diff options
Diffstat (limited to 'old/50901-8.txt')
| -rw-r--r-- | old/50901-8.txt | 5246 |
1 files changed, 0 insertions, 5246 deletions
diff --git a/old/50901-8.txt b/old/50901-8.txt deleted file mode 100644 index 1e17e75..0000000 --- a/old/50901-8.txt +++ /dev/null @@ -1,5246 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben -Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums - Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine - Skizze des Lebens Jesu - -Author: Albert Schweitzer - -Release Date: January 11, 2016 [EBook #50901] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG *** - - - - -Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Michael Waddell -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Das Abendmahl - - im - - Zusammenhang mit dem Leben Jesu - - und der - - Geschichte des Urchristentums - - von - - Lic. Dr. Albert Schweitzer - in Strassburg i. E. - - - Zweites Heft. - - Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. - - Eine Skizze des Lebens Jesu. - -[Illustration] - - - =Tübingen= und =Leipzig=. - Verlag von _=J. C. B. Mohr=_ (Paul Siebeck). - 1901. - - - - - _Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich - die Verlagsbuchhandlung vor._ - - - - - C. A. Wagner's Universitätsbuchdruckerei in Freiburg i. B. - - - - - Seinem Lehrer - - Herrn Prof. D. Dr. _-H. J. Holtzmann-_ - - gewidmet - - in aufrichtiger Verehrung und treuer Anhänglichkeit - - von seinem dankbaren Schüler - - =Albert Schweitzer.= - - - - -Vorrede. - - -Der Versuch, ein Leben Jesu zu schreiben und dabei nicht am Anfang, -sondern in der Mitte, _=mit dem Leidensgedanken=_ zu beginnen, musste sich -notwendig einmal einstellen. Es ist verwunderlich, dass er nicht schon -früher gemacht worden ist, denn er liegt in der Luft. - -Alle Darstellungen des Lebens Jesu befriedigen nämlich _=bis zum Eintritt -des Leidensgedankens=_. Dort aber verfehlen sie den Anschluss. Es gelingt -keiner von ihnen begreiflich zu machen, warum Jesus nun plötzlich seinen -Tod für notwendig hält und in welchem Sinne er ihn für heilbringend -ansieht. Um diesen Anschluss zu erreichen, muss man sich entschliessen, -einmal vom Leidensgedanken selbst auszugehen, um von da aus das Leben -Jesu _=nach rückwärts und nach vorwärts=_ zu begreifen. Wenn wir den -Leidensgedanken nicht verstehen, liegt es nicht vielleicht daran, dass -wir _=die erste Periode=_ des Lebens Jesu falsch auffassen und uns so die -Einsicht in das _=Aufkommen des Leidensgedankens=_ von vornherein -unmöglich machen? - -Die letzten Jahre der Forschung haben gezeigt, auf wie schwachem Grunde -eigentlich unsere _=historische Auffassung=_ des Lebens Jesu beruht. Es -lässt sich nicht verkennen, dass wir bei einer _=schweren Antinomie=_ -angelangt sind. _=Entweder Jesus hielt sich wirklich selbst für den -Messias oder=_, worauf eine neue Richtung in der Forschung zu führen -scheint, _=erst die urchristliche Auffassung hat ihm diese Würde -beigelegt=_. In beiden Fällen bleibt das »Leben Jesu« gleich rätselhaft. - -Hielt sich Jesus wirklich für den Messias, wie kommt es, dass er wirkt, -als wäre er nicht der Messias? Wie ist es erklärlich, dass seine Würde -und Machtstellung so gar nichts mit seiner _=öffentlichen Thätigkeit zu -thun zu haben scheint=_? Was ist davon zu halten, dass er seinen Jüngern -erst, nachdem seine öffentliche Wirksamkeit -- die wenigen Tage zu -Jerusalem abgerechnet -- schon zu Ende ist, eröffnet, wer er ist, und -ihnen dazu noch befiehlt, _=das Geheimnis=_ streng zu wahren? Dass Motive -der Klugheit oder pädagogische Absichten ihm diese Haltung diktiert -haben sollen, erklärt nichts. _=Wo steht in den synoptischen Berichten -auch nur die leiseste Andeutung, dass Jesus die Jünger und das Volk zur -Erkenntnis seiner Messianität hat erziehen wollen?=_ - -Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr erkennt man, wie wenig die -Annahme, dass Jesus sich für den Messias gehalten habe, das »Leben Jesu« -zu erklären vermag, weil sich so gar keine Verbindung zwischen seinem -Selbstbewusstsein und seiner öffentlichen Wirksamkeit ergiebt. Es mag -banal klingen: man wird dabei die Frage nicht los, warum er es nie -versucht hat, das Volk durch Unterweisung zu der neuen ethischen -Auffassung der Messianität emporzuheben. Der Versuch wäre nicht so -aussichtslos gewesen, als man anzunehmen geneigt ist, denn es ging -damals ein tiefreligiöser Zug durch Israel. _=Warum hat sich Jesus -beharrlich über seine Auffassung der Messianität ausgeschwiegen?=_ - -Nimmt man andererseits an, er hat sich selbst nicht für den Messias -gehalten, so müsste erklärt werden, wie er dann _=nach seinem Tode=_ zum -Messias gemacht wurde. Auf Grund seiner öffentlichen Wirksamkeit ist es -sicher nicht geschehen -- denn diese gerade hat ja mit seiner -Messianität nichts zu thun! Was bedeutet aber dann die Offenbarung des -Messiasgeheimnisses an die Zwölf und das Bekenntnis vor dem -Hohenpriester? Es ist ein purer Gewaltakt, diese Scenen für unhistorisch -zu erklären. Entschliesst man sich zu solchen Eingriffen, _=was bleibt -dann überhaupt noch von der evangelischen Geschichtsüberlieferung -bestehen=_? - -Dabei darf man nicht vergessen, dass wenn Jesus sich selbst nicht für -den Messias gehalten hat, dies den Todesstoss für den christlichen -Glauben bedeutet. Das Urteil der urchristlichen Gemeinde ist für uns -nicht bindend. Die christliche Religion erbaut sich auf _=dem -messianischen Selbstbewusstsein Jesu=_, wodurch er selbst seine -Persönlichkeit aus der Reihe anderer Verkündiger der religiösen -Sittlichkeit _=in einzigartiger Weise=_ scharf heraushebt. Hielt er _=sich -selbst=_ nun nicht für den Messias, so beruht das ganze Christentum -- um -ein verdrehtes und misshandeltes Wort ehrlich zu gebrauchen -- auf einem -_=»Werturteil« der Anhängerschaft Jesu von Nazareth nach seinem Tode=_! - -Vergessen wir nicht, dass es sich um eine Antinomie handelt, aus der -man nur _=einen=_ Schluss ziehen darf: _=dass nämlich die bisherige -»historische« Auffassung des Messianitätsbewusstseins Jesu falsch -ist, weil sie die Geschichte nicht erklärt=_. Geschichtlich ist nur -diejenige Auffassung, welche begreiflich macht, _=wie Jesus sich -für den Messias halten konnte, ohne sich genötigt zu sehen, dieses -sein Selbstbewusstsein in seiner öffentlichen Wirksamkeit auf das -messianische Reich hin zur Geltung zu bringen, ja, wie er geradezu -gezwungen war, die messianische Würde seiner Person zu verschweigen! -Warum war seine Messianität Jesu Geheimnis?=_ -- dieses erklären heisst -das Leben Jesu begreifen. - -Aus der Einsicht in das Wesen dieser Antinomie ist diese neue -Auffassung des Lebens Jesu erwachsen. Inwieweit sie das Problem löst, -das mögen die Verhandlungen darüber klarstellen. Ich veröffentliche die -neue Auffassung _=als Skizze=_, weil sie notwendig in den Rahmen des -Werkes über das Abendmahl gehört. Sodann aber hoffe ich, aus der Kritik -ihrer Grundzüge über manche Punkte des exegetischen Details noch zu -grösserer Klarheit zu kommen, ehe ich daran denke, diesen Gedanken in -einem ausgearbeiteten »Leben Jesu« eine definitive Fassung zu geben. - -_=Den litterarischen Unterbau=_ habe ich, dem skizzenhaften Charakter der -Darstellung entsprechend, gewöhnlich nur andeuten können. Wer sich -jedoch in dieser Sache auskennt, der wird leicht bemerken, dass hinter -mancher hingeworfenen Behauptung viel mehr synoptisches Detailstudium -steckt, als der erste Blick vermuten liesse. - -Gerade für die synoptische Frage ist die neue Auffassung des Lebens Jesu -von grosser Bedeutung. _=Danach wird nämlich die Komposition der -Synoptiker viel einfacher und klarer. Die künstliche Redaktion, mit der -man bisher zu operieren gezwungen war, wird sehr reduziert. Die -Bergpredigt, die Aussendungsrede und die Würdigungsrede über den Täufer -sind keine »Redekompositionen«, sondern sie sind in der Hauptsache so -gehalten, wie sie uns überliefert sind. Auch die Form der Leidens- und -Auferstehungsweissagungen kommt nicht auf das urchristliche Konto, -sondern Jesus hat in diesen Worten zu seinen Jüngern von seiner Zukunft -geredet.=_ Gerade diese Vereinfachung der litterarischen Frage und die -damit verbundene Steigerung der historischen Glaubwürdigkeit der -evangelischen Geschichtserzählung ist von grossem Gewicht für die neue -Auffassung des Lebens Jesu. - -Diese Vereinfachung beruht aber nicht auf einer _=naiven -Stellungnahme=_ den Berichten gegenüber, _=sondern sie ist -herbeigeführt durch die Einsicht in die Gesetze, nach welchen die -urchristliche Auffassung und Würdigung der Persönlichkeit Jesu die -Darstellung seines Lebens und Wirkens bedingte=_. Gerade diese Frage -ist bisher vielleicht zu wenig _=systematisch=_ behandelt worden. - -_=Einerseits=_ ist zwar gewiss, dass das Urchristentum auf die -Darstellung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu _=von bedeutendem -Einfluss gewesen=_. _=Andererseits=_ sind aber gerade wieder in dem -Wesen des urchristlichen Glaubens alle Voraussetzungen gegeben, dass -er die _=Grundzüge der öffentlichen Wirksamkeit Jesu nicht angetastet -und vor allem keine »Thatsachen« im Leben Jesu »produziert«=_ hat. Denn -das Urchristentum stand ja dem _=Leben Jesu als solchem indifferent -gegenüber=_! Der urchristliche Glaube hatte an diesem irdischen Leben -nicht das geringste Interesse, weil Jesu Messianität sich ja auf seine -Auferstehung, nicht auf seine irdische Thätigkeit gründete und man -dem kommenden Messias in Glorie _=entgegenblickte und dabei an dem -Leben Jesu von Nazareth nur soweit Interesse nahm, als es mit den -Herrenworten zusammenhing. Eine urchristliche Auffassung des Lebens -Jesu gab es überhaupt nicht=_, und die Synoptiker enthalten auch -nichts derartiges. Sie reihen die Erzählungen aus seiner öffentlichen -Wirksamkeit aneinander, ohne den Versuch zu machen, sie in ihrer -Aufeinanderfolge und in ihrem Zusammenhang begreiflich zu machen und -uns die »Entwicklung« Jesu erkennen zu lassen. Als dann, mit dem -Zurücktreten der Eschatologie, das Schwergewicht auf _=die irdische -Erscheinung Jesu als des Messias=_ fiel und so zu einer _=Auffassung -des Lebens Jesu=_ führte, da hatten die Berichte von der öffentlichen -Thätigkeit Jesu schon eine zu _=feste Fassung=_ angenommen, als dass -dieser Prozess sie hätte _=berühren können=_. Das _=vierte Evangelium=_ -bietet ein Geschichtsbild des Lebens Jesu, aber es steht _=neben der -synoptischen Schilderung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu, wie die -Chronik neben den Samuelis- und den Königsbüchern=_. Der Unterschied -zwischen dem vierten Evangelium und den Synoptikern besteht gerade -darin, dass das erstere ein »_=Leben Jesu=_« bietet, während die -Synoptiker von seiner _=öffentlichen Wirksamkeit berichten=_. - -Der urchristliche Glaube hat die Darstellung der öffentlichen -Wirksamkeit Jesu _=nach immanenten Gesetzen beeinflusst=_, gerade wie die -deuteronomische Reform auf die Vorstellung von den Ereignissen während -der Richter- und Königszeit eingewirkt hat. _=Es handelt sich um eine -unbewusste, notwendige perspektivische Verschiebung.=_ Die neue Auffassung -beruht auf der Berechnung dieser perspektivischen Verschiebung, _=wobei -sich ergibt, dass der Einfluss des urchristlichen Gemeindeglaubens auf -die synoptischen Berichte viel weniger tief geht als man bisher -anzunehmen geneigt war=_. - - _=Strassburg=_, im August 1901. - - - - -Inhaltsangabe des zweiten Heftes. - - - Seite - - _=Vorrede zu einer neuen Auffassung des Lebens Jesu=_ V-IX - - _Erstes Kapitel_ 1-13 - - =Der modern-historische Lösungsversuch.= - - 1. Darstellung 1- 3 - - 2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen - Lösungsversuchs 3 - - 3. Die zwei kontrastierenden Epochen. (Erste Voraussetzung) 3- 6 - - 4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung - der synoptischen Leidensworte. (Zweite Voraussetzung) 6- 8 - - 5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken. - (Dritte Voraussetzung) 8-12 - - 6. Die Form der Leidensoffenbarung. (Vierte Voraussetzung) 12 - - 7. Zusammenfassung 12-13 - - - _Zweites Kapitel_ 13-18 - - =Die »Entwicklung« Jesu.= - - 1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische - Grösse 13-15 - - 2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede 15-17 - - 3. Die neue Auffassung 17-18 - - - _Drittes Kapitel_ 18-23 - - =Die Predigt vom Reich Gottes.= - - 1. Die neue Sittlichkeit als Busse 18-20 - - 2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik 21-23 - - - _Viertes Kapitel_ 24-32 - - =Das Geheimnis des Reiches Gottes.= - - 1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes 24-26 - - 2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk - nach der Aussendung 26-27 - - 3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der - prophetischen und jüdischen Zukunftserwartungen 27-28 - - 4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der - glücklichen galiläischen Periode 29 - - 5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus - Jesu 29-30 - - 6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum - Gesetz und Staat 30-31 - - 7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu 31-32 - - - _Fünftes Kapitel_ 32-34 - - =Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.= - - - _Sechstes Kapitel_ 34-52 - - =Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen - Wirksamkeit.= - - 1. Das Problem und die Thatsachen 34-38 - - 2. Jesus der Elias durch die Solidarität mit dem Menschensohn 38-40 - - 3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen 40-42 - - 4. Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches - Gottes 42-43 - - 5. Jesus und der Täufer 43-44 - - 6. Der Täufer und Jesus 44-48 - - 7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in - Jerusalem 49-52 - - _Siebentes Kapitel_ 52-60 - - =Nach der Aussendung. Litterarische und historische - Probleme.= - - 1. Die Seereise nach der Aussendung 52-55 - - 2. Das Abendmahl am See Genezareth 55-57 - - 3. Die Woche zu Bethsaida 57-60 - - - _Achtes Kapitel_ 60-80 - - =Das Messianitätsgeheimnis.= - - 1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi 60-63 - - 2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu 63-65 - - 3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der - Messianität Jesu 66-71 - - 4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der - Messianität Jesu 72-79 - - 5. Der Verrat des Judas -- die letzte Bekanntgebung des - Messiasgeheimnisses 79-80 - - - _Neuntes Kapitel_ 81-98 - - =Das Geheimnis des Leidensgedankens.= - - 1. Die vormessianische Drangsal 81-83 - - 2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode 83-84 - - 3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht 84-86 - - 4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode 86-89 - - 5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt 89-91 - - 6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis 91-92 - - 7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung - der Perspektive 92-98 - - _Zehntes Kapitel_ 98-109 - - =Abriss des Lebens Jesu.= - - _=Nachwort=_ 109 - - - - - Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis, - eine Skizze des Lebens Jesu. - - - - -Erstes Kapitel. - -Der modern-historische Lösungsversuch. - - -1. Darstellung. - -Die synoptischen Stellen bieten keine Erklärung, wie der Leidensgedanke -sich Jesu aufdrängte und was er für ihn bedeutete. Die apostolische -Predigt in den Petrus- und Paulusreden betrachtet das Leiden unter dem -Gesichtspunkt der göttlichen Notwendigkeit, welche in der Schrift -geweissagt ist. Auch die paulinische Theorie hat nichts mit der -Geschichte zu thun. - -Was also im Zusammenhang mit einer geschichtlichen Auffassung des Lebens -Jesu über den Leidensgedanken ausgeführt wird, ist nicht von der -Geschichte direkt dargeboten, sondern aus ihr erschlossen. Es handelt -sich immer nur um eine notwendige und unvermeidliche _=historische -Konstruktion=_, deren Richtigkeit in dem Masse feststeht, als sie Ordnung -und Klarheit in die synoptischen Notizen bringt. - -Sämtliche Konstruktionen mit ausgesprochen historischem Interesse -begegnen sich in einem Lösungsversuch, den wir als den -historisch-modernen bezeichnen. Historisch daran ist das Interesse, -Geschichte zu erklären, modern die psychologische Nachempfindung, mit -deren Hülfe nachgewiesen wird, wie unter dem Einfluss bestimmter -Erlebnisse der Leidensgedanke sich Jesu aufdrängte und von ihm religiös -gewertet wurde. Die Grundgedanken dieses Lösungsversuchs sind folgende. - -Es konnte sich für Jesus nicht um Beschaffung der Sündenvergebung -handeln. Er setzte sie schon voraus; wie die Bitte des Vaterunsers -zeigt, floss sie ja aus der verzeihenden Vaterliebe Gottes. Nun erinnert -der Gedanke der Sühne (Mk 10 _-45-_) an die paulinische Sühnetheorie mit -ihrem juridischen Charakter. Diese bezieht sich allerdings auf die -Sündenvergebung. Es ist daher anzunehmen, dass, wie der Gedanke der -Sündenvergebung, so auch die juridische Sühnevorstellung Jesu fremd war, -da sie in seiner ganzen Lehrweise nicht vorgesehen ist. Die Aussprüche -über die Wertung seines Leidens sind also in der überlieferten Form -irgendwie von paulinischen Gedanken beeinflusst. - -Bringt man diese Beeinflussung in Anschlag, so enthält der historische -Ausspruch (Mk 10 _-45-_) den Gedanken der dienenden Dahingabe in der -höchsten Potenz. Wir stehen auf der Grenze, wo der gesteigerte Begriff -des Dienens zum Begriff der Sühne führt. Der Wert dieser Dahingabe für -die andern besteht darin, dass das von Jesus übernommene Todesleiden -gleichsam der Inauguralakt ist, durch welchen die neue Sittlichkeit des -Gottesreiches und damit der neue Zustand selbst verwirklicht wird. Diese -That ist das wirksame Anfangsglied in einer Kette von Umgestaltungen, -deren übernatürlichen Abschluss seine »Wiederkunft« in Herrlichkeit -bildet, wo der Neue Bund, den er mit seinem Blute besiegelt hat, durch -ihn sich vollendet. - -Damit ist auch gegeben, wie der Leidensentschluss sich einstellen konnte -und musste. Jesu Amt galt der Verwirklichung des Gottesreiches. Dies -hatte er zunächst in kleinen Grenzen während seiner galiläischen -Wirksamkeit unternommen. Durch seine Predigt von der neuen Sittlichkeit -auf Grund des Glaubens an den göttlichen Vater und unter dem Eindruck -der Kraft, die von ihm ausging, entwickelten sich die Anfänge dieses -Reiches. Es war eine glückliche, erfolgreiche Zeit: »der _=galiläische -Frühling=_,« wie sie KEIM genannt hat. Den Höhepunkt dieser Periode -bildete die Aussendung der Jünger. Durch ihre Predigt sollte die -herrliche Saat allenthalben ausgestreut werden. Als sie ihm bei der -Rückkehr ihre Erfolge kund thaten, brach er in den Jubelruf aus, der den -Sieg für schon gegenwärtig hielt (Mt 11 _-25-27-_). - -Dann kam die Zeit des Niedergangs. Von Jerusalem aus wurde der -Widerstand insceniert (Mk 7 _-1-_). Früher hob ihn die Zuneigung -des Volks über die Reibereien mit den Behörden hinweg. Jetzt aber, -da die Sache planmässig betrieben wurde, fielen auch seine Anhänger -von ihm ab. Es war verhängnisvoll, dass in der Diskussion über die -Reinigkeitsgebote der Widerspruch mit der gesetzlichen Ueberlieferung -zu Tage trat (Mk 7 _-1-23-_). Ehe der Frühling wieder ins Land kam, -hatte er Galiläa verlassen müssen. Hoch im Norden, in der Stille und -in der Einsamkeit sammelte er sich, um mit sich selbst ins Klare zu -kommen. - -Für die Verwirklichung des Reichs stand ihm nur noch ein Weg offen: der -Kampf mit der Macht, welche sich seinem Werk entgegensetzte. Er war -entschlossen, ihn in die Hauptstadt selbst hineinzutragen. Dort sollte -sich das Schicksal entscheiden. Vielleicht fiel ihm der Sieg zu. Aber, -wenn auch in der Reihe des irdischen Geschehens das Todesschicksal -unentrinnbar seiner wartete: sobald er den Weg betrat, den sein Amt ihm -wies, so bedeutete dieses Todesleiden in der Veranstaltung Gottes die -Leistung, durch welche sein Werk gekrönt wurde. Es war dann Gottes -Wille, dass der Zustand des Gottesreiches durch die höchste sittliche -That des Messias inauguriert wurde. Mit diesem Gedanken zog er nach -Jerusalem -- um Messias zu bleiben. - - -2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen Lösungsversuchs. - -1. Das Leben Jesu zerfällt in zwei kontrastierende Epochen. Die erste -war glücklich, die zweite brachte Enttäuschungen und Misserfolge. - -2. Die Form des synoptischen Leidensgedankens in Mk 10 _-45-_ (seine -Dahingabe eine Sühne für viele) und in dem Abendmahlswort Mk 14 -_-24-_ (sein Blut für viele dahin gegeben) ist irgendwie durch den -paulinischen Sühnegedanken beeinflusst. - -3. Die Vorstellung des Reiches Gottes als der sich vollendenden -sittlichen Gemeinschaft, in welcher das Dienen oberstes Gesetz ist, -beherrschte den Leidensgedanken. - -4. War Jesu Leiden der Inauguralakt der neuen Sittlichkeit des -Gottesreiches, so hing der Erfolg mit davon ab, dass die Jünger durch -ihn angeleitet wurden, es so zu verstehen und danach zu handeln. Der -Leidensgedanke war eine Reflexion. - -Sind diese Voraussetzungen, jede für sich genommen, richtig? - - -=3. Die zwei kontrastierenden Epochen.= (Erste Voraussetzung.) - -Man datiert die Periode der Misserfolge von der Zeit nach der -Aussendung. Welches sind die Ereignisse der angeblich glücklichen -Epoche? Wir sehen ab von den unerquicklichen Diskussionen mit den -Pharisäern über die Heilung des Paralytischen (Mk 2 _-1-12-_), über die -Fastenfrage (Mk 2 _-18-22-_) und über die Sabbathaltung (Mk 2 _-23-_-3 -_-6-_). Schon Mk 3 _-6-_ ist es zu einem Todesanschlag gekommen. -Von seiner Familie muss er sich lossagen, weil sie ihn als geistig -unzurechnungsfähig mit Gewalt nach Hause zurückbringen wollen (Mk 3 -_-20-22-_, _-31-35-_). In Nazareth wird er verworfen (Mk 6 _-1-6-_). - -In dieselbe Zeit fällt ein Angriff, der ihn aufs tiefste erschüttert -hat. Die Pharisäer diskreditieren ihn beim Volk, indem sie ihm -vorwerfen, er stehe mit dem Teufel im Bund (Mk 3 _-22-30-_). Wie sehr ihn -dieses Wort verwundet hat, ersieht man aus der Aussendungsrede. Er -bereitet die Jünger auf ähnliche Verkennung vor. »Haben sie den -Hausherrn Beelzebub geheissen, wie viel mehr seine Leute« (Mt 10 _-25-_). - -Das sind die bekannten Ereignisse »der erfolgreichen Periode«! Aber -sie sind nichts im Vergleich zu denen, auf welche er in der Zeit -der Aussendung anspielt. Preist er schon im allgemeinen diejenigen -selig, die um seinetwillen geschmäht und verfolgt werden (Mt 5 -_-11-_ u. _-12-_), so stellt er jetzt den Jüngern Drangsal und Not -in Aussicht (Mt 10 _-17-25-_). Zu ihm halten heisst Schmach erdulden -(Mt 10 _-22-_), die zartesten Bande zerreissen (Mt 10 _-37-_) und -sein Kreuz auf sich nehmen (Mt 10 _-38-_). Die galiläische Periode -soll _=glücklich=_ gewesen sein; der Charakter der Aussendung ist -_=pessimistisch=_. Wie passt das zusammen? - -Auch die Anspielungen, die er dem Volk gegenüber in jener Zeit thut, -weisen auf schwere Katastrophen. Was muss in Chorazin, in Kapernaum und -in Bethsaïda vorgefallen sein, dass er den Tag des Gerichts auf sie -herabbeschwört, wo es Tyrus und Sidon noch erträglicher gehen wird als -ihnen (Mt 11 _-20-24-_)! - -Weil dieser düstere Zug nicht in die glückliche galiläische Periode -passen will, liegt der Versuch nahe, in den matthäischen Reden um die -Zeit der Aussendung eine Komposition zu sehen, welche Stücke aus einer -späteren Epoche enthält. Wo soll Jesus sie aber gesprochen haben? Nach -der Flucht, als er im Norden weilte, hat er keine Reden gehalten, und -die Aussprüche in den jerusalemitischen Tagen haben ihr eigentümliches -Gepräge, so dass man nicht wüsste, wo Anspielungen auf galiläische -Ereignisse oder Ermahnungen an die ausziehenden Jünger unterzubringen -wären. - -Dazu kommt, dass von bedeutenden Erfolgen in jener ersten Zeit nichts -berichtet ist. Diese beginnen erst mit der Aussendung der Jünger. Den -grossen Augenblick ihrer Rückkehr feiert Jesus mit begeisterten Worten -(Mt 11 _-25-27-_). Nun soll er in der Folge alles an die Pharisäer -verloren haben und vom Volk verlassen worden sein! Von diesem Rückgang -seiner Sache berichten aber die Texte nichts. Die Diskussion über -die Reinigkeitsvorschriften (Mk 7 _-1-23-_) leistet nicht, was man -von ihr verlangt. Jesus war früher mit den Hauptstadttheologen schon -viel heftiger zusammengestossen (Mk 3 _-22-30-_). In der Frage der -Reinigkeitsgebote ist er gar nicht der Ueberwundene. - -Man hat die Niederlage daraus erschliessen wollen, dass die »Flucht« -nach dem Norden auf diese Scene folgt (Mk 7 _-24-_ ff.) Aber die -Berichte stellen diesen Aufbruch gar nicht als _=Flucht=_ dar; -ebensowenig _=begründen=_ sie diese Nordreise aus dem Resultat -des vorhergehenden Streitgesprächs, sondern _=wir=_ tragen in die -berichtete chronologische Folge einen fiktiven kausalen Charakter ein. -Wenn Jesus also kurz vorher von der Volksgunst getragen ist und nun -das Gebiet verlässt, so bleibt dieses Faktum nach den Texten vorläufig -unerklärt. Dass es eine Flucht war, ist eine unerweisbare Mutmassung. - -Es sei kein Gewicht darauf gelegt, dass er in der Folge noch zweimal -von einer grossen Volksmenge umgeben erscheint (Mk 8 _-1-9-_, -Speisung der 4000 und Mk 8 _-34-_ ff., in den Scenen vor und nach -der Verklärungsgeschichte). Dieses Faktum könnte vielleicht in einer -litterarischen Einarbeitung der betreffenden Berichte begründet sein, -was z. B. für die Doublette zur Speisungsgeschichte als erwiesen gelten -darf. - -Massgebend ist aber der Empfang, den die Festkarawane Jesu bereitet, -als er sie vor Jericho einholt. Diese Ovation gilt nicht dem Mann, der -Land und Leute an die Pharisäer verlor und zuletzt fliehen musste, -sondern dem aus der Verborgenheit wieder aufgetauchten gefeierten -Propheten. Wenn diese jubelnden galiläischen Volksmassen es ihm -jetzt ermöglichen, in der Hauptstadt die Behörde mehrere Tage zu -terrorisieren -- denn etwas anderes ist die Tempelreinigung nicht -gewesen -- und die Schriftgelehrten mit herber Ironie blosszustellen, -haben sie es für den Mann gethan, der einige Wochen vorher diesen -Theologen im eigenen Land weichen musste? - -Will man also von einer Periode der Erfolge reden, so muss man die -_=zweite=_ als eine solche bezeichnen. Denn überall, wo Jesus nach der -Rückkehr der Jünger in der Oeffentlichkeit erscheint, ist er von einer -ihm ergebenen Menge begleitet: in Galiläa, vom Jordan nach Jerusalem -und in der Hauptstadt selbst. Das murrende Judenvolk ist eine Erfindung -des vierten Evangelisten. Zudem zeigt der Gewaltstreich der heimlichen -Gefangennahme und die hastige Verurteilung, was der hohe Rat von dieser -Volksbewegung zu Gunsten Jesu befürchtete. Das war der einzige -»Misserfolg« in der zweiten Periode. Freilich war er verhängnisvoll. - -Die erfolgreiche erste galiläische Periode ist also in Wirklichkeit -die Zeit der Demütigungen und der Misserfolge. Ein Doppeltes führte -dazu, sie trotzdem als die »glückliche« aufzufassen. Zunächst ist -darin ein _=ästhetischer Faktor=_ enthalten, der gerade bei KEIM stark -hervortritt. Eine Reihe der Natur entnommener Gleichnisse, sowie die -wundervolle Rede gegen weltliche Sorge Mt 6 _-25-34-_ scheinen nicht -anders begreiflich, als dass hoffnungsvoller Frohsinn in der Natur sich -selbst wiederfindet. - -Dazu kommt als zweites ein _=historisches Postulat=_. In der ersten -Periode findet sich keine Spur vom Leidensgedanken; die zweite wird -durch ihn beherrscht. Also war die erste erfolgreich, die zweite -unglücklich, da anders der Umschwung psychologisch und historisch nicht -begreiflich ist. - -Die historischen Thatsachen reden anders. In der wirklichen Periode der -Misserfolge tritt der Leidensentschluss nicht zu Tage. Dagegen eröffnet -er seinen Jüngern in der erfolgreichen zweiten Periode, dass er durch -die Schriftgelehrten sterben müsse. _=Das Verhältnis ist also gerade -umgekehrt.=_ Damit steht die modern-historische Psychologie vor einem -Rätsel. - - -=4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung der -synoptischen Leidensworte.= (Zweite Voraussetzung.) - -Es lässt sich kein Beweis führen, dass die synoptischen Leidensstellen -durch paulinische Gedanken beeinflusst sind. Auch hier handelt es sich -um eine Art Postulat, denn wenn es nicht gelingt, den juridischen -Charakter von Mk 10 _-45-_ und Mk 14 _-24-_ auf Rechnung des paulinischen -Mediums zu setzen, so muss man annehmen, dass Jesu Leidensgedanke selbst -diese schroffe Sühnevorstellung enthalten habe. Darauf ist aber der -modern-historische Lösungsversuch nicht eingerichtet. - -Nun lässt sich aber beweisen, dass kein paulinischer Einfluss vorliegen -kann! Nach Paulus sagt Jesus beim Abendmahl: Mein Leib _=für euch=_ (I -Kor 11 _-24-_). Dementsprechend heisst es auch Lk 22 _-19-_ u. _-20-_: -Mein Leib, der _=für euch=_ gegeben wird, das Blut, das _=für euch=_ -vergossen wird. Die beiden älteren Synoptiker schreiben dafür immer: -_=für viele=_. Mk 10 _-45-_ = Mt 20 _-28-_: zu geben sein Leben zur -Sühne _=für viele=_. Mk 14 _-24-_ = Mt 26 _-28-_: mein Blut des Bundes, -das vergossen wird _=für viele=_. Das eine Mal ist also das Publikum, -welchem das Leiden zu gute kommt, genau bestimmt: es sind die Jünger. -Das andere Mal handelt es sich um eine unbestimmte Mehrheit. - -Mit dem Argument, dass es sachlich auf dasselbe hinauskomme, ist -nichts gethan. Warum redete Jesus bei den älteren Synoptikern von -den _=Vielen=_, bei Paulus von den _=Seinen=_? Die einzige Erklärung -liegt darin, _=dass Paulus von dem Standpunkt der Gemeinde nach dem -Tode Jesu schreibt=_. Danach kommt die Heilswirkung des Todes Jesu -einer bestimmten Gemeinschaft zu gute, nämlich denen, die an ihn -glauben. Die Jünger repräsentieren diese gläubige Gemeinschaft in den -geschichtlichen Aussprüchen Jesu, weil man es sich vom Standpunkt der -messiasgläubigen Gemeinde aus nicht anders vorstellen konnte, als dass -Jesus mit den Worten über sein Leiden die Gläubigen gemeint habe. - -Das altsynoptische »_=für viele=_« ist aber vom _=historischen -Standpunkt=_ aus gesprochen, wo Jesus noch nicht den Glauben an -seine Messianität verlangt und wo deshalb die Mehrheit, denen sein -Tod zu gute kommen soll, unbestimmt gelassen ist. Nur eines ist ihm -gewiss, dass sie grösser ist als der Jüngerkreis; darum sagt er »_=für -viele=_«. Hätte er gesagt »_=für euch=_« wie Paulus ihm zumutet, so -hätten die Jünger daraus schliessen müssen, er sterbe für sie allein, -da sie sich damals nicht, wie es Paulus und der Gemeinde geläufig war, -als Repräsentanten einer zukünftigen messiasgläubigen Gemeinschaft -fühlen konnten. - -Ist aber dieses »_=für viele=_« stehen geblieben, trotzdem Paulus aus -der Gemeindevorstellung heraus es instinktiv durch »_=für euch=_« -ersetzen muss, obwohl er dadurch ein historisch unmögliches Wort -schafft: so ist man nicht berechtigt, in der überlieferten Form des -altsynoptischen Leidensgedankens irgendwie paulinische Beeinflussung -anzunehmen. Die schroffe Sühnetheorie bei den Synoptikern ist also -historisch. Eine Abschwächung, wie sie der modern-historische -Lösungsversuch voraussetzen muss, ist unberechtigt. - -Nun stellt sich die Aufgabe, in der Deutung der Aussprüche Jesu gerade -dem »_=für viele=_« gerecht zu werden. Weil sie dies nicht gethan haben, -sind alle Darlegungen über die Bedeutung des Todes Jesu, von Paulus bis -RITSCHL, unhistorisch. Man setze statt der gläubigen Gemeinschaft, mit -der sie operieren, die unbestimmte und unqualifizierte Mehrheit des -historischen Wortes ein, dann werden ihre Ausführungen einfach sinnlos. -Historisch ist allein diejenige Deutung, welche begreiflich macht, warum -nach Jesus die durch seinen Tod gewirkte Sühne einer mit Absicht -unbestimmt gelassenen Mehrheit zu gute kommen soll. - - -=5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken.