eine Standuhr gemahnende Gestalt Awgust Matwejitschs
-mit dem Grahamschen Zifferblatt, dessen Zeiger nach
-unten wiesen ...
-</p>
-
-<p>
-»Es ist zu spät ...« keuchte er: »<em>er hat sich erschossen</em>.«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-9">
-IX
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Wir drängten uns in Saschas kleines Zimmer und sahen
-ein erschütterndes Bild: mitten im Zimmer stand, von
-<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a>
-einer niedergebrannten Kerze beleuchtet, Saschas erschrockener
-Bursche und hielt ihn in seinen Armen,
-während Saschas Kopf auf seiner Schulter ruhte. Die
-Arme hingen kraftlos herab, aber die eingeknickten
-Kniee zuckten noch, wie wenn man ihn kitzelte.
-</p>
-
-<p>
-Die Geschichte mit dem Geld, die dies alles verschuldet,
-die sich jedenfalls zur rechten Zeit abgespielt
-hatte, um dem Erscheinen der »hypokratischen Züge«
-auf dem jugendlichen Gesicht des armen Sascha eine
-Begründung zu geben, war nun vergessen ... Auch die
-Angst vor einem Skandal war völlig in den Hintergrund
-getreten. Wir legten den Verwundeten aufs Bett, schickten
-nach Ärzten und bemühten uns, ihm, dem nichts mehr
-helfen konnte, Hilfe zu bringen ... Wir versuchten das
-Blut, das unaufhörlich aus der Wunde strömte, zu stillen,
-riefen ihn bei seinem Namen und schrien ihm ins Ohr:
-»Sascha! Sascha! Lieber Sascha!« Er hörte aber wohl
-nichts mehr; er erlosch und erkaltete und lag nach einer
-Minute auf seinem Bett so steif und unbeweglich wie
-ein Bleistift.
-</p>
-
-<p>
-Viele weinten, und der <a id="corr-17"></a>Bursche schluchzte laut ... Der
-Zimmerkellner Marko drängte sich zu der Leiche vor
-und sagte leise, seiner religiösen Stimmung treu:
-</p>
-
-<p>
-»Meine Herren, man darf nicht weinen, wenn eine
-Seele den Körper verläßt. Beten Sie doch lieber!« Mit
-diesen Worten schob er uns etwas zur Seite und stellte
-auf den Tisch einen Teller mit reinem Wasser.
-</p>
-
-<p>
-»Was ist das?« fragten wir ihn.
-</p>
-
-<p>
-»Wasser«, antwortete er.
-</p>
-
-<p>
-»Wozu?«
-</p>
-
-<p>
-»Damit seine Seele sich darin wäscht.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a>
-Marko legte die Leiche ordentlich auf den Rücken und
-drückte ihr die Augenlider zu ...
-</p>
-
-<p>
-Wir alle bekreuzigten uns und weinten. Der Bursche
-fiel in die Kniee und schlug mit der Stirne gegen den
-Fußboden, daß man es hörte.
-</p>
-
-<p>
-Zwei Ärzte &mdash; unser Regimentsarzt und einer von der
-Polizei &mdash; kamen gelaufen und konstatierten »die Tatsache
-des Todes«.
-</p>
-
-<p>
-Sascha war tot ...
-</p>
-
-<p>
-Wer oder was war die Ursache seines Selbstmordes?
-Wo ist das Geld, wer ist der Dieb, der es genommen hat?
-Wie wird sich diese Geschichte, die wie der Inhalt eines
-aufgeschnittenen Daunenkissens durch die Luft wirbelte
-und an uns allen kleben blieb, weiter entwickeln?
-</p>
-
-<p>
-Allen war es ganz wirr im Kopfe. Die Leiche hatte
-aber doch die Kraft, alle Gedanken auf sich zu lenken
-und uns zu zwingen, sich in erster Linie mit ihr zu
-befassen.
-</p>
-
-<p>
-In Saschas Zimmer erschienen Polizeibeamte, Ärzte
-und Heilgehilfen, und man begann ein Protokoll aufzunehmen.
-Unsere Gegenwart wurde als störend befunden,
-und man ersuchte uns, das Zimmer zu verlassen.
-Man entkleidete Sascha und durchsuchte seine Sachen
-in Gegenwart von Zeugen, unter denen sich der Zimmerkellner
-Marko, unser Regimentsarzt und einer der Offiziere
-als Delegierter befanden. Das Geld wurde selbstverständlich
-nicht gefunden.
-</p>
-
-<p>
-Unter dem Tische fand man die Pistole und auf dem
-Tische einen Zettel, auf dem Sascha mit flüchtiger Schrift
-hingekritzelt hatte: »Papa und Mama, verzeiht mir, ich
-bin unschuldig.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a>
-Um dieses zu schreiben, hatte er wohl kaum mehr als
-zwei Sekunden gebraucht.
-</p>
-
-<p>
-Der Bursche, der Zeuge des Selbstmordes gewesen
-war, erzählte, daß Sascha, gleich als er in sein Zimmer
-hereingestürzt war, stehend diese Zeilen geschrieben,
-sich dann die Kugel ins Herz gejagt hatte und sterbend
-in seine Arme gefallen war.
-</p>
-
-<p>
-Der Soldat wiederholte diesen Bericht einige Male in
-der gleichen Fassung allen, die ihn ausfragten. Dann
-stand er schweigend da und zwinkerte mit den Augen.
-Als aber Awgust Matwejitsch auf ihn zuging, ihm in die
-Augen blickte und ihn nach weiteren Einzelheiten ausfragen
-wollte, wandte sich der Bursche an den Rittmeister
-und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Herr Rittmeister, erlauben Sie, daß ich hinausgehe
-und mich wasche: an meinen Händen ist Christenblut.«
-</p>
-
-<p>
-Man erlaubte es ihm, weil er tatsächlich über und
-über mit Blut befleckt war, was einen schrecklichen
-Anblick bot.
-</p>
-
-<p>
-Das alles spielte sich bei Tagesanbruch ab; der Himmel
-rötete sich schon, und das erste Morgenlicht drang
-durch die Fenster herein.
-</p>
-
-<p>
-In den von den Offizieren bewohnten Zimmern standen
-alle Türen nach dem Korridor offen, und überall
-brannte Licht. Einige Offiziere saßen mit gesenkten
-Köpfen ganz fassungslos in ihren Zimmern. Alle sahen
-mehr wie Mumien als wie lebende Menschen aus. Der
-Rausch hatte sich wie ein Nebel verflüchtigt, ohne auch
-eine Spur zu hinterlassen ... Alle Gesichter drückten
-Verzweiflung und Trauer aus ...
-</p>
-
-<p>
-Der arme Sascha! Wenn sein Geist sich noch für die
-<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a>
-irdischen Dinge interessieren könnte, so würde er sicher
-einen Trost darin finden, daß alle mit solcher Liebe an
-ihm hingen und daß es allen so weh tat, ihn, den blühenden
-und lebensvollen Jüngling zu überleben!
-</p>
-
-<p>
-Auf ihm lastete aber ein Verdacht ... ein schrecklicher,
-schändlicher Verdacht. Wer würde es aber jetzt wagen,
-von diesem Verdacht zu seinen alten Kameraden zu
-sprechen, über deren bekümmerte Gesichter die Tränen
-rollten? ...
-</p>
-
-<p>
-»Sascha! Sascha! Armer junger Sascha! Was hast du
-getan?« flüsterten alle Lippen, und plötzlich standen
-alle Herzen still, und ein jeder von uns fragte sich: »Bist
-du nicht auch selbst schuld daran? Hast du nicht gesehen,
-in welcher Verfassung er war? Hast du auf deine
-Kameraden einzuwirken versucht, daß sie ihn in Ruhe
-ließen? Hast du ihnen gesagt, daß du ihm vertraust und
-die Unantastbarkeit seines Geheimnisses achtest? Sascha!
-Armer Sascha! Was ist das für ein Geheimnis, das ihn
-zugrunde gerichtet hat, das er ins Jenseits mitgenommen
-hat? ... Er ist natürlich rein und von jedem schmählichen
-Verdacht frei ... Fluch über den, der ihn in den Tod
-getrieben hat!«
-</p>
-
-<p>
-Wer hat es aber getan?
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-10">
-X
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Awgust Matwejitschs Türe stand ebenso offen wie die
-Türen aller Offizierszimmer; es brannte aber darin kein
-Licht, und im blassen Morgenscheine konnte man nur
-einen eleganten Reisekoffer und anderes Gepäck unterscheiden.
-In einer Ecke stand das leicht aufgewühlte
-Bett.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a>
-Wenn man an diesem Zimmer vorbeiging, hatte man
-den Wunsch, stehen zu bleiben und einen Blick hineinzuwerfen:
-Was birgt dieses Zimmer? Woher und wofür
-ist dieses Unglück über uns gekommen?
-</p>
-
-<p>
-Mich zog es hin, nachzuschauen, ob das verschwundene
-Geld nicht in diesem Zimmer sei: hat nicht der
-Pole selbst das Geld in seinem Zimmer vergessen und
-dann diese ganze Geschichte inszeniert, die uns so viel
-Unannehmlichkeiten und den Verlust unseres schönen,
-jungen Kameraden gekostet hat? Ich war schon bereit,
-in das Zimmer einzudringen und es zu durchsuchen;
-glücklicherweise wurde ich aber rechtzeitig gestört.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Ende des Korridors, wo sich das große Zimmer
-befand, in dem nachts gespielt und gezecht wurde,
-riefen mir in diesem Augenblick mehrere Stimmen zu:
-</p>
-
-<p>
-»Wohin? Wohin? .. Diese Dummheit fehlt uns noch
-gerade!«
-</p>
-
-<p>
-Ich fühlte mich auf einmal verlegen und entmutigt.
-Ich sah plötzlich ein, wie leichtsinnig mein Vorhaben
-war und wie leicht ich in den Verdacht kommen könnte,
-in diese Sache irgendwie verwickelt zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Ich bekreuzigte mich und ging mit raschen Schritten
-auf die Stimmen zu, die mich von meinem Vorhaben
-abgebracht hatten.
-</p>
-
-<p>
-Vor dem noch finstern, nach Norden gehenden Korridorfenster
-saßen auf der mit einer schmutzigen Pferdedecke
-bedeckten Bank, die dem Burschen des Rittmeisters
-als Lager diente, drei Offiziere und unser Regimentspfarrer.
-Der Pfarrer trug sein langes Haar zum Zopf
-geflochten und hatte einen üppigen blonden Vollbart,
-dem er den Namen »Vater Barbarossa« verdankte. Er
-<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a>
-war sehr gutmütig, nahm sich alle unsere Regimentsaffären
-zu Herzen, drückte aber seine Gefühle nicht
-durch Worte, sondern nur durch ein vielsagendes Kopfnicken
-und ein gedehntes »Ja« aus. Nur in den dringendsten
-Fällen sprach er etwas mehr und zeigte dann immer
-Geistesgegenwart und Findigkeit.
-</p>
-
-<p>
-Die drei Offiziere und der Pfarrer rauchten abwechselnd
-aus zwei Pfeifen. Der Pfarrer saß in der Mitte der
-Gruppe und bekam daher die Pfeife wie von rechts, so
-auch von links gereicht; auf diese Weise hatte er vom
-Rauchen den doppelten Genuß, den er außerdem noch
-auf die Weise vergrößerte, daß er nach jedem Zug aus
-der Pfeife sich das Gesicht mit dem herrlichen Vollbart
-bedeckte und den Rauch ganz langsam durch diesen
-eigenartigen Respirator hinausließ.
-</p>
-
-<p>
-Diese guten Menschen saßen auf ihrer Bank nahe bei
-dem Zimmer des Rittmeisters, das jetzt abgesperrt war;
-drinnen wurde lebhaft, aber gedämpft gesprochen. Man
-hörte mehrere Stimmen, konnte aber kein einziges Wort
-unterscheiden.
-</p>
-
-<p>
-Hinter der verschlossenen Tür befanden sich unser
-Regimentskommandeur, der Rittmeister und der Urheber
-des ganzen Unglücks &mdash; Awgust Matwejitsch. Der Oberst
-selbst hatte die beiden Herren zu dieser Besprechung
-eingeladen, niemand wußte aber, was er von ihnen
-wollte. Die drei Offiziere und der Pfarrer hatten aus
-eigenem Antriebe den Posten in der Nähe des Zimmers
-bezogen, um den Kameraden zur Hilfe eilen zu können,
-wenn die Auseinandersetzung sich zuspitzen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Diese Befürchtungen erwiesen sich aber als grundlos:
-das Gespräch wurde, wie gesagt, in höchst anständiger
-<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a>
-Form geführt; der Ton wurde immer weicher und klang
-zuletzt durchaus freundschaftlich und herzlich. Dann
-hörten wir, wie die Stühle zurückgeschoben wurden und
-wie zwei Herren sich der Türe näherten.
-</p>
-
-<p>
-Der Schlüssel wurde umgedreht, und in der offenen
-Tür erschienen der Regimentskommandeur und Awgust
-Matwejitsch.
-</p>
-
-<p>
-Ihr Gesichtsausdruck war, wenn auch nicht gerade
-ruhig, so doch jedenfalls friedfertig.
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst drückte dem Polen die Hand und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Ich freue mich, daß ich Ihnen die Gefühle entgegenbringen
-kann, die Sie mir unter diesen schrecklichen
-Umständen einzuflößen verstanden. Ich bitte Sie, meiner
-Aufrichtigkeit ebenso zu vertrauen, wie ich der Ihrigen
-vertraue.«
-</p>
-
-<p>
-Der Pole verbeugte sich vor ihm mit großer Würde
-und begab sich schweigend auf sein Zimmer; der Oberst
-aber wandte sich an uns mit den Worten:
-</p>
-
-<p>
-»Ich eile nach Hause und bitte Sie, sich zum Rittmeister
-zu begeben: Sie werden von ihm erfahren, wie
-wir uns alle zu verhalten haben.«
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst nickte uns zu und begab sich zum Ausgang.
-Noch ehe die Türe unten hinter ihm ins Schloß
-gefallen war, füllten wir schon das Zimmer des Rittmeisters.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-11">
-XI
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Unser Rittmeister war ein Prachtkerl, aber nervös und
-aufbrausend. Er war schlagfertig und klug, konnte sich
-aber nicht beherrschen, und seine Redegabe war echt
-militärisch: er verstand wohl zu befehlen, aber nicht zu
-erzählen und seine Gedanken darzulegen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a>
-So war er auch in diesem Augenblick. Er riß seine
-Halsbinde von sich und warf uns allen wütende
-Blicke zu.
-</p>
-
-<p>
-»Nun, das sind schöne Geschichten, nicht wahr?«
-wandte er sich an den Pfarrer.
-</p>
-
-<p>
-Dieser sagte nur »Ja, ja, ja« und nickte.
-</p>
-
-<p>
-»Das ist es eben: ja, ja, ja! Gute Werke haben schöne
-Folgen!«
-</p>
-
-<p>
-Der Pfarrer sagte wieder: »Ja, ja, ja.«
-</p>
-
-<p>
-»Das wäre aber eigentlich Ihre Sache!«
-</p>
-
-<p>
-»Was denn?«
-</p>
-
-<p>
-»Uns ganz andere Stimmungen beizubringen ...«
-</p>
-
-<p>
-»Ja.«
-</p>
-
-<p>
-»Sie haben aber gar keinen Einfluß auf uns.«
-</p>
-
-<p>
-»Unsinn!«
-</p>
-
-<p>
-»Es ist kein Unsinn. Was sind Sie jetzt hergekommen?
-Viel notwendiger braucht man jetzt einen Küster, damit
-er bei der Leiche die Psalmen liest.«
-</p>
-
-<p>
-»Wie steht es? Was sollen wir tun?« drangen die
-Offiziere in ihn. »Der Oberst ist fort, und Sie sind aufgeregt
-und machen dem Pfarrer eine Szene ... Würden
-wir denn auf ihn hören, wenn er uns bekehren wollte? ..
-Wo ist der Pole? Weiß der Teufel, ob er das Geld überhaupt
-gehabt hat. Was treibt er jetzt allein auf seinem
-Zimmer? Sagen Sie bitte, was Sie beschlossen haben!
-Wer ist der Schuldige?«
-</p>
-
-<p>
-»Der Teufel ist der Schuldige! Sonst gibt es keinen
-Schuldigen!« antwortete der Rittmeister.
-</p>
-
-<p>
-»Aber dieser Pole ...«
-</p>
-
-<p>
-»Der Pole ist über jeden Verdacht erhaben ...«
-</p>
-
-<p>
-»Wer hat Ihnen das eröffnet?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a>
-»Wir selbst, meine Herren, wir selbst! Ich und unser
-Regimentskommandeur bürgen für ihn. Wir behaupten
-nicht, daß er der ehrlichste Mensch ist, wir sehen aber,
-daß er die Wahrheit spricht, daß er das Geld gehabt
-hat und daß es verschwunden ist. Nur der Teufel allein
-kann es gestohlen haben ... Daß das Geld tatsächlich
-vorhanden war, folgt schon daraus, daß, als der Oberst,
-der jeden Skandal vermeiden möchte, ihm hier in meiner
-Gegenwart die zwölftausend Rubel anbot, er auf sie
-verzichtete ...«
-</p>
-
-<p>
-»Er verzichtete?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, und noch mehr als das: er verpflichtete sich aus
-eigenem Antrieb, keine Anzeige über den Verlust zu
-erstatten und keinem Menschen auch nur ein Sterbenswort
-von dieser verfluchten Angelegenheit zu sagen.
-Kurz, er benahm sich so korrekt, vornehm und feinfühlend,
-wie man es nur wünschen kann.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ja, ja!« versetzte der Pfarrer.
-</p>
-
-<p>
-»Der Oberst und ich gaben ihm im Namen aller das
-Wort, daß wir ihm unser volles Vertrauen entgegenbringen
-und uns während eines ganzen Jahres als seine
-Schuldner betrachten werden; wenn die Sache sich vor
-Ablauf dieses Jahres nicht aufklärt und das Geld nicht
-zum Vorschein kommt, so bezahlen wir ihm die zwölftausend
-Rubel, und er verpflichtet sich, sie anzunehmen ...«
-</p>
-
-<p>
-»Selbstverständlich nehmen wir diese Schuld auf uns
-und werden sie gewissenhaft abzahlen«, fielen ihm die
-Offiziere ins Wort.
-</p>
-
-<p>
-»Meine Herren«, fuhr der Rittmeister etwas leiser fort,
-»er ist aber fest überzeugt, daß wir nichts zu zahlen
-brauchen werden; er behauptet, daß das Geld sich finden
-<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a>
-wird. Er sagt das so bestimmt und mit solcher Überzeugung,
-daß, wenn wahrhaftig der Glaube Berge versetzen
-kann, seine Erwartung sicher in Erfüllung gehen
-muß. Ja, sie muß sich erfüllen, denn sie ist mit Blut erkauft
-... Er hat mit seinem Glauben auch mich und den
-Kommandeur angesteckt. Er bat uns zwar, ihn zu durchsuchen,
-wir verzichteten aber darauf ... Wenn Sie es
-aber wünschen, so können Sie es noch nachholen; er
-sitzt in seinem Zimmer und erwartet Sie, Sie können es
-tun. Ich stelle Ihnen aber eine Bedingung: alles muß
-unter uns bleiben. Sie müssen sich dazu mit Ihrem Ehrenwort
-verpflichten.«
-</p>
-
-<p>
-Wir gaben ihm das Ehrenwort, durchsuchten aber den
-Polen nicht. Wir gingen nur alle zu ihm ins Zimmer
-und drückten ihm stumm die Hand.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-12">
-XII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Und doch blieb in uns allen neben der Trauer um den
-Kameraden ein schwerer Zweifel zurück. An Saschas
-Leiche wurde aber indessen die Sektion vorgenommen,
-man fälschte den Tatbestand und schrieb ins Protokoll,
-daß er den Selbstmord »in einem Anfall von Wahnsinn«
-verübt habe; der Pfarrer segnete die Leiche ein, und der
-Küster las eintönig den Psalm: »Wie der Hirsch schreiet
-nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott,
-zu dir.«
-</p>
-
-<p>
-Wir alle waren in gedrückter Stimmung. Wir gingen
-auf und ab, rauchten bis zur Bewußtlosigkeit und weinten
-sogar ab und zu. Eine solche Jugend, eine solche Frische
-mußte erlöschen! .. So wenig hatte er vom Honig gekostet
-und mußte schon sterben!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a>
-Wir alle, in Schlachten erprobte oder jedenfalls zu
-Schlachten bestimmte Männer waren auf einmal zu Waschlappen
-geworden. Der Pole verschob seine Abreise: er
-wollte mit uns Sascha zum Grabe geleiten und dessen
-Vater sehen, der, gleich am Morgen benachrichtigt, gegen
-Abend ankommen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Wenn der Zimmerkellner Marko nicht gewesen wäre,
-so hätten wir wohl die Stunden der Mahlzeiten vergessen;
-er aber sorgte für uns und auch für die Leiche.
-Er wusch und kleidete sie ein, sagte uns, was und wo
-man kaufen müsse und redete auf uns ein, wir sollten
-uns beruhigen.
-</p>
-
-<p>
-»Alles geht nach dem Willen Gottes.« pflegte er zu
-sagen. »Wir sind wie Gras.«
-</p>
-
-<p>
-Er war immer auf dem Sprung und machte allerlei Besorgungen.
-Man verhaftete die Hotelbediensteten unter
-verschiedenen Vorwänden und durchsuchte ihre Sachen.
-Auch Saschas Bursche wurde durchsucht und verhört,
-ob der Selbstmörder ihm vor dem Tode nichts übergeben
-hätte.
-</p>
-
-<p>
-Der Soldat schien die Frage im ersten Augenblick nicht
-verstanden zu haben. Nach einer Weile antwortete er aber:
-</p>
-
-<p>
-»Der Herr Kornett hat mir keinerlei Geld übergeben.«
-</p>
-
-<p>
-»Weißt du, was auf Hehlerei steht?«
-</p>
-
-<p>
-»Jawohl.«
-</p>
-
-<p>
-Selbstverständlich wurde er nicht von uns, sondern
-von den Gerichtsbeamten verhört, denen man bekanntlich
-keinen Überfluß an Zartgefühl vorwerfen kann.
-</p>
-
-<p>
-Man ließ den Burschen laufen, und bald darauf sah
-man ihn schon mit dem Putzen von Saschas Reservestiefeln
-beschäftigt.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-13" title="XIII">
-<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a>
-<a id="corr-18"></a>XIII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Abends kam der Vater, ein noch nicht sehr alter, etwa
-zweiundfünfzigjähriger Herr von angenehmem Äußeren.
-Er hatte eine militärische Haltung, trug die Uniform
-eines verabschiedeten Offiziers und Sporen, aber keinen
-Schnurrbart. Wir kannten ihn noch nicht und merkten
-garnicht, wie er in das Zimmer seines Sohnes trat; wir
-sahen ihn erst, als er wieder herauskam.
-</p>
-
-<p>
-Gleich nach seiner Ankunft fragte er nach dem Burschen,
-ließ sich von ihm ins Sterbezimmer führen und
-verblieb dort mit ihm unter vier Augen mehrere Minuten.
-Als er dann zu uns in den Saal trat, mußten wir über die
-stille Majestät in seinen Zügen staunen.
-</p>
-
-<p>
-»Meine Herren,« sagte er, sich vor uns verbeugend,
-»ich stelle mich Ihnen vor: ich bin der Vater Ihres unglücklichen
-Kameraden. Mein Sohn ist tot, er hat selbst
-Hand an sich gelegt und mich und seine Mutter in namenloses
-Unglück gestürzt ... Aber er konnte nicht anders,
-meine Herren ... Er starb wie ein Mann von Ehre und
-Gewissen ... Und dies ist, glauben Sie es mir, mein einziger
-Trost ...«
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten ließ sich der alte Herr, der unsere
-Herzen sofort gefangen genommen hatte, in einen Sessel
-vor dem runden Tisch sinken, vergrub das Gesicht in
-die Hände und begann laut wie ein Kind zu schluchzen.
-</p>
-
-<p>
-Ich reichte ihm mit zitternder Hand ein Glas Wasser.
-</p>
-
-<p>
-Er trank davon zwei Schluck, drückte mir freundlich
-die Hand und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Ich danke Ihnen allen, meine Herren!«
-</p>
-
-<p>
-Dann fuhr er sich mit dem Tuch über das Gesicht und
-sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Das ist noch nicht das Schwerste ... Was bin ich?
-<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a>
-Aber wie soll ich es meiner Frau sagen? ... Das Mutterherz
-wird es nicht ertragen können!«
-</p>
-
-<p>
-Er wischte sich wieder die Tränen aus den Augen und
-begab sich zum Obersten, um sich ihm vorzustellen.
-</p>
-
-<p>
-Auch zum Obersten sagte er, daß Sascha »wie ein
-Mann von Ehre und Gewissen« gestorben sei und daß
-er anders gar nicht hätte handeln können.
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst starrte ihn lange an, lutschte dabei, wie
-es seine Gewohnheit war, an einem Bonbon und sagte
-schließlich:
-</p>
-
-<p>
-»Sie wissen doch, daß dem Selbstmorde ein gewisser
-unglücklicher Umstand vorangegangen war ... Wir sind
-ja miteinander verwandt, und ich kann und muß Ihnen
-alles sagen. Ich glaube an nichts, aber das Benehmen
-des Kornetts war immerhin etwas sonderbar ...«
-</p>
-
-<p>
-»Sein Benehmen war durchaus korrekt, Herr Oberst!«
-</p>
-
-<p>
-»Ich glaube es Ihnen; wenn Sie aber doch den Schleier,
-der das Geheimnis vor uns verdeckt, ein wenig lüften
-wollten ...«
-</p>
-
-<p>
-»Ich kann es nicht, Herr Oberst ...«
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst zuckte die Achseln.
-</p>
-
-<p>
-»Was soll man machen?!« sagte er. »Nun, mag es so
-bleiben.«
-</p>
-
-<p>
-»Nur noch eines, Herr Oberst. Der fürstliche Generalbevollmächtigte
-wird sein Geld nicht vom Regiment,
-sondern von mir bekommen. Dies ist mein trauriges Vorrecht.«
-</p>
-
-<p>
-»Ich wage nicht zu widersprechen.«
-</p>
-
-<p>
-Saschas Vater überreichte an diesem selben Tag dem
-Polen unter vier Augen die zwölftausend Rubel.
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch nahm das Geld in die Hand,
-<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a>
-sagte: »Um nichts in der Welt!« und steckte es dem
-Alten in die Tasche. Dann setzten sie sich einander gegenüber
-und fingen beide zu weinen an.
-</p>
-
-<p>
-»Großer Gott! Großer Gott!« rief der Alte. »Er hat
-so ehrenhaft, so vornehm gehandelt, und doch ist noch
-ein Bösewicht im Spiele, der den Diebstahl verübt hat.«
-</p>
-
-<p>
-»Man wird ihn schon finden.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, aber mein Sohn wird nicht wieder lebendig!«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-14">
-XIV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Worin bestand nun das Geheimnis?
-</p>
-
-<p>
-Damit meine Erzählung endlich einmal verständlich
-wird, muß ich es nun verraten:
-</p>
-
-<p>
-Sascha trug an seiner Brust das Aquarellbildnis seiner
-geliebten rosigen Kusine Anna, die nun die Frau seines
-Obersten war und just in dem Augenblick, in dem Sascha
-sich das Leben genommen, einem neuen menschlichen
-Wesen das Leben geschenkt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Bildnis war weniger das Pfand leidenschaftlicher
-Liebe als unschuldsvoller kindlicher Freundschaft
-und keuscher Gelübde; die rosige Anna war aber die
-Frau des Obersten geworden, dieser wurde auf ihren
-Vetter eifersüchtig, und Sascha mußte die Qualen eines
-Don Carlos erdulden. Als diese Qual ihn schon beinahe
-wahnsinnig gemacht hatte, kam die Geschichte mit dem
-Geld und der Durchsuchung, der obendrein auch noch
-der Oberst beiwohnte, dazwischen.
-</p>
-
-<p>
-Sascha hatte das Geheimnis seiner Kusine treu bewahrt.
-</p>
-
-<p>
-Als er die Pistole schon vor die Brust hielt, händigte
-er das Bildnis seinem Burschen ein und sagte ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Ich beschwöre dich bei Gott: übergib es dem Vater.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a>
-Dieser gab es auch dem Vater vor dem Sarge des
-Sohnes.
-</p>
-
-<p>
-Der Vater sagte, daß der Sohn wie ein Mann von Ehre
-und Gewissen gestorben sei.
-</p>
-
-<p>
-Das Bildnis war unschuldig, ziemlich unähnlich und
-trug in winziger Schrift die Widmung: »Dem lieben Sascha
-seine treue Anna.«
-</p>
-
-<p>
-Und kein Wort mehr ...
-</p>
-
-<p>
-Heute erscheint es komisch, vielleicht sogar dumm!
-Vielleicht ist es auch wirklich dumm. »Jede Zeit hat ihre
-Vögel, jeder Vogel hat sein Lied.« Ich will nichts rechtfertigen
-und nichts kritisieren; ich will nur von den
-Männern sprechen, die den Frauen <em>interessant</em> erschienen.
-</p>
-
-<p>
-Was war eigentlich dieser Kornett Sascha? Eine Null,
-oder sehr wenig, &mdash; ein rosiger Knabe, ein Junker, ein gemästetes
-Muttersöhnchen in Uniform. Er hatte keinerlei
-bezaubernde Gaben außer der Gabe der Jugend und
-des ... unbeugsamen Gefühls für die persönliche Ehre
-der Frau ... Sie werden wohl sagen: ist denn das wert,
-daß man davor anbetend in die Knie sinkt? Ich will
-Ihnen aber erzählen, wie die Leute aufs Angesicht
-fielen!
-</p>
-
-<p>
-Das Geheimnis, das ich Ihnen eben zum Verständnis
-der Geschichte eröffnen mußte, war damals natürlich
-keinem Menschen in der Stadt bekannt; der Bursche
-kannte es nur zum Teil, und nur der Vater begriff es
-vollkommen. Außerdem kam noch ein neuer Umstand
-hinzu, der die Sache noch dunkler und verworrener erscheinen
-lassen mußte: der Zimmerkellner Marko erzählte
-vielen Leuten unter Diskretion, daß er mit eigenen
-<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a>
-Augen gesehen habe, wie der Bursche des Verstorbenen
-dem Vater etwas eingehändigt hätte. Was mochte es wohl
-sein, das der eine so geheimnisvoll übergeben und der
-andere ebenso geheimnisvoll eingesteckt hatte? ... Das
-weiß Gott allein! Marko bekreuzigte sich und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Ich will keine Sünde auf meine Seele nehmen, &mdash; ich
-konnte nicht sehen, was es war; ich sah nur ein in Papier
-eingewickeltes Paketchen.«
-</p>
-
-<p>
-War das vielleicht das Geld? Warum sollte man unter
-diesen Umständen, die von Augenblick zu Augenblick
-verworrener wurden und den demoralisierenden Verdacht
-immer weiter um sich verbreiteten, nicht auch an
-eine solche Möglichkeit denken? ... Ist denn nicht ein
-jeder, der ein Paar Hände hat, auch imstande, sich mit
-ihnen das Geld anzueignen? Den Dieb ausfindig zu
-machen, &mdash; das ist die wichtigste Aufgabe: und die Pflicht
-eines jeden ist, keinen noch so winzigen verdächtigen
-Umstand außer Acht zu lassen ...
-</p>
-
-<p>
-Ja, die Pflicht eines jeden, dessen argwöhnische Augen
-besser sehen als das lichte Auge eines rührseligen Herzens;
-die Menschheit ist aber zu ihrem großen Glück
-auch seelischen Offenbarungen zugänglich; die Menschen
-betasten gleichsam die unsichtbare Wahrheit und ehren,
-durch nichts gehemmt, einem elementaren Triebe gehorchend,
-das Unglück mit ihren Tränen. Das sind heilige
-Stürme, die herabgesandt werden, um den dicken erstickenden
-Nebel zu zerreißen; sie sind ein Hauch aus dem
-Jenseits, sie sind eine Offenbarung, in der alles Verworrene
-klar wird.
-</p>
-
-<p>
-Man ließ Marko nicht viel erzählen, was er alles gesehen
-haben wollte. Alle <em>wußten</em>, daß der Bursche dem
-<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a>
-Vater des unglücklichen Sascha ein <em>weibliches Bildnis</em>
-übergeben hatte. Keine einzige Menschenseele wollte
-daran auch nur einen Augenblick zweifeln; davon zeugte
-das Licht, wenn es ins Fenster des Zimmers blickte, in
-dem die geheimnisvolle Übergabe stattgefunden hatte;
-jeder Windhauch bestätigte es, und die Lerche sang
-davon, in die Lüfte steigend ...
-</p>
-
-<p>
-Saschas Beerdigung war nicht feierlich und nicht einmal
-rührend, sondern erschreckend. Sie haben wohl alle,
-meine Herren, sogenannte »prunkvolle« Beerdigungen
-gesehen. Ich meine garnicht die Beerdigungen mit großer
-Parade, in denen sich nur die menschliche Eitelkeit
-äußert. Denken Sie aber an die uns aus Beschreibungen
-bekannte Beerdigung Gogols, Nekrassows oder Dostojewskijs,
-die allgemein als »weltgeschichtliche Ereignisse«
-angesehen wurden. Sicher war in allen diesen Fällen
-auch viel aufrichtiges Gefühl dabei, die Aufrichtigkeit
-wurde aber von Nebensächlichkeiten erdrückt. Ich
-selbst habe der Beerdigung des Generals Skobelew in
-Moskau beigewohnt. In diesem Falle war vielleicht
-etwas mehr echte Trauer zum Durchbruch gekommen ...
-Sie können, wenn Sie wollen, mich auslachen, ich muß
-aber sagen, daß Saschas Beerdigung auf mich einen
-unvergleichlich tieferen Eindruck gemacht hat als jede
-andere ... Auch er wurde als Offizier mit allen vorgeschriebenen
-militärischen Ehren beerdigt, aber alle
-diese Zeremonien standen nicht im Vordergrund und
-wurden von den meisten überhaupt nicht beachtet. Die
-echte Trauer der Menschen, die von überall herbeigeströmt
-waren, um beim Anblick seines jugendlichen,
-totenblassen Gesichts zu weinen und vor Kummer zu
-<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a>
-vergehen, hatte alles andere erdrückt und die ganze Luft
-in Beben versetzt.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-15">
-XV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Wir hatten zu dieser Beerdigung niemand außer den
-Angehörigen der Schwadron, in der der Verstorbene gedient
-hatte, eingeladen; die Leute strömten aber auch
-ungeladen von allen Seiten herbei. Auf dem ganzen
-Wege vom Hotel bis zur Friedhofskirche standen Menschen
-aller Stände Spalier. Die Frauen waren in der
-Mehrzahl. Niemand hatte ihnen erklärt, was sie zu beweinen
-hätten. Sie wußten es aber selbst und trauerten
-um das junge Leben, das sich aus »Adliger Gesinnung«
-selbst vernichtet hatte. Ich gebrauche gerade dieses Wort,
-das damals in aller Munde war:
-</p>
-
-<p>
-»Der Arme ist für seine adlige Gesinnung gestorben!«
-</p>
-
-<p>
-»Hat sich für sein Herzliebchen aufgeopfert!«
-</p>
-
-<p>
-Da steht so eine alte Tante aus der Vorstadt und
-jammert:
-</p>
-
-<p>
-»Der Liebe, Herzige ... hat aus adliger Gesinnung
-das Leben hingegeben ...«
-</p>
-
-<p>
-Und wo man auch lauschte, überall konnte man nur
-ähnliche warme, herzliche Worte hören. Alle duzten
-ihn dabei und bemühten sich, möglichst freundlich zu
-sprechen, gleichsam sein Herz zu liebkosen:
-</p>
-
-<p>
-»Mein lieber Kleiner! ... Du Junger, Edler! ...«
-</p>
-
-<p>
-»Du mein gefühlvoller Engel! ... Wie sollte man dich
-nicht lieben?!«
-</p>
-
-<p>
-Alles in diesem Sinne. Damen vom Adel, Kaufmannsfrauen,
-Popentöchter, Kleinbürgerinnen, Dienstmädchen
-und Varieté-Zigeunerinnen &mdash; diese letzteren als Meisterinnen
-und Priesterinnen des tragischen Stils in der Liebe
-<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a>
-in erster Linie &mdash; alle stammeln mit bebenden Lippen
-herzliche Worte und beweinen ihn wie ihren besten
-Freund, wie ihren eigenen Geliebten, als ob sie ihn
-zum letzten Male in ihren Armen hielten und liebkosten.
-</p>
-
-<p>
-Alle diese Frauen waren aber in keiner Beziehung
-hervorragend; sie kannten Sascha auch garnicht, hatten
-ihn vorher noch nie gesehen und hätten ihn vielleicht
-auch nicht lieb gewonnen, wenn sie ihn, so wie er im
-Leben war, mit allen seinen guten und schlechten Eigenschaften
-gekannt hätten. Aber jetzt, wo sie wußten, daß
-er aus »adliger Gesinnung« für sein »Herzliebchen« gestorben
-war, hatten sie gar keine Zeit, sich durch irgendwelche
-Überlegungen zu ernüchtern: sie konnten nur
-weinen und klagen ... Jede Seele verging vor Wehmut.
-</p>
-
-<p>
-Der bekannte Kanzelredner, Erzbischof Innokentij
-rührte einmal alle Herzen, als er statt einer richtigen
-Grabpredigt nur die Worte sagte: »Er liegt im Sarge, &mdash;
-laßt uns weinen.« Nur diese Worte sagte er, und alle
-flossen in Tränen. Ein Fieber hatte alle Herzen ergriffen.
-Als die Frauen Sascha im Sarge sahen (in unseren Städten
-werden die Toten in offenen Särgen zum Friedhof getragen),
-fanden sie sein durchaus gewöhnliches Gesicht
-erhaben und herrlich ... Sie sagten: »In diesem Gesicht
-steht geschrieben: Treue bis in den Tod!«
-</p>
-
-<p>
-Es ist ganz gleichgültig, ob in seinem Gesicht tatsächlich
-das oder etwas ganz anderes geschrieben stand. Sie
-lasen nur das, was ihre Augen sahen, und das genügt.
-</p>
-
-<p>
-Alle Lippen zittern, und alle Gesichter sind feucht
-von Tränen; alle sind gerührt und alle sprechen zu ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Schlaf, schlaf, du Märtyrer!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a>
-In der Kirche herrscht eine andere, noch stärkere
-Stimmung. Keine Predigt wagt den heiligen Schauer der
-Grabgesänge des Johannes von Damaskus zu stören.
-Seine poetischen Wehklagen brennen und heilen zugleich
-die Wunde.
-</p>
-
-<p>
-Ich muß Ihnen, meine Herren, sagen, daß wir uns
-wirklich vor dem Herrn niederwarfen! ... Wie groß
-Saschas Vergehen, vom Standpunkte der theologischen
-Wissenschaft aus betrachtet, war, konnten die ihn Beweinenden
-nicht beurteilen; sie flehten aber den Herrn
-so inständig an, ihn »in seine himmlischen Wohnungen
-aufzunehmen,« daß ich gar nicht weiß, wie man diese
-Herzensschreie mit den Gründen jener Wissenschaft in
-Einklang bringen soll. Ich kann es jedenfalls nicht.
-</p>
-
-<p>
-Es wird oft behauptet, daß es heute keinen guten Prediger
-mehr gäbe. Ist dieser Vorwurf auch gerechtfertigt?
-Man versteht allerdings nicht gut zu predigen, es ist
-aber auch gar nicht nötig, überall, wo es die Sitte verlangt,
-zu reden. Es gibt Fälle, wo es besser ist, einfach
-zu weinen, wo ein gewöhnliches »Vergib!« oder »Nimm
-ihn auf!« viel eindringlicher ist als jede Predigt, die zuweilen
-mit verstiegenen Worten entweder die Vernunft
-oder das Gefühl verletzt. Denken Sie nur an den Großinquisitor
-bei Schiller. Darum ziehe ich auch die Beerdigung
-nach orientalischem Ritus vor. Man kommt und
-geht wie auf den Ruf des Propheten Jesajas: »So kommt
-und laßt uns miteinander rechten ...« Wie soll man aber
-mit Ihm rechten? Es ist ja klar, wer siegen wird. Du
-kannst aber alles, Du hast den Menschen berufen ... vergiß,
-verzeih und vergib ihm alles, worin er sich vor Dir
-nicht rechtfertigen kann ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a>
-Man denkt an die Parabel vom Mächtigen, der nichts
-fürchtete und nichts scheute; als man aber mit großem
-Eifer in ihn drang, da sagte er: »Ich werde es tun.«
-Und man fühlt sich beruhigt.
