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authornfenwick <nfenwick@pglaf.org>2025-02-05 06:08:17 -0800
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+The Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben
+Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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+to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
+
+
+
+Title: Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums
+ Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine
+ Skizze des Lebens Jesu
+
+Author: Albert Schweitzer
+
+Release Date: January 11, 2016 [EBook #50901]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG ***
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+
+Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Michael Waddell
+and the Online Distributed Proofreading Team at
+http://www.pgdp.net
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+
+
+
+
+
+ Das Abendmahl
+
+ im
+
+ Zusammenhang mit dem Leben Jesu
+
+ und der
+
+ Geschichte des Urchristentums
+
+ von
+
+ Lic. Dr. Albert Schweitzer
+ in Strassburg i. E.
+
+
+ Zweites Heft.
+
+ Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis.
+
+ Eine Skizze des Lebens Jesu.
+
+[Illustration]
+
+
+ =Tübingen= und =Leipzig=.
+ Verlag von _=J. C. B. Mohr=_ (Paul Siebeck).
+ 1901.
+
+
+
+
+ _Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich
+ die Verlagsbuchhandlung vor._
+
+
+
+
+ C. A. Wagner's Universitätsbuchdruckerei in Freiburg i. B.
+
+
+
+
+ Seinem Lehrer
+
+ Herrn Prof. D. Dr. _-H. J. Holtzmann-_
+
+ gewidmet
+
+ in aufrichtiger Verehrung und treuer Anhänglichkeit
+
+ von seinem dankbaren Schüler
+
+ =Albert Schweitzer.=
+
+
+
+
+Vorrede.
+
+
+Der Versuch, ein Leben Jesu zu schreiben und dabei nicht am Anfang,
+sondern in der Mitte, _=mit dem Leidensgedanken=_ zu beginnen, musste sich
+notwendig einmal einstellen. Es ist verwunderlich, dass er nicht schon
+früher gemacht worden ist, denn er liegt in der Luft.
+
+Alle Darstellungen des Lebens Jesu befriedigen nämlich _=bis zum Eintritt
+des Leidensgedankens=_. Dort aber verfehlen sie den Anschluss. Es gelingt
+keiner von ihnen begreiflich zu machen, warum Jesus nun plötzlich seinen
+Tod für notwendig hält und in welchem Sinne er ihn für heilbringend
+ansieht. Um diesen Anschluss zu erreichen, muss man sich entschliessen,
+einmal vom Leidensgedanken selbst auszugehen, um von da aus das Leben
+Jesu _=nach rückwärts und nach vorwärts=_ zu begreifen. Wenn wir den
+Leidensgedanken nicht verstehen, liegt es nicht vielleicht daran, dass
+wir _=die erste Periode=_ des Lebens Jesu falsch auffassen und uns so die
+Einsicht in das _=Aufkommen des Leidensgedankens=_ von vornherein
+unmöglich machen?
+
+Die letzten Jahre der Forschung haben gezeigt, auf wie schwachem Grunde
+eigentlich unsere _=historische Auffassung=_ des Lebens Jesu beruht. Es
+lässt sich nicht verkennen, dass wir bei einer _=schweren Antinomie=_
+angelangt sind. _=Entweder Jesus hielt sich wirklich selbst für den
+Messias oder=_, worauf eine neue Richtung in der Forschung zu führen
+scheint, _=erst die urchristliche Auffassung hat ihm diese Würde
+beigelegt=_. In beiden Fällen bleibt das »Leben Jesu« gleich rätselhaft.
+
+Hielt sich Jesus wirklich für den Messias, wie kommt es, dass er wirkt,
+als wäre er nicht der Messias? Wie ist es erklärlich, dass seine Würde
+und Machtstellung so gar nichts mit seiner _=öffentlichen Thätigkeit zu
+thun zu haben scheint=_? Was ist davon zu halten, dass er seinen Jüngern
+erst, nachdem seine öffentliche Wirksamkeit -- die wenigen Tage zu
+Jerusalem abgerechnet -- schon zu Ende ist, eröffnet, wer er ist, und
+ihnen dazu noch befiehlt, _=das Geheimnis=_ streng zu wahren? Dass Motive
+der Klugheit oder pädagogische Absichten ihm diese Haltung diktiert
+haben sollen, erklärt nichts. _=Wo steht in den synoptischen Berichten
+auch nur die leiseste Andeutung, dass Jesus die Jünger und das Volk zur
+Erkenntnis seiner Messianität hat erziehen wollen?=_
+
+Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr erkennt man, wie wenig die
+Annahme, dass Jesus sich für den Messias gehalten habe, das »Leben Jesu«
+zu erklären vermag, weil sich so gar keine Verbindung zwischen seinem
+Selbstbewusstsein und seiner öffentlichen Wirksamkeit ergiebt. Es mag
+banal klingen: man wird dabei die Frage nicht los, warum er es nie
+versucht hat, das Volk durch Unterweisung zu der neuen ethischen
+Auffassung der Messianität emporzuheben. Der Versuch wäre nicht so
+aussichtslos gewesen, als man anzunehmen geneigt ist, denn es ging
+damals ein tiefreligiöser Zug durch Israel. _=Warum hat sich Jesus
+beharrlich über seine Auffassung der Messianität ausgeschwiegen?=_
+
+Nimmt man andererseits an, er hat sich selbst nicht für den Messias
+gehalten, so müsste erklärt werden, wie er dann _=nach seinem Tode=_ zum
+Messias gemacht wurde. Auf Grund seiner öffentlichen Wirksamkeit ist es
+sicher nicht geschehen -- denn diese gerade hat ja mit seiner
+Messianität nichts zu thun! Was bedeutet aber dann die Offenbarung des
+Messiasgeheimnisses an die Zwölf und das Bekenntnis vor dem
+Hohenpriester? Es ist ein purer Gewaltakt, diese Scenen für unhistorisch
+zu erklären. Entschliesst man sich zu solchen Eingriffen, _=was bleibt
+dann überhaupt noch von der evangelischen Geschichtsüberlieferung
+bestehen=_?
+
+Dabei darf man nicht vergessen, dass wenn Jesus sich selbst nicht für
+den Messias gehalten hat, dies den Todesstoss für den christlichen
+Glauben bedeutet. Das Urteil der urchristlichen Gemeinde ist für uns
+nicht bindend. Die christliche Religion erbaut sich auf _=dem
+messianischen Selbstbewusstsein Jesu=_, wodurch er selbst seine
+Persönlichkeit aus der Reihe anderer Verkündiger der religiösen
+Sittlichkeit _=in einzigartiger Weise=_ scharf heraushebt. Hielt er _=sich
+selbst=_ nun nicht für den Messias, so beruht das ganze Christentum -- um
+ein verdrehtes und misshandeltes Wort ehrlich zu gebrauchen -- auf einem
+_=»Werturteil« der Anhängerschaft Jesu von Nazareth nach seinem Tode=_!
+
+Vergessen wir nicht, dass es sich um eine Antinomie handelt, aus der
+man nur _=einen=_ Schluss ziehen darf: _=dass nämlich die bisherige
+»historische« Auffassung des Messianitätsbewusstseins Jesu falsch
+ist, weil sie die Geschichte nicht erklärt=_. Geschichtlich ist nur
+diejenige Auffassung, welche begreiflich macht, _=wie Jesus sich
+für den Messias halten konnte, ohne sich genötigt zu sehen, dieses
+sein Selbstbewusstsein in seiner öffentlichen Wirksamkeit auf das
+messianische Reich hin zur Geltung zu bringen, ja, wie er geradezu
+gezwungen war, die messianische Würde seiner Person zu verschweigen!
+Warum war seine Messianität Jesu Geheimnis?=_ -- dieses erklären heisst
+das Leben Jesu begreifen.
+
+Aus der Einsicht in das Wesen dieser Antinomie ist diese neue
+Auffassung des Lebens Jesu erwachsen. Inwieweit sie das Problem löst,
+das mögen die Verhandlungen darüber klarstellen. Ich veröffentliche die
+neue Auffassung _=als Skizze=_, weil sie notwendig in den Rahmen des
+Werkes über das Abendmahl gehört. Sodann aber hoffe ich, aus der Kritik
+ihrer Grundzüge über manche Punkte des exegetischen Details noch zu
+grösserer Klarheit zu kommen, ehe ich daran denke, diesen Gedanken in
+einem ausgearbeiteten »Leben Jesu« eine definitive Fassung zu geben.
+
+_=Den litterarischen Unterbau=_ habe ich, dem skizzenhaften Charakter der
+Darstellung entsprechend, gewöhnlich nur andeuten können. Wer sich
+jedoch in dieser Sache auskennt, der wird leicht bemerken, dass hinter
+mancher hingeworfenen Behauptung viel mehr synoptisches Detailstudium
+steckt, als der erste Blick vermuten liesse.
+
+Gerade für die synoptische Frage ist die neue Auffassung des Lebens Jesu
+von grosser Bedeutung. _=Danach wird nämlich die Komposition der
+Synoptiker viel einfacher und klarer. Die künstliche Redaktion, mit der
+man bisher zu operieren gezwungen war, wird sehr reduziert. Die
+Bergpredigt, die Aussendungsrede und die Würdigungsrede über den Täufer
+sind keine »Redekompositionen«, sondern sie sind in der Hauptsache so
+gehalten, wie sie uns überliefert sind. Auch die Form der Leidens- und
+Auferstehungsweissagungen kommt nicht auf das urchristliche Konto,
+sondern Jesus hat in diesen Worten zu seinen Jüngern von seiner Zukunft
+geredet.=_ Gerade diese Vereinfachung der litterarischen Frage und die
+damit verbundene Steigerung der historischen Glaubwürdigkeit der
+evangelischen Geschichtserzählung ist von grossem Gewicht für die neue
+Auffassung des Lebens Jesu.
+
+Diese Vereinfachung beruht aber nicht auf einer _=naiven
+Stellungnahme=_ den Berichten gegenüber, _=sondern sie ist
+herbeigeführt durch die Einsicht in die Gesetze, nach welchen die
+urchristliche Auffassung und Würdigung der Persönlichkeit Jesu die
+Darstellung seines Lebens und Wirkens bedingte=_. Gerade diese Frage
+ist bisher vielleicht zu wenig _=systematisch=_ behandelt worden.
+
+_=Einerseits=_ ist zwar gewiss, dass das Urchristentum auf die
+Darstellung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu _=von bedeutendem
+Einfluss gewesen=_. _=Andererseits=_ sind aber gerade wieder in dem
+Wesen des urchristlichen Glaubens alle Voraussetzungen gegeben, dass
+er die _=Grundzüge der öffentlichen Wirksamkeit Jesu nicht angetastet
+und vor allem keine »Thatsachen« im Leben Jesu »produziert«=_ hat. Denn
+das Urchristentum stand ja dem _=Leben Jesu als solchem indifferent
+gegenüber=_! Der urchristliche Glaube hatte an diesem irdischen Leben
+nicht das geringste Interesse, weil Jesu Messianität sich ja auf seine
+Auferstehung, nicht auf seine irdische Thätigkeit gründete und man
+dem kommenden Messias in Glorie _=entgegenblickte und dabei an dem
+Leben Jesu von Nazareth nur soweit Interesse nahm, als es mit den
+Herrenworten zusammenhing. Eine urchristliche Auffassung des Lebens
+Jesu gab es überhaupt nicht=_, und die Synoptiker enthalten auch
+nichts derartiges. Sie reihen die Erzählungen aus seiner öffentlichen
+Wirksamkeit aneinander, ohne den Versuch zu machen, sie in ihrer
+Aufeinanderfolge und in ihrem Zusammenhang begreiflich zu machen und
+uns die »Entwicklung« Jesu erkennen zu lassen. Als dann, mit dem
+Zurücktreten der Eschatologie, das Schwergewicht auf _=die irdische
+Erscheinung Jesu als des Messias=_ fiel und so zu einer _=Auffassung
+des Lebens Jesu=_ führte, da hatten die Berichte von der öffentlichen
+Thätigkeit Jesu schon eine zu _=feste Fassung=_ angenommen, als dass
+dieser Prozess sie hätte _=berühren können=_. Das _=vierte Evangelium=_
+bietet ein Geschichtsbild des Lebens Jesu, aber es steht _=neben der
+synoptischen Schilderung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu, wie die
+Chronik neben den Samuelis- und den Königsbüchern=_. Der Unterschied
+zwischen dem vierten Evangelium und den Synoptikern besteht gerade
+darin, dass das erstere ein »_=Leben Jesu=_« bietet, während die
+Synoptiker von seiner _=öffentlichen Wirksamkeit berichten=_.
+
+Der urchristliche Glaube hat die Darstellung der öffentlichen
+Wirksamkeit Jesu _=nach immanenten Gesetzen beeinflusst=_, gerade wie die
+deuteronomische Reform auf die Vorstellung von den Ereignissen während
+der Richter- und Königszeit eingewirkt hat. _=Es handelt sich um eine
+unbewusste, notwendige perspektivische Verschiebung.=_ Die neue Auffassung
+beruht auf der Berechnung dieser perspektivischen Verschiebung, _=wobei
+sich ergibt, dass der Einfluss des urchristlichen Gemeindeglaubens auf
+die synoptischen Berichte viel weniger tief geht als man bisher
+anzunehmen geneigt war=_.
+
+ _=Strassburg=_, im August 1901.
+
+
+
+
+Inhaltsangabe des zweiten Heftes.
+
+
+ Seite
+
+ _=Vorrede zu einer neuen Auffassung des Lebens Jesu=_ V-IX
+
+ _Erstes Kapitel_ 1-13
+
+ =Der modern-historische Lösungsversuch.=
+
+ 1. Darstellung 1- 3
+
+ 2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen
+ Lösungsversuchs 3
+
+ 3. Die zwei kontrastierenden Epochen. (Erste Voraussetzung) 3- 6
+
+ 4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung
+ der synoptischen Leidensworte. (Zweite Voraussetzung) 6- 8
+
+ 5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken.
+ (Dritte Voraussetzung) 8-12
+
+ 6. Die Form der Leidensoffenbarung. (Vierte Voraussetzung) 12
+
+ 7. Zusammenfassung 12-13
+
+
+ _Zweites Kapitel_ 13-18
+
+ =Die »Entwicklung« Jesu.=
+
+ 1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische
+ Grösse 13-15
+
+ 2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede 15-17
+
+ 3. Die neue Auffassung 17-18
+
+
+ _Drittes Kapitel_ 18-23
+
+ =Die Predigt vom Reich Gottes.=
+
+ 1. Die neue Sittlichkeit als Busse 18-20
+
+ 2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik 21-23
+
+
+ _Viertes Kapitel_ 24-32
+
+ =Das Geheimnis des Reiches Gottes.=
+
+ 1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes 24-26
+
+ 2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk
+ nach der Aussendung 26-27
+
+ 3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der
+ prophetischen und jüdischen Zukunftserwartungen 27-28
+
+ 4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der
+ glücklichen galiläischen Periode 29
+
+ 5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus
+ Jesu 29-30
+
+ 6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum
+ Gesetz und Staat 30-31
+
+ 7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu 31-32
+
+
+ _Fünftes Kapitel_ 32-34
+
+ =Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.=
+
+
+ _Sechstes Kapitel_ 34-52
+
+ =Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen
+ Wirksamkeit.=
+
+ 1. Das Problem und die Thatsachen 34-38
+
+ 2. Jesus der Elias durch die Solidarität mit dem Menschensohn 38-40
+
+ 3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen 40-42
+
+ 4. Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches
+ Gottes 42-43
+
+ 5. Jesus und der Täufer 43-44
+
+ 6. Der Täufer und Jesus 44-48
+
+ 7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in
+ Jerusalem 49-52
+
+ _Siebentes Kapitel_ 52-60
+
+ =Nach der Aussendung. Litterarische und historische
+ Probleme.=
+
+ 1. Die Seereise nach der Aussendung 52-55
+
+ 2. Das Abendmahl am See Genezareth 55-57
+
+ 3. Die Woche zu Bethsaida 57-60
+
+
+ _Achtes Kapitel_ 60-80
+
+ =Das Messianitätsgeheimnis.=
+
+ 1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi 60-63
+
+ 2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu 63-65
+
+ 3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der
+ Messianität Jesu 66-71
+
+ 4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der
+ Messianität Jesu 72-79
+
+ 5. Der Verrat des Judas -- die letzte Bekanntgebung des
+ Messiasgeheimnisses 79-80
+
+
+ _Neuntes Kapitel_ 81-98
+
+ =Das Geheimnis des Leidensgedankens.=
+
+ 1. Die vormessianische Drangsal 81-83
+
+ 2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode 83-84
+
+ 3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht 84-86
+
+ 4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode 86-89
+
+ 5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt 89-91
+
+ 6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis 91-92
+
+ 7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung
+ der Perspektive 92-98
+
+ _Zehntes Kapitel_ 98-109
+
+ =Abriss des Lebens Jesu.=
+
+ _=Nachwort=_ 109
+
+
+
+
+ Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis,
+ eine Skizze des Lebens Jesu.
+
+
+
+
+Erstes Kapitel.
+
+Der modern-historische Lösungsversuch.
+
+
+1. Darstellung.
+
+Die synoptischen Stellen bieten keine Erklärung, wie der Leidensgedanke
+sich Jesu aufdrängte und was er für ihn bedeutete. Die apostolische
+Predigt in den Petrus- und Paulusreden betrachtet das Leiden unter dem
+Gesichtspunkt der göttlichen Notwendigkeit, welche in der Schrift
+geweissagt ist. Auch die paulinische Theorie hat nichts mit der
+Geschichte zu thun.
+
+Was also im Zusammenhang mit einer geschichtlichen Auffassung des Lebens
+Jesu über den Leidensgedanken ausgeführt wird, ist nicht von der
+Geschichte direkt dargeboten, sondern aus ihr erschlossen. Es handelt
+sich immer nur um eine notwendige und unvermeidliche _=historische
+Konstruktion=_, deren Richtigkeit in dem Masse feststeht, als sie Ordnung
+und Klarheit in die synoptischen Notizen bringt.
+
+Sämtliche Konstruktionen mit ausgesprochen historischem Interesse
+begegnen sich in einem Lösungsversuch, den wir als den
+historisch-modernen bezeichnen. Historisch daran ist das Interesse,
+Geschichte zu erklären, modern die psychologische Nachempfindung, mit
+deren Hülfe nachgewiesen wird, wie unter dem Einfluss bestimmter
+Erlebnisse der Leidensgedanke sich Jesu aufdrängte und von ihm religiös
+gewertet wurde. Die Grundgedanken dieses Lösungsversuchs sind folgende.
+
+Es konnte sich für Jesus nicht um Beschaffung der Sündenvergebung
+handeln. Er setzte sie schon voraus; wie die Bitte des Vaterunsers
+zeigt, floss sie ja aus der verzeihenden Vaterliebe Gottes. Nun erinnert
+der Gedanke der Sühne (Mk 10 _-45-_) an die paulinische Sühnetheorie mit
+ihrem juridischen Charakter. Diese bezieht sich allerdings auf die
+Sündenvergebung. Es ist daher anzunehmen, dass, wie der Gedanke der
+Sündenvergebung, so auch die juridische Sühnevorstellung Jesu fremd war,
+da sie in seiner ganzen Lehrweise nicht vorgesehen ist. Die Aussprüche
+über die Wertung seines Leidens sind also in der überlieferten Form
+irgendwie von paulinischen Gedanken beeinflusst.
+
+Bringt man diese Beeinflussung in Anschlag, so enthält der historische
+Ausspruch (Mk 10 _-45-_) den Gedanken der dienenden Dahingabe in der
+höchsten Potenz. Wir stehen auf der Grenze, wo der gesteigerte Begriff
+des Dienens zum Begriff der Sühne führt. Der Wert dieser Dahingabe für
+die andern besteht darin, dass das von Jesus übernommene Todesleiden
+gleichsam der Inauguralakt ist, durch welchen die neue Sittlichkeit des
+Gottesreiches und damit der neue Zustand selbst verwirklicht wird. Diese
+That ist das wirksame Anfangsglied in einer Kette von Umgestaltungen,
+deren übernatürlichen Abschluss seine »Wiederkunft« in Herrlichkeit
+bildet, wo der Neue Bund, den er mit seinem Blute besiegelt hat, durch
+ihn sich vollendet.
+
+Damit ist auch gegeben, wie der Leidensentschluss sich einstellen konnte
+und musste. Jesu Amt galt der Verwirklichung des Gottesreiches. Dies
+hatte er zunächst in kleinen Grenzen während seiner galiläischen
+Wirksamkeit unternommen. Durch seine Predigt von der neuen Sittlichkeit
+auf Grund des Glaubens an den göttlichen Vater und unter dem Eindruck
+der Kraft, die von ihm ausging, entwickelten sich die Anfänge dieses
+Reiches. Es war eine glückliche, erfolgreiche Zeit: »der _=galiläische
+Frühling=_,« wie sie KEIM genannt hat. Den Höhepunkt dieser Periode
+bildete die Aussendung der Jünger. Durch ihre Predigt sollte die
+herrliche Saat allenthalben ausgestreut werden. Als sie ihm bei der
+Rückkehr ihre Erfolge kund thaten, brach er in den Jubelruf aus, der den
+Sieg für schon gegenwärtig hielt (Mt 11 _-25-27-_).
+
+Dann kam die Zeit des Niedergangs. Von Jerusalem aus wurde der
+Widerstand insceniert (Mk 7 _-1-_). Früher hob ihn die Zuneigung
+des Volks über die Reibereien mit den Behörden hinweg. Jetzt aber,
+da die Sache planmässig betrieben wurde, fielen auch seine Anhänger
+von ihm ab. Es war verhängnisvoll, dass in der Diskussion über die
+Reinigkeitsgebote der Widerspruch mit der gesetzlichen Ueberlieferung
+zu Tage trat (Mk 7 _-1-23-_). Ehe der Frühling wieder ins Land kam,
+hatte er Galiläa verlassen müssen. Hoch im Norden, in der Stille und
+in der Einsamkeit sammelte er sich, um mit sich selbst ins Klare zu
+kommen.
+
+Für die Verwirklichung des Reichs stand ihm nur noch ein Weg offen: der
+Kampf mit der Macht, welche sich seinem Werk entgegensetzte. Er war
+entschlossen, ihn in die Hauptstadt selbst hineinzutragen. Dort sollte
+sich das Schicksal entscheiden. Vielleicht fiel ihm der Sieg zu. Aber,
+wenn auch in der Reihe des irdischen Geschehens das Todesschicksal
+unentrinnbar seiner wartete: sobald er den Weg betrat, den sein Amt ihm
+wies, so bedeutete dieses Todesleiden in der Veranstaltung Gottes die
+Leistung, durch welche sein Werk gekrönt wurde. Es war dann Gottes
+Wille, dass der Zustand des Gottesreiches durch die höchste sittliche
+That des Messias inauguriert wurde. Mit diesem Gedanken zog er nach
+Jerusalem -- um Messias zu bleiben.
+
+
+2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen Lösungsversuchs.
+
+1. Das Leben Jesu zerfällt in zwei kontrastierende Epochen. Die erste
+war glücklich, die zweite brachte Enttäuschungen und Misserfolge.
+
+2. Die Form des synoptischen Leidensgedankens in Mk 10 _-45-_ (seine
+Dahingabe eine Sühne für viele) und in dem Abendmahlswort Mk 14
+_-24-_ (sein Blut für viele dahin gegeben) ist irgendwie durch den
+paulinischen Sühnegedanken beeinflusst.
+
+3. Die Vorstellung des Reiches Gottes als der sich vollendenden
+sittlichen Gemeinschaft, in welcher das Dienen oberstes Gesetz ist,
+beherrschte den Leidensgedanken.
+
+4. War Jesu Leiden der Inauguralakt der neuen Sittlichkeit des
+Gottesreiches, so hing der Erfolg mit davon ab, dass die Jünger durch
+ihn angeleitet wurden, es so zu verstehen und danach zu handeln. Der
+Leidensgedanke war eine Reflexion.
+
+Sind diese Voraussetzungen, jede für sich genommen, richtig?
+
+
+=3. Die zwei kontrastierenden Epochen.= (Erste Voraussetzung.)
+
+Man datiert die Periode der Misserfolge von der Zeit nach der
+Aussendung. Welches sind die Ereignisse der angeblich glücklichen
+Epoche? Wir sehen ab von den unerquicklichen Diskussionen mit den
+Pharisäern über die Heilung des Paralytischen (Mk 2 _-1-12-_), über die
+Fastenfrage (Mk 2 _-18-22-_) und über die Sabbathaltung (Mk 2 _-23-_-3
+_-6-_). Schon Mk 3 _-6-_ ist es zu einem Todesanschlag gekommen.
+Von seiner Familie muss er sich lossagen, weil sie ihn als geistig
+unzurechnungsfähig mit Gewalt nach Hause zurückbringen wollen (Mk 3
+_-20-22-_, _-31-35-_). In Nazareth wird er verworfen (Mk 6 _-1-6-_).
+
+In dieselbe Zeit fällt ein Angriff, der ihn aufs tiefste erschüttert
+hat. Die Pharisäer diskreditieren ihn beim Volk, indem sie ihm
+vorwerfen, er stehe mit dem Teufel im Bund (Mk 3 _-22-30-_). Wie sehr ihn
+dieses Wort verwundet hat, ersieht man aus der Aussendungsrede. Er
+bereitet die Jünger auf ähnliche Verkennung vor. »Haben sie den
+Hausherrn Beelzebub geheissen, wie viel mehr seine Leute« (Mt 10 _-25-_).
+
+Das sind die bekannten Ereignisse »der erfolgreichen Periode«! Aber
+sie sind nichts im Vergleich zu denen, auf welche er in der Zeit
+der Aussendung anspielt. Preist er schon im allgemeinen diejenigen
+selig, die um seinetwillen geschmäht und verfolgt werden (Mt 5
+_-11-_ u. _-12-_), so stellt er jetzt den Jüngern Drangsal und Not
+in Aussicht (Mt 10 _-17-25-_). Zu ihm halten heisst Schmach erdulden
+(Mt 10 _-22-_), die zartesten Bande zerreissen (Mt 10 _-37-_) und
+sein Kreuz auf sich nehmen (Mt 10 _-38-_). Die galiläische Periode
+soll _=glücklich=_ gewesen sein; der Charakter der Aussendung ist
+_=pessimistisch=_. Wie passt das zusammen?
+
+Auch die Anspielungen, die er dem Volk gegenüber in jener Zeit thut,
+weisen auf schwere Katastrophen. Was muss in Chorazin, in Kapernaum und
+in Bethsaïda vorgefallen sein, dass er den Tag des Gerichts auf sie
+herabbeschwört, wo es Tyrus und Sidon noch erträglicher gehen wird als
+ihnen (Mt 11 _-20-24-_)!
+
+Weil dieser düstere Zug nicht in die glückliche galiläische Periode
+passen will, liegt der Versuch nahe, in den matthäischen Reden um die
+Zeit der Aussendung eine Komposition zu sehen, welche Stücke aus einer
+späteren Epoche enthält. Wo soll Jesus sie aber gesprochen haben? Nach
+der Flucht, als er im Norden weilte, hat er keine Reden gehalten, und
+die Aussprüche in den jerusalemitischen Tagen haben ihr eigentümliches
+Gepräge, so dass man nicht wüsste, wo Anspielungen auf galiläische
+Ereignisse oder Ermahnungen an die ausziehenden Jünger unterzubringen
+wären.
+
+Dazu kommt, dass von bedeutenden Erfolgen in jener ersten Zeit nichts
+berichtet ist. Diese beginnen erst mit der Aussendung der Jünger. Den
+grossen Augenblick ihrer Rückkehr feiert Jesus mit begeisterten Worten
+(Mt 11 _-25-27-_). Nun soll er in der Folge alles an die Pharisäer
+verloren haben und vom Volk verlassen worden sein! Von diesem Rückgang
+seiner Sache berichten aber die Texte nichts. Die Diskussion über
+die Reinigkeitsvorschriften (Mk 7 _-1-23-_) leistet nicht, was man
+von ihr verlangt. Jesus war früher mit den Hauptstadttheologen schon
+viel heftiger zusammengestossen (Mk 3 _-22-30-_). In der Frage der
+Reinigkeitsgebote ist er gar nicht der Ueberwundene.
+
+Man hat die Niederlage daraus erschliessen wollen, dass die »Flucht«
+nach dem Norden auf diese Scene folgt (Mk 7 _-24-_ ff.) Aber die
+Berichte stellen diesen Aufbruch gar nicht als _=Flucht=_ dar;
+ebensowenig _=begründen=_ sie diese Nordreise aus dem Resultat
+des vorhergehenden Streitgesprächs, sondern _=wir=_ tragen in die
+berichtete chronologische Folge einen fiktiven kausalen Charakter ein.
+Wenn Jesus also kurz vorher von der Volksgunst getragen ist und nun
+das Gebiet verlässt, so bleibt dieses Faktum nach den Texten vorläufig
+unerklärt. Dass es eine Flucht war, ist eine unerweisbare Mutmassung.
+
+Es sei kein Gewicht darauf gelegt, dass er in der Folge noch zweimal
+von einer grossen Volksmenge umgeben erscheint (Mk 8 _-1-9-_,
+Speisung der 4000 und Mk 8 _-34-_ ff., in den Scenen vor und nach
+der Verklärungsgeschichte). Dieses Faktum könnte vielleicht in einer
+litterarischen Einarbeitung der betreffenden Berichte begründet sein,
+was z. B. für die Doublette zur Speisungsgeschichte als erwiesen gelten
+darf.
+
+Massgebend ist aber der Empfang, den die Festkarawane Jesu bereitet,
+als er sie vor Jericho einholt. Diese Ovation gilt nicht dem Mann, der
+Land und Leute an die Pharisäer verlor und zuletzt fliehen musste,
+sondern dem aus der Verborgenheit wieder aufgetauchten gefeierten
+Propheten. Wenn diese jubelnden galiläischen Volksmassen es ihm
+jetzt ermöglichen, in der Hauptstadt die Behörde mehrere Tage zu
+terrorisieren -- denn etwas anderes ist die Tempelreinigung nicht
+gewesen -- und die Schriftgelehrten mit herber Ironie blosszustellen,
+haben sie es für den Mann gethan, der einige Wochen vorher diesen
+Theologen im eigenen Land weichen musste?
+
+Will man also von einer Periode der Erfolge reden, so muss man die
+_=zweite=_ als eine solche bezeichnen. Denn überall, wo Jesus nach der
+Rückkehr der Jünger in der Oeffentlichkeit erscheint, ist er von einer
+ihm ergebenen Menge begleitet: in Galiläa, vom Jordan nach Jerusalem
+und in der Hauptstadt selbst. Das murrende Judenvolk ist eine Erfindung
+des vierten Evangelisten. Zudem zeigt der Gewaltstreich der heimlichen
+Gefangennahme und die hastige Verurteilung, was der hohe Rat von dieser
+Volksbewegung zu Gunsten Jesu befürchtete. Das war der einzige
+»Misserfolg« in der zweiten Periode. Freilich war er verhängnisvoll.
+
+Die erfolgreiche erste galiläische Periode ist also in Wirklichkeit
+die Zeit der Demütigungen und der Misserfolge. Ein Doppeltes führte
+dazu, sie trotzdem als die »glückliche« aufzufassen. Zunächst ist
+darin ein _=ästhetischer Faktor=_ enthalten, der gerade bei KEIM stark
+hervortritt. Eine Reihe der Natur entnommener Gleichnisse, sowie die
+wundervolle Rede gegen weltliche Sorge Mt 6 _-25-34-_ scheinen nicht
+anders begreiflich, als dass hoffnungsvoller Frohsinn in der Natur sich
+selbst wiederfindet.
+
+Dazu kommt als zweites ein _=historisches Postulat=_. In der ersten
+Periode findet sich keine Spur vom Leidensgedanken; die zweite wird
+durch ihn beherrscht. Also war die erste erfolgreich, die zweite
+unglücklich, da anders der Umschwung psychologisch und historisch nicht
+begreiflich ist.
+
+Die historischen Thatsachen reden anders. In der wirklichen Periode der
+Misserfolge tritt der Leidensentschluss nicht zu Tage. Dagegen eröffnet
+er seinen Jüngern in der erfolgreichen zweiten Periode, dass er durch
+die Schriftgelehrten sterben müsse. _=Das Verhältnis ist also gerade
+umgekehrt.=_ Damit steht die modern-historische Psychologie vor einem
+Rätsel.
+
+
+=4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung der
+synoptischen Leidensworte.= (Zweite Voraussetzung.)
+
+Es lässt sich kein Beweis führen, dass die synoptischen Leidensstellen
+durch paulinische Gedanken beeinflusst sind. Auch hier handelt es sich
+um eine Art Postulat, denn wenn es nicht gelingt, den juridischen
+Charakter von Mk 10 _-45-_ und Mk 14 _-24-_ auf Rechnung des paulinischen
+Mediums zu setzen, so muss man annehmen, dass Jesu Leidensgedanke selbst
+diese schroffe Sühnevorstellung enthalten habe. Darauf ist aber der
+modern-historische Lösungsversuch nicht eingerichtet.
+
+Nun lässt sich aber beweisen, dass kein paulinischer Einfluss vorliegen
+kann! Nach Paulus sagt Jesus beim Abendmahl: Mein Leib _=für euch=_ (I
+Kor 11 _-24-_). Dementsprechend heisst es auch Lk 22 _-19-_ u. _-20-_:
+Mein Leib, der _=für euch=_ gegeben wird, das Blut, das _=für euch=_
+vergossen wird. Die beiden älteren Synoptiker schreiben dafür immer:
+_=für viele=_. Mk 10 _-45-_ = Mt 20 _-28-_: zu geben sein Leben zur
+Sühne _=für viele=_. Mk 14 _-24-_ = Mt 26 _-28-_: mein Blut des Bundes,
+das vergossen wird _=für viele=_. Das eine Mal ist also das Publikum,
+welchem das Leiden zu gute kommt, genau bestimmt: es sind die Jünger.
+Das andere Mal handelt es sich um eine unbestimmte Mehrheit.
+
+Mit dem Argument, dass es sachlich auf dasselbe hinauskomme, ist
+nichts gethan. Warum redete Jesus bei den älteren Synoptikern von
+den _=Vielen=_, bei Paulus von den _=Seinen=_? Die einzige Erklärung
+liegt darin, _=dass Paulus von dem Standpunkt der Gemeinde nach dem
+Tode Jesu schreibt=_. Danach kommt die Heilswirkung des Todes Jesu
+einer bestimmten Gemeinschaft zu gute, nämlich denen, die an ihn
+glauben. Die Jünger repräsentieren diese gläubige Gemeinschaft in den
+geschichtlichen Aussprüchen Jesu, weil man es sich vom Standpunkt der
+messiasgläubigen Gemeinde aus nicht anders vorstellen konnte, als dass
+Jesus mit den Worten über sein Leiden die Gläubigen gemeint habe.
+
+Das altsynoptische »_=für viele=_« ist aber vom _=historischen
+Standpunkt=_ aus gesprochen, wo Jesus noch nicht den Glauben an
+seine Messianität verlangt und wo deshalb die Mehrheit, denen sein
+Tod zu gute kommen soll, unbestimmt gelassen ist. Nur eines ist ihm
+gewiss, dass sie grösser ist als der Jüngerkreis; darum sagt er »_=für
+viele=_«. Hätte er gesagt »_=für euch=_« wie Paulus ihm zumutet, so
+hätten die Jünger daraus schliessen müssen, er sterbe für sie allein,
+da sie sich damals nicht, wie es Paulus und der Gemeinde geläufig war,
+als Repräsentanten einer zukünftigen messiasgläubigen Gemeinschaft
+fühlen konnten.
+
+Ist aber dieses »_=für viele=_« stehen geblieben, trotzdem Paulus aus
+der Gemeindevorstellung heraus es instinktiv durch »_=für euch=_«
+ersetzen muss, obwohl er dadurch ein historisch unmögliches Wort
+schafft: so ist man nicht berechtigt, in der überlieferten Form des
+altsynoptischen Leidensgedankens irgendwie paulinische Beeinflussung
+anzunehmen. Die schroffe Sühnetheorie bei den Synoptikern ist also
+historisch. Eine Abschwächung, wie sie der modern-historische
+Lösungsversuch voraussetzen muss, ist unberechtigt.
+
+Nun stellt sich die Aufgabe, in der Deutung der Aussprüche Jesu gerade
+dem »_=für viele=_« gerecht zu werden. Weil sie dies nicht gethan haben,
+sind alle Darlegungen über die Bedeutung des Todes Jesu, von Paulus bis
+RITSCHL, unhistorisch. Man setze statt der gläubigen Gemeinschaft, mit
+der sie operieren, die unbestimmte und unqualifizierte Mehrheit des
+historischen Wortes ein, dann werden ihre Ausführungen einfach sinnlos.
+Historisch ist allein diejenige Deutung, welche begreiflich macht, warum
+nach Jesus die durch seinen Tod gewirkte Sühne einer mit Absicht
+unbestimmt gelassenen Mehrheit zu gute kommen soll.
+
+
+=5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken.= (Dritte
+Voraussetzung.)
+
+
+a) Mk 10 _-41-45-_. Das Dienen als das sittliche Verhalten in Erwartung
+des kommenden Reiches.
+
+Die Zebedaiden hatten beansprucht, zu Seiten des Herrn zu sitzen in
+seiner Herrlichkeit, d. h. wenn er als Messias von seinem Thron aus
+regieren würde. Darüber sind die andern unwillig. Jesus ruft sie
+zusammen und redet ihnen vom Dienen und Herrschen in Bezug auf das
+Gottesreich.
+
+In diesem Ausspruch findet man nun gewöhnlich den ethischen Begriff des
+Reiches Gottes. Eine Umwertung aller Werte soll erfolgen. Der Grösste
+im Himmelreich ist der, welcher klein wird als ein Kind (Mt 18 _-4-_),
+und Herrscher ist, wer dient. Selbsterniedrigung und dahingebendes
+Dienen, das ist die neue Sittlichkeit des Gottesreiches, welche durch
+Jesu dienendes Todesleiden in Kraft tritt.
+
+Dabei vergessen wir aber, dass das Reich, in dem man herrscht,
+als etwas Zukünftiges gedacht ist, während das Dienen auf die
+Gegenwart geht! In unserer ethischen Betrachtungsweise fallen
+Dienen und Herrschen zeitlich und logisch zusammen. Bei Jesus aber
+handelt es sich gar nicht um eine rein ethische Vertauschung der
+Begriffe Dienen-Herrschen, sondern dieser Gegensatz verläuft in
+einer _=zeitlichen Folge=_. Scharf hebt sich der gegenwärtige von
+dem zukünftigen Aeon ab. Wer im Reich Gottes einmal zu den Grössten
+gehören will, der muss _=jetzt=_ sein als ein Kind! Wer auf eine
+Herrscherstellung darin Anwartschaft erhebt, der muss _=jetzt=_ dienen!
+Je tiefer sich _=jetzt=_ einer unter die andern beugt in der Zeit, wo
+die irdischen Herrscher sich mit Gewalt im Regiment erhalten, desto
+höher wird seine Herrschaft sein, wenn die irdische Gewalt aufhört und
+das Reich Gottes anbricht. Darum muss derjenige sich im Todesleiden
+erniedrigen, welcher als Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen
+wird zum Richten und Herrschen. Ehe er seinen Thron besteigt, trinkt
+er den Leidensbecher, von dem auch die kosten müssen, die mit ihm
+herrschen wollen!
+
+Sowie man dieses »_=jetzt und dann=_« in Jesu Rede beachtet, tritt an die
+Stelle des abgeblassten Satzparallelismus eine wirkungsvolle Steigerung.
+Den absteigenden Rangstufen des Dienens entsprechen die aufsteigenden
+des Herrschens.
+
+ 1. Wer gross sein will _=unter euch=_, der sei _=euer=_ Diener
+ (V. _-43-_).
+
+ 2. Wer _-von euch-_ der erste sein will, der sei _=aller (andern)=_
+ Diener (V. _-44-_).
+
+ 3. Darum wartet des Menschensohns die höchste Herrscherstellung,
+ weil er nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu
+ dienen, indem er sein Leben als Sühne für _=die Vielheit=_
+ dahingibt (V. _-45-_).
+
+Die Steigerung ist eine doppelte. Das Dienen der Jünger erstreckt
+sich nur auf _=ihren=_ Kreis, das Dienen Jesu auf eine unbeschränkte
+Mehrheit, nämlich auf alle die, welchen sein Todesleiden zu gute
+kommen soll. Bei den Jüngern handelt es sich nur um eine selbstlose
+_=Unterwerfung=_, bei Jesus um das _=bittere Todesleiden=_. Beides ist
+ein Dienen, insofern damit die Anwartschaft auf eine Herrscherstellung
+im Reich verbunden ist.
+
+Die gewöhnliche Erklärung wird nicht dem altsynoptischen, sondern
+nur dem lukanischen Texte gerecht (Lk 22 _-24-27-_). Dieser hat die
+Erzählung aus dem Zusammenhang herausgerissen, so dass es sich um einen
+Streit der Jünger beim letzten Mahl handelt, wer von ihnen »für den
+Grössten zu halten sei.«
+
+Damit ist das »_=jetzt und dann=_« aus der Situation ausgeschieden
+und es handelt sich nur um eine rein ethische Verkehrung der Begriffe
+Herrschen und Dienen. Jesu Rede verläuft dementsprechend auch in
+einem unlebendigen Parallelismus. Der Grösste unter euch sei wie der
+Jüngste, und der Vorsteher wie der, der aufwartet (Lk 22 _-26-_). Statt
+aus seiner Dahingabe in den Tod für die grosse Allgemeinheit auf das
+Verhalten derer, die mit herrschen wollen, zu exemplifizieren, redet
+er nur von seinem dienstbaren Wesen den Jüngern gegenüber: Ich aber
+bin in eurer Mitte, wie der, der aufwartet (Lk 22 _-27-_). Damit meint
+er ein Dienen, das zugleich Herrschen ist. Bei den beiden älteren
+Synoptikern handelt es sich aber gar nicht um die Proklamierung der
+neuen Sittlichkeit des Gottesreiches, wo Dienen Herrschen ist, sondern
+um die Bedeutung der Selbsterniedrigung und des Dienens in _=Erwartung
+des Gottesreiches=_. Dienen ist das Grundgesetz der _=Interimsethik=_.
+
+Dieser Gedanke ist viel tiefer und lebendiger als das moderne Spiel
+mit Worten, welches wir dem Herrn zumuten. Nur durch Erniedrigung und
+Kindessinn in diesem Aeon wird man würdig bereitet, im Reich Gottes zu
+herrschen. Nur wer durch Leiden hier sittlich geläutert und geadelt
+ist, kann dort gross sein. Darum ist das Leiden für Jesus der sittliche
+Erwerb und die sittliche Bewährung für die messianische Herrschaft, die
+ihm bestimmt ist.
+
+Irdisches Herrschen, weil es auf Gewaltthat beruht, ist Ausfluss der
+widergöttlichen Macht. Das Herrschen im Reich Gottes, wo die Weltmacht
+vernichtet ist, bedeutet Ausfluss der göttlichen Macht sein. Träger
+derselben kann nur der werden, welcher sich von irdischem Herrschen rein
+erhalten hat. Sie zu vergeben an die, welche durch Leiden sich bereitet
+haben, ist allein Gottes Sache (Mk 10 _-39-_ u. _-40-_).
+
+Ist aber Dienen nicht die Sittlichkeit des Gottesreiches, so operiert
+Jesu Leidensvorstellung auch nicht mit dem darauf beruhenden Begriff des
+Gottesreichs als der sich vollendenden ethischen Gemeinschaft, sondern
+mit einer übersittlichen Grösse, nämlich mit der eschatologischen
+Reichsvorstellung.
+
+
+b) Der Leidensgedanke und die eschatologische Erwartung.
+
+Die Untersuchung der Abendmahlsberichte ergab einen engen Zusammenhang
+zwischen dem eschatologischen Schlusswort und dem Ausspruch vom
+vergossenen Blut. Die übrigen Stellen über das Leiden führen auf eine
+ähnliche Verbindung.
+
+Nachdem Jesus mit seinem »ja« sich selbst das Todesurteil gesprochen,
+redet er von seiner »Wiederkunft« auf den Wolken des Himmels. Dabei
+denkt er, dem Markustext zufolge, beide Geschehnisse in einem Gedanken.
+Mk 14 _-62-_: Ich bin es _-und-_ ihr werdet den Menschensohn sitzen
+sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels.
+Dieser logische Zusammenhang ist, wie für das Kelchwort, bei Matthäus
+schon erweicht, indem er an die Stelle des »_=und=_« die rein zeitliche
+Folge setzt. Mt 26 _-64-_: Du sagst es. _=Doch=_ ich sage euch, _=von
+nun an=_ werdet etc. Bei Lukas fehlt der eschatologische Hinweis; er
+hat ihn auch beim Kelchwort ausfallen lassen.
+
+Eine enge Verbindung zwischen dem Leidensgedanken und der Eschatologie
+setzt auch das Gespräch über den Leidensweg der Nachfolger voraus (Mk 8
+_-34-_-9 _-1-_). Wer sich Jesu schämt, wenn er Schmähung und Verfolgung
+in der ehebrecherischen und sündigen Welt erduldet, dessen wird sich
+auch der Menschensohn schämen, wenn er in der Herrlichkeit seines
+Vaters mit den heiligen Engeln kommt. Denn dieses Geschlecht wird nicht
+in den Tod sinken, bis sie sehen das Reich Gottes kommend in Macht!
+
+Dieser Zusammenhang muss für die Hörer stark hervorgetreten sein. Nach
+dem Aufbruch von Cäsarea Philippi, unter dem Eindruck des
+Leidensgeheimnisses, das ihren Sinn mit Trauer und Angst erfüllt (Mk 9
+_-30-32-_) -- streiten sich die Jünger darum, wer den höchsten Platz im
+Reich einnehmen wird. Im Hause zu Kapernaum muss Jesus sie darüber
+zurechtweisen (Mk 9 _-33-37-_). Das war, nachdem er zum zweitenmal von
+seinem Leiden gesprochen hatte.
+
+Auf dem Weg nach Jerusalem wiederholt sich derselbe Auftritt im engsten
+Anschluss an die dritte Leidensweissagung (Mk 10 _-32-41-_). Die
+Zebedaiden erheben ihre Ansprüche auf die Thronplätze. Es handelt sich
+hier gar nicht um kindischen Missverstand der Anhänger, denn Jesus
+geht ja ganz ernsthaft auf ihren Gedanken ein. Die eschatologische
+Erwartung muss also für die Jünger in dem Leidenswort Jesu so stark zur
+Geltung gekommen sein, dass sie sich notwendig Gedanken machen über die
+Stellung, welche sie im zukünftigen Reich einnehmen werden.
+
+Der modern-historische Erklärungsversuch eliminiert den
+eschatologischen Begriff des Reiches Gottes aus dem Leidensgedanken,
+indem er ihn auf die apotheosenhafte Vorstellung von der
+»_=Wiederkunft=_« reduziert. Dieser Ausdruck ist vollständig falsch.
+Jesus hat nie von seiner »_=Wiederkunft=_«, sondern nur von seiner
+_=Ankunft=_ oder der _=Zukunft=_ des Menschensohnes geredet. Wir
+gebrauchen den Ausdruck »Wiederkunft«, weil wir Tod und Herrlichkeit
+durch Kontrast verbinden, als bezöge sich der neue Zustand nur auf
+eine sieghafte Verklärung Jesu. Unsere Auffassung lässt ihn sagen:
+»Ich werde sterben, _=aber=_ ich werde durch meine _=Wiederkunft=_
+verherrlicht werden«. Thatsächlich hat er aber gesagt: »Ich muss leiden
+_=und=_ der Menschensohn wird auf den Wolken des Himmels erscheinen.«
+Das bedeutet aber für seine Zuhörer viel mehr als eine Apotheose --
+denn mit der Erscheinung des Menschensohnes brach das eschatologische
+Reich an. Jesus setzt also seinen Tod mit dem eschatologischen
+Anbruch des Reichs in einen zeitlich-ursächlichen Zusammenhang. Der
+_=eschatologische=_ Reichsbegriff, nicht der _=modern-ethische=_,
+beherrscht seinen Leidensgedanken.
+
+
+=6. Die Form der Leidensoffenbarung.= (Vierte Voraussetzung.)
+
+Bestände die Auffassung des modern-historischen Lösungsversuchs zu
+Recht, so hätte Jesus den Jüngern den Leidensgedanken in der Form einer
+ethischen _=Reflexion=_ mitteilen müssen. Sollten sie die eintretende
+Katastrophe als Inauguralakt der neuen Sittlichkeit begreifen und daraus
+eine Erneuerung ihres sittlichen Handelns ableiten, dann musste er sie
+mit diesem Charakter des Ereignisses von vornherein, zugleich mit der
+Ankündigung desselben, bekannt machen.
+
+Nun hat er ihnen aber den Leidensgedanken nicht in der Form einer
+_=ethischen Reflexion=_, sondern als ein _=Geheimnis=_ ohne weitere
+Erklärung mitgeteilt. Es wird beherrscht von dem »müssen«, dem Ausdruck
+der unbegreiflichen göttlichen Notwendigkeit. Dass der Leidensgedanke
+ein Leidensgeheimnis war, das steht dem modern-historischen
+Lösungsversuch entgegen.
+
+
+7. Zusammenfassung.
+
+ 1. Die Annahme einer glücklichen galiläischen Periode, auf welche
+ dann die Zeit des Niedergangs folgt, ist historisch nicht haltbar.
+
+ 2. Paulinischer Einfluss kann die Fassung der altsynoptischen
+ Leidensaussprüche nicht bedingt haben.
+
+ 3. Nicht der ethische, sondern der überethische, eschatologische
+ Reichsgedanke beherrscht die Leidensvorstellung Jesu.
+
+ 4. Die Aussprache des Leidensgedankens geschah nicht in der Form
+ einer ethischen Betrachtung, sondern es handelt sich um ein
+ unbegreifliches Geheimnis, das die Jünger gar nicht zu verstehen
+ brauchten und auch nicht verstanden haben.
+
+So steht es um die vier Grundpfeiler des modern-historischen
+Lösungsversuchs. Mit ihnen stürzt der ganze Bau zusammen. Es ist doch
+nur ein unlebendiger Gedanke! Das Modern-Kraftlose zeigt sich darin,
+dass man es dabei über eine Art repräsentativer Bedeutung des Todes Jesu
+nicht hinausbringt. Jesus beschafft durch seine Dahingabe nichts
+schlechthin Neues, weil er ja das Reich Gottes als Sündenvergebung oder
+als die sich sittlich vollendende Gemeinschaft während seiner ganzen
+öffentlichen Wirksamkeit als schon vorhanden voraussetzt. Es ist mit
+seinem Auftreten selbst gegeben. Eine geleistete Sühne verlangt aber
+eine _=effektive=_ Bedeutung des Todes.
+
+Darin besteht auch die Schwäche der modernen Dogmatik gegenüber der
+alten. Paulus, Anselm und Luther wissen um einen absolut neuen Zustand,
+der zeitlich und kausal aus Jesu Tod resultiert. Die moderne Dogmatik
+redet darum herum; aber sie weiss nichts anzugeben, sondern hüllt sich
+in die Wolke ihrer eigenen Voraussetzungen. Unhistorisch sind sie zwar
+beide. Religiös berechtigt ist allein die moderne. Die alte Dogmatik ist
+aber hier historischer, denn sie postuliert doch eine effektive Wirkung
+des Todes Jesu, wie es die synoptischen Stellen verlangen.
+
+Worin besteht aber dort die schlechthin neue Grösse, welche an den Tod
+gebunden ist? Die synoptischen Sprüche geben darauf nur _=eine=_ Antwort:
+_=die eschatologische Realisierung des Reiches=_! Von der Sühne, die Jesus
+leistet, hängt das Kommen des Reiches Gottes in Macht ab. Das ist der
+Grundzug des Leidensgeheimnisses.
+
+Wie ist dies zu verstehen? Nur die Geschichte Jesu kann darüber
+Aufschluss geben. _=An die Stelle des modern-historischen tritt nun der
+eschatologisch-historische Lösungsversuch.=_
+
+
+
+
+Zweites Kapitel.
+
+Die Entwicklung Jesu.
+
+
+1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische Grösse.
+
+Das Zusammensein einer ethischen und einer eschatologischen
+Gedankenreihe bei Jesus bildete von jeher eines der schwersten Probleme
+der neutestamentlichen Wissenschaft. Wie können sich in _=einem=_ Denken
+zwei so verschiedene, in manchem diametral entgegengesetzte
+Weltanschauungen vereinigen?
+
+Man hat das Problem zu umgehen gesucht, in dem richtigen Gefühl, dass
+beide unvereinbar sind. Kritische Geister wie T. COLANI (Jésus-Christ et
+les croyances messianiques de son temps 1864, S. 94 ff., 169 ff.) und G.
+VOLKMAR (Die Evangelien 1870, S. 530 ff.) kamen dazu, die Eschatologie
+überhaupt aus Jesu Vorstellungskreis zu _=eliminieren=_. Danach wären alle
+derartigen Aussprüche auf Kosten der eschatologischen Erwartung der
+späteren Zeit zu setzen. Dieses Verfahren scheitert an der
+Hartnäckigkeit der Texte; gerade die eschatologischen Worte gehören zu
+den bestbezeugten Partien. Ihre Ausscheidung bedeutet einen Gewaltakt.
+
+Nicht besser steht es mit dem Versuch der Umgehung des Problems durch
+_=Sublimierung=_ der Eschatologie, als hätte Jesus die realistischen
+Vorstellungen seiner Zeit ins Geistige übersetzt, indem er sie im Bilde
+anwandte. Auf diesem Gedanken beruht die Studie von ERICH HAUPT (Die
+eschatologischen Aussagen Jesu in den synoptischen Evangelien. 1895).
+Nichts berechtigt uns aber anzunehmen, Jesus habe seine Worte in einem
+uneigentlichen Sinn gemeint, während seine Zuhörer sie aus der
+zeitgenössischen Vorstellung heraus realistisch auffassen mussten. Für
+ein solches Unternehmen fehlt nicht nur jede prinzipielle Erklärung,
+sondern auch die leiseste Andeutung seinerseits.
+
+So bleibt also das Problem, wie das Nebeneinander zweier
+Weltanschauungen zu erklären sei, in voller Schärfe bestehen. Die
+einzige Lösung scheint in der Annahme einer zeitlichen Entwicklung zu
+liegen. Jesu Weltanschauung sei anfangs rein ethisch gewesen. Er habe
+die Realisierung des Reiches Gottes von der Ausdehnung und Vollendung
+der sittlich-religiösen Gemeinschaft erwartet, die er zu gründen
+unternahm. Als aber der Widerstand der Weltmacht die organische
+Vollendung des Reiches in Frage stellte, habe sich die eschatologische
+Vorstellung ihm aufgedrängt. Durch die Ereignisse sei er dazu gekommen,
+die Vollendung des religiös-ethischen Ideals, welche er bisher an den
+Endpunkt einer durch sittliches Wirken fortschreitenden Entwicklung
+verlegte, nunmehr von einer kosmischen Katastrophe zu erwarten, in
+welcher die Allmacht Gottes das zum Abschluss bringen sollte, was er
+unternommen hatte.
+
+Es soll also ein Umschwung in Jesu Gedanken stattgefunden haben. Aber
+die zeitliche Auseinanderziehung des Gegensatzes verschleiert das
+Problem nur, ohne es zu lösen. Die Aufnahme des eschatologischen
+Gedankens, wenn sie in dieser Weise vorstellig gemacht werden soll,
+bedeutet nichts anderes, als den totalen Bruch mit der Vergangenheit,
+wobei jede Entwicklung aufhört. Denn, wenn man mit dem eschatologischen
+Gedanken Ernst macht, hebt er die ethischen Gedankenreihen auf. Er
+verträgt keine nebensächliche Stellung. Zu dieser Kraftlosigkeit kam er
+erst in der christlichen Dogmatik, durch die geschichtliche Erfahrung.
+Jesus aber hat entweder eschatologisch oder uneschatologisch gedacht,
+aber nicht beides zugleich oder so, dass das Eschatologische ergänzend
+zum Uneschatologischen hinzutrat.
+
+Nun ist nachgewiesen, dass in dem Leidensgedanken nur der
+eschatologische Begriff vom Reich Gottes zur Geltung kommt. Ebenso ist
+die Annahme einer Periode der Misserfolge nach der Aussendung historisch
+nicht berechtigt. Diese bildet aber die unumgängliche Voraussetzung
+jeder in Jesu anzunehmenden Entwicklung. Also kann der eschatologische
+Gedanke sich Jesu nicht durch äussere Erlebnisse aufgezwungen haben,
+_=sondern er muss von Anfang an=_, auch in der ersten galiläischen Periode
+_=seiner Predigt zu Grunde gelegen haben=_!
+
+
+2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede.
+
+»Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen« (Mt 10 _-7-_) -- dieses
+Wort, das Jesus den Jüngern zu verkündigen aufträgt, fasst seine ganze
+bisherige Predigt zusammen. Sie sollen sie nun hinaustragen in die
+Städte Israels. In welchem Sinn diese Ankündigung gemeint ist, darüber
+gibt die Aussendungsrede keinen Aufschluss.
+
+Ist die gewöhnliche Auffassung von der Bedeutung jener Entsendung der
+Jünger richtig, so bieten die Worte, mit denen er sie entlässt, ein
+merkwürdiges Rätsel dar. In hoffnungsvoller Schaffensfreude geht er
+daran, den Kreis seiner auf die Gründung des Gottesreiches gerichteten
+Thätigkeit weiter zu ziehen. Die Aussendungsrede sollte also Belehrungen
+für die missionierende Thätigkeit der Jünger in diesem Sinn enthalten.
+Man müsste nun erwarten, dass er sie anleitet, wie sie über das neue
+Verhältnis zu Gott und über die neue Sittlichkeit des Gottesreiches
+predigen sollen.
+
+Die Aussendungsrede ist aber alles andere eher als eine Zusammenfassung
+der »Lehre Jesu«. An eine tiefer eindringende Unterweisung ist gar nicht
+gedacht, sondern es handelt sich um eine fliegende Verkündigung durch
+Israel mit dem einzigen Lehrauftrag, den Ruf von der Nähe des
+Gottesreiches überall ertönen zu lassen -- damit alle gewarnt sind und
+Busse thun können. Zeit ist aber dabei nicht zu verlieren; darum sollen
+sie sich in einer Stadt, wo sie keine Empfänglichkeit finden, nicht
+aufhalten, sondern weiter eilen, damit sie mit den Städten Israels
+fertig werden, ehe die Erscheinung des Menschensohns stattfindet.
+»Kommen des Menschensohnes« bedeutet aber: _=Einbrechen des Reiches Gottes
+mit Macht=_.
+
+Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, fliehet zur andern; wahrlich
+ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein,
+bis dass der Menschensohn kommen wird (Mt 10 _-23-_). Versteht man die
+Aussendungsrede so, als habe Jesus durch die Jünger sagen lassen, dass
+nun die Zeit da sei, in einem neuen sittlichen Verhalten das Reich zu
+verwirklichen, so bleibt jenes eschatologische Wort ein erratischer
+Block inmitten blühender Wiesen. Fasst man aber die Botschaft der
+Reichsnähe eschatologisch auf, dann fügt sich das Wort einem grossen
+Zusammenhang ein. Es ist ein Fels in einer wilden Gebirgslandschaft. Von
+diesem Wort kann man nicht sagen, es sei aus einer späteren Zeit
+eingearbeitet, sondern mit zwingender Gewalt bannt es eschatologische
+Aussagen in die Tage der Aussendung.
+
+Die einzige erforderliche Lehrunterweisung ist der Bussruf. Busse thut,
+wer an die Nähe des Reiches glaubt. Darum gibt Jesus ihnen Gewalt über
+die unreinen Geister, dass sie dieselben austreiben und die Kranken
+heilen (Mt 10 _-1-_); aus diesem Zeichen sollen alle ersehen, dass
+es mit der widergöttlichen Macht zu Ende geht und das Morgenrot des
+Gottesreiches anbricht. Das gehört mit zu ihrem Lehrauftrag, denn wer
+ihren Zeichen nicht glaubt und daraufhin keine Busse auf das Reich
+Gottes hin thut, der ist verdammt. So sind Chorazin, Bethsaïda und
+Kapernaum dem Gerichte verfallen. Der Glaube und die Busse wurden
+ihnen leicht gemacht durch die Zeichen und Wunder, mit welchen sie vor
+andern begnadet waren -- und sie waren doch nicht in sich gegangen, was
+doch Heidenstädte wie Tyrus und Sidon gethan hätten (Mt 11 _-20-24-_).
+Dieses an das Volk gerichtete Wort zeigt, welche Bedeutung Jesus den
+Zeichen mit Hinsicht auf die eschatologische Botschaft beimass.
+
+Die Jünger sollten also predigen _=vom Reich, von der Busse und
+dem Gericht=_. Weil aber das Ereignis, das sie verkündeten, so nahe
+war, dass es jeden Augenblick hereinbrechen konnte, mussten sie auf
+das, was ihm vorausging, vorbereitet sein: nämlich auf _=das letzte
+Aufbäumen der Weltmacht=_. Wie sie sich dabei zu verhalten haben, um
+nicht irre zu werden, darauf geht die Unterweisung, mit der er sie
+entlässt! In dem allgemeinen Aufruhr der Geister werden sich alle Bande
+lösen. Bis in die Familie wird der Zwiespalt hineingetragen werden
+(Mt 10 _-34-36-_). Wer sich zur Sache des Gottesreiches halten will,
+der muss bereit sein, die, welche ihm am liebsten waren, aus seinem
+Herzen herauszureissen und Kreuz und Schmach auf sich zu nehmen (Mt 10
+_-37-_ u. _-38-_). Die weltliche Gewalt wird schwere Verfolgung über
+sie bringen (Mt 10 _-17-31-_). Man wird sie zur Verantwortung ziehen
+und sie quälen, um sie zur Verleugnung zu bewegen. Der Bruder wird den
+Bruder, der Vater das Kind dem Tod überantworten, und die Kinder werden
+wider die Eltern aufstehen und den Tod über sie bringen. Nur wer in
+diesem allgemeinen Aufruhr standhaft beharrt und sich zu Jesu bekennt,
+der wird am Gerichtstage gerettet werden, wenn der Herr bei Gott für
+ihn eintritt (Mt 10 _-32-_ u. _-33-_).
+
+In der Aussendungsrede hat Jesus die Jünger über die Wehen des
+anbrechenden Reiches belehrt. Manches in den ausmalenden Partien
+mag vielleicht die Färbung einer späteren Zeit aufweisen. Dadurch
+wird aber der Gesamtcharakter der Rede nicht beeinträchtigt. Es
+handelt sich nicht um ein Verhalten in ihrer Thätigkeit _=nach seinem
+Tode=_; über eine solche Anweisung fehlt uns jegliches historische
+Wort. Dem Anbruch des Reiches gehen die Wehen voraus. Also muss die
+sieghafte Verkündigung der Reichsnähe sich auf die Wehen einrichten.
+Darum dieses, in der bisherigen Erklärung unfassbare Nebeneinander
+von Optimismus und Pessimismus. Es gehört zur Signatur jeder
+eschatologischen Weltanschauung.
+
+
+3. Die neue Auffassung.
+
+Der Leidensgedanke ist _=nur=_ von dem eschatologischen Reichsbegriff
+beherrscht. In der Aussendungsrede handelt es sich _=nur=_ um die
+eschatologische, nicht um die ethische Reichsnähe. Daraus folgt einmal,
+dass Jesu Thätigkeit _=nur=_ mit der eschatologischen Realisierung
+des Reiches rechnet. Dann kann aber das Verhältnis seiner ethischen
+Gedanken zur eschatologischen Weltanschauung keine Umbildung durch
+äussere Ereignisse erfahren haben, sondern es muss von Anfang an
+dasselbe gewesen sein.
+
+In welchem Zusammenhang standen aber seine Ethik und seine
+Eschatologie? Solange man von der Ethik ausgeht und die Eschatologie
+als etwas Hinzutretendes zu begreifen sucht, gibt es keinen organischen
+Zusammenhang zwischen beiden, weil die Ethik Jesu, wie wir sie
+aufzufassen pflegen, gar nicht auf die Eschatologie eingerichtet
+ist, sondern viel höher steht. Man muss daher den umgekehrten Weg
+einschlagen und versuchen, _=ob nicht seine ethische Verkündigung ihrem
+Wesen nach durch die eschatologische Weltanschauung bedingt ist=_.
+
+
+
+
+Drittes Kapitel.
+
+Die Predigt vom Reich Gottes.
+
+
+1. Die neue Sittlichkeit als Busse.
+
+Wenn der Gedanke der eschatologischen Realisierung des Reichs die
+Grundvorstellung der Predigt Jesu ist, so fällt seine ganze Ethik unter
+den Begriff der auf das Kommen des Reichs vorbereitenden _=Busse=_. Uns
+scheint dieser Begriff zu eng, um auf den ganzen Umfang seiner
+sittlich-religiösen Verkündigung angewandt werden zu können. In unserer
+Sprache hat nämlich dieses Wort eine mehr negative Bedeutung, sofern es
+hauptsächlich die Beziehung auf eine vorhergehende Schuld hervorhebt.
+Die Vorstellung aber, welche bei den Synoptikern durch Busse ([Greek:
+metanoia]) wiedergegeben wird, ist viel reicher. Sie ist nicht nur eine
+sittliche Wiederherstellung im Rückblick auf einen zurückliegenden
+sündigen Zustand, sondern -- und dieser Charakter prävaliert -- _=auch
+eine sittliche Erneuerung im Hinblick auf eine bevorstehende allgemeine
+sittliche Vollendung=_.
+
+So schliesst »die Busse in Erwartung des Reichs« alle positiven
+ethischen Forderungen in sich. In dieser Bedeutung ist sie der
+lebendige Nachhall der altprophetischen Busse. Denn bei Amos, Hosea,
+Jesaia und Jeremia bedeutet Busse die sittliche Erneuerung im Hinblick
+auf den Tag des Herrn. So sagt Jesaia: »Waschet euch, reinigt euch;
+entfernt die Bosheit eurer Thaten aus meinen Augen. Fraget nach Recht,
+steuert dem Gewaltthätigen; richtet die Waise, schaffet Recht der
+Witwe« (Jes 1 _-16-_ u. _-17-_). Gerade diesen alttestamentlichen
+Begriff der Busse, welcher den Nachdruck auf das neue sittliche Leben
+legt, muss man gegenwärtig haben, um die synoptische Busse richtig zu
+erfassen. Beide sind nach vorwärts orientiert, beide sind durch den
+Gedanken eines Zustandes der Vollendung beherrscht, den Gott durch sein
+Gericht heraufführen wird. Für die altprophetische ist es der Tag des
+Herrn, für die synoptische der Anbruch des Reiches.
+
+Die Ethik der Bergpredigt ist also Busse. Die neue Sittlichkeit, welche
+hinter dem Buchstaben den Geist des Gesetzes entdeckt, macht geschickt
+zum Reiche Gottes. Nur die Gerechten kommen ins Gottesreich: das stand
+für alle fest. Wer also die Nähe des Reiches predigte, musste auch die
+Gerechtigkeit auf das Reich hin lehren. Darum verkündet Jesus die neue
+Gerechtigkeit, die höher ist als das Gesetz und die Propheten, denn
+diese gehen nur bis auf den Täufer. Seit den Tagen des Täufers steht man
+aber in der unmittelbar vormessianischen Zeit.
+
+Am Tage des Gerichts gilt es, diese sittliche Umwandlung vorzuweisen;
+nur wer den Willen des himmlischen Vaters gethan hat, der wird in das
+Gottesreich eingehen (Mt 7 _-21-_). Keine Berufung auf Anhängerschaft
+Jesu, nicht einmal auf Zeichen, die in seinem Namen verrichtet wurden,
+kann diese neue Gerechtigkeit ersetzen (Mt 7 _-22-_ u. _-23-_).
+Darum schliesst die Bergpredigt mit der Ermahnung, in Erwartung der
+gewaltigen Ereignisse einen festen Bau aufzuführen, der in Sturm und
+Wetter standhält (Mt 7 _-24-27-_).
+
+Unter denselben Gesichtspunkt fallen die Seligpreisungen (Mt 5
+_-3-12-_). Sie bestimmen die zum Eintritt in das Himmelreich
+berechtigende sittliche Verfassung. So erklärt sich das Präsens und
+das Futurum in demselben Satz. Selig sind sie, die Sanftmütigen, die
+nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, die Barmherzigen, die
+reinen Herzens sind, die Friedfertigen, die geistig Armen, die in der
+Verfolgung um der Gerechtigkeit willen beharren, weil sie in diesem
+Verhalten die Gewähr haben, beim Erscheinen des Reiches Gottes als dazu
+gehörig erfunden zu werden.
+
+Eine Reihe von Gleichnissen enthält denselben Gedanken. So wird in den
+Gleichnissen vom Schatz im Acker und von der köstlichen Perle (Mt 13
+_-44-46-_) geschildert, wie der Mensch alles daran setzen muss, wenn
+ihm das Reich Gottes in Aussicht gestellt wird, wie er alle andern
+Güter dahingeben muss, um dieses in Aussicht stehende höchste Gut zu
+erwerben.
+
+Wir finden also in der Ethik der galiläischen Periode schon das
+»jetzt und dann«, welches der Wertung des Dienens (Mk 10 _-45-_) zu
+Grunde liegt. _=Als Busse auf das Reich Gottes hin ist auch die Ethik
+der Bergpredigt Interimsethik.=_ Die sittliche Unterweisung Jesu
+ist sich also darin vom ersten Tag seines Auftretens bis zu seinen
+letzten Aussprüchen gleichgeblieben, denn die Erniedrigung und das
+Dienen, welche er den Seinen auf dem Weg nach Jerusalem anempfiehlt,
+entsprechen genau dem neuen sittlichen Verhalten, das er in der
+Bergpredigt entwickelt: sie machen geschickt zum Reich Gottes. Nur
+bilden sie noch eine Steigerung zur neuen Gerechtigkeit, indem sie
+geschickt machen zum _=Herrschen=_ daselbst.
+
+Dem Leitmotiv der Bergpredigt begegnen wir noch einmal in dem Epilog
+zur grossen Gleichnisrede der jerusalemitischen Tage. Nur die Bewährung
+der neuen Sittlichkeit in allen Verhältnissen des Lebens gewährleistet
+den Eintritt in das Reich. Darum kann Jesus zu dem Pharisäer, der dem
+Grundgesetz dieser neuen Sittlichkeit zustimmt, wie es in dem grossen
+Liebesgebot ausgedrückt ist, sagen: Du bist nicht fern vom Reich Gottes
+(Mk 12 _-34-_). Das will nicht heissen, dass der Pharisäer durch seine
+Gesinnung beinahe schon die Höhe der »Sittlichkeit des Gottesreiches«
+erklommen hat. Wenn nämlich das Doppelgebot der Liebe die Sittlichkeit
+des _=Gottesreiches=_ ausmachte, müsste er ihm, da er diesem Gebote
+vollständig zustimmt, sagen: Du gehörst dem Gottesreiche an. So aber
+ist das »nicht fern« rein zeitlich zu verstehen, nicht von einer
+kleinen Vervollkommnung, die ihm noch fehlt. Er ist nicht fern von dem
+Reich Gottes, weil er die sittliche Qualität besitzt, durch welche
+er als ein Genosse desselben erfunden werden wird, wenn es in Kürze
+erscheint. Das »nicht fern« enthält also dasselbe Gemisch von Präsens
+und Futurum wie die Seligpreisungen.
+
+Von unseren ethischen Vorstellungen ausgehend, sind wir geneigt, den
+Begriff des Lohnes auf dieses Verhältnis zwischen der Zugehörigkeit
+zum Reich und der neuen Sittlichkeit anzuwenden. Damit wird jedoch
+der Gedanke Jesu nicht vollständig wiedergegeben, da es sich für ihn
+vor allem um die _=Unmittelbarkeit=_ des Uebergangs aus dem Zustande
+der sittlichen Erneuerung in den der übersittlichen Vollendung des
+Gottesreiches handelt. Wer beim Anbrechen des Gottesreichs im Besitz
+der sittlichen Erneuerung ist, der wird als ein Glied desselben
+erfunden werden. Dies ist der adäquate Ausdruck für das Verhältnis der
+Sittlichkeit zum kommenden Gottesreich.
+
+
+2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik.
+
+Durch die Tiefe der religiösen Ethik Jesu kommen wir dazu, in ihr unser
+modern-ethisches Bewusstsein wiederfinden zu wollen. Ihrer ewigen
+inneren Wahrheit nach ist sie allerdings losgelöst von jeder
+geschichtlichen Bedingtheit, weil sie die höchsten ethischen Gedanken
+aller Zeiten schon in sich enthält. Dennoch besteht ein grosser
+Unterschied zwischen Jesu Empfinden und dem unseren. Die moderne Ethik
+ist »unbedingt«, weil sie den neuen sittlichen Zustand aus sich selbst
+heraus schafft, wobei vorausgesetzt wird, dass sich dieser Zustand zur
+Endvollendung entwickeln wird. Die Ethik ist hier Selbstzweck, sofern
+die sittliche Vollendung der Menschheit sich mit der Vollendung des
+Reiches Gottes deckt. Das ist KANT's Gedanke. In dieser
+Verselbständigung der Ethik, welcher doch eine gewisse Resignation
+hinsichtlich der Erreichung des vollendeten Endzustandes anhaftet, zeigt
+sich, dass die christlich-moderne Ethik von
+hellenistisch-rationalistischen Gedanken durchsetzt ist und unter dem
+Einfluss einer zweitausendjährigen Entwicklung steht.
+
+Die Ethik Jesu hingegen ist »bedingt« in dem Sinn, dass sie in
+unlösbarem Zusammenhang mit der Erwartung eines übernatürlich
+eintretenden Zustandes der Vollendung steht. Darin zeigt sich ihre
+jüdische Provenienz und der unmittelbare Zusammenhang mit der
+prophetischen Ethik, wo das sittliche Verhalten des Volks durch seine
+Zukunftserwartungen bedingt war. Wenn daher irgend eine Parallele zur
+Erklärung der Ethik Jesu herbeigezogen werden darf, so ist es nur die
+prophetische, niemals die moderne. Denn sowie die letztere
+mithereinspielt, wird die Betrachtungsweise unhistorisch, sofern man die
+Ethik Jesu verselbständigt, während sie durchaus nach der erwarteten
+übernatürlichen Vollendung orientiert ist.
+
+Dadurch schafft man das unlösbare Problem, dass eine ihrer Ethik nach
+durchaus moderne Persönlichkeit nebenher eschatologische Aussprüche
+thut. Hat man aber einmal die Bedingtheit seiner Ethik eingesehen und
+macht man Ernst mit ihrem Zusammenhang mit der prophetischen Ethik, so
+ist mit einem Schlage klar, dass alle Vorstellungen von einem aus
+kleinen Anfängen emporwachsenden Reich, von einer Ethik des
+Gottesreiches und von einer Entwicklung desselben durch unser modernes
+Bewusstsein an Jesu Gedanken herangetragen werden, weil wir uns nicht
+ohne weiteres mit der Bedingtheit seiner Ethik vertraut machen können.
+
+Wir muten ihm zu, sich das Reich Gottes vorzustellen, wie es in seiner
+historischen Verwirklichung sich gleichsam durch eine Verengerung
+hindurchzwängt, um nachher die Vollgestalt, auf die es angelegt ist, zu
+erreichen. Das ist moderne Vorstellung. Für Jesus und die Propheten war
+sie aber unvollziehbar. In der Unmittelbarkeit ihrer ethischen
+Anschauung gibt es keine Sittlichkeit des Gottesreichs und keine
+Entwicklung desselben -- es liegt jenseits der ethischen Grenze von Gut
+und Böse; es wird herbeigeführt durch eine kosmische Katastrophe, durch
+welche das Böse total überwunden wird. Damit werden die sittlichen
+Massstäbe aufgehoben. _=Das Reich Gottes ist eine übersittliche Grösse.=_
+
+Zu dieser Höhe des überethischen Idealismus kann sich das moderne
+Bewusstsein nicht mehr aufschwingen. Wir sind eben durch die Geschichte
+alt geworden. Für das historische Verständnis der Ethik Jesu ist sie
+aber die unerlässliche Voraussetzung.
+
+Dazu kommt noch, dass wir beim Reich Gottes nach vorwärts denken, an die
+kommenden Generationen, welche es in steigendem Masse verwirklichen
+werden. Jesu Blick geht rückwärts. Für ihn setzt sich das Reich zusammen
+aus den Generationen, welche schon ins Grab gesunken sind und die nun zu
+einem Vollendungszustand erweckt werden. Wie soll es für ihn eine Ethik
+der geschlechtlichen Beziehungen im Gottesreiche geben, wenn er den
+Sadducäern erklärt, dass es im Gottesreiche nach der grossen
+Auferstehung geschlechtliche Beziehungen überhaupt nicht mehr geben
+wird, sondern »dass sie sein werden, wie die Engel des Himmels« (Mk 12
+_-25-_)?
+
+Jede ethische Norm Jesu, möge sie auch noch so vollendet sein, führt
+also nur bis an die Grenze des Reiches Gottes, während jeglicher Pfad
+verschwindet, sobald man sich auf dem neuen Boden bewegt. Dort braucht
+man keinen.
+
+Man hat ein Vorurteil gegen diese Bedingtheit. Sofern man meint, der
+Wert der Ethik Jesu würde dadurch herabgesetzt, ist es unberechtigt.
+Gerade das Gegenteil ist der Fall; denn diese Bedingtheit fliesst aus
+einem absolut ethischen Idealismus, welcher für den erwarteten
+Vollkommenheitszustand Daseinsbedingungen postuliert, die selbst ethisch
+sind. In unserer verselbständigten Ethik aber setzen wir den Kampf
+zwischen Gut und Bös, als dauernd zum Wesen des Ethischen gehörend, für
+immer voraus. Ethik und Theologie stehen für uns nicht in diesem
+lebendigen Verhältnis, wie bei Jesus. Die Lebhaftigkeit der Farben des
+absolut ethischen Idealismus ist in der Geschichte verblasst. So ist die
+Verselbständigung der Ethik Jesu also nicht nur ungeschichtlich, sondern
+sie bedeutet auch eine Verkümmerung seines ethischen Idealismus.
+
+In _=einem=_ Punkte hat aber unser ethisches Empfinden mit seinem
+Vorurteil recht. Bezieht sich die Ethik bloss auf die Erwartung
+der übernatürlichen Vollendung, dann ist ihr thatsächlicher Wert
+herabgesetzt, da sie nur Individualethik ist und nur das Verhältnis
+des Einzelnen zum Gottesreich berücksichtigt. Dass aber die sittliche
+Gemeinschaft, welche durch Jesu Predigt hervorgerufen wird, als
+solche irgendwie das wirksame Anfangsglied in der Realisierung
+des Gottesreiches sei, dieser Gedanke liegt nicht nur in unserem
+ethischen Empfinden, sondern er belebt auch die Predigt Jesu, denn er
+arbeitet den sozialen Charakter seiner Ethik scharf heraus. Gerade
+deswegen sträubt man sich, den eschatologischen Begriff des Reiches
+Gottes seiner Verkündigung von Anfang an zu Grunde zu legen, weil
+man sich dann nicht erklären kann, wie er den Zustand der neuen
+sittlichen Gemeinschaft, die er um sich schafft, mit dem übernatürlich
+eintretenden Reich organisch verbunden denkt.