= (Dritte -Voraussetzung.) - - -a) Mk 10 _-41-45-_. Das Dienen als das sittliche Verhalten in Erwartung -des kommenden Reiches. - -Die Zebedaiden hatten beansprucht, zu Seiten des Herrn zu sitzen in -seiner Herrlichkeit, d. h. wenn er als Messias von seinem Thron aus -regieren würde. Darüber sind die andern unwillig. Jesus ruft sie -zusammen und redet ihnen vom Dienen und Herrschen in Bezug auf das -Gottesreich. - -In diesem Ausspruch findet man nun gewöhnlich den ethischen Begriff des -Reiches Gottes. Eine Umwertung aller Werte soll erfolgen. Der Grösste -im Himmelreich ist der, welcher klein wird als ein Kind (Mt 18 _-4-_), -und Herrscher ist, wer dient. Selbsterniedrigung und dahingebendes -Dienen, das ist die neue Sittlichkeit des Gottesreiches, welche durch -Jesu dienendes Todesleiden in Kraft tritt. - -Dabei vergessen wir aber, dass das Reich, in dem man herrscht, -als etwas Zukünftiges gedacht ist, während das Dienen auf die -Gegenwart geht! In unserer ethischen Betrachtungsweise fallen -Dienen und Herrschen zeitlich und logisch zusammen. Bei Jesus aber -handelt es sich gar nicht um eine rein ethische Vertauschung der -Begriffe Dienen-Herrschen, sondern dieser Gegensatz verläuft in -einer _=zeitlichen Folge=_. Scharf hebt sich der gegenwärtige von -dem zukünftigen Aeon ab. Wer im Reich Gottes einmal zu den Grössten -gehören will, der muss _=jetzt=_ sein als ein Kind! Wer auf eine -Herrscherstellung darin Anwartschaft erhebt, der muss _=jetzt=_ dienen! -Je tiefer sich _=jetzt=_ einer unter die andern beugt in der Zeit, wo -die irdischen Herrscher sich mit Gewalt im Regiment erhalten, desto -höher wird seine Herrschaft sein, wenn die irdische Gewalt aufhört und -das Reich Gottes anbricht. Darum muss derjenige sich im Todesleiden -erniedrigen, welcher als Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen -wird zum Richten und Herrschen. Ehe er seinen Thron besteigt, trinkt -er den Leidensbecher, von dem auch die kosten müssen, die mit ihm -herrschen wollen! - -Sowie man dieses »_=jetzt und dann=_« in Jesu Rede beachtet, tritt an die -Stelle des abgeblassten Satzparallelismus eine wirkungsvolle Steigerung. -Den absteigenden Rangstufen des Dienens entsprechen die aufsteigenden -des Herrschens. - - 1. Wer gross sein will _=unter euch=_, der sei _=euer=_ Diener - (V. _-43-_). - - 2. Wer _-von euch-_ der erste sein will, der sei _=aller (andern)=_ - Diener (V. _-44-_). - - 3. Darum wartet des Menschensohns die höchste Herrscherstellung, - weil er nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu - dienen, indem er sein Leben als Sühne für _=die Vielheit=_ - dahingibt (V. _-45-_). - -Die Steigerung ist eine doppelte. Das Dienen der Jünger erstreckt -sich nur auf _=ihren=_ Kreis, das Dienen Jesu auf eine unbeschränkte -Mehrheit, nämlich auf alle die, welchen sein Todesleiden zu gute -kommen soll. Bei den Jüngern handelt es sich nur um eine selbstlose -_=Unterwerfung=_, bei Jesus um das _=bittere Todesleiden=_. Beides ist -ein Dienen, insofern damit die Anwartschaft auf eine Herrscherstellung -im Reich verbunden ist. - -Die gewöhnliche Erklärung wird nicht dem altsynoptischen, sondern -nur dem lukanischen Texte gerecht (Lk 22 _-24-27-_). Dieser hat die -Erzählung aus dem Zusammenhang herausgerissen, so dass es sich um einen -Streit der Jünger beim letzten Mahl handelt, wer von ihnen »für den -Grössten zu halten sei.« - -Damit ist das »_=jetzt und dann=_« aus der Situation ausgeschieden -und es handelt sich nur um eine rein ethische Verkehrung der Begriffe -Herrschen und Dienen. Jesu Rede verläuft dementsprechend auch in -einem unlebendigen Parallelismus. Der Grösste unter euch sei wie der -Jüngste, und der Vorsteher wie der, der aufwartet (Lk 22 _-26-_). Statt -aus seiner Dahingabe in den Tod für die grosse Allgemeinheit auf das -Verhalten derer, die mit herrschen wollen, zu exemplifizieren, redet -er nur von seinem dienstbaren Wesen den Jüngern gegenüber: Ich aber -bin in eurer Mitte, wie der, der aufwartet (Lk 22 _-27-_). Damit meint -er ein Dienen, das zugleich Herrschen ist. Bei den beiden älteren -Synoptikern handelt es sich aber gar nicht um die Proklamierung der -neuen Sittlichkeit des Gottesreiches, wo Dienen Herrschen ist, sondern -um die Bedeutung der Selbsterniedrigung und des Dienens in _=Erwartung -des Gottesreiches=_. Dienen ist das Grundgesetz der _=Interimsethik=_. - -Dieser Gedanke ist viel tiefer und lebendiger als das moderne Spiel -mit Worten, welches wir dem Herrn zumuten. Nur durch Erniedrigung und -Kindessinn in diesem Aeon wird man würdig bereitet, im Reich Gottes zu -herrschen. Nur wer durch Leiden hier sittlich geläutert und geadelt -ist, kann dort gross sein. Darum ist das Leiden für Jesus der sittliche -Erwerb und die sittliche Bewährung für die messianische Herrschaft, die -ihm bestimmt ist. - -Irdisches Herrschen, weil es auf Gewaltthat beruht, ist Ausfluss der -widergöttlichen Macht. Das Herrschen im Reich Gottes, wo die Weltmacht -vernichtet ist, bedeutet Ausfluss der göttlichen Macht sein. Träger -derselben kann nur der werden, welcher sich von irdischem Herrschen rein -erhalten hat. Sie zu vergeben an die, welche durch Leiden sich bereitet -haben, ist allein Gottes Sache (Mk 10 _-39-_ u. _-40-_). - -Ist aber Dienen nicht die Sittlichkeit des Gottesreiches, so operiert -Jesu Leidensvorstellung auch nicht mit dem darauf beruhenden Begriff des -Gottesreichs als der sich vollendenden ethischen Gemeinschaft, sondern -mit einer übersittlichen Grösse, nämlich mit der eschatologischen -Reichsvorstellung. - - -b) Der Leidensgedanke und die eschatologische Erwartung. - -Die Untersuchung der Abendmahlsberichte ergab einen engen Zusammenhang -zwischen dem eschatologischen Schlusswort und dem Ausspruch vom -vergossenen Blut. Die übrigen Stellen über das Leiden führen auf eine -ähnliche Verbindung. - -Nachdem Jesus mit seinem »ja« sich selbst das Todesurteil gesprochen, -redet er von seiner »Wiederkunft« auf den Wolken des Himmels. Dabei -denkt er, dem Markustext zufolge, beide Geschehnisse in einem Gedanken. -Mk 14 _-62-_: Ich bin es _-und-_ ihr werdet den Menschensohn sitzen -sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels. -Dieser logische Zusammenhang ist, wie für das Kelchwort, bei Matthäus -schon erweicht, indem er an die Stelle des »_=und=_« die rein zeitliche -Folge setzt. Mt 26 _-64-_: Du sagst es. _=Doch=_ ich sage euch, _=von -nun an=_ werdet etc. Bei Lukas fehlt der eschatologische Hinweis; er -hat ihn auch beim Kelchwort ausfallen lassen. - -Eine enge Verbindung zwischen dem Leidensgedanken und der Eschatologie -setzt auch das Gespräch über den Leidensweg der Nachfolger voraus (Mk 8 -_-34-_-9 _-1-_). Wer sich Jesu schämt, wenn er Schmähung und Verfolgung -in der ehebrecherischen und sündigen Welt erduldet, dessen wird sich -auch der Menschensohn schämen, wenn er in der Herrlichkeit seines -Vaters mit den heiligen Engeln kommt. Denn dieses Geschlecht wird nicht -in den Tod sinken, bis sie sehen das Reich Gottes kommend in Macht! - -Dieser Zusammenhang muss für die Hörer stark hervorgetreten sein. Nach -dem Aufbruch von Cäsarea Philippi, unter dem Eindruck des -Leidensgeheimnisses, das ihren Sinn mit Trauer und Angst erfüllt (Mk 9 -_-30-32-_) -- streiten sich die Jünger darum, wer den höchsten Platz im -Reich einnehmen wird. Im Hause zu Kapernaum muss Jesus sie darüber -zurechtweisen (Mk 9 _-33-37-_). Das war, nachdem er zum zweitenmal von -seinem Leiden gesprochen hatte. - -Auf dem Weg nach Jerusalem wiederholt sich derselbe Auftritt im engsten -Anschluss an die dritte Leidensweissagung (Mk 10 _-32-41-_). Die -Zebedaiden erheben ihre Ansprüche auf die Thronplätze. Es handelt sich -hier gar nicht um kindischen Missverstand der Anhänger, denn Jesus -geht ja ganz ernsthaft auf ihren Gedanken ein. Die eschatologische -Erwartung muss also für die Jünger in dem Leidenswort Jesu so stark zur -Geltung gekommen sein, dass sie sich notwendig Gedanken machen über die -Stellung, welche sie im zukünftigen Reich einnehmen werden. - -Der modern-historische Erklärungsversuch eliminiert den -eschatologischen Begriff des Reiches Gottes aus dem Leidensgedanken, -indem er ihn auf die apotheosenhafte Vorstellung von der -»_=Wiederkunft=_« reduziert. Dieser Ausdruck ist vollständig falsch. -Jesus hat nie von seiner »_=Wiederkunft=_«, sondern nur von seiner -_=Ankunft=_ oder der _=Zukunft=_ des Menschensohnes geredet. Wir -gebrauchen den Ausdruck »Wiederkunft«, weil wir Tod und Herrlichkeit -durch Kontrast verbinden, als bezöge sich der neue Zustand nur auf -eine sieghafte Verklärung Jesu. Unsere Auffassung lässt ihn sagen: -»Ich werde sterben, _=aber=_ ich werde durch meine _=Wiederkunft=_ -verherrlicht werden«. Thatsächlich hat er aber gesagt: »Ich muss leiden -_=und=_ der Menschensohn wird auf den Wolken des Himmels erscheinen.« -Das bedeutet aber für seine Zuhörer viel mehr als eine Apotheose -- -denn mit der Erscheinung des Menschensohnes brach das eschatologische -Reich an. Jesus setzt also seinen Tod mit dem eschatologischen -Anbruch des Reichs in einen zeitlich-ursächlichen Zusammenhang. Der -_=eschatologische=_ Reichsbegriff, nicht der _=modern-ethische=_, -beherrscht seinen Leidensgedanken. - - -=6. Die Form der Leidensoffenbarung.= (Vierte Voraussetzung.) - -Bestände die Auffassung des modern-historischen Lösungsversuchs zu -Recht, so hätte Jesus den Jüngern den Leidensgedanken in der Form einer -ethischen _=Reflexion=_ mitteilen müssen. Sollten sie die eintretende -Katastrophe als Inauguralakt der neuen Sittlichkeit begreifen und daraus -eine Erneuerung ihres sittlichen Handelns ableiten, dann musste er sie -mit diesem Charakter des Ereignisses von vornherein, zugleich mit der -Ankündigung desselben, bekannt machen. - -Nun hat er ihnen aber den Leidensgedanken nicht in der Form einer -_=ethischen Reflexion=_, sondern als ein _=Geheimnis=_ ohne weitere -Erklärung mitgeteilt. Es wird beherrscht von dem »müssen«, dem Ausdruck -der unbegreiflichen göttlichen Notwendigkeit. Dass der Leidensgedanke -ein Leidensgeheimnis war, das steht dem modern-historischen -Lösungsversuch entgegen. - - -7. Zusammenfassung. - - 1. Die Annahme einer glücklichen galiläischen Periode, auf welche - dann die Zeit des Niedergangs folgt, ist historisch nicht haltbar. - - 2. Paulinischer Einfluss kann die Fassung der altsynoptischen - Leidensaussprüche nicht bedingt haben. - - 3. Nicht der ethische, sondern der überethische, eschatologische - Reichsgedanke beherrscht die Leidensvorstellung Jesu. - - 4. Die Aussprache des Leidensgedankens geschah nicht in der Form - einer ethischen Betrachtung, sondern es handelt sich um ein - unbegreifliches Geheimnis, das die Jünger gar nicht zu verstehen - brauchten und auch nicht verstanden haben. - -So steht es um die vier Grundpfeiler des modern-historischen -Lösungsversuchs. Mit ihnen stürzt der ganze Bau zusammen. Es ist doch -nur ein unlebendiger Gedanke! Das Modern-Kraftlose zeigt sich darin, -dass man es dabei über eine Art repräsentativer Bedeutung des Todes Jesu -nicht hinausbringt. Jesus beschafft durch seine Dahingabe nichts -schlechthin Neues, weil er ja das Reich Gottes als Sündenvergebung oder -als die sich sittlich vollendende Gemeinschaft während seiner ganzen -öffentlichen Wirksamkeit als schon vorhanden voraussetzt. Es ist mit -seinem Auftreten selbst gegeben. Eine geleistete Sühne verlangt aber -eine _=effektive=_ Bedeutung des Todes. - -Darin besteht auch die Schwäche der modernen Dogmatik gegenüber der -alten. Paulus, Anselm und Luther wissen um einen absolut neuen Zustand, -der zeitlich und kausal aus Jesu Tod resultiert. Die moderne Dogmatik -redet darum herum; aber sie weiss nichts anzugeben, sondern hüllt sich -in die Wolke ihrer eigenen Voraussetzungen. Unhistorisch sind sie zwar -beide. Religiös berechtigt ist allein die moderne. Die alte Dogmatik ist -aber hier historischer, denn sie postuliert doch eine effektive Wirkung -des Todes Jesu, wie es die synoptischen Stellen verlangen. - -Worin besteht aber dort die schlechthin neue Grösse, welche an den Tod -gebunden ist? Die synoptischen Sprüche geben darauf nur _=eine=_ Antwort: -_=die eschatologische Realisierung des Reiches=_! Von der Sühne, die Jesus -leistet, hängt das Kommen des Reiches Gottes in Macht ab. Das ist der -Grundzug des Leidensgeheimnisses. - -Wie ist dies zu verstehen? Nur die Geschichte Jesu kann darüber -Aufschluss geben. _=An die Stelle des modern-historischen tritt nun der -eschatologisch-historische Lösungsversuch.=_ - - - - -Zweites Kapitel. - -Die Entwicklung Jesu. - - -1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische Grösse. - -Das Zusammensein einer ethischen und einer eschatologischen -Gedankenreihe bei Jesus bildete von jeher eines der schwersten Probleme -der neutestamentlichen Wissenschaft. Wie können sich in _=einem=_ Denken -zwei so verschiedene, in manchem diametral entgegengesetzte -Weltanschauungen vereinigen? - -Man hat das Problem zu umgehen gesucht, in dem richtigen Gefühl, dass -beide unvereinbar sind. Kritische Geister wie T. COLANI (Jésus-Christ et -les croyances messianiques de son temps 1864, S. 94 ff., 169 ff.) und G. -VOLKMAR (Die Evangelien 1870, S. 530 ff.) kamen dazu, die Eschatologie -überhaupt aus Jesu Vorstellungskreis zu _=eliminieren=_. Danach wären alle -derartigen Aussprüche auf Kosten der eschatologischen Erwartung der -späteren Zeit zu setzen. Dieses Verfahren scheitert an der -Hartnäckigkeit der Texte; gerade die eschatologischen Worte gehören zu -den bestbezeugten Partien. Ihre Ausscheidung bedeutet einen Gewaltakt. - -Nicht besser steht es mit dem Versuch der Umgehung des Problems durch -_=Sublimierung=_ der Eschatologie, als hätte Jesus die realistischen -Vorstellungen seiner Zeit ins Geistige übersetzt, indem er sie im Bilde -anwandte. Auf diesem Gedanken beruht die Studie von ERICH HAUPT (Die -eschatologischen Aussagen Jesu in den synoptischen Evangelien. 1895). -Nichts berechtigt uns aber anzunehmen, Jesus habe seine Worte in einem -uneigentlichen Sinn gemeint, während seine Zuhörer sie aus der -zeitgenössischen Vorstellung heraus realistisch auffassen mussten. Für -ein solches Unternehmen fehlt nicht nur jede prinzipielle Erklärung, -sondern auch die leiseste Andeutung seinerseits. - -So bleibt also das Problem, wie das Nebeneinander zweier -Weltanschauungen zu erklären sei, in voller Schärfe bestehen. Die -einzige Lösung scheint in der Annahme einer zeitlichen Entwicklung zu -liegen. Jesu Weltanschauung sei anfangs rein ethisch gewesen. Er habe -die Realisierung des Reiches Gottes von der Ausdehnung und Vollendung -der sittlich-religiösen Gemeinschaft erwartet, die er zu gründen -unternahm. Als aber der Widerstand der Weltmacht die organische -Vollendung des Reiches in Frage stellte, habe sich die eschatologische -Vorstellung ihm aufgedrängt. Durch die Ereignisse sei er dazu gekommen, -die Vollendung des religiös-ethischen Ideals, welche er bisher an den -Endpunkt einer durch sittliches Wirken fortschreitenden Entwicklung -verlegte, nunmehr von einer kosmischen Katastrophe zu erwarten, in -welcher die Allmacht Gottes das zum Abschluss bringen sollte, was er -unternommen hatte. - -Es soll also ein Umschwung in Jesu Gedanken stattgefunden haben. Aber -die zeitliche Auseinanderziehung des Gegensatzes verschleiert das -Problem nur, ohne es zu lösen. Die Aufnahme des eschatologischen -Gedankens, wenn sie in dieser Weise vorstellig gemacht werden soll, -bedeutet nichts anderes, als den totalen Bruch mit der Vergangenheit, -wobei jede Entwicklung aufhört. Denn, wenn man mit dem eschatologischen -Gedanken Ernst macht, hebt er die ethischen Gedankenreihen auf. Er -verträgt keine nebensächliche Stellung. Zu dieser Kraftlosigkeit kam er -erst in der christlichen Dogmatik, durch die geschichtliche Erfahrung. -Jesus aber hat entweder eschatologisch oder uneschatologisch gedacht, -aber nicht beides zugleich oder so, dass das Eschatologische ergänzend -zum Uneschatologischen hinzutrat. - -Nun ist nachgewiesen, dass in dem Leidensgedanken nur der -eschatologische Begriff vom Reich Gottes zur Geltung kommt. Ebenso ist -die Annahme einer Periode der Misserfolge nach der Aussendung historisch -nicht berechtigt. Diese bildet aber die unumgängliche Voraussetzung -jeder in Jesu anzunehmenden Entwicklung. Also kann der eschatologische -Gedanke sich Jesu nicht durch äussere Erlebnisse aufgezwungen haben, -_=sondern er muss von Anfang an=_, auch in der ersten galiläischen Periode -_=seiner Predigt zu Grunde gelegen haben=_! - - -2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede. - -»Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen« (Mt 10 _-7-_) -- dieses -Wort, das Jesus den Jüngern zu verkündigen aufträgt, fasst seine ganze -bisherige Predigt zusammen. Sie sollen sie nun hinaustragen in die -Städte Israels. In welchem Sinn diese Ankündigung gemeint ist, darüber -gibt die Aussendungsrede keinen Aufschluss. - -Ist die gewöhnliche Auffassung von der Bedeutung jener Entsendung der -Jünger richtig, so bieten die Worte, mit denen er sie entlässt, ein -merkwürdiges Rätsel dar. In hoffnungsvoller Schaffensfreude geht er -daran, den Kreis seiner auf die Gründung des Gottesreiches gerichteten -Thätigkeit weiter zu ziehen. Die Aussendungsrede sollte also Belehrungen -für die missionierende Thätigkeit der Jünger in diesem Sinn enthalten. -Man müsste nun erwarten, dass er sie anleitet, wie sie über das neue -Verhältnis zu Gott und über die neue Sittlichkeit des Gottesreiches -predigen sollen. - -Die Aussendungsrede ist aber alles andere eher als eine Zusammenfassung -der »Lehre Jesu«. An eine tiefer eindringende Unterweisung ist gar nicht -gedacht, sondern es handelt sich um eine fliegende Verkündigung durch -Israel mit dem einzigen Lehrauftrag, den Ruf von der Nähe des -Gottesreiches überall ertönen zu lassen -- damit alle gewarnt sind und -Busse thun können. Zeit ist aber dabei nicht zu verlieren; darum sollen -sie sich in einer Stadt, wo sie keine Empfänglichkeit finden, nicht -aufhalten, sondern weiter eilen, damit sie mit den Städten Israels -fertig werden, ehe die Erscheinung des Menschensohns stattfindet. -»Kommen des Menschensohnes« bedeutet aber: _=Einbrechen des Reiches Gottes -mit Macht=_. - -Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, fliehet zur andern; wahrlich -ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, -bis dass der Menschensohn kommen wird (Mt 10 _-23-_). Versteht man die -Aussendungsrede so, als habe Jesus durch die Jünger sagen lassen, dass -nun die Zeit da sei, in einem neuen sittlichen Verhalten das Reich zu -verwirklichen, so bleibt jenes eschatologische Wort ein erratischer -Block inmitten blühender Wiesen. Fasst man aber die Botschaft der -Reichsnähe eschatologisch auf, dann fügt sich das Wort einem grossen -Zusammenhang ein. Es ist ein Fels in einer wilden Gebirgslandschaft. Von -diesem Wort kann man nicht sagen, es sei aus einer späteren Zeit -eingearbeitet, sondern mit zwingender Gewalt bannt es eschatologische -Aussagen in die Tage der Aussendung. - -Die einzige erforderliche Lehrunterweisung ist der Bussruf. Busse thut, -wer an die Nähe des Reiches glaubt. Darum gibt Jesus ihnen Gewalt über -die unreinen Geister, dass sie dieselben austreiben und die Kranken -heilen (Mt 10 _-1-_); aus diesem Zeichen sollen alle ersehen, dass -es mit der widergöttlichen Macht zu Ende geht und das Morgenrot des -Gottesreiches anbricht. Das gehört mit zu ihrem Lehrauftrag, denn wer -ihren Zeichen nicht glaubt und daraufhin keine Busse auf das Reich -Gottes hin thut, der ist verdammt. So sind Chorazin, Bethsaïda und -Kapernaum dem Gerichte verfallen. Der Glaube und die Busse wurden -ihnen leicht gemacht durch die Zeichen und Wunder, mit welchen sie vor -andern begnadet waren -- und sie waren doch nicht in sich gegangen, was -doch Heidenstädte wie Tyrus und Sidon gethan hätten (Mt 11 _-20-24-_). -Dieses an das Volk gerichtete Wort zeigt, welche Bedeutung Jesus den -Zeichen mit Hinsicht auf die eschatologische Botschaft beimass. - -Die Jünger sollten also predigen _=vom Reich, von der Busse und -dem Gericht=_. Weil aber das Ereignis, das sie verkündeten, so nahe -war, dass es jeden Augenblick hereinbrechen konnte, mussten sie auf -das, was ihm vorausging, vorbereitet sein: nämlich auf _=das letzte -Aufbäumen der Weltmacht=_. Wie sie sich dabei zu verhalten haben, um -nicht irre zu werden, darauf geht die Unterweisung, mit der er sie -entlässt! In dem allgemeinen Aufruhr der Geister werden sich alle Bande -lösen. Bis in die Familie wird der Zwiespalt hineingetragen werden -(Mt 10 _-34-36-_). Wer sich zur Sache des Gottesreiches halten will, -der muss bereit sein, die, welche ihm am liebsten waren, aus seinem -Herzen herauszureissen und Kreuz und Schmach auf sich zu nehmen (Mt 10 -_-37-_ u. _-38-_). Die weltliche Gewalt wird schwere Verfolgung über -sie bringen (Mt 10 _-17-31-_). Man wird sie zur Verantwortung ziehen -und sie quälen, um sie zur Verleugnung zu bewegen. Der Bruder wird den -Bruder, der Vater das Kind dem Tod überantworten, und die Kinder werden -wider die Eltern aufstehen und den Tod über sie bringen. Nur wer in -diesem allgemeinen Aufruhr standhaft beharrt und sich zu Jesu bekennt, -der wird am Gerichtstage gerettet werden, wenn der Herr bei Gott für -ihn eintritt (Mt 10 _-32-_ u. _-33-_). - -In der Aussendungsrede hat Jesus die Jünger über die Wehen des -anbrechenden Reiches belehrt. Manches in den ausmalenden Partien -mag vielleicht die Färbung einer späteren Zeit aufweisen. Dadurch -wird aber der Gesamtcharakter der Rede nicht beeinträchtigt. Es -handelt sich nicht um ein Verhalten in ihrer Thätigkeit _=nach seinem -Tode=_; über eine solche Anweisung fehlt uns jegliches historische -Wort. Dem Anbruch des Reiches gehen die Wehen voraus. Also muss die -sieghafte Verkündigung der Reichsnähe sich auf die Wehen einrichten. -Darum dieses, in der bisherigen Erklärung unfassbare Nebeneinander -von Optimismus und Pessimismus. Es gehört zur Signatur jeder -eschatologischen Weltanschauung. - - -3. Die neue Auffassung. - -Der Leidensgedanke ist _=nur=_ von dem eschatologischen Reichsbegriff -beherrscht. In der Aussendungsrede handelt es sich _=nur=_ um die -eschatologische, nicht um die ethische Reichsnähe. Daraus folgt einmal, -dass Jesu Thätigkeit _=nur=_ mit der eschatologischen Realisierung -des Reiches rechnet. Dann kann aber das Verhältnis seiner ethischen -Gedanken zur eschatologischen Weltanschauung keine Umbildung durch -äussere Ereignisse erfahren haben, sondern es muss von Anfang an -dasselbe gewesen sein. - -In welchem Zusammenhang standen aber seine Ethik und seine -Eschatologie? Solange man von der Ethik ausgeht und die Eschatologie -als etwas Hinzutretendes zu begreifen sucht, gibt es keinen organischen -Zusammenhang zwischen beiden, weil die Ethik Jesu, wie wir sie -aufzufassen pflegen, gar nicht auf die Eschatologie eingerichtet -ist, sondern viel höher steht. Man muss daher den umgekehrten Weg -einschlagen und versuchen, _=ob nicht seine ethische Verkündigung ihrem -Wesen nach durch die eschatologische Weltanschauung bedingt ist=_. - - - - -Drittes Kapitel. - -Die Predigt vom Reich Gottes. - - -1. Die neue Sittlichkeit als Busse. - -Wenn der Gedanke der eschatologischen Realisierung des Reichs die -Grundvorstellung der Predigt Jesu ist, so fällt seine ganze Ethik unter -den Begriff der auf das Kommen des Reichs vorbereitenden _=Busse=_. Uns -scheint dieser Begriff zu eng, um auf den ganzen Umfang seiner -sittlich-religiösen Verkündigung angewandt werden zu können. In unserer -Sprache hat nämlich dieses Wort eine mehr negative Bedeutung, sofern es -hauptsächlich die Beziehung auf eine vorhergehende Schuld hervorhebt. -Die Vorstellung aber, welche bei den Synoptikern durch Busse ([Greek: -metanoia]) wiedergegeben wird, ist viel reicher. Sie ist nicht nur eine -sittliche Wiederherstellung im Rückblick auf einen zurückliegenden -sündigen Zustand, sondern -- und dieser Charakter prävaliert -- _=auch -eine sittliche Erneuerung im Hinblick auf eine bevorstehende allgemeine -sittliche Vollendung=_. - -So schliesst »die Busse in Erwartung des Reichs« alle positiven -ethischen Forderungen in sich. In dieser Bedeutung ist sie der -lebendige Nachhall der altprophetischen Busse. Denn bei Amos, Hosea, -Jesaia und Jeremia bedeutet Busse die sittliche Erneuerung im Hinblick -auf den Tag des Herrn. So sagt Jesaia: »Waschet euch, reinigt euch; -entfernt die Bosheit eurer Thaten aus meinen Augen. Fraget nach Recht, -steuert dem Gewaltthätigen; richtet die Waise, schaffet Recht der -Witwe« (Jes 1 _-16-_ u. _-17-_). Gerade diesen alttestamentlichen -Begriff der Busse, welcher den Nachdruck auf das neue sittliche Leben -legt, muss man gegenwärtig haben, um die synoptische Busse richtig zu -erfassen. Beide sind nach vorwärts orientiert, beide sind durch den -Gedanken eines Zustandes der Vollendung beherrscht, den Gott durch sein -Gericht heraufführen wird. Für die altprophetische ist es der Tag des -Herrn, für die synoptische der Anbruch des Reiches. - -Die Ethik der Bergpredigt ist also Busse. Die neue Sittlichkeit, welche -hinter dem Buchstaben den Geist des Gesetzes entdeckt, macht geschickt -zum Reiche Gottes. Nur die Gerechten kommen ins Gottesreich: das stand -für alle fest. Wer also die Nähe des Reiches predigte, musste auch die -Gerechtigkeit auf das Reich hin lehren. Darum verkündet Jesus die neue -Gerechtigkeit, die höher ist als das Gesetz und die Propheten, denn -diese gehen nur bis auf den Täufer. Seit den Tagen des Täufers steht man -aber in der unmittelbar vormessianischen Zeit. - -Am Tage des Gerichts gilt es, diese sittliche Umwandlung vorzuweisen; -nur wer den Willen des himmlischen Vaters gethan hat, der wird in das -Gottesreich eingehen (Mt 7 _-21-_). Keine Berufung auf Anhängerschaft -Jesu, nicht einmal auf Zeichen, die in seinem Namen verrichtet wurden, -kann diese neue Gerechtigkeit ersetzen (Mt 7 _-22-_ u. _-23-_). -Darum schliesst die Bergpredigt mit der Ermahnung, in Erwartung der -gewaltigen Ereignisse einen festen Bau aufzuführen, der in Sturm und -Wetter standhält (Mt 7 _-24-27-_). - -Unter denselben Gesichtspunkt fallen die Seligpreisungen (Mt 5 -_-3-12-_). Sie bestimmen die zum Eintritt in das Himmelreich -berechtigende sittliche Verfassung. So erklärt sich das Präsens und -das Futurum in demselben Satz. Selig sind sie, die Sanftmütigen, die -nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, die Barmherzigen, die -reinen Herzens sind, die Friedfertigen, die geistig Armen, die in der -Verfolgung um der Gerechtigkeit willen beharren, weil sie in diesem -Verhalten die Gewähr haben, beim Erscheinen des Reiches Gottes als dazu -gehörig erfunden zu werden. - -Eine Reihe von Gleichnissen enthält denselben Gedanken. So wird in den -Gleichnissen vom Schatz im Acker und von der köstlichen Perle (Mt 13 -_-44-46-_) geschildert, wie der Mensch alles daran setzen muss, wenn -ihm das Reich Gottes in Aussicht gestellt wird, wie er alle andern -Güter dahingeben muss, um dieses in Aussicht stehende höchste Gut zu -erwerben. - -Wir finden also in der Ethik der galiläischen Periode schon das -»jetzt und dann«, welches der Wertung des Dienens (Mk 10 _-45-_) zu -Grunde liegt. _=Als Busse auf das Reich Gottes hin ist auch die Ethik -der Bergpredigt Interimsethik.=_ Die sittliche Unterweisung Jesu -ist sich also darin vom ersten Tag seines Auftretens bis zu seinen -letzten Aussprüchen gleichgeblieben, denn die Erniedrigung und das -Dienen, welche er den Seinen auf dem Weg nach Jerusalem anempfiehlt, -entsprechen genau dem neuen sittlichen Verhalten, das er in der -Bergpredigt entwickelt: sie machen geschickt zum Reich Gottes. Nur -bilden sie noch eine Steigerung zur neuen Gerechtigkeit, indem sie -geschickt machen zum _=Herrschen=_ daselbst. - -Dem Leitmotiv der Bergpredigt begegnen wir noch einmal in dem Epilog -zur grossen Gleichnisrede der jerusalemitischen Tage. Nur die Bewährung -der neuen Sittlichkeit in allen Verhältnissen des Lebens gewährleistet -den Eintritt in das Reich. Darum kann Jesus zu dem Pharisäer, der dem -Grundgesetz dieser neuen Sittlichkeit zustimmt, wie es in dem grossen -Liebesgebot ausgedrückt ist, sagen: Du bist nicht fern vom Reich Gottes -(Mk 12 _-34-_). Das will nicht heissen, dass der Pharisäer durch seine -Gesinnung beinahe schon die Höhe der »Sittlichkeit des Gottesreiches« -erklommen hat. Wenn nämlich das Doppelgebot der Liebe die Sittlichkeit -des _=Gottesreiches=_ ausmachte, müsste er ihm, da er diesem Gebote -vollständig zustimmt, sagen: Du gehörst dem Gottesreiche an. So aber -ist das »nicht fern« rein zeitlich zu verstehen, nicht von einer -kleinen Vervollkommnung, die ihm noch fehlt. Er ist nicht fern von dem -Reich Gottes, weil er die sittliche Qualität besitzt, durch welche -er als ein Genosse desselben erfunden werden wird, wenn es in Kürze -erscheint. Das »nicht fern« enthält also dasselbe Gemisch von Präsens -und Futurum wie die Seligpreisungen. - -Von unseren ethischen Vorstellungen ausgehend, sind wir geneigt, den -Begriff des Lohnes auf dieses Verhältnis zwischen der Zugehörigkeit -zum Reich und der neuen Sittlichkeit anzuwenden. Damit wird jedoch -der Gedanke Jesu nicht vollständig wiedergegeben, da es sich für ihn -vor allem um die _=Unmittelbarkeit=_ des Uebergangs aus dem Zustande -der sittlichen Erneuerung in den der übersittlichen Vollendung des -Gottesreiches handelt. Wer beim Anbrechen des Gottesreichs im Besitz -der sittlichen Erneuerung ist, der wird als ein Glied desselben -erfunden werden. Dies ist der adäquate Ausdruck für das Verhältnis der -Sittlichkeit zum kommenden Gottesreich. - - -2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik. - -Durch die Tiefe der religiösen Ethik Jesu kommen wir dazu, in ihr unser -modern-ethisches Bewusstsein wiederfinden zu wollen. Ihrer ewigen -inneren Wahrheit nach ist sie allerdings losgelöst von jeder -geschichtlichen Bedingtheit, weil sie die höchsten ethischen Gedanken -aller Zeiten schon in sich enthält. Dennoch besteht ein grosser -Unterschied zwischen Jesu Empfinden und dem unseren. Die moderne Ethik -ist »unbedingt«, weil sie den neuen sittlichen Zustand aus sich selbst -heraus schafft, wobei vorausgesetzt wird, dass sich dieser Zustand zur -Endvollendung entwickeln wird. Die Ethik ist hier Selbstzweck, sofern -die sittliche Vollendung der Menschheit sich mit der Vollendung des -Reiches Gottes deckt. Das ist KANT's Gedanke. In dieser -Verselbständigung der Ethik, welcher doch eine gewisse Resignation -hinsichtlich der Erreichung des vollendeten Endzustandes anhaftet, zeigt -sich, dass die christlich-moderne Ethik von -hellenistisch-rationalistischen Gedanken durchsetzt ist und unter dem -Einfluss einer zweitausendjährigen Entwicklung steht. - -Die Ethik Jesu hingegen ist »bedingt« in dem Sinn, dass sie in -unlösbarem Zusammenhang mit der Erwartung eines übernatürlich -eintretenden Zustandes der Vollendung steht. Darin zeigt sich ihre -jüdische Provenienz und der unmittelbare Zusammenhang mit der -prophetischen Ethik, wo das sittliche Verhalten des Volks durch seine -Zukunftserwartungen bedingt war. Wenn daher irgend eine Parallele zur -Erklärung der Ethik Jesu herbeigezogen werden darf, so ist es nur die -prophetische, niemals die moderne. Denn sowie die letztere -mithereinspielt, wird die Betrachtungsweise unhistorisch, sofern man die -Ethik Jesu verselbständigt, während sie durchaus nach der erwarteten -übernatürlichen Vollendung orientiert ist. - -Dadurch schafft man das unlösbare Problem, dass eine ihrer Ethik nach -durchaus moderne Persönlichkeit nebenher eschatologische Aussprüche -thut. Hat man aber einmal die Bedingtheit seiner Ethik eingesehen und -macht man Ernst mit ihrem Zusammenhang mit der prophetischen Ethik, so -ist mit einem Schlage klar, dass alle Vorstellungen von einem aus -kleinen Anfängen emporwachsenden Reich, von einer Ethik des -Gottesreiches und von einer Entwicklung desselben durch unser modernes -Bewusstsein an Jesu Gedanken herangetragen werden, weil wir uns nicht -ohne weiteres mit der Bedingtheit seiner Ethik vertraut machen können. - -Wir muten ihm zu, sich das Reich Gottes vorzustellen, wie es in seiner -historischen Verwirklichung sich gleichsam durch eine Verengerung -hindurchzwängt, um nachher die Vollgestalt, auf die es angelegt ist, zu -erreichen. Das ist moderne Vorstellung. Für Jesus und die Propheten war -sie aber unvollziehbar. In der Unmittelbarkeit ihrer ethischen -Anschauung gibt es keine Sittlichkeit des Gottesreichs und keine -Entwicklung desselben -- es liegt jenseits der ethischen Grenze von Gut -und Böse; es wird herbeigeführt durch eine kosmische Katastrophe, durch -welche das Böse total überwunden wird. Damit werden die sittlichen -Massstäbe aufgehoben. _=Das Reich Gottes ist eine übersittliche Grösse.