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-The Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben
-Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-Title: Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums
- Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine
- Skizze des Lebens Jesu
-
-Author: Albert Schweitzer
-
-Release Date: January 11, 2016 [EBook #50901]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG ***
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-
-Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Michael Waddell
-and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Das Abendmahl
-
- im
-
- Zusammenhang mit dem Leben Jesu
-
- und der
-
- Geschichte des Urchristentums
-
- von
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- Lic. Dr. Albert Schweitzer
- in Strassburg i. E.
-
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- Zweites Heft.
-
- Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis.
-
- Eine Skizze des Lebens Jesu.
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-[Illustration]
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- =Tübingen= und =Leipzig=.
- Verlag von _=J. C. B. Mohr=_ (Paul Siebeck).
- 1901.
-
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-
- _Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich
- die Verlagsbuchhandlung vor._
-
-
-
-
- C. A. Wagner's Universitätsbuchdruckerei in Freiburg i. B.
-
-
-
-
- Seinem Lehrer
-
- Herrn Prof. D. Dr. _-H. J. Holtzmann-_
-
- gewidmet
-
- in aufrichtiger Verehrung und treuer Anhänglichkeit
-
- von seinem dankbaren Schüler
-
- =Albert Schweitzer.=
-
-
-
-
-Vorrede.
-
-
-Der Versuch, ein Leben Jesu zu schreiben und dabei nicht am Anfang,
-sondern in der Mitte, _=mit dem Leidensgedanken=_ zu beginnen, musste sich
-notwendig einmal einstellen. Es ist verwunderlich, dass er nicht schon
-früher gemacht worden ist, denn er liegt in der Luft.
-
-Alle Darstellungen des Lebens Jesu befriedigen nämlich _=bis zum Eintritt
-des Leidensgedankens=_. Dort aber verfehlen sie den Anschluss. Es gelingt
-keiner von ihnen begreiflich zu machen, warum Jesus nun plötzlich seinen
-Tod für notwendig hält und in welchem Sinne er ihn für heilbringend
-ansieht. Um diesen Anschluss zu erreichen, muss man sich entschliessen,
-einmal vom Leidensgedanken selbst auszugehen, um von da aus das Leben
-Jesu _=nach rückwärts und nach vorwärts=_ zu begreifen. Wenn wir den
-Leidensgedanken nicht verstehen, liegt es nicht vielleicht daran, dass
-wir _=die erste Periode=_ des Lebens Jesu falsch auffassen und uns so die
-Einsicht in das _=Aufkommen des Leidensgedankens=_ von vornherein
-unmöglich machen?
-
-Die letzten Jahre der Forschung haben gezeigt, auf wie schwachem Grunde
-eigentlich unsere _=historische Auffassung=_ des Lebens Jesu beruht. Es
-lässt sich nicht verkennen, dass wir bei einer _=schweren Antinomie=_
-angelangt sind. _=Entweder Jesus hielt sich wirklich selbst für den
-Messias oder=_, worauf eine neue Richtung in der Forschung zu führen
-scheint, _=erst die urchristliche Auffassung hat ihm diese Würde
-beigelegt=_. In beiden Fällen bleibt das »Leben Jesu« gleich rätselhaft.
-
-Hielt sich Jesus wirklich für den Messias, wie kommt es, dass er wirkt,
-als wäre er nicht der Messias? Wie ist es erklärlich, dass seine Würde
-und Machtstellung so gar nichts mit seiner _=öffentlichen Thätigkeit zu
-thun zu haben scheint=_? Was ist davon zu halten, dass er seinen Jüngern
-erst, nachdem seine öffentliche Wirksamkeit -- die wenigen Tage zu
-Jerusalem abgerechnet -- schon zu Ende ist, eröffnet, wer er ist, und
-ihnen dazu noch befiehlt, _=das Geheimnis=_ streng zu wahren? Dass Motive
-der Klugheit oder pädagogische Absichten ihm diese Haltung diktiert
-haben sollen, erklärt nichts. _=Wo steht in den synoptischen Berichten
-auch nur die leiseste Andeutung, dass Jesus die Jünger und das Volk zur
-Erkenntnis seiner Messianität hat erziehen wollen?=_
-
-Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr erkennt man, wie wenig die
-Annahme, dass Jesus sich für den Messias gehalten habe, das »Leben Jesu«
-zu erklären vermag, weil sich so gar keine Verbindung zwischen seinem
-Selbstbewusstsein und seiner öffentlichen Wirksamkeit ergiebt. Es mag
-banal klingen: man wird dabei die Frage nicht los, warum er es nie
-versucht hat, das Volk durch Unterweisung zu der neuen ethischen
-Auffassung der Messianität emporzuheben. Der Versuch wäre nicht so
-aussichtslos gewesen, als man anzunehmen geneigt ist, denn es ging
-damals ein tiefreligiöser Zug durch Israel. _=Warum hat sich Jesus
-beharrlich über seine Auffassung der Messianität ausgeschwiegen?=_
-
-Nimmt man andererseits an, er hat sich selbst nicht für den Messias
-gehalten, so müsste erklärt werden, wie er dann _=nach seinem Tode=_ zum
-Messias gemacht wurde. Auf Grund seiner öffentlichen Wirksamkeit ist es
-sicher nicht geschehen -- denn diese gerade hat ja mit seiner
-Messianität nichts zu thun! Was bedeutet aber dann die Offenbarung des
-Messiasgeheimnisses an die Zwölf und das Bekenntnis vor dem
-Hohenpriester? Es ist ein purer Gewaltakt, diese Scenen für unhistorisch
-zu erklären. Entschliesst man sich zu solchen Eingriffen, _=was bleibt
-dann überhaupt noch von der evangelischen Geschichtsüberlieferung
-bestehen=_?
-
-Dabei darf man nicht vergessen, dass wenn Jesus sich selbst nicht für
-den Messias gehalten hat, dies den Todesstoss für den christlichen
-Glauben bedeutet. Das Urteil der urchristlichen Gemeinde ist für uns
-nicht bindend. Die christliche Religion erbaut sich auf _=dem
-messianischen Selbstbewusstsein Jesu=_, wodurch er selbst seine
-Persönlichkeit aus der Reihe anderer Verkündiger der religiösen
-Sittlichkeit _=in einzigartiger Weise=_ scharf heraushebt. Hielt er _=sich
-selbst=_ nun nicht für den Messias, so beruht das ganze Christentum -- um
-ein verdrehtes und misshandeltes Wort ehrlich zu gebrauchen -- auf einem
-_=»Werturteil« der Anhängerschaft Jesu von Nazareth nach seinem Tode=_!
-
-Vergessen wir nicht, dass es sich um eine Antinomie handelt, aus der
-man nur _=einen=_ Schluss ziehen darf: _=dass nämlich die bisherige
-»historische« Auffassung des Messianitätsbewusstseins Jesu falsch
-ist, weil sie die Geschichte nicht erklärt=_. Geschichtlich ist nur
-diejenige Auffassung, welche begreiflich macht, _=wie Jesus sich
-für den Messias halten konnte, ohne sich genötigt zu sehen, dieses
-sein Selbstbewusstsein in seiner öffentlichen Wirksamkeit auf das
-messianische Reich hin zur Geltung zu bringen, ja, wie er geradezu
-gezwungen war, die messianische Würde seiner Person zu verschweigen!
-Warum war seine Messianität Jesu Geheimnis?=_ -- dieses erklären heisst
-das Leben Jesu begreifen.
-
-Aus der Einsicht in das Wesen dieser Antinomie ist diese neue
-Auffassung des Lebens Jesu erwachsen. Inwieweit sie das Problem löst,
-das mögen die Verhandlungen darüber klarstellen. Ich veröffentliche die
-neue Auffassung _=als Skizze=_, weil sie notwendig in den Rahmen des
-Werkes über das Abendmahl gehört. Sodann aber hoffe ich, aus der Kritik
-ihrer Grundzüge über manche Punkte des exegetischen Details noch zu
-grösserer Klarheit zu kommen, ehe ich daran denke, diesen Gedanken in
-einem ausgearbeiteten »Leben Jesu« eine definitive Fassung zu geben.
-
-_=Den litterarischen Unterbau=_ habe ich, dem skizzenhaften Charakter der
-Darstellung entsprechend, gewöhnlich nur andeuten können. Wer sich
-jedoch in dieser Sache auskennt, der wird leicht bemerken, dass hinter
-mancher hingeworfenen Behauptung viel mehr synoptisches Detailstudium
-steckt, als der erste Blick vermuten liesse.
-
-Gerade für die synoptische Frage ist die neue Auffassung des Lebens Jesu
-von grosser Bedeutung. _=Danach wird nämlich die Komposition der
-Synoptiker viel einfacher und klarer. Die künstliche Redaktion, mit der
-man bisher zu operieren gezwungen war, wird sehr reduziert. Die
-Bergpredigt, die Aussendungsrede und die Würdigungsrede über den Täufer
-sind keine »Redekompositionen«, sondern sie sind in der Hauptsache so
-gehalten, wie sie uns überliefert sind. Auch die Form der Leidens- und
-Auferstehungsweissagungen kommt nicht auf das urchristliche Konto,
-sondern Jesus hat in diesen Worten zu seinen Jüngern von seiner Zukunft
-geredet.=_ Gerade diese Vereinfachung der litterarischen Frage und die
-damit verbundene Steigerung der historischen Glaubwürdigkeit der
-evangelischen Geschichtserzählung ist von grossem Gewicht für die neue
-Auffassung des Lebens Jesu.
-
-Diese Vereinfachung beruht aber nicht auf einer _=naiven
-Stellungnahme=_ den Berichten gegenüber, _=sondern sie ist
-herbeigeführt durch die Einsicht in die Gesetze, nach welchen die
-urchristliche Auffassung und Würdigung der Persönlichkeit Jesu die
-Darstellung seines Lebens und Wirkens bedingte=_. Gerade diese Frage
-ist bisher vielleicht zu wenig _=systematisch=_ behandelt worden.
-
-_=Einerseits=_ ist zwar gewiss, dass das Urchristentum auf die
-Darstellung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu _=von bedeutendem
-Einfluss gewesen=_. _=Andererseits=_ sind aber gerade wieder in dem
-Wesen des urchristlichen Glaubens alle Voraussetzungen gegeben, dass
-er die _=Grundzüge der öffentlichen Wirksamkeit Jesu nicht angetastet
-und vor allem keine »Thatsachen« im Leben Jesu »produziert«=_ hat. Denn
-das Urchristentum stand ja dem _=Leben Jesu als solchem indifferent
-gegenüber=_! Der urchristliche Glaube hatte an diesem irdischen Leben
-nicht das geringste Interesse, weil Jesu Messianität sich ja auf seine
-Auferstehung, nicht auf seine irdische Thätigkeit gründete und man
-dem kommenden Messias in Glorie _=entgegenblickte und dabei an dem
-Leben Jesu von Nazareth nur soweit Interesse nahm, als es mit den
-Herrenworten zusammenhing. Eine urchristliche Auffassung des Lebens
-Jesu gab es überhaupt nicht=_, und die Synoptiker enthalten auch
-nichts derartiges. Sie reihen die Erzählungen aus seiner öffentlichen
-Wirksamkeit aneinander, ohne den Versuch zu machen, sie in ihrer
-Aufeinanderfolge und in ihrem Zusammenhang begreiflich zu machen und
-uns die »Entwicklung« Jesu erkennen zu lassen. Als dann, mit dem
-Zurücktreten der Eschatologie, das Schwergewicht auf _=die irdische
-Erscheinung Jesu als des Messias=_ fiel und so zu einer _=Auffassung
-des Lebens Jesu=_ führte, da hatten die Berichte von der öffentlichen
-Thätigkeit Jesu schon eine zu _=feste Fassung=_ angenommen, als dass
-dieser Prozess sie hätte _=berühren können=_. Das _=vierte Evangelium=_
-bietet ein Geschichtsbild des Lebens Jesu, aber es steht _=neben der
-synoptischen Schilderung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu, wie die
-Chronik neben den Samuelis- und den Königsbüchern=_. Der Unterschied
-zwischen dem vierten Evangelium und den Synoptikern besteht gerade
-darin, dass das erstere ein »_=Leben Jesu=_« bietet, während die
-Synoptiker von seiner _=öffentlichen Wirksamkeit berichten=_.
-
-Der urchristliche Glaube hat die Darstellung der öffentlichen
-Wirksamkeit Jesu _=nach immanenten Gesetzen beeinflusst=_, gerade wie die
-deuteronomische Reform auf die Vorstellung von den Ereignissen während
-der Richter- und Königszeit eingewirkt hat. _=Es handelt sich um eine
-unbewusste, notwendige perspektivische Verschiebung.=_ Die neue Auffassung
-beruht auf der Berechnung dieser perspektivischen Verschiebung, _=wobei
-sich ergibt, dass der Einfluss des urchristlichen Gemeindeglaubens auf
-die synoptischen Berichte viel weniger tief geht als man bisher
-anzunehmen geneigt war=_.
-
- _=Strassburg=_, im August 1901.
-
-
-
-
-Inhaltsangabe des zweiten Heftes.
-
-
- Seite
-
- _=Vorrede zu einer neuen Auffassung des Lebens Jesu=_ V-IX
-
- _Erstes Kapitel_ 1-13
-
- =Der modern-historische Lösungsversuch.=
-
- 1. Darstellung 1- 3
-
- 2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen
- Lösungsversuchs 3
-
- 3. Die zwei kontrastierenden Epochen. (Erste Voraussetzung) 3- 6
-
- 4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung
- der synoptischen Leidensworte. (Zweite Voraussetzung) 6- 8
-
- 5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken.
- (Dritte Voraussetzung) 8-12
-
- 6. Die Form der Leidensoffenbarung. (Vierte Voraussetzung) 12
-
- 7. Zusammenfassung 12-13
-
-
- _Zweites Kapitel_ 13-18
-
- =Die »Entwicklung« Jesu.=
-
- 1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische
- Grösse 13-15
-
- 2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede 15-17
-
- 3. Die neue Auffassung 17-18
-
-
- _Drittes Kapitel_ 18-23
-
- =Die Predigt vom Reich Gottes.=
-
- 1. Die neue Sittlichkeit als Busse 18-20
-
- 2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik 21-23
-
-
- _Viertes Kapitel_ 24-32
-
- =Das Geheimnis des Reiches Gottes.=
-
- 1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes 24-26
-
- 2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk
- nach der Aussendung 26-27
-
- 3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der
- prophetischen und jüdischen Zukunftserwartungen 27-28
-
- 4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der
- glücklichen galiläischen Periode 29
-
- 5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus
- Jesu 29-30
-
- 6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum
- Gesetz und Staat 30-31
-
- 7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu 31-32
-
-
- _Fünftes Kapitel_ 32-34
-
- =Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.=
-
-
- _Sechstes Kapitel_ 34-52
-
- =Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen
- Wirksamkeit.=
-
- 1. Das Problem und die Thatsachen 34-38
-
- 2. Jesus der Elias durch die Solidarität mit dem Menschensohn 38-40
-
- 3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen 40-42
-
- 4. Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches
- Gottes 42-43
-
- 5. Jesus und der Täufer 43-44
-
- 6. Der Täufer und Jesus 44-48
-
- 7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in
- Jerusalem 49-52
-
- _Siebentes Kapitel_ 52-60
-
- =Nach der Aussendung. Litterarische und historische
- Probleme.=
-
- 1. Die Seereise nach der Aussendung 52-55
-
- 2. Das Abendmahl am See Genezareth 55-57
-
- 3. Die Woche zu Bethsaida 57-60
-
-
- _Achtes Kapitel_ 60-80
-
- =Das Messianitätsgeheimnis.=
-
- 1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi 60-63
-
- 2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu 63-65
-
- 3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der
- Messianität Jesu 66-71
-
- 4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der
- Messianität Jesu 72-79
-
- 5. Der Verrat des Judas -- die letzte Bekanntgebung des
- Messiasgeheimnisses 79-80
-
-
- _Neuntes Kapitel_ 81-98
-
- =Das Geheimnis des Leidensgedankens.=
-
- 1. Die vormessianische Drangsal 81-83
-
- 2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode 83-84
-
- 3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht 84-86
-
- 4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode 86-89
-
- 5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt 89-91
-
- 6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis 91-92
-
- 7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung
- der Perspektive 92-98
-
- _Zehntes Kapitel_ 98-109
-
- =Abriss des Lebens Jesu.=
-
- _=Nachwort=_ 109
-
-
-
-
- Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis,
- eine Skizze des Lebens Jesu.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Der modern-historische Lösungsversuch.
-
-
-1. Darstellung.
-
-Die synoptischen Stellen bieten keine Erklärung, wie der Leidensgedanke
-sich Jesu aufdrängte und was er für ihn bedeutete. Die apostolische
-Predigt in den Petrus- und Paulusreden betrachtet das Leiden unter dem
-Gesichtspunkt der göttlichen Notwendigkeit, welche in der Schrift
-geweissagt ist. Auch die paulinische Theorie hat nichts mit der
-Geschichte zu thun.
-
-Was also im Zusammenhang mit einer geschichtlichen Auffassung des Lebens
-Jesu über den Leidensgedanken ausgeführt wird, ist nicht von der
-Geschichte direkt dargeboten, sondern aus ihr erschlossen. Es handelt
-sich immer nur um eine notwendige und unvermeidliche _=historische
-Konstruktion=_, deren Richtigkeit in dem Masse feststeht, als sie Ordnung
-und Klarheit in die synoptischen Notizen bringt.
-
-Sämtliche Konstruktionen mit ausgesprochen historischem Interesse
-begegnen sich in einem Lösungsversuch, den wir als den
-historisch-modernen bezeichnen. Historisch daran ist das Interesse,
-Geschichte zu erklären, modern die psychologische Nachempfindung, mit
-deren Hülfe nachgewiesen wird, wie unter dem Einfluss bestimmter
-Erlebnisse der Leidensgedanke sich Jesu aufdrängte und von ihm religiös
-gewertet wurde. Die Grundgedanken dieses Lösungsversuchs sind folgende.
-
-Es konnte sich für Jesus nicht um Beschaffung der Sündenvergebung
-handeln. Er setzte sie schon voraus; wie die Bitte des Vaterunsers
-zeigt, floss sie ja aus der verzeihenden Vaterliebe Gottes. Nun erinnert
-der Gedanke der Sühne (Mk 10 _-45-_) an die paulinische Sühnetheorie mit
-ihrem juridischen Charakter. Diese bezieht sich allerdings auf die
-Sündenvergebung. Es ist daher anzunehmen, dass, wie der Gedanke der
-Sündenvergebung, so auch die juridische Sühnevorstellung Jesu fremd war,
-da sie in seiner ganzen Lehrweise nicht vorgesehen ist. Die Aussprüche
-über die Wertung seines Leidens sind also in der überlieferten Form
-irgendwie von paulinischen Gedanken beeinflusst.
-
-Bringt man diese Beeinflussung in Anschlag, so enthält der historische
-Ausspruch (Mk 10 _-45-_) den Gedanken der dienenden Dahingabe in der
-höchsten Potenz. Wir stehen auf der Grenze, wo der gesteigerte Begriff
-des Dienens zum Begriff der Sühne führt. Der Wert dieser Dahingabe für
-die andern besteht darin, dass das von Jesus übernommene Todesleiden
-gleichsam der Inauguralakt ist, durch welchen die neue Sittlichkeit des
-Gottesreiches und damit der neue Zustand selbst verwirklicht wird. Diese
-That ist das wirksame Anfangsglied in einer Kette von Umgestaltungen,
-deren übernatürlichen Abschluss seine »Wiederkunft« in Herrlichkeit
-bildet, wo der Neue Bund, den er mit seinem Blute besiegelt hat, durch
-ihn sich vollendet.
-
-Damit ist auch gegeben, wie der Leidensentschluss sich einstellen konnte
-und musste. Jesu Amt galt der Verwirklichung des Gottesreiches. Dies
-hatte er zunächst in kleinen Grenzen während seiner galiläischen
-Wirksamkeit unternommen. Durch seine Predigt von der neuen Sittlichkeit
-auf Grund des Glaubens an den göttlichen Vater und unter dem Eindruck
-der Kraft, die von ihm ausging, entwickelten sich die Anfänge dieses
-Reiches. Es war eine glückliche, erfolgreiche Zeit: »der _=galiläische
-Frühling=_,« wie sie KEIM genannt hat. Den Höhepunkt dieser Periode
-bildete die Aussendung der Jünger. Durch ihre Predigt sollte die
-herrliche Saat allenthalben ausgestreut werden. Als sie ihm bei der
-Rückkehr ihre Erfolge kund thaten, brach er in den Jubelruf aus, der den
-Sieg für schon gegenwärtig hielt (Mt 11 _-25-27-_).
-
-Dann kam die Zeit des Niedergangs. Von Jerusalem aus wurde der
-Widerstand insceniert (Mk 7 _-1-_). Früher hob ihn die Zuneigung
-des Volks über die Reibereien mit den Behörden hinweg. Jetzt aber,
-da die Sache planmässig betrieben wurde, fielen auch seine Anhänger
-von ihm ab. Es war verhängnisvoll, dass in der Diskussion über die
-Reinigkeitsgebote der Widerspruch mit der gesetzlichen Ueberlieferung
-zu Tage trat (Mk 7 _-1-23-_). Ehe der Frühling wieder ins Land kam,
-hatte er Galiläa verlassen müssen. Hoch im Norden, in der Stille und
-in der Einsamkeit sammelte er sich, um mit sich selbst ins Klare zu
-kommen.
-
-Für die Verwirklichung des Reichs stand ihm nur noch ein Weg offen: der
-Kampf mit der Macht, welche sich seinem Werk entgegensetzte. Er war
-entschlossen, ihn in die Hauptstadt selbst hineinzutragen. Dort sollte
-sich das Schicksal entscheiden. Vielleicht fiel ihm der Sieg zu. Aber,
-wenn auch in der Reihe des irdischen Geschehens das Todesschicksal
-unentrinnbar seiner wartete: sobald er den Weg betrat, den sein Amt ihm
-wies, so bedeutete dieses Todesleiden in der Veranstaltung Gottes die
-Leistung, durch welche sein Werk gekrönt wurde. Es war dann Gottes
-Wille, dass der Zustand des Gottesreiches durch die höchste sittliche
-That des Messias inauguriert wurde. Mit diesem Gedanken zog er nach
-Jerusalem -- um Messias zu bleiben.
-
-
-2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen Lösungsversuchs.
-
-1. Das Leben Jesu zerfällt in zwei kontrastierende Epochen. Die erste
-war glücklich, die zweite brachte Enttäuschungen und Misserfolge.
-
-2. Die Form des synoptischen Leidensgedankens in Mk 10 _-45-_ (seine
-Dahingabe eine Sühne für viele) und in dem Abendmahlswort Mk 14
-_-24-_ (sein Blut für viele dahin gegeben) ist irgendwie durch den
-paulinischen Sühnegedanken beeinflusst.
-
-3. Die Vorstellung des Reiches Gottes als der sich vollendenden
-sittlichen Gemeinschaft, in welcher das Dienen oberstes Gesetz ist,
-beherrschte den Leidensgedanken.
-
-4. War Jesu Leiden der Inauguralakt der neuen Sittlichkeit des
-Gottesreiches, so hing der Erfolg mit davon ab, dass die Jünger durch
-ihn angeleitet wurden, es so zu verstehen und danach zu handeln. Der
-Leidensgedanke war eine Reflexion.
-
-Sind diese Voraussetzungen, jede für sich genommen, richtig?
-
-
-=3. Die zwei kontrastierenden Epochen.= (Erste Voraussetzung.)
-
-Man datiert die Periode der Misserfolge von der Zeit nach der
-Aussendung. Welches sind die Ereignisse der angeblich glücklichen
-Epoche? Wir sehen ab von den unerquicklichen Diskussionen mit den
-Pharisäern über die Heilung des Paralytischen (Mk 2 _-1-12-_), über die
-Fastenfrage (Mk 2 _-18-22-_) und über die Sabbathaltung (Mk 2 _-23-_-3
-_-6-_). Schon Mk 3 _-6-_ ist es zu einem Todesanschlag gekommen.
-Von seiner Familie muss er sich lossagen, weil sie ihn als geistig
-unzurechnungsfähig mit Gewalt nach Hause zurückbringen wollen (Mk 3
-_-20-22-_, _-31-35-_). In Nazareth wird er verworfen (Mk 6 _-1-6-_).
-
-In dieselbe Zeit fällt ein Angriff, der ihn aufs tiefste erschüttert
-hat. Die Pharisäer diskreditieren ihn beim Volk, indem sie ihm
-vorwerfen, er stehe mit dem Teufel im Bund (Mk 3 _-22-30-_). Wie sehr ihn
-dieses Wort verwundet hat, ersieht man aus der Aussendungsrede. Er
-bereitet die Jünger auf ähnliche Verkennung vor. »Haben sie den
-Hausherrn Beelzebub geheissen, wie viel mehr seine Leute« (Mt 10 _-25-_).
-
-Das sind die bekannten Ereignisse »der erfolgreichen Periode«! Aber
-sie sind nichts im Vergleich zu denen, auf welche er in der Zeit
-der Aussendung anspielt. Preist er schon im allgemeinen diejenigen
-selig, die um seinetwillen geschmäht und verfolgt werden (Mt 5
-_-11-_ u. _-12-_), so stellt er jetzt den Jüngern Drangsal und Not
-in Aussicht (Mt 10 _-17-25-_). Zu ihm halten heisst Schmach erdulden
-(Mt 10 _-22-_), die zartesten Bande zerreissen (Mt 10 _-37-_) und
-sein Kreuz auf sich nehmen (Mt 10 _-38-_). Die galiläische Periode
-soll _=glücklich=_ gewesen sein; der Charakter der Aussendung ist
-_=pessimistisch=_. Wie passt das zusammen?
-
-Auch die Anspielungen, die er dem Volk gegenüber in jener Zeit thut,
-weisen auf schwere Katastrophen. Was muss in Chorazin, in Kapernaum und
-in Bethsaïda vorgefallen sein, dass er den Tag des Gerichts auf sie
-herabbeschwört, wo es Tyrus und Sidon noch erträglicher gehen wird als
-ihnen (Mt 11 _-20-24-_)!
-
-Weil dieser düstere Zug nicht in die glückliche galiläische Periode
-passen will, liegt der Versuch nahe, in den matthäischen Reden um die
-Zeit der Aussendung eine Komposition zu sehen, welche Stücke aus einer
-späteren Epoche enthält. Wo soll Jesus sie aber gesprochen haben? Nach
-der Flucht, als er im Norden weilte, hat er keine Reden gehalten, und
-die Aussprüche in den jerusalemitischen Tagen haben ihr eigentümliches
-Gepräge, so dass man nicht wüsste, wo Anspielungen auf galiläische
-Ereignisse oder Ermahnungen an die ausziehenden Jünger unterzubringen
-wären.
-
-Dazu kommt, dass von bedeutenden Erfolgen in jener ersten Zeit nichts
-berichtet ist. Diese beginnen erst mit der Aussendung der Jünger. Den
-grossen Augenblick ihrer Rückkehr feiert Jesus mit begeisterten Worten
-(Mt 11 _-25-27-_). Nun soll er in der Folge alles an die Pharisäer
-verloren haben und vom Volk verlassen worden sein! Von diesem Rückgang
-seiner Sache berichten aber die Texte nichts. Die Diskussion über
-die Reinigkeitsvorschriften (Mk 7 _-1-23-_) leistet nicht, was man
-von ihr verlangt. Jesus war früher mit den Hauptstadttheologen schon
-viel heftiger zusammengestossen (Mk 3 _-22-30-_). In der Frage der
-Reinigkeitsgebote ist er gar nicht der Ueberwundene.
-
-Man hat die Niederlage daraus erschliessen wollen, dass die »Flucht«
-nach dem Norden auf diese Scene folgt (Mk 7 _-24-_ ff.) Aber die
-Berichte stellen diesen Aufbruch gar nicht als _=Flucht=_ dar;
-ebensowenig _=begründen=_ sie diese Nordreise aus dem Resultat
-des vorhergehenden Streitgesprächs, sondern _=wir=_ tragen in die
-berichtete chronologische Folge einen fiktiven kausalen Charakter ein.
-Wenn Jesus also kurz vorher von der Volksgunst getragen ist und nun
-das Gebiet verlässt, so bleibt dieses Faktum nach den Texten vorläufig
-unerklärt. Dass es eine Flucht war, ist eine unerweisbare Mutmassung.
-
-Es sei kein Gewicht darauf gelegt, dass er in der Folge noch zweimal
-von einer grossen Volksmenge umgeben erscheint (Mk 8 _-1-9-_,
-Speisung der 4000 und Mk 8 _-34-_ ff., in den Scenen vor und nach
-der Verklärungsgeschichte). Dieses Faktum könnte vielleicht in einer
-litterarischen Einarbeitung der betreffenden Berichte begründet sein,
-was z. B. für die Doublette zur Speisungsgeschichte als erwiesen gelten
-darf.
-
-Massgebend ist aber der Empfang, den die Festkarawane Jesu bereitet,
-als er sie vor Jericho einholt. Diese Ovation gilt nicht dem Mann, der
-Land und Leute an die Pharisäer verlor und zuletzt fliehen musste,
-sondern dem aus der Verborgenheit wieder aufgetauchten gefeierten
-Propheten. Wenn diese jubelnden galiläischen Volksmassen es ihm
-jetzt ermöglichen, in der Hauptstadt die Behörde mehrere Tage zu
-terrorisieren -- denn etwas anderes ist die Tempelreinigung nicht
-gewesen -- und die Schriftgelehrten mit herber Ironie blosszustellen,
-haben sie es für den Mann gethan, der einige Wochen vorher diesen
-Theologen im eigenen Land weichen musste?
-
-Will man also von einer Periode der Erfolge reden, so muss man die
-_=zweite=_ als eine solche bezeichnen. Denn überall, wo Jesus nach der
-Rückkehr der Jünger in der Oeffentlichkeit erscheint, ist er von einer
-ihm ergebenen Menge begleitet: in Galiläa, vom Jordan nach Jerusalem
-und in der Hauptstadt selbst. Das murrende Judenvolk ist eine Erfindung
-des vierten Evangelisten. Zudem zeigt der Gewaltstreich der heimlichen
-Gefangennahme und die hastige Verurteilung, was der hohe Rat von dieser
-Volksbewegung zu Gunsten Jesu befürchtete. Das war der einzige
-»Misserfolg« in der zweiten Periode. Freilich war er verhängnisvoll.
-
-Die erfolgreiche erste galiläische Periode ist also in Wirklichkeit
-die Zeit der Demütigungen und der Misserfolge. Ein Doppeltes führte
-dazu, sie trotzdem als die »glückliche« aufzufassen. Zunächst ist
-darin ein _=ästhetischer Faktor=_ enthalten, der gerade bei KEIM stark
-hervortritt. Eine Reihe der Natur entnommener Gleichnisse, sowie die
-wundervolle Rede gegen weltliche Sorge Mt 6 _-25-34-_ scheinen nicht
-anders begreiflich, als dass hoffnungsvoller Frohsinn in der Natur sich
-selbst wiederfindet.
-
-Dazu kommt als zweites ein _=historisches Postulat=_. In der ersten
-Periode findet sich keine Spur vom Leidensgedanken; die zweite wird
-durch ihn beherrscht. Also war die erste erfolgreich, die zweite
-unglücklich, da anders der Umschwung psychologisch und historisch nicht
-begreiflich ist.
-
-Die historischen Thatsachen reden anders. In der wirklichen Periode der
-Misserfolge tritt der Leidensentschluss nicht zu Tage. Dagegen eröffnet
-er seinen Jüngern in der erfolgreichen zweiten Periode, dass er durch
-die Schriftgelehrten sterben müsse. _=Das Verhältnis ist also gerade
-umgekehrt.=_ Damit steht die modern-historische Psychologie vor einem
-Rätsel.
-
-
-=4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung der
-synoptischen Leidensworte.= (Zweite Voraussetzung.)
-
-Es lässt sich kein Beweis führen, dass die synoptischen Leidensstellen
-durch paulinische Gedanken beeinflusst sind. Auch hier handelt es sich
-um eine Art Postulat, denn wenn es nicht gelingt, den juridischen
-Charakter von Mk 10 _-45-_ und Mk 14 _-24-_ auf Rechnung des paulinischen
-Mediums zu setzen, so muss man annehmen, dass Jesu Leidensgedanke selbst
-diese schroffe Sühnevorstellung enthalten habe. Darauf ist aber der
-modern-historische Lösungsversuch nicht eingerichtet.
-
-Nun lässt sich aber beweisen, dass kein paulinischer Einfluss vorliegen
-kann! Nach Paulus sagt Jesus beim Abendmahl: Mein Leib _=für euch=_ (I
-Kor 11 _-24-_). Dementsprechend heisst es auch Lk 22 _-19-_ u. _-20-_:
-Mein Leib, der _=für euch=_ gegeben wird, das Blut, das _=für euch=_
-vergossen wird. Die beiden älteren Synoptiker schreiben dafür immer:
-_=für viele=_. Mk 10 _-45-_ = Mt 20 _-28-_: zu geben sein Leben zur
-Sühne _=für viele=_. Mk 14 _-24-_ = Mt 26 _-28-_: mein Blut des Bundes,
-das vergossen wird _=für viele=_. Das eine Mal ist also das Publikum,
-welchem das Leiden zu gute kommt, genau bestimmt: es sind die Jünger.
-Das andere Mal handelt es sich um eine unbestimmte Mehrheit.
-
-Mit dem Argument, dass es sachlich auf dasselbe hinauskomme, ist
-nichts gethan. Warum redete Jesus bei den älteren Synoptikern von
-den _=Vielen=_, bei Paulus von den _=Seinen=_? Die einzige Erklärung
-liegt darin, _=dass Paulus von dem Standpunkt der Gemeinde nach dem
-Tode Jesu schreibt=_. Danach kommt die Heilswirkung des Todes Jesu
-einer bestimmten Gemeinschaft zu gute, nämlich denen, die an ihn
-glauben. Die Jünger repräsentieren diese gläubige Gemeinschaft in den
-geschichtlichen Aussprüchen Jesu, weil man es sich vom Standpunkt der
-messiasgläubigen Gemeinde aus nicht anders vorstellen konnte, als dass
-Jesus mit den Worten über sein Leiden die Gläubigen gemeint habe.
-
-Das altsynoptische »_=für viele=_« ist aber vom _=historischen
-Standpunkt=_ aus gesprochen, wo Jesus noch nicht den Glauben an
-seine Messianität verlangt und wo deshalb die Mehrheit, denen sein
-Tod zu gute kommen soll, unbestimmt gelassen ist. Nur eines ist ihm
-gewiss, dass sie grösser ist als der Jüngerkreis; darum sagt er »_=für
-viele=_«. Hätte er gesagt »_=für euch=_« wie Paulus ihm zumutet, so
-hätten die Jünger daraus schliessen müssen, er sterbe für sie allein,
-da sie sich damals nicht, wie es Paulus und der Gemeinde geläufig war,
-als Repräsentanten einer zukünftigen messiasgläubigen Gemeinschaft
-fühlen konnten.
-
-Ist aber dieses »_=für viele=_« stehen geblieben, trotzdem Paulus aus
-der Gemeindevorstellung heraus es instinktiv durch »_=für euch=_«
-ersetzen muss, obwohl er dadurch ein historisch unmögliches Wort
-schafft: so ist man nicht berechtigt, in der überlieferten Form des
-altsynoptischen Leidensgedankens irgendwie paulinische Beeinflussung
-anzunehmen. Die schroffe Sühnetheorie bei den Synoptikern ist also
-historisch. Eine Abschwächung, wie sie der modern-historische
-Lösungsversuch voraussetzen muss, ist unberechtigt.
-
-Nun stellt sich die Aufgabe, in der Deutung der Aussprüche Jesu gerade
-dem »_=für viele=_« gerecht zu werden. Weil sie dies nicht gethan haben,
-sind alle Darlegungen über die Bedeutung des Todes Jesu, von Paulus bis
-RITSCHL, unhistorisch. Man setze statt der gläubigen Gemeinschaft, mit
-der sie operieren, die unbestimmte und unqualifizierte Mehrheit des
-historischen Wortes ein, dann werden ihre Ausführungen einfach sinnlos.
-Historisch ist allein diejenige Deutung, welche begreiflich macht, warum
-nach Jesus die durch seinen Tod gewirkte Sühne einer mit Absicht
-unbestimmt gelassenen Mehrheit zu gute kommen soll.
-
-
-=5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken.= (Dritte
-Voraussetzung.)
-
-
-a) Mk 10 _-41-45-_. Das Dienen als das sittliche Verhalten in Erwartung
-des kommenden Reiches.
-
-Die Zebedaiden hatten beansprucht, zu Seiten des Herrn zu sitzen in
-seiner Herrlichkeit, d. h. wenn er als Messias von seinem Thron aus
-regieren würde. Darüber sind die andern unwillig. Jesus ruft sie
-zusammen und redet ihnen vom Dienen und Herrschen in Bezug auf das
-Gottesreich.
-
-In diesem Ausspruch findet man nun gewöhnlich den ethischen Begriff des
-Reiches Gottes. Eine Umwertung aller Werte soll erfolgen. Der Grösste
-im Himmelreich ist der, welcher klein wird als ein Kind (Mt 18 _-4-_),
-und Herrscher ist, wer dient. Selbsterniedrigung und dahingebendes
-Dienen, das ist die neue Sittlichkeit des Gottesreiches, welche durch
-Jesu dienendes Todesleiden in Kraft tritt.
-
-Dabei vergessen wir aber, dass das Reich, in dem man herrscht,
-als etwas Zukünftiges gedacht ist, während das Dienen auf die
-Gegenwart geht! In unserer ethischen Betrachtungsweise fallen
-Dienen und Herrschen zeitlich und logisch zusammen. Bei Jesus aber
-handelt es sich gar nicht um eine rein ethische Vertauschung der
-Begriffe Dienen-Herrschen, sondern dieser Gegensatz verläuft in
-einer _=zeitlichen Folge=_. Scharf hebt sich der gegenwärtige von
-dem zukünftigen Aeon ab. Wer im Reich Gottes einmal zu den Grössten
-gehören will, der muss _=jetzt=_ sein als ein Kind! Wer auf eine
-Herrscherstellung darin Anwartschaft erhebt, der muss _=jetzt=_ dienen!
-Je tiefer sich _=jetzt=_ einer unter die andern beugt in der Zeit, wo
-die irdischen Herrscher sich mit Gewalt im Regiment erhalten, desto
-höher wird seine Herrschaft sein, wenn die irdische Gewalt aufhört und
-das Reich Gottes anbricht. Darum muss derjenige sich im Todesleiden
-erniedrigen, welcher als Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen
-wird zum Richten und Herrschen. Ehe er seinen Thron besteigt, trinkt
-er den Leidensbecher, von dem auch die kosten müssen, die mit ihm
-herrschen wollen!
-
-Sowie man dieses »_=jetzt und dann=_« in Jesu Rede beachtet, tritt an die
-Stelle des abgeblassten Satzparallelismus eine wirkungsvolle Steigerung.
-Den absteigenden Rangstufen des Dienens entsprechen die aufsteigenden
-des Herrschens.
-
- 1. Wer gross sein will _=unter euch=_, der sei _=euer=_ Diener
- (V. _-43-_).
-
- 2. Wer _-von euch-_ der erste sein will, der sei _=aller (andern)=_
- Diener (V. _-44-_).
-
- 3. Darum wartet des Menschensohns die höchste Herrscherstellung,
- weil er nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu
- dienen, indem er sein Leben als Sühne für _=die Vielheit=_
- dahingibt (V. _-45-_).