-</p>
-
-<p>
-Und Er, der das Ohr erschaffen hat, um alles zu hören,
-kann Er denn einschlafen und dem Flehen so vieler gerührter
-Herzen kein Gehör schenken? ...
-</p>
-
-<p>
-Bei Saschas Beerdigung gab es einen Zwischenfall mit
-einer Dame, der Witwe eines bekannten Staatsmannes.
-Die Dame war von altem Adel, sehr klug, sehr wohlerzogen,
-hatte aber den Zunamen: »Schlange«. Dieser
-Zuname war eigentlich recht ungeschickt gewählt: man
-nannte sie so, nicht weil sie böse war &mdash; nein, sie tat
-niemand etwas zu Leide! &mdash; sondern weil sie so furchtbar
-spöttisch war. Diese Dame mochte nichts Russisches:
-weder die Sprache, noch die Religion, noch die Sitten;
-sie verachtete das alles und zwar nicht aus Leichtsinn
-oder Originalitätssucht, sondern tief, aufrichtig und bewußt.
-Sie tadelte nichts und verwarf nichts, sie war einfach
-der Meinung, daß alles Russische nicht die geringste
-Beachtung verdiene ... Sie wunderte sich sogar, daß die
-Geographen es für nötig hielten, dieses Land in die Landkarten
-einzuzeichnen. Ja, solche Damen hat es damals
-gegeben! Als diese »Schlange« hörte, daß alle Leute
-irgendeinen Offizier beweinten, der sich aus »adliger
-Gesinnung« erschossen hatte, ließ sie die Doppeltüre
-ihres Balkons, an dem der Leichenzug vorbeiging, aufmachen
-und trat mit einem Lorgnon in der Hand hinaus.
-Ich kann mich an sie noch gut erinnern: schlank, in
-einem roten, mit Zobel gefütterten Mantel steht sie auf
-dem Balkon und blickt durch ihr Lorgnon herab.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a>
-Unser jugendlich schöner Sascha schwimmt aber wie
-ein vom Winde abgebrochener Zweig über das Meer der
-Menschenköpfe vor ihren Blicken vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Die Schlange unterdrückt einen Seufzer und wendet
-sich an die Engländerin, die neben ihr steht:
-</p>
-
-<p>
-»Die Jugend ist überall wahnsinnig, der Wahnsinn
-gleicht oft dem Heldentume, und das Heldentum gefällt
-der Menge.«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländerin erwidert:
-</p>
-
-<p>
-»O yes!« Dann sagt sie noch, daß das allgemeine
-Gefühl, von dem diese ganze Menge ergriffen sei, sie
-interessiere. Der Ausländerin zu Gefallen läßt sich die
-Schlange herab, mit ihr in die Kirche zu gehen, wo der
-Hammer des Sargtischlers den letzten Punkt hinter diese
-Geschichte setzen wird.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-16">
-XVI
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Gegen alle Gesetze der Architektonik und Ökonomie
-im Aufbau der Erzählung, habe ich zum Schluß diese
-neue Person auftreten lassen und muß ihr nun einige
-Worte widmen, damit Sie wissen, wie giftig sie war. Als
-ihr Gatte noch lebte, bekamen sie einmal Besuch von
-einer hochgestellten Persönlichkeit, der sich ihr Mann in
-seinem ganzen Glanze zeigen wollte; sie verachtete aber
-den Mann ebenso wie alle andern Menschen, vielleicht
-auch etwas mehr. Der Mann wußte es und bat sie, ihn
-wenigstens bei dieser Gelegenheit nicht bloßzustellen.
-Er bat sie nur um den einen Gefallen: »Widersprechen
-Sie mir wenigstens in Gegenwart des Gastes nicht.« Sie
-sah ihn an und versprach es ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Ich bin sogar bereit, Sie zu unterstützen.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a>
-Der Mann dankte ihr dafür mit einer Verbeugung. Der
-hohe Gast war gutmütig und gab sich gerne einfach.
-Diesmal wollte er den Vortrag des ihm unterstellten
-Würdenträgers im häuslichen Kreise, am Teetische hören,
-wo ihm die Hausfrau selbst den Tee kredenzte. Der Hausherr
-begann nun zu prahlen, wie gut er alles wisse, kenne,
-voraussehe und zum allgemeinen Wohle ordne ... Er
-sprach und sprach und verschnappte sich zuletzt und
-sagte auch etwas Wahres. Die »Schlange« fiel in diesem
-Augenblick ein und bestätigte:
-</p>
-
-<p>
-»Voilà ça c&rsquo;est vrai!«
-</p>
-
-<p>
-Nur dieses sagte sie. Dem Gast genügte es aber; er
-lachte auf, küßte ihr die Hand und sagte ihrem Gemahl:
-</p>
-
-<p>
-»Es ist genug: ich will annehmen, daß tout ça est
-vrai!«
-</p>
-
-<p>
-Als der Gemahl nach diesem Vorfall starb, ließ sie sich
-hier mit ihrer Engländerin nieder und widmete sich ganz
-der Lektüre ausländischer Bücher.
-</p>
-
-<p>
-Sie erschien sonst niemals in der Öffentlichkeit. Als
-sie nun mit ihrer Engländerin in die Kirche trat, in der
-Saschas Leiche eingesegnet wurde, erregte sie allgemeines
-Aufsehen, und alle machten ihr Platz. Die Menge selbst
-schob die beiden Damen nach vorne, gleichsam um sie
-besser sehen zu können. Dem Himmel war es aber nicht
-genehm, daß etwas Nebensächliches die allgemeine Aufmerksamkeit
-von den Dingen ablenke, die den Verstorbenen
-am nächsten angingen.
-</p>
-
-<p>
-Im gleichen Augenblick, als diese beiden imposanten
-Damen sich durch die Menge bewegten, erschien in der
-Kirchentüre eine dritte weibliche Gestalt, eine bescheidene
-Dame in schwarzem Pelzmantel, der noch von
-<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a>
-der Reise verstaubt war. Ihr Gesicht war der Kummer
-selbst ...
-</p>
-
-<p>
-Niemand kannte sie, alle hatten sie aber sofort erkannt,
-und durch die Menge tönte das eine Wort:
-</p>
-
-<p>
-»Die Mutter!«
-</p>
-
-<p>
-Man ließ ihr eine breite Straße zu dem ihr so teuren
-Sarge frei.
-</p>
-
-<p>
-Sie ging schnell, beide Arme vor sich ausgestreckt,
-durch die Menge, die vor ihr gewichen war, und als sie
-den Sarg erreichte, umschlang sie ihn mit beiden Armen
-und erstarrte ...
-</p>
-
-<p>
-Und alles fiel nieder und erstarrte zugleich mit ihr.
-Alle sanken in die Knie, und es wurde so still, daß, als
-die Mutter sich erhob und den toten Sohn bekreuzigte,
-wir alle ihr Flüstern hörten:
-</p>
-
-<p>
-»Schlaf, mein armer Junge ... du bist als Ehrenmann
-gestorben ...«
-</p>
-
-<p>
-Sie hatte diese Worte ganz leise, mit einer kaum wahrnehmbaren
-Bewegung der Lippen gesprochen, und doch
-drangen sie allen ins Herz, wie wenn wir alle ihre Kinder
-wären.
-</p>
-
-<p>
-Nun erklang der Hammer des Sargtischlers, man trug
-den Sarg zur Ausgangstüre; der Vater führte die unglückliche
-Mutter am Arm, während ihre stillen Blicke in die
-Höhe gerichtet waren ... Sie wußte wohl, woher sie die
-Kraft, solches Leid zu tragen, schöpfen sollte, und sie
-merkte garnicht, wie junge Frauen und Mädchen sich
-um sie drängten und ihr wie einer Heiligen die Hände
-küßten ...
-</p>
-
-<p>
-Auf dem Wege vom Grabe bis zum Friedhofstore gab
-es wieder das gleiche Gedränge, die gleiche Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a>
-Vor dem Tore, wo der Wagen auf sie wartete, schien
-die Mutter zur Besinnung gekommen zu sein; sie wandte
-sich um und wollte allen »Danke!« zurufen, wurde aber
-beinahe ohnmächtig. Die »Schlange«, die neben ihr stand,
-stützte sie und küßte ihr die Hand.
-</p>
-
-<p>
-So sehr hatte unser armer Sascha alle Herzen gerührt
-und gefangen genommen; so wurde sein einfacher und
-vielleicht gar nicht ordentlich überlegter Entschluß, »die
-Frau nicht zu verraten« belohnt und geehrt.
-</p>
-
-<p>
-Niemand fragte sich, was das für eine Frau gewesen
-und ob sie dieses Opfers auch wert sei. Das war allen
-gleich. Was war das auch für eine Liebe, und worauf war
-sie gegründet? Alles hatte im Kinderzimmer, wo sie
-»Vater und Mutter« spielten, begonnen; dann trennten
-sich ihre Wege; sie ist ja so leer, daß sie mit ihrem Mann
-vielleicht auch glücklich ist; er hat sich aber irgendeinen
-Fetzen aufgehoben und tötet sich dieses Fetzens wegen ...
-Das ist ja ganz gleich! Er ist <em>schön</em>, er ist allen <em>interessant</em>!
-Es ist so leicht und so süß, um ihn zu weinen.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Worte: hier ist niemand durch gesperrten
-Druck besonders hervorzuheben; alle spielen ihre Rollen
-mit gleichem Ernst und Talent, wie die Mitglieder der
-Meiningenschen Hoftruppe, die vor kurzem ganz Petersburg
-in Entzücken versetzt hat. Alles war mit so tiefem
-Ernst inszeniert!
-</p>
-
-<p>
-Die Engländerin, die ich vorhin erwähnte, stand uns
-doch sicher am fernsten. Saschas Tat mußte sie ja mit
-ganz anderen Augen betrachten, als die Varieté-Zigeunerinnen,
-die ihn beweinten; man könnte annehmen, daß
-sie sich die Sache nur ansehen und sich dann wieder in
-ihr Gehäuse zurückziehen würde. Aber nein: auch sie
-<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a>
-mußte ihren Pinselstrich dem allgemeinen Gemälde beisteuern.
-Sie schrieb Notizen über Rußland und machte
-die Sache sehr gründlich an Hand der bereits erschienenen
-Werke über unsere Heimat. Sie vervollständigte
-die von Anderen gemachten Beobachtungen über unsere
-Sitten durch ihre eigenen Wahrnehmungen. Den älteren
-Werken entnahm sie die Behauptung, daß »die Weiber
-nirgends so gemein behandelt werden wie in Moskowien«.
-Um die von ihr gemachte neue Wahrnehmung
-zu ergründen, wählte sie einen passenden Zeitpunkt und
-wandte sich an Saschas Vater selbst. Sie schrieb ihm einen
-sehr gemütvollen und höflichen Brief, in dem sie ihrem
-Mitgefühl Ausdruck gab und der großen Würde, mit der
-er und seine Gattin das schwere Leid trugen, hohe Bewunderung
-zollte. Zum Schluß richtete sie an ihn die
-Frage, wo sie ihre Erziehung genossen hätten, der sie
-diese würdigen Gefühle verdankten?
-</p>
-
-<p>
-Der Alte antwortete, daß seine Frau ein französisches
-Pensionat besucht hätte, während er selbst von einem
-Monsieur Ravel aus Paris erzogen worden sei.
-</p>
-
-<p>
-Die Engländerin fand dies sehr seltsam, die »Schlange«
-gab ihr aber die Aufklärung:
-</p>
-
-<p>
-»Wenn sie von einem Seminaristen erzogen worden
-wären, so hätten Sie wohl überhaupt keine Antwort bekommen.«
-</p>
-
-<p>
-Damals war man nämlich der Ansicht, daß alles Rohe
-und Plumpe aus den Priesterseminaren komme.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-17">
-XVII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Nun muß ich auch noch die kriminelle Seite der Angelegenheit
-erledigen. Ob das Geld wirklich gestohlen
-<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a>
-worden war oder nicht, jedenfalls wurde, wie Sie sich
-wohl erinnern, beschlossen, dem Polen seinen Verlust zu
-ersetzen. Auch dies hatte noch seine Fortsetzung.
-</p>
-
-<p>
-Außer den Regimentskameraden gab es noch einen
-freiwilligen Schuldner, und zwar einen sehr hartnäckigen
-&mdash; ich meine Saschas Vater. Den Polen kostete es
-große Mühe, das Geld, das er ihm unbedingt aufdrängen
-wollte, zurückzuweisen. Awgust Matwejitsch benahm
-sich in der ganzen Affäre überhaupt außerordentlich korrekt
-und vornehm, und wir hatten ihm auch nicht das
-Geringste vorzuwerfen. Niemand zweifelte mehr daran,
-daß er das Geld gehabt hatte und daß es verschwunden
-war. Warum hatte er denn sonst auf die ihm angebotene
-Zahlung verzichtet und was brauchte er überhaupt die
-ganze unangenehme Geschichte mit dem blutigen Ende?
-</p>
-
-<p>
-Die ganze Einwohnerschaft der Stadt, vor der wir unser
-nächtliches Erlebnis natürlich nicht geheim halten
-konnten, war der gleichen Ansicht; ein einziger Mensch
-sah aber die Sache doch ganz anders an und gab uns damit
-eine harte Nuß zu knacken.
-</p>
-
-<p>
-Es war der sonst wenig interessante, von mir schon
-einigemal erwähnte Zimmerkellner Marko. Er war nicht
-so leicht zu durchschauen: obwohl wir unsere Bekanntschaft
-mit Awgust Matwejitsch nur ihm zu verdanken
-hatten, stand er jetzt durchaus nicht auf seiner Seite, was
-er uns auch selbst gestand.
-</p>
-
-<p>
-»Ich bin bereit,« sagte er, »jede Kirchenbuße auf mich
-zu nehmen, weil ich Sie mit dem Herrn bekannt gemacht
-habe; jetzt glaube ich aber, daß es weniger meine Schuld
-als Gottes Wille war. Und Ihre ganze jetzige Sympathie
-für ihn beruht nur darauf, &mdash; nehmen Sie es mir nicht
-<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a>
-übel! &mdash; daß er nicht russischer Abstammung ist; er aber
-hat es verschuldet, daß unser Geschäft jetzt in schlechtem
-Rufe steht und daß die Polizei unsere Angestellten unter
-allen möglichen Vorwänden einsperrt und überall nach
-dem Gelde forscht ... Es ist nur Sünde und nichts als
-Sünde ...« schloß Marko und zog sich in seine finstere
-Kammer zurück, wo er einen mächtigen Heiligenschrein
-hatte, vor dem ein ewiges Lämpchen brannte.
-</p>
-
-<p>
-Marko tat uns irgendwie leid. Manchmal stand er
-stundenlang vor den Heiligenbildern und dachte über
-etwas nach.
-</p>
-
-<p>
-»Was denkst du immer, Marko?«
-</p>
-
-<p>
-Er zuckt die Achseln und antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Wie sollte ich nicht denken, meine Herren? So ein
-Unglück, so eine Schande ... eine Christenseele ist zugrunde
-gegangen!«
-</p>
-
-<p>
-Diejenigen, die mit ihm öfters sprachen, kamen zuerst
-auf einen neuen Gedanken, in den sie nach und nach
-auch die Anderen einweihten.
-</p>
-
-<p>
-»Marko ist ein einfacher Mensch,« pflegten sie zu
-sagen, »aus dem Bauernstande; ist aber klug und hat
-den gesunden Menschenverstand eines einfachen russischen
-Bauern.«
-</p>
-
-<p>
-»Und ist obendrein ehrlich.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, auch ehrlich. Sonst hätte ihm der Hotelbesitzer
-das Geschäft garnicht anvertraut. Er ist eben ein zuverlässiger
-Mensch.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ja, ja,« bestätigte der Pfarrer, den Rauch durch
-seinen breiten Bart blasend.
-</p>
-
-<p>
-»Er sieht die Dinge ganz einfach an und merkt darum
-manches, was wir nicht merken. Er beurteilt die Sache
-<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a>
-so: wozu hat der die ganze Sache eingebrockt? Das
-Geld will er ja nicht nehmen. Also braucht er das Geld
-gar nicht ...«
-</p>
-
-<p>
-»Es ist klar, daß er es nicht braucht, wenn er es nicht
-nimmt.«
-</p>
-
-<p>
-»Natürlich! Er hat ja das Ganze auch nicht des Geldes
-wegen eingebrockt ...«
-</p>
-
-<p>
-»Wozu denn sonst?«
-</p>
-
-<p>
-»Fragen Sie danach Marko und nicht mich.«
-</p>
-
-<p>
-Auch der Pfarrer sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ja, ja, wollen wir Marko hören.«
-</p>
-
-<p>
-»Und was sagt Marko?«
-</p>
-
-<p>
-»Marko sagt: traue dem Polen nicht.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum denn?«
-</p>
-
-<p>
-»Weil er eben Pole und Ketzer ist.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber erlauben Sie doch! Ketzer ist eine Sache für sich,
-und Dieb wieder eine Sache für sich. Die Polen sind ein
-Volk mit großer Ambition, und es ist nicht ganz anständig,
-von ihnen so zu denken.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber erlauben Sie, erlauben Sie!« unterbricht der
-von Marko inspirierte Kamerad: »Sie sagen: man darf
-von ihm nicht so denken; Sie wissen aber gar nicht, was
-für ein Denken ich meine ... Von einem Diebstahl ist
-nicht die Rede, nicht der geringste Verdacht liegt gegen
-ihn vor; der Pole hat aber das, was Sie vorhin selbst
-sagten: Ambition.«
-</p>
-
-<p>
-»Was für ein Interesse hat er dann, daß das Geld verschwunden
-sein soll?«
-</p>
-
-<p>
-»Was für ein Interesse er daran hat?«
-</p>
-
-<p>
-»Jawohl!«
-</p>
-
-<p>
-»Fällt Ihnen denn selbst gar nichts ein?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a>
-Alle dachten angestrengt nach: Was kann mir dazu
-einfallen?
-</p>
-
-<p>
-»Nein, uns fällt nichts ein.«
-</p>
-
-<p>
-»Das kommt eben davon, daß Ihre Köpfe mit Adel
-vollgestopft sind. Der einfache russische Bauer sieht aber,
-was der Pole will.«
-</p>
-
-<p>
-»Nun was will er denn? Sagen Sie es einmal, es geht
-uns doch alle an!«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, es geht uns alle an ... Es liegt im Interesse seiner
-Heimat, uns diese Schande anzutun.«
-</p>
-
-<p>
-»Mein Gott!«
-</p>
-
-<p>
-»Selbstverständlich! Nun kann er überall verbreiten,
-daß in der Gesellschaft russischer Offiziere ein gemeiner
-Diebstahl möglich ist ..«
-</p>
-
-<p>
-»Wenn es sich so verhält, wie Sie es meinen ...«
-</p>
-
-<p>
-»Natürlich verhält es sich so!«
-</p>
-
-<p>
-»Hol ihn der Teufel!«
-</p>
-
-<p>
-»Was für ein tückisches Volk die Polen doch sind!«
-</p>
-
-<p>
-Auch der Pfarrer war der gleichen Ansicht und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ja, ja!«
-</p>
-
-<p>
-Wir überlegten uns die Sache noch weiter und kamen
-zum Entschluß, daß man Markos Kombination auch dem
-Kommandeur mitteilen müsse; man dürfe ihm aber nicht
-verraten, daß die Idee von Marko stamme, weil es den
-Eindruck abschwächen könnte; man müsse sich vielmehr
-auf eine andere Quelle von größerer Autorität und geringerer
-Verantwortlichkeit berufen.
-</p>
-
-<p>
-»Jemand hat es im Wirtshaus beim Billardspiel erzählt
-...«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, das klingt nicht gut. Der Oberst wird darauf
-sagen: Sie haben so etwas gehört und sind nicht eingeschritten?
-<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a>
-So einen Kerl hätten Sie doch auf der Stelle
-verhaften müssen!«
-</p>
-
-<p>
-»Man muß eben etwas anderes ausdenken.«
-</p>
-
-<p>
-»Was denn?«
-</p>
-
-<p>
-Hier half uns der Pfarrer:
-</p>
-
-<p>
-»Sie sagen einfach, daß Sie es im Dampfbade gehört
-haben.«
-</p>
-
-<p>
-Dieser Vorschlag gefiel allen. Das war ja in der Tat
-klug erdacht: das Dampfbad ist ein öffentlicher Ort, da
-reden und schreien alle durcheinander, und alle sind
-nackt. Wer hat es gesagt? &mdash; Geh einer hin und stelle es
-fest; da müßte man doch alle verhaften, denn im Dampfbade
-sind alle Menschen nackt und gleich.
-</p>
-
-<p>
-Man nahm diesen Vorschlag an und ersuchte den
-Pfarrer, ihn auch auszuführen.
-</p>
-
-<p>
-Der Pfarrer ging am nächsten Tag zum Obersten und
-erzählte es ihm.
-</p>
-
-<p>
-Der Oberst zeigte für das Gerücht Interesse und
-sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Das Schlimmste dabei ist, daß es schon zu einem
-allgemeinen Gerede geworden ist ... Selbst im Bade
-sprechen die Leute schon davon.«
-</p>
-
-<p>
-Der Pfarrer fiel ein:
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ja, ja! Ich habe es selbst im Bade gehört.«
-</p>
-
-<p>
-»Und Sie konnten wirklich nicht feststellen, wer das
-gesagt hat?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, ich konnte es beim besten Willen nicht.«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist sehr schade.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja ... Ich hätte es selbst gerne festgestellt, konnte
-es aber nicht, weil im Bade alle Menschen gleich sind.
-Uns geistliche Personen kann man noch einigermaßen
-<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a>
-unterscheiden, weil wir zwar Männer sind, aber Zöpfe
-tragen. Doch die anderen Menschen sehen einander vollkommen
-gleich.«
-</p>
-
-<p>
-»Sie hätten ja den, der es gesagt hat, bei der Hand
-packen können.«
-</p>
-
-<p>
-»Bedenken Sie doch, ein eingeseifter Mensch kann
-mir leicht entschlüpfen! Außerdem befand ich mich gerade
-auf der obersten Dampfbank und konnte den Betreffenden
-nicht einmal mit der Hand erreichen.«
-</p>
-
-<p>
-»Na ja, &mdash; wenn Sie ihn nicht erreichen konnten, so
-ist eben nichts zu machen ... Nun glaube ich, das Beste
-wäre, die Sache jetzt auf sich beruhen zu lassen ... Es
-ist ja schon einige Zeit verstrichen, und der Pole hat
-uns das Wort gegeben, nach einem Jahre wieder herzukommen
-... Ich glaube, daß er sein Wort halten wird.
-Sagen Sie mir jetzt bitte folgendes: was halten Sie, als
-Geistlicher, von den Träumen? Sind die Träume Unsinn
-oder nicht?«
-</p>
-
-<p>
-Der Pfarrer antwortete:
-</p>
-
-<p>
-»Das hängt von den Überzeugungen ab ...«
-</p>
-
-<p>
-»Von was für Überzeugungen?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, ich wollte etwas anderes sagen ... Es gibt
-Träume, die von Gott kommen und den Menschen erleuchten;
-es gibt auch natürliche Träume, die von der
-Verdauung kommen; es gibt auch verderbliche Träume,
-und diese sind vom Bösen.«
-</p>
-
-<p>
-»So ist es eben,« antwortete der Oberst. »Aber das
-ist wohl noch nicht alles. Wo würden Sie folgenden
-Traum einreihen: Meine Frau ist, wie Sie wissen, jung,
-und der verstorbene Kornett war ihr Vetter und Jugendfreund;
-sein Tod hat sie daher sehr erschüttert und abergläubisch
-<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a>
-gemacht. Außerdem ist unser Kind gestorben.
-Kurz vorher hatte sie aber einen Traum.«
-</p>
-
-<p>
-»Was Sie nicht sagen!«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ja, ja. Was die Träume betrifft, so beurteilt sie
-diese so, wie Sie eben sagten. Ich stehe nicht auf diesem
-Standpunkte, will aber dem auch nicht widersprechen.
-Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß man
-schlechte Träume hat, wenn man spät zu Abend ißt;
-solche Träume kommen offenbar vom Magen.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, vom Magen«, stimmte der Pfarrer zu. »Die meisten
-Träume kommen vom Magen.« Der Oberst ließ ihn aber
-noch nicht los.
-</p>
-
-<p>
-»Jawohl«, fuhr der Oberst fort, »das ist eben die
-Sache, daß sie keinen Traum, sondern eine Vision gehabt
-hat ...«
-</p>
-
-<p>
-»Was, eine Vision?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, eine Vision: sie sieht und hört es nicht im
-Schlafe und nicht mit geschlossenen Augen, sondern im
-Wachen ...«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist seltsam.«
-</p>
-
-<p>
-»Sehr seltsam, &mdash; umsomehr, als sie ihn noch nie gesehen
-hat!«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ja, ja ... Wen hat sie nicht gesehen?«
-</p>
-
-<p>
-»Den Polen natürlich!«
-</p>
-
-<p>
-»Ach so! .. ja, ja, ja! Ich verstehe.«
-</p>
-
-<p>
-»Meine Frau hat ihn niemals gesehen, weil sie während
-jenes unglücklichen Ereignisses zu Bett lag. Sie konnte
-nicht einmal von der Leiche des Unglücklichen Abschied
-nehmen, &mdash; wir verheimlichten vor ihr seinen Tod, damit
-ihr die Milch nicht in den Kopf steige.«
-</p>
-
-<p>
-»Behüte Gott!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a>
-»Gewiß ... Natürlich wäre schon der Tod besser als
-das ... Es ist wohl Wahnsinn. Aber denken Sie sich nur:
-er verfolgt sie auf Schritt und Tritt!«
-</p>
-
-<p>
-»Der Verstorbene?«
-</p>
-
-<p>
-»Aber nein &mdash; der Pole! Ich bin jetzt sogar sehr froh,
-daß Sie mich nach dem Bade aufgesucht haben und ich
-mit Ihnen darüber sprechen kann ... Vielleicht können
-Sie mir dazu auf Grund Ihrer geistlichen Praxis etwas
-sagen.«
-</p>
-
-<p>
-Und der Oberst erzählte dem Pfarrer, daß unsere
-junge, rosige Kommandeuse immer den Polen vor sich
-sehe ... Sie schildere unseren Awgust Matwejitsch wie
-er leibt und lebt, und er komme ihr wie eine altmodische
-englische Standuhr vor ...
-</p>
-
-<p>
-Als der Pfarrer das hörte, sprang er förmlich auf.
-</p>
-
-<p>
-»Das ist ja einfach unglaublich!« rief er aus: »Alle
-Offiziere nennen ihn ja &sbquo;die Standuhr&lsquo;!«
-</p>
-
-<p>
-»Darum erzähle ich es eben, weil es so unglaublich
-ist! Stellen Sie sich nun vor, daß wir in unserm Salon
-just eine solche altmodische Standuhr, obendrein eine
-mit einem Glockenspiel stehen haben; wenn man sie
-aufzieht, so hört das Bimmeln gar nicht auf. Meine
-Frau fürchtet sich sogar, in der Dämmerung durch den
-Salon zu gehen. Wir können aber die Uhr nirgends
-fortschaffen; sie soll auch sehr wertvoll sein, und meine
-Frau hat sie jetzt auch selbst lieb gewonnen.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum eigentlich?«
-</p>
-
-<p>
-»Sie sinnt gerne ... sie glaubt, im Pendelschlag etwas zu
-hören ... Sie hört darin immer die Worte: &sbquo;Ich &mdash; such! &mdash;
-Ich &mdash; such!&lsquo; Jawohl! Sie fühlt sich dadurch irgendwie
-angezogen und hat zugleich unheimliche Angst ... Sie
-<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a>
-schmiegt sich immer an mich und will, daß ich sie in
-den Armen halte. Ich glaube sogar, daß sie wieder in
-Umständen ist.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ja ... das ist ja bei einer verheirateten Frau wohl
-möglich ... Sogar sehr möglich!« platzte der Pfarrer
-heraus. Mit diesen Worten lief er davon und kam zu uns,
-so verschwitzt, wie wenn er tatsächlich aus dem Dampfbade
-käme. Er erzählte uns alles in einem Zug, ersuchte
-uns aber, alles geheim zu halten.
-</p>
-
-<p>
-Der Verlauf seiner Unterredung mit dem Obersten
-gefiel uns übrigens nicht. Wir waren der Ansicht, daß
-der Oberst der ihm mitgeteilten Entdeckung nicht die
-gebührende Beachtung geschenkt und sie auf eine ganz
-unpassende Weise mit seinen eigenen Eheangelegenheiten
-in Verbindung gebracht habe.
-</p>
-
-<p>
-Einer von uns, ein Kleinrusse, fand dafür sofort eine
-Erklärung.
-</p>
-
-<p>
-»Die Mutter des Obersten«, sagte er, »heißt Veronika
-Stanislawowna.«
-</p>
-
-<p>
-Die anderen fragten ihn:
-</p>
-
-<p>
-»Was wollen Sie damit sagen?«
-</p>
-
-<p>
-»Nichts weiter, als daß seine Mutter Veronika Stanislawowna
-heißt.«
-</p>
-
-<p>
-Man deutete es natürlich in dem Sinne, daß die Mutter
-des Obersten Polin sei und er daher ungern derartige
-Ansichten über die Polen höre.
-</p>
-
-<p>
-Unsere Offiziere beschlossen, den Obersten gänzlich
-aus dem Spiele zu lassen, und wählten einen Kameraden,
-der imstande war, jeden beliebigen Menschen tätlich zu
-beleidigen. Dieser Kamerad nahm Urlaub und begab
-sich auf die Suche nach Awgust Matwejitsch, um ihn zu
-<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a>
-zwingen, das Geld anzunehmen; im Falle er die Annahme
-verweigern sollte, würde er ihn aber ins Gesicht
-schlagen.
-</p>
-
-<p>
-Er hätte diesen Beschluß auch sicher ausgeführt, wenn
-er ihn gefunden hätte. Nach der Fügung des Himmels
-kam es aber ganz anders.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-4-18">
-XVIII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-An einem heißen Tag Ende Mai kam ganz unerwartet
-Awgust Matwejitsch in eigener Person angefahren. Er
-lief schnell die Treppe hinauf und rief:
-</p>
-
-<p>
-»He, Marko!«
-</p>
-
-<p>
-Marko, der in seiner Kammer war, wo er wohl vor den
-Heiligenbildern betete, kam sofort herausgesprungen.
-</p>
-
-<p>
-»Awgust Matwejitsch«, ruft er: »nun sind Sie endlich
-wieder einmal hier!«
-</p>
-
-<p>
-Jener aber antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Ja, mein Lieber, ich bin wieder hier. Und du, Schurke,
-gießt noch immer deine Kirchenglocken und verbreitest,
-damit sie besser läuten, unsinnige Gerüchte über anständige
-Menschen?«
-</p>
-
-<p>
-Und mit diesen Worten schlägt er ihn ins Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Marko fällt um und schreit:
-</p>
-
-<p>
-»Was ist denn das? .. Wofür? ..«
-</p>
-
-<p>
-Wir alle, die gerade zu Hause waren, sprangen aus
-unseren Zimmern heraus und wollten schon für Marko
-eintreten. Was hat er denn für ein Recht, Marko zu
-schlagen: Marko ist ja so ehrlich!
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch aber sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Ich bitte Sie, einen Augenblick zu warten: mir folgen
-auf dem Fuße noch andere Gäste, in deren Gegenwart
-<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a>
-ich Ihnen seine Ehrlichkeit beweisen werde. Ich bitte Sie
-nur, ihn nicht anzurühren, damit ich ihn für keinen
-Augenblick aus den Augen verliere.«
-</p>
-
-<p>
-Wir traten etwas zurück, und im nächsten Augenblick
-kam schon die Polizei.
-</p>
-
-<p>
-Awgust Matwejitsch wandte sich an die Beamten und
-sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Wollen Sie ihn verhaften: ich übergebe Ihnen hiermit
-einen völlig überführten Dieb, und hier sind die
-Beweise.«
-</p>
-
-<p>
-Und er legte eine Bestätigung vor, aus der hervorging,
-daß die Glockengießerei von Marko eine Banknote erhalten
-hatte, deren Nummer mit einer der Banknoten,
-die Awgust Matwejitsch am Tage vor dem Diebstahl
-ausbezahlt bekam, übereinstimmte.
-</p>
-
-<p>
-Marko fiel in die Knie und gestand, wie die Sache
-war. Awgust Matwejitsch hatte gleich nach seiner Ankunft
-die Banknoten aus der Tasche genommen und unter
-das Kopfkissen gesteckt. Diesen Umstand hatte er später
-vergessen und sich eingebildet, das Geld befinde sich
-noch in seiner Rocktasche. Als Marko ihm das Bett
-machte, fand er das Geld und eignete es sich an, in der
-Hoffnung, daß es ihm gelingen würde, jemand anderen
-in die Sache zu verwickeln, was ihm, wie wir gesehen
-haben, auch wirklich gelang. Um seine Sünde vor Gott
-wieder gutzumachen, bestellte er zu der bereits vorher
-angeschafften Kirchenglocke noch ein ganzes abgestimmtes
-Glockenspiel, das er mit einer der gestohlenen Banknoten
-bezahlte.
-</p>
-
-<p>
-Die übrigen Banknoten fand man auch sofort im Kasten
-unter dem Heiligenschreine.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a>
-Und nun begannen bei uns unsere eigenen »Glocken
-von Corneville« zu läuten. Alle schlugen die Hände
-über den Köpfen zusammen, weinten dem unglücklichen
-Sascha noch eine Träne nach und beschlossen zuletzt, die
-erfreuliche Entdeckung gebührend zu feiern.
-</p>
-
-<p>
-Alle waren Awgust Matwejitsch dankbar, und der
-Kommandeur veranstaltete, um ihm seinen Dank und
-seine Achtung zu zeigen, einen großen Abend ihm zu
-Ehren, zu dem er den ganzen Adel einlud. Selbst seine
-Mutter, die bereits erwähnte Veronika &mdash; sie war schon
-in den Siebzigern &mdash; kam zu dieser Festlichkeit gefahren;
-es stellte sich aber heraus, daß sie gar nicht »Stanislawowna«
-sondern Veronika »Wassiljewna« hieß; auch
-stammte sie aus dem geistlichen Stande und war die
-Tochter eines Protopopen; der Name »Veronika« kommt
-aber auch im russischen Kalender vor. Warum man sie
-vorher für eine »Stanislawowna« gehalten hatte, blieb
-unaufgeklärt.
-</p>
-
-<p>
-Die Kommandeuse zeichnete Awgust Matwejitsch ganz
-besonders aus: sie stand auf, ging ihm entgegen und
-reichte ihm beide Hände; er bat sie, ihm seine »polnische
-Manier« zu entschuldigen, und küßte ihr beide Hände.
-Am nächsten Tage schickte er ihr aber einen Brief in
-französischer Sprache, in dem er ihr sagte, daß er das
-Geld gar nicht des Geldes wegen, sondern nur der Ehre
-wegen gesucht habe ... Obwohl es nun gefunden worden
-sei, wolle er es nicht annehmen, »weil daran Blut
-klebe«. Und er bat die Frau Oberst, ihm die Gnade
-zu erweisen und mit diesem Gelde ein armes kleines
-Waisenmädchen groß zu ziehen, das er ausfindig gemacht
-habe; es sei just in derselben Nacht zur Welt
-<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a>
-gekommen, in der Sascha aus dem Leben geschieden.
-»Vielleicht wohnt in dem Kinde seine Seele.«
-</p>
-
-<p>
-Die junge Kommandeuse war sehr gerührt und erklärte
-sich bereit, das Kind anzunehmen. Awgust
-Matwejitsch überbrachte es ihr persönlich in einem sauberen
-weißen, mit Tüll und weißen Bändern garnierten
-Korbe.
-</p>
-
-<p>
-»Der schlaue Pole!« Alle beneideten ihn, daß er es in
-einer so schönen, zarten und einschmeichelnden Form
-einzurichten verstand. Ja, dieser Mystiker!
-</p>
-
-<p>
-Sie soll beim Abschied von ihm geweint haben; wir
-aber verabschiedeten uns von ihm unter Trinksprüchen
-und Schmollistrinken im Wäldchen vor der Stadt. Das
-war ganz zufällig gekommen: wir zechten gerade draußen,
-als er vorbeifuhr. Wir entschuldigten uns zuvor, zogen
-ihn dann vom Wagen, tranken ohne Ende und erzählten
-ihm ganz aufrichtig, was für eine schlechte Meinung wir
-von ihm gehabt hatten.
-</p>
-
-<p>
-»Erzähle uns nun, wie du das so eingerichtet hast!«
-drangen wir in ihn.
-</p>
-
-<p>
-Er sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe gar nichts eingerichtet, meine Herren, es ist
-alles ganz von selbst so gekommen ...«
-</p>
-
-<p>
-»Mache keine Ausflüchte«, sagten wir ihm, »du bist ja
-Pole, und wir können dir daraus keinen Vorwurf machen.
-Wie hast du es aber fertig gebracht, ein Kind zu finden,
-das just in der Nacht auf die Welt kam, in der Sascha
-gestorben ist, so daß es das gleiche Alter hat wie das
-verstorbene Kind der Kommandeuse? ..«
-</p>
-
-<p>
-Der Pole lachte:
-</p>
-
-<p>
-»Meine Herren, wie habe ich das einrichten können?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a>
-»Das ist es eben! Ihr Polen seid so fein, daß sich der
-Teufel in euch auskennt!«
-</p>
-
-<p>
-»Glauben Sie mir: ich höre heute zum erstenmal, ich
-sei so fein, daß ich mich selbst nicht sehe. Lassen Sie
-mich aber weiterfahren, sonst spannt der Postkutscher,
-wie es seine Pflicht ist, die Pferde aus.«
-</p>
-
-<p>
-Wir ließen von ihm ab, halfen ihm in den Wagen
-und riefen dem Kutscher zu: »Los!«
-</p>
-
-<p>
-Er versuchte, sich vor uns möglichst graziös zu verbeugen,
-die Pferde zogen aber in diesem Augenblick an,
-und er verbeugte sich höchst zweideutig mit dem Rücken.
-So endete unsere traurige Geschichte. Sie finden darin
-keine Ideen, die irgendeine Beachtung verdienten; ich
-erzählte sie nur, weil sie mir interessant erscheint. Vor
-Zeiten war es so, daß jede noch so unbedeutende Sache
-leicht zu etwas Großem und Interessantem anwachsen
-konnte. Heute ist es aber umgekehrt: eine Geschichte
-läßt sich Gott weiß wie groß an; wie sie aber den Leuten
-in die Hände kommt, wird sie immer kleiner und kleiner,
-bis von ihr schließlich nichts mehr zurückbleibt ... Gar
-mancher fängt zu lieben an und gibt es plötzlich auf,
-weil es ihm zu langweilig wird. Worauf mag das beruhen?
-Ich glaube, daß es viele Gründe hat. Und ist nicht einer
-der Hauptgründe unsere Gleichgültigkeit gegen das, was
-man <em>persönliche Ehre</em> nennt?
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-5">
-<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a>
-DIE LADY MAKBETH
-DES
-MZENSKER LANDKREISES
-</h2>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-1">
-<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a>
-I
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">I</span>n unserer Gegend kommen manchmal so seltsame
-Charaktere vor, daß man sich ihrer nicht ohne tiefste
-Erschütterung erinnern kann, selbst wenn schon viele
-Jahre nach der letzten Begegnung mit ihnen vergangen
-sind. Zu solchen Charakteren zählte die Kaufmannsfrau
-Katerina Lwowna Ismajlowa, die einst im Mittelpunkte
-eines grauenhaften Dramas gestanden hatte und bei
-unseren Gutsbesitzern unter dem treffenden Namen
-»Lady Makbeth des Mzensker Landkreises« bekannt war.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna war nicht, was man eine Schönheit
-nennt, doch von angenehmem Äußeren. Sie war erst vierundzwanzig
-Jahre alt, nicht sehr groß, doch schlank, hatte
-einen wie aus Marmor gemeißelten Hals, rundliche Schultern,
-einen prallen Busen, eine gerade, feine Nase, schwarze
-lebhafte Augen, eine hohe weiße Stirne und schwarzes,
-sogar blauschwarzes Haar. Man verheiratete sie mit einem
-Landsmann, dem Kaufmann Ismajlow aus Tuskarj im
-Kursker Gouvernement. Sie fühlte zwar keine Neigung
-zu ihm; Ismajlow hatte aber den Antrag gemacht, und
-sie durfte als armes Mädchen nicht wählerisch sein. Die
-Ismajlows waren in unserer Gegend angesehen: sie betrieben
-einen großen Mehlhandel, hatten auf dem Lande
-eine große Mühle in Pacht, einen einträglichen Garten vor
-der Stadt und ein schönes Haus in der Stadt und gehörten
-zu den wohlhabendsten Kaufleuten. Die Familie war
-<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a>
-obendrein nicht zu groß und bestand nur aus dem Schwiegervater
-Boris Timofejitsch Ismajlow, der schon an die
-achtzig Jahre alt und seit langem verwitwet war, seinem
-Sohn Sinowij Borissowitsch, Katerinas Mann, der auch
-nicht mehr jung &mdash; über fünfzig &mdash; war, und Katerina
-Lwowna selbst. Nach fünfjähriger Ehe hatte Katerina
-Lwowna noch immer kein Kind; Sinowij Borissowitsch
-hatte auch von seiner ersten Frau, mit der er zwanzig
-Jahre gelebt hatte, bevor er Katerina Lwowna heiratete,
-keine Kinder. Er hatte gehofft, daß Gott ihm wenigstens
-in seiner zweiten Ehe Kinder schenken würde, die seine
-Firma und sein Kapital erben könnten; er hatte aber auch
-mit Katerina Lwowna kein Glück.
