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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Eine Teufelsaustreibung und andere Geschichten - Eine Teufelsaustreibung / Das Tier / Interessante Männer - / Die Lady Makbeth des Mzensker Landkreises / Der stählerne - Floh - -Author: Nikolai Leskow - -Translator: Alexander Eliasberg - Karl Nötzel - -Release Date: January 13, 2016 [EBook #50912] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE TEUFELSAUSTREIBUNG UND *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library. - - - - - - - NIKOLAI LJESSKOW - EINE TEUFELSAUSTREIBUNG - - NIKOLAI - LJESSKOW - - - - - EINE - TEUFELS-AUSTREIBUNG - UND ANDERE GESCHICHTEN - - - ÜBERTRAGEN VON - ALEXANDER ELIASBERG - - 1921 - MUSARION-VERLAG A.-G. MÜNCHEN - - Alle Rechte vorbehalten - - - - - INHALTSVERZEICHNIS - - - Seite - Eine Teufelsaustreibung 7 - Das Tier 29 - Interessante Männer 59 - Die Lady Makbeth des Mzensker Landkreises 145 - Der stählerne Floh (übertragen von Karl Nötzel) 217 - - - - - EINE TEUFELSAUSTREIBUNG - - - - - I - - -Diese heilige Handlung kann man nur in Moskau sehen, und das auch nur, -wenn man besonderes Glück und besondere Protektion hat. - -Dank einer glücklichen Verkettung von Umständen wohnte ich einmal der -Teufelsaustreibung vom Anfang bis zum Ende bei und möchte sie nun den -wahren Kennern und Liebhabern des Ernsten und Majestätischen im -nationalen Stil beschreiben. - -Einerseits gehöre ich zwar zum Adel, stehe aber andererseits dem »Volke« -nahe; meine Mutter ist aus dem Kaufmannsstande. Sie stammte aus einer -sehr reichen Familie, hatte aber gegen den Willen ihrer Eltern, aus -Liebe zu meinem Vater geheiratet. Mein seliger Vater war im Umgang mit -dem weiblichen Geschlecht besonders tüchtig und erreichte bei ihm alles, -was er nur wollte. So gelang es ihm auch, meine Mutter zu ergattern; die -Alten gaben ihm aber zum Lohn für seine Tüchtigkeit nichts außer der -Garderobe, den Betten und der göttlichen Gnade, die das junge Ehepaar -zugleich mit der Verzeihung und dem väterlichen Segen erhielt. Meine -Eltern wohnten in Orjol; sie lebten in recht kümmerlichen Verhältnissen, -hielten sich aber stolz und wollten die reichen mütterlichen Verwandten -niemals um Unterstützung bitten; sie unterhielten mit ihnen sogar -keinerlei Beziehungen. Als ich aber auf die Universität ziehen sollte, -sagte mir Mamachen: - -»Besuche, bitte, deinen Onkel Ilja Fedossejewitsch und grüße ihn von -mir. Das ist keine Erniedrigung; seinen älteren Verwandten muß man alle -Ehrfurcht erweisen; er ist aber mein Bruder, außerdem ein -gottesfürchtiger Mann und hat in Moskau ein großes Gewicht ... Bei allen -feierlichen Empfängen ist er immer dabei und steht mit der Schüssel mit -Salz und Brot oder einem Heiligenbild vor allen andern ... Auch beim -General-Gouverneur und dem Metropoliten wird er empfangen ... Er kann -dich nur Gutes lehren.« - -Ich glaubte um jene Zeit nicht an Gott, liebte aber meine Mutter. Also -sagte ich mir einmal: Jetzt bin ich fast ein ganzes Jahr in Moskau und -habe Mamachens Wunsch noch immer nicht erfüllt; nun will ich doch zum -Onkel Ilja Fedossejewitsch gehen, Mamachens Grüße ausrichten und -schauen, was er mich lehren kann. - -Von Kind auf war ich gewohnt, ältere Leute mit Ehrfurcht zu behandeln, -besonders aber solche, die mit dem Metropoliten und den Gouverneuren -verkehrten. - -Eines Tages bürstete ich mir die Kleider und begab mich zu Onkel Ilja -Fedossejewitsch. - - - - - II - - -Es war gegen sechs Uhr abends. Das Wetter war warm, mild und etwas trüb, -mit einem Wort recht angenehm. Das Haus meines Onkels ist allen bekannt, -es ist eines der ersten Häuser von Moskau. Ich war aber noch niemals -darin gewesen und hatte den Onkel nicht einmal aus der Ferne gesehen. - -Ich gehe aber recht selbstbewußt hin und sage mir: läßt er mich vor, so -ist es gut, und läßt er mich nicht vor, so brauch' ich ihn nicht. - -Ich komme in den Hof; vor der Einfahrt steht eine Equipage, die Pferde -sind wie zwei Löwen, pechkohlrabenschwarz, mit langen Mähnen, und das -Fell glänzt wie teurer Atlas. - -Ich gehe die Treppe hinauf und sage: »So und so, ich bin Neffe und -Student, meldet mich, bitte, Ilja Fedossejewitsch.« Und die Leute -antworten mir: - -»Ilja Fedossejewitsch kommen gleich selbst heraus, sie wollen gerade -ausfahren.« - -Es erscheint eine einfache aber höchst majestätische Gestalt; in den -Augen hat er einige Ähnlichkeit mit meiner Mutter, aber der -Gesichtsausdruck ist doch ganz anders. Ein solider Mann, was man so -nennt. - -Ich stellte mich vor; er hörte mich schweigend an, reichte mir die Hand -und sagte: - -»Setz dich, wir wollen ausfahren.« - -Ich wollte eigentlich nein sagen, brachte es aber doch nicht über die -Lippen und setzte mich in den Wagen. - -»Nach dem Park!« befahl er dem Kutscher. - -Die Löwen rasten dahin, so daß das Hinterteil des Wagens nur so -zitterte; als wir aber außerhalb der Stadt waren, fingen sie an, noch -schneller zu rennen. - -Wir sitzen im Wagen, sprechen kein Wort, und ich sehe nur, wie sich der -Onkel seinen Zylinderhut immer tiefer in die Stirne drückt und wie sein -Gesicht, wohl vor Langweile, immer griesgrämiger wird. - -Er schaut immer nach den Seiten; einmal wirft er aber den Blick auf mich -und sagt ganz unvermittelt: - -»Es ist gar kein Leben!« - -Ich wußte nicht, was darauf zu antworten und schwieg. - -Und wir fahren immer weiter; ich denke mir: wo will er mich nur -hinbringen? Und es scheint mir schon, daß ich in eine dumme Geschichte -hineingeraten bin. - -Der Onkel hatte aber wohl inzwischen irgendeinen Beschluß gefaßt und -begann den Kutscher zu kommandieren: - -»Rechts! Links! Zum >Jar<!« - -Aus dem Restaurant stürzt die ganze Dienerschaft heraus, und alle -verneigen sich vor ihm fast bis zur Erde. Der Onkel sitzt aber im Wagen, -rührt sich nicht und läßt den Besitzer rufen. Man läuft sofort hin. Nun -erscheint der Franzose und verbeugt sich mit großem Respekt. Der Onkel -rührt sich noch immer nicht, klappert mit dem Elfenbeingriff seines -Stockes gegen die Zähne und fragt: - -»Wieviel Fremde habt ihr im Haus?« - -»An die dreißig Personen in den Sälen,« antwortet der Franzose, »und -drei Séparés sind besetzt.« - -»Alle sollen hinaus!« - -»Sehr gut.« - -»Jetzt ist es sieben,« sagt Onkel nach einem Blick auf die Uhr, »um acht -komm ich wieder. Wird alles fertig sein?« - -»Nein,« antwortet jener, »um acht wird es nicht gehen ... Viele haben -sich ihre Sachen vorausbestellt ... Aber so gegen neun wird im ganzen -Restaurant keine fremde Seele sein.« - -»Gut.« - -»Was soll ich vorbereiten?« - -»Selbstverständlich einen Zigeunerchor.« - -»Und noch was?« - -»Ein Orchester.« - -»Nur eines?« - -»Nein, lieber zwei.« - -»Soll ich den Rjabyka holen lassen?« - -»Selbstverständlich.« - -»Französische Damen?« - -»Nein, die will ich nicht!« - -»Weine?« - -»Den ganzen Keller.« - -»Speisen?« - -»Die Karte!« - -Man reicht ihm die Tageskarte. - -Der Onkel wirft einen Blick auf die Karte, liest sie wohl gar nicht, -klopft mit dem Stock auf das Papier und sagt: - -»Dies alles für hundert Personen.« - -Und er rollt die Karte zusammen und steckt sie sich in die Tasche. - -Der Franzose ist erfreut, zugleich aber auch etwas verlegen. - -»Für hundert Personen kann ich es unmöglich herrichten,« sagt er, »denn -es sind auch sehr teure Sachen dabei, von denen ich nur fünf oder sechs -Portionen im Hause habe.« - -»Wie soll ich meine Gäste sortieren? Ein jeder soll alles haben, was er -will. Verstanden?« - -»Sehr wohl.« - -»Sonst wird dir auch der Rjabyka nicht helfen, mein Lieber! Kutscher, -pascholl!« - -Wir ließen den Restaurateur mit seinen Lakaien stehen und fuhren davon. - -Nun war es mir vollkommen klar, daß ich auf ein falsches Geleise geraten -war. Ich versuchte, mich zu verabschieden, der Onkel hörte aber nicht -auf mich. Er schien sehr besorgt. Wir fahren durch den Park, und er ruft -bald den einen, und bald den andern an. - -»Um neun Uhr zum >Jar<!« sagt Onkel einem jeden kurz. - -Die Leute, an die er sich wendet, sind lauter ehrwürdige Greise. Alle -ziehen vor ihm den Hut und antworten ebenso kurz: - -»Wir sind deine Gäste, Fedossejewitsch.« - -Ich glaube, wir hatten auf diese Weise an die zwanzig Personen -eingeladen. Als die Uhr neun schlug, fuhren wir wieder zum >Jar<. Ein -ganzes Rudel Kellner stürzte uns entgegen, alle halfen dem Onkel aus dem -Wagen, der Franzose selbst empfing ihn vor der Türe und klopfte ihm mit -der Serviette den Staub von der Hose ab. - -»Ist's geräumt?« fragt der Onkel. - -»Ein General ist nur noch da,« sagt jener. »Er bittet sehr, noch eine -Weile im Séparé bleiben zu dürfen.« - -»Hinaus mit ihm!« - -»Er ist wirklich sehr bald fertig.« - -»Ich will nicht, er hat genug Zeit gehabt, soll er seine Sachen draußen -auf dem Rasen zu Ende essen.« - -Ich weiß nicht wie das geendet hätte, aber der General kam in diesem -Augenblick mit seinen zwei Damen heraus, stieg in den Wagen und fuhr -davon. Gleichzeitig begannen die Gäste zusammenzuströmen, die der Onkel -im Parke eingeladen hatte. - - - - - III - - -Das Restaurant war aufgeräumt, sauber und vollkommen leer. Nur in einem -der Säle saß irgendein riesengroßer Kerl, der dem Onkel schweigend -entgegenkam und ihm, ohne ein Wort zu sagen, sofort den Stock aus der -Hand nahm, den er gleich irgendwohin versteckte. - -Der Onkel gab ihm den Stock ohne Widerspruch und reichte ihm zugleich -auch seine Brieftasche und sein Portemonnaie. - -Dieser leicht ergraute, massive Riese war jener selbe Rjabyka, dessen -Name in dem mir unverständlichen Auftrag des Onkels erwähnt worden war. -Von Beruf war er eigentlich Schulmeister, hier versah er aber offenbar -irgendein anderes Amt. Er schien hier ebenso notwendig wie die Zigeuner, -wie das Orchester und wie das ganze Personal, das vollzählig erschienen -war. Ich verstand nur nicht, welche Rolle der Schulmeister spielen -sollte, aber das konnte ich bei meiner Unerfahrenheit auch noch gar -nicht wissen. - -Das hell erleuchtete Restaurant war in vollem Betrieb: die Musik -dröhnte, die Zigeuner gingen auf und ab und blieben jeden Augenblick vor -den Büffets stehen, und der Onkel besichtigte die Säle, den -Wintergarten, die Grotten und die Galerien. Er wollte sich überzeugen, -ob tatsächlich keine Fremden da waren; der Schulmeister wich nicht von -seiner Seite. Als sie aber nach diesem Rundgang in den Hauptsaal, wo -schon die ganze Gesellschaft versammelt war, zurückkehrten, konnte man -zwischen ihnen einen großen Unterschied wahrnehmen: der Schulmeister war -ebenso nüchtern, wie vor dem Rundgang, der Onkel aber gänzlich -betrunken. - -Ich weiß nicht, wieso das so schnell geschehen war; jedenfalls war er in -bester Laune. Er übernahm das Präsidium, und die Geschichte ging los. - -Alle Türen waren abgesperrt, und das Restaurant war von der ganzen Welt -abgeschnitten. Zwischen uns und der übrigen Welt gähnte ein Abgrund: der -Abgrund des ganzen ausgetrunkenen Weines, der verzehrten Speisen und, -vor allen Dingen, der, ich will nicht sagen, häßlichen, aber wilden und -tollen Ausgelassenheit, die ich kaum zu schildern vermag. Das kann man -von mir auch garnicht verlangen: als ich mich hier festgeklemmt und von -der ganzen Welt abgeschnitten sah, verlor ich jeden Mut und hatte es -sehr eilig, mich zu betrinken. Darum werde ich auch gar nicht -beschreiben, wie diese Nacht verging. Meiner Feder ist es auch gar nicht -gegeben, _alles_ zu schildern; ich kann mich nur an zwei besonders -bemerkenswerte Episoden der Schlacht und an das Finale erinnern, doch -das _Unheimliche_ steckte eben in ihnen. - - - - - IV - - -Man meldete einen gewissen Iwan Stepanowitsch. Wie es sich später -herausstellte, war er ein angesehener Moskauer Fabrikant und -Großkaufmann. - -Eine peinliche Pause trat ein. - -»Ich hab ja gesagt: niemand darf herein,« erwiderte der Onkel. - -»Der Herr läßt inständigst bitten.« - -»Soll er sich nur dorthin begeben, wo er bisher war.« - -Der Kellner ging hinaus und meldete nach einer Weile sehr kleinlaut: - -»Iwan Stepanowitsch läßt sehr bitten.« - -»Nein, ich will nicht.« - -Die anderen schlagen vor: »Soll er ein Strafgeld zahlen!« - -»Nein, jagt ihn hinaus, ich will sein Strafgeld nicht.« - -Der Kellner kommt zurück und meldet noch kleinlauter: - -»Er ist bereit, jede Strafe zu zahlen. Er sagt, daß es für ihn bei -seinem Alter sehr kränkend ist, von der Gesellschaft ausgeschlossen zu -sein.« - -Der Onkel erhob sich mit funkelnden Augen von seinem Platz; im gleichen -Augenblick ragte aber schon zwischen ihm und dem Kellner Rjabyka. Er -stieß den Kellner mit der linken Hand wie ein Küken zurück und setzte -mit der Rechten den Onkel wieder auf seinen Platz. - -Unter den Gästen wurden Stimmen für Iwan Stepanowitsch laut: er solle -hundert Rubel für die Musiker zahlen und hereinkommen. - -»Er ist doch einer von den unsrigen, ein gottesfürchtiger Greis, -- was -soll er jetzt anfangen? Er wird vielleicht vor den Augen des ganzen -Publikums Skandal machen. Man muß mit ihm ein Einsehen haben.« - -Der Onkel ließ sich erweichen und sagte: - -»Gut, es soll aber weder nach meinem, noch nach eurem, sondern nach -Gottes Willen geschehen: Iwan Stepanowitsch darf herein, muß aber die -große Pauke schlagen.« - -Der Kellner ging hin und meldete wieder: - -»Er möchte doch lieber eine Geldstrafe zahlen.« - -»Zum Teufel! Wenn er nicht trommeln will, so soll er sich scheren, wohin -er mag!« - -Iwan Stepanowitsch hielt es aber doch nicht aus und ließ nach kurzer -Zeit sagen, daß er bereit sei, die Pauke zu schlagen. - -»Gut, soll er kommen.« - -Ein großer Mann von ehrwürdigem Aussehen mit ernstem Gesicht, -erloschenen Augen, gekrümmtem Rücken und zerzaustem und grün -angelaufenem Bart tritt ein. Er will scherzen und die Gäste begrüßen, -man weist ihn aber zurecht. - -»Nachher, nachher,« schreit ihm der Onkel zu: »Jetzt sollst du die Pauke -schlagen.« - -»Die Pauke schlagen!« fallen die andern ein. - -»Musik! Einen Marsch!« - -Das Orchester stimmt einen dröhnenden Marsch an, der ehrwürdige Greis -nimmt den hölzernen Schlegel und beginnt im Takt und auch nicht im Takt -zu trommeln. - -Ein Höllenlärm und ein Höllengeschrei. Alle sind zufrieden und schreien: - -»Lauter!« - -Iwan Stepanowitsch gibt sich noch mehr Mühe. - -»Lauter! Lauter! Noch lauter!« - -Der Greis trommelt mit aller Kraft, wie der Mohrenfürst bei Freiligrath. -Schließlich erreicht er sein Ziel: man hört einen fürchterlichen Krach, -das Trommelfell zerspringt, alle lachen, der Lärm wird ganz -unerträglich, und Iwan Stepanowitsch muß den Musikern für die -vernichtete Pauke fünfhundert Rubel zahlen. - -Er zahlt, wischt sich den Schweiß aus der Stirne und setzt sich zu den -andern. Während alle sein Wohl trinken, bemerkt er zu seinem Entsetzen -unter den Anwesenden seinen Schwiegersohn. - -Wieder erhebt sich ein Lachen und Lärmen, und das geht so, bis ich das -Bewußtsein verliere. In den wenigen lichten Augenblicken, die ich noch -habe, sehe ich die Zigeunerinnen tanzen und den Onkel, auf dem Stuhle -sitzend, mit den Beinen zucken. Plötzlich taucht vor ihm jemand auf, -aber im gleichen Augenblick ragt schon zwischen dem Onkel und dem andern -Rjabyka. Der andere fliegt auf die Seite, der Onkel sitzt wieder auf -seinem Platz, und vor ihm stecken in der Tischplatte zwei Gabeln. Nun -verstehe ich Rjabykas Rolle. - -Zum Fenster wehte der erste frische Hauch des Moskauer Morgens herein; -ich kam wieder zum Bewußtsein, aber wohl nur, um an der Klarheit meiner -Vernunft zu zweifeln. Ich sah eine wilde Schlacht und das Abholzen eines -Waldes: ich hörte ein Dröhnen und Krachen und sah die riesengroßen -exotischen Bäume schwanken und fallen. Hinter ihnen drängte sich ein -Haufen seltsamer Gestalten mit braunen Gesichtern. An den Wurzeln der -Palmen funkelten schreckliche Äxte; mein Onkel fällte die Bäume, auch -der alte Iwan Stepanowitsch tat mit ... Eine mittelalterliche Vision! -... - -Die Zigeunerinnen, die sich in der Grotte hinter den Bäumen versteckt -hielten, sollten »gefangen genommen« werden; die Zigeuner verteidigten -sie nicht und überließen sie ihrer eigenen Energie. Scherz und Ernst -waren hier nicht mehr auseinanderzuhalten: durch die Luft flogen Teller, -Stühle und Steine aus der Grotte; die Feinde drangen aber immer tiefer -in den Wald ein, und am mutigsten zeigten sich Iwan Stepanowitsch und -mein Onkel. - -Die Festung wurde schließlich genommen: die Zigeunerinnen wurden -ergriffen, umarmt und abgeküßt, und eine jede bekam einen -Hundertrubelschein in das Mieder gesteckt. Damit war die Sache erledigt -... - -Ja, auf einmal war alles still ... Alles war zu Ende. Es war keine -Störung von außen, aber alle hatten genug. Wenn es vorher, wie mein -Onkel gesagt hatte, »gar kein Leben« war, so fühlten wohl jetzt alle -einen Überfluß an Leben. - -Alle hatten genug und alle waren zufrieden. Vielleicht hatte auch die -Bemerkung des Schulmeisters, daß es für ihn Zeit sei, in die Schule zu -gehen, einige Bedeutung. Jedenfalls war die Walpurgisnacht zu Ende, und -»das Leben« trat wieder in seine Rechte. - -Die Gäste verdufteten ohne Abschied einer nach dem andern; das Orchester -und die Zigeuner waren längst verschwunden. Das Restaurant bot das Bild -vollständiger Verwüstung: keine einzige Draperie, kein einziger Spiegel -war ganz; selbst der große Kronleuchter lag zertrümmert am Boden, und -die Kristallprismen zerbrachen unter den Füßen der Kellner, die sich vor -Müdigkeit kaum auf den Beinen hielten. Der Onkel saß ganz allein mitten -auf dem Sofa und trank Kwas. Ab und zu schwebten ihm wohl irgendwelche -Erinnerungen durch den Sinn, und er zuckte mit den Beinen. Vor ihm stand -Rjabyka, der in seine Schule eilte. - -Man reichte ihnen die Rechnung. Es war eine kurze »Pauschalrechnung«. - -Rjabyka studierte die Rechnung sehr aufmerksam und verlangte einen -Nachlaß von fünfzehnhundert Rubeln. Man widersprach ihm nicht viel und -zog das Fazit: die Endsumme machte siebzehntausend, und Rjabyka -erklärte, daß die Rechnung jetzt stimme. Der Onkel sagte einsilbig! -»Zahl's!«, setzte den Hut auf und bedeutete mir durch ein Zeichen, ihm -zu folgen. - -Zu meinem Entsetzen merkte ich, daß er mich nicht vergessen hatte und -daß ich ihm nicht entrinnen konnte. Er flößte mir eine unheimliche Angst -ein, und ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie ich mit ihm nun allein -unter vier Augen bleiben würde. Er hatte mich ja so ganz zufällig -mitgenommen, hatte mir noch keine zwei vernünftigen Worte gesagt und -schleppte mich überall mit sich herum. Was werde ich noch alles erleben? -Vor Entsetzen wurde ich auf einmal ganz nüchtern. Ich fürchtete dieses -schreckliche, wilde Tier mit der zügellosen Phantasie und den -furchtbaren Einfällen. Im Vorzimmer umringte uns eine Menge Kellner. Der -Onkel befahl: »Je fünf!«, und Rjabyka zahlte; die Hausmeister, -Nachtwächter, Schutzleute und Gendarmen, die irgendwelche Dienste -geleistet haben wollten, bekamen etwas weniger. Alle diese Leute wurden -befriedigt. Das machte eine Riesensumme aus. Im Parke draußen drängten -sich aber, so weit das Auge reichte, zahllose Droschken. Die -Droschkenkutscher warteten auf ihr »Väterchen« Ilja Fedossejewitsch, »ob -Seine Gnaden sie nicht irgendwie brauchen könnten.« - -Man stellte ihre Zahl fest und gab einem jeden von ihnen drei Rubel. Der -Onkel und ich stiegen in den Wagen, und Rjabyka reichte dem Onkel seine -Brieftasche. - -Ilja Fedossejewitsch nahm aus der Brieftasche einen Hunderter und gab -ihn Rjabyka. - -Dieser drehte die Banknote in den Fingern und sagte unwirsch: - -»Zu wenig.« - -Der Onkel gab ihm noch zwei Fünfundzwanziger. - -»Auch das genügt noch nicht: es hat ja keinen einzigen Skandal gegeben.« - -Der Onkel gab ihm noch einen dritten Fünfundzwanziger, der Schulmeister -reichte ihm nun auch seinen Stock und verabschiedete sich. - - - - - V - - -Nun blieben wir beide unter vier Augen zurück und fuhren im Trab nach -Moskau; hinter uns jagte aber mit Geschrei und Geklapper das ganze -unübersehbare Heer der Droschken. Ich konnte gar nicht begreifen, was -sie von uns wollten, der Onkel aber hatte es gleich erraten. Es war -eigentlich empörend: um von ihm noch mehr Geld zu erpressen, gaben sie -ihm unter dem Vorwande einer besonderen Ehrung das Geleite und lieferten -ihn auf diese Weise dem allgemeinen Spott aus. - -Moskau lag vor unseren Blicken in herrlicher Morgenbeleuchtung, von -leichten Rauchwölkchen aus den Kaminen und von friedlichem -Glockengeläute umschwebt. - -Rechts und links vom Schlagbaum zogen sich Warenspeicher hin. Der Onkel -ließ vor dem ersten Speicher halten, zeigte auf ein Fäßchen, das an der -Schwelle stand, und fragte: - -»Ist's Honig?« - -»Honig.« - -»Was kostet das Fäßchen?« - -»Wir verkaufen nur pfundweise.« - -»Rechne aus, was das kostet.« - -Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wieviel man dafür verlangte. -Ich glaube siebzig oder achtzig Rubel. - -Der Onkel zählte das Geld ab. - -Das Droschkenheer hatte uns inzwischen eingeholt. - -»Habt ihr mich lieb, ihr städtischen Droschkenkutscher?« - -»Gewiß! Wir sind immer bereit, Euer Gnaden zu dienen.« - -»Seid ihr mir ergeben?« - -»Mit Leib und Seele.« - -»Nehmt die Räder ab!« - -Die Kutscher stehen verständnislos da. - -»Macht es schnell!« kommandiert der Onkel. - -An die zwanzig Kutscher, die flinker als die anderen sind, holen unter -den Sitzen ihre Schraubschlüssel hervor und beginnen die Räder -abzunehmen. - -»Gut so,« sagt der Onkel, »und jetzt schmiert die Räder mit Honig.« - -»Väterchen!« - -»Schmiert!« - -»Das kostbare Gut ... So was nimmt man doch lieber in den Mund!« - -»Schmiert!« - -Ohne auf seinem Wunsche noch weiter zu bestehen, setzte er sich wieder -in den Wagen, und wir rasten davon. Die Droschkenkutscher blieben jedoch -sämtlich mit den abgeschraubten Rädern beim Honig, mit dem sie aber ihre -Räder gar nicht schmierten: sie verteilten ihn wohl unter sich oder -verkauften ihn weiter an den nächsten Krämer. Jedenfalls waren wir sie -los. Wir fuhren ins Bad. Hier erwartete ich das Jüngste Gericht: ich saß -mehr tot als lebendig in der Marmorwanne, während der Onkel in einer -seltsamen apokalyptischen Pose auf dem Boden lag. Die ganze Masse seines -schweren Körpers ruhte nur auf den Spitzen der Finger und der Zehen. Der -rote Körper bebte auf diesen Stützpunkten unter der kalten Dusche, und -er brüllte dabei dumpf wie ein Bär, der sich einen Dorn aus der Tatze -herausziehen will. Das dauerte eine halbe Stunde, und er zitterte -ununterbrochen, wie ein Gelee auf schwankendem Tisch. Plötzlich sprang -er auf, ließ sich Kwas geben, wir kleideten uns an und fuhren auf die -Schmiedebrücke zum »Franzosen«. - -Wir ließen uns hier die Haare stutzen, kräuseln und frisieren und -begaben uns dann zu Fuß durch die innere Stadt ins Geschäft. - -Der Onkel sprach mit mir noch immer nicht, ließ mich aber nicht los. Nur -einmal wandte er sich an mich: - -»Wart, nicht alles auf einmal: wenn du jetzt etwas nicht verstehst, so -wirst du es mit den Jahren verstehen.« - -Im Geschäft verrichtete er zunächst das Morgengebet, vergewisserte sich, -ob alles in Ordnung sei und stellte sich vor das Schreibpult. Das Gefäß -war von außen gereinigt, aber innen noch voller Greuel und lechzte nach -Läuterung. - -Ich sah es und hatte keine Angst mehr. Die Sache interessierte mich; ich -wollte sehen, wie er nun mit sich selbst fertig würde, wie er das -Läuterungswerk machte: ob durch Enthaltsamkeit oder durch irgendeine -andere göttliche Gnade? - -Gegen zehn Uhr morgens litt es ihn nicht mehr im Geschäft. Er wartete -immer auf seinen Nachbarn, um mit ihm ins nächste Wirtshaus zum -Teetrinken zu gehen: wenn man den Tee zu dritt trinkt, kommt er um ganze -fünf Kopeken billiger. Der Nachbar kam aber nicht; er war eines -plötzlichen Todes gestorben. - -Der Onkel bekreuzigte sich und sagte: - -»Wir alle werden sterben.« - -Der plötzliche Tod des Nachbarn brachte ihn aber nicht aus der Fassung, -obwohl er mit ihm seit vierzig Jahren täglich im gleichen Wirtshause Tee -getrunken hatte. - -Er ließ den Nachbarn von der anderen Seite bitten, und wir gingen ins -Wirtshaus, aßen und tranken, nahmen aber keine Spirituosen zu uns. Den -ganzen Tag verbrachte ich mit ihm, teils im Geschäft und teils auf der -Straße. Gegen Abend ließ er den Wagen anspannen, und wir fuhren zur -»Allgepriesenen«. - -Man kannte ihn hier gut und empfing ihn mit der gleichen Ehrfurcht wie -beim >Jar<. - -»Ich will vor der Allgepriesenen niederfallen und über meine Sünden -weinen. Dieser da ist aber mein Neffe, der Sohn meiner Schwester.« - -»Treten Sie nur ein,« sagten die Klosterfrauen: »Von wem soll die -Allgepriesene ein Bußgebet empfangen, wenn nicht von Ihnen, dem größten -Wohltäter ihres Klosters? Jetzt ist just die Stunde der Gnade: eben wird -die Abendmesse gelesen.« - -»Soll nur die Messe zu Ende gehen; ich will, daß keine Leute dabei sind -und daß man mir in der Kirche eine gnadenvolle Dämmerung macht.« - -Man machte ihm die Dämmerung: man löschte alle Lampen bis auf eine oder -zwei aus und ließ auch die große grüne Glasampel vor dem Gnadenbilde -brennen. - -Der Onkel fiel nicht, sondern stürzte auf die Knie, berührte mit der -Stirne den Boden, schluchzte auf und erstarrte. - -Ich saß mit zwei Klosterfrauen in einer dunklen Ecke hinter der Türe. -Der Onkel lag lange Zeit unbeweglich und ohne einen Ton von sich zu -geben. Ich glaubte sogar, daß er eingeschlafen sei und teilte diesen -Verdacht einer der Schwestern mit. Die erfahrene Schwester dachte eine -Weile nach, schüttelte den Kopf, zündete ein dünnes Lichtchen an, -umschloß die Flamme mit der hohlen Hand und schlich sich leise zum -Büßenden. Sie ging einmal auf den Fußspitzen um ihn herum, kehrte erregt -zu uns zurück und flüsterte: - -»Es wirkt ... sogar mit Rückschlag!« - -»Woran merken Sie das?« - -Sie beugte sich vor, bedeutete mir durch ein Zeichen, dasselbe zu tun -und sagte: - -»Blicken Sie gerade über die Flamme auf seine Beine.« - -»Ja!« - -»Sehen Sie nicht das Ringen?« - -Ich blicke genauer hin und sehe wirklich eine Bewegung: der Onkel liegt -voller Andacht im Gebet, aber ihm zu Füßen regt sich etwas; ich glaube -zwei Kater zu sehen, die miteinander ringen: bald hat der eine die -Oberhand, bald der andere. - -»Schwester,« frage ich, »wie kommen denn die Kater her?« - -»Das kommt Ihnen nur so vor, daß es Kater sind. Es sind aber keine -Kater, es ist die Versuchung: Sie sehen doch, wie seine Seele als reine -Flamme in den Himmel strebt und wie seine Beine sich noch in der Hölle -bewegen.« - -Nun sehe ich, daß der Onkel mit den Füßen den gestrigen »Trepak« zu Ende -tanzt; ob seine Seele aber auch wirklich als reine Flamme in den Himmel -strebt? - -Kaum hatte ich mir das gedacht, als er, gleichsam als Antwort auf meinen -Zweifel, tief aufseufzte und aufschrie: - -»Ich erhebe mich nicht, ehe Du mir vergeben hast! Du allein bist heilig, -und wir alle sind verdammt!« Und er fing zu schluchzen an. - -Er schluchzte so herzerweichend, daß auch wir drei in Tränen ausbrachen: -»Herr, erfülle sein Flehen!« - -Und wir merken gar nicht, wie er schon neben uns steht und mit frommer -Stimme zu mir sagt: - -»Komm, wollen wir uns stärken.« - -Die Klosterfrauen fragen ihn: - -»Hatten Sie auch die Gnade, den Lichtschein zu sehen, Väterchen?« - -»Nein,« antwortete er, »den Lichtschein habe ich nicht gesehen, aber -_diese_ Gnade ward mir zuteil ...« - -Und er ballte die Faust zusammen und hob sie langsam, wie man einen -Jungen am Schopf in die Höhe hebt. - -»Wurden Sie in die Höhe gehoben?« - -»Ja.« - -Die Schwester bekreuzigte sich, ich tat dasselbe, der Onkel aber -erklärte: - -»Jetzt ist mir alles vergeben! Von oben, aus der Mitte der Kuppel -streckte sich eine offene Hand nach mir aus, sie faßte mich bei den -Haaren und stellte mich auf die Beine ...« - -Nun ist er glücklich und nicht mehr verworfen. Er beschenkte königlich -das Kloster, in dem er sich dieses Wunder erfleht hatte. Er fühlte -wieder »Leben« in sich und schickte meiner Mutter die Mitgift, die sie -einst von ihren Eltern zu bekommen hatte. Mich aber führte er in den -guten alten Volksglauben ein. - -Von nun an erfaßte ich den Geschmack des Volkes für das Fallen und das -Sich-Erheben ... Dies nennt man eben »Teufelsaustreibung«. Ich -wiederhole aber, daß man sie nur in Moskau allein sehen kann, und das -auch nur bei besonderem Glück und besonderer Protektion seitens der -ehrwürdigsten Greise. - - - - - DAS TIER - - - - - I - - -Mein Vater war ein seinerzeit sehr bekannter Untersuchungsrichter. Ihm -wurden viele wichtige Fälle anvertraut, und er war darum meistens auf -Reisen. Zu Hause blieben nur Mutter, ich und die Dienstboten. - -Meine Mutter war damals noch sehr jung, und ich ein kleiner Bengel. - -Als sich die Geschichte, von der ich hier erzähle, abspielte, war ich -erst fünf Jahre alt. - -Es war zur Winterszeit. Der Winter war in jenem Jahre so streng, daß die -Schafe oft nachts in ihren Ställen erfroren und Dohlen erstarrt auf die -hartgefrorene Erde niederfielen. Mein Vater befand sich damals in einer -dienstlichen Angelegenheit in Jelez und konnte nicht einmal zu -Weihnachten nach Hause kommen. Meine Mutter wollte daher selbst zu ihm -hinüberfahren, damit er das schöne und freudige Fest nicht allein -verbringe. Der fürchterlichen Kälte wegen nahm sie mich nicht mit, -sondern ließ mich bei ihrer Schwester und meiner Tante zurück, die mit -einem Gutsbesitzer aus Orjol verheiratet war. Dieser Onkel hatte nicht -den besten Ruf. Er war reich, alt und grausam. Seine hervorragendsten -Charaktereigenschaften waren Gehässigkeit und Unnachsichtigkeit; er war -darüber durchaus nicht unglücklich, sondern prahlte gerne mit diesen -Eigenschaften, die seiner Ansicht nach den Ausdruck männlicher Kraft und -unbeugsamer Seelenstärke darstellten. - -Er war bestrebt, auch seine Kinder zu der gleichen Manneskraft und -Seelenstärke zu erziehen. Einer seiner Söhne war übrigens mein -Altersgenosse. - -Alle fürchteten den Onkel; ich aber fürchtete ihn noch mehr als alle, -weil er auch mich zur »Manneskraft« erziehen wollte. Als ich drei Jahre -alt war und unheimliche Angst vor Gewittern hatte, stellte er mich -einmal bei einem heftigen Gewitter auf den Balkon hinaus und sperrte die -Türe ab, um mir auf diese Weise meine Angst auszutreiben. - -Natürlich war ich im Hause eines solchen Onkels sehr ungern zu Gast. Ich -war damals aber, wie gesagt, erst fünf Jahre alt, und meine Wünsche und -Neigungen wurden bei den Entscheidungen, denen ich mich fügen mußte, in -keiner Weise in Betracht gezogen. - - - - - II - - -Auf dem Gute meines Onkels befand sich ein riesiges steinernes, -schloßartiges Gebäude. Es war ein prätentiöser, doch unschöner und sogar -häßlicher zweistöckiger Bau mit einer runden Kuppel und einem Turm, über -den allerlei scheußliche Geschichten erzählt wurden. Hier hatte einst -der verrückte Vater des jetzigen Gutsbesitzers gewohnt; später wurde in -diesen Räumen eine Apotheke eingerichtet. Auch das letztere galt aus -irgendeinem Grunde als unheimlich; am unheimlichsten war aber die -sogenannte Äolsharfe, die in einem offenen geschwungenen Fenster oben -auf dem Turme angebracht war. Wenn der Wind durch die Saiten dieses -launischen Instrumentes fuhr, gab es ebenso unerwartete wie seltsame -Töne von sich, die aus einem leisen Girren in unruhige, wilde Seufzer -und in ein wahnsinniges Getöse übergingen, das sich so anhörte, wie wenn -ein ganzer Schwarm von Angst getriebener Geister durch die Saiten zöge. -Alle Bewohner des Hauses konnten diese Harfe nicht leiden und glaubten, -daß sie dem gestrengen Gutsherrn etwas sagte, wogegen er sich nicht -aufzulehnen wagte, das ihn aber noch grausamer und unbeugsamer machte -... Eines stand jedenfalls fest: wenn nachts ein Sturm losbrach und die -Harfe auf dem Turme so laut dröhnte, daß die Töne über den Park und die -Teiche hinweg bis ins Dorf drangen, tat der Herr die ganze Nacht kein -Auge zu und war am Morgen noch finsterer und strenger als sonst; dann -pflegte er irgendeinen grausamen Befehl zu erteilen, der die Herzen -aller seiner Sklaven erbeben machte. - -In diesem Hause war es Gesetz, daß jedes Vergehen unnachsichtliche Sühne -fand und niemand und unter keinen Umständen Verzeihung erlangte. Dieses -Gesetz galt ebenso für die Menschen wie für die Tiere und selbst für die -kleinsten Geschöpfe. Der Onkel kannte keine Barmherzigkeit, liebte sie -nicht und hielt sie für Schwäche. Unnachsichtige Strenge setzte er über -alle Nachsicht. Daher herrschte im Hause und in den zahlreichen Dörfern, -die diesem reichen Gutsbesitzer gehörten, eine ewige Trauer, die mit den -Menschen auch die Tiere teilten. - - - - - III - - -Mein seliger Onkel war leidenschaftlicher Liebhaber der Hetzjagd. Er -pflegte oft mit seiner Meute auszureiten und Wölfe, Hasen und Füchse zu -jagen. In seinem Zwinger gab es auch eigens für die Bärenjagd bestimmte -Hunde. Diese Hunde nannte man »Blutegel«. Sie bissen sich in das Tier -dermaßen fest, daß man sie nicht wieder losreißen konnte. Es kam vor, -daß der Bär, in den sich so ein Blutegel festgebissen hatte, ihn mit -einem Schlag seiner schrecklichen Tatze totschlug oder zerriß, es kam -aber niemals vor, daß der Blutegel lebend vom Tiere abließ. - -Heute, wo die Bärenjagd nur noch mit dem Spieß und als Klapperjagd -betrieben wird, scheint die Rasse der Blutegel in Rußland ausgestorben -zu sein; aber in der Zeit, als sich diese Geschichte zutrug, gehörten -sie zum Bestande eines jeden Zwingers. In unserer Gegend gab es damals -auch sehr viel Bären, und die Bärenjagd zählte zu den beliebtesten -Vergnügungen. - -Wenn es gelang, ein ganzes Bärennest auszuheben, nahm man die Jungen oft -lebend nach Hause mit. Sie wurden gewöhnlich in einem großen gemauerten -Stalle mit kleinen, ganz oben unter dem Dach angebrachten Fenstern -gehalten. In den Fenstern gab es keine Scheiben, sondern nur feste -Eisengitter. Die Bärenjungen kletterten manchmal übereinander bis zu den -Fenstern hinauf und hielten sich mit ihren kräftigen Krallen an den -Gittern fest. Nur auf diese Weise konnten sie aus dem Kerker in Gottes -freie Welt hinausschauen. - -Wenn man uns am Vormittag spazieren führte, gingen wir gerne an diesem -Stalle vorbei, um uns die drolligen Bären, die durch die Gitter -hinausschauten, anzusehen. Unser deutscher Hauslehrer Kolberg pflegte -ihnen mittels eines langen Stockes Brotstücke zu reichen, die wir uns zu -diesem Zweck beim Frühstück aufsparten. - -Die Bären pflegte und fütterte ein junger Jäger namens Ferapont; das -einfache Volk konnte diesen Namen schwer aussprechen und nannte ihn -»Chrapon« oder noch öfter »Chraposchka«. Ich kann mich seiner noch gut -erinnern. Chraposchka war von mittlerem Wuchs, gelenkig, kräftig und -etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Er galt als hübscher Bursche: er hatte -ein weißes Gesicht, rosige Wangen, schwarze Locken und große, schwarze, -etwas hervorquellende Augen. Dazu zeichnete er sich durch ungewöhnlichen -Mut aus. Seine Schwester Annuschka, die die Gehilfin der Kinderfrau war, -erzählte uns oft höchst unterhaltende Dinge über den ungewöhnlichen Mut -ihres kühnen Bruders und über seine Freundschaft mit den Bären, in deren -Stalle er im Sommer wie im Winter zu schlafen pflegte, wobei sie sich um -ihn drängten und ihre Köpfe auf ihn wie auf ein Kissen legten. - -Vor dem Hause meines Onkels befand sich ein großes rundes, von einem -Schmuckgitter eingefaßtes Blumenbeet, dahinter erhob sich das breite -Tor; in der Mitte des Beetes, dem Tore gegenüber, ragte eine hohe, -glattgehobelte Stange, die man den »Mastbaum« nannte. An der Spitze des -Mastbaumes war eine kleine Plattform angebracht. - -Unter den gefangenen jungen Bären wurde immer der »klügste«, das heißt -einer, der den zuverlässigsten und intelligentesten Eindruck machte, -gewählt. Dieser Bär wurde von der übrigen Gesellschaft getrennt und -durfte ganz frei auf dem Hofe und im Parke herumspazieren, hatte aber -die Obliegenheit, am Mastbaume vor dem Tore Posten zu stehen. Auf diesem -Posten verbrachte er den größten Teil des Tages. Er lag oft auf dem -Stroh am Fuße des Mastbaumes und hielt sich mit besonderer Vorliebe oben -auf der Plattform auf, wo er vor der Zudringlichkeit der Menschen und -Hunde sicher war. - -Nicht alle Bären hatten ein Anrecht auf dieses schöne freie Leben, -sondern nur die klügsten und gutmütigsten unter ihnen und selbst diese -nicht ihr Leben lang, sondern nur solange sie nicht ihre tierischen, für -das Zusammenleben mit anderen Geschöpfen ungeeigneten Eigenschaften -zeigten, d. h. solange sie sich ruhig verhielten und weder Gänse noch -Hühner, weder Kälber noch Menschen anrührten. - -Wenn ein Bär auch nur einmal den Burgfrieden störte, wurde er sofort zum -Tode verurteilt, und keine Macht der Welt konnte ihm Begnadigung -erwirken. - - - - - IV - - -Mit der Auswahl dieses »klügsten« Bären wurde Chrapon betraut. Da er -mehr als alle andern mit den Bären zu tun hatte und als großer Kenner -ihres Charakters galt, wurde natürlich angenommen, daß er besser als -jemand anderer diese Wahl vornehmen könne. Chrapon hatte auch die volle -Verantwortung für die Folgen seiner Wahl zu tragen. Er wählte gleich das -erstemal einen ungewöhnlich gelehrigen und klugen Bären, der einen sehr -seltsamen Namen erhielt; während fast alle Bären in Rußland »Mischka« -heißen, wurde dieser mit dem spanischen Namen »Sganarell« ausgezeichnet. -Er hatte bereits fünf Jahre in Freiheit gelebt und noch keinen einzigen -dummen Streich verübt. Wenn man von einem Bären sagte, daß er »Streiche -mache«, so meinte man, daß er seine Tiernatur bereits irgendwie gezeigt -habe. - -Einen solchen »Streichemacher« setzte man zunächst in den »Graben«, der -auf der geräumigen Wiese zwischen der Tenne und dem Walde angelegt war; -nach einiger Zeit ließ man ihn auf die Wiese hinaus, indem man einen -Balken in den Graben steckte, über den er dann selbst herauskletterte, -und hetzte ihn mit jungen »Blutegeln«. Wenn die jungen Hunde mit dem -Bären nicht fertig werden konnten und die Gefahr bestand, daß er in den -Wald entrinnen könne, traten zwei geschickte Jäger, die im Hinterhalt -aufgestellt waren, mit ihren ausgewählten Meuten in Aktion und machten -dem Bären ein schnelles Ende. - -Und wenn auch diese Hunde sich so ungeschickt anstellten, daß der Bär -sich auf die »Insel«, d. h. in den Wald, der mit den weiten Brjansker -Wäldern zusammenhing, flüchten konnte, so feuerte auf ihn ein eigens -bereitgestellter Schütze aus einer langen schweren Kuchenreuterschen -Gabelmuskete die tödliche Kugel ab. - -Es war noch nie vorgekommen, daß ein Bär allen diesen Gefahren entronnen -wäre; das wäre auch zu schrecklich gewesen, denn die Schuldigen wären -wohl kaum mit dem Leben davongekommen. - - - - - V - - -Die kluge und solide Natur Sganarells hatte zur Folge, daß es eine -solche Hetzjagd oder Bärenhinrichtung schon seit fünf Jahren nicht -gegeben hatte. Sganarell war in dieser Zeit zu einem großen Bären von -ungewöhnlicher Kraft, Schönheit und Gelenkigkeit herangewachsen. Er -hatte eine runde, stumpfe Schnauze und einen recht schlanken Körperbau, -so daß er eher einem riesengroßen Griffon oder Pudel, als einem Bären -ähnlich sah. Sein Hinterteil war etwas schmächtig und von kurzem, -glänzenden Fell bedeckt, aber die Schultern und das Genick waren stark -entwickelt und üppig behaart. Sganarell war so gescheit wie ein Pudel -und konnte einige, bei Bären sehr seltene Kunststücke: er verstand gut -und schnell auf den Hinterbeinen vorwärts und auch rückwärts zu laufen, -eine Trommel zu schlagen und mit einem langen Stock, der wie ein Gewehr -angemalt war, zu exerzieren; ebenso gerne und sogar mit größerer Freude -schleppte er mit den Bauern die schwersten Säcke zur Mühle und trug mit -unnachahmlicher drolliger Eleganz einen hohen, spitzen, mit einer -Pfauenfeder oder einem Strohwisch geschmückten Filzhut auf dem Kopfe. - -Aber auch für Sganarell schlug einmal die Schicksalsstunde: die -Tiernatur gewann die Oberhand. Kurz vor meinem Besuch im Hause des -Onkels hatte sich Sganarell mehrere Verfehlungen zu schulden kommen -lassen, von denen eine schwerer war als die andere. - -Das Programm der verbrecherischen Handlungen Sganarells war dasselbe wie -bei allen seinen Vorgängern: als erste Kraftprobe riß er einer Gans -einen Flügel ab; dann legte er seine Tatze einem Füllen, das seiner -Mutter nachlief, auf den Rücken und brach ihm das Rückgrat; zuletzt -erregten irgendein blinder alter Bettler und dessen Führer sein -Mißfallen; er wälzte sich mit ihnen im Schnee und zerquetschte ihnen -Arme und Beine. - -Der Blinde und sein Führer kamen ins Krankenhaus, Chrapon aber erhielt -den Befehl, Sganarell in den Graben zu bringen, aus dem es nur einen Weg --- in den Tod -- gab. - -Als Annuschka mich und meinen kleinen Vetter abends zu Bett legte, -erzählte sie uns, daß es bei der Überführung Sganarells in den Graben, -wo er auf die Todesstrafe zu warten hatte, allerlei Rührendes gegeben -habe. Chrapon habe ihm nicht den üblichen Ring durch die Nase gezogen -und überhaupt nicht die geringste Gewalt angewandt, sondern nur gesagt: - -»Tier, komm mit!« - -Der Bär erhob sich und ging sofort mit; besonders komisch wirkte es, daß -er seinen Hut mit dem Strohwisch aufsetzte, Chrapon wie einen Freund -umarmte und mit ihm so bis zum Graben ging. - -Sie waren ja auch wirkliche Freunde. - - - - - VI - - -Chrapon hatte mit Sganarell natürlich das größte Mitleid, konnte ihm -aber gar nicht helfen. In dem Hause, wo sich dies abspielte, wurde, wie -schon gesagt, kein einziges Vergehen verziehen, und Sganarell, der sich -dermaßen kompromittiert hatte, mußte seine Streiche mit dem grausamen -Tode büßen. - -Die Hetzjagd sollte als eine Nachmittagszerstreuung für die Gäste, die -sich bei meinem Onkel zu Weihnachten versammelten, stattfinden. Die -Anordnungen zu dieser Jagd wurden zur gleichen Zeit gegeben, als Chrapon -den Befehl bekam, den schuldigen Sganarell in den Graben zu bringen. - - - - - VII - - -Man pflegte die Bären auf eine höchst einfache Weise in den Graben zu -setzen. Man legte quer über die Öffnung einige leichte schwache Stangen, -überdeckte diese mit Reisig und schüttete darüber Schnee. Das Loch wurde -so geschickt maskiert, daß der Bär die Falle gar nicht merken konnte. -Man brachte das folgsame Tier bis zu dieser Stelle und ließ es weiter -gehen. Es machte einen oder zwei Schritte und stürzte plötzlich in den -tiefen Graben, aus dem es nicht mehr herauskommen konnte. Der Bär saß -hier bis zu der für die Hetzjagd angesetzten Stunde. Dann legte man -schräg in den Graben einen etwa sieben Ellen langen Balken, und der Bär -kletterte heraus, worauf sofort die Hetzjagd begann. Wenn aber das kluge -Tier Unheil witterte und nicht herauskommen wollte, zwang man es, den -Graben zu verlassen, indem man mit langen, mit eisernen Spitzen -versehenen Stangen nach ihm stach, brennendes Stroh in den Graben warf, -oder blinde Schüsse aus Gewehren und Pistolen abfeuerte. - -Nachdem Chrapon den Bären auf die beschriebene Weise in den Graben -gebracht hatte, kehrte er tief betrübt nach Hause zurück. -Unbedachterweise erzählte er seiner Schwester und unserer Wärterin, wie -willig ihm das Tier gefolgt war, wie es, nachdem es durch den Reisig in -den Graben gestürzt war, sich auf den Boden hingesetzt, die Vordertatzen -wie Hände zusammengelegt und zu weinen angefangen hatte. - -Chrapon sagte seiner Schwester, daß er vom Graben so schnell er konnte -weggelaufen sei, um das jämmerliche Stöhnen Sganarells nicht zu hören, -das ihm ins Herz geschnitten habe. - -»Ich danke nur Gott,« fügte er hinzu, »daß es jemand anderem und nicht -mir befohlen wird, auf ihn zu schießen, wenn er Reißaus nimmt. Wenn -diese Pflicht mir zufiele, würde ich alle Strafen über mich ergehen -lassen, aber um nichts in der Welt auf das Tier schießen.« - - - - - VIII - - -Annuschka teilte uns das alles mit, und wir gaben es unserem Hauslehrer -Kolberg weiter. Kolberg aber erzählte es dem Onkel, um ihn zu amüsieren. -Als der Onkel es hörte, sagte er: »Der Chraposchka ist gut!« und -klatschte dreimal in die Hände. - -Das war das Signal für den alten französischen Kammerdiener Ustin -Petrowitsch, einen ehemaligen Kriegsgefangenen vom Jahre 1812. - -Ustin Petrowitsch, oder eigentlich Justin, erschien in seinem -saubergebürsteten lila Frack mit silbernen Knöpfen, und mein Onkel gab -ihm den Befehl, daß man bei der bevorstehenden Bärenjagd als -Reserveschützen einen gewissen Flegont, der niemals sein Ziel verfehlte, -und Chrapon aufstellen solle. - -Der Onkel erwartete sich offenbar vom Kampfe der widerstrebenden Gefühle -in der Seele des armen Burschen eine große Belustigung. Wenn es ihm -einfiele, auf den Bären entweder überhaupt nicht zu schießen oder ihn -absichtlich nicht zu treffen, so würde es ihm teuer zu stehen kommen; -Flegont würde aber das Tier mit dem zweiten Schuß sicher erlegen. - -Ustin verbeugte sich und ging hinaus, um den Befehl weiterzugeben. Wir -Kinder sahen aber erst jetzt ein, was wir angestellt hatten, und -fühlten, daß etwas Schreckliches im Anzuge sei. Gott weiß, wie das enden -sollte. Unter diesen Umständen hatten wir weder an dem schmackhaften -Weihnachtsessen, das der Sitte gemäß spät abends eingenommen wurde, noch -an den vielen Gästen, die zum Teil mit ihren Kindern gekommen waren, -rechte Freude. - -Sganarell und Ferapont taten uns leid, und wir wußten nicht, mit wem von -beiden wir mehr Mitleid hatten. - -Wir beide, d. h. ich und mein kleiner Vetter, wälzten uns lange in -unseren Bettchen. Wir schliefen spät ein, träumten von dem Bären und -fuhren einigemal schreiend aus dem Schlafe. Und als die Kinderfrau -sagte, daß wir vor dem Bären keine Angst zu haben brauchten, weil er im -Graben sitze und morgen erschossen werden solle, wurde meine Unruhe noch -größer. - -Ich erkundigte mich sogar bei der Alten, ob es erlaubt sei, für -Sganarell zu beten. Diese Frage lag aber außerhalb ihrer religiösen -Kompetenz, und sie antwortete, in einem fort gähnend und sich den Mund -bekreuzigend, daß sie es nicht sicher wisse, weil sie sich danach noch -niemals beim Geistlichen erkundigt habe; der Bär sei aber sicher ein -Geschöpf Gottes und habe sich auch in der Arche Noahs befunden. - -Die Erwähnung der Arche Noahs brachte mich auf den Gedanken, daß die -grenzenlose Barmherzigkeit Gottes sich nicht nur auf die Menschen, -sondern auch auf alle andern Geschöpfe erstrecke. Ich kniete in -kindlicher Andacht in meinem Bettchen nieder, drückte mein Gesicht in -das Kissen und flehte Gottes Majestät an, mir meine Bitte nicht als -Sünde anzurechnen und Sganarell zu retten. - - - - - IX - - -Der erste Weihnachtstag brach an. Wir kamen in unseren Festtagskleidern -in Begleitung unserer Hauslehrer und Erzieherinnen zum Frühstückstisch. -Außer den zahlreichen Verwandten und Gästen befanden sich im Saal auch -der Geistliche, der Diakon und zwei Küster. - -Als der Onkel in den Saal trat, stimmte die Geistlichkeit einen -Weihnachtschoral an. Dann nahm man den Tee und gleich darauf ein -leichtes Frühstück ein. Zu Mittag wurde früher als sonst, nämlich um -zwei Uhr, gegessen. Gleich nach dem Essen sollte die Bärenjagd beginnen: -man durfte sie nicht auf eine spätere Stunde hinausschieben, weil es um -diese Jahreszeit früh Abend wurde und der Bär im Dunkeln leicht Reißaus -nehmen konnte. - -Alles spielte sich genau nach dem festgesetzten Programm ab. Gleich nach -dem Essen zog man uns Hasenfellpelze und zottige, aus Ziegenwolle -gestrickte Stiefel an und setzte uns in die Schlitten, um zur Jagd zu -fahren. Rechts und links vom Hause standen schon viele lange, mit je -drei Pferden bespannte und mit Teppichen belegte Schlitten bereit. Zwei -Reitknechte hielten die englische Fuchsstute »Modedame« an den Zügeln -fest. - -Der Onkel trat in einem kurzen Fuchspelz und einer spitzen -Fuchsfellmütze aus dem Hause, und sobald er in den mit einem schwarzen -Bärenfell bedeckten und mit Türkisen und Schlangenköpfen geschmückten -Sattel stieg, setzte sich unser ganzer langer Zug in Bewegung. In zehn -oder fünfzehn Minuten waren wir schon am Ziel. Alle Schlitten stellten -sich im Halbkreise auf dem glatten schneebedeckten Felde auf, das von -einer Kette berittener Jäger umstellt und in einiger Entfernung vom -Walde abgeschlossen war. - -Dicht am Walde war im Gesträuch das Versteck für die Schützen -eingerichtet, unter denen sich auch Flegont und Chraposchka befinden -mußten. - -Die Schützen selbst waren nicht zu sehen; einige zeigten auf die kaum -sichtbaren Büchsenstützen, von denen auf Sganarell gezielt werden -sollte. - -Der Graben, in dem der Bär saß, war unsichtbar, und wir lenkten daher -unsere Aufmerksamkeit auf die schmucken Reiter, die mit den schönsten -Waffen ausgerüstet waren; es waren die Erzeugnisse der berühmtesten -Büchsenmacher: des Schweden Strabus, des Deutschen Morgenrath, des -Engländers Mortimer und des Warschauers Kolett. - -Mein Onkel stellte sich mit seinem Pferde vor der Kette auf. Man gab ihm -die Leine zweier zusammengekoppelter junger »Blutegel« in die Hand und -legte auf den Sattel vor ihn ein weißes Tuch. - -Die vielen jungen Hunde, die ihre Künste an dem zu Tode verurteilten -Sganarell üben sollten, benahmen sich höchst selbstbewußt und zeigten -brennende Ungeduld und Mangel an Selbstbeherrschung. Sie winselten, -bellten und sprangen um die Pferde herum; die uniformierten Piqueure -knallten in einem fort mit ihren Peitschen, um die außer Rand und Band -geratenen Hunde zur Vernunft zu bringen. Alles brannte vor Ungeduld, -sich über das Tier zu stürzen, dessen Nähe die Hunde mit ihren feinen -Nasen sofort witterten. - -Nun kam der Zeitpunkt, wo Sganarell aus dem Graben heraus gelassen und -den Hunden preisgegeben werden sollte. - -Mein Onkel winkte mit dem weißen Tuche, das vor ihm auf dem Sattel lag, -und sagte: »Los!« - - - - - X - - -Von der Schar der Jäger, die den Stab des Onkels bildeten, trennten sich -an die zehn Mann und gingen quer über das Feld. - -Als sie etwa zweihundert Schritte weit gegangen waren, blieben sie -stehen und hoben vom Schnee einen langen, nicht sehr dicken Balken auf, -der uns bis dahin unsichtbar gewesen war. - -Das spielte sich unmittelbar an dem von unserem Standpunkt aus -gleichfalls nicht sichtbaren Graben ab, in dem Sganarell saß. - -Der Balken wurde in die Höhe gehoben und mit dem einen Ende in den -Graben versenkt. Er lag etwas schräg, so daß das Tier ohne besondere -Mühe wie über eine Treppe herauskommen konnte. - -Das andere Ende des Balkens ruhte auf dem Rande des Grabens und ragte -etwa eine Elle weit heraus. - -Alle Augen verfolgten mit Spannung diese Vorbereitungen, die uns dem -interessantesten Augenblick näher brachten. Man erwartete, daß Sganarell -sofort zum Vorschein kommen würde; er witterte aber wohl Unheil und -blieb im Graben. - -Nun begann man ihn mit Schneebällen zu bewerfen und mit langen Stangen -in dem Graben herumzutreiben; man hörte sein Gebrüll, er ließ sich aber -noch immer nicht blicken. Man gab einige blinde Schüsse in den Graben -ab; Sganarell brüllte noch wütender, kam aber noch immer nicht heraus. - -Nun kam hinter der Schützenkette ein einfacher, mit nur einem Pferde -bespannter Schlitten, wie man ihn zum Mistfahren gebraucht, zum -Vorschein und raste in der Richtung zum Graben. Auf dem Schlitten lag -ein großer Haufen Stroh. - -Das Pferd war groß und mager, eines von den Pferden, die sonst Futter -von der Tenne fahren; trotz seines Alters und seiner Magerkeit -galoppierte es mit erhobenem Schweif und gesträubter Mähne. Es war nicht -recht klar, ob dieser Feuereifer nur ein Überbleibsel seiner Jugendkraft -oder eine Folge der Angst und Verzweiflung war, die dem alten Pferde die -Nähe des Bären einflößte. Das letztere war wohl wahrscheinlicher; das -Pferd war außer der Kandare noch mit einer festen Schnur aufgezäumt, die -in seine vor Alter grauen Lippen einschnitt und sie bereits blutig -gerieben hatte. Der Stallknecht, der es lenkte, riß erbarmungslos an der -Schnur und bearbeitete gleichzeitig den Rücken des Pferdes mit einer -dicken Peitsche; das Pferd rannte wie wild und warf sich nach allen -Seiten. - -Das Stroh wurde in drei Haufen geteilt, angezündet und im gleichen -Augenblick von drei verschiedenen Seiten in den Graben geworfen. Vom -Feuer unberührt blieb nur die eine Stelle am Rande, wo der Balken -herausragte. - -Nun ertönte ein betäubendes, rasendes, mit Stöhnen untermengtes Brüllen, -der Bär kam aber noch immer nicht heraus. - -Man erzählte sich, daß Sganarells Fell schon versengt sei; er hätte sich -die Tatzen auf die Augen gedrückt und liege so fest in einer Ecke des -Grabens, daß man ihn unmöglich heraustreiben könne. - -Das Pferd mit den blutiggeriebenen Lippen lief im gleichen Galopp wieder -zurück .... Alle glaubten, daß es eine neue Portion Stroh holen sollte. -Unter den Zuschauern wurden Vorwürfe laut: warum hat man nicht schon im -Voraus eine genügende Menge Stroh vorbereitet? Mein Onkel wütete und -schrie etwas, was ich im allgemeinen Lärm, Hundegewinsel und -Peitschengeknall nicht verstehen konnte. - -Das Ganze hatte aber eine gewisse Stimmung und eine eigene Harmonie. Das -alte Pferd galoppierte, sich wieder nach allen Seiten werfend und -keuchend, zum Graben, in dem Sganarell lag. Diesmal war es aber kein -Stroh: auf dem Schlitten saß Ferapont. - -Der Befehl, den mein Onkel in seiner Wut gegeben hatte, lautete, daß -Chraposchka in den Graben steigen und seinen Freund _selbst_ -herausführen solle ... - - - - - XI - - -Ferapont stand nun vor dem Graben. Er schien aufs Höchste erregt, -handelte aber entschlossen und energisch. Ohne gegen den Befehl zu -mucksen, nahm er vom Schlitten den Strick, mit dem vorhin das Stroh -zusammengebunden war, und band ihn an das herausragende Ende des -Balkens, wo sich eine Einkerbung befand, fest. Das andere Ende des -Strickes nahm er in die Hand und begann langsam in den Graben zu -steigen. - -Das schreckliche Gebrüll Sganarells hörte sofort auf, und man hörte nur -noch ein dumpfes Brummen. - -Es klang, wie wenn sich das Tier bei seinem Freunde über die grausame -Behandlung beklagte; nun verstummte aber auch dieses Brummen, und es -wurde ganz still. - -»Er umarmt und leckt Chraposchka!« meldete einer der Männer, die am -Grabenrande standen. - -Unter den Leuten, die in den Schlitten saßen, holten die einen tief -Atem, und die andern verzogen das Gesicht. - -Viele hatten offenbar mit dem Bären Mitleid und erwarteten von der -Hetzjagd kein Vergnügen mehr. Alle diese flüchtigen Eindrücke wurden -plötzlich von einem Ereignis unterbrochen, das noch unerwarteter, als -alles Vorhergehende und ungewöhnlich rührend war. - -Aus der Öffnung des Grabens tauchte wie aus der Unterwelt Chraposchkas -lockiger Kopf in der runden Jägermütze auf. Er stieg auf die gleiche -Weise heraus, wie er hinuntergestiegen war; er schritt über den Balken, -sich an dem einen Ende des gespannten Strickes festhaltend, Ferapont kam -aber _nicht allein_: an seiner Seite war Sganarell, der ihm seine große -zottige Tatze auf die Schulter gelegt hatte. Der Bär war übler Laune und -sah recht jämmerlich aus. Matt und abgemagert, wohl weniger durch die -körperlichen Leiden, als durch die moralische Erschütterung erschöpft, -erinnerte er auffallend an König Lear. Seine blutunterlaufenen Augen -brannten vor Zorn und Empörung. Er war ebenso wie König Lear zerzaust, -voller Strohhalme und stellenweise versengt. Seltsamerweise hatte sich -Sganarell, ebenso wie jener unglückliche König, eine Art Krone bewahrt. -Vielleicht Ferapont zu Gefallen, vielleicht auch rein zufällig trug er -unter der Tatze den Hut, den ihm Chraposchka einst geschenkt und den er -in den Graben mitgenommen hatte. Der Bär hatte dieses Freundesgeschenk -aufbewahrt; als sein Herz nun in der Umarmung des Freundes eine -plötzliche Erleichterung fühlte, holte er, sobald er oben war, den arg -zerknitterten Hut aus der Achselhöhle hervor und setzte ihn sich auf. - -Viele lachten über den Anblick, vielen erschien er aber auch -schmerzlich. Manche wandten sich sogar weg, um das unvermeidliche -grausame Ende des Tieres nicht mit ansehen zu müssen. - - - - - XII - - -Die Aufregung der Hunde erreichte nun ihren Höhepunkt, und sie waren -nicht mehr zu halten. Selbst die Peitschen machten auf sie keinen -Eindruck mehr. Die jungen und die alten Blutegel stellten sich, als sie -Sganarell erblickten, auf die Hinterbeine, heulten, keuchten und -erstickten beinahe in ihren Halsbändern. Chraposchka fuhr aber schon im -gleichen Wagen auf seinen Posten am Waldrande zurück. Sganarell, der -allein geblieben war, fuchtelte ungeduldig mit der Tatze, um die sich -zufällig der von Chraposchka vergessene, an das Ende des Balkens -befestigte Strick geschlungen hatte. Das Tier wollte sich offenbar aus -der Schlinge befreien oder den Strick zerreißen, um seinem Freund -nachzulaufen; er war aber trotz seiner Klugheit doch so ungeschickt wie -jeder andere Bär: statt die Schlinge zu lösen, zog er sie nur noch -fester an. - -Als er sah, daß er die Schlinge nicht lösen konnte, begann er am Strick -zu zupfen, um ihn zu zerreißen; der Strick war aber viel zu fest und riß -nicht, der Balken jedoch sprang in die Höhe und ragte plötzlich -senkrecht aus dem Graben. Während sich Sganarell umsah, stürzten zwei -Blutegel, die man in diesem Augenblick losgekoppelt hatte, über ihn her -und bissen sich mit ihren scharfen Zähnen in sein Genick fest. - -Sganarell war so sehr mit dem Strick beschäftigt, daß er im ersten -Augenblick über diese Überrumpelung weniger erbost als erstaunt war; -aber schon nach einer halben Sekunde, als einer der Blutegel ihn -losließ, um die Zähne noch tiefer in ihn zu bohren, holte er mit der -Tatze aus und schleuderte den Hund mit zerrissenem Bauch weit von sich -weg. Während die Gedärme des Hundes auf den blutbefleckten Schnee -fielen, zertrat er den andern Hund mit einer Hintertatze ... Weit -schrecklicher und unerwarteter war aber das, was mit dem Balken geschah. -Als Sganarell zum Schlage ausholte, um den Blutegel von sich zu -schleudern, zog er mit der gleichen Bewegung den Balken, an dem das -andere Ende des Strickes befestigt war, aus dem Graben heraus, und der -Balken sauste, eine flache Bahn beschreibend, durch die Luft. Er flog -nun um Sganarell im Kreise herum und erschlug schon in der ersten Runde -nicht etwa zwei oder drei, sondern eine ganze Menge von Hunden. Die -einen von ihnen winselten noch im Todeskampfe, die andern aber lagen -gleich leblos da. - - - - - XIII - - -Der Bär war wohl zu klug, um nicht einzusehen, was für eine nützliche -Waffe der Balken für ihn war; oder war es nur der Schmerz in der vom -Strick umschlungenen Tatze? -- jedenfalls brüllte er auf und zog den -Strick noch fester an, so daß der Balken in der gleichen horizontalen -Ebene mit seiner Tatze zu liegen kam und wie ein riesenhafter Kreisel zu -surren begann. Er mußte alles, was ihm in den Weg trat, niederschlagen -und zermalmen. Wenn aber der gespannte Strick an einer Stelle nicht -genügend stark wäre und zerrisse, so würde der Balken durch die -Zentrifugalkraft weit hinaus geschleudert werden. Gott allein weiß, wie -weit er fliegen und was er alles unterwegs zermalmen würde. - -Wir alle -- Menschen, Pferde und Hunde, die im Kreise herumstanden, -schwebten in größter Gefahr, und ein jeder wünschte schon aus -Selbsterhaltungstrieb, daß der Strick, an dem Sganarell seine -Riesenschleuder schwang, nicht reiße. Womit sollte aber das alles enden? -Niemand, außer einigen Jägern und den beiden Schützen, die im -Hinterhalte am Waldesrande saßen, hatte Lust, das Ende abzuwarten. Das -ganze übrige Publikum aber, die Gäste und die Verwandten des Onkels, die -dieser Veranstaltung als Zuschauer beiwohnten, fanden an der Sache gar -kein Vergnügen mehr. Alle gaben ihren Kutschern den Befehl, möglichst -schnell die gefährliche Stelle zu verlassen, und die Schlitten sausten, -einander überrennend und überholend, dem Hause zu. - -Bei dieser lächerlichen und unordentlichen Flucht gab es einige -Zusammenstöße und Stürze, einiges zum Lachen und sehr viel Schrecken. -Die aus den Schlitten Herausgefallenen glaubten, daß der Balken sich -schon vom Strick losgerissen habe und über ihre Köpfe surre, während das -wütende Tier ihnen nachsetze. - -Die Gäste, die das Haus erreichten, konnten sich bald beruhigen; -diejenigen aber, die zurückblieben, sahen etwas noch weit -Schrecklicheres. - - - - - XIV - - -Gegen Sganarell konnte man nun keine Blutegel mehr loslassen, denn es -war klar, daß er mit seinem Balken mühelos eine Menge von Hunden -erschlagen würde. Der Bär bewegte sich aber, den Balken immer noch um -sich schwingend, in der Richtung zum Walde, wo Ferapont und der berühmte -Schütze Flegont im Hinterhalte saßen und wo ihn der Tod erwartete. - -Eine wohlgezielte Kugel konnte der Sache ein schnelles Ende machen. - -Das Schicksal war aber dem Bären ungemein günstig: nachdem es sich schon -einmal in diese Sache hineingemischt hatte, wollte es ihn offenbar um -jeden Preis retten. - -Im gleichen Augenblick, als Sganarell die Stelle erreichte, wo auf ihn -hinter Schneewällen die Kuchenreuterschen Musketen Chraposchkas und -Flegonts gerichtet waren, riß der Strick. Der Balken flog wie ein Pfeil -aus einem Bogen auf die eine Seite, während der Bär das Gleichgewicht -verlor und hinpurzelte. - -Denen, die auf dem Felde zurückgeblieben waren, bot sich nun ein neues -schreckliches Bild: der Balken fegte die Gewehrstützen und den -Schneewall, hinter dem Flegont im Hinterhalte saß, einfach weg und blieb -mit dem einen Ende in einem der Schneehaufen stecken. Sganarell verlor -aber keine Zeit; er überschlug sich drei oder viermal und ging direkt -auf das Versteck Chraposchkas zu ... - -Sganarell erkannte augenblicklich seinen Freund, hauchte ihn aus seinem -heißen Rachen an und wollte ihn schon ins Gesicht lecken, als plötzlich -von der anderen Seite her ein von Flegont abgegebener Schuß knallte. Der -Bär entkam in den Wald, und Chraposchka fiel ohnmächtig um. - -Man hob ihn auf und untersuchte ihn: die Kugel hatte seinen Arm -durchbohrt, in der Wunde steckte aber auch ein Büschel Bärenhaare. - -Flegont büßte den Ruf des besten Schützen nicht ein: er hatte ja in -großer Hast aus der schweren Büchse ohne Stütze geschossen, es war auch -nicht mehr hell genug gewesen, und der Bär und Chraposchka waren -allzueng beieinander gestanden. - -Unter diesen Umständen mußte auch dieser Schuß, der das Ziel nur um ein -Haarbreit verfehlt hatte, als ein Meisterschuß angesehen werden. - -So oder anders, -- Sganarell war jedenfalls entkommen! Ihn noch am -gleichen Abend im Walde zu verfolgen, war ganz unmöglich, am nächsten -Morgen aber war der Geist dessen, der hier allein zu befehlen hatte, von -einer ganz neuen Stimmung erleuchtet. - - - - - XV - - -Als der Onkel nach den geschilderten Mißerfolgen nach Hause -zurückkehrte, war er zorniger und härter als je. Noch ehe er aus dem -Sattel sprang, gab er den Befehl, morgen in aller Frühe die Spuren des -Bären im Walde zu suchen und ihn so zu umstellen, daß er nicht mehr -entrinnen könnte. - -Eine richtig durchgeführte Jagd hätte natürlich zu einem ganz anderen -Resultate führen müssen. - -Alle erwarteten nun, was der Onkel wegen des verwundeten Chraposchka -befehlen würde. Alle glaubten, daß ihn etwas Schreckliches erwartete. Er -hatte sich zumindest _die_ Nachlässigkeit zu schulden kommen lassen, daß -er dem Bären in dem Augenblick, als ihn dieser in seinen Tatzen -gehalten, nicht sein Jagdmesser in die Brust gestoßen hatte. Es bestand -außerdem noch der schwere und wohl auch begründete Verdacht, daß -Chraposchka die Hand gegen seinen zottigen Freund nicht hatte erheben -wollen und ihn absichtlich laufen gelassen hatte. - -Die allen bekannte Freundschaft zwischen Chraposchka und Sganarell -machte diese letztere Hypothese sehr wahrscheinlich. - -So dachten nicht nur die Jagdteilnehmer, sondern auch alle übrigen -Gäste. - -Wir lauschten den Gesprächen der Erwachsenen, die sich abends im großen -Saal um den für uns angezündeten Weihnachtsbaum versammelt hatten, und -teilten den allgemeinen Verdacht bezüglich Chraposchkas wie auch die -Angst um sein Los. - -Aus dem Vorzimmer, durch das der Onkel vom Flur in seine Gemächer -gegangen war, drang in den Saal das Gerücht, daß er Chraposchkas Namen -überhaupt noch nicht erwähnt hatte. - -»Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?« flüsterte jemand, und -dieses Flüstern weckte bei der allgemeinen gedrückten Stimmung einen -Widerhall in jedem Herzen. - -Es erreichte auch den alten, mit dem Bronzekreuz für das Jahr 1812 -ausgezeichneten Dorfgeistlichen P. Alexej. Dieser seufzte auf und sagte -leise: - -»Betet zum Heiland, der uns heute geboren wurde!« - -Mit diesen Worten bekreuzigte er sich, und alle Anwesenden, die -Erwachsenen wie die Kinder, die Herrschaften wie die Leibeigenen, taten -dasselbe. Es war auch just die höchste Zeit. Kaum hatten wir unsere -Hände, mit denen wir das Zeichen des Kreuzes gemacht hatten, sinken -lassen, als die Türe weit aufging und der Onkel mit einem Stöckchen in -der Hand in den Saal trat. Ihn begleiteten seine beiden -Lieblingswindspiele und der Kammerdiener Justin. Der letztere trug auf -einem silbernen Teller das weiße Foulardtuch und die mit dem Bildnisse -Pauls I. geschmückte Schnupftabaksdose seines Herrn. - - - - - XVI - - -Der Lehnstuhl für den Onkel war auf einem kleinen Perserteppich in der -Mitte des Zimmers vor dem Weihnachtsbaum aufgestellt. Er setzte sich -schweigend in den Sessel und nahm aus Justins Händen das Tuch und die -Schnupftabaksdose. Die beiden Windspiele legten sich sofort zu seinen -Füßen nieder und streckten ihre langen Schnauzen vor sich aus. - -Der Onkel trug einen blauseidenen, reichgestickten, mit silbernen -Filigranschnallen und großen Türkisen verzierten Hausrock. In der Hand -hatte er einen dünnen, doch kräftigen Stock aus kaukasischer Weichsel. - -Diesen Stock brauchte er diesmal als Stütze: von der allgemeinen Panik, -mit der die Bärenjagd geendet hatte, war selbst die vorzüglich -zugerittene »Modedame« angesteckt worden; sie hatte sich in wilder Angst -auf die Seite geworfen und das Bein ihres Herrn fest gegen einen Baum -geklemmt. - -Der Onkel fühlte heftigen Schmerz im Bein und hinkte sogar ein wenig. -Dieser neue Umstand war selbstverständlich nicht dazu angetan, um sein -ohnehin aufgebrachtes und erbostes Herz milder zu stimmen. Auch machte -es einen schlechten Eindruck, daß wir alle beim Erscheinen des Onkels -plötzlich verstummt waren. Wie alle argwöhnischen Menschen, konnte er so -etwas nicht leiden, und P. Alexej beeilte sich, das Wort zu ergreifen, -um die unheimliche Stille zu brechen. - -Der Geistliche wandte sich an uns Kinder, die um ihn standen, mit der -Frage, ob wir den Sinn des Chorals »Christ wird geboren« auch -verstünden? Es stellte sich heraus, daß dieser Sinn nicht nur uns -Kindern, sondern auch den Erwachsenen nicht recht klar war. Der -Geistliche begann uns den Sinn der Worte »Preiset«, »Lobsinget« und -»Erhebet euch« zu erklären; als er bei diesem letzten Worte angelangt -war, »erhob er sich« selbst mit Herz und Geist. Er sprach von den -»Gaben«, die heute ebenso wie damals auch der Ärmste vor die Krippe des -göttlichen Knäbleins bringen könne und die würdiger und wertvoller -seien, als das Gold, der Weihrauch und die Myrrhen der heiligen drei -Könige. Die schönste Gabe sei ein durch seine Lehre bekehrtes Herz. Der -Alte sprach von Liebe, Verzeihung und von der Pflicht eines jeden, -Freund und Feind »im Namen Christi« zu trösten ... Seine Worte waren -wohl ungemein eindringlich ... Wir alle verstanden, was er damit -bezweckte und hörten ihm mit einem eigentümlichen Gefühl zu: wir beteten -gleichsam, daß seine Worte ihren Zweck erreichten, und manchem von uns -waren Tränen in die Augen getreten ... - -Plötzlich fiel etwas hin ... Es war Onkels Stock ... Man hob ihn auf, er -rührte ihn aber nicht an: er saß tief gebückt, seine Hand hing über die -Sessellehne herab, und seine Finger hielten einen der großen Türkise ... -Er ließ den Stein fallen, doch niemand beeilte sich, ihn aufzuheben ... - -Alle Blicke waren auf sein Gesicht gerichtet. Etwas Ungewöhnliches bot -sich unseren Augen: _er weinte_! - -Der Geistliche schob uns Kinder sanft zur Seite, ging auf den Onkel zu -und erteilte ihm den Priestersegen. - -Der Onkel hob das Gesicht, ergriff die Hand des Alten, küßte sie ganz -unerwartet und sagte leise: »Danke!« - -Dann blickte er Justin an und ließ Ferapont rufen. - -Dieser erschien, bleich, mit verbundenem Arm. - -»Hierher!« befahl ihm der Onkel, auf den Teppich vor seinem Sessel -zeigend. - -Chraposchka kam näher und fiel in die Knie. - -»Steh auf!« sagte der Onkel. »Ich verzeihe dir.« - -Chraposchka fiel wieder in die Knie. Der Onkel begann mit nervöser, -aufgeregter Stimme: - -»Du liebtest das Tier so, wie nicht jedermann einen Menschen zu lieben -versteht. Du hast mich damit gerührt und in Großmütigkeit übertroffen. -Höre nun meine Gnade: ich lasse dich frei und gebe dir hundert Rubel auf -den Weg. Geh, wohin du willst.« - -»Ich danke, werde aber nirgendwohin fortgehen,« rief Chraposchka aus. - -»Was?« - -»Ich gehe nirgendwohin fort,« wiederholte Ferapont. - -»Was willst du denn?« - -»Für Ihre Gnade will ich Ihnen jetzt als freier Mann noch treuer dienen, -als ich bisher als Leibeigener diente.« - -Der Onkel drückte mit der einen Hand das weiße Foulardtuch an seine -Augen, durch die ein Zucken ging, und umarmte mit der anderen Ferapont -... Wir alle erhoben uns von unseren Plätzen und verhüllten gleichfalls -unsere Augen ... Uns genügte das Gefühl, daß hier dem höchsten Gott die -schönste Ehre erwiesen wurde und an Stelle der drückenden Angst der -Friede Christi erblühte. - -Dasselbe fühlten auch alle Leute im Dorfe, denen der Onkel einige Fässer -Bier schicken ließ. Überall wurden Freudenfeuer angezündet, und die -Menschen sprachen im Scherze: - -»Heute haben wir erlebt, daß auch das Tier in die heilige Stille -gegangen ist, um den Heiland zu preisen!« - - * * * * * - -Sganarells Spuren wurden nicht weiter verfolgt. Ferapont, der die -Freiheit bekommen hatte, ersetzte bald den alten Justin und war nicht -nur der treueste Diener, sondern auch der treueste Freund meines Onkels -bis an dessen Ende. Er drückte ihm mit eigenen Händen die Augen zu und -beerdigte ihn auf dem Waganjkow'schen Friedhofe zu Moskau, wo sich sein -Grabstein bis zum heutigen Tage erhalten hat. Zu seinen Füßen ruht -Ferapont. - -Es gibt heute niemand, der diese Gräber mit Blumen schmücken könnte; -aber in den Moskauer Kellerwohnungen und Asylen gibt es noch Menschen, -die sich an einen schlanken, weißhaarigen Greis erinnern, der immer zu -erraten wußte, wo echtes Leid verborgen war und rechtzeitig zu Hilfe -eilte oder seinen guten Diener mit reichen Gaben schickte. - -Diese beiden echten Wohltäter, von denen noch vieles zu sagen wäre, -waren mein Onkel und Ferapont, den er im Scherze den »Tierbändiger« zu -nennen pflegte. - - - - - INTERESSANTE MÄNNER - - - - - I - - -Im Hause einer mir befreundeten Familie erwartete man mit Ungeduld das -Eintreffen des Februarheftes der Moskauer Zeitschrift »Mysl«. Diese -Ungeduld war wohl begreiflich, weil in diesem Hefte eine neue Erzählung -des Grafen Leo Tolstoi hatte erscheinen sollen. Ich kam nun fast täglich -zu meinen Freunden, um das neue Werk unseres großen Dichters gleich nach -Eintreffen der Zeitschrift in einer angenehmen Gesellschaft am runden -Tisch beim milden Schein der Eßzimmerlampe zu lesen. Gleich mir kamen -auch andere intime Freunde mit der gleichen Absicht fast jeden Abend -hin. Das ersehnte Heft traf endlich ein, die Tolstoische Erzählung war -aber darin nicht enthalten: ein kleiner rosa Zettel teilte den -Abonnenten mit, daß die Erzählung nicht veröffentlicht werden könne. -Alle waren enttäuscht und betrübt, und ein jeder zeigte es je nach -seinem Charakter und Temperament: der eine runzelte die Stirne und -schwieg, der andere schimpfte, der dritte suchte nach Parallelen -zwischen der Gegenwart, die wir erlebten, der Vergangenheit, deren wir -gedachten, und der Zukunft, die wir ersehnten. Ich aber blätterte -schweigend in der Zeitschrift und durchflog die neue Skizze Gljeb -Uspenskijs, eines der sehr wenigen russischen Literaten, die immer der -Wahrheit des Lebens treu bleiben und nicht den sogenannten »Richtungen« -zu Liebe lügen. Darum ist die Unterhaltung mit ihm immer angenehm und -oft sogar nützlich. - -Uspenskij erzählte diesmal von einem Gespräch mit einer älteren Dame, -die ihm von der jüngsten Vergangenheit erzählt und die Meinung geäußert -hatte, daß die Männer einst viel _interessanter_ gewesen seien. In ihren -engen Uniformen hätten sie zwar einen kühlen und reservierten Eindruck -gemacht, dabei aber viel Begeisterung, Herzensglut, Edelsinn und andere -Eigenschaften besessen, die den Menschen interessanter und anziehender -machen. Alle diese Eigenschaften seien heute, meinte die Dame, nur sehr -selten und oft gar nicht anzutreffen. Die Männer übten heute zwar -freiere Berufe aus und kleideten sich auch viel ungezwungener, hätten -zuweilen auch große Ideen im Kopfe, seien aber dabei alle nach der -gleichen Form gestanzt, langweilig und uninteressant. - -Die Bemerkungen der alten Dame erschienen mir durchaus treffend, und ich -machte den Vorschlag, nicht länger über die Erzählung Tolstois, die wir -nicht lesen konnten, zu trauern, sondern die Skizze Uspenskijs -vorzunehmen. Mein Vorschlag wurde angenommen, und die von Uspenskij -geäußerten Gedanken fanden allgemeine Zustimmung. Nun rückte ein jeder -mit Erinnerungen und Vergleichen heraus. Unter den Anwesenden gab es -einige, die den jüngst verstorbenen dicken General Rostislaw Faddejew -gekannt hatten; man erzählte sich, wie ungewöhnlich interessant dieser -Mann trotz seines gewöhnlichen, plumpen und wenig versprechenden Äußeren -gewesen war. Wie er selbst im Alter die Aufmerksamkeit der klügsten und -nettesten Damen zu fesseln vermochte und die blühendsten jungen Gecken -aus dem Felde zu schlagen wußte. - -»Ist es denn wirklich so erstaunlich?« sagte ein Herr, der älter als -alle Anwesenden war und wohl auch einen klareren Blick hatte. »Ist es -denn für einen so klugen Mann, wie es der verstorbene Faddejew war, -schwer, das Interesse einer _klugen_ Frau zu fesseln?! Die klugen Frauen -fühlen sich immer ungemütlich. Erstens gibt es ihrer nur sehr wenige, -und zweitens haben sie, da sie mehr als die andern verstehen, auch -größeres Leid zu tragen; daher freuen sie sich so, wenn sie auf einen -wirklich klugen Mann stoßen. Hier gilt der Satz: >Simile simili curatur< -oder >gaudet< -- ich weiß nicht, was richtiger ist. Sie alle und auch -die Dame, deren Worte unser Dichter anführt, wählen ihre Beispiele unter -den Männern von hervorragender Begabung und Bedeutung; weit -bemerkenswerter ist es aber meines Erachtens, daß man einst auch auf -weit tieferen Stufen ungemein lebendige und anziehende Persönlichkeiten, -die man >interessante Männer< zu nennen pflegte, antreffen konnte. Auch -die Damen, auf die sie solchen Eindruck machten, gehörten nicht zu den -Auserwählten, die imstande sind, einen Mann mit hervorragenden -Geistesgaben zu vergöttern; selbst unter den allergewöhnlichsten -Durchschnittsfrauen gab es viele von hervorragender Empfindsamkeit. In -ihnen war wie in tiefen Wassern eine latente Wärme enthalten. Solche -Durchschnittsmenschen halte ich für viel bemerkenswerter als die -Lermontowschen Charaktere, in die sich selbstverständlich jeder -verlieben mußte.« - -»Haben Sie einmal einen solchen Durchschnittsmenschen mit der latenten -Wärme der tiefen Wasser gekannt?« - -»Gewiß.« - -»Erzählen Sie uns also von ihm und entschädigen Sie uns auf diese Weise -für die Unmöglichkeit, die Erzählung Tolstois zu lesen.« - -»Als Entschädigung kann meine Erzählung natürlich nicht gelten, aber -einfach zu Ihrer Unterhaltung will ich Ihnen eine Geschichte aus dem -allergewöhnlichsten Offiziersmilieu zum Besten geben.« - - - - - II - - -Ich diente bei der Kavallerie. Das Regiment lag in mehreren Dörfern des -T-schen Gouvernements in Quartier; der Regimentskommandeur und sein Stab -hielten sich aber natürlich in der Gouvernementsstadt selbst auf. Die -Stadt war auch damals schon sauber und freundlich und hatte ein Theater, -einen Adelsklub und ein riesengroßes, übrigens recht unsinnig angelegtes -Hotel, dessen größten Teil wir mit Beschlag belegt hatten. Die Zimmer -waren zum Teil von den Offizieren bewohnt, die sich ständig in der Stadt -aufhielten, zum Teil für die Offiziere reserviert, die periodisch aus -ihren Dorfquartieren in die Stadt kamen. Diese Zimmer wurden niemals an -gewöhnliche Passanten vermietet. Sobald der eine Offizier auszog, kam -sofort ein anderer gefahren, und diese »Offizierszimmer« waren immer -besetzt. - -Unser Zeitvertreib bestand natürlich im Kartenspiel und im Dienste des -Bachus, sowie auch der Göttin der Herzensfreuden. - -Man spielte zuweilen -- besonders im Winter, während der Wahlen zur -Adelsversammlung -- sehr hoch. Man spielte nicht im Klub, sondern in den -Hotelzimmern, wo man die Röcke ablegen durfte und sich überhaupt -ungezwungener fühlte. Auf diese Weise verbrachte man Tage und Nächte. Es -gibt wohl keinen sinnloseren und öderen Zeitvertreib, und Sie können -daraus wohl selbst schließen, was für Menschen wir damals waren und was -für Ideen uns begeistern konnten. Wir lasen wenig und schrieben noch -weniger; letzteres nur nach großen Verlusten, wenn es galt, unsere -Eltern anzulügen und von ihnen eine Extrasumme zu erpressen. Kurz und -gut, man konnte von uns nichts Gutes lernen. Wir spielten teils unter -uns, teils mit den durchreisenden Gutsbesitzern, die nicht viel ernster -waren als wir; in den Zwischenpausen betranken wir uns, schlugen uns mit -den Beamten herum und entführten Kaufmannsfrauen und Schauspielerinnen, -die wir gleich darauf wieder laufen ließen. - -Die Gesellschaft war furchtbar stupid und verbummelt; die Jüngeren -eiferten den Älteren nach, und die einen wie die anderen zeigten nichts -Gescheites und Beachtenswertes. - -Über die Fragen der Ehre und des Anstandes wurde bei uns niemals -gesprochen. Man trug seine Uniform und lebte nach der einmal -eingeführten Sitte, -- man bummelte und war bemüht, Herz und Seele gegen -alles Erhabene, Empfindsame und Ernste abzustumpfen. Und doch gab es -auch in unserem seichten Sumpfe die »latente Wärme«, die sonst nur -tiefen Wassern eigen ist. - - - - - III - - -Unser Regimentskommandeur war ein nicht mehr junger, sehr anständiger -und guter Soldat, aber ein rauher, strenger Mensch, ganz »ohne -Zartgefühl für das weibliche Geschlecht«, wie man sich damals -ausdrückte. Er war einige fünfzig Jahre alt und schon zweimal -verheiratet gewesen; seine zweite Frau hatte er in T. verloren und war -eben im Begriff, ein junges Mädchen, das aus einer nicht sehr reichen -Gutsbesitzersfamilie stammte, zu heiraten. Sie hieß Anna Nikolajewna. -Dieser so gewöhnliche Name entsprach durchaus ihrer ganzen gewöhnlichen -Erscheinung. Sie war von mittlerem Wuchs, weder dick noch schlank, weder -hübsch noch häßlich, hatte blonde Haare, blaue Äuglein, rote Lippen, -weiße Zähne, ein rundes, weißes Gesicht und je ein Grübchen in jeder -rosigen Wange, -- mit einem Worte, ein Mädchen, das wenig Begeisterung -wecken kann, eines von denen, die man »Trost des Greisenalters« zu -nennen pflegt. - -Unser Kommandeur lernte sie in Gesellschaft durch ihren Bruder, der bei -uns als Kornett diente, kennen und hielt durch Vermittlung dieses selben -Bruders um ihre Hand an. - -Das wurde ganz einfach und kameradschaftlich gemacht. Er ließ den jungen -Offizier zu sich ins Kabinett kommen und sagte ihm: - -»Hören Sie einmal, Ihre würdige Schwester hat auf mich den angenehmsten -Eindruck gemacht. Sie wissen wohl selbst, wie unangenehm es mir in -meinem Alter und bei meiner Position wäre, einen Korb zu bekommen. Wir -beide sind aber Soldaten, und Ihre Aufrichtigkeit kann mich unmöglich -verletzen ... Wenn mein Antrag angenommen wird, so ist es gut; wenn sie -mir aber absagen sollte, wird es mir auch im Traume nicht einfallen, es -Ihnen irgendwie übelzunehmen. Erkundigen Sie sich also ...« - -Jener erwiderte ebenso einfach: - -»Gut, ich werde mich erkundigen.« - -»Danke.« - -»Kann ich vielleicht zu diesem Zweck einen Urlaub von drei oder vier -Tagen bekommen?« - -»Bitte sehr, auch für eine Woche.« - -»Darf mich vielleicht mein Vetter begleiten?« - -Sein Vetter war ein ebenso zarter und rosiger Jüngling wie er selbst. -Wir nannten ihn alle »Sascha die Rose«. Beide jungen Leute waren gleich -gewöhnlich und verdienen keine eingehende Schilderung. - -Der Kommandeur fragte den Kornett: - -»Was brauchen Sie Ihren Vetter in dieser Familienangelegenheit?« - -Der Kornett antwortet, daß er den Vetter eben für diese -Familienangelegenheit brauche. - -»Während ich mit den Eltern verhandeln werde,« sagt der Kornett, »wird -der Vetter meine Schwester in ein Gespräch ziehen und ihre -Aufmerksamkeit ablenken, bis ich mit den Eltern fertig geworden bin.« - -Der Kommandeur antwortet: - -»Gut, fahren Sie in diesem Falle alle beide hin, ich will auch Ihrem -Vetter einen Urlaub geben.« - -Die beiden Kornetts fahren heim und führen den Auftrag zu voller -Zufriedenheit des Kommandeurs aus. Der Bruder des jungen Mädchens kommt -nach einigen Tagen zurück und meldet: - -»Wenn Sie wollen, können Sie bei meinen Eltern brieflich oder mündlich -um die Hand meiner Schwester anhalten. Sie haben keine Absage zu -gewärtigen.« - -»Und wie stellt sich Ihre Schwester dazu?« - -»Auch die Schwester ist einverstanden.« - -»Nun, freut sie sich oder nicht?« - -»Ich weiß wirklich nicht.« - -»Ist sie wenigstens zufrieden oder eher unzufrieden?« - -»Die Wahrheit zu sagen, hat sie überhaupt nichts geäußert. Sie sagte nur -zu den Eltern: Ganz wie Sie es befehlen, ich will mich Ihnen fügen.« - -»Es ist ja sehr schön, daß sie das sagte, aber man kann doch in den -Augen und im Gesicht lesen, was sich ein junges Mädchen dabei denkt!« - -Der Kornett entschuldigt sich und sagt, er sei als Bruder an das Gesicht -seiner Schwester so gewöhnt, daß er darin nicht zu lesen verstünde und -den Ausdruck ihrer Augen nicht beobachtet habe; darum könne er darüber -nichts Bestimmtes sagen. - -»Aber Ihr Vetter hat doch etwas bemerken können. Haben Sie denn nicht -auf der Rückfahrt mit ihm darüber gesprochen?« - -»Nein,« antwortet jener, »wir haben darüber nicht sprechen können: ich -wollte Ihnen die Antwort so schnell wie möglich überbringen, mein Vetter -ist aber noch dort geblieben, und ich habe die Ehre, Ihnen gehorsamst zu -melden: er ist plötzlich erkrankt, und wir haben sofort seine Eltern -benachrichtigt.« - -»So! Was hat er denn?« - -»Es war eine plötzliche Ohnmacht und ein Schwindelanfall.« - -»Eine echte Mädchenkrankheit. Schön. Ich danke Ihnen. Da wir nun -miteinander so gut wie verwandt sind, bitte ich Sie, mit mir heute zu -Mittag zu essen.« - -Beim Mittagessen fragt er ihn immer nach dem Vetter aus: was der für ein -Mensch sei, wie seine Eltern sich zu ihm verhielten, unter welchen -Umständen er in Ohnmacht gefallen sei. Dabei schenkt er dem jungen Mann -immer wieder Wein ein und macht ihn so betrunken, daß der Kornett sich -wohl sicher verschnappt hätte, wenn er etwas gewußt hätte; -glücklicherweise lag aber nichts vor, und der Kommandeur heiratete bald -darauf Anna Nikolajewna. Wir alle waren bei der Hochzeit und tranken -Bier und Wein. Die beiden Kornette -- der Bruder und der Vetter -- waren -aber Brautführer, und man konnte keinem von den Beteiligten auch nur das -Geringste anmerken. Die jungen Leute setzten ihr flottes Leben fort, -unsere Kommandeuse aber wurde von Tag zu Tag voller und begann seltsame -Gelüste zu äußern. Der Kommandeur freute sich darüber und bemühte sich, -alle ihre Wünsche zu befriedigen, und die beiden jungen Leute -- der -Bruder und der Vetter -- suchten ihn darin noch zu übertreffen. Wegen -jeder Kleinigkeit schickte man eine Troika nach Moskau. Ihr Appetit war -aber nicht auf irgendwelche ausgesuchte Leckerbissen, sondern auf ganz -gewöhnliche Dinge gerichtet, doch auf solche, die schwer zu beschaffen -waren: bald verlangte sie nach Sultan-Datteln, bald nach griechischer -Chalwa, mit einem Worte nach lauter einfachen und kindlichen Dingen, wie -sie auch selbst einen durchaus kindlichen Eindruck machte. Endlich kam -für sie die schwere Stunde, und man ließ aus Moskau eine Hebamme kommen. -Ich erinnere mich noch, daß diese Hebamme in die Stadt just um die -Stunde gefahren kam, als man in allen Kirchen zur Abendmesse läutete, -was unsere Heiterkeit erregte: »Schaut nur, die weise Frau wird mit -Glockengeläute begrüßt! Was für Freuden wird sie uns wohl bringen?« Und -wir warteten auf das Ereignis mit solcher Spannung, wie wenn das ganze -Regiment daran beteiligt wäre. Indessen geschah aber etwas ganz -Unerwartetes. - - - - - IV - - -Wenn Sie bei Bret Harte gelesen haben, welches Interesse ein Häuflein -Vagabunden in der amerikanischen Wüste für die Niederkunft einer fremden -Frau zeigte, so werden Sie auch das Interesse begreifen, mit dem wir, -verbummelte Offiziere, die Niederkunft unserer jungen Kommandeuse -erwarteten. Diesem Ereignisse maßen wir große Bedeutung bei und faßten -den Beschluß, die Geburt des Kindes durch ein Trinkgelage zu feiern. Wir -gaben unserem Restaurateur den Auftrag, einen ordentlichen Vorrat an -Sekt bereit zu halten. Um aber inzwischen die Zeit totzuschlagen, -setzten wir uns beim Abendläuten an die Kartentische. - -Ich wiederhole, das Kartenspiel war für uns eine Beschäftigung, eine -Gewohnheit, eine Arbeit und das beste uns bekannte Mittel gegen -Langweile. Das Spiel begann auch an diesem Abend auf die gleiche Weise -wie an den vorhergehenden. Die älteren Offiziere, die Rittmeister und -die Stabsrittmeister mit den ersten grauen Haaren in den Schnurrbärten -und an den Schläfen machten den Anfang. Sie setzten sich an die -Kartentische just in dem Augenblick, als man zur Abendmesse zu läuten -anfing und die Bürger, einander mit großem Respekt begrüßend, in die -Kirchen zogen, um zu beichten und zu kommunizieren: das Ereignis, von -dem ich spreche, spielte sich am Freitag in der sechsten Fastenwoche ab. - -Die Rittmeister blickten diesen guten Christen und auch der Hebamme -nach, die gerade in die Stadt einzog, wünschten ihnen allen in ihren -einfältigen Soldatenherzen Glück und Erfolg, ließen in dem größten -Hotelzimmer die grünen Kattunvorhänge herunter, zündeten die Leuchter an -und setzten sich an die Arbeit. - -Die Jugend machte indessen noch einige Touren durch die Straßen, -wechselte im Vorbeigehen Blicke mit den Kaufmannstöchtern und erschien, -als es schon ganz dunkel geworden war, im gleichen Hotelzimmer. - -Ich kann mich gut an diesen Abend und wie er diesseits und jenseits der -grünen Vorhänge verlief, erinnern. Draußen war es wunderschön. Der -heitere Märztag war im schönsten Abendrot verglommen; die Pfützen, die -während des Tages aufgetaut waren, überzogen sich wieder mit einer -Eiskruste; es wurde frisch und kühl, in der Luft aber schwebte schon der -Duft des Frühlings, und in der Höhe sangen die Lerchen. Die Kirchen -waren halbbeleuchtet, und die von ihren Sünden erlösten Beichtenden -kamen einzeln heraus. Ganz langsam, ohne mit jemand zu sprechen, gingen -sie durch die Gassen und verschwanden stumm in den Häusern. Sie alle -waren nur um das eine besorgt: jeder Ablenkung aus dem Wege zu gehen und -den Frieden, der ihre Herzen erfüllte, nicht zu verlieren. - -In der ganzen Stadt, die ja auch sonst nicht sehr belebt war, wurde es -auf einmal still. Die Haustore wurden abgesperrt, hinter den Zäunen -erklirrten die Ketten der Hofhunde, und alle kleinen Wirtshäuser wurden -geschlossen; nur vor dem von uns besetzten Hotel standen noch immer zwei -Mietsdroschken mit ausgesucht schönen Pferden, in Erwartung, daß wir sie -noch zu irgendeinem Zweck brauchen würden. - -Auf der hartgefrorenen Schneedecke der großen Straße klapperte plötzlich -ein mit drei Pferden bespannter Reiseschlitten. Er hielt vor dem Hotel, -ihm entstieg ein uns unbekannter schlanker Herr in einem Bärenpelz mit -langen Ärmeln und erkundigte sich, ob noch ein Zimmer frei sei. - -Das geschah gerade in dem Augenblick, als ich und noch zwei junge -Offiziere vom letzten Rundgang durch die Straßen, in deren Fenstern -nochmals die spröden Kaufmannstöchter erschienen, ins Hotel -zurückkehrten. - -Wir hörten, wie der Neuankömmling ein Zimmer verlangte und wie der -Zimmerkellner Marko, der ihn mit »Awgust Matwejitsch« anredete, seine -Frage beantwortete: - -»Ich wage es nicht, Sie anzulügen und zu sagen, daß wir kein Zimmer -haben. Wir haben wohl ein Zimmer, aber ich weiß wirklich nicht, ob es -Ihnen passen wird.« - -»Was ist denn damit?« fragte der Gast: »Ist es schmutzig oder voller -Wanzen?« - -»Nein, Sie wissen doch selbst, daß wir bei uns keinen Schmutz und keine -Wanzen dulden. Wir haben aber sehr viel Offiziere im Hause.« - -»Machen die solchen Lärm?« - -»Ja, Sie können es sich wohl selbst denken: es sind lauter Junggesellen, -die immer auf und ab rennen und pfeifen ... Ich muß es Ihnen sagen, -damit Sie uns später keine Vorwürfe machen ... Wir können ja die jungen -Leute nicht bändigen.« - -»Das wäre ja nicht schlecht! Selbstverständlich darf sich niemand -unterstehen, Offizieren Ruhe zu gebieten! Was wäre das für ein Leben? -... Ich bin aber müde und glaube, daß ich schon irgendwie einschlafen -werde.« - -»Natürlich werden Sie einschlafen. Ich mußte aber Euer Gnaden für jeden -Fall darauf aufmerksam machen. Darf ich das Gepäck und das Bettzeug -hinauftragen?« - -»Trag es nur hinauf, mein Bester. Ich komme direkt aus Moskau, habe mich -unterwegs nirgends aufgehalten und bin so müde, daß mich wohl kein Lärm -wecken wird.« - -Der Kellner führte den Gast hinauf, und wir begaben uns in das größte -Zimmer, das dem Schwadrons-Rittmeister gehörte. Hier war unsere ganze -Gesellschaft versammelt mit Ausnahme des Vetters der Kommandeuse: er -klagte über Unwohlsein, wollte weder trinken noch spielen und ging immer -den Korridor auf und ab. - -Der Bruder der Kommandeuse hatte an unserer Fensterparade teilgenommen -und sich gleich uns an den Kartentisch gesetzt. Sascha aber blickte nur -einmal in das Spielzimmer hinein und begann dann wieder im Korridor auf- -und abzugehen. - -Er machte einen seltsamen Eindruck, so daß wir auf ihn aufmerksam werden -mußten. Er schien entweder krank oder verstimmt; wenn man ihn aber -genauer ansah, schien keines von beiden der Fall zu sein. Er machte nur -den Eindruck, wie wenn er im Geiste irgendwo weit von uns allen -schweifte und an etwas, was uns allen fremd und ferne lag, dächte. Wir -sagten im Scherze: »Du hast dich wohl in die Hebamme vergafft!« legten -aber seinem Benehmen keine große Bedeutung bei. Er war ja noch sehr jung -und den beliebten Offizierstrank »aus neun Elementen« nicht gewohnt. Es -war sehr wahrscheinlich, daß sein Zustand nur eine Folge der -vorhergehenden Trinkgelage war. Im Spielzimmer war es wie immer so -vollgeraucht, daß man leicht Kopfweh bekommen konnte; schließlich war es -auch möglich, daß seine Finanzen zerrüttet waren: er hatte in der -letzten Zeit sehr hoch gespielt und größere Summen verloren; er hatte -aber gewisse moralische Grundsätze und scheute sich, seinen Eltern mit -solchen Dingen zu kommen. - -Wir ließen also den jungen Mann in dem mit einem Tuchläufer belegten -Korridor auf und abgehen. Wir selbst aber spielten, tranken und aßen, -stritten und lärmten und dachten weder an die späte Stunde, noch an das -freudige Ereignis, das im Hause des Kommandeurs erwartet wurde. Diese -Vergessenheit wurde vollständig, als sich bald nach Mitternacht etwas -ereignete, wobei der unbekannte Gast, der, wie gesagt, vor unseren Augen -dem Reiseschlitten entstiegen war, die Hauptrolle spielte. - - - - - V - - -Gegen zwei Uhr nachts erschien in unserem Spielzimmer der Zimmerkellner -Marko und meldete nach einigem Zögern, daß der eben eingetroffene -fürstliche Generalbevollmächtigte sich höflichst entschuldige und -anfrage, ob die Herren Offiziere ihm gestatten möchten, zu ihnen zu -kommen und am Kartenspiel teilzunehmen; er könne nämlich nicht -einschlafen und langweile sich. - -»Kennst du denn den Herrn?« fragte der älteste Offizier. - -»Aber ich bitte Sie! Wie sollte ich denn Awgust Matwejitsch nicht -kennen? Man kennt ihn nicht nur hier, sondern in ganz Rußland, überall -wo der Fürst seine Güter hat. Awgust Matwejitsch ist sein -Generalbevollmächtigter, verwaltet alle fürstlichen Güter und -Besitztümer, und sein Gehalt allein beträgt an die vierzigtausend Rubel -im Jahre.« (Damals rechnete man noch nach Assignaten.) - -»Ist er Pole?« - -»Er stammt wohl von Polen ab, ist aber ein wirklich vornehmer Herr und -war einmal selbst Offizier.« - -Wir alle hielten den Kellner, der uns das meldete, für zuverlässig und -uns ergeben. Er war intelligent und sehr religiös; er ging jeden Morgen -zur Frühmesse und sparte Geld, um seinem Heimatsorte eine Kirchenglocke -zu stiften. Als Marko sah, daß wir uns für den Fremden interessierten, -berichtete er uns noch mehr: - -»Awgust Matwejitsch kommt jetzt direkt aus Moskau. Man sagt, daß er eben -zwei fürstliche Güter bei der Vormundschaftsbank verpfändet hat. Er wird -wohl eine nette Summe bei sich haben und möchte sich gerne zerstreuen.« - -Die Offiziere wechselten Blicke, flüsterten miteinander und erklärten: - -»Nun, soll er nur die Dukaten aus seinem Beutel in unsere Taschen -umquartieren. Der neue Mensch soll nur kommen und neues Leben in unsere -Gesellschaft bringen!« - -»Garantierst du uns auch dafür,« fragten wir den Zimmerkellner, »daß er -Geld bei sich hat?« - -»Aber erlauben Sie! Awgust Matwejitsch hat immer Geld bei sich.« - -»Wenn es sich so verhält, so soll er nur mit seinem Geld kommen. Nicht -wahr, meine Herren?« wandte sich der älteste Rittmeister an uns alle. - -Alle erklärten sich einverstanden. - -»Schön. Sag ihm also, Marko, daß wir ihn bitten lassen.« - -»Zu Befehl.« - -»Deute ihm aber an oder sage es ihm auch geradeaus, daß wir, obwohl wir -Kameraden sind, auch unter uns nur um bares Geld spielen. Es gibt bei -uns weder Kreide noch Kredit.« - -»Zu Befehl. Sie können aber unbesorgt sein: er hat immer Geld.« - -»Gut, wir lassen bitten.« - -Nach einer ganz kurzen Weile, die für einen Mann, der kein besonderer -Stutzer ist, eben genügt, um sich umzuziehen, geht die Türe auf, und in -unserer Rauchwolke erscheint ein schlanker, wohlgebauter, nicht mehr -junger Herr von höchst anständigem Aussehen. Er trägt Zivil, hält sich -aber wie ein Militär, man könnte beinahe sagen, wie ein Gardeoffizier, -d. h. kühn, selbstbewußt, nicht ohne eine träge Grazie und Blasiertheit, -wie es damals Mode war. Sein Gesicht ist hübsch, seine Züge sind darin -ebenso streng und regelmäßig verteilt wie die Ziffern auf dem -Metallzifferblatt einer englischen Standuhr von Graham. Alles bewegt -sich darin so abgemessen, wie die Zeiger auf einer solchen Uhr. - -Er ist auch selbst so lang wie eine Standuhr, und seine Stimme klingt -wie ein Grahamsches Schlagwerk. - -»Meine Herren, ich bitte um Vergebung, daß ich in Ihren Freundeskreis -eingedrungen bin. Ich heiße so und so, eile aus Moskau nach Hause, bin -aber sehr müde und wollte hier ausschlafen. Da hörte ich Ihre Stimmen, -und die Ruhe floh meine Augenlider. Ich fühlte mich wie ein altes -Schlachtpferd von Kampfeslust beseelt und danke Ihnen aufrichtig, daß -Sie mich in Ihren Kreis aufnehmen wollen.« - -Man antwortet ihm: - -»Wir bitten recht schön! Wir sind einfache Menschen und machen keine -großen Zeremonien. Wir sind unter uns Kameraden und halten uns ganz -ungezwungen.« - -»Einfachheit«, antwortet er, »ist das Schönste in der Welt: Gott liebt -sie, und in ihr liegt die ganze Poesie des Lebens. Ich war ja einmal -selbst beim Militär. Obwohl ich aus Familienrücksichten den Dienst -quittieren mußte, bin ich den militärischen Sitten doch treu geblieben -und hasse alles Zeremonielle. Sie haben aber, wie ich sehe, Ihre Röcke -an, und hier ist es doch so heiß?« - -»Offen gestanden, haben wir die Röcke erst unmittelbar vor Ihrem -Erscheinen angezogen.« - -»Sie sollten sich schämen! Das befürchtete ich ja eben. Da Sie aber -schon einmal so freundlich waren, mich aufzunehmen, so können Sie mir -gleich bei Beginn unserer Bekanntschaft gar keine größere Freude machen, -als wenn Sie die Röcke wieder ablegen und sich ebenso ungezwungen -fühlen, wie Sie es vor meinem Erscheinen waren.« - -Die Offiziere ließen sich überreden und saßen bald in Hemdärmeln da; -dasselbe verlangten sie aber auch vom Unbekannten. Awgust Matwejitsch -schlüpfte flink aus seiner elegant zugeschnittenen Joppe, die in den -Ärmeln mit blauer Seide gefüttert war, und erklärte sich bereit, unsere -Bekanntschaft mit einem Gläschen Schnaps einzuweihen. - -Alle tranken mit und gedachten bei dieser Gelegenheit des Vetters -Sascha, der noch immer im Korridor auf und ab ging. - -»Gestatten Sie«, sagte man dem Gast, »hier fehlt einer von den Unsrigen. -Wir müssen ihn holen!« - -Awgust Matwejitsch fragte: - -»Sie vermissen wohl den interessanten jungen Kornett, der in so -rührender Versunkenheit im Korridor auf und ab geht?« - -»Ja, diesen. Ruft ihn doch her, meine Herren!« - -»Er will nicht kommen.« - -»Was für Dummheiten! ... Er ist sonst ein so lieber junger Kamerad und -hat in der Wissenschaft des Trinkens und Kartenspiels schon so schöne -Fortschritte gezeigt; heute ist er uns aber plötzlich untreu geworden -und benimmt sich so dumm. Meine Herren, bringt ihn mit Gewalt her!« - -Viele protestierten, und es wurde die Meinung laut, daß Sascha -vielleicht tatsächlich krank sei. - -»Was euch nicht einfällt! Ich setze meinen Kopf ein, daß er einfach müde -ist oder den letzten großen Verlust noch nicht verschmerzen kann.« - -»Hat der Kornett viel verloren?« - -»Ja, in der letzten Zeit hat er immer Pech gehabt. Er war irgendwie -aufgeregt und verlor jeden Einsatz.« - -»Was Sie nicht sagen! So was kommt allerdings vor. Er sieht aber so aus, -wie wenn er weniger Unglück im Spiel als Unglück in der Liebe hätte.« - -»Haben Sie ihn denn gesehen?« - -»Gewiß. Ich habe sogar Gelegenheit gehabt, ihn mir sehr genau anzusehen. -Er ist so sehr in Gedanken versunken, daß er vorhin aus Versehen in mein -Zimmer statt in das seinige eintrat, mich auf dem Bette garnicht liegen -sah, direkt auf die Kommode zuging und etwas zu suchen begann. Ich -glaubte sogar, daß es ein Schlafwandler sei, und rief Marko herbei.« - -»Seltsam!« - -»Als Marko ihn fragte, was er bei mir zu suchen habe, verstand er im -ersten Augenblick garnicht, was man von ihm wollte. Und als er seinen -Irrtum einsah, wurde er furchtbar verlegen ... Ich gedachte der alten -Zeiten und sagte mir gleich: der muß eine Herzensaffaire haben!« - -»Ach, was, Herzensaffaire! Das wird wohl bald vergehen. Bei Ihnen in -Polen mißt man solchen Gefühlsduseleien viel zu viel Bedeutung bei; wir -Moskowiter sind aber ein rohes Volk.« - -»Ja, der junge Mann sieht aber gar nicht roh aus; im Gegenteil, er -scheint mir sehr empfindsam und furchtbar erregt.« - -»Er ist einfach müde, und unsere Lebensphilosophie lehrt, daß man in -einem solchen Falle Gewalt anwenden muß. Meine Herren, zwei von Ihnen -möchten hinausgehen und Sascha herbringen: soll er sich nur gegen die -Beschuldigung, daß er hoffnungslos verliebt sei, verteidigen.