-
-Die Steigerung ist eine doppelte. Das Dienen der Jünger erstreckt
-sich nur auf _=ihren=_ Kreis, das Dienen Jesu auf eine unbeschränkte
-Mehrheit, nämlich auf alle die, welchen sein Todesleiden zu gute
-kommen soll. Bei den Jüngern handelt es sich nur um eine selbstlose
-_=Unterwerfung=_, bei Jesus um das _=bittere Todesleiden=_. Beides ist
-ein Dienen, insofern damit die Anwartschaft auf eine Herrscherstellung
-im Reich verbunden ist.
-
-Die gewöhnliche Erklärung wird nicht dem altsynoptischen, sondern
-nur dem lukanischen Texte gerecht (Lk 22 _-24-27-_). Dieser hat die
-Erzählung aus dem Zusammenhang herausgerissen, so dass es sich um einen
-Streit der Jünger beim letzten Mahl handelt, wer von ihnen »für den
-Grössten zu halten sei.«
-
-Damit ist das »_=jetzt und dann=_« aus der Situation ausgeschieden
-und es handelt sich nur um eine rein ethische Verkehrung der Begriffe
-Herrschen und Dienen. Jesu Rede verläuft dementsprechend auch in
-einem unlebendigen Parallelismus. Der Grösste unter euch sei wie der
-Jüngste, und der Vorsteher wie der, der aufwartet (Lk 22 _-26-_). Statt
-aus seiner Dahingabe in den Tod für die grosse Allgemeinheit auf das
-Verhalten derer, die mit herrschen wollen, zu exemplifizieren, redet
-er nur von seinem dienstbaren Wesen den Jüngern gegenüber: Ich aber
-bin in eurer Mitte, wie der, der aufwartet (Lk 22 _-27-_). Damit meint
-er ein Dienen, das zugleich Herrschen ist. Bei den beiden älteren
-Synoptikern handelt es sich aber gar nicht um die Proklamierung der
-neuen Sittlichkeit des Gottesreiches, wo Dienen Herrschen ist, sondern
-um die Bedeutung der Selbsterniedrigung und des Dienens in _=Erwartung
-des Gottesreiches=_. Dienen ist das Grundgesetz der _=Interimsethik=_.
-
-Dieser Gedanke ist viel tiefer und lebendiger als das moderne Spiel
-mit Worten, welches wir dem Herrn zumuten. Nur durch Erniedrigung und
-Kindessinn in diesem Aeon wird man würdig bereitet, im Reich Gottes zu
-herrschen. Nur wer durch Leiden hier sittlich geläutert und geadelt
-ist, kann dort gross sein. Darum ist das Leiden für Jesus der sittliche
-Erwerb und die sittliche Bewährung für die messianische Herrschaft, die
-ihm bestimmt ist.
-
-Irdisches Herrschen, weil es auf Gewaltthat beruht, ist Ausfluss der
-widergöttlichen Macht. Das Herrschen im Reich Gottes, wo die Weltmacht
-vernichtet ist, bedeutet Ausfluss der göttlichen Macht sein. Träger
-derselben kann nur der werden, welcher sich von irdischem Herrschen rein
-erhalten hat. Sie zu vergeben an die, welche durch Leiden sich bereitet
-haben, ist allein Gottes Sache (Mk 10 _-39-_ u. _-40-_).
-
-Ist aber Dienen nicht die Sittlichkeit des Gottesreiches, so operiert
-Jesu Leidensvorstellung auch nicht mit dem darauf beruhenden Begriff des
-Gottesreichs als der sich vollendenden ethischen Gemeinschaft, sondern
-mit einer übersittlichen Grösse, nämlich mit der eschatologischen
-Reichsvorstellung.
-
-
-b) Der Leidensgedanke und die eschatologische Erwartung.
-
-Die Untersuchung der Abendmahlsberichte ergab einen engen Zusammenhang
-zwischen dem eschatologischen Schlusswort und dem Ausspruch vom
-vergossenen Blut. Die übrigen Stellen über das Leiden führen auf eine
-ähnliche Verbindung.
-
-Nachdem Jesus mit seinem »ja« sich selbst das Todesurteil gesprochen,
-redet er von seiner »Wiederkunft« auf den Wolken des Himmels. Dabei
-denkt er, dem Markustext zufolge, beide Geschehnisse in einem Gedanken.
-Mk 14 _-62-_: Ich bin es _-und-_ ihr werdet den Menschensohn sitzen
-sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels.
-Dieser logische Zusammenhang ist, wie für das Kelchwort, bei Matthäus
-schon erweicht, indem er an die Stelle des »_=und=_« die rein zeitliche
-Folge setzt. Mt 26 _-64-_: Du sagst es. _=Doch=_ ich sage euch, _=von
-nun an=_ werdet etc. Bei Lukas fehlt der eschatologische Hinweis; er
-hat ihn auch beim Kelchwort ausfallen lassen.
-
-Eine enge Verbindung zwischen dem Leidensgedanken und der Eschatologie
-setzt auch das Gespräch über den Leidensweg der Nachfolger voraus (Mk 8
-_-34-_-9 _-1-_). Wer sich Jesu schämt, wenn er Schmähung und Verfolgung
-in der ehebrecherischen und sündigen Welt erduldet, dessen wird sich
-auch der Menschensohn schämen, wenn er in der Herrlichkeit seines
-Vaters mit den heiligen Engeln kommt. Denn dieses Geschlecht wird nicht
-in den Tod sinken, bis sie sehen das Reich Gottes kommend in Macht!
-
-Dieser Zusammenhang muss für die Hörer stark hervorgetreten sein. Nach
-dem Aufbruch von Cäsarea Philippi, unter dem Eindruck des
-Leidensgeheimnisses, das ihren Sinn mit Trauer und Angst erfüllt (Mk 9
-_-30-32-_) -- streiten sich die Jünger darum, wer den höchsten Platz im
-Reich einnehmen wird. Im Hause zu Kapernaum muss Jesus sie darüber
-zurechtweisen (Mk 9 _-33-37-_). Das war, nachdem er zum zweitenmal von
-seinem Leiden gesprochen hatte.
-
-Auf dem Weg nach Jerusalem wiederholt sich derselbe Auftritt im engsten
-Anschluss an die dritte Leidensweissagung (Mk 10 _-32-41-_). Die
-Zebedaiden erheben ihre Ansprüche auf die Thronplätze. Es handelt sich
-hier gar nicht um kindischen Missverstand der Anhänger, denn Jesus
-geht ja ganz ernsthaft auf ihren Gedanken ein. Die eschatologische
-Erwartung muss also für die Jünger in dem Leidenswort Jesu so stark zur
-Geltung gekommen sein, dass sie sich notwendig Gedanken machen über die
-Stellung, welche sie im zukünftigen Reich einnehmen werden.
-
-Der modern-historische Erklärungsversuch eliminiert den
-eschatologischen Begriff des Reiches Gottes aus dem Leidensgedanken,
-indem er ihn auf die apotheosenhafte Vorstellung von der
-»_=Wiederkunft=_« reduziert. Dieser Ausdruck ist vollständig falsch.
-Jesus hat nie von seiner »_=Wiederkunft=_«, sondern nur von seiner
-_=Ankunft=_ oder der _=Zukunft=_ des Menschensohnes geredet. Wir
-gebrauchen den Ausdruck »Wiederkunft«, weil wir Tod und Herrlichkeit
-durch Kontrast verbinden, als bezöge sich der neue Zustand nur auf
-eine sieghafte Verklärung Jesu. Unsere Auffassung lässt ihn sagen:
-»Ich werde sterben, _=aber=_ ich werde durch meine _=Wiederkunft=_
-verherrlicht werden«. Thatsächlich hat er aber gesagt: »Ich muss leiden
-_=und=_ der Menschensohn wird auf den Wolken des Himmels erscheinen.«
-Das bedeutet aber für seine Zuhörer viel mehr als eine Apotheose --
-denn mit der Erscheinung des Menschensohnes brach das eschatologische
-Reich an. Jesus setzt also seinen Tod mit dem eschatologischen
-Anbruch des Reichs in einen zeitlich-ursächlichen Zusammenhang. Der
-_=eschatologische=_ Reichsbegriff, nicht der _=modern-ethische=_,
-beherrscht seinen Leidensgedanken.
-
-
-=6. Die Form der Leidensoffenbarung.= (Vierte Voraussetzung.)
-
-Bestände die Auffassung des modern-historischen Lösungsversuchs zu
-Recht, so hätte Jesus den Jüngern den Leidensgedanken in der Form einer
-ethischen _=Reflexion=_ mitteilen müssen. Sollten sie die eintretende
-Katastrophe als Inauguralakt der neuen Sittlichkeit begreifen und daraus
-eine Erneuerung ihres sittlichen Handelns ableiten, dann musste er sie
-mit diesem Charakter des Ereignisses von vornherein, zugleich mit der
-Ankündigung desselben, bekannt machen.
-
-Nun hat er ihnen aber den Leidensgedanken nicht in der Form einer
-_=ethischen Reflexion=_, sondern als ein _=Geheimnis=_ ohne weitere
-Erklärung mitgeteilt. Es wird beherrscht von dem »müssen«, dem Ausdruck
-der unbegreiflichen göttlichen Notwendigkeit. Dass der Leidensgedanke
-ein Leidensgeheimnis war, das steht dem modern-historischen
-Lösungsversuch entgegen.
-
-
-7. Zusammenfassung.
-
- 1. Die Annahme einer glücklichen galiläischen Periode, auf welche
- dann die Zeit des Niedergangs folgt, ist historisch nicht haltbar.
-
- 2. Paulinischer Einfluss kann die Fassung der altsynoptischen
- Leidensaussprüche nicht bedingt haben.
-
- 3. Nicht der ethische, sondern der überethische, eschatologische
- Reichsgedanke beherrscht die Leidensvorstellung Jesu.
-
- 4. Die Aussprache des Leidensgedankens geschah nicht in der Form
- einer ethischen Betrachtung, sondern es handelt sich um ein
- unbegreifliches Geheimnis, das die Jünger gar nicht zu verstehen
- brauchten und auch nicht verstanden haben.
-
-So steht es um die vier Grundpfeiler des modern-historischen
-Lösungsversuchs. Mit ihnen stürzt der ganze Bau zusammen. Es ist doch
-nur ein unlebendiger Gedanke! Das Modern-Kraftlose zeigt sich darin,
-dass man es dabei über eine Art repräsentativer Bedeutung des Todes Jesu
-nicht hinausbringt. Jesus beschafft durch seine Dahingabe nichts
-schlechthin Neues, weil er ja das Reich Gottes als Sündenvergebung oder
-als die sich sittlich vollendende Gemeinschaft während seiner ganzen
-öffentlichen Wirksamkeit als schon vorhanden voraussetzt. Es ist mit
-seinem Auftreten selbst gegeben. Eine geleistete Sühne verlangt aber
-eine _=effektive=_ Bedeutung des Todes.
-
-Darin besteht auch die Schwäche der modernen Dogmatik gegenüber der
-alten. Paulus, Anselm und Luther wissen um einen absolut neuen Zustand,
-der zeitlich und kausal aus Jesu Tod resultiert. Die moderne Dogmatik
-redet darum herum; aber sie weiss nichts anzugeben, sondern hüllt sich
-in die Wolke ihrer eigenen Voraussetzungen. Unhistorisch sind sie zwar
-beide. Religiös berechtigt ist allein die moderne. Die alte Dogmatik ist
-aber hier historischer, denn sie postuliert doch eine effektive Wirkung
-des Todes Jesu, wie es die synoptischen Stellen verlangen.
-
-Worin besteht aber dort die schlechthin neue Grösse, welche an den Tod
-gebunden ist? Die synoptischen Sprüche geben darauf nur _=eine=_ Antwort:
-_=die eschatologische Realisierung des Reiches=_! Von der Sühne, die Jesus
-leistet, hängt das Kommen des Reiches Gottes in Macht ab. Das ist der
-Grundzug des Leidensgeheimnisses.
-
-Wie ist dies zu verstehen? Nur die Geschichte Jesu kann darüber
-Aufschluss geben. _=An die Stelle des modern-historischen tritt nun der
-eschatologisch-historische Lösungsversuch.=_
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Die Entwicklung Jesu.
-
-
-1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische Grösse.
-
-Das Zusammensein einer ethischen und einer eschatologischen
-Gedankenreihe bei Jesus bildete von jeher eines der schwersten Probleme
-der neutestamentlichen Wissenschaft. Wie können sich in _=einem=_ Denken
-zwei so verschiedene, in manchem diametral entgegengesetzte
-Weltanschauungen vereinigen?
-
-Man hat das Problem zu umgehen gesucht, in dem richtigen Gefühl, dass
-beide unvereinbar sind. Kritische Geister wie T. COLANI (Jésus-Christ et
-les croyances messianiques de son temps 1864, S. 94 ff., 169 ff.) und G.
-VOLKMAR (Die Evangelien 1870, S. 530 ff.) kamen dazu, die Eschatologie
-überhaupt aus Jesu Vorstellungskreis zu _=eliminieren=_. Danach wären alle
-derartigen Aussprüche auf Kosten der eschatologischen Erwartung der
-späteren Zeit zu setzen. Dieses Verfahren scheitert an der
-Hartnäckigkeit der Texte; gerade die eschatologischen Worte gehören zu
-den bestbezeugten Partien. Ihre Ausscheidung bedeutet einen Gewaltakt.
-
-Nicht besser steht es mit dem Versuch der Umgehung des Problems durch
-_=Sublimierung=_ der Eschatologie, als hätte Jesus die realistischen
-Vorstellungen seiner Zeit ins Geistige übersetzt, indem er sie im Bilde
-anwandte. Auf diesem Gedanken beruht die Studie von ERICH HAUPT (Die
-eschatologischen Aussagen Jesu in den synoptischen Evangelien. 1895).
-Nichts berechtigt uns aber anzunehmen, Jesus habe seine Worte in einem
-uneigentlichen Sinn gemeint, während seine Zuhörer sie aus der
-zeitgenössischen Vorstellung heraus realistisch auffassen mussten. Für
-ein solches Unternehmen fehlt nicht nur jede prinzipielle Erklärung,
-sondern auch die leiseste Andeutung seinerseits.
-
-So bleibt also das Problem, wie das Nebeneinander zweier
-Weltanschauungen zu erklären sei, in voller Schärfe bestehen. Die
-einzige Lösung scheint in der Annahme einer zeitlichen Entwicklung zu
-liegen. Jesu Weltanschauung sei anfangs rein ethisch gewesen. Er habe
-die Realisierung des Reiches Gottes von der Ausdehnung und Vollendung
-der sittlich-religiösen Gemeinschaft erwartet, die er zu gründen
-unternahm. Als aber der Widerstand der Weltmacht die organische
-Vollendung des Reiches in Frage stellte, habe sich die eschatologische
-Vorstellung ihm aufgedrängt. Durch die Ereignisse sei er dazu gekommen,
-die Vollendung des religiös-ethischen Ideals, welche er bisher an den
-Endpunkt einer durch sittliches Wirken fortschreitenden Entwicklung
-verlegte, nunmehr von einer kosmischen Katastrophe zu erwarten, in
-welcher die Allmacht Gottes das zum Abschluss bringen sollte, was er
-unternommen hatte.
-
-Es soll also ein Umschwung in Jesu Gedanken stattgefunden haben. Aber
-die zeitliche Auseinanderziehung des Gegensatzes verschleiert das
-Problem nur, ohne es zu lösen. Die Aufnahme des eschatologischen
-Gedankens, wenn sie in dieser Weise vorstellig gemacht werden soll,
-bedeutet nichts anderes, als den totalen Bruch mit der Vergangenheit,
-wobei jede Entwicklung aufhört. Denn, wenn man mit dem eschatologischen
-Gedanken Ernst macht, hebt er die ethischen Gedankenreihen auf. Er
-verträgt keine nebensächliche Stellung. Zu dieser Kraftlosigkeit kam er
-erst in der christlichen Dogmatik, durch die geschichtliche Erfahrung.
-Jesus aber hat entweder eschatologisch oder uneschatologisch gedacht,
-aber nicht beides zugleich oder so, dass das Eschatologische ergänzend
-zum Uneschatologischen hinzutrat.
-
-Nun ist nachgewiesen, dass in dem Leidensgedanken nur der
-eschatologische Begriff vom Reich Gottes zur Geltung kommt. Ebenso ist
-die Annahme einer Periode der Misserfolge nach der Aussendung historisch
-nicht berechtigt. Diese bildet aber die unumgängliche Voraussetzung
-jeder in Jesu anzunehmenden Entwicklung. Also kann der eschatologische
-Gedanke sich Jesu nicht durch äussere Erlebnisse aufgezwungen haben,
-_=sondern er muss von Anfang an=_, auch in der ersten galiläischen Periode
-_=seiner Predigt zu Grunde gelegen haben=_!
-
-
-2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede.
-
-»Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen« (Mt 10 _-7-_) -- dieses
-Wort, das Jesus den Jüngern zu verkündigen aufträgt, fasst seine ganze
-bisherige Predigt zusammen. Sie sollen sie nun hinaustragen in die
-Städte Israels. In welchem Sinn diese Ankündigung gemeint ist, darüber
-gibt die Aussendungsrede keinen Aufschluss.
-
-Ist die gewöhnliche Auffassung von der Bedeutung jener Entsendung der
-Jünger richtig, so bieten die Worte, mit denen er sie entlässt, ein
-merkwürdiges Rätsel dar. In hoffnungsvoller Schaffensfreude geht er
-daran, den Kreis seiner auf die Gründung des Gottesreiches gerichteten
-Thätigkeit weiter zu ziehen. Die Aussendungsrede sollte also Belehrungen
-für die missionierende Thätigkeit der Jünger in diesem Sinn enthalten.
-Man müsste nun erwarten, dass er sie anleitet, wie sie über das neue
-Verhältnis zu Gott und über die neue Sittlichkeit des Gottesreiches
-predigen sollen.
-
-Die Aussendungsrede ist aber alles andere eher als eine Zusammenfassung
-der »Lehre Jesu«. An eine tiefer eindringende Unterweisung ist gar nicht
-gedacht, sondern es handelt sich um eine fliegende Verkündigung durch
-Israel mit dem einzigen Lehrauftrag, den Ruf von der Nähe des
-Gottesreiches überall ertönen zu lassen -- damit alle gewarnt sind und
-Busse thun können. Zeit ist aber dabei nicht zu verlieren; darum sollen
-sie sich in einer Stadt, wo sie keine Empfänglichkeit finden, nicht
-aufhalten, sondern weiter eilen, damit sie mit den Städten Israels
-fertig werden, ehe die Erscheinung des Menschensohns stattfindet.
-»Kommen des Menschensohnes« bedeutet aber: _=Einbrechen des Reiches Gottes
-mit Macht=_.
-
-Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, fliehet zur andern; wahrlich
-ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein,
-bis dass der Menschensohn kommen wird (Mt 10 _-23-_). Versteht man die
-Aussendungsrede so, als habe Jesus durch die Jünger sagen lassen, dass
-nun die Zeit da sei, in einem neuen sittlichen Verhalten das Reich zu
-verwirklichen, so bleibt jenes eschatologische Wort ein erratischer
-Block inmitten blühender Wiesen. Fasst man aber die Botschaft der
-Reichsnähe eschatologisch auf, dann fügt sich das Wort einem grossen
-Zusammenhang ein. Es ist ein Fels in einer wilden Gebirgslandschaft. Von
-diesem Wort kann man nicht sagen, es sei aus einer späteren Zeit
-eingearbeitet, sondern mit zwingender Gewalt bannt es eschatologische
-Aussagen in die Tage der Aussendung.
-
-Die einzige erforderliche Lehrunterweisung ist der Bussruf. Busse thut,
-wer an die Nähe des Reiches glaubt. Darum gibt Jesus ihnen Gewalt über
-die unreinen Geister, dass sie dieselben austreiben und die Kranken
-heilen (Mt 10 _-1-_); aus diesem Zeichen sollen alle ersehen, dass
-es mit der widergöttlichen Macht zu Ende geht und das Morgenrot des
-Gottesreiches anbricht. Das gehört mit zu ihrem Lehrauftrag, denn wer
-ihren Zeichen nicht glaubt und daraufhin keine Busse auf das Reich
-Gottes hin thut, der ist verdammt. So sind Chorazin, Bethsaïda und
-Kapernaum dem Gerichte verfallen. Der Glaube und die Busse wurden
-ihnen leicht gemacht durch die Zeichen und Wunder, mit welchen sie vor
-andern begnadet waren -- und sie waren doch nicht in sich gegangen, was
-doch Heidenstädte wie Tyrus und Sidon gethan hätten (Mt 11 _-20-24-_).
-Dieses an das Volk gerichtete Wort zeigt, welche Bedeutung Jesus den
-Zeichen mit Hinsicht auf die eschatologische Botschaft beimass.
-
-Die Jünger sollten also predigen _=vom Reich, von der Busse und
-dem Gericht=_. Weil aber das Ereignis, das sie verkündeten, so nahe
-war, dass es jeden Augenblick hereinbrechen konnte, mussten sie auf
-das, was ihm vorausging, vorbereitet sein: nämlich auf _=das letzte
-Aufbäumen der Weltmacht=_. Wie sie sich dabei zu verhalten haben, um
-nicht irre zu werden, darauf geht die Unterweisung, mit der er sie
-entlässt! In dem allgemeinen Aufruhr der Geister werden sich alle Bande
-lösen. Bis in die Familie wird der Zwiespalt hineingetragen werden
-(Mt 10 _-34-36-_). Wer sich zur Sache des Gottesreiches halten will,
-der muss bereit sein, die, welche ihm am liebsten waren, aus seinem
-Herzen herauszureissen und Kreuz und Schmach auf sich zu nehmen (Mt 10
-_-37-_ u. _-38-_). Die weltliche Gewalt wird schwere Verfolgung über
-sie bringen (Mt 10 _-17-31-_). Man wird sie zur Verantwortung ziehen
-und sie quälen, um sie zur Verleugnung zu bewegen. Der Bruder wird den
-Bruder, der Vater das Kind dem Tod überantworten, und die Kinder werden
-wider die Eltern aufstehen und den Tod über sie bringen. Nur wer in
-diesem allgemeinen Aufruhr standhaft beharrt und sich zu Jesu bekennt,
-der wird am Gerichtstage gerettet werden, wenn der Herr bei Gott für
-ihn eintritt (Mt 10 _-32-_ u. _-33-_).
-
-In der Aussendungsrede hat Jesus die Jünger über die Wehen des
-anbrechenden Reiches belehrt. Manches in den ausmalenden Partien
-mag vielleicht die Färbung einer späteren Zeit aufweisen. Dadurch
-wird aber der Gesamtcharakter der Rede nicht beeinträchtigt. Es
-handelt sich nicht um ein Verhalten in ihrer Thätigkeit _=nach seinem
-Tode=_; über eine solche Anweisung fehlt uns jegliches historische
-Wort. Dem Anbruch des Reiches gehen die Wehen voraus. Also muss die
-sieghafte Verkündigung der Reichsnähe sich auf die Wehen einrichten.
-Darum dieses, in der bisherigen Erklärung unfassbare Nebeneinander
-von Optimismus und Pessimismus. Es gehört zur Signatur jeder
-eschatologischen Weltanschauung.
-
-
-3. Die neue Auffassung.
-
-Der Leidensgedanke ist _=nur=_ von dem eschatologischen Reichsbegriff
-beherrscht. In der Aussendungsrede handelt es sich _=nur=_ um die
-eschatologische, nicht um die ethische Reichsnähe. Daraus folgt einmal,
-dass Jesu Thätigkeit _=nur=_ mit der eschatologischen Realisierung
-des Reiches rechnet. Dann kann aber das Verhältnis seiner ethischen
-Gedanken zur eschatologischen Weltanschauung keine Umbildung durch
-äussere Ereignisse erfahren haben, sondern es muss von Anfang an
-dasselbe gewesen sein.
-
-In welchem Zusammenhang standen aber seine Ethik und seine
-Eschatologie? Solange man von der Ethik ausgeht und die Eschatologie
-als etwas Hinzutretendes zu begreifen sucht, gibt es keinen organischen
-Zusammenhang zwischen beiden, weil die Ethik Jesu, wie wir sie
-aufzufassen pflegen, gar nicht auf die Eschatologie eingerichtet
-ist, sondern viel höher steht. Man muss daher den umgekehrten Weg
-einschlagen und versuchen, _=ob nicht seine ethische Verkündigung ihrem
-Wesen nach durch die eschatologische Weltanschauung bedingt ist=_.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Die Predigt vom Reich Gottes.
-
-
-1. Die neue Sittlichkeit als Busse.
-
-Wenn der Gedanke der eschatologischen Realisierung des Reichs die
-Grundvorstellung der Predigt Jesu ist, so fällt seine ganze Ethik unter
-den Begriff der auf das Kommen des Reichs vorbereitenden _=Busse=_. Uns
-scheint dieser Begriff zu eng, um auf den ganzen Umfang seiner
-sittlich-religiösen Verkündigung angewandt werden zu können. In unserer
-Sprache hat nämlich dieses Wort eine mehr negative Bedeutung, sofern es
-hauptsächlich die Beziehung auf eine vorhergehende Schuld hervorhebt.
-Die Vorstellung aber, welche bei den Synoptikern durch Busse ([Greek:
-metanoia]) wiedergegeben wird, ist viel reicher. Sie ist nicht nur eine
-sittliche Wiederherstellung im Rückblick auf einen zurückliegenden
-sündigen Zustand, sondern -- und dieser Charakter prävaliert -- _=auch
-eine sittliche Erneuerung im Hinblick auf eine bevorstehende allgemeine
-sittliche Vollendung=_.
-
-So schliesst »die Busse in Erwartung des Reichs« alle positiven
-ethischen Forderungen in sich. In dieser Bedeutung ist sie der
-lebendige Nachhall der altprophetischen Busse. Denn bei Amos, Hosea,
-Jesaia und Jeremia bedeutet Busse die sittliche Erneuerung im Hinblick
-auf den Tag des Herrn. So sagt Jesaia: »Waschet euch, reinigt euch;
-entfernt die Bosheit eurer Thaten aus meinen Augen. Fraget nach Recht,
-steuert dem Gewaltthätigen; richtet die Waise, schaffet Recht der
-Witwe« (Jes 1 _-16-_ u. _-17-_). Gerade diesen alttestamentlichen
-Begriff der Busse, welcher den Nachdruck auf das neue sittliche Leben
-legt, muss man gegenwärtig haben, um die synoptische Busse richtig zu
-erfassen. Beide sind nach vorwärts orientiert, beide sind durch den
-Gedanken eines Zustandes der Vollendung beherrscht, den Gott durch sein
-Gericht heraufführen wird. Für die altprophetische ist es der Tag des
-Herrn, für die synoptische der Anbruch des Reiches.
-
-Die Ethik der Bergpredigt ist also Busse. Die neue Sittlichkeit, welche
-hinter dem Buchstaben den Geist des Gesetzes entdeckt, macht geschickt
-zum Reiche Gottes. Nur die Gerechten kommen ins Gottesreich: das stand
-für alle fest. Wer also die Nähe des Reiches predigte, musste auch die
-Gerechtigkeit auf das Reich hin lehren. Darum verkündet Jesus die neue
-Gerechtigkeit, die höher ist als das Gesetz und die Propheten, denn
-diese gehen nur bis auf den Täufer. Seit den Tagen des Täufers steht man
-aber in der unmittelbar vormessianischen Zeit.
-
-Am Tage des Gerichts gilt es, diese sittliche Umwandlung vorzuweisen;
-nur wer den Willen des himmlischen Vaters gethan hat, der wird in das
-Gottesreich eingehen (Mt 7 _-21-_). Keine Berufung auf Anhängerschaft
-Jesu, nicht einmal auf Zeichen, die in seinem Namen verrichtet wurden,
-kann diese neue Gerechtigkeit ersetzen (Mt 7 _-22-_ u. _-23-_).
-Darum schliesst die Bergpredigt mit der Ermahnung, in Erwartung der
-gewaltigen Ereignisse einen festen Bau aufzuführen, der in Sturm und
-Wetter standhält (Mt 7 _-24-27-_).
-
-Unter denselben Gesichtspunkt fallen die Seligpreisungen (Mt 5
-_-3-12-_). Sie bestimmen die zum Eintritt in das Himmelreich
-berechtigende sittliche Verfassung. So erklärt sich das Präsens und
-das Futurum in demselben Satz. Selig sind sie, die Sanftmütigen, die
-nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, die Barmherzigen, die
-reinen Herzens sind, die Friedfertigen, die geistig Armen, die in der
-Verfolgung um der Gerechtigkeit willen beharren, weil sie in diesem
-Verhalten die Gewähr haben, beim Erscheinen des Reiches Gottes als dazu
-gehörig erfunden zu werden.
-
-Eine Reihe von Gleichnissen enthält denselben Gedanken. So wird in den
-Gleichnissen vom Schatz im Acker und von der köstlichen Perle (Mt 13
-_-44-46-_) geschildert, wie der Mensch alles daran setzen muss, wenn
-ihm das Reich Gottes in Aussicht gestellt wird, wie er alle andern
-Güter dahingeben muss, um dieses in Aussicht stehende höchste Gut zu
-erwerben.
-
-Wir finden also in der Ethik der galiläischen Periode schon das
-»jetzt und dann«, welches der Wertung des Dienens (Mk 10 _-45-_) zu
-Grunde liegt. _=Als Busse auf das Reich Gottes hin ist auch die Ethik
-der Bergpredigt Interimsethik.=_ Die sittliche Unterweisung Jesu
-ist sich also darin vom ersten Tag seines Auftretens bis zu seinen
-letzten Aussprüchen gleichgeblieben, denn die Erniedrigung und das
-Dienen, welche er den Seinen auf dem Weg nach Jerusalem anempfiehlt,
-entsprechen genau dem neuen sittlichen Verhalten, das er in der
-Bergpredigt entwickelt: sie machen geschickt zum Reich Gottes. Nur
-bilden sie noch eine Steigerung zur neuen Gerechtigkeit, indem sie
-geschickt machen zum _=Herrschen=_ daselbst.
-
-Dem Leitmotiv der Bergpredigt begegnen wir noch einmal in dem Epilog
-zur grossen Gleichnisrede der jerusalemitischen Tage. Nur die Bewährung
-der neuen Sittlichkeit in allen Verhältnissen des Lebens gewährleistet
-den Eintritt in das Reich. Darum kann Jesus zu dem Pharisäer, der dem
-Grundgesetz dieser neuen Sittlichkeit zustimmt, wie es in dem grossen
-Liebesgebot ausgedrückt ist, sagen: Du bist nicht fern vom Reich Gottes
-(Mk 12 _-34-_). Das will nicht heissen, dass der Pharisäer durch seine
-Gesinnung beinahe schon die Höhe der »Sittlichkeit des Gottesreiches«
-erklommen hat. Wenn nämlich das Doppelgebot der Liebe die Sittlichkeit
-des _=Gottesreiches=_ ausmachte, müsste er ihm, da er diesem Gebote
-vollständig zustimmt, sagen: Du gehörst dem Gottesreiche an. So aber
-ist das »nicht fern« rein zeitlich zu verstehen, nicht von einer
-kleinen Vervollkommnung, die ihm noch fehlt. Er ist nicht fern von dem
-Reich Gottes, weil er die sittliche Qualität besitzt, durch welche
-er als ein Genosse desselben erfunden werden wird, wenn es in Kürze
-erscheint. Das »nicht fern« enthält also dasselbe Gemisch von Präsens
-und Futurum wie die Seligpreisungen.
-
-Von unseren ethischen Vorstellungen ausgehend, sind wir geneigt, den
-Begriff des Lohnes auf dieses Verhältnis zwischen der Zugehörigkeit
-zum Reich und der neuen Sittlichkeit anzuwenden. Damit wird jedoch
-der Gedanke Jesu nicht vollständig wiedergegeben, da es sich für ihn
-vor allem um die _=Unmittelbarkeit=_ des Uebergangs aus dem Zustande
-der sittlichen Erneuerung in den der übersittlichen Vollendung des
-Gottesreiches handelt. Wer beim Anbrechen des Gottesreichs im Besitz
-der sittlichen Erneuerung ist, der wird als ein Glied desselben
-erfunden werden. Dies ist der adäquate Ausdruck für das Verhältnis der
-Sittlichkeit zum kommenden Gottesreich.
-
-
-2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik.
-
-Durch die Tiefe der religiösen Ethik Jesu kommen wir dazu, in ihr unser
-modern-ethisches Bewusstsein wiederfinden zu wollen. Ihrer ewigen
-inneren Wahrheit nach ist sie allerdings losgelöst von jeder
-geschichtlichen Bedingtheit, weil sie die höchsten ethischen Gedanken
-aller Zeiten schon in sich enthält. Dennoch besteht ein grosser
-Unterschied zwischen Jesu Empfinden und dem unseren. Die moderne Ethik
-ist »unbedingt«, weil sie den neuen sittlichen Zustand aus sich selbst
-heraus schafft, wobei vorausgesetzt wird, dass sich dieser Zustand zur
-Endvollendung entwickeln wird. Die Ethik ist hier Selbstzweck, sofern
-die sittliche Vollendung der Menschheit sich mit der Vollendung des
-Reiches Gottes deckt. Das ist KANT's Gedanke. In dieser
-Verselbständigung der Ethik, welcher doch eine gewisse Resignation
-hinsichtlich der Erreichung des vollendeten Endzustandes anhaftet, zeigt
-sich, dass die christlich-moderne Ethik von
-hellenistisch-rationalistischen Gedanken durchsetzt ist und unter dem
-Einfluss einer zweitausendjährigen Entwicklung steht.
-
-Die Ethik Jesu hingegen ist »bedingt« in dem Sinn, dass sie in
-unlösbarem Zusammenhang mit der Erwartung eines übernatürlich
-eintretenden Zustandes der Vollendung steht. Darin zeigt sich ihre
-jüdische Provenienz und der unmittelbare Zusammenhang mit der
-prophetischen Ethik, wo das sittliche Verhalten des Volks durch seine
-Zukunftserwartungen bedingt war. Wenn daher irgend eine Parallele zur
-Erklärung der Ethik Jesu herbeigezogen werden darf, so ist es nur die
-prophetische, niemals die moderne. Denn sowie die letztere
-mithereinspielt, wird die Betrachtungsweise unhistorisch, sofern man die
-Ethik Jesu verselbständigt, während sie durchaus nach der erwarteten
-übernatürlichen Vollendung orientiert ist.
-
-Dadurch schafft man das unlösbare Problem, dass eine ihrer Ethik nach
-durchaus moderne Persönlichkeit nebenher eschatologische Aussprüche
-thut. Hat man aber einmal die Bedingtheit seiner Ethik eingesehen und
-macht man Ernst mit ihrem Zusammenhang mit der prophetischen Ethik, so
-ist mit einem Schlage klar, dass alle Vorstellungen von einem aus
-kleinen Anfängen emporwachsenden Reich, von einer Ethik des
-Gottesreiches und von einer Entwicklung desselben durch unser modernes
-Bewusstsein an Jesu Gedanken herangetragen werden, weil wir uns nicht
-ohne weiteres mit der Bedingtheit seiner Ethik vertraut machen können.
-
-Wir muten ihm zu, sich das Reich Gottes vorzustellen, wie es in seiner
-historischen Verwirklichung sich gleichsam durch eine Verengerung
-hindurchzwängt, um nachher die Vollgestalt, auf die es angelegt ist, zu
-erreichen. Das ist moderne Vorstellung. Für Jesus und die Propheten war
-sie aber unvollziehbar. In der Unmittelbarkeit ihrer ethischen
-Anschauung gibt es keine Sittlichkeit des Gottesreichs und keine
-Entwicklung desselben -- es liegt jenseits der ethischen Grenze von Gut
-und Böse; es wird herbeigeführt durch eine kosmische Katastrophe, durch
-welche das Böse total überwunden wird. Damit werden die sittlichen
-Massstäbe aufgehoben. _=Das Reich Gottes ist eine übersittliche Grösse.=_
-
-Zu dieser Höhe des überethischen Idealismus kann sich das moderne
-Bewusstsein nicht mehr aufschwingen. Wir sind eben durch die Geschichte
-alt geworden. Für das historische Verständnis der Ethik Jesu ist sie
-aber die unerlässliche Voraussetzung.
-
-Dazu kommt noch, dass wir beim Reich Gottes nach vorwärts denken, an die
-kommenden Generationen, welche es in steigendem Masse verwirklichen
-werden. Jesu Blick geht rückwärts. Für ihn setzt sich das Reich zusammen
-aus den Generationen, welche schon ins Grab gesunken sind und die nun zu
-einem Vollendungszustand erweckt werden. Wie soll es für ihn eine Ethik
-der geschlechtlichen Beziehungen im Gottesreiche geben, wenn er den
-Sadducäern erklärt, dass es im Gottesreiche nach der grossen
-Auferstehung geschlechtliche Beziehungen überhaupt nicht mehr geben
-wird, sondern »dass sie sein werden, wie die Engel des Himmels« (Mk 12
-_-25-_)?
-
-Jede ethische Norm Jesu, möge sie auch noch so vollendet sein, führt
-also nur bis an die Grenze des Reiches Gottes, während jeglicher Pfad
-verschwindet, sobald man sich auf dem neuen Boden bewegt. Dort braucht
-man keinen.
-
-Man hat ein Vorurteil gegen diese Bedingtheit. Sofern man meint, der
-Wert der Ethik Jesu würde dadurch herabgesetzt, ist es unberechtigt.
-Gerade das Gegenteil ist der Fall; denn diese Bedingtheit fliesst aus
-einem absolut ethischen Idealismus, welcher für den erwarteten
-Vollkommenheitszustand Daseinsbedingungen postuliert, die selbst ethisch
-sind. In unserer verselbständigten Ethik aber setzen wir den Kampf
-zwischen Gut und Bös, als dauernd zum Wesen des Ethischen gehörend, für
-immer voraus. Ethik und Theologie stehen für uns nicht in diesem
-lebendigen Verhältnis, wie bei Jesus. Die Lebhaftigkeit der Farben des
-absolut ethischen Idealismus ist in der Geschichte verblasst. So ist die
-Verselbständigung der Ethik Jesu also nicht nur ungeschichtlich, sondern
-sie bedeutet auch eine Verkümmerung seines ethischen Idealismus.
-
-In _=einem=_ Punkte hat aber unser ethisches Empfinden mit seinem
-Vorurteil recht. Bezieht sich die Ethik bloss auf die Erwartung
-der übernatürlichen Vollendung, dann ist ihr thatsächlicher Wert
-herabgesetzt, da sie nur Individualethik ist und nur das Verhältnis
-des Einzelnen zum Gottesreich berücksichtigt. Dass aber die sittliche
-Gemeinschaft, welche durch Jesu Predigt hervorgerufen wird, als
-solche irgendwie das wirksame Anfangsglied in der Realisierung
-des Gottesreiches sei, dieser Gedanke liegt nicht nur in unserem
-ethischen Empfinden, sondern er belebt auch die Predigt Jesu, denn er
-arbeitet den sozialen Charakter seiner Ethik scharf heraus. Gerade
-deswegen sträubt man sich, den eschatologischen Begriff des Reiches
-Gottes seiner Verkündigung von Anfang an zu Grunde zu legen, weil
-man sich dann nicht erklären kann, wie er den Zustand der neuen
-sittlichen Gemeinschaft, die er um sich schafft, mit dem übernatürlich
-eintretenden Reich organisch verbunden denkt.