-</p>
-
-<p>
-Die Kinderlosigkeit machte Sinowij Borissowitsch
-großen Kummer, und nicht nur ihm allein, sondern auch
-dem alten Boris Timofejitsch; auch Katerina Lwowna
-selbst war darüber sehr traurig. Die tödliche Langweile
-in dem verschlossenen Kaufmannshause mit dem hohen
-Zaun und den bösen Kettenhunden machte die junge
-Kaufmannsfrau oft erstarren, so daß sie Gott weiß wie
-froh gewesen wäre, wenn sie ein Kindchen zu pflegen
-gehabt hätte; dann hatte sie auch die ewigen Vorwürfe
-satt: »Warum bist du diese Ehe eingegangen, warum
-hast du dem Menschen sein Schicksal gebunden, du Unfruchtbare?!«
-Als ob sie tatsächlich ein Verbrechen an
-ihrem Manne, am Schwiegervater und am ganzen ehrbaren
-Kaufmannsgeschlecht begangen hätte!
-</p>
-
-<p>
-Bei allem Reichtum war das Leben Katerina Lwownas
-im Hause des Schwiegervaters öde und traurig. Sie kam
-fast nie aus dem Hause, und selbst wenn sie mit ihrem
-Manne irgendwo in Kaufmannsfamilien Besuch machte,
-<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a>
-hatte sie wenig Freude daran. Es waren lauter strenge
-Leute, die immer beobachteten, wie sie saß, wie sie ging,
-wie sie stand. Katerina Lwowna hatte aber einen feurigen
-Charakter und war als Mädchen ein freies Leben gewohnt;
-einst durfte sie mit den Eimern zum Fluß laufen, im Hemd
-am Landungssteg baden oder einen vorbeigehenden Burschen
-über die Gartenpforte mit Schalen von Sonnenblumenkernen
-überschütten; hier ist aber alles anders.
-Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller <a id="corr-21"></a>Herrgottsfrühe
-auf, trinken um sechs Uhr Tee und gehen gleich
-an ihre Geschäfte. Sie aber wandert von Zimmer zu Zimmer.
-Überall ist es so rein, so still und so leer, vor den
-Heiligenbildern brennen die Lämpchen, und im ganzen
-Hause ist kein lebender Ton, keine menschliche Stimme.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna irrt eine Zeitlang durch die leeren
-Zimmer, beginnt vor Langweile zu gähnen und geht die
-Stiege in das eheliche Schlafzimmer im Mezzanin hinauf.
-Sie sitzt da, schaut zum Fenster hinaus, wie man vor den
-Speichern den Hanf aufhängt oder das Mehl in Säcke
-füllt; sie muß wieder gähnen und freut sich, daß sie eine
-oder zwei Stunden schlafen kann. Und wenn sie erwacht,
-überkommt sie wieder die Langweile des altrussischen
-Kaufmannshauses, vor der man sich, wie es heißt, mit
-Freuden erhängt. Katerina Lwowna fand auch am Lesen
-keine Freude, und im Hause gab es keine Bücher außer
-dem Kiewer Heiligenbuch.
-</p>
-
-<p>
-So öde war das Leben Katerina Lwownas in dem reichen
-Hause, in dem sie nun schon fünf Jahre an der Seite eines
-lieblosen Gatten lebte. Aber, wie es so immer geht, niemand
-schenkte ihrer Langweile auch nur die geringste
-Beachtung.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-2">
-<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a>
-II
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Im Frühjahr des sechsten Jahres nach Katerina Lwownas
-Verheiratung gab es auf der Ismajlowschen Mühle ein
-Unglück: das Hochwasser hatte den Damm durchbrochen.
-Die Mühle hatte gerade viel Arbeit, und der Schaden war
-sehr groß: das Wasser kam unter den Lauftrog des leeren
-Gerinnes und ließ sich nicht wieder einfangen. Sinowij
-Borissowitsch trieb die Leute aus der ganzen Umgegend
-zusammen und überwachte Tag und Nacht die Arbeiten;
-die Geschäfte in der Stadt versah der Alte, und Katerina
-Lwowna war tagelang allein zu Hause. Als sie ohne Mann
-geblieben war, fühlte sie anfangs noch größere Langweile;
-dieser Zustand gefiel ihr aber mit der Zeit nicht schlecht;
-sie konnte freier aufatmen. Sie hatte ihn ja niemals geliebt,
-nun hatte sie wenigstens einen Aufseher weniger.
-</p>
-
-<p>
-Einmal saß sie in ihrem Mezzanin am Fenster, gähnte,
-dachte an nichts Bestimmtes und schämte sich zuletzt,
-immer so zu gähnen. Draußen war aber der herrlichste
-Tag: warm, heiter, lustig, und durch das grüne Holzgitter
-des Gartens waren flinke Vöglein zu sehen, die von Zweig
-zu Zweig hüpften.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Warum gähne ich so? &mdash; fragte sich Katerina Lwowna.
-&mdash; Ich will einmal aufstehen und in den Hof oder in den
-Garten gehen. &mdash;
-</p>
-
-<p>
-Sie warf sich einen alten Pelzumhang um und ging
-hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Unten auf dem Hofe ist es so hell, die Luft ist so erfrischend,
-und auf der Galerie bei den Speichern schallt
-lustiges Gelächter.
-</p>
-
-<p>
-»Was freut ihr euch so?« fragte Katerina Lwowna die
-Angestellten des Schwiegervaters.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a>
-»Wir haben eben ein lebendes Schwein gewogen,«
-antwortete ihr der alte Verwalter.
-</p>
-
-<p>
-»Was für ein Schwein?«
-</p>
-
-<p>
-»Das Schwein Aksinja, das den Sohn Wassilij geboren
-und uns zur Taufe nicht eingeladen hat,« berichtete ihr
-frech und lustig ein Bursche mit kühnem, hübschem Gesicht,
-pechschwarzen Locken und einem kaum sprossenden
-Bärtchen.
-</p>
-
-<p>
-Aus dem Mehlkübel, der am Wagbalken angehängt
-war, sah in diesem Augenblick das dicke rotbackige Gesicht
-der Köchin Aksinja heraus.
-</p>
-
-<p>
-»Verdammte Teufel!« fluchte die Köchin, indem sie
-nach dem eisernen Wagbalken griff und sich Mühe gab,
-aus dem hin- und herpendelnden Kübel herauszukriechen.
-</p>
-
-<p>
-»Acht Pud wiegt sie vor dem Essen, und wenn sie zu
-Mittag ein Fuder Heu gefressen hat, so langen die Gewichte
-nicht!« erklärte der gleiche hübsche Bursche. Mit diesen
-Worten drehte er den Kübel um und warf die Köchin
-auf die in der Ecke geschichteten Säcke.
-</p>
-
-<p>
-Die Köchin fluchte noch immer, eigentlich mehr im
-Scherz, und zupfte sich das Kleid zurecht.
-</p>
-
-<p>
-»Nun, und wieviel wiege ich?« fragte Katerina Lwowna.
-Sie stieg auf das Brett und hielt sich an den Stricken fest.
-</p>
-
-<p>
-»Drei Pud sieben Pfund,« antwortete der hübsche
-Bursche Ssergej, nachdem er die Gewichte nachgezählt
-hatte. »Ein Wunder!«
-</p>
-
-<p>
-»Was wunderst du dich so?«
-</p>
-
-<p>
-»Daß Sie über drei Pud wiegen, Katerina Lwowna.
-Ich glaube, daß ich Sie den ganzen Tag auf den Armen
-herumtragen könnte, ohne dabei müde zu werden. Ich
-würde es sogar für das größte Vergnügen ansehen.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a>
-»Bin ich denn etwa kein Mensch? Würdest wohl müde
-werden!« erwiderte leicht errötend Katerina Lwowna,
-die solche Reden nicht mehr gewohnt war und plötzlich
-das Verlangen fühlte, lustig zu plaudern und zu scherzen.
-</p>
-
-<p>
-»Gott behüte! Ich würde Sie bis nach dem glückseligen
-Arabien tragen,« antwortete Ssergej auf ihre Bemerkung.
-</p>
-
-<p>
-»Du redest Unsinn,« sagte der Bauer, der das Getreide
-aufschüttete. »Was ist unsere Schwere? Ist es denn unser
-Körper, der was wiegt? Unser Körper, mein Lieber, wiegt
-nicht, es ist nur unsere Kraft, die uns zur Erde zieht, und
-nicht der Körper!«
-</p>
-
-<p>
-»Als Mädchen hatte ich eine große Kraft,« sagte Katerina
-Lwowna, die sich wieder nicht beherrschen konnte.
-»Mancher Mann konnte mich nicht niederringen!«
-</p>
-
-<p>
-»Erlauben Sie mal Ihr Händchen, wenn das wahr ist,«
-bat der hübsche Bursche.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna errötete wieder, reichte ihm aber
-die Hand.
-</p>
-
-<p>
-»Laß los, es tut weh!« schrie Katerina Lwowna auf,
-als Ssergej ihre Hand in der seinigen zusammendrückte.
-Mit der freien Hand stieß sie ihn vor die Brust.
-</p>
-
-<p>
-Der Bursche ließ ihre Hand los und taumelte vor
-ihrem Stoß einige Schritte zur Seite.
-</p>
-
-<p>
-»Und das will ein Frauenzimmer sein!« wunderte sich
-der Bauer.
-</p>
-
-<p>
-»Nein, nicht so! Wollen wir einmal richtig ringen?«
-sagte Ssergej, seine Locken schüttelnd.
-</p>
-
-<p>
-»Nun, versuch&rsquo;s,« antwortete Katerina Lwowna, immer
-lustiger werdend, und hob die Ellenbogen.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej umschlang die junge Frau und drückte ihre
-<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a>
-pralle Brust an sein rotes Hemd. Katerina Lwowna rührte
-nur die Schultern, Ssergej hatte sie aber schon in die
-Höhe gehoben, hielt sie eine Weile in den Armen, drückte
-sie zusammen und setzte sie zuletzt auf einen umgekehrten
-Scheffel.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna hatte nicht einmal Zeit gehabt, ihre
-Kraft, mit der sie so prahlte, zu zeigen. Über und über
-rot, zupfte sie den Pelzumhang, der ihr von der Schulter
-geglitten war, zurecht und ging langsam aus dem Speicher.
-Ssergej räusperte sich aber und rief:
-</p>
-
-<p>
-»He, ihr Esel! Schüttet das Getreide auf, schont die
-Arme nicht! Wenn was übrig bleibt, so ist&rsquo;s unser Verdienst!«
-</p>
-
-<p>
-Er tat so, als hätte auf ihn der Ringkampf mit Katerina
-Lwowna nicht den geringsten Eindruck gemacht.
-</p>
-
-<p>
-»Dieser Ssergej ist ein verdammter Mädchenjäger!«
-berichtete die Köchin Aksinja, ihrer Herrin nachgehend.
-»Alles an ihm ist gleich schön: der Wuchs, das Gesicht,
-die Gestalt. Er kann jedes Frauenzimmer betören und
-zur Sünde verführen. Dabei ist er ein untreuer, gemeiner
-Kerl!«
-</p>
-
-<p>
-»Sag einmal, Aksinja,« sagte die junge Frau, vor der
-Köchin hergehend, »lebt dein Kind noch?«
-</p>
-
-<p>
-»Es lebt, Mütterchen, es lebt, was soll ihm geschehen?
-Wenn man ein Kind nicht braucht, so ist es immer zählebig.«
-</p>
-
-<p>
-»Wo hast du nur das Kind her?«
-</p>
-
-<p>
-»Ach, man kriegt es leicht, wenn man unter Menschen
-lebt.«
-</p>
-
-<p>
-»Ist dieser Bursche schon lange bei uns?«
-</p>
-
-<p>
-»Welcher? Meinen Sie Ssergej?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a>
-»Ja.«
-</p>
-
-<p>
-»An die vier Wochen. Vorher war er bei den Kontschonows
-in Stellung, wurde aber hinausgejagt.« Aksinja
-fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Man sagt, er hätte
-dort mit der Hausfrau selbst angebandelt, darum hat ihn
-auch der Herr hinausgejagt ... Er ist so furchtbar frech,
-der Verruchte!«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-3">
-III
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Eine warme milchweiße Dämmerung schwebte über
-der Stadt. Sinowij Borissowitsch war noch immer nicht
-von der Mühle heimgekehrt. Auch der Schwiegervater
-Boris Timofejewitsch war nicht zu Hause: er war zu
-einem alten Freund zum Namenstag gefahren und hatte
-angesagt, daß man ihn zum Abendessen nicht erwarten
-solle. Katerina Lwowna aß früh zu Abend, stand dann
-wieder am Fenster ihres Schlafzimmers, lehnte sich mit
-der Wange an den Pfosten und knackte Sonnenblumenkerne.
-Die Leute hatten eben in der Küche genachtmahlt
-und begaben sich zur Ruhe: der eine in die Tenne, der
-andere in den Speicher, der dritte auf den duftenden
-Heuboden. Als letzter kam aus der Küche Ssergej. Er
-schlenderte durch den Hof, ließ die Kettenhunde los,
-pfiff ein Liedchen, ging am Fenster Katerina Lwownas
-vorbei, blickte zu ihr hinauf und verneigte sich vor ihr.
-</p>
-
-<p>
-»Guten Abend,« sagte Katerina Lwowna leise von
-ihrem Fenster herab, und auf dem Hofe wurde es plötzlich
-so still wie in einer Wüste.
-</p>
-
-<p>
-»Gnädige Frau!« tönte es zwei Minuten später vor
-der versperrten Türe des Schlafzimmers.
-</p>
-
-<p>
-»Wer ist da?« fragte Katerina Lwowna erschrocken.
-</p>
-
-<p>
-»Erschrecken Sie nicht: ich bin es, Ssergej.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a>
-»Was willst du, Ssergej?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe eine Bitte an Sie, Katerina Lwowna. Gestatten
-Sie mir, daß ich für einen Augenblick eintrete.«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna sperrte die Türe auf und ließ
-ihn ein.
-</p>
-
-<p>
-»Was willst du?« fragte sie, wieder ans Fenster
-tretend.
-</p>
-
-<p>
-»Ich möchte Sie fragen, Katerina Lwowna, ob Sie mir
-nicht irgendein Büchlein zum Lesen geben können. Ich
-vergehe vor Langweile.«
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe gar keine Bücher, Ssergej, ich lese niemals,«
-antwortete Katerina Lwowna.
-</p>
-
-<p>
-»So furchtbar langweilig ist es hier,« klagte Ssergej.
-</p>
-
-<p>
-»Was weißt du von Langweile?«
-</p>
-
-<p>
-»Erlauben Sie einmal! Wie soll ich mich nicht langweilen?
-Ich bin ja ein junger Mensch, wir leben hier
-wie in einem Kloster, und ich habe vor mir keine andere
-Aussicht, als hier in der Einsamkeit zugrunde zu gehen.
-Zuweilen verzweifle ich an meinem Leben.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum heiratest du nicht?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, heiraten, das ist leicht gesagt! Wen soll ich hier
-heiraten? Ich bin ja ein unbedeutender Mensch; ein
-Mädchen aus dem Kaufmannsstande wird mich nicht
-nehmen, und die von unserem armen Stande sind viel
-zu ungebildet, das wissen Sie doch selbst. Kann denn so
-ein Mädchen die Liebe richtig verstehen? Aber auch die
-Reichen verstehen sie nicht viel besser. Für jeden andern
-Menschen wären Sie wohl der Trost seines Lebens, Ihr
-Gemahl hält Sie aber wie einen Kanarienvogel im Bauer.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, ich langweile mich,« sagte Katerina Lwowna unwillkürlich.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a>
-»Wie soll man sich auch nicht langweilen bei solch
-einem Leben, gnädige Frau! Selbst wenn Sie einen Geliebten
-hätten, wie die andern Frauen, so hätten Sie gar
-keine Möglichkeit, mit ihm zusammenzukommen.«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, du redest Unsinn. Ich glaube aber, daß es
-mir lustiger zumute wäre, wenn ich ein Kindchen hätte.«
-</p>
-
-<p>
-»Erlauben Sie die Bemerkung, gnädige Frau: ein Kind
-kann man auch nicht so von heute auf morgen bekommen.
-Ich habe ja genug in den Kaufmannsfamilien gelebt
-und kenne mich in diesen Dingen gut aus. In einem
-Liede heißt es: &sbquo;Wenn du keinen Liebsten hast, stirbt
-das Herz vor Schmerzenslast.&lsquo; Diesen Schmerz empfinde
-ich so stark, Katerina Lwowna, daß ich mir das Herz
-aus der Brust schneiden und es Ihnen vor die Füßchen
-werfen könnte. Und es würde mir dann viel leichter
-zumute werden ...«
-</p>
-
-<p>
-Seine Stimme zitterte.
-</p>
-
-<p>
-»Was erzählst du mir von deinem Herzen? Ich brauche
-es nicht. Geh ...«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, erlauben Sie, gnädige Frau,« sagte Ssergej, am
-ganzen Leibe zitternd und einen Schritt näher kommend.
-»Ich weiß, ich sehe und begreife, daß auch Sie es nicht
-leichter haben als ich. Alles hängt jetzt aber nur von
-Ihnen ab, alles ruht in Ihrer Hand!« Die letzten Worte
-hauchte er nur.
-</p>
-
-<p>
-»Was willst du? Was willst du? Was bist du zu mir
-gekommen? Ich werde mich aus dem Fenster stürzen,«
-sagte Katerina Lwowna, von einer namenlosen Angst
-erfaßt, und griff mit den Händen nach dem Fensterbrett.
-</p>
-
-<p>
-»Du Unvergleichliche, du mein Leben! Was sollst du
-<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a>
-dich aus dem Fenster stürzen?« flüsterte Ssergej frech.
-Er riß die junge Frau vom Fenster los und umschlang
-sie mit seinen Armen.
-</p>
-
-<p>
-»Laß los! Laß los!« stöhnte Katerina Lwowna leise,
-unter Ssergejs heißen Küssen ermattend und sich unwillkürlich
-an seine mächtige Brust schmiegend.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej nahm sie wie ein kleines Kind auf die Arme
-und trug sie in eine dunkle Ecke.
-</p>
-
-<p>
-Im Zimmer trat nun eine Stille ein, die nur durch das
-gleichmäßige Ticken der Taschenuhr Sinowij Borissowitschs
-unterbrochen wurde, die über dem Bette Katerina
-Lwownas hing. Dieses Ticken störte aber niemand.
-</p>
-
-<p>
-»Geh,« sagte Lwowna nach einer halben Stunde, ohne
-Ssergej anzublicken, ihr zerzaustes Haar vor dem kleinen
-Spiegel richtend.
-</p>
-
-<p>
-»Was soll ich jetzt von hier fortgehen?« fragte Ssergej
-mit seliger Stimme.
-</p>
-
-<p>
-»Der Schwiegervater wird die Türe zusperren.«
-</p>
-
-<p>
-»Ach, meine liebe Seele! Hast du denn nur solche
-Männer gekannt, die eine Türe brauchen, um zur Geliebten
-zu gelangen? Wenn ich zu dir oder von dir will,
-so finde ich überall eine Türe,« antwortete der Bursche,
-auf die Balken, die die Galerie stützten, zeigend.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-4">
-IV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Sinowij Borissowitsch blieb noch eine Woche auf der
-Mühle, und seine Frau ergötzte sich diese ganze Zeit allnächtlich
-bis an den lichten Tag mit Ssergej.
-</p>
-
-<p>
-In diesen Nächten wurde im Schlafzimmer Sinowij
-Borissowitschs gar viel Wein aus dem Keller des Schwiegervaters
-ausgetrunken, viel Süßes gegessen, viel geküßt
-<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a>
-und viel mit den schwarzen Locken auf den weichen
-Kopfkissen gespielt. Die Landstraße ist aber nicht immer
-so eben wie eine Tischdecke, es gibt auch Löcher und
-Buckel.
-</p>
-
-<p>
-Boris Timofejitsch konnte keinen Schlaf finden. Der
-Alte irrte in seinem bunten Kattunhemd durch das stille
-Haus, trat bald an das eine, bald an das andere Fenster
-und sah plötzlich das rote Hemd Ssergejs langsam den
-Balken unter dem Fenster der Schwiegertochter hinuntergleiten.
-Eine schöne Bescherung! Boris Timofejitsch ging
-in den Hof und packte den Burschen bei den Beinen.
-Dieser holte zuerst zu einem Schlage aus, überlegte sich
-aber, daß es zu viel Lärm geben würde.
-</p>
-
-<p>
-»Sag einmal,« fragte Boris Timofejitsch, »wo warst du
-eben, du Dieb?«
-</p>
-
-<p>
-»Wo ich war, da bin ich nicht mehr, Boris Timofejitsch,«
-antwortete Ssergej.
-</p>
-
-<p>
-»Hast du bei der Schwiegertochter übernachtet?«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist meine Sache, Herr, wo ich übernachtet habe.
-Höre aber auf meine Worte, Boris Timofejitsch: was
-gewesen ist, läßt sich nicht mehr ändern. Tu wenigstens
-deinem Kaufmannshause keine Schande an. Sag mir, was
-willst du jetzt von mir? Was für eine Genugtuung soll
-ich dir geben?«
-</p>
-
-<p>
-»Du sollst, Verruchter, fünfhundert Peitschenschläge
-bekommen,« antwortete Boris Timofejitsch.
-</p>
-
-<p>
-»Die Schuld ist mein, der Wille ist dein,« sagte der
-Bursche. »Sag, wohin ich dir folgen soll, trinke mein
-Blut.«
-</p>
-
-<p>
-Boris Timofejitsch führte Ssergej in seine gemauerte
-Vorratskammer und schlug ihn so lange mit der Peitsche,
-<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a>
-bis sein Arm erlahmte. Ssergej gab keinen Ton von sich,
-zerkaute aber die Hälfte seines Hemdärmels mit den
-Zähnen.
-</p>
-
-<p>
-Boris Timofejitsch ließ Ssergej in der Kammer liegen,
-bis sein blutiggeschlagener Rücken verheilen würde,
-stellte ihm einen irdenen Krug mit Wasser hin, versperrte
-die Kammer mit einem großen Schloß und
-schickte nach dem Sohn.
-</p>
-
-<p>
-Auch heute noch legt man hundert Werst auf einer
-russischen Landstraße nicht an einem Tag zurück, Katerina
-Lwowna kann aber ohne ihren Ssergej auch nicht
-eine Stunde aushalten. Ihre ganze zügellose Natur kam
-zum Durchbruch, und sie wurde sehr kühn und entschlossen.
-Sie erfuhr, wo Ssergej eingesperrt war, sprach
-mit ihm durch die Eisentüre einige Worte und machte
-sich auf die Suche nach den Schlüsseln. »Väterchen, laß
-doch den Ssergej heraus!« wandte sie sich an den
-Schwiegervater.
-</p>
-
-<p>
-Der Alte wurde ganz grün vor Wut. Von seiner sündigen,
-bisher aber noch immer gehorsamen Schwiegertochter
-hatte er eine solche Frechheit nicht erwartet.
-</p>
-
-<p>
-»Was fällt dir ein?« Und er fiel über Katerina Lwowna
-mit Schimpfworten her.
-</p>
-
-<p>
-»Laß ihn heraus,« bestürmte sie ihn, »ich schwöre dir
-bei meinem Gewissen, daß es zwischen uns nichts
-Schlimmes gegeben hat.«
-</p>
-
-<p>
-»So, es hat nichts Schlimmes gegeben!« sagt er und
-knirscht mit den Zähnen. »Was habt ihr dann in den
-Nächten getrieben? Die Kissen deines Mannes durchgeklopft?«
-</p>
-
-<p>
-Sie aber hört gar nicht auf: »Laß ihn heraus!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a>
-»Wenn die Dinge so stehen,« sagt Boris Timofejitsch,
-»so will ich dir folgendes sagen: wenn dein Mann zurückkommt,
-werden wir dich, du treulose Frau, im Pferdestalle
-mit eigenen Händen durchpeitschen. Ihn aber,
-den Schurken, werde ich gleich morgen ins Zuchthaus
-schicken.«
-</p>
-
-<p>
-So hatte Boris Timofejitsch beschlossen; sein Beschluß
-wurde aber nicht zur Tat.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-5">
-V
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Boris Timofejitsch aß an diesem Abend einen Brei
-mit Pilzen und fühlte gleich darauf ein Brennen im
-Schlunde; es zwickte ihn im Magen, er bekam Erbrechen
-und starb gegen Morgen auf die gleiche Weise, wie die
-Ratten in seinem Speicher. Für die Ratten aber pflegte
-Katerina Lwowna mit eigenen Händen eine Speise mit
-einem gefährlichen weißen Pulver, das sie in Verwahrung
-hatte, anzurichten.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna ließ ihren Ssergej sofort aus der
-gemauerten Kammer heraus und legte ihn, ganz ohne
-Scheu vor den Leuten, auf das Bett ihres Mannes, damit
-er sich nach den Schlägen des Schwiegervaters erhole;
-dem Schwiegervater Boris Timofejitsch gab sie aber ein
-christliches Begräbnis. Seltsamerweise machte sich niemand
-über den Tod des Alten irgendwelche Gedanken.
-Boris Timofejitsch war eben gestorben, wie viele nach
-dem Genuß von Pilzen starben. Man beerdigte ihn in
-aller Eile, ohne selbst die Rückkehr des Sohnes abzuwarten,
-denn die Tage waren heiß; der nach Sinowij
-Borissowitsch geschickte Bote hatte ihn auf der Mühle
-nicht angetroffen. Sinowij Borissowitsch hatte gerade die
-<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a>
-Gelegenheit, einen Wald, der hundert Werst weiter lag,
-billig zu kaufen; er war hingefahren, um sich den Wald
-anzusehen, und hatte niemandem angesagt, wo dieser
-Wald liege.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem Katerina Lwowna dieses erledigt hatte, geriet
-sie ganz außer Rand und Band. Sie war ja auch sonst
-keine schüchterne Frau; jetzt konnte man aber unmöglich
-erraten, was sie noch alles vorhatte. Sie geht stolz
-einher, kommandiert das ganze Haus und läßt Ssergej
-nicht von ihrer Seite. Das kam dem Hausgesinde anfangs
-etwas merkwürdig vor, Katerina Lwowna verstand aber,
-die Leute so reich zu beschenken, daß ihnen das Staunen
-verging. Sie sagten sich nur: Die Frau hat wohl mit dem
-Ssergej angebandelt. Das ist ihre Sache, und nur sie allein
-wird sich dafür zu verantworten haben.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej genas indessen von seinen Wunden, ging
-wieder aufrecht einher, tänzelte stolz wie ein Falke um
-Katerina Lwowna, und die beiden hatten wieder das
-allerschönste Leben. Die Zeit rollte aber nicht nur für
-sie beide dahin: der beleidigte Gatte Sinowij Borissowitsch
-eilte nach langer Abwesenheit nach Hause.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-6">
-VI
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Es war ein glühheißer Nachmittag, und die Fliegen
-ließen keine Ruhe. Katerina Lwowna schloß die Fenster
-des Schlafzimmers, verhängte es von innen mit einem
-wollenen Tuche und legte sich mit Ssergej auf das hochgetürmte
-Bett, um nach dem Essen auszuruhen. Katerina
-Lwowna weiß nicht, ob sie schläft oder wacht, es
-ist aber so furchtbar heiß, der Schweiß läuft ihr von der
-Stirne, und sie kann vor Hitze kaum atmen. Katerina
-<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a>
-Lwowna fühlt, daß es nun Zeit ist, aufzuwachen; daß es
-Zeit ist, in den Garten zu gehen, um Tee zu trinken; sie
-kann aber unmöglich aufstehen. Endlich kommt die
-Köchin vor die Schlafzimmertüre und klopft: »Der
-Samowar unter dem Apfelbaume wird kalt.« Katerina
-Lwowna erwacht und beginnt den Kater zu tätscheln.
-Zwischen ihr und Ssergej wälzt sich auf dem Bette ein
-prächtiger, grauer Kater; er ist groß und wohlgenährt und
-hat einen so mächtigen Schnurrbart wie ein Amtmann.
-Katerina Lwowna streichelt ihm das weiche Fell, und er
-schnuppert immer mit seiner stumpfen Schnauze an ihrem
-prallen Busen und schnurrt ein leises Lied, wie wenn er
-von der Liebe sprechen wollte. »Wie kommt nur der Kater
-her?« fragt sich Katerina Lwowna. »Ich habe hier auf
-dem Fenster Sahne stehen, er wird sie sicher fressen. Ich
-muß ihn hinauswerfen!« sagt sie sich und greift nach
-dem Kater. Er ist aber unter ihren Fingern wie ein Nebel
-verschwunden. »Wie kommt nur der Kater zu uns her?«
-denkt sich Katerina Lwowna im Halbschlummer. »In
-unserm Schlafzimmer hat es doch niemals einen Kater
-gegeben, und auf einmal ist so ein Vieh da!« Sie will wieder
-nach dem Kater greifen, und er ist schon wieder weg.
-»Was ist denn das? Ist es denn nur ein Kater?« fragt sich
-Katerina Lwowna wieder. Sie bekommt Angst, und ihre
-ganze Schläfrigkeit ist auf einmal wie weggeblasen. Sie
-sieht sich um &mdash; es ist gar kein Kater in der Stube, an ihrer
-Seite liegt nur der hübsche Ssergej und drückt mit seiner
-starken Hand ihre Brust gegen sein glühendes Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna stand auf, setzte sich auf das Bett
-und begann ihren Ssergej zu küssen und zu liebkosen.
-Dann richtete sie die zerwühlten Kissen und ging in den
-<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a>
-Garten, um Tee zu trinken. Die Sonne stand aber schon
-tief am Himmel, und auf die warme Erde senkte sich ein
-märchenhaft schöner Abend.
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe zu lange geschlafen,« sagte Katerina Lwowna
-zu Aksinja und setzte sich auf den Teppich unter den
-blühenden Apfelbaum. »Aksinja, was mag das bedeuten?«
-fragte sie die Köchin, die Tassen mit dem Handtuch
-abwischend.
-</p>
-
-<p>
-»Was denn, Mütterchen?«
-</p>
-
-<p>
-»Es war kein Traum, ich sah es im Wachen, wie sich
-an mich irgendein Kater schmiegte.«
-</p>
-
-<p>
-»Was redest du?«
-</p>
-
-<p>
-»Es war wirklich ein Kater.«
-</p>
-
-<p>
-Und Katerina Lwowna erzählte ihr, was sie eben erlebt
-hatte.
-</p>
-
-<p>
-»Was brauchtest du ihn zu streicheln?«
-</p>
-
-<p>
-»Das weiß ich selbst nicht, warum ich ihn gestreichelt
-habe.«
-</p>
-
-<p>
-»Es ist doch seltsam!« rief die Köchin aus.
-</p>
-
-<p>
-»Es kommt auch mir seltsam vor.«
-</p>
-
-<p>
-»Das bedeutet sicher, daß dir etwas zustößt.«
-</p>
-
-<p>
-»Was soll mir zustoßen?«
-</p>
-
-<p>
-»<em>Was</em> dir zustoßen wird, kann dir, meine Liebe,
-niemand erklären. Es wird dir aber sicher etwas zustoßen.«
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe den Mond im Traume gesehen, und dann
-kam dieser Kater,« fuhr Katerina Lwowna fort.
-</p>
-
-<p>
-»Der Mond bedeutet ein Kind.«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna errötete.
-</p>
-
-<p>
-»Soll ich dir nicht den <a id="corr-22"></a>Ssergej herschicken?« fragte
-Aksinja mit der Vertraulichkeit einer Freundin.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a>
-»Meinetwegen,« antwortete Katerina Lwowna. »Schick
-ihn mir wirklich her: ich will mit ihm Tee trinken.«
-</p>
-
-<p>
-»Darum frage ich auch, ob ich ihn herschicken soll,«
-sagte Aksinja und wackelte wie eine Ente zum Gartentor.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna erzählte auch Ssergej das von dem
-Kater.
-</p>
-
-<p>
-»Es ist nichts als Einbildung,« antwortete Ssergej.
-</p>
-
-<p>
-»Warum habe ich aber früher diese Einbildung niemals
-gehabt, Sserjoscha?«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, früher war manches anders! Früher verschmachtete
-mir das Herz, wenn ich dich auch nur mit einem
-Auge ansah, und heute habe ich deinen ganzen weißen
-Leib in meiner Gewalt.«
-</p>
-
-<p>
-Ssergej nahm Katerina Lwowna auf die Arme, drehte
-sie einmal in der Luft um und warf sie auf den weichen
-Teppich.
-</p>
-
-<p>
-»Ach, es schwindelt mir!« sagte Katerina Lwowna.
-</p>
-
-<p>
-»Sserjoscha, komm einmal her, setz dich zu mir,« rief
-sie, sich wollüstig streckend.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej beugte sich, trat unter die tief herabhängenden,
-mit weißen Blüten beladenen Äste des Apfelbaumes und
-setzte sich auf den Teppich Katerina Lwowna zu Füßen.
-</p>
-
-<p>
-»Hast du wirklich nach mir geschmachtet, Sserjoscha?«
-</p>
-
-<p>
-»Gewiß, ich habe wohl geschmachtet.«
-</p>
-
-<p>
-»Wie hast du geschmachtet? Erzähl es mir!«
-</p>
-
-<p>
-»Kann man es denn erklären, wie man schmachtet?
-Ich habe mich halt nach dir gesehnt.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum habe ich nicht gefühlt, daß du dich nach mir
-sehntest, Sserjoscha? Es heißt ja, daß man so was immer
-fühlt.«
-</p>
-
-<p>
-Ssergej gab keine Antwort.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a>
-»Warum hast du immer gesungen, wenn du dich wirklich
-nach mir gesehnt hast? Ich hab ja gehört, wie du
-auf der Galerie deine Lieder sangst,« fragte Katerina
-Lwowna unter Küssen und Liebkosungen.
-</p>
-
-<p>
-»Was folgt daraus, daß ich gesungen habe? Auch die
-Mücke singt ihr Leben lang, doch nicht vor Freude,«
-antwortete Ssergej trocken.
-</p>
-
-<p>
-Es entstand eine Pause. Ssergejs Geständnis erfüllte
-Katerina Lwowna mit höchster Freude.
-</p>
-
-<p>
-Sie wollte noch mehr darüber sprechen, aber Ssergej
-runzelte die Stirne und schwieg.
-</p>
-
-<p>
-»Schau nur, Sserjoscha, was das für ein Paradies ist!«
-rief Katerina Lwowna aus, durch die dichten Zweige des
-blühenden Apfelbaumes in den heiteren blauen Himmel
-mit dem Vollmond blickend.
-</p>
-
-<p>
-Das Mondlicht drang durch die Blüten und Blätter
-des Apfelbaumes und überschüttete die Figur und das
-Gesicht der auf dem Rücken liegenden Katerina Lwowna
-mit zauberhaften Lichtflecken. Ein leiser warmer Windhauch
-bewegte kaum die schlafenden Blätter und brachte
-den feinen Duft der blühenden Gräser und Bäume. Die
-Luft flößte eine süße Mattigkeit, Wollust und dunkles
-Sehnen ein.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej sagte noch immer nichts, und Katerina Lwowna
-hielt wieder inne und blickte durch die blaßrosa Apfelblüten
-zum Himmel empor. Auch Ssergej schwieg; der
-Himmel schien ihn aber nicht zu interessieren. Er saß,
-seine Knie mit beiden Armen umschlingend, und betrachtete
-aufmerksam seine Stiefel.
-</p>
-
-<p>
-Eine goldene Nacht! Stille, Licht, Duft und belebende
-Wärme. In der Ferne hinter dem Garten stimmte jemand
-<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a>
-ein wohlklingendes Lied an. In den dichten Faulbeersträuchern
-am Zaune begann eine Nachtigall zu schlagen;
-im Bauer an der hohen Stange zwitscherte eine verschlafene
-Wachtel. Man hörte das wohlgenährte Pferd
-im Stalle atmen und sah eine lustige Hundeschar über
-die Wiese hinter dem Gartenzaune lautlos rennen und
-in dem formlosen schwarzen Schatten der zerfallenen
-alten Salzspeicher verschwinden.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna stützte sich auf einen Ellenbogen
-und blickte auf das hohe Gras, das im Mondlichte
-schimmerte. Es sah wie vergoldet aus, seltsame
-Mondflecken huschten wie leuchtende Falter durch die
-Halme, und das Gras unter den Bäumen schien, in das
-Netz der Mondlichtstrahlen verfangen, hin und her zu
-schwanken.
-</p>
-
-<p>
-»Ach, Sserjoscha, schau nur, wie schön es ist!« rief
-Katerina Lwowna aus.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej sah sich gleichgültig um.
-</p>
-
-<p>
-»Was bist du heute so freudlos, Sserjoscha? Bist du
-vielleicht meiner Liebe schon überdrüssig?«
-</p>
-
-<p>
-»Sprich nicht solchen Unsinn!« antwortete Ssergej
-trocken. Er beugte sich träge zu ihr und küßte sie.
-</p>
-
-<p>
-»Du bist treulos, Sserjoscha,« sagte Katerina Lwowna,
-»du bist gar zu unbeständig.«
-</p>
-
-<p>
-»Ich kann diese Worte gar nicht auf mich beziehen,«
-antwortete Ssergej ruhig.
-</p>
-
-<p>
-»Warum küßt du mich dann so lässig?«
-</p>
-
-<p>
-Ssergej gab keine Antwort.
-</p>
-
-<p>
-»Nur die Ehemänner küssen ihre Frauen so,« fuhr
-Katerina Lwowna fort, mit seinen Locken spielend, »wie
-wenn sie die Lippen nur abstauben wollten. Küsse mich,
-<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a>
-daß die jungen Blüten vom Apfelbaume, unter dem wir
-sitzen, herabfallen!«
-</p>
-
-<p>
-»Siehst du, so!« flüsterte Katerina Lwowna, ihren Geliebten
-umschlingend und mit leidenschaftlichen Küssen
-überschüttend.
-</p>
-
-<p>
-»Hör einmal, Sserjoscha,« fuhr Katerina Lwowna nach
-einer Weile fort: »warum sagen die Leute, daß du treulos
-bist?«
-</p>
-
-<p>
-»Wer wird mich so verleumden?«
-</p>
-
-<p>
-»Alle sagen es.«
-</p>
-
-<p>
-»Es mag ja sein, daß ich gegen solche treulos war, die
-meine Liebe gar nicht verdienten.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum hast du dich denn mit solchen eingelassen?
-Eine, die es nicht verdient, soll man gar nicht lieben.«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, das ist leicht gesagt! Überlegt man sich denn so
-eine Sache zuvor? In solchen Dingen wirkt die Versuchung
-allein. Kaum hat unsereiner so ganz ohne jede
-Absicht sein Gebot übertreten, als sie sich ihm gleich an
-den Hals hängt. Das ist die ganze Liebe!«
-</p>
-
-<p>
-»Hör einmal, Sserjoscha! Wie die andern waren, weiß
-ich nicht und will es auch gar nicht wissen. Zu unserer
-Liebe hast du mich aber selbst verführt, du weißt, daß
-deine Verführungskünste ebenso stark waren wie mein
-eigener Wille. Darum muß ich es dir sagen: und wenn
-du mir auch einmal untreu wirst, und wenn du mir eine
-andere vorziehst, so werde ich, nimm es mir nicht übel,
-solange ich lebe, nicht von dir lassen!«
-</p>
-
-<p>
-Ssergej fuhr zusammen.
-</p>
-
-<p>
-»Katerina Lwowna, du Licht meiner Seele!« sagte er.