+
+Daher gerät man hier unwillkürlich auf das moderne Geleise. Der
+Begriff der Entwicklung leistet das Geforderte, indem er erlaubt, die
+neue sittliche Gemeinschaft als Anfangszustand zu jenem Endzustand
+aufzufassen, welchem sie sich durch eine stetige Ausdehnung und
+Vertiefung nähert. Der sich erweiternde Kreis ist aber eine moderne
+geschichtliche Betrachtungsweise. Sie ist Jesu vollständig fremd.
+Wenn er aber auch unsere Erklärung nicht vorausgesetzt haben kann,
+das Faktum, dass diese neue Gemeinschaft mit dem Endzustand in einem
+organischen Zusammenhang stehe, war ihm ebenso sicher wie uns. Weil er
+aber diesen Endzustand als rein übernatürlich eintretend erwartete,
+war der Zusammenhang nicht durch menschliche Ueberlegung zu begreifen,
+_=sondern es war ein göttliches Geheimnis=_, das er nur in Analogien zu
+den Vorgängen in der Natur aussprach.
+
+
+
+
+Viertes Kapitel.
+
+Das Geheimnis des Reiches Gottes.
+
+
+1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes.
+
+Es handelt sich um das »Geheimnis des Gottesreiches« (Mk 4 _-11-_),
+welches in den Gleichnissen vom Säemann, von der selbstwachsenden Saat,
+vom Senfkorn und vom Sauerteig dargestellt wird. Wir finden darin
+gewöhnlich die Veranschaulichung einer stetigen Entfaltung, durch
+welche ein kleiner Anfangszustand mit einem herrlichen Endzustand
+zusammenhängt. Die gesäten Körner enthalten die Ernte schon, indem
+jedes auf die Pflanze samt der Frucht angelegt ist. Sie entwickeln sich
+daraus stetig und notwendig. So ist es auch mit der Entwicklung des
+Reiches Gottes aus kleinen, unscheinbaren Anfängen.
+
+Diese ansprechende Deutung der Gleichnisse benimmt ihnen aber den
+Charakter des _=Geheimnisses=_, denn die Veranschaulichung einer
+stetigen Entfaltung durch die Vorgänge in der Natur ist kein Geheimnis
+mehr. Darum misskennen wir das Geheimnis in diesen Gleichnissen. Wir
+deuten sie aus unserer naturwissenschaftlichen Reflexion, welche zwei
+noch so verschiedene Zustände in allen Fällen durch den Begriff der
+Entwicklung verbindet.
+
+Der Unmittelbarkeit, mit welcher der antike ungeschulte Geist die
+Natur beobachtete, bot sie aber noch Geheimnisse, indem sie ihm zwei
+ganz verschiedene Zustände in einer Aufeinanderfolge vorführte, deren
+Zusammenhang ebenso gewiss als unerklärlich war. Diese Unmittelbarkeit
+spricht aus Jesu Gleichnissen. Der Begriff der Entwicklung in der
+Natur, auf welchen es die moderne Erklärung abgesehen hat, wird gar
+nicht hervorgehoben, sondern die Exposition geht darauf aus, die
+beiden Zustände so unmittelbar nebeneinander zu stellen, dass man zur
+Frage gedrängt wird: Wie kann der Endzustand aus dem Anfangszustand
+hervorgehen?
+
+1. Ein Mensch säte aus. Von der Aussaat ging ein grosser Teil durch
+die verschiedensten Umstände verloren -- und doch war der Ertrag der
+Körner, welche auf gutes Land fielen, so gross, dass es das Ausgesäte
+dreissig-, sechzig-, ja hundertfältig wiederbrachte.
+
+Die Ausdeutung der einzelnen Punkte bei der Schilderung dieses
+Verlustes auf bestimmte Menschenklassen, wie sie Mk 4 _-13-20-_
+vorliegt, ist aus einer späteren Anschauung hervorgegangen, für die das
+Gleichnis eben kein Geheimnis mehr enthielt. Ursprünglich waren aber
+die einzelnen Schilderungen nicht selbständig, sondern die Saat, die
+auf dem Weg, auf dem steinigten Boden und unter den Dornen verloren
+geht, samt der, welche die Vögel des Himmels aufpicken, bildet einen
+einheitlichen Gegensatz zu der, welche auf gutes Land fiel. Für das
+Gleichnis kommt die Art, wie sie zu Grunde ging, nicht in Betracht.
+Jesu Rede hängt, trotz der wundervoll ausgeführten Schilderung, in
+einem Gedanken: So klein war unter Anrechnung alles dessen, was
+verloren ging, die Aussaat und dennoch die grosse Ernte! -- Darin liegt
+das Geheimnis.
+
+2. Ein Mensch streute Samen auf das Land. Er schlief, ging seinen
+Geschäften nach und kümmerte sich nicht weiter um die Saat. Ehe er
+sich's indes versah, stand die Ernte auf dem Feld und er konnte seine
+Knechte ausschicken, sie einzuholen. Wie ging es zu, dass, nachdem die
+Samenkörner in die Erde gesenkt waren, der Boden _=von selbst=_ Gras,
+Halm und volle Aehre hervorbrachte? -- Darin liegt das Geheimnis.
+
+3. Es wurde ein Senfkorn gesät; daraus sprosste eine grosse Staude
+hervor, mit Zweigen, dass die Vögel des Himmels darunter wohnen
+konnten. Wie ging das zu, da doch das Senfkorn so klein ist? -- Das ist
+das Geheimnis.
+
+4. Ein Weib that ein bischen Sauerteig zu einem grossen Teig. Nachher
+war der ganze Teig »Sauerteig«. Wie kann durch ein wenig Sauerteig ein
+grosser Teig durchsäuert werden? -- Das ist das Geheimnis.
+
+Diese Gleichnisse sind gar nicht darauf angelegt, gedeutet und
+verstanden zu werden, sondern sie sollen die Hörer darauf aufmerksam
+machen, dass in den Sachen des Reiches Gottes ein Geheimnis sich
+vorbereitet, wie sie es in der Natur erleben. _=Es sind Signale.=_
+Wie auf die Saat die Ernte folgt, ohne dass jemand sagen kann, wie
+es zuging, so wird auf Jesu Predigt hin das Reich Gottes in Macht
+sich einstellen. So klein, verglichen mit dem Zustand des Reiches
+Gottes, der Kreis auch ist, welchen er um sich sammelt, so ist
+nichtsdestoweniger gewiss, dass es sich in der Folge dieser so
+beschränkten sittlichen Erneuerung einstellen wird, so gewiss zu
+erwarten ist, dass die Saat, welche zur Zeit, da er spricht, im Boden
+schlummert, eine herrliche Ernte bringen wird. Wartet nicht nur auf
+die Ernte, sondern wartet auch auf das Reich Gottes! -- so redete
+der geistige Säemann zu den Galiläern zur Zeit der Aussaat. Sie
+sollten, wenn sie es ahnen konnten, darauf aufmerksam werden, dass die
+sittliche Erneuerung im Gefolge seiner Predigt in einem notwendigen,
+aber unerklärlichen Zusammenhang mit dem Anbrechen des Reiches Gottes
+stände. Denn derselbe Gott, der durch die geheimnisvolle Kraft in der
+Natur die Ernte erstehen lassen wird, der wird auch das Reich Gottes
+erstehen lassen.
+
+Darum, als es die Zeit der Ernte war, schickte er seine Jünger aus, zu
+verkünden: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.
+
+
+2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk nach der
+Aussendung.
+
+Jesus war allein. Die Jünger trugen die Kunde von der Nähe des Reiches
+in die Städte Israels. Während das Volk sich um ihn drängte, kamen
+die Gesandten des Täufers mit ihrer Frage. Er entliess sie mit dem
+Bescheid: das Reich stehe vor der Thür; man brauche nur die Sprache
+der Zeichen und Wunder zu verstehen. Zum Volk sich wendend, redete er
+von der Bedeutung des Täufers und seiner Würde. Dabei entfiel ihm ein
+Geheimniswort (Mt 11 _-14-_: »wenn ihr es zu fassen vermögt«, Mt 11
+_-15-_: »wer Ohren hat zu hören, der höre«). Johannes ist der Elias, d.
+h. die Persönlichkeit, welche das unmittelbare Einbrechen des Reichs
+anzeigt. »Von den Tagen Johannes des Täufers bis auf diesen Augenblick
+wird dem Reich Gottes Gewalt angethan und die Gewaltthätigen reissen
+es an sich. Denn die Propheten und das Gesetz haben bis Johannes
+geprophezeit, und wenn ihr es fassen mögt, so ist er der Elias, der
+kommen soll. Wer Ohren hat zu hören, der höre« (Mt 11 _-12-14-_).
+
+Dieses Wort widerstrebt aller Exegese, denn es enthält gar nicht den
+Gedanken, dass die Einzelnen sich mit Gewalt den Eingang ins Reich
+erzwingen. Was sollte das auch heissen? Inwiefern geschieht das von den
+Tagen des Täufers an? Das von Jesus gebrauchte Bild ist unbegreiflich,
+wenn es sich um das Eintreten Einzelner in das Gottesreich handelt.
+Ebenso unverständlich bleibt es aber, wenn es sich auf die Realisierung
+des Gottesreiches durch Entwicklung beziehen soll. Erstens widerspricht
+das Bild vom Gewaltakt dem Gedanken der Entwicklung; zweitens datiert
+der Anfang dieser Nötigung dann nicht vom Täufer, sondern von Jesus.
+
+Es handelt sich um das Geheimnis des Reiches Gottes, darum der
+Hinweis: wer Ohren hat zu hören, der höre. Er kommt nur noch bei
+den Gleichnissen vom Geheimnis des Reiches Gottes und als Beschluss
+apokalyptischer Sprüche vor (vgl. den Gebrauch des Ausdrucks in der
+Apokalypse: 2 _-7 11 17 29-_, 3 _-6 13 22-_). Die Busse und sittliche
+Erneuerung auf das Reich Gottes hin sind gleichsam ein Druck, der
+ausgeübt wird, _=um es zu zwingen, in die Erscheinung zu treten=_.
+Diese Bewegung hat eingesetzt mit den Tagen des Täufers. Darum wird von
+da an dem Reich Gottes Gewalt angethan. Die Gewaltthätigen, die es an
+sich reissen, sind diejenigen, welche die sittliche Erneuerung leisten.
+Sie ziehen es mit Macht auf die Erde herunter.
+
+Das Wort in der Rede über den Täufer und die Gleichnisse des Reiches
+Gottes erklären und ergänzen sich gegenseitig. Die Gleichnisse heben
+vor allem _=das Unangemessene=_ in dem Verhältnis der geleisteten
+sittlichen Erneuerung zur eintretenden Vollkommenheit des Reiches
+Gottes hervor, während das Bild in dem Ausspruch nach der Aussendung
+mehr _=den zwingenden Zusammenhang=_ zwischen beiden herausarbeitet.
+
+
+3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen und
+jüdischen Zukunftserwartungen.
+
+Jesu Ethik hängt mit der altprophetischen zusammen, da sie, wie
+jene, durch die Erwartung eines Zustandes der Vollendung bedingt ist,
+welchen Gott heraufführen wird. Aber auch das Geheimnis des Reiches
+Gottes, wonach die sittliche Erneuerung das übernatürliche Kommen des
+Reiches herbeiführt, entspricht dem prophetischen Grundgedanken. Bei
+den Propheten ist das Verhältnis zwischen der sittlichen Umkehr, welche
+sie herbeiführen wollen, und dem Herrlichkeitszustand, welchen Gott am
+Tage des Gerichts heraufführen wird, kein rein zeitliches, sondern es
+beruht auf einem übernatürlichen kausalen Zusammenhang. Das gottwidrige
+Verhalten zieht den Tag des Gerichts und der Verdammnis herbei. Darum
+züchtigt Gott das Volk und gibt es in die Hand seiner Bedränger. Wenn
+es sich aber zur sittlichen Umkehr entschliesst, wenn es in gläubigem
+Vertrauen bei ihm allein Zuflucht sucht, wenn Gerechtigkeit und
+Wahrheit unter ihnen herrschen, dann wird ihm der Herr Recht schaffen
+vor seinen Bedrängern und seine Herrlichkeit wird aufgehen über Israel,
+dem die Völker dienstbar werden. An jenem Tage wird dann der Friede
+über die ganze Welt und auch über die Natur ausgegossen werden.
+
+Nach dem Exil wirkt dieser Gedanke in der Auffassung vom Gesetz
+weiter. Durch das Halten des Gesetzes wird der Herrlichkeitszustand
+von Gott erzwungen. Nicht der einzelne, sondern die Gesamtheit wirkt
+durch das Gesetz auf Gott. Diese generelle Betrachtungsweise ist die
+primäre, die individualistische erst die sekundäre. »Israel würde
+erlöst werden, wenn es nur zwei Sabbate hielte, wie es sich gebührte«
+(Schabbath 118^b. WÜNSCHE, System der altsynagogalen palästinensischen
+Theologie 1880 S. 299). Hier begegnet uns der altprophetische Gedanke
+in gesetzlicher Veräusserlichung.
+
+Im allgemeinen herrschte aber später die individualistische Betrachtung
+vor. Das Gesetz und das sittliche Verhalten überhaupt waren nur die
+Vorbereitung auf den erwarteten Herrlichkeitszustand. An Stelle der
+lebendigen generellen prophetischen Auffassung trat eine individuelle,
+unlebendige. _=Die Eschatologie wurde Rechenexempel und die Ethik
+Kasuistik.=_
+
+Da Jesus aber auf den ethischen Grundgedanken der prophetischen
+Zeit zurückgriff, handelte es sich für ihn nicht um reine
+Zukunfts_=erwartung=_. Spätjüdisch an ihm ist nur die Form, in der er
+sich das Eintreten dieses Endzustandes denkt. Er erfasst es nicht mehr
+unter dem Gesichtspunkt des Eingreifens Gottes in die Völkergeschichte,
+wie die Propheten, sondern unter dem der kosmischen Endkatastrophe.
+Seine Eschatologie ist Daniel'sche Apokalyptik, weil das Reich durch
+den Menschensohn herbeigeführt wird, wenn er auf den Wolken des Himmels
+erscheint (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_).
+
+_=Das Geheimnis des Reiches Gottes ist also die Synthese eines
+souveränen Geistes zwischen der altprophetischen Ethik und der
+Daniel'schen Apokalyptik.=_ Daher wurzelt Jesu Eschatologie in seiner
+Zeit und steht doch so hoch über ihr. Für die Zeitgenossen handelte es
+sich um _=Erwartung=_ des Reichs, um das Ausdenken und Ausmalen aller
+Momente der grossen Katastrophe und um die Vorbereitung darauf, für
+Jesus um die _=Herbeiführung=_ des erwarteten Ereignisses durch die
+sittliche Erneuerung. _=Aus der eschatologischen Ethik wird ethische
+Eschatologie.=_
+
+
+4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der glücklichen
+galiläischen Periode.
+
+Dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge ist das Eintreten des Reiches
+unabhängig von der Allgemeinheit des Erfolgs der Predigt Jesu. Er
+betont ja gerade, dass die Beschränktheit des Kreises, welcher die
+sittliche Erneuerung leistet, in gar keinem Verhältnis steht zu der
+allumfassenden Grösse des Reichs, das auf Grund ihres Verhaltens
+eintritt. Es genügt, dass ein geringer Teil der Aussaat auf das gute
+Land fällt -- und die überreiche Ernte ist da, durch Gottes Macht.
+Nicht durch die Menge, sondern durch die Gewalttätigen wird das Reich
+herbeigenötigt.
+
+Darum macht das Geheimnis des Reiches Gottes die Annahme einer
+erfolgreichen galiläischen Periode ganz überflüssig. Jesus kann sich
+der Erwartung der baldigen Realisierung des Reichs hingeben, auch wenn
+er die grössten Misserfolge erlebt und ganze Ortschaften sich seiner
+Predigt verschliessen. Sie halten damit das Reich Gottes nicht auf,
+sondern sie überliefern sich nur selbst dem Gericht, denn das Reich
+tritt notwendig ein auf Grund der sittlichen Erneuerung der Kreise, die
+sich um Jesu sammeln.
+
+Die Richtigkeit der Deutung des Geheimnisses des Reiches Gottes zeigt
+sich also darin, dass sie eine zur Erklärung des Lebens Jesu sonst
+absolut unumgängliche, historisch aber in keiner Weise zu begründende
+Annahme unnötig macht.
+
+
+5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus Jesu.
+
+So lange die sittliche Erneuerung auf Grund der Predigt Jesu mit der
+Realisierung des Reiches durch den modernen Gedanken der Entwicklung in
+Beziehung gesetzt wird, ist auch die Korrelatgrösse zur Vollendung des
+Reichs modern, nämlich »_=die sittliche Menschheit als Gesamtheit=_«.
+Man mutet dann Jesu zu, dass er in Gedanken voraussieht, wie die neue
+sittliche Gemeinschaft, die er gründet, sich immer weiter ausbreitet,
+ganz Israel ergreift -- hier bricht aber der Gedanke Jesu ab;
+universalistische Ideen darf man ihm nicht unterschieben, denn die
+Aussendungsrede zeigt, dass er für die sittliche Erneuerung nicht über
+die Grenzen Israels hinaus reflektiert. Mt 10 _-5-_ u. _-6-_: Ziehet
+auf keiner Heidenstrasse und betretet keine Samariterstadt; gehet aber
+vielmehr zu den verlornen Schafen des Hauses Israel.
+
+Die Predigt des Reiches Gottes ist also partikularistisch; das
+Reich selbst aber ist universalistisch, »denn sie werden kommen von
+Mitternacht und von Mittag, vom Morgen und vom Abend«. Das Geschlecht,
+das ein Wunder verlangt, wird ein solches erleben: Die Niniviten
+werden am Tage des Gerichts aufstehen und es verdammen, weil sie Busse
+gethan haben auf die Predigt des Jonas hin, »und hier ist mehr denn
+Jonas«. Auch die Königin von Mittag wird den Zeitgenossen Jesu dann als
+Richterin erstehen, denn sie machte sich auf, um die Weisheit Salomos
+zu hören, »und hier ist mehr denn Salomo« (Mt 12 _-41-42-_).
+
+Für das moderne Bewusstsein ist dieser Widerspruch zwischen dem
+Partikularismus in der Verkündigung des Reiches und dem Universalismus
+in der Vollendung desselben unüberwindbar, weil es sich alles durch
+den Begriff der Entwicklung denkt. In dem Geheimnis des Reiches Gottes
+aber gehen Partikularismus und Universalismus mit einander auf. Das
+Reich ist universalistisch, denn es ersteht aus dem kosmischen Akt,
+bei welchem Gott die Gerechten aller Zeiten und aller Völker zur
+Herrlichkeit erweckt. Die Herbeiführung des Reiches hingegen fusst auf
+dem Partikularismus, denn es wird durch die sittliche Erneuerung der
+Volksgenossen Jesu herbeigenötigt. Das Heil kommt aus Israel.
+
+
+6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum Gesetz und
+zum Staat.
+
+Jesus hat sich weder für noch gegen das Gesetz ausgesprochen. Er
+erkannte es einfach als etwas Bestehendes an, ohne sich daran zu
+binden. Zu einer prinzipiellen Stellungnahme, ob es verbindlich oder
+nicht verbindlich sei, fühlte er keine Nötigung. Diese Frage war für
+ihn gegenstandslos. Auf die neue Sittlichkeit, nicht auf das Gesetz kam
+es an. Heilig und unverletzlich war ihm dieses Gesetz, sofern es den
+Weg zur neuen Sittlichkeit wies. Aber damit hob es sich selbst auf;
+denn in dem Reich, das auf Grund der neuen Sittlichkeit in Erscheinung
+trat, war es abgethan, da der Vollendungszustand übergesetzlich und
+überethisch war. Bis dahin bestand es zu Recht. Ob das Gesetz auch für
+seine Anhänger in Zukunft gelten sollte, diese Frage existierte für ihn
+nicht, sondern erst die Geschichte hat sie der ersten Gemeinde gestellt.
+
+Mit dem Staat verhielt es sich ebenso. Die Frage, die man ihm in den
+jerusalemitischen Tagen stellte, war für ihn gegenstandslos. Als er
+den Pharisäern auf ihre Frage antwortete, ob man dem Kaiser den Zins
+geben sollte, dachte er nicht daran, seine und seiner Anhänger Stellung
+zum Staat festzulegen. Wie konnte man sich nur mit solchen Dingen
+aufhalten! Der Staat war ja irdisches, also ungöttliches Herrschen.
+Sein Bestand reichte also nur bis zur anbrechenden Gottesherrschaft.
+Da diese nahe bevorstand, was brauchte man sich entscheiden, ob man
+der Weltmacht tributpflichtig sein wollte oder nicht? Man liess sie
+eben über sich ergehen; ihr Ende war ja da. Gebt dem Kaiser, was des
+Kaisers ist und Gott, was Gottes ist (Mk 12 _-17-_) -- dieses Wort ist
+mit einer souveränen Ironie gesprochen gegen die Pharisäer, die so
+wenig die Zeichen der Zeit verstehen, dass das noch eine Frage für sie
+bildet. Sie sind gerade so thöricht in den Sachen des Reiches Gottes,
+wie die Sadducäer mit ihrer Vexierfrage, welchem Gatten das siebenmal
+verheiratete Weib bei der Auferstehung gehören wird, denn auch sie
+lassen eines ausser Berechnung: die Macht Gottes (Mk 12 _-24-_).
+
+
+7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu.
+
+»Es sei die Maxime in jeder wissenschaftlichen Untersuchung, mit aller
+möglichen Genauigkeit und Offenheit seinen Gang ungestört fortzusetzen,
+ohne sich an das zu kehren, wowider sie ausser ihrem Felde etwa
+verstossen möchte, sondern sie für sich allein, so viel man kann, wahr
+und vollständig zu vollführen. Oeftere Beobachtung hat mich überzeugt,
+dass, wenn man diese Geschäfte zu Ende gebracht hat, das, was in der
+Hälfte derselben, in Betracht anderer Lehren ausserhalb, mir bisweilen
+sehr bedenklich schien, wenn ich diese Bedenklichkeit nur so lange
+aus den Augen liess und bloss auf mein Geschäft achthatte, bis es
+vollendet sei, endlich auf unerwartete Weise mit demjenigen vollkommen
+zusammenstimmte, was sich ohne die mindeste Rücksicht auf jene Lehren,
+ohne Parteilichkeit und Vorliebe für dieselbe, von selbst gefunden
+hatte[1].«
+
+KANT spricht dieses tiefe Wort in dem Augenblick, wo ihm die
+Zusammenstimmung des transcendentalen Freiheitsbegriffs mit dem
+praktischen aufgeht. Mit dem Verhältnis der Ethik Jesu zu seiner
+Eschatologie steht es ebenso. Es ist ein Postulat unserer christlichen
+Ueberzeugung, dass die Ethik Jesu in ihrem Grundgedanken modern sei.
+Darum kommen wir immer wieder dazu, in seiner Ethik das Moderne zu
+suchen und dafür seine Eschatologie, da sie uns unmodern scheint, in
+den Hintergrund zu drängen. Entschliesst man sich aber, dieses in
+unserem Wesen so tiefbegründete und so berechtigte Interesse für einen
+Augenblick ausser acht zu lassen und das Verhältnis seiner Eschatologie
+zur Ethik rein für sich, geschichtlich zu betrachten, so fördert die
+Untersuchung das überraschende Resultat zu Tage, dass die letztere
+in einem viel höheren Masse modern ist, als man bisher zu hoffen
+wagte. Jesu Ethik ist modern, nicht etwa, weil die Eschatologie dabei
+Begleitgedanke ist, sondern gerade, weil sie von dieser Eschatologie
+vollständig abhängig ist! Diese Eschatologie selbst, wie sie sich
+in dem Geheimnis des Reiches Gottes darstellt, ist nämlich durchaus
+modern, indem sie von dem Grundgedanken beherrscht wird, dass auf die
+religiös-sittliche Erneuerung hin, welche die Gläubigen leisten, das
+Reich Gottes eintreten wird. _=Jede sittlich-religiöse Bethätigung ist
+also Arbeit am Kommen des Reiches Gottes.=_
+
+Als durch die Geschichte die Eschatologie in dieser
+ethisch-eschatologischen Weltanschauung langsam verblich, da blieb
+eine ethische Weltanschauung, in der die Eschatologie durch sieghafte
+Begeisterung und den unvergänglichen Glauben an den Endsieg des Guten
+weiterlebte. Das Geheimnis des Reiches Gottes enthält das Geheimnis
+der christlichen Weltanschauung überhaupt. Die ethische Eschatologie
+Jesu ist die _=heroische Form=_, in der die modern-christliche
+Weltanschauung in die Geschichte eintrat!
+
+FUSSNOTE:
+
+[1] Kritik der praktischen Vernunft. Ed. Reclam S. 129.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel.
+
+Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.
+
+
+In der letzten Periode seines Lebens hat Jesus noch einmal Gleichnisse
+vom Reich Gottes geredet. Der Weinberg Gottes (Mt 21 _-33-46-_). Die
+königliche Hochzeit (Mt 22 _-1-14-_). Der wachende Knecht (Mt 24
+_-42-47-_). Die zehn Jungfrauen (Mt 25 _-1-13-_). Die anvertrauten
+Pfunde (Mt 25 _-14-30-_).
+
+Diese Gleichnisse enthalten, im Unterschied zu denen vom
+Geheimnis des Gottesreiches, kein Geheimnis, sondern es sind reine
+_=Lehrgleichnisse=_, aus denen eine Moral zu ziehen ist. Das Reich
+Gottes ist nahe. Nur diejenigen werden als dazu gehörig erfunden
+werden, die sich durch ihr sittliches Verhalten darauf einrichten.
+
+Dafür enthält aber die zweite Periode _=das Geheimnis des
+Leidensgedankens=_. Wie wir gesehen haben, führen die Aussprüche Jesu
+auf eine geheimnisvolle kausale Verbindung zwischen dem Leiden und dem
+Eintreten des Reichs, weil die Eschatologie und der Leidensgedanke
+immer nebeneinander auftreten und die Zukunftserwartungen der Jünger
+jedesmal durch seine Leidensankündigung aufs höchste gesteigert werden.
+
+_=Das Geheimnis des Leidensgedankens nimmt also das Geheimnis des
+Reiches Gottes wieder auf und setzt es fort.=_ Zu der sittlichen
+Erneuerung, welche dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge auf das
+Eintreten des Reiches eine nötigende Gewalt ausübt, _=tritt die
+sühnende Todesleistung Jesu hinzu=_. Sie vollendet die Busse derer,
+die an das Kommen des Reiches glauben. Dadurch tritt Jesus den
+Gewaltthätigen, die das Reich herbeinötigen, zur Seite. Die Gewalt, die
+er dabei anwendet, ist die denkbar höchste -- er gibt sein Leben hin.
+
+Der Leidensgedanke ist also die Umformung des Geheimnisses vom Reich
+Gottes. Darum ist er ebensowenig darauf berechnet, von den andern
+begriffen zu werden, als die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches
+Gottes. Es handelt sich beidemal um eine nicht weiter zu ergründende
+Thatsache.
+
+Der Zusammenhang zwischen dem Leidensgedanken und dem Geheimnis
+des Reiches Gottes garantiert die Kontinuität in Jesu Gedankenwelt.
+Alle Konstruktionen, die man unternommen hat in der Absicht, diese
+Kontinuität herzustellen, waren unvermögend, das Geforderte zu leisten.
+Die Aufnahme des Leidensgedankens bedeutete in allen Fällen eine
+totale Veränderung seiner Reichs- und Weltanschauung. Stellt man aber
+den Leidensgedanken in den grossen Zusammenhang des Geheimnisses des
+Reiches Gottes, so ist die Kontinuität natürlich gegeben. Der Gedanke
+der übernatürlichen Herbeiführung des Reiches Gottes durchzieht Jesu
+ganzes Leben, wobei der Leidensgedanke nur die Formulierung desselben
+in der zweiten Periode darstellt.
+
+Wodurch nimmt das Geheimnis des Reiches Gottes die Form des
+Leidensgeheimnisses an?
+
+Warum muss die Sühne Jesu vollendend zur sittlichen Erneuerung und zur
+Busse der reichsgläubigen Gemeinschaft hinzutreten?
+
+Inwiefern kommt dem Sühnetod Jesu eine Einwirkung auf das Eintreten des
+Reiches zu?
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel.
+
+Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen Wirksamkeit.
+
+
+1. Das Problem und die Thatsachen.
+
+Das Erlebnis bei der Taufe bedeutet den Anfangspunkt des
+Messianitätsbewusstseins Jesu. In der Gegend von Cäsarea Philippi
+offenbart er den Jüngern sein Geheimnis. Oeffentlich bekennt er sich
+erst vor dem Hohenpriester zu seiner messianischen Würde. Seiner
+Predigt vom Reiche Gottes liegt also das Messianitätsbewusstsein zwar
+zu Grunde. Bei den Zuhörern setzt er aber die Kenntnis der Stellung,
+welche ihm zukommt, nicht voraus. _=Der Glaube, den er verlangt, hat
+nichts mit seiner Person zu thun, sondern er bezieht sich nur auf die
+Botschaft von der Nähe des Reichs.=_ Erst der vierte Evangelist stellt
+die Geschichte so dar, als handelte es sich um die Persönlichkeit Jesu.
+
+Nun können wir nicht ermessen, inwieweit seine Würde für solche,
+die ein aufgewecktes Verständnis hatten, in seiner Verkündigung
+durchschien. Eines ist sicher: bis in die Zeit nach der Aussendung hat
+niemand im entferntesten daran gedacht, in ihm den Messias zu erkennen.
+Bei Cäsarea Philippi antworten die Jünger ihm nur, dass das Volk ihn
+für einen Propheten oder für den Vorläufer Elias halte, und sie selbst
+wissen nicht anders. Denn Petrus hat, wie Jesus selbst sagt, seine
+Kenntnis nicht aus dem Wirken und Reden seines Meisters erschlossen,
+sondern er verdankt sie einer übernatürlichen Offenbarung.
+
+Nach dieser Fundamentalthatsache müssen die synoptischen Notizen
+beurteilt werden. _=Zuerst=_ stehen dazu eine Reihe matthäischer
+Stellen in Spannung.
+
+Mt 9 _-27-31-_, in der galiläischen Parallele zur Blindenheilung in
+Jericho, wird berichtet, dass ihn zwei Blinde durch den ganzen Ort mit
+dem Ruf »Davidssohn« verfolgt haben. Was dann die Warnung Jesu, »dass
+es niemand erfahre«, bedeuten soll, bleibt allerdings dunkel.
+
+Mt 12 _-23-_ raunen sich die Leute nach einer wunderbaren Heilung zu,
+ob das nicht der Davidssohn sei.
+
+Mt 14 _-33-_ fallen die Jünger nach dem Erlebnis auf der See im Schiff
+vor ihm nieder und sprechen: »du bist wahrhaftig Gottes Sohn.«
+
+Mt 15 _-22-_ redet die Kananäerin ihn als den Davidssohn an, während
+sie bei Markus ihm einfach zu Füssen fällt und um Hülfe bittet.
+
+In allen diesen Stellen liegt matthäisches Sondergut vor, das einer
+sekundären litterarischen Schicht angehört. Für die Geschichte Jesu
+haben sie keine Bedeutung, wohl aber für die Geschichte der Geschichte
+Jesu. Sie zeigen uns nämlich, wie die spätere Zeit immer mehr dazu kam,
+sein Leben von der Voraussetzung aus darzustellen, dass nicht nur er
+sich als Messias wusste, sondern dass auch die andern diesen Eindruck
+von ihm hatten.
+
+_=An zweiter Stelle=_ handelt es sich um die _=Anrede der
+Dämonischen=_. Nach Mk 3 _-11-_ warfen sich die unreinen Geister, so
+oft sie ihn erblickten, vor ihm nieder und riefen ihn als Gottessohn
+an (vgl. auch Mk 1 _-24-_ und Mk 5 _-7-_). Zwar wehrte er diesen Rufen
+und gebot Schweigen. Hätten wir aber nicht die unumstösslich sichere
+Kunde, dass während seiner ganzen galiläischen Wirksamkeit das Volk
+nichts weiter wusste, als dass er ein Prophet oder der Elias sei,
+so müssten wir annehmen, dass diese Dämonenrufe die Leute auf seine
+Würde irgendwie aufmerksam machten. So aber ersehen wir gerade aus der
+Nichtbeachtung der Dämonenrufe mit Bestimmtheit, wie weit man davon
+entfernt war, in ihm den Messias zu vermuten. Wer glaubte denn dem
+Teufel und dem irren Gerede Besessener?
+
+_=An dritter Stelle=_ handelt es sich um den Ausdruck
+»_=Menschensohn=_«. Hat Jesus ihn vor Cäsarea Philippi als
+Selbstbezeichnung gebraucht, so liegt darin in jedem Falle eine
+messianische Andeutung, denn jeder musste diesen Daniel'schen Ausdruck
+auf die Persönlichkeit der Endzeit beziehen.
+
+Als Selbstbezeichnung _=vor=_ Cäsarea Philippi verwendet ihn Jesus
+bei Markus zweimal (Mk 2 _-10-_ und 2 _-28-_) und in einer Reihe
+matthäischer Sonderstellen (8 _-20-_, 11 _-19-_, 12 _-32-_, 12 _-40-_,
+13 _-37-_ u. _-41-_ und 16 _-13-_). Auch für die Beurteilung dieser
+Stellen muss man von dem festen Punkt, der in der Antwort der Jünger
+bei Cäsarea Philippi gegeben ist, ausgehen.
+
+Entweder hat Jesus den Ausdruck damals noch nicht gebraucht. Dann sind
+diese Menschensohnstellen chronologisch verfrüht oder es handelt sich
+um rein litterarische Erscheinungen.
+
+Oder aber er hat den Ausdruck schon gebraucht. Dann muss er es in
+einer solchen Weise gethan haben, dass niemand auf den Gedanken kommen
+konnte, er nehme die Würde des Daniel'schen Menschensohns für sich in
+Anspruch.
+
+Das Problem der zweiten Periode ist noch schwieriger. Die Jünger wissen
+um sein Geheimnis, aber sie dürfen es niemand offenbaren. Wie steht es
+aber mit dem Volk? War diesem jetzt eine Ahnung von der messianischen
+Würde Jesu aufgegangen?
+
+Das Problem hat es also mit drei Thatsachen zu thun.
+
+1. Die ganze Diskussion in den jerusalemitischen Tagen dreht sich in
+keiner Weise um die messianische Würde Jesu, sondern es handelt sich
+um gesetzliche Thesen und um Tagesfragen. Man hat bisher viel zu wenig
+Gewicht darauf gelegt, dass weder das Volk noch die Schriftgelehrten
+irgendwie zu ihm als _=der messianischen Persönlichkeit=_ Stellung
+nehmen. Wie ganz anders wären die jerusalemitischen Tage gewesen,
+wenn es sich darum gehandelt hätte: ist er der Messias -- ist er es
+nicht? Kann er es sein -- kann er es nicht sein? In Wirklichkeit ist
+er nur die Autoritätsperson des galiläischen Volkes, vor welche die
+Hauptstadtgelehrten ihre Schulfragen bringen, sei es in aufrichtiger
+Gesinnung, sei es in der perfiden Absicht, seine Autorität zu
+vernichten.
+
+2. In dieser zweiten Periode hat Jesus das Volk nur einige Tage um
+sich gehabt: vom Jordanübergang bis zu seinem Tode. Während dieser
+Zeit hat er ihnen keine Eröffnung über seine Messianität gemacht,
+auch keine Anspielung, die sie dahin verstehen konnten und mussten.
+Die gedungenen Zeugen wissen nichts derartiges vorzubringen. Das
+Bemerkenswerte an ihrer Aussage, worauf man auch viel zu wenig Gewicht
+zu legen geneigt ist, besteht ja gerade darin, _=dass sie ihn in keiner
+Weise beschuldigen, Messias sein zu wollen=_. Für sie erschöpft sich
+seine frevelhafte Prätention in dem respektwidrigen Ausspruch über
+den Tempel. Man stelle sich die Gerichtsverhandlung vor, wenn die
+gedungenen Ankläger in Jesu Reden messianische Anspielungen auf sich
+selbst entdeckt hätten!
+
+3. Von hier aus kommt man notwendig zu dem Urteil, dass er für das Volk
+in Jerusalem bis zur letzten Stunde war, was er in Galiläa gewesen: der
+grosse Prophet oder der Vorläufer, in keiner Weise aber der Messias!
+Damit vertragen sich aber zwei Thatsachen nicht.
+
+Der Einzug in Jerusalem war -- der gewöhnlichen Auffassung zufolge --
+_=eine messianische Ovation=_. Also musste das Volk die Würde Jesu
+ahnen.
+
+Der Hohepriester stellte die Frage an ihn, _=ob er der Messias wäre=_.
+Also wusste er um Jesu Ansprüche.
+
+Es handelt sich hier um die klare Frage: galt Jesus in den
+jerusalemitischen Tagen als messianischer Prätendent oder nicht? Man
+darf sich diese Frage nicht dadurch verdunkeln, dass man von einem
+mehr oder weniger klaren »Ahnen« in dieser Sache redet. Das »Ahnen
+der Messianität Jesu« ist eine moderne Erfindung. Eine Volksmasse
+wäre nicht von dunkelm geheimnisvollem Ahnen hin- und herbewegt
+worden, sondern es hätte sich um Glauben oder Nichtglauben gehandelt.
+Wer dafür hielt, er sei der Messias, musste mit ihm durch Feuer und
+Tod gehen, der Herrlichkeit entgegen. Wer nicht dafür hielt, solche
+Prätention bei ihm aber auch nur ahnte, der musste das Signal geben,
+den Gotteslästerer zu steinigen. Ein Drittes gab es nicht.
+
+Die allgemeinen Thatsachen sprechen dafür, dass Volk und Pharisäer
+in den jerusalemitischen Tagen Jesu keine messianischen Prätentionen
+beilegten, ebensowenig wie früher. Nur bleibt dann der Einzug in
+Jerusalem, als messianische Ovation verstanden, ein Rätsel, und ebenso
+ist es unerklärlich, wie der Hohepriester darauf kommt, ihn nach seiner
+Messianität zu fragen.
+
+Entweder verhält es sich hiermit so, wie man gewöhnlich annimmt. Dann
+muss man auf jedes geschichtliche Verständnis der letzten öffentlichen
+Periode Jesu verzichten. Es geht nicht an, dass er am Anfang (Einzug in
+Jerusalem) und am Ende derselben (Frage des Hohenpriesters vor Gericht)
+für den Messias gehalten wurde, während die dazwischen liegenden
+jerusalemitischen Tage davon nicht das geringste wissen.
+
+Oder man hat den Einzug und die Frage des Hohenpriesters geschichtlich
+missverstanden. Galt die Ovation dem messianischen Prätendenten? Sprach
+der Hohepriester in seiner Frage etwas aus, worum alle wussten? Hat er
+die behauptete Messianität aus Jesu Leben, Wirken und Reden erschlossen
+-- oder wusste er vielleicht nur durch Verrat um das innerste Geheimnis
+Jesu, das nur den Vertrauten seit Cäsarea Philippi bekannt war?
+
+In seiner vollen Schwierigkeit erhält das Messianitätsproblem folgende
+Formulierung: Wie war es möglich, dass Jesus sich von Anfang an als
+Messias wusste und dennoch seine Messianität in seiner öffentlichen
+Predigt vom Reich bis zum letzten Augenblick nicht zur Geltung kommen
+liess? Wie konnte dem Volke auf die Dauer verborgen bleiben, dass diese
+Reden vom messianischen Bewusstsein aus gesprochen waren? _=Jesus war
+ein Messias, der es während seiner öffentlichen Wirksamkeit nicht sein
+wollte, nicht zu sein brauchte und nicht sein durfte, um seine Mission
+zu erfüllen! So stellt die Geschichte das Problem.=_
+
+
+2. Jesus der Elias, durch die Solidarität mit dem Menschensohn.
+
+_=Welche Würde konnte und musste das Volk Jesu auf seine öffentliche
+Wirksamkeit hin beilegen?=_ Das ist die Frage, um die es sich jetzt
+handelt.
+
+Der Messias und das messianische Reich gehören unzertrennlich zusammen.
+Wenn daher Jesus ein gegenwärtiges messianisches Reich gepredigt hätte,
+wäre zugleich die Notwendigkeit an ihn herangetreten, den Messias
+kenntlich zu machen; er hätte damit beginnen müssen, sich vor dem Volk
+als Messias zu legitimieren.
+
+Nun war aber seine Predigt vom Reich futurisch; damit war vollständig
+ausgeschlossen, dass jemand darauf kommen konnte, in ihm den Messias
+zu vermuten. _=War das Reich futurisch, so war es auch der Messias.=_
+Wenn Jesus dennoch messianische Ansprüche hatte, so lag dieser
+Gedanke dem Volk vollständig fern, denn seine Reichspredigt schloss
+auch die leiseste derartige Mutmassung aus. Darum konnten auch die
+Dämonenschreie die Leute nicht auf die richtige Spur bringen.
+
+Vollends unmöglich gemacht waren derartige Mutmassungen durch die
+Art, wie Jesus von dem Messias als futurischer Persönlichkeit in der
+dritten Person redet. Den Jüngern kündigt er bei der Aussendung an,
+dass der Menschensohn erscheinen wird, ehe sie mit den Städten Israels
+zu Ende sein werden (Mt 10 _-23-_). Mk 8 _-38-_ verheisst er dem Volk
+das baldige Erscheinen des Menschensohns zum Gericht und das Kommen
+des Reiches Gottes in Kraft. Ebenso redet er noch in Jerusalem von
+dem Gericht, das der Menschensohn abhalten wird, wenn er in seiner
+Herrlichkeit umgeben von den Engeln erscheinen wird (Mt 25 _-31-_).
+
+Nur die Jünger nach der Offenbarung zu Cäsarea Philippi und der
+Hohepriester nach dem »Ja« Jesu konnten eine persönliche Beziehung
+zwischen ihm und dem Menschensohn, von dessen Kommen er sprach,
+statuieren, da sie um sein Geheimnis wussten. Sonst aber blieben für
+die Hörer _=Jesus von Nazareth=_ und der, von welchem die Rede war,
+_=der Menschensohn=_, zwei vollständig verschiedene Persönlichkeiten.
+
+Vor dem Volk deutet Jesus nur an, dass der Menschensohn mit ihm, der
+ihn verkündigt, absolut _=solidarisch=_ ist. In dieser Form allein ragt
+seine eigene gigantische Persönlichkeit in seine Predigt des Reiches
+Gottes hinein. Nur wer sich zu ihm, dem Verkündiger des Kommens des
+Menschensohnes, unter allen Umständen bekennt, der wird am Gerichtstag
+als zum Reich gehörig erfunden werden. Jesus wird nämlich vor Gott
+und vor dem Menschensohn für ihn eintreten (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_; Mt
+10 _-32-33-_). Man muss bereit sein, das Liebste aufzugeben, um ihm
+nachzufolgen, denn nur so wird man _=seiner wert=_ (Mt 10 _-37-_ u.
+_-38-_). Darum ist Jesus betrübt, als der reiche Jüngling sich nicht
+entschliessen kann, seinen Reichtum aufzugeben, um ihm nachzufolgen (Mk
+10 _-22-_), denn nun kann er am Gerichtstag nicht für ihn einstehen,
+damit er als zum Reich Gottes gehörig erfunden werde. Doch hofft er von
+der schrankenlosen Allmacht Gottes, dass dieser Reiche trotzdem zum
+Reich eingehe (Mk 10 _-17-31-_). Wenn also dieser, weil Jesus nicht
+für ihn eintreten kann, nicht sicher ist, »das ewige Leben zu ererben«
+(Mk 10 _-17-_), so sind doch die, welche, zu ihm und seiner Botschaft
+sich bekennend, den Tod erleiden, gewiss, ihr Leben zu bewahren, d. h.
+bei der Totenauferstehung zum Reich zu gehören (Mk 8 _-37-_). Darum
+preist er am Eingang der Bergpredigt diejenigen selig, welche um
+seinetwillen Schmähung und Verfolgung erdulden, weil sie dadurch, wie
+die Sanftmütigen und die Barmherzigen, zum Reiche Gottes vorbestimmt
+sind (Mt 5 _-11-_ f.).
+
+Vom Standpunkte Jesu aus bietet diese absolute Solidarität zwischen
+Gott und dem Menschensohn einerseits und ihm andererseits kein Rätsel,
+denn sie basiert auf seinem messianischen Selbstbewusstsein; er
+kann so reden, weil er sich bewusst ist, selbst der Menschensohn zu
+sein. Anders war es für das Volk und die Jünger vor der Offenbarung
+zu Cäsarea Philippi. Wie kann Jesus von Nazareth in einer so
+selbstbewussten, souveränen Weise den Menschensohn mit ihm selbst für
+absolut solidarisch proklamieren? Diese Behauptung zwang das Volk
+zur Reflexion über seine Persönlichkeit. Wer war derjenige, dessen
+Erscheinung machtvoll aus dem vormessianischen in den messianischen
+Aeon hineinragte, dass Gott und der Menschensohn die, welche
+sich zu ihm bekannt hatten, in das Reich aufnahmen, wenn dieses
+Bekenntnis nicht durch die mangelnde sittliche Würdigkeit seinen
+Wert einbüsste, wie er einmal ausdrücklich warnend erklärte? Nur
+_=einer=_ Persönlichkeit kam die Bedeutung zu, die Jesus für sich
+in Anspruch nahm: _=Elias, dem gewaltigen Vorläufer=_; denn seine
+Erscheinung erstreckte sich aus dem jetzigen in den messianischen Aeon
+und verband beide miteinander. Darum hielt das Volk dafür, Jesus sei
+der Elias. Darin sprach sich die höchste Würdigung aus, welche seine
+Persönlichkeit den Massen abnötigen konnte. Es handelte sich dabei
+nicht um eines der in der sekundären evangelischen Geschichtserzählung
+so beliebten Missverständnisse, sondern das Volk _=konnte=_ nach Jesu
+Auftreten und nach seiner Verkündigung zu keinem andern Urteil über ihn
+kommen.
+
+
+3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen.
+
+Um sich die Stellung der Zeitgenossen zur Persönlichkeit und zum
+Wirken Jesu begreiflich zu machen, muss man sich von zwei falschen
+Voraussetzungen, mit denen wir immer unbewusst operieren, befreien.
+Zum ersten richtete sich die Erwartung damals nicht auf den Messias,
+sondern auf den geweissagten Vorläufer. Zum zweiten hat niemand in
+dem Täufer irgendwie den Vorläufer vermutet. Durch diese beiden
+Voraussetzungen verderben wir uns die historische Perspektive.
+
+Das Erscheinen des Messias mitsamt der grossen Krise, welche
+er herbeiführt, macht das überweltliche Drama aus, das der Welt
+bevorsteht. Aber ehe der Vorhang aufgeht, muss unter den harrenden
+Menschen jemand erstehen, der den Prolog zum Stück spricht, um dann,
+sobald der Vorhang in die Höhe geht, den überirdischen Grössen sich
+beizugesellen, welche die Handlung des Dramas leiten. Darum wartet man
+zunächst nicht auf das Emporgehen des Vorhangs und die Erscheinung des
+Messias, sondern auf den berufenen Sprecher des Prologs. _=Es galt, das
+Auftreten des Vorläufers zu signalisieren, um zu wissen, welche Stunde
+der Zeiger der Weltuhr zeigte.=_
+
+Nun war aber der Elias noch nicht erschienen, denn der Täufer hatte
+sich nicht als solchen legitimiert. Dazu fehlte ihm die übernatürliche
+Kraftbekundung. Zeichen und Wunder gehörten aber notwendig zur Epoche,
+welche dem Reich unmittelbar voranging. Allgemeine Geistbegabung und
+Prophezeiung, Wunder am Himmel und auf der Erde: das trifft ein,
+bevor der Tag Gottes kommt. So bestimmte es der Prophet Joël (3 _-1-_
+ff.). In der Pfingstpredigt beruft sich Petrus auf diese Stelle (Akt
+2 _-17-22-_). Aus der übernatürlich ekstatischen Rede sollen sie
+erkennen, dass man dem Ende der Tage entgegengeht. Der getötete Jesus
+ist von Gott zum Messias erhöht in der Auferstehung und das Reich wird
+bald einbrechen.
+
+Diese Joëlstelle wurde also auf die unmittelbar vormessianische
+Wunderzeit bezogen, in welcher nach der Weissagung des Maleachi
+der Vorläufer auftreten sollte (Mal 3 _-23-_ u. _-24-_). Der
+gleiche Kehrvers hielt zudem noch diese beiden Grundstellen der
+vormessianischen Erwartung zusammen. Mal 3 _-23-_ = Joël 3 _-4-_:
+»Vor dem Kommen des Tages des Herrn, den grossen und schrecklichen.«
+_=Der Vorläufer ohne Wunderzeichen in einer wunderlosen Zeit war also
+undenkbar.=_
+
+Nun bestand für die Zeitgenossen der charakteristische Unterschied
+zwischen Johannes und Jesus gerade darin, dass der eine einfach auf
+die Nähe des Gottesreiches hinwies, während der andere seine Predigt
+durch Zeichen und Wunder bekräftigte. Man hatte das Bewusstsein, mit
+Jesus in die Zeit der Wunder zu treten. Er war der Täufer, aber ins
+Uebernatürliche übersetzt. Als nach der Aussendung sein Auftreten und
+seine Zeichen zugleich mit dem Tode des Täufers bekannt wurden, da
+sagte man: Der Täufer ist vom Tod erstanden. Darum antworteten ihm
+die Jünger zu Cäsarea Philippi, man halte ihn für den Elias oder für
+den Täufer (Mk 8 _-28-_). Als Herodes von ihm hörte, liess er sich's
+nicht nehmen, dass er der Täufer sei. »_=Der Täufer ist von den Toten
+auferstanden und deshalb wirken die Wunderkräfte in ihm=_« (Mk 6
+_-14-_).
+
+Auch die Bedeutung, die Jesus den Zeichen beilegte, musste die
+Zuhörer darauf führen, dass man sich in der Vorläuferaera befand. Ihre
+Bedeutung besteht nämlich darin, die Nähe des messianischen Reiches zu
+bekräftigen. Die Leute sollen ihm um der Zeichen willen glauben und
+Busse thun auf das Reich Gottes hin.
+
+Die Zeichen sind eine Gnade Gottes, durch welche er die Menschen
+aufmerksam machen will, welche Stunde es ist. Wer dann keine Busse
+thut, der ist verdammt. So geht es den Leuten von Chorazin, Bethsaida
+und Kapernaum. Wer aber gar den »heiligen Geist« lästert und der
+widergöttlichen Macht die Zeichen zuschreibt, der hat keine Vergebung
+ewiglich. Dieses Verbrechens hatten sich die jerusalemitischen
+Schriftgelehrten in Galiläa schuldig gemacht (Mk 3 _-22-_ ff.).
+Diejenigen aber, welche sich nicht verstockten, hielten dafür, das
+Reich Gottes stehe vor der Thür und Jesus sei der Vorläufer, weil man
+offenbar in die Zeit der Zeichen eingetreten war, von der die Schrift
+geweissagt hatte.
+
+
+4. Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches Gottes.
+
+Für Jesus bedeuteten die Zeichen die Reichsnähe noch in einem höheren
+als dem rein zeitlichen Sinn. Durch die Dämonenbekämpfung ist er
+sich bewusst, _=auf das Kommen desselben einzuwirken=_. Hier spielt
+das Geheimnis des Reiches Gottes mit herein. Dieser Gedanke ist in
+dem Gleichnis enthalten, mit welchem er die Verdächtigungen der
+jerusalemitischen Schriftgelehrten zurückweist (Mk 3 _-23-30-_).
+
+Es erschöpft sich nämlich nicht in dem Gedanken, dass die bösen
+Geister ihre Herrschaft nicht untergraben, indem der eine sich gegen
+den andern erhebt; in dem Schlusswort begegnet uns nämlich unvermutet
+das »jetzt und dann« aus dem Geheimnis des Reiches Gottes: »Keiner
+kann in das Haus des Starken einbrechen und ihm seinen Besitz rauben,
+wenn er nicht _=zuvor=_ den Starken bindet, und _=alsdann=_ mag er
+sein Haus ausplündern.« Die Dämonenaustreibung bedeutet also für Jesus
+das Binden und das Unschädlichmachen der widergöttlichen Macht. Diese
+Thätigkeit steht deshalb, wie die sittliche Erneuerung im Geheimnis des
+Reiches Gottes, mit dem Anbrechen des Reiches in kausalem Zusammenhang.
+Durch die Dämonenüberwindung ist Jesus der Gewaltthätige, der das
+Reich herbeinötigt; denn, wenn die widergöttliche Macht gebunden ist,
+dann tritt der Augenblick ein, wo die Herrschaft von ihr genommen
+wird. Damit dies geschehen kann, muss sie erst unschädlich gemacht
+werden. Darum gibt Jesus den Jüngern bei der Aussendung nicht nur den
+Befehl, die Nähe des Reiches zu verkündigen, sondern auch die Vollmacht
+über die Dämonen (Mt 10 _-1-_). In jenem Augenblick der höchsten
+eschatologischen Erwartung sendet er sie als die Gewaltthätigen aus,
+welche die letzten Streiche führen sollen. Die Busse, welche durch ihre
+Predigt gewirkt wird, und die Ueberwindung der widergöttlichen Macht in
+den Dämonischen nötigen zusammen das Reich herbei.
+
+So drücken die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches Gottes (Mk 4),
+das Gleichnis in Jesu Apologie an die Pharisäer (Mk 3 _-23-30-_) und
+das Gleichnis in der Würdigungsrede über den Täufer (Mt 11 _-12-15-_)
+denselben Gedanken aus. Die beiden letzteren begegnen sich sogar im
+drastischen Bild der Vergewaltigung, weshalb ihnen auch der Begriff des
+»Raubes« gemeinsam ist (Mk 3 _-27-_ = Mt 11 _-12-_).
+
+Für das Bewusstsein Jesu waren also die Dämonenheilungen in das
+Geheimnis vom Reich Gottes hineingestellt. Dem Volk aber genügte es,
+den rein zeitlichen Zusammenhang zu erfassen.
+
+
+5. Jesus und der Täufer.
+
+Wir haben oben gesehen, dass niemand in dem Täufer den Elias erkennen
+konnte, weil seine zeichenlose Thätigkeit und Reichspredigt der
+schriftgemässen Vorstellung der Vorläuferepoche nicht entsprachen.
+Nur einer machte eine Ausnahme, indem er ihm diese Würde zuerkannte:
+_=Jesus!=_ Er war der erste, welcher dem Volk eine geheimnisvolle
+Andeutung machte, jener sei der Vorläufer: »Wenn ihr es fassen mögt, so
+ist er selbst Elias, der Kommen-Sollende« (Mt 11 _-14-_). Er ist sich
+aber bewusst, damit ein unbegreifliches Geheimnis auszusprechen, das
+ihnen ebenso dunkel bleibt, wie das damit zusammenhängende Wort von den
+Gewaltthätigen, die seit den Tagen des Täufers das Reich herbeinötigen
+(Mt 11 _-12-_). Darum beschliesst er diese beiden Sprüche mit dem
+Orakelwort: Wer Ohren hat zu hören, der höre (Mt 11 _-15-_).
+
+Das Volk aber war weit entfernt zu begreifen, dass der in der Gewalt
+des Herodes befindliche Täufer die Persönlichkeit sein könne, die auf
+der Schwelle der vormessianischen zur messianischen Periode stand.
+So verhallte das geheimnisvolle Wort Jesu und das Volk blieb dabei,
+Johannes sei wirklich ein Prophet gewesen (Mk 11 _-32-_).
+
+Auch die Oberen konnten zu keinem Schluss über die Persönlichkeit
+des Täufers kommen. Darum unterlagen sie Jesu, als sie ihn über die
+Tempelreinigung zur Rede stellen wollten (Mk 11 _-33-_).
+
+Mit den Jüngern verhielt es sich nicht anders; sie waren von sich
+aus unfähig, in Johannes den Elias zu erkennen. Beim Abstieg vom
+Verklärungsberg kommen ihnen Bedenken über die Möglichkeit der
+Messianität Jesu und über die Möglichkeit der Totenauferstehung, die
+er in seiner Rede berührt hatte. Dadurch wurde ja die Gegenwärtigkeit
+der messianischen Aera vorausgesetzt, und diese konnte noch nicht
+angebrochen sein, denn »Elias muss zuvor kommen, wie die Pharisäer
+und Schriftgelehrten darthun« (Mk 9 _-9-11-_). Darauf antwortet ihnen
+Jesus, dass Johannes dieser Elias war, wenn er auch in der Menschen
+Gewalt geliefert wurde (Mk 9 _-12-_ u. _-13-_).
+
+Wie war Jesus zur Ueberzeugung gekommen, dass der Täufer der Elias war?
+Durch einen notwendigen Rückschluss von seiner eigenen Messianität
+aus. Weil er sich als Messias wusste, musste jener der Elias sein.
+Zwischen beiden bestand eine notwendige Wechselbeziehung. Niemand
+konnte wissen, dass der Täufer der Elias war, ohne diese Erkenntnis
+von der Messianität Jesu herzuleiten. Niemand konnte auf den Gedanken
+kommen, Johannes sei der Elias, ohne zugleich in Jesu den Messias sehen
+zu müssen. Denn nach dem Vorläufer blieb für eine zweite derartige
+Erscheinung kein Raum. Nun wusste niemand, dass Jesus sich für den
+Messias hielt. Also sah man in dem Täufer einen Propheten und fragte
+sich, ob Jesus nicht der Elias wäre. Die geheimnisvollen Schlusssätze
+der Würdigungsrede über den Täufer hatte niemand in ihrer vollen
+Tragweite verstanden. _=Für Jesus allein war Johannes der verheissene
+Elias.=_
+
+
+6. Der Täufer und Jesus.
+
+Wie stand der Täufer zu Jesus? Wenn er sich bewusst war, der Vorläufer
+zu sein, so musste er in Jesus den Messias mutmassen. Dies setzt man
+gewöhnlich voraus und lässt ihn als Vorläufer bei Jesus anfragen, ob
+er der Messias sei (Mt 11 _-2-6-_). Diese Annahme scheint uns ganz
+natürlich, weil wir uns beide immer in dem Verhältnis Vorläufer-Messias
+vorstellen.
+
+Darüber vergessen wir aber eine ganz naheliegende Frage. Hat der
+Täufer sich selbst als den Vorläufer, als den Elias gefühlt? Dem
+Volk gegenüber hat er in keiner Aeusserung einen derartigen Anspruch
+erhoben. Hartnäckig erkennt es in ihm nur einen Propheten. Auch während
+seiner Gefangenschaft kann er nichts derartiges beansprucht haben,
+denn noch in Jerusalem urteilt das Volk nicht anders, als dass er ein
+Prophet gewesen.
+
+Wenn irgendwie die Ahnung durchgedrungen wäre, dass er die Eliasgestalt
+repräsentierte, wie hätte man dann allgemein auf den Gedanken kommen
+können, Johannes sei ein Prophet, Jesus der Elias? Dass dies die
+allgemeine Ansicht auch nach dem Tode des Täufers war, bezeugt die
+Antwort der Jünger zu Cäsarea Philippi.
+
+Die Täuferanfrage unter der Voraussetzung betrachten, dass der
+Vorläufer frägt, ob Jesus der Messias sei, heisst sie in eine
+vollkommen unberechtigte Perspektive rücken, da gar nicht zu erweisen
+ist, ob Johannes sich für den Vorläufer hielt. Also ist auch gar nicht
+ausgemacht, ob seine Frage sich auf die messianische Würde bezieht. Das
+umstehende Volk, da es Johannes nicht für den Vorläufer hielt, musste
+sie ganz anders auffassen, nämlich: bist du der Elias?
+
+Nun wird aber durch die gewöhnliche Perspektive ein charakteristisches
+Detail in der Perikope selbst verdeckt, nämlich, dass Jesus dieselbe
+Bezeichnung, die der Täufer in der Anfrage auf ihn anwandte,
+nun seinerseits wieder auf den Täufer anwendet! Bist du der
+Kommen-Sollende? frägt der Täufer. Jesus antwortet: Wenn ihr es fassen
+mögt, so ist _=er selbst=_ Elias, der Kommen-Sollende! Bei den Reden
+ist also die Bezeichnung des »Kommen-Sollenden« gemeinsam, nur dass wir
+in der Anfrage des Täufers sie eigenmächtig auf den Messias beziehen.
+Dieses für die naive Perspektive so ganz natürliche Verfahren wird aber
+als unberechtigt erkannt, sobald man weiss, dass es sich eben nur um
+Perspektive, nicht um die reellen Massstäbe handelt. Denn dann gewinnt
+plötzlich das »er selbst« in der Antwort Jesu eine ungeahnte Bedeutung;
+»_=er selbst=_ ist der Elias«, der Kommen-Sollende! Dieser Rückweis
+zwingt uns, in der Anfrage des Täufers unter dem Kommen-Sollenden nicht
+den Messias, sondern, wie in der Antwort Jesu, den Elias zu verstehen.
+
+»Bist du der erwartete Vorläufer?« so lässt der Täufer Jesum fragen.
+»Wenn ihr es fassen mögt, ist er selbst dieser Vorläufer«, sagt Jesus
+zum Volk, nachdem er ihnen von der Grösse des Täufers geredet.
+
+Durch diese Rückbeziehung bekommt nun die Scene ein viel intensiveres
+Kolorit. Zunächst wird klar, warum Jesus _=nach dem Weggang der
+Gesandten=_ über den Täufer redet. Er fühlt sich genötigt, das Volk in
+wirkungsvoller Steigerung von der Vorstellung, jener sei ein Prophet
+(Mt 11 _-9-_), zu der Ahnung zu bringen, er sei der Vorläufer, mit
+dessen Auftreten der Zeiger der Weltuhr sich der verhängnisvollen
+Stunde nähert, auf den sich das Wort »von dem, der den Weg bereitet«
+bezieht und von dem die Schriftgelehrten sagen, »dass er zuerst kommen
+muss« (Mk 9 _-11-_).
+
+Johannes nämlich war mit seiner Anfrage in der messianischen
+Zeitrechnung zurück. Seine Abgesandten erkundigen sich nach dem
+Vorläufer in dem Augenblick, wo Jesu Zuversicht, dass das Reich
+unmittelbar hereinbrechen wird, aufs höchste gestiegen ist. Er hat
+ja seine Jünger ausgeschickt und ihnen in Aussicht gestellt, dass
+die Erscheinung des Menschensohnes sie auf dem Weg durch die Städte
+Israels überraschen könne. Die Stunde ist schon viel weiter vorgerückt
+-- das will Jesus dem Volk in der »Würdigungsrede über den Täufer« zu
+verstehen geben, wenn sie es begreifen können.
+
+Zu seinem Urteil über Jesus war Johannes auf demselben Wege gekommen,
+wie das Volk. Als er nämlich _=von den Zeichen und Thaten Jesu hört=_
+(Mt 11 _-2-_), da steigt ihm der Gedanke auf, ob dieser nicht etwa mehr
+wäre, als ein Busse predigender Prophet. So schickte er zu ihm hin, um
+darüber Gewissheit zu haben.
+
+Damit rückt aber die Verkündigung des Täufers in ein ganz anderes
+Licht. Er hat nie auf den kommenden Messias, _=sondern auf den
+erwarteten Vorläufer hingewiesen=_. So erklärt sich die Verkündigung
+»von dem, der nach ihm kommen wird« (Mk 1 _-7-_ u. _-8-_). Auf den
+Messias angewandt, bleiben die von ihm gebrauchten Ausdrücke dunkel.
+Sie statuieren nämlich nur einen Gradunterschied, nicht eine totale
+Differenz zwischen ihm und dem Angekündigten. Wenn er vom Messias
+redete, wären diese Ausdrücke, in welchen er den Kommenden, trotz des
+gewaltigen Rangunterschieds, immer noch mit sich selbst vergleicht,
+unmöglich. Er denkt sich den Vorläufer wie ihn selbst, taufend und
+die Busse auf das Reich hin verkündigend, aber nur unverhältnismässig
+grösser und mächtiger. Statt mit Wasser wird er mit dem heiligen Geist
+taufen (Mk 1 _-8-_).
+
+Dies kann nicht auf den Messias gehen. Seit wann tauft der Messias?
+Sodann aber findet die berühmte allgemeine Geistesausgiessung nicht
+_=in=_, sondern _=vor=_ der messianischen Aera statt! Bevor der
+gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er seinen Geist ausgiessen über
+alles Fleisch, und Zeichen und Wunder werden am Himmel geschehen (Joël
+3 _-1-_ ff.). Bevor der gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er Elias,
+den Propheten, schicken (Mal 3 _-23-_). Diese beiden Hauptstellen über
+die grossen Vorereignisse der Endzeit verbindet der Täufer in Gedanken
+und kommt so zur Vorstellung _=des Vorläufers, der mit dem heiligen
+Geiste taufen wird=_! Man sieht dabei, welch übernatürliches Licht die
+Gestalt des Vorläufers in der damaligen Vorstellung umfliesst. Darum
+fühlt sich Johannes so klein vor ihm.
+
+Für die Antwort befand sich Jesus in einer schweren Lage. Indem er
+fragen liess: bist du der Vorläufer, oder bist du es nicht? hatte ihm
+der Täufer eine falsche Alternative gestellt, auf die er weder ja
+noch nein antworten konnte. Sein Messianitätsgeheimnis wollte er den
+Gesandten auch nicht anvertrauen. Er antwortet daher mit dem Hinweis
+auf die Nähe des Reiches, die sich in seinen Thaten offenbart. Zugleich
+rückt er seine eigene Persönlichkeit machtvoll in den Vordergrund. Nur
+derjenige kann selig werden, der zu ihm steht und kein Aergernis an ihm
+nimmt. Er will damit dasselbe sagen, was er auch dem Volk Mk 8 _-38-_
+vorhält: Die Zugehörigkeit zum Reich ist abhängig von dem Ausharren bei
+ihm.
+
+Die merkwürdige, ausweichende Antwort Jesu an den Täufer, in welcher
+die Exegese von jeher besondere Finessen entdecken zu müssen glaubte,
+erklärt sich also einfach aus einer Zwangslage! Er konnte nicht direkt
+antworten. Darum gab er diesen dunkeln Bescheid. Der Täufer sollte
+daraus entnehmen, was er wollte und konnte. Uebrigens hatte es ja keine
+Bedeutung, wie er ihn verstand. Die Ereignisse werden ihn lehren, denn
+die Zeit ist ja schon viel weiter vorangeschritten als er annimmt, und
+der Hammer hebt schon zum Stundenschlag aus.
+
+Es wird uns sehr schwer von dem Gedanken loszukommen, als ob der
+Täufer und Jesus zu einander als Vorläufer und Messias gestanden
+hätten. Nur durch eine angespannte Ueberlegung gelangt man zur
+Einsicht, dass bei unserer Perspektive die beiden Grössen in diesem
+Verhältnis stehen, weil wir die Messianität Jesu voraussetzen, dass
+man aber, um ihre historischen Beziehungen zu entdecken, die richtige
+Perspektive berechnen und in Anschlag bringen muss.
+
+Solange man noch irgendwie in der alten Perspektive befangen ist,
+wird man der vorliegenden Untersuchung nicht gerecht. Man meint dann
+nämlich, es handle sich um »den Vorläufer des Vorläufers« und den
+Vorläufer, also eine geistreiche Multiplizierung des Vorläufers mit
+sich selbst. Das ist falsch ausgedrückt. Ein busspredigender Prophet,
+Johannes der Täufer, weist auf die machtvolle Vorläufergestalt des
+Elias hin und, als er im Gefängnis von den Zeichen Jesu hört, frägt er
+sich, ob dieser nicht der Elias sei und ahnt nicht, dass jener sich für
+den Messias halte und er selbst deshalb in der Geschichte hinfort als
+der Vorläufer bezeichnet würde. Dies ist der geschichtliche Thatbestand.
+
+Mit dem Augenblick aber, wo die Geschichtsbetrachtung von der
+Gewissheit ausgeht, dass Jesus der Messias war, verschiebt sich der
+geschichtliche Thatbestand notwendig. Die Evangelien zeigen diese
+Verschiebung in steigendem Masse an. In dem Anfangssatz des Markus
+wird das Maleachicitat von dem bahnbereitenden Vorläufer (Mal 3 _-1-_)
+schon auf Johannes angewandt. Bei Matthäus hört der Täufer im Gefängnis
+»die Werke des Messias« (Mt 11 _-2-_). Handelt es sich hier nur um das
+unreflektierte Hereinspielen einer neuen Betrachtungsweise, so hat das
+vierte Evangelium daraus ein Prinzip gemacht und stellt die Geschichte
+konsequent unter der Voraussetzung dar, dass, weil Jesus der Messias
+war, der Täufer der Vorläufer war und sich als solcher auch fühlen
+musste. Der historische Täufer sagt: ich bin nicht der _=Vorläufer=_,
+denn dieser ist unverhältnismässig grösser und mächtiger als ich. Nach
+dem vierten Evangelium könnten die Leute mutmassen, er sei Christus. Er
+muss daher sagen: ich bin nicht _=Christus=_ (Joh 1 _-20-_)!
+
+So hat sich das Verhältnis unter der neuen Perspektive vollständig
+verschoben. Die Person des Täufers ist historisch unkenntlich
+geworden. Zuletzt hat man noch den modernen Zweifelsmann aus ihm
+gemacht, der halb an Jesu Messianität glaubt, halb nicht glaubt. In
+diesem Hangen und Bangen soll gar die Tragik seines Daseins bestehen!
+Nun darf man ihn aber mit Zuversicht aus der Reihe der uns Modernen
+so interessanten, am tragischen Halbglauben zu Grunde gehenden
+Persönlichkeiten tilgen. Jesus hat ihm das erspart. Denn so lang er
+lebte, verlangte er von niemand den Glauben an seine Messianität -- und
+war es doch!
+
+
+7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in Jerusalem.
+
+Ist der Einzug in Jerusalem eine messianische Ovation? Das hängt
+einmal davon ab, wie man die Rufe des Volkes deutet, sodann aber von
+der Auffassung der Scene zwischen Jesus und dem Blinden. Handelt es
+sich dort wirklich um die Begrüssung als Davidssohn, die er nun nicht
+mehr ablehnt, sondern stillschweigend annimmt, sodass das Volk zur
+Erkenntnis gelangt, für wen er sich halte: dann ist die Folgerung
+unabweislich, dass es eine messianische Ovation war.
+
+Für die Herausarbeitung der ursprünglichen Situation in der Schilderung
+des Einzugs sind die Detailunterschiede zwischen Markus und den
+Seitenreferenten von weittragender Bedeutung. Bei Markus haben wir zwei
+klar unterschiedene Jubelrufe. Der erste gilt der gegenwärtigen Person
+Jesu: »Hosianna, gelobt sei der »Kommen-Sollende« im Namen des Herrn«
+(Mk 11 _-9-_). Der zweite bezieht sich auf das erwartete Kommen des
+Reichs: »Gelobt sei das kommen-sollende Reich unseres Vaters David;
+Hosianna in der Höh'.« Von dem Davidssohn ist also gar nicht die Rede!
+
+Anders bei Matthäus. Dort ruft das Volk: »Hosianna dem Sohne Davids;
+gesegnet sei der Kommen-Sollende im Namen des Herrn; Hosianna in der
+Höh'« (Mt 21 _-9-_). Wir haben also hier nur den Ruf, welcher der
+Person Jesu gilt. Das Reich wird nicht erwähnt; dafür jubelt man dem
+Davidssohn und zugleich dem Kommen-Sollenden zu.
+
+Der lukanische Bericht kommt nicht in Betracht, da er mit Reminiscenzen
+aus der Vorgeschichte operiert: »Gesegnet der König, der im Namen des
+Herrn kommt. Friede im Himmel und Ehre in der Höh'« (Luk 19 _-38-_).
+
+In seiner Darstellung deutet also Matthäus den Kommen-Sollenden auf
+den Davidssohn. Direkte Beweise, dass dieser aus Psalm 118 _-25-_ ff.
+stammende Ausdruck zur Zeit Jesu auf den Messias angewandt wurde,
+besitzen wir nicht. Wohl aber hat es sich gezeigt, _=dass sowohl der
+Täufer als auch Jesus ihn auf den Vorläufer Elias anwenden=_. Also
+ist es ungeschichtlich, wenn Matthäus das Volk in einem Atem dem
+Kommen-Sollenden und dem Davidssohn zujubeln lässt.
+
+Markus hat auch hier in seinem Detail die ursprüngliche Situation
+festgehalten. Das Volk jubelt Jesus als dem »Kommen-Sollenden«, d.
+h. dem erscheinenden Vorläufer zu und singt ein »Hosianna in der
+Höh'« dem Reich, welches bald auf Erden herabkommen wird. Gerade der
+Unterschied zwischen dem _=Hosianna=_ und dem _=Hosianna in der Höh'=_
+ist bezeichnend, sofern das erste auf den gegenwärtigen Vorläufer,
+das zweite auf das himmlische Reich geht. Der sekundäre Charakter der
+matthäischen Darstellung tritt darin zu Tage, dass er dem Davidssohn
+und dem Kommen-Sollenden ein Hosianna und zugleich Hosianna in der Höh'
+gelten lässt, wobei der Messias also einmal auf Erden, das andere Mal
+noch im Himmel vorausgesetzt wird! Hier zeigt sich deutlich, dass dem
+zweiten Hosianna ursprünglich das Reich beigehört.
+
+_=Der Einzug in Jerusalem galt also nicht dem Messias, sondern dem
+Vorläufer.=_ Dann ist es aber unmöglich, dass das Volk die Scene mit
+dem Blinden dahin verstanden hat, als nähme hier Jesus die Anrede
+»Davidssohn« entgegen.
+
+Auch hier handelt es sich um synoptisches Detail, durch welches die
+Scene total verändert wird. Der Ruf über den Davidssohn ist dabei
+gefallen. Die Frage ist nur, ob ihn das Publikum als Anrede auffassen
+konnte und musste. Bei Matthäus und Lukas trifft dies zu, _=bei Markus
+ist es ausgeschlossen=_.
+
+Nach der matthäischen Scenerie sitzen zwei Blinde am Wege und rufen:
+erbarme dich unser, Sohn Davids (Mt 20 _-30-_).
+
+Bei Lukas lautet der Ruf: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich meiner
+(Luk 18 _-38-_). Darauf bleibt Jesus vor ihm stehen, redet ihn an und
+heilt ihn.
+
+Bei Markus sitzt der blinde Bettler, Sohn des Timäus, hinter der
+Menge am Wege. _=Jesus sieht ihn nicht, er kann ihn nicht anreden,
+sondern er hört nur eine Stimme, die mitten aus dem Gewühl vom Boden
+zu ihm dringt=_, wo einer über den Davidssohn um Hülfe ruft. Er bleibt
+stehen und schickt, man _=solle ihn holen=_! Man geht der Stimme nach
+und findet ihn am Boden sitzend. Steh' auf, er ruft dich! sagen sie
+zu ihm. Er wirft sein Kleid ab, springt auf und drängt sich durch die
+Menge zu ihm. Als Jesus ihn so auf sich zukommen sieht, kann er gar
+nicht wissen, dass dieser Mann blind ist! Er muss ihn also _=fragen=_,
+was ihm fehlt. Die Distanz, der Aufenthalt, das Schicken nach ihm, das
+behende Herbeikommen: alles dies ist bei Matthäus ausgefallen. Er hat
+die Situation vereinfacht: Jesus stösst auf die beiden am Weg und redet
+sogleich mit ihnen. Nur hat er aus dem ursprünglichen Sachverhalt die
+Frage, wo es denn fehle, beibehalten, die zwar bei Markus thatsächlich
+nötig ist, bei ihm aber ganz unbegreiflich bleibt, da Jesus sehen muss,
+dass er es mit zwei Blinden zu thun hat!
+
+Lag aber eine solche Distanz zwischen Jesus und dem Blinden, so konnte
+niemand auf den Gedanken kommen, er beziehe den monotonen Ruf über den
+Davidssohn als Anrede auf sich! Es war eben nur ein lästiger _=Ruf=_,
+den die Umstehenden ihm vergebens zu verwehren suchten. Man legte ihm
+so wenig Bedeutung bei, als den Dämonenrufen -- wenn man ihn überhaupt
+verstand.
+
+Die _=Anrede=_ des Bettlers lautet ganz anders und zeigt, dass er
+ebensowenig wie das Volk Jesum für den Messias hält: »_=Rabbi=_, dass
+ich sehend werde.« Er war für ihn also der Rabbi aus Nazareth.
+
+Hält man sich diese Situation vor, so ersieht man, dass die Umstehenden
+in keiner Weise auf den Gedanken kommen konnten, Jesus nehme hier
+messianische Huldigungen entgegen. Es war aber das erste Zeichen, das
+er wieder that, seitdem er aus der Einsamkeit herausgetreten war. Damit
+legitimiert er sich vor der Festkarawane als der Vorläufer, für den ihn
+die Anhänger in Galiläa hielten, ehe er sich plötzlich in die Stille
+nach dem Norden zurückzog. Nun bricht der Jubel los und sie bereiten
+ihm als dem Vorläufer die Ovation beim Einzug.
+
+Bei dem Nachweis über den eigentlichen Charakter dieses Ereignisses
+handelt es sich um ein anscheinend geringfügiges Detail, dem nicht
+jedermann geneigt sein möchte, die erforderliche Bedeutung beizulegen.
+Demgegenüber ist an folgendes zu erinnern:
+
+1. In der Darstellung, welche die Messianität Jesu voraussetzte, musste
+sich wie von selbst die Sache im Detail dahin verschieben, dass es sich
+um einen messianischen Einzug handelt. Dies ist bei Matthäus der Fall.
+Bewusste Absicht des Schriftstellers liegt nicht vor.
+
+2. Die Schilderung des Markus zeigt eine solche Ursprünglichkeit den
+Seitenreferenten gegenüber (man denke an die Taufgeschichte und an den
+Bericht des letzten Mahles), dass man nicht leicht der Eigentümlichkeit
+seiner Notizen ein zu grosses Gewicht beilegen kann, besonders wenn
+sich daraus eine so anschauliche Situation ergibt, wie es hier der Fall
+ist.
+
+3. Mit der Behauptung, der Beweis sei nicht erbracht, dass es sich um
+eine Ovation an den Vorläufer handle, ist nichts gethan. Dann gilt es
+nämlich darzuthun, wie unter der Voraussetzung, dass sie wirklich dem
+Messias galt, die Verhandlungen in den jerusalemitischen Tagen gar
+nicht auf eine vorausgesetzte messianische Anmassung reflektieren und
+die gedungenen Ankläger sich nicht auf solche Anmassungen berufen. Was
+hätte der römische Befehlshaber gethan, wenn einer unter den Hochrufen
+des Volks als Davidssohn in die Stadt eingezogen wäre?
+
+4. Die historische Erkenntnis wird uns hier besonders schwer, weil
+wir immer meinen, die Zeichen und Wunder bekräftigten für die
+Zeitgenossen die Messianität Jesu. Damit stehen wir auf dem Standpunkt
+der johanneischen Geschichtsdarstellung. In der Vorstellung der
+Zeitgenossen Jesu braucht aber der Messias keine Zeichen, sondern er
+wird offenbar in seiner Macht! Die Zeichen hingegen gehen auf die Zeit
+des Vorläufers!