-
-Daher gerät man hier unwillkürlich auf das moderne Geleise. Der
-Begriff der Entwicklung leistet das Geforderte, indem er erlaubt, die
-neue sittliche Gemeinschaft als Anfangszustand zu jenem Endzustand
-aufzufassen, welchem sie sich durch eine stetige Ausdehnung und
-Vertiefung nähert. Der sich erweiternde Kreis ist aber eine moderne
-geschichtliche Betrachtungsweise. Sie ist Jesu vollständig fremd.
-Wenn er aber auch unsere Erklärung nicht vorausgesetzt haben kann,
-das Faktum, dass diese neue Gemeinschaft mit dem Endzustand in einem
-organischen Zusammenhang stehe, war ihm ebenso sicher wie uns. Weil er
-aber diesen Endzustand als rein übernatürlich eintretend erwartete,
-war der Zusammenhang nicht durch menschliche Ueberlegung zu begreifen,
-_=sondern es war ein göttliches Geheimnis=_, das er nur in Analogien zu
-den Vorgängen in der Natur aussprach.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Das Geheimnis des Reiches Gottes.
-
-
-1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes.
-
-Es handelt sich um das »Geheimnis des Gottesreiches« (Mk 4 _-11-_),
-welches in den Gleichnissen vom Säemann, von der selbstwachsenden Saat,
-vom Senfkorn und vom Sauerteig dargestellt wird. Wir finden darin
-gewöhnlich die Veranschaulichung einer stetigen Entfaltung, durch
-welche ein kleiner Anfangszustand mit einem herrlichen Endzustand
-zusammenhängt. Die gesäten Körner enthalten die Ernte schon, indem
-jedes auf die Pflanze samt der Frucht angelegt ist. Sie entwickeln sich
-daraus stetig und notwendig. So ist es auch mit der Entwicklung des
-Reiches Gottes aus kleinen, unscheinbaren Anfängen.
-
-Diese ansprechende Deutung der Gleichnisse benimmt ihnen aber den
-Charakter des _=Geheimnisses=_, denn die Veranschaulichung einer
-stetigen Entfaltung durch die Vorgänge in der Natur ist kein Geheimnis
-mehr. Darum misskennen wir das Geheimnis in diesen Gleichnissen. Wir
-deuten sie aus unserer naturwissenschaftlichen Reflexion, welche zwei
-noch so verschiedene Zustände in allen Fällen durch den Begriff der
-Entwicklung verbindet.
-
-Der Unmittelbarkeit, mit welcher der antike ungeschulte Geist die
-Natur beobachtete, bot sie aber noch Geheimnisse, indem sie ihm zwei
-ganz verschiedene Zustände in einer Aufeinanderfolge vorführte, deren
-Zusammenhang ebenso gewiss als unerklärlich war. Diese Unmittelbarkeit
-spricht aus Jesu Gleichnissen. Der Begriff der Entwicklung in der
-Natur, auf welchen es die moderne Erklärung abgesehen hat, wird gar
-nicht hervorgehoben, sondern die Exposition geht darauf aus, die
-beiden Zustände so unmittelbar nebeneinander zu stellen, dass man zur
-Frage gedrängt wird: Wie kann der Endzustand aus dem Anfangszustand
-hervorgehen?
-
-1. Ein Mensch säte aus. Von der Aussaat ging ein grosser Teil durch
-die verschiedensten Umstände verloren -- und doch war der Ertrag der
-Körner, welche auf gutes Land fielen, so gross, dass es das Ausgesäte
-dreissig-, sechzig-, ja hundertfältig wiederbrachte.
-
-Die Ausdeutung der einzelnen Punkte bei der Schilderung dieses
-Verlustes auf bestimmte Menschenklassen, wie sie Mk 4 _-13-20-_
-vorliegt, ist aus einer späteren Anschauung hervorgegangen, für die das
-Gleichnis eben kein Geheimnis mehr enthielt. Ursprünglich waren aber
-die einzelnen Schilderungen nicht selbständig, sondern die Saat, die
-auf dem Weg, auf dem steinigten Boden und unter den Dornen verloren
-geht, samt der, welche die Vögel des Himmels aufpicken, bildet einen
-einheitlichen Gegensatz zu der, welche auf gutes Land fiel. Für das
-Gleichnis kommt die Art, wie sie zu Grunde ging, nicht in Betracht.
-Jesu Rede hängt, trotz der wundervoll ausgeführten Schilderung, in
-einem Gedanken: So klein war unter Anrechnung alles dessen, was
-verloren ging, die Aussaat und dennoch die grosse Ernte! -- Darin liegt
-das Geheimnis.
-
-2. Ein Mensch streute Samen auf das Land. Er schlief, ging seinen
-Geschäften nach und kümmerte sich nicht weiter um die Saat. Ehe er
-sich's indes versah, stand die Ernte auf dem Feld und er konnte seine
-Knechte ausschicken, sie einzuholen. Wie ging es zu, dass, nachdem die
-Samenkörner in die Erde gesenkt waren, der Boden _=von selbst=_ Gras,
-Halm und volle Aehre hervorbrachte? -- Darin liegt das Geheimnis.
-
-3. Es wurde ein Senfkorn gesät; daraus sprosste eine grosse Staude
-hervor, mit Zweigen, dass die Vögel des Himmels darunter wohnen
-konnten. Wie ging das zu, da doch das Senfkorn so klein ist? -- Das ist
-das Geheimnis.
-
-4. Ein Weib that ein bischen Sauerteig zu einem grossen Teig. Nachher
-war der ganze Teig »Sauerteig«. Wie kann durch ein wenig Sauerteig ein
-grosser Teig durchsäuert werden? -- Das ist das Geheimnis.
-
-Diese Gleichnisse sind gar nicht darauf angelegt, gedeutet und
-verstanden zu werden, sondern sie sollen die Hörer darauf aufmerksam
-machen, dass in den Sachen des Reiches Gottes ein Geheimnis sich
-vorbereitet, wie sie es in der Natur erleben. _=Es sind Signale.=_
-Wie auf die Saat die Ernte folgt, ohne dass jemand sagen kann, wie
-es zuging, so wird auf Jesu Predigt hin das Reich Gottes in Macht
-sich einstellen. So klein, verglichen mit dem Zustand des Reiches
-Gottes, der Kreis auch ist, welchen er um sich sammelt, so ist
-nichtsdestoweniger gewiss, dass es sich in der Folge dieser so
-beschränkten sittlichen Erneuerung einstellen wird, so gewiss zu
-erwarten ist, dass die Saat, welche zur Zeit, da er spricht, im Boden
-schlummert, eine herrliche Ernte bringen wird. Wartet nicht nur auf
-die Ernte, sondern wartet auch auf das Reich Gottes! -- so redete
-der geistige Säemann zu den Galiläern zur Zeit der Aussaat. Sie
-sollten, wenn sie es ahnen konnten, darauf aufmerksam werden, dass die
-sittliche Erneuerung im Gefolge seiner Predigt in einem notwendigen,
-aber unerklärlichen Zusammenhang mit dem Anbrechen des Reiches Gottes
-stände. Denn derselbe Gott, der durch die geheimnisvolle Kraft in der
-Natur die Ernte erstehen lassen wird, der wird auch das Reich Gottes
-erstehen lassen.
-
-Darum, als es die Zeit der Ernte war, schickte er seine Jünger aus, zu
-verkünden: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.
-
-
-2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk nach der
-Aussendung.
-
-Jesus war allein. Die Jünger trugen die Kunde von der Nähe des Reiches
-in die Städte Israels. Während das Volk sich um ihn drängte, kamen
-die Gesandten des Täufers mit ihrer Frage. Er entliess sie mit dem
-Bescheid: das Reich stehe vor der Thür; man brauche nur die Sprache
-der Zeichen und Wunder zu verstehen. Zum Volk sich wendend, redete er
-von der Bedeutung des Täufers und seiner Würde. Dabei entfiel ihm ein
-Geheimniswort (Mt 11 _-14-_: »wenn ihr es zu fassen vermögt«, Mt 11
-_-15-_: »wer Ohren hat zu hören, der höre«). Johannes ist der Elias, d.
-h. die Persönlichkeit, welche das unmittelbare Einbrechen des Reichs
-anzeigt. »Von den Tagen Johannes des Täufers bis auf diesen Augenblick
-wird dem Reich Gottes Gewalt angethan und die Gewaltthätigen reissen
-es an sich. Denn die Propheten und das Gesetz haben bis Johannes
-geprophezeit, und wenn ihr es fassen mögt, so ist er der Elias, der
-kommen soll. Wer Ohren hat zu hören, der höre« (Mt 11 _-12-14-_).
-
-Dieses Wort widerstrebt aller Exegese, denn es enthält gar nicht den
-Gedanken, dass die Einzelnen sich mit Gewalt den Eingang ins Reich
-erzwingen. Was sollte das auch heissen? Inwiefern geschieht das von den
-Tagen des Täufers an? Das von Jesus gebrauchte Bild ist unbegreiflich,
-wenn es sich um das Eintreten Einzelner in das Gottesreich handelt.
-Ebenso unverständlich bleibt es aber, wenn es sich auf die Realisierung
-des Gottesreiches durch Entwicklung beziehen soll. Erstens widerspricht
-das Bild vom Gewaltakt dem Gedanken der Entwicklung; zweitens datiert
-der Anfang dieser Nötigung dann nicht vom Täufer, sondern von Jesus.
-
-Es handelt sich um das Geheimnis des Reiches Gottes, darum der
-Hinweis: wer Ohren hat zu hören, der höre. Er kommt nur noch bei
-den Gleichnissen vom Geheimnis des Reiches Gottes und als Beschluss
-apokalyptischer Sprüche vor (vgl. den Gebrauch des Ausdrucks in der
-Apokalypse: 2 _-7 11 17 29-_, 3 _-6 13 22-_). Die Busse und sittliche
-Erneuerung auf das Reich Gottes hin sind gleichsam ein Druck, der
-ausgeübt wird, _=um es zu zwingen, in die Erscheinung zu treten=_.
-Diese Bewegung hat eingesetzt mit den Tagen des Täufers. Darum wird von
-da an dem Reich Gottes Gewalt angethan. Die Gewaltthätigen, die es an
-sich reissen, sind diejenigen, welche die sittliche Erneuerung leisten.
-Sie ziehen es mit Macht auf die Erde herunter.
-
-Das Wort in der Rede über den Täufer und die Gleichnisse des Reiches
-Gottes erklären und ergänzen sich gegenseitig. Die Gleichnisse heben
-vor allem _=das Unangemessene=_ in dem Verhältnis der geleisteten
-sittlichen Erneuerung zur eintretenden Vollkommenheit des Reiches
-Gottes hervor, während das Bild in dem Ausspruch nach der Aussendung
-mehr _=den zwingenden Zusammenhang=_ zwischen beiden herausarbeitet.
-
-
-3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen und
-jüdischen Zukunftserwartungen.
-
-Jesu Ethik hängt mit der altprophetischen zusammen, da sie, wie
-jene, durch die Erwartung eines Zustandes der Vollendung bedingt ist,
-welchen Gott heraufführen wird. Aber auch das Geheimnis des Reiches
-Gottes, wonach die sittliche Erneuerung das übernatürliche Kommen des
-Reiches herbeiführt, entspricht dem prophetischen Grundgedanken. Bei
-den Propheten ist das Verhältnis zwischen der sittlichen Umkehr, welche
-sie herbeiführen wollen, und dem Herrlichkeitszustand, welchen Gott am
-Tage des Gerichts heraufführen wird, kein rein zeitliches, sondern es
-beruht auf einem übernatürlichen kausalen Zusammenhang. Das gottwidrige
-Verhalten zieht den Tag des Gerichts und der Verdammnis herbei. Darum
-züchtigt Gott das Volk und gibt es in die Hand seiner Bedränger. Wenn
-es sich aber zur sittlichen Umkehr entschliesst, wenn es in gläubigem
-Vertrauen bei ihm allein Zuflucht sucht, wenn Gerechtigkeit und
-Wahrheit unter ihnen herrschen, dann wird ihm der Herr Recht schaffen
-vor seinen Bedrängern und seine Herrlichkeit wird aufgehen über Israel,
-dem die Völker dienstbar werden. An jenem Tage wird dann der Friede
-über die ganze Welt und auch über die Natur ausgegossen werden.
-
-Nach dem Exil wirkt dieser Gedanke in der Auffassung vom Gesetz
-weiter. Durch das Halten des Gesetzes wird der Herrlichkeitszustand
-von Gott erzwungen. Nicht der einzelne, sondern die Gesamtheit wirkt
-durch das Gesetz auf Gott. Diese generelle Betrachtungsweise ist die
-primäre, die individualistische erst die sekundäre. »Israel würde
-erlöst werden, wenn es nur zwei Sabbate hielte, wie es sich gebührte«
-(Schabbath 118^b. WÜNSCHE, System der altsynagogalen palästinensischen
-Theologie 1880 S. 299). Hier begegnet uns der altprophetische Gedanke
-in gesetzlicher Veräusserlichung.
-
-Im allgemeinen herrschte aber später die individualistische Betrachtung
-vor. Das Gesetz und das sittliche Verhalten überhaupt waren nur die
-Vorbereitung auf den erwarteten Herrlichkeitszustand. An Stelle der
-lebendigen generellen prophetischen Auffassung trat eine individuelle,
-unlebendige. _=Die Eschatologie wurde Rechenexempel und die Ethik
-Kasuistik.=_
-
-Da Jesus aber auf den ethischen Grundgedanken der prophetischen
-Zeit zurückgriff, handelte es sich für ihn nicht um reine
-Zukunfts_=erwartung=_. Spätjüdisch an ihm ist nur die Form, in der er
-sich das Eintreten dieses Endzustandes denkt. Er erfasst es nicht mehr
-unter dem Gesichtspunkt des Eingreifens Gottes in die Völkergeschichte,
-wie die Propheten, sondern unter dem der kosmischen Endkatastrophe.
-Seine Eschatologie ist Daniel'sche Apokalyptik, weil das Reich durch
-den Menschensohn herbeigeführt wird, wenn er auf den Wolken des Himmels
-erscheint (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_).
-
-_=Das Geheimnis des Reiches Gottes ist also die Synthese eines
-souveränen Geistes zwischen der altprophetischen Ethik und der
-Daniel'schen Apokalyptik.=_ Daher wurzelt Jesu Eschatologie in seiner
-Zeit und steht doch so hoch über ihr. Für die Zeitgenossen handelte es
-sich um _=Erwartung=_ des Reichs, um das Ausdenken und Ausmalen aller
-Momente der grossen Katastrophe und um die Vorbereitung darauf, für
-Jesus um die _=Herbeiführung=_ des erwarteten Ereignisses durch die
-sittliche Erneuerung. _=Aus der eschatologischen Ethik wird ethische
-Eschatologie.=_
-
-
-4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der glücklichen
-galiläischen Periode.
-
-Dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge ist das Eintreten des Reiches
-unabhängig von der Allgemeinheit des Erfolgs der Predigt Jesu. Er
-betont ja gerade, dass die Beschränktheit des Kreises, welcher die
-sittliche Erneuerung leistet, in gar keinem Verhältnis steht zu der
-allumfassenden Grösse des Reichs, das auf Grund ihres Verhaltens
-eintritt. Es genügt, dass ein geringer Teil der Aussaat auf das gute
-Land fällt -- und die überreiche Ernte ist da, durch Gottes Macht.
-Nicht durch die Menge, sondern durch die Gewalttätigen wird das Reich
-herbeigenötigt.
-
-Darum macht das Geheimnis des Reiches Gottes die Annahme einer
-erfolgreichen galiläischen Periode ganz überflüssig. Jesus kann sich
-der Erwartung der baldigen Realisierung des Reichs hingeben, auch wenn
-er die grössten Misserfolge erlebt und ganze Ortschaften sich seiner
-Predigt verschliessen. Sie halten damit das Reich Gottes nicht auf,
-sondern sie überliefern sich nur selbst dem Gericht, denn das Reich
-tritt notwendig ein auf Grund der sittlichen Erneuerung der Kreise, die
-sich um Jesu sammeln.
-
-Die Richtigkeit der Deutung des Geheimnisses des Reiches Gottes zeigt
-sich also darin, dass sie eine zur Erklärung des Lebens Jesu sonst
-absolut unumgängliche, historisch aber in keiner Weise zu begründende
-Annahme unnötig macht.
-
-
-5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus Jesu.
-
-So lange die sittliche Erneuerung auf Grund der Predigt Jesu mit der
-Realisierung des Reiches durch den modernen Gedanken der Entwicklung in
-Beziehung gesetzt wird, ist auch die Korrelatgrösse zur Vollendung des
-Reichs modern, nämlich »_=die sittliche Menschheit als Gesamtheit=_«.
-Man mutet dann Jesu zu, dass er in Gedanken voraussieht, wie die neue
-sittliche Gemeinschaft, die er gründet, sich immer weiter ausbreitet,
-ganz Israel ergreift -- hier bricht aber der Gedanke Jesu ab;
-universalistische Ideen darf man ihm nicht unterschieben, denn die
-Aussendungsrede zeigt, dass er für die sittliche Erneuerung nicht über
-die Grenzen Israels hinaus reflektiert. Mt 10 _-5-_ u. _-6-_: Ziehet
-auf keiner Heidenstrasse und betretet keine Samariterstadt; gehet aber
-vielmehr zu den verlornen Schafen des Hauses Israel.
-
-Die Predigt des Reiches Gottes ist also partikularistisch; das
-Reich selbst aber ist universalistisch, »denn sie werden kommen von
-Mitternacht und von Mittag, vom Morgen und vom Abend«. Das Geschlecht,
-das ein Wunder verlangt, wird ein solches erleben: Die Niniviten
-werden am Tage des Gerichts aufstehen und es verdammen, weil sie Busse
-gethan haben auf die Predigt des Jonas hin, »und hier ist mehr denn
-Jonas«. Auch die Königin von Mittag wird den Zeitgenossen Jesu dann als
-Richterin erstehen, denn sie machte sich auf, um die Weisheit Salomos
-zu hören, »und hier ist mehr denn Salomo« (Mt 12 _-41-42-_).
-
-Für das moderne Bewusstsein ist dieser Widerspruch zwischen dem
-Partikularismus in der Verkündigung des Reiches und dem Universalismus
-in der Vollendung desselben unüberwindbar, weil es sich alles durch
-den Begriff der Entwicklung denkt. In dem Geheimnis des Reiches Gottes
-aber gehen Partikularismus und Universalismus mit einander auf. Das
-Reich ist universalistisch, denn es ersteht aus dem kosmischen Akt,
-bei welchem Gott die Gerechten aller Zeiten und aller Völker zur
-Herrlichkeit erweckt. Die Herbeiführung des Reiches hingegen fusst auf
-dem Partikularismus, denn es wird durch die sittliche Erneuerung der
-Volksgenossen Jesu herbeigenötigt. Das Heil kommt aus Israel.
-
-
-6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum Gesetz und
-zum Staat.
-
-Jesus hat sich weder für noch gegen das Gesetz ausgesprochen. Er
-erkannte es einfach als etwas Bestehendes an, ohne sich daran zu
-binden. Zu einer prinzipiellen Stellungnahme, ob es verbindlich oder
-nicht verbindlich sei, fühlte er keine Nötigung. Diese Frage war für
-ihn gegenstandslos. Auf die neue Sittlichkeit, nicht auf das Gesetz kam
-es an. Heilig und unverletzlich war ihm dieses Gesetz, sofern es den
-Weg zur neuen Sittlichkeit wies. Aber damit hob es sich selbst auf;
-denn in dem Reich, das auf Grund der neuen Sittlichkeit in Erscheinung
-trat, war es abgethan, da der Vollendungszustand übergesetzlich und
-überethisch war. Bis dahin bestand es zu Recht. Ob das Gesetz auch für
-seine Anhänger in Zukunft gelten sollte, diese Frage existierte für ihn
-nicht, sondern erst die Geschichte hat sie der ersten Gemeinde gestellt.
-
-Mit dem Staat verhielt es sich ebenso. Die Frage, die man ihm in den
-jerusalemitischen Tagen stellte, war für ihn gegenstandslos. Als er
-den Pharisäern auf ihre Frage antwortete, ob man dem Kaiser den Zins
-geben sollte, dachte er nicht daran, seine und seiner Anhänger Stellung
-zum Staat festzulegen. Wie konnte man sich nur mit solchen Dingen
-aufhalten! Der Staat war ja irdisches, also ungöttliches Herrschen.
-Sein Bestand reichte also nur bis zur anbrechenden Gottesherrschaft.
-Da diese nahe bevorstand, was brauchte man sich entscheiden, ob man
-der Weltmacht tributpflichtig sein wollte oder nicht? Man liess sie
-eben über sich ergehen; ihr Ende war ja da. Gebt dem Kaiser, was des
-Kaisers ist und Gott, was Gottes ist (Mk 12 _-17-_) -- dieses Wort ist
-mit einer souveränen Ironie gesprochen gegen die Pharisäer, die so
-wenig die Zeichen der Zeit verstehen, dass das noch eine Frage für sie
-bildet. Sie sind gerade so thöricht in den Sachen des Reiches Gottes,
-wie die Sadducäer mit ihrer Vexierfrage, welchem Gatten das siebenmal
-verheiratete Weib bei der Auferstehung gehören wird, denn auch sie
-lassen eines ausser Berechnung: die Macht Gottes (Mk 12 _-24-_).
-
-
-7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu.
-
-»Es sei die Maxime in jeder wissenschaftlichen Untersuchung, mit aller
-möglichen Genauigkeit und Offenheit seinen Gang ungestört fortzusetzen,
-ohne sich an das zu kehren, wowider sie ausser ihrem Felde etwa
-verstossen möchte, sondern sie für sich allein, so viel man kann, wahr
-und vollständig zu vollführen. Oeftere Beobachtung hat mich überzeugt,
-dass, wenn man diese Geschäfte zu Ende gebracht hat, das, was in der
-Hälfte derselben, in Betracht anderer Lehren ausserhalb, mir bisweilen
-sehr bedenklich schien, wenn ich diese Bedenklichkeit nur so lange
-aus den Augen liess und bloss auf mein Geschäft achthatte, bis es
-vollendet sei, endlich auf unerwartete Weise mit demjenigen vollkommen
-zusammenstimmte, was sich ohne die mindeste Rücksicht auf jene Lehren,
-ohne Parteilichkeit und Vorliebe für dieselbe, von selbst gefunden
-hatte[1].«
-
-KANT spricht dieses tiefe Wort in dem Augenblick, wo ihm die
-Zusammenstimmung des transcendentalen Freiheitsbegriffs mit dem
-praktischen aufgeht. Mit dem Verhältnis der Ethik Jesu zu seiner
-Eschatologie steht es ebenso. Es ist ein Postulat unserer christlichen
-Ueberzeugung, dass die Ethik Jesu in ihrem Grundgedanken modern sei.
-Darum kommen wir immer wieder dazu, in seiner Ethik das Moderne zu
-suchen und dafür seine Eschatologie, da sie uns unmodern scheint, in
-den Hintergrund zu drängen. Entschliesst man sich aber, dieses in
-unserem Wesen so tiefbegründete und so berechtigte Interesse für einen
-Augenblick ausser acht zu lassen und das Verhältnis seiner Eschatologie
-zur Ethik rein für sich, geschichtlich zu betrachten, so fördert die
-Untersuchung das überraschende Resultat zu Tage, dass die letztere
-in einem viel höheren Masse modern ist, als man bisher zu hoffen
-wagte. Jesu Ethik ist modern, nicht etwa, weil die Eschatologie dabei
-Begleitgedanke ist, sondern gerade, weil sie von dieser Eschatologie
-vollständig abhängig ist! Diese Eschatologie selbst, wie sie sich
-in dem Geheimnis des Reiches Gottes darstellt, ist nämlich durchaus
-modern, indem sie von dem Grundgedanken beherrscht wird, dass auf die
-religiös-sittliche Erneuerung hin, welche die Gläubigen leisten, das
-Reich Gottes eintreten wird. _=Jede sittlich-religiöse Bethätigung ist
-also Arbeit am Kommen des Reiches Gottes.=_
-
-Als durch die Geschichte die Eschatologie in dieser
-ethisch-eschatologischen Weltanschauung langsam verblich, da blieb
-eine ethische Weltanschauung, in der die Eschatologie durch sieghafte
-Begeisterung und den unvergänglichen Glauben an den Endsieg des Guten
-weiterlebte. Das Geheimnis des Reiches Gottes enthält das Geheimnis
-der christlichen Weltanschauung überhaupt. Die ethische Eschatologie
-Jesu ist die _=heroische Form=_, in der die modern-christliche
-Weltanschauung in die Geschichte eintrat!
-
-FUSSNOTE:
-
-[1] Kritik der praktischen Vernunft. Ed. Reclam S. 129.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.
-
-
-In der letzten Periode seines Lebens hat Jesus noch einmal Gleichnisse
-vom Reich Gottes geredet. Der Weinberg Gottes (Mt 21 _-33-46-_). Die
-königliche Hochzeit (Mt 22 _-1-14-_). Der wachende Knecht (Mt 24
-_-42-47-_). Die zehn Jungfrauen (Mt 25 _-1-13-_). Die anvertrauten
-Pfunde (Mt 25 _-14-30-_).
-
-Diese Gleichnisse enthalten, im Unterschied zu denen vom
-Geheimnis des Gottesreiches, kein Geheimnis, sondern es sind reine
-_=Lehrgleichnisse=_, aus denen eine Moral zu ziehen ist. Das Reich
-Gottes ist nahe. Nur diejenigen werden als dazu gehörig erfunden
-werden, die sich durch ihr sittliches Verhalten darauf einrichten.
-
-Dafür enthält aber die zweite Periode _=das Geheimnis des
-Leidensgedankens=_. Wie wir gesehen haben, führen die Aussprüche Jesu
-auf eine geheimnisvolle kausale Verbindung zwischen dem Leiden und dem
-Eintreten des Reichs, weil die Eschatologie und der Leidensgedanke
-immer nebeneinander auftreten und die Zukunftserwartungen der Jünger
-jedesmal durch seine Leidensankündigung aufs höchste gesteigert werden.
-
-_=Das Geheimnis des Leidensgedankens nimmt also das Geheimnis des
-Reiches Gottes wieder auf und setzt es fort.=_ Zu der sittlichen
-Erneuerung, welche dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge auf das
-Eintreten des Reiches eine nötigende Gewalt ausübt, _=tritt die
-sühnende Todesleistung Jesu hinzu=_. Sie vollendet die Busse derer,
-die an das Kommen des Reiches glauben. Dadurch tritt Jesus den
-Gewaltthätigen, die das Reich herbeinötigen, zur Seite. Die Gewalt, die
-er dabei anwendet, ist die denkbar höchste -- er gibt sein Leben hin.
-
-Der Leidensgedanke ist also die Umformung des Geheimnisses vom Reich
-Gottes. Darum ist er ebensowenig darauf berechnet, von den andern
-begriffen zu werden, als die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches
-Gottes. Es handelt sich beidemal um eine nicht weiter zu ergründende
-Thatsache.
-
-Der Zusammenhang zwischen dem Leidensgedanken und dem Geheimnis
-des Reiches Gottes garantiert die Kontinuität in Jesu Gedankenwelt.
-Alle Konstruktionen, die man unternommen hat in der Absicht, diese
-Kontinuität herzustellen, waren unvermögend, das Geforderte zu leisten.
-Die Aufnahme des Leidensgedankens bedeutete in allen Fällen eine
-totale Veränderung seiner Reichs- und Weltanschauung. Stellt man aber
-den Leidensgedanken in den grossen Zusammenhang des Geheimnisses des
-Reiches Gottes, so ist die Kontinuität natürlich gegeben. Der Gedanke
-der übernatürlichen Herbeiführung des Reiches Gottes durchzieht Jesu
-ganzes Leben, wobei der Leidensgedanke nur die Formulierung desselben
-in der zweiten Periode darstellt.
-
-Wodurch nimmt das Geheimnis des Reiches Gottes die Form des
-Leidensgeheimnisses an?
-
-Warum muss die Sühne Jesu vollendend zur sittlichen Erneuerung und zur
-Busse der reichsgläubigen Gemeinschaft hinzutreten?
-
-Inwiefern kommt dem Sühnetod Jesu eine Einwirkung auf das Eintreten des
-Reiches zu?
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen Wirksamkeit.
-
-
-1. Das Problem und die Thatsachen.
-
-Das Erlebnis bei der Taufe bedeutet den Anfangspunkt des
-Messianitätsbewusstseins Jesu. In der Gegend von Cäsarea Philippi
-offenbart er den Jüngern sein Geheimnis. Oeffentlich bekennt er sich
-erst vor dem Hohenpriester zu seiner messianischen Würde. Seiner
-Predigt vom Reiche Gottes liegt also das Messianitätsbewusstsein zwar
-zu Grunde. Bei den Zuhörern setzt er aber die Kenntnis der Stellung,
-welche ihm zukommt, nicht voraus. _=Der Glaube, den er verlangt, hat
-nichts mit seiner Person zu thun, sondern er bezieht sich nur auf die
-Botschaft von der Nähe des Reichs.=_ Erst der vierte Evangelist stellt
-die Geschichte so dar, als handelte es sich um die Persönlichkeit Jesu.
-
-Nun können wir nicht ermessen, inwieweit seine Würde für solche,
-die ein aufgewecktes Verständnis hatten, in seiner Verkündigung
-durchschien. Eines ist sicher: bis in die Zeit nach der Aussendung hat
-niemand im entferntesten daran gedacht, in ihm den Messias zu erkennen.
-Bei Cäsarea Philippi antworten die Jünger ihm nur, dass das Volk ihn
-für einen Propheten oder für den Vorläufer Elias halte, und sie selbst
-wissen nicht anders. Denn Petrus hat, wie Jesus selbst sagt, seine
-Kenntnis nicht aus dem Wirken und Reden seines Meisters erschlossen,
-sondern er verdankt sie einer übernatürlichen Offenbarung.
-
-Nach dieser Fundamentalthatsache müssen die synoptischen Notizen
-beurteilt werden. _=Zuerst=_ stehen dazu eine Reihe matthäischer
-Stellen in Spannung.
-
-Mt 9 _-27-31-_, in der galiläischen Parallele zur Blindenheilung in
-Jericho, wird berichtet, dass ihn zwei Blinde durch den ganzen Ort mit
-dem Ruf »Davidssohn« verfolgt haben. Was dann die Warnung Jesu, »dass
-es niemand erfahre«, bedeuten soll, bleibt allerdings dunkel.
-
-Mt 12 _-23-_ raunen sich die Leute nach einer wunderbaren Heilung zu,
-ob das nicht der Davidssohn sei.
-
-Mt 14 _-33-_ fallen die Jünger nach dem Erlebnis auf der See im Schiff
-vor ihm nieder und sprechen: »du bist wahrhaftig Gottes Sohn.«
-
-Mt 15 _-22-_ redet die Kananäerin ihn als den Davidssohn an, während
-sie bei Markus ihm einfach zu Füssen fällt und um Hülfe bittet.
-
-In allen diesen Stellen liegt matthäisches Sondergut vor, das einer
-sekundären litterarischen Schicht angehört. Für die Geschichte Jesu
-haben sie keine Bedeutung, wohl aber für die Geschichte der Geschichte
-Jesu. Sie zeigen uns nämlich, wie die spätere Zeit immer mehr dazu kam,
-sein Leben von der Voraussetzung aus darzustellen, dass nicht nur er
-sich als Messias wusste, sondern dass auch die andern diesen Eindruck
-von ihm hatten.
-
-_=An zweiter Stelle=_ handelt es sich um die _=Anrede der
-Dämonischen=_. Nach Mk 3 _-11-_ warfen sich die unreinen Geister, so
-oft sie ihn erblickten, vor ihm nieder und riefen ihn als Gottessohn
-an (vgl. auch Mk 1 _-24-_ und Mk 5 _-7-_). Zwar wehrte er diesen Rufen
-und gebot Schweigen. Hätten wir aber nicht die unumstösslich sichere
-Kunde, dass während seiner ganzen galiläischen Wirksamkeit das Volk
-nichts weiter wusste, als dass er ein Prophet oder der Elias sei,
-so müssten wir annehmen, dass diese Dämonenrufe die Leute auf seine
-Würde irgendwie aufmerksam machten. So aber ersehen wir gerade aus der
-Nichtbeachtung der Dämonenrufe mit Bestimmtheit, wie weit man davon
-entfernt war, in ihm den Messias zu vermuten. Wer glaubte denn dem
-Teufel und dem irren Gerede Besessener?
-
-_=An dritter Stelle=_ handelt es sich um den Ausdruck
-»_=Menschensohn=_«. Hat Jesus ihn vor Cäsarea Philippi als
-Selbstbezeichnung gebraucht, so liegt darin in jedem Falle eine
-messianische Andeutung, denn jeder musste diesen Daniel'schen Ausdruck
-auf die Persönlichkeit der Endzeit beziehen.
-
-Als Selbstbezeichnung _=vor=_ Cäsarea Philippi verwendet ihn Jesus
-bei Markus zweimal (Mk 2 _-10-_ und 2 _-28-_) und in einer Reihe
-matthäischer Sonderstellen (8 _-20-_, 11 _-19-_, 12 _-32-_, 12 _-40-_,
-13 _-37-_ u. _-41-_ und 16 _-13-_). Auch für die Beurteilung dieser
-Stellen muss man von dem festen Punkt, der in der Antwort der Jünger
-bei Cäsarea Philippi gegeben ist, ausgehen.
-
-Entweder hat Jesus den Ausdruck damals noch nicht gebraucht. Dann sind
-diese Menschensohnstellen chronologisch verfrüht oder es handelt sich
-um rein litterarische Erscheinungen.
-
-Oder aber er hat den Ausdruck schon gebraucht. Dann muss er es in
-einer solchen Weise gethan haben, dass niemand auf den Gedanken kommen
-konnte, er nehme die Würde des Daniel'schen Menschensohns für sich in
-Anspruch.
-
-Das Problem der zweiten Periode ist noch schwieriger. Die Jünger wissen
-um sein Geheimnis, aber sie dürfen es niemand offenbaren. Wie steht es
-aber mit dem Volk? War diesem jetzt eine Ahnung von der messianischen
-Würde Jesu aufgegangen?
-
-Das Problem hat es also mit drei Thatsachen zu thun.
-
-1. Die ganze Diskussion in den jerusalemitischen Tagen dreht sich in
-keiner Weise um die messianische Würde Jesu, sondern es handelt sich
-um gesetzliche Thesen und um Tagesfragen. Man hat bisher viel zu wenig
-Gewicht darauf gelegt, dass weder das Volk noch die Schriftgelehrten
-irgendwie zu ihm als _=der messianischen Persönlichkeit=_ Stellung
-nehmen. Wie ganz anders wären die jerusalemitischen Tage gewesen,
-wenn es sich darum gehandelt hätte: ist er der Messias -- ist er es
-nicht? Kann er es sein -- kann er es nicht sein? In Wirklichkeit ist
-er nur die Autoritätsperson des galiläischen Volkes, vor welche die
-Hauptstadtgelehrten ihre Schulfragen bringen, sei es in aufrichtiger
-Gesinnung, sei es in der perfiden Absicht, seine Autorität zu
-vernichten.
-
-2. In dieser zweiten Periode hat Jesus das Volk nur einige Tage um
-sich gehabt: vom Jordanübergang bis zu seinem Tode. Während dieser
-Zeit hat er ihnen keine Eröffnung über seine Messianität gemacht,
-auch keine Anspielung, die sie dahin verstehen konnten und mussten.
-Die gedungenen Zeugen wissen nichts derartiges vorzubringen. Das
-Bemerkenswerte an ihrer Aussage, worauf man auch viel zu wenig Gewicht
-zu legen geneigt ist, besteht ja gerade darin, _=dass sie ihn in keiner
-Weise beschuldigen, Messias sein zu wollen=_. Für sie erschöpft sich
-seine frevelhafte Prätention in dem respektwidrigen Ausspruch über
-den Tempel. Man stelle sich die Gerichtsverhandlung vor, wenn die
-gedungenen Ankläger in Jesu Reden messianische Anspielungen auf sich
-selbst entdeckt hätten!
-
-3. Von hier aus kommt man notwendig zu dem Urteil, dass er für das Volk
-in Jerusalem bis zur letzten Stunde war, was er in Galiläa gewesen: der
-grosse Prophet oder der Vorläufer, in keiner Weise aber der Messias!
-Damit vertragen sich aber zwei Thatsachen nicht.
-
-Der Einzug in Jerusalem war -- der gewöhnlichen Auffassung zufolge --
-_=eine messianische Ovation=_. Also musste das Volk die Würde Jesu
-ahnen.
-
-Der Hohepriester stellte die Frage an ihn, _=ob er der Messias wäre=_.
-Also wusste er um Jesu Ansprüche.
-
-Es handelt sich hier um die klare Frage: galt Jesus in den
-jerusalemitischen Tagen als messianischer Prätendent oder nicht? Man
-darf sich diese Frage nicht dadurch verdunkeln, dass man von einem
-mehr oder weniger klaren »Ahnen« in dieser Sache redet. Das »Ahnen
-der Messianität Jesu« ist eine moderne Erfindung. Eine Volksmasse
-wäre nicht von dunkelm geheimnisvollem Ahnen hin- und herbewegt
-worden, sondern es hätte sich um Glauben oder Nichtglauben gehandelt.
-Wer dafür hielt, er sei der Messias, musste mit ihm durch Feuer und
-Tod gehen, der Herrlichkeit entgegen. Wer nicht dafür hielt, solche
-Prätention bei ihm aber auch nur ahnte, der musste das Signal geben,
-den Gotteslästerer zu steinigen. Ein Drittes gab es nicht.
-
-Die allgemeinen Thatsachen sprechen dafür, dass Volk und Pharisäer
-in den jerusalemitischen Tagen Jesu keine messianischen Prätentionen
-beilegten, ebensowenig wie früher. Nur bleibt dann der Einzug in
-Jerusalem, als messianische Ovation verstanden, ein Rätsel, und ebenso
-ist es unerklärlich, wie der Hohepriester darauf kommt, ihn nach seiner
-Messianität zu fragen.
-
-Entweder verhält es sich hiermit so, wie man gewöhnlich annimmt. Dann
-muss man auf jedes geschichtliche Verständnis der letzten öffentlichen
-Periode Jesu verzichten. Es geht nicht an, dass er am Anfang (Einzug in
-Jerusalem) und am Ende derselben (Frage des Hohenpriesters vor Gericht)
-für den Messias gehalten wurde, während die dazwischen liegenden
-jerusalemitischen Tage davon nicht das geringste wissen.
-
-Oder man hat den Einzug und die Frage des Hohenpriesters geschichtlich
-missverstanden. Galt die Ovation dem messianischen Prätendenten? Sprach
-der Hohepriester in seiner Frage etwas aus, worum alle wussten? Hat er
-die behauptete Messianität aus Jesu Leben, Wirken und Reden erschlossen
--- oder wusste er vielleicht nur durch Verrat um das innerste Geheimnis
-Jesu, das nur den Vertrauten seit Cäsarea Philippi bekannt war?
-
-In seiner vollen Schwierigkeit erhält das Messianitätsproblem folgende
-Formulierung: Wie war es möglich, dass Jesus sich von Anfang an als
-Messias wusste und dennoch seine Messianität in seiner öffentlichen
-Predigt vom Reich bis zum letzten Augenblick nicht zur Geltung kommen
-liess? Wie konnte dem Volke auf die Dauer verborgen bleiben, dass diese
-Reden vom messianischen Bewusstsein aus gesprochen waren? _=Jesus war
-ein Messias, der es während seiner öffentlichen Wirksamkeit nicht sein
-wollte, nicht zu sein brauchte und nicht sein durfte, um seine Mission
-zu erfüllen! So stellt die Geschichte das Problem.=_
-
-
-2. Jesus der Elias, durch die Solidarität mit dem Menschensohn.