-»Betrachte einmal selbst, wie unsere Sache steht. Du
-siehst nur, daß ich heute nachdenklich bin; du fragst
-<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a>
-dich gar nicht, warum ich es bin. Vielleicht ertrinkt jetzt
-mein Herz in geronnenem Blut.«
-</p>
-
-<p>
-»Sserjoscha, erzähle alles, was dich so bedrückt.«
-</p>
-
-<p>
-»Was soll ich viel erzählen! Da wird bald mit Gottes
-Hilfe dein Mann gefahren kommen, und es wird gleich
-heißen: Ssergej Philippowitsch, geh jetzt auf den Hinterhof
-zu den Spielleuten und sieh hinter der Scheune zu,
-wie im Schlafzimmer Katerina Lwownas ein Lichtlein
-brennt, wie sie ihr Bett aufrüttelt und sich mit ihrem
-ehelichen Gemahl Sinowij Borissowitsch zur Ruhe begibt.«
-</p>
-
-<p>
-»Das wird niemals sein!« rief Katerina Lwowna voll
-ausgelassener Freude und winkte mit der Hand.
-</p>
-
-<p>
-»Warum sollte das nicht sein? Ich glaube, daß es unbedingt
-so sein wird. Aber auch ich habe ein Herz,
-Katerina Lwowna, das jede Pein empfindet.«
-</p>
-
-<p>
-»Genug davon!«
-</p>
-
-<p>
-Ssergejs Eifersucht machte Katerina Lwowna großes
-Vergnügen. Sie lachte auf und begann ihn wieder zu
-küssen.
-</p>
-
-<p>
-»Und dann muß ich noch dieses sagen«, fuhr Ssergej
-fort, seinen Kopf behutsam aus den nackten Armen
-Katerina Lwownas befreiend: »Und dann muß ich noch
-dieses sagen: mein niederer Stand zwingt mich, mir die
-Sache doppelt und zehnfach zu überlegen. Wäre ich
-Ihnen gleich, wäre ich ein vornehmer Herr oder Kaufmann,
-so würde ich mich von Ihnen, Katerina Lwowna,
-niemals trennen. Wie stehe ich aber vor Ihnen da? Wenn
-ich sehe, wie man Sie bei Ihren weißen Händchen nimmt
-und ins Schlafzimmer führt, wenn mein Herz das alles
-über sich ergehen lassen muß, so werde ich mir selbst
-<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a>
-vielleicht mein ganzes Leben lang ein Ekel sein. Katerina
-Lwowna! Ich bin nicht wie die andern, die bei der Frau
-nur Vergnügen suchen. Ich weiß, was die Liebe ist, und
-fühle, wie sie als schwarze Schlange an meinem Herzen
-saugt ...«
-</p>
-
-<p>
-»Was redest du heute in einem fort?« unterbrach ihn
-Katerina Lwowna.
-</p>
-
-<p>
-Sie hatte mit Ssergej Mitleid.
-</p>
-
-<p>
-»Katerina Lwowna! Wie sollte ich davon nicht reden?
-Wenn es vielleicht schon bestimmt und beschlossen ist,
-daß Ssergej nicht etwa in der Zukunft, sondern schon
-morgen dieses Haus räumen muß ...«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, nein, sprich nicht davon, Sserjoscha! Es ist
-unmöglich, daß ich ohne dich bleibe«, suchte ihn Katerina
-Lwowna zu beruhigen. »Wenn es einmal so weit ist,
-so muß entweder er oder ich aus dem Leben scheiden.
-Du aber bleibst in jedem Falle bei mir.«
-</p>
-
-<p>
-»Das kann unmöglich sein, Katerina Lwowna«, sagte
-Ssergej, mit traurigem Kopfschütteln. »Diese Liebe macht
-mich nicht froh. Wenn ich jemanden liebte, der mir
-gleich wäre, so wäre ich zufrieden. Wie kann ich aber
-daran auch nur denken, daß Sie immer mit mir bleiben?
-Ist es denn eine Ehre für Sie, meine Geliebte zu sein?
-Ich wollte, ich könnte vor dem heiligen Altar des ewigen
-Gottes Ihr Gatte werden; ich würde mich dann zwar
-immer für geringer halten als Sie, wäre aber froh, den
-Leuten zu zeigen, was für Ehren ich bei meiner Frau dank
-meiner Liebe genieße ...«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna war von diesen Worten Ssergejs,
-von seiner Eifersucht und seinem Wunsche, sie zu heiraten,
-wie berauscht: solch ein Wunsch ist der Frau stets
-<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a>
-angenehm, selbst wenn sie vor der Verheiratung ein noch
-so kurzes Verhältnis mit dem Manne gehabt hat. Katerina
-Lwowna war jetzt bereit, für Ssergej ins Feuer und
-Wasser zu gehen, Kerker und Kreuz zu erdulden. Er
-hatte sie so verliebt gemacht, daß ihre Ergebenheit ganz
-grenzenlos war. Sie war vor Glück wie wahnsinnig; ihr
-Blut siedete, und sie konnte nichts mehr hören. Sie
-drückte ihm den Mund mit der Hand zu, schmiegte
-seinen Kopf an ihre Brust und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß schon, wie ich es einrichte, daß du ein Kaufmann
-wirst und ich mit dir in richtiger Ehe zusammenleben
-kann. Mache mir aber jetzt keinen Kummer, solange
-wir noch nicht so weit sind.«
-</p>
-
-<p>
-Und sie überschüttete ihn wieder mit ihren Küssen.
-</p>
-
-<p>
-Der alte Verwalter, der in der Scheune schlief, hörte
-in der Stille der Nacht bald ein Flüstern und Kichern,
-als ob ausgelassene Kinder sich berieten, wie sie den
-Alten einen Streich spielen könnten; bald ein helles
-lustiges Lachen, wie wenn die Nixen im See jemand
-kitzelten. Katerina Lwowna wälzte sich, vom Mondlichte
-übergossen, auf dem weichen Teppich und spielte mit
-dem jungen Burschen. Die weißen Blüten des Apfelbaums
-regneten auf sie herab und hörten schließlich zu
-regnen auf. Die kurze Sommernacht ging aber zu Ende,
-der Mond zog sich hinter den steilen Giebel des hohen
-Speichers zurück und blickte auf die Erde immer trüber
-herab; vom Küchendache herab erklang ein durchdringendes
-Katzenduett; dann hörte man ein böses
-Fauchen, und gleich darauf rollten zwei oder drei Katzen
-vom Dache herab.
-</p>
-
-<p>
-»Komm schlafen«, sagte Katerina Lwowna, langsam,
-<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a>
-wie zerschlagen, stand vom Teppich auf und ging im
-bloßen Hemd und Unterrock, so wie sie war, durch den
-stillen, wie ausgestorbenen Hof. Ssergej trug ihr aber
-den Teppich und die Jacke nach, die sie im mutwilligen
-Spiel von sich geworfen hatte.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-7">
-VII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Kaum hatte Katerina Lwowna die Kerze ausgeblasen
-und sich auf dem weichen Pfühle ausgestreckt, als sie
-auch sofort einschlief. Nach den ausgelassenen Spielen
-dieser Nacht schläft sie so fest, daß auch Arme und
-Beine wie erstarrt sind; und sie hört durch den Schlaf,
-wie die Türe aufgeht und der gestrige Kater als ein
-schweres Knäuel aufs Bett springt.
-</p>
-
-<p>
-»Was ist das für eine Plage mit diesem Kater?« fragt
-sich die todmüde Katerina Lwowna. »Ich habe ja die
-Türe mit eigenen Händen zugesperrt und auch das
-Fenster geschlossen, und er ist schon wieder da. Gleich
-werde ich ihn hinauswerfen!« Katerina Lwowna wollte
-schon aufstehen, aber die schlafenden Arme und Beine
-gehorchten ihr nicht. Der Kater stieg aber auf ihrem
-Körper umher und schnurrte so seltsam, wie wenn er
-Menschenworte spräche. Katerina Lwowna überlief es kalt.
-</p>
-
-<p>
-»Morgen muß ich ganz bestimmt Weihwasser mit ins
-Bett nehmen«, sagt sie sich, »anders kann ich diesen seltsamen
-Kater gar nicht los werden!«
-</p>
-
-<p>
-Der Kater aber schnurrt ihr dicht vor dem Ohre und
-spricht: »Bin ich denn ein Kater? Du urteilst nicht klug,
-Katerina Lwowna, wenn du mich für einen Kater hältst.
-Ich bin ja der ehrengeachtete Kaufmann Boris Timofejitsch.
-Ich sehe jetzt <a id="corr-26"></a>bloß darum so schlecht aus, weil mir nach
-<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a>
-dem Imbiß, den mir meine liebe Schwiegertochter vorgesetzt
-hat, alle Gedärme gesprungen sind. Darum erscheine
-ich auch denen, die von der Sache wenig verstehen,
-als ein Kater. Wie geht es dir nun jetzt, Katerina
-Lwowna? Wie beobachtest du Gottes Gebot? Ich bin
-vom Friedhofe hergekommen, um zu sehen, wie du mit
-Ssergej Philippowitsch das Bett deines Mannes wärmst.
-Schnurr &mdash; Murr, ich sehe ja nichts. Fürchte mich nicht:
-nach deinem Imbiß sind mir, wie du siehst, auch die
-Augen ausgelaufen. Schau mir doch in die Augen, meine
-Liebe, fürchte dich nicht!«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna sah hin und schrie vor Entsetzen
-auf. Zwischen ihr und Ssergej liegt wieder der Kater. Er
-hat den Kopf des Boris Timofejitsch in der gleichen
-Größe, wie ihn der Verstorbene bei Lebzeiten gehabt
-hat, und statt der Augen Feuerkreise, die sich nach verschiedenen
-Richtungen drehen.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej erwachte, beruhigte Katerina Lwowna und
-schlief wieder ein. Sie konnte aber nicht mehr einschlafen,
-und das war gut.
-</p>
-
-<p>
-Sie liegt mit offenen Augen da, und plötzlich kommt
-es ihr vor, als ob jemand über das Tor in den Hof gestiegen
-wäre. Sie hört, wie die Hunde aufspringen, sich
-aber gleich wieder beruhigen, wie wenn sie jemand streichelte.
-Es vergeht eine Minute, und sie hört, wie der
-Riegel unten zurückgeschoben wird und wie die Haustür
-aufgeht. »Entweder kommt mir das alles nur so vor,
-oder mein Sinowij Borissowitsch ist eben zurückgekehrt
-und hat die Türe mit seinem Schlüssel aufgemacht«,
-dachte sich Katerina <a id="corr-27"></a>Lwowna und stieß Ssergej in die
-Seite.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a>
-»Sserjoscha, hör einmal«, sagte sie, sich auf einen
-Ellenbogen aufrichtend und die Ohren spitzend.
-</p>
-
-<p>
-Jemand stieg tatsächlich die Treppe hinauf und näherte
-sich langsam mit leisen Schritten der versperrten Schlafzimmertüre.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna sprang schnell im bloßen Hemd
-aus dem Bett und machte das Fenster auf. Ssergej stürzte
-im gleichen Augenblick auf die Galerie und umschlang
-mit den Beinen den Balken, an dem er schon mehr als
-einmal aus dem Schlafzimmer der Hausfrau hinuntergeglitten
-war.
-</p>
-
-<p>
-»Nein, du sollst nicht fort! Leg dich hier nieder ...
-Bleib in meiner Nähe«, flüsterte Katerina Lwowna und
-warf ihm durch das Fenster seine Kleider und Schuhe
-zu. Sie selbst schlüpfte aber wieder unter die Bettdecke
-und wartete.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej hörte auf Katerina Lwowna; er glitt den Balken
-nicht hinunter, sondern kauerte sich auf der Galerie
-unter dem Dachvorsprung nieder.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna hört indessen, wie ihr Mann dicht
-vor die Türe kommt und mit verhaltenem Atem lauscht.
-Sie hört sogar sein Herz vor Eifersucht klopfen; sie fühlt
-aber kein Mitleid, sondern nur ein böses Lachen in sich
-aufsteigen.
-</p>
-
-<p>
-»Ja, suche nur den gestrigen Tag!« denkt sie sich und
-lächelt so unschuldig wie ein neugeborenes Kind.
-</p>
-
-<p>
-Das dauerte an die zehn Minuten. Schließlich wurde
-es Sinowij Borissowitsch zu dumm, draußen zu stehen
-und zu lauschen, wie seine Frau schläft. Er klopfte an ...
-</p>
-
-<p>
-»Wer ist da?« rief Katerina Lwowna nach einer Weile
-mit verschlafener Stimme.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a>
-»Einer von der Familie«, antwortete Sinowij Borissowitsch.
-</p>
-
-<p>
-»Bist du es, Sinowij Borissowitsch?«
-</p>
-
-<p>
-»Natürlich! Als ob du es nicht hörtest!«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna sprang im bloßen Hemd auf, ließ
-den Mann ein und schlüpfte wieder in das warme Bett.
-</p>
-
-<p>
-»Vor Sonnenaufgang ist es immer so kalt,« sagte sie,
-sich in die Decke hüllend.
-</p>
-
-<p>
-Sinowij Borissowitsch trat ein, sah sich um, betete vor
-dem Heiligenbilde und sah sich wieder um.
-</p>
-
-<p>
-»Nun, wie geht es dir?« fragte er seine Frau.
-</p>
-
-<p>
-»Es geht«, antwortete Katerina Lwowna, sich aufsetzend
-und eine vorne offene Jacke anziehend.
-</p>
-
-<p>
-»Ich soll wohl den Samowar bereiten?« fragte sie.
-</p>
-
-<p>
-»Nein, wecke die Aksinja, daß sie es macht.«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna schlüpfte in die Schuhe und lief
-hinaus. Eine halbe Stunde blieb sie fort. In dieser Zeit
-machte sie den Samowar und schlich sich leise auf die
-Galerie hinaus.
-</p>
-
-<p>
-»Bleib da!« flüsterte sie Ssergej zu.
-</p>
-
-<p>
-»Wie lange soll ich noch sitzen?« fragte Sserjoscha
-gleichfalls flüsternd.
-</p>
-
-<p>
-»Wie dumm du doch bist! Sitz, bis ich dich rufe.«
-</p>
-
-<p>
-Und Katerina Lwowna setzte ihn wieder auf die gleiche
-Stelle hin.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej konnte aber von der Galerie alles hören, was
-im Schlafzimmer vorging. Er hörte, wie die Türe wieder
-aufging und wie Katerina Lwowna zu ihrem Mann zurückkehrte.
-Jedes Wort konnte er hören.
-</p>
-
-<p>
-»Was hast du so lange getrieben?« fragte Sinowij
-Borissowitsch seine Frau.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a>
-»Den Samowar habe ich gemacht«, antwortet sie ruhig.
-</p>
-
-<p>
-Es vergehen wieder einige Minuten. Ssergej hört, wie
-Sinowij Borissowitsch seinen Rock auf den Kleiderrechen
-hängt. Nun wäscht er sich und spritzt mit dem
-Wasser umher; dann läßt er sich ein Handtuch geben;
-dann beginnt er wieder ein Gespräch.
-</p>
-
-<p>
-»Wie habt ihr den Vater beerdigt?« fragt er.
-</p>
-
-<p>
-»Er ist verschieden, und wir haben ihn beerdigt«, antwortet
-sie.
-</p>
-
-<p>
-»Das ist doch wirklich sonderbar!«
-</p>
-
-<p>
-»Gott allein weiß, wie es gekommen ist,« antwortet
-Katerina Lwowna, mit den Teetassen klappernd.
-</p>
-
-<p>
-Sinowij Borissowitsch geht nachdenklich durch das
-Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-»Nun, und wie hast du die Zeit verbracht?« fragt
-Sinowij Borissowitsch seine Frau von neuem aus.
-</p>
-
-<p>
-»Ich glaube, unser Zeitvertreib ist jedermann bekannt;
-Bälle besuchen wir nicht, Theater ebenfalls nicht.«
-</p>
-
-<p>
-»Du scheinst dich aber wenig über die Rückkehr des
-Gatten zu freuen!« beginnt Sinowij Borissowitsch wieder,
-sie scheel anblickend.
-</p>
-
-<p>
-»Wir beide sind ja nicht mehr so jung, daß wir vor
-Freude den Verstand verlieren sollen! Was soll ich mich
-auch freuen? Nun muß ich wieder für dich arbeiten und
-herumrennen!«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna lief hinaus, um den Samowar zu
-holen, machte wieder einen Sprung auf die Galerie zu
-Ssergej, zupfte ihn am Ärmel und sagte ihm: »Sserjoscha,
-paß jetzt auf!«
-</p>
-
-<p>
-Ssergej wußte zwar nicht recht, was jetzt kommen sollte,
-machte sich aber bereit.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a>
-Katerina Lwowna kehrte ins Schlafzimmer zurück.
-Sinowij Borissowitsch kniete eben auf dem Bett und
-hängte über dem Kopfende seine silberne Uhr mit der
-Glasperlenkette auf.
-</p>
-
-<p>
-»Sagen Sie mir einmal, Katerina Lwowna, warum
-haben Sie, wo Sie allein waren, beide Betten aufgedeckt?«
-fragte er plötzlich die Frau mit seltsamem Ausdruck.
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe Sie immer erwartet«, antwortete Katerina
-Lwowna, ihn ruhig anblickend.
-</p>
-
-<p>
-»Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar ... Wie kommt
-aber dieser Gegenstand zu Ihnen ins Bett?«
-</p>
-
-<p>
-Sinowij Borissowitsch hob von ihrem Bett den wollenen
-Gürtel Ssergejs auf und hielt ihn ihr vor die
-Augen.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna verlor gar nicht die Fassung.
-</p>
-
-<p>
-»Ich habe ihn im Garten gefunden und mir damit den
-Rock festgebunden.«
-</p>
-
-<p>
-»So, so!« sagte Sinowij Borissowitsch mit eigentümlicher
-Betonung. »Von Ihren Röcken haben wir ja auch
-manches gehört.«
-</p>
-
-<p>
-»Was haben Sie gehört?«
-</p>
-
-<p>
-»Manches von Ihren Heldentaten!«
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß nichts von Heldentaten.«
-</p>
-
-<p>
-»Das werden wir alles untersuchen«, antwortete
-Sinowij Borissowitsch, der Frau seine geleerte Teetasse
-zuschiebend.
-</p>
-
-<p>
-»Wir werden alle Ihre Taten ans Licht bringen«, sagte
-Sinowij Borissowitsch nach einer langen Pause, die Brauen
-runzelnd.
-</p>
-
-<p>
-»Ihre Katerina Lwowna ist gar nicht so furchtsam. Sie
-hat keine Angst davor«, antwortet sie.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a>
-»Was?!« herrschte sie Sinowij Borissowitsch mit erhobener
-Stimme an.
-</p>
-
-<p>
-»Nichts, ist schon vorbei«, antwortete die Frau.
-</p>
-
-<p>
-»Du, paß auf! Du bist mir hier allzu gesprächig geworden!«
-</p>
-
-<p>
-»Warum soll ich auch nicht gesprächig sein?« erwiderte
-Katerina Lwowna.
-</p>
-
-<p>
-»Hättest doch mehr acht auf dein Benehmen gegeben!«
-</p>
-
-<p>
-»Das brauche ich nicht. Ich kann gar nicht wissen,
-was die bösen Zungen über mich alles gesagt haben,
-und nun muß ich alle diese Schimpfreden über mich ergehen
-lassen. Das ist doch wirklich unerhört!«
-</p>
-
-<p>
-»Ich spreche nicht von den bösen Zungen, mir sind
-aber alle Ihre Liebesabenteuer bekannt.«
-</p>
-
-<p>
-»Was für Liebesabenteuer?« schrie Katerina Lwowna
-in aufrichtigem Zorne auf.
-</p>
-
-<p>
-»Das weiß ich schon selbst.«
-</p>
-
-<p>
-»Und wenn Sie es wissen, so sagen Sie es mir bitte!«
-</p>
-
-<p>
-Sinowij Borissowitsch antwortete nichts und schob der
-Frau wieder die geleerte Tasse hin.
-</p>
-
-<p>
-»Offenbar wissen Sie selbst nicht, was zu sagen«,
-sagte Katerina Lwowna verachtungsvoll und warf wütend
-den Teelöffel in die leere Tasse des Mannes. »Nun,
-sagen Sie einmal, was Sie gehört haben? Wer soll mein
-Geliebter sein?«
-</p>
-
-<p>
-»Keine Eile, Sie werden es schon hören.«
-</p>
-
-<p>
-»Hat man Ihnen vielleicht etwas von Ssergej gesagt?«
-</p>
-
-<p>
-»Das werden wir bald alles erfahren, Katerina Lwowna.
-Niemand hat mir noch meine Gewalt über Sie genommen
-und niemand kann sie mir nehmen ... Sie werden bald
-selbst alles sagen ...«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a>
-»Ach! Das kann ich nicht leiden!« schrie Katerina
-Lwowna, mit den Zähnen knirschend, auf, wurde kreideblaß
-und sprang plötzlich durch die Türe hinaus.
-</p>
-
-<p>
-»Da ist er!« sagte sie nach wenigen Augenblicken,
-Ssergej bei der Hand ins Zimmer führend. »Fragen Sie
-ihn und mich aus. Vielleicht wirst du sogar etwas mehr
-erfahren, als dir lieb ist.«
-</p>
-
-<p>
-Sinowij Borissowitsch war ganz bestürzt. Er blickte
-bald Ssergej an, der an der Schwelle stand, bald seine
-Frau, die ruhig, mit gekreuzten Armen auf dem Bettrande
-saß, und wußte gar nicht, womit das alles enden
-sollte.
-</p>
-
-<p>
-»Was hast du vor, du Schlange?« brachte er mit Mühe
-hervor, ohne vom Sessel aufzustehen.
-</p>
-
-<p>
-»Frage mich nun aus, was du so gut weißt«, antwortete
-Katerina Lwowna frech. »Du willst mich mit Schlägen
-einschüchtern«, fuhr sie fort, bedeutungsvoll mit den
-Augen zwinkernd. »Das wird niemals sein! Was ich aber
-vielleicht noch vor allen deinen Drohungen über dich
-beschlossen habe, das werde ich jetzt tun.«
-</p>
-
-<p>
-»Was? Hinaus!« schrie Sinowij Borissowitsch Ssergej
-an.
-</p>
-
-<p>
-»Warum nicht gar!« höhnte Katerina Lwowna.
-</p>
-
-<p>
-Sie sperrte schnell die Türe zu, steckte den Schlüssel
-in die Tasche und legte sich wieder in ihrer offenen
-Jacke aufs Bett.
-</p>
-
-<p>
-»Nun, Sserjoscha, mein Liebster, komm einmal her!«
-rief sie den Burschen zu sich heran.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej schüttelte seinen Lockenkopf und setzte sich
-kühn neben die Hausfrau.
-</p>
-
-<p>
-»Mein Gott! Was ist denn das? Was wollt ihr, ihr
-<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a>
-Barbaren?!« schrie Sinowij Borissowitsch, ganz rot vor
-Zorn, sich vom Sessel erhebend.
-</p>
-
-<p>
-»Wie? Paßt dir das nicht? Schau nur, schau nur, mein
-Liebster, wie schön das ist!«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna lachte auf und küßte vor den Augen
-ihres Mannes Ssergej mit großer Leidenschaft.
-</p>
-
-<p>
-Im gleichen Augenblick brannte auf ihrer Wange ein
-betäubender Schlag, und Sinowij Borissowitsch stürzte
-ans offene Fenster.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-8">
-VIII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-»Ach so! ... Ich danke dir, lieber Freund: nur darauf
-habe ich gewartet!« schrie Katerina Lwowna auf. »Nun
-wird es wohl weder nach meinem noch nach deinem
-Willen gehen ...«
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Ruck stieß sie Ssergej von sich, stürzte sich
-auf den Mann, packte ihn, noch ehe Sinowij Borissowitsch
-das Fenster erreicht hatte, mit ihren feinen Fingern
-an der Kehle und warf ihn wie eine Hanfgarbe zu
-Boden.
-</p>
-
-<p>
-Sinowij Borissowitsch schlug sich mit dem Nacken am
-Fußboden an und wurde ganz wahnsinnig vor Entsetzen.
-Ein so schnelles Ende hatte er nicht erwartet. Die erste
-Gewalttätigkeit seiner Frau gegen ihn zeigte ihm, daß
-sie zu allem entschlossen sei, um ihn loszuwerden, und
-daß er sich in höchster Gefahr befinde. Sinowij Borissowitsch
-hatte das alles blitzartig im Augenblick seines
-Sturzes erfaßt; er schrie nicht einmal auf, denn er wußte,
-daß seine Stimme kein Ohr erreichen und die Sache nur
-noch beschleunigen würde. Er ließ seinen Blick schweigend
-um sich schweifen, und richtete ihn zuletzt mit einem
-<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a>
-Ausdruck von Haß, Vorwurf und Schmerz auf seine
-Frau, deren feine Finger seine Kehle zusammenpreßten.
-</p>
-
-<p>
-Sinowij Borissowitsch wehrte sich nicht, seine Arme
-mit den geballten Fäusten lagen ausgestreckt da und
-zuckten wie in einem Krampfe. Der eine Arm war frei,
-den andern hatte Katerina Lwowna mit dem Knie gegen
-den Boden gedrückt.
-</p>
-
-<p>
-»Halt ihn einmal fest,« flüsterte sie gleichgültig Ssergej
-zu und wandte sich wieder zum Mann.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej setzte sich rittlings auf seinen Herrn und drückte
-dessen beide Hände mit den Knien gegen den Boden. Er
-wollte ihn unter den Händen Katerina Lwownas an der
-Kehle fassen, schrie aber in diesem selben Augenblick
-selbst wahnsinnig auf. Als Sinowij Borissowitsch seinen
-Todfeind so nahe vor sich sah, nahm er seine letzten
-Kräfte zusammen: mit einem verzweifelten Ruck befreite
-er seine Hände unter Ssergejs Knie, packte ihn an den
-schwarzen Locken und biß sich wie ein wildes Tier in
-seine Kehle fest. Dies dauerte aber nur wenige Augenblicke;
-Sinowij Borissowitsch stöhnte schwer auf, und
-sein Kopf fiel wieder zurück.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna stand blaß, fast ohne zu atmen über
-den Mann und den Geliebten gebeugt; in der rechten
-Hand hielt sie einen schweren gegossenen Leuchter am
-oberen Ende, so daß der schwere Fuß nach unten gerichtet
-war. Über die Schläfe und Wange Sinowij Borissowitschs
-rieselte ein dünnes Bächlein hellroten Blutes.
-</p>
-
-<p>
-»Einen Popen ...« stöhnte Sinowij Borissowitsch
-dumpf, den Kopf voller Ekel so weit es ging vor dem
-auf ihm sitzenden Ssergej zurückwerfend. »Beichten ...«
-<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a>
-sagte er noch dumpfer, am ganzen Leibe zitternd und
-auf das über sein Gesicht fließende warme Blut
-schielend.
-</p>
-
-<p>
-»Bist auch ohne Beichte gut,« flüsterte Katerina
-Lwowna.
-</p>
-
-<p>
-»Mach keine langen Geschichten,« sagte sie zu Ssergej.
-»Pack ihn einmal ordentlich an der Gurgel.«
-</p>
-
-<p>
-Sinowij Borissowitsch röchelte.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna beugte sich über ihn, preßte mit
-ihren Händen Ssergejs Hände, die die Kehle ihres
-Mannes umklammerten, noch fester zusammen und
-drückte ihr Ohr an dessen Brust. Nach fünf stummen
-Minuten stand sie auf und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Es ist genug, er ist fertig.«
-</p>
-
-<p>
-Ssergej stand ebenfalls auf und holte tief Atem.
-Sinowij Borissowitsch lag leblos mit eingedrückter Kehle
-und zerschmetterter Schläfe da. Auf dem Fußboden links
-von seinem Kopfe war ein kleiner Blutfleck; aus der
-kleinen Wunde, an der schon die Haare klebten, kam
-aber kein neues Blut mehr.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej trug die Leiche in den Keller unter der gemauerten
-Vorratskammer, in die ihn vor nicht langer Zeit
-der selige Boris Timofejitsch eingesperrt hatte, und kehrte
-bald ins Schlafzimmer zurück. Katerina Lwowna hatte
-die Ärmel ihrer Jacke aufgekrempelt und den Saum ihres
-Rockes gerafft und wusch mit Seife den Blutfleck, den
-Sinowij Borissowitsch auf dem Fußboden seines Schlafzimmers
-hinterlassen hatte. Der Samowar, aus dem er
-soeben den vergifteten Tee getrunken hatte, war noch
-nicht erkaltet, und der Blutfleck ließ sich mit dem heißen
-Wasser spurlos abwaschen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a>
-Katerina Lwowna nahm die kupferne Spülschale und
-einen eingeseiften Bastwisch in die Hand.
-</p>
-
-<p>
-»Leuchte mir einmal,« sagte sie zu Ssergej, zu der Türe
-gehend. »Halte die Kerze tiefer!« sagte sie, die Dielenbretter
-untersuchend, über die Ssergej die Leiche in den
-Keller geschleppt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Nur an zwei Stellen waren auf der gestrichenen Diele
-zwei kirschengroße Flecke zu sehen. Katerina Lwowna
-rieb sie mit dem Bastwisch, und sie verschwanden
-spurlos.
-</p>
-
-<p>
-»Nun wirst du nicht mehr wie ein Dieb zu deiner Frau
-schleichen und sie belauern,« sagte Katerina Lwowna, sich
-aufrichtend und einen Blick zur Vorratskammer werfend.
-</p>
-
-<p>
-»Jetzt ist Schluß,« sagte Ssergej und fuhr vor dem
-Klange seiner eigenen Stimme zusammen.
-</p>
-
-<p>
-Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrten, zeigte sich im
-Osten schon der erste feine Streif des Morgenrots, das
-die blühenden Apfelbäume mit schwachem goldenem
-Scheine übergoß und durch das grüne Gartengitter in
-das Schlafzimmer Katerina Lwownas hereinblickte.
-</p>
-
-<p>
-Über den Hof ging aus der Scheune in die Küche, den
-Schafspelz über die Schultern geworfen, gähnend und
-sich bekreuzigend, der alte Verwalter.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna schloß leise den Fensterladen und
-warf einen durchdringenden Blick auf Ssergej, als wollte
-sie ihm in die Tiefe seiner Seele blicken.
-</p>
-
-<p>
-»Nun bist du Kaufmann,« sagte sie, ihm ihre weißen
-Hände auf die Schultern legend.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej erwiderte nichts.
-</p>
-
-<p>
-Er zitterte wie im Fieber. Katerina Lwowna fühlte nur
-Kälte um die Lippen.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a>
-Nach zwei Tagen hatte Ssergej an beiden Händen
-Schwielen, die vom Brecheisen und dem schweren Spaten
-herrührten. Sinowij Borissowitsch war dafür so gut verwahrt,
-daß ihn vor der allgemeinen Auferstehung wohl
-niemand ohne Beihilfe Katerina Lwownas und ihres
-Geliebten finden würde.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-9">
-IX
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Ssergej trug ein rotes wollenes Halstuch und klagte
-über Halsschmerzen. Ehe aber die Male von den Zähnen
-Sinowij Borissowitschs auf seinem Halse vernarbt waren,
-fiel den Leuten die allzu lange Abwesenheit des Hausherrn
-auf. Ssergej selbst sprach am häufigsten von ihm.
-Wenn er abends mit den anderen Burschen auf der Bank
-vor dem Tore saß, brachte er oft die Rede auf ihn: »Was
-bleibt unser Herr so lange aus?«
-</p>
-
-<p>
-Auch die Burschen wunderten sich.
-</p>
-
-<p>
-Von der Mühle kam aber die Nachricht, daß Sinowij
-Borissowitsch schon längst einen Wagen gedungen hatte
-und nach Hause abgereist war. Der Kutscher, der ihn
-gefahren hatte, berichtete, daß Sinowij Borissowitsch in
-einer seltsamen Aufregung gewesen sei; am Kloster, etwa
-drei Werst vor der Stadt, sei er mit seiner Reisetasche
-aus dem Wagen gestiegen und hätte den Kutscher entlassen.
-Als die Leute diesen Bericht hörten, staunten sie
-noch mehr.
-</p>
-
-<p>
-Sinowij Borissowitsch schien spurlos verschwunden
-zu sein.
-</p>
-
-<p>
-Man fing zu suchen an, konnte aber auch nicht die
-geringste Spur finden. Der Kutscher, den man bald verhaftete,
-wußte nur zu berichten, daß der Kaufmann vor
-<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a>
-dem Kloster den Wagen verlassen und zu Fuß weitergegangen
-sei. Die Sache blieb rätselhaft. Katerina Lwowna
-erfreute sich indessen ihrer Witwenfreiheit und lebte mit
-Ssergej ohne jede Scheu zusammen. Man meldete zwar
-ab und zu, daß man Sinowij Borissowitsch bald hier
-und bald dort gesehen hätte, er kam aber nicht zurück,
-und Katerina Lwowna wußte am besten, daß er überhaupt
-nicht mehr zurückkehren konnte.
-</p>
-
-<p>
-So verging ein Monat, ein zweiter und ein dritter, und
-Katerina Lwowna fühlte sich in anderen Umständen.
-</p>
-
-<p>
-»Das Kapital wird uns zufallen, Sserjoscha: ich habe
-jetzt einen Erben,« sagte sie zu Ssergej. Sie ging auf das
-Kaufmannsgericht und meldete, daß sie in Umständen
-sei; die Geschäfte lägen brach; man möchte ihr daher die
-Vollmacht geben, das Geschäft selbständig zu führen.
-</p>
-
-<p>
-Man durfte das alte Handelshaus doch nicht zugrunde
-gehen lassen; Katerina Lwowna war ja die eheliche Gemahlin
-Sinowij Borissowitschs, Schulden waren keine
-vorhanden, also konnte man ihr ohne Bedenken die Vollmacht
-geben.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna ist nun unumschränkte Herrin, und
-Ssergej wird auf ihren Wunsch von allen Ssergej Philippowitsch
-genannt. Plötzlich kommt eine ganz neue Sorge.
-Man meldet dem Bürgermeister aus Liwny, daß Sinowij
-Borissowitsch nicht bloß mit eigenem Kapital Handel
-getrieben habe; in seinem Geschäft hätte auch das
-Geld seines minderjährigen Neffen Fjodor Ignatjewitsch
-Ljamin gesteckt, das sein eigenes Kapital um ein Beträchtliches
-überstiegen habe; diese Sache müsse noch genauer
-untersucht werden, und man dürfe nicht das ganze
-Geschäft Katerina Lwowna allein anvertrauen. Als
-<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a>
-diese Nachricht eintraf, ließ der Bürgermeister Katerina
-Lwowna zu sich kommen und teilte ihr alles mit. Nach
-acht Tagen kommt aber aus Liwny eine alte Frau mit
-einem halbwüchsigen Jungen.
-</p>
-
-<p>
-»Ich bin eine Base des seligen Boris Timofejitsch,«
-sagt sie, »und der Junge ist mein Großneffe Fjodor
-Ljamin.«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna nahm sie huldvoll auf.
-</p>
-
-<p>
-Als Ssergej die Gäste und den Empfang, den ihnen
-Katerina Lwowna bereitete, sah, wurde er kreideblaß.
-</p>
-
-<p>
-»Was hast du?« fragte ihn Katerina Lwowna, als er
-gleich nach den Gästen ins Haus trat und aufgeregt im
-Vorzimmer stehen blieb.
-</p>
-
-<p>
-»Nichts,« antwortete der Bursche, aus dem Vorzimmer
-wieder in den Hausflur gehend. »Ich denke mir nur,
-was für eine wunderbare Stadt dieses Liwny ist,« fügte
-er seufzend hinzu, die Haustüre hinter sich schließend.
-</p>
-
-<p>
-»Was sollen wir jetzt anfangen?« fragte Ssergej
-Philippowitsch nachts am Teetisch Katerina Lwowna.
-»Unsere Sache steht jetzt wohl sehr schlecht.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum sollte sie schlecht stehen, Sserjoscha?«
-</p>
-
-<p>
-»Weil die Erbschaft geteilt werden wird. Wie willst du
-wirtschaften, wenn dir kein Geld im Geschäfte bleibt?«
-</p>
-
-<p>
-»Glaubst du, daß es für dich nicht langen wird,
-Sserjoscha?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich spreche nicht von mir, ich glaube nur, daß wir
-beide jetzt nicht mehr so glücklich werden leben können.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum glaubst du das, Sserjoscha?«
-</p>
-
-<p>
-»Ich liebe Sie, Katerina Lwowna, und möchte Sie als
-wirkliche Dame sehen und nicht in der Lage, in der
-Sie vor Ihrer Heirat gelebt haben,« antwortete Ssergej
-<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a>
-Philippowitsch. »Nun wird aber das Kapital so sehr verringert,
-daß Sie noch ärmer sein werden, als Sie es als
-Mädchen waren.«
-</p>
-
-<p>
-»Brauche ich denn das viele Geld, Sserjoscha?«
-</p>
-
-<p>
-»Es ist wohl möglich, Katerina Lwowna, daß Sie für
-das Geld gar kein Interesse haben. Ich achte Sie aber so
-sehr, daß es mir schmerzlich sein wird, zu sehen, wie die
-gemeinen und neidischen Menschen Sie anschauen werden.
-Sie können darüber natürlich urteilen, wie es Ihnen
-beliebt, ich bin aber der Ansicht, daß ich dann unmöglich
-so glücklich sein kann, wie ich es bisher gewesen.«
-</p>
-
-<p>
-Und er redete in einem fort, daß dieser Fedja Ljamin
-ihn zum unglücklichsten Menschen mache und daß er
-nicht mehr die Möglichkeit habe, sie, Katerina Lwowna,
-vor den Augen der ganzen Kaufmannschaft zu erhöhen
-und zu ehren. Wenn dieser Fedja nicht wäre, so bekäme
-Katerina Lwowna, nachdem sie vor Ablauf der neunmonatlichen
-Frist nach dem Verschwinden ihres Mannes
-ein Kind geboren haben würde, das ganze Kapital; dann
-würde ihr gemeinsames Glück ganz grenzenlos sein.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-10">
-X
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Nach einiger Zeit hörte aber Ssergej ganz auf, von
-der Erbschaft zu sprechen. Dafür nahm jetzt Fedja Ljamin
-alle Gedanken und Regungen Katerina Lwownas gefangen.
-Sie war nun immer nachdenklich und gegen
-Ssergej oft sogar unfreundlich. Ob sie schläft, oder den
-Geschäften nachgeht, oder betet, &mdash; immer denkt sie an
-das eine: »Wie ist es nun? Warum muß ich seinetwegen
-das ganze Kapital verlieren? Ich habe so viel durchgemacht,
-habe eine solche Sünde auf mich genommen,
-<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a>
-und er kommt gefahren und nimmt mir ruhig alles ab ...
-Wenn er wenigstens ein erwachsener Mensch wäre, aber
-er ist nur ein kleines Kind ...«
-</p>
-
-<p>
-In diesem Jahre kamen die Fröste früh. Von Sinowij
-Borissowitsch war natürlich nichts zu hören. Katerina
-Lwowna nahm von Tag zu Tag an Leibesumfang zu und
-war immer nachdenklich. In der Stadt sprachen die Leute
-nur noch von ihr: die junge Ismajlowa ist doch immer
-kinderlos und mager gewesen, und nun ist sie plötzlich
-so aufgedunsen. Das ist doch seltsam! Der junge Miterbe
-Fedja Ljamin ging aber indessen in einem leichten
-Halbpelz aus Eichhornfellen auf dem Hofe herum und
-brach mit den Absätzen das Eis in den Pfützen ein.
-</p>
-
-<p>
-»Du, Fjodor Ignatjewitsch!« schrie ihm manchmal die
-Köchin Aksinja zu. »Paßt es denn für dich, den Kaufmannssohn,
-in den Pfützen herumzustapfen?«
-</p>
-
-<p>
-Der Miterbe, der Katerina Lwowna und ihrem Geliebten
-solche Sorgen machte, sprang aber so vergnügt
-wie ein Böcklein den ganzen Tag herum; nachts schlief
-er ruhig und sorglos unter der Obhut seiner Großtante
-und dachte gar nicht daran, daß jemand ihm in den Weg
-treten und sein glückliches Dasein verdunkeln könnte.
-</p>
-
-<p>
-Fedja lief so lange auf dem Hofe herum, bis er eines
-Tages die Windpocken bekam. Zu den Windpocken gesellte
-sich auch eine Lungenentzündung. Der Junge lag
-krank darnieder. Man behandelte ihn zuerst mit allerlei
-Hausmitteln und ließ schließlich auch den Arzt kommen.
-</p>
-
-<p>
-Der Arzt kam alle paar Tage ins Haus und schrieb
-Arzneien auf. Der Junge bekam sie alle paar Stunden
-nach der Uhr. Die Großtante selbst gab sie ihm ein.
-Manchmal mußte es auch Katerina Lwowna tun.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a>
-»Bemühe dich einmal, Katerina,« sagte sie ihr. »Du
-bist gesegneten Leibes, erwartest das Gericht Gottes, also
-kannst du dich auch einmal bemühen.«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna tat der Alten den Gefallen. Wenn
-jene in die Kirche ging, um »für den auf dem Krankenlager
-liegenden Knaben Fjodor« zu beten oder ein
-Stückchen Hostie für ihn zu holen, saß Katerina Lwowna
-am Bette des Kranken und gab ihm pünktlich seine
-Arzneien ein.