=_ - -Zu dieser Höhe des überethischen Idealismus kann sich das moderne -Bewusstsein nicht mehr aufschwingen. Wir sind eben durch die Geschichte -alt geworden. Für das historische Verständnis der Ethik Jesu ist sie -aber die unerlässliche Voraussetzung. - -Dazu kommt noch, dass wir beim Reich Gottes nach vorwärts denken, an die -kommenden Generationen, welche es in steigendem Masse verwirklichen -werden. Jesu Blick geht rückwärts. Für ihn setzt sich das Reich zusammen -aus den Generationen, welche schon ins Grab gesunken sind und die nun zu -einem Vollendungszustand erweckt werden. Wie soll es für ihn eine Ethik -der geschlechtlichen Beziehungen im Gottesreiche geben, wenn er den -Sadducäern erklärt, dass es im Gottesreiche nach der grossen -Auferstehung geschlechtliche Beziehungen überhaupt nicht mehr geben -wird, sondern »dass sie sein werden, wie die Engel des Himmels« (Mk 12 -_-25-_)? - -Jede ethische Norm Jesu, möge sie auch noch so vollendet sein, führt -also nur bis an die Grenze des Reiches Gottes, während jeglicher Pfad -verschwindet, sobald man sich auf dem neuen Boden bewegt. Dort braucht -man keinen. - -Man hat ein Vorurteil gegen diese Bedingtheit. Sofern man meint, der -Wert der Ethik Jesu würde dadurch herabgesetzt, ist es unberechtigt. -Gerade das Gegenteil ist der Fall; denn diese Bedingtheit fliesst aus -einem absolut ethischen Idealismus, welcher für den erwarteten -Vollkommenheitszustand Daseinsbedingungen postuliert, die selbst ethisch -sind. In unserer verselbständigten Ethik aber setzen wir den Kampf -zwischen Gut und Bös, als dauernd zum Wesen des Ethischen gehörend, für -immer voraus. Ethik und Theologie stehen für uns nicht in diesem -lebendigen Verhältnis, wie bei Jesus. Die Lebhaftigkeit der Farben des -absolut ethischen Idealismus ist in der Geschichte verblasst. So ist die -Verselbständigung der Ethik Jesu also nicht nur ungeschichtlich, sondern -sie bedeutet auch eine Verkümmerung seines ethischen Idealismus. - -In _=einem=_ Punkte hat aber unser ethisches Empfinden mit seinem -Vorurteil recht. Bezieht sich die Ethik bloss auf die Erwartung -der übernatürlichen Vollendung, dann ist ihr thatsächlicher Wert -herabgesetzt, da sie nur Individualethik ist und nur das Verhältnis -des Einzelnen zum Gottesreich berücksichtigt. Dass aber die sittliche -Gemeinschaft, welche durch Jesu Predigt hervorgerufen wird, als -solche irgendwie das wirksame Anfangsglied in der Realisierung -des Gottesreiches sei, dieser Gedanke liegt nicht nur in unserem -ethischen Empfinden, sondern er belebt auch die Predigt Jesu, denn er -arbeitet den sozialen Charakter seiner Ethik scharf heraus. Gerade -deswegen sträubt man sich, den eschatologischen Begriff des Reiches -Gottes seiner Verkündigung von Anfang an zu Grunde zu legen, weil -man sich dann nicht erklären kann, wie er den Zustand der neuen -sittlichen Gemeinschaft, die er um sich schafft, mit dem übernatürlich -eintretenden Reich organisch verbunden denkt. - -Daher gerät man hier unwillkürlich auf das moderne Geleise. Der -Begriff der Entwicklung leistet das Geforderte, indem er erlaubt, die -neue sittliche Gemeinschaft als Anfangszustand zu jenem Endzustand -aufzufassen, welchem sie sich durch eine stetige Ausdehnung und -Vertiefung nähert. Der sich erweiternde Kreis ist aber eine moderne -geschichtliche Betrachtungsweise. Sie ist Jesu vollständig fremd. -Wenn er aber auch unsere Erklärung nicht vorausgesetzt haben kann, -das Faktum, dass diese neue Gemeinschaft mit dem Endzustand in einem -organischen Zusammenhang stehe, war ihm ebenso sicher wie uns. Weil er -aber diesen Endzustand als rein übernatürlich eintretend erwartete, -war der Zusammenhang nicht durch menschliche Ueberlegung zu begreifen, -_=sondern es war ein göttliches Geheimnis=_, das er nur in Analogien zu -den Vorgängen in der Natur aussprach. - - - - -Viertes Kapitel. - -Das Geheimnis des Reiches Gottes. - - -1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes. - -Es handelt sich um das »Geheimnis des Gottesreiches« (Mk 4 _-11-_), -welches in den Gleichnissen vom Säemann, von der selbstwachsenden Saat, -vom Senfkorn und vom Sauerteig dargestellt wird. Wir finden darin -gewöhnlich die Veranschaulichung einer stetigen Entfaltung, durch -welche ein kleiner Anfangszustand mit einem herrlichen Endzustand -zusammenhängt. Die gesäten Körner enthalten die Ernte schon, indem -jedes auf die Pflanze samt der Frucht angelegt ist. Sie entwickeln sich -daraus stetig und notwendig. So ist es auch mit der Entwicklung des -Reiches Gottes aus kleinen, unscheinbaren Anfängen. - -Diese ansprechende Deutung der Gleichnisse benimmt ihnen aber den -Charakter des _=Geheimnisses=_, denn die Veranschaulichung einer -stetigen Entfaltung durch die Vorgänge in der Natur ist kein Geheimnis -mehr. Darum misskennen wir das Geheimnis in diesen Gleichnissen. Wir -deuten sie aus unserer naturwissenschaftlichen Reflexion, welche zwei -noch so verschiedene Zustände in allen Fällen durch den Begriff der -Entwicklung verbindet. - -Der Unmittelbarkeit, mit welcher der antike ungeschulte Geist die -Natur beobachtete, bot sie aber noch Geheimnisse, indem sie ihm zwei -ganz verschiedene Zustände in einer Aufeinanderfolge vorführte, deren -Zusammenhang ebenso gewiss als unerklärlich war. Diese Unmittelbarkeit -spricht aus Jesu Gleichnissen. Der Begriff der Entwicklung in der -Natur, auf welchen es die moderne Erklärung abgesehen hat, wird gar -nicht hervorgehoben, sondern die Exposition geht darauf aus, die -beiden Zustände so unmittelbar nebeneinander zu stellen, dass man zur -Frage gedrängt wird: Wie kann der Endzustand aus dem Anfangszustand -hervorgehen? - -1. Ein Mensch säte aus. Von der Aussaat ging ein grosser Teil durch -die verschiedensten Umstände verloren -- und doch war der Ertrag der -Körner, welche auf gutes Land fielen, so gross, dass es das Ausgesäte -dreissig-, sechzig-, ja hundertfältig wiederbrachte. - -Die Ausdeutung der einzelnen Punkte bei der Schilderung dieses -Verlustes auf bestimmte Menschenklassen, wie sie Mk 4 _-13-20-_ -vorliegt, ist aus einer späteren Anschauung hervorgegangen, für die das -Gleichnis eben kein Geheimnis mehr enthielt. Ursprünglich waren aber -die einzelnen Schilderungen nicht selbständig, sondern die Saat, die -auf dem Weg, auf dem steinigten Boden und unter den Dornen verloren -geht, samt der, welche die Vögel des Himmels aufpicken, bildet einen -einheitlichen Gegensatz zu der, welche auf gutes Land fiel. Für das -Gleichnis kommt die Art, wie sie zu Grunde ging, nicht in Betracht. -Jesu Rede hängt, trotz der wundervoll ausgeführten Schilderung, in -einem Gedanken: So klein war unter Anrechnung alles dessen, was -verloren ging, die Aussaat und dennoch die grosse Ernte! -- Darin liegt -das Geheimnis. - -2. Ein Mensch streute Samen auf das Land. Er schlief, ging seinen -Geschäften nach und kümmerte sich nicht weiter um die Saat. Ehe er -sich's indes versah, stand die Ernte auf dem Feld und er konnte seine -Knechte ausschicken, sie einzuholen. Wie ging es zu, dass, nachdem die -Samenkörner in die Erde gesenkt waren, der Boden _=von selbst=_ Gras, -Halm und volle Aehre hervorbrachte? -- Darin liegt das Geheimnis. - -3. Es wurde ein Senfkorn gesät; daraus sprosste eine grosse Staude -hervor, mit Zweigen, dass die Vögel des Himmels darunter wohnen -konnten. Wie ging das zu, da doch das Senfkorn so klein ist? -- Das ist -das Geheimnis. - -4. Ein Weib that ein bischen Sauerteig zu einem grossen Teig. Nachher -war der ganze Teig »Sauerteig«. Wie kann durch ein wenig Sauerteig ein -grosser Teig durchsäuert werden? -- Das ist das Geheimnis. - -Diese Gleichnisse sind gar nicht darauf angelegt, gedeutet und -verstanden zu werden, sondern sie sollen die Hörer darauf aufmerksam -machen, dass in den Sachen des Reiches Gottes ein Geheimnis sich -vorbereitet, wie sie es in der Natur erleben. _=Es sind Signale.=_ -Wie auf die Saat die Ernte folgt, ohne dass jemand sagen kann, wie -es zuging, so wird auf Jesu Predigt hin das Reich Gottes in Macht -sich einstellen. So klein, verglichen mit dem Zustand des Reiches -Gottes, der Kreis auch ist, welchen er um sich sammelt, so ist -nichtsdestoweniger gewiss, dass es sich in der Folge dieser so -beschränkten sittlichen Erneuerung einstellen wird, so gewiss zu -erwarten ist, dass die Saat, welche zur Zeit, da er spricht, im Boden -schlummert, eine herrliche Ernte bringen wird. Wartet nicht nur auf -die Ernte, sondern wartet auch auf das Reich Gottes! -- so redete -der geistige Säemann zu den Galiläern zur Zeit der Aussaat. Sie -sollten, wenn sie es ahnen konnten, darauf aufmerksam werden, dass die -sittliche Erneuerung im Gefolge seiner Predigt in einem notwendigen, -aber unerklärlichen Zusammenhang mit dem Anbrechen des Reiches Gottes -stände. Denn derselbe Gott, der durch die geheimnisvolle Kraft in der -Natur die Ernte erstehen lassen wird, der wird auch das Reich Gottes -erstehen lassen. - -Darum, als es die Zeit der Ernte war, schickte er seine Jünger aus, zu -verkünden: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. - - -2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk nach der -Aussendung. - -Jesus war allein. Die Jünger trugen die Kunde von der Nähe des Reiches -in die Städte Israels. Während das Volk sich um ihn drängte, kamen -die Gesandten des Täufers mit ihrer Frage. Er entliess sie mit dem -Bescheid: das Reich stehe vor der Thür; man brauche nur die Sprache -der Zeichen und Wunder zu verstehen. Zum Volk sich wendend, redete er -von der Bedeutung des Täufers und seiner Würde. Dabei entfiel ihm ein -Geheimniswort (Mt 11 _-14-_: »wenn ihr es zu fassen vermögt«, Mt 11 -_-15-_: »wer Ohren hat zu hören, der höre«). Johannes ist der Elias, d. -h. die Persönlichkeit, welche das unmittelbare Einbrechen des Reichs -anzeigt. »Von den Tagen Johannes des Täufers bis auf diesen Augenblick -wird dem Reich Gottes Gewalt angethan und die Gewaltthätigen reissen -es an sich. Denn die Propheten und das Gesetz haben bis Johannes -geprophezeit, und wenn ihr es fassen mögt, so ist er der Elias, der -kommen soll. Wer Ohren hat zu hören, der höre« (Mt 11 _-12-14-_). - -Dieses Wort widerstrebt aller Exegese, denn es enthält gar nicht den -Gedanken, dass die Einzelnen sich mit Gewalt den Eingang ins Reich -erzwingen. Was sollte das auch heissen? Inwiefern geschieht das von den -Tagen des Täufers an? Das von Jesus gebrauchte Bild ist unbegreiflich, -wenn es sich um das Eintreten Einzelner in das Gottesreich handelt. -Ebenso unverständlich bleibt es aber, wenn es sich auf die Realisierung -des Gottesreiches durch Entwicklung beziehen soll. Erstens widerspricht -das Bild vom Gewaltakt dem Gedanken der Entwicklung; zweitens datiert -der Anfang dieser Nötigung dann nicht vom Täufer, sondern von Jesus. - -Es handelt sich um das Geheimnis des Reiches Gottes, darum der -Hinweis: wer Ohren hat zu hören, der höre. Er kommt nur noch bei -den Gleichnissen vom Geheimnis des Reiches Gottes und als Beschluss -apokalyptischer Sprüche vor (vgl. den Gebrauch des Ausdrucks in der -Apokalypse: 2 _-7 11 17 29-_, 3 _-6 13 22-_). Die Busse und sittliche -Erneuerung auf das Reich Gottes hin sind gleichsam ein Druck, der -ausgeübt wird, _=um es zu zwingen, in die Erscheinung zu treten=_. -Diese Bewegung hat eingesetzt mit den Tagen des Täufers. Darum wird von -da an dem Reich Gottes Gewalt angethan. Die Gewaltthätigen, die es an -sich reissen, sind diejenigen, welche die sittliche Erneuerung leisten. -Sie ziehen es mit Macht auf die Erde herunter. - -Das Wort in der Rede über den Täufer und die Gleichnisse des Reiches -Gottes erklären und ergänzen sich gegenseitig. Die Gleichnisse heben -vor allem _=das Unangemessene=_ in dem Verhältnis der geleisteten -sittlichen Erneuerung zur eintretenden Vollkommenheit des Reiches -Gottes hervor, während das Bild in dem Ausspruch nach der Aussendung -mehr _=den zwingenden Zusammenhang=_ zwischen beiden herausarbeitet. - - -3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen und -jüdischen Zukunftserwartungen. - -Jesu Ethik hängt mit der altprophetischen zusammen, da sie, wie -jene, durch die Erwartung eines Zustandes der Vollendung bedingt ist, -welchen Gott heraufführen wird. Aber auch das Geheimnis des Reiches -Gottes, wonach die sittliche Erneuerung das übernatürliche Kommen des -Reiches herbeiführt, entspricht dem prophetischen Grundgedanken. Bei -den Propheten ist das Verhältnis zwischen der sittlichen Umkehr, welche -sie herbeiführen wollen, und dem Herrlichkeitszustand, welchen Gott am -Tage des Gerichts heraufführen wird, kein rein zeitliches, sondern es -beruht auf einem übernatürlichen kausalen Zusammenhang. Das gottwidrige -Verhalten zieht den Tag des Gerichts und der Verdammnis herbei. Darum -züchtigt Gott das Volk und gibt es in die Hand seiner Bedränger. Wenn -es sich aber zur sittlichen Umkehr entschliesst, wenn es in gläubigem -Vertrauen bei ihm allein Zuflucht sucht, wenn Gerechtigkeit und -Wahrheit unter ihnen herrschen, dann wird ihm der Herr Recht schaffen -vor seinen Bedrängern und seine Herrlichkeit wird aufgehen über Israel, -dem die Völker dienstbar werden. An jenem Tage wird dann der Friede -über die ganze Welt und auch über die Natur ausgegossen werden. - -Nach dem Exil wirkt dieser Gedanke in der Auffassung vom Gesetz -weiter. Durch das Halten des Gesetzes wird der Herrlichkeitszustand -von Gott erzwungen. Nicht der einzelne, sondern die Gesamtheit wirkt -durch das Gesetz auf Gott. Diese generelle Betrachtungsweise ist die -primäre, die individualistische erst die sekundäre. »Israel würde -erlöst werden, wenn es nur zwei Sabbate hielte, wie es sich gebührte« -(Schabbath 118^b. WÜNSCHE, System der altsynagogalen palästinensischen -Theologie 1880 S. 299). Hier begegnet uns der altprophetische Gedanke -in gesetzlicher Veräusserlichung. - -Im allgemeinen herrschte aber später die individualistische Betrachtung -vor. Das Gesetz und das sittliche Verhalten überhaupt waren nur die -Vorbereitung auf den erwarteten Herrlichkeitszustand. An Stelle der -lebendigen generellen prophetischen Auffassung trat eine individuelle, -unlebendige. _=Die Eschatologie wurde Rechenexempel und die Ethik -Kasuistik.=_ - -Da Jesus aber auf den ethischen Grundgedanken der prophetischen -Zeit zurückgriff, handelte es sich für ihn nicht um reine -Zukunfts_=erwartung=_. Spätjüdisch an ihm ist nur die Form, in der er -sich das Eintreten dieses Endzustandes denkt. Er erfasst es nicht mehr -unter dem Gesichtspunkt des Eingreifens Gottes in die Völkergeschichte, -wie die Propheten, sondern unter dem der kosmischen Endkatastrophe. -Seine Eschatologie ist Daniel'sche Apokalyptik, weil das Reich durch -den Menschensohn herbeigeführt wird, wenn er auf den Wolken des Himmels -erscheint (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_). - -_=Das Geheimnis des Reiches Gottes ist also die Synthese eines -souveränen Geistes zwischen der altprophetischen Ethik und der -Daniel'schen Apokalyptik.=_ Daher wurzelt Jesu Eschatologie in seiner -Zeit und steht doch so hoch über ihr. Für die Zeitgenossen handelte es -sich um _=Erwartung=_ des Reichs, um das Ausdenken und Ausmalen aller -Momente der grossen Katastrophe und um die Vorbereitung darauf, für -Jesus um die _=Herbeiführung=_ des erwarteten Ereignisses durch die -sittliche Erneuerung. _=Aus der eschatologischen Ethik wird ethische -Eschatologie.=_ - - -4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der glücklichen -galiläischen Periode. - -Dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge ist das Eintreten des Reiches -unabhängig von der Allgemeinheit des Erfolgs der Predigt Jesu. Er -betont ja gerade, dass die Beschränktheit des Kreises, welcher die -sittliche Erneuerung leistet, in gar keinem Verhältnis steht zu der -allumfassenden Grösse des Reichs, das auf Grund ihres Verhaltens -eintritt. Es genügt, dass ein geringer Teil der Aussaat auf das gute -Land fällt -- und die überreiche Ernte ist da, durch Gottes Macht. -Nicht durch die Menge, sondern durch die Gewalttätigen wird das Reich -herbeigenötigt. - -Darum macht das Geheimnis des Reiches Gottes die Annahme einer -erfolgreichen galiläischen Periode ganz überflüssig. Jesus kann sich -der Erwartung der baldigen Realisierung des Reichs hingeben, auch wenn -er die grössten Misserfolge erlebt und ganze Ortschaften sich seiner -Predigt verschliessen. Sie halten damit das Reich Gottes nicht auf, -sondern sie überliefern sich nur selbst dem Gericht, denn das Reich -tritt notwendig ein auf Grund der sittlichen Erneuerung der Kreise, die -sich um Jesu sammeln. - -Die Richtigkeit der Deutung des Geheimnisses des Reiches Gottes zeigt -sich also darin, dass sie eine zur Erklärung des Lebens Jesu sonst -absolut unumgängliche, historisch aber in keiner Weise zu begründende -Annahme unnötig macht. - - -5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus Jesu. - -So lange die sittliche Erneuerung auf Grund der Predigt Jesu mit der -Realisierung des Reiches durch den modernen Gedanken der Entwicklung in -Beziehung gesetzt wird, ist auch die Korrelatgrösse zur Vollendung des -Reichs modern, nämlich »_=die sittliche Menschheit als Gesamtheit=_«. -Man mutet dann Jesu zu, dass er in Gedanken voraussieht, wie die neue -sittliche Gemeinschaft, die er gründet, sich immer weiter ausbreitet, -ganz Israel ergreift -- hier bricht aber der Gedanke Jesu ab; -universalistische Ideen darf man ihm nicht unterschieben, denn die -Aussendungsrede zeigt, dass er für die sittliche Erneuerung nicht über -die Grenzen Israels hinaus reflektiert. Mt 10 _-5-_ u. _-6-_: Ziehet -auf keiner Heidenstrasse und betretet keine Samariterstadt; gehet aber -vielmehr zu den verlornen Schafen des Hauses Israel. - -Die Predigt des Reiches Gottes ist also partikularistisch; das -Reich selbst aber ist universalistisch, »denn sie werden kommen von -Mitternacht und von Mittag, vom Morgen und vom Abend«. Das Geschlecht, -das ein Wunder verlangt, wird ein solches erleben: Die Niniviten -werden am Tage des Gerichts aufstehen und es verdammen, weil sie Busse -gethan haben auf die Predigt des Jonas hin, »und hier ist mehr denn -Jonas«. Auch die Königin von Mittag wird den Zeitgenossen Jesu dann als -Richterin erstehen, denn sie machte sich auf, um die Weisheit Salomos -zu hören, »und hier ist mehr denn Salomo« (Mt 12 _-41-42-_). - -Für das moderne Bewusstsein ist dieser Widerspruch zwischen dem -Partikularismus in der Verkündigung des Reiches und dem Universalismus -in der Vollendung desselben unüberwindbar, weil es sich alles durch -den Begriff der Entwicklung denkt. In dem Geheimnis des Reiches Gottes -aber gehen Partikularismus und Universalismus mit einander auf. Das -Reich ist universalistisch, denn es ersteht aus dem kosmischen Akt, -bei welchem Gott die Gerechten aller Zeiten und aller Völker zur -Herrlichkeit erweckt. Die Herbeiführung des Reiches hingegen fusst auf -dem Partikularismus, denn es wird durch die sittliche Erneuerung der -Volksgenossen Jesu herbeigenötigt. Das Heil kommt aus Israel. - - -6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum Gesetz und -zum Staat. - -Jesus hat sich weder für noch gegen das Gesetz ausgesprochen. Er -erkannte es einfach als etwas Bestehendes an, ohne sich daran zu -binden. Zu einer prinzipiellen Stellungnahme, ob es verbindlich oder -nicht verbindlich sei, fühlte er keine Nötigung. Diese Frage war für -ihn gegenstandslos. Auf die neue Sittlichkeit, nicht auf das Gesetz kam -es an. Heilig und unverletzlich war ihm dieses Gesetz, sofern es den -Weg zur neuen Sittlichkeit wies. Aber damit hob es sich selbst auf; -denn in dem Reich, das auf Grund der neuen Sittlichkeit in Erscheinung -trat, war es abgethan, da der Vollendungszustand übergesetzlich und -überethisch war. Bis dahin bestand es zu Recht. Ob das Gesetz auch für -seine Anhänger in Zukunft gelten sollte, diese Frage existierte für ihn -nicht, sondern erst die Geschichte hat sie der ersten Gemeinde gestellt. - -Mit dem Staat verhielt es sich ebenso. Die Frage, die man ihm in den -jerusalemitischen Tagen stellte, war für ihn gegenstandslos. Als er -den Pharisäern auf ihre Frage antwortete, ob man dem Kaiser den Zins -geben sollte, dachte er nicht daran, seine und seiner Anhänger Stellung -zum Staat festzulegen. Wie konnte man sich nur mit solchen Dingen -aufhalten! Der Staat war ja irdisches, also ungöttliches Herrschen. -Sein Bestand reichte also nur bis zur anbrechenden Gottesherrschaft. -Da diese nahe bevorstand, was brauchte man sich entscheiden, ob man -der Weltmacht tributpflichtig sein wollte oder nicht? Man liess sie -eben über sich ergehen; ihr Ende war ja da. Gebt dem Kaiser, was des -Kaisers ist und Gott, was Gottes ist (Mk 12 _-17-_) -- dieses Wort ist -mit einer souveränen Ironie gesprochen gegen die Pharisäer, die so -wenig die Zeichen der Zeit verstehen, dass das noch eine Frage für sie -bildet. Sie sind gerade so thöricht in den Sachen des Reiches Gottes, -wie die Sadducäer mit ihrer Vexierfrage, welchem Gatten das siebenmal -verheiratete Weib bei der Auferstehung gehören wird, denn auch sie -lassen eines ausser Berechnung: die Macht Gottes (Mk 12 _-24-_). - - -7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu. - -»Es sei die Maxime in jeder wissenschaftlichen Untersuchung, mit aller -möglichen Genauigkeit und Offenheit seinen Gang ungestört fortzusetzen, -ohne sich an das zu kehren, wowider sie ausser ihrem Felde etwa -verstossen möchte, sondern sie für sich allein, so viel man kann, wahr -und vollständig zu vollführen. Oeftere Beobachtung hat mich überzeugt, -dass, wenn man diese Geschäfte zu Ende gebracht hat, das, was in der -Hälfte derselben, in Betracht anderer Lehren ausserhalb, mir bisweilen -sehr bedenklich schien, wenn ich diese Bedenklichkeit nur so lange -aus den Augen liess und bloss auf mein Geschäft achthatte, bis es -vollendet sei, endlich auf unerwartete Weise mit demjenigen vollkommen -zusammenstimmte, was sich ohne die mindeste Rücksicht auf jene Lehren, -ohne Parteilichkeit und Vorliebe für dieselbe, von selbst gefunden -hatte[1].« - -KANT spricht dieses tiefe Wort in dem Augenblick, wo ihm die -Zusammenstimmung des transcendentalen Freiheitsbegriffs mit dem -praktischen aufgeht. Mit dem Verhältnis der Ethik Jesu zu seiner -Eschatologie steht es ebenso. Es ist ein Postulat unserer christlichen -Ueberzeugung, dass die Ethik Jesu in ihrem Grundgedanken modern sei. -Darum kommen wir immer wieder dazu, in seiner Ethik das Moderne zu -suchen und dafür seine Eschatologie, da sie uns unmodern scheint, in -den Hintergrund zu drängen. Entschliesst man sich aber, dieses in -unserem Wesen so tiefbegründete und so berechtigte Interesse für einen -Augenblick ausser acht zu lassen und das Verhältnis seiner Eschatologie -zur Ethik rein für sich, geschichtlich zu betrachten, so fördert die -Untersuchung das überraschende Resultat zu Tage, dass die letztere -in einem viel höheren Masse modern ist, als man bisher zu hoffen -wagte. Jesu Ethik ist modern, nicht etwa, weil die Eschatologie dabei -Begleitgedanke ist, sondern gerade, weil sie von dieser Eschatologie -vollständig abhängig ist! Diese Eschatologie selbst, wie sie sich -in dem Geheimnis des Reiches Gottes darstellt, ist nämlich durchaus -modern, indem sie von dem Grundgedanken beherrscht wird, dass auf die -religiös-sittliche Erneuerung hin, welche die Gläubigen leisten, das -Reich Gottes eintreten wird. _=Jede sittlich-religiöse Bethätigung ist -also Arbeit am Kommen des Reiches Gottes.=_ - -Als durch die Geschichte die Eschatologie in dieser -ethisch-eschatologischen Weltanschauung langsam verblich, da blieb -eine ethische Weltanschauung, in der die Eschatologie durch sieghafte -Begeisterung und den unvergänglichen Glauben an den Endsieg des Guten -weiterlebte. Das Geheimnis des Reiches Gottes enthält das Geheimnis -der christlichen Weltanschauung überhaupt. Die ethische Eschatologie -Jesu ist die _=heroische Form=_, in der die modern-christliche -Weltanschauung in die Geschichte eintrat! - -FUSSNOTE: - -[1] Kritik der praktischen Vernunft. Ed. Reclam S. 129. - - - - -Fünftes Kapitel. - -Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken. - - -In der letzten Periode seines Lebens hat Jesus noch einmal Gleichnisse -vom Reich Gottes geredet. Der Weinberg Gottes (Mt 21 _-33-46-_). Die -königliche Hochzeit (Mt 22 _-1-14-_). Der wachende Knecht (Mt 24 -_-42-47-_). Die zehn Jungfrauen (Mt 25 _-1-13-_). Die anvertrauten -Pfunde (Mt 25 _-14-30-_). - -Diese Gleichnisse enthalten, im Unterschied zu denen vom -Geheimnis des Gottesreiches, kein Geheimnis, sondern es sind reine -_=Lehrgleichnisse=_, aus denen eine Moral zu ziehen ist. Das Reich -Gottes ist nahe. Nur diejenigen werden als dazu gehörig erfunden -werden, die sich durch ihr sittliches Verhalten darauf einrichten. - -Dafür enthält aber die zweite Periode _=das Geheimnis des -Leidensgedankens=_. Wie wir gesehen haben, führen die Aussprüche Jesu -auf eine geheimnisvolle kausale Verbindung zwischen dem Leiden und dem -Eintreten des Reichs, weil die Eschatologie und der Leidensgedanke -immer nebeneinander auftreten und die Zukunftserwartungen der Jünger -jedesmal durch seine Leidensankündigung aufs höchste gesteigert werden. - -_=Das Geheimnis des Leidensgedankens nimmt also das Geheimnis des -Reiches Gottes wieder auf und setzt es fort.=_ Zu der sittlichen -Erneuerung, welche dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge auf das -Eintreten des Reiches eine nötigende Gewalt ausübt, _=tritt die -sühnende Todesleistung Jesu hinzu=_. Sie vollendet die Busse derer, -die an das Kommen des Reiches glauben. Dadurch tritt Jesus den -Gewaltthätigen, die das Reich herbeinötigen, zur Seite. Die Gewalt, die -er dabei anwendet, ist die denkbar höchste -- er gibt sein Leben hin. - -Der Leidensgedanke ist also die Umformung des Geheimnisses vom Reich -Gottes. Darum ist er ebensowenig darauf berechnet, von den andern -begriffen zu werden, als die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches -Gottes. Es handelt sich beidemal um eine nicht weiter zu ergründende -Thatsache. - -Der Zusammenhang zwischen dem Leidensgedanken und dem Geheimnis -des Reiches Gottes garantiert die Kontinuität in Jesu Gedankenwelt. -Alle Konstruktionen, die man unternommen hat in der Absicht, diese -Kontinuität herzustellen, waren unvermögend, das Geforderte zu leisten. -Die Aufnahme des Leidensgedankens bedeutete in allen Fällen eine -totale Veränderung seiner Reichs- und Weltanschauung. Stellt man aber -den Leidensgedanken in den grossen Zusammenhang des Geheimnisses des -Reiches Gottes, so ist die Kontinuität natürlich gegeben. Der Gedanke -der übernatürlichen Herbeiführung des Reiches Gottes durchzieht Jesu -ganzes Leben, wobei der Leidensgedanke nur die Formulierung desselben -in der zweiten Periode darstellt. - -Wodurch nimmt das Geheimnis des Reiches Gottes die Form des -Leidensgeheimnisses an? - -Warum muss die Sühne Jesu vollendend zur sittlichen Erneuerung und zur -Busse der reichsgläubigen Gemeinschaft hinzutreten? - -Inwiefern kommt dem Sühnetod Jesu eine Einwirkung auf das Eintreten des -Reiches zu? - - - - -Sechstes Kapitel. - -Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen Wirksamkeit. - - -1. Das Problem und die Thatsachen. - -Das Erlebnis bei der Taufe bedeutet den Anfangspunkt des -Messianitätsbewusstseins Jesu. In der Gegend von Cäsarea Philippi -offenbart er den Jüngern sein Geheimnis. Oeffentlich bekennt er sich -erst vor dem Hohenpriester zu seiner messianischen Würde. Seiner -Predigt vom Reiche Gottes liegt also das Messianitätsbewusstsein zwar -zu Grunde. Bei den Zuhörern setzt er aber die Kenntnis der Stellung, -welche ihm zukommt, nicht voraus. _=Der Glaube, den er verlangt, hat -nichts mit seiner Person zu thun, sondern er bezieht sich nur auf die -Botschaft von der Nähe des Reichs.=_ Erst der vierte Evangelist stellt -die Geschichte so dar, als handelte es sich um die Persönlichkeit Jesu. - -Nun können wir nicht ermessen, inwieweit seine Würde für solche, -die ein aufgewecktes Verständnis hatten, in seiner Verkündigung -durchschien. Eines ist sicher: bis in die Zeit nach der Aussendung hat -niemand im entferntesten daran gedacht, in ihm den Messias zu erkennen. -Bei Cäsarea Philippi antworten die Jünger ihm nur, dass das Volk ihn -für einen Propheten oder für den Vorläufer Elias halte, und sie selbst -wissen nicht anders. Denn Petrus hat, wie Jesus selbst sagt, seine -Kenntnis nicht aus dem Wirken und Reden seines Meisters erschlossen, -sondern er verdankt sie einer übernatürlichen Offenbarung. - -Nach dieser Fundamentalthatsache müssen die synoptischen Notizen -beurteilt werden. _=Zuerst=_ stehen dazu eine Reihe matthäischer -Stellen in Spannung. - -Mt 9 _-27-31-_, in der galiläischen Parallele zur Blindenheilung in -Jericho, wird berichtet, dass ihn zwei Blinde durch den ganzen Ort mit -dem Ruf »Davidssohn« verfolgt haben. Was dann die Warnung Jesu, »dass -es niemand erfahre«, bedeuten soll, bleibt allerdings dunkel. - -Mt 12 _-23-_ raunen sich die Leute nach einer wunderbaren Heilung zu, -ob das nicht der Davidssohn sei. - -Mt 14 _-33-_ fallen die Jünger nach dem Erlebnis auf der See im Schiff -vor ihm nieder und sprechen: »du bist wahrhaftig Gottes Sohn.« - -Mt 15 _-22-_ redet die Kananäerin ihn als den Davidssohn an, während -sie bei Markus ihm einfach zu Füssen fällt und um Hülfe bittet. - -In allen diesen Stellen liegt matthäisches Sondergut vor, das einer -sekundären litterarischen Schicht angehört. Für die Geschichte Jesu -haben sie keine Bedeutung, wohl aber für die Geschichte der Geschichte -Jesu. Sie zeigen uns nämlich, wie die spätere Zeit immer mehr dazu kam, -sein Leben von der Voraussetzung aus darzustellen, dass nicht nur er -sich als Messias wusste, sondern dass auch die andern diesen Eindruck -von ihm hatten. - -_=An zweiter Stelle=_ handelt es sich um die _=Anrede der -Dämonischen=_. Nach Mk 3 _-11-_ warfen sich die unreinen Geister, so -oft sie ihn erblickten, vor ihm nieder und riefen ihn als Gottessohn -an (vgl. auch Mk 1 _-24-_ und Mk 5 _-7-_). Zwar wehrte er diesen Rufen -und gebot Schweigen. Hätten wir aber nicht die unumstösslich sichere -Kunde, dass während seiner ganzen galiläischen Wirksamkeit das Volk -nichts weiter wusste, als dass er ein Prophet oder der Elias sei, -so müssten wir annehmen, dass diese Dämonenrufe die Leute auf seine -Würde irgendwie aufmerksam machten. So aber ersehen wir gerade aus der -Nichtbeachtung der Dämonenrufe mit Bestimmtheit, wie weit man davon -entfernt war, in ihm den Messias zu vermuten. Wer glaubte denn dem -Teufel und dem irren Gerede Besessener? - -_=An dritter Stelle=_ handelt es sich um den Ausdruck -»_=Menschensohn=_«. Hat Jesus ihn vor Cäsarea Philippi als -Selbstbezeichnung gebraucht, so liegt darin in jedem Falle eine -messianische Andeutung, denn jeder musste diesen Daniel'schen Ausdruck -auf die Persönlichkeit der Endzeit beziehen. - -Als Selbstbezeichnung _=vor=_ Cäsarea Philippi verwendet ihn Jesus -bei Markus zweimal (Mk 2 _-10-_ und 2 _-28-_) und in einer Reihe -matthäischer Sonderstellen (8 _-20-_, 11 _-19-_, 12 _-32-_, 12 _-40-_, -13 _-37-_ u. _-41-_ und 16 _-13-_). Auch für die Beurteilung dieser -Stellen muss man von dem festen Punkt, der in der Antwort der Jünger -bei Cäsarea Philippi gegeben ist, ausgehen. - -Entweder hat Jesus den Ausdruck damals noch nicht gebraucht. Dann sind -diese Menschensohnstellen chronologisch verfrüht oder es handelt sich -um rein litterarische Erscheinungen. - -Oder aber er hat den Ausdruck schon gebraucht. Dann muss er es in -einer solchen Weise gethan haben, dass niemand auf den Gedanken kommen -konnte, er nehme die Würde des Daniel'schen Menschensohns für sich in -Anspruch. - -Das Problem der zweiten Periode ist noch schwieriger. Die Jünger wissen -um sein Geheimnis, aber sie dürfen es niemand offenbaren. Wie steht es -aber mit dem Volk? War diesem jetzt eine Ahnung von der messianischen -Würde Jesu aufgegangen? - -Das Problem hat es also mit drei Thatsachen zu thun. - -1. Die ganze Diskussion in den jerusalemitischen Tagen dreht sich in -keiner Weise um die messianische Würde Jesu, sondern es handelt sich -um gesetzliche Thesen und um Tagesfragen. Man hat bisher viel zu wenig -Gewicht darauf gelegt, dass weder das Volk noch die Schriftgelehrten -irgendwie zu ihm als _=der messianischen Persönlichkeit=_ Stellung -nehmen. Wie ganz anders wären die jerusalemitischen Tage gewesen, -wenn es sich darum gehandelt hätte: ist er der Messias -- ist er es -nicht? Kann er es sein -- kann er es nicht sein? In Wirklichkeit ist -er nur die Autoritätsperson des galiläischen Volkes, vor welche die -Hauptstadtgelehrten ihre Schulfragen bringen, sei es in aufrichtiger -Gesinnung, sei es in der perfiden Absicht, seine Autorität zu -vernichten. - -2. In dieser zweiten Periode hat Jesus das Volk nur einige Tage um -sich gehabt: vom Jordanübergang bis zu seinem Tode. Während dieser -Zeit hat er ihnen keine Eröffnung über seine Messianität gemacht, -auch keine Anspielung, die sie dahin verstehen konnten und mussten. -Die gedungenen Zeugen wissen nichts derartiges vorzubringen. Das -Bemerkenswerte an ihrer Aussage, worauf man auch viel zu wenig Gewicht -zu legen geneigt ist, besteht ja gerade darin, _=dass sie ihn in keiner -Weise beschuldigen, Messias sein zu wollen=_. Für sie erschöpft sich -seine frevelhafte Prätention in dem respektwidrigen Ausspruch über -den Tempel. Man stelle sich die Gerichtsverhandlung vor, wenn die -gedungenen Ankläger in Jesu Reden messianische Anspielungen auf sich -selbst entdeckt hätten! - -3. Von hier aus kommt man notwendig zu dem Urteil, dass er für das Volk -in Jerusalem bis zur letzten Stunde war, was er in Galiläa gewesen: der -grosse Prophet oder der Vorläufer, in keiner Weise aber der Messias! -Damit vertragen sich aber zwei Thatsachen nicht. - -Der Einzug in Jerusalem war -- der gewöhnlichen Auffassung zufolge -- -_=eine messianische Ovation=_. Also musste das Volk die Würde Jesu -ahnen. - -Der Hohepriester stellte die Frage an ihn, _=ob er der Messias wäre=_. -Also wusste er um Jesu Ansprüche. - -Es handelt sich hier um die klare Frage: galt Jesus in den -jerusalemitischen Tagen als messianischer Prätendent oder nicht? Man -darf sich diese Frage nicht dadurch verdunkeln, dass man von einem -mehr oder weniger klaren »Ahnen« in dieser Sache redet. Das »Ahnen -der Messianität Jesu« ist eine moderne Erfindung. Eine Volksmasse -wäre nicht von dunkelm geheimnisvollem Ahnen hin- und herbewegt -worden, sondern es hätte sich um Glauben oder Nichtglauben gehandelt. -Wer dafür hielt, er sei der Messias, musste mit ihm durch Feuer und -Tod gehen, der Herrlichkeit entgegen. Wer nicht dafür hielt, solche -Prätention bei ihm aber auch nur ahnte, der musste das Signal geben, -den Gotteslästerer zu steinigen. Ein Drittes gab es nicht. - -Die allgemeinen Thatsachen sprechen dafür, dass Volk und Pharisäer -in den jerusalemitischen Tagen Jesu keine messianischen Prätentionen -beilegten, ebensowenig wie früher. Nur bleibt dann der Einzug in -Jerusalem, als messianische Ovation verstanden, ein Rätsel, und ebenso -ist es unerklärlich, wie der Hohepriester darauf kommt, ihn nach seiner -Messianität zu fragen. - -Entweder verhält es sich hiermit so, wie man gewöhnlich annimmt. Dann -muss man auf jedes geschichtliche Verständnis der letzten öffentlichen -Periode Jesu verzichten. Es geht nicht an, dass er am Anfang (Einzug in -Jerusalem) und am Ende derselben (Frage des Hohenpriesters vor Gericht) -für den Messias gehalten wurde, während die dazwischen liegenden -jerusalemitischen Tage davon nicht das geringste wissen. - -Oder man hat den Einzug und die Frage des Hohenpriesters geschichtlich -missverstanden. Galt die Ovation dem messianischen Prätendenten? Sprach -der Hohepriester in seiner Frage etwas aus, worum alle wussten? Hat er -die behauptete Messianität aus Jesu Leben, Wirken und Reden erschlossen --- oder wusste er vielleicht nur durch Verrat um das innerste Geheimnis -Jesu, das nur den Vertrauten seit Cäsarea Philippi bekannt war? - -In seiner vollen Schwierigkeit erhält das Messianitätsproblem folgende -Formulierung: Wie war es möglich, dass Jesus sich von Anfang an als -Messias wusste und dennoch seine Messianität in seiner öffentlichen -Predigt vom Reich bis zum letzten Augenblick nicht zur Geltung kommen -liess? Wie konnte dem Volke auf die Dauer verborgen bleiben, dass diese -Reden vom messianischen Bewusstsein aus gesprochen waren? _=Jesus war -ein Messias, der es während seiner öffentlichen Wirksamkeit nicht sein -wollte, nicht zu sein brauchte und nicht sein durfte, um seine Mission -zu erfüllen! So stellt die Geschichte das Problem.