+
+5. Auch unsere Uebersetzung wirkt beeinträchtigend. Der [Greek:
+erchomenos] bezeichnet in allen Stellen eine für jene Zeit scharf
+ausgeprägte Persönlichkeit. Man muss daher überall dieses Wort
+dementsprechend übersetzen und es nicht einmal als Substantiv, ein
+andermal (in der Einzugsgeschichte) wieder als Verbalform übersetzen,
+wie es gerade am bequemsten ist. »Kommen-Sollender« ist der Vorläufer,
+weil er vor dem messianischen Gericht im Namen Gottes kommen soll, um
+alles in Ordnung zu bringen.
+
+Es bleibt also dabei: _=Bis zu dem Bekenntnis vor dem hohen Rat galt
+Jesus öffentlich für den Vorläufer, wofür er schon in Galiläa gehalten
+worden war.=_
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel.
+
+Nach der Aussendung. Litterarische und historische Probleme.
+
+
+1. Die Seereise nach der Aussendung.
+
+Es ist sehr schwer, sich nach den synoptischen Berichten ein klares
+Bild von den Ereignissen zu machen, welche auf die Aussendung folgten.
+Wann sind die Jünger zurückgekehrt? Wo hat sich Jesus während ihrer
+Abwesenheit aufgehalten? Welcher Art waren die Erfolge der Jünger?
+Welches waren die Ereignisse zwischen ihrer Rückkehr und dem Aufbruch
+nach dem Norden? Wird durch diese Ereignisse motiviert, warum Jesus
+sich mit ihnen in die Einsamkeit zurückzieht?
+
+Auf diese Fragen geben die Berichte keine Antwort. Dazu kommt noch ein
+rein litterarisches Problem. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen
+Scenen ist hier merkwürdig zerrissen. Fast scheint es, als ob der
+Faden der Geschichtserzählung hier abbräche. Erst vom Augenblick des
+Aufbruchs zur Reise nach Jerusalem an stehen die Scenen wieder in einem
+natürlichen und klaren Zusammenhang.
+
+Zunächst handelt es sich um zwei offenbare Doubletten: die
+Speisungsberichte mit nachfolgender Seefahrt (Mk 6 _-31-56-_ =
+Mk 8 _-1-22-_). Beidemale wird Jesus auf einer Reise längs des
+Sees von der Volksmenge beim Anlegen ans Land in einsamer Gegend
+eingeholt. Dann kehrt er in die galiläischen Orte auf dem Westufer
+zurück. Hier, in seinem gewohnten Wirkungskreis, trifft er mit den
+pharisäischen Sendlingen aus Jerusalem zusammen. Sie stellen ihn zur
+Rede. In der Erzählungsreihe der ersten Speisungsgeschichte handelt
+es sich um das Händewaschen (Mk 7 _-1-23-_), in der der zweiten
+um die Zeichenforderung (Mk 8 _-11-13-_). Im Gefolge der ersten
+Erzählungsreihe steht der Aufbruch nach Norden, wo er in der Gegend von
+Tyrus und Sidon mit der Kanaanitin zusammentrifft (Mk 7 _-24-30-_). In
+der zweiten folgt auf das Zusammentreffen mit den Pharisäern die Reise
+nach Cäsarea Philippi (Mk 8 _-27-_).
+
+Wir haben hier also zwei selbständige Darstellungen derselben Epoche
+im Leben Jesu. Dem Plane nach decken sie sich vollständig; nur
+differieren sie in der Auswahl der berichteten Ereignisse. Diese beiden
+Erzählungsreihen sind wie prädestiniert miteinander verbunden, statt
+einander gleichgesetzt zu werden. Jede erzählte Nordreise beginnt und
+endigt nämlich mit einem Aufenthalt in Galiläa. Mk 7 _-31-_: Nachdem
+er weggegangen aus dem Gebiet von Tyrus, ging er über Sidon an den
+galiläischen See; Mk 9 _-30-_ u. _-33-_: Und sie gingen weg von da
+(gemeint ist Cäsarea Philippi) und wandelten durch Galiläa hin und sie
+kamen nach Kapernaum. Man ist also an dem Ende einer Erzählungsreihe
+wieder an dem Ausgangspunkt der andern. Verbindet man daher die eine
+Rückkehr aus dem Norden mit dem Anfang der andern Erzählungsreihe, so
+hat man äusserlich betrachtet eine ganz natürliche Fortsetzung, nur
+dass Jesus jetzt unbegreiflicherweise gleich wieder nach dem Norden
+muss, statt dass die Rückkehr nach Galiläa ein Teil der Jerusalemreise
+ist! Diese schliesst sich in dieser Anordnung dann erst an die zweite
+Rückkehr an.
+
+In dieser rückläufigen Bewegung der beiden Erzählungsreihen liegt
+es begründet, dass sie, obwohl Parallélcyklen, sich doch in einer
+Folge aneinanderschliessen. Der jetzige Text zeigt ihre vollständige
+Harmonisierung. Nicht nur dass die zweite Speisungsgeschichte auf die
+erste durch »wiederum« (Mk 8 _-1-_) Rücksicht nimmt: der Ausgleich ist
+sogar soweit vorangeschritten, dass Jesus in einem Wort an die Jünger
+beide voraussetzt (Mk 8 _-19-21-_)! Wie weit sich dieser Prozess schon
+in der mündlichen Ueberlieferung vollzogen hatte und was auf das Konto
+der endgültigen litterarischen Zusammenfügung kommt, das lässt sich
+nicht mehr ausmachen.
+
+Nur der erste Cyklus ist vollständig. Jesus fährt mit den Jüngern
+nordöstlich der Küste entlang und kehrt dann wieder nach der Landschaft
+Genezareth zurück (Mc 6 _-32 45 53-_). Der zweite ist unvollständig und
+etwas in Unordnung geraten.
+
+Jesus ist von der Seereise zum Westufer zurückgekehrt. Mk 8 _-10-_
+ff. entspricht Mk 6 _-53-_ ff. u. 7 _-1-_ ff.; Dalmanutha liegt auf
+dem Westufer. Statt dass er aber nun direkt nach Norden aufbricht,
+folgt zuerst wieder eine Fahrt nach dem Ostufer (Mk 8 _-13-_). Erst
+von Bethsaida zieht er dann mit ihnen nach Norden (Mk 8 _-27-_ ff.).
+Der erste Cyklus hingegen erzählt _=diese Seefahrt nach Bethsaida
+als Episode der grossen Uferreise in unmittelbarer Folge auf die
+Speisungsgeschichte=_ (Mk 6 _-45-_ ff.). Nun zeigt aber auch die zweite
+Erzählungsreihe, dass dies der ursprüngliche Zusammenhang war, denn
+auch hier, wie in der ersten, bezieht sich das Gespräch beim Landen auf
+die vorhergegangene Speisung. Mk 6 _-52-_: »Denn sie waren nicht zur
+Einsicht gekommen über den Broten, sondern ihr Herz war verstockt«. Mk
+8 _-19-21-_: »Da ich die fünf Brote gebrochen habe -- da ich die sieben
+gebrochen habe -- versteht ihr noch nicht?« Es ist also unmöglich, dass
+zwischen dieser Fahrt und der Speisung alle Auftritte, die sich auf
+dem Westufer abgespielt haben, dazwischen liegen. Das Denken aller ist
+ja noch von dem grossen Ereignis beherrscht. _=Die neue Seereise des
+zweiten Cyklus ist nichts anderes als die ursprüngliche Fortsetzung der
+Fahrt von dem Platz der Speisung nach Bethsaida.=_
+
+Damit ist der Parallelismus der beiden Erzählungsreihen erwiesen.
+Die Ereignisse verlaufen in der Folge: Uferfahrt vom Westufer aus,
+Speisung, Weiterfahrt nach dem Nordosten, »Meerwandeln« resp. Gespräch
+im Boot, Ankunft in Bethsaida, Rückkehr nach der Landschaft Genezareth,
+Diskussion mit den Pharisäern, Aufbruch mit den Jüngern nach dem Norden.
+
+
+2. Das Abendmahl am See Genezareth.
+
+Die Predigt der Jünger von der unmittelbaren Nähe des Reiches muss
+einen grossen Erfolg gehabt haben. Eine gewaltige Menge von solchen,
+die der Kunde glauben, scharen sich um Jesus. Er hat eine von der
+hochgradigsten eschatologischen Erwartung beseelte Gemeinde um sich.
+Sie lassen ihn nicht los. Um mit den Jüngern allein zu sein, besteigt
+er ein Schiff. Er gedenkt sich nach dem Nordostufer zurückzuziehen.
+Die Menge aber, als sie erfährt, dass er sich entfernen will, strömt
+allerorts zusammen und folgt am Strande. Mk 6 _-32-_ u. _-33-_: »Es war
+eine Menge Leute da, die kamen und gingen; und sie hatten nicht einmal
+Zeit zu essen. Und sie gingen zu Schiff hin beiseits an einen einsamen
+Ort; und viele sahen sie hingehen und erkannten sie. Und sie liefen von
+allen Städten aus zu Fuss dahin zusammen und kamen ihnen zuvor«.
+
+Sie treffen ihn in einsamer Gegend und umringen ihn alsbald. Die Stunde
+der Mahlzeit kommt. In den Berichten von der wunderbaren Speisung ist
+uns das Mahl, das sie feierten, erhalten. _=Es handelte sich um ein
+feierliches Kultmahl!=_ Nach weihevollem Dankgebet lässt Jesus durch
+seine Jünger das von ihm gebrochene Brot unter die Menge verteilen.
+Mit Ausnahme der beiden Gleichnisse haben wir absolut denselben
+feierlichen Vorgang wie beim Abendmahl. Er teilt persönlich Speise
+unter die Tischgenossenschaft aus. Die Schilderung der Brotausteilung
+hier entspricht vollständig dem ersten Abendmahlsakt. Mk 6 _-41-_: Er
+nahm die Brote, segnete sie, zum Himmel aufblickend, brach sie und gab
+sie den Jüngern, sie ihnen vorzusetzen. Mk 14 _-22-_: Er nahm das Brot,
+segnete und brach es und gab es ihnen.
+
+_=In der feierlichen Austeilungshandlung=_ liegt also das Wesen
+sowohl jener Mahlzeit am Strand als auch des letzten Mahls mit den
+Jüngern begründet. Der Name Abendmahl geht auf beide, denn auch jenes
+Mahl am See fand in der Abendstunde statt. Mk 6 _-35-_: Und wie es
+schon spät wurde, traten seine Jünger zu ihm etc. Hier setzt sich die
+Mahlgemeinschaft aus der grossen Menge der Reichsgläubigen zusammen,
+beim letzten Mahl ist sie auf den Jüngerkreis beschränkt. _=Die Feier
+aber war dieselbe.=_
+
+Hier ist sie nun in einen Wunderbericht verzerrt, weil das Kultmahl,
+das Jesus am See improvisiert, als ein Sättigungsmahl aufgefasst wird.
+Dass er den geringen Vorrat, der zu Händen war, die für ihn und seine
+Jünger bestimmte Speise der Menge feierlich austeilte, ist historisch.
+Dass dieses Mahl ihnen die abendliche Mahlzeit ersetzte, trifft
+ebenfalls zu. Dass die Menge davon aber durch einen übernatürlichen
+Vorgang _=satt wurde=_, das gehört zum Wundercharakter, welchen die
+spätere Zeit der Feier beilegte, weil man sich ihre Bedeutung nicht
+zurechtlegen konnte.
+
+Der historische Vorgang ist also folgender: Die Jünger verlangen,
+Jesus solle das Volk entlassen, damit sie sich sättigen. Für ihn aber
+ist es nicht der Augenblick, an irdische Mahlzeit zu denken und dafür
+auseinanderzugehen, denn die Stunde ist nahe, wo sie alle um ihn zum
+messianischen Mahl versammelt sein werden. Darum will er nicht, dass
+sie jetzt gehen, sondern, ehe er sie entlässt, heisst er sie sich
+lagern. An die Stelle der Sättigungsmahlzeit setzt er ein feierliches
+Kultmahl, bei dem die irdische Sättigung keine Rolle spielt, sodass die
+für ihn und seine Jünger bestimmte Speise ausreicht.
+
+Weder die Jünger noch die Menge verstehen, was vorgeht. Als Jesus
+nachher im Schiff die Rede auf die Bedeutung der Mahlzeit bringt --
+dies allein kann der historische Sinn der dunkeln Notizen Mk 6 _-52-_
+und Mk 8 _-14-21-_ sein -- zeigt sich, dass sie nichts begriffen haben.
+
+Er hielt also ein Kultmahl ab, dessen Sinn ihm allein klar war. Er
+achtete es nicht für nötig, ihnen das Wesen der Feier zu erklären.
+Die Erinnerung aber an jene geheimnisvolle Abendmahlzeit am einsamen
+Seestrand lebte in der Ueberlieferung lebendig weiter und wuchs zum
+Bericht der wunderbaren Speisung aus.
+
+Worin bestand für Jesus der feierliche Charakter der Austeilung?
+Die Mahlgemeinschaft trägt eschatologischen Charakter. Das Volk, das
+sich am See um ihn gesammelt, erwartet mit ihm das Anbrechen des
+Reiches. Indem er nun an die Stelle der gewöhnlichen Sättigungsmahlzeit
+ein Kultmahl setzt, wo er unter Danksagung zu Gott ihnen Speise
+austeilt, da handelt er aus seinem messianischen Selbstbewusstsein
+heraus. _=Als derjenige, welcher sich Messias weiss und bei dem
+unmittelbar bevorstehenden Einbrechen des Reiches ihnen als solcher
+geoffenbart werden wird, teilt er denjenigen, welche er demnächst beim
+messianischen Mahl um sich erwartet, feierlich Speise aus, als wollte
+er ihnen damit ein Anrecht auf Teilnahme an jener zukünftigen Feier
+geben.=_ Die Zeit der irdischen Mahlzeiten ist vorbei; darum hält er
+mit ihnen die Vorfeier des messianischen Mahles. Sie aber verstanden es
+nicht, denn sie konnten nicht ahnen, dass derjenige, welcher ihnen so
+weihevoll Speise in Danksagung austeilte, sich als Messias wusste und
+als solcher handelte.
+
+In diesem Zusammenhang fällt nun ein Licht auf das Wesen des Abendmahls
+zu Jerusalem. Dort repräsentieren die Jünger die reichsgläubige
+Gemeinschaft. Jesus teilt ihnen im Verlauf jener letzten Mahlzeit
+unter Danksagungswort Speise und Trank aus. Nun wissen sie aber, was
+er von sich hält. Er hat ihnen sein messianisches Geheimnis enthüllt.
+Sie können daraus die Beziehung seiner Austeilung auf das messianische
+Mahl ahnen. Er selbst gibt seinem Handeln diese Bedeutung, indem er
+die Feier mit dem Hinweis auf die demnächstige Wiedervereinigung
+beschliesst, wo er mit ihnen den Wein neu trinken wird in seines Vaters
+Reich!
+
+Das Abendmahl am See und das Abendmahl zu Jerusalem entsprechen
+sich also vollkommen, nur dass Jesus bei letzterem den Jüngern das
+Wesen der Feier andeutet und zugleich in den beiden Gleichnissen
+den Leidensgedanken zum Ausdruck bringt. Das Kultmahl war dasselbe:
+eine Vorfeier des messianischen Mahles im Kreise der reichsgläubigen
+Genossenschaft. _=Jetzt versteht man erst, wie das Wesen des Abendmahls
+von den Gleichnissen unabhängig sein kann.=_
+
+
+3. Die Woche zu Bethsaida.
+
+Während der Feier war Jesus tief ergriffen. Darum drängte er zum
+Aufbruch und entliess das Volk. Er selbst zog sich auf einen Berg
+zurück, um im Gebet allein zu sein. Am Strande zu Bethsaida, wohin er
+ihnen zu rudern befohlen hatte, traf er die Seinen wieder. Im Kampf
+mit Sturm und Wellen wähnten sie eine überirdische Erscheinung auf sie
+zukommen zu sehen, als sie seine Gestalt am Strande erblickten. So sehr
+standen sie noch unter dem Eindruck der gewaltigen Persönlichkeit,
+welche voll geheimnisvoller Hoheit der Menge feierlich Speise
+ausgeteilt und dann die Feier plötzlich abgebrochen hatte (Mk 6
+_-45-52-_).
+
+Wohin hatte er die Menge entlassen? Was thaten sie in Bethsaida? Wie
+lang blieben sie dort? Unser Text berichtet nur, dass sie wieder nach
+Genezareth zurückkehrten.
+
+Nun bietet aber die synoptische Geschichtserzählung für die Zeit vor
+dem Aufbruch nach Jerusalem (Mk 9 _-30-_) ein schweres litterarisches
+Problem. Mk 8 _-27-33-_ befindet sich Jesus allein mit seinen Jüngern
+hoch im Norden auf heidnischem Gebiet; von dort bricht er auch 9 _-30-_
+ff. zum raschen Zug durch Galiläa nach Jerusalem auf. »Sie zogen von
+dort weg und nahmen ihren Weg durch Galiläa; er wollte aber nicht, dass
+jemand davon wusste.« Zwischen die Messianitätserklärung und diesen
+Aufbruch fällt nun eine Scene (Mk 8 _-34-_-9 _-29-_), wo er von einer
+grossen Volksmenge umgeben erscheint. Er verlässt sie mit den Intimen,
+um nachher wieder zu ihr zurückzukehren. Nirgends wird berichtet,
+wie dieses Volk plötzlich auf heidnischem Land sich zu ihm findet.
+Ebensowenig erfahren wir, wie es ihn wieder verlässt, dass er Mk 9
+_-30-_ ff. allein mit den Jüngern und unerkannt durch Galiläa ziehen
+kann.
+
+Aber nicht nur die Volksmenge kommt unerwartet, sondern die ganze
+Scenerie verändert sich. Man befindet sich in bekannter Gegend, denn
+Jesus geht mit den Jüngern »ins Haus«, während das Volk draussen bleibt
+(Mk 9 _-28-_)!
+
+Der litterarische Zusammenhang, in dem das Stück steht, ist absolut
+unmöglich, denn es kann nicht auf _=heidnischem Boden=_, sondern nur
+in _=Galiläa=_ spielen! Da aber Jesus nachher Galiläa nur im Fluge und
+incognito berührt, so gehört es in die galiläische Periode _=vor den
+Aufbruch nach dem Norden und zwar in die Zeit nach der Rückkehr der
+Jünger=_, da er dort von einer ständigen Volksmenge umgeben ist und
+dabei mit den Jüngern die Einsamkeit aufsucht!
+
+Die Situation lässt sich aber mit Sicherheit noch genauer bestimmen.
+Jesus wohnt in einer Ortschaft (Mk 9 _-28-_), in deren Nähe ein Berg
+sich befindet, zu dem er sich mit den Intimen begibt (Mk 9 _-2-_).
+Dies passt aber alles mit absoluter Sicherheit auf den Aufenthalt _=in
+Bethsaida=_. Der Berg, den er mit den drei Intimen aufsucht, ist _=der
+Berg am Nordstrand des Sees, auf dem er gebetet in der Nacht, da er
+nach Bethsaida kam=_!
+
+Das Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_ gehört also in die Tage von Bethsaida!
+Es ist nicht mehr auszumachen, durch welchen Prozess es in den
+vorliegenden, unmöglichen litterarischen Zusammenhang geriet. Von
+Einfluss auf diese Einreihung wird gewesen sein, dass sich an die
+Leidensweissagung in Cäsarea Philippi (Mk 8 _-31-33-_) am natürlichsten
+das eindringliche Wort von der Leidensnachfolge der Anhänger
+anzuschliessen schien (Mk 8 _-34-_-9 _-1-_).
+
+Zudem hatte die Umbildung des Berichts von dem Zusammentreffen Jesu
+mit seinen landenden Jüngern in eine Wundererzählung den natürlichen
+Anschluss des Berichts von dem am folgenden Morgen eintretenden
+Ereignisse erschwert. Und doch setzt Mk 8 _-34-_ ff. die Massnahmen
+des vorhergehenden Abends voraus (Mk 6 _-45-47-_). Jesus hat das Volk
+entlassen, sich selbst in die Einsamkeit zurückgezogen und ist mit
+den Jüngern im Dunkel der Nacht in Bethsaida eingetroffen, wo sie im
+Hause (Mk 9 _-28-_) Herberge haben. Am andern Tage ruft er das Volk
+mit den Jüngern um sich (Mk 8 _-34-_) und redet zu ihnen von der
+Selbstverleugnung, die in seiner Nachfolge gewillt sein muss, Schande,
+Hohn und Spott zu erdulden, um bei ihm auszuharren. Dieses Verhalten
+wird durch die Nähe der Ankunft des Menschensohnes gerechtfertigt, der
+in Solidarität mit Jesu richten wird.
+
+Den Beschluss dieser mahnenden Rede bildet ein Wort »von dem
+Hereinbrechen des Reiches Gottes mit Macht«, d. h. der eschatologischen
+Realisierung desselben. In der jetzigen Form ist es abgeschwächt:
+einige von den Umstehenden werden den Tod nicht schmecken, bevor jener
+Augenblick eintritt. Als Abschluss dieser Rede muss es aber gelautet
+haben: Ihr, die ihr hier steht, werdet in Bälde den grossen Augenblick
+des gewaltsamen Einbruchs des Reiches Gottes erleben! So passt diese
+ernste Rede in Bethsaida zu den Erwartungen, die Jesum und die Menge um
+ihn bewegten.
+
+Sechs Tage nach jener Rede in Bethsaida nimmt er die Intimen mit
+sich und führt sie auf den Berg, wo er am Abend nach dem grossen
+gemeinschaftlichen Kultmahl in der Einsamkeit gebetet. Bei ihrer
+Rückkehr finden sie die andern Jünger vom Volk umgeben; trotz der von
+ihnen auf ihrem Wanderzug durch die Ortschaften Israels bewiesenen
+Vollmacht über die Dämonen werden sie nicht Herr über einen Besessenen,
+der ihnen zugeführt worden. Jesus geht mit dem Vater und dem Besessenen
+abseits; in dem Augenblick, wo das Volk herbeiläuft (Mk 9 _-25-27-_),
+beginnt die Krisis, nach der Jesus den wie tot daliegenden Knaben bei
+der Hand fasst und aufrichtet.
+
+So enthält dieses merkwürdige eingeschobene Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_
+einen anschaulichen Bericht über den ersten und letzten Tag der Woche,
+die er damals zwischen der Rückkehr der Jünger und dem Aufbruch nach
+dem Norden in Bethsaida verbrachte.
+
+Erst jetzt wird ganz klar, wie unhistorisch die Ansicht ist, dass Jesus
+Galiläa infolge des wachsenden Widerstandes und des zunehmenden Abfalls
+verlassen habe. Im Gegenteil: es ist die Zeit der höchsten Triumphe.
+Eine reichsgläubige Volksmenge hängt ihm an und verfolgt ihn überall.
+Kaum landet er am Westufer, so sind sie schon wieder da. Ihre Zahl ist
+noch gewachsen und wächst immer fort (Mk 6 _-53-56-_). Dass sie ihn
+verlassen, dass sie auch nur die geringste Regung des Zweifels oder
+Abfalls gezeigt haben: davon wissen die Texte nichts. _=Nicht das Volk
+verlässt ihn, sondern er verlässt das Volk.=_
+
+Das thut er nicht aus Angst vor den jerusalemitischen Sendlingen,
+sondern er führt nur aus, was er schon seit der Rückkehr der Jünger
+im Sinne hatte. Er will allein sein. Das Volk hatte diese Absicht
+vereitelt, indem es ihm bei der Seefahrt am Ufer folgte. Auf das
+Westufer zurückgekehrt, sieht er sich wieder umgeben. Weil er das
+Alleinsein mit den Jüngern für absolut notwendig hält und weil es ihm
+in Galiläa nicht gelingt, deswegen verschwindet er plötzlich und begibt
+sich auf heidnisches Gebiet. _=Die Nordreise ist keine Flucht, sondern
+sie verfolgt denselben Zweck wie die Seereise.=_
+
+
+
+
+Achtes Kapitel.
+
+Das Messianitätsgeheimnis.
+
+
+1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi.
+
+Nach Cäsarea Philippi ist die Verklärungsscene bedeutungslos und
+unverständlich. Die drei Intimen erfahren nicht mehr über Jesus, als
+was Petrus schon bekannt und Jesus daraufhin bestätigt hat. So ist die
+ganze Perikope nichts als eine angehängte Apotheose mit einem dunkeln
+Gespräch, der keine geschichtliche Bedeutung zukommt.
+
+Spielt die Scene aber, wie oben litterarisch nachgewiesen ist, in den
+Wochen nach der Aussendung, _=vor Cäsarea Philippi=_, nicht auf dem
+Berg der Legende, _=sondern auf dem Berg in der Einsamkeit des Seeufers
+bei Bethsaida=_, dann ist mit einem Schlage aus der bedeutungslosen
+Anhangsapotheose zur Offenbarung des Messiasgeheimnisses ein
+galiläisches Ereignis von weittragender historischer Bedeutung
+geworden, _=das die Scene zu Cäsarea Philippi erklärt, nicht
+umgekehrt=_! Was wir die Verklärung Jesu nennen, ist in Wirklichkeit
+nichts anderes als _=die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an die
+drei Intimen=_! Einige Wochen später folgt dann die Eröffnung an die
+Zwölfe.
+
+Diese Offenbarung an die Intimen ist uns als Wundergeschichte
+überliefert. Sie hat dieselbe Umbildung erfahren, wie alle Ereignisse
+auf jener Fahrt längs des Nordstrandes. Wie die Speisungsgeschichte und
+die Begegnung Jesu mit seinen Jüngern im Abenddunkel, so steht auch die
+Scene auf dem Berg unter dem Eindruck der intensivsten eschatologischen
+Erregtheit. Darum ist der historische Vorgang im einzelnen nicht
+mehr klar. Elias und Moses, die Persönlichkeiten, welche die Endzeit
+ankündigen, erscheinen ihnen. Inwiefern haben dabei ekstatische
+Zustände, verbunden mit Glossolalie, mitgespielt? Die jetzige
+Schilderung lässt auf derartiges schliessen (Mk 9 _-2-6-_). Inwiefern
+wiederholt sich in der Stimme aus den Wolken das Erlebnis Jesu bei der
+Taufe Jesu? Mk 9 _-7-_: »Dies ist mein lieber Sohn, auf ihn höret.«
+
+Zwischen der Taufe und der Verklärung besteht ein innerer Zusammenhang.
+Beidemal handelt es sich um einen Zustand der Verzückung, in dem
+das Geheimnis der Persönlichkeit Jesu offenbar wird. Das erste Mal
+war es für ihn allein. Hier nehmen auch die Jünger daran teil. Wie
+weit sie selbst hingerissen waren, ist nicht klar. Fest steht, dass
+in einem Zustand der Betäubung, aus dem sie erst am Ende der Scene
+erwachen (Mk 9 _-8-_), die Gestalt Jesu ihnen von überirdischem Glanz
+und Herrlichkeit umstrahlt erscheint und sie eine Stimme hören, er
+sei Gottes Sohn. Der Vorgang erklärt sich nur aus der gewaltigen
+eschatologischen Aufregung.
+
+Es ist merkwürdig, dass die Offenbarwerdung des Messiasgeheimnisses
+_=immer=_ an derartige Zustände geknüpft erscheint. Bei der
+Pfingstrede, wo Petrus die Messianität Jesu öffentlich verkündigt,
+handelt es sich auch um Glossolalie. Freilich hatte er diesen Zustand
+schon erlebt, als ihm die Offenbarung auf dem Berg bei Bethsaida wurde.
+Auch Paulus befindet sich in Verzückung, als er die Stimme aus den
+Wolken hört.
+
+Wir haben oben dargethan, dass niemand durch Jesu Auftreten oder
+durch seine Reden jemals auf den Gedanken kommen konnte, er halte
+sich für den Messias. Die Frage dreht sich nicht darum, wie die Leute
+seine Messianität ignorieren konnten, sondern woher Petrus zu Cäsarea
+Philippi und der Hohepriester in der Gerichtsscene im Besitz des
+Geheimnisses Jesu sind.
+
+Die Verklärungsscene löst die erste Frage. Petrus weiss, dass Jesus
+»Sohn Gottes« ist aus der Offenbarung, die ihm mit den andern beiden
+Intimen auf dem Berg bei Bethsaida geworden ist. Darum antwortet er mit
+einer solchen Sicherheit auf die gestellte Frage (Mk 8 _-29-_). Der
+matthäische Text fügt sogar noch ein Wort bei, in dem Jesus auf das
+Erlebnis, wo ihm diese Erkenntnis zu teil geworden, anspielt. Mt 16
+_-17-_: Selig bist du Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat es
+dir nicht geoffenbart, sondern der Vater im Himmel.
+
+Aber auch die auf die Antwort des Petrus folgende Scene zeigt, dass es
+sich um ein beiden gemeinsames Geheimnis handelt. Auf die Eröffnung
+Jesu, dass er in Jerusalem sterben müsse, fährt Petrus heftig und
+rücksichtslos auf ihn ein, nimmt ihn zur Seite und redet mit ihm
+in aufgeregter Weise. _=Als Jesus sieht, dass die übrigen Jünger
+aufmerksam werden=_, reisst er sich mit einem harten Wort von ihm los,
+indem er ihn den Versucher nennt, der nicht Gottes Dinge, sondern
+Menschendinge sinne (Mk 8 _-32 u. 33-_).
+
+Warum die Aufregung des Petrus über die Eröffnung Jesu von der
+Todesreise nach Jerusalem? Weil sie neu hinzukommt zu dem, was ihm
+aus jener Scene auf dem Berg bei Bethsaida bekannt ist. Nun darf
+er aber davon vor den andern Jüngern nicht reden, weil Jesus den
+Intimen verboten hatte, jenes Ereignis zu erwähnen. Darum nimmt er
+ihn bei Seite. Jesus aber kann, da die andern aufmerksam werden, sich
+mit ihm nicht darüber auseinandersetzen, sondern er gebietet ihm
+leidenschaftlich erregt Schweigen.
+
+Nur der Zusammenhang mit der Verklärungsscene erklärt die
+charakteristischen Züge des Ereignisses zu Cäsarea Philippi. Die
+allgemein im Gebrauch befindlichen psychologischen Noterwägungen über
+die schnelle Auffassungskraft des Petrus und sein lebhaftes Temperament
+können nicht im geringsten erklären, warum er allein mit solcher
+Sicherheit zur Erkenntnis der Messianität Jesu gekommen, um sie alsbald
+wieder so misszuverstehen, dass er mit Jesus darob in heftiges Gerede
+kommt. Warum gehen beide mit einander abseits? Warum belehrt ihn Jesus
+nicht, sondern lässt ihn mit hartem Scheltwort stehen?
+
+An sich ist also die ganze Scene zu Cäsarea Philippi ein Rätsel.
+Nimmt man aber an, dass die Verklärungsscene vorausgegangen ist,
+so löst sich das Rätsel und die Scene wird bis ins kleinste Detail
+verständlich. _=Der Offenbarung an die Zwölf ging die Kundgebung des
+Messiasgeheimnisses an die Intimen voraus.=_
+
+
+2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu.
+
+Die Offenbarung des Messiasgeheimnisses änderte vorläufig nichts
+in dem Verhalten der Jünger zu Jesu. Sie sind nicht vor ihm in den
+Staub gesunken, als ob nun aus dem Menschen, den sie gekannt, eine
+überirdische Erscheinung geworden wäre. Nur eine gewisse Scheu legen
+sie in der Folge an den Tag. Sie wagen ihn nicht zu fragen, wenn sie
+seine Worte nicht verstehen (Mk 9 _-32-_), sondern sie gehen neben ihm
+her als solche, die wissen, dass er ein grosses Geheimnis in sich trägt.
+
+War nun Jesus vom Tag der Offenbarung seines Messiasgeheimnisses an
+für sie der Messias? _=Er war es noch nicht.=_ Man muss sich immer
+wieder erinnern, dass das Reich und der Messias unzertrennlich
+zusammengehören. Nun war das Reich noch nicht erschienen, also auch
+der Messias nicht. Die Eröffnung Jesu bezieht sich auf den Zeitpunkt
+des Anbrechens des Reichs. Wann jene Stunde schlagen wird, dann wird
+er als Messias erscheinen, dann wird seine Messianität in Herrlichkeit
+geoffenbart werden. Das war das Geheimnis, welches er den Jüngern
+feierlich bekannt gab.
+
+Jesu Messianität war ein Geheimnis nicht nur, weil er davon zu
+sprechen verboten hatte, sondern auch wegen ihrer besonderen Art,
+_=sofern sie erst in einem bestimmten Zeitpunkt real wurde=_. Es
+handelt sich um eine nur in seinem Selbstbewusstsein vollziehbare
+Vorstellung. Darum konnte und brauchte das Volk nicht darum zu wissen.
+Es genügte, dass sein Wort und seine Zeichen sie zum Glauben an die
+Nähe des Reiches bekehrten, denn mit dem Anbruch des Reiches wurde
+ihnen auch seine Messianität offenbar.
+
+Es ist fast unmöglich, das Messianitätsbewusstsein, wie es Jesus seinen
+Jüngern als Geheimnis offenbarte, in moderne Begriffe zu fassen.
+Mag man es als eine Identität zwischen ihm und dem erscheinenden
+Menschensohn beschreiben, mag man es als eine Kontinuität, die beide
+Persönlichkeiten verbindet, auffassen, oder mag man es sich als ein
+virtuelles Vorhandensein der Messianität denken: keine von diesen
+modernen Anschauungen kann das messianische Selbstbewusstsein Jesu,
+_=wie es die Jünger verstanden=_, wiedergeben.
+
+Uns fehlt nämlich das »jetzt und dann«, welches ihr Denken beherrschte
+und eine eigenartige Duplicität des Selbstbewusstseins bedingte.
+Was wir Identität, Kontinuität und virtuelle Anlage nennen, das
+ging in ihrer Vorstellung in einer für uns ganz unfassbaren Weise
+ineinander über. Jede Persönlichkeit dachte sich selbst in _=zwei
+ganz verschiedenen Zuständen=_, sofern sie sich nämlich jetzt in
+der vormessianischen und dann in der messianischen Aera wusste.
+Aussprüche, welche wir nur nach der Einheit des Selbstbewusstseins
+deuten, verstanden sie ganz von selbst nach dem ihnen geläufigen
+doppelten Selbstbewusstsein. Wenn ihnen also Jesus das Geheimnis seiner
+Messianität offenbarte, hiess das für sie nicht, er sei der Messias,
+wie wir Modernen es verstehen müssten, sondern es bedeutet für sie,
+dass ihr Herr und Meister derjenige war, _=der im messianischen Aeon
+als Messias geoffenbart werden würde=_.
+
+Auch sich selbst dachten sie in dieser Doppelheit des
+Selbstbewusstseins. Jedesmal, nachdem Jesus ihnen eröffnet, dass
+er vor Antritt seiner Herrschaft leiden müsse, machen sie sich
+Gedanken, was sie sein werden im zukünftigen Aeon. Darum folgen auf
+die Leidensweissagungen die Scenen, in denen sie sich streiten, wer
+von ihnen der grösste sein wird im Himmelreich, oder welchen die
+Ehrenplätze zu Seiten des Thrones zufallen werden. Bis dahin aber
+bleiben sie, was sie sind, und Jesus, was er ist, ihr Lehrer und
+Meister. »Meister« reden ihn die Zebedaiden Mk 10 _-35-_ an. Als Lehrer
+soll er versprechen und gewähren, was sich erfüllen wird, wenn das
+Reich und damit seine Messianität geoffenbart sein wird.
+
+In diesem Sinne ist also das Messianitätsbewusstsein Jesu futurisch.
+Weder für ihn noch für die Jünger lag darin etwas Auffälliges. Im
+Gegenteil: es entsprach ganz der jüdischen Vorstellung von _=dem
+verborgenen Werden und Wirken des Messias=_ (vgl. WEBER, System der
+altsynagogalen Theologie, 1880. S. 342-446). Jesu irdische Laufbahn
+ging seiner Messianität in Herrlichkeit voraus. Der Messias musste
+irdisch und unerkannt auftreten und wirken, er musste lehren und durch
+Thun und Leiden ein vollendeter Gerechter werden. Dann erst sollte
+die messianische Aera mit dem Gericht und der Aufrichtung des Reichs
+anbrechen. Von Norden sollte der Messias kommen. Jesu Zug von Cäsarea
+Philippi nach Jerusalem war der Lauf des unerkannten Messias zur
+Erlangung seiner Herrlichkeit.
+
+So stand er als werdender Messias mitten drin in der messianischen
+Erwartung seines Volkes. Er durfte sich ihm nicht offenbaren, denn die
+Zeit seines verborgenen Wirkens war noch nicht vorüber. Darum predigte
+er die Nähe des Reiches Gottes.
+
+Aus seinem futurischen Messianitätsbewusstsein heraus berührt er im
+Tempel die messianische Dogmatik der Schriftgelehrten, als wollte er
+sie auf das Geheimnis, das dahinter steckt, aufmerksam machen. Die
+Pharisäer sagen: der Messias ist Davids Sohn. David aber nennt ihn
+seinen Herrn. Wie kann er da noch sein Sohn sein (Mk 12 _-35-37-_)?
+
+_=Davids Sohn=_, also ihm unterstehend, ist der Messias, wenn er in
+diesem Aeon, aus irdischem Geschlecht geboren, verborgen wirkt und
+wird. _=Davids Herr=_, wenn er beim Anbruch des zukünftigen Aeons als
+Messias in Herrlichkeit geoffenbart wird. Es liegt Jesu fern, die
+messianische Dogmatik der Pharisäer anzugreifen. Sie ist richtig,
+denn die Schrift lehrt so. Nur können sie die Pharisäer selbst nicht
+erklären, da sie nicht deuten können, wie einmal der Messias Davids
+Sohn, das andere Mal Davids Herr ist.
+
+Dieser Ausspruch an das Volk im Tempel -- erst Matthäus hat daraus
+eine Vexierfrage gemacht -- steht auf derselben Stufe wie das Urteil
+über den Täufer. Wer es zu fassen vermöchte, in welcher Vollmacht jener
+taufte, dass er nämlich der Elias war, wer begreifen könnte, wie der
+Messias einmal Davids Sohn, dann wieder Davids Herr ist -- der wüsste
+auch, wer der ist, der so redet. Wer Ohren hat zu hören, der höre!
+
+
+3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der Messianität Jesu.
+
+Der Ausdruck »Davidssohn« enthält also ein Rätsel. Darum gebraucht
+ihn Jesus nie, wenn er von seiner Messianität spricht, sondern immer
+redet er von sich als dem »Menschensohn«. Diese Bezeichnung war also
+besonders geeignet, um sein Messianitätsbewusstsein wiederzugeben.
+
+Er hat es auf diesen Ausdruck abgesehen. Jede messianische Bezeichnung,
+die ihn betreffend gefallen ist, _=korrigiert und erläutert er durch
+»Menschensohn«=_.
+
+Nachdem es in der Scene auf dem Berg den Jüngern aufgegangen ist, dass
+er »Gottessohn« sei, redet er beim Abstieg zu ihnen von sich als dem
+»Menschensohn« (Mk 9 _-7-9-_).
+
+Petrus proklamiert ihn vor den andern als »den Gesalbten« (Mk 8
+_-29-_). Gleich fährt Jesus fort, sie über das Schicksal »des
+Menschensohns« (Mk 8 _-31-_) zu belehren.
+
+Bist du Christus, der Sohn des Hochgelobten? frägt ihn der Hohepriester
+(Mk 14 _-61-_). Ihr werdet sehen den »Menschensohn« sitzend zur Rechten
+der Kraft und kommend auf den Wolken des Himmels, antwortet Jesus. Das
+will heissen: Ja. In der zweiten und dritten Leidensweissagung (Mk 9
+_-30-32-_ und Mk 10 _-32-34-_) ebenso wie in dem Wort vom Dienen (Mk 10
+_-45-_) kehrt überall derselbe Ausdruck wieder.
+
+_=Die Messianitätsbezeichnung »Menschensohn«=_ ist _=futurischen
+Charakters=_. Sie bezieht sich auf den Augenblick, wo der Messias auf
+den Wolken des Himmels zum Gericht erscheinen wird. In diesem Sinne
+hatte Jesus zum Volk und zu den Jüngern vom Kommen des Menschensohnes
+von jeher geredet. Bei der Aussendung weist er die Seinen auf die
+unmittelbare Nähe des Tages des Menschensohnes hin (Mt 10 _-23-_). Dem
+Volk redet er von dem Kommen des Menschensohnes, um es zu vermahnen,
+bei ihm, Jesus, auszuhalten (Mk 8 _-38-_).
+
+Dabei sind er und der Menschensohn für die Jünger und das Volk zwei
+ganz verschiedene Persönlichkeiten. Der eine ist eine _=irdische=_, der
+andere eine _=überirdische=_ Gestalt; der eine gehört dem _=jetzigen=_,
+der andere dem _=messianischen=_ Zeitalter an. Zwischen beiden besteht
+Solidarität, indem der Menschensohn für die eintreten wird, welche zu
+Jesus, dem Verkündiger seines Kommens, gestanden sind.
+
+Von diesen Stellen muss man ausgehen, um die Bedeutung des Ausdrucks
+in Jesu Munde zu verstehen. Wer um sein Geheimnis nicht weiss, für
+den sind Jesus und der Menschensohn verschiedene Personen. Wem er
+aber sein Geheimnis offenbart hat, für den besteht ein persönlicher
+Zusammenhang zwischen beiden. Jesus ist der, welcher am messianischen
+Tag als Menschensohn erscheinen wird. _=Die Offenbarung zu Cäsarea
+Philippi besteht darin, dass Jesus seinen Jüngern offenbart, in welchem
+persönlichen Verhältnis er zum erscheinenden Menschensohn steht.=_ Als
+der, welcher Menschensohn sein wird, kann er Petri Bekenntnis, dass er
+Messias sei, bestätigen. Seine Antwort auf die Frage des Hohenpriesters
+ist in demselben Sinn bejahend. Er ist Messias: das werden sie sehen,
+wenn er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels erscheint.
+
+»Menschensohn« ist also der adäquate Ausdruck für seine Messianität,
+so lange er als Jesus von Nazareth in diesem Aeon auf seine zukünftige
+Würde zu reden kommt. Wenn er daher zu den Jüngern von sich als dem
+Menschensohn spricht, so setzt er dabei das Doppelbewusstsein voraus.
+»Der Menschensohn muss leiden und wird dann von den Toten auferstehen«:
+das will heissen: »als solcher, der Menschensohn sein wird bei der
+Totenauferstehung, muss ich leiden«. Ebenso ist das Wort vom Dienen zu
+verstehen: als solcher, der als Menschensohn zu der höchsten Herrschaft
+im messianischen Aeon berufen ist, muss ich jetzt am tiefsten mich im
+Dienen erniedrigen (Mk 10 _-45-_). So sagt er vor der Gefangennahme:
+die Stunde ist gekommen, dass der, welcher Menschensohn sein wird, in
+Sünderhände überantwortet wird (Mk 14 _-21-_ u. _-41-_).
+
+Damit ist das Menschensohnproblem klargestellt. Eine geläufige
+Selbstbezeichnung war der Ausdruck nicht, sondern eine hoheitsvolle
+Art, mit welcher er in den grossen Momenten seines Lebens zu den
+Eingeweihten von sich als dem zukünftigen Messias sprach, während er
+für die andern von dem Menschensohn als einer von ihm unterschiedenen
+Grösse redete. In allen Fällen aber zeigte der Zusammenhang an, dass
+er von einer zukünftigen Grösse redete, denn in all diesen Stellen
+wird entweder die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken des
+Himmels erwähnt. Die philologischen Bedenken treffen hier also nicht
+zu. Eingeweihte und Uneingeweihte mussten aus der Situation verstehen,
+dass er von einer bestimmten Persönlichkeit der Zukunft redete und
+nicht von dem Menschen allgemein, wenn auch der Ausdruck beidemal
+derselbe war.
+
+Ganz anders steht es mit einer Reihe von Stellen, wo der Ausdruck
+als reine, unmotivierte Selbstbezeichnung, als einfache Umschreibung
+von »Ich« vorkommt. Hier bestehen alle kritischen und philologischen
+Bedenken unbedingt zu Recht.
+
+ Mt 8 _-20-_: Der Menschensohn hat nicht, da er sein Haupt
+ hinlege.
+
+ Mt 11 _-19-_: Der Menschensohn ist gekommen, isset und
+ trinket (im Gegensatz zum Täufer).
+
+ Mt 12 _-32-_: Die Lästerung wider den heiligen Geist ist noch
+ schwerer als die Schmähung des Menschensohnes.
+
+ Mt 12 _-40-_: Der Menschensohn wird drei Tage in der Erde
+ sein, wie Jonas im Bauch des Fisches.
+
+ Mt 13 _-37-_ u. _-41-_: Der Menschensohn ist der Säemann; der
+ Menschensohn ist der Herr, der den Befehl zur
+ Ernte gibt.
+
+ Mt 16 _-13-_: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?
+
+Hier ist der Ausdruck philologisch unmöglich. Denn wenn Jesus ihn
+so gebraucht hätte, mussten ihn die Hörer einfach vom »Menschen«
+verstehen. Nichts zeigt an, dass es sich um die künftige messianische
+Würde handelt! Hier bezeichnet er ja seinen gegenwärtigen Zustand
+damit! »Menschensohn« ist aber eine Messiasbezeichnung futurischen
+Charakters, _=da man dabei immer an das Kommen auf den Wolken denkt,
+entsprechend Dan 7 _-13-14-_=_. Zudem wissen die Jünger in allen diesen
+Stellen damals noch gar nicht um das Geheimnis Jesu. Der Menschensohn
+ist für sie noch eine von ihm ganz unterschiedene Persönlichkeit. Die
+Einheit des Subjekts ist ihnen ja noch unbekannt! Also konnten sie
+nicht verstehen, dass er hierbei von sich rede, sondern sie mussten
+alles auf den Menschensohn beziehen, von dessen Kommen er auch sonst
+sprach! Damit wären aber die Stellen alle sinnlos, da sie voraussetzen,
+es handle sich um eine Selbstbezeichnung seinerseits!
+
+Historisch und philologisch ist es also unmöglich, dass Jesus den
+Ausdruck als unmotivierte, selbstverständliche Selbstbezeichnung
+gebraucht haben kann. Als Selbstbezeichnung, sofern er von sich im
+Hinblick auf seine künftige messianische Würde redete, konnten es
+erst die verstehen, welche um sein Geheimnis wussten. Darum sind alle
+Stellen, in denen er sich _=vor Cäsarea Philippi=_ (für die Intimen
+vor der Verklärung) _=als Menschensohn bezeichnet, unhistorisch=_.
+Historisch sind für jene Zeit nur solche, wo er von dem Menschensohn
+als einer mit ihm nicht identischen zukünftigen Erscheinung redet
+(Mt 10 _-23-_ und Mk 8 _-38-_). Die oben erwähnten Stellen, welche
+den Ausdruck als unmotivierte Selbstbezeichnung bieten, sind also
+nicht historisch, sondern nur aus einem litterarischen Prozess heraus
+verständlich. Wie kommt es, dass eine spätere Periode der evangelischen
+Geschichtserzählung diesen Ausdruck als »Selbstbezeichnung Jesu« ansah?
+
+Dies beruht auf einer Verschiebung der Perspektive. Sie machte sich in
+dem Augenblick bemerkbar, wo man die Geschichte Jesu von dem Gedanken
+aus zu schreiben begann, dass er auf Erden schon _=der Messias war=_.
+Denn nun verlor man das Bewusstsein, dass für die irdische Existenz
+Jesu seine Messianität selbst etwas Futurisches war und dass er sich
+mit dem Ausdruck Menschensohn eben als futurischen Messias bezeichnete.
+Weil nun historisch feststand, dass er von sich als Menschensohn
+geredet, bemächtigte sich die Geschichtserzählung dieser emphatischen
+Selbstbezeichnung. Ohne eine Ahnung davon zu haben, dass sie nur für
+ganz bestimmte Worte und Situationen passte, verwandte man sie auf
+beliebige Stellen, wo er von sich selbst sprach, und schuf damit diese
+philologischen und historischen Unmöglichkeiten.
+
+Dieser falsche Gebrauch beruht also auf einem litterarischen Prozess
+von ausgesprochen sekundärem Charakter. Es verhält sich damit, wie mit
+der unhistorischen Verwendung des Ausdrucks Davidssohn bei Matthäus.
+Dazu stimmt, dass auch die fraglichen Menschensohnstellen einer
+sekundären Schicht des Matthäus angehören.
+
+Vor allem bekunden diesen Charakter: die Umformung der einfachen Frage
+zu Cäsarea Philippi (Mt 16 _-13-_), die Deutung des Gleichnisses
+vom Säemann (Mt 13 _-37-_ u. _-41-_) und die falsche Auslegung des
+Jonaswunders (Mt 12 _-40-_).
+
+Ebenso sekundär ist die Darstellung der Rede über die Sünde wider
+den heiligen Geist, wo ein Unterschied zwischen der Lästerung wider
+den heiligen Geist und der wider den Menschensohn statuiert wird (Mt
+12 _-32-_), während doch in dem Gedanken Jesu beides auf dasselbe
+hinauskommt, da es die bewusste Verstockung gegen die in ihm wirkenden
+Kräfte des nahen Reichs bedeutet. In den Stellen Mt 8 _-20-_ und Mt 11
+_-19-_ ist der Ausdruck unmotiviert, da Jesus dort nur sagen will: ich
+habe nicht, da ich mein Haupt hinlege, ich esse und trinke im Gegensatz
+zu dem asketischen Verhalten des Täufers.
+
+Eine eigene Bewandtnis hat es mit den beiden unhistorischen
+Menschensohnstellen im Markustext.
+
+ Mk 2 _-10-_: Der Menschensohn hat das Recht, auf Erden Sünden
+ zu erlassen.
+
+ Mk 2 _-28-_: Der Menschensohn ist Herr des Sabbattages.
+
+Das Sekundäre besteht darin, dass Jesus den Ausdruck als
+_=Selbstbezeichnung=_ gebraucht haben soll. Historisch ist, dass er
+ihn in jenem Zusammenhang gebraucht hat, entweder vom Menschensohn als
+einer dritten, eschatologischen Grösse oder vom Menschen überhaupt.
+Beidemal gibt es einen Sinn.
+
+ 1. Der Mensch als solcher kann durch die Heilung die
+ Sündenvergebung auf Erden bekunden.
+ Der Mensch als Mensch ist Herr des Sabbattages.
+
+ 2. Im Hinblick auf den kommenden Menschensohn findet jetzt schon
+ Sündenvergebung auf Erden statt, wie die Heilung zeigt.
+ Im Hinblick auf das Kommen des Menschensohns ragt jetzt schon
+ ein Höheres in die gesetzliche Sabbatbeobachtung hinein. Vor dem
+ Höheren verschwindet das Gesetz. Das zeigt der Fall Davids.
+
+Wie man sich die Stellen auch zurechtlegen mag, eines ist klar:
+hier hat der Ausdruck historisch vorgelegen und die Aussage Jesu
+irgendwie motiviert. Sekundär ist nur, dass jetzt der Ausdruck als
+Selbstbezeichnung erscheint, während Jesus vom Menschen oder vom
+Menschensohn geredet hat. So stehen diese Stellen auf der Schwelle vom
+geschichtlichen zum litterarisch-ungeschichtlichen Gebrauch des Wortes
+»Menschensohn«.
+
+Von hier aus erfasst man erst die eigentliche Schwierigkeit des
+Menschensohnproblems. Je tiefer bisher die Untersuchung ging, in
+desto weitere Ferne schien die Lösung zu rücken. Dies rührte daher,
+dass keine Ueberlegung eine Scheidung unter den so ungleichwertigen
+Stellen herbeiführen konnte. So blieben die litterarische und die
+historische Seite des Problems unlösbar verquickt. Mit dem Augenblick
+aber, wo man von dem Studium des Messianitätsbewusstseins Jesu aus
+entdeckt, dass der Ausdruck Menschensohn der einzige war, in welchem
+er das Geheimnis seiner futurischen Würde aussprechen konnte, ist
+auch die Scheidung gegeben. Historisch sind alle Stellen, wo der
+danielisch-eschatologische Charakter des Ausdrucks wirksam ist,
+unhistorisch alle diejenigen, wo dies nicht der Fall ist. Zugleich
+erklärt sich durch die Verschiebung in der Perspektive, wie für
+eine spätere Geschichtserzählung der Ausdruck im Munde Jesu nur die
+Bedeutung einer unmotivierten Selbstbezeichnung haben konnte, die in
+allen Situationen, wo er von sich selbst sprach, angebracht schien.
+
+Endlich löst sich auch das letzte Rätsel. Warum verschwindet der
+Ausdruck in der Sprache des Urchristentums? Warum bezeichnete niemand
+den Messias als Menschensohn (ausser Akt 7 _-56-_), da ihn doch Jesus
+ausschliesslich für seine Würde gebraucht hatte? Das rührt daher, dass
+»Menschensohn« der messianische Ausdruck nur für eine klar bestimmte
+Episode des messianischen Dramas war. Menschensohn war der Messias in
+dem Augenblick, wo er auf den Wolken des Himmels der Welt zum Gericht
+und zur Herrschaft offenbar wurde. An jenen Augenblick dachte Jesus
+ausschliesslich, weil er erst von da an für die Menschen Messias war.
+Das Urchristentum aber erblickte, weil sich eine Zwischenzeit einschob,
+Jesum als Messias droben im Himmel zur Rechten Gottes. Er war schon
+der Messias und wurde es für sie nicht erst mit dem Augenblicke der
+Erscheinung des Menschensohns. Weil sich also auch hier die Perspektive
+verschoben hatte, gebrauchte man den allgemeinen Ausdruck »Messias«,
+nicht das auf eine besondere Scene hinweisende »Menschensohn«.
+
+_=Jesus hätte sich ungenau ausgedrückt, wenn er gesagt hätte: ich bin
+der Messias; denn er war es erst mit seinem überirdischen Erscheinen
+als Menschensohn. Im Urchristentum hätte man sich ungenau ausgedrückt,
+wenn man gesagt hätte: Jesus ist der Menschensohn. Denn nach der
+Auferstehung war er der Messias zur Rechten Gottes, dessen Erscheinen
+als Menschensohn man erwartete.=_
+
+
+4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der Messianität
+Jesu.
+
+Welche Bedeutung haben die Auferstehungsweissagungen? Es fällt
+uns schwer, anzunehmen, dass Jesus so präcis ein solches Ereignis
+vorhergesagt habe. Weit eher scheint es uns erklärlich, dass seine
+allgemeinen Aussagen von einer Herrlichkeit, die seiner wartete, ex
+eventu in Auferstehungsweissagungen redigiert worden seien.
+
+Diese Kritik ist berechtigt, solange man meint, mit der geweissagten
+Auferstehung handle es sich um ein _=isoliertes Ereignis=_ in der
+Existenz Jesu. Das ist aber nur für unser modernes Bewusstsein der
+Fall, weil wir auch in der Auferstehungsfrage uneschatologisch
+denken. Für Jesus und die Jünger hatte aber die Auferstehung, von der
+er redete, eine ganz andere Bedeutung. Sie war _=ein messianisches
+Ereignis=_, welches den Anbruch der ganzen zukünftigen Herrlichkeit
+bedeutete. Wir müssen auch hier vom Modernen, Apotheosenhaften in der
+geweissagten Auferstehung abstrahieren. Das zeitgenössische Bewusstsein
+verstand diese »Rehabilitierung« als Offenbarung seiner Messianität
+beim Anbruch des Reichs. Wenn also Jesus von seiner Auferstehung
+sprach, dachten die Jünger _=an die grosse messianische Auferstehung,
+in der er als Messias auferstehen würde=_.
+
+In dieser Hinsicht ist das Gespräch beim Abstieg vom Berg nach der
+Verklärungsscene entscheidend. Er redet dort den Intimen zum erstenmal
+von »der Auferstehung des Menschensohnes von den Toten« (Mk 9 _-9-_).
+Sie können sich aber »die Auferstehung des Menschensohnes« ohne
+Zusammenhang mit der messianischen Auferstehung gar nicht denken. Ihre
+Aufmerksamkeit ist ganz von dem messianischen Ereignis, das ihnen Jesus
+damit in Aussicht stellt, gefangen genommen. Sie machen sich deshalb
+Gedanken über die Totenauferstehung. Wie verhält es sich damit (Mk 9
+_-10-_)? Die Bedingungen dafür sind nämlich, soviel sie sehen, noch
+nicht gegeben. Der Elias ist ja noch nicht erschienen (Mk 9 _-11-_).
+Jesus beruhigt sie mit dem Hinweis, dass er schon da war, wenn ihn die
+Menschen auch nicht erkannt haben. Er meint den Täufer (Mk 9 _-12-13-_).
+
+Dieses Gespräch, in dem man sonst überhaupt keine fassliche
+Gedankenfolge statuieren kann, wird also in dem Augenblick vollständig
+durchsichtig und natürlich, wo man bemerkt, wie die Jünger die von
+Jesus in Aussicht gestellte Auferstehung _=nur in demselben Gedanken
+mit der grossen, allgemeinen, messianischen Auferstehung denken
+können=_! Darum wirft diese Rede beim Abstieg ein helles Licht auf
+die spätere Leidens- und Auferstehungsweissagungen, weil wir hier im
+stande sind, die Gedanken und Erwägungen, die diese Worte im Herzen
+der Jünger wachriefen, zu kontrollieren. Ueberdies fehlt in dieser
+»Auferstehungsweissagung« die Erwähnung der drei Tage, die gerade den
+Anlass zum Einsetzen der Kritik in den folgenden Leidensweissagungen
+bietet. In dieser Hinsicht stimmt das Wort beim Abstieg mit dem letzten
+Ausspruch vor dem Hohenpriester überein. Beiden fehlt die zeitliche
+Bestimmung, wann die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken
+des Himmels statthaben wird. In dem messianischen Ereignis fällt beides
+zusammen: Auferstehung und Kommen auf den Wolken bedeuten nur die
+Offenbarung seiner Messianität am grossen Auferstehungstag.
+
+Diese Erwartung der eschatologischen Totenauferstehung beherrschte
+das Bewusstsein Jesu und seiner Zeitgenossen. Er setzt sie in seinen
+jerusalemitischen Reden voraus. Die Reichserwartung und der Glaube an
+die bevorstehende Totenauferstehung gehören eng zusammen. Es ist, wie
+schon früher bemerkt wurde, ein perspektivischer Fehler, den Gedanken
+Jesu, wenn er vom kommenden Reich spricht, eine Orientierung nach
+vorwärts zu geben, als bezöge es sich auf kommende Generationen. So
+denkt der moderne Geist. Bei ihm war es gerade umgekehrt. _=Beim Reich
+handelt es sich um die vergangenen Generationen!=_ Sie erstehen zum
+Gericht, welches das Reich einleitet.
+
+Die Totenauferstehung ist die Vorbedingung zur Reichserrichtung.
+Dadurch werden alle Generationen der Welt aus ihrer zeitlichen Folge
+herausgehoben und für das Urteil Gottes als gleichzeitig gesetzt.
+So verlangt z. B. gerade das Gleichnis vom Weinberg Gottes (Mk 12
+_-1-12-_) die Annahme der Totenauferstehung. Die ganze Geschichte
+Israels wird dort in dem Verhalten der Pächter beschrieben. Jesus redet
+von den Generationen Israels von den Tagen der Propheten bis zu der
+gegenwärtigen, der seine Warnung gilt. Im Gleichnis aber ist es nur
+eine Generation, weil das ganze Volk in seinen aufeinanderfolgenden
+Geschlechtern als Kollektivgrösse vor Gott tritt, wenn es sich um das
+Gericht handelt; es ist dann als Ganzes in der Auferstehung erstanden.
+
+Ebenso erklärt es sich, dass für den Gerichtstag dem Geschlecht derer
+von Sodom noch ein erträglicheres Los in Aussicht gestellt wird als dem
+gegenwärtigen von Kapernaum (Mt 11 _-23-24-_).
+
+Wer das Kommen des Reichs erwartete, der glaubte auch an die
+bevorstehende Totenauferstehung. Darum richtet sich der Angriff der
+Sadducäer gerade auf diese Frage. Wenn Jesus ihnen antwortet, »dass,
+wenn sie von den Toten auferstehen, sie weder freien noch gefreit
+werden, sondern sein werden, wie die Engel im Himmel« (Mk 12 _-25-_),
+so ist dies von dem Zustand im Reich Gottes zu verstehen, in das sie
+durch die Totenauferstehung eingehen.
+
+In letzter Linie war die »Totenauferstehung« nur die Art, wie sich
+die Veränderung der ganzen Existenzform an denjenigen vollzog, die
+schon in den Tod gesunken waren. Durch das Kommen des Reiches Gottes
+wird aber die irdische Existenzform überhaupt in eine damit nicht
+zu vergleichende andere erhoben. In dieser Hinsicht erleben auch
+diejenigen, welche vor dem Ereignis nicht in den Tod sinken, eine
+»Auferstehung«, denn auch ihre Daseinsweise wird plötzlich durch eine
+höhere Macht in eine andere verwandelt, welche sie nun mit denen
+teilen, die aus dem Tod erweckt sind. Verglichen mit dieser neuen
+Existenzform ist die vorhergehende indifferent. Es ist gleich, ob man
+aus dem irdischen Dasein oder aus dem Totenschlaf in die messianische
+Seinsweise eingeht! Im Verhältnis zur letzteren ist alles Sein
+»_=Tod=_«. Sie allein ist »_=Leben=_«.
+
+Darum redet Jesus zu den Lebenden von dem Weg, der zum »Leben« führet
+(Mt 7 _-14-_). Er empfiehlt, eher ein Glied dieses Leibes daran zu
+geben, wenn es sich um das »Leben« handelt, als bei der Auferstehung
+nicht an der messianischen Existenz teil zu haben (Mt 18 _-8-_ u.
+_-9-_). Der reiche Jüngling frägt, was er thun soll, »um das ewige
+Leben zu ererben«. Als er der erhaltenen Weisung nicht folgen will, ist
+Jesus sehr betrübt, weil es so schwer ist, dass ein Reicher »in das
+Gottesreich eingehe« (Mk 10 _-17-_ u. _-25-_).
+
+Diese Entwertung der irdischen Daseinsform geht bis zur Darangabe des
+irdischen Lebens überhaupt, um des Lebens im zukünftigen Aeon gewiss
+und versichert zu werden. Darum erklärt Jesus, wo er von der Nachfolge
+in Leiden und Schmach redet, dass »wer sein Leben retten will, der wird
+es verlieren«. Das heisst: Wer sich aus Angst für sein irdisches Dasein
+unwürdig macht, dass der Menschensohn vor Gott für ihn eintrete, der
+verwirkt dadurch das messianische Leben, das mit der Totenauferstehung
+anhebt (Mk 8 _-35-_).
+
+Wenn das Reich anbricht, ist es einerlei, ob man in einem lebendigen
+oder in einem toten Leib existiert. Diese Erwägung allein gibt das
+richtige Verhalten in der Verfolgung an. Darum sagt Jesus zu den
+Jüngern bei der Aussendung: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib
+töten, die »Seele« aber nicht vermögen zu töten; fürchtet euch hingegen
+vor dem, der vermag sowohl die »Seele« als auch den Leib zu verderben
+in der Hölle (Mt 10 _-28-_).
+
+Dieselbe Verbindung der urchristlich eschatologischen Erwartung mit der
+Totenauferstehung findet sich in klassischer Weise bei Paulus (1 Kor
+15 _-50-54-_). Es handelt sich hier gar nicht um genuin paulinische
+Gedanken, sondern um eine urchristliche Anschauung, welche schon Jesus
+ausgesprochen hat. Fleisch und Blut, ob belebt oder unbelebt, können in
+keiner Weise am Reich teil haben. Darum wenn die Stunde schlägt, wo die
+Toten unvergänglich auferstehen, werden auch die Lebendigen in diese
+Unvergänglichkeit verwandelt.
+
+Die Totenauferstehung ist die Brücke vom »Jetzt« zum »Dann«. Auf ihr
+beruht die Doppelheit des Selbstbewusstseins. Wenn daher Jesus von
+seiner Auferstehung sprach, gliederten die Jünger dieses Wort in
+einen grossen Zusammenhang ein. Es bedeutete für sie die allgemeine
+Auferstehung, wo auch sie in die Existenzform des Reiches Gottes
+auferstehen würden. Wohl erwarteten sie seine Auferstehung: aber nicht
+als »Osterereignis«, sondern als den Anbruch des messianischen Reiches.
+Als Auferstandener sollte er offenbar werden, wenn er auf den Wolken
+des Himmels als Menschensohn ankäme und den grossen messianischen Tag
+heraufführte.
+
+Für unser Empfinden verhält sich der Tod Jesu zur Auferstehung wie die
+Dissonanz zu ihrer Auflösung. Bei der Entwertung jeglicher Seinsform
+vor der messianischen Aera lag auf dem Tod, für das Empfinden der
+Jünger, _=ein viel schwächerer Accent=_. Es handelt sich für sie um
+einen unendlichen ewigen Accord mit einem kurzen, irdischen Vorschlag.
+
+Wo wir ein _=Nebeneinander=_ von Messianitätserklärung,
+Leidensvorhersagung und Auferstehungsweissagung sehen, erfassten
+sie eine viel straffere Gedankenverbindung. Sie erblickten alles
+im messianischen Licht. Darum entnahmen sie seiner Rede nicht drei
+verschiedene Thatsachen: 1. dass er Messias sei, 2. dass er leiden und
+sterben müsse, 3. dass er auferstehen werde, sondern sie bedeutete für
+sie: _=unser Meister wird nach seinem Tod, bei der Auferstehung, als
+Menschensohn geoffenbart werden=_. Zugleich machen sie sich Gedanken,
+was dann sie wohl sein werden und welche Würde ihnen in der neuen
+Existenz zufallen wird.
+
+So erklärt sich, wie ihre messianische Vorstellung durch den Gedanken
+»des leidenden und sterbenden Messias« nicht vollständig umgeworfen
+wurde. Jesus hat ihnen weder den leidenden, noch den sterbenden, noch
+den auferstehenden Messias geoffenbart, sondern er hat ihnen von dem
+erscheinenden Menschensohn geredet und ihnen offenbart, dass er es sein
+werde, wenn er im Leiden hier sich vollendet haben würde.
+
+Man kann es nie genug betonen, dass damit seine Messianität vollständig
+in der Bahn der volkstümlichen Anschauung sich bewegte. Das Drama
+in seinem Leben beruht nicht darin, dass seine Messianität der
+gewöhnlichen Erwartung entgegenlief und daraus sich nun Konflikte
+ergaben, die seinen Tod herbeiführten. Das ist erst die Anschauung
+des vierten Evangeliums. _=Der historische Jesus beanspruchte die
+Messianität erst vom Augenblick der Totenauferstehung an.=_
+
+Diese Auffassung der altsynoptischen Messianitätseröffnungen Jesu
+wird durch die urchristliche Vorstellung absolut gefordert. Das
+Urchristentum setzt voraus, dass Jesu Messianitätsbewusstsein, als
+er zu den Jüngern redete und noch als er dem Hohenpriester Antwort
+gab, futurisch war! Denn auch die Petrusreden in Akt datieren die
+Messianität erst von seiner Auferstehung an. Bis dahin war er Jesus
+von Nazareth. Nur ist an die Stelle des Kommens auf den Wolken des
+Himmels der vorläufige Zustand des Sitzens zur Rechten Gottes getreten.
+»Jesum den Nazarener, einen Mann, ausgewiesen von Gott her bei euch
+mit gewaltigen Thaten und Wundern und Zeichen (Akt 2 _-22-_), ihn hat
+Gott auferweckt (Akt 2 _-32-_) und hat ihn zum Herrn und zum Messias
+gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt« (Akt 2 _-36-_).
+
+Dieses Zeugnis der urchristlichen Auffassung der Messianität Jesu
+ist allein schon so gewichtig, dass es die ganze synoptische
+Ueberlieferung, wenn sie anders redete, zum Schweigen bringen würde.
+Wie sollte man es begreifen, dass die Jünger verkündeten, Jesus sei
+durch seine Auferstehung in sein messianisches Dasein eingegangen, wenn
+er ihnen schon auf Erden von seiner Messianität als gegenwärtiger Würde
+geredet hätte! Nun entsprechen sich aber die altsynoptische Tradition
+und die Auffassung des Urchristentums vollkommen. Beide erklären
+einstimmig: _=Jesu Messianitätsbewusstsein war futurisch!=_
+
+Besässen wir dieses Zeugnis nicht, so wäre uns die Erkenntnis seiner
+historischen Persönlichkeit auf immer verschlossen. Denn nach seinem
+Tode stellen sich alle Voraussetzungen ein, die dahin wirken, das
+Bewusstsein von dem futurischen Charakter seiner Messianität ausser
+Kraft zu setzen. Seine Auferstehung als Messias fiel mit dem Beginn
+der messianischen Aera in der Totenauferstehung zusammen: so war die
+Perspektive für die Jünger vor seinem Tod. Nach dem Tode wurde seine
+Auferstehung als Messias ein Faktum für sich. _=Jesus war Messias vor
+der messianischen Aera! Das ist die folgenschwere Verschiebung in
+der Perspektive. Darin beruht das Tragische, zugleich aber auch das
+Grossartige in der Erscheinung des Christentums überhaupt.=_
+
+Das urchristliche Bewusstsein machte die grössten Anstrengungen, die
+Kluft zu überwinden und Jesu Auferstehung dennoch als Anbruch der
+messianischen Aera in der allgemeinen Totenauferstehung aufzufassen.
+Man suchte sich begreiflich zu machen, dass es sich gleichsam um
+die etwas in die Länge gezogene Zwischenpause zwischen den beiden
+Auftritten des ersten Akts des Dramas handelte. Eigentlich aber stand
+man schon in der messianischen Auferstehung. So ist für Paulus Jesus
+Christus durch die Totenauferstehung als Messias erwiesen, »der
+Erstling der Entschlafenen« (I Kor 15 _-20-_). Auf diesem Gedanken
+beruht überhaupt die ganze paulinische Theologie und Ethik. _=Weil man
+sich in dieser Zeit befindet, sind die Gläubigen eigentlich mit Christo
+begraben und mit ihm auferstanden durch die Taufe.=_ Sie sind die
+»neue« Kreatur, sie sind die »Gerechten«, deren »Bürgertum« im Himmel
+ist. Erst von diesem Grundgedanken aus erfasst man die Einheit in der
+für uns sonst so mannigfach zusammengesetzten Gedankenwelt Pauli.
+
+Die christliche Geschichtsüberlieferung suchte sich anders zu behelfen.
+Sie nahm eine _=Art Vorauferstehung=_ an, die mit der Auferstehung
+Jesu zusammenfiel. Dieser lieh sie die Farben des messianischen Tages.
+Mt 27 _-50-53-_ ist uns eine solche Zurechtlegung in Legendenform
+erhalten. Mit Jesu Kreuzestod bricht das neue Weltalter an. Nach seinem
+Verscheiden zerreisst der Tempelvorhang und Erdbeben, die Zeichen der
+Endzeit, erschüttern die Erde; die Felsen zersplittern; die Gräber
+thun sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen werden
+auferweckt. _=Nach Jesu Auferstehung=_ gehen sie aus den Gräbern heraus
+in die heilige Stadt und erscheinen vielen. So hält diese Erzählung
+daran fest, dass im Anschluss an Jesu Tod mit seiner Auferstehung die
+allgemeine Totenauferstehung unter den Anzeichen des messianischen
+Tages erfolgte -- jedoch nur als eine Art Vorspiel.
+
+Die Zeit war eben mächtiger als die ursprünglichen Anschauungen.
+Unerbittlich schob sie sich wie ein auseinandertreibender Keil zwischen
+Jesu Auferstehung und die erwartete allgemeine Auferstehung am
+messianischen Tag und zerstörte mit dem zeitlichen auch den kausalen
+Zusammenhang im ursprünglichen Sinne. Die Messianität Jesu stand
+aus der Vergangenheit fest. Für die, welche sich dazu bekannten und
+zugleich das Reich als zukünftig erwarteten, schwand das Bewusstsein,
+dass in Jesu Verkündigung seine Messianität und das Reich zukünftige,
+_=koïncidierende Ereignisse=_ waren. Man fing an, die evangelische
+Geschichte unter dem Gesichtspunkt zu betrachten: _=Jesus war der
+Messias.=_ Die Ueberschrift zu dieser neuen Geschichtsauffassung hat
+Paulus geschrieben. Sie heisst »_=Jesus Christus=_«: die Würde des
+Auferstandenen wird mit der historischen Persönlichkeit in einem
+Begriff verbunden. Der vierte Evangelist hat die Konsequenz daraus
+gezogen und die Geschichte Jesu so dargestellt, als ob er auf Erden als
+Messias aufgetreten wäre.
+
+Es ist die Aufgabe der historischen Forschung, sich von der religiösen
+unhistorischen Perspektive für einen Augenblick zu emancipieren und die
+synoptischen Berichte in die richtige Stellung zu rücken. Dann erst,
+wenn man das Futurische in Jesu Messianitätsbewusstsein erfasst hat,
+versteht man, warum er seine Würde den Jüngern als ein »Geheimnis«
+offenbart hat, warum er sich dabei als Menschensohn bezeichnete und in
+welchem Sinne er von seiner Auferstehung sprach.
+
+
+5. Der Verrat des Judas -- die letzte Bekanntgebung des
+Messiasgeheimnisses.
+
+Was hat Judas eigentlich verraten? Nach den Schilderungen unserer
+Evangelien sieht es so aus, als hätte er dem Synedrium angegeben, wo
+sie zu einer bestimmten Stunde Jesum fassen könnten. Wenn nun auch
+diese Angabe des Orts eine Rolle bei dem Verrat des Judas gespielt hat,
+so war dies nur _=nebensächlich=_. Wo Jesus sich aufhielt, konnten
+sie jederzeit erfahren, da er nichts that, um sein Kommen und Gehen
+zu verheimlichen. Wenn sie ihn also greifen wollten, so brauchten
+sie ihm bei seinem Weggang am Abend aus Jerusalem nur einen Späher
+nachzusenden, um über seinen Aufenthalt orientiert zu sein. Dafür
+hätten sie keinen aus dem intimen Kreis gebraucht.
+
+Nun lag aber die Hauptschwierigkeit auf einem ganz andern Gebiet.
+Nicht ihn zu _=verhaften=_, sondern ihn zu _=verurteilen=_ wollte
+ihnen nicht gelingen, denn sie konnten nichts gegen ihn aufbringen.
+Sie befanden sich ihm und seinem Anhang gegenüber in der unbequemen
+Lage, in die jedes ehrbare Kirchenregiment notwendig einmal kommt:
+die Leute waren ihnen zu fromm, unordentlich fromm, indem sie mit
+zu grossem Enthusiasmus glaubten, was die andern mit Mässigung und
+Ordnung in ihrem Bekenntnis mitfühlten, dass nämlich das Reich nahe
+sei. Aus der Vorläuferwürde, die das Volk Jesu beilegte, konnten sie
+keine Verurteilung gewinnen, denn durch seine Zeichen hatte er diese
+Würde bewährt. Ueberdies hatte er diese Würde nie öffentlich für
+sich in Anspruch genommen. Dennoch war die Art, wie er auftrat, für
+sie in höchstem Masse gefährlich. An der Spitze des frommen Volkes
+terrorisierte er sie. Darum hätten sie sich seiner gern entledigt und
+konnten es nicht.
+
+Man versteht die Haltung und die Schwierigkeiten des Synedriums nur,
+wenn man immer bedenkt, dass aus der ganzen Wirksamkeit Jesu niemand
+auf den Gedanken gekommen war, er könne sich für den Messias halten. So
+wussten sie nichts gegen ihn vorzubringen und waren darauf angewiesen,
+ihn in Reden zu fangen, um ihn beim Volke zu diskreditieren, was ihnen
+nicht gelang.
+
+Da erscheint Judas bei ihnen und gibt ihnen die tödliche Waffe in
+die Hand. Als sie hörten, was er ihnen kund that, »_=freuten sie
+sich=_«, denn jetzt war er in ihre Hand gegeben. Nun sucht Judas einen
+geeigneten Augenblick, um ihnen den Verratenen in die Hände zu liefern
+(Mk 14 _-11-_).
+
+Was er ihnen verraten hatte, ersieht man aus der Gerichtsverhandlung.
+Die Zeugen der Pharisäer können nichts vorbringen, woraufhin man ihn
+verurteilen kann. Als aber die Zeugen abgetreten sind, stellt der
+Hohepriester an Jesus direkt die Frage, ob er der Messias sei. Für
+solche Ansprüche Jesu konnten sie die erforderlichen Zeugen nicht
+aufbringen -- denn es gab keine. _=Der Hohepriester befindet sich hier
+im Besitz des Geheimnisses Jesu. Das war der Verrat des Judas!=_ Durch
+ihn wusste das Synedrium, dass er etwas anderes zu sein beanspruchte,
+als wofür ihn das Volk hielt, ohne dass er dagegen Einspruch erhob.
+
+Aus dem verratenen Geheimnis von Cäsarea Philippi gewannen sie die
+entscheidende Anklage. Der Prophet der Endzeit, Elias, zu sein, das
+war keine Gotteslästerung. Aber zu behaupten, Messias zu sein, das war
+Frevel! Die Perfidie in der Anklage lag darin, dass der Hohepriester
+Jesus ohne weiteres unterschob, er hielte sich so, wie er vor ihm
+stand, für den Messias. Das wies Jesus aber zurück mit dem stolzen Wort
+von seinem Erscheinen als Menschensohn. Nichtsdestoweniger wurde er
+wegen Gotteslästerung verurteilt.
+
+Wir haben also drei Offenbarungen des Messianitätsgeheimnisses, die
+unter sich eng zusammenhängen, so, dass jede folgende die vorhergehende
+voraussetzt. Auf dem Berg bei Bethsaida wird den drei Intimen das
+Geheimnis offenbart, welches Jesus in der Taufe aufgegangen war. Das
+war nach der Erntezeit. Einige Wochen später wird es den Zwölfen
+bekannt, indem Petrus zu Cäsarea Philippi die Frage Jesu aus dem, was
+er vom Verklärungsberg her weiss, beantwortet. Von den Zwölfen verrät
+einer das Geheimnis an den Hohenpriester. Diese letzte Offenbarung
+des Geheimnisses war verhängnisvoll, denn sie führte den Tod Jesu
+herbei. _=Er wurde als Messias verurteilt, obwohl er nie als solcher
+aufgetreten war.=_
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel.
+
+Das Geheimnis des Leidensgedankens.
+
+
+1. Die vormessianische Drangsal.
+
+_=Der Hinweis auf das Leiden gehört naturgemäss zur eschatologischen
+Verkündigung.=_ Eine Zeit unerhörter Drangsal muss dem Kommen des
+Reiches vorhergehen. Aus diesen Wehen wird der Messias herausgeboren.
+Das war eine überall verbreitete Ansicht: anders konnte man sich die
+Ereignisse der Endzeit nicht denken.
+
+Danach muss man die Worte Jesu deuten. Es zeigt sich dann, dass er bei
+seiner Reichspredigt den Gedanken der Enddrangsal scharf hervorgehoben
+hat. Wir nehmen immer an, dass, wenn er von Verfolgungen, welchen die
+Seinen entgegengehen, spricht, damit das gemeint sei, was sie nach
+seinem Tode allein und verwaist auf Erden durchmachen müssten. Das
+ist vollständig falsch. Nach seinem Tode wird Jesus Messias durch
+die Auferstehung, und dann bricht die Reichsherrlichkeit an. Nicht
+was sie nach seinem Tode ausstehen müssen, sondern was sie im Reich
+sein werden, das beschäftigt die Gedanken der Jünger auf dem Weg nach
+Jerusalem.