-</p>
-
-<p>
-So ging die Alte auch am Festtage der Darstellung
-Mariä in die Kirche zur Abendmesse und Frühmesse
-und bat Katerina Lwowna wieder, nach dem Jungen zu
-sehen. Fedja ging es schon viel besser.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna kommt zu Fedja ins Zimmer, er
-sitzt aber schon in seinem Eichhornpelz auf dem Bette
-und liest.
-</p>
-
-<p>
-»Was liest du, Fedja?« fragte Katerina Lwowna, sich
-in den Sessel vor seinem Bette setzend.
-</p>
-
-<p>
-»Ich lese im Heiligenleben, Tantchen.«
-</p>
-
-<p>
-»Ist es interessant?«
-</p>
-
-<p>
-»Sehr interessant, Tantchen.«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna stützt den Kopf in die Hand und
-blickt auf Fedja, der lautlos die Lippen bewegt. Wie wenn
-sich alle Dämonen von den Ketten losgerissen hätten,
-bemächtigt sich ihrer plötzlich wieder der alte Gedanke,
-daß dieser Junge ihr soviel Böses zufüge und daß es viel
-besser wäre, wenn es ihn gar nicht auf der Welt gäbe.
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Er ist krank, &mdash; dachte sich Katerina Lwowna. &mdash; Er
-nimmt Arzneien ein ... Einem kranken Kind kann ja
-manches zustoßen ... Hinterher kann man sagen, daß
-der Arzt eine unrechte Medizin verordnet hat ...
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a>
-»Ist es nicht Zeit, die Medizin zu nehmen, Fedja?«
-</p>
-
-<p>
-»Bitte, Tantchen!« sagte der Junge. Er schluckte die
-Medizin herunter und fügte hinzu: »Das Buch ist sehr
-interessant, Tantchen, es wird darin das Leben der Heiligen
-beschrieben.«
-</p>
-
-<p>
-»Lies nur, lies,« versetzte Katerina Lwowna. Sie sah
-sich kaltblütig im Zimmer um und richtete den Blick
-auf das mit Eisblumen überzogene Fenster.
-</p>
-
-<p>
-»Man muß die Fenster schließen lassen,« sagte sie.
-Dann ging sie durch das Gastzimmer in den Saal und
-von dort zu sich ins Schlafzimmer. Hier setzte sie sich
-hin.
-</p>
-
-<p>
-Nach etwa fünf Minuten trat ins Schlafzimmer in einem
-mit Seebärenfell besetzten Halbpelz Ssergej.
-</p>
-
-<p>
-»Hat man die Fenster geschlossen?« fragte ihn Katerina
-Lwowna.
-</p>
-
-<p>
-»Man hat sie geschlossen,« antwortete Ssergej. Er
-putzte die Kerze und stellte sich vor den Ofen.
-</p>
-
-<p>
-Beide schwiegen.
-</p>
-
-<p>
-»Heute geht die Abendmesse wohl nicht so bald zu
-Ende?« fragte Katerina Lwowna.
-</p>
-
-<p>
-»Morgen ist ein großer Feiertag, der Gottesdienst wird
-heute lange dauern,« antwortete Ssergej.
-</p>
-
-<p>
-Es entstand wieder eine Pause.
-</p>
-
-<p>
-»Ich muß nach Fedja schauen, er ist allein,« sagte Katerina
-Lwowna, sich erhebend.
-</p>
-
-<p>
-»Allein?« fragte Ssergej, sie mürrisch anblickend.
-</p>
-
-<p>
-»Ja, allein,« antwortete sie leise: »Warum?«
-</p>
-
-<p>
-Von einem Augenpaar zum andern zuckten schnelle
-Blitze; aber keiner von ihnen sagte ein Wort.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna ging hinunter und machte eine Runde
-<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a>
-durch die leeren Zimmer. Überall war es still; vor den
-Heiligenbildern brannten ruhig die Lämpchen; ihr
-eigener Schatten huschte über die Wände; die Außenläden
-waren schon geschlossen, und die Fensterscheiben
-tauten auf und tränten. Fedja saß auf dem Bett und las.
-Als er Katerina erblickte, sagte er ihr:
-</p>
-
-<p>
-»Tantchen, legen Sie, bitte, dieses Buch weg und
-geben Sie mir das andere, das auf dem Heiligenschrein
-liegt.«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna erfüllte die Bitte des Neffen und
-gab ihm das Buch.
-</p>
-
-<p>
-»Willst du nicht einschlafen, Fedja?«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, Tantchen, ich möchte auf die Großtante warten.«
-</p>
-
-<p>
-»Warum willst du auf sie warten?«
-</p>
-
-<p>
-»Sie versprach mir, geweihtes Brot von der Abendmesse
-mitzubringen.«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna wurde plötzlich blaß: ihr eigenes
-Kind regte sich eben zum erstenmal unter ihrem Herzen,
-und sie fühlte Kälte in der Brust. Sie stand noch eine
-Weile mitten im Zimmer da und ging hinaus, die erkaltenden
-Hände gegeneinander reibend.
-</p>
-
-<p>
-»Nun!« flüsterte sie, leise ins Schlafzimmer tretend, wo
-Ssergej noch immer vor dem Ofen stand.
-</p>
-
-<p>
-»Was denn?« fragte Ssergej kaum hörbar. Ihm stockte
-der Atem.
-</p>
-
-<p>
-»Er ist allein.«
-</p>
-
-<p>
-Ssergej runzelte die Brauen und begann schwer zu
-atmen.
-</p>
-
-<p>
-»Komm!« sagte Katerina Lwowna hastig, sich zur Türe
-wendend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a>
-Ssergej zog sich schnell die Stiefel aus und fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Was soll ich mitnehmen?«
-</p>
-
-<p>
-»Nichts!« hauchte Katerina Lwowna und führte ihn
-leise hinaus.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-11">
-XI
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Der kranke Knabe fuhr zusammen und ließ das Buch
-auf den Schoß sinken, als Katerina Lwowna zum drittenmal
-zu ihm hereinkam.
-</p>
-
-<p>
-»Was hast du, Fedja?«
-</p>
-
-<p>
-»Ach, Tantchen, ich habe solche Angst, ich weiß selbst
-nicht warum,« antwortete er, lächelnd und sich unruhig
-in eine Ecke des Bettes drückend.
-</p>
-
-<p>
-»Wovor hast du Angst?«
-</p>
-
-<p>
-»Wer war eben mit Ihnen, Tantchen?«
-</p>
-
-<p>
-»Wo? Niemand war mit mir, mein Liebling.«
-</p>
-
-<p>
-»Niemand?«
-</p>
-
-<p>
-Der Knabe beugte sich zum Fußende des Bettes vor,
-kniff die Augen zusammen, blickte zur Türe, durch die
-seine Tante soeben gekommen war, und beruhigte sich.
-</p>
-
-<p>
-»Es ist mir wohl nur so vorgekommen,« sagte er.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna lehnte sich an die Kopfwand seines
-Bettes.
-</p>
-
-<p>
-Fedja blickte die Tante an und fragte sie, warum sie so
-blaß sei.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna hüstelte nur und blickte erwartungsvoll
-auf die Türe des Gastzimmers. Dort knarrte leise ein
-Dielenbrett.
-</p>
-
-<p>
-»Ich lese eben die Lebensgeschichte meines Namenspatrons
-Fjodors des Stratilaten. Was der für ein gottgefälliges
-Leben führte!«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna stand schweigend da.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a>
-»Tantchen, wollen Sie sich nicht hinsetzen? Ich
-möchte Ihnen vorlesen!« sagte der Neffe, sie liebevoll
-anblickend.
-</p>
-
-<p>
-»Wart, ich komme gleich, ich will nur das Lämpchen
-im Saal richten,« antwortete Katerina Lwowna und verließ
-schnell das Zimmer.
-</p>
-
-<p>
-Im Gastzimmer wurde ganz leise, fast unhörbar geflüstert;
-das Kind hörte es aber in der tiefen Stille mit
-seinen scharfen Ohren.
-</p>
-
-<p>
-»Tantchen! Was ist denn das? Mit wem tuscheln Sie
-denn?« schrie der Knabe mit tränenerstickter Stimme.
-»Tantchen, kommen Sie doch her, ich habe solche Angst!«
-rief er nach einem Augenblick noch klagender: es kam
-ihm vor, als ob die Tante im Gastzimmer zu jemand
-»Jetzt!« gesagt hätte. Der Knabe bezog es auf sich.
-</p>
-
-<p>
-»Was hast du Angst?« fragte Katerina Lwowna heiser,
-mit festen, entschlossenen Schritten ins Zimmer tretend.
-Sie stellte sich vor das Bett so hin, daß ihr Körper
-die Gastzimmertüre vor den Blicken des Kranken verdeckte.
-»Leg dich!« sagte sie ihm.
-</p>
-
-<p>
-»Ich will nicht, Tantchen.«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, Fedja, hör auf mich, leg dich ... Es ist spät ...
-Leg dich ...« wiederholte Katerina Lwowna.
-</p>
-
-<p>
-»Was fällt Ihnen ein, Tantchen! Ich will noch gar
-nicht liegen.«
-</p>
-
-<p>
-»Nein, leg dich, leg dich,« sagte Katerina Lwowna
-mit veränderter, abgerissener Stimme. Sie nahm den
-Jungen unter den Achseln und legte ihn gewaltsam hin.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick stieß Fedja einen wahnsinnigen
-Schrei aus: er sah Ssergej, blaß und barfuß ins Zimmer
-treten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a>
-Katerina Lwowna drückte ihre Hand auf den vor Entsetzen
-weit geöffneten Mund des Kindes und schrie:
-</p>
-
-<p>
-»Schnell! Halt ihn einmal, damit er nicht zappelt!«
-</p>
-
-<p>
-Ssergej packte Fedja an Armen und Beinen, Katerina
-Lwowna warf mit einem schnellen Ruck ein großes
-Daunenkissen auf das Gesicht des unglücklichen Kindes
-und legte sich mit der ganzen Schwere ihres Rumpfes
-darauf.
-</p>
-
-<p>
-An die vier Minuten herrschte im Zimmer eine Grabesstille.
-</p>
-
-<p>
-»Er hat genug,« flüsterte Katerina Lwowna. Kaum hatte
-sie sich aber erhoben, um alles in Ordnung zu bringen, als
-die Wände des stillen Hauses, das so viele Verbrechen in
-sich barg, von wuchtigen Schlägen erdröhnten: die Fenster
-klirrten, die Böden bebten, die Lämpchen vor den
-Heiligenbildern zitterten an ihren Ketten, und unheimliche
-Schatten huschten über die Wände.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej fuhr zusammen und stürzte hinaus; Katerina
-Lwowna rannte ihm nach, und das Dröhnen folgte ihnen.
-Es war, wie wenn überirdische Kräfte das sündige Haus
-bis auf den Grund erschütterten.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna fürchtete, daß der von Entsetzen
-gepeitschte Ssergej hinauslaufen und sich durch seinen
-Schreck verraten könnte; er lief aber in das Schlafzimmer
-hinauf.
-</p>
-
-<p>
-Als Ssergej die Treppe hinaufgelaufen war, schlug er
-im Finstern mit der Stirne an die Tür und stürzte, ganz
-wahnsinnig vor Entsetzen, die Stufen hinunter.
-</p>
-
-<p>
-»Sinowij Borissowitsch, Sinowij Borissowitsch!« stammelte
-er, kopfüber die Treppe hinunterstürzend und
-Katerina Lwowna umwerfend und mit sich reißend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a>
-»Wo?« fragte sie.
-</p>
-
-<p>
-»Da flog er eben als ein eisernes Blech über uns vorbei!
-Da fliegt er!« schrie Ssergej auf. »Da dröhnt er schon
-wieder!«
-</p>
-
-<p>
-Nun war es klar, daß viele Hände von außen gegen
-alle Fenster hämmerten und auch die Türe einzuschlagen
-versuchten.
-</p>
-
-<p>
-»Narr! Steh auf, Narr!« schrie Katerina Lwowna. Mit
-diesen Worten lief sie schnell wie der Blitz in Fedjas
-Zimmer, legte seinen toten Kopf in der natürlichen Stellung
-eines Schlafenden auf die Kissen hin und machte
-mit fester Hand die Türe auf, in die ein großer Haufen
-Menschen einzudringen suchte.
-</p>
-
-<p>
-Das Bild, das sich ihr bot, war schrecklich. Katerina
-Lwowna blickte über die Köpfe der Menge, die die Haustüre
-belagerte, sah viele unbekannte Menschen über den
-hohen Zaun in den Hof klettern und hörte das Brausen
-vieler Stimmen.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna hatte noch nicht Zeit gehabt, die
-Sachlage zu erfassen, als die Menschen, die vor der
-Türe standen, über sie herfielen und sie zurück ins Haus
-drängten.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-12">
-XII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Dieser Menschenauflauf war aber folgendermaßen entstanden.
-In allen Gotteshäusern der recht großen und
-lebhaften Kreisstadt, in der Katerina Lwowna lebte, hatte
-sich am Vorabend des großen Festes eine Menge Menschen
-angesammelt; in der Kirche aber, die morgen ihr
-Altarfest feiern sollte, war das Gedränge so groß, daß
-keine Stecknadel zu Boden fallen konnte. In dieser Kirche
-sang ein Chor, der aus Handelsgehilfen bestand und von
-<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a>
-einem bekannten Liebhaber der Gesangskunst dirigiert
-wurde.
-</p>
-
-<p>
-Unser Volk ist religiös und dem Gottesdienste zugetan;
-außerdem haben die Leute bei uns eine künstlerische
-Ader, und schöner Chorgesang und prunkvoller Gottesdienst
-sind für sie der reinste Hochgenuß. Wenn in einer
-Kirche ein Chor singt, läuft gleich die halbe Stadt zusammen;
-in erster Linie aber der Handels- und der Arbeiterstand:
-Handelsgehilfen, Lehrjungen, Handlanger,
-Fabrikarbeiter und auch die Geschäftsinhaber selbst mit
-ihren Gemahlinnen. Alle drängen sich in einer der Kirchen
-zusammen, ein jeder will wenigstens vor der Kirchentüre
-oder vor dem Fenster, selbst bei brennender
-Sonnenglut, selbst bei strengstem Frost stehen und den
-tiefen Bässen und kunstvollen Tenören, wenn sie ihre
-Variationen singen, lauschen.
-</p>
-
-<p>
-In der Kirche, zu deren Sprengel das Ismailowsche
-Haus gehörte, gab es einen Altar zur Darstellung Mariä.
-Zu derselben Zeit, als sich alles oben Beschriebene mit
-Fedja abspielte, hatte sich die Jugend der ganzen Stadt in
-dieser Kirche versammelt; die Leute verzogen sich nach
-dem Gottesdienste in Scharen und besprachen die Vorzüge
-des bekannten Tenors und die Fehler des ebenso
-bekannten Basses.
-</p>
-
-<p>
-Aber nicht alle interessierten sich so für die musikalischen
-Dinge; in der Menge gab es auch Leute, die andere
-Fragen erörterten.
-</p>
-
-<p>
-»Seltsame Dinge erzählt man sich von der jungen Ismailowa,«
-sagte der junge Maschinist, den sich einer der
-Kaufleute für seine Dampfmühle aus Petersburg verschrieben
-hatte, mit seinen Freunden am Ismailowschen
-<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a>
-Hause vorbeigehend. »Man sagt, daß sie mit ihrem Angestellten
-Ssergej ein Liebesverhältnis hat ...«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist ja allen bekannt,« sagte ein Mann in einem mit
-blauem Nanking besetzten Schafspelz. »Sie war heute
-wohl auch gar nicht in der Kirche.«
-</p>
-
-<p>
-»Ach was, Kirche! Die Frau ist so tief gesunken, daß
-sie weder vor Gott, noch vor ihrem Gewissen, noch vor
-den Menschen Angst hat!«
-</p>
-
-<p>
-»Schaut nur, da brennt bei ihr Licht,« sagte der Maschinist,
-auf einen Spalt im Fensterladen zeigend, durch
-den ein Lichtschein drang.
-</p>
-
-<p>
-»Sieh mal hinein, was sie jetzt treiben,« schlugen einige
-Stimmen vor.
-</p>
-
-<p>
-Der Maschinist stützte sich auf die Schultern zweier
-Freunde, blickte durch den Spalt hinein und schrie entsetzt
-auf:
-</p>
-
-<p>
-»Brüder! Da wird gerade jemand erwürgt!«
-</p>
-
-<p>
-Der Maschinist begann mit aller Kraft an den Fensterladen
-zu klopfen. An die zehn Mann folgten seinem Beispiel
-und hämmerten mit den Fäusten gegen die Fenster.
-</p>
-
-<p>
-Die Menge wuchs von Augenblick zu Augenblick an,
-und so entstand die uns bereits bekannte Belagerung des
-Ismailowschen Hauses.
-</p>
-
-<p>
-»Ich hab es gesehen, mit meinen eigenen Augen hab
-ich es gesehen,« bezeugte der Maschinist vor Fedjas
-Leiche. »Das Kind lag auf dem Bett, und die beiden würgten
-es.«
-</p>
-
-<p>
-Ssergej wurde noch am gleichen Abend ins Gefängnis
-abgeführt; Katerina Lwowna sperrte man aber in ihrem
-Schlafzimmer ein und stellte zwei Wachtposten vor die
-Türe.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a>
-Im Ismailowschen Hause war es nun unerträglich kalt;
-die Öfen wurden nicht geheizt, die Türen standen den
-ganzen Tag offen, und eine neugierige Volksmenge löste
-die andere ab. Die Leute sahen sich den offenen Sarg
-mit Fedjas Leiche an, und auch den andern großen geschlossenen
-Sarg, der daneben stand. Fedja hatte an der
-Stirne ein weißes Atlasband, das den von der Sektion
-herrührenden Schnitt verdecken sollte. Die gerichtsärztliche
-Untersuchung hatte ergeben, daß Fedja an Erstickung
-gestorben war, und Ssergej, den man vor die
-Leiche führte, brach, gleich nach den ersten Worten des
-Geistlichen vom Jüngsten Gericht und von den ewigen
-Qualen der unbußfertigen Sünder, in Tränen aus und
-gestand nicht nur den Mord an Fedja ein, sondern bat
-auch, die Leiche des von ihm ohne christliches Begräbnis
-verscharrten Sinowij Borissowitsch auszugraben. Die
-Leiche des letzteren, die im trockenen Sande lag, war
-noch nicht verwest; man grub sie aus und legte sie in
-den großen Sarg. Zum allgemeinen Entsetzen bezeichnete
-Ssergej Katerina Lwowna als die Mitschuldige an den
-beiden Verbrechen. Katerina Lwowna antwortete auf
-alle Fragen: »Ich weiß von nichts.« Als man sie aber mit
-Ssergej konfrontierte, und sie sein Geständnis hörte,
-blickte sie ihn erstaunt, doch ohne Zorn an und sagte
-gleichgültig:
-</p>
-
-<p>
-»Wenn es ihm schon einmal eingefallen ist, alles zu
-gestehen, so will auch ich nicht länger leugnen: ich habe
-die Morde begangen.«
-</p>
-
-<p>
-»Zu welchem Zweck?« fragte man sie.
-</p>
-
-<p>
-»Nur ihm zuliebe«, antwortete sie, auf Ssergej zeigend,
-der mit gesenktem Kopf dastand.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a>
-Die beiden Verbrecher wurden in getrennte Gefängniszellen
-gesperrt, und der grauenhafte Fall, der weit
-und breit Aufsehen und Empörung erregte, kam bald
-vors Gericht. Ende Februar wurde das Urteil verkündet:
-Ssergej und die Kaufmannswitwe Katerina Lwowna
-Ismailowa sollten auf dem Marktplatze ihrer Stadt mit
-der Knute bestraft und dann auf die Katorga nach
-Sibirien verschickt werden. An einem frostigen Märzmorgen
-zeichnete der Scharfrichter Katerina Lwownas
-entblößten weißen Rücken mit der vorgeschriebenen
-Zahl von blauroten Striemen; dann verabreichte er die
-gleiche Portion auch Ssergej und brannte ihm in sein
-hübsches Gesicht die drei Katorgamale.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej erregte bei den Leuten aus irgendeinem Grunde
-viel mehr Mitgefühl als Katerina Lwowna. Als er blutbefleckt
-die Stufen des schwarzen Schafotts herunterging,
-fiel er beinahe um. Katerina Lwowna hielt sich aber aufrecht
-und ruhig und war nur darauf bedacht, daß das
-grobe Hemd ihr nicht den zerfetzten Rücken scheuere.
-</p>
-
-<p>
-Als man ihr im Gefängnisspital ihr neugeborenes Kind
-reichte, sagte sie nur: »Hol es der Kuckuck!« Dann
-wandte sie sich ohne einen Ton von sich zu geben zur
-Wand und fiel mit der Brust auf das harte Bett.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-13">
-XIII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Der Sträflingstransport, mit dem Ssergej und Katerina
-Lwowna nach Sibirien verschickt wurden, brach zu einer
-Zeit auf, wo der Frühling nur im Kalender stand und
-die Sonne zwar leuchtete aber noch nicht wärmte.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwownas Kind wurde der alten Base des
-seligen Boris Timofejitsch zur Pflege gegeben: das Kind
-<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a>
-war nach dem Gesetz ein ehelicher Sohn des ermordeten
-Sinowij Borissowitsch und einziger Erbe des
-ganzen Ismailowschen Vermögens. Katerina Lwowna
-war damit sehr zufrieden und gab ihr Kind gleichgültig
-hin. Wie es bei leidenschaftlichen Frauen oft der Fall ist,
-hatte sich ihre Liebe zum Vater in keiner Weise auf das
-Kind übertragen.
-</p>
-
-<p>
-Es gab für sie übrigens kein Licht und kein Dunkel,
-kein Gut und kein Böse, keine Freude und keine Langweile;
-sie begriff nichts; liebte niemand, nicht einmal
-sich selbst. Sie wartete mit Ungeduld auf den Ausmarsch;
-sie hoffte unterwegs ihren Ssergej zu sehen, ihr
-Kind hatte sie aber schon ganz vergessen.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwownas Hoffnung wurde nicht getäuscht:
-der gebrandmarkte, mit schweren Ketten beladene Ssergej
-verließ zugleich mit ihr das Gefängnistor.
-</p>
-
-<p>
-Der Mensch gewöhnt sich an jedes noch so schreckliche
-Elend und behält in jeder Lage die Fähigkeit,
-seinen kümmerlichen Freuden nachzugehen. Katerina
-Lwowna aber brauchte sich an nichts zu gewöhnen; sie
-sah ihren Ssergej wieder, und der Weg nach Sibirien
-bedeutete für sie an seiner Seite den Weg zum Glück.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna konnte in ihrem Leinensack nur
-wenig Wertgegenstände und noch weniger bares Geld
-mitnehmen. Dies alles verteilte sie, noch ehe der Transport
-Nischnij-Nowgorod erreicht hatte, unter den Gefängnisaufsehern
-für die Erlaubnis, an Ssergejs Seite zu
-marschieren und manchmal bei finsterer Nacht ein Stündchen
-mit ihm in einer kalten Ecke des schmalen Gefängniskorridors
-zu verbringen.
-</p>
-
-<p>
-Der gebrandmarkte Freund Katerina Lwownas war
-<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a>
-aber gegen sie lieblos geworden; sie bekam von ihm
-kein einziges freundliches Wort mehr zu hören; er legte
-auch wenig Wert auf die geheimen Zusammenkünfte mit
-ihr, für die sie ihr letztes Geld hergeben mußte, und
-sagte ihr sogar mehr als einmal:
-</p>
-
-<p>
-»Statt mit mir im Korridor herumzustehen, hättest du
-doch lieber das Geld, das du dafür dem Aufseher zahlst,
-mir gegeben!«
-</p>
-
-<p>
-»Es waren ja nur fünfundzwanzig Kopeken, Sserjoscha!«
-rechtfertigte sich Katerina Lwowna.
-</p>
-
-<p>
-»Sind denn fünfundzwanzig Kopeken kein Geld? Du
-hast doch unterwegs noch kein einziges Geldstück gefunden,
-hast aber schon eine ganze Menge ausgegeben.«
-</p>
-
-<p>
-»Dafür habe ich dich sehen dürfen, Sserjoscha!«
-</p>
-
-<p>
-»Das Wiedersehen nach all dem Elend ist doch wirklich
-keine Freude! Ich verfluche mein Leben und will an
-diese Zusammenkünfte gar nicht denken!«
-</p>
-
-<p>
-»Mir ist aber alles gleich, Sserjoscha! Wenn ich dich
-nur sehen kann!«
-</p>
-
-<p>
-»Das sind Dummheiten«, entgegnete Ssergej.
-</p>
-
-<p>
-Als Katerina Lwowna solche Antworten zu hören
-bekam, biß sie sich oft die Lippen blutig. Bei den nächtlichen
-Zusammenkünften traten ihr oft Tränen der Erbitterung
-in die Augen, die sonst niemals weinten. Sie
-trug aber alles schweigend und suchte sich selbst zu
-betrügen.
-</p>
-
-<p>
-So sehr hatten sich ihre Beziehungen zueinander geändert,
-als sie Nischnij-Nowgorod erreichten. Hier
-schloß sich an ihren Transport ein anderer an, der aus
-Moskau kam.
-</p>
-
-<p>
-In diesem sehr großen Transport befanden sich unter
-<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a>
-anderm zwei interessante weibliche Individuen: die Soldatenfrau
-Fiona aus Jaroslawl, ein üppiges, großes,
-schönes Weib mit langem, schwarzem Zopf und schmachtenden
-dunklen Augen, die von den langen Wimpern
-wie von einem geheimnisvollen Schleier beschattet waren.
-Die andere war ein siebzehnjähriges Ding mit spitzigem
-Gesicht und zarter, rosiger Haut, kleinem Mündchen,
-Grübchen in den frischen Wangen und goldblonden
-Locken, die unter dem leinenen Kopftuch lustig auf die
-Stirne niederfielen. Dieses Mädel wurde von den Sträflingen
-Ssonetka genannt.
-</p>
-
-<p>
-Die schöne Fiona war sanft und faul. Alle Sträflinge
-kannten sie; keiner von den Männern zeigte besondere
-Freude, wenn sie ihm ihre Huld schenkte; niemand
-grämte sich auch, wenn sie diese Huld auf einen andern
-übertrug.
-</p>
-
-<p>
-»Fiona ist ein guter Mensch, sie benachteiligt niemand«,
-scherzten die Sträflinge.
-</p>
-
-<p>
-Ssonetka war aber ganz anders.
-</p>
-
-<p>
-Von ihr sagte man:
-</p>
-
-<p>
-»Sie ist wie ein Aal: sie gleitet einem durch die Finger
-und läßt sich von niemand einfangen.«
-</p>
-
-<p>
-Ssonetka hatte Geschmack und war wählerisch; sie
-wollte, daß man ihr die Leidenschaft nicht im rohen Zustande,
-sondern mit einer pikanten Sauce entgegenbringe;
-sie verlangte Leiden und Opfer. Fiona war aber die verkörperte
-russische Einfalt, die viel zu faul ist, um jemand
-»Nein« zu sagen und die nur das eine weiß, daß sie ein
-Weib ist. Solche Frauen werden in den Räuberbanden,
-Sträflingstransporten und Petersburger sozialistischen
-Kommunen sehr geschätzt.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a>
-Das Erscheinen dieser beiden Frauen in dem gleichen
-Transport, in dem sich Ssergej und Katerina Lwowna
-befanden, hatte für diese letztere eine tragische Bedeutung.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-14">
-XIV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Gleich in den ersten Tagen nach dem Ausmarsche aus
-Nischnij-Nowgorod begann sich Ssergej in auffälliger
-Weise um die Gunst der Soldatenfrau Fiona zu bewerben.
-Er hatte auch bald Erfolg. Die schöne Fiona ließ
-ihn nicht allzu lange zappeln und erfüllte sein Sehnen,
-wie sie in ihrer Herzensgüte auch jeden anderen beglückte.
-Auf der dritten oder vierten Etappe hatte Katerina
-Lwowna sich wieder die Möglichkeit einer Zusammenkunft
-mit Ssergej erkauft. Sie liegt auf ihrem Lager und
-wartet: gleich wird der Aufseher kommen und ihr zuraunen:
-»Lauf schnell hinaus!« Die Türe geht einmal auf,
-und eine der Frauen huscht hinaus; die Türe geht wieder
-auf, und von der Pritsche springt eine andere Frau und
-verschwindet im Korridor. Endlich zupft jemand Katerina
-Lwowna am Kittel. Sie springt schnell von der von so
-vielen Sträflingsrücken glattgescheuerten Pritsche, wirft
-sich den Kittel um und folgt dem Aufseher.
-</p>
-
-<p>
-Als Katerina Lwowna durch den Korridor ging, der
-nur an einer Stelle ganz schwach von einem kleinen
-Lämpchen beleuchtet war, stieß sie auf zwei oder drei
-Paare, die sie aus der Entfernung nicht sehen konnte.
-Aus der Männerabteilung tönte durch das Türgitter verhaltenes
-Lachen.
-</p>
-
-<p>
-»Wie die wiehern!« brummte der Begleiter Katerina
-Lwownas. Er nahm sie bei den Schultern, stieß sie in
-eine Ecke und zog sich zurück.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a>
-Katerina Lwowna stieß mit der Hand auf einen groben
-Kittel und einen Bart; ihre andere Hand berührte ein
-heißes Frauengesicht.
-</p>
-
-<p>
-»Wer ist&rsquo;s?« fragte Ssergej leise.
-</p>
-
-<p>
-»Und mit wem bist du hier?«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna riß der Nebenbuhlerin im Finstern
-das Tuch vom Kopfe. Jene taumelte auf die Seite, fing
-zu laufen an, stolperte aber und fiel hin.
-</p>
-
-<p>
-Aus der Männerabteilung erscholl lautes Lachen.
-</p>
-
-<p>
-»Schurke!« flüsterte Katerina Lwowna und schlug
-Ssergej mit den Enden des Tuches, das sie seiner neuen
-Geliebten vom Kopfe gerissen hatte, ins Gesicht.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej erhob seine Hand; Katerina Lwowna huschte
-aber durch den Korridor zur Türe ihrer Zelle. Aus der
-Männerabteilung klang nun so lautes Lachen, daß der
-Wachtposten, der vor dem Lämpchen stand und sich
-gleichgültig auf die Spitze seines Stiefels spuckte, den
-Kopf hob und rief:
-</p>
-
-<p>
-»Ruhe!«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna legte sich schweigend auf ihre
-Pritsche und lag so bis zum Morgen da. Sie wollte sich
-sagen: »Ich liebe ihn nicht mehr«, fühlte aber, daß sie
-ihn noch mehr, noch glühender liebte. Und sie malte sich
-aus, wie seine Hand, mit der er die Andere am Kinn
-gehalten, bei der Berührung mit der ihrigen gezittert,
-wie seine andere Hand die warmen Schultern der Andern
-umschlungen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Die arme Frau brach in Tränen aus und wünschte sich,
-daß die gleichen Hände in diesen Augenblicken ihr
-Gesicht streicheln und ihre krampfhaft zuckenden Schultern
-umfassen möchten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a>
-»Gib mir mein Tuch zurück«, mit diesen Worten wurde
-sie am Morgen von der Soldatenfrau Fiona geweckt.
-</p>
-
-<p>
-»Du warst es also?«
-</p>
-
-<p>
-»Gib&rsquo;s mir, bitte, zurück!«
-</p>
-
-<p>
-»Warum trennst du uns voneinander?«
-</p>
-
-<p>
-»Trenne ich euch denn? Ist es eine Liebe, oder habe
-ich irgendeinen Vorteil davon, daß du mir zürnen sollst?«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna dachte einen Augenblick nach, holte
-unter dem Kissen das Tuch, das sie der andern nachts
-vom Kopfe gerissen hatte, warf es Fiona zu und wandte
-sich zur Wand.
-</p>
-
-<p>
-Sie fühlte sich ein wenig erleichtert.
-</p>
-
-<p>
-»Pfui«, sagte sie sich, »werde ich denn auf so einen
-angemalten Mistkübel eifersüchtig sein? Mag sie in die
-Erde versinken. Es täte mir weh, mich mit ihr auch nur
-zu vergleichen.«
-</p>
-
-<p>
-»Hör einmal, Katerina Lwowna«, sagte ihr am nächsten
-Tage Ssergej, an ihrer Seite gehend, »merke dir bitte, daß
-ich nicht Sinowij Borissowitsch, sondern ein Anderer
-bin und daß du nicht mehr die feine Dame bist. Tu
-darum, bitte, nicht so stolz. Bockigkeit gilt hier nicht.«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna erwiderte nichts. In den nächsten
-acht Tagen wechselte sie mit Ssergej weder ein Wort,
-noch einen Blick. Sie fühlte sich beleidigt und war stolz
-genug, um nicht den ersten Schritt zur Versöhnung mit
-Ssergej, mit dem sie sich zum erstenmal im Leben entzweit
-hatte, zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Während Katerina Lwowna ihm schmollte, begann
-Ssergej mit der weißen Ssonetka anzubandeln. Bald begrüßte
-er sie als »Ergebenster Diener«, bald lächelte er
-ihr zu, bald versuchte er sie zu umarmen und an sich zu
-<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a>
-drücken. Katerina Lwowna sah alles, und in ihrem Herzen
-siedete es noch mehr.
-</p>
-
-<p>
-»Soll ich mich mit ihm vielleicht doch aussöhnen?«
-fragte sie sich, in einemfort stolpernd.
-</p>
-
-<p>
-Ihr Stolz erlaubte es ihr nun noch weniger als früher,
-den ersten Schritt zu tun. Ssergej klebte aber immer
-fester an Ssonetka, und allen kam es vor, als ob die unzugängliche
-Ssonetka, die sonst allen wie ein Aal durch
-die Finger glitt, etwas gefügiger geworden wäre.
-</p>
-
-<p>
-»Du warst mir böse«, sagte einmal Fiona zu Katerina
-Lwowna: »was habe ich dir aber getan? Mit mir hat er
-ja nur ganz kurz angebandelt. Ich rate dir aber, auf die
-Ssonetka aufzupassen.«
-</p>
-
-<p>
-&mdash; Jetzt gebe ich aber meinen Stolz auf: heute noch
-will ich mich mit ihm aussöhnen! &mdash; sagte sich Katerina
-Lwowna. Sie überlegte sich nur noch, wie sie am besten
-den ersten Schritt machen sollte.
-</p>
-
-<p>
-Aus dieser schwierigen Lage befreite sie Ssergej
-selbst.
-</p>
-
-<p>
-»Katerina Lwowna!« sagte er ihr auf einer Station:
-»Komm heute Nacht für einen Augenblick zu mir heraus:
-ich muß dich sprechen.«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna sagte nichts.
-</p>
-
-<p>
-»Zürnst du mir vielleicht noch immer? Wirst du nicht
-kommen?«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna sagte noch immer nichts.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej und alle, die Katerina Lwowna beobachteten,
-sahen aber, wie sie sich vor dem Etappengebäude an den
-Oberaufseher heranmachte und ihm die siebzehn Kopeken,
-die sie unterwegs zusammengebettelt hatte, in die
-Hand drückte.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a>
-»Wenn ich noch mehr zusammengebettelt habe, kriegst
-du noch zehn Kopeken«, flüsterte sie ihm zu.
-</p>
-
-<p>
-Der Oberaufseher steckte das Geld in den Ärmelaufschlag
-und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Gut.«
-</p>
-
-<p>
-Als diese Unterhandlungen zu Ende waren, blinzelte
-Ssergej mit einem vielsagenden Hüsteln Ssonetka zu.
-</p>
-
-<p>
-»Ach, Katerina Lwowna!« sagte er, sie auf den Stufen
-des Etappengebäudes umarmend. »Kinder, es gibt auf
-der ganzen Welt kein zweites Weib wie dieses!«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna errötete vor Glück, und ihr stockte
-der Atem.
-</p>
-
-<p>
-Als nachts die Türe leise aufging, sprang sie ungestüm
-hinaus. Am ganzen Leibe zitternd, tastete sie den dunklen
-Korridor nach Ssergej ab.
-</p>
-
-<p>
-»Meine liebe Katja!« sagte Ssergej, sie umarmend.
-</p>
-
-<p>
-»Ach, du Böser!« antwortete <a id="corr-29"></a>Katerina Lwowna unter
-Tränen und drückte ihre Lippen auf die seinigen.
-</p>
-
-<p>
-Der Wachtposten ging im <a id="corr-30"></a>Korridor auf und ab, blieb
-manchmal stehen, um sich auf die Stiefel zu spucken; die
-müden Sträflinge schnarchten in ihren Zellen; irgendwo
-knabberte eine Maus an einem Federkiel; hinter dem
-Ofen zirpten die Heimchen; Katerina Lwowna aber genoß
-in vollen Zügen ihr höchstes Glück.
-</p>
-
-<p>
-Die Verzückung legte sich, und es begann die unvermeidliche
-Prosa des Alltags.
-</p>
-
-<p>
-»Ich halt es nicht länger aus; das Bein schmerzt mir
-vom Knöchel bis zum Knie,« jammerte Ssergej, an ihrer
-Seite in einem Korridorwinkel sitzend.
-</p>
-
-<p>
-»Was kann man dagegen tun?« fragte sie, sich unter
-seinen Kittel schmiegend.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a>
-»Soll ich mich vielleicht in Kasan ins Lazarett legen?«
-</p>
-
-<p>
-»Was fällt dir ein, Sserjoscha?«
-</p>
-
-<p>
-»Was soll ich denn machen, wenn es mir so weh
-tut?«
-</p>
-
-<p>
-»Du wirst im Lazarett bleiben, und ich soll allein
-weiter marschieren? ...«
-</p>
-
-<p>
-»Was soll ich machen? Die Ketten werden mir bald
-die Knochen durchwetzen. &mdash; Wenn ich wenigstens ein
-Paar wollene Strümpfe unter die Ketten tun könnte,«
-fügte Ssergej nach einer Weile hinzu.
-</p>
-
-<p>
-»Strümpfe? Sserjoscha, ich habe noch ein paar neue
-Strümpfe.«
-</p>
-
-<p>
-»Ach, behalt sie nur!«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna sagte kein Wort. Sie lief in ihre
-Zelle, packte in aller Eile ihren Sack aus und brachte
-Ssergej ein Paar dicke blaue wollene Strümpfe mit grellfarbigen
-Zwickeln.
-</p>
-
-<p>
-»Jetzt wird es irgendwie gehen,« sagte Ssergej, sich
-von ihr verabschiedend und ihr letztes Paar Strümpfe
-mitnehmend.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna kehrte überglücklich in ihre Zelle
-zurück und schlief sofort ein.
-</p>
-
-<p>
-Sie hörte gar nicht, wie gleich darauf Ssonetka in den
-Korridor kam und wie sie erst bei Morgengrauen wieder
-zurückging.
-</p>
-
-<p>
-Das spielte sich nur zwei Tagemärsche vor Kasan ab.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-5-15">
-XV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Ein kalter trüber Tag mit durchdringendem Wind und
-einem mit Schnee vermengten Regen empfing den Transport
-vor dem Tore des dumpfen Etappengefängnisses.
-<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a>
-Katerina Lwowna trat recht frisch und munter ins Freie.
-Als sie sich aber an ihren Platz stellte, erbebte sie am
-ganzen Leibe und wurde grün. Es wurde ihr finster vor
-den Augen, und alle ihre Glieder begannen zu schmerzen.
-Sie hatte Ssonetka in den ihr wohlbekannten blauen
-wollenen Strümpfen mit den grellfarbigen Zwickeln erblickt.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna schleppte sich mehr tot als lebendig
-vorwärts; sie blickte wie irrsinnig und wandte ihre Augen
-nicht von Ssergej.
-</p>
-
-<p>
-Auf der ersten Station ging sie ruhig auf ihn zu,
-flüsterte »Schurke!« und spuckte ihm ganz unerwartet
-in die Augen.
-</p>
-
-<p>
-Ssergej wollte sich auf sie stürzen, man hielt ihn aber
-zurück.
-</p>
-
-<p>
-»Warte nur!« sagte er, sich das Gesicht abwischend.
-</p>
-
-<p>
-»Wie tapfer sie doch gegen dich ist!« spotteten unterwegs
-die Sträflinge über Ssergej. Am lustigsten lachte
-Ssonetka.
-</p>
-
-<p>
-Dieses Zwischenspiel war ganz nach ihrem Geschmack.
-</p>
-
-<p>
-»Ich werde es dir schon zeigen!« drohte Ssergej
-Katerina Lwowna.
-</p>
-
-<p>
-Vom anstrengenden Marsch bei dem schlechten Wetter
-ermüdet, schlief Katerina Lwowna mit blutendem Herzen
-auf der Pritsche der nächsten Etappe ein. Sie hörte gar
-nicht, wie in die Frauenabteilung zwei Männer kamen.