« - -Zwei Offiziere gingen in den Korridor und kamen mit Sascha zurück, auf -dessen jugendlichem Gesicht Müdigkeit, Verlegenheit und ein Lächeln -miteinander kämpften. - -Er sagte, er fühle sich tatsächlich unwohl, und es rege ihn auf, daß man -von ihm Rechenschaft fordere. Als man ihm im Scherz sagte, daß auch der -»fremde Herr« der Ansicht sei, es sei wohl eine Liebesaffaire im Spiele, -wurde Sascha plötzlich über und über rot, warf unserm Gast einen -unsagbar gehässigen Blick zu und rief erbost aus: - -»Unsinn!« - -Er bat um Erlaubnis, auf sein Zimmer zu gehen und sich schlafen zu -legen; wir erinnerten ihn aber daran, daß heute ein wichtiges Ereignis -bevorstehe, das wir alle gemeinsam begrüßen wollten; es sei daher -unstatthaft, die Gesellschaft zu verlassen. Als er vom »Ereignis« hörte, -erbleichte er wieder. - -Man sagte ihm: - -»Du darfst nicht fortgehen; trinke aber deinen Schnaps, und wenn du -nicht mitspielen willst, so ziehe deinen Rock aus und lege dich hier -aufs Sofa. Wenn dort das Kind zu schreien beginnt, werden wir es hier -hören und dich wecken.« - -Sascha gehorchte, jedoch nicht ganz; er trank seinen Schnaps, zog aber -den Rock nicht aus und legte sich nicht hin, sondern setzte sich in den -Schatten am Fenster, aus dem, da es nicht ganz dicht war, ein frischer -Hauch ins Zimmer zog, und begann auf die Straße hinauszuschauen. - -Ich weiß wirklich nicht, ob er auf jemand wartete, oder ob ihn -irgendetwas innerlich beunruhigte; jedenfalls blickte er unverwandt auf -die Straßenlaterne, die im Winde schwankte und flackerte, warf sich bald -in die Tiefe des Sessels zurück, und machte bald den Eindruck, wie wenn -er aufspringen und davonrennen wollte. - -Unser Gast, neben den ich zu sitzen kam, merkte, daß ich Sascha -beobachtete, und beobachtete ihn auch selbst. Ich mußte es seinen -Blicken anmerken und auch seinen höchst unpassenden Worten, die ich mein -Leben lang nicht vergessen werde: - -»Sind Sie mit dem jungen Kameraden gut befreundet?« - -Bei diesen Worten streifte er den niedergeschlagenen Sascha mit einem -schnellen Blick. - -»Selbstverständlich!« antwortete ich mit dem ganzen Eifer meiner Jugend, -die in dieser Frage eine allzu plumpe Vertraulichkeit erblickt hatte. - -Awgust Matwejitsch bemerkte meine Aufregung und drückte mir unter dem -Tisch stumm die Hand. Ich blickte sein hübsches, ruhiges Gesicht an und -mußte wieder an die gleichmütige englische Standuhr im langen Gehäuse -mit dem Grahamschen Werk denken. Jeder Zeiger bewegt sich in der ihm -vorgeschriebenen Richtung und registriert Stunden und Tage, Minuten und -Sekunden, die Phasen des Mondes und die Tierkreiszeichen, das -Zifferblatt aber ist kühl und teilnahmslos: die Uhr zeigt alles, merkt -sich alles und bleibt dabei selbst unveränderlich. - -Awgust Matwejitsch versöhnte mich durch seinen freundlichen Händedruck; -dann fuhr er fort: - -»Seien Sie mir nicht böse, junger Mann. Glauben Sie mir: ich will von -Ihrem Freund nichts Böses sagen, ich habe aber schon manches erlebt, und -sein Zustand flößt mir seltsame Gedanken ein ...« - -»Wie meinen Sie das?« - -»Sein Zustand erscheint mir ... wie soll ich es Ihnen sagen? .. -irgendwie verhängnisvoll ... Er rührt und beunruhigt mich.« - -»So, er beunruhigt Sie?« - -»Ja, er beunruhigt mich.« - -»Nun, ich kann Sie versichern, daß Ihre Unruhe grundlos ist. Ich kenne -alle Verhältnisse meines Freundes und bürge dafür, daß in ihnen nichts -enthalten ist, was seinen Lebensfaden verwirren oder zerreißen könnte.« - -»_Zerreißen!_« wiederholte er: »C'est le mot! Das ist das richtige Wort: -den Lebensfaden zerreißen!« - -Diese Worte machten auf mich einen unangenehmen Eindruck. Warum hatte -ich nur diesen Ausdruck gewählt, an den sich der Fremde gleich -festklammern konnte. - -Awgust Matwejitsch machte auf mich plötzlich den unangenehmsten -Eindruck, und ich blickte feindselig auf sein präzises Grahamsches -Zifferblatt. Ich sah darin etwas Harmonisches und zugleich Drückendes -und Unwiderstehliches. Das Werk läuft gleichmäßig, läßt in bestimmten -Abständen seine metallischen Schläge erklingen und läuft unverändert -weiter. Alles, was der Mann an hat, ist von erster Qualität ... Sein -Hemd ist unvergleichlich feiner und weißer als unsere Hemden, und unter -den weißen Manschetten leuchtet wie Blut eine rotseidene Jacke hervor. -Es sieht so aus, wie wenn er unter den Kleidern keine Haut am Leibe -hätte. Am Handgelenk trägt er aber ein goldenes Damenarmband, das bald -nach unten rutscht und bald wieder im Ärmel verschwindet. Ich lese -darauf den in polnischen Schriftzeichen gravierten russischen -Frauennamen »Olga«. - -Diese »Olga« erregt mein Mißfallen. Wer sie auch sei, -- seine Verwandte -oder seine Geliebte, -- ich muß mich über sie ärgern. - -Warum? Ich weiß es nicht. Es war wohl eine von den zahllosen Dummheiten, -die uns, niemand weiß woher, in den Sinn kommen, um »die Gedanken des -Sterblichen zu verwirren«. - -Ich will mich von der unangenehmen Wirkung des Wortes »zerreißen«, das -ich selbst zuerst gebraucht habe und dem er einen mir durchaus -unerwünschten Sinn unterschiebt, befreien und sage: - -»Es tut mir leid, daß ich mich so ausgedrückt habe; das von mir -gebrauchte Wort kann aber gar nicht die Bedeutung haben, die Sie ihm -beilegen. Mein Freund ist jung, vermögend, der einzige Sohn seiner -Eltern und der Liebling aller ...« - -»Ja, ja, und doch gefällt er mir nicht.« - -»Ich verstehe Sie nicht.« - -»Er ist doch sterblich?« - -»Selbstverständlich, wie Sie und ich, wie alle Menschen.« - -»Sehr richtig, von den andern Menschen weiß ich aber nichts, und von uns -beiden trägt keiner die verhängnisvollen Zeichen, die ich an ihm sehe.« - -»Was für verhängnisvolle Zeichen meinen Sie?« - -Ich lachte ziemlich unerzogen auf. - -»Warum lachen Sie darüber?« - -»Entschuldigen Sie, ich will wohl zugeben, daß mein Lachen unpassend -ist; versetzen Sie sich aber in meine Lage: wir betrachten beide das -gleiche Gesicht, und Sie erzählen mir, daß Sie darin etwas -Ungewöhnliches wahrnehmen, während ich darin nur das sehe, was ich immer -gesehen habe.« - -»Was Sie immer gesehen haben? Das kann nicht sein.« - -»Ich versichere Sie.« - -»Das hypokratische Gesicht!« - -»Das verstehe ich nicht.« - -»Sie verstehen es nicht? Es gibt doch einen solchen >agent psychique<!« - -»Ich verstehe es nicht,« sagte ich und fühlte zugleich, wie mir dieses -Wort irgendeine dumme Angst einjagte. - -»Agent psychique oder das hypokratische Gesicht ist ein unerklärliches, -seltsames Zeichen, das den Menschen längst bekannt ist. Diese unfaßbaren -Züge erscheinen auf den Gesichtern der Menschen nur in jenen -verhängnisvollen Augenblicken ihres Lebens, wenn sie eben im Begriff -sind, den großen Schritt in das Land zu zu machen, aus dem noch kein -Wanderer zurückgekehrt ist ... Die Schotten und die Hindus der Blauen -Berge haben für diese Züge einen besonders scharfen Blick.« - -»Waren Sie denn je in Schottland?« - -»Ja, ich habe dort die Landwirtschaft studiert; ich bin auch in Indien -gewesen.« - -»Und Sie behaupten, daß Sie diese verdammten Zeichen auf dem Gesicht -unseres guten Sascha sehen?« - -»Ja, wenn dieser junge Mann heute noch Sascha heißt, so wird er wohl -bald _anders_ heißen.« - -Ich fühlte mich plötzlich von einer namenlosen Angst erfaßt und war sehr -froh, daß in diesem Augenblick einer von unseren Offizieren, der schon -recht angeheitert war, auf mich zuging und fragte: - -»Was hast du? Worüber streitest du mit diesem Herrn?« - -Ich antwortete, daß wir uns gar nicht stritten, sondern uns nur über -sehr seltsame Dinge unterhielten. Und ich erzählte ihm kurz alles, -worüber ich eben mit dem Polen gesprochen hatte. - -Der Offizier, ein einfacher und entschlossener Bursche, warf einen Blick -auf Sascha und sagte: - -»Er sieht tatsächlich schlecht aus!« Darauf wandte er sich an Awgust -Matwejitsch und fragte ihn ziemlich barsch: - -»Was sind Sie eigentlich: ein Phrenologe oder ein Wahrsager?« - -Jener antwortete: - -»Ich bin weder Phrenologe noch Wahrsager.« - -»Sondern weiß der Teufel was?« - -»Ich bin auch nicht >weiß der Teufel was<!« erwiderte jener ruhig. - -»Was sind Sie dann: ein Zauberer?« - -»Auch kein Zauberer.« - -»Was denn?« - -»Mystiker.« - -»Ach so, Mystiker -- Whistiker! Sie lieben wohl Whist zu spielen. Solche -Mystiker kenne ich gut,« sagte der Offizier gedehnt. Obwohl er schon -ohnehin ordentlich betrunken war, wandte er sich wieder den Getränken -zu. - -Awgust Matwejitsch blickte ihm halb bedauernd und halb verachtungsvoll -nach. Die Zeiger auf seinem Zifferblatt hatten sich verschoben; er stand -auf und ging zu den Spielenden, die polnischen Verse Krasinskis vor sich -hinmurmelnd: - -»Ich will keinen Gott, ich will keinen Himmel ...« - -Mir wurde es plötzlich so unheimlich zumute, wie wenn ich mit dem -berühmten Zauberer Pan Twardowski gesprochen hätte. Um mir neuen Mut zu -machen, trat ich an den Tisch, auf dem die Schnäpse standen, und -unterhielt mich eine Weile mit dem Kameraden, der vorhin die Bedeutung -des Wortes Mystiker erläutert hatte. Und als ich nach einiger Zeit, wie -von einer Welle erfaßt, zum Kartentisch geworfen wurde, hielt der Pole -schon die Bank. - -Auf dem Tische vor ihm waren Riesensummen von Gewinnen und Verlusten -angekreidet, und alle Gesichter drückten Feindseligkeit gegen ihn aus, -die sich auch in allerlei dummen Bemerkungen äußerte. Die Situation -wurde von Augenblick zu Augenblick gespannter und drohte mit ernsten -Unannehmlichkeiten. - -Es erschien mir ganz unmöglich, daß die Sache ohne Unannehmlichkeiten -ablaufen könnte: ein böses Ende schien schon vom Schicksal beschieden. - - - - - VI - - -Als ich wieder am Kartentisch stand, bemerkte jemand, wie nebenbei zu -Awgust Matwejitsch, daß das Armband, das auf seinem Handgelenk hin und -herrutschte, ihm beim Bankhalten hinderlich sein müsse. Und er fügte dem -noch hinzu: - -»Vielleicht wäre es besser, wenn Sie diesen Frauenschmuck ablegten.« - -Awgust Matwejitsch bewahrte aber seine Ruhe und antwortete: - -»Es wäre allerdings besser, wenn ich ihn ablegen könnte, ich kann aber -Ihrem guten Rat nicht folgen: das Armband ist festgenietet.« - -»Ein seltsamer Einfall, einen Sklaven zu spielen!« - -»Warum auch nicht? Als Sklave fühlt man sich zuweilen gar nicht -schlecht.« - -»So! Das haben also auch die Polen schon eingesehen!« - -»Gewiß. Was mich betrifft, so habe ich vom ersten Tage an, an dem mir -die Begriffe des Guten, Wahren und Schönen verständlich geworden waren, -anerkannt, daß diese Ideale wert sind, über die Gefühle und den Willen -des Menschen zu herrschen.« - -»Wo finden Sie aber diese Ideale vereint?« - -»Natürlich nur im schönsten Geschöpfe Gottes -- im Weibe.« - -»Das den Namen Olga trägt,« scherzte jemand, nachdem er die Inschrift -auf dem Armband gelesen. - -»Ja, Sie haben es erraten: meine Frau heißt Olga. Es ist doch ein -schöner russischer Name, nicht wahr? Besonders, wenn man bedenkt, daß -die Russen ihn nicht wie die andern Dinge den Griechen entlehnt, sondern -schon in ihrer eigenen Umgangssprache vorrätig hatten.« - -»Sind Sie mit einer Russin verheiratet?« - -»Ich bin Witwer. Das Glück, dessen ich würdig befunden war, war zu groß -und zu vollständig, um dauernd zu sein. Ich finde aber auch heute noch -mein höchstes Glück in der Erinnerung an die Russin, die auch ihrerseits -ihr Glück an meiner Seite gefunden hatte.« - -Die Offiziere wechselten Blicke. Seine Antwort erschien ihnen irgendwie -doppelsinnig und verletzend. - -»Hol ihn der Teufel!« sagte jemand. »Will dieser Fremde damit vielleicht -sagen, daß die Herren Polen ganz besonders nett und ritterlich sind, so -daß jede Russin sich in sie verlieben muß?« - -Awgust Matwejitsch hatte das sicher gehört; er blickte sogar schweigend -auf denjenigen, der das gesagt hatte, lächelte und fuhr fort, mit der -größten Seelenruhe die Karten zu verteilen. Er machte die Sache durchaus -einwandfrei und korrekt. Die Pointierenden verfolgten mit der größten -Aufmerksamkeit alle seine Bewegungen, konnten aber nichts Verdächtiges -wahrnehmen. Jeder Verdacht wäre auch sinnlos gewesen, da Awgust -Matwejitsch viel verloren hatte. Gegen vier Uhr hatte er schon über -zweitausend Rubel bezahlt. Als er mit allen abgerechnet hatte, sagte er: - -»Wenn die Herren weiterspielen wollen, setze ich noch einen Tausender -ein.« - -Die Offiziere, die gewonnen hatten, hielten es für unschicklich, seinen -Vorschlag zurückzuweisen und erklärten sich bereit, weiter zu -pointieren. - -Einige wandten sich weg und sahen sich die Banknoten, die sie von Awgust -Matwejitsch erhalten hatten, genauer an. - -Alles stimmte: die Banknoten waren von zweifelloser Echtheit. - -»Ich muß aber bemerken, meine Herren,« sagte er, »daß ich keine -kleineren Noten einsetzen kann: ich habe sie alle ausgegeben. Ich habe -aber Scheine zu fünfhundert und zu tausend Rubel und möchte Sie bitten, -mir einige davon zu wechseln.« - -»Das läßt sich wohl machen,« antwortete man ihm. - -»In diesem Falle werde ich gleich die Ehre haben, Ihnen zwei größere -Scheine vorzulegen und Sie zu bitten, sie zu untersuchen und zu -wechseln.« - -Mit diesen Worten stand er auf, ging zu seinem Rock, der auf dem Sofa -neben dem geistesabwesenden Sascha lag, und begann in den Taschen zu -suchen. Das dauerte auffallend lange. Awgust Matwejitsch warf plötzlich -den Rock fort, griff sich mit der Hand an die Stirne, schwankte und fiel -beinahe um. - -Alle merkten diese Bewegung, und sie erschien so echt und ungekünstelt, -daß Awgust Matwejitsch in vielen lebhaftes Mitgefühl weckte. Zwei oder -drei Herren, die in seiner Nähe saßen, riefen teilnahmsvoll aus: »Was -haben Sie?« und beeilten sich, ihn zu stützen. - -Unser Gast war leichenblaß und ganz verändert. Ich sah zum erstenmal im -Leben, wie ein starker und sich beherrschender Mann, -- und für einen -solchen mußte ich den zu seinem eigenen und unserem Unglück in unseren -Kreis eingedrungenen fürstlichen Generalbevollmächtigten wohl halten, -- -vor großem und unerwartetem Kummer plötzlich alt und ganz verändert -wird. Das plötzliche Unglück zerknittert und zerdrückt den Menschen und -bearbeitet ihn wie die Wäscherin einen Lumpen so lange mit dem -Waschbläuel, bis es aus ihm alles herausgeklopft hat. Ich bin gar nicht -imstande, das Gesicht und die Blicke Awgust Matwejitschs zu beschreiben, -erinnere mich aber lebhaft an den Vergleich, der dem tiefen Ernst der -Situation gar nicht entsprach, der mir aber in den Sinn kam, als ich -mich mit den andern über ihn stürzte und ihm eine Kerze vors Gesicht -hielt. Dieser Vergleich bezog sich wiederum auf eine Uhr und ein -Zifferblatt, und zwar in einem höchst komischen Zusammenhange. - -Mein Vater war leidenschaftlicher Liebhaber alter Bilder. Er war immer -auf der Suche nach solchen Bildern, die er regelmäßig verdarb, indem er -die alte Lackschicht entfernte und sie mit neuem Lack überzog. Oft -bringt er so ein altes Bild heim, das eine gleichmäßige dunkle Fläche -darstellt, in der alle Farbtöne friedlich ineinander geflossen sind, so -daß man auf dem Bilde nichts erkennen kann; da fährt er aber mit einem -in Terpentin getauchten Schwamm darüber; der Lack wirft sich, schmutzige -Ströme fließen über das ganze Bild hin, und alle Farbtöne kommen in -Bewegung und Unordnung. Das Bild sieht plötzlich ganz verändert aus; -eigentlich hat es erst jetzt sein wahres, ungeschminktes Aussehen, das -vom Lack verdeckt war, wiedergewonnen. Ich erinnerte mich also, wie wir -Kinder einst den Vater nachahmen wollten und das Zifferblatt der Uhr in -unserem Kinderzimmer mit Terpentin abwuschen. Zu unserem Entsetzen sahen -wir, wie der auf dem Zifferblatte dargestellte schwarze Mann mit dem -Korbe, in dem die ungezogenen Kinder saßen, seine Umrisse verlor und wie -sein vorher so tapferes Gesicht plötzlich einen zweideutigen und -lächerlichen Ausdruck bekam. - -Dasselbe macht das Unglück mit den lebendigen, sogar sich beherrschenden -und oft stolzen Menschen. Das Unglück wäscht von ihm den Lack ab, und -plötzlich kommen alle trüben Farbtöne und alle Sprünge zum Vorschein. - -Unser Gast war aber stärker als mancher andere. Er beherrschte sich bald -wieder und sagte: - -»Entschuldigen Sie, meine Herren, es ist nichts ... Schenken Sie dem -bitte keine Beachtung und lassen Sie mich gehen. Mir ... mir ist -plötzlich schlecht: entschuldigen Sie mich, ich kann nicht weiter -spielen.« - -Awgust Matwejitsch wandte uns sein Gesicht zu, das ganz wie jenes -abgewaschene Zifferblatt aussah. Er bemühte sich aber, verbindlich zu -lächeln. Offenbar wollte er jeden Skandal vermeiden. In diesem -Augenblick provozierte ihn aber einer von den Unsrigen, der offenbar ein -Glas zuviel getrunken hatte: - -»War Ihnen vielleicht auch schon vorhin schlecht?« - -Der Pole erbleichte. - -»Nein,« sagte er mit erhobener Stimme, »nein, so schlecht war mir noch -nie. Wer sich etwas anderes denkt, ist im Irrtum ... Ich habe eine -unerwartete Entdeckung gemacht ... ich habe einen triftigen Grund, nicht -weiter zu spielen, und verstehe wirklich nicht, was Sie von mir wollen!« - -Nun begannen alle durcheinander zu reden: - -»Wie meint er das? Niemand will von Ihnen was, verehrter Herr! Es wäre -aber immerhin interessant, zu erfahren, was für eine Entdeckung Sie in -unserem Kreise gemacht haben!« - -»Gar keine.« antwortete der Pole. Er dankte mit einem Kopfnicken den -Offizieren, die ihn im Augenblick des plötzlichen Schwächeanfalls -gestützt hatten, und fügte hinzu: »Meine Herren, Sie kennen mich ja -nicht, die Aussage des Kellners über meine Reputation darf Ihnen nicht -genügen. Darum halte ich es für unmöglich, dieses Gespräch fortzusetzen -und möchte mich von Ihnen verabschieden.« - -Man hielt ihn aber zurück: - -»Erlauben Sie einmal,« sagte man ihm, »das geht doch nicht!« - -»Ich weiß nicht, warum das nicht gehen sollte. Ich habe meine -Spielschuld bezahlt, möchte nicht weiter spielen und bitte Sie, mir zu -gestatten, Ihre Gesellschaft verlassen zu dürfen.« - -»Wir sprechen nicht von der Bezahlung!« - -»Ja, nicht von der Bezahlung!« - -»Wovon denn? Ich frage, was Sie wollen, und Sie antworten, daß Sie von -mir nichts wollen. Ich will mich schweigend zurückziehen, und Sie sind -auch damit unzufrieden ... Hol's der Teufel, was ist eigentlich los?« - -Nun ging auf ihn einer der älteren Rittmeister zu, ein >in Schlachten -ergrauter Kamerad<, ein vielerfahrener Mann, der schon manchen -Zusammenstoß am Kartentische erlebt hatte, und sagte: - -»Verehrter Herr! Gestatten Sie, daß ich mich mit Ihnen im Namen aller -auseinandersetze.« - -»Sehr gern, obwohl ich gar nicht einsehe, worüber wir uns -auseinanderzusetzen haben.« - -»Ich will Ihnen gleich alles erklären.« - -»Bitte sehr.« - -»Verehrter Herr, meine Kameraden und ich kennen Sie tatsächlich nicht; -wir haben Sie aber mit russischer Zutraulichkeit in unsere Gesellschaft -aufgenommen. Es gelang Ihnen nicht, zu verheimlichen, daß Sie eben etwas -Unerwartetes erlebt haben. Und zwar in unserem Kreise ... Sie haben -vorhin den Ausdruck >Reputation< gebraucht. Auch wir haben unsere -Reputation, hol's der Teufel ... Jawohl! Wir vertrauen Ihnen, müssen Sie -aber bitten, auch unserer Ehrlichkeit zu vertrauen.« - -»Sehr gerne,« unterbrach ihn der Pole, »sehr gerne!« Und er streckte ihm -seine Hand entgegen. Der Rittmeister schien es aber nicht zu sehen und -fuhr fort: - -»Ich setze meinen Kopf und meine Hand dafür ein, daß Sie hier nicht die -geringsten Unannehmlichkeiten zu gewärtigen haben und daß jeder, der es -wagt, Sie, und wenn auch nur durch eine entfernte Andeutung, zu -verletzen, in mir Ihren Verteidiger finden wird. Wir dürfen aber die -Sache nicht als erledigt betrachten. Ihr Benehmen erscheint uns -sonderbar, und ich bitte Sie im Namen aller Anwesenden, sich zu -beruhigen und uns ernsthaft zu erklären, ob Sie sich tatsächlich unwohl -fühlten oder ob Sie etwas Unerwartetes entdeckt haben. Wir bitten Sie, -uns diese Frage in einem Worte und ganz aufrichtig zu beantworten.« - -Alle fielen ihm ins Wort: »Ja, wir bitten, wir bitten!« Die Bewegung war -eine allgemeine. Nur Sascha allein nahm an ihr nicht teil: er verharrte -nach wie vor in seiner dummen Versunkenheit. Aber auch er erhob sich von -seinem Platz, sagte »Wie ekelhaft!« und wandte sich mit dem Gesicht zum -Fenster. - -Der Pole aber, den wir so bedrängten, verlor seine Selbstbeherrschung -nicht. Im Gegenteil, er nahm eine noch stolzere Haltung an und sagte: - -»Meine Herren, in diesem Falle muß ich Sie um Verzeihung bitten. Ich -wollte nichts sagen und alles in meinem Herzen tragen. Wenn Sie mich -aber unter Berufung auf meine Ehre herausfordern, Ihnen zu sagen, was -ich vorhin gehabt habe, so muß ich als Ehrenmann und Adliger ...« - -Jemand, der sich nicht beherrschen konnte, rief dazwischen: - -»Er redet mir zu viel von Ehre!« - -Der Rittmeister warf einen zornigen Blick in die Richtung, aus der -dieser Zwischenruf gekommen war, und Awgust Matwejitsch fuhr fort: - -»Als Ehrenmann und Adliger muß ich Ihnen, meine Herren, sagen, daß ich -außer der Summe, die ich im Kartenspiel verloren, in meiner Brieftasche -noch zwölftausend Rubel in Banknoten zu tausend und zu fünfhundert Rubel -gehabt habe.« - -»Haben Sie das Geld bei sich gehabt?« fragte der Rittmeister. - -»Ja, bei mir.« - -»Sie können sich daran genau erinnern?« - -»Ja, ganz genau.« - -»Und jetzt ist das Geld fort?« - -»Ja, Sie haben es erraten: es ist fort.« - -Der betrunkene Offizier rief wieder dazwischen: - -»War denn das Geld auch wirklich da?« - -Der Rittmeister sagte aber noch strenger: - -»Ich bitte zu schweigen! Der Herr, den wir vor uns haben, wird sich -nicht unterstehen, uns anzulügen. Er weiß, daß man mit solchen Dingen in -anständiger Gesellschaft nicht scherzt: solche Späße können einem leicht -das Leben kosten. Daß wir aber wirklich anständige Menschen sind, müssen -wir erst durch die Tat beweisen. Meine Herren, niemand rührt sich von -seinem Platz, und ich bitte Sie, Leutnant soundso, und Sie, und auch Sie -(er nannte die Namen dreier Kameraden), sofort alle Türen abzuschließen -und die Schlüssel hier an sichtbarer Stelle niederzulegen. Der Erste, -der den Versuch macht, das Zimmer zu verlassen, wird es mit seinem Leben -büßen. Ich hoffe aber, meine Herren, daß es niemand versuchen wird. -Niemand wagt daran zu zweifeln, daß wir mit dem Verlust, von dem der -fremde Herr spricht, nichts zu tun haben; aber das muß erst bewiesen -werden.« - -»Ja, ja, gewiß!« bestätigten die Offiziere. - -»Und wenn das einmal bewiesen ist, so wird sofort der zweite Akt -beginnen. Jetzt aber müssen wir, um unsere Ehre und unseren Stolz zu -wahren, diesem Herrn gestatten, uns einer genauen Leibesvisitation zu -unterziehen.« - -»Ja, soll er uns nur durchsuchen!« riefen die Offiziere. - -»Und zwar bis aufs Hemd!« sagte der Rittmeister. - -»Ja, bis aufs Hemd!« - -»Wir werden uns nun der Reihe nach vor diesem Herrn vollständig -entkleiden. Ein jeder soll ganz nackt, wie er aus dem Mutterleibe -hervorgegangen ist, vor ihn treten, und der Herr soll einen jeden -eigenhändig durchsuchen. Ich bin hier der Älteste an Jahren und im Range -und will mich als erster dieser Durchsuchung unterziehen, die für einen -Ehrenmann nichts Ehrenrühriges ist. Ich bitte Sie alle, etwas -zurückzutreten und sich in eine Reihe aufzustellen. Und nun entkleide -ich mich.« - -Er begann in großer Hast alle Kleidungsstücke von sich zu werfen und zog -selbst die Socken aus. Als er ganz nackt war, legte er alle Sachen dem -fürstlichen Generalbevollmächtigten vor die Füße, hob die Arme und -sagte: - -»So stehe ich vor Ihnen wie ein Rekrut vor der Kommission. Wollen Sie -mich durchsuchen.« - -Awgust Matwejitsch weigerte sich mit der durchaus stichhaltigen -Begründung, daß er keinerlei Verdacht ausgesprochen und diese -Untersuchung nicht verlangt habe. - -»Nein, auf solche Scherze lassen wir uns nicht ein!« sagte der -Rittmeister, vor Wut ganz rot werdend und mit den bloßen Fersen -stampfend. »Jetzt ist es zu spät, mein Herr, den Großmütigen zu spielen -... Ich habe mich nicht zum Spaß vor Ihnen entkleidet ... Ich bitte Sie, -meine Sachen genau zu durchsuchen. Sonst erschlage ich Sie, nackt wie -ich bin, augenblicklich mit diesem Stuhl!« - -Und er ergriff mit seiner behaarten Hand den schweren Stuhl und schwang -ihn über dem Kopfe des Polen. - - - - - VII - - -Awgust Matwejitsch beugte sich mit Widerstreben über die auf dem -Fußboden ausgebreiteten Sachen des Rittmeisters und tat, wie wenn er sie -durchsuchte. - -Die nackten Fersen stampften noch wütender, und zugleich zischte eine -erstickte Stimme: - -»Nicht so durchsucht man die Sachen! Nicht so! Haltet mich, sonst stürze -ich mich auf ihn und erwürge ihn, wenn er es nicht ordentlich macht!« - -Der Rittmeister war buchstäblich außer sich vor Zorn und bebte so, daß -selbst das üppige schwarze Moos unter seinen muskulösen Armen, die er -krampfhaft über dem Kopfe hielt, zitterte. - -Der Pole ließ sich aber nicht einschüchtern. Er streifte mit einem -ruhigen Blick das von Wut entstellte Gesicht und die Achselhöhlen des -Rittmeisters, in denen sich zwei schwarze Ratten zu regen schienen, und -sagte: - -»Sehr schön. Ich bin zwar fest überzeugt, daß Sie ein Ehrenmann sind; da -Sie aber darauf bestehen, will ich Sie wie einen Dieb durchsuchen.« - -»Ja, hol mich der Teufel, ich bin ein Ehrenmann, und bestehe darauf, daß -Sie mich wie _einen Dieb_ durchsuchen!« - -Awgust Matwejitsch durchsuchte ihn und fand selbstverständlich nichts. - -»Nun bin ich also von jedem Verdacht rein,« sagte der Rittmeister. -»Wollen jetzt die anderen Herren meinem Beispiele folgen.« - -Ein zweiter Offizier entkleidete sich, und Awgust Matwejitsch -durchsuchte ihn auf die gleiche Weise. Dann kam der dritte an die Reihe, -und so unterzogen wir uns alle der Durchsuchung. Sascha allein war noch -nicht durchsucht, und gerade in dem Augenblick, als die Reihe an ihn -kommen sollte, wurde heftig an die Zimmertür geklopft. - -Wir alle fuhren zusammen. - -»Niemand darf herein!« kommandierte der Rittmeister. Man klopfte aber -noch heftiger. - -»Wen bringt der Teufel her? Wir dürfen niemand hereinlassen, solange -diese schmachvolle Sache nicht erledigt ist. Wer es auch sei, jagt ihn -zum Teufel!« - -Es wurde wieder geklopft, und wir hörten zugleich eine wohlbekannte -Stimme: - -»Wollen Sie mich einlassen. Ich bin es.« - -Es war die Stimme unseres Obersten. - --- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -Die Offiziere wechselten Blicke. - -»Machen Sie auf, meine Herren!« wiederholte der Oberst. - -Die Türe wurde aufgemacht, und der nicht sehr beliebte Kommandeur trat -wie ein Kamerad in unsere Mitte. Auf seinem Gesicht leuchtete ein -freundliches Lächeln, das er nur sehr selten sehen ließ. - -»Meine Herren!« begann er, noch ehe er sich im Zimmer umgesehen hatte. -»Bei mir zu Hause steht alles gut. Nach den aufreibenden Augenblicken, -die ich eben durchlebt habe, wollte ich etwas frische Luft atmen. Und da -ich Ihren kameradschaftlichen Wunsch, meine Freude zu teilen, kenne, bin -ich zu Ihnen gekommen, um Ihnen persönlich mitzuteilen, daß Gott mir ein -Töchterchen geschenkt hat.« - -Wir gratulierten ihm, unsere Gratulation klang aber natürlich nicht so -lebhaft und freudig, wie es der Oberst, der von unseren Vorbereitungen -gehört hatte, zu erwarten berechtigt war. Das fiel ihm gleich auf. Er -sah sich mit seinen gelben Augen im Zimmer um und richtete sie auf den -Fremden. - -»Wer ist der Herr?« fragte er leise. - -Der Rittmeister antwortete ihm noch leiser und erzählte kurz die ganze -unangenehme Geschichte. - -»Wie ekelhaft!« rief der Oberst. »Wie ist nun die Sache ausgegangen, -oder ist sie noch immer nicht zu Ende?« - -»Wir zwangen ihn, uns alle zu durchsuchen, und bei Ihrem Erscheinen -blieb nur noch der Kornett N. undurchsucht.« - -»Machen Sie ein Ende!« sagte der Oberst, sich auf einen Stuhl in der -Mitte des Zimmers setzend. - -»Kornett N., wollen Sie sich entkleiden!« kommandierte der Rittmeister. - -Sascha, der, die Arme auf der Brust gekreuzt, am Fenster stand, -antwortete nichts und rührte sich nicht. - -»Hören Sie denn nicht, Kornett?« wandte sich der Oberst an ihn. - -Sascha rührte sich nun von seinem Platz und antwortete: - -»Herr Oberst und meine Herren Offiziere, ich schwöre bei meiner Ehre, -daß ich das Geld nicht gestohlen habe ...« - -»Pfui, wozu dieses Schwören!« entgegnete der Oberst. »Alle sind hier -über jeden Verdacht erhaben; wenn aber Ihre Kameraden einmal beschlossen -haben, sich der Durchsuchung zu unterziehen, so müssen auch Sie sich dem -fügen. Dieser Herr soll Sie nun gleich in Gegenwart aller durchsuchen, -und dann beginnt der zweite Akt.« - -»_Ich kann es nicht._« - -»Was ... Was können Sie nicht?« - -»Ich habe das Geld nicht gestohlen, ich will mich aber nicht durchsuchen -lassen!« - -Es erhob sich ein unzufriedenes Geflüster, und alle gerieten in -Bewegung. - -»Was soll das heißen? Es ist einfach dumm ... Warum wollen Sie sich -nicht durchsuchen lassen?« - -»Ich kann es nicht.« - -»Sie _müssen_! Sie müssen einsehen, daß Ihr Trotz den für uns alle -erniedrigenden Verdacht verstärkt ... Wenn Sie auf Ihre eigene Ehre -keinen Wert legen, so muß Ihnen doch die Ehre Ihrer Kameraden teuer -sein, die Ehre des Regiments und der Uniform! Wir alle verlangen von -Ihnen, daß Sie sich augenblicklich entkleiden und sich durchsuchen -lassen ... Und da Ihr Benehmen den Verdacht bereits verstärkt hat, so -freuen wir uns alle, daß Sie in Gegenwart des Obersten durchsucht werden -können ... Wollen Sie sich augenblicklich entkleiden.« - -»Meine Herren!« sagte der Jüngling, der nun leichenblaß geworden und mit -kaltem Schweiß bedeckt war. »Ich habe das Geld nicht genommen ... Ich -schwöre es Ihnen bei meinen Eltern, die ich über alles in der Welt liebe -... Ich habe das Geld dieses Herrn nicht! Ich werde sofort dieses -Fenster einschlagen und mich hinausstürzen, werde mich aber um nichts in -der Welt ausziehen, das verlangt meine Ehre!« - -»Was für eine Ehre?! Was für eine Ehre steht über der Ehre des Regiments -und der Uniform? Wessen Ehre ist es?« - -»Ich sage Ihnen kein Wort mehr, werde mich aber nicht ausziehen. Ich -habe in der Tasche eine Pistole und mache Sie darauf aufmerksam, daß ich -einen jeden niederschieße, der Gewalt gegen mich anzuwenden versucht!« - -Als der Jüngling das sagte, wurde er bald blaß und bald feuerrot; er -keuchte und sah mit irren Blicken auf die Türe; sein einziger Wunsch -war, sich von hier herauszureißen; man hörte, wie er in der Tasche -seiner Reithose den Hahn seiner Pistole spannte. - -Sascha war mit einem Wort ganz außer sich. Seine Ekstase machte alle -weiteren Einwände unmöglich und stimmte uns alle nachdenklich. - -Der Pole zeigte als erster große und selbst rührende Teilnahme. Seine -isolierte und daher sehr unvorteilhafte Stellung in unserem Kreise -gänzlich außer Acht lassend, rief er voller Entsetzen, das seltsam -ansteckend wirkte: - -»Fluch über diesen Tag und dieses Geld! Ich will es nicht mehr, ich -suche es nicht mehr, ich beklage es nicht mehr, ich werde niemals und -niemand von diesem Verlust auch nur ein Wort sagen. Aber ich beschwöre -Sie beim Gott Zebaoth, der Sie alle erschaffen hat, beim Heiland, der -für Recht und Wahrheit ans Kreuz geschlagen wurde, bei Allem, was Ihnen -wert und teuer ist, lassen Sie von diesem _Knaben_ ab ...« - -Ja, er sagte »Knaben« und nicht »Jüngling«. Plötzlich fügte er mit einer -gänzlich veränderten, aus der tiefsten Tiefe der Seele dringenden Stimme -hinzu: - -»Beschleunigen Sie den Gang des Schicksals nicht ... Sehen Sie denn -nicht, wohin er geht? ...« - -Sascha ging oder schlich vielmehr tatsächlich an den Offizieren vorbei -auf die Türe zu. - -Der Oberst verfolgte ihn mit seinen gelben Augen und sagte: - -»Soll er nur gehen ...« - -Dann fügte er leise hinzu: - -»Ich glaube, ich fange etwas zu verstehen an.« - -Als Sascha die Schwelle erreicht hatte, wandte er sich zu allen um und -sagte: - -»Meine Herren! Ich weiß wohl, wie schwer ich Sie beleidigt habe und wie -niedrig meine Handlung Ihnen erscheinen muß. Verzeihen Sie mir ...! Ich -konnte nicht anders ... Es ist mein Geheimnis ... Verzeihen Sie ... So -verlangt es die Ehre ...« - -Seine Stimme bebte wie vor kindlichen Tränen. Er schämte sich ihrer, -bedeckte die Augen mit der Hand, rief: »Lebt wohl!« und stürzte hinaus. - - - - - VIII - - -Es ist sehr schwer, Ereignisse wie dieses gleichgültigen Zuhörern zu -schildern, wenn man auch selbst nicht mehr so erregt ist, wie man es -seinerzeit war. Jetzt, da ich Ihnen erzählen muß, was weiter geschah, -fühle ich, daß ich es unmöglich mit jener Lebendigkeit, Kompaktheit und -Intensität wiedergeben kann, mit der die Ereignisse sich damals -überstürzten und sich aufeinander türmten, um gleichsam von einer -schicksalsschweren Höhe auf die Unzulänglichkeit der menschlichen -Vernunft herabzublicken und sich gleich wieder in der Natur aufzulösen. - -Wenn Sie die Berichte Jacolios oder unserer Landsmännin Rada-Bay gelesen -haben, so wissen Sie vielleicht noch, was sie von der »psychischen -Kraft« der Hindus und von der Abhängigkeit dieser Kraft von der -»geistigen Stimmung« erzählen. Die psychische Kraft wohnt vielleicht -auch dem Stutzer inne, der, das Stöckchen schwingend, durch die Straßen -flaniert und »Nun sind wir da, nun sind wir da!« aus dem »Orpheus« -singt. Nun versuche aber einer zu ergründen, wo in ihm diese Kraft -steckt und worauf sie sich anwenden läßt. Der Prediger Salomo erläutert -es trefflich am Beispiele des Schattens, den der Baum in der Richtung -des auf ihn fallenden Lichtes wirft ... Bei einer allgemeinen Panik -verlieren alle den Kopf und halten das Nebensächlichste für das -Wichtigste; ein einziger anders gestimmter Blick sieht aber in diesem -Moment das einzig Wichtige: da haben Sie einen Fall der »psychischen -Kraft«. - -Ein winziges Teilchen dieser Kraft durchzuckte mich in dem Augenblick, -als Sascha aus dem Zimmer stürzte. In seiner Bewegung, in seinem -plötzlichen Sprung war etwas Schreckliches: er war nicht einfach -weggelaufen, er hatte sich von uns losgerissen, war uns sozusagen auf -Nimmerwiedersehen entschwebt ... Wir hörten sogar seine Schritte nicht, -es war nur ein leises Rauschen durch den Korridor ... Der Pole stürzte -ihm augenblicklich nach ... Wir glaubten, daß er ihn einholen und des -Diebstahls überführen wolle; ich habe Ihnen schon erzählt, daß Sascha -vorher das Unglück gehabt hatte, aus Versehen in das Zimmer des Polen -einzudringen, was diesem das Recht gab, seinen Verdacht gerade auf ihn -zu richten. Übrigens waren wir alle davon überzeugt, daß der Pole das -Geld tatsächlich gehabt hatte und daß es ihm in unserem Kreise abhanden -gekommen war. Mehrere Offiziere stürzten zur Türe, um Awgust Matwejitsch -den Weg zu versperren, und der Oberst rief ihm zu: - -»Sie bleiben hier! Ihr Geld wird Ihnen ersetzt werden!« - -Der Pole aber stieß die Offiziere mit unerwarteter Kraft zurück und -antwortete dem Obersten: - -»Der Teufel soll das Geld holen!« Und lief Sascha nach. - -Jetzt erst sahen wir den unverzeihlichen Fehler ein, den wir vorhin -gemacht hatten, als wir uns selbst durchsuchen ließen und dasselbe nicht -auch vom Polen, der diese ganze Geschichte verschuldet hatte, -verlangten. Wir stürzten ihm nach, um ihn zu packen und ihm die -Möglichkeit zu nehmen, das Geld irgendwo zu verstecken und uns hinterher -zu beschuldigen; aber in diesem selben Augenblick, -- es ging viel -schneller, als ich es Ihnen erzähle, -- erklang im Korridor etwas wie -Händeklatschen ... - -Uns durchzuckte der Gedanke, daß der Pole Sascha ins Gesicht geschlagen -hatte, und wir eilten unserem Kameraden zu Hilfe. Die Hilfe war aber -unnötig ... - -In der Türe vor uns stand schwankend die lange, an eine Standuhr -gemahnende Gestalt Awgust Matwejitschs mit dem Grahamschen Zifferblatt, -dessen Zeiger nach unten wiesen ... - -»Es ist zu spät ...« keuchte er: »_er hat sich erschossen_.« - - - - - IX - - -Wir drängten uns in Saschas kleines Zimmer und sahen ein erschütterndes -Bild: mitten im Zimmer stand, von einer niedergebrannten Kerze -beleuchtet, Saschas erschrockener Bursche und hielt ihn in seinen Armen, -während Saschas Kopf auf seiner Schulter ruhte. Die Arme hingen kraftlos -herab, aber die eingeknickten Kniee zuckten noch, wie wenn man ihn -kitzelte. - -Die Geschichte mit dem Geld, die dies alles verschuldet, die sich -jedenfalls zur rechten Zeit abgespielt hatte, um dem Erscheinen der -»hypokratischen Züge« auf dem jugendlichen Gesicht des armen Sascha eine -Begründung zu geben, war nun vergessen ... Auch die Angst vor einem -Skandal war völlig in den Hintergrund getreten. Wir legten den -Verwundeten aufs Bett, schickten nach Ärzten und bemühten uns, ihm, dem -nichts mehr helfen konnte, Hilfe zu bringen ... Wir versuchten das Blut, -das unaufhörlich aus der Wunde strömte, zu stillen, riefen ihn bei -seinem Namen und schrien ihm ins Ohr: »Sascha! Sascha! Lieber Sascha!« -Er hörte aber wohl nichts mehr; er erlosch und erkaltete und lag nach -einer Minute auf seinem Bett so steif und unbeweglich wie ein Bleistift. - -Viele weinten, und der Bursche schluchzte laut ... Der Zimmerkellner -Marko drängte sich zu der Leiche vor und sagte leise, seiner religiösen -Stimmung treu: - -»Meine Herren, man darf nicht weinen, wenn eine Seele den Körper -verläßt. Beten Sie doch lieber!« Mit diesen Worten schob er uns etwas -zur Seite und stellte auf den Tisch einen Teller mit reinem Wasser. - -»Was ist das?« fragten wir ihn. - -»Wasser«, antwortete er. - -»Wozu?« - -»Damit seine Seele sich darin wäscht.« - -Marko legte die Leiche ordentlich auf den Rücken und drückte ihr die -Augenlider zu ... - -Wir alle bekreuzigten uns und weinten. Der Bursche fiel in die Kniee und -schlug mit der Stirne gegen den Fußboden, daß man es hörte. - -Zwei Ärzte -- unser Regimentsarzt und einer von der Polizei -- kamen -gelaufen und konstatierten »die Tatsache des Todes«. - -Sascha war tot ... - -Wer oder was war die Ursache seines Selbstmordes? Wo ist das Geld, wer -ist der Dieb, der es genommen hat? Wie wird sich diese Geschichte, die -wie der Inhalt eines aufgeschnittenen Daunenkissens durch die Luft -wirbelte und an uns allen kleben blieb, weiter entwickeln? - -Allen war es ganz wirr im Kopfe. Die Leiche hatte aber doch die Kraft, -alle Gedanken auf sich zu lenken und uns zu zwingen, sich in erster -Linie mit ihr zu befassen. - -In Saschas Zimmer erschienen Polizeibeamte, Ärzte und Heilgehilfen, und -man begann ein Protokoll aufzunehmen. Unsere Gegenwart wurde als störend -befunden, und man ersuchte uns, das Zimmer zu verlassen. Man entkleidete -Sascha und durchsuchte seine Sachen in Gegenwart von Zeugen, unter denen -sich der Zimmerkellner Marko, unser Regimentsarzt und einer der -Offiziere als Delegierter befanden. Das Geld wurde selbstverständlich -nicht gefunden. - -Unter dem Tische fand man die Pistole und auf dem Tische einen Zettel, -auf dem Sascha mit flüchtiger Schrift hingekritzelt hatte: »Papa und -Mama, verzeiht mir, ich bin unschuldig.« - -Um dieses zu schreiben, hatte er wohl kaum mehr als zwei Sekunden -gebraucht. - -Der Bursche, der Zeuge des Selbstmordes gewesen war, erzählte, daß -Sascha, gleich als er in sein Zimmer hereingestürzt war, stehend diese -Zeilen geschrieben, sich dann die Kugel ins Herz gejagt hatte und -sterbend in seine Arme gefallen war. - -Der Soldat wiederholte diesen Bericht einige Male in der gleichen -Fassung allen, die ihn ausfragten. Dann stand er schweigend da und -zwinkerte mit den Augen. Als aber Awgust Matwejitsch auf ihn zuging, ihm -in die Augen blickte und ihn nach weiteren Einzelheiten ausfragen -wollte, wandte sich der Bursche an den Rittmeister und sagte: - -»Herr Rittmeister, erlauben Sie, daß ich hinausgehe und mich wasche: an -meinen Händen ist Christenblut.« - -Man erlaubte es ihm, weil er tatsächlich über und über mit Blut befleckt -war, was einen schrecklichen Anblick bot. - -Das alles spielte sich bei Tagesanbruch ab; der Himmel rötete sich -schon, und das erste Morgenlicht drang durch die Fenster herein. - -In den von den Offizieren bewohnten Zimmern standen alle Türen nach dem -Korridor offen, und überall brannte Licht. Einige Offiziere saßen mit -gesenkten Köpfen ganz fassungslos in ihren Zimmern. Alle sahen mehr wie -Mumien als wie lebende Menschen aus. Der Rausch hatte sich wie ein Nebel -verflüchtigt, ohne auch eine Spur zu hinterlassen ... Alle Gesichter -drückten Verzweiflung und Trauer aus ... - -Der arme Sascha! Wenn sein Geist sich noch für die irdischen Dinge -interessieren könnte, so würde er sicher einen Trost darin finden, daß -alle mit solcher Liebe an ihm hingen und daß es allen so weh tat, ihn, -den blühenden und lebensvollen Jüngling zu überleben! - -Auf ihm lastete aber ein Verdacht ... ein schrecklicher, schändlicher -Verdacht. Wer würde es aber jetzt wagen, von diesem Verdacht zu seinen -alten Kameraden zu sprechen, über deren bekümmerte Gesichter die Tränen -rollten? ... - -»Sascha! Sascha! Armer junger Sascha! Was hast du getan?« flüsterten -alle Lippen, und plötzlich standen alle Herzen still, und ein jeder von -uns fragte sich: »Bist du nicht auch selbst schuld daran? Hast du nicht -gesehen, in welcher Verfassung er war? Hast du auf deine Kameraden -einzuwirken versucht, daß sie ihn in Ruhe ließen? Hast du ihnen gesagt, -daß du ihm vertraust und die Unantastbarkeit seines Geheimnisses -achtest? Sascha! Armer Sascha! Was ist das für ein Geheimnis, das ihn -zugrunde gerichtet hat, das er ins Jenseits mitgenommen hat? ... Er ist -natürlich rein und von jedem schmählichen Verdacht frei ... Fluch über -den, der ihn in den Tod getrieben hat!« - -Wer hat es aber getan? - - - - - X - - -Awgust Matwejitschs Türe stand ebenso offen wie die Türen aller -Offizierszimmer; es brannte aber darin kein Licht, und im blassen -Morgenscheine konnte man nur einen eleganten Reisekoffer und anderes -Gepäck unterscheiden. In einer Ecke stand das leicht aufgewühlte Bett. - -Wenn man an diesem Zimmer vorbeiging, hatte man den Wunsch, stehen zu -bleiben und einen Blick hineinzuwerfen: Was birgt dieses Zimmer? Woher -und wofür ist dieses Unglück über uns gekommen? - -Mich zog es hin, nachzuschauen, ob das verschwundene Geld nicht in -diesem Zimmer sei: hat nicht der Pole selbst das Geld in seinem Zimmer -vergessen und dann diese ganze Geschichte inszeniert, die uns so viel -Unannehmlichkeiten und den Verlust unseres schönen, jungen Kameraden -gekostet hat? Ich war schon bereit, in das Zimmer einzudringen und es zu -durchsuchen; glücklicherweise wurde ich aber rechtzeitig gestört. - -Aus dem Ende des Korridors, wo sich das große Zimmer befand, in dem -nachts gespielt und gezecht wurde, riefen mir in diesem Augenblick -mehrere Stimmen zu: - -»Wohin? Wohin? .. Diese Dummheit fehlt uns noch gerade!« - -Ich fühlte mich auf einmal verlegen und entmutigt. Ich sah plötzlich -ein, wie leichtsinnig mein Vorhaben war und wie leicht ich in den -Verdacht kommen könnte, in diese Sache irgendwie verwickelt zu sein. - -Ich bekreuzigte mich und ging mit raschen Schritten auf die Stimmen zu, -die mich von meinem Vorhaben abgebracht hatten. - -Vor dem noch finstern, nach Norden gehenden Korridorfenster saßen auf -der mit einer schmutzigen Pferdedecke bedeckten Bank, die dem Burschen -des Rittmeisters als Lager diente, drei Offiziere und unser -Regimentspfarrer. Der Pfarrer trug sein langes Haar zum Zopf geflochten -und hatte einen üppigen blonden Vollbart, dem er den Namen »Vater -Barbarossa« verdankte. Er war sehr gutmütig, nahm sich alle unsere -Regimentsaffären zu Herzen, drückte aber seine Gefühle nicht durch -Worte, sondern nur durch ein vielsagendes Kopfnicken und ein gedehntes -»Ja« aus. Nur in den dringendsten Fällen sprach er etwas mehr und zeigte -dann immer Geistesgegenwart und Findigkeit. - -Die drei Offiziere und der Pfarrer rauchten abwechselnd aus zwei -Pfeifen. Der Pfarrer saß in der Mitte der Gruppe und bekam daher die -Pfeife wie von rechts, so auch von links gereicht; auf diese Weise hatte -er vom Rauchen den doppelten Genuß, den er außerdem noch auf die Weise -vergrößerte, daß er nach jedem Zug aus der Pfeife sich das Gesicht mit -dem herrlichen Vollbart bedeckte und den Rauch ganz langsam durch diesen -eigenartigen Respirator hinausließ. - -Diese guten Menschen saßen auf ihrer Bank nahe bei dem Zimmer des -Rittmeisters, das jetzt abgesperrt war; drinnen wurde lebhaft, aber -gedämpft gesprochen. Man hörte mehrere Stimmen, konnte aber kein -einziges Wort unterscheiden. - -Hinter der verschlossenen Tür befanden sich unser Regimentskommandeur, -der Rittmeister und der Urheber des ganzen Unglücks -- Awgust -Matwejitsch. Der Oberst selbst hatte die beiden Herren zu dieser -Besprechung eingeladen, niemand wußte aber, was er von ihnen wollte. Die -drei Offiziere und der Pfarrer hatten aus eigenem Antriebe den Posten in -der Nähe des Zimmers bezogen, um den Kameraden zur Hilfe eilen zu -können, wenn die Auseinandersetzung sich zuspitzen sollte. - -Diese Befürchtungen erwiesen sich aber als grundlos: das Gespräch wurde, -wie gesagt, in höchst anständiger Form geführt; der Ton wurde immer -weicher und klang zuletzt durchaus freundschaftlich und herzlich. Dann -hörten wir, wie die Stühle zurückgeschoben wurden und wie zwei Herren -sich der Türe näherten. - -Der Schlüssel wurde umgedreht, und in der offenen Tür erschienen der -Regimentskommandeur und Awgust Matwejitsch. - -Ihr Gesichtsausdruck war, wenn auch nicht gerade ruhig, so doch -jedenfalls friedfertig. - -Der Oberst drückte dem Polen die Hand und sagte: - -»Ich freue mich, daß ich Ihnen die Gefühle entgegenbringen kann, die Sie -mir unter diesen schrecklichen Umständen einzuflößen verstanden. Ich -bitte Sie, meiner Aufrichtigkeit ebenso zu vertrauen, wie ich der -Ihrigen vertraue.« - -Der Pole verbeugte sich vor ihm mit großer Würde und begab sich -schweigend auf sein Zimmer; der Oberst aber wandte sich an uns mit den -Worten: - -»Ich eile nach Hause und bitte Sie, sich zum Rittmeister zu begeben: Sie -werden von ihm erfahren, wie wir uns alle zu verhalten haben.« - -Der Oberst nickte uns zu und begab sich zum Ausgang. Noch ehe die Türe -unten hinter ihm ins Schloß gefallen war, füllten wir schon das Zimmer -des Rittmeisters. - - - - - XI - - -Unser Rittmeister war ein Prachtkerl, aber nervös und aufbrausend. Er -war schlagfertig und klug, konnte sich aber nicht beherrschen, und seine -Redegabe war echt militärisch: er verstand wohl zu befehlen, aber nicht -zu erzählen und seine Gedanken darzulegen. - -So war er auch in diesem Augenblick. Er riß seine Halsbinde von sich und -warf uns allen wütende Blicke zu. - -»Nun, das sind schöne Geschichten, nicht wahr?« wandte er sich an den -Pfarrer. - -Dieser sagte nur »Ja, ja, ja« und nickte. - -»Das ist es eben: ja, ja, ja! Gute Werke haben schöne Folgen!« - -Der Pfarrer sagte wieder: »Ja, ja, ja.« - -»Das wäre aber eigentlich Ihre Sache!« - -»Was denn?« - -»Uns ganz andere Stimmungen beizubringen ...« - -»Ja.« - -»Sie haben aber gar keinen Einfluß auf uns.« - -»Unsinn!« - -»Es ist kein Unsinn. Was sind Sie jetzt hergekommen? Viel notwendiger -braucht man jetzt einen Küster, damit er bei der Leiche die Psalmen -liest.« - -»Wie steht es? Was sollen wir tun?« drangen die Offiziere in ihn. »Der -Oberst ist fort, und Sie sind aufgeregt und machen dem Pfarrer eine -Szene ... Würden wir denn auf ihn hören, wenn er uns bekehren wollte? .. -Wo ist der Pole? Weiß der Teufel, ob er das Geld überhaupt gehabt hat. -Was treibt er jetzt allein auf seinem Zimmer? Sagen Sie bitte, was Sie -beschlossen haben! Wer ist der Schuldige?« - -»Der Teufel ist der Schuldige! Sonst gibt es keinen Schuldigen!« -antwortete der Rittmeister. - -»Aber dieser Pole ...« - -»Der Pole ist über jeden Verdacht erhaben ...« - -»Wer hat Ihnen das eröffnet?« - -»Wir selbst, meine Herren, wir selbst! Ich und unser Regimentskommandeur -bürgen für ihn. Wir behaupten nicht, daß er der ehrlichste Mensch ist, -wir sehen aber, daß er die Wahrheit spricht, daß er das Geld gehabt hat -und daß es verschwunden ist. Nur der Teufel allein kann es gestohlen -haben ... Daß das Geld tatsächlich vorhanden war, folgt schon daraus, -daß, als der Oberst, der jeden Skandal vermeiden möchte, ihm hier in -meiner Gegenwart die zwölftausend Rubel anbot, er auf sie verzichtete -...« - -»Er verzichtete?« - -»Ja, und noch mehr als das: er verpflichtete sich aus eigenem Antrieb, -keine Anzeige über den Verlust zu erstatten und keinem Menschen auch nur -ein Sterbenswort von dieser verfluchten Angelegenheit zu sagen. Kurz, er -benahm sich so korrekt, vornehm und feinfühlend, wie man es nur wünschen -kann.« - -»Ja, ja, ja!« versetzte der Pfarrer. - -»Der Oberst und ich gaben ihm im Namen aller das Wort, daß wir ihm unser -volles Vertrauen entgegenbringen und uns während eines ganzen Jahres als -seine Schuldner betrachten werden; wenn die Sache sich vor Ablauf dieses -Jahres nicht aufklärt und das Geld nicht zum Vorschein kommt, so -bezahlen wir ihm die zwölftausend Rubel, und er verpflichtet sich, sie -anzunehmen ...« - -»Selbstverständlich nehmen wir diese Schuld auf uns und werden sie -gewissenhaft abzahlen«, fielen ihm die Offiziere ins Wort. - -»Meine Herren«, fuhr der Rittmeister etwas leiser fort, »er ist aber -fest überzeugt, daß wir nichts zu zahlen brauchen werden; er behauptet, -daß das Geld sich finden wird. Er sagt das so bestimmt und mit solcher -Überzeugung, daß, wenn wahrhaftig der Glaube Berge versetzen kann, seine -Erwartung sicher in Erfüllung gehen muß. Ja, sie muß sich erfüllen, denn -sie ist mit Blut erkauft ... Er hat mit seinem Glauben auch mich und den -Kommandeur angesteckt. Er bat uns zwar, ihn zu durchsuchen, wir -verzichteten aber darauf ... Wenn Sie es aber wünschen, so können Sie es -noch nachholen; er sitzt in seinem Zimmer und erwartet Sie, Sie können -es tun. Ich stelle Ihnen aber eine Bedingung: alles muß unter uns -bleiben. Sie müssen sich dazu mit Ihrem Ehrenwort verpflichten.« - -Wir gaben ihm das Ehrenwort, durchsuchten aber den Polen nicht. Wir -gingen nur alle zu ihm ins Zimmer und drückten ihm stumm die Hand. - - - - - XII - - -Und doch blieb in uns allen neben der Trauer um den Kameraden ein -schwerer Zweifel zurück. An Saschas Leiche wurde aber indessen die -Sektion vorgenommen, man fälschte den Tatbestand und schrieb ins -Protokoll, daß er den Selbstmord »in einem Anfall von Wahnsinn« verübt -habe; der Pfarrer segnete die Leiche ein, und der Küster las eintönig -den Psalm: »Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet -meine Seele, Gott, zu dir.« - -Wir alle waren in gedrückter Stimmung. Wir gingen auf und ab, rauchten -bis zur Bewußtlosigkeit und weinten sogar ab und zu. Eine solche Jugend, -eine solche Frische mußte erlöschen! .. So wenig hatte er vom Honig -gekostet und mußte schon sterben! - -Wir alle, in Schlachten erprobte oder jedenfalls zu Schlachten bestimmte -Männer waren auf einmal zu Waschlappen geworden. Der Pole verschob seine -Abreise: er wollte mit uns Sascha zum Grabe geleiten und dessen Vater -sehen, der, gleich am Morgen benachrichtigt, gegen Abend ankommen -sollte. - -Wenn der Zimmerkellner Marko nicht gewesen wäre, so hätten wir wohl die -Stunden der Mahlzeiten vergessen; er aber sorgte für uns und auch für -die Leiche. Er wusch und kleidete sie ein, sagte uns, was und wo man -kaufen müsse und redete auf uns ein, wir sollten uns beruhigen. - -»Alles geht nach dem Willen Gottes.« pflegte er zu sagen. »Wir sind wie -Gras.« - -Er war immer auf dem Sprung und machte allerlei Besorgungen. Man -verhaftete die Hotelbediensteten unter verschiedenen Vorwänden und -durchsuchte ihre Sachen. Auch Saschas Bursche wurde durchsucht und -verhört, ob der Selbstmörder ihm vor dem Tode nichts übergeben hätte. - -Der Soldat schien die Frage im ersten Augenblick nicht verstanden zu -haben. Nach einer Weile antwortete er aber: - -»Der Herr Kornett hat mir keinerlei Geld übergeben.« - -»Weißt du, was auf Hehlerei steht?« - -»Jawohl.« - -Selbstverständlich wurde er nicht von uns, sondern von den -Gerichtsbeamten verhört, denen man bekanntlich keinen Überfluß an -Zartgefühl vorwerfen kann. - -Man ließ den Burschen laufen, und bald darauf sah man ihn schon mit dem -Putzen von Saschas Reservestiefeln beschäftigt. - - - - - XIII - - -Abends kam der Vater, ein noch nicht sehr alter, etwa -zweiundfünfzigjähriger Herr von angenehmem Äußeren. Er hatte eine -militärische Haltung, trug die Uniform eines verabschiedeten Offiziers -und Sporen, aber keinen Schnurrbart. Wir kannten ihn noch nicht und -merkten garnicht, wie er in das Zimmer seines Sohnes trat; wir sahen ihn -erst, als er wieder herauskam. - -Gleich nach seiner Ankunft fragte er nach dem Burschen, ließ sich von -ihm ins Sterbezimmer führen und verblieb dort mit ihm unter vier Augen -mehrere Minuten. Als er dann zu uns in den Saal trat, mußten wir über -die stille Majestät in seinen Zügen staunen. - -»Meine Herren,« sagte er, sich vor uns verbeugend, »ich stelle mich -Ihnen vor: ich bin der Vater Ihres unglücklichen Kameraden. Mein Sohn -ist tot, er hat selbst Hand an sich gelegt und mich und seine Mutter in -namenloses Unglück gestürzt ... Aber er konnte nicht anders, meine -Herren ... Er starb wie ein Mann von Ehre und Gewissen ... Und dies ist, -glauben Sie es mir, mein einziger Trost ...« - -Mit diesen Worten ließ sich der alte Herr, der unsere Herzen sofort -gefangen genommen hatte, in einen Sessel vor dem runden Tisch sinken, -vergrub das Gesicht in die Hände und begann laut wie ein Kind zu -schluchzen. - -Ich reichte ihm mit zitternder Hand ein Glas Wasser. - -Er trank davon zwei Schluck, drückte mir freundlich die Hand und sagte: - -»Ich danke Ihnen allen, meine Herren!« - -Dann fuhr er sich mit dem Tuch über das Gesicht und sagte: - -»Das ist noch nicht das Schwerste ... Was bin ich? Aber wie soll ich es -meiner Frau sagen? ... Das Mutterherz wird es nicht ertragen können!« - -Er wischte sich wieder die Tränen aus den Augen und begab sich zum -Obersten, um sich ihm vorzustellen. - -Auch zum Obersten sagte er, daß Sascha »wie ein Mann von Ehre und -Gewissen« gestorben sei und daß er anders gar nicht hätte handeln -können. - -Der Oberst starrte ihn lange an, lutschte dabei, wie es seine Gewohnheit -war, an einem Bonbon und sagte schließlich: - -»Sie wissen doch, daß dem Selbstmorde ein gewisser unglücklicher Umstand -vorangegangen war ... Wir sind ja miteinander verwandt, und ich kann und -muß Ihnen alles sagen. Ich glaube an nichts, aber das Benehmen des -Kornetts war immerhin etwas sonderbar ...« - -»Sein Benehmen war durchaus korrekt, Herr Oberst!« - -»Ich glaube es Ihnen; wenn Sie aber doch den Schleier, der das Geheimnis -vor uns verdeckt, ein wenig lüften wollten ...« - -»Ich kann es nicht, Herr Oberst ...« - -Der Oberst zuckte die Achseln. - -»Was soll man machen?!« sagte er. »Nun, mag es so bleiben.« - -»Nur noch eines, Herr Oberst. Der fürstliche Generalbevollmächtigte wird -sein Geld nicht vom Regiment, sondern von mir bekommen. Dies ist mein -trauriges Vorrecht.« - -»Ich wage nicht zu widersprechen.« - -Saschas Vater überreichte an diesem selben Tag dem Polen unter vier -Augen die zwölftausend Rubel. - -Awgust Matwejitsch nahm das Geld in die Hand, sagte: »Um nichts in der -Welt!« und steckte es dem Alten in die Tasche. Dann setzten sie sich -einander gegenüber und fingen beide zu weinen an. - -»Großer Gott! Großer Gott!« rief der Alte. »Er hat so ehrenhaft, so -vornehm gehandelt, und doch ist noch ein Bösewicht im Spiele, der den -Diebstahl verübt hat.« - -»Man wird ihn schon finden.« - -»Ja, aber mein Sohn wird nicht wieder lebendig!« - - - - - XIV - - -Worin bestand nun das Geheimnis? - -Damit meine Erzählung endlich einmal verständlich wird, muß ich es nun -verraten: - -Sascha trug an seiner Brust das Aquarellbildnis seiner geliebten rosigen -Kusine Anna, die nun die Frau seines Obersten war und just in dem -Augenblick, in dem Sascha sich das Leben genommen, einem neuen -menschlichen Wesen das Leben geschenkt hatte. - -Dieses Bildnis war weniger das Pfand leidenschaftlicher Liebe als -unschuldsvoller kindlicher Freundschaft und keuscher Gelübde; die rosige -Anna war aber die Frau des Obersten geworden, dieser wurde auf ihren -Vetter eifersüchtig, und Sascha mußte die Qualen eines Don Carlos -erdulden. Als diese Qual ihn schon beinahe wahnsinnig gemacht hatte, kam -die Geschichte mit dem Geld und der Durchsuchung, der obendrein auch -noch der Oberst beiwohnte, dazwischen. - -Sascha hatte das Geheimnis seiner Kusine treu bewahrt. - -Als er die Pistole schon vor die Brust hielt, händigte er das Bildnis -seinem Burschen ein und sagte ihm: - -»Ich beschwöre dich bei Gott: übergib es dem Vater.« - -Dieser gab es auch dem Vater vor dem Sarge des Sohnes. - -Der Vater sagte, daß der Sohn wie ein Mann von Ehre und Gewissen -gestorben sei. - -Das Bildnis war unschuldig, ziemlich unähnlich und trug in winziger -Schrift die Widmung: »Dem lieben Sascha seine treue Anna.« - -Und kein Wort mehr ... - -Heute erscheint es komisch, vielleicht sogar dumm! Vielleicht ist es -auch wirklich dumm. »Jede Zeit hat ihre Vögel, jeder Vogel hat sein -Lied.« Ich will nichts rechtfertigen und nichts kritisieren; ich will -nur von den Männern sprechen, die den Frauen _interessant_ erschienen. - -Was war eigentlich dieser Kornett Sascha? Eine Null, oder sehr wenig, -- -ein rosiger Knabe, ein Junker, ein gemästetes Muttersöhnchen in Uniform. -Er hatte keinerlei bezaubernde Gaben außer der Gabe der Jugend und des -... unbeugsamen Gefühls für die persönliche Ehre der Frau ... Sie werden -wohl sagen: ist denn das wert, daß man davor anbetend in die Knie sinkt? -Ich will Ihnen aber erzählen, wie die Leute aufs Angesicht fielen! - -Das Geheimnis, das ich Ihnen eben zum Verständnis der Geschichte -eröffnen mußte, war damals natürlich keinem Menschen in der Stadt -bekannt; der Bursche kannte es nur zum Teil, und nur der Vater begriff -es vollkommen. Außerdem kam noch ein neuer Umstand hinzu, der die Sache -noch dunkler und verworrener erscheinen lassen mußte: der Zimmerkellner -Marko erzählte vielen Leuten unter Diskretion, daß er mit eigenen Augen -gesehen habe, wie der Bursche des Verstorbenen dem Vater etwas -eingehändigt hätte. Was mochte es wohl sein, das der eine so -geheimnisvoll übergeben und der andere ebenso geheimnisvoll eingesteckt -hatte? ... Das weiß Gott allein! Marko bekreuzigte sich und sagte: - -»Ich will keine Sünde auf meine Seele nehmen, -- ich konnte nicht sehen, -was es war; ich sah nur ein in Papier eingewickeltes Paketchen.« - -War das vielleicht das Geld? Warum sollte man unter diesen Umständen, -die von Augenblick zu Augenblick verworrener wurden und den -demoralisierenden Verdacht immer weiter um sich verbreiteten, nicht auch -an eine solche Möglichkeit denken? ... Ist denn nicht ein jeder, der ein -Paar Hände hat, auch imstande, sich mit ihnen das Geld anzueignen? Den -Dieb ausfindig zu machen, -- das ist die wichtigste Aufgabe: und die -Pflicht eines jeden ist, keinen noch so winzigen verdächtigen Umstand -außer Acht zu lassen ... - -Ja, die Pflicht eines jeden, dessen argwöhnische Augen besser sehen als -das lichte Auge eines rührseligen Herzens; die Menschheit ist aber zu -ihrem großen Glück auch seelischen Offenbarungen zugänglich; die -Menschen betasten gleichsam die unsichtbare Wahrheit und ehren, durch -nichts gehemmt, einem elementaren Triebe gehorchend, das Unglück mit -ihren Tränen. Das sind heilige Stürme, die herabgesandt werden, um den -dicken erstickenden Nebel zu zerreißen; sie sind ein Hauch aus dem -Jenseits, sie sind eine Offenbarung, in der alles Verworrene klar wird. - -Man ließ Marko nicht viel erzählen, was er alles gesehen haben wollte. -Alle _wußten_, daß der Bursche dem Vater des unglücklichen Sascha ein -_weibliches Bildnis_ übergeben hatte. Keine einzige Menschenseele wollte -daran auch nur einen Augenblick zweifeln; davon zeugte das Licht, wenn -es ins Fenster des Zimmers blickte, in dem die geheimnisvolle Übergabe -stattgefunden hatte; jeder Windhauch bestätigte es, und die Lerche sang -davon, in die Lüfte steigend ... - -Saschas Beerdigung war nicht feierlich und nicht einmal rührend, sondern -erschreckend. Sie haben wohl alle, meine Herren, sogenannte »prunkvolle« -Beerdigungen gesehen. Ich meine garnicht die Beerdigungen mit großer -Parade, in denen sich nur die menschliche Eitelkeit äußert. Denken Sie -aber an die uns aus Beschreibungen bekannte Beerdigung Gogols, -Nekrassows oder Dostojewskijs, die allgemein als »weltgeschichtliche -Ereignisse« angesehen wurden. Sicher war in allen diesen Fällen auch -viel aufrichtiges Gefühl dabei, die Aufrichtigkeit wurde aber von -Nebensächlichkeiten erdrückt. Ich selbst habe der Beerdigung des -Generals Skobelew in Moskau beigewohnt. In diesem Falle war vielleicht -etwas mehr echte Trauer zum Durchbruch gekommen ... Sie können, wenn Sie -wollen, mich auslachen, ich muß aber sagen, daß Saschas Beerdigung auf -mich einen unvergleichlich tieferen Eindruck gemacht hat als jede andere -... Auch er wurde als Offizier mit allen vorgeschriebenen militärischen -Ehren beerdigt, aber alle diese Zeremonien standen nicht im Vordergrund -und wurden von den meisten überhaupt nicht beachtet. Die echte Trauer -der Menschen, die von überall herbeigeströmt waren, um beim Anblick -seines jugendlichen, totenblassen Gesichts zu weinen und vor Kummer zu -vergehen, hatte alles andere erdrückt und die ganze Luft in Beben -versetzt. - - - - - XV - - -Wir hatten zu dieser Beerdigung niemand außer den Angehörigen der -Schwadron, in der der Verstorbene gedient hatte, eingeladen; die Leute -strömten aber auch ungeladen von allen Seiten herbei. Auf dem ganzen -Wege vom Hotel bis zur Friedhofskirche standen Menschen aller Stände -Spalier. Die Frauen waren in der Mehrzahl. Niemand hatte ihnen erklärt, -was sie zu beweinen hätten. Sie wußten es aber selbst und trauerten um -das junge Leben, das sich aus »Adliger Gesinnung« selbst vernichtet -hatte. Ich gebrauche gerade dieses Wort, das damals in aller Munde war: - -»Der Arme ist für seine adlige Gesinnung gestorben!« - -»Hat sich für sein Herzliebchen aufgeopfert!« - -Da steht so eine alte Tante aus der Vorstadt und jammert: - -»Der Liebe, Herzige ... hat aus adliger Gesinnung das Leben hingegeben -...« - -Und wo man auch lauschte, überall konnte man nur ähnliche warme, -herzliche Worte hören. Alle duzten ihn dabei und bemühten sich, -möglichst freundlich zu sprechen, gleichsam sein Herz zu liebkosen: - -»Mein lieber Kleiner! ... Du Junger, Edler! ...« - -»Du mein gefühlvoller Engel! ... Wie sollte man dich nicht lieben?!« - -Alles in diesem Sinne. Damen vom Adel, Kaufmannsfrauen, Popentöchter, -Kleinbürgerinnen, Dienstmädchen und Varieté-Zigeunerinnen -- diese -letzteren als Meisterinnen und Priesterinnen des tragischen Stils in der -Liebe in erster Linie -- alle stammeln mit bebenden Lippen herzliche -Worte und beweinen ihn wie ihren besten Freund, wie ihren eigenen -Geliebten, als ob sie ihn zum letzten Male in ihren Armen hielten und -liebkosten. - -Alle diese Frauen waren aber in keiner Beziehung hervorragend; sie -kannten Sascha auch garnicht, hatten ihn vorher noch nie gesehen und -hätten ihn vielleicht auch nicht lieb gewonnen, wenn sie ihn, so wie er -im Leben war, mit allen seinen guten und schlechten Eigenschaften -gekannt hätten. Aber jetzt, wo sie wußten, daß er aus »adliger -Gesinnung« für sein »Herzliebchen« gestorben war, hatten sie gar keine -Zeit, sich durch irgendwelche Überlegungen zu ernüchtern: sie konnten -nur weinen und klagen ... Jede Seele verging vor Wehmut. - -Der bekannte Kanzelredner, Erzbischof Innokentij rührte einmal alle -Herzen, als er statt einer richtigen Grabpredigt nur die Worte sagte: -»Er liegt im Sarge, -- laßt uns weinen.« Nur diese Worte sagte er, und -alle flossen in Tränen. Ein Fieber hatte alle Herzen ergriffen. Als die -Frauen Sascha im Sarge sahen (in unseren Städten werden die Toten in -offenen Särgen zum Friedhof getragen), fanden sie sein durchaus -gewöhnliches Gesicht erhaben und herrlich ... Sie sagten: »In diesem -Gesicht steht geschrieben: Treue bis in den Tod!« - -Es ist ganz gleichgültig, ob in seinem Gesicht tatsächlich das oder -etwas ganz anderes geschrieben stand. Sie lasen nur das, was ihre Augen -sahen, und das genügt. - -Alle Lippen zittern, und alle Gesichter sind feucht von Tränen; alle -sind gerührt und alle sprechen zu ihm: - -»Schlaf, schlaf, du Märtyrer!« - -In der Kirche herrscht eine andere, noch stärkere Stimmung. Keine -Predigt wagt den heiligen Schauer der Grabgesänge des Johannes von -Damaskus zu stören. Seine poetischen Wehklagen brennen und heilen -zugleich die Wunde. - -Ich muß Ihnen, meine Herren, sagen, daß wir uns wirklich vor dem Herrn -niederwarfen! ... Wie groß Saschas Vergehen, vom Standpunkte der -theologischen Wissenschaft aus betrachtet, war, konnten die ihn -Beweinenden nicht beurteilen; sie flehten aber den Herrn so inständig -an, ihn »in seine himmlischen Wohnungen aufzunehmen,« daß ich gar nicht -weiß, wie man diese Herzensschreie mit den Gründen jener Wissenschaft in -Einklang bringen soll. Ich kann es jedenfalls nicht. - -Es wird oft behauptet, daß es heute keinen guten Prediger mehr gäbe. Ist -dieser Vorwurf auch gerechtfertigt? Man versteht allerdings nicht gut zu -predigen, es ist aber auch gar nicht nötig, überall, wo es die Sitte -verlangt, zu reden. Es gibt Fälle, wo es besser ist, einfach zu weinen, -wo ein gewöhnliches »Vergib!« oder »Nimm ihn auf!« viel eindringlicher -ist als jede Predigt, die zuweilen mit verstiegenen Worten entweder die -Vernunft oder das Gefühl verletzt. Denken Sie nur an den Großinquisitor -bei Schiller. Darum ziehe ich auch die Beerdigung nach orientalischem -Ritus vor. Man kommt und geht wie auf den Ruf des Propheten Jesajas: »So -kommt und laßt uns miteinander rechten ...« Wie soll man aber mit Ihm -rechten? Es ist ja klar, wer siegen wird. Du kannst aber alles, Du hast -den Menschen berufen ... vergiß, verzeih und vergib ihm alles, worin er -sich vor Dir nicht rechtfertigen kann ... - -Man denkt an die Parabel vom Mächtigen, der nichts fürchtete und nichts -scheute; als man aber mit großem Eifer in ihn drang, da sagte er: »Ich -werde es tun.« Und man fühlt sich beruhigt. - -Und Er, der das Ohr erschaffen hat, um alles zu hören, kann Er denn -einschlafen und dem Flehen so vieler gerührter Herzen kein Gehör -schenken? ... - -Bei Saschas Beerdigung gab es einen Zwischenfall mit einer Dame, der -Witwe eines bekannten Staatsmannes. Die Dame war von altem Adel, sehr -klug, sehr wohlerzogen, hatte aber den Zunamen: »Schlange«. Dieser -Zuname war eigentlich recht ungeschickt gewählt: man nannte sie so, -nicht weil sie böse war -- nein, sie tat niemand etwas zu Leide! -- -sondern weil sie so furchtbar spöttisch war. Diese Dame mochte nichts -Russisches: weder die Sprache, noch die Religion, noch die Sitten; sie -verachtete das alles und zwar nicht aus Leichtsinn oder -Originalitätssucht, sondern tief, aufrichtig und bewußt. Sie tadelte -nichts und verwarf nichts, sie war einfach der Meinung, daß alles -Russische nicht die geringste Beachtung verdiene ... Sie wunderte sich -sogar, daß die Geographen es für nötig hielten, dieses Land in die -Landkarten einzuzeichnen. Ja, solche Damen hat es damals gegeben! Als -diese »Schlange« hörte, daß alle Leute irgendeinen Offizier beweinten, -der sich aus »adliger Gesinnung« erschossen hatte, ließ sie die -Doppeltüre ihres Balkons, an dem der Leichenzug vorbeiging, aufmachen -und trat mit einem Lorgnon in der Hand hinaus. Ich kann mich an sie noch -gut erinnern: schlank, in einem roten, mit Zobel gefütterten Mantel -steht sie auf dem Balkon und blickt durch ihr Lorgnon herab. - -Unser jugendlich schöner Sascha schwimmt aber wie ein vom Winde -abgebrochener Zweig über das Meer der Menschenköpfe vor ihren Blicken -vorbei. - -Die Schlange unterdrückt einen Seufzer und wendet sich an die -Engländerin, die neben ihr steht: - -»Die Jugend ist überall wahnsinnig, der Wahnsinn gleicht oft dem -Heldentume, und das Heldentum gefällt der Menge.« - -Die Engländerin erwidert: - -»O yes!« Dann sagt sie noch, daß das allgemeine Gefühl, von dem diese -ganze Menge ergriffen sei, sie interessiere. Der Ausländerin zu Gefallen -läßt sich die Schlange herab, mit ihr in die Kirche zu gehen, wo der -Hammer des Sargtischlers den letzten Punkt hinter diese Geschichte -setzen wird. - - - - - XVI - - -Gegen alle Gesetze der Architektonik und Ökonomie im Aufbau der -Erzählung, habe ich zum Schluß diese neue Person auftreten lassen und -muß ihr nun einige Worte widmen, damit Sie wissen, wie giftig sie war. -Als ihr Gatte noch lebte, bekamen sie einmal Besuch von einer -hochgestellten Persönlichkeit, der sich ihr Mann in seinem ganzen Glanze -zeigen wollte; sie verachtete aber den Mann ebenso wie alle andern -Menschen, vielleicht auch etwas mehr. Der Mann wußte es und bat sie, ihn -wenigstens bei dieser Gelegenheit nicht bloßzustellen. Er bat sie nur um -den einen Gefallen: »Widersprechen Sie mir wenigstens in Gegenwart des -Gastes nicht.« Sie sah ihn an und versprach es ihm: - -»Ich bin sogar bereit, Sie zu unterstützen.« - -Der Mann dankte ihr dafür mit einer Verbeugung. Der hohe Gast war -gutmütig und gab sich gerne einfach. Diesmal wollte er den Vortrag des -ihm unterstellten Würdenträgers im häuslichen Kreise, am Teetische -hören, wo ihm die Hausfrau selbst den Tee kredenzte. Der Hausherr begann -nun zu prahlen, wie gut er alles wisse, kenne, voraussehe und zum -allgemeinen Wohle ordne ... Er sprach und sprach und verschnappte sich -zuletzt und sagte auch etwas Wahres. Die »Schlange« fiel in diesem -Augenblick ein und bestätigte: - -»Voilà ça c'est vrai!« - -Nur dieses sagte sie. Dem Gast genügte es aber; er lachte auf, küßte ihr -die Hand und sagte ihrem Gemahl: - -»Es ist genug: ich will annehmen, daß tout ça est vrai!« - -Als der Gemahl nach diesem Vorfall starb, ließ sie sich hier mit ihrer -Engländerin nieder und widmete sich ganz der Lektüre ausländischer -Bücher. - -Sie erschien sonst niemals in der Öffentlichkeit. Als sie nun mit ihrer -Engländerin in die Kirche trat, in der Saschas Leiche eingesegnet wurde, -erregte sie allgemeines Aufsehen, und alle machten ihr Platz. Die Menge -selbst schob die beiden Damen nach vorne, gleichsam um sie besser sehen -zu können. Dem Himmel war es aber nicht genehm, daß etwas -Nebensächliches die allgemeine Aufmerksamkeit von den Dingen ablenke, -die den Verstorbenen am nächsten angingen. - -Im gleichen Augenblick, als diese beiden imposanten Damen sich durch die -Menge bewegten, erschien in der Kirchentüre eine dritte weibliche -Gestalt, eine bescheidene Dame in schwarzem Pelzmantel, der noch von der -Reise verstaubt war. Ihr Gesicht war der Kummer selbst ... - -Niemand kannte sie, alle hatten sie aber sofort erkannt, und durch die -Menge tönte das eine Wort: - -»Die Mutter!« - -Man ließ ihr eine breite Straße zu dem ihr so teuren Sarge frei. - -Sie ging schnell, beide Arme vor sich ausgestreckt, durch die Menge, die -vor ihr gewichen war, und als sie den Sarg erreichte, umschlang sie ihn -mit beiden Armen und erstarrte ... - -Und alles fiel nieder und erstarrte zugleich mit ihr. Alle sanken in die -Knie, und es wurde so still, daß, als die Mutter sich erhob und den -toten Sohn bekreuzigte, wir alle ihr Flüstern hörten: - -»Schlaf, mein armer Junge ... du bist als Ehrenmann gestorben ...« - -Sie hatte diese Worte ganz leise, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung -der Lippen gesprochen, und doch drangen sie allen ins Herz, wie wenn wir -alle ihre Kinder wären. - -Nun erklang der Hammer des Sargtischlers, man trug den Sarg zur -Ausgangstüre; der Vater führte die unglückliche Mutter am Arm, während -ihre stillen Blicke in die Höhe gerichtet waren ... Sie wußte wohl, -woher sie die Kraft, solches Leid zu tragen, schöpfen sollte, und sie -merkte garnicht, wie junge Frauen und Mädchen sich um sie drängten und -ihr wie einer Heiligen die Hände küßten ... - -Auf dem Wege vom Grabe bis zum Friedhofstore gab es wieder das gleiche -Gedränge, die gleiche Bewegung. - -Vor dem Tore, wo der Wagen auf sie wartete, schien die Mutter zur -Besinnung gekommen zu sein; sie wandte sich um und wollte allen »Danke!« -zurufen, wurde aber beinahe ohnmächtig. Die »Schlange«, die neben ihr -stand, stützte sie und küßte ihr die Hand. - -So sehr hatte unser armer Sascha alle Herzen gerührt und gefangen -genommen; so wurde sein einfacher und vielleicht gar nicht ordentlich -überlegter Entschluß, »die Frau nicht zu verraten« belohnt und geehrt. - -Niemand fragte sich, was das für eine Frau gewesen und ob sie dieses -Opfers auch wert sei. Das war allen gleich. Was war das auch für eine -Liebe, und worauf war sie gegründet? Alles hatte im Kinderzimmer, wo sie -»Vater und Mutter« spielten, begonnen; dann trennten sich ihre Wege; sie -ist ja so leer, daß sie mit ihrem Mann vielleicht auch glücklich ist; er -hat sich aber irgendeinen Fetzen aufgehoben und tötet sich dieses -Fetzens wegen ... Das ist ja ganz gleich! Er ist _schön_, er ist allen -_interessant_! Es ist so leicht und so süß, um ihn zu weinen. - -Mit einem Worte: hier ist niemand durch gesperrten Druck besonders -hervorzuheben; alle spielen ihre Rollen mit gleichem Ernst und Talent, -wie die Mitglieder der Meiningenschen Hoftruppe, die vor kurzem ganz -Petersburg in Entzücken versetzt hat. Alles war mit so tiefem Ernst -inszeniert! - -Die Engländerin, die ich vorhin erwähnte, stand uns doch sicher am -fernsten. Saschas Tat mußte sie ja mit ganz anderen Augen betrachten, -als die Varieté-Zigeunerinnen, die ihn beweinten; man könnte annehmen, -daß sie sich die Sache nur ansehen und sich dann wieder in ihr Gehäuse -zurückziehen würde. Aber nein: auch sie mußte ihren Pinselstrich dem -allgemeinen Gemälde beisteuern. Sie schrieb Notizen über Rußland und -machte die Sache sehr gründlich an Hand der bereits erschienenen Werke -über unsere Heimat. Sie vervollständigte die von Anderen gemachten -Beobachtungen über unsere Sitten durch ihre eigenen Wahrnehmungen. Den -älteren Werken entnahm sie die Behauptung, daß »die Weiber nirgends so -gemein behandelt werden wie in Moskowien«. Um die von ihr gemachte neue -Wahrnehmung zu ergründen, wählte sie einen passenden Zeitpunkt und -wandte sich an Saschas Vater selbst. Sie schrieb ihm einen sehr -gemütvollen und höflichen Brief, in dem sie ihrem Mitgefühl Ausdruck gab -und der großen Würde, mit der er und seine Gattin das schwere Leid -trugen, hohe Bewunderung zollte. Zum Schluß richtete sie an ihn die -Frage, wo sie ihre Erziehung genossen hätten, der sie diese würdigen -Gefühle verdankten? - -Der Alte antwortete, daß seine Frau ein französisches Pensionat besucht -hätte, während er selbst von einem Monsieur Ravel aus Paris erzogen -worden sei. - -Die Engländerin fand dies sehr seltsam, die »Schlange« gab ihr aber die -Aufklärung: - -»Wenn sie von einem Seminaristen erzogen worden wären, so hätten Sie -wohl überhaupt keine Antwort bekommen.« - -Damals war man nämlich der Ansicht, daß alles Rohe und Plumpe aus den -Priesterseminaren komme. - - - - - XVII - - -Nun muß ich auch noch die kriminelle Seite der Angelegenheit erledigen. -Ob das Geld wirklich gestohlen worden war oder nicht, jedenfalls wurde, -wie Sie sich wohl erinnern, beschlossen, dem Polen seinen Verlust zu -ersetzen. Auch dies hatte noch seine Fortsetzung. - -Außer den Regimentskameraden gab es noch einen freiwilligen Schuldner, -und zwar einen sehr hartnäckigen -- ich meine Saschas Vater. Den Polen -kostete es große Mühe, das Geld, das er ihm unbedingt aufdrängen wollte, -zurückzuweisen. Awgust Matwejitsch benahm sich in der ganzen Affäre -überhaupt außerordentlich korrekt und vornehm, und wir hatten ihm auch -nicht das Geringste vorzuwerfen. Niemand zweifelte mehr daran, daß er -das Geld gehabt hatte und daß es verschwunden war. Warum hatte er denn -sonst auf die ihm angebotene Zahlung verzichtet und was brauchte er -überhaupt die ganze unangenehme Geschichte mit dem blutigen Ende? - -Die ganze Einwohnerschaft der Stadt, vor der wir unser nächtliches -Erlebnis natürlich nicht geheim halten konnten, war der gleichen -Ansicht; ein einziger Mensch sah aber die Sache doch ganz anders an und -gab uns damit eine harte Nuß zu knacken. - -Es war der sonst wenig interessante, von mir schon einigemal erwähnte -Zimmerkellner Marko. Er war nicht so leicht zu durchschauen: obwohl wir -unsere Bekanntschaft mit Awgust Matwejitsch nur ihm zu verdanken hatten, -stand er jetzt durchaus nicht auf seiner Seite, was er uns auch selbst -gestand. - -»Ich bin bereit,« sagte er, »jede Kirchenbuße auf mich zu nehmen, weil -ich Sie mit dem Herrn bekannt gemacht habe; jetzt glaube ich aber, daß -es weniger meine Schuld als Gottes Wille war. Und Ihre ganze jetzige -Sympathie für ihn beruht nur darauf, -- nehmen Sie es mir nicht übel! -- -daß er nicht russischer Abstammung ist; er aber hat es verschuldet, daß -unser Geschäft jetzt in schlechtem Rufe steht und daß die Polizei unsere -Angestellten unter allen möglichen Vorwänden einsperrt und überall nach -dem Gelde forscht ... Es ist nur Sünde und nichts als Sünde ...« schloß -Marko und zog sich in seine finstere Kammer zurück, wo er einen -mächtigen Heiligenschrein hatte, vor dem ein ewiges Lämpchen brannte. - -Marko tat uns irgendwie leid. Manchmal stand er stundenlang vor den -Heiligenbildern und dachte über etwas nach. - -»Was denkst du immer, Marko?« - -Er zuckt die Achseln und antwortet: - -»Wie sollte ich nicht denken, meine Herren? So ein Unglück, so eine -Schande ... eine Christenseele ist zugrunde gegangen!« - -Diejenigen, die mit ihm öfters sprachen, kamen zuerst auf einen neuen -Gedanken, in den sie nach und nach auch die Anderen einweihten. - -»Marko ist ein einfacher Mensch,« pflegten sie zu sagen, »aus dem -Bauernstande; ist aber klug und hat den gesunden Menschenverstand eines -einfachen russischen Bauern.« - -»Und ist obendrein ehrlich.« - -»Ja, auch ehrlich. Sonst hätte ihm der Hotelbesitzer das Geschäft -garnicht anvertraut. Er ist eben ein zuverlässiger Mensch.« - -»Ja, ja, ja,« bestätigte der Pfarrer, den Rauch durch seinen breiten -Bart blasend. - -»Er sieht die Dinge ganz einfach an und merkt darum manches, was wir -nicht merken. Er beurteilt die Sache so: wozu hat der die ganze Sache -eingebrockt? Das Geld will er ja nicht nehmen. Also braucht er das Geld -gar nicht ...« - -»Es ist klar, daß er es nicht braucht, wenn er es nicht nimmt.« - -»Natürlich! Er hat ja das Ganze auch nicht des Geldes wegen eingebrockt -...« - -»Wozu denn sonst?« - -»Fragen Sie danach Marko und nicht mich.« - -Auch der Pfarrer sagte: - -»Ja, ja, ja, wollen wir Marko hören.« - -»Und was sagt Marko?« - -»Marko sagt: traue dem Polen nicht.« - -»Warum denn?« - -»Weil er eben Pole und Ketzer ist.« - -»Aber erlauben Sie doch! Ketzer ist eine Sache für sich, und Dieb wieder -eine Sache für sich. Die Polen sind ein Volk mit großer Ambition, und es -ist nicht ganz anständig, von ihnen so zu denken.« - -»Aber erlauben Sie, erlauben Sie!« unterbricht der von Marko inspirierte -Kamerad: »Sie sagen: man darf von ihm nicht so denken; Sie wissen aber -gar nicht, was für ein Denken ich meine ... Von einem Diebstahl ist -nicht die Rede, nicht der geringste Verdacht liegt gegen ihn vor; der -Pole hat aber das, was Sie vorhin selbst sagten: Ambition.« - -»Was für ein Interesse hat er dann, daß das Geld verschwunden sein -soll?« - -»Was für ein Interesse er daran hat?« - -»Jawohl!« - -»Fällt Ihnen denn selbst gar nichts ein?« - -Alle dachten angestrengt nach: Was kann mir dazu einfallen? - -»Nein, uns fällt nichts ein.« - -»Das kommt eben davon, daß Ihre Köpfe mit Adel vollgestopft sind. Der -einfache russische Bauer sieht aber, was der Pole will.« - -»Nun was will er denn? Sagen Sie es einmal, es geht uns doch alle an!« - -»Ja, es geht uns alle an ... Es liegt im Interesse seiner Heimat, uns -diese Schande anzutun.« - -»Mein Gott!« - -»Selbstverständlich! Nun kann er überall verbreiten, daß in der -Gesellschaft russischer Offiziere ein gemeiner Diebstahl möglich ist ..« - -»Wenn es sich so verhält, wie Sie es meinen ...« - -»Natürlich verhält es sich so!« - -»Hol ihn der Teufel!« - -»Was für ein tückisches Volk die Polen doch sind!« - -Auch der Pfarrer war der gleichen Ansicht und sagte: - -»Ja, ja, ja!« - -Wir überlegten uns die Sache noch weiter und kamen zum Entschluß, daß -man Markos Kombination auch dem Kommandeur mitteilen müsse; man dürfe -ihm aber nicht verraten, daß die Idee von Marko stamme, weil es den -Eindruck abschwächen könnte; man müsse sich vielmehr auf eine andere -Quelle von größerer Autorität und geringerer Verantwortlichkeit berufen. - -»Jemand hat es im Wirtshaus beim Billardspiel erzählt ...« - -»Nein, das klingt nicht gut. Der Oberst wird darauf sagen: Sie haben so -etwas gehört und sind nicht eingeschritten? So einen Kerl hätten Sie -doch auf der Stelle verhaften müssen!« - -»Man muß eben etwas anderes ausdenken.« - -»Was denn?« - -Hier half uns der Pfarrer: - -»Sie sagen einfach, daß Sie es im Dampfbade gehört haben.« - -Dieser Vorschlag gefiel allen. Das war ja in der Tat klug erdacht: das -Dampfbad ist ein öffentlicher Ort, da reden und schreien alle -durcheinander, und alle sind nackt. Wer hat es gesagt? -- Geh einer hin -und stelle es fest; da müßte man doch alle verhaften, denn im Dampfbade -sind alle Menschen nackt und gleich. - -Man nahm diesen Vorschlag an und ersuchte den Pfarrer, ihn auch -auszuführen. - -Der Pfarrer ging am nächsten Tag zum Obersten und erzählte es ihm. - -Der Oberst zeigte für das Gerücht Interesse und sagte: - -»Das Schlimmste dabei ist, daß es schon zu einem allgemeinen Gerede -geworden ist ... Selbst im Bade sprechen die Leute schon davon.« - -Der Pfarrer fiel ein: - -»Ja, ja, ja! Ich habe es selbst im Bade gehört.« - -»Und Sie konnten wirklich nicht feststellen, wer das gesagt hat?« - -»Nein, ich konnte es beim besten Willen nicht.« - -»Das ist sehr schade.« - -»Ja ... Ich hätte es selbst gerne festgestellt, konnte es aber nicht, -weil im Bade alle Menschen gleich sind. Uns geistliche Personen kann man -noch einigermaßen unterscheiden, weil wir zwar Männer sind, aber Zöpfe -tragen. Doch die anderen Menschen sehen einander vollkommen gleich.« - -»Sie hätten ja den, der es gesagt hat, bei der Hand packen können.« - -»Bedenken Sie doch, ein eingeseifter Mensch kann mir leicht -entschlüpfen! Außerdem befand ich mich gerade auf der obersten Dampfbank -und konnte den Betreffenden nicht einmal mit der Hand erreichen.« - -»Na ja, -- wenn Sie ihn nicht erreichen konnten, so ist eben nichts zu -machen ... Nun glaube ich, das Beste wäre, die Sache jetzt auf sich -beruhen zu lassen ... Es ist ja schon einige Zeit verstrichen, und der -Pole hat uns das Wort gegeben, nach einem Jahre wieder herzukommen ... -Ich glaube, daß er sein Wort halten wird. Sagen Sie mir jetzt bitte -folgendes: was halten Sie, als Geistlicher, von den Träumen? Sind die -Träume Unsinn oder nicht?« - -Der Pfarrer antwortete: - -»Das hängt von den Überzeugungen ab ...« - -»Von was für Überzeugungen?« - -»Nein, ich wollte etwas anderes sagen ... Es gibt Träume, die von Gott -kommen und den Menschen erleuchten; es gibt auch natürliche Träume, die -von der Verdauung kommen; es gibt auch verderbliche Träume, und diese -sind vom Bösen.« - -»So ist es eben,« antwortete der Oberst. »Aber das ist wohl noch nicht -alles. Wo würden Sie folgenden Traum einreihen: Meine Frau ist, wie Sie -wissen, jung, und der verstorbene Kornett war ihr Vetter und -Jugendfreund; sein Tod hat sie daher sehr erschüttert und abergläubisch -gemacht. Außerdem ist unser Kind gestorben. Kurz vorher hatte sie aber -einen Traum.« - -»Was Sie nicht sagen!« - -»Ja, ja, ja. Was die Träume betrifft, so beurteilt sie diese so, wie Sie -eben sagten. Ich stehe nicht auf diesem Standpunkte, will aber dem auch -nicht widersprechen. Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß man -schlechte Träume hat, wenn man spät zu Abend ißt; solche Träume kommen -offenbar vom Magen.« - -»Ja, vom Magen«, stimmte der Pfarrer zu. »Die meisten Träume kommen vom -Magen.« Der Oberst ließ ihn aber noch nicht los. - -»Jawohl«, fuhr der Oberst fort, »das ist eben die Sache, daß sie keinen -Traum, sondern eine Vision gehabt hat ...« - -»Was, eine Vision?« - -»Ja, eine Vision: sie sieht und hört es nicht im Schlafe und nicht mit -geschlossenen Augen, sondern im Wachen ...« - -»Das ist seltsam.« - -»Sehr seltsam, -- umsomehr, als sie ihn noch nie gesehen hat!« - -»Ja, ja, ja ... Wen hat sie nicht gesehen?« - -»Den Polen natürlich!« - -»Ach so! .. ja, ja, ja! Ich verstehe.« - -»Meine Frau hat ihn niemals gesehen, weil sie während jenes -unglücklichen Ereignisses zu Bett lag. Sie konnte nicht einmal von der -Leiche des Unglücklichen Abschied nehmen, -- wir verheimlichten vor ihr -seinen Tod, damit ihr die Milch nicht in den Kopf steige.« - -»Behüte Gott!« - -»Gewiß ... Natürlich wäre schon der Tod besser als das ... Es ist wohl -Wahnsinn. Aber denken Sie sich nur: er verfolgt sie auf Schritt und -Tritt!« - -»Der Verstorbene?« - -»Aber nein -- der Pole! Ich bin jetzt sogar sehr froh, daß Sie mich nach -dem Bade aufgesucht haben und ich mit Ihnen darüber sprechen kann ... -Vielleicht können Sie mir dazu auf Grund Ihrer geistlichen Praxis etwas -sagen.« - -Und der Oberst erzählte dem Pfarrer, daß unsere junge, rosige -Kommandeuse immer den Polen vor sich sehe ... Sie schildere unseren -Awgust Matwejitsch wie er leibt und lebt, und er komme ihr wie eine -altmodische englische Standuhr vor ... - -Als der Pfarrer das hörte, sprang er förmlich auf. - -»Das ist ja einfach unglaublich!« rief er aus: »Alle Offiziere nennen -ihn ja >die Standuhr<!« - -»Darum erzähle ich es eben, weil es so unglaublich ist! Stellen Sie sich -nun vor, daß wir in unserm Salon just eine solche altmodische Standuhr, -obendrein eine mit einem Glockenspiel stehen haben; wenn man sie -aufzieht, so hört das Bimmeln gar nicht auf. Meine Frau fürchtet sich -sogar, in der Dämmerung durch den Salon zu gehen. Wir können aber die -Uhr nirgends fortschaffen; sie soll auch sehr wertvoll sein, und meine -Frau hat sie jetzt auch selbst lieb gewonnen.« - -»Warum eigentlich?« - -»Sie sinnt gerne ... sie glaubt, im Pendelschlag etwas zu hören ... Sie -hört darin immer die Worte: >Ich -- such! -- Ich -- such!< Jawohl! Sie -fühlt sich dadurch irgendwie angezogen und hat zugleich unheimliche -Angst ... Sie schmiegt sich immer an mich und will, daß ich sie in den -Armen halte. Ich glaube sogar, daß sie wieder in Umständen ist.« - -»Ja, ja ... das ist ja bei einer verheirateten Frau wohl möglich ... -Sogar sehr möglich!« platzte der Pfarrer heraus. Mit diesen Worten lief -er davon und kam zu uns, so verschwitzt, wie wenn er tatsächlich aus dem -Dampfbade käme. Er erzählte uns alles in einem Zug, ersuchte uns aber, -alles geheim zu halten. - -Der Verlauf seiner Unterredung mit dem Obersten gefiel uns übrigens -nicht. Wir waren der Ansicht, daß der Oberst der ihm mitgeteilten -Entdeckung nicht die gebührende Beachtung geschenkt und sie auf eine -ganz unpassende Weise mit seinen eigenen Eheangelegenheiten in -Verbindung gebracht habe. - -Einer von uns, ein Kleinrusse, fand dafür sofort eine Erklärung. - -»Die Mutter des Obersten«, sagte er, »heißt Veronika Stanislawowna.« - -Die anderen fragten ihn: - -»Was wollen Sie damit sagen?« - -»Nichts weiter, als daß seine Mutter Veronika Stanislawowna heißt.« - -Man deutete es natürlich in dem Sinne, daß die Mutter des Obersten Polin -sei und er daher ungern derartige Ansichten über die Polen höre. - -Unsere Offiziere beschlossen, den Obersten gänzlich aus dem Spiele zu -lassen, und wählten einen Kameraden, der imstande war, jeden beliebigen -Menschen tätlich zu beleidigen. Dieser Kamerad nahm Urlaub und begab -sich auf die Suche nach Awgust Matwejitsch, um ihn zu zwingen, das Geld -anzunehmen; im Falle er die Annahme verweigern sollte, würde er ihn aber -ins Gesicht schlagen. - -Er hätte diesen Beschluß auch sicher ausgeführt, wenn er ihn gefunden -hätte. Nach der Fügung des Himmels kam es aber ganz anders. - - - - - XVIII - - -An einem heißen Tag Ende Mai kam ganz unerwartet Awgust Matwejitsch in -eigener Person angefahren. Er lief schnell die Treppe hinauf und rief: - -»He, Marko!« - -Marko, der in seiner Kammer war, wo er wohl vor den Heiligenbildern -betete, kam sofort herausgesprungen. - -»Awgust Matwejitsch«, ruft er: »nun sind Sie endlich wieder einmal -hier!« - -Jener aber antwortet: - -»Ja, mein Lieber, ich bin wieder hier. Und du, Schurke, gießt noch immer -deine Kirchenglocken und verbreitest, damit sie besser läuten, unsinnige -Gerüchte über anständige Menschen?« - -Und mit diesen Worten schlägt er ihn ins Gesicht. - -Marko fällt um und schreit: - -»Was ist denn das? .. Wofür? ..« - -Wir alle, die gerade zu Hause waren, sprangen aus unseren Zimmern heraus -und wollten schon für Marko eintreten. Was hat er denn für ein Recht, -Marko zu schlagen: Marko ist ja so ehrlich! - -Awgust Matwejitsch aber sagt: - -»Ich bitte Sie, einen Augenblick zu warten: mir folgen auf dem Fuße noch -andere Gäste, in deren Gegenwart ich Ihnen seine Ehrlichkeit beweisen -werde. Ich bitte Sie nur, ihn nicht anzurühren, damit ich ihn für keinen -Augenblick aus den Augen verliere.« - -Wir traten etwas zurück, und im nächsten Augenblick kam schon die -Polizei. - -Awgust Matwejitsch wandte sich an die Beamten und sagte: - -»Wollen Sie ihn verhaften: ich übergebe Ihnen hiermit einen völlig -überführten Dieb, und hier sind die Beweise.« - -Und er legte eine Bestätigung vor, aus der hervorging, daß die -Glockengießerei von Marko eine Banknote erhalten hatte, deren Nummer mit -einer der Banknoten, die Awgust Matwejitsch am Tage vor dem Diebstahl -ausbezahlt bekam, übereinstimmte. - -Marko fiel in die Knie und gestand, wie die Sache war. Awgust -Matwejitsch hatte gleich nach seiner Ankunft die Banknoten aus der -Tasche genommen und unter das Kopfkissen gesteckt. Diesen Umstand hatte -er später vergessen und sich eingebildet, das Geld befinde sich noch in -seiner Rocktasche. Als Marko ihm das Bett machte, fand er das Geld und -eignete es sich an, in der Hoffnung, daß es ihm gelingen würde, jemand -anderen in die Sache zu verwickeln, was ihm, wie wir gesehen haben, auch -wirklich gelang. Um seine Sünde vor Gott wieder gutzumachen, bestellte -er zu der bereits vorher angeschafften Kirchenglocke noch ein ganzes -abgestimmtes Glockenspiel, das er mit einer der gestohlenen Banknoten -bezahlte. - -Die übrigen Banknoten fand man auch sofort im Kasten unter dem -Heiligenschreine. - -Und nun begannen bei uns unsere eigenen »Glocken von Corneville« zu -läuten. Alle schlugen die Hände über den Köpfen zusammen, weinten dem -unglücklichen Sascha noch eine Träne nach und beschlossen zuletzt, die -erfreuliche Entdeckung gebührend zu feiern. - -Alle waren Awgust Matwejitsch dankbar, und der Kommandeur veranstaltete, -um ihm seinen Dank und seine Achtung zu zeigen, einen großen Abend ihm -zu Ehren, zu dem er den ganzen Adel einlud. Selbst seine Mutter, die -bereits erwähnte Veronika -- sie war schon in den Siebzigern -- kam zu -dieser Festlichkeit gefahren; es stellte sich aber heraus, daß sie gar -nicht »Stanislawowna« sondern Veronika »Wassiljewna« hieß; auch stammte -sie aus dem geistlichen Stande und war die Tochter eines Protopopen; der -Name »Veronika« kommt aber auch im russischen Kalender vor. Warum man -sie vorher für eine »Stanislawowna« gehalten hatte, blieb unaufgeklärt. - -Die Kommandeuse zeichnete Awgust Matwejitsch ganz besonders aus: sie -stand auf, ging ihm entgegen und reichte ihm beide Hände; er bat sie, -ihm seine »polnische Manier« zu entschuldigen, und küßte ihr beide -Hände. Am nächsten Tage schickte er ihr aber einen Brief in -französischer Sprache, in dem er ihr sagte, daß er das Geld gar nicht -des Geldes wegen, sondern nur der Ehre wegen gesucht habe ... Obwohl es -nun gefunden worden sei, wolle er es nicht annehmen, »weil daran Blut -klebe«. Und er bat die Frau Oberst, ihm die Gnade zu erweisen und mit -diesem Gelde ein armes kleines Waisenmädchen groß zu ziehen, das er -ausfindig gemacht habe; es sei just in derselben Nacht zur Welt -gekommen, in der Sascha aus dem Leben geschieden. »Vielleicht wohnt in -dem Kinde seine Seele.« - -Die junge Kommandeuse war sehr gerührt und erklärte sich bereit, das -Kind anzunehmen. Awgust Matwejitsch überbrachte es ihr persönlich in -einem sauberen weißen, mit Tüll und weißen Bändern garnierten Korbe. - -»Der schlaue Pole!« Alle beneideten ihn, daß er es in einer so schönen, -zarten und einschmeichelnden Form einzurichten verstand. Ja, dieser -Mystiker! - -Sie soll beim Abschied von ihm geweint haben; wir aber verabschiedeten -uns von ihm unter Trinksprüchen und Schmollistrinken im Wäldchen vor der -Stadt. Das war ganz zufällig gekommen: wir zechten gerade draußen, als -er vorbeifuhr. Wir entschuldigten uns zuvor, zogen ihn dann vom Wagen, -tranken ohne Ende und erzählten ihm ganz aufrichtig, was für eine -schlechte Meinung wir von ihm gehabt hatten. - -»Erzähle uns nun, wie du das so eingerichtet hast!« drangen wir in ihn. - -Er sagte: - -»Ich habe gar nichts eingerichtet, meine Herren, es ist alles ganz von -selbst so gekommen ...« - -»Mache keine Ausflüchte«, sagten wir ihm, »du bist ja Pole, und wir -können dir daraus keinen Vorwurf machen. Wie hast du es aber fertig -gebracht, ein Kind zu finden, das just in der Nacht auf die Welt kam, in -der Sascha gestorben ist, so daß es das gleiche Alter hat wie das -verstorbene Kind der Kommandeuse? ..« - -Der Pole lachte: - -»Meine Herren, wie habe ich das einrichten können?« - -»Das ist es eben! Ihr Polen seid so fein, daß sich der Teufel in euch -auskennt!« - -»Glauben Sie mir: ich höre heute zum erstenmal, ich sei so fein, daß ich -mich selbst nicht sehe. Lassen Sie mich aber weiterfahren, sonst spannt -der Postkutscher, wie es seine Pflicht ist, die Pferde aus.« - -Wir ließen von ihm ab, halfen ihm in den Wagen und riefen dem Kutscher -zu: »Los!« - -Er versuchte, sich vor uns möglichst graziös zu verbeugen, die Pferde -zogen aber in diesem Augenblick an, und er verbeugte sich höchst -zweideutig mit dem Rücken. So endete unsere traurige Geschichte. Sie -finden darin keine Ideen, die irgendeine Beachtung verdienten; ich -erzählte sie nur, weil sie mir interessant erscheint. Vor Zeiten war es -so, daß jede noch so unbedeutende Sache leicht zu etwas Großem und -Interessantem anwachsen konnte. Heute ist es aber umgekehrt: eine -Geschichte läßt sich Gott weiß wie groß an; wie sie aber den Leuten in -die Hände kommt, wird sie immer kleiner und kleiner, bis von ihr -schließlich nichts mehr zurückbleibt ... Gar mancher fängt zu lieben an -und gibt es plötzlich auf, weil es ihm zu langweilig wird. Worauf mag -das beruhen? Ich glaube, daß es viele Gründe hat. Und ist nicht einer -der Hauptgründe unsere Gleichgültigkeit gegen das, was man _persönliche -Ehre_ nennt? - - - - - DIE LADY MAKBETH DES MZENSKER LANDKREISES - - - - - I - - -In unserer Gegend kommen manchmal so seltsame Charaktere vor, daß man -sich ihrer nicht ohne tiefste Erschütterung erinnern kann, selbst wenn -schon viele Jahre nach der letzten Begegnung mit ihnen vergangen sind. -Zu solchen Charakteren zählte die Kaufmannsfrau Katerina Lwowna -Ismajlowa, die einst im Mittelpunkte eines grauenhaften Dramas gestanden -hatte und bei unseren Gutsbesitzern unter dem treffenden Namen »Lady -Makbeth des Mzensker Landkreises« bekannt war. - -Katerina Lwowna war nicht, was man eine Schönheit nennt, doch von -angenehmem Äußeren. Sie war erst vierundzwanzig Jahre alt, nicht sehr -groß, doch schlank, hatte einen wie aus Marmor gemeißelten Hals, -rundliche Schultern, einen prallen Busen, eine gerade, feine Nase, -schwarze lebhafte Augen, eine hohe weiße Stirne und schwarzes, sogar -blauschwarzes Haar. Man verheiratete sie mit einem Landsmann, dem -Kaufmann Ismajlow aus Tuskarj im Kursker Gouvernement. Sie fühlte zwar -keine Neigung zu ihm; Ismajlow hatte aber den Antrag gemacht, und sie -durfte als armes Mädchen nicht wählerisch sein. Die Ismajlows waren in -unserer Gegend angesehen: sie betrieben einen großen Mehlhandel, hatten -auf dem Lande eine große Mühle in Pacht, einen einträglichen Garten vor -der Stadt und ein schönes Haus in der Stadt und gehörten zu den -wohlhabendsten Kaufleuten. Die Familie war obendrein nicht zu groß und -bestand nur aus dem Schwiegervater Boris Timofejitsch Ismajlow, der -schon an die achtzig Jahre alt und seit langem verwitwet war, seinem -Sohn Sinowij Borissowitsch, Katerinas Mann, der auch nicht mehr jung -- -über fünfzig -- war, und Katerina Lwowna selbst. Nach fünfjähriger Ehe -hatte Katerina Lwowna noch immer kein Kind; Sinowij Borissowitsch hatte -auch von seiner ersten Frau, mit der er zwanzig Jahre gelebt hatte, -bevor er Katerina Lwowna heiratete, keine Kinder. Er hatte gehofft, daß -Gott ihm wenigstens in seiner zweiten Ehe Kinder schenken würde, die -seine Firma und sein Kapital erben könnten; er hatte aber auch mit -Katerina Lwowna kein Glück. - -Die Kinderlosigkeit machte Sinowij Borissowitsch großen Kummer, und -nicht nur ihm allein, sondern auch dem alten Boris Timofejitsch; auch -Katerina Lwowna selbst war darüber sehr traurig. Die tödliche Langweile -in dem verschlossenen Kaufmannshause mit dem hohen Zaun und den bösen -Kettenhunden machte die junge Kaufmannsfrau oft erstarren, so daß sie -Gott weiß wie froh gewesen wäre, wenn sie ein Kindchen zu pflegen gehabt -hätte; dann hatte sie auch die ewigen Vorwürfe satt: »Warum bist du -diese Ehe eingegangen, warum hast du dem Menschen sein Schicksal -gebunden, du Unfruchtbare?!« Als ob sie tatsächlich ein Verbrechen -an ihrem Manne, am Schwiegervater und am ganzen ehrbaren -Kaufmannsgeschlecht begangen hätte! - -Bei allem Reichtum war das Leben Katerina Lwownas im Hause des -Schwiegervaters öde und traurig. Sie kam fast nie aus dem Hause, und -selbst wenn sie mit ihrem Manne irgendwo in Kaufmannsfamilien Besuch -machte, hatte sie wenig Freude daran. Es waren lauter strenge Leute, die -immer beobachteten, wie sie saß, wie sie ging, wie sie stand. Katerina -Lwowna hatte aber einen feurigen Charakter und war als Mädchen ein -freies Leben gewohnt; einst durfte sie mit den Eimern zum Fluß laufen, -im Hemd am Landungssteg baden oder einen vorbeigehenden Burschen über -die Gartenpforte mit Schalen von Sonnenblumenkernen überschütten; hier -ist aber alles anders. Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller -Herrgottsfrühe auf, trinken um sechs Uhr Tee und gehen gleich an ihre -Geschäfte. Sie aber wandert von Zimmer zu Zimmer. Überall ist es so -rein, so still und so leer, vor den Heiligenbildern brennen die -Lämpchen, und im ganzen Hause ist kein lebender Ton, keine menschliche -Stimme. - -Katerina Lwowna irrt eine Zeitlang durch die leeren Zimmer, beginnt vor -Langweile zu gähnen und geht die Stiege in das eheliche Schlafzimmer im -Mezzanin hinauf. Sie sitzt da, schaut zum Fenster hinaus, wie man vor -den Speichern den Hanf aufhängt oder das Mehl in Säcke füllt; sie muß -wieder gähnen und freut sich, daß sie eine oder zwei Stunden schlafen -kann. Und wenn sie erwacht, überkommt sie wieder die Langweile des -altrussischen Kaufmannshauses, vor der man sich, wie es heißt, mit -Freuden erhängt. Katerina Lwowna fand auch am Lesen keine Freude, und im -Hause gab es keine Bücher außer dem Kiewer Heiligenbuch. - -So öde war das Leben Katerina Lwownas in dem reichen Hause, in dem sie -nun schon fünf Jahre an der Seite eines lieblosen Gatten lebte. Aber, -wie es so immer geht, niemand schenkte ihrer Langweile auch nur die -geringste Beachtung. - - - - - II - - -Im Frühjahr des sechsten Jahres nach Katerina Lwownas Verheiratung gab -es auf der Ismajlowschen Mühle ein Unglück: das Hochwasser hatte den -Damm durchbrochen. Die Mühle hatte gerade viel Arbeit, und der Schaden -war sehr groß: das Wasser kam unter den Lauftrog des leeren Gerinnes und -ließ sich nicht wieder einfangen. Sinowij Borissowitsch trieb die Leute -aus der ganzen Umgegend zusammen und überwachte Tag und Nacht die -Arbeiten; die Geschäfte in der Stadt versah der Alte, und Katerina -Lwowna war tagelang allein zu Hause. Als sie ohne Mann geblieben war, -fühlte sie anfangs noch größere Langweile; dieser Zustand gefiel ihr -aber mit der Zeit nicht schlecht; sie konnte freier aufatmen. Sie hatte -ihn ja niemals geliebt, nun hatte sie wenigstens einen Aufseher weniger. - -Einmal saß sie in ihrem Mezzanin am Fenster, gähnte, dachte an nichts -Bestimmtes und schämte sich zuletzt, immer so zu gähnen. Draußen war -aber der herrlichste Tag: warm, heiter, lustig, und durch das grüne -Holzgitter des Gartens waren flinke Vöglein zu sehen, die von Zweig zu -Zweig hüpften. - --- Warum gähne ich so? -- fragte sich Katerina Lwowna. -- Ich will -einmal aufstehen und in den Hof oder in den Garten gehen. -- - -Sie warf sich einen alten Pelzumhang um und ging hinaus. - -Unten auf dem Hofe ist es so hell, die Luft ist so erfrischend, und auf -der Galerie bei den Speichern schallt lustiges Gelächter. - -»Was freut ihr euch so?« fragte Katerina Lwowna die Angestellten des -Schwiegervaters. - -»Wir haben eben ein lebendes Schwein gewogen,« antwortete ihr der alte -Verwalter. - -»Was für ein Schwein?« - -»Das Schwein Aksinja, das den Sohn Wassilij geboren und uns zur Taufe -nicht eingeladen hat,« berichtete ihr frech und lustig ein Bursche mit -kühnem, hübschem Gesicht, pechschwarzen Locken und einem kaum -sprossenden Bärtchen. - -Aus dem Mehlkübel, der am Wagbalken angehängt war, sah in diesem -Augenblick das dicke rotbackige Gesicht der Köchin Aksinja heraus. - -»Verdammte Teufel!« fluchte die Köchin, indem sie nach dem eisernen -Wagbalken griff und sich Mühe gab, aus dem hin- und herpendelnden Kübel -herauszukriechen. - -»Acht Pud wiegt sie vor dem Essen, und wenn sie zu Mittag ein Fuder Heu -gefressen hat, so langen die Gewichte nicht!« erklärte der gleiche -hübsche Bursche. Mit diesen Worten drehte er den Kübel um und warf die -Köchin auf die in der Ecke geschichteten Säcke. - -Die Köchin fluchte noch immer, eigentlich mehr im Scherz, und zupfte -sich das Kleid zurecht. - -»Nun, und wieviel wiege ich?« fragte Katerina Lwowna. Sie stieg auf das -Brett und hielt sich an den Stricken fest. - -»Drei Pud sieben Pfund,« antwortete der hübsche Bursche Ssergej, nachdem -er die Gewichte nachgezählt hatte. »Ein Wunder!« - -»Was wunderst du dich so?« - -»Daß Sie über drei Pud wiegen, Katerina Lwowna. Ich glaube, daß ich Sie -den ganzen Tag auf den Armen herumtragen könnte, ohne dabei müde zu -werden. Ich würde es sogar für das größte Vergnügen ansehen.« - -»Bin ich denn etwa kein Mensch? Würdest wohl müde werden!« erwiderte -leicht errötend Katerina Lwowna, die solche Reden nicht mehr gewohnt war -und plötzlich das Verlangen fühlte, lustig zu plaudern und zu scherzen. - -»Gott behüte! Ich würde Sie bis nach dem glückseligen Arabien tragen,« -antwortete Ssergej auf ihre Bemerkung. - -»Du redest Unsinn,« sagte der Bauer, der das Getreide aufschüttete. »Was -ist unsere Schwere? Ist es denn unser Körper, der was wiegt? Unser -Körper, mein Lieber, wiegt nicht, es ist nur unsere Kraft, die uns zur -Erde zieht, und nicht der Körper!« - -»Als Mädchen hatte ich eine große Kraft,« sagte Katerina Lwowna, die -sich wieder nicht beherrschen konnte. »Mancher Mann konnte mich nicht -niederringen!« - -»Erlauben Sie mal Ihr Händchen, wenn das wahr ist,« bat der hübsche -Bursche. - -Katerina Lwowna errötete wieder, reichte ihm aber die Hand. - -»Laß los, es tut weh!« schrie Katerina Lwowna auf, als Ssergej ihre Hand -in der seinigen zusammendrückte. Mit der freien Hand stieß sie ihn vor -die Brust. - -Der Bursche ließ ihre Hand los und taumelte vor ihrem Stoß einige -Schritte zur Seite. - -»Und das will ein Frauenzimmer sein!« wunderte sich der Bauer. - -»Nein, nicht so! Wollen wir einmal richtig ringen?« sagte Ssergej, seine -Locken schüttelnd. - -»Nun, versuch's,« antwortete Katerina Lwowna, immer lustiger werdend, -und hob die Ellenbogen. - -Ssergej umschlang die junge Frau und drückte ihre pralle Brust an sein -rotes Hemd. Katerina Lwowna rührte nur die Schultern, Ssergej hatte sie -aber schon in die Höhe gehoben, hielt sie eine Weile in den Armen, -drückte sie zusammen und setzte sie zuletzt auf einen umgekehrten -Scheffel. - -Katerina Lwowna hatte nicht einmal Zeit gehabt, ihre Kraft, mit der sie -so prahlte, zu zeigen. Über und über rot, zupfte sie den Pelzumhang, der -ihr von der Schulter geglitten war, zurecht und ging langsam aus dem -Speicher. Ssergej räusperte sich aber und rief: - -»He, ihr Esel! Schüttet das Getreide auf, schont die Arme nicht! Wenn -was übrig bleibt, so ist's unser Verdienst!« - -Er tat so, als hätte auf ihn der Ringkampf mit Katerina Lwowna nicht den -geringsten Eindruck gemacht. - -»Dieser Ssergej ist ein verdammter Mädchenjäger!« berichtete die Köchin -Aksinja, ihrer Herrin nachgehend. »Alles an ihm ist gleich schön: der -Wuchs, das Gesicht, die Gestalt. Er kann jedes Frauenzimmer betören und -zur Sünde verführen. Dabei ist er ein untreuer, gemeiner Kerl!« - -»Sag einmal, Aksinja,« sagte die junge Frau, vor der Köchin hergehend, -»lebt dein Kind noch?« - -»Es lebt, Mütterchen, es lebt, was soll ihm geschehen? Wenn man ein Kind -nicht braucht, so ist es immer zählebig.« - -»Wo hast du nur das Kind her?« - -»Ach, man kriegt es leicht, wenn man unter Menschen lebt.« - -»Ist dieser Bursche schon lange bei uns?« - -»Welcher? Meinen Sie Ssergej?« - -»Ja.« - -»An die vier Wochen. Vorher war er bei den Kontschonows in Stellung, -wurde aber hinausgejagt.« Aksinja fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Man -sagt, er hätte dort mit der Hausfrau selbst angebandelt, darum hat ihn -auch der Herr hinausgejagt ... Er ist so furchtbar frech, der -Verruchte!« - - - - - III - - -Eine warme milchweiße Dämmerung schwebte über der Stadt. Sinowij -Borissowitsch war noch immer nicht von der Mühle heimgekehrt. Auch der -Schwiegervater Boris Timofejewitsch war nicht zu Hause: er war zu einem -alten Freund zum Namenstag gefahren und hatte angesagt, daß man ihn zum -Abendessen nicht erwarten solle. Katerina Lwowna aß früh zu Abend, stand -dann wieder am Fenster ihres Schlafzimmers, lehnte sich mit der Wange an -den Pfosten und knackte Sonnenblumenkerne. Die Leute hatten eben in der -Küche genachtmahlt und begaben sich zur Ruhe: der eine in die Tenne, der -andere in den Speicher, der dritte auf den duftenden Heuboden. Als -letzter kam aus der Küche Ssergej. Er schlenderte durch den Hof, ließ -die Kettenhunde los, pfiff ein Liedchen, ging am Fenster Katerina -Lwownas vorbei, blickte zu ihr hinauf und verneigte sich vor ihr. - -»Guten Abend,« sagte Katerina Lwowna leise von ihrem Fenster herab, und -auf dem Hofe wurde es plötzlich so still wie in einer Wüste. - -»Gnädige Frau!« tönte es zwei Minuten später vor der versperrten Türe -des Schlafzimmers. - -»Wer ist da?« fragte Katerina Lwowna erschrocken. - -»Erschrecken Sie nicht: ich bin es, Ssergej.« - -»Was willst du, Ssergej?« - -»Ich habe eine Bitte an Sie, Katerina Lwowna. Gestatten Sie mir, daß ich -für einen Augenblick eintrete.« - -Katerina Lwowna sperrte die Türe auf und ließ ihn ein. - -»Was willst du?« fragte sie, wieder ans Fenster tretend. - -»Ich möchte Sie fragen, Katerina Lwowna, ob Sie mir nicht irgendein -Büchlein zum Lesen geben können. Ich vergehe vor Langweile.« - -»Ich habe gar keine Bücher, Ssergej, ich lese niemals,« antwortete -Katerina Lwowna. - -»So furchtbar langweilig ist es hier,« klagte Ssergej. - -»Was weißt du von Langweile?« - -»Erlauben Sie einmal! Wie soll ich mich nicht langweilen? Ich bin ja ein -junger Mensch, wir leben hier wie in einem Kloster, und ich habe vor mir -keine andere Aussicht, als hier in der Einsamkeit zugrunde zu gehen. -Zuweilen verzweifle ich an meinem Leben.« - -»Warum heiratest du nicht?« - -»Ja, heiraten, das ist leicht gesagt! Wen soll ich hier heiraten? Ich -bin ja ein unbedeutender Mensch; ein Mädchen aus dem Kaufmannsstande -wird mich nicht nehmen, und die von unserem armen Stande sind viel zu -ungebildet, das wissen Sie doch selbst. Kann denn so ein Mädchen die -Liebe richtig verstehen? Aber auch die Reichen verstehen sie nicht viel -besser. Für jeden andern Menschen wären Sie wohl der Trost seines -Lebens, Ihr Gemahl hält Sie aber wie einen Kanarienvogel im Bauer.« - -»Ja, ich langweile mich,« sagte Katerina Lwowna unwillkürlich. - -»Wie soll man sich auch nicht langweilen bei solch einem Leben, gnädige -Frau! Selbst wenn Sie einen Geliebten hätten, wie die andern Frauen, so -hätten Sie gar keine Möglichkeit, mit ihm zusammenzukommen.« - -»Nein, du redest Unsinn. Ich glaube aber, daß es mir lustiger zumute -wäre, wenn ich ein Kindchen hätte.« - -»Erlauben Sie die Bemerkung, gnädige Frau: ein Kind kann man auch nicht -so von heute auf morgen bekommen. Ich habe ja genug in den -Kaufmannsfamilien gelebt und kenne mich in diesen Dingen gut aus. In -einem Liede heißt es: >Wenn du keinen Liebsten hast, stirbt das Herz vor -Schmerzenslast.< Diesen Schmerz empfinde ich so stark, Katerina Lwowna, -daß ich mir das Herz aus der Brust schneiden und es Ihnen vor die -Füßchen werfen könnte. Und es würde mir dann viel leichter zumute werden -...« - -Seine Stimme zitterte. - -»Was erzählst du mir von deinem Herzen? Ich brauche es nicht. Geh ...« - -»Nein, erlauben Sie, gnädige Frau,« sagte Ssergej, am ganzen Leibe -zitternd und einen Schritt näher kommend. »Ich weiß, ich sehe und -begreife, daß auch Sie es nicht leichter haben als ich. Alles hängt -jetzt aber nur von Ihnen ab, alles ruht in Ihrer Hand!« Die letzten -Worte hauchte er nur. - -»Was willst du? Was willst du? Was bist du zu mir gekommen? Ich werde -mich aus dem Fenster stürzen,« sagte Katerina Lwowna, von einer -namenlosen Angst erfaßt, und griff mit den Händen nach dem Fensterbrett. - -»Du Unvergleichliche, du mein Leben! Was sollst du dich aus dem Fenster -stürzen?« flüsterte Ssergej frech. Er riß die junge Frau vom Fenster los -und umschlang sie mit seinen Armen. - -»Laß los! Laß los!« stöhnte Katerina Lwowna leise, unter Ssergejs heißen -Küssen ermattend und sich unwillkürlich an seine mächtige Brust -schmiegend. - -Ssergej nahm sie wie ein kleines Kind auf die Arme und trug sie in eine -dunkle Ecke. - -Im Zimmer trat nun eine Stille ein, die nur durch das gleichmäßige -Ticken der Taschenuhr Sinowij Borissowitschs unterbrochen wurde, die -über dem Bette Katerina Lwownas hing. Dieses Ticken störte aber niemand. - -»Geh,« sagte Lwowna nach einer halben Stunde, ohne Ssergej anzublicken, -ihr zerzaustes Haar vor dem kleinen Spiegel richtend. - -»Was soll ich jetzt von hier fortgehen?« fragte Ssergej mit seliger -Stimme. - -»Der Schwiegervater wird die Türe zusperren.« - -»Ach, meine liebe Seele! Hast du denn nur solche Männer gekannt, die -eine Türe brauchen, um zur Geliebten zu gelangen? Wenn ich zu dir oder -von dir will, so finde ich überall eine Türe,« antwortete der Bursche, -auf die Balken, die die Galerie stützten, zeigend. - - - - - IV - - -Sinowij Borissowitsch blieb noch eine Woche auf der Mühle, und seine -Frau ergötzte sich diese ganze Zeit allnächtlich bis an den lichten Tag -mit Ssergej. - -In diesen Nächten wurde im Schlafzimmer Sinowij Borissowitschs gar viel -Wein aus dem Keller des Schwiegervaters ausgetrunken, viel Süßes -gegessen, viel geküßt und viel mit den schwarzen Locken auf den weichen -Kopfkissen gespielt. Die Landstraße ist aber nicht immer so eben wie -eine Tischdecke, es gibt auch Löcher und Buckel. - -Boris Timofejitsch konnte keinen Schlaf finden. Der Alte irrte in seinem -bunten Kattunhemd durch das stille Haus, trat bald an das eine, bald an -das andere Fenster und sah plötzlich das rote Hemd Ssergejs langsam den -Balken unter dem Fenster der Schwiegertochter hinuntergleiten. Eine -schöne Bescherung! Boris Timofejitsch ging in den Hof und packte den -Burschen bei den Beinen. Dieser holte zuerst zu einem Schlage aus, -überlegte sich aber, daß es zu viel Lärm geben würde. - -»Sag einmal,« fragte Boris Timofejitsch, »wo warst du eben, du Dieb?« - -»Wo ich war, da bin ich nicht mehr, Boris Timofejitsch,« antwortete -Ssergej. - -»Hast du bei der Schwiegertochter übernachtet?« - -»Das ist meine Sache, Herr, wo ich übernachtet habe. Höre aber auf meine -Worte, Boris Timofejitsch: was gewesen ist, läßt sich nicht mehr ändern. -Tu wenigstens deinem Kaufmannshause keine Schande an. Sag mir, was -willst du jetzt von mir? Was für eine Genugtuung soll ich dir geben?« - -»Du sollst, Verruchter, fünfhundert Peitschenschläge bekommen,« -antwortete Boris Timofejitsch. - -»Die Schuld ist mein, der Wille ist dein,« sagte der Bursche. »Sag, -wohin ich dir folgen soll, trinke mein Blut.« - -Boris Timofejitsch führte Ssergej in seine gemauerte Vorratskammer und -schlug ihn so lange mit der Peitsche, bis sein Arm erlahmte. Ssergej gab -keinen Ton von sich, zerkaute aber die Hälfte seines Hemdärmels mit den -Zähnen. - -Boris Timofejitsch ließ Ssergej in der Kammer liegen, bis sein -blutiggeschlagener Rücken verheilen würde, stellte ihm einen irdenen -Krug mit Wasser hin, versperrte die Kammer mit einem großen Schloß und -schickte nach dem Sohn. - -Auch heute noch legt man hundert Werst auf einer russischen Landstraße -nicht an einem Tag zurück, Katerina Lwowna kann aber ohne ihren Ssergej -auch nicht eine Stunde aushalten. Ihre ganze zügellose Natur kam zum -Durchbruch, und sie wurde sehr kühn und entschlossen. Sie erfuhr, wo -Ssergej eingesperrt war, sprach mit ihm durch die Eisentüre einige Worte -und machte sich auf die Suche nach den Schlüsseln. »Väterchen, laß doch -den Ssergej heraus!« wandte sie sich an den Schwiegervater. - -Der Alte wurde ganz grün vor Wut. Von seiner sündigen, bisher aber noch -immer gehorsamen Schwiegertochter hatte er eine solche Frechheit nicht -erwartet. - -»Was fällt dir ein?« Und er fiel über Katerina Lwowna mit Schimpfworten -her. - -»Laß ihn heraus,« bestürmte sie ihn, »ich schwöre dir bei meinem -Gewissen, daß es zwischen uns nichts Schlimmes gegeben hat.« - -»So, es hat nichts Schlimmes gegeben!« sagt er und knirscht mit den -Zähnen. »Was habt ihr dann in den Nächten getrieben? Die Kissen deines -Mannes durchgeklopft?« - -Sie aber hört gar nicht auf: »Laß ihn heraus!« - -»Wenn die Dinge so stehen,« sagt Boris Timofejitsch, »so will ich dir -folgendes sagen: wenn dein Mann zurückkommt, werden wir dich, du -treulose Frau, im Pferdestalle mit eigenen Händen durchpeitschen. Ihn -aber, den Schurken, werde ich gleich morgen ins Zuchthaus schicken.« - -So hatte Boris Timofejitsch beschlossen; sein Beschluß wurde aber nicht -zur Tat. - - - - - V - - -Boris Timofejitsch aß an diesem Abend einen Brei mit Pilzen und fühlte -gleich darauf ein Brennen im Schlunde; es zwickte ihn im Magen, er bekam -Erbrechen und starb gegen Morgen auf die gleiche Weise, wie die Ratten -in seinem Speicher. Für die Ratten aber pflegte Katerina Lwowna mit -eigenen Händen eine Speise mit einem gefährlichen weißen Pulver, das sie -in Verwahrung hatte, anzurichten. - -Katerina Lwowna ließ ihren Ssergej sofort aus der gemauerten Kammer -heraus und legte ihn, ganz ohne Scheu vor den Leuten, auf das Bett ihres -Mannes, damit er sich nach den Schlägen des Schwiegervaters erhole; dem -Schwiegervater Boris Timofejitsch gab sie aber ein christliches -Begräbnis. Seltsamerweise machte sich niemand über den Tod des Alten -irgendwelche Gedanken. Boris Timofejitsch war eben gestorben, wie viele -nach dem Genuß von Pilzen starben. Man beerdigte ihn in aller Eile, ohne -selbst die Rückkehr des Sohnes abzuwarten, denn die Tage waren heiß; der -nach Sinowij Borissowitsch geschickte Bote hatte ihn auf der Mühle nicht -angetroffen. Sinowij Borissowitsch hatte gerade die Gelegenheit, einen -Wald, der hundert Werst weiter lag, billig zu kaufen; er war -hingefahren, um sich den Wald anzusehen, und hatte niemandem angesagt, -wo dieser Wald liege. - -Nachdem Katerina Lwowna dieses erledigt hatte, geriet sie ganz außer -Rand und Band. Sie war ja auch sonst keine schüchterne Frau; jetzt -konnte man aber unmöglich erraten, was sie noch alles vorhatte. Sie geht -stolz einher, kommandiert das ganze Haus und läßt Ssergej nicht von -ihrer Seite. Das kam dem Hausgesinde anfangs etwas merkwürdig vor, -Katerina Lwowna verstand aber, die Leute so reich zu beschenken, daß -ihnen das Staunen verging. Sie sagten sich nur: Die Frau hat wohl mit -dem Ssergej angebandelt. Das ist ihre Sache, und nur sie allein wird -sich dafür zu verantworten haben. - -Ssergej genas indessen von seinen Wunden, ging wieder aufrecht einher, -tänzelte stolz wie ein Falke um Katerina Lwowna, und die beiden hatten -wieder das allerschönste Leben. Die Zeit rollte aber nicht nur für sie -beide dahin: der beleidigte Gatte Sinowij Borissowitsch eilte nach -langer Abwesenheit nach Hause. - - - - - VI - - -Es war ein glühheißer Nachmittag, und die Fliegen ließen keine Ruhe. -Katerina Lwowna schloß die Fenster des Schlafzimmers, verhängte es von -innen mit einem wollenen Tuche und legte sich mit Ssergej auf das -hochgetürmte Bett, um nach dem Essen auszuruhen. Katerina Lwowna weiß -nicht, ob sie schläft oder wacht, es ist aber so furchtbar heiß, der -Schweiß läuft ihr von der Stirne, und sie kann vor Hitze kaum atmen. -Katerina Lwowna fühlt, daß es nun Zeit ist, aufzuwachen; daß es Zeit -ist, in den Garten zu gehen, um Tee zu trinken; sie kann aber unmöglich -aufstehen. Endlich kommt die Köchin vor die Schlafzimmertüre und klopft: -»Der Samowar unter dem Apfelbaume wird kalt.« Katerina Lwowna erwacht -und beginnt den Kater zu tätscheln. Zwischen ihr und Ssergej wälzt sich -auf dem Bette ein prächtiger, grauer Kater; er ist groß und wohlgenährt -und hat einen so mächtigen Schnurrbart wie ein Amtmann. Katerina Lwowna -streichelt ihm das weiche Fell, und er schnuppert immer mit seiner -stumpfen Schnauze an ihrem prallen Busen und schnurrt ein leises Lied, -wie wenn er von der Liebe sprechen wollte. »Wie kommt nur der Kater -her?« fragt sich Katerina Lwowna. »Ich habe hier auf dem Fenster Sahne -stehen, er wird sie sicher fressen. Ich muß ihn hinauswerfen!« sagt sie -sich und greift nach dem Kater. Er ist aber unter ihren Fingern wie ein -Nebel verschwunden. »Wie kommt nur der Kater zu uns her?« denkt sich -Katerina Lwowna im Halbschlummer. »In unserm Schlafzimmer hat es doch -niemals einen Kater gegeben, und auf einmal ist so ein Vieh da!« Sie -will wieder nach dem Kater greifen, und er ist schon wieder weg. »Was -ist denn das? Ist es denn nur ein Kater?« fragt sich Katerina Lwowna -wieder. Sie bekommt Angst, und ihre ganze Schläfrigkeit ist auf einmal -wie weggeblasen. Sie sieht sich um -- es ist gar kein Kater in der -Stube, an ihrer Seite liegt nur der hübsche Ssergej und drückt mit -seiner starken Hand ihre Brust gegen sein glühendes Gesicht. - -Katerina Lwowna stand auf, setzte sich auf das Bett und begann ihren -Ssergej zu küssen und zu liebkosen. Dann richtete sie die zerwühlten -Kissen und ging in den Garten, um Tee zu trinken. Die Sonne stand aber -schon tief am Himmel, und auf die warme Erde senkte sich ein märchenhaft -schöner Abend. - -»Ich habe zu lange geschlafen,« sagte Katerina Lwowna zu Aksinja und -setzte sich auf den Teppich unter den blühenden Apfelbaum. »Aksinja, was -mag das bedeuten?« fragte sie die Köchin, die Tassen mit dem Handtuch -abwischend. - -»Was denn, Mütterchen?« - -»Es war kein Traum, ich sah es im Wachen, wie sich an mich irgendein -Kater schmiegte.« - -»Was redest du?« - -»Es war wirklich ein Kater.« - -Und Katerina Lwowna erzählte ihr, was sie eben erlebt hatte. - -»Was brauchtest du ihn zu streicheln?« - -»Das weiß ich selbst nicht, warum ich ihn gestreichelt habe.« - -»Es ist doch seltsam!« rief die Köchin aus. - -»Es kommt auch mir seltsam vor.« - -»Das bedeutet sicher, daß dir etwas zustößt.« - -»Was soll mir zustoßen?« - -»_Was_ dir zustoßen wird, kann dir, meine Liebe, niemand erklären. Es -wird dir aber sicher etwas zustoßen.« - -»Ich habe den Mond im Traume gesehen, und dann kam dieser Kater,« fuhr -Katerina Lwowna fort. - -»Der Mond bedeutet ein Kind.« - -Katerina Lwowna errötete. - -»Soll ich dir nicht den Ssergej herschicken?« fragte Aksinja mit der -Vertraulichkeit einer Freundin. - -»Meinetwegen,« antwortete Katerina Lwowna. »Schick ihn mir wirklich her: -ich will mit ihm Tee trinken.« - -»Darum frage ich auch, ob ich ihn herschicken soll,« sagte Aksinja und -wackelte wie eine Ente zum Gartentor. - -Katerina Lwowna erzählte auch Ssergej das von dem Kater. - -»Es ist nichts als Einbildung,« antwortete Ssergej. - -»Warum habe ich aber früher diese Einbildung niemals gehabt, -Sserjoscha?« - -»Ja, früher war manches anders! Früher verschmachtete mir das Herz, wenn -ich dich auch nur mit einem Auge ansah, und heute habe ich deinen ganzen -weißen Leib in meiner Gewalt.« - -Ssergej nahm Katerina Lwowna auf die Arme, drehte sie einmal in der Luft -um und warf sie auf den weichen Teppich. - -»Ach, es schwindelt mir!« sagte Katerina Lwowna. - -»Sserjoscha, komm einmal her, setz dich zu mir,« rief sie, sich -wollüstig streckend. - -Ssergej beugte sich, trat unter die tief herabhängenden, mit weißen -Blüten beladenen Äste des Apfelbaumes und setzte sich auf den Teppich -Katerina Lwowna zu Füßen. - -»Hast du wirklich nach mir geschmachtet, Sserjoscha?« - -»Gewiß, ich habe wohl geschmachtet.« - -»Wie hast du geschmachtet? Erzähl es mir!« - -»Kann man es denn erklären, wie man schmachtet? Ich habe mich halt nach -dir gesehnt.« - -»Warum habe ich nicht gefühlt, daß du dich nach mir sehntest, -Sserjoscha? Es heißt ja, daß man so was immer fühlt.« - -Ssergej gab keine Antwort. - -»Warum hast du immer gesungen, wenn du dich wirklich nach mir gesehnt -hast? Ich hab ja gehört, wie du auf der Galerie deine Lieder sangst,« -fragte Katerina Lwowna unter Küssen und Liebkosungen. - -»Was folgt daraus, daß ich gesungen habe? Auch die Mücke singt ihr Leben -lang, doch nicht vor Freude,« antwortete Ssergej trocken. - -Es entstand eine Pause. Ssergejs Geständnis erfüllte Katerina Lwowna mit -höchster Freude. - -Sie wollte noch mehr darüber sprechen, aber Ssergej runzelte die Stirne -und schwieg. - -»Schau nur, Sserjoscha, was das für ein Paradies ist!« rief Katerina -Lwowna aus, durch die dichten Zweige des blühenden Apfelbaumes in den -heiteren blauen Himmel mit dem Vollmond blickend. - -Das Mondlicht drang durch die Blüten und Blätter des Apfelbaumes und -überschüttete die Figur und das Gesicht der auf dem Rücken liegenden -Katerina Lwowna mit zauberhaften Lichtflecken. Ein leiser warmer -Windhauch bewegte kaum die schlafenden Blätter und brachte den feinen -Duft der blühenden Gräser und Bäume. Die Luft flößte eine süße -Mattigkeit, Wollust und dunkles Sehnen ein. - -Ssergej sagte noch immer nichts, und Katerina Lwowna hielt wieder inne -und blickte durch die blaßrosa Apfelblüten zum Himmel empor. Auch -Ssergej schwieg; der Himmel schien ihn aber nicht zu interessieren. Er -saß, seine Knie mit beiden Armen umschlingend, und betrachtete -aufmerksam seine Stiefel. - -Eine goldene Nacht! Stille, Licht, Duft und belebende Wärme. In der -Ferne hinter dem Garten stimmte jemand ein wohlklingendes Lied an. In -den dichten Faulbeersträuchern am Zaune begann eine Nachtigall zu -schlagen; im Bauer an der hohen Stange zwitscherte eine verschlafene -Wachtel. Man hörte das wohlgenährte Pferd im Stalle atmen und sah eine -lustige Hundeschar über die Wiese hinter dem Gartenzaune lautlos rennen -und in dem formlosen schwarzen Schatten der zerfallenen alten -Salzspeicher verschwinden. - -Katerina Lwowna stützte sich auf einen Ellenbogen und blickte auf das -hohe Gras, das im Mondlichte schimmerte. Es sah wie vergoldet aus, -seltsame Mondflecken huschten wie leuchtende Falter durch die Halme, und -das Gras unter den Bäumen schien, in das Netz der Mondlichtstrahlen -verfangen, hin und her zu schwanken. - -»Ach, Sserjoscha, schau nur, wie schön es ist!« rief Katerina Lwowna -aus. - -Ssergej sah sich gleichgültig um. - -»Was bist du heute so freudlos, Sserjoscha? Bist du vielleicht meiner -Liebe schon überdrüssig?« - -»Sprich nicht solchen Unsinn!« antwortete Ssergej trocken. Er beugte -sich träge zu ihr und küßte sie. - -»Du bist treulos, Sserjoscha,« sagte Katerina Lwowna, »du bist gar zu -unbeständig.« - -»Ich kann diese Worte gar nicht auf mich beziehen,« antwortete Ssergej -ruhig. - -»Warum küßt du mich dann so lässig?« - -Ssergej gab keine Antwort. - -»Nur die Ehemänner küssen ihre Frauen so,« fuhr Katerina Lwowna fort, -mit seinen Locken spielend, »wie wenn sie die Lippen nur abstauben -wollten. Küsse mich, daß die jungen Blüten vom Apfelbaume, unter dem wir -sitzen, herabfallen!« - -»Siehst du, so!« flüsterte Katerina Lwowna, ihren Geliebten umschlingend -und mit leidenschaftlichen Küssen überschüttend. - -»Hör einmal, Sserjoscha,« fuhr Katerina Lwowna nach einer Weile fort: -»warum sagen die Leute, daß du treulos bist?« - -»Wer wird mich so verleumden?« - -»Alle sagen es.« - -»Es mag ja sein, daß ich gegen solche treulos war, die meine Liebe gar -nicht verdienten.« - -»Warum hast du dich denn mit solchen eingelassen? Eine, die es nicht -verdient, soll man gar nicht lieben.« - -»Ja, das ist leicht gesagt! Überlegt man sich denn so eine Sache zuvor? -In solchen Dingen wirkt die Versuchung allein. Kaum hat unsereiner so -ganz ohne jede Absicht sein Gebot übertreten, als sie sich ihm gleich an -den Hals hängt. Das ist die ganze Liebe!« - -»Hör einmal, Sserjoscha! Wie die andern waren, weiß ich nicht und will -es auch gar nicht wissen. Zu unserer Liebe hast du mich aber selbst -verführt, du weißt, daß deine Verführungskünste ebenso stark waren wie -mein eigener Wille. Darum muß ich es dir sagen: und wenn du mir auch -einmal untreu wirst, und wenn du mir eine andere vorziehst, so werde -ich, nimm es mir nicht übel, solange ich lebe, nicht von dir lassen!« - -Ssergej fuhr zusammen. - -»Katerina Lwowna, du Licht meiner Seele!« sagte er. »Betrachte einmal -selbst, wie unsere Sache steht. Du siehst nur, daß ich heute -nachdenklich bin; du fragst dich gar nicht, warum ich es bin. Vielleicht -ertrinkt jetzt mein Herz in geronnenem Blut.« - -»Sserjoscha, erzähle alles, was dich so bedrückt.« - -»Was soll ich viel erzählen! Da wird bald mit Gottes Hilfe dein Mann -gefahren kommen, und es wird gleich heißen: Ssergej Philippowitsch, geh -jetzt auf den Hinterhof zu den Spielleuten und sieh hinter der Scheune -zu, wie im Schlafzimmer Katerina Lwownas ein Lichtlein brennt, wie sie -ihr Bett aufrüttelt und sich mit ihrem ehelichen Gemahl Sinowij -Borissowitsch zur Ruhe begibt.« - -»Das wird niemals sein!« rief Katerina Lwowna voll ausgelassener Freude -und winkte mit der Hand. - -»Warum sollte das nicht sein? Ich glaube, daß es unbedingt so sein wird. -Aber auch ich habe ein Herz, Katerina Lwowna, das jede Pein empfindet.« - -»Genug davon!« - -Ssergejs Eifersucht machte Katerina Lwowna großes Vergnügen. Sie lachte -auf und begann ihn wieder zu küssen. - -»Und dann muß ich noch dieses sagen«, fuhr Ssergej fort, seinen Kopf -behutsam aus den nackten Armen Katerina Lwownas befreiend: »Und dann muß -ich noch dieses sagen: mein niederer Stand zwingt mich, mir die Sache -doppelt und zehnfach zu überlegen. Wäre ich Ihnen gleich, wäre ich ein -vornehmer Herr oder Kaufmann, so würde ich mich von Ihnen, Katerina -Lwowna, niemals trennen. Wie stehe ich aber vor Ihnen da? Wenn ich sehe, -wie man Sie bei Ihren weißen Händchen nimmt und ins Schlafzimmer führt, -wenn mein Herz das alles über sich ergehen lassen muß, so werde ich mir -selbst vielleicht mein ganzes Leben lang ein Ekel sein. Katerina Lwowna! -Ich bin nicht wie die andern, die bei der Frau nur Vergnügen suchen. Ich -weiß, was die Liebe ist, und fühle, wie sie als schwarze Schlange an -meinem Herzen saugt ...« - -»Was redest du heute in einem fort?« unterbrach ihn Katerina Lwowna. - -Sie hatte mit Ssergej Mitleid. - -»Katerina Lwowna! Wie sollte ich davon nicht reden? Wenn es vielleicht -schon bestimmt und beschlossen ist, daß Ssergej nicht etwa in der -Zukunft, sondern schon morgen dieses Haus räumen muß ...« - -»Nein, nein, sprich nicht davon, Sserjoscha! Es ist unmöglich, daß ich -ohne dich bleibe«, suchte ihn Katerina Lwowna zu beruhigen. »Wenn es -einmal so weit ist, so muß entweder er oder ich aus dem Leben scheiden. -Du aber bleibst in jedem Falle bei mir.« - -»Das kann unmöglich sein, Katerina Lwowna«, sagte Ssergej, mit traurigem -Kopfschütteln. »Diese Liebe macht mich nicht froh. Wenn ich jemanden -liebte, der mir gleich wäre, so wäre ich zufrieden. Wie kann ich aber -daran auch nur denken, daß Sie immer mit mir bleiben? Ist es denn eine -Ehre für Sie, meine Geliebte zu sein? Ich wollte, ich könnte vor dem -heiligen Altar des ewigen Gottes Ihr Gatte werden; ich würde mich dann -zwar immer für geringer halten als Sie, wäre aber froh, den Leuten zu -zeigen, was für Ehren ich bei meiner Frau dank meiner Liebe genieße ...« - -Katerina Lwowna war von diesen Worten Ssergejs, von seiner Eifersucht -und seinem Wunsche, sie zu heiraten, wie berauscht: solch ein Wunsch ist -der Frau stets angenehm, selbst wenn sie vor der Verheiratung ein noch -so kurzes Verhältnis mit dem Manne gehabt hat. Katerina Lwowna war jetzt -bereit, für Ssergej ins Feuer und Wasser zu gehen, Kerker und Kreuz zu -erdulden. Er hatte sie so verliebt gemacht, daß ihre Ergebenheit ganz -grenzenlos war. Sie war vor Glück wie wahnsinnig; ihr Blut siedete, und -sie konnte nichts mehr hören. Sie drückte ihm den Mund mit der Hand zu, -schmiegte seinen Kopf an ihre Brust und sagte: - -»Ich weiß schon, wie ich es einrichte, daß du ein Kaufmann wirst und ich -mit dir in richtiger Ehe zusammenleben kann. Mache mir aber jetzt keinen -Kummer, solange wir noch nicht so weit sind.« - -Und sie überschüttete ihn wieder mit ihren Küssen. - -Der alte Verwalter, der in der Scheune schlief, hörte in der Stille der -Nacht bald ein Flüstern und Kichern, als ob ausgelassene Kinder sich -berieten, wie sie den Alten einen Streich spielen könnten; bald ein -helles lustiges Lachen, wie wenn die Nixen im See jemand kitzelten. -Katerina Lwowna wälzte sich, vom Mondlichte übergossen, auf dem weichen -Teppich und spielte mit dem jungen Burschen. Die weißen Blüten des -Apfelbaums regneten auf sie herab und hörten schließlich zu regnen auf. -Die kurze Sommernacht ging aber zu Ende, der Mond zog sich hinter den -steilen Giebel des hohen Speichers zurück und blickte auf die Erde immer -trüber herab; vom Küchendache herab erklang ein durchdringendes -Katzenduett; dann hörte man ein böses Fauchen, und gleich darauf rollten -zwei oder drei Katzen vom Dache herab. - -»Komm schlafen«, sagte Katerina Lwowna, langsam, wie zerschlagen, stand -vom Teppich auf und ging im bloßen Hemd und Unterrock, so wie sie war, -durch den stillen, wie ausgestorbenen Hof. Ssergej trug ihr aber den -Teppich und die Jacke nach, die sie im mutwilligen Spiel von sich -geworfen hatte. - - - - - VII - - -Kaum hatte Katerina Lwowna die Kerze ausgeblasen und sich auf dem -weichen Pfühle ausgestreckt, als sie auch sofort einschlief. Nach den -ausgelassenen Spielen dieser Nacht schläft sie so fest, daß auch Arme -und Beine wie erstarrt sind; und sie hört durch den Schlaf, wie die Türe -aufgeht und der gestrige Kater als ein schweres Knäuel aufs Bett -springt. - -»Was ist das für eine Plage mit diesem Kater?« fragt sich die todmüde -Katerina Lwowna. »Ich habe ja die Türe mit eigenen Händen zugesperrt und -auch das Fenster geschlossen, und er ist schon wieder da. Gleich werde -ich ihn hinauswerfen!« Katerina Lwowna wollte schon aufstehen, aber die -schlafenden Arme und Beine gehorchten ihr nicht. Der Kater stieg aber -auf ihrem Körper umher und schnurrte so seltsam, wie wenn er -Menschenworte spräche. Katerina Lwowna überlief es kalt. - -»Morgen muß ich ganz bestimmt Weihwasser mit ins Bett nehmen«, sagt sie -sich, »anders kann ich diesen seltsamen Kater gar nicht los werden!« - -Der Kater aber schnurrt ihr dicht vor dem Ohre und spricht: »Bin ich -denn ein Kater? Du urteilst nicht klug, Katerina Lwowna, wenn du mich -für einen Kater hältst. Ich bin ja der ehrengeachtete Kaufmann Boris -Timofejitsch. Ich sehe jetzt bloß darum so schlecht aus, weil mir nach -dem Imbiß, den mir meine liebe Schwiegertochter vorgesetzt hat, alle -Gedärme gesprungen sind. Darum erscheine ich auch denen, die von der -Sache wenig verstehen, als ein Kater. Wie geht es dir nun jetzt, -Katerina Lwowna? Wie beobachtest du Gottes Gebot? Ich bin vom Friedhofe -hergekommen, um zu sehen, wie du mit Ssergej Philippowitsch das Bett -deines Mannes wärmst. Schnurr -- Murr, ich sehe ja nichts. Fürchte mich -nicht: nach deinem Imbiß sind mir, wie du siehst, auch die Augen -ausgelaufen. Schau mir doch in die Augen, meine Liebe, fürchte dich -nicht!« - -Katerina Lwowna sah hin und schrie vor Entsetzen auf. Zwischen ihr und -Ssergej liegt wieder der Kater. Er hat den Kopf des Boris Timofejitsch -in der gleichen Größe, wie ihn der Verstorbene bei Lebzeiten gehabt hat, -und statt der Augen Feuerkreise, die sich nach verschiedenen Richtungen -drehen. - -Ssergej erwachte, beruhigte Katerina Lwowna und schlief wieder ein. Sie -konnte aber nicht mehr einschlafen, und das war gut. - -Sie liegt mit offenen Augen da, und plötzlich kommt es ihr vor, als ob -jemand über das Tor in den Hof gestiegen wäre. Sie hört, wie die Hunde -aufspringen, sich aber gleich wieder beruhigen, wie wenn sie jemand -streichelte. Es vergeht eine Minute, und sie hört, wie der Riegel unten -zurückgeschoben wird und wie die Haustür aufgeht. »Entweder kommt mir -das alles nur so vor, oder mein Sinowij Borissowitsch ist eben -zurückgekehrt und hat die Türe mit seinem Schlüssel aufgemacht«, dachte -sich Katerina Lwowna und stieß Ssergej in die Seite. - -»Sserjoscha, hör einmal«, sagte sie, sich auf einen Ellenbogen -aufrichtend und die Ohren spitzend. - -Jemand stieg tatsächlich die Treppe hinauf und näherte sich langsam mit -leisen Schritten der versperrten Schlafzimmertüre. - -Katerina Lwowna sprang schnell im bloßen Hemd aus dem Bett und machte -das Fenster auf. Ssergej stürzte im gleichen Augenblick auf die Galerie -und umschlang mit den Beinen den Balken, an dem er schon mehr als einmal -aus dem Schlafzimmer der Hausfrau hinuntergeglitten war. - -»Nein, du sollst nicht fort! Leg dich hier nieder ... Bleib in meiner -Nähe«, flüsterte Katerina Lwowna und warf ihm durch das Fenster seine -Kleider und Schuhe zu. Sie selbst schlüpfte aber wieder unter die -Bettdecke und wartete. - -Ssergej hörte auf Katerina Lwowna; er glitt den Balken nicht hinunter, -sondern kauerte sich auf der Galerie unter dem Dachvorsprung nieder. - -Katerina Lwowna hört indessen, wie ihr Mann dicht vor die Türe kommt und -mit verhaltenem Atem lauscht. Sie hört sogar sein Herz vor Eifersucht -klopfen; sie fühlt aber kein Mitleid, sondern nur ein böses Lachen in -sich aufsteigen. - -»Ja, suche nur den gestrigen Tag!« denkt sie sich und lächelt so -unschuldig wie ein neugeborenes Kind. - -Das dauerte an die zehn Minuten. Schließlich wurde es Sinowij -Borissowitsch zu dumm, draußen zu stehen und zu lauschen, wie seine Frau -schläft. Er klopfte an ... - -»Wer ist da?« rief Katerina Lwowna nach einer Weile mit verschlafener -Stimme. - -»Einer von der Familie«, antwortete Sinowij Borissowitsch. - -»Bist du es, Sinowij Borissowitsch?« - -»Natürlich! Als ob du es nicht hörtest!« - -Katerina Lwowna sprang im bloßen Hemd auf, ließ den Mann ein und -schlüpfte wieder in das warme Bett. - -»Vor Sonnenaufgang ist es immer so kalt,« sagte sie, sich in die Decke -hüllend. - -Sinowij Borissowitsch trat ein, sah sich um, betete vor dem -Heiligenbilde und sah sich wieder um. - -»Nun, wie geht es dir?« fragte er seine Frau. - -»Es geht«, antwortete Katerina Lwowna, sich aufsetzend und eine vorne -offene Jacke anziehend. - -»Ich soll wohl den Samowar bereiten?« fragte sie. - -»Nein, wecke die Aksinja, daß sie es macht.« - -Katerina Lwowna schlüpfte in die Schuhe und lief hinaus. Eine halbe -Stunde blieb sie fort. In dieser Zeit machte sie den Samowar und schlich -sich leise auf die Galerie hinaus. - -»Bleib da!« flüsterte sie Ssergej zu. - -»Wie lange soll ich noch sitzen?« fragte Sserjoscha gleichfalls -flüsternd. - -»Wie dumm du doch bist! Sitz, bis ich dich rufe.« - -Und Katerina Lwowna setzte ihn wieder auf die gleiche Stelle hin. - -Ssergej konnte aber von der Galerie alles hören, was im Schlafzimmer -vorging. Er hörte, wie die Türe wieder aufging und wie Katerina Lwowna -zu ihrem Mann zurückkehrte. Jedes Wort konnte er hören. - -»Was hast du so lange getrieben?« fragte Sinowij Borissowitsch seine -Frau. - -»Den Samowar habe ich gemacht«, antwortet sie ruhig. - -Es vergehen wieder einige Minuten. Ssergej hört, wie Sinowij -Borissowitsch seinen Rock auf den Kleiderrechen hängt. Nun wäscht er -sich und spritzt mit dem Wasser umher; dann läßt er sich ein Handtuch -geben; dann beginnt er wieder ein Gespräch. - -»Wie habt ihr den Vater beerdigt?« fragt er. - -»Er ist verschieden, und wir haben ihn beerdigt«, antwortet sie. - -»Das ist doch wirklich sonderbar!« - -»Gott allein weiß, wie es gekommen ist,« antwortet Katerina Lwowna, mit -den Teetassen klappernd. - -Sinowij Borissowitsch geht nachdenklich durch das Zimmer. - -»Nun, und wie hast du die Zeit verbracht?« fragt Sinowij Borissowitsch -seine Frau von neuem aus. - -»Ich glaube, unser Zeitvertreib ist jedermann bekannt; Bälle besuchen -wir nicht, Theater ebenfalls nicht.« - -»Du scheinst dich aber wenig über die Rückkehr des Gatten zu freuen!« -beginnt Sinowij Borissowitsch wieder, sie scheel anblickend. - -»Wir beide sind ja nicht mehr so jung, daß wir vor Freude den Verstand -verlieren sollen! Was soll ich mich auch freuen? Nun muß ich wieder für -dich arbeiten und herumrennen!« - -Katerina Lwowna lief hinaus, um den Samowar zu holen, machte wieder -einen Sprung auf die Galerie zu Ssergej, zupfte ihn am Ärmel und sagte -ihm: »Sserjoscha, paß jetzt auf!« - -Ssergej wußte zwar nicht recht, was jetzt kommen sollte, machte sich -aber bereit. - -Katerina Lwowna kehrte ins Schlafzimmer zurück. Sinowij Borissowitsch -kniete eben auf dem Bett und hängte über dem Kopfende seine silberne Uhr -mit der Glasperlenkette auf. - -»Sagen Sie mir einmal, Katerina Lwowna, warum haben Sie, wo Sie allein -waren, beide Betten aufgedeckt?« fragte er plötzlich die Frau mit -seltsamem Ausdruck. - -»Ich habe Sie immer erwartet«, antwortete Katerina Lwowna, ihn ruhig -anblickend. - -»Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar ... Wie kommt aber dieser Gegenstand -zu Ihnen ins Bett?« - -Sinowij Borissowitsch hob von ihrem Bett den wollenen Gürtel Ssergejs -auf und hielt ihn ihr vor die Augen. - -Katerina Lwowna verlor gar nicht die Fassung. - -»Ich habe ihn im Garten gefunden und mir damit den Rock festgebunden.« - -»So, so!« sagte Sinowij Borissowitsch mit eigentümlicher Betonung. »Von -Ihren Röcken haben wir ja auch manches gehört.« - -»Was haben Sie gehört?« - -»Manches von Ihren Heldentaten!« - -»Ich weiß nichts von Heldentaten.« - -»Das werden wir alles untersuchen«, antwortete Sinowij Borissowitsch, -der Frau seine geleerte Teetasse zuschiebend. - -»Wir werden alle Ihre Taten ans Licht bringen«, sagte Sinowij -Borissowitsch nach einer langen Pause, die Brauen runzelnd. - -»Ihre Katerina Lwowna ist gar nicht so furchtsam. Sie hat keine Angst -davor«, antwortet sie. - -»Was?!« herrschte sie Sinowij Borissowitsch mit erhobener Stimme an. - -»Nichts, ist schon vorbei«, antwortete die Frau. - -»Du, paß auf! Du bist mir hier allzu gesprächig geworden!« - -»Warum soll ich auch nicht gesprächig sein?« erwiderte Katerina Lwowna. - -»Hättest doch mehr acht auf dein Benehmen gegeben!« - -»Das brauche ich nicht. Ich kann gar nicht wissen, was die bösen Zungen -über mich alles gesagt haben, und nun muß ich alle diese Schimpfreden -über mich ergehen lassen. Das ist doch wirklich unerhört!« - -»Ich spreche nicht von den bösen Zungen, mir sind aber alle Ihre -Liebesabenteuer bekannt.« - -»Was für Liebesabenteuer?« schrie Katerina Lwowna in aufrichtigem Zorne -auf. - -»Das weiß ich schon selbst.« - -»Und wenn Sie es wissen, so sagen Sie es mir bitte!« - -Sinowij Borissowitsch antwortete nichts und schob der Frau wieder die -geleerte Tasse hin. - -»Offenbar wissen Sie selbst nicht, was zu sagen«, sagte Katerina Lwowna -verachtungsvoll und warf wütend den Teelöffel in die leere Tasse des -Mannes. »Nun, sagen Sie einmal, was Sie gehört haben? Wer soll mein -Geliebter sein?« - -»Keine Eile, Sie werden es schon hören.« - -»Hat man Ihnen vielleicht etwas von Ssergej gesagt?« - -»Das werden wir bald alles erfahren, Katerina Lwowna. Niemand hat mir -noch meine Gewalt über Sie genommen und niemand kann sie mir nehmen ... -Sie werden bald selbst alles sagen ...« - -»Ach! Das kann ich nicht leiden!« schrie Katerina Lwowna, mit den Zähnen -knirschend, auf, wurde kreideblaß und sprang plötzlich durch die Türe -hinaus. - -»Da ist er!« sagte sie nach wenigen Augenblicken, Ssergej bei der Hand -ins Zimmer führend. »Fragen Sie ihn und mich aus. Vielleicht wirst du -sogar etwas mehr erfahren, als dir lieb ist.« - -Sinowij Borissowitsch war ganz bestürzt. Er blickte bald Ssergej an, der -an der Schwelle stand, bald seine Frau, die ruhig, mit gekreuzten Armen -auf dem Bettrande saß, und wußte gar nicht, womit das alles enden -sollte. - -»Was hast du vor, du Schlange?« brachte er mit Mühe hervor, ohne vom -Sessel aufzustehen. - -»Frage mich nun aus, was du so gut weißt«, antwortete Katerina Lwowna -frech. »Du willst mich mit Schlägen einschüchtern«, fuhr sie fort, -bedeutungsvoll mit den Augen zwinkernd. »Das wird niemals sein! Was ich -aber vielleicht noch vor allen deinen Drohungen über dich beschlossen -habe, das werde ich jetzt tun.« - -»Was? Hinaus!« schrie Sinowij Borissowitsch Ssergej an. - -»Warum nicht gar!« höhnte Katerina Lwowna. - -Sie sperrte schnell die Türe zu, steckte den Schlüssel in die Tasche und -legte sich wieder in ihrer offenen Jacke aufs Bett. - -»Nun, Sserjoscha, mein Liebster, komm einmal her!« rief sie den Burschen -zu sich heran. - -Ssergej schüttelte seinen Lockenkopf und setzte sich kühn neben die -Hausfrau. - -»Mein Gott! Was ist denn das? Was wollt ihr, ihr Barbaren?!« schrie -Sinowij Borissowitsch, ganz rot vor Zorn, sich vom Sessel erhebend. - -»Wie? Paßt dir das nicht? Schau nur, schau nur, mein Liebster, wie schön -das ist!« - -Katerina Lwowna lachte auf und küßte vor den Augen ihres Mannes Ssergej -mit großer Leidenschaft. - -Im gleichen Augenblick brannte auf ihrer Wange ein betäubender Schlag, -und Sinowij Borissowitsch stürzte ans offene Fenster. - - - - - VIII - - -»Ach so! ... Ich danke dir, lieber Freund: nur darauf habe ich -gewartet!« schrie Katerina Lwowna auf. »Nun wird es wohl weder nach -meinem noch nach deinem Willen gehen ...« - -Mit einem Ruck stieß sie Ssergej von sich, stürzte sich auf den Mann, -packte ihn, noch ehe Sinowij Borissowitsch das Fenster erreicht hatte, -mit ihren feinen Fingern an der Kehle und warf ihn wie eine Hanfgarbe zu -Boden. - -Sinowij Borissowitsch schlug sich mit dem Nacken am Fußboden an und -wurde ganz wahnsinnig vor Entsetzen. Ein so schnelles Ende hatte er -nicht erwartet. Die erste Gewalttätigkeit seiner Frau gegen ihn zeigte -ihm, daß sie zu allem entschlossen sei, um ihn loszuwerden, und daß er -sich in höchster Gefahr befinde. Sinowij Borissowitsch hatte das alles -blitzartig im Augenblick seines Sturzes erfaßt; er schrie nicht einmal -auf, denn er wußte, daß seine Stimme kein Ohr erreichen und die Sache -nur noch beschleunigen würde. Er ließ seinen Blick schweigend um sich -schweifen, und richtete ihn zuletzt mit einem Ausdruck von Haß, Vorwurf -und Schmerz auf seine Frau, deren feine Finger seine Kehle -zusammenpreßten. - -Sinowij Borissowitsch wehrte sich nicht, seine Arme mit den geballten -Fäusten lagen ausgestreckt da und zuckten wie in einem Krampfe. Der eine -Arm war frei, den andern hatte Katerina Lwowna mit dem Knie gegen den -Boden gedrückt. - -»Halt ihn einmal fest,« flüsterte sie gleichgültig Ssergej zu und wandte -sich wieder zum Mann. - -Ssergej setzte sich rittlings auf seinen Herrn und drückte dessen beide -Hände mit den Knien gegen den Boden. Er wollte ihn unter den Händen -Katerina Lwownas an der Kehle fassen, schrie aber in diesem selben -Augenblick selbst wahnsinnig auf. Als Sinowij Borissowitsch seinen -Todfeind so nahe vor sich sah, nahm er seine letzten Kräfte zusammen: -mit einem verzweifelten Ruck befreite er seine Hände unter Ssergejs -Knie, packte ihn an den schwarzen Locken und biß sich wie ein wildes -Tier in seine Kehle fest. Dies dauerte aber nur wenige Augenblicke; -Sinowij Borissowitsch stöhnte schwer auf, und sein Kopf fiel wieder -zurück. - -Katerina Lwowna stand blaß, fast ohne zu atmen über den Mann und den -Geliebten gebeugt; in der rechten Hand hielt sie einen schweren -gegossenen Leuchter am oberen Ende, so daß der schwere Fuß nach unten -gerichtet war. Über die Schläfe und Wange Sinowij Borissowitschs -rieselte ein dünnes Bächlein hellroten Blutes. - -»Einen Popen ...« stöhnte Sinowij Borissowitsch dumpf, den Kopf voller -Ekel so weit es ging vor dem auf ihm sitzenden Ssergej zurückwerfend. -»Beichten ...« sagte er noch dumpfer, am ganzen Leibe zitternd und auf -das über sein Gesicht fließende warme Blut schielend. - -»Bist auch ohne Beichte gut,« flüsterte Katerina Lwowna. - -»Mach keine langen Geschichten,« sagte sie zu Ssergej. »Pack ihn einmal -ordentlich an der Gurgel.« - -Sinowij Borissowitsch röchelte. - -Katerina Lwowna beugte sich über ihn, preßte mit ihren Händen Ssergejs -Hände, die die Kehle ihres Mannes umklammerten, noch fester zusammen und -drückte ihr Ohr an dessen Brust. Nach fünf stummen Minuten stand sie auf -und sagte: - -»Es ist genug, er ist fertig.« - -Ssergej stand ebenfalls auf und holte tief Atem. Sinowij Borissowitsch -lag leblos mit eingedrückter Kehle und zerschmetterter Schläfe da. Auf -dem Fußboden links von seinem Kopfe war ein kleiner Blutfleck; aus der -kleinen Wunde, an der schon die Haare klebten, kam aber kein neues Blut -mehr. - -Ssergej trug die Leiche in den Keller unter der gemauerten -Vorratskammer, in die ihn vor nicht langer Zeit der selige Boris -Timofejitsch eingesperrt hatte, und kehrte bald ins Schlafzimmer zurück. -Katerina Lwowna hatte die Ärmel ihrer Jacke aufgekrempelt und den Saum -ihres Rockes gerafft und wusch mit Seife den Blutfleck, den Sinowij -Borissowitsch auf dem Fußboden seines Schlafzimmers hinterlassen hatte. -Der Samowar, aus dem er soeben den vergifteten Tee getrunken hatte, war -noch nicht erkaltet, und der Blutfleck ließ sich mit dem heißen Wasser -spurlos abwaschen. - -Katerina Lwowna nahm die kupferne Spülschale und einen eingeseiften -Bastwisch in die Hand. - -»Leuchte mir einmal,« sagte sie zu Ssergej, zu der Türe gehend. »Halte -die Kerze tiefer!« sagte sie, die Dielenbretter untersuchend, über die -Ssergej die Leiche in den Keller geschleppt hatte. - -Nur an zwei Stellen waren auf der gestrichenen Diele zwei kirschengroße -Flecke zu sehen. Katerina Lwowna rieb sie mit dem Bastwisch, und sie -verschwanden spurlos. - -»Nun wirst du nicht mehr wie ein Dieb zu deiner Frau schleichen und sie -belauern,« sagte Katerina Lwowna, sich aufrichtend und einen Blick zur -Vorratskammer werfend. - -»Jetzt ist Schluß,« sagte Ssergej und fuhr vor dem Klange seiner eigenen -Stimme zusammen. - -Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrten, zeigte sich im Osten schon der -erste feine Streif des Morgenrots, das die blühenden Apfelbäume mit -schwachem goldenem Scheine übergoß und durch das grüne Gartengitter in -das Schlafzimmer Katerina Lwownas hereinblickte. - -Über den Hof ging aus der Scheune in die Küche, den Schafspelz über die -Schultern geworfen, gähnend und sich bekreuzigend, der alte Verwalter. - -Katerina Lwowna schloß leise den Fensterladen und warf einen -durchdringenden Blick auf Ssergej, als wollte sie ihm in die Tiefe -seiner Seele blicken. - -»Nun bist du Kaufmann,« sagte sie, ihm ihre weißen Hände auf die -Schultern legend. - -Ssergej erwiderte nichts. - -Er zitterte wie im Fieber. Katerina Lwowna fühlte nur Kälte um die -Lippen. - -Nach zwei Tagen hatte Ssergej an beiden Händen Schwielen, die vom -Brecheisen und dem schweren Spaten herrührten. Sinowij Borissowitsch war -dafür so gut verwahrt, daß ihn vor der allgemeinen Auferstehung wohl -niemand ohne Beihilfe Katerina Lwownas und ihres Geliebten finden würde. - - - - - IX - - -Ssergej trug ein rotes wollenes Halstuch und klagte über Halsschmerzen. -Ehe aber die Male von den Zähnen Sinowij Borissowitschs auf seinem Halse -vernarbt waren, fiel den Leuten die allzu lange Abwesenheit des -Hausherrn auf. Ssergej selbst sprach am häufigsten von ihm. Wenn er -abends mit den anderen Burschen auf der Bank vor dem Tore saß, brachte -er oft die Rede auf ihn: »Was bleibt unser Herr so lange aus?« - -Auch die Burschen wunderten sich. - -Von der Mühle kam aber die Nachricht, daß Sinowij Borissowitsch schon -längst einen Wagen gedungen hatte und nach Hause abgereist war. Der -Kutscher, der ihn gefahren hatte, berichtete, daß Sinowij Borissowitsch -in einer seltsamen Aufregung gewesen sei; am Kloster, etwa drei Werst -vor der Stadt, sei er mit seiner Reisetasche aus dem Wagen gestiegen und -hätte den Kutscher entlassen. Als die Leute diesen Bericht hörten, -staunten sie noch mehr. - -Sinowij Borissowitsch schien spurlos verschwunden zu sein. - -Man fing zu suchen an, konnte aber auch nicht die geringste Spur finden. -Der Kutscher, den man bald verhaftete, wußte nur zu berichten, daß der -Kaufmann vor dem Kloster den Wagen verlassen und zu Fuß weitergegangen -sei. Die Sache blieb rätselhaft. Katerina Lwowna erfreute sich indessen -ihrer Witwenfreiheit und lebte mit Ssergej ohne jede Scheu zusammen. Man -meldete zwar ab und zu, daß man Sinowij Borissowitsch bald hier und bald -dort gesehen hätte, er kam aber nicht zurück, und Katerina Lwowna wußte -am besten, daß er überhaupt nicht mehr zurückkehren konnte. - -So verging ein Monat, ein zweiter und ein dritter, und Katerina Lwowna -fühlte sich in anderen Umständen. - -»Das Kapital wird uns zufallen, Sserjoscha: ich habe jetzt einen Erben,« -sagte sie zu Ssergej. Sie ging auf das Kaufmannsgericht und meldete, daß -sie in Umständen sei; die Geschäfte lägen brach; man möchte ihr daher -die Vollmacht geben, das Geschäft selbständig zu führen. - -Man durfte das alte Handelshaus doch nicht zugrunde gehen lassen; -Katerina Lwowna war ja die eheliche Gemahlin Sinowij Borissowitschs, -Schulden waren keine vorhanden, also konnte man ihr ohne Bedenken die -Vollmacht geben. - -Katerina Lwowna ist nun unumschränkte Herrin, und Ssergej wird auf ihren -Wunsch von allen Ssergej Philippowitsch genannt. Plötzlich kommt eine -ganz neue Sorge. Man meldet dem Bürgermeister aus Liwny, daß Sinowij -Borissowitsch nicht bloß mit eigenem Kapital Handel getrieben habe; in -seinem Geschäft hätte auch das Geld seines minderjährigen Neffen Fjodor -Ignatjewitsch Ljamin gesteckt, das sein eigenes Kapital um ein -Beträchtliches überstiegen habe; diese Sache müsse noch genauer -untersucht werden, und man dürfe nicht das ganze Geschäft Katerina -Lwowna allein anvertrauen. Als diese Nachricht eintraf, ließ der -Bürgermeister Katerina Lwowna zu sich kommen und teilte ihr alles mit. -Nach acht Tagen kommt aber aus Liwny eine alte Frau mit einem -halbwüchsigen Jungen. - -»Ich bin eine Base des seligen Boris Timofejitsch,« sagt sie, »und der -Junge ist mein Großneffe Fjodor Ljamin.« - -Katerina Lwowna nahm sie huldvoll auf. - -Als Ssergej die Gäste und den Empfang, den ihnen Katerina Lwowna -bereitete, sah, wurde er kreideblaß. - -»Was hast du?« fragte ihn Katerina Lwowna, als er gleich nach den Gästen -ins Haus trat und aufgeregt im Vorzimmer stehen blieb. - -»Nichts,« antwortete der Bursche, aus dem Vorzimmer wieder in den -Hausflur gehend. »Ich denke mir nur, was für eine wunderbare Stadt -dieses Liwny ist,« fügte er seufzend hinzu, die Haustüre hinter sich -schließend. - -»Was sollen wir jetzt anfangen?« fragte Ssergej Philippowitsch nachts am -Teetisch Katerina Lwowna. »Unsere Sache steht jetzt wohl sehr schlecht.« - -»Warum sollte sie schlecht stehen, Sserjoscha?« - -»Weil die Erbschaft geteilt werden wird. Wie willst du wirtschaften, -wenn dir kein Geld im Geschäfte bleibt?« - -»Glaubst du, daß es für dich nicht langen wird, Sserjoscha?« - -»Ich spreche nicht von mir, ich glaube nur, daß wir beide jetzt nicht -mehr so glücklich werden leben können.« - -»Warum glaubst du das, Sserjoscha?« - -»Ich liebe Sie, Katerina Lwowna, und möchte Sie als wirkliche Dame sehen -und nicht in der Lage, in der Sie vor Ihrer Heirat gelebt haben,« -antwortete Ssergej Philippowitsch. »Nun wird aber das Kapital so sehr -verringert, daß Sie noch ärmer sein werden, als Sie es als Mädchen -waren.« - -»Brauche ich denn das viele Geld, Sserjoscha?« - -»Es ist wohl möglich, Katerina Lwowna, daß Sie für das Geld gar kein -Interesse haben. Ich achte Sie aber so sehr, daß es mir schmerzlich sein -wird, zu sehen, wie die gemeinen und neidischen Menschen Sie anschauen -werden. Sie können darüber natürlich urteilen, wie es Ihnen beliebt, ich -bin aber der Ansicht, daß ich dann unmöglich so glücklich sein kann, wie -ich es bisher gewesen.« - -Und er redete in einem fort, daß dieser Fedja Ljamin ihn zum -unglücklichsten Menschen mache und daß er nicht mehr die Möglichkeit -habe, sie, Katerina Lwowna, vor den Augen der ganzen Kaufmannschaft zu -erhöhen und zu ehren. Wenn dieser Fedja nicht wäre, so bekäme Katerina -Lwowna, nachdem sie vor Ablauf der neunmonatlichen Frist nach dem -Verschwinden ihres Mannes ein Kind geboren haben würde, das ganze -Kapital; dann würde ihr gemeinsames Glück ganz grenzenlos sein. - - - - - X - - -Nach einiger Zeit hörte aber Ssergej ganz auf, von der Erbschaft zu -sprechen. Dafür nahm jetzt Fedja Ljamin alle Gedanken und Regungen -Katerina Lwownas gefangen. Sie war nun immer nachdenklich und gegen -Ssergej oft sogar unfreundlich. Ob sie schläft, oder den Geschäften -nachgeht, oder betet, -- immer denkt sie an das eine: »Wie ist es nun? -Warum muß ich seinetwegen das ganze Kapital verlieren? Ich habe so viel -durchgemacht, habe eine solche Sünde auf mich genommen, und er kommt -gefahren und nimmt mir ruhig alles ab ... Wenn er wenigstens ein -erwachsener Mensch wäre, aber er ist nur ein kleines Kind ...« - -In diesem Jahre kamen die Fröste früh. Von Sinowij Borissowitsch war -natürlich nichts zu hören. Katerina Lwowna nahm von Tag zu Tag an -Leibesumfang zu und war immer nachdenklich. In der Stadt sprachen die -Leute nur noch von ihr: die junge Ismajlowa ist doch immer kinderlos und -mager gewesen, und nun ist sie plötzlich so aufgedunsen. Das ist doch -seltsam! Der junge Miterbe Fedja Ljamin ging aber indessen in einem -leichten Halbpelz aus Eichhornfellen auf dem Hofe herum und brach mit -den Absätzen das Eis in den Pfützen ein. - -»Du, Fjodor Ignatjewitsch!« schrie ihm manchmal die Köchin Aksinja zu. -»Paßt es denn für dich, den Kaufmannssohn, in den Pfützen -herumzustapfen?« - -Der Miterbe, der Katerina Lwowna und ihrem Geliebten solche Sorgen -machte, sprang aber so vergnügt wie ein Böcklein den ganzen Tag herum; -nachts schlief er ruhig und sorglos unter der Obhut seiner Großtante und -dachte gar nicht daran, daß jemand ihm in den Weg treten und sein -glückliches Dasein verdunkeln könnte. - -Fedja lief so lange auf dem Hofe herum, bis er eines Tages die -Windpocken bekam. Zu den Windpocken gesellte sich auch eine -Lungenentzündung. Der Junge lag krank darnieder. Man behandelte ihn -zuerst mit allerlei Hausmitteln und ließ schließlich auch den Arzt -kommen. - -Der Arzt kam alle paar Tage ins Haus und schrieb Arzneien auf. Der Junge -bekam sie alle paar Stunden nach der Uhr. Die Großtante selbst gab sie -ihm ein. Manchmal mußte es auch Katerina Lwowna tun. - -»Bemühe dich einmal, Katerina,« sagte sie ihr. »Du bist gesegneten -Leibes, erwartest das Gericht Gottes, also kannst du dich auch einmal -bemühen.« - -Katerina Lwowna tat der Alten den Gefallen. Wenn jene in die Kirche -ging, um »für den auf dem Krankenlager liegenden Knaben Fjodor« zu beten -oder ein Stückchen Hostie für ihn zu holen, saß Katerina Lwowna am Bette -des Kranken und gab ihm pünktlich seine Arzneien ein. - -So ging die Alte auch am Festtage der Darstellung Mariä in die Kirche -zur Abendmesse und Frühmesse und bat Katerina Lwowna wieder, nach dem -Jungen zu sehen. Fedja ging es schon viel besser. - -Katerina Lwowna kommt zu Fedja ins Zimmer, er sitzt aber schon in seinem -Eichhornpelz auf dem Bette und liest. - -»Was liest du, Fedja?« fragte Katerina Lwowna, sich in den Sessel vor -seinem Bette setzend. - -»Ich lese im Heiligenleben, Tantchen.« - -»Ist es interessant?« - -»Sehr interessant, Tantchen.« - -Katerina Lwowna stützt den Kopf in die Hand und blickt auf Fedja, der -lautlos die Lippen bewegt. Wie wenn sich alle Dämonen von den Ketten -losgerissen hätten, bemächtigt sich ihrer plötzlich wieder der alte -Gedanke, daß dieser Junge ihr soviel Böses zufüge und daß es viel besser -wäre, wenn es ihn gar nicht auf der Welt gäbe. - --- Er ist krank, -- dachte sich Katerina Lwowna. -- Er nimmt Arzneien -ein ... Einem kranken Kind kann ja manches zustoßen ... Hinterher kann -man sagen, daß der Arzt eine unrechte Medizin verordnet hat ... - -»Ist es nicht Zeit, die Medizin zu nehmen, Fedja?« - -»Bitte, Tantchen!« sagte der Junge. Er schluckte die Medizin herunter -und fügte hinzu: »Das Buch ist sehr interessant, Tantchen, es wird darin -das Leben der Heiligen beschrieben.« - -»Lies nur, lies,« versetzte Katerina Lwowna. Sie sah sich kaltblütig im -Zimmer um und richtete den Blick auf das mit Eisblumen überzogene -Fenster. - -»Man muß die Fenster schließen lassen,« sagte sie. Dann ging sie durch -das Gastzimmer in den Saal und von dort zu sich ins Schlafzimmer. Hier -setzte sie sich hin. - -Nach etwa fünf Minuten trat ins Schlafzimmer in einem mit Seebärenfell -besetzten Halbpelz Ssergej. - -»Hat man die Fenster geschlossen?« fragte ihn Katerina Lwowna. - -»Man hat sie geschlossen,« antwortete Ssergej. Er putzte die Kerze und -stellte sich vor den Ofen. - -Beide schwiegen. - -»Heute geht die Abendmesse wohl nicht so bald zu Ende?« fragte Katerina -Lwowna. - -»Morgen ist ein großer Feiertag, der Gottesdienst wird heute lange -dauern,« antwortete Ssergej. - -Es entstand wieder eine Pause. - -»Ich muß nach Fedja schauen, er ist allein,« sagte Katerina Lwowna, sich -erhebend. - -»Allein?« fragte Ssergej, sie mürrisch anblickend. - -»Ja, allein,« antwortete sie leise: »Warum?« - -Von einem Augenpaar zum andern zuckten schnelle Blitze; aber keiner von -ihnen sagte ein Wort. - -Katerina Lwowna ging hinunter und machte eine Runde durch die leeren -Zimmer. Überall war es still; vor den Heiligenbildern brannten ruhig die -Lämpchen; ihr eigener Schatten huschte über die Wände; die Außenläden -waren schon geschlossen, und die Fensterscheiben tauten auf und tränten. -Fedja saß auf dem Bett und las. Als er Katerina erblickte, sagte er ihr: - -»Tantchen, legen Sie, bitte, dieses Buch weg und geben Sie mir das -andere, das auf dem Heiligenschrein liegt.« - -Katerina Lwowna erfüllte die Bitte des Neffen und gab ihm das Buch. - -»Willst du nicht einschlafen, Fedja?« - -»Nein, Tantchen, ich möchte auf die Großtante warten.« - -»Warum willst du auf sie warten?« - -»Sie versprach mir, geweihtes Brot von der Abendmesse mitzubringen.« - -Katerina Lwowna wurde plötzlich blaß: ihr eigenes Kind regte sich eben -zum erstenmal unter ihrem Herzen, und sie fühlte Kälte in der Brust. Sie -stand noch eine Weile mitten im Zimmer da und ging hinaus, die -erkaltenden Hände gegeneinander reibend. - -»Nun!« flüsterte sie, leise ins Schlafzimmer tretend, wo Ssergej noch -immer vor dem Ofen stand. - -»Was denn?« fragte Ssergej kaum hörbar. Ihm stockte der Atem. - -»Er ist allein.« - -Ssergej runzelte die Brauen und begann schwer zu atmen. - -»Komm!« sagte Katerina Lwowna hastig, sich zur Türe wendend. - -Ssergej zog sich schnell die Stiefel aus und fragte: - -»Was soll ich mitnehmen?« - -»Nichts!« hauchte Katerina Lwowna und führte ihn leise hinaus. - - - - - XI - - -Der kranke Knabe fuhr zusammen und ließ das Buch auf den Schoß sinken, -als Katerina Lwowna zum drittenmal zu ihm hereinkam. - -»Was hast du, Fedja?« - -»Ach, Tantchen, ich habe solche Angst, ich weiß selbst nicht warum,« -antwortete er, lächelnd und sich unruhig in eine Ecke des Bettes -drückend. - -»Wovor hast du Angst?« - -»Wer war eben mit Ihnen, Tantchen?« - -»Wo? Niemand war mit mir, mein Liebling.« - -»Niemand?« - -Der Knabe beugte sich zum Fußende des Bettes vor, kniff die Augen -zusammen, blickte zur Türe, durch die seine Tante soeben gekommen war, -und beruhigte sich. - -»Es ist mir wohl nur so vorgekommen,« sagte er. - -Katerina Lwowna lehnte sich an die Kopfwand seines Bettes. - -Fedja blickte die Tante an und fragte sie, warum sie so blaß sei. - -Katerina Lwowna hüstelte nur und blickte erwartungsvoll auf die Türe des -Gastzimmers. Dort knarrte leise ein Dielenbrett. - -»Ich lese eben die Lebensgeschichte meines Namenspatrons Fjodors des -Stratilaten. Was der für ein gottgefälliges Leben führte!« - -Katerina Lwowna stand schweigend da. - -»Tantchen, wollen Sie sich nicht hinsetzen? Ich möchte Ihnen vorlesen!« -sagte der Neffe, sie liebevoll anblickend. - -»Wart, ich komme gleich, ich will nur das Lämpchen im Saal richten,« -antwortete Katerina Lwowna und verließ schnell das Zimmer. - -Im Gastzimmer wurde ganz leise, fast unhörbar geflüstert; das Kind hörte -es aber in der tiefen Stille mit seinen scharfen Ohren. - -»Tantchen! Was ist denn das? Mit wem tuscheln Sie denn?« schrie der -Knabe mit tränenerstickter Stimme. »Tantchen, kommen Sie doch her, ich -habe solche Angst!« rief er nach einem Augenblick noch klagender: es kam -ihm vor, als ob die Tante im Gastzimmer zu jemand »Jetzt!« gesagt hätte. -Der Knabe bezog es auf sich. - -»Was hast du Angst?« fragte Katerina Lwowna heiser, mit festen, -entschlossenen Schritten ins Zimmer tretend. Sie stellte sich vor das -Bett so hin, daß ihr Körper die Gastzimmertüre vor den Blicken des -Kranken verdeckte. »Leg dich!« sagte sie ihm. - -»Ich will nicht, Tantchen.« - -»Nein, Fedja, hör auf mich, leg dich ... Es ist spät ... Leg dich ...« -wiederholte Katerina Lwowna. - -»Was fällt Ihnen ein, Tantchen! Ich will noch gar nicht liegen.« - -»Nein, leg dich, leg dich,« sagte Katerina Lwowna mit veränderter, -abgerissener Stimme. Sie nahm den Jungen unter den Achseln und legte ihn -gewaltsam hin. - -In diesem Augenblick stieß Fedja einen wahnsinnigen Schrei aus: er sah -Ssergej, blaß und barfuß ins Zimmer treten. - -Katerina Lwowna drückte ihre Hand auf den vor Entsetzen weit geöffneten -Mund des Kindes und schrie: - -»Schnell! Halt ihn einmal, damit er nicht zappelt!« - -Ssergej packte Fedja an Armen und Beinen, Katerina Lwowna warf mit einem -schnellen Ruck ein großes Daunenkissen auf das Gesicht des unglücklichen -Kindes und legte sich mit der ganzen Schwere ihres Rumpfes darauf. - -An die vier Minuten herrschte im Zimmer eine Grabesstille. - -»Er hat genug,« flüsterte Katerina Lwowna. Kaum hatte sie sich aber -erhoben, um alles in Ordnung zu bringen, als die Wände des stillen -Hauses, das so viele Verbrechen in sich barg, von wuchtigen Schlägen -erdröhnten: die Fenster klirrten, die Böden bebten, die Lämpchen vor den -Heiligenbildern zitterten an ihren Ketten, und unheimliche Schatten -huschten über die Wände. - -Ssergej fuhr zusammen und stürzte hinaus; Katerina Lwowna rannte ihm -nach, und das Dröhnen folgte ihnen. Es war, wie wenn überirdische Kräfte -das sündige Haus bis auf den Grund erschütterten. - -Katerina Lwowna fürchtete, daß der von Entsetzen gepeitschte Ssergej -hinauslaufen und sich durch seinen Schreck verraten könnte; er lief aber -in das Schlafzimmer hinauf. - -Als Ssergej die Treppe hinaufgelaufen war, schlug er im Finstern mit der -Stirne an die Tür und stürzte, ganz wahnsinnig vor Entsetzen, die Stufen -hinunter. - -»Sinowij Borissowitsch, Sinowij Borissowitsch!« stammelte er, kopfüber -die Treppe hinunterstürzend und Katerina Lwowna umwerfend und mit sich -reißend. - -»Wo?« fragte sie. - -»Da flog er eben als ein eisernes Blech über uns vorbei! Da fliegt er!« -schrie Ssergej auf. »Da dröhnt er schon wieder!« - -Nun war es klar, daß viele Hände von außen gegen alle Fenster hämmerten -und auch die Türe einzuschlagen versuchten. - -»Narr! Steh auf, Narr!« schrie Katerina Lwowna. Mit diesen Worten lief -sie schnell wie der Blitz in Fedjas Zimmer, legte seinen toten Kopf in -der natürlichen Stellung eines Schlafenden auf die Kissen hin und machte -mit fester Hand die Türe auf, in die ein großer Haufen Menschen -einzudringen suchte. - -Das Bild, das sich ihr bot, war schrecklich. Katerina Lwowna blickte -über die Köpfe der Menge, die die Haustüre belagerte, sah viele -unbekannte Menschen über den hohen Zaun in den Hof klettern und hörte -das Brausen vieler Stimmen. - -Katerina Lwowna hatte noch nicht Zeit gehabt, die Sachlage zu erfassen, -als die Menschen, die vor der Türe standen, über sie herfielen und sie -zurück ins Haus drängten. - - - - - XII - - -Dieser Menschenauflauf war aber folgendermaßen entstanden. In allen -Gotteshäusern der recht großen und lebhaften Kreisstadt, in der Katerina -Lwowna lebte, hatte sich am Vorabend des großen Festes eine Menge -Menschen angesammelt; in der Kirche aber, die morgen ihr Altarfest -feiern sollte, war das Gedränge so groß, daß keine Stecknadel zu Boden -fallen konnte. In dieser Kirche sang ein Chor, der aus Handelsgehilfen -bestand und von einem bekannten Liebhaber der Gesangskunst dirigiert -wurde. - -Unser Volk ist religiös und dem Gottesdienste zugetan; außerdem haben -die Leute bei uns eine künstlerische Ader, und schöner Chorgesang und -prunkvoller Gottesdienst sind für sie der reinste Hochgenuß. Wenn in -einer Kirche ein Chor singt, läuft gleich die halbe Stadt zusammen; in -erster Linie aber der Handels- und der Arbeiterstand: Handelsgehilfen, -Lehrjungen, Handlanger, Fabrikarbeiter und auch die Geschäftsinhaber -selbst mit ihren Gemahlinnen. Alle drängen sich in einer der Kirchen -zusammen, ein jeder will wenigstens vor der Kirchentüre oder vor dem -Fenster, selbst bei brennender Sonnenglut, selbst bei strengstem Frost -stehen und den tiefen Bässen und kunstvollen Tenören, wenn sie ihre -Variationen singen, lauschen. - -In der Kirche, zu deren Sprengel das Ismailowsche Haus gehörte, gab es -einen Altar zur Darstellung Mariä. Zu derselben Zeit, als sich alles -oben Beschriebene mit Fedja abspielte, hatte sich die Jugend der ganzen -Stadt in dieser Kirche versammelt; die Leute verzogen sich nach dem -Gottesdienste in Scharen und besprachen die Vorzüge des bekannten Tenors -und die Fehler des ebenso bekannten Basses. - -Aber nicht alle interessierten sich so für die musikalischen Dinge; in -der Menge gab es auch Leute, die andere Fragen erörterten. - -»Seltsame Dinge erzählt man sich von der jungen Ismailowa,« sagte der -junge Maschinist, den sich einer der Kaufleute für seine Dampfmühle aus -Petersburg verschrieben hatte, mit seinen Freunden am Ismailowschen -Hause vorbeigehend. »Man sagt, daß sie mit ihrem Angestellten Ssergej -ein Liebesverhältnis hat ...« - -»Das ist ja allen bekannt,« sagte ein Mann in einem mit blauem Nanking -besetzten Schafspelz. »Sie war heute wohl auch gar nicht in der Kirche.« - -»Ach was, Kirche! Die Frau ist so tief gesunken, daß sie weder vor Gott, -noch vor ihrem Gewissen, noch vor den Menschen Angst hat!« - -»Schaut nur, da brennt bei ihr Licht,« sagte der Maschinist, auf einen -Spalt im Fensterladen zeigend, durch den ein Lichtschein drang. - -»Sieh mal hinein, was sie jetzt treiben,« schlugen einige Stimmen vor. - -Der Maschinist stützte sich auf die Schultern zweier Freunde, blickte -durch den Spalt hinein und schrie entsetzt auf: - -»Brüder! Da wird gerade jemand erwürgt!« - -Der Maschinist begann mit aller Kraft an den Fensterladen zu klopfen. An -die zehn Mann folgten seinem Beispiel und hämmerten mit den Fäusten -gegen die Fenster. - -Die Menge wuchs von Augenblick zu Augenblick an, und so entstand die uns -bereits bekannte Belagerung des Ismailowschen Hauses. - -»Ich hab es gesehen, mit meinen eigenen Augen hab ich es gesehen,« -bezeugte der Maschinist vor Fedjas Leiche. »Das Kind lag auf dem Bett, -und die beiden würgten es.« - -Ssergej wurde noch am gleichen Abend ins Gefängnis abgeführt; Katerina -Lwowna sperrte man aber in ihrem Schlafzimmer ein und stellte zwei -Wachtposten vor die Türe. - -Im Ismailowschen Hause war es nun unerträglich kalt; die Öfen wurden -nicht geheizt, die Türen standen den ganzen Tag offen, und eine -neugierige Volksmenge löste die andere ab. Die Leute sahen sich den -offenen Sarg mit Fedjas Leiche an, und auch den andern großen -geschlossenen Sarg, der daneben stand. Fedja hatte an der Stirne ein -weißes Atlasband, das den von der Sektion herrührenden Schnitt verdecken -sollte. Die gerichtsärztliche Untersuchung hatte ergeben, daß Fedja an -Erstickung gestorben war, und Ssergej, den man vor die Leiche führte, -brach, gleich nach den ersten Worten des Geistlichen vom Jüngsten -Gericht und von den ewigen Qualen der unbußfertigen Sünder, in Tränen -aus und gestand nicht nur den Mord an Fedja ein, sondern bat auch, die -Leiche des von ihm ohne christliches Begräbnis verscharrten Sinowij -Borissowitsch auszugraben. Die Leiche des letzteren, die im trockenen -Sande lag, war noch nicht verwest; man grub sie aus und legte sie in den -großen Sarg. Zum allgemeinen Entsetzen bezeichnete Ssergej Katerina -Lwowna als die Mitschuldige an den beiden Verbrechen. Katerina Lwowna -antwortete auf alle Fragen: »Ich weiß von nichts.« Als man sie aber mit -Ssergej konfrontierte, und sie sein Geständnis hörte, blickte sie ihn -erstaunt, doch ohne Zorn an und sagte gleichgültig: - -»Wenn es ihm schon einmal eingefallen ist, alles zu gestehen, so will -auch ich nicht länger leugnen: ich habe die Morde begangen.« - -»Zu welchem Zweck?« fragte man sie. - -»Nur ihm zuliebe«, antwortete sie, auf Ssergej zeigend, der mit -gesenktem Kopf dastand. - -Die beiden Verbrecher wurden in getrennte Gefängniszellen gesperrt, und -der grauenhafte Fall, der weit und breit Aufsehen und Empörung erregte, -kam bald vors Gericht. Ende Februar wurde das Urteil verkündet: Ssergej -und die Kaufmannswitwe Katerina Lwowna Ismailowa sollten auf dem -Marktplatze ihrer Stadt mit der Knute bestraft und dann auf die Katorga -nach Sibirien verschickt werden. An einem frostigen Märzmorgen zeichnete -der Scharfrichter Katerina Lwownas entblößten weißen Rücken mit der -vorgeschriebenen Zahl von blauroten Striemen; dann verabreichte er die -gleiche Portion auch Ssergej und brannte ihm in sein hübsches Gesicht -die drei Katorgamale. - -Ssergej erregte bei den Leuten aus irgendeinem Grunde viel mehr -Mitgefühl als Katerina Lwowna. Als er blutbefleckt die Stufen des -schwarzen Schafotts herunterging, fiel er beinahe um. Katerina Lwowna -hielt sich aber aufrecht und ruhig und war nur darauf bedacht, daß das -grobe Hemd ihr nicht den zerfetzten Rücken scheuere. - -Als man ihr im Gefängnisspital ihr neugeborenes Kind reichte, sagte sie -nur: »Hol es der Kuckuck!« Dann wandte sie sich ohne einen Ton von sich -zu geben zur Wand und fiel mit der Brust auf das harte Bett. - - - - - XIII - - -Der Sträflingstransport, mit dem Ssergej und Katerina Lwowna nach -Sibirien verschickt wurden, brach zu einer Zeit auf, wo der Frühling nur -im Kalender stand und die Sonne zwar leuchtete aber noch nicht wärmte. - -Katerina Lwownas Kind wurde der alten Base des seligen Boris -Timofejitsch zur Pflege gegeben: das Kind war nach dem Gesetz ein -ehelicher Sohn des ermordeten Sinowij Borissowitsch und einziger Erbe -des ganzen Ismailowschen Vermögens. Katerina Lwowna war damit sehr -zufrieden und gab ihr Kind gleichgültig hin. Wie es bei -leidenschaftlichen Frauen oft der Fall ist, hatte sich ihre Liebe zum -Vater in keiner Weise auf das Kind übertragen. - -Es gab für sie übrigens kein Licht und kein Dunkel, kein Gut und kein -Böse, keine Freude und keine Langweile; sie begriff nichts; liebte -niemand, nicht einmal sich selbst. Sie wartete mit Ungeduld auf den -Ausmarsch; sie hoffte unterwegs ihren Ssergej zu sehen, ihr Kind hatte -sie aber schon ganz vergessen. - -Katerina Lwownas Hoffnung wurde nicht getäuscht: der gebrandmarkte, mit -schweren Ketten beladene Ssergej verließ zugleich mit ihr das -Gefängnistor. - -Der Mensch gewöhnt sich an jedes noch so schreckliche Elend und behält -in jeder Lage die Fähigkeit, seinen kümmerlichen Freuden nachzugehen. -Katerina Lwowna aber brauchte sich an nichts zu gewöhnen; sie sah ihren -Ssergej wieder, und der Weg nach Sibirien bedeutete für sie an seiner -Seite den Weg zum Glück. - -Katerina Lwowna konnte in ihrem Leinensack nur wenig Wertgegenstände und -noch weniger bares Geld mitnehmen. Dies alles verteilte sie, noch ehe -der Transport Nischnij-Nowgorod erreicht hatte, unter den -Gefängnisaufsehern für die Erlaubnis, an Ssergejs Seite zu marschieren -und manchmal bei finsterer Nacht ein Stündchen mit ihm in einer kalten -Ecke des schmalen Gefängniskorridors zu verbringen. - -Der gebrandmarkte Freund Katerina Lwownas war aber gegen sie lieblos -geworden; sie bekam von ihm kein einziges freundliches Wort mehr zu -hören; er legte auch wenig Wert auf die geheimen Zusammenkünfte mit ihr, -für die sie ihr letztes Geld hergeben mußte, und sagte ihr sogar mehr -als einmal: - -»Statt mit mir im Korridor herumzustehen, hättest du doch lieber das -Geld, das du dafür dem Aufseher zahlst, mir gegeben!« - -»Es waren ja nur fünfundzwanzig Kopeken, Sserjoscha!« rechtfertigte sich -Katerina Lwowna. - -»Sind denn fünfundzwanzig Kopeken kein Geld? Du hast doch unterwegs noch -kein einziges Geldstück gefunden, hast aber schon eine ganze Menge -ausgegeben.« - -»Dafür habe ich dich sehen dürfen, Sserjoscha!« - -»Das Wiedersehen nach all dem Elend ist doch wirklich keine Freude! Ich -verfluche mein Leben und will an diese Zusammenkünfte gar nicht denken!« - -»Mir ist aber alles gleich, Sserjoscha! Wenn ich dich nur sehen kann!« - -»Das sind Dummheiten«, entgegnete Ssergej. - -Als Katerina Lwowna solche Antworten zu hören bekam, biß sie sich oft -die Lippen blutig. Bei den nächtlichen Zusammenkünften traten ihr oft -Tränen der Erbitterung in die Augen, die sonst niemals weinten. Sie trug -aber alles schweigend und suchte sich selbst zu betrügen. - -So sehr hatten sich ihre Beziehungen zueinander geändert, als sie -Nischnij-Nowgorod erreichten. Hier schloß sich an ihren Transport ein -anderer an, der aus Moskau kam. - -In diesem sehr großen Transport befanden sich unter anderm zwei -interessante weibliche Individuen: die Soldatenfrau Fiona aus Jaroslawl, -ein üppiges, großes, schönes Weib mit langem, schwarzem Zopf und -schmachtenden dunklen Augen, die von den langen Wimpern wie von einem -geheimnisvollen Schleier beschattet waren. Die andere war ein -siebzehnjähriges Ding mit spitzigem Gesicht und zarter, rosiger Haut, -kleinem Mündchen, Grübchen in den frischen Wangen und goldblonden -Locken, die unter dem leinenen Kopftuch lustig auf die Stirne -niederfielen. Dieses Mädel wurde von den Sträflingen Ssonetka genannt. - -Die schöne Fiona war sanft und faul. Alle Sträflinge kannten sie; keiner -von den Männern zeigte besondere Freude, wenn sie ihm ihre Huld -schenkte; niemand grämte sich auch, wenn sie diese Huld auf einen andern -übertrug. - -»Fiona ist ein guter Mensch, sie benachteiligt niemand«, scherzten die -Sträflinge. - -Ssonetka war aber ganz anders. - -Von ihr sagte man: - -»Sie ist wie ein Aal: sie gleitet einem durch die Finger und läßt sich -von niemand einfangen.« - -Ssonetka hatte Geschmack und war wählerisch; sie wollte, daß man ihr die -Leidenschaft nicht im rohen Zustande, sondern mit einer pikanten Sauce -entgegenbringe; sie verlangte Leiden und Opfer. Fiona war aber die -verkörperte russische Einfalt, die viel zu faul ist, um jemand »Nein« zu -sagen und die nur das eine weiß, daß sie ein Weib ist. Solche Frauen -werden in den Räuberbanden, Sträflingstransporten und Petersburger -sozialistischen Kommunen sehr geschätzt. - -Das Erscheinen dieser beiden Frauen in dem gleichen Transport, in dem -sich Ssergej und Katerina Lwowna befanden, hatte für diese letztere eine -tragische Bedeutung. - - - - - XIV - - -Gleich in den ersten Tagen nach dem Ausmarsche aus Nischnij-Nowgorod -begann sich Ssergej in auffälliger Weise um die Gunst der Soldatenfrau -Fiona zu bewerben. Er hatte auch bald Erfolg. Die schöne Fiona ließ ihn -nicht allzu lange zappeln und erfüllte sein Sehnen, wie sie in ihrer -Herzensgüte auch jeden anderen beglückte. Auf der dritten oder vierten -Etappe hatte Katerina Lwowna sich wieder die Möglichkeit einer -Zusammenkunft mit Ssergej erkauft. Sie liegt auf ihrem Lager und wartet: -gleich wird der Aufseher kommen und ihr zuraunen: »Lauf schnell hinaus!« -Die Türe geht einmal auf, und eine der Frauen huscht hinaus; die Türe -geht wieder auf, und von der Pritsche springt eine andere Frau und -verschwindet im Korridor. Endlich zupft jemand Katerina Lwowna am -Kittel. Sie springt schnell von der von so vielen Sträflingsrücken -glattgescheuerten Pritsche, wirft sich den Kittel um und folgt dem -Aufseher. - -Als Katerina Lwowna durch den Korridor ging, der nur an einer Stelle -ganz schwach von einem kleinen Lämpchen beleuchtet war, stieß sie auf -zwei oder drei Paare, die sie aus der Entfernung nicht sehen konnte. Aus -der Männerabteilung tönte durch das Türgitter verhaltenes Lachen. - -»Wie die wiehern!« brummte der Begleiter Katerina Lwownas. Er nahm sie -bei den Schultern, stieß sie in eine Ecke und zog sich zurück. - -Katerina Lwowna stieß mit der Hand auf einen groben Kittel und einen -Bart; ihre andere Hand berührte ein heißes Frauengesicht. - -»Wer ist's?« fragte Ssergej leise. - -»Und mit wem bist du hier?« - -Katerina Lwowna riß der Nebenbuhlerin im Finstern das Tuch vom Kopfe. -Jene taumelte auf die Seite, fing zu laufen an, stolperte aber und fiel -hin. - -Aus der Männerabteilung erscholl lautes Lachen. - -»Schurke!« flüsterte Katerina Lwowna und schlug Ssergej mit den Enden -des Tuches, das sie seiner neuen Geliebten vom Kopfe gerissen hatte, ins -Gesicht. - -Ssergej erhob seine Hand; Katerina Lwowna huschte aber durch den -Korridor zur Türe ihrer Zelle. Aus der Männerabteilung klang nun so -lautes Lachen, daß der Wachtposten, der vor dem Lämpchen stand und sich -gleichgültig auf die Spitze seines Stiefels spuckte, den Kopf hob und -rief: - -»Ruhe!« - -Katerina Lwowna legte sich schweigend auf ihre Pritsche und lag so bis -zum Morgen da. Sie wollte sich sagen: »Ich liebe ihn nicht mehr«, fühlte -aber, daß sie ihn noch mehr, noch glühender liebte. Und sie malte sich -aus, wie seine Hand, mit der er die Andere am Kinn gehalten, bei der -Berührung mit der ihrigen gezittert, wie seine andere Hand die warmen -Schultern der Andern umschlungen hatte. - -Die arme Frau brach in Tränen aus und wünschte sich, daß die gleichen -Hände in diesen Augenblicken ihr Gesicht streicheln und ihre krampfhaft -zuckenden Schultern umfassen möchten. - -»Gib mir mein Tuch zurück«, mit diesen Worten wurde sie am Morgen von -der Soldatenfrau Fiona geweckt. - -»Du warst es also?« - -»Gib's mir, bitte, zurück!« - -»Warum trennst du uns voneinander?« - -»Trenne ich euch denn? Ist es eine Liebe, oder habe ich irgendeinen -Vorteil davon, daß du mir zürnen sollst?« - -Katerina Lwowna dachte einen Augenblick nach, holte unter dem Kissen das -Tuch, das sie der andern nachts vom Kopfe gerissen hatte, warf es Fiona -zu und wandte sich zur Wand. - -Sie fühlte sich ein wenig erleichtert. - -»Pfui«, sagte sie sich, »werde ich denn auf so einen angemalten -Mistkübel eifersüchtig sein? Mag sie in die Erde versinken. Es täte mir -weh, mich mit ihr auch nur zu vergleichen.« - -»Hör einmal, Katerina Lwowna«, sagte ihr am nächsten Tage Ssergej, an -ihrer Seite gehend, »merke dir bitte, daß ich nicht Sinowij -Borissowitsch, sondern ein Anderer bin und daß du nicht mehr die feine -Dame bist. Tu darum, bitte, nicht so stolz. Bockigkeit gilt hier nicht.« - -Katerina Lwowna erwiderte nichts. In den nächsten acht Tagen wechselte -sie mit Ssergej weder ein Wort, noch einen Blick. Sie fühlte sich -beleidigt und war stolz genug, um nicht den ersten Schritt zur -Versöhnung mit Ssergej, mit dem sie sich zum erstenmal im Leben entzweit -hatte, zu machen. - -Während Katerina Lwowna ihm schmollte, begann Ssergej mit der weißen -Ssonetka anzubandeln. Bald begrüßte er sie als »Ergebenster Diener«, -bald lächelte er ihr zu, bald versuchte er sie zu umarmen und an sich zu -drücken. Katerina Lwowna sah alles, und in ihrem Herzen siedete es noch -mehr. - -»Soll ich mich mit ihm vielleicht doch aussöhnen?« fragte sie sich, in -einemfort stolpernd. - -Ihr Stolz erlaubte es ihr nun noch weniger als früher, den ersten -Schritt zu tun. Ssergej klebte aber immer fester an Ssonetka, und allen -kam es vor, als ob die unzugängliche Ssonetka, die sonst allen wie ein -Aal durch die Finger glitt, etwas gefügiger geworden wäre. - -»Du warst mir böse«, sagte einmal Fiona zu Katerina Lwowna: »was habe -ich dir aber getan? Mit mir hat er ja nur ganz kurz angebandelt. Ich -rate dir aber, auf die Ssonetka aufzupassen.« - --- Jetzt gebe ich aber meinen Stolz auf: heute noch will ich mich mit -ihm aussöhnen! -- sagte sich Katerina Lwowna. Sie überlegte sich nur -noch, wie sie am besten den ersten Schritt machen sollte. - -Aus dieser schwierigen Lage befreite sie Ssergej selbst. - -»Katerina Lwowna!« sagte er ihr auf einer Station: »Komm heute Nacht für -einen Augenblick zu mir heraus: ich muß dich sprechen.« - -Katerina Lwowna sagte nichts. - -»Zürnst du mir vielleicht noch immer? Wirst du nicht kommen?« - -Katerina Lwowna sagte noch immer nichts. - -Ssergej und alle, die Katerina Lwowna beobachteten, sahen aber, wie sie -sich vor dem Etappengebäude an den Oberaufseher heranmachte und ihm die -siebzehn Kopeken, die sie unterwegs zusammengebettelt hatte, in die Hand -drückte. - -»Wenn ich noch mehr zusammengebettelt habe, kriegst du noch zehn -Kopeken«, flüsterte sie ihm zu. - -Der Oberaufseher steckte das Geld in den Ärmelaufschlag und sagte: - -»Gut.« - -Als diese Unterhandlungen zu Ende waren, blinzelte Ssergej mit einem -vielsagenden Hüsteln Ssonetka zu. - -»Ach, Katerina Lwowna!« sagte er, sie auf den Stufen des Etappengebäudes -umarmend. »Kinder, es gibt auf der ganzen Welt kein zweites Weib wie -dieses!« - -Katerina Lwowna errötete vor Glück, und ihr stockte der Atem. - -Als nachts die Türe leise aufging, sprang sie ungestüm hinaus. Am ganzen -Leibe zitternd, tastete sie den dunklen Korridor nach Ssergej ab. - -»Meine liebe Katja!« sagte Ssergej, sie umarmend. - -»Ach, du Böser!« antwortete Katerina Lwowna unter Tränen und drückte -ihre Lippen auf die seinigen. - -Der Wachtposten ging im Korridor auf und ab, blieb manchmal stehen, um -sich auf die Stiefel zu spucken; die müden Sträflinge schnarchten in -ihren Zellen; irgendwo knabberte eine Maus an einem Federkiel; hinter -dem Ofen zirpten die Heimchen; Katerina Lwowna aber genoß in vollen -Zügen ihr höchstes Glück. - -Die Verzückung legte sich, und es begann die unvermeidliche Prosa des -Alltags. - -»Ich halt es nicht länger aus; das Bein schmerzt mir vom Knöchel bis zum -Knie,« jammerte Ssergej, an ihrer Seite in einem Korridorwinkel sitzend. - -»Was kann man dagegen tun?« fragte sie, sich unter seinen Kittel -schmiegend. - -»Soll ich mich vielleicht in Kasan ins Lazarett legen?« - -»Was fällt dir ein, Sserjoscha?« - -»Was soll ich denn machen, wenn es mir so weh tut?« - -»Du wirst im Lazarett bleiben, und ich soll allein weiter marschieren? -...« - -»Was soll ich machen? Die Ketten werden mir bald die Knochen -durchwetzen. -- Wenn ich wenigstens ein Paar wollene Strümpfe unter die -Ketten tun könnte,« fügte Ssergej nach einer Weile hinzu. - -»Strümpfe? Sserjoscha, ich habe noch ein paar neue Strümpfe.« - -»Ach, behalt sie nur!« - -Katerina Lwowna sagte kein Wort. Sie lief in ihre Zelle, packte in aller -Eile ihren Sack aus und brachte Ssergej ein Paar dicke blaue wollene -Strümpfe mit grellfarbigen Zwickeln. - -»Jetzt wird es irgendwie gehen,« sagte Ssergej, sich von ihr -verabschiedend und ihr letztes Paar Strümpfe mitnehmend. - -Katerina Lwowna kehrte überglücklich in ihre Zelle zurück und schlief -sofort ein. - -Sie hörte gar nicht, wie gleich darauf Ssonetka in den Korridor kam und -wie sie erst bei Morgengrauen wieder zurückging. - -Das spielte sich nur zwei Tagemärsche vor Kasan ab. - - - - - XV - - -Ein kalter trüber Tag mit durchdringendem Wind und einem mit Schnee -vermengten Regen empfing den Transport vor dem Tore des dumpfen -Etappengefängnisses. Katerina Lwowna trat recht frisch und munter ins -Freie. Als sie sich aber an ihren Platz stellte, erbebte sie am ganzen -Leibe und wurde grün. Es wurde ihr finster vor den Augen, und alle ihre -Glieder begannen zu schmerzen. Sie hatte Ssonetka in den ihr -wohlbekannten blauen wollenen Strümpfen mit den grellfarbigen Zwickeln -erblickt. - -Katerina Lwowna schleppte sich mehr tot als lebendig vorwärts; sie -blickte wie irrsinnig und wandte ihre Augen nicht von Ssergej. - -Auf der ersten Station ging sie ruhig auf ihn zu, flüsterte »Schurke!« -und spuckte ihm ganz unerwartet in die Augen. - -Ssergej wollte sich auf sie stürzen, man hielt ihn aber zurück. - -»Warte nur!« sagte er, sich das Gesicht abwischend. - -»Wie tapfer sie doch gegen dich ist!« spotteten unterwegs die Sträflinge -über Ssergej. Am lustigsten lachte Ssonetka. - -Dieses Zwischenspiel war ganz nach ihrem Geschmack. - -»Ich werde es dir schon zeigen!« drohte Ssergej Katerina Lwowna. - -Vom anstrengenden Marsch bei dem schlechten Wetter ermüdet, schlief -Katerina Lwowna mit blutendem Herzen auf der Pritsche der nächsten -Etappe ein. Sie hörte gar nicht, wie in die Frauenabteilung zwei Männer -kamen. - -Bei ihrem Erscheinen erhob sich Ssonetka von der Pritsche, zeigte stumm -auf Katerina Lwowna, legte sich wieder hin und hüllte sich in ihren -Kittel. - -In diesem Augenblick wurde Katerina Lwowna der Kittel über den Kopf -gezogen, und auf ihren Rücken, der nur noch mit dem groben Hemd -bekleidet war, sauste das dicke Ende eines doppelt zusammengedrehten -Strickes nieder. - -Katerina Lwowna schrie auf. Der Kittel, der ihr über den Kopf geworfen -war, erstickte aber ihre Stimme. Sie versuchte aufzuspringen, konnte -sich aber nicht rühren; auf ihren Schultern saß ein kräftiger Mann, der -sie an den Händen festhielt. - -»Fünfzig!« zählte schließlich eine Stimme, in der sie unschwer die -Stimme Ssergejs erkennen konnte. Die nächtlichen Gäste verschwanden -ebenso plötzlich, wie sie gekommen waren. - -Katerina Lwowna befreite ihren Kopf und sprang auf. Niemand war mehr in -der Zelle. In der Nähe kicherte aber jemand. Katerina Lwowna erkannte -Ssonetkas Stimme. - -Ihr Schmerz wurde nun grenzenlos; grenzenlos war auch der Haß, der in -diesem Augenblick in ihrem Herzen aufloderte. Sie sprang auf, um sich -auf Ssonetka zu stürzen und fiel ohnmächtig in die Arme Fionas, die ihr -zu Hilfe eilte. - -An der Brust der stumpfsinnigen Nebenbuhlerin, die erst vor kurzem den -ungetreuen Geliebten Katerina Lwownas vor Wollust zittern ließ, weinte -sie nun vor unerträglichem Schmerz. Sie schmiegte sich an Fiona, wie -sich ein Kind an seine Mutter schmiegt. Nun waren sie beide gleich: -beide waren im Werte gesunken, beide waren verlassen. - -Die sich jedem Zufall hingebende Fiona und die Heldin der -Liebestragödie, Katerina Lwowna, waren nun einander gleich! - -Katerina Lwowna fühlte sich aber dadurch gar nicht verletzt. Als sie -alle ihre Tränen ausgeweint hatte, erstarrte sie zu Stein und machte -sich bereit, zum Appell zu gehen. - -Die Trommel wirbelt; die gefesselten und nicht gefesselten Sträflinge -stürzen in den Hof; auch Ssergej ist darunter, auch Fiona, Ssonetka und -Katerina Lwowna; ein mit einem Juden zusammengeketteter Sektierer, und -ein Pole an der gleichen Kette mit einem Tataren. - -Alle drängten sich zuerst zu einem unordentlichen Haufen zusammen, -stellten sich dann in Reihen auf, und der Zug setzte sich in Bewegung. - -Ein furchtbar trauriges Bild: ein Häuflein Menschen, die von der Welt -losgerissen sind und auch nicht den Schatten einer Hoffnung auf eine -bessere Zukunft haben, watet durch den kalten schwarzen Straßenkot. -Alles ist so häßlich: der unendliche Schmutz, der graue Himmel, die -entblätterten, nassen Weiden und die mürrische Krähe, die -zusammengekauert in den nackten Ästen hockt. Der Wind stöhnt und wütet, -heult und brüllt. - -Aus diesen höllischen, herzzerreißenden Tönen, die das Grauen des Bildes -vervollständigen, klingen die Worte der Frau des biblischen Hiob: -»Verfluche den Tag deiner Geburt und stirb!« - -Wer diesen Worten nicht lauschen will, wen der Gedanke an den Tod selbst -in dieser traurigen Lage nicht erfreut, sondern erschreckt, der muß alle -die heulenden Stimmen mit einem noch häßlicheren Geheul übertönen. Das -einfache Volk weiß das sehr gut: es entfesselt dann seine ganze -tierische Natur und beginnt, sich selbst, die andern Menschen und alle -Gefühle zu verhöhnen. Es ist auch sonst nicht besonders zartfühlend; -unter solchen Umständen wird es aber noch einmal so roh und boshaft. - - * * * * * - -»Wie geht's, Kaufmannsfrau? Sind Euer Wohlgeboren bei guter Gesundheit?« -fragte Ssergej in frechem Tone Katerina Lwowna, als das Dorf, in dem der -Transport die letzte Nacht verbracht hatte, hinter dem nassen Hügel -verschwunden war. - -Gleich darauf wandte er sich an Ssonetka, hüllte sie in den Schoß seines -Mantels und begann mit hoher Stimme zu singen: - - »Hinterm Fenster leuchten deine Locken, Schätzchen, - Ach, mein Jammer schläft nicht, und du schläfst nicht, Kätzchen, - Mit des Mantels Saume will ich dich bedecken ...« - -Bei diesen Worten umarmte er Ssonetka und küßte sie vor aller Augen ... - -Katerina Lwowna sah es und sah es nicht. Sie war wie geistesabwesend. -Die Leute stießen sie in die Seite und machten sie darauf aufmerksam, -wie sich Ssergej gegen Ssonetka benahm. Sie wurde zur Zielscheibe des -allgemeinen Spottes. - -»Laßt sie in Ruhe,« trat Fiona für sie ein, sooft jemand von den -Sträflingen über die halbohnmächtige Katerina Lwowna zu spotten anfing. -»Seht ihr denn nicht, daß die Frau ganz krank ist?« - -»Sie hat sich wohl die Füßchen durchnäßt,« scherzte ein junger -Sträfling. - -»Natürlich: sie ist ja vom Kaufmannsstande und verwöhnt,« versetzte -Ssergej. - -»Wenn sie wenigstens warme Strümpfe hätte, würde es ihr wohl weniger -machen,« fügte er hinzu. - -Katerina Lwowna fuhr wie aus dem Schlafe auf. - -»Gemeine Schlange!« sagte sie, unfähig, sich länger zu beherrschen. -»Spotte nur, du Schuft, spotte nur!« - -»Ich spotte ja gar nicht, sondern meine es ganz ernst: Ssonetka hat ein -paar vortreffliche Strümpfe zu verkaufen. Ich frage mich, ob die -Kaufmannsfrau sie nicht kaufen will.« - -Viele lachten. Katerina Lwowna ging wie ein aufgezogener Automat weiter. - -Das Wetter wurde immer schlechter. Aus den grauen Wolken, die den Himmel -bedeckten, fielen nasse Schneeflocken herab, die, sobald sie nur den -Boden berührten, tauten und den Straßenschmutz noch vergrößerten. -Endlich zeigte sich am Horizont ein dunkler bleigrauer Streif, dessen -Breite man gar nicht überblicken konnte: es war die Wolga. Über dem -Strome zog ein steifer Wind, der breite, dunkle Wellen vor sich trieb. - -Die durchnäßten und halberfrorenen Sträflinge gingen langsam zum -Landungssteg und blieben in Erwartung der Fähre stehen. - -Die nasse dunkle Fähre kam ans Ufer. Die Begleitmannschaften trieben die -Sträflinge auf die Fähre. - -»Auf dieser Fähre gibt es Schnaps zu kaufen,« sagte einer der -Sträflinge, als die von nassen Schneeflocken überschüttete Fähre vom -Ufer stieß und auf den Wellen des Stromes zu schwanken begann. - -»Es wäre wirklich gut, einen Tropfen zu trinken!« sagte Ssergej. Zur -Belustigung Ssonetkas machte er sich wieder an Katerina Lwowna heran und -sagte: »Kaufmannsfrau, wir sind ja alte Freunde: kauf mir etwas Schnaps. -Geize nicht. Gedenke doch, Liebste, unserer alten Liebe! Weißt du noch, -meine Freude, wie wir die langen Herbstnächte miteinander verbrachten -und deine Verwandten ohne Popen und ohne Küster ins Jenseits schickten?« - -Katerina Lwowna zitterte vor Kälte, die ihr unter den nassen Kleidern -durch Mark und Bein drang. In ihr ging aber auch etwas anderes vor. Ihr -Kopf brannte wie im Feuer; die Pupillen waren erweitert, von einem -irren, scharfen Glanz belebt und starr auf die Wellen gerichtet. - -»Auch ich würde gerne etwas Schnaps trinken: es ist so unerträglich -kalt!« sagte Ssonetka mit ihrer hellen Stimme. - -»Kaufmannsfrau, kauf uns doch Schnaps!« drang Ssergej in sie ein. - -»Du hast wirklich kein Gewissen im Leibe!« sagte Fiona, vorwurfsvoll den -Kopf schüttelnd. - -»Das macht dir keine Ehre,« unterstützte der junge Sträfling Gordjuschka -die Soldatenfrau. - -»Wenn du dich vor ihr nicht schämst, so solltest du dich wenigstens vor -den Leuten schämen!« - -»Ach, du, Allerwelts-Schnupftabaksdose!« schrie Ssergej Fiona an. »Was -redest du vom Gewissen? Vor wem brauche ich mich zu schämen? Vielleicht -habe ich sie überhaupt niemals geliebt, und jetzt ... jetzt ist mir -Ssonetkas ausgetretener Schuh lieber als die Fratze dieser geschundenen -Katze. Was hast du mir vorzuwerfen? Soll sie nur den schiefmäuligen -Gordjuschka lieben, oder ... (er blickte auf den kleinen Wachsoldaten, -der in Uniformmütze und langhaarigem Filzmantel im Sattel saß,) oder -diesen Soldaten da: unter seinem Filzmantel ist sie wenigstens vom Regen -geschützt.« - -»Und dann wird sie Offiziersfrau heißen,« lachte Ssonetka. - -»Gewiß! Und hat auch Geld, um sich Strümpfe zu kaufen,« fügte Ssergej -hinzu. - -Katerina Lwowna wehrte sich nicht; sie blickte immer starrer auf die -Wellen und bewegte lautlos die Lippen. Zwischen den häßlichen Worten -Ssergejs hörte sie die Wogen dröhnen und heulen. In einem sich -brechenden Wolkenkamme erscheint plötzlich der blaue Kopf Boris -Timofejewitschs; aus einer anderen Welle erhebt sich die Gestalt ihres -Mannes; er schwankt und hält Fedja, der den Kopf gesenkt hat, umarmt. -Katerina Lwowna will sich auf irgendein Gebet besinnen, ihre Lippen -flüstern aber: »Wie wir die langen Herbstnächte miteinander verbrachten -und die Verwandten ohne Popen und ohne Küster ins Jenseits schickten.« - -Katerina Lwowna zitterte. Ihre irren Blicke waren auf einen Punkt -gerichtet. Sie hob einige Male die Arme, streckte sie vor sich aus und -ließ sie wieder sinken. Noch einen Augenblick -- und sie beugte sich, -ohne die Augen von einer dunklen Woge zu wenden, vor, packte Ssonetka an -den Beinen und sprang mit ihr über das Geländer der Fähre. - -Alle waren vor Schreck wie erstarrt. - -Katerina Lwowna erschien auf dem Kamme einer Woge und ging wieder unter; -aus einer andern Welle tauchte Ssonetka auf. - -»Den Bootshaken her! Werft den Bootshaken aus!« schrieen die Leute auf -der Fähre. - -Der schwere Bootshaken flog am langen Strick durch die Luft und fiel ins -Wasser. Von Ssonetka war wieder nichts zu sehen. Nach zwei Sekunden warf -sie, von der Strömung um ein weites Stück von der Fähre fortgetrieben, -beide Arme aus dem Wasser empor; in diesem Augenblick tauchte aus einer -anderen Welle fast bis zu den Hüften Katerina Lwowna empor. Sie stürzte -sich wie ein kräftiger Hecht über eine schwache Plötze auf Ssonetka, und -beide kamen nicht mehr zum Vorschein. - - - - - DER STÄHLERNE FLOH - - - (Übertragen von Karl Nötzel) - - Was man vom Tulaer schieläugigen Linkser erzählt und von einem - stählernen Floh - - - - - I - - -Als Kaiser Alexander Pawlowitsch die Wiener Plauderei beendet hatte, -wollte er in Europa herumfahren und sich in den einzelnen Ländern die -Wunderdinge anschauen. Er bereiste alle Staaten, und überall hatte er -seiner Freundlichkeit wegen die vertraulichsten Gespräche mit allen -Leuten, und alle wollten ihn durch irgend etwas in Staunen setzen und -für sich gewinnen. Mit ihm war aber der Donsche Kosak Platow, der solche -Neigungen nicht liebte, sich ständig nach seiner Häuslichkeit sehnte und -deshalb den Kaiser immer antrieb, zurückzukehren. Und kaum merkte -Platow, daß der Kaiser sich für irgend etwas Ausländisches -interessierte, das ganze Gefolge aber schwieg, so sagte er auch schon -alsogleich: »So und so, auch bei uns zu Hause ist das Unsrige nicht -schlechter« -- und lenkte irgendwie den Kaiser ab. - -Die Engländer wußten das und dachten sich zur Ankunft des Kaisers -allerlei Listen aus, um ihn für das Ausländische zu gewinnen und den -Russen zu entfremden. In vielen Fällen erreichten sie das auch, -besonders auf großen Versammlungen, wo Platow nicht perfekt französisch -sprechen konnte. Er interessierte sich indes auch wenig dafür: er war -ein verheirateter Mann, und alle französischen Gespräche hielt er für -Nichtigkeiten, die der Aufmerksamkeit nicht wert seien. Als aber die -Engländer den Kaiser in ihre mannigfaltigen Zeughäuser, Waffen-, Seifen- -und Sägewerke einluden, um ihm zu zeigen, wie überlegen sie uns in allen -diesen Dingen seien und um sich dessen zu rühmen -- da sagte Platow zu -sich selber: - --- »Nein, damit aber Schluß. Bis jetzt habe ich noch ruhig zugesehen, -weiter geht das aber nicht mehr. Ob ich zu sprechen verstehe oder nicht, -die Meinigen werde ich nicht preisgeben!« - -Und kaum hatte er zu sich selber ein solches Wort gesagt, da sprach auch -der Kaiser zu ihm: - -»So und so, morgen werde ich mit dir fahren, ihre Waffenkunstkammer zu -besichtigen. Dort,« spricht er, »sind solche Vollkommenheiten der Natur, -daß, wenn du nur hinschaust, du weiter nicht mehr bestreiten wirst, daß -wir Russen mit unserm Wissen gar nichts taugen.