+
+Wo er von Leiden und Verfolgung spricht, handelt es sich um
+Drangsale, die seine Anhänger _=mit ihm=_ erdulden müssen _=vor dem
+Reichsanbruch=_. Gemeint ist der letzte Ansturm der widergöttlichen
+Weltmacht, der über diejenigen hereinfluten wird, welche in der
+Erwartung des Gottesreiches die Repräsentanten der göttlichen Macht in
+der widergöttlichen Welt sind. Darum bildet Jesus den Mittelpunkt, auf
+den hin sich die Drangsal konzentriert. Er ist der Fels, der die Wogen
+aufbranden lässt. Wer von der grossen Weltflut nicht mitgerissen werden
+will, muss sich an ihn anklammern.
+
+Wenn er sagt, dass seine Mission nicht sei, den Frieden zu bringen,
+sondern das Schwert, wenn er von dem Aufruhr redet, den er heraufführt,
+wo die heiligsten irdischen Bande sich lösen müssen, wo man mit dem
+Kreuz beladen ihm nachfolgen muss und das eigene Leben für nichts
+achten (Mt 10 _-34-42-_), -- dann meint er die grosse Verfolgung der
+Endzeit. Wer das Reich Gottes herbeinötigt, der führt auch jene herauf,
+denn das Reich und der Messias erstehen ja aus ihr.
+
+Darum überall der grelle Akkord in den messianischen Harmonien! Er
+beschliesst die Seligpreisungen mit dem Hinweis, dass sie selig sind,
+wenn sie gehasst und verfolgt werden und alles Böse um seinetwillen
+über sie geredet wird. Dann haben sie gerade Grund zur Freude und
+zum Jubel, denn in dem, was sie erdulden müssen, offenbart sich ihre
+Zugehörigkeit zum Gottesreich. Während sie von der Weltmacht noch
+drangsaliert werden, ist der Lohn schon im Himmel bereitet (Mt 5 _-11-_
+u. _-12-_).
+
+»Verkündet, dass das Reich nahe herbeigekommen ist«, sagt er den
+Jüngern bei der Aussendung. Zugleich aber bereitet er sie eindringlich
+auf die Enddrangsal vor, denn der Zeiger der Weltuhr steht nahe an
+der grossen Stunde. Sie müssen es wissen, damit sie nicht meinen,
+es widerfahre ihnen etwas Fremdes, wenn sie von der Weltmacht zur
+Verantwortung gezogen werden, wenn sich um sie her Aufruhr und
+Verfolgung erhebt und ihrem Leben Gefahr droht. Sie müssen es wissen,
+damit sie nicht irre an ihm werden und ihn verleugnen und an ihm
+Aergernis nehmen, wenn er in der Menschen Gewalt gegeben wird, denn
+er selbst als machtvoller Verkündiger des Reiches hat diesen Aufruhr
+angeregt. Wenn aber die Weltmacht zu siegen scheint, dann steht Gott
+mit seiner Allmacht darüber. Nicht die, welche den Leib töten, muss man
+fürchten, sondern den allmächtigen Herrn, welcher beim Gericht Seele
+und Leib verdammen kann in die Hölle. In diesem letzten Aufruhr richtet
+die Weltmacht sich selbst; nach dem Gericht kommt das Reich. Das ist
+der Grundgedanke der Aussendungsrede.
+
+Auch die Botschaft an den Täufer schliesst mit einem solchen Hinweis.
+Das Reich ist nahe, lässt er ihm sagen; meine Predigt, Zeichen und
+Wunder bekräftigen es: und zur Seligkeit kommt, wer sich nicht an mir
+ärgert, d. h. wer in der vormessianischen Drangsal zu mir steht.
+
+Am eindringlichsten aber ergeht das Wort von der schweren Zeit an die,
+welche sich auf die Predigt der Jünger hin in gläubiger Reichserwartung
+um ihn versammelt haben. Bei einbrechender Dämmerung hat er mit ihnen
+das grosse Abendmahl am See gefeiert. Als der, welcher sich als Messias
+weiss, hat er ihnen feierlich Speise dargereicht und sie damit, ohne
+dass sie es ahnen, zu Teilnehmern am messianischen Mahle geweiht. Am
+folgenden Morgen aber ruft er sie zu Bethsaida um sich und ermahnt sie
+zur Hingabe des Lebens in der Drangsal. Wer sich seiner und seiner
+Worte schämt in der Erniedrigung, welche durch die ehebrecherische
+und sündige Welt über ihn kommen wird, den wird auch der Menschensohn
+nicht anerkennen, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters, von seinen
+Engeln umgeben, erscheinen wird (Mk 8 _-35-38-_).
+
+
+2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode.
+
+_=Der Leidensgedanke gehört also von Anfang an zur Verkündigung
+Jesu.=_ In der Enddrangsal sollten sie mit ihm durch Leiden hindurch
+der Herrlichkeit entgegengehen: so verstanden ihn seine Zuhörer. Nur
+wussten sie nicht, dass der, mit welchem sie leiden sollten, als
+Messias geoffenbart werden würde.
+
+In Jesu messianischem Selbstbewusstsein bekam nun der Leidensgedanke,
+auf ihn bezogen, eine geheimnisvolle Bedeutung. Die Messianität, welche
+ihm in der Taufe aufging, war nicht ein Besitz, ein Gegenstand der
+Erwartung, sondern in der eschatologischen Vorstellung war von selbst
+gegeben, dass er durch Leiden hindurch in der Bewährung werden müsse,
+was er der Bestimmung nach war. _=Sein Messianitätsbewusstsein war
+nie ohne Leidensgedanke!=_ Das Leiden ist der Weg zur Offenbarung der
+Messianität!
+
+Was er in diesem Aeon lebte, das stellte das verborgene Wirken und
+Werden des Messias dar. Dabei war aber das Leiden vorgesehen. Es war
+jüdische Lehre, dass der Messias voll von Züchtigungsleiden sein müsse:
+denn die Leiden sind nötig, um ein vollendeter Gerechter zu werden
+(WEBER S. 343).
+
+Dieses Messianitätsbewusstsein Jesu zeigt dieselbe sittliche
+Vertiefung wie seine Eschatologie. In der gewohnten Modernisierung
+desselben wird vorausgesetzt, dass er den grössten Teil seiner
+Wirksamkeit nicht ans Leiden dachte, sondern dass erst die
+hämische Feindschaft der Schriftgelehrten ihm diesen Gedanken
+aufnötigte. So bekommt seine Messianität in der ersten Periode einen
+_=ethisch-idyllischen=_, in der zweiten einen _=modern-resignierten=_
+Charakter. Das historisch-eschatologische Bild ist aber lebendiger,
+tiefer und sittlicher zugleich. Jesus hat sich hinsichtlich seines
+Messianitätsbewusstseins nicht »entwickelt« durch Aufnahme des
+Leidensgedankens. Von Anfang an weiss er sich als Messias, nur insofern
+er entschlossen ist, durch das Leiden zur Vollendung geläutert zu
+werden. Als der, welcher einst im neuen Aeon herrschen soll, muss er
+zuvor in die Gewalt der widergöttlichen Macht gegeben werden, _=um sich
+dort zur göttlichen Herrschaft zu bewähren=_. Aus diesem messianischen
+Selbstbewusstsein heraus beschwört er die um ihn sind, dass sie bei
+ihm aushalten, damit er sie als die Seinen anerkennen kann, wenn die
+Herrlichkeit anbricht. So beherrscht der thätige ethische Zug, der
+die Tiefe des Geheimnisses des Reiches Gottes ausmacht, auch das
+Messianitätsgeheimnis.
+
+Das geschichtliche Problem stellt sich nun so: In der ersten Periode
+hat Jesus viel häufiger, und zwar öffentlich, den Leidensgedanken
+ausgesprochen als in der zweiten. Jede grössere Rede schliesst mit
+einem solchen Hinweis. Den Seinen war der Gedanke vertraut, ihn in der
+Drangsal erniedrigt zu sehen. Dennoch aber bedeutet die Eröffnung zu
+Cäsarea Philippi für die Jünger etwas Neues und ist es thatsächlich
+auch. Es handelt sich dort nämlich nicht mehr um ein Leiden des
+_=machtvollen Reichspredigers=_ mit den Seinen in der Enddrangsal,
+sondern derjenige, welcher _=Messias=_ sein wird, leidet. Dieses
+Leiden aber verläuft nicht mehr _=in der allgemeinen Enddrangsal=_,
+sondern Jesus _=leidet allein=_ und zwar handelt es sich um ein _=rein
+irdisch-geschichtliches Ereignis=_. Er wird dem hohen Rat überantwortet
+und von diesem zum Tode verurteilt! Das war das Neue, was den Jüngern
+ein Geheimnis blieb.
+
+
+3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht.
+
+In dem Leidensgedanken zeigt sich ein eigentümliches Schwanken.
+Einmal erscheint der Tod als absolute Notwendigkeit; dann wieder, z.
+B. in Gethsemane, kennt Jesus doch wieder eine Möglichkeit, dass ihm
+das Leiden erspart bleiben kann. Nun besteht aber der Leidensgedanke
+ohne Rücksicht auf irdischen Erfolg oder Misserfolg. Also darf auch
+das Schwanken damit nicht in Verbindung gesetzt werden. Als Jesus
+nach Jerusalem zog, um zu leiden, da hegte er nicht in einem Winkel
+seines Herzens den Gedanken, dass Gott durch seine Allmacht dennoch
+vielleicht den Gang zum Siegesgang machen könnte und er durch ihn über
+die Pharisäer und den hohen Rat triumphieren könnte. Das wäre nach
+seinem Empfinden »menschlich« gedacht gewesen. Denn er kann in Sachen
+des Reiches Gottes nicht den Widerstand der Schriftgelehrten und die
+göttliche Allmacht gegeneinandersetzen: es handelte sich ja um ein
+göttliches Drama, in welchem sie nur Statisten mit zugewiesener aktiver
+Rolle waren, wie die Lanzknechte, welche ihn auf ihr Geheiss griffen.
+_=Das Schwanken muss also in dem göttlichen Willen selbst begründet
+sein.=_
+
+Es ist das Spezifische in der Anschauung Jesu, dass der göttliche
+Wille einerseits zwar die Ereignisse des messianischen Dramas vorher
+planmässig in der bekannten Form bestimmt, andererseits demselben
+wieder frei gegenübersteht. Durch den einmal festgelegten messianischen
+Schematismus ist die dahinterstehende göttliche Allmacht in keiner
+Weise gebunden! Sie kennt überhaupt keine Bestimmungen.
+
+Von dieser Allmacht erwartet Jesus z. B., dass sie auch diejenigen,
+welche wegen ihres Verhaltens die Zugehörigkeit zum Reich verwirkt
+haben, dennoch in den seligen Zustand aufnehmen könne. Nach den
+geltenden Bestimmungen ist es zwar unmöglich, dass die Reichen zum
+Leben eingehen können. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich (Mk 10
+_-27-_).
+
+Es gilt der Satz: Wer mit dem zukünftigen Messias herrschen will, muss
+mit Jesus leiden. Aber er wagt es doch nicht, den beiden Intimen,
+Jakobus und Johannes, die Thronplätze zu versprechen, obwohl er ihnen
+zutraut, dass sie sein Leiden teilen werden. Er könnte damit Gottes
+Allmacht vorgreifen (Mk 10 _-35-40-_).
+
+So liegt auch die Enddrangsal zwar in dem göttlich bestimmten Verlauf
+des messianischen Dramas. Aber es steht in Gottes unbeschränkter
+Allmacht, dass er sie _=ausschalte=_ und das Reich ohne diese
+Prüfungszeit anbrechen lasse. Darum dürfen die Menschen Gott darum
+bitten, er möge jene schweren Stunden der Bewährung vorübergehen
+lassen. Jesus weist sie dazu an in demselben Gebet, wo er sie um das
+kommende Reich bitten lehrt. Man erfleht den Endzustand, in welchem
+sein Name geheiligt wird und sein Wille auf Erden geschieht wie im
+Himmel; aber zugleich bittet man ihn, er möge die Menschen nicht in
+»die Versuchung« führen, sie nicht in die Gewalt des Bösen geben,
+sie nicht nötigen, ihre Sünden durch das Beharren in der Enddrangsal
+zu sühnen: sondern sie durch seine Allmacht der Gewalt des Bösen
+entreissen, wenn sich die widergöttliche Welt zum letztenmal aufbäumt
+beim Kommen des Reiches, um das sie beten. Das ist der innere
+Zusammenhang der letzten drei Bitten des Vaterunsers.
+
+Das Herrengebet trägt also in den drei ersten und den drei letzten
+Bitten rein eschatologischen Charakter. Wir haben denselben Kontrast
+wie in den Seligpreisungen, der Aussendungsrede, der Botschaft an den
+Täufer und den Scenen bei Bethsaida. Zuerst handelt es sich um das
+Kommen des Reichs, dann um die Enddrangsal. Aus dem Herrengebet ersehen
+wir aber, dass es dafür keine absolute Notwendigkeit gibt, sondern dass
+sie nur relativ in Gottes Allmachtswillen bedingt ist.
+
+Sie stellt nämlich die höchste Form der Busse auf das Gottesreich hin
+dar. Wer sich darin bewährt, der leistet Sühne für seine Vergehungen
+im widergöttlichen Aeon. Unter Kampf und Leiden ringt man sich von ihr
+los, um Träger des göttlichen Willens im Gottesreich zu sein. Das ist
+kollektivistisch zu denken. Die reichsgläubige Gemeinschaft als solche
+leistet die Sühne. Der Einzelne vollendet und bewährt sich darin. So
+ist es Gottes Wille. Jesus aber betet mit ihnen zu Gott, er möge in
+seiner Allmacht ihnen die Schuld ohne Sühne vergeben, wie sie ihren
+Schuldnern vergeben. Das will heissen: sühneloses, reines Erlassen.
+Er möge sie nicht durch die »Versuchung« hindurchführen, sondern sie
+geradewegs der Weltmacht entreissen.
+
+Nur so versteht man, wie Jesus in seinem Wirken Sündenvergebung
+voraussetzt und doch hier darum besonders bittet, und wie er von einer
+Versuchung redet, die _=von Gott=_ kommt. Es handelt sich eben um den
+allgemeinen _=messianischen Schulderlass=_ und um die _=messianische
+Drangsalsversuchung=_. Darum bilden diese Bitten den Beschluss des
+Reichsgebets.
+
+Was er hier mit der Allgemeinheit bittet, das erfleht er für sich, als
+die Stunde für ihn gekommen. In Gethsemane fällt er vor Gott nieder.
+In ergreifendem Gebet beruft er sich auf Gottes Allmacht: Abba, Vater,
+alles ist dir möglich (Mk 14 _-36-_). Er möge den Leidenskelch an
+seinen Lippen vorüberführen, ohne dass er davon kosten muss. Auch die
+schlafenden Intimen rüttelt er auf, sie sollen wach bleiben und zu Gott
+beten, dass er ihnen die Versuchung ersparen möge, denn das Fleisch ist
+schwach.
+
+
+4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode.
+
+Mit der Offenbarung zu Cäsarea Philippi hören alle Hinweise auf, dass
+die Gläubigen mit ihm durch Drangsal müssen. Dem Geheimnis zufolge, das
+er den Jüngern mitteilt, _=leidet nur er allein=_. In Jerusalem richtet
+er weder an das Volk noch an die Jünger ein eindringliches Wort von der
+Leidensnachfolge. Ja, er nimmt geradezu zurück, was er früher gesagt.
+Am Morgen nach dem Abendmahl am See hatte er die Seligkeit derer,
+welche er zum messianischen Mahl geweiht, davon abhängig gemacht,
+dass sie ihm ins Leiden nachfolgen. Den Teilnehmern des Abendmahls zu
+Jerusalem sagt er gelassen voraus, _=dass sie sich in der Nacht alle
+an ihm »ärgern« werden!=_ Er knüpft auch keine Verdammnis daran --
+_=denn es ist in der Schrift also bestimmt!=_ Steht nicht geschrieben:
+»ich werde den Hirten schlagen und die Schafe werden sich zerstreuen?«
+Darum, wenn sie sich auch an ihm ärgern, wenn sie ihn auch verlassen,
+in seiner Herrlichkeit wird er sie doch um sich sammeln und als Messias
+-- denn das ist er als Auferstandener -- vor ihnen herziehen nach
+Galiläa (Mk 14 _-26-28-_).
+
+Was er früher von allen gefordert, das mutet er jetzt nicht einmal
+dem zu, der sich vermisst, allein bei ihm auszuhalten. »Ehe der Hahn
+zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen«, sagt er zu Petrus (Mk
+14 _-29-31-_).
+
+Diese Wandlung muss mit der Form, welche der Leidensgedanke in der
+zweiten Periode annimmt, zusammenhängen. Es muss eine Veränderung
+in der Vorstellung von der Enddrangsal eingetreten sein. Die andern
+sind von der Bewährung befreit, Jesus leidet allein, und zwar besteht
+die Erniedrigung in dem Tod, welchen die Schriftgelehrten über ihn
+verhängen. Darin wirkt sich jetzt die Enddrangsal aus. Seine Gläubigen
+bleiben verschont. _=Er leidet für sie, denn er gibt sein Leben hin als
+eine Sühne für viele.=_
+
+Wie ihm dieses Geheimnis aufgegangen nach der Aussendung in den Tagen
+der Einsamkeit, darüber hat er sich nicht geäussert. Die Form des
+Leidensgeheimnisses aber zeigt, dass zwei Erlebnisse auf ihn eingewirkt
+haben.
+
+_=Zunächst der Tod des Täufers.=_ Jener war für ihn der Elias. Wenn
+er von Menschenhand vor der messianischen Aera getötet wurde, so war
+das Gottes Wille und deshalb in dem messianischen Drama vorgesehen. Das
+geschah, während die Jünger fort waren. Seine Botschaft hat den Täufer
+vielleicht nicht mehr erreicht. Darüber muss er nun ins Klare kommen.
+Deshalb will er sich mit den Seinen in die Einsamkeit zurückziehen.
+
+Wie sehr ihn der Gedanke des Todes des Vorläufers beschäftigte, ersieht
+man aus dem Gespräch nach der Offenbarung an die Intimen. Es war in
+der Schrift bestimmt, dass der Elias so von Menschenhand umkomme. So
+steht auch über den Menschensohn geschrieben, dass er viel leiden und
+verworfen werden müsse (Mk 9 _-12-13-_).
+
+Bisher hatte er nur in allgemeinen Zügen von der Enddrangsal als einem
+Ereignis der Endzeit geredet. Nun hat sie sich aber als _=historisches
+Ereignis=_ an dem Vorläufer vollzogen. Das ist ein Fingerzeig, wie sie
+sich an ihm selbst vollziehen wird.
+
+Dieser Fingerzeig kam gerade zu der Zeit, als er durch die Ereignisse
+zum Nachdenken über die Enddrangsal gezwungen wurde. Nach der Rückkehr
+der Jünger hatte er dieselbe für die allernächste Zeit erwartet. Sie
+blieb aber aus. Noch mehr: damit blieb auch das Reich aus! Bei der
+Aussendung hatte er den Jüngern gesagt, sie würden auf dem Weg von den
+anbrechenden Wehen überrascht. Die Erscheinung des Menschensohnes würde
+statthaben, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären: -- und sie
+waren zurückgekehrt, ohne dass die Wehen begonnen hatten und das Reich
+angebrochen war.
+
+Die Kunde, mit der sie zu ihm zurückkehrten, zeigte aber, dass alles
+bereit war. Schon war die gottwidrige Macht gebrochen, denn sonst
+wären ihnen die unsauberen Geister nicht unterthan gewesen. Das Reich
+war herbeigenötigt durch die Busse seit den Tagen des Täufers. Auch
+hier war das Mass voll; das zeigte die Menge, die sich in gläubiger
+Erwartung um ihn scharte. So war alles bereitet -- und doch kam das
+Reich nicht! _=Die Verzögerung des eschatologischen Kommens des
+Reiches, das war das grosse Erlebnis, welches ihn damals immer wieder
+in die Einsamkeit trieb, ob er sich Klarheit darüber erränge.=_
+
+Ehe das Reich kommen konnte, musste die Drangsal eintreffen. Sie blieb
+aber aus. Man musste sie also herbeiführen, um so das Gottesreich
+herbeizunötigen. Busse und Knechtung der widergöttlichen Macht
+thaten es nicht allein, sondern es musste noch ein Stärkerer zu den
+Gewaltthätigen hinzutreten: der zukünftige Messias, _=der an sich die
+Enddrangsal heraufführte=_ in der Form, wie sie sich schon an dem
+Elias erfüllt hatte. So geht das Geheimnis des Reiches Gottes in das
+Geheimnis des Leidensgedankens über.
+
+Die Vorstellung der Enddrangsal enthielt den Gedanken der Sühne und der
+Läuterung. Alle die, welche für das Reich bestimmt waren, mussten in
+der Standhaftigkeit gegen die sich zum letztenmal aufbäumende Weltmacht
+die Vergebung der im weltlichen Aeon begangenen Schuld erringen. Denn
+durch diese Schuld waren sie der widergöttlichen Macht noch verfallen.
+Sie bildete ein Gegengewicht, welches das Kommen des Reiches aufhielt.
+
+Nun führte aber Gott die Drangsal nicht herauf. Und doch musste die
+Sühne geleistet werden. Da ging es Jesus auf, dass er als zukünftiger
+Menschensohn _=die Sühne an sich vollziehen müsse=_. Derjenige,
+welcher einst als Messias über die Gläubigen herrschen wird, der
+erniedrigt sich jetzt unter sie und dient ihnen, indem er sein Leben
+zur Sühne für viele dahingibt, damit das Reich für sie anbreche.
+Das ist seine Mission in dem Zustand, welcher seiner überirdischen
+Herrlichkeit vorausgeht. »Dazu ist er gekommen« (Mk 10 _-45-_). Er
+muss leiden für die Sünden derer, welche zu seinem Reich bestimmt
+sind. Um dies auszuführen, zieht er hinauf nach Jerusalem, dass er
+dort von der Obrigkeit zu Tode gebracht werde, wie der Elias, der ihm
+vorangegangen, durch des Königs Henker umkam. _=Das ist das Geheimnis
+des Leidensgedankens.=_ Jesus ist wirklich für die Sünden der Menschen
+gestorben, wenn auch in einem andern Sinn, als es die ANSELM'sche
+Theorie annimmt.
+
+
+5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt.
+
+»Wie steht geschrieben über den Menschensohn? Dass er viel leiden
+muss und verachtet werden« (Mk 9 _-12-_). _=Die neue Form des
+Leidensgedankens stammt aus der Schrift.=_ In dem Bild des leidenden
+Gottesknechtes erkannte Jesus sich wieder. Dort fand er seinen
+Leidensberuf vorgebildet.
+
+Um aber zu verstehen, wie ihm sein Geheimnis aus der Schrift erstand,
+muss man das Bild des leidenden Gottesknechtes in den grossen
+Rahmen stellen, in welchem es erscheint. Der modern-historische
+Lösungsversuch vermag dies nicht. Er beschränkt sich auf den Gedanken
+der dienenden Dahingabe. Sobald man es aber einmal erfasst hat, dass
+Jesu Leidensgedanke eschatologisch war, dann sieht man auch, in welchem
+grossen Zusammenhang die Erscheinung des leidenden Gottesknechtes
+für ihn stehen musste. Darnach war Jes 40-66 nichts anderes, als die
+_=weissagende Darstellung der Ereignisse der Endzeit=_, in denen er
+sich mitten drin wusste.
+
+Die Schrift hebt an mit der Verkündigung, dass die Gottesherrschaft
+nahe ist. Der Wegbereiter tritt auf. Er ruft, dass das Irdische
+vergeht, wenn der Herr, Lohn und Vergeltung austeilend, in seiner
+Herrlichkeit erscheint. Die Zeit bricht an, wo er seine Herde sammelt
+und den Friedenszustand heraufführt (Jes 40 _-1-11-_).
+
+Der Auserwählte ist da. Er verkündet die Gerechtigkeit in Wahrheit.
+Gott hat seinen Geist auf ihn gelegt (Jes 42 _-1-_ ff.). Er soll das
+Recht gründen auf Erden; die Gestade harren auf seine Lehre. Bevor aber
+die Herrlichkeit anbricht und der Träger des göttlichen Geistes in
+Kraft und Gerechtigkeit über die Völker regieret, muss er durch einen
+Zustand der Erniedrigung hindurch.
+
+Die andern verstehen nicht, warum er geschmäht wird. Sie meinen,
+Gott habe ihn verstossen und wissen nicht, dass er ihre Krankheiten
+trägt, durchbohrt wird ob ihrer Vergehen und zerschlagen ist ob ihrer
+Verschuldung. Der Gequälte ist demütig und öffnet seinen Mund nicht. Ob
+der Vergehen des Volks wird er zu Tode getroffen. Dann wird ihn aber
+der Herr verherrlichen. Vom Mutterleib hat er ihn dazu berufen. Er ist
+bestimmt, Jakob zurückzuführen und Israel zu erretten. Das Licht der
+Völker soll er werden, damit die Rettung Gottes sei bis ans Ende der
+Welt (Jes 49 _-1-_ ff., 52 _-12-_ ff., 53 _-1-_ ff.)
+
+Auf die Schilderung der Leiden des Gottesknechtes folgt die
+Beschreibung des Gerichts über die ganze Welt und Israel (Jes 54-65).
+Am Ende aber bricht die Herrlichkeit Gottes hervor. Er thront über dem
+neugeschaffenen Himmel und über der neugeschaffenen Erde (Jes 65 u.
+66). Wenn das Gericht vollzogen ist, dann bricht der Jubel an, denn
+die Seligen aus der ganzen Welt, aus allen Geschlechtern und Nationen,
+werden sich um ihn sammeln und ihm Verehrung darbringen.
+
+Man muss die dramatische Einheit in diesen Kapiteln erfassen, um
+mit einer Persönlichkeit mitempfinden zu können, welche hier den
+geheimnisvollen Hinweis auf die Dinge der Endzeit suchte. _=Damit geht
+Jesu Leidensgedanke vollständig in dem deuterojesaianischen auf.=_
+Wie der Knecht Gottes, ist auch er zum Herrschen in Herrlichkeit
+bestimmt. Aber zuerst tritt er still und unerkannt als Verkündiger
+auf, der Gerechtigkeit wirket. Dabei muss er durch das Leid und die
+Erniedrigung hindurch, ehe Gott den herrlichen Endzustand anbrechen
+lässt. Was er erduldet, ist eine Sühne für die Schuld der andern. Dies
+ist ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. Die andern können und brauchen
+es nicht zu verstehen, _=denn wenn die Herrlichkeit anbricht, dann
+werden sie erkennen, dass er für sie gelitten hat=_. Darum brauchte und
+durfte Jesus dem Volk und den Jüngern sein Leiden nicht erklären. Es
+musste ein Geheimnis bleiben: so stand es in der Schrift. Auch denen,
+welchen er das Kommende voraussagte, sprach er es nur als Geheimnis
+aus. Bei seinem Erscheinen als Menschensohn musste ihnen die Binde von
+den Augen fallen. In der Herrlichkeit des Reiches erkennen sie dann,
+dass er gelitten, damit sie verschont würden und Friede hätten. Dieses
+Geheimnis ist nur retrospektiv von der erreichten Herrlichkeit aus
+erfassbar.
+
+Darum macht es nichts, wenn die Seinen sich in seiner Erniedrigung
+von ihm abwenden und die Menschen an ihm irre werden, als ob Gott
+ihn züchtigte. Die Schrift rechnet es ihnen nicht zum Frevel an,
+sondern sie hat es also bestimmt. So heisst es in dem Augenblick, wo
+ihm das Leidensgeheimnis aus der Schrift aufgeht, nicht mehr: wer in
+der Erniedrigung sich meiner schämt, der ist verdammt, sondern: ihr
+werdet euch alle an mir ärgern -- wobei er weiss, dass sie bei der
+Auferstehung um ihn versammelt sein werden.
+
+_=Unter dem Einfluss von Deuterojesaia hat sich also der Gedanke der
+allgemeinen Enddrangsal in das persönliche Leidensgeheimnis Jesu
+umgesetzt.=_
+
+
+6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis.
+
+An dem innersten Grundzug des Leidensgedankens ist durch das
+Leidensgeheimnis der zweiten Epoche nichts verändert worden. Für Jesus
+bleibt das Leiden auch in dieser Form vor allem die sittliche Bewährung
+der Würde, die ihm bestimmt ist.
+
+Die Drangsal trägt jetzt aber die konkreten Züge eines bestimmten
+Ereignisses. _=Aus dem messianischen Enddrama zieht er sie gleichsam in
+die menschliche Geschichte herunter.=_ Darin liegt etwas Prophetisches
+auf die Zukunft des Christentums: nach seinem Tode löst sich das ganze
+messianische Enddrama in menschliche Geschichte auf. Diese Entwicklung
+hat mit dem »Leidensgeheimnis« begonnen.
+
+So kommt es auch, dass das Leidensgeheimnis, verglichen mit dem
+Leidensgedanken der ersten Periode, menschlichere Züge trägt. Es liegt
+etwas von mitfühlender Nachsicht in dem Gedanken, dass er für die
+Reichsgenossen die Sühne im Leiden leistet, damit ihnen die Bewährung,
+in welcher sie vielleicht schwach werden könnten, erspart bleibt. »Und
+führe uns nicht in die Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen«:
+diese Bitte ist nun in seinem Leiden erfüllt.
+
+Dieses tief Menschliche tritt besonders in Gethsemane zu Tage. _=Nur
+über den drei Intimen schwebt die Möglichkeit, dass sie mit ihm
+durch das Leiden und die Versuchung hindurchmüssen.=_ Die Zebedaiden
+vermassen sich, um die Anwartschaft auf die Thronplätze zu erwerben,
+mit ihm den Leidenskelch zu trinken und mit ihm die Leidenstaufe zu
+empfangen -- und er stellte es ihnen in Aussicht (Mk 10 _-38-40-_).
+Petrus aber verschwor sich, ihn nicht zu verleugnen; wenn auch alle
+zurückwichen, wollte er doch mit ihm sterben (Mk 14 _-31-_). Diese drei
+hat er mit sich genommen bis zum Ort hin, wo er betet. Während er zu
+Gott fleht, dass der Leidenskelch an ihm vorübergehe, erfasst ihn eine
+bangende Angst um die Intimen. Wenn Gott sie nun wirklich mit ihm durch
+das Leiden sendet, werden sie bestehen, wie sie es sich zutrauten?
+Darum sorgt er sich um sie in der schweren Stunde. Zweimal rafft er
+sich auf, weckt sie aus dem Schlaf, dass sie wach bleiben und zu Gott
+beten, dass er _=sie=_ nicht in die Versuchung führt, wenn er auch
+_=ihm=_ den Kelch nicht erspart; denn der Geist ist willig, aber das
+Fleisch ist schwach. _=Das ist vielleicht der ergreifendste Zug in Jesu
+Leben.=_ Man hat gewagt, Gethsemane die schwache Stunde Jesu zu nennen:
+in Wirklichkeit ist es aber gerade die Stunde, wo seine überweltliche
+Grösse in seinem tiefmenschlichen Mitfühlen offenbar wird.
+
+
+7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung der
+Perspektive.
+
+Jesus nahm das Leidensgeheimnis, welches den Genossen des Reiches
+offenbar werden sollte, mit sich in den Tod. Das Reich brach aber
+nicht an. So erklärt es sich, dass er die Jünger zwar auf sein
+Leiden hingewiesen hat, dass sie aber, als das Ereignis eingetreten
+war, keine Deutung dafür wussten. Dennoch mussten sie sich
+damit auseinandersetzen, indem sie sich die Thatsachen nach den
+Andeutungen, die sie im Gedächtnis hatten, zurechtlegten. _=So ist der
+Leidensgedanke des Urchristentums viel ärmer als das Leidensgeheimnis
+Jesu.=_
+
+Die Erklärung konzentrierte sich hauptsächlich auf _=eine=_ Thatsache:
+Infolge des Leidens und der Auferstehung von den Toten ist er der
+Messias. In diesem Sinne sind das Leiden und die Erhöhung in der
+Schrift vorherbestimmt.
+
+Während das Leidensgeheimnis den Tod in die engste zeitliche und
+kausale Verbindung mit dem Anbruch des Reiches setzt, ist für das
+Urchristentum das vergangene Ereignis _=als solches=_ Gegenstand der
+Erklärung, weil das Reich nicht eingetroffen ist und sich mit dem
+zeitlichen auch der ursprüngliche kausale Zusammenhang gelöst hat.
+
+Nun hatte Jesus in Hinsicht auf seinen Tod auch von Sühne und
+Sündenvergebung geredet. Durch die Ereignisse war aber der Gedanke,
+den er damit verband, vollständig unmöglich geworden. Die unbestimmte
+Mehrheit, welche die Sühne auf sich beziehen sollte in der Erkenntnis,
+dass er für sie gelitten, _=war ja noch gar nicht gegeben, denn das
+Reich war noch nicht erschienen=_. Von jenem Standort allein aber
+konnte man es erfassen, dass er für die Genossen die Drangsalssühne
+geleistet habe.
+
+In der Zwischenzeit lagen die Dinge ganz anders: an Stelle der »vielen«
+waren »die Gläubigen« getreten. Die, welche an die Messianität
+Jesu glauben, haben Sündenvergebung: dieser Satz bildete, wie
+die Pfingstpredigt zeigt, einen Bestandteil der urapostolischen
+Verkündigung (Akt 2 _-38-_). Inwiefern man aber dadurch Sündenvergebung
+hatte, darin bestand das Problem. Dieses war aber historisch unlösbar,
+denn die Sündenvergebung des Leidensgeheimnisses ging nicht auf die an
+_=Jesus-Christus=_ Gläubigen, sondern auf die Reichsgenossen. Mögen
+daher alle Erklärungen der Bedeutung des Leidens von Paulus bis auf
+RITSCHL jede für ihre Zeit religiös noch so wahr und tief sein: den
+Gedanken Jesu können sie unmöglich erfassen, weil sie von einer ganz
+andern Voraussetzung ausgehen.
+
+Da nun aber doch alle sich geschichtlich legitimieren wollten, so
+erlebt man das merkwürdige Schauspiel, dass Jesu die verschiedensten
+Deutungen seines Leidens in den Mund gelegt wurden, _=von denen
+aber keine auch nur annähernd erklären kann, wie aus einer solchen
+Anschauung die urchristlich-apostolische Wertung des Todes
+hervorgehen konnte=_. Das zeigt sich auch bei dem modern-historischen
+Lösungsversuch. Wenn Jesus seinen Jüngern die ethische Bedeutung seines
+Todes verständlich machte, warum beschränkt sich die urchristliche
+Leidenserklärung auf die Schriftgemässheit des Leidens und auf die
+»Sündenvergebung«?
+
+Auf diese Frage bleibt der modern-historische Lösungsversuch die
+Antwort schuldig. Der eschatologisch-historische hingegen vermag die
+_=notwendige Verkümmerung=_ des Leidensgedankens Jesu im Urchristentum
+_=perspektivisch zu berechnen=_. Er weist nach, welche Momente des
+Leidensgeheimnisses nach dem Tod allein noch zu Recht bestehen konnten.
+Weil er die urchristliche Deutung in dem Zusammenhang mit dem Gedanken
+Jesu erfasst, darum ist der eschatologisch-historische Lösungsversuch
+der richtige.
+
+Die Aufhebung des kausalen Zusammenhangs zwischen dem Tod Jesu und
+der Realisierung des Reichs war für die urchristliche Eschatologie
+verhängnisvoll. Mit dem Leidensgeheimnis ging auch das Geheimnis des
+Reiches Gottes unter. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die
+Eschatologie gerade den spezifisch »christlichen« Charakter, den
+Jesus ihr gegeben hatte, verliert. Das ethisch-thätige Moment, durch
+welches sie versittlicht wurde, fällt weg. _=So ist die urchristliche
+Eschatologie durch Jesu Tod »entchristlicht«.=_ Dadurch sinkt sie
+wieder auf das Niveau der zeitgenössisch-jüdischen herunter. Das Reich
+ist wieder Gegenstand reiner Erwartung! Dass die sittliche Umkehr aktiv
+auf sein Kommen einwirkt: dieses Geheimnis war mit Jesus ins Grab
+gesunken. Jetzt that man Busse und leistete die sittliche Erneuerung in
+Erwartung des Gottesreichs, _=wie zu des Täufers Zeit=_.
+
+Diese Entchristlichung tritt gerade in der Frage der Enddrangsal zu
+Tage. Nach dem Leidensgedanken der ersten Periode sollten die Gläubigen
+mit dem zukünftigen Messias leiden; nach dem der zweiten wollte er die
+Drangsal für sie erdulden. Im Urchristentum erwarten die Gläubigen
+die Drangsal _=vor dem Erscheinen des Messias=_, wie es in der
+zeitgenössischen Vorstellung der Fall war. Denn Jesu Leidensgeheimnis
+war ihnen nicht bekannt. Darum gehören ihnen die jüdischen Apokalypsen
+gerade wie den andern Juden, nur mit dem Unterschied, dass der
+gekreuzigte Jesus der erscheinende Messias sein soll. Nur durch
+die _=Person=_ Jesu war die urchristliche Eschatologie also noch
+»christlich«, nicht mehr durch seinen _=Geist=_, wie es im Geheimnis
+des Reiches Gottes und im Leidensgeheimnis der Fall gewesen war.
+
+Darnach muss man »die synoptische Apokalypse« (Mk 13) beurteilen. Mögen
+auch einzelne eschatologische Sprüche darin von Jesus stammen, die Rede
+als solche ist notwendig unhistorisch. _=Sie zeigt die Perspektive
+der Zeit nach dem Tode.=_ In den jerusalemitischen Tagen konnte Jesus
+von keiner allgemeinen Enddrangsal vor dem Kommen des Menschensohnes
+reden. Die synoptische Apokalypse steht in direktem Widerspruch zu
+dem Leidensgeheimnis, da dieses ja die allgemeine Enddrangsal gerade
+aufhebt. Sie ist also unhistorisch. Apokalyptische Reden mit Hinweis
+auf die Enddrangsal gehören in die galiläische Periode zur Zeit der
+Aussendung. _=Die Aussendungsrede ist die historische synoptische
+Apokalypse.=_ Von einer Drangsal nach seinem Tod hat Jesus den Seinen
+nie etwas gesagt, denn sie lag ausserhalb seines Gesichtskreises.
+
+Mit dem Tod, gerade durch denselben, war also die Eschatologie,
+obwohl die urchristliche Gemeinde noch ganz darin lebte, thatsächlich
+abgethan. Sie war bestimmt, aus der christlichen Weltanschauung
+hinausgedrängt zu werden, denn sie war »entchristlicht«, weil sie mit
+dem Geheimnis des Reiches Gottes und des Leidensgedankens das innere
+ethische Leben eingebüsst hatte, welches ihr durch Jesus eingehaucht
+worden war. Ein Baum, der mitten in der Blütenpracht an der Wurzel
+getroffen wird -- so war es ihr Schicksal, abzuwelken und zu verdorren,
+wenn man es vorerst auch noch nicht merkte, dass sie dem Untergang
+geweiht war. _=Indem die Geschichte in der Folgezeit zwangsweise
+eine uneschatologische christliche Weltanschauung schuf, hat sie nur
+vollzogen, was in dem Gesetz der Dinge mit Jesu Tod schon bestimmt
+war.=_
+
+Jesu Tod das Ende der Eschatologie! Der Messias, der es auf Erden
+nicht war, das Ende der messianischen Erwartung! Die Weltauffassung,
+in der er lebte und predigte, war eschatologisch; die »christliche
+Weltauffassung«, die er durch seinen Tod begründet, führt die
+Menschheit für immer über die Eschatologie hinaus! Das ist das grosse
+Geheimnis in der christlichen Heilsökonomie.
+
+Für ihn und die Seinen war sein Tod, gemäss der eschatologischen
+Weltanschauung, nur eine _=Uebergangsthatsache=_. Sobald aber das
+Ereignis eingetreten war, wurde es die bleibende _=Centralthatsache=_,
+auf der sich die neue uneschatologische Weltauffassung aufbaute. Im
+Urchristentum waren das Alte und das Neue noch nebeneinander.
+
+Die Anhänger Jesu glaubten an das Kommen des Reichs, weil seine
+machtvolle Persönlichkeit die Kunde bekräftigte. Die Gemeinde nach dem
+Tode glaubte an seine Messianität und erwartete das Kommen des Reichs.
+Wir glauben, dass in seiner ethisch-religiösen Persönlichkeit, wie sie
+sich in seinem Wirken und Leiden offenbart, der Messias und das Reich
+gekommen sind.
+
+Es verhält sich damit wie mit dem Lauf der Sonne. Ihr Glanz bricht
+hervor, während sie noch hinter den Bergen steht. Die dunkeln Wolken
+röten sich von ihrem Schein und in phantastischen Gebilden spielt
+sich der Kampf zwischen Licht und Finsternis ab. Noch ist die Sonne
+selbst nicht sichtbar, sondern sie ist nur da, sofern die Helligkeit
+von ihr ausgeht. _=Die Sonne hinter dem Morgenrot=_: so erschien
+die Persönlichkeit _=Jesu von Nazareth=_ den Zeitgenossen in der
+vormessianischen Aera.
+
+In dem Augenblick, wo der Himmel im intensivsten Kolorit erglüht,
+steigt sie über den Horizont auf. Damit aber fängt die Farbenpracht
+an langsam abzunehmen. Die phantastischen Gebilde verblassen und
+versinken, weil die Sonne selbst die Wolken, in denen sie sich
+spiegelt, auflöst. _=Die aufgehende Sonne über dem Horizont=_, so
+erschien »_=Jesus Christus=_« der urchristlichen Gemeinde in ihrer
+eschatologischen Erwartung.
+
+_=Die Sonne zur Mittagszeit=_: so erscheint er uns. Wir wissen nichts
+von Morgen- und Abendrot, sondern wir sehen nur die weisse Helligkeit,
+die alles durchleuchtet. Weil sie aber jetzt für uns in diesem Licht
+erstrahlt, dürfen wir uns nicht auch den Sonnenaufgang so vorstellen,
+als wäre sie als leuchtende Scheibe in Mittagsklarheit über dem
+Horizont aufgestiegen. Unsere moderne Anschauung über den Tod Jesu ist
+wahr, in ihrem innersten Wesen wahr, weil sie seine sittlich-religiöse
+Persönlichkeit in den Gedanken unserer Zeit wiedergibt. Wenn wir sie
+aber so in die Geschichte Jesu und des Urchristentums zurücktragen,
+thun wir dasselbe, als wenn wir einen Sonnenaufgang ohne Morgenrot
+malen wollten.
+
+In der wahren historischen Erkenntnis liegt eine befreiende und
+fördernde Macht. Unser Glaube baut sich auf der Persönlichkeit
+Jesu auf. Zwischen unserer Weltanschauung und derjenigen, in
+welcher er lebte und wirkte, liegt aber eine tiefe, wie es scheint,
+unüberbrückbare Kluft. Man sah sich deshalb genötigt, _=seine
+Persönlichkeit gleichsam aus seiner Weltanschauung herauszureissen=_
+und ihr einen Strich ins Moderne zu geben.
+
+Dadurch kam aber eine eigentümliche Unlebendigkeit und
+Zwitterhaftigkeit in das Bild seiner Person. _=Man erhielt ein
+Zwitterwesen, halb modern, halb antik.=_ Mit dem Modernen übertrug
+man auch die moderne Psychologie auf ihn, ohne sich immer vollständig
+klar zu machen, dass sie nicht auf ihn anwendbar ist und ihn notwendig
+verkleinert. Denn sie ist hergenommen von Durchschnittswesen, die aus
+Meinungen zusammengeflickt sind und sich nur in stetiger Entwicklung
+erfassen und beobachten. _=Jesus ist aber eine übermenschliche
+Persönlichkeit aus einem Guss.=_
+
+So beruht die moderne Dogmatik auf einer historischen und
+psychologischen Gewaltthat, weil sie nicht nachweisen kann, warum
+wir das Recht haben, Jesum aus seiner Zeit herauszulösen, seine
+Persönlichkeit in unsere modernen Gedanken zu übersetzen und ihn als
+»Messias« und »Gottessohn« ausserhalb des jüdischen Rahmens aufzufassen.
+
+Die wahre geschichtliche Erkenntnis aber gibt der Dogmatik ihre volle
+Bewegungsfreiheit wieder! Sie bietet ihr die Persönlichkeit Jesu dar
+in einer eschatologischen _=und doch ihrem Wesen nach durch und durch
+modernen Weltanschauung=_, weil =er= sie mit seinem gewaltigen Geiste
+durchdrungen hat.
+
+Dieser Jesus ist viel grösser als der modern gedachte: _=er ist
+wirklich eine überirdische Persönlichkeit=_. Mit seinem Tode vernichtet
+er die Form seiner Weltanschauung, indem seine Eschatologie unmöglich
+wird. Damit gibt er allen Geschlechtern und allen Zeiten das Recht,
+_=ihn in ihren Gedanken und Vorstellungen zu erfassen, dass sein Geist
+ihre Weltanschauung durchdringe, wie er die jüdische Eschatologie
+belebte und verklärte=_.
+
+Darum darf sich die moderne Dogmatik gerade auf Grund der wahren
+geschichtlichen Erkenntnis frei bewegen, ohne die immerwährende
+kleinliche geschichtliche Rücksichtnahme, welche heutzutage oft zum
+Schaden der geschichtlichen Wahrhaftigkeit beobachtet wird. _=Die
+Dogmatik soll nicht um einen Pflock grasen. Sie ist frei, denn sie
+hat unsere christliche Weltanschauung allein auf die Persönlichkeit
+Jesu Christi zu gründen, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Form, in
+welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte. Er selbst hat ja diese Form
+mit seinem Tod zerstört.=_ Die _=Geschichte=_ fordert die Dogmatik zu
+dieser _=Ungeschichtlichkeit=_ auf.
+
+Als Jesus verschieden war, sagte _=der römische Hauptmann=_, »wahrlich,
+dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen« (Mk 15 _-39-_). So wird seine
+Würde mit dem Augenblick seines Todes frei für alle Zungen, für alle
+Nationen und für alle Weltanschauungen.
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel.
+
+Abriss des Lebens Jesu.
+
+
+Das »_=Leben Jesu=_« beschränkt sich auf die letzten Monate seines
+Daseins. Zur Zeit der Sommeraussaat trat er auf und starb am Kreuz zu
+Ostern des folgenden Jahres.
+
+Seine öffentliche Wirksamkeit zählt nach _=Wochen=_. Die erste Periode
+reicht von der Aussaat bis in die Erntezeit; die zweite umfasst die
+Tage des Auftretens zu Jerusalem. Den Herbst und den Winter verbrachte
+er auf heidnischem Gebiet, allein mit seinen Jüngern.
+
+Vor ihm war der Täufer aufgetreten und hatte mit Nachdruck auf die
+Nähe des Reiches und die vormessianische Erscheinung des gewaltigen
+Vorläufers hingewiesen, mit dessen Auftreten die Geistesausgiessung
+statthaben sollte. Nach Joël war dies, mit andern Wundern, das Zeichen,
+dass der Gerichtstag unmittelbar bevorstand. Johannes selbst hielt sich
+nie für diesen Vorläufer; auch das Volk kam nicht auf diesen Gedanken,
+_=denn er hatte die Zeit der Wunder nicht heraufgeführt=_. Er sei ein
+Prophet: das war die allgemeine Meinung.
+
+Ueber Jesu frühere Entwicklung wissen wir nichts. Alles liegt im
+Dunkeln. Nur eines steht fest: Während der Taufe ging ihm das Geheimnis
+seines Daseins auf, dass er nämlich derjenige sei, den _=Gott=_ zum
+Messias bestimmt hatte. _=Mit dieser Offenbarung ist er fertig; eine
+Entwicklung hat er nicht mehr durchgemacht.=_ Denn nun stand ihm fest,
+dass er bis zum nahen Anbrechen der messianischen Aera, wo seine
+Würde ihm in Herrlichkeit zufiel, als der unerkannte und verborgene
+Messias auf das Reich hin zu wirken habe und sich mit den Seinen in der
+Enddrangsal bewähren und läutern müsse.
+
+_=Der Leidensgedanke war also mit dem Messianitätsbewusstsein
+selbst gegeben, wie mit der Reichserwartung die Vorstellung der
+vormessianischen Drangsal unlösbar zusammenhängt.=_ Irdische Ereignisse
+konnten Jesu Werdegang nicht beeinflussen. _=Durch sein Geheimnis stand
+er über der Welt=_, wenn er auch jetzt noch als Mensch unter Menschen
+wandelte.
+
+Sein Auftreten und seine Verkündigung gehen nur auf die Reichsnähe.
+Seine Predigt ist die des Johannes, nur dass er sie durch Zeichen
+bekräftigt. Obwohl sein Geheimnis seine ganze Verkündigung beherrscht,
+darf niemand darum wissen, denn er muss unerkannt bleiben, bis der neue
+Aeon anbricht.
+
+Wie sein Geheimnis, so ist auch seine ganze Ethik durch das »jetzt und
+dann« beherrscht. Es handelt sich um die Busse auf das Reich Gottes
+hin und den Erwerb der Gerechtigkeit, welche dazu befähigt: _=denn nur
+die Gerechten ererben das Reich=_. Diese Gerechtigkeit ist höher als
+die des Gesetzes, denn er weiss, dass das Gesetz und die Propheten
+weissagten bis Johannes: _=mit dem Täufer aber befindet man sich in der
+Vorläuferperiode unmittelbar vor dem Reichsanbruch=_.
+
+Darum muss er, als künftiger Messias, jene höhere Sittlichkeit
+verkünden und wirken. Die geistig Armen, die Sanftmütigen, die da Leid
+tragen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die Mitleidigen,
+die reinen Herzens sind, die Friedfertigen: _=diese alle sind selig,
+weil sie in dieser Eigenschaft zum Reich bestimmt sind=_.
+
+Hinter dieser ethischen Verkündigung steht das Geheimnis des Reiches
+Gottes. Was, _=von dem Einzelnen geleistet=_, sittliche Erneuerung in
+Vorbereitung auf das Reich ist, das bedeutet, _=von der Gemeinschaft
+gewirkt=_, eine Thatsache, durch welche seine Realisierung auf
+übernatürliche Weise herbeigeführt wird. So durchdringen sich
+Individual- und Sozialethik in dem grossen Geheimnis. Wie die
+überreiche Ernte durch Gottes Wundermacht geheimnisvoll auf die
+Aussaat folgt, so kommt auch das Reich Gottes auf Grund der sittlichen
+Erneuerung durch die Menschen, aber ohne ihr Zuthun.
+
+In dem Gleichnis ist auch die zeitliche Koïncidenz enthalten. Er sprach
+es zur Aussaat und erwartete das Reich zur Erntezeit. _=Die Natur
+war Gottes Uhr. Mit der letzten Aussaat hatte er sie zum letztenmal
+gestellt.=_
+
+Das Geheimnis des Reiches Gottes ist die überirdische Verklärung der
+altprophetischen Ethik, in welcher der herrliche Endzustand auch nur
+auf Grund der sittlichen Umkehr Israels von Gott heraufgeführt wird.
+In souveräner Art vollzieht Jesus die Synthese zwischen Daniel'scher
+Apokalyptik und prophetischer Ethik. Es handelt sich bei ihm nicht um
+_=eschatologische Ethik=_, sondern seine Weltanschauung ist _=ethische
+Eschatologie. Als solche ist sie modern.=_
+
+Auch die Zeichen und Wunder fallen unter eine doppelte
+Betrachtungsweise. Für das Volk sollen sie nur die Predigt von der
+Reichsnähe bekräftigen. Wer jetzt nicht glaubt, dass die Zeit so weit
+ist, hat keine Entschuldigung. Die Zeichen und Wunder verdammen ihn,
+denn sie bekunden offenbar, dass es mit der widergöttlichen Macht zu
+Ende geht.
+
+Hinter dieser Behauptung steht aber für Jesus das Geheimnis des
+Reiches Gottes. Als die Pharisäer die Zeichen selbst der Teufelsmacht
+zuschreiben wollten, deutet er in einem Gleichnis das Geheimnis an.
+Durch seine Thaten bindet er die widergöttliche Macht, wie man über
+einen Starken zuerst herfällt und ihn unschädlich macht, ehe man daran
+denken kann, ihm seinen Besitz zu rauben. Darum gibt er den Jüngern bei
+der Aussendung zugleich mit dem Predigtauftrag die Vollmacht über die
+unreinen Geister. Sie sollen die letzten Streiche führen.
+
+Als Drittes gehört zur Reichspredigt der Hinweis auf die
+vormessianische Drangsal. Die Gläubigen müssen darauf vorbereitet sein,
+mit ihm durch jene Zeit der Bewährung hindurchzugehen, wo sie in der
+Standhaftigkeit gegen den letzten Ansturm der Weltmacht sich als die
+Auserwählten des Gottesreiches erweisen. Auf seine Person hin wird sich
+dieser Ansturm konzentrieren; darum muss man bei ihm ausharren bis
+zum Tod. Nur das Sein im Gottesreich ist Leben. Der Menschensohn wird
+darnach richten, ob sie bei ihm, Jesus, ausgehalten haben oder nicht.
+So wendet sich Jesus am Schluss der Seligpreisungen an die Seinen mit
+den Worten: »Selig seid ihr, wenn die Menschen euch um meinetwillen
+verfolgen«. Die Aussendungsrede wird zu einer Ausführung über die
+Drangsal. Das letzte Wort in der Botschaft von der unmittelbaren
+Reichsnähe an den Täufer lautet: »Selig ist, wer sich nicht an mir
+ärgert.« Die Menge, mit welcher er das Abendmahl am See gefeiert hat,
+beschwört er am Morgen zu Bethsaida, bei ihm auszuharren, auch wenn er
+ein Gegenstand der Verachtung und des Spotts in der sündigen Welt sein
+wird: ihre Seligkeit hängt davon ab.
+
+Diese Drangsal bedeutet zugleich mit der _=Bewährung=_ auch noch eine
+_=Sühne=_. Sie ist im messianischen Drama vorgesehen, weil Gott von
+den Reichsgenossen eine Sühne für ihre Vergehungen in diesem Aeon
+verlangt. _=Aber er ist allmächtig.=_ In dieser Allmacht bestimmt er
+über die Zugehörigkeit zum Reich, über die Stelle, die einer darin
+einnimmt, ohne an irgend welche Bestimmung gebunden zu sein. So ist
+auch die Notwendigkeit der Enddrangsal im Hinblick auf seine Allmacht
+nur relativ. Er kann sie den Menschen erlassen.
+
+Darauf beziehen sich die drei letzten Bitten des Vaterunsers. Nachdem
+Gott angefleht worden, er möge das Reich senden, dass sein Name
+geheiligt werde und sein Wille auf Erden geschehe, wie im Himmel,
+dürfen die Menschen ihn bitten, ihnen die Vergehungen zu verzeihen und
+die »Versuchung« zu ersparen, indem er sie der Gewalt des Bösen direkt
+entreisst.
+
+Dies war der Inhalt von Jesu Verkündigung in der ersten Periode. Er
+hielt sich während derselben am nördlichen Ufer des Sees auf. Chorazin,
+Bethsaida und Kapernaum waren die Hauptstätten seiner Wirksamkeit. Von
+dort unternahm er über den See hin einen Zug in das Gebiet der zehn
+Städte und eine Reise nach Nazareth.
+
+Gerade in den Städten seiner Hauptwirksamkeit stiess er auf Unglauben.
+Der Fluch, den er über sie aussprechen muss, bezeugt es. Zudem waren
+ihm die Pharisäer aufsässig und suchten ihn gerade wegen seiner Wunder
+beim Volk zu diskreditieren. In Nazareth erfuhr er, dass ein Prophet
+nichts gilt in seinem Vaterlande.
+
+So war die galiläische Periode nichts weniger als eine glückliche.
+Diese äusseren Misserfolge bedeuteten aber nichts für das Kommen des
+Reiches. Die ungläubigen Städte richteten nur sich selbst. Um die
+Nähe des Reiches zu ermessen, hatte Jesus andere, geheimnisvolle
+Anzeichen. An diesen erkannte er, dass die Zeit da war. _=Darum sandte
+er seine Jünger aus, gerade auf dem Rückweg von Nazareth -- denn es war
+Erntezeit.=_
+
+Durch ihre Predigt und durch ihre Zeichen drang die Kunde von seiner
+machtvollen Persönlichkeit überall hin. Jetzt beginnt die Zeit der
+Erfolge! Johannes im Gefängnis hörte davon und sandte seine Jünger, sie
+sollten ihn fragen, ob er derjenige sei, »welcher kommen sollte«, denn
+aus den Wundern schloss er, dass die Zeit des machtvollen Vorläufers,
+den er verkündigt hatte, da sei.
+
+Jesus that Zeichen, seine Jünger hatten Macht über die Geister. Wenn
+er vom Gericht sprach, betonte er, dass der Menschensohn mit ihm
+solidarisch wäre und nur den anerkännte, der zu ihm, Jesus, gestanden
+hätte. Das Volk hielt deshalb dafür, er könne der sein, nach dem man
+ausschaute, und der gefangene Täufer wollte darüber Gewissheit haben.
+
+Jesus kann ihm nicht sagen, wer er ist. »_=Die Zeit ist sehr
+vorgeschritten=_« -- das ist der Inhalt seines Bescheids. Nachdem
+die Gesandten fort sind, wendet er sich an das Volk und deutet
+in geheimnisvoller Rede darauf hin, dass die Stunde schon weiter
+vorgerückt sei, als jener in seiner Frage ahnte. Die Vorläuferzeit
+hat mit dem Auftreten des Täufers selbst angefangen. Seither wird das
+Gottesreich gewaltsam herbeigenötigt. _=Der Frager selbst ist der
+Elias, wenn sie es begreifen mögen.=_
+
+Die Menschen vermochten es nicht zu fassen, dass der Gefangene der
+Elias war. Sie verstanden die Zeit nicht, als er mit seiner Predigt
+auftrat. Das liegt aber nicht allein daran, dass jener keine Wunder
+that, sondern an der Verstocktheit ihrer Herzen. Unvernünftige Kinder
+sind sie, die nicht wissen, was sie wollen. Jetzt ist einer da, der
+Zeichen thut -- aber auch dem glauben sie die Nähe des Reiches nicht.
+So schliesst der Fluch über Chorazin und Bethsaida die »Würdigungsrede
+über den Täufer« ab.
+
+Die Entsendung der Jünger war die letzte That zur Herbeiführung des
+Reiches. Als sie daher zurückkommen, ihm ihren Erfolg künden und
+berichten, wie sie Gewalt über die bösen Geister hatten, heisst das für
+ihn: _=es ist alles bereit.=_ So erwartet er jetzt den Reichsanbruch
+für die unmittelbarste Zukunft, nachdem es ihm schon fraglich gewesen
+war, ob die Jünger vor diesem Ereignis zu ihm zurückkehren würden. Er
+hatte ihnen ja gesagt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie
+ereilen würde, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären.
+
+Sein Werk ist gethan. Nun verlangt es ihn, sich zu sammeln und mit
+den Seinen allein zu sein. Sie besteigen ein Schiff und fahren längs
+des Strandes nach Norden zu. Die Menge aber, welche sich auf die
+Predigt der Jünger hin um ihn gesammelt hatte, um mit ihm das Reich
+zu erwarten, folgt ihnen am Ufer nach und überrascht sie am einsamen
+Strand, wo sie gelandet.
+
+Als es Abend geworden, wollten die Jünger, dass er das Volk entlasse,
+damit sie in den umliegenden Flecken Speise zu sich nähmen. Für ihn
+ist aber die Stunde zu heilig, um durch ein irdisches Mahl entweiht
+zu werden. Bevor er sie daher entlässt, heisst er sie sich lagern und
+hält mit ihnen eine Vorfeier des messianischen Mahles. Er, der künftige
+Messias, teilt der Gemeinschaft, welche um ihn versammelt ist, um die
+Ankunft des Reiches zu erwarten, feierlich Speise aus, indem er sie
+damit geheimnisvoll zur Teilnahme an der nahen Vollendungsfeier weiht.
+Da sie sein Geheimnis nicht wussten, verstanden sie sein Handeln nicht,
+ebensowenig wie die Jünger. Sie begriffen nur, dass es etwas gewaltig
+Ernstes bedeutete und machten sich ihre Gedanken darüber.
+
+Darauf entliess er sie. Den Jüngern befahl er an den Strand von
+Bethsaida zu fahren. Er selbst zog sich auf den Berg zum Gebet zurück
+und folgte dann längs des Strandes zu Fuss. Als ihnen seine Gestalt
+im Dunkel der Nacht erschien, da glaubten sie, unter dem Eindruck
+der Feier, wo er in geheimnisvoller Hoheit vor ihnen stand, seine
+überirdische Erscheinung nahe sich auf den bewegten Wogen, gegen die
+sie zur Landung ankämpften.
+
+Am Morgen nach dem Abendmahl am See sammelt er Volk und Jünger um sich
+zu Bethsaida und vermahnt sie, bei ihm auszuharren und ihn nicht zu
+verleugnen in der Erniedrigung.
+
+Sechs Tage später geht er mit den drei Intimen auf den Berg, wo er
+einsam gebetet hatte. Dort wird er ihnen als der Messias geoffenbart.
+Auf dem Heimweg verbietet er ihnen, etwas davon zu sagen, bis er bei
+der Auferstehung in der Glorie des Menschensohns offenbart würde.
+Sie aber vermissen noch die Erscheinung des Elias, der doch kommen
+müsse, bevor die Totenauferstehung statt habe. Bei der Würdigungsrede
+über den Täufer, wo die geheimnisvolle Andeutung fiel, waren sie
+ja nicht zugegen gewesen. Ihnen muss er daher jetzt klar machen,
+dass der Enthauptete der Elias war. An seinem Schicksal dürfen sie
+keinen Anstoss nehmen, denn also war es bestimmt. Auch der, welcher
+Menschensohn sein wird, muss viel leiden und verspottet werden. So will
+es die Schrift.
+
+Das Reich, welches Jesus in unmittelbarer Nähe erwartete, blieb aus.
+Für die evangelische Geschichtsüberlieferung war diese _=erste=_
+eschatologische Verzögerung insofern verhängnisvoll, als nun alle
+Vorgänge um die Aussendung herum unverständlich wurden, weil das
+Bewusstsein verloren ging, dass die intensivste eschatologische
+Erwartung damals Jesus und seine Umgebung beseelte. Darum ist gerade
+diese Zeit in den Berichten verwirrt und dunkel, besonders da einzelne
+Vorgänge auch den damaligen Teilnehmern rätselhaft blieben. So wurde in
+der Ueberlieferung das Kultmahl am See zur »wunderbaren Speisung« in
+einem ganz andern Sinn, als es Jesus gemeint hatte.
+
+Auch die Motive seines Verschwindens werden damit unverständlich.
+Es scheint sich um eine »Flucht« zu handeln, während andererseits
+die Berichte in keiner Weise andeuten, wie es so weit gekommen.
+In der Einsicht in die beiden sich entsprechenden Höhepunkte der
+eschatologischen Erwartung liegt der Schlüssel zum historischen
+Verständnis des Lebens Jesu. _=Während den jerusalemitischen Tagen
+kehrt wieder, was in den Tagen zu Bethsaida schon einmal dagewesen.=_
+Ohne diese Annahme klafft zwischen der Aussendung und dem Zug
+nach Jerusalem eine Lücke in der evangelischen Ueberlieferung.
+Die Geschichtsschreibung sieht sich gezwungen, eine Periode des
+galiläischen Niedergangs zu _=erfinden=_, um den Zusammenhang der
+berichteten Thatsachen herzustellen, als fehlte hier ein Stück in
+unseren Evangelien. _=Das ist der schwache Punkt aller »Leben Jesu«.=_
+
+Mit der Rückkehr in die Landschaft Genezareth entzieht sich Jesus den
+Pharisäern und dem Volk, um mit seinen Jüngern allein zu sein, wie es
+schon seit ihrer Rückkehr von der Missionswanderung sein vergebliches
+Bestreben war. Es ist unumgänglich nötig, denn er muss über zwei
+messianische Thatsachen ins Klare kommen.
+
+_=Warum ist der Täufer von seiner Obrigkeit hingerichtet worden, ehe
+die messianische Zeit angebrochen?=_
+
+_=Warum bleibt das Reich aus, da doch die Anzeichen seines Einbrechens
+da sind?=_
+
+In der Schrift geht ihm das Geheimnis auf: Gott führt das Reich herauf
+_=ohne allgemeine Enddrangsal=_. Derjenige, den er zur Herrschaft in
+Herrlichkeit bestimmt hat, vollzieht sie an sich, indem er als ein
+Uebelthäter gerichtet und verurteilt wird. Dafür gehen die andern
+frei aus: er leistet die Sühne für sie. Mögen sie immerhin glauben,
+Gott strafe ihn, mögen sie an dem, welcher ihnen die Gerechtigkeit
+gepredigt, irre werden, -- wenn nach seinem Leiden die Herrlichkeit
+anbricht, dann werden sie sehen, dass er für sie gelitten.
+
+So las Jesus im Propheten Jesaia, was Gott über ihn, den Auserwählten,
+bestimmt hatte. Das Ende des Täufers zeigte ihm an, in welcher Form ihm
+diese Verurteilung beschieden war: er sollte von seiner Obrigkeit vor
+allem Volk als ein Missethäter zu Tode gebracht werden. Dazu musste er
+hinaufziehen nach Jerusalem für die Zeit, _=da ganz Israel sich dort
+versammelte=_.
+
+Als daher die Zeit zur Osterreise kam, brach er mit seinen Jüngern auf.
+Ehe sie von dannen zogen, fragte er sie, für wen er bei den Leuten
+gelte. Sie wussten nur zu antworten, dass man ihn für den Elias halte.
+Petrus aber, in der Erinnerung an die Offenbarung auf dem Berg bei
+Bethsaida, sagt: du bist der Gottessohn. Daraufhin thut ihnen Jesus
+sein Geheimnis kund. Gewiss, er ist der, welcher als Menschensohn
+bei der Auferstehung geoffenbart werden wird. Vorher aber ist ihm
+bestimmt, den Hohenpriestern und Aeltesten zur Verurteilung und zum
+Tod überantwortet zu werden. Gott will es also. Darum ziehen sie nach
+Jerusalem.
+
+Petrus hält sich über diese neue Eröffnung auf, denn in der Offenbarung
+auf dem Berg war nicht die Rede davon gewesen. Er nimmt Jesum bei
+Seite und dringt heftig auf ihn ein. Darauf wird er von ihm hart
+zurechtgewiesen, dass er menschliche Erwägungen laut werden lässt, wo
+Gott redet.
+
+Diese Reise nach Jerusalem war der Todeszug zum Siege. In dem
+Leidensgeheimnis lag das Geheimnis des Reiches Gottes geborgen. Sie
+zogen hinter ihm her und wussten nur, dass er nachher, wenn ihm also
+geschehen wäre, Messias sein würde. Es bangte ihnen vor dem, was kommen
+sollte; sie verstanden nicht, warum es also sein musste, und scheuten
+sich, ihn zu fragen. Vor allem gingen aber ihre Gedanken auf den
+Zustand im nahen Reich. Wenn er einmal Messias war, was würden dann sie
+sein? das beschäftigte ihren Sinn und davon redeten sie untereinander.
+Er aber wies sie zurecht und deutete ihnen an, warum er leiden müsse.
+Nur durch Erniedrigung und dienende Dahingabe wird man bereitet, im
+Gottesreich zu herrschen. Darum muss der, welcher als Menschensohn die
+Herrschaft im Reich ausüben wird, jetzt für die vielen mit seinem Leben
+in dienender Hingabe eine Sühne leisten.
+
+Mit dem Betreten des jüdischen Gebiets beginnt die zweite öffentliche
+Periode. Er ist wieder vom Volk umgeben. In Jericho wartet die Menge
+auf ihn, um ihn beim Durchzug zu sehen. Durch die Heilung eines
+blinden Bettlers, des Sohnes des Timäus, erweist er sich ihnen als der
+grosse Vorläufer, für den man ihn schon in Galiläa gehalten hatte.
+Die jubelnde Menge bereitet ihm einen feierlichen Einzug. Als dem,
+welcher der Weissagung zufolge vor dem Messias herkommt, singen sie
+ihm Hosianna. Dem Reich aber, welches in Bälde erscheinen wird, gilt
+das Hosianna in der Höh'. Damit ist wieder die Situation der grossen
+Tage am Seestrand erreicht: Jesus wird von der reichsgläubigen Menge
+umdrängt.
+
+Die Belehrung, welche die jerusalemitischen Gleichnisse enthalten,
+bezieht sich auf die Nähe des Reiches. Es sind _=Warnrufe=_, die
+zugleich eine Drohung für die enthalten, welche sich gegen die Kunde
+verstocken. Nicht die Frage: ist er der Messias? ist er es nicht?
+bewegte die Geister, sondern: ist das Reich so nah, wie er sagt, oder
+nicht?
+
+Die Pharisäer und Schriftgelehrten wussten nicht, welche Stunde es
+geschlagen hatte. Sie zeigten eine gänzliche Unempfindlichkeit für
+die Nähe des Reichs, denn sonst hätten sie ihm nicht Fragen zur
+Beantwortung vorgelegt, die gerade durch die vorgeschrittene Zeit
+gegenstandslos geworden waren. Was kommt denn noch auf den Kaiserzins
+an? Was sollen die spitzfindigen sadducäischen Argumente gegen die
+Möglichkeit der Totenauferstehung? Bald ist ja mit dem Reichsanbruch
+die _=irdische Herrschaft=_ gerade so gut wie die _=irdische
+Menschennatur=_ abgethan!
+
+Ja, wenn sie die Zeichen der Zeit verständen! Er gibt ihnen zwei
+Fragen auf, die sie zum Nachdenken bringen sollen, damit sie es merken,
+dass sie in der Zeit eines grossen Geheimnisses stehen, von dem sich
+ihre Schriftgelehrsamkeit nicht träumen lässt.
+
+_=In welcher Vollmacht wirkte der Täufer?=_ Wenn sie es wüssten,
+dass er der Vorläufer war, wie es Jesus schon dem Volk gegenüber
+geheimnisvoll angedeutet hatte, dann wüssten sie auch, dass die Stunde
+des Reiches geschlagen hat.
+
+_=Wie ist der Messias bald Davids Sohn, also unter ihm, bald Davids
+Herr, also über ihm?=_ Wenn sie das erklären könnten, dann verständen
+sie auch, dass der, welcher niedrig und unerkannt auf das Reich Gottes
+hinwirkt, als Herr und Messias geoffenbart werden wird.
+
+So aber ahnen sie nicht einmal, dass die messianischen Hinweise
+_=Geheimnisse=_ bergen. Mit ihrer Gelehrsamkeit sind sie blinde
+Blindenleiter, die das Volk, statt es für das Reich empfänglich
+zu machen, verstocken und statt die neue Sittlichkeit, welche zum
+Reich gerecht macht, aus dem Gesetz herauszulesen, in kleinlicher
+Veräusserlichung ihr entgegenarbeiten und das Volk mit sich ins
+Verderben ziehen. Darum: _=Wehe den Pharisäern und Schriftgelehrten!=_
+
+Zwar auch unter ihnen gibt es noch solche, welche ein offenes Auge
+behalten haben. Derjenige, welcher ihn nach dem grossen Gebot gefragt
+hat und seiner Antwort zustimmt, der ist »verständig« und deshalb
+»nicht fern vom Reich Gottes«, denn er gehört dazu, wenn es erscheint.
+
+Die Masse aber der Pharisäer und Schriftgelehrten versteht ihn so
+wenig, dass sie seinen Tod beschliessen. Auf Jesu Auftreten hin
+brachten sie keine wirksame Anklage fertig. Ein respektloses Wort über
+den Tempel: das war alles. _=Da verriet ihnen Judas das Geheimnis.=_
+Jetzt war er verurteilt.
+
+In der Nähe des Todes richtet sich Jesus zu derselben sieghaften
+Grösse auf, wie in den Tagen am Seestrand: _=denn mit dem Tod kommt
+das Reich.=_ Damals hatte er mit den Gläubigen die Vorfeier des
+messianischen Mahles gehalten; so erhebt er sich jetzt am Ende der
+letzten irdischen Mahlzeit und teilt den Jüngern feierlich Speise und
+Trank aus, indem er sie mit erhobener Stimme, nachdem der Becher zu ihm
+zurückgekehrt ist, darauf hinweist, dass dieses das letzte irdische
+Mahl gewesen ist, weil sie in Bälde zum Mahl in des Vaters Reich
+vereinigt sein werden. Zwei entsprechende Gleichnisworte deuten das
+Leidensgeheimnis an. Für ihn sind Brot und Wein, die er ihnen bei der
+Vorfeier darreicht, sein Leib und sein Blut, weil er durch die Hingabe
+in den Tod das messianische Mahl heraufführt. Das Gleichniswort blieb
+den Jüngern dunkel. Es war auch nicht auf sie berechnet, es sollte
+ihnen nichts verdeutlichen -- _=denn es war ein Geheimnisgleichnis=_.
+
+Wie nach dem Abendmahl am See, sucht er auch jetzt, da die grosse
+Stunde naht, die Einsamkeit auf, um zu beten. Er trägt die Drangsal
+für die andern. Darum darf er den Jüngern voraussagen, dass sie in
+der Nacht sich alle an ihm ärgern werden -- und er braucht sie nicht
+zu verdammen, denn die Schrift hat es so bestimmt. Welch unendlicher
+Friede liegt in diesem Wort! Ja, er tröstet sie: nach der Auferstehung
+will er sie um sich sammeln und ihnen in messianischer Herrlichkeit
+vorausziehen nach Galiläa, die Strasse zurück, auf welcher sie ihm im
+Todesgang gefolgt sind.
+
+Noch steht es aber in Gottes Allmacht, die Drangsal auch für ihn
+auszuschalten. Darum, wie er einst mit den Gläubigen gebetet »und führe
+uns nicht in die Versuchung«, so bittet er jetzt für sich, Gott in
+seiner Allmacht möge den Leidenskelch an _=seinen=_ Lippen vorübergehen
+lassen. Zwar, wenn es Gottes Wille ist, fühlt er sich stark genug, ihn
+zu trinken. Nur für die Intimen bangt ihm. Die Zebedaiden haben sich
+vermessen, um die Thronplätze zu erlangen, den Leidensbecher mit ihm
+zu trinken und die Leidenstaufe mit ihm zu empfangen. Petrus verschwor
+sich, bei ihm auszuhalten, auch wenn er mit ihm sterben müsste. Er
+weiss nicht, wie Gott über sie bestimmt hat, ob er ihnen auferlegen
+wird, was sie auf sich nehmen wollten. Darum heisst er sie in seiner
+Nähe bleiben. Und während er Gott für sich anfleht, gedenkt er ihrer
+und weckt sie zu zweien Malen, dass sie wach bleiben und Gott anflehen,
+er möge sie nicht durch »die Versuchung« hindurchführen.
+
+Beim drittenmal war die Schar mit dem Verräter nahe. Die Stunde ist
+gekommen: darum richtet er sich in seiner ganzen hoheitsvollen Grösse
+auf. Er ist allein, die Seinen fliehen.
+
+Das Zeugenverhör ist nur ein Scheinverhör. Nachdem sie abgetreten,
+stellt der Hohepriester unvermittelt die Frage wegen der Messianität.
+»_=Ich bin's=_«, sagt Jesus, _=indem er sie auf die Stunde verweist, wo
+er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels, umgeben von den Engeln,
+erscheinen wird.=_ Darum wurde er wegen Gotteslästerung zum Tode
+verurteilt.
+
+Am 14. Nisan Nachmittags, da man abends das Passahlamm ass, schrie er
+laut auf und verschied.
+
+
+
+
+Nachwort.
+
+
+Die Urteile über diese realistische Darstellung des Lebens Jesu können
+sehr verschieden sein, je nach dem dogmatischen, historischen oder
+litterarischen Standort der Kritik. Nur den _=Zweck=_ des Buches mögen
+sie nicht antasten: _=der modernen Zeit und der modernen Dogmatik die
+Gestalt Jesu in ihrer überwältigenden heroischen Grösse vor die Seele
+zu führen.=_
+
+Das Heroische geht unserer Weltanschauung, unserem Christentum und
+unserer Auffassung der Person Jesu ab. Darum hat man ihn vermenschlicht
+und erniedrigt. RENAN hat ihn zur sentimentalen Figur entweiht, feige
+Geister wie SCHOPENHAUER wagten es, sich auf ihn zu berufen für ihre
+entnervende Weltanschauung, und unsere Zeit hat ihn modernisiert,
+indem sie sein Werden und seine Entwicklung psychologisch zu begreifen
+gedachte.
+
+Wir müssen dazu zurückkehren, das _=Heroische=_ in Jesu wieder zu
+empfinden, wir müssen vor dieser geheimnisvollen Persönlichkeit, die
+in der Form ihrer Zeit weiss, dass sie auf Grund ihres Wirkens und
+Sterbens eine sittliche Welt schafft, _=welche ihren Namen trägt=_,
+in den Staub gezwungen werden, ohne es auch nur zu wagen, ihr Wesen
+verstehen zu wollen: _=dann erst kann das Heroische in unserem
+Christentum und in unserer Weltanschauung wieder lebendig werden=_.
+
+
+
+
+Anmerkungen des Bearbeiters:
+
+Gesperrter Text wird markiert durch _= ... =_
+
+Text in anderer Schrift wird markiert durch _- ... -_
+
+Kursivschrift wird gekennzeichnet durch _..._
+
+Die Schreibweise des Originals wurde unverändert übernommen. Heute
+unübliche Schreibweisen wurden beibehalten.
+
+Das Symbol ^ kennzeichnet den nachfolgenden Buchstaben als hochgestellt.
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem
+Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer
+
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+The Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben
+Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer
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+This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
+other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
+whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
+the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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+Title: Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums
+ Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine
+ Skizze des Lebens Jesu
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+Author: Albert Schweitzer
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+Release Date: January 11, 2016 [EBook #50901]
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG ***
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+Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Michael Waddell
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+
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+<p class="pmb3" />
+
+<h1>Das Abendmahl</h1>
+
+<p class="center"><span class="font07">im</span></p>
+
+<p class="center"><span class="font18">Zusammenhang mit dem Leben Jesu</span></p>
+
+<p class="center"><span class="font07">und der</span></p>
+
+<p class="center"><span class="font18 pmb1">Geschichte des Urchristentums</span></p>
+
+<p class="center"><span class="font07 pmb1">von</span></p>
+
+<p class="center"><span class="font15"><b>Lic. Dr. Albert Schweitzer</b></span></p>
+
+<p class="center"><span class="font08 pmb1">in Strassburg i. E.</span></p>
+
+<hr class="r5" />
+
+<p class="p1 center"><span class="font19">Zweites Heft.</span></p>
+
+<p class="center"><span class="font15"><b>Das Messianit&auml;ts- und Leidensgeheimnis.</b></span></p>
+
+<p class="center"><span class="font12">Eine Skizze des Lebens Jesu.</span></p>
+<div class="pmb3"></div>
+
+<div class="figcenter" style="width: 95px;">
+ <img src="images/illu_001.jpg" width="95" height="107" alt="mark" title="" />
+</div>
+<div class="pmb3"></div>
+
+<p class="pmb3 center"><span class="font11"><b>T&uuml;bingen</b></span>
+ <span class="font09">und</span> <span class="font11"><b>Leipzig</b>.</span></p>
+
+<p class="center font08">Verlag von <em class="gesperrt">J. C. B. Mohr</em> (Paul Siebeck).</p>
+
+<p class="center font10 pmb3">1901.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p class="pmb3" />
+<p class="pmb3" />
+
+<hr class="r5" />
+<p class="center font08">
+<i>Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen beh&auml;lt sich<br />
+die Verlagsbuchhandlung vor.</i>
+</p>
+
+<hr class="r5" />
+<p class="pmb3" />
+
+<p class="p3 center font08 pmb3">
+C. A. Wagner's Universit&auml;tsbuchdruckerei in Freiburg i. B.