-</p>
-
-<p>
-Bei ihrem Erscheinen erhob sich Ssonetka von der
-Pritsche, zeigte stumm auf Katerina Lwowna, legte sich
-wieder hin und hüllte sich in ihren Kittel.
-</p>
-
-<p>
-In diesem Augenblick wurde Katerina Lwowna der
-Kittel über den Kopf gezogen, und auf ihren Rücken,
-<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a>
-der nur noch mit dem groben Hemd bekleidet war,
-sauste das dicke Ende eines doppelt zusammengedrehten
-Strickes nieder.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna schrie auf. Der Kittel, der ihr über
-den Kopf geworfen war, erstickte aber ihre Stimme. Sie
-versuchte aufzuspringen, konnte sich aber nicht rühren;
-auf ihren Schultern saß ein kräftiger Mann, der sie an
-den Händen festhielt.
-</p>
-
-<p>
-»Fünfzig!« zählte schließlich eine Stimme, in der sie
-unschwer die Stimme Ssergejs erkennen konnte. Die
-nächtlichen Gäste verschwanden ebenso plötzlich, wie
-sie gekommen waren.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna befreite ihren Kopf und sprang auf.
-Niemand war mehr in der Zelle. In der Nähe kicherte
-aber jemand. Katerina Lwowna erkannte Ssonetkas
-Stimme.
-</p>
-
-<p>
-Ihr Schmerz wurde nun grenzenlos; grenzenlos war
-auch der Haß, der in diesem Augenblick in ihrem Herzen
-aufloderte. Sie sprang auf, um sich auf Ssonetka zu stürzen
-und fiel ohnmächtig in die Arme Fionas, die ihr zu
-Hilfe eilte.
-</p>
-
-<p>
-An der Brust der stumpfsinnigen Nebenbuhlerin,
-die erst vor kurzem den ungetreuen Geliebten Katerina
-Lwownas vor Wollust zittern ließ, weinte sie nun vor
-unerträglichem Schmerz. Sie schmiegte sich an Fiona,
-wie sich ein Kind an seine Mutter schmiegt. Nun waren
-sie beide gleich: beide waren im Werte gesunken, beide
-waren verlassen.
-</p>
-
-<p>
-Die sich jedem Zufall hingebende Fiona und die
-Heldin der Liebestragödie, Katerina Lwowna, waren nun
-einander gleich!
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a>
-Katerina Lwowna fühlte sich aber dadurch gar nicht
-verletzt. Als sie alle ihre Tränen ausgeweint hatte, erstarrte
-sie zu Stein und machte sich bereit, zum Appell
-zu gehen.
-</p>
-
-<p>
-Die Trommel wirbelt; die gefesselten und nicht gefesselten
-Sträflinge stürzen in den Hof; auch Ssergej ist
-darunter, auch Fiona, Ssonetka und Katerina Lwowna;
-ein mit einem Juden zusammengeketteter Sektierer, und
-ein Pole an der gleichen Kette mit einem Tataren.
-</p>
-
-<p>
-Alle drängten sich zuerst zu einem unordentlichen
-Haufen zusammen, stellten sich dann in Reihen auf, und
-der Zug setzte sich in Bewegung.
-</p>
-
-<p>
-Ein furchtbar trauriges Bild: ein Häuflein Menschen,
-die von der Welt losgerissen sind und auch nicht den
-Schatten einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben,
-watet durch den kalten schwarzen Straßenkot. Alles ist
-so häßlich: der unendliche Schmutz, der graue Himmel,
-die entblätterten, nassen Weiden und die mürrische Krähe,
-die zusammengekauert in den nackten Ästen hockt. Der
-Wind stöhnt und wütet, heult und brüllt.
-</p>
-
-<p>
-Aus diesen höllischen, herzzerreißenden Tönen, die
-das Grauen des Bildes vervollständigen, klingen die
-Worte der Frau des biblischen Hiob: »Verfluche den
-Tag deiner Geburt und stirb!«
-</p>
-
-<p>
-Wer diesen Worten nicht lauschen will, wen der Gedanke
-an den Tod selbst in dieser traurigen Lage nicht
-erfreut, sondern erschreckt, der muß alle die heulenden
-Stimmen mit einem noch häßlicheren Geheul übertönen.
-Das einfache Volk weiß das sehr gut: es entfesselt dann
-seine ganze tierische Natur und beginnt, sich selbst, die
-andern Menschen und alle Gefühle zu verhöhnen. Es
-<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a>
-ist auch sonst nicht besonders zartfühlend; unter solchen
-Umständen wird es aber noch einmal so roh und boshaft.
-</p>
-
-<p class="tb">
-&nbsp;
-</p>
-
-<p class="noindent">
-»Wie geht&rsquo;s, Kaufmannsfrau? Sind Euer Wohlgeboren
-bei guter Gesundheit?« fragte Ssergej in frechem Tone
-Katerina Lwowna, als das Dorf, in dem der Transport
-die letzte Nacht verbracht hatte, hinter dem nassen
-Hügel verschwunden war.
-</p>
-
-<p>
-Gleich darauf wandte er sich an Ssonetka, hüllte sie
-in den Schoß seines Mantels und begann mit hoher
-Stimme zu singen:
-</p>
-
-<div class="poem">
- <p class="line">»Hinterm Fenster leuchten deine Locken, Schätzchen,</p>
- <p class="line">Ach, mein Jammer schläft nicht, und du schläfst nicht, Kätzchen,</p>
- <p class="line">Mit des Mantels Saume will ich dich bedecken ...«</p>
-</div>
-
-<p class="noindent">
-Bei diesen Worten umarmte er Ssonetka und küßte sie
-vor aller Augen ...
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna sah es und sah es nicht. Sie war wie
-geistesabwesend. Die Leute stießen sie in die Seite und
-machten sie darauf aufmerksam, wie sich Ssergej gegen
-Ssonetka benahm. Sie wurde zur Zielscheibe des allgemeinen
-Spottes.
-</p>
-
-<p>
-»Laßt sie in Ruhe,« trat Fiona für sie ein, sooft jemand
-von den Sträflingen über die halbohnmächtige Katerina
-Lwowna zu spotten anfing. »Seht ihr denn nicht, daß die
-Frau ganz krank ist?«
-</p>
-
-<p>
-»Sie hat sich wohl die Füßchen durchnäßt,« scherzte
-ein junger Sträfling.
-</p>
-
-<p>
-»Natürlich: sie ist ja vom Kaufmannsstande und verwöhnt,«
-versetzte Ssergej.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a>
-»Wenn sie wenigstens warme Strümpfe hätte, würde
-es ihr wohl weniger machen,« fügte er hinzu.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna fuhr wie aus dem Schlafe auf.
-</p>
-
-<p>
-»Gemeine Schlange!« sagte sie, unfähig, sich länger
-zu beherrschen. »Spotte nur, du Schuft, spotte nur!«
-</p>
-
-<p>
-»Ich spotte ja gar nicht, sondern meine es ganz ernst:
-Ssonetka hat ein paar vortreffliche Strümpfe zu verkaufen.
-Ich frage mich, ob die Kaufmannsfrau sie nicht kaufen
-will.«
-</p>
-
-<p>
-Viele lachten. Katerina Lwowna ging wie ein aufgezogener
-Automat weiter.
-</p>
-
-<p>
-Das Wetter wurde immer schlechter. Aus den grauen
-Wolken, die den Himmel bedeckten, fielen nasse Schneeflocken
-herab, die, sobald sie nur den Boden berührten,
-tauten und den Straßenschmutz noch vergrößerten. Endlich
-zeigte sich am Horizont ein dunkler bleigrauer Streif,
-dessen Breite man gar nicht überblicken konnte: es war
-die Wolga. Über dem Strome zog ein steifer Wind, der
-breite, dunkle Wellen vor sich trieb.
-</p>
-
-<p>
-Die durchnäßten und halberfrorenen Sträflinge gingen
-langsam zum Landungssteg und blieben in Erwartung
-der Fähre stehen.
-</p>
-
-<p>
-Die nasse dunkle Fähre kam ans Ufer. Die Begleitmannschaften
-trieben die Sträflinge auf die Fähre.
-</p>
-
-<p>
-»Auf dieser Fähre gibt es Schnaps zu kaufen,« sagte
-einer der Sträflinge, als die von nassen Schneeflocken überschüttete
-Fähre vom Ufer stieß und auf den Wellen des
-Stromes zu schwanken begann.
-</p>
-
-<p>
-»Es wäre wirklich gut, einen Tropfen zu trinken!« sagte
-Ssergej. Zur Belustigung Ssonetkas machte er sich wieder
-an Katerina Lwowna heran und sagte: »Kaufmannsfrau,
-<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a>
-wir sind ja alte Freunde: kauf mir etwas Schnaps. Geize
-nicht. Gedenke doch, Liebste, unserer alten Liebe! Weißt
-du noch, meine Freude, wie wir die langen Herbstnächte
-miteinander verbrachten und deine Verwandten ohne
-Popen und ohne Küster ins Jenseits schickten?«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna zitterte vor Kälte, die ihr unter den
-nassen Kleidern durch Mark und Bein drang. In ihr ging
-aber auch etwas anderes vor. Ihr Kopf brannte wie im
-Feuer; die Pupillen waren erweitert, von einem irren,
-scharfen Glanz belebt und starr auf die Wellen gerichtet.
-</p>
-
-<p>
-»Auch ich würde gerne etwas Schnaps trinken: es ist
-so unerträglich kalt!« sagte Ssonetka mit ihrer hellen
-Stimme.
-</p>
-
-<p>
-»Kaufmannsfrau, kauf uns doch Schnaps!« drang Ssergej
-in sie ein.
-</p>
-
-<p>
-»Du hast wirklich kein Gewissen im Leibe!« sagte
-Fiona, vorwurfsvoll den Kopf schüttelnd.
-</p>
-
-<p>
-»Das macht dir keine Ehre,« unterstützte der junge
-Sträfling Gordjuschka die Soldatenfrau.
-</p>
-
-<p>
-»Wenn du dich vor ihr nicht schämst, so solltest du
-dich wenigstens vor den Leuten schämen!«
-</p>
-
-<p>
-»Ach, du, Allerwelts-Schnupftabaksdose!« schrie Ssergej
-Fiona an. »Was redest du vom Gewissen? Vor wem
-brauche ich mich zu schämen? Vielleicht habe ich sie überhaupt
-niemals geliebt, und jetzt ... jetzt ist mir Ssonetkas
-ausgetretener Schuh lieber als die Fratze dieser geschundenen
-Katze. Was hast du mir vorzuwerfen? Soll sie nur
-den schiefmäuligen Gordjuschka lieben, oder ... (er
-blickte auf den kleinen Wachsoldaten, der in Uniformmütze
-und langhaarigem Filzmantel im Sattel saß,) oder
-<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a>
-diesen Soldaten da: unter seinem Filzmantel ist sie wenigstens
-vom Regen geschützt.«
-</p>
-
-<p>
-»Und dann wird sie Offiziersfrau heißen,« lachte Ssonetka.
-</p>
-
-<p>
-»Gewiß! Und hat auch Geld, um sich Strümpfe zu
-kaufen,« fügte Ssergej hinzu.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna wehrte sich nicht; sie blickte immer
-starrer auf die Wellen und bewegte lautlos die Lippen.
-Zwischen den häßlichen Worten Ssergejs hörte sie die
-Wogen dröhnen und heulen. In einem sich brechenden
-Wolkenkamme erscheint plötzlich der blaue Kopf Boris
-Timofejewitschs; aus einer anderen Welle erhebt sich die
-Gestalt ihres Mannes; er schwankt und hält Fedja, der
-den Kopf gesenkt hat, umarmt. Katerina Lwowna will
-sich auf irgendein Gebet besinnen, ihre Lippen flüstern
-aber: »Wie wir die langen Herbstnächte miteinander verbrachten
-und die Verwandten ohne Popen und ohne
-Küster ins Jenseits schickten.«
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna zitterte. Ihre irren Blicke waren auf
-einen Punkt gerichtet. Sie hob einige Male die Arme,
-streckte sie vor sich aus und ließ sie wieder sinken. Noch
-einen Augenblick &mdash; und sie beugte sich, ohne die Augen
-von einer dunklen Woge zu wenden, vor, packte
-Ssonetka an den Beinen und sprang mit ihr über das Geländer
-der Fähre.
-</p>
-
-<p>
-Alle waren vor Schreck wie erstarrt.
-</p>
-
-<p>
-Katerina Lwowna erschien auf dem Kamme einer Woge
-und ging wieder unter; aus einer andern Welle tauchte
-Ssonetka auf.
-</p>
-
-<p>
-»Den Bootshaken her! Werft den Bootshaken aus!«
-schrieen die Leute auf der Fähre.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a>
-Der schwere Bootshaken flog am langen Strick durch
-die Luft und fiel ins Wasser. Von Ssonetka war wieder
-nichts zu sehen. Nach zwei Sekunden warf sie, von der
-Strömung um ein weites Stück von der Fähre fortgetrieben,
-beide Arme aus dem Wasser empor; in diesem Augenblick
-tauchte aus einer anderen Welle fast bis zu den
-Hüften Katerina Lwowna empor. Sie stürzte sich wie ein
-kräftiger Hecht über eine schwache Plötze auf Ssonetka,
-und beide kamen nicht mehr zum Vorschein.
-</p>
-
-<h2 class="part" id="part-6">
-<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a>
-DER STÄHLERNE FLOH
-</h2>
-
-<p class="trn2">
-(Übertragen von Karl Nötzel)
-</p>
-
-<p class="partlong">
-<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a>
-Was man vom Tulaer schieläugigen
-Linkser erzählt und von einem stählernen
-Floh
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-1">
-I
-</h3>
-
-<p class="first">
-<span class="firstchar">A</span>ls Kaiser Alexander Pawlowitsch die Wiener Plauderei
-beendet hatte, wollte er in Europa herumfahren
-und sich in den einzelnen Ländern die Wunderdinge
-anschauen. Er bereiste alle Staaten, und überall
-hatte er seiner Freundlichkeit wegen die vertraulichsten
-Gespräche mit allen Leuten, und alle wollten ihn durch
-irgend etwas in Staunen setzen und für sich gewinnen.
-Mit ihm war aber der Donsche Kosak Platow, der solche
-Neigungen nicht liebte, sich ständig nach seiner Häuslichkeit
-sehnte und deshalb den Kaiser immer antrieb,
-zurückzukehren. Und kaum merkte Platow, daß der
-Kaiser sich für irgend etwas Ausländisches interessierte,
-das ganze Gefolge aber schwieg, so sagte er auch schon
-alsogleich: »So und so, auch bei uns zu Hause ist das
-Unsrige nicht schlechter« &mdash; und lenkte irgendwie den
-Kaiser ab.
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer wußten das und dachten sich zur Ankunft
-des Kaisers allerlei Listen aus, um ihn für das Ausländische
-<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a>
-zu gewinnen und den Russen zu entfremden.
-In vielen Fällen erreichten sie das auch, besonders auf
-großen Versammlungen, wo Platow nicht perfekt französisch
-sprechen konnte. Er interessierte sich indes auch
-wenig dafür: er war ein verheirateter Mann, und alle
-französischen Gespräche hielt er für Nichtigkeiten, die
-der Aufmerksamkeit nicht wert seien. Als aber die Engländer
-den Kaiser in ihre mannigfaltigen Zeughäuser,
-Waffen-, Seifen- und Sägewerke einluden, um ihm zu
-zeigen, wie überlegen sie uns in allen diesen Dingen seien
-und um sich dessen zu rühmen &mdash; da sagte Platow zu
-sich selber:
-</p>
-
-<p>
-&mdash; »Nein, damit aber Schluß. Bis jetzt habe ich noch
-ruhig zugesehen, weiter geht das aber nicht mehr. Ob
-ich zu sprechen verstehe oder nicht, die Meinigen werde
-ich nicht preisgeben!«
-</p>
-
-<p>
-Und kaum hatte er zu sich selber ein solches Wort gesagt,
-da sprach auch der Kaiser zu ihm:
-</p>
-
-<p>
-»So und so, morgen werde ich mit dir fahren, ihre
-Waffenkunstkammer zu besichtigen. Dort,« spricht er,
-»sind solche Vollkommenheiten der Natur, daß, wenn
-du nur hinschaust, du weiter nicht mehr bestreiten
-wirst, daß wir Russen mit unserm Wissen gar nichts
-taugen.«
-</p>
-
-<p>
-Platow antwortete dem Kaiser gar nichts. Er senkte
-nur seine gekrümmte Nase auf seinen zottigen Überwurf;
-als er aber in seine Wohnung kam, befahl er
-seinem Burschen, ihm aus dem Keller eine Flasche kaukasischen
-Branntwein zu bringen, goß ein schönes Glas
-davon hinter die Binde, betete vor seinem Reiseheiligenbilde
-zu Gott, hüllte sich in seinen Überwurf und fing
-<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a>
-derart zu schnarchen an, daß in dem ganzen Hause kein
-Engländer schlafen konnte.
-</p>
-
-<p>
-Er dachte: »Morgenstund&rsquo; hat Gold im Mund&rsquo;«.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-2">
-II
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Am andern Tage fuhr der Kaiser mit Platow in die
-Kunstkammern. Sonst hatte der Kaiser niemanden von
-den Russen mitgenommen, weil man ihm nur einen zweisitzigen
-Wagen geschickt hatte.
-</p>
-
-<p>
-Sie langten bei einem nicht allzu großen Gebäude an
-&mdash; die Auffahrt ist unbeschreiblich, Korridore ins Unendliche,
-die Zimmer gehen eines in das andere, und endlich
-in dem hauptsächlichsten Saale stehen verschiedene gewaltige
-Büsten, und in der Mitte unter einem Baldachin
-steht »Abolon von Polwedere«.
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser blickt auf Platow, ob er wohl sehr erstaunt
-sei, und worauf er schaue. Der aber geht, die Augen zu
-Boden gesenkt, so dahin, als sehe er gar nichts &mdash; und
-dreht nur Ringe aus seinem Schnurrbart.
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer begannen alsogleich, verschiedene
-Wunder zu zeigen und zu erklären, was bei ihnen für
-kriegerische Zwecke eingerichtet ist. »Sturmmesser« für
-die Marine, »Pontonen« für das Fußvolk und geteerte
-Segeltücher für die Reiterei. Der Kaiser hat an dem
-allen seine Freude, alles kommt ihm sehr schön vor,
-Platow aber bleibt dabei, daß für ihn das alles gar nichts
-bedeute.
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser spricht: »Wie ist denn das möglich? &mdash;
-Weshalb ist in dir eine solche Gefühllosigkeit? Gibt
-es denn wirklich hier gar nichts für dich zu bewundern?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a>
-Platow antwortet: »Mir ist hier nur das Eine erstaunlich,
-daß meine forschen Kerle vom Don ohne dies alles
-Krieg führten und zwölf Heidenvölker davonjagten!«
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser spricht: »Das ist Unsinn!«
-</p>
-
-<p>
-Platow antwortet: »Ich weiß nicht, worauf ich das
-beziehen soll, zu streiten wage ich aber nicht und muß
-schweigen.«
-</p>
-
-<p>
-Als aber die Engländer eine solche Auseinandersetzung
-zwischen ihnen wahrnahmen, führten sie ihn
-sogleich gerade zu dem »Abolon von Polwedere« und
-nahmen dem aus der einen Hand ein Mortimergewehr,
-aus der andern eine Pistole.
-</p>
-
-<p>
-»Sehen Sie« &mdash; sprachen sie &mdash; »wie bei uns gearbeitet
-wird« und zeigten ihm das Gewehr.
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser schaute ruhig auf das Mortimergewehr,
-weil er solche in Zarskoje Ssjelo selber besitzt, jene aber
-geben ihm darauf die Pistole und sagen:
-</p>
-
-<p>
-»Diese Pistole ist von unbekannter, unnachahmlicher
-Meisterschaft. Unser Admiral zog sie einem Räuberhauptmann
-in &sbquo;Kandelabrien&lsquo; aus dem Gürtel.«
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser schaut auf die Pistole und kann sich nicht
-satt sehen. Er seufzt furchtbar.
-</p>
-
-<p>
-»Ach, ach, ach ...« &mdash; spricht er &mdash; »wie kann man
-nur so, wie kann man das denn überhaupt so fein
-machen!« &mdash; Und er wendet sich zu Platow und spricht
-zu ihm auf russisch: »Siehst du, wenn bei mir in Rußland
-auch nur <em>ein</em> solcher Meister wäre, würde ich
-darüber äußerst glücklich und stolz sein und diesen
-Meister sogleich in den Adelstand erheben!«
-</p>
-
-<p>
-Platow aber versenkte auf diese Worte hin sofort seine
-rechte Hand in seine weiten Pluderhosen und zog von
-<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a>
-dort einen Gewehrschraubenzieher heraus. Die Engländer
-sagen: »Das läßt sich nicht öffnen!« Er aber gibt
-gar nicht darauf acht und beginnt das Schloß aufzudrehen.
-Er dreht einmal um, zweimal &mdash; das Schloß ist
-herausgefallen. Platow zeigt dem Kaiser den Drücker
-und grade auf der Rundung die russische Aufschrift:
-»Iwan Moskwin aus der Stadt Tula«.
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer erstaunen, und einer stößt den andern
-an:
-</p>
-
-<p>
-»O je, da sind wir hereingefallen!«
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser aber spricht kummervoll:
-</p>
-
-<p>
-»Weshalb hast du sie so in Verlegenheit gebracht, mir
-tun sie jetzt sehr leid. Laßt uns abfahren.«
-</p>
-
-<p>
-Sie setzten sich wiederum in denselben zweisitzigen
-Wagen und fuhren ab; und der Kaiser war an diesem
-Tage auf einem Ball. Platow aber goß ein noch größeres
-Glas Branntwein hinter die Binde und entschlummerte
-eines festen Kosakenschlafes.
-</p>
-
-<p>
-Es war ihm froh zumute, daß er die Engländer in
-Verlegenheit gebracht und ihnen den Tulaer Meister
-zum Vorbild gegeben hatte. Dabei war es ihm aber auch
-verdrießlich: Weshalb hatte der Kaiser bei einer solchen
-Gelegenheit die Engländer bemitleidet!
-</p>
-
-<p>
-»Worüber hat sich denn da der Kaiser gegrämt« &mdash;
-dachte Platow &mdash; »ich verstehe das ganz und gar nicht«
-&mdash; und in solchen Gedanken stand er zweimal auf, bekreuzte
-sich und trank Schnaps, bis er sich gewaltsam
-einen starken Schlaf zugezogen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer aber konnten zu dieser selben Zeit
-gleichfalls nicht schlafen, weil es auch ihnen »wirbelte«.
-Während der Kaiser sich auf dem Ball vergnügte, bereiteten
-<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a>
-sie ihm ein derartiges neues Wunderwerk vor,
-daß diesmal auch Platow alle Phantasie ausging.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-3">
-III
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Am andern Tage, als Platow beim Kaiser erschien,
-um ihm einen guten Morgen zu wünschen, spricht er
-zu ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Laß sogleich den zweisitzigen Wagen anspannen, um
-die neuen Kunstkammern anzusehen!«
-</p>
-
-<p>
-Platow erkühnte sich sogar, zu bemerken, ob es nicht
-etwa genug sei, die fremdländischen Erzeugnisse anzuschauen
-und ob es nicht besser wäre, sich auf den Weg
-nach Rußland zu machen.
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser aber spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Nein, ich wünsche noch andere Neuigkeiten zu sehen:
-man hat sich vor mir gebrüstet, daß man bei ihnen die
-erste Sorte Zucker bereite.«
-</p>
-
-<p>
-Sie fuhren ab.
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer zeigten dem Kaiser, was sie für verschiedene
-erste Sorten haben, Platow aber schaut und
-schaut und spricht plötzlich:
-</p>
-
-<p>
-»Aber zeigt uns doch aus Euern Fabriken den Zucker
-&sbquo;Chalva&lsquo;!«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer wissen nicht, was das bedeutet »Chalva«.
-Sie flüstern untereinander, zwinkern einander zu und
-wiederholen »Chalva?« »Chalva?«, können aber nicht
-verstehen, daß bei uns ein solcher Zucker hergestellt
-wird, und müssen zugeben, daß es bei ihnen alle Arten
-Zucker gibt, »Chalva« aber nicht.
-</p>
-
-<p>
-Platow spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Nun, so ist auch kein Grund, zu prahlen. Kommt
-<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a>
-zu uns, wir werden Euch Tee zu trinken geben mit echtem
-&sbquo;Chalva&lsquo; aus der Bobrinskijschen Fabrik.«
-</p>
-
-<p>
-Aber der Kaiser zupfte ihn am Ärmel und sprach
-leise zu ihm: »Bitte, verdirb mir nicht die Politik!«
-</p>
-
-<p>
-Da riefen die Engländer den Kaiser in die allerletzte
-Kunstkammer, wo in der ganzen Welt gesammelte Mineralien
-und »Nymphusorien« lagen, von der allergrößten
-ägyptischen Pyramide bis zu einem »unterhäutigen«
-Floh, den man mit bloßem Auge selber gar nicht wahrnehmen,
-wohl aber seine Bisse zwischen Haut und Körper
-verspüren konnte.
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser fuhr dorthin.
-</p>
-
-<p>
-Man beschaute die Pyramiden und allerhand ausgestopfte
-Tiere und ging weg. Platow aber denkt bei sich:
-</p>
-
-<p>
-»Nun, Gott sei Dank, alles steht gut &mdash; der Kaiser
-staunt über gar nichts.«
-</p>
-
-<p>
-Kaum aber waren sie in die allerletzte Kammer getreten,
-so stehen dort ihre Arbeiter in Arbeitskleidung
-und Schürzen und halten eine »Tablette«, auf der gar
-nichts liegt.
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser erstaunte sich plötzlich &mdash; daß man ihm
-eine leere »Tablette« hinhält.
-</p>
-
-<p>
-»Was bedeutet das?« fragte er; die englischen Meister
-aber antworten: »Das ist unser untertäniges Geschenk
-an Eure Majestät!«
-</p>
-
-<p>
-»Was ist es denn?«
-</p>
-
-<p>
-»Aber« &mdash; sprechen sie &mdash; »geruhen Sie dort ein Körnchen
-zu sehen?«
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser schaute hin und sieht, auf der silbernen
-»Tablette« liegt wirklich das allerwinzigste Körnchen.
-</p>
-
-<p>
-Die Arbeiter sprechen:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a>
-»Geruhen Sie Ihre Fingerchen anzuspeicheln und es
-aufs Händchen zu nehmen.«
-</p>
-
-<p>
-»Was soll mir aber denn das Körnchen?«
-</p>
-
-<p>
-»Dies« &mdash; antworten sie &mdash; »ist kein Körnchen, vielmehr
-ein &sbquo;Nymphusorium&lsquo;.«
-</p>
-
-<p>
-»Ist es lebendig?«
-</p>
-
-<p>
-»Keineswegs« &mdash; antworten sie &mdash; »es ist nicht lebendig,
-vielmehr ganz aus englischem Stahl in Gestalt eines
-Flohs von uns ausgeschmiedet, und in seiner Mitte ist ein
-Uhrwerk und eine Feder. Geruhen Sie es mit dem
-Schlüssel aufzuziehen: es wird sogleich zu tanzen beginnen!«
-Der Kaiser ward neugierig und fragt: »Wo ist
-denn aber das Schlüsselchen?«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer sagen:
-</p>
-
-<p>
-»Hier ist auch der Schlüssel, vor Ihren Augen.«
-</p>
-
-<p>
-»Weshalb aber« &mdash; spricht der Kaiser &mdash; »sehe ich ihn
-nicht?«
-</p>
-
-<p>
-»Deshalb« &mdash; antworten sie &mdash; »weil man dazu ein
-&sbquo;Winzigglas&lsquo; braucht.«
-</p>
-
-<p>
-Man reichte ein »Winzigglas«, und der Kaiser sah,
-daß tatsächlich neben dem Floh ein Schlüsselchen auf
-der »Tablette« lag.
-</p>
-
-<p>
-»Geruhen Sie« &mdash; sprachen sie &mdash; »es ins Händchen
-zu nehmen. Bei ihm im Bäuchelchen ist ein Aufziehlöchelchen,
-der Schlüssel macht sieben Umdrehungen,
-und dann wird es zu tanzen anfangen ...«
-</p>
-
-<p>
-Mit Mühe erfaßte der Kaiser dieses Schlüsselchen und
-kaum vermochte er es mit den Fingerspitzen zu halten.
-Mit der anderen Hand aber nahm er das Flöhchen, und
-kaum hatte er das Schlüsselchen hineingesteckt, als er
-fühlte, wie der Floh sein Schnurrbärtchen zu bewegen
-<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a>
-begann, dann mit den Füßchen zu trippeln und endlich
-zu springen und in einem Flug gleich ein »Dansé« und
-zwei »Variationen« nach der einen Seite zu machen,
-dann nach der anderen, und so tanzte er in drei »Variationen«
-die ganze Quadrille.
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser befahl sogleich, den Engländern eine
-Million zu geben, in was für Geld sie selber wollten
-&mdash; sei es in silbernen Fünfkopekenstücken, sei es in
-kleinen Assignaten.
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer baten, man möchte es ihnen in Silber
-auszahlen, weil sie sich in den Papierchen nicht auskennten;
-dabei aber offenbarten sie aufs neue ihre
-Schlauheit: den Floh gaben sie zum Geschenk, ein
-Futteral für ihn hatten sie indes nicht mitgebracht. Ohne
-Futteral konnte man aber weder ihn noch das Schlüsselchen
-halten, weil sie sich sonst verlieren, und man sie
-dann mit dem Kehricht hinauswirft. Das Futteral zu ihm
-bestand aber in einer Diamantnuß, aus einem Stück
-gemacht &mdash; dem Floh war ein Plätzchen in der Mitte
-ausgeschliffen. Dies Futteral gaben sie nicht, weil es, so
-sagen sie, dem Staate gehöre, und in dieser Beziehung
-sei es bei ihnen streng: nicht einmal für den Kaiser
-dürfe man es opfern.
-</p>
-
-<p>
-Platow wollte sich schon sehr erzürnen. »Wozu«, so
-spricht er, »ein solcher Betrug! Das Geschenk haben sie
-dargebracht und eine Million dafür erhalten, und immer
-noch nicht genug! Ein Futteral«, spricht er, »gehört
-immer zu jeder Sache.«
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser aber spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Hör&rsquo; bitte auf, das ist nicht deine Sache &mdash; verdirb&rsquo;
-mir nicht die Politik. Sie haben ihre Gebräuche« &mdash; und
-<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a>
-er fragt: »Wieviel kostet diese Nuß, in die der Floh
-hineingeht?«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer setzen dafür noch Fünftausend fest.
-</p>
-
-<p>
-Kaiser Alexander Pawlowitsch sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Man soll es ihnen auszahlen«, selber aber steckt er den
-Floh in dies Nüßchen, und mit ihm zugleich auch das
-Schlüsselchen. Um aber nicht die Nuß zu verlieren, legte
-er sie in seine goldene Tabaksdose; die Tabaksdose aber
-befahl er in seine Reiseschatulle zu legen, die ganz ausgelegt
-war mit Perlmutter und Fischbein. Die englischen
-Meister entließ der Kaiser in Ehren und sagte ihnen: »Ihr
-seid die ersten Meister in der ganzen Welt, und meine
-Leute verstehen im Vergleich zu Euch gar nichts.«
-</p>
-
-<p>
-Jene blieben sehr zufrieden, Platow aber konnte den
-Worten des Kaisers nichts widersprechen. Er nahm nur
-das »Winzigglas«, ja, und ohne ein Wort zu sagen, steckte
-er es in seine Tasche. »Weil« &mdash; spricht er &mdash; »es auch
-dazu gehört, und ihr so schon viel Geld von uns genommen
-habt!«
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser wußte das gar nicht bis ganz zu seiner
-Ankunft in Rußland. Sie reisten aber sehr bald ab, weil
-der Kaiser von allen diesen »Militärangelegenheiten« in
-Melancholie verfiel, und er eine geistige Beichte haben
-wollte in Taganrog beim Popen Fjedot. Unterwegs hatten
-er und Platow sehr wenig angenehme Unterhaltung, weil
-sie völlig verschiedene Gedanken hegten: der Kaiser
-glaubte, den Engländern sei niemand an Kunstfertigkeit
-gleich, Platow hingegen bestand darauf, daß auch die
-Unsrigen alles machen können, was sie anschauen, nur
-fehle es ihnen an nützlicher Lehre. Und er hielt dem
-Kaiser vor, daß bei den englischen Meistern durchaus
-<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a>
-in allem andere Regeln des Lebens, der Wissenschaft
-und der »Verpflegung« gelten und jeder Mensch bei
-ihnen alle »absoluten« Möglichkeiten für sich habe, und
-deshalb sei in ihm auch ein ganz anderer Geist.
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser wollte das nicht lange anhören, Platow
-aber steigt auf jeder Station aus und trinkt vor Verdruß
-ein Wasserglas Schnaps, beißt gesalzene Bretzel
-zu, raucht seine Weichselpfeife, in die ein ganzes Pfund
-Schukowscher Tabak hineinging, setzt sich dann hin
-und sitzt so schweigend neben dem Kaiser im Wagen.
-Der Kaiser schaut auf eine Seite, Platow steckt durch das
-andere Fenster seine Pfeife hinaus und läßt den Rauch
-in die Luft. So reisten sie bis Petersburg; zum Popen
-Fjedot nahm aber der Kaiser den Platow schon gar nicht
-mehr mit.
-</p>
-
-<p>
-»Du« &mdash; spricht er &mdash; »bist in geistlicher Unterhaltung
-unenthaltsam und rauchst so viel, daß sich von deinem
-Qualm nur Ruß im Kopfe ansetzt!« Platow blieb gekränkt
-zurück und legte sich zu Hause auf sein »Verdrußsofa«,
-und er lag dort immerfort und rauchte ohne
-Unterlaß Schukowschen Tabak.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-4">
-IV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Der erstaunliche Floh aus gehärtetem Stahl blieb bei
-Alexander Pawlowitsch in der Schatulle unter dem Fischbein,
-bis der Kaiser in Taganrog starb, nachdem er ihn
-dem Popen Fjedot gegeben hatte, damit der ihn später
-der Kaiserin gebe, wenn sie sich getröstet habe. Die
-Kaiserin Jelisaweta Alexejewna schaute die Variationen
-des Flohs an und lächelte, beschäftigte sich aber weiter
-nicht mehr mit ihm.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a>
-»Meine Sache,« spricht sie, »ist die einer Witwe, und
-mir sind keinerlei Unterhaltungen verführerisch,« und
-als sie nach Petersburg zurückgekehrt war, übergab sie
-dies Wunderding mit allen andern Kostbarkeiten dem
-neuen Kaiser zum Erbe.
-</p>
-
-<p>
-Kaiser Nikolai Pawlowitsch schenkte gleichfalls anfangs
-dem Floh nicht die geringste Aufmerksamkeit, weil
-bei seiner Thronbesteigung eine »Verwirrung« war, später
-aber begann er einmal die ihm von seinem Bruder hinterlassene
-Schatulle durchzusehen und nahm aus ihr die
-Tabaksdose heraus, aus der Tabaksdose die Brillantnuß,
-und in ihr fand er den stählernen Floh, der schon lange
-nicht mehr aufgezogen war, und sich deshalb nicht bewegte,
-vielmehr friedlich dalag, als ob er versteinert wäre.
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser schaute hin und staunte.
-</p>
-
-<p>
-»Was ist denn da noch für eine Nichtigkeit, und wozu
-ward sie dort von meinem Bruder so aufbewahrt?«
-</p>
-
-<p>
-Die Hofleute wollten es wegwerfen, der Kaiser aber
-spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Nein &mdash; das bedeutet irgend etwas!«
-</p>
-
-<p>
-Man rief von der Anitschkin-Brücke aus der gegenüberliegenden
-Apotheke einen Chemiker, der auf der
-allerkleinsten Wage Gift abzuwiegen pflegte, und zeigte
-ihm das Ding; der aber nahm sogleich den Floh, legte
-ihn auf die Zunge und spricht: »Ich empfinde Kälte wie
-von einem festen Metall«. Darauf drückte er es leicht
-mit den Zähnen und erklärte:
-</p>
-
-<p>
-»Wie es Ihnen beliebt, dies ist aber kein wirklicher
-Floh, vielmehr ein »Nymphusorium«, und es ist aus
-Metall gemacht, und die Arbeit ist nicht die unsrige,
-nicht russische.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a>
-Der Kaiser befahl zu erkunden, woher dies stamme,
-und was es bedeute. Man stürzte sich sogleich in die Akten,
-um Verzeichnisse einzusehen &mdash; in den Akten aber
-war nichts eingetragen. Man begann diesen und jenen
-auszufragen &mdash; niemand wußte etwas. Zum Glück weilte
-aber damals noch der Donsche Kosak Platow unter den
-Lebenden und lag sogar immer noch auf seinem Verdrußsofa
-und rauchte seine Pfeife. Als der nun vernahm, daß
-bei Hof eine solche Unruhe sei, erhob er sich sogleich
-von seiner <a id="corr-31"></a>Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien
-beim Kaiser in allen seinen Orden. Der Kaiser spricht:
-»Was willst du von mir, tapferer Greis?«
-</p>
-
-<p>
-Platow aber antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Mir, Eure Majestät, ist nichts für mich selber nötig,
-da ich esse und trinke, wozu ich Lust habe, und mit allem
-zufrieden bin; ich bin aber« &mdash; spricht er &mdash; »gekommen,
-wegen dieses &sbquo;Nymphusoriums&lsquo; zu berichten, das
-man ausfindig machte; das« &mdash; spricht er &mdash; »war so
-und so, und folgendermaßen hat es sich vor meinen
-Augen in England zugetragen &mdash; und dort bei ihm liegt
-ein Schlüsselchen, ich aber besitze ihren &sbquo;Winzigseher&lsquo;,
-in dem man es sehen kann; und mit diesem Schlüssel
-durch das Löchelchen in seinem Bäuchelchen kann man
-dies &sbquo;Nymphusorium&lsquo; aufziehen, und es wird hüpfen,
-wo und wann man es wünscht und zur Seite Variationen
-machen.«
-</p>
-
-<p>
-Man zog den Floh auf, er begann zu springen. Platow
-aber spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Dies,« &mdash; spricht er &mdash; »Eure Majestät, ist wirklich
-eine sehr feine und interessante Arbeit; nur ziemt es
-sich nicht, daß wir uns darüber lediglich wundern mit
-<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a>
-entzücktem Gefühl, vielmehr muß man sie russischen
-Meistern in Tula oder in Sesterbek (damals nannte man
-noch Sestrorezk &mdash; Sesterbek) zeigen &mdash; ob nicht unsere
-Meister erreichen können, daß die Engländer sich nicht
-mehr über die Russen überheben.«
-</p>
-
-<p>
-Kaiser Nikolai Pawlowitsch hegte großes Zutrauen
-zu seinen Leuten und liebte es nicht, sie irgend einem
-Ausländer hintanzusetzen, er antwortete denn auch
-Platow:
-</p>
-
-<p>
-»Das sprichst du gut, wackerer Greis! Und ich übertrage
-dir diese Sache. Ich brauche sowieso dieses Schächtelchen
-nicht, bei meinen vielen Sorgen. Du aber nimm
-es mit dir und lege dich nicht mehr auf dein &sbquo;Verdrußsofa&lsquo;,
-fahre vielmehr zum stillen Don und führe dort
-mit meinen Donzern vertrauliche Gespräche über ihr
-Leben, ihre Ergebenheit und was ihnen beliebt. Wenn
-du aber durch Tula kommen wirst, so zeige meinen
-Tulaer Meistern dieses &sbquo;Nymphusorium&lsquo;, dann mögen sie
-darüber nachdenken. Sage ihnen von mir, daß mein Bruder
-sich über dies Ding erstaunte und die Fremdländer,
-die das &sbquo;Nymphusorium&lsquo; machten, über alles lobte; daß
-ich aber auf die Meinen baue, daß sie durchaus nicht
-schlechter sind. Sie werden mein Wort nicht zuschanden
-werden lassen und irgend etwas erfinden.«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-5">
-V
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Platow nahm den stählernen Floh, und als er durch
-Tula zum Don fuhr, zeigte er ihn den Tulaer Waffenschmieden,
-überbrachte ihnen das Wort des Kaisers und
-fragte sie dann:
-</p>
-
-<p>
-»Wie soll es jetzt mit uns sein, Rechtgläubige?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a>
-Die Waffenschmiede antworteten:
-</p>
-
-<p>
-»Wir, Väterchen, fühlen das gnädige Wort des Zaren
-und können es niemals vergessen, deshalb, weil er auf
-seine Leute hofft. Wie es aber im vorliegenden Falle sein
-wird, das können wir in einem Augenblick nicht entscheiden,
-weil die englische Nation gleichfalls nicht dumm
-ist, vielmehr sogar ziemlich schlau, und die Kunst in ihr
-mit großem Verstande betrieben wird. Ihr gegenüber,«
-sprechen sie, »muß man sich nach reiflicher Überlegung
-und mit Gottes Segen ans Werk machen. Du aber, wenn
-deine Gnaden zu uns ebensolches Vertrauen hegt, wie
-unser Zar, so fahre in deine Heimat nach dem stillen
-Don, uns aber hinterlasse das Flöhchen, wie es ist, im
-Futteral und in der goldenen zarischen Tabaksdose. Lustwandle
-am Don und heile die Wunden, die du fürs Vaterland
-erhieltest. Wenn du aber durch Tula zurückkehren
-wirst &mdash; so mache Halt und laß uns rufen: Wir werden
-bis zu dieser Zeit, wenn Gott es will, irgend etwas ausdenken«.