« - -Platow antwortete dem Kaiser gar nichts. Er senkte nur seine gekrümmte -Nase auf seinen zottigen Überwurf; als er aber in seine Wohnung kam, -befahl er seinem Burschen, ihm aus dem Keller eine Flasche kaukasischen -Branntwein zu bringen, goß ein schönes Glas davon hinter die Binde, -betete vor seinem Reiseheiligenbilde zu Gott, hüllte sich in seinen -Überwurf und fing derart zu schnarchen an, daß in dem ganzen Hause kein -Engländer schlafen konnte. - -Er dachte: »Morgenstund' hat Gold im Mund'«. - - - - - II - - -Am andern Tage fuhr der Kaiser mit Platow in die Kunstkammern. Sonst -hatte der Kaiser niemanden von den Russen mitgenommen, weil man ihm nur -einen zweisitzigen Wagen geschickt hatte. - -Sie langten bei einem nicht allzu großen Gebäude an -- die Auffahrt ist -unbeschreiblich, Korridore ins Unendliche, die Zimmer gehen eines in das -andere, und endlich in dem hauptsächlichsten Saale stehen verschiedene -gewaltige Büsten, und in der Mitte unter einem Baldachin steht »Abolon -von Polwedere«. - -Der Kaiser blickt auf Platow, ob er wohl sehr erstaunt sei, und worauf -er schaue. Der aber geht, die Augen zu Boden gesenkt, so dahin, als sehe -er gar nichts -- und dreht nur Ringe aus seinem Schnurrbart. - -Die Engländer begannen alsogleich, verschiedene Wunder zu zeigen und zu -erklären, was bei ihnen für kriegerische Zwecke eingerichtet ist. -»Sturmmesser« für die Marine, »Pontonen« für das Fußvolk und geteerte -Segeltücher für die Reiterei. Der Kaiser hat an dem allen seine Freude, -alles kommt ihm sehr schön vor, Platow aber bleibt dabei, daß für ihn -das alles gar nichts bedeute. - -Der Kaiser spricht: »Wie ist denn das möglich? -- Weshalb ist in dir -eine solche Gefühllosigkeit? Gibt es denn wirklich hier gar nichts für -dich zu bewundern?« - -Platow antwortet: »Mir ist hier nur das Eine erstaunlich, daß meine -forschen Kerle vom Don ohne dies alles Krieg führten und zwölf -Heidenvölker davonjagten!« - -Der Kaiser spricht: »Das ist Unsinn!« - -Platow antwortet: »Ich weiß nicht, worauf ich das beziehen soll, zu -streiten wage ich aber nicht und muß schweigen.« - -Als aber die Engländer eine solche Auseinandersetzung zwischen ihnen -wahrnahmen, führten sie ihn sogleich gerade zu dem »Abolon von -Polwedere« und nahmen dem aus der einen Hand ein Mortimergewehr, aus der -andern eine Pistole. - -»Sehen Sie« -- sprachen sie -- »wie bei uns gearbeitet wird« und zeigten -ihm das Gewehr. - -Der Kaiser schaute ruhig auf das Mortimergewehr, weil er solche in -Zarskoje Ssjelo selber besitzt, jene aber geben ihm darauf die Pistole -und sagen: - -»Diese Pistole ist von unbekannter, unnachahmlicher Meisterschaft. Unser -Admiral zog sie einem Räuberhauptmann in >Kandelabrien< aus dem Gürtel.« - -Der Kaiser schaut auf die Pistole und kann sich nicht satt sehen. Er -seufzt furchtbar. - -»Ach, ach, ach ...« -- spricht er -- »wie kann man nur so, wie kann man -das denn überhaupt so fein machen!« -- Und er wendet sich zu Platow und -spricht zu ihm auf russisch: »Siehst du, wenn bei mir in Rußland auch -nur _ein_ solcher Meister wäre, würde ich darüber äußerst glücklich und -stolz sein und diesen Meister sogleich in den Adelstand erheben!« - -Platow aber versenkte auf diese Worte hin sofort seine rechte Hand in -seine weiten Pluderhosen und zog von dort einen Gewehrschraubenzieher -heraus. Die Engländer sagen: »Das läßt sich nicht öffnen!« Er aber gibt -gar nicht darauf acht und beginnt das Schloß aufzudrehen. Er dreht -einmal um, zweimal -- das Schloß ist herausgefallen. Platow zeigt dem -Kaiser den Drücker und grade auf der Rundung die russische Aufschrift: -»Iwan Moskwin aus der Stadt Tula«. - -Die Engländer erstaunen, und einer stößt den andern an: - -»O je, da sind wir hereingefallen!« - -Der Kaiser aber spricht kummervoll: - -»Weshalb hast du sie so in Verlegenheit gebracht, mir tun sie jetzt sehr -leid. Laßt uns abfahren.« - -Sie setzten sich wiederum in denselben zweisitzigen Wagen und fuhren ab; -und der Kaiser war an diesem Tage auf einem Ball. Platow aber goß ein -noch größeres Glas Branntwein hinter die Binde und entschlummerte eines -festen Kosakenschlafes. - -Es war ihm froh zumute, daß er die Engländer in Verlegenheit gebracht -und ihnen den Tulaer Meister zum Vorbild gegeben hatte. Dabei war es ihm -aber auch verdrießlich: Weshalb hatte der Kaiser bei einer solchen -Gelegenheit die Engländer bemitleidet! - -»Worüber hat sich denn da der Kaiser gegrämt« -- dachte Platow -- »ich -verstehe das ganz und gar nicht« -- und in solchen Gedanken stand er -zweimal auf, bekreuzte sich und trank Schnaps, bis er sich gewaltsam -einen starken Schlaf zugezogen hatte. - -Die Engländer aber konnten zu dieser selben Zeit gleichfalls nicht -schlafen, weil es auch ihnen »wirbelte«. Während der Kaiser sich auf dem -Ball vergnügte, bereiteten sie ihm ein derartiges neues Wunderwerk vor, -daß diesmal auch Platow alle Phantasie ausging. - - - - - III - - -Am andern Tage, als Platow beim Kaiser erschien, um ihm einen guten -Morgen zu wünschen, spricht er zu ihm: - -»Laß sogleich den zweisitzigen Wagen anspannen, um die neuen -Kunstkammern anzusehen!« - -Platow erkühnte sich sogar, zu bemerken, ob es nicht etwa genug sei, die -fremdländischen Erzeugnisse anzuschauen und ob es nicht besser wäre, -sich auf den Weg nach Rußland zu machen. - -Der Kaiser aber spricht: - -»Nein, ich wünsche noch andere Neuigkeiten zu sehen: man hat sich vor -mir gebrüstet, daß man bei ihnen die erste Sorte Zucker bereite.« - -Sie fuhren ab. - -Die Engländer zeigten dem Kaiser, was sie für verschiedene erste Sorten -haben, Platow aber schaut und schaut und spricht plötzlich: - -»Aber zeigt uns doch aus Euern Fabriken den Zucker >Chalva<!« - -Die Engländer wissen nicht, was das bedeutet »Chalva«. Sie flüstern -untereinander, zwinkern einander zu und wiederholen »Chalva?« »Chalva?«, -können aber nicht verstehen, daß bei uns ein solcher Zucker hergestellt -wird, und müssen zugeben, daß es bei ihnen alle Arten Zucker gibt, -»Chalva« aber nicht. - -Platow spricht: - -»Nun, so ist auch kein Grund, zu prahlen. Kommt zu uns, wir werden Euch -Tee zu trinken geben mit echtem >Chalva< aus der Bobrinskijschen -Fabrik.« - -Aber der Kaiser zupfte ihn am Ärmel und sprach leise zu ihm: »Bitte, -verdirb mir nicht die Politik!« - -Da riefen die Engländer den Kaiser in die allerletzte Kunstkammer, wo in -der ganzen Welt gesammelte Mineralien und »Nymphusorien« lagen, von der -allergrößten ägyptischen Pyramide bis zu einem »unterhäutigen« Floh, den -man mit bloßem Auge selber gar nicht wahrnehmen, wohl aber seine Bisse -zwischen Haut und Körper verspüren konnte. - -Der Kaiser fuhr dorthin. - -Man beschaute die Pyramiden und allerhand ausgestopfte Tiere und ging -weg. Platow aber denkt bei sich: - -»Nun, Gott sei Dank, alles steht gut -- der Kaiser staunt über gar -nichts.« - -Kaum aber waren sie in die allerletzte Kammer getreten, so stehen dort -ihre Arbeiter in Arbeitskleidung und Schürzen und halten eine -»Tablette«, auf der gar nichts liegt. - -Der Kaiser erstaunte sich plötzlich -- daß man ihm eine leere »Tablette« -hinhält. - -»Was bedeutet das?« fragte er; die englischen Meister aber antworten: -»Das ist unser untertäniges Geschenk an Eure Majestät!« - -»Was ist es denn?« - -»Aber« -- sprechen sie -- »geruhen Sie dort ein Körnchen zu sehen?« - -Der Kaiser schaute hin und sieht, auf der silbernen »Tablette« liegt -wirklich das allerwinzigste Körnchen. - -Die Arbeiter sprechen: - -»Geruhen Sie Ihre Fingerchen anzuspeicheln und es aufs Händchen zu -nehmen.« - -»Was soll mir aber denn das Körnchen?« - -»Dies« -- antworten sie -- »ist kein Körnchen, vielmehr ein ->Nymphusorium<.« - -»Ist es lebendig?« - -»Keineswegs« -- antworten sie -- »es ist nicht lebendig, vielmehr ganz -aus englischem Stahl in Gestalt eines Flohs von uns ausgeschmiedet, und -in seiner Mitte ist ein Uhrwerk und eine Feder. Geruhen Sie es mit dem -Schlüssel aufzuziehen: es wird sogleich zu tanzen beginnen!« Der Kaiser -ward neugierig und fragt: »Wo ist denn aber das Schlüsselchen?« - -Die Engländer sagen: - -»Hier ist auch der Schlüssel, vor Ihren Augen.« - -»Weshalb aber« -- spricht der Kaiser -- »sehe ich ihn nicht?« - -»Deshalb« -- antworten sie -- »weil man dazu ein >Winzigglas< braucht.« - -Man reichte ein »Winzigglas«, und der Kaiser sah, daß tatsächlich neben -dem Floh ein Schlüsselchen auf der »Tablette« lag. - -»Geruhen Sie« -- sprachen sie -- »es ins Händchen zu nehmen. Bei ihm im -Bäuchelchen ist ein Aufziehlöchelchen, der Schlüssel macht sieben -Umdrehungen, und dann wird es zu tanzen anfangen ...« - -Mit Mühe erfaßte der Kaiser dieses Schlüsselchen und kaum vermochte er -es mit den Fingerspitzen zu halten. Mit der anderen Hand aber nahm er -das Flöhchen, und kaum hatte er das Schlüsselchen hineingesteckt, als er -fühlte, wie der Floh sein Schnurrbärtchen zu bewegen begann, dann mit -den Füßchen zu trippeln und endlich zu springen und in einem Flug gleich -ein »Dansé« und zwei »Variationen« nach der einen Seite zu machen, dann -nach der anderen, und so tanzte er in drei »Variationen« die ganze -Quadrille. - -Der Kaiser befahl sogleich, den Engländern eine Million zu geben, in was -für Geld sie selber wollten -- sei es in silbernen Fünfkopekenstücken, -sei es in kleinen Assignaten. - -Die Engländer baten, man möchte es ihnen in Silber auszahlen, weil sie -sich in den Papierchen nicht auskennten; dabei aber offenbarten sie aufs -neue ihre Schlauheit: den Floh gaben sie zum Geschenk, ein Futteral für -ihn hatten sie indes nicht mitgebracht. Ohne Futteral konnte man aber -weder ihn noch das Schlüsselchen halten, weil sie sich sonst verlieren, -und man sie dann mit dem Kehricht hinauswirft. Das Futteral zu ihm -bestand aber in einer Diamantnuß, aus einem Stück gemacht -- dem Floh -war ein Plätzchen in der Mitte ausgeschliffen. Dies Futteral gaben sie -nicht, weil es, so sagen sie, dem Staate gehöre, und in dieser Beziehung -sei es bei ihnen streng: nicht einmal für den Kaiser dürfe man es -opfern. - -Platow wollte sich schon sehr erzürnen. »Wozu«, so spricht er, »ein -solcher Betrug! Das Geschenk haben sie dargebracht und eine Million -dafür erhalten, und immer noch nicht genug! Ein Futteral«, spricht er, -»gehört immer zu jeder Sache.« - -Der Kaiser aber spricht: - -»Hör' bitte auf, das ist nicht deine Sache -- verdirb' mir nicht die -Politik. Sie haben ihre Gebräuche« -- und er fragt: »Wieviel kostet -diese Nuß, in die der Floh hineingeht?« - -Die Engländer setzen dafür noch Fünftausend fest. - -Kaiser Alexander Pawlowitsch sagt: - -»Man soll es ihnen auszahlen«, selber aber steckt er den Floh in dies -Nüßchen, und mit ihm zugleich auch das Schlüsselchen. Um aber nicht die -Nuß zu verlieren, legte er sie in seine goldene Tabaksdose; die -Tabaksdose aber befahl er in seine Reiseschatulle zu legen, die ganz -ausgelegt war mit Perlmutter und Fischbein. Die englischen Meister -entließ der Kaiser in Ehren und sagte ihnen: »Ihr seid die ersten -Meister in der ganzen Welt, und meine Leute verstehen im Vergleich zu -Euch gar nichts.« - -Jene blieben sehr zufrieden, Platow aber konnte den Worten des Kaisers -nichts widersprechen. Er nahm nur das »Winzigglas«, ja, und ohne ein -Wort zu sagen, steckte er es in seine Tasche. »Weil« -- spricht er -- -»es auch dazu gehört, und ihr so schon viel Geld von uns genommen habt!« - -Der Kaiser wußte das gar nicht bis ganz zu seiner Ankunft in Rußland. -Sie reisten aber sehr bald ab, weil der Kaiser von allen diesen -»Militärangelegenheiten« in Melancholie verfiel, und er eine geistige -Beichte haben wollte in Taganrog beim Popen Fjedot. Unterwegs hatten er -und Platow sehr wenig angenehme Unterhaltung, weil sie völlig -verschiedene Gedanken hegten: der Kaiser glaubte, den Engländern sei -niemand an Kunstfertigkeit gleich, Platow hingegen bestand darauf, daß -auch die Unsrigen alles machen können, was sie anschauen, nur fehle es -ihnen an nützlicher Lehre. Und er hielt dem Kaiser vor, daß bei den -englischen Meistern durchaus in allem andere Regeln des Lebens, der -Wissenschaft und der »Verpflegung« gelten und jeder Mensch bei ihnen -alle »absoluten« Möglichkeiten für sich habe, und deshalb sei in ihm -auch ein ganz anderer Geist. - -Der Kaiser wollte das nicht lange anhören, Platow aber steigt auf jeder -Station aus und trinkt vor Verdruß ein Wasserglas Schnaps, beißt -gesalzene Bretzel zu, raucht seine Weichselpfeife, in die ein ganzes -Pfund Schukowscher Tabak hineinging, setzt sich dann hin und sitzt so -schweigend neben dem Kaiser im Wagen. Der Kaiser schaut auf eine Seite, -Platow steckt durch das andere Fenster seine Pfeife hinaus und läßt den -Rauch in die Luft. So reisten sie bis Petersburg; zum Popen Fjedot nahm -aber der Kaiser den Platow schon gar nicht mehr mit. - -»Du« -- spricht er -- »bist in geistlicher Unterhaltung unenthaltsam und -rauchst so viel, daß sich von deinem Qualm nur Ruß im Kopfe ansetzt!« -Platow blieb gekränkt zurück und legte sich zu Hause auf sein -»Verdrußsofa«, und er lag dort immerfort und rauchte ohne Unterlaß -Schukowschen Tabak. - - - - - IV - - -Der erstaunliche Floh aus gehärtetem Stahl blieb bei Alexander -Pawlowitsch in der Schatulle unter dem Fischbein, bis der Kaiser in -Taganrog starb, nachdem er ihn dem Popen Fjedot gegeben hatte, damit der -ihn später der Kaiserin gebe, wenn sie sich getröstet habe. Die Kaiserin -Jelisaweta Alexejewna schaute die Variationen des Flohs an und lächelte, -beschäftigte sich aber weiter nicht mehr mit ihm. - -»Meine Sache,« spricht sie, »ist die einer Witwe, und mir sind keinerlei -Unterhaltungen verführerisch,« und als sie nach Petersburg zurückgekehrt -war, übergab sie dies Wunderding mit allen andern Kostbarkeiten dem -neuen Kaiser zum Erbe. - -Kaiser Nikolai Pawlowitsch schenkte gleichfalls anfangs dem Floh nicht -die geringste Aufmerksamkeit, weil bei seiner Thronbesteigung eine -»Verwirrung« war, später aber begann er einmal die ihm von seinem Bruder -hinterlassene Schatulle durchzusehen und nahm aus ihr die Tabaksdose -heraus, aus der Tabaksdose die Brillantnuß, und in ihr fand er den -stählernen Floh, der schon lange nicht mehr aufgezogen war, und sich -deshalb nicht bewegte, vielmehr friedlich dalag, als ob er versteinert -wäre. - -Der Kaiser schaute hin und staunte. - -»Was ist denn da noch für eine Nichtigkeit, und wozu ward sie dort von -meinem Bruder so aufbewahrt?« - -Die Hofleute wollten es wegwerfen, der Kaiser aber spricht: - -»Nein -- das bedeutet irgend etwas!« - -Man rief von der Anitschkin-Brücke aus der gegenüberliegenden Apotheke -einen Chemiker, der auf der allerkleinsten Wage Gift abzuwiegen pflegte, -und zeigte ihm das Ding; der aber nahm sogleich den Floh, legte ihn auf -die Zunge und spricht: »Ich empfinde Kälte wie von einem festen Metall«. -Darauf drückte er es leicht mit den Zähnen und erklärte: - -»Wie es Ihnen beliebt, dies ist aber kein wirklicher Floh, vielmehr ein -»Nymphusorium«, und es ist aus Metall gemacht, und die Arbeit ist nicht -die unsrige, nicht russische.« - -Der Kaiser befahl zu erkunden, woher dies stamme, und was es bedeute. -Man stürzte sich sogleich in die Akten, um Verzeichnisse einzusehen -- -in den Akten aber war nichts eingetragen. Man begann diesen und jenen -auszufragen -- niemand wußte etwas. Zum Glück weilte aber damals noch -der Donsche Kosak Platow unter den Lebenden und lag sogar immer noch auf -seinem Verdrußsofa und rauchte seine Pfeife. Als der nun vernahm, daß -bei Hof eine solche Unruhe sei, erhob er sich sogleich von seiner -Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien beim Kaiser in allen -seinen Orden. Der Kaiser spricht: »Was willst du von mir, tapferer -Greis?« - -Platow aber antwortet: - -»Mir, Eure Majestät, ist nichts für mich selber nötig, da ich esse und -trinke, wozu ich Lust habe, und mit allem zufrieden bin; ich bin aber« --- spricht er -- »gekommen, wegen dieses >Nymphusoriums< zu berichten, -das man ausfindig machte; das« -- spricht er -- »war so und so, und -folgendermaßen hat es sich vor meinen Augen in England zugetragen -- und -dort bei ihm liegt ein Schlüsselchen, ich aber besitze ihren ->Winzigseher<, in dem man es sehen kann; und mit diesem Schlüssel durch -das Löchelchen in seinem Bäuchelchen kann man dies >Nymphusorium< -aufziehen, und es wird hüpfen, wo und wann man es wünscht und zur Seite -Variationen machen.« - -Man zog den Floh auf, er begann zu springen. Platow aber spricht: - -»Dies,« -- spricht er -- »Eure Majestät, ist wirklich eine sehr feine -und interessante Arbeit; nur ziemt es sich nicht, daß wir uns darüber -lediglich wundern mit entzücktem Gefühl, vielmehr muß man sie russischen -Meistern in Tula oder in Sesterbek (damals nannte man noch Sestrorezk -- -Sesterbek) zeigen -- ob nicht unsere Meister erreichen können, daß die -Engländer sich nicht mehr über die Russen überheben.« - -Kaiser Nikolai Pawlowitsch hegte großes Zutrauen zu seinen Leuten und -liebte es nicht, sie irgend einem Ausländer hintanzusetzen, er -antwortete denn auch Platow: - -»Das sprichst du gut, wackerer Greis! Und ich übertrage dir diese Sache. -Ich brauche sowieso dieses Schächtelchen nicht, bei meinen vielen -Sorgen. Du aber nimm es mit dir und lege dich nicht mehr auf dein ->Verdrußsofa<, fahre vielmehr zum stillen Don und führe dort mit meinen -Donzern vertrauliche Gespräche über ihr Leben, ihre Ergebenheit und was -ihnen beliebt. Wenn du aber durch Tula kommen wirst, so zeige meinen -Tulaer Meistern dieses >Nymphusorium<, dann mögen sie darüber -nachdenken. Sage ihnen von mir, daß mein Bruder sich über dies Ding -erstaunte und die Fremdländer, die das >Nymphusorium< machten, über -alles lobte; daß ich aber auf die Meinen baue, daß sie durchaus nicht -schlechter sind. Sie werden mein Wort nicht zuschanden werden lassen und -irgend etwas erfinden.« - - - - - V - - -Platow nahm den stählernen Floh, und als er durch Tula zum Don fuhr, -zeigte er ihn den Tulaer Waffenschmieden, überbrachte ihnen das Wort des -Kaisers und fragte sie dann: - -»Wie soll es jetzt mit uns sein, Rechtgläubige?« - -Die Waffenschmiede antworteten: - -»Wir, Väterchen, fühlen das gnädige Wort des Zaren und können es niemals -vergessen, deshalb, weil er auf seine Leute hofft. Wie es aber im -vorliegenden Falle sein wird, das können wir in einem Augenblick nicht -entscheiden, weil die englische Nation gleichfalls nicht dumm ist, -vielmehr sogar ziemlich schlau, und die Kunst in ihr mit großem -Verstande betrieben wird. Ihr gegenüber,« sprechen sie, »muß man sich -nach reiflicher Überlegung und mit Gottes Segen ans Werk machen. Du -aber, wenn deine Gnaden zu uns ebensolches Vertrauen hegt, wie unser -Zar, so fahre in deine Heimat nach dem stillen Don, uns aber hinterlasse -das Flöhchen, wie es ist, im Futteral und in der goldenen zarischen -Tabaksdose. Lustwandle am Don und heile die Wunden, die du fürs -Vaterland erhieltest. Wenn du aber durch Tula zurückkehren wirst -- so -mache Halt und laß uns rufen: Wir werden bis zu dieser Zeit, wenn Gott -es will, irgend etwas ausdenken«. - -Platow war nicht völlig damit zufrieden, daß die Tulaer so viel Zeit -verlangten und dabei noch nicht einmal deutlich aussprachen, was sie -eigentlich zu tun gedächten. Er frug sie so und anders und sprach auf -jede Weise mit ihnen, schlau, auf Donsche Art. Die Tulaer gaben ihm aber -an Schläue nicht das Geringste nach, weil sie sogleich schon einen -solchen Gedanken hegten, von dem sie nicht einmal hofften, daß sogar -Platow ihnen glauben werde. Sie wollten vielmehr unmittelbar ihren -Gedanken ausführen, und dann auch die Sache übergeben. - -Sie sprechen: - -»Wir wissen selber noch nicht, was wir tun werden. Wir hoffen nur auf -Gott, und das Wort des Zaren wird wohl nicht durch uns zuschanden -werden.« - -So versuchte es denn Platow mit Kniffen, die Tulaer aber gleichfalls. - -Platow verstellte sich, verstellte sich lange und sah, daß er die Tulaer -nicht überlisten werde. Er gab ihnen endlich die Tabaksdose mit dem -»Nymphusorium« und sprach: - -»Nun, da ist nichts zu machen; möge es«, spricht er, »nach eurem Willen -gehen. Ich kenne euch, was ihr für Leute seid, nun, gleichwohl, da ist -nichts zu machen. Ich vertraue euch, schaut nur zu, daß ihr den -Brillanten nicht umtauscht und verderbt nicht die feine englische Arbeit -und braucht auch nicht zulange Zeit, weil ich rasch reise; es werden -nicht zwei Wochen vergangen sein, so werde ich vom stillen Don wiederum -nach Petersburg zurückkehren -- daß dann unbedingt etwas dem Kaiser zu -zeigen da sei.« - -Die Waffenschmiede beruhigten ihn vollauf: - -»Der feinen Arbeit werden wir« -- sprechen sie -- »keinen Schaden tun, -und den Brillanten werden wir nicht umtauschen. Zwei Wochen ist uns aber -Zeit genug, und wann du zurückkehren wirst, wird dir _irgend etwas_ -dargeboten, was würdig ist der Herrlichkeit des Zaren vorgelegt zu -werden!« - -Aber _was_ eigentlich, das haben sie nicht gesagt! - - - - - VI - - -Platow reiste aus Tula ab, die Waffenschmiede aber, drei Mann, die -allerkunstfertigsten -- einer von ihnen schieläugig und linkshändig, -trägt auf der Backe ein Muttermal, und an den Schläfen sind ihm die -Haare schon in seiner Lehrzeit ausgerissen worden -- verabschiedeten -sich von ihren Kameraden und Familienangehörigen, und ohne irgend wem -irgend etwas zu sagen, nahmen sie eine Tasche, legten da hinein, was zu -essen nötig ist, und verschwanden aus der Stadt. - -Man hatte nur bemerkt, daß sie nicht nach dem Moskauer Stadttor gingen, -vielmehr auf die entgegengesetzte Kiewer Seite, und man glaubte, sie -seien nach Kiew gegangen: die verstorbenen Wundertäter anzubeten oder -sich dort mit irgend einem von den noch lebenden heiligen Männern zu -beraten, die es immer im Überfluß in Kiew gab. - -Das war alles nur der Wahrheit nahe, nicht aber die Wahrheit selber. -Weder die Zeit noch die Entfernung erlaubten es den Tulaer Meistern, in -drei Wochen zu Fuß nach Kiew zu ziehen, und dazu noch eine für die -englische Nation beschämende Arbeit zu verrichten. Eher hätten sie noch -nach Moskau beten gehen können, wohin es im ganzen zweimal 90 Werst -sind, und heilige Wundertäter gibt es auch dort zu verehren nicht -weniger. Nach der anderen Seite -- bis Orjol, sind es ebensolche zweimal -90 Werst, und über Orjol hinaus bis Kiew sind es wiederum noch gute 500 -Werst. Einen solchen Weg wirst du nicht rasch zurücklegen, und wenn du -ihn zurückgelegt hast, wirst du nicht so rasch ausruhen -- lange noch -werden dir die Beine steif sein und die Hände zittern. - -Einigen kam es sogar so vor, als ob die Meister sich vor Platow nur -gebrüstet hätten, nachher aber, nachdem sie sich die Sache überlegt -hatten, bange geworden und ganz davongelaufen wären, sowohl die goldene -Tabaksdose mit sich fortnehmend, wie den Brillanten und den englischen -stählernen Floh im Futteral, der ihnen soviel Aufregung verursacht -hatte. - -Indes war eine solche Annahme gleichfalls völlig unbegründet und -kunstfertiger Leute, auf denen nunmehr die Hoffnung der Nation beruhte, -unwürdig. - - - - - VII - - -Die Tulaer, gescheite Leute und erfahren in Metallarbeiten, sind -gleichfalls berühmt als erstklassige Kenner in der Religion. Ihres -Ruhmes in dieser Hinsicht ist sowohl die heimische Erde voll wie sogar -der heilige Athos: sie sind nicht nur Meister im Singen mit Variationen, -sie wissen vielmehr auch, wie das Bild »Der abendliche Klang« gemalt -wird. Und wenn jemand von ihnen sich größere Opfer auferlegt und ins -Mönchstum übertritt, so werden aus ihnen die allerbesten Klosterökonomen -und gehen aus ihnen die allerfähigsten Gabeneinsammler hervor. Auf -dem heiligen Athos aber weiß man, daß die Tulaer -- das -allergewinnbringendste Volk sind, und wenn sie nicht wären, so hätten -die dunklen Winkel Rußlands wahrscheinlich nicht sehr viele Heiligtümer -des fernen Ostens gesehen, und der Athos hätte viele nützliche -Darbringungen russischer Freigebigkeit und Frömmigkeit entbehren müssen. -Jetzt aber fahren die Tulaer vom Athos Heiligtümer in unserm ganzen -Vaterlande umher und sammeln meisterhaft milde Gaben auch dort, wo -eigentlich gar nichts zu holen ist. Der Tulaer ist erfüllt von -kirchlicher Frömmigkeit und dabei ein großer Praktiker in dieser Sache, -und deshalb begingen auch die drei Meister, die es auf sich genommen -hatten, Platow zu unterstützen und mit ihm ganz Rußland, durchaus keinen -Fehler, als sie sich nicht nach Moskau, vielmehr nach dem Süden -aufmachten. Sie gingen aber nicht nach Kiew, vielmehr nach Mzensk, einer -Kreisstadt im Orlowschen Gouvernement, in der ein altes steingemeißeltes -Heiligenbild des heiligen Nikolai steht, das in den allerältesten Zeiten -auf einem großen, gleichfalls steinernen Kreuz auf dem Fluß Suscha -dahergeschwommen kam. Dies Heiligenbild ist von strengem und -schrecklichem Aussehen, der Heilige ist auf ihm in Lebensgröße -dargestellt, ganz angetan mit einem vergoldeten Silbergewand, dunkel von -Angesicht, und in einer Hand hält er einen Tempel, in der andern -- das -Schwert, das Zeichen des Sieges. Und grade in diesem »Zeichen des -Sieges« war auch der Sinn der Sache beschlossen: der heilige Nikolai ist -überhaupt der Beschützer in Handels- und Kriegsangelegenheiten, und der -Nikolai von Mzensk ganz im Besondern, und grade vor ihm sich zu -verneigen, waren auch die Tulaer gekommen. Sie ließen einen -Bittgottesdienst unmittelbar beim Heiligenbilde halten, dann beim -steinernen Kreuz, endlich kehrten sie bei Nacht nach Hause zurück, und -ohne irgendwem irgend etwas zu sagen, machten sie sich in furchtbarer -Heimlichkeit ans Werk. Sie gingen alle drei in ein und dasselbe Häuschen -zum Linkser, schlossen die Türen und die Fensterläden, entzündeten vor -dem Heiligenbild des Nikolai das Lämpchen und begannen zu arbeiten. - -Einen Tag, zwei, drei sitzen sie und gehen nicht aus, immer klopfen sie -nur mit den Hämmerchen. Sie schmieden irgend etwas, was sie aber -schmieden -- ist unbekannt. - -Alle sind neugierig, aber niemand kann etwas erfahren, weil die -Arbeitenden gar nichts erzählen und sich nach außen nicht zeigen. -Verschiedene Leute gingen zum Häuschen, klopften unter mannigfachen -Vorwänden an die Türe, um Feuer oder um Salz zu bitten. Die drei Meister -öffneten aber auf gar keine Bitte, und sogar womit sie sich nährten -- -war unbekannt. Man versuchte sie zu erschrecken: man tat so, als brenne -in der Nachbarschaft ein Haus -- ob sie nicht vor Schrecken -herausspringen würden, und es sich dann offenbaren werde, was von ihnen -geschmiedet sei. Nichts aber verführte diese schlauen Meister: einmal -nur streckte sich der Linkser bis zur Schulter aus dem Fenster heraus -und schrie: - -»Brennt ihr nur für euch, wir aber haben keine Zeit« -- und wiederum -verbarg er seinen zerrupften Kopf, warf den Laden zu und machte sich an -seine Arbeit. - -Nur durch die kleinen Spalten war zu sehen, wie im Innern des Hauses das -Feuerchen leuchtete, es war auch zu hören, daß feine Hämmerchen auf -feinen Amboßen pochten. - -Mit einem Worte, die ganze Sache ward in so furchtbarem Geheimnis -ausgeführt, daß es unmöglich war, irgend etwas zu erfahren, und dabei -zog sie sich hin bis gerade zur Rückkehr des Kosaken Platow vom stillen -Don zum Kaiser; und in dieser ganzen Zeit sahen und sprachen die Meister -niemanden. - - - - - VIII - - -Platow fuhr sehr rasch und mit »Zeremonie«: selber saß er im Wagen, auf -dem Bock aber befanden sich zwei Kosaken mit Knuten zu beiden Seiten des -Fuhrmanns und schlugen ihn erbarmungslos, damit er galoppieren lasse. -Wenn aber einer der Kosaken einschlafen wollte, so stieß ihn Platow -selber aus dem Wagen heraus mit dem Fuß, und noch böser jagten sie -dahin. Die Maßnahmen zur Ermunterung wirkten derart erfolgreich, daß man -auf keiner Station die Pferde anhalten konnte, sie vielmehr hundert -Sprünge an dem Anhaltsorte vorbeigaloppierten. Dann »wirkte« wiederum -der Kosak auf den Fuhrmann in umgekehrter Richtung, und sie kehrten zur -Auffahrt zurück. - -So kamen sie auch in Tula an -- sie flogen um hundert Galoppsprünge an -dem Moskauer Schlagbaum vorüber, darauf aber wirkte der Kosak auf den -Fuhrmann nach der entgegengesetzten Richtung ein, und sie begannen dann -bei dem Haustor frische Pferde anzuspannen. - -Platow stieg gar nicht aus, er befahl nur einem Kurier, möglichst rasch -die Handwerker zu ihm zu führen, denen er den Floh hinterlassen hatte. - -Der Kurier kam herbeigelaufen: sie möchten möglichst rasch kommen und -seinem Herrn die Arbeit bringen, durch die sie die Engländer zuschanden -machen sollten; und kaum war dieser Kurier fortgelaufen, als Platow ihm -noch neue Boten nachsandte, damit es möglichst rasch gehe. - -Alle seine Leute hatte er ausgeschickt und begann bereits einfache Leute -aus dem neugierigen Publikum auszusenden, ja sogar selber streckt er vor -Ungeduld seinen Fuß aus dem Wagen und selber will er vor Ungeduld -hinlaufen und mit den Zähnen knirscht er nur so -- immer scheint es ihm -noch nicht rasch genug. - -So ward in damaliger Zeit alles genau und rasch verlangt, damit auch -keine Minute für den Nutzen Rußlands verloren gehe. - - - - - IX - - -Die Tulaer Meister, die ein erstaunliches Werk verrichtet hatten, -beendeten in dieser Zeit grade nur eben ihre Arbeit. Die Boten kamen -keuchend zu ihnen gelaufen, die einfachen Leute aber aus dem neugierigen -Publikum kamen überhaupt nicht bis ans Ziel, weil sie aus Ungewohntheit -unterwegs ihre Beine verloren hatten und hingestürzt waren, und dann -auch aus Furcht, um Platow nicht vor die Augen zu treten, sich nach -Hause geschlichen, ja, und wo es sich grade traf, sich versteckt hatten. - -Als aber die Kuriere herbeigaloppiert kamen, fingen sie sogleich zu -schreien an, und wie sie sahen, daß die Meister nicht öffneten, begannen -sie sofort ohne Zeremonie die Riegel an den Läden abzureißen; die Bolzen -saßen aber so fest, daß sie nicht im Geringsten nachgaben; sie rissen an -den Türen, die Türen waren aber von innen zugeriegelt mit eichenen -Riegeln. Da nahmen die Boten einen Balken von der Straße, stemmten ihn -nach Art der Feuerwehrleute unter den Dachsattel und schoben das Dach -von dem kleinen Hause auf einmal weg. Sie nahmen das Dach ab und selber -stürzten sie sogleich zu Boden, weil von den Meistern im engen Häuschen -von der ununterbrochenen Arbeit in der Luft eine solche »Schweißspirale« -entstanden war, daß der Ungewohnte, der aus der frischen Luft kommt, -kein einziges Mal atmen kann. - -Die Boten schreien: - -»Was macht ihr denn, ihr, so und so, ihr Pack, daß ihr uns auch noch mit -einer solchen >Spirale< zu betäuben wagt! Habt ihr etwa keinen Gott -mehr?« - -Die aber antworten: - -»Wir sind ja sogleich fertig. Wir schlagen soeben noch das letzte -Nägelchen ein, und wenn wir es eingeschlagen haben, dann werden wir -unsere Arbeit selber hinaustragen.« - -Die Boten aber sprechen: - -»Er wird uns bis dahin lebendig auffressen und nichts zum Gedächtnis der -Seele zurücklassen.« - -Die Meister aber sagen: - -»Er wird nicht Zeit haben, euch zu verschlucken, weil, bis ihr -gesprochen habt, bei uns auch schon dieser letzte Nagel eingeschlagen -ist. Lauft und sagt, daß wir die Sache sogleich bringen.« - -Die Boten liefen, waren aber nicht überzeugt -- sie glaubten, daß die -Meister sie betrügen würden; und deshalb liefen sie zwar so rasch sie -konnten, sie schauten sich aber ständig um; die Meister kamen aber -hinter ihnen her und eilten so sehr, daß sie sich sogar nicht völlig -angekleidet hatten, wie es sich gehört, um vor einer wichtigen -Persönlichkeit zu erscheinen, sie schlossen vielmehr noch im Gehen die -Haken an ihren Röcken. Zwei von ihnen trugen überhaupt nichts in Händen, -der dritte aber, der Linkser, hielt im grünen Futteral die zarische -Schatulle mit dem englischen stählernen Floh. - - - - - X - - -Die Boten laufen zu Platow und sprechen: - -»Da sind sie jetzt selber hier!« - -Platow spricht sogleich zu den Meistern: - -»Ist es fertig?« - -»Alles«, antworten sie, »ist fertig!« - -»Gebt her!« - -Sie gaben es. - -Die Equipage war aber bereits angespannt, und Fuhrmann und Vorreiter an -ihrem Platz. Die Kosaken setzten sich sogleich schon neben den Fuhrmann -und erhoben die Nagaiken über ihn, und so ausholend halten sie sie auch. - -Platow riß das grüne Futteral ab, öffnete die Schatulle, nahm aus der -Watte die goldene Tabaksdose heraus, aus der Tabaksdose die brillantene -Nuß -- und sieht: der englische Floh liegt dort wie er war, aber außer -ihm ist nichts weiter da. - -Platow spricht: - -»Was ist denn das? Wo ist denn eure Arbeit, mit der ihr den Kaiser -erfreuen wolltet?« - -Die Waffenschmiede antworten: - -»Da ist auch unsere Arbeit!« - -Platow spricht: - -»Worin ist sie denn beschlossen?« - -Die Waffenschmiede antworten: - -»Wozu das erklären? Alles ist hier vor Eurem Blick -- schaut nur selber -zu!« - -Platow zuckt die Achseln und schreit: - -»Wo ist aber der Schlüssel zum Floh?« - -»Aber da« -- antworten sie -- »wo der Floh ist, da ist auch der -Schlüssel, in derselben Nuß!« - -Platow wollte den Schlüssel fassen, die Finger waren aber bei ihm zu -kurz und zu dick; er bemühte sich lange Zeit -- konnte aber auf keine -Weise weder den Floh erfassen, noch das Schlüsselchen zu dem Uhrwerk in -seinem Bauch. Plötzlich erzürnte er sich und begann zu schimpfen auf -kosakische Art. - -Er schrie: - -»Was habt ihr denn, ihr Halunken, gar nichts getan, ja dazu noch am Ende -gar die ganze Sache verdorben! Ich werde euch den Kopf abreißen!« - -Die Tulaer geben ihm zur Antwort: - -»Ganz umsonst beleidigen Sie uns so -- wir müssen von Ihnen, als dem -Abgesandten des Kaisers, alle Beleidigungen erdulden. Deswegen aber, -weil Sie an uns zweifelten und glaubten, daß wir sogar den kaiserlichen -Namen zu betrügen fähig seien -- werden wir Ihnen jetzt das Geheimnis -unserer Arbeit nicht eröffnen. Geruhen Sie doch dieses Ding zum Kaiser -zu bringen -- er wird erkennen, was für Leute er an uns hat, und ob er -sich unserer zu schämen braucht!« - -Platow schrie: - -»Nun, so lügt ihr denn, ihr Schufte! Ich werde mich aber von euch nicht -so trennen, vielmehr wird einer von euch mit mir nach Petersburg fahren, -und ich werde schon von ihm herausbekommen, was eure Schlauheiten sind!« - -Damit streckte er die Hand aus, faßte mit seinen kurzen Fingern den -schieläugigen Linkser am Kragen, so daß bei ihm alle Haken vom Rock -abflogen, und stieß ihn zu sich in den Wagen, zu seinen Füßen. - -»Sitze hier« -- spricht er -- »bis nach Petersburg, wie ein Pudel. Du -wirst mir alle verantworten. Ihr aber«, spricht er zu den Boten, »jetzt -heida! Sperrt nicht das Maul auf, damit ich übermorgen in Petersburg -beim Zaren bin!« - -Die Meister wagten nur für ihren Kameraden einzutreten: »Wie denn, Sie -werden ihn von uns so ohne ein >Tugament< wegführen? Ihm wird es -unmöglich sein, zurückzukommen!« Platow aber zeigte ihnen statt der -Antwort nur die Faust, eine so furchtbare -- sie ist rotbraun, ganz mit -Narben bedeckt, und irgendwie zusammengewachsen -- und drohend spricht -er: »Da habt ihr das >Tugament<!« Den Kosaken aber schrie er zu: - -»Heida, Kinder!« - -Die Kosaken, die Fuhrleute und die Pferde -- alles begann gleichzeitig -zu arbeiten, und man entführte den Linkser ohne Dokument; und einen Tag -später, wie Platow befohlen hatte, fuhr man auch schon beim Palast des -Zaren vor, und sogar galoppierend, wie es sich gehörte, fuhren sie bei -den Säulen vorbei. - -Platow stand auf, hing die Orden an und ging zum Kaiser, befahl aber den -ihn begleitenden Kosaken, den schieläugigen Linkser beim Eingang zu -bewachen. - - - - - XI - - -Platow fürchtete sich, dem Kaiser vor Augen zu treten, weil Nikolai -Pawlowitsch alles bemerkte und im Gedächtnis behielt; nichts pflegte er -zu vergessen. Platow wußte, daß er ihn unbedingt nach dem Floh fragen -werde. Und wenn er auch keinen Feind auf der ganzen Welt fürchtete, so -fürchtete er sich in diesem Falle doch: er ging ins Schloß mit der -kleinen Schatulle und stellte sie ganz leise im Saal hinter den Ofen. - -Nachdem er die Schatulle verborgen hatte, ging Platow zum Kaiser ins -Kabinett und begann rasch zu berichten, was die Kosaken am stillen Don -für Gespräche unter einander führen. Er beschloß so: hiermit den Kaiser -zu beschäftigen und dann, wenn der Kaiser sich selber entsinnen und von -dem Floh beginnen werde, werde es nötig sein, ihn herzugeben und Rede zu -stehen; wenn er aber davon nicht anfange, dann zu schweigen, die -Schatulle dem Kammerdiener zu verstecken befehlen und den Tulaer Linkser -auf unbestimmte Zeit in eine Festungskasematte zu stecken, damit er dort -sitze bis zu der Zeit, daß man seiner bedürfen werde. - -Kaiser Nikolai Pawlowitsch hatte aber gar nichts vergessen, und kaum -hatte Platow seinen Bericht über die Gespräche der Kosaken untereinander -geendet, so fragte er ihn auch schon sogleich: - -»Aber wie denn, wie haben meine Tulaer Meister sich gerechtfertigt -gegenüber dem englischen >Nymphusorium<?« - -Platow antwortete in der Weise, wie ihm die Sache zu sein schien. - -»Das >Nymphusorium<« -- spricht er -- »Eure Majestät, ist immer noch auf -der Welt, und ich habe es zurückgebracht, die Tulaer Meister haben aber -nichts Erstaunliches zu tun vermocht.« - -Der Kaiser antwortet: - -»Du bist ein tapferer Greis, doch das, was du mir da vorbringst, kann -nicht so sein.« - -Platow begann ihn zu überzeugen und erzählte, wie die ganze Sache -verlief, und als er bis dahin gelangt war, daß die Tulaer ihn baten, den -Floh dem Kaiser zu zeigen, da klopfte ihm Nikolai Pawlowitsch auf die -Schulter und sagte: - -»Bring her. Ich weiß, daß die Meinigen mich nicht betrügen können. Da -ist irgend etwas über das Verstehen hinaus geschehen!« - - - - - XII - - -Man brachte die Schatulle hinter dem Ofen hervor, nahm von ihr die -Decke, enthüllte die goldene Tabaksdose und die brillantene Nuß -- in -ihr aber liegt der Floh, wie er vordem gewesen war und wie er früher -gelegen hatte. - -Der Kaiser schaute hin und sprach: - -»Das ist eine List!« -- Aber von seinem Glauben an die russischen -Meister verlor er gar nichts. Er befahl, seine Lieblingstochter -Alexandra Nikolajewna zu rufen und sagte ihr: - -»An deinen Händen hast du feine Finger! Nimm das kleine Schlüsselchen -und ziehe rasch in diesem >Nymphusorium< die Bauchmaschine auf!« - -Die Prinzessin begann mit dem Schlüsselchen zu drehen, und der Floh -bewegte sogleich seinen Schnurrbart, aber mit den Füßen rührte er sich -nicht. Alexandra Nikolajewna zog das ganze Uhrwerk auf, aber das -»Nymphusorium« tanzte trotzdem kein »Dansé« und ließ keine einzige -»Variation« los wie vordem. - -Platow ward ganz grün und schrie: - -»Ach, das sind hündische Schelme! Jetzt verstehe ich, weshalb sie mir -dort nichts sagen wollten. Es ist noch gut, daß ich einen Dummkopf von -ihnen mit mir nahm!« - -Mit diesen Worten lief er zur Auffahrt, packte den Linkser an den Haaren -und begann ihn dahin und dorthin zu zausen, so, daß die Haarbüschel nur -so flogen. Jener aber, als Platow aufhörte, ihn zu schlagen, machte sich -nur zurecht und spricht: - -»Man hat mir so schon in der Lehre alle Schopfhaare ausgerissen, ich -weiß nur nicht wegen welcher Notwendigkeit man eine solche Wiederholung -vornimmt?« - -»Das ist deshalb« -- spricht Platow -- »weil ich auf euch hoffte und -mich verpflichtete. Ihr aber habt diese seltene Sache verdorben!« - -Der Linkser antwortet: - -»Gar sehr sind wir zufrieden, daß du dich für uns verpflichtetest, -verdorben haben wir aber gar nichts: Nehmt und schaut durch das -allerstärkste >Winzigglas<.« - -Platow lief zurück, um von dem >Winzigschauer< zu erzählen, dem Linkser -aber drohte er nur: - -»Ich werde dir« -- spricht er -- »du ... so und so ... noch etwas geben -...« - -Und er befiehlt seinen Leuten, dem Linkser noch stärker die Ellenbogen -zurückzubinden, selber aber steigt er die Stufen hinauf, keucht und -spricht sein Gebet: »Gesegnete Mutter des gesegneten Königs, -Allerreinste und Reine ...« usw., wie es sich gehört. Die zarischen -Hofdiener, die auf den Stufen stehen, wenden sich alle von ihm ab und -denken: Platow ist hineingefallen, und sogleich wird man ihn aus dem -Schloß wegjagen -- denn sie konnten ihn nicht ausstehen wegen seiner -Tapferkeit. - - - - - XIII - - -Als Platow dem Kaiser die Worte des Linksers hinterbrachte, spricht der -sogleich mit Freuden: - -»Ich weiß, daß meine Russen mich nicht betrügen werden« -- und befahl, -den »Winzigschauer« auf einem Kissen zu reichen. - -In einem Augenblick ward der >Winzigschauer< gebracht, und der Kaiser -nahm den Floh und legte ihn unter das Glas: zuerst mit dem Rücken nach -oben, dann mit der Seite, dann mit dem Bäuchelchen -- mit einem Worte, -man drehte ihn nach allen Seiten, sah aber garnichts. Der Kaiser verlor -aber auch da nicht seinen Glauben, er sagte nur: - -»Man führe jenen Waffenschmied, der sich unten befindet, sogleich -hierher zu mir.« - -Platow berichtet: - -»Man müßte ihn umkleiden -- er ward genommen wie er war und ist jetzt -gar sehr in schlechtem Aussehen.« - -Der Kaiser aber antwortet: - -»Das tut nichts, man bringe ihn so, wie er ist.« - -Platow spricht: - -»Nun gehe jetzt selber, du, so und so, vor den Augen des Kaisers zu -antworten.« - -Der Linkser aber sagt: - -»Was ist denn dabei, ich werde gehen, und werde auch antworten!« - -Er kommt so, wie er war: in abgetretenen Stiefeln, ein Hosenbein im -Stiefel, das andere baumelt herum, sein breiter Rock ist ältlich, die -Haken schließen nicht, sie fehlen sogar, und der Kragen ist zerrissen; -er geniert sich aber garnicht. - -»Wie denn« -- denkt er -- »wenn es dem Zaren gefällig ist, mich zu sehen --- so muß ich eben kommen; wenn ich aber kein >Tugament< habe -- so bin -ich daran unschuldig und werde erzählen, wie sich die Sache zutrug.« - -Als der Linkser eintrat und sich verneigte, spricht der Kaiser sogleich -schon zu ihm: - -»Was bedeutet das denn, Brüderchen, daß wir so und so zuschauten und den -Floh unter den >Winzigschauer< legten, aber nichts Bemerkenswertes -erschauten.« - -Der Linkser aber antwortet: - -»Haben Sie, Euer Majestät, denn richtig zu schauen geruht?« - -Die Höflinge geben ihm ein Zeichen: »Du sprichst nicht so, wie 's sich -gehört!« Er aber versteht nicht, wie es nötig ist auf Höflingsart mit -Schmeichelei oder mit List, er antwortet vielmehr ganz einfach. Der -Kaiser spricht: - -»Hört doch auf, ihn zu schulmeistern -- er soll antworten, wie er es -versteht.« - -Und sogleich erklärte er ihm: - -»Wir,« spricht er, »haben ihn so hingelegt« -- und er legte den Floh -unter den Winzigschauer. »Schau nur selber«; spricht er -- »es ist -nichts zu sehen.« - -Der Linkser antwortet: - -»Euer Majestät, so ist es auch gar nicht möglich, irgend etwas zu sehen, -weil nämlich unsere Arbeit gegenüber einem solchen Maßstab bei weitem -geheimnisvoller ist.« - -Der Kaiser fragte: - -»Wie soll man dann aber?« - -»Man muß« -- spricht er -- »nur sein einzelnes Füßchen unter den ganzen ->Winzigschauer< führen und im einzelnen auf jedes Ferschen schauen, -womit er auftritt.« - -»Erbarme dich, sag' einmal« -- spricht der Kaiser -- »dies ist schon -allzufein.« - -»Aber was soll man denn machen« -- antwortet der Linkser -- »wenn man -nur so unsere Arbeit bemerken kann: dann wird sich auch das ganze -Staunen offenbaren.« - -Sie legten den Floh so hin, wie der Linkser gesagt hatte, und als der -Kaiser nur eben in das obere Glas schaute, so strahlte er auch nur so -- -er nahm den Linkser, so wie er war, unfrisiert und ungewaschen, voll -Staub -- umarmte ihn und küßte ihn, darauf aber wandte er sich an alle -Hofleute und sagte: - -»Seht ihr, ich wußte besser als ihr alle, daß meine Russen nicht -versagen werden. Schaut bitte hin, die Schelme haben dem englischen Floh -Hufeisen angeschmiedet!« - - - - - XIV - - -Alle begannen heranzutreten und zu schauen: der Floh trug tatsächlich an -allen seinen Füßen wirkliche Hufeisen, der Linkser aber bemerkte, daß -auch dies nicht das ganze Erstaunliche sei. - -»Wenn« -- spricht er -- »ein besserer >Winzigschauer< da wäre, der -fünfmillionenmal vergrößert, so würden Sie,« spricht er, »geruhen zu -erschauen, daß auf jedem Hufeisenchen der Name steht: welcher russische -Meister dieses Hufeisen schmiedete.« - -»Ist auch dein Name dabei?« - -»Keineswegs« -- antwortet der Linkser -- »eben mein Name fehlt nur.« - -»Weshalb denn?« - -»Aber deshalb« -- spricht er -- »weil ich noch feinere Arbeit leistete: -Ich schmiedete die Nägelchen, mit denen die Hufeisen angeschlagen sind --- die vermag schon kein >Winzigschauer< zu erfassen.« - -Der Kaiser fragte: - -»Wo ist dann aber euer >Winzigschauer<, mit dem ihr dieses Wunder -vollbringen konntet?« - -Der Linkser antwortet: - -»Wir sind arme Leute und haben wegen unserer Armut keinen ->Winzigschauer<, bei uns ist vielmehr unser Auge so gewöhnt.« - -Da begannen auch die übrigen Höflinge, sehend, daß die Sache des -Linksers gewonnen war, ihn zu küssen. Platow aber gab ihm hundert Rubel -und sprach: - -»Verzeih' mir, Brüderchen, daß ich dich an den Haaren zog!« - -Der Linkser antwortet: - -»Gott wird dir verzeihen -- da ist uns nicht zum ersten Male ein solcher -Schnee auf den Kopf gefallen!« - -Mehr aber sprach er nicht, und er hatte auch keine Zeit mit irgendwem zu -sprechen, weil der Kaiser befahl, schon sogleich dieses behufte -»Nymphusorium« einzupacken und nach England zurückzuschicken -- in der -Art eines Geschenkes, damit man dort verstehe, daß uns dies nicht -erstaunlich sei. Und es befahl der Kaiser, daß ein besonderer Kurier, -der alle Sprachen versteht, den Floh bringen, und daß sich der Linkser -bei ihm befinden solle, damit er selber den Engländern die Arbeit zeigen -könne, und was es für Meister bei uns in Tula gibt. - -Platow bekreuzte ihn: - -»Möge« -- spricht er -- »über dir Segen sein, auf den Weg aber werde ich -dir meinen eigenen Bittern senden. Trinke nicht viel und nicht wenig, -trinke vielmehr mittelmäßig!« - -So tat er auch -- er schickte ihm seinen Bittern. - -Graf Kiselwrode aber befahl, daß man den Linkser in den Tuljakowschen -öffentlichen Bädern bade, ihm beim Barbier die Haare schneide und ihm -einen Paradekaftan von einem Hofsänger anziehe, damit es so aussehe, als -habe er irgend einen besondern Rang. - -Als sie ihn auf diese Weise umgebildet und zur Reise mit Tee und -Platowschem Bittern getränkt hatten, zogen sie ihm den Gürtelriemen -möglichst eng, damit die Därme nicht schlotterten, und führten ihn nach -London. Von daher bekam der Linkser auch ausländische »Ansichten« zu -schauen. - - - - - XV - - -Die Kuriere mit dem Linkser reisten sehr rasch, so daß sie von -Petersburg bis London nirgends Rast machten, vielmehr zogen sie auf -jeder Station den Gürtel noch um ein Loch enger, damit sich die Gedärme -nicht mit den Lungen vermengen sollten. Da aber dem Linkser nach der -Vorstellung beim Kaiser auf Befehl Platows auf Kronskosten eine -Schnapsportion nach Gutdünken bewilligt war, so hielt er sich ohne zu -essen damit allein aufrecht und sang durch ganz Europa hindurch -russische Lieder, nur den Kehrreim sang er auf ausländische Weise: -- -»ai -- ljuli -- ssee tree schuli.« - -Der Kurier brachte ihn nach London, zeigte sich, bei wem es nötig war, -gab die Schatulle ab, führte den Linkser in ein Gasthaus und mietete für -ihn ein Zimmer. Dem aber ward es dort bald langweilig, und ihn verlangte -es zu essen. Er pochte an die Türe und deutete sich vor dem Aufwartenden -auf den Mund. Der aber führte ihn sogleich schon in das -Speisenempfangszimmer. - -Der Linkser setzt sich dort an den Tisch und sitzt da. Irgend etwas auf -englisch zu fragen -- versteht er aber nicht. Darauf erriet er es: -wiederum pocht er einfach mit dem Finger auf den Tisch und zeigt sich -auf den Mund -- die Engländer erraten und tragen auf, nur nicht immer -das, was nötig ist. Er nimmt aber das nicht an, was ihm nicht paßt. Man -gab nach ihrer Zubereitung heißen Pudding »im Feuer«. Er spricht: »ich -weiß nicht, daß man so etwas essen kann« -- und aß auch nicht. Sie -tauschten es ihm um und gaben ihm ein anderes Gericht. Ebenso wollte er -nicht ihren Schnaps trinken, weil er grün war -- als sei er mit Grünspan -angesetzt. Er wählte vielmehr das Allernatürlichste und erwartete den -Kurier gemütlich hinter einem Fläschchen. - -Die Leute aber, denen der Kurier das »Nymphusorium« gegeben hatte, -beschauten es alsogleich durch den allerstärksten »Winzigschauer« und -sogleich schickten sie auch eine Beschreibung in die öffentlichen -Nachrichten, damit morgen schon zur allgemeinen Kunde ein »Kleveton« -erscheine. - -»Diesen Meister aber« -- sagen sie -- »wollen wir sogleich sehen.« - -Der Kurier geleitete sie in das Gasthauszimmer und von dort in den -»Speisenempfangsraum«, wo sich unser Linkser bereits gehörig gerötet -hatte und spricht: »Da ist er!« - -Die Engländer schlagen sogleich den Linkser auf die Schulter und wie -einem ihnen Gleichen reichen sie ihm die Hand: »Kamerad«, sprechen sie, -»du bist ein guter Meister, sprechen werden wir mit dir erst später, -jetzt aber laßt uns auf dein Wohl trinken!« - -Sie bestellten viel Wein und dem Linkser den ersten Becher. Er aber -wollte aus »Höflichkeit« nicht zuerst trinken. Er dachte: vielleicht -wollt ihr mich aus Verdruß vergiften. - -»Nein,« spricht er, »das ist nicht in Ordnung; auch in Polen geht der -Herr voran -- trinkt selber zuerst!« - -Die Engländer kosteten alle Weine vor ihm und dann begannen sie ihm -einzuschütten. Er stand auf, bekreuzte sich mit der linken Hand und -trank auf ihrer aller Gesundheit. - -Sie bemerken, daß er sich mit der linken Hand bekreuzte und fragen den -Kurier: - -»Was ist er denn: Lutheraner oder Protestantist?« - -Der Kurier antwortet: - -»Nein, er ist kein Lutheraner und kein Protestantist, vielmehr von -russischem Glauben.« - -»Aber weshalb bekreuzt er sich denn mit der linken Hand?« - -Der Kurier spricht: - -»Er ist -- ein Linkser und macht alles mit der linken Hand.« - -Die Engländer verwunderten sich noch mehr und begannen dem Linkser und -dem Kurier Wein einzupumpen, und so taten sie volle drei Tage -nacheinander, und dann sprachen sie: »Jetzt ist es genug!« Jeder trank -einen »Symphon« Wasser mit »Jerphiks«, sie wurden danach völlig frisch -und begannen den Linkser auszufragen: Wo und was er gelernt habe und wie -weit er die Arithmetik verstehe? - -Der Linkser antwortet: - -»Unsere Wissenschaft ist eine einfache: der Psalter ja und der -Traumdeuter; von der Arithmetik wissen wir aber ganz und gar nichts.« - -Die Engländer schauen einander an und sprechen: - -»Das ist erstaunlich!« - -Der Linkser antwortet: - -»Bei uns ist das überall so.« - -»Was ist das aber« -- fragen sie -- »für ein Buch in Rußland >der -Traumdeuter<?« - -»Das« spricht er -- »ist ein Buch, das sich darauf bezieht, daß, wenn -König David im Psalter irgend etwas hinsichtlich des Wahrsagens nicht -deutlich genug erklärte, dann erraten sie im Traumdeuter die Ergänzung.« - -»Das ist schade, besser wäre es, ihr wüßtet etwas aus der Arithmetik, -wenn auch nur die vier Spezies, -- das wäre euch bei weitem nützlicher -als den ganzen Traumdeuter zu kennen. Dann könntet ihr euch vorstellen, -daß in jeder Maschine die Kraft berechnet ist, aber sonst, wenn ihr auch -sehr kunstvoll mit den Händen seid, habt ihr nicht wissen können, daß -ein so kleines Maschinchen, wie in dem >Nymphusorium<, auf die -allergenaueste Genauigkeit berechnet ist und eure Hufeisen nicht tragen -kann. Deshalb springt auch jetzt das >Nymphusorium< nicht und tanzt kein ->Dansé<.« - -Der Linkser stimmte bei. - -»Darüber« -- spricht er -- »gibt es keinen Streit, daß wir in den -Wissenschaften nicht kundig sind, nur sind wir unserm Vaterlande treu -ergeben.« - -Die Engländer aber sagen ihm: - -»Bleibt bei uns; wir werden Euch eine große Gebildetheit beibringen, und -aus Euch wird ein erstaunlicher Meister werden.« - -Damit war aber der Linkser nicht einverstanden. - -»Ich« -- spricht er -- »habe zu Hause Eltern.« - -Die Engländer erklärten sich bereit, seinen Eltern Geld zu schicken, der -Linkser nahm aber nicht an. - -»Wir« -- spricht er -- »hängen an unserer Heimat, und mein Väterchen -oben ist schon ein alter Mann, meine Mutter ein altes Frauchen und -gewohnt in ihrer Gemeinde zur Kirche zu gehen; und auch mir wird es hier -in der Einsamkeit langweilig sein, weil ich noch unverheiratet bin.« - -»Ihr« -- sprechen sie -- »werdet Euch gewöhnen. Ihr werdet unsern -Glauben annehmen, und wir werden Euch verheiraten.« - -»Dies« antwortet der Linkser »wird niemals sein können.« - -»Weshalb denn?« - -»Weil« -- antwortet er -- »unser russischer Glaube der allerrichtigste -ist, und wie unsere Vorväter glaubten, genau so sollen auch die -Nachkommen glauben.« - -»Ihr« -- sprechen die Engländer -- »kennt nicht unsern Glauben: wir sind -von demselben christlichen Gesetz und haben dasselbe Evangelium.« - -»Das Evangelium« -- antwortet der Linkser -- »ist tatsächlich bei allen -eines, nur sind unsere Bücher dicker als eure, und auch der Glaube ist -bei uns >voller<«. - -»Weshalb könnt Ihr das so beurteilen?« - -»Wir haben dafür« -- antwortet er -- »alle augenscheinlichen Beweise.« - -»Welche?« - -»Aber solche:« -- antwortet er -- »bei uns gibt es sowohl wundertätige -Heiligenbilder, öltropfende Schädel und Reliquien, bei euch aber gibt es -gar nichts, und sogar außer dem einen Sonntag keinerlei außerordentliche -Feiertage; aber auch aus einer zweiten Ursache wird es mir mit einer -Engländerin zu leben, mögen wir auch nach dem Gesetze getraut sein, -konfus sein.« - -»Weshalb denn das?« -- fragen sie. -- »Ihr braucht die unsrigen nicht -gering zu schätzen -- sie kleiden sich gleichfalls sehr sauber und sind -wirtschaftlich.« - -Der Linkser aber spricht: - -»Ich kenne sie nicht!« - -Die Engländer antworten: - -»Das ist nicht wichtig -- Ihr werdet sie kennen lernen können. Wir -werden euch ein >Grandewu< bereiten.« - -Der Linkser ward verschämt. - -»Weshalb« spricht er »umsonst die Mädchen irreführen,« und er bedankte -sich. »Ein >Grandewu<« spricht er -- »das ist eine Sache für -Herrschaften, uns aber ziemt es nicht, und wenn man davon zu Hause, in -Tula, erfahren wird, wird man über mich ein großes Gelächter anstimmen.« - -Die Engländer wurden neugierig. - -»Wenn aber« -- sprechen sie -- »ohne >Grandewu<, wie verfährt man dann -bei euch in solchen Fällen, um eine angenehme Wahl zu treffen?« - -Der Linkser erklärte ihnen unsere Lage: - -»Bei uns« -- spricht er -- »wenn ein Mann hinsichtlich eines Mädchens -eine ernsthafte Absicht eröffnen will, so sendet er ein >redsames< Weib, -und nachdem sie den Vorschlag machte, kommt man höflich ins Haus, und -das Mädchen schaut man an, nicht sich heimlich versteckend, vielmehr in -Gegenwart der ganzen Verwandtschaft.« - -Sie verstanden, antworteten aber, bei ihnen gäbe es keine »redsamen« -Weiber, und eine solche Gewohnheit sei nicht eingeführt. - -Der Linkser aber spricht: - -»Desto angenehmer ist es auch. Wenn man sich mit solchen Dingen befaßt, -so muß man das mit wirklicher Absicht tun; da ich aber dies zu einer -fremden Nation nicht empfinde, weshalb soll man dann die Mädchen -irreführen?« - -Er gefiel den Engländern auch in diesen seinen Urteilen, so daß sie -wiederum anfingen, ihm freundschaftlich auf Schulter und Knie mit der -Hand zu schlagen, selber aber fragen sie: - -»Wir« -- sprechen sie -- »wünschten einzig und allein aus Neugierde zu -wissen: welche fehlerhaften Kennzeichen Ihr bei unsern Mädchen bemerkt -habt, und weshalb Ihr sie meidet?« - -Da antwortete ihnen der Linkser schon ganz offen: - -»Ich tadle sie nicht, mir gefällt nur nicht, daß die Kleidung um sie -herumschlottert, und man nicht herausbekommt, was da eigentlich -angezogen ist und für welche Notwendigkeit; da ist irgend etwas, und -weiter unten ist noch irgend etwas anderes angesteckt, an den Händen -aber so eine Art Strümpfe. Ganz genau wie ein Affe -- >sapajou< -- ->Plüschtalma<!« - -Die Engländer brachen in Lachen aus und sprechen: - -»Was für ein Hindernis liegt denn für Euch darin?« - -»Ein Hindernis« -- antwortet der Linkser -- »ist das nicht, ich fürchte -nur, daß es schamvoll sein wird, zuzuschauen und zu erwarten, wie sie -sich aus dem allen herausschälen wird!« - -»Ist denn wirklich« -- sprechen sie -- »euere >Fasson< besser?« - -»Unsere Fasson« -- antwortet er -- »ist in Tula einfach: jede geht in -ihren selbstgefertigten Spitzen, und unsere Spitzen tragen sogar auch -die großen Damen!« - -Sie stellten ihn auch ihren Damen vor, und dort goß man ihm Tee ein und -fragte: - -»Weshalb verzieht Ihr Euer Gesicht?« - -»Weil wir« -- spricht er -- »nicht gewohnt sind süß zu trinken!« Darauf -gaben sie ihm auf russische Weise Zucker zum Zubeißen. Ihnen scheint es, -daß es so schlechter sei, er aber spricht: »Nach unserm Geschmack ist es -so wohlschmeckender.« - -Durch gar nichts vermochten die Engländer ihn zu bestimmen, daß er sich -an ihr Leben fessele; sie überredeten ihn nur, kurze Zeit bei ihnen als -Gast zu bleiben, sie würden ihn in dieser Zeit durch verschiedene -Werkstätten führen und ihm ihre Kunst zeigen. - -»Darauf aber« -- sprechen sie -- »werden wir ihn auf unserm eigenem -Schiff fahren und lebendig nach Petersburg bringen.« - -Damit war er einverstanden. - - - - - XVI - - -Die Engländer nahmen den Linkser bei sich auf, den russischen Kurier -aber schafften sie zurück nach Rußland. Obgleich der Kurier einen Rang -hatte und mehrere Sprachen verstand, interessierten sie sich nicht für -ihn, für den Linkser interessierten sie sich aber; und sie begannen ihn -zu führen und ihm alles zu zeigen. Er beschaute ihre ganze Produktion, -sowohl die Metallfabriken wie die Seifen- und Sägewerke, und alle ihre -wirtschaftlichen Einrichtungen gefielen ihm sehr, besonders hinsichtlich -der Lage der Arbeiter. Jeder Arbeiter ist bei ihnen ständig satt und -nicht in Lumpen angezogen, vielmehr jeder trägt geeignete Kleidung und -ist beschuht mit dicken benagelten Stiefeln, damit man sich nirgends den -Fuß verletzen kann, er arbeitet nicht mit irgend einem Brecheisen, -vielmehr mit einem Werkzeug, und er hat Verständnis. Jedem hängt eine -Rechentabelle vor Augen, und unter der Hand hat er eine Abwischtafel: -bei allem, was nur ein Meister macht -- schaut er auf die Tabelle und -vergleicht mit Verständnis, darauf aber schreibt er etwas auf dem -Täfelchen, anderes streicht er aus und führt es akkurat aus: Was mit -Zahlen geschrieben steht, das kommt auch in der Tat heraus. Ist es aber -Feiertag, so nimmt jeder sein Liebchen und in die Hand ein Stöckchen, -und dann gehen sie spazieren, ehrsam, wohlanständig, wie es sich gehört. - -Der Linkser schaut auf ihr ganzes Leben, und auf alle ihre Arbeiten, -aber am allermeisten Aufmerksamkeit verwandte er auf einen solchen -Gegenstand, daß die Engländer sehr staunten. Nicht so sehr interessiert -es ihn, wie man neue Gewehre macht, als in welchem Zustand sich die -alten befinden. Überall geht er umher, lobt und spricht: - -»Das können auch wir so.« - -Wenn er aber zu einem alten Gewehr kommt -- steckt er den Finger in den -Lauf, fährt mit ihm an der Innenwand herum und seufzt: - -»Das« -- spricht er -- »ist unvergleichlich besser als bei uns.« - -Die Engländer vermochten durchaus nicht zu erraten, was da der Linkser -bemerkt, er aber fragt: - -»Kann ich nicht« -- spricht er -- »wissen, ob unsere Generäle dies -irgendwann anschauten oder nicht?« - -Man sagte ihm: - -»Die hier waren, die müssen es wohl gesehen haben.« - -»Wie aber« -- spricht er »waren sie: in Handschuhen oder ohne?« - -»Eure Generäle« -- sprechen sie -- »sind ausgeputzt, sie gehen immer in -Handschuhen, so sind sie wohl auch hier so gewesen.« - -Der Linkser sagte gar nichts. Plötzlich aber begann er unruhig zu werden -und sich zu grämen und spricht zu den Engländern: - -»Ergebenst danke ich euch für alle Bewirtung, und ich bin mit allem bei -euch sehr zufrieden, und alles, was mir nötig war zu schauen, habe ich -schon erschaut, jetzt aber möchte ich möglichst rasch nach Hause!« - -Auf keine Weise vermochten sie ihn weiter zurückzuhalten. Zu Lande -konnte man ihn nicht ziehen lassen, weil er keine Sprache kannte, auf -dem Wasser zu schwimmen war aber nicht gut, weil es Herbstzeit war und -stürmisch; er aber bestand darauf: »Laßt mich ziehen!« - -»Wir« -- sprechen sie -- »haben auf den Sturmmesser geschaut: es wird -Sturm geben, du kannst ertrinken: das ist ja nicht das, was bei euch der -finnische Meerbusen ist, vielmehr ist da das wirkliche >festländische< -Meer.« - -»Dies ist alles einerlei« -- antwortete er -- »weshalb sterben -- alles -ist der Wille Gottes, ich aber wünsche möglichst rasch nach der Heimat -zurückzukehren, weil ich mir sonst eine Art Geistesstörung holen kann.« - -Man hielt ihn nicht mit Gewalt zurück: man fütterte ihn, belohnte ihn -mit Geld, schenkte ihm zum Andenken eine goldene Uhr mit »Trepetir«, -gegen die Frische des Meeres einen Friesmantel mit »Windkapuze« auf den -Kopf. Sehr warm kleideten sie den Linkser und führten ihn auf das -Schiff, das nach Rußland fuhr. Dort brachten sie den Linkser am besten -Platz unter, wie einen wirklichen Herrn; er aber liebte es nicht, mit -den übrigen Herrschaften in der Kajüte zu sitzen, und es war ihm -peinlich. Er ging vielmehr auf das Deck, setzte sich unter das »Present« -und fragte: - -»Wo ist unser Rußland?« - -Der Engländer, den er fragt, deutet ihm mit der Hand oder zeigt ihm mit -dem Kopf, er aber wendet sich mit dem Gesicht dahin und schaut -ungeduldig nach der heimatlichen Seite. - -Als sie aus der Bucht ins »festländische« Meer kamen, da überkam ihn -eine solche Sehnsucht nach Rußland, daß man ihn auf keine Weise -beruhigen konnte. Die Wasserströmung war furchtbar, aber der Linkser -geht immer nicht hinunter in die Kajüte -- er sitzt unter dem >Present<, -hat die Kapuze vorgerückt und schaut nach dem Vaterland. - -Oftmals kamen die Engländer, um ihn in den warmen Raum nach unten zu -rufen, er aber, damit sie ihn nicht langweilen, begann sogar drauflos zu -schimpfen. - -»Nein« -- antwortet er -- »mir ist es besser hier draußen, sonst wird -aus mir unter dem Dach von dem Schwanken noch ein Meerschweinchen -werden.« - -So ging er denn die ganze Zeit bis zu einem ganz besonderen Fall nicht -hinunter, und dadurch gefiel er sehr einem Bootsmann, der zum Unglück -unseres Linksers russisch zu sprechen verstand. Dieser Bootsmann konnte -nicht genug darüber staunen, daß ein russischer Landmensch auch so alle -Unwetter aushalte. - -»Ein forscher Kerl« -- spricht er -- »der Russe. Laßt uns trinken!« - -Der Linkser trank. - -Der Bootsmann sagt: - -»Noch!« - -Der Linkser trank noch, und sie betranken sich. - -Der Bootsmann fragt ihn auch: - -»Was für ein Geheimnis bringst du von unserm Reich nach Rußland?« - -Der Linkser antwortet: »Das ist meine Sache!« - -»Aber wenn so« -- antwortet der Bootsmann -- »so laß uns eine englische -Wette eingehen.« - -Der Linkser fragt: - -»Was für eine?« - -»Eine solche: nichts allein zu trinken, vielmehr alles in gleicher Weise --- was der eine, das unbedingt auch der andere, und wer den andern -übertrinkt, der ist auch obenauf.« - -Der Linkser denkt: »der Himmel bewölkt sich, den Bauch treibt es auf -- -die Langeweile ist groß, der Weg ist lang, und die Heimat hinter der -Welle nicht sichtbar -- die Wette zu halten wird gleichwohl lustiger -sein.« - -»Schön« -- spricht er -- »es gilt!« - -»Nur, daß es ehrlich zugehe!« - -»Ja, schon darüber,« spricht er, »beunruhigt Euch nicht!« - -Sie wurden einig und gaben einander die Hand. - - - - - XVII - - -Die Wette begann noch im »festländischen« Meere, und sie tranken bis zur -Rigaschen Dünamünde, aber sie tranken immer gleich und gaben einer dem -andern nicht nach, und bis dahin tat es einer dem andern gleich, daß, -wenn der eine ins Meer blickte und sah, wie aus dem Wasser der Teufel -hervorkriecht, sich sogleich auch dem andern ganz dasselbe offenbarte. -Nur, daß der Bootsmann einen rothaarigen Teufel sieht, während der -Linkser sagt, er sei dunkelhaarig, wie ein Mohr. - -Der Linkser spricht: - -»Bekreuze dich und drehe dich weg -- das ist der Teufel aus der -Meerestiefe.« - -Der Engländer aber streitet: - -»Das ist ein Taucher.« - -»Willst du« -- spricht er -- »so will ich dich ins Meer schleudern, aber -fürchte dich nur nicht, er wird dich mir sogleich zurückgeben.« - -Der Linkser aber antwortet: - -»Wenn das so ist, so wirf mich nur ins Wasser.« - -Der Bootsmann nahm ihn auf den Rücken und trug ihn zum Bord. - -Die Matrosen sahen dies, hielten sie an und teilten das dem Kapitän mit; -der aber befahl, sie beide unten einzuschließen und ihnen Rum und Wein -zu geben und kalte Speisen, damit sie essen und trinken und ihre Wette -ausrichten könnten. Aber den heißen »Studing« ihnen brennend zu geben -verbot er, damit bei ihnen im Innern der Spiritus sich nicht entzünden -könne. - -So brachten sie sie eingesperrt bis nach Petersburg, und jene Wette -hatte keiner an den andern verloren, dort aber legte man sie auf gleiche -Tragbahren und brachte den Engländer ins Gesandtenhaus auf dem -»Englischen Quai«, den Linkser aber ins Polizeirevier. - -Von da an begann ihr Schicksal sich gar sehr zu unterscheiden. - - - - - XVIII - - -Als man den Engländer ins Gesandtenhaus gebracht hatte, rief man -sogleich einen Arzt und einen Apotheker zu ihm. -- Der Arzt befahl, ihn -in seiner Gegenwart in eine warme Wanne zu setzen, der Apotheker aber -drehte sogleich eine Guttaperchapille und steckte sie ihm in den Mund, -darauf aber legten sie ihn beide zusammen auf ein Federbett, bedeckten -ihn mit einem Pelz und ließen ihn schwitzen, damit ihn aber niemand -störe, ward in der ganzen Gesandtschaft der Befehl gegeben, daß niemand -zu niesen wage. Es warteten der Arzt und der Apotheker, bis der -Bootsmann eingeschlafen war, und dann bereiteten sie ihm eine zweite -Guttaperchapille, legten sie neben das Kopfende auf ein Tischchen und -gingen hinaus. - -Den Linkser dagegen legte man im Polizeihaus auf den Fußboden und man -fragte ihn: Wer er ist, und von woher, und ob er einen Paß, oder ein -anderes »Tugament« besitze? - -Er aber war von der Krankheit, vom Trinken und vom langen Schwanken so -schwach geworden, daß er kein Wort antwortet, vielmehr nur stöhnt. - -Darauf suchten sie ihn sogleich aus, nahmen ihm sein Kleid ab, nahmen -ihm auch die Trepetiruhr und das Geld, und ihn selber befahl der -Polizeimeister in der ersten besten Droschke kostenlos ins Krankenhaus -abzuliefern. - -Der Schutzmann führte den Linkser hinaus, um ihn auf einen Schlitten zu -setzen, lange konnte er aber keinen einzigen Kutscher festkriegen, weil -sie alle vor dem Polizisten davonlaufen. Der Linkser aber lag diese -ganze Zeit über auf dem kalten Boden der Auffahrt; alsdann erwischte der -Schutzmann einen Fuhrmann, nur ohne die warme Pelzdecke, weil sie sie in -solchem Falle unter sich zu verstecken pflegen, damit dem Polizisten -möglichst rasch die Füße kalt werden sollen. Man fuhr den Linkser so, -unbedeckt; wie sie ihn von einer Droschke auf die andere übersetzen, -lassen sie ihn immer fallen, wenn sie ihn aber aufheben, dann reißen sie -ihn an den Ohren, damit er zur Besinnung komme. Man brachte ihn in ein -Krankenhaus, man nimmt ihn nicht an ohne Tugament; man bringt ihn in ein -anderes -- auch dort nimmt man ihn nicht auf, und so in ein drittes und -in ein viertes -- bis ganz zum Morgen schleppten sie ihn über alle -entfernten Krummwege und setzten ihn immer so von einem Schlitten auf -einen andern, daß er sich völlig zerschlug. Da sagte ein Unterarzt dem -Schutzmann, man solle ihn in das Obuchowsche Armenkrankenhaus bringen -- -wo man alle von unbekanntem Stande zum Sterben aufnimmt. - -Dort befahl man eine Quittung zu geben, den Linkser aber bis zur -Aufnahme auf den Boden im Korridor hinzulegen. - -Der englische Bootsmann stand aber um diese selbe Zeit am andern Tage -auf, verschluckte die andere Guttaperchapille, aß zum leichten Frühstück -ein Huhn mit Reis, trank Schnaps und sprach: - -»Wo ist mein russischer Kamerad? Ich werde ihn suchen gehen!« - -Er zog sich an und lief davon. - - - - - XIX - - -Wunderbarerweise fand der Bootsmann sehr rasch den Linkser, man hatte -ihn nur noch nicht ins Bett gelegt, er lag vielmehr im Korridor auf dem -Fußboden und beklagte sich vor dem Engländer: - -»Ich müßte« -- spricht er -- »unbedingt zwei Worte dem Kaiser sagen.« - -Der Engländer lief zum Grafen Kleinmichel und machte Lärm. - -»Kann man denn so! Wenn er auch einen Schafpelz trägt, so hat er doch -eine Menschenseele.« - -Den Engländer jagte man sogleich wegen dieser Bemerkung fort -- damit er -nur nicht wage, an die Menschenseele zu erinnern. Darauf aber sagte ihm -irgend jemand: - -»Geh' du lieber zum Kosak Platow -- er hat einfache Gefühle.« - -Der Engländer traf Platow an, der jetzt wiederum auf der Kouschette lag. -Platow hörte ihm zu und erinnerte sich des Linksers. - -»Wie denn, Brüderchen« -- spricht er -- »ich bin sehr nahe mit ihm -bekannt; ich habe ihn sogar an den Haaren gezogen; ich weiß nur nicht, -wie ich ihm in einer so unglücklichen Lage helfen kann, weil ich schon -ausgedient habe und völlige Entlassung erhielt. Jetzt achtet man nicht -mehr auf mich. Du aber laufe möglichst rasch zum Kommandanten Skobelew, -er ist in der Macht und gleichfalls auf diesem Gebiet erfahren -- er -wird irgend etwas tun.« - -Der Bootsmann ging auch zu Skobelew und erzählte alles: was für eine -Krankheit der Linkser hat und woher sie stammt. Skobelew spricht: - -»Ich verstehe diese Krankheit, nur können sie die Deutschen nicht -heilen, da braucht man vielmehr einen Arzt aus dem geistlichen Stande, -weil die in diesen Sachen heranwachsen und zu helfen vermögen; ich werde -sogleich den russischen Arzt Martyn-Solskij dahin schicken.« - -Als aber Martyn-Solskij nur eben ankam, war der Linkser schon am -Sterben, weil sein Nacken an der Eingangstreppe zerschlagen worden war. -Und er vermochte nur eines vernehmlich zu sprechen: - -»Sagt dem Kaiser, daß man bei den Engländern die Gewehre nicht mit -Ziegel reinigt. Mögen sie auch bei uns sie nicht so reinigen, sonst, -behüte Gott, sollte ein Krieg werden, so taugen sie nicht zum Schießen.« - -Und mit dieser Wahrheit bekreuzte sich der Linkser und starb. - -Martyn-Solskij ging sogleich, dies dem Grafen Tschernyschow zu -berichten, damit der es dem Kaiser hinterbringe. Graf Tschernyschow aber -schrie ihn an: - -»Wisse« -- spricht er -- »deine Brech- und Abführmittel, mische dich -aber nicht in das, was nicht deine Sache ist -- in Rußland gibt es dafür -Generäle.« - -Dem Kaiser hat man es so auch nicht gesagt, und diese Reinigung der -Gewehre ward fortgesetzt bis zum Krimkriege. Als man damals die Gewehre -lud, wackelten die Kugeln in ihnen hin und her, weil die Läufe mit -Ziegel gereinigt waren. Da erinnerte Martyn-Solskij den Tschernyschow an -den Linkser. Graf Tschernyschow aber spricht: - -»Geh zum Teufel, >Plesirspitze<, mische dich nicht in das, was nicht -deine Sache ist, sonst werde ich ableugnen, daß ich von dir hierüber -hörte -- dann wirst du selber hereinfallen.« - -Martyn-Solskij dachte nach: in der Tat wird er ableugnen, und so schwieg -er auch. - -Hätte man aber die Worte des Linksers zu seiner Zeit dem Kaiser -hinterbracht, so hätte der Kampf mit dem Feinde in der Krim eine ganz -andere Wendung genommen. - - - - - Nachwort des Verfassers - - -Heute ist dies alles schon -- »Sache vergangener Zeiten« und -»Überlieferung des Altertums«, wenn auch eines nicht weit -zurückliegenden; es liegt indes keine Notwendigkeit vor, diese -Überlieferungen rasch zu vergessen, ungeachtet des märchenhaften -Zuschnitts der Legende und des epischen Charakters ihres Haupthelden. -Der eigentliche Name des Linksers ging, gleich dem Namen vieler größter -Genies, für immer für die Nachkommenschaft verloren; aber als durch die -Volksphantasie verkörperte Mythe bleibt er interessant, und seine Taten -können zur Erinnerung dienen an eine Epoche, deren allgemeiner Geist -scharf und richtig erfaßt ward. - -Solche Meister wie der sagenhafte Linkser gibt es jetzt, versteht sich, -schon nicht mehr in Tula: die Maschinen glichen die Ungleichheit der -Talente und Begabungen aus, und das Genie kommt nicht auf im Kampf gegen -Fleiß und Genauigkeit. Die Maschinen sind indes zwar der Erhöhung des -Arbeitslohnes günstig, nicht aber dem künstlerischen Wagemut, der -freilich manchmal auch nicht Maß hielt, indem er die Volksphantasie zum -Schaffen derartiger, heute märchenhafter Legenden begeisterte. - -Die Arbeiter wissen natürlich die Vorteile zu schätzen, die ihnen durch -die praktischen Vorrichtungen der mechanischen Wissenschaft geboten -werden, an die frühere Zeit erinnern sie sich aber mit Stolz und Liebe. -Das ist ihr Epos, und dabei mit einer sehr »menschlichen Seele«. - - - - - Anmerkungen - - -Seite 221. »Abolon von Polwedere« (statt Appolo von Belvedere) wörtlich -»vom halben Eimer« (Schnapsmaß). - -Seite 224. »Chalva« dick eingekochter Zuckersyrup mit Zusatz von Nüssen. - -Seite 226. »Winzigschauer« für Mikroskop. - -Seite 230. Unter »Verwirrung« ist der Dekabristenaufstand gemeint. - -Seite 236. Das Bild »Der abendliche Klang« ist ein bekanntes -Andachtsbild. - -Seite 244. »Tugament« gleich Dokument. (Eigentlich »Paß«). - -Seite 252. Graf »Kiselwrode« wörtlich »Fruchtbreiartig«, gemeint ist -wohl Nesselrode. - -Seite 253. »Kleveton« gleich Feuilleton. - -Seite 255. »Jer« heißt ein unausgesprochener russischer Buchstabe, der -die harte Aussprache einen Endkonsonanten bezeichnet. »Jerphiks« muß -hier einen ähnlich klingenden englischen Schnaps bedeuten. - -Seite 262. Uhr mit »Trepetir« gleich Repetieruhr. - -Seite 262. »Present« soll heißen »Bresent«. Hier Winddach auf Deck. - -Seite 265. »Studing« gleich Puding. - -Seite 269. »Plesierspitze« gleich Klistierspitze. - - Hof-Buch- und -Steindruckerei - Dietsch & Brückner in Weimar - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - -Hervorhebungen, die im Original g e s p e r r t sind, wurden mit -Unterstrichen wie _hier_ gekennzeichnet. - -Die folgenden Fehler wurden, teilweise unter Verwendung der russischen -Originaltexte, wie hier aufgeführt korrigiert (vorher/nachher): - - [S. 34]: - ... losreißen konnnte. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so ... - ... losreißen konnte. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so ... - - [S. 37]: - ... Gabelmuskete die tötliche Kugel ab. ... - ... Gabelmuskete die tödliche Kugel ab. ... - - [S. 37]: - ... Körperbau, so daß er eher einem rießengroßen Griffon ... - ... Körperbau, so daß er eher einem riesengroßen Griffon ... - - [S. 41]: - ... Das war das Signal für den alten fränzösischen Kammerdiener ... - ... Das war das Signal für den alten französischen Kammerdiener ... - - [S. 41]: - ... der bevorstehenden Bärenjad als Reserveschützen einen ... - ... der bevorstehenden Bärenjagd als Reserveschützen einen ... - - [S. 45]: - ... Nun begann man ihn mit Schneeballen zu bewerfen ... - ... Nun begann man ihn mit Schneebällen zu bewerfen ... - - [S. 48]: - ... Vorhergehende und ungewöhlich rührend war. ... - ... Vorhergehende und ungewöhnlich rührend war. ... - - [S. 54]: - ... und Sgaranell machte diese letztere Hypothese ... - ... und Sganarell machte diese letztere Hypothese ... - - [S. 67]: - ... Beide junge Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen ... - ... Beide jungen Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen ... - - [S. 72]: - ... mit »Awgust Martwejitsch« anredete, seine Frage beantwortete: ... - ... mit »Awgust Matwejitsch« anredete, seine Frage beantwortete: ... - - [S. 77]: - ... in Hemdärmeln da; dasselbe verlangten Sie aber auch ... - ... in Hemdärmeln da; dasselbe verlangten sie aber auch ... - - [S. 101]: - ... Zuhörern zu schilden, wenn man auch selbst nicht mehr ... - ... Zuhörern zu schildern, wenn man auch selbst nicht mehr ... - - [S. 104]: - ... Viele weinten, und der Burche schluchzte laut ... Der ... - ... Viele weinten, und der Bursche schluchzte laut ... Der ... - - [S. 115]: - ... (Fehlende Überschrift) ... - ... XIII ... - - [S. 149]: - ... Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller Hergottsfrühe ... - ... Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller - Herrgottsfrühe ... - - [S. 163]: (mehrfache Fälle) - ... »Soll ich dir nicht den Sjergej herschicken?« fragte ... - ... »Soll ich dir nicht den Ssergej herschicken?« fragte ... - - [S. 171]: - ... Ich sehe jetzt blos darum so schlecht aus, weil mir nach ... - ... Ich sehe jetzt bloß darum so schlecht aus, weil mir nach ... - - [S. 206]: - ... »Ach, du Böser!« antwortete Katarina Lwowna unter ... - ... »Ach, du Böser!« antwortete Katerina Lwowna unter ... - - [S. 206]: - ... Der Wachtposten ging im Korrider auf und ab, blieb ... - ... Der Wachtposten ging im Korridor auf und ab, blieb ... - - [S. 231]: - ... von seiner Kuschette, warf die Pfeife fort und erschien ... - ... von seiner Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien ... - - [S. 249]: - ... »Wir,« spricht er, »haben ihm so hingelegt« -- und er ... - ... »Wir,« spricht er, »haben ihn so hingelegt« -- und er ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Eine Teufelsaustreibung und andere -Geschichten, by Nikolai Leskow - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE TEUFELSAUSTREIBUNG UND *** - -***** This file should be named 50912-8.txt or 50912-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/1/50912/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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MÜNCHEN</span> -</p> - -</div> - -<div class="titlematter"> -<p class="cop"> -Alle Rechte vorbehalten -</p> - -</div> - -<h2 class="part" id="part-1"> -<a id="page-5" class="pagenum" title="5"></a> -INHALTSVERZEICHNIS -</h2> - -<div class="table"> -<table class="toc" summary="TOC"> -<tbody> - <tr> - <td class="col1"> </td> - <td class="col_page">Seite</td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Eine Teufelsaustreibung</td> - <td class="col_page"><a href="#page-7">7</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Das Tier</td> - <td class="col_page"><a href="#page-29">29</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Interessante Männer</td> - <td class="col_page"><a href="#page-59">59</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Die Lady Makbeth des Mzensker Landkreises</td> - <td class="col_page"><a href="#page-145">145</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="col1">Der stählerne Floh (übertragen von Karl Nötzel)</td> - <td class="col_page"><a href="#page-217">217</a></td> - </tr> -</tbody> -</table> -</div> - -<h2 class="part" id="part-2"> -<a id="page-7" class="pagenum" title="7"></a> -EINE -TEUFELSAUSTREIBUNG -</h2> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-2-1"> -<a id="page-9" class="pagenum" title="9"></a> -I -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">D</span>iese heilige Handlung kann man nur in Moskau -sehen, und das auch nur, wenn man besonderes -Glück und besondere Protektion hat. -</p> - -<p> -Dank einer glücklichen Verkettung von Umständen -wohnte ich einmal der Teufelsaustreibung vom Anfang -bis zum Ende bei und möchte sie nun den wahren Kennern -und Liebhabern des Ernsten und Majestätischen -im nationalen Stil beschreiben. -</p> - -<p> -Einerseits gehöre ich zwar zum Adel, stehe aber andererseits -dem »Volke« nahe; meine Mutter ist aus dem Kaufmannsstande. -Sie stammte aus einer sehr reichen Familie, -hatte aber gegen den Willen ihrer Eltern, aus Liebe zu -meinem Vater geheiratet. Mein seliger Vater war im Umgang -mit dem weiblichen Geschlecht besonders tüchtig -und erreichte bei ihm alles, was er nur wollte. So gelang es -ihm auch, meine Mutter zu ergattern; die Alten gaben -ihm aber zum Lohn für seine Tüchtigkeit nichts außer der -Garderobe, den Betten und der göttlichen Gnade, die -das junge Ehepaar zugleich mit der Verzeihung und -dem väterlichen Segen erhielt. Meine Eltern wohnten in -Orjol; sie lebten in recht kümmerlichen Verhältnissen, -hielten sich aber stolz und wollten die reichen mütterlichen -Verwandten niemals um Unterstützung bitten; -sie unterhielten mit ihnen sogar keinerlei Beziehungen. -<a id="page-10" class="pagenum" title="10"></a> -Als ich aber auf die Universität ziehen sollte, sagte mir -Mamachen: -</p> - -<p> -»Besuche, bitte, deinen Onkel Ilja Fedossejewitsch und -grüße ihn von mir. Das ist keine Erniedrigung; seinen -älteren Verwandten muß man alle Ehrfurcht erweisen; er -ist aber mein Bruder, außerdem ein gottesfürchtiger Mann -und hat in Moskau ein großes Gewicht ... Bei allen feierlichen -Empfängen ist er immer dabei und steht mit der -Schüssel mit Salz und Brot oder einem Heiligenbild vor -allen andern ... Auch beim General-Gouverneur und -dem Metropoliten wird er empfangen ... Er kann dich -nur Gutes lehren.« -</p> - -<p> -Ich glaubte um jene Zeit nicht an Gott, liebte aber -meine Mutter. Also sagte ich mir einmal: Jetzt bin ich -fast ein ganzes Jahr in Moskau und habe Mamachens -Wunsch noch immer nicht erfüllt; nun will ich doch zum -Onkel Ilja Fedossejewitsch gehen, Mamachens Grüße -ausrichten und schauen, was er mich lehren kann. -</p> - -<p> -Von Kind auf war ich gewohnt, ältere Leute mit Ehrfurcht -zu behandeln, besonders aber solche, die mit dem -Metropoliten und den Gouverneuren verkehrten. -</p> - -<p> -Eines Tages bürstete ich mir die Kleider und begab -mich zu Onkel Ilja Fedossejewitsch. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-2"> -II -</h3> - -<p class="noindent"> -Es war gegen sechs Uhr abends. Das Wetter war warm, -mild und etwas trüb, mit einem Wort recht angenehm. -Das Haus meines Onkels ist allen bekannt, es ist eines -der ersten Häuser von Moskau. Ich war aber noch niemals -darin gewesen und hatte den Onkel nicht einmal -aus der Ferne gesehen. -</p> - -<p> -<a id="page-11" class="pagenum" title="11"></a> -Ich gehe aber recht selbstbewußt hin und sage mir: -läßt er mich vor, so ist es gut, und läßt er mich nicht vor, -so brauch’ ich ihn nicht. -</p> - -<p> -Ich komme in den Hof; vor der Einfahrt steht eine -Equipage, die Pferde sind wie zwei Löwen, pechkohlrabenschwarz, -mit langen Mähnen, und das Fell glänzt -wie teurer Atlas. -</p> - -<p> -Ich gehe die Treppe hinauf und sage: »So und so, ich -bin Neffe und Student, meldet mich, bitte, Ilja Fedossejewitsch.« -Und die Leute antworten mir: -</p> - -<p> -»Ilja Fedossejewitsch kommen gleich selbst heraus, -sie wollen gerade ausfahren.« -</p> - -<p> -Es erscheint eine einfache aber höchst majestätische -Gestalt; in den Augen hat er einige Ähnlichkeit mit -meiner Mutter, aber der Gesichtsausdruck ist doch ganz -anders. Ein solider Mann, was man so nennt. -</p> - -<p> -Ich stellte mich vor; er hörte mich schweigend an, -reichte mir die Hand und sagte: -</p> - -<p> -»Setz dich, wir wollen ausfahren.« -</p> - -<p> -Ich wollte eigentlich nein sagen, brachte es aber doch -nicht über die Lippen und setzte mich in den Wagen. -</p> - -<p> -»Nach dem Park!« befahl er dem Kutscher. -</p> - -<p> -Die Löwen rasten dahin, so daß das Hinterteil des -Wagens nur so zitterte; als wir aber außerhalb der Stadt -waren, fingen sie an, noch schneller zu rennen. -</p> - -<p> -Wir sitzen im Wagen, sprechen kein Wort, und ich -sehe nur, wie sich der Onkel seinen Zylinderhut immer -tiefer in die Stirne drückt und wie sein Gesicht, wohl -vor Langweile, immer griesgrämiger wird. -</p> - -<p> -Er schaut immer nach den Seiten; einmal wirft er aber -den Blick auf mich und sagt ganz unvermittelt: -</p> - -<p> -<a id="page-12" class="pagenum" title="12"></a> -»Es ist gar kein Leben!« -</p> - -<p> -Ich wußte nicht, was darauf zu antworten und schwieg. -</p> - -<p> -Und wir fahren immer weiter; ich denke mir: wo will -er mich nur hinbringen? Und es scheint mir schon, daß -ich in eine dumme Geschichte hineingeraten bin. -</p> - -<p> -Der Onkel hatte aber wohl inzwischen irgendeinen -Beschluß gefaßt und begann den Kutscher zu kommandieren: -</p> - -<p> -»Rechts! Links! Zum ‚Jar‘!« -</p> - -<p> -Aus dem Restaurant stürzt die ganze Dienerschaft -heraus, und alle verneigen sich vor ihm fast bis zur -Erde. Der Onkel sitzt aber im Wagen, rührt sich nicht -und läßt den Besitzer rufen. Man läuft sofort hin. Nun -erscheint der Franzose und verbeugt sich mit großem -Respekt. Der Onkel rührt sich noch immer nicht, klappert -mit dem Elfenbeingriff seines Stockes gegen die Zähne -und fragt: -</p> - -<p> -»Wieviel Fremde habt ihr im Haus?« -</p> - -<p> -»An die dreißig Personen in den Sälen,« antwortet -der Franzose, »und drei Séparés sind besetzt.« -</p> - -<p> -»Alle sollen hinaus!« -</p> - -<p> -»Sehr gut.« -</p> - -<p> -»Jetzt ist es sieben,« sagt Onkel nach einem Blick auf die -Uhr, »um acht komm ich wieder. Wird alles fertig sein?« -</p> - -<p> -»Nein,« antwortet jener, »um acht wird es nicht gehen -... Viele haben sich ihre Sachen vorausbestellt ... -Aber so gegen neun wird im ganzen Restaurant keine -fremde Seele sein.« -</p> - -<p> -»Gut.« -</p> - -<p> -»Was soll ich vorbereiten?« -</p> - -<p> -»Selbstverständlich einen Zigeunerchor.« -</p> - -<p> -<a id="page-13" class="pagenum" title="13"></a> -»Und noch was?« -</p> - -<p> -»Ein Orchester.« -</p> - -<p> -»Nur eines?« -</p> - -<p> -»Nein, lieber zwei.« -</p> - -<p> -»Soll ich den Rjabyka holen lassen?« -</p> - -<p> -»Selbstverständlich.« -</p> - -<p> -»Französische Damen?« -</p> - -<p> -»Nein, die will ich nicht!« -</p> - -<p> -»Weine?« -</p> - -<p> -»Den ganzen Keller.« -</p> - -<p> -»Speisen?« -</p> - -<p> -»Die Karte!« -</p> - -<p> -Man reicht ihm die Tageskarte. -</p> - -<p> -Der Onkel wirft einen Blick auf die Karte, liest sie wohl -gar nicht, klopft mit dem Stock auf das Papier und sagt: -</p> - -<p> -»Dies alles für hundert Personen.« -</p> - -<p> -Und er rollt die Karte zusammen und steckt sie sich -in die Tasche. -</p> - -<p> -Der Franzose ist erfreut, zugleich aber auch etwas -verlegen. -</p> - -<p> -»Für hundert Personen kann ich es unmöglich herrichten,« -sagt er, »denn es sind auch sehr teure Sachen -dabei, von denen ich nur fünf oder sechs Portionen im -Hause habe.« -</p> - -<p> -»Wie soll ich meine Gäste sortieren? Ein jeder soll -alles haben, was er will. Verstanden?« -</p> - -<p> -»Sehr wohl.« -</p> - -<p> -»Sonst wird dir auch der Rjabyka nicht helfen, mein -Lieber! Kutscher, pascholl!« -</p> - -<p> -Wir ließen den Restaurateur mit seinen Lakaien stehen -und fuhren davon. -</p> - -<p> -<a id="page-14" class="pagenum" title="14"></a> -Nun war es mir vollkommen klar, daß ich auf ein falsches -Geleise geraten war. Ich versuchte, mich zu verabschieden, -der Onkel hörte aber nicht auf mich. Er schien -sehr besorgt. Wir fahren durch den Park, und er ruft bald -den einen, und bald den andern an. -</p> - -<p> -»Um neun Uhr zum ‚Jar‘!« sagt Onkel einem jeden -kurz. -</p> - -<p> -Die Leute, an die er sich wendet, sind lauter ehrwürdige -Greise. Alle ziehen vor ihm den Hut und antworten -ebenso kurz: -</p> - -<p> -»Wir sind deine Gäste, Fedossejewitsch.« -</p> - -<p> -Ich glaube, wir hatten auf diese Weise an die zwanzig -Personen eingeladen. Als die Uhr neun schlug, fuhren -wir wieder zum ‚Jar‘. Ein ganzes Rudel Kellner stürzte -uns entgegen, alle halfen dem Onkel aus dem Wagen, der -Franzose selbst empfing ihn vor der Türe und klopfte ihm -mit der Serviette den Staub von der Hose ab. -</p> - -<p> -»Ist’s geräumt?« fragt der Onkel. -</p> - -<p> -»Ein General ist nur noch da,« sagt jener. »Er bittet -sehr, noch eine Weile im Séparé bleiben zu dürfen.« -</p> - -<p> -»Hinaus mit ihm!« -</p> - -<p> -»Er ist wirklich sehr bald fertig.« -</p> - -<p> -»Ich will nicht, er hat genug Zeit gehabt, soll er seine -Sachen draußen auf dem Rasen zu Ende essen.« -</p> - -<p> -Ich weiß nicht wie das geendet hätte, aber der General -kam in diesem Augenblick mit seinen zwei Damen heraus, -stieg in den Wagen und fuhr davon. Gleichzeitig -begannen die Gäste zusammenzuströmen, die der Onkel -im Parke eingeladen hatte. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-3"> -<a id="page-15" class="pagenum" title="15"></a> -III -</h3> - -<p class="noindent"> -Das Restaurant war aufgeräumt, sauber und vollkommen -leer. Nur in einem der Säle saß irgendein riesengroßer -Kerl, der dem Onkel schweigend entgegenkam und ihm, -ohne ein Wort zu sagen, sofort den Stock aus der Hand -nahm, den er gleich irgendwohin versteckte. -</p> - -<p> -Der Onkel gab ihm den Stock ohne Widerspruch und -reichte ihm zugleich auch seine Brieftasche und sein -Portemonnaie. -</p> - -<p> -Dieser leicht ergraute, massive Riese war jener selbe -Rjabyka, dessen Name in dem mir unverständlichen Auftrag -des Onkels erwähnt worden war. Von Beruf war er -eigentlich Schulmeister, hier versah er aber offenbar -irgendein anderes Amt. Er schien hier ebenso notwendig -wie die Zigeuner, wie das Orchester und wie das ganze -Personal, das vollzählig erschienen war. Ich verstand nur -nicht, welche Rolle der Schulmeister spielen sollte, aber -das konnte ich bei meiner Unerfahrenheit auch noch gar -nicht wissen. -</p> - -<p> -Das hell erleuchtete Restaurant war in vollem Betrieb: -die Musik dröhnte, die Zigeuner gingen auf und ab und -blieben jeden Augenblick vor den Büffets stehen, und -der Onkel besichtigte die Säle, den Wintergarten, die Grotten -und die Galerien. Er wollte sich überzeugen, ob tatsächlich -keine Fremden da waren; der Schulmeister wich -nicht von seiner Seite. Als sie aber nach diesem Rundgang -in den Hauptsaal, wo schon die ganze Gesellschaft -versammelt war, zurückkehrten, konnte man zwischen -ihnen einen großen Unterschied wahrnehmen: der Schulmeister -war ebenso nüchtern, wie vor dem Rundgang, -der Onkel aber gänzlich betrunken. -</p> - -<p> -<a id="page-16" class="pagenum" title="16"></a> -Ich weiß nicht, wieso das so schnell geschehen war; -jedenfalls war er in bester Laune. Er übernahm das Präsidium, -und die Geschichte ging los. -</p> - -<p> -Alle Türen waren abgesperrt, und das Restaurant war -von der ganzen Welt abgeschnitten. Zwischen uns und -der übrigen Welt gähnte ein Abgrund: der Abgrund des -ganzen ausgetrunkenen Weines, der verzehrten Speisen -und, vor allen Dingen, der, ich will nicht sagen, häßlichen, -aber wilden und tollen Ausgelassenheit, die ich -kaum zu schildern vermag. Das kann man von mir auch -garnicht verlangen: als ich mich hier festgeklemmt und -von der ganzen Welt abgeschnitten sah, verlor ich jeden -Mut und hatte es sehr eilig, mich zu betrinken. Darum -werde ich auch gar nicht beschreiben, wie diese Nacht -verging. Meiner Feder ist es auch gar nicht gegeben, -<em>alles</em> zu schildern; ich kann mich nur an zwei besonders -bemerkenswerte Episoden der Schlacht und an das -Finale erinnern, doch das <em>Unheimliche</em> steckte eben -in ihnen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-4"> -IV -</h3> - -<p class="noindent"> -Man meldete einen gewissen Iwan Stepanowitsch. Wie -es sich später herausstellte, war er ein angesehener Moskauer -Fabrikant und Großkaufmann. -</p> - -<p> -Eine peinliche Pause trat ein. -</p> - -<p> -»Ich hab ja gesagt: niemand darf herein,« erwiderte -der Onkel. -</p> - -<p> -»Der Herr läßt inständigst bitten.« -</p> - -<p> -»Soll er sich nur dorthin begeben, wo er bisher war.« -</p> - -<p> -Der Kellner ging hinaus und meldete nach einer Weile -sehr kleinlaut: -</p> - -<p> -»Iwan Stepanowitsch läßt sehr bitten.« -</p> - -<p> -<a id="page-17" class="pagenum" title="17"></a> -»Nein, ich will nicht.« -</p> - -<p> -Die anderen schlagen vor: »Soll er ein Strafgeld -zahlen!« -</p> - -<p> -»Nein, jagt ihn hinaus, ich will sein Strafgeld nicht.« -</p> - -<p> -Der Kellner kommt zurück und meldet noch kleinlauter: -</p> - -<p> -»Er ist bereit, jede Strafe zu zahlen. Er sagt, daß es für -ihn bei seinem Alter sehr kränkend ist, von der Gesellschaft -ausgeschlossen zu sein.« -</p> - -<p> -Der Onkel erhob sich mit funkelnden Augen von -seinem Platz; im gleichen Augenblick ragte aber schon -zwischen ihm und dem Kellner Rjabyka. Er stieß den -Kellner mit der linken Hand wie ein Küken zurück -und setzte mit der Rechten den Onkel wieder auf seinen -Platz. -</p> - -<p> -Unter den Gästen wurden Stimmen für Iwan Stepanowitsch -laut: er solle hundert Rubel für die Musiker zahlen -und hereinkommen. -</p> - -<p> -»Er ist doch einer von den unsrigen, ein gottesfürchtiger -Greis, — was soll er jetzt anfangen? Er wird vielleicht -vor den Augen des ganzen Publikums Skandal -machen. Man muß mit ihm ein Einsehen haben.« -</p> - -<p> -Der Onkel ließ sich erweichen und sagte: -</p> - -<p> -»Gut, es soll aber weder nach meinem, noch nach -eurem, sondern nach Gottes Willen geschehen: Iwan -Stepanowitsch darf herein, muß aber die große Pauke -schlagen.« -</p> - -<p> -Der Kellner ging hin und meldete wieder: -</p> - -<p> -»Er möchte doch lieber eine Geldstrafe zahlen.« -</p> - -<p> -»Zum Teufel! Wenn er nicht trommeln will, so soll er -sich scheren, wohin er mag!« -</p> - -<p> -<a id="page-18" class="pagenum" title="18"></a> -Iwan Stepanowitsch hielt es aber doch nicht aus und -ließ nach kurzer Zeit sagen, daß er bereit sei, die Pauke -zu schlagen. -</p> - -<p> -»Gut, soll er kommen.« -</p> - -<p> -Ein großer Mann von ehrwürdigem Aussehen mit ernstem -Gesicht, erloschenen Augen, gekrümmtem Rücken -und zerzaustem und grün angelaufenem Bart tritt ein. Er -will scherzen und die Gäste begrüßen, man weist ihn -aber zurecht. -</p> - -<p> -»Nachher, nachher,« schreit ihm der Onkel zu: »Jetzt -sollst du die Pauke schlagen.« -</p> - -<p> -»Die Pauke schlagen!« fallen die andern ein. -</p> - -<p> -»Musik! Einen Marsch!« -</p> - -<p> -Das Orchester stimmt einen dröhnenden Marsch an, -der ehrwürdige Greis nimmt den hölzernen Schlegel und -beginnt im Takt und auch nicht im Takt zu trommeln. -</p> - -<p> -Ein Höllenlärm und ein Höllengeschrei. Alle sind zufrieden -und schreien: -</p> - -<p> -»Lauter!« -</p> - -<p> -Iwan Stepanowitsch gibt sich noch mehr Mühe. -</p> - -<p> -»Lauter! Lauter! Noch lauter!« -</p> - -<p> -Der Greis trommelt mit aller Kraft, wie der Mohrenfürst -bei Freiligrath. Schließlich erreicht er sein Ziel: man -hört einen fürchterlichen Krach, das Trommelfell zerspringt, -alle lachen, der Lärm wird ganz unerträglich, und -Iwan Stepanowitsch muß den Musikern für die vernichtete -Pauke fünfhundert Rubel zahlen. -</p> - -<p> -Er zahlt, wischt sich den Schweiß aus der Stirne und -setzt sich zu den andern. Während alle sein Wohl trinken, -bemerkt er zu seinem Entsetzen unter den Anwesenden -seinen Schwiegersohn. -</p> - -<p> -<a id="page-19" class="pagenum" title="19"></a> -Wieder erhebt sich ein Lachen und Lärmen, und das -geht so, bis ich das Bewußtsein verliere. In den wenigen -lichten Augenblicken, die ich noch habe, sehe ich die -Zigeunerinnen tanzen und den Onkel, auf dem Stuhle -sitzend, mit den Beinen zucken. Plötzlich taucht vor ihm -jemand auf, aber im gleichen Augenblick ragt schon -zwischen dem Onkel und dem andern Rjabyka. Der -andere fliegt auf die Seite, der Onkel sitzt wieder auf -seinem Platz, und vor ihm stecken in der Tischplatte -zwei Gabeln. Nun verstehe ich Rjabykas Rolle. -</p> - -<p> -Zum Fenster wehte der erste frische Hauch des Moskauer -Morgens herein; ich kam wieder zum Bewußtsein, -aber wohl nur, um an der Klarheit meiner Vernunft zu -zweifeln. Ich sah eine wilde Schlacht und das Abholzen -eines Waldes: ich hörte ein Dröhnen und Krachen und -sah die riesengroßen exotischen Bäume schwanken und -fallen. Hinter ihnen drängte sich ein Haufen seltsamer -Gestalten mit braunen Gesichtern. An den Wurzeln der -Palmen funkelten schreckliche Äxte; mein Onkel fällte -die Bäume, auch der alte Iwan Stepanowitsch tat mit ... -Eine mittelalterliche Vision! ... -</p> - -<p> -Die Zigeunerinnen, die sich in der Grotte hinter den -Bäumen versteckt hielten, sollten »gefangen genommen« -werden; die Zigeuner verteidigten sie nicht und überließen -sie ihrer eigenen Energie. Scherz und Ernst waren hier -nicht mehr auseinanderzuhalten: durch die Luft flogen -Teller, Stühle und Steine aus der Grotte; die Feinde -drangen aber immer tiefer in den Wald ein, und am mutigsten -zeigten sich Iwan Stepanowitsch und mein Onkel. -</p> - -<p> -Die Festung wurde schließlich genommen: die Zigeunerinnen -wurden ergriffen, umarmt und abgeküßt, und -<a id="page-20" class="pagenum" title="20"></a> -eine jede bekam einen Hundertrubelschein in das Mieder -gesteckt. Damit war die Sache erledigt ... -</p> - -<p> -Ja, auf einmal war alles still ... Alles war zu Ende. -Es war keine Störung von außen, aber alle hatten genug. -Wenn es vorher, wie mein Onkel gesagt hatte, »gar kein -Leben« war, so fühlten wohl jetzt alle einen Überfluß -an Leben. -</p> - -<p> -Alle hatten genug und alle waren zufrieden. Vielleicht -hatte auch die Bemerkung des Schulmeisters, daß es für -ihn Zeit sei, in die Schule zu gehen, einige Bedeutung. -Jedenfalls war die Walpurgisnacht zu Ende, und »das -Leben« trat wieder in seine Rechte. -</p> - -<p> -Die Gäste verdufteten ohne Abschied einer nach dem -andern; das Orchester und die Zigeuner waren längst -verschwunden. Das Restaurant bot das Bild vollständiger -Verwüstung: keine einzige Draperie, kein einziger Spiegel -war ganz; selbst der große Kronleuchter lag zertrümmert -am Boden, und die Kristallprismen zerbrachen unter den -Füßen der Kellner, die sich vor Müdigkeit kaum auf den -Beinen hielten. Der Onkel saß ganz allein mitten auf dem -Sofa und trank Kwas. Ab und zu schwebten ihm wohl -irgendwelche Erinnerungen durch den Sinn, und er zuckte -mit den Beinen. Vor ihm stand Rjabyka, der in seine -Schule eilte. -</p> - -<p> -Man reichte ihnen die Rechnung. Es war eine kurze -»Pauschalrechnung«. -</p> - -<p> -Rjabyka studierte die Rechnung sehr aufmerksam und -verlangte einen Nachlaß von fünfzehnhundert Rubeln. -Man widersprach ihm nicht viel und zog das Fazit: -die Endsumme machte siebzehntausend, und Rjabyka -erklärte, daß die Rechnung jetzt stimme. Der Onkel sagte -<a id="page-21" class="pagenum" title="21"></a> -einsilbig! »Zahl’s!«, setzte den Hut auf und bedeutete -mir durch ein Zeichen, ihm zu folgen. -</p> - -<p> -Zu meinem Entsetzen merkte ich, daß er mich nicht -vergessen hatte und daß ich ihm nicht entrinnen konnte. -Er flößte mir eine unheimliche Angst ein, und ich konnte -mir gar nicht vorstellen, wie ich mit ihm nun allein unter -vier Augen bleiben würde. Er hatte mich ja so ganz zufällig -mitgenommen, hatte mir noch keine zwei vernünftigen -Worte gesagt und schleppte mich überall mit sich -herum. Was werde ich noch alles erleben? Vor Entsetzen -wurde ich auf einmal ganz nüchtern. Ich fürchtete dieses -schreckliche, wilde Tier mit der zügellosen Phantasie -und den furchtbaren Einfällen. Im Vorzimmer umringte -uns eine Menge Kellner. Der Onkel befahl: »Je fünf!«, -und Rjabyka zahlte; die Hausmeister, Nachtwächter, -Schutzleute und Gendarmen, die irgendwelche Dienste -geleistet haben wollten, bekamen etwas weniger. Alle -diese Leute wurden befriedigt. Das machte eine Riesensumme -aus. Im Parke draußen drängten sich aber, so weit -das Auge reichte, zahllose Droschken. Die Droschkenkutscher -warteten auf ihr »Väterchen« Ilja Fedossejewitsch, -»ob Seine Gnaden sie nicht irgendwie brauchen -könnten.« -</p> - -<p> -Man stellte ihre Zahl fest und gab einem jeden von -ihnen drei Rubel. Der Onkel und ich stiegen in den -Wagen, und Rjabyka reichte dem Onkel seine Brieftasche. -</p> - -<p> -Ilja Fedossejewitsch nahm aus der Brieftasche einen -Hunderter und gab ihn Rjabyka. -</p> - -<p> -Dieser drehte die Banknote in den Fingern und sagte -unwirsch: -</p> - -<p> -»Zu wenig.« -</p> - -<p> -<a id="page-22" class="pagenum" title="22"></a> -Der Onkel gab ihm noch zwei Fünfundzwanziger. -</p> - -<p> -»Auch das genügt noch nicht: es hat ja keinen einzigen -Skandal gegeben.« -</p> - -<p> -Der Onkel gab ihm noch einen dritten Fünfundzwanziger, -der Schulmeister reichte ihm nun auch seinen -Stock und verabschiedete sich. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-2-5"> -V -</h3> - -<p class="noindent"> -Nun blieben wir beide unter vier Augen zurück und -fuhren im Trab nach Moskau; hinter uns jagte aber mit -Geschrei und Geklapper das ganze unübersehbare Heer -der Droschken. Ich konnte gar nicht begreifen, was sie -von uns wollten, der Onkel aber hatte es gleich erraten. -Es war eigentlich empörend: um von ihm noch mehr -Geld zu erpressen, gaben sie ihm unter dem Vorwande -einer besonderen Ehrung das Geleite und lieferten ihn -auf diese Weise dem allgemeinen Spott aus. -</p> - -<p> -Moskau lag vor unseren Blicken in herrlicher Morgenbeleuchtung, -von leichten Rauchwölkchen aus den -Kaminen und von friedlichem Glockengeläute umschwebt. -</p> - -<p> -Rechts und links vom Schlagbaum zogen sich Warenspeicher -hin. Der Onkel ließ vor dem ersten Speicher -halten, zeigte auf ein Fäßchen, das an der Schwelle stand, -und fragte: -</p> - -<p> -»Ist’s Honig?« -</p> - -<p> -»Honig.« -</p> - -<p> -»Was kostet das Fäßchen?« -</p> - -<p> -»Wir verkaufen nur pfundweise.« -</p> - -<p> -»Rechne aus, was das kostet.« -</p> - -<p> -Ich kann mich nicht mehr genau erinnern, wieviel -<a id="page-23" class="pagenum" title="23"></a> -man dafür verlangte. Ich glaube siebzig oder achtzig -Rubel. -</p> - -<p> -Der Onkel zählte das Geld ab. -</p> - -<p> -Das Droschkenheer hatte uns inzwischen eingeholt. -</p> - -<p> -»Habt ihr mich lieb, ihr städtischen Droschkenkutscher?« -</p> - -<p> -»Gewiß! Wir sind immer bereit, Euer Gnaden zu -dienen.« -</p> - -<p> -»Seid ihr mir ergeben?« -</p> - -<p> -»Mit Leib und Seele.« -</p> - -<p> -»Nehmt die Räder ab!« -</p> - -<p> -Die Kutscher stehen verständnislos da. -</p> - -<p> -»Macht es schnell!« kommandiert der Onkel. -</p> - -<p> -An die zwanzig Kutscher, die flinker als die anderen -sind, holen unter den Sitzen ihre Schraubschlüssel hervor -und beginnen die Räder abzunehmen. -</p> - -<p> -»Gut so,« sagt der Onkel, »und jetzt schmiert die -Räder mit Honig.« -</p> - -<p> -»Väterchen!« -</p> - -<p> -»Schmiert!« -</p> - -<p> -»Das kostbare Gut ... So was nimmt man doch lieber -in den Mund!« -</p> - -<p> -»Schmiert!« -</p> - -<p> -Ohne auf seinem Wunsche noch weiter zu bestehen, -setzte er sich wieder in den Wagen, und wir rasten davon. -Die Droschkenkutscher blieben jedoch sämtlich mit den -abgeschraubten Rädern beim Honig, mit dem sie aber -ihre Räder gar nicht schmierten: sie verteilten ihn wohl -unter sich oder verkauften ihn weiter an den nächsten -Krämer. Jedenfalls waren wir sie los. Wir fuhren ins -Bad. Hier erwartete ich das Jüngste Gericht: ich saß mehr -<a id="page-24" class="pagenum" title="24"></a> -tot als lebendig in der Marmorwanne, während der Onkel -in einer seltsamen apokalyptischen Pose auf dem Boden -lag. Die ganze Masse seines schweren Körpers ruhte nur -auf den Spitzen der Finger und der Zehen. Der rote -Körper bebte auf diesen Stützpunkten unter der kalten -Dusche, und er brüllte dabei dumpf wie ein Bär, der sich -einen Dorn aus der Tatze herausziehen will. Das dauerte -eine halbe Stunde, und er zitterte ununterbrochen, wie -ein Gelee auf schwankendem Tisch. Plötzlich sprang er -auf, ließ sich Kwas geben, wir kleideten uns an und fuhren -auf die Schmiedebrücke zum »Franzosen«. -</p> - -<p> -Wir ließen uns hier die Haare stutzen, kräuseln und -frisieren und begaben uns dann zu Fuß durch die innere -Stadt ins Geschäft. -</p> - -<p> -Der Onkel sprach mit mir noch immer nicht, ließ mich -aber nicht los. Nur einmal wandte er sich an mich: -</p> - -<p> -»Wart, nicht alles auf einmal: wenn du jetzt etwas nicht -verstehst, so wirst du es mit den Jahren verstehen.« -</p> - -<p> -Im Geschäft verrichtete er zunächst das Morgengebet, -vergewisserte sich, ob alles in Ordnung sei und stellte -sich vor das Schreibpult. Das Gefäß war von außen gereinigt, -aber innen noch voller Greuel und lechzte nach -Läuterung. -</p> - -<p> -Ich sah es und hatte keine Angst mehr. Die Sache -interessierte mich; ich wollte sehen, wie er nun mit sich -selbst fertig würde, wie er das Läuterungswerk machte: -ob durch Enthaltsamkeit oder durch irgendeine andere -göttliche Gnade? -</p> - -<p> -Gegen zehn Uhr morgens litt es ihn nicht mehr im -Geschäft. Er wartete immer auf seinen Nachbarn, um mit -ihm ins nächste Wirtshaus zum Teetrinken zu gehen: -<a id="page-25" class="pagenum" title="25"></a> -wenn man den Tee zu dritt trinkt, kommt er um ganze -fünf Kopeken billiger. Der Nachbar kam aber nicht; er -war eines plötzlichen Todes gestorben. -</p> - -<p> -Der Onkel bekreuzigte sich und sagte: -</p> - -<p> -»Wir alle werden sterben.« -</p> - -<p> -Der plötzliche Tod des Nachbarn brachte ihn aber -nicht aus der Fassung, obwohl er mit ihm seit vierzig -Jahren täglich im gleichen Wirtshause Tee getrunken -hatte. -</p> - -<p> -Er ließ den Nachbarn von der anderen Seite bitten, -und wir gingen ins Wirtshaus, aßen und tranken, nahmen -aber keine Spirituosen zu uns. Den ganzen Tag verbrachte -ich mit ihm, teils im Geschäft und teils auf der Straße. -Gegen Abend ließ er den Wagen anspannen, und wir -fuhren zur »Allgepriesenen«. -</p> - -<p> -Man kannte ihn hier gut und empfing ihn mit der -gleichen Ehrfurcht wie beim ‚Jar‘. -</p> - -<p> -»Ich will vor der Allgepriesenen niederfallen und über -meine Sünden weinen. Dieser da ist aber mein Neffe, der -Sohn meiner Schwester.« -</p> - -<p> -»Treten Sie nur ein,« sagten die Klosterfrauen: »Von -wem soll die Allgepriesene ein Bußgebet empfangen, -wenn nicht von Ihnen, dem größten Wohltäter ihres -Klosters? Jetzt ist just die Stunde der Gnade: eben wird -die Abendmesse gelesen.« -</p> - -<p> -»Soll nur die Messe zu Ende gehen; ich will, daß keine -Leute dabei sind und daß man mir in der Kirche eine -gnadenvolle Dämmerung macht.« -</p> - -<p> -Man machte ihm die Dämmerung: man löschte alle -Lampen bis auf eine oder zwei aus und ließ auch die große -grüne Glasampel vor dem Gnadenbilde brennen. -</p> - -<p> -<a id="page-26" class="pagenum" title="26"></a> -Der Onkel fiel nicht, sondern stürzte auf die Knie, berührte -mit der Stirne den Boden, schluchzte auf und erstarrte. -</p> - -<p> -Ich saß mit zwei Klosterfrauen in einer dunklen Ecke -hinter der Türe. Der Onkel lag lange Zeit unbeweglich -und ohne einen Ton von sich zu geben. Ich glaubte sogar, -daß er eingeschlafen sei und teilte diesen Verdacht -einer der Schwestern mit. Die erfahrene Schwester dachte -eine Weile nach, schüttelte den Kopf, zündete ein dünnes -Lichtchen an, umschloß die Flamme mit der hohlen Hand -und schlich sich leise zum Büßenden. Sie ging einmal auf -den Fußspitzen um ihn herum, kehrte erregt zu uns zurück -und flüsterte: -</p> - -<p> -»Es wirkt ... sogar mit Rückschlag!« -</p> - -<p> -»Woran merken Sie das?« -</p> - -<p> -Sie beugte sich vor, bedeutete mir durch ein Zeichen, -dasselbe zu tun und sagte: -</p> - -<p> -»Blicken Sie gerade über die Flamme auf seine -Beine.« -</p> - -<p> -»Ja!« -</p> - -<p> -»Sehen Sie nicht das Ringen?« -</p> - -<p> -Ich blicke genauer hin und sehe wirklich eine Bewegung: -der Onkel liegt voller Andacht im Gebet, aber -ihm zu Füßen regt sich etwas; ich glaube zwei Kater zu -sehen, die miteinander ringen: bald hat der eine die Oberhand, -bald der andere. -</p> - -<p> -»Schwester,« frage ich, »wie kommen denn die Kater -her?« -</p> - -<p> -»Das kommt Ihnen nur so vor, daß es Kater sind. Es -sind aber keine Kater, es ist die Versuchung: Sie sehen -doch, wie seine Seele als reine Flamme in den Himmel -<a id="page-27" class="pagenum" title="27"></a> -strebt und wie seine Beine sich noch in der Hölle bewegen.« -</p> - -<p> -Nun sehe ich, daß der Onkel mit den Füßen den -gestrigen »Trepak« zu Ende tanzt; ob seine Seele aber -auch wirklich als reine Flamme in den Himmel strebt? -</p> - -<p> -Kaum hatte ich mir das gedacht, als er, gleichsam als -Antwort auf meinen Zweifel, tief aufseufzte und aufschrie: -</p> - -<p> -»Ich erhebe mich nicht, ehe Du mir vergeben hast! -Du allein bist heilig, und wir alle sind verdammt!« Und -er fing zu schluchzen an. -</p> - -<p> -Er schluchzte so herzerweichend, daß auch wir drei in -Tränen ausbrachen: »Herr, erfülle sein Flehen!« -</p> - -<p> -Und wir merken gar nicht, wie er schon neben uns -steht und mit frommer Stimme zu mir sagt: -</p> - -<p> -»Komm, wollen wir uns stärken.« -</p> - -<p> -Die Klosterfrauen fragen ihn: -</p> - -<p> -»Hatten Sie auch die Gnade, den Lichtschein zu sehen, -Väterchen?« -</p> - -<p> -»Nein,« antwortete er, »den Lichtschein habe ich nicht -gesehen, aber <em>diese</em> Gnade ward mir zuteil ...« -</p> - -<p> -Und er ballte die Faust zusammen und hob sie langsam, -wie man einen Jungen am Schopf in die Höhe hebt. -</p> - -<p> -»Wurden Sie in die Höhe gehoben?« -</p> - -<p> -»Ja.« -</p> - -<p> -Die Schwester bekreuzigte sich, ich tat dasselbe, der -Onkel aber erklärte: -</p> - -<p> -»Jetzt ist mir alles vergeben! Von oben, aus der Mitte -der Kuppel streckte sich eine offene Hand nach mir aus, -sie faßte mich bei den Haaren und stellte mich auf die -Beine ...« -</p> - -<p> -<a id="page-28" class="pagenum" title="28"></a> -Nun ist er glücklich und nicht mehr verworfen. Er beschenkte -königlich das Kloster, in dem er sich dieses Wunder -erfleht hatte. Er fühlte wieder »Leben« in sich und -schickte meiner Mutter die Mitgift, die sie einst von ihren -Eltern zu bekommen hatte. Mich aber führte er in den -guten alten Volksglauben ein. -</p> - -<p> -Von nun an erfaßte ich den Geschmack des Volkes für -das Fallen und das Sich-Erheben ... Dies nennt man eben -»Teufelsaustreibung«. Ich wiederhole aber, daß man sie -nur in Moskau allein sehen kann, und das auch nur bei -besonderem Glück und besonderer Protektion seitens -der ehrwürdigsten Greise. -</p> - -<h2 class="part" id="part-3"> -<a id="page-29" class="pagenum" title="29"></a> -DAS TIER -</h2> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-3-1"> -<a id="page-31" class="pagenum" title="31"></a> -I -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">M</span>ein Vater war ein seinerzeit sehr bekannter Untersuchungsrichter. -Ihm wurden viele wichtige Fälle -anvertraut, und er war darum meistens auf Reisen. Zu -Hause blieben nur Mutter, ich und die Dienstboten. -</p> - -<p> -Meine Mutter war damals noch sehr jung, und ich ein -kleiner Bengel. -</p> - -<p> -Als sich die Geschichte, von der ich hier erzähle, abspielte, -war ich erst fünf Jahre alt. -</p> - -<p> -Es war zur Winterszeit. Der Winter war in jenem Jahre -so streng, daß die Schafe oft nachts in ihren Ställen erfroren -und Dohlen erstarrt auf die hartgefrorene Erde -niederfielen. Mein Vater befand sich damals in einer -dienstlichen Angelegenheit in Jelez und konnte nicht einmal -zu Weihnachten nach Hause kommen. Meine Mutter -wollte daher selbst zu ihm hinüberfahren, damit er das -schöne und freudige Fest nicht allein verbringe. Der fürchterlichen -Kälte wegen nahm sie mich nicht mit, sondern -ließ mich bei ihrer Schwester und meiner Tante zurück, -die mit einem Gutsbesitzer aus Orjol verheiratet war. -Dieser Onkel hatte nicht den besten Ruf. Er war reich, -alt und grausam. Seine hervorragendsten Charaktereigenschaften -waren Gehässigkeit und Unnachsichtigkeit; -er war darüber durchaus nicht unglücklich, sondern -prahlte gerne mit diesen Eigenschaften, die seiner Ansicht -<a id="page-32" class="pagenum" title="32"></a> -nach den Ausdruck männlicher Kraft und unbeugsamer -Seelenstärke darstellten. -</p> - -<p> -Er war bestrebt, auch seine Kinder zu der gleichen -Manneskraft und Seelenstärke zu erziehen. Einer seiner -Söhne war übrigens mein Altersgenosse. -</p> - -<p> -Alle fürchteten den Onkel; ich aber fürchtete ihn noch -mehr als alle, weil er auch mich zur »Manneskraft« erziehen -wollte. Als ich drei Jahre alt war und unheimliche -Angst vor Gewittern hatte, stellte er mich einmal bei einem -heftigen Gewitter auf den Balkon hinaus und sperrte die -Türe ab, um mir auf diese Weise meine Angst auszutreiben. -</p> - -<p> -Natürlich war ich im Hause eines solchen Onkels sehr -ungern zu Gast. Ich war damals aber, wie gesagt, erst -fünf Jahre alt, und meine Wünsche und Neigungen wurden -bei den Entscheidungen, denen ich mich fügen mußte, -in keiner Weise in Betracht gezogen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-2"> -II -</h3> - -<p class="noindent"> -Auf dem Gute meines Onkels befand sich ein riesiges -steinernes, schloßartiges Gebäude. Es war ein prätentiöser, -doch unschöner und sogar häßlicher zweistöckiger -Bau mit einer runden Kuppel und einem Turm, über den -allerlei scheußliche Geschichten erzählt wurden. Hier -hatte einst der verrückte Vater des jetzigen Gutsbesitzers -gewohnt; später wurde in diesen Räumen eine Apotheke -eingerichtet. Auch das letztere galt aus irgendeinem -Grunde als unheimlich; am unheimlichsten war aber die -sogenannte Äolsharfe, die in einem offenen geschwungenen -Fenster oben auf dem Turme angebracht war. Wenn -der Wind durch die Saiten dieses launischen Instrumentes -<a id="page-33" class="pagenum" title="33"></a> -fuhr, gab es ebenso unerwartete wie seltsame Töne -von sich, die aus einem leisen Girren in unruhige, wilde -Seufzer und in ein wahnsinniges Getöse übergingen, das -sich so anhörte, wie wenn ein ganzer Schwarm von -Angst getriebener Geister durch die Saiten zöge. Alle -Bewohner des Hauses konnten diese Harfe nicht leiden -und glaubten, daß sie dem gestrengen Gutsherrn etwas -sagte, wogegen er sich nicht aufzulehnen wagte, das ihn -aber noch grausamer und unbeugsamer machte ... Eines -stand jedenfalls fest: wenn nachts ein Sturm losbrach und -die Harfe auf dem Turme so laut dröhnte, daß die Töne -über den Park und die Teiche hinweg bis ins Dorf -drangen, tat der Herr die ganze Nacht kein Auge zu -und war am Morgen noch finsterer und strenger als -sonst; dann pflegte er irgendeinen grausamen Befehl zu -erteilen, der die Herzen aller seiner Sklaven erbeben -machte. -</p> - -<p> -In diesem Hause war es Gesetz, daß jedes Vergehen -unnachsichtliche Sühne fand und niemand und unter keinen -Umständen Verzeihung erlangte. Dieses Gesetz galt -ebenso für die Menschen wie für die Tiere und selbst für -die kleinsten Geschöpfe. Der Onkel kannte keine Barmherzigkeit, -liebte sie nicht und hielt sie für Schwäche. -Unnachsichtige Strenge setzte er über alle Nachsicht. -Daher herrschte im Hause und in den zahlreichen Dörfern, -die diesem reichen Gutsbesitzer gehörten, eine -ewige Trauer, die mit den Menschen auch die Tiere -teilten. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-3"> -III -</h3> - -<p class="noindent"> -Mein seliger Onkel war leidenschaftlicher Liebhaber -der Hetzjagd. Er pflegte oft mit seiner Meute auszureiten -<a id="page-34" class="pagenum" title="34"></a> -und Wölfe, Hasen und Füchse zu jagen. In seinem -Zwinger gab es auch eigens für die Bärenjagd bestimmte -Hunde. Diese Hunde nannte man »Blutegel«. Sie bissen -sich in das Tier dermaßen fest, daß man sie nicht wieder -losreißen <a id="corr-3"></a>konnte. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so -ein Blutegel festgebissen hatte, ihn mit einem Schlag seiner -schrecklichen Tatze totschlug oder zerriß, es kam aber -niemals vor, daß der Blutegel lebend vom Tiere abließ. -</p> - -<p> -Heute, wo die Bärenjagd nur noch mit dem Spieß und -als Klapperjagd betrieben wird, scheint die Rasse der -Blutegel in Rußland ausgestorben zu sein; aber in der -Zeit, als sich diese Geschichte zutrug, gehörten sie zum -Bestande eines jeden Zwingers. In unserer Gegend gab -es damals auch sehr viel Bären, und die Bärenjagd zählte -zu den beliebtesten Vergnügungen. -</p> - -<p> -Wenn es gelang, ein ganzes Bärennest auszuheben, -nahm man die Jungen oft lebend nach Hause mit. Sie -wurden gewöhnlich in einem großen gemauerten Stalle -mit kleinen, ganz oben unter dem Dach angebrachten -Fenstern gehalten. In den Fenstern gab es keine Scheiben, -sondern nur feste Eisengitter. Die Bärenjungen kletterten -manchmal übereinander bis zu den Fenstern hinauf -und hielten sich mit ihren kräftigen Krallen an den Gittern -fest. Nur auf diese Weise konnten sie aus dem Kerker -in Gottes freie Welt hinausschauen. -</p> - -<p> -Wenn man uns am Vormittag spazieren führte, gingen -wir gerne an diesem Stalle vorbei, um uns die drolligen -Bären, die durch die Gitter hinausschauten, anzusehen. -Unser deutscher Hauslehrer Kolberg pflegte ihnen mittels -eines langen Stockes Brotstücke zu reichen, die wir -uns zu diesem Zweck beim Frühstück aufsparten. -</p> - -<p> -<a id="page-35" class="pagenum" title="35"></a> -Die Bären pflegte und fütterte ein junger Jäger namens -Ferapont; das einfache Volk konnte diesen Namen -schwer aussprechen und nannte ihn »Chrapon« oder -noch öfter »Chraposchka«. Ich kann mich seiner noch -gut erinnern. Chraposchka war von mittlerem Wuchs, -gelenkig, kräftig und etwa fünfundzwanzig Jahre alt. Er -galt als hübscher Bursche: er hatte ein weißes Gesicht, -rosige Wangen, schwarze Locken und große, schwarze, -etwas hervorquellende Augen. Dazu zeichnete er sich -durch ungewöhnlichen Mut aus. Seine Schwester Annuschka, -die die Gehilfin der Kinderfrau war, erzählte -uns oft höchst unterhaltende Dinge über den ungewöhnlichen -Mut ihres kühnen Bruders und über seine Freundschaft -mit den Bären, in deren Stalle er im Sommer wie -im Winter zu schlafen pflegte, wobei sie sich um ihn -drängten und ihre Köpfe auf ihn wie auf ein Kissen -legten. -</p> - -<p> -Vor dem Hause meines Onkels befand sich ein großes -rundes, von einem Schmuckgitter eingefaßtes Blumenbeet, -dahinter erhob sich das breite Tor; in der Mitte des -Beetes, dem Tore gegenüber, ragte eine hohe, glattgehobelte -Stange, die man den »Mastbaum« nannte. An der -Spitze des Mastbaumes war eine kleine Plattform angebracht. -</p> - -<p> -Unter den gefangenen jungen Bären wurde immer der -»klügste«, das heißt einer, der den zuverlässigsten und -intelligentesten Eindruck machte, gewählt. Dieser Bär -wurde von der übrigen Gesellschaft getrennt und durfte -ganz frei auf dem Hofe und im Parke herumspazieren, -hatte aber die Obliegenheit, am Mastbaume vor dem Tore -Posten zu stehen. Auf diesem Posten verbrachte er den -<a id="page-36" class="pagenum" title="36"></a> -größten Teil des Tages. Er lag oft auf dem Stroh am Fuße -des Mastbaumes und hielt sich mit besonderer Vorliebe -oben auf der Plattform auf, wo er vor der Zudringlichkeit -der Menschen und Hunde sicher war. -</p> - -<p> -Nicht alle Bären hatten ein Anrecht auf dieses schöne -freie Leben, sondern nur die klügsten und gutmütigsten -unter ihnen und selbst diese nicht ihr Leben lang, sondern -nur solange sie nicht ihre tierischen, für das Zusammenleben -mit anderen Geschöpfen ungeeigneten -Eigenschaften zeigten, d. h. solange sie sich ruhig verhielten -und weder Gänse noch Hühner, weder Kälber -noch Menschen anrührten. -</p> - -<p> -Wenn ein Bär auch nur einmal den Burgfrieden störte, -wurde er sofort zum Tode verurteilt, und keine Macht -der Welt konnte ihm Begnadigung erwirken. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-4"> -IV -</h3> - -<p class="noindent"> -Mit der Auswahl dieses »klügsten« Bären wurde Chrapon -betraut. Da er mehr als alle andern mit den Bären -zu tun hatte und als großer Kenner ihres Charakters -galt, wurde natürlich angenommen, daß er besser als jemand -anderer diese Wahl vornehmen könne. Chrapon -hatte auch die volle Verantwortung für die Folgen seiner -Wahl zu tragen. Er wählte gleich das erstemal einen ungewöhnlich -gelehrigen und klugen Bären, der einen sehr -seltsamen Namen erhielt; während fast alle Bären in -Rußland »Mischka« heißen, wurde dieser mit dem -spanischen Namen »Sganarell« ausgezeichnet. Er hatte -bereits fünf Jahre in Freiheit gelebt und noch keinen -einzigen dummen Streich verübt. Wenn man von -einem Bären sagte, daß er »Streiche mache«, so meinte -<a id="page-37" class="pagenum" title="37"></a> -man, daß er seine Tiernatur bereits irgendwie gezeigt -habe. -</p> - -<p> -Einen solchen »Streichemacher« setzte man zunächst -in den »Graben«, der auf der geräumigen Wiese zwischen -der Tenne und dem Walde angelegt war; nach einiger Zeit -ließ man ihn auf die Wiese hinaus, indem man einen Balken -in den Graben steckte, über den er dann selbst herauskletterte, -und hetzte ihn mit jungen »Blutegeln«. Wenn -die jungen Hunde mit dem Bären nicht fertig werden -konnten und die Gefahr bestand, daß er in den Wald -entrinnen könne, traten zwei geschickte Jäger, die im Hinterhalt -aufgestellt waren, mit ihren ausgewählten Meuten -in Aktion und machten dem Bären ein schnelles Ende. -</p> - -<p> -Und wenn auch diese Hunde sich so ungeschickt anstellten, -daß der Bär sich auf die »Insel«, d. h. in den -Wald, der mit den weiten Brjansker Wäldern zusammenhing, -flüchten konnte, so feuerte auf ihn ein eigens bereitgestellter -Schütze aus einer langen schweren Kuchenreuterschen -Gabelmuskete die <a id="corr-4"></a>tödliche Kugel ab. -</p> - -<p> -Es war noch nie vorgekommen, daß ein Bär allen diesen -Gefahren entronnen wäre; das wäre auch zu schrecklich -gewesen, denn die Schuldigen wären wohl kaum mit dem -Leben davongekommen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-5"> -V -</h3> - -<p class="noindent"> -Die kluge und solide Natur Sganarells hatte zur Folge, -daß es eine solche Hetzjagd oder Bärenhinrichtung schon -seit fünf Jahren nicht gegeben hatte. Sganarell war in dieser -Zeit zu einem großen Bären von ungewöhnlicher Kraft, -Schönheit und Gelenkigkeit herangewachsen. Er hatte -eine runde, stumpfe Schnauze und einen recht schlanken -Körperbau, so daß er eher einem <a id="corr-5"></a>riesengroßen Griffon -<a id="page-38" class="pagenum" title="38"></a> -oder Pudel, als einem Bären ähnlich sah. Sein Hinterteil -war etwas schmächtig und von kurzem, glänzenden Fell -bedeckt, aber die Schultern und das Genick waren stark -entwickelt und üppig behaart. Sganarell war so gescheit -wie ein Pudel und konnte einige, bei Bären sehr seltene -Kunststücke: er verstand gut und schnell auf den Hinterbeinen -vorwärts und auch rückwärts zu laufen, eine -Trommel zu schlagen und mit einem langen Stock, der -wie ein Gewehr angemalt war, zu exerzieren; ebenso -gerne und sogar mit größerer Freude schleppte er mit -den Bauern die schwersten Säcke zur Mühle und trug -mit unnachahmlicher drolliger Eleganz einen hohen, -spitzen, mit einer Pfauenfeder oder einem Strohwisch -geschmückten Filzhut auf dem Kopfe. -</p> - -<p> -Aber auch für Sganarell schlug einmal die Schicksalsstunde: -die Tiernatur gewann die Oberhand. Kurz vor -meinem Besuch im Hause des Onkels hatte sich Sganarell -mehrere Verfehlungen zu schulden kommen lassen, von -denen eine schwerer war als die andere. -</p> - -<p> -Das Programm der verbrecherischen Handlungen -Sganarells war dasselbe wie bei allen seinen Vorgängern: -als erste Kraftprobe riß er einer Gans einen Flügel ab; -dann legte er seine Tatze einem Füllen, das seiner Mutter -nachlief, auf den Rücken und brach ihm das Rückgrat; -zuletzt erregten irgendein blinder alter Bettler und dessen -Führer sein Mißfallen; er wälzte sich mit ihnen im Schnee -und zerquetschte ihnen Arme und Beine. -</p> - -<p> -Der Blinde und sein Führer kamen ins Krankenhaus, -Chrapon aber erhielt den Befehl, Sganarell in den -Graben zu bringen, aus dem es nur einen Weg — in -den Tod — gab. -</p> - -<p> -<a id="page-39" class="pagenum" title="39"></a> -Als Annuschka mich und meinen kleinen Vetter abends -zu Bett legte, erzählte sie uns, daß es bei der Überführung -Sganarells in den Graben, wo er auf die Todesstrafe zu -warten hatte, allerlei Rührendes gegeben habe. Chrapon -habe ihm nicht den üblichen Ring durch die Nase gezogen -und überhaupt nicht die geringste Gewalt angewandt, -sondern nur gesagt: -</p> - -<p> -»Tier, komm mit!« -</p> - -<p> -Der Bär erhob sich und ging sofort mit; besonders -komisch wirkte es, daß er seinen Hut mit dem Strohwisch -aufsetzte, Chrapon wie einen Freund umarmte und mit -ihm so bis zum Graben ging. -</p> - -<p> -Sie waren ja auch wirkliche Freunde. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-6"> -VI -</h3> - -<p class="noindent"> -Chrapon hatte mit Sganarell natürlich das größte Mitleid, -konnte ihm aber gar nicht helfen. In dem Hause, wo -sich dies abspielte, wurde, wie schon gesagt, kein einziges -Vergehen verziehen, und Sganarell, der sich dermaßen -kompromittiert hatte, mußte seine Streiche mit -dem grausamen Tode büßen. -</p> - -<p> -Die Hetzjagd sollte als eine Nachmittagszerstreuung -für die Gäste, die sich bei meinem Onkel zu Weihnachten -versammelten, stattfinden. Die Anordnungen zu dieser -Jagd wurden zur gleichen Zeit gegeben, als Chrapon den -Befehl bekam, den schuldigen Sganarell in den Graben -zu bringen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-7"> -VII -</h3> - -<p class="noindent"> -Man pflegte die Bären auf eine höchst einfache Weise -in den Graben zu setzen. Man legte quer über die Öffnung -einige leichte schwache Stangen, überdeckte diese mit -<a id="page-40" class="pagenum" title="40"></a> -Reisig und schüttete darüber Schnee. Das Loch wurde so -geschickt maskiert, daß der Bär die Falle gar nicht merken -konnte. Man brachte das folgsame Tier bis zu dieser -Stelle und ließ es weiter gehen. Es machte einen oder -zwei Schritte und stürzte plötzlich in den tiefen Graben, -aus dem es nicht mehr herauskommen konnte. Der Bär -saß hier bis zu der für die Hetzjagd angesetzten Stunde. -Dann legte man schräg in den Graben einen etwa -sieben Ellen langen Balken, und der Bär kletterte heraus, -worauf sofort die Hetzjagd begann. Wenn aber das kluge -Tier Unheil witterte und nicht herauskommen wollte, -zwang man es, den Graben zu verlassen, indem man -mit langen, mit eisernen Spitzen versehenen Stangen -nach ihm stach, brennendes Stroh in den Graben warf, -oder blinde Schüsse aus Gewehren und Pistolen abfeuerte. -</p> - -<p> -Nachdem Chrapon den Bären auf die beschriebene -Weise in den Graben gebracht hatte, kehrte er tief betrübt -nach Hause zurück. Unbedachterweise erzählte er -seiner Schwester und unserer Wärterin, wie willig ihm -das Tier gefolgt war, wie es, nachdem es durch den Reisig -in den Graben gestürzt war, sich auf den Boden hingesetzt, -die Vordertatzen wie Hände zusammengelegt -und zu weinen angefangen hatte. -</p> - -<p> -Chrapon sagte seiner Schwester, daß er vom Graben -so schnell er konnte weggelaufen sei, um das jämmerliche -Stöhnen Sganarells nicht zu hören, das ihm ins Herz -geschnitten habe. -</p> - -<p> -»Ich danke nur Gott,« fügte er hinzu, »daß es jemand -anderem und nicht mir befohlen wird, auf ihn zu schießen, -wenn er Reißaus nimmt. Wenn diese Pflicht mir zufiele, -<a id="page-41" class="pagenum" title="41"></a> -würde ich alle Strafen über mich ergehen lassen, aber um -nichts in der Welt auf das Tier schießen.« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-8"> -VIII -</h3> - -<p class="noindent"> -Annuschka teilte uns das alles mit, und wir gaben es -unserem Hauslehrer Kolberg weiter. Kolberg aber erzählte -es dem Onkel, um ihn zu amüsieren. Als der Onkel es -hörte, sagte er: »Der Chraposchka ist gut!« und klatschte -dreimal in die Hände. -</p> - -<p> -Das war das Signal für den alten <a id="corr-6"></a>französischen Kammerdiener -Ustin Petrowitsch, einen ehemaligen Kriegsgefangenen -vom Jahre 1812. -</p> - -<p> -Ustin Petrowitsch, oder eigentlich Justin, erschien in -seinem saubergebürsteten lila Frack mit silbernen Knöpfen, -und mein Onkel gab ihm den Befehl, daß man bei -der bevorstehenden Bären<a id="corr-7"></a>jagd als Reserveschützen einen -gewissen Flegont, der niemals sein Ziel verfehlte, und -Chrapon aufstellen solle. -</p> - -<p> -Der Onkel erwartete sich offenbar vom Kampfe der -widerstrebenden Gefühle in der Seele des armen Burschen -eine große Belustigung. Wenn es ihm einfiele, auf den -Bären entweder überhaupt nicht zu schießen oder ihn -absichtlich nicht zu treffen, so würde es ihm teuer zu -stehen kommen; Flegont würde aber das Tier mit dem -zweiten Schuß sicher erlegen. -</p> - -<p> -Ustin verbeugte sich und ging hinaus, um den Befehl -weiterzugeben. Wir Kinder sahen aber erst jetzt ein, was -wir angestellt hatten, und fühlten, daß etwas Schreckliches -im Anzuge sei. Gott weiß, wie das enden sollte. -Unter diesen Umständen hatten wir weder an dem -schmackhaften Weihnachtsessen, das der Sitte gemäß spät -<a id="page-42" class="pagenum" title="42"></a> -abends eingenommen wurde, noch an den vielen Gästen, -die zum Teil mit ihren Kindern gekommen waren, rechte -Freude. -</p> - -<p> -Sganarell und Ferapont taten uns leid, und wir wußten -nicht, mit wem von beiden wir mehr Mitleid hatten. -</p> - -<p> -Wir beide, d. h. ich und mein kleiner Vetter, wälzten -uns lange in unseren Bettchen. Wir schliefen spät ein, -träumten von dem Bären und fuhren einigemal schreiend -aus dem Schlafe. Und als die Kinderfrau sagte, daß wir -vor dem Bären keine Angst zu haben brauchten, weil -er im Graben sitze und morgen erschossen werden solle, -wurde meine Unruhe noch größer. -</p> - -<p> -Ich erkundigte mich sogar bei der Alten, ob es erlaubt -sei, für Sganarell zu beten. Diese Frage lag aber außerhalb -ihrer religiösen Kompetenz, und sie antwortete, -in einem fort gähnend und sich den Mund bekreuzigend, -daß sie es nicht sicher wisse, weil sie sich danach noch -niemals beim Geistlichen erkundigt habe; der Bär sei -aber sicher ein Geschöpf Gottes und habe sich auch in -der Arche Noahs befunden. -</p> - -<p> -Die Erwähnung der Arche Noahs brachte mich auf den -Gedanken, daß die grenzenlose Barmherzigkeit Gottes -sich nicht nur auf die Menschen, sondern auch auf alle -andern Geschöpfe erstrecke. Ich kniete in kindlicher -Andacht in meinem Bettchen nieder, drückte mein -Gesicht in das Kissen und flehte Gottes Majestät an, mir -meine Bitte nicht als Sünde anzurechnen und Sganarell -zu retten. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-9"> -IX -</h3> - -<p class="noindent"> -Der erste Weihnachtstag brach an. Wir kamen in -unseren Festtagskleidern in Begleitung unserer Hauslehrer -<a id="page-43" class="pagenum" title="43"></a> -und Erzieherinnen zum Frühstückstisch. Außer -den zahlreichen Verwandten und Gästen befanden sich -im Saal auch der Geistliche, der Diakon und zwei -Küster. -</p> - -<p> -Als der Onkel in den Saal trat, stimmte die Geistlichkeit -einen Weihnachtschoral an. Dann nahm man den -Tee und gleich darauf ein leichtes Frühstück ein. Zu -Mittag wurde früher als sonst, nämlich um zwei Uhr, -gegessen. Gleich nach dem Essen sollte die Bärenjagd -beginnen: man durfte sie nicht auf eine spätere Stunde -hinausschieben, weil es um diese Jahreszeit früh Abend -wurde und der Bär im Dunkeln leicht Reißaus nehmen -konnte. -</p> - -<p> -Alles spielte sich genau nach dem festgesetzten Programm -ab. Gleich nach dem Essen zog man uns Hasenfellpelze -und zottige, aus Ziegenwolle gestrickte Stiefel -an und setzte uns in die Schlitten, um zur Jagd zu fahren. -Rechts und links vom Hause standen schon viele lange, -mit je drei Pferden bespannte und mit Teppichen belegte -Schlitten bereit. Zwei Reitknechte hielten die englische -Fuchsstute »Modedame« an den Zügeln fest. -</p> - -<p> -Der Onkel trat in einem kurzen Fuchspelz und einer -spitzen Fuchsfellmütze aus dem Hause, und sobald er in -den mit einem schwarzen Bärenfell bedeckten und mit -Türkisen und Schlangenköpfen geschmückten Sattel stieg, -setzte sich unser ganzer langer Zug in Bewegung. In zehn -oder fünfzehn Minuten waren wir schon am Ziel. Alle -Schlitten stellten sich im Halbkreise auf dem glatten -schneebedeckten Felde auf, das von einer Kette berittener -Jäger umstellt und in einiger Entfernung vom Walde -abgeschlossen war. -</p> - -<p> -<a id="page-44" class="pagenum" title="44"></a> -Dicht am Walde war im Gesträuch das Versteck für -die Schützen eingerichtet, unter denen sich auch Flegont -und Chraposchka befinden mußten. -</p> - -<p> -Die Schützen selbst waren nicht zu sehen; einige -zeigten auf die kaum sichtbaren Büchsenstützen, von -denen auf Sganarell gezielt werden sollte. -</p> - -<p> -Der Graben, in dem der Bär saß, war unsichtbar, und wir -lenkten daher unsere Aufmerksamkeit auf die schmucken -Reiter, die mit den schönsten Waffen ausgerüstet waren; es -waren die Erzeugnisse der berühmtesten Büchsenmacher: -des Schweden Strabus, des Deutschen Morgenrath, des -Engländers Mortimer und des Warschauers Kolett. -</p> - -<p> -Mein Onkel stellte sich mit seinem Pferde vor der -Kette auf. Man gab ihm die Leine zweier zusammengekoppelter -junger »Blutegel« in die Hand und legte -auf den Sattel vor ihn ein weißes Tuch. -</p> - -<p> -Die vielen jungen Hunde, die ihre Künste an dem zu -Tode verurteilten Sganarell üben sollten, benahmen sich -höchst selbstbewußt und zeigten brennende Ungeduld -und Mangel an Selbstbeherrschung. Sie winselten, bellten -und sprangen um die Pferde herum; die uniformierten -Piqueure knallten in einem fort mit ihren Peitschen, um -die außer Rand und Band geratenen Hunde zur Vernunft -zu bringen. Alles brannte vor Ungeduld, sich über das -Tier zu stürzen, dessen Nähe die Hunde mit ihren feinen -Nasen sofort witterten. -</p> - -<p> -Nun kam der Zeitpunkt, wo Sganarell aus dem Graben -heraus gelassen und den Hunden preisgegeben werden -sollte. -</p> - -<p> -Mein Onkel winkte mit dem weißen Tuche, das vor -ihm auf dem Sattel lag, und sagte: »Los!« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-10"> -<a id="page-45" class="pagenum" title="45"></a> -X -</h3> - -<p class="noindent"> -Von der Schar der Jäger, die den Stab des Onkels -bildeten, trennten sich an die zehn Mann und gingen -quer über das Feld. -</p> - -<p> -Als sie etwa zweihundert Schritte weit gegangen -waren, blieben sie stehen und hoben vom Schnee einen -langen, nicht sehr dicken Balken auf, der uns bis dahin -unsichtbar gewesen war. -</p> - -<p> -Das spielte sich unmittelbar an dem von unserem -Standpunkt aus gleichfalls nicht sichtbaren Graben ab, -in dem Sganarell saß. -</p> - -<p> -Der Balken wurde in die Höhe gehoben und mit dem -einen Ende in den Graben versenkt. Er lag etwas schräg, -so daß das Tier ohne besondere Mühe wie über eine -Treppe herauskommen konnte. -</p> - -<p> -Das andere Ende des Balkens ruhte auf dem Rande -des Grabens und ragte etwa eine Elle weit heraus. -</p> - -<p> -Alle Augen verfolgten mit Spannung diese Vorbereitungen, -die uns dem interessantesten Augenblick näher -brachten. Man erwartete, daß Sganarell sofort zum Vorschein -kommen würde; er witterte aber wohl Unheil -und blieb im Graben. -</p> - -<p> -Nun begann man ihn mit Schnee<a id="corr-8"></a>bällen zu bewerfen -und mit langen Stangen in dem Graben herumzutreiben; -man hörte sein Gebrüll, er ließ sich aber noch immer -nicht blicken. Man gab einige blinde Schüsse in den -Graben ab; Sganarell brüllte noch wütender, kam aber -noch immer nicht heraus. -</p> - -<p> -Nun kam hinter der Schützenkette ein einfacher, mit -nur einem Pferde bespannter Schlitten, wie man ihn zum -Mistfahren gebraucht, zum Vorschein und raste in der -<a id="page-46" class="pagenum" title="46"></a> -Richtung zum Graben. Auf dem Schlitten lag ein großer -Haufen Stroh. -</p> - -<p> -Das Pferd war groß und mager, eines von den Pferden, -die sonst Futter von der Tenne fahren; trotz seines -Alters und seiner Magerkeit galoppierte es mit erhobenem -Schweif und gesträubter Mähne. Es war nicht recht klar, -ob dieser Feuereifer nur ein Überbleibsel seiner Jugendkraft -oder eine Folge der Angst und Verzweiflung war, -die dem alten Pferde die Nähe des Bären einflößte. Das -letztere war wohl wahrscheinlicher; das Pferd war außer -der Kandare noch mit einer festen Schnur aufgezäumt, -die in seine vor Alter grauen Lippen einschnitt und sie -bereits blutig gerieben hatte. Der Stallknecht, der es -lenkte, riß erbarmungslos an der Schnur und bearbeitete -gleichzeitig den Rücken des Pferdes mit einer dicken -Peitsche; das Pferd rannte wie wild und warf sich nach -allen Seiten. -</p> - -<p> -Das Stroh wurde in drei Haufen geteilt, angezündet -und im gleichen Augenblick von drei verschiedenen -Seiten in den Graben geworfen. Vom Feuer unberührt -blieb nur die eine Stelle am Rande, wo der Balken -herausragte. -</p> - -<p> -Nun ertönte ein betäubendes, rasendes, mit Stöhnen -untermengtes Brüllen, der Bär kam aber noch immer -nicht heraus. -</p> - -<p> -Man erzählte sich, daß Sganarells Fell schon versengt -sei; er hätte sich die Tatzen auf die Augen gedrückt und -liege so fest in einer Ecke des Grabens, daß man ihn -unmöglich heraustreiben könne. -</p> - -<p> -Das Pferd mit den blutiggeriebenen Lippen lief im -gleichen Galopp wieder zurück .... Alle glaubten, daß -<a id="page-47" class="pagenum" title="47"></a> -es eine neue Portion Stroh holen sollte. Unter den Zuschauern -wurden Vorwürfe laut: warum hat man nicht -schon im Voraus eine genügende Menge Stroh vorbereitet? -Mein Onkel wütete und schrie etwas, was ich im -allgemeinen Lärm, Hundegewinsel und Peitschengeknall -nicht verstehen konnte. -</p> - -<p> -Das Ganze hatte aber eine gewisse Stimmung und eine -eigene Harmonie. Das alte Pferd galoppierte, sich wieder -nach allen Seiten werfend und keuchend, zum Graben, -in dem Sganarell lag. Diesmal war es aber kein Stroh: -auf dem Schlitten saß Ferapont. -</p> - -<p> -Der Befehl, den mein Onkel in seiner Wut gegeben -hatte, lautete, daß Chraposchka in den Graben steigen -und seinen Freund <em>selbst</em> herausführen solle ... -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-11"> -XI -</h3> - -<p class="noindent"> -Ferapont stand nun vor dem Graben. Er schien aufs -Höchste erregt, handelte aber entschlossen und energisch. -Ohne gegen den Befehl zu mucksen, nahm er vom Schlitten -den Strick, mit dem vorhin das Stroh zusammengebunden -war, und band ihn an das herausragende Ende des -Balkens, wo sich eine Einkerbung befand, fest. Das -andere Ende des Strickes nahm er in die Hand und begann -langsam in den Graben zu steigen. -</p> - -<p> -Das schreckliche Gebrüll Sganarells hörte sofort auf, -und man hörte nur noch ein dumpfes Brummen. -</p> - -<p> -Es klang, wie wenn sich das Tier bei seinem Freunde -über die grausame Behandlung beklagte; nun verstummte -aber auch dieses Brummen, und es wurde ganz still. -</p> - -<p> -»Er umarmt und leckt Chraposchka!« meldete einer -der Männer, die am Grabenrande standen. -</p> - -<p> -<a id="page-48" class="pagenum" title="48"></a> -Unter den Leuten, die in den Schlitten saßen, holten -die einen tief Atem, und die andern verzogen das Gesicht. -</p> - -<p> -Viele hatten offenbar mit dem Bären Mitleid und erwarteten -von der Hetzjagd kein Vergnügen mehr. Alle -diese flüchtigen Eindrücke wurden plötzlich von einem -Ereignis unterbrochen, das noch unerwarteter, als alles -Vorhergehende und <a id="corr-9"></a>ungewöhnlich rührend war. -</p> - -<p> -Aus der Öffnung des Grabens tauchte wie aus der -Unterwelt Chraposchkas lockiger Kopf in der runden -Jägermütze auf. Er stieg auf die gleiche Weise heraus, -wie er hinuntergestiegen war; er schritt über den Balken, -sich an dem einen Ende des gespannten Strickes festhaltend, -Ferapont kam aber <em>nicht allein</em>: an seiner Seite -war Sganarell, der ihm seine große zottige Tatze auf die -Schulter gelegt hatte. Der Bär war übler Laune und sah -recht jämmerlich aus. Matt und abgemagert, wohl weniger -durch die körperlichen Leiden, als durch die moralische -Erschütterung erschöpft, erinnerte er auffallend an König -Lear. Seine blutunterlaufenen Augen brannten vor Zorn -und Empörung. Er war ebenso wie König Lear zerzaust, -voller Strohhalme und stellenweise versengt. Seltsamerweise -hatte sich Sganarell, ebenso wie jener unglückliche -König, eine Art Krone bewahrt. Vielleicht Ferapont zu -Gefallen, vielleicht auch rein zufällig trug er unter der -Tatze den Hut, den ihm Chraposchka einst geschenkt -und den er in den Graben mitgenommen hatte. Der Bär -hatte dieses Freundesgeschenk aufbewahrt; als sein Herz -nun in der Umarmung des Freundes eine plötzliche Erleichterung -fühlte, holte er, sobald er oben war, den arg -zerknitterten Hut aus der Achselhöhle hervor und setzte -ihn sich auf. -</p> - -<p> -<a id="page-49" class="pagenum" title="49"></a> -Viele lachten über den Anblick, vielen erschien er aber -auch schmerzlich. Manche wandten sich sogar weg, um -das unvermeidliche grausame Ende des Tieres nicht mit -ansehen zu müssen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-12"> -XII -</h3> - -<p class="noindent"> -Die Aufregung der Hunde erreichte nun ihren Höhepunkt, -und sie waren nicht mehr zu halten. Selbst die -Peitschen machten auf sie keinen Eindruck mehr. Die -jungen und die alten Blutegel stellten sich, als sie Sganarell -erblickten, auf die Hinterbeine, heulten, keuchten und -erstickten beinahe in ihren Halsbändern. Chraposchka -fuhr aber schon im gleichen Wagen auf seinen Posten am -Waldrande zurück. Sganarell, der allein geblieben war, -fuchtelte ungeduldig mit der Tatze, um die sich zufällig -der von Chraposchka vergessene, an das Ende des Balkens -befestigte Strick geschlungen hatte. Das Tier wollte sich -offenbar aus der Schlinge befreien oder den Strick zerreißen, -um seinem Freund nachzulaufen; er war aber -trotz seiner Klugheit doch so ungeschickt wie jeder -andere Bär: statt die Schlinge zu lösen, zog er sie nur -noch fester an. -</p> - -<p> -Als er sah, daß er die Schlinge nicht lösen konnte, begann -er am Strick zu zupfen, um ihn zu zerreißen; der -Strick war aber viel zu fest und riß nicht, der Balken -jedoch sprang in die Höhe und ragte plötzlich senkrecht -aus dem Graben. Während sich Sganarell umsah, stürzten -zwei Blutegel, die man in diesem Augenblick losgekoppelt -hatte, über ihn her und bissen sich mit ihren scharfen Zähnen -in sein Genick fest. -</p> - -<p> -Sganarell war so sehr mit dem Strick beschäftigt, daß -er im ersten Augenblick über diese Überrumpelung -<a id="page-50" class="pagenum" title="50"></a> -weniger erbost als erstaunt war; aber schon nach einer -halben Sekunde, als einer der Blutegel ihn losließ, um -die Zähne noch tiefer in ihn zu bohren, holte er mit -der Tatze aus und schleuderte den Hund mit zerrissenem -Bauch weit von sich weg. Während die Gedärme des -Hundes auf den blutbefleckten Schnee fielen, zertrat er -den andern Hund mit einer Hintertatze ... Weit schrecklicher -und unerwarteter war aber das, was mit dem -Balken geschah. Als Sganarell zum Schlage ausholte, -um den Blutegel von sich zu schleudern, zog er mit der -gleichen Bewegung den Balken, an dem das andere Ende -des Strickes befestigt war, aus dem Graben heraus, und -der Balken sauste, eine flache Bahn beschreibend, durch -die Luft. Er flog nun um Sganarell im Kreise herum und -erschlug schon in der ersten Runde nicht etwa zwei -oder drei, sondern eine ganze Menge von Hunden. -Die einen von ihnen winselten noch im Todeskampfe, -die andern aber lagen gleich leblos da. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-13"> -XIII -</h3> - -<p class="noindent"> -Der Bär war wohl zu klug, um nicht einzusehen, was -für eine nützliche Waffe der Balken für ihn war; oder war -es nur der Schmerz in der vom Strick umschlungenen -Tatze? — jedenfalls brüllte er auf und zog den Strick noch -fester an, so daß der Balken in der gleichen horizontalen -Ebene mit seiner Tatze zu liegen kam und wie ein riesenhafter -Kreisel zu surren begann. Er mußte alles, was ihm -in den Weg trat, niederschlagen und zermalmen. Wenn -aber der gespannte Strick an einer Stelle nicht genügend -stark wäre und zerrisse, so würde der Balken durch die -Zentrifugalkraft weit hinaus geschleudert werden. Gott -<a id="page-51" class="pagenum" title="51"></a> -allein weiß, wie weit er fliegen und was er alles unterwegs -zermalmen würde. -</p> - -<p> -Wir alle — Menschen, Pferde und Hunde, die im Kreise -herumstanden, schwebten in größter Gefahr, und ein -jeder wünschte schon aus Selbsterhaltungstrieb, daß der -Strick, an dem Sganarell seine Riesenschleuder schwang, -nicht reiße. Womit sollte aber das alles enden? Niemand, -außer einigen Jägern und den beiden Schützen, die im -Hinterhalte am Waldesrande saßen, hatte Lust, das Ende -abzuwarten. Das ganze übrige Publikum aber, die Gäste -und die Verwandten des Onkels, die dieser Veranstaltung -als Zuschauer beiwohnten, fanden an der Sache gar kein -Vergnügen mehr. Alle gaben ihren Kutschern den Befehl, -möglichst schnell die gefährliche Stelle zu verlassen, und -die Schlitten sausten, einander überrennend und überholend, -dem Hause zu. -</p> - -<p> -Bei dieser lächerlichen und unordentlichen Flucht gab -es einige Zusammenstöße und Stürze, einiges zum Lachen -und sehr viel Schrecken. Die aus den Schlitten Herausgefallenen -glaubten, daß der Balken sich schon vom Strick -losgerissen habe und über ihre Köpfe surre, während das -wütende Tier ihnen nachsetze. -</p> - -<p> -Die Gäste, die das Haus erreichten, konnten sich bald -beruhigen; diejenigen aber, die zurückblieben, sahen -etwas noch weit Schrecklicheres. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-14"> -XIV -</h3> - -<p class="noindent"> -Gegen Sganarell konnte man nun keine Blutegel mehr -loslassen, denn es war klar, daß er mit seinem Balken -mühelos eine Menge von Hunden erschlagen würde. Der -Bär bewegte sich aber, den Balken immer noch um sich -<a id="page-52" class="pagenum" title="52"></a> -schwingend, in der Richtung zum Walde, wo Ferapont -und der berühmte Schütze Flegont im Hinterhalte saßen -und wo ihn der Tod erwartete. -</p> - -<p> -Eine wohlgezielte Kugel konnte der Sache ein schnelles -Ende machen. -</p> - -<p> -Das Schicksal war aber dem Bären ungemein günstig: -nachdem es sich schon einmal in diese Sache hineingemischt -hatte, wollte es ihn offenbar um jeden Preis -retten. -</p> - -<p> -Im gleichen Augenblick, als Sganarell die Stelle erreichte, -wo auf ihn hinter Schneewällen die Kuchenreuterschen -Musketen Chraposchkas und Flegonts gerichtet -waren, riß der Strick. Der Balken flog wie ein Pfeil aus -einem Bogen auf die eine Seite, während der Bär das -Gleichgewicht verlor und hinpurzelte. -</p> - -<p> -Denen, die auf dem Felde zurückgeblieben waren, bot -sich nun ein neues schreckliches Bild: der Balken fegte -die Gewehrstützen und den Schneewall, hinter dem Flegont -im Hinterhalte saß, einfach weg und blieb mit dem -einen Ende in einem der Schneehaufen stecken. Sganarell -verlor aber keine Zeit; er überschlug sich drei oder viermal -und ging direkt auf das Versteck Chraposchkas zu ... -</p> - -<p> -Sganarell erkannte augenblicklich seinen Freund, -hauchte ihn aus seinem heißen Rachen an und wollte ihn -schon ins Gesicht lecken, als plötzlich von der anderen -Seite her ein von Flegont abgegebener Schuß knallte. Der -Bär entkam in den Wald, und Chraposchka fiel ohnmächtig -um. -</p> - -<p> -Man hob ihn auf und untersuchte ihn: die Kugel hatte -seinen Arm durchbohrt, in der Wunde steckte aber auch -ein Büschel Bärenhaare. -</p> - -<p> -<a id="page-53" class="pagenum" title="53"></a> -Flegont büßte den Ruf des besten Schützen nicht ein: -er hatte ja in großer Hast aus der schweren Büchse ohne -Stütze geschossen, es war auch nicht mehr hell genug gewesen, -und der Bär und Chraposchka waren allzueng -beieinander gestanden. -</p> - -<p> -Unter diesen Umständen mußte auch dieser Schuß, der -das Ziel nur um ein Haarbreit verfehlt hatte, als ein Meisterschuß -angesehen werden. -</p> - -<p> -So oder anders, — Sganarell war jedenfalls entkommen! -Ihn noch am gleichen Abend im Walde zu verfolgen, war -ganz unmöglich, am nächsten Morgen aber war der Geist -dessen, der hier allein zu befehlen hatte, von einer ganz -neuen Stimmung erleuchtet. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-15"> -XV -</h3> - -<p class="noindent"> -Als der Onkel nach den geschilderten Mißerfolgen -nach Hause zurückkehrte, war er zorniger und härter als -je. Noch ehe er aus dem Sattel sprang, gab er den Befehl, -morgen in aller Frühe die Spuren des Bären im Walde -zu suchen und ihn so zu umstellen, daß er nicht mehr -entrinnen könnte. -</p> - -<p> -Eine richtig durchgeführte Jagd hätte natürlich zu -einem ganz anderen Resultate führen müssen. -</p> - -<p> -Alle erwarteten nun, was der Onkel wegen des verwundeten -Chraposchka befehlen würde. Alle glaubten, daß -ihn etwas Schreckliches erwartete. Er hatte sich zumindest -<em>die</em> Nachlässigkeit zu schulden kommen lassen, daß er -dem Bären in dem Augenblick, als ihn dieser in seinen -Tatzen gehalten, nicht sein Jagdmesser in die Brust gestoßen -hatte. Es bestand außerdem noch der schwere -und wohl auch begründete Verdacht, daß Chraposchka -<a id="page-54" class="pagenum" title="54"></a> -die Hand gegen seinen zottigen Freund nicht hatte -erheben wollen und ihn absichtlich laufen gelassen -hatte. -</p> - -<p> -Die allen bekannte Freundschaft zwischen Chraposchka -und <a id="corr-10"></a>Sganarell machte diese letztere Hypothese -sehr wahrscheinlich. -</p> - -<p> -So dachten nicht nur die Jagdteilnehmer, sondern auch -alle übrigen Gäste. -</p> - -<p> -Wir lauschten den Gesprächen der Erwachsenen, die -sich abends im großen Saal um den für uns angezündeten -Weihnachtsbaum versammelt hatten, und teilten den allgemeinen -Verdacht bezüglich Chraposchkas wie auch -die Angst um sein Los. -</p> - -<p> -Aus dem Vorzimmer, durch das der Onkel vom Flur -in seine Gemächer gegangen war, drang in den Saal das -Gerücht, daß er Chraposchkas Namen überhaupt noch -nicht erwähnt hatte. -</p> - -<p> -»Ist das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen?« flüsterte -jemand, und dieses Flüstern weckte bei der allgemeinen -gedrückten Stimmung einen Widerhall in jedem -Herzen. -</p> - -<p> -Es erreichte auch den alten, mit dem Bronzekreuz für -das Jahr 1812 ausgezeichneten Dorfgeistlichen P. Alexej. -Dieser seufzte auf und sagte leise: -</p> - -<p> -»Betet zum Heiland, der uns heute geboren wurde!« -</p> - -<p> -Mit diesen Worten bekreuzigte er sich, und alle Anwesenden, -die Erwachsenen wie die Kinder, die Herrschaften -wie die Leibeigenen, taten dasselbe. Es war -auch just die höchste Zeit. Kaum hatten wir unsere -Hände, mit denen wir das Zeichen des Kreuzes gemacht -hatten, sinken lassen, als die Türe weit aufging und der -<a id="page-55" class="pagenum" title="55"></a> -Onkel mit einem Stöckchen in der Hand in den Saal trat. -Ihn begleiteten seine beiden Lieblingswindspiele und -der Kammerdiener Justin. Der letztere trug auf einem -silbernen Teller das weiße Foulardtuch und die mit dem -Bildnisse Pauls I. geschmückte Schnupftabaksdose seines -Herrn. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-3-16"> -XVI -</h3> - -<p class="noindent"> -Der Lehnstuhl für den Onkel war auf einem kleinen -Perserteppich in der Mitte des Zimmers vor dem Weihnachtsbaum -aufgestellt. Er setzte sich schweigend in den -Sessel und nahm aus Justins Händen das Tuch und die -Schnupftabaksdose. Die beiden Windspiele legten sich -sofort zu seinen Füßen nieder und streckten ihre langen -Schnauzen vor sich aus. -</p> - -<p> -Der Onkel trug einen blauseidenen, reichgestickten, -mit silbernen Filigranschnallen und großen Türkisen verzierten -Hausrock. In der Hand hatte er einen dünnen, -doch kräftigen Stock aus kaukasischer Weichsel. -</p> - -<p> -Diesen Stock brauchte er diesmal als Stütze: von der -allgemeinen Panik, mit der die Bärenjagd geendet hatte, -war selbst die vorzüglich zugerittene »Modedame« angesteckt -worden; sie hatte sich in wilder Angst auf die -Seite geworfen und das Bein ihres Herrn fest gegen einen -Baum geklemmt. -</p> - -<p> -Der Onkel fühlte heftigen Schmerz im Bein und hinkte -sogar ein wenig. Dieser neue Umstand war selbstverständlich -nicht dazu angetan, um sein ohnehin aufgebrachtes -und erbostes Herz milder zu stimmen. Auch -machte es einen schlechten Eindruck, daß wir alle beim -Erscheinen des Onkels plötzlich verstummt waren. Wie -<a id="page-56" class="pagenum" title="56"></a> -alle argwöhnischen Menschen, konnte er so etwas nicht -leiden, und P. Alexej beeilte sich, das Wort zu ergreifen, -um die unheimliche Stille zu brechen. -</p> - -<p> -Der Geistliche wandte sich an uns Kinder, die um ihn -standen, mit der Frage, ob wir den Sinn des Chorals -»Christ wird geboren« auch verstünden? Es stellte sich -heraus, daß dieser Sinn nicht nur uns Kindern, sondern -auch den Erwachsenen nicht recht klar war. Der Geistliche -begann uns den Sinn der Worte »Preiset«, »Lobsinget« -und »Erhebet euch« zu erklären; als er bei diesem -letzten Worte angelangt war, »erhob er sich« selbst mit -Herz und Geist. Er sprach von den »Gaben«, die heute -ebenso wie damals auch der Ärmste vor die Krippe des -göttlichen Knäbleins bringen könne und die würdiger -und wertvoller seien, als das Gold, der Weihrauch und -die Myrrhen der heiligen drei Könige. Die schönste -Gabe sei ein durch seine Lehre bekehrtes Herz. Der Alte -sprach von Liebe, Verzeihung und von der Pflicht eines -jeden, Freund und Feind »im Namen Christi« zu trösten -... Seine Worte waren wohl ungemein eindringlich -... Wir alle verstanden, was er damit bezweckte -und hörten ihm mit einem eigentümlichen Gefühl zu: -wir beteten gleichsam, daß seine Worte ihren Zweck erreichten, -und manchem von uns waren Tränen in die -Augen getreten ... -</p> - -<p> -Plötzlich fiel etwas hin ... Es war Onkels Stock ... -Man hob ihn auf, er rührte ihn aber nicht an: er saß tief -gebückt, seine Hand hing über die Sessellehne herab, -und seine Finger hielten einen der großen Türkise ... -Er ließ den Stein fallen, doch niemand beeilte sich, ihn -aufzuheben ... -</p> - -<p> -<a id="page-57" class="pagenum" title="57"></a> -Alle Blicke waren auf sein Gesicht gerichtet. Etwas -Ungewöhnliches bot sich unseren Augen: <em>er weinte</em>! -</p> - -<p> -Der Geistliche schob uns Kinder sanft zur Seite, ging -auf den Onkel zu und erteilte ihm den Priestersegen. -</p> - -<p> -Der Onkel hob das Gesicht, ergriff die Hand des Alten, -küßte sie ganz unerwartet und sagte leise: »Danke!« -</p> - -<p> -Dann blickte er Justin an und ließ Ferapont rufen. -</p> - -<p> -Dieser erschien, bleich, mit verbundenem Arm. -</p> - -<p> -»Hierher!« befahl ihm der Onkel, auf den Teppich -vor seinem Sessel zeigend. -</p> - -<p> -Chraposchka kam näher und fiel in die Knie. -</p> - -<p> -»Steh auf!« sagte der Onkel. »Ich verzeihe dir.« -</p> - -<p> -Chraposchka fiel wieder in die Knie. Der Onkel begann -mit nervöser, aufgeregter Stimme: -</p> - -<p> -»Du liebtest das Tier so, wie nicht jedermann einen -Menschen zu lieben versteht. Du hast mich damit gerührt -und in Großmütigkeit übertroffen. Höre nun meine -Gnade: ich lasse dich frei und gebe dir hundert Rubel -auf den Weg. Geh, wohin du willst.« -</p> - -<p> -»Ich danke, werde aber nirgendwohin fortgehen,« rief -Chraposchka aus. -</p> - -<p> -»Was?« -</p> - -<p> -»Ich gehe nirgendwohin fort,« wiederholte Ferapont. -</p> - -<p> -»Was willst du denn?« -</p> - -<p> -»Für Ihre Gnade will ich Ihnen jetzt als freier Mann -noch treuer dienen, als ich bisher als Leibeigener diente.« -</p> - -<p> -Der Onkel drückte mit der einen Hand das weiße -Foulardtuch an seine Augen, durch die ein Zucken ging, -und umarmte mit der anderen Ferapont ... Wir alle erhoben -uns von unseren Plätzen und verhüllten gleichfalls -unsere Augen ... Uns genügte das Gefühl, daß hier -<a id="page-58" class="pagenum" title="58"></a> -dem höchsten Gott die schönste Ehre erwiesen wurde -und an Stelle der drückenden Angst der Friede Christi -erblühte. -</p> - -<p> -Dasselbe fühlten auch alle Leute im Dorfe, denen der -Onkel einige Fässer Bier schicken ließ. Überall wurden -Freudenfeuer angezündet, und die Menschen sprachen -im Scherze: -</p> - -<p> -»Heute haben wir erlebt, daß auch das Tier in die -heilige Stille gegangen ist, um den Heiland zu preisen!« -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -Sganarells Spuren wurden nicht weiter verfolgt. Ferapont, -der die Freiheit bekommen hatte, ersetzte bald den -alten Justin und war nicht nur der treueste Diener, sondern -auch der treueste Freund meines Onkels bis an dessen -Ende. Er drückte ihm mit eigenen Händen die Augen -zu und beerdigte ihn auf dem Waganjkow’schen Friedhofe -zu Moskau, wo sich sein Grabstein bis zum heutigen -Tage erhalten hat. Zu seinen Füßen ruht Ferapont. -</p> - -<p> -Es gibt heute niemand, der diese Gräber mit Blumen -schmücken könnte; aber in den Moskauer Kellerwohnungen -und Asylen gibt es noch Menschen, die sich an -einen schlanken, weißhaarigen Greis erinnern, der immer -zu erraten wußte, wo echtes Leid verborgen war und -rechtzeitig zu Hilfe eilte oder seinen guten Diener mit -reichen Gaben schickte. -</p> - -<p> -Diese beiden echten Wohltäter, von denen noch vieles -zu sagen wäre, waren mein Onkel und Ferapont, den er -im Scherze den »Tierbändiger« zu nennen pflegte. -</p> - -<h2 class="part" id="part-4"> -<a id="page-59" class="pagenum" title="59"></a> -INTERESSANTE MÄNNER -</h2> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-4-1"> -<a id="page-61" class="pagenum" title="61"></a> -I -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>m Hause einer mir befreundeten Familie erwartete man -mit Ungeduld das Eintreffen des Februarheftes der -Moskauer Zeitschrift »Mysl«. Diese Ungeduld war wohl -begreiflich, weil in diesem Hefte eine neue Erzählung des -Grafen Leo Tolstoi hatte erscheinen sollen. Ich kam nun -fast täglich zu meinen Freunden, um das neue Werk -unseres großen Dichters gleich nach Eintreffen der Zeitschrift -in einer angenehmen Gesellschaft am runden -Tisch beim milden Schein der Eßzimmerlampe zu lesen. -Gleich mir kamen auch andere intime Freunde mit der -gleichen Absicht fast jeden Abend hin. Das ersehnte -Heft traf endlich ein, die Tolstoische Erzählung war aber -darin nicht enthalten: ein kleiner rosa Zettel teilte den -Abonnenten mit, daß die Erzählung nicht veröffentlicht -werden könne. Alle waren enttäuscht und betrübt, und -ein jeder zeigte es je nach seinem Charakter und Temperament: -der eine runzelte die Stirne und schwieg, der -andere schimpfte, der dritte suchte nach Parallelen -zwischen der Gegenwart, die wir erlebten, der Vergangenheit, -deren wir gedachten, und der Zukunft, die -wir ersehnten. Ich aber blätterte schweigend in der Zeitschrift -und durchflog die neue Skizze Gljeb Uspenskijs, -eines der sehr wenigen russischen Literaten, die immer -der Wahrheit des Lebens treu bleiben und nicht den sogenannten -<a id="page-62" class="pagenum" title="62"></a> -»Richtungen« zu Liebe lügen. Darum ist die -Unterhaltung mit ihm immer angenehm und oft sogar -nützlich. -</p> - -<p> -Uspenskij erzählte diesmal von einem Gespräch mit -einer älteren Dame, die ihm von der jüngsten Vergangenheit -erzählt und die Meinung geäußert hatte, daß die -Männer einst viel <em>interessanter</em> gewesen seien. In ihren -engen Uniformen hätten sie zwar einen kühlen und reservierten -Eindruck gemacht, dabei aber viel Begeisterung, -Herzensglut, Edelsinn und andere Eigenschaften besessen, -die den Menschen interessanter und anziehender machen. -Alle diese Eigenschaften seien heute, meinte die Dame, -nur sehr selten und oft gar nicht anzutreffen. Die Männer -übten heute zwar freiere Berufe aus und kleideten sich -auch viel ungezwungener, hätten zuweilen auch große -Ideen im Kopfe, seien aber dabei alle nach der gleichen -Form gestanzt, langweilig und uninteressant. -</p> - -<p> -Die Bemerkungen der alten Dame erschienen mir -durchaus treffend, und ich machte den Vorschlag, nicht -länger über die Erzählung Tolstois, die wir nicht lesen -konnten, zu trauern, sondern die Skizze Uspenskijs vorzunehmen. -Mein Vorschlag wurde angenommen, und die -von Uspenskij geäußerten Gedanken fanden allgemeine -Zustimmung. Nun rückte ein jeder mit Erinnerungen -und Vergleichen heraus. Unter den Anwesenden gab es -einige, die den jüngst verstorbenen dicken General -Rostislaw Faddejew gekannt hatten; man erzählte sich, -wie ungewöhnlich interessant dieser Mann trotz seines -gewöhnlichen, plumpen und wenig versprechenden -Äußeren gewesen war. Wie er selbst im Alter die Aufmerksamkeit -der klügsten und nettesten Damen zu fesseln -<a id="page-63" class="pagenum" title="63"></a> -vermochte und die blühendsten jungen Gecken aus dem -Felde zu schlagen wußte. -</p> - -<p> -»Ist es denn wirklich so erstaunlich?« sagte ein Herr, -der älter als alle Anwesenden war und wohl auch einen -klareren Blick hatte. »Ist es denn für einen so klugen -Mann, wie es der verstorbene Faddejew war, schwer, -das Interesse einer <em>klugen</em> Frau zu fesseln?! Die klugen -Frauen fühlen sich immer ungemütlich. Erstens gibt es -ihrer nur sehr wenige, und zweitens haben sie, da sie -mehr als die andern verstehen, auch größeres Leid zu -tragen; daher freuen sie sich so, wenn sie auf einen wirklich -klugen Mann stoßen. Hier gilt der Satz: ‚Simile -simili curatur‘ oder ‚gaudet‘ — ich weiß nicht, was richtiger -ist. Sie alle und auch die Dame, deren Worte unser -Dichter anführt, wählen ihre Beispiele unter den Männern -von hervorragender Begabung und Bedeutung; weit bemerkenswerter -ist es aber meines Erachtens, daß man -einst auch auf weit tieferen Stufen ungemein lebendige -und anziehende Persönlichkeiten, die man ‚interessante -Männer‘ zu nennen pflegte, antreffen konnte. Auch die -Damen, auf die sie solchen Eindruck machten, gehörten -nicht zu den Auserwählten, die imstande sind, einen -Mann mit hervorragenden Geistesgaben zu vergöttern; -selbst unter den allergewöhnlichsten Durchschnittsfrauen -gab es viele von hervorragender Empfindsamkeit. In -ihnen war wie in tiefen Wassern eine latente Wärme -enthalten. Solche Durchschnittsmenschen halte ich für -viel bemerkenswerter als die Lermontowschen Charaktere, -in die sich selbstverständlich jeder verlieben mußte.« -</p> - -<p> -»Haben Sie einmal einen solchen Durchschnittsmenschen -mit der latenten Wärme der tiefen Wasser gekannt?« -</p> - -<p> -<a id="page-64" class="pagenum" title="64"></a> -»Gewiß.« -</p> - -<p> -»Erzählen Sie uns also von ihm und entschädigen Sie -uns auf diese Weise für die Unmöglichkeit, die Erzählung -Tolstois zu lesen.« -</p> - -<p> -»Als Entschädigung kann meine Erzählung natürlich -nicht gelten, aber einfach zu Ihrer Unterhaltung will ich -Ihnen eine Geschichte aus dem allergewöhnlichsten Offiziersmilieu -zum Besten geben.« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-2"> -II -</h3> - -<p class="noindent"> -Ich diente bei der Kavallerie. Das Regiment lag in -mehreren Dörfern des T-schen Gouvernements in Quartier; -der Regimentskommandeur und sein Stab hielten -sich aber natürlich in der Gouvernementsstadt selbst auf. -Die Stadt war auch damals schon sauber und freundlich -und hatte ein Theater, einen Adelsklub und ein riesengroßes, -übrigens recht unsinnig angelegtes Hotel, dessen -größten Teil wir mit Beschlag belegt hatten. Die Zimmer -waren zum Teil von den Offizieren bewohnt, die sich -ständig in der Stadt aufhielten, zum Teil für die Offiziere -reserviert, die periodisch aus ihren Dorfquartieren in die -Stadt kamen. Diese Zimmer wurden niemals an gewöhnliche -Passanten vermietet. Sobald der eine Offizier auszog, -kam sofort ein anderer gefahren, und diese »Offizierszimmer« -waren immer besetzt. -</p> - -<p> -Unser Zeitvertreib bestand natürlich im Kartenspiel -und im Dienste des Bachus, sowie auch der Göttin der -Herzensfreuden. -</p> - -<p> -Man spielte zuweilen — besonders im Winter, während -der Wahlen zur Adelsversammlung — sehr hoch. Man -spielte nicht im Klub, sondern in den Hotelzimmern, -<a id="page-65" class="pagenum" title="65"></a> -wo man die Röcke ablegen durfte und sich überhaupt -ungezwungener fühlte. Auf diese Weise verbrachte man -Tage und Nächte. Es gibt wohl keinen sinnloseren und -öderen Zeitvertreib, und Sie können daraus wohl selbst -schließen, was für Menschen wir damals waren und -was für Ideen uns begeistern konnten. Wir lasen -wenig und schrieben noch weniger; letzteres nur nach -großen Verlusten, wenn es galt, unsere Eltern anzulügen -und von ihnen eine Extrasumme zu erpressen. Kurz und -gut, man konnte von uns nichts Gutes lernen. Wir spielten -teils unter uns, teils mit den durchreisenden Gutsbesitzern, -die nicht viel ernster waren als wir; in den Zwischenpausen -betranken wir uns, schlugen uns mit den Beamten -herum und entführten Kaufmannsfrauen und Schauspielerinnen, -die wir gleich darauf wieder laufen ließen. -</p> - -<p> -Die Gesellschaft war furchtbar stupid und verbummelt; -die Jüngeren eiferten den Älteren nach, und die -einen wie die anderen zeigten nichts Gescheites und -Beachtenswertes. -</p> - -<p> -Über die Fragen der Ehre und des Anstandes wurde -bei uns niemals gesprochen. Man trug seine Uniform -und lebte nach der einmal eingeführten Sitte, — man -bummelte und war bemüht, Herz und Seele gegen alles -Erhabene, Empfindsame und Ernste abzustumpfen. Und -doch gab es auch in unserem seichten Sumpfe die »latente -Wärme«, die sonst nur tiefen Wassern eigen ist. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-3"> -III -</h3> - -<p class="noindent"> -Unser Regimentskommandeur war ein nicht mehr -junger, sehr anständiger und guter Soldat, aber ein -rauher, strenger Mensch, ganz »ohne Zartgefühl für das -<a id="page-66" class="pagenum" title="66"></a> -weibliche Geschlecht«, wie man sich damals ausdrückte. -Er war einige fünfzig Jahre alt und schon zweimal verheiratet -gewesen; seine zweite Frau hatte er in T. verloren -und war eben im Begriff, ein junges Mädchen, -das aus einer nicht sehr reichen Gutsbesitzersfamilie -stammte, zu heiraten. Sie hieß Anna Nikolajewna. Dieser -so gewöhnliche Name entsprach durchaus ihrer ganzen -gewöhnlichen Erscheinung. Sie war von mittlerem Wuchs, -weder dick noch schlank, weder hübsch noch häßlich, -hatte blonde Haare, blaue Äuglein, rote Lippen, weiße -Zähne, ein rundes, weißes Gesicht und je ein Grübchen -in jeder rosigen Wange, — mit einem Worte, ein Mädchen, -das wenig Begeisterung wecken kann, eines von denen, -die man »Trost des Greisenalters« zu nennen pflegt. -</p> - -<p> -Unser Kommandeur lernte sie in Gesellschaft durch -ihren Bruder, der bei uns als Kornett diente, kennen und -hielt durch Vermittlung dieses selben Bruders um ihre -Hand an. -</p> - -<p> -Das wurde ganz einfach und kameradschaftlich gemacht. -Er ließ den jungen Offizier zu sich ins Kabinett -kommen und sagte ihm: -</p> - -<p> -»Hören Sie einmal, Ihre würdige Schwester hat auf -mich den angenehmsten Eindruck gemacht. Sie wissen -wohl selbst, wie unangenehm es mir in meinem Alter -und bei meiner Position wäre, einen Korb zu bekommen. -Wir beide sind aber Soldaten, und Ihre Aufrichtigkeit -kann mich unmöglich verletzen ... Wenn mein Antrag -angenommen wird, so ist es gut; wenn sie mir aber absagen -sollte, wird es mir auch im Traume nicht einfallen, -es Ihnen irgendwie übelzunehmen. Erkundigen Sie sich -also ...« -</p> - -<p> -<a id="page-67" class="pagenum" title="67"></a> -Jener erwiderte ebenso einfach: -</p> - -<p> -»Gut, ich werde mich erkundigen.« -</p> - -<p> -»Danke.« -</p> - -<p> -»Kann ich vielleicht zu diesem Zweck einen Urlaub -von drei oder vier Tagen bekommen?« -</p> - -<p> -»Bitte sehr, auch für eine Woche.« -</p> - -<p> -»Darf mich vielleicht mein Vetter begleiten?« -</p> - -<p> -Sein Vetter war ein ebenso zarter und rosiger Jüngling -wie er selbst. Wir nannten ihn alle »Sascha die Rose«. -Beide <a id="corr-11"></a>jungen Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen -keine eingehende Schilderung. -</p> - -<p> -Der Kommandeur fragte den Kornett: -</p> - -<p> -»Was brauchen Sie Ihren Vetter in dieser Familienangelegenheit?« -</p> - -<p> -Der Kornett antwortet, daß er den Vetter eben für -diese Familienangelegenheit brauche. -</p> - -<p> -»Während ich mit den Eltern verhandeln werde,« sagt -der Kornett, »wird der Vetter meine Schwester in ein -Gespräch ziehen und ihre Aufmerksamkeit ablenken, -bis ich mit den Eltern fertig geworden bin.« -</p> - -<p> -Der Kommandeur antwortet: -</p> - -<p> -»Gut, fahren Sie in diesem Falle alle beide hin, ich -will auch Ihrem Vetter einen Urlaub geben.« -</p> - -<p> -Die beiden Kornetts fahren heim und führen den -Auftrag zu voller Zufriedenheit des Kommandeurs aus. -Der Bruder des jungen Mädchens kommt nach einigen -Tagen zurück und meldet: -</p> - -<p> -»Wenn Sie wollen, können Sie bei meinen Eltern brieflich -oder mündlich um die Hand meiner Schwester anhalten. -Sie haben keine Absage zu gewärtigen.« -</p> - -<p> -»Und wie stellt sich Ihre Schwester dazu?« -</p> - -<p> -<a id="page-68" class="pagenum" title="68"></a> -»Auch die Schwester ist einverstanden.« -</p> - -<p> -»Nun, freut sie sich oder nicht?« -</p> - -<p> -»Ich weiß wirklich nicht.« -</p> - -<p> -»Ist sie wenigstens zufrieden oder eher unzufrieden?« -</p> - -<p> -»Die Wahrheit zu sagen, hat sie überhaupt nichts geäußert. -Sie sagte nur zu den Eltern: Ganz wie Sie es -befehlen, ich will mich Ihnen fügen.« -</p> - -<p> -»Es ist ja sehr schön, daß sie das sagte, aber man kann -doch in den Augen und im Gesicht lesen, was sich ein -junges Mädchen dabei denkt!« -</p> - -<p> -Der Kornett entschuldigt sich und sagt, er sei als -Bruder an das Gesicht seiner Schwester so gewöhnt, -daß er darin nicht zu lesen verstünde und den Ausdruck -ihrer Augen nicht beobachtet habe; darum könne er darüber -nichts Bestimmtes sagen. -</p> - -<p> -»Aber Ihr Vetter hat doch etwas bemerken können. -Haben Sie denn nicht auf der Rückfahrt mit ihm darüber -gesprochen?« -</p> - -<p> -»Nein,« antwortet jener, »wir haben darüber nicht -sprechen können: ich wollte Ihnen die Antwort so schnell -wie möglich überbringen, mein Vetter ist aber noch dort -geblieben, und ich habe die Ehre, Ihnen gehorsamst zu -melden: er ist plötzlich erkrankt, und wir haben sofort -seine Eltern benachrichtigt.« -</p> - -<p> -»So! Was hat er denn?« -</p> - -<p> -»Es war eine plötzliche Ohnmacht und ein Schwindelanfall.« -</p> - -<p> -»Eine echte Mädchenkrankheit. Schön. Ich danke -Ihnen. Da wir nun miteinander so gut wie verwandt -sind, bitte ich Sie, mit mir heute zu Mittag zu -essen.« -</p> - -<p> -<a id="page-69" class="pagenum" title="69"></a> -Beim Mittagessen fragt er ihn immer nach dem Vetter -aus: was der für ein Mensch sei, wie seine Eltern sich zu -ihm verhielten, unter welchen Umständen er in Ohnmacht -gefallen sei. Dabei schenkt er dem jungen Mann immer -wieder Wein ein und macht ihn so betrunken, daß der -Kornett sich wohl sicher verschnappt hätte, wenn er etwas -gewußt hätte; glücklicherweise lag aber nichts vor, und der -Kommandeur heiratete bald darauf Anna Nikolajewna. -Wir alle waren bei der Hochzeit und tranken Bier und -Wein. Die beiden Kornette — der Bruder und der Vetter -— waren aber Brautführer, und man konnte keinem von -den Beteiligten auch nur das Geringste anmerken. Die -jungen Leute setzten ihr flottes Leben fort, unsere Kommandeuse -aber wurde von Tag zu Tag voller und begann -seltsame Gelüste zu äußern. Der Kommandeur freute sich -darüber und bemühte sich, alle ihre Wünsche zu befriedigen, -und die beiden jungen Leute — der Bruder und der -Vetter — suchten ihn darin noch zu übertreffen. Wegen -jeder Kleinigkeit schickte man eine Troika nach Moskau. -Ihr Appetit war aber nicht auf irgendwelche ausgesuchte -Leckerbissen, sondern auf ganz gewöhnliche Dinge gerichtet, -doch auf solche, die schwer zu beschaffen waren: -bald verlangte sie nach Sultan-Datteln, bald nach griechischer -Chalwa, mit einem Worte nach lauter einfachen -und kindlichen Dingen, wie sie auch selbst einen durchaus -kindlichen Eindruck machte. Endlich kam für sie die -schwere Stunde, und man ließ aus Moskau eine Hebamme -kommen. Ich erinnere mich noch, daß diese Hebamme -in die Stadt just um die Stunde gefahren kam, als man -in allen Kirchen zur Abendmesse läutete, was unsere -Heiterkeit erregte: »Schaut nur, die weise Frau wird mit -<a id="page-70" class="pagenum" title="70"></a> -Glockengeläute begrüßt! Was für Freuden wird sie uns -wohl bringen?« Und wir warteten auf das Ereignis mit -solcher Spannung, wie wenn das ganze Regiment daran -beteiligt wäre. Indessen geschah aber etwas ganz Unerwartetes. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-4"> -IV -</h3> - -<p class="noindent"> -Wenn Sie bei Bret Harte gelesen haben, welches Interesse -ein Häuflein Vagabunden in der amerikanischen -Wüste für die Niederkunft einer fremden Frau zeigte, so -werden Sie auch das Interesse begreifen, mit dem wir, -verbummelte Offiziere, die Niederkunft unserer jungen -Kommandeuse erwarteten. Diesem Ereignisse maßen wir -große Bedeutung bei und faßten den Beschluß, die Geburt -des Kindes durch ein Trinkgelage zu feiern. Wir -gaben unserem Restaurateur den Auftrag, einen ordentlichen -Vorrat an Sekt bereit zu halten. Um aber inzwischen -die Zeit totzuschlagen, setzten wir uns beim -Abendläuten an die Kartentische. -</p> - -<p> -Ich wiederhole, das Kartenspiel war für uns eine Beschäftigung, -eine Gewohnheit, eine Arbeit und das beste -uns bekannte Mittel gegen Langweile. Das Spiel begann -auch an diesem Abend auf die gleiche Weise wie an den -vorhergehenden. Die älteren Offiziere, die Rittmeister -und die Stabsrittmeister mit den ersten grauen Haaren -in den Schnurrbärten und an den Schläfen machten den -Anfang. Sie setzten sich an die Kartentische just in dem -Augenblick, als man zur Abendmesse zu läuten anfing -und die Bürger, einander mit großem Respekt begrüßend, -in die Kirchen zogen, um zu beichten und zu kommunizieren: -das Ereignis, von dem ich spreche, spielte sich am -Freitag in der sechsten Fastenwoche ab. -</p> - -<p> -<a id="page-71" class="pagenum" title="71"></a> -Die Rittmeister blickten diesen guten Christen und -auch der Hebamme nach, die gerade in die Stadt einzog, -wünschten ihnen allen in ihren einfältigen Soldatenherzen -Glück und Erfolg, ließen in dem größten Hotelzimmer -die grünen Kattunvorhänge herunter, zündeten die Leuchter -an und setzten sich an die Arbeit. -</p> - -<p> -Die Jugend machte indessen noch einige Touren durch -die Straßen, wechselte im Vorbeigehen Blicke mit den -Kaufmannstöchtern und erschien, als es schon ganz dunkel -geworden war, im gleichen Hotelzimmer. -</p> - -<p> -Ich kann mich gut an diesen Abend und wie er diesseits -und jenseits der grünen Vorhänge verlief, erinnern. -Draußen war es wunderschön. Der heitere Märztag war -im schönsten Abendrot verglommen; die Pfützen, die -während des Tages aufgetaut waren, überzogen sich wieder -mit einer Eiskruste; es wurde frisch und kühl, in der -Luft aber schwebte schon der Duft des Frühlings, und -in der Höhe sangen die Lerchen. Die Kirchen waren -halbbeleuchtet, und die von ihren Sünden erlösten Beichtenden -kamen einzeln heraus. Ganz langsam, ohne mit -jemand zu sprechen, gingen sie durch die Gassen und -verschwanden stumm in den Häusern. Sie alle waren nur -um das eine besorgt: jeder Ablenkung aus dem Wege zu -gehen und den Frieden, der ihre Herzen erfüllte, nicht -zu verlieren. -</p> - -<p> -In der ganzen Stadt, die ja auch sonst nicht sehr belebt -war, wurde es auf einmal still. Die Haustore wurden abgesperrt, -hinter den Zäunen erklirrten die Ketten der -Hofhunde, und alle kleinen Wirtshäuser wurden geschlossen; -nur vor dem von uns besetzten Hotel standen noch -immer zwei Mietsdroschken mit ausgesucht schönen Pferden, -<a id="page-72" class="pagenum" title="72"></a> -in Erwartung, daß wir sie noch zu irgendeinem Zweck -brauchen würden. -</p> - -<p> -Auf der hartgefrorenen Schneedecke der großen Straße -klapperte plötzlich ein mit drei Pferden bespannter Reiseschlitten. -Er hielt vor dem Hotel, ihm entstieg ein uns unbekannter -schlanker Herr in einem Bärenpelz mit langen -Ärmeln und erkundigte sich, ob noch ein Zimmer frei sei. -</p> - -<p> -Das geschah gerade in dem Augenblick, als ich und -noch zwei junge Offiziere vom letzten Rundgang durch -die Straßen, in deren Fenstern nochmals die spröden Kaufmannstöchter -erschienen, ins Hotel zurückkehrten. -</p> - -<p> -Wir hörten, wie der Neuankömmling ein Zimmer -verlangte und wie der Zimmerkellner Marko, der ihn -mit »Awgust <a id="corr-13"></a>Matwejitsch« anredete, seine Frage beantwortete: -</p> - -<p> -»Ich wage es nicht, Sie anzulügen und zu sagen, daß -wir kein Zimmer haben. Wir haben wohl ein Zimmer, -aber ich weiß wirklich nicht, ob es Ihnen passen wird.« -</p> - -<p> -»Was ist denn damit?« fragte der Gast: »Ist es schmutzig -oder voller Wanzen?« -</p> - -<p> -»Nein, Sie wissen doch selbst, daß wir bei uns keinen -Schmutz und keine Wanzen dulden. Wir haben aber sehr -viel Offiziere im Hause.« -</p> - -<p> -»Machen die solchen Lärm?« -</p> - -<p> -»Ja, Sie können es sich wohl selbst denken: es sind -lauter Junggesellen, die immer auf und ab rennen und -pfeifen ... Ich muß es Ihnen sagen, damit Sie uns später -keine Vorwürfe machen ... Wir können ja die jungen -Leute nicht bändigen.« -</p> - -<p> -»Das wäre ja nicht schlecht! Selbstverständlich darf -sich niemand unterstehen, Offizieren Ruhe zu gebieten! -<a id="page-73" class="pagenum" title="73"></a> -Was wäre das für ein Leben? ... Ich bin aber müde und -glaube, daß ich schon irgendwie einschlafen werde.« -</p> - -<p> -»Natürlich werden Sie einschlafen. Ich mußte aber -Euer Gnaden für jeden Fall darauf aufmerksam machen. -Darf ich das Gepäck und das Bettzeug hinauftragen?« -</p> - -<p> -»Trag es nur hinauf, mein Bester. Ich komme direkt -aus Moskau, habe mich unterwegs nirgends aufgehalten -und bin so müde, daß mich wohl kein Lärm wecken wird.« -</p> - -<p> -Der Kellner führte den Gast hinauf, und wir begaben -uns in das größte Zimmer, das dem Schwadrons-Rittmeister -gehörte. Hier war unsere ganze Gesellschaft -versammelt mit Ausnahme des Vetters der Kommandeuse: -er klagte über Unwohlsein, wollte weder trinken -noch spielen und ging immer den Korridor auf und ab. -</p> - -<p> -Der Bruder der Kommandeuse hatte an unserer Fensterparade -teilgenommen und sich gleich uns an den Kartentisch -gesetzt. Sascha aber blickte nur einmal in das -Spielzimmer hinein und begann dann wieder im Korridor -auf- und abzugehen. -</p> - -<p> -Er machte einen seltsamen Eindruck, so daß wir auf -ihn aufmerksam werden mußten. Er schien entweder -krank oder verstimmt; wenn man ihn aber genauer ansah, -schien keines von beiden der Fall zu sein. Er machte nur -den Eindruck, wie wenn er im Geiste irgendwo weit von -uns allen schweifte und an etwas, was uns allen fremd -und ferne lag, dächte. Wir sagten im Scherze: »Du hast -dich wohl in die Hebamme vergafft!« legten aber seinem -Benehmen keine große Bedeutung bei. Er war ja noch -sehr jung und den beliebten Offizierstrank »aus neun -Elementen« nicht gewohnt. Es war sehr wahrscheinlich, -daß sein Zustand nur eine Folge der vorhergehenden -<a id="page-74" class="pagenum" title="74"></a> -Trinkgelage war. Im Spielzimmer war es wie immer so -vollgeraucht, daß man leicht Kopfweh bekommen konnte; -schließlich war es auch möglich, daß seine Finanzen zerrüttet -waren: er hatte in der letzten Zeit sehr hoch gespielt -und größere Summen verloren; er hatte aber gewisse -moralische Grundsätze und scheute sich, seinen Eltern -mit solchen Dingen zu kommen. -</p> - -<p> -Wir ließen also den jungen Mann in dem mit einem -Tuchläufer belegten Korridor auf und abgehen. Wir selbst -aber spielten, tranken und aßen, stritten und lärmten und -dachten weder an die späte Stunde, noch an das freudige -Ereignis, das im Hause des Kommandeurs erwartet wurde. -Diese Vergessenheit wurde vollständig, als sich bald nach -Mitternacht etwas ereignete, wobei der unbekannte Gast, -der, wie gesagt, vor unseren Augen dem Reiseschlitten -entstiegen war, die Hauptrolle spielte. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-5"> -V -</h3> - -<p class="noindent"> -Gegen zwei Uhr nachts erschien in unserem Spielzimmer -der Zimmerkellner Marko und meldete nach einigem -Zögern, daß der eben eingetroffene fürstliche Generalbevollmächtigte -sich höflichst entschuldige und anfrage, -ob die Herren Offiziere ihm gestatten möchten, zu ihnen -zu kommen und am Kartenspiel teilzunehmen; er könne -nämlich nicht einschlafen und langweile sich. -</p> - -<p> -»Kennst du denn den Herrn?« fragte der älteste -Offizier. -</p> - -<p> -»Aber ich bitte Sie! Wie sollte ich denn Awgust Matwejitsch -nicht kennen? Man kennt ihn nicht nur hier, -sondern in ganz Rußland, überall wo der Fürst seine -Güter hat. Awgust Matwejitsch ist sein Generalbevollmächtigter, -<a id="page-75" class="pagenum" title="75"></a> -verwaltet alle fürstlichen Güter und Besitztümer, -und sein Gehalt allein beträgt an die vierzigtausend -Rubel im Jahre.« (Damals rechnete man noch -nach Assignaten.) -</p> - -<p> -»Ist er Pole?« -</p> - -<p> -»Er stammt wohl von Polen ab, ist aber ein wirklich -vornehmer Herr und war einmal selbst Offizier.« -</p> - -<p> -Wir alle hielten den Kellner, der uns das meldete, für -zuverlässig und uns ergeben. Er war intelligent und sehr -religiös; er ging jeden Morgen zur Frühmesse und sparte -Geld, um seinem Heimatsorte eine Kirchenglocke zu -stiften. Als Marko sah, daß wir uns für den Fremden interessierten, -berichtete er uns noch mehr: -</p> - -<p> -»Awgust Matwejitsch kommt jetzt direkt aus Moskau. -Man sagt, daß er eben zwei fürstliche Güter bei der Vormundschaftsbank -verpfändet hat. Er wird wohl eine nette -Summe bei sich haben und möchte sich gerne zerstreuen.« -</p> - -<p> -Die Offiziere wechselten Blicke, flüsterten miteinander -und erklärten: -</p> - -<p> -»Nun, soll er nur die Dukaten aus seinem Beutel -in unsere Taschen umquartieren. Der neue Mensch soll -nur kommen und neues Leben in unsere Gesellschaft -bringen!« -</p> - -<p> -»Garantierst du uns auch dafür,« fragten wir den Zimmerkellner, -»daß er Geld bei sich hat?« -</p> - -<p> -»Aber erlauben Sie! Awgust Matwejitsch hat immer -Geld bei sich.« -</p> - -<p> -»Wenn es sich so verhält, so soll er nur mit seinem -Geld kommen. Nicht wahr, meine Herren?« wandte -sich der älteste Rittmeister an uns alle. -</p> - -<p> -Alle erklärten sich einverstanden. -</p> - -<p> -<a id="page-76" class="pagenum" title="76"></a> -»Schön. Sag ihm also, Marko, daß wir ihn bitten -lassen.« -</p> - -<p> -»Zu Befehl.« -</p> - -<p> -»Deute ihm aber an oder sage es ihm auch geradeaus, -daß wir, obwohl wir Kameraden sind, auch unter uns -nur um bares Geld spielen. Es gibt bei uns weder Kreide -noch Kredit.« -</p> - -<p> -»Zu Befehl. Sie können aber unbesorgt sein: er hat -immer Geld.« -</p> - -<p> -»Gut, wir lassen bitten.« -</p> - -<p> -Nach einer ganz kurzen Weile, die für einen Mann, -der kein besonderer Stutzer ist, eben genügt, um sich -umzuziehen, geht die Türe auf, und in unserer Rauchwolke -erscheint ein schlanker, wohlgebauter, nicht mehr -junger Herr von höchst anständigem Aussehen. Er trägt -Zivil, hält sich aber wie ein Militär, man könnte beinahe -sagen, wie ein Gardeoffizier, d. h. kühn, selbstbewußt, -nicht ohne eine träge Grazie und Blasiertheit, wie es -damals Mode war. Sein Gesicht ist hübsch, seine Züge -sind darin ebenso streng und regelmäßig verteilt wie die -Ziffern auf dem Metallzifferblatt einer englischen Standuhr -von Graham. Alles bewegt sich darin so abgemessen, -wie die Zeiger auf einer solchen Uhr. -</p> - -<p> -Er ist auch selbst so lang wie eine Standuhr, und seine -Stimme klingt wie ein Grahamsches Schlagwerk. -</p> - -<p> -»Meine Herren, ich bitte um Vergebung, daß ich in -Ihren Freundeskreis eingedrungen bin. Ich heiße so und -so, eile aus Moskau nach Hause, bin aber sehr müde -und wollte hier ausschlafen. Da hörte ich Ihre Stimmen, -und die Ruhe floh meine Augenlider. Ich fühlte mich -wie ein altes Schlachtpferd von Kampfeslust beseelt und -<a id="page-77" class="pagenum" title="77"></a> -danke Ihnen aufrichtig, daß Sie mich in Ihren Kreis -aufnehmen wollen.« -</p> - -<p> -Man antwortet ihm: -</p> - -<p> -»Wir bitten recht schön! Wir sind einfache Menschen -und machen keine großen Zeremonien. Wir sind unter -uns Kameraden und halten uns ganz ungezwungen.« -</p> - -<p> -»Einfachheit«, antwortet er, »ist das Schönste in der -Welt: Gott liebt sie, und in ihr liegt die ganze Poesie -des Lebens. Ich war ja einmal selbst beim Militär. Obwohl -ich aus Familienrücksichten den Dienst quittieren -mußte, bin ich den militärischen Sitten doch treu geblieben -und hasse alles Zeremonielle. Sie haben aber, wie ich -sehe, Ihre Röcke an, und hier ist es doch so heiß?« -</p> - -<p> -»Offen gestanden, haben wir die Röcke erst unmittelbar -vor Ihrem Erscheinen angezogen.« -</p> - -<p> -»Sie sollten sich schämen! Das befürchtete ich ja eben. -Da Sie aber schon einmal so freundlich waren, mich aufzunehmen, -so können Sie mir gleich bei Beginn unserer -Bekanntschaft gar keine größere Freude machen, als wenn -Sie die Röcke wieder ablegen und sich ebenso ungezwungen -fühlen, wie Sie es vor meinem Erscheinen waren.« -</p> - -<p> -Die Offiziere ließen sich überreden und saßen bald -in Hemdärmeln da; dasselbe verlangten <a id="corr-14"></a>sie aber auch -vom Unbekannten. Awgust Matwejitsch schlüpfte flink -aus seiner elegant zugeschnittenen Joppe, die in den -Ärmeln mit blauer Seide gefüttert war, und erklärte sich -bereit, unsere Bekanntschaft mit einem Gläschen Schnaps -einzuweihen. -</p> - -<p> -Alle tranken mit und gedachten bei dieser Gelegenheit -des Vetters Sascha, der noch immer im Korridor auf -und ab ging. -</p> - -<p> -<a id="page-78" class="pagenum" title="78"></a> -»Gestatten Sie«, sagte man dem Gast, »hier fehlt einer -von den Unsrigen. Wir müssen ihn holen!« -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch fragte: -</p> - -<p> -»Sie vermissen wohl den interessanten jungen Kornett, -der in so rührender Versunkenheit im Korridor auf und -ab geht?« -</p> - -<p> -»Ja, diesen. Ruft ihn doch her, meine Herren!« -</p> - -<p> -»Er will nicht kommen.« -</p> - -<p> -»Was für Dummheiten! ... Er ist sonst ein so lieber -junger Kamerad und hat in der Wissenschaft des Trinkens -und Kartenspiels schon so schöne Fortschritte gezeigt; -heute ist er uns aber plötzlich untreu geworden und benimmt -sich so dumm. Meine Herren, bringt ihn mit Gewalt -her!« -</p> - -<p> -Viele protestierten, und es wurde die Meinung laut, -daß Sascha vielleicht tatsächlich krank sei. -</p> - -<p> -»Was euch nicht einfällt! Ich setze meinen Kopf ein, -daß er einfach müde ist oder den letzten großen Verlust -noch nicht verschmerzen kann.« -</p> - -<p> -»Hat der Kornett viel verloren?« -</p> - -<p> -»Ja, in der letzten Zeit hat er immer Pech gehabt. Er -war irgendwie aufgeregt und verlor jeden Einsatz.« -</p> - -<p> -»Was Sie nicht sagen! So was kommt allerdings vor. -Er sieht aber so aus, wie wenn er weniger Unglück im -Spiel als Unglück in der Liebe hätte.« -</p> - -<p> -»Haben Sie ihn denn gesehen?« -</p> - -<p> -»Gewiß. Ich habe sogar Gelegenheit gehabt, ihn mir -sehr genau anzusehen. Er ist so sehr in Gedanken versunken, -daß er vorhin aus Versehen in mein Zimmer -statt in das seinige eintrat, mich auf dem Bette garnicht -liegen sah, direkt auf die Kommode zuging und etwas -<a id="page-79" class="pagenum" title="79"></a> -zu suchen begann. Ich glaubte sogar, daß es ein Schlafwandler -sei, und rief Marko herbei.« -</p> - -<p> -»Seltsam!« -</p> - -<p> -»Als Marko ihn fragte, was er bei mir zu suchen habe, -verstand er im ersten Augenblick garnicht, was man von -ihm wollte. Und als er seinen Irrtum einsah, wurde er -furchtbar verlegen ... Ich gedachte der alten Zeiten und -sagte mir gleich: der muß eine Herzensaffaire haben!« -</p> - -<p> -»Ach, was, Herzensaffaire! Das wird wohl bald vergehen. -Bei Ihnen in Polen mißt man solchen Gefühlsduseleien -viel zu viel Bedeutung bei; wir Moskowiter -sind aber ein rohes Volk.« -</p> - -<p> -»Ja, der junge Mann sieht aber gar nicht roh aus; im -Gegenteil, er scheint mir sehr empfindsam und furchtbar -erregt.« -</p> - -<p> -»Er ist einfach müde, und unsere Lebensphilosophie -lehrt, daß man in einem solchen Falle Gewalt anwenden -muß. Meine Herren, zwei von Ihnen möchten hinausgehen -und Sascha herbringen: soll er sich nur gegen -die Beschuldigung, daß er hoffnungslos verliebt sei, -verteidigen.« -</p> - -<p> -Zwei Offiziere gingen in den Korridor und kamen mit -Sascha zurück, auf dessen jugendlichem Gesicht Müdigkeit, -Verlegenheit und ein Lächeln miteinander kämpften. -</p> - -<p> -Er sagte, er fühle sich tatsächlich unwohl, und es rege -ihn auf, daß man von ihm Rechenschaft fordere. Als -man ihm im Scherz sagte, daß auch der »fremde Herr« -der Ansicht sei, es sei wohl eine Liebesaffaire im Spiele, -wurde Sascha plötzlich über und über rot, warf unserm -Gast einen unsagbar gehässigen Blick zu und rief erbost -aus: -</p> - -<p> -<a id="page-80" class="pagenum" title="80"></a> -»Unsinn!« -</p> - -<p> -Er bat um Erlaubnis, auf sein Zimmer zu gehen und -sich schlafen zu legen; wir erinnerten ihn aber daran, -daß heute ein wichtiges Ereignis bevorstehe, das wir alle -gemeinsam begrüßen wollten; es sei daher unstatthaft, -die Gesellschaft zu verlassen. Als er vom »Ereignis« -hörte, erbleichte er wieder. -</p> - -<p> -Man sagte ihm: -</p> - -<p> -»Du darfst nicht fortgehen; trinke aber deinen Schnaps, -und wenn du nicht mitspielen willst, so ziehe deinen -Rock aus und lege dich hier aufs Sofa. Wenn dort das -Kind zu schreien beginnt, werden wir es hier hören und -dich wecken.« -</p> - -<p> -Sascha gehorchte, jedoch nicht ganz; er trank seinen -Schnaps, zog aber den Rock nicht aus und legte sich -nicht hin, sondern setzte sich in den Schatten am Fenster, -aus dem, da es nicht ganz dicht war, ein frischer Hauch -ins Zimmer zog, und begann auf die Straße hinauszuschauen. -</p> - -<p> -Ich weiß wirklich nicht, ob er auf jemand wartete, -oder ob ihn irgendetwas innerlich beunruhigte; jedenfalls -blickte er unverwandt auf die Straßenlaterne, die -im Winde schwankte und flackerte, warf sich bald in die -Tiefe des Sessels zurück, und machte bald den Eindruck, -wie wenn er aufspringen und davonrennen wollte. -</p> - -<p> -Unser Gast, neben den ich zu sitzen kam, merkte, daß -ich Sascha beobachtete, und beobachtete ihn auch selbst. -Ich mußte es seinen Blicken anmerken und auch seinen -höchst unpassenden Worten, die ich mein Leben lang -nicht vergessen werde: -</p> - -<p> -»Sind Sie mit dem jungen Kameraden gut befreundet?« -</p> - -<p> -<a id="page-81" class="pagenum" title="81"></a> -Bei diesen Worten streifte er den niedergeschlagenen -Sascha mit einem schnellen Blick. -</p> - -<p> -»Selbstverständlich!« antwortete ich mit dem ganzen -Eifer meiner Jugend, die in dieser Frage eine allzu plumpe -Vertraulichkeit erblickt hatte. -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch bemerkte meine Aufregung und -drückte mir unter dem Tisch stumm die Hand. Ich blickte -sein hübsches, ruhiges Gesicht an und mußte wieder an -die gleichmütige englische Standuhr im langen Gehäuse -mit dem Grahamschen Werk denken. Jeder Zeiger bewegt -sich in der ihm vorgeschriebenen Richtung und -registriert Stunden und Tage, Minuten und Sekunden, -die Phasen des Mondes und die Tierkreiszeichen, das -Zifferblatt aber ist kühl und teilnahmslos: die Uhr -zeigt alles, merkt sich alles und bleibt dabei selbst unveränderlich. -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch versöhnte mich durch seinen -freundlichen Händedruck; dann fuhr er fort: -</p> - -<p> -»Seien Sie mir nicht böse, junger Mann. Glauben Sie -mir: ich will von Ihrem Freund nichts Böses sagen, ich -habe aber schon manches erlebt, und sein Zustand flößt -mir seltsame Gedanken ein ...« -</p> - -<p> -»Wie meinen Sie das?« -</p> - -<p> -»Sein Zustand erscheint mir ... wie soll ich es Ihnen -sagen? .. irgendwie verhängnisvoll ... Er rührt und beunruhigt -mich.« -</p> - -<p> -»So, er beunruhigt Sie?« -</p> - -<p> -»Ja, er beunruhigt mich.« -</p> - -<p> -»Nun, ich kann Sie versichern, daß Ihre Unruhe -grundlos ist. Ich kenne alle Verhältnisse meines Freundes -und bürge dafür, daß in ihnen nichts enthalten -<a id="page-82" class="pagenum" title="82"></a> -ist, was seinen Lebensfaden verwirren oder zerreißen -könnte.« -</p> - -<p> -»<em>Zerreißen!</em>« wiederholte er: »C’est le mot! Das -ist das richtige Wort: den Lebensfaden zerreißen!« -</p> - -<p> -Diese Worte machten auf mich einen unangenehmen -Eindruck. Warum hatte ich nur diesen Ausdruck gewählt, -an den sich der Fremde gleich festklammern -konnte. -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch machte auf mich plötzlich den -unangenehmsten Eindruck, und ich blickte feindselig -auf sein präzises Grahamsches Zifferblatt. Ich sah darin -etwas Harmonisches und zugleich Drückendes und Unwiderstehliches. -Das Werk läuft gleichmäßig, läßt in -bestimmten Abständen seine metallischen Schläge erklingen -und läuft unverändert weiter. Alles, was der -Mann an hat, ist von erster Qualität ... Sein Hemd ist -unvergleichlich feiner und weißer als unsere Hemden, -und unter den weißen Manschetten leuchtet wie Blut -eine rotseidene Jacke hervor. Es sieht so aus, wie wenn -er unter den Kleidern keine Haut am Leibe hätte. Am -Handgelenk trägt er aber ein goldenes Damenarmband, -das bald nach unten rutscht und bald wieder im Ärmel -verschwindet. Ich lese darauf den in polnischen Schriftzeichen -gravierten russischen Frauennamen »Olga«. -</p> - -<p> -Diese »Olga« erregt mein Mißfallen. Wer sie auch -sei, — seine Verwandte oder seine Geliebte, — ich muß -mich über sie ärgern. -</p> - -<p> -Warum? Ich weiß es nicht. Es war wohl eine von den -zahllosen Dummheiten, die uns, niemand weiß woher, -in den Sinn kommen, um »die Gedanken des Sterblichen -zu verwirren«. -</p> - -<p> -<a id="page-83" class="pagenum" title="83"></a> -Ich will mich von der unangenehmen Wirkung des -Wortes »zerreißen«, das ich selbst zuerst gebraucht habe -und dem er einen mir durchaus unerwünschten Sinn -unterschiebt, befreien und sage: -</p> - -<p> -»Es tut mir leid, daß ich mich so ausgedrückt habe; -das von mir gebrauchte Wort kann aber gar nicht die -Bedeutung haben, die Sie ihm beilegen. Mein Freund ist -jung, vermögend, der einzige Sohn seiner Eltern und der -Liebling aller ...« -</p> - -<p> -»Ja, ja, und doch gefällt er mir nicht.« -</p> - -<p> -»Ich verstehe Sie nicht.« -</p> - -<p> -»Er ist doch sterblich?« -</p> - -<p> -»Selbstverständlich, wie Sie und ich, wie alle Menschen.« -</p> - -<p> -»Sehr richtig, von den andern Menschen weiß ich aber -nichts, und von uns beiden trägt keiner die verhängnisvollen -Zeichen, die ich an ihm sehe.« -</p> - -<p> -»Was für verhängnisvolle Zeichen meinen Sie?« -</p> - -<p> -Ich lachte ziemlich unerzogen auf. -</p> - -<p> -»Warum lachen Sie darüber?« -</p> - -<p> -»Entschuldigen Sie, ich will wohl zugeben, daß mein -Lachen unpassend ist; versetzen Sie sich aber in meine -Lage: wir betrachten beide das gleiche Gesicht, und Sie -erzählen mir, daß Sie darin etwas Ungewöhnliches wahrnehmen, -während ich darin nur das sehe, was ich immer -gesehen habe.« -</p> - -<p> -»Was Sie immer gesehen haben? Das kann nicht sein.« -</p> - -<p> -»Ich versichere Sie.« -</p> - -<p> -»Das hypokratische Gesicht!« -</p> - -<p> -»Das verstehe ich nicht.« -</p> - -<p> -»Sie verstehen es nicht? Es gibt doch einen solchen -‚agent psychique‘!« -</p> - -<p> -<a id="page-84" class="pagenum" title="84"></a> -»Ich verstehe es nicht,« sagte ich und fühlte zugleich, -wie mir dieses Wort irgendeine dumme Angst einjagte. -</p> - -<p> -»Agent psychique oder das hypokratische Gesicht ist -ein unerklärliches, seltsames Zeichen, das den Menschen -längst bekannt ist. Diese unfaßbaren Züge erscheinen -auf den Gesichtern der Menschen nur in jenen verhängnisvollen -Augenblicken ihres Lebens, wenn sie eben -im Begriff sind, den großen Schritt in das Land zu -zu machen, aus dem noch kein Wanderer zurückgekehrt -ist ... Die Schotten und die Hindus der Blauen Berge -haben für diese Züge einen besonders scharfen Blick.« -</p> - -<p> -»Waren Sie denn je in Schottland?« -</p> - -<p> -»Ja, ich habe dort die Landwirtschaft studiert; ich bin -auch in Indien gewesen.« -</p> - -<p> -»Und Sie behaupten, daß Sie diese verdammten -Zeichen auf dem Gesicht unseres guten Sascha sehen?« -</p> - -<p> -»Ja, wenn dieser junge Mann heute noch Sascha -heißt, so wird er wohl bald <em>anders</em> heißen.« -</p> - -<p> -Ich fühlte mich plötzlich von einer namenlosen Angst -erfaßt und war sehr froh, daß in diesem Augenblick -einer von unseren Offizieren, der schon recht angeheitert -war, auf mich zuging und fragte: -</p> - -<p> -»Was hast du? Worüber streitest du mit diesem -Herrn?« -</p> - -<p> -Ich antwortete, daß wir uns gar nicht stritten, sondern -uns nur über sehr seltsame Dinge unterhielten. Und ich -erzählte ihm kurz alles, worüber ich eben mit dem Polen -gesprochen hatte. -</p> - -<p> -Der Offizier, ein einfacher und entschlossener Bursche, -warf einen Blick auf Sascha und sagte: -</p> - -<p> -»Er sieht tatsächlich schlecht aus!« Darauf wandte er -<a id="page-85" class="pagenum" title="85"></a> -sich an Awgust Matwejitsch und fragte ihn ziemlich -barsch: -</p> - -<p> -»Was sind Sie eigentlich: ein Phrenologe oder ein -Wahrsager?« -</p> - -<p> -Jener antwortete: -</p> - -<p> -»Ich bin weder Phrenologe noch Wahrsager.« -</p> - -<p> -»Sondern weiß der Teufel was?« -</p> - -<p> -»Ich bin auch nicht ‚weiß der Teufel was‘!« erwiderte -jener ruhig. -</p> - -<p> -»Was sind Sie dann: ein Zauberer?« -</p> - -<p> -»Auch kein Zauberer.« -</p> - -<p> -»Was denn?« -</p> - -<p> -»Mystiker.« -</p> - -<p> -»Ach so, Mystiker — Whistiker! Sie lieben wohl -Whist zu spielen. Solche Mystiker kenne ich gut,« -sagte der Offizier gedehnt. Obwohl er schon ohnehin -ordentlich betrunken war, wandte er sich wieder den -Getränken zu. -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch blickte ihm halb bedauernd und -halb verachtungsvoll nach. Die Zeiger auf seinem Zifferblatt -hatten sich verschoben; er stand auf und ging zu -den Spielenden, die polnischen Verse Krasinskis vor sich -hinmurmelnd: -</p> - -<p> -»Ich will keinen Gott, ich will keinen Himmel ...« -</p> - -<p> -Mir wurde es plötzlich so unheimlich zumute, wie -wenn ich mit dem berühmten Zauberer Pan Twardowski -gesprochen hätte. Um mir neuen Mut zu machen, trat -ich an den Tisch, auf dem die Schnäpse standen, und -unterhielt mich eine Weile mit dem Kameraden, der vorhin -die Bedeutung des Wortes Mystiker erläutert hatte. -Und als ich nach einiger Zeit, wie von einer Welle erfaßt, -<a id="page-86" class="pagenum" title="86"></a> -zum Kartentisch geworfen wurde, hielt der Pole schon -die Bank. -</p> - -<p> -Auf dem Tische vor ihm waren Riesensummen von -Gewinnen und Verlusten angekreidet, und alle Gesichter -drückten Feindseligkeit gegen ihn aus, die sich auch in -allerlei dummen Bemerkungen äußerte. Die Situation -wurde von Augenblick zu Augenblick gespannter und -drohte mit ernsten Unannehmlichkeiten. -</p> - -<p> -Es erschien mir ganz unmöglich, daß die Sache ohne -Unannehmlichkeiten ablaufen könnte: ein böses Ende -schien schon vom Schicksal beschieden. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-6"> -VI -</h3> - -<p class="noindent"> -Als ich wieder am Kartentisch stand, bemerkte jemand, -wie nebenbei zu Awgust Matwejitsch, daß das Armband, -das auf seinem Handgelenk hin und herrutschte, ihm -beim Bankhalten hinderlich sein müsse. Und er fügte -dem noch hinzu: -</p> - -<p> -»Vielleicht wäre es besser, wenn Sie diesen Frauenschmuck -ablegten.« -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch bewahrte aber seine Ruhe und -antwortete: -</p> - -<p> -»Es wäre allerdings besser, wenn ich ihn ablegen -könnte, ich kann aber Ihrem guten Rat nicht folgen: -das Armband ist festgenietet.« -</p> - -<p> -»Ein seltsamer Einfall, einen Sklaven zu spielen!« -</p> - -<p> -»Warum auch nicht? Als Sklave fühlt man sich zuweilen -gar nicht schlecht.« -</p> - -<p> -»So! Das haben also auch die Polen schon eingesehen!« -</p> - -<p> -»Gewiß. Was mich betrifft, so habe ich vom ersten -<a id="page-87" class="pagenum" title="87"></a> -Tage an, an dem mir die Begriffe des Guten, Wahren -und Schönen verständlich geworden waren, anerkannt, -daß diese Ideale wert sind, über die Gefühle und den -Willen des Menschen zu herrschen.