+</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p class="pmb3" />
+
+<p class="p3 center font12">Seinem Lehrer</p>
+
+<p class="center"><span class="font12">
+Herrn Prof. D. Dr.</span> <span class="font14"><span class="antiqua">H. J. Holtzmann</span></span></p>
+
+<p class="center font08">gewidmet</p>
+
+<p class="center font10">in aufrichtiger Verehrung und treuer Anh&auml;nglichkeit</p>
+
+<p class="center font10">von seinem dankbaren Sch&uuml;ler</p>
+
+<p class="center font10 pmb3"><b>Albert Schweitzer.</b></p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_v">[S. v]</a></span></p>
+
+
+<h2 id="Vorrede">Vorrede.</h2>
+
+
+<p>Der Versuch, ein Leben Jesu zu schreiben und dabei nicht
+am Anfang, sondern in der Mitte, <em class="gesperrt">mit dem Leidensgedanken</em>
+zu beginnen, musste sich notwendig einmal einstellen. Es ist verwunderlich,
+dass er nicht schon fr&uuml;her gemacht worden ist, denn
+er liegt in der Luft.</p>
+
+<p>Alle Darstellungen des Lebens Jesu befriedigen n&auml;mlich
+<em class="gesperrt">bis zum Eintritt des Leidensgedankens</em>. Dort aber verfehlen
+sie den Anschluss. Es gelingt keiner von ihnen begreiflich
+zu machen, warum Jesus nun pl&ouml;tzlich seinen Tod f&uuml;r notwendig
+h&auml;lt und in welchem Sinne er ihn f&uuml;r heilbringend ansieht. Um
+diesen Anschluss zu erreichen, muss man sich entschliessen, einmal
+vom Leidensgedanken selbst auszugehen, um von da aus das
+Leben Jesu <em class="gesperrt">nach r&uuml;ckw&auml;rts und nach vorw&auml;rts</em> zu begreifen.
+Wenn wir den Leidensgedanken nicht verstehen, liegt
+es nicht vielleicht daran, dass wir <em class="gesperrt">die erste Periode</em> des Lebens
+Jesu falsch auffassen und uns so die Einsicht in das <em class="gesperrt">Aufkommen
+des Leidensgedankens</em> von vornherein unm&ouml;glich machen?</p>
+
+<p>Die letzten Jahre der Forschung haben gezeigt, auf wie
+schwachem Grunde eigentlich unsere <em class="gesperrt">historische Auffassung</em>
+des Lebens Jesu beruht. Es l&auml;sst sich nicht verkennen, dass wir
+bei einer <em class="gesperrt">schweren Antinomie</em> angelangt sind. <em class="gesperrt">Entweder
+Jesus hielt sich wirklich selbst f&uuml;r den Messias oder</em>,
+worauf eine neue Richtung in der Forschung zu f&uuml;hren scheint,
+<em class="gesperrt">erst die urchristliche Auffassung hat ihm diese W&uuml;rde
+beigelegt</em>. In beiden F&auml;llen bleibt das »Leben Jesu« gleich
+r&auml;tselhaft.</p>
+
+<p>Hielt sich Jesus wirklich f&uuml;r den Messias, wie kommt es,
+dass er wirkt, als w&auml;re er nicht der Messias? Wie ist es erkl&auml;rlich,
+dass seine W&uuml;rde und Machtstellung so gar nichts mit seiner
+ <span class="pagenum"><a id="Page_vi">[S. vi]</a></span>
+<em class="gesperrt">&ouml;ffentlichen Th&auml;tigkeit zu thun zu haben scheint</em>? Was ist
+davon zu halten, dass er seinen J&uuml;ngern erst, nachdem seine &ouml;ffentliche
+Wirksamkeit &mdash; die wenigen Tage zu Jerusalem abgerechnet
+&mdash; schon zu Ende ist, er&ouml;ffnet, wer er ist, und ihnen dazu noch
+befiehlt, <em class="gesperrt">das Geheimnis</em> streng zu wahren? Dass Motive der
+Klugheit oder p&auml;dagogische Absichten ihm diese Haltung diktiert
+haben sollen, erkl&auml;rt nichts. <em class="gesperrt">Wo steht in den synoptischen
+Berichten auch nur die leiseste Andeutung, dass Jesus
+die J&uuml;nger und das Volk zur Erkenntnis seiner Messianit&auml;t
+hat erziehen wollen?</em></p>
+
+<p>Je mehr man dar&uuml;ber nachdenkt, desto mehr erkennt man,
+wie wenig die Annahme, dass Jesus sich f&uuml;r den Messias gehalten
+habe, das »Leben Jesu« zu erkl&auml;ren vermag, weil sich so gar keine
+Verbindung zwischen seinem Selbstbewusstsein und seiner &ouml;ffentlichen
+Wirksamkeit ergiebt. Es mag banal klingen: man wird
+dabei die Frage nicht los, warum er es nie versucht hat, das Volk
+durch Unterweisung zu der neuen ethischen Auffassung der Messianit&auml;t
+emporzuheben. Der Versuch w&auml;re nicht so aussichtslos
+gewesen, als man anzunehmen geneigt ist, denn es ging damals
+ein tiefreligi&ouml;ser Zug durch Israel. <em class="gesperrt">Warum hat sich Jesus
+beharrlich &uuml;ber seine Auffassung der Messianit&auml;t ausgeschwiegen?</em></p>
+
+<p>Nimmt man andererseits an, er hat sich selbst nicht f&uuml;r den
+Messias gehalten, so m&uuml;sste erkl&auml;rt werden, wie er dann <em class="gesperrt">nach
+seinem Tode</em> zum Messias gemacht wurde. Auf Grund seiner
+&ouml;ffentlichen Wirksamkeit ist es sicher nicht geschehen &mdash; denn
+diese gerade hat ja mit seiner Messianit&auml;t nichts zu thun! Was
+bedeutet aber dann die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an
+die Zw&ouml;lf und das Bekenntnis vor dem Hohenpriester? Es ist ein
+purer Gewaltakt, diese Scenen f&uuml;r unhistorisch zu erkl&auml;ren. Entschliesst
+man sich zu solchen Eingriffen, <em class="gesperrt">was bleibt dann &uuml;berhaupt
+noch von der evangelischen Geschichts&uuml;berlieferung
+bestehen</em>?</p>
+
+<p>Dabei darf man nicht vergessen, dass wenn Jesus sich selbst
+nicht f&uuml;r den Messias gehalten hat, dies den Todesstoss f&uuml;r den
+christlichen Glauben bedeutet. Das Urteil der urchristlichen
+Gemeinde ist f&uuml;r uns nicht bindend. Die christliche Religion erbaut
+sich auf <em class="gesperrt">dem messianischen Selbstbewusstsein Jesu</em>,
+wodurch er selbst seine Pers&ouml;nlichkeit aus der Reihe anderer
+Verk&uuml;ndiger der religi&ouml;sen Sittlichkeit <em class="gesperrt">in einzigartiger Weise</em>
+ <span class="pagenum"><a id="Page_vii">[S. vii]</a></span>
+scharf heraushebt. Hielt er <em class="gesperrt">sich selbst</em> nun nicht f&uuml;r den Messias,
+so beruht das ganze Christentum &mdash; um ein verdrehtes und
+misshandeltes Wort ehrlich zu gebrauchen &mdash; auf einem <em class="gesperrt">»Werturteil«
+der Anh&auml;ngerschaft Jesu von Nazareth nach
+seinem Tode</em>!</p>
+
+<p>Vergessen wir nicht, dass es sich um eine Antinomie handelt,
+aus der man nur <em class="gesperrt">einen</em> Schluss ziehen darf: <em class="gesperrt">dass n&auml;mlich die
+bisherige »historische« Auffassung des Messianit&auml;tsbewusstseins
+Jesu falsch ist, weil sie die Geschichte
+nicht erkl&auml;rt</em>. Geschichtlich ist nur diejenige Auffassung,
+welche begreiflich macht, <em class="gesperrt">wie Jesus sich f&uuml;r den Messias
+halten konnte, ohne sich gen&ouml;tigt zu sehen, dieses sein
+Selbstbewusstsein in seiner &ouml;ffentlichen Wirksamkeit
+auf das messianische Reich hin zur Geltung zu bringen,
+ja, wie er geradezu gezwungen war, die messianische
+W&uuml;rde seiner Person zu verschweigen! Warum war
+seine Messianit&auml;t Jesu Geheimnis?</em> &mdash; dieses erkl&auml;ren heisst
+das Leben Jesu begreifen.</p>
+
+<p>Aus der Einsicht in das Wesen dieser Antinomie ist diese
+neue Auffassung des Lebens Jesu erwachsen. Inwieweit sie das
+Problem l&ouml;st, das m&ouml;gen die Verhandlungen dar&uuml;ber klarstellen.
+Ich ver&ouml;ffentliche die neue Auffassung <em class="gesperrt">als Skizze</em>, weil sie notwendig
+in den Rahmen des Werkes &uuml;ber das Abendmahl geh&ouml;rt.
+Sodann aber hoffe ich, aus der Kritik ihrer Grundz&uuml;ge &uuml;ber manche
+Punkte des exegetischen Details noch zu gr&ouml;sserer Klarheit zu
+kommen, ehe ich daran denke, diesen Gedanken in einem ausgearbeiteten
+»Leben Jesu« eine definitive Fassung zu geben.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Den litterarischen Unterbau</em> habe ich, dem skizzenhaften
+Charakter der Darstellung entsprechend, gew&ouml;hnlich nur
+andeuten k&ouml;nnen. Wer sich jedoch in dieser Sache auskennt,
+der wird leicht bemerken, dass hinter mancher hingeworfenen
+Behauptung viel mehr synoptisches Detailstudium steckt, als der
+erste Blick vermuten liesse.</p>
+
+<p>Gerade f&uuml;r die synoptische Frage ist die neue Auffassung
+des Lebens Jesu von grosser Bedeutung. <em class="gesperrt">Danach wird n&auml;mlich
+die Komposition der Synoptiker viel einfacher und
+klarer. Die k&uuml;nstliche Redaktion, mit der man bisher
+zu operieren gezwungen war, wird sehr reduziert. Die
+Bergpredigt, die Aussendungsrede und die W&uuml;rdigungsrede
+&uuml;ber den T&auml;ufer sind keine »Redekompositionen«,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_viii">[S. viii]</a></span>
+sondern sie sind in der Hauptsache so gehalten,
+wie sie uns &uuml;berliefert sind. Auch die Form
+der Leidens- und Auferstehungsweissagungen kommt
+nicht auf das urchristliche Konto, sondern Jesus hat
+in diesen Worten zu seinen J&uuml;ngern von seiner Zukunft
+geredet.</em> Gerade diese Vereinfachung der litterarischen Frage
+und die damit verbundene Steigerung der historischen Glaubw&uuml;rdigkeit
+der evangelischen Geschichtserz&auml;hlung ist von grossem
+Gewicht f&uuml;r die neue Auffassung des Lebens Jesu.</p>
+
+<p>Diese Vereinfachung beruht aber nicht auf einer <em class="gesperrt">naiven
+Stellungnahme</em> den Berichten gegen&uuml;ber, <em class="gesperrt">sondern sie ist
+herbeigef&uuml;hrt durch die Einsicht in die Gesetze, nach
+welchen die urchristliche Auffassung und W&uuml;rdigung
+der Pers&ouml;nlichkeit Jesu die Darstellung seines Lebens
+und Wirkens bedingte</em>. Gerade diese Frage ist bisher vielleicht
+zu wenig <em class="gesperrt">systematisch</em> behandelt worden.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Einerseits</em> ist zwar gewiss, dass das Urchristentum auf die
+Darstellung der &ouml;ffentlichen Wirksamkeit Jesu <em class="gesperrt">von bedeutendem
+Einfluss gewesen</em>. <em class="gesperrt">Andererseits</em> sind aber gerade
+wieder in dem Wesen des urchristlichen Glaubens alle Voraussetzungen
+gegeben, dass er die <em class="gesperrt">Grundz&uuml;ge der &ouml;ffentlichen
+Wirksamkeit Jesu nicht angetastet und vor allem keine
+»Thatsachen« im Leben Jesu »produziert«</em> hat. Denn
+das Urchristentum stand ja dem <em class="gesperrt">Leben Jesu als solchem
+indifferent gegen&uuml;ber</em>! Der urchristliche Glaube hatte an
+diesem irdischen Leben nicht das geringste Interesse, weil Jesu
+Messianit&auml;t sich ja auf seine Auferstehung, nicht auf seine irdische
+Th&auml;tigkeit gr&uuml;ndete und man dem kommenden Messias in Glorie
+<em class="gesperrt">entgegenblickte und dabei an dem Leben Jesu von
+Nazareth nur soweit Interesse nahm, als es mit den
+Herrenworten zusammenhing. Eine urchristliche Auffassung
+des Lebens Jesu gab es &uuml;berhaupt nicht</em>, und die
+Synoptiker enthalten auch nichts derartiges. Sie reihen die Erz&auml;hlungen
+aus seiner &ouml;ffentlichen Wirksamkeit aneinander, ohne
+den Versuch zu machen, sie in ihrer Aufeinanderfolge und in
+ihrem Zusammenhang begreiflich zu machen und uns die »Entwicklung«
+Jesu erkennen zu lassen. Als dann, mit dem Zur&uuml;cktreten
+der Eschatologie, das Schwergewicht auf <em class="gesperrt">die irdische
+Erscheinung Jesu als des Messias</em> fiel und so zu einer <em class="gesperrt">Auffassung
+des Lebens Jesu</em> f&uuml;hrte, da hatten die Berichte von
+ <span class="pagenum"><a id="Page_ix">[S. ix]</a></span>
+der &ouml;ffentlichen Th&auml;tigkeit Jesu schon eine zu <em class="gesperrt">feste Fassung</em>
+angenommen, als dass dieser Prozess sie h&auml;tte <em class="gesperrt">ber&uuml;hren
+k&ouml;nnen</em>. Das <em class="gesperrt">vierte Evangelium</em> bietet ein Geschichtsbild
+des Lebens Jesu, aber es steht <em class="gesperrt">neben der synoptischen Schilderung
+der &ouml;ffentlichen Wirksamkeit Jesu, wie die
+Chronik neben den Samuelis- und den K&ouml;nigsb&uuml;chern</em>.
+Der Unterschied zwischen dem vierten Evangelium und den Synoptikern
+besteht gerade darin, dass das erstere ein »<em class="gesperrt">Leben Jesu</em>«
+bietet, w&auml;hrend die Synoptiker von seiner <em class="gesperrt">&ouml;ffentlichen Wirksamkeit
+berichten</em>.</p>
+
+<p>Der urchristliche Glaube hat die Darstellung der &ouml;ffentlichen
+Wirksamkeit Jesu <em class="gesperrt">nach immanenten Gesetzen beeinflusst</em>,
+gerade wie die deuteronomische Reform auf die Vorstellung von
+den Ereignissen w&auml;hrend der Richter- und K&ouml;nigszeit eingewirkt
+hat. <em class="gesperrt">Es handelt sich um eine unbewusste, notwendige
+perspektivische Verschiebung.</em> Die neue Auffassung beruht
+auf der Berechnung dieser perspektivischen Verschiebung,
+<em class="gesperrt">wobei sich ergibt, dass der Einfluss des urchristlichen
+Gemeindeglaubens auf die synoptischen Berichte viel
+weniger tief geht als man bisher anzunehmen geneigt
+war</em>.</p>
+
+<p class="left">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
+<em class="gesperrt">Strassburg</em>, im August 1901.<br />
+</p>
+<p class="pmb3" />
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_x">[S. x]</a></span></p>
+
+
+<h2 id="Inhaltsangabe_des_zweiten_Heftes">Inhaltsangabe des zweiten Heftes.</h2>
+
+
+<blockquote>
+
+<table border="0" class="tdl" cellspacing="3" cellpadding="0" summary="Contents and Illustrations">
+ <colgroup> <col width="14%" /> <col width="70%" /> <col width="16%" /> </colgroup>
+ <tr>
+ <td align="right" colspan="3"><span class="font07">Seite</span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td colspan="2"><span class="font09">
+ <em class="gesperrt">Vorrede zu einer neuen Auffassung des Lebens Jesu</em></span><br /><br /></td>
+ <td align="right"><a href="#Page_v">V</a>-<a href="#Page_ix">IX</a><br /><br /></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><i>Erstes Kapitel</i></td>
+ <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_1">1</a>-<a href="#Page_13">13</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><span class="font09"><b>Der modern-historische L&ouml;sungsversuch.</b></span></td>
+ <td align="right">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Darstellung</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_1">1</a>-<a href="#Page_3">3</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die vier Voraussetzungen des modern-historischen L&ouml;sungsversuchs</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_3">3</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die zwei kontrastierenden Epochen. (Erste Voraussetzung)</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_3">3</a>-<a href="#Page_6">6</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Der Einfluss der paulinischen S&uuml;hnetheorie auf die Fassung
+ der synoptischen Leidensworte. (Zweite Voraussetzung)</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_6">6</a>-<a href="#Page_8">8</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Das Reich Gottes als ethische Gr&ouml;sse im Leidensgedanken.
+ (Dritte Voraussetzung)</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_8">8</a>-<a href="#Page_12">12</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die Form der Leidensoffenbarung. (Vierte Voraussetzung)</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_12">12</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span><br /><br /></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Zusammenfassung</span><br /><br /></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_12">12</a>-<a href="#Page_13">13</a></span><br /><br /></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><i>Zweites Kapitel</i></td>
+ <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_13">13</a>-<a href="#Page_18">18</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><span class="font09"><b>Die »Entwicklung« Jesu.</b></span></td>
+ <td align="right">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische
+ Gr&ouml;sse</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_13">13</a>-<a href="#Page_15">15</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_15">15</a>-<a href="#Page_17">17</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span><br /><br /></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die neue Auffassung</span><br /><br /></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_17">17</a>-<a href="#Page_18">18</a></span><br /><br /></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><i>Drittes Kapitel</i></td>
+ <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_18">18</a>-<a href="#Page_23">23</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><span class="font09"><b>Die Predigt vom Reich Gottes.</b></span></td>
+ <td align="right">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die neue Sittlichkeit als Busse</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_18">18</a>-<a href="#Page_20">20</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span><br /><br /></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die Ethik Jesu und die moderne Ethik</span><br /><br /></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_21">21</a>-<a href="#Page_23">23</a></span><br /><br /></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><i>Viertes Kapitel</i></td>
+ <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_24">24</a>-<a href="#Page_32">32</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><span class="font09"><b>Das Geheimnis des Reiches Gottes.</b></span></td>
+ <td align="right">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_24">24</a>-<a href="#Page_26">26</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk
+ nach der Aussendung</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_26">26</a>-<a href="#Page_27">27</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="pagenum"><a id="Page_xi">[S. xi]</a></span>
+ <span class="font08">3.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen<br />
+ und j&uuml;dischen Zukunftserwartungen</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_27">27</a>-<a href="#Page_28">28</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der
+ gl&uuml;cklichen galil&auml;ischen Periode</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_29">29</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus
+ Jesu</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_29">29</a>-<a href="#Page_30">30</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum
+ Gesetz und Staat</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_30">30</a>-<a href="#Page_31">31</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span><br /><br /></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Das Moderne in der Eschatologie Jesu</span><br /><br /></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_31">31</a>-<a href="#Page_32">32</a></span><br /><br /></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><i>F&uuml;nftes Kapitel</i></td>
+ <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_32">32</a>-<a href="#Page_34">34</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>&nbsp;<br /><br /></td>
+ <td align="center"><span class="font09"><b>Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.</b></span><br /><br /></td>
+ <td align="right">&nbsp;<br /><br /></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><i>Sechstes Kapitel</i></td>
+ <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_34">34</a>-<a href="#Page_52">52</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><span class="font09"><b>Die W&uuml;rde Jesu auf Grund seiner &ouml;ffentlichen<br />
+ Wirksamkeit.</b></span></td>
+ <td align="right">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Das Problem und die Thatsachen</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_34">34</a>-<a href="#Page_38">38</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Jesus der Elias durch die Solidarit&auml;t mit dem Menschensohn</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_38">38</a>-<a href="#Page_40">40</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_40">40</a>-<a href="#Page_42">42</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die D&auml;monenbek&auml;mpfung und das Geheimnis des Reiches
+ Gottes</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_42">42</a>-<a href="#Page_43">43</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Jesus und der T&auml;ufer</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_43">43</a>-<a href="#Page_44">44</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Der T&auml;ufer und Jesus</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_44">44</a>-<a href="#Page_48">48</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span><br /><br /></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in<br />
+ Jerusalem</span><br /><br /></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_49">49</a>-<a href="#Page_52">52</a></span><br /><br /></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><i>Siebentes Kapitel</i></td>
+ <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_52">52</a>-<a href="#Page_60">60</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><span class="font09"><b>Nach der Aussendung. Litterarische und historische<br />
+ Probleme.</b></span></td>
+ <td align="right">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die Seereise nach der Aussendung</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_52">52</a>-<a href="#Page_55">55</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Das Abendmahl am See Genezareth</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_55">55</a>-<a href="#Page_57">57</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span><br /><br /></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die Woche zu Bethsaida</span><br /><br /></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_57">57</a>-<a href="#Page_60">60</a></span><br /><br /></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><i>Achtes Kapitel</i></td>
+ <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_60">60</a>-<a href="#Page_80">80</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><span class="font09"><b>Das Messianit&auml;tsgeheimnis.</b></span></td>
+ <td align="right">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Vom Verkl&auml;rungsberg nach C&auml;sarea Philippi</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_60">60</a>-<a href="#Page_63">63</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Der futurische Charakter der Messianit&auml;t Jesu</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_63">63</a>-<a href="#Page_65">65</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Der Menschensohn und der futurische Charakter der
+ Messianit&auml;t Jesu</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_66">66</a>-<a href="#Page_71">71</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der
+ Messianit&auml;t Jesu</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_72">72</a>-<a href="#Page_79">79</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span><br /><br /></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Der Verrat des Judas &mdash; die letzte Bekanntgebung des
+ Messiasgeheimnisses</span><br /><br /></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_79">79</a>-<a href="#Page_80">80</a></span><br /><br /></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td><span class="pagenum"><a id="Page_xii">[S. xii]</a></span>
+ &nbsp;</td>
+ <td align="center"><i>Neuntes Kapitel</i></td>
+ <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_81">81</a>-<a href="#Page_98">98</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><span class="font09"><b>Das Geheimnis des Leidensgedankens.</b></span></td>
+ <td align="right">&nbsp;</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die vormessianische Drangsal</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_81">81</a>-<a href="#Page_83">83</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Der Leidensgedanke in der ersten Periode</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_83">83</a>-<a href="#Page_84">84</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Die »Versuchung« und die g&ouml;ttliche Allmacht</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_84">84</a>-<a href="#Page_86">86</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Der Leidensgedanke in der zweiten Periode</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_86">86</a>-<a href="#Page_89">89</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_89">89</a>-<a href="#Page_91">91</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis</span></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_91">91</a>-<a href="#Page_92">92</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span><br /><br /></td>
+ <td valign="top"><span class="font08">Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung
+ der Perspektive</span><br /><br /></td>
+ <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_92">92</a>-<a href="#Page_98">98</a></span><br /><br /></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td>&nbsp;</td>
+ <td align="center"><i>Zehntes Kapitel</i></td>
+ <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_98">98</a>-<a href="#Page_109">109</a></span></td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td>&nbsp;<br /><br /></td>
+ <td align="center"><span class="font09"><b>Abriss des Lebens Jesu.</b></span><br /><br /></td>
+ <td align="right">&nbsp;<br /><br /></td>
+ </tr>
+
+ <tr>
+ <td colspan="2"><span class="font09">
+ <em class="gesperrt">Nachwort</em></span></td>
+ <td align="right"><a href="#Page_109">109</a></td>
+ </tr>
+</table>
+</blockquote>
+
+<p class="pmb3" />
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_1">[S. 1]</a></span></p>
+
+
+<p class="p2 center font14">Das Messianit&auml;ts- und Leidensgeheimnis,<br />
+eine Skizze des Lebens Jesu.</p>
+
+
+<hr class="r5" />
+
+<h2 id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br /><br />
+
+Der modern-historische L&ouml;sungsversuch.</h2>
+<p class="pmb2" />
+
+
+<h3>1. Darstellung.</h3>
+
+<p>Die synoptischen Stellen bieten keine Erkl&auml;rung, wie der
+Leidensgedanke sich Jesu aufdr&auml;ngte und was er f&uuml;r ihn bedeutete.
+Die apostolische Predigt in den Petrus- und Paulusreden
+betrachtet das Leiden unter dem Gesichtspunkt der g&ouml;ttlichen
+Notwendigkeit, welche in der Schrift geweissagt ist. Auch die
+paulinische Theorie hat nichts mit der Geschichte zu thun.</p>
+
+<p>Was also im Zusammenhang mit einer geschichtlichen Auffassung
+des Lebens Jesu &uuml;ber den Leidensgedanken ausgef&uuml;hrt
+wird, ist nicht von der Geschichte direkt dargeboten, sondern aus
+ihr erschlossen. Es handelt sich immer nur um eine notwendige
+und unvermeidliche <em class="gesperrt">historische Konstruktion</em>, deren Richtigkeit
+in dem Masse feststeht, als sie Ordnung und Klarheit in die
+synoptischen Notizen bringt.</p>
+
+<p>S&auml;mtliche Konstruktionen mit ausgesprochen historischem
+Interesse begegnen sich in einem L&ouml;sungsversuch, den wir als den
+historisch-modernen bezeichnen. Historisch daran ist das Interesse,
+Geschichte zu erkl&auml;ren, modern die psychologische Nachempfindung,
+mit deren H&uuml;lfe nachgewiesen wird, wie unter dem
+Einfluss bestimmter Erlebnisse der Leidensgedanke sich Jesu aufdr&auml;ngte
+und von ihm religi&ouml;s gewertet wurde. Die Grundgedanken
+dieses L&ouml;sungsversuchs sind folgende.</p>
+
+<p>Es konnte sich f&uuml;r Jesus nicht um Beschaffung der S&uuml;ndenvergebung
+handeln. Er setzte sie schon voraus; wie die Bitte des
+Vaterunsers zeigt, floss sie ja aus der verzeihenden Vaterliebe
+Gottes. Nun erinnert der Gedanke der S&uuml;hne (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>) an die
+ <span class="pagenum"><a id="Page_2">[S. 2]</a></span>
+paulinische S&uuml;hnetheorie mit ihrem juridischen Charakter. Diese
+bezieht sich allerdings auf die S&uuml;ndenvergebung. Es ist daher
+anzunehmen, dass, wie der Gedanke der S&uuml;ndenvergebung, so
+auch die juridische S&uuml;hnevorstellung Jesu fremd war, da sie in
+seiner ganzen Lehrweise nicht vorgesehen ist. Die Ausspr&uuml;che
+&uuml;ber die Wertung seines Leidens sind also in der &uuml;berlieferten
+Form irgendwie von paulinischen Gedanken beeinflusst.</p>
+
+<p>Bringt man diese Beeinflussung in Anschlag, so enth&auml;lt der
+historische Ausspruch (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>) den Gedanken der dienenden
+Dahingabe in der h&ouml;chsten Potenz. Wir stehen auf der Grenze,
+wo der gesteigerte Begriff des Dienens zum Begriff der S&uuml;hne
+f&uuml;hrt. Der Wert dieser Dahingabe f&uuml;r die andern besteht darin,
+dass das von Jesus &uuml;bernommene Todesleiden gleichsam der Inauguralakt
+ist, durch welchen die neue Sittlichkeit des Gottesreiches
+und damit der neue Zustand selbst verwirklicht wird.
+Diese That ist das wirksame Anfangsglied in einer Kette von
+Umgestaltungen, deren &uuml;bernat&uuml;rlichen Abschluss seine »Wiederkunft«
+in Herrlichkeit bildet, wo der Neue Bund, den er mit
+seinem Blute besiegelt hat, durch ihn sich vollendet.</p>
+
+<p>Damit ist auch gegeben, wie der Leidensentschluss sich einstellen
+konnte und musste. Jesu Amt galt der Verwirklichung
+des Gottesreiches. Dies hatte er zun&auml;chst in kleinen Grenzen
+w&auml;hrend seiner galil&auml;ischen Wirksamkeit unternommen. Durch
+seine Predigt von der neuen Sittlichkeit auf Grund des Glaubens
+an den g&ouml;ttlichen Vater und unter dem Eindruck der Kraft, die
+von ihm ausging, entwickelten sich die Anf&auml;nge dieses Reiches.
+Es war eine gl&uuml;ckliche, erfolgreiche Zeit: »der <em class="gesperrt">galil&auml;ische Fr&uuml;hling</em>,«
+wie sie <span class="smcap">Keim</span> genannt hat. Den H&ouml;hepunkt dieser Periode
+bildete die Aussendung der J&uuml;nger. Durch ihre Predigt sollte
+die herrliche Saat allenthalben ausgestreut werden. Als sie ihm
+bei der R&uuml;ckkehr ihre Erfolge kund thaten, brach er in den Jubelruf
+aus, der den Sieg f&uuml;r schon gegenw&auml;rtig hielt (Mt 11 <span class="antiqua">25-27</span>).</p>
+
+<p>Dann kam die Zeit des Niedergangs. Von Jerusalem aus
+wurde der Widerstand insceniert (Mk 7 <span class="antiqua">1</span>). Fr&uuml;her hob ihn die
+Zuneigung des Volks &uuml;ber die Reibereien mit den Beh&ouml;rden hinweg.
+Jetzt aber, da die Sache planm&auml;ssig betrieben wurde, fielen
+auch seine Anh&auml;nger von ihm ab. Es war verh&auml;ngnisvoll, dass in
+der Diskussion &uuml;ber die Reinigkeitsgebote der Widerspruch mit
+der gesetzlichen Ueberlieferung zu Tage trat (Mk 7 <span class="antiqua">1-23</span>). Ehe
+der Fr&uuml;hling wieder ins Land kam, hatte er Galil&auml;a verlassen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_3">[S. 3]</a></span>
+m&uuml;ssen. Hoch im Norden, in der Stille und in der Einsamkeit
+sammelte er sich, um mit sich selbst ins Klare zu kommen.</p>
+
+<p class="pmb3">F&uuml;r die Verwirklichung des Reichs stand ihm nur noch ein
+Weg offen: der Kampf mit der Macht, welche sich seinem Werk
+entgegensetzte. Er war entschlossen, ihn in die Hauptstadt selbst
+hineinzutragen. Dort sollte sich das Schicksal entscheiden. Vielleicht
+fiel ihm der Sieg zu. Aber, wenn auch in der Reihe des
+irdischen Geschehens das Todesschicksal unentrinnbar seiner wartete:
+sobald er den Weg betrat, den sein Amt ihm wies, so bedeutete
+dieses Todesleiden in der Veranstaltung Gottes die
+Leistung, durch welche sein Werk gekr&ouml;nt wurde. Es war dann
+Gottes Wille, dass der Zustand des Gottesreiches durch die h&ouml;chste
+sittliche That des Messias inauguriert wurde. Mit diesem Gedanken
+zog er nach Jerusalem &mdash; um Messias zu bleiben.</p>
+
+
+<h3>2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen
+L&ouml;sungsversuchs.</h3>
+
+<p>1. Das Leben Jesu zerf&auml;llt in zwei kontrastierende Epochen.
+Die erste war gl&uuml;cklich, die zweite brachte Entt&auml;uschungen und
+Misserfolge.</p>
+
+<p>2. Die Form des synoptischen Leidensgedankens in Mk 10 <span class="antiqua">45</span>
+(seine Dahingabe eine S&uuml;hne f&uuml;r viele) und in dem Abendmahlswort
+Mk 14 <span class="antiqua">24</span> (sein Blut f&uuml;r viele dahin gegeben) ist irgendwie
+durch den paulinischen S&uuml;hnegedanken beeinflusst.</p>
+
+<p>3. Die Vorstellung des Reiches Gottes als der sich vollendenden
+sittlichen Gemeinschaft, in welcher das Dienen oberstes
+Gesetz ist, beherrschte den Leidensgedanken.</p>
+
+<p>4. War Jesu Leiden der Inauguralakt der neuen Sittlichkeit
+des Gottesreiches, so hing der Erfolg mit davon ab, dass die
+J&uuml;nger durch ihn angeleitet wurden, es so zu verstehen und
+danach zu handeln. Der Leidensgedanke war eine Reflexion.</p>
+
+<p class="pmb3">Sind diese Voraussetzungen, jede f&uuml;r sich genommen, richtig?</p>
+
+
+<h3>3. Die zwei kontrastierenden Epochen.<br />
+<span class="small">(Erste Voraussetzung.)</span></h3>
+
+<p>Man datiert die Periode der Misserfolge von der Zeit nach
+der Aussendung. Welches sind die Ereignisse der angeblich
+gl&uuml;cklichen Epoche? Wir sehen ab von den unerquicklichen Diskussionen
+mit den Pharis&auml;ern &uuml;ber die Heilung des Paralytischen
+(Mk 2 <span class="antiqua">1-12</span>), &uuml;ber die Fastenfrage (Mk 2 <span class="antiqua">18-22</span>) und &uuml;ber die
+ <span class="pagenum"><a id="Page_4">[S. 4]</a></span>
+Sabbathaltung (Mk 2 <span class="antiqua">23</span>-3 <span class="antiqua">6</span>). Schon Mk 3 <span class="antiqua">6</span> ist es zu einem
+Todesanschlag gekommen. Von seiner Familie muss er sich
+lossagen, weil sie ihn als geistig unzurechnungsf&auml;hig mit Gewalt
+nach Hause zur&uuml;ckbringen wollen (Mk 3 <span class="antiqua">20-22</span>, <span class="antiqua">31-35</span>). In Nazareth
+wird er verworfen (Mk 6 <span class="antiqua">1-6</span>).</p>
+
+<p>In dieselbe Zeit f&auml;llt ein Angriff, der ihn aufs tiefste ersch&uuml;ttert
+hat. Die Pharis&auml;er diskreditieren ihn beim Volk, indem
+sie ihm vorwerfen, er stehe mit dem Teufel im Bund (Mk 3 <span class="antiqua">22-30</span>).
+Wie sehr ihn dieses Wort verwundet hat, ersieht man aus der
+Aussendungsrede. Er bereitet die J&uuml;nger auf &auml;hnliche Verkennung
+vor. »Haben sie den Hausherrn Beelzebub geheissen,
+wie viel mehr seine Leute« (Mt 10 <span class="antiqua">25</span>).</p>
+
+<p>Das sind die bekannten Ereignisse »der erfolgreichen Periode«!
+Aber sie sind nichts im Vergleich zu denen, auf welche er in der
+Zeit der Aussendung anspielt. Preist er schon im allgemeinen
+diejenigen selig, die um seinetwillen geschm&auml;ht und verfolgt
+werden (Mt 5 <span class="antiqua">11</span> u. <span class="antiqua">12</span>), so stellt er jetzt den J&uuml;ngern Drangsal
+und Not in Aussicht (Mt 10 <span class="antiqua">17-25</span>). Zu ihm halten heisst Schmach
+erdulden (Mt 10 <span class="antiqua">22</span>), die zartesten Bande zerreissen (Mt 10 <span class="antiqua">37</span>)
+und sein Kreuz auf sich nehmen (Mt 10 <span class="antiqua">38</span>). Die galil&auml;ische
+Periode soll <em class="gesperrt">gl&uuml;cklich</em> gewesen sein; der Charakter der Aussendung
+ist <em class="gesperrt">pessimistisch</em>. Wie passt das zusammen?</p>
+
+<p>Auch die Anspielungen, die er dem Volk gegen&uuml;ber in jener
+Zeit thut, weisen auf schwere Katastrophen. Was muss in Chorazin,
+in Kapernaum und in Bethsa&iuml;da vorgefallen sein, dass er
+den Tag des Gerichts auf sie herabbeschw&ouml;rt, wo es Tyrus und
+Sidon noch ertr&auml;glicher gehen wird als ihnen (Mt 11 <span class="antiqua">20-24</span>)!</p>
+
+<p>Weil dieser d&uuml;stere Zug nicht in die gl&uuml;ckliche galil&auml;ische
+Periode passen will, liegt der Versuch nahe, in den matth&auml;ischen
+Reden um die Zeit der Aussendung eine Komposition zu sehen,
+welche St&uuml;cke aus einer sp&auml;teren Epoche enth&auml;lt. Wo soll Jesus
+sie aber gesprochen haben? Nach der Flucht, als er im Norden
+weilte, hat er keine Reden gehalten, und die Ausspr&uuml;che in den
+jerusalemitischen Tagen haben ihr eigent&uuml;mliches Gepr&auml;ge, so
+dass man nicht w&uuml;sste, wo Anspielungen auf galil&auml;ische Ereignisse
+oder Ermahnungen an die ausziehenden J&uuml;nger unterzubringen
+w&auml;ren.</p>
+
+<p>Dazu kommt, dass von bedeutenden Erfolgen in jener ersten
+Zeit nichts berichtet ist. Diese beginnen erst mit der Aussendung
+der J&uuml;nger. Den grossen Augenblick ihrer R&uuml;ckkehr feiert Jesus
+ <span class="pagenum"><a id="Page_5">[S. 5]</a></span>
+mit begeisterten Worten (Mt 11 <span class="antiqua">25-27</span>). Nun soll er in der Folge
+alles an die Pharis&auml;er verloren haben und vom Volk verlassen
+worden sein! Von diesem R&uuml;ckgang seiner Sache berichten aber
+die Texte nichts. Die Diskussion &uuml;ber die Reinigkeitsvorschriften
+(Mk 7 <span class="antiqua">1-23</span>) leistet nicht, was man von ihr verlangt. Jesus war
+fr&uuml;her mit den Hauptstadttheologen schon viel heftiger zusammengestossen
+(Mk 3 <span class="antiqua">22-30</span>). In der Frage der Reinigkeitsgebote ist
+er gar nicht der Ueberwundene.</p>
+
+<p>Man hat die Niederlage daraus erschliessen wollen, dass die
+»Flucht« nach dem Norden auf diese Scene folgt (Mk 7 <span class="antiqua">24</span> ff.)
+Aber die Berichte stellen diesen Aufbruch gar nicht als <em class="gesperrt">Flucht</em>
+dar; ebensowenig <em class="gesperrt">begr&uuml;nden</em> sie diese Nordreise aus dem Resultat
+des vorhergehenden Streitgespr&auml;chs, sondern <em class="gesperrt">wir</em> tragen
+in die berichtete chronologische Folge einen fiktiven kausalen
+Charakter ein. Wenn Jesus also kurz vorher von der Volksgunst
+getragen ist und nun das Gebiet verl&auml;sst, so bleibt dieses Faktum
+nach den Texten vorl&auml;ufig unerkl&auml;rt. Dass es eine Flucht war, ist
+eine unerweisbare Mutmassung.</p>
+
+<p>Es sei kein Gewicht darauf gelegt, dass er in der Folge noch
+zweimal von einer grossen Volksmenge umgeben erscheint (Mk
+8 <span class="antiqua">1-9</span>, Speisung der 4000 und Mk 8 <span class="antiqua">34</span> ff., in den Scenen vor und
+nach der Verkl&auml;rungsgeschichte). Dieses Faktum k&ouml;nnte vielleicht
+in einer litterarischen Einarbeitung der betreffenden Berichte
+begr&uuml;ndet sein, was z. B. f&uuml;r die Doublette zur Speisungsgeschichte
+als erwiesen gelten darf.</p>
+
+<p>Massgebend ist aber der Empfang, den die Festkarawane
+Jesu bereitet, als er sie vor Jericho einholt. Diese Ovation gilt
+nicht dem Mann, der Land und Leute an die Pharis&auml;er verlor
+und zuletzt fliehen musste, sondern dem aus der Verborgenheit
+wieder aufgetauchten gefeierten Propheten. Wenn diese jubelnden
+galil&auml;ischen Volksmassen es ihm jetzt erm&ouml;glichen, in der Hauptstadt
+die Beh&ouml;rde mehrere Tage zu terrorisieren &mdash; denn etwas
+anderes ist die Tempelreinigung nicht gewesen &mdash; und die Schriftgelehrten
+mit herber Ironie blosszustellen, haben sie es f&uuml;r den
+Mann gethan, der einige Wochen vorher diesen Theologen im
+eigenen Land weichen musste?</p>
+
+<p>Will man also von einer Periode der Erfolge reden, so muss
+man die <em class="gesperrt">zweite</em> als eine solche bezeichnen. Denn &uuml;berall, wo
+Jesus nach der R&uuml;ckkehr der J&uuml;nger in der Oeffentlichkeit erscheint,
+ist er von einer ihm ergebenen Menge begleitet: in Galil&auml;a,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_6">[S. 6]</a></span>
+vom Jordan nach Jerusalem und in der Hauptstadt selbst. Das
+murrende Judenvolk ist eine Erfindung des vierten Evangelisten.
+Zudem zeigt der Gewaltstreich der heimlichen Gefangennahme
+und die hastige Verurteilung, was der hohe Rat von dieser Volksbewegung
+zu Gunsten Jesu bef&uuml;rchtete. Das war der einzige
+»Misserfolg« in der zweiten Periode. Freilich war er verh&auml;ngnisvoll.</p>
+
+<p>Die erfolgreiche erste galil&auml;ische Periode ist also in Wirklichkeit
+die Zeit der Dem&uuml;tigungen und der Misserfolge. Ein
+Doppeltes f&uuml;hrte dazu, sie trotzdem als die »gl&uuml;ckliche« aufzufassen.
+Zun&auml;chst ist darin ein <em class="gesperrt">&auml;sthetischer Faktor</em> enthalten,
+der gerade bei <span class="smcap">Keim</span> stark hervortritt. Eine Reihe der Natur
+entnommener Gleichnisse, sowie die wundervolle Rede gegen weltliche
+Sorge Mt 6 <span class="antiqua">25-34</span> scheinen nicht anders begreiflich, als
+dass hoffnungsvoller Frohsinn in der Natur sich selbst wiederfindet.</p>
+
+<p>Dazu kommt als zweites ein <em class="gesperrt">historisches Postulat</em>. In der
+ersten Periode findet sich keine Spur vom Leidensgedanken; die
+zweite wird durch ihn beherrscht. Also war die erste erfolgreich, die
+zweite ungl&uuml;cklich, da anders der Umschwung psychologisch und
+historisch nicht begreiflich ist.</p>
+
+<p class="pmb3">Die historischen Thatsachen reden anders. In der wirklichen
+Periode der Misserfolge tritt der Leidensentschluss nicht zu Tage.
+Dagegen er&ouml;ffnet er seinen J&uuml;ngern in der erfolgreichen zweiten
+Periode, dass er durch die Schriftgelehrten sterben m&uuml;sse. <em class="gesperrt">Das
+Verh&auml;ltnis ist also gerade umgekehrt.</em> Damit steht die
+modern-historische Psychologie vor einem R&auml;tsel.</p>
+
+
+<h3>4. Der Einfluss der paulinischen S&uuml;hnetheorie auf die Fassung
+der synoptischen Leidensworte.<br />
+<span class="small">(Zweite Voraussetzung.)</span></h3>
+
+<p>Es l&auml;sst sich kein Beweis f&uuml;hren, dass die synoptischen
+Leidensstellen durch paulinische Gedanken beeinflusst sind. Auch
+hier handelt es sich um eine Art Postulat, denn wenn es nicht gelingt,
+den juridischen Charakter von Mk 10 <span class="antiqua">45</span> und Mk 14 <span class="antiqua">24</span> auf
+Rechnung des paulinischen Mediums zu setzen, so muss man annehmen,
+dass Jesu Leidensgedanke selbst diese schroffe S&uuml;hnevorstellung
+enthalten habe. Darauf ist aber der modern-historische
+L&ouml;sungsversuch nicht eingerichtet.</p>
+
+<p>Nun l&auml;sst sich aber beweisen, dass kein paulinischer Einfluss
+vorliegen kann! Nach Paulus sagt Jesus beim Abendmahl:
+ <span class="pagenum"><a id="Page_7">[S. 7]</a></span>
+Mein Leib <em class="gesperrt">f&uuml;r euch</em> (I Kor 11 <span class="antiqua">24</span>). Dementsprechend heisst es
+auch Lk 22 <span class="antiqua">19</span> u. <span class="antiqua">20</span>: Mein Leib, der <em class="gesperrt">f&uuml;r euch</em> gegeben wird, das
+Blut, das <em class="gesperrt">f&uuml;r euch</em> vergossen wird. Die beiden &auml;lteren Synoptiker
+schreiben daf&uuml;r immer: <em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>. Mk 10 <span class="antiqua">45</span> = Mt 20 <span class="antiqua">28</span>: zu
+geben sein Leben zur S&uuml;hne <em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>. Mk 14 <span class="antiqua">24</span> = Mt 26 <span class="antiqua">28</span>:
+mein Blut des Bundes, das vergossen wird <em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>. Das
+eine Mal ist also das Publikum, welchem das Leiden zu gute
+kommt, genau bestimmt: es sind die J&uuml;nger. Das andere Mal
+handelt es sich um eine unbestimmte Mehrheit.</p>
+
+<p>Mit dem Argument, dass es sachlich auf dasselbe hinauskomme,
+ist nichts gethan. Warum redete Jesus bei den &auml;lteren
+Synoptikern von den <em class="gesperrt">Vielen</em>, bei Paulus von den <em class="gesperrt">Seinen</em>? Die
+einzige Erkl&auml;rung liegt darin, <em class="gesperrt">dass Paulus von dem Standpunkt
+der Gemeinde nach dem Tode Jesu schreibt</em>. Danach
+kommt die Heilswirkung des Todes Jesu einer bestimmten
+Gemeinschaft zu gute, n&auml;mlich denen, die an ihn glauben. Die
+J&uuml;nger repr&auml;sentieren diese gl&auml;ubige Gemeinschaft in den geschichtlichen
+Ausspr&uuml;chen Jesu, weil man es sich vom Standpunkt
+der messiasgl&auml;ubigen Gemeinde aus nicht anders vorstellen konnte,
+als dass Jesus mit den Worten &uuml;ber sein Leiden die Gl&auml;ubigen
+gemeint habe.</p>
+
+<p>Das altsynoptische »<em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>« ist aber vom <em class="gesperrt">historischen
+Standpunkt</em> aus gesprochen, wo Jesus noch nicht den Glauben
+an seine Messianit&auml;t verlangt und wo deshalb die Mehrheit, denen
+sein Tod zu gute kommen soll, unbestimmt gelassen ist. Nur eines
+ist ihm gewiss, dass sie gr&ouml;sser ist als der J&uuml;ngerkreis; darum
+sagt er »<em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>«. H&auml;tte er gesagt »<em class="gesperrt">f&uuml;r euch</em>« wie Paulus ihm
+zumutet, so h&auml;tten die J&uuml;nger daraus schliessen m&uuml;ssen, er sterbe
+f&uuml;r sie allein, da sie sich damals nicht, wie es Paulus und der
+Gemeinde gel&auml;ufig war, als Repr&auml;sentanten einer zuk&uuml;nftigen
+messiasgl&auml;ubigen Gemeinschaft f&uuml;hlen konnten.</p>
+
+<p>Ist aber dieses »<em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>« stehen geblieben, trotzdem Paulus
+aus der Gemeindevorstellung heraus es instinktiv durch »<em class="gesperrt">f&uuml;r
+euch</em>« ersetzen muss, obwohl er dadurch ein historisch unm&ouml;gliches
+Wort schafft: so ist man nicht berechtigt, in der &uuml;berlieferten
+Form des altsynoptischen Leidensgedankens irgendwie paulinische
+Beeinflussung anzunehmen. Die schroffe S&uuml;hnetheorie bei den
+Synoptikern ist also historisch. Eine Abschw&auml;chung, wie sie der
+modern-historische L&ouml;sungsversuch voraussetzen muss, ist unberechtigt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_8">[S. 8]</a></span></p>
+
+<p class="pmb3">Nun stellt sich die Aufgabe, in der Deutung der Ausspr&uuml;che
+Jesu gerade dem »<em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>« gerecht zu werden. Weil sie dies
+nicht gethan haben, sind alle Darlegungen &uuml;ber die Bedeutung
+des Todes Jesu, von Paulus bis <span class="smcap">Ritschl</span>, unhistorisch. Man
+setze statt der gl&auml;ubigen Gemeinschaft, mit der sie operieren,
+die unbestimmte und unqualifizierte Mehrheit des historischen
+Wortes ein, dann werden ihre Ausf&uuml;hrungen einfach sinnlos.
+Historisch ist allein diejenige Deutung, welche begreiflich macht,
+warum nach Jesus die durch seinen Tod gewirkte S&uuml;hne einer mit
+Absicht unbestimmt gelassenen Mehrheit zu gute kommen soll.</p>
+
+
+<h3>5. Das Reich Gottes als ethische Gr&ouml;sse im Leidensgedanken.<br />
+<span class="small">(Dritte Voraussetzung.)</span></h3>
+<p class="pmb2" />
+
+
+<h4>a) Mk 10 <span class="antiqua">41-45</span>. Das Dienen als das sittliche Verhalten in
+Erwartung des kommenden Reiches.</h4>
+
+<p>Die Zebedaiden hatten beansprucht, zu Seiten des Herrn
+zu sitzen in seiner Herrlichkeit, d. h. wenn er als Messias von
+seinem Thron aus regieren w&uuml;rde. Dar&uuml;ber sind die andern unwillig.
+Jesus ruft sie zusammen und redet ihnen vom Dienen und
+Herrschen in Bezug auf das Gottesreich.</p>
+
+<p>In diesem Ausspruch findet man nun gew&ouml;hnlich den ethischen
+Begriff des Reiches Gottes. Eine Umwertung aller Werte soll erfolgen.
+Der Gr&ouml;sste im Himmelreich ist der, welcher klein wird als ein
+Kind (Mt 18 <span class="antiqua">4</span>), und Herrscher ist, wer dient. Selbsterniedrigung
+und dahingebendes Dienen, das ist die neue Sittlichkeit des Gottesreiches,
+welche durch Jesu dienendes Todesleiden in Kraft tritt.</p>
+
+<p>Dabei vergessen wir aber, dass das Reich, in dem man herrscht,
+als etwas Zuk&uuml;nftiges gedacht ist, w&auml;hrend das Dienen auf die
+Gegenwart geht! In unserer ethischen Betrachtungsweise fallen
+Dienen und Herrschen zeitlich und logisch zusammen. Bei Jesus
+aber handelt es sich gar nicht um eine rein ethische Vertauschung
+der Begriffe Dienen-Herrschen, sondern dieser Gegensatz verl&auml;uft
+in einer <em class="gesperrt">zeitlichen Folge</em>. Scharf hebt sich der gegenw&auml;rtige
+von dem zuk&uuml;nftigen Aeon ab. Wer im Reich Gottes
+einmal zu den Gr&ouml;ssten geh&ouml;ren will, der muss <em class="gesperrt">jetzt</em> sein als ein
+Kind! Wer auf eine Herrscherstellung darin Anwartschaft erhebt,
+der muss <em class="gesperrt">jetzt</em> dienen! Je tiefer sich <em class="gesperrt">jetzt</em> einer unter die andern
+beugt in der Zeit, wo die irdischen Herrscher sich mit Gewalt im
+Regiment erhalten, desto h&ouml;her wird seine Herrschaft sein, wenn
+die irdische Gewalt aufh&ouml;rt und das Reich Gottes anbricht.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_9">[S. 9]</a></span>
+Darum muss derjenige sich im Todesleiden erniedrigen, welcher
+als Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen wird
+zum Richten und Herrschen. Ehe er seinen Thron besteigt,
+trinkt er den Leidensbecher, von dem auch die kosten m&uuml;ssen,
+die mit ihm herrschen wollen!</p>
+
+<p>Sowie man dieses »<em class="gesperrt">jetzt und dann</em>« in Jesu Rede beachtet,
+tritt an die Stelle des abgeblassten Satzparallelismus eine wirkungsvolle
+Steigerung. Den absteigenden Rangstufen des Dienens
+entsprechen die aufsteigenden des Herrschens.</p>
+
+<blockquote>
+<p class="p_m1">1. Wer gross sein will <em class="gesperrt">unter euch</em>, der sei <em class="gesperrt">euer</em> Diener (<span class="smcap">V.</span> <span class="antiqua">43</span>).</p>
+
+<p class="p_m1">2. Wer <span class="antiqua">von euch</span> der erste sein will, der sei <em class="gesperrt">aller (andern)</em>
+Diener (<span class="smcap">V.</span> <span class="antiqua">44</span>).</p>
+
+<p class="p_m1">3. Darum wartet des Menschensohns die h&ouml;chste Herrscherstellung,
+weil er nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen,
+sondern zu dienen, indem er sein Leben als S&uuml;hne f&uuml;r <em class="gesperrt">die
+Vielheit</em> dahingibt (<span class="smcap">V.</span> <span class="antiqua">45</span>).</p>
+</blockquote>
+
+<p>Die Steigerung ist eine doppelte. Das Dienen der J&uuml;nger
+erstreckt sich nur auf <em class="gesperrt">ihren</em> Kreis, das Dienen Jesu auf eine unbeschr&auml;nkte
+Mehrheit, n&auml;mlich auf alle die, welchen sein Todesleiden
+zu gute kommen soll. Bei den J&uuml;ngern handelt es sich nur
+um eine selbstlose <em class="gesperrt">Unterwerfung</em>, bei Jesus um das <em class="gesperrt">bittere
+Todesleiden</em>. Beides ist ein Dienen, insofern damit die Anwartschaft
+auf eine Herrscherstellung im Reich verbunden ist.</p>
+
+<p>Die gew&ouml;hnliche Erkl&auml;rung wird nicht dem altsynoptischen,
+sondern nur dem lukanischen Texte gerecht (Lk 22 <span class="antiqua">24-27</span>). Dieser
+hat die Erz&auml;hlung aus dem Zusammenhang herausgerissen, so
+dass es sich um einen Streit der J&uuml;nger beim letzten Mahl
+handelt, wer von ihnen »f&uuml;r den Gr&ouml;ssten zu halten sei.«</p>
+
+<p>Damit ist das »<em class="gesperrt">jetzt und dann</em>« aus der Situation ausgeschieden
+und es handelt sich nur um eine rein ethische Verkehrung
+der Begriffe Herrschen und Dienen. Jesu Rede verl&auml;uft dementsprechend
+auch in einem unlebendigen Parallelismus. Der
+Gr&ouml;sste unter euch sei wie der J&uuml;ngste, und der Vorsteher wie
+der, der aufwartet (Lk 22 <span class="antiqua">26</span>). Statt aus seiner Dahingabe in den
+Tod f&uuml;r die grosse Allgemeinheit auf das Verhalten derer, die
+mit herrschen wollen, zu exemplifizieren, redet er nur von seinem
+dienstbaren Wesen den J&uuml;ngern gegen&uuml;ber: Ich aber bin in eurer
+Mitte, wie der, der aufwartet (Lk 22 <span class="antiqua">27</span>). Damit meint er ein
+Dienen, das zugleich Herrschen ist. Bei den beiden &auml;lteren
+Synoptikern handelt es sich aber gar nicht um die Proklamierung
+ <span class="pagenum"><a id="Page_10">[S. 10]</a></span>
+der neuen Sittlichkeit des Gottesreiches, wo Dienen Herrschen
+ist, sondern um die Bedeutung der Selbsterniedrigung und des
+Dienens in <em class="gesperrt">Erwartung des Gottesreiches</em>. Dienen ist das
+Grundgesetz der <em class="gesperrt">Interimsethik</em>.</p>
+
+<p>Dieser Gedanke ist viel tiefer und lebendiger als das moderne
+Spiel mit Worten, welches wir dem Herrn zumuten. Nur durch
+Erniedrigung und Kindessinn in diesem Aeon wird man w&uuml;rdig
+bereitet, im Reich Gottes zu herrschen. Nur wer durch Leiden
+hier sittlich gel&auml;utert und geadelt ist, kann dort gross sein. Darum
+ist das Leiden f&uuml;r Jesus der sittliche Erwerb und die sittliche
+Bew&auml;hrung f&uuml;r die messianische Herrschaft, die ihm bestimmt ist.</p>
+
+<p>Irdisches Herrschen, weil es auf Gewaltthat beruht, ist Ausfluss
+der widerg&ouml;ttlichen Macht. Das Herrschen im Reich Gottes,
+wo die Weltmacht vernichtet ist, bedeutet Ausfluss der g&ouml;ttlichen
+Macht sein. Tr&auml;ger derselben kann nur der werden, welcher sich
+von irdischem Herrschen rein erhalten hat. Sie zu vergeben an
+die, welche durch Leiden sich bereitet haben, ist allein Gottes
+Sache (Mk 10 <span class="antiqua">39</span> u. <span class="antiqua">40</span>).</p>
+
+<p class="pmb2">Ist aber Dienen nicht die Sittlichkeit des Gottesreiches, so
+operiert Jesu Leidensvorstellung auch nicht mit dem darauf beruhenden
+Begriff des Gottesreichs als der sich vollendenden
+ethischen Gemeinschaft, sondern mit einer &uuml;bersittlichen Gr&ouml;sse,
+n&auml;mlich mit der eschatologischen Reichsvorstellung.</p>
+
+
+<h4>b) Der Leidensgedanke und die eschatologische Erwartung.</h4>
+
+<p>Die Untersuchung der Abendmahlsberichte ergab einen engen
+Zusammenhang zwischen dem eschatologischen Schlusswort und
+dem Ausspruch vom vergossenen Blut. Die &uuml;brigen Stellen &uuml;ber
+das Leiden f&uuml;hren auf eine &auml;hnliche Verbindung.</p>
+
+<p>Nachdem Jesus mit seinem »ja« sich selbst das Todesurteil
+gesprochen, redet er von seiner »Wiederkunft« auf den Wolken
+des Himmels. Dabei denkt er, dem Markustext zufolge, beide
+Geschehnisse in einem Gedanken. Mk 14 <span class="antiqua">62</span>: Ich bin es <span class="antiqua">und</span> ihr
+werdet den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten der Macht
+und kommen mit den Wolken des Himmels. Dieser logische Zusammenhang
+ist, wie f&uuml;r das Kelchwort, bei Matth&auml;us schon
+erweicht, indem er an die Stelle des »<em class="gesperrt">und</em>« die rein zeitliche Folge
+setzt. Mt 26 <span class="antiqua">64</span>: Du sagst es. <em class="gesperrt">Doch</em> ich sage euch, <em class="gesperrt">von nun an</em>
+werdet etc. Bei Lukas fehlt der eschatologische Hinweis; er hat
+ihn auch beim Kelchwort ausfallen lassen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[S. 11]</a></span></p>
+
+<p>Eine enge Verbindung zwischen dem Leidensgedanken und
+der Eschatologie setzt auch das Gespr&auml;ch &uuml;ber den Leidensweg
+der Nachfolger voraus (Mk 8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">1</span>). Wer sich Jesu sch&auml;mt,
+wenn er Schm&auml;hung und Verfolgung in der ehebrecherischen und
+s&uuml;ndigen Welt erduldet, dessen wird sich auch der Menschensohn
+sch&auml;men, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen
+Engeln kommt. Denn dieses Geschlecht wird nicht in den
+Tod sinken, bis sie sehen das Reich Gottes kommend in Macht!</p>
+
+<p>Dieser Zusammenhang muss f&uuml;r die H&ouml;rer stark hervorgetreten
+sein. Nach dem Aufbruch von C&auml;sarea Philippi, unter dem
+Eindruck des Leidensgeheimnisses, das ihren Sinn mit Trauer
+und Angst erf&uuml;llt (Mk 9 <span class="antiqua">30-32</span>) &mdash; streiten sich die J&uuml;nger darum,
+wer den h&ouml;chsten Platz im Reich einnehmen wird. Im Hause
+zu Kapernaum muss Jesus sie dar&uuml;ber zurechtweisen (Mk 9 <span class="antiqua">33-37</span>).
+Das war, nachdem er zum zweitenmal von seinem Leiden gesprochen
+hatte.</p>
+
+<p>Auf dem Weg nach Jerusalem wiederholt sich derselbe Auftritt
+im engsten Anschluss an die dritte Leidensweissagung (Mk 10
+<span class="antiqua">32-41</span>). Die Zebedaiden erheben ihre Anspr&uuml;che auf die Thronpl&auml;tze.
+Es handelt sich hier gar nicht um kindischen Missverstand
+der Anh&auml;nger, denn Jesus geht ja ganz ernsthaft auf ihren Gedanken
+ein. Die eschatologische Erwartung muss also f&uuml;r die
+J&uuml;nger in dem Leidenswort Jesu so stark zur Geltung gekommen
+sein, dass sie sich notwendig Gedanken machen &uuml;ber
+die Stellung, welche sie im zuk&uuml;nftigen Reich einnehmen werden.</p>
+
+<p class="pmb3">Der modern-historische Erkl&auml;rungsversuch eliminiert den
+eschatologischen Begriff des Reiches Gottes aus dem Leidensgedanken,
+indem er ihn auf die apotheosenhafte Vorstellung von
+der »<em class="gesperrt">Wiederkunft</em>« reduziert. Dieser Ausdruck ist vollst&auml;ndig
+falsch. Jesus hat nie von seiner »<em class="gesperrt">Wiederkunft</em>«, sondern nur
+von seiner <em class="gesperrt">Ankunft</em> oder der <em class="gesperrt">Zukunft</em> des Menschensohnes geredet.
+Wir gebrauchen den Ausdruck »Wiederkunft«, weil wir
+Tod und Herrlichkeit durch Kontrast verbinden, als bez&ouml;ge sich
+der neue Zustand nur auf eine sieghafte Verkl&auml;rung Jesu. Unsere
+Auffassung l&auml;sst ihn sagen: »Ich werde sterben, <em class="gesperrt">aber</em> ich werde
+durch meine <em class="gesperrt">Wiederkunft</em> verherrlicht werden«. Thats&auml;chlich
+hat er aber gesagt: »Ich muss leiden <em class="gesperrt">und</em> der Menschensohn wird
+auf den Wolken des Himmels erscheinen.« Das bedeutet aber
+f&uuml;r seine Zuh&ouml;rer viel mehr als eine Apotheose &mdash; denn mit der
+Erscheinung des Menschensohnes brach das eschatologische Reich
+ <span class="pagenum"><a id="Page_12">[S. 12]</a></span>
+an. Jesus setzt also seinen Tod mit dem eschatologischen
+Anbruch des Reichs in einen zeitlich-urs&auml;chlichen Zusammenhang.
+Der <em class="gesperrt">eschatologische</em> Reichsbegriff, nicht der <em class="gesperrt">modern-ethische</em>,
+beherrscht seinen Leidensgedanken.</p>
+
+
+<h3>6. Die Form der Leidensoffenbarung.<br />
+<span class="small">(Vierte Voraussetzung.)</span></h3>
+
+<p>Best&auml;nde die Auffassung des modern-historischen L&ouml;sungsversuchs
+zu Recht, so h&auml;tte Jesus den J&uuml;ngern den Leidensgedanken
+in der Form einer ethischen <em class="gesperrt">Reflexion</em> mitteilen
+m&uuml;ssen. Sollten sie die eintretende Katastrophe als Inauguralakt
+der neuen Sittlichkeit begreifen und daraus eine Erneuerung
+ihres sittlichen Handelns ableiten, dann musste er sie mit diesem
+Charakter des Ereignisses von vornherein, zugleich mit der Ank&uuml;ndigung
+desselben, bekannt machen.</p>
+
+<p class="pmb3">Nun hat er ihnen aber den Leidensgedanken nicht in der
+Form einer <em class="gesperrt">ethischen Reflexion</em>, sondern als ein <em class="gesperrt">Geheimnis</em>
+ohne weitere Erkl&auml;rung mitgeteilt. Es wird beherrscht von dem
+»m&uuml;ssen«, dem Ausdruck der unbegreiflichen g&ouml;ttlichen Notwendigkeit.
+Dass der Leidensgedanke ein Leidensgeheimnis war,
+das steht dem modern-historischen L&ouml;sungsversuch entgegen.</p>
+
+
+<h3>7. Zusammenfassung.</h3>
+
+<blockquote>
+<p class="p_m1">1. Die Annahme einer gl&uuml;cklichen galil&auml;ischen Periode, auf
+welche dann die Zeit des Niedergangs folgt, ist historisch
+nicht haltbar.</p>
+
+<p class="p_m1">2. Paulinischer Einfluss kann die Fassung der altsynoptischen
+Leidensausspr&uuml;che nicht bedingt haben.</p>
+
+<p class="p_m1">3. Nicht der ethische, sondern der &uuml;berethische, eschatologische
+Reichsgedanke beherrscht die Leidensvorstellung Jesu.</p>
+
+<p class="p_m1">4. Die Aussprache des Leidensgedankens geschah nicht in der
+Form einer ethischen Betrachtung, sondern es handelt sich
+um ein unbegreifliches Geheimnis, das die J&uuml;nger gar nicht
+zu verstehen brauchten und auch nicht verstanden haben.</p>
+</blockquote>
+
+<p>So steht es um die vier Grundpfeiler des modern-historischen
+L&ouml;sungsversuchs. Mit ihnen st&uuml;rzt der ganze Bau zusammen. Es
+ist doch nur ein unlebendiger Gedanke! Das Modern-Kraftlose
+zeigt sich darin, dass man es dabei &uuml;ber eine Art repr&auml;sentativer
+Bedeutung des Todes Jesu nicht hinausbringt. Jesus beschafft
+durch seine Dahingabe nichts schlechthin Neues, weil er ja das
+Reich Gottes als S&uuml;ndenvergebung oder als die sich sittlich
+ <span class="pagenum"><a id="Page_13">[S. 13]</a></span>
+vollendende Gemeinschaft w&auml;hrend seiner ganzen &ouml;ffentlichen
+Wirksamkeit als schon vorhanden voraussetzt. Es ist mit
+seinem Auftreten selbst gegeben. Eine geleistete S&uuml;hne verlangt
+aber eine <em class="gesperrt">effektive</em> Bedeutung des Todes.</p>
+
+<p>Darin besteht auch die Schw&auml;che der modernen Dogmatik
+gegen&uuml;ber der alten. Paulus, Anselm und Luther wissen um
+einen absolut neuen Zustand, der zeitlich und kausal aus Jesu
+Tod resultiert. Die moderne Dogmatik redet darum herum; aber
+sie weiss nichts anzugeben, sondern h&uuml;llt sich in die Wolke ihrer
+eigenen Voraussetzungen. Unhistorisch sind sie zwar beide.
+Religi&ouml;s berechtigt ist allein die moderne. Die alte Dogmatik
+ist aber hier historischer, denn sie postuliert doch eine effektive
+Wirkung des Todes Jesu, wie es die synoptischen Stellen
+verlangen.</p>
+
+<p>Worin besteht aber dort die schlechthin neue Gr&ouml;sse, welche
+an den Tod gebunden ist? Die synoptischen Spr&uuml;che geben darauf
+nur <em class="gesperrt">eine</em> Antwort: <em class="gesperrt">die eschatologische Realisierung des
+Reiches</em>! Von der S&uuml;hne, die Jesus leistet, h&auml;ngt das Kommen
+des Reiches Gottes in Macht ab. Das ist der Grundzug des
+Leidensgeheimnisses.</p>
+
+<p>Wie ist dies zu verstehen? Nur die Geschichte Jesu
+kann dar&uuml;ber Aufschluss geben. <em class="gesperrt">An die Stelle des modern-historischen
+tritt nun der eschatologisch-historische
+L&ouml;sungsversuch.</em></p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<h2 id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br /><br />
+
+Die Entwicklung Jesu.</h2>
+<p class="pmb2" />
+
+
+<h3>1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische
+Gr&ouml;sse.</h3>
+
+<p>Das Zusammensein einer ethischen und einer eschatologischen
+Gedankenreihe bei Jesus bildete von jeher eines der
+schwersten Probleme der neutestamentlichen Wissenschaft. Wie
+k&ouml;nnen sich in <em class="gesperrt">einem</em> Denken zwei so verschiedene, in manchem
+diametral entgegengesetzte Weltanschauungen vereinigen?</p>
+
+<p>Man hat das Problem zu umgehen gesucht, in dem richtigen
+Gef&uuml;hl, dass beide unvereinbar sind. Kritische Geister wie <span class="smcap">T. Colani</span>
+(J&eacute;sus-Christ et les croyances messianiques de son temps
+1864, S. 94 ff., 169 ff.) und <span class="smcap">G. Volkmar</span> (Die Evangelien 1870,
+S. 530 ff.) kamen dazu, die Eschatologie &uuml;berhaupt aus Jesu Vorstellungskreis
+ <span class="pagenum"><a id="Page_14">[S. 14]</a></span>
+zu <em class="gesperrt">eliminieren</em>. Danach w&auml;ren alle derartigen
+Ausspr&uuml;che auf Kosten der eschatologischen Erwartung der sp&auml;teren
+Zeit zu setzen. Dieses Verfahren scheitert an der Hartn&auml;ckigkeit
+der Texte; gerade die eschatologischen Worte geh&ouml;ren
+zu den bestbezeugten Partien. Ihre Ausscheidung bedeutet
+einen Gewaltakt.</p>
+
+<p>Nicht besser steht es mit dem Versuch der Umgehung des
+Problems durch <em class="gesperrt">Sublimierung</em> der Eschatologie, als h&auml;tte Jesus
+die realistischen Vorstellungen seiner Zeit ins Geistige &uuml;bersetzt,
+indem er sie im Bilde anwandte. Auf diesem Gedanken beruht
+die Studie von <span class="smcap">Erich Haupt</span> (Die eschatologischen Aussagen
+Jesu in den synoptischen Evangelien. 1895). Nichts berechtigt
+uns aber anzunehmen, Jesus habe seine Worte in einem uneigentlichen
+Sinn gemeint, w&auml;hrend seine Zuh&ouml;rer sie aus der
+zeitgen&ouml;ssischen Vorstellung heraus realistisch auffassen mussten.
+F&uuml;r ein solches Unternehmen fehlt nicht nur jede prinzipielle
+Erkl&auml;rung, sondern auch die leiseste Andeutung seinerseits.</p>
+
+<p>So bleibt also das Problem, wie das Nebeneinander zweier
+Weltanschauungen zu erkl&auml;ren sei, in voller Sch&auml;rfe bestehen.
+Die einzige L&ouml;sung scheint in der Annahme einer zeitlichen Entwicklung
+zu liegen. Jesu Weltanschauung sei anfangs rein ethisch
+gewesen. Er habe die Realisierung des Reiches Gottes von der
+Ausdehnung und Vollendung der sittlich-religi&ouml;sen Gemeinschaft
+erwartet, die er zu gr&uuml;nden unternahm. Als aber der Widerstand
+der Weltmacht die organische Vollendung des Reiches in
+Frage stellte, habe sich die eschatologische Vorstellung ihm aufgedr&auml;ngt.
+Durch die Ereignisse sei er dazu gekommen, die Vollendung
+des religi&ouml;s-ethischen Ideals, welche er bisher an den
+Endpunkt einer durch sittliches Wirken fortschreitenden Entwicklung
+verlegte, nunmehr von einer kosmischen Katastrophe
+zu erwarten, in welcher die Allmacht Gottes das zum Abschluss
+bringen sollte, was er unternommen hatte.</p>
+
+<p>Es soll also ein Umschwung in Jesu Gedanken stattgefunden
+haben. Aber die zeitliche Auseinanderziehung des Gegensatzes
+verschleiert das Problem nur, ohne es zu l&ouml;sen. Die Aufnahme
+des eschatologischen Gedankens, wenn sie in dieser Weise vorstellig
+gemacht werden soll, bedeutet nichts anderes, als den totalen
+Bruch mit der Vergangenheit, wobei jede Entwicklung aufh&ouml;rt.
+Denn, wenn man mit dem eschatologischen Gedanken Ernst
+macht, hebt er die ethischen Gedankenreihen auf. Er vertr&auml;gt
+ <span class="pagenum"><a id="Page_15">[S. 15]</a></span>
+keine nebens&auml;chliche Stellung. Zu dieser Kraftlosigkeit kam er
+erst in der christlichen Dogmatik, durch die geschichtliche Erfahrung.
+Jesus aber hat entweder eschatologisch oder uneschatologisch
+gedacht, aber nicht beides zugleich oder so, dass das
+Eschatologische erg&auml;nzend zum Uneschatologischen hinzutrat.</p>
+
+<p class="pmb3">Nun ist nachgewiesen, dass in dem Leidensgedanken nur
+der eschatologische Begriff vom Reich Gottes zur Geltung
+kommt. Ebenso ist die Annahme einer Periode der Misserfolge
+nach der Aussendung historisch nicht berechtigt. Diese bildet
+aber die unumg&auml;ngliche Voraussetzung jeder in Jesu anzunehmenden
+Entwicklung. Also kann der eschatologische Gedanke
+sich Jesu nicht durch &auml;ussere Erlebnisse aufgezwungen
+haben, <em class="gesperrt">sondern er muss von Anfang an</em>, auch in der ersten
+galil&auml;ischen Periode <em class="gesperrt">seiner Predigt zu Grunde gelegen
+haben</em>!</p>
+
+
+<h3>2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede.</h3>
+
+<p>»Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen« (Mt 10 <span class="antiqua">7</span>) &mdash;
+dieses Wort, das Jesus den J&uuml;ngern zu verk&uuml;ndigen auftr&auml;gt,
+fasst seine ganze bisherige Predigt zusammen. Sie sollen sie nun
+hinaustragen in die St&auml;dte Israels. In welchem Sinn diese Ank&uuml;ndigung
+gemeint ist, dar&uuml;ber gibt die Aussendungsrede keinen
+Aufschluss.</p>
+
+<p>Ist die gew&ouml;hnliche Auffassung von der Bedeutung jener
+Entsendung der J&uuml;nger richtig, so bieten die Worte, mit denen
+er sie entl&auml;sst, ein merkw&uuml;rdiges R&auml;tsel dar. In hoffnungsvoller
+Schaffensfreude geht er daran, den Kreis seiner auf die Gr&uuml;ndung
+des Gottesreiches gerichteten Th&auml;tigkeit weiter zu ziehen. Die
+Aussendungsrede sollte also Belehrungen f&uuml;r die missionierende
+Th&auml;tigkeit der J&uuml;nger in diesem Sinn enthalten. Man m&uuml;sste
+nun erwarten, dass er sie anleitet, wie sie &uuml;ber das neue Verh&auml;ltnis
+zu Gott und &uuml;ber die neue Sittlichkeit des Gottesreiches predigen
+sollen.</p>
+
+<p>Die Aussendungsrede ist aber alles andere eher als eine Zusammenfassung
+der »Lehre Jesu«. An eine tiefer eindringende
+Unterweisung ist gar nicht gedacht, sondern es handelt sich um
+eine fliegende Verk&uuml;ndigung durch Israel mit dem einzigen Lehrauftrag,
+den Ruf von der N&auml;he des Gottesreiches &uuml;berall ert&ouml;nen
+zu lassen &mdash; damit alle gewarnt sind und Busse thun k&ouml;nnen.
+Zeit ist aber dabei nicht zu verlieren; darum sollen sie sich in
+ <span class="pagenum"><a id="Page_16">[S. 16]</a></span>
+einer Stadt, wo sie keine Empf&auml;nglichkeit finden, nicht aufhalten,
+sondern weiter eilen, damit sie mit den St&auml;dten Israels fertig
+werden, ehe die Erscheinung des Menschensohns stattfindet.
+»Kommen des Menschensohnes« bedeutet aber: <em class="gesperrt">Einbrechen
+des Reiches Gottes mit Macht</em>.</p>
+
+<p>Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, fliehet zur andern;
+wahrlich ich sage euch, ihr werdet mit den St&auml;dten Israels nicht
+zu Ende sein, bis dass der Menschensohn kommen wird (Mt 10 <span class="antiqua">23</span>).
+Versteht man die Aussendungsrede so, als habe Jesus durch die
+J&uuml;nger sagen lassen, dass nun die Zeit da sei, in einem neuen
+sittlichen Verhalten das Reich zu verwirklichen, so bleibt jenes
+eschatologische Wort ein erratischer Block inmitten bl&uuml;hender
+Wiesen. Fasst man aber die Botschaft der Reichsn&auml;he eschatologisch
+auf, dann f&uuml;gt sich das Wort einem grossen Zusammenhang
+ein. Es ist ein Fels in einer wilden Gebirgslandschaft. Von
+diesem Wort kann man nicht sagen, es sei aus einer sp&auml;teren
+Zeit eingearbeitet, sondern mit zwingender Gewalt bannt es
+eschatologische Aussagen in die Tage der Aussendung.</p>
+
+<p>Die einzige erforderliche Lehrunterweisung ist der Bussruf.