-</p>
-
-<p>
-Platow war nicht völlig damit zufrieden, daß die
-Tulaer so viel Zeit verlangten und dabei noch nicht
-einmal deutlich aussprachen, was sie eigentlich zu tun
-gedächten. Er frug sie so und anders und sprach auf
-jede Weise mit ihnen, schlau, auf Donsche Art. Die
-Tulaer gaben ihm aber an Schläue nicht das Geringste
-nach, weil sie sogleich schon einen solchen Gedanken
-hegten, von dem sie nicht einmal hofften, daß sogar
-Platow ihnen glauben werde. Sie wollten vielmehr unmittelbar
-ihren Gedanken ausführen, und dann auch die
-Sache übergeben.
-</p>
-
-<p>
-Sie sprechen:
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a>
-»Wir wissen selber noch nicht, was wir tun werden.
-Wir hoffen nur auf Gott, und das Wort des Zaren wird
-wohl nicht durch uns zuschanden werden.«
-</p>
-
-<p>
-So versuchte es denn Platow mit Kniffen, die Tulaer
-aber gleichfalls.
-</p>
-
-<p>
-Platow verstellte sich, verstellte sich lange und sah,
-daß er die Tulaer nicht überlisten werde. Er gab ihnen
-endlich die Tabaksdose mit dem »Nymphusorium« und
-sprach:
-</p>
-
-<p>
-»Nun, da ist nichts zu machen; möge es«, spricht er,
-»nach eurem Willen gehen. Ich kenne euch, was ihr für
-Leute seid, nun, gleichwohl, da ist nichts zu machen. Ich
-vertraue euch, schaut nur zu, daß ihr den Brillanten nicht
-umtauscht und verderbt nicht die feine englische Arbeit
-und braucht auch nicht zulange Zeit, weil ich rasch reise;
-es werden nicht zwei Wochen vergangen sein, so werde
-ich vom stillen Don wiederum nach Petersburg zurückkehren
-&mdash; daß dann unbedingt etwas dem Kaiser zu zeigen
-da sei.«
-</p>
-
-<p>
-Die Waffenschmiede beruhigten ihn vollauf:
-</p>
-
-<p>
-»Der feinen Arbeit werden wir« &mdash; sprechen sie &mdash;
-»keinen Schaden tun, und den Brillanten werden wir
-nicht umtauschen. Zwei Wochen ist uns aber Zeit genug,
-und wann du zurückkehren wirst, wird dir <em>irgend
-etwas</em> dargeboten, was würdig ist der Herrlichkeit des
-Zaren vorgelegt zu werden!«
-</p>
-
-<p>
-Aber <em>was</em> eigentlich, das haben sie nicht gesagt!
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-6">
-VI
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Platow reiste aus Tula ab, die Waffenschmiede aber,
-drei Mann, die allerkunstfertigsten &mdash; einer von ihnen
-<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a>
-schieläugig und linkshändig, trägt auf der Backe ein
-Muttermal, und an den Schläfen sind ihm die Haare
-schon in seiner Lehrzeit ausgerissen worden &mdash; verabschiedeten
-sich von ihren Kameraden und Familienangehörigen,
-und ohne irgend wem irgend etwas zu
-sagen, nahmen sie eine Tasche, legten da hinein, was zu
-essen nötig ist, und verschwanden aus der Stadt.
-</p>
-
-<p>
-Man hatte nur bemerkt, daß sie nicht nach dem Moskauer
-Stadttor gingen, vielmehr auf die entgegengesetzte
-Kiewer Seite, und man glaubte, sie seien nach Kiew gegangen:
-die verstorbenen Wundertäter anzubeten oder
-sich dort mit irgend einem von den noch lebenden heiligen
-Männern zu beraten, die es immer im Überfluß in
-Kiew gab.
-</p>
-
-<p>
-Das war alles nur der Wahrheit nahe, nicht aber die
-Wahrheit selber. Weder die Zeit noch die Entfernung
-erlaubten es den Tulaer Meistern, in drei Wochen zu
-Fuß nach Kiew zu ziehen, und dazu noch eine für die
-englische Nation beschämende Arbeit zu verrichten.
-Eher hätten sie noch nach Moskau beten gehen können,
-wohin es im ganzen zweimal 90 Werst sind, und heilige
-Wundertäter gibt es auch dort zu verehren nicht weniger.
-Nach der anderen Seite &mdash; bis Orjol, sind es ebensolche
-zweimal 90 Werst, und über Orjol hinaus bis Kiew sind
-es wiederum noch gute 500 Werst. Einen solchen Weg
-wirst du nicht rasch zurücklegen, und wenn du ihn
-zurückgelegt hast, wirst du nicht so rasch ausruhen &mdash;
-lange noch werden dir die Beine steif sein und die
-Hände zittern.
-</p>
-
-<p>
-Einigen kam es sogar so vor, als ob die Meister sich
-vor Platow nur gebrüstet hätten, nachher aber, nachdem
-<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a>
-sie sich die Sache überlegt hatten, bange geworden und
-ganz davongelaufen wären, sowohl die goldene Tabaksdose
-mit sich fortnehmend, wie den Brillanten und den
-englischen stählernen Floh im Futteral, der ihnen soviel
-Aufregung verursacht hatte.
-</p>
-
-<p>
-Indes war eine solche Annahme gleichfalls völlig unbegründet
-und kunstfertiger Leute, auf denen nunmehr
-die Hoffnung der Nation beruhte, unwürdig.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-7">
-VII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Tulaer, gescheite Leute und erfahren in Metallarbeiten,
-sind gleichfalls berühmt als erstklassige Kenner
-in der Religion. Ihres Ruhmes in dieser Hinsicht ist
-sowohl die heimische Erde voll wie sogar der heilige
-Athos: sie sind nicht nur Meister im Singen mit Variationen,
-sie wissen vielmehr auch, wie das Bild »Der
-abendliche Klang« gemalt wird. Und wenn jemand von
-ihnen sich größere Opfer auferlegt und ins Mönchstum
-übertritt, so werden aus ihnen die allerbesten Klosterökonomen
-und gehen aus ihnen die allerfähigsten Gabeneinsammler
-hervor. Auf dem heiligen Athos aber weiß
-man, daß die Tulaer &mdash; das allergewinnbringendste Volk
-sind, und wenn sie nicht wären, so hätten die dunklen
-Winkel Rußlands wahrscheinlich nicht sehr viele Heiligtümer
-des fernen Ostens gesehen, und der Athos hätte
-viele nützliche Darbringungen russischer Freigebigkeit
-und Frömmigkeit entbehren müssen. Jetzt aber fahren
-die Tulaer vom Athos Heiligtümer in unserm ganzen
-Vaterlande umher und sammeln meisterhaft milde Gaben
-auch dort, wo eigentlich gar nichts zu holen ist. Der
-Tulaer ist erfüllt von kirchlicher Frömmigkeit und dabei
-<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a>
-ein großer Praktiker in dieser Sache, und deshalb begingen
-auch die drei Meister, die es auf sich genommen
-hatten, Platow zu unterstützen und mit ihm ganz Rußland,
-durchaus keinen Fehler, als sie sich nicht nach
-Moskau, vielmehr nach dem Süden aufmachten. Sie
-gingen aber nicht nach Kiew, vielmehr nach Mzensk,
-einer Kreisstadt im Orlowschen Gouvernement, in der
-ein altes steingemeißeltes Heiligenbild des heiligen
-Nikolai steht, das in den allerältesten Zeiten auf einem
-großen, gleichfalls steinernen Kreuz auf dem Fluß Suscha
-dahergeschwommen kam. Dies Heiligenbild ist von
-strengem und schrecklichem Aussehen, der Heilige ist
-auf ihm in Lebensgröße dargestellt, ganz angetan mit
-einem vergoldeten Silbergewand, dunkel von Angesicht,
-und in einer Hand hält er einen Tempel, in
-der andern &mdash; das Schwert, das Zeichen des Sieges.
-Und grade in diesem »Zeichen des Sieges« war auch
-der Sinn der Sache beschlossen: der heilige Nikolai
-ist überhaupt der Beschützer in Handels- und Kriegsangelegenheiten,
-und der Nikolai von Mzensk ganz
-im Besondern, und grade vor ihm sich zu verneigen,
-waren auch die Tulaer gekommen. Sie ließen einen
-Bittgottesdienst unmittelbar beim Heiligenbilde halten,
-dann beim steinernen Kreuz, endlich kehrten sie bei
-Nacht nach Hause zurück, und ohne irgendwem
-irgend etwas zu sagen, machten sie sich in furchtbarer
-Heimlichkeit ans Werk. Sie gingen alle drei in ein
-und dasselbe Häuschen zum Linkser, schlossen die
-Türen und die Fensterläden, entzündeten vor dem Heiligenbild
-des Nikolai das Lämpchen und begannen zu
-arbeiten.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a>
-Einen Tag, zwei, drei sitzen sie und gehen nicht aus,
-immer klopfen sie nur mit den Hämmerchen. Sie schmieden
-irgend etwas, was sie aber schmieden &mdash; ist unbekannt.
-</p>
-
-<p>
-Alle sind neugierig, aber niemand kann etwas erfahren,
-weil die Arbeitenden gar nichts erzählen und
-sich nach außen nicht zeigen. Verschiedene Leute gingen
-zum Häuschen, klopften unter mannigfachen Vorwänden
-an die Türe, um Feuer oder um Salz zu bitten. Die drei
-Meister öffneten aber auf gar keine Bitte, und sogar
-womit sie sich nährten &mdash; war unbekannt. Man versuchte
-sie zu erschrecken: man tat so, als brenne in der Nachbarschaft
-ein Haus &mdash; ob sie nicht vor Schrecken
-herausspringen würden, und es sich dann offenbaren
-werde, was von ihnen geschmiedet sei. Nichts aber verführte
-diese schlauen Meister: einmal nur streckte sich
-der Linkser bis zur Schulter aus dem Fenster heraus und
-schrie:
-</p>
-
-<p>
-»Brennt ihr nur für euch, wir aber haben keine Zeit« &mdash;
-und wiederum verbarg er seinen zerrupften Kopf, warf
-den Laden zu und machte sich an seine Arbeit.
-</p>
-
-<p>
-Nur durch die kleinen Spalten war zu sehen, wie im
-Innern des Hauses das Feuerchen leuchtete, es war auch
-zu hören, daß feine Hämmerchen auf feinen Amboßen
-pochten.
-</p>
-
-<p>
-Mit einem Worte, die ganze Sache ward in so furchtbarem
-Geheimnis ausgeführt, daß es unmöglich war,
-irgend etwas zu erfahren, und dabei zog sie sich hin bis
-gerade zur Rückkehr des Kosaken Platow vom stillen Don
-zum Kaiser; und in dieser ganzen Zeit sahen und sprachen
-die Meister niemanden.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-8">
-<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a>
-VIII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Platow fuhr sehr rasch und mit »Zeremonie«: selber
-saß er im Wagen, auf dem Bock aber befanden sich zwei
-Kosaken mit Knuten zu beiden Seiten des Fuhrmanns
-und schlugen ihn erbarmungslos, damit er galoppieren
-lasse. Wenn aber einer der Kosaken einschlafen wollte,
-so stieß ihn Platow selber aus dem Wagen heraus mit
-dem Fuß, und noch böser jagten sie dahin. Die Maßnahmen
-zur Ermunterung wirkten derart erfolgreich,
-daß man auf keiner Station die Pferde anhalten konnte,
-sie vielmehr hundert Sprünge an dem Anhaltsorte vorbeigaloppierten.
-Dann »wirkte« wiederum der Kosak
-auf den Fuhrmann in umgekehrter Richtung, und sie
-kehrten zur Auffahrt zurück.
-</p>
-
-<p>
-So kamen sie auch in Tula an &mdash; sie flogen um hundert
-Galoppsprünge an dem Moskauer Schlagbaum vorüber,
-darauf aber wirkte der Kosak auf den Fuhrmann nach
-der entgegengesetzten Richtung ein, und sie begannen
-dann bei dem Haustor frische Pferde anzuspannen.
-</p>
-
-<p>
-Platow stieg gar nicht aus, er befahl nur einem Kurier,
-möglichst rasch die Handwerker zu ihm zu führen, denen
-er den Floh hinterlassen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der Kurier kam herbeigelaufen: sie möchten möglichst
-rasch kommen und seinem Herrn die Arbeit bringen,
-durch die sie die Engländer zuschanden machen sollten;
-und kaum war dieser Kurier fortgelaufen, als Platow ihm
-noch neue Boten nachsandte, damit es möglichst rasch
-gehe.
-</p>
-
-<p>
-Alle seine Leute hatte er ausgeschickt und begann bereits
-einfache Leute aus dem neugierigen Publikum auszusenden,
-ja sogar selber streckt er vor Ungeduld seinen
-<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a>
-Fuß aus dem Wagen und selber will er vor Ungeduld
-hinlaufen und mit den Zähnen knirscht er nur so &mdash;
-immer scheint es ihm noch nicht rasch genug.
-</p>
-
-<p>
-So ward in damaliger Zeit alles genau und rasch verlangt,
-damit auch keine Minute für den Nutzen Rußlands
-verloren gehe.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-9">
-IX
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Tulaer Meister, die ein erstaunliches Werk verrichtet
-hatten, beendeten in dieser Zeit grade nur eben
-ihre Arbeit. Die Boten kamen keuchend zu ihnen gelaufen,
-die einfachen Leute aber aus dem neugierigen
-Publikum kamen überhaupt nicht bis ans Ziel, weil sie
-aus Ungewohntheit unterwegs ihre Beine verloren hatten
-und hingestürzt waren, und dann auch aus Furcht, um
-Platow nicht vor die Augen zu treten, sich nach Hause
-geschlichen, ja, und wo es sich grade traf, sich versteckt
-hatten.
-</p>
-
-<p>
-Als aber die Kuriere herbeigaloppiert kamen, fingen
-sie sogleich zu schreien an, und wie sie sahen, daß die
-Meister nicht öffneten, begannen sie sofort ohne Zeremonie
-die Riegel an den Läden abzureißen; die Bolzen
-saßen aber so fest, daß sie nicht im Geringsten nachgaben;
-sie rissen an den Türen, die Türen waren aber von innen
-zugeriegelt mit eichenen Riegeln. Da nahmen die Boten
-einen Balken von der Straße, stemmten ihn nach Art
-der Feuerwehrleute unter den Dachsattel und schoben
-das Dach von dem kleinen Hause auf einmal weg. Sie
-nahmen das Dach ab und selber stürzten sie sogleich
-zu Boden, weil von den Meistern im engen Häuschen
-von der ununterbrochenen Arbeit in der Luft eine solche
-»Schweißspirale« entstanden war, daß der Ungewohnte,
-<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a>
-der aus der frischen Luft kommt, kein einziges Mal atmen
-kann.
-</p>
-
-<p>
-Die Boten schreien:
-</p>
-
-<p>
-»Was macht ihr denn, ihr, so und so, ihr Pack, daß
-ihr uns auch noch mit einer solchen &sbquo;Spirale&lsquo; zu betäuben
-wagt! Habt ihr etwa keinen Gott mehr?«
-</p>
-
-<p>
-Die aber antworten:
-</p>
-
-<p>
-»Wir sind ja sogleich fertig. Wir schlagen soeben noch
-das letzte Nägelchen ein, und wenn wir es eingeschlagen
-haben, dann werden wir unsere Arbeit selber hinaustragen.«
-</p>
-
-<p>
-Die Boten aber sprechen:
-</p>
-
-<p>
-»Er wird uns bis dahin lebendig auffressen und nichts
-zum Gedächtnis der Seele zurücklassen.«
-</p>
-
-<p>
-Die Meister aber sagen:
-</p>
-
-<p>
-»Er wird nicht Zeit haben, euch zu verschlucken,
-weil, bis ihr gesprochen habt, bei uns auch schon dieser
-letzte Nagel eingeschlagen ist. Lauft und sagt, daß wir
-die Sache sogleich bringen.«
-</p>
-
-<p>
-Die Boten liefen, waren aber nicht überzeugt &mdash; sie
-glaubten, daß die Meister sie betrügen würden; und deshalb
-liefen sie zwar so rasch sie konnten, sie schauten sich
-aber ständig um; die Meister kamen aber hinter ihnen
-her und eilten so sehr, daß sie sich sogar nicht völlig
-angekleidet hatten, wie es sich gehört, um vor einer wichtigen
-Persönlichkeit zu erscheinen, sie schlossen vielmehr
-noch im Gehen die Haken an ihren Röcken. Zwei
-von ihnen trugen überhaupt nichts in Händen, der dritte
-aber, der Linkser, hielt im grünen Futteral die zarische
-Schatulle mit dem englischen stählernen Floh.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-10">
-<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a>
-X
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Boten laufen zu Platow und sprechen:
-</p>
-
-<p>
-»Da sind sie jetzt selber hier!«
-</p>
-
-<p>
-Platow spricht sogleich zu den Meistern:
-</p>
-
-<p>
-»Ist es fertig?«
-</p>
-
-<p>
-»Alles«, antworten sie, »ist fertig!«
-</p>
-
-<p>
-»Gebt her!«
-</p>
-
-<p>
-Sie gaben es.
-</p>
-
-<p>
-Die Equipage war aber bereits angespannt, und Fuhrmann
-und Vorreiter an ihrem Platz. Die Kosaken setzten
-sich sogleich schon neben den Fuhrmann und erhoben die
-Nagaiken über ihn, und so ausholend halten sie sie auch.
-</p>
-
-<p>
-Platow riß das grüne Futteral ab, öffnete die Schatulle,
-nahm aus der Watte die goldene Tabaksdose heraus, aus
-der Tabaksdose die brillantene Nuß &mdash; und sieht: der
-englische Floh liegt dort wie er war, aber außer ihm ist
-nichts weiter da.
-</p>
-
-<p>
-Platow spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Was ist denn das? Wo ist denn eure Arbeit, mit der
-ihr den Kaiser erfreuen wolltet?«
-</p>
-
-<p>
-Die Waffenschmiede antworten:
-</p>
-
-<p>
-»Da ist auch unsere Arbeit!«
-</p>
-
-<p>
-Platow spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Worin ist sie denn beschlossen?«
-</p>
-
-<p>
-Die Waffenschmiede antworten:
-</p>
-
-<p>
-»Wozu das erklären? Alles ist hier vor Eurem Blick &mdash;
-schaut nur selber zu!«
-</p>
-
-<p>
-Platow zuckt die Achseln und schreit:
-</p>
-
-<p>
-»Wo ist aber der Schlüssel zum Floh?«
-</p>
-
-<p>
-»Aber da« &mdash; antworten sie &mdash; »wo der Floh ist, da ist
-auch der Schlüssel, in derselben Nuß!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a>
-Platow wollte den Schlüssel fassen, die Finger waren
-aber bei ihm zu kurz und zu dick; er bemühte sich lange
-Zeit &mdash; konnte aber auf keine Weise weder den Floh
-erfassen, noch das Schlüsselchen zu dem Uhrwerk in
-seinem Bauch. Plötzlich erzürnte er sich und begann zu
-schimpfen auf kosakische Art.
-</p>
-
-<p>
-Er schrie:
-</p>
-
-<p>
-»Was habt ihr denn, ihr Halunken, gar nichts getan,
-ja dazu noch am Ende gar die ganze Sache verdorben!
-Ich werde euch den Kopf abreißen!«
-</p>
-
-<p>
-Die Tulaer geben ihm zur Antwort:
-</p>
-
-<p>
-»Ganz umsonst beleidigen Sie uns so &mdash; wir müssen
-von Ihnen, als dem Abgesandten des Kaisers, alle Beleidigungen
-erdulden. Deswegen aber, weil Sie an uns
-zweifelten und glaubten, daß wir sogar den kaiserlichen
-Namen zu betrügen fähig seien &mdash; werden wir Ihnen
-jetzt das Geheimnis unserer Arbeit nicht eröffnen. Geruhen
-Sie doch dieses Ding zum Kaiser zu bringen &mdash;
-er wird erkennen, was für Leute er an uns hat, und ob
-er sich unserer zu schämen braucht!«
-</p>
-
-<p>
-Platow schrie:
-</p>
-
-<p>
-»Nun, so lügt ihr denn, ihr Schufte! Ich werde mich
-aber von euch nicht so trennen, vielmehr wird einer
-von euch mit mir nach Petersburg fahren, und ich werde
-schon von ihm herausbekommen, was eure Schlauheiten
-sind!«
-</p>
-
-<p>
-Damit streckte er die Hand aus, faßte mit seinen kurzen
-Fingern den schieläugigen Linkser am Kragen, so daß
-bei ihm alle Haken vom Rock abflogen, und stieß ihn
-zu sich in den Wagen, zu seinen Füßen.
-</p>
-
-<p>
-»Sitze hier« &mdash; spricht er &mdash; »bis nach Petersburg, wie
-<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a>
-ein Pudel. Du wirst mir alle verantworten. Ihr aber«,
-spricht er zu den Boten, »jetzt heida! Sperrt nicht das
-Maul auf, damit ich übermorgen in Petersburg beim
-Zaren bin!«
-</p>
-
-<p>
-Die Meister wagten nur für ihren Kameraden einzutreten:
-»Wie denn, Sie werden ihn von uns so ohne ein
-&sbquo;Tugament&lsquo; wegführen? Ihm wird es unmöglich sein,
-zurückzukommen!« Platow aber zeigte ihnen statt
-der Antwort nur die Faust, eine so furchtbare &mdash; sie
-ist rotbraun, ganz mit Narben bedeckt, und irgendwie
-zusammengewachsen &mdash; und drohend spricht er: »Da
-habt ihr das &sbquo;Tugament&lsquo;!« Den Kosaken aber schrie
-er zu:
-</p>
-
-<p>
-»Heida, Kinder!«
-</p>
-
-<p>
-Die Kosaken, die Fuhrleute und die Pferde &mdash; alles
-begann gleichzeitig zu arbeiten, und man entführte den
-Linkser ohne Dokument; und einen Tag später, wie
-Platow befohlen hatte, fuhr man auch schon beim Palast
-des Zaren vor, und sogar galoppierend, wie es sich gehörte,
-fuhren sie bei den Säulen vorbei.
-</p>
-
-<p>
-Platow stand auf, hing die Orden an und ging zum
-Kaiser, befahl aber den ihn begleitenden Kosaken,
-den schieläugigen Linkser beim Eingang zu bewachen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-11">
-XI
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Platow fürchtete sich, dem Kaiser vor Augen zu treten,
-weil Nikolai Pawlowitsch alles bemerkte und im Gedächtnis
-behielt; nichts pflegte er zu vergessen. Platow
-wußte, daß er ihn unbedingt nach dem Floh fragen
-werde. Und wenn er auch keinen Feind auf der ganzen
-Welt fürchtete, so fürchtete er sich in diesem Falle doch:
-<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a>
-er ging ins Schloß mit der kleinen Schatulle und stellte
-sie ganz leise im Saal hinter den Ofen.
-</p>
-
-<p>
-Nachdem er die Schatulle verborgen hatte, ging Platow
-zum Kaiser ins Kabinett und begann rasch zu berichten,
-was die Kosaken am stillen Don für Gespräche unter
-einander führen. Er beschloß so: hiermit den Kaiser zu
-beschäftigen und dann, wenn der Kaiser sich selber entsinnen
-und von dem Floh beginnen werde, werde es
-nötig sein, ihn herzugeben und Rede zu stehen; wenn
-er aber davon nicht anfange, dann zu schweigen, die
-Schatulle dem Kammerdiener zu verstecken befehlen
-und den Tulaer Linkser auf unbestimmte Zeit in eine
-Festungskasematte zu stecken, damit er dort sitze bis zu
-der Zeit, daß man seiner bedürfen werde.
-</p>
-
-<p>
-Kaiser Nikolai Pawlowitsch hatte aber gar nichts vergessen,
-und kaum hatte Platow seinen Bericht über die
-Gespräche der Kosaken untereinander geendet, so fragte
-er ihn auch schon sogleich:
-</p>
-
-<p>
-»Aber wie denn, wie haben meine Tulaer Meister
-sich gerechtfertigt gegenüber dem englischen &sbquo;Nymphusorium&lsquo;?«
-</p>
-
-<p>
-Platow antwortete in der Weise, wie ihm die Sache zu
-sein schien.
-</p>
-
-<p>
-»Das &sbquo;Nymphusorium&lsquo;« &mdash; spricht er &mdash; »Eure Majestät,
-ist immer noch auf der Welt, und ich habe es zurückgebracht,
-die Tulaer Meister haben aber nichts Erstaunliches
-zu tun vermocht.«
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Du bist ein tapferer Greis, doch das, was du mir da
-vorbringst, kann nicht so sein.«
-</p>
-
-<p>
-Platow begann ihn zu überzeugen und erzählte, wie
-<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a>
-die ganze Sache verlief, und als er bis dahin gelangt war,
-daß die Tulaer ihn baten, den Floh dem Kaiser zu zeigen,
-da klopfte ihm Nikolai Pawlowitsch auf die Schulter
-und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Bring her. Ich weiß, daß die Meinigen mich nicht
-betrügen können. Da ist irgend etwas über das Verstehen
-hinaus geschehen!«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-12">
-XII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Man brachte die Schatulle hinter dem Ofen hervor,
-nahm von ihr die Decke, enthüllte die goldene Tabaksdose
-und die brillantene Nuß &mdash; in ihr aber liegt der
-Floh, wie er vordem gewesen war und wie er früher
-gelegen hatte.
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser schaute hin und sprach:
-</p>
-
-<p>
-»Das ist eine List!« &mdash; Aber von seinem Glauben an
-die russischen Meister verlor er gar nichts. Er befahl,
-seine Lieblingstochter Alexandra Nikolajewna zu rufen
-und sagte ihr:
-</p>
-
-<p>
-»An deinen Händen hast du feine Finger! Nimm das
-kleine Schlüsselchen und ziehe rasch in diesem &sbquo;Nymphusorium&lsquo;
-die Bauchmaschine auf!«
-</p>
-
-<p>
-Die Prinzessin begann mit dem Schlüsselchen zu
-drehen, und der Floh bewegte sogleich seinen Schnurrbart,
-aber mit den Füßen rührte er sich nicht. Alexandra
-Nikolajewna zog das ganze Uhrwerk auf, aber das
-»Nymphusorium« tanzte trotzdem kein »Dansé« und
-ließ keine einzige »Variation« los wie vordem.
-</p>
-
-<p>
-Platow ward ganz grün und schrie:
-</p>
-
-<p>
-»Ach, das sind hündische Schelme! Jetzt verstehe
-ich, weshalb sie mir dort nichts sagen wollten. Es ist
-<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a>
-noch gut, daß ich einen Dummkopf von ihnen mit mir
-nahm!«
-</p>
-
-<p>
-Mit diesen Worten lief er zur Auffahrt, packte den
-Linkser an den Haaren und begann ihn dahin und dorthin
-zu zausen, so, daß die Haarbüschel nur so flogen.
-Jener aber, als Platow aufhörte, ihn zu schlagen, machte
-sich nur zurecht und spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Man hat mir so schon in der Lehre alle Schopfhaare
-ausgerissen, ich weiß nur nicht wegen welcher Notwendigkeit
-man eine solche Wiederholung vornimmt?«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist deshalb« &mdash; spricht Platow &mdash; »weil ich auf
-euch hoffte und mich verpflichtete. Ihr aber habt diese
-seltene Sache verdorben!«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Gar sehr sind wir zufrieden, daß du dich für uns
-verpflichtetest, verdorben haben wir aber gar nichts:
-Nehmt und schaut durch das allerstärkste &sbquo;Winzigglas&lsquo;.«
-</p>
-
-<p>
-Platow lief zurück, um von dem &sbquo;Winzigschauer&lsquo; zu
-erzählen, dem Linkser aber drohte er nur:
-</p>
-
-<p>
-»Ich werde dir« &mdash; spricht er &mdash; »du ... so und so ...
-noch etwas geben ...«
-</p>
-
-<p>
-Und er befiehlt seinen Leuten, dem Linkser noch
-stärker die Ellenbogen zurückzubinden, selber aber steigt
-er die Stufen hinauf, keucht und spricht sein Gebet: »Gesegnete
-Mutter des gesegneten Königs, Allerreinste und
-Reine ...« usw., wie es sich gehört. Die zarischen Hofdiener,
-die auf den Stufen stehen, wenden sich alle von
-ihm ab und denken: Platow ist hineingefallen, und sogleich
-wird man ihn aus dem Schloß wegjagen &mdash; denn
-sie konnten ihn nicht ausstehen wegen seiner Tapferkeit.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-13">
-<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a>
-XIII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Als Platow dem Kaiser die Worte des Linksers hinterbrachte,
-spricht der sogleich mit Freuden:
-</p>
-
-<p>
-»Ich weiß, daß meine Russen mich nicht betrügen
-werden« &mdash; und befahl, den »Winzigschauer« auf einem
-Kissen zu reichen.
-</p>
-
-<p>
-In einem Augenblick ward der &sbquo;Winzigschauer&lsquo; gebracht,
-und der Kaiser nahm den Floh und legte ihn
-unter das Glas: zuerst mit dem Rücken nach oben, dann
-mit der Seite, dann mit dem Bäuchelchen &mdash; mit einem
-Worte, man drehte ihn nach allen Seiten, sah aber garnichts.
-Der Kaiser verlor aber auch da nicht seinen
-Glauben, er sagte nur:
-</p>
-
-<p>
-»Man führe jenen Waffenschmied, der sich unten befindet,
-sogleich hierher zu mir.«
-</p>
-
-<p>
-Platow berichtet:
-</p>
-
-<p>
-»Man müßte ihn umkleiden &mdash; er ward genommen wie
-er war und ist jetzt gar sehr in schlechtem Aussehen.«
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser aber antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Das tut nichts, man bringe ihn so, wie er ist.«
-</p>
-
-<p>
-Platow spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Nun gehe jetzt selber, du, so und so, vor den Augen
-des Kaisers zu antworten.«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser aber sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Was ist denn dabei, ich werde gehen, und werde auch
-antworten!«
-</p>
-
-<p>
-Er kommt so, wie er war: in abgetretenen Stiefeln, ein
-Hosenbein im Stiefel, das andere baumelt herum, sein
-breiter Rock ist ältlich, die Haken schließen nicht, sie
-fehlen sogar, und der Kragen ist zerrissen; er geniert sich
-aber garnicht.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a>
-»Wie denn« &mdash; denkt er &mdash; »wenn es dem Zaren gefällig
-ist, mich zu sehen &mdash; so muß ich eben kommen;
-wenn ich aber kein &sbquo;Tugament&lsquo; habe &mdash; so bin ich daran
-unschuldig und werde erzählen, wie sich die Sache zutrug.«
-</p>
-
-<p>
-Als der Linkser eintrat und sich verneigte, spricht der
-Kaiser sogleich schon zu ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Was bedeutet das denn, Brüderchen, daß wir so und
-so zuschauten und den Floh unter den &sbquo;Winzigschauer&lsquo;
-legten, aber nichts Bemerkenswertes erschauten.«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser aber antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Haben Sie, Euer Majestät, denn richtig zu schauen
-geruht?«
-</p>
-
-<p>
-Die Höflinge geben ihm ein Zeichen: »Du sprichst
-nicht so, wie &rsquo;s sich gehört!« Er aber versteht nicht, wie
-es nötig ist auf Höflingsart mit Schmeichelei oder mit
-List, er antwortet vielmehr ganz einfach. Der Kaiser
-spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Hört doch auf, ihn zu schulmeistern &mdash; er soll antworten,
-wie er es versteht.«
-</p>
-
-<p>
-Und sogleich erklärte er ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Wir,« spricht er, »haben <a id="corr-33"></a>ihn so hingelegt« &mdash; und er
-legte den Floh unter den Winzigschauer. »Schau nur
-selber«; spricht er &mdash; »es ist nichts zu sehen.«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Euer Majestät, so ist es auch gar nicht möglich, irgend
-etwas zu sehen, weil nämlich unsere Arbeit gegenüber
-einem solchen Maßstab bei weitem geheimnisvoller
-ist.«
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Wie soll man dann aber?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a>
-»Man muß« &mdash; spricht er &mdash; »nur sein einzelnes Füßchen
-unter den ganzen &sbquo;Winzigschauer&lsquo; führen und im
-einzelnen auf jedes Ferschen schauen, womit er auftritt.«
-</p>
-
-<p>
-»Erbarme dich, sag&rsquo; einmal« &mdash; spricht der Kaiser &mdash;
-»dies ist schon allzufein.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber was soll man denn machen« &mdash; antwortet der
-Linkser &mdash; »wenn man nur so unsere Arbeit bemerken
-kann: dann wird sich auch das ganze Staunen offenbaren.«
-</p>
-
-<p>
-Sie legten den Floh so hin, wie der Linkser gesagt
-hatte, und als der Kaiser nur eben in das obere Glas
-schaute, so strahlte er auch nur so &mdash; er nahm den
-Linkser, so wie er war, unfrisiert und ungewaschen, voll
-Staub &mdash; umarmte ihn und küßte ihn, darauf aber
-wandte er sich an alle Hofleute und sagte:
-</p>
-
-<p>
-»Seht ihr, ich wußte besser als ihr alle, daß meine
-Russen nicht versagen werden. Schaut bitte hin, die
-Schelme haben dem englischen Floh Hufeisen angeschmiedet!«
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-14">
-XIV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Alle begannen heranzutreten und zu schauen: der
-Floh trug tatsächlich an allen seinen Füßen wirkliche
-Hufeisen, der Linkser aber bemerkte, daß auch dies
-nicht das ganze Erstaunliche sei.
-</p>
-
-<p>
-»Wenn« &mdash; spricht er &mdash; »ein besserer &sbquo;Winzigschauer&lsquo;
-da wäre, der fünfmillionenmal vergrößert, so würden
-Sie,« spricht er, »geruhen zu erschauen, daß auf jedem
-Hufeisenchen der Name steht: welcher russische Meister
-dieses Hufeisen schmiedete.«
-</p>
-
-<p>
-»Ist auch dein Name dabei?«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a>
-»Keineswegs« &mdash; antwortet der Linkser &mdash; »eben mein
-Name fehlt nur.«
-</p>
-
-<p>
-»Weshalb denn?«
-</p>
-
-<p>
-»Aber deshalb« &mdash; spricht er &mdash; »weil ich noch feinere
-Arbeit leistete: Ich schmiedete die Nägelchen, mit denen
-die Hufeisen angeschlagen sind &mdash; die vermag schon
-kein &sbquo;Winzigschauer&lsquo; zu erfassen.«
-</p>
-
-<p>
-Der Kaiser fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Wo ist dann aber euer &sbquo;Winzigschauer&lsquo;, mit dem ihr
-dieses Wunder vollbringen konntet?«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Wir sind arme Leute und haben wegen unserer
-Armut keinen &sbquo;Winzigschauer&lsquo;, bei uns ist vielmehr unser
-Auge so gewöhnt.«
-</p>
-
-<p>
-Da begannen auch die übrigen Höflinge, sehend, daß
-die Sache des Linksers gewonnen war, ihn zu küssen.
-Platow aber gab ihm hundert Rubel und sprach:
-</p>
-
-<p>
-»Verzeih&rsquo; mir, Brüderchen, daß ich dich an den Haaren
-zog!«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Gott wird dir verzeihen &mdash; da ist uns nicht zum
-ersten Male ein solcher Schnee auf den Kopf gefallen!«
-</p>
-
-<p>
-Mehr aber sprach er nicht, und er hatte auch keine
-Zeit mit irgendwem zu sprechen, weil der Kaiser befahl,
-schon sogleich dieses behufte »Nymphusorium« einzupacken
-und nach England zurückzuschicken &mdash; in der Art
-eines Geschenkes, damit man dort verstehe, daß uns dies
-nicht erstaunlich sei. Und es befahl der Kaiser, daß ein
-besonderer Kurier, der alle Sprachen versteht, den Floh
-bringen, und daß sich der Linkser bei ihm befinden
-<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a>
-solle, damit er selber den Engländern die Arbeit zeigen
-könne, und was es für Meister bei uns in Tula gibt.
-</p>
-
-<p>
-Platow bekreuzte ihn:
-</p>
-
-<p>
-»Möge« &mdash; spricht er &mdash; »über dir Segen sein, auf den
-Weg aber werde ich dir meinen eigenen Bittern senden.
-Trinke nicht viel und nicht wenig, trinke vielmehr mittelmäßig!«
-</p>
-
-<p>
-So tat er auch &mdash; er schickte ihm seinen Bittern.
-</p>
-
-<p>
-Graf Kiselwrode aber befahl, daß man den Linkser in
-den Tuljakowschen öffentlichen Bädern bade, ihm beim
-Barbier die Haare schneide und ihm einen Paradekaftan
-von einem Hofsänger anziehe, damit es so aussehe, als
-habe er irgend einen besondern Rang.
-</p>
-
-<p>
-Als sie ihn auf diese Weise umgebildet und zur Reise
-mit Tee und Platowschem Bittern getränkt hatten, zogen
-sie ihm den Gürtelriemen möglichst eng, damit die Därme
-nicht schlotterten, und führten ihn nach London. Von
-daher bekam der Linkser auch ausländische »Ansichten«
-zu schauen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-15">
-XV
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Kuriere mit dem Linkser reisten sehr rasch, so
-daß sie von Petersburg bis London nirgends Rast
-machten, vielmehr zogen sie auf jeder Station den Gürtel
-noch um ein Loch enger, damit sich die Gedärme nicht
-mit den Lungen vermengen sollten. Da aber dem
-Linkser nach der Vorstellung beim Kaiser auf Befehl
-Platows auf Kronskosten eine Schnapsportion nach Gutdünken
-bewilligt war, so hielt er sich ohne zu essen
-damit allein aufrecht und sang durch ganz Europa hindurch
-russische Lieder, nur den Kehrreim sang er auf
-ausländische Weise: &mdash; »ai &mdash; ljuli &mdash; ssee tree schuli.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a>
-Der Kurier brachte ihn nach London, zeigte sich, bei
-wem es nötig war, gab die Schatulle ab, führte den
-Linkser in ein Gasthaus und mietete für ihn ein Zimmer.
-Dem aber ward es dort bald langweilig, und ihn verlangte
-es zu essen. Er pochte an die Türe und deutete sich
-vor dem Aufwartenden auf den Mund. Der aber führte
-ihn sogleich schon in das Speisenempfangszimmer.
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser setzt sich dort an den Tisch und sitzt da.
-Irgend etwas auf englisch zu fragen &mdash; versteht er aber
-nicht. Darauf erriet er es: wiederum pocht er einfach
-mit dem Finger auf den Tisch und zeigt sich auf den
-Mund &mdash; die Engländer erraten und tragen auf, nur nicht
-immer das, was nötig ist. Er nimmt aber das nicht an,
-was ihm nicht paßt. Man gab nach ihrer Zubereitung
-heißen Pudding »im Feuer«. Er spricht: »ich weiß nicht,
-daß man so etwas essen kann« &mdash; und aß auch nicht. Sie
-tauschten es ihm um und gaben ihm ein anderes Gericht.
-Ebenso wollte er nicht ihren Schnaps trinken, weil er
-grün war &mdash; als sei er mit Grünspan angesetzt. Er wählte
-vielmehr das Allernatürlichste und erwartete den Kurier
-gemütlich hinter einem Fläschchen.
-</p>
-
-<p>
-Die Leute aber, denen der Kurier das »Nymphusorium«
-gegeben hatte, beschauten es alsogleich durch
-den allerstärksten »Winzigschauer« und sogleich schickten
-sie auch eine Beschreibung in die öffentlichen Nachrichten,
-damit morgen schon zur allgemeinen Kunde ein
-»Kleveton« erscheine.