-
-_=Welche Würde konnte und musste das Volk Jesu auf seine öffentliche
-Wirksamkeit hin beilegen?=_ Das ist die Frage, um die es sich jetzt
-handelt.
-
-Der Messias und das messianische Reich gehören unzertrennlich zusammen.
-Wenn daher Jesus ein gegenwärtiges messianisches Reich gepredigt hätte,
-wäre zugleich die Notwendigkeit an ihn herangetreten, den Messias
-kenntlich zu machen; er hätte damit beginnen müssen, sich vor dem Volk
-als Messias zu legitimieren.
-
-Nun war aber seine Predigt vom Reich futurisch; damit war vollständig
-ausgeschlossen, dass jemand darauf kommen konnte, in ihm den Messias
-zu vermuten. _=War das Reich futurisch, so war es auch der Messias.=_
-Wenn Jesus dennoch messianische Ansprüche hatte, so lag dieser
-Gedanke dem Volk vollständig fern, denn seine Reichspredigt schloss
-auch die leiseste derartige Mutmassung aus. Darum konnten auch die
-Dämonenschreie die Leute nicht auf die richtige Spur bringen.
-
-Vollends unmöglich gemacht waren derartige Mutmassungen durch die
-Art, wie Jesus von dem Messias als futurischer Persönlichkeit in der
-dritten Person redet. Den Jüngern kündigt er bei der Aussendung an,
-dass der Menschensohn erscheinen wird, ehe sie mit den Städten Israels
-zu Ende sein werden (Mt 10 _-23-_). Mk 8 _-38-_ verheisst er dem Volk
-das baldige Erscheinen des Menschensohns zum Gericht und das Kommen
-des Reiches Gottes in Kraft. Ebenso redet er noch in Jerusalem von
-dem Gericht, das der Menschensohn abhalten wird, wenn er in seiner
-Herrlichkeit umgeben von den Engeln erscheinen wird (Mt 25 _-31-_).
-
-Nur die Jünger nach der Offenbarung zu Cäsarea Philippi und der
-Hohepriester nach dem »Ja« Jesu konnten eine persönliche Beziehung
-zwischen ihm und dem Menschensohn, von dessen Kommen er sprach,
-statuieren, da sie um sein Geheimnis wussten. Sonst aber blieben für
-die Hörer _=Jesus von Nazareth=_ und der, von welchem die Rede war,
-_=der Menschensohn=_, zwei vollständig verschiedene Persönlichkeiten.
-
-Vor dem Volk deutet Jesus nur an, dass der Menschensohn mit ihm, der
-ihn verkündigt, absolut _=solidarisch=_ ist. In dieser Form allein ragt
-seine eigene gigantische Persönlichkeit in seine Predigt des Reiches
-Gottes hinein. Nur wer sich zu ihm, dem Verkündiger des Kommens des
-Menschensohnes, unter allen Umständen bekennt, der wird am Gerichtstag
-als zum Reich gehörig erfunden werden. Jesus wird nämlich vor Gott
-und vor dem Menschensohn für ihn eintreten (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_; Mt
-10 _-32-33-_). Man muss bereit sein, das Liebste aufzugeben, um ihm
-nachzufolgen, denn nur so wird man _=seiner wert=_ (Mt 10 _-37-_ u.
-_-38-_). Darum ist Jesus betrübt, als der reiche Jüngling sich nicht
-entschliessen kann, seinen Reichtum aufzugeben, um ihm nachzufolgen (Mk
-10 _-22-_), denn nun kann er am Gerichtstag nicht für ihn einstehen,
-damit er als zum Reich Gottes gehörig erfunden werde. Doch hofft er von
-der schrankenlosen Allmacht Gottes, dass dieser Reiche trotzdem zum
-Reich eingehe (Mk 10 _-17-31-_). Wenn also dieser, weil Jesus nicht
-für ihn eintreten kann, nicht sicher ist, »das ewige Leben zu ererben«
-(Mk 10 _-17-_), so sind doch die, welche, zu ihm und seiner Botschaft
-sich bekennend, den Tod erleiden, gewiss, ihr Leben zu bewahren, d. h.
-bei der Totenauferstehung zum Reich zu gehören (Mk 8 _-37-_). Darum
-preist er am Eingang der Bergpredigt diejenigen selig, welche um
-seinetwillen Schmähung und Verfolgung erdulden, weil sie dadurch, wie
-die Sanftmütigen und die Barmherzigen, zum Reiche Gottes vorbestimmt
-sind (Mt 5 _-11-_ f.).
-
-Vom Standpunkte Jesu aus bietet diese absolute Solidarität zwischen
-Gott und dem Menschensohn einerseits und ihm andererseits kein Rätsel,
-denn sie basiert auf seinem messianischen Selbstbewusstsein; er
-kann so reden, weil er sich bewusst ist, selbst der Menschensohn zu
-sein. Anders war es für das Volk und die Jünger vor der Offenbarung
-zu Cäsarea Philippi. Wie kann Jesus von Nazareth in einer so
-selbstbewussten, souveränen Weise den Menschensohn mit ihm selbst für
-absolut solidarisch proklamieren? Diese Behauptung zwang das Volk
-zur Reflexion über seine Persönlichkeit. Wer war derjenige, dessen
-Erscheinung machtvoll aus dem vormessianischen in den messianischen
-Aeon hineinragte, dass Gott und der Menschensohn die, welche
-sich zu ihm bekannt hatten, in das Reich aufnahmen, wenn dieses
-Bekenntnis nicht durch die mangelnde sittliche Würdigkeit seinen
-Wert einbüsste, wie er einmal ausdrücklich warnend erklärte? Nur
-_=einer=_ Persönlichkeit kam die Bedeutung zu, die Jesus für sich
-in Anspruch nahm: _=Elias, dem gewaltigen Vorläufer=_; denn seine
-Erscheinung erstreckte sich aus dem jetzigen in den messianischen Aeon
-und verband beide miteinander. Darum hielt das Volk dafür, Jesus sei
-der Elias. Darin sprach sich die höchste Würdigung aus, welche seine
-Persönlichkeit den Massen abnötigen konnte. Es handelte sich dabei
-nicht um eines der in der sekundären evangelischen Geschichtserzählung
-so beliebten Missverständnisse, sondern das Volk _=konnte=_ nach Jesu
-Auftreten und nach seiner Verkündigung zu keinem andern Urteil über ihn
-kommen.
-
-
-3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen.
-
-Um sich die Stellung der Zeitgenossen zur Persönlichkeit und zum
-Wirken Jesu begreiflich zu machen, muss man sich von zwei falschen
-Voraussetzungen, mit denen wir immer unbewusst operieren, befreien.
-Zum ersten richtete sich die Erwartung damals nicht auf den Messias,
-sondern auf den geweissagten Vorläufer. Zum zweiten hat niemand in
-dem Täufer irgendwie den Vorläufer vermutet. Durch diese beiden
-Voraussetzungen verderben wir uns die historische Perspektive.
-
-Das Erscheinen des Messias mitsamt der grossen Krise, welche
-er herbeiführt, macht das überweltliche Drama aus, das der Welt
-bevorsteht. Aber ehe der Vorhang aufgeht, muss unter den harrenden
-Menschen jemand erstehen, der den Prolog zum Stück spricht, um dann,
-sobald der Vorhang in die Höhe geht, den überirdischen Grössen sich
-beizugesellen, welche die Handlung des Dramas leiten. Darum wartet man
-zunächst nicht auf das Emporgehen des Vorhangs und die Erscheinung des
-Messias, sondern auf den berufenen Sprecher des Prologs. _=Es galt, das
-Auftreten des Vorläufers zu signalisieren, um zu wissen, welche Stunde
-der Zeiger der Weltuhr zeigte.=_
-
-Nun war aber der Elias noch nicht erschienen, denn der Täufer hatte
-sich nicht als solchen legitimiert. Dazu fehlte ihm die übernatürliche
-Kraftbekundung. Zeichen und Wunder gehörten aber notwendig zur Epoche,
-welche dem Reich unmittelbar voranging. Allgemeine Geistbegabung und
-Prophezeiung, Wunder am Himmel und auf der Erde: das trifft ein,
-bevor der Tag Gottes kommt. So bestimmte es der Prophet Joël (3 _-1-_
-ff.). In der Pfingstpredigt beruft sich Petrus auf diese Stelle (Akt
-2 _-17-22-_). Aus der übernatürlich ekstatischen Rede sollen sie
-erkennen, dass man dem Ende der Tage entgegengeht. Der getötete Jesus
-ist von Gott zum Messias erhöht in der Auferstehung und das Reich wird
-bald einbrechen.
-
-Diese Joëlstelle wurde also auf die unmittelbar vormessianische
-Wunderzeit bezogen, in welcher nach der Weissagung des Maleachi
-der Vorläufer auftreten sollte (Mal 3 _-23-_ u. _-24-_). Der
-gleiche Kehrvers hielt zudem noch diese beiden Grundstellen der
-vormessianischen Erwartung zusammen. Mal 3 _-23-_ = Joël 3 _-4-_:
-»Vor dem Kommen des Tages des Herrn, den grossen und schrecklichen.«
-_=Der Vorläufer ohne Wunderzeichen in einer wunderlosen Zeit war also
-undenkbar.=_
-
-Nun bestand für die Zeitgenossen der charakteristische Unterschied
-zwischen Johannes und Jesus gerade darin, dass der eine einfach auf
-die Nähe des Gottesreiches hinwies, während der andere seine Predigt
-durch Zeichen und Wunder bekräftigte. Man hatte das Bewusstsein, mit
-Jesus in die Zeit der Wunder zu treten. Er war der Täufer, aber ins
-Uebernatürliche übersetzt. Als nach der Aussendung sein Auftreten und
-seine Zeichen zugleich mit dem Tode des Täufers bekannt wurden, da
-sagte man: Der Täufer ist vom Tod erstanden. Darum antworteten ihm
-die Jünger zu Cäsarea Philippi, man halte ihn für den Elias oder für
-den Täufer (Mk 8 _-28-_). Als Herodes von ihm hörte, liess er sich's
-nicht nehmen, dass er der Täufer sei. »_=Der Täufer ist von den Toten
-auferstanden und deshalb wirken die Wunderkräfte in ihm=_« (Mk 6
-_-14-_).
-
-Auch die Bedeutung, die Jesus den Zeichen beilegte, musste die
-Zuhörer darauf führen, dass man sich in der Vorläuferaera befand. Ihre
-Bedeutung besteht nämlich darin, die Nähe des messianischen Reiches zu
-bekräftigen. Die Leute sollen ihm um der Zeichen willen glauben und
-Busse thun auf das Reich Gottes hin.
-
-Die Zeichen sind eine Gnade Gottes, durch welche er die Menschen
-aufmerksam machen will, welche Stunde es ist. Wer dann keine Busse
-thut, der ist verdammt. So geht es den Leuten von Chorazin, Bethsaida
-und Kapernaum. Wer aber gar den »heiligen Geist« lästert und der
-widergöttlichen Macht die Zeichen zuschreibt, der hat keine Vergebung
-ewiglich. Dieses Verbrechens hatten sich die jerusalemitischen
-Schriftgelehrten in Galiläa schuldig gemacht (Mk 3 _-22-_ ff.).
-Diejenigen aber, welche sich nicht verstockten, hielten dafür, das
-Reich Gottes stehe vor der Thür und Jesus sei der Vorläufer, weil man
-offenbar in die Zeit der Zeichen eingetreten war, von der die Schrift
-geweissagt hatte.
-
-
-4. Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches Gottes.
-
-Für Jesus bedeuteten die Zeichen die Reichsnähe noch in einem höheren
-als dem rein zeitlichen Sinn. Durch die Dämonenbekämpfung ist er
-sich bewusst, _=auf das Kommen desselben einzuwirken=_. Hier spielt
-das Geheimnis des Reiches Gottes mit herein. Dieser Gedanke ist in
-dem Gleichnis enthalten, mit welchem er die Verdächtigungen der
-jerusalemitischen Schriftgelehrten zurückweist (Mk 3 _-23-30-_).
-
-Es erschöpft sich nämlich nicht in dem Gedanken, dass die bösen
-Geister ihre Herrschaft nicht untergraben, indem der eine sich gegen
-den andern erhebt; in dem Schlusswort begegnet uns nämlich unvermutet
-das »jetzt und dann« aus dem Geheimnis des Reiches Gottes: »Keiner
-kann in das Haus des Starken einbrechen und ihm seinen Besitz rauben,
-wenn er nicht _=zuvor=_ den Starken bindet, und _=alsdann=_ mag er
-sein Haus ausplündern.« Die Dämonenaustreibung bedeutet also für Jesus
-das Binden und das Unschädlichmachen der widergöttlichen Macht. Diese
-Thätigkeit steht deshalb, wie die sittliche Erneuerung im Geheimnis des
-Reiches Gottes, mit dem Anbrechen des Reiches in kausalem Zusammenhang.
-Durch die Dämonenüberwindung ist Jesus der Gewaltthätige, der das
-Reich herbeinötigt; denn, wenn die widergöttliche Macht gebunden ist,
-dann tritt der Augenblick ein, wo die Herrschaft von ihr genommen
-wird. Damit dies geschehen kann, muss sie erst unschädlich gemacht
-werden. Darum gibt Jesus den Jüngern bei der Aussendung nicht nur den
-Befehl, die Nähe des Reiches zu verkündigen, sondern auch die Vollmacht
-über die Dämonen (Mt 10 _-1-_). In jenem Augenblick der höchsten
-eschatologischen Erwartung sendet er sie als die Gewaltthätigen aus,
-welche die letzten Streiche führen sollen. Die Busse, welche durch ihre
-Predigt gewirkt wird, und die Ueberwindung der widergöttlichen Macht in
-den Dämonischen nötigen zusammen das Reich herbei.
-
-So drücken die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches Gottes (Mk 4),
-das Gleichnis in Jesu Apologie an die Pharisäer (Mk 3 _-23-30-_) und
-das Gleichnis in der Würdigungsrede über den Täufer (Mt 11 _-12-15-_)
-denselben Gedanken aus. Die beiden letzteren begegnen sich sogar im
-drastischen Bild der Vergewaltigung, weshalb ihnen auch der Begriff des
-»Raubes« gemeinsam ist (Mk 3 _-27-_ = Mt 11 _-12-_).
-
-Für das Bewusstsein Jesu waren also die Dämonenheilungen in das
-Geheimnis vom Reich Gottes hineingestellt. Dem Volk aber genügte es,
-den rein zeitlichen Zusammenhang zu erfassen.
-
-
-5. Jesus und der Täufer.
-
-Wir haben oben gesehen, dass niemand in dem Täufer den Elias erkennen
-konnte, weil seine zeichenlose Thätigkeit und Reichspredigt der
-schriftgemässen Vorstellung der Vorläuferepoche nicht entsprachen.
-Nur einer machte eine Ausnahme, indem er ihm diese Würde zuerkannte:
-_=Jesus!=_ Er war der erste, welcher dem Volk eine geheimnisvolle
-Andeutung machte, jener sei der Vorläufer: »Wenn ihr es fassen mögt, so
-ist er selbst Elias, der Kommen-Sollende« (Mt 11 _-14-_). Er ist sich
-aber bewusst, damit ein unbegreifliches Geheimnis auszusprechen, das
-ihnen ebenso dunkel bleibt, wie das damit zusammenhängende Wort von den
-Gewaltthätigen, die seit den Tagen des Täufers das Reich herbeinötigen
-(Mt 11 _-12-_). Darum beschliesst er diese beiden Sprüche mit dem
-Orakelwort: Wer Ohren hat zu hören, der höre (Mt 11 _-15-_).
-
-Das Volk aber war weit entfernt zu begreifen, dass der in der Gewalt
-des Herodes befindliche Täufer die Persönlichkeit sein könne, die auf
-der Schwelle der vormessianischen zur messianischen Periode stand.
-So verhallte das geheimnisvolle Wort Jesu und das Volk blieb dabei,
-Johannes sei wirklich ein Prophet gewesen (Mk 11 _-32-_).
-
-Auch die Oberen konnten zu keinem Schluss über die Persönlichkeit
-des Täufers kommen. Darum unterlagen sie Jesu, als sie ihn über die
-Tempelreinigung zur Rede stellen wollten (Mk 11 _-33-_).
-
-Mit den Jüngern verhielt es sich nicht anders; sie waren von sich
-aus unfähig, in Johannes den Elias zu erkennen. Beim Abstieg vom
-Verklärungsberg kommen ihnen Bedenken über die Möglichkeit der
-Messianität Jesu und über die Möglichkeit der Totenauferstehung, die
-er in seiner Rede berührt hatte. Dadurch wurde ja die Gegenwärtigkeit
-der messianischen Aera vorausgesetzt, und diese konnte noch nicht
-angebrochen sein, denn »Elias muss zuvor kommen, wie die Pharisäer
-und Schriftgelehrten darthun« (Mk 9 _-9-11-_). Darauf antwortet ihnen
-Jesus, dass Johannes dieser Elias war, wenn er auch in der Menschen
-Gewalt geliefert wurde (Mk 9 _-12-_ u. _-13-_).
-
-Wie war Jesus zur Ueberzeugung gekommen, dass der Täufer der Elias war?
-Durch einen notwendigen Rückschluss von seiner eigenen Messianität
-aus. Weil er sich als Messias wusste, musste jener der Elias sein.
-Zwischen beiden bestand eine notwendige Wechselbeziehung. Niemand
-konnte wissen, dass der Täufer der Elias war, ohne diese Erkenntnis
-von der Messianität Jesu herzuleiten. Niemand konnte auf den Gedanken
-kommen, Johannes sei der Elias, ohne zugleich in Jesu den Messias sehen
-zu müssen. Denn nach dem Vorläufer blieb für eine zweite derartige
-Erscheinung kein Raum. Nun wusste niemand, dass Jesus sich für den
-Messias hielt. Also sah man in dem Täufer einen Propheten und fragte
-sich, ob Jesus nicht der Elias wäre. Die geheimnisvollen Schlusssätze
-der Würdigungsrede über den Täufer hatte niemand in ihrer vollen
-Tragweite verstanden. _=Für Jesus allein war Johannes der verheissene
-Elias.=_
-
-
-6. Der Täufer und Jesus.
-
-Wie stand der Täufer zu Jesus? Wenn er sich bewusst war, der Vorläufer
-zu sein, so musste er in Jesus den Messias mutmassen. Dies setzt man
-gewöhnlich voraus und lässt ihn als Vorläufer bei Jesus anfragen, ob
-er der Messias sei (Mt 11 _-2-6-_). Diese Annahme scheint uns ganz
-natürlich, weil wir uns beide immer in dem Verhältnis Vorläufer-Messias
-vorstellen.
-
-Darüber vergessen wir aber eine ganz naheliegende Frage. Hat der
-Täufer sich selbst als den Vorläufer, als den Elias gefühlt? Dem
-Volk gegenüber hat er in keiner Aeusserung einen derartigen Anspruch
-erhoben. Hartnäckig erkennt es in ihm nur einen Propheten. Auch während
-seiner Gefangenschaft kann er nichts derartiges beansprucht haben,
-denn noch in Jerusalem urteilt das Volk nicht anders, als dass er ein
-Prophet gewesen.
-
-Wenn irgendwie die Ahnung durchgedrungen wäre, dass er die Eliasgestalt
-repräsentierte, wie hätte man dann allgemein auf den Gedanken kommen
-können, Johannes sei ein Prophet, Jesus der Elias? Dass dies die
-allgemeine Ansicht auch nach dem Tode des Täufers war, bezeugt die
-Antwort der Jünger zu Cäsarea Philippi.
-
-Die Täuferanfrage unter der Voraussetzung betrachten, dass der
-Vorläufer frägt, ob Jesus der Messias sei, heisst sie in eine
-vollkommen unberechtigte Perspektive rücken, da gar nicht zu erweisen
-ist, ob Johannes sich für den Vorläufer hielt. Also ist auch gar nicht
-ausgemacht, ob seine Frage sich auf die messianische Würde bezieht. Das
-umstehende Volk, da es Johannes nicht für den Vorläufer hielt, musste
-sie ganz anders auffassen, nämlich: bist du der Elias?
-
-Nun wird aber durch die gewöhnliche Perspektive ein charakteristisches
-Detail in der Perikope selbst verdeckt, nämlich, dass Jesus dieselbe
-Bezeichnung, die der Täufer in der Anfrage auf ihn anwandte,
-nun seinerseits wieder auf den Täufer anwendet! Bist du der
-Kommen-Sollende? frägt der Täufer. Jesus antwortet: Wenn ihr es fassen
-mögt, so ist _=er selbst=_ Elias, der Kommen-Sollende! Bei den Reden
-ist also die Bezeichnung des »Kommen-Sollenden« gemeinsam, nur dass wir
-in der Anfrage des Täufers sie eigenmächtig auf den Messias beziehen.
-Dieses für die naive Perspektive so ganz natürliche Verfahren wird aber
-als unberechtigt erkannt, sobald man weiss, dass es sich eben nur um
-Perspektive, nicht um die reellen Massstäbe handelt. Denn dann gewinnt
-plötzlich das »er selbst« in der Antwort Jesu eine ungeahnte Bedeutung;
-»_=er selbst=_ ist der Elias«, der Kommen-Sollende! Dieser Rückweis
-zwingt uns, in der Anfrage des Täufers unter dem Kommen-Sollenden nicht
-den Messias, sondern, wie in der Antwort Jesu, den Elias zu verstehen.
-
-»Bist du der erwartete Vorläufer?« so lässt der Täufer Jesum fragen.
-»Wenn ihr es fassen mögt, ist er selbst dieser Vorläufer«, sagt Jesus
-zum Volk, nachdem er ihnen von der Grösse des Täufers geredet.
-
-Durch diese Rückbeziehung bekommt nun die Scene ein viel intensiveres
-Kolorit. Zunächst wird klar, warum Jesus _=nach dem Weggang der
-Gesandten=_ über den Täufer redet. Er fühlt sich genötigt, das Volk in
-wirkungsvoller Steigerung von der Vorstellung, jener sei ein Prophet
-(Mt 11 _-9-_), zu der Ahnung zu bringen, er sei der Vorläufer, mit
-dessen Auftreten der Zeiger der Weltuhr sich der verhängnisvollen
-Stunde nähert, auf den sich das Wort »von dem, der den Weg bereitet«
-bezieht und von dem die Schriftgelehrten sagen, »dass er zuerst kommen
-muss« (Mk 9 _-11-_).
-
-Johannes nämlich war mit seiner Anfrage in der messianischen
-Zeitrechnung zurück. Seine Abgesandten erkundigen sich nach dem
-Vorläufer in dem Augenblick, wo Jesu Zuversicht, dass das Reich
-unmittelbar hereinbrechen wird, aufs höchste gestiegen ist. Er hat
-ja seine Jünger ausgeschickt und ihnen in Aussicht gestellt, dass
-die Erscheinung des Menschensohnes sie auf dem Weg durch die Städte
-Israels überraschen könne. Die Stunde ist schon viel weiter vorgerückt
--- das will Jesus dem Volk in der »Würdigungsrede über den Täufer« zu
-verstehen geben, wenn sie es begreifen können.
-
-Zu seinem Urteil über Jesus war Johannes auf demselben Wege gekommen,
-wie das Volk. Als er nämlich _=von den Zeichen und Thaten Jesu hört=_
-(Mt 11 _-2-_), da steigt ihm der Gedanke auf, ob dieser nicht etwa mehr
-wäre, als ein Busse predigender Prophet. So schickte er zu ihm hin, um
-darüber Gewissheit zu haben.
-
-Damit rückt aber die Verkündigung des Täufers in ein ganz anderes
-Licht. Er hat nie auf den kommenden Messias, _=sondern auf den
-erwarteten Vorläufer hingewiesen=_. So erklärt sich die Verkündigung
-»von dem, der nach ihm kommen wird« (Mk 1 _-7-_ u. _-8-_). Auf den
-Messias angewandt, bleiben die von ihm gebrauchten Ausdrücke dunkel.
-Sie statuieren nämlich nur einen Gradunterschied, nicht eine totale
-Differenz zwischen ihm und dem Angekündigten. Wenn er vom Messias
-redete, wären diese Ausdrücke, in welchen er den Kommenden, trotz des
-gewaltigen Rangunterschieds, immer noch mit sich selbst vergleicht,
-unmöglich. Er denkt sich den Vorläufer wie ihn selbst, taufend und
-die Busse auf das Reich hin verkündigend, aber nur unverhältnismässig
-grösser und mächtiger. Statt mit Wasser wird er mit dem heiligen Geist
-taufen (Mk 1 _-8-_).
-
-Dies kann nicht auf den Messias gehen. Seit wann tauft der Messias?
-Sodann aber findet die berühmte allgemeine Geistesausgiessung nicht
-_=in=_, sondern _=vor=_ der messianischen Aera statt! Bevor der
-gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er seinen Geist ausgiessen über
-alles Fleisch, und Zeichen und Wunder werden am Himmel geschehen (Joël
-3 _-1-_ ff.). Bevor der gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er Elias,
-den Propheten, schicken (Mal 3 _-23-_). Diese beiden Hauptstellen über
-die grossen Vorereignisse der Endzeit verbindet der Täufer in Gedanken
-und kommt so zur Vorstellung _=des Vorläufers, der mit dem heiligen
-Geiste taufen wird=_! Man sieht dabei, welch übernatürliches Licht die
-Gestalt des Vorläufers in der damaligen Vorstellung umfliesst. Darum
-fühlt sich Johannes so klein vor ihm.
-
-Für die Antwort befand sich Jesus in einer schweren Lage. Indem er
-fragen liess: bist du der Vorläufer, oder bist du es nicht? hatte ihm
-der Täufer eine falsche Alternative gestellt, auf die er weder ja
-noch nein antworten konnte. Sein Messianitätsgeheimnis wollte er den
-Gesandten auch nicht anvertrauen. Er antwortet daher mit dem Hinweis
-auf die Nähe des Reiches, die sich in seinen Thaten offenbart. Zugleich
-rückt er seine eigene Persönlichkeit machtvoll in den Vordergrund. Nur
-derjenige kann selig werden, der zu ihm steht und kein Aergernis an ihm
-nimmt. Er will damit dasselbe sagen, was er auch dem Volk Mk 8 _-38-_
-vorhält: Die Zugehörigkeit zum Reich ist abhängig von dem Ausharren bei
-ihm.
-
-Die merkwürdige, ausweichende Antwort Jesu an den Täufer, in welcher
-die Exegese von jeher besondere Finessen entdecken zu müssen glaubte,
-erklärt sich also einfach aus einer Zwangslage! Er konnte nicht direkt
-antworten. Darum gab er diesen dunkeln Bescheid. Der Täufer sollte
-daraus entnehmen, was er wollte und konnte. Uebrigens hatte es ja keine
-Bedeutung, wie er ihn verstand. Die Ereignisse werden ihn lehren, denn
-die Zeit ist ja schon viel weiter vorangeschritten als er annimmt, und
-der Hammer hebt schon zum Stundenschlag aus.
-
-Es wird uns sehr schwer von dem Gedanken loszukommen, als ob der
-Täufer und Jesus zu einander als Vorläufer und Messias gestanden
-hätten. Nur durch eine angespannte Ueberlegung gelangt man zur
-Einsicht, dass bei unserer Perspektive die beiden Grössen in diesem
-Verhältnis stehen, weil wir die Messianität Jesu voraussetzen, dass
-man aber, um ihre historischen Beziehungen zu entdecken, die richtige
-Perspektive berechnen und in Anschlag bringen muss.
-
-Solange man noch irgendwie in der alten Perspektive befangen ist,
-wird man der vorliegenden Untersuchung nicht gerecht. Man meint dann
-nämlich, es handle sich um »den Vorläufer des Vorläufers« und den
-Vorläufer, also eine geistreiche Multiplizierung des Vorläufers mit
-sich selbst. Das ist falsch ausgedrückt. Ein busspredigender Prophet,
-Johannes der Täufer, weist auf die machtvolle Vorläufergestalt des
-Elias hin und, als er im Gefängnis von den Zeichen Jesu hört, frägt er
-sich, ob dieser nicht der Elias sei und ahnt nicht, dass jener sich für
-den Messias halte und er selbst deshalb in der Geschichte hinfort als
-der Vorläufer bezeichnet würde. Dies ist der geschichtliche Thatbestand.
-
-Mit dem Augenblick aber, wo die Geschichtsbetrachtung von der
-Gewissheit ausgeht, dass Jesus der Messias war, verschiebt sich der
-geschichtliche Thatbestand notwendig. Die Evangelien zeigen diese
-Verschiebung in steigendem Masse an. In dem Anfangssatz des Markus
-wird das Maleachicitat von dem bahnbereitenden Vorläufer (Mal 3 _-1-_)
-schon auf Johannes angewandt. Bei Matthäus hört der Täufer im Gefängnis
-»die Werke des Messias« (Mt 11 _-2-_). Handelt es sich hier nur um das
-unreflektierte Hereinspielen einer neuen Betrachtungsweise, so hat das
-vierte Evangelium daraus ein Prinzip gemacht und stellt die Geschichte
-konsequent unter der Voraussetzung dar, dass, weil Jesus der Messias
-war, der Täufer der Vorläufer war und sich als solcher auch fühlen
-musste. Der historische Täufer sagt: ich bin nicht der _=Vorläufer=_,
-denn dieser ist unverhältnismässig grösser und mächtiger als ich. Nach
-dem vierten Evangelium könnten die Leute mutmassen, er sei Christus. Er
-muss daher sagen: ich bin nicht _=Christus=_ (Joh 1 _-20-_)!
-
-So hat sich das Verhältnis unter der neuen Perspektive vollständig
-verschoben. Die Person des Täufers ist historisch unkenntlich
-geworden. Zuletzt hat man noch den modernen Zweifelsmann aus ihm
-gemacht, der halb an Jesu Messianität glaubt, halb nicht glaubt. In
-diesem Hangen und Bangen soll gar die Tragik seines Daseins bestehen!
-Nun darf man ihn aber mit Zuversicht aus der Reihe der uns Modernen
-so interessanten, am tragischen Halbglauben zu Grunde gehenden
-Persönlichkeiten tilgen. Jesus hat ihm das erspart. Denn so lang er
-lebte, verlangte er von niemand den Glauben an seine Messianität -- und
-war es doch!
-
-
-7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in Jerusalem.
-
-Ist der Einzug in Jerusalem eine messianische Ovation? Das hängt
-einmal davon ab, wie man die Rufe des Volkes deutet, sodann aber von
-der Auffassung der Scene zwischen Jesus und dem Blinden. Handelt es
-sich dort wirklich um die Begrüssung als Davidssohn, die er nun nicht
-mehr ablehnt, sondern stillschweigend annimmt, sodass das Volk zur
-Erkenntnis gelangt, für wen er sich halte: dann ist die Folgerung
-unabweislich, dass es eine messianische Ovation war.
-
-Für die Herausarbeitung der ursprünglichen Situation in der Schilderung
-des Einzugs sind die Detailunterschiede zwischen Markus und den
-Seitenreferenten von weittragender Bedeutung. Bei Markus haben wir zwei
-klar unterschiedene Jubelrufe. Der erste gilt der gegenwärtigen Person
-Jesu: »Hosianna, gelobt sei der »Kommen-Sollende« im Namen des Herrn«
-(Mk 11 _-9-_). Der zweite bezieht sich auf das erwartete Kommen des
-Reichs: »Gelobt sei das kommen-sollende Reich unseres Vaters David;
-Hosianna in der Höh'.« Von dem Davidssohn ist also gar nicht die Rede!
-
-Anders bei Matthäus. Dort ruft das Volk: »Hosianna dem Sohne Davids;
-gesegnet sei der Kommen-Sollende im Namen des Herrn; Hosianna in der
-Höh'« (Mt 21 _-9-_). Wir haben also hier nur den Ruf, welcher der
-Person Jesu gilt. Das Reich wird nicht erwähnt; dafür jubelt man dem
-Davidssohn und zugleich dem Kommen-Sollenden zu.
-
-Der lukanische Bericht kommt nicht in Betracht, da er mit Reminiscenzen
-aus der Vorgeschichte operiert: »Gesegnet der König, der im Namen des
-Herrn kommt. Friede im Himmel und Ehre in der Höh'« (Luk 19 _-38-_).
-
-In seiner Darstellung deutet also Matthäus den Kommen-Sollenden auf
-den Davidssohn. Direkte Beweise, dass dieser aus Psalm 118 _-25-_ ff.
-stammende Ausdruck zur Zeit Jesu auf den Messias angewandt wurde,
-besitzen wir nicht. Wohl aber hat es sich gezeigt, _=dass sowohl der
-Täufer als auch Jesus ihn auf den Vorläufer Elias anwenden=_. Also
-ist es ungeschichtlich, wenn Matthäus das Volk in einem Atem dem
-Kommen-Sollenden und dem Davidssohn zujubeln lässt.
-
-Markus hat auch hier in seinem Detail die ursprüngliche Situation
-festgehalten. Das Volk jubelt Jesus als dem »Kommen-Sollenden«, d.
-h. dem erscheinenden Vorläufer zu und singt ein »Hosianna in der
-Höh'« dem Reich, welches bald auf Erden herabkommen wird. Gerade der
-Unterschied zwischen dem _=Hosianna=_ und dem _=Hosianna in der Höh'=_
-ist bezeichnend, sofern das erste auf den gegenwärtigen Vorläufer,
-das zweite auf das himmlische Reich geht. Der sekundäre Charakter der
-matthäischen Darstellung tritt darin zu Tage, dass er dem Davidssohn
-und dem Kommen-Sollenden ein Hosianna und zugleich Hosianna in der Höh'
-gelten lässt, wobei der Messias also einmal auf Erden, das andere Mal
-noch im Himmel vorausgesetzt wird! Hier zeigt sich deutlich, dass dem
-zweiten Hosianna ursprünglich das Reich beigehört.
-
-_=Der Einzug in Jerusalem galt also nicht dem Messias, sondern dem
-Vorläufer.=_ Dann ist es aber unmöglich, dass das Volk die Scene mit
-dem Blinden dahin verstanden hat, als nähme hier Jesus die Anrede
-»Davidssohn« entgegen.
-
-Auch hier handelt es sich um synoptisches Detail, durch welches die
-Scene total verändert wird. Der Ruf über den Davidssohn ist dabei
-gefallen. Die Frage ist nur, ob ihn das Publikum als Anrede auffassen
-konnte und musste. Bei Matthäus und Lukas trifft dies zu, _=bei Markus
-ist es ausgeschlossen=_.
-
-Nach der matthäischen Scenerie sitzen zwei Blinde am Wege und rufen:
-erbarme dich unser, Sohn Davids (Mt 20 _-30-_).
-
-Bei Lukas lautet der Ruf: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich meiner
-(Luk 18 _-38-_). Darauf bleibt Jesus vor ihm stehen, redet ihn an und
-heilt ihn.
-
-Bei Markus sitzt der blinde Bettler, Sohn des Timäus, hinter der
-Menge am Wege. _=Jesus sieht ihn nicht, er kann ihn nicht anreden,
-sondern er hört nur eine Stimme, die mitten aus dem Gewühl vom Boden
-zu ihm dringt=_, wo einer über den Davidssohn um Hülfe ruft. Er bleibt
-stehen und schickt, man _=solle ihn holen=_! Man geht der Stimme nach
-und findet ihn am Boden sitzend. Steh' auf, er ruft dich! sagen sie
-zu ihm. Er wirft sein Kleid ab, springt auf und drängt sich durch die
-Menge zu ihm. Als Jesus ihn so auf sich zukommen sieht, kann er gar
-nicht wissen, dass dieser Mann blind ist! Er muss ihn also _=fragen=_,
-was ihm fehlt. Die Distanz, der Aufenthalt, das Schicken nach ihm, das
-behende Herbeikommen: alles dies ist bei Matthäus ausgefallen. Er hat
-die Situation vereinfacht: Jesus stösst auf die beiden am Weg und redet
-sogleich mit ihnen. Nur hat er aus dem ursprünglichen Sachverhalt die
-Frage, wo es denn fehle, beibehalten, die zwar bei Markus thatsächlich
-nötig ist, bei ihm aber ganz unbegreiflich bleibt, da Jesus sehen muss,
-dass er es mit zwei Blinden zu thun hat!
-
-Lag aber eine solche Distanz zwischen Jesus und dem Blinden, so konnte
-niemand auf den Gedanken kommen, er beziehe den monotonen Ruf über den
-Davidssohn als Anrede auf sich! Es war eben nur ein lästiger _=Ruf=_,
-den die Umstehenden ihm vergebens zu verwehren suchten. Man legte ihm
-so wenig Bedeutung bei, als den Dämonenrufen -- wenn man ihn überhaupt
-verstand.
-
-Die _=Anrede=_ des Bettlers lautet ganz anders und zeigt, dass er
-ebensowenig wie das Volk Jesum für den Messias hält: »_=Rabbi=_, dass
-ich sehend werde.« Er war für ihn also der Rabbi aus Nazareth.
-
-Hält man sich diese Situation vor, so ersieht man, dass die Umstehenden
-in keiner Weise auf den Gedanken kommen konnten, Jesus nehme hier
-messianische Huldigungen entgegen. Es war aber das erste Zeichen, das
-er wieder that, seitdem er aus der Einsamkeit herausgetreten war. Damit
-legitimiert er sich vor der Festkarawane als der Vorläufer, für den ihn
-die Anhänger in Galiläa hielten, ehe er sich plötzlich in die Stille
-nach dem Norden zurückzog. Nun bricht der Jubel los und sie bereiten
-ihm als dem Vorläufer die Ovation beim Einzug.
-
-Bei dem Nachweis über den eigentlichen Charakter dieses Ereignisses
-handelt es sich um ein anscheinend geringfügiges Detail, dem nicht
-jedermann geneigt sein möchte, die erforderliche Bedeutung beizulegen.
-Demgegenüber ist an folgendes zu erinnern:
-
-1. In der Darstellung, welche die Messianität Jesu voraussetzte, musste
-sich wie von selbst die Sache im Detail dahin verschieben, dass es sich
-um einen messianischen Einzug handelt. Dies ist bei Matthäus der Fall.
-Bewusste Absicht des Schriftstellers liegt nicht vor.
-
-2. Die Schilderung des Markus zeigt eine solche Ursprünglichkeit den
-Seitenreferenten gegenüber (man denke an die Taufgeschichte und an den
-Bericht des letzten Mahles), dass man nicht leicht der Eigentümlichkeit
-seiner Notizen ein zu grosses Gewicht beilegen kann, besonders wenn
-sich daraus eine so anschauliche Situation ergibt, wie es hier der Fall
-ist.
-
-3. Mit der Behauptung, der Beweis sei nicht erbracht, dass es sich um
-eine Ovation an den Vorläufer handle, ist nichts gethan. Dann gilt es
-nämlich darzuthun, wie unter der Voraussetzung, dass sie wirklich dem
-Messias galt, die Verhandlungen in den jerusalemitischen Tagen gar
-nicht auf eine vorausgesetzte messianische Anmassung reflektieren und
-die gedungenen Ankläger sich nicht auf solche Anmassungen berufen. Was
-hätte der römische Befehlshaber gethan, wenn einer unter den Hochrufen
-des Volks als Davidssohn in die Stadt eingezogen wäre?