+Busse thut, wer an die N&auml;he des Reiches glaubt. Darum gibt
+Jesus ihnen Gewalt &uuml;ber die unreinen Geister, dass sie dieselben
+austreiben und die Kranken heilen (Mt 10 <span class="antiqua">1</span>); aus diesem Zeichen
+sollen alle ersehen, dass es mit der widerg&ouml;ttlichen Macht zu
+Ende geht und das Morgenrot des Gottesreiches anbricht. Das
+geh&ouml;rt mit zu ihrem Lehrauftrag, denn wer ihren Zeichen nicht
+glaubt und daraufhin keine Busse auf das Reich Gottes hin thut,
+der ist verdammt. So sind Chorazin, Bethsa&iuml;da und Kapernaum
+dem Gerichte verfallen. Der Glaube und die Busse wurden ihnen
+leicht gemacht durch die Zeichen und Wunder, mit welchen sie
+vor andern begnadet waren &mdash; und sie waren doch nicht in sich
+gegangen, was doch Heidenst&auml;dte wie Tyrus und Sidon gethan
+h&auml;tten (Mt 11 <span class="antiqua">20-24</span>). Dieses an das Volk gerichtete Wort zeigt,
+welche Bedeutung Jesus den Zeichen mit Hinsicht auf die eschatologische
+Botschaft beimass.</p>
+
+<p>Die J&uuml;nger sollten also predigen <em class="gesperrt">vom Reich, von der
+Busse und dem Gericht</em>. Weil aber das Ereignis, das sie verk&uuml;ndeten,
+so nahe war, dass es jeden Augenblick hereinbrechen
+konnte, mussten sie auf das, was ihm vorausging, vorbereitet sein:
+n&auml;mlich auf <em class="gesperrt">das letzte Aufb&auml;umen der Weltmacht</em>. Wie
+sie sich dabei zu verhalten haben, um nicht irre zu werden, darauf
+ <span class="pagenum"><a id="Page_17">[S. 17]</a></span>
+geht die Unterweisung, mit der er sie entl&auml;sst! In dem allgemeinen
+Aufruhr der Geister werden sich alle Bande l&ouml;sen. Bis
+in die Familie wird der Zwiespalt hineingetragen werden (Mt 10
+<span class="antiqua">34-36</span>). Wer sich zur Sache des Gottesreiches halten will, der
+muss bereit sein, die, welche ihm am liebsten waren, aus seinem
+Herzen herauszureissen und Kreuz und Schmach auf sich zu
+nehmen (Mt 10 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">38</span>). Die weltliche Gewalt wird schwere
+Verfolgung &uuml;ber sie bringen (Mt 10 <span class="antiqua">17-31</span>). Man wird sie zur
+Verantwortung ziehen und sie qu&auml;len, um sie zur Verleugnung zu
+bewegen. Der Bruder wird den Bruder, der Vater das Kind dem
+Tod &uuml;berantworten, und die Kinder werden wider die Eltern aufstehen
+und den Tod &uuml;ber sie bringen. Nur wer in diesem allgemeinen
+Aufruhr standhaft beharrt und sich zu Jesu bekennt, der
+wird am Gerichtstage gerettet werden, wenn der Herr bei Gott
+f&uuml;r ihn eintritt (Mt 10 <span class="antiqua">32</span> u. <span class="antiqua">33</span>).</p>
+
+<p class="pmb3">In der Aussendungsrede hat Jesus die J&uuml;nger &uuml;ber die
+Wehen des anbrechenden Reiches belehrt. Manches in den ausmalenden
+Partien mag vielleicht die F&auml;rbung einer sp&auml;teren Zeit
+aufweisen. Dadurch wird aber der Gesamtcharakter der Rede
+nicht beeintr&auml;chtigt. Es handelt sich nicht um ein Verhalten in
+ihrer Th&auml;tigkeit <em class="gesperrt">nach seinem Tode</em>; &uuml;ber eine solche Anweisung
+fehlt uns jegliches historische Wort. Dem Anbruch des
+Reiches gehen die Wehen voraus. Also muss die sieghafte Verk&uuml;ndigung
+der Reichsn&auml;he sich auf die Wehen einrichten. Darum
+dieses, in der bisherigen Erkl&auml;rung unfassbare Nebeneinander
+von Optimismus und Pessimismus. Es geh&ouml;rt zur Signatur jeder
+eschatologischen Weltanschauung.</p>
+
+
+<h3>3. Die neue Auffassung.</h3>
+
+<p>Der Leidensgedanke ist <em class="gesperrt">nur</em> von dem eschatologischen
+Reichsbegriff beherrscht. In der Aussendungsrede handelt es
+sich <em class="gesperrt">nur</em> um die eschatologische, nicht um die ethische Reichsn&auml;he.
+Daraus folgt einmal, dass Jesu Th&auml;tigkeit <em class="gesperrt">nur</em> mit der
+eschatologischen Realisierung des Reiches rechnet. Dann kann
+aber das Verh&auml;ltnis seiner ethischen Gedanken zur eschatologischen
+Weltanschauung keine Umbildung durch &auml;ussere Ereignisse
+erfahren haben, sondern es muss von Anfang an dasselbe
+gewesen sein.</p>
+
+<p>In welchem Zusammenhang standen aber seine Ethik und
+seine Eschatologie? Solange man von der Ethik ausgeht und die
+ <span class="pagenum"><a id="Page_18">[S. 18]</a></span>
+Eschatologie als etwas Hinzutretendes zu begreifen sucht, gibt es
+keinen organischen Zusammenhang zwischen beiden, weil die Ethik
+Jesu, wie wir sie aufzufassen pflegen, gar nicht auf die Eschatologie
+eingerichtet ist, sondern viel h&ouml;her steht. Man muss daher
+den umgekehrten Weg einschlagen und versuchen, <em class="gesperrt">ob nicht
+seine ethische Verk&uuml;ndigung ihrem Wesen nach durch
+die eschatologische Weltanschauung bedingt ist</em>.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<h2 id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br /><br />
+
+Die Predigt vom Reich Gottes.</h2>
+<p class="pmb2" />
+
+
+<h3>1. Die neue Sittlichkeit als Busse.</h3>
+
+<p>Wenn der Gedanke der eschatologischen Realisierung des
+Reichs die Grundvorstellung der Predigt Jesu ist, so f&auml;llt seine
+ganze Ethik unter den Begriff der auf das Kommen des Reichs
+vorbereitenden <em class="gesperrt">Busse</em>. Uns scheint dieser Begriff zu eng, um
+auf den ganzen Umfang seiner sittlich-religi&ouml;sen Verk&uuml;ndigung
+angewandt werden zu k&ouml;nnen. In unserer Sprache hat n&auml;mlich
+dieses Wort eine mehr negative Bedeutung, sofern es haupts&auml;chlich
+die Beziehung auf eine vorhergehende Schuld hervorhebt.
+Die Vorstellung aber, welche bei den Synoptikern durch Busse
+(&#956;&#949;&#964;&#940;&#957;&#959;&#953;&#945;) wiedergegeben wird, ist viel reicher. Sie ist nicht nur
+eine sittliche Wiederherstellung im R&uuml;ckblick auf einen zur&uuml;ckliegenden
+s&uuml;ndigen Zustand, sondern &mdash; und dieser Charakter
+pr&auml;valiert &mdash; <em class="gesperrt">auch eine sittliche Erneuerung im Hinblick
+auf eine bevorstehende allgemeine sittliche Vollendung</em>.</p>
+
+<p>So schliesst »die Busse in Erwartung des Reichs« alle positiven
+ethischen Forderungen in sich. In dieser Bedeutung ist sie
+der lebendige Nachhall der altprophetischen Busse. Denn bei
+Amos, Hosea, Jesaia und Jeremia bedeutet Busse die sittliche Erneuerung
+im Hinblick auf den Tag des Herrn. So sagt Jesaia:
+»Waschet euch, reinigt euch; entfernt die Bosheit eurer Thaten
+aus meinen Augen. Fraget nach Recht, steuert dem Gewaltth&auml;tigen;
+richtet die Waise, schaffet Recht der Witwe« (Jes 1
+<span class="antiqua">16</span> u. <span class="antiqua">17</span>). Gerade diesen alttestamentlichen Begriff der Busse,
+welcher den Nachdruck auf das neue sittliche Leben legt, muss
+man gegenw&auml;rtig haben, um die synoptische Busse richtig zu erfassen.
+Beide sind nach vorw&auml;rts orientiert, beide sind durch
+den Gedanken eines Zustandes der Vollendung beherrscht, den
+ <span class="pagenum"><a id="Page_19">[S. 19]</a></span>
+Gott durch sein Gericht herauff&uuml;hren wird. F&uuml;r die altprophetische
+ist es der Tag des Herrn, f&uuml;r die synoptische der Anbruch
+des Reiches.</p>
+
+<p>Die Ethik der Bergpredigt ist also Busse. Die neue Sittlichkeit,
+welche hinter dem Buchstaben den Geist des Gesetzes
+entdeckt, macht geschickt zum Reiche Gottes. Nur die Gerechten
+kommen ins Gottesreich: das stand f&uuml;r alle fest. Wer also
+die N&auml;he des Reiches predigte, musste auch die Gerechtigkeit
+auf das Reich hin lehren. Darum verk&uuml;ndet Jesus die neue Gerechtigkeit,
+die h&ouml;her ist als das Gesetz und die Propheten, denn
+diese gehen nur bis auf den T&auml;ufer. Seit den Tagen des T&auml;ufers
+steht man aber in der unmittelbar vormessianischen Zeit.</p>
+
+<p>Am Tage des Gerichts gilt es, diese sittliche Umwandlung
+vorzuweisen; nur wer den Willen des himmlischen Vaters gethan
+hat, der wird in das Gottesreich eingehen (Mt 7 <span class="antiqua">21</span>). Keine Berufung
+auf Anh&auml;ngerschaft Jesu, nicht einmal auf Zeichen, die
+in seinem Namen verrichtet wurden, kann diese neue Gerechtigkeit
+ersetzen (Mt 7 <span class="antiqua">22</span> u. <span class="antiqua">23</span>). Darum schliesst die Bergpredigt
+mit der Ermahnung, in Erwartung der gewaltigen Ereignisse
+einen festen Bau aufzuf&uuml;hren, der in Sturm und Wetter standh&auml;lt
+(Mt 7 <span class="antiqua">24-27</span>).</p>
+
+<p>Unter denselben Gesichtspunkt fallen die Seligpreisungen
+(Mt 5 <span class="antiqua">3-12</span>). Sie bestimmen die zum Eintritt in das Himmelreich
+berechtigende sittliche Verfassung. So erkl&auml;rt sich das Pr&auml;sens
+und das Futurum in demselben Satz. Selig sind sie, die Sanftm&uuml;tigen,
+die nach Gerechtigkeit Hungernden und D&uuml;rstenden, die
+Barmherzigen, die reinen Herzens sind, die Friedfertigen, die geistig
+Armen, die in der Verfolgung um der Gerechtigkeit willen beharren,
+weil sie in diesem Verhalten die Gew&auml;hr haben, beim Erscheinen
+des Reiches Gottes als dazu geh&ouml;rig erfunden zu werden.</p>
+
+<p>Eine Reihe von Gleichnissen enth&auml;lt denselben Gedanken.
+So wird in den Gleichnissen vom Schatz im Acker und von
+der k&ouml;stlichen Perle (Mt 13 <span class="antiqua">44-46</span>) geschildert, wie der Mensch
+alles daran setzen muss, wenn ihm das Reich Gottes in Aussicht
+gestellt wird, wie er alle andern G&uuml;ter dahingeben muss, um dieses
+in Aussicht stehende h&ouml;chste Gut zu erwerben.</p>
+
+<p>Wir finden also in der Ethik der galil&auml;ischen Periode schon
+das »jetzt und dann«, welches der Wertung des Dienens (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>)
+zu Grunde liegt. <em class="gesperrt">Als Busse auf das Reich Gottes hin ist
+auch die Ethik der Bergpredigt Interimsethik.</em> Die sittliche
+ <span class="pagenum"><a id="Page_20">[S. 20]</a></span>
+Unterweisung Jesu ist sich also darin vom ersten Tag
+seines Auftretens bis zu seinen letzten Ausspr&uuml;chen gleichgeblieben,
+denn die Erniedrigung und das Dienen, welche er den
+Seinen auf dem Weg nach Jerusalem anempfiehlt, entsprechen
+genau dem neuen sittlichen Verhalten, das er in der Bergpredigt
+entwickelt: sie machen geschickt zum Reich Gottes. Nur bilden
+sie noch eine Steigerung zur neuen Gerechtigkeit, indem sie geschickt
+machen zum <em class="gesperrt">Herrschen</em> daselbst.</p>
+
+<p>Dem Leitmotiv der Bergpredigt begegnen wir noch einmal
+in dem Epilog zur grossen Gleichnisrede der jerusalemitischen
+Tage. Nur die Bew&auml;hrung der neuen Sittlichkeit in allen Verh&auml;ltnissen
+des Lebens gew&auml;hrleistet den Eintritt in das Reich.
+Darum kann Jesus zu dem Pharis&auml;er, der dem Grundgesetz
+dieser neuen Sittlichkeit zustimmt, wie es in dem grossen Liebesgebot
+ausgedr&uuml;ckt ist, sagen: Du bist nicht fern vom Reich Gottes
+(Mk 12 <span class="antiqua">34</span>). Das will nicht heissen, dass der Pharis&auml;er durch seine
+Gesinnung beinahe schon die H&ouml;he der »Sittlichkeit des Gottesreiches«
+erklommen hat. Wenn n&auml;mlich das Doppelgebot der
+Liebe die Sittlichkeit des <em class="gesperrt">Gottesreiches</em> ausmachte, m&uuml;sste
+er ihm, da er diesem Gebote vollst&auml;ndig zustimmt, sagen: Du
+geh&ouml;rst dem Gottesreiche an. So aber ist das »nicht fern« rein
+zeitlich zu verstehen, nicht von einer kleinen Vervollkommnung,
+die ihm noch fehlt. Er ist nicht fern von dem Reich Gottes, weil
+er die sittliche Qualit&auml;t besitzt, durch welche er als ein Genosse
+desselben erfunden werden wird, wenn es in K&uuml;rze erscheint. Das
+»nicht fern« enth&auml;lt also dasselbe Gemisch von Pr&auml;sens und Futurum
+wie die Seligpreisungen.</p>
+
+<p class="pmb3">Von unseren ethischen Vorstellungen ausgehend, sind wir geneigt,
+den Begriff des Lohnes auf dieses Verh&auml;ltnis zwischen der
+Zugeh&ouml;rigkeit zum Reich und der neuen Sittlichkeit anzuwenden.
+Damit wird jedoch der Gedanke Jesu nicht vollst&auml;ndig wiedergegeben,
+da es sich f&uuml;r ihn vor allem um die <em class="gesperrt">Unmittelbarkeit</em>
+des Uebergangs aus dem Zustande der sittlichen Erneuerung in
+den der &uuml;bersittlichen Vollendung des Gottesreiches handelt. Wer
+beim Anbrechen des Gottesreichs im Besitz der sittlichen Erneuerung
+ist, der wird als ein Glied desselben erfunden werden.
+Dies ist der ad&auml;quate Ausdruck f&uuml;r das Verh&auml;ltnis der Sittlichkeit
+zum kommenden Gottesreich.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[S. 21]</a></span></p>
+
+
+<h3>2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik.</h3>
+
+<p>Durch die Tiefe der religi&ouml;sen Ethik Jesu kommen wir dazu,
+in ihr unser modern-ethisches Bewusstsein wiederfinden zu
+wollen. Ihrer ewigen inneren Wahrheit nach ist sie allerdings losgel&ouml;st
+von jeder geschichtlichen Bedingtheit, weil sie die h&ouml;chsten
+ethischen Gedanken aller Zeiten schon in sich enth&auml;lt. Dennoch
+besteht ein grosser Unterschied zwischen Jesu Empfinden
+und dem unseren. Die moderne Ethik ist »unbedingt«, weil sie
+den neuen sittlichen Zustand aus sich selbst heraus schafft, wobei
+vorausgesetzt wird, dass sich dieser Zustand zur Endvollendung
+entwickeln wird. Die Ethik ist hier Selbstzweck, sofern
+die sittliche Vollendung der Menschheit sich mit der Vollendung
+des Reiches Gottes deckt. Das ist <span class="smcap">Kant</span>'s Gedanke. In dieser
+Verselbst&auml;ndigung der Ethik, welcher doch eine gewisse Resignation
+hinsichtlich der Erreichung des vollendeten Endzustandes
+anhaftet, zeigt sich, dass die christlich-moderne Ethik von hellenistisch-rationalistischen
+Gedanken durchsetzt ist und unter dem
+Einfluss einer zweitausendj&auml;hrigen Entwicklung steht.</p>
+
+<p>Die Ethik Jesu hingegen ist »bedingt« in dem Sinn, dass sie
+in unl&ouml;sbarem Zusammenhang mit der Erwartung eines &uuml;bernat&uuml;rlich
+eintretenden Zustandes der Vollendung steht. Darin
+zeigt sich ihre j&uuml;dische Provenienz und der unmittelbare Zusammenhang
+mit der prophetischen Ethik, wo das sittliche Verhalten
+des Volks durch seine Zukunftserwartungen bedingt war.
+Wenn daher irgend eine Parallele zur Erkl&auml;rung der Ethik Jesu
+herbeigezogen werden darf, so ist es nur die prophetische, niemals
+die moderne. Denn sowie die letztere mithereinspielt, wird die
+Betrachtungsweise unhistorisch, sofern man die Ethik Jesu verselbst&auml;ndigt,
+w&auml;hrend sie durchaus nach der erwarteten &uuml;bernat&uuml;rlichen
+Vollendung orientiert ist.</p>
+
+<p>Dadurch schafft man das unl&ouml;sbare Problem, dass eine ihrer
+Ethik nach durchaus moderne Pers&ouml;nlichkeit nebenher eschatologische
+Ausspr&uuml;che thut. Hat man aber einmal die Bedingtheit
+seiner Ethik eingesehen und macht man Ernst mit ihrem Zusammenhang
+mit der prophetischen Ethik, so ist mit einem Schlage
+klar, dass alle Vorstellungen von einem aus kleinen Anf&auml;ngen
+emporwachsenden Reich, von einer Ethik des Gottesreiches und
+von einer Entwicklung desselben durch unser modernes Bewusstsein
+an Jesu Gedanken herangetragen werden, weil wir uns nicht
+ <span class="pagenum"><a id="Page_22">[S. 22]</a></span>
+ohne weiteres mit der Bedingtheit seiner Ethik vertraut machen
+k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Wir muten ihm zu, sich das Reich Gottes vorzustellen, wie
+es in seiner historischen Verwirklichung sich gleichsam durch
+eine Verengerung hindurchzw&auml;ngt, um nachher die Vollgestalt,
+auf die es angelegt ist, zu erreichen. Das ist moderne Vorstellung.
+F&uuml;r Jesus und die Propheten war sie aber unvollziehbar. In der
+Unmittelbarkeit ihrer ethischen Anschauung gibt es keine Sittlichkeit
+des Gottesreichs und keine Entwicklung desselben &mdash;
+es liegt jenseits der ethischen Grenze von Gut und B&ouml;se; es wird
+herbeigef&uuml;hrt durch eine kosmische Katastrophe, durch welche
+das B&ouml;se total &uuml;berwunden wird. Damit werden die sittlichen
+Massst&auml;be aufgehoben. <em class="gesperrt">Das Reich Gottes ist eine &uuml;bersittliche
+Gr&ouml;sse.</em></p>
+
+<p>Zu dieser H&ouml;he des &uuml;berethischen Idealismus kann sich das
+moderne Bewusstsein nicht mehr aufschwingen. Wir sind eben
+durch die Geschichte alt geworden. F&uuml;r das historische Verst&auml;ndnis
+der Ethik Jesu ist sie aber die unerl&auml;ssliche Voraussetzung.</p>
+
+<p>Dazu kommt noch, dass wir beim Reich Gottes nach vorw&auml;rts
+denken, an die kommenden Generationen, welche es in
+steigendem Masse verwirklichen werden. Jesu Blick geht r&uuml;ckw&auml;rts.
+F&uuml;r ihn setzt sich das Reich zusammen aus den Generationen,
+welche schon ins Grab gesunken sind und die nun zu
+einem Vollendungszustand erweckt werden. Wie soll es f&uuml;r ihn
+eine Ethik der geschlechtlichen Beziehungen im Gottesreiche
+geben, wenn er den Sadduc&auml;ern erkl&auml;rt, dass es im Gottesreiche
+nach der grossen Auferstehung geschlechtliche Beziehungen &uuml;berhaupt
+nicht mehr geben wird, sondern »dass sie sein werden, wie
+die Engel des Himmels« (Mk 12 <span class="antiqua">25</span>)?</p>
+
+<p>Jede ethische Norm Jesu, m&ouml;ge sie auch noch so vollendet
+sein, f&uuml;hrt also nur bis an die Grenze des Reiches Gottes, w&auml;hrend
+jeglicher Pfad verschwindet, sobald man sich auf dem neuen
+Boden bewegt. Dort braucht man keinen.</p>
+
+<p>Man hat ein Vorurteil gegen diese Bedingtheit. Sofern man
+meint, der Wert der Ethik Jesu w&uuml;rde dadurch herabgesetzt, ist
+es unberechtigt. Gerade das Gegenteil ist der Fall; denn diese
+Bedingtheit fliesst aus einem absolut ethischen Idealismus, welcher
+f&uuml;r den erwarteten Vollkommenheitszustand Daseinsbedingungen
+postuliert, die selbst ethisch sind. In unserer verselbst&auml;ndigten
+ <span class="pagenum"><a id="Page_23">[S. 23]</a></span>
+Ethik aber setzen wir den Kampf zwischen Gut und B&ouml;s, als
+dauernd zum Wesen des Ethischen geh&ouml;rend, f&uuml;r immer voraus.
+Ethik und Theologie stehen f&uuml;r uns nicht in diesem lebendigen
+Verh&auml;ltnis, wie bei Jesus. Die Lebhaftigkeit der Farben des
+absolut ethischen Idealismus ist in der Geschichte verblasst. So
+ist die Verselbst&auml;ndigung der Ethik Jesu also nicht nur ungeschichtlich,
+sondern sie bedeutet auch eine Verk&uuml;mmerung seines
+ethischen Idealismus.</p>
+
+<p>In <em class="gesperrt">einem</em> Punkte hat aber unser ethisches Empfinden mit
+seinem Vorurteil recht. Bezieht sich die Ethik bloss auf die Erwartung
+der &uuml;bernat&uuml;rlichen Vollendung, dann ist ihr thats&auml;chlicher
+Wert herabgesetzt, da sie nur Individualethik ist und nur
+das Verh&auml;ltnis des Einzelnen zum Gottesreich ber&uuml;cksichtigt.
+Dass aber die sittliche Gemeinschaft, welche durch Jesu Predigt
+hervorgerufen wird, als solche irgendwie das wirksame Anfangsglied
+in der Realisierung des Gottesreiches sei, dieser Gedanke
+liegt nicht nur in unserem ethischen Empfinden, sondern er belebt
+auch die Predigt Jesu, denn er arbeitet den sozialen Charakter
+seiner Ethik scharf heraus. Gerade deswegen str&auml;ubt man sich,
+den eschatologischen Begriff des Reiches Gottes seiner Verk&uuml;ndigung
+von Anfang an zu Grunde zu legen, weil man sich
+dann nicht erkl&auml;ren kann, wie er den Zustand der neuen sittlichen
+Gemeinschaft, die er um sich schafft, mit dem &uuml;bernat&uuml;rlich
+eintretenden Reich organisch verbunden denkt.</p>
+
+<p class="pmb3">Daher ger&auml;t man hier unwillk&uuml;rlich auf das moderne Geleise.
+Der Begriff der Entwicklung leistet das Geforderte, indem er erlaubt,
+die neue sittliche Gemeinschaft als Anfangszustand zu
+jenem Endzustand aufzufassen, welchem sie sich durch eine stetige
+Ausdehnung und Vertiefung n&auml;hert. Der sich erweiternde Kreis
+ist aber eine moderne geschichtliche Betrachtungsweise. Sie ist
+Jesu vollst&auml;ndig fremd. Wenn er aber auch unsere Erkl&auml;rung
+nicht vorausgesetzt haben kann, das Faktum, dass diese neue
+Gemeinschaft mit dem Endzustand in einem organischen Zusammenhang
+stehe, war ihm ebenso sicher wie uns. Weil er
+aber diesen Endzustand als rein &uuml;bernat&uuml;rlich eintretend erwartete,
+war der Zusammenhang nicht durch menschliche Ueberlegung
+zu begreifen, <em class="gesperrt">sondern es war ein g&ouml;ttliches Geheimnis</em>,
+das er nur in Analogien zu den Vorg&auml;ngen in der Natur
+aussprach.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[S. 24]</a></span></p>
+
+
+<h2 id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.<br /><br />
+
+Das Geheimnis des Reiches Gottes.</h2>
+<p class="pmb2" />
+
+
+<h3>1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes.</h3>
+
+<p>Es handelt sich um das »Geheimnis des Gottesreiches«
+(Mk 4 <span class="antiqua">11</span>), welches in den Gleichnissen vom S&auml;emann, von der
+selbstwachsenden Saat, vom Senfkorn und vom Sauerteig dargestellt
+wird. Wir finden darin gew&ouml;hnlich die Veranschaulichung
+einer stetigen Entfaltung, durch welche ein kleiner Anfangszustand
+mit einem herrlichen Endzustand zusammenh&auml;ngt. Die ges&auml;ten
+K&ouml;rner enthalten die Ernte schon, indem jedes auf die
+Pflanze samt der Frucht angelegt ist. Sie entwickeln sich daraus
+stetig und notwendig. So ist es auch mit der Entwicklung des
+Reiches Gottes aus kleinen, unscheinbaren Anf&auml;ngen.</p>
+
+<p>Diese ansprechende Deutung der Gleichnisse benimmt ihnen
+aber den Charakter des <em class="gesperrt">Geheimnisses</em>, denn die Veranschaulichung
+einer stetigen Entfaltung durch die Vorg&auml;nge in der Natur
+ist kein Geheimnis mehr. Darum misskennen wir das Geheimnis
+in diesen Gleichnissen. Wir deuten sie aus unserer naturwissenschaftlichen
+Reflexion, welche zwei noch so verschiedene Zust&auml;nde
+in allen F&auml;llen durch den Begriff der Entwicklung verbindet.</p>
+
+<p>Der Unmittelbarkeit, mit welcher der antike ungeschulte
+Geist die Natur beobachtete, bot sie aber noch Geheimnisse, indem
+sie ihm zwei ganz verschiedene Zust&auml;nde in einer Aufeinanderfolge
+vorf&uuml;hrte, deren Zusammenhang ebenso gewiss als
+unerkl&auml;rlich war. Diese Unmittelbarkeit spricht aus Jesu Gleichnissen.
+Der Begriff der Entwicklung in der Natur, auf welchen
+es die moderne Erkl&auml;rung abgesehen hat, wird gar nicht hervorgehoben,
+sondern die Exposition geht darauf aus, die beiden Zust&auml;nde
+so unmittelbar nebeneinander zu stellen, dass man zur
+Frage gedr&auml;ngt wird: Wie kann der Endzustand aus dem Anfangszustand
+hervorgehen?</p>
+
+<p>1. Ein Mensch s&auml;te aus. Von der Aussaat ging ein grosser
+Teil durch die verschiedensten Umst&auml;nde verloren &mdash; und doch
+war der Ertrag der K&ouml;rner, welche auf gutes Land fielen, so
+gross, dass es das Ausges&auml;te dreissig-, sechzig-, ja hundertf&auml;ltig
+wiederbrachte.</p>
+
+<p>Die Ausdeutung der einzelnen Punkte bei der Schilderung
+dieses Verlustes auf bestimmte Menschenklassen, wie sie Mk 4
+ <span class="pagenum"><a id="Page_25">[S. 25]</a></span>
+<span class="antiqua">13-20</span> vorliegt, ist aus einer sp&auml;teren Anschauung hervorgegangen,
+f&uuml;r die das Gleichnis eben kein Geheimnis mehr enthielt. Urspr&uuml;nglich
+waren aber die einzelnen Schilderungen nicht selbst&auml;ndig,
+sondern die Saat, die auf dem Weg, auf dem steinigten
+Boden und unter den Dornen verloren geht, samt der, welche die
+V&ouml;gel des Himmels aufpicken, bildet einen einheitlichen Gegensatz
+zu der, welche auf gutes Land fiel. F&uuml;r das Gleichnis
+kommt die Art, wie sie zu Grunde ging, nicht in Betracht. Jesu
+Rede h&auml;ngt, trotz der wundervoll ausgef&uuml;hrten Schilderung, in
+einem Gedanken: So klein war unter Anrechnung alles dessen,
+was verloren ging, die Aussaat und dennoch die grosse Ernte! &mdash;
+Darin liegt das Geheimnis.</p>
+
+<p>2. Ein Mensch streute Samen auf das Land. Er schlief,
+ging seinen Gesch&auml;ften nach und k&uuml;mmerte sich nicht weiter um
+die Saat. Ehe er sich's indes versah, stand die Ernte auf dem
+Feld und er konnte seine Knechte ausschicken, sie einzuholen.
+Wie ging es zu, dass, nachdem die Samenk&ouml;rner in die Erde gesenkt
+waren, der Boden <em class="gesperrt">von selbst</em> Gras, Halm und volle Aehre
+hervorbrachte? &mdash; Darin liegt das Geheimnis.</p>
+
+<p>3. Es wurde ein Senfkorn ges&auml;t; daraus sprosste eine grosse
+Staude hervor, mit Zweigen, dass die V&ouml;gel des Himmels darunter
+wohnen konnten. Wie ging das zu, da doch das Senfkorn
+so klein ist? &mdash; Das ist das Geheimnis.</p>
+
+<p>4. Ein Weib that ein bischen Sauerteig zu einem grossen
+Teig. Nachher war der ganze Teig »Sauerteig«. Wie kann durch
+ein wenig Sauerteig ein grosser Teig durchs&auml;uert werden? &mdash; Das
+ist das Geheimnis.</p>
+
+<p>Diese Gleichnisse sind gar nicht darauf angelegt, gedeutet
+und verstanden zu werden, sondern sie sollen die H&ouml;rer darauf
+aufmerksam machen, dass in den Sachen des Reiches Gottes ein
+Geheimnis sich vorbereitet, wie sie es in der Natur erleben. <em class="gesperrt">Es
+sind Signale.</em> Wie auf die Saat die Ernte folgt, ohne dass
+jemand sagen kann, wie es zuging, so wird auf Jesu Predigt hin
+das Reich Gottes in Macht sich einstellen. So klein, verglichen
+mit dem Zustand des Reiches Gottes, der Kreis auch ist, welchen
+er um sich sammelt, so ist nichtsdestoweniger gewiss, dass es
+sich in der Folge dieser so beschr&auml;nkten sittlichen Erneuerung
+einstellen wird, so gewiss zu erwarten ist, dass die Saat, welche
+zur Zeit, da er spricht, im Boden schlummert, eine herrliche
+Ernte bringen wird. Wartet nicht nur auf die Ernte, sondern
+ <span class="pagenum"><a id="Page_26">[S. 26]</a></span>
+wartet auch auf das Reich Gottes! &mdash; so redete der geistige S&auml;emann
+zu den Galil&auml;ern zur Zeit der Aussaat. Sie sollten, wenn
+sie es ahnen konnten, darauf aufmerksam werden, dass die sittliche
+Erneuerung im Gefolge seiner Predigt in einem notwendigen,
+aber unerkl&auml;rlichen Zusammenhang mit dem Anbrechen des
+Reiches Gottes st&auml;nde. Denn derselbe Gott, der durch die geheimnisvolle
+Kraft in der Natur die Ernte erstehen lassen wird,
+der wird auch das Reich Gottes erstehen lassen.</p>
+
+<p class="pmb3">Darum, als es die Zeit der Ernte war, schickte er seine
+J&uuml;nger aus, zu verk&uuml;nden: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.</p>
+
+
+<h3>2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk
+nach der Aussendung.</h3>
+
+<p>Jesus war allein. Die J&uuml;nger trugen die Kunde von der
+N&auml;he des Reiches in die St&auml;dte Israels. W&auml;hrend das Volk sich
+um ihn dr&auml;ngte, kamen die Gesandten des T&auml;ufers mit ihrer
+Frage. Er entliess sie mit dem Bescheid: das Reich stehe vor
+der Th&uuml;r; man brauche nur die Sprache der Zeichen und Wunder
+zu verstehen. Zum Volk sich wendend, redete er von der Bedeutung
+des T&auml;ufers und seiner W&uuml;rde. Dabei entfiel ihm ein
+Geheimniswort (Mt 11 <span class="antiqua">14</span>: »wenn ihr es zu fassen verm&ouml;gt«,
+Mt 11 <span class="antiqua">15</span>: »wer Ohren hat zu h&ouml;ren, der h&ouml;re«). Johannes ist der
+Elias, d. h. die Pers&ouml;nlichkeit, welche das unmittelbare Einbrechen
+des Reichs anzeigt. »Von den Tagen Johannes des
+T&auml;ufers bis auf diesen Augenblick wird dem Reich Gottes
+Gewalt angethan und die Gewaltth&auml;tigen reissen es an sich.
+Denn die Propheten und das Gesetz haben bis Johannes
+geprophezeit, und wenn ihr es fassen m&ouml;gt, so ist er der
+Elias, der kommen soll. Wer Ohren hat zu h&ouml;ren, der h&ouml;re«
+(Mt 11 <span class="antiqua">12-14</span>).</p>
+
+<p>Dieses Wort widerstrebt aller Exegese, denn es enth&auml;lt gar
+nicht den Gedanken, dass die Einzelnen sich mit Gewalt den
+Eingang ins Reich erzwingen. Was sollte das auch heissen? Inwiefern
+geschieht das von den Tagen des T&auml;ufers an? Das von
+Jesus gebrauchte Bild ist unbegreiflich, wenn es sich um das
+Eintreten Einzelner in das Gottesreich handelt. Ebenso unverst&auml;ndlich
+bleibt es aber, wenn es sich auf die Realisierung des
+Gottesreiches durch Entwicklung beziehen soll. Erstens widerspricht
+das Bild vom Gewaltakt dem Gedanken der Entwicklung;
+ <span class="pagenum"><a id="Page_27">[S. 27]</a></span>
+zweitens datiert der Anfang dieser N&ouml;tigung dann nicht vom
+T&auml;ufer, sondern von Jesus.</p>
+
+<p>Es handelt sich um das Geheimnis des Reiches Gottes,
+darum der Hinweis: wer Ohren hat zu h&ouml;ren, der h&ouml;re. Er
+kommt nur noch bei den Gleichnissen vom Geheimnis des Reiches
+Gottes und als Beschluss apokalyptischer Spr&uuml;che vor (vgl. den
+Gebrauch des Ausdrucks in der Apokalypse: 2 <span class="antiqua">7 11 17 29</span>, 3 <span class="antiqua">6 13 22</span>).
+Die Busse und sittliche Erneuerung auf das Reich Gottes hin
+sind gleichsam ein Druck, der ausge&uuml;bt wird, <em class="gesperrt">um es zu zwingen,
+in die Erscheinung zu treten</em>. Diese Bewegung hat eingesetzt
+mit den Tagen des T&auml;ufers. Darum wird von da an dem
+Reich Gottes Gewalt angethan. Die Gewaltth&auml;tigen, die es an
+sich reissen, sind diejenigen, welche die sittliche Erneuerung
+leisten. Sie ziehen es mit Macht auf die Erde herunter.</p>
+
+<p class="pmb3">Das Wort in der Rede &uuml;ber den T&auml;ufer und die Gleichnisse
+des Reiches Gottes erkl&auml;ren und erg&auml;nzen sich gegenseitig. Die
+Gleichnisse heben vor allem <em class="gesperrt">das Unangemessene</em> in dem Verh&auml;ltnis
+der geleisteten sittlichen Erneuerung zur eintretenden
+Vollkommenheit des Reiches Gottes hervor, w&auml;hrend das Bild
+in dem Ausspruch nach der Aussendung mehr <em class="gesperrt">den zwingenden
+Zusammenhang</em> zwischen beiden herausarbeitet.</p>
+
+
+<h3>3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen
+und j&uuml;dischen Zukunftserwartungen.</h3>
+
+<p>Jesu Ethik h&auml;ngt mit der altprophetischen zusammen, da
+sie, wie jene, durch die Erwartung eines Zustandes der Vollendung
+bedingt ist, welchen Gott herauff&uuml;hren wird. Aber auch
+das Geheimnis des Reiches Gottes, wonach die sittliche Erneuerung
+das &uuml;bernat&uuml;rliche Kommen des Reiches herbeif&uuml;hrt, entspricht
+dem prophetischen Grundgedanken. Bei den Propheten
+ist das Verh&auml;ltnis zwischen der sittlichen Umkehr, welche sie herbeif&uuml;hren
+wollen, und dem Herrlichkeitszustand, welchen Gott
+am Tage des Gerichts herauff&uuml;hren wird, kein rein zeitliches,
+sondern es beruht auf einem &uuml;bernat&uuml;rlichen kausalen Zusammenhang.
+Das gottwidrige Verhalten zieht den Tag des Gerichts
+und der Verdammnis herbei. Darum z&uuml;chtigt Gott das Volk und
+gibt es in die Hand seiner Bedr&auml;nger. Wenn es sich aber zur
+sittlichen Umkehr entschliesst, wenn es in gl&auml;ubigem Vertrauen
+bei ihm allein Zuflucht sucht, wenn Gerechtigkeit und Wahrheit
+unter ihnen herrschen, dann wird ihm der Herr Recht schaffen vor
+ <span class="pagenum"><a id="Page_28">[S. 28]</a></span>
+seinen Bedr&auml;ngern und seine Herrlichkeit wird aufgehen &uuml;ber Israel,
+dem die V&ouml;lker dienstbar werden. An jenem Tage wird
+dann der Friede &uuml;ber die ganze Welt und auch &uuml;ber die Natur
+ausgegossen werden.</p>
+
+<p>Nach dem Exil wirkt dieser Gedanke in der Auffassung vom
+Gesetz weiter. Durch das Halten des Gesetzes wird der Herrlichkeitszustand
+von Gott erzwungen. Nicht der einzelne, sondern
+die Gesamtheit wirkt durch das Gesetz auf Gott. Diese
+generelle Betrachtungsweise ist die prim&auml;re, die individualistische
+erst die sekund&auml;re. »Israel w&uuml;rde erl&ouml;st werden, wenn es nur
+zwei Sabbate hielte, wie es sich geb&uuml;hrte« (Schabbath 118<sup>b</sup>.
+<span class="smcap">W&uuml;nsche</span>, System der altsynagogalen pal&auml;stinensischen Theologie
+1880 S. 299). Hier begegnet uns der altprophetische Gedanke
+in gesetzlicher Ver&auml;usserlichung.</p>
+
+<p>Im allgemeinen herrschte aber sp&auml;ter die individualistische
+Betrachtung vor. Das Gesetz und das sittliche Verhalten &uuml;berhaupt
+waren nur die Vorbereitung auf den erwarteten Herrlichkeitszustand.
+An Stelle der lebendigen generellen prophetischen
+Auffassung trat eine individuelle, unlebendige. <em class="gesperrt">Die Eschatologie
+wurde Rechenexempel und die Ethik Kasuistik.</em></p>
+
+<p>Da Jesus aber auf den ethischen Grundgedanken der prophetischen
+Zeit zur&uuml;ckgriff, handelte es sich f&uuml;r ihn nicht um
+reine Zukunfts<em class="gesperrt">erwartung</em>. Sp&auml;tj&uuml;disch an ihm ist nur die Form,
+in der er sich das Eintreten dieses Endzustandes denkt. Er erfasst
+es nicht mehr unter dem Gesichtspunkt des Eingreifens
+Gottes in die V&ouml;lkergeschichte, wie die Propheten, sondern unter
+dem der kosmischen Endkatastrophe. Seine Eschatologie ist
+Daniel'sche Apokalyptik, weil das Reich durch den Menschensohn
+herbeigef&uuml;hrt wird, wenn er auf den Wolken des Himmels
+erscheint (Mk 8 <span class="antiqua">38</span>-9 <span class="antiqua">1</span>).</p>
+
+<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Das Geheimnis des Reiches Gottes ist also die
+Synthese eines souver&auml;nen Geistes zwischen der altprophetischen
+Ethik und der Daniel'schen Apokalyptik.</em>
+Daher wurzelt Jesu Eschatologie in seiner Zeit und steht
+doch so hoch &uuml;ber ihr. F&uuml;r die Zeitgenossen handelte es sich
+um <em class="gesperrt">Erwartung</em> des Reichs, um das Ausdenken und Ausmalen
+aller Momente der grossen Katastrophe und um die Vorbereitung
+darauf, f&uuml;r Jesus um die <em class="gesperrt">Herbeif&uuml;hrung</em> des erwarteten Ereignisses
+durch die sittliche Erneuerung. <em class="gesperrt">Aus der eschatologischen
+Ethik wird ethische Eschatologie.</em></p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_29">[S. 29]</a></span></p>
+
+
+<h3>4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme
+der gl&uuml;cklichen galil&auml;ischen Periode.</h3>
+
+<p>Dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge ist das Eintreten
+des Reiches unabh&auml;ngig von der Allgemeinheit des Erfolgs der
+Predigt Jesu. Er betont ja gerade, dass die Beschr&auml;nktheit des
+Kreises, welcher die sittliche Erneuerung leistet, in gar keinem
+Verh&auml;ltnis steht zu der allumfassenden Gr&ouml;sse des Reichs, das
+auf Grund ihres Verhaltens eintritt. Es gen&uuml;gt, dass ein geringer
+Teil der Aussaat auf das gute Land f&auml;llt &mdash; und die &uuml;berreiche
+Ernte ist da, durch Gottes Macht. Nicht durch die Menge, sondern
+durch die Gewaltt&auml;tigen wird das Reich herbeigen&ouml;tigt.</p>
+
+<p>Darum macht das Geheimnis des Reiches Gottes die Annahme
+einer erfolgreichen galil&auml;ischen Periode ganz &uuml;berfl&uuml;ssig.
+Jesus kann sich der Erwartung der baldigen Realisierung des
+Reichs hingeben, auch wenn er die gr&ouml;ssten Misserfolge erlebt
+und ganze Ortschaften sich seiner Predigt verschliessen. Sie
+halten damit das Reich Gottes nicht auf, sondern sie &uuml;berliefern
+sich nur selbst dem Gericht, denn das Reich tritt notwendig ein
+auf Grund der sittlichen Erneuerung der Kreise, die sich um Jesu
+sammeln.</p>
+
+<p class="pmb3">Die Richtigkeit der Deutung des Geheimnisses des Reiches
+Gottes zeigt sich also darin, dass sie eine zur Erkl&auml;rung des Lebens
+Jesu sonst absolut unumg&auml;ngliche, historisch aber in keiner
+Weise zu begr&uuml;ndende Annahme unn&ouml;tig macht.</p>
+
+
+<h3>5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus
+Jesu.</h3>
+
+<p>So lange die sittliche Erneuerung auf Grund der Predigt
+Jesu mit der Realisierung des Reiches durch den modernen Gedanken
+der Entwicklung in Beziehung gesetzt wird, ist auch die
+Korrelatgr&ouml;sse zur Vollendung des Reichs modern, n&auml;mlich »<em class="gesperrt">die
+sittliche Menschheit als Gesamtheit</em>«. Man mutet dann
+Jesu zu, dass er in Gedanken voraussieht, wie die neue sittliche
+Gemeinschaft, die er gr&uuml;ndet, sich immer weiter ausbreitet, ganz
+Israel ergreift &mdash; hier bricht aber der Gedanke Jesu ab; universalistische
+Ideen darf man ihm nicht unterschieben, denn die
+Aussendungsrede zeigt, dass er f&uuml;r die sittliche Erneuerung nicht
+&uuml;ber die Grenzen Israels hinaus reflektiert. Mt 10 <span class="antiqua">5</span> u. <span class="antiqua">6</span>:
+Ziehet auf keiner Heidenstrasse und betretet keine Samariterstadt;
+ <span class="pagenum"><a id="Page_30">[S. 30]</a></span>
+gehet aber vielmehr zu den verlornen Schafen des Hauses
+Israel.</p>
+
+<p>Die Predigt des Reiches Gottes ist also partikularistisch;
+das Reich selbst aber ist universalistisch, »denn sie werden kommen
+von Mitternacht und von Mittag, vom Morgen und vom
+Abend«. Das Geschlecht, das ein Wunder verlangt, wird ein
+solches erleben: Die Niniviten werden am Tage des Gerichts aufstehen
+und es verdammen, weil sie Busse gethan haben auf die
+Predigt des Jonas hin, »und hier ist mehr denn Jonas«. Auch
+die K&ouml;nigin von Mittag wird den Zeitgenossen Jesu dann als
+Richterin erstehen, denn sie machte sich auf, um die Weisheit
+Salomos zu h&ouml;ren, »und hier ist mehr denn Salomo« (Mt 12 <span class="antiqua">41-42</span>).</p>
+
+<p class="pmb3">F&uuml;r das moderne Bewusstsein ist dieser Widerspruch zwischen
+dem Partikularismus in der Verk&uuml;ndigung des Reiches und
+dem Universalismus in der Vollendung desselben un&uuml;berwindbar,
+weil es sich alles durch den Begriff der Entwicklung denkt. In
+dem Geheimnis des Reiches Gottes aber gehen Partikularismus
+und Universalismus mit einander auf. Das Reich ist universalistisch,
+denn es ersteht aus dem kosmischen Akt, bei welchem
+Gott die Gerechten aller Zeiten und aller V&ouml;lker zur Herrlichkeit
+erweckt. Die Herbeif&uuml;hrung des Reiches hingegen fusst auf dem
+Partikularismus, denn es wird durch die sittliche Erneuerung der
+Volksgenossen Jesu herbeigen&ouml;tigt. Das Heil kommt aus Israel.</p>
+
+
+<h3>6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum
+Gesetz und zum Staat.</h3>
+
+<p>Jesus hat sich weder f&uuml;r noch gegen das Gesetz ausgesprochen.
+Er erkannte es einfach als etwas Bestehendes an, ohne sich
+daran zu binden. Zu einer prinzipiellen Stellungnahme, ob es
+verbindlich oder nicht verbindlich sei, f&uuml;hlte er keine N&ouml;tigung.
+Diese Frage war f&uuml;r ihn gegenstandslos. Auf die neue Sittlichkeit,
+nicht auf das Gesetz kam es an. Heilig und unverletzlich
+war ihm dieses Gesetz, sofern es den Weg zur neuen Sittlichkeit
+wies. Aber damit hob es sich selbst auf; denn in dem Reich, das
+auf Grund der neuen Sittlichkeit in Erscheinung trat, war es abgethan,
+da der Vollendungszustand &uuml;bergesetzlich und &uuml;berethisch
+war. Bis dahin bestand es zu Recht. Ob das Gesetz auch
+f&uuml;r seine Anh&auml;nger in Zukunft gelten sollte, diese Frage existierte
+f&uuml;r ihn nicht, sondern erst die Geschichte hat sie der ersten Gemeinde
+gestellt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_31">[S. 31]</a></span></p>
+
+<p class="pmb3">Mit dem Staat verhielt es sich ebenso. Die Frage, die man
+ihm in den jerusalemitischen Tagen stellte, war f&uuml;r ihn gegenstandslos.
+Als er den Pharis&auml;ern auf ihre Frage antwortete, ob
+man dem Kaiser den Zins geben sollte, dachte er nicht daran,
+seine und seiner Anh&auml;nger Stellung zum Staat festzulegen. Wie
+konnte man sich nur mit solchen Dingen aufhalten! Der Staat
+war ja irdisches, also ung&ouml;ttliches Herrschen. Sein Bestand
+reichte also nur bis zur anbrechenden Gottesherrschaft. Da diese
+nahe bevorstand, was brauchte man sich entscheiden, ob man der
+Weltmacht tributpflichtig sein wollte oder nicht? Man liess sie
+eben &uuml;ber sich ergehen; ihr Ende war ja da. Gebt dem Kaiser,
+was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist (Mk 12 <span class="antiqua">17</span>) &mdash; dieses
+Wort ist mit einer souver&auml;nen Ironie gesprochen gegen die
+Pharis&auml;er, die so wenig die Zeichen der Zeit verstehen, dass das
+noch eine Frage f&uuml;r sie bildet. Sie sind gerade so th&ouml;richt in den
+Sachen des Reiches Gottes, wie die Sadduc&auml;er mit ihrer Vexierfrage,
+welchem Gatten das siebenmal verheiratete Weib bei der
+Auferstehung geh&ouml;ren wird, denn auch sie lassen eines ausser
+Berechnung: die Macht Gottes (Mk 12 <span class="antiqua">24</span>).</p>
+
+
+<h3>7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu.</h3>
+
+<p>»Es sei die Maxime in jeder wissenschaftlichen Untersuchung,
+mit aller m&ouml;glichen Genauigkeit und Offenheit seinen Gang ungest&ouml;rt
+fortzusetzen, ohne sich an das zu kehren, wowider sie
+ausser ihrem Felde etwa verstossen m&ouml;chte, sondern sie f&uuml;r sich
+allein, so viel man kann, wahr und vollst&auml;ndig zu vollf&uuml;hren.
+Oeftere Beobachtung hat mich &uuml;berzeugt, dass, wenn man diese
+Gesch&auml;fte zu Ende gebracht hat, das, was in der H&auml;lfte derselben,
+in Betracht anderer Lehren ausserhalb, mir bisweilen
+sehr bedenklich schien, wenn ich diese Bedenklichkeit nur so
+lange aus den Augen liess und bloss auf mein Gesch&auml;ft achthatte,
+bis es vollendet sei, endlich auf unerwartete Weise mit
+demjenigen vollkommen zusammenstimmte, was sich ohne die
+mindeste R&uuml;cksicht auf jene Lehren, ohne Parteilichkeit und
+Vorliebe f&uuml;r dieselbe, von selbst gefunden hatte<a id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>.«</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[S. 32]</a></span></p>
+
+<hr class="tb" />
+
+<p><span class="smcap">Kant</span> spricht dieses tiefe Wort in dem Augenblick, wo ihm
+die Zusammenstimmung des transcendentalen Freiheitsbegriffs
+mit dem praktischen aufgeht. Mit dem Verh&auml;ltnis der Ethik Jesu
+zu seiner Eschatologie steht es ebenso. Es ist ein Postulat unserer
+christlichen Ueberzeugung, dass die Ethik Jesu in ihrem Grundgedanken
+modern sei. Darum kommen wir immer wieder dazu,
+in seiner Ethik das Moderne zu suchen und daf&uuml;r seine Eschatologie,
+da sie uns unmodern scheint, in den Hintergrund zu dr&auml;ngen.
+Entschliesst man sich aber, dieses in unserem Wesen so tiefbegr&uuml;ndete
+und so berechtigte Interesse f&uuml;r einen Augenblick
+ausser acht zu lassen und das Verh&auml;ltnis seiner Eschatologie zur
+Ethik rein f&uuml;r sich, geschichtlich zu betrachten, so f&ouml;rdert die
+Untersuchung das &uuml;berraschende Resultat zu Tage, dass die
+letztere in einem viel h&ouml;heren Masse modern ist, als man bisher
+zu hoffen wagte. Jesu Ethik ist modern, nicht etwa, weil die
+Eschatologie dabei Begleitgedanke ist, sondern gerade, weil sie
+von dieser Eschatologie vollst&auml;ndig abh&auml;ngig ist! Diese Eschatologie
+selbst, wie sie sich in dem Geheimnis des Reiches Gottes
+darstellt, ist n&auml;mlich durchaus modern, indem sie von dem Grundgedanken
+beherrscht wird, dass auf die religi&ouml;s-sittliche Erneuerung
+hin, welche die Gl&auml;ubigen leisten, das Reich Gottes eintreten
+wird. <em class="gesperrt">Jede sittlich-religi&ouml;se Beth&auml;tigung ist also
+Arbeit am Kommen des Reiches Gottes.</em></p>
+
+<p>Als durch die Geschichte die Eschatologie in dieser ethisch-eschatologischen
+Weltanschauung langsam verblich, da blieb eine
+ethische Weltanschauung, in der die Eschatologie durch sieghafte
+Begeisterung und den unverg&auml;nglichen Glauben an den
+Endsieg des Guten weiterlebte. Das Geheimnis des Reiches
+Gottes enth&auml;lt das Geheimnis der christlichen Weltanschauung
+&uuml;berhaupt. Die ethische Eschatologie Jesu ist die <em class="gesperrt">heroische
+Form</em>, in der die modern-christliche Weltanschauung in die Geschichte
+eintrat!</p>
+
+
+<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;note:</b>
+
+<div class="footnote">
+<p class="pmb2"><a id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Kritik der praktischen Vernunft. Ed. Reclam S. 129.</p>
+</div>
+</div>
+
+
+<p class="break" />
+
+<p class="pmb3" />
+
+
+<h2 id="Funftes_Kapitel">F&uuml;nftes Kapitel.<br /><br />
+
+Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.</h2>
+
+
+<p>In der letzten Periode seines Lebens hat Jesus noch einmal
+Gleichnisse vom Reich Gottes geredet. Der Weinberg Gottes
+(Mt 21 <span class="antiqua">33-46</span>). Die k&ouml;nigliche Hochzeit (Mt 22 <span class="antiqua">1-14</span>). Der
+wachende Knecht (Mt 24 <span class="antiqua">42-47</span>). Die zehn Jungfrauen (Mt 25
+<span class="antiqua">1-13</span>). Die anvertrauten Pfunde (Mt 25 <span class="antiqua">14-30</span>).</p>
+
+<p>Diese Gleichnisse enthalten, im Unterschied zu denen vom
+Geheimnis des Gottesreiches, kein Geheimnis, sondern es sind
+ <span class="pagenum"><a id="Page_33">[S. 33]</a></span>
+reine <em class="gesperrt">Lehrgleichnisse</em>, aus denen eine Moral zu ziehen ist.
+Das Reich Gottes ist nahe. Nur diejenigen werden als dazu geh&ouml;rig
+erfunden werden, die sich durch ihr sittliches Verhalten
+darauf einrichten.</p>
+
+<p>Daf&uuml;r enth&auml;lt aber die zweite Periode <em class="gesperrt">das Geheimnis
+des Leidensgedankens</em>. Wie wir gesehen haben, f&uuml;hren die
+Ausspr&uuml;che Jesu auf eine geheimnisvolle kausale Verbindung
+zwischen dem Leiden und dem Eintreten des Reichs, weil die
+Eschatologie und der Leidensgedanke immer nebeneinander
+auftreten und die Zukunftserwartungen der J&uuml;nger jedesmal
+durch seine Leidensank&uuml;ndigung aufs h&ouml;chste gesteigert
+werden.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Das Geheimnis des Leidensgedankens nimmt also
+das Geheimnis des Reiches Gottes wieder auf und
+setzt es fort.</em> Zu der sittlichen Erneuerung, welche dem Geheimnis
+des Reiches Gottes zufolge auf das Eintreten des
+Reiches eine n&ouml;tigende Gewalt aus&uuml;bt, <em class="gesperrt">tritt die s&uuml;hnende
+Todesleistung Jesu hinzu</em>. Sie vollendet die Busse derer,
+die an das Kommen des Reiches glauben. Dadurch tritt Jesus
+den Gewaltth&auml;tigen, die das Reich herbein&ouml;tigen, zur Seite. Die
+Gewalt, die er dabei anwendet, ist die denkbar h&ouml;chste &mdash; er
+gibt sein Leben hin.</p>
+
+<p>Der Leidensgedanke ist also die Umformung des Geheimnisses
+vom Reich Gottes. Darum ist er ebensowenig darauf berechnet,
+von den andern begriffen zu werden, als die Gleichnisse
+vom Geheimnis des Reiches Gottes. Es handelt sich beidemal
+um eine nicht weiter zu ergr&uuml;ndende Thatsache.</p>
+
+<p>Der Zusammenhang zwischen dem Leidensgedanken und
+dem Geheimnis des Reiches Gottes garantiert die Kontinuit&auml;t
+in Jesu Gedankenwelt. Alle Konstruktionen, die man unternommen
+hat in der Absicht, diese Kontinuit&auml;t herzustellen, waren
+unverm&ouml;gend, das Geforderte zu leisten. Die Aufnahme des
+Leidensgedankens bedeutete in allen F&auml;llen eine totale Ver&auml;nderung
+seiner Reichs- und Weltanschauung. Stellt man aber
+den Leidensgedanken in den grossen Zusammenhang des Geheimnisses
+des Reiches Gottes, so ist die Kontinuit&auml;t nat&uuml;rlich
+gegeben. Der Gedanke der &uuml;bernat&uuml;rlichen Herbeif&uuml;hrung des
+Reiches Gottes durchzieht Jesu ganzes Leben, wobei der Leidensgedanke
+nur die Formulierung desselben in der zweiten Periode
+darstellt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[S. 34]</a></span></p>
+
+<p>Wodurch nimmt das Geheimnis des Reiches Gottes die
+Form des Leidensgeheimnisses an?</p>
+
+<p>Warum muss die S&uuml;hne Jesu vollendend zur sittlichen Erneuerung
+und zur Busse der reichsgl&auml;ubigen Gemeinschaft hinzutreten?</p>
+
+<p class="pmb3">Inwiefern kommt dem S&uuml;hnetod Jesu eine Einwirkung auf
+das Eintreten des Reiches zu?</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<h2 id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.<br /><br />
+
+Die W&uuml;rde Jesu auf Grund seiner &ouml;ffentlichen
+Wirksamkeit.</h2>
+<p class="pmb2" />
+
+
+<h3>1. Das Problem und die Thatsachen.</h3>
+
+<p>Das Erlebnis bei der Taufe bedeutet den Anfangspunkt des
+Messianit&auml;tsbewusstseins Jesu. In der Gegend von C&auml;sarea
+Philippi offenbart er den J&uuml;ngern sein Geheimnis. Oeffentlich
+bekennt er sich erst vor dem Hohenpriester zu seiner messianischen
+W&uuml;rde. Seiner Predigt vom Reiche Gottes liegt also das
+Messianit&auml;tsbewusstsein zwar zu Grunde. Bei den Zuh&ouml;rern
+setzt er aber die Kenntnis der Stellung, welche ihm zukommt,
+nicht voraus. <em class="gesperrt">Der Glaube, den er verlangt, hat nichts mit
+seiner Person zu thun, sondern er bezieht sich nur auf
+die Botschaft von der N&auml;he des Reichs.</em> Erst der vierte
+Evangelist stellt die Geschichte so dar, als handelte es sich um
+die Pers&ouml;nlichkeit Jesu.</p>
+
+<p>Nun k&ouml;nnen wir nicht ermessen, inwieweit seine W&uuml;rde f&uuml;r
+solche, die ein aufgewecktes Verst&auml;ndnis hatten, in seiner Verk&uuml;ndigung
+durchschien. Eines ist sicher: bis in die Zeit nach
+der Aussendung hat niemand im entferntesten daran gedacht,
+in ihm den Messias zu erkennen. Bei C&auml;sarea Philippi antworten
+die J&uuml;nger ihm nur, dass das Volk ihn f&uuml;r einen Propheten oder
+f&uuml;r den Vorl&auml;ufer Elias halte, und sie selbst wissen nicht anders.
+Denn Petrus hat, wie Jesus selbst sagt, seine Kenntnis nicht aus
+dem Wirken und Reden seines Meisters erschlossen, sondern er
+verdankt sie einer &uuml;bernat&uuml;rlichen Offenbarung.</p>
+
+<p>Nach dieser Fundamentalthatsache m&uuml;ssen die synoptischen
+Notizen beurteilt werden. <em class="gesperrt">Zuerst</em> stehen dazu eine Reihe
+matth&auml;ischer Stellen in Spannung.</p>
+
+<p>Mt 9 <span class="antiqua">27-31</span>, in der galil&auml;ischen Parallele zur Blindenheilung
+in Jericho, wird berichtet, dass ihn zwei Blinde durch den ganzen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_35">[S. 35]</a></span>
+Ort mit dem Ruf »Davidssohn« verfolgt haben. Was dann die
+Warnung Jesu, »dass es niemand erfahre«, bedeuten soll, bleibt
+allerdings dunkel.</p>
+
+<p>Mt 12 <span class="antiqua">23</span> raunen sich die Leute nach einer wunderbaren
+Heilung zu, ob das nicht der Davidssohn sei.</p>
+
+<p>Mt 14 <span class="antiqua">33</span> fallen die J&uuml;nger nach dem Erlebnis auf der See
+im Schiff vor ihm nieder und sprechen: »du bist wahrhaftig Gottes
+Sohn.«</p>
+
+<p>Mt 15 <span class="antiqua">22</span> redet die Kanan&auml;erin ihn als den Davidssohn an,
+w&auml;hrend sie bei Markus ihm einfach zu F&uuml;ssen f&auml;llt und um H&uuml;lfe
+bittet.</p>
+
+<p>In allen diesen Stellen liegt matth&auml;isches Sondergut vor, das
+einer sekund&auml;ren litterarischen Schicht angeh&ouml;rt. F&uuml;r die Geschichte
+Jesu haben sie keine Bedeutung, wohl aber f&uuml;r die Geschichte
+der Geschichte Jesu. Sie zeigen uns n&auml;mlich, wie die
+sp&auml;tere Zeit immer mehr dazu kam, sein Leben von der Voraussetzung
+aus darzustellen, dass nicht nur er sich als Messias wusste,
+sondern dass auch die andern diesen Eindruck von ihm hatten.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">An zweiter Stelle</em> handelt es sich um die <em class="gesperrt">Anrede der
+D&auml;monischen</em>. Nach Mk 3 <span class="antiqua">11</span> warfen sich die unreinen Geister,
+so oft sie ihn erblickten, vor ihm nieder und riefen ihn als Gottessohn
+an (vgl. auch Mk 1 <span class="antiqua">24</span> und Mk 5 <span class="antiqua">7</span>). Zwar wehrte er diesen
+Rufen und gebot Schweigen. H&auml;tten wir aber nicht die unumst&ouml;sslich
+sichere Kunde, dass w&auml;hrend seiner ganzen galil&auml;ischen
+Wirksamkeit das Volk nichts weiter wusste, als dass er ein Prophet
+oder der Elias sei, so m&uuml;ssten wir annehmen, dass diese
+D&auml;monenrufe die Leute auf seine W&uuml;rde irgendwie aufmerksam
+machten. So aber ersehen wir gerade aus der Nichtbeachtung
+der D&auml;monenrufe mit Bestimmtheit, wie weit man davon entfernt
+war, in ihm den Messias zu vermuten. Wer glaubte denn dem
+Teufel und dem irren Gerede Besessener?</p>
+
+<p><em class="gesperrt">An dritter Stelle</em> handelt es sich um den Ausdruck
+»<em class="gesperrt">Menschensohn</em>«. Hat Jesus ihn vor C&auml;sarea Philippi als
+Selbstbezeichnung gebraucht, so liegt darin in jedem Falle eine
+messianische Andeutung, denn jeder musste diesen Daniel'schen
+Ausdruck auf die Pers&ouml;nlichkeit der Endzeit beziehen.</p>
+
+<p>Als Selbstbezeichnung <em class="gesperrt">vor</em> C&auml;sarea Philippi verwendet ihn
+Jesus bei Markus zweimal (Mk 2 <span class="antiqua">10</span> und 2 <span class="antiqua">28</span>) und in einer Reihe
+matth&auml;ischer Sonderstellen (8 <span class="antiqua">20</span>, 11 <span class="antiqua">19</span>, 12 <span class="antiqua">32</span>, 12 <span class="antiqua">40</span>, 13 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">41</span>
+und 16 <span class="antiqua">13</span>). Auch f&uuml;r die Beurteilung dieser Stellen muss man
+ <span class="pagenum"><a id="Page_36">[S. 36]</a></span>
+von dem festen Punkt, der in der Antwort der J&uuml;nger bei
+C&auml;sarea Philippi gegeben ist, ausgehen.</p>
+
+<p>Entweder hat Jesus den Ausdruck damals noch nicht gebraucht.
+Dann sind diese Menschensohnstellen chronologisch verfr&uuml;ht
+oder es handelt sich um rein litterarische Erscheinungen.</p>
+
+<p>Oder aber er hat den Ausdruck schon gebraucht. Dann
+muss er es in einer solchen Weise gethan haben, dass niemand
+auf den Gedanken kommen konnte, er nehme die W&uuml;rde des
+Daniel'schen Menschensohns f&uuml;r sich in Anspruch.</p>
+
+<p>Das Problem der zweiten Periode ist noch schwieriger. Die
+J&uuml;nger wissen um sein Geheimnis, aber sie d&uuml;rfen es niemand
+offenbaren. Wie steht es aber mit dem Volk? War diesem jetzt
+eine Ahnung von der messianischen W&uuml;rde Jesu aufgegangen?</p>
+
+<p>Das Problem hat es also mit drei Thatsachen zu thun.</p>
+
+<p>1. Die ganze Diskussion in den jerusalemitischen Tagen
+dreht sich in keiner Weise um die messianische W&uuml;rde Jesu,
+sondern es handelt sich um gesetzliche Thesen und um Tagesfragen.
+Man hat bisher viel zu wenig Gewicht darauf gelegt, dass
+weder das Volk noch die Schriftgelehrten irgendwie zu ihm als
+<em class="gesperrt">der messianischen Pers&ouml;nlichkeit</em> Stellung nehmen. Wie
+ganz anders w&auml;ren die jerusalemitischen Tage gewesen, wenn es
+sich darum gehandelt h&auml;tte: ist er der Messias &mdash; ist er es nicht?
+Kann er es sein &mdash; kann er es nicht sein? In Wirklichkeit ist er
+nur die Autorit&auml;tsperson des galil&auml;ischen Volkes, vor welche die
+Hauptstadtgelehrten ihre Schulfragen bringen, sei es in aufrichtiger
+Gesinnung, sei es in der perfiden Absicht, seine Autorit&auml;t
+zu vernichten.</p>
+
+<p>2. In dieser zweiten Periode hat Jesus das Volk nur einige
+Tage um sich gehabt: vom Jordan&uuml;bergang bis zu seinem Tode.
+W&auml;hrend dieser Zeit hat er ihnen keine Er&ouml;ffnung &uuml;ber seine Messianit&auml;t
+gemacht, auch keine Anspielung, die sie dahin verstehen
+konnten und mussten. Die gedungenen Zeugen wissen nichts
+derartiges vorzubringen. Das Bemerkenswerte an ihrer Aussage,
+worauf man auch viel zu wenig Gewicht zu legen geneigt ist, besteht
+ja gerade darin, <em class="gesperrt">dass sie ihn in keiner Weise beschuldigen,
+Messias sein zu wollen</em>. F&uuml;r sie ersch&ouml;pft sich seine
+frevelhafte Pr&auml;tention in dem respektwidrigen Ausspruch &uuml;ber
+den Tempel. Man stelle sich die Gerichtsverhandlung vor, wenn
+die gedungenen Ankl&auml;ger in Jesu Reden messianische Anspielungen
+auf sich selbst entdeckt h&auml;tten!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_37">[S. 37]</a></span></p>
+
+<p>3. Von hier aus kommt man notwendig zu dem Urteil, dass
+er f&uuml;r das Volk in Jerusalem bis zur letzten Stunde war, was er
+in Galil&auml;a gewesen: der grosse Prophet oder der Vorl&auml;ufer, in
+keiner Weise aber der Messias! Damit vertragen sich aber zwei
+Thatsachen nicht.</p>
+
+<p>Der Einzug in Jerusalem war &mdash; der gew&ouml;hnlichen Auffassung
+zufolge &mdash; <em class="gesperrt">eine messianische Ovation</em>. Also musste
+das Volk die W&uuml;rde Jesu ahnen.</p>
+
+<p>Der Hohepriester stellte die Frage an ihn, <em class="gesperrt">ob er der
+Messias w&auml;re</em>. Also wusste er um Jesu Anspr&uuml;che.</p>
+
+<p>Es handelt sich hier um die klare Frage: galt Jesus in den
+jerusalemitischen Tagen als messianischer Pr&auml;tendent oder nicht?
+Man darf sich diese Frage nicht dadurch verdunkeln, dass man
+von einem mehr oder weniger klaren »Ahnen« in dieser Sache
+redet. Das »Ahnen der Messianit&auml;t Jesu« ist eine moderne Erfindung.
+Eine Volksmasse w&auml;re nicht von dunkelm geheimnisvollem
+Ahnen hin- und herbewegt worden, sondern es h&auml;tte sich
+um Glauben oder Nichtglauben gehandelt. Wer daf&uuml;r hielt, er
+sei der Messias, musste mit ihm durch Feuer und Tod gehen, der
+Herrlichkeit entgegen. Wer nicht daf&uuml;r hielt, solche Pr&auml;tention
+bei ihm aber auch nur ahnte, der musste das Signal geben, den
+Gottesl&auml;sterer zu steinigen. Ein Drittes gab es nicht.</p>
+
+<p>Die allgemeinen Thatsachen sprechen daf&uuml;r, dass Volk und
+Pharis&auml;er in den jerusalemitischen Tagen Jesu keine messianischen
+Pr&auml;tentionen beilegten, ebensowenig wie fr&uuml;her. Nur bleibt
+dann der Einzug in Jerusalem, als messianische Ovation verstanden,
+ein R&auml;tsel, und ebenso ist es unerkl&auml;rlich, wie der Hohepriester
+darauf kommt, ihn nach seiner Messianit&auml;t zu fragen.</p>
+
+<p>Entweder verh&auml;lt es sich hiermit so, wie man gew&ouml;hnlich
+annimmt. Dann muss man auf jedes geschichtliche Verst&auml;ndnis
+der letzten &ouml;ffentlichen Periode Jesu verzichten. Es geht nicht
+an, dass er am Anfang (Einzug in Jerusalem) und am Ende derselben
+(Frage des Hohenpriesters vor Gericht) f&uuml;r den Messias gehalten
+wurde, w&auml;hrend die dazwischen liegenden jerusalemitischen
+Tage davon nicht das geringste wissen.</p>
+
+<p>Oder man hat den Einzug und die Frage des Hohenpriesters
+geschichtlich missverstanden. Galt die Ovation dem messianischen
+Pr&auml;tendenten? Sprach der Hohepriester in seiner Frage etwas
+aus, worum alle wussten? Hat er die behauptete Messianit&auml;t aus
+Jesu Leben, Wirken und Reden erschlossen &mdash; oder wusste er
+ <span class="pagenum"><a id="Page_38">[S. 38]</a></span>
+vielleicht nur durch Verrat um das innerste Geheimnis Jesu, das
+nur den Vertrauten seit C&auml;sarea Philippi bekannt war?</p>
+
+<p class="pmb3">In seiner vollen Schwierigkeit erh&auml;lt das Messianit&auml;tsproblem
+folgende Formulierung: Wie war es m&ouml;glich, dass Jesus sich von
+Anfang an als Messias wusste und dennoch seine Messianit&auml;t in
+seiner &ouml;ffentlichen Predigt vom Reich bis zum letzten Augenblick
+nicht zur Geltung kommen liess? Wie konnte dem Volke auf die
+Dauer verborgen bleiben, dass diese Reden vom messianischen
+Bewusstsein aus gesprochen waren? <em class="gesperrt">Jesus war ein Messias,
+der es w&auml;hrend seiner &ouml;ffentlichen Wirksamkeit nicht
+sein wollte, nicht zu sein brauchte und nicht sein durfte,
+um seine Mission zu erf&uuml;llen! So stellt die Geschichte
+das Problem.</em></p>
+
+
+<h3>2. Jesus der Elias, durch die Solidarit&auml;t mit dem
+Menschensohn.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Welche W&uuml;rde konnte und musste das Volk Jesu
+auf seine &ouml;ffentliche Wirksamkeit hin beilegen?</em> Das ist
+die Frage, um die es sich jetzt handelt.</p>
+
+<p>Der Messias und das messianische Reich geh&ouml;ren unzertrennlich
+zusammen. Wenn daher Jesus ein gegenw&auml;rtiges messianisches
+Reich gepredigt h&auml;tte, w&auml;re zugleich die Notwendigkeit an
+ihn herangetreten, den Messias kenntlich zu machen; er h&auml;tte damit
+beginnen m&uuml;ssen, sich vor dem Volk als Messias zu legitimieren.</p>
+
+<p>Nun war aber seine Predigt vom Reich futurisch; damit war
+vollst&auml;ndig ausgeschlossen, dass jemand darauf kommen konnte,
+in ihm den Messias zu vermuten. <em class="gesperrt">War das Reich futurisch,
+so war es auch der Messias.</em> Wenn Jesus dennoch messianische
+Anspr&uuml;che hatte, so lag dieser Gedanke dem Volk
+vollst&auml;ndig fern, denn seine Reichspredigt schloss auch die
+leiseste derartige Mutmassung aus. Darum konnten auch die
+D&auml;monenschreie die Leute nicht auf die richtige Spur bringen.</p>
+
+<p>Vollends unm&ouml;glich gemacht waren derartige Mutmassungen
+durch die Art, wie Jesus von dem Messias als futurischer Pers&ouml;nlichkeit
+in der dritten Person redet. Den J&uuml;ngern k&uuml;ndigt er bei
+der Aussendung an, dass der Menschensohn erscheinen wird, ehe
+sie mit den St&auml;dten Israels zu Ende sein werden (Mt 10 <span class="antiqua">23</span>). Mk
+8 <span class="antiqua">38</span> verheisst er dem Volk das baldige Erscheinen des Menschensohns
+zum Gericht und das Kommen des Reiches Gottes in Kraft.
+Ebenso redet er noch in Jerusalem von dem Gericht, das der
+ <span class="pagenum"><a id="Page_39">[S. 39]</a></span>
+Menschensohn abhalten wird, wenn er in seiner Herrlichkeit umgeben
+von den Engeln erscheinen wird (Mt 25 <span class="antiqua">31</span>).</p>
+
+<p>Nur die J&uuml;nger nach der Offenbarung zu C&auml;sarea Philippi
+und der Hohepriester nach dem »Ja« Jesu konnten eine pers&ouml;nliche
+Beziehung zwischen ihm und dem Menschensohn, von dessen
+Kommen er sprach, statuieren, da sie um sein Geheimnis wussten.
+Sonst aber blieben f&uuml;r die H&ouml;rer <em class="gesperrt">Jesus von Nazareth</em> und der,
+von welchem die Rede war, <em class="gesperrt">der Menschensohn</em>, zwei vollst&auml;ndig
+verschiedene Pers&ouml;nlichkeiten.</p>
+
+<p>Vor dem Volk deutet Jesus nur an, dass der Menschensohn
+mit ihm, der ihn verk&uuml;ndigt, absolut <em class="gesperrt">solidarisch</em> ist. In dieser
+Form allein ragt seine eigene gigantische Pers&ouml;nlichkeit in seine
+Predigt des Reiches Gottes hinein. Nur wer sich zu ihm, dem
+Verk&uuml;ndiger des Kommens des Menschensohnes, unter allen Umst&auml;nden
+bekennt, der wird am Gerichtstag als zum Reich geh&ouml;rig
+erfunden werden. Jesus wird n&auml;mlich vor Gott und vor dem
+Menschensohn f&uuml;r ihn eintreten (Mk 8 <span class="antiqua">38</span>-9 <span class="antiqua">1</span>; Mt 10 <span class="antiqua">32-33</span>).
+Man muss bereit sein, das Liebste aufzugeben, um ihm nachzufolgen,
+denn nur so wird man <em class="gesperrt">seiner wert</em> (Mt 10 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">38</span>).
+Darum ist Jesus betr&uuml;bt, als der reiche J&uuml;ngling sich nicht entschliessen
+kann, seinen Reichtum aufzugeben, um ihm nachzufolgen
+(Mk 10 <span class="antiqua">22</span>), denn nun kann er am Gerichtstag nicht f&uuml;r
+ihn einstehen, damit er als zum Reich Gottes geh&ouml;rig erfunden
+werde. Doch hofft er von der schrankenlosen Allmacht Gottes,
+dass dieser Reiche trotzdem zum Reich eingehe (Mk 10 <span class="antiqua">17-31</span>).
+Wenn also dieser, weil Jesus nicht f&uuml;r ihn eintreten kann, nicht
+sicher ist, »das ewige Leben zu ererben« (Mk 10 <span class="antiqua">17</span>), so sind doch
+die, welche, zu ihm und seiner Botschaft sich bekennend, den Tod
+erleiden, gewiss, ihr Leben zu bewahren, d. h. bei der Totenauferstehung
+zum Reich zu geh&ouml;ren (Mk 8 <span class="antiqua">37</span>). Darum preist er
+am Eingang der Bergpredigt diejenigen selig, welche um seinetwillen
+Schm&auml;hung und Verfolgung erdulden, weil sie dadurch,
+wie die Sanftm&uuml;tigen und die Barmherzigen, zum Reiche Gottes
+vorbestimmt sind (Mt 5 <span class="antiqua">11</span> f.).</p>
+
+<p class="pmb3">Vom Standpunkte Jesu aus bietet diese absolute Solidarit&auml;t
+zwischen Gott und dem Menschensohn einerseits und ihm andererseits
+kein R&auml;tsel, denn sie basiert auf seinem messianischen Selbstbewusstsein;
+er kann so reden, weil er sich bewusst ist, selbst der
+Menschensohn zu sein. Anders war es f&uuml;r das Volk und die
+J&uuml;nger vor der Offenbarung zu C&auml;sarea Philippi. Wie kann Jesus
+ <span class="pagenum"><a id="Page_40">[S. 40]</a></span>
+von Nazareth in einer so selbstbewussten, souver&auml;nen Weise
+den Menschensohn mit ihm selbst f&uuml;r absolut solidarisch proklamieren?
+Diese Behauptung zwang das Volk zur Reflexion &uuml;ber
+seine Pers&ouml;nlichkeit. Wer war derjenige, dessen Erscheinung
+machtvoll aus dem vormessianischen in den messianischen Aeon
+hineinragte, dass Gott und der Menschensohn die, welche sich zu
+ihm bekannt hatten, in das Reich aufnahmen, wenn dieses Bekenntnis
+nicht durch die mangelnde sittliche W&uuml;rdigkeit seinen
+Wert einb&uuml;sste, wie er einmal ausdr&uuml;cklich warnend erkl&auml;rte?
+Nur <em class="gesperrt">einer</em> Pers&ouml;nlichkeit kam die Bedeutung zu, die Jesus f&uuml;r
+sich in Anspruch nahm: <em class="gesperrt">Elias, dem gewaltigen Vorl&auml;ufer</em>;
+denn seine Erscheinung erstreckte sich aus dem jetzigen in den
+messianischen Aeon und verband beide miteinander. Darum
+hielt das Volk daf&uuml;r, Jesus sei der Elias. Darin sprach sich die
+h&ouml;chste W&uuml;rdigung aus, welche seine Pers&ouml;nlichkeit den Massen
+abn&ouml;tigen konnte. Es handelte sich dabei nicht um eines der in
+der sekund&auml;ren evangelischen Geschichtserz&auml;hlung so beliebten
+Missverst&auml;ndnisse, sondern das Volk <em class="gesperrt">konnte</em> nach Jesu Auftreten
+und nach seiner Verk&uuml;ndigung zu keinem andern Urteil
+&uuml;ber ihn kommen.</p>
+
+
+<h3>3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen.</h3>
+
+<p>Um sich die Stellung der Zeitgenossen zur Pers&ouml;nlichkeit
+und zum Wirken Jesu begreiflich zu machen, muss man sich von
+zwei falschen Voraussetzungen, mit denen wir immer unbewusst
+operieren, befreien. Zum ersten richtete sich die Erwartung damals
+nicht auf den Messias, sondern auf den geweissagten Vorl&auml;ufer.
+Zum zweiten hat niemand in dem T&auml;ufer irgendwie den
+Vorl&auml;ufer vermutet. Durch diese beiden Voraussetzungen verderben
+wir uns die historische Perspektive.</p>
+
+<p>Das Erscheinen des Messias mitsamt der grossen Krise,
+welche er herbeif&uuml;hrt, macht das &uuml;berweltliche Drama aus, das
+der Welt bevorsteht. Aber ehe der Vorhang aufgeht, muss unter
+den harrenden Menschen jemand erstehen, der den Prolog zum
+St&uuml;ck spricht, um dann, sobald der Vorhang in die H&ouml;he geht,
+den &uuml;berirdischen Gr&ouml;ssen sich beizugesellen, welche die Handlung
+des Dramas leiten. Darum wartet man zun&auml;chst nicht
+auf das Emporgehen des Vorhangs und die Erscheinung des
+Messias, sondern auf den berufenen Sprecher des Prologs.
+<em class="gesperrt">Es galt, das Auftreten des Vorl&auml;ufers zu signalisieren,</em>
+ <span class="pagenum"><a id="Page_41">[S. 41]</a></span>
+<em class="gesperrt">um zu wissen, welche Stunde der Zeiger der Weltuhr
+zeigte.</em></p>
+
+<p>Nun war aber der Elias noch nicht erschienen, denn der
+T&auml;ufer hatte sich nicht als solchen legitimiert. Dazu fehlte ihm
+die &uuml;bernat&uuml;rliche Kraftbekundung. Zeichen und Wunder geh&ouml;rten
+aber notwendig zur Epoche, welche dem Reich unmittelbar
+voranging. Allgemeine Geistbegabung und Prophezeiung,
+Wunder am Himmel und auf der Erde: das trifft ein, bevor der
+Tag Gottes kommt. So bestimmte es der Prophet Jo&euml;l (3 <span class="antiqua">1</span> ff.).