=_ - - -2. Jesus der Elias, durch die Solidarität mit dem Menschensohn. - -_=Welche Würde konnte und musste das Volk Jesu auf seine öffentliche -Wirksamkeit hin beilegen?=_ Das ist die Frage, um die es sich jetzt -handelt. - -Der Messias und das messianische Reich gehören unzertrennlich zusammen. -Wenn daher Jesus ein gegenwärtiges messianisches Reich gepredigt hätte, -wäre zugleich die Notwendigkeit an ihn herangetreten, den Messias -kenntlich zu machen; er hätte damit beginnen müssen, sich vor dem Volk -als Messias zu legitimieren. - -Nun war aber seine Predigt vom Reich futurisch; damit war vollständig -ausgeschlossen, dass jemand darauf kommen konnte, in ihm den Messias -zu vermuten. _=War das Reich futurisch, so war es auch der Messias.=_ -Wenn Jesus dennoch messianische Ansprüche hatte, so lag dieser -Gedanke dem Volk vollständig fern, denn seine Reichspredigt schloss -auch die leiseste derartige Mutmassung aus. Darum konnten auch die -Dämonenschreie die Leute nicht auf die richtige Spur bringen. - -Vollends unmöglich gemacht waren derartige Mutmassungen durch die -Art, wie Jesus von dem Messias als futurischer Persönlichkeit in der -dritten Person redet. Den Jüngern kündigt er bei der Aussendung an, -dass der Menschensohn erscheinen wird, ehe sie mit den Städten Israels -zu Ende sein werden (Mt 10 _-23-_). Mk 8 _-38-_ verheisst er dem Volk -das baldige Erscheinen des Menschensohns zum Gericht und das Kommen -des Reiches Gottes in Kraft. Ebenso redet er noch in Jerusalem von -dem Gericht, das der Menschensohn abhalten wird, wenn er in seiner -Herrlichkeit umgeben von den Engeln erscheinen wird (Mt 25 _-31-_). - -Nur die Jünger nach der Offenbarung zu Cäsarea Philippi und der -Hohepriester nach dem »Ja« Jesu konnten eine persönliche Beziehung -zwischen ihm und dem Menschensohn, von dessen Kommen er sprach, -statuieren, da sie um sein Geheimnis wussten. Sonst aber blieben für -die Hörer _=Jesus von Nazareth=_ und der, von welchem die Rede war, -_=der Menschensohn=_, zwei vollständig verschiedene Persönlichkeiten. - -Vor dem Volk deutet Jesus nur an, dass der Menschensohn mit ihm, der -ihn verkündigt, absolut _=solidarisch=_ ist. In dieser Form allein ragt -seine eigene gigantische Persönlichkeit in seine Predigt des Reiches -Gottes hinein. Nur wer sich zu ihm, dem Verkündiger des Kommens des -Menschensohnes, unter allen Umständen bekennt, der wird am Gerichtstag -als zum Reich gehörig erfunden werden. Jesus wird nämlich vor Gott -und vor dem Menschensohn für ihn eintreten (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_; Mt -10 _-32-33-_). Man muss bereit sein, das Liebste aufzugeben, um ihm -nachzufolgen, denn nur so wird man _=seiner wert=_ (Mt 10 _-37-_ u. -_-38-_). Darum ist Jesus betrübt, als der reiche Jüngling sich nicht -entschliessen kann, seinen Reichtum aufzugeben, um ihm nachzufolgen (Mk -10 _-22-_), denn nun kann er am Gerichtstag nicht für ihn einstehen, -damit er als zum Reich Gottes gehörig erfunden werde. Doch hofft er von -der schrankenlosen Allmacht Gottes, dass dieser Reiche trotzdem zum -Reich eingehe (Mk 10 _-17-31-_). Wenn also dieser, weil Jesus nicht -für ihn eintreten kann, nicht sicher ist, »das ewige Leben zu ererben« -(Mk 10 _-17-_), so sind doch die, welche, zu ihm und seiner Botschaft -sich bekennend, den Tod erleiden, gewiss, ihr Leben zu bewahren, d. h. -bei der Totenauferstehung zum Reich zu gehören (Mk 8 _-37-_). Darum -preist er am Eingang der Bergpredigt diejenigen selig, welche um -seinetwillen Schmähung und Verfolgung erdulden, weil sie dadurch, wie -die Sanftmütigen und die Barmherzigen, zum Reiche Gottes vorbestimmt -sind (Mt 5 _-11-_ f.). - -Vom Standpunkte Jesu aus bietet diese absolute Solidarität zwischen -Gott und dem Menschensohn einerseits und ihm andererseits kein Rätsel, -denn sie basiert auf seinem messianischen Selbstbewusstsein; er -kann so reden, weil er sich bewusst ist, selbst der Menschensohn zu -sein. Anders war es für das Volk und die Jünger vor der Offenbarung -zu Cäsarea Philippi. Wie kann Jesus von Nazareth in einer so -selbstbewussten, souveränen Weise den Menschensohn mit ihm selbst für -absolut solidarisch proklamieren? Diese Behauptung zwang das Volk -zur Reflexion über seine Persönlichkeit. Wer war derjenige, dessen -Erscheinung machtvoll aus dem vormessianischen in den messianischen -Aeon hineinragte, dass Gott und der Menschensohn die, welche -sich zu ihm bekannt hatten, in das Reich aufnahmen, wenn dieses -Bekenntnis nicht durch die mangelnde sittliche Würdigkeit seinen -Wert einbüsste, wie er einmal ausdrücklich warnend erklärte? Nur -_=einer=_ Persönlichkeit kam die Bedeutung zu, die Jesus für sich -in Anspruch nahm: _=Elias, dem gewaltigen Vorläufer=_; denn seine -Erscheinung erstreckte sich aus dem jetzigen in den messianischen Aeon -und verband beide miteinander. Darum hielt das Volk dafür, Jesus sei -der Elias. Darin sprach sich die höchste Würdigung aus, welche seine -Persönlichkeit den Massen abnötigen konnte. Es handelte sich dabei -nicht um eines der in der sekundären evangelischen Geschichtserzählung -so beliebten Missverständnisse, sondern das Volk _=konnte=_ nach Jesu -Auftreten und nach seiner Verkündigung zu keinem andern Urteil über ihn -kommen. - - -3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen. - -Um sich die Stellung der Zeitgenossen zur Persönlichkeit und zum -Wirken Jesu begreiflich zu machen, muss man sich von zwei falschen -Voraussetzungen, mit denen wir immer unbewusst operieren, befreien. -Zum ersten richtete sich die Erwartung damals nicht auf den Messias, -sondern auf den geweissagten Vorläufer. Zum zweiten hat niemand in -dem Täufer irgendwie den Vorläufer vermutet. Durch diese beiden -Voraussetzungen verderben wir uns die historische Perspektive. - -Das Erscheinen des Messias mitsamt der grossen Krise, welche -er herbeiführt, macht das überweltliche Drama aus, das der Welt -bevorsteht. Aber ehe der Vorhang aufgeht, muss unter den harrenden -Menschen jemand erstehen, der den Prolog zum Stück spricht, um dann, -sobald der Vorhang in die Höhe geht, den überirdischen Grössen sich -beizugesellen, welche die Handlung des Dramas leiten. Darum wartet man -zunächst nicht auf das Emporgehen des Vorhangs und die Erscheinung des -Messias, sondern auf den berufenen Sprecher des Prologs. _=Es galt, das -Auftreten des Vorläufers zu signalisieren, um zu wissen, welche Stunde -der Zeiger der Weltuhr zeigte.=_ - -Nun war aber der Elias noch nicht erschienen, denn der Täufer hatte -sich nicht als solchen legitimiert. Dazu fehlte ihm die übernatürliche -Kraftbekundung. Zeichen und Wunder gehörten aber notwendig zur Epoche, -welche dem Reich unmittelbar voranging. Allgemeine Geistbegabung und -Prophezeiung, Wunder am Himmel und auf der Erde: das trifft ein, -bevor der Tag Gottes kommt. So bestimmte es der Prophet Joël (3 _-1-_ -ff.). In der Pfingstpredigt beruft sich Petrus auf diese Stelle (Akt -2 _-17-22-_). Aus der übernatürlich ekstatischen Rede sollen sie -erkennen, dass man dem Ende der Tage entgegengeht. Der getötete Jesus -ist von Gott zum Messias erhöht in der Auferstehung und das Reich wird -bald einbrechen. - -Diese Joëlstelle wurde also auf die unmittelbar vormessianische -Wunderzeit bezogen, in welcher nach der Weissagung des Maleachi -der Vorläufer auftreten sollte (Mal 3 _-23-_ u. _-24-_). Der -gleiche Kehrvers hielt zudem noch diese beiden Grundstellen der -vormessianischen Erwartung zusammen. Mal 3 _-23-_ = Joël 3 _-4-_: -»Vor dem Kommen des Tages des Herrn, den grossen und schrecklichen.« -_=Der Vorläufer ohne Wunderzeichen in einer wunderlosen Zeit war also -undenkbar.=_ - -Nun bestand für die Zeitgenossen der charakteristische Unterschied -zwischen Johannes und Jesus gerade darin, dass der eine einfach auf -die Nähe des Gottesreiches hinwies, während der andere seine Predigt -durch Zeichen und Wunder bekräftigte. Man hatte das Bewusstsein, mit -Jesus in die Zeit der Wunder zu treten. Er war der Täufer, aber ins -Uebernatürliche übersetzt. Als nach der Aussendung sein Auftreten und -seine Zeichen zugleich mit dem Tode des Täufers bekannt wurden, da -sagte man: Der Täufer ist vom Tod erstanden. Darum antworteten ihm -die Jünger zu Cäsarea Philippi, man halte ihn für den Elias oder für -den Täufer (Mk 8 _-28-_). Als Herodes von ihm hörte, liess er sich's -nicht nehmen, dass er der Täufer sei. »_=Der Täufer ist von den Toten -auferstanden und deshalb wirken die Wunderkräfte in ihm=_« (Mk 6 -_-14-_). - -Auch die Bedeutung, die Jesus den Zeichen beilegte, musste die -Zuhörer darauf führen, dass man sich in der Vorläuferaera befand. Ihre -Bedeutung besteht nämlich darin, die Nähe des messianischen Reiches zu -bekräftigen. Die Leute sollen ihm um der Zeichen willen glauben und -Busse thun auf das Reich Gottes hin. - -Die Zeichen sind eine Gnade Gottes, durch welche er die Menschen -aufmerksam machen will, welche Stunde es ist. Wer dann keine Busse -thut, der ist verdammt. So geht es den Leuten von Chorazin, Bethsaida -und Kapernaum. Wer aber gar den »heiligen Geist« lästert und der -widergöttlichen Macht die Zeichen zuschreibt, der hat keine Vergebung -ewiglich. Dieses Verbrechens hatten sich die jerusalemitischen -Schriftgelehrten in Galiläa schuldig gemacht (Mk 3 _-22-_ ff.). -Diejenigen aber, welche sich nicht verstockten, hielten dafür, das -Reich Gottes stehe vor der Thür und Jesus sei der Vorläufer, weil man -offenbar in die Zeit der Zeichen eingetreten war, von der die Schrift -geweissagt hatte. - - -4. Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches Gottes. - -Für Jesus bedeuteten die Zeichen die Reichsnähe noch in einem höheren -als dem rein zeitlichen Sinn. Durch die Dämonenbekämpfung ist er -sich bewusst, _=auf das Kommen desselben einzuwirken=_. Hier spielt -das Geheimnis des Reiches Gottes mit herein. Dieser Gedanke ist in -dem Gleichnis enthalten, mit welchem er die Verdächtigungen der -jerusalemitischen Schriftgelehrten zurückweist (Mk 3 _-23-30-_). - -Es erschöpft sich nämlich nicht in dem Gedanken, dass die bösen -Geister ihre Herrschaft nicht untergraben, indem der eine sich gegen -den andern erhebt; in dem Schlusswort begegnet uns nämlich unvermutet -das »jetzt und dann« aus dem Geheimnis des Reiches Gottes: »Keiner -kann in das Haus des Starken einbrechen und ihm seinen Besitz rauben, -wenn er nicht _=zuvor=_ den Starken bindet, und _=alsdann=_ mag er -sein Haus ausplündern.« Die Dämonenaustreibung bedeutet also für Jesus -das Binden und das Unschädlichmachen der widergöttlichen Macht. Diese -Thätigkeit steht deshalb, wie die sittliche Erneuerung im Geheimnis des -Reiches Gottes, mit dem Anbrechen des Reiches in kausalem Zusammenhang. -Durch die Dämonenüberwindung ist Jesus der Gewaltthätige, der das -Reich herbeinötigt; denn, wenn die widergöttliche Macht gebunden ist, -dann tritt der Augenblick ein, wo die Herrschaft von ihr genommen -wird. Damit dies geschehen kann, muss sie erst unschädlich gemacht -werden. Darum gibt Jesus den Jüngern bei der Aussendung nicht nur den -Befehl, die Nähe des Reiches zu verkündigen, sondern auch die Vollmacht -über die Dämonen (Mt 10 _-1-_). In jenem Augenblick der höchsten -eschatologischen Erwartung sendet er sie als die Gewaltthätigen aus, -welche die letzten Streiche führen sollen. Die Busse, welche durch ihre -Predigt gewirkt wird, und die Ueberwindung der widergöttlichen Macht in -den Dämonischen nötigen zusammen das Reich herbei. - -So drücken die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches Gottes (Mk 4), -das Gleichnis in Jesu Apologie an die Pharisäer (Mk 3 _-23-30-_) und -das Gleichnis in der Würdigungsrede über den Täufer (Mt 11 _-12-15-_) -denselben Gedanken aus. Die beiden letzteren begegnen sich sogar im -drastischen Bild der Vergewaltigung, weshalb ihnen auch der Begriff des -»Raubes« gemeinsam ist (Mk 3 _-27-_ = Mt 11 _-12-_). - -Für das Bewusstsein Jesu waren also die Dämonenheilungen in das -Geheimnis vom Reich Gottes hineingestellt. Dem Volk aber genügte es, -den rein zeitlichen Zusammenhang zu erfassen. - - -5. Jesus und der Täufer. - -Wir haben oben gesehen, dass niemand in dem Täufer den Elias erkennen -konnte, weil seine zeichenlose Thätigkeit und Reichspredigt der -schriftgemässen Vorstellung der Vorläuferepoche nicht entsprachen. -Nur einer machte eine Ausnahme, indem er ihm diese Würde zuerkannte: -_=Jesus!=_ Er war der erste, welcher dem Volk eine geheimnisvolle -Andeutung machte, jener sei der Vorläufer: »Wenn ihr es fassen mögt, so -ist er selbst Elias, der Kommen-Sollende« (Mt 11 _-14-_). Er ist sich -aber bewusst, damit ein unbegreifliches Geheimnis auszusprechen, das -ihnen ebenso dunkel bleibt, wie das damit zusammenhängende Wort von den -Gewaltthätigen, die seit den Tagen des Täufers das Reich herbeinötigen -(Mt 11 _-12-_). Darum beschliesst er diese beiden Sprüche mit dem -Orakelwort: Wer Ohren hat zu hören, der höre (Mt 11 _-15-_). - -Das Volk aber war weit entfernt zu begreifen, dass der in der Gewalt -des Herodes befindliche Täufer die Persönlichkeit sein könne, die auf -der Schwelle der vormessianischen zur messianischen Periode stand. -So verhallte das geheimnisvolle Wort Jesu und das Volk blieb dabei, -Johannes sei wirklich ein Prophet gewesen (Mk 11 _-32-_). - -Auch die Oberen konnten zu keinem Schluss über die Persönlichkeit -des Täufers kommen. Darum unterlagen sie Jesu, als sie ihn über die -Tempelreinigung zur Rede stellen wollten (Mk 11 _-33-_). - -Mit den Jüngern verhielt es sich nicht anders; sie waren von sich -aus unfähig, in Johannes den Elias zu erkennen. Beim Abstieg vom -Verklärungsberg kommen ihnen Bedenken über die Möglichkeit der -Messianität Jesu und über die Möglichkeit der Totenauferstehung, die -er in seiner Rede berührt hatte. Dadurch wurde ja die Gegenwärtigkeit -der messianischen Aera vorausgesetzt, und diese konnte noch nicht -angebrochen sein, denn »Elias muss zuvor kommen, wie die Pharisäer -und Schriftgelehrten darthun« (Mk 9 _-9-11-_). Darauf antwortet ihnen -Jesus, dass Johannes dieser Elias war, wenn er auch in der Menschen -Gewalt geliefert wurde (Mk 9 _-12-_ u. _-13-_). - -Wie war Jesus zur Ueberzeugung gekommen, dass der Täufer der Elias war? -Durch einen notwendigen Rückschluss von seiner eigenen Messianität -aus. Weil er sich als Messias wusste, musste jener der Elias sein. -Zwischen beiden bestand eine notwendige Wechselbeziehung. Niemand -konnte wissen, dass der Täufer der Elias war, ohne diese Erkenntnis -von der Messianität Jesu herzuleiten. Niemand konnte auf den Gedanken -kommen, Johannes sei der Elias, ohne zugleich in Jesu den Messias sehen -zu müssen. Denn nach dem Vorläufer blieb für eine zweite derartige -Erscheinung kein Raum. Nun wusste niemand, dass Jesus sich für den -Messias hielt. Also sah man in dem Täufer einen Propheten und fragte -sich, ob Jesus nicht der Elias wäre. Die geheimnisvollen Schlusssätze -der Würdigungsrede über den Täufer hatte niemand in ihrer vollen -Tragweite verstanden. _=Für Jesus allein war Johannes der verheissene -Elias.=_ - - -6. Der Täufer und Jesus. - -Wie stand der Täufer zu Jesus? Wenn er sich bewusst war, der Vorläufer -zu sein, so musste er in Jesus den Messias mutmassen. Dies setzt man -gewöhnlich voraus und lässt ihn als Vorläufer bei Jesus anfragen, ob -er der Messias sei (Mt 11 _-2-6-_). Diese Annahme scheint uns ganz -natürlich, weil wir uns beide immer in dem Verhältnis Vorläufer-Messias -vorstellen. - -Darüber vergessen wir aber eine ganz naheliegende Frage. Hat der -Täufer sich selbst als den Vorläufer, als den Elias gefühlt? Dem -Volk gegenüber hat er in keiner Aeusserung einen derartigen Anspruch -erhoben. Hartnäckig erkennt es in ihm nur einen Propheten. Auch während -seiner Gefangenschaft kann er nichts derartiges beansprucht haben, -denn noch in Jerusalem urteilt das Volk nicht anders, als dass er ein -Prophet gewesen. - -Wenn irgendwie die Ahnung durchgedrungen wäre, dass er die Eliasgestalt -repräsentierte, wie hätte man dann allgemein auf den Gedanken kommen -können, Johannes sei ein Prophet, Jesus der Elias? Dass dies die -allgemeine Ansicht auch nach dem Tode des Täufers war, bezeugt die -Antwort der Jünger zu Cäsarea Philippi. - -Die Täuferanfrage unter der Voraussetzung betrachten, dass der -Vorläufer frägt, ob Jesus der Messias sei, heisst sie in eine -vollkommen unberechtigte Perspektive rücken, da gar nicht zu erweisen -ist, ob Johannes sich für den Vorläufer hielt. Also ist auch gar nicht -ausgemacht, ob seine Frage sich auf die messianische Würde bezieht. Das -umstehende Volk, da es Johannes nicht für den Vorläufer hielt, musste -sie ganz anders auffassen, nämlich: bist du der Elias? - -Nun wird aber durch die gewöhnliche Perspektive ein charakteristisches -Detail in der Perikope selbst verdeckt, nämlich, dass Jesus dieselbe -Bezeichnung, die der Täufer in der Anfrage auf ihn anwandte, -nun seinerseits wieder auf den Täufer anwendet! Bist du der -Kommen-Sollende? frägt der Täufer. Jesus antwortet: Wenn ihr es fassen -mögt, so ist _=er selbst=_ Elias, der Kommen-Sollende! Bei den Reden -ist also die Bezeichnung des »Kommen-Sollenden« gemeinsam, nur dass wir -in der Anfrage des Täufers sie eigenmächtig auf den Messias beziehen. -Dieses für die naive Perspektive so ganz natürliche Verfahren wird aber -als unberechtigt erkannt, sobald man weiss, dass es sich eben nur um -Perspektive, nicht um die reellen Massstäbe handelt. Denn dann gewinnt -plötzlich das »er selbst« in der Antwort Jesu eine ungeahnte Bedeutung; -»_=er selbst=_ ist der Elias«, der Kommen-Sollende! Dieser Rückweis -zwingt uns, in der Anfrage des Täufers unter dem Kommen-Sollenden nicht -den Messias, sondern, wie in der Antwort Jesu, den Elias zu verstehen. - -»Bist du der erwartete Vorläufer?« so lässt der Täufer Jesum fragen. -»Wenn ihr es fassen mögt, ist er selbst dieser Vorläufer«, sagt Jesus -zum Volk, nachdem er ihnen von der Grösse des Täufers geredet. - -Durch diese Rückbeziehung bekommt nun die Scene ein viel intensiveres -Kolorit. Zunächst wird klar, warum Jesus _=nach dem Weggang der -Gesandten=_ über den Täufer redet. Er fühlt sich genötigt, das Volk in -wirkungsvoller Steigerung von der Vorstellung, jener sei ein Prophet -(Mt 11 _-9-_), zu der Ahnung zu bringen, er sei der Vorläufer, mit -dessen Auftreten der Zeiger der Weltuhr sich der verhängnisvollen -Stunde nähert, auf den sich das Wort »von dem, der den Weg bereitet« -bezieht und von dem die Schriftgelehrten sagen, »dass er zuerst kommen -muss« (Mk 9 _-11-_). - -Johannes nämlich war mit seiner Anfrage in der messianischen -Zeitrechnung zurück. Seine Abgesandten erkundigen sich nach dem -Vorläufer in dem Augenblick, wo Jesu Zuversicht, dass das Reich -unmittelbar hereinbrechen wird, aufs höchste gestiegen ist. Er hat -ja seine Jünger ausgeschickt und ihnen in Aussicht gestellt, dass -die Erscheinung des Menschensohnes sie auf dem Weg durch die Städte -Israels überraschen könne. Die Stunde ist schon viel weiter vorgerückt --- das will Jesus dem Volk in der »Würdigungsrede über den Täufer« zu -verstehen geben, wenn sie es begreifen können. - -Zu seinem Urteil über Jesus war Johannes auf demselben Wege gekommen, -wie das Volk. Als er nämlich _=von den Zeichen und Thaten Jesu hört=_ -(Mt 11 _-2-_), da steigt ihm der Gedanke auf, ob dieser nicht etwa mehr -wäre, als ein Busse predigender Prophet. So schickte er zu ihm hin, um -darüber Gewissheit zu haben. - -Damit rückt aber die Verkündigung des Täufers in ein ganz anderes -Licht. Er hat nie auf den kommenden Messias, _=sondern auf den -erwarteten Vorläufer hingewiesen=_. So erklärt sich die Verkündigung -»von dem, der nach ihm kommen wird« (Mk 1 _-7-_ u. _-8-_). Auf den -Messias angewandt, bleiben die von ihm gebrauchten Ausdrücke dunkel. -Sie statuieren nämlich nur einen Gradunterschied, nicht eine totale -Differenz zwischen ihm und dem Angekündigten. Wenn er vom Messias -redete, wären diese Ausdrücke, in welchen er den Kommenden, trotz des -gewaltigen Rangunterschieds, immer noch mit sich selbst vergleicht, -unmöglich. Er denkt sich den Vorläufer wie ihn selbst, taufend und -die Busse auf das Reich hin verkündigend, aber nur unverhältnismässig -grösser und mächtiger. Statt mit Wasser wird er mit dem heiligen Geist -taufen (Mk 1 _-8-_). - -Dies kann nicht auf den Messias gehen. Seit wann tauft der Messias? -Sodann aber findet die berühmte allgemeine Geistesausgiessung nicht -_=in=_, sondern _=vor=_ der messianischen Aera statt! Bevor der -gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er seinen Geist ausgiessen über -alles Fleisch, und Zeichen und Wunder werden am Himmel geschehen (Joël -3 _-1-_ ff.). Bevor der gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er Elias, -den Propheten, schicken (Mal 3 _-23-_). Diese beiden Hauptstellen über -die grossen Vorereignisse der Endzeit verbindet der Täufer in Gedanken -und kommt so zur Vorstellung _=des Vorläufers, der mit dem heiligen -Geiste taufen wird=_! Man sieht dabei, welch übernatürliches Licht die -Gestalt des Vorläufers in der damaligen Vorstellung umfliesst. Darum -fühlt sich Johannes so klein vor ihm. - -Für die Antwort befand sich Jesus in einer schweren Lage. Indem er -fragen liess: bist du der Vorläufer, oder bist du es nicht? hatte ihm -der Täufer eine falsche Alternative gestellt, auf die er weder ja -noch nein antworten konnte. Sein Messianitätsgeheimnis wollte er den -Gesandten auch nicht anvertrauen. Er antwortet daher mit dem Hinweis -auf die Nähe des Reiches, die sich in seinen Thaten offenbart. Zugleich -rückt er seine eigene Persönlichkeit machtvoll in den Vordergrund. Nur -derjenige kann selig werden, der zu ihm steht und kein Aergernis an ihm -nimmt. Er will damit dasselbe sagen, was er auch dem Volk Mk 8 _-38-_ -vorhält: Die Zugehörigkeit zum Reich ist abhängig von dem Ausharren bei -ihm. - -Die merkwürdige, ausweichende Antwort Jesu an den Täufer, in welcher -die Exegese von jeher besondere Finessen entdecken zu müssen glaubte, -erklärt sich also einfach aus einer Zwangslage! Er konnte nicht direkt -antworten. Darum gab er diesen dunkeln Bescheid. Der Täufer sollte -daraus entnehmen, was er wollte und konnte. Uebrigens hatte es ja keine -Bedeutung, wie er ihn verstand. Die Ereignisse werden ihn lehren, denn -die Zeit ist ja schon viel weiter vorangeschritten als er annimmt, und -der Hammer hebt schon zum Stundenschlag aus. - -Es wird uns sehr schwer von dem Gedanken loszukommen, als ob der -Täufer und Jesus zu einander als Vorläufer und Messias gestanden -hätten. Nur durch eine angespannte Ueberlegung gelangt man zur -Einsicht, dass bei unserer Perspektive die beiden Grössen in diesem -Verhältnis stehen, weil wir die Messianität Jesu voraussetzen, dass -man aber, um ihre historischen Beziehungen zu entdecken, die richtige -Perspektive berechnen und in Anschlag bringen muss. - -Solange man noch irgendwie in der alten Perspektive befangen ist, -wird man der vorliegenden Untersuchung nicht gerecht. Man meint dann -nämlich, es handle sich um »den Vorläufer des Vorläufers« und den -Vorläufer, also eine geistreiche Multiplizierung des Vorläufers mit -sich selbst. Das ist falsch ausgedrückt. Ein busspredigender Prophet, -Johannes der Täufer, weist auf die machtvolle Vorläufergestalt des -Elias hin und, als er im Gefängnis von den Zeichen Jesu hört, frägt er -sich, ob dieser nicht der Elias sei und ahnt nicht, dass jener sich für -den Messias halte und er selbst deshalb in der Geschichte hinfort als -der Vorläufer bezeichnet würde. Dies ist der geschichtliche Thatbestand. - -Mit dem Augenblick aber, wo die Geschichtsbetrachtung von der -Gewissheit ausgeht, dass Jesus der Messias war, verschiebt sich der -geschichtliche Thatbestand notwendig. Die Evangelien zeigen diese -Verschiebung in steigendem Masse an. In dem Anfangssatz des Markus -wird das Maleachicitat von dem bahnbereitenden Vorläufer (Mal 3 _-1-_) -schon auf Johannes angewandt. Bei Matthäus hört der Täufer im Gefängnis -»die Werke des Messias« (Mt 11 _-2-_). Handelt es sich hier nur um das -unreflektierte Hereinspielen einer neuen Betrachtungsweise, so hat das -vierte Evangelium daraus ein Prinzip gemacht und stellt die Geschichte -konsequent unter der Voraussetzung dar, dass, weil Jesus der Messias -war, der Täufer der Vorläufer war und sich als solcher auch fühlen -musste. Der historische Täufer sagt: ich bin nicht der _=Vorläufer=_, -denn dieser ist unverhältnismässig grösser und mächtiger als ich. Nach -dem vierten Evangelium könnten die Leute mutmassen, er sei Christus. Er -muss daher sagen: ich bin nicht _=Christus=_ (Joh 1 _-20-_)! - -So hat sich das Verhältnis unter der neuen Perspektive vollständig -verschoben. Die Person des Täufers ist historisch unkenntlich -geworden. Zuletzt hat man noch den modernen Zweifelsmann aus ihm -gemacht, der halb an Jesu Messianität glaubt, halb nicht glaubt. In -diesem Hangen und Bangen soll gar die Tragik seines Daseins bestehen! -Nun darf man ihn aber mit Zuversicht aus der Reihe der uns Modernen -so interessanten, am tragischen Halbglauben zu Grunde gehenden -Persönlichkeiten tilgen. Jesus hat ihm das erspart. Denn so lang er -lebte, verlangte er von niemand den Glauben an seine Messianität -- und -war es doch! - - -7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in Jerusalem. - -Ist der Einzug in Jerusalem eine messianische Ovation? Das hängt -einmal davon ab, wie man die Rufe des Volkes deutet, sodann aber von -der Auffassung der Scene zwischen Jesus und dem Blinden. Handelt es -sich dort wirklich um die Begrüssung als Davidssohn, die er nun nicht -mehr ablehnt, sondern stillschweigend annimmt, sodass das Volk zur -Erkenntnis gelangt, für wen er sich halte: dann ist die Folgerung -unabweislich, dass es eine messianische Ovation war. - -Für die Herausarbeitung der ursprünglichen Situation in der Schilderung -des Einzugs sind die Detailunterschiede zwischen Markus und den -Seitenreferenten von weittragender Bedeutung. Bei Markus haben wir zwei -klar unterschiedene Jubelrufe. Der erste gilt der gegenwärtigen Person -Jesu: »Hosianna, gelobt sei der »Kommen-Sollende« im Namen des Herrn« -(Mk 11 _-9-_). Der zweite bezieht sich auf das erwartete Kommen des -Reichs: »Gelobt sei das kommen-sollende Reich unseres Vaters David; -Hosianna in der Höh'.« Von dem Davidssohn ist also gar nicht die Rede! - -Anders bei Matthäus. Dort ruft das Volk: »Hosianna dem Sohne Davids; -gesegnet sei der Kommen-Sollende im Namen des Herrn; Hosianna in der -Höh'« (Mt 21 _-9-_). Wir haben also hier nur den Ruf, welcher der -Person Jesu gilt. Das Reich wird nicht erwähnt; dafür jubelt man dem -Davidssohn und zugleich dem Kommen-Sollenden zu. - -Der lukanische Bericht kommt nicht in Betracht, da er mit Reminiscenzen -aus der Vorgeschichte operiert: »Gesegnet der König, der im Namen des -Herrn kommt. Friede im Himmel und Ehre in der Höh'« (Luk 19 _-38-_). - -In seiner Darstellung deutet also Matthäus den Kommen-Sollenden auf -den Davidssohn. Direkte Beweise, dass dieser aus Psalm 118 _-25-_ ff. -stammende Ausdruck zur Zeit Jesu auf den Messias angewandt wurde, -besitzen wir nicht. Wohl aber hat es sich gezeigt, _=dass sowohl der -Täufer als auch Jesus ihn auf den Vorläufer Elias anwenden=_. Also -ist es ungeschichtlich, wenn Matthäus das Volk in einem Atem dem -Kommen-Sollenden und dem Davidssohn zujubeln lässt. - -Markus hat auch hier in seinem Detail die ursprüngliche Situation -festgehalten. Das Volk jubelt Jesus als dem »Kommen-Sollenden«, d. -h. dem erscheinenden Vorläufer zu und singt ein »Hosianna in der -Höh'« dem Reich, welches bald auf Erden herabkommen wird. Gerade der -Unterschied zwischen dem _=Hosianna=_ und dem _=Hosianna in der Höh'=_ -ist bezeichnend, sofern das erste auf den gegenwärtigen Vorläufer, -das zweite auf das himmlische Reich geht. Der sekundäre Charakter der -matthäischen Darstellung tritt darin zu Tage, dass er dem Davidssohn -und dem Kommen-Sollenden ein Hosianna und zugleich Hosianna in der Höh' -gelten lässt, wobei der Messias also einmal auf Erden, das andere Mal -noch im Himmel vorausgesetzt wird! Hier zeigt sich deutlich, dass dem -zweiten Hosianna ursprünglich das Reich beigehört. - -_=Der Einzug in Jerusalem galt also nicht dem Messias, sondern dem -Vorläufer.=_ Dann ist es aber unmöglich, dass das Volk die Scene mit -dem Blinden dahin verstanden hat, als nähme hier Jesus die Anrede -»Davidssohn« entgegen. - -Auch hier handelt es sich um synoptisches Detail, durch welches die -Scene total verändert wird. Der Ruf über den Davidssohn ist dabei -gefallen. Die Frage ist nur, ob ihn das Publikum als Anrede auffassen -konnte und musste. Bei Matthäus und Lukas trifft dies zu, _=bei Markus -ist es ausgeschlossen=_. - -Nach der matthäischen Scenerie sitzen zwei Blinde am Wege und rufen: -erbarme dich unser, Sohn Davids (Mt 20 _-30-_). - -Bei Lukas lautet der Ruf: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich meiner -(Luk 18 _-38-_). Darauf bleibt Jesus vor ihm stehen, redet ihn an und -heilt ihn. - -Bei Markus sitzt der blinde Bettler, Sohn des Timäus, hinter der -Menge am Wege. _=Jesus sieht ihn nicht, er kann ihn nicht anreden, -sondern er hört nur eine Stimme, die mitten aus dem Gewühl vom Boden -zu ihm dringt=_, wo einer über den Davidssohn um Hülfe ruft. Er bleibt -stehen und schickt, man _=solle ihn holen=_! Man geht der Stimme nach -und findet ihn am Boden sitzend. Steh' auf, er ruft dich! sagen sie -zu ihm. Er wirft sein Kleid ab, springt auf und drängt sich durch die -Menge zu ihm. Als Jesus ihn so auf sich zukommen sieht, kann er gar -nicht wissen, dass dieser Mann blind ist! Er muss ihn also _=fragen=_, -was ihm fehlt. Die Distanz, der Aufenthalt, das Schicken nach ihm, das -behende Herbeikommen: alles dies ist bei Matthäus ausgefallen. Er hat -die Situation vereinfacht: Jesus stösst auf die beiden am Weg und redet -sogleich mit ihnen. Nur hat er aus dem ursprünglichen Sachverhalt die -Frage, wo es denn fehle, beibehalten, die zwar bei Markus thatsächlich -nötig ist, bei ihm aber ganz unbegreiflich bleibt, da Jesus sehen muss, -dass er es mit zwei Blinden zu thun hat! - -Lag aber eine solche Distanz zwischen Jesus und dem Blinden, so konnte -niemand auf den Gedanken kommen, er beziehe den monotonen Ruf über den -Davidssohn als Anrede auf sich! Es war eben nur ein lästiger _=Ruf=_, -den die Umstehenden ihm vergebens zu verwehren suchten. Man legte ihm -so wenig Bedeutung bei, als den Dämonenrufen -- wenn man ihn überhaupt -verstand. - -Die _=Anrede=_ des Bettlers lautet ganz anders und zeigt, dass er -ebensowenig wie das Volk Jesum für den Messias hält: »_=Rabbi=_, dass -ich sehend werde.« Er war für ihn also der Rabbi aus Nazareth. - -Hält man sich diese Situation vor, so ersieht man, dass die Umstehenden -in keiner Weise auf den Gedanken kommen konnten, Jesus nehme hier -messianische Huldigungen entgegen. Es war aber das erste Zeichen, das -er wieder that, seitdem er aus der Einsamkeit herausgetreten war. Damit -legitimiert er sich vor der Festkarawane als der Vorläufer, für den ihn -die Anhänger in Galiläa hielten, ehe er sich plötzlich in die Stille -nach dem Norden zurückzog. Nun bricht der Jubel los und sie bereiten -ihm als dem Vorläufer die Ovation beim Einzug. - -Bei dem Nachweis über den eigentlichen Charakter dieses Ereignisses -handelt es sich um ein anscheinend geringfügiges Detail, dem nicht -jedermann geneigt sein möchte, die erforderliche Bedeutung beizulegen. -Demgegenüber ist an folgendes zu erinnern: - -1. In der Darstellung, welche die Messianität Jesu voraussetzte, musste -sich wie von selbst die Sache im Detail dahin verschieben, dass es sich -um einen messianischen Einzug handelt. Dies ist bei Matthäus der Fall. -Bewusste Absicht des Schriftstellers liegt nicht vor. - -2. Die Schilderung des Markus zeigt eine solche Ursprünglichkeit den -Seitenreferenten gegenüber (man denke an die Taufgeschichte und an den -Bericht des letzten Mahles), dass man nicht leicht der Eigentümlichkeit -seiner Notizen ein zu grosses Gewicht beilegen kann, besonders wenn -sich daraus eine so anschauliche Situation ergibt, wie es hier der Fall -ist. - -3. Mit der Behauptung, der Beweis sei nicht erbracht, dass es sich um -eine Ovation an den Vorläufer handle, ist nichts gethan. Dann gilt es -nämlich darzuthun, wie unter der Voraussetzung, dass sie wirklich dem -Messias galt, die Verhandlungen in den jerusalemitischen Tagen gar -nicht auf eine vorausgesetzte messianische Anmassung reflektieren und -die gedungenen Ankläger sich nicht auf solche Anmassungen berufen. Was -hätte der römische Befehlshaber gethan, wenn einer unter den Hochrufen -des Volks als Davidssohn in die Stadt eingezogen wäre? - -4. Die historische Erkenntnis wird uns hier besonders schwer, weil -wir immer meinen, die Zeichen und Wunder bekräftigten für die -Zeitgenossen die Messianität Jesu. Damit stehen wir auf dem Standpunkt -der johanneischen Geschichtsdarstellung. In der Vorstellung der -Zeitgenossen Jesu braucht aber der Messias keine Zeichen, sondern er -wird offenbar in seiner Macht! Die Zeichen hingegen gehen auf die Zeit -des Vorläufers! - -5. Auch unsere Uebersetzung wirkt beeinträchtigend. Der [Greek: -erchomenos] bezeichnet in allen Stellen eine für jene Zeit scharf -ausgeprägte Persönlichkeit. Man muss daher überall dieses Wort -dementsprechend übersetzen und es nicht einmal als Substantiv, ein -andermal (in der Einzugsgeschichte) wieder als Verbalform übersetzen, -wie es gerade am bequemsten ist. »Kommen-Sollender« ist der Vorläufer, -weil er vor dem messianischen Gericht im Namen Gottes kommen soll, um -alles in Ordnung zu bringen. - -Es bleibt also dabei: _=Bis zu dem Bekenntnis vor dem hohen Rat galt -Jesus öffentlich für den Vorläufer, wofür er schon in Galiläa gehalten -worden war.