-
-4. Die historische Erkenntnis wird uns hier besonders schwer, weil
-wir immer meinen, die Zeichen und Wunder bekräftigten für die
-Zeitgenossen die Messianität Jesu. Damit stehen wir auf dem Standpunkt
-der johanneischen Geschichtsdarstellung. In der Vorstellung der
-Zeitgenossen Jesu braucht aber der Messias keine Zeichen, sondern er
-wird offenbar in seiner Macht! Die Zeichen hingegen gehen auf die Zeit
-des Vorläufers!
-
-5. Auch unsere Uebersetzung wirkt beeinträchtigend. Der [Greek:
-erchomenos] bezeichnet in allen Stellen eine für jene Zeit scharf
-ausgeprägte Persönlichkeit. Man muss daher überall dieses Wort
-dementsprechend übersetzen und es nicht einmal als Substantiv, ein
-andermal (in der Einzugsgeschichte) wieder als Verbalform übersetzen,
-wie es gerade am bequemsten ist. »Kommen-Sollender« ist der Vorläufer,
-weil er vor dem messianischen Gericht im Namen Gottes kommen soll, um
-alles in Ordnung zu bringen.
-
-Es bleibt also dabei: _=Bis zu dem Bekenntnis vor dem hohen Rat galt
-Jesus öffentlich für den Vorläufer, wofür er schon in Galiläa gehalten
-worden war.=_
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-Nach der Aussendung. Litterarische und historische Probleme.
-
-
-1. Die Seereise nach der Aussendung.
-
-Es ist sehr schwer, sich nach den synoptischen Berichten ein klares
-Bild von den Ereignissen zu machen, welche auf die Aussendung folgten.
-Wann sind die Jünger zurückgekehrt? Wo hat sich Jesus während ihrer
-Abwesenheit aufgehalten? Welcher Art waren die Erfolge der Jünger?
-Welches waren die Ereignisse zwischen ihrer Rückkehr und dem Aufbruch
-nach dem Norden? Wird durch diese Ereignisse motiviert, warum Jesus
-sich mit ihnen in die Einsamkeit zurückzieht?
-
-Auf diese Fragen geben die Berichte keine Antwort. Dazu kommt noch ein
-rein litterarisches Problem. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen
-Scenen ist hier merkwürdig zerrissen. Fast scheint es, als ob der
-Faden der Geschichtserzählung hier abbräche. Erst vom Augenblick des
-Aufbruchs zur Reise nach Jerusalem an stehen die Scenen wieder in einem
-natürlichen und klaren Zusammenhang.
-
-Zunächst handelt es sich um zwei offenbare Doubletten: die
-Speisungsberichte mit nachfolgender Seefahrt (Mk 6 _-31-56-_ =
-Mk 8 _-1-22-_). Beidemale wird Jesus auf einer Reise längs des
-Sees von der Volksmenge beim Anlegen ans Land in einsamer Gegend
-eingeholt. Dann kehrt er in die galiläischen Orte auf dem Westufer
-zurück. Hier, in seinem gewohnten Wirkungskreis, trifft er mit den
-pharisäischen Sendlingen aus Jerusalem zusammen. Sie stellen ihn zur
-Rede. In der Erzählungsreihe der ersten Speisungsgeschichte handelt
-es sich um das Händewaschen (Mk 7 _-1-23-_), in der der zweiten
-um die Zeichenforderung (Mk 8 _-11-13-_). Im Gefolge der ersten
-Erzählungsreihe steht der Aufbruch nach Norden, wo er in der Gegend von
-Tyrus und Sidon mit der Kanaanitin zusammentrifft (Mk 7 _-24-30-_). In
-der zweiten folgt auf das Zusammentreffen mit den Pharisäern die Reise
-nach Cäsarea Philippi (Mk 8 _-27-_).
-
-Wir haben hier also zwei selbständige Darstellungen derselben Epoche
-im Leben Jesu. Dem Plane nach decken sie sich vollständig; nur
-differieren sie in der Auswahl der berichteten Ereignisse. Diese beiden
-Erzählungsreihen sind wie prädestiniert miteinander verbunden, statt
-einander gleichgesetzt zu werden. Jede erzählte Nordreise beginnt und
-endigt nämlich mit einem Aufenthalt in Galiläa. Mk 7 _-31-_: Nachdem
-er weggegangen aus dem Gebiet von Tyrus, ging er über Sidon an den
-galiläischen See; Mk 9 _-30-_ u. _-33-_: Und sie gingen weg von da
-(gemeint ist Cäsarea Philippi) und wandelten durch Galiläa hin und sie
-kamen nach Kapernaum. Man ist also an dem Ende einer Erzählungsreihe
-wieder an dem Ausgangspunkt der andern. Verbindet man daher die eine
-Rückkehr aus dem Norden mit dem Anfang der andern Erzählungsreihe, so
-hat man äusserlich betrachtet eine ganz natürliche Fortsetzung, nur
-dass Jesus jetzt unbegreiflicherweise gleich wieder nach dem Norden
-muss, statt dass die Rückkehr nach Galiläa ein Teil der Jerusalemreise
-ist! Diese schliesst sich in dieser Anordnung dann erst an die zweite
-Rückkehr an.
-
-In dieser rückläufigen Bewegung der beiden Erzählungsreihen liegt
-es begründet, dass sie, obwohl Parallélcyklen, sich doch in einer
-Folge aneinanderschliessen. Der jetzige Text zeigt ihre vollständige
-Harmonisierung. Nicht nur dass die zweite Speisungsgeschichte auf die
-erste durch »wiederum« (Mk 8 _-1-_) Rücksicht nimmt: der Ausgleich ist
-sogar soweit vorangeschritten, dass Jesus in einem Wort an die Jünger
-beide voraussetzt (Mk 8 _-19-21-_)! Wie weit sich dieser Prozess schon
-in der mündlichen Ueberlieferung vollzogen hatte und was auf das Konto
-der endgültigen litterarischen Zusammenfügung kommt, das lässt sich
-nicht mehr ausmachen.
-
-Nur der erste Cyklus ist vollständig. Jesus fährt mit den Jüngern
-nordöstlich der Küste entlang und kehrt dann wieder nach der Landschaft
-Genezareth zurück (Mc 6 _-32 45 53-_). Der zweite ist unvollständig und
-etwas in Unordnung geraten.
-
-Jesus ist von der Seereise zum Westufer zurückgekehrt. Mk 8 _-10-_
-ff. entspricht Mk 6 _-53-_ ff. u. 7 _-1-_ ff.; Dalmanutha liegt auf
-dem Westufer. Statt dass er aber nun direkt nach Norden aufbricht,
-folgt zuerst wieder eine Fahrt nach dem Ostufer (Mk 8 _-13-_). Erst
-von Bethsaida zieht er dann mit ihnen nach Norden (Mk 8 _-27-_ ff.).
-Der erste Cyklus hingegen erzählt _=diese Seefahrt nach Bethsaida
-als Episode der grossen Uferreise in unmittelbarer Folge auf die
-Speisungsgeschichte=_ (Mk 6 _-45-_ ff.). Nun zeigt aber auch die zweite
-Erzählungsreihe, dass dies der ursprüngliche Zusammenhang war, denn
-auch hier, wie in der ersten, bezieht sich das Gespräch beim Landen auf
-die vorhergegangene Speisung. Mk 6 _-52-_: »Denn sie waren nicht zur
-Einsicht gekommen über den Broten, sondern ihr Herz war verstockt«. Mk
-8 _-19-21-_: »Da ich die fünf Brote gebrochen habe -- da ich die sieben
-gebrochen habe -- versteht ihr noch nicht?« Es ist also unmöglich, dass
-zwischen dieser Fahrt und der Speisung alle Auftritte, die sich auf
-dem Westufer abgespielt haben, dazwischen liegen. Das Denken aller ist
-ja noch von dem grossen Ereignis beherrscht. _=Die neue Seereise des
-zweiten Cyklus ist nichts anderes als die ursprüngliche Fortsetzung der
-Fahrt von dem Platz der Speisung nach Bethsaida.=_
-
-Damit ist der Parallelismus der beiden Erzählungsreihen erwiesen.
-Die Ereignisse verlaufen in der Folge: Uferfahrt vom Westufer aus,
-Speisung, Weiterfahrt nach dem Nordosten, »Meerwandeln« resp. Gespräch
-im Boot, Ankunft in Bethsaida, Rückkehr nach der Landschaft Genezareth,
-Diskussion mit den Pharisäern, Aufbruch mit den Jüngern nach dem Norden.
-
-
-2. Das Abendmahl am See Genezareth.
-
-Die Predigt der Jünger von der unmittelbaren Nähe des Reiches muss
-einen grossen Erfolg gehabt haben. Eine gewaltige Menge von solchen,
-die der Kunde glauben, scharen sich um Jesus. Er hat eine von der
-hochgradigsten eschatologischen Erwartung beseelte Gemeinde um sich.
-Sie lassen ihn nicht los. Um mit den Jüngern allein zu sein, besteigt
-er ein Schiff. Er gedenkt sich nach dem Nordostufer zurückzuziehen.
-Die Menge aber, als sie erfährt, dass er sich entfernen will, strömt
-allerorts zusammen und folgt am Strande. Mk 6 _-32-_ u. _-33-_: »Es war
-eine Menge Leute da, die kamen und gingen; und sie hatten nicht einmal
-Zeit zu essen. Und sie gingen zu Schiff hin beiseits an einen einsamen
-Ort; und viele sahen sie hingehen und erkannten sie. Und sie liefen von
-allen Städten aus zu Fuss dahin zusammen und kamen ihnen zuvor«.
-
-Sie treffen ihn in einsamer Gegend und umringen ihn alsbald. Die Stunde
-der Mahlzeit kommt. In den Berichten von der wunderbaren Speisung ist
-uns das Mahl, das sie feierten, erhalten. _=Es handelte sich um ein
-feierliches Kultmahl!=_ Nach weihevollem Dankgebet lässt Jesus durch
-seine Jünger das von ihm gebrochene Brot unter die Menge verteilen.
-Mit Ausnahme der beiden Gleichnisse haben wir absolut denselben
-feierlichen Vorgang wie beim Abendmahl. Er teilt persönlich Speise
-unter die Tischgenossenschaft aus. Die Schilderung der Brotausteilung
-hier entspricht vollständig dem ersten Abendmahlsakt. Mk 6 _-41-_: Er
-nahm die Brote, segnete sie, zum Himmel aufblickend, brach sie und gab
-sie den Jüngern, sie ihnen vorzusetzen. Mk 14 _-22-_: Er nahm das Brot,
-segnete und brach es und gab es ihnen.
-
-_=In der feierlichen Austeilungshandlung=_ liegt also das Wesen
-sowohl jener Mahlzeit am Strand als auch des letzten Mahls mit den
-Jüngern begründet. Der Name Abendmahl geht auf beide, denn auch jenes
-Mahl am See fand in der Abendstunde statt. Mk 6 _-35-_: Und wie es
-schon spät wurde, traten seine Jünger zu ihm etc. Hier setzt sich die
-Mahlgemeinschaft aus der grossen Menge der Reichsgläubigen zusammen,
-beim letzten Mahl ist sie auf den Jüngerkreis beschränkt. _=Die Feier
-aber war dieselbe.=_
-
-Hier ist sie nun in einen Wunderbericht verzerrt, weil das Kultmahl,
-das Jesus am See improvisiert, als ein Sättigungsmahl aufgefasst wird.
-Dass er den geringen Vorrat, der zu Händen war, die für ihn und seine
-Jünger bestimmte Speise der Menge feierlich austeilte, ist historisch.
-Dass dieses Mahl ihnen die abendliche Mahlzeit ersetzte, trifft
-ebenfalls zu. Dass die Menge davon aber durch einen übernatürlichen
-Vorgang _=satt wurde=_, das gehört zum Wundercharakter, welchen die
-spätere Zeit der Feier beilegte, weil man sich ihre Bedeutung nicht
-zurechtlegen konnte.
-
-Der historische Vorgang ist also folgender: Die Jünger verlangen,
-Jesus solle das Volk entlassen, damit sie sich sättigen. Für ihn aber
-ist es nicht der Augenblick, an irdische Mahlzeit zu denken und dafür
-auseinanderzugehen, denn die Stunde ist nahe, wo sie alle um ihn zum
-messianischen Mahl versammelt sein werden. Darum will er nicht, dass
-sie jetzt gehen, sondern, ehe er sie entlässt, heisst er sie sich
-lagern. An die Stelle der Sättigungsmahlzeit setzt er ein feierliches
-Kultmahl, bei dem die irdische Sättigung keine Rolle spielt, sodass die
-für ihn und seine Jünger bestimmte Speise ausreicht.
-
-Weder die Jünger noch die Menge verstehen, was vorgeht. Als Jesus
-nachher im Schiff die Rede auf die Bedeutung der Mahlzeit bringt --
-dies allein kann der historische Sinn der dunkeln Notizen Mk 6 _-52-_
-und Mk 8 _-14-21-_ sein -- zeigt sich, dass sie nichts begriffen haben.
-
-Er hielt also ein Kultmahl ab, dessen Sinn ihm allein klar war. Er
-achtete es nicht für nötig, ihnen das Wesen der Feier zu erklären.
-Die Erinnerung aber an jene geheimnisvolle Abendmahlzeit am einsamen
-Seestrand lebte in der Ueberlieferung lebendig weiter und wuchs zum
-Bericht der wunderbaren Speisung aus.
-
-Worin bestand für Jesus der feierliche Charakter der Austeilung?
-Die Mahlgemeinschaft trägt eschatologischen Charakter. Das Volk, das
-sich am See um ihn gesammelt, erwartet mit ihm das Anbrechen des
-Reiches. Indem er nun an die Stelle der gewöhnlichen Sättigungsmahlzeit
-ein Kultmahl setzt, wo er unter Danksagung zu Gott ihnen Speise
-austeilt, da handelt er aus seinem messianischen Selbstbewusstsein
-heraus. _=Als derjenige, welcher sich Messias weiss und bei dem
-unmittelbar bevorstehenden Einbrechen des Reiches ihnen als solcher
-geoffenbart werden wird, teilt er denjenigen, welche er demnächst beim
-messianischen Mahl um sich erwartet, feierlich Speise aus, als wollte
-er ihnen damit ein Anrecht auf Teilnahme an jener zukünftigen Feier
-geben.=_ Die Zeit der irdischen Mahlzeiten ist vorbei; darum hält er
-mit ihnen die Vorfeier des messianischen Mahles. Sie aber verstanden es
-nicht, denn sie konnten nicht ahnen, dass derjenige, welcher ihnen so
-weihevoll Speise in Danksagung austeilte, sich als Messias wusste und
-als solcher handelte.
-
-In diesem Zusammenhang fällt nun ein Licht auf das Wesen des Abendmahls
-zu Jerusalem. Dort repräsentieren die Jünger die reichsgläubige
-Gemeinschaft. Jesus teilt ihnen im Verlauf jener letzten Mahlzeit
-unter Danksagungswort Speise und Trank aus. Nun wissen sie aber, was
-er von sich hält. Er hat ihnen sein messianisches Geheimnis enthüllt.
-Sie können daraus die Beziehung seiner Austeilung auf das messianische
-Mahl ahnen. Er selbst gibt seinem Handeln diese Bedeutung, indem er
-die Feier mit dem Hinweis auf die demnächstige Wiedervereinigung
-beschliesst, wo er mit ihnen den Wein neu trinken wird in seines Vaters
-Reich!
-
-Das Abendmahl am See und das Abendmahl zu Jerusalem entsprechen
-sich also vollkommen, nur dass Jesus bei letzterem den Jüngern das
-Wesen der Feier andeutet und zugleich in den beiden Gleichnissen
-den Leidensgedanken zum Ausdruck bringt. Das Kultmahl war dasselbe:
-eine Vorfeier des messianischen Mahles im Kreise der reichsgläubigen
-Genossenschaft. _=Jetzt versteht man erst, wie das Wesen des Abendmahls
-von den Gleichnissen unabhängig sein kann.=_
-
-
-3. Die Woche zu Bethsaida.
-
-Während der Feier war Jesus tief ergriffen. Darum drängte er zum
-Aufbruch und entliess das Volk. Er selbst zog sich auf einen Berg
-zurück, um im Gebet allein zu sein. Am Strande zu Bethsaida, wohin er
-ihnen zu rudern befohlen hatte, traf er die Seinen wieder. Im Kampf
-mit Sturm und Wellen wähnten sie eine überirdische Erscheinung auf sie
-zukommen zu sehen, als sie seine Gestalt am Strande erblickten. So sehr
-standen sie noch unter dem Eindruck der gewaltigen Persönlichkeit,
-welche voll geheimnisvoller Hoheit der Menge feierlich Speise
-ausgeteilt und dann die Feier plötzlich abgebrochen hatte (Mk 6
-_-45-52-_).
-
-Wohin hatte er die Menge entlassen? Was thaten sie in Bethsaida? Wie
-lang blieben sie dort? Unser Text berichtet nur, dass sie wieder nach
-Genezareth zurückkehrten.
-
-Nun bietet aber die synoptische Geschichtserzählung für die Zeit vor
-dem Aufbruch nach Jerusalem (Mk 9 _-30-_) ein schweres litterarisches
-Problem. Mk 8 _-27-33-_ befindet sich Jesus allein mit seinen Jüngern
-hoch im Norden auf heidnischem Gebiet; von dort bricht er auch 9 _-30-_
-ff. zum raschen Zug durch Galiläa nach Jerusalem auf. »Sie zogen von
-dort weg und nahmen ihren Weg durch Galiläa; er wollte aber nicht, dass
-jemand davon wusste.« Zwischen die Messianitätserklärung und diesen
-Aufbruch fällt nun eine Scene (Mk 8 _-34-_-9 _-29-_), wo er von einer
-grossen Volksmenge umgeben erscheint. Er verlässt sie mit den Intimen,
-um nachher wieder zu ihr zurückzukehren. Nirgends wird berichtet,
-wie dieses Volk plötzlich auf heidnischem Land sich zu ihm findet.
-Ebensowenig erfahren wir, wie es ihn wieder verlässt, dass er Mk 9
-_-30-_ ff. allein mit den Jüngern und unerkannt durch Galiläa ziehen
-kann.
-
-Aber nicht nur die Volksmenge kommt unerwartet, sondern die ganze
-Scenerie verändert sich. Man befindet sich in bekannter Gegend, denn
-Jesus geht mit den Jüngern »ins Haus«, während das Volk draussen bleibt
-(Mk 9 _-28-_)!
-
-Der litterarische Zusammenhang, in dem das Stück steht, ist absolut
-unmöglich, denn es kann nicht auf _=heidnischem Boden=_, sondern nur
-in _=Galiläa=_ spielen! Da aber Jesus nachher Galiläa nur im Fluge und
-incognito berührt, so gehört es in die galiläische Periode _=vor den
-Aufbruch nach dem Norden und zwar in die Zeit nach der Rückkehr der
-Jünger=_, da er dort von einer ständigen Volksmenge umgeben ist und
-dabei mit den Jüngern die Einsamkeit aufsucht!
-
-Die Situation lässt sich aber mit Sicherheit noch genauer bestimmen.
-Jesus wohnt in einer Ortschaft (Mk 9 _-28-_), in deren Nähe ein Berg
-sich befindet, zu dem er sich mit den Intimen begibt (Mk 9 _-2-_).
-Dies passt aber alles mit absoluter Sicherheit auf den Aufenthalt _=in
-Bethsaida=_. Der Berg, den er mit den drei Intimen aufsucht, ist _=der
-Berg am Nordstrand des Sees, auf dem er gebetet in der Nacht, da er
-nach Bethsaida kam=_!
-
-Das Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_ gehört also in die Tage von Bethsaida!
-Es ist nicht mehr auszumachen, durch welchen Prozess es in den
-vorliegenden, unmöglichen litterarischen Zusammenhang geriet. Von
-Einfluss auf diese Einreihung wird gewesen sein, dass sich an die
-Leidensweissagung in Cäsarea Philippi (Mk 8 _-31-33-_) am natürlichsten
-das eindringliche Wort von der Leidensnachfolge der Anhänger
-anzuschliessen schien (Mk 8 _-34-_-9 _-1-_).
-
-Zudem hatte die Umbildung des Berichts von dem Zusammentreffen Jesu
-mit seinen landenden Jüngern in eine Wundererzählung den natürlichen
-Anschluss des Berichts von dem am folgenden Morgen eintretenden
-Ereignisse erschwert. Und doch setzt Mk 8 _-34-_ ff. die Massnahmen
-des vorhergehenden Abends voraus (Mk 6 _-45-47-_). Jesus hat das Volk
-entlassen, sich selbst in die Einsamkeit zurückgezogen und ist mit
-den Jüngern im Dunkel der Nacht in Bethsaida eingetroffen, wo sie im
-Hause (Mk 9 _-28-_) Herberge haben. Am andern Tage ruft er das Volk
-mit den Jüngern um sich (Mk 8 _-34-_) und redet zu ihnen von der
-Selbstverleugnung, die in seiner Nachfolge gewillt sein muss, Schande,
-Hohn und Spott zu erdulden, um bei ihm auszuharren. Dieses Verhalten
-wird durch die Nähe der Ankunft des Menschensohnes gerechtfertigt, der
-in Solidarität mit Jesu richten wird.
-
-Den Beschluss dieser mahnenden Rede bildet ein Wort »von dem
-Hereinbrechen des Reiches Gottes mit Macht«, d. h. der eschatologischen
-Realisierung desselben. In der jetzigen Form ist es abgeschwächt:
-einige von den Umstehenden werden den Tod nicht schmecken, bevor jener
-Augenblick eintritt. Als Abschluss dieser Rede muss es aber gelautet
-haben: Ihr, die ihr hier steht, werdet in Bälde den grossen Augenblick
-des gewaltsamen Einbruchs des Reiches Gottes erleben! So passt diese
-ernste Rede in Bethsaida zu den Erwartungen, die Jesum und die Menge um
-ihn bewegten.
-
-Sechs Tage nach jener Rede in Bethsaida nimmt er die Intimen mit
-sich und führt sie auf den Berg, wo er am Abend nach dem grossen
-gemeinschaftlichen Kultmahl in der Einsamkeit gebetet. Bei ihrer
-Rückkehr finden sie die andern Jünger vom Volk umgeben; trotz der von
-ihnen auf ihrem Wanderzug durch die Ortschaften Israels bewiesenen
-Vollmacht über die Dämonen werden sie nicht Herr über einen Besessenen,
-der ihnen zugeführt worden. Jesus geht mit dem Vater und dem Besessenen
-abseits; in dem Augenblick, wo das Volk herbeiläuft (Mk 9 _-25-27-_),
-beginnt die Krisis, nach der Jesus den wie tot daliegenden Knaben bei
-der Hand fasst und aufrichtet.
-
-So enthält dieses merkwürdige eingeschobene Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_
-einen anschaulichen Bericht über den ersten und letzten Tag der Woche,
-die er damals zwischen der Rückkehr der Jünger und dem Aufbruch nach
-dem Norden in Bethsaida verbrachte.
-
-Erst jetzt wird ganz klar, wie unhistorisch die Ansicht ist, dass Jesus
-Galiläa infolge des wachsenden Widerstandes und des zunehmenden Abfalls
-verlassen habe. Im Gegenteil: es ist die Zeit der höchsten Triumphe.
-Eine reichsgläubige Volksmenge hängt ihm an und verfolgt ihn überall.
-Kaum landet er am Westufer, so sind sie schon wieder da. Ihre Zahl ist
-noch gewachsen und wächst immer fort (Mk 6 _-53-56-_). Dass sie ihn
-verlassen, dass sie auch nur die geringste Regung des Zweifels oder
-Abfalls gezeigt haben: davon wissen die Texte nichts. _=Nicht das Volk
-verlässt ihn, sondern er verlässt das Volk.=_
-
-Das thut er nicht aus Angst vor den jerusalemitischen Sendlingen,
-sondern er führt nur aus, was er schon seit der Rückkehr der Jünger
-im Sinne hatte. Er will allein sein. Das Volk hatte diese Absicht
-vereitelt, indem es ihm bei der Seefahrt am Ufer folgte. Auf das
-Westufer zurückgekehrt, sieht er sich wieder umgeben. Weil er das
-Alleinsein mit den Jüngern für absolut notwendig hält und weil es ihm
-in Galiläa nicht gelingt, deswegen verschwindet er plötzlich und begibt
-sich auf heidnisches Gebiet. _=Die Nordreise ist keine Flucht, sondern
-sie verfolgt denselben Zweck wie die Seereise.=_
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-Das Messianitätsgeheimnis.
-
-
-1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi.
-
-Nach Cäsarea Philippi ist die Verklärungsscene bedeutungslos und
-unverständlich. Die drei Intimen erfahren nicht mehr über Jesus, als
-was Petrus schon bekannt und Jesus daraufhin bestätigt hat. So ist die
-ganze Perikope nichts als eine angehängte Apotheose mit einem dunkeln
-Gespräch, der keine geschichtliche Bedeutung zukommt.
-
-Spielt die Scene aber, wie oben litterarisch nachgewiesen ist, in den
-Wochen nach der Aussendung, _=vor Cäsarea Philippi=_, nicht auf dem
-Berg der Legende, _=sondern auf dem Berg in der Einsamkeit des Seeufers
-bei Bethsaida=_, dann ist mit einem Schlage aus der bedeutungslosen
-Anhangsapotheose zur Offenbarung des Messiasgeheimnisses ein
-galiläisches Ereignis von weittragender historischer Bedeutung
-geworden, _=das die Scene zu Cäsarea Philippi erklärt, nicht
-umgekehrt=_! Was wir die Verklärung Jesu nennen, ist in Wirklichkeit
-nichts anderes als _=die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an die
-drei Intimen=_! Einige Wochen später folgt dann die Eröffnung an die
-Zwölfe.
-
-Diese Offenbarung an die Intimen ist uns als Wundergeschichte
-überliefert. Sie hat dieselbe Umbildung erfahren, wie alle Ereignisse
-auf jener Fahrt längs des Nordstrandes. Wie die Speisungsgeschichte und
-die Begegnung Jesu mit seinen Jüngern im Abenddunkel, so steht auch die
-Scene auf dem Berg unter dem Eindruck der intensivsten eschatologischen
-Erregtheit. Darum ist der historische Vorgang im einzelnen nicht
-mehr klar. Elias und Moses, die Persönlichkeiten, welche die Endzeit
-ankündigen, erscheinen ihnen. Inwiefern haben dabei ekstatische
-Zustände, verbunden mit Glossolalie, mitgespielt? Die jetzige
-Schilderung lässt auf derartiges schliessen (Mk 9 _-2-6-_). Inwiefern
-wiederholt sich in der Stimme aus den Wolken das Erlebnis Jesu bei der
-Taufe Jesu? Mk 9 _-7-_: »Dies ist mein lieber Sohn, auf ihn höret.«
-
-Zwischen der Taufe und der Verklärung besteht ein innerer Zusammenhang.
-Beidemal handelt es sich um einen Zustand der Verzückung, in dem
-das Geheimnis der Persönlichkeit Jesu offenbar wird. Das erste Mal
-war es für ihn allein. Hier nehmen auch die Jünger daran teil. Wie
-weit sie selbst hingerissen waren, ist nicht klar. Fest steht, dass
-in einem Zustand der Betäubung, aus dem sie erst am Ende der Scene
-erwachen (Mk 9 _-8-_), die Gestalt Jesu ihnen von überirdischem Glanz
-und Herrlichkeit umstrahlt erscheint und sie eine Stimme hören, er
-sei Gottes Sohn. Der Vorgang erklärt sich nur aus der gewaltigen
-eschatologischen Aufregung.
-
-Es ist merkwürdig, dass die Offenbarwerdung des Messiasgeheimnisses
-_=immer=_ an derartige Zustände geknüpft erscheint. Bei der
-Pfingstrede, wo Petrus die Messianität Jesu öffentlich verkündigt,
-handelt es sich auch um Glossolalie. Freilich hatte er diesen Zustand
-schon erlebt, als ihm die Offenbarung auf dem Berg bei Bethsaida wurde.
-Auch Paulus befindet sich in Verzückung, als er die Stimme aus den
-Wolken hört.
-
-Wir haben oben dargethan, dass niemand durch Jesu Auftreten oder
-durch seine Reden jemals auf den Gedanken kommen konnte, er halte
-sich für den Messias. Die Frage dreht sich nicht darum, wie die Leute
-seine Messianität ignorieren konnten, sondern woher Petrus zu Cäsarea
-Philippi und der Hohepriester in der Gerichtsscene im Besitz des
-Geheimnisses Jesu sind.
-
-Die Verklärungsscene löst die erste Frage. Petrus weiss, dass Jesus
-»Sohn Gottes« ist aus der Offenbarung, die ihm mit den andern beiden
-Intimen auf dem Berg bei Bethsaida geworden ist. Darum antwortet er mit
-einer solchen Sicherheit auf die gestellte Frage (Mk 8 _-29-_). Der
-matthäische Text fügt sogar noch ein Wort bei, in dem Jesus auf das
-Erlebnis, wo ihm diese Erkenntnis zu teil geworden, anspielt. Mt 16
-_-17-_: Selig bist du Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat es
-dir nicht geoffenbart, sondern der Vater im Himmel.
-
-Aber auch die auf die Antwort des Petrus folgende Scene zeigt, dass es
-sich um ein beiden gemeinsames Geheimnis handelt. Auf die Eröffnung
-Jesu, dass er in Jerusalem sterben müsse, fährt Petrus heftig und
-rücksichtslos auf ihn ein, nimmt ihn zur Seite und redet mit ihm
-in aufgeregter Weise. _=Als Jesus sieht, dass die übrigen Jünger
-aufmerksam werden=_, reisst er sich mit einem harten Wort von ihm los,
-indem er ihn den Versucher nennt, der nicht Gottes Dinge, sondern
-Menschendinge sinne (Mk 8 _-32 u. 33-_).
-
-Warum die Aufregung des Petrus über die Eröffnung Jesu von der
-Todesreise nach Jerusalem? Weil sie neu hinzukommt zu dem, was ihm
-aus jener Scene auf dem Berg bei Bethsaida bekannt ist. Nun darf
-er aber davon vor den andern Jüngern nicht reden, weil Jesus den
-Intimen verboten hatte, jenes Ereignis zu erwähnen. Darum nimmt er
-ihn bei Seite. Jesus aber kann, da die andern aufmerksam werden, sich
-mit ihm nicht darüber auseinandersetzen, sondern er gebietet ihm
-leidenschaftlich erregt Schweigen.
-
-Nur der Zusammenhang mit der Verklärungsscene erklärt die
-charakteristischen Züge des Ereignisses zu Cäsarea Philippi. Die
-allgemein im Gebrauch befindlichen psychologischen Noterwägungen über
-die schnelle Auffassungskraft des Petrus und sein lebhaftes Temperament
-können nicht im geringsten erklären, warum er allein mit solcher
-Sicherheit zur Erkenntnis der Messianität Jesu gekommen, um sie alsbald
-wieder so misszuverstehen, dass er mit Jesus darob in heftiges Gerede
-kommt. Warum gehen beide mit einander abseits? Warum belehrt ihn Jesus
-nicht, sondern lässt ihn mit hartem Scheltwort stehen?
-
-An sich ist also die ganze Scene zu Cäsarea Philippi ein Rätsel.
-Nimmt man aber an, dass die Verklärungsscene vorausgegangen ist,
-so löst sich das Rätsel und die Scene wird bis ins kleinste Detail
-verständlich. _=Der Offenbarung an die Zwölf ging die Kundgebung des
-Messiasgeheimnisses an die Intimen voraus.=_
-
-
-2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu.
-
-Die Offenbarung des Messiasgeheimnisses änderte vorläufig nichts
-in dem Verhalten der Jünger zu Jesu. Sie sind nicht vor ihm in den
-Staub gesunken, als ob nun aus dem Menschen, den sie gekannt, eine
-überirdische Erscheinung geworden wäre. Nur eine gewisse Scheu legen
-sie in der Folge an den Tag. Sie wagen ihn nicht zu fragen, wenn sie
-seine Worte nicht verstehen (Mk 9 _-32-_), sondern sie gehen neben ihm
-her als solche, die wissen, dass er ein grosses Geheimnis in sich trägt.
-
-War nun Jesus vom Tag der Offenbarung seines Messiasgeheimnisses an
-für sie der Messias? _=Er war es noch nicht.=_ Man muss sich immer
-wieder erinnern, dass das Reich und der Messias unzertrennlich
-zusammengehören. Nun war das Reich noch nicht erschienen, also auch
-der Messias nicht. Die Eröffnung Jesu bezieht sich auf den Zeitpunkt
-des Anbrechens des Reichs. Wann jene Stunde schlagen wird, dann wird
-er als Messias erscheinen, dann wird seine Messianität in Herrlichkeit
-geoffenbart werden. Das war das Geheimnis, welches er den Jüngern
-feierlich bekannt gab.
-
-Jesu Messianität war ein Geheimnis nicht nur, weil er davon zu
-sprechen verboten hatte, sondern auch wegen ihrer besonderen Art,
-_=sofern sie erst in einem bestimmten Zeitpunkt real wurde=_. Es
-handelt sich um eine nur in seinem Selbstbewusstsein vollziehbare
-Vorstellung. Darum konnte und brauchte das Volk nicht darum zu wissen.
-Es genügte, dass sein Wort und seine Zeichen sie zum Glauben an die
-Nähe des Reiches bekehrten, denn mit dem Anbruch des Reiches wurde
-ihnen auch seine Messianität offenbar.
-
-Es ist fast unmöglich, das Messianitätsbewusstsein, wie es Jesus seinen
-Jüngern als Geheimnis offenbarte, in moderne Begriffe zu fassen.
-Mag man es als eine Identität zwischen ihm und dem erscheinenden
-Menschensohn beschreiben, mag man es als eine Kontinuität, die beide
-Persönlichkeiten verbindet, auffassen, oder mag man es sich als ein
-virtuelles Vorhandensein der Messianität denken: keine von diesen
-modernen Anschauungen kann das messianische Selbstbewusstsein Jesu,
-_=wie es die Jünger verstanden=_, wiedergeben.
-
-Uns fehlt nämlich das »jetzt und dann«, welches ihr Denken beherrschte
-und eine eigenartige Duplicität des Selbstbewusstseins bedingte.
-Was wir Identität, Kontinuität und virtuelle Anlage nennen, das
-ging in ihrer Vorstellung in einer für uns ganz unfassbaren Weise
-ineinander über. Jede Persönlichkeit dachte sich selbst in _=zwei
-ganz verschiedenen Zuständen=_, sofern sie sich nämlich jetzt in
-der vormessianischen und dann in der messianischen Aera wusste.
-Aussprüche, welche wir nur nach der Einheit des Selbstbewusstseins
-deuten, verstanden sie ganz von selbst nach dem ihnen geläufigen
-doppelten Selbstbewusstsein. Wenn ihnen also Jesus das Geheimnis seiner
-Messianität offenbarte, hiess das für sie nicht, er sei der Messias,
-wie wir Modernen es verstehen müssten, sondern es bedeutet für sie,
-dass ihr Herr und Meister derjenige war, _=der im messianischen Aeon
-als Messias geoffenbart werden würde=_.
-
-Auch sich selbst dachten sie in dieser Doppelheit des
-Selbstbewusstseins. Jedesmal, nachdem Jesus ihnen eröffnet, dass
-er vor Antritt seiner Herrschaft leiden müsse, machen sie sich
-Gedanken, was sie sein werden im zukünftigen Aeon. Darum folgen auf
-die Leidensweissagungen die Scenen, in denen sie sich streiten, wer
-von ihnen der grösste sein wird im Himmelreich, oder welchen die
-Ehrenplätze zu Seiten des Thrones zufallen werden. Bis dahin aber
-bleiben sie, was sie sind, und Jesus, was er ist, ihr Lehrer und
-Meister. »Meister« reden ihn die Zebedaiden Mk 10 _-35-_ an. Als Lehrer
-soll er versprechen und gewähren, was sich erfüllen wird, wenn das
-Reich und damit seine Messianität geoffenbart sein wird.
-
-In diesem Sinne ist also das Messianitätsbewusstsein Jesu futurisch.
-Weder für ihn noch für die Jünger lag darin etwas Auffälliges. Im
-Gegenteil: es entsprach ganz der jüdischen Vorstellung von _=dem
-verborgenen Werden und Wirken des Messias=_ (vgl. WEBER, System der
-altsynagogalen Theologie, 1880. S. 342-446). Jesu irdische Laufbahn
-ging seiner Messianität in Herrlichkeit voraus. Der Messias musste
-irdisch und unerkannt auftreten und wirken, er musste lehren und durch
-Thun und Leiden ein vollendeter Gerechter werden. Dann erst sollte
-die messianische Aera mit dem Gericht und der Aufrichtung des Reichs
-anbrechen. Von Norden sollte der Messias kommen. Jesu Zug von Cäsarea
-Philippi nach Jerusalem war der Lauf des unerkannten Messias zur
-Erlangung seiner Herrlichkeit.
-
-So stand er als werdender Messias mitten drin in der messianischen
-Erwartung seines Volkes. Er durfte sich ihm nicht offenbaren, denn die
-Zeit seines verborgenen Wirkens war noch nicht vorüber. Darum predigte
-er die Nähe des Reiches Gottes.
-
-Aus seinem futurischen Messianitätsbewusstsein heraus berührt er im
-Tempel die messianische Dogmatik der Schriftgelehrten, als wollte er
-sie auf das Geheimnis, das dahinter steckt, aufmerksam machen. Die
-Pharisäer sagen: der Messias ist Davids Sohn. David aber nennt ihn
-seinen Herrn. Wie kann er da noch sein Sohn sein (Mk 12 _-35-37-_)?
-
-_=Davids Sohn=_, also ihm unterstehend, ist der Messias, wenn er in
-diesem Aeon, aus irdischem Geschlecht geboren, verborgen wirkt und
-wird. _=Davids Herr=_, wenn er beim Anbruch des zukünftigen Aeons als
-Messias in Herrlichkeit geoffenbart wird. Es liegt Jesu fern, die
-messianische Dogmatik der Pharisäer anzugreifen. Sie ist richtig,
-denn die Schrift lehrt so. Nur können sie die Pharisäer selbst nicht
-erklären, da sie nicht deuten können, wie einmal der Messias Davids
-Sohn, das andere Mal Davids Herr ist.
-
-Dieser Ausspruch an das Volk im Tempel -- erst Matthäus hat daraus
-eine Vexierfrage gemacht -- steht auf derselben Stufe wie das Urteil
-über den Täufer. Wer es zu fassen vermöchte, in welcher Vollmacht jener
-taufte, dass er nämlich der Elias war, wer begreifen könnte, wie der
-Messias einmal Davids Sohn, dann wieder Davids Herr ist -- der wüsste
-auch, wer der ist, der so redet. Wer Ohren hat zu hören, der höre!
-
-
-3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der Messianität Jesu.
-
-Der Ausdruck »Davidssohn« enthält also ein Rätsel. Darum gebraucht
-ihn Jesus nie, wenn er von seiner Messianität spricht, sondern immer
-redet er von sich als dem »Menschensohn«. Diese Bezeichnung war also
-besonders geeignet, um sein Messianitätsbewusstsein wiederzugeben.
-
-Er hat es auf diesen Ausdruck abgesehen. Jede messianische Bezeichnung,
-die ihn betreffend gefallen ist, _=korrigiert und erläutert er durch
-»Menschensohn«=_.
-
-Nachdem es in der Scene auf dem Berg den Jüngern aufgegangen ist, dass
-er »Gottessohn« sei, redet er beim Abstieg zu ihnen von sich als dem
-»Menschensohn« (Mk 9 _-7-9-_).