+In der Pfingstpredigt beruft sich Petrus auf diese Stelle (Akt
+2 <span class="antiqua">17-22</span>). Aus der &uuml;bernat&uuml;rlich ekstatischen Rede sollen sie erkennen,
+dass man dem Ende der Tage entgegengeht. Der get&ouml;tete
+Jesus ist von Gott zum Messias erh&ouml;ht in der Auferstehung
+und das Reich wird bald einbrechen.</p>
+
+<p>Diese Jo&euml;lstelle wurde also auf die unmittelbar vormessianische
+Wunderzeit bezogen, in welcher nach der Weissagung des
+Maleachi der Vorl&auml;ufer auftreten sollte (Mal 3 <span class="antiqua">23</span> u. <span class="antiqua">24</span>). Der
+gleiche Kehrvers hielt zudem noch diese beiden Grundstellen der
+vormessianischen Erwartung zusammen. Mal 3 <span class="antiqua">23</span> = Jo&euml;l 3 <span class="antiqua">4</span>:
+»Vor dem Kommen des Tages des Herrn, den grossen und
+schrecklichen.« <em class="gesperrt">Der Vorl&auml;ufer ohne Wunderzeichen in
+einer wunderlosen Zeit war also undenkbar.</em></p>
+
+<p>Nun bestand f&uuml;r die Zeitgenossen der charakteristische Unterschied
+zwischen Johannes und Jesus gerade darin, dass der eine
+einfach auf die N&auml;he des Gottesreiches hinwies, w&auml;hrend der
+andere seine Predigt durch Zeichen und Wunder bekr&auml;ftigte.
+Man hatte das Bewusstsein, mit Jesus in die Zeit der Wunder
+zu treten. Er war der T&auml;ufer, aber ins Uebernat&uuml;rliche &uuml;bersetzt.
+Als nach der Aussendung sein Auftreten und seine Zeichen
+zugleich mit dem Tode des T&auml;ufers bekannt wurden, da sagte
+man: Der T&auml;ufer ist vom Tod erstanden. Darum antworteten
+ihm die J&uuml;nger zu C&auml;sarea Philippi, man halte ihn f&uuml;r den Elias
+oder f&uuml;r den T&auml;ufer (Mk 8 <span class="antiqua">28</span>). Als Herodes von ihm h&ouml;rte, liess
+er sich's nicht nehmen, dass er der T&auml;ufer sei. »<em class="gesperrt">Der T&auml;ufer
+ist von den Toten auferstanden und deshalb wirken
+die Wunderkr&auml;fte in ihm</em>« (Mk 6 <span class="antiqua">14</span>).</p>
+
+<p>Auch die Bedeutung, die Jesus den Zeichen beilegte, musste
+die Zuh&ouml;rer darauf f&uuml;hren, dass man sich in der Vorl&auml;uferaera
+befand. Ihre Bedeutung besteht n&auml;mlich darin, die N&auml;he des
+messianischen Reiches zu bekr&auml;ftigen. Die Leute sollen ihm um
+ <span class="pagenum"><a id="Page_42">[S. 42]</a></span>
+der Zeichen willen glauben und Busse thun auf das Reich Gottes
+hin.</p>
+
+<p class="pmb3">Die Zeichen sind eine Gnade Gottes, durch welche er die
+Menschen aufmerksam machen will, welche Stunde es ist. Wer
+dann keine Busse thut, der ist verdammt. So geht es den Leuten
+von Chorazin, Bethsaida und Kapernaum. Wer aber gar den
+»heiligen Geist« l&auml;stert und der widerg&ouml;ttlichen Macht die Zeichen
+zuschreibt, der hat keine Vergebung ewiglich. Dieses Verbrechens
+hatten sich die jerusalemitischen Schriftgelehrten in Galil&auml;a
+schuldig gemacht (Mk 3 <span class="antiqua">22</span> ff.). Diejenigen aber, welche sich
+nicht verstockten, hielten daf&uuml;r, das Reich Gottes stehe vor der
+Th&uuml;r und Jesus sei der Vorl&auml;ufer, weil man offenbar in die Zeit
+der Zeichen eingetreten war, von der die Schrift geweissagt
+hatte.</p>
+
+
+<h3>4. Die D&auml;monenbek&auml;mpfung und das Geheimnis des Reiches
+Gottes.</h3>
+
+<p>F&uuml;r Jesus bedeuteten die Zeichen die Reichsn&auml;he noch in
+einem h&ouml;heren als dem rein zeitlichen Sinn. Durch die D&auml;monenbek&auml;mpfung
+ist er sich bewusst, <em class="gesperrt">auf das Kommen desselben
+einzuwirken</em>. Hier spielt das Geheimnis des Reiches Gottes
+mit herein. Dieser Gedanke ist in dem Gleichnis enthalten, mit
+welchem er die Verd&auml;chtigungen der jerusalemitischen Schriftgelehrten
+zur&uuml;ckweist (Mk 3 <span class="antiqua">23-30</span>).</p>
+
+<p>Es ersch&ouml;pft sich n&auml;mlich nicht in dem Gedanken, dass die
+b&ouml;sen Geister ihre Herrschaft nicht untergraben, indem der eine
+sich gegen den andern erhebt; in dem Schlusswort begegnet uns
+n&auml;mlich unvermutet das »jetzt und dann« aus dem Geheimnis
+des Reiches Gottes: »Keiner kann in das Haus des Starken einbrechen
+und ihm seinen Besitz rauben, wenn er nicht <em class="gesperrt">zuvor</em> den
+Starken bindet, und <em class="gesperrt">alsdann</em> mag er sein Haus auspl&uuml;ndern.«
+Die D&auml;monenaustreibung bedeutet also f&uuml;r Jesus das Binden und
+das Unsch&auml;dlichmachen der widerg&ouml;ttlichen Macht. Diese Th&auml;tigkeit
+steht deshalb, wie die sittliche Erneuerung im Geheimnis
+des Reiches Gottes, mit dem Anbrechen des Reiches in kausalem
+Zusammenhang. Durch die D&auml;monen&uuml;berwindung ist Jesus der
+Gewaltth&auml;tige, der das Reich herbein&ouml;tigt; denn, wenn die widerg&ouml;ttliche
+Macht gebunden ist, dann tritt der Augenblick ein, wo
+die Herrschaft von ihr genommen wird. Damit dies geschehen
+kann, muss sie erst unsch&auml;dlich gemacht werden. Darum gibt
+ <span class="pagenum"><a id="Page_43">[S. 43]</a></span>
+Jesus den J&uuml;ngern bei der Aussendung nicht nur den Befehl, die
+N&auml;he des Reiches zu verk&uuml;ndigen, sondern auch die Vollmacht
+&uuml;ber die D&auml;monen (Mt 10 <span class="antiqua">1</span>). In jenem Augenblick der h&ouml;chsten
+eschatologischen Erwartung sendet er sie als die Gewaltth&auml;tigen
+aus, welche die letzten Streiche f&uuml;hren sollen. Die Busse, welche
+durch ihre Predigt gewirkt wird, und die Ueberwindung der
+widerg&ouml;ttlichen Macht in den D&auml;monischen n&ouml;tigen zusammen
+das Reich herbei.</p>
+
+<p>So dr&uuml;cken die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches
+Gottes (Mk 4), das Gleichnis in Jesu Apologie an die Pharis&auml;er
+(Mk 3 <span class="antiqua">23-30</span>) und das Gleichnis in der W&uuml;rdigungsrede &uuml;ber
+den T&auml;ufer (Mt 11 <span class="antiqua">12-15</span>) denselben Gedanken aus. Die beiden
+letzteren begegnen sich sogar im drastischen Bild der Vergewaltigung,
+weshalb ihnen auch der Begriff des »Raubes« gemeinsam
+ist (Mk 3 <span class="antiqua">27</span> = Mt 11 <span class="antiqua">12</span>).</p>
+
+<p class="pmb3">F&uuml;r das Bewusstsein Jesu waren also die D&auml;monenheilungen
+in das Geheimnis vom Reich Gottes hineingestellt. Dem Volk
+aber gen&uuml;gte es, den rein zeitlichen Zusammenhang zu erfassen.</p>
+
+
+<h3>5. Jesus und der T&auml;ufer.</h3>
+
+<p>Wir haben oben gesehen, dass niemand in dem T&auml;ufer den
+Elias erkennen konnte, weil seine zeichenlose Th&auml;tigkeit und
+Reichspredigt der schriftgem&auml;ssen Vorstellung der Vorl&auml;uferepoche
+nicht entsprachen. Nur einer machte eine Ausnahme, indem
+er ihm diese W&uuml;rde zuerkannte: <em class="gesperrt">Jesus!</em> Er war der erste,
+welcher dem Volk eine geheimnisvolle Andeutung machte, jener
+sei der Vorl&auml;ufer: »Wenn ihr es fassen m&ouml;gt, so ist er selbst
+Elias, der Kommen-Sollende« (Mt 11 <span class="antiqua">14</span>). Er ist sich aber bewusst,
+damit ein unbegreifliches Geheimnis auszusprechen, das
+ihnen ebenso dunkel bleibt, wie das damit zusammenh&auml;ngende
+Wort von den Gewaltth&auml;tigen, die seit den Tagen des T&auml;ufers
+das Reich herbein&ouml;tigen (Mt 11 <span class="antiqua">12</span>). Darum beschliesst er diese
+beiden Spr&uuml;che mit dem Orakelwort: Wer Ohren hat zu h&ouml;ren,
+der h&ouml;re (Mt 11 <span class="antiqua">15</span>).</p>
+
+<p>Das Volk aber war weit entfernt zu begreifen, dass der in
+der Gewalt des Herodes befindliche T&auml;ufer die Pers&ouml;nlichkeit
+sein k&ouml;nne, die auf der Schwelle der vormessianischen zur messianischen
+Periode stand. So verhallte das geheimnisvolle Wort
+Jesu und das Volk blieb dabei, Johannes sei wirklich ein Prophet
+gewesen (Mk 11 <span class="antiqua">32</span>).</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[S. 44]</a></span></p>
+
+<p>Auch die Oberen konnten zu keinem Schluss &uuml;ber die Pers&ouml;nlichkeit
+des T&auml;ufers kommen. Darum unterlagen sie Jesu,
+als sie ihn &uuml;ber die Tempelreinigung zur Rede stellen wollten
+(Mk 11 <span class="antiqua">33</span>).</p>
+
+<p>Mit den J&uuml;ngern verhielt es sich nicht anders; sie waren von
+sich aus unf&auml;hig, in Johannes den Elias zu erkennen. Beim Abstieg
+vom Verkl&auml;rungsberg kommen ihnen Bedenken &uuml;ber die
+M&ouml;glichkeit der Messianit&auml;t Jesu und &uuml;ber die M&ouml;glichkeit
+der Totenauferstehung, die er in seiner Rede ber&uuml;hrt hatte.
+Dadurch wurde ja die Gegenw&auml;rtigkeit der messianischen Aera
+vorausgesetzt, und diese konnte noch nicht angebrochen sein,
+denn »Elias muss zuvor kommen, wie die Pharis&auml;er und Schriftgelehrten
+darthun« (Mk 9 <span class="antiqua">9-11</span>). Darauf antwortet ihnen Jesus,
+dass Johannes dieser Elias war, wenn er auch in der Menschen
+Gewalt geliefert wurde (Mk 9 <span class="antiqua">12</span> u. <span class="antiqua">13</span>).</p>
+
+<p class="pmb3">Wie war Jesus zur Ueberzeugung gekommen, dass der
+T&auml;ufer der Elias war? Durch einen notwendigen R&uuml;ckschluss von
+seiner eigenen Messianit&auml;t aus. Weil er sich als Messias wusste,
+musste jener der Elias sein. Zwischen beiden bestand eine notwendige
+Wechselbeziehung. Niemand konnte wissen, dass der
+T&auml;ufer der Elias war, ohne diese Erkenntnis von der Messianit&auml;t
+Jesu herzuleiten. Niemand konnte auf den Gedanken kommen,
+Johannes sei der Elias, ohne zugleich in Jesu den Messias sehen
+zu m&uuml;ssen. Denn nach dem Vorl&auml;ufer blieb f&uuml;r eine zweite derartige
+Erscheinung kein Raum. Nun wusste niemand, dass Jesus
+sich f&uuml;r den Messias hielt. Also sah man in dem T&auml;ufer einen
+Propheten und fragte sich, ob Jesus nicht der Elias w&auml;re. Die
+geheimnisvollen Schlusss&auml;tze der W&uuml;rdigungsrede &uuml;ber den T&auml;ufer
+hatte niemand in ihrer vollen Tragweite verstanden. <em class="gesperrt">F&uuml;r Jesus
+allein war Johannes der verheissene Elias.</em></p>
+
+
+<h3>6. Der T&auml;ufer und Jesus.</h3>
+
+<p>Wie stand der T&auml;ufer zu Jesus? Wenn er sich bewusst war,
+der Vorl&auml;ufer zu sein, so musste er in Jesus den Messias mutmassen.
+Dies setzt man gew&ouml;hnlich voraus und l&auml;sst ihn als Vorl&auml;ufer
+bei Jesus anfragen, ob er der Messias sei (Mt 11 <span class="antiqua">2-6</span>).
+Diese Annahme scheint uns ganz nat&uuml;rlich, weil wir uns beide
+immer in dem Verh&auml;ltnis Vorl&auml;ufer-Messias vorstellen.</p>
+
+<p>Dar&uuml;ber vergessen wir aber eine ganz naheliegende Frage.
+Hat der T&auml;ufer sich selbst als den Vorl&auml;ufer, als den Elias gef&uuml;hlt?
+ <span class="pagenum"><a id="Page_45">[S. 45]</a></span>
+Dem Volk gegen&uuml;ber hat er in keiner Aeusserung einen
+derartigen Anspruch erhoben. Hartn&auml;ckig erkennt es in ihm
+nur einen Propheten. Auch w&auml;hrend seiner Gefangenschaft kann
+er nichts derartiges beansprucht haben, denn noch in Jerusalem
+urteilt das Volk nicht anders, als dass er ein Prophet gewesen.</p>
+
+<p>Wenn irgendwie die Ahnung durchgedrungen w&auml;re, dass er
+die Eliasgestalt repr&auml;sentierte, wie h&auml;tte man dann allgemein auf
+den Gedanken kommen k&ouml;nnen, Johannes sei ein Prophet, Jesus
+der Elias? Dass dies die allgemeine Ansicht auch nach dem Tode
+des T&auml;ufers war, bezeugt die Antwort der J&uuml;nger zu C&auml;sarea
+Philippi.</p>
+
+<p>Die T&auml;uferanfrage unter der Voraussetzung betrachten, dass
+der Vorl&auml;ufer fr&auml;gt, ob Jesus der Messias sei, heisst sie in
+eine vollkommen unberechtigte Perspektive r&uuml;cken, da gar nicht zu
+erweisen ist, ob Johannes sich f&uuml;r den Vorl&auml;ufer hielt. Also ist
+auch gar nicht ausgemacht, ob seine Frage sich auf die messianische
+W&uuml;rde bezieht. Das umstehende Volk, da es Johannes
+nicht f&uuml;r den Vorl&auml;ufer hielt, musste sie ganz anders auffassen,
+n&auml;mlich: bist du der Elias?</p>
+
+<p>Nun wird aber durch die gew&ouml;hnliche Perspektive ein charakteristisches
+Detail in der Perikope selbst verdeckt, n&auml;mlich,
+dass Jesus dieselbe Bezeichnung, die der T&auml;ufer in der Anfrage
+auf ihn anwandte, nun seinerseits wieder auf den T&auml;ufer anwendet!
+Bist du der Kommen-Sollende? fr&auml;gt der T&auml;ufer. Jesus
+antwortet: Wenn ihr es fassen m&ouml;gt, so ist <em class="gesperrt">er selbst</em> Elias, der
+Kommen-Sollende! Bei den Reden ist also die Bezeichnung des
+»Kommen-Sollenden« gemeinsam, nur dass wir in der Anfrage
+des T&auml;ufers sie eigenm&auml;chtig auf den Messias beziehen. Dieses
+f&uuml;r die naive Perspektive so ganz nat&uuml;rliche Verfahren wird aber
+als unberechtigt erkannt, sobald man weiss, dass es sich eben nur
+um Perspektive, nicht um die reellen Massst&auml;be handelt. Denn
+dann gewinnt pl&ouml;tzlich das »er selbst« in der Antwort Jesu eine
+ungeahnte Bedeutung; »<em class="gesperrt">er selbst</em> ist der Elias«, der Kommen-Sollende!
+Dieser R&uuml;ckweis zwingt uns, in der Anfrage des T&auml;ufers
+unter dem Kommen-Sollenden nicht den Messias, sondern, wie in
+der Antwort Jesu, den Elias zu verstehen.</p>
+
+<p>»Bist du der erwartete Vorl&auml;ufer?« so l&auml;sst der T&auml;ufer Jesum
+fragen. »Wenn ihr es fassen m&ouml;gt, ist er selbst dieser Vorl&auml;ufer«,
+sagt Jesus zum Volk, nachdem er ihnen von der Gr&ouml;sse
+des T&auml;ufers geredet.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[S. 46]</a></span></p>
+
+<p>Durch diese R&uuml;ckbeziehung bekommt nun die Scene ein viel
+intensiveres Kolorit. Zun&auml;chst wird klar, warum Jesus <em class="gesperrt">nach dem
+Weggang der Gesandten</em> &uuml;ber den T&auml;ufer redet. Er f&uuml;hlt sich
+gen&ouml;tigt, das Volk in wirkungsvoller Steigerung von der Vorstellung,
+jener sei ein Prophet (Mt 11 <span class="antiqua">9</span>), zu der Ahnung zu bringen,
+er sei der Vorl&auml;ufer, mit dessen Auftreten der Zeiger der Weltuhr
+sich der verh&auml;ngnisvollen Stunde n&auml;hert, auf den sich das
+Wort »von dem, der den Weg bereitet« bezieht und von dem
+die Schriftgelehrten sagen, »dass er zuerst kommen muss«
+(Mk 9 <span class="antiqua">11</span>).</p>
+
+<p>Johannes n&auml;mlich war mit seiner Anfrage in der messianischen
+Zeitrechnung zur&uuml;ck. Seine Abgesandten erkundigen sich
+nach dem Vorl&auml;ufer in dem Augenblick, wo Jesu Zuversicht,
+dass das Reich unmittelbar hereinbrechen wird, aufs h&ouml;chste gestiegen
+ist. Er hat ja seine J&uuml;nger ausgeschickt und ihnen in
+Aussicht gestellt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie
+auf dem Weg durch die St&auml;dte Israels &uuml;berraschen k&ouml;nne. Die
+Stunde ist schon viel weiter vorger&uuml;ckt &mdash; das will Jesus dem Volk
+in der »W&uuml;rdigungsrede &uuml;ber den T&auml;ufer« zu verstehen geben,
+wenn sie es begreifen k&ouml;nnen.</p>
+
+<p>Zu seinem Urteil &uuml;ber Jesus war Johannes auf demselben
+Wege gekommen, wie das Volk. Als er n&auml;mlich <em class="gesperrt">von den Zeichen
+und Thaten Jesu h&ouml;rt</em> (Mt 11 <span class="antiqua">2</span>), da steigt ihm der Gedanke
+auf, ob dieser nicht etwa mehr w&auml;re, als ein Busse predigender
+Prophet. So schickte er zu ihm hin, um dar&uuml;ber Gewissheit zu
+haben.</p>
+
+<p>Damit r&uuml;ckt aber die Verk&uuml;ndigung des T&auml;ufers in ein ganz
+anderes Licht. Er hat nie auf den kommenden Messias, <em class="gesperrt">sondern
+auf den erwarteten Vorl&auml;ufer hingewiesen</em>. So erkl&auml;rt
+sich die Verk&uuml;ndigung »von dem, der nach ihm kommen wird«
+(Mk 1 <span class="antiqua">7</span> u. <span class="antiqua">8</span>). Auf den Messias angewandt, bleiben die von ihm
+gebrauchten Ausdr&uuml;cke dunkel. Sie statuieren n&auml;mlich nur einen
+Gradunterschied, nicht eine totale Differenz zwischen ihm und
+dem Angek&uuml;ndigten. Wenn er vom Messias redete, w&auml;ren diese
+Ausdr&uuml;cke, in welchen er den Kommenden, trotz des gewaltigen
+Rangunterschieds, immer noch mit sich selbst vergleicht, unm&ouml;glich.
+Er denkt sich den Vorl&auml;ufer wie ihn selbst, taufend und die
+Busse auf das Reich hin verk&uuml;ndigend, aber nur unverh&auml;ltnism&auml;ssig
+gr&ouml;sser und m&auml;chtiger. Statt mit Wasser wird er mit dem heiligen
+Geist taufen (Mk 1 <span class="antiqua">8</span>).</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_47">[S. 47]</a></span></p>
+
+<p>Dies kann nicht auf den Messias gehen. Seit wann tauft der
+Messias? Sodann aber findet die ber&uuml;hmte allgemeine Geistesausgiessung
+nicht <em class="gesperrt">in</em>, sondern <em class="gesperrt">vor</em> der messianischen Aera statt! Bevor
+der gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er seinen Geist
+ausgiessen &uuml;ber alles Fleisch, und Zeichen und Wunder werden
+am Himmel geschehen (Jo&euml;l 3 <span class="antiqua">1</span> ff.). Bevor der gewaltige Tag des
+Herrn kommt, wird er Elias, den Propheten, schicken (Mal 3 <span class="antiqua">23</span>).
+Diese beiden Hauptstellen &uuml;ber die grossen Vorereignisse der
+Endzeit verbindet der T&auml;ufer in Gedanken und kommt so zur
+Vorstellung <em class="gesperrt">des Vorl&auml;ufers, der mit dem heiligen Geiste
+taufen wird</em>! Man sieht dabei, welch &uuml;bernat&uuml;rliches Licht
+die Gestalt des Vorl&auml;ufers in der damaligen Vorstellung umfliesst.
+Darum f&uuml;hlt sich Johannes so klein vor ihm.</p>
+
+<p>F&uuml;r die Antwort befand sich Jesus in einer schweren Lage.
+Indem er fragen liess: bist du der Vorl&auml;ufer, oder bist du es
+nicht? hatte ihm der T&auml;ufer eine falsche Alternative gestellt, auf
+die er weder ja noch nein antworten konnte. Sein Messianit&auml;tsgeheimnis
+wollte er den Gesandten auch nicht anvertrauen. Er
+antwortet daher mit dem Hinweis auf die N&auml;he des Reiches, die
+sich in seinen Thaten offenbart. Zugleich r&uuml;ckt er seine eigene
+Pers&ouml;nlichkeit machtvoll in den Vordergrund. Nur derjenige
+kann selig werden, der zu ihm steht und kein Aergernis an ihm
+nimmt. Er will damit dasselbe sagen, was er auch dem Volk
+Mk 8 <span class="antiqua">38</span> vorh&auml;lt: Die Zugeh&ouml;rigkeit zum Reich ist abh&auml;ngig von
+dem Ausharren bei ihm.</p>
+
+<p>Die merkw&uuml;rdige, ausweichende Antwort Jesu an den T&auml;ufer,
+in welcher die Exegese von jeher besondere Finessen entdecken
+zu m&uuml;ssen glaubte, erkl&auml;rt sich also einfach aus einer Zwangslage!
+Er konnte nicht direkt antworten. Darum gab er diesen
+dunkeln Bescheid. Der T&auml;ufer sollte daraus entnehmen, was er
+wollte und konnte. Uebrigens hatte es ja keine Bedeutung, wie
+er ihn verstand. Die Ereignisse werden ihn lehren, denn die Zeit
+ist ja schon viel weiter vorangeschritten als er annimmt, und der
+Hammer hebt schon zum Stundenschlag aus.</p>
+
+<p>Es wird uns sehr schwer von dem Gedanken loszukommen,
+als ob der T&auml;ufer und Jesus zu einander als Vorl&auml;ufer und Messias
+gestanden h&auml;tten. Nur durch eine angespannte Ueberlegung
+gelangt man zur Einsicht, dass bei unserer Perspektive die beiden
+Gr&ouml;ssen in diesem Verh&auml;ltnis stehen, weil wir die Messianit&auml;t
+Jesu voraussetzen, dass man aber, um ihre historischen Beziehungen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_48">[S. 48]</a></span>
+zu entdecken, die richtige Perspektive berechnen und
+in Anschlag bringen muss.</p>
+
+<p>Solange man noch irgendwie in der alten Perspektive befangen
+ist, wird man der vorliegenden Untersuchung nicht gerecht.
+Man meint dann n&auml;mlich, es handle sich um »den Vorl&auml;ufer
+des Vorl&auml;ufers« und den Vorl&auml;ufer, also eine geistreiche
+Multiplizierung des Vorl&auml;ufers mit sich selbst. Das ist falsch
+ausgedr&uuml;ckt. Ein busspredigender Prophet, Johannes der T&auml;ufer,
+weist auf die machtvolle Vorl&auml;ufergestalt des Elias hin und, als er
+im Gef&auml;ngnis von den Zeichen Jesu h&ouml;rt, fr&auml;gt er sich, ob dieser
+nicht der Elias sei und ahnt nicht, dass jener sich f&uuml;r den Messias
+halte und er selbst deshalb in der Geschichte hinfort als der Vorl&auml;ufer
+bezeichnet w&uuml;rde. Dies ist der geschichtliche Thatbestand.</p>
+
+<p>Mit dem Augenblick aber, wo die Geschichtsbetrachtung
+von der Gewissheit ausgeht, dass Jesus der Messias war, verschiebt
+sich der geschichtliche Thatbestand notwendig. Die
+Evangelien zeigen diese Verschiebung in steigendem Masse an.
+In dem Anfangssatz des Markus wird das Maleachicitat von dem
+bahnbereitenden Vorl&auml;ufer (Mal 3 <span class="antiqua">1</span>) schon auf Johannes angewandt.
+Bei Matth&auml;us h&ouml;rt der T&auml;ufer im Gef&auml;ngnis »die Werke
+des Messias« (Mt 11 <span class="antiqua">2</span>). Handelt es sich hier nur um das unreflektierte
+Hereinspielen einer neuen Betrachtungsweise, so hat
+das vierte Evangelium daraus ein Prinzip gemacht und stellt die
+Geschichte konsequent unter der Voraussetzung dar, dass, weil
+Jesus der Messias war, der T&auml;ufer der Vorl&auml;ufer war und sich
+als solcher auch f&uuml;hlen musste. Der historische T&auml;ufer sagt:
+ich bin nicht der <em class="gesperrt">Vorl&auml;ufer</em>, denn dieser ist unverh&auml;ltnism&auml;ssig
+gr&ouml;sser und m&auml;chtiger als ich. Nach dem vierten Evangelium
+k&ouml;nnten die Leute mutmassen, er sei Christus. Er muss daher
+sagen: ich bin nicht <em class="gesperrt">Christus</em> (Joh 1 <span class="antiqua">20</span>)!</p>
+
+<p class="pmb3">So hat sich das Verh&auml;ltnis unter der neuen Perspektive vollst&auml;ndig
+verschoben. Die Person des T&auml;ufers ist historisch unkenntlich
+geworden. Zuletzt hat man noch den modernen Zweifelsmann
+aus ihm gemacht, der halb an Jesu Messianit&auml;t glaubt, halb
+nicht glaubt. In diesem Hangen und Bangen soll gar die Tragik
+seines Daseins bestehen! Nun darf man ihn aber mit Zuversicht
+aus der Reihe der uns Modernen so interessanten, am tragischen
+Halbglauben zu Grunde gehenden Pers&ouml;nlichkeiten tilgen. Jesus
+hat ihm das erspart. Denn so lang er lebte, verlangte er von
+niemand den Glauben an seine Messianit&auml;t &mdash; und war es doch!</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_49">[S. 49]</a></span></p>
+
+
+<h3>7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in
+Jerusalem.</h3>
+
+<p>Ist der Einzug in Jerusalem eine messianische Ovation?
+Das h&auml;ngt einmal davon ab, wie man die Rufe des Volkes deutet,
+sodann aber von der Auffassung der Scene zwischen Jesus und
+dem Blinden. Handelt es sich dort wirklich um die Begr&uuml;ssung
+als Davidssohn, die er nun nicht mehr ablehnt, sondern stillschweigend
+annimmt, sodass das Volk zur Erkenntnis gelangt,
+f&uuml;r wen er sich halte: dann ist die Folgerung unabweislich, dass
+es eine messianische Ovation war.</p>
+
+<p>F&uuml;r die Herausarbeitung der urspr&uuml;nglichen Situation in
+der Schilderung des Einzugs sind die Detailunterschiede zwischen
+Markus und den Seitenreferenten von weittragender Bedeutung.
+Bei Markus haben wir zwei klar unterschiedene Jubelrufe. Der
+erste gilt der gegenw&auml;rtigen Person Jesu: »Hosianna, gelobt sei
+der »Kommen-Sollende« im Namen des Herrn« (Mk 11 <span class="antiqua">9</span>). Der
+zweite bezieht sich auf das erwartete Kommen des Reichs: »Gelobt
+sei das kommen-sollende Reich unseres Vaters David; Hosianna
+in der H&ouml;h'.« Von dem Davidssohn ist also gar nicht die Rede!</p>
+
+<p>Anders bei Matth&auml;us. Dort ruft das Volk: »Hosianna dem
+Sohne Davids; gesegnet sei der Kommen-Sollende im Namen des
+Herrn; Hosianna in der H&ouml;h'« (Mt 21 <span class="antiqua">9</span>). Wir haben also hier
+nur den Ruf, welcher der Person Jesu gilt. Das Reich wird nicht
+erw&auml;hnt; daf&uuml;r jubelt man dem Davidssohn und zugleich dem
+Kommen-Sollenden zu.</p>
+
+<p>Der lukanische Bericht kommt nicht in Betracht, da er mit
+Reminiscenzen aus der Vorgeschichte operiert: »Gesegnet der
+K&ouml;nig, der im Namen des Herrn kommt. Friede im Himmel und
+Ehre in der H&ouml;h'« (Luk 19 <span class="antiqua">38</span>).</p>
+
+<p>In seiner Darstellung deutet also Matth&auml;us den Kommen-Sollenden
+auf den Davidssohn. Direkte Beweise, dass dieser aus
+Psalm 118 <span class="antiqua">25</span> ff. stammende Ausdruck zur Zeit Jesu auf den Messias
+angewandt wurde, besitzen wir nicht. Wohl aber hat es sich
+gezeigt, <em class="gesperrt">dass sowohl der T&auml;ufer als auch Jesus ihn auf
+den Vorl&auml;ufer Elias anwenden</em>. Also ist es ungeschichtlich,
+wenn Matth&auml;us das Volk in einem Atem dem Kommen-Sollenden
+und dem Davidssohn zujubeln l&auml;sst.</p>
+
+<p>Markus hat auch hier in seinem Detail die urspr&uuml;ngliche
+Situation festgehalten. Das Volk jubelt Jesus als dem »Kommen-Sollenden«,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_50">[S. 50]</a></span>
+d. h. dem erscheinenden Vorl&auml;ufer zu und singt ein
+»Hosianna in der H&ouml;h'« dem Reich, welches bald auf Erden
+herabkommen wird. Gerade der Unterschied zwischen dem
+<em class="gesperrt">Hosianna</em> und dem <em class="gesperrt">Hosianna in der H&ouml;h'</em> ist bezeichnend,
+sofern das erste auf den gegenw&auml;rtigen Vorl&auml;ufer, das zweite auf
+das himmlische Reich geht. Der sekund&auml;re Charakter der
+matth&auml;ischen Darstellung tritt darin zu Tage, dass er dem Davidssohn
+und dem Kommen-Sollenden ein Hosianna und zugleich
+Hosianna in der H&ouml;h' gelten l&auml;sst, wobei der Messias also einmal
+auf Erden, das andere Mal noch im Himmel vorausgesetzt wird!
+Hier zeigt sich deutlich, dass dem zweiten Hosianna urspr&uuml;nglich
+das Reich beigeh&ouml;rt.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Der Einzug in Jerusalem galt also nicht dem
+Messias, sondern dem Vorl&auml;ufer.</em> Dann ist es aber unm&ouml;glich,
+dass das Volk die Scene mit dem Blinden dahin verstanden
+hat, als n&auml;hme hier Jesus die Anrede »Davidssohn« entgegen.</p>
+
+<p>Auch hier handelt es sich um synoptisches Detail, durch
+welches die Scene total ver&auml;ndert wird. Der Ruf &uuml;ber den Davidssohn
+ist dabei gefallen. Die Frage ist nur, ob ihn das Publikum
+als Anrede auffassen konnte und musste. Bei Matth&auml;us und
+Lukas trifft dies zu, <em class="gesperrt">bei Markus ist es ausgeschlossen</em>.</p>
+
+<p>Nach der matth&auml;ischen Scenerie sitzen zwei Blinde am Wege
+und rufen: erbarme dich unser, Sohn Davids (Mt 20 <span class="antiqua">30</span>).</p>
+
+<p>Bei Lukas lautet der Ruf: Jesu, du Sohn Davids, erbarme
+dich meiner (Luk 18 <span class="antiqua">38</span>). Darauf bleibt Jesus vor ihm stehen,
+redet ihn an und heilt ihn.</p>
+
+<p>Bei Markus sitzt der blinde Bettler, Sohn des Tim&auml;us, hinter
+der Menge am Wege. <em class="gesperrt">Jesus sieht ihn nicht, er kann ihn
+nicht anreden, sondern er h&ouml;rt nur eine Stimme, die
+mitten aus dem Gew&uuml;hl vom Boden zu ihm dringt</em>, wo
+einer &uuml;ber den Davidssohn um H&uuml;lfe ruft. Er bleibt stehen und
+schickt, man <em class="gesperrt">solle ihn holen</em>! Man geht der Stimme nach und
+findet ihn am Boden sitzend. Steh' auf, er ruft dich! sagen sie zu
+ihm. Er wirft sein Kleid ab, springt auf und dr&auml;ngt sich durch
+die Menge zu ihm. Als Jesus ihn so auf sich zukommen sieht,
+kann er gar nicht wissen, dass dieser Mann blind ist! Er muss
+ihn also <em class="gesperrt">fragen</em>, was ihm fehlt. Die Distanz, der Aufenthalt,
+das Schicken nach ihm, das behende Herbeikommen: alles dies
+ist bei Matth&auml;us ausgefallen. Er hat die Situation vereinfacht:
+ <span class="pagenum"><a id="Page_51">[S. 51]</a></span>
+Jesus st&ouml;sst auf die beiden am Weg und redet sogleich mit ihnen.
+Nur hat er aus dem urspr&uuml;nglichen Sachverhalt die Frage, wo
+es denn fehle, beibehalten, die zwar bei Markus thats&auml;chlich n&ouml;tig
+ist, bei ihm aber ganz unbegreiflich bleibt, da Jesus sehen muss,
+dass er es mit zwei Blinden zu thun hat!</p>
+
+<p>Lag aber eine solche Distanz zwischen Jesus und dem Blinden,
+so konnte niemand auf den Gedanken kommen, er beziehe
+den monotonen Ruf &uuml;ber den Davidssohn als Anrede auf sich!
+Es war eben nur ein l&auml;stiger <em class="gesperrt">Ruf</em>, den die Umstehenden ihm
+vergebens zu verwehren suchten. Man legte ihm so wenig Bedeutung
+bei, als den D&auml;monenrufen &mdash; wenn man ihn &uuml;berhaupt
+verstand.</p>
+
+<p>Die <em class="gesperrt">Anrede</em> des Bettlers lautet ganz anders und zeigt, dass
+er ebensowenig wie das Volk Jesum f&uuml;r den Messias h&auml;lt: »<em class="gesperrt">Rabbi</em>,
+dass ich sehend werde.« Er war f&uuml;r ihn also der Rabbi aus
+Nazareth.</p>
+
+<p>H&auml;lt man sich diese Situation vor, so ersieht man, dass die
+Umstehenden in keiner Weise auf den Gedanken kommen konnten,
+Jesus nehme hier messianische Huldigungen entgegen. Es war
+aber das erste Zeichen, das er wieder that, seitdem er aus der
+Einsamkeit herausgetreten war. Damit legitimiert er sich vor
+der Festkarawane als der Vorl&auml;ufer, f&uuml;r den ihn die Anh&auml;nger
+in Galil&auml;a hielten, ehe er sich pl&ouml;tzlich in die Stille nach dem
+Norden zur&uuml;ckzog. Nun bricht der Jubel los und sie bereiten
+ihm als dem Vorl&auml;ufer die Ovation beim Einzug.</p>
+
+<p>Bei dem Nachweis &uuml;ber den eigentlichen Charakter dieses
+Ereignisses handelt es sich um ein anscheinend geringf&uuml;giges Detail,
+dem nicht jedermann geneigt sein m&ouml;chte, die erforderliche Bedeutung
+beizulegen. Demgegen&uuml;ber ist an folgendes zu erinnern:</p>
+
+<p>1. In der Darstellung, welche die Messianit&auml;t Jesu voraussetzte,
+musste sich wie von selbst die Sache im Detail dahin verschieben,
+dass es sich um einen messianischen Einzug handelt.
+Dies ist bei Matth&auml;us der Fall. Bewusste Absicht des Schriftstellers
+liegt nicht vor.</p>
+
+<p>2. Die Schilderung des Markus zeigt eine solche Urspr&uuml;nglichkeit
+den Seitenreferenten gegen&uuml;ber (man denke an die Taufgeschichte
+und an den Bericht des letzten Mahles), dass man
+nicht leicht der Eigent&uuml;mlichkeit seiner Notizen ein zu grosses
+Gewicht beilegen kann, besonders wenn sich daraus eine so anschauliche
+Situation ergibt, wie es hier der Fall ist.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_52">[S. 52]</a></span></p>
+
+<p>3. Mit der Behauptung, der Beweis sei nicht erbracht, dass
+es sich um eine Ovation an den Vorl&auml;ufer handle, ist nichts gethan.
+Dann gilt es n&auml;mlich darzuthun, wie unter der Voraussetzung,
+dass sie wirklich dem Messias galt, die Verhandlungen
+in den jerusalemitischen Tagen gar nicht auf eine vorausgesetzte
+messianische Anmassung reflektieren und die gedungenen Ankl&auml;ger
+sich nicht auf solche Anmassungen berufen. Was h&auml;tte der
+r&ouml;mische Befehlshaber gethan, wenn einer unter den Hochrufen
+des Volks als Davidssohn in die Stadt eingezogen w&auml;re?</p>
+
+<p>4. Die historische Erkenntnis wird uns hier besonders
+schwer, weil wir immer meinen, die Zeichen und Wunder bekr&auml;ftigten
+f&uuml;r die Zeitgenossen die Messianit&auml;t Jesu. Damit stehen
+wir auf dem Standpunkt der johanneischen Geschichtsdarstellung.
+In der Vorstellung der Zeitgenossen Jesu braucht aber der
+Messias keine Zeichen, sondern er wird offenbar in seiner
+Macht! Die Zeichen hingegen gehen auf die Zeit des Vorl&auml;ufers!</p>
+
+<p>5. Auch unsere Uebersetzung wirkt beeintr&auml;chtigend. Der
+&#7952;&#961;&#967;&#972;&#956;&#949;&#957;&#959;&#962; bezeichnet in allen Stellen eine f&uuml;r jene Zeit scharf
+ausgepr&auml;gte Pers&ouml;nlichkeit. Man muss daher &uuml;berall dieses
+Wort dementsprechend &uuml;bersetzen und es nicht einmal als Substantiv,
+ein andermal (in der Einzugsgeschichte) wieder als Verbalform
+&uuml;bersetzen, wie es gerade am bequemsten ist. »Kommen-Sollender«
+ist der Vorl&auml;ufer, weil er vor dem messianischen Gericht
+im Namen Gottes kommen soll, um alles in Ordnung zu
+bringen.</p>
+
+<p class="pmb3">Es bleibt also dabei: <em class="gesperrt">Bis zu dem Bekenntnis vor dem
+hohen Rat galt Jesus &ouml;ffentlich f&uuml;r den Vorl&auml;ufer,
+wof&uuml;r er schon in Galil&auml;a gehalten worden war.</em></p>
+
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+
+<h2 id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.<br /><br />
+
+Nach der Aussendung. Litterarische und historische
+Probleme.</h2>
+<p class="pmb2" />
+
+
+<h3>1. Die Seereise nach der Aussendung.</h3>
+
+<p>Es ist sehr schwer, sich nach den synoptischen Berichten ein
+klares Bild von den Ereignissen zu machen, welche auf die Aussendung
+folgten. Wann sind die J&uuml;nger zur&uuml;ckgekehrt? Wo
+hat sich Jesus w&auml;hrend ihrer Abwesenheit aufgehalten? Welcher
+Art waren die Erfolge der J&uuml;nger? Welches waren die Ereignisse
+ <span class="pagenum"><a id="Page_53">[S. 53]</a></span>
+zwischen ihrer R&uuml;ckkehr und dem Aufbruch nach dem Norden?
+Wird durch diese Ereignisse motiviert, warum Jesus sich
+mit ihnen in die Einsamkeit zur&uuml;ckzieht?</p>
+
+<p>Auf diese Fragen geben die Berichte keine Antwort. Dazu
+kommt noch ein rein litterarisches Problem. Der Zusammenhang
+zwischen den einzelnen Scenen ist hier merkw&uuml;rdig zerrissen.
+Fast scheint es, als ob der Faden der Geschichtserz&auml;hlung hier
+abbr&auml;che. Erst vom Augenblick des Aufbruchs zur Reise nach
+Jerusalem an stehen die Scenen wieder in einem nat&uuml;rlichen und
+klaren Zusammenhang.</p>
+
+<p>Zun&auml;chst handelt es sich um zwei offenbare Doubletten: die
+Speisungsberichte mit nachfolgender Seefahrt (Mk 6 <span class="antiqua">31-56</span> = Mk
+8 <span class="antiqua">1-22</span>). Beidemale wird Jesus auf einer Reise l&auml;ngs des Sees
+von der Volksmenge beim Anlegen ans Land in einsamer Gegend
+eingeholt. Dann kehrt er in die galil&auml;ischen Orte auf dem Westufer
+zur&uuml;ck. Hier, in seinem gewohnten Wirkungskreis, trifft er
+mit den pharis&auml;ischen Sendlingen aus Jerusalem zusammen. Sie
+stellen ihn zur Rede. In der Erz&auml;hlungsreihe der ersten Speisungsgeschichte
+handelt es sich um das H&auml;ndewaschen (Mk 7
+<span class="antiqua">1-23</span>), in der der zweiten um die Zeichenforderung (Mk 8 <span class="antiqua">11-13</span>).
+Im Gefolge der ersten Erz&auml;hlungsreihe steht der Aufbruch nach
+Norden, wo er in der Gegend von Tyrus und Sidon mit der Kanaanitin
+zusammentrifft (Mk 7 <span class="antiqua">24-30</span>). In der zweiten folgt auf
+das Zusammentreffen mit den Pharis&auml;ern die Reise nach C&auml;sarea
+Philippi (Mk 8 <span class="antiqua">27</span>).</p>
+
+<p>Wir haben hier also zwei selbst&auml;ndige Darstellungen derselben
+Epoche im Leben Jesu. Dem Plane nach decken sie sich
+vollst&auml;ndig; nur differieren sie in der Auswahl der berichteten
+Ereignisse. Diese beiden Erz&auml;hlungsreihen sind wie pr&auml;destiniert
+miteinander verbunden, statt einander gleichgesetzt zu werden.
+Jede erz&auml;hlte Nordreise beginnt und endigt n&auml;mlich mit
+einem Aufenthalt in Galil&auml;a. Mk 7 <span class="antiqua">31</span>: Nachdem er weggegangen
+aus dem Gebiet von Tyrus, ging er &uuml;ber Sidon an den galil&auml;ischen
+See; Mk 9 <span class="antiqua">30</span> u. <span class="antiqua">33</span>: Und sie gingen weg von da (gemeint
+ist C&auml;sarea Philippi) und wandelten durch Galil&auml;a hin und sie
+kamen nach Kapernaum. Man ist also an dem Ende einer Erz&auml;hlungsreihe
+wieder an dem Ausgangspunkt der andern. Verbindet
+man daher die eine R&uuml;ckkehr aus dem Norden mit dem
+Anfang der andern Erz&auml;hlungsreihe, so hat man &auml;usserlich betrachtet
+eine ganz nat&uuml;rliche Fortsetzung, nur dass Jesus jetzt
+ <span class="pagenum"><a id="Page_54">[S. 54]</a></span>
+unbegreiflicherweise gleich wieder nach dem Norden muss, statt
+dass die R&uuml;ckkehr nach Galil&auml;a ein Teil der Jerusalemreise ist!
+Diese schliesst sich in dieser Anordnung dann erst an die zweite
+R&uuml;ckkehr an.</p>
+
+<p>In dieser r&uuml;ckl&auml;ufigen Bewegung der beiden Erz&auml;hlungsreihen
+liegt es begr&uuml;ndet, dass sie, obwohl Parall&eacute;lcyklen, sich
+doch in einer Folge aneinanderschliessen. Der jetzige Text zeigt
+ihre vollst&auml;ndige Harmonisierung. Nicht nur dass die zweite Speisungsgeschichte
+auf die erste durch »wiederum« (Mk 8 <span class="antiqua">1</span>) R&uuml;cksicht
+nimmt: der Ausgleich ist sogar soweit vorangeschritten, dass
+Jesus in einem Wort an die J&uuml;nger beide voraussetzt (Mk 8 <span class="antiqua">19-21</span>)!
+Wie weit sich dieser Prozess schon in der m&uuml;ndlichen Ueberlieferung
+vollzogen hatte und was auf das Konto der endg&uuml;ltigen
+litterarischen Zusammenf&uuml;gung kommt, das l&auml;sst sich nicht mehr
+ausmachen.</p>
+
+<p>Nur der erste Cyklus ist vollst&auml;ndig. Jesus f&auml;hrt mit den
+J&uuml;ngern nord&ouml;stlich der K&uuml;ste entlang und kehrt dann wieder
+nach der Landschaft Genezareth zur&uuml;ck (Mc 6 <span class="antiqua">32 45 53</span>). Der
+zweite ist unvollst&auml;ndig und etwas in Unordnung geraten.</p>
+
+<p>Jesus ist von der Seereise zum Westufer zur&uuml;ckgekehrt.
+Mk 8 <span class="antiqua">10</span> ff. entspricht Mk 6 <span class="antiqua">53</span> ff. u. 7 <span class="antiqua">1</span> ff.; Dalmanutha liegt auf
+dem Westufer. Statt dass er aber nun direkt nach Norden aufbricht,
+folgt zuerst wieder eine Fahrt nach dem Ostufer (Mk 8 <span class="antiqua">13</span>).
+Erst von Bethsaida zieht er dann mit ihnen nach Norden (Mk
+8 <span class="antiqua">27</span> ff.). Der erste Cyklus hingegen erz&auml;hlt <em class="gesperrt">diese Seefahrt
+nach Bethsaida als Episode der grossen Uferreise in
+unmittelbarer Folge auf die Speisungsgeschichte</em> (Mk
+6 <span class="antiqua">45</span> ff.). Nun zeigt aber auch die zweite Erz&auml;hlungsreihe, dass
+dies der urspr&uuml;ngliche Zusammenhang war, denn auch hier, wie in
+der ersten, bezieht sich das Gespr&auml;ch beim Landen auf die vorhergegangene
+Speisung. Mk 6 <span class="antiqua">52</span>: »Denn sie waren nicht zur Einsicht
+gekommen &uuml;ber den Broten, sondern ihr Herz war verstockt«.
+Mk 8 <span class="antiqua">19-21</span>: »Da ich die f&uuml;nf Brote gebrochen habe &mdash; da ich
+die sieben gebrochen habe &mdash; versteht ihr noch nicht?« Es ist
+also unm&ouml;glich, dass zwischen dieser Fahrt und der Speisung alle
+Auftritte, die sich auf dem Westufer abgespielt haben, dazwischen
+liegen. Das Denken aller ist ja noch von dem grossen Ereignis
+beherrscht. <em class="gesperrt">Die neue Seereise des zweiten Cyklus ist
+nichts anderes als die urspr&uuml;ngliche Fortsetzung der
+Fahrt von dem Platz der Speisung nach Bethsaida.</em></p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[S. 55]</a></span></p>
+
+<p class="pmb3">Damit ist der Parallelismus der beiden Erz&auml;hlungsreihen erwiesen.
+Die Ereignisse verlaufen in der Folge: Uferfahrt vom
+Westufer aus, Speisung, Weiterfahrt nach dem Nordosten,
+»Meerwandeln« resp. Gespr&auml;ch im Boot, Ankunft in Bethsaida,
+R&uuml;ckkehr nach der Landschaft Genezareth, Diskussion mit den
+Pharis&auml;ern, Aufbruch mit den J&uuml;ngern nach dem Norden.</p>
+
+
+<h3>2. Das Abendmahl am See Genezareth.</h3>
+
+<p>Die Predigt der J&uuml;nger von der unmittelbaren N&auml;he des
+Reiches muss einen grossen Erfolg gehabt haben. Eine gewaltige
+Menge von solchen, die der Kunde glauben, scharen sich um
+Jesus. Er hat eine von der hochgradigsten eschatologischen Erwartung
+beseelte Gemeinde um sich. Sie lassen ihn nicht los.
+Um mit den J&uuml;ngern allein zu sein, besteigt er ein Schiff. Er
+gedenkt sich nach dem Nordostufer zur&uuml;ckzuziehen. Die Menge
+aber, als sie erf&auml;hrt, dass er sich entfernen will, str&ouml;mt allerorts
+zusammen und folgt am Strande. Mk 6 <span class="antiqua">32</span> u. <span class="antiqua">33</span>: »Es war eine
+Menge Leute da, die kamen und gingen; und sie hatten nicht
+einmal Zeit zu essen. Und sie gingen zu Schiff hin beiseits an
+einen einsamen Ort; und viele sahen sie hingehen und erkannten
+sie. Und sie liefen von allen St&auml;dten aus zu Fuss dahin zusammen
+und kamen ihnen zuvor«.</p>
+
+<p>Sie treffen ihn in einsamer Gegend und umringen ihn alsbald.
+Die Stunde der Mahlzeit kommt. In den Berichten von
+der wunderbaren Speisung ist uns das Mahl, das sie feierten, erhalten.
+<em class="gesperrt">Es handelte sich um ein feierliches Kultmahl!</em>
+Nach weihevollem Dankgebet l&auml;sst Jesus durch seine J&uuml;nger das
+von ihm gebrochene Brot unter die Menge verteilen. Mit Ausnahme
+der beiden Gleichnisse haben wir absolut denselben feierlichen
+Vorgang wie beim Abendmahl. Er teilt pers&ouml;nlich Speise
+unter die Tischgenossenschaft aus. Die Schilderung der Brotausteilung
+hier entspricht vollst&auml;ndig dem ersten Abendmahlsakt.
+Mk 6 <span class="antiqua">41</span>: Er nahm die Brote, segnete sie, zum Himmel aufblickend,
+brach sie und gab sie den J&uuml;ngern, sie ihnen vorzusetzen.
+Mk 14 <span class="antiqua">22</span>: Er nahm das Brot, segnete und brach es und
+gab es ihnen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">In der feierlichen Austeilungshandlung</em> liegt also
+das Wesen sowohl jener Mahlzeit am Strand als auch des letzten
+Mahls mit den J&uuml;ngern begr&uuml;ndet. Der Name Abendmahl geht
+auf beide, denn auch jenes Mahl am See fand in der Abendstunde
+ <span class="pagenum"><a id="Page_56">[S. 56]</a></span>
+statt. Mk 6 <span class="antiqua">35</span>: Und wie es schon sp&auml;t wurde, traten seine J&uuml;nger
+zu ihm etc. Hier setzt sich die Mahlgemeinschaft aus der grossen
+Menge der Reichsgl&auml;ubigen zusammen, beim letzten Mahl ist sie
+auf den J&uuml;ngerkreis beschr&auml;nkt. <em class="gesperrt">Die Feier aber war dieselbe.</em></p>
+
+<p>Hier ist sie nun in einen Wunderbericht verzerrt, weil das
+Kultmahl, das Jesus am See improvisiert, als ein S&auml;ttigungsmahl
+aufgefasst wird. Dass er den geringen Vorrat, der zu H&auml;nden war,
+die f&uuml;r ihn und seine J&uuml;nger bestimmte Speise der Menge feierlich
+austeilte, ist historisch. Dass dieses Mahl ihnen die abendliche
+Mahlzeit ersetzte, trifft ebenfalls zu. Dass die Menge davon
+aber durch einen &uuml;bernat&uuml;rlichen Vorgang <em class="gesperrt">satt wurde</em>, das
+geh&ouml;rt zum Wundercharakter, welchen die sp&auml;tere Zeit der Feier
+beilegte, weil man sich ihre Bedeutung nicht zurechtlegen
+konnte.</p>
+
+<p>Der historische Vorgang ist also folgender: Die J&uuml;nger
+verlangen, Jesus solle das Volk entlassen, damit sie sich s&auml;ttigen.
+F&uuml;r ihn aber ist es nicht der Augenblick, an irdische Mahlzeit zu
+denken und daf&uuml;r auseinanderzugehen, denn die Stunde ist nahe,
+wo sie alle um ihn zum messianischen Mahl versammelt sein werden.
+Darum will er nicht, dass sie jetzt gehen, sondern, ehe er
+sie entl&auml;sst, heisst er sie sich lagern. An die Stelle der S&auml;ttigungsmahlzeit
+setzt er ein feierliches Kultmahl, bei dem die irdische
+S&auml;ttigung keine Rolle spielt, sodass die f&uuml;r ihn und seine
+J&uuml;nger bestimmte Speise ausreicht.</p>
+
+<p>Weder die J&uuml;nger noch die Menge verstehen, was vorgeht.
+Als Jesus nachher im Schiff die Rede auf die Bedeutung der
+Mahlzeit bringt &mdash; dies allein kann der historische Sinn der dunkeln
+Notizen Mk 6 <span class="antiqua">52</span> und Mk 8 <span class="antiqua">14-21</span> sein &mdash; zeigt sich, dass sie
+nichts begriffen haben.</p>
+
+<p>Er hielt also ein Kultmahl ab, dessen Sinn ihm allein klar
+war. Er achtete es nicht f&uuml;r n&ouml;tig, ihnen das Wesen der Feier
+zu erkl&auml;ren. Die Erinnerung aber an jene geheimnisvolle Abendmahlzeit
+am einsamen Seestrand lebte in der Ueberlieferung
+lebendig weiter und wuchs zum Bericht der wunderbaren Speisung
+aus.</p>
+
+<p>Worin bestand f&uuml;r Jesus der feierliche Charakter der Austeilung?
+Die Mahlgemeinschaft tr&auml;gt eschatologischen Charakter.
+Das Volk, das sich am See um ihn gesammelt, erwartet mit ihm
+das Anbrechen des Reiches. Indem er nun an die Stelle der gew&ouml;hnlichen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_57">[S. 57]</a></span>
+S&auml;ttigungsmahlzeit ein Kultmahl setzt, wo er unter
+Danksagung zu Gott ihnen Speise austeilt, da handelt er aus
+seinem messianischen Selbstbewusstsein heraus. <em class="gesperrt">Als derjenige,
+welcher sich Messias weiss und bei dem unmittelbar bevorstehenden
+Einbrechen des Reiches ihnen als solcher
+geoffenbart werden wird, teilt er denjenigen, welche er
+demn&auml;chst beim messianischen Mahl um sich erwartet,
+feierlich Speise aus, als wollte er ihnen damit ein Anrecht
+auf Teilnahme an jener zuk&uuml;nftigen Feier geben.</em>
+Die Zeit der irdischen Mahlzeiten ist vorbei; darum h&auml;lt er mit
+ihnen die Vorfeier des messianischen Mahles. Sie aber verstanden
+es nicht, denn sie konnten nicht ahnen, dass derjenige, welcher
+ihnen so weihevoll Speise in Danksagung austeilte, sich als
+Messias wusste und als solcher handelte.</p>
+
+<p>In diesem Zusammenhang f&auml;llt nun ein Licht auf das Wesen
+des Abendmahls zu Jerusalem. Dort repr&auml;sentieren die J&uuml;nger
+die reichsgl&auml;ubige Gemeinschaft. Jesus teilt ihnen im Verlauf
+jener letzten Mahlzeit unter Danksagungswort Speise und Trank
+aus. Nun wissen sie aber, was er von sich h&auml;lt. Er hat ihnen sein
+messianisches Geheimnis enth&uuml;llt. Sie k&ouml;nnen daraus die Beziehung
+seiner Austeilung auf das messianische Mahl ahnen. Er
+selbst gibt seinem Handeln diese Bedeutung, indem er die Feier
+mit dem Hinweis auf die demn&auml;chstige Wiedervereinigung beschliesst,
+wo er mit ihnen den Wein neu trinken wird in seines
+Vaters Reich!</p>
+
+<p class="pmb3">Das Abendmahl am See und das Abendmahl zu Jerusalem
+entsprechen sich also vollkommen, nur dass Jesus bei letzterem
+den J&uuml;ngern das Wesen der Feier andeutet und zugleich in den
+beiden Gleichnissen den Leidensgedanken zum Ausdruck bringt.
+Das Kultmahl war dasselbe: eine Vorfeier des messianischen
+Mahles im Kreise der reichsgl&auml;ubigen Genossenschaft. <em class="gesperrt">Jetzt
+versteht man erst, wie das Wesen des Abendmahls von
+den Gleichnissen unabh&auml;ngig sein kann.</em></p>
+
+
+<p>3. Die Woche zu Bethsaida.</p>
+
+<p>W&auml;hrend der Feier war Jesus tief ergriffen. Darum dr&auml;ngte
+er zum Aufbruch und entliess das Volk. Er selbst zog sich auf
+einen Berg zur&uuml;ck, um im Gebet allein zu sein. Am Strande zu
+Bethsaida, wohin er ihnen zu rudern befohlen hatte, traf er die
+Seinen wieder. Im Kampf mit Sturm und Wellen w&auml;hnten sie
+ <span class="pagenum"><a id="Page_58">[S. 58]</a></span>
+eine &uuml;berirdische Erscheinung auf sie zukommen zu sehen, als
+sie seine Gestalt am Strande erblickten. So sehr standen sie
+noch unter dem Eindruck der gewaltigen Pers&ouml;nlichkeit, welche
+voll geheimnisvoller Hoheit der Menge feierlich Speise ausgeteilt
+und dann die Feier pl&ouml;tzlich abgebrochen hatte (Mk 6 <span class="antiqua">45-52</span>).</p>
+
+<p>Wohin hatte er die Menge entlassen? Was thaten sie in
+Bethsaida? Wie lang blieben sie dort? Unser Text berichtet
+nur, dass sie wieder nach Genezareth zur&uuml;ckkehrten.</p>
+
+<p>Nun bietet aber die synoptische Geschichtserz&auml;hlung f&uuml;r die
+Zeit vor dem Aufbruch nach Jerusalem (Mk 9 <span class="antiqua">30</span>) ein schweres
+litterarisches Problem. Mk 8 <span class="antiqua">27-33</span> befindet sich Jesus allein mit
+seinen J&uuml;ngern hoch im Norden auf heidnischem Gebiet; von
+dort bricht er auch 9 <span class="antiqua">30</span> ff. zum raschen Zug durch Galil&auml;a nach
+Jerusalem auf. »Sie zogen von dort weg und nahmen ihren Weg
+durch Galil&auml;a; er wollte aber nicht, dass jemand davon wusste.«
+Zwischen die Messianit&auml;tserkl&auml;rung und diesen Aufbruch f&auml;llt
+nun eine Scene (Mk 8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">29</span>), wo er von einer grossen Volksmenge
+umgeben erscheint. Er verl&auml;sst sie mit den Intimen, um
+nachher wieder zu ihr zur&uuml;ckzukehren. Nirgends wird berichtet,
+wie dieses Volk pl&ouml;tzlich auf heidnischem Land sich zu ihm findet.
+Ebensowenig erfahren wir, wie es ihn wieder verl&auml;sst, dass er Mk
+9 <span class="antiqua">30</span> ff. allein mit den J&uuml;ngern und unerkannt durch Galil&auml;a
+ziehen kann.</p>
+
+<p>Aber nicht nur die Volksmenge kommt unerwartet, sondern
+die ganze Scenerie ver&auml;ndert sich. Man befindet sich in bekannter
+Gegend, denn Jesus geht mit den J&uuml;ngern »ins Haus«, w&auml;hrend
+das Volk draussen bleibt (Mk 9 <span class="antiqua">28</span>)!</p>
+
+<p>Der litterarische Zusammenhang, in dem das St&uuml;ck steht,
+ist absolut unm&ouml;glich, denn es kann nicht auf <em class="gesperrt">heidnischem
+Boden</em>, sondern nur in <em class="gesperrt">Galil&auml;a</em> spielen! Da aber Jesus nachher
+Galil&auml;a nur im Fluge und incognito ber&uuml;hrt, so geh&ouml;rt es in
+die galil&auml;ische Periode <em class="gesperrt">vor den Aufbruch nach dem Norden
+und zwar in die Zeit nach der R&uuml;ckkehr der J&uuml;nger</em>, da
+er dort von einer st&auml;ndigen Volksmenge umgeben ist und dabei
+mit den J&uuml;ngern die Einsamkeit aufsucht!</p>
+
+<p>Die Situation l&auml;sst sich aber mit Sicherheit noch genauer
+bestimmen. Jesus wohnt in einer Ortschaft (Mk 9 <span class="antiqua">28</span>), in deren
+N&auml;he ein Berg sich befindet, zu dem er sich mit den Intimen begibt
+(Mk 9 <span class="antiqua">2</span>). Dies passt aber alles mit absoluter Sicherheit auf
+den Aufenthalt <em class="gesperrt">in Bethsaida</em>. Der Berg, den er mit den drei
+ <span class="pagenum"><a id="Page_59">[S. 59]</a></span>
+Intimen aufsucht, ist <em class="gesperrt">der Berg am Nordstrand des Sees,
+auf dem er gebetet in der Nacht, da er nach Bethsaida
+kam</em>!</p>
+
+<p>Das St&uuml;ck Mk 8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">29</span> geh&ouml;rt also in die Tage von Bethsaida!
+Es ist nicht mehr auszumachen, durch welchen Prozess
+es in den vorliegenden, unm&ouml;glichen litterarischen Zusammenhang
+geriet. Von Einfluss auf diese Einreihung wird gewesen
+sein, dass sich an die Leidensweissagung in C&auml;sarea Philippi (Mk
+8 <span class="antiqua">31-33</span>) am nat&uuml;rlichsten das eindringliche Wort von der Leidensnachfolge
+der Anh&auml;nger anzuschliessen schien (Mk 8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">1</span>).</p>
+
+<p>Zudem hatte die Umbildung des Berichts von dem Zusammentreffen
+Jesu mit seinen landenden J&uuml;ngern in eine Wundererz&auml;hlung
+den nat&uuml;rlichen Anschluss des Berichts von dem am
+folgenden Morgen eintretenden Ereignisse erschwert. Und doch
+setzt Mk 8 <span class="antiqua">34</span> ff. die Massnahmen des vorhergehenden Abends
+voraus (Mk 6 <span class="antiqua">45-47</span>). Jesus hat das Volk entlassen, sich selbst
+in die Einsamkeit zur&uuml;ckgezogen und ist mit den J&uuml;ngern im
+Dunkel der Nacht in Bethsaida eingetroffen, wo sie im Hause
+(Mk 9 <span class="antiqua">28</span>) Herberge haben. Am andern Tage ruft er das Volk
+mit den J&uuml;ngern um sich (Mk 8 <span class="antiqua">34</span>) und redet zu ihnen von der
+Selbstverleugnung, die in seiner Nachfolge gewillt sein muss,
+Schande, Hohn und Spott zu erdulden, um bei ihm auszuharren.
+Dieses Verhalten wird durch die N&auml;he der Ankunft
+des Menschensohnes gerechtfertigt, der in Solidarit&auml;t mit Jesu
+richten wird.</p>
+
+<p>Den Beschluss dieser mahnenden Rede bildet ein Wort »von
+dem Hereinbrechen des Reiches Gottes mit Macht«, d. h. der
+eschatologischen Realisierung desselben. In der jetzigen Form
+ist es abgeschw&auml;cht: einige von den Umstehenden werden den
+Tod nicht schmecken, bevor jener Augenblick eintritt. Als Abschluss
+dieser Rede muss es aber gelautet haben: Ihr, die ihr
+hier steht, werdet in B&auml;lde den grossen Augenblick des gewaltsamen
+Einbruchs des Reiches Gottes erleben! So passt diese
+ernste Rede in Bethsaida zu den Erwartungen, die Jesum und
+die Menge um ihn bewegten.</p>
+
+<p>Sechs Tage nach jener Rede in Bethsaida nimmt er die Intimen
+mit sich und f&uuml;hrt sie auf den Berg, wo er am Abend nach
+dem grossen gemeinschaftlichen Kultmahl in der Einsamkeit gebetet.
+Bei ihrer R&uuml;ckkehr finden sie die andern J&uuml;nger vom
+Volk umgeben; trotz der von ihnen auf ihrem Wanderzug durch
+ <span class="pagenum"><a id="Page_60">[S. 60]</a></span>
+die Ortschaften Israels bewiesenen Vollmacht &uuml;ber die D&auml;monen
+werden sie nicht Herr &uuml;ber einen Besessenen, der ihnen zugef&uuml;hrt
+worden. Jesus geht mit dem Vater und dem Besessenen abseits;
+in dem Augenblick, wo das Volk herbeil&auml;uft (Mk 9 <span class="antiqua">25-27</span>), beginnt
+die Krisis, nach der Jesus den wie tot daliegenden Knaben bei
+der Hand fasst und aufrichtet.</p>
+
+<p>So enth&auml;lt dieses merkw&uuml;rdige eingeschobene St&uuml;ck Mk
+8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">29</span> einen anschaulichen Bericht &uuml;ber den ersten und
+letzten Tag der Woche, die er damals zwischen der R&uuml;ckkehr
+der J&uuml;nger und dem Aufbruch nach dem Norden in Bethsaida
+verbrachte.</p>
+
+<p>Erst jetzt wird ganz klar, wie unhistorisch die Ansicht ist,
+dass Jesus Galil&auml;a infolge des wachsenden Widerstandes und
+des zunehmenden Abfalls verlassen habe. Im Gegenteil: es ist
+die Zeit der h&ouml;chsten Triumphe. Eine reichsgl&auml;ubige Volksmenge
+h&auml;ngt ihm an und verfolgt ihn &uuml;berall. Kaum landet er am Westufer,
+so sind sie schon wieder da. Ihre Zahl ist noch gewachsen
+und w&auml;chst immer fort (Mk 6 <span class="antiqua">53-56</span>). Dass sie ihn verlassen,
+dass sie auch nur die geringste Regung des Zweifels oder Abfalls
+gezeigt haben: davon wissen die Texte nichts. <em class="gesperrt">Nicht das Volk
+verl&auml;sst ihn, sondern er verl&auml;sst das Volk.</em></p>
+
+<p class="pmb3">Das thut er nicht aus Angst vor den jerusalemitischen
+Sendlingen, sondern er f&uuml;hrt nur aus, was er schon seit der R&uuml;ckkehr
+der J&uuml;nger im Sinne hatte. Er will allein sein. Das Volk
+hatte diese Absicht vereitelt, indem es ihm bei der Seefahrt am
+Ufer folgte. Auf das Westufer zur&uuml;ckgekehrt, sieht er sich
+wieder umgeben. Weil er das Alleinsein mit den J&uuml;ngern f&uuml;r
+absolut notwendig h&auml;lt und weil es ihm in Galil&auml;a nicht gelingt,
+deswegen verschwindet er pl&ouml;tzlich und begibt sich auf heidnisches
+Gebiet. <em class="gesperrt">Die Nordreise ist keine Flucht, sondern
+sie verfolgt denselben Zweck wie die Seereise.</em></p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<h2 id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.<br /><br />
+
+Das Messianit&auml;tsgeheimnis.</h2>
+<p class="pmb2" />
+
+
+<h3>1. Vom Verkl&auml;rungsberg nach C&auml;sarea Philippi.</h3>
+
+<p>Nach C&auml;sarea Philippi ist die Verkl&auml;rungsscene bedeutungslos
+und unverst&auml;ndlich. Die drei Intimen erfahren nicht mehr
+&uuml;ber Jesus, als was Petrus schon bekannt und Jesus daraufhin
+best&auml;tigt hat. So ist die ganze Perikope nichts als eine angeh&auml;ngte
+ <span class="pagenum"><a id="Page_61">[S. 61]</a></span>
+Apotheose mit einem dunkeln Gespr&auml;ch, der keine geschichtliche
+Bedeutung zukommt.</p>
+
+<p>Spielt die Scene aber, wie oben litterarisch nachgewiesen ist,
+in den Wochen nach der Aussendung, <em class="gesperrt">vor C&auml;sarea Philippi</em>,
+nicht auf dem Berg der Legende, <em class="gesperrt">sondern auf dem Berg in
+der Einsamkeit des Seeufers bei Bethsaida</em>, dann ist mit
+einem Schlage aus der bedeutungslosen Anhangsapotheose zur
+Offenbarung des Messiasgeheimnisses ein galil&auml;isches Ereignis
+von weittragender historischer Bedeutung geworden, <em class="gesperrt">das die
+Scene zu C&auml;sarea Philippi erkl&auml;rt, nicht umgekehrt</em>!
+Was wir die Verkl&auml;rung Jesu nennen, ist in Wirklichkeit nichts
+anderes als <em class="gesperrt">die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an
+die drei Intimen</em>! Einige Wochen sp&auml;ter folgt dann die Er&ouml;ffnung
+an die Zw&ouml;lfe.</p>
+
+<p>Diese Offenbarung an die Intimen ist uns als Wundergeschichte
+&uuml;berliefert. Sie hat dieselbe Umbildung erfahren, wie
+alle Ereignisse auf jener Fahrt l&auml;ngs des Nordstrandes. Wie die
+Speisungsgeschichte und die Begegnung Jesu mit seinen J&uuml;ngern
+im Abenddunkel, so steht auch die Scene auf dem Berg unter
+dem Eindruck der intensivsten eschatologischen Erregtheit. Darum
+ist der historische Vorgang im einzelnen nicht mehr klar.
+Elias und Moses, die Pers&ouml;nlichkeiten, welche die Endzeit ank&uuml;ndigen,
+erscheinen ihnen. Inwiefern haben dabei ekstatische Zust&auml;nde,
+verbunden mit Glossolalie, mitgespielt? Die jetzige Schilderung
+l&auml;sst auf derartiges schliessen (Mk 9 <span class="antiqua">2-6</span>). Inwiefern wiederholt
+sich in der Stimme aus den Wolken das Erlebnis Jesu bei der
+Taufe Jesu? Mk 9 <span class="antiqua">7</span>: »Dies ist mein lieber Sohn, auf ihn h&ouml;ret.«</p>
+
+<p>Zwischen der Taufe und der Verkl&auml;rung besteht ein innerer
+Zusammenhang. Beidemal handelt es sich um einen Zustand der
+Verz&uuml;ckung, in dem das Geheimnis der Pers&ouml;nlichkeit Jesu offenbar
+wird. Das erste Mal war es f&uuml;r ihn allein. Hier nehmen auch
+die J&uuml;nger daran teil. Wie weit sie selbst hingerissen waren, ist
+nicht klar. Fest steht, dass in einem Zustand der Bet&auml;ubung,
+aus dem sie erst am Ende der Scene erwachen (Mk 9 <span class="antiqua">8</span>), die Gestalt
+Jesu ihnen von &uuml;berirdischem Glanz und Herrlichkeit umstrahlt
+erscheint und sie eine Stimme h&ouml;ren, er sei Gottes Sohn.
+Der Vorgang erkl&auml;rt sich nur aus der gewaltigen eschatologischen
+Aufregung.</p>
+
+<p>Es ist merkw&uuml;rdig, dass die Offenbarwerdung des Messiasgeheimnisses
+<em class="gesperrt">immer</em> an derartige Zust&auml;nde gekn&uuml;pft erscheint.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_62">[S. 62]</a></span>
+Bei der Pfingstrede, wo Petrus die Messianit&auml;t Jesu &ouml;ffentlich
+verk&uuml;ndigt, handelt es sich auch um Glossolalie. Freilich hatte
+er diesen Zustand schon erlebt, als ihm die Offenbarung auf dem
+Berg bei Bethsaida wurde. Auch Paulus befindet sich in Verz&uuml;ckung,
+als er die Stimme aus den Wolken h&ouml;rt.</p>
+
+<p>Wir haben oben dargethan, dass niemand durch Jesu Auftreten
+oder durch seine Reden jemals auf den Gedanken kommen
+konnte, er halte sich f&uuml;r den Messias. Die Frage dreht sich nicht
+darum, wie die Leute seine Messianit&auml;t ignorieren konnten, sondern
+woher Petrus zu C&auml;sarea Philippi und der Hohepriester in
+der Gerichtsscene im Besitz des Geheimnisses Jesu sind.</p>
+
+<p>Die Verkl&auml;rungsscene l&ouml;st die erste Frage. Petrus weiss,
+dass Jesus »Sohn Gottes« ist aus der Offenbarung, die ihm mit
+den andern beiden Intimen auf dem Berg bei Bethsaida geworden
+ist. Darum antwortet er mit einer solchen Sicherheit auf die gestellte
+Frage (Mk 8 <span class="antiqua">29</span>). Der matth&auml;ische Text f&uuml;gt sogar noch
+ein Wort bei, in dem Jesus auf das Erlebnis, wo ihm diese Erkenntnis
+zu teil geworden, anspielt. Mt 16 <span class="antiqua">17</span>: Selig bist du
+Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat es dir nicht geoffenbart,
+sondern der Vater im Himmel.</p>
+
+<p>Aber auch die auf die Antwort des Petrus folgende Scene
+zeigt, dass es sich um ein beiden gemeinsames Geheimnis handelt.
+Auf die Er&ouml;ffnung Jesu, dass er in Jerusalem sterben m&uuml;sse,
+f&auml;hrt Petrus heftig und r&uuml;cksichtslos auf ihn ein, nimmt ihn zur
+Seite und redet mit ihm in aufgeregter Weise. <em class="gesperrt">Als Jesus
+sieht, dass die &uuml;brigen J&uuml;nger aufmerksam werden</em>, reisst
+er sich mit einem harten Wort von ihm los, indem er ihn den
+Versucher nennt, der nicht Gottes Dinge, sondern Menschendinge
+sinne (Mk 8 <span class="antiqua">32 u. 33</span>).</p>
+
+<p>Warum die Aufregung des Petrus &uuml;ber die Er&ouml;ffnung Jesu
+von der Todesreise nach Jerusalem? Weil sie neu hinzukommt
+zu dem, was ihm aus jener Scene auf dem Berg bei Bethsaida
+bekannt ist. Nun darf er aber davon vor den andern J&uuml;ngern
+nicht reden, weil Jesus den Intimen verboten hatte, jenes Ereignis
+zu erw&auml;hnen. Darum nimmt er ihn bei Seite. Jesus aber kann,
+da die andern aufmerksam werden, sich mit ihm nicht dar&uuml;ber
+auseinandersetzen, sondern er gebietet ihm leidenschaftlich erregt
+Schweigen.</p>
+
+<p>Nur der Zusammenhang mit der Verkl&auml;rungsscene erkl&auml;rt
+die charakteristischen Z&uuml;ge des Ereignisses zu C&auml;sarea Philippi.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_63">[S. 63]</a></span>
+Die allgemein im Gebrauch befindlichen psychologischen Noterw&auml;gungen
+&uuml;ber die schnelle Auffassungskraft des Petrus und
+sein lebhaftes Temperament k&ouml;nnen nicht im geringsten erkl&auml;ren,
+warum er allein mit solcher Sicherheit zur Erkenntnis
+der Messianit&auml;t Jesu gekommen, um sie alsbald wieder so misszuverstehen,
+dass er mit Jesus darob in heftiges Gerede
+kommt. Warum gehen beide mit einander abseits? Warum
+belehrt ihn Jesus nicht, sondern l&auml;sst ihn mit hartem Scheltwort
+stehen?</p>
+
+<p class="pmb3">An sich ist also die ganze Scene zu C&auml;sarea Philippi ein
+R&auml;tsel. Nimmt man aber an, dass die Verkl&auml;rungsscene vorausgegangen
+ist, so l&ouml;st sich das R&auml;tsel und die Scene wird bis
+ins kleinste Detail verst&auml;ndlich. <em class="gesperrt">Der Offenbarung an die
+Zw&ouml;lf ging die Kundgebung des Messiasgeheimnisses
+an die Intimen voraus.</em></p>
+
+
+<h3>2. Der futurische Charakter der Messianit&auml;t Jesu.</h3>
+
+<p>Die Offenbarung des Messiasgeheimnisses &auml;nderte vorl&auml;ufig
+nichts in dem Verhalten der J&uuml;nger zu Jesu. Sie sind nicht vor
+ihm in den Staub gesunken, als ob nun aus dem Menschen, den
+sie gekannt, eine &uuml;berirdische Erscheinung geworden w&auml;re. Nur
+eine gewisse Scheu legen sie in der Folge an den Tag. Sie wagen
+ihn nicht zu fragen, wenn sie seine Worte nicht verstehen (Mk 9 <span class="antiqua">32</span>),
+sondern sie gehen neben ihm her als solche, die wissen, dass er
+ein grosses Geheimnis in sich tr&auml;gt.</p>
+
+<p>War nun Jesus vom Tag der Offenbarung seines Messiasgeheimnisses
+an f&uuml;r sie der Messias? <em class="gesperrt">Er war es noch nicht.</em>
+Man muss sich immer wieder erinnern, dass das Reich und der
+Messias unzertrennlich zusammengeh&ouml;ren. Nun war das Reich
+noch nicht erschienen, also auch der Messias nicht. Die Er&ouml;ffnung
+Jesu bezieht sich auf den Zeitpunkt des Anbrechens des
+Reichs. Wann jene Stunde schlagen wird, dann wird er als Messias
+erscheinen, dann wird seine Messianit&auml;t in Herrlichkeit geoffenbart
+werden. Das war das Geheimnis, welches er den J&uuml;ngern
+feierlich bekannt gab.</p>
+
+<p>Jesu Messianit&auml;t war ein Geheimnis nicht nur, weil er davon
+zu sprechen verboten hatte, sondern auch wegen ihrer besonderen
+Art, <em class="gesperrt">sofern sie erst in einem bestimmten Zeitpunkt
+real wurde</em>. Es handelt sich um eine nur in seinem
+Selbstbewusstsein vollziehbare Vorstellung. Darum konnte und
+ <span class="pagenum"><a id="Page_64">[S. 64]</a></span>
+brauchte das Volk nicht darum zu wissen. Es gen&uuml;gte, dass sein
+Wort und seine Zeichen sie zum Glauben an die N&auml;he des Reiches
+bekehrten, denn mit dem Anbruch des Reiches wurde ihnen auch
+seine Messianit&auml;t offenbar.</p>
+
+<p>Es ist fast unm&ouml;glich, das Messianit&auml;tsbewusstsein, wie es
+Jesus seinen J&uuml;ngern als Geheimnis offenbarte, in moderne Begriffe
+zu fassen. Mag man es als eine Identit&auml;t zwischen ihm und
+dem erscheinenden Menschensohn beschreiben, mag man es als
+eine Kontinuit&auml;t, die beide Pers&ouml;nlichkeiten verbindet, auffassen,
+oder mag man es sich als ein virtuelles Vorhandensein der Messianit&auml;t
+denken: keine von diesen modernen Anschauungen kann das
+messianische Selbstbewusstsein Jesu, <em class="gesperrt">wie es die J&uuml;nger verstanden</em>,
+wiedergeben.</p>
+
+<p>Uns fehlt n&auml;mlich das »jetzt und dann«, welches ihr Denken
+beherrschte und eine eigenartige Duplicit&auml;t des Selbstbewusstseins
+bedingte. Was wir Identit&auml;t, Kontinuit&auml;t und virtuelle Anlage
+nennen, das ging in ihrer Vorstellung in einer f&uuml;r uns ganz unfassbaren
+Weise ineinander &uuml;ber. Jede Pers&ouml;nlichkeit dachte
+sich selbst in <em class="gesperrt">zwei ganz verschiedenen Zust&auml;nden</em>, sofern
+sie sich n&auml;mlich jetzt in der vormessianischen und dann in der
+messianischen Aera wusste. Ausspr&uuml;che, welche wir nur nach
+der Einheit des Selbstbewusstseins deuten, verstanden sie ganz
+von selbst nach dem ihnen gel&auml;ufigen doppelten Selbstbewusstsein.