=_ - - - - -Siebentes Kapitel. - -Nach der Aussendung. Litterarische und historische Probleme. - - -1. Die Seereise nach der Aussendung. - -Es ist sehr schwer, sich nach den synoptischen Berichten ein klares -Bild von den Ereignissen zu machen, welche auf die Aussendung folgten. -Wann sind die Jünger zurückgekehrt? Wo hat sich Jesus während ihrer -Abwesenheit aufgehalten? Welcher Art waren die Erfolge der Jünger? -Welches waren die Ereignisse zwischen ihrer Rückkehr und dem Aufbruch -nach dem Norden? Wird durch diese Ereignisse motiviert, warum Jesus -sich mit ihnen in die Einsamkeit zurückzieht? - -Auf diese Fragen geben die Berichte keine Antwort. Dazu kommt noch ein -rein litterarisches Problem. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen -Scenen ist hier merkwürdig zerrissen. Fast scheint es, als ob der -Faden der Geschichtserzählung hier abbräche. Erst vom Augenblick des -Aufbruchs zur Reise nach Jerusalem an stehen die Scenen wieder in einem -natürlichen und klaren Zusammenhang. - -Zunächst handelt es sich um zwei offenbare Doubletten: die -Speisungsberichte mit nachfolgender Seefahrt (Mk 6 _-31-56-_ = -Mk 8 _-1-22-_). Beidemale wird Jesus auf einer Reise längs des -Sees von der Volksmenge beim Anlegen ans Land in einsamer Gegend -eingeholt. Dann kehrt er in die galiläischen Orte auf dem Westufer -zurück. Hier, in seinem gewohnten Wirkungskreis, trifft er mit den -pharisäischen Sendlingen aus Jerusalem zusammen. Sie stellen ihn zur -Rede. In der Erzählungsreihe der ersten Speisungsgeschichte handelt -es sich um das Händewaschen (Mk 7 _-1-23-_), in der der zweiten -um die Zeichenforderung (Mk 8 _-11-13-_). Im Gefolge der ersten -Erzählungsreihe steht der Aufbruch nach Norden, wo er in der Gegend von -Tyrus und Sidon mit der Kanaanitin zusammentrifft (Mk 7 _-24-30-_). In -der zweiten folgt auf das Zusammentreffen mit den Pharisäern die Reise -nach Cäsarea Philippi (Mk 8 _-27-_). - -Wir haben hier also zwei selbständige Darstellungen derselben Epoche -im Leben Jesu. Dem Plane nach decken sie sich vollständig; nur -differieren sie in der Auswahl der berichteten Ereignisse. Diese beiden -Erzählungsreihen sind wie prädestiniert miteinander verbunden, statt -einander gleichgesetzt zu werden. Jede erzählte Nordreise beginnt und -endigt nämlich mit einem Aufenthalt in Galiläa. Mk 7 _-31-_: Nachdem -er weggegangen aus dem Gebiet von Tyrus, ging er über Sidon an den -galiläischen See; Mk 9 _-30-_ u. _-33-_: Und sie gingen weg von da -(gemeint ist Cäsarea Philippi) und wandelten durch Galiläa hin und sie -kamen nach Kapernaum. Man ist also an dem Ende einer Erzählungsreihe -wieder an dem Ausgangspunkt der andern. Verbindet man daher die eine -Rückkehr aus dem Norden mit dem Anfang der andern Erzählungsreihe, so -hat man äusserlich betrachtet eine ganz natürliche Fortsetzung, nur -dass Jesus jetzt unbegreiflicherweise gleich wieder nach dem Norden -muss, statt dass die Rückkehr nach Galiläa ein Teil der Jerusalemreise -ist! Diese schliesst sich in dieser Anordnung dann erst an die zweite -Rückkehr an. - -In dieser rückläufigen Bewegung der beiden Erzählungsreihen liegt -es begründet, dass sie, obwohl Parallélcyklen, sich doch in einer -Folge aneinanderschliessen. Der jetzige Text zeigt ihre vollständige -Harmonisierung. Nicht nur dass die zweite Speisungsgeschichte auf die -erste durch »wiederum« (Mk 8 _-1-_) Rücksicht nimmt: der Ausgleich ist -sogar soweit vorangeschritten, dass Jesus in einem Wort an die Jünger -beide voraussetzt (Mk 8 _-19-21-_)! Wie weit sich dieser Prozess schon -in der mündlichen Ueberlieferung vollzogen hatte und was auf das Konto -der endgültigen litterarischen Zusammenfügung kommt, das lässt sich -nicht mehr ausmachen. - -Nur der erste Cyklus ist vollständig. Jesus fährt mit den Jüngern -nordöstlich der Küste entlang und kehrt dann wieder nach der Landschaft -Genezareth zurück (Mc 6 _-32 45 53-_). Der zweite ist unvollständig und -etwas in Unordnung geraten. - -Jesus ist von der Seereise zum Westufer zurückgekehrt. Mk 8 _-10-_ -ff. entspricht Mk 6 _-53-_ ff. u. 7 _-1-_ ff.; Dalmanutha liegt auf -dem Westufer. Statt dass er aber nun direkt nach Norden aufbricht, -folgt zuerst wieder eine Fahrt nach dem Ostufer (Mk 8 _-13-_). Erst -von Bethsaida zieht er dann mit ihnen nach Norden (Mk 8 _-27-_ ff.). -Der erste Cyklus hingegen erzählt _=diese Seefahrt nach Bethsaida -als Episode der grossen Uferreise in unmittelbarer Folge auf die -Speisungsgeschichte=_ (Mk 6 _-45-_ ff.). Nun zeigt aber auch die zweite -Erzählungsreihe, dass dies der ursprüngliche Zusammenhang war, denn -auch hier, wie in der ersten, bezieht sich das Gespräch beim Landen auf -die vorhergegangene Speisung. Mk 6 _-52-_: »Denn sie waren nicht zur -Einsicht gekommen über den Broten, sondern ihr Herz war verstockt«. Mk -8 _-19-21-_: »Da ich die fünf Brote gebrochen habe -- da ich die sieben -gebrochen habe -- versteht ihr noch nicht?« Es ist also unmöglich, dass -zwischen dieser Fahrt und der Speisung alle Auftritte, die sich auf -dem Westufer abgespielt haben, dazwischen liegen. Das Denken aller ist -ja noch von dem grossen Ereignis beherrscht. _=Die neue Seereise des -zweiten Cyklus ist nichts anderes als die ursprüngliche Fortsetzung der -Fahrt von dem Platz der Speisung nach Bethsaida.=_ - -Damit ist der Parallelismus der beiden Erzählungsreihen erwiesen. -Die Ereignisse verlaufen in der Folge: Uferfahrt vom Westufer aus, -Speisung, Weiterfahrt nach dem Nordosten, »Meerwandeln« resp. Gespräch -im Boot, Ankunft in Bethsaida, Rückkehr nach der Landschaft Genezareth, -Diskussion mit den Pharisäern, Aufbruch mit den Jüngern nach dem Norden. - - -2. Das Abendmahl am See Genezareth. - -Die Predigt der Jünger von der unmittelbaren Nähe des Reiches muss -einen grossen Erfolg gehabt haben. Eine gewaltige Menge von solchen, -die der Kunde glauben, scharen sich um Jesus. Er hat eine von der -hochgradigsten eschatologischen Erwartung beseelte Gemeinde um sich. -Sie lassen ihn nicht los. Um mit den Jüngern allein zu sein, besteigt -er ein Schiff. Er gedenkt sich nach dem Nordostufer zurückzuziehen. -Die Menge aber, als sie erfährt, dass er sich entfernen will, strömt -allerorts zusammen und folgt am Strande. Mk 6 _-32-_ u. _-33-_: »Es war -eine Menge Leute da, die kamen und gingen; und sie hatten nicht einmal -Zeit zu essen. Und sie gingen zu Schiff hin beiseits an einen einsamen -Ort; und viele sahen sie hingehen und erkannten sie. Und sie liefen von -allen Städten aus zu Fuss dahin zusammen und kamen ihnen zuvor«. - -Sie treffen ihn in einsamer Gegend und umringen ihn alsbald. Die Stunde -der Mahlzeit kommt. In den Berichten von der wunderbaren Speisung ist -uns das Mahl, das sie feierten, erhalten. _=Es handelte sich um ein -feierliches Kultmahl!=_ Nach weihevollem Dankgebet lässt Jesus durch -seine Jünger das von ihm gebrochene Brot unter die Menge verteilen. -Mit Ausnahme der beiden Gleichnisse haben wir absolut denselben -feierlichen Vorgang wie beim Abendmahl. Er teilt persönlich Speise -unter die Tischgenossenschaft aus. Die Schilderung der Brotausteilung -hier entspricht vollständig dem ersten Abendmahlsakt. Mk 6 _-41-_: Er -nahm die Brote, segnete sie, zum Himmel aufblickend, brach sie und gab -sie den Jüngern, sie ihnen vorzusetzen. Mk 14 _-22-_: Er nahm das Brot, -segnete und brach es und gab es ihnen. - -_=In der feierlichen Austeilungshandlung=_ liegt also das Wesen -sowohl jener Mahlzeit am Strand als auch des letzten Mahls mit den -Jüngern begründet. Der Name Abendmahl geht auf beide, denn auch jenes -Mahl am See fand in der Abendstunde statt. Mk 6 _-35-_: Und wie es -schon spät wurde, traten seine Jünger zu ihm etc. Hier setzt sich die -Mahlgemeinschaft aus der grossen Menge der Reichsgläubigen zusammen, -beim letzten Mahl ist sie auf den Jüngerkreis beschränkt. _=Die Feier -aber war dieselbe.=_ - -Hier ist sie nun in einen Wunderbericht verzerrt, weil das Kultmahl, -das Jesus am See improvisiert, als ein Sättigungsmahl aufgefasst wird. -Dass er den geringen Vorrat, der zu Händen war, die für ihn und seine -Jünger bestimmte Speise der Menge feierlich austeilte, ist historisch. -Dass dieses Mahl ihnen die abendliche Mahlzeit ersetzte, trifft -ebenfalls zu. Dass die Menge davon aber durch einen übernatürlichen -Vorgang _=satt wurde=_, das gehört zum Wundercharakter, welchen die -spätere Zeit der Feier beilegte, weil man sich ihre Bedeutung nicht -zurechtlegen konnte. - -Der historische Vorgang ist also folgender: Die Jünger verlangen, -Jesus solle das Volk entlassen, damit sie sich sättigen. Für ihn aber -ist es nicht der Augenblick, an irdische Mahlzeit zu denken und dafür -auseinanderzugehen, denn die Stunde ist nahe, wo sie alle um ihn zum -messianischen Mahl versammelt sein werden. Darum will er nicht, dass -sie jetzt gehen, sondern, ehe er sie entlässt, heisst er sie sich -lagern. An die Stelle der Sättigungsmahlzeit setzt er ein feierliches -Kultmahl, bei dem die irdische Sättigung keine Rolle spielt, sodass die -für ihn und seine Jünger bestimmte Speise ausreicht. - -Weder die Jünger noch die Menge verstehen, was vorgeht. Als Jesus -nachher im Schiff die Rede auf die Bedeutung der Mahlzeit bringt -- -dies allein kann der historische Sinn der dunkeln Notizen Mk 6 _-52-_ -und Mk 8 _-14-21-_ sein -- zeigt sich, dass sie nichts begriffen haben. - -Er hielt also ein Kultmahl ab, dessen Sinn ihm allein klar war. Er -achtete es nicht für nötig, ihnen das Wesen der Feier zu erklären. -Die Erinnerung aber an jene geheimnisvolle Abendmahlzeit am einsamen -Seestrand lebte in der Ueberlieferung lebendig weiter und wuchs zum -Bericht der wunderbaren Speisung aus. - -Worin bestand für Jesus der feierliche Charakter der Austeilung? -Die Mahlgemeinschaft trägt eschatologischen Charakter. Das Volk, das -sich am See um ihn gesammelt, erwartet mit ihm das Anbrechen des -Reiches. Indem er nun an die Stelle der gewöhnlichen Sättigungsmahlzeit -ein Kultmahl setzt, wo er unter Danksagung zu Gott ihnen Speise -austeilt, da handelt er aus seinem messianischen Selbstbewusstsein -heraus. _=Als derjenige, welcher sich Messias weiss und bei dem -unmittelbar bevorstehenden Einbrechen des Reiches ihnen als solcher -geoffenbart werden wird, teilt er denjenigen, welche er demnächst beim -messianischen Mahl um sich erwartet, feierlich Speise aus, als wollte -er ihnen damit ein Anrecht auf Teilnahme an jener zukünftigen Feier -geben.=_ Die Zeit der irdischen Mahlzeiten ist vorbei; darum hält er -mit ihnen die Vorfeier des messianischen Mahles. Sie aber verstanden es -nicht, denn sie konnten nicht ahnen, dass derjenige, welcher ihnen so -weihevoll Speise in Danksagung austeilte, sich als Messias wusste und -als solcher handelte. - -In diesem Zusammenhang fällt nun ein Licht auf das Wesen des Abendmahls -zu Jerusalem. Dort repräsentieren die Jünger die reichsgläubige -Gemeinschaft. Jesus teilt ihnen im Verlauf jener letzten Mahlzeit -unter Danksagungswort Speise und Trank aus. Nun wissen sie aber, was -er von sich hält. Er hat ihnen sein messianisches Geheimnis enthüllt. -Sie können daraus die Beziehung seiner Austeilung auf das messianische -Mahl ahnen. Er selbst gibt seinem Handeln diese Bedeutung, indem er -die Feier mit dem Hinweis auf die demnächstige Wiedervereinigung -beschliesst, wo er mit ihnen den Wein neu trinken wird in seines Vaters -Reich! - -Das Abendmahl am See und das Abendmahl zu Jerusalem entsprechen -sich also vollkommen, nur dass Jesus bei letzterem den Jüngern das -Wesen der Feier andeutet und zugleich in den beiden Gleichnissen -den Leidensgedanken zum Ausdruck bringt. Das Kultmahl war dasselbe: -eine Vorfeier des messianischen Mahles im Kreise der reichsgläubigen -Genossenschaft. _=Jetzt versteht man erst, wie das Wesen des Abendmahls -von den Gleichnissen unabhängig sein kann.=_ - - -3. Die Woche zu Bethsaida. - -Während der Feier war Jesus tief ergriffen. Darum drängte er zum -Aufbruch und entliess das Volk. Er selbst zog sich auf einen Berg -zurück, um im Gebet allein zu sein. Am Strande zu Bethsaida, wohin er -ihnen zu rudern befohlen hatte, traf er die Seinen wieder. Im Kampf -mit Sturm und Wellen wähnten sie eine überirdische Erscheinung auf sie -zukommen zu sehen, als sie seine Gestalt am Strande erblickten. So sehr -standen sie noch unter dem Eindruck der gewaltigen Persönlichkeit, -welche voll geheimnisvoller Hoheit der Menge feierlich Speise -ausgeteilt und dann die Feier plötzlich abgebrochen hatte (Mk 6 -_-45-52-_). - -Wohin hatte er die Menge entlassen? Was thaten sie in Bethsaida? Wie -lang blieben sie dort? Unser Text berichtet nur, dass sie wieder nach -Genezareth zurückkehrten. - -Nun bietet aber die synoptische Geschichtserzählung für die Zeit vor -dem Aufbruch nach Jerusalem (Mk 9 _-30-_) ein schweres litterarisches -Problem. Mk 8 _-27-33-_ befindet sich Jesus allein mit seinen Jüngern -hoch im Norden auf heidnischem Gebiet; von dort bricht er auch 9 _-30-_ -ff. zum raschen Zug durch Galiläa nach Jerusalem auf. »Sie zogen von -dort weg und nahmen ihren Weg durch Galiläa; er wollte aber nicht, dass -jemand davon wusste.« Zwischen die Messianitätserklärung und diesen -Aufbruch fällt nun eine Scene (Mk 8 _-34-_-9 _-29-_), wo er von einer -grossen Volksmenge umgeben erscheint. Er verlässt sie mit den Intimen, -um nachher wieder zu ihr zurückzukehren. Nirgends wird berichtet, -wie dieses Volk plötzlich auf heidnischem Land sich zu ihm findet. -Ebensowenig erfahren wir, wie es ihn wieder verlässt, dass er Mk 9 -_-30-_ ff. allein mit den Jüngern und unerkannt durch Galiläa ziehen -kann. - -Aber nicht nur die Volksmenge kommt unerwartet, sondern die ganze -Scenerie verändert sich. Man befindet sich in bekannter Gegend, denn -Jesus geht mit den Jüngern »ins Haus«, während das Volk draussen bleibt -(Mk 9 _-28-_)! - -Der litterarische Zusammenhang, in dem das Stück steht, ist absolut -unmöglich, denn es kann nicht auf _=heidnischem Boden=_, sondern nur -in _=Galiläa=_ spielen! Da aber Jesus nachher Galiläa nur im Fluge und -incognito berührt, so gehört es in die galiläische Periode _=vor den -Aufbruch nach dem Norden und zwar in die Zeit nach der Rückkehr der -Jünger=_, da er dort von einer ständigen Volksmenge umgeben ist und -dabei mit den Jüngern die Einsamkeit aufsucht! - -Die Situation lässt sich aber mit Sicherheit noch genauer bestimmen. -Jesus wohnt in einer Ortschaft (Mk 9 _-28-_), in deren Nähe ein Berg -sich befindet, zu dem er sich mit den Intimen begibt (Mk 9 _-2-_). -Dies passt aber alles mit absoluter Sicherheit auf den Aufenthalt _=in -Bethsaida=_. Der Berg, den er mit den drei Intimen aufsucht, ist _=der -Berg am Nordstrand des Sees, auf dem er gebetet in der Nacht, da er -nach Bethsaida kam=_! - -Das Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_ gehört also in die Tage von Bethsaida! -Es ist nicht mehr auszumachen, durch welchen Prozess es in den -vorliegenden, unmöglichen litterarischen Zusammenhang geriet. Von -Einfluss auf diese Einreihung wird gewesen sein, dass sich an die -Leidensweissagung in Cäsarea Philippi (Mk 8 _-31-33-_) am natürlichsten -das eindringliche Wort von der Leidensnachfolge der Anhänger -anzuschliessen schien (Mk 8 _-34-_-9 _-1-_). - -Zudem hatte die Umbildung des Berichts von dem Zusammentreffen Jesu -mit seinen landenden Jüngern in eine Wundererzählung den natürlichen -Anschluss des Berichts von dem am folgenden Morgen eintretenden -Ereignisse erschwert. Und doch setzt Mk 8 _-34-_ ff. die Massnahmen -des vorhergehenden Abends voraus (Mk 6 _-45-47-_). Jesus hat das Volk -entlassen, sich selbst in die Einsamkeit zurückgezogen und ist mit -den Jüngern im Dunkel der Nacht in Bethsaida eingetroffen, wo sie im -Hause (Mk 9 _-28-_) Herberge haben. Am andern Tage ruft er das Volk -mit den Jüngern um sich (Mk 8 _-34-_) und redet zu ihnen von der -Selbstverleugnung, die in seiner Nachfolge gewillt sein muss, Schande, -Hohn und Spott zu erdulden, um bei ihm auszuharren. Dieses Verhalten -wird durch die Nähe der Ankunft des Menschensohnes gerechtfertigt, der -in Solidarität mit Jesu richten wird. - -Den Beschluss dieser mahnenden Rede bildet ein Wort »von dem -Hereinbrechen des Reiches Gottes mit Macht«, d. h. der eschatologischen -Realisierung desselben. In der jetzigen Form ist es abgeschwächt: -einige von den Umstehenden werden den Tod nicht schmecken, bevor jener -Augenblick eintritt. Als Abschluss dieser Rede muss es aber gelautet -haben: Ihr, die ihr hier steht, werdet in Bälde den grossen Augenblick -des gewaltsamen Einbruchs des Reiches Gottes erleben! So passt diese -ernste Rede in Bethsaida zu den Erwartungen, die Jesum und die Menge um -ihn bewegten. - -Sechs Tage nach jener Rede in Bethsaida nimmt er die Intimen mit -sich und führt sie auf den Berg, wo er am Abend nach dem grossen -gemeinschaftlichen Kultmahl in der Einsamkeit gebetet. Bei ihrer -Rückkehr finden sie die andern Jünger vom Volk umgeben; trotz der von -ihnen auf ihrem Wanderzug durch die Ortschaften Israels bewiesenen -Vollmacht über die Dämonen werden sie nicht Herr über einen Besessenen, -der ihnen zugeführt worden. Jesus geht mit dem Vater und dem Besessenen -abseits; in dem Augenblick, wo das Volk herbeiläuft (Mk 9 _-25-27-_), -beginnt die Krisis, nach der Jesus den wie tot daliegenden Knaben bei -der Hand fasst und aufrichtet. - -So enthält dieses merkwürdige eingeschobene Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_ -einen anschaulichen Bericht über den ersten und letzten Tag der Woche, -die er damals zwischen der Rückkehr der Jünger und dem Aufbruch nach -dem Norden in Bethsaida verbrachte. - -Erst jetzt wird ganz klar, wie unhistorisch die Ansicht ist, dass Jesus -Galiläa infolge des wachsenden Widerstandes und des zunehmenden Abfalls -verlassen habe. Im Gegenteil: es ist die Zeit der höchsten Triumphe. -Eine reichsgläubige Volksmenge hängt ihm an und verfolgt ihn überall. -Kaum landet er am Westufer, so sind sie schon wieder da. Ihre Zahl ist -noch gewachsen und wächst immer fort (Mk 6 _-53-56-_). Dass sie ihn -verlassen, dass sie auch nur die geringste Regung des Zweifels oder -Abfalls gezeigt haben: davon wissen die Texte nichts. _=Nicht das Volk -verlässt ihn, sondern er verlässt das Volk.=_ - -Das thut er nicht aus Angst vor den jerusalemitischen Sendlingen, -sondern er führt nur aus, was er schon seit der Rückkehr der Jünger -im Sinne hatte. Er will allein sein. Das Volk hatte diese Absicht -vereitelt, indem es ihm bei der Seefahrt am Ufer folgte. Auf das -Westufer zurückgekehrt, sieht er sich wieder umgeben. Weil er das -Alleinsein mit den Jüngern für absolut notwendig hält und weil es ihm -in Galiläa nicht gelingt, deswegen verschwindet er plötzlich und begibt -sich auf heidnisches Gebiet. _=Die Nordreise ist keine Flucht, sondern -sie verfolgt denselben Zweck wie die Seereise.=_ - - - - -Achtes Kapitel. - -Das Messianitätsgeheimnis. - - -1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi. - -Nach Cäsarea Philippi ist die Verklärungsscene bedeutungslos und -unverständlich. Die drei Intimen erfahren nicht mehr über Jesus, als -was Petrus schon bekannt und Jesus daraufhin bestätigt hat. So ist die -ganze Perikope nichts als eine angehängte Apotheose mit einem dunkeln -Gespräch, der keine geschichtliche Bedeutung zukommt. - -Spielt die Scene aber, wie oben litterarisch nachgewiesen ist, in den -Wochen nach der Aussendung, _=vor Cäsarea Philippi=_, nicht auf dem -Berg der Legende, _=sondern auf dem Berg in der Einsamkeit des Seeufers -bei Bethsaida=_, dann ist mit einem Schlage aus der bedeutungslosen -Anhangsapotheose zur Offenbarung des Messiasgeheimnisses ein -galiläisches Ereignis von weittragender historischer Bedeutung -geworden, _=das die Scene zu Cäsarea Philippi erklärt, nicht -umgekehrt=_! Was wir die Verklärung Jesu nennen, ist in Wirklichkeit -nichts anderes als _=die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an die -drei Intimen=_! Einige Wochen später folgt dann die Eröffnung an die -Zwölfe. - -Diese Offenbarung an die Intimen ist uns als Wundergeschichte -überliefert. Sie hat dieselbe Umbildung erfahren, wie alle Ereignisse -auf jener Fahrt längs des Nordstrandes. Wie die Speisungsgeschichte und -die Begegnung Jesu mit seinen Jüngern im Abenddunkel, so steht auch die -Scene auf dem Berg unter dem Eindruck der intensivsten eschatologischen -Erregtheit. Darum ist der historische Vorgang im einzelnen nicht -mehr klar. Elias und Moses, die Persönlichkeiten, welche die Endzeit -ankündigen, erscheinen ihnen. Inwiefern haben dabei ekstatische -Zustände, verbunden mit Glossolalie, mitgespielt? Die jetzige -Schilderung lässt auf derartiges schliessen (Mk 9 _-2-6-_). Inwiefern -wiederholt sich in der Stimme aus den Wolken das Erlebnis Jesu bei der -Taufe Jesu? Mk 9 _-7-_: »Dies ist mein lieber Sohn, auf ihn höret.« - -Zwischen der Taufe und der Verklärung besteht ein innerer Zusammenhang. -Beidemal handelt es sich um einen Zustand der Verzückung, in dem -das Geheimnis der Persönlichkeit Jesu offenbar wird. Das erste Mal -war es für ihn allein. Hier nehmen auch die Jünger daran teil. Wie -weit sie selbst hingerissen waren, ist nicht klar. Fest steht, dass -in einem Zustand der Betäubung, aus dem sie erst am Ende der Scene -erwachen (Mk 9 _-8-_), die Gestalt Jesu ihnen von überirdischem Glanz -und Herrlichkeit umstrahlt erscheint und sie eine Stimme hören, er -sei Gottes Sohn. Der Vorgang erklärt sich nur aus der gewaltigen -eschatologischen Aufregung. - -Es ist merkwürdig, dass die Offenbarwerdung des Messiasgeheimnisses -_=immer=_ an derartige Zustände geknüpft erscheint. Bei der -Pfingstrede, wo Petrus die Messianität Jesu öffentlich verkündigt, -handelt es sich auch um Glossolalie. Freilich hatte er diesen Zustand -schon erlebt, als ihm die Offenbarung auf dem Berg bei Bethsaida wurde. -Auch Paulus befindet sich in Verzückung, als er die Stimme aus den -Wolken hört. - -Wir haben oben dargethan, dass niemand durch Jesu Auftreten oder -durch seine Reden jemals auf den Gedanken kommen konnte, er halte -sich für den Messias. Die Frage dreht sich nicht darum, wie die Leute -seine Messianität ignorieren konnten, sondern woher Petrus zu Cäsarea -Philippi und der Hohepriester in der Gerichtsscene im Besitz des -Geheimnisses Jesu sind. - -Die Verklärungsscene löst die erste Frage. Petrus weiss, dass Jesus -»Sohn Gottes« ist aus der Offenbarung, die ihm mit den andern beiden -Intimen auf dem Berg bei Bethsaida geworden ist. Darum antwortet er mit -einer solchen Sicherheit auf die gestellte Frage (Mk 8 _-29-_). Der -matthäische Text fügt sogar noch ein Wort bei, in dem Jesus auf das -Erlebnis, wo ihm diese Erkenntnis zu teil geworden, anspielt. Mt 16 -_-17-_: Selig bist du Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat es -dir nicht geoffenbart, sondern der Vater im Himmel. - -Aber auch die auf die Antwort des Petrus folgende Scene zeigt, dass es -sich um ein beiden gemeinsames Geheimnis handelt. Auf die Eröffnung -Jesu, dass er in Jerusalem sterben müsse, fährt Petrus heftig und -rücksichtslos auf ihn ein, nimmt ihn zur Seite und redet mit ihm -in aufgeregter Weise. _=Als Jesus sieht, dass die übrigen Jünger -aufmerksam werden=_, reisst er sich mit einem harten Wort von ihm los, -indem er ihn den Versucher nennt, der nicht Gottes Dinge, sondern -Menschendinge sinne (Mk 8 _-32 u. 33-_). - -Warum die Aufregung des Petrus über die Eröffnung Jesu von der -Todesreise nach Jerusalem? Weil sie neu hinzukommt zu dem, was ihm -aus jener Scene auf dem Berg bei Bethsaida bekannt ist. Nun darf -er aber davon vor den andern Jüngern nicht reden, weil Jesus den -Intimen verboten hatte, jenes Ereignis zu erwähnen. Darum nimmt er -ihn bei Seite. Jesus aber kann, da die andern aufmerksam werden, sich -mit ihm nicht darüber auseinandersetzen, sondern er gebietet ihm -leidenschaftlich erregt Schweigen. - -Nur der Zusammenhang mit der Verklärungsscene erklärt die -charakteristischen Züge des Ereignisses zu Cäsarea Philippi. Die -allgemein im Gebrauch befindlichen psychologischen Noterwägungen über -die schnelle Auffassungskraft des Petrus und sein lebhaftes Temperament -können nicht im geringsten erklären, warum er allein mit solcher -Sicherheit zur Erkenntnis der Messianität Jesu gekommen, um sie alsbald -wieder so misszuverstehen, dass er mit Jesus darob in heftiges Gerede -kommt. Warum gehen beide mit einander abseits? Warum belehrt ihn Jesus -nicht, sondern lässt ihn mit hartem Scheltwort stehen? - -An sich ist also die ganze Scene zu Cäsarea Philippi ein Rätsel. -Nimmt man aber an, dass die Verklärungsscene vorausgegangen ist, -so löst sich das Rätsel und die Scene wird bis ins kleinste Detail -verständlich. _=Der Offenbarung an die Zwölf ging die Kundgebung des -Messiasgeheimnisses an die Intimen voraus.=_ - - -2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu. - -Die Offenbarung des Messiasgeheimnisses änderte vorläufig nichts -in dem Verhalten der Jünger zu Jesu. Sie sind nicht vor ihm in den -Staub gesunken, als ob nun aus dem Menschen, den sie gekannt, eine -überirdische Erscheinung geworden wäre. Nur eine gewisse Scheu legen -sie in der Folge an den Tag. Sie wagen ihn nicht zu fragen, wenn sie -seine Worte nicht verstehen (Mk 9 _-32-_), sondern sie gehen neben ihm -her als solche, die wissen, dass er ein grosses Geheimnis in sich trägt. - -War nun Jesus vom Tag der Offenbarung seines Messiasgeheimnisses an -für sie der Messias? _=Er war es noch nicht.=_ Man muss sich immer -wieder erinnern, dass das Reich und der Messias unzertrennlich -zusammengehören. Nun war das Reich noch nicht erschienen, also auch -der Messias nicht. Die Eröffnung Jesu bezieht sich auf den Zeitpunkt -des Anbrechens des Reichs. Wann jene Stunde schlagen wird, dann wird -er als Messias erscheinen, dann wird seine Messianität in Herrlichkeit -geoffenbart werden. Das war das Geheimnis, welches er den Jüngern -feierlich bekannt gab. - -Jesu Messianität war ein Geheimnis nicht nur, weil er davon zu -sprechen verboten hatte, sondern auch wegen ihrer besonderen Art, -_=sofern sie erst in einem bestimmten Zeitpunkt real wurde=_. Es -handelt sich um eine nur in seinem Selbstbewusstsein vollziehbare -Vorstellung. Darum konnte und brauchte das Volk nicht darum zu wissen. -Es genügte, dass sein Wort und seine Zeichen sie zum Glauben an die -Nähe des Reiches bekehrten, denn mit dem Anbruch des Reiches wurde -ihnen auch seine Messianität offenbar. - -Es ist fast unmöglich, das Messianitätsbewusstsein, wie es Jesus seinen -Jüngern als Geheimnis offenbarte, in moderne Begriffe zu fassen. -Mag man es als eine Identität zwischen ihm und dem erscheinenden -Menschensohn beschreiben, mag man es als eine Kontinuität, die beide -Persönlichkeiten verbindet, auffassen, oder mag man es sich als ein -virtuelles Vorhandensein der Messianität denken: keine von diesen -modernen Anschauungen kann das messianische Selbstbewusstsein Jesu, -_=wie es die Jünger verstanden=_, wiedergeben. - -Uns fehlt nämlich das »jetzt und dann«, welches ihr Denken beherrschte -und eine eigenartige Duplicität des Selbstbewusstseins bedingte. -Was wir Identität, Kontinuität und virtuelle Anlage nennen, das -ging in ihrer Vorstellung in einer für uns ganz unfassbaren Weise -ineinander über. Jede Persönlichkeit dachte sich selbst in _=zwei -ganz verschiedenen Zuständen=_, sofern sie sich nämlich jetzt in -der vormessianischen und dann in der messianischen Aera wusste. -Aussprüche, welche wir nur nach der Einheit des Selbstbewusstseins -deuten, verstanden sie ganz von selbst nach dem ihnen geläufigen -doppelten Selbstbewusstsein. Wenn ihnen also Jesus das Geheimnis seiner -Messianität offenbarte, hiess das für sie nicht, er sei der Messias, -wie wir Modernen es verstehen müssten, sondern es bedeutet für sie, -dass ihr Herr und Meister derjenige war, _=der im messianischen Aeon -als Messias geoffenbart werden würde=_. - -Auch sich selbst dachten sie in dieser Doppelheit des -Selbstbewusstseins. Jedesmal, nachdem Jesus ihnen eröffnet, dass -er vor Antritt seiner Herrschaft leiden müsse, machen sie sich -Gedanken, was sie sein werden im zukünftigen Aeon. Darum folgen auf -die Leidensweissagungen die Scenen, in denen sie sich streiten, wer -von ihnen der grösste sein wird im Himmelreich, oder welchen die -Ehrenplätze zu Seiten des Thrones zufallen werden. Bis dahin aber -bleiben sie, was sie sind, und Jesus, was er ist, ihr Lehrer und -Meister. »Meister« reden ihn die Zebedaiden Mk 10 _-35-_ an. Als Lehrer -soll er versprechen und gewähren, was sich erfüllen wird, wenn das -Reich und damit seine Messianität geoffenbart sein wird. - -In diesem Sinne ist also das Messianitätsbewusstsein Jesu futurisch. -Weder für ihn noch für die Jünger lag darin etwas Auffälliges. Im -Gegenteil: es entsprach ganz der jüdischen Vorstellung von _=dem -verborgenen Werden und Wirken des Messias=_ (vgl. WEBER, System der -altsynagogalen Theologie, 1880. S. 342-446). Jesu irdische Laufbahn -ging seiner Messianität in Herrlichkeit voraus. Der Messias musste -irdisch und unerkannt auftreten und wirken, er musste lehren und durch -Thun und Leiden ein vollendeter Gerechter werden. Dann erst sollte -die messianische Aera mit dem Gericht und der Aufrichtung des Reichs -anbrechen. Von Norden sollte der Messias kommen. Jesu Zug von Cäsarea -Philippi nach Jerusalem war der Lauf des unerkannten Messias zur -Erlangung seiner Herrlichkeit. - -So stand er als werdender Messias mitten drin in der messianischen -Erwartung seines Volkes. Er durfte sich ihm nicht offenbaren, denn die -Zeit seines verborgenen Wirkens war noch nicht vorüber. Darum predigte -er die Nähe des Reiches Gottes. - -Aus seinem futurischen Messianitätsbewusstsein heraus berührt er im -Tempel die messianische Dogmatik der Schriftgelehrten, als wollte er -sie auf das Geheimnis, das dahinter steckt, aufmerksam machen. Die -Pharisäer sagen: der Messias ist Davids Sohn. David aber nennt ihn -seinen Herrn. Wie kann er da noch sein Sohn sein (Mk 12 _-35-37-_)? - -_=Davids Sohn=_, also ihm unterstehend, ist der Messias, wenn er in -diesem Aeon, aus irdischem Geschlecht geboren, verborgen wirkt und -wird. _=Davids Herr=_, wenn er beim Anbruch des zukünftigen Aeons als -Messias in Herrlichkeit geoffenbart wird. Es liegt Jesu fern, die -messianische Dogmatik der Pharisäer anzugreifen. Sie ist richtig, -denn die Schrift lehrt so. Nur können sie die Pharisäer selbst nicht -erklären, da sie nicht deuten können, wie einmal der Messias Davids -Sohn, das andere Mal Davids Herr ist. - -Dieser Ausspruch an das Volk im Tempel -- erst Matthäus hat daraus -eine Vexierfrage gemacht -- steht auf derselben Stufe wie das Urteil -über den Täufer. Wer es zu fassen vermöchte, in welcher Vollmacht jener -taufte, dass er nämlich der Elias war, wer begreifen könnte, wie der -Messias einmal Davids Sohn, dann wieder Davids Herr ist -- der wüsste -auch, wer der ist, der so redet. Wer Ohren hat zu hören, der höre! - - -3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der Messianität Jesu. - -Der Ausdruck »Davidssohn« enthält also ein Rätsel. Darum gebraucht -ihn Jesus nie, wenn er von seiner Messianität spricht, sondern immer -redet er von sich als dem »Menschensohn«. Diese Bezeichnung war also -besonders geeignet, um sein Messianitätsbewusstsein wiederzugeben. - -Er hat es auf diesen Ausdruck abgesehen. Jede messianische Bezeichnung, -die ihn betreffend gefallen ist, _=korrigiert und erläutert er durch -»Menschensohn«=_. - -Nachdem es in der Scene auf dem Berg den Jüngern aufgegangen ist, dass -er »Gottessohn« sei, redet er beim Abstieg zu ihnen von sich als dem -»Menschensohn« (Mk 9 _-7-9-_). - -Petrus proklamiert ihn vor den andern als »den Gesalbten« (Mk 8 -_-29-_). Gleich fährt Jesus fort, sie über das Schicksal »des -Menschensohns« (Mk 8 _-31-_) zu belehren. - -Bist du Christus, der Sohn des Hochgelobten? frägt ihn der Hohepriester -(Mk 14 _-61-_). Ihr werdet sehen den »Menschensohn« sitzend zur Rechten -der Kraft und kommend auf den Wolken des Himmels, antwortet Jesus. Das -will heissen: Ja. In der zweiten und dritten Leidensweissagung (Mk 9 -_-30-32-_ und Mk 10 _-32-34-_) ebenso wie in dem Wort vom Dienen (Mk 10 -_-45-_) kehrt überall derselbe Ausdruck wieder. - -_=Die Messianitätsbezeichnung »Menschensohn«=_ ist _=futurischen -Charakters=_. Sie bezieht sich auf den Augenblick, wo der Messias auf -den Wolken des Himmels zum Gericht erscheinen wird. In diesem Sinne -hatte Jesus zum Volk und zu den Jüngern vom Kommen des Menschensohnes -von jeher geredet. Bei der Aussendung weist er die Seinen auf die -unmittelbare Nähe des Tages des Menschensohnes hin (Mt 10 _-23-_). Dem -Volk redet er von dem Kommen des Menschensohnes, um es zu vermahnen, -bei ihm, Jesus, auszuhalten (Mk 8 _-38-_). - -Dabei sind er und der Menschensohn für die Jünger und das Volk zwei -ganz verschiedene Persönlichkeiten. Der eine ist eine _=irdische=_, der -andere eine _=überirdische=_ Gestalt; der eine gehört dem _=jetzigen=_, -der andere dem _=messianischen=_ Zeitalter an. Zwischen beiden besteht -Solidarität, indem der Menschensohn für die eintreten wird, welche zu -Jesus, dem Verkündiger seines Kommens, gestanden sind. - -Von diesen Stellen muss man ausgehen, um die Bedeutung des Ausdrucks -in Jesu Munde zu verstehen. Wer um sein Geheimnis nicht weiss, für -den sind Jesus und der Menschensohn verschiedene Personen. Wem er -aber sein Geheimnis offenbart hat, für den besteht ein persönlicher -Zusammenhang zwischen beiden. Jesus ist der, welcher am messianischen -Tag als Menschensohn erscheinen wird. _=Die Offenbarung zu Cäsarea -Philippi besteht darin, dass Jesus seinen Jüngern offenbart, in welchem -persönlichen Verhältnis er zum erscheinenden Menschensohn steht.