« -</p> - -<p> -»Wo finden Sie aber diese Ideale vereint?« -</p> - -<p> -»Natürlich nur im schönsten Geschöpfe Gottes — im -Weibe.« -</p> - -<p> -»Das den Namen Olga trägt,« scherzte jemand, nachdem -er die Inschrift auf dem Armband gelesen. -</p> - -<p> -»Ja, Sie haben es erraten: meine Frau heißt Olga. Es -ist doch ein schöner russischer Name, nicht wahr? Besonders, -wenn man bedenkt, daß die Russen ihn nicht -wie die andern Dinge den Griechen entlehnt, sondern -schon in ihrer eigenen Umgangssprache vorrätig hatten.« -</p> - -<p> -»Sind Sie mit einer Russin verheiratet?« -</p> - -<p> -»Ich bin Witwer. Das Glück, dessen ich würdig befunden -war, war zu groß und zu vollständig, um dauernd -zu sein. Ich finde aber auch heute noch mein höchstes -Glück in der Erinnerung an die Russin, die auch ihrerseits -ihr Glück an meiner Seite gefunden hatte.« -</p> - -<p> -Die Offiziere wechselten Blicke. Seine Antwort erschien -ihnen irgendwie doppelsinnig und verletzend. -</p> - -<p> -»Hol ihn der Teufel!« sagte jemand. »Will dieser -Fremde damit vielleicht sagen, daß die Herren Polen -ganz besonders nett und ritterlich sind, so daß jede -Russin sich in sie verlieben muß?« -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch hatte das sicher gehört; er blickte -sogar schweigend auf denjenigen, der das gesagt hatte, -lächelte und fuhr fort, mit der größten Seelenruhe die -Karten zu verteilen. Er machte die Sache durchaus einwandfrei -und korrekt. Die Pointierenden verfolgten mit -<a id="page-88" class="pagenum" title="88"></a> -der größten Aufmerksamkeit alle seine Bewegungen, -konnten aber nichts Verdächtiges wahrnehmen. Jeder -Verdacht wäre auch sinnlos gewesen, da Awgust Matwejitsch -viel verloren hatte. Gegen vier Uhr hatte er -schon über zweitausend Rubel bezahlt. Als er mit allen -abgerechnet hatte, sagte er: -</p> - -<p> -»Wenn die Herren weiterspielen wollen, setze ich -noch einen Tausender ein.« -</p> - -<p> -Die Offiziere, die gewonnen hatten, hielten es für -unschicklich, seinen Vorschlag zurückzuweisen und erklärten -sich bereit, weiter zu pointieren. -</p> - -<p> -Einige wandten sich weg und sahen sich die Banknoten, -die sie von Awgust Matwejitsch erhalten hatten, -genauer an. -</p> - -<p> -Alles stimmte: die Banknoten waren von zweifelloser -Echtheit. -</p> - -<p> -»Ich muß aber bemerken, meine Herren,« sagte er, -»daß ich keine kleineren Noten einsetzen kann: ich habe -sie alle ausgegeben. Ich habe aber Scheine zu fünfhundert -und zu tausend Rubel und möchte Sie bitten, -mir einige davon zu wechseln.« -</p> - -<p> -»Das läßt sich wohl machen,« antwortete man ihm. -</p> - -<p> -»In diesem Falle werde ich gleich die Ehre haben, -Ihnen zwei größere Scheine vorzulegen und Sie zu bitten, -sie zu untersuchen und zu wechseln.« -</p> - -<p> -Mit diesen Worten stand er auf, ging zu seinem Rock, -der auf dem Sofa neben dem geistesabwesenden Sascha -lag, und begann in den Taschen zu suchen. Das dauerte -auffallend lange. Awgust Matwejitsch warf plötzlich den -Rock fort, griff sich mit der Hand an die Stirne, schwankte -und fiel beinahe um. -</p> - -<p> -<a id="page-89" class="pagenum" title="89"></a> -Alle merkten diese Bewegung, und sie erschien so -echt und ungekünstelt, daß Awgust Matwejitsch in vielen -lebhaftes Mitgefühl weckte. Zwei oder drei Herren, die -in seiner Nähe saßen, riefen teilnahmsvoll aus: »Was -haben Sie?« und beeilten sich, ihn zu stützen. -</p> - -<p> -Unser Gast war leichenblaß und ganz verändert. Ich -sah zum erstenmal im Leben, wie ein starker und sich -beherrschender Mann, — und für einen solchen mußte -ich den zu seinem eigenen und unserem Unglück in unseren -Kreis eingedrungenen fürstlichen Generalbevollmächtigten -wohl halten, — vor großem und unerwartetem -Kummer plötzlich alt und ganz verändert wird. Das -plötzliche Unglück zerknittert und zerdrückt den Menschen -und bearbeitet ihn wie die Wäscherin einen Lumpen -so lange mit dem Waschbläuel, bis es aus ihm alles -herausgeklopft hat. Ich bin gar nicht imstande, das -Gesicht und die Blicke Awgust Matwejitschs zu beschreiben, -erinnere mich aber lebhaft an den Vergleich, -der dem tiefen Ernst der Situation gar nicht entsprach, -der mir aber in den Sinn kam, als ich mich mit den -andern über ihn stürzte und ihm eine Kerze vors Gesicht -hielt. Dieser Vergleich bezog sich wiederum auf eine -Uhr und ein Zifferblatt, und zwar in einem höchst -komischen Zusammenhange. -</p> - -<p> -Mein Vater war leidenschaftlicher Liebhaber alter -Bilder. Er war immer auf der Suche nach solchen Bildern, -die er regelmäßig verdarb, indem er die alte Lackschicht -entfernte und sie mit neuem Lack überzog. -Oft bringt er so ein altes Bild heim, das eine gleichmäßige -dunkle Fläche darstellt, in der alle Farbtöne -friedlich ineinander geflossen sind, so daß man auf dem -<a id="page-90" class="pagenum" title="90"></a> -Bilde nichts erkennen kann; da fährt er aber mit einem -in Terpentin getauchten Schwamm darüber; der Lack -wirft sich, schmutzige Ströme fließen über das ganze -Bild hin, und alle Farbtöne kommen in Bewegung und -Unordnung. Das Bild sieht plötzlich ganz verändert -aus; eigentlich hat es erst jetzt sein wahres, ungeschminktes -Aussehen, das vom Lack verdeckt war, -wiedergewonnen. Ich erinnerte mich also, wie wir Kinder -einst den Vater nachahmen wollten und das Zifferblatt -der Uhr in unserem Kinderzimmer mit Terpentin -abwuschen. Zu unserem Entsetzen sahen wir, wie der -auf dem Zifferblatte dargestellte schwarze Mann mit -dem Korbe, in dem die ungezogenen Kinder saßen, seine -Umrisse verlor und wie sein vorher so tapferes Gesicht -plötzlich einen zweideutigen und lächerlichen Ausdruck -bekam. -</p> - -<p> -Dasselbe macht das Unglück mit den lebendigen, -sogar sich beherrschenden und oft stolzen Menschen. -Das Unglück wäscht von ihm den Lack ab, und plötzlich -kommen alle trüben Farbtöne und alle Sprünge zum -Vorschein. -</p> - -<p> -Unser Gast war aber stärker als mancher andere. Er -beherrschte sich bald wieder und sagte: -</p> - -<p> -»Entschuldigen Sie, meine Herren, es ist nichts ... -Schenken Sie dem bitte keine Beachtung und lassen Sie -mich gehen. Mir ... mir ist plötzlich schlecht: entschuldigen -Sie mich, ich kann nicht weiter spielen.« -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch wandte uns sein Gesicht zu, das -ganz wie jenes abgewaschene Zifferblatt aussah. Er bemühte -sich aber, verbindlich zu lächeln. Offenbar wollte -er jeden Skandal vermeiden. In diesem Augenblick provozierte -<a id="page-91" class="pagenum" title="91"></a> -ihn aber einer von den Unsrigen, der offenbar -ein Glas zuviel getrunken hatte: -</p> - -<p> -»War Ihnen vielleicht auch schon vorhin schlecht?« -</p> - -<p> -Der Pole erbleichte. -</p> - -<p> -»Nein,« sagte er mit erhobener Stimme, »nein, so -schlecht war mir noch nie. Wer sich etwas anderes denkt, -ist im Irrtum ... Ich habe eine unerwartete Entdeckung -gemacht ... ich habe einen triftigen Grund, nicht weiter -zu spielen, und verstehe wirklich nicht, was Sie von mir -wollen!« -</p> - -<p> -Nun begannen alle durcheinander zu reden: -</p> - -<p> -»Wie meint er das? Niemand will von Ihnen was, -verehrter Herr! Es wäre aber immerhin interessant, zu -erfahren, was für eine Entdeckung Sie in unserem Kreise -gemacht haben!« -</p> - -<p> -»Gar keine.« antwortete der Pole. Er dankte mit einem -Kopfnicken den Offizieren, die ihn im Augenblick des -plötzlichen Schwächeanfalls gestützt hatten, und fügte -hinzu: »Meine Herren, Sie kennen mich ja nicht, die -Aussage des Kellners über meine Reputation darf Ihnen -nicht genügen. Darum halte ich es für unmöglich, dieses -Gespräch fortzusetzen und möchte mich von Ihnen verabschieden.« -</p> - -<p> -Man hielt ihn aber zurück: -</p> - -<p> -»Erlauben Sie einmal,« sagte man ihm, »das geht doch -nicht!« -</p> - -<p> -»Ich weiß nicht, warum das nicht gehen sollte. Ich -habe meine Spielschuld bezahlt, möchte nicht weiter -spielen und bitte Sie, mir zu gestatten, Ihre Gesellschaft -verlassen zu dürfen.« -</p> - -<p> -»Wir sprechen nicht von der Bezahlung!« -</p> - -<p> -<a id="page-92" class="pagenum" title="92"></a> -»Ja, nicht von der Bezahlung!« -</p> - -<p> -»Wovon denn? Ich frage, was Sie wollen, und Sie -antworten, daß Sie von mir nichts wollen. Ich will mich -schweigend zurückziehen, und Sie sind auch damit unzufrieden -... Hol’s der Teufel, was ist eigentlich los?« -</p> - -<p> -Nun ging auf ihn einer der älteren Rittmeister zu, ein -‚in Schlachten ergrauter Kamerad‘, ein vielerfahrener -Mann, der schon manchen Zusammenstoß am Kartentische -erlebt hatte, und sagte: -</p> - -<p> -»Verehrter Herr! Gestatten Sie, daß ich mich mit Ihnen -im Namen aller auseinandersetze.« -</p> - -<p> -»Sehr gern, obwohl ich gar nicht einsehe, worüber wir -uns auseinanderzusetzen haben.« -</p> - -<p> -»Ich will Ihnen gleich alles erklären.« -</p> - -<p> -»Bitte sehr.« -</p> - -<p> -»Verehrter Herr, meine Kameraden und ich kennen -Sie tatsächlich nicht; wir haben Sie aber mit russischer -Zutraulichkeit in unsere Gesellschaft aufgenommen. Es -gelang Ihnen nicht, zu verheimlichen, daß Sie eben etwas -Unerwartetes erlebt haben. Und zwar in unserem Kreise -... Sie haben vorhin den Ausdruck ‚Reputation‘ gebraucht. -Auch wir haben unsere Reputation, hol’s der -Teufel ... Jawohl! Wir vertrauen Ihnen, müssen Sie aber -bitten, auch unserer Ehrlichkeit zu vertrauen.« -</p> - -<p> -»Sehr gerne,« unterbrach ihn der Pole, »sehr gerne!« -Und er streckte ihm seine Hand entgegen. Der Rittmeister -schien es aber nicht zu sehen und fuhr fort: -</p> - -<p> -»Ich setze meinen Kopf und meine Hand dafür ein, -daß Sie hier nicht die geringsten Unannehmlichkeiten zu -gewärtigen haben und daß jeder, der es wagt, Sie, und -wenn auch nur durch eine entfernte Andeutung, zu verletzen, -<a id="page-93" class="pagenum" title="93"></a> -in mir Ihren Verteidiger finden wird. Wir dürfen -aber die Sache nicht als erledigt betrachten. Ihr Benehmen -erscheint uns sonderbar, und ich bitte Sie im Namen -aller Anwesenden, sich zu beruhigen und uns ernsthaft -zu erklären, ob Sie sich tatsächlich unwohl fühlten oder -ob Sie etwas Unerwartetes entdeckt haben. Wir bitten -Sie, uns diese Frage in einem Worte und ganz aufrichtig -zu beantworten.« -</p> - -<p> -Alle fielen ihm ins Wort: »Ja, wir bitten, wir bitten!« -Die Bewegung war eine allgemeine. Nur Sascha allein -nahm an ihr nicht teil: er verharrte nach wie vor in seiner -dummen Versunkenheit. Aber auch er erhob sich von seinem -Platz, sagte »Wie ekelhaft!« und wandte sich mit dem -Gesicht zum Fenster. -</p> - -<p> -Der Pole aber, den wir so bedrängten, verlor seine -Selbstbeherrschung nicht. Im Gegenteil, er nahm eine -noch stolzere Haltung an und sagte: -</p> - -<p> -»Meine Herren, in diesem Falle muß ich Sie um Verzeihung -bitten. Ich wollte nichts sagen und alles in meinem -Herzen tragen. Wenn Sie mich aber unter Berufung -auf meine Ehre herausfordern, Ihnen zu sagen, was ich -vorhin gehabt habe, so muß ich als Ehrenmann und -Adliger ...« -</p> - -<p> -Jemand, der sich nicht beherrschen konnte, rief dazwischen: -</p> - -<p> -»Er redet mir zu viel von Ehre!« -</p> - -<p> -Der Rittmeister warf einen zornigen Blick in die Richtung, -aus der dieser Zwischenruf gekommen war, und -Awgust Matwejitsch fuhr fort: -</p> - -<p> -»Als Ehrenmann und Adliger muß ich Ihnen, meine -Herren, sagen, daß ich außer der Summe, die ich im Kartenspiel -<a id="page-94" class="pagenum" title="94"></a> -verloren, in meiner Brieftasche noch zwölftausend -Rubel in Banknoten zu tausend und zu fünfhundert -Rubel gehabt habe.« -</p> - -<p> -»Haben Sie das Geld bei sich gehabt?« fragte der Rittmeister. -</p> - -<p> -»Ja, bei mir.« -</p> - -<p> -»Sie können sich daran genau erinnern?« -</p> - -<p> -»Ja, ganz genau.« -</p> - -<p> -»Und jetzt ist das Geld fort?« -</p> - -<p> -»Ja, Sie haben es erraten: es ist fort.« -</p> - -<p> -Der betrunkene Offizier rief wieder dazwischen: -</p> - -<p> -»War denn das Geld auch wirklich da?« -</p> - -<p> -Der Rittmeister sagte aber noch strenger: -</p> - -<p> -»Ich bitte zu schweigen! Der Herr, den wir vor uns -haben, wird sich nicht unterstehen, uns anzulügen. Er -weiß, daß man mit solchen Dingen in anständiger Gesellschaft -nicht scherzt: solche Späße können einem leicht -das Leben kosten. Daß wir aber wirklich anständige Menschen -sind, müssen wir erst durch die Tat beweisen. Meine -Herren, niemand rührt sich von seinem Platz, und ich -bitte Sie, Leutnant soundso, und Sie, und auch Sie (er -nannte die Namen dreier Kameraden), sofort alle Türen -abzuschließen und die Schlüssel hier an sichtbarer Stelle -niederzulegen. Der Erste, der den Versuch macht, das -Zimmer zu verlassen, wird es mit seinem Leben büßen. -Ich hoffe aber, meine Herren, daß es niemand versuchen -wird. Niemand wagt daran zu zweifeln, daß wir mit dem -Verlust, von dem der fremde Herr spricht, nichts zu tun -haben; aber das muß erst bewiesen werden.« -</p> - -<p> -»Ja, ja, gewiß!« bestätigten die Offiziere. -</p> - -<p> -»Und wenn das einmal bewiesen ist, so wird sofort der -<a id="page-95" class="pagenum" title="95"></a> -zweite Akt beginnen. Jetzt aber müssen wir, um unsere -Ehre und unseren Stolz zu wahren, diesem Herrn gestatten, -uns einer genauen Leibesvisitation zu unterziehen.« -</p> - -<p> -»Ja, soll er uns nur durchsuchen!« riefen die Offiziere. -</p> - -<p> -»Und zwar bis aufs Hemd!« sagte der Rittmeister. -</p> - -<p> -»Ja, bis aufs Hemd!« -</p> - -<p> -»Wir werden uns nun der Reihe nach vor diesem Herrn -vollständig entkleiden. Ein jeder soll ganz nackt, wie er -aus dem Mutterleibe hervorgegangen ist, vor ihn treten, -und der Herr soll einen jeden eigenhändig durchsuchen. -Ich bin hier der Älteste an Jahren und im Range und will -mich als erster dieser Durchsuchung unterziehen, die für -einen Ehrenmann nichts Ehrenrühriges ist. Ich bitte Sie -alle, etwas zurückzutreten und sich in eine Reihe aufzustellen. -Und nun entkleide ich mich.« -</p> - -<p> -Er begann in großer Hast alle Kleidungsstücke von -sich zu werfen und zog selbst die Socken aus. Als er ganz -nackt war, legte er alle Sachen dem fürstlichen Generalbevollmächtigten -vor die Füße, hob die Arme und sagte: -</p> - -<p> -»So stehe ich vor Ihnen wie ein Rekrut vor der Kommission. -Wollen Sie mich durchsuchen.« -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch weigerte sich mit der durchaus -stichhaltigen Begründung, daß er keinerlei Verdacht ausgesprochen -und diese Untersuchung nicht verlangt habe. -</p> - -<p> -»Nein, auf solche Scherze lassen wir uns nicht ein!« -sagte der Rittmeister, vor Wut ganz rot werdend und -mit den bloßen Fersen stampfend. »Jetzt ist es zu spät, -mein Herr, den Großmütigen zu spielen ... Ich habe mich -nicht zum Spaß vor Ihnen entkleidet ... Ich bitte Sie, -meine Sachen genau zu durchsuchen. Sonst erschlage ich -Sie, nackt wie ich bin, augenblicklich mit diesem Stuhl!« -</p> - -<p> -<a id="page-96" class="pagenum" title="96"></a> -Und er ergriff mit seiner behaarten Hand den schweren -Stuhl und schwang ihn über dem Kopfe des Polen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-7"> -VII -</h3> - -<p class="noindent"> -Awgust Matwejitsch beugte sich mit Widerstreben -über die auf dem Fußboden ausgebreiteten Sachen des -Rittmeisters und tat, wie wenn er sie durchsuchte. -</p> - -<p> -Die nackten Fersen stampften noch wütender, und zugleich -zischte eine erstickte Stimme: -</p> - -<p> -»Nicht so durchsucht man die Sachen! Nicht so! Haltet -mich, sonst stürze ich mich auf ihn und erwürge ihn, -wenn er es nicht ordentlich macht!« -</p> - -<p> -Der Rittmeister war buchstäblich außer sich vor Zorn -und bebte so, daß selbst das üppige schwarze Moos unter -seinen muskulösen Armen, die er krampfhaft über dem -Kopfe hielt, zitterte. -</p> - -<p> -Der Pole ließ sich aber nicht einschüchtern. Er streifte -mit einem ruhigen Blick das von Wut entstellte Gesicht -und die Achselhöhlen des Rittmeisters, in denen sich -zwei schwarze Ratten zu regen schienen, und sagte: -</p> - -<p> -»Sehr schön. Ich bin zwar fest überzeugt, daß Sie ein -Ehrenmann sind; da Sie aber darauf bestehen, will ich -Sie wie einen Dieb durchsuchen.« -</p> - -<p> -»Ja, hol mich der Teufel, ich bin ein Ehrenmann, und -bestehe darauf, daß Sie mich wie <em>einen Dieb</em> durchsuchen!« -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch durchsuchte ihn und fand selbstverständlich -nichts. -</p> - -<p> -»Nun bin ich also von jedem Verdacht rein,« sagte -der Rittmeister. »Wollen jetzt die anderen Herren meinem -Beispiele folgen.« -</p> - -<p> -<a id="page-97" class="pagenum" title="97"></a> -Ein zweiter Offizier entkleidete sich, und Awgust Matwejitsch -durchsuchte ihn auf die gleiche Weise. Dann -kam der dritte an die Reihe, und so unterzogen wir uns -alle der Durchsuchung. Sascha allein war noch nicht -durchsucht, und gerade in dem Augenblick, als die Reihe -an ihn kommen sollte, wurde heftig an die Zimmertür -geklopft. -</p> - -<p> -Wir alle fuhren zusammen. -</p> - -<p> -»Niemand darf herein!« kommandierte der Rittmeister. -Man klopfte aber noch heftiger. -</p> - -<p> -»Wen bringt der Teufel her? Wir dürfen niemand hereinlassen, -solange diese schmachvolle Sache nicht erledigt -ist. Wer es auch sei, jagt ihn zum Teufel!« -</p> - -<p> -Es wurde wieder geklopft, und wir hörten zugleich -eine wohlbekannte Stimme: -</p> - -<p> -»Wollen Sie mich einlassen. Ich bin es.« -</p> - -<p> -Es war die Stimme unseres Obersten. -</p> - -<p> -— — — — — — — — — — — — — — — — -</p> - -<p> -Die Offiziere wechselten Blicke. -</p> - -<p> -»Machen Sie auf, meine Herren!« wiederholte der -Oberst. -</p> - -<p> -Die Türe wurde aufgemacht, und der nicht sehr beliebte -Kommandeur trat wie ein Kamerad in unsere Mitte. -Auf seinem Gesicht leuchtete ein freundliches Lächeln, -das er nur sehr selten sehen ließ. -</p> - -<p> -»Meine Herren!« begann er, noch ehe er sich im Zimmer -umgesehen hatte. »Bei mir zu Hause steht alles gut. -Nach den aufreibenden Augenblicken, die ich eben -durchlebt habe, wollte ich etwas frische Luft atmen. Und -da ich Ihren kameradschaftlichen Wunsch, meine Freude -zu teilen, kenne, bin ich zu Ihnen gekommen, um Ihnen -<a id="page-98" class="pagenum" title="98"></a> -persönlich mitzuteilen, daß Gott mir ein Töchterchen geschenkt -hat.« -</p> - -<p> -Wir gratulierten ihm, unsere Gratulation klang aber -natürlich nicht so lebhaft und freudig, wie es der Oberst, -der von unseren Vorbereitungen gehört hatte, zu erwarten -berechtigt war. Das fiel ihm gleich auf. Er sah sich mit -seinen gelben Augen im Zimmer um und richtete sie auf -den Fremden. -</p> - -<p> -»Wer ist der Herr?« fragte er leise. -</p> - -<p> -Der Rittmeister antwortete ihm noch leiser und erzählte -kurz die ganze unangenehme Geschichte. -</p> - -<p> -»Wie ekelhaft!« rief der Oberst. »Wie ist nun die Sache -ausgegangen, oder ist sie noch immer nicht zu Ende?« -</p> - -<p> -»Wir zwangen ihn, uns alle zu durchsuchen, und bei -Ihrem Erscheinen blieb nur noch der Kornett N. undurchsucht.« -</p> - -<p> -»Machen Sie ein Ende!« sagte der Oberst, sich auf -einen Stuhl in der Mitte des Zimmers setzend. -</p> - -<p> -»Kornett N., wollen Sie sich entkleiden!« kommandierte -der Rittmeister. -</p> - -<p> -Sascha, der, die Arme auf der Brust gekreuzt, am Fenster -stand, antwortete nichts und rührte sich nicht. -</p> - -<p> -»Hören Sie denn nicht, Kornett?« wandte sich der -Oberst an ihn. -</p> - -<p> -Sascha rührte sich nun von seinem Platz und antwortete: -</p> - -<p> -»Herr Oberst und meine Herren Offiziere, ich schwöre -bei meiner Ehre, daß ich das Geld nicht gestohlen -habe ...« -</p> - -<p> -»Pfui, wozu dieses Schwören!« entgegnete der Oberst. -»Alle sind hier über jeden Verdacht erhaben; wenn aber -<a id="page-99" class="pagenum" title="99"></a> -Ihre Kameraden einmal beschlossen haben, sich der -Durchsuchung zu unterziehen, so müssen auch Sie sich -dem fügen. Dieser Herr soll Sie nun gleich in Gegenwart -aller durchsuchen, und dann beginnt der zweite Akt.« -</p> - -<p> -»<em>Ich kann es nicht.</em>« -</p> - -<p> -»Was ... Was können Sie nicht?« -</p> - -<p> -»Ich habe das Geld nicht gestohlen, ich will mich aber -nicht durchsuchen lassen!« -</p> - -<p> -Es erhob sich ein unzufriedenes Geflüster, und alle gerieten -in Bewegung. -</p> - -<p> -»Was soll das heißen? Es ist einfach dumm ... Warum -wollen Sie sich nicht durchsuchen lassen?« -</p> - -<p> -»Ich kann es nicht.« -</p> - -<p> -»Sie <em>müssen</em>! Sie müssen einsehen, daß Ihr Trotz den -für uns alle erniedrigenden Verdacht verstärkt ... Wenn -Sie auf Ihre eigene Ehre keinen Wert legen, so muß -Ihnen doch die Ehre Ihrer Kameraden teuer sein, die Ehre -des Regiments und der Uniform! Wir alle verlangen von -Ihnen, daß Sie sich augenblicklich entkleiden und sich -durchsuchen lassen ... Und da Ihr Benehmen den Verdacht -bereits verstärkt hat, so freuen wir uns alle, daß -Sie in Gegenwart des Obersten durchsucht werden können -... Wollen Sie sich augenblicklich entkleiden.« -</p> - -<p> -»Meine Herren!« sagte der Jüngling, der nun leichenblaß -geworden und mit kaltem Schweiß bedeckt war. -»Ich habe das Geld nicht genommen ... Ich schwöre es -Ihnen bei meinen Eltern, die ich über alles in der Welt -liebe ... Ich habe das Geld dieses Herrn nicht! Ich werde -sofort dieses Fenster einschlagen und mich hinausstürzen, -werde mich aber um nichts in der Welt ausziehen, das -verlangt meine Ehre!« -</p> - -<p> -<a id="page-100" class="pagenum" title="100"></a> -»Was für eine Ehre?! Was für eine Ehre steht über -der Ehre des Regiments und der Uniform? Wessen Ehre -ist es?« -</p> - -<p> -»Ich sage Ihnen kein Wort mehr, werde mich aber -nicht ausziehen. Ich habe in der Tasche eine Pistole und -mache Sie darauf aufmerksam, daß ich einen jeden niederschieße, -der Gewalt gegen mich anzuwenden versucht!« -</p> - -<p> -Als der Jüngling das sagte, wurde er bald blaß und -bald feuerrot; er keuchte und sah mit irren Blicken auf -die Türe; sein einziger Wunsch war, sich von hier herauszureißen; -man hörte, wie er in der Tasche seiner Reithose -den Hahn seiner Pistole spannte. -</p> - -<p> -Sascha war mit einem Wort ganz außer sich. Seine -Ekstase machte alle weiteren Einwände unmöglich und -stimmte uns alle nachdenklich. -</p> - -<p> -Der Pole zeigte als erster große und selbst rührende -Teilnahme. Seine isolierte und daher sehr unvorteilhafte -Stellung in unserem Kreise gänzlich außer Acht lassend, -rief er voller Entsetzen, das seltsam ansteckend wirkte: -</p> - -<p> -»Fluch über diesen Tag und dieses Geld! Ich will es -nicht mehr, ich suche es nicht mehr, ich beklage es nicht -mehr, ich werde niemals und niemand von diesem Verlust -auch nur ein Wort sagen. Aber ich beschwöre Sie -beim Gott Zebaoth, der Sie alle erschaffen hat, beim Heiland, -der für Recht und Wahrheit ans Kreuz geschlagen -wurde, bei Allem, was Ihnen wert und teuer ist, lassen -Sie von diesem <em>Knaben</em> ab ...« -</p> - -<p> -Ja, er sagte »Knaben« und nicht »Jüngling«. Plötzlich -fügte er mit einer gänzlich veränderten, aus der tiefsten -Tiefe der Seele dringenden Stimme hinzu: -</p> - -<p> -<a id="page-101" class="pagenum" title="101"></a> -»Beschleunigen Sie den Gang des Schicksals nicht ... -Sehen Sie denn nicht, wohin er geht? ...« -</p> - -<p> -Sascha ging oder schlich vielmehr tatsächlich an den -Offizieren vorbei auf die Türe zu. -</p> - -<p> -Der Oberst verfolgte ihn mit seinen gelben Augen -und sagte: -</p> - -<p> -»Soll er nur gehen ...« -</p> - -<p> -Dann fügte er leise hinzu: -</p> - -<p> -»Ich glaube, ich fange etwas zu verstehen an.« -</p> - -<p> -Als Sascha die Schwelle erreicht hatte, wandte er sich -zu allen um und sagte: -</p> - -<p> -»Meine Herren! Ich weiß wohl, wie schwer ich Sie -beleidigt habe und wie niedrig meine Handlung Ihnen -erscheinen muß. Verzeihen Sie mir ...! Ich konnte nicht -anders ... Es ist mein Geheimnis ... Verzeihen Sie ... -So verlangt es die Ehre ...« -</p> - -<p> -Seine Stimme bebte wie vor kindlichen Tränen. Er -schämte sich ihrer, bedeckte die Augen mit der Hand, -rief: »Lebt wohl!« und stürzte hinaus. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-8"> -VIII -</h3> - -<p class="noindent"> -Es ist sehr schwer, Ereignisse wie dieses gleichgültigen -Zuhörern zu <a id="corr-16"></a>schildern, wenn man auch selbst nicht mehr -so erregt ist, wie man es seinerzeit war. Jetzt, da ich Ihnen -erzählen muß, was weiter geschah, fühle ich, daß ich es -unmöglich mit jener Lebendigkeit, Kompaktheit und -Intensität wiedergeben kann, mit der die Ereignisse sich -damals überstürzten und sich aufeinander türmten, um -gleichsam von einer schicksalsschweren Höhe auf die Unzulänglichkeit -der menschlichen Vernunft herabzublicken -und sich gleich wieder in der Natur aufzulösen. -</p> - -<p> -<a id="page-102" class="pagenum" title="102"></a> -Wenn Sie die Berichte Jacolios oder unserer Landsmännin -Rada-Bay gelesen haben, so wissen Sie vielleicht -noch, was sie von der »psychischen Kraft« der Hindus -und von der Abhängigkeit dieser Kraft von der »geistigen -Stimmung« erzählen. Die psychische Kraft wohnt -vielleicht auch dem Stutzer inne, der, das Stöckchen -schwingend, durch die Straßen flaniert und »Nun sind -wir da, nun sind wir da!« aus dem »Orpheus« singt. -Nun versuche aber einer zu ergründen, wo in ihm diese -Kraft steckt und worauf sie sich anwenden läßt. Der -Prediger Salomo erläutert es trefflich am Beispiele des -Schattens, den der Baum in der Richtung des auf ihn -fallenden Lichtes wirft ... Bei einer allgemeinen Panik -verlieren alle den Kopf und halten das Nebensächlichste -für das Wichtigste; ein einziger anders gestimmter Blick -sieht aber in diesem Moment das einzig Wichtige: da -haben Sie einen Fall der »psychischen Kraft«. -</p> - -<p> -Ein winziges Teilchen dieser Kraft durchzuckte mich -in dem Augenblick, als Sascha aus dem Zimmer stürzte. -In seiner Bewegung, in seinem plötzlichen Sprung war -etwas Schreckliches: er war nicht einfach weggelaufen, -er hatte sich von uns losgerissen, war uns sozusagen auf -Nimmerwiedersehen entschwebt ... Wir hörten sogar -seine Schritte nicht, es war nur ein leises Rauschen durch -den Korridor ... Der Pole stürzte ihm augenblicklich -nach ... Wir glaubten, daß er ihn einholen und des -Diebstahls überführen wolle; ich habe Ihnen schon erzählt, -daß Sascha vorher das Unglück gehabt hatte, aus -Versehen in das Zimmer des Polen einzudringen, was -diesem das Recht gab, seinen Verdacht gerade auf ihn zu -richten. Übrigens waren wir alle davon überzeugt, daß -<a id="page-103" class="pagenum" title="103"></a> -der Pole das Geld tatsächlich gehabt hatte und daß es -ihm in unserem Kreise abhanden gekommen war. Mehrere -Offiziere stürzten zur Türe, um Awgust Matwejitsch -den Weg zu versperren, und der Oberst rief ihm zu: -</p> - -<p> -»Sie bleiben hier! Ihr Geld wird Ihnen ersetzt werden!« -</p> - -<p> -Der Pole aber stieß die Offiziere mit unerwarteter -Kraft zurück und antwortete dem Obersten: -</p> - -<p> -»Der Teufel soll das Geld holen!« Und lief Sascha -nach. -</p> - -<p> -Jetzt erst sahen wir den unverzeihlichen Fehler ein, -den wir vorhin gemacht hatten, als wir uns selbst durchsuchen -ließen und dasselbe nicht auch vom Polen, der -diese ganze Geschichte verschuldet hatte, verlangten. -Wir stürzten ihm nach, um ihn zu packen und ihm die -Möglichkeit zu nehmen, das Geld irgendwo zu verstecken -und uns hinterher zu beschuldigen; aber in -diesem selben Augenblick, — es ging viel schneller, als -ich es Ihnen erzähle, — erklang im Korridor etwas wie -Händeklatschen ... -</p> - -<p> -Uns durchzuckte der Gedanke, daß der Pole Sascha -ins Gesicht geschlagen hatte, und wir eilten unserem -Kameraden zu Hilfe. Die Hilfe war aber unnötig ... -</p> - -<p> -In der Türe vor uns stand schwankend die lange, an -eine Standuhr gemahnende Gestalt Awgust Matwejitschs -mit dem Grahamschen Zifferblatt, dessen Zeiger nach -unten wiesen ... -</p> - -<p> -»Es ist zu spät ...« keuchte er: »<em>er hat sich erschossen</em>.« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-9"> -IX -</h3> - -<p class="noindent"> -Wir drängten uns in Saschas kleines Zimmer und sahen -ein erschütterndes Bild: mitten im Zimmer stand, von -<a id="page-104" class="pagenum" title="104"></a> -einer niedergebrannten Kerze beleuchtet, Saschas erschrockener -Bursche und hielt ihn in seinen Armen, -während Saschas Kopf auf seiner Schulter ruhte. Die -Arme hingen kraftlos herab, aber die eingeknickten -Kniee zuckten noch, wie wenn man ihn kitzelte. -</p> - -<p> -Die Geschichte mit dem Geld, die dies alles verschuldet, -die sich jedenfalls zur rechten Zeit abgespielt -hatte, um dem Erscheinen der »hypokratischen Züge« -auf dem jugendlichen Gesicht des armen Sascha eine -Begründung zu geben, war nun vergessen ... Auch die -Angst vor einem Skandal war völlig in den Hintergrund -getreten. Wir legten den Verwundeten aufs Bett, schickten -nach Ärzten und bemühten uns, ihm, dem nichts mehr -helfen konnte, Hilfe zu bringen ... Wir versuchten das -Blut, das unaufhörlich aus der Wunde strömte, zu stillen, -riefen ihn bei seinem Namen und schrien ihm ins Ohr: -»Sascha! Sascha! Lieber Sascha!« Er hörte aber wohl -nichts mehr; er erlosch und erkaltete und lag nach einer -Minute auf seinem Bett so steif und unbeweglich wie -ein Bleistift. -</p> - -<p> -Viele weinten, und der <a id="corr-17"></a>Bursche schluchzte laut ... Der -Zimmerkellner Marko drängte sich zu der Leiche vor -und sagte leise, seiner religiösen Stimmung treu: -</p> - -<p> -»Meine Herren, man darf nicht weinen, wenn eine -Seele den Körper verläßt. Beten Sie doch lieber!« Mit -diesen Worten schob er uns etwas zur Seite und stellte -auf den Tisch einen Teller mit reinem Wasser. -</p> - -<p> -»Was ist das?« fragten wir ihn. -</p> - -<p> -»Wasser«, antwortete er. -</p> - -<p> -»Wozu?« -</p> - -<p> -»Damit seine Seele sich darin wäscht.« -</p> - -<p> -<a id="page-105" class="pagenum" title="105"></a> -Marko legte die Leiche ordentlich auf den Rücken und -drückte ihr die Augenlider zu ... -</p> - -<p> -Wir alle bekreuzigten uns und weinten. Der Bursche -fiel in die Kniee und schlug mit der Stirne gegen den -Fußboden, daß man es hörte. -</p> - -<p> -Zwei Ärzte — unser Regimentsarzt und einer von der -Polizei — kamen gelaufen und konstatierten »die Tatsache -des Todes«. -</p> - -<p> -Sascha war tot ... -</p> - -<p> -Wer oder was war die Ursache seines Selbstmordes? -Wo ist das Geld, wer ist der Dieb, der es genommen hat? -Wie wird sich diese Geschichte, die wie der Inhalt eines -aufgeschnittenen Daunenkissens durch die Luft wirbelte -und an uns allen kleben blieb, weiter entwickeln? -</p> - -<p> -Allen war es ganz wirr im Kopfe. Die Leiche hatte -aber doch die Kraft, alle Gedanken auf sich zu lenken -und uns zu zwingen, sich in erster Linie mit ihr zu -befassen. -</p> - -<p> -In Saschas Zimmer erschienen Polizeibeamte, Ärzte -und Heilgehilfen, und man begann ein Protokoll aufzunehmen. -Unsere Gegenwart wurde als störend befunden, -und man ersuchte uns, das Zimmer zu verlassen. -Man entkleidete Sascha und durchsuchte seine Sachen -in Gegenwart von Zeugen, unter denen sich der Zimmerkellner -Marko, unser Regimentsarzt und einer der Offiziere -als Delegierter befanden. Das Geld wurde selbstverständlich -nicht gefunden. -</p> - -<p> -Unter dem Tische fand man die Pistole und auf dem -Tische einen Zettel, auf dem Sascha mit flüchtiger Schrift -hingekritzelt hatte: »Papa und Mama, verzeiht mir, ich -bin unschuldig.« -</p> - -<p> -<a id="page-106" class="pagenum" title="106"></a> -Um dieses zu schreiben, hatte er wohl kaum mehr als -zwei Sekunden gebraucht. -</p> - -<p> -Der Bursche, der Zeuge des Selbstmordes gewesen -war, erzählte, daß Sascha, gleich als er in sein Zimmer -hereingestürzt war, stehend diese Zeilen geschrieben, -sich dann die Kugel ins Herz gejagt hatte und sterbend -in seine Arme gefallen war. -</p> - -<p> -Der Soldat wiederholte diesen Bericht einige Male in -der gleichen Fassung allen, die ihn ausfragten. Dann -stand er schweigend da und zwinkerte mit den Augen. -Als aber Awgust Matwejitsch auf ihn zuging, ihm in die -Augen blickte und ihn nach weiteren Einzelheiten ausfragen -wollte, wandte sich der Bursche an den Rittmeister -und sagte: -</p> - -<p> -»Herr Rittmeister, erlauben Sie, daß ich hinausgehe -und mich wasche: an meinen Händen ist Christenblut.« -</p> - -<p> -Man erlaubte es ihm, weil er tatsächlich über und -über mit Blut befleckt war, was einen schrecklichen -Anblick bot. -</p> - -<p> -Das alles spielte sich bei Tagesanbruch ab; der Himmel -rötete sich schon, und das erste Morgenlicht drang -durch die Fenster herein. -</p> - -<p> -In den von den Offizieren bewohnten Zimmern standen -alle Türen nach dem Korridor offen, und überall -brannte Licht. Einige Offiziere saßen mit gesenkten -Köpfen ganz fassungslos in ihren Zimmern. Alle sahen -mehr wie Mumien als wie lebende Menschen aus. Der -Rausch hatte sich wie ein Nebel verflüchtigt, ohne auch -eine Spur zu hinterlassen ... Alle Gesichter drückten -Verzweiflung und Trauer aus ... -</p> - -<p> -Der arme Sascha! Wenn sein Geist sich noch für die -<a id="page-107" class="pagenum" title="107"></a> -irdischen Dinge interessieren könnte, so würde er sicher -einen Trost darin finden, daß alle mit solcher Liebe an -ihm hingen und daß es allen so weh tat, ihn, den blühenden -und lebensvollen Jüngling zu überleben! -</p> - -<p> -Auf ihm lastete aber ein Verdacht ... ein schrecklicher, -schändlicher Verdacht. Wer würde es aber jetzt wagen, -von diesem Verdacht zu seinen alten Kameraden zu -sprechen, über deren bekümmerte Gesichter die Tränen -rollten? ... -</p> - -<p> -»Sascha! Sascha! Armer junger Sascha! Was hast du -getan?« flüsterten alle Lippen, und plötzlich standen -alle Herzen still, und ein jeder von uns fragte sich: »Bist -du nicht auch selbst schuld daran? Hast du nicht gesehen, -in welcher Verfassung er war? Hast du auf deine -Kameraden einzuwirken versucht, daß sie ihn in Ruhe -ließen? Hast du ihnen gesagt, daß du ihm vertraust und -die Unantastbarkeit seines Geheimnisses achtest? Sascha! -Armer Sascha! Was ist das für ein Geheimnis, das ihn -zugrunde gerichtet hat, das er ins Jenseits mitgenommen -hat? ... Er ist natürlich rein und von jedem schmählichen -Verdacht frei ... Fluch über den, der ihn in den Tod -getrieben hat!« -</p> - -<p> -Wer hat es aber getan? -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-10"> -X -</h3> - -<p class="noindent"> -Awgust Matwejitschs Türe stand ebenso offen wie die -Türen aller Offizierszimmer; es brannte aber darin kein -Licht, und im blassen Morgenscheine konnte man nur -einen eleganten Reisekoffer und anderes Gepäck unterscheiden. -In einer Ecke stand das leicht aufgewühlte -Bett. -</p> - -<p> -<a id="page-108" class="pagenum" title="108"></a> -Wenn man an diesem Zimmer vorbeiging, hatte man -den Wunsch, stehen zu bleiben und einen Blick hineinzuwerfen: -Was birgt dieses Zimmer? Woher und wofür -ist dieses Unglück über uns gekommen? -</p> - -<p> -Mich zog es hin, nachzuschauen, ob das verschwundene -Geld nicht in diesem Zimmer sei: hat nicht der -Pole selbst das Geld in seinem Zimmer vergessen und -dann diese ganze Geschichte inszeniert, die uns so viel -Unannehmlichkeiten und den Verlust unseres schönen, -jungen Kameraden gekostet hat? Ich war schon bereit, -in das Zimmer einzudringen und es zu durchsuchen; -glücklicherweise wurde ich aber rechtzeitig gestört. -</p> - -<p> -Aus dem Ende des Korridors, wo sich das große Zimmer -befand, in dem nachts gespielt und gezecht wurde, -riefen mir in diesem Augenblick mehrere Stimmen zu: -</p> - -<p> -»Wohin? Wohin? .. Diese Dummheit fehlt uns noch -gerade!« -</p> - -<p> -Ich fühlte mich auf einmal verlegen und entmutigt. -Ich sah plötzlich ein, wie leichtsinnig mein Vorhaben -war und wie leicht ich in den Verdacht kommen könnte, -in diese Sache irgendwie verwickelt zu sein. -</p> - -<p> -Ich bekreuzigte mich und ging mit raschen Schritten -auf die Stimmen zu, die mich von meinem Vorhaben -abgebracht hatten. -</p> - -<p> -Vor dem noch finstern, nach Norden gehenden Korridorfenster -saßen auf der mit einer schmutzigen Pferdedecke -bedeckten Bank, die dem Burschen des Rittmeisters -als Lager diente, drei Offiziere und unser Regimentspfarrer. -Der Pfarrer trug sein langes Haar zum Zopf -geflochten und hatte einen üppigen blonden Vollbart, -dem er den Namen »Vater Barbarossa« verdankte. Er -<a id="page-109" class="pagenum" title="109"></a> -war sehr gutmütig, nahm sich alle unsere Regimentsaffären -zu Herzen, drückte aber seine Gefühle nicht -durch Worte, sondern nur durch ein vielsagendes Kopfnicken -und ein gedehntes »Ja« aus. Nur in den dringendsten -Fällen sprach er etwas mehr und zeigte dann immer -Geistesgegenwart und Findigkeit. -</p> - -<p> -Die drei Offiziere und der Pfarrer rauchten abwechselnd -aus zwei Pfeifen. Der Pfarrer saß in der Mitte der -Gruppe und bekam daher die Pfeife wie von rechts, so -auch von links gereicht; auf diese Weise hatte er vom -Rauchen den doppelten Genuß, den er außerdem noch -auf die Weise vergrößerte, daß er nach jedem Zug aus -der Pfeife sich das Gesicht mit dem herrlichen Vollbart -bedeckte und den Rauch ganz langsam durch diesen -eigenartigen Respirator hinausließ. -</p> - -<p> -Diese guten Menschen saßen auf ihrer Bank nahe bei -dem Zimmer des Rittmeisters, das jetzt abgesperrt war; -drinnen wurde lebhaft, aber gedämpft gesprochen. Man -hörte mehrere Stimmen, konnte aber kein einziges Wort -unterscheiden. -</p> - -<p> -Hinter der verschlossenen Tür befanden sich unser -Regimentskommandeur, der Rittmeister und der Urheber -des ganzen Unglücks — Awgust Matwejitsch. Der Oberst -selbst hatte die beiden Herren zu dieser Besprechung -eingeladen, niemand wußte aber, was er von ihnen -wollte. Die drei Offiziere und der Pfarrer hatten aus -eigenem Antriebe den Posten in der Nähe des Zimmers -bezogen, um den Kameraden zur Hilfe eilen zu können, -wenn die Auseinandersetzung sich zuspitzen sollte. -</p> - -<p> -Diese Befürchtungen erwiesen sich aber als grundlos: -das Gespräch wurde, wie gesagt, in höchst anständiger -<a id="page-110" class="pagenum" title="110"></a> -Form geführt; der Ton wurde immer weicher und klang -zuletzt durchaus freundschaftlich und herzlich. Dann -hörten wir, wie die Stühle zurückgeschoben wurden und -wie zwei Herren sich der Türe näherten. -</p> - -<p> -Der Schlüssel wurde umgedreht, und in der offenen -Tür erschienen der Regimentskommandeur und Awgust -Matwejitsch. -</p> - -<p> -Ihr Gesichtsausdruck war, wenn auch nicht gerade -ruhig, so doch jedenfalls friedfertig. -</p> - -<p> -Der Oberst drückte dem Polen die Hand und sagte: -</p> - -<p> -»Ich freue mich, daß ich Ihnen die Gefühle entgegenbringen -kann, die Sie mir unter diesen schrecklichen -Umständen einzuflößen verstanden. Ich bitte Sie, meiner -Aufrichtigkeit ebenso zu vertrauen, wie ich der Ihrigen -vertraue.« -</p> - -<p> -Der Pole verbeugte sich vor ihm mit großer Würde -und begab sich schweigend auf sein Zimmer; der Oberst -aber wandte sich an uns mit den Worten: -</p> - -<p> -»Ich eile nach Hause und bitte Sie, sich zum Rittmeister -zu begeben: Sie werden von ihm erfahren, wie -wir uns alle zu verhalten haben.« -</p> - -<p> -Der Oberst nickte uns zu und begab sich zum Ausgang. -Noch ehe die Türe unten hinter ihm ins Schloß -gefallen war, füllten wir schon das Zimmer des Rittmeisters. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-11"> -XI -</h3> - -<p class="noindent"> -Unser Rittmeister war ein Prachtkerl, aber nervös und -aufbrausend. Er war schlagfertig und klug, konnte sich -aber nicht beherrschen, und seine Redegabe war echt -militärisch: er verstand wohl zu befehlen, aber nicht zu -erzählen und seine Gedanken darzulegen. -</p> - -<p> -<a id="page-111" class="pagenum" title="111"></a> -So war er auch in diesem Augenblick. Er riß seine -Halsbinde von sich und warf uns allen wütende -Blicke zu. -</p> - -<p> -»Nun, das sind schöne Geschichten, nicht wahr?« -wandte er sich an den Pfarrer. -</p> - -<p> -Dieser sagte nur »Ja, ja, ja« und nickte. -</p> - -<p> -»Das ist es eben: ja, ja, ja! Gute Werke haben schöne -Folgen!« -</p> - -<p> -Der Pfarrer sagte wieder: »Ja, ja, ja.« -</p> - -<p> -»Das wäre aber eigentlich Ihre Sache!« -</p> - -<p> -»Was denn?« -</p> - -<p> -»Uns ganz andere Stimmungen beizubringen ...« -</p> - -<p> -»Ja.« -</p> - -<p> -»Sie haben aber gar keinen Einfluß auf uns.« -</p> - -<p> -»Unsinn!« -</p> - -<p> -»Es ist kein Unsinn. Was sind Sie jetzt hergekommen? -Viel notwendiger braucht man jetzt einen Küster, damit -er bei der Leiche die Psalmen liest.« -</p> - -<p> -»Wie steht es? Was sollen wir tun?« drangen die -Offiziere in ihn. »Der Oberst ist fort, und Sie sind aufgeregt -und machen dem Pfarrer eine Szene ... Würden -wir denn auf ihn hören, wenn er uns bekehren wollte? .. -Wo ist der Pole? Weiß der Teufel, ob er das Geld überhaupt -gehabt hat. Was treibt er jetzt allein auf seinem -Zimmer? Sagen Sie bitte, was Sie beschlossen haben! -Wer ist der Schuldige?« -</p> - -<p> -»Der Teufel ist der Schuldige! Sonst gibt es keinen -Schuldigen!« antwortete der Rittmeister. -</p> - -<p> -»Aber dieser Pole ...« -</p> - -<p> -»Der Pole ist über jeden Verdacht erhaben ...« -</p> - -<p> -»Wer hat Ihnen das eröffnet?« -</p> - -<p> -<a id="page-112" class="pagenum" title="112"></a> -»Wir selbst, meine Herren, wir selbst! Ich und unser -Regimentskommandeur bürgen für ihn. Wir behaupten -nicht, daß er der ehrlichste Mensch ist, wir sehen aber, -daß er die Wahrheit spricht, daß er das Geld gehabt -hat und daß es verschwunden ist. Nur der Teufel allein -kann es gestohlen haben ... Daß das Geld tatsächlich -vorhanden war, folgt schon daraus, daß, als der Oberst, -der jeden Skandal vermeiden möchte, ihm hier in meiner -Gegenwart die zwölftausend Rubel anbot, er auf sie -verzichtete ...« -</p> - -<p> -»Er verzichtete?« -</p> - -<p> -»Ja, und noch mehr als das: er verpflichtete sich aus -eigenem Antrieb, keine Anzeige über den Verlust zu -erstatten und keinem Menschen auch nur ein Sterbenswort -von dieser verfluchten Angelegenheit zu sagen. -Kurz, er benahm sich so korrekt, vornehm und feinfühlend, -wie man es nur wünschen kann.« -</p> - -<p> -»Ja, ja, ja!« versetzte der Pfarrer. -</p> - -<p> -»Der Oberst und ich gaben ihm im Namen aller das -Wort, daß wir ihm unser volles Vertrauen entgegenbringen -und uns während eines ganzen Jahres als seine -Schuldner betrachten werden; wenn die Sache sich vor -Ablauf dieses Jahres nicht aufklärt und das Geld nicht -zum Vorschein kommt, so bezahlen wir ihm die zwölftausend -Rubel, und er verpflichtet sich, sie anzunehmen ...« -</p> - -<p> -»Selbstverständlich nehmen wir diese Schuld auf uns -und werden sie gewissenhaft abzahlen«, fielen ihm die -Offiziere ins Wort. -</p> - -<p> -»Meine Herren«, fuhr der Rittmeister etwas leiser fort, -»er ist aber fest überzeugt, daß wir nichts zu zahlen -brauchen werden; er behauptet, daß das Geld sich finden -<a id="page-113" class="pagenum" title="113"></a> -wird. Er sagt das so bestimmt und mit solcher Überzeugung, -daß, wenn wahrhaftig der Glaube Berge versetzen -kann, seine Erwartung sicher in Erfüllung gehen -muß. Ja, sie muß sich erfüllen, denn sie ist mit Blut erkauft -... Er hat mit seinem Glauben auch mich und den -Kommandeur angesteckt. Er bat uns zwar, ihn zu durchsuchen, -wir verzichteten aber darauf ... Wenn Sie es -aber wünschen, so können Sie es noch nachholen; er -sitzt in seinem Zimmer und erwartet Sie, Sie können es -tun. Ich stelle Ihnen aber eine Bedingung: alles muß -unter uns bleiben. Sie müssen sich dazu mit Ihrem Ehrenwort -verpflichten.« -</p> - -<p> -Wir gaben ihm das Ehrenwort, durchsuchten aber den -Polen nicht. Wir gingen nur alle zu ihm ins Zimmer -und drückten ihm stumm die Hand. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-12"> -XII -</h3> - -<p class="noindent"> -Und doch blieb in uns allen neben der Trauer um den -Kameraden ein schwerer Zweifel zurück. An Saschas -Leiche wurde aber indessen die Sektion vorgenommen, -man fälschte den Tatbestand und schrieb ins Protokoll, -daß er den Selbstmord »in einem Anfall von Wahnsinn« -verübt habe; der Pfarrer segnete die Leiche ein, und der -Küster las eintönig den Psalm: »Wie der Hirsch schreiet -nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, -zu dir.« -</p> - -<p> -Wir alle waren in gedrückter Stimmung. Wir gingen -auf und ab, rauchten bis zur Bewußtlosigkeit und weinten -sogar ab und zu. Eine solche Jugend, eine solche Frische -mußte erlöschen! .. So wenig hatte er vom Honig gekostet -und mußte schon sterben! -</p> - -<p> -<a id="page-114" class="pagenum" title="114"></a> -Wir alle, in Schlachten erprobte oder jedenfalls zu -Schlachten bestimmte Männer waren auf einmal zu Waschlappen -geworden. Der Pole verschob seine Abreise: er -wollte mit uns Sascha zum Grabe geleiten und dessen -Vater sehen, der, gleich am Morgen benachrichtigt, gegen -Abend ankommen sollte. -</p> - -<p> -Wenn der Zimmerkellner Marko nicht gewesen wäre, -so hätten wir wohl die Stunden der Mahlzeiten vergessen; -er aber sorgte für uns und auch für die Leiche. -Er wusch und kleidete sie ein, sagte uns, was und wo -man kaufen müsse und redete auf uns ein, wir sollten -uns beruhigen. -</p> - -<p> -»Alles geht nach dem Willen Gottes.« pflegte er zu -sagen. »Wir sind wie Gras.« -</p> - -<p> -Er war immer auf dem Sprung und machte allerlei Besorgungen. -Man verhaftete die Hotelbediensteten unter -verschiedenen Vorwänden und durchsuchte ihre Sachen. -Auch Saschas Bursche wurde durchsucht und verhört, -ob der Selbstmörder ihm vor dem Tode nichts übergeben -hätte. -</p> - -<p> -Der Soldat schien die Frage im ersten Augenblick nicht -verstanden zu haben. Nach einer Weile antwortete er aber: -</p> - -<p> -»Der Herr Kornett hat mir keinerlei Geld übergeben.« -</p> - -<p> -»Weißt du, was auf Hehlerei steht?« -</p> - -<p> -»Jawohl.« -</p> - -<p> -Selbstverständlich wurde er nicht von uns, sondern -von den Gerichtsbeamten verhört, denen man bekanntlich -keinen Überfluß an Zartgefühl vorwerfen kann. -</p> - -<p> -Man ließ den Burschen laufen, und bald darauf sah -man ihn schon mit dem Putzen von Saschas Reservestiefeln -beschäftigt. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-13" title="XIII"> -<a id="page-115" class="pagenum" title="115"></a> -<a id="corr-18"></a>XIII -</h3> - -<p class="noindent"> -Abends kam der Vater, ein noch nicht sehr alter, etwa -zweiundfünfzigjähriger Herr von angenehmem Äußeren. -Er hatte eine militärische Haltung, trug die Uniform -eines verabschiedeten Offiziers und Sporen, aber keinen -Schnurrbart. Wir kannten ihn noch nicht und merkten -garnicht, wie er in das Zimmer seines Sohnes trat; wir -sahen ihn erst, als er wieder herauskam. -</p> - -<p> -Gleich nach seiner Ankunft fragte er nach dem Burschen, -ließ sich von ihm ins Sterbezimmer führen und -verblieb dort mit ihm unter vier Augen mehrere Minuten. -Als er dann zu uns in den Saal trat, mußten wir über die -stille Majestät in seinen Zügen staunen. -</p> - -<p> -»Meine Herren,« sagte er, sich vor uns verbeugend, -»ich stelle mich Ihnen vor: ich bin der Vater Ihres unglücklichen -Kameraden. Mein Sohn ist tot, er hat selbst -Hand an sich gelegt und mich und seine Mutter in namenloses -Unglück gestürzt ... Aber er konnte nicht anders, -meine Herren ... Er starb wie ein Mann von Ehre und -Gewissen ... Und dies ist, glauben Sie es mir, mein einziger -Trost ...« -</p> - -<p> -Mit diesen Worten ließ sich der alte Herr, der unsere -Herzen sofort gefangen genommen hatte, in einen Sessel -vor dem runden Tisch sinken, vergrub das Gesicht in -die Hände und begann laut wie ein Kind zu schluchzen. -</p> - -<p> -Ich reichte ihm mit zitternder Hand ein Glas Wasser. -</p> - -<p> -Er trank davon zwei Schluck, drückte mir freundlich -die Hand und sagte: -</p> - -<p> -»Ich danke Ihnen allen, meine Herren!« -</p> - -<p> -Dann fuhr er sich mit dem Tuch über das Gesicht und -sagte: -</p> - -<p> -»Das ist noch nicht das Schwerste ... Was bin ich? -<a id="page-116" class="pagenum" title="116"></a> -Aber wie soll ich es meiner Frau sagen? ... Das Mutterherz -wird es nicht ertragen können!« -</p> - -<p> -Er wischte sich wieder die Tränen aus den Augen und -begab sich zum Obersten, um sich ihm vorzustellen. -</p> - -<p> -Auch zum Obersten sagte er, daß Sascha »wie ein -Mann von Ehre und Gewissen« gestorben sei und daß -er anders gar nicht hätte handeln können. -</p> - -<p> -Der Oberst starrte ihn lange an, lutschte dabei, wie -es seine Gewohnheit war, an einem Bonbon und sagte -schließlich: -</p> - -<p> -»Sie wissen doch, daß dem Selbstmorde ein gewisser -unglücklicher Umstand vorangegangen war ... Wir sind -ja miteinander verwandt, und ich kann und muß Ihnen -alles sagen. Ich glaube an nichts, aber das Benehmen -des Kornetts war immerhin etwas sonderbar ...« -</p> - -<p> -»Sein Benehmen war durchaus korrekt, Herr Oberst!« -</p> - -<p> -»Ich glaube es Ihnen; wenn Sie aber doch den Schleier, -der das Geheimnis vor uns verdeckt, ein wenig lüften -wollten ...« -</p> - -<p> -»Ich kann es nicht, Herr Oberst ...« -</p> - -<p> -Der Oberst zuckte die Achseln. -</p> - -<p> -»Was soll man machen?!« sagte er. »Nun, mag es so -bleiben.« -</p> - -<p> -»Nur noch eines, Herr Oberst. Der fürstliche Generalbevollmächtigte -wird sein Geld nicht vom Regiment, -sondern von mir bekommen. Dies ist mein trauriges Vorrecht.« -</p> - -<p> -»Ich wage nicht zu widersprechen.« -</p> - -<p> -Saschas Vater überreichte an diesem selben Tag dem -Polen unter vier Augen die zwölftausend Rubel. -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch nahm das Geld in die Hand, -<a id="page-117" class="pagenum" title="117"></a> -sagte: »Um nichts in der Welt!« und steckte es dem -Alten in die Tasche. Dann setzten sie sich einander gegenüber -und fingen beide zu weinen an. -</p> - -<p> -»Großer Gott! Großer Gott!« rief der Alte. »Er hat -so ehrenhaft, so vornehm gehandelt, und doch ist noch -ein Bösewicht im Spiele, der den Diebstahl verübt hat.« -</p> - -<p> -»Man wird ihn schon finden.« -</p> - -<p> -»Ja, aber mein Sohn wird nicht wieder lebendig!« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-14"> -XIV -</h3> - -<p class="noindent"> -Worin bestand nun das Geheimnis? -</p> - -<p> -Damit meine Erzählung endlich einmal verständlich -wird, muß ich es nun verraten: -</p> - -<p> -Sascha trug an seiner Brust das Aquarellbildnis seiner -geliebten rosigen Kusine Anna, die nun die Frau seines -Obersten war und just in dem Augenblick, in dem Sascha -sich das Leben genommen, einem neuen menschlichen -Wesen das Leben geschenkt hatte. -</p> - -<p> -Dieses Bildnis war weniger das Pfand leidenschaftlicher -Liebe als unschuldsvoller kindlicher Freundschaft -und keuscher Gelübde; die rosige Anna war aber die -Frau des Obersten geworden, dieser wurde auf ihren -Vetter eifersüchtig, und Sascha mußte die Qualen eines -Don Carlos erdulden. Als diese Qual ihn schon beinahe -wahnsinnig gemacht hatte, kam die Geschichte mit dem -Geld und der Durchsuchung, der obendrein auch noch -der Oberst beiwohnte, dazwischen. -</p> - -<p> -Sascha hatte das Geheimnis seiner Kusine treu bewahrt. -</p> - -<p> -Als er die Pistole schon vor die Brust hielt, händigte -er das Bildnis seinem Burschen ein und sagte ihm: -</p> - -<p> -»Ich beschwöre dich bei Gott: übergib es dem Vater.« -</p> - -<p> -<a id="page-118" class="pagenum" title="118"></a> -Dieser gab es auch dem Vater vor dem Sarge des -Sohnes. -</p> - -<p> -Der Vater sagte, daß der Sohn wie ein Mann von Ehre -und Gewissen gestorben sei. -</p> - -<p> -Das Bildnis war unschuldig, ziemlich unähnlich und -trug in winziger Schrift die Widmung: »Dem lieben Sascha -seine treue Anna.« -</p> - -<p> -Und kein Wort mehr ... -</p> - -<p> -Heute erscheint es komisch, vielleicht sogar dumm! -Vielleicht ist es auch wirklich dumm. »Jede Zeit hat ihre -Vögel, jeder Vogel hat sein Lied.« Ich will nichts rechtfertigen -und nichts kritisieren; ich will nur von den -Männern sprechen, die den Frauen <em>interessant</em> erschienen. -</p> - -<p> -Was war eigentlich dieser Kornett Sascha? Eine Null, -oder sehr wenig, — ein rosiger Knabe, ein Junker, ein gemästetes -Muttersöhnchen in Uniform. Er hatte keinerlei -bezaubernde Gaben außer der Gabe der Jugend und -des ... unbeugsamen Gefühls für die persönliche Ehre -der Frau ... Sie werden wohl sagen: ist denn das wert, -daß man davor anbetend in die Knie sinkt? Ich will -Ihnen aber erzählen, wie die Leute aufs Angesicht -fielen! -</p> - -<p> -Das Geheimnis, das ich Ihnen eben zum Verständnis -der Geschichte eröffnen mußte, war damals natürlich -keinem Menschen in der Stadt bekannt; der Bursche -kannte es nur zum Teil, und nur der Vater begriff es -vollkommen. Außerdem kam noch ein neuer Umstand -hinzu, der die Sache noch dunkler und verworrener erscheinen -lassen mußte: der Zimmerkellner Marko erzählte -vielen Leuten unter Diskretion, daß er mit eigenen -<a id="page-119" class="pagenum" title="119"></a> -Augen gesehen habe, wie der Bursche des Verstorbenen -dem Vater etwas eingehändigt hätte. Was mochte es wohl -sein, das der eine so geheimnisvoll übergeben und der -andere ebenso geheimnisvoll eingesteckt hatte? ... Das -weiß Gott allein! Marko bekreuzigte sich und sagte: -</p> - -<p> -»Ich will keine Sünde auf meine Seele nehmen, — ich -konnte nicht sehen, was es war; ich sah nur ein in Papier -eingewickeltes Paketchen.« -</p> - -<p> -War das vielleicht das Geld? Warum sollte man unter -diesen Umständen, die von Augenblick zu Augenblick -verworrener wurden und den demoralisierenden Verdacht -immer weiter um sich verbreiteten, nicht auch an -eine solche Möglichkeit denken? ... Ist denn nicht ein -jeder, der ein Paar Hände hat, auch imstande, sich mit -ihnen das Geld anzueignen? Den Dieb ausfindig zu -machen, — das ist die wichtigste Aufgabe: und die Pflicht -eines jeden ist, keinen noch so winzigen verdächtigen -Umstand außer Acht zu lassen ... -</p> - -<p> -Ja, die Pflicht eines jeden, dessen argwöhnische Augen -besser sehen als das lichte Auge eines rührseligen Herzens; -die Menschheit ist aber zu ihrem großen Glück -auch seelischen Offenbarungen zugänglich; die Menschen -betasten gleichsam die unsichtbare Wahrheit und ehren, -durch nichts gehemmt, einem elementaren Triebe gehorchend, -das Unglück mit ihren Tränen. Das sind heilige -Stürme, die herabgesandt werden, um den dicken erstickenden -Nebel zu zerreißen; sie sind ein Hauch aus dem -Jenseits, sie sind eine Offenbarung, in der alles Verworrene -klar wird. -</p> - -<p> -Man ließ Marko nicht viel erzählen, was er alles gesehen -haben wollte. Alle <em>wußten</em>, daß der Bursche dem -<a id="page-120" class="pagenum" title="120"></a> -Vater des unglücklichen Sascha ein <em>weibliches Bildnis</em> -übergeben hatte. Keine einzige Menschenseele wollte -daran auch nur einen Augenblick zweifeln; davon zeugte -das Licht, wenn es ins Fenster des Zimmers blickte, in -dem die geheimnisvolle Übergabe stattgefunden hatte; -jeder Windhauch bestätigte es, und die Lerche sang -davon, in die Lüfte steigend ... -</p> - -<p> -Saschas Beerdigung war nicht feierlich und nicht einmal -rührend, sondern erschreckend. Sie haben wohl alle, -meine Herren, sogenannte »prunkvolle« Beerdigungen -gesehen. Ich meine garnicht die Beerdigungen mit großer -Parade, in denen sich nur die menschliche Eitelkeit -äußert. Denken Sie aber an die uns aus Beschreibungen -bekannte Beerdigung Gogols, Nekrassows oder Dostojewskijs, -die allgemein als »weltgeschichtliche Ereignisse« -angesehen wurden. Sicher war in allen diesen Fällen -auch viel aufrichtiges Gefühl dabei, die Aufrichtigkeit -wurde aber von Nebensächlichkeiten erdrückt. Ich -selbst habe der Beerdigung des Generals Skobelew in -Moskau beigewohnt. In diesem Falle war vielleicht -etwas mehr echte Trauer zum Durchbruch gekommen ... -Sie können, wenn Sie wollen, mich auslachen, ich muß -aber sagen, daß Saschas Beerdigung auf mich einen -unvergleichlich tieferen Eindruck gemacht hat als jede -andere ... Auch er wurde als Offizier mit allen vorgeschriebenen -militärischen Ehren beerdigt, aber alle -diese Zeremonien standen nicht im Vordergrund und -wurden von den meisten überhaupt nicht beachtet. Die -echte Trauer der Menschen, die von überall herbeigeströmt -waren, um beim Anblick seines jugendlichen, -totenblassen Gesichts zu weinen und vor Kummer zu -<a id="page-121" class="pagenum" title="121"></a> -vergehen, hatte alles andere erdrückt und die ganze Luft -in Beben versetzt. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-15"> -XV -</h3> - -<p class="noindent"> -Wir hatten zu dieser Beerdigung niemand außer den -Angehörigen der Schwadron, in der der Verstorbene gedient -hatte, eingeladen; die Leute strömten aber auch -ungeladen von allen Seiten herbei. Auf dem ganzen -Wege vom Hotel bis zur Friedhofskirche standen Menschen -aller Stände Spalier. Die Frauen waren in der -Mehrzahl. Niemand hatte ihnen erklärt, was sie zu beweinen -hätten. Sie wußten es aber selbst und trauerten -um das junge Leben, das sich aus »Adliger Gesinnung« -selbst vernichtet hatte. Ich gebrauche gerade dieses Wort, -das damals in aller Munde war: -</p> - -<p> -»Der Arme ist für seine adlige Gesinnung gestorben!« -</p> - -<p> -»Hat sich für sein Herzliebchen aufgeopfert!« -</p> - -<p> -Da steht so eine alte Tante aus der Vorstadt und -jammert: -</p> - -<p> -»Der Liebe, Herzige ... hat aus adliger Gesinnung -das Leben hingegeben ...« -</p> - -<p> -Und wo man auch lauschte, überall konnte man nur -ähnliche warme, herzliche Worte hören. Alle duzten -ihn dabei und bemühten sich, möglichst freundlich zu -sprechen, gleichsam sein Herz zu liebkosen: -</p> - -<p> -»Mein lieber Kleiner! ... Du Junger, Edler! ...« -</p> - -<p> -»Du mein gefühlvoller Engel! ... Wie sollte man dich -nicht lieben?!« -</p> - -<p> -Alles in diesem Sinne. Damen vom Adel, Kaufmannsfrauen, -Popentöchter, Kleinbürgerinnen, Dienstmädchen -und Varieté-Zigeunerinnen — diese letzteren als Meisterinnen -und Priesterinnen des tragischen Stils in der Liebe -<a id="page-122" class="pagenum" title="122"></a> -in erster Linie — alle stammeln mit bebenden Lippen -herzliche Worte und beweinen ihn wie ihren besten -Freund, wie ihren eigenen Geliebten, als ob sie ihn -zum letzten Male in ihren Armen hielten und liebkosten. -</p> - -<p> -Alle diese Frauen waren aber in keiner Beziehung -hervorragend; sie kannten Sascha auch garnicht, hatten -ihn vorher noch nie gesehen und hätten ihn vielleicht -auch nicht lieb gewonnen, wenn sie ihn, so wie er im -Leben war, mit allen seinen guten und schlechten Eigenschaften -gekannt hätten. Aber jetzt, wo sie wußten, daß -er aus »adliger Gesinnung« für sein »Herzliebchen« gestorben -war, hatten sie gar keine Zeit, sich durch irgendwelche -Überlegungen zu ernüchtern: sie konnten nur -weinen und klagen ... Jede Seele verging vor Wehmut. -</p> - -<p> -Der bekannte Kanzelredner, Erzbischof Innokentij -rührte einmal alle Herzen, als er statt einer richtigen -Grabpredigt nur die Worte sagte: »Er liegt im Sarge, — -laßt uns weinen.« Nur diese Worte sagte er, und alle -flossen in Tränen. Ein Fieber hatte alle Herzen ergriffen. -Als die Frauen Sascha im Sarge sahen (in unseren Städten -werden die Toten in offenen Särgen zum Friedhof getragen), -fanden sie sein durchaus gewöhnliches Gesicht -erhaben und herrlich ... Sie sagten: »In diesem Gesicht -steht geschrieben: Treue bis in den Tod!« -</p> - -<p> -Es ist ganz gleichgültig, ob in seinem Gesicht tatsächlich -das oder etwas ganz anderes geschrieben stand. Sie -lasen nur das, was ihre Augen sahen, und das genügt. -</p> - -<p> -Alle Lippen zittern, und alle Gesichter sind feucht -von Tränen; alle sind gerührt und alle sprechen zu ihm: -</p> - -<p> -»Schlaf, schlaf, du Märtyrer!« -</p> - -<p> -<a id="page-123" class="pagenum" title="123"></a> -In der Kirche herrscht eine andere, noch stärkere -Stimmung. Keine Predigt wagt den heiligen Schauer der -Grabgesänge des Johannes von Damaskus zu stören. -Seine poetischen Wehklagen brennen und heilen zugleich -die Wunde. -</p> - -<p> -Ich muß Ihnen, meine Herren, sagen, daß wir uns -wirklich vor dem Herrn niederwarfen! ... Wie groß -Saschas Vergehen, vom Standpunkte der theologischen -Wissenschaft aus betrachtet, war, konnten die ihn Beweinenden -nicht beurteilen; sie flehten aber den Herrn -so inständig an, ihn »in seine himmlischen Wohnungen -aufzunehmen,« daß ich gar nicht weiß, wie man diese -Herzensschreie mit den Gründen jener Wissenschaft in -Einklang bringen soll. Ich kann es jedenfalls nicht. -</p> - -<p> -Es wird oft behauptet, daß es heute keinen guten Prediger -mehr gäbe. Ist dieser Vorwurf auch gerechtfertigt? -Man versteht allerdings nicht gut zu predigen, es ist -aber auch gar nicht nötig, überall, wo es die Sitte verlangt, -zu reden. Es gibt Fälle, wo es besser ist, einfach -zu weinen, wo ein gewöhnliches »Vergib!« oder »Nimm -ihn auf!« viel eindringlicher ist als jede Predigt, die zuweilen -mit verstiegenen Worten entweder die Vernunft -oder das Gefühl verletzt. Denken Sie nur an den Großinquisitor -bei Schiller. Darum ziehe ich auch die Beerdigung -nach orientalischem Ritus vor. Man kommt und -geht wie auf den Ruf des Propheten Jesajas: »So kommt -und laßt uns miteinander rechten ...« Wie soll man aber -mit Ihm rechten? Es ist ja klar, wer siegen wird. Du -kannst aber alles, Du hast den Menschen berufen ... vergiß, -verzeih und vergib ihm alles, worin er sich vor Dir -nicht rechtfertigen kann ... -</p> - -<p> -<a id="page-124" class="pagenum" title="124"></a> -Man denkt an die Parabel vom Mächtigen, der nichts -fürchtete und nichts scheute; als man aber mit großem -Eifer in ihn drang, da sagte er: »Ich werde es tun.« -Und man fühlt sich beruhigt. -</p> - -<p> -Und Er, der das Ohr erschaffen hat, um alles zu hören, -kann Er denn einschlafen und dem Flehen so vieler gerührter -Herzen kein Gehör schenken? ... -</p> - -<p> -Bei Saschas Beerdigung gab es einen Zwischenfall mit -einer Dame, der Witwe eines bekannten Staatsmannes. -Die Dame war von altem Adel, sehr klug, sehr wohlerzogen, -hatte aber den Zunamen: »Schlange«. Dieser -Zuname war eigentlich recht ungeschickt gewählt: man -nannte sie so, nicht weil sie böse war — nein, sie tat -niemand etwas zu Leide! — sondern weil sie so furchtbar -spöttisch war. Diese Dame mochte nichts Russisches: -weder die Sprache, noch die Religion, noch die Sitten; -sie verachtete das alles und zwar nicht aus Leichtsinn -oder Originalitätssucht, sondern tief, aufrichtig und bewußt. -Sie tadelte nichts und verwarf nichts, sie war einfach -der Meinung, daß alles Russische nicht die geringste -Beachtung verdiene ... Sie wunderte sich sogar, daß die -Geographen es für nötig hielten, dieses Land in die Landkarten -einzuzeichnen. Ja, solche Damen hat es damals -gegeben! Als diese »Schlange« hörte, daß alle Leute -irgendeinen Offizier beweinten, der sich aus »adliger -Gesinnung« erschossen hatte, ließ sie die Doppeltüre -ihres Balkons, an dem der Leichenzug vorbeiging, aufmachen -und trat mit einem Lorgnon in der Hand hinaus. -Ich kann mich an sie noch gut erinnern: schlank, in -einem roten, mit Zobel gefütterten Mantel steht sie auf -dem Balkon und blickt durch ihr Lorgnon herab. -</p> - -<p> -<a id="page-125" class="pagenum" title="125"></a> -Unser jugendlich schöner Sascha schwimmt aber wie -ein vom Winde abgebrochener Zweig über das Meer der -Menschenköpfe vor ihren Blicken vorbei. -</p> - -<p> -Die Schlange unterdrückt einen Seufzer und wendet -sich an die Engländerin, die neben ihr steht: -</p> - -<p> -»Die Jugend ist überall wahnsinnig, der Wahnsinn -gleicht oft dem Heldentume, und das Heldentum gefällt -der Menge.« -</p> - -<p> -Die Engländerin erwidert: -</p> - -<p> -»O yes!« Dann sagt sie noch, daß das allgemeine -Gefühl, von dem diese ganze Menge ergriffen sei, sie -interessiere. Der Ausländerin zu Gefallen läßt sich die -Schlange herab, mit ihr in die Kirche zu gehen, wo der -Hammer des Sargtischlers den letzten Punkt hinter diese -Geschichte setzen wird. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-16"> -XVI -</h3> - -<p class="noindent"> -Gegen alle Gesetze der Architektonik und Ökonomie -im Aufbau der Erzählung, habe ich zum Schluß diese -neue Person auftreten lassen und muß ihr nun einige -Worte widmen, damit Sie wissen, wie giftig sie war. Als -ihr Gatte noch lebte, bekamen sie einmal Besuch von -einer hochgestellten Persönlichkeit, der sich ihr Mann in -seinem ganzen Glanze zeigen wollte; sie verachtete aber -den Mann ebenso wie alle andern Menschen, vielleicht -auch etwas mehr. Der Mann wußte es und bat sie, ihn -wenigstens bei dieser Gelegenheit nicht bloßzustellen. -Er bat sie nur um den einen Gefallen: »Widersprechen -Sie mir wenigstens in Gegenwart des Gastes nicht.« Sie -sah ihn an und versprach es ihm: -</p> - -<p> -»Ich bin sogar bereit, Sie zu unterstützen.« -</p> - -<p> -<a id="page-126" class="pagenum" title="126"></a> -Der Mann dankte ihr dafür mit einer Verbeugung. Der -hohe Gast war gutmütig und gab sich gerne einfach. -Diesmal wollte er den Vortrag des ihm unterstellten -Würdenträgers im häuslichen Kreise, am Teetische hören, -wo ihm die Hausfrau selbst den Tee kredenzte. Der Hausherr -begann nun zu prahlen, wie gut er alles wisse, kenne, -voraussehe und zum allgemeinen Wohle ordne ... Er -sprach und sprach und verschnappte sich zuletzt und -sagte auch etwas Wahres. Die »Schlange« fiel in diesem -Augenblick ein und bestätigte: -</p> - -<p> -»Voilà ça c’est vrai!« -</p> - -<p> -Nur dieses sagte sie. Dem Gast genügte es aber; er -lachte auf, küßte ihr die Hand und sagte ihrem Gemahl: -</p> - -<p> -»Es ist genug: ich will annehmen, daß tout ça est -vrai!« -</p> - -<p> -Als der Gemahl nach diesem Vorfall starb, ließ sie sich -hier mit ihrer Engländerin nieder und widmete sich ganz -der Lektüre ausländischer Bücher. -</p> - -<p> -Sie erschien sonst niemals in der Öffentlichkeit. Als -sie nun mit ihrer Engländerin in die Kirche trat, in der -Saschas Leiche eingesegnet wurde, erregte sie allgemeines -Aufsehen, und alle machten ihr Platz. Die Menge selbst -schob die beiden Damen nach vorne, gleichsam um sie -besser sehen zu können. Dem Himmel war es aber nicht -genehm, daß etwas Nebensächliches die allgemeine Aufmerksamkeit -von den Dingen ablenke, die den Verstorbenen -am nächsten angingen. -</p> - -<p> -Im gleichen Augenblick, als diese beiden imposanten -Damen sich durch die Menge bewegten, erschien in der -Kirchentüre eine dritte weibliche Gestalt, eine bescheidene -Dame in schwarzem Pelzmantel, der noch von -<a id="page-127" class="pagenum" title="127"></a> -der Reise verstaubt war. Ihr Gesicht war der Kummer -selbst ... -</p> - -<p> -Niemand kannte sie, alle hatten sie aber sofort erkannt, -und durch die Menge tönte das eine Wort: -</p> - -<p> -»Die Mutter!« -</p> - -<p> -Man ließ ihr eine breite Straße zu dem ihr so teuren -Sarge frei. -</p> - -<p> -Sie ging schnell, beide Arme vor sich ausgestreckt, -durch die Menge, die vor ihr gewichen war, und als sie -den Sarg erreichte, umschlang sie ihn mit beiden Armen -und erstarrte ... -</p> - -<p> -Und alles fiel nieder und erstarrte zugleich mit ihr. -Alle sanken in die Knie, und es wurde so still, daß, als -die Mutter sich erhob und den toten Sohn bekreuzigte, -wir alle ihr Flüstern hörten: -</p> - -<p> -»Schlaf, mein armer Junge ... du bist als Ehrenmann -gestorben ...« -</p> - -<p> -Sie hatte diese Worte ganz leise, mit einer kaum wahrnehmbaren -Bewegung der Lippen gesprochen, und doch -drangen sie allen ins Herz, wie wenn wir alle ihre Kinder -wären. -</p> - -<p> -Nun erklang der Hammer des Sargtischlers, man trug -den Sarg zur Ausgangstüre; der Vater führte die unglückliche -Mutter am Arm, während ihre stillen Blicke in die -Höhe gerichtet waren ... Sie wußte wohl, woher sie die -Kraft, solches Leid zu tragen, schöpfen sollte, und sie -merkte garnicht, wie junge Frauen und Mädchen sich -um sie drängten und ihr wie einer Heiligen die Hände -küßten ... -</p> - -<p> -Auf dem Wege vom Grabe bis zum Friedhofstore gab -es wieder das gleiche Gedränge, die gleiche Bewegung. -</p> - -<p> -<a id="page-128" class="pagenum" title="128"></a> -Vor dem Tore, wo der Wagen auf sie wartete, schien -die Mutter zur Besinnung gekommen zu sein; sie wandte -sich um und wollte allen »Danke!« zurufen, wurde aber -beinahe ohnmächtig. Die »Schlange«, die neben ihr stand, -stützte sie und küßte ihr die Hand. -</p> - -<p> -So sehr hatte unser armer Sascha alle Herzen gerührt -und gefangen genommen; so wurde sein einfacher und -vielleicht gar nicht ordentlich überlegter Entschluß, »die -Frau nicht zu verraten« belohnt und geehrt. -</p> - -<p> -Niemand fragte sich, was das für eine Frau gewesen -und ob sie dieses Opfers auch wert sei. Das war allen -gleich. Was war das auch für eine Liebe, und worauf war -sie gegründet? Alles hatte im Kinderzimmer, wo sie -»Vater und Mutter« spielten, begonnen; dann trennten -sich ihre Wege; sie ist ja so leer, daß sie mit ihrem Mann -vielleicht auch glücklich ist; er hat sich aber irgendeinen -Fetzen aufgehoben und tötet sich dieses Fetzens wegen ... -Das ist ja ganz gleich! Er ist <em>schön</em>, er ist allen <em>interessant</em>! -Es ist so leicht und so süß, um ihn zu weinen. -</p> - -<p> -Mit einem Worte: hier ist niemand durch gesperrten -Druck besonders hervorzuheben; alle spielen ihre Rollen -mit gleichem Ernst und Talent, wie die Mitglieder der -Meiningenschen Hoftruppe, die vor kurzem ganz Petersburg -in Entzücken versetzt hat. Alles war mit so tiefem -Ernst inszeniert! -</p> - -<p> -Die Engländerin, die ich vorhin erwähnte, stand uns -doch sicher am fernsten. Saschas Tat mußte sie ja mit -ganz anderen Augen betrachten, als die Varieté-Zigeunerinnen, -die ihn beweinten; man könnte annehmen, daß -sie sich die Sache nur ansehen und sich dann wieder in -ihr Gehäuse zurückziehen würde. Aber nein: auch sie -<a id="page-129" class="pagenum" title="129"></a> -mußte ihren Pinselstrich dem allgemeinen Gemälde beisteuern. -Sie schrieb Notizen über Rußland und machte -die Sache sehr gründlich an Hand der bereits erschienenen -Werke über unsere Heimat. Sie vervollständigte -die von Anderen gemachten Beobachtungen über unsere -Sitten durch ihre eigenen Wahrnehmungen. Den älteren -Werken entnahm sie die Behauptung, daß »die Weiber -nirgends so gemein behandelt werden wie in Moskowien«. -Um die von ihr gemachte neue Wahrnehmung -zu ergründen, wählte sie einen passenden Zeitpunkt und -wandte sich an Saschas Vater selbst. Sie schrieb ihm einen -sehr gemütvollen und höflichen Brief, in dem sie ihrem -Mitgefühl Ausdruck gab und der großen Würde, mit der -er und seine Gattin das schwere Leid trugen, hohe Bewunderung -zollte. Zum Schluß richtete sie an ihn die -Frage, wo sie ihre Erziehung genossen hätten, der sie -diese würdigen Gefühle verdankten? -</p> - -<p> -Der Alte antwortete, daß seine Frau ein französisches -Pensionat besucht hätte, während er selbst von einem -Monsieur Ravel aus Paris erzogen worden sei. -</p> - -<p> -Die Engländerin fand dies sehr seltsam, die »Schlange« -gab ihr aber die Aufklärung: -</p> - -<p> -»Wenn sie von einem Seminaristen erzogen worden -wären, so hätten Sie wohl überhaupt keine Antwort bekommen.« -</p> - -<p> -Damals war man nämlich der Ansicht, daß alles Rohe -und Plumpe aus den Priesterseminaren komme. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-17"> -XVII -</h3> - -<p class="noindent"> -Nun muß ich auch noch die kriminelle Seite der Angelegenheit -erledigen. Ob das Geld wirklich gestohlen -<a id="page-130" class="pagenum" title="130"></a> -worden war oder nicht, jedenfalls wurde, wie Sie sich -wohl erinnern, beschlossen, dem Polen seinen Verlust zu -ersetzen. Auch dies hatte noch seine Fortsetzung. -</p> - -<p> -Außer den Regimentskameraden gab es noch einen -freiwilligen Schuldner, und zwar einen sehr hartnäckigen -— ich meine Saschas Vater. Den Polen kostete es -große Mühe, das Geld, das er ihm unbedingt aufdrängen -wollte, zurückzuweisen. Awgust Matwejitsch benahm -sich in der ganzen Affäre überhaupt außerordentlich korrekt -und vornehm, und wir hatten ihm auch nicht das -Geringste vorzuwerfen. Niemand zweifelte mehr daran, -daß er das Geld gehabt hatte und daß es verschwunden -war. Warum hatte er denn sonst auf die ihm angebotene -Zahlung verzichtet und was brauchte er überhaupt die -ganze unangenehme Geschichte mit dem blutigen Ende? -</p> - -<p> -Die ganze Einwohnerschaft der Stadt, vor der wir unser -nächtliches Erlebnis natürlich nicht geheim halten -konnten, war der gleichen Ansicht; ein einziger Mensch -sah aber die Sache doch ganz anders an und gab uns damit -eine harte Nuß zu knacken. -</p> - -<p> -Es war der sonst wenig interessante, von mir schon -einigemal erwähnte Zimmerkellner Marko. Er war nicht -so leicht zu durchschauen: obwohl wir unsere Bekanntschaft -mit Awgust Matwejitsch nur ihm zu verdanken -hatten, stand er jetzt durchaus nicht auf seiner Seite, was -er uns auch selbst gestand. -</p> - -<p> -»Ich bin bereit,« sagte er, »jede Kirchenbuße auf mich -zu nehmen, weil ich Sie mit dem Herrn bekannt gemacht -habe; jetzt glaube ich aber, daß es weniger meine Schuld -als Gottes Wille war. Und Ihre ganze jetzige Sympathie -für ihn beruht nur darauf, — nehmen Sie es mir nicht -<a id="page-131" class="pagenum" title="131"></a> -übel! — daß er nicht russischer Abstammung ist; er aber -hat es verschuldet, daß unser Geschäft jetzt in schlechtem -Rufe steht und daß die Polizei unsere Angestellten unter -allen möglichen Vorwänden einsperrt und überall nach -dem Gelde forscht ... Es ist nur Sünde und nichts als -Sünde ...« schloß Marko und zog sich in seine finstere -Kammer zurück, wo er einen mächtigen Heiligenschrein -hatte, vor dem ein ewiges Lämpchen brannte. -</p> - -<p> -Marko tat uns irgendwie leid. Manchmal stand er -stundenlang vor den Heiligenbildern und dachte über -etwas nach. -</p> - -<p> -»Was denkst du immer, Marko?« -</p> - -<p> -Er zuckt die Achseln und antwortet: -</p> - -<p> -»Wie sollte ich nicht denken, meine Herren? So ein -Unglück, so eine Schande ... eine Christenseele ist zugrunde -gegangen!« -</p> - -<p> -Diejenigen, die mit ihm öfters sprachen, kamen zuerst -auf einen neuen Gedanken, in den sie nach und nach -auch die Anderen einweihten. -</p> - -<p> -»Marko ist ein einfacher Mensch,« pflegten sie zu -sagen, »aus dem Bauernstande; ist aber klug und hat -den gesunden Menschenverstand eines einfachen russischen -Bauern.« -</p> - -<p> -»Und ist obendrein ehrlich.« -</p> - -<p> -»Ja, auch ehrlich. Sonst hätte ihm der Hotelbesitzer -das Geschäft garnicht anvertraut. Er ist eben ein zuverlässiger -Mensch.« -</p> - -<p> -»Ja, ja, ja,« bestätigte der Pfarrer, den Rauch durch -seinen breiten Bart blasend. -</p> - -<p> -»Er sieht die Dinge ganz einfach an und merkt darum -manches, was wir nicht merken. Er beurteilt die Sache -<a id="page-132" class="pagenum" title="132"></a> -so: wozu hat der die ganze Sache eingebrockt? Das -Geld will er ja nicht nehmen. Also braucht er das Geld -gar nicht ...« -</p> - -<p> -»Es ist klar, daß er es nicht braucht, wenn er es nicht -nimmt.« -</p> - -<p> -»Natürlich! Er hat ja das Ganze auch nicht des Geldes -wegen eingebrockt ...« -</p> - -<p> -»Wozu denn sonst?« -</p> - -<p> -»Fragen Sie danach Marko und nicht mich.« -</p> - -<p> -Auch der Pfarrer sagte: -</p> - -<p> -»Ja, ja, ja, wollen wir Marko hören.« -</p> - -<p> -»Und was sagt Marko?« -</p> - -<p> -»Marko sagt: traue dem Polen nicht.« -</p> - -<p> -»Warum denn?« -</p> - -<p> -»Weil er eben Pole und Ketzer ist.« -</p> - -<p> -»Aber erlauben Sie doch! Ketzer ist eine Sache für sich, -und Dieb wieder eine Sache für sich. Die Polen sind ein -Volk mit großer Ambition, und es ist nicht ganz anständig, -von ihnen so zu denken.« -</p> - -<p> -»Aber erlauben Sie, erlauben Sie!« unterbricht der -von Marko inspirierte Kamerad: »Sie sagen: man darf -von ihm nicht so denken; Sie wissen aber gar nicht, was -für ein Denken ich meine ... Von einem Diebstahl ist -nicht die Rede, nicht der geringste Verdacht liegt gegen -ihn vor; der Pole hat aber das, was Sie vorhin selbst -sagten: Ambition.« -</p> - -<p> -»Was für ein Interesse hat er dann, daß das Geld verschwunden -sein soll?« -</p> - -<p> -»Was für ein Interesse er daran hat?« -</p> - -<p> -»Jawohl!« -</p> - -<p> -»Fällt Ihnen denn selbst gar nichts ein?« -</p> - -<p> -<a id="page-133" class="pagenum" title="133"></a> -Alle dachten angestrengt nach: Was kann mir dazu -einfallen? -</p> - -<p> -»Nein, uns fällt nichts ein.« -</p> - -<p> -»Das kommt eben davon, daß Ihre Köpfe mit Adel -vollgestopft sind. Der einfache russische Bauer sieht aber, -was der Pole will.« -</p> - -<p> -»Nun was will er denn? Sagen Sie es einmal, es geht -uns doch alle an!« -</p> - -<p> -»Ja, es geht uns alle an ... Es liegt im Interesse seiner -Heimat, uns diese Schande anzutun.« -</p> - -<p> -»Mein Gott!« -</p> - -<p> -»Selbstverständlich! Nun kann er überall verbreiten, -daß in der Gesellschaft russischer Offiziere ein gemeiner -Diebstahl möglich ist ..« -</p> - -<p> -»Wenn es sich so verhält, wie Sie es meinen ...« -</p> - -<p> -»Natürlich verhält es sich so!« -</p> - -<p> -»Hol ihn der Teufel!« -</p> - -<p> -»Was für ein tückisches Volk die Polen doch sind!« -</p> - -<p> -Auch der Pfarrer war der gleichen Ansicht und sagte: -</p> - -<p> -»Ja, ja, ja!« -</p> - -<p> -Wir überlegten uns die Sache noch weiter und kamen -zum Entschluß, daß man Markos Kombination auch dem -Kommandeur mitteilen müsse; man dürfe ihm aber nicht -verraten, daß die Idee von Marko stamme, weil es den -Eindruck abschwächen könnte; man müsse sich vielmehr -auf eine andere Quelle von größerer Autorität und geringerer -Verantwortlichkeit berufen. -</p> - -<p> -»Jemand hat es im Wirtshaus beim Billardspiel erzählt -...« -</p> - -<p> -»Nein, das klingt nicht gut. Der Oberst wird darauf -sagen: Sie haben so etwas gehört und sind nicht eingeschritten? -<a id="page-134" class="pagenum" title="134"></a> -So einen Kerl hätten Sie doch auf der Stelle -verhaften müssen!« -</p> - -<p> -»Man muß eben etwas anderes ausdenken.« -</p> - -<p> -»Was denn?« -</p> - -<p> -Hier half uns der Pfarrer: -</p> - -<p> -»Sie sagen einfach, daß Sie es im Dampfbade gehört -haben.« -</p> - -<p> -Dieser Vorschlag gefiel allen. Das war ja in der Tat -klug erdacht: das Dampfbad ist ein öffentlicher Ort, da -reden und schreien alle durcheinander, und alle sind -nackt. Wer hat es gesagt? — Geh einer hin und stelle es -fest; da müßte man doch alle verhaften, denn im Dampfbade -sind alle Menschen nackt und gleich. -</p> - -<p> -Man nahm diesen Vorschlag an und ersuchte den -Pfarrer, ihn auch auszuführen. -</p> - -<p> -Der Pfarrer ging am nächsten Tag zum Obersten und -erzählte es ihm. -</p> - -<p> -Der Oberst zeigte für das Gerücht Interesse und -sagte: -</p> - -<p> -»Das Schlimmste dabei ist, daß es schon zu einem -allgemeinen Gerede geworden ist ... Selbst im Bade -sprechen die Leute schon davon.« -</p> - -<p> -Der Pfarrer fiel ein: -</p> - -<p> -»Ja, ja, ja! Ich habe es selbst im Bade gehört.« -</p> - -<p> -»Und Sie konnten wirklich nicht feststellen, wer das -gesagt hat?« -</p> - -<p> -»Nein, ich konnte es beim besten Willen nicht.« -</p> - -<p> -»Das ist sehr schade.« -</p> - -<p> -»Ja ... Ich hätte es selbst gerne festgestellt, konnte -es aber nicht, weil im Bade alle Menschen gleich sind. -Uns geistliche Personen kann man noch einigermaßen -<a id="page-135" class="pagenum" title="135"></a> -unterscheiden, weil wir zwar Männer sind, aber Zöpfe -tragen. Doch die anderen Menschen sehen einander vollkommen -gleich.« -</p> - -<p> -»Sie hätten ja den, der es gesagt hat, bei der Hand -packen können.« -</p> - -<p> -»Bedenken Sie doch, ein eingeseifter Mensch kann -mir leicht entschlüpfen! Außerdem befand ich mich gerade -auf der obersten Dampfbank und konnte den Betreffenden -nicht einmal mit der Hand erreichen.« -</p> - -<p> -»Na ja, — wenn Sie ihn nicht erreichen konnten, so -ist eben nichts zu machen ... Nun glaube ich, das Beste -wäre, die Sache jetzt auf sich beruhen zu lassen ... Es -ist ja schon einige Zeit verstrichen, und der Pole hat -uns das Wort gegeben, nach einem Jahre wieder herzukommen -... Ich glaube, daß er sein Wort halten wird. -Sagen Sie mir jetzt bitte folgendes: was halten Sie, als -Geistlicher, von den Träumen? Sind die Träume Unsinn -oder nicht?« -</p> - -<p> -Der Pfarrer antwortete: -</p> - -<p> -»Das hängt von den Überzeugungen ab ...« -</p> - -<p> -»Von was für Überzeugungen?« -</p> - -<p> -»Nein, ich wollte etwas anderes sagen ... Es gibt -Träume, die von Gott kommen und den Menschen erleuchten; -es gibt auch natürliche Träume, die von der -Verdauung kommen; es gibt auch verderbliche Träume, -und diese sind vom Bösen.« -</p> - -<p> -»So ist es eben,« antwortete der Oberst. »Aber das -ist wohl noch nicht alles. Wo würden Sie folgenden -Traum einreihen: Meine Frau ist, wie Sie wissen, jung, -und der verstorbene Kornett war ihr Vetter und Jugendfreund; -sein Tod hat sie daher sehr erschüttert und abergläubisch -<a id="page-136" class="pagenum" title="136"></a> -gemacht. Außerdem ist unser Kind gestorben. -Kurz vorher hatte sie aber einen Traum.« -</p> - -<p> -»Was Sie nicht sagen!« -</p> - -<p> -»Ja, ja, ja. Was die Träume betrifft, so beurteilt sie -diese so, wie Sie eben sagten. Ich stehe nicht auf diesem -Standpunkte, will aber dem auch nicht widersprechen. -Obwohl ich aus eigener Erfahrung weiß, daß man -schlechte Träume hat, wenn man spät zu Abend ißt; -solche Träume kommen offenbar vom Magen.« -</p> - -<p> -»Ja, vom Magen«, stimmte der Pfarrer zu. »Die meisten -Träume kommen vom Magen.« Der Oberst ließ ihn aber -noch nicht los. -</p> - -<p> -»Jawohl«, fuhr der Oberst fort, »das ist eben die -Sache, daß sie keinen Traum, sondern eine Vision gehabt -hat ...« -</p> - -<p> -»Was, eine Vision?« -</p> - -<p> -»Ja, eine Vision: sie sieht und hört es nicht im -Schlafe und nicht mit geschlossenen Augen, sondern im -Wachen ...« -</p> - -<p> -»Das ist seltsam.« -</p> - -<p> -»Sehr seltsam, — umsomehr, als sie ihn noch nie gesehen -hat!« -</p> - -<p> -»Ja, ja, ja ... Wen hat sie nicht gesehen?« -</p> - -<p> -»Den Polen natürlich!« -</p> - -<p> -»Ach so! .. ja, ja, ja! Ich verstehe.« -</p> - -<p> -»Meine Frau hat ihn niemals gesehen, weil sie während -jenes unglücklichen Ereignisses zu Bett lag. Sie konnte -nicht einmal von der Leiche des Unglücklichen Abschied -nehmen, — wir verheimlichten vor ihr seinen Tod, damit -ihr die Milch nicht in den Kopf steige.« -</p> - -<p> -»Behüte Gott!« -</p> - -<p> -<a id="page-137" class="pagenum" title="137"></a> -»Gewiß ... Natürlich wäre schon der Tod besser als -das ... Es ist wohl Wahnsinn. Aber denken Sie sich nur: -er verfolgt sie auf Schritt und Tritt!« -</p> - -<p> -»Der Verstorbene?« -</p> - -<p> -»Aber nein — der Pole! Ich bin jetzt sogar sehr froh, -daß Sie mich nach dem Bade aufgesucht haben und ich -mit Ihnen darüber sprechen kann ... Vielleicht können -Sie mir dazu auf Grund Ihrer geistlichen Praxis etwas -sagen.« -</p> - -<p> -Und der Oberst erzählte dem Pfarrer, daß unsere -junge, rosige Kommandeuse immer den Polen vor sich -sehe ... Sie schildere unseren Awgust Matwejitsch wie -er leibt und lebt, und er komme ihr wie eine altmodische -englische Standuhr vor ... -</p> - -<p> -Als der Pfarrer das hörte, sprang er förmlich auf. -</p> - -<p> -»Das ist ja einfach unglaublich!« rief er aus: »Alle -Offiziere nennen ihn ja ‚die Standuhr‘!« -</p> - -<p> -»Darum erzähle ich es eben, weil es so unglaublich -ist! Stellen Sie sich nun vor, daß wir in unserm Salon -just eine solche altmodische Standuhr, obendrein eine -mit einem Glockenspiel stehen haben; wenn man sie -aufzieht, so hört das Bimmeln gar nicht auf. Meine -Frau fürchtet sich sogar, in der Dämmerung durch den -Salon zu gehen. Wir können aber die Uhr nirgends -fortschaffen; sie soll auch sehr wertvoll sein, und meine -Frau hat sie jetzt auch selbst lieb gewonnen.« -</p> - -<p> -»Warum eigentlich?« -</p> - -<p> -»Sie sinnt gerne ... sie glaubt, im Pendelschlag etwas zu -hören ... Sie hört darin immer die Worte: ‚Ich — such! — -Ich — such!‘ Jawohl! Sie fühlt sich dadurch irgendwie -angezogen und hat zugleich unheimliche Angst ... Sie -<a id="page-138" class="pagenum" title="138"></a> -schmiegt sich immer an mich und will, daß ich sie in -den Armen halte. Ich glaube sogar, daß sie wieder in -Umständen ist.« -</p> - -<p> -»Ja, ja ... das ist ja bei einer verheirateten Frau wohl -möglich ... Sogar sehr möglich!« platzte der Pfarrer -heraus. Mit diesen Worten lief er davon und kam zu uns, -so verschwitzt, wie wenn er tatsächlich aus dem Dampfbade -käme. Er erzählte uns alles in einem Zug, ersuchte -uns aber, alles geheim zu halten. -</p> - -<p> -Der Verlauf seiner Unterredung mit dem Obersten -gefiel uns übrigens nicht. Wir waren der Ansicht, daß -der Oberst der ihm mitgeteilten Entdeckung nicht die -gebührende Beachtung geschenkt und sie auf eine ganz -unpassende Weise mit seinen eigenen Eheangelegenheiten -in Verbindung gebracht habe. -</p> - -<p> -Einer von uns, ein Kleinrusse, fand dafür sofort eine -Erklärung. -</p> - -<p> -»Die Mutter des Obersten«, sagte er, »heißt Veronika -Stanislawowna.« -</p> - -<p> -Die anderen fragten ihn: -</p> - -<p> -»Was wollen Sie damit sagen?« -</p> - -<p> -»Nichts weiter, als daß seine Mutter Veronika Stanislawowna -heißt.« -</p> - -<p> -Man deutete es natürlich in dem Sinne, daß die Mutter -des Obersten Polin sei und er daher ungern derartige -Ansichten über die Polen höre. -</p> - -<p> -Unsere Offiziere beschlossen, den Obersten gänzlich -aus dem Spiele zu lassen, und wählten einen Kameraden, -der imstande war, jeden beliebigen Menschen tätlich zu -beleidigen. Dieser Kamerad nahm Urlaub und begab -sich auf die Suche nach Awgust Matwejitsch, um ihn zu -<a id="page-139" class="pagenum" title="139"></a> -zwingen, das Geld anzunehmen; im Falle er die Annahme -verweigern sollte, würde er ihn aber ins Gesicht -schlagen. -</p> - -<p> -Er hätte diesen Beschluß auch sicher ausgeführt, wenn -er ihn gefunden hätte. Nach der Fügung des Himmels -kam es aber ganz anders. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-4-18"> -XVIII -</h3> - -<p class="noindent"> -An einem heißen Tag Ende Mai kam ganz unerwartet -Awgust Matwejitsch in eigener Person angefahren. Er -lief schnell die Treppe hinauf und rief: -</p> - -<p> -»He, Marko!« -</p> - -<p> -Marko, der in seiner Kammer war, wo er wohl vor den -Heiligenbildern betete, kam sofort herausgesprungen. -</p> - -<p> -»Awgust Matwejitsch«, ruft er: »nun sind Sie endlich -wieder einmal hier!« -</p> - -<p> -Jener aber antwortet: -</p> - -<p> -»Ja, mein Lieber, ich bin wieder hier. Und du, Schurke, -gießt noch immer deine Kirchenglocken und verbreitest, -damit sie besser läuten, unsinnige Gerüchte über anständige -Menschen?« -</p> - -<p> -Und mit diesen Worten schlägt er ihn ins Gesicht. -</p> - -<p> -Marko fällt um und schreit: -</p> - -<p> -»Was ist denn das? .. Wofür? ..« -</p> - -<p> -Wir alle, die gerade zu Hause waren, sprangen aus -unseren Zimmern heraus und wollten schon für Marko -eintreten. Was hat er denn für ein Recht, Marko zu -schlagen: Marko ist ja so ehrlich! -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch aber sagt: -</p> - -<p> -»Ich bitte Sie, einen Augenblick zu warten: mir folgen -auf dem Fuße noch andere Gäste, in deren Gegenwart -<a id="page-140" class="pagenum" title="140"></a> -ich Ihnen seine Ehrlichkeit beweisen werde. Ich bitte Sie -nur, ihn nicht anzurühren, damit ich ihn für keinen -Augenblick aus den Augen verliere.« -</p> - -<p> -Wir traten etwas zurück, und im nächsten Augenblick -kam schon die Polizei. -</p> - -<p> -Awgust Matwejitsch wandte sich an die Beamten und -sagte: -</p> - -<p> -»Wollen Sie ihn verhaften: ich übergebe Ihnen hiermit -einen völlig überführten Dieb, und hier sind die -Beweise.« -</p> - -<p> -Und er legte eine Bestätigung vor, aus der hervorging, -daß die Glockengießerei von Marko eine Banknote erhalten -hatte, deren Nummer mit einer der Banknoten, -die Awgust Matwejitsch am Tage vor dem Diebstahl -ausbezahlt bekam, übereinstimmte. -</p> - -<p> -Marko fiel in die Knie und gestand, wie die Sache -war. Awgust Matwejitsch hatte gleich nach seiner Ankunft -die Banknoten aus der Tasche genommen und unter -das Kopfkissen gesteckt. Diesen Umstand hatte er später -vergessen und sich eingebildet, das Geld befinde sich -noch in seiner Rocktasche. Als Marko ihm das Bett -machte, fand er das Geld und eignete es sich an, in der -Hoffnung, daß es ihm gelingen würde, jemand anderen -in die Sache zu verwickeln, was ihm, wie wir gesehen -haben, auch wirklich gelang. Um seine Sünde vor Gott -wieder gutzumachen, bestellte er zu der bereits vorher -angeschafften Kirchenglocke noch ein ganzes abgestimmtes -Glockenspiel, das er mit einer der gestohlenen Banknoten -bezahlte. -</p> - -<p> -Die übrigen Banknoten fand man auch sofort im Kasten -unter dem Heiligenschreine. -</p> - -<p> -<a id="page-141" class="pagenum" title="141"></a> -Und nun begannen bei uns unsere eigenen »Glocken -von Corneville« zu läuten. Alle schlugen die Hände -über den Köpfen zusammen, weinten dem unglücklichen -Sascha noch eine Träne nach und beschlossen zuletzt, die -erfreuliche Entdeckung gebührend zu feiern. -</p> - -<p> -Alle waren Awgust Matwejitsch dankbar, und der -Kommandeur veranstaltete, um ihm seinen Dank und -seine Achtung zu zeigen, einen großen Abend ihm zu -Ehren, zu dem er den ganzen Adel einlud. Selbst seine -Mutter, die bereits erwähnte Veronika — sie war schon -in den Siebzigern — kam zu dieser Festlichkeit gefahren; -es stellte sich aber heraus, daß sie gar nicht »Stanislawowna« -sondern Veronika »Wassiljewna« hieß; auch -stammte sie aus dem geistlichen Stande und war die -Tochter eines Protopopen; der Name »Veronika« kommt -aber auch im russischen Kalender vor. Warum man sie -vorher für eine »Stanislawowna« gehalten hatte, blieb -unaufgeklärt. -</p> - -<p> -Die Kommandeuse zeichnete Awgust Matwejitsch ganz -besonders aus: sie stand auf, ging ihm entgegen und -reichte ihm beide Hände; er bat sie, ihm seine »polnische -Manier« zu entschuldigen, und küßte ihr beide Hände. -Am nächsten Tage schickte er ihr aber einen Brief in -französischer Sprache, in dem er ihr sagte, daß er das -Geld gar nicht des Geldes wegen, sondern nur der Ehre -wegen gesucht habe ... Obwohl es nun gefunden worden -sei, wolle er es nicht annehmen, »weil daran Blut -klebe«. Und er bat die Frau Oberst, ihm die Gnade -zu erweisen und mit diesem Gelde ein armes kleines -Waisenmädchen groß zu ziehen, das er ausfindig gemacht -habe; es sei just in derselben Nacht zur Welt -<a id="page-142" class="pagenum" title="142"></a> -gekommen, in der Sascha aus dem Leben geschieden. -»Vielleicht wohnt in dem Kinde seine Seele.« -</p> - -<p> -Die junge Kommandeuse war sehr gerührt und erklärte -sich bereit, das Kind anzunehmen. Awgust -Matwejitsch überbrachte es ihr persönlich in einem sauberen -weißen, mit Tüll und weißen Bändern garnierten -Korbe. -</p> - -<p> -»Der schlaue Pole!« Alle beneideten ihn, daß er es in -einer so schönen, zarten und einschmeichelnden Form -einzurichten verstand. Ja, dieser Mystiker! -</p> - -<p> -Sie soll beim Abschied von ihm geweint haben; wir -aber verabschiedeten uns von ihm unter Trinksprüchen -und Schmollistrinken im Wäldchen vor der Stadt. Das -war ganz zufällig gekommen: wir zechten gerade draußen, -als er vorbeifuhr. Wir entschuldigten uns zuvor, zogen -ihn dann vom Wagen, tranken ohne Ende und erzählten -ihm ganz aufrichtig, was für eine schlechte Meinung wir -von ihm gehabt hatten. -</p> - -<p> -»Erzähle uns nun, wie du das so eingerichtet hast!« -drangen wir in ihn. -</p> - -<p> -Er sagte: -</p> - -<p> -»Ich habe gar nichts eingerichtet, meine Herren, es ist -alles ganz von selbst so gekommen ...« -</p> - -<p> -»Mache keine Ausflüchte«, sagten wir ihm, »du bist ja -Pole, und wir können dir daraus keinen Vorwurf machen. -Wie hast du es aber fertig gebracht, ein Kind zu finden, -das just in der Nacht auf die Welt kam, in der Sascha -gestorben ist, so daß es das gleiche Alter hat wie das -verstorbene Kind der Kommandeuse? ..« -</p> - -<p> -Der Pole lachte: -</p> - -<p> -»Meine Herren, wie habe ich das einrichten können?« -</p> - -<p> -<a id="page-143" class="pagenum" title="143"></a> -»Das ist es eben! Ihr Polen seid so fein, daß sich der -Teufel in euch auskennt!« -</p> - -<p> -»Glauben Sie mir: ich höre heute zum erstenmal, ich -sei so fein, daß ich mich selbst nicht sehe. Lassen Sie -mich aber weiterfahren, sonst spannt der Postkutscher, -wie es seine Pflicht ist, die Pferde aus.« -</p> - -<p> -Wir ließen von ihm ab, halfen ihm in den Wagen -und riefen dem Kutscher zu: »Los!« -</p> - -<p> -Er versuchte, sich vor uns möglichst graziös zu verbeugen, -die Pferde zogen aber in diesem Augenblick an, -und er verbeugte sich höchst zweideutig mit dem Rücken. -So endete unsere traurige Geschichte. Sie finden darin -keine Ideen, die irgendeine Beachtung verdienten; ich -erzählte sie nur, weil sie mir interessant erscheint. Vor -Zeiten war es so, daß jede noch so unbedeutende Sache -leicht zu etwas Großem und Interessantem anwachsen -konnte. Heute ist es aber umgekehrt: eine Geschichte -läßt sich Gott weiß wie groß an; wie sie aber den Leuten -in die Hände kommt, wird sie immer kleiner und kleiner, -bis von ihr schließlich nichts mehr zurückbleibt ... Gar -mancher fängt zu lieben an und gibt es plötzlich auf, -weil es ihm zu langweilig wird. Worauf mag das beruhen? -Ich glaube, daß es viele Gründe hat. Und ist nicht einer -der Hauptgründe unsere Gleichgültigkeit gegen das, was -man <em>persönliche Ehre</em> nennt? -</p> - -<h2 class="part" id="part-5"> -<a id="page-145" class="pagenum" title="145"></a> -DIE LADY MAKBETH -DES -MZENSKER LANDKREISES -</h2> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-5-1"> -<a id="page-147" class="pagenum" title="147"></a> -I -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">I</span>n unserer Gegend kommen manchmal so seltsame -Charaktere vor, daß man sich ihrer nicht ohne tiefste -Erschütterung erinnern kann, selbst wenn schon viele -Jahre nach der letzten Begegnung mit ihnen vergangen -sind. Zu solchen Charakteren zählte die Kaufmannsfrau -Katerina Lwowna Ismajlowa, die einst im Mittelpunkte -eines grauenhaften Dramas gestanden hatte und bei -unseren Gutsbesitzern unter dem treffenden Namen -»Lady Makbeth des Mzensker Landkreises« bekannt war. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna war nicht, was man eine Schönheit -nennt, doch von angenehmem Äußeren. Sie war erst vierundzwanzig -Jahre alt, nicht sehr groß, doch schlank, hatte -einen wie aus Marmor gemeißelten Hals, rundliche Schultern, -einen prallen Busen, eine gerade, feine Nase, schwarze -lebhafte Augen, eine hohe weiße Stirne und schwarzes, -sogar blauschwarzes Haar. Man verheiratete sie mit einem -Landsmann, dem Kaufmann Ismajlow aus Tuskarj im -Kursker Gouvernement. Sie fühlte zwar keine Neigung -zu ihm; Ismajlow hatte aber den Antrag gemacht, und -sie durfte als armes Mädchen nicht wählerisch sein. Die -Ismajlows waren in unserer Gegend angesehen: sie betrieben -einen großen Mehlhandel, hatten auf dem Lande -eine große Mühle in Pacht, einen einträglichen Garten vor -der Stadt und ein schönes Haus in der Stadt und gehörten -zu den wohlhabendsten Kaufleuten. Die Familie war -<a id="page-148" class="pagenum" title="148"></a> -obendrein nicht zu groß und bestand nur aus dem Schwiegervater -Boris Timofejitsch Ismajlow, der schon an die -achtzig Jahre alt und seit langem verwitwet war, seinem -Sohn Sinowij Borissowitsch, Katerinas Mann, der auch -nicht mehr jung — über fünfzig — war, und Katerina -Lwowna selbst. Nach fünfjähriger Ehe hatte Katerina -Lwowna noch immer kein Kind; Sinowij Borissowitsch -hatte auch von seiner ersten Frau, mit der er zwanzig -Jahre gelebt hatte, bevor er Katerina Lwowna heiratete, -keine Kinder. Er hatte gehofft, daß Gott ihm wenigstens -in seiner zweiten Ehe Kinder schenken würde, die seine -Firma und sein Kapital erben könnten; er hatte aber auch -mit Katerina Lwowna kein Glück. -</p> - -<p> -Die Kinderlosigkeit machte Sinowij Borissowitsch -großen Kummer, und nicht nur ihm allein, sondern auch -dem alten Boris Timofejitsch; auch Katerina Lwowna -selbst war darüber sehr traurig. Die tödliche Langweile -in dem verschlossenen Kaufmannshause mit dem hohen -Zaun und den bösen Kettenhunden machte die junge -Kaufmannsfrau oft erstarren, so daß sie Gott weiß wie -froh gewesen wäre, wenn sie ein Kindchen zu pflegen -gehabt hätte; dann hatte sie auch die ewigen Vorwürfe -satt: »Warum bist du diese Ehe eingegangen, warum -hast du dem Menschen sein Schicksal gebunden, du Unfruchtbare?!« -Als ob sie tatsächlich ein Verbrechen an -ihrem Manne, am Schwiegervater und am ganzen ehrbaren -Kaufmannsgeschlecht begangen hätte! -</p> - -<p> -Bei allem Reichtum war das Leben Katerina Lwownas -im Hause des Schwiegervaters öde und traurig. Sie kam -fast nie aus dem Hause, und selbst wenn sie mit ihrem -Manne irgendwo in Kaufmannsfamilien Besuch machte, -<a id="page-149" class="pagenum" title="149"></a> -hatte sie wenig Freude daran. Es waren lauter strenge -Leute, die immer beobachteten, wie sie saß, wie sie ging, -wie sie stand. Katerina Lwowna hatte aber einen feurigen -Charakter und war als Mädchen ein freies Leben gewohnt; -einst durfte sie mit den Eimern zum Fluß laufen, im Hemd -am Landungssteg baden oder einen vorbeigehenden Burschen -über die Gartenpforte mit Schalen von Sonnenblumenkernen -überschütten; hier ist aber alles anders. -Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller <a id="corr-21"></a>Herrgottsfrühe -auf, trinken um sechs Uhr Tee und gehen gleich -an ihre Geschäfte. Sie aber wandert von Zimmer zu Zimmer. -Überall ist es so rein, so still und so leer, vor den -Heiligenbildern brennen die Lämpchen, und im ganzen -Hause ist kein lebender Ton, keine menschliche Stimme. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna irrt eine Zeitlang durch die leeren -Zimmer, beginnt vor Langweile zu gähnen und geht die -Stiege in das eheliche Schlafzimmer im Mezzanin hinauf. -Sie sitzt da, schaut zum Fenster hinaus, wie man vor den -Speichern den Hanf aufhängt oder das Mehl in Säcke -füllt; sie muß wieder gähnen und freut sich, daß sie eine -oder zwei Stunden schlafen kann. Und wenn sie erwacht, -überkommt sie wieder die Langweile des altrussischen -Kaufmannshauses, vor der man sich, wie es heißt, mit -Freuden erhängt. Katerina Lwowna fand auch am Lesen -keine Freude, und im Hause gab es keine Bücher außer -dem Kiewer Heiligenbuch. -</p> - -<p> -So öde war das Leben Katerina Lwownas in dem reichen -Hause, in dem sie nun schon fünf Jahre an der Seite eines -lieblosen Gatten lebte. Aber, wie es so immer geht, niemand -schenkte ihrer Langweile auch nur die geringste -Beachtung. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-2"> -<a id="page-150" class="pagenum" title="150"></a> -II -</h3> - -<p class="noindent"> -Im Frühjahr des sechsten Jahres nach Katerina Lwownas -Verheiratung gab es auf der Ismajlowschen Mühle ein -Unglück: das Hochwasser hatte den Damm durchbrochen. -Die Mühle hatte gerade viel Arbeit, und der Schaden war -sehr groß: das Wasser kam unter den Lauftrog des leeren -Gerinnes und ließ sich nicht wieder einfangen. Sinowij -Borissowitsch trieb die Leute aus der ganzen Umgegend -zusammen und überwachte Tag und Nacht die Arbeiten; -die Geschäfte in der Stadt versah der Alte, und Katerina -Lwowna war tagelang allein zu Hause. Als sie ohne Mann -geblieben war, fühlte sie anfangs noch größere Langweile; -dieser Zustand gefiel ihr aber mit der Zeit nicht schlecht; -sie konnte freier aufatmen. Sie hatte ihn ja niemals geliebt, -nun hatte sie wenigstens einen Aufseher weniger. -</p> - -<p> -Einmal saß sie in ihrem Mezzanin am Fenster, gähnte, -dachte an nichts Bestimmtes und schämte sich zuletzt, -immer so zu gähnen. Draußen war aber der herrlichste -Tag: warm, heiter, lustig, und durch das grüne Holzgitter -des Gartens waren flinke Vöglein zu sehen, die von Zweig -zu Zweig hüpften. -</p> - -<p> -— Warum gähne ich so? — fragte sich Katerina Lwowna. -— Ich will einmal aufstehen und in den Hof oder in den -Garten gehen. — -</p> - -<p> -Sie warf sich einen alten Pelzumhang um und ging -hinaus. -</p> - -<p> -Unten auf dem Hofe ist es so hell, die Luft ist so erfrischend, -und auf der Galerie bei den Speichern schallt -lustiges Gelächter. -</p> - -<p> -»Was freut ihr euch so?« fragte Katerina Lwowna die -Angestellten des Schwiegervaters. -</p> - -<p> -<a id="page-151" class="pagenum" title="151"></a> -»Wir haben eben ein lebendes Schwein gewogen,« -antwortete ihr der alte Verwalter. -</p> - -<p> -»Was für ein Schwein?« -</p> - -<p> -»Das Schwein Aksinja, das den Sohn Wassilij geboren -und uns zur Taufe nicht eingeladen hat,« berichtete ihr -frech und lustig ein Bursche mit kühnem, hübschem Gesicht, -pechschwarzen Locken und einem kaum sprossenden -Bärtchen. -</p> - -<p> -Aus dem Mehlkübel, der am Wagbalken angehängt -war, sah in diesem Augenblick das dicke rotbackige Gesicht -der Köchin Aksinja heraus. -</p> - -<p> -»Verdammte Teufel!« fluchte die Köchin, indem sie -nach dem eisernen Wagbalken griff und sich Mühe gab, -aus dem hin- und herpendelnden Kübel herauszukriechen. -</p> - -<p> -»Acht Pud wiegt sie vor dem Essen, und wenn sie zu -Mittag ein Fuder Heu gefressen hat, so langen die Gewichte -nicht!« erklärte der gleiche hübsche Bursche. Mit diesen -Worten drehte er den Kübel um und warf die Köchin -auf die in der Ecke geschichteten Säcke. -</p> - -<p> -Die Köchin fluchte noch immer, eigentlich mehr im -Scherz, und zupfte sich das Kleid zurecht. -</p> - -<p> -»Nun, und wieviel wiege ich?« fragte Katerina Lwowna. -Sie stieg auf das Brett und hielt sich an den Stricken fest. -</p> - -<p> -»Drei Pud sieben Pfund,« antwortete der hübsche -Bursche Ssergej, nachdem er die Gewichte nachgezählt -hatte. »Ein Wunder!« -</p> - -<p> -»Was wunderst du dich so?« -</p> - -<p> -»Daß Sie über drei Pud wiegen, Katerina Lwowna. -Ich glaube, daß ich Sie den ganzen Tag auf den Armen -herumtragen könnte, ohne dabei müde zu werden. Ich -würde es sogar für das größte Vergnügen ansehen.« -</p> - -<p> -<a id="page-152" class="pagenum" title="152"></a> -»Bin ich denn etwa kein Mensch? Würdest wohl müde -werden!« erwiderte leicht errötend Katerina Lwowna, -die solche Reden nicht mehr gewohnt war und plötzlich -das Verlangen fühlte, lustig zu plaudern und zu scherzen. -</p> - -<p> -»Gott behüte! Ich würde Sie bis nach dem glückseligen -Arabien tragen,« antwortete Ssergej auf ihre Bemerkung. -</p> - -<p> -»Du redest Unsinn,« sagte der Bauer, der das Getreide -aufschüttete. »Was ist unsere Schwere? Ist es denn unser -Körper, der was wiegt? Unser Körper, mein Lieber, wiegt -nicht, es ist nur unsere Kraft, die uns zur Erde zieht, und -nicht der Körper!« -</p> - -<p> -»Als Mädchen hatte ich eine große Kraft,« sagte Katerina -Lwowna, die sich wieder nicht beherrschen konnte. -»Mancher Mann konnte mich nicht niederringen!« -</p> - -<p> -»Erlauben Sie mal Ihr Händchen, wenn das wahr ist,« -bat der hübsche Bursche. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna errötete wieder, reichte ihm aber -die Hand. -</p> - -<p> -»Laß los, es tut weh!« schrie Katerina Lwowna auf, -als Ssergej ihre Hand in der seinigen zusammendrückte. -Mit der freien Hand stieß sie ihn vor die Brust. -</p> - -<p> -Der Bursche ließ ihre Hand los und taumelte vor -ihrem Stoß einige Schritte zur Seite. -</p> - -<p> -»Und das will ein Frauenzimmer sein!« wunderte sich -der Bauer. -</p> - -<p> -»Nein, nicht so! Wollen wir einmal richtig ringen?« -sagte Ssergej, seine Locken schüttelnd. -</p> - -<p> -»Nun, versuch’s,« antwortete Katerina Lwowna, immer -lustiger werdend, und hob die Ellenbogen. -</p> - -<p> -Ssergej umschlang die junge Frau und drückte ihre -<a id="page-153" class="pagenum" title="153"></a> -pralle Brust an sein rotes Hemd. Katerina Lwowna rührte -nur die Schultern, Ssergej hatte sie aber schon in die -Höhe gehoben, hielt sie eine Weile in den Armen, drückte -sie zusammen und setzte sie zuletzt auf einen umgekehrten -Scheffel. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna hatte nicht einmal Zeit gehabt, ihre -Kraft, mit der sie so prahlte, zu zeigen. Über und über -rot, zupfte sie den Pelzumhang, der ihr von der Schulter -geglitten war, zurecht und ging langsam aus dem Speicher. -Ssergej räusperte sich aber und rief: -</p> - -<p> -»He, ihr Esel! Schüttet das Getreide auf, schont die -Arme nicht! Wenn was übrig bleibt, so ist’s unser Verdienst!« -</p> - -<p> -Er tat so, als hätte auf ihn der Ringkampf mit Katerina -Lwowna nicht den geringsten Eindruck gemacht. -</p> - -<p> -»Dieser Ssergej ist ein verdammter Mädchenjäger!« -berichtete die Köchin Aksinja, ihrer Herrin nachgehend. -»Alles an ihm ist gleich schön: der Wuchs, das Gesicht, -die Gestalt. Er kann jedes Frauenzimmer betören und -zur Sünde verführen. Dabei ist er ein untreuer, gemeiner -Kerl!« -</p> - -<p> -»Sag einmal, Aksinja,« sagte die junge Frau, vor der -Köchin hergehend, »lebt dein Kind noch?« -</p> - -<p> -»Es lebt, Mütterchen, es lebt, was soll ihm geschehen? -Wenn man ein Kind nicht braucht, so ist es immer zählebig.« -</p> - -<p> -»Wo hast du nur das Kind her?« -</p> - -<p> -»Ach, man kriegt es leicht, wenn man unter Menschen -lebt.« -</p> - -<p> -»Ist dieser Bursche schon lange bei uns?« -</p> - -<p> -»Welcher? Meinen Sie Ssergej?« -</p> - -<p> -<a id="page-154" class="pagenum" title="154"></a> -»Ja.« -</p> - -<p> -»An die vier Wochen. Vorher war er bei den Kontschonows -in Stellung, wurde aber hinausgejagt.« Aksinja -fuhr mit gedämpfter Stimme fort: »Man sagt, er hätte -dort mit der Hausfrau selbst angebandelt, darum hat ihn -auch der Herr hinausgejagt ... Er ist so furchtbar frech, -der Verruchte!« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-3"> -III -</h3> - -<p class="noindent"> -Eine warme milchweiße Dämmerung schwebte über -der Stadt. Sinowij Borissowitsch war noch immer nicht -von der Mühle heimgekehrt. Auch der Schwiegervater -Boris Timofejewitsch war nicht zu Hause: er war zu -einem alten Freund zum Namenstag gefahren und hatte -angesagt, daß man ihn zum Abendessen nicht erwarten -solle. Katerina Lwowna aß früh zu Abend, stand dann -wieder am Fenster ihres Schlafzimmers, lehnte sich mit -der Wange an den Pfosten und knackte Sonnenblumenkerne. -Die Leute hatten eben in der Küche genachtmahlt -und begaben sich zur Ruhe: der eine in die Tenne, der -andere in den Speicher, der dritte auf den duftenden -Heuboden. Als letzter kam aus der Küche Ssergej. Er -schlenderte durch den Hof, ließ die Kettenhunde los, -pfiff ein Liedchen, ging am Fenster Katerina Lwownas -vorbei, blickte zu ihr hinauf und verneigte sich vor ihr. -</p> - -<p> -»Guten Abend,« sagte Katerina Lwowna leise von -ihrem Fenster herab, und auf dem Hofe wurde es plötzlich -so still wie in einer Wüste. -</p> - -<p> -»Gnädige Frau!« tönte es zwei Minuten später vor -der versperrten Türe des Schlafzimmers. -</p> - -<p> -»Wer ist da?« fragte Katerina Lwowna erschrocken. -</p> - -<p> -»Erschrecken Sie nicht: ich bin es, Ssergej.« -</p> - -<p> -<a id="page-155" class="pagenum" title="155"></a> -»Was willst du, Ssergej?« -</p> - -<p> -»Ich habe eine Bitte an Sie, Katerina Lwowna. Gestatten -Sie mir, daß ich für einen Augenblick eintrete.« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna sperrte die Türe auf und ließ -ihn ein. -</p> - -<p> -»Was willst du?« fragte sie, wieder ans Fenster -tretend. -</p> - -<p> -»Ich möchte Sie fragen, Katerina Lwowna, ob Sie mir -nicht irgendein Büchlein zum Lesen geben können. Ich -vergehe vor Langweile.« -</p> - -<p> -»Ich habe gar keine Bücher, Ssergej, ich lese niemals,« -antwortete Katerina Lwowna. -</p> - -<p> -»So furchtbar langweilig ist es hier,« klagte Ssergej. -</p> - -<p> -»Was weißt du von Langweile?« -</p> - -<p> -»Erlauben Sie einmal! Wie soll ich mich nicht langweilen? -Ich bin ja ein junger Mensch, wir leben hier -wie in einem Kloster, und ich habe vor mir keine andere -Aussicht, als hier in der Einsamkeit zugrunde zu gehen. -Zuweilen verzweifle ich an meinem Leben.« -</p> - -<p> -»Warum heiratest du nicht?« -</p> - -<p> -»Ja, heiraten, das ist leicht gesagt! Wen soll ich hier -heiraten? Ich bin ja ein unbedeutender Mensch; ein -Mädchen aus dem Kaufmannsstande wird mich nicht -nehmen, und die von unserem armen Stande sind viel -zu ungebildet, das wissen Sie doch selbst. Kann denn so -ein Mädchen die Liebe richtig verstehen? Aber auch die -Reichen verstehen sie nicht viel besser. Für jeden andern -Menschen wären Sie wohl der Trost seines Lebens, Ihr -Gemahl hält Sie aber wie einen Kanarienvogel im Bauer.« -</p> - -<p> -»Ja, ich langweile mich,« sagte Katerina Lwowna unwillkürlich. -</p> - -<p> -<a id="page-156" class="pagenum" title="156"></a> -»Wie soll man sich auch nicht langweilen bei solch -einem Leben, gnädige Frau! Selbst wenn Sie einen Geliebten -hätten, wie die andern Frauen, so hätten Sie gar -keine Möglichkeit, mit ihm zusammenzukommen.« -</p> - -<p> -»Nein, du redest Unsinn. Ich glaube aber, daß es -mir lustiger zumute wäre, wenn ich ein Kindchen hätte.« -</p> - -<p> -»Erlauben Sie die Bemerkung, gnädige Frau: ein Kind -kann man auch nicht so von heute auf morgen bekommen. -Ich habe ja genug in den Kaufmannsfamilien gelebt -und kenne mich in diesen Dingen gut aus. In einem -Liede heißt es: ‚Wenn du keinen Liebsten hast, stirbt -das Herz vor Schmerzenslast.‘ Diesen Schmerz empfinde -ich so stark, Katerina Lwowna, daß ich mir das Herz -aus der Brust schneiden und es Ihnen vor die Füßchen -werfen könnte. Und es würde mir dann viel leichter -zumute werden ...« -</p> - -<p> -Seine Stimme zitterte. -</p> - -<p> -»Was erzählst du mir von deinem Herzen? Ich brauche -es nicht. Geh ...« -</p> - -<p> -»Nein, erlauben Sie, gnädige Frau,« sagte Ssergej, am -ganzen Leibe zitternd und einen Schritt näher kommend. -»Ich weiß, ich sehe und begreife, daß auch Sie es nicht -leichter haben als ich. Alles hängt jetzt aber nur von -Ihnen ab, alles ruht in Ihrer Hand!« Die letzten Worte -hauchte er nur. -</p> - -<p> -»Was willst du? Was willst du? Was bist du zu mir -gekommen? Ich werde mich aus dem Fenster stürzen,« -sagte Katerina Lwowna, von einer namenlosen Angst -erfaßt, und griff mit den Händen nach dem Fensterbrett. -</p> - -<p> -»Du Unvergleichliche, du mein Leben! Was sollst du -<a id="page-157" class="pagenum" title="157"></a> -dich aus dem Fenster stürzen?« flüsterte Ssergej frech. -Er riß die junge Frau vom Fenster los und umschlang -sie mit seinen Armen. -</p> - -<p> -»Laß los! Laß los!« stöhnte Katerina Lwowna leise, -unter Ssergejs heißen Küssen ermattend und sich unwillkürlich -an seine mächtige Brust schmiegend. -</p> - -<p> -Ssergej nahm sie wie ein kleines Kind auf die Arme -und trug sie in eine dunkle Ecke. -</p> - -<p> -Im Zimmer trat nun eine Stille ein, die nur durch das -gleichmäßige Ticken der Taschenuhr Sinowij Borissowitschs -unterbrochen wurde, die über dem Bette Katerina -Lwownas hing. Dieses Ticken störte aber niemand. -</p> - -<p> -»Geh,« sagte Lwowna nach einer halben Stunde, ohne -Ssergej anzublicken, ihr zerzaustes Haar vor dem kleinen -Spiegel richtend. -</p> - -<p> -»Was soll ich jetzt von hier fortgehen?« fragte Ssergej -mit seliger Stimme. -</p> - -<p> -»Der Schwiegervater wird die Türe zusperren.« -</p> - -<p> -»Ach, meine liebe Seele! Hast du denn nur solche -Männer gekannt, die eine Türe brauchen, um zur Geliebten -zu gelangen? Wenn ich zu dir oder von dir will, -so finde ich überall eine Türe,« antwortete der Bursche, -auf die Balken, die die Galerie stützten, zeigend. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-4"> -IV -</h3> - -<p class="noindent"> -Sinowij Borissowitsch blieb noch eine Woche auf der -Mühle, und seine Frau ergötzte sich diese ganze Zeit allnächtlich -bis an den lichten Tag mit Ssergej. -</p> - -<p> -In diesen Nächten wurde im Schlafzimmer Sinowij -Borissowitschs gar viel Wein aus dem Keller des Schwiegervaters -ausgetrunken, viel Süßes gegessen, viel geküßt -<a id="page-158" class="pagenum" title="158"></a> -und viel mit den schwarzen Locken auf den weichen -Kopfkissen gespielt. Die Landstraße ist aber nicht immer -so eben wie eine Tischdecke, es gibt auch Löcher und -Buckel. -</p> - -<p> -Boris Timofejitsch konnte keinen Schlaf finden. Der -Alte irrte in seinem bunten Kattunhemd durch das stille -Haus, trat bald an das eine, bald an das andere Fenster -und sah plötzlich das rote Hemd Ssergejs langsam den -Balken unter dem Fenster der Schwiegertochter hinuntergleiten. -Eine schöne Bescherung! Boris Timofejitsch ging -in den Hof und packte den Burschen bei den Beinen. -Dieser holte zuerst zu einem Schlage aus, überlegte sich -aber, daß es zu viel Lärm geben würde. -</p> - -<p> -»Sag einmal,« fragte Boris Timofejitsch, »wo warst du -eben, du Dieb?« -</p> - -<p> -»Wo ich war, da bin ich nicht mehr, Boris Timofejitsch,« -antwortete Ssergej. -</p> - -<p> -»Hast du bei der Schwiegertochter übernachtet?« -</p> - -<p> -»Das ist meine Sache, Herr, wo ich übernachtet habe. -Höre aber auf meine Worte, Boris Timofejitsch: was -gewesen ist, läßt sich nicht mehr ändern. Tu wenigstens -deinem Kaufmannshause keine Schande an. Sag mir, was -willst du jetzt von mir? Was für eine Genugtuung soll -ich dir geben?« -</p> - -<p> -»Du sollst, Verruchter, fünfhundert Peitschenschläge -bekommen,« antwortete Boris Timofejitsch. -</p> - -<p> -»Die Schuld ist mein, der Wille ist dein,« sagte der -Bursche. »Sag, wohin ich dir folgen soll, trinke mein -Blut.« -</p> - -<p> -Boris Timofejitsch führte Ssergej in seine gemauerte -Vorratskammer und schlug ihn so lange mit der Peitsche, -<a id="page-159" class="pagenum" title="159"></a> -bis sein Arm erlahmte. Ssergej gab keinen Ton von sich, -zerkaute aber die Hälfte seines Hemdärmels mit den -Zähnen. -</p> - -<p> -Boris Timofejitsch ließ Ssergej in der Kammer liegen, -bis sein blutiggeschlagener Rücken verheilen würde, -stellte ihm einen irdenen Krug mit Wasser hin, versperrte -die Kammer mit einem großen Schloß und -schickte nach dem Sohn. -</p> - -<p> -Auch heute noch legt man hundert Werst auf einer -russischen Landstraße nicht an einem Tag zurück, Katerina -Lwowna kann aber ohne ihren Ssergej auch nicht -eine Stunde aushalten. Ihre ganze zügellose Natur kam -zum Durchbruch, und sie wurde sehr kühn und entschlossen. -Sie erfuhr, wo Ssergej eingesperrt war, sprach -mit ihm durch die Eisentüre einige Worte und machte -sich auf die Suche nach den Schlüsseln. »Väterchen, laß -doch den Ssergej heraus!« wandte sie sich an den -Schwiegervater. -</p> - -<p> -Der Alte wurde ganz grün vor Wut. Von seiner sündigen, -bisher aber noch immer gehorsamen Schwiegertochter -hatte er eine solche Frechheit nicht erwartet. -</p> - -<p> -»Was fällt dir ein?« Und er fiel über Katerina Lwowna -mit Schimpfworten her. -</p> - -<p> -»Laß ihn heraus,« bestürmte sie ihn, »ich schwöre dir -bei meinem Gewissen, daß es zwischen uns nichts -Schlimmes gegeben hat.« -</p> - -<p> -»So, es hat nichts Schlimmes gegeben!« sagt er und -knirscht mit den Zähnen. »Was habt ihr dann in den -Nächten getrieben? Die Kissen deines Mannes durchgeklopft?« -</p> - -<p> -Sie aber hört gar nicht auf: »Laß ihn heraus!« -</p> - -<p> -<a id="page-160" class="pagenum" title="160"></a> -»Wenn die Dinge so stehen,« sagt Boris Timofejitsch, -»so will ich dir folgendes sagen: wenn dein Mann zurückkommt, -werden wir dich, du treulose Frau, im Pferdestalle -mit eigenen Händen durchpeitschen. Ihn aber, -den Schurken, werde ich gleich morgen ins Zuchthaus -schicken.« -</p> - -<p> -So hatte Boris Timofejitsch beschlossen; sein Beschluß -wurde aber nicht zur Tat. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-5"> -V -</h3> - -<p class="noindent"> -Boris Timofejitsch aß an diesem Abend einen Brei -mit Pilzen und fühlte gleich darauf ein Brennen im -Schlunde; es zwickte ihn im Magen, er bekam Erbrechen -und starb gegen Morgen auf die gleiche Weise, wie die -Ratten in seinem Speicher. Für die Ratten aber pflegte -Katerina Lwowna mit eigenen Händen eine Speise mit -einem gefährlichen weißen Pulver, das sie in Verwahrung -hatte, anzurichten. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna ließ ihren Ssergej sofort aus der -gemauerten Kammer heraus und legte ihn, ganz ohne -Scheu vor den Leuten, auf das Bett ihres Mannes, damit -er sich nach den Schlägen des Schwiegervaters erhole; -dem Schwiegervater Boris Timofejitsch gab sie aber ein -christliches Begräbnis. Seltsamerweise machte sich niemand -über den Tod des Alten irgendwelche Gedanken. -Boris Timofejitsch war eben gestorben, wie viele nach -dem Genuß von Pilzen starben. Man beerdigte ihn in -aller Eile, ohne selbst die Rückkehr des Sohnes abzuwarten, -denn die Tage waren heiß; der nach Sinowij -Borissowitsch geschickte Bote hatte ihn auf der Mühle -nicht angetroffen. Sinowij Borissowitsch hatte gerade die -<a id="page-161" class="pagenum" title="161"></a> -Gelegenheit, einen Wald, der hundert Werst weiter lag, -billig zu kaufen; er war hingefahren, um sich den Wald -anzusehen, und hatte niemandem angesagt, wo dieser -Wald liege. -</p> - -<p> -Nachdem Katerina Lwowna dieses erledigt hatte, geriet -sie ganz außer Rand und Band. Sie war ja auch sonst -keine schüchterne Frau; jetzt konnte man aber unmöglich -erraten, was sie noch alles vorhatte. Sie geht stolz -einher, kommandiert das ganze Haus und läßt Ssergej -nicht von ihrer Seite. Das kam dem Hausgesinde anfangs -etwas merkwürdig vor, Katerina Lwowna verstand aber, -die Leute so reich zu beschenken, daß ihnen das Staunen -verging. Sie sagten sich nur: Die Frau hat wohl mit dem -Ssergej angebandelt. Das ist ihre Sache, und nur sie allein -wird sich dafür zu verantworten haben. -</p> - -<p> -Ssergej genas indessen von seinen Wunden, ging -wieder aufrecht einher, tänzelte stolz wie ein Falke um -Katerina Lwowna, und die beiden hatten wieder das -allerschönste Leben. Die Zeit rollte aber nicht nur für -sie beide dahin: der beleidigte Gatte Sinowij Borissowitsch -eilte nach langer Abwesenheit nach Hause. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-6"> -VI -</h3> - -<p class="noindent"> -Es war ein glühheißer Nachmittag, und die Fliegen -ließen keine Ruhe. Katerina Lwowna schloß die Fenster -des Schlafzimmers, verhängte es von innen mit einem -wollenen Tuche und legte sich mit Ssergej auf das hochgetürmte -Bett, um nach dem Essen auszuruhen. Katerina -Lwowna weiß nicht, ob sie schläft oder wacht, es -ist aber so furchtbar heiß, der Schweiß läuft ihr von der -Stirne, und sie kann vor Hitze kaum atmen. Katerina -<a id="page-162" class="pagenum" title="162"></a> -Lwowna fühlt, daß es nun Zeit ist, aufzuwachen; daß es -Zeit ist, in den Garten zu gehen, um Tee zu trinken; sie -kann aber unmöglich aufstehen. Endlich kommt die -Köchin vor die Schlafzimmertüre und klopft: »Der -Samowar unter dem Apfelbaume wird kalt.« Katerina -Lwowna erwacht und beginnt den Kater zu tätscheln. -Zwischen ihr und Ssergej wälzt sich auf dem Bette ein -prächtiger, grauer Kater; er ist groß und wohlgenährt und -hat einen so mächtigen Schnurrbart wie ein Amtmann. -Katerina Lwowna streichelt ihm das weiche Fell, und er -schnuppert immer mit seiner stumpfen Schnauze an ihrem -prallen Busen und schnurrt ein leises Lied, wie wenn er -von der Liebe sprechen wollte. »Wie kommt nur der Kater -her?« fragt sich Katerina Lwowna. »Ich habe hier auf -dem Fenster Sahne stehen, er wird sie sicher fressen. Ich -muß ihn hinauswerfen!« sagt sie sich und greift nach -dem Kater. Er ist aber unter ihren Fingern wie ein Nebel -verschwunden. »Wie kommt nur der Kater zu uns her?« -denkt sich Katerina Lwowna im Halbschlummer. »In -unserm Schlafzimmer hat es doch niemals einen Kater -gegeben, und auf einmal ist so ein Vieh da!« Sie will wieder -nach dem Kater greifen, und er ist schon wieder weg. -»Was ist denn das? Ist es denn nur ein Kater?« fragt sich -Katerina Lwowna wieder. Sie bekommt Angst, und ihre -ganze Schläfrigkeit ist auf einmal wie weggeblasen. Sie -sieht sich um — es ist gar kein Kater in der Stube, an ihrer -Seite liegt nur der hübsche Ssergej und drückt mit seiner -starken Hand ihre Brust gegen sein glühendes Gesicht. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna stand auf, setzte sich auf das Bett -und begann ihren Ssergej zu küssen und zu liebkosen. -Dann richtete sie die zerwühlten Kissen und ging in den -<a id="page-163" class="pagenum" title="163"></a> -Garten, um Tee zu trinken. Die Sonne stand aber schon -tief am Himmel, und auf die warme Erde senkte sich ein -märchenhaft schöner Abend. -</p> - -<p> -»Ich habe zu lange geschlafen,« sagte Katerina Lwowna -zu Aksinja und setzte sich auf den Teppich unter den -blühenden Apfelbaum. »Aksinja, was mag das bedeuten?« -fragte sie die Köchin, die Tassen mit dem Handtuch -abwischend. -</p> - -<p> -»Was denn, Mütterchen?« -</p> - -<p> -»Es war kein Traum, ich sah es im Wachen, wie sich -an mich irgendein Kater schmiegte.« -</p> - -<p> -»Was redest du?« -</p> - -<p> -»Es war wirklich ein Kater.« -</p> - -<p> -Und Katerina Lwowna erzählte ihr, was sie eben erlebt -hatte. -</p> - -<p> -»Was brauchtest du ihn zu streicheln?« -</p> - -<p> -»Das weiß ich selbst nicht, warum ich ihn gestreichelt -habe.« -</p> - -<p> -»Es ist doch seltsam!« rief die Köchin aus. -</p> - -<p> -»Es kommt auch mir seltsam vor.« -</p> - -<p> -»Das bedeutet sicher, daß dir etwas zustößt.« -</p> - -<p> -»Was soll mir zustoßen?« -</p> - -<p> -»<em>Was</em> dir zustoßen wird, kann dir, meine Liebe, -niemand erklären. Es wird dir aber sicher etwas zustoßen.« -</p> - -<p> -»Ich habe den Mond im Traume gesehen, und dann -kam dieser Kater,« fuhr Katerina Lwowna fort. -</p> - -<p> -»Der Mond bedeutet ein Kind.« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna errötete. -</p> - -<p> -»Soll ich dir nicht den <a id="corr-22"></a>Ssergej herschicken?« fragte -Aksinja mit der Vertraulichkeit einer Freundin. -</p> - -<p> -<a id="page-164" class="pagenum" title="164"></a> -»Meinetwegen,« antwortete Katerina Lwowna. »Schick -ihn mir wirklich her: ich will mit ihm Tee trinken.« -</p> - -<p> -»Darum frage ich auch, ob ich ihn herschicken soll,« -sagte Aksinja und wackelte wie eine Ente zum Gartentor. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna erzählte auch Ssergej das von dem -Kater. -</p> - -<p> -»Es ist nichts als Einbildung,« antwortete Ssergej. -</p> - -<p> -»Warum habe ich aber früher diese Einbildung niemals -gehabt, Sserjoscha?« -</p> - -<p> -»Ja, früher war manches anders! Früher verschmachtete -mir das Herz, wenn ich dich auch nur mit einem -Auge ansah, und heute habe ich deinen ganzen weißen -Leib in meiner Gewalt.« -</p> - -<p> -Ssergej nahm Katerina Lwowna auf die Arme, drehte -sie einmal in der Luft um und warf sie auf den weichen -Teppich. -</p> - -<p> -»Ach, es schwindelt mir!« sagte Katerina Lwowna. -</p> - -<p> -»Sserjoscha, komm einmal her, setz dich zu mir,« rief -sie, sich wollüstig streckend. -</p> - -<p> -Ssergej beugte sich, trat unter die tief herabhängenden, -mit weißen Blüten beladenen Äste des Apfelbaumes und -setzte sich auf den Teppich Katerina Lwowna zu Füßen. -</p> - -<p> -»Hast du wirklich nach mir geschmachtet, Sserjoscha?« -</p> - -<p> -»Gewiß, ich habe wohl geschmachtet.« -</p> - -<p> -»Wie hast du geschmachtet? Erzähl es mir!« -</p> - -<p> -»Kann man es denn erklären, wie man schmachtet? -Ich habe mich halt nach dir gesehnt.« -</p> - -<p> -»Warum habe ich nicht gefühlt, daß du dich nach mir -sehntest, Sserjoscha? Es heißt ja, daß man so was immer -fühlt.« -</p> - -<p> -Ssergej gab keine Antwort. -</p> - -<p> -<a id="page-165" class="pagenum" title="165"></a> -»Warum hast du immer gesungen, wenn du dich wirklich -nach mir gesehnt hast? Ich hab ja gehört, wie du -auf der Galerie deine Lieder sangst,« fragte Katerina -Lwowna unter Küssen und Liebkosungen. -</p> - -<p> -»Was folgt daraus, daß ich gesungen habe? Auch die -Mücke singt ihr Leben lang, doch nicht vor Freude,« -antwortete Ssergej trocken. -</p> - -<p> -Es entstand eine Pause. Ssergejs Geständnis erfüllte -Katerina Lwowna mit höchster Freude. -</p> - -<p> -Sie wollte noch mehr darüber sprechen, aber Ssergej -runzelte die Stirne und schwieg. -</p> - -<p> -»Schau nur, Sserjoscha, was das für ein Paradies ist!« -rief Katerina Lwowna aus, durch die dichten Zweige des -blühenden Apfelbaumes in den heiteren blauen Himmel -mit dem Vollmond blickend. -</p> - -<p> -Das Mondlicht drang durch die Blüten und Blätter -des Apfelbaumes und überschüttete die Figur und das -Gesicht der auf dem Rücken liegenden Katerina Lwowna -mit zauberhaften Lichtflecken. Ein leiser warmer Windhauch -bewegte kaum die schlafenden Blätter und brachte -den feinen Duft der blühenden Gräser und Bäume. Die -Luft flößte eine süße Mattigkeit, Wollust und dunkles -Sehnen ein. -</p> - -<p> -Ssergej sagte noch immer nichts, und Katerina Lwowna -hielt wieder inne und blickte durch die blaßrosa Apfelblüten -zum Himmel empor. Auch Ssergej schwieg; der -Himmel schien ihn aber nicht zu interessieren. Er saß, -seine Knie mit beiden Armen umschlingend, und betrachtete -aufmerksam seine Stiefel. -</p> - -<p> -Eine goldene Nacht! Stille, Licht, Duft und belebende -Wärme. In der Ferne hinter dem Garten stimmte jemand -<a id="page-166" class="pagenum" title="166"></a> -ein wohlklingendes Lied an. In den dichten Faulbeersträuchern -am Zaune begann eine Nachtigall zu schlagen; -im Bauer an der hohen Stange zwitscherte eine verschlafene -Wachtel. Man hörte das wohlgenährte Pferd -im Stalle atmen und sah eine lustige Hundeschar über -die Wiese hinter dem Gartenzaune lautlos rennen und -in dem formlosen schwarzen Schatten der zerfallenen -alten Salzspeicher verschwinden. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna stützte sich auf einen Ellenbogen -und blickte auf das hohe Gras, das im Mondlichte -schimmerte. Es sah wie vergoldet aus, seltsame -Mondflecken huschten wie leuchtende Falter durch die -Halme, und das Gras unter den Bäumen schien, in das -Netz der Mondlichtstrahlen verfangen, hin und her zu -schwanken. -</p> - -<p> -»Ach, Sserjoscha, schau nur, wie schön es ist!« rief -Katerina Lwowna aus. -</p> - -<p> -Ssergej sah sich gleichgültig um. -</p> - -<p> -»Was bist du heute so freudlos, Sserjoscha? Bist du -vielleicht meiner Liebe schon überdrüssig?« -</p> - -<p> -»Sprich nicht solchen Unsinn!« antwortete Ssergej -trocken. Er beugte sich träge zu ihr und küßte sie. -</p> - -<p> -»Du bist treulos, Sserjoscha,« sagte Katerina Lwowna, -»du bist gar zu unbeständig.« -</p> - -<p> -»Ich kann diese Worte gar nicht auf mich beziehen,« -antwortete Ssergej ruhig. -</p> - -<p> -»Warum küßt du mich dann so lässig?« -</p> - -<p> -Ssergej gab keine Antwort. -</p> - -<p> -»Nur die Ehemänner küssen ihre Frauen so,« fuhr -Katerina Lwowna fort, mit seinen Locken spielend, »wie -wenn sie die Lippen nur abstauben wollten. Küsse mich, -<a id="page-167" class="pagenum" title="167"></a> -daß die jungen Blüten vom Apfelbaume, unter dem wir -sitzen, herabfallen!« -</p> - -<p> -»Siehst du, so!« flüsterte Katerina Lwowna, ihren Geliebten -umschlingend und mit leidenschaftlichen Küssen -überschüttend. -</p> - -<p> -»Hör einmal, Sserjoscha,« fuhr Katerina Lwowna nach -einer Weile fort: »warum sagen die Leute, daß du treulos -bist?« -</p> - -<p> -»Wer wird mich so verleumden?« -</p> - -<p> -»Alle sagen es.« -</p> - -<p> -»Es mag ja sein, daß ich gegen solche treulos war, die -meine Liebe gar nicht verdienten.« -</p> - -<p> -»Warum hast du dich denn mit solchen eingelassen? -Eine, die es nicht verdient, soll man gar nicht lieben.« -</p> - -<p> -»Ja, das ist leicht gesagt! Überlegt man sich denn so -eine Sache zuvor? In solchen Dingen wirkt die Versuchung -allein. Kaum hat unsereiner so ganz ohne jede -Absicht sein Gebot übertreten, als sie sich ihm gleich an -den Hals hängt. Das ist die ganze Liebe!« -</p> - -<p> -»Hör einmal, Sserjoscha! Wie die andern waren, weiß -ich nicht und will es auch gar nicht wissen. Zu unserer -Liebe hast du mich aber selbst verführt, du weißt, daß -deine Verführungskünste ebenso stark waren wie mein -eigener Wille. Darum muß ich es dir sagen: und wenn -du mir auch einmal untreu wirst, und wenn du mir eine -andere vorziehst, so werde ich, nimm es mir nicht übel, -solange ich lebe, nicht von dir lassen!« -</p> - -<p> -Ssergej fuhr zusammen. -</p> - -<p> -»Katerina Lwowna, du Licht meiner Seele!« sagte er. -»Betrachte einmal selbst, wie unsere Sache steht. Du -siehst nur, daß ich heute nachdenklich bin; du fragst -<a id="page-168" class="pagenum" title="168"></a> -dich gar nicht, warum ich es bin. Vielleicht ertrinkt jetzt -mein Herz in geronnenem Blut.« -</p> - -<p> -»Sserjoscha, erzähle alles, was dich so bedrückt.« -</p> - -<p> -»Was soll ich viel erzählen! Da wird bald mit Gottes -Hilfe dein Mann gefahren kommen, und es wird gleich -heißen: Ssergej Philippowitsch, geh jetzt auf den Hinterhof -zu den Spielleuten und sieh hinter der Scheune zu, -wie im Schlafzimmer Katerina Lwownas ein Lichtlein -brennt, wie sie ihr Bett aufrüttelt und sich mit ihrem -ehelichen Gemahl Sinowij Borissowitsch zur Ruhe begibt.« -</p> - -<p> -»Das wird niemals sein!« rief Katerina Lwowna voll -ausgelassener Freude und winkte mit der Hand. -</p> - -<p> -»Warum sollte das nicht sein? Ich glaube, daß es unbedingt -so sein wird. Aber auch ich habe ein Herz, -Katerina Lwowna, das jede Pein empfindet.« -</p> - -<p> -»Genug davon!« -</p> - -<p> -Ssergejs Eifersucht machte Katerina Lwowna großes -Vergnügen. Sie lachte auf und begann ihn wieder zu -küssen. -</p> - -<p> -»Und dann muß ich noch dieses sagen«, fuhr Ssergej -fort, seinen Kopf behutsam aus den nackten Armen -Katerina Lwownas befreiend: »Und dann muß ich noch -dieses sagen: mein niederer Stand zwingt mich, mir die -Sache doppelt und zehnfach zu überlegen. Wäre ich -Ihnen gleich, wäre ich ein vornehmer Herr oder Kaufmann, -so würde ich mich von Ihnen, Katerina Lwowna, -niemals trennen. Wie stehe ich aber vor Ihnen da? Wenn -ich sehe, wie man Sie bei Ihren weißen Händchen nimmt -und ins Schlafzimmer führt, wenn mein Herz das alles -über sich ergehen lassen muß, so werde ich mir selbst -<a id="page-169" class="pagenum" title="169"></a> -vielleicht mein ganzes Leben lang ein Ekel sein. Katerina -Lwowna! Ich bin nicht wie die andern, die bei der Frau -nur Vergnügen suchen. Ich weiß, was die Liebe ist, und -fühle, wie sie als schwarze Schlange an meinem Herzen -saugt ...« -</p> - -<p> -»Was redest du heute in einem fort?« unterbrach ihn -Katerina Lwowna. -</p> - -<p> -Sie hatte mit Ssergej Mitleid. -</p> - -<p> -»Katerina Lwowna! Wie sollte ich davon nicht reden? -Wenn es vielleicht schon bestimmt und beschlossen ist, -daß Ssergej nicht etwa in der Zukunft, sondern schon -morgen dieses Haus räumen muß ...« -</p> - -<p> -»Nein, nein, sprich nicht davon, Sserjoscha! Es ist -unmöglich, daß ich ohne dich bleibe«, suchte ihn Katerina -Lwowna zu beruhigen. »Wenn es einmal so weit ist, -so muß entweder er oder ich aus dem Leben scheiden. -Du aber bleibst in jedem Falle bei mir.« -</p> - -<p> -»Das kann unmöglich sein, Katerina Lwowna«, sagte -Ssergej, mit traurigem Kopfschütteln. »Diese Liebe macht -mich nicht froh. Wenn ich jemanden liebte, der mir -gleich wäre, so wäre ich zufrieden. Wie kann ich aber -daran auch nur denken, daß Sie immer mit mir bleiben? -Ist es denn eine Ehre für Sie, meine Geliebte zu sein? -Ich wollte, ich könnte vor dem heiligen Altar des ewigen -Gottes Ihr Gatte werden; ich würde mich dann zwar -immer für geringer halten als Sie, wäre aber froh, den -Leuten zu zeigen, was für Ehren ich bei meiner Frau dank -meiner Liebe genieße ...« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna war von diesen Worten Ssergejs, -von seiner Eifersucht und seinem Wunsche, sie zu heiraten, -wie berauscht: solch ein Wunsch ist der Frau stets -<a id="page-170" class="pagenum" title="170"></a> -angenehm, selbst wenn sie vor der Verheiratung ein noch -so kurzes Verhältnis mit dem Manne gehabt hat. Katerina -Lwowna war jetzt bereit, für Ssergej ins Feuer und -Wasser zu gehen, Kerker und Kreuz zu erdulden. Er -hatte sie so verliebt gemacht, daß ihre Ergebenheit ganz -grenzenlos war. Sie war vor Glück wie wahnsinnig; ihr -Blut siedete, und sie konnte nichts mehr hören. Sie -drückte ihm den Mund mit der Hand zu, schmiegte -seinen Kopf an ihre Brust und sagte: -</p> - -<p> -»Ich weiß schon, wie ich es einrichte, daß du ein Kaufmann -wirst und ich mit dir in richtiger Ehe zusammenleben -kann. Mache mir aber jetzt keinen Kummer, solange -wir noch nicht so weit sind.« -</p> - -<p> -Und sie überschüttete ihn wieder mit ihren Küssen. -</p> - -<p> -Der alte Verwalter, der in der Scheune schlief, hörte -in der Stille der Nacht bald ein Flüstern und Kichern, -als ob ausgelassene Kinder sich berieten, wie sie den -Alten einen Streich spielen könnten; bald ein helles -lustiges Lachen, wie wenn die Nixen im See jemand -kitzelten. Katerina Lwowna wälzte sich, vom Mondlichte -übergossen, auf dem weichen Teppich und spielte mit -dem jungen Burschen. Die weißen Blüten des Apfelbaums -regneten auf sie herab und hörten schließlich zu -regnen auf. Die kurze Sommernacht ging aber zu Ende, -der Mond zog sich hinter den steilen Giebel des hohen -Speichers zurück und blickte auf die Erde immer trüber -herab; vom Küchendache herab erklang ein durchdringendes -Katzenduett; dann hörte man ein böses -Fauchen, und gleich darauf rollten zwei oder drei Katzen -vom Dache herab. -</p> - -<p> -»Komm schlafen«, sagte Katerina Lwowna, langsam, -<a id="page-171" class="pagenum" title="171"></a> -wie zerschlagen, stand vom Teppich auf und ging im -bloßen Hemd und Unterrock, so wie sie war, durch den -stillen, wie ausgestorbenen Hof. Ssergej trug ihr aber -den Teppich und die Jacke nach, die sie im mutwilligen -Spiel von sich geworfen hatte. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-7"> -VII -</h3> - -<p class="noindent"> -Kaum hatte Katerina Lwowna die Kerze ausgeblasen -und sich auf dem weichen Pfühle ausgestreckt, als sie -auch sofort einschlief. Nach den ausgelassenen Spielen -dieser Nacht schläft sie so fest, daß auch Arme und -Beine wie erstarrt sind; und sie hört durch den Schlaf, -wie die Türe aufgeht und der gestrige Kater als ein -schweres Knäuel aufs Bett springt. -</p> - -<p> -»Was ist das für eine Plage mit diesem Kater?« fragt -sich die todmüde Katerina Lwowna. »Ich habe ja die -Türe mit eigenen Händen zugesperrt und auch das -Fenster geschlossen, und er ist schon wieder da. Gleich -werde ich ihn hinauswerfen!« Katerina Lwowna wollte -schon aufstehen, aber die schlafenden Arme und Beine -gehorchten ihr nicht. Der Kater stieg aber auf ihrem -Körper umher und schnurrte so seltsam, wie wenn er -Menschenworte spräche. Katerina Lwowna überlief es kalt. -</p> - -<p> -»Morgen muß ich ganz bestimmt Weihwasser mit ins -Bett nehmen«, sagt sie sich, »anders kann ich diesen seltsamen -Kater gar nicht los werden!« -</p> - -<p> -Der Kater aber schnurrt ihr dicht vor dem Ohre und -spricht: »Bin ich denn ein Kater? Du urteilst nicht klug, -Katerina Lwowna, wenn du mich für einen Kater hältst. -Ich bin ja der ehrengeachtete Kaufmann Boris Timofejitsch. -Ich sehe jetzt <a id="corr-26"></a>bloß darum so schlecht aus, weil mir nach -<a id="page-172" class="pagenum" title="172"></a> -dem Imbiß, den mir meine liebe Schwiegertochter vorgesetzt -hat, alle Gedärme gesprungen sind. Darum erscheine -ich auch denen, die von der Sache wenig verstehen, -als ein Kater. Wie geht es dir nun jetzt, Katerina -Lwowna? Wie beobachtest du Gottes Gebot? Ich bin -vom Friedhofe hergekommen, um zu sehen, wie du mit -Ssergej Philippowitsch das Bett deines Mannes wärmst. -Schnurr — Murr, ich sehe ja nichts. Fürchte mich nicht: -nach deinem Imbiß sind mir, wie du siehst, auch die -Augen ausgelaufen. Schau mir doch in die Augen, meine -Liebe, fürchte dich nicht!« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna sah hin und schrie vor Entsetzen -auf. Zwischen ihr und Ssergej liegt wieder der Kater. Er -hat den Kopf des Boris Timofejitsch in der gleichen -Größe, wie ihn der Verstorbene bei Lebzeiten gehabt -hat, und statt der Augen Feuerkreise, die sich nach verschiedenen -Richtungen drehen. -</p> - -<p> -Ssergej erwachte, beruhigte Katerina Lwowna und -schlief wieder ein. Sie konnte aber nicht mehr einschlafen, -und das war gut. -</p> - -<p> -Sie liegt mit offenen Augen da, und plötzlich kommt -es ihr vor, als ob jemand über das Tor in den Hof gestiegen -wäre. Sie hört, wie die Hunde aufspringen, sich -aber gleich wieder beruhigen, wie wenn sie jemand streichelte. -Es vergeht eine Minute, und sie hört, wie der -Riegel unten zurückgeschoben wird und wie die Haustür -aufgeht. »Entweder kommt mir das alles nur so vor, -oder mein Sinowij Borissowitsch ist eben zurückgekehrt -und hat die Türe mit seinem Schlüssel aufgemacht«, -dachte sich Katerina <a id="corr-27"></a>Lwowna und stieß Ssergej in die -Seite. -</p> - -<p> -<a id="page-173" class="pagenum" title="173"></a> -»Sserjoscha, hör einmal«, sagte sie, sich auf einen -Ellenbogen aufrichtend und die Ohren spitzend. -</p> - -<p> -Jemand stieg tatsächlich die Treppe hinauf und näherte -sich langsam mit leisen Schritten der versperrten Schlafzimmertüre. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna sprang schnell im bloßen Hemd -aus dem Bett und machte das Fenster auf. Ssergej stürzte -im gleichen Augenblick auf die Galerie und umschlang -mit den Beinen den Balken, an dem er schon mehr als -einmal aus dem Schlafzimmer der Hausfrau hinuntergeglitten -war. -</p> - -<p> -»Nein, du sollst nicht fort! Leg dich hier nieder ... -Bleib in meiner Nähe«, flüsterte Katerina Lwowna und -warf ihm durch das Fenster seine Kleider und Schuhe -zu. Sie selbst schlüpfte aber wieder unter die Bettdecke -und wartete. -</p> - -<p> -Ssergej hörte auf Katerina Lwowna; er glitt den Balken -nicht hinunter, sondern kauerte sich auf der Galerie -unter dem Dachvorsprung nieder. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna hört indessen, wie ihr Mann dicht -vor die Türe kommt und mit verhaltenem Atem lauscht. -Sie hört sogar sein Herz vor Eifersucht klopfen; sie fühlt -aber kein Mitleid, sondern nur ein böses Lachen in sich -aufsteigen. -</p> - -<p> -»Ja, suche nur den gestrigen Tag!« denkt sie sich und -lächelt so unschuldig wie ein neugeborenes Kind. -</p> - -<p> -Das dauerte an die zehn Minuten. Schließlich wurde -es Sinowij Borissowitsch zu dumm, draußen zu stehen -und zu lauschen, wie seine Frau schläft. Er klopfte an ... -</p> - -<p> -»Wer ist da?« rief Katerina Lwowna nach einer Weile -mit verschlafener Stimme. -</p> - -<p> -<a id="page-174" class="pagenum" title="174"></a> -»Einer von der Familie«, antwortete Sinowij Borissowitsch. -</p> - -<p> -»Bist du es, Sinowij Borissowitsch?« -</p> - -<p> -»Natürlich! Als ob du es nicht hörtest!« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna sprang im bloßen Hemd auf, ließ -den Mann ein und schlüpfte wieder in das warme Bett. -</p> - -<p> -»Vor Sonnenaufgang ist es immer so kalt,« sagte sie, -sich in die Decke hüllend. -</p> - -<p> -Sinowij Borissowitsch trat ein, sah sich um, betete vor -dem Heiligenbilde und sah sich wieder um. -</p> - -<p> -»Nun, wie geht es dir?« fragte er seine Frau. -</p> - -<p> -»Es geht«, antwortete Katerina Lwowna, sich aufsetzend -und eine vorne offene Jacke anziehend. -</p> - -<p> -»Ich soll wohl den Samowar bereiten?« fragte sie. -</p> - -<p> -»Nein, wecke die Aksinja, daß sie es macht.« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna schlüpfte in die Schuhe und lief -hinaus. Eine halbe Stunde blieb sie fort. In dieser Zeit -machte sie den Samowar und schlich sich leise auf die -Galerie hinaus. -</p> - -<p> -»Bleib da!« flüsterte sie Ssergej zu. -</p> - -<p> -»Wie lange soll ich noch sitzen?« fragte Sserjoscha -gleichfalls flüsternd. -</p> - -<p> -»Wie dumm du doch bist! Sitz, bis ich dich rufe.« -</p> - -<p> -Und Katerina Lwowna setzte ihn wieder auf die gleiche -Stelle hin. -</p> - -<p> -Ssergej konnte aber von der Galerie alles hören, was -im Schlafzimmer vorging. Er hörte, wie die Türe wieder -aufging und wie Katerina Lwowna zu ihrem Mann zurückkehrte. -Jedes Wort konnte er hören. -</p> - -<p> -»Was hast du so lange getrieben?« fragte Sinowij -Borissowitsch seine Frau. -</p> - -<p> -<a id="page-175" class="pagenum" title="175"></a> -»Den Samowar habe ich gemacht«, antwortet sie ruhig. -</p> - -<p> -Es vergehen wieder einige Minuten. Ssergej hört, wie -Sinowij Borissowitsch seinen Rock auf den Kleiderrechen -hängt. Nun wäscht er sich und spritzt mit dem -Wasser umher; dann läßt er sich ein Handtuch geben; -dann beginnt er wieder ein Gespräch. -</p> - -<p> -»Wie habt ihr den Vater beerdigt?« fragt er. -</p> - -<p> -»Er ist verschieden, und wir haben ihn beerdigt«, antwortet -sie. -</p> - -<p> -»Das ist doch wirklich sonderbar!« -</p> - -<p> -»Gott allein weiß, wie es gekommen ist,« antwortet -Katerina Lwowna, mit den Teetassen klappernd. -</p> - -<p> -Sinowij Borissowitsch geht nachdenklich durch das -Zimmer. -</p> - -<p> -»Nun, und wie hast du die Zeit verbracht?« fragt -Sinowij Borissowitsch seine Frau von neuem aus. -</p> - -<p> -»Ich glaube, unser Zeitvertreib ist jedermann bekannt; -Bälle besuchen wir nicht, Theater ebenfalls nicht.« -</p> - -<p> -»Du scheinst dich aber wenig über die Rückkehr des -Gatten zu freuen!« beginnt Sinowij Borissowitsch wieder, -sie scheel anblickend. -</p> - -<p> -»Wir beide sind ja nicht mehr so jung, daß wir vor -Freude den Verstand verlieren sollen! Was soll ich mich -auch freuen? Nun muß ich wieder für dich arbeiten und -herumrennen!« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna lief hinaus, um den Samowar zu -holen, machte wieder einen Sprung auf die Galerie zu -Ssergej, zupfte ihn am Ärmel und sagte ihm: »Sserjoscha, -paß jetzt auf!« -</p> - -<p> -Ssergej wußte zwar nicht recht, was jetzt kommen sollte, -machte sich aber bereit. -</p> - -<p> -<a id="page-176" class="pagenum" title="176"></a> -Katerina Lwowna kehrte ins Schlafzimmer zurück. -Sinowij Borissowitsch kniete eben auf dem Bett und -hängte über dem Kopfende seine silberne Uhr mit der -Glasperlenkette auf. -</p> - -<p> -»Sagen Sie mir einmal, Katerina Lwowna, warum -haben Sie, wo Sie allein waren, beide Betten aufgedeckt?« -fragte er plötzlich die Frau mit seltsamem Ausdruck. -</p> - -<p> -»Ich habe Sie immer erwartet«, antwortete Katerina -Lwowna, ihn ruhig anblickend. -</p> - -<p> -»Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar ... Wie kommt -aber dieser Gegenstand zu Ihnen ins Bett?« -</p> - -<p> -Sinowij Borissowitsch hob von ihrem Bett den wollenen -Gürtel Ssergejs auf und hielt ihn ihr vor die -Augen. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna verlor gar nicht die Fassung. -</p> - -<p> -»Ich habe ihn im Garten gefunden und mir damit den -Rock festgebunden.« -</p> - -<p> -»So, so!« sagte Sinowij Borissowitsch mit eigentümlicher -Betonung. »Von Ihren Röcken haben wir ja auch -manches gehört.« -</p> - -<p> -»Was haben Sie gehört?« -</p> - -<p> -»Manches von Ihren Heldentaten!« -</p> - -<p> -»Ich weiß nichts von Heldentaten.« -</p> - -<p> -»Das werden wir alles untersuchen«, antwortete -Sinowij Borissowitsch, der Frau seine geleerte Teetasse -zuschiebend. -</p> - -<p> -»Wir werden alle Ihre Taten ans Licht bringen«, sagte -Sinowij Borissowitsch nach einer langen Pause, die Brauen -runzelnd. -</p> - -<p> -»Ihre Katerina Lwowna ist gar nicht so furchtsam. Sie -hat keine Angst davor«, antwortet sie. -</p> - -<p> -<a id="page-177" class="pagenum" title="177"></a> -»Was?!« herrschte sie Sinowij Borissowitsch mit erhobener -Stimme an. -</p> - -<p> -»Nichts, ist schon vorbei«, antwortete die Frau. -</p> - -<p> -»Du, paß auf! Du bist mir hier allzu gesprächig geworden!« -</p> - -<p> -»Warum soll ich auch nicht gesprächig sein?« erwiderte -Katerina Lwowna. -</p> - -<p> -»Hättest doch mehr acht auf dein Benehmen gegeben!« -</p> - -<p> -»Das brauche ich nicht. Ich kann gar nicht wissen, -was die bösen Zungen über mich alles gesagt haben, -und nun muß ich alle diese Schimpfreden über mich ergehen -lassen. Das ist doch wirklich unerhört!« -</p> - -<p> -»Ich spreche nicht von den bösen Zungen, mir sind -aber alle Ihre Liebesabenteuer bekannt.« -</p> - -<p> -»Was für Liebesabenteuer?« schrie Katerina Lwowna -in aufrichtigem Zorne auf. -</p> - -<p> -»Das weiß ich schon selbst.« -</p> - -<p> -»Und wenn Sie es wissen, so sagen Sie es mir bitte!« -</p> - -<p> -Sinowij Borissowitsch antwortete nichts und schob der -Frau wieder die geleerte Tasse hin. -</p> - -<p> -»Offenbar wissen Sie selbst nicht, was zu sagen«, -sagte Katerina Lwowna verachtungsvoll und warf wütend -den Teelöffel in die leere Tasse des Mannes. »Nun, -sagen Sie einmal, was Sie gehört haben? Wer soll mein -Geliebter sein?« -</p> - -<p> -»Keine Eile, Sie werden es schon hören.« -</p> - -<p> -»Hat man Ihnen vielleicht etwas von Ssergej gesagt?« -</p> - -<p> -»Das werden wir bald alles erfahren, Katerina Lwowna. -Niemand hat mir noch meine Gewalt über Sie genommen -und niemand kann sie mir nehmen ... Sie werden bald -selbst alles sagen ...« -</p> - -<p> -<a id="page-178" class="pagenum" title="178"></a> -»Ach! Das kann ich nicht leiden!« schrie Katerina -Lwowna, mit den Zähnen knirschend, auf, wurde kreideblaß -und sprang plötzlich durch die Türe hinaus. -</p> - -<p> -»Da ist er!« sagte sie nach wenigen Augenblicken, -Ssergej bei der Hand ins Zimmer führend. »Fragen Sie -ihn und mich aus. Vielleicht wirst du sogar etwas mehr -erfahren, als dir lieb ist.« -</p> - -<p> -Sinowij Borissowitsch war ganz bestürzt. Er blickte -bald Ssergej an, der an der Schwelle stand, bald seine -Frau, die ruhig, mit gekreuzten Armen auf dem Bettrande -saß, und wußte gar nicht, womit das alles enden -sollte. -</p> - -<p> -»Was hast du vor, du Schlange?« brachte er mit Mühe -hervor, ohne vom Sessel aufzustehen. -</p> - -<p> -»Frage mich nun aus, was du so gut weißt«, antwortete -Katerina Lwowna frech. »Du willst mich mit Schlägen -einschüchtern«, fuhr sie fort, bedeutungsvoll mit den -Augen zwinkernd. »Das wird niemals sein! Was ich aber -vielleicht noch vor allen deinen Drohungen über dich -beschlossen habe, das werde ich jetzt tun.« -</p> - -<p> -»Was? Hinaus!« schrie Sinowij Borissowitsch Ssergej -an. -</p> - -<p> -»Warum nicht gar!« höhnte Katerina Lwowna. -</p> - -<p> -Sie sperrte schnell die Türe zu, steckte den Schlüssel -in die Tasche und legte sich wieder in ihrer offenen -Jacke aufs Bett. -</p> - -<p> -»Nun, Sserjoscha, mein Liebster, komm einmal her!« -rief sie den Burschen zu sich heran. -</p> - -<p> -Ssergej schüttelte seinen Lockenkopf und setzte sich -kühn neben die Hausfrau. -</p> - -<p> -»Mein Gott! Was ist denn das? Was wollt ihr, ihr -<a id="page-179" class="pagenum" title="179"></a> -Barbaren?!« schrie Sinowij Borissowitsch, ganz rot vor -Zorn, sich vom Sessel erhebend. -</p> - -<p> -»Wie? Paßt dir das nicht? Schau nur, schau nur, mein -Liebster, wie schön das ist!« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna lachte auf und küßte vor den Augen -ihres Mannes Ssergej mit großer Leidenschaft. -</p> - -<p> -Im gleichen Augenblick brannte auf ihrer Wange ein -betäubender Schlag, und Sinowij Borissowitsch stürzte -ans offene Fenster. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-8"> -VIII -</h3> - -<p class="noindent"> -»Ach so! ... Ich danke dir, lieber Freund: nur darauf -habe ich gewartet!« schrie Katerina Lwowna auf. »Nun -wird es wohl weder nach meinem noch nach deinem -Willen gehen ...« -</p> - -<p> -Mit einem Ruck stieß sie Ssergej von sich, stürzte sich -auf den Mann, packte ihn, noch ehe Sinowij Borissowitsch -das Fenster erreicht hatte, mit ihren feinen Fingern -an der Kehle und warf ihn wie eine Hanfgarbe zu -Boden. -</p> - -<p> -Sinowij Borissowitsch schlug sich mit dem Nacken am -Fußboden an und wurde ganz wahnsinnig vor Entsetzen. -Ein so schnelles Ende hatte er nicht erwartet. Die erste -Gewalttätigkeit seiner Frau gegen ihn zeigte ihm, daß -sie zu allem entschlossen sei, um ihn loszuwerden, und -daß er sich in höchster Gefahr befinde. Sinowij Borissowitsch -hatte das alles blitzartig im Augenblick seines -Sturzes erfaßt; er schrie nicht einmal auf, denn er wußte, -daß seine Stimme kein Ohr erreichen und die Sache nur -noch beschleunigen würde. Er ließ seinen Blick schweigend -um sich schweifen, und richtete ihn zuletzt mit einem -<a id="page-180" class="pagenum" title="180"></a> -Ausdruck von Haß, Vorwurf und Schmerz auf seine -Frau, deren feine Finger seine Kehle zusammenpreßten. -</p> - -<p> -Sinowij Borissowitsch wehrte sich nicht, seine Arme -mit den geballten Fäusten lagen ausgestreckt da und -zuckten wie in einem Krampfe. Der eine Arm war frei, -den andern hatte Katerina Lwowna mit dem Knie gegen -den Boden gedrückt. -</p> - -<p> -»Halt ihn einmal fest,« flüsterte sie gleichgültig Ssergej -zu und wandte sich wieder zum Mann. -</p> - -<p> -Ssergej setzte sich rittlings auf seinen Herrn und drückte -dessen beide Hände mit den Knien gegen den Boden. Er -wollte ihn unter den Händen Katerina Lwownas an der -Kehle fassen, schrie aber in diesem selben Augenblick -selbst wahnsinnig auf. Als Sinowij Borissowitsch seinen -Todfeind so nahe vor sich sah, nahm er seine letzten -Kräfte zusammen: mit einem verzweifelten Ruck befreite -er seine Hände unter Ssergejs Knie, packte ihn an den -schwarzen Locken und biß sich wie ein wildes Tier in -seine Kehle fest. Dies dauerte aber nur wenige Augenblicke; -Sinowij Borissowitsch stöhnte schwer auf, und -sein Kopf fiel wieder zurück. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna stand blaß, fast ohne zu atmen über -den Mann und den Geliebten gebeugt; in der rechten -Hand hielt sie einen schweren gegossenen Leuchter am -oberen Ende, so daß der schwere Fuß nach unten gerichtet -war. Über die Schläfe und Wange Sinowij Borissowitschs -rieselte ein dünnes Bächlein hellroten Blutes. -</p> - -<p> -»Einen Popen ...« stöhnte Sinowij Borissowitsch -dumpf, den Kopf voller Ekel so weit es ging vor dem -auf ihm sitzenden Ssergej zurückwerfend. »Beichten ...« -<a id="page-181" class="pagenum" title="181"></a> -sagte er noch dumpfer, am ganzen Leibe zitternd und -auf das über sein Gesicht fließende warme Blut -schielend. -</p> - -<p> -»Bist auch ohne Beichte gut,« flüsterte Katerina -Lwowna. -</p> - -<p> -»Mach keine langen Geschichten,« sagte sie zu Ssergej. -»Pack ihn einmal ordentlich an der Gurgel.« -</p> - -<p> -Sinowij Borissowitsch röchelte. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna beugte sich über ihn, preßte mit -ihren Händen Ssergejs Hände, die die Kehle ihres -Mannes umklammerten, noch fester zusammen und -drückte ihr Ohr an dessen Brust. Nach fünf stummen -Minuten stand sie auf und sagte: -</p> - -<p> -»Es ist genug, er ist fertig.« -</p> - -<p> -Ssergej stand ebenfalls auf und holte tief Atem. -Sinowij Borissowitsch lag leblos mit eingedrückter Kehle -und zerschmetterter Schläfe da. Auf dem Fußboden links -von seinem Kopfe war ein kleiner Blutfleck; aus der -kleinen Wunde, an der schon die Haare klebten, kam -aber kein neues Blut mehr. -</p> - -<p> -Ssergej trug die Leiche in den Keller unter der gemauerten -Vorratskammer, in die ihn vor nicht langer Zeit -der selige Boris Timofejitsch eingesperrt hatte, und kehrte -bald ins Schlafzimmer zurück. Katerina Lwowna hatte -die Ärmel ihrer Jacke aufgekrempelt und den Saum ihres -Rockes gerafft und wusch mit Seife den Blutfleck, den -Sinowij Borissowitsch auf dem Fußboden seines Schlafzimmers -hinterlassen hatte. Der Samowar, aus dem er -soeben den vergifteten Tee getrunken hatte, war noch -nicht erkaltet, und der Blutfleck ließ sich mit dem heißen -Wasser spurlos abwaschen. -</p> - -<p> -<a id="page-182" class="pagenum" title="182"></a> -Katerina Lwowna nahm die kupferne Spülschale und -einen eingeseiften Bastwisch in die Hand. -</p> - -<p> -»Leuchte mir einmal,« sagte sie zu Ssergej, zu der Türe -gehend. »Halte die Kerze tiefer!« sagte sie, die Dielenbretter -untersuchend, über die Ssergej die Leiche in den -Keller geschleppt hatte. -</p> - -<p> -Nur an zwei Stellen waren auf der gestrichenen Diele -zwei kirschengroße Flecke zu sehen. Katerina Lwowna -rieb sie mit dem Bastwisch, und sie verschwanden -spurlos. -</p> - -<p> -»Nun wirst du nicht mehr wie ein Dieb zu deiner Frau -schleichen und sie belauern,« sagte Katerina Lwowna, sich -aufrichtend und einen Blick zur Vorratskammer werfend. -</p> - -<p> -»Jetzt ist Schluß,« sagte Ssergej und fuhr vor dem -Klange seiner eigenen Stimme zusammen. -</p> - -<p> -Als sie ins Schlafzimmer zurückkehrten, zeigte sich im -Osten schon der erste feine Streif des Morgenrots, das -die blühenden Apfelbäume mit schwachem goldenem -Scheine übergoß und durch das grüne Gartengitter in -das Schlafzimmer Katerina Lwownas hereinblickte. -</p> - -<p> -Über den Hof ging aus der Scheune in die Küche, den -Schafspelz über die Schultern geworfen, gähnend und -sich bekreuzigend, der alte Verwalter. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna schloß leise den Fensterladen und -warf einen durchdringenden Blick auf Ssergej, als wollte -sie ihm in die Tiefe seiner Seele blicken. -</p> - -<p> -»Nun bist du Kaufmann,« sagte sie, ihm ihre weißen -Hände auf die Schultern legend. -</p> - -<p> -Ssergej erwiderte nichts. -</p> - -<p> -Er zitterte wie im Fieber. Katerina Lwowna fühlte nur -Kälte um die Lippen. -</p> - -<p> -<a id="page-183" class="pagenum" title="183"></a> -Nach zwei Tagen hatte Ssergej an beiden Händen -Schwielen, die vom Brecheisen und dem schweren Spaten -herrührten. Sinowij Borissowitsch war dafür so gut verwahrt, -daß ihn vor der allgemeinen Auferstehung wohl -niemand ohne Beihilfe Katerina Lwownas und ihres -Geliebten finden würde. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-9"> -IX -</h3> - -<p class="noindent"> -Ssergej trug ein rotes wollenes Halstuch und klagte -über Halsschmerzen. Ehe aber die Male von den Zähnen -Sinowij Borissowitschs auf seinem Halse vernarbt waren, -fiel den Leuten die allzu lange Abwesenheit des Hausherrn -auf. Ssergej selbst sprach am häufigsten von ihm. -Wenn er abends mit den anderen Burschen auf der Bank -vor dem Tore saß, brachte er oft die Rede auf ihn: »Was -bleibt unser Herr so lange aus?« -</p> - -<p> -Auch die Burschen wunderten sich. -</p> - -<p> -Von der Mühle kam aber die Nachricht, daß Sinowij -Borissowitsch schon längst einen Wagen gedungen hatte -und nach Hause abgereist war. Der Kutscher, der ihn -gefahren hatte, berichtete, daß Sinowij Borissowitsch in -einer seltsamen Aufregung gewesen sei; am Kloster, etwa -drei Werst vor der Stadt, sei er mit seiner Reisetasche -aus dem Wagen gestiegen und hätte den Kutscher entlassen. -Als die Leute diesen Bericht hörten, staunten sie -noch mehr. -</p> - -<p> -Sinowij Borissowitsch schien spurlos verschwunden -zu sein. -</p> - -<p> -Man fing zu suchen an, konnte aber auch nicht die -geringste Spur finden. Der Kutscher, den man bald verhaftete, -wußte nur zu berichten, daß der Kaufmann vor -<a id="page-184" class="pagenum" title="184"></a> -dem Kloster den Wagen verlassen und zu Fuß weitergegangen -sei. Die Sache blieb rätselhaft. Katerina Lwowna -erfreute sich indessen ihrer Witwenfreiheit und lebte mit -Ssergej ohne jede Scheu zusammen. Man meldete zwar -ab und zu, daß man Sinowij Borissowitsch bald hier -und bald dort gesehen hätte, er kam aber nicht zurück, -und Katerina Lwowna wußte am besten, daß er überhaupt -nicht mehr zurückkehren konnte. -</p> - -<p> -So verging ein Monat, ein zweiter und ein dritter, und -Katerina Lwowna fühlte sich in anderen Umständen. -</p> - -<p> -»Das Kapital wird uns zufallen, Sserjoscha: ich habe -jetzt einen Erben,« sagte sie zu Ssergej. Sie ging auf das -Kaufmannsgericht und meldete, daß sie in Umständen -sei; die Geschäfte lägen brach; man möchte ihr daher die -Vollmacht geben, das Geschäft selbständig zu führen. -</p> - -<p> -Man durfte das alte Handelshaus doch nicht zugrunde -gehen lassen; Katerina Lwowna war ja die eheliche Gemahlin -Sinowij Borissowitschs, Schulden waren keine -vorhanden, also konnte man ihr ohne Bedenken die Vollmacht -geben. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna ist nun unumschränkte Herrin, und -Ssergej wird auf ihren Wunsch von allen Ssergej Philippowitsch -genannt. Plötzlich kommt eine ganz neue Sorge. -Man meldet dem Bürgermeister aus Liwny, daß Sinowij -Borissowitsch nicht bloß mit eigenem Kapital Handel -getrieben habe; in seinem Geschäft hätte auch das -Geld seines minderjährigen Neffen Fjodor Ignatjewitsch -Ljamin gesteckt, das sein eigenes Kapital um ein Beträchtliches -überstiegen habe; diese Sache müsse noch genauer -untersucht werden, und man dürfe nicht das ganze -Geschäft Katerina Lwowna allein anvertrauen. Als -<a id="page-185" class="pagenum" title="185"></a> -diese Nachricht eintraf, ließ der Bürgermeister Katerina -Lwowna zu sich kommen und teilte ihr alles mit. Nach -acht Tagen kommt aber aus Liwny eine alte Frau mit -einem halbwüchsigen Jungen. -</p> - -<p> -»Ich bin eine Base des seligen Boris Timofejitsch,« -sagt sie, »und der Junge ist mein Großneffe Fjodor -Ljamin.« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna nahm sie huldvoll auf. -</p> - -<p> -Als Ssergej die Gäste und den Empfang, den ihnen -Katerina Lwowna bereitete, sah, wurde er kreideblaß. -</p> - -<p> -»Was hast du?« fragte ihn Katerina Lwowna, als er -gleich nach den Gästen ins Haus trat und aufgeregt im -Vorzimmer stehen blieb. -</p> - -<p> -»Nichts,« antwortete der Bursche, aus dem Vorzimmer -wieder in den Hausflur gehend. »Ich denke mir nur, -was für eine wunderbare Stadt dieses Liwny ist,« fügte -er seufzend hinzu, die Haustüre hinter sich schließend. -</p> - -<p> -»Was sollen wir jetzt anfangen?« fragte Ssergej -Philippowitsch nachts am Teetisch Katerina Lwowna. -»Unsere Sache steht jetzt wohl sehr schlecht.« -</p> - -<p> -»Warum sollte sie schlecht stehen, Sserjoscha?« -</p> - -<p> -»Weil die Erbschaft geteilt werden wird. Wie willst du -wirtschaften, wenn dir kein Geld im Geschäfte bleibt?« -</p> - -<p> -»Glaubst du, daß es für dich nicht langen wird, -Sserjoscha?« -</p> - -<p> -»Ich spreche nicht von mir, ich glaube nur, daß wir -beide jetzt nicht mehr so glücklich werden leben können.« -</p> - -<p> -»Warum glaubst du das, Sserjoscha?« -</p> - -<p> -»Ich liebe Sie, Katerina Lwowna, und möchte Sie als -wirkliche Dame sehen und nicht in der Lage, in der -Sie vor Ihrer Heirat gelebt haben,« antwortete Ssergej -<a id="page-186" class="pagenum" title="186"></a> -Philippowitsch. »Nun wird aber das Kapital so sehr verringert, -daß Sie noch ärmer sein werden, als Sie es als -Mädchen waren.« -</p> - -<p> -»Brauche ich denn das viele Geld, Sserjoscha?« -</p> - -<p> -»Es ist wohl möglich, Katerina Lwowna, daß Sie für -das Geld gar kein Interesse haben. Ich achte Sie aber so -sehr, daß es mir schmerzlich sein wird, zu sehen, wie die -gemeinen und neidischen Menschen Sie anschauen werden. -Sie können darüber natürlich urteilen, wie es Ihnen -beliebt, ich bin aber der Ansicht, daß ich dann unmöglich -so glücklich sein kann, wie ich es bisher gewesen.« -</p> - -<p> -Und er redete in einem fort, daß dieser Fedja Ljamin -ihn zum unglücklichsten Menschen mache und daß er -nicht mehr die Möglichkeit habe, sie, Katerina Lwowna, -vor den Augen der ganzen Kaufmannschaft zu erhöhen -und zu ehren. Wenn dieser Fedja nicht wäre, so bekäme -Katerina Lwowna, nachdem sie vor Ablauf der neunmonatlichen -Frist nach dem Verschwinden ihres Mannes -ein Kind geboren haben würde, das ganze Kapital; dann -würde ihr gemeinsames Glück ganz grenzenlos sein. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-10"> -X -</h3> - -<p class="noindent"> -Nach einiger Zeit hörte aber Ssergej ganz auf, von -der Erbschaft zu sprechen. Dafür nahm jetzt Fedja Ljamin -alle Gedanken und Regungen Katerina Lwownas gefangen. -Sie war nun immer nachdenklich und gegen -Ssergej oft sogar unfreundlich. Ob sie schläft, oder den -Geschäften nachgeht, oder betet, — immer denkt sie an -das eine: »Wie ist es nun? Warum muß ich seinetwegen -das ganze Kapital verlieren? Ich habe so viel durchgemacht, -habe eine solche Sünde auf mich genommen, -<a id="page-187" class="pagenum" title="187"></a> -und er kommt gefahren und nimmt mir ruhig alles ab ... -Wenn er wenigstens ein erwachsener Mensch wäre, aber -er ist nur ein kleines Kind ...« -</p> - -<p> -In diesem Jahre kamen die Fröste früh. Von Sinowij -Borissowitsch war natürlich nichts zu hören. Katerina -Lwowna nahm von Tag zu Tag an Leibesumfang zu und -war immer nachdenklich. In der Stadt sprachen die Leute -nur noch von ihr: die junge Ismajlowa ist doch immer -kinderlos und mager gewesen, und nun ist sie plötzlich -so aufgedunsen. Das ist doch seltsam! Der junge Miterbe -Fedja Ljamin ging aber indessen in einem leichten -Halbpelz aus Eichhornfellen auf dem Hofe herum und -brach mit den Absätzen das Eis in den Pfützen ein. -</p> - -<p> -»Du, Fjodor Ignatjewitsch!« schrie ihm manchmal die -Köchin Aksinja zu. »Paßt es denn für dich, den Kaufmannssohn, -in den Pfützen herumzustapfen?« -</p> - -<p> -Der Miterbe, der Katerina Lwowna und ihrem Geliebten -solche Sorgen machte, sprang aber so vergnügt -wie ein Böcklein den ganzen Tag herum; nachts schlief -er ruhig und sorglos unter der Obhut seiner Großtante -und dachte gar nicht daran, daß jemand ihm in den Weg -treten und sein glückliches Dasein verdunkeln könnte. -</p> - -<p> -Fedja lief so lange auf dem Hofe herum, bis er eines -Tages die Windpocken bekam. Zu den Windpocken gesellte -sich auch eine Lungenentzündung. Der Junge lag -krank darnieder. Man behandelte ihn zuerst mit allerlei -Hausmitteln und ließ schließlich auch den Arzt kommen. -</p> - -<p> -Der Arzt kam alle paar Tage ins Haus und schrieb -Arzneien auf. Der Junge bekam sie alle paar Stunden -nach der Uhr. Die Großtante selbst gab sie ihm ein. -Manchmal mußte es auch Katerina Lwowna tun. -</p> - -<p> -<a id="page-188" class="pagenum" title="188"></a> -»Bemühe dich einmal, Katerina,« sagte sie ihr. »Du -bist gesegneten Leibes, erwartest das Gericht Gottes, also -kannst du dich auch einmal bemühen.« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna tat der Alten den Gefallen. Wenn -jene in die Kirche ging, um »für den auf dem Krankenlager -liegenden Knaben Fjodor« zu beten oder ein -Stückchen Hostie für ihn zu holen, saß Katerina Lwowna -am Bette des Kranken und gab ihm pünktlich seine -Arzneien ein. -</p> - -<p> -So ging die Alte auch am Festtage der Darstellung -Mariä in die Kirche zur Abendmesse und Frühmesse -und bat Katerina Lwowna wieder, nach dem Jungen zu -sehen. Fedja ging es schon viel besser. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna kommt zu Fedja ins Zimmer, er -sitzt aber schon in seinem Eichhornpelz auf dem Bette -und liest. -</p> - -<p> -»Was liest du, Fedja?« fragte Katerina Lwowna, sich -in den Sessel vor seinem Bette setzend. -</p> - -<p> -»Ich lese im Heiligenleben, Tantchen.« -</p> - -<p> -»Ist es interessant?« -</p> - -<p> -»Sehr interessant, Tantchen.« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna stützt den Kopf in die Hand und -blickt auf Fedja, der lautlos die Lippen bewegt. Wie wenn -sich alle Dämonen von den Ketten losgerissen hätten, -bemächtigt sich ihrer plötzlich wieder der alte Gedanke, -daß dieser Junge ihr soviel Böses zufüge und daß es viel -besser wäre, wenn es ihn gar nicht auf der Welt gäbe. -</p> - -<p> -— Er ist krank, — dachte sich Katerina Lwowna. — Er -nimmt Arzneien ein ... Einem kranken Kind kann ja -manches zustoßen ... Hinterher kann man sagen, daß -der Arzt eine unrechte Medizin verordnet hat ... -</p> - -<p> -<a id="page-189" class="pagenum" title="189"></a> -»Ist es nicht Zeit, die Medizin zu nehmen, Fedja?« -</p> - -<p> -»Bitte, Tantchen!« sagte der Junge. Er schluckte die -Medizin herunter und fügte hinzu: »Das Buch ist sehr -interessant, Tantchen, es wird darin das Leben der Heiligen -beschrieben.« -</p> - -<p> -»Lies nur, lies,« versetzte Katerina Lwowna. Sie sah -sich kaltblütig im Zimmer um und richtete den Blick -auf das mit Eisblumen überzogene Fenster. -</p> - -<p> -»Man muß die Fenster schließen lassen,« sagte sie. -Dann ging sie durch das Gastzimmer in den Saal und -von dort zu sich ins Schlafzimmer. Hier setzte sie sich -hin. -</p> - -<p> -Nach etwa fünf Minuten trat ins Schlafzimmer in einem -mit Seebärenfell besetzten Halbpelz Ssergej. -</p> - -<p> -»Hat man die Fenster geschlossen?« fragte ihn Katerina -Lwowna. -</p> - -<p> -»Man hat sie geschlossen,« antwortete Ssergej. Er -putzte die Kerze und stellte sich vor den Ofen. -</p> - -<p> -Beide schwiegen. -</p> - -<p> -»Heute geht die Abendmesse wohl nicht so bald zu -Ende?« fragte Katerina Lwowna. -</p> - -<p> -»Morgen ist ein großer Feiertag, der Gottesdienst wird -heute lange dauern,« antwortete Ssergej. -</p> - -<p> -Es entstand wieder eine Pause. -</p> - -<p> -»Ich muß nach Fedja schauen, er ist allein,« sagte Katerina -Lwowna, sich erhebend. -</p> - -<p> -»Allein?« fragte Ssergej, sie mürrisch anblickend. -</p> - -<p> -»Ja, allein,« antwortete sie leise: »Warum?« -</p> - -<p> -Von einem Augenpaar zum andern zuckten schnelle -Blitze; aber keiner von ihnen sagte ein Wort. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna ging hinunter und machte eine Runde -<a id="page-190" class="pagenum" title="190"></a> -durch die leeren Zimmer. Überall war es still; vor den -Heiligenbildern brannten ruhig die Lämpchen; ihr -eigener Schatten huschte über die Wände; die Außenläden -waren schon geschlossen, und die Fensterscheiben -tauten auf und tränten. Fedja saß auf dem Bett und las. -Als er Katerina erblickte, sagte er ihr: -</p> - -<p> -»Tantchen, legen Sie, bitte, dieses Buch weg und -geben Sie mir das andere, das auf dem Heiligenschrein -liegt.« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna erfüllte die Bitte des Neffen und -gab ihm das Buch. -</p> - -<p> -»Willst du nicht einschlafen, Fedja?« -</p> - -<p> -»Nein, Tantchen, ich möchte auf die Großtante warten.« -</p> - -<p> -»Warum willst du auf sie warten?« -</p> - -<p> -»Sie versprach mir, geweihtes Brot von der Abendmesse -mitzubringen.« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna wurde plötzlich blaß: ihr eigenes -Kind regte sich eben zum erstenmal unter ihrem Herzen, -und sie fühlte Kälte in der Brust. Sie stand noch eine -Weile mitten im Zimmer da und ging hinaus, die erkaltenden -Hände gegeneinander reibend. -</p> - -<p> -»Nun!« flüsterte sie, leise ins Schlafzimmer tretend, wo -Ssergej noch immer vor dem Ofen stand. -</p> - -<p> -»Was denn?« fragte Ssergej kaum hörbar. Ihm stockte -der Atem. -</p> - -<p> -»Er ist allein.« -</p> - -<p> -Ssergej runzelte die Brauen und begann schwer zu -atmen. -</p> - -<p> -»Komm!« sagte Katerina Lwowna hastig, sich zur Türe -wendend. -</p> - -<p> -<a id="page-191" class="pagenum" title="191"></a> -Ssergej zog sich schnell die Stiefel aus und fragte: -</p> - -<p> -»Was soll ich mitnehmen?« -</p> - -<p> -»Nichts!« hauchte Katerina Lwowna und führte ihn -leise hinaus. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-11"> -XI -</h3> - -<p class="noindent"> -Der kranke Knabe fuhr zusammen und ließ das Buch -auf den Schoß sinken, als Katerina Lwowna zum drittenmal -zu ihm hereinkam. -</p> - -<p> -»Was hast du, Fedja?« -</p> - -<p> -»Ach, Tantchen, ich habe solche Angst, ich weiß selbst -nicht warum,« antwortete er, lächelnd und sich unruhig -in eine Ecke des Bettes drückend. -</p> - -<p> -»Wovor hast du Angst?« -</p> - -<p> -»Wer war eben mit Ihnen, Tantchen?« -</p> - -<p> -»Wo? Niemand war mit mir, mein Liebling.« -</p> - -<p> -»Niemand?« -</p> - -<p> -Der Knabe beugte sich zum Fußende des Bettes vor, -kniff die Augen zusammen, blickte zur Türe, durch die -seine Tante soeben gekommen war, und beruhigte sich. -</p> - -<p> -»Es ist mir wohl nur so vorgekommen,« sagte er. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna lehnte sich an die Kopfwand seines -Bettes. -</p> - -<p> -Fedja blickte die Tante an und fragte sie, warum sie so -blaß sei. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna hüstelte nur und blickte erwartungsvoll -auf die Türe des Gastzimmers. Dort knarrte leise ein -Dielenbrett. -</p> - -<p> -»Ich lese eben die Lebensgeschichte meines Namenspatrons -Fjodors des Stratilaten. Was der für ein gottgefälliges -Leben führte!« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna stand schweigend da. -</p> - -<p> -<a id="page-192" class="pagenum" title="192"></a> -»Tantchen, wollen Sie sich nicht hinsetzen? Ich -möchte Ihnen vorlesen!« sagte der Neffe, sie liebevoll -anblickend. -</p> - -<p> -»Wart, ich komme gleich, ich will nur das Lämpchen -im Saal richten,« antwortete Katerina Lwowna und verließ -schnell das Zimmer. -</p> - -<p> -Im Gastzimmer wurde ganz leise, fast unhörbar geflüstert; -das Kind hörte es aber in der tiefen Stille mit -seinen scharfen Ohren. -</p> - -<p> -»Tantchen! Was ist denn das? Mit wem tuscheln Sie -denn?« schrie der Knabe mit tränenerstickter Stimme. -»Tantchen, kommen Sie doch her, ich habe solche Angst!« -rief er nach einem Augenblick noch klagender: es kam -ihm vor, als ob die Tante im Gastzimmer zu jemand -»Jetzt!« gesagt hätte. Der Knabe bezog es auf sich. -</p> - -<p> -»Was hast du Angst?« fragte Katerina Lwowna heiser, -mit festen, entschlossenen Schritten ins Zimmer tretend. -Sie stellte sich vor das Bett so hin, daß ihr Körper -die Gastzimmertüre vor den Blicken des Kranken verdeckte. -»Leg dich!« sagte sie ihm. -</p> - -<p> -»Ich will nicht, Tantchen.« -</p> - -<p> -»Nein, Fedja, hör auf mich, leg dich ... Es ist spät ... -Leg dich ...« wiederholte Katerina Lwowna. -</p> - -<p> -»Was fällt Ihnen ein, Tantchen! Ich will noch gar -nicht liegen.« -</p> - -<p> -»Nein, leg dich, leg dich,« sagte Katerina Lwowna -mit veränderter, abgerissener Stimme. Sie nahm den -Jungen unter den Achseln und legte ihn gewaltsam hin. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick stieß Fedja einen wahnsinnigen -Schrei aus: er sah Ssergej, blaß und barfuß ins Zimmer -treten. -</p> - -<p> -<a id="page-193" class="pagenum" title="193"></a> -Katerina Lwowna drückte ihre Hand auf den vor Entsetzen -weit geöffneten Mund des Kindes und schrie: -</p> - -<p> -»Schnell! Halt ihn einmal, damit er nicht zappelt!« -</p> - -<p> -Ssergej packte Fedja an Armen und Beinen, Katerina -Lwowna warf mit einem schnellen Ruck ein großes -Daunenkissen auf das Gesicht des unglücklichen Kindes -und legte sich mit der ganzen Schwere ihres Rumpfes -darauf. -</p> - -<p> -An die vier Minuten herrschte im Zimmer eine Grabesstille. -</p> - -<p> -»Er hat genug,« flüsterte Katerina Lwowna. Kaum hatte -sie sich aber erhoben, um alles in Ordnung zu bringen, als -die Wände des stillen Hauses, das so viele Verbrechen in -sich barg, von wuchtigen Schlägen erdröhnten: die Fenster -klirrten, die Böden bebten, die Lämpchen vor den -Heiligenbildern zitterten an ihren Ketten, und unheimliche -Schatten huschten über die Wände. -</p> - -<p> -Ssergej fuhr zusammen und stürzte hinaus; Katerina -Lwowna rannte ihm nach, und das Dröhnen folgte ihnen. -Es war, wie wenn überirdische Kräfte das sündige Haus -bis auf den Grund erschütterten. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna fürchtete, daß der von Entsetzen -gepeitschte Ssergej hinauslaufen und sich durch seinen -Schreck verraten könnte; er lief aber in das Schlafzimmer -hinauf. -</p> - -<p> -Als Ssergej die Treppe hinaufgelaufen war, schlug er -im Finstern mit der Stirne an die Tür und stürzte, ganz -wahnsinnig vor Entsetzen, die Stufen hinunter. -</p> - -<p> -»Sinowij Borissowitsch, Sinowij Borissowitsch!« stammelte -er, kopfüber die Treppe hinunterstürzend und -Katerina Lwowna umwerfend und mit sich reißend. -</p> - -<p> -<a id="page-194" class="pagenum" title="194"></a> -»Wo?« fragte sie. -</p> - -<p> -»Da flog er eben als ein eisernes Blech über uns vorbei! -Da fliegt er!« schrie Ssergej auf. »Da dröhnt er schon -wieder!« -</p> - -<p> -Nun war es klar, daß viele Hände von außen gegen -alle Fenster hämmerten und auch die Türe einzuschlagen -versuchten. -</p> - -<p> -»Narr! Steh auf, Narr!« schrie Katerina Lwowna. Mit -diesen Worten lief sie schnell wie der Blitz in Fedjas -Zimmer, legte seinen toten Kopf in der natürlichen Stellung -eines Schlafenden auf die Kissen hin und machte -mit fester Hand die Türe auf, in die ein großer Haufen -Menschen einzudringen suchte. -</p> - -<p> -Das Bild, das sich ihr bot, war schrecklich. Katerina -Lwowna blickte über die Köpfe der Menge, die die Haustüre -belagerte, sah viele unbekannte Menschen über den -hohen Zaun in den Hof klettern und hörte das Brausen -vieler Stimmen. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna hatte noch nicht Zeit gehabt, die -Sachlage zu erfassen, als die Menschen, die vor der -Türe standen, über sie herfielen und sie zurück ins Haus -drängten. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-12"> -XII -</h3> - -<p class="noindent"> -Dieser Menschenauflauf war aber folgendermaßen entstanden. -In allen Gotteshäusern der recht großen und -lebhaften Kreisstadt, in der Katerina Lwowna lebte, hatte -sich am Vorabend des großen Festes eine Menge Menschen -angesammelt; in der Kirche aber, die morgen ihr -Altarfest feiern sollte, war das Gedränge so groß, daß -keine Stecknadel zu Boden fallen konnte. In dieser Kirche -sang ein Chor, der aus Handelsgehilfen bestand und von -<a id="page-195" class="pagenum" title="195"></a> -einem bekannten Liebhaber der Gesangskunst dirigiert -wurde. -</p> - -<p> -Unser Volk ist religiös und dem Gottesdienste zugetan; -außerdem haben die Leute bei uns eine künstlerische -Ader, und schöner Chorgesang und prunkvoller Gottesdienst -sind für sie der reinste Hochgenuß. Wenn in einer -Kirche ein Chor singt, läuft gleich die halbe Stadt zusammen; -in erster Linie aber der Handels- und der Arbeiterstand: -Handelsgehilfen, Lehrjungen, Handlanger, -Fabrikarbeiter und auch die Geschäftsinhaber selbst mit -ihren Gemahlinnen. Alle drängen sich in einer der Kirchen -zusammen, ein jeder will wenigstens vor der Kirchentüre -oder vor dem Fenster, selbst bei brennender -Sonnenglut, selbst bei strengstem Frost stehen und den -tiefen Bässen und kunstvollen Tenören, wenn sie ihre -Variationen singen, lauschen. -</p> - -<p> -In der Kirche, zu deren Sprengel das Ismailowsche -Haus gehörte, gab es einen Altar zur Darstellung Mariä. -Zu derselben Zeit, als sich alles oben Beschriebene mit -Fedja abspielte, hatte sich die Jugend der ganzen Stadt in -dieser Kirche versammelt; die Leute verzogen sich nach -dem Gottesdienste in Scharen und besprachen die Vorzüge -des bekannten Tenors und die Fehler des ebenso -bekannten Basses. -</p> - -<p> -Aber nicht alle interessierten sich so für die musikalischen -Dinge; in der Menge gab es auch Leute, die andere -Fragen erörterten. -</p> - -<p> -»Seltsame Dinge erzählt man sich von der jungen Ismailowa,« -sagte der junge Maschinist, den sich einer der -Kaufleute für seine Dampfmühle aus Petersburg verschrieben -hatte, mit seinen Freunden am Ismailowschen -<a id="page-196" class="pagenum" title="196"></a> -Hause vorbeigehend. »Man sagt, daß sie mit ihrem Angestellten -Ssergej ein Liebesverhältnis hat ...« -</p> - -<p> -»Das ist ja allen bekannt,« sagte ein Mann in einem mit -blauem Nanking besetzten Schafspelz. »Sie war heute -wohl auch gar nicht in der Kirche.« -</p> - -<p> -»Ach was, Kirche! Die Frau ist so tief gesunken, daß -sie weder vor Gott, noch vor ihrem Gewissen, noch vor -den Menschen Angst hat!« -</p> - -<p> -»Schaut nur, da brennt bei ihr Licht,« sagte der Maschinist, -auf einen Spalt im Fensterladen zeigend, durch -den ein Lichtschein drang. -</p> - -<p> -»Sieh mal hinein, was sie jetzt treiben,« schlugen einige -Stimmen vor. -</p> - -<p> -Der Maschinist stützte sich auf die Schultern zweier -Freunde, blickte durch den Spalt hinein und schrie entsetzt -auf: -</p> - -<p> -»Brüder! Da wird gerade jemand erwürgt!« -</p> - -<p> -Der Maschinist begann mit aller Kraft an den Fensterladen -zu klopfen. An die zehn Mann folgten seinem Beispiel -und hämmerten mit den Fäusten gegen die Fenster. -</p> - -<p> -Die Menge wuchs von Augenblick zu Augenblick an, -und so entstand die uns bereits bekannte Belagerung des -Ismailowschen Hauses. -</p> - -<p> -»Ich hab es gesehen, mit meinen eigenen Augen hab -ich es gesehen,« bezeugte der Maschinist vor Fedjas -Leiche. »Das Kind lag auf dem Bett, und die beiden würgten -es.« -</p> - -<p> -Ssergej wurde noch am gleichen Abend ins Gefängnis -abgeführt; Katerina Lwowna sperrte man aber in ihrem -Schlafzimmer ein und stellte zwei Wachtposten vor die -Türe. -</p> - -<p> -<a id="page-197" class="pagenum" title="197"></a> -Im Ismailowschen Hause war es nun unerträglich kalt; -die Öfen wurden nicht geheizt, die Türen standen den -ganzen Tag offen, und eine neugierige Volksmenge löste -die andere ab. Die Leute sahen sich den offenen Sarg -mit Fedjas Leiche an, und auch den andern großen geschlossenen -Sarg, der daneben stand. Fedja hatte an der -Stirne ein weißes Atlasband, das den von der Sektion -herrührenden Schnitt verdecken sollte. Die gerichtsärztliche -Untersuchung hatte ergeben, daß Fedja an Erstickung -gestorben war, und Ssergej, den man vor die -Leiche führte, brach, gleich nach den ersten Worten des -Geistlichen vom Jüngsten Gericht und von den ewigen -Qualen der unbußfertigen Sünder, in Tränen aus und -gestand nicht nur den Mord an Fedja ein, sondern bat -auch, die Leiche des von ihm ohne christliches Begräbnis -verscharrten Sinowij Borissowitsch auszugraben. Die -Leiche des letzteren, die im trockenen Sande lag, war -noch nicht verwest; man grub sie aus und legte sie in -den großen Sarg. Zum allgemeinen Entsetzen bezeichnete -Ssergej Katerina Lwowna als die Mitschuldige an den -beiden Verbrechen. Katerina Lwowna antwortete auf -alle Fragen: »Ich weiß von nichts.« Als man sie aber mit -Ssergej konfrontierte, und sie sein Geständnis hörte, -blickte sie ihn erstaunt, doch ohne Zorn an und sagte -gleichgültig: -</p> - -<p> -»Wenn es ihm schon einmal eingefallen ist, alles zu -gestehen, so will auch ich nicht länger leugnen: ich habe -die Morde begangen.« -</p> - -<p> -»Zu welchem Zweck?« fragte man sie. -</p> - -<p> -»Nur ihm zuliebe«, antwortete sie, auf Ssergej zeigend, -der mit gesenktem Kopf dastand. -</p> - -<p> -<a id="page-198" class="pagenum" title="198"></a> -Die beiden Verbrecher wurden in getrennte Gefängniszellen -gesperrt, und der grauenhafte Fall, der weit -und breit Aufsehen und Empörung erregte, kam bald -vors Gericht. Ende Februar wurde das Urteil verkündet: -Ssergej und die Kaufmannswitwe Katerina Lwowna -Ismailowa sollten auf dem Marktplatze ihrer Stadt mit -der Knute bestraft und dann auf die Katorga nach -Sibirien verschickt werden. An einem frostigen Märzmorgen -zeichnete der Scharfrichter Katerina Lwownas -entblößten weißen Rücken mit der vorgeschriebenen -Zahl von blauroten Striemen; dann verabreichte er die -gleiche Portion auch Ssergej und brannte ihm in sein -hübsches Gesicht die drei Katorgamale. -</p> - -<p> -Ssergej erregte bei den Leuten aus irgendeinem Grunde -viel mehr Mitgefühl als Katerina Lwowna. Als er blutbefleckt -die Stufen des schwarzen Schafotts herunterging, -fiel er beinahe um. Katerina Lwowna hielt sich aber aufrecht -und ruhig und war nur darauf bedacht, daß das -grobe Hemd ihr nicht den zerfetzten Rücken scheuere. -</p> - -<p> -Als man ihr im Gefängnisspital ihr neugeborenes Kind -reichte, sagte sie nur: »Hol es der Kuckuck!« Dann -wandte sie sich ohne einen Ton von sich zu geben zur -Wand und fiel mit der Brust auf das harte Bett. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-13"> -XIII -</h3> - -<p class="noindent"> -Der Sträflingstransport, mit dem Ssergej und Katerina -Lwowna nach Sibirien verschickt wurden, brach zu einer -Zeit auf, wo der Frühling nur im Kalender stand und -die Sonne zwar leuchtete aber noch nicht wärmte. -</p> - -<p> -Katerina Lwownas Kind wurde der alten Base des -seligen Boris Timofejitsch zur Pflege gegeben: das Kind -<a id="page-199" class="pagenum" title="199"></a> -war nach dem Gesetz ein ehelicher Sohn des ermordeten -Sinowij Borissowitsch und einziger Erbe des -ganzen Ismailowschen Vermögens. Katerina Lwowna -war damit sehr zufrieden und gab ihr Kind gleichgültig -hin. Wie es bei leidenschaftlichen Frauen oft der Fall ist, -hatte sich ihre Liebe zum Vater in keiner Weise auf das -Kind übertragen. -</p> - -<p> -Es gab für sie übrigens kein Licht und kein Dunkel, -kein Gut und kein Böse, keine Freude und keine Langweile; -sie begriff nichts; liebte niemand, nicht einmal -sich selbst. Sie wartete mit Ungeduld auf den Ausmarsch; -sie hoffte unterwegs ihren Ssergej zu sehen, ihr -Kind hatte sie aber schon ganz vergessen. -</p> - -<p> -Katerina Lwownas Hoffnung wurde nicht getäuscht: -der gebrandmarkte, mit schweren Ketten beladene Ssergej -verließ zugleich mit ihr das Gefängnistor. -</p> - -<p> -Der Mensch gewöhnt sich an jedes noch so schreckliche -Elend und behält in jeder Lage die Fähigkeit, -seinen kümmerlichen Freuden nachzugehen. Katerina -Lwowna aber brauchte sich an nichts zu gewöhnen; sie -sah ihren Ssergej wieder, und der Weg nach Sibirien -bedeutete für sie an seiner Seite den Weg zum Glück. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna konnte in ihrem Leinensack nur -wenig Wertgegenstände und noch weniger bares Geld -mitnehmen. Dies alles verteilte sie, noch ehe der Transport -Nischnij-Nowgorod erreicht hatte, unter den Gefängnisaufsehern -für die Erlaubnis, an Ssergejs Seite zu -marschieren und manchmal bei finsterer Nacht ein Stündchen -mit ihm in einer kalten Ecke des schmalen Gefängniskorridors -zu verbringen. -</p> - -<p> -Der gebrandmarkte Freund Katerina Lwownas war -<a id="page-200" class="pagenum" title="200"></a> -aber gegen sie lieblos geworden; sie bekam von ihm -kein einziges freundliches Wort mehr zu hören; er legte -auch wenig Wert auf die geheimen Zusammenkünfte mit -ihr, für die sie ihr letztes Geld hergeben mußte, und -sagte ihr sogar mehr als einmal: -</p> - -<p> -»Statt mit mir im Korridor herumzustehen, hättest du -doch lieber das Geld, das du dafür dem Aufseher zahlst, -mir gegeben!« -</p> - -<p> -»Es waren ja nur fünfundzwanzig Kopeken, Sserjoscha!« -rechtfertigte sich Katerina Lwowna. -</p> - -<p> -»Sind denn fünfundzwanzig Kopeken kein Geld? Du -hast doch unterwegs noch kein einziges Geldstück gefunden, -hast aber schon eine ganze Menge ausgegeben.« -</p> - -<p> -»Dafür habe ich dich sehen dürfen, Sserjoscha!« -</p> - -<p> -»Das Wiedersehen nach all dem Elend ist doch wirklich -keine Freude! Ich verfluche mein Leben und will an -diese Zusammenkünfte gar nicht denken!« -</p> - -<p> -»Mir ist aber alles gleich, Sserjoscha! Wenn ich dich -nur sehen kann!« -</p> - -<p> -»Das sind Dummheiten«, entgegnete Ssergej. -</p> - -<p> -Als Katerina Lwowna solche Antworten zu hören -bekam, biß sie sich oft die Lippen blutig. Bei den nächtlichen -Zusammenkünften traten ihr oft Tränen der Erbitterung -in die Augen, die sonst niemals weinten. Sie -trug aber alles schweigend und suchte sich selbst zu -betrügen. -</p> - -<p> -So sehr hatten sich ihre Beziehungen zueinander geändert, -als sie Nischnij-Nowgorod erreichten. Hier -schloß sich an ihren Transport ein anderer an, der aus -Moskau kam. -</p> - -<p> -In diesem sehr großen Transport befanden sich unter -<a id="page-201" class="pagenum" title="201"></a> -anderm zwei interessante weibliche Individuen: die Soldatenfrau -Fiona aus Jaroslawl, ein üppiges, großes, -schönes Weib mit langem, schwarzem Zopf und schmachtenden -dunklen Augen, die von den langen Wimpern -wie von einem geheimnisvollen Schleier beschattet waren. -Die andere war ein siebzehnjähriges Ding mit spitzigem -Gesicht und zarter, rosiger Haut, kleinem Mündchen, -Grübchen in den frischen Wangen und goldblonden -Locken, die unter dem leinenen Kopftuch lustig auf die -Stirne niederfielen. Dieses Mädel wurde von den Sträflingen -Ssonetka genannt. -</p> - -<p> -Die schöne Fiona war sanft und faul. Alle Sträflinge -kannten sie; keiner von den Männern zeigte besondere -Freude, wenn sie ihm ihre Huld schenkte; niemand -grämte sich auch, wenn sie diese Huld auf einen andern -übertrug. -</p> - -<p> -»Fiona ist ein guter Mensch, sie benachteiligt niemand«, -scherzten die Sträflinge. -</p> - -<p> -Ssonetka war aber ganz anders. -</p> - -<p> -Von ihr sagte man: -</p> - -<p> -»Sie ist wie ein Aal: sie gleitet einem durch die Finger -und läßt sich von niemand einfangen.« -</p> - -<p> -Ssonetka hatte Geschmack und war wählerisch; sie -wollte, daß man ihr die Leidenschaft nicht im rohen Zustande, -sondern mit einer pikanten Sauce entgegenbringe; -sie verlangte Leiden und Opfer. Fiona war aber die verkörperte -russische Einfalt, die viel zu faul ist, um jemand -»Nein« zu sagen und die nur das eine weiß, daß sie ein -Weib ist. Solche Frauen werden in den Räuberbanden, -Sträflingstransporten und Petersburger sozialistischen -Kommunen sehr geschätzt. -</p> - -<p> -<a id="page-202" class="pagenum" title="202"></a> -Das Erscheinen dieser beiden Frauen in dem gleichen -Transport, in dem sich Ssergej und Katerina Lwowna -befanden, hatte für diese letztere eine tragische Bedeutung. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-14"> -XIV -</h3> - -<p class="noindent"> -Gleich in den ersten Tagen nach dem Ausmarsche aus -Nischnij-Nowgorod begann sich Ssergej in auffälliger -Weise um die Gunst der Soldatenfrau Fiona zu bewerben. -Er hatte auch bald Erfolg. Die schöne Fiona ließ -ihn nicht allzu lange zappeln und erfüllte sein Sehnen, -wie sie in ihrer Herzensgüte auch jeden anderen beglückte. -Auf der dritten oder vierten Etappe hatte Katerina -Lwowna sich wieder die Möglichkeit einer Zusammenkunft -mit Ssergej erkauft. Sie liegt auf ihrem Lager und -wartet: gleich wird der Aufseher kommen und ihr zuraunen: -»Lauf schnell hinaus!« Die Türe geht einmal auf, -und eine der Frauen huscht hinaus; die Türe geht wieder -auf, und von der Pritsche springt eine andere Frau und -verschwindet im Korridor. Endlich zupft jemand Katerina -Lwowna am Kittel. Sie springt schnell von der von so -vielen Sträflingsrücken glattgescheuerten Pritsche, wirft -sich den Kittel um und folgt dem Aufseher. -</p> - -<p> -Als Katerina Lwowna durch den Korridor ging, der -nur an einer Stelle ganz schwach von einem kleinen -Lämpchen beleuchtet war, stieß sie auf zwei oder drei -Paare, die sie aus der Entfernung nicht sehen konnte. -Aus der Männerabteilung tönte durch das Türgitter verhaltenes -Lachen. -</p> - -<p> -»Wie die wiehern!« brummte der Begleiter Katerina -Lwownas. Er nahm sie bei den Schultern, stieß sie in -eine Ecke und zog sich zurück. -</p> - -<p> -<a id="page-203" class="pagenum" title="203"></a> -Katerina Lwowna stieß mit der Hand auf einen groben -Kittel und einen Bart; ihre andere Hand berührte ein -heißes Frauengesicht. -</p> - -<p> -»Wer ist’s?« fragte Ssergej leise. -</p> - -<p> -»Und mit wem bist du hier?« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna riß der Nebenbuhlerin im Finstern -das Tuch vom Kopfe. Jene taumelte auf die Seite, fing -zu laufen an, stolperte aber und fiel hin. -</p> - -<p> -Aus der Männerabteilung erscholl lautes Lachen. -</p> - -<p> -»Schurke!« flüsterte Katerina Lwowna und schlug -Ssergej mit den Enden des Tuches, das sie seiner neuen -Geliebten vom Kopfe gerissen hatte, ins Gesicht. -</p> - -<p> -Ssergej erhob seine Hand; Katerina Lwowna huschte -aber durch den Korridor zur Türe ihrer Zelle. Aus der -Männerabteilung klang nun so lautes Lachen, daß der -Wachtposten, der vor dem Lämpchen stand und sich -gleichgültig auf die Spitze seines Stiefels spuckte, den -Kopf hob und rief: -</p> - -<p> -»Ruhe!« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna legte sich schweigend auf ihre -Pritsche und lag so bis zum Morgen da. Sie wollte sich -sagen: »Ich liebe ihn nicht mehr«, fühlte aber, daß sie -ihn noch mehr, noch glühender liebte. Und sie malte sich -aus, wie seine Hand, mit der er die Andere am Kinn -gehalten, bei der Berührung mit der ihrigen gezittert, -wie seine andere Hand die warmen Schultern der Andern -umschlungen hatte. -</p> - -<p> -Die arme Frau brach in Tränen aus und wünschte sich, -daß die gleichen Hände in diesen Augenblicken ihr -Gesicht streicheln und ihre krampfhaft zuckenden Schultern -umfassen möchten. -</p> - -<p> -<a id="page-204" class="pagenum" title="204"></a> -»Gib mir mein Tuch zurück«, mit diesen Worten wurde -sie am Morgen von der Soldatenfrau Fiona geweckt. -</p> - -<p> -»Du warst es also?« -</p> - -<p> -»Gib’s mir, bitte, zurück!« -</p> - -<p> -»Warum trennst du uns voneinander?« -</p> - -<p> -»Trenne ich euch denn? Ist es eine Liebe, oder habe -ich irgendeinen Vorteil davon, daß du mir zürnen sollst?« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna dachte einen Augenblick nach, holte -unter dem Kissen das Tuch, das sie der andern nachts -vom Kopfe gerissen hatte, warf es Fiona zu und wandte -sich zur Wand. -</p> - -<p> -Sie fühlte sich ein wenig erleichtert. -</p> - -<p> -»Pfui«, sagte sie sich, »werde ich denn auf so einen -angemalten Mistkübel eifersüchtig sein? Mag sie in die -Erde versinken. Es täte mir weh, mich mit ihr auch nur -zu vergleichen.« -</p> - -<p> -»Hör einmal, Katerina Lwowna«, sagte ihr am nächsten -Tage Ssergej, an ihrer Seite gehend, »merke dir bitte, daß -ich nicht Sinowij Borissowitsch, sondern ein Anderer -bin und daß du nicht mehr die feine Dame bist. Tu -darum, bitte, nicht so stolz. Bockigkeit gilt hier nicht.« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna erwiderte nichts. In den nächsten -acht Tagen wechselte sie mit Ssergej weder ein Wort, -noch einen Blick. Sie fühlte sich beleidigt und war stolz -genug, um nicht den ersten Schritt zur Versöhnung mit -Ssergej, mit dem sie sich zum erstenmal im Leben entzweit -hatte, zu machen. -</p> - -<p> -Während Katerina Lwowna ihm schmollte, begann -Ssergej mit der weißen Ssonetka anzubandeln. Bald begrüßte -er sie als »Ergebenster Diener«, bald lächelte er -ihr zu, bald versuchte er sie zu umarmen und an sich zu -<a id="page-205" class="pagenum" title="205"></a> -drücken. Katerina Lwowna sah alles, und in ihrem Herzen -siedete es noch mehr. -</p> - -<p> -»Soll ich mich mit ihm vielleicht doch aussöhnen?« -fragte sie sich, in einemfort stolpernd. -</p> - -<p> -Ihr Stolz erlaubte es ihr nun noch weniger als früher, -den ersten Schritt zu tun. Ssergej klebte aber immer -fester an Ssonetka, und allen kam es vor, als ob die unzugängliche -Ssonetka, die sonst allen wie ein Aal durch -die Finger glitt, etwas gefügiger geworden wäre. -</p> - -<p> -»Du warst mir böse«, sagte einmal Fiona zu Katerina -Lwowna: »was habe ich dir aber getan? Mit mir hat er -ja nur ganz kurz angebandelt. Ich rate dir aber, auf die -Ssonetka aufzupassen.« -</p> - -<p> -— Jetzt gebe ich aber meinen Stolz auf: heute noch -will ich mich mit ihm aussöhnen! — sagte sich Katerina -Lwowna. Sie überlegte sich nur noch, wie sie am besten -den ersten Schritt machen sollte. -</p> - -<p> -Aus dieser schwierigen Lage befreite sie Ssergej -selbst. -</p> - -<p> -»Katerina Lwowna!« sagte er ihr auf einer Station: -»Komm heute Nacht für einen Augenblick zu mir heraus: -ich muß dich sprechen.« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna sagte nichts. -</p> - -<p> -»Zürnst du mir vielleicht noch immer? Wirst du nicht -kommen?« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna sagte noch immer nichts. -</p> - -<p> -Ssergej und alle, die Katerina Lwowna beobachteten, -sahen aber, wie sie sich vor dem Etappengebäude an den -Oberaufseher heranmachte und ihm die siebzehn Kopeken, -die sie unterwegs zusammengebettelt hatte, in die -Hand drückte. -</p> - -<p> -<a id="page-206" class="pagenum" title="206"></a> -»Wenn ich noch mehr zusammengebettelt habe, kriegst -du noch zehn Kopeken«, flüsterte sie ihm zu. -</p> - -<p> -Der Oberaufseher steckte das Geld in den Ärmelaufschlag -und sagte: -</p> - -<p> -»Gut.« -</p> - -<p> -Als diese Unterhandlungen zu Ende waren, blinzelte -Ssergej mit einem vielsagenden Hüsteln Ssonetka zu. -</p> - -<p> -»Ach, Katerina Lwowna!« sagte er, sie auf den Stufen -des Etappengebäudes umarmend. »Kinder, es gibt auf -der ganzen Welt kein zweites Weib wie dieses!« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna errötete vor Glück, und ihr stockte -der Atem. -</p> - -<p> -Als nachts die Türe leise aufging, sprang sie ungestüm -hinaus. Am ganzen Leibe zitternd, tastete sie den dunklen -Korridor nach Ssergej ab. -</p> - -<p> -»Meine liebe Katja!« sagte Ssergej, sie umarmend. -</p> - -<p> -»Ach, du Böser!« antwortete <a id="corr-29"></a>Katerina Lwowna unter -Tränen und drückte ihre Lippen auf die seinigen. -</p> - -<p> -Der Wachtposten ging im <a id="corr-30"></a>Korridor auf und ab, blieb -manchmal stehen, um sich auf die Stiefel zu spucken; die -müden Sträflinge schnarchten in ihren Zellen; irgendwo -knabberte eine Maus an einem Federkiel; hinter dem -Ofen zirpten die Heimchen; Katerina Lwowna aber genoß -in vollen Zügen ihr höchstes Glück. -</p> - -<p> -Die Verzückung legte sich, und es begann die unvermeidliche -Prosa des Alltags. -</p> - -<p> -»Ich halt es nicht länger aus; das Bein schmerzt mir -vom Knöchel bis zum Knie,« jammerte Ssergej, an ihrer -Seite in einem Korridorwinkel sitzend. -</p> - -<p> -»Was kann man dagegen tun?« fragte sie, sich unter -seinen Kittel schmiegend. -</p> - -<p> -<a id="page-207" class="pagenum" title="207"></a> -»Soll ich mich vielleicht in Kasan ins Lazarett legen?« -</p> - -<p> -»Was fällt dir ein, Sserjoscha?« -</p> - -<p> -»Was soll ich denn machen, wenn es mir so weh -tut?« -</p> - -<p> -»Du wirst im Lazarett bleiben, und ich soll allein -weiter marschieren? ...« -</p> - -<p> -»Was soll ich machen? Die Ketten werden mir bald -die Knochen durchwetzen. — Wenn ich wenigstens ein -Paar wollene Strümpfe unter die Ketten tun könnte,« -fügte Ssergej nach einer Weile hinzu. -</p> - -<p> -»Strümpfe? Sserjoscha, ich habe noch ein paar neue -Strümpfe.« -</p> - -<p> -»Ach, behalt sie nur!« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna sagte kein Wort. Sie lief in ihre -Zelle, packte in aller Eile ihren Sack aus und brachte -Ssergej ein Paar dicke blaue wollene Strümpfe mit grellfarbigen -Zwickeln. -</p> - -<p> -»Jetzt wird es irgendwie gehen,« sagte Ssergej, sich -von ihr verabschiedend und ihr letztes Paar Strümpfe -mitnehmend. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna kehrte überglücklich in ihre Zelle -zurück und schlief sofort ein. -</p> - -<p> -Sie hörte gar nicht, wie gleich darauf Ssonetka in den -Korridor kam und wie sie erst bei Morgengrauen wieder -zurückging. -</p> - -<p> -Das spielte sich nur zwei Tagemärsche vor Kasan ab. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-5-15"> -XV -</h3> - -<p class="noindent"> -Ein kalter trüber Tag mit durchdringendem Wind und -einem mit Schnee vermengten Regen empfing den Transport -vor dem Tore des dumpfen Etappengefängnisses. -<a id="page-208" class="pagenum" title="208"></a> -Katerina Lwowna trat recht frisch und munter ins Freie. -Als sie sich aber an ihren Platz stellte, erbebte sie am -ganzen Leibe und wurde grün. Es wurde ihr finster vor -den Augen, und alle ihre Glieder begannen zu schmerzen. -Sie hatte Ssonetka in den ihr wohlbekannten blauen -wollenen Strümpfen mit den grellfarbigen Zwickeln erblickt. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna schleppte sich mehr tot als lebendig -vorwärts; sie blickte wie irrsinnig und wandte ihre Augen -nicht von Ssergej. -</p> - -<p> -Auf der ersten Station ging sie ruhig auf ihn zu, -flüsterte »Schurke!« und spuckte ihm ganz unerwartet -in die Augen. -</p> - -<p> -Ssergej wollte sich auf sie stürzen, man hielt ihn aber -zurück. -</p> - -<p> -»Warte nur!« sagte er, sich das Gesicht abwischend. -</p> - -<p> -»Wie tapfer sie doch gegen dich ist!« spotteten unterwegs -die Sträflinge über Ssergej. Am lustigsten lachte -Ssonetka. -</p> - -<p> -Dieses Zwischenspiel war ganz nach ihrem Geschmack. -</p> - -<p> -»Ich werde es dir schon zeigen!« drohte Ssergej -Katerina Lwowna. -</p> - -<p> -Vom anstrengenden Marsch bei dem schlechten Wetter -ermüdet, schlief Katerina Lwowna mit blutendem Herzen -auf der Pritsche der nächsten Etappe ein. Sie hörte gar -nicht, wie in die Frauenabteilung zwei Männer kamen. -</p> - -<p> -Bei ihrem Erscheinen erhob sich Ssonetka von der -Pritsche, zeigte stumm auf Katerina Lwowna, legte sich -wieder hin und hüllte sich in ihren Kittel. -</p> - -<p> -In diesem Augenblick wurde Katerina Lwowna der -Kittel über den Kopf gezogen, und auf ihren Rücken, -<a id="page-209" class="pagenum" title="209"></a> -der nur noch mit dem groben Hemd bekleidet war, -sauste das dicke Ende eines doppelt zusammengedrehten -Strickes nieder. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna schrie auf. Der Kittel, der ihr über -den Kopf geworfen war, erstickte aber ihre Stimme. Sie -versuchte aufzuspringen, konnte sich aber nicht rühren; -auf ihren Schultern saß ein kräftiger Mann, der sie an -den Händen festhielt. -</p> - -<p> -»Fünfzig!« zählte schließlich eine Stimme, in der sie -unschwer die Stimme Ssergejs erkennen konnte. Die -nächtlichen Gäste verschwanden ebenso plötzlich, wie -sie gekommen waren. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna befreite ihren Kopf und sprang auf. -Niemand war mehr in der Zelle. In der Nähe kicherte -aber jemand. Katerina Lwowna erkannte Ssonetkas -Stimme. -</p> - -<p> -Ihr Schmerz wurde nun grenzenlos; grenzenlos war -auch der Haß, der in diesem Augenblick in ihrem Herzen -aufloderte. Sie sprang auf, um sich auf Ssonetka zu stürzen -und fiel ohnmächtig in die Arme Fionas, die ihr zu -Hilfe eilte. -</p> - -<p> -An der Brust der stumpfsinnigen Nebenbuhlerin, -die erst vor kurzem den ungetreuen Geliebten Katerina -Lwownas vor Wollust zittern ließ, weinte sie nun vor -unerträglichem Schmerz. Sie schmiegte sich an Fiona, -wie sich ein Kind an seine Mutter schmiegt. Nun waren -sie beide gleich: beide waren im Werte gesunken, beide -waren verlassen. -</p> - -<p> -Die sich jedem Zufall hingebende Fiona und die -Heldin der Liebestragödie, Katerina Lwowna, waren nun -einander gleich! -</p> - -<p> -<a id="page-210" class="pagenum" title="210"></a> -Katerina Lwowna fühlte sich aber dadurch gar nicht -verletzt. Als sie alle ihre Tränen ausgeweint hatte, erstarrte -sie zu Stein und machte sich bereit, zum Appell -zu gehen. -</p> - -<p> -Die Trommel wirbelt; die gefesselten und nicht gefesselten -Sträflinge stürzen in den Hof; auch Ssergej ist -darunter, auch Fiona, Ssonetka und Katerina Lwowna; -ein mit einem Juden zusammengeketteter Sektierer, und -ein Pole an der gleichen Kette mit einem Tataren. -</p> - -<p> -Alle drängten sich zuerst zu einem unordentlichen -Haufen zusammen, stellten sich dann in Reihen auf, und -der Zug setzte sich in Bewegung. -</p> - -<p> -Ein furchtbar trauriges Bild: ein Häuflein Menschen, -die von der Welt losgerissen sind und auch nicht den -Schatten einer Hoffnung auf eine bessere Zukunft haben, -watet durch den kalten schwarzen Straßenkot. Alles ist -so häßlich: der unendliche Schmutz, der graue Himmel, -die entblätterten, nassen Weiden und die mürrische Krähe, -die zusammengekauert in den nackten Ästen hockt. Der -Wind stöhnt und wütet, heult und brüllt. -</p> - -<p> -Aus diesen höllischen, herzzerreißenden Tönen, die -das Grauen des Bildes vervollständigen, klingen die -Worte der Frau des biblischen Hiob: »Verfluche den -Tag deiner Geburt und stirb!