+Wenn ihnen also Jesus das Geheimnis seiner Messianit&auml;t offenbarte,
+hiess das f&uuml;r sie nicht, er sei der Messias, wie wir Modernen
+es verstehen m&uuml;ssten, sondern es bedeutet f&uuml;r sie, dass
+ihr Herr und Meister derjenige war, <em class="gesperrt">der im messianischen
+Aeon als Messias geoffenbart werden w&uuml;rde</em>.</p>
+
+<p>Auch sich selbst dachten sie in dieser Doppelheit des Selbstbewusstseins.
+Jedesmal, nachdem Jesus ihnen er&ouml;ffnet, dass er
+vor Antritt seiner Herrschaft leiden m&uuml;sse, machen sie sich Gedanken,
+was sie sein werden im zuk&uuml;nftigen Aeon. Darum folgen
+auf die Leidensweissagungen die Scenen, in denen sie sich streiten,
+wer von ihnen der gr&ouml;sste sein wird im Himmelreich, oder welchen
+die Ehrenpl&auml;tze zu Seiten des Thrones zufallen werden. Bis dahin
+aber bleiben sie, was sie sind, und Jesus, was er ist, ihr Lehrer
+und Meister. »Meister« reden ihn die Zebedaiden Mk 10 <span class="antiqua">35</span> an.
+Als Lehrer soll er versprechen und gew&auml;hren, was sich erf&uuml;llen
+wird, wenn das Reich und damit seine Messianit&auml;t geoffenbart
+sein wird.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_65">[S. 65]</a></span></p>
+
+<p>In diesem Sinne ist also das Messianit&auml;tsbewusstsein Jesu
+futurisch. Weder f&uuml;r ihn noch f&uuml;r die J&uuml;nger lag darin etwas
+Auff&auml;lliges. Im Gegenteil: es entsprach ganz der j&uuml;dischen
+Vorstellung von <em class="gesperrt">dem verborgenen Werden und Wirken
+des Messias</em> (vgl. <span class="smcap">Weber</span>, System der altsynagogalen Theologie,
+1880. S. 342-446). Jesu irdische Laufbahn ging seiner
+Messianit&auml;t in Herrlichkeit voraus. Der Messias musste irdisch
+und unerkannt auftreten und wirken, er musste lehren und durch
+Thun und Leiden ein vollendeter Gerechter werden. Dann erst
+sollte die messianische Aera mit dem Gericht und der Aufrichtung
+des Reichs anbrechen. Von Norden sollte der Messias kommen.
+Jesu Zug von C&auml;sarea Philippi nach Jerusalem war der Lauf des
+unerkannten Messias zur Erlangung seiner Herrlichkeit.</p>
+
+<p>So stand er als werdender Messias mitten drin in der messianischen
+Erwartung seines Volkes. Er durfte sich ihm nicht
+offenbaren, denn die Zeit seines verborgenen Wirkens war
+noch nicht vor&uuml;ber. Darum predigte er die N&auml;he des Reiches
+Gottes.</p>
+
+<p>Aus seinem futurischen Messianit&auml;tsbewusstsein heraus ber&uuml;hrt
+er im Tempel die messianische Dogmatik der Schriftgelehrten,
+als wollte er sie auf das Geheimnis, das dahinter steckt,
+aufmerksam machen. Die Pharis&auml;er sagen: der Messias ist Davids
+Sohn. David aber nennt ihn seinen Herrn. Wie kann er da
+noch sein Sohn sein (Mk 12 <span class="antiqua">35-37</span>)?</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Davids Sohn</em>, also ihm unterstehend, ist der Messias, wenn
+er in diesem Aeon, aus irdischem Geschlecht geboren, verborgen
+wirkt und wird. <em class="gesperrt">Davids Herr</em>, wenn er beim Anbruch des zuk&uuml;nftigen
+Aeons als Messias in Herrlichkeit geoffenbart wird.
+Es liegt Jesu fern, die messianische Dogmatik der Pharis&auml;er anzugreifen.
+Sie ist richtig, denn die Schrift lehrt so. Nur k&ouml;nnen
+sie die Pharis&auml;er selbst nicht erkl&auml;ren, da sie nicht deuten
+k&ouml;nnen, wie einmal der Messias Davids Sohn, das andere Mal
+Davids Herr ist.</p>
+
+<p class="pmb3">Dieser Ausspruch an das Volk im Tempel &mdash; erst Matth&auml;us
+hat daraus eine Vexierfrage gemacht &mdash; steht auf derselben Stufe
+wie das Urteil &uuml;ber den T&auml;ufer. Wer es zu fassen verm&ouml;chte, in
+welcher Vollmacht jener taufte, dass er n&auml;mlich der Elias war,
+wer begreifen k&ouml;nnte, wie der Messias einmal Davids Sohn, dann
+wieder Davids Herr ist &mdash; der w&uuml;sste auch, wer der ist, der so
+redet. Wer Ohren hat zu h&ouml;ren, der h&ouml;re!</p>
+
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_66">[S. 66]</a></span></p>
+
+
+<h3>3. Der Menschensohn und der futurische Charakter
+der Messianit&auml;t Jesu.</h3>
+
+<p>Der Ausdruck »Davidssohn« enth&auml;lt also ein R&auml;tsel. Darum
+gebraucht ihn Jesus nie, wenn er von seiner Messianit&auml;t spricht,
+sondern immer redet er von sich als dem »Menschensohn«. Diese
+Bezeichnung war also besonders geeignet, um sein Messianit&auml;tsbewusstsein
+wiederzugeben.</p>
+
+<p>Er hat es auf diesen Ausdruck abgesehen. Jede messianische
+Bezeichnung, die ihn betreffend gefallen ist, <em class="gesperrt">korrigiert
+und erl&auml;utert er durch »Menschensohn«</em>.</p>
+
+<p>Nachdem es in der Scene auf dem Berg den J&uuml;ngern aufgegangen
+ist, dass er »Gottessohn« sei, redet er beim Abstieg
+zu ihnen von sich als dem »Menschensohn« (Mk 9 <span class="antiqua">7-9</span>).</p>
+
+<p>Petrus proklamiert ihn vor den andern als »den Gesalbten«
+(Mk 8 <span class="antiqua">29</span>). Gleich f&auml;hrt Jesus fort, sie &uuml;ber das Schicksal »des
+Menschensohns« (Mk 8 <span class="antiqua">31</span>) zu belehren.</p>
+
+<p>Bist du Christus, der Sohn des Hochgelobten? fr&auml;gt ihn der
+Hohepriester (Mk 14 <span class="antiqua">61</span>). Ihr werdet sehen den »Menschensohn«
+sitzend zur Rechten der Kraft und kommend auf den Wolken des
+Himmels, antwortet Jesus. Das will heissen: Ja. In der zweiten
+und dritten Leidensweissagung (Mk 9 <span class="antiqua">30-32</span> und Mk 10 <span class="antiqua">32-34</span>)
+ebenso wie in dem Wort vom Dienen (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>) kehrt &uuml;berall
+derselbe Ausdruck wieder.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Messianit&auml;tsbezeichnung »Menschensohn«</em> ist
+<em class="gesperrt">futurischen Charakters</em>. Sie bezieht sich auf den Augenblick,
+wo der Messias auf den Wolken des Himmels zum Gericht erscheinen
+wird. In diesem Sinne hatte Jesus zum Volk und zu
+den J&uuml;ngern vom Kommen des Menschensohnes von jeher geredet.
+Bei der Aussendung weist er die Seinen auf die unmittelbare
+N&auml;he des Tages des Menschensohnes hin (Mt 10 <span class="antiqua">23</span>). Dem
+Volk redet er von dem Kommen des Menschensohnes, um es zu
+vermahnen, bei ihm, Jesus, auszuhalten (Mk 8 <span class="antiqua">38</span>).</p>
+
+<p>Dabei sind er und der Menschensohn f&uuml;r die J&uuml;nger und
+das Volk zwei ganz verschiedene Pers&ouml;nlichkeiten. Der eine ist
+eine <em class="gesperrt">irdische</em>, der andere eine <em class="gesperrt">&uuml;berirdische</em> Gestalt; der eine
+geh&ouml;rt dem <em class="gesperrt">jetzigen</em>, der andere dem <em class="gesperrt">messianischen</em> Zeitalter
+an. Zwischen beiden besteht Solidarit&auml;t, indem der
+Menschensohn f&uuml;r die eintreten wird, welche zu Jesus, dem Verk&uuml;ndiger
+seines Kommens, gestanden sind.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_67">[S. 67]</a></span></p>
+
+<p>Von diesen Stellen muss man ausgehen, um die Bedeutung
+des Ausdrucks in Jesu Munde zu verstehen. Wer um sein Geheimnis
+nicht weiss, f&uuml;r den sind Jesus und der Menschensohn
+verschiedene Personen. Wem er aber sein Geheimnis offenbart
+hat, f&uuml;r den besteht ein pers&ouml;nlicher Zusammenhang zwischen
+beiden. Jesus ist der, welcher am messianischen Tag als Menschensohn
+erscheinen wird. <em class="gesperrt">Die Offenbarung zu C&auml;sarea
+Philippi besteht darin, dass Jesus seinen J&uuml;ngern
+offenbart, in welchem pers&ouml;nlichen Verh&auml;ltnis er zum
+erscheinenden Menschensohn steht.</em> Als der, welcher
+Menschensohn sein wird, kann er Petri Bekenntnis, dass er Messias
+sei, best&auml;tigen. Seine Antwort auf die Frage des Hohenpriesters
+ist in demselben Sinn bejahend. Er ist Messias: das
+werden sie sehen, wenn er als Menschensohn auf den Wolken des
+Himmels erscheint.</p>
+
+<p>»Menschensohn« ist also der ad&auml;quate Ausdruck f&uuml;r seine
+Messianit&auml;t, so lange er als Jesus von Nazareth in diesem Aeon
+auf seine zuk&uuml;nftige W&uuml;rde zu reden kommt. Wenn er daher zu
+den J&uuml;ngern von sich als dem Menschensohn spricht, so setzt er
+dabei das Doppelbewusstsein voraus. »Der Menschensohn muss
+leiden und wird dann von den Toten auferstehen«: das will
+heissen: »als solcher, der Menschensohn sein wird bei der Totenauferstehung,
+muss ich leiden«. Ebenso ist das Wort vom
+Dienen zu verstehen: als solcher, der als Menschensohn zu der
+h&ouml;chsten Herrschaft im messianischen Aeon berufen ist, muss
+ich jetzt am tiefsten mich im Dienen erniedrigen (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>). So
+sagt er vor der Gefangennahme: die Stunde ist gekommen, dass
+der, welcher Menschensohn sein wird, in S&uuml;nderh&auml;nde &uuml;berantwortet
+wird (Mk 14 <span class="antiqua">21</span> u. <span class="antiqua">41</span>).</p>
+
+<p>Damit ist das Menschensohnproblem klargestellt. Eine gel&auml;ufige
+Selbstbezeichnung war der Ausdruck nicht, sondern eine
+hoheitsvolle Art, mit welcher er in den grossen Momenten seines
+Lebens zu den Eingeweihten von sich als dem zuk&uuml;nftigen Messias
+sprach, w&auml;hrend er f&uuml;r die andern von dem Menschensohn
+als einer von ihm unterschiedenen Gr&ouml;sse redete. In allen F&auml;llen
+aber zeigte der Zusammenhang an, dass er von einer zuk&uuml;nftigen
+Gr&ouml;sse redete, denn in all diesen Stellen wird entweder die Auferstehung
+oder das Erscheinen auf den Wolken des Himmels erw&auml;hnt.
+Die philologischen Bedenken treffen hier also nicht zu.
+Eingeweihte und Uneingeweihte mussten aus der Situation verstehen,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_68">[S. 68]</a></span>
+dass er von einer bestimmten Pers&ouml;nlichkeit der Zukunft
+redete und nicht von dem Menschen allgemein, wenn auch der
+Ausdruck beidemal derselbe war.</p>
+
+<p class="pmb1">Ganz anders steht es mit einer Reihe von Stellen, wo der
+Ausdruck als reine, unmotivierte Selbstbezeichnung, als einfache
+Umschreibung von »Ich« vorkommt. Hier bestehen alle kritischen
+und philologischen Bedenken unbedingt zu Recht.</p>
+
+<blockquote>
+<table border="0" class="tdl" cellspacing="3" cellpadding="0" summary="Lit.Stellen_Ich">
+ <colgroup> <col width="20%" /> <col width="80%" /> </colgroup>
+ <tr>
+ <td valign="top">Mt 8 <span class="antiqua">20</span>:</td>
+ <td valign="top">Der Menschensohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege.</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="top">Mt 11 <span class="antiqua">19</span>:</td>
+ <td valign="top">Der Menschensohn ist gekommen, isset und
+ trinket (im Gegensatz zum T&auml;ufer).</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="top">Mt 12 <span class="antiqua">32</span>:</td>
+ <td valign="top">Die L&auml;sterung wider den heiligen Geist ist noch
+ schwerer als die Schm&auml;hung des Menschensohnes.</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="top">Mt 12 <span class="antiqua">40</span>:</td>
+ <td valign="top">Der Menschensohn wird drei Tage in der Erde
+ sein, wie Jonas im Bauch des Fisches.</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="top">Mt 13 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">41</span>:</td>
+ <td valign="top">Der Menschensohn ist der S&auml;emann; der Menschensohn
+ ist der Herr, der den Befehl zur
+ Ernte gibt.</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="top">Mt 16 <span class="antiqua">13</span>:</td>
+ <td valign="top">Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn
+ sei?</td>
+ </tr>
+</table>
+</blockquote>
+
+<p class="p1">Hier ist der Ausdruck philologisch unm&ouml;glich. Denn wenn
+Jesus ihn so gebraucht h&auml;tte, mussten ihn die H&ouml;rer einfach vom
+»Menschen« verstehen. Nichts zeigt an, dass es sich um die
+k&uuml;nftige messianische W&uuml;rde handelt! Hier bezeichnet er ja
+seinen gegenw&auml;rtigen Zustand damit! »Menschensohn« ist aber
+eine Messiasbezeichnung futurischen Charakters, <em class="gesperrt">da man dabei
+immer an das Kommen auf den Wolken denkt, entsprechend
+Dan 7 <span class="antiqua">13-14</span></em>. Zudem wissen die J&uuml;nger in allen
+diesen Stellen damals noch gar nicht um das Geheimnis Jesu.
+Der Menschensohn ist f&uuml;r sie noch eine von ihm ganz unterschiedene
+Pers&ouml;nlichkeit. Die Einheit des Subjekts ist ihnen ja
+noch unbekannt! Also konnten sie nicht verstehen, dass er hierbei
+von sich rede, sondern sie mussten alles auf den Menschensohn
+beziehen, von dessen Kommen er auch sonst sprach! Damit
+w&auml;ren aber die Stellen alle sinnlos, da sie voraussetzen, es
+handle sich um eine Selbstbezeichnung seinerseits!</p>
+
+<p>Historisch und philologisch ist es also unm&ouml;glich, dass Jesus
+den Ausdruck als unmotivierte, selbstverst&auml;ndliche Selbstbezeichnung
+gebraucht haben kann. Als Selbstbezeichnung, sofern
+ <span class="pagenum"><a id="Page_69">[S. 69]</a></span>
+er von sich im Hinblick auf seine k&uuml;nftige messianische
+W&uuml;rde redete, konnten es erst die verstehen, welche um sein Geheimnis
+wussten. Darum sind alle Stellen, in denen er sich <em class="gesperrt">vor
+C&auml;sarea Philippi</em> (f&uuml;r die Intimen vor der Verkl&auml;rung) <em class="gesperrt">als
+Menschensohn bezeichnet, unhistorisch</em>. Historisch sind
+f&uuml;r jene Zeit nur solche, wo er von dem Menschensohn als einer
+mit ihm nicht identischen zuk&uuml;nftigen Erscheinung redet (Mt
+10 <span class="antiqua">23</span> und Mk 8 <span class="antiqua">38</span>). Die oben erw&auml;hnten Stellen, welche den
+Ausdruck als unmotivierte Selbstbezeichnung bieten, sind also
+nicht historisch, sondern nur aus einem litterarischen Prozess
+heraus verst&auml;ndlich. Wie kommt es, dass eine sp&auml;tere Periode
+der evangelischen Geschichtserz&auml;hlung diesen Ausdruck als
+»Selbstbezeichnung Jesu« ansah?</p>
+
+<p>Dies beruht auf einer Verschiebung der Perspektive. Sie
+machte sich in dem Augenblick bemerkbar, wo man die Geschichte
+Jesu von dem Gedanken aus zu schreiben begann, dass
+er auf Erden schon <em class="gesperrt">der Messias war</em>. Denn nun verlor man
+das Bewusstsein, dass f&uuml;r die irdische Existenz Jesu seine Messianit&auml;t
+selbst etwas Futurisches war und dass er sich mit dem
+Ausdruck Menschensohn eben als futurischen Messias bezeichnete.
+Weil nun historisch feststand, dass er von sich als Menschensohn
+geredet, bem&auml;chtigte sich die Geschichtserz&auml;hlung
+dieser emphatischen Selbstbezeichnung. Ohne eine Ahnung davon
+zu haben, dass sie nur f&uuml;r ganz bestimmte Worte und Situationen
+passte, verwandte man sie auf beliebige Stellen, wo er
+von sich selbst sprach, und schuf damit diese philologischen und
+historischen Unm&ouml;glichkeiten.</p>
+
+<p>Dieser falsche Gebrauch beruht also auf einem litterarischen
+Prozess von ausgesprochen sekund&auml;rem Charakter. Es verh&auml;lt
+sich damit, wie mit der unhistorischen Verwendung des Ausdrucks
+Davidssohn bei Matth&auml;us. Dazu stimmt, dass auch die fraglichen
+Menschensohnstellen einer sekund&auml;ren Schicht des Matth&auml;us angeh&ouml;ren.</p>
+
+<p>Vor allem bekunden diesen Charakter: die Umformung der
+einfachen Frage zu C&auml;sarea Philippi (Mt 16 <span class="antiqua">13</span>), die Deutung des
+Gleichnisses vom S&auml;emann (Mt 13 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">41</span>) und die falsche Auslegung
+des Jonaswunders (Mt 12 <span class="antiqua">40</span>).</p>
+
+<p>Ebenso sekund&auml;r ist die Darstellung der Rede &uuml;ber die
+S&uuml;nde wider den heiligen Geist, wo ein Unterschied zwischen der
+L&auml;sterung wider den heiligen Geist und der wider den Menschensohn
+ <span class="pagenum"><a id="Page_70">[S. 70]</a></span>
+statuiert wird (Mt 12 <span class="antiqua">32</span>), w&auml;hrend doch in dem Gedanken
+Jesu beides auf dasselbe hinauskommt, da es die bewusste Verstockung
+gegen die in ihm wirkenden Kr&auml;fte des nahen Reichs
+bedeutet. In den Stellen Mt 8 <span class="antiqua">20</span> und Mt 11 <span class="antiqua">19</span> ist der Ausdruck
+unmotiviert, da Jesus dort nur sagen will: ich habe nicht, da ich
+mein Haupt hinlege, ich esse und trinke im Gegensatz zu dem
+asketischen Verhalten des T&auml;ufers.</p>
+
+<p class="pmb1">Eine eigene Bewandtnis hat es mit den beiden unhistorischen
+Menschensohnstellen im Markustext.</p>
+
+<blockquote>
+<table border="0" class="tdl" cellspacing="3" cellpadding="0" summary="Markustext">
+ <colgroup> <col width="20%" /> <col width="80%" /> </colgroup>
+ <tr>
+ <td valign="top">Mk 2 <span class="antiqua">10</span>:</td>
+ <td valign="top">Der Menschensohn hat das Recht, auf Erden S&uuml;nden
+ zu erlassen.</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="top">Mk 2 <span class="antiqua">28</span>:</td>
+ <td valign="top">Der Menschensohn ist Herr des Sabbattages.</td>
+ </tr>
+</table>
+</blockquote>
+
+<p class="p1 pmb1">Das Sekund&auml;re besteht darin, dass Jesus den Ausdruck als
+<em class="gesperrt">Selbstbezeichnung</em> gebraucht haben soll. Historisch ist, dass
+er ihn in jenem Zusammenhang gebraucht hat, entweder vom
+Menschensohn als einer dritten, eschatologischen Gr&ouml;sse oder
+vom Menschen &uuml;berhaupt. Beidemal gibt es einen Sinn.</p>
+
+<blockquote>
+<table border="0" class="tdl" cellspacing="3" cellpadding="0" summary="Menschensohn_2">
+ <colgroup> <col width="10%" /> <col width="90%" /> </colgroup>
+ <tr>
+ <td valign="top">1.</td>
+ <td valign="top">Der Mensch als solcher kann durch die Heilung die S&uuml;ndenvergebung
+ auf Erden bekunden.<br />
+ Der Mensch als Mensch ist Herr des Sabbattages.</td>
+ </tr>
+ <tr>
+ <td valign="top">2.</td>
+ <td valign="top">Im Hinblick auf den kommenden Menschensohn findet jetzt
+ schon S&uuml;ndenvergebung auf Erden statt, wie die Heilung
+ zeigt.<br />
+ Im Hinblick auf das Kommen des Menschensohns ragt
+ jetzt schon ein H&ouml;heres in die gesetzliche Sabbatbeobachtung
+ hinein. Vor dem H&ouml;heren verschwindet das Gesetz. Das
+ zeigt der Fall Davids.</td>
+ </tr>
+</table>
+</blockquote>
+
+<p class="p1">Wie man sich die Stellen auch zurechtlegen mag, eines ist
+klar: hier hat der Ausdruck historisch vorgelegen und die Aussage
+Jesu irgendwie motiviert. Sekund&auml;r ist nur, dass jetzt der
+Ausdruck als Selbstbezeichnung erscheint, w&auml;hrend Jesus vom
+Menschen oder vom Menschensohn geredet hat. So stehen diese
+Stellen auf der Schwelle vom geschichtlichen zum litterarisch-ungeschichtlichen
+Gebrauch des Wortes »Menschensohn«.</p>
+
+<p>Von hier aus erfasst man erst die eigentliche Schwierigkeit
+des Menschensohnproblems. Je tiefer bisher die Untersuchung
+ging, in desto weitere Ferne schien die L&ouml;sung zu r&uuml;cken. Dies
+r&uuml;hrte daher, dass keine Ueberlegung eine Scheidung unter den
+so ungleichwertigen Stellen herbeif&uuml;hren konnte. So blieben die
+litterarische und die historische Seite des Problems unl&ouml;sbar verquickt.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_71">[S. 71]</a></span>
+Mit dem Augenblick aber, wo man von dem Studium des
+Messianit&auml;tsbewusstseins Jesu aus entdeckt, dass der Ausdruck
+Menschensohn der einzige war, in welchem er das Geheimnis
+seiner futurischen W&uuml;rde aussprechen konnte, ist auch die
+Scheidung gegeben. Historisch sind alle Stellen, wo der danielisch-eschatologische
+Charakter des Ausdrucks wirksam ist, unhistorisch
+alle diejenigen, wo dies nicht der Fall ist. Zugleich erkl&auml;rt
+sich durch die Verschiebung in der Perspektive, wie f&uuml;r eine
+sp&auml;tere Geschichtserz&auml;hlung der Ausdruck im Munde Jesu nur
+die Bedeutung einer unmotivierten Selbstbezeichnung haben
+konnte, die in allen Situationen, wo er von sich selbst sprach, angebracht
+schien.</p>
+
+<p>Endlich l&ouml;st sich auch das letzte R&auml;tsel. Warum verschwindet
+der Ausdruck in der Sprache des Urchristentums? Warum bezeichnete
+niemand den Messias als Menschensohn (ausser Akt
+7 <span class="antiqua">56</span>), da ihn doch Jesus ausschliesslich f&uuml;r seine W&uuml;rde gebraucht
+hatte? Das r&uuml;hrt daher, dass »Menschensohn« der messianische
+Ausdruck nur f&uuml;r eine klar bestimmte Episode des messianischen
+Dramas war. Menschensohn war der Messias in dem Augenblick,
+wo er auf den Wolken des Himmels der Welt zum Gericht und
+zur Herrschaft offenbar wurde. An jenen Augenblick dachte
+Jesus ausschliesslich, weil er erst von da an f&uuml;r die Menschen
+Messias war. Das Urchristentum aber erblickte, weil sich eine
+Zwischenzeit einschob, Jesum als Messias droben im Himmel
+zur Rechten Gottes. Er war schon der Messias und wurde es
+f&uuml;r sie nicht erst mit dem Augenblicke der Erscheinung des
+Menschensohns. Weil sich also auch hier die Perspektive verschoben
+hatte, gebrauchte man den allgemeinen Ausdruck
+»Messias«, nicht das auf eine besondere Scene hinweisende
+»Menschensohn«.</p>
+
+<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Jesus h&auml;tte sich ungenau ausgedr&uuml;ckt, wenn er gesagt
+h&auml;tte: ich bin der Messias; denn er war es erst mit
+seinem &uuml;berirdischen Erscheinen als Menschensohn.
+Im Urchristentum h&auml;tte man sich ungenau ausgedr&uuml;ckt,
+wenn man gesagt h&auml;tte: Jesus ist der Menschensohn.
+Denn nach der Auferstehung war er der Messias
+zur Rechten Gottes, dessen Erscheinen als Menschensohn
+man erwartete.</em></p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[S. 72]</a></span></p>
+
+
+<h3>4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der Messianit&auml;t Jesu.</h3>
+
+
+<p>Welche Bedeutung haben die Auferstehungsweissagungen?
+Es f&auml;llt uns schwer, anzunehmen, dass Jesus so pr&auml;cis ein solches
+Ereignis vorhergesagt habe. Weit eher scheint es uns erkl&auml;rlich,
+dass seine allgemeinen Aussagen von einer Herrlichkeit, die
+seiner wartete, ex eventu in Auferstehungsweissagungen redigiert
+worden seien.</p>
+
+<p>Diese Kritik ist berechtigt, solange man meint, mit der geweissagten
+Auferstehung handle es sich um ein <em class="gesperrt">isoliertes Ereignis</em>
+in der Existenz Jesu. Das ist aber nur f&uuml;r unser modernes
+Bewusstsein der Fall, weil wir auch in der Auferstehungsfrage
+uneschatologisch denken. F&uuml;r Jesus und die J&uuml;nger hatte aber
+die Auferstehung, von der er redete, eine ganz andere Bedeutung.
+Sie war <em class="gesperrt">ein messianisches Ereignis</em>, welches den Anbruch
+der ganzen zuk&uuml;nftigen Herrlichkeit bedeutete. Wir m&uuml;ssen auch
+hier vom Modernen, Apotheosenhaften in der geweissagten Auferstehung
+abstrahieren. Das zeitgen&ouml;ssische Bewusstsein verstand
+diese »Rehabilitierung« als Offenbarung seiner Messianit&auml;t
+beim Anbruch des Reichs. Wenn also Jesus von seiner Auferstehung
+sprach, dachten die J&uuml;nger <em class="gesperrt">an die grosse messianische
+Auferstehung, in der er als Messias auferstehen
+w&uuml;rde</em>.</p>
+
+<p>In dieser Hinsicht ist das Gespr&auml;ch beim Abstieg vom Berg
+nach der Verkl&auml;rungsscene entscheidend. Er redet dort den Intimen
+zum erstenmal von »der Auferstehung des Menschensohnes
+von den Toten« (Mk 9 <span class="antiqua">9</span>). Sie k&ouml;nnen sich aber »die Auferstehung
+des Menschensohnes« ohne Zusammenhang mit der
+messianischen Auferstehung gar nicht denken. Ihre Aufmerksamkeit
+ist ganz von dem messianischen Ereignis, das ihnen Jesus
+damit in Aussicht stellt, gefangen genommen. Sie machen sich
+deshalb Gedanken &uuml;ber die Totenauferstehung. Wie verh&auml;lt es
+sich damit (Mk 9 <span class="antiqua">10</span>)? Die Bedingungen daf&uuml;r sind n&auml;mlich, soviel
+sie sehen, noch nicht gegeben. Der Elias ist ja noch nicht
+erschienen (Mk 9 <span class="antiqua">11</span>). Jesus beruhigt sie mit dem Hinweis, dass
+er schon da war, wenn ihn die Menschen auch nicht erkannt
+haben. Er meint den T&auml;ufer (Mk 9 <span class="antiqua">12-13</span>).</p>
+
+<p>Dieses Gespr&auml;ch, in dem man sonst &uuml;berhaupt keine fassliche
+Gedankenfolge statuieren kann, wird also in dem Augenblick
+ <span class="pagenum"><a id="Page_73">[S. 73]</a></span>
+vollst&auml;ndig durchsichtig und nat&uuml;rlich, wo man bemerkt, wie
+die J&uuml;nger die von Jesus in Aussicht gestellte Auferstehung <em class="gesperrt">nur
+in demselben Gedanken mit der grossen, allgemeinen,
+messianischen Auferstehung denken k&ouml;nnen</em>! Darum
+wirft diese Rede beim Abstieg ein helles Licht auf die sp&auml;tere
+Leidens- und Auferstehungsweissagungen, weil wir hier im stande
+sind, die Gedanken und Erw&auml;gungen, die diese Worte im Herzen
+der J&uuml;nger wachriefen, zu kontrollieren. Ueberdies fehlt in dieser
+»Auferstehungsweissagung« die Erw&auml;hnung der drei Tage, die
+gerade den Anlass zum Einsetzen der Kritik in den folgenden
+Leidensweissagungen bietet. In dieser Hinsicht stimmt das Wort
+beim Abstieg mit dem letzten Ausspruch vor dem Hohenpriester
+&uuml;berein. Beiden fehlt die zeitliche Bestimmung, wann die Auferstehung
+oder das Erscheinen auf den Wolken des Himmels
+statthaben wird. In dem messianischen Ereignis f&auml;llt beides
+zusammen: Auferstehung und Kommen auf den Wolken bedeuten
+nur die Offenbarung seiner Messianit&auml;t am grossen Auferstehungstag.</p>
+
+<p>Diese Erwartung der eschatologischen Totenauferstehung
+beherrschte das Bewusstsein Jesu und seiner Zeitgenossen. Er
+setzt sie in seinen jerusalemitischen Reden voraus. Die Reichserwartung
+und der Glaube an die bevorstehende Totenauferstehung
+geh&ouml;ren eng zusammen. Es ist, wie schon fr&uuml;her bemerkt wurde,
+ein perspektivischer Fehler, den Gedanken Jesu, wenn er vom
+kommenden Reich spricht, eine Orientierung nach vorw&auml;rts zu
+geben, als bez&ouml;ge es sich auf kommende Generationen. So denkt
+der moderne Geist. Bei ihm war es gerade umgekehrt. <em class="gesperrt">Beim
+Reich handelt es sich um die vergangenen Generationen!</em>
+Sie erstehen zum Gericht, welches das Reich einleitet.</p>
+
+<p>Die Totenauferstehung ist die Vorbedingung zur Reichserrichtung.
+Dadurch werden alle Generationen der Welt aus
+ihrer zeitlichen Folge herausgehoben und f&uuml;r das Urteil Gottes
+als gleichzeitig gesetzt. So verlangt z. B. gerade das Gleichnis
+vom Weinberg Gottes (Mk 12 <span class="antiqua">1-12</span>) die Annahme der Totenauferstehung.
+Die ganze Geschichte Israels wird dort in dem
+Verhalten der P&auml;chter beschrieben. Jesus redet von den Generationen
+Israels von den Tagen der Propheten bis zu der gegenw&auml;rtigen,
+der seine Warnung gilt. Im Gleichnis aber ist es nur
+eine Generation, weil das ganze Volk in seinen aufeinanderfolgenden
+Geschlechtern als Kollektivgr&ouml;sse vor Gott tritt, wenn es
+ <span class="pagenum"><a id="Page_74">[S. 74]</a></span>
+sich um das Gericht handelt; es ist dann als Ganzes in der Auferstehung
+erstanden.</p>
+
+<p>Ebenso erkl&auml;rt es sich, dass f&uuml;r den Gerichtstag dem Geschlecht
+derer von Sodom noch ein ertr&auml;glicheres Los in Aussicht
+gestellt wird als dem gegenw&auml;rtigen von Kapernaum (Mt
+11 <span class="antiqua">23-24</span>).</p>
+
+<p>Wer das Kommen des Reichs erwartete, der glaubte auch
+an die bevorstehende Totenauferstehung. Darum richtet sich der
+Angriff der Sadduc&auml;er gerade auf diese Frage. Wenn Jesus
+ihnen antwortet, »dass, wenn sie von den Toten auferstehen, sie
+weder freien noch gefreit werden, sondern sein werden, wie die
+Engel im Himmel« (Mk 12 <span class="antiqua">25</span>), so ist dies von dem Zustand im
+Reich Gottes zu verstehen, in das sie durch die Totenauferstehung
+eingehen.</p>
+
+<p>In letzter Linie war die »Totenauferstehung« nur die Art,
+wie sich die Ver&auml;nderung der ganzen Existenzform an denjenigen
+vollzog, die schon in den Tod gesunken waren. Durch das Kommen
+des Reiches Gottes wird aber die irdische Existenzform &uuml;berhaupt
+in eine damit nicht zu vergleichende andere erhoben. In dieser
+Hinsicht erleben auch diejenigen, welche vor dem Ereignis nicht
+in den Tod sinken, eine »Auferstehung«, denn auch ihre Daseinsweise
+wird pl&ouml;tzlich durch eine h&ouml;here Macht in eine andere verwandelt,
+welche sie nun mit denen teilen, die aus dem Tod erweckt
+sind. Verglichen mit dieser neuen Existenzform ist die
+vorhergehende indifferent. Es ist gleich, ob man aus dem irdischen
+Dasein oder aus dem Totenschlaf in die messianische
+Seinsweise eingeht! Im Verh&auml;ltnis zur letzteren ist alles Sein
+»<em class="gesperrt">Tod</em>«. Sie allein ist »<em class="gesperrt">Leben</em>«.</p>
+
+<p>Darum redet Jesus zu den Lebenden von dem Weg, der
+zum »Leben« f&uuml;hret (Mt 7 <span class="antiqua">14</span>). Er empfiehlt, eher ein Glied dieses
+Leibes daran zu geben, wenn es sich um das »Leben« handelt,
+als bei der Auferstehung nicht an der messianischen Existenz teil
+zu haben (Mt 18 <span class="antiqua">8</span> u. <span class="antiqua">9</span>). Der reiche J&uuml;ngling fr&auml;gt, was er thun
+soll, »um das ewige Leben zu ererben«. Als er der erhaltenen
+Weisung nicht folgen will, ist Jesus sehr betr&uuml;bt, weil es so
+schwer ist, dass ein Reicher »in das Gottesreich eingehe« (Mk
+10 <span class="antiqua">17</span> u. <span class="antiqua">25</span>).</p>
+
+<p>Diese Entwertung der irdischen Daseinsform geht bis zur
+Darangabe des irdischen Lebens &uuml;berhaupt, um des Lebens im
+zuk&uuml;nftigen Aeon gewiss und versichert zu werden. Darum erkl&auml;rt
+ <span class="pagenum"><a id="Page_75">[S. 75]</a></span>
+Jesus, wo er von der Nachfolge in Leiden und Schmach
+redet, dass »wer sein Leben retten will, der wird es verlieren«.
+Das heisst: Wer sich aus Angst f&uuml;r sein irdisches Dasein unw&uuml;rdig
+macht, dass der Menschensohn vor Gott f&uuml;r ihn eintrete,
+der verwirkt dadurch das messianische Leben, das mit der
+Totenauferstehung anhebt (Mk 8 <span class="antiqua">35</span>).</p>
+
+<p>Wenn das Reich anbricht, ist es einerlei, ob man in einem
+lebendigen oder in einem toten Leib existiert. Diese Erw&auml;gung
+allein gibt das richtige Verhalten in der Verfolgung an. Darum
+sagt Jesus zu den J&uuml;ngern bei der Aussendung: F&uuml;rchtet euch
+nicht vor denen, die den Leib t&ouml;ten, die »Seele« aber nicht verm&ouml;gen
+zu t&ouml;ten; f&uuml;rchtet euch hingegen vor dem, der vermag
+sowohl die »Seele« als auch den Leib zu verderben in der H&ouml;lle
+(Mt 10 <span class="antiqua">28</span>).</p>
+
+<p>Dieselbe Verbindung der urchristlich eschatologischen Erwartung
+mit der Totenauferstehung findet sich in klassischer
+Weise bei Paulus (1 Kor 15 <span class="antiqua">50-54</span>). Es handelt sich hier gar
+nicht um genuin paulinische Gedanken, sondern um eine urchristliche
+Anschauung, welche schon Jesus ausgesprochen hat.
+Fleisch und Blut, ob belebt oder unbelebt, k&ouml;nnen in keiner Weise
+am Reich teil haben. Darum wenn die Stunde schl&auml;gt, wo die
+Toten unverg&auml;nglich auferstehen, werden auch die Lebendigen in
+diese Unverg&auml;nglichkeit verwandelt.</p>
+
+<p>Die Totenauferstehung ist die Br&uuml;cke vom »Jetzt« zum
+»Dann«. Auf ihr beruht die Doppelheit des Selbstbewusstseins.
+Wenn daher Jesus von seiner Auferstehung sprach, gliederten
+die J&uuml;nger dieses Wort in einen grossen Zusammenhang ein. Es
+bedeutete f&uuml;r sie die allgemeine Auferstehung, wo auch sie in die
+Existenzform des Reiches Gottes auferstehen w&uuml;rden. Wohl erwarteten
+sie seine Auferstehung: aber nicht als »Osterereignis«,
+sondern als den Anbruch des messianischen Reiches. Als Auferstandener
+sollte er offenbar werden, wenn er auf den Wolken
+des Himmels als Menschensohn ank&auml;me und den grossen messianischen
+Tag herauff&uuml;hrte.</p>
+
+<p>F&uuml;r unser Empfinden verh&auml;lt sich der Tod Jesu zur Auferstehung
+wie die Dissonanz zu ihrer Aufl&ouml;sung. Bei der Entwertung
+jeglicher Seinsform vor der messianischen Aera lag auf
+dem Tod, f&uuml;r das Empfinden der J&uuml;nger, <em class="gesperrt">ein viel schw&auml;cherer
+Accent</em>. Es handelt sich f&uuml;r sie um einen unendlichen ewigen
+Accord mit einem kurzen, irdischen Vorschlag.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[S. 76]</a></span></p>
+
+<p>Wo wir ein <em class="gesperrt">Nebeneinander</em> von Messianit&auml;tserkl&auml;rung,
+Leidensvorhersagung und Auferstehungsweissagung sehen, erfassten
+sie eine viel straffere Gedankenverbindung. Sie erblickten
+alles im messianischen Licht. Darum entnahmen sie seiner
+Rede nicht drei verschiedene Thatsachen: 1. dass er Messias
+sei, 2. dass er leiden und sterben m&uuml;sse, 3. dass er auferstehen
+werde, sondern sie bedeutete f&uuml;r sie: <em class="gesperrt">unser Meister wird nach
+seinem Tod, bei der Auferstehung, als Menschensohn
+geoffenbart werden</em>. Zugleich machen sie sich Gedanken,
+was dann sie wohl sein werden und welche W&uuml;rde ihnen in der
+neuen Existenz zufallen wird.</p>
+
+<p>So erkl&auml;rt sich, wie ihre messianische Vorstellung durch den
+Gedanken »des leidenden und sterbenden Messias« nicht vollst&auml;ndig
+umgeworfen wurde. Jesus hat ihnen weder den leidenden,
+noch den sterbenden, noch den auferstehenden Messias geoffenbart,
+sondern er hat ihnen von dem erscheinenden Menschensohn
+geredet und ihnen offenbart, dass er es sein werde, wenn er im
+Leiden hier sich vollendet haben w&uuml;rde.</p>
+
+<p>Man kann es nie genug betonen, dass damit seine Messianit&auml;t
+vollst&auml;ndig in der Bahn der volkst&uuml;mlichen Anschauung sich bewegte.
+Das Drama in seinem Leben beruht nicht darin, dass
+seine Messianit&auml;t der gew&ouml;hnlichen Erwartung entgegenlief und
+daraus sich nun Konflikte ergaben, die seinen Tod herbeif&uuml;hrten.
+Das ist erst die Anschauung des vierten Evangeliums. <em class="gesperrt">Der
+historische Jesus beanspruchte die Messianit&auml;t erst
+vom Augenblick der Totenauferstehung an.</em></p>
+
+<p>Diese Auffassung der altsynoptischen Messianit&auml;tser&ouml;ffnungen
+Jesu wird durch die urchristliche Vorstellung absolut gefordert.
+Das Urchristentum setzt voraus, dass Jesu Messianit&auml;tsbewusstsein,
+als er zu den J&uuml;ngern redete und noch als er dem
+Hohenpriester Antwort gab, futurisch war! Denn auch die Petrusreden
+in Akt datieren die Messianit&auml;t erst von seiner Auferstehung
+an. Bis dahin war er Jesus von Nazareth. Nur ist an die
+Stelle des Kommens auf den Wolken des Himmels der vorl&auml;ufige
+Zustand des Sitzens zur Rechten Gottes getreten. »Jesum den
+Nazarener, einen Mann, ausgewiesen von Gott her bei euch mit
+gewaltigen Thaten und Wundern und Zeichen (Akt 2 <span class="antiqua">22</span>), ihn hat
+Gott auferweckt (Akt 2 <span class="antiqua">32</span>) und hat ihn zum Herrn und zum
+Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt« (Akt
+2 <span class="antiqua">36</span>).</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[S. 77]</a></span></p>
+
+<p>Dieses Zeugnis der urchristlichen Auffassung der Messianit&auml;t
+Jesu ist allein schon so gewichtig, dass es die ganze synoptische
+Ueberlieferung, wenn sie anders redete, zum Schweigen
+bringen w&uuml;rde. Wie sollte man es begreifen, dass die J&uuml;nger
+verk&uuml;ndeten, Jesus sei durch seine Auferstehung in sein messianisches
+Dasein eingegangen, wenn er ihnen schon auf Erden
+von seiner Messianit&auml;t als gegenw&auml;rtiger W&uuml;rde geredet h&auml;tte!
+Nun entsprechen sich aber die altsynoptische Tradition und
+die Auffassung des Urchristentums vollkommen. Beide erkl&auml;ren
+einstimmig: <em class="gesperrt">Jesu Messianit&auml;tsbewusstsein war
+futurisch!</em></p>
+
+<p>Bes&auml;ssen wir dieses Zeugnis nicht, so w&auml;re uns die Erkenntnis
+seiner historischen Pers&ouml;nlichkeit auf immer verschlossen.
+Denn nach seinem Tode stellen sich alle Voraussetzungen ein,
+die dahin wirken, das Bewusstsein von dem futurischen Charakter
+seiner Messianit&auml;t ausser Kraft zu setzen. Seine Auferstehung
+als Messias fiel mit dem Beginn der messianischen Aera in der
+Totenauferstehung zusammen: so war die Perspektive f&uuml;r die
+J&uuml;nger vor seinem Tod. Nach dem Tode wurde seine Auferstehung
+als Messias ein Faktum f&uuml;r sich. <em class="gesperrt">Jesus war Messias
+vor der messianischen Aera! Das ist die folgenschwere
+Verschiebung in der Perspektive. Darin beruht das
+Tragische, zugleich aber auch das Grossartige in der
+Erscheinung des Christentums &uuml;berhaupt.</em></p>
+
+<p>Das urchristliche Bewusstsein machte die gr&ouml;ssten Anstrengungen,
+die Kluft zu &uuml;berwinden und Jesu Auferstehung
+dennoch als Anbruch der messianischen Aera in der allgemeinen
+Totenauferstehung aufzufassen. Man suchte sich begreiflich zu
+machen, dass es sich gleichsam um die etwas in die L&auml;nge gezogene
+Zwischenpause zwischen den beiden Auftritten des ersten
+Akts des Dramas handelte. Eigentlich aber stand man schon in
+der messianischen Auferstehung. So ist f&uuml;r Paulus Jesus Christus
+durch die Totenauferstehung als Messias erwiesen, »der Erstling
+der Entschlafenen« (I Kor 15 <span class="antiqua">20</span>). Auf diesem Gedanken beruht
+&uuml;berhaupt die ganze paulinische Theologie und Ethik. <em class="gesperrt">Weil
+man sich in dieser Zeit befindet, sind die Gl&auml;ubigen
+eigentlich mit Christo begraben und mit ihm auferstanden
+durch die Taufe.</em> Sie sind die »neue« Kreatur,
+sie sind die »Gerechten«, deren »B&uuml;rgertum« im Himmel ist.
+Erst von diesem Grundgedanken aus erfasst man die Einheit in
+ <span class="pagenum"><a id="Page_78">[S. 78]</a></span>
+der f&uuml;r uns sonst so mannigfach zusammengesetzten Gedankenwelt
+Pauli.</p>
+
+<p>Die christliche Geschichts&uuml;berlieferung suchte sich anders
+zu behelfen. Sie nahm eine <em class="gesperrt">Art Vorauferstehung</em> an, die mit
+der Auferstehung Jesu zusammenfiel. Dieser lieh sie die Farben
+des messianischen Tages. Mt 27 <span class="antiqua">50-53</span> ist uns eine solche Zurechtlegung
+in Legendenform erhalten. Mit Jesu Kreuzestod
+bricht das neue Weltalter an. Nach seinem Verscheiden zerreisst
+der Tempelvorhang und Erdbeben, die Zeichen der Endzeit,
+ersch&uuml;ttern die Erde; die Felsen zersplittern; die Gr&auml;ber thun
+sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen werden auferweckt.
+<em class="gesperrt">Nach Jesu Auferstehung</em> gehen sie aus den Gr&auml;bern
+heraus in die heilige Stadt und erscheinen vielen. So h&auml;lt diese
+Erz&auml;hlung daran fest, dass im Anschluss an Jesu Tod mit seiner
+Auferstehung die allgemeine Totenauferstehung unter den Anzeichen
+des messianischen Tages erfolgte &mdash; jedoch nur als eine
+Art Vorspiel.</p>
+
+<p>Die Zeit war eben m&auml;chtiger als die urspr&uuml;nglichen Anschauungen.
+Unerbittlich schob sie sich wie ein auseinandertreibender
+Keil zwischen Jesu Auferstehung und die erwartete
+allgemeine Auferstehung am messianischen Tag und zerst&ouml;rte
+mit dem zeitlichen auch den kausalen Zusammenhang im urspr&uuml;nglichen
+Sinne. Die Messianit&auml;t Jesu stand aus der Vergangenheit
+fest. F&uuml;r die, welche sich dazu bekannten und zugleich
+das Reich als zuk&uuml;nftig erwarteten, schwand das Bewusstsein,
+dass in Jesu Verk&uuml;ndigung seine Messianit&auml;t und das Reich
+zuk&uuml;nftige, <em class="gesperrt">ko&iuml;ncidierende Ereignisse</em> waren. Man fing an,
+die evangelische Geschichte unter dem Gesichtspunkt zu betrachten:
+<em class="gesperrt">Jesus war der Messias.</em> Die Ueberschrift zu dieser
+neuen Geschichtsauffassung hat Paulus geschrieben. Sie heisst
+»<em class="gesperrt">Jesus Christus</em>«: die W&uuml;rde des Auferstandenen wird mit
+der historischen Pers&ouml;nlichkeit in einem Begriff verbunden. Der
+vierte Evangelist hat die Konsequenz daraus gezogen und die
+Geschichte Jesu so dargestellt, als ob er auf Erden als Messias
+aufgetreten w&auml;re.</p>
+
+<p class="pmb3">Es ist die Aufgabe der historischen Forschung, sich von der
+religi&ouml;sen unhistorischen Perspektive f&uuml;r einen Augenblick zu
+emancipieren und die synoptischen Berichte in die richtige Stellung
+zu r&uuml;cken. Dann erst, wenn man das Futurische in Jesu
+Messianit&auml;tsbewusstsein erfasst hat, versteht man, warum er
+ <span class="pagenum"><a id="Page_79">[S. 79]</a></span>
+seine W&uuml;rde den J&uuml;ngern als ein »Geheimnis« offenbart hat,
+warum er sich dabei als Menschensohn bezeichnete und in welchem
+Sinne er von seiner Auferstehung sprach.</p>
+
+
+<h3>5. Der Verrat des Judas &mdash; die letzte Bekanntgebung des
+Messiasgeheimnisses.</h3>
+
+<p>Was hat Judas eigentlich verraten? Nach den Schilderungen
+unserer Evangelien sieht es so aus, als h&auml;tte er dem Synedrium
+angegeben, wo sie zu einer bestimmten Stunde Jesum fassen
+k&ouml;nnten. Wenn nun auch diese Angabe des Orts eine Rolle bei
+dem Verrat des Judas gespielt hat, so war dies nur <em class="gesperrt">nebens&auml;chlich</em>.
+Wo Jesus sich aufhielt, konnten sie jederzeit erfahren,
+da er nichts that, um sein Kommen und Gehen zu verheimlichen.
+Wenn sie ihn also greifen wollten, so brauchten sie
+ihm bei seinem Weggang am Abend aus Jerusalem nur einen
+Sp&auml;her nachzusenden, um &uuml;ber seinen Aufenthalt orientiert zu
+sein. Daf&uuml;r h&auml;tten sie keinen aus dem intimen Kreis gebraucht.</p>
+
+<p>Nun lag aber die Hauptschwierigkeit auf einem ganz andern
+Gebiet. Nicht ihn zu <em class="gesperrt">verhaften</em>, sondern ihn zu <em class="gesperrt">verurteilen</em>
+wollte ihnen nicht gelingen, denn sie konnten nichts gegen ihn
+aufbringen. Sie befanden sich ihm und seinem Anhang gegen&uuml;ber
+in der unbequemen Lage, in die jedes ehrbare Kirchenregiment
+notwendig einmal kommt: die Leute waren ihnen zu
+fromm, unordentlich fromm, indem sie mit zu grossem Enthusiasmus
+glaubten, was die andern mit M&auml;ssigung und Ordnung in
+ihrem Bekenntnis mitf&uuml;hlten, dass n&auml;mlich das Reich nahe sei.
+Aus der Vorl&auml;uferw&uuml;rde, die das Volk Jesu beilegte, konnten
+sie keine Verurteilung gewinnen, denn durch seine Zeichen hatte
+er diese W&uuml;rde bew&auml;hrt. Ueberdies hatte er diese W&uuml;rde nie
+&ouml;ffentlich f&uuml;r sich in Anspruch genommen. Dennoch war die
+Art, wie er auftrat, f&uuml;r sie in h&ouml;chstem Masse gef&auml;hrlich. An
+der Spitze des frommen Volkes terrorisierte er sie. Darum
+h&auml;tten sie sich seiner gern entledigt und konnten es nicht.</p>
+
+<p>Man versteht die Haltung und die Schwierigkeiten des Synedriums
+nur, wenn man immer bedenkt, dass aus der ganzen Wirksamkeit
+Jesu niemand auf den Gedanken gekommen war, er
+k&ouml;nne sich f&uuml;r den Messias halten. So wussten sie nichts gegen
+ihn vorzubringen und waren darauf angewiesen, ihn in Reden zu
+fangen, um ihn beim Volke zu diskreditieren, was ihnen nicht
+gelang.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[S. 80]</a></span></p>
+
+<p>Da erscheint Judas bei ihnen und gibt ihnen die t&ouml;dliche
+Waffe in die Hand. Als sie h&ouml;rten, was er ihnen kund that,
+»<em class="gesperrt">freuten sie sich</em>«, denn jetzt war er in ihre Hand gegeben.
+Nun sucht Judas einen geeigneten Augenblick, um ihnen den
+Verratenen in die H&auml;nde zu liefern (Mk 14 <span class="antiqua">11</span>).</p>
+
+<p>Was er ihnen verraten hatte, ersieht man aus der Gerichtsverhandlung.
+Die Zeugen der Pharis&auml;er k&ouml;nnen nichts vorbringen,
+woraufhin man ihn verurteilen kann. Als aber die
+Zeugen abgetreten sind, stellt der Hohepriester an Jesus direkt
+die Frage, ob er der Messias sei. F&uuml;r solche Anspr&uuml;che Jesu
+konnten sie die erforderlichen Zeugen nicht aufbringen &mdash; denn
+es gab keine. <em class="gesperrt">Der Hohepriester befindet sich hier im
+Besitz des Geheimnisses Jesu. Das war der Verrat
+des Judas!</em> Durch ihn wusste das Synedrium, dass er etwas
+anderes zu sein beanspruchte, als wof&uuml;r ihn das Volk hielt, ohne
+dass er dagegen Einspruch erhob.</p>
+
+<p>Aus dem verratenen Geheimnis von C&auml;sarea Philippi gewannen
+sie die entscheidende Anklage. Der Prophet der Endzeit,
+Elias, zu sein, das war keine Gottesl&auml;sterung. Aber zu behaupten,
+Messias zu sein, das war Frevel! Die Perfidie in der Anklage
+lag darin, dass der Hohepriester Jesus ohne weiteres unterschob,
+er hielte sich so, wie er vor ihm stand, f&uuml;r den Messias. Das
+wies Jesus aber zur&uuml;ck mit dem stolzen Wort von seinem Erscheinen
+als Menschensohn. Nichtsdestoweniger wurde er wegen
+Gottesl&auml;sterung verurteilt.</p>
+
+<p class="pmb3">Wir haben also drei Offenbarungen des Messianit&auml;tsgeheimnisses,
+die unter sich eng zusammenh&auml;ngen, so, dass jede folgende
+die vorhergehende voraussetzt. Auf dem Berg bei Bethsaida wird
+den drei Intimen das Geheimnis offenbart, welches Jesus in der
+Taufe aufgegangen war. Das war nach der Erntezeit. Einige
+Wochen sp&auml;ter wird es den Zw&ouml;lfen bekannt, indem Petrus zu
+C&auml;sarea Philippi die Frage Jesu aus dem, was er vom Verkl&auml;rungsberg
+her weiss, beantwortet. Von den Zw&ouml;lfen verr&auml;t einer
+das Geheimnis an den Hohenpriester. Diese letzte Offenbarung
+des Geheimnisses war verh&auml;ngnisvoll, denn sie f&uuml;hrte den Tod
+Jesu herbei. <em class="gesperrt">Er wurde als Messias verurteilt, obwohl
+er nie als solcher aufgetreten war.</em></p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[S. 81]</a></span></p>
+
+
+<h2 id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.<br /><br />
+
+Das Geheimnis des Leidensgedankens.</h2>
+<p class="pmb2" />
+
+
+<h3>1. Die vormessianische Drangsal.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Der Hinweis auf das Leiden geh&ouml;rt naturgem&auml;ss
+zur eschatologischen Verk&uuml;ndigung.</em> Eine Zeit unerh&ouml;rter
+Drangsal muss dem Kommen des Reiches vorhergehen. Aus
+diesen Wehen wird der Messias herausgeboren. Das war eine
+&uuml;berall verbreitete Ansicht: anders konnte man sich die Ereignisse
+der Endzeit nicht denken.</p>
+
+<p>Danach muss man die Worte Jesu deuten. Es zeigt sich dann,
+dass er bei seiner Reichspredigt den Gedanken der Enddrangsal
+scharf hervorgehoben hat. Wir nehmen immer an, dass, wenn er
+von Verfolgungen, welchen die Seinen entgegengehen, spricht, damit
+das gemeint sei, was sie nach seinem Tode allein und verwaist
+auf Erden durchmachen m&uuml;ssten. Das ist vollst&auml;ndig
+falsch. Nach seinem Tode wird Jesus Messias durch die Auferstehung,
+und dann bricht die Reichsherrlichkeit an. Nicht was
+sie nach seinem Tode ausstehen m&uuml;ssen, sondern was sie im
+Reich sein werden, das besch&auml;ftigt die Gedanken der J&uuml;nger auf
+dem Weg nach Jerusalem.</p>
+
+<p>Wo er von Leiden und Verfolgung spricht, handelt es sich
+um Drangsale, die seine Anh&auml;nger <em class="gesperrt">mit ihm</em> erdulden m&uuml;ssen
+<em class="gesperrt">vor dem Reichsanbruch</em>. Gemeint ist der letzte Ansturm
+der widerg&ouml;ttlichen Weltmacht, der &uuml;ber diejenigen hereinfluten
+wird, welche in der Erwartung des Gottesreiches die Repr&auml;sentanten
+der g&ouml;ttlichen Macht in der widerg&ouml;ttlichen Welt sind.
+Darum bildet Jesus den Mittelpunkt, auf den hin sich die Drangsal
+konzentriert. Er ist der Fels, der die Wogen aufbranden
+l&auml;sst. Wer von der grossen Weltflut nicht mitgerissen werden
+will, muss sich an ihn anklammern.</p>
+
+<p>Wenn er sagt, dass seine Mission nicht sei, den Frieden zu
+bringen, sondern das Schwert, wenn er von dem Aufruhr redet,
+den er herauff&uuml;hrt, wo die heiligsten irdischen Bande sich l&ouml;sen
+m&uuml;ssen, wo man mit dem Kreuz beladen ihm nachfolgen muss
+und das eigene Leben f&uuml;r nichts achten (Mt 10 <span class="antiqua">34-42</span>), &mdash; dann
+meint er die grosse Verfolgung der Endzeit. Wer das Reich
+Gottes herbein&ouml;tigt, der f&uuml;hrt auch jene herauf, denn das Reich
+und der Messias erstehen ja aus ihr.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[S. 82]</a></span></p>
+
+<p>Darum &uuml;berall der grelle Akkord in den messianischen Harmonien!
+Er beschliesst die Seligpreisungen mit dem Hinweis,
+dass sie selig sind, wenn sie gehasst und verfolgt werden und alles
+B&ouml;se um seinetwillen &uuml;ber sie geredet wird. Dann haben sie gerade
+Grund zur Freude und zum Jubel, denn in dem, was sie erdulden
+m&uuml;ssen, offenbart sich ihre Zugeh&ouml;rigkeit zum Gottesreich.
+W&auml;hrend sie von der Weltmacht noch drangsaliert werden,
+ist der Lohn schon im Himmel bereitet (Mt 5 <span class="antiqua">11</span> u. <span class="antiqua">12</span>).</p>
+
+<p>»Verk&uuml;ndet, dass das Reich nahe herbeigekommen ist«, sagt
+er den J&uuml;ngern bei der Aussendung. Zugleich aber bereitet er
+sie eindringlich auf die Enddrangsal vor, denn der Zeiger der
+Weltuhr steht nahe an der grossen Stunde. Sie m&uuml;ssen es
+wissen, damit sie nicht meinen, es widerfahre ihnen etwas Fremdes,
+wenn sie von der Weltmacht zur Verantwortung gezogen
+werden, wenn sich um sie her Aufruhr und Verfolgung erhebt
+und ihrem Leben Gefahr droht. Sie m&uuml;ssen es wissen, damit sie
+nicht irre an ihm werden und ihn verleugnen und an ihm Aergernis
+nehmen, wenn er in der Menschen Gewalt gegeben wird, denn
+er selbst als machtvoller Verk&uuml;ndiger des Reiches hat diesen Aufruhr
+angeregt. Wenn aber die Weltmacht zu siegen scheint,
+dann steht Gott mit seiner Allmacht dar&uuml;ber. Nicht die, welche
+den Leib t&ouml;ten, muss man f&uuml;rchten, sondern den allm&auml;chtigen
+Herrn, welcher beim Gericht Seele und Leib verdammen kann
+in die H&ouml;lle. In diesem letzten Aufruhr richtet die Weltmacht
+sich selbst; nach dem Gericht kommt das Reich. Das ist der
+Grundgedanke der Aussendungsrede.</p>
+
+<p>Auch die Botschaft an den T&auml;ufer schliesst mit einem solchen
+Hinweis. Das Reich ist nahe, l&auml;sst er ihm sagen; meine
+Predigt, Zeichen und Wunder bekr&auml;ftigen es: und zur Seligkeit
+kommt, wer sich nicht an mir &auml;rgert, d. h. wer in der vormessianischen
+Drangsal zu mir steht.</p>
+
+<p class="pmb3">Am eindringlichsten aber ergeht das Wort von der schweren
+Zeit an die, welche sich auf die Predigt der J&uuml;nger hin in gl&auml;ubiger
+Reichserwartung um ihn versammelt haben. Bei einbrechender
+D&auml;mmerung hat er mit ihnen das grosse Abendmahl
+am See gefeiert. Als der, welcher sich als Messias weiss, hat er
+ihnen feierlich Speise dargereicht und sie damit, ohne dass sie es
+ahnen, zu Teilnehmern am messianischen Mahle geweiht. Am
+folgenden Morgen aber ruft er sie zu Bethsaida um sich und ermahnt
+sie zur Hingabe des Lebens in der Drangsal. Wer sich
+ <span class="pagenum"><a id="Page_83">[S. 83]</a></span>
+seiner und seiner Worte sch&auml;mt in der Erniedrigung, welche durch
+die ehebrecherische und s&uuml;ndige Welt &uuml;ber ihn kommen wird,
+den wird auch der Menschensohn nicht anerkennen, wenn er in
+der Herrlichkeit seines Vaters, von seinen Engeln umgeben, erscheinen
+wird (Mk 8 <span class="antiqua">35-38</span>).</p>
+
+
+<h3>2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode.</h3>
+
+<p><em class="gesperrt">Der Leidensgedanke geh&ouml;rt also von Anfang an zur
+Verk&uuml;ndigung Jesu.</em> In der Enddrangsal sollten sie mit ihm
+durch Leiden hindurch der Herrlichkeit entgegengehen: so verstanden
+ihn seine Zuh&ouml;rer. Nur wussten sie nicht, dass der,
+mit welchem sie leiden sollten, als Messias geoffenbart werden
+w&uuml;rde.</p>
+
+<p>In Jesu messianischem Selbstbewusstsein bekam nun der
+Leidensgedanke, auf ihn bezogen, eine geheimnisvolle Bedeutung.
+Die Messianit&auml;t, welche ihm in der Taufe aufging, war nicht ein
+Besitz, ein Gegenstand der Erwartung, sondern in der eschatologischen
+Vorstellung war von selbst gegeben, dass er durch Leiden
+hindurch in der Bew&auml;hrung werden m&uuml;sse, was er der Bestimmung
+nach war. <em class="gesperrt">Sein Messianit&auml;tsbewusstsein war
+nie ohne Leidensgedanke!</em> Das Leiden ist der Weg zur
+Offenbarung der Messianit&auml;t!</p>
+
+<p>Was er in diesem Aeon lebte, das stellte das verborgene
+Wirken und Werden des Messias dar. Dabei war aber das Leiden
+vorgesehen. Es war j&uuml;dische Lehre, dass der Messias voll
+von Z&uuml;chtigungsleiden sein m&uuml;sse: denn die Leiden sind n&ouml;tig,
+um ein vollendeter Gerechter zu werden (<span class="smcap">Weber</span> S. 343).</p>
+
+<p>Dieses Messianit&auml;tsbewusstsein Jesu zeigt dieselbe sittliche
+Vertiefung wie seine Eschatologie. In der gewohnten Modernisierung
+desselben wird vorausgesetzt, dass er den gr&ouml;ssten Teil
+seiner Wirksamkeit nicht ans Leiden dachte, sondern dass erst
+die h&auml;mische Feindschaft der Schriftgelehrten ihm diesen Gedanken
+aufn&ouml;tigte. So bekommt seine Messianit&auml;t in der ersten
+Periode einen <em class="gesperrt">ethisch-idyllischen</em>, in der zweiten einen
+<em class="gesperrt">modern-resignierten</em> Charakter. Das historisch-eschatologische
+Bild ist aber lebendiger, tiefer und sittlicher zugleich.
+Jesus hat sich hinsichtlich seines Messianit&auml;tsbewusstseins nicht
+»entwickelt« durch Aufnahme des Leidensgedankens. Von Anfang
+an weiss er sich als Messias, nur insofern er entschlossen ist,
+durch das Leiden zur Vollendung gel&auml;utert zu werden. Als der,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_84">[S. 84]</a></span>
+welcher einst im neuen Aeon herrschen soll, muss er zuvor in die
+Gewalt der widerg&ouml;ttlichen Macht gegeben werden, <em class="gesperrt">um sich
+dort zur g&ouml;ttlichen Herrschaft zu bew&auml;hren</em>. Aus diesem
+messianischen Selbstbewusstsein heraus beschw&ouml;rt er die um ihn
+sind, dass sie bei ihm aushalten, damit er sie als die Seinen anerkennen
+kann, wenn die Herrlichkeit anbricht. So beherrscht der
+th&auml;tige ethische Zug, der die Tiefe des Geheimnisses des Reiches
+Gottes ausmacht, auch das Messianit&auml;tsgeheimnis.</p>
+
+<p class="pmb3">Das geschichtliche Problem stellt sich nun so: In der ersten
+Periode hat Jesus viel h&auml;ufiger, und zwar &ouml;ffentlich, den Leidensgedanken
+ausgesprochen als in der zweiten. Jede gr&ouml;ssere
+Rede schliesst mit einem solchen Hinweis. Den Seinen war der
+Gedanke vertraut, ihn in der Drangsal erniedrigt zu sehen. Dennoch
+aber bedeutet die Er&ouml;ffnung zu C&auml;sarea Philippi f&uuml;r die
+J&uuml;nger etwas Neues und ist es thats&auml;chlich auch. Es handelt
+sich dort n&auml;mlich nicht mehr um ein Leiden des <em class="gesperrt">machtvollen
+Reichspredigers</em> mit den Seinen in der Enddrangsal, sondern
+derjenige, welcher <em class="gesperrt">Messias</em> sein wird, leidet. Dieses Leiden aber
+verl&auml;uft nicht mehr <em class="gesperrt">in der allgemeinen Enddrangsal</em>, sondern
+Jesus <em class="gesperrt">leidet allein</em> und zwar handelt es sich um ein <em class="gesperrt">rein
+irdisch-geschichtliches Ereignis</em>. Er wird dem hohen Rat
+&uuml;berantwortet und von diesem zum Tode verurteilt! Das war
+das Neue, was den J&uuml;ngern ein Geheimnis blieb.</p>
+
+
+<h3>3. Die »Versuchung« und die g&ouml;ttliche Allmacht.</h3>
+
+<p>In dem Leidensgedanken zeigt sich ein eigent&uuml;mliches
+Schwanken. Einmal erscheint der Tod als absolute Notwendigkeit;
+dann wieder, z. B. in Gethsemane, kennt Jesus doch wieder
+eine M&ouml;glichkeit, dass ihm das Leiden erspart bleiben kann. Nun
+besteht aber der Leidensgedanke ohne R&uuml;cksicht auf irdischen
+Erfolg oder Misserfolg. Also darf auch das Schwanken damit
+nicht in Verbindung gesetzt werden. Als Jesus nach Jerusalem
+zog, um zu leiden, da hegte er nicht in einem Winkel seines Herzens
+den Gedanken, dass Gott durch seine Allmacht dennoch
+vielleicht den Gang zum Siegesgang machen k&ouml;nnte und er durch
+ihn &uuml;ber die Pharis&auml;er und den hohen Rat triumphieren k&ouml;nnte.
+Das w&auml;re nach seinem Empfinden »menschlich« gedacht gewesen.
+Denn er kann in Sachen des Reiches Gottes nicht den Widerstand
+der Schriftgelehrten und die g&ouml;ttliche Allmacht gegeneinandersetzen:
+es handelte sich ja um ein g&ouml;ttliches Drama, in
+ <span class="pagenum"><a id="Page_85">[S. 85]</a></span>
+welchem sie nur Statisten mit zugewiesener aktiver Rolle waren,
+wie die Lanzknechte, welche ihn auf ihr Geheiss griffen. <em class="gesperrt">Das
+Schwanken muss also in dem g&ouml;ttlichen Willen selbst
+begr&uuml;ndet sein.</em></p>
+
+<p>Es ist das Spezifische in der Anschauung Jesu, dass der
+g&ouml;ttliche Wille einerseits zwar die Ereignisse des messianischen
+Dramas vorher planm&auml;ssig in der bekannten Form bestimmt,
+andererseits demselben wieder frei gegen&uuml;bersteht. Durch den
+einmal festgelegten messianischen Schematismus ist die dahinterstehende
+g&ouml;ttliche Allmacht in keiner Weise gebunden! Sie kennt
+&uuml;berhaupt keine Bestimmungen.</p>
+
+<p>Von dieser Allmacht erwartet Jesus z. B., dass sie auch
+diejenigen, welche wegen ihres Verhaltens die Zugeh&ouml;rigkeit zum
+Reich verwirkt haben, dennoch in den seligen Zustand aufnehmen
+k&ouml;nne. Nach den geltenden Bestimmungen ist es zwar
+unm&ouml;glich, dass die Reichen zum Leben eingehen k&ouml;nnen. Aber
+bei Gott sind alle Dinge m&ouml;glich (Mk 10 <span class="antiqua">27</span>).</p>
+
+<p>Es gilt der Satz: Wer mit dem zuk&uuml;nftigen Messias herrschen
+will, muss mit Jesus leiden. Aber er wagt es doch nicht,
+den beiden Intimen, Jakobus und Johannes, die Thronpl&auml;tze
+zu versprechen, obwohl er ihnen zutraut, dass sie sein Leiden
+teilen werden. Er k&ouml;nnte damit Gottes Allmacht vorgreifen
+(Mk 10 <span class="antiqua">35-40</span>).</p>
+
+<p>So liegt auch die Enddrangsal zwar in dem g&ouml;ttlich bestimmten
+Verlauf des messianischen Dramas. Aber es steht in Gottes
+unbeschr&auml;nkter Allmacht, dass er sie <em class="gesperrt">ausschalte</em> und das Reich
+ohne diese Pr&uuml;fungszeit anbrechen lasse. Darum d&uuml;rfen die
+Menschen Gott darum bitten, er m&ouml;ge jene schweren Stunden der
+Bew&auml;hrung vor&uuml;bergehen lassen. Jesus weist sie dazu an in demselben
+Gebet, wo er sie um das kommende Reich bitten lehrt.
+Man erfleht den Endzustand, in welchem sein Name geheiligt
+wird und sein Wille auf Erden geschieht wie im Himmel; aber
+zugleich bittet man ihn, er m&ouml;ge die Menschen nicht in »die Versuchung«
+f&uuml;hren, sie nicht in die Gewalt des B&ouml;sen geben, sie
+nicht n&ouml;tigen, ihre S&uuml;nden durch das Beharren in der Enddrangsal
+zu s&uuml;hnen: sondern sie durch seine Allmacht der Gewalt
+des B&ouml;sen entreissen, wenn sich die widerg&ouml;ttliche Welt zum
+letztenmal aufb&auml;umt beim Kommen des Reiches, um das sie
+beten. Das ist der innere Zusammenhang der letzten drei Bitten
+des Vaterunsers.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[S. 86]</a></span></p>
+
+<p>Das Herrengebet tr&auml;gt also in den drei ersten und den drei
+letzten Bitten rein eschatologischen Charakter. Wir haben denselben
+Kontrast wie in den Seligpreisungen, der Aussendungsrede,
+der Botschaft an den T&auml;ufer und den Scenen bei Bethsaida.
+Zuerst handelt es sich um das Kommen des Reichs, dann um die
+Enddrangsal. Aus dem Herrengebet ersehen wir aber, dass es
+daf&uuml;r keine absolute Notwendigkeit gibt, sondern dass sie nur
+relativ in Gottes Allmachtswillen bedingt ist.</p>
+
+<p>Sie stellt n&auml;mlich die h&ouml;chste Form der Busse auf das
+Gottesreich hin dar. Wer sich darin bew&auml;hrt, der leistet S&uuml;hne
+f&uuml;r seine Vergehungen im widerg&ouml;ttlichen Aeon. Unter Kampf
+und Leiden ringt man sich von ihr los, um Tr&auml;ger des g&ouml;ttlichen
+Willens im Gottesreich zu sein. Das ist kollektivistisch zu denken.
+Die reichsgl&auml;ubige Gemeinschaft als solche leistet die
+S&uuml;hne. Der Einzelne vollendet und bew&auml;hrt sich darin. So ist
+es Gottes Wille. Jesus aber betet mit ihnen zu Gott, er m&ouml;ge
+in seiner Allmacht ihnen die Schuld ohne S&uuml;hne vergeben, wie sie
+ihren Schuldnern vergeben. Das will heissen: s&uuml;hneloses, reines
+Erlassen. Er m&ouml;ge sie nicht durch die »Versuchung« hindurchf&uuml;hren,
+sondern sie geradewegs der Weltmacht entreissen.</p>
+
+<p>Nur so versteht man, wie Jesus in seinem Wirken S&uuml;ndenvergebung
+voraussetzt und doch hier darum besonders bittet, und
+wie er von einer Versuchung redet, die <em class="gesperrt">von Gott</em> kommt. Es
+handelt sich eben um den allgemeinen <em class="gesperrt">messianischen Schulderlass</em>
+und um die <em class="gesperrt">messianische Drangsalsversuchung</em>.
+Darum bilden diese Bitten den Beschluss des Reichsgebets.</p>
+
+<p class="pmb3">Was er hier mit der Allgemeinheit bittet, das erfleht er f&uuml;r
+sich, als die Stunde f&uuml;r ihn gekommen. In Gethsemane f&auml;llt er
+vor Gott nieder. In ergreifendem Gebet beruft er sich auf Gottes
+Allmacht: Abba, Vater, alles ist dir m&ouml;glich (Mk 14 <span class="antiqua">36</span>). Er
+m&ouml;ge den Leidenskelch an seinen Lippen vor&uuml;berf&uuml;hren, ohne
+dass er davon kosten muss. Auch die schlafenden Intimen
+r&uuml;ttelt er auf, sie sollen wach bleiben und zu Gott beten, dass
+er ihnen die Versuchung ersparen m&ouml;ge, denn das Fleisch ist
+schwach.</p>
+
+
+<h3>4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode.</h3>
+
+<p>Mit der Offenbarung zu C&auml;sarea Philippi h&ouml;ren alle Hinweise
+auf, dass die Gl&auml;ubigen mit ihm durch Drangsal m&uuml;ssen.
+Dem Geheimnis zufolge, das er den J&uuml;ngern mitteilt, <em class="gesperrt">leidet nur</em>
+ <span class="pagenum"><a id="Page_87">[S. 87]</a></span>
+<em class="gesperrt">er allein</em>. In Jerusalem richtet er weder an das Volk noch
+an die J&uuml;nger ein eindringliches Wort von der Leidensnachfolge.
+Ja, er nimmt geradezu zur&uuml;ck, was er fr&uuml;her gesagt. Am
+Morgen nach dem Abendmahl am See hatte er die Seligkeit derer,
+welche er zum messianischen Mahl geweiht, davon abh&auml;ngig gemacht,
+dass sie ihm ins Leiden nachfolgen. Den Teilnehmern des
+Abendmahls zu Jerusalem sagt er gelassen voraus, <em class="gesperrt">dass sie
+sich in der Nacht alle an ihm »&auml;rgern« werden!</em> Er kn&uuml;pft
+auch keine Verdammnis daran &mdash; <em class="gesperrt">denn es ist in der Schrift
+also bestimmt!</em> Steht nicht geschrieben: »ich werde den Hirten
+schlagen und die Schafe werden sich zerstreuen?« Darum, wenn
+sie sich auch an ihm &auml;rgern, wenn sie ihn auch verlassen, in seiner
+Herrlichkeit wird er sie doch um sich sammeln und als Messias &mdash;
+denn das ist er als Auferstandener &mdash; vor ihnen herziehen nach
+Galil&auml;a (Mk 14 <span class="antiqua">26-28</span>).</p>
+
+<p>Was er fr&uuml;her von allen gefordert, das mutet er jetzt nicht
+einmal dem zu, der sich vermisst, allein bei ihm auszuhalten. »Ehe
+der Hahn zweimal kr&auml;ht, wirst du mich dreimal verleugnen«, sagt
+er zu Petrus (Mk 14 <span class="antiqua">29-31</span>).</p>
+
+<p>Diese Wandlung muss mit der Form, welche der Leidensgedanke
+in der zweiten Periode annimmt, zusammenh&auml;ngen. Es
+muss eine Ver&auml;nderung in der Vorstellung von der Enddrangsal eingetreten
+sein. Die andern sind von der Bew&auml;hrung befreit, Jesus
+leidet allein, und zwar besteht die Erniedrigung in dem Tod,
+welchen die Schriftgelehrten &uuml;ber ihn verh&auml;ngen. Darin wirkt sich
+jetzt die Enddrangsal aus. Seine Gl&auml;ubigen bleiben verschont.
+<em class="gesperrt">Er leidet f&uuml;r sie, denn er gibt sein Leben hin als eine
+S&uuml;hne f&uuml;r viele.</em></p>
+
+<p>Wie ihm dieses Geheimnis aufgegangen nach der Aussendung
+in den Tagen der Einsamkeit, dar&uuml;ber hat er sich nicht ge&auml;ussert.
+Die Form des Leidensgeheimnisses aber zeigt, dass zwei
+Erlebnisse auf ihn eingewirkt haben.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Zun&auml;chst der Tod des T&auml;ufers.</em> Jener war f&uuml;r ihn der
+Elias. Wenn er von Menschenhand vor der messianischen Aera
+get&ouml;tet wurde, so war das Gottes Wille und deshalb in dem
+messianischen Drama vorgesehen. Das geschah, w&auml;hrend die
+J&uuml;nger fort waren. Seine Botschaft hat den T&auml;ufer vielleicht
+nicht mehr erreicht. Dar&uuml;ber muss er nun ins Klare kommen.
+Deshalb will er sich mit den Seinen in die Einsamkeit zur&uuml;ckziehen.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[S. 88]</a></span></p>
+
+<p>Wie sehr ihn der Gedanke des Todes des Vorl&auml;ufers besch&auml;ftigte,
+ersieht man aus dem Gespr&auml;ch nach der Offenbarung
+an die Intimen. Es war in der Schrift bestimmt, dass der Elias
+so von Menschenhand umkomme. So steht auch &uuml;ber den
+Menschensohn geschrieben, dass er viel leiden und verworfen
+werden m&uuml;sse (Mk 9 <span class="antiqua">12-13</span>).</p>
+
+<p>Bisher hatte er nur in allgemeinen Z&uuml;gen von der Enddrangsal
+als einem Ereignis der Endzeit geredet. Nun hat sie