=_ Als -der, welcher Menschensohn sein wird, kann er Petri Bekenntnis, dass er -Messias sei, bestätigen. Seine Antwort auf die Frage des Hohenpriesters -ist in demselben Sinn bejahend. Er ist Messias: das werden sie sehen, -wenn er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels erscheint. - -»Menschensohn« ist also der adäquate Ausdruck für seine Messianität, -so lange er als Jesus von Nazareth in diesem Aeon auf seine zukünftige -Würde zu reden kommt. Wenn er daher zu den Jüngern von sich als dem -Menschensohn spricht, so setzt er dabei das Doppelbewusstsein voraus. -»Der Menschensohn muss leiden und wird dann von den Toten auferstehen«: -das will heissen: »als solcher, der Menschensohn sein wird bei der -Totenauferstehung, muss ich leiden«. Ebenso ist das Wort vom Dienen zu -verstehen: als solcher, der als Menschensohn zu der höchsten Herrschaft -im messianischen Aeon berufen ist, muss ich jetzt am tiefsten mich im -Dienen erniedrigen (Mk 10 _-45-_). So sagt er vor der Gefangennahme: -die Stunde ist gekommen, dass der, welcher Menschensohn sein wird, in -Sünderhände überantwortet wird (Mk 14 _-21-_ u. _-41-_). - -Damit ist das Menschensohnproblem klargestellt. Eine geläufige -Selbstbezeichnung war der Ausdruck nicht, sondern eine hoheitsvolle -Art, mit welcher er in den grossen Momenten seines Lebens zu den -Eingeweihten von sich als dem zukünftigen Messias sprach, während er -für die andern von dem Menschensohn als einer von ihm unterschiedenen -Grösse redete. In allen Fällen aber zeigte der Zusammenhang an, dass -er von einer zukünftigen Grösse redete, denn in all diesen Stellen -wird entweder die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken des -Himmels erwähnt. Die philologischen Bedenken treffen hier also nicht -zu. Eingeweihte und Uneingeweihte mussten aus der Situation verstehen, -dass er von einer bestimmten Persönlichkeit der Zukunft redete und -nicht von dem Menschen allgemein, wenn auch der Ausdruck beidemal -derselbe war. - -Ganz anders steht es mit einer Reihe von Stellen, wo der Ausdruck -als reine, unmotivierte Selbstbezeichnung, als einfache Umschreibung -von »Ich« vorkommt. Hier bestehen alle kritischen und philologischen -Bedenken unbedingt zu Recht. - - Mt 8 _-20-_: Der Menschensohn hat nicht, da er sein Haupt - hinlege. - - Mt 11 _-19-_: Der Menschensohn ist gekommen, isset und - trinket (im Gegensatz zum Täufer). - - Mt 12 _-32-_: Die Lästerung wider den heiligen Geist ist noch - schwerer als die Schmähung des Menschensohnes. - - Mt 12 _-40-_: Der Menschensohn wird drei Tage in der Erde - sein, wie Jonas im Bauch des Fisches. - - Mt 13 _-37-_ u. _-41-_: Der Menschensohn ist der Säemann; der - Menschensohn ist der Herr, der den Befehl zur - Ernte gibt. - - Mt 16 _-13-_: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? - -Hier ist der Ausdruck philologisch unmöglich. Denn wenn Jesus ihn -so gebraucht hätte, mussten ihn die Hörer einfach vom »Menschen« -verstehen. Nichts zeigt an, dass es sich um die künftige messianische -Würde handelt! Hier bezeichnet er ja seinen gegenwärtigen Zustand -damit! »Menschensohn« ist aber eine Messiasbezeichnung futurischen -Charakters, _=da man dabei immer an das Kommen auf den Wolken denkt, -entsprechend Dan 7 _-13-14-_=_. Zudem wissen die Jünger in allen diesen -Stellen damals noch gar nicht um das Geheimnis Jesu. Der Menschensohn -ist für sie noch eine von ihm ganz unterschiedene Persönlichkeit. Die -Einheit des Subjekts ist ihnen ja noch unbekannt! Also konnten sie -nicht verstehen, dass er hierbei von sich rede, sondern sie mussten -alles auf den Menschensohn beziehen, von dessen Kommen er auch sonst -sprach! Damit wären aber die Stellen alle sinnlos, da sie voraussetzen, -es handle sich um eine Selbstbezeichnung seinerseits! - -Historisch und philologisch ist es also unmöglich, dass Jesus den -Ausdruck als unmotivierte, selbstverständliche Selbstbezeichnung -gebraucht haben kann. Als Selbstbezeichnung, sofern er von sich im -Hinblick auf seine künftige messianische Würde redete, konnten es -erst die verstehen, welche um sein Geheimnis wussten. Darum sind alle -Stellen, in denen er sich _=vor Cäsarea Philippi=_ (für die Intimen -vor der Verklärung) _=als Menschensohn bezeichnet, unhistorisch=_. -Historisch sind für jene Zeit nur solche, wo er von dem Menschensohn -als einer mit ihm nicht identischen zukünftigen Erscheinung redet -(Mt 10 _-23-_ und Mk 8 _-38-_). Die oben erwähnten Stellen, welche -den Ausdruck als unmotivierte Selbstbezeichnung bieten, sind also -nicht historisch, sondern nur aus einem litterarischen Prozess heraus -verständlich. Wie kommt es, dass eine spätere Periode der evangelischen -Geschichtserzählung diesen Ausdruck als »Selbstbezeichnung Jesu« ansah? - -Dies beruht auf einer Verschiebung der Perspektive. Sie machte sich in -dem Augenblick bemerkbar, wo man die Geschichte Jesu von dem Gedanken -aus zu schreiben begann, dass er auf Erden schon _=der Messias war=_. -Denn nun verlor man das Bewusstsein, dass für die irdische Existenz -Jesu seine Messianität selbst etwas Futurisches war und dass er sich -mit dem Ausdruck Menschensohn eben als futurischen Messias bezeichnete. -Weil nun historisch feststand, dass er von sich als Menschensohn -geredet, bemächtigte sich die Geschichtserzählung dieser emphatischen -Selbstbezeichnung. Ohne eine Ahnung davon zu haben, dass sie nur für -ganz bestimmte Worte und Situationen passte, verwandte man sie auf -beliebige Stellen, wo er von sich selbst sprach, und schuf damit diese -philologischen und historischen Unmöglichkeiten. - -Dieser falsche Gebrauch beruht also auf einem litterarischen Prozess -von ausgesprochen sekundärem Charakter. Es verhält sich damit, wie mit -der unhistorischen Verwendung des Ausdrucks Davidssohn bei Matthäus. -Dazu stimmt, dass auch die fraglichen Menschensohnstellen einer -sekundären Schicht des Matthäus angehören. - -Vor allem bekunden diesen Charakter: die Umformung der einfachen Frage -zu Cäsarea Philippi (Mt 16 _-13-_), die Deutung des Gleichnisses -vom Säemann (Mt 13 _-37-_ u. _-41-_) und die falsche Auslegung des -Jonaswunders (Mt 12 _-40-_). - -Ebenso sekundär ist die Darstellung der Rede über die Sünde wider -den heiligen Geist, wo ein Unterschied zwischen der Lästerung wider -den heiligen Geist und der wider den Menschensohn statuiert wird (Mt -12 _-32-_), während doch in dem Gedanken Jesu beides auf dasselbe -hinauskommt, da es die bewusste Verstockung gegen die in ihm wirkenden -Kräfte des nahen Reichs bedeutet. In den Stellen Mt 8 _-20-_ und Mt 11 -_-19-_ ist der Ausdruck unmotiviert, da Jesus dort nur sagen will: ich -habe nicht, da ich mein Haupt hinlege, ich esse und trinke im Gegensatz -zu dem asketischen Verhalten des Täufers. - -Eine eigene Bewandtnis hat es mit den beiden unhistorischen -Menschensohnstellen im Markustext. - - Mk 2 _-10-_: Der Menschensohn hat das Recht, auf Erden Sünden - zu erlassen. - - Mk 2 _-28-_: Der Menschensohn ist Herr des Sabbattages. - -Das Sekundäre besteht darin, dass Jesus den Ausdruck als -_=Selbstbezeichnung=_ gebraucht haben soll. Historisch ist, dass er -ihn in jenem Zusammenhang gebraucht hat, entweder vom Menschensohn als -einer dritten, eschatologischen Grösse oder vom Menschen überhaupt. -Beidemal gibt es einen Sinn. - - 1. Der Mensch als solcher kann durch die Heilung die - Sündenvergebung auf Erden bekunden. - Der Mensch als Mensch ist Herr des Sabbattages. - - 2. Im Hinblick auf den kommenden Menschensohn findet jetzt schon - Sündenvergebung auf Erden statt, wie die Heilung zeigt. - Im Hinblick auf das Kommen des Menschensohns ragt jetzt schon - ein Höheres in die gesetzliche Sabbatbeobachtung hinein. Vor dem - Höheren verschwindet das Gesetz. Das zeigt der Fall Davids. - -Wie man sich die Stellen auch zurechtlegen mag, eines ist klar: -hier hat der Ausdruck historisch vorgelegen und die Aussage Jesu -irgendwie motiviert. Sekundär ist nur, dass jetzt der Ausdruck als -Selbstbezeichnung erscheint, während Jesus vom Menschen oder vom -Menschensohn geredet hat. So stehen diese Stellen auf der Schwelle vom -geschichtlichen zum litterarisch-ungeschichtlichen Gebrauch des Wortes -»Menschensohn«. - -Von hier aus erfasst man erst die eigentliche Schwierigkeit des -Menschensohnproblems. Je tiefer bisher die Untersuchung ging, in -desto weitere Ferne schien die Lösung zu rücken. Dies rührte daher, -dass keine Ueberlegung eine Scheidung unter den so ungleichwertigen -Stellen herbeiführen konnte. So blieben die litterarische und die -historische Seite des Problems unlösbar verquickt. Mit dem Augenblick -aber, wo man von dem Studium des Messianitätsbewusstseins Jesu aus -entdeckt, dass der Ausdruck Menschensohn der einzige war, in welchem -er das Geheimnis seiner futurischen Würde aussprechen konnte, ist -auch die Scheidung gegeben. Historisch sind alle Stellen, wo der -danielisch-eschatologische Charakter des Ausdrucks wirksam ist, -unhistorisch alle diejenigen, wo dies nicht der Fall ist. Zugleich -erklärt sich durch die Verschiebung in der Perspektive, wie für -eine spätere Geschichtserzählung der Ausdruck im Munde Jesu nur die -Bedeutung einer unmotivierten Selbstbezeichnung haben konnte, die in -allen Situationen, wo er von sich selbst sprach, angebracht schien. - -Endlich löst sich auch das letzte Rätsel. Warum verschwindet der -Ausdruck in der Sprache des Urchristentums? Warum bezeichnete niemand -den Messias als Menschensohn (ausser Akt 7 _-56-_), da ihn doch Jesus -ausschliesslich für seine Würde gebraucht hatte? Das rührt daher, dass -»Menschensohn« der messianische Ausdruck nur für eine klar bestimmte -Episode des messianischen Dramas war. Menschensohn war der Messias in -dem Augenblick, wo er auf den Wolken des Himmels der Welt zum Gericht -und zur Herrschaft offenbar wurde. An jenen Augenblick dachte Jesus -ausschliesslich, weil er erst von da an für die Menschen Messias war. -Das Urchristentum aber erblickte, weil sich eine Zwischenzeit einschob, -Jesum als Messias droben im Himmel zur Rechten Gottes. Er war schon -der Messias und wurde es für sie nicht erst mit dem Augenblicke der -Erscheinung des Menschensohns. Weil sich also auch hier die Perspektive -verschoben hatte, gebrauchte man den allgemeinen Ausdruck »Messias«, -nicht das auf eine besondere Scene hinweisende »Menschensohn«. - -_=Jesus hätte sich ungenau ausgedrückt, wenn er gesagt hätte: ich bin -der Messias; denn er war es erst mit seinem überirdischen Erscheinen -als Menschensohn. Im Urchristentum hätte man sich ungenau ausgedrückt, -wenn man gesagt hätte: Jesus ist der Menschensohn. Denn nach der -Auferstehung war er der Messias zur Rechten Gottes, dessen Erscheinen -als Menschensohn man erwartete.=_ - - -4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der Messianität -Jesu. - -Welche Bedeutung haben die Auferstehungsweissagungen? Es fällt -uns schwer, anzunehmen, dass Jesus so präcis ein solches Ereignis -vorhergesagt habe. Weit eher scheint es uns erklärlich, dass seine -allgemeinen Aussagen von einer Herrlichkeit, die seiner wartete, ex -eventu in Auferstehungsweissagungen redigiert worden seien. - -Diese Kritik ist berechtigt, solange man meint, mit der geweissagten -Auferstehung handle es sich um ein _=isoliertes Ereignis=_ in der -Existenz Jesu. Das ist aber nur für unser modernes Bewusstsein der -Fall, weil wir auch in der Auferstehungsfrage uneschatologisch -denken. Für Jesus und die Jünger hatte aber die Auferstehung, von der -er redete, eine ganz andere Bedeutung. Sie war _=ein messianisches -Ereignis=_, welches den Anbruch der ganzen zukünftigen Herrlichkeit -bedeutete. Wir müssen auch hier vom Modernen, Apotheosenhaften in der -geweissagten Auferstehung abstrahieren. Das zeitgenössische Bewusstsein -verstand diese »Rehabilitierung« als Offenbarung seiner Messianität -beim Anbruch des Reichs. Wenn also Jesus von seiner Auferstehung -sprach, dachten die Jünger _=an die grosse messianische Auferstehung, -in der er als Messias auferstehen würde=_. - -In dieser Hinsicht ist das Gespräch beim Abstieg vom Berg nach der -Verklärungsscene entscheidend. Er redet dort den Intimen zum erstenmal -von »der Auferstehung des Menschensohnes von den Toten« (Mk 9 _-9-_). -Sie können sich aber »die Auferstehung des Menschensohnes« ohne -Zusammenhang mit der messianischen Auferstehung gar nicht denken. Ihre -Aufmerksamkeit ist ganz von dem messianischen Ereignis, das ihnen Jesus -damit in Aussicht stellt, gefangen genommen. Sie machen sich deshalb -Gedanken über die Totenauferstehung. Wie verhält es sich damit (Mk 9 -_-10-_)? Die Bedingungen dafür sind nämlich, soviel sie sehen, noch -nicht gegeben. Der Elias ist ja noch nicht erschienen (Mk 9 _-11-_). -Jesus beruhigt sie mit dem Hinweis, dass er schon da war, wenn ihn die -Menschen auch nicht erkannt haben. Er meint den Täufer (Mk 9 _-12-13-_). - -Dieses Gespräch, in dem man sonst überhaupt keine fassliche -Gedankenfolge statuieren kann, wird also in dem Augenblick vollständig -durchsichtig und natürlich, wo man bemerkt, wie die Jünger die von -Jesus in Aussicht gestellte Auferstehung _=nur in demselben Gedanken -mit der grossen, allgemeinen, messianischen Auferstehung denken -können=_! Darum wirft diese Rede beim Abstieg ein helles Licht auf -die spätere Leidens- und Auferstehungsweissagungen, weil wir hier im -stande sind, die Gedanken und Erwägungen, die diese Worte im Herzen -der Jünger wachriefen, zu kontrollieren. Ueberdies fehlt in dieser -»Auferstehungsweissagung« die Erwähnung der drei Tage, die gerade den -Anlass zum Einsetzen der Kritik in den folgenden Leidensweissagungen -bietet. In dieser Hinsicht stimmt das Wort beim Abstieg mit dem letzten -Ausspruch vor dem Hohenpriester überein. Beiden fehlt die zeitliche -Bestimmung, wann die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken -des Himmels statthaben wird. In dem messianischen Ereignis fällt beides -zusammen: Auferstehung und Kommen auf den Wolken bedeuten nur die -Offenbarung seiner Messianität am grossen Auferstehungstag. - -Diese Erwartung der eschatologischen Totenauferstehung beherrschte -das Bewusstsein Jesu und seiner Zeitgenossen. Er setzt sie in seinen -jerusalemitischen Reden voraus. Die Reichserwartung und der Glaube an -die bevorstehende Totenauferstehung gehören eng zusammen. Es ist, wie -schon früher bemerkt wurde, ein perspektivischer Fehler, den Gedanken -Jesu, wenn er vom kommenden Reich spricht, eine Orientierung nach -vorwärts zu geben, als bezöge es sich auf kommende Generationen. So -denkt der moderne Geist. Bei ihm war es gerade umgekehrt. _=Beim Reich -handelt es sich um die vergangenen Generationen!=_ Sie erstehen zum -Gericht, welches das Reich einleitet. - -Die Totenauferstehung ist die Vorbedingung zur Reichserrichtung. -Dadurch werden alle Generationen der Welt aus ihrer zeitlichen Folge -herausgehoben und für das Urteil Gottes als gleichzeitig gesetzt. -So verlangt z. B. gerade das Gleichnis vom Weinberg Gottes (Mk 12 -_-1-12-_) die Annahme der Totenauferstehung. Die ganze Geschichte -Israels wird dort in dem Verhalten der Pächter beschrieben. Jesus redet -von den Generationen Israels von den Tagen der Propheten bis zu der -gegenwärtigen, der seine Warnung gilt. Im Gleichnis aber ist es nur -eine Generation, weil das ganze Volk in seinen aufeinanderfolgenden -Geschlechtern als Kollektivgrösse vor Gott tritt, wenn es sich um das -Gericht handelt; es ist dann als Ganzes in der Auferstehung erstanden. - -Ebenso erklärt es sich, dass für den Gerichtstag dem Geschlecht derer -von Sodom noch ein erträglicheres Los in Aussicht gestellt wird als dem -gegenwärtigen von Kapernaum (Mt 11 _-23-24-_). - -Wer das Kommen des Reichs erwartete, der glaubte auch an die -bevorstehende Totenauferstehung. Darum richtet sich der Angriff der -Sadducäer gerade auf diese Frage. Wenn Jesus ihnen antwortet, »dass, -wenn sie von den Toten auferstehen, sie weder freien noch gefreit -werden, sondern sein werden, wie die Engel im Himmel« (Mk 12 _-25-_), -so ist dies von dem Zustand im Reich Gottes zu verstehen, in das sie -durch die Totenauferstehung eingehen. - -In letzter Linie war die »Totenauferstehung« nur die Art, wie sich -die Veränderung der ganzen Existenzform an denjenigen vollzog, die -schon in den Tod gesunken waren. Durch das Kommen des Reiches Gottes -wird aber die irdische Existenzform überhaupt in eine damit nicht -zu vergleichende andere erhoben. In dieser Hinsicht erleben auch -diejenigen, welche vor dem Ereignis nicht in den Tod sinken, eine -»Auferstehung«, denn auch ihre Daseinsweise wird plötzlich durch eine -höhere Macht in eine andere verwandelt, welche sie nun mit denen -teilen, die aus dem Tod erweckt sind. Verglichen mit dieser neuen -Existenzform ist die vorhergehende indifferent. Es ist gleich, ob man -aus dem irdischen Dasein oder aus dem Totenschlaf in die messianische -Seinsweise eingeht! Im Verhältnis zur letzteren ist alles Sein -»_=Tod=_«. Sie allein ist »_=Leben=_«. - -Darum redet Jesus zu den Lebenden von dem Weg, der zum »Leben« führet -(Mt 7 _-14-_). Er empfiehlt, eher ein Glied dieses Leibes daran zu -geben, wenn es sich um das »Leben« handelt, als bei der Auferstehung -nicht an der messianischen Existenz teil zu haben (Mt 18 _-8-_ u. -_-9-_). Der reiche Jüngling frägt, was er thun soll, »um das ewige -Leben zu ererben«. Als er der erhaltenen Weisung nicht folgen will, ist -Jesus sehr betrübt, weil es so schwer ist, dass ein Reicher »in das -Gottesreich eingehe« (Mk 10 _-17-_ u. _-25-_). - -Diese Entwertung der irdischen Daseinsform geht bis zur Darangabe des -irdischen Lebens überhaupt, um des Lebens im zukünftigen Aeon gewiss -und versichert zu werden. Darum erklärt Jesus, wo er von der Nachfolge -in Leiden und Schmach redet, dass »wer sein Leben retten will, der wird -es verlieren«. Das heisst: Wer sich aus Angst für sein irdisches Dasein -unwürdig macht, dass der Menschensohn vor Gott für ihn eintrete, der -verwirkt dadurch das messianische Leben, das mit der Totenauferstehung -anhebt (Mk 8 _-35-_). - -Wenn das Reich anbricht, ist es einerlei, ob man in einem lebendigen -oder in einem toten Leib existiert. Diese Erwägung allein gibt das -richtige Verhalten in der Verfolgung an. Darum sagt Jesus zu den -Jüngern bei der Aussendung: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib -töten, die »Seele« aber nicht vermögen zu töten; fürchtet euch hingegen -vor dem, der vermag sowohl die »Seele« als auch den Leib zu verderben -in der Hölle (Mt 10 _-28-_). - -Dieselbe Verbindung der urchristlich eschatologischen Erwartung mit der -Totenauferstehung findet sich in klassischer Weise bei Paulus (1 Kor -15 _-50-54-_). Es handelt sich hier gar nicht um genuin paulinische -Gedanken, sondern um eine urchristliche Anschauung, welche schon Jesus -ausgesprochen hat. Fleisch und Blut, ob belebt oder unbelebt, können in -keiner Weise am Reich teil haben. Darum wenn die Stunde schlägt, wo die -Toten unvergänglich auferstehen, werden auch die Lebendigen in diese -Unvergänglichkeit verwandelt. - -Die Totenauferstehung ist die Brücke vom »Jetzt« zum »Dann«. Auf ihr -beruht die Doppelheit des Selbstbewusstseins. Wenn daher Jesus von -seiner Auferstehung sprach, gliederten die Jünger dieses Wort in -einen grossen Zusammenhang ein. Es bedeutete für sie die allgemeine -Auferstehung, wo auch sie in die Existenzform des Reiches Gottes -auferstehen würden. Wohl erwarteten sie seine Auferstehung: aber nicht -als »Osterereignis«, sondern als den Anbruch des messianischen Reiches. -Als Auferstandener sollte er offenbar werden, wenn er auf den Wolken -des Himmels als Menschensohn ankäme und den grossen messianischen Tag -heraufführte. - -Für unser Empfinden verhält sich der Tod Jesu zur Auferstehung wie die -Dissonanz zu ihrer Auflösung. Bei der Entwertung jeglicher Seinsform -vor der messianischen Aera lag auf dem Tod, für das Empfinden der -Jünger, _=ein viel schwächerer Accent=_. Es handelt sich für sie um -einen unendlichen ewigen Accord mit einem kurzen, irdischen Vorschlag. - -Wo wir ein _=Nebeneinander=_ von Messianitätserklärung, -Leidensvorhersagung und Auferstehungsweissagung sehen, erfassten -sie eine viel straffere Gedankenverbindung. Sie erblickten alles -im messianischen Licht. Darum entnahmen sie seiner Rede nicht drei -verschiedene Thatsachen: 1. dass er Messias sei, 2. dass er leiden und -sterben müsse, 3. dass er auferstehen werde, sondern sie bedeutete für -sie: _=unser Meister wird nach seinem Tod, bei der Auferstehung, als -Menschensohn geoffenbart werden=_. Zugleich machen sie sich Gedanken, -was dann sie wohl sein werden und welche Würde ihnen in der neuen -Existenz zufallen wird. - -So erklärt sich, wie ihre messianische Vorstellung durch den Gedanken -»des leidenden und sterbenden Messias« nicht vollständig umgeworfen -wurde. Jesus hat ihnen weder den leidenden, noch den sterbenden, noch -den auferstehenden Messias geoffenbart, sondern er hat ihnen von dem -erscheinenden Menschensohn geredet und ihnen offenbart, dass er es sein -werde, wenn er im Leiden hier sich vollendet haben würde. - -Man kann es nie genug betonen, dass damit seine Messianität vollständig -in der Bahn der volkstümlichen Anschauung sich bewegte. Das Drama -in seinem Leben beruht nicht darin, dass seine Messianität der -gewöhnlichen Erwartung entgegenlief und daraus sich nun Konflikte -ergaben, die seinen Tod herbeiführten. Das ist erst die Anschauung -des vierten Evangeliums. _=Der historische Jesus beanspruchte die -Messianität erst vom Augenblick der Totenauferstehung an.=_ - -Diese Auffassung der altsynoptischen Messianitätseröffnungen Jesu -wird durch die urchristliche Vorstellung absolut gefordert. Das -Urchristentum setzt voraus, dass Jesu Messianitätsbewusstsein, als -er zu den Jüngern redete und noch als er dem Hohenpriester Antwort -gab, futurisch war! Denn auch die Petrusreden in Akt datieren die -Messianität erst von seiner Auferstehung an. Bis dahin war er Jesus -von Nazareth. Nur ist an die Stelle des Kommens auf den Wolken des -Himmels der vorläufige Zustand des Sitzens zur Rechten Gottes getreten. -»Jesum den Nazarener, einen Mann, ausgewiesen von Gott her bei euch -mit gewaltigen Thaten und Wundern und Zeichen (Akt 2 _-22-_), ihn hat -Gott auferweckt (Akt 2 _-32-_) und hat ihn zum Herrn und zum Messias -gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt« (Akt 2 _-36-_). - -Dieses Zeugnis der urchristlichen Auffassung der Messianität Jesu -ist allein schon so gewichtig, dass es die ganze synoptische -Ueberlieferung, wenn sie anders redete, zum Schweigen bringen würde. -Wie sollte man es begreifen, dass die Jünger verkündeten, Jesus sei -durch seine Auferstehung in sein messianisches Dasein eingegangen, wenn -er ihnen schon auf Erden von seiner Messianität als gegenwärtiger Würde -geredet hätte! Nun entsprechen sich aber die altsynoptische Tradition -und die Auffassung des Urchristentums vollkommen. Beide erklären -einstimmig: _=Jesu Messianitätsbewusstsein war futurisch!=_ - -Besässen wir dieses Zeugnis nicht, so wäre uns die Erkenntnis seiner -historischen Persönlichkeit auf immer verschlossen. Denn nach seinem -Tode stellen sich alle Voraussetzungen ein, die dahin wirken, das -Bewusstsein von dem futurischen Charakter seiner Messianität ausser -Kraft zu setzen. Seine Auferstehung als Messias fiel mit dem Beginn -der messianischen Aera in der Totenauferstehung zusammen: so war die -Perspektive für die Jünger vor seinem Tod. Nach dem Tode wurde seine -Auferstehung als Messias ein Faktum für sich. _=Jesus war Messias vor -der messianischen Aera! Das ist die folgenschwere Verschiebung in -der Perspektive. Darin beruht das Tragische, zugleich aber auch das -Grossartige in der Erscheinung des Christentums überhaupt.=_ - -Das urchristliche Bewusstsein machte die grössten Anstrengungen, die -Kluft zu überwinden und Jesu Auferstehung dennoch als Anbruch der -messianischen Aera in der allgemeinen Totenauferstehung aufzufassen. -Man suchte sich begreiflich zu machen, dass es sich gleichsam um -die etwas in die Länge gezogene Zwischenpause zwischen den beiden -Auftritten des ersten Akts des Dramas handelte. Eigentlich aber stand -man schon in der messianischen Auferstehung. So ist für Paulus Jesus -Christus durch die Totenauferstehung als Messias erwiesen, »der -Erstling der Entschlafenen« (I Kor 15 _-20-_). Auf diesem Gedanken -beruht überhaupt die ganze paulinische Theologie und Ethik. _=Weil man -sich in dieser Zeit befindet, sind die Gläubigen eigentlich mit Christo -begraben und mit ihm auferstanden durch die Taufe.=_ Sie sind die -»neue« Kreatur, sie sind die »Gerechten«, deren »Bürgertum« im Himmel -ist. Erst von diesem Grundgedanken aus erfasst man die Einheit in der -für uns sonst so mannigfach zusammengesetzten Gedankenwelt Pauli. - -Die christliche Geschichtsüberlieferung suchte sich anders zu behelfen. -Sie nahm eine _=Art Vorauferstehung=_ an, die mit der Auferstehung -Jesu zusammenfiel. Dieser lieh sie die Farben des messianischen Tages. -Mt 27 _-50-53-_ ist uns eine solche Zurechtlegung in Legendenform -erhalten. Mit Jesu Kreuzestod bricht das neue Weltalter an. Nach seinem -Verscheiden zerreisst der Tempelvorhang und Erdbeben, die Zeichen der -Endzeit, erschüttern die Erde; die Felsen zersplittern; die Gräber -thun sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen werden -auferweckt. _=Nach Jesu Auferstehung=_ gehen sie aus den Gräbern heraus -in die heilige Stadt und erscheinen vielen. So hält diese Erzählung -daran fest, dass im Anschluss an Jesu Tod mit seiner Auferstehung die -allgemeine Totenauferstehung unter den Anzeichen des messianischen -Tages erfolgte -- jedoch nur als eine Art Vorspiel. - -Die Zeit war eben mächtiger als die ursprünglichen Anschauungen. -Unerbittlich schob sie sich wie ein auseinandertreibender Keil zwischen -Jesu Auferstehung und die erwartete allgemeine Auferstehung am -messianischen Tag und zerstörte mit dem zeitlichen auch den kausalen -Zusammenhang im ursprünglichen Sinne. Die Messianität Jesu stand -aus der Vergangenheit fest. Für die, welche sich dazu bekannten und -zugleich das Reich als zukünftig erwarteten, schwand das Bewusstsein, -dass in Jesu Verkündigung seine Messianität und das Reich zukünftige, -_=koïncidierende Ereignisse=_ waren. Man fing an, die evangelische -Geschichte unter dem Gesichtspunkt zu betrachten: _=Jesus war der -Messias.=_ Die Ueberschrift zu dieser neuen Geschichtsauffassung hat -Paulus geschrieben. Sie heisst »_=Jesus Christus=_«: die Würde des -Auferstandenen wird mit der historischen Persönlichkeit in einem -Begriff verbunden. Der vierte Evangelist hat die Konsequenz daraus -gezogen und die Geschichte Jesu so dargestellt, als ob er auf Erden als -Messias aufgetreten wäre. - -Es ist die Aufgabe der historischen Forschung, sich von der religiösen -unhistorischen Perspektive für einen Augenblick zu emancipieren und die -synoptischen Berichte in die richtige Stellung zu rücken. Dann erst, -wenn man das Futurische in Jesu Messianitätsbewusstsein erfasst hat, -versteht man, warum er seine Würde den Jüngern als ein »Geheimnis« -offenbart hat, warum er sich dabei als Menschensohn bezeichnete und in -welchem Sinne er von seiner Auferstehung sprach. - - -5. Der Verrat des Judas -- die letzte Bekanntgebung des -Messiasgeheimnisses. - -Was hat Judas eigentlich verraten? Nach den Schilderungen unserer -Evangelien sieht es so aus, als hätte er dem Synedrium angegeben, wo -sie zu einer bestimmten Stunde Jesum fassen könnten. Wenn nun auch -diese Angabe des Orts eine Rolle bei dem Verrat des Judas gespielt hat, -so war dies nur _=nebensächlich=_. Wo Jesus sich aufhielt, konnten -sie jederzeit erfahren, da er nichts that, um sein Kommen und Gehen -zu verheimlichen. Wenn sie ihn also greifen wollten, so brauchten -sie ihm bei seinem Weggang am Abend aus Jerusalem nur einen Späher -nachzusenden, um über seinen Aufenthalt orientiert zu sein. Dafür -hätten sie keinen aus dem intimen Kreis gebraucht. - -Nun lag aber die Hauptschwierigkeit auf einem ganz andern Gebiet. -Nicht ihn zu _=verhaften=_, sondern ihn zu _=verurteilen=_ wollte -ihnen nicht gelingen, denn sie konnten nichts gegen ihn aufbringen. -Sie befanden sich ihm und seinem Anhang gegenüber in der unbequemen -Lage, in die jedes ehrbare Kirchenregiment notwendig einmal kommt: -die Leute waren ihnen zu fromm, unordentlich fromm, indem sie mit -zu grossem Enthusiasmus glaubten, was die andern mit Mässigung und -Ordnung in ihrem Bekenntnis mitfühlten, dass nämlich das Reich nahe -sei. Aus der Vorläuferwürde, die das Volk Jesu beilegte, konnten sie -keine Verurteilung gewinnen, denn durch seine Zeichen hatte er diese -Würde bewährt. Ueberdies hatte er diese Würde nie öffentlich für -sich in Anspruch genommen. Dennoch war die Art, wie er auftrat, für -sie in höchstem Masse gefährlich. An der Spitze des frommen Volkes -terrorisierte er sie. Darum hätten sie sich seiner gern entledigt und -konnten es nicht. - -Man versteht die Haltung und die Schwierigkeiten des Synedriums nur, -wenn man immer bedenkt, dass aus der ganzen Wirksamkeit Jesu niemand -auf den Gedanken gekommen war, er könne sich für den Messias halten. So -wussten sie nichts gegen ihn vorzubringen und waren darauf angewiesen, -ihn in Reden zu fangen, um ihn beim Volke zu diskreditieren, was ihnen -nicht gelang. - -Da erscheint Judas bei ihnen und gibt ihnen die tödliche Waffe in -die Hand. Als sie hörten, was er ihnen kund that, »_=freuten sie -sich=_«, denn jetzt war er in ihre Hand gegeben. Nun sucht Judas einen -geeigneten Augenblick, um ihnen den Verratenen in die Hände zu liefern -(Mk 14 _-11-_). - -Was er ihnen verraten hatte, ersieht man aus der Gerichtsverhandlung. -Die Zeugen der Pharisäer können nichts vorbringen, woraufhin man ihn -verurteilen kann. Als aber die Zeugen abgetreten sind, stellt der -Hohepriester an Jesus direkt die Frage, ob er der Messias sei. Für -solche Ansprüche Jesu konnten sie die erforderlichen Zeugen nicht -aufbringen -- denn es gab keine. _=Der Hohepriester befindet sich hier -im Besitz des Geheimnisses Jesu. Das war der Verrat des Judas!=_ Durch -ihn wusste das Synedrium, dass er etwas anderes zu sein beanspruchte, -als wofür ihn das Volk hielt, ohne dass er dagegen Einspruch erhob. - -Aus dem verratenen Geheimnis von Cäsarea Philippi gewannen sie die -entscheidende Anklage. Der Prophet der Endzeit, Elias, zu sein, das -war keine Gotteslästerung. Aber zu behaupten, Messias zu sein, das war -Frevel! Die Perfidie in der Anklage lag darin, dass der Hohepriester -Jesus ohne weiteres unterschob, er hielte sich so, wie er vor ihm -stand, für den Messias. Das wies Jesus aber zurück mit dem stolzen Wort -von seinem Erscheinen als Menschensohn. Nichtsdestoweniger wurde er -wegen Gotteslästerung verurteilt. - -Wir haben also drei Offenbarungen des Messianitätsgeheimnisses, die -unter sich eng zusammenhängen, so, dass jede folgende die vorhergehende -voraussetzt. Auf dem Berg bei Bethsaida wird den drei Intimen das -Geheimnis offenbart, welches Jesus in der Taufe aufgegangen war. Das -war nach der Erntezeit. Einige Wochen später wird es den Zwölfen -bekannt, indem Petrus zu Cäsarea Philippi die Frage Jesu aus dem, was -er vom Verklärungsberg her weiss, beantwortet. Von den Zwölfen verrät -einer das Geheimnis an den Hohenpriester. Diese letzte Offenbarung -des Geheimnisses war verhängnisvoll, denn sie führte den Tod Jesu -herbei. _=Er wurde als Messias verurteilt, obwohl er nie als solcher -aufgetreten war.=_ - - - - -Neuntes Kapitel. - -Das Geheimnis des Leidensgedankens. - - -1. Die vormessianische Drangsal. - -_=Der Hinweis auf das Leiden gehört naturgemäss zur eschatologischen -Verkündigung.