-
-Petrus proklamiert ihn vor den andern als »den Gesalbten« (Mk 8
-_-29-_). Gleich fährt Jesus fort, sie über das Schicksal »des
-Menschensohns« (Mk 8 _-31-_) zu belehren.
-
-Bist du Christus, der Sohn des Hochgelobten? frägt ihn der Hohepriester
-(Mk 14 _-61-_). Ihr werdet sehen den »Menschensohn« sitzend zur Rechten
-der Kraft und kommend auf den Wolken des Himmels, antwortet Jesus. Das
-will heissen: Ja. In der zweiten und dritten Leidensweissagung (Mk 9
-_-30-32-_ und Mk 10 _-32-34-_) ebenso wie in dem Wort vom Dienen (Mk 10
-_-45-_) kehrt überall derselbe Ausdruck wieder.
-
-_=Die Messianitätsbezeichnung »Menschensohn«=_ ist _=futurischen
-Charakters=_. Sie bezieht sich auf den Augenblick, wo der Messias auf
-den Wolken des Himmels zum Gericht erscheinen wird. In diesem Sinne
-hatte Jesus zum Volk und zu den Jüngern vom Kommen des Menschensohnes
-von jeher geredet. Bei der Aussendung weist er die Seinen auf die
-unmittelbare Nähe des Tages des Menschensohnes hin (Mt 10 _-23-_). Dem
-Volk redet er von dem Kommen des Menschensohnes, um es zu vermahnen,
-bei ihm, Jesus, auszuhalten (Mk 8 _-38-_).
-
-Dabei sind er und der Menschensohn für die Jünger und das Volk zwei
-ganz verschiedene Persönlichkeiten. Der eine ist eine _=irdische=_, der
-andere eine _=überirdische=_ Gestalt; der eine gehört dem _=jetzigen=_,
-der andere dem _=messianischen=_ Zeitalter an. Zwischen beiden besteht
-Solidarität, indem der Menschensohn für die eintreten wird, welche zu
-Jesus, dem Verkündiger seines Kommens, gestanden sind.
-
-Von diesen Stellen muss man ausgehen, um die Bedeutung des Ausdrucks
-in Jesu Munde zu verstehen. Wer um sein Geheimnis nicht weiss, für
-den sind Jesus und der Menschensohn verschiedene Personen. Wem er
-aber sein Geheimnis offenbart hat, für den besteht ein persönlicher
-Zusammenhang zwischen beiden. Jesus ist der, welcher am messianischen
-Tag als Menschensohn erscheinen wird. _=Die Offenbarung zu Cäsarea
-Philippi besteht darin, dass Jesus seinen Jüngern offenbart, in welchem
-persönlichen Verhältnis er zum erscheinenden Menschensohn steht.=_ Als
-der, welcher Menschensohn sein wird, kann er Petri Bekenntnis, dass er
-Messias sei, bestätigen. Seine Antwort auf die Frage des Hohenpriesters
-ist in demselben Sinn bejahend. Er ist Messias: das werden sie sehen,
-wenn er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels erscheint.
-
-»Menschensohn« ist also der adäquate Ausdruck für seine Messianität,
-so lange er als Jesus von Nazareth in diesem Aeon auf seine zukünftige
-Würde zu reden kommt. Wenn er daher zu den Jüngern von sich als dem
-Menschensohn spricht, so setzt er dabei das Doppelbewusstsein voraus.
-»Der Menschensohn muss leiden und wird dann von den Toten auferstehen«:
-das will heissen: »als solcher, der Menschensohn sein wird bei der
-Totenauferstehung, muss ich leiden«. Ebenso ist das Wort vom Dienen zu
-verstehen: als solcher, der als Menschensohn zu der höchsten Herrschaft
-im messianischen Aeon berufen ist, muss ich jetzt am tiefsten mich im
-Dienen erniedrigen (Mk 10 _-45-_). So sagt er vor der Gefangennahme:
-die Stunde ist gekommen, dass der, welcher Menschensohn sein wird, in
-Sünderhände überantwortet wird (Mk 14 _-21-_ u. _-41-_).
-
-Damit ist das Menschensohnproblem klargestellt. Eine geläufige
-Selbstbezeichnung war der Ausdruck nicht, sondern eine hoheitsvolle
-Art, mit welcher er in den grossen Momenten seines Lebens zu den
-Eingeweihten von sich als dem zukünftigen Messias sprach, während er
-für die andern von dem Menschensohn als einer von ihm unterschiedenen
-Grösse redete. In allen Fällen aber zeigte der Zusammenhang an, dass
-er von einer zukünftigen Grösse redete, denn in all diesen Stellen
-wird entweder die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken des
-Himmels erwähnt. Die philologischen Bedenken treffen hier also nicht
-zu. Eingeweihte und Uneingeweihte mussten aus der Situation verstehen,
-dass er von einer bestimmten Persönlichkeit der Zukunft redete und
-nicht von dem Menschen allgemein, wenn auch der Ausdruck beidemal
-derselbe war.
-
-Ganz anders steht es mit einer Reihe von Stellen, wo der Ausdruck
-als reine, unmotivierte Selbstbezeichnung, als einfache Umschreibung
-von »Ich« vorkommt. Hier bestehen alle kritischen und philologischen
-Bedenken unbedingt zu Recht.
-
- Mt 8 _-20-_: Der Menschensohn hat nicht, da er sein Haupt
- hinlege.
-
- Mt 11 _-19-_: Der Menschensohn ist gekommen, isset und
- trinket (im Gegensatz zum Täufer).
-
- Mt 12 _-32-_: Die Lästerung wider den heiligen Geist ist noch
- schwerer als die Schmähung des Menschensohnes.
-
- Mt 12 _-40-_: Der Menschensohn wird drei Tage in der Erde
- sein, wie Jonas im Bauch des Fisches.
-
- Mt 13 _-37-_ u. _-41-_: Der Menschensohn ist der Säemann; der
- Menschensohn ist der Herr, der den Befehl zur
- Ernte gibt.
-
- Mt 16 _-13-_: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?
-
-Hier ist der Ausdruck philologisch unmöglich. Denn wenn Jesus ihn
-so gebraucht hätte, mussten ihn die Hörer einfach vom »Menschen«
-verstehen. Nichts zeigt an, dass es sich um die künftige messianische
-Würde handelt! Hier bezeichnet er ja seinen gegenwärtigen Zustand
-damit! »Menschensohn« ist aber eine Messiasbezeichnung futurischen
-Charakters, _=da man dabei immer an das Kommen auf den Wolken denkt,
-entsprechend Dan 7 _-13-14-_=_. Zudem wissen die Jünger in allen diesen
-Stellen damals noch gar nicht um das Geheimnis Jesu. Der Menschensohn
-ist für sie noch eine von ihm ganz unterschiedene Persönlichkeit. Die
-Einheit des Subjekts ist ihnen ja noch unbekannt! Also konnten sie
-nicht verstehen, dass er hierbei von sich rede, sondern sie mussten
-alles auf den Menschensohn beziehen, von dessen Kommen er auch sonst
-sprach! Damit wären aber die Stellen alle sinnlos, da sie voraussetzen,
-es handle sich um eine Selbstbezeichnung seinerseits!
-
-Historisch und philologisch ist es also unmöglich, dass Jesus den
-Ausdruck als unmotivierte, selbstverständliche Selbstbezeichnung
-gebraucht haben kann. Als Selbstbezeichnung, sofern er von sich im
-Hinblick auf seine künftige messianische Würde redete, konnten es
-erst die verstehen, welche um sein Geheimnis wussten. Darum sind alle
-Stellen, in denen er sich _=vor Cäsarea Philippi=_ (für die Intimen
-vor der Verklärung) _=als Menschensohn bezeichnet, unhistorisch=_.
-Historisch sind für jene Zeit nur solche, wo er von dem Menschensohn
-als einer mit ihm nicht identischen zukünftigen Erscheinung redet
-(Mt 10 _-23-_ und Mk 8 _-38-_). Die oben erwähnten Stellen, welche
-den Ausdruck als unmotivierte Selbstbezeichnung bieten, sind also
-nicht historisch, sondern nur aus einem litterarischen Prozess heraus
-verständlich. Wie kommt es, dass eine spätere Periode der evangelischen
-Geschichtserzählung diesen Ausdruck als »Selbstbezeichnung Jesu« ansah?
-
-Dies beruht auf einer Verschiebung der Perspektive. Sie machte sich in
-dem Augenblick bemerkbar, wo man die Geschichte Jesu von dem Gedanken
-aus zu schreiben begann, dass er auf Erden schon _=der Messias war=_.
-Denn nun verlor man das Bewusstsein, dass für die irdische Existenz
-Jesu seine Messianität selbst etwas Futurisches war und dass er sich
-mit dem Ausdruck Menschensohn eben als futurischen Messias bezeichnete.
-Weil nun historisch feststand, dass er von sich als Menschensohn
-geredet, bemächtigte sich die Geschichtserzählung dieser emphatischen
-Selbstbezeichnung. Ohne eine Ahnung davon zu haben, dass sie nur für
-ganz bestimmte Worte und Situationen passte, verwandte man sie auf
-beliebige Stellen, wo er von sich selbst sprach, und schuf damit diese
-philologischen und historischen Unmöglichkeiten.
-
-Dieser falsche Gebrauch beruht also auf einem litterarischen Prozess
-von ausgesprochen sekundärem Charakter. Es verhält sich damit, wie mit
-der unhistorischen Verwendung des Ausdrucks Davidssohn bei Matthäus.
-Dazu stimmt, dass auch die fraglichen Menschensohnstellen einer
-sekundären Schicht des Matthäus angehören.
-
-Vor allem bekunden diesen Charakter: die Umformung der einfachen Frage
-zu Cäsarea Philippi (Mt 16 _-13-_), die Deutung des Gleichnisses
-vom Säemann (Mt 13 _-37-_ u. _-41-_) und die falsche Auslegung des
-Jonaswunders (Mt 12 _-40-_).
-
-Ebenso sekundär ist die Darstellung der Rede über die Sünde wider
-den heiligen Geist, wo ein Unterschied zwischen der Lästerung wider
-den heiligen Geist und der wider den Menschensohn statuiert wird (Mt
-12 _-32-_), während doch in dem Gedanken Jesu beides auf dasselbe
-hinauskommt, da es die bewusste Verstockung gegen die in ihm wirkenden
-Kräfte des nahen Reichs bedeutet. In den Stellen Mt 8 _-20-_ und Mt 11
-_-19-_ ist der Ausdruck unmotiviert, da Jesus dort nur sagen will: ich
-habe nicht, da ich mein Haupt hinlege, ich esse und trinke im Gegensatz
-zu dem asketischen Verhalten des Täufers.
-
-Eine eigene Bewandtnis hat es mit den beiden unhistorischen
-Menschensohnstellen im Markustext.
-
- Mk 2 _-10-_: Der Menschensohn hat das Recht, auf Erden Sünden
- zu erlassen.
-
- Mk 2 _-28-_: Der Menschensohn ist Herr des Sabbattages.
-
-Das Sekundäre besteht darin, dass Jesus den Ausdruck als
-_=Selbstbezeichnung=_ gebraucht haben soll. Historisch ist, dass er
-ihn in jenem Zusammenhang gebraucht hat, entweder vom Menschensohn als
-einer dritten, eschatologischen Grösse oder vom Menschen überhaupt.
-Beidemal gibt es einen Sinn.
-
- 1. Der Mensch als solcher kann durch die Heilung die
- Sündenvergebung auf Erden bekunden.
- Der Mensch als Mensch ist Herr des Sabbattages.
-
- 2. Im Hinblick auf den kommenden Menschensohn findet jetzt schon
- Sündenvergebung auf Erden statt, wie die Heilung zeigt.
- Im Hinblick auf das Kommen des Menschensohns ragt jetzt schon
- ein Höheres in die gesetzliche Sabbatbeobachtung hinein. Vor dem
- Höheren verschwindet das Gesetz. Das zeigt der Fall Davids.
-
-Wie man sich die Stellen auch zurechtlegen mag, eines ist klar:
-hier hat der Ausdruck historisch vorgelegen und die Aussage Jesu
-irgendwie motiviert. Sekundär ist nur, dass jetzt der Ausdruck als
-Selbstbezeichnung erscheint, während Jesus vom Menschen oder vom
-Menschensohn geredet hat. So stehen diese Stellen auf der Schwelle vom
-geschichtlichen zum litterarisch-ungeschichtlichen Gebrauch des Wortes
-»Menschensohn«.
-
-Von hier aus erfasst man erst die eigentliche Schwierigkeit des
-Menschensohnproblems. Je tiefer bisher die Untersuchung ging, in
-desto weitere Ferne schien die Lösung zu rücken. Dies rührte daher,
-dass keine Ueberlegung eine Scheidung unter den so ungleichwertigen
-Stellen herbeiführen konnte. So blieben die litterarische und die
-historische Seite des Problems unlösbar verquickt. Mit dem Augenblick
-aber, wo man von dem Studium des Messianitätsbewusstseins Jesu aus
-entdeckt, dass der Ausdruck Menschensohn der einzige war, in welchem
-er das Geheimnis seiner futurischen Würde aussprechen konnte, ist
-auch die Scheidung gegeben. Historisch sind alle Stellen, wo der
-danielisch-eschatologische Charakter des Ausdrucks wirksam ist,
-unhistorisch alle diejenigen, wo dies nicht der Fall ist. Zugleich
-erklärt sich durch die Verschiebung in der Perspektive, wie für
-eine spätere Geschichtserzählung der Ausdruck im Munde Jesu nur die
-Bedeutung einer unmotivierten Selbstbezeichnung haben konnte, die in
-allen Situationen, wo er von sich selbst sprach, angebracht schien.
-
-Endlich löst sich auch das letzte Rätsel. Warum verschwindet der
-Ausdruck in der Sprache des Urchristentums? Warum bezeichnete niemand
-den Messias als Menschensohn (ausser Akt 7 _-56-_), da ihn doch Jesus
-ausschliesslich für seine Würde gebraucht hatte? Das rührt daher, dass
-»Menschensohn« der messianische Ausdruck nur für eine klar bestimmte
-Episode des messianischen Dramas war. Menschensohn war der Messias in
-dem Augenblick, wo er auf den Wolken des Himmels der Welt zum Gericht
-und zur Herrschaft offenbar wurde. An jenen Augenblick dachte Jesus
-ausschliesslich, weil er erst von da an für die Menschen Messias war.
-Das Urchristentum aber erblickte, weil sich eine Zwischenzeit einschob,
-Jesum als Messias droben im Himmel zur Rechten Gottes. Er war schon
-der Messias und wurde es für sie nicht erst mit dem Augenblicke der
-Erscheinung des Menschensohns. Weil sich also auch hier die Perspektive
-verschoben hatte, gebrauchte man den allgemeinen Ausdruck »Messias«,
-nicht das auf eine besondere Scene hinweisende »Menschensohn«.
-
-_=Jesus hätte sich ungenau ausgedrückt, wenn er gesagt hätte: ich bin
-der Messias; denn er war es erst mit seinem überirdischen Erscheinen
-als Menschensohn. Im Urchristentum hätte man sich ungenau ausgedrückt,
-wenn man gesagt hätte: Jesus ist der Menschensohn. Denn nach der
-Auferstehung war er der Messias zur Rechten Gottes, dessen Erscheinen
-als Menschensohn man erwartete.=_
-
-
-4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der Messianität
-Jesu.
-
-Welche Bedeutung haben die Auferstehungsweissagungen? Es fällt
-uns schwer, anzunehmen, dass Jesus so präcis ein solches Ereignis
-vorhergesagt habe. Weit eher scheint es uns erklärlich, dass seine
-allgemeinen Aussagen von einer Herrlichkeit, die seiner wartete, ex
-eventu in Auferstehungsweissagungen redigiert worden seien.
-
-Diese Kritik ist berechtigt, solange man meint, mit der geweissagten
-Auferstehung handle es sich um ein _=isoliertes Ereignis=_ in der
-Existenz Jesu. Das ist aber nur für unser modernes Bewusstsein der
-Fall, weil wir auch in der Auferstehungsfrage uneschatologisch
-denken. Für Jesus und die Jünger hatte aber die Auferstehung, von der
-er redete, eine ganz andere Bedeutung. Sie war _=ein messianisches
-Ereignis=_, welches den Anbruch der ganzen zukünftigen Herrlichkeit
-bedeutete. Wir müssen auch hier vom Modernen, Apotheosenhaften in der
-geweissagten Auferstehung abstrahieren. Das zeitgenössische Bewusstsein
-verstand diese »Rehabilitierung« als Offenbarung seiner Messianität
-beim Anbruch des Reichs. Wenn also Jesus von seiner Auferstehung
-sprach, dachten die Jünger _=an die grosse messianische Auferstehung,
-in der er als Messias auferstehen würde=_.
-
-In dieser Hinsicht ist das Gespräch beim Abstieg vom Berg nach der
-Verklärungsscene entscheidend. Er redet dort den Intimen zum erstenmal
-von »der Auferstehung des Menschensohnes von den Toten« (Mk 9 _-9-_).
-Sie können sich aber »die Auferstehung des Menschensohnes« ohne
-Zusammenhang mit der messianischen Auferstehung gar nicht denken. Ihre
-Aufmerksamkeit ist ganz von dem messianischen Ereignis, das ihnen Jesus
-damit in Aussicht stellt, gefangen genommen. Sie machen sich deshalb
-Gedanken über die Totenauferstehung. Wie verhält es sich damit (Mk 9
-_-10-_)? Die Bedingungen dafür sind nämlich, soviel sie sehen, noch
-nicht gegeben. Der Elias ist ja noch nicht erschienen (Mk 9 _-11-_).
-Jesus beruhigt sie mit dem Hinweis, dass er schon da war, wenn ihn die
-Menschen auch nicht erkannt haben. Er meint den Täufer (Mk 9 _-12-13-_).
-
-Dieses Gespräch, in dem man sonst überhaupt keine fassliche
-Gedankenfolge statuieren kann, wird also in dem Augenblick vollständig
-durchsichtig und natürlich, wo man bemerkt, wie die Jünger die von
-Jesus in Aussicht gestellte Auferstehung _=nur in demselben Gedanken
-mit der grossen, allgemeinen, messianischen Auferstehung denken
-können=_! Darum wirft diese Rede beim Abstieg ein helles Licht auf
-die spätere Leidens- und Auferstehungsweissagungen, weil wir hier im
-stande sind, die Gedanken und Erwägungen, die diese Worte im Herzen
-der Jünger wachriefen, zu kontrollieren. Ueberdies fehlt in dieser
-»Auferstehungsweissagung« die Erwähnung der drei Tage, die gerade den
-Anlass zum Einsetzen der Kritik in den folgenden Leidensweissagungen
-bietet. In dieser Hinsicht stimmt das Wort beim Abstieg mit dem letzten
-Ausspruch vor dem Hohenpriester überein. Beiden fehlt die zeitliche
-Bestimmung, wann die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken
-des Himmels statthaben wird. In dem messianischen Ereignis fällt beides
-zusammen: Auferstehung und Kommen auf den Wolken bedeuten nur die
-Offenbarung seiner Messianität am grossen Auferstehungstag.
-
-Diese Erwartung der eschatologischen Totenauferstehung beherrschte
-das Bewusstsein Jesu und seiner Zeitgenossen. Er setzt sie in seinen
-jerusalemitischen Reden voraus. Die Reichserwartung und der Glaube an
-die bevorstehende Totenauferstehung gehören eng zusammen. Es ist, wie
-schon früher bemerkt wurde, ein perspektivischer Fehler, den Gedanken
-Jesu, wenn er vom kommenden Reich spricht, eine Orientierung nach
-vorwärts zu geben, als bezöge es sich auf kommende Generationen. So
-denkt der moderne Geist. Bei ihm war es gerade umgekehrt. _=Beim Reich
-handelt es sich um die vergangenen Generationen!=_ Sie erstehen zum
-Gericht, welches das Reich einleitet.
-
-Die Totenauferstehung ist die Vorbedingung zur Reichserrichtung.
-Dadurch werden alle Generationen der Welt aus ihrer zeitlichen Folge
-herausgehoben und für das Urteil Gottes als gleichzeitig gesetzt.
-So verlangt z. B. gerade das Gleichnis vom Weinberg Gottes (Mk 12
-_-1-12-_) die Annahme der Totenauferstehung. Die ganze Geschichte
-Israels wird dort in dem Verhalten der Pächter beschrieben. Jesus redet
-von den Generationen Israels von den Tagen der Propheten bis zu der
-gegenwärtigen, der seine Warnung gilt. Im Gleichnis aber ist es nur
-eine Generation, weil das ganze Volk in seinen aufeinanderfolgenden
-Geschlechtern als Kollektivgrösse vor Gott tritt, wenn es sich um das
-Gericht handelt; es ist dann als Ganzes in der Auferstehung erstanden.
-
-Ebenso erklärt es sich, dass für den Gerichtstag dem Geschlecht derer
-von Sodom noch ein erträglicheres Los in Aussicht gestellt wird als dem
-gegenwärtigen von Kapernaum (Mt 11 _-23-24-_).
-
-Wer das Kommen des Reichs erwartete, der glaubte auch an die
-bevorstehende Totenauferstehung. Darum richtet sich der Angriff der
-Sadducäer gerade auf diese Frage. Wenn Jesus ihnen antwortet, »dass,
-wenn sie von den Toten auferstehen, sie weder freien noch gefreit
-werden, sondern sein werden, wie die Engel im Himmel« (Mk 12 _-25-_),
-so ist dies von dem Zustand im Reich Gottes zu verstehen, in das sie
-durch die Totenauferstehung eingehen.
-
-In letzter Linie war die »Totenauferstehung« nur die Art, wie sich
-die Veränderung der ganzen Existenzform an denjenigen vollzog, die
-schon in den Tod gesunken waren. Durch das Kommen des Reiches Gottes
-wird aber die irdische Existenzform überhaupt in eine damit nicht
-zu vergleichende andere erhoben. In dieser Hinsicht erleben auch
-diejenigen, welche vor dem Ereignis nicht in den Tod sinken, eine
-»Auferstehung«, denn auch ihre Daseinsweise wird plötzlich durch eine
-höhere Macht in eine andere verwandelt, welche sie nun mit denen
-teilen, die aus dem Tod erweckt sind. Verglichen mit dieser neuen
-Existenzform ist die vorhergehende indifferent. Es ist gleich, ob man
-aus dem irdischen Dasein oder aus dem Totenschlaf in die messianische
-Seinsweise eingeht! Im Verhältnis zur letzteren ist alles Sein
-»_=Tod=_«. Sie allein ist »_=Leben=_«.
-
-Darum redet Jesus zu den Lebenden von dem Weg, der zum »Leben« führet
-(Mt 7 _-14-_). Er empfiehlt, eher ein Glied dieses Leibes daran zu
-geben, wenn es sich um das »Leben« handelt, als bei der Auferstehung
-nicht an der messianischen Existenz teil zu haben (Mt 18 _-8-_ u.
-_-9-_). Der reiche Jüngling frägt, was er thun soll, »um das ewige
-Leben zu ererben«. Als er der erhaltenen Weisung nicht folgen will, ist
-Jesus sehr betrübt, weil es so schwer ist, dass ein Reicher »in das
-Gottesreich eingehe« (Mk 10 _-17-_ u. _-25-_).
-
-Diese Entwertung der irdischen Daseinsform geht bis zur Darangabe des
-irdischen Lebens überhaupt, um des Lebens im zukünftigen Aeon gewiss
-und versichert zu werden. Darum erklärt Jesus, wo er von der Nachfolge
-in Leiden und Schmach redet, dass »wer sein Leben retten will, der wird
-es verlieren«. Das heisst: Wer sich aus Angst für sein irdisches Dasein
-unwürdig macht, dass der Menschensohn vor Gott für ihn eintrete, der
-verwirkt dadurch das messianische Leben, das mit der Totenauferstehung
-anhebt (Mk 8 _-35-_).
-
-Wenn das Reich anbricht, ist es einerlei, ob man in einem lebendigen
-oder in einem toten Leib existiert. Diese Erwägung allein gibt das
-richtige Verhalten in der Verfolgung an. Darum sagt Jesus zu den
-Jüngern bei der Aussendung: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib
-töten, die »Seele« aber nicht vermögen zu töten; fürchtet euch hingegen
-vor dem, der vermag sowohl die »Seele« als auch den Leib zu verderben
-in der Hölle (Mt 10 _-28-_).
-
-Dieselbe Verbindung der urchristlich eschatologischen Erwartung mit der
-Totenauferstehung findet sich in klassischer Weise bei Paulus (1 Kor
-15 _-50-54-_). Es handelt sich hier gar nicht um genuin paulinische
-Gedanken, sondern um eine urchristliche Anschauung, welche schon Jesus
-ausgesprochen hat. Fleisch und Blut, ob belebt oder unbelebt, können in
-keiner Weise am Reich teil haben. Darum wenn die Stunde schlägt, wo die
-Toten unvergänglich auferstehen, werden auch die Lebendigen in diese
-Unvergänglichkeit verwandelt.
-
-Die Totenauferstehung ist die Brücke vom »Jetzt« zum »Dann«. Auf ihr
-beruht die Doppelheit des Selbstbewusstseins. Wenn daher Jesus von
-seiner Auferstehung sprach, gliederten die Jünger dieses Wort in
-einen grossen Zusammenhang ein. Es bedeutete für sie die allgemeine
-Auferstehung, wo auch sie in die Existenzform des Reiches Gottes
-auferstehen würden. Wohl erwarteten sie seine Auferstehung: aber nicht
-als »Osterereignis«, sondern als den Anbruch des messianischen Reiches.
-Als Auferstandener sollte er offenbar werden, wenn er auf den Wolken
-des Himmels als Menschensohn ankäme und den grossen messianischen Tag
-heraufführte.
-
-Für unser Empfinden verhält sich der Tod Jesu zur Auferstehung wie die
-Dissonanz zu ihrer Auflösung. Bei der Entwertung jeglicher Seinsform
-vor der messianischen Aera lag auf dem Tod, für das Empfinden der
-Jünger, _=ein viel schwächerer Accent=_. Es handelt sich für sie um
-einen unendlichen ewigen Accord mit einem kurzen, irdischen Vorschlag.
-
-Wo wir ein _=Nebeneinander=_ von Messianitätserklärung,
-Leidensvorhersagung und Auferstehungsweissagung sehen, erfassten
-sie eine viel straffere Gedankenverbindung. Sie erblickten alles
-im messianischen Licht. Darum entnahmen sie seiner Rede nicht drei
-verschiedene Thatsachen: 1. dass er Messias sei, 2. dass er leiden und
-sterben müsse, 3. dass er auferstehen werde, sondern sie bedeutete für
-sie: _=unser Meister wird nach seinem Tod, bei der Auferstehung, als
-Menschensohn geoffenbart werden=_. Zugleich machen sie sich Gedanken,
-was dann sie wohl sein werden und welche Würde ihnen in der neuen
-Existenz zufallen wird.
-
-So erklärt sich, wie ihre messianische Vorstellung durch den Gedanken
-»des leidenden und sterbenden Messias« nicht vollständig umgeworfen
-wurde. Jesus hat ihnen weder den leidenden, noch den sterbenden, noch
-den auferstehenden Messias geoffenbart, sondern er hat ihnen von dem
-erscheinenden Menschensohn geredet und ihnen offenbart, dass er es sein
-werde, wenn er im Leiden hier sich vollendet haben würde.
-
-Man kann es nie genug betonen, dass damit seine Messianität vollständig
-in der Bahn der volkstümlichen Anschauung sich bewegte. Das Drama
-in seinem Leben beruht nicht darin, dass seine Messianität der
-gewöhnlichen Erwartung entgegenlief und daraus sich nun Konflikte
-ergaben, die seinen Tod herbeiführten. Das ist erst die Anschauung
-des vierten Evangeliums. _=Der historische Jesus beanspruchte die
-Messianität erst vom Augenblick der Totenauferstehung an.=_
-
-Diese Auffassung der altsynoptischen Messianitätseröffnungen Jesu
-wird durch die urchristliche Vorstellung absolut gefordert. Das
-Urchristentum setzt voraus, dass Jesu Messianitätsbewusstsein, als
-er zu den Jüngern redete und noch als er dem Hohenpriester Antwort
-gab, futurisch war! Denn auch die Petrusreden in Akt datieren die
-Messianität erst von seiner Auferstehung an. Bis dahin war er Jesus
-von Nazareth. Nur ist an die Stelle des Kommens auf den Wolken des
-Himmels der vorläufige Zustand des Sitzens zur Rechten Gottes getreten.
-»Jesum den Nazarener, einen Mann, ausgewiesen von Gott her bei euch
-mit gewaltigen Thaten und Wundern und Zeichen (Akt 2 _-22-_), ihn hat
-Gott auferweckt (Akt 2 _-32-_) und hat ihn zum Herrn und zum Messias
-gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt« (Akt 2 _-36-_).
-
-Dieses Zeugnis der urchristlichen Auffassung der Messianität Jesu
-ist allein schon so gewichtig, dass es die ganze synoptische
-Ueberlieferung, wenn sie anders redete, zum Schweigen bringen würde.
-Wie sollte man es begreifen, dass die Jünger verkündeten, Jesus sei
-durch seine Auferstehung in sein messianisches Dasein eingegangen, wenn
-er ihnen schon auf Erden von seiner Messianität als gegenwärtiger Würde
-geredet hätte! Nun entsprechen sich aber die altsynoptische Tradition
-und die Auffassung des Urchristentums vollkommen. Beide erklären
-einstimmig: _=Jesu Messianitätsbewusstsein war futurisch!=_
-
-Besässen wir dieses Zeugnis nicht, so wäre uns die Erkenntnis seiner
-historischen Persönlichkeit auf immer verschlossen. Denn nach seinem
-Tode stellen sich alle Voraussetzungen ein, die dahin wirken, das
-Bewusstsein von dem futurischen Charakter seiner Messianität ausser
-Kraft zu setzen. Seine Auferstehung als Messias fiel mit dem Beginn
-der messianischen Aera in der Totenauferstehung zusammen: so war die
-Perspektive für die Jünger vor seinem Tod. Nach dem Tode wurde seine
-Auferstehung als Messias ein Faktum für sich. _=Jesus war Messias vor
-der messianischen Aera! Das ist die folgenschwere Verschiebung in
-der Perspektive. Darin beruht das Tragische, zugleich aber auch das
-Grossartige in der Erscheinung des Christentums überhaupt.=_
-
-Das urchristliche Bewusstsein machte die grössten Anstrengungen, die
-Kluft zu überwinden und Jesu Auferstehung dennoch als Anbruch der
-messianischen Aera in der allgemeinen Totenauferstehung aufzufassen.
-Man suchte sich begreiflich zu machen, dass es sich gleichsam um
-die etwas in die Länge gezogene Zwischenpause zwischen den beiden
-Auftritten des ersten Akts des Dramas handelte. Eigentlich aber stand
-man schon in der messianischen Auferstehung. So ist für Paulus Jesus
-Christus durch die Totenauferstehung als Messias erwiesen, »der
-Erstling der Entschlafenen« (I Kor 15 _-20-_). Auf diesem Gedanken
-beruht überhaupt die ganze paulinische Theologie und Ethik. _=Weil man
-sich in dieser Zeit befindet, sind die Gläubigen eigentlich mit Christo
-begraben und mit ihm auferstanden durch die Taufe.=_ Sie sind die
-»neue« Kreatur, sie sind die »Gerechten«, deren »Bürgertum« im Himmel
-ist. Erst von diesem Grundgedanken aus erfasst man die Einheit in der
-für uns sonst so mannigfach zusammengesetzten Gedankenwelt Pauli.
-
-Die christliche Geschichtsüberlieferung suchte sich anders zu behelfen.
-Sie nahm eine _=Art Vorauferstehung=_ an, die mit der Auferstehung
-Jesu zusammenfiel. Dieser lieh sie die Farben des messianischen Tages.
-Mt 27 _-50-53-_ ist uns eine solche Zurechtlegung in Legendenform
-erhalten. Mit Jesu Kreuzestod bricht das neue Weltalter an. Nach seinem
-Verscheiden zerreisst der Tempelvorhang und Erdbeben, die Zeichen der
-Endzeit, erschüttern die Erde; die Felsen zersplittern; die Gräber
-thun sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen werden
-auferweckt. _=Nach Jesu Auferstehung=_ gehen sie aus den Gräbern heraus
-in die heilige Stadt und erscheinen vielen. So hält diese Erzählung
-daran fest, dass im Anschluss an Jesu Tod mit seiner Auferstehung die
-allgemeine Totenauferstehung unter den Anzeichen des messianischen
-Tages erfolgte -- jedoch nur als eine Art Vorspiel.
-
-Die Zeit war eben mächtiger als die ursprünglichen Anschauungen.
-Unerbittlich schob sie sich wie ein auseinandertreibender Keil zwischen
-Jesu Auferstehung und die erwartete allgemeine Auferstehung am
-messianischen Tag und zerstörte mit dem zeitlichen auch den kausalen
-Zusammenhang im ursprünglichen Sinne. Die Messianität Jesu stand
-aus der Vergangenheit fest. Für die, welche sich dazu bekannten und
-zugleich das Reich als zukünftig erwarteten, schwand das Bewusstsein,
-dass in Jesu Verkündigung seine Messianität und das Reich zukünftige,
-_=koïncidierende Ereignisse=_ waren. Man fing an, die evangelische
-Geschichte unter dem Gesichtspunkt zu betrachten: _=Jesus war der
-Messias.=_ Die Ueberschrift zu dieser neuen Geschichtsauffassung hat
-Paulus geschrieben. Sie heisst »_=Jesus Christus=_«: die Würde des
-Auferstandenen wird mit der historischen Persönlichkeit in einem
-Begriff verbunden. Der vierte Evangelist hat die Konsequenz daraus
-gezogen und die Geschichte Jesu so dargestellt, als ob er auf Erden als
-Messias aufgetreten wäre.
-
-Es ist die Aufgabe der historischen Forschung, sich von der religiösen
-unhistorischen Perspektive für einen Augenblick zu emancipieren und die
-synoptischen Berichte in die richtige Stellung zu rücken. Dann erst,
-wenn man das Futurische in Jesu Messianitätsbewusstsein erfasst hat,
-versteht man, warum er seine Würde den Jüngern als ein »Geheimnis«
-offenbart hat, warum er sich dabei als Menschensohn bezeichnete und in
-welchem Sinne er von seiner Auferstehung sprach.
-
-
-5. Der Verrat des Judas -- die letzte Bekanntgebung des
-Messiasgeheimnisses.
-
-Was hat Judas eigentlich verraten? Nach den Schilderungen unserer
-Evangelien sieht es so aus, als hätte er dem Synedrium angegeben, wo
-sie zu einer bestimmten Stunde Jesum fassen könnten. Wenn nun auch
-diese Angabe des Orts eine Rolle bei dem Verrat des Judas gespielt hat,
-so war dies nur _=nebensächlich=_. Wo Jesus sich aufhielt, konnten
-sie jederzeit erfahren, da er nichts that, um sein Kommen und Gehen
-zu verheimlichen. Wenn sie ihn also greifen wollten, so brauchten
-sie ihm bei seinem Weggang am Abend aus Jerusalem nur einen Späher
-nachzusenden, um über seinen Aufenthalt orientiert zu sein. Dafür
-hätten sie keinen aus dem intimen Kreis gebraucht.
-
-Nun lag aber die Hauptschwierigkeit auf einem ganz andern Gebiet.
-Nicht ihn zu _=verhaften=_, sondern ihn zu _=verurteilen=_ wollte
-ihnen nicht gelingen, denn sie konnten nichts gegen ihn aufbringen.
-Sie befanden sich ihm und seinem Anhang gegenüber in der unbequemen
-Lage, in die jedes ehrbare Kirchenregiment notwendig einmal kommt:
-die Leute waren ihnen zu fromm, unordentlich fromm, indem sie mit
-zu grossem Enthusiasmus glaubten, was die andern mit Mässigung und
-Ordnung in ihrem Bekenntnis mitfühlten, dass nämlich das Reich nahe
-sei. Aus der Vorläuferwürde, die das Volk Jesu beilegte, konnten sie
-keine Verurteilung gewinnen, denn durch seine Zeichen hatte er diese
-Würde bewährt. Ueberdies hatte er diese Würde nie öffentlich für
-sich in Anspruch genommen. Dennoch war die Art, wie er auftrat, für
-sie in höchstem Masse gefährlich. An der Spitze des frommen Volkes
-terrorisierte er sie. Darum hätten sie sich seiner gern entledigt und
-konnten es nicht.
-
-Man versteht die Haltung und die Schwierigkeiten des Synedriums nur,
-wenn man immer bedenkt, dass aus der ganzen Wirksamkeit Jesu niemand
-auf den Gedanken gekommen war, er könne sich für den Messias halten. So
-wussten sie nichts gegen ihn vorzubringen und waren darauf angewiesen,
-ihn in Reden zu fangen, um ihn beim Volke zu diskreditieren, was ihnen
-nicht gelang.
-
-Da erscheint Judas bei ihnen und gibt ihnen die tödliche Waffe in
-die Hand. Als sie hörten, was er ihnen kund that, »_=freuten sie
-sich=_«, denn jetzt war er in ihre Hand gegeben. Nun sucht Judas einen
-geeigneten Augenblick, um ihnen den Verratenen in die Hände zu liefern
-(Mk 14 _-11-_).
-
-Was er ihnen verraten hatte, ersieht man aus der Gerichtsverhandlung.
-Die Zeugen der Pharisäer können nichts vorbringen, woraufhin man ihn
-verurteilen kann. Als aber die Zeugen abgetreten sind, stellt der
-Hohepriester an Jesus direkt die Frage, ob er der Messias sei. Für
-solche Ansprüche Jesu konnten sie die erforderlichen Zeugen nicht
-aufbringen -- denn es gab keine. _=Der Hohepriester befindet sich hier
-im Besitz des Geheimnisses Jesu. Das war der Verrat des Judas!=_ Durch
-ihn wusste das Synedrium, dass er etwas anderes zu sein beanspruchte,
-als wofür ihn das Volk hielt, ohne dass er dagegen Einspruch erhob.
-
-Aus dem verratenen Geheimnis von Cäsarea Philippi gewannen sie die
-entscheidende Anklage. Der Prophet der Endzeit, Elias, zu sein, das
-war keine Gotteslästerung. Aber zu behaupten, Messias zu sein, das war
-Frevel! Die Perfidie in der Anklage lag darin, dass der Hohepriester
-Jesus ohne weiteres unterschob, er hielte sich so, wie er vor ihm
-stand, für den Messias. Das wies Jesus aber zurück mit dem stolzen Wort
-von seinem Erscheinen als Menschensohn. Nichtsdestoweniger wurde er
-wegen Gotteslästerung verurteilt.
-
-Wir haben also drei Offenbarungen des Messianitätsgeheimnisses, die
-unter sich eng zusammenhängen, so, dass jede folgende die vorhergehende
-voraussetzt. Auf dem Berg bei Bethsaida wird den drei Intimen das
-Geheimnis offenbart, welches Jesus in der Taufe aufgegangen war. Das
-war nach der Erntezeit. Einige Wochen später wird es den Zwölfen
-bekannt, indem Petrus zu Cäsarea Philippi die Frage Jesu aus dem, was
-er vom Verklärungsberg her weiss, beantwortet. Von den Zwölfen verrät
-einer das Geheimnis an den Hohenpriester. Diese letzte Offenbarung
-des Geheimnisses war verhängnisvoll, denn sie führte den Tod Jesu
-herbei. _=Er wurde als Messias verurteilt, obwohl er nie als solcher
-aufgetreten war.=_
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-Das Geheimnis des Leidensgedankens.
-
-
-1. Die vormessianische Drangsal.
-
-_=Der Hinweis auf das Leiden gehört naturgemäss zur eschatologischen
-Verkündigung.=_ Eine Zeit unerhörter Drangsal muss dem Kommen des
-Reiches vorhergehen. Aus diesen Wehen wird der Messias herausgeboren.
-Das war eine überall verbreitete Ansicht: anders konnte man sich die
-Ereignisse der Endzeit nicht denken.
-
-Danach muss man die Worte Jesu deuten. Es zeigt sich dann, dass er bei
-seiner Reichspredigt den Gedanken der Enddrangsal scharf hervorgehoben
-hat. Wir nehmen immer an, dass, wenn er von Verfolgungen, welchen die
-Seinen entgegengehen, spricht, damit das gemeint sei, was sie nach
-seinem Tode allein und verwaist auf Erden durchmachen müssten. Das
-ist vollständig falsch. Nach seinem Tode wird Jesus Messias durch
-die Auferstehung, und dann bricht die Reichsherrlichkeit an. Nicht
-was sie nach seinem Tode ausstehen müssen, sondern was sie im Reich
-sein werden, das beschäftigt die Gedanken der Jünger auf dem Weg nach
-Jerusalem.
-
-Wo er von Leiden und Verfolgung spricht, handelt es sich um
-Drangsale, die seine Anhänger _=mit ihm=_ erdulden müssen _=vor dem
-Reichsanbruch=_. Gemeint ist der letzte Ansturm der widergöttlichen
-Weltmacht, der über diejenigen hereinfluten wird, welche in der
-Erwartung des Gottesreiches die Repräsentanten der göttlichen Macht in
-der widergöttlichen Welt sind. Darum bildet Jesus den Mittelpunkt, auf
-den hin sich die Drangsal konzentriert. Er ist der Fels, der die Wogen
-aufbranden lässt. Wer von der grossen Weltflut nicht mitgerissen werden
-will, muss sich an ihn anklammern.
-
-Wenn er sagt, dass seine Mission nicht sei, den Frieden zu bringen,
-sondern das Schwert, wenn er von dem Aufruhr redet, den er heraufführt,
-wo die heiligsten irdischen Bande sich lösen müssen, wo man mit dem
-Kreuz beladen ihm nachfolgen muss und das eigene Leben für nichts
-achten (Mt 10 _-34-42-_), -- dann meint er die grosse Verfolgung der
-Endzeit. Wer das Reich Gottes herbeinötigt, der führt auch jene herauf,
-denn das Reich und der Messias erstehen ja aus ihr.
-
-Darum überall der grelle Akkord in den messianischen Harmonien! Er
-beschliesst die Seligpreisungen mit dem Hinweis, dass sie selig sind,
-wenn sie gehasst und verfolgt werden und alles Böse um seinetwillen
-über sie geredet wird. Dann haben sie gerade Grund zur Freude und
-zum Jubel, denn in dem, was sie erdulden müssen, offenbart sich ihre
-Zugehörigkeit zum Gottesreich. Während sie von der Weltmacht noch
-drangsaliert werden, ist der Lohn schon im Himmel bereitet (Mt 5 _-11-_
-u. _-12-_).
-
-»Verkündet, dass das Reich nahe herbeigekommen ist«, sagt er den
-Jüngern bei der Aussendung. Zugleich aber bereitet er sie eindringlich
-auf die Enddrangsal vor, denn der Zeiger der Weltuhr steht nahe an
-der grossen Stunde. Sie müssen es wissen, damit sie nicht meinen,
-es widerfahre ihnen etwas Fremdes, wenn sie von der Weltmacht zur
-Verantwortung gezogen werden, wenn sich um sie her Aufruhr und
-Verfolgung erhebt und ihrem Leben Gefahr droht. Sie müssen es wissen,
-damit sie nicht irre an ihm werden und ihn verleugnen und an ihm
-Aergernis nehmen, wenn er in der Menschen Gewalt gegeben wird, denn
-er selbst als machtvoller Verkündiger des Reiches hat diesen Aufruhr
-angeregt. Wenn aber die Weltmacht zu siegen scheint, dann steht Gott
-mit seiner Allmacht darüber. Nicht die, welche den Leib töten, muss man
-fürchten, sondern den allmächtigen Herrn, welcher beim Gericht Seele
-und Leib verdammen kann in die Hölle. In diesem letzten Aufruhr richtet
-die Weltmacht sich selbst; nach dem Gericht kommt das Reich. Das ist
-der Grundgedanke der Aussendungsrede.
-
-Auch die Botschaft an den Täufer schliesst mit einem solchen Hinweis.
-Das Reich ist nahe, lässt er ihm sagen; meine Predigt, Zeichen und
-Wunder bekräftigen es: und zur Seligkeit kommt, wer sich nicht an mir
-ärgert, d. h. wer in der vormessianischen Drangsal zu mir steht.
-
-Am eindringlichsten aber ergeht das Wort von der schweren Zeit an die,
-welche sich auf die Predigt der Jünger hin in gläubiger Reichserwartung
-um ihn versammelt haben. Bei einbrechender Dämmerung hat er mit ihnen
-das grosse Abendmahl am See gefeiert. Als der, welcher sich als Messias
-weiss, hat er ihnen feierlich Speise dargereicht und sie damit, ohne
-dass sie es ahnen, zu Teilnehmern am messianischen Mahle geweiht. Am
-folgenden Morgen aber ruft er sie zu Bethsaida um sich und ermahnt sie
-zur Hingabe des Lebens in der Drangsal. Wer sich seiner und seiner
-Worte schämt in der Erniedrigung, welche durch die ehebrecherische
-und sündige Welt über ihn kommen wird, den wird auch der Menschensohn
-nicht anerkennen, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters, von seinen
-Engeln umgeben, erscheinen wird (Mk 8 _-35-38-_).
-
-
-2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode.
-
-_=Der Leidensgedanke gehört also von Anfang an zur Verkündigung
-Jesu.=_ In der Enddrangsal sollten sie mit ihm durch Leiden hindurch
-der Herrlichkeit entgegengehen: so verstanden ihn seine Zuhörer. Nur
-wussten sie nicht, dass der, mit welchem sie leiden sollten, als
-Messias geoffenbart werden würde.
-
-In Jesu messianischem Selbstbewusstsein bekam nun der Leidensgedanke,
-auf ihn bezogen, eine geheimnisvolle Bedeutung. Die Messianität, welche
-ihm in der Taufe aufging, war nicht ein Besitz, ein Gegenstand der
-Erwartung, sondern in der eschatologischen Vorstellung war von selbst
-gegeben, dass er durch Leiden hindurch in der Bewährung werden müsse,
-was er der Bestimmung nach war. _=Sein Messianitätsbewusstsein war
-nie ohne Leidensgedanke!=_ Das Leiden ist der Weg zur Offenbarung der
-Messianität!
-
-Was er in diesem Aeon lebte, das stellte das verborgene Wirken und
-Werden des Messias dar. Dabei war aber das Leiden vorgesehen. Es war
-jüdische Lehre, dass der Messias voll von Züchtigungsleiden sein müsse:
-denn die Leiden sind nötig, um ein vollendeter Gerechter zu werden
-(WEBER S. 343).
-
-Dieses Messianitätsbewusstsein Jesu zeigt dieselbe sittliche
-Vertiefung wie seine Eschatologie. In der gewohnten Modernisierung
-desselben wird vorausgesetzt, dass er den grössten Teil seiner
-Wirksamkeit nicht ans Leiden dachte, sondern dass erst die
-hämische Feindschaft der Schriftgelehrten ihm diesen Gedanken
-aufnötigte. So bekommt seine Messianität in der ersten Periode einen
-_=ethisch-idyllischen=_, in der zweiten einen _=modern-resignierten=_
-Charakter. Das historisch-eschatologische Bild ist aber lebendiger,
-tiefer und sittlicher zugleich. Jesus hat sich hinsichtlich seines
-Messianitätsbewusstseins nicht »entwickelt« durch Aufnahme des
-Leidensgedankens. Von Anfang an weiss er sich als Messias, nur insofern
-er entschlossen ist, durch das Leiden zur Vollendung geläutert zu
-werden. Als der, welcher einst im neuen Aeon herrschen soll, muss er
-zuvor in die Gewalt der widergöttlichen Macht gegeben werden, _=um sich
-dort zur göttlichen Herrschaft zu bewähren=_. Aus diesem messianischen
-Selbstbewusstsein heraus beschwört er die um ihn sind, dass sie bei
-ihm aushalten, damit er sie als die Seinen anerkennen kann, wenn die
-Herrlichkeit anbricht. So beherrscht der thätige ethische Zug, der
-die Tiefe des Geheimnisses des Reiches Gottes ausmacht, auch das
-Messianitätsgeheimnis.
-
-Das geschichtliche Problem stellt sich nun so: In der ersten Periode
-hat Jesus viel häufiger, und zwar öffentlich, den Leidensgedanken
-ausgesprochen als in der zweiten. Jede grössere Rede schliesst mit
-einem solchen Hinweis. Den Seinen war der Gedanke vertraut, ihn in der
-Drangsal erniedrigt zu sehen. Dennoch aber bedeutet die Eröffnung zu
-Cäsarea Philippi für die Jünger etwas Neues und ist es thatsächlich
-auch. Es handelt sich dort nämlich nicht mehr um ein Leiden des
-_=machtvollen Reichspredigers=_ mit den Seinen in der Enddrangsal,
-sondern derjenige, welcher _=Messias=_ sein wird, leidet. Dieses
-Leiden aber verläuft nicht mehr _=in der allgemeinen Enddrangsal=_,
-sondern Jesus _=leidet allein=_ und zwar handelt es sich um ein _=rein
-irdisch-geschichtliches Ereignis=_. Er wird dem hohen Rat überantwortet
-und von diesem zum Tode verurteilt! Das war das Neue, was den Jüngern
-ein Geheimnis blieb.
-
-
-3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht.
-
-In dem Leidensgedanken zeigt sich ein eigentümliches Schwanken.
-Einmal erscheint der Tod als absolute Notwendigkeit; dann wieder, z.
-B. in Gethsemane, kennt Jesus doch wieder eine Möglichkeit, dass ihm
-das Leiden erspart bleiben kann. Nun besteht aber der Leidensgedanke
-ohne Rücksicht auf irdischen Erfolg oder Misserfolg. Also darf auch
-das Schwanken damit nicht in Verbindung gesetzt werden. Als Jesus
-nach Jerusalem zog, um zu leiden, da hegte er nicht in einem Winkel
-seines Herzens den Gedanken, dass Gott durch seine Allmacht dennoch
-vielleicht den Gang zum Siegesgang machen könnte und er durch ihn über
-die Pharisäer und den hohen Rat triumphieren könnte. Das wäre nach
-seinem Empfinden »menschlich« gedacht gewesen. Denn er kann in Sachen
-des Reiches Gottes nicht den Widerstand der Schriftgelehrten und die
-göttliche Allmacht gegeneinandersetzen: es handelte sich ja um ein
-göttliches Drama, in welchem sie nur Statisten mit zugewiesener aktiver
-Rolle waren, wie die Lanzknechte, welche ihn auf ihr Geheiss griffen.
-_=Das Schwanken muss also in dem göttlichen Willen selbst begründet
-sein.=_
-
-Es ist das Spezifische in der Anschauung Jesu, dass der göttliche
-Wille einerseits zwar die Ereignisse des messianischen Dramas vorher
-planmässig in der bekannten Form bestimmt, andererseits demselben
-wieder frei gegenübersteht. Durch den einmal festgelegten messianischen
-Schematismus ist die dahinterstehende göttliche Allmacht in keiner
-Weise gebunden! Sie kennt überhaupt keine Bestimmungen.
-
-Von dieser Allmacht erwartet Jesus z. B., dass sie auch diejenigen,
-welche wegen ihres Verhaltens die Zugehörigkeit zum Reich verwirkt
-haben, dennoch in den seligen Zustand aufnehmen könne. Nach den
-geltenden Bestimmungen ist es zwar unmöglich, dass die Reichen zum
-Leben eingehen können. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich (Mk 10
-_-27-_).
-
-Es gilt der Satz: Wer mit dem zukünftigen Messias herrschen will, muss
-mit Jesus leiden. Aber er wagt es doch nicht, den beiden Intimen,
-Jakobus und Johannes, die Thronplätze zu versprechen, obwohl er ihnen
-zutraut, dass sie sein Leiden teilen werden. Er könnte damit Gottes
-Allmacht vorgreifen (Mk 10 _-35-40-_).
-
-So liegt auch die Enddrangsal zwar in dem göttlich bestimmten Verlauf
-des messianischen Dramas. Aber es steht in Gottes unbeschränkter
-Allmacht, dass er sie _=ausschalte=_ und das Reich ohne diese
-Prüfungszeit anbrechen lasse. Darum dürfen die Menschen Gott darum
-bitten, er möge jene schweren Stunden der Bewährung vorübergehen
-lassen. Jesus weist sie dazu an in demselben Gebet, wo er sie um das
-kommende Reich bitten lehrt. Man erfleht den Endzustand, in welchem
-sein Name geheiligt wird und sein Wille auf Erden geschieht wie im
-Himmel; aber zugleich bittet man ihn, er möge die Menschen nicht in
-»die Versuchung« führen, sie nicht in die Gewalt des Bösen geben,
-sie nicht nötigen, ihre Sünden durch das Beharren in der Enddrangsal
-zu sühnen: sondern sie durch seine Allmacht der Gewalt des Bösen
-entreissen, wenn sich die widergöttliche Welt zum letztenmal aufbäumt
-beim Kommen des Reiches, um das sie beten. Das ist der innere
-Zusammenhang der letzten drei Bitten des Vaterunsers.
-
-Das Herrengebet trägt also in den drei ersten und den drei letzten
-Bitten rein eschatologischen Charakter. Wir haben denselben Kontrast
-wie in den Seligpreisungen, der Aussendungsrede, der Botschaft an den
-Täufer und den Scenen bei Bethsaida. Zuerst handelt es sich um das
-Kommen des Reichs, dann um die Enddrangsal. Aus dem Herrengebet ersehen
-wir aber, dass es dafür keine absolute Notwendigkeit gibt, sondern dass
-sie nur relativ in Gottes Allmachtswillen bedingt ist.
-
-Sie stellt nämlich die höchste Form der Busse auf das Gottesreich hin
-dar. Wer sich darin bewährt, der leistet Sühne für seine Vergehungen
-im widergöttlichen Aeon. Unter Kampf und Leiden ringt man sich von ihr
-los, um Träger des göttlichen Willens im Gottesreich zu sein. Das ist
-kollektivistisch zu denken. Die reichsgläubige Gemeinschaft als solche
-leistet die Sühne. Der Einzelne vollendet und bewährt sich darin. So
-ist es Gottes Wille. Jesus aber betet mit ihnen zu Gott, er möge in
-seiner Allmacht ihnen die Schuld ohne Sühne vergeben, wie sie ihren
-Schuldnern vergeben. Das will heissen: sühneloses, reines Erlassen.
-Er möge sie nicht durch die »Versuchung« hindurchführen, sondern sie
-geradewegs der Weltmacht entreissen.
-
-Nur so versteht man, wie Jesus in seinem Wirken Sündenvergebung
-voraussetzt und doch hier darum besonders bittet, und wie er von einer
-Versuchung redet, die _=von Gott=_ kommt. Es handelt sich eben um den
-allgemeinen _=messianischen Schulderlass=_ und um die _=messianische
-Drangsalsversuchung=_. Darum bilden diese Bitten den Beschluss des
-Reichsgebets.
-
-Was er hier mit der Allgemeinheit bittet, das erfleht er für sich, als
-die Stunde für ihn gekommen. In Gethsemane fällt er vor Gott nieder.
-In ergreifendem Gebet beruft er sich auf Gottes Allmacht: Abba, Vater,
-alles ist dir möglich (Mk 14 _-36-_). Er möge den Leidenskelch an
-seinen Lippen vorüberführen, ohne dass er davon kosten muss. Auch die
-schlafenden Intimen rüttelt er auf, sie sollen wach bleiben und zu Gott
-beten, dass er ihnen die Versuchung ersparen möge, denn das Fleisch ist
-schwach.
-
-
-4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode.
-
-Mit der Offenbarung zu Cäsarea Philippi hören alle Hinweise auf, dass
-die Gläubigen mit ihm durch Drangsal müssen. Dem Geheimnis zufolge, das
-er den Jüngern mitteilt, _=leidet nur er allein=_. In Jerusalem richtet
-er weder an das Volk noch an die Jünger ein eindringliches Wort von der
-Leidensnachfolge. Ja, er nimmt geradezu zurück, was er früher gesagt.
-Am Morgen nach dem Abendmahl am See hatte er die Seligkeit derer,
-welche er zum messianischen Mahl geweiht, davon abhängig gemacht,
-dass sie ihm ins Leiden nachfolgen. Den Teilnehmern des Abendmahls zu
-Jerusalem sagt er gelassen voraus, _=dass sie sich in der Nacht alle
-an ihm »ärgern« werden!=_ Er knüpft auch keine Verdammnis daran --
-_=denn es ist in der Schrift also bestimmt!=_ Steht nicht geschrieben:
-»ich werde den Hirten schlagen und die Schafe werden sich zerstreuen?«
-Darum, wenn sie sich auch an ihm ärgern, wenn sie ihn auch verlassen,
-in seiner Herrlichkeit wird er sie doch um sich sammeln und als Messias
--- denn das ist er als Auferstandener -- vor ihnen herziehen nach
-Galiläa (Mk 14 _-26-28-_).
-
-Was er früher von allen gefordert, das mutet er jetzt nicht einmal
-dem zu, der sich vermisst, allein bei ihm auszuhalten. »Ehe der Hahn
-zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen«, sagt er zu Petrus (Mk
-14 _-29-31-_).
-
-Diese Wandlung muss mit der Form, welche der Leidensgedanke in der
-zweiten Periode annimmt, zusammenhängen. Es muss eine Veränderung
-in der Vorstellung von der Enddrangsal eingetreten sein. Die andern
-sind von der Bewährung befreit, Jesus leidet allein, und zwar besteht
-die Erniedrigung in dem Tod, welchen die Schriftgelehrten über ihn
-verhängen. Darin wirkt sich jetzt die Enddrangsal aus. Seine Gläubigen
-bleiben verschont. _=Er leidet für sie, denn er gibt sein Leben hin als
-eine Sühne für viele.=_
-
-Wie ihm dieses Geheimnis aufgegangen nach der Aussendung in den Tagen
-der Einsamkeit, darüber hat er sich nicht geäussert. Die Form des
-Leidensgeheimnisses aber zeigt, dass zwei Erlebnisse auf ihn eingewirkt
-haben.
-
-_=Zunächst der Tod des Täufers.=_ Jener war für ihn der Elias. Wenn
-er von Menschenhand vor der messianischen Aera getötet wurde, so war
-das Gottes Wille und deshalb in dem messianischen Drama vorgesehen. Das
-geschah, während die Jünger fort waren. Seine Botschaft hat den Täufer
-vielleicht nicht mehr erreicht. Darüber muss er nun ins Klare kommen.
-Deshalb will er sich mit den Seinen in die Einsamkeit zurückziehen.
-
-Wie sehr ihn der Gedanke des Todes des Vorläufers beschäftigte, ersieht
-man aus dem Gespräch nach der Offenbarung an die Intimen. Es war in
-der Schrift bestimmt, dass der Elias so von Menschenhand umkomme. So
-steht auch über den Menschensohn geschrieben, dass er viel leiden und
-verworfen werden müsse (Mk 9 _-12-13-_).
-
-Bisher hatte er nur in allgemeinen Zügen von der Enddrangsal als einem
-Ereignis der Endzeit geredet. Nun hat sie sich aber als _=historisches
-Ereignis=_ an dem Vorläufer vollzogen. Das ist ein Fingerzeig, wie sie
-sich an ihm selbst vollziehen wird.
-
-Dieser Fingerzeig kam gerade zu der Zeit, als er durch die Ereignisse
-zum Nachdenken über die Enddrangsal gezwungen wurde. Nach der Rückkehr
-der Jünger hatte er dieselbe für die allernächste Zeit erwartet. Sie
-blieb aber aus. Noch mehr: damit blieb auch das Reich aus! Bei der
-Aussendung hatte er den Jüngern gesagt, sie würden auf dem Weg von den
-anbrechenden Wehen überrascht. Die Erscheinung des Menschensohnes würde
-statthaben, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären: -- und sie
-waren zurückgekehrt, ohne dass die Wehen begonnen hatten und das Reich
-angebrochen war.
-
-Die Kunde, mit der sie zu ihm zurückkehrten, zeigte aber, dass alles
-bereit war. Schon war die gottwidrige Macht gebrochen, denn sonst
-wären ihnen die unsauberen Geister nicht unterthan gewesen. Das Reich
-war herbeigenötigt durch die Busse seit den Tagen des Täufers. Auch
-hier war das Mass voll; das zeigte die Menge, die sich in gläubiger
-Erwartung um ihn scharte. So war alles bereitet -- und doch kam das
-Reich nicht! _=Die Verzögerung des eschatologischen Kommens des
-Reiches, das war das grosse Erlebnis, welches ihn damals immer wieder
-in die Einsamkeit trieb, ob er sich Klarheit darüber erränge.=_
-
-Ehe das Reich kommen konnte, musste die Drangsal eintreffen. Sie blieb
-aber aus. Man musste sie also herbeiführen, um so das Gottesreich
-herbeizunötigen. Busse und Knechtung der widergöttlichen Macht
-thaten es nicht allein, sondern es musste noch ein Stärkerer zu den
-Gewaltthätigen hinzutreten: der zukünftige Messias, _=der an sich die
-Enddrangsal heraufführte=_ in der Form, wie sie sich schon an dem
-Elias erfüllt hatte. So geht das Geheimnis des Reiches Gottes in das
-Geheimnis des Leidensgedankens über.
-
-Die Vorstellung der Enddrangsal enthielt den Gedanken der Sühne und der
-Läuterung. Alle die, welche für das Reich bestimmt waren, mussten in
-der Standhaftigkeit gegen die sich zum letztenmal aufbäumende Weltmacht
-die Vergebung der im weltlichen Aeon begangenen Schuld erringen. Denn
-durch diese Schuld waren sie der widergöttlichen Macht noch verfallen.
-Sie bildete ein Gegengewicht, welches das Kommen des Reiches aufhielt.
-
-Nun führte aber Gott die Drangsal nicht herauf. Und doch musste die
-Sühne geleistet werden. Da ging es Jesus auf, dass er als zukünftiger
-Menschensohn _=die Sühne an sich vollziehen müsse=_. Derjenige,
-welcher einst als Messias über die Gläubigen herrschen wird, der
-erniedrigt sich jetzt unter sie und dient ihnen, indem er sein Leben
-zur Sühne für viele dahingibt, damit das Reich für sie anbreche.
-Das ist seine Mission in dem Zustand, welcher seiner überirdischen
-Herrlichkeit vorausgeht. »Dazu ist er gekommen« (Mk 10 _-45-_). Er
-muss leiden für die Sünden derer, welche zu seinem Reich bestimmt
-sind. Um dies auszuführen, zieht er hinauf nach Jerusalem, dass er
-dort von der Obrigkeit zu Tode gebracht werde, wie der Elias, der ihm
-vorangegangen, durch des Königs Henker umkam. _=Das ist das Geheimnis
-des Leidensgedankens.=_ Jesus ist wirklich für die Sünden der Menschen
-gestorben, wenn auch in einem andern Sinn, als es die ANSELM'sche
-Theorie annimmt.
-
-
-5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt.
-
-»Wie steht geschrieben über den Menschensohn? Dass er viel leiden
-muss und verachtet werden« (Mk 9 _-12-_). _=Die neue Form des
-Leidensgedankens stammt aus der Schrift.=_ In dem Bild des leidenden
-Gottesknechtes erkannte Jesus sich wieder. Dort fand er seinen
-Leidensberuf vorgebildet.
-
-Um aber zu verstehen, wie ihm sein Geheimnis aus der Schrift erstand,
-muss man das Bild des leidenden Gottesknechtes in den grossen
-Rahmen stellen, in welchem es erscheint. Der modern-historische
-Lösungsversuch vermag dies nicht. Er beschränkt sich auf den Gedanken
-der dienenden Dahingabe. Sobald man es aber einmal erfasst hat, dass
-Jesu Leidensgedanke eschatologisch war, dann sieht man auch, in welchem
-grossen Zusammenhang die Erscheinung des leidenden Gottesknechtes
-für ihn stehen musste. Darnach war Jes 40-66 nichts anderes, als die
-_=weissagende Darstellung der Ereignisse der Endzeit=_, in denen er
-sich mitten drin wusste.
-
-Die Schrift hebt an mit der Verkündigung, dass die Gottesherrschaft
-nahe ist. Der Wegbereiter tritt auf. Er ruft, dass das Irdische
-vergeht, wenn der Herr, Lohn und Vergeltung austeilend, in seiner
-Herrlichkeit erscheint. Die Zeit bricht an, wo er seine Herde sammelt
-und den Friedenszustand heraufführt (Jes 40 _-1-11-_).
-
-Der Auserwählte ist da. Er verkündet die Gerechtigkeit in Wahrheit.
-Gott hat seinen Geist auf ihn gelegt (Jes 42 _-1-_ ff.). Er soll das
-Recht gründen auf Erden; die Gestade harren auf seine Lehre. Bevor aber
-die Herrlichkeit anbricht und der Träger des göttlichen Geistes in
-Kraft und Gerechtigkeit über die Völker regieret, muss er durch einen
-Zustand der Erniedrigung hindurch.
-
-Die andern verstehen nicht, warum er geschmäht wird. Sie meinen,
-Gott habe ihn verstossen und wissen nicht, dass er ihre Krankheiten
-trägt, durchbohrt wird ob ihrer Vergehen und zerschlagen ist ob ihrer
-Verschuldung. Der Gequälte ist demütig und öffnet seinen Mund nicht. Ob
-der Vergehen des Volks wird er zu Tode getroffen. Dann wird ihn aber
-der Herr verherrlichen. Vom Mutterleib hat er ihn dazu berufen. Er ist
-bestimmt, Jakob zurückzuführen und Israel zu erretten. Das Licht der
-Völker soll er werden, damit die Rettung Gottes sei bis ans Ende der
-Welt (Jes 49 _-1-_ ff., 52 _-12-_ ff., 53 _-1-_ ff.)
-
-Auf die Schilderung der Leiden des Gottesknechtes folgt die
-Beschreibung des Gerichts über die ganze Welt und Israel (Jes 54-65).
-Am Ende aber bricht die Herrlichkeit Gottes hervor. Er thront über dem
-neugeschaffenen Himmel und über der neugeschaffenen Erde (Jes 65 u.
-66). Wenn das Gericht vollzogen ist, dann bricht der Jubel an, denn
-die Seligen aus der ganzen Welt, aus allen Geschlechtern und Nationen,
-werden sich um ihn sammeln und ihm Verehrung darbringen.
-
-Man muss die dramatische Einheit in diesen Kapiteln erfassen, um
-mit einer Persönlichkeit mitempfinden zu können, welche hier den
-geheimnisvollen Hinweis auf die Dinge der Endzeit suchte. _=Damit geht
-Jesu Leidensgedanke vollständig in dem deuterojesaianischen auf.=_
-Wie der Knecht Gottes, ist auch er zum Herrschen in Herrlichkeit
-bestimmt. Aber zuerst tritt er still und unerkannt als Verkündiger
-auf, der Gerechtigkeit wirket. Dabei muss er durch das Leid und die
-Erniedrigung hindurch, ehe Gott den herrlichen Endzustand anbrechen
-lässt. Was er erduldet, ist eine Sühne für die Schuld der andern. Dies
-ist ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. Die andern können und brauchen
-es nicht zu verstehen, _=denn wenn die Herrlichkeit anbricht, dann
-werden sie erkennen, dass er für sie gelitten hat=_. Darum brauchte und
-durfte Jesus dem Volk und den Jüngern sein Leiden nicht erklären. Es
-musste ein Geheimnis bleiben: so stand es in der Schrift. Auch denen,
-welchen er das Kommende voraussagte, sprach er es nur als Geheimnis
-aus. Bei seinem Erscheinen als Menschensohn musste ihnen die Binde von
-den Augen fallen. In der Herrlichkeit des Reiches erkennen sie dann,
-dass er gelitten, damit sie verschont würden und Friede hätten. Dieses
-Geheimnis ist nur retrospektiv von der erreichten Herrlichkeit aus
-erfassbar.
-
-Darum macht es nichts, wenn die Seinen sich in seiner Erniedrigung
-von ihm abwenden und die Menschen an ihm irre werden, als ob Gott
-ihn züchtigte. Die Schrift rechnet es ihnen nicht zum Frevel an,
-sondern sie hat es also bestimmt. So heisst es in dem Augenblick, wo
-ihm das Leidensgeheimnis aus der Schrift aufgeht, nicht mehr: wer in
-der Erniedrigung sich meiner schämt, der ist verdammt, sondern: ihr
-werdet euch alle an mir ärgern -- wobei er weiss, dass sie bei der
-Auferstehung um ihn versammelt sein werden.
-
-_=Unter dem Einfluss von Deuterojesaia hat sich also der Gedanke der
-allgemeinen Enddrangsal in das persönliche Leidensgeheimnis Jesu
-umgesetzt.=_
-
-
-6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis.
-
-An dem innersten Grundzug des Leidensgedankens ist durch das
-Leidensgeheimnis der zweiten Epoche nichts verändert worden. Für Jesus
-bleibt das Leiden auch in dieser Form vor allem die sittliche Bewährung
-der Würde, die ihm bestimmt ist.
-
-Die Drangsal trägt jetzt aber die konkreten Züge eines bestimmten
-Ereignisses. _=Aus dem messianischen Enddrama zieht er sie gleichsam in
-die menschliche Geschichte herunter.=_ Darin liegt etwas Prophetisches
-auf die Zukunft des Christentums: nach seinem Tode löst sich das ganze
-messianische Enddrama in menschliche Geschichte auf. Diese Entwicklung
-hat mit dem »Leidensgeheimnis« begonnen.
-
-So kommt es auch, dass das Leidensgeheimnis, verglichen mit dem
-Leidensgedanken der ersten Periode, menschlichere Züge trägt. Es liegt
-etwas von mitfühlender Nachsicht in dem Gedanken, dass er für die
-Reichsgenossen die Sühne im Leiden leistet, damit ihnen die Bewährung,
-in welcher sie vielleicht schwach werden könnten, erspart bleibt. »Und
-führe uns nicht in die Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen«:
-diese Bitte ist nun in seinem Leiden erfüllt.
-
-Dieses tief Menschliche tritt besonders in Gethsemane zu Tage. _=Nur
-über den drei Intimen schwebt die Möglichkeit, dass sie mit ihm
-durch das Leiden und die Versuchung hindurchmüssen.=_ Die Zebedaiden
-vermassen sich, um die Anwartschaft auf die Thronplätze zu erwerben,
-mit ihm den Leidenskelch zu trinken und mit ihm die Leidenstaufe zu
-empfangen -- und er stellte es ihnen in Aussicht (Mk 10 _-38-40-_).
-Petrus aber verschwor sich, ihn nicht zu verleugnen; wenn auch alle
-zurückwichen, wollte er doch mit ihm sterben (Mk 14 _-31-_). Diese drei
-hat er mit sich genommen bis zum Ort hin, wo er betet. Während er zu
-Gott fleht, dass der Leidenskelch an ihm vorübergehe, erfasst ihn eine
-bangende Angst um die Intimen. Wenn Gott sie nun wirklich mit ihm durch
-das Leiden sendet, werden sie bestehen, wie sie es sich zutrauten?
-Darum sorgt er sich um sie in der schweren Stunde. Zweimal rafft er
-sich auf, weckt sie aus dem Schlaf, dass sie wach bleiben und zu Gott
-beten, dass er _=sie=_ nicht in die Versuchung führt, wenn er auch
-_=ihm=_ den Kelch nicht erspart; denn der Geist ist willig, aber das
-Fleisch ist schwach. _=Das ist vielleicht der ergreifendste Zug in Jesu
-Leben.=_ Man hat gewagt, Gethsemane die schwache Stunde Jesu zu nennen:
-in Wirklichkeit ist es aber gerade die Stunde, wo seine überweltliche
-Grösse in seinem tiefmenschlichen Mitfühlen offenbar wird.
-
-
-7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung der
-Perspektive.
-
-Jesus nahm das Leidensgeheimnis, welches den Genossen des Reiches
-offenbar werden sollte, mit sich in den Tod. Das Reich brach aber
-nicht an. So erklärt es sich, dass er die Jünger zwar auf sein
-Leiden hingewiesen hat, dass sie aber, als das Ereignis eingetreten
-war, keine Deutung dafür wussten. Dennoch mussten sie sich
-damit auseinandersetzen, indem sie sich die Thatsachen nach den
-Andeutungen, die sie im Gedächtnis hatten, zurechtlegten. _=So ist der
-Leidensgedanke des Urchristentums viel ärmer als das Leidensgeheimnis
-Jesu.=_
-
-Die Erklärung konzentrierte sich hauptsächlich auf _=eine=_ Thatsache:
-Infolge des Leidens und der Auferstehung von den Toten ist er der
-Messias. In diesem Sinne sind das Leiden und die Erhöhung in der
-Schrift vorherbestimmt.
-
-Während das Leidensgeheimnis den Tod in die engste zeitliche und
-kausale Verbindung mit dem Anbruch des Reiches setzt, ist für das
-Urchristentum das vergangene Ereignis _=als solches=_ Gegenstand der
-Erklärung, weil das Reich nicht eingetroffen ist und sich mit dem
-zeitlichen auch der ursprüngliche kausale Zusammenhang gelöst hat.
-
-Nun hatte Jesus in Hinsicht auf seinen Tod auch von Sühne und
-Sündenvergebung geredet. Durch die Ereignisse war aber der Gedanke,
-den er damit verband, vollständig unmöglich geworden. Die unbestimmte
-Mehrheit, welche die Sühne auf sich beziehen sollte in der Erkenntnis,
-dass er für sie gelitten, _=war ja noch gar nicht gegeben, denn das
-Reich war noch nicht erschienen=_. Von jenem Standort allein aber
-konnte man es erfassen, dass er für die Genossen die Drangsalssühne
-geleistet habe.
-
-In der Zwischenzeit lagen die Dinge ganz anders: an Stelle der »vielen«
-waren »die Gläubigen« getreten. Die, welche an die Messianität
-Jesu glauben, haben Sündenvergebung: dieser Satz bildete, wie
-die Pfingstpredigt zeigt, einen Bestandteil der urapostolischen
-Verkündigung (Akt 2 _-38-_). Inwiefern man aber dadurch Sündenvergebung
-hatte, darin bestand das Problem. Dieses war aber historisch unlösbar,
-denn die Sündenvergebung des Leidensgeheimnisses ging nicht auf die an
-_=Jesus-Christus=_ Gläubigen, sondern auf die Reichsgenossen. Mögen
-daher alle Erklärungen der Bedeutung des Leidens von Paulus bis auf
-RITSCHL jede für ihre Zeit religiös noch so wahr und tief sein: den
-Gedanken Jesu können sie unmöglich erfassen, weil sie von einer ganz
-andern Voraussetzung ausgehen.
-
-Da nun aber doch alle sich geschichtlich legitimieren wollten, so
-erlebt man das merkwürdige Schauspiel, dass Jesu die verschiedensten
-Deutungen seines Leidens in den Mund gelegt wurden, _=von denen
-aber keine auch nur annähernd erklären kann, wie aus einer solchen
-Anschauung die urchristlich-apostolische Wertung des Todes
-hervorgehen konnte=_. Das zeigt sich auch bei dem modern-historischen
-Lösungsversuch. Wenn Jesus seinen Jüngern die ethische Bedeutung seines
-Todes verständlich machte, warum beschränkt sich die urchristliche
-Leidenserklärung auf die Schriftgemässheit des Leidens und auf die
-»Sündenvergebung«?
-
-Auf diese Frage bleibt der modern-historische Lösungsversuch die
-Antwort schuldig. Der eschatologisch-historische hingegen vermag die
-_=notwendige Verkümmerung=_ des Leidensgedankens Jesu im Urchristentum
-_=perspektivisch zu berechnen=_. Er weist nach, welche Momente des
-Leidensgeheimnisses nach dem Tod allein noch zu Recht bestehen konnten.
-Weil er die urchristliche Deutung in dem Zusammenhang mit dem Gedanken
-Jesu erfasst, darum ist der eschatologisch-historische Lösungsversuch
-der richtige.
-
-Die Aufhebung des kausalen Zusammenhangs zwischen dem Tod Jesu und
-der Realisierung des Reichs war für die urchristliche Eschatologie
-verhängnisvoll. Mit dem Leidensgeheimnis ging auch das Geheimnis des
-Reiches Gottes unter. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die
-Eschatologie gerade den spezifisch »christlichen« Charakter, den
-Jesus ihr gegeben hatte, verliert. Das ethisch-thätige Moment, durch
-welches sie versittlicht wurde, fällt weg. _=So ist die urchristliche
-Eschatologie durch Jesu Tod »entchristlicht«.=_ Dadurch sinkt sie
-wieder auf das Niveau der zeitgenössisch-jüdischen herunter. Das Reich
-ist wieder Gegenstand reiner Erwartung! Dass die sittliche Umkehr aktiv
-auf sein Kommen einwirkt: dieses Geheimnis war mit Jesus ins Grab
-gesunken. Jetzt that man Busse und leistete die sittliche Erneuerung in
-Erwartung des Gottesreichs, _=wie zu des Täufers Zeit=_.
-
-Diese Entchristlichung tritt gerade in der Frage der Enddrangsal zu
-Tage. Nach dem Leidensgedanken der ersten Periode sollten die Gläubigen
-mit dem zukünftigen Messias leiden; nach dem der zweiten wollte er die
-Drangsal für sie erdulden. Im Urchristentum erwarten die Gläubigen
-die Drangsal _=vor dem Erscheinen des Messias=_, wie es in der
-zeitgenössischen Vorstellung der Fall war. Denn Jesu Leidensgeheimnis
-war ihnen nicht bekannt. Darum gehören ihnen die jüdischen Apokalypsen
-gerade wie den andern Juden, nur mit dem Unterschied, dass der
-gekreuzigte Jesus der erscheinende Messias sein soll. Nur durch
-die _=Person=_ Jesu war die urchristliche Eschatologie also noch
-»christlich«, nicht mehr durch seinen _=Geist=_, wie es im Geheimnis
-des Reiches Gottes und im Leidensgeheimnis der Fall gewesen war.
-
-Darnach muss man »die synoptische Apokalypse« (Mk 13) beurteilen. Mögen
-auch einzelne eschatologische Sprüche darin von Jesus stammen, die Rede
-als solche ist notwendig unhistorisch. _=Sie zeigt die Perspektive
-der Zeit nach dem Tode.=_ In den jerusalemitischen Tagen konnte Jesus
-von keiner allgemeinen Enddrangsal vor dem Kommen des Menschensohnes
-reden. Die synoptische Apokalypse steht in direktem Widerspruch zu
-dem Leidensgeheimnis, da dieses ja die allgemeine Enddrangsal gerade
-aufhebt. Sie ist also unhistorisch. Apokalyptische Reden mit Hinweis
-auf die Enddrangsal gehören in die galiläische Periode zur Zeit der
-Aussendung. _=Die Aussendungsrede ist die historische synoptische
-Apokalypse.=_ Von einer Drangsal nach seinem Tod hat Jesus den Seinen
-nie etwas gesagt, denn sie lag ausserhalb seines Gesichtskreises.