« -</p> - -<p> -Wer diesen Worten nicht lauschen will, wen der Gedanke -an den Tod selbst in dieser traurigen Lage nicht -erfreut, sondern erschreckt, der muß alle die heulenden -Stimmen mit einem noch häßlicheren Geheul übertönen. -Das einfache Volk weiß das sehr gut: es entfesselt dann -seine ganze tierische Natur und beginnt, sich selbst, die -andern Menschen und alle Gefühle zu verhöhnen. Es -<a id="page-211" class="pagenum" title="211"></a> -ist auch sonst nicht besonders zartfühlend; unter solchen -Umständen wird es aber noch einmal so roh und boshaft. -</p> - -<p class="tb"> - -</p> - -<p class="noindent"> -»Wie geht’s, Kaufmannsfrau? Sind Euer Wohlgeboren -bei guter Gesundheit?« fragte Ssergej in frechem Tone -Katerina Lwowna, als das Dorf, in dem der Transport -die letzte Nacht verbracht hatte, hinter dem nassen -Hügel verschwunden war. -</p> - -<p> -Gleich darauf wandte er sich an Ssonetka, hüllte sie -in den Schoß seines Mantels und begann mit hoher -Stimme zu singen: -</p> - -<div class="poem"> - <p class="line">»Hinterm Fenster leuchten deine Locken, Schätzchen,</p> - <p class="line">Ach, mein Jammer schläft nicht, und du schläfst nicht, Kätzchen,</p> - <p class="line">Mit des Mantels Saume will ich dich bedecken ...«</p> -</div> - -<p class="noindent"> -Bei diesen Worten umarmte er Ssonetka und küßte sie -vor aller Augen ... -</p> - -<p> -Katerina Lwowna sah es und sah es nicht. Sie war wie -geistesabwesend. Die Leute stießen sie in die Seite und -machten sie darauf aufmerksam, wie sich Ssergej gegen -Ssonetka benahm. Sie wurde zur Zielscheibe des allgemeinen -Spottes. -</p> - -<p> -»Laßt sie in Ruhe,« trat Fiona für sie ein, sooft jemand -von den Sträflingen über die halbohnmächtige Katerina -Lwowna zu spotten anfing. »Seht ihr denn nicht, daß die -Frau ganz krank ist?« -</p> - -<p> -»Sie hat sich wohl die Füßchen durchnäßt,« scherzte -ein junger Sträfling. -</p> - -<p> -»Natürlich: sie ist ja vom Kaufmannsstande und verwöhnt,« -versetzte Ssergej. -</p> - -<p> -<a id="page-212" class="pagenum" title="212"></a> -»Wenn sie wenigstens warme Strümpfe hätte, würde -es ihr wohl weniger machen,« fügte er hinzu. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna fuhr wie aus dem Schlafe auf. -</p> - -<p> -»Gemeine Schlange!« sagte sie, unfähig, sich länger -zu beherrschen. »Spotte nur, du Schuft, spotte nur!« -</p> - -<p> -»Ich spotte ja gar nicht, sondern meine es ganz ernst: -Ssonetka hat ein paar vortreffliche Strümpfe zu verkaufen. -Ich frage mich, ob die Kaufmannsfrau sie nicht kaufen -will.« -</p> - -<p> -Viele lachten. Katerina Lwowna ging wie ein aufgezogener -Automat weiter. -</p> - -<p> -Das Wetter wurde immer schlechter. Aus den grauen -Wolken, die den Himmel bedeckten, fielen nasse Schneeflocken -herab, die, sobald sie nur den Boden berührten, -tauten und den Straßenschmutz noch vergrößerten. Endlich -zeigte sich am Horizont ein dunkler bleigrauer Streif, -dessen Breite man gar nicht überblicken konnte: es war -die Wolga. Über dem Strome zog ein steifer Wind, der -breite, dunkle Wellen vor sich trieb. -</p> - -<p> -Die durchnäßten und halberfrorenen Sträflinge gingen -langsam zum Landungssteg und blieben in Erwartung -der Fähre stehen. -</p> - -<p> -Die nasse dunkle Fähre kam ans Ufer. Die Begleitmannschaften -trieben die Sträflinge auf die Fähre. -</p> - -<p> -»Auf dieser Fähre gibt es Schnaps zu kaufen,« sagte -einer der Sträflinge, als die von nassen Schneeflocken überschüttete -Fähre vom Ufer stieß und auf den Wellen des -Stromes zu schwanken begann. -</p> - -<p> -»Es wäre wirklich gut, einen Tropfen zu trinken!« sagte -Ssergej. Zur Belustigung Ssonetkas machte er sich wieder -an Katerina Lwowna heran und sagte: »Kaufmannsfrau, -<a id="page-213" class="pagenum" title="213"></a> -wir sind ja alte Freunde: kauf mir etwas Schnaps. Geize -nicht. Gedenke doch, Liebste, unserer alten Liebe! Weißt -du noch, meine Freude, wie wir die langen Herbstnächte -miteinander verbrachten und deine Verwandten ohne -Popen und ohne Küster ins Jenseits schickten?« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna zitterte vor Kälte, die ihr unter den -nassen Kleidern durch Mark und Bein drang. In ihr ging -aber auch etwas anderes vor. Ihr Kopf brannte wie im -Feuer; die Pupillen waren erweitert, von einem irren, -scharfen Glanz belebt und starr auf die Wellen gerichtet. -</p> - -<p> -»Auch ich würde gerne etwas Schnaps trinken: es ist -so unerträglich kalt!« sagte Ssonetka mit ihrer hellen -Stimme. -</p> - -<p> -»Kaufmannsfrau, kauf uns doch Schnaps!« drang Ssergej -in sie ein. -</p> - -<p> -»Du hast wirklich kein Gewissen im Leibe!« sagte -Fiona, vorwurfsvoll den Kopf schüttelnd. -</p> - -<p> -»Das macht dir keine Ehre,« unterstützte der junge -Sträfling Gordjuschka die Soldatenfrau. -</p> - -<p> -»Wenn du dich vor ihr nicht schämst, so solltest du -dich wenigstens vor den Leuten schämen!« -</p> - -<p> -»Ach, du, Allerwelts-Schnupftabaksdose!« schrie Ssergej -Fiona an. »Was redest du vom Gewissen? Vor wem -brauche ich mich zu schämen? Vielleicht habe ich sie überhaupt -niemals geliebt, und jetzt ... jetzt ist mir Ssonetkas -ausgetretener Schuh lieber als die Fratze dieser geschundenen -Katze. Was hast du mir vorzuwerfen? Soll sie nur -den schiefmäuligen Gordjuschka lieben, oder ... (er -blickte auf den kleinen Wachsoldaten, der in Uniformmütze -und langhaarigem Filzmantel im Sattel saß,) oder -<a id="page-214" class="pagenum" title="214"></a> -diesen Soldaten da: unter seinem Filzmantel ist sie wenigstens -vom Regen geschützt.« -</p> - -<p> -»Und dann wird sie Offiziersfrau heißen,« lachte Ssonetka. -</p> - -<p> -»Gewiß! Und hat auch Geld, um sich Strümpfe zu -kaufen,« fügte Ssergej hinzu. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna wehrte sich nicht; sie blickte immer -starrer auf die Wellen und bewegte lautlos die Lippen. -Zwischen den häßlichen Worten Ssergejs hörte sie die -Wogen dröhnen und heulen. In einem sich brechenden -Wolkenkamme erscheint plötzlich der blaue Kopf Boris -Timofejewitschs; aus einer anderen Welle erhebt sich die -Gestalt ihres Mannes; er schwankt und hält Fedja, der -den Kopf gesenkt hat, umarmt. Katerina Lwowna will -sich auf irgendein Gebet besinnen, ihre Lippen flüstern -aber: »Wie wir die langen Herbstnächte miteinander verbrachten -und die Verwandten ohne Popen und ohne -Küster ins Jenseits schickten.« -</p> - -<p> -Katerina Lwowna zitterte. Ihre irren Blicke waren auf -einen Punkt gerichtet. Sie hob einige Male die Arme, -streckte sie vor sich aus und ließ sie wieder sinken. Noch -einen Augenblick — und sie beugte sich, ohne die Augen -von einer dunklen Woge zu wenden, vor, packte -Ssonetka an den Beinen und sprang mit ihr über das Geländer -der Fähre. -</p> - -<p> -Alle waren vor Schreck wie erstarrt. -</p> - -<p> -Katerina Lwowna erschien auf dem Kamme einer Woge -und ging wieder unter; aus einer andern Welle tauchte -Ssonetka auf. -</p> - -<p> -»Den Bootshaken her! Werft den Bootshaken aus!« -schrieen die Leute auf der Fähre. -</p> - -<p> -<a id="page-215" class="pagenum" title="215"></a> -Der schwere Bootshaken flog am langen Strick durch -die Luft und fiel ins Wasser. Von Ssonetka war wieder -nichts zu sehen. Nach zwei Sekunden warf sie, von der -Strömung um ein weites Stück von der Fähre fortgetrieben, -beide Arme aus dem Wasser empor; in diesem Augenblick -tauchte aus einer anderen Welle fast bis zu den -Hüften Katerina Lwowna empor. Sie stürzte sich wie ein -kräftiger Hecht über eine schwache Plötze auf Ssonetka, -und beide kamen nicht mehr zum Vorschein. -</p> - -<h2 class="part" id="part-6"> -<a id="page-217" class="pagenum" title="217"></a> -DER STÄHLERNE FLOH -</h2> - -<p class="trn2"> -(Übertragen von Karl Nötzel) -</p> - -<p class="partlong"> -<a id="page-219" class="pagenum" title="219"></a> -Was man vom Tulaer schieläugigen -Linkser erzählt und von einem stählernen -Floh -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-1"> -I -</h3> - -<p class="first"> -<span class="firstchar">A</span>ls Kaiser Alexander Pawlowitsch die Wiener Plauderei -beendet hatte, wollte er in Europa herumfahren -und sich in den einzelnen Ländern die Wunderdinge -anschauen. Er bereiste alle Staaten, und überall -hatte er seiner Freundlichkeit wegen die vertraulichsten -Gespräche mit allen Leuten, und alle wollten ihn durch -irgend etwas in Staunen setzen und für sich gewinnen. -Mit ihm war aber der Donsche Kosak Platow, der solche -Neigungen nicht liebte, sich ständig nach seiner Häuslichkeit -sehnte und deshalb den Kaiser immer antrieb, -zurückzukehren. Und kaum merkte Platow, daß der -Kaiser sich für irgend etwas Ausländisches interessierte, -das ganze Gefolge aber schwieg, so sagte er auch schon -alsogleich: »So und so, auch bei uns zu Hause ist das -Unsrige nicht schlechter« — und lenkte irgendwie den -Kaiser ab. -</p> - -<p> -Die Engländer wußten das und dachten sich zur Ankunft -des Kaisers allerlei Listen aus, um ihn für das Ausländische -<a id="page-220" class="pagenum" title="220"></a> -zu gewinnen und den Russen zu entfremden. -In vielen Fällen erreichten sie das auch, besonders auf -großen Versammlungen, wo Platow nicht perfekt französisch -sprechen konnte. Er interessierte sich indes auch -wenig dafür: er war ein verheirateter Mann, und alle -französischen Gespräche hielt er für Nichtigkeiten, die -der Aufmerksamkeit nicht wert seien. Als aber die Engländer -den Kaiser in ihre mannigfaltigen Zeughäuser, -Waffen-, Seifen- und Sägewerke einluden, um ihm zu -zeigen, wie überlegen sie uns in allen diesen Dingen seien -und um sich dessen zu rühmen — da sagte Platow zu -sich selber: -</p> - -<p> -— »Nein, damit aber Schluß. Bis jetzt habe ich noch -ruhig zugesehen, weiter geht das aber nicht mehr. Ob -ich zu sprechen verstehe oder nicht, die Meinigen werde -ich nicht preisgeben!« -</p> - -<p> -Und kaum hatte er zu sich selber ein solches Wort gesagt, -da sprach auch der Kaiser zu ihm: -</p> - -<p> -»So und so, morgen werde ich mit dir fahren, ihre -Waffenkunstkammer zu besichtigen. Dort,« spricht er, -»sind solche Vollkommenheiten der Natur, daß, wenn -du nur hinschaust, du weiter nicht mehr bestreiten -wirst, daß wir Russen mit unserm Wissen gar nichts -taugen.« -</p> - -<p> -Platow antwortete dem Kaiser gar nichts. Er senkte -nur seine gekrümmte Nase auf seinen zottigen Überwurf; -als er aber in seine Wohnung kam, befahl er -seinem Burschen, ihm aus dem Keller eine Flasche kaukasischen -Branntwein zu bringen, goß ein schönes Glas -davon hinter die Binde, betete vor seinem Reiseheiligenbilde -zu Gott, hüllte sich in seinen Überwurf und fing -<a id="page-221" class="pagenum" title="221"></a> -derart zu schnarchen an, daß in dem ganzen Hause kein -Engländer schlafen konnte. -</p> - -<p> -Er dachte: »Morgenstund’ hat Gold im Mund’«. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-2"> -II -</h3> - -<p class="noindent"> -Am andern Tage fuhr der Kaiser mit Platow in die -Kunstkammern. Sonst hatte der Kaiser niemanden von -den Russen mitgenommen, weil man ihm nur einen zweisitzigen -Wagen geschickt hatte. -</p> - -<p> -Sie langten bei einem nicht allzu großen Gebäude an -— die Auffahrt ist unbeschreiblich, Korridore ins Unendliche, -die Zimmer gehen eines in das andere, und endlich -in dem hauptsächlichsten Saale stehen verschiedene gewaltige -Büsten, und in der Mitte unter einem Baldachin -steht »Abolon von Polwedere«. -</p> - -<p> -Der Kaiser blickt auf Platow, ob er wohl sehr erstaunt -sei, und worauf er schaue. Der aber geht, die Augen zu -Boden gesenkt, so dahin, als sehe er gar nichts — und -dreht nur Ringe aus seinem Schnurrbart. -</p> - -<p> -Die Engländer begannen alsogleich, verschiedene -Wunder zu zeigen und zu erklären, was bei ihnen für -kriegerische Zwecke eingerichtet ist. »Sturmmesser« für -die Marine, »Pontonen« für das Fußvolk und geteerte -Segeltücher für die Reiterei. Der Kaiser hat an dem -allen seine Freude, alles kommt ihm sehr schön vor, -Platow aber bleibt dabei, daß für ihn das alles gar nichts -bedeute. -</p> - -<p> -Der Kaiser spricht: »Wie ist denn das möglich? — -Weshalb ist in dir eine solche Gefühllosigkeit? Gibt -es denn wirklich hier gar nichts für dich zu bewundern?« -</p> - -<p> -<a id="page-222" class="pagenum" title="222"></a> -Platow antwortet: »Mir ist hier nur das Eine erstaunlich, -daß meine forschen Kerle vom Don ohne dies alles -Krieg führten und zwölf Heidenvölker davonjagten!« -</p> - -<p> -Der Kaiser spricht: »Das ist Unsinn!« -</p> - -<p> -Platow antwortet: »Ich weiß nicht, worauf ich das -beziehen soll, zu streiten wage ich aber nicht und muß -schweigen.« -</p> - -<p> -Als aber die Engländer eine solche Auseinandersetzung -zwischen ihnen wahrnahmen, führten sie ihn -sogleich gerade zu dem »Abolon von Polwedere« und -nahmen dem aus der einen Hand ein Mortimergewehr, -aus der andern eine Pistole. -</p> - -<p> -»Sehen Sie« — sprachen sie — »wie bei uns gearbeitet -wird« und zeigten ihm das Gewehr. -</p> - -<p> -Der Kaiser schaute ruhig auf das Mortimergewehr, -weil er solche in Zarskoje Ssjelo selber besitzt, jene aber -geben ihm darauf die Pistole und sagen: -</p> - -<p> -»Diese Pistole ist von unbekannter, unnachahmlicher -Meisterschaft. Unser Admiral zog sie einem Räuberhauptmann -in ‚Kandelabrien‘ aus dem Gürtel.« -</p> - -<p> -Der Kaiser schaut auf die Pistole und kann sich nicht -satt sehen. Er seufzt furchtbar. -</p> - -<p> -»Ach, ach, ach ...« — spricht er — »wie kann man -nur so, wie kann man das denn überhaupt so fein -machen!« — Und er wendet sich zu Platow und spricht -zu ihm auf russisch: »Siehst du, wenn bei mir in Rußland -auch nur <em>ein</em> solcher Meister wäre, würde ich -darüber äußerst glücklich und stolz sein und diesen -Meister sogleich in den Adelstand erheben!« -</p> - -<p> -Platow aber versenkte auf diese Worte hin sofort seine -rechte Hand in seine weiten Pluderhosen und zog von -<a id="page-223" class="pagenum" title="223"></a> -dort einen Gewehrschraubenzieher heraus. Die Engländer -sagen: »Das läßt sich nicht öffnen!« Er aber gibt -gar nicht darauf acht und beginnt das Schloß aufzudrehen. -Er dreht einmal um, zweimal — das Schloß ist -herausgefallen. Platow zeigt dem Kaiser den Drücker -und grade auf der Rundung die russische Aufschrift: -»Iwan Moskwin aus der Stadt Tula«. -</p> - -<p> -Die Engländer erstaunen, und einer stößt den andern -an: -</p> - -<p> -»O je, da sind wir hereingefallen!« -</p> - -<p> -Der Kaiser aber spricht kummervoll: -</p> - -<p> -»Weshalb hast du sie so in Verlegenheit gebracht, mir -tun sie jetzt sehr leid. Laßt uns abfahren.« -</p> - -<p> -Sie setzten sich wiederum in denselben zweisitzigen -Wagen und fuhren ab; und der Kaiser war an diesem -Tage auf einem Ball. Platow aber goß ein noch größeres -Glas Branntwein hinter die Binde und entschlummerte -eines festen Kosakenschlafes. -</p> - -<p> -Es war ihm froh zumute, daß er die Engländer in -Verlegenheit gebracht und ihnen den Tulaer Meister -zum Vorbild gegeben hatte. Dabei war es ihm aber auch -verdrießlich: Weshalb hatte der Kaiser bei einer solchen -Gelegenheit die Engländer bemitleidet! -</p> - -<p> -»Worüber hat sich denn da der Kaiser gegrämt« — -dachte Platow — »ich verstehe das ganz und gar nicht« -— und in solchen Gedanken stand er zweimal auf, bekreuzte -sich und trank Schnaps, bis er sich gewaltsam -einen starken Schlaf zugezogen hatte. -</p> - -<p> -Die Engländer aber konnten zu dieser selben Zeit -gleichfalls nicht schlafen, weil es auch ihnen »wirbelte«. -Während der Kaiser sich auf dem Ball vergnügte, bereiteten -<a id="page-224" class="pagenum" title="224"></a> -sie ihm ein derartiges neues Wunderwerk vor, -daß diesmal auch Platow alle Phantasie ausging. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-3"> -III -</h3> - -<p class="noindent"> -Am andern Tage, als Platow beim Kaiser erschien, -um ihm einen guten Morgen zu wünschen, spricht er -zu ihm: -</p> - -<p> -»Laß sogleich den zweisitzigen Wagen anspannen, um -die neuen Kunstkammern anzusehen!« -</p> - -<p> -Platow erkühnte sich sogar, zu bemerken, ob es nicht -etwa genug sei, die fremdländischen Erzeugnisse anzuschauen -und ob es nicht besser wäre, sich auf den Weg -nach Rußland zu machen. -</p> - -<p> -Der Kaiser aber spricht: -</p> - -<p> -»Nein, ich wünsche noch andere Neuigkeiten zu sehen: -man hat sich vor mir gebrüstet, daß man bei ihnen die -erste Sorte Zucker bereite.« -</p> - -<p> -Sie fuhren ab. -</p> - -<p> -Die Engländer zeigten dem Kaiser, was sie für verschiedene -erste Sorten haben, Platow aber schaut und -schaut und spricht plötzlich: -</p> - -<p> -»Aber zeigt uns doch aus Euern Fabriken den Zucker -‚Chalva‘!« -</p> - -<p> -Die Engländer wissen nicht, was das bedeutet »Chalva«. -Sie flüstern untereinander, zwinkern einander zu und -wiederholen »Chalva?« »Chalva?«, können aber nicht -verstehen, daß bei uns ein solcher Zucker hergestellt -wird, und müssen zugeben, daß es bei ihnen alle Arten -Zucker gibt, »Chalva« aber nicht. -</p> - -<p> -Platow spricht: -</p> - -<p> -»Nun, so ist auch kein Grund, zu prahlen. Kommt -<a id="page-225" class="pagenum" title="225"></a> -zu uns, wir werden Euch Tee zu trinken geben mit echtem -‚Chalva‘ aus der Bobrinskijschen Fabrik.« -</p> - -<p> -Aber der Kaiser zupfte ihn am Ärmel und sprach -leise zu ihm: »Bitte, verdirb mir nicht die Politik!« -</p> - -<p> -Da riefen die Engländer den Kaiser in die allerletzte -Kunstkammer, wo in der ganzen Welt gesammelte Mineralien -und »Nymphusorien« lagen, von der allergrößten -ägyptischen Pyramide bis zu einem »unterhäutigen« -Floh, den man mit bloßem Auge selber gar nicht wahrnehmen, -wohl aber seine Bisse zwischen Haut und Körper -verspüren konnte. -</p> - -<p> -Der Kaiser fuhr dorthin. -</p> - -<p> -Man beschaute die Pyramiden und allerhand ausgestopfte -Tiere und ging weg. Platow aber denkt bei sich: -</p> - -<p> -»Nun, Gott sei Dank, alles steht gut — der Kaiser -staunt über gar nichts.« -</p> - -<p> -Kaum aber waren sie in die allerletzte Kammer getreten, -so stehen dort ihre Arbeiter in Arbeitskleidung -und Schürzen und halten eine »Tablette«, auf der gar -nichts liegt. -</p> - -<p> -Der Kaiser erstaunte sich plötzlich — daß man ihm -eine leere »Tablette« hinhält. -</p> - -<p> -»Was bedeutet das?« fragte er; die englischen Meister -aber antworten: »Das ist unser untertäniges Geschenk -an Eure Majestät!« -</p> - -<p> -»Was ist es denn?« -</p> - -<p> -»Aber« — sprechen sie — »geruhen Sie dort ein Körnchen -zu sehen?« -</p> - -<p> -Der Kaiser schaute hin und sieht, auf der silbernen -»Tablette« liegt wirklich das allerwinzigste Körnchen. -</p> - -<p> -Die Arbeiter sprechen: -</p> - -<p> -<a id="page-226" class="pagenum" title="226"></a> -»Geruhen Sie Ihre Fingerchen anzuspeicheln und es -aufs Händchen zu nehmen.« -</p> - -<p> -»Was soll mir aber denn das Körnchen?« -</p> - -<p> -»Dies« — antworten sie — »ist kein Körnchen, vielmehr -ein ‚Nymphusorium‘.« -</p> - -<p> -»Ist es lebendig?« -</p> - -<p> -»Keineswegs« — antworten sie — »es ist nicht lebendig, -vielmehr ganz aus englischem Stahl in Gestalt eines -Flohs von uns ausgeschmiedet, und in seiner Mitte ist ein -Uhrwerk und eine Feder. Geruhen Sie es mit dem -Schlüssel aufzuziehen: es wird sogleich zu tanzen beginnen!« -Der Kaiser ward neugierig und fragt: »Wo ist -denn aber das Schlüsselchen?« -</p> - -<p> -Die Engländer sagen: -</p> - -<p> -»Hier ist auch der Schlüssel, vor Ihren Augen.« -</p> - -<p> -»Weshalb aber« — spricht der Kaiser — »sehe ich ihn -nicht?« -</p> - -<p> -»Deshalb« — antworten sie — »weil man dazu ein -‚Winzigglas‘ braucht.« -</p> - -<p> -Man reichte ein »Winzigglas«, und der Kaiser sah, -daß tatsächlich neben dem Floh ein Schlüsselchen auf -der »Tablette« lag. -</p> - -<p> -»Geruhen Sie« — sprachen sie — »es ins Händchen -zu nehmen. Bei ihm im Bäuchelchen ist ein Aufziehlöchelchen, -der Schlüssel macht sieben Umdrehungen, -und dann wird es zu tanzen anfangen ...« -</p> - -<p> -Mit Mühe erfaßte der Kaiser dieses Schlüsselchen und -kaum vermochte er es mit den Fingerspitzen zu halten. -Mit der anderen Hand aber nahm er das Flöhchen, und -kaum hatte er das Schlüsselchen hineingesteckt, als er -fühlte, wie der Floh sein Schnurrbärtchen zu bewegen -<a id="page-227" class="pagenum" title="227"></a> -begann, dann mit den Füßchen zu trippeln und endlich -zu springen und in einem Flug gleich ein »Dansé« und -zwei »Variationen« nach der einen Seite zu machen, -dann nach der anderen, und so tanzte er in drei »Variationen« -die ganze Quadrille. -</p> - -<p> -Der Kaiser befahl sogleich, den Engländern eine -Million zu geben, in was für Geld sie selber wollten -— sei es in silbernen Fünfkopekenstücken, sei es in -kleinen Assignaten. -</p> - -<p> -Die Engländer baten, man möchte es ihnen in Silber -auszahlen, weil sie sich in den Papierchen nicht auskennten; -dabei aber offenbarten sie aufs neue ihre -Schlauheit: den Floh gaben sie zum Geschenk, ein -Futteral für ihn hatten sie indes nicht mitgebracht. Ohne -Futteral konnte man aber weder ihn noch das Schlüsselchen -halten, weil sie sich sonst verlieren, und man sie -dann mit dem Kehricht hinauswirft. Das Futteral zu ihm -bestand aber in einer Diamantnuß, aus einem Stück -gemacht — dem Floh war ein Plätzchen in der Mitte -ausgeschliffen. Dies Futteral gaben sie nicht, weil es, so -sagen sie, dem Staate gehöre, und in dieser Beziehung -sei es bei ihnen streng: nicht einmal für den Kaiser -dürfe man es opfern. -</p> - -<p> -Platow wollte sich schon sehr erzürnen. »Wozu«, so -spricht er, »ein solcher Betrug! Das Geschenk haben sie -dargebracht und eine Million dafür erhalten, und immer -noch nicht genug! Ein Futteral«, spricht er, »gehört -immer zu jeder Sache.« -</p> - -<p> -Der Kaiser aber spricht: -</p> - -<p> -»Hör’ bitte auf, das ist nicht deine Sache — verdirb’ -mir nicht die Politik. Sie haben ihre Gebräuche« — und -<a id="page-228" class="pagenum" title="228"></a> -er fragt: »Wieviel kostet diese Nuß, in die der Floh -hineingeht?« -</p> - -<p> -Die Engländer setzen dafür noch Fünftausend fest. -</p> - -<p> -Kaiser Alexander Pawlowitsch sagt: -</p> - -<p> -»Man soll es ihnen auszahlen«, selber aber steckt er den -Floh in dies Nüßchen, und mit ihm zugleich auch das -Schlüsselchen. Um aber nicht die Nuß zu verlieren, legte -er sie in seine goldene Tabaksdose; die Tabaksdose aber -befahl er in seine Reiseschatulle zu legen, die ganz ausgelegt -war mit Perlmutter und Fischbein. Die englischen -Meister entließ der Kaiser in Ehren und sagte ihnen: »Ihr -seid die ersten Meister in der ganzen Welt, und meine -Leute verstehen im Vergleich zu Euch gar nichts.« -</p> - -<p> -Jene blieben sehr zufrieden, Platow aber konnte den -Worten des Kaisers nichts widersprechen. Er nahm nur -das »Winzigglas«, ja, und ohne ein Wort zu sagen, steckte -er es in seine Tasche. »Weil« — spricht er — »es auch -dazu gehört, und ihr so schon viel Geld von uns genommen -habt!« -</p> - -<p> -Der Kaiser wußte das gar nicht bis ganz zu seiner -Ankunft in Rußland. Sie reisten aber sehr bald ab, weil -der Kaiser von allen diesen »Militärangelegenheiten« in -Melancholie verfiel, und er eine geistige Beichte haben -wollte in Taganrog beim Popen Fjedot. Unterwegs hatten -er und Platow sehr wenig angenehme Unterhaltung, weil -sie völlig verschiedene Gedanken hegten: der Kaiser -glaubte, den Engländern sei niemand an Kunstfertigkeit -gleich, Platow hingegen bestand darauf, daß auch die -Unsrigen alles machen können, was sie anschauen, nur -fehle es ihnen an nützlicher Lehre. Und er hielt dem -Kaiser vor, daß bei den englischen Meistern durchaus -<a id="page-229" class="pagenum" title="229"></a> -in allem andere Regeln des Lebens, der Wissenschaft -und der »Verpflegung« gelten und jeder Mensch bei -ihnen alle »absoluten« Möglichkeiten für sich habe, und -deshalb sei in ihm auch ein ganz anderer Geist. -</p> - -<p> -Der Kaiser wollte das nicht lange anhören, Platow -aber steigt auf jeder Station aus und trinkt vor Verdruß -ein Wasserglas Schnaps, beißt gesalzene Bretzel -zu, raucht seine Weichselpfeife, in die ein ganzes Pfund -Schukowscher Tabak hineinging, setzt sich dann hin -und sitzt so schweigend neben dem Kaiser im Wagen. -Der Kaiser schaut auf eine Seite, Platow steckt durch das -andere Fenster seine Pfeife hinaus und läßt den Rauch -in die Luft. So reisten sie bis Petersburg; zum Popen -Fjedot nahm aber der Kaiser den Platow schon gar nicht -mehr mit. -</p> - -<p> -»Du« — spricht er — »bist in geistlicher Unterhaltung -unenthaltsam und rauchst so viel, daß sich von deinem -Qualm nur Ruß im Kopfe ansetzt!« Platow blieb gekränkt -zurück und legte sich zu Hause auf sein »Verdrußsofa«, -und er lag dort immerfort und rauchte ohne -Unterlaß Schukowschen Tabak. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-4"> -IV -</h3> - -<p class="noindent"> -Der erstaunliche Floh aus gehärtetem Stahl blieb bei -Alexander Pawlowitsch in der Schatulle unter dem Fischbein, -bis der Kaiser in Taganrog starb, nachdem er ihn -dem Popen Fjedot gegeben hatte, damit der ihn später -der Kaiserin gebe, wenn sie sich getröstet habe. Die -Kaiserin Jelisaweta Alexejewna schaute die Variationen -des Flohs an und lächelte, beschäftigte sich aber weiter -nicht mehr mit ihm. -</p> - -<p> -<a id="page-230" class="pagenum" title="230"></a> -»Meine Sache,« spricht sie, »ist die einer Witwe, und -mir sind keinerlei Unterhaltungen verführerisch,« und -als sie nach Petersburg zurückgekehrt war, übergab sie -dies Wunderding mit allen andern Kostbarkeiten dem -neuen Kaiser zum Erbe. -</p> - -<p> -Kaiser Nikolai Pawlowitsch schenkte gleichfalls anfangs -dem Floh nicht die geringste Aufmerksamkeit, weil -bei seiner Thronbesteigung eine »Verwirrung« war, später -aber begann er einmal die ihm von seinem Bruder hinterlassene -Schatulle durchzusehen und nahm aus ihr die -Tabaksdose heraus, aus der Tabaksdose die Brillantnuß, -und in ihr fand er den stählernen Floh, der schon lange -nicht mehr aufgezogen war, und sich deshalb nicht bewegte, -vielmehr friedlich dalag, als ob er versteinert wäre. -</p> - -<p> -Der Kaiser schaute hin und staunte. -</p> - -<p> -»Was ist denn da noch für eine Nichtigkeit, und wozu -ward sie dort von meinem Bruder so aufbewahrt?« -</p> - -<p> -Die Hofleute wollten es wegwerfen, der Kaiser aber -spricht: -</p> - -<p> -»Nein — das bedeutet irgend etwas!« -</p> - -<p> -Man rief von der Anitschkin-Brücke aus der gegenüberliegenden -Apotheke einen Chemiker, der auf der -allerkleinsten Wage Gift abzuwiegen pflegte, und zeigte -ihm das Ding; der aber nahm sogleich den Floh, legte -ihn auf die Zunge und spricht: »Ich empfinde Kälte wie -von einem festen Metall«. Darauf drückte er es leicht -mit den Zähnen und erklärte: -</p> - -<p> -»Wie es Ihnen beliebt, dies ist aber kein wirklicher -Floh, vielmehr ein »Nymphusorium«, und es ist aus -Metall gemacht, und die Arbeit ist nicht die unsrige, -nicht russische.« -</p> - -<p> -<a id="page-231" class="pagenum" title="231"></a> -Der Kaiser befahl zu erkunden, woher dies stamme, -und was es bedeute. Man stürzte sich sogleich in die Akten, -um Verzeichnisse einzusehen — in den Akten aber -war nichts eingetragen. Man begann diesen und jenen -auszufragen — niemand wußte etwas. Zum Glück weilte -aber damals noch der Donsche Kosak Platow unter den -Lebenden und lag sogar immer noch auf seinem Verdrußsofa -und rauchte seine Pfeife. Als der nun vernahm, daß -bei Hof eine solche Unruhe sei, erhob er sich sogleich -von seiner <a id="corr-31"></a>Kouschette, warf die Pfeife fort und erschien -beim Kaiser in allen seinen Orden. Der Kaiser spricht: -»Was willst du von mir, tapferer Greis?« -</p> - -<p> -Platow aber antwortet: -</p> - -<p> -»Mir, Eure Majestät, ist nichts für mich selber nötig, -da ich esse und trinke, wozu ich Lust habe, und mit allem -zufrieden bin; ich bin aber« — spricht er — »gekommen, -wegen dieses ‚Nymphusoriums‘ zu berichten, das -man ausfindig machte; das« — spricht er — »war so -und so, und folgendermaßen hat es sich vor meinen -Augen in England zugetragen — und dort bei ihm liegt -ein Schlüsselchen, ich aber besitze ihren ‚Winzigseher‘, -in dem man es sehen kann; und mit diesem Schlüssel -durch das Löchelchen in seinem Bäuchelchen kann man -dies ‚Nymphusorium‘ aufziehen, und es wird hüpfen, -wo und wann man es wünscht und zur Seite Variationen -machen.« -</p> - -<p> -Man zog den Floh auf, er begann zu springen. Platow -aber spricht: -</p> - -<p> -»Dies,« — spricht er — »Eure Majestät, ist wirklich -eine sehr feine und interessante Arbeit; nur ziemt es -sich nicht, daß wir uns darüber lediglich wundern mit -<a id="page-232" class="pagenum" title="232"></a> -entzücktem Gefühl, vielmehr muß man sie russischen -Meistern in Tula oder in Sesterbek (damals nannte man -noch Sestrorezk — Sesterbek) zeigen — ob nicht unsere -Meister erreichen können, daß die Engländer sich nicht -mehr über die Russen überheben.« -</p> - -<p> -Kaiser Nikolai Pawlowitsch hegte großes Zutrauen -zu seinen Leuten und liebte es nicht, sie irgend einem -Ausländer hintanzusetzen, er antwortete denn auch -Platow: -</p> - -<p> -»Das sprichst du gut, wackerer Greis! Und ich übertrage -dir diese Sache. Ich brauche sowieso dieses Schächtelchen -nicht, bei meinen vielen Sorgen. Du aber nimm -es mit dir und lege dich nicht mehr auf dein ‚Verdrußsofa‘, -fahre vielmehr zum stillen Don und führe dort -mit meinen Donzern vertrauliche Gespräche über ihr -Leben, ihre Ergebenheit und was ihnen beliebt. Wenn -du aber durch Tula kommen wirst, so zeige meinen -Tulaer Meistern dieses ‚Nymphusorium‘, dann mögen sie -darüber nachdenken. Sage ihnen von mir, daß mein Bruder -sich über dies Ding erstaunte und die Fremdländer, -die das ‚Nymphusorium‘ machten, über alles lobte; daß -ich aber auf die Meinen baue, daß sie durchaus nicht -schlechter sind. Sie werden mein Wort nicht zuschanden -werden lassen und irgend etwas erfinden.« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-5"> -V -</h3> - -<p class="noindent"> -Platow nahm den stählernen Floh, und als er durch -Tula zum Don fuhr, zeigte er ihn den Tulaer Waffenschmieden, -überbrachte ihnen das Wort des Kaisers und -fragte sie dann: -</p> - -<p> -»Wie soll es jetzt mit uns sein, Rechtgläubige?« -</p> - -<p> -<a id="page-233" class="pagenum" title="233"></a> -Die Waffenschmiede antworteten: -</p> - -<p> -»Wir, Väterchen, fühlen das gnädige Wort des Zaren -und können es niemals vergessen, deshalb, weil er auf -seine Leute hofft. Wie es aber im vorliegenden Falle sein -wird, das können wir in einem Augenblick nicht entscheiden, -weil die englische Nation gleichfalls nicht dumm -ist, vielmehr sogar ziemlich schlau, und die Kunst in ihr -mit großem Verstande betrieben wird. Ihr gegenüber,« -sprechen sie, »muß man sich nach reiflicher Überlegung -und mit Gottes Segen ans Werk machen. Du aber, wenn -deine Gnaden zu uns ebensolches Vertrauen hegt, wie -unser Zar, so fahre in deine Heimat nach dem stillen -Don, uns aber hinterlasse das Flöhchen, wie es ist, im -Futteral und in der goldenen zarischen Tabaksdose. Lustwandle -am Don und heile die Wunden, die du fürs Vaterland -erhieltest. Wenn du aber durch Tula zurückkehren -wirst — so mache Halt und laß uns rufen: Wir werden -bis zu dieser Zeit, wenn Gott es will, irgend etwas ausdenken«. -</p> - -<p> -Platow war nicht völlig damit zufrieden, daß die -Tulaer so viel Zeit verlangten und dabei noch nicht -einmal deutlich aussprachen, was sie eigentlich zu tun -gedächten. Er frug sie so und anders und sprach auf -jede Weise mit ihnen, schlau, auf Donsche Art. Die -Tulaer gaben ihm aber an Schläue nicht das Geringste -nach, weil sie sogleich schon einen solchen Gedanken -hegten, von dem sie nicht einmal hofften, daß sogar -Platow ihnen glauben werde. Sie wollten vielmehr unmittelbar -ihren Gedanken ausführen, und dann auch die -Sache übergeben. -</p> - -<p> -Sie sprechen: -</p> - -<p> -<a id="page-234" class="pagenum" title="234"></a> -»Wir wissen selber noch nicht, was wir tun werden. -Wir hoffen nur auf Gott, und das Wort des Zaren wird -wohl nicht durch uns zuschanden werden.« -</p> - -<p> -So versuchte es denn Platow mit Kniffen, die Tulaer -aber gleichfalls. -</p> - -<p> -Platow verstellte sich, verstellte sich lange und sah, -daß er die Tulaer nicht überlisten werde. Er gab ihnen -endlich die Tabaksdose mit dem »Nymphusorium« und -sprach: -</p> - -<p> -»Nun, da ist nichts zu machen; möge es«, spricht er, -»nach eurem Willen gehen. Ich kenne euch, was ihr für -Leute seid, nun, gleichwohl, da ist nichts zu machen. Ich -vertraue euch, schaut nur zu, daß ihr den Brillanten nicht -umtauscht und verderbt nicht die feine englische Arbeit -und braucht auch nicht zulange Zeit, weil ich rasch reise; -es werden nicht zwei Wochen vergangen sein, so werde -ich vom stillen Don wiederum nach Petersburg zurückkehren -— daß dann unbedingt etwas dem Kaiser zu zeigen -da sei.« -</p> - -<p> -Die Waffenschmiede beruhigten ihn vollauf: -</p> - -<p> -»Der feinen Arbeit werden wir« — sprechen sie — -»keinen Schaden tun, und den Brillanten werden wir -nicht umtauschen. Zwei Wochen ist uns aber Zeit genug, -und wann du zurückkehren wirst, wird dir <em>irgend -etwas</em> dargeboten, was würdig ist der Herrlichkeit des -Zaren vorgelegt zu werden!« -</p> - -<p> -Aber <em>was</em> eigentlich, das haben sie nicht gesagt! -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-6"> -VI -</h3> - -<p class="noindent"> -Platow reiste aus Tula ab, die Waffenschmiede aber, -drei Mann, die allerkunstfertigsten — einer von ihnen -<a id="page-235" class="pagenum" title="235"></a> -schieläugig und linkshändig, trägt auf der Backe ein -Muttermal, und an den Schläfen sind ihm die Haare -schon in seiner Lehrzeit ausgerissen worden — verabschiedeten -sich von ihren Kameraden und Familienangehörigen, -und ohne irgend wem irgend etwas zu -sagen, nahmen sie eine Tasche, legten da hinein, was zu -essen nötig ist, und verschwanden aus der Stadt. -</p> - -<p> -Man hatte nur bemerkt, daß sie nicht nach dem Moskauer -Stadttor gingen, vielmehr auf die entgegengesetzte -Kiewer Seite, und man glaubte, sie seien nach Kiew gegangen: -die verstorbenen Wundertäter anzubeten oder -sich dort mit irgend einem von den noch lebenden heiligen -Männern zu beraten, die es immer im Überfluß in -Kiew gab. -</p> - -<p> -Das war alles nur der Wahrheit nahe, nicht aber die -Wahrheit selber. Weder die Zeit noch die Entfernung -erlaubten es den Tulaer Meistern, in drei Wochen zu -Fuß nach Kiew zu ziehen, und dazu noch eine für die -englische Nation beschämende Arbeit zu verrichten. -Eher hätten sie noch nach Moskau beten gehen können, -wohin es im ganzen zweimal 90 Werst sind, und heilige -Wundertäter gibt es auch dort zu verehren nicht weniger. -Nach der anderen Seite — bis Orjol, sind es ebensolche -zweimal 90 Werst, und über Orjol hinaus bis Kiew sind -es wiederum noch gute 500 Werst. Einen solchen Weg -wirst du nicht rasch zurücklegen, und wenn du ihn -zurückgelegt hast, wirst du nicht so rasch ausruhen — -lange noch werden dir die Beine steif sein und die -Hände zittern. -</p> - -<p> -Einigen kam es sogar so vor, als ob die Meister sich -vor Platow nur gebrüstet hätten, nachher aber, nachdem -<a id="page-236" class="pagenum" title="236"></a> -sie sich die Sache überlegt hatten, bange geworden und -ganz davongelaufen wären, sowohl die goldene Tabaksdose -mit sich fortnehmend, wie den Brillanten und den -englischen stählernen Floh im Futteral, der ihnen soviel -Aufregung verursacht hatte. -</p> - -<p> -Indes war eine solche Annahme gleichfalls völlig unbegründet -und kunstfertiger Leute, auf denen nunmehr -die Hoffnung der Nation beruhte, unwürdig. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-7"> -VII -</h3> - -<p class="noindent"> -Die Tulaer, gescheite Leute und erfahren in Metallarbeiten, -sind gleichfalls berühmt als erstklassige Kenner -in der Religion. Ihres Ruhmes in dieser Hinsicht ist -sowohl die heimische Erde voll wie sogar der heilige -Athos: sie sind nicht nur Meister im Singen mit Variationen, -sie wissen vielmehr auch, wie das Bild »Der -abendliche Klang« gemalt wird. Und wenn jemand von -ihnen sich größere Opfer auferlegt und ins Mönchstum -übertritt, so werden aus ihnen die allerbesten Klosterökonomen -und gehen aus ihnen die allerfähigsten Gabeneinsammler -hervor. Auf dem heiligen Athos aber weiß -man, daß die Tulaer — das allergewinnbringendste Volk -sind, und wenn sie nicht wären, so hätten die dunklen -Winkel Rußlands wahrscheinlich nicht sehr viele Heiligtümer -des fernen Ostens gesehen, und der Athos hätte -viele nützliche Darbringungen russischer Freigebigkeit -und Frömmigkeit entbehren müssen. Jetzt aber fahren -die Tulaer vom Athos Heiligtümer in unserm ganzen -Vaterlande umher und sammeln meisterhaft milde Gaben -auch dort, wo eigentlich gar nichts zu holen ist. Der -Tulaer ist erfüllt von kirchlicher Frömmigkeit und dabei -<a id="page-237" class="pagenum" title="237"></a> -ein großer Praktiker in dieser Sache, und deshalb begingen -auch die drei Meister, die es auf sich genommen -hatten, Platow zu unterstützen und mit ihm ganz Rußland, -durchaus keinen Fehler, als sie sich nicht nach -Moskau, vielmehr nach dem Süden aufmachten. Sie -gingen aber nicht nach Kiew, vielmehr nach Mzensk, -einer Kreisstadt im Orlowschen Gouvernement, in der -ein altes steingemeißeltes Heiligenbild des heiligen -Nikolai steht, das in den allerältesten Zeiten auf einem -großen, gleichfalls steinernen Kreuz auf dem Fluß Suscha -dahergeschwommen kam. Dies Heiligenbild ist von -strengem und schrecklichem Aussehen, der Heilige ist -auf ihm in Lebensgröße dargestellt, ganz angetan mit -einem vergoldeten Silbergewand, dunkel von Angesicht, -und in einer Hand hält er einen Tempel, in -der andern — das Schwert, das Zeichen des Sieges. -Und grade in diesem »Zeichen des Sieges« war auch -der Sinn der Sache beschlossen: der heilige Nikolai -ist überhaupt der Beschützer in Handels- und Kriegsangelegenheiten, -und der Nikolai von Mzensk ganz -im Besondern, und grade vor ihm sich zu verneigen, -waren auch die Tulaer gekommen. Sie ließen einen -Bittgottesdienst unmittelbar beim Heiligenbilde halten, -dann beim steinernen Kreuz, endlich kehrten sie bei -Nacht nach Hause zurück, und ohne irgendwem -irgend etwas zu sagen, machten sie sich in furchtbarer -Heimlichkeit ans Werk. Sie gingen alle drei in ein -und dasselbe Häuschen zum Linkser, schlossen die -Türen und die Fensterläden, entzündeten vor dem Heiligenbild -des Nikolai das Lämpchen und begannen zu -arbeiten. -</p> - -<p> -<a id="page-238" class="pagenum" title="238"></a> -Einen Tag, zwei, drei sitzen sie und gehen nicht aus, -immer klopfen sie nur mit den Hämmerchen. Sie schmieden -irgend etwas, was sie aber schmieden — ist unbekannt. -</p> - -<p> -Alle sind neugierig, aber niemand kann etwas erfahren, -weil die Arbeitenden gar nichts erzählen und -sich nach außen nicht zeigen. Verschiedene Leute gingen -zum Häuschen, klopften unter mannigfachen Vorwänden -an die Türe, um Feuer oder um Salz zu bitten. Die drei -Meister öffneten aber auf gar keine Bitte, und sogar -womit sie sich nährten — war unbekannt. Man versuchte -sie zu erschrecken: man tat so, als brenne in der Nachbarschaft -ein Haus — ob sie nicht vor Schrecken -herausspringen würden, und es sich dann offenbaren -werde, was von ihnen geschmiedet sei. Nichts aber verführte -diese schlauen Meister: einmal nur streckte sich -der Linkser bis zur Schulter aus dem Fenster heraus und -schrie: -</p> - -<p> -»Brennt ihr nur für euch, wir aber haben keine Zeit« — -und wiederum verbarg er seinen zerrupften Kopf, warf -den Laden zu und machte sich an seine Arbeit. -</p> - -<p> -Nur durch die kleinen Spalten war zu sehen, wie im -Innern des Hauses das Feuerchen leuchtete, es war auch -zu hören, daß feine Hämmerchen auf feinen Amboßen -pochten. -</p> - -<p> -Mit einem Worte, die ganze Sache ward in so furchtbarem -Geheimnis ausgeführt, daß es unmöglich war, -irgend etwas zu erfahren, und dabei zog sie sich hin bis -gerade zur Rückkehr des Kosaken Platow vom stillen Don -zum Kaiser; und in dieser ganzen Zeit sahen und sprachen -die Meister niemanden. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-8"> -<a id="page-239" class="pagenum" title="239"></a> -VIII -</h3> - -<p class="noindent"> -Platow fuhr sehr rasch und mit »Zeremonie«: selber -saß er im Wagen, auf dem Bock aber befanden sich zwei -Kosaken mit Knuten zu beiden Seiten des Fuhrmanns -und schlugen ihn erbarmungslos, damit er galoppieren -lasse. Wenn aber einer der Kosaken einschlafen wollte, -so stieß ihn Platow selber aus dem Wagen heraus mit -dem Fuß, und noch böser jagten sie dahin. Die Maßnahmen -zur Ermunterung wirkten derart erfolgreich, -daß man auf keiner Station die Pferde anhalten konnte, -sie vielmehr hundert Sprünge an dem Anhaltsorte vorbeigaloppierten. -Dann »wirkte« wiederum der Kosak -auf den Fuhrmann in umgekehrter Richtung, und sie -kehrten zur Auffahrt zurück. -</p> - -<p> -So kamen sie auch in Tula an — sie flogen um hundert -Galoppsprünge an dem Moskauer Schlagbaum vorüber, -darauf aber wirkte der Kosak auf den Fuhrmann nach -der entgegengesetzten Richtung ein, und sie begannen -dann bei dem Haustor frische Pferde anzuspannen. -</p> - -<p> -Platow stieg gar nicht aus, er befahl nur einem Kurier, -möglichst rasch die Handwerker zu ihm zu führen, denen -er den Floh hinterlassen hatte. -</p> - -<p> -Der Kurier kam herbeigelaufen: sie möchten möglichst -rasch kommen und seinem Herrn die Arbeit bringen, -durch die sie die Engländer zuschanden machen sollten; -und kaum war dieser Kurier fortgelaufen, als Platow ihm -noch neue Boten nachsandte, damit es möglichst rasch -gehe. -</p> - -<p> -Alle seine Leute hatte er ausgeschickt und begann bereits -einfache Leute aus dem neugierigen Publikum auszusenden, -ja sogar selber streckt er vor Ungeduld seinen -<a id="page-240" class="pagenum" title="240"></a> -Fuß aus dem Wagen und selber will er vor Ungeduld -hinlaufen und mit den Zähnen knirscht er nur so — -immer scheint es ihm noch nicht rasch genug. -</p> - -<p> -So ward in damaliger Zeit alles genau und rasch verlangt, -damit auch keine Minute für den Nutzen Rußlands -verloren gehe. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-9"> -IX -</h3> - -<p class="noindent"> -Die Tulaer Meister, die ein erstaunliches Werk verrichtet -hatten, beendeten in dieser Zeit grade nur eben -ihre Arbeit. Die Boten kamen keuchend zu ihnen gelaufen, -die einfachen Leute aber aus dem neugierigen -Publikum kamen überhaupt nicht bis ans Ziel, weil sie -aus Ungewohntheit unterwegs ihre Beine verloren hatten -und hingestürzt waren, und dann auch aus Furcht, um -Platow nicht vor die Augen zu treten, sich nach Hause -geschlichen, ja, und wo es sich grade traf, sich versteckt -hatten. -</p> - -<p> -Als aber die Kuriere herbeigaloppiert kamen, fingen -sie sogleich zu schreien an, und wie sie sahen, daß die -Meister nicht öffneten, begannen sie sofort ohne Zeremonie -die Riegel an den Läden abzureißen; die Bolzen -saßen aber so fest, daß sie nicht im Geringsten nachgaben; -sie rissen an den Türen, die Türen waren aber von innen -zugeriegelt mit eichenen Riegeln. Da nahmen die Boten -einen Balken von der Straße, stemmten ihn nach Art -der Feuerwehrleute unter den Dachsattel und schoben -das Dach von dem kleinen Hause auf einmal weg. Sie -nahmen das Dach ab und selber stürzten sie sogleich -zu Boden, weil von den Meistern im engen Häuschen -von der ununterbrochenen Arbeit in der Luft eine solche -»Schweißspirale« entstanden war, daß der Ungewohnte, -<a id="page-241" class="pagenum" title="241"></a> -der aus der frischen Luft kommt, kein einziges Mal atmen -kann. -</p> - -<p> -Die Boten schreien: -</p> - -<p> -»Was macht ihr denn, ihr, so und so, ihr Pack, daß -ihr uns auch noch mit einer solchen ‚Spirale‘ zu betäuben -wagt! Habt ihr etwa keinen Gott mehr?« -</p> - -<p> -Die aber antworten: -</p> - -<p> -»Wir sind ja sogleich fertig. Wir schlagen soeben noch -das letzte Nägelchen ein, und wenn wir es eingeschlagen -haben, dann werden wir unsere Arbeit selber hinaustragen.« -</p> - -<p> -Die Boten aber sprechen: -</p> - -<p> -»Er wird uns bis dahin lebendig auffressen und nichts -zum Gedächtnis der Seele zurücklassen.« -</p> - -<p> -Die Meister aber sagen: -</p> - -<p> -»Er wird nicht Zeit haben, euch zu verschlucken, -weil, bis ihr gesprochen habt, bei uns auch schon dieser -letzte Nagel eingeschlagen ist. Lauft und sagt, daß wir -die Sache sogleich bringen.« -</p> - -<p> -Die Boten liefen, waren aber nicht überzeugt — sie -glaubten, daß die Meister sie betrügen würden; und deshalb -liefen sie zwar so rasch sie konnten, sie schauten sich -aber ständig um; die Meister kamen aber hinter ihnen -her und eilten so sehr, daß sie sich sogar nicht völlig -angekleidet hatten, wie es sich gehört, um vor einer wichtigen -Persönlichkeit zu erscheinen, sie schlossen vielmehr -noch im Gehen die Haken an ihren Röcken. Zwei -von ihnen trugen überhaupt nichts in Händen, der dritte -aber, der Linkser, hielt im grünen Futteral die zarische -Schatulle mit dem englischen stählernen Floh. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-10"> -<a id="page-242" class="pagenum" title="242"></a> -X -</h3> - -<p class="noindent"> -Die Boten laufen zu Platow und sprechen: -</p> - -<p> -»Da sind sie jetzt selber hier!« -</p> - -<p> -Platow spricht sogleich zu den Meistern: -</p> - -<p> -»Ist es fertig?« -</p> - -<p> -»Alles«, antworten sie, »ist fertig!« -</p> - -<p> -»Gebt her!« -</p> - -<p> -Sie gaben es. -</p> - -<p> -Die Equipage war aber bereits angespannt, und Fuhrmann -und Vorreiter an ihrem Platz. Die Kosaken setzten -sich sogleich schon neben den Fuhrmann und erhoben die -Nagaiken über ihn, und so ausholend halten sie sie auch. -</p> - -<p> -Platow riß das grüne Futteral ab, öffnete die Schatulle, -nahm aus der Watte die goldene Tabaksdose heraus, aus -der Tabaksdose die brillantene Nuß — und sieht: der -englische Floh liegt dort wie er war, aber außer ihm ist -nichts weiter da. -</p> - -<p> -Platow spricht: -</p> - -<p> -»Was ist denn das? Wo ist denn eure Arbeit, mit der -ihr den Kaiser erfreuen wolltet?« -</p> - -<p> -Die Waffenschmiede antworten: -</p> - -<p> -»Da ist auch unsere Arbeit!« -</p> - -<p> -Platow spricht: -</p> - -<p> -»Worin ist sie denn beschlossen?« -</p> - -<p> -Die Waffenschmiede antworten: -</p> - -<p> -»Wozu das erklären? Alles ist hier vor Eurem Blick — -schaut nur selber zu!« -</p> - -<p> -Platow zuckt die Achseln und schreit: -</p> - -<p> -»Wo ist aber der Schlüssel zum Floh?« -</p> - -<p> -»Aber da« — antworten sie — »wo der Floh ist, da ist -auch der Schlüssel, in derselben Nuß!« -</p> - -<p> -<a id="page-243" class="pagenum" title="243"></a> -Platow wollte den Schlüssel fassen, die Finger waren -aber bei ihm zu kurz und zu dick; er bemühte sich lange -Zeit — konnte aber auf keine Weise weder den Floh -erfassen, noch das Schlüsselchen zu dem Uhrwerk in -seinem Bauch. Plötzlich erzürnte er sich und begann zu -schimpfen auf kosakische Art. -</p> - -<p> -Er schrie: -</p> - -<p> -»Was habt ihr denn, ihr Halunken, gar nichts getan, -ja dazu noch am Ende gar die ganze Sache verdorben! -Ich werde euch den Kopf abreißen!« -</p> - -<p> -Die Tulaer geben ihm zur Antwort: -</p> - -<p> -»Ganz umsonst beleidigen Sie uns so — wir müssen -von Ihnen, als dem Abgesandten des Kaisers, alle Beleidigungen -erdulden. Deswegen aber, weil Sie an uns -zweifelten und glaubten, daß wir sogar den kaiserlichen -Namen zu betrügen fähig seien — werden wir Ihnen -jetzt das Geheimnis unserer Arbeit nicht eröffnen. Geruhen -Sie doch dieses Ding zum Kaiser zu bringen — -er wird erkennen, was für Leute er an uns hat, und ob -er sich unserer zu schämen braucht!« -</p> - -<p> -Platow schrie: -</p> - -<p> -»Nun, so lügt ihr denn, ihr Schufte! Ich werde mich -aber von euch nicht so trennen, vielmehr wird einer -von euch mit mir nach Petersburg fahren, und ich werde -schon von ihm herausbekommen, was eure Schlauheiten -sind!« -</p> - -<p> -Damit streckte er die Hand aus, faßte mit seinen kurzen -Fingern den schieläugigen Linkser am Kragen, so daß -bei ihm alle Haken vom Rock abflogen, und stieß ihn -zu sich in den Wagen, zu seinen Füßen. -</p> - -<p> -»Sitze hier« — spricht er — »bis nach Petersburg, wie -<a id="page-244" class="pagenum" title="244"></a> -ein Pudel. Du wirst mir alle verantworten. Ihr aber«, -spricht er zu den Boten, »jetzt heida! Sperrt nicht das -Maul auf, damit ich übermorgen in Petersburg beim -Zaren bin!« -</p> - -<p> -Die Meister wagten nur für ihren Kameraden einzutreten: -»Wie denn, Sie werden ihn von uns so ohne ein -‚Tugament‘ wegführen? Ihm wird es unmöglich sein, -zurückzukommen!« Platow aber zeigte ihnen statt -der Antwort nur die Faust, eine so furchtbare — sie -ist rotbraun, ganz mit Narben bedeckt, und irgendwie -zusammengewachsen — und drohend spricht er: »Da -habt ihr das ‚Tugament‘!« Den Kosaken aber schrie -er zu: -</p> - -<p> -»Heida, Kinder!« -</p> - -<p> -Die Kosaken, die Fuhrleute und die Pferde — alles -begann gleichzeitig zu arbeiten, und man entführte den -Linkser ohne Dokument; und einen Tag später, wie -Platow befohlen hatte, fuhr man auch schon beim Palast -des Zaren vor, und sogar galoppierend, wie es sich gehörte, -fuhren sie bei den Säulen vorbei. -</p> - -<p> -Platow stand auf, hing die Orden an und ging zum -Kaiser, befahl aber den ihn begleitenden Kosaken, -den schieläugigen Linkser beim Eingang zu bewachen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-11"> -XI -</h3> - -<p class="noindent"> -Platow fürchtete sich, dem Kaiser vor Augen zu treten, -weil Nikolai Pawlowitsch alles bemerkte und im Gedächtnis -behielt; nichts pflegte er zu vergessen. Platow -wußte, daß er ihn unbedingt nach dem Floh fragen -werde. Und wenn er auch keinen Feind auf der ganzen -Welt fürchtete, so fürchtete er sich in diesem Falle doch: -<a id="page-245" class="pagenum" title="245"></a> -er ging ins Schloß mit der kleinen Schatulle und stellte -sie ganz leise im Saal hinter den Ofen. -</p> - -<p> -Nachdem er die Schatulle verborgen hatte, ging Platow -zum Kaiser ins Kabinett und begann rasch zu berichten, -was die Kosaken am stillen Don für Gespräche unter -einander führen. Er beschloß so: hiermit den Kaiser zu -beschäftigen und dann, wenn der Kaiser sich selber entsinnen -und von dem Floh beginnen werde, werde es -nötig sein, ihn herzugeben und Rede zu stehen; wenn -er aber davon nicht anfange, dann zu schweigen, die -Schatulle dem Kammerdiener zu verstecken befehlen -und den Tulaer Linkser auf unbestimmte Zeit in eine -Festungskasematte zu stecken, damit er dort sitze bis zu -der Zeit, daß man seiner bedürfen werde. -</p> - -<p> -Kaiser Nikolai Pawlowitsch hatte aber gar nichts vergessen, -und kaum hatte Platow seinen Bericht über die -Gespräche der Kosaken untereinander geendet, so fragte -er ihn auch schon sogleich: -</p> - -<p> -»Aber wie denn, wie haben meine Tulaer Meister -sich gerechtfertigt gegenüber dem englischen ‚Nymphusorium‘?« -</p> - -<p> -Platow antwortete in der Weise, wie ihm die Sache zu -sein schien. -</p> - -<p> -»Das ‚Nymphusorium‘« — spricht er — »Eure Majestät, -ist immer noch auf der Welt, und ich habe es zurückgebracht, -die Tulaer Meister haben aber nichts Erstaunliches -zu tun vermocht.« -</p> - -<p> -Der Kaiser antwortet: -</p> - -<p> -»Du bist ein tapferer Greis, doch das, was du mir da -vorbringst, kann nicht so sein.« -</p> - -<p> -Platow begann ihn zu überzeugen und erzählte, wie -<a id="page-246" class="pagenum" title="246"></a> -die ganze Sache verlief, und als er bis dahin gelangt war, -daß die Tulaer ihn baten, den Floh dem Kaiser zu zeigen, -da klopfte ihm Nikolai Pawlowitsch auf die Schulter -und sagte: -</p> - -<p> -»Bring her. Ich weiß, daß die Meinigen mich nicht -betrügen können. Da ist irgend etwas über das Verstehen -hinaus geschehen!« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-12"> -XII -</h3> - -<p class="noindent"> -Man brachte die Schatulle hinter dem Ofen hervor, -nahm von ihr die Decke, enthüllte die goldene Tabaksdose -und die brillantene Nuß — in ihr aber liegt der -Floh, wie er vordem gewesen war und wie er früher -gelegen hatte. -</p> - -<p> -Der Kaiser schaute hin und sprach: -</p> - -<p> -»Das ist eine List!« — Aber von seinem Glauben an -die russischen Meister verlor er gar nichts. Er befahl, -seine Lieblingstochter Alexandra Nikolajewna zu rufen -und sagte ihr: -</p> - -<p> -»An deinen Händen hast du feine Finger! Nimm das -kleine Schlüsselchen und ziehe rasch in diesem ‚Nymphusorium‘ -die Bauchmaschine auf!« -</p> - -<p> -Die Prinzessin begann mit dem Schlüsselchen zu -drehen, und der Floh bewegte sogleich seinen Schnurrbart, -aber mit den Füßen rührte er sich nicht. Alexandra -Nikolajewna zog das ganze Uhrwerk auf, aber das -»Nymphusorium« tanzte trotzdem kein »Dansé« und -ließ keine einzige »Variation« los wie vordem. -</p> - -<p> -Platow ward ganz grün und schrie: -</p> - -<p> -»Ach, das sind hündische Schelme! Jetzt verstehe -ich, weshalb sie mir dort nichts sagen wollten. Es ist -<a id="page-247" class="pagenum" title="247"></a> -noch gut, daß ich einen Dummkopf von ihnen mit mir -nahm!« -</p> - -<p> -Mit diesen Worten lief er zur Auffahrt, packte den -Linkser an den Haaren und begann ihn dahin und dorthin -zu zausen, so, daß die Haarbüschel nur so flogen. -Jener aber, als Platow aufhörte, ihn zu schlagen, machte -sich nur zurecht und spricht: -</p> - -<p> -»Man hat mir so schon in der Lehre alle Schopfhaare -ausgerissen, ich weiß nur nicht wegen welcher Notwendigkeit -man eine solche Wiederholung vornimmt?« -</p> - -<p> -»Das ist deshalb« — spricht Platow — »weil ich auf -euch hoffte und mich verpflichtete. Ihr aber habt diese -seltene Sache verdorben!« -</p> - -<p> -Der Linkser antwortet: -</p> - -<p> -»Gar sehr sind wir zufrieden, daß du dich für uns -verpflichtetest, verdorben haben wir aber gar nichts: -Nehmt und schaut durch das allerstärkste ‚Winzigglas‘.« -</p> - -<p> -Platow lief zurück, um von dem ‚Winzigschauer‘ zu -erzählen, dem Linkser aber drohte er nur: -</p> - -<p> -»Ich werde dir« — spricht er — »du ... so und so ... -noch etwas geben ...« -</p> - -<p> -Und er befiehlt seinen Leuten, dem Linkser noch -stärker die Ellenbogen zurückzubinden, selber aber steigt -er die Stufen hinauf, keucht und spricht sein Gebet: »Gesegnete -Mutter des gesegneten Königs, Allerreinste und -Reine ...« usw., wie es sich gehört. Die zarischen Hofdiener, -die auf den Stufen stehen, wenden sich alle von -ihm ab und denken: Platow ist hineingefallen, und sogleich -wird man ihn aus dem Schloß wegjagen — denn -sie konnten ihn nicht ausstehen wegen seiner Tapferkeit. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-13"> -<a id="page-248" class="pagenum" title="248"></a> -XIII -</h3> - -<p class="noindent"> -Als Platow dem Kaiser die Worte des Linksers hinterbrachte, -spricht der sogleich mit Freuden: -</p> - -<p> -»Ich weiß, daß meine Russen mich nicht betrügen -werden« — und befahl, den »Winzigschauer« auf einem -Kissen zu reichen. -</p> - -<p> -In einem Augenblick ward der ‚Winzigschauer‘ gebracht, -und der Kaiser nahm den Floh und legte ihn -unter das Glas: zuerst mit dem Rücken nach oben, dann -mit der Seite, dann mit dem Bäuchelchen — mit einem -Worte, man drehte ihn nach allen Seiten, sah aber garnichts. -Der Kaiser verlor aber auch da nicht seinen -Glauben, er sagte nur: -</p> - -<p> -»Man führe jenen Waffenschmied, der sich unten befindet, -sogleich hierher zu mir.« -</p> - -<p> -Platow berichtet: -</p> - -<p> -»Man müßte ihn umkleiden — er ward genommen wie -er war und ist jetzt gar sehr in schlechtem Aussehen.« -</p> - -<p> -Der Kaiser aber antwortet: -</p> - -<p> -»Das tut nichts, man bringe ihn so, wie er ist.« -</p> - -<p> -Platow spricht: -</p> - -<p> -»Nun gehe jetzt selber, du, so und so, vor den Augen -des Kaisers zu antworten.« -</p> - -<p> -Der Linkser aber sagt: -</p> - -<p> -»Was ist denn dabei, ich werde gehen, und werde auch -antworten!« -</p> - -<p> -Er kommt so, wie er war: in abgetretenen Stiefeln, ein -Hosenbein im Stiefel, das andere baumelt herum, sein -breiter Rock ist ältlich, die Haken schließen nicht, sie -fehlen sogar, und der Kragen ist zerrissen; er geniert sich -aber garnicht. -</p> - -<p> -<a id="page-249" class="pagenum" title="249"></a> -»Wie denn« — denkt er — »wenn es dem Zaren gefällig -ist, mich zu sehen — so muß ich eben kommen; -wenn ich aber kein ‚Tugament‘ habe — so bin ich daran -unschuldig und werde erzählen, wie sich die Sache zutrug.« -</p> - -<p> -Als der Linkser eintrat und sich verneigte, spricht der -Kaiser sogleich schon zu ihm: -</p> - -<p> -»Was bedeutet das denn, Brüderchen, daß wir so und -so zuschauten und den Floh unter den ‚Winzigschauer‘ -legten, aber nichts Bemerkenswertes erschauten.« -</p> - -<p> -Der Linkser aber antwortet: -</p> - -<p> -»Haben Sie, Euer Majestät, denn richtig zu schauen -geruht?« -</p> - -<p> -Die Höflinge geben ihm ein Zeichen: »Du sprichst -nicht so, wie ’s sich gehört!« Er aber versteht nicht, wie -es nötig ist auf Höflingsart mit Schmeichelei oder mit -List, er antwortet vielmehr ganz einfach. Der Kaiser -spricht: -</p> - -<p> -»Hört doch auf, ihn zu schulmeistern — er soll antworten, -wie er es versteht.« -</p> - -<p> -Und sogleich erklärte er ihm: -</p> - -<p> -»Wir,« spricht er, »haben <a id="corr-33"></a>ihn so hingelegt« — und er -legte den Floh unter den Winzigschauer. »Schau nur -selber«; spricht er — »es ist nichts zu sehen.« -</p> - -<p> -Der Linkser antwortet: -</p> - -<p> -»Euer Majestät, so ist es auch gar nicht möglich, irgend -etwas zu sehen, weil nämlich unsere Arbeit gegenüber -einem solchen Maßstab bei weitem geheimnisvoller -ist.« -</p> - -<p> -Der Kaiser fragte: -</p> - -<p> -»Wie soll man dann aber?« -</p> - -<p> -<a id="page-250" class="pagenum" title="250"></a> -»Man muß« — spricht er — »nur sein einzelnes Füßchen -unter den ganzen ‚Winzigschauer‘ führen und im -einzelnen auf jedes Ferschen schauen, womit er auftritt.« -</p> - -<p> -»Erbarme dich, sag’ einmal« — spricht der Kaiser — -»dies ist schon allzufein.« -</p> - -<p> -»Aber was soll man denn machen« — antwortet der -Linkser — »wenn man nur so unsere Arbeit bemerken -kann: dann wird sich auch das ganze Staunen offenbaren.« -</p> - -<p> -Sie legten den Floh so hin, wie der Linkser gesagt -hatte, und als der Kaiser nur eben in das obere Glas -schaute, so strahlte er auch nur so — er nahm den -Linkser, so wie er war, unfrisiert und ungewaschen, voll -Staub — umarmte ihn und küßte ihn, darauf aber -wandte er sich an alle Hofleute und sagte: -</p> - -<p> -»Seht ihr, ich wußte besser als ihr alle, daß meine -Russen nicht versagen werden. Schaut bitte hin, die -Schelme haben dem englischen Floh Hufeisen angeschmiedet!« -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-14"> -XIV -</h3> - -<p class="noindent"> -Alle begannen heranzutreten und zu schauen: der -Floh trug tatsächlich an allen seinen Füßen wirkliche -Hufeisen, der Linkser aber bemerkte, daß auch dies -nicht das ganze Erstaunliche sei. -</p> - -<p> -»Wenn« — spricht er — »ein besserer ‚Winzigschauer‘ -da wäre, der fünfmillionenmal vergrößert, so würden -Sie,« spricht er, »geruhen zu erschauen, daß auf jedem -Hufeisenchen der Name steht: welcher russische Meister -dieses Hufeisen schmiedete.« -</p> - -<p> -»Ist auch dein Name dabei?« -</p> - -<p> -<a id="page-251" class="pagenum" title="251"></a> -»Keineswegs« — antwortet der Linkser — »eben mein -Name fehlt nur.« -</p> - -<p> -»Weshalb denn?« -</p> - -<p> -»Aber deshalb« — spricht er — »weil ich noch feinere -Arbeit leistete: Ich schmiedete die Nägelchen, mit denen -die Hufeisen angeschlagen sind — die vermag schon -kein ‚Winzigschauer‘ zu erfassen.« -</p> - -<p> -Der Kaiser fragte: -</p> - -<p> -»Wo ist dann aber euer ‚Winzigschauer‘, mit dem ihr -dieses Wunder vollbringen konntet?« -</p> - -<p> -Der Linkser antwortet: -</p> - -<p> -»Wir sind arme Leute und haben wegen unserer -Armut keinen ‚Winzigschauer‘, bei uns ist vielmehr unser -Auge so gewöhnt.« -</p> - -<p> -Da begannen auch die übrigen Höflinge, sehend, daß -die Sache des Linksers gewonnen war, ihn zu küssen. -Platow aber gab ihm hundert Rubel und sprach: -</p> - -<p> -»Verzeih’ mir, Brüderchen, daß ich dich an den Haaren -zog!« -</p> - -<p> -Der Linkser antwortet: -</p> - -<p> -»Gott wird dir verzeihen — da ist uns nicht zum -ersten Male ein solcher Schnee auf den Kopf gefallen!« -</p> - -<p> -Mehr aber sprach er nicht, und er hatte auch keine -Zeit mit irgendwem zu sprechen, weil der Kaiser befahl, -schon sogleich dieses behufte »Nymphusorium« einzupacken -und nach England zurückzuschicken — in der Art -eines Geschenkes, damit man dort verstehe, daß uns dies -nicht erstaunlich sei. Und es befahl der Kaiser, daß ein -besonderer Kurier, der alle Sprachen versteht, den Floh -bringen, und daß sich der Linkser bei ihm befinden -<a id="page-252" class="pagenum" title="252"></a> -solle, damit er selber den Engländern die Arbeit zeigen -könne, und was es für Meister bei uns in Tula gibt. -</p> - -<p> -Platow bekreuzte ihn: -</p> - -<p> -»Möge« — spricht er — »über dir Segen sein, auf den -Weg aber werde ich dir meinen eigenen Bittern senden. -Trinke nicht viel und nicht wenig, trinke vielmehr mittelmäßig!« -</p> - -<p> -So tat er auch — er schickte ihm seinen Bittern. -</p> - -<p> -Graf Kiselwrode aber befahl, daß man den Linkser in -den Tuljakowschen öffentlichen Bädern bade, ihm beim -Barbier die Haare schneide und ihm einen Paradekaftan -von einem Hofsänger anziehe, damit es so aussehe, als -habe er irgend einen besondern Rang. -</p> - -<p> -Als sie ihn auf diese Weise umgebildet und zur Reise -mit Tee und Platowschem Bittern getränkt hatten, zogen -sie ihm den Gürtelriemen möglichst eng, damit die Därme -nicht schlotterten, und führten ihn nach London. Von -daher bekam der Linkser auch ausländische »Ansichten« -zu schauen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-15"> -XV -</h3> - -<p class="noindent"> -Die Kuriere mit dem Linkser reisten sehr rasch, so -daß sie von Petersburg bis London nirgends Rast -machten, vielmehr zogen sie auf jeder Station den Gürtel -noch um ein Loch enger, damit sich die Gedärme nicht -mit den Lungen vermengen sollten. Da aber dem -Linkser nach der Vorstellung beim Kaiser auf Befehl -Platows auf Kronskosten eine Schnapsportion nach Gutdünken -bewilligt war, so hielt er sich ohne zu essen -damit allein aufrecht und sang durch ganz Europa hindurch -russische Lieder, nur den Kehrreim sang er auf -ausländische Weise: — »ai — ljuli — ssee tree schuli.« -</p> - -<p> -<a id="page-253" class="pagenum" title="253"></a> -Der Kurier brachte ihn nach London, zeigte sich, bei -wem es nötig war, gab die Schatulle ab, führte den -Linkser in ein Gasthaus und mietete für ihn ein Zimmer. -Dem aber ward es dort bald langweilig, und ihn verlangte -es zu essen. Er pochte an die Türe und deutete sich -vor dem Aufwartenden auf den Mund. Der aber führte -ihn sogleich schon in das Speisenempfangszimmer. -</p> - -<p> -Der Linkser setzt sich dort an den Tisch und sitzt da. -Irgend etwas auf englisch zu fragen — versteht er aber -nicht. Darauf erriet er es: wiederum pocht er einfach -mit dem Finger auf den Tisch und zeigt sich auf den -Mund — die Engländer erraten und tragen auf, nur nicht -immer das, was nötig ist. Er nimmt aber das nicht an, -was ihm nicht paßt. Man gab nach ihrer Zubereitung -heißen Pudding »im Feuer«. Er spricht: »ich weiß nicht, -daß man so etwas essen kann« — und aß auch nicht. Sie -tauschten es ihm um und gaben ihm ein anderes Gericht. -Ebenso wollte er nicht ihren Schnaps trinken, weil er -grün war — als sei er mit Grünspan angesetzt. Er wählte -vielmehr das Allernatürlichste und erwartete den Kurier -gemütlich hinter einem Fläschchen. -</p> - -<p> -Die Leute aber, denen der Kurier das »Nymphusorium« -gegeben hatte, beschauten es alsogleich durch -den allerstärksten »Winzigschauer« und sogleich schickten -sie auch eine Beschreibung in die öffentlichen Nachrichten, -damit morgen schon zur allgemeinen Kunde ein -»Kleveton« erscheine. -</p> - -<p> -»Diesen Meister aber« — sagen sie — »wollen wir sogleich -sehen.« -</p> - -<p> -Der Kurier geleitete sie in das Gasthauszimmer und -von dort in den »Speisenempfangsraum«, wo sich unser -<a id="page-254" class="pagenum" title="254"></a> -Linkser bereits gehörig gerötet hatte und spricht: »Da -ist er!« -</p> - -<p> -Die Engländer schlagen sogleich den Linkser auf die -Schulter und wie einem ihnen Gleichen reichen sie ihm -die Hand: »Kamerad«, sprechen sie, »du bist ein guter -Meister, sprechen werden wir mit dir erst später, jetzt -aber laßt uns auf dein Wohl trinken!« -</p> - -<p> -Sie bestellten viel Wein und dem Linkser den ersten -Becher. Er aber wollte aus »Höflichkeit« nicht zuerst -trinken. Er dachte: vielleicht wollt ihr mich aus Verdruß -vergiften. -</p> - -<p> -»Nein,« spricht er, »das ist nicht in Ordnung; auch -in Polen geht der Herr voran — trinkt selber zuerst!« -</p> - -<p> -Die Engländer kosteten alle Weine vor ihm und dann -begannen sie ihm einzuschütten. Er stand auf, bekreuzte -sich mit der linken Hand und trank auf ihrer aller Gesundheit. -</p> - -<p> -Sie bemerken, daß er sich mit der linken Hand bekreuzte -und fragen den Kurier: -</p> - -<p> -»Was ist er denn: Lutheraner oder Protestantist?« -</p> - -<p> -Der Kurier antwortet: -</p> - -<p> -»Nein, er ist kein Lutheraner und kein Protestantist, -vielmehr von russischem Glauben.« -</p> - -<p> -»Aber weshalb bekreuzt er sich denn mit der linken -Hand?« -</p> - -<p> -Der Kurier spricht: -</p> - -<p> -»Er ist — ein Linkser und macht alles mit der linken -Hand.« -</p> - -<p> -Die Engländer verwunderten sich noch mehr und begannen -dem Linkser und dem Kurier Wein einzupumpen, -und so taten sie volle drei Tage nacheinander, und dann -<a id="page-255" class="pagenum" title="255"></a> -sprachen sie: »Jetzt ist es genug!« Jeder trank einen -»Symphon« Wasser mit »Jerphiks«, sie wurden danach -völlig frisch und begannen den Linkser auszufragen: Wo -und was er gelernt habe und wie weit er die Arithmetik -verstehe? -</p> - -<p> -Der Linkser antwortet: -</p> - -<p> -»Unsere Wissenschaft ist eine einfache: der Psalter -ja und der Traumdeuter; von der Arithmetik wissen wir -aber ganz und gar nichts.« -</p> - -<p> -Die Engländer schauen einander an und sprechen: -</p> - -<p> -»Das ist erstaunlich!« -</p> - -<p> -Der Linkser antwortet: -</p> - -<p> -»Bei uns ist das überall so.« -</p> - -<p> -»Was ist das aber« — fragen sie — »für ein Buch in -Rußland ‚der Traumdeuter‘?« -</p> - -<p> -»Das« spricht er — »ist ein Buch, das sich darauf -bezieht, daß, wenn König David im Psalter irgend -etwas hinsichtlich des Wahrsagens nicht deutlich genug -erklärte, dann erraten sie im Traumdeuter die Ergänzung.« -</p> - -<p> -»Das ist schade, besser wäre es, ihr wüßtet etwas aus -der Arithmetik, wenn auch nur die vier Spezies, — das -wäre euch bei weitem nützlicher als den ganzen Traumdeuter -zu kennen. Dann könntet ihr euch vorstellen, -daß in jeder Maschine die Kraft berechnet ist, aber sonst, -wenn ihr auch sehr kunstvoll mit den Händen seid, habt -ihr nicht wissen können, daß ein so kleines Maschinchen, -wie in dem ‚Nymphusorium‘, auf die allergenaueste Genauigkeit -berechnet ist und eure Hufeisen nicht tragen -kann. Deshalb springt auch jetzt das ‚Nymphusorium‘ -nicht und tanzt kein ‚Dansé‘.« -</p> - -<p> -<a id="page-256" class="pagenum" title="256"></a> -Der Linkser stimmte bei. -</p> - -<p> -»Darüber« — spricht er — »gibt es keinen Streit, daß -wir in den Wissenschaften nicht kundig sind, nur sind -wir unserm Vaterlande treu ergeben.« -</p> - -<p> -Die Engländer aber sagen ihm: -</p> - -<p> -»Bleibt bei uns; wir werden Euch eine große Gebildetheit -beibringen, und aus Euch wird ein erstaunlicher -Meister werden.« -</p> - -<p> -Damit war aber der Linkser nicht einverstanden. -</p> - -<p> -»Ich« — spricht er — »habe zu Hause Eltern.« -</p> - -<p> -Die Engländer erklärten sich bereit, seinen Eltern Geld -zu schicken, der Linkser nahm aber nicht an. -</p> - -<p> -»Wir« — spricht er — »hängen an unserer Heimat, und -mein Väterchen oben ist schon ein alter Mann, meine -Mutter ein altes Frauchen und gewohnt in ihrer Gemeinde -zur Kirche zu gehen; und auch mir wird es hier -in der Einsamkeit langweilig sein, weil ich noch unverheiratet -bin.« -</p> - -<p> -»Ihr« — sprechen sie — »werdet Euch gewöhnen. Ihr -werdet unsern Glauben annehmen, und wir werden Euch -verheiraten.« -</p> - -<p> -»Dies« antwortet der Linkser »wird niemals sein können.« -</p> - -<p> -»Weshalb denn?« -</p> - -<p> -»Weil« — antwortet er — »unser russischer Glaube der -allerrichtigste ist, und wie unsere Vorväter glaubten, genau -so sollen auch die Nachkommen glauben.« -</p> - -<p> -»Ihr« — sprechen die Engländer — »kennt nicht unsern -Glauben: wir sind von demselben christlichen Gesetz -und haben dasselbe Evangelium.« -</p> - -<p> -»Das Evangelium« — antwortet der Linkser — »ist -<a id="page-257" class="pagenum" title="257"></a> -tatsächlich bei allen eines, nur sind unsere Bücher dicker -als eure, und auch der Glaube ist bei uns ‚voller‘«. -</p> - -<p> -»Weshalb könnt Ihr das so beurteilen?« -</p> - -<p> -»Wir haben dafür« — antwortet er — »alle augenscheinlichen -Beweise.« -</p> - -<p> -»Welche?« -</p> - -<p> -»Aber solche:« — antwortet er — »bei uns gibt es -sowohl wundertätige Heiligenbilder, öltropfende Schädel -und Reliquien, bei euch aber gibt es gar nichts, -und sogar außer dem einen Sonntag keinerlei außerordentliche -Feiertage; aber auch aus einer zweiten Ursache -wird es mir mit einer Engländerin zu leben, -mögen wir auch nach dem Gesetze getraut sein, konfus -sein.« -</p> - -<p> -»Weshalb denn das?« — fragen sie. — »Ihr braucht die -unsrigen nicht gering zu schätzen — sie kleiden sich -gleichfalls sehr sauber und sind wirtschaftlich.« -</p> - -<p> -Der Linkser aber spricht: -</p> - -<p> -»Ich kenne sie nicht!« -</p> - -<p> -Die Engländer antworten: -</p> - -<p> -»Das ist nicht wichtig — Ihr werdet sie kennen lernen -können. Wir werden euch ein ‚Grandewu‘ bereiten.« -</p> - -<p> -Der Linkser ward verschämt. -</p> - -<p> -»Weshalb« spricht er »umsonst die Mädchen irreführen,« -und er bedankte sich. »Ein ‚Grandewu‘« spricht -er — »das ist eine Sache für Herrschaften, uns aber ziemt -es nicht, und wenn man davon zu Hause, in Tula, erfahren -wird, wird man über mich ein großes Gelächter -anstimmen.« -</p> - -<p> -Die Engländer wurden neugierig. -</p> - -<p> -»Wenn aber« — sprechen sie — »ohne ‚Grandewu‘, -<a id="page-258" class="pagenum" title="258"></a> -wie verfährt man dann bei euch in solchen Fällen, um -eine angenehme Wahl zu treffen?« -</p> - -<p> -Der Linkser erklärte ihnen unsere Lage: -</p> - -<p> -»Bei uns« — spricht er — »wenn ein Mann hinsichtlich -eines Mädchens eine ernsthafte Absicht eröffnen will, -so sendet er ein ‚redsames‘ Weib, und nachdem sie den -Vorschlag machte, kommt man höflich ins Haus, und das -Mädchen schaut man an, nicht sich heimlich versteckend, -vielmehr in Gegenwart der ganzen Verwandtschaft.« -</p> - -<p> -Sie verstanden, antworteten aber, bei ihnen gäbe es -keine »redsamen« Weiber, und eine solche Gewohnheit -sei nicht eingeführt. -</p> - -<p> -Der Linkser aber spricht: -</p> - -<p> -»Desto angenehmer ist es auch. Wenn man sich mit -solchen Dingen befaßt, so muß man das mit wirklicher -Absicht tun; da ich aber dies zu einer fremden Nation -nicht empfinde, weshalb soll man dann die Mädchen -irreführen?« -</p> - -<p> -Er gefiel den Engländern auch in diesen seinen Urteilen, -so daß sie wiederum anfingen, ihm freundschaftlich -auf Schulter und Knie mit der Hand zu schlagen, -selber aber fragen sie: -</p> - -<p> -»Wir« — sprechen sie — »wünschten einzig und allein -aus Neugierde zu wissen: welche fehlerhaften Kennzeichen -Ihr bei unsern Mädchen bemerkt habt, und weshalb -Ihr sie meidet?« -</p> - -<p> -Da antwortete ihnen der Linkser schon ganz offen: -</p> - -<p> -»Ich tadle sie nicht, mir gefällt nur nicht, daß die -Kleidung um sie herumschlottert, und man nicht herausbekommt, -was da eigentlich angezogen ist und für -welche Notwendigkeit; da ist irgend etwas, und weiter -<a id="page-259" class="pagenum" title="259"></a> -unten ist noch irgend etwas anderes angesteckt, an den -Händen aber so eine Art Strümpfe. Ganz genau wie ein -Affe — ‚sapajou‘ — ‚Plüschtalma‘!« -</p> - -<p> -Die Engländer brachen in Lachen aus und sprechen: -</p> - -<p> -»Was für ein Hindernis liegt denn für Euch darin?« -</p> - -<p> -»Ein Hindernis« — antwortet der Linkser — »ist das -nicht, ich fürchte nur, daß es schamvoll sein wird, zuzuschauen -und zu erwarten, wie sie sich aus dem allen -herausschälen wird!« -</p> - -<p> -»Ist denn wirklich« — sprechen sie — »euere ‚Fasson‘ -besser?« -</p> - -<p> -»Unsere Fasson« — antwortet er — »ist in Tula einfach: -jede geht in ihren selbstgefertigten Spitzen, und -unsere Spitzen tragen sogar auch die großen Damen!« -</p> - -<p> -Sie stellten ihn auch ihren Damen vor, und dort goß -man ihm Tee ein und fragte: -</p> - -<p> -»Weshalb verzieht Ihr Euer Gesicht?« -</p> - -<p> -»Weil wir« — spricht er — »nicht gewohnt sind süß zu -trinken!« Darauf gaben sie ihm auf russische Weise -Zucker zum Zubeißen. Ihnen scheint es, daß es so -schlechter sei, er aber spricht: »Nach unserm Geschmack -ist es so wohlschmeckender.« -</p> - -<p> -Durch gar nichts vermochten die Engländer ihn zu -bestimmen, daß er sich an ihr Leben fessele; sie überredeten -ihn nur, kurze Zeit bei ihnen als Gast zu bleiben, -sie würden ihn in dieser Zeit durch verschiedene Werkstätten -führen und ihm ihre Kunst zeigen. -</p> - -<p> -»Darauf aber« — sprechen sie — »werden wir ihn auf -unserm eigenem Schiff fahren und lebendig nach Petersburg -bringen.« -</p> - -<p> -Damit war er einverstanden. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-16"> -<a id="page-260" class="pagenum" title="260"></a> -XVI -</h3> - -<p class="noindent"> -Die Engländer nahmen den Linkser bei sich auf, -den russischen Kurier aber schafften sie zurück nach -Rußland. Obgleich der Kurier einen Rang hatte und -mehrere Sprachen verstand, interessierten sie sich nicht -für ihn, für den Linkser interessierten sie sich aber; -und sie begannen ihn zu führen und ihm alles zu zeigen. -Er beschaute ihre ganze Produktion, sowohl die Metallfabriken -wie die Seifen- und Sägewerke, und alle ihre -wirtschaftlichen Einrichtungen gefielen ihm sehr, besonders -hinsichtlich der Lage der Arbeiter. Jeder Arbeiter -ist bei ihnen ständig satt und nicht in Lumpen angezogen, -vielmehr jeder trägt geeignete Kleidung und ist -beschuht mit dicken benagelten Stiefeln, damit man sich -nirgends den Fuß verletzen kann, er arbeitet nicht mit -irgend einem Brecheisen, vielmehr mit einem Werkzeug, -und er hat Verständnis. Jedem hängt eine Rechentabelle -vor Augen, und unter der Hand hat er eine Abwischtafel: -bei allem, was nur ein Meister macht — schaut er -auf die Tabelle und vergleicht mit Verständnis, darauf -aber schreibt er etwas auf dem Täfelchen, anderes streicht -er aus und führt es akkurat aus: Was mit Zahlen geschrieben -steht, das kommt auch in der Tat heraus. Ist -es aber Feiertag, so nimmt jeder sein Liebchen und in -die Hand ein Stöckchen, und dann gehen sie spazieren, -ehrsam, wohlanständig, wie es sich gehört. -</p> - -<p> -Der Linkser schaut auf ihr ganzes Leben, und auf alle -ihre Arbeiten, aber am allermeisten Aufmerksamkeit -verwandte er auf einen solchen Gegenstand, daß die -Engländer sehr staunten. Nicht so sehr interessiert es -ihn, wie man neue Gewehre macht, als in welchem Zustand -<a id="page-261" class="pagenum" title="261"></a> -sich die alten befinden. Überall geht er umher, lobt -und spricht: -</p> - -<p> -»Das können auch wir so.« -</p> - -<p> -Wenn er aber zu einem alten Gewehr kommt — steckt -er den Finger in den Lauf, fährt mit ihm an der Innenwand -herum und seufzt: -</p> - -<p> -»Das« — spricht er — »ist unvergleichlich besser als -bei uns.« -</p> - -<p> -Die Engländer vermochten durchaus nicht zu erraten, -was da der Linkser bemerkt, er aber fragt: -</p> - -<p> -»Kann ich nicht« — spricht er — »wissen, ob unsere -Generäle dies irgendwann anschauten oder nicht?« -</p> - -<p> -Man sagte ihm: -</p> - -<p> -»Die hier waren, die müssen es wohl gesehen haben.« -</p> - -<p> -»Wie aber« — spricht er »waren sie: in Handschuhen -oder ohne?« -</p> - -<p> -»Eure Generäle« — sprechen sie — »sind ausgeputzt, -sie gehen immer in Handschuhen, so sind sie wohl auch -hier so gewesen.« -</p> - -<p> -Der Linkser sagte gar nichts. Plötzlich aber begann er -unruhig zu werden und sich zu grämen und spricht zu -den Engländern: -</p> - -<p> -»Ergebenst danke ich euch für alle Bewirtung, und -ich bin mit allem bei euch sehr zufrieden, und alles, was -mir nötig war zu schauen, habe ich schon erschaut, jetzt -aber möchte ich möglichst rasch nach Hause!« -</p> - -<p> -Auf keine Weise vermochten sie ihn weiter zurückzuhalten. -Zu Lande konnte man ihn nicht ziehen lassen, -weil er keine Sprache kannte, auf dem Wasser zu schwimmen -war aber nicht gut, weil es Herbstzeit war und -stürmisch; er aber bestand darauf: »Laßt mich ziehen!« -</p> - -<p> -<a id="page-262" class="pagenum" title="262"></a> -»Wir« — sprechen sie — »haben auf den Sturmmesser -geschaut: es wird Sturm geben, du kannst ertrinken: das -ist ja nicht das, was bei euch der finnische Meerbusen ist, -vielmehr ist da das wirkliche ‚festländische‘ Meer.« -</p> - -<p> -»Dies ist alles einerlei« — antwortete er — »weshalb -sterben — alles ist der Wille Gottes, ich aber wünsche -möglichst rasch nach der Heimat zurückzukehren, weil -ich mir sonst eine Art Geistesstörung holen kann.« -</p> - -<p> -Man hielt ihn nicht mit Gewalt zurück: man fütterte -ihn, belohnte ihn mit Geld, schenkte ihm zum Andenken -eine goldene Uhr mit »Trepetir«, gegen die Frische des -Meeres einen Friesmantel mit »Windkapuze« auf den -Kopf. Sehr warm kleideten sie den Linkser und führten -ihn auf das Schiff, das nach Rußland fuhr. Dort brachten -sie den Linkser am besten Platz unter, wie einen wirklichen -Herrn; er aber liebte es nicht, mit den übrigen -Herrschaften in der Kajüte zu sitzen, und es war ihm -peinlich. Er ging vielmehr auf das Deck, setzte sich unter -das »Present« und fragte: -</p> - -<p> -»Wo ist unser Rußland?« -</p> - -<p> -Der Engländer, den er fragt, deutet ihm mit der Hand -oder zeigt ihm mit dem Kopf, er aber wendet sich mit dem -Gesicht dahin und schaut ungeduldig nach der heimatlichen -Seite. -</p> - -<p> -Als sie aus der Bucht ins »festländische« Meer kamen, -da überkam ihn eine solche Sehnsucht nach Rußland, -daß man ihn auf keine Weise beruhigen konnte. Die -Wasserströmung war furchtbar, aber der Linkser geht -immer nicht hinunter in die Kajüte — er sitzt unter dem -‚Present‘, hat die Kapuze vorgerückt und schaut nach -dem Vaterland. -</p> - -<p> -<a id="page-263" class="pagenum" title="263"></a> -Oftmals kamen die Engländer, um ihn in den warmen -Raum nach unten zu rufen, er aber, damit sie ihn nicht -langweilen, begann sogar drauflos zu schimpfen. -</p> - -<p> -»Nein« — antwortet er — »mir ist es besser hier -draußen, sonst wird aus mir unter dem Dach von dem -Schwanken noch ein Meerschweinchen werden.« -</p> - -<p> -So ging er denn die ganze Zeit bis zu einem ganz besonderen -Fall nicht hinunter, und dadurch gefiel er sehr -einem Bootsmann, der zum Unglück unseres Linksers -russisch zu sprechen verstand. Dieser Bootsmann konnte -nicht genug darüber staunen, daß ein russischer Landmensch -auch so alle Unwetter aushalte. -</p> - -<p> -»Ein forscher Kerl« — spricht er — »der Russe. Laßt -uns trinken!« -</p> - -<p> -Der Linkser trank. -</p> - -<p> -Der Bootsmann sagt: -</p> - -<p> -»Noch!« -</p> - -<p> -Der Linkser trank noch, und sie betranken sich. -</p> - -<p> -Der Bootsmann fragt ihn auch: -</p> - -<p> -»Was für ein Geheimnis bringst du von unserm Reich -nach Rußland?« -</p> - -<p> -Der Linkser antwortet: »Das ist meine Sache!« -</p> - -<p> -»Aber wenn so« — antwortet der Bootsmann — »so -laß uns eine englische Wette eingehen.« -</p> - -<p> -Der Linkser fragt: -</p> - -<p> -»Was für eine?« -</p> - -<p> -»Eine solche: nichts allein zu trinken, vielmehr alles -in gleicher Weise — was der eine, das unbedingt auch -der andere, und wer den andern übertrinkt, der ist auch -obenauf.« -</p> - -<p> -Der Linkser denkt: »der Himmel bewölkt sich, den -<a id="page-264" class="pagenum" title="264"></a> -Bauch treibt es auf — die Langeweile ist groß, der Weg -ist lang, und die Heimat hinter der Welle nicht sichtbar -— die Wette zu halten wird gleichwohl lustiger sein.« -</p> - -<p> -»Schön« — spricht er — »es gilt!« -</p> - -<p> -»Nur, daß es ehrlich zugehe!« -</p> - -<p> -»Ja, schon darüber,« spricht er, »beunruhigt Euch -nicht!« -</p> - -<p> -Sie wurden einig und gaben einander die Hand. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-17"> -XVII -</h3> - -<p class="noindent"> -Die Wette begann noch im »festländischen« Meere, -und sie tranken bis zur Rigaschen Dünamünde, aber sie -tranken immer gleich und gaben einer dem andern nicht -nach, und bis dahin tat es einer dem andern gleich, daß, -wenn der eine ins Meer blickte und sah, wie aus dem -Wasser der Teufel hervorkriecht, sich sogleich auch dem -andern ganz dasselbe offenbarte. Nur, daß der Bootsmann -einen rothaarigen Teufel sieht, während der Linkser -sagt, er sei dunkelhaarig, wie ein Mohr. -</p> - -<p> -Der Linkser spricht: -</p> - -<p> -»Bekreuze dich und drehe dich weg — das ist der -Teufel aus der Meerestiefe.« -</p> - -<p> -Der Engländer aber streitet: -</p> - -<p> -»Das ist ein Taucher.« -</p> - -<p> -»Willst du« — spricht er — »so will ich dich ins -Meer schleudern, aber fürchte dich nur nicht, er wird -dich mir sogleich zurückgeben.« -</p> - -<p> -Der Linkser aber antwortet: -</p> - -<p> -»Wenn das so ist, so wirf mich nur ins Wasser.« -</p> - -<p> -Der Bootsmann nahm ihn auf den Rücken und trug -ihn zum Bord. -</p> - -<p> -<a id="page-265" class="pagenum" title="265"></a> -Die Matrosen sahen dies, hielten sie an und teilten -das dem Kapitän mit; der aber befahl, sie beide unten -einzuschließen und ihnen Rum und Wein zu geben und -kalte Speisen, damit sie essen und trinken und ihre -Wette ausrichten könnten. Aber den heißen »Studing« -ihnen brennend zu geben verbot er, damit bei ihnen im -Innern der Spiritus sich nicht entzünden könne. -</p> - -<p> -So brachten sie sie eingesperrt bis nach Petersburg, -und jene Wette hatte keiner an den andern verloren, dort -aber legte man sie auf gleiche Tragbahren und brachte -den Engländer ins Gesandtenhaus auf dem »Englischen -Quai«, den Linkser aber ins Polizeirevier. -</p> - -<p> -Von da an begann ihr Schicksal sich gar sehr zu unterscheiden. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-18"> -XVIII -</h3> - -<p class="noindent"> -Als man den Engländer ins Gesandtenhaus gebracht -hatte, rief man sogleich einen Arzt und einen Apotheker zu -ihm. — Der Arzt befahl, ihn in seiner Gegenwart in eine -warme Wanne zu setzen, der Apotheker aber drehte -sogleich eine Guttaperchapille und steckte sie ihm in -den Mund, darauf aber legten sie ihn beide zusammen -auf ein Federbett, bedeckten ihn mit einem Pelz und -ließen ihn schwitzen, damit ihn aber niemand störe, -ward in der ganzen Gesandtschaft der Befehl gegeben, -daß niemand zu niesen wage. Es warteten der Arzt und -der Apotheker, bis der Bootsmann eingeschlafen war, -und dann bereiteten sie ihm eine zweite Guttaperchapille, -legten sie neben das Kopfende auf ein Tischchen und -gingen hinaus. -</p> - -<p> -Den Linkser dagegen legte man im Polizeihaus auf den -Fußboden und man fragte ihn: Wer er ist, und von woher, -<a id="page-266" class="pagenum" title="266"></a> -und ob er einen Paß, oder ein anderes »Tugament« -besitze? -</p> - -<p> -Er aber war von der Krankheit, vom Trinken und vom -langen Schwanken so schwach geworden, daß er kein -Wort antwortet, vielmehr nur stöhnt. -</p> - -<p> -Darauf suchten sie ihn sogleich aus, nahmen ihm -sein Kleid ab, nahmen ihm auch die Trepetiruhr und das -Geld, und ihn selber befahl der Polizeimeister in der -ersten besten Droschke kostenlos ins Krankenhaus abzuliefern. -</p> - -<p> -Der Schutzmann führte den Linkser hinaus, um ihn -auf einen Schlitten zu setzen, lange konnte er aber keinen -einzigen Kutscher festkriegen, weil sie alle vor dem Polizisten -davonlaufen. Der Linkser aber lag diese ganze -Zeit über auf dem kalten Boden der Auffahrt; alsdann -erwischte der Schutzmann einen Fuhrmann, nur ohne -die warme Pelzdecke, weil sie sie in solchem Falle unter -sich zu verstecken pflegen, damit dem Polizisten möglichst -rasch die Füße kalt werden sollen. Man fuhr den -Linkser so, unbedeckt; wie sie ihn von einer Droschke -auf die andere übersetzen, lassen sie ihn immer fallen, -wenn sie ihn aber aufheben, dann reißen sie ihn an den -Ohren, damit er zur Besinnung komme. Man brachte ihn -in ein Krankenhaus, man nimmt ihn nicht an ohne Tugament; -man bringt ihn in ein anderes — auch dort -nimmt man ihn nicht auf, und so in ein drittes und in -ein viertes — bis ganz zum Morgen schleppten sie ihn -über alle entfernten Krummwege und setzten ihn immer -so von einem Schlitten auf einen andern, daß er sich -völlig zerschlug. Da sagte ein Unterarzt dem Schutzmann, -man solle ihn in das Obuchowsche Armenkrankenhaus -<a id="page-267" class="pagenum" title="267"></a> -bringen — wo man alle von unbekanntem -Stande zum Sterben aufnimmt. -</p> - -<p> -Dort befahl man eine Quittung zu geben, den Linkser -aber bis zur Aufnahme auf den Boden im Korridor hinzulegen. -</p> - -<p> -Der englische Bootsmann stand aber um diese selbe -Zeit am andern Tage auf, verschluckte die andere Guttaperchapille, -aß zum leichten Frühstück ein Huhn mit -Reis, trank Schnaps und sprach: -</p> - -<p> -»Wo ist mein russischer Kamerad? Ich werde ihn -suchen gehen!« -</p> - -<p> -Er zog sich an und lief davon. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-19"> -XIX -</h3> - -<p class="noindent"> -Wunderbarerweise fand der Bootsmann sehr rasch -den Linkser, man hatte ihn nur noch nicht ins Bett gelegt, -er lag vielmehr im Korridor auf dem Fußboden und -beklagte sich vor dem Engländer: -</p> - -<p> -»Ich müßte« — spricht er — »unbedingt zwei Worte -dem Kaiser sagen.« -</p> - -<p> -Der Engländer lief zum Grafen Kleinmichel und -machte Lärm. -</p> - -<p> -»Kann man denn so! Wenn er auch einen Schafpelz -trägt, so hat er doch eine Menschenseele.« -</p> - -<p> -Den Engländer jagte man sogleich wegen dieser Bemerkung -fort — damit er nur nicht wage, an die Menschenseele -zu erinnern. Darauf aber sagte ihm irgend -jemand: -</p> - -<p> -»Geh’ du lieber zum Kosak Platow — er hat einfache -Gefühle.« -</p> - -<p> -Der Engländer traf Platow an, der jetzt wiederum auf -<a id="page-268" class="pagenum" title="268"></a> -der Kouschette lag. Platow hörte ihm zu und erinnerte -sich des Linksers. -</p> - -<p> -»Wie denn, Brüderchen« — spricht er — »ich bin sehr -nahe mit ihm bekannt; ich habe ihn sogar an den Haaren -gezogen; ich weiß nur nicht, wie ich ihm in einer so -unglücklichen Lage helfen kann, weil ich schon ausgedient -habe und völlige Entlassung erhielt. Jetzt achtet -man nicht mehr auf mich. Du aber laufe möglichst rasch -zum Kommandanten Skobelew, er ist in der Macht und -gleichfalls auf diesem Gebiet erfahren — er wird irgend -etwas tun.« -</p> - -<p> -Der Bootsmann ging auch zu Skobelew und erzählte -alles: was für eine Krankheit der Linkser hat und woher -sie stammt. Skobelew spricht: -</p> - -<p> -»Ich verstehe diese Krankheit, nur können sie die -Deutschen nicht heilen, da braucht man vielmehr einen -Arzt aus dem geistlichen Stande, weil die in diesen -Sachen heranwachsen und zu helfen vermögen; ich -werde sogleich den russischen Arzt Martyn-Solskij -dahin schicken.« -</p> - -<p> -Als aber Martyn-Solskij nur eben ankam, war der -Linkser schon am Sterben, weil sein Nacken an der Eingangstreppe -zerschlagen worden war. Und er vermochte -nur eines vernehmlich zu sprechen: -</p> - -<p> -»Sagt dem Kaiser, daß man bei den Engländern die -Gewehre nicht mit Ziegel reinigt. Mögen sie auch bei -uns sie nicht so reinigen, sonst, behüte Gott, sollte ein -Krieg werden, so taugen sie nicht zum Schießen.« -</p> - -<p> -Und mit dieser Wahrheit bekreuzte sich der Linkser -und starb. -</p> - -<p> -Martyn-Solskij ging sogleich, dies dem Grafen -<a id="page-269" class="pagenum" title="269"></a> -Tschernyschow zu berichten, damit der es dem Kaiser -hinterbringe. Graf Tschernyschow aber schrie ihn an: -</p> - -<p> -»Wisse« — spricht er — »deine Brech- und Abführmittel, -mische dich aber nicht in das, was nicht deine -Sache ist — in Rußland gibt es dafür Generäle.« -</p> - -<p> -Dem Kaiser hat man es so auch nicht gesagt, und diese -Reinigung der Gewehre ward fortgesetzt bis zum Krimkriege. -Als man damals die Gewehre lud, wackelten die -Kugeln in ihnen hin und her, weil die Läufe mit Ziegel gereinigt -waren. Da erinnerte Martyn-Solskij den Tschernyschow -an den Linkser. Graf Tschernyschow aber spricht: -</p> - -<p> -»Geh zum Teufel, ‚Plesirspitze‘, mische dich nicht in -das, was nicht deine Sache ist, sonst werde ich ableugnen, -daß ich von dir hierüber hörte — dann wirst du -selber hereinfallen.« -</p> - -<p> -Martyn-Solskij dachte nach: in der Tat wird er ableugnen, -und so schwieg er auch. -</p> - -<p> -Hätte man aber die Worte des Linksers zu seiner Zeit -dem Kaiser hinterbracht, so hätte der Kampf mit dem -Feinde in der Krim eine ganz andere Wendung genommen. -</p> - -<h3 class="chapter" id="chapter-6-20"> -Nachwort des Verfassers -</h3> - -<p class="noindent"> -Heute ist dies alles schon — »Sache vergangener -Zeiten« und »Überlieferung des Altertums«, wenn -auch eines nicht weit zurückliegenden; es liegt indes keine -Notwendigkeit vor, diese Überlieferungen rasch zu vergessen, -ungeachtet des märchenhaften Zuschnitts der -Legende und des epischen Charakters ihres Haupthelden. -Der eigentliche Name des Linksers ging, gleich -<a id="page-270" class="pagenum" title="270"></a> -dem Namen vieler größter Genies, für immer für die -Nachkommenschaft verloren; aber als durch die Volksphantasie -verkörperte Mythe bleibt er interessant, und -seine Taten können zur Erinnerung dienen an eine -Epoche, deren allgemeiner Geist scharf und richtig erfaßt -ward. -</p> - -<p> -Solche Meister wie der sagenhafte Linkser gibt es -jetzt, versteht sich, schon nicht mehr in Tula: die Maschinen -glichen die Ungleichheit der Talente und Begabungen -aus, und das Genie kommt nicht auf im Kampf -gegen Fleiß und Genauigkeit. Die Maschinen sind indes -zwar der Erhöhung des Arbeitslohnes günstig, nicht -aber dem künstlerischen Wagemut, der freilich manchmal -auch nicht Maß hielt, indem er die Volksphantasie -zum Schaffen derartiger, heute märchenhafter Legenden -begeisterte. -</p> - -<p> -Die Arbeiter wissen natürlich die Vorteile zu schätzen, -die ihnen durch die praktischen Vorrichtungen der -mechanischen Wissenschaft geboten werden, an die -frühere Zeit erinnern sie sich aber mit Stolz und Liebe. -Das ist ihr Epos, und dabei mit einer sehr »menschlichen -Seele«. -</p> - -<h3 class="pbb chapter" id="chapter-6-21"> -<a id="page-271" class="pagenum" title="271"></a> -Anmerkungen -</h3> - -<div class="notes"> -<p> -<a href="#page-221">Seite 221.</a> »Abolon von Polwedere« (statt Appolo von Belvedere) -wörtlich »vom halben Eimer« (Schnapsmaß). -</p> - -<p> -<a href="#page-224">Seite 224.</a> »Chalva« dick eingekochter Zuckersyrup mit Zusatz -von Nüssen. -</p> - -<p> -<a href="#page-226">Seite 226.</a> »Winzigschauer« für Mikroskop. -</p> - -<p> -<a href="#page-230">Seite 230.</a> Unter »Verwirrung« ist der Dekabristenaufstand gemeint. -</p> - -<p> -<a href="#page-236">Seite 236.</a> Das Bild »Der abendliche Klang« ist ein bekanntes -Andachtsbild. -</p> - -<p> -<a href="#page-244">Seite 244.</a> »Tugament« gleich Dokument. (Eigentlich »Paß«). -</p> - -<p> -<a href="#page-252">Seite 252.</a> Graf »Kiselwrode« wörtlich »Fruchtbreiartig«, gemeint -ist wohl Nesselrode. -</p> - -<p> -<a href="#page-253">Seite 253.</a> »Kleveton« gleich Feuilleton. -</p> - -<p> -<a href="#page-255">Seite 255.</a> »Jer« heißt ein unausgesprochener russischer Buchstabe, -der die harte Aussprache einen Endkonsonanten -bezeichnet. »Jerphiks« muß hier einen ähnlich klingenden -englischen Schnaps bedeuten. -</p> - -<p> -<a href="#page-262">Seite 262.</a> Uhr mit »Trepetir« gleich Repetieruhr. -</p> - -<p> -<a href="#page-262">Seite 262.</a> »Present« soll heißen »Bresent«. Hier Winddach auf -Deck. -</p> - -<p> -<a href="#page-265">Seite 265.</a> »Studing« gleich Puding. -</p> - -<p> -<a href="#page-269">Seite 269.</a> »Plesierspitze« gleich Klistierspitze. -</p> - -</div> - -<p class="printer"> -Hof-Buch- und -Steindruckerei<br /> -Dietsch & Brückner in Weimar -</p> - - -<div class="trnote"> -<p id="trnote" class="part"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="handheld-only"> -Im Original -g e s p e r r t -hervorgehobener Text wurde in einem <em>anderen Schriftstil</em> markiert. -</p> - -<p> -Die folgenden Fehler wurden, teilweise unter Verwendung der russischen -Originaltexte, wie hier aufgeführt korrigiert (vorher/nachher): -</p> - -<ul> - -<li> -... losreißen <span class="underline">konnnte</span>. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so ...<br /> -... losreißen <a href="#corr-3"><span class="underline">konnte</span></a>. Es kam vor, daß der Bär, in den sich so ...<br /> -</li> - -<li> -... Gabelmuskete die <span class="underline">tötliche</span> Kugel ab. ...<br /> -... Gabelmuskete die <a href="#corr-4"><span class="underline">tödliche</span></a> Kugel ab. ...<br /> -</li> - -<li> -... Körperbau, so daß er eher einem <span class="underline">rießen</span>großen Griffon ...<br /> -... Körperbau, so daß er eher einem <a href="#corr-5"><span class="underline">riesen</span></a>großen Griffon ...<br /> -</li> - -<li> -... Das war das Signal für den alten <span class="underline">fränzösischen</span> Kammerdiener ...<br /> -... Das war das Signal für den alten <a href="#corr-6"><span class="underline">französischen</span></a> Kammerdiener ...<br /> -</li> - -<li> -... der bevorstehenden Bären<span class="underline">jad</span> als Reserveschützen einen ...<br /> -... der bevorstehenden Bären<a href="#corr-7"><span class="underline">jagd</span></a> als Reserveschützen einen ...<br /> -</li> - -<li> -... Nun begann man ihn mit Schnee<span class="underline">ballen</span> zu bewerfen ...<br /> -... Nun begann man ihn mit Schnee<a href="#corr-8"><span class="underline">bällen</span></a> zu bewerfen ...<br /> -</li> - -<li> -... Vorhergehende und <span class="underline">ungewöhlich</span> rührend war. ...<br /> -... Vorhergehende und <a href="#corr-9"><span class="underline">ungewöhnlich</span></a> rührend war. ...<br /> -</li> - -<li> -... und <span class="underline">Sgaranell</span> machte diese letztere Hypothese ...<br /> -... und <a href="#corr-10"><span class="underline">Sganarell</span></a> machte diese letztere Hypothese ...<br /> -</li> - -<li> -... Beide <span class="underline">junge</span> Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen ...<br /> -... Beide <a href="#corr-11"><span class="underline">jungen</span></a> Leute waren gleich gewöhnlich und verdienen ...<br /> -</li> - -<li> -... mit »Awgust <span class="underline">Martwejitsch</span>« anredete, seine Frage beantwortete: ...<br /> -... mit »Awgust <a href="#corr-13"><span class="underline">Matwejitsch</span></a>« anredete, seine Frage beantwortete: ...<br /> -</li> - -<li> -... in Hemdärmeln da; dasselbe verlangten <span class="underline">Sie</span> aber auch ...<br /> -... in Hemdärmeln da; dasselbe verlangten <a href="#corr-14"><span class="underline">sie</span></a> aber auch ...<br /> -</li> - -<li> -... Zuhörern zu <span class="underline">schilden</span>, wenn man auch selbst nicht mehr ...<br /> -... Zuhörern zu <a href="#corr-16"><span class="underline">schildern</span></a>, wenn man auch selbst nicht mehr ...<br /> -</li> - -<li> -... Viele weinten, und der <span class="underline">Burche</span> schluchzte laut ... Der ...<br /> -... Viele weinten, und der <a href="#corr-17"><span class="underline">Bursche</span></a> schluchzte laut ... Der ...<br /> -</li> - -<li> -... <span class="underline">(Fehlende Überschrift)</span> ...<br /> -... <a href="#corr-18"><span class="underline">XIII</span></a> ...<br /> -</li> - -<li> -... Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller <span class="underline">Her</span>gottsfrühe ...<br /> -... Der Schwiegervater und der Mann stehen in aller <a href="#corr-21"><span class="underline">Herr</span></a>gottsfrühe ...<br /> -</li> - -<li> - (mehrfache Fälle)<br /> -... »Soll ich dir nicht den <span class="underline">Sjergej</span> herschicken?« fragte ...<br /> -... »Soll ich dir nicht den <a href="#corr-22"><span class="underline">Ssergej</span></a> herschicken?« fragte ...<br /> -</li> - -<li> -... Ich sehe jetzt <span class="underline">blos</span> darum so schlecht aus, weil mir nach ...<br /> -... Ich sehe jetzt <a href="#corr-26"><span class="underline">bloß</span></a> darum so schlecht aus, weil mir nach ...<br /> -</li> - -<li> -... »Ach, du Böser!« antwortete <span class="underline">Katarina</span> Lwowna unter ...<br /> -... »Ach, du Böser!« antwortete <a href="#corr-29"><span class="underline">Katerina</span></a> Lwowna unter ...<br /> -</li> - -<li> -... Der Wachtposten ging im <span class="underline">Korrider</span> auf und ab, blieb ...<br /> -... Der Wachtposten ging im <a href="#corr-30"><span class="underline">Korridor</span></a> auf und ab, blieb ...<br /> -</li> - -<li> -... von seiner <span class="underline">Kuschette</span>, warf die Pfeife fort und erschien ...<br /> -... von seiner <a href="#corr-31"><span class="underline">Kouschette</span></a>, warf die Pfeife fort und erschien ...<br /> -</li> - -<li> -... »Wir,« spricht er, »haben <span class="underline">ihm</span> so hingelegt« — und er ...<br /> -... »Wir,« spricht er, »haben <a href="#corr-33"><span class="underline">ihn</span></a> so hingelegt« — und er ...<br /> -</li> -</ul> -</div> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Eine Teufelsaustreibung und andere -Geschichten, by Nikolai Leskow - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EINE TEUFELSAUSTREIBUNG UND *** - -***** This file should be named 50912-h.htm or 50912-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/1/50912/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net. 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