=_ Eine Zeit unerhörter Drangsal muss dem Kommen des -Reiches vorhergehen. Aus diesen Wehen wird der Messias herausgeboren. -Das war eine überall verbreitete Ansicht: anders konnte man sich die -Ereignisse der Endzeit nicht denken. - -Danach muss man die Worte Jesu deuten. Es zeigt sich dann, dass er bei -seiner Reichspredigt den Gedanken der Enddrangsal scharf hervorgehoben -hat. Wir nehmen immer an, dass, wenn er von Verfolgungen, welchen die -Seinen entgegengehen, spricht, damit das gemeint sei, was sie nach -seinem Tode allein und verwaist auf Erden durchmachen müssten. Das -ist vollständig falsch. Nach seinem Tode wird Jesus Messias durch -die Auferstehung, und dann bricht die Reichsherrlichkeit an. Nicht -was sie nach seinem Tode ausstehen müssen, sondern was sie im Reich -sein werden, das beschäftigt die Gedanken der Jünger auf dem Weg nach -Jerusalem. - -Wo er von Leiden und Verfolgung spricht, handelt es sich um -Drangsale, die seine Anhänger _=mit ihm=_ erdulden müssen _=vor dem -Reichsanbruch=_. Gemeint ist der letzte Ansturm der widergöttlichen -Weltmacht, der über diejenigen hereinfluten wird, welche in der -Erwartung des Gottesreiches die Repräsentanten der göttlichen Macht in -der widergöttlichen Welt sind. Darum bildet Jesus den Mittelpunkt, auf -den hin sich die Drangsal konzentriert. Er ist der Fels, der die Wogen -aufbranden lässt. Wer von der grossen Weltflut nicht mitgerissen werden -will, muss sich an ihn anklammern. - -Wenn er sagt, dass seine Mission nicht sei, den Frieden zu bringen, -sondern das Schwert, wenn er von dem Aufruhr redet, den er heraufführt, -wo die heiligsten irdischen Bande sich lösen müssen, wo man mit dem -Kreuz beladen ihm nachfolgen muss und das eigene Leben für nichts -achten (Mt 10 _-34-42-_), -- dann meint er die grosse Verfolgung der -Endzeit. Wer das Reich Gottes herbeinötigt, der führt auch jene herauf, -denn das Reich und der Messias erstehen ja aus ihr. - -Darum überall der grelle Akkord in den messianischen Harmonien! Er -beschliesst die Seligpreisungen mit dem Hinweis, dass sie selig sind, -wenn sie gehasst und verfolgt werden und alles Böse um seinetwillen -über sie geredet wird. Dann haben sie gerade Grund zur Freude und -zum Jubel, denn in dem, was sie erdulden müssen, offenbart sich ihre -Zugehörigkeit zum Gottesreich. Während sie von der Weltmacht noch -drangsaliert werden, ist der Lohn schon im Himmel bereitet (Mt 5 _-11-_ -u. _-12-_). - -»Verkündet, dass das Reich nahe herbeigekommen ist«, sagt er den -Jüngern bei der Aussendung. Zugleich aber bereitet er sie eindringlich -auf die Enddrangsal vor, denn der Zeiger der Weltuhr steht nahe an -der grossen Stunde. Sie müssen es wissen, damit sie nicht meinen, -es widerfahre ihnen etwas Fremdes, wenn sie von der Weltmacht zur -Verantwortung gezogen werden, wenn sich um sie her Aufruhr und -Verfolgung erhebt und ihrem Leben Gefahr droht. Sie müssen es wissen, -damit sie nicht irre an ihm werden und ihn verleugnen und an ihm -Aergernis nehmen, wenn er in der Menschen Gewalt gegeben wird, denn -er selbst als machtvoller Verkündiger des Reiches hat diesen Aufruhr -angeregt. Wenn aber die Weltmacht zu siegen scheint, dann steht Gott -mit seiner Allmacht darüber. Nicht die, welche den Leib töten, muss man -fürchten, sondern den allmächtigen Herrn, welcher beim Gericht Seele -und Leib verdammen kann in die Hölle. In diesem letzten Aufruhr richtet -die Weltmacht sich selbst; nach dem Gericht kommt das Reich. Das ist -der Grundgedanke der Aussendungsrede. - -Auch die Botschaft an den Täufer schliesst mit einem solchen Hinweis. -Das Reich ist nahe, lässt er ihm sagen; meine Predigt, Zeichen und -Wunder bekräftigen es: und zur Seligkeit kommt, wer sich nicht an mir -ärgert, d. h. wer in der vormessianischen Drangsal zu mir steht. - -Am eindringlichsten aber ergeht das Wort von der schweren Zeit an die, -welche sich auf die Predigt der Jünger hin in gläubiger Reichserwartung -um ihn versammelt haben. Bei einbrechender Dämmerung hat er mit ihnen -das grosse Abendmahl am See gefeiert. Als der, welcher sich als Messias -weiss, hat er ihnen feierlich Speise dargereicht und sie damit, ohne -dass sie es ahnen, zu Teilnehmern am messianischen Mahle geweiht. Am -folgenden Morgen aber ruft er sie zu Bethsaida um sich und ermahnt sie -zur Hingabe des Lebens in der Drangsal. Wer sich seiner und seiner -Worte schämt in der Erniedrigung, welche durch die ehebrecherische -und sündige Welt über ihn kommen wird, den wird auch der Menschensohn -nicht anerkennen, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters, von seinen -Engeln umgeben, erscheinen wird (Mk 8 _-35-38-_). - - -2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode. - -_=Der Leidensgedanke gehört also von Anfang an zur Verkündigung -Jesu.=_ In der Enddrangsal sollten sie mit ihm durch Leiden hindurch -der Herrlichkeit entgegengehen: so verstanden ihn seine Zuhörer. Nur -wussten sie nicht, dass der, mit welchem sie leiden sollten, als -Messias geoffenbart werden würde. - -In Jesu messianischem Selbstbewusstsein bekam nun der Leidensgedanke, -auf ihn bezogen, eine geheimnisvolle Bedeutung. Die Messianität, welche -ihm in der Taufe aufging, war nicht ein Besitz, ein Gegenstand der -Erwartung, sondern in der eschatologischen Vorstellung war von selbst -gegeben, dass er durch Leiden hindurch in der Bewährung werden müsse, -was er der Bestimmung nach war. _=Sein Messianitätsbewusstsein war -nie ohne Leidensgedanke!=_ Das Leiden ist der Weg zur Offenbarung der -Messianität! - -Was er in diesem Aeon lebte, das stellte das verborgene Wirken und -Werden des Messias dar. Dabei war aber das Leiden vorgesehen. Es war -jüdische Lehre, dass der Messias voll von Züchtigungsleiden sein müsse: -denn die Leiden sind nötig, um ein vollendeter Gerechter zu werden -(WEBER S. 343). - -Dieses Messianitätsbewusstsein Jesu zeigt dieselbe sittliche -Vertiefung wie seine Eschatologie. In der gewohnten Modernisierung -desselben wird vorausgesetzt, dass er den grössten Teil seiner -Wirksamkeit nicht ans Leiden dachte, sondern dass erst die -hämische Feindschaft der Schriftgelehrten ihm diesen Gedanken -aufnötigte. So bekommt seine Messianität in der ersten Periode einen -_=ethisch-idyllischen=_, in der zweiten einen _=modern-resignierten=_ -Charakter. Das historisch-eschatologische Bild ist aber lebendiger, -tiefer und sittlicher zugleich. Jesus hat sich hinsichtlich seines -Messianitätsbewusstseins nicht »entwickelt« durch Aufnahme des -Leidensgedankens. Von Anfang an weiss er sich als Messias, nur insofern -er entschlossen ist, durch das Leiden zur Vollendung geläutert zu -werden. Als der, welcher einst im neuen Aeon herrschen soll, muss er -zuvor in die Gewalt der widergöttlichen Macht gegeben werden, _=um sich -dort zur göttlichen Herrschaft zu bewähren=_. Aus diesem messianischen -Selbstbewusstsein heraus beschwört er die um ihn sind, dass sie bei -ihm aushalten, damit er sie als die Seinen anerkennen kann, wenn die -Herrlichkeit anbricht. So beherrscht der thätige ethische Zug, der -die Tiefe des Geheimnisses des Reiches Gottes ausmacht, auch das -Messianitätsgeheimnis. - -Das geschichtliche Problem stellt sich nun so: In der ersten Periode -hat Jesus viel häufiger, und zwar öffentlich, den Leidensgedanken -ausgesprochen als in der zweiten. Jede grössere Rede schliesst mit -einem solchen Hinweis. Den Seinen war der Gedanke vertraut, ihn in der -Drangsal erniedrigt zu sehen. Dennoch aber bedeutet die Eröffnung zu -Cäsarea Philippi für die Jünger etwas Neues und ist es thatsächlich -auch. Es handelt sich dort nämlich nicht mehr um ein Leiden des -_=machtvollen Reichspredigers=_ mit den Seinen in der Enddrangsal, -sondern derjenige, welcher _=Messias=_ sein wird, leidet. Dieses -Leiden aber verläuft nicht mehr _=in der allgemeinen Enddrangsal=_, -sondern Jesus _=leidet allein=_ und zwar handelt es sich um ein _=rein -irdisch-geschichtliches Ereignis=_. Er wird dem hohen Rat überantwortet -und von diesem zum Tode verurteilt! Das war das Neue, was den Jüngern -ein Geheimnis blieb. - - -3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht. - -In dem Leidensgedanken zeigt sich ein eigentümliches Schwanken. -Einmal erscheint der Tod als absolute Notwendigkeit; dann wieder, z. -B. in Gethsemane, kennt Jesus doch wieder eine Möglichkeit, dass ihm -das Leiden erspart bleiben kann. Nun besteht aber der Leidensgedanke -ohne Rücksicht auf irdischen Erfolg oder Misserfolg. Also darf auch -das Schwanken damit nicht in Verbindung gesetzt werden. Als Jesus -nach Jerusalem zog, um zu leiden, da hegte er nicht in einem Winkel -seines Herzens den Gedanken, dass Gott durch seine Allmacht dennoch -vielleicht den Gang zum Siegesgang machen könnte und er durch ihn über -die Pharisäer und den hohen Rat triumphieren könnte. Das wäre nach -seinem Empfinden »menschlich« gedacht gewesen. Denn er kann in Sachen -des Reiches Gottes nicht den Widerstand der Schriftgelehrten und die -göttliche Allmacht gegeneinandersetzen: es handelte sich ja um ein -göttliches Drama, in welchem sie nur Statisten mit zugewiesener aktiver -Rolle waren, wie die Lanzknechte, welche ihn auf ihr Geheiss griffen. -_=Das Schwanken muss also in dem göttlichen Willen selbst begründet -sein.=_ - -Es ist das Spezifische in der Anschauung Jesu, dass der göttliche -Wille einerseits zwar die Ereignisse des messianischen Dramas vorher -planmässig in der bekannten Form bestimmt, andererseits demselben -wieder frei gegenübersteht. Durch den einmal festgelegten messianischen -Schematismus ist die dahinterstehende göttliche Allmacht in keiner -Weise gebunden! Sie kennt überhaupt keine Bestimmungen. - -Von dieser Allmacht erwartet Jesus z. B., dass sie auch diejenigen, -welche wegen ihres Verhaltens die Zugehörigkeit zum Reich verwirkt -haben, dennoch in den seligen Zustand aufnehmen könne. Nach den -geltenden Bestimmungen ist es zwar unmöglich, dass die Reichen zum -Leben eingehen können. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich (Mk 10 -_-27-_). - -Es gilt der Satz: Wer mit dem zukünftigen Messias herrschen will, muss -mit Jesus leiden. Aber er wagt es doch nicht, den beiden Intimen, -Jakobus und Johannes, die Thronplätze zu versprechen, obwohl er ihnen -zutraut, dass sie sein Leiden teilen werden. Er könnte damit Gottes -Allmacht vorgreifen (Mk 10 _-35-40-_). - -So liegt auch die Enddrangsal zwar in dem göttlich bestimmten Verlauf -des messianischen Dramas. Aber es steht in Gottes unbeschränkter -Allmacht, dass er sie _=ausschalte=_ und das Reich ohne diese -Prüfungszeit anbrechen lasse. Darum dürfen die Menschen Gott darum -bitten, er möge jene schweren Stunden der Bewährung vorübergehen -lassen. Jesus weist sie dazu an in demselben Gebet, wo er sie um das -kommende Reich bitten lehrt. Man erfleht den Endzustand, in welchem -sein Name geheiligt wird und sein Wille auf Erden geschieht wie im -Himmel; aber zugleich bittet man ihn, er möge die Menschen nicht in -»die Versuchung« führen, sie nicht in die Gewalt des Bösen geben, -sie nicht nötigen, ihre Sünden durch das Beharren in der Enddrangsal -zu sühnen: sondern sie durch seine Allmacht der Gewalt des Bösen -entreissen, wenn sich die widergöttliche Welt zum letztenmal aufbäumt -beim Kommen des Reiches, um das sie beten. Das ist der innere -Zusammenhang der letzten drei Bitten des Vaterunsers. - -Das Herrengebet trägt also in den drei ersten und den drei letzten -Bitten rein eschatologischen Charakter. Wir haben denselben Kontrast -wie in den Seligpreisungen, der Aussendungsrede, der Botschaft an den -Täufer und den Scenen bei Bethsaida. Zuerst handelt es sich um das -Kommen des Reichs, dann um die Enddrangsal. Aus dem Herrengebet ersehen -wir aber, dass es dafür keine absolute Notwendigkeit gibt, sondern dass -sie nur relativ in Gottes Allmachtswillen bedingt ist. - -Sie stellt nämlich die höchste Form der Busse auf das Gottesreich hin -dar. Wer sich darin bewährt, der leistet Sühne für seine Vergehungen -im widergöttlichen Aeon. Unter Kampf und Leiden ringt man sich von ihr -los, um Träger des göttlichen Willens im Gottesreich zu sein. Das ist -kollektivistisch zu denken. Die reichsgläubige Gemeinschaft als solche -leistet die Sühne. Der Einzelne vollendet und bewährt sich darin. So -ist es Gottes Wille. Jesus aber betet mit ihnen zu Gott, er möge in -seiner Allmacht ihnen die Schuld ohne Sühne vergeben, wie sie ihren -Schuldnern vergeben. Das will heissen: sühneloses, reines Erlassen. -Er möge sie nicht durch die »Versuchung« hindurchführen, sondern sie -geradewegs der Weltmacht entreissen. - -Nur so versteht man, wie Jesus in seinem Wirken Sündenvergebung -voraussetzt und doch hier darum besonders bittet, und wie er von einer -Versuchung redet, die _=von Gott=_ kommt. Es handelt sich eben um den -allgemeinen _=messianischen Schulderlass=_ und um die _=messianische -Drangsalsversuchung=_. Darum bilden diese Bitten den Beschluss des -Reichsgebets. - -Was er hier mit der Allgemeinheit bittet, das erfleht er für sich, als -die Stunde für ihn gekommen. In Gethsemane fällt er vor Gott nieder. -In ergreifendem Gebet beruft er sich auf Gottes Allmacht: Abba, Vater, -alles ist dir möglich (Mk 14 _-36-_). Er möge den Leidenskelch an -seinen Lippen vorüberführen, ohne dass er davon kosten muss. Auch die -schlafenden Intimen rüttelt er auf, sie sollen wach bleiben und zu Gott -beten, dass er ihnen die Versuchung ersparen möge, denn das Fleisch ist -schwach. - - -4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode. - -Mit der Offenbarung zu Cäsarea Philippi hören alle Hinweise auf, dass -die Gläubigen mit ihm durch Drangsal müssen. Dem Geheimnis zufolge, das -er den Jüngern mitteilt, _=leidet nur er allein=_. In Jerusalem richtet -er weder an das Volk noch an die Jünger ein eindringliches Wort von der -Leidensnachfolge. Ja, er nimmt geradezu zurück, was er früher gesagt. -Am Morgen nach dem Abendmahl am See hatte er die Seligkeit derer, -welche er zum messianischen Mahl geweiht, davon abhängig gemacht, -dass sie ihm ins Leiden nachfolgen. Den Teilnehmern des Abendmahls zu -Jerusalem sagt er gelassen voraus, _=dass sie sich in der Nacht alle -an ihm »ärgern« werden!=_ Er knüpft auch keine Verdammnis daran -- -_=denn es ist in der Schrift also bestimmt!=_ Steht nicht geschrieben: -»ich werde den Hirten schlagen und die Schafe werden sich zerstreuen?« -Darum, wenn sie sich auch an ihm ärgern, wenn sie ihn auch verlassen, -in seiner Herrlichkeit wird er sie doch um sich sammeln und als Messias --- denn das ist er als Auferstandener -- vor ihnen herziehen nach -Galiläa (Mk 14 _-26-28-_). - -Was er früher von allen gefordert, das mutet er jetzt nicht einmal -dem zu, der sich vermisst, allein bei ihm auszuhalten. »Ehe der Hahn -zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen«, sagt er zu Petrus (Mk -14 _-29-31-_). - -Diese Wandlung muss mit der Form, welche der Leidensgedanke in der -zweiten Periode annimmt, zusammenhängen. Es muss eine Veränderung -in der Vorstellung von der Enddrangsal eingetreten sein. Die andern -sind von der Bewährung befreit, Jesus leidet allein, und zwar besteht -die Erniedrigung in dem Tod, welchen die Schriftgelehrten über ihn -verhängen. Darin wirkt sich jetzt die Enddrangsal aus. Seine Gläubigen -bleiben verschont. _=Er leidet für sie, denn er gibt sein Leben hin als -eine Sühne für viele.=_ - -Wie ihm dieses Geheimnis aufgegangen nach der Aussendung in den Tagen -der Einsamkeit, darüber hat er sich nicht geäussert. Die Form des -Leidensgeheimnisses aber zeigt, dass zwei Erlebnisse auf ihn eingewirkt -haben. - -_=Zunächst der Tod des Täufers.=_ Jener war für ihn der Elias. Wenn -er von Menschenhand vor der messianischen Aera getötet wurde, so war -das Gottes Wille und deshalb in dem messianischen Drama vorgesehen. Das -geschah, während die Jünger fort waren. Seine Botschaft hat den Täufer -vielleicht nicht mehr erreicht. Darüber muss er nun ins Klare kommen. -Deshalb will er sich mit den Seinen in die Einsamkeit zurückziehen. - -Wie sehr ihn der Gedanke des Todes des Vorläufers beschäftigte, ersieht -man aus dem Gespräch nach der Offenbarung an die Intimen. Es war in -der Schrift bestimmt, dass der Elias so von Menschenhand umkomme. So -steht auch über den Menschensohn geschrieben, dass er viel leiden und -verworfen werden müsse (Mk 9 _-12-13-_). - -Bisher hatte er nur in allgemeinen Zügen von der Enddrangsal als einem -Ereignis der Endzeit geredet. Nun hat sie sich aber als _=historisches -Ereignis=_ an dem Vorläufer vollzogen. Das ist ein Fingerzeig, wie sie -sich an ihm selbst vollziehen wird. - -Dieser Fingerzeig kam gerade zu der Zeit, als er durch die Ereignisse -zum Nachdenken über die Enddrangsal gezwungen wurde. Nach der Rückkehr -der Jünger hatte er dieselbe für die allernächste Zeit erwartet. Sie -blieb aber aus. Noch mehr: damit blieb auch das Reich aus! Bei der -Aussendung hatte er den Jüngern gesagt, sie würden auf dem Weg von den -anbrechenden Wehen überrascht. Die Erscheinung des Menschensohnes würde -statthaben, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären: -- und sie -waren zurückgekehrt, ohne dass die Wehen begonnen hatten und das Reich -angebrochen war. - -Die Kunde, mit der sie zu ihm zurückkehrten, zeigte aber, dass alles -bereit war. Schon war die gottwidrige Macht gebrochen, denn sonst -wären ihnen die unsauberen Geister nicht unterthan gewesen. Das Reich -war herbeigenötigt durch die Busse seit den Tagen des Täufers. Auch -hier war das Mass voll; das zeigte die Menge, die sich in gläubiger -Erwartung um ihn scharte. So war alles bereitet -- und doch kam das -Reich nicht! _=Die Verzögerung des eschatologischen Kommens des -Reiches, das war das grosse Erlebnis, welches ihn damals immer wieder -in die Einsamkeit trieb, ob er sich Klarheit darüber erränge.=_ - -Ehe das Reich kommen konnte, musste die Drangsal eintreffen. Sie blieb -aber aus. Man musste sie also herbeiführen, um so das Gottesreich -herbeizunötigen. Busse und Knechtung der widergöttlichen Macht -thaten es nicht allein, sondern es musste noch ein Stärkerer zu den -Gewaltthätigen hinzutreten: der zukünftige Messias, _=der an sich die -Enddrangsal heraufführte=_ in der Form, wie sie sich schon an dem -Elias erfüllt hatte. So geht das Geheimnis des Reiches Gottes in das -Geheimnis des Leidensgedankens über. - -Die Vorstellung der Enddrangsal enthielt den Gedanken der Sühne und der -Läuterung. Alle die, welche für das Reich bestimmt waren, mussten in -der Standhaftigkeit gegen die sich zum letztenmal aufbäumende Weltmacht -die Vergebung der im weltlichen Aeon begangenen Schuld erringen. Denn -durch diese Schuld waren sie der widergöttlichen Macht noch verfallen. -Sie bildete ein Gegengewicht, welches das Kommen des Reiches aufhielt. - -Nun führte aber Gott die Drangsal nicht herauf. Und doch musste die -Sühne geleistet werden. Da ging es Jesus auf, dass er als zukünftiger -Menschensohn _=die Sühne an sich vollziehen müsse=_. Derjenige, -welcher einst als Messias über die Gläubigen herrschen wird, der -erniedrigt sich jetzt unter sie und dient ihnen, indem er sein Leben -zur Sühne für viele dahingibt, damit das Reich für sie anbreche. -Das ist seine Mission in dem Zustand, welcher seiner überirdischen -Herrlichkeit vorausgeht. »Dazu ist er gekommen« (Mk 10 _-45-_). Er -muss leiden für die Sünden derer, welche zu seinem Reich bestimmt -sind. Um dies auszuführen, zieht er hinauf nach Jerusalem, dass er -dort von der Obrigkeit zu Tode gebracht werde, wie der Elias, der ihm -vorangegangen, durch des Königs Henker umkam. _=Das ist das Geheimnis -des Leidensgedankens.=_ Jesus ist wirklich für die Sünden der Menschen -gestorben, wenn auch in einem andern Sinn, als es die ANSELM'sche -Theorie annimmt. - - -5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt. - -»Wie steht geschrieben über den Menschensohn? Dass er viel leiden -muss und verachtet werden« (Mk 9 _-12-_). _=Die neue Form des -Leidensgedankens stammt aus der Schrift.=_ In dem Bild des leidenden -Gottesknechtes erkannte Jesus sich wieder. Dort fand er seinen -Leidensberuf vorgebildet. - -Um aber zu verstehen, wie ihm sein Geheimnis aus der Schrift erstand, -muss man das Bild des leidenden Gottesknechtes in den grossen -Rahmen stellen, in welchem es erscheint. Der modern-historische -Lösungsversuch vermag dies nicht. Er beschränkt sich auf den Gedanken -der dienenden Dahingabe. Sobald man es aber einmal erfasst hat, dass -Jesu Leidensgedanke eschatologisch war, dann sieht man auch, in welchem -grossen Zusammenhang die Erscheinung des leidenden Gottesknechtes -für ihn stehen musste. Darnach war Jes 40-66 nichts anderes, als die -_=weissagende Darstellung der Ereignisse der Endzeit=_, in denen er -sich mitten drin wusste. - -Die Schrift hebt an mit der Verkündigung, dass die Gottesherrschaft -nahe ist. Der Wegbereiter tritt auf. Er ruft, dass das Irdische -vergeht, wenn der Herr, Lohn und Vergeltung austeilend, in seiner -Herrlichkeit erscheint. Die Zeit bricht an, wo er seine Herde sammelt -und den Friedenszustand heraufführt (Jes 40 _-1-11-_). - -Der Auserwählte ist da. Er verkündet die Gerechtigkeit in Wahrheit. -Gott hat seinen Geist auf ihn gelegt (Jes 42 _-1-_ ff.). Er soll das -Recht gründen auf Erden; die Gestade harren auf seine Lehre. Bevor aber -die Herrlichkeit anbricht und der Träger des göttlichen Geistes in -Kraft und Gerechtigkeit über die Völker regieret, muss er durch einen -Zustand der Erniedrigung hindurch. - -Die andern verstehen nicht, warum er geschmäht wird. Sie meinen, -Gott habe ihn verstossen und wissen nicht, dass er ihre Krankheiten -trägt, durchbohrt wird ob ihrer Vergehen und zerschlagen ist ob ihrer -Verschuldung. Der Gequälte ist demütig und öffnet seinen Mund nicht. Ob -der Vergehen des Volks wird er zu Tode getroffen. Dann wird ihn aber -der Herr verherrlichen. Vom Mutterleib hat er ihn dazu berufen. Er ist -bestimmt, Jakob zurückzuführen und Israel zu erretten. Das Licht der -Völker soll er werden, damit die Rettung Gottes sei bis ans Ende der -Welt (Jes 49 _-1-_ ff., 52 _-12-_ ff., 53 _-1-_ ff.) - -Auf die Schilderung der Leiden des Gottesknechtes folgt die -Beschreibung des Gerichts über die ganze Welt und Israel (Jes 54-65). -Am Ende aber bricht die Herrlichkeit Gottes hervor. Er thront über dem -neugeschaffenen Himmel und über der neugeschaffenen Erde (Jes 65 u. -66). Wenn das Gericht vollzogen ist, dann bricht der Jubel an, denn -die Seligen aus der ganzen Welt, aus allen Geschlechtern und Nationen, -werden sich um ihn sammeln und ihm Verehrung darbringen. - -Man muss die dramatische Einheit in diesen Kapiteln erfassen, um -mit einer Persönlichkeit mitempfinden zu können, welche hier den -geheimnisvollen Hinweis auf die Dinge der Endzeit suchte. _=Damit geht -Jesu Leidensgedanke vollständig in dem deuterojesaianischen auf.=_ -Wie der Knecht Gottes, ist auch er zum Herrschen in Herrlichkeit -bestimmt. Aber zuerst tritt er still und unerkannt als Verkündiger -auf, der Gerechtigkeit wirket. Dabei muss er durch das Leid und die -Erniedrigung hindurch, ehe Gott den herrlichen Endzustand anbrechen -lässt. Was er erduldet, ist eine Sühne für die Schuld der andern. Dies -ist ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. Die andern können und brauchen -es nicht zu verstehen, _=denn wenn die Herrlichkeit anbricht, dann -werden sie erkennen, dass er für sie gelitten hat=_. Darum brauchte und -durfte Jesus dem Volk und den Jüngern sein Leiden nicht erklären. Es -musste ein Geheimnis bleiben: so stand es in der Schrift. Auch denen, -welchen er das Kommende voraussagte, sprach er es nur als Geheimnis -aus. Bei seinem Erscheinen als Menschensohn musste ihnen die Binde von -den Augen fallen. In der Herrlichkeit des Reiches erkennen sie dann, -dass er gelitten, damit sie verschont würden und Friede hätten. Dieses -Geheimnis ist nur retrospektiv von der erreichten Herrlichkeit aus -erfassbar. - -Darum macht es nichts, wenn die Seinen sich in seiner Erniedrigung -von ihm abwenden und die Menschen an ihm irre werden, als ob Gott -ihn züchtigte. Die Schrift rechnet es ihnen nicht zum Frevel an, -sondern sie hat es also bestimmt. So heisst es in dem Augenblick, wo -ihm das Leidensgeheimnis aus der Schrift aufgeht, nicht mehr: wer in -der Erniedrigung sich meiner schämt, der ist verdammt, sondern: ihr -werdet euch alle an mir ärgern -- wobei er weiss, dass sie bei der -Auferstehung um ihn versammelt sein werden. - -_=Unter dem Einfluss von Deuterojesaia hat sich also der Gedanke der -allgemeinen Enddrangsal in das persönliche Leidensgeheimnis Jesu -umgesetzt.=_ - - -6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis. - -An dem innersten Grundzug des Leidensgedankens ist durch das -Leidensgeheimnis der zweiten Epoche nichts verändert worden. Für Jesus -bleibt das Leiden auch in dieser Form vor allem die sittliche Bewährung -der Würde, die ihm bestimmt ist. - -Die Drangsal trägt jetzt aber die konkreten Züge eines bestimmten -Ereignisses. _=Aus dem messianischen Enddrama zieht er sie gleichsam in -die menschliche Geschichte herunter.=_ Darin liegt etwas Prophetisches -auf die Zukunft des Christentums: nach seinem Tode löst sich das ganze -messianische Enddrama in menschliche Geschichte auf. Diese Entwicklung -hat mit dem »Leidensgeheimnis« begonnen. - -So kommt es auch, dass das Leidensgeheimnis, verglichen mit dem -Leidensgedanken der ersten Periode, menschlichere Züge trägt. Es liegt -etwas von mitfühlender Nachsicht in dem Gedanken, dass er für die -Reichsgenossen die Sühne im Leiden leistet, damit ihnen die Bewährung, -in welcher sie vielleicht schwach werden könnten, erspart bleibt. »Und -führe uns nicht in die Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen«: -diese Bitte ist nun in seinem Leiden erfüllt. - -Dieses tief Menschliche tritt besonders in Gethsemane zu Tage. _=Nur -über den drei Intimen schwebt die Möglichkeit, dass sie mit ihm -durch das Leiden und die Versuchung hindurchmüssen.=_ Die Zebedaiden -vermassen sich, um die Anwartschaft auf die Thronplätze zu erwerben, -mit ihm den Leidenskelch zu trinken und mit ihm die Leidenstaufe zu -empfangen -- und er stellte es ihnen in Aussicht (Mk 10 _-38-40-_). -Petrus aber verschwor sich, ihn nicht zu verleugnen; wenn auch alle -zurückwichen, wollte er doch mit ihm sterben (Mk 14 _-31-_). Diese drei -hat er mit sich genommen bis zum Ort hin, wo er betet. Während er zu -Gott fleht, dass der Leidenskelch an ihm vorübergehe, erfasst ihn eine -bangende Angst um die Intimen. Wenn Gott sie nun wirklich mit ihm durch -das Leiden sendet, werden sie bestehen, wie sie es sich zutrauten? -Darum sorgt er sich um sie in der schweren Stunde. Zweimal rafft er -sich auf, weckt sie aus dem Schlaf, dass sie wach bleiben und zu Gott -beten, dass er _=sie=_ nicht in die Versuchung führt, wenn er auch -_=ihm=_ den Kelch nicht erspart; denn der Geist ist willig, aber das -Fleisch ist schwach. _=Das ist vielleicht der ergreifendste Zug in Jesu -Leben.=_ Man hat gewagt, Gethsemane die schwache Stunde Jesu zu nennen: -in Wirklichkeit ist es aber gerade die Stunde, wo seine überweltliche -Grösse in seinem tiefmenschlichen Mitfühlen offenbar wird. - - -7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung der -Perspektive. - -Jesus nahm das Leidensgeheimnis, welches den Genossen des Reiches -offenbar werden sollte, mit sich in den Tod. Das Reich brach aber -nicht an. So erklärt es sich, dass er die Jünger zwar auf sein -Leiden hingewiesen hat, dass sie aber, als das Ereignis eingetreten -war, keine Deutung dafür wussten. Dennoch mussten sie sich -damit auseinandersetzen, indem sie sich die Thatsachen nach den -Andeutungen, die sie im Gedächtnis hatten, zurechtlegten. _=So ist der -Leidensgedanke des Urchristentums viel ärmer als das Leidensgeheimnis -Jesu.=_ - -Die Erklärung konzentrierte sich hauptsächlich auf _=eine=_ Thatsache: -Infolge des Leidens und der Auferstehung von den Toten ist er der -Messias. In diesem Sinne sind das Leiden und die Erhöhung in der -Schrift vorherbestimmt. - -Während das Leidensgeheimnis den Tod in die engste zeitliche und -kausale Verbindung mit dem Anbruch des Reiches setzt, ist für das -Urchristentum das vergangene Ereignis _=als solches=_ Gegenstand der -Erklärung, weil das Reich nicht eingetroffen ist und sich mit dem -zeitlichen auch der ursprüngliche kausale Zusammenhang gelöst hat. - -Nun hatte Jesus in Hinsicht auf seinen Tod auch von Sühne und -Sündenvergebung geredet. Durch die Ereignisse war aber der Gedanke, -den er damit verband, vollständig unmöglich geworden. Die unbestimmte -Mehrheit, welche die Sühne auf sich beziehen sollte in der Erkenntnis, -dass er für sie gelitten, _=war ja noch gar nicht gegeben, denn das -Reich war noch nicht erschienen=_. Von jenem Standort allein aber -konnte man es erfassen, dass er für die Genossen die Drangsalssühne -geleistet habe. - -In der Zwischenzeit lagen die Dinge ganz anders: an Stelle der »vielen« -waren »die Gläubigen« getreten. Die, welche an die Messianität -Jesu glauben, haben Sündenvergebung: dieser Satz bildete, wie -die Pfingstpredigt zeigt, einen Bestandteil der urapostolischen -Verkündigung (Akt 2 _-38-_). Inwiefern man aber dadurch Sündenvergebung -hatte, darin bestand das Problem. Dieses war aber historisch unlösbar, -denn die Sündenvergebung des Leidensgeheimnisses ging nicht auf die an -_=Jesus-Christus=_ Gläubigen, sondern auf die Reichsgenossen. Mögen -daher alle Erklärungen der Bedeutung des Leidens von Paulus bis auf -RITSCHL jede für ihre Zeit religiös noch so wahr und tief sein: den -Gedanken Jesu können sie unmöglich erfassen, weil sie von einer ganz -andern Voraussetzung ausgehen. - -Da nun aber doch alle sich geschichtlich legitimieren wollten, so -erlebt man das merkwürdige Schauspiel, dass Jesu die verschiedensten -Deutungen seines Leidens in den Mund gelegt wurden, _=von denen -aber keine auch nur annähernd erklären kann, wie aus einer solchen -Anschauung die urchristlich-apostolische Wertung des Todes -hervorgehen konnte=_. Das zeigt sich auch bei dem modern-historischen -Lösungsversuch. Wenn Jesus seinen Jüngern die ethische Bedeutung seines -Todes verständlich machte, warum beschränkt sich die urchristliche -Leidenserklärung auf die Schriftgemässheit des Leidens und auf die -»Sündenvergebung«? - -Auf diese Frage bleibt der modern-historische Lösungsversuch die -Antwort schuldig. Der eschatologisch-historische hingegen vermag die -_=notwendige Verkümmerung=_ des Leidensgedankens Jesu im Urchristentum -_=perspektivisch zu berechnen=_. Er weist nach, welche Momente des -Leidensgeheimnisses nach dem Tod allein noch zu Recht bestehen konnten. -Weil er die urchristliche Deutung in dem Zusammenhang mit dem Gedanken -Jesu erfasst, darum ist der eschatologisch-historische Lösungsversuch -der richtige. - -Die Aufhebung des kausalen Zusammenhangs zwischen dem Tod Jesu und -der Realisierung des Reichs war für die urchristliche Eschatologie -verhängnisvoll. Mit dem Leidensgeheimnis ging auch das Geheimnis des -Reiches Gottes unter. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die -Eschatologie gerade den spezifisch »christlichen« Charakter, den -Jesus ihr gegeben hatte, verliert. Das ethisch-thätige Moment, durch -welches sie versittlicht wurde, fällt weg. _=So ist die urchristliche -Eschatologie durch Jesu Tod »entchristlicht«.=_ Dadurch sinkt sie -wieder auf das Niveau der zeitgenössisch-jüdischen herunter. Das Reich -ist wieder Gegenstand reiner Erwartung! Dass die sittliche Umkehr aktiv -auf sein Kommen einwirkt: dieses Geheimnis war mit Jesus ins Grab -gesunken. Jetzt that man Busse und leistete die sittliche Erneuerung in -Erwartung des Gottesreichs, _=wie zu des Täufers Zeit=_. - -Diese Entchristlichung tritt gerade in der Frage der Enddrangsal zu -Tage. Nach dem Leidensgedanken der ersten Periode sollten die Gläubigen -mit dem zukünftigen Messias leiden; nach dem der zweiten wollte er die -Drangsal für sie erdulden. Im Urchristentum erwarten die Gläubigen -die Drangsal _=vor dem Erscheinen des Messias=_, wie es in der -zeitgenössischen Vorstellung der Fall war. Denn Jesu Leidensgeheimnis -war ihnen nicht bekannt. Darum gehören ihnen die jüdischen Apokalypsen -gerade wie den andern Juden, nur mit dem Unterschied, dass der -gekreuzigte Jesus der erscheinende Messias sein soll. Nur durch -die _=Person=_ Jesu war die urchristliche Eschatologie also noch -»christlich«, nicht mehr durch seinen _=Geist=_, wie es im Geheimnis -des Reiches Gottes und im Leidensgeheimnis der Fall gewesen war. - -Darnach muss man »die synoptische Apokalypse« (Mk 13) beurteilen. Mögen -auch einzelne eschatologische Sprüche darin von Jesus stammen, die Rede -als solche ist notwendig unhistorisch. _=Sie zeigt die Perspektive -der Zeit nach dem Tode.=_ In den jerusalemitischen Tagen konnte Jesus -von keiner allgemeinen Enddrangsal vor dem Kommen des Menschensohnes -reden. Die synoptische Apokalypse steht in direktem Widerspruch zu -dem Leidensgeheimnis, da dieses ja die allgemeine Enddrangsal gerade -aufhebt. Sie ist also unhistorisch. Apokalyptische Reden mit Hinweis -auf die Enddrangsal gehören in die galiläische Periode zur Zeit der -Aussendung. _=Die Aussendungsrede ist die historische synoptische -Apokalypse.