-
-Mit dem Tod, gerade durch denselben, war also die Eschatologie,
-obwohl die urchristliche Gemeinde noch ganz darin lebte, thatsächlich
-abgethan. Sie war bestimmt, aus der christlichen Weltanschauung
-hinausgedrängt zu werden, denn sie war »entchristlicht«, weil sie mit
-dem Geheimnis des Reiches Gottes und des Leidensgedankens das innere
-ethische Leben eingebüsst hatte, welches ihr durch Jesus eingehaucht
-worden war. Ein Baum, der mitten in der Blütenpracht an der Wurzel
-getroffen wird -- so war es ihr Schicksal, abzuwelken und zu verdorren,
-wenn man es vorerst auch noch nicht merkte, dass sie dem Untergang
-geweiht war. _=Indem die Geschichte in der Folgezeit zwangsweise
-eine uneschatologische christliche Weltanschauung schuf, hat sie nur
-vollzogen, was in dem Gesetz der Dinge mit Jesu Tod schon bestimmt
-war.=_
-
-Jesu Tod das Ende der Eschatologie! Der Messias, der es auf Erden
-nicht war, das Ende der messianischen Erwartung! Die Weltauffassung,
-in der er lebte und predigte, war eschatologisch; die »christliche
-Weltauffassung«, die er durch seinen Tod begründet, führt die
-Menschheit für immer über die Eschatologie hinaus! Das ist das grosse
-Geheimnis in der christlichen Heilsökonomie.
-
-Für ihn und die Seinen war sein Tod, gemäss der eschatologischen
-Weltanschauung, nur eine _=Uebergangsthatsache=_. Sobald aber das
-Ereignis eingetreten war, wurde es die bleibende _=Centralthatsache=_,
-auf der sich die neue uneschatologische Weltauffassung aufbaute. Im
-Urchristentum waren das Alte und das Neue noch nebeneinander.
-
-Die Anhänger Jesu glaubten an das Kommen des Reichs, weil seine
-machtvolle Persönlichkeit die Kunde bekräftigte. Die Gemeinde nach dem
-Tode glaubte an seine Messianität und erwartete das Kommen des Reichs.
-Wir glauben, dass in seiner ethisch-religiösen Persönlichkeit, wie sie
-sich in seinem Wirken und Leiden offenbart, der Messias und das Reich
-gekommen sind.
-
-Es verhält sich damit wie mit dem Lauf der Sonne. Ihr Glanz bricht
-hervor, während sie noch hinter den Bergen steht. Die dunkeln Wolken
-röten sich von ihrem Schein und in phantastischen Gebilden spielt
-sich der Kampf zwischen Licht und Finsternis ab. Noch ist die Sonne
-selbst nicht sichtbar, sondern sie ist nur da, sofern die Helligkeit
-von ihr ausgeht. _=Die Sonne hinter dem Morgenrot=_: so erschien
-die Persönlichkeit _=Jesu von Nazareth=_ den Zeitgenossen in der
-vormessianischen Aera.
-
-In dem Augenblick, wo der Himmel im intensivsten Kolorit erglüht,
-steigt sie über den Horizont auf. Damit aber fängt die Farbenpracht
-an langsam abzunehmen. Die phantastischen Gebilde verblassen und
-versinken, weil die Sonne selbst die Wolken, in denen sie sich
-spiegelt, auflöst. _=Die aufgehende Sonne über dem Horizont=_, so
-erschien »_=Jesus Christus=_« der urchristlichen Gemeinde in ihrer
-eschatologischen Erwartung.
-
-_=Die Sonne zur Mittagszeit=_: so erscheint er uns. Wir wissen nichts
-von Morgen- und Abendrot, sondern wir sehen nur die weisse Helligkeit,
-die alles durchleuchtet. Weil sie aber jetzt für uns in diesem Licht
-erstrahlt, dürfen wir uns nicht auch den Sonnenaufgang so vorstellen,
-als wäre sie als leuchtende Scheibe in Mittagsklarheit über dem
-Horizont aufgestiegen. Unsere moderne Anschauung über den Tod Jesu ist
-wahr, in ihrem innersten Wesen wahr, weil sie seine sittlich-religiöse
-Persönlichkeit in den Gedanken unserer Zeit wiedergibt. Wenn wir sie
-aber so in die Geschichte Jesu und des Urchristentums zurücktragen,
-thun wir dasselbe, als wenn wir einen Sonnenaufgang ohne Morgenrot
-malen wollten.
-
-In der wahren historischen Erkenntnis liegt eine befreiende und
-fördernde Macht. Unser Glaube baut sich auf der Persönlichkeit
-Jesu auf. Zwischen unserer Weltanschauung und derjenigen, in
-welcher er lebte und wirkte, liegt aber eine tiefe, wie es scheint,
-unüberbrückbare Kluft. Man sah sich deshalb genötigt, _=seine
-Persönlichkeit gleichsam aus seiner Weltanschauung herauszureissen=_
-und ihr einen Strich ins Moderne zu geben.
-
-Dadurch kam aber eine eigentümliche Unlebendigkeit und
-Zwitterhaftigkeit in das Bild seiner Person. _=Man erhielt ein
-Zwitterwesen, halb modern, halb antik.=_ Mit dem Modernen übertrug
-man auch die moderne Psychologie auf ihn, ohne sich immer vollständig
-klar zu machen, dass sie nicht auf ihn anwendbar ist und ihn notwendig
-verkleinert. Denn sie ist hergenommen von Durchschnittswesen, die aus
-Meinungen zusammengeflickt sind und sich nur in stetiger Entwicklung
-erfassen und beobachten. _=Jesus ist aber eine übermenschliche
-Persönlichkeit aus einem Guss.=_
-
-So beruht die moderne Dogmatik auf einer historischen und
-psychologischen Gewaltthat, weil sie nicht nachweisen kann, warum
-wir das Recht haben, Jesum aus seiner Zeit herauszulösen, seine
-Persönlichkeit in unsere modernen Gedanken zu übersetzen und ihn als
-»Messias« und »Gottessohn« ausserhalb des jüdischen Rahmens aufzufassen.
-
-Die wahre geschichtliche Erkenntnis aber gibt der Dogmatik ihre volle
-Bewegungsfreiheit wieder! Sie bietet ihr die Persönlichkeit Jesu dar
-in einer eschatologischen _=und doch ihrem Wesen nach durch und durch
-modernen Weltanschauung=_, weil =er= sie mit seinem gewaltigen Geiste
-durchdrungen hat.
-
-Dieser Jesus ist viel grösser als der modern gedachte: _=er ist
-wirklich eine überirdische Persönlichkeit=_. Mit seinem Tode vernichtet
-er die Form seiner Weltanschauung, indem seine Eschatologie unmöglich
-wird. Damit gibt er allen Geschlechtern und allen Zeiten das Recht,
-_=ihn in ihren Gedanken und Vorstellungen zu erfassen, dass sein Geist
-ihre Weltanschauung durchdringe, wie er die jüdische Eschatologie
-belebte und verklärte=_.
-
-Darum darf sich die moderne Dogmatik gerade auf Grund der wahren
-geschichtlichen Erkenntnis frei bewegen, ohne die immerwährende
-kleinliche geschichtliche Rücksichtnahme, welche heutzutage oft zum
-Schaden der geschichtlichen Wahrhaftigkeit beobachtet wird. _=Die
-Dogmatik soll nicht um einen Pflock grasen. Sie ist frei, denn sie
-hat unsere christliche Weltanschauung allein auf die Persönlichkeit
-Jesu Christi zu gründen, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Form, in
-welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte. Er selbst hat ja diese Form
-mit seinem Tod zerstört.=_ Die _=Geschichte=_ fordert die Dogmatik zu
-dieser _=Ungeschichtlichkeit=_ auf.
-
-Als Jesus verschieden war, sagte _=der römische Hauptmann=_, »wahrlich,
-dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen« (Mk 15 _-39-_). So wird seine
-Würde mit dem Augenblick seines Todes frei für alle Zungen, für alle
-Nationen und für alle Weltanschauungen.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Abriss des Lebens Jesu.
-
-
-Das »_=Leben Jesu=_« beschränkt sich auf die letzten Monate seines
-Daseins. Zur Zeit der Sommeraussaat trat er auf und starb am Kreuz zu
-Ostern des folgenden Jahres.
-
-Seine öffentliche Wirksamkeit zählt nach _=Wochen=_. Die erste Periode
-reicht von der Aussaat bis in die Erntezeit; die zweite umfasst die
-Tage des Auftretens zu Jerusalem. Den Herbst und den Winter verbrachte
-er auf heidnischem Gebiet, allein mit seinen Jüngern.
-
-Vor ihm war der Täufer aufgetreten und hatte mit Nachdruck auf die
-Nähe des Reiches und die vormessianische Erscheinung des gewaltigen
-Vorläufers hingewiesen, mit dessen Auftreten die Geistesausgiessung
-statthaben sollte. Nach Joël war dies, mit andern Wundern, das Zeichen,
-dass der Gerichtstag unmittelbar bevorstand. Johannes selbst hielt sich
-nie für diesen Vorläufer; auch das Volk kam nicht auf diesen Gedanken,
-_=denn er hatte die Zeit der Wunder nicht heraufgeführt=_. Er sei ein
-Prophet: das war die allgemeine Meinung.
-
-Ueber Jesu frühere Entwicklung wissen wir nichts. Alles liegt im
-Dunkeln. Nur eines steht fest: Während der Taufe ging ihm das Geheimnis
-seines Daseins auf, dass er nämlich derjenige sei, den _=Gott=_ zum
-Messias bestimmt hatte. _=Mit dieser Offenbarung ist er fertig; eine
-Entwicklung hat er nicht mehr durchgemacht.=_ Denn nun stand ihm fest,
-dass er bis zum nahen Anbrechen der messianischen Aera, wo seine
-Würde ihm in Herrlichkeit zufiel, als der unerkannte und verborgene
-Messias auf das Reich hin zu wirken habe und sich mit den Seinen in der
-Enddrangsal bewähren und läutern müsse.
-
-_=Der Leidensgedanke war also mit dem Messianitätsbewusstsein
-selbst gegeben, wie mit der Reichserwartung die Vorstellung der
-vormessianischen Drangsal unlösbar zusammenhängt.=_ Irdische Ereignisse
-konnten Jesu Werdegang nicht beeinflussen. _=Durch sein Geheimnis stand
-er über der Welt=_, wenn er auch jetzt noch als Mensch unter Menschen
-wandelte.
-
-Sein Auftreten und seine Verkündigung gehen nur auf die Reichsnähe.
-Seine Predigt ist die des Johannes, nur dass er sie durch Zeichen
-bekräftigt. Obwohl sein Geheimnis seine ganze Verkündigung beherrscht,
-darf niemand darum wissen, denn er muss unerkannt bleiben, bis der neue
-Aeon anbricht.
-
-Wie sein Geheimnis, so ist auch seine ganze Ethik durch das »jetzt und
-dann« beherrscht. Es handelt sich um die Busse auf das Reich Gottes
-hin und den Erwerb der Gerechtigkeit, welche dazu befähigt: _=denn nur
-die Gerechten ererben das Reich=_. Diese Gerechtigkeit ist höher als
-die des Gesetzes, denn er weiss, dass das Gesetz und die Propheten
-weissagten bis Johannes: _=mit dem Täufer aber befindet man sich in der
-Vorläuferperiode unmittelbar vor dem Reichsanbruch=_.
-
-Darum muss er, als künftiger Messias, jene höhere Sittlichkeit
-verkünden und wirken. Die geistig Armen, die Sanftmütigen, die da Leid
-tragen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die Mitleidigen,
-die reinen Herzens sind, die Friedfertigen: _=diese alle sind selig,
-weil sie in dieser Eigenschaft zum Reich bestimmt sind=_.
-
-Hinter dieser ethischen Verkündigung steht das Geheimnis des Reiches
-Gottes. Was, _=von dem Einzelnen geleistet=_, sittliche Erneuerung in
-Vorbereitung auf das Reich ist, das bedeutet, _=von der Gemeinschaft
-gewirkt=_, eine Thatsache, durch welche seine Realisierung auf
-übernatürliche Weise herbeigeführt wird. So durchdringen sich
-Individual- und Sozialethik in dem grossen Geheimnis. Wie die
-überreiche Ernte durch Gottes Wundermacht geheimnisvoll auf die
-Aussaat folgt, so kommt auch das Reich Gottes auf Grund der sittlichen
-Erneuerung durch die Menschen, aber ohne ihr Zuthun.
-
-In dem Gleichnis ist auch die zeitliche Koïncidenz enthalten. Er sprach
-es zur Aussaat und erwartete das Reich zur Erntezeit. _=Die Natur
-war Gottes Uhr. Mit der letzten Aussaat hatte er sie zum letztenmal
-gestellt.=_
-
-Das Geheimnis des Reiches Gottes ist die überirdische Verklärung der
-altprophetischen Ethik, in welcher der herrliche Endzustand auch nur
-auf Grund der sittlichen Umkehr Israels von Gott heraufgeführt wird.
-In souveräner Art vollzieht Jesus die Synthese zwischen Daniel'scher
-Apokalyptik und prophetischer Ethik. Es handelt sich bei ihm nicht um
-_=eschatologische Ethik=_, sondern seine Weltanschauung ist _=ethische
-Eschatologie. Als solche ist sie modern.=_
-
-Auch die Zeichen und Wunder fallen unter eine doppelte
-Betrachtungsweise. Für das Volk sollen sie nur die Predigt von der
-Reichsnähe bekräftigen. Wer jetzt nicht glaubt, dass die Zeit so weit
-ist, hat keine Entschuldigung. Die Zeichen und Wunder verdammen ihn,
-denn sie bekunden offenbar, dass es mit der widergöttlichen Macht zu
-Ende geht.
-
-Hinter dieser Behauptung steht aber für Jesus das Geheimnis des
-Reiches Gottes. Als die Pharisäer die Zeichen selbst der Teufelsmacht
-zuschreiben wollten, deutet er in einem Gleichnis das Geheimnis an.
-Durch seine Thaten bindet er die widergöttliche Macht, wie man über
-einen Starken zuerst herfällt und ihn unschädlich macht, ehe man daran
-denken kann, ihm seinen Besitz zu rauben. Darum gibt er den Jüngern bei
-der Aussendung zugleich mit dem Predigtauftrag die Vollmacht über die
-unreinen Geister. Sie sollen die letzten Streiche führen.
-
-Als Drittes gehört zur Reichspredigt der Hinweis auf die
-vormessianische Drangsal. Die Gläubigen müssen darauf vorbereitet sein,
-mit ihm durch jene Zeit der Bewährung hindurchzugehen, wo sie in der
-Standhaftigkeit gegen den letzten Ansturm der Weltmacht sich als die
-Auserwählten des Gottesreiches erweisen. Auf seine Person hin wird sich
-dieser Ansturm konzentrieren; darum muss man bei ihm ausharren bis
-zum Tod. Nur das Sein im Gottesreich ist Leben. Der Menschensohn wird
-darnach richten, ob sie bei ihm, Jesus, ausgehalten haben oder nicht.
-So wendet sich Jesus am Schluss der Seligpreisungen an die Seinen mit
-den Worten: »Selig seid ihr, wenn die Menschen euch um meinetwillen
-verfolgen«. Die Aussendungsrede wird zu einer Ausführung über die
-Drangsal. Das letzte Wort in der Botschaft von der unmittelbaren
-Reichsnähe an den Täufer lautet: »Selig ist, wer sich nicht an mir
-ärgert.« Die Menge, mit welcher er das Abendmahl am See gefeiert hat,
-beschwört er am Morgen zu Bethsaida, bei ihm auszuharren, auch wenn er
-ein Gegenstand der Verachtung und des Spotts in der sündigen Welt sein
-wird: ihre Seligkeit hängt davon ab.
-
-Diese Drangsal bedeutet zugleich mit der _=Bewährung=_ auch noch eine
-_=Sühne=_. Sie ist im messianischen Drama vorgesehen, weil Gott von
-den Reichsgenossen eine Sühne für ihre Vergehungen in diesem Aeon
-verlangt. _=Aber er ist allmächtig.=_ In dieser Allmacht bestimmt er
-über die Zugehörigkeit zum Reich, über die Stelle, die einer darin
-einnimmt, ohne an irgend welche Bestimmung gebunden zu sein. So ist
-auch die Notwendigkeit der Enddrangsal im Hinblick auf seine Allmacht
-nur relativ. Er kann sie den Menschen erlassen.
-
-Darauf beziehen sich die drei letzten Bitten des Vaterunsers. Nachdem
-Gott angefleht worden, er möge das Reich senden, dass sein Name
-geheiligt werde und sein Wille auf Erden geschehe, wie im Himmel,
-dürfen die Menschen ihn bitten, ihnen die Vergehungen zu verzeihen und
-die »Versuchung« zu ersparen, indem er sie der Gewalt des Bösen direkt
-entreisst.
-
-Dies war der Inhalt von Jesu Verkündigung in der ersten Periode. Er
-hielt sich während derselben am nördlichen Ufer des Sees auf. Chorazin,
-Bethsaida und Kapernaum waren die Hauptstätten seiner Wirksamkeit. Von
-dort unternahm er über den See hin einen Zug in das Gebiet der zehn
-Städte und eine Reise nach Nazareth.
-
-Gerade in den Städten seiner Hauptwirksamkeit stiess er auf Unglauben.
-Der Fluch, den er über sie aussprechen muss, bezeugt es. Zudem waren
-ihm die Pharisäer aufsässig und suchten ihn gerade wegen seiner Wunder
-beim Volk zu diskreditieren. In Nazareth erfuhr er, dass ein Prophet
-nichts gilt in seinem Vaterlande.
-
-So war die galiläische Periode nichts weniger als eine glückliche.
-Diese äusseren Misserfolge bedeuteten aber nichts für das Kommen des
-Reiches. Die ungläubigen Städte richteten nur sich selbst. Um die
-Nähe des Reiches zu ermessen, hatte Jesus andere, geheimnisvolle
-Anzeichen. An diesen erkannte er, dass die Zeit da war. _=Darum sandte
-er seine Jünger aus, gerade auf dem Rückweg von Nazareth -- denn es war
-Erntezeit.=_
-
-Durch ihre Predigt und durch ihre Zeichen drang die Kunde von seiner
-machtvollen Persönlichkeit überall hin. Jetzt beginnt die Zeit der
-Erfolge! Johannes im Gefängnis hörte davon und sandte seine Jünger, sie
-sollten ihn fragen, ob er derjenige sei, »welcher kommen sollte«, denn
-aus den Wundern schloss er, dass die Zeit des machtvollen Vorläufers,
-den er verkündigt hatte, da sei.
-
-Jesus that Zeichen, seine Jünger hatten Macht über die Geister. Wenn
-er vom Gericht sprach, betonte er, dass der Menschensohn mit ihm
-solidarisch wäre und nur den anerkännte, der zu ihm, Jesus, gestanden
-hätte. Das Volk hielt deshalb dafür, er könne der sein, nach dem man
-ausschaute, und der gefangene Täufer wollte darüber Gewissheit haben.
-
-Jesus kann ihm nicht sagen, wer er ist. »_=Die Zeit ist sehr
-vorgeschritten=_« -- das ist der Inhalt seines Bescheids. Nachdem
-die Gesandten fort sind, wendet er sich an das Volk und deutet
-in geheimnisvoller Rede darauf hin, dass die Stunde schon weiter
-vorgerückt sei, als jener in seiner Frage ahnte. Die Vorläuferzeit
-hat mit dem Auftreten des Täufers selbst angefangen. Seither wird das
-Gottesreich gewaltsam herbeigenötigt. _=Der Frager selbst ist der
-Elias, wenn sie es begreifen mögen.=_
-
-Die Menschen vermochten es nicht zu fassen, dass der Gefangene der
-Elias war. Sie verstanden die Zeit nicht, als er mit seiner Predigt
-auftrat. Das liegt aber nicht allein daran, dass jener keine Wunder
-that, sondern an der Verstocktheit ihrer Herzen. Unvernünftige Kinder
-sind sie, die nicht wissen, was sie wollen. Jetzt ist einer da, der
-Zeichen thut -- aber auch dem glauben sie die Nähe des Reiches nicht.
-So schliesst der Fluch über Chorazin und Bethsaida die »Würdigungsrede
-über den Täufer« ab.
-
-Die Entsendung der Jünger war die letzte That zur Herbeiführung des
-Reiches. Als sie daher zurückkommen, ihm ihren Erfolg künden und
-berichten, wie sie Gewalt über die bösen Geister hatten, heisst das für
-ihn: _=es ist alles bereit.=_ So erwartet er jetzt den Reichsanbruch
-für die unmittelbarste Zukunft, nachdem es ihm schon fraglich gewesen
-war, ob die Jünger vor diesem Ereignis zu ihm zurückkehren würden. Er
-hatte ihnen ja gesagt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie
-ereilen würde, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären.
-
-Sein Werk ist gethan. Nun verlangt es ihn, sich zu sammeln und mit
-den Seinen allein zu sein. Sie besteigen ein Schiff und fahren längs
-des Strandes nach Norden zu. Die Menge aber, welche sich auf die
-Predigt der Jünger hin um ihn gesammelt hatte, um mit ihm das Reich
-zu erwarten, folgt ihnen am Ufer nach und überrascht sie am einsamen
-Strand, wo sie gelandet.
-
-Als es Abend geworden, wollten die Jünger, dass er das Volk entlasse,
-damit sie in den umliegenden Flecken Speise zu sich nähmen. Für ihn
-ist aber die Stunde zu heilig, um durch ein irdisches Mahl entweiht
-zu werden. Bevor er sie daher entlässt, heisst er sie sich lagern und
-hält mit ihnen eine Vorfeier des messianischen Mahles. Er, der künftige
-Messias, teilt der Gemeinschaft, welche um ihn versammelt ist, um die
-Ankunft des Reiches zu erwarten, feierlich Speise aus, indem er sie
-damit geheimnisvoll zur Teilnahme an der nahen Vollendungsfeier weiht.
-Da sie sein Geheimnis nicht wussten, verstanden sie sein Handeln nicht,
-ebensowenig wie die Jünger. Sie begriffen nur, dass es etwas gewaltig
-Ernstes bedeutete und machten sich ihre Gedanken darüber.
-
-Darauf entliess er sie. Den Jüngern befahl er an den Strand von
-Bethsaida zu fahren. Er selbst zog sich auf den Berg zum Gebet zurück
-und folgte dann längs des Strandes zu Fuss. Als ihnen seine Gestalt
-im Dunkel der Nacht erschien, da glaubten sie, unter dem Eindruck
-der Feier, wo er in geheimnisvoller Hoheit vor ihnen stand, seine
-überirdische Erscheinung nahe sich auf den bewegten Wogen, gegen die
-sie zur Landung ankämpften.
-
-Am Morgen nach dem Abendmahl am See sammelt er Volk und Jünger um sich
-zu Bethsaida und vermahnt sie, bei ihm auszuharren und ihn nicht zu
-verleugnen in der Erniedrigung.
-
-Sechs Tage später geht er mit den drei Intimen auf den Berg, wo er
-einsam gebetet hatte. Dort wird er ihnen als der Messias geoffenbart.
-Auf dem Heimweg verbietet er ihnen, etwas davon zu sagen, bis er bei
-der Auferstehung in der Glorie des Menschensohns offenbart würde.
-Sie aber vermissen noch die Erscheinung des Elias, der doch kommen
-müsse, bevor die Totenauferstehung statt habe. Bei der Würdigungsrede
-über den Täufer, wo die geheimnisvolle Andeutung fiel, waren sie
-ja nicht zugegen gewesen. Ihnen muss er daher jetzt klar machen,
-dass der Enthauptete der Elias war. An seinem Schicksal dürfen sie
-keinen Anstoss nehmen, denn also war es bestimmt. Auch der, welcher
-Menschensohn sein wird, muss viel leiden und verspottet werden. So will
-es die Schrift.
-
-Das Reich, welches Jesus in unmittelbarer Nähe erwartete, blieb aus.
-Für die evangelische Geschichtsüberlieferung war diese _=erste=_
-eschatologische Verzögerung insofern verhängnisvoll, als nun alle
-Vorgänge um die Aussendung herum unverständlich wurden, weil das
-Bewusstsein verloren ging, dass die intensivste eschatologische
-Erwartung damals Jesus und seine Umgebung beseelte. Darum ist gerade
-diese Zeit in den Berichten verwirrt und dunkel, besonders da einzelne
-Vorgänge auch den damaligen Teilnehmern rätselhaft blieben. So wurde in
-der Ueberlieferung das Kultmahl am See zur »wunderbaren Speisung« in
-einem ganz andern Sinn, als es Jesus gemeint hatte.
-
-Auch die Motive seines Verschwindens werden damit unverständlich.
-Es scheint sich um eine »Flucht« zu handeln, während andererseits
-die Berichte in keiner Weise andeuten, wie es so weit gekommen.
-In der Einsicht in die beiden sich entsprechenden Höhepunkte der
-eschatologischen Erwartung liegt der Schlüssel zum historischen
-Verständnis des Lebens Jesu. _=Während den jerusalemitischen Tagen
-kehrt wieder, was in den Tagen zu Bethsaida schon einmal dagewesen.=_
-Ohne diese Annahme klafft zwischen der Aussendung und dem Zug
-nach Jerusalem eine Lücke in der evangelischen Ueberlieferung.
-Die Geschichtsschreibung sieht sich gezwungen, eine Periode des
-galiläischen Niedergangs zu _=erfinden=_, um den Zusammenhang der
-berichteten Thatsachen herzustellen, als fehlte hier ein Stück in
-unseren Evangelien. _=Das ist der schwache Punkt aller »Leben Jesu«.=_
-
-Mit der Rückkehr in die Landschaft Genezareth entzieht sich Jesus den
-Pharisäern und dem Volk, um mit seinen Jüngern allein zu sein, wie es
-schon seit ihrer Rückkehr von der Missionswanderung sein vergebliches
-Bestreben war. Es ist unumgänglich nötig, denn er muss über zwei
-messianische Thatsachen ins Klare kommen.
-
-_=Warum ist der Täufer von seiner Obrigkeit hingerichtet worden, ehe
-die messianische Zeit angebrochen?=_
-
-_=Warum bleibt das Reich aus, da doch die Anzeichen seines Einbrechens
-da sind?=_
-
-In der Schrift geht ihm das Geheimnis auf: Gott führt das Reich herauf
-_=ohne allgemeine Enddrangsal=_. Derjenige, den er zur Herrschaft in
-Herrlichkeit bestimmt hat, vollzieht sie an sich, indem er als ein
-Uebelthäter gerichtet und verurteilt wird. Dafür gehen die andern
-frei aus: er leistet die Sühne für sie. Mögen sie immerhin glauben,
-Gott strafe ihn, mögen sie an dem, welcher ihnen die Gerechtigkeit
-gepredigt, irre werden, -- wenn nach seinem Leiden die Herrlichkeit
-anbricht, dann werden sie sehen, dass er für sie gelitten.
-
-So las Jesus im Propheten Jesaia, was Gott über ihn, den Auserwählten,
-bestimmt hatte. Das Ende des Täufers zeigte ihm an, in welcher Form ihm
-diese Verurteilung beschieden war: er sollte von seiner Obrigkeit vor
-allem Volk als ein Missethäter zu Tode gebracht werden. Dazu musste er
-hinaufziehen nach Jerusalem für die Zeit, _=da ganz Israel sich dort
-versammelte=_.
-
-Als daher die Zeit zur Osterreise kam, brach er mit seinen Jüngern auf.
-Ehe sie von dannen zogen, fragte er sie, für wen er bei den Leuten
-gelte. Sie wussten nur zu antworten, dass man ihn für den Elias halte.
-Petrus aber, in der Erinnerung an die Offenbarung auf dem Berg bei
-Bethsaida, sagt: du bist der Gottessohn. Daraufhin thut ihnen Jesus
-sein Geheimnis kund. Gewiss, er ist der, welcher als Menschensohn
-bei der Auferstehung geoffenbart werden wird. Vorher aber ist ihm
-bestimmt, den Hohenpriestern und Aeltesten zur Verurteilung und zum
-Tod überantwortet zu werden. Gott will es also. Darum ziehen sie nach
-Jerusalem.
-
-Petrus hält sich über diese neue Eröffnung auf, denn in der Offenbarung
-auf dem Berg war nicht die Rede davon gewesen. Er nimmt Jesum bei
-Seite und dringt heftig auf ihn ein. Darauf wird er von ihm hart
-zurechtgewiesen, dass er menschliche Erwägungen laut werden lässt, wo
-Gott redet.
-
-Diese Reise nach Jerusalem war der Todeszug zum Siege. In dem
-Leidensgeheimnis lag das Geheimnis des Reiches Gottes geborgen. Sie
-zogen hinter ihm her und wussten nur, dass er nachher, wenn ihm also
-geschehen wäre, Messias sein würde. Es bangte ihnen vor dem, was kommen
-sollte; sie verstanden nicht, warum es also sein musste, und scheuten
-sich, ihn zu fragen. Vor allem gingen aber ihre Gedanken auf den
-Zustand im nahen Reich. Wenn er einmal Messias war, was würden dann sie
-sein? das beschäftigte ihren Sinn und davon redeten sie untereinander.
-Er aber wies sie zurecht und deutete ihnen an, warum er leiden müsse.
-Nur durch Erniedrigung und dienende Dahingabe wird man bereitet, im
-Gottesreich zu herrschen. Darum muss der, welcher als Menschensohn die
-Herrschaft im Reich ausüben wird, jetzt für die vielen mit seinem Leben
-in dienender Hingabe eine Sühne leisten.
-
-Mit dem Betreten des jüdischen Gebiets beginnt die zweite öffentliche
-Periode. Er ist wieder vom Volk umgeben. In Jericho wartet die Menge
-auf ihn, um ihn beim Durchzug zu sehen. Durch die Heilung eines
-blinden Bettlers, des Sohnes des Timäus, erweist er sich ihnen als der
-grosse Vorläufer, für den man ihn schon in Galiläa gehalten hatte.
-Die jubelnde Menge bereitet ihm einen feierlichen Einzug. Als dem,
-welcher der Weissagung zufolge vor dem Messias herkommt, singen sie
-ihm Hosianna. Dem Reich aber, welches in Bälde erscheinen wird, gilt
-das Hosianna in der Höh'. Damit ist wieder die Situation der grossen
-Tage am Seestrand erreicht: Jesus wird von der reichsgläubigen Menge
-umdrängt.
-
-Die Belehrung, welche die jerusalemitischen Gleichnisse enthalten,
-bezieht sich auf die Nähe des Reiches. Es sind _=Warnrufe=_, die
-zugleich eine Drohung für die enthalten, welche sich gegen die Kunde
-verstocken. Nicht die Frage: ist er der Messias? ist er es nicht?
-bewegte die Geister, sondern: ist das Reich so nah, wie er sagt, oder
-nicht?
-
-Die Pharisäer und Schriftgelehrten wussten nicht, welche Stunde es
-geschlagen hatte. Sie zeigten eine gänzliche Unempfindlichkeit für
-die Nähe des Reichs, denn sonst hätten sie ihm nicht Fragen zur
-Beantwortung vorgelegt, die gerade durch die vorgeschrittene Zeit
-gegenstandslos geworden waren. Was kommt denn noch auf den Kaiserzins
-an? Was sollen die spitzfindigen sadducäischen Argumente gegen die
-Möglichkeit der Totenauferstehung? Bald ist ja mit dem Reichsanbruch
-die _=irdische Herrschaft=_ gerade so gut wie die _=irdische
-Menschennatur=_ abgethan!
-
-Ja, wenn sie die Zeichen der Zeit verständen! Er gibt ihnen zwei
-Fragen auf, die sie zum Nachdenken bringen sollen, damit sie es merken,
-dass sie in der Zeit eines grossen Geheimnisses stehen, von dem sich
-ihre Schriftgelehrsamkeit nicht träumen lässt.
-
-_=In welcher Vollmacht wirkte der Täufer?=_ Wenn sie es wüssten,
-dass er der Vorläufer war, wie es Jesus schon dem Volk gegenüber
-geheimnisvoll angedeutet hatte, dann wüssten sie auch, dass die Stunde
-des Reiches geschlagen hat.
-
-_=Wie ist der Messias bald Davids Sohn, also unter ihm, bald Davids
-Herr, also über ihm?=_ Wenn sie das erklären könnten, dann verständen
-sie auch, dass der, welcher niedrig und unerkannt auf das Reich Gottes
-hinwirkt, als Herr und Messias geoffenbart werden wird.
-
-So aber ahnen sie nicht einmal, dass die messianischen Hinweise
-_=Geheimnisse=_ bergen. Mit ihrer Gelehrsamkeit sind sie blinde
-Blindenleiter, die das Volk, statt es für das Reich empfänglich
-zu machen, verstocken und statt die neue Sittlichkeit, welche zum
-Reich gerecht macht, aus dem Gesetz herauszulesen, in kleinlicher
-Veräusserlichung ihr entgegenarbeiten und das Volk mit sich ins
-Verderben ziehen. Darum: _=Wehe den Pharisäern und Schriftgelehrten!=_
-
-Zwar auch unter ihnen gibt es noch solche, welche ein offenes Auge
-behalten haben. Derjenige, welcher ihn nach dem grossen Gebot gefragt
-hat und seiner Antwort zustimmt, der ist »verständig« und deshalb
-»nicht fern vom Reich Gottes«, denn er gehört dazu, wenn es erscheint.
-
-Die Masse aber der Pharisäer und Schriftgelehrten versteht ihn so
-wenig, dass sie seinen Tod beschliessen. Auf Jesu Auftreten hin
-brachten sie keine wirksame Anklage fertig. Ein respektloses Wort über
-den Tempel: das war alles. _=Da verriet ihnen Judas das Geheimnis.=_
-Jetzt war er verurteilt.
-
-In der Nähe des Todes richtet sich Jesus zu derselben sieghaften
-Grösse auf, wie in den Tagen am Seestrand: _=denn mit dem Tod kommt
-das Reich.=_ Damals hatte er mit den Gläubigen die Vorfeier des
-messianischen Mahles gehalten; so erhebt er sich jetzt am Ende der
-letzten irdischen Mahlzeit und teilt den Jüngern feierlich Speise und
-Trank aus, indem er sie mit erhobener Stimme, nachdem der Becher zu ihm
-zurückgekehrt ist, darauf hinweist, dass dieses das letzte irdische
-Mahl gewesen ist, weil sie in Bälde zum Mahl in des Vaters Reich
-vereinigt sein werden. Zwei entsprechende Gleichnisworte deuten das
-Leidensgeheimnis an. Für ihn sind Brot und Wein, die er ihnen bei der
-Vorfeier darreicht, sein Leib und sein Blut, weil er durch die Hingabe
-in den Tod das messianische Mahl heraufführt. Das Gleichniswort blieb
-den Jüngern dunkel. Es war auch nicht auf sie berechnet, es sollte
-ihnen nichts verdeutlichen -- _=denn es war ein Geheimnisgleichnis=_.
-
-Wie nach dem Abendmahl am See, sucht er auch jetzt, da die grosse
-Stunde naht, die Einsamkeit auf, um zu beten. Er trägt die Drangsal
-für die andern. Darum darf er den Jüngern voraussagen, dass sie in
-der Nacht sich alle an ihm ärgern werden -- und er braucht sie nicht
-zu verdammen, denn die Schrift hat es so bestimmt. Welch unendlicher
-Friede liegt in diesem Wort! Ja, er tröstet sie: nach der Auferstehung
-will er sie um sich sammeln und ihnen in messianischer Herrlichkeit
-vorausziehen nach Galiläa, die Strasse zurück, auf welcher sie ihm im
-Todesgang gefolgt sind.
-
-Noch steht es aber in Gottes Allmacht, die Drangsal auch für ihn
-auszuschalten. Darum, wie er einst mit den Gläubigen gebetet »und führe
-uns nicht in die Versuchung«, so bittet er jetzt für sich, Gott in
-seiner Allmacht möge den Leidenskelch an _=seinen=_ Lippen vorübergehen
-lassen. Zwar, wenn es Gottes Wille ist, fühlt er sich stark genug, ihn
-zu trinken. Nur für die Intimen bangt ihm. Die Zebedaiden haben sich
-vermessen, um die Thronplätze zu erlangen, den Leidensbecher mit ihm
-zu trinken und die Leidenstaufe mit ihm zu empfangen. Petrus verschwor
-sich, bei ihm auszuhalten, auch wenn er mit ihm sterben müsste. Er
-weiss nicht, wie Gott über sie bestimmt hat, ob er ihnen auferlegen
-wird, was sie auf sich nehmen wollten. Darum heisst er sie in seiner
-Nähe bleiben. Und während er Gott für sich anfleht, gedenkt er ihrer
-und weckt sie zu zweien Malen, dass sie wach bleiben und Gott anflehen,
-er möge sie nicht durch »die Versuchung« hindurchführen.
-
-Beim drittenmal war die Schar mit dem Verräter nahe. Die Stunde ist
-gekommen: darum richtet er sich in seiner ganzen hoheitsvollen Grösse
-auf. Er ist allein, die Seinen fliehen.
-
-Das Zeugenverhör ist nur ein Scheinverhör. Nachdem sie abgetreten,
-stellt der Hohepriester unvermittelt die Frage wegen der Messianität.
-»_=Ich bin's=_«, sagt Jesus, _=indem er sie auf die Stunde verweist, wo
-er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels, umgeben von den Engeln,
-erscheinen wird.=_ Darum wurde er wegen Gotteslästerung zum Tode
-verurteilt.
-
-Am 14. Nisan Nachmittags, da man abends das Passahlamm ass, schrie er
-laut auf und verschied.
-
-
-
-
-Nachwort.
-
-
-Die Urteile über diese realistische Darstellung des Lebens Jesu können
-sehr verschieden sein, je nach dem dogmatischen, historischen oder
-litterarischen Standort der Kritik. Nur den _=Zweck=_ des Buches mögen
-sie nicht antasten: _=der modernen Zeit und der modernen Dogmatik die
-Gestalt Jesu in ihrer überwältigenden heroischen Grösse vor die Seele
-zu führen.=_
-
-Das Heroische geht unserer Weltanschauung, unserem Christentum und
-unserer Auffassung der Person Jesu ab. Darum hat man ihn vermenschlicht
-und erniedrigt. RENAN hat ihn zur sentimentalen Figur entweiht, feige
-Geister wie SCHOPENHAUER wagten es, sich auf ihn zu berufen für ihre
-entnervende Weltanschauung, und unsere Zeit hat ihn modernisiert,
-indem sie sein Werden und seine Entwicklung psychologisch zu begreifen
-gedachte.
-
-Wir müssen dazu zurückkehren, das _=Heroische=_ in Jesu wieder zu
-empfinden, wir müssen vor dieser geheimnisvollen Persönlichkeit, die
-in der Form ihrer Zeit weiss, dass sie auf Grund ihres Wirkens und
-Sterbens eine sittliche Welt schafft, _=welche ihren Namen trägt=_,
-in den Staub gezwungen werden, ohne es auch nur zu wagen, ihr Wesen
-verstehen zu wollen: _=dann erst kann das Heroische in unserem
-Christentum und in unserer Weltanschauung wieder lebendig werden=_.
-
-
-
-
-Anmerkungen des Bearbeiters:
-
-Gesperrter Text wird markiert durch _= ... =_
-
-Text in anderer Schrift wird markiert durch _- ... -_
-
-Kursivschrift wird gekennzeichnet durch _..._
-
-Die Schreibweise des Originals wurde unverändert übernommen. Heute
-unübliche Schreibweisen wurden beibehalten.
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-
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-End of the Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem
-Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer
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