-</p>
-
-<p>
-»Diesen Meister aber« &mdash; sagen sie &mdash; »wollen wir sogleich
-sehen.«
-</p>
-
-<p>
-Der Kurier geleitete sie in das Gasthauszimmer und
-von dort in den »Speisenempfangsraum«, wo sich unser
-<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a>
-Linkser bereits gehörig gerötet hatte und spricht: »Da
-ist er!«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer schlagen sogleich den Linkser auf die
-Schulter und wie einem ihnen Gleichen reichen sie ihm
-die Hand: »Kamerad«, sprechen sie, »du bist ein guter
-Meister, sprechen werden wir mit dir erst später, jetzt
-aber laßt uns auf dein Wohl trinken!«
-</p>
-
-<p>
-Sie bestellten viel Wein und dem Linkser den ersten
-Becher. Er aber wollte aus »Höflichkeit« nicht zuerst
-trinken. Er dachte: vielleicht wollt ihr mich aus Verdruß
-vergiften.
-</p>
-
-<p>
-»Nein,« spricht er, »das ist nicht in Ordnung; auch
-in Polen geht der Herr voran &mdash; trinkt selber zuerst!«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer kosteten alle Weine vor ihm und dann
-begannen sie ihm einzuschütten. Er stand auf, bekreuzte
-sich mit der linken Hand und trank auf ihrer aller Gesundheit.
-</p>
-
-<p>
-Sie bemerken, daß er sich mit der linken Hand bekreuzte
-und fragen den Kurier:
-</p>
-
-<p>
-»Was ist er denn: Lutheraner oder Protestantist?«
-</p>
-
-<p>
-Der Kurier antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Nein, er ist kein Lutheraner und kein Protestantist,
-vielmehr von russischem Glauben.«
-</p>
-
-<p>
-»Aber weshalb bekreuzt er sich denn mit der linken
-Hand?«
-</p>
-
-<p>
-Der Kurier spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Er ist &mdash; ein Linkser und macht alles mit der linken
-Hand.«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer verwunderten sich noch mehr und begannen
-dem Linkser und dem Kurier Wein einzupumpen,
-und so taten sie volle drei Tage nacheinander, und dann
-<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a>
-sprachen sie: »Jetzt ist es genug!« Jeder trank einen
-»Symphon« Wasser mit »Jerphiks«, sie wurden danach
-völlig frisch und begannen den Linkser auszufragen: Wo
-und was er gelernt habe und wie weit er die Arithmetik
-verstehe?
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Unsere Wissenschaft ist eine einfache: der Psalter
-ja und der Traumdeuter; von der Arithmetik wissen wir
-aber ganz und gar nichts.«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer schauen einander an und sprechen:
-</p>
-
-<p>
-»Das ist erstaunlich!«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Bei uns ist das überall so.«
-</p>
-
-<p>
-»Was ist das aber« &mdash; fragen sie &mdash; »für ein Buch in
-Rußland &sbquo;der Traumdeuter&lsquo;?«
-</p>
-
-<p>
-»Das« spricht er &mdash; »ist ein Buch, das sich darauf
-bezieht, daß, wenn König David im Psalter irgend
-etwas hinsichtlich des Wahrsagens nicht deutlich genug
-erklärte, dann erraten sie im Traumdeuter die Ergänzung.«
-</p>
-
-<p>
-»Das ist schade, besser wäre es, ihr wüßtet etwas aus
-der Arithmetik, wenn auch nur die vier Spezies, &mdash; das
-wäre euch bei weitem nützlicher als den ganzen Traumdeuter
-zu kennen. Dann könntet ihr euch vorstellen,
-daß in jeder Maschine die Kraft berechnet ist, aber sonst,
-wenn ihr auch sehr kunstvoll mit den Händen seid, habt
-ihr nicht wissen können, daß ein so kleines Maschinchen,
-wie in dem &sbquo;Nymphusorium&lsquo;, auf die allergenaueste Genauigkeit
-berechnet ist und eure Hufeisen nicht tragen
-kann. Deshalb springt auch jetzt das &sbquo;Nymphusorium&lsquo;
-nicht und tanzt kein &sbquo;Dansé&lsquo;.«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a>
-Der Linkser stimmte bei.
-</p>
-
-<p>
-»Darüber« &mdash; spricht er &mdash; »gibt es keinen Streit, daß
-wir in den Wissenschaften nicht kundig sind, nur sind
-wir unserm Vaterlande treu ergeben.«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer aber sagen ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Bleibt bei uns; wir werden Euch eine große Gebildetheit
-beibringen, und aus Euch wird ein erstaunlicher
-Meister werden.«
-</p>
-
-<p>
-Damit war aber der Linkser nicht einverstanden.
-</p>
-
-<p>
-»Ich« &mdash; spricht er &mdash; »habe zu Hause Eltern.«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer erklärten sich bereit, seinen Eltern Geld
-zu schicken, der Linkser nahm aber nicht an.
-</p>
-
-<p>
-»Wir« &mdash; spricht er &mdash; »hängen an unserer Heimat, und
-mein Väterchen oben ist schon ein alter Mann, meine
-Mutter ein altes Frauchen und gewohnt in ihrer Gemeinde
-zur Kirche zu gehen; und auch mir wird es hier
-in der Einsamkeit langweilig sein, weil ich noch unverheiratet
-bin.«
-</p>
-
-<p>
-»Ihr« &mdash; sprechen sie &mdash; »werdet Euch gewöhnen. Ihr
-werdet unsern Glauben annehmen, und wir werden Euch
-verheiraten.«
-</p>
-
-<p>
-»Dies« antwortet der Linkser »wird niemals sein können.«
-</p>
-
-<p>
-»Weshalb denn?«
-</p>
-
-<p>
-»Weil« &mdash; antwortet er &mdash; »unser russischer Glaube der
-allerrichtigste ist, und wie unsere Vorväter glaubten, genau
-so sollen auch die Nachkommen glauben.«
-</p>
-
-<p>
-»Ihr« &mdash; sprechen die Engländer &mdash; »kennt nicht unsern
-Glauben: wir sind von demselben christlichen Gesetz
-und haben dasselbe Evangelium.«
-</p>
-
-<p>
-»Das Evangelium« &mdash; antwortet der Linkser &mdash; »ist
-<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a>
-tatsächlich bei allen eines, nur sind unsere Bücher dicker
-als eure, und auch der Glaube ist bei uns &sbquo;voller&lsquo;«.
-</p>
-
-<p>
-»Weshalb könnt Ihr das so beurteilen?«
-</p>
-
-<p>
-»Wir haben dafür« &mdash; antwortet er &mdash; »alle augenscheinlichen
-Beweise.«
-</p>
-
-<p>
-»Welche?«
-</p>
-
-<p>
-»Aber solche:« &mdash; antwortet er &mdash; »bei uns gibt es
-sowohl wundertätige Heiligenbilder, öltropfende Schädel
-und Reliquien, bei euch aber gibt es gar nichts,
-und sogar außer dem einen Sonntag keinerlei außerordentliche
-Feiertage; aber auch aus einer zweiten Ursache
-wird es mir mit einer Engländerin zu leben,
-mögen wir auch nach dem Gesetze getraut sein, konfus
-sein.«
-</p>
-
-<p>
-»Weshalb denn das?« &mdash; fragen sie. &mdash; »Ihr braucht die
-unsrigen nicht gering zu schätzen &mdash; sie kleiden sich
-gleichfalls sehr sauber und sind wirtschaftlich.«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser aber spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Ich kenne sie nicht!«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer antworten:
-</p>
-
-<p>
-»Das ist nicht wichtig &mdash; Ihr werdet sie kennen lernen
-können. Wir werden euch ein &sbquo;Grandewu&lsquo; bereiten.«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser ward verschämt.
-</p>
-
-<p>
-»Weshalb« spricht er »umsonst die Mädchen irreführen,«
-und er bedankte sich. »Ein &sbquo;Grandewu&lsquo;« spricht
-er &mdash; »das ist eine Sache für Herrschaften, uns aber ziemt
-es nicht, und wenn man davon zu Hause, in Tula, erfahren
-wird, wird man über mich ein großes Gelächter
-anstimmen.«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer wurden neugierig.
-</p>
-
-<p>
-»Wenn aber« &mdash; sprechen sie &mdash; »ohne &sbquo;Grandewu&lsquo;,
-<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a>
-wie verfährt man dann bei euch in solchen Fällen, um
-eine angenehme Wahl zu treffen?«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser erklärte ihnen unsere Lage:
-</p>
-
-<p>
-»Bei uns« &mdash; spricht er &mdash; »wenn ein Mann hinsichtlich
-eines Mädchens eine ernsthafte Absicht eröffnen will,
-so sendet er ein &sbquo;redsames&lsquo; Weib, und nachdem sie den
-Vorschlag machte, kommt man höflich ins Haus, und das
-Mädchen schaut man an, nicht sich heimlich versteckend,
-vielmehr in Gegenwart der ganzen Verwandtschaft.«
-</p>
-
-<p>
-Sie verstanden, antworteten aber, bei ihnen gäbe es
-keine »redsamen« Weiber, und eine solche Gewohnheit
-sei nicht eingeführt.
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser aber spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Desto angenehmer ist es auch. Wenn man sich mit
-solchen Dingen befaßt, so muß man das mit wirklicher
-Absicht tun; da ich aber dies zu einer fremden Nation
-nicht empfinde, weshalb soll man dann die Mädchen
-irreführen?«
-</p>
-
-<p>
-Er gefiel den Engländern auch in diesen seinen Urteilen,
-so daß sie wiederum anfingen, ihm freundschaftlich
-auf Schulter und Knie mit der Hand zu schlagen,
-selber aber fragen sie:
-</p>
-
-<p>
-»Wir« &mdash; sprechen sie &mdash; »wünschten einzig und allein
-aus Neugierde zu wissen: welche fehlerhaften Kennzeichen
-Ihr bei unsern Mädchen bemerkt habt, und weshalb
-Ihr sie meidet?«
-</p>
-
-<p>
-Da antwortete ihnen der Linkser schon ganz offen:
-</p>
-
-<p>
-»Ich tadle sie nicht, mir gefällt nur nicht, daß die
-Kleidung um sie herumschlottert, und man nicht herausbekommt,
-was da eigentlich angezogen ist und für
-welche Notwendigkeit; da ist irgend etwas, und weiter
-<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a>
-unten ist noch irgend etwas anderes angesteckt, an den
-Händen aber so eine Art Strümpfe. Ganz genau wie ein
-Affe &mdash; &sbquo;sapajou&lsquo; &mdash; &sbquo;Plüschtalma&lsquo;!«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer brachen in Lachen aus und sprechen:
-</p>
-
-<p>
-»Was für ein Hindernis liegt denn für Euch darin?«
-</p>
-
-<p>
-»Ein Hindernis« &mdash; antwortet der Linkser &mdash; »ist das
-nicht, ich fürchte nur, daß es schamvoll sein wird, zuzuschauen
-und zu erwarten, wie sie sich aus dem allen
-herausschälen wird!«
-</p>
-
-<p>
-»Ist denn wirklich« &mdash; sprechen sie &mdash; »euere &sbquo;Fasson&lsquo;
-besser?«
-</p>
-
-<p>
-»Unsere Fasson« &mdash; antwortet er &mdash; »ist in Tula einfach:
-jede geht in ihren selbstgefertigten Spitzen, und
-unsere Spitzen tragen sogar auch die großen Damen!«
-</p>
-
-<p>
-Sie stellten ihn auch ihren Damen vor, und dort goß
-man ihm Tee ein und fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Weshalb verzieht Ihr Euer Gesicht?«
-</p>
-
-<p>
-»Weil wir« &mdash; spricht er &mdash; »nicht gewohnt sind süß zu
-trinken!« Darauf gaben sie ihm auf russische Weise
-Zucker zum Zubeißen. Ihnen scheint es, daß es so
-schlechter sei, er aber spricht: »Nach unserm Geschmack
-ist es so wohlschmeckender.«
-</p>
-
-<p>
-Durch gar nichts vermochten die Engländer ihn zu
-bestimmen, daß er sich an ihr Leben fessele; sie überredeten
-ihn nur, kurze Zeit bei ihnen als Gast zu bleiben,
-sie würden ihn in dieser Zeit durch verschiedene Werkstätten
-führen und ihm ihre Kunst zeigen.
-</p>
-
-<p>
-»Darauf aber« &mdash; sprechen sie &mdash; »werden wir ihn auf
-unserm eigenem Schiff fahren und lebendig nach Petersburg
-bringen.«
-</p>
-
-<p>
-Damit war er einverstanden.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-16">
-<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a>
-XVI
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Engländer nahmen den Linkser bei sich auf,
-den russischen Kurier aber schafften sie zurück nach
-Rußland. Obgleich der Kurier einen Rang hatte und
-mehrere Sprachen verstand, interessierten sie sich nicht
-für ihn, für den Linkser interessierten sie sich aber;
-und sie begannen ihn zu führen und ihm alles zu zeigen.
-Er beschaute ihre ganze Produktion, sowohl die Metallfabriken
-wie die Seifen- und Sägewerke, und alle ihre
-wirtschaftlichen Einrichtungen gefielen ihm sehr, besonders
-hinsichtlich der Lage der Arbeiter. Jeder Arbeiter
-ist bei ihnen ständig satt und nicht in Lumpen angezogen,
-vielmehr jeder trägt geeignete Kleidung und ist
-beschuht mit dicken benagelten Stiefeln, damit man sich
-nirgends den Fuß verletzen kann, er arbeitet nicht mit
-irgend einem Brecheisen, vielmehr mit einem Werkzeug,
-und er hat Verständnis. Jedem hängt eine Rechentabelle
-vor Augen, und unter der Hand hat er eine Abwischtafel:
-bei allem, was nur ein Meister macht &mdash; schaut er
-auf die Tabelle und vergleicht mit Verständnis, darauf
-aber schreibt er etwas auf dem Täfelchen, anderes streicht
-er aus und führt es akkurat aus: Was mit Zahlen geschrieben
-steht, das kommt auch in der Tat heraus. Ist
-es aber Feiertag, so nimmt jeder sein Liebchen und in
-die Hand ein Stöckchen, und dann gehen sie spazieren,
-ehrsam, wohlanständig, wie es sich gehört.
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser schaut auf ihr ganzes Leben, und auf alle
-ihre Arbeiten, aber am allermeisten Aufmerksamkeit
-verwandte er auf einen solchen Gegenstand, daß die
-Engländer sehr staunten. Nicht so sehr interessiert es
-ihn, wie man neue Gewehre macht, als in welchem Zustand
-<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a>
-sich die alten befinden. Überall geht er umher, lobt
-und spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Das können auch wir so.«
-</p>
-
-<p>
-Wenn er aber zu einem alten Gewehr kommt &mdash; steckt
-er den Finger in den Lauf, fährt mit ihm an der Innenwand
-herum und seufzt:
-</p>
-
-<p>
-»Das« &mdash; spricht er &mdash; »ist unvergleichlich besser als
-bei uns.«
-</p>
-
-<p>
-Die Engländer vermochten durchaus nicht zu erraten,
-was da der Linkser bemerkt, er aber fragt:
-</p>
-
-<p>
-»Kann ich nicht« &mdash; spricht er &mdash; »wissen, ob unsere
-Generäle dies irgendwann anschauten oder nicht?«
-</p>
-
-<p>
-Man sagte ihm:
-</p>
-
-<p>
-»Die hier waren, die müssen es wohl gesehen haben.«
-</p>
-
-<p>
-»Wie aber« &mdash; spricht er »waren sie: in Handschuhen
-oder ohne?«
-</p>
-
-<p>
-»Eure Generäle« &mdash; sprechen sie &mdash; »sind ausgeputzt,
-sie gehen immer in Handschuhen, so sind sie wohl auch
-hier so gewesen.«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser sagte gar nichts. Plötzlich aber begann er
-unruhig zu werden und sich zu grämen und spricht zu
-den Engländern:
-</p>
-
-<p>
-»Ergebenst danke ich euch für alle Bewirtung, und
-ich bin mit allem bei euch sehr zufrieden, und alles, was
-mir nötig war zu schauen, habe ich schon erschaut, jetzt
-aber möchte ich möglichst rasch nach Hause!«
-</p>
-
-<p>
-Auf keine Weise vermochten sie ihn weiter zurückzuhalten.
-Zu Lande konnte man ihn nicht ziehen lassen,
-weil er keine Sprache kannte, auf dem Wasser zu schwimmen
-war aber nicht gut, weil es Herbstzeit war und
-stürmisch; er aber bestand darauf: »Laßt mich ziehen!«
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a>
-»Wir« &mdash; sprechen sie &mdash; »haben auf den Sturmmesser
-geschaut: es wird Sturm geben, du kannst ertrinken: das
-ist ja nicht das, was bei euch der finnische Meerbusen ist,
-vielmehr ist da das wirkliche &sbquo;festländische&lsquo; Meer.«
-</p>
-
-<p>
-»Dies ist alles einerlei« &mdash; antwortete er &mdash; »weshalb
-sterben &mdash; alles ist der Wille Gottes, ich aber wünsche
-möglichst rasch nach der Heimat zurückzukehren, weil
-ich mir sonst eine Art Geistesstörung holen kann.«
-</p>
-
-<p>
-Man hielt ihn nicht mit Gewalt zurück: man fütterte
-ihn, belohnte ihn mit Geld, schenkte ihm zum Andenken
-eine goldene Uhr mit »Trepetir«, gegen die Frische des
-Meeres einen Friesmantel mit »Windkapuze« auf den
-Kopf. Sehr warm kleideten sie den Linkser und führten
-ihn auf das Schiff, das nach Rußland fuhr. Dort brachten
-sie den Linkser am besten Platz unter, wie einen wirklichen
-Herrn; er aber liebte es nicht, mit den übrigen
-Herrschaften in der Kajüte zu sitzen, und es war ihm
-peinlich. Er ging vielmehr auf das Deck, setzte sich unter
-das »Present« und fragte:
-</p>
-
-<p>
-»Wo ist unser Rußland?«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer, den er fragt, deutet ihm mit der Hand
-oder zeigt ihm mit dem Kopf, er aber wendet sich mit dem
-Gesicht dahin und schaut ungeduldig nach der heimatlichen
-Seite.
-</p>
-
-<p>
-Als sie aus der Bucht ins »festländische« Meer kamen,
-da überkam ihn eine solche Sehnsucht nach Rußland,
-daß man ihn auf keine Weise beruhigen konnte. Die
-Wasserströmung war furchtbar, aber der Linkser geht
-immer nicht hinunter in die Kajüte &mdash; er sitzt unter dem
-&sbquo;Present&lsquo;, hat die Kapuze vorgerückt und schaut nach
-dem Vaterland.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a>
-Oftmals kamen die Engländer, um ihn in den warmen
-Raum nach unten zu rufen, er aber, damit sie ihn nicht
-langweilen, begann sogar drauflos zu schimpfen.
-</p>
-
-<p>
-»Nein« &mdash; antwortet er &mdash; »mir ist es besser hier
-draußen, sonst wird aus mir unter dem Dach von dem
-Schwanken noch ein Meerschweinchen werden.«
-</p>
-
-<p>
-So ging er denn die ganze Zeit bis zu einem ganz besonderen
-Fall nicht hinunter, und dadurch gefiel er sehr
-einem Bootsmann, der zum Unglück unseres Linksers
-russisch zu sprechen verstand. Dieser Bootsmann konnte
-nicht genug darüber staunen, daß ein russischer Landmensch
-auch so alle Unwetter aushalte.
-</p>
-
-<p>
-»Ein forscher Kerl« &mdash; spricht er &mdash; »der Russe. Laßt
-uns trinken!«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser trank.
-</p>
-
-<p>
-Der Bootsmann sagt:
-</p>
-
-<p>
-»Noch!«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser trank noch, und sie betranken sich.
-</p>
-
-<p>
-Der Bootsmann fragt ihn auch:
-</p>
-
-<p>
-»Was für ein Geheimnis bringst du von unserm Reich
-nach Rußland?«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser antwortet: »Das ist meine Sache!«
-</p>
-
-<p>
-»Aber wenn so« &mdash; antwortet der Bootsmann &mdash; »so
-laß uns eine englische Wette eingehen.«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser fragt:
-</p>
-
-<p>
-»Was für eine?«
-</p>
-
-<p>
-»Eine solche: nichts allein zu trinken, vielmehr alles
-in gleicher Weise &mdash; was der eine, das unbedingt auch
-der andere, und wer den andern übertrinkt, der ist auch
-obenauf.«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser denkt: »der Himmel bewölkt sich, den
-<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a>
-Bauch treibt es auf &mdash; die Langeweile ist groß, der Weg
-ist lang, und die Heimat hinter der Welle nicht sichtbar
-&mdash; die Wette zu halten wird gleichwohl lustiger sein.«
-</p>
-
-<p>
-»Schön« &mdash; spricht er &mdash; »es gilt!«
-</p>
-
-<p>
-»Nur, daß es ehrlich zugehe!«
-</p>
-
-<p>
-»Ja, schon darüber,« spricht er, »beunruhigt Euch
-nicht!«
-</p>
-
-<p>
-Sie wurden einig und gaben einander die Hand.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-17">
-XVII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Die Wette begann noch im »festländischen« Meere,
-und sie tranken bis zur Rigaschen Dünamünde, aber sie
-tranken immer gleich und gaben einer dem andern nicht
-nach, und bis dahin tat es einer dem andern gleich, daß,
-wenn der eine ins Meer blickte und sah, wie aus dem
-Wasser der Teufel hervorkriecht, sich sogleich auch dem
-andern ganz dasselbe offenbarte. Nur, daß der Bootsmann
-einen rothaarigen Teufel sieht, während der Linkser
-sagt, er sei dunkelhaarig, wie ein Mohr.
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Bekreuze dich und drehe dich weg &mdash; das ist der
-Teufel aus der Meerestiefe.«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer aber streitet:
-</p>
-
-<p>
-»Das ist ein Taucher.«
-</p>
-
-<p>
-»Willst du« &mdash; spricht er &mdash; »so will ich dich ins
-Meer schleudern, aber fürchte dich nur nicht, er wird
-dich mir sogleich zurückgeben.«
-</p>
-
-<p>
-Der Linkser aber antwortet:
-</p>
-
-<p>
-»Wenn das so ist, so wirf mich nur ins Wasser.«
-</p>
-
-<p>
-Der Bootsmann nahm ihn auf den Rücken und trug
-ihn zum Bord.
-</p>
-
-<p>
-<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a>
-Die Matrosen sahen dies, hielten sie an und teilten
-das dem Kapitän mit; der aber befahl, sie beide unten
-einzuschließen und ihnen Rum und Wein zu geben und
-kalte Speisen, damit sie essen und trinken und ihre
-Wette ausrichten könnten. Aber den heißen »Studing«
-ihnen brennend zu geben verbot er, damit bei ihnen im
-Innern der Spiritus sich nicht entzünden könne.
-</p>
-
-<p>
-So brachten sie sie eingesperrt bis nach Petersburg,
-und jene Wette hatte keiner an den andern verloren, dort
-aber legte man sie auf gleiche Tragbahren und brachte
-den Engländer ins Gesandtenhaus auf dem »Englischen
-Quai«, den Linkser aber ins Polizeirevier.
-</p>
-
-<p>
-Von da an begann ihr Schicksal sich gar sehr zu unterscheiden.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-18">
-XVIII
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Als man den Engländer ins Gesandtenhaus gebracht
-hatte, rief man sogleich einen Arzt und einen Apotheker zu
-ihm. &mdash; Der Arzt befahl, ihn in seiner Gegenwart in eine
-warme Wanne zu setzen, der Apotheker aber drehte
-sogleich eine Guttaperchapille und steckte sie ihm in
-den Mund, darauf aber legten sie ihn beide zusammen
-auf ein Federbett, bedeckten ihn mit einem Pelz und
-ließen ihn schwitzen, damit ihn aber niemand störe,
-ward in der ganzen Gesandtschaft der Befehl gegeben,
-daß niemand zu niesen wage. Es warteten der Arzt und
-der Apotheker, bis der Bootsmann eingeschlafen war,
-und dann bereiteten sie ihm eine zweite Guttaperchapille,
-legten sie neben das Kopfende auf ein Tischchen und
-gingen hinaus.
-</p>
-
-<p>
-Den Linkser dagegen legte man im Polizeihaus auf den
-Fußboden und man fragte ihn: Wer er ist, und von woher,
-<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a>
-und ob er einen Paß, oder ein anderes »Tugament«
-besitze?
-</p>
-
-<p>
-Er aber war von der Krankheit, vom Trinken und vom
-langen Schwanken so schwach geworden, daß er kein
-Wort antwortet, vielmehr nur stöhnt.
-</p>
-
-<p>
-Darauf suchten sie ihn sogleich aus, nahmen ihm
-sein Kleid ab, nahmen ihm auch die Trepetiruhr und das
-Geld, und ihn selber befahl der Polizeimeister in der
-ersten besten Droschke kostenlos ins Krankenhaus abzuliefern.
-</p>
-
-<p>
-Der Schutzmann führte den Linkser hinaus, um ihn
-auf einen Schlitten zu setzen, lange konnte er aber keinen
-einzigen Kutscher festkriegen, weil sie alle vor dem Polizisten
-davonlaufen. Der Linkser aber lag diese ganze
-Zeit über auf dem kalten Boden der Auffahrt; alsdann
-erwischte der Schutzmann einen Fuhrmann, nur ohne
-die warme Pelzdecke, weil sie sie in solchem Falle unter
-sich zu verstecken pflegen, damit dem Polizisten möglichst
-rasch die Füße kalt werden sollen. Man fuhr den
-Linkser so, unbedeckt; wie sie ihn von einer Droschke
-auf die andere übersetzen, lassen sie ihn immer fallen,
-wenn sie ihn aber aufheben, dann reißen sie ihn an den
-Ohren, damit er zur Besinnung komme. Man brachte ihn
-in ein Krankenhaus, man nimmt ihn nicht an ohne Tugament;
-man bringt ihn in ein anderes &mdash; auch dort
-nimmt man ihn nicht auf, und so in ein drittes und in
-ein viertes &mdash; bis ganz zum Morgen schleppten sie ihn
-über alle entfernten Krummwege und setzten ihn immer
-so von einem Schlitten auf einen andern, daß er sich
-völlig zerschlug. Da sagte ein Unterarzt dem Schutzmann,
-man solle ihn in das Obuchowsche Armenkrankenhaus
-<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a>
-bringen &mdash; wo man alle von unbekanntem
-Stande zum Sterben aufnimmt.
-</p>
-
-<p>
-Dort befahl man eine Quittung zu geben, den Linkser
-aber bis zur Aufnahme auf den Boden im Korridor hinzulegen.
-</p>
-
-<p>
-Der englische Bootsmann stand aber um diese selbe
-Zeit am andern Tage auf, verschluckte die andere Guttaperchapille,
-aß zum leichten Frühstück ein Huhn mit
-Reis, trank Schnaps und sprach:
-</p>
-
-<p>
-»Wo ist mein russischer Kamerad? Ich werde ihn
-suchen gehen!«
-</p>
-
-<p>
-Er zog sich an und lief davon.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-19">
-XIX
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Wunderbarerweise fand der Bootsmann sehr rasch
-den Linkser, man hatte ihn nur noch nicht ins Bett gelegt,
-er lag vielmehr im Korridor auf dem Fußboden und
-beklagte sich vor dem Engländer:
-</p>
-
-<p>
-»Ich müßte« &mdash; spricht er &mdash; »unbedingt zwei Worte
-dem Kaiser sagen.«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer lief zum Grafen Kleinmichel und
-machte Lärm.
-</p>
-
-<p>
-»Kann man denn so! Wenn er auch einen Schafpelz
-trägt, so hat er doch eine Menschenseele.«
-</p>
-
-<p>
-Den Engländer jagte man sogleich wegen dieser Bemerkung
-fort &mdash; damit er nur nicht wage, an die Menschenseele
-zu erinnern. Darauf aber sagte ihm irgend
-jemand:
-</p>
-
-<p>
-»Geh&rsquo; du lieber zum Kosak Platow &mdash; er hat einfache
-Gefühle.«
-</p>
-
-<p>
-Der Engländer traf Platow an, der jetzt wiederum auf
-<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a>
-der Kouschette lag. Platow hörte ihm zu und erinnerte
-sich des Linksers.
-</p>
-
-<p>
-»Wie denn, Brüderchen« &mdash; spricht er &mdash; »ich bin sehr
-nahe mit ihm bekannt; ich habe ihn sogar an den Haaren
-gezogen; ich weiß nur nicht, wie ich ihm in einer so
-unglücklichen Lage helfen kann, weil ich schon ausgedient
-habe und völlige Entlassung erhielt. Jetzt achtet
-man nicht mehr auf mich. Du aber laufe möglichst rasch
-zum Kommandanten Skobelew, er ist in der Macht und
-gleichfalls auf diesem Gebiet erfahren &mdash; er wird irgend
-etwas tun.«
-</p>
-
-<p>
-Der Bootsmann ging auch zu Skobelew und erzählte
-alles: was für eine Krankheit der Linkser hat und woher
-sie stammt. Skobelew spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Ich verstehe diese Krankheit, nur können sie die
-Deutschen nicht heilen, da braucht man vielmehr einen
-Arzt aus dem geistlichen Stande, weil die in diesen
-Sachen heranwachsen und zu helfen vermögen; ich
-werde sogleich den russischen Arzt Martyn-Solskij
-dahin schicken.«
-</p>
-
-<p>
-Als aber Martyn-Solskij nur eben ankam, war der
-Linkser schon am Sterben, weil sein Nacken an der Eingangstreppe
-zerschlagen worden war. Und er vermochte
-nur eines vernehmlich zu sprechen:
-</p>
-
-<p>
-»Sagt dem Kaiser, daß man bei den Engländern die
-Gewehre nicht mit Ziegel reinigt. Mögen sie auch bei
-uns sie nicht so reinigen, sonst, behüte Gott, sollte ein
-Krieg werden, so taugen sie nicht zum Schießen.«
-</p>
-
-<p>
-Und mit dieser Wahrheit bekreuzte sich der Linkser
-und starb.
-</p>
-
-<p>
-Martyn-Solskij ging sogleich, dies dem Grafen
-<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a>
-Tschernyschow zu berichten, damit der es dem Kaiser
-hinterbringe. Graf Tschernyschow aber schrie ihn an:
-</p>
-
-<p>
-»Wisse« &mdash; spricht er &mdash; »deine Brech- und Abführmittel,
-mische dich aber nicht in das, was nicht deine
-Sache ist &mdash; in Rußland gibt es dafür Generäle.«
-</p>
-
-<p>
-Dem Kaiser hat man es so auch nicht gesagt, und diese
-Reinigung der Gewehre ward fortgesetzt bis zum Krimkriege.
-Als man damals die Gewehre lud, wackelten die
-Kugeln in ihnen hin und her, weil die Läufe mit Ziegel gereinigt
-waren. Da erinnerte Martyn-Solskij den Tschernyschow
-an den Linkser. Graf Tschernyschow aber spricht:
-</p>
-
-<p>
-»Geh zum Teufel, &sbquo;Plesirspitze&lsquo;, mische dich nicht in
-das, was nicht deine Sache ist, sonst werde ich ableugnen,
-daß ich von dir hierüber hörte &mdash; dann wirst du
-selber hereinfallen.«
-</p>
-
-<p>
-Martyn-Solskij dachte nach: in der Tat wird er ableugnen,
-und so schwieg er auch.
-</p>
-
-<p>
-Hätte man aber die Worte des Linksers zu seiner Zeit
-dem Kaiser hinterbracht, so hätte der Kampf mit dem
-Feinde in der Krim eine ganz andere Wendung genommen.
-</p>
-
-<h3 class="chapter" id="chapter-6-20">
-Nachwort des Verfassers
-</h3>
-
-<p class="noindent">
-Heute ist dies alles schon &mdash; »Sache vergangener
-Zeiten« und »Überlieferung des Altertums«, wenn
-auch eines nicht weit zurückliegenden; es liegt indes keine
-Notwendigkeit vor, diese Überlieferungen rasch zu vergessen,
-ungeachtet des märchenhaften Zuschnitts der
-Legende und des epischen Charakters ihres Haupthelden.
-Der eigentliche Name des Linksers ging, gleich
-<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a>
-dem Namen vieler größter Genies, für immer für die
-Nachkommenschaft verloren; aber als durch die Volksphantasie
-verkörperte Mythe bleibt er interessant, und
-seine Taten können zur Erinnerung dienen an eine
-Epoche, deren allgemeiner Geist scharf und richtig erfaßt
-ward.
-</p>
-
-<p>
-Solche Meister wie der sagenhafte Linkser gibt es
-jetzt, versteht sich, schon nicht mehr in Tula: die Maschinen
-glichen die Ungleichheit der Talente und Begabungen
-aus, und das Genie kommt nicht auf im Kampf
-gegen Fleiß und Genauigkeit. Die Maschinen sind indes
-zwar der Erhöhung des Arbeitslohnes günstig, nicht
-aber dem künstlerischen Wagemut, der freilich manchmal
-auch nicht Maß hielt, indem er die Volksphantasie
-zum Schaffen derartiger, heute märchenhafter Legenden
-begeisterte.
-</p>
-
-<p>
-Die Arbeiter wissen natürlich die Vorteile zu schätzen,
-die ihnen durch die praktischen Vorrichtungen der
-mechanischen Wissenschaft geboten werden, an die
-frühere Zeit erinnern sie sich aber mit Stolz und Liebe.
-Das ist ihr Epos, und dabei mit einer sehr »menschlichen
-Seele«.
-</p>
-
-<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-21">
-<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a>
-Anmerkungen
-</h3>
-
-<div class="notes">
-<p>
-<a href="#page-221">Seite 221.</a> »Abolon von Polwedere« (statt Appolo von Belvedere)
-wörtlich »vom halben Eimer« (Schnapsmaß).
-</p>
-
-<p>
-<a href="#page-224">Seite 224.</a> »Chalva« dick eingekochter Zuckersyrup mit Zusatz
-von Nüssen.
-</p>
-
-<p>
-<a href="#page-226">Seite 226.</a> »Winzigschauer« für Mikroskop.
-</p>
-
-<p>
-<a href="#page-230">Seite 230.</a> Unter »Verwirrung« ist der Dekabristenaufstand gemeint.
-</p>
-
-<p>
-<a href="#page-236">Seite 236.</a> Das Bild »Der abendliche Klang« ist ein bekanntes
-Andachtsbild.
-</p>
-
-<p>
-<a href="#page-244">Seite 244.</a> »Tugament« gleich Dokument. (Eigentlich »Paß«).
-</p>
-
-<p>
-<a href="#page-252">Seite 252.</a> Graf »Kiselwrode« wörtlich »Fruchtbreiartig«, gemeint
-ist wohl Nesselrode.
-</p>
-
-<p>
-<a href="#page-253">Seite 253.</a> »Kleveton« gleich Feuilleton.
-</p>
-
-<p>
-<a href="#page-255">Seite 255.</a> »Jer« heißt ein unausgesprochener russischer Buchstabe,
-der die harte Aussprache einen Endkonsonanten
-bezeichnet. »Jerphiks« muß hier einen ähnlich klingenden
-englischen Schnaps bedeuten.
-</p>
-
-<p>
-<a href="#page-262">Seite 262.</a> Uhr mit »Trepetir« gleich Repetieruhr.
-</p>
-
-<p>
-<a href="#page-262">Seite 262.</a> »Present« soll heißen »Bresent«. Hier Winddach auf
-Deck.
-</p>
-
-<p>
-<a href="#page-265">Seite 265.</a> »Studing« gleich Puding.
-</p>
-
-<p>
-<a href="#page-269">Seite 269.</a> »Plesierspitze« gleich Klistierspitze.
-</p>
-
-</div>
-
-<p class="printer">
-Hof-Buch- und -Steindruckerei<br />
-Dietsch &amp; Brückner in Weimar
-</p>
-
-
-<div class="trnote">
-<p id="trnote" class="part"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="handheld-only">
-Im Original
-g&nbsp;e&nbsp;s&nbsp;p&nbsp;e&nbsp;r&nbsp;r&nbsp;t
-hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert.
-</p>
-
-<p>
-Die folgenden Fehler wurden, teilweise unter Verwendung der russischen
-Originaltexte, wie hier aufgeführt korrigiert (vorher/nachher):
-</p>
-
-<ul>
-
-<li>
-... losreißen <span class="underline">konnnte</span>. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so ...<br />
-... losreißen <a href="#corr-3"><span class="underline">konnte</span></a>. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Gabelmuskete die <span class="underline">tötliche</span> Kugel ab. ...<br />
-... Gabelmuskete die <a href="#corr-4"><span class="underline">tödliche</span></a> Kugel ab. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Körperbau, so daß er eher einem <span class="underline">rießen</span>großen Griffon ...<br />
-... Körperbau, so daß er eher einem <a href="#corr-5"><span class="underline">riesen</span></a>großen Griffon ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Das war das Signal für den alten <span class="underline">fränzösischen</span> Kammerdiener ...<br />
-... Das war das Signal für den alten <a href="#corr-6"><span class="underline">französischen</span></a> Kammerdiener ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... der bevorstehenden Bären<span class="underline">jad</span> als Reserveschützen einen ...<br />
-... der bevorstehenden Bären<a href="#corr-7"><span class="underline">jagd</span></a> als Reserveschützen einen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Nun begann man ihn mit Schnee<span class="underline">ballen</span> zu bewerfen ...<br />
-... Nun begann man ihn mit Schnee<a href="#corr-8"><span class="underline">bällen</span></a> zu bewerfen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Vorhergehende und <span class="underline">ungewöhlich</span> rührend war. ...<br />
-... Vorhergehende und <a href="#corr-9"><span class="underline">ungewöhnlich</span></a> rührend war. ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... und <span class="underline">Sgaranell</span> machte diese letztere Hypothese ...<br />
-... und <a href="#corr-10"><span class="underline">Sganarell</span></a> machte diese letztere Hypothese ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Beide <span class="underline">junge</span> Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen ...<br />
-... Beide <a href="#corr-11"><span class="underline">jungen</span></a> Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... mit »Awgust <span class="underline">Martwejitsch</span>« anredete, seine Frage beantwortete: ...<br />
-... mit »Awgust <a href="#corr-13"><span class="underline">Matwejitsch</span></a>« anredete, seine Frage beantwortete: ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... in Hemdärmeln da; dasselbe verlangten <span class="underline">Sie</span> aber auch ...<br />
-... in Hemdärmeln da; dasselbe verlangten <a href="#corr-14"><span class="underline">sie</span></a> aber auch ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Zuhörern zu <span class="underline">schilden</span>, wenn man auch selbst nicht mehr ...<br />
-... Zuhörern zu <a href="#corr-16"><span class="underline">schildern</span></a>, wenn man auch selbst nicht mehr ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Viele weinten, und der <span class="underline">Burche</span> schluchzte laut ... Der ...<br />
-... Viele weinten, und der <a href="#corr-17"><span class="underline">Bursche</span></a> schluchzte laut ... Der ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... <span class="underline">(Fehlende Überschrift)</span> ...<br />
-... <a href="#corr-18"><span class="underline">XIII</span></a> ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller <span class="underline">Her</span>gottsfrühe ...<br />
-... Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller <a href="#corr-21"><span class="underline">Herr</span></a>gottsfrühe ...<br />
-</li>
-
-<li>
- (mehrfache Fälle)<br />
-... »Soll ich dir nicht den <span class="underline">Sjergej</span> herschicken?« fragte ...<br />
-... »Soll ich dir nicht den <a href="#corr-22"><span class="underline">Ssergej</span></a> herschicken?« fragte ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Ich sehe jetzt <span class="underline">blos</span> darum so schlecht aus, weil mir nach ...<br />
-... Ich sehe jetzt <a href="#corr-26"><span class="underline">bloß</span></a> darum so schlecht aus, weil mir nach ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... »Ach, du Böser!« antwortete <span class="underline">Katarina</span> Lwowna unter ...<br />
-... »Ach, du Böser!« antwortete <a href="#corr-29"><span class="underline">Katerina</span></a> Lwowna unter ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... Der Wachtposten ging im <span class="underline">Korrider</span> auf und ab, blieb ...<br />
-... Der Wachtposten ging im <a href="#corr-30"><span class="underline">Korridor</span></a> auf und ab, blieb ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... von seiner <span class="underline">Kuschette</span>, warf die Pfeife fort und erschien ...<br />
-... von seiner <a href="#corr-31"><span class="underline">Kouschette</span></a>, warf die Pfeife fort und erschien ...<br />
-</li>
-
-<li>
-... »Wir,« spricht er, »haben <span class="underline">ihm</span> so hingelegt« &mdash; und er ...<br />
-... »Wir,« spricht er, »haben <a href="#corr-33"><span class="underline">ihn</span></a> so hingelegt« &mdash; und er ...<br />
-</li>
-</ul>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Eine Teufelsaustreibung und andere
-Geschichten, by Nikolai Leskow
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE TEUFELSAUSTREIBUNG UND ***
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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-For additional contact information:
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- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
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-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
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-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
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-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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