=_ Von einer Drangsal nach seinem Tod hat Jesus den Seinen -nie etwas gesagt, denn sie lag ausserhalb seines Gesichtskreises. - -Mit dem Tod, gerade durch denselben, war also die Eschatologie, -obwohl die urchristliche Gemeinde noch ganz darin lebte, thatsächlich -abgethan. Sie war bestimmt, aus der christlichen Weltanschauung -hinausgedrängt zu werden, denn sie war »entchristlicht«, weil sie mit -dem Geheimnis des Reiches Gottes und des Leidensgedankens das innere -ethische Leben eingebüsst hatte, welches ihr durch Jesus eingehaucht -worden war. Ein Baum, der mitten in der Blütenpracht an der Wurzel -getroffen wird -- so war es ihr Schicksal, abzuwelken und zu verdorren, -wenn man es vorerst auch noch nicht merkte, dass sie dem Untergang -geweiht war. _=Indem die Geschichte in der Folgezeit zwangsweise -eine uneschatologische christliche Weltanschauung schuf, hat sie nur -vollzogen, was in dem Gesetz der Dinge mit Jesu Tod schon bestimmt -war.=_ - -Jesu Tod das Ende der Eschatologie! Der Messias, der es auf Erden -nicht war, das Ende der messianischen Erwartung! Die Weltauffassung, -in der er lebte und predigte, war eschatologisch; die »christliche -Weltauffassung«, die er durch seinen Tod begründet, führt die -Menschheit für immer über die Eschatologie hinaus! Das ist das grosse -Geheimnis in der christlichen Heilsökonomie. - -Für ihn und die Seinen war sein Tod, gemäss der eschatologischen -Weltanschauung, nur eine _=Uebergangsthatsache=_. Sobald aber das -Ereignis eingetreten war, wurde es die bleibende _=Centralthatsache=_, -auf der sich die neue uneschatologische Weltauffassung aufbaute. Im -Urchristentum waren das Alte und das Neue noch nebeneinander. - -Die Anhänger Jesu glaubten an das Kommen des Reichs, weil seine -machtvolle Persönlichkeit die Kunde bekräftigte. Die Gemeinde nach dem -Tode glaubte an seine Messianität und erwartete das Kommen des Reichs. -Wir glauben, dass in seiner ethisch-religiösen Persönlichkeit, wie sie -sich in seinem Wirken und Leiden offenbart, der Messias und das Reich -gekommen sind. - -Es verhält sich damit wie mit dem Lauf der Sonne. Ihr Glanz bricht -hervor, während sie noch hinter den Bergen steht. Die dunkeln Wolken -röten sich von ihrem Schein und in phantastischen Gebilden spielt -sich der Kampf zwischen Licht und Finsternis ab. Noch ist die Sonne -selbst nicht sichtbar, sondern sie ist nur da, sofern die Helligkeit -von ihr ausgeht. _=Die Sonne hinter dem Morgenrot=_: so erschien -die Persönlichkeit _=Jesu von Nazareth=_ den Zeitgenossen in der -vormessianischen Aera. - -In dem Augenblick, wo der Himmel im intensivsten Kolorit erglüht, -steigt sie über den Horizont auf. Damit aber fängt die Farbenpracht -an langsam abzunehmen. Die phantastischen Gebilde verblassen und -versinken, weil die Sonne selbst die Wolken, in denen sie sich -spiegelt, auflöst. _=Die aufgehende Sonne über dem Horizont=_, so -erschien »_=Jesus Christus=_« der urchristlichen Gemeinde in ihrer -eschatologischen Erwartung. - -_=Die Sonne zur Mittagszeit=_: so erscheint er uns. Wir wissen nichts -von Morgen- und Abendrot, sondern wir sehen nur die weisse Helligkeit, -die alles durchleuchtet. Weil sie aber jetzt für uns in diesem Licht -erstrahlt, dürfen wir uns nicht auch den Sonnenaufgang so vorstellen, -als wäre sie als leuchtende Scheibe in Mittagsklarheit über dem -Horizont aufgestiegen. Unsere moderne Anschauung über den Tod Jesu ist -wahr, in ihrem innersten Wesen wahr, weil sie seine sittlich-religiöse -Persönlichkeit in den Gedanken unserer Zeit wiedergibt. Wenn wir sie -aber so in die Geschichte Jesu und des Urchristentums zurücktragen, -thun wir dasselbe, als wenn wir einen Sonnenaufgang ohne Morgenrot -malen wollten. - -In der wahren historischen Erkenntnis liegt eine befreiende und -fördernde Macht. Unser Glaube baut sich auf der Persönlichkeit -Jesu auf. Zwischen unserer Weltanschauung und derjenigen, in -welcher er lebte und wirkte, liegt aber eine tiefe, wie es scheint, -unüberbrückbare Kluft. Man sah sich deshalb genötigt, _=seine -Persönlichkeit gleichsam aus seiner Weltanschauung herauszureissen=_ -und ihr einen Strich ins Moderne zu geben. - -Dadurch kam aber eine eigentümliche Unlebendigkeit und -Zwitterhaftigkeit in das Bild seiner Person. _=Man erhielt ein -Zwitterwesen, halb modern, halb antik.=_ Mit dem Modernen übertrug -man auch die moderne Psychologie auf ihn, ohne sich immer vollständig -klar zu machen, dass sie nicht auf ihn anwendbar ist und ihn notwendig -verkleinert. Denn sie ist hergenommen von Durchschnittswesen, die aus -Meinungen zusammengeflickt sind und sich nur in stetiger Entwicklung -erfassen und beobachten. _=Jesus ist aber eine übermenschliche -Persönlichkeit aus einem Guss.=_ - -So beruht die moderne Dogmatik auf einer historischen und -psychologischen Gewaltthat, weil sie nicht nachweisen kann, warum -wir das Recht haben, Jesum aus seiner Zeit herauszulösen, seine -Persönlichkeit in unsere modernen Gedanken zu übersetzen und ihn als -»Messias« und »Gottessohn« ausserhalb des jüdischen Rahmens aufzufassen. - -Die wahre geschichtliche Erkenntnis aber gibt der Dogmatik ihre volle -Bewegungsfreiheit wieder! Sie bietet ihr die Persönlichkeit Jesu dar -in einer eschatologischen _=und doch ihrem Wesen nach durch und durch -modernen Weltanschauung=_, weil =er= sie mit seinem gewaltigen Geiste -durchdrungen hat. - -Dieser Jesus ist viel grösser als der modern gedachte: _=er ist -wirklich eine überirdische Persönlichkeit=_. Mit seinem Tode vernichtet -er die Form seiner Weltanschauung, indem seine Eschatologie unmöglich -wird. Damit gibt er allen Geschlechtern und allen Zeiten das Recht, -_=ihn in ihren Gedanken und Vorstellungen zu erfassen, dass sein Geist -ihre Weltanschauung durchdringe, wie er die jüdische Eschatologie -belebte und verklärte=_. - -Darum darf sich die moderne Dogmatik gerade auf Grund der wahren -geschichtlichen Erkenntnis frei bewegen, ohne die immerwährende -kleinliche geschichtliche Rücksichtnahme, welche heutzutage oft zum -Schaden der geschichtlichen Wahrhaftigkeit beobachtet wird. _=Die -Dogmatik soll nicht um einen Pflock grasen. Sie ist frei, denn sie -hat unsere christliche Weltanschauung allein auf die Persönlichkeit -Jesu Christi zu gründen, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Form, in -welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte. Er selbst hat ja diese Form -mit seinem Tod zerstört.=_ Die _=Geschichte=_ fordert die Dogmatik zu -dieser _=Ungeschichtlichkeit=_ auf. - -Als Jesus verschieden war, sagte _=der römische Hauptmann=_, »wahrlich, -dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen« (Mk 15 _-39-_). So wird seine -Würde mit dem Augenblick seines Todes frei für alle Zungen, für alle -Nationen und für alle Weltanschauungen. - - - - -Zehntes Kapitel. - -Abriss des Lebens Jesu. - - -Das »_=Leben Jesu=_« beschränkt sich auf die letzten Monate seines -Daseins. Zur Zeit der Sommeraussaat trat er auf und starb am Kreuz zu -Ostern des folgenden Jahres. - -Seine öffentliche Wirksamkeit zählt nach _=Wochen=_. Die erste Periode -reicht von der Aussaat bis in die Erntezeit; die zweite umfasst die -Tage des Auftretens zu Jerusalem. Den Herbst und den Winter verbrachte -er auf heidnischem Gebiet, allein mit seinen Jüngern. - -Vor ihm war der Täufer aufgetreten und hatte mit Nachdruck auf die -Nähe des Reiches und die vormessianische Erscheinung des gewaltigen -Vorläufers hingewiesen, mit dessen Auftreten die Geistesausgiessung -statthaben sollte. Nach Joël war dies, mit andern Wundern, das Zeichen, -dass der Gerichtstag unmittelbar bevorstand. Johannes selbst hielt sich -nie für diesen Vorläufer; auch das Volk kam nicht auf diesen Gedanken, -_=denn er hatte die Zeit der Wunder nicht heraufgeführt=_. Er sei ein -Prophet: das war die allgemeine Meinung. - -Ueber Jesu frühere Entwicklung wissen wir nichts. Alles liegt im -Dunkeln. Nur eines steht fest: Während der Taufe ging ihm das Geheimnis -seines Daseins auf, dass er nämlich derjenige sei, den _=Gott=_ zum -Messias bestimmt hatte. _=Mit dieser Offenbarung ist er fertig; eine -Entwicklung hat er nicht mehr durchgemacht.=_ Denn nun stand ihm fest, -dass er bis zum nahen Anbrechen der messianischen Aera, wo seine -Würde ihm in Herrlichkeit zufiel, als der unerkannte und verborgene -Messias auf das Reich hin zu wirken habe und sich mit den Seinen in der -Enddrangsal bewähren und läutern müsse. - -_=Der Leidensgedanke war also mit dem Messianitätsbewusstsein -selbst gegeben, wie mit der Reichserwartung die Vorstellung der -vormessianischen Drangsal unlösbar zusammenhängt.=_ Irdische Ereignisse -konnten Jesu Werdegang nicht beeinflussen. _=Durch sein Geheimnis stand -er über der Welt=_, wenn er auch jetzt noch als Mensch unter Menschen -wandelte. - -Sein Auftreten und seine Verkündigung gehen nur auf die Reichsnähe. -Seine Predigt ist die des Johannes, nur dass er sie durch Zeichen -bekräftigt. Obwohl sein Geheimnis seine ganze Verkündigung beherrscht, -darf niemand darum wissen, denn er muss unerkannt bleiben, bis der neue -Aeon anbricht. - -Wie sein Geheimnis, so ist auch seine ganze Ethik durch das »jetzt und -dann« beherrscht. Es handelt sich um die Busse auf das Reich Gottes -hin und den Erwerb der Gerechtigkeit, welche dazu befähigt: _=denn nur -die Gerechten ererben das Reich=_. Diese Gerechtigkeit ist höher als -die des Gesetzes, denn er weiss, dass das Gesetz und die Propheten -weissagten bis Johannes: _=mit dem Täufer aber befindet man sich in der -Vorläuferperiode unmittelbar vor dem Reichsanbruch=_. - -Darum muss er, als künftiger Messias, jene höhere Sittlichkeit -verkünden und wirken. Die geistig Armen, die Sanftmütigen, die da Leid -tragen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die Mitleidigen, -die reinen Herzens sind, die Friedfertigen: _=diese alle sind selig, -weil sie in dieser Eigenschaft zum Reich bestimmt sind=_. - -Hinter dieser ethischen Verkündigung steht das Geheimnis des Reiches -Gottes. Was, _=von dem Einzelnen geleistet=_, sittliche Erneuerung in -Vorbereitung auf das Reich ist, das bedeutet, _=von der Gemeinschaft -gewirkt=_, eine Thatsache, durch welche seine Realisierung auf -übernatürliche Weise herbeigeführt wird. So durchdringen sich -Individual- und Sozialethik in dem grossen Geheimnis. Wie die -überreiche Ernte durch Gottes Wundermacht geheimnisvoll auf die -Aussaat folgt, so kommt auch das Reich Gottes auf Grund der sittlichen -Erneuerung durch die Menschen, aber ohne ihr Zuthun. - -In dem Gleichnis ist auch die zeitliche Koïncidenz enthalten. Er sprach -es zur Aussaat und erwartete das Reich zur Erntezeit. _=Die Natur -war Gottes Uhr. Mit der letzten Aussaat hatte er sie zum letztenmal -gestellt.=_ - -Das Geheimnis des Reiches Gottes ist die überirdische Verklärung der -altprophetischen Ethik, in welcher der herrliche Endzustand auch nur -auf Grund der sittlichen Umkehr Israels von Gott heraufgeführt wird. -In souveräner Art vollzieht Jesus die Synthese zwischen Daniel'scher -Apokalyptik und prophetischer Ethik. Es handelt sich bei ihm nicht um -_=eschatologische Ethik=_, sondern seine Weltanschauung ist _=ethische -Eschatologie. Als solche ist sie modern.=_ - -Auch die Zeichen und Wunder fallen unter eine doppelte -Betrachtungsweise. Für das Volk sollen sie nur die Predigt von der -Reichsnähe bekräftigen. Wer jetzt nicht glaubt, dass die Zeit so weit -ist, hat keine Entschuldigung. Die Zeichen und Wunder verdammen ihn, -denn sie bekunden offenbar, dass es mit der widergöttlichen Macht zu -Ende geht. - -Hinter dieser Behauptung steht aber für Jesus das Geheimnis des -Reiches Gottes. Als die Pharisäer die Zeichen selbst der Teufelsmacht -zuschreiben wollten, deutet er in einem Gleichnis das Geheimnis an. -Durch seine Thaten bindet er die widergöttliche Macht, wie man über -einen Starken zuerst herfällt und ihn unschädlich macht, ehe man daran -denken kann, ihm seinen Besitz zu rauben. Darum gibt er den Jüngern bei -der Aussendung zugleich mit dem Predigtauftrag die Vollmacht über die -unreinen Geister. Sie sollen die letzten Streiche führen. - -Als Drittes gehört zur Reichspredigt der Hinweis auf die -vormessianische Drangsal. Die Gläubigen müssen darauf vorbereitet sein, -mit ihm durch jene Zeit der Bewährung hindurchzugehen, wo sie in der -Standhaftigkeit gegen den letzten Ansturm der Weltmacht sich als die -Auserwählten des Gottesreiches erweisen. Auf seine Person hin wird sich -dieser Ansturm konzentrieren; darum muss man bei ihm ausharren bis -zum Tod. Nur das Sein im Gottesreich ist Leben. Der Menschensohn wird -darnach richten, ob sie bei ihm, Jesus, ausgehalten haben oder nicht. -So wendet sich Jesus am Schluss der Seligpreisungen an die Seinen mit -den Worten: »Selig seid ihr, wenn die Menschen euch um meinetwillen -verfolgen«. Die Aussendungsrede wird zu einer Ausführung über die -Drangsal. Das letzte Wort in der Botschaft von der unmittelbaren -Reichsnähe an den Täufer lautet: »Selig ist, wer sich nicht an mir -ärgert.« Die Menge, mit welcher er das Abendmahl am See gefeiert hat, -beschwört er am Morgen zu Bethsaida, bei ihm auszuharren, auch wenn er -ein Gegenstand der Verachtung und des Spotts in der sündigen Welt sein -wird: ihre Seligkeit hängt davon ab. - -Diese Drangsal bedeutet zugleich mit der _=Bewährung=_ auch noch eine -_=Sühne=_. Sie ist im messianischen Drama vorgesehen, weil Gott von -den Reichsgenossen eine Sühne für ihre Vergehungen in diesem Aeon -verlangt. _=Aber er ist allmächtig.=_ In dieser Allmacht bestimmt er -über die Zugehörigkeit zum Reich, über die Stelle, die einer darin -einnimmt, ohne an irgend welche Bestimmung gebunden zu sein. So ist -auch die Notwendigkeit der Enddrangsal im Hinblick auf seine Allmacht -nur relativ. Er kann sie den Menschen erlassen. - -Darauf beziehen sich die drei letzten Bitten des Vaterunsers. Nachdem -Gott angefleht worden, er möge das Reich senden, dass sein Name -geheiligt werde und sein Wille auf Erden geschehe, wie im Himmel, -dürfen die Menschen ihn bitten, ihnen die Vergehungen zu verzeihen und -die »Versuchung« zu ersparen, indem er sie der Gewalt des Bösen direkt -entreisst. - -Dies war der Inhalt von Jesu Verkündigung in der ersten Periode. Er -hielt sich während derselben am nördlichen Ufer des Sees auf. Chorazin, -Bethsaida und Kapernaum waren die Hauptstätten seiner Wirksamkeit. Von -dort unternahm er über den See hin einen Zug in das Gebiet der zehn -Städte und eine Reise nach Nazareth. - -Gerade in den Städten seiner Hauptwirksamkeit stiess er auf Unglauben. -Der Fluch, den er über sie aussprechen muss, bezeugt es. Zudem waren -ihm die Pharisäer aufsässig und suchten ihn gerade wegen seiner Wunder -beim Volk zu diskreditieren. In Nazareth erfuhr er, dass ein Prophet -nichts gilt in seinem Vaterlande. - -So war die galiläische Periode nichts weniger als eine glückliche. -Diese äusseren Misserfolge bedeuteten aber nichts für das Kommen des -Reiches. Die ungläubigen Städte richteten nur sich selbst. Um die -Nähe des Reiches zu ermessen, hatte Jesus andere, geheimnisvolle -Anzeichen. An diesen erkannte er, dass die Zeit da war. _=Darum sandte -er seine Jünger aus, gerade auf dem Rückweg von Nazareth -- denn es war -Erntezeit.=_ - -Durch ihre Predigt und durch ihre Zeichen drang die Kunde von seiner -machtvollen Persönlichkeit überall hin. Jetzt beginnt die Zeit der -Erfolge! Johannes im Gefängnis hörte davon und sandte seine Jünger, sie -sollten ihn fragen, ob er derjenige sei, »welcher kommen sollte«, denn -aus den Wundern schloss er, dass die Zeit des machtvollen Vorläufers, -den er verkündigt hatte, da sei. - -Jesus that Zeichen, seine Jünger hatten Macht über die Geister. Wenn -er vom Gericht sprach, betonte er, dass der Menschensohn mit ihm -solidarisch wäre und nur den anerkännte, der zu ihm, Jesus, gestanden -hätte. Das Volk hielt deshalb dafür, er könne der sein, nach dem man -ausschaute, und der gefangene Täufer wollte darüber Gewissheit haben. - -Jesus kann ihm nicht sagen, wer er ist. »_=Die Zeit ist sehr -vorgeschritten=_« -- das ist der Inhalt seines Bescheids. Nachdem -die Gesandten fort sind, wendet er sich an das Volk und deutet -in geheimnisvoller Rede darauf hin, dass die Stunde schon weiter -vorgerückt sei, als jener in seiner Frage ahnte. Die Vorläuferzeit -hat mit dem Auftreten des Täufers selbst angefangen. Seither wird das -Gottesreich gewaltsam herbeigenötigt. _=Der Frager selbst ist der -Elias, wenn sie es begreifen mögen.=_ - -Die Menschen vermochten es nicht zu fassen, dass der Gefangene der -Elias war. Sie verstanden die Zeit nicht, als er mit seiner Predigt -auftrat. Das liegt aber nicht allein daran, dass jener keine Wunder -that, sondern an der Verstocktheit ihrer Herzen. Unvernünftige Kinder -sind sie, die nicht wissen, was sie wollen. Jetzt ist einer da, der -Zeichen thut -- aber auch dem glauben sie die Nähe des Reiches nicht. -So schliesst der Fluch über Chorazin und Bethsaida die »Würdigungsrede -über den Täufer« ab. - -Die Entsendung der Jünger war die letzte That zur Herbeiführung des -Reiches. Als sie daher zurückkommen, ihm ihren Erfolg künden und -berichten, wie sie Gewalt über die bösen Geister hatten, heisst das für -ihn: _=es ist alles bereit.=_ So erwartet er jetzt den Reichsanbruch -für die unmittelbarste Zukunft, nachdem es ihm schon fraglich gewesen -war, ob die Jünger vor diesem Ereignis zu ihm zurückkehren würden. Er -hatte ihnen ja gesagt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie -ereilen würde, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären. - -Sein Werk ist gethan. Nun verlangt es ihn, sich zu sammeln und mit -den Seinen allein zu sein. Sie besteigen ein Schiff und fahren längs -des Strandes nach Norden zu. Die Menge aber, welche sich auf die -Predigt der Jünger hin um ihn gesammelt hatte, um mit ihm das Reich -zu erwarten, folgt ihnen am Ufer nach und überrascht sie am einsamen -Strand, wo sie gelandet. - -Als es Abend geworden, wollten die Jünger, dass er das Volk entlasse, -damit sie in den umliegenden Flecken Speise zu sich nähmen. Für ihn -ist aber die Stunde zu heilig, um durch ein irdisches Mahl entweiht -zu werden. Bevor er sie daher entlässt, heisst er sie sich lagern und -hält mit ihnen eine Vorfeier des messianischen Mahles. Er, der künftige -Messias, teilt der Gemeinschaft, welche um ihn versammelt ist, um die -Ankunft des Reiches zu erwarten, feierlich Speise aus, indem er sie -damit geheimnisvoll zur Teilnahme an der nahen Vollendungsfeier weiht. -Da sie sein Geheimnis nicht wussten, verstanden sie sein Handeln nicht, -ebensowenig wie die Jünger. Sie begriffen nur, dass es etwas gewaltig -Ernstes bedeutete und machten sich ihre Gedanken darüber. - -Darauf entliess er sie. Den Jüngern befahl er an den Strand von -Bethsaida zu fahren. Er selbst zog sich auf den Berg zum Gebet zurück -und folgte dann längs des Strandes zu Fuss. Als ihnen seine Gestalt -im Dunkel der Nacht erschien, da glaubten sie, unter dem Eindruck -der Feier, wo er in geheimnisvoller Hoheit vor ihnen stand, seine -überirdische Erscheinung nahe sich auf den bewegten Wogen, gegen die -sie zur Landung ankämpften. - -Am Morgen nach dem Abendmahl am See sammelt er Volk und Jünger um sich -zu Bethsaida und vermahnt sie, bei ihm auszuharren und ihn nicht zu -verleugnen in der Erniedrigung. - -Sechs Tage später geht er mit den drei Intimen auf den Berg, wo er -einsam gebetet hatte. Dort wird er ihnen als der Messias geoffenbart. -Auf dem Heimweg verbietet er ihnen, etwas davon zu sagen, bis er bei -der Auferstehung in der Glorie des Menschensohns offenbart würde. -Sie aber vermissen noch die Erscheinung des Elias, der doch kommen -müsse, bevor die Totenauferstehung statt habe. Bei der Würdigungsrede -über den Täufer, wo die geheimnisvolle Andeutung fiel, waren sie -ja nicht zugegen gewesen. Ihnen muss er daher jetzt klar machen, -dass der Enthauptete der Elias war. An seinem Schicksal dürfen sie -keinen Anstoss nehmen, denn also war es bestimmt. Auch der, welcher -Menschensohn sein wird, muss viel leiden und verspottet werden. So will -es die Schrift. - -Das Reich, welches Jesus in unmittelbarer Nähe erwartete, blieb aus. -Für die evangelische Geschichtsüberlieferung war diese _=erste=_ -eschatologische Verzögerung insofern verhängnisvoll, als nun alle -Vorgänge um die Aussendung herum unverständlich wurden, weil das -Bewusstsein verloren ging, dass die intensivste eschatologische -Erwartung damals Jesus und seine Umgebung beseelte. Darum ist gerade -diese Zeit in den Berichten verwirrt und dunkel, besonders da einzelne -Vorgänge auch den damaligen Teilnehmern rätselhaft blieben. So wurde in -der Ueberlieferung das Kultmahl am See zur »wunderbaren Speisung« in -einem ganz andern Sinn, als es Jesus gemeint hatte. - -Auch die Motive seines Verschwindens werden damit unverständlich. -Es scheint sich um eine »Flucht« zu handeln, während andererseits -die Berichte in keiner Weise andeuten, wie es so weit gekommen. -In der Einsicht in die beiden sich entsprechenden Höhepunkte der -eschatologischen Erwartung liegt der Schlüssel zum historischen -Verständnis des Lebens Jesu. _=Während den jerusalemitischen Tagen -kehrt wieder, was in den Tagen zu Bethsaida schon einmal dagewesen.=_ -Ohne diese Annahme klafft zwischen der Aussendung und dem Zug -nach Jerusalem eine Lücke in der evangelischen Ueberlieferung. -Die Geschichtsschreibung sieht sich gezwungen, eine Periode des -galiläischen Niedergangs zu _=erfinden=_, um den Zusammenhang der -berichteten Thatsachen herzustellen, als fehlte hier ein Stück in -unseren Evangelien. _=Das ist der schwache Punkt aller »Leben Jesu«.=_ - -Mit der Rückkehr in die Landschaft Genezareth entzieht sich Jesus den -Pharisäern und dem Volk, um mit seinen Jüngern allein zu sein, wie es -schon seit ihrer Rückkehr von der Missionswanderung sein vergebliches -Bestreben war. Es ist unumgänglich nötig, denn er muss über zwei -messianische Thatsachen ins Klare kommen. - -_=Warum ist der Täufer von seiner Obrigkeit hingerichtet worden, ehe -die messianische Zeit angebrochen?=_ - -_=Warum bleibt das Reich aus, da doch die Anzeichen seines Einbrechens -da sind?=_ - -In der Schrift geht ihm das Geheimnis auf: Gott führt das Reich herauf -_=ohne allgemeine Enddrangsal=_. Derjenige, den er zur Herrschaft in -Herrlichkeit bestimmt hat, vollzieht sie an sich, indem er als ein -Uebelthäter gerichtet und verurteilt wird. Dafür gehen die andern -frei aus: er leistet die Sühne für sie. Mögen sie immerhin glauben, -Gott strafe ihn, mögen sie an dem, welcher ihnen die Gerechtigkeit -gepredigt, irre werden, -- wenn nach seinem Leiden die Herrlichkeit -anbricht, dann werden sie sehen, dass er für sie gelitten. - -So las Jesus im Propheten Jesaia, was Gott über ihn, den Auserwählten, -bestimmt hatte. Das Ende des Täufers zeigte ihm an, in welcher Form ihm -diese Verurteilung beschieden war: er sollte von seiner Obrigkeit vor -allem Volk als ein Missethäter zu Tode gebracht werden. Dazu musste er -hinaufziehen nach Jerusalem für die Zeit, _=da ganz Israel sich dort -versammelte=_. - -Als daher die Zeit zur Osterreise kam, brach er mit seinen Jüngern auf. -Ehe sie von dannen zogen, fragte er sie, für wen er bei den Leuten -gelte. Sie wussten nur zu antworten, dass man ihn für den Elias halte. -Petrus aber, in der Erinnerung an die Offenbarung auf dem Berg bei -Bethsaida, sagt: du bist der Gottessohn. Daraufhin thut ihnen Jesus -sein Geheimnis kund. Gewiss, er ist der, welcher als Menschensohn -bei der Auferstehung geoffenbart werden wird. Vorher aber ist ihm -bestimmt, den Hohenpriestern und Aeltesten zur Verurteilung und zum -Tod überantwortet zu werden. Gott will es also. Darum ziehen sie nach -Jerusalem. - -Petrus hält sich über diese neue Eröffnung auf, denn in der Offenbarung -auf dem Berg war nicht die Rede davon gewesen. Er nimmt Jesum bei -Seite und dringt heftig auf ihn ein. Darauf wird er von ihm hart -zurechtgewiesen, dass er menschliche Erwägungen laut werden lässt, wo -Gott redet. - -Diese Reise nach Jerusalem war der Todeszug zum Siege. In dem -Leidensgeheimnis lag das Geheimnis des Reiches Gottes geborgen. Sie -zogen hinter ihm her und wussten nur, dass er nachher, wenn ihm also -geschehen wäre, Messias sein würde. Es bangte ihnen vor dem, was kommen -sollte; sie verstanden nicht, warum es also sein musste, und scheuten -sich, ihn zu fragen. Vor allem gingen aber ihre Gedanken auf den -Zustand im nahen Reich. Wenn er einmal Messias war, was würden dann sie -sein? das beschäftigte ihren Sinn und davon redeten sie untereinander. -Er aber wies sie zurecht und deutete ihnen an, warum er leiden müsse. -Nur durch Erniedrigung und dienende Dahingabe wird man bereitet, im -Gottesreich zu herrschen. Darum muss der, welcher als Menschensohn die -Herrschaft im Reich ausüben wird, jetzt für die vielen mit seinem Leben -in dienender Hingabe eine Sühne leisten. - -Mit dem Betreten des jüdischen Gebiets beginnt die zweite öffentliche -Periode. Er ist wieder vom Volk umgeben. In Jericho wartet die Menge -auf ihn, um ihn beim Durchzug zu sehen. Durch die Heilung eines -blinden Bettlers, des Sohnes des Timäus, erweist er sich ihnen als der -grosse Vorläufer, für den man ihn schon in Galiläa gehalten hatte. -Die jubelnde Menge bereitet ihm einen feierlichen Einzug. Als dem, -welcher der Weissagung zufolge vor dem Messias herkommt, singen sie -ihm Hosianna. Dem Reich aber, welches in Bälde erscheinen wird, gilt -das Hosianna in der Höh'. Damit ist wieder die Situation der grossen -Tage am Seestrand erreicht: Jesus wird von der reichsgläubigen Menge -umdrängt. - -Die Belehrung, welche die jerusalemitischen Gleichnisse enthalten, -bezieht sich auf die Nähe des Reiches. Es sind _=Warnrufe=_, die -zugleich eine Drohung für die enthalten, welche sich gegen die Kunde -verstocken. Nicht die Frage: ist er der Messias? ist er es nicht? -bewegte die Geister, sondern: ist das Reich so nah, wie er sagt, oder -nicht? - -Die Pharisäer und Schriftgelehrten wussten nicht, welche Stunde es -geschlagen hatte. Sie zeigten eine gänzliche Unempfindlichkeit für -die Nähe des Reichs, denn sonst hätten sie ihm nicht Fragen zur -Beantwortung vorgelegt, die gerade durch die vorgeschrittene Zeit -gegenstandslos geworden waren. Was kommt denn noch auf den Kaiserzins -an? Was sollen die spitzfindigen sadducäischen Argumente gegen die -Möglichkeit der Totenauferstehung? Bald ist ja mit dem Reichsanbruch -die _=irdische Herrschaft=_ gerade so gut wie die _=irdische -Menschennatur=_ abgethan! - -Ja, wenn sie die Zeichen der Zeit verständen! Er gibt ihnen zwei -Fragen auf, die sie zum Nachdenken bringen sollen, damit sie es merken, -dass sie in der Zeit eines grossen Geheimnisses stehen, von dem sich -ihre Schriftgelehrsamkeit nicht träumen lässt. - -_=In welcher Vollmacht wirkte der Täufer?=_ Wenn sie es wüssten, -dass er der Vorläufer war, wie es Jesus schon dem Volk gegenüber -geheimnisvoll angedeutet hatte, dann wüssten sie auch, dass die Stunde -des Reiches geschlagen hat. - -_=Wie ist der Messias bald Davids Sohn, also unter ihm, bald Davids -Herr, also über ihm?=_ Wenn sie das erklären könnten, dann verständen -sie auch, dass der, welcher niedrig und unerkannt auf das Reich Gottes -hinwirkt, als Herr und Messias geoffenbart werden wird. - -So aber ahnen sie nicht einmal, dass die messianischen Hinweise -_=Geheimnisse=_ bergen. Mit ihrer Gelehrsamkeit sind sie blinde -Blindenleiter, die das Volk, statt es für das Reich empfänglich -zu machen, verstocken und statt die neue Sittlichkeit, welche zum -Reich gerecht macht, aus dem Gesetz herauszulesen, in kleinlicher -Veräusserlichung ihr entgegenarbeiten und das Volk mit sich ins -Verderben ziehen. Darum: _=Wehe den Pharisäern und Schriftgelehrten!=_ - -Zwar auch unter ihnen gibt es noch solche, welche ein offenes Auge -behalten haben. Derjenige, welcher ihn nach dem grossen Gebot gefragt -hat und seiner Antwort zustimmt, der ist »verständig« und deshalb -»nicht fern vom Reich Gottes«, denn er gehört dazu, wenn es erscheint. - -Die Masse aber der Pharisäer und Schriftgelehrten versteht ihn so -wenig, dass sie seinen Tod beschliessen. Auf Jesu Auftreten hin -brachten sie keine wirksame Anklage fertig. Ein respektloses Wort über -den Tempel: das war alles. _=Da verriet ihnen Judas das Geheimnis.=_ -Jetzt war er verurteilt. - -In der Nähe des Todes richtet sich Jesus zu derselben sieghaften -Grösse auf, wie in den Tagen am Seestrand: _=denn mit dem Tod kommt -das Reich.=_ Damals hatte er mit den Gläubigen die Vorfeier des -messianischen Mahles gehalten; so erhebt er sich jetzt am Ende der -letzten irdischen Mahlzeit und teilt den Jüngern feierlich Speise und -Trank aus, indem er sie mit erhobener Stimme, nachdem der Becher zu ihm -zurückgekehrt ist, darauf hinweist, dass dieses das letzte irdische -Mahl gewesen ist, weil sie in Bälde zum Mahl in des Vaters Reich -vereinigt sein werden. Zwei entsprechende Gleichnisworte deuten das -Leidensgeheimnis an. Für ihn sind Brot und Wein, die er ihnen bei der -Vorfeier darreicht, sein Leib und sein Blut, weil er durch die Hingabe -in den Tod das messianische Mahl heraufführt. Das Gleichniswort blieb -den Jüngern dunkel. Es war auch nicht auf sie berechnet, es sollte -ihnen nichts verdeutlichen -- _=denn es war ein Geheimnisgleichnis=_. - -Wie nach dem Abendmahl am See, sucht er auch jetzt, da die grosse -Stunde naht, die Einsamkeit auf, um zu beten. Er trägt die Drangsal -für die andern. Darum darf er den Jüngern voraussagen, dass sie in -der Nacht sich alle an ihm ärgern werden -- und er braucht sie nicht -zu verdammen, denn die Schrift hat es so bestimmt. Welch unendlicher -Friede liegt in diesem Wort! Ja, er tröstet sie: nach der Auferstehung -will er sie um sich sammeln und ihnen in messianischer Herrlichkeit -vorausziehen nach Galiläa, die Strasse zurück, auf welcher sie ihm im -Todesgang gefolgt sind. - -Noch steht es aber in Gottes Allmacht, die Drangsal auch für ihn -auszuschalten. Darum, wie er einst mit den Gläubigen gebetet »und führe -uns nicht in die Versuchung«, so bittet er jetzt für sich, Gott in -seiner Allmacht möge den Leidenskelch an _=seinen=_ Lippen vorübergehen -lassen. Zwar, wenn es Gottes Wille ist, fühlt er sich stark genug, ihn -zu trinken. Nur für die Intimen bangt ihm. Die Zebedaiden haben sich -vermessen, um die Thronplätze zu erlangen, den Leidensbecher mit ihm -zu trinken und die Leidenstaufe mit ihm zu empfangen. Petrus verschwor -sich, bei ihm auszuhalten, auch wenn er mit ihm sterben müsste. Er -weiss nicht, wie Gott über sie bestimmt hat, ob er ihnen auferlegen -wird, was sie auf sich nehmen wollten. Darum heisst er sie in seiner -Nähe bleiben. Und während er Gott für sich anfleht, gedenkt er ihrer -und weckt sie zu zweien Malen, dass sie wach bleiben und Gott anflehen, -er möge sie nicht durch »die Versuchung« hindurchführen. - -Beim drittenmal war die Schar mit dem Verräter nahe. Die Stunde ist -gekommen: darum richtet er sich in seiner ganzen hoheitsvollen Grösse -auf. Er ist allein, die Seinen fliehen. - -Das Zeugenverhör ist nur ein Scheinverhör. Nachdem sie abgetreten, -stellt der Hohepriester unvermittelt die Frage wegen der Messianität. -»_=Ich bin's=_«, sagt Jesus, _=indem er sie auf die Stunde verweist, wo -er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels, umgeben von den Engeln, -erscheinen wird.=_ Darum wurde er wegen Gotteslästerung zum Tode -verurteilt. - -Am 14. Nisan Nachmittags, da man abends das Passahlamm ass, schrie er -laut auf und verschied. - - - - -Nachwort. - - -Die Urteile über diese realistische Darstellung des Lebens Jesu können -sehr verschieden sein, je nach dem dogmatischen, historischen oder -litterarischen Standort der Kritik. Nur den _=Zweck=_ des Buches mögen -sie nicht antasten: _=der modernen Zeit und der modernen Dogmatik die -Gestalt Jesu in ihrer überwältigenden heroischen Grösse vor die Seele -zu führen.=_ - -Das Heroische geht unserer Weltanschauung, unserem Christentum und -unserer Auffassung der Person Jesu ab. Darum hat man ihn vermenschlicht -und erniedrigt. RENAN hat ihn zur sentimentalen Figur entweiht, feige -Geister wie SCHOPENHAUER wagten es, sich auf ihn zu berufen für ihre -entnervende Weltanschauung, und unsere Zeit hat ihn modernisiert, -indem sie sein Werden und seine Entwicklung psychologisch zu begreifen -gedachte. - -Wir müssen dazu zurückkehren, das _=Heroische=_ in Jesu wieder zu -empfinden, wir müssen vor dieser geheimnisvollen Persönlichkeit, die -in der Form ihrer Zeit weiss, dass sie auf Grund ihres Wirkens und -Sterbens eine sittliche Welt schafft, _=welche ihren Namen trägt=_, -in den Staub gezwungen werden, ohne es auch nur zu wagen, ihr Wesen -verstehen zu wollen: _=dann erst kann das Heroische in unserem -Christentum und in unserer Weltanschauung wieder lebendig werden=_. - - - - -Anmerkungen des Bearbeiters: - -Gesperrter Text wird markiert durch _= ... =_ - -Text in anderer Schrift wird markiert durch _- ... -_ - -Kursivschrift wird gekennzeichnet durch _..._ - -Die Schreibweise des Originals wurde unverändert übernommen. Heute -unübliche Schreibweisen wurden beibehalten. - -Das Symbol ^ kennzeichnet den nachfolgenden Buchstaben als hochgestellt. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem -Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG *** - -***** This file should be named 50901-8.txt or 50901-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/0/50901/ - -Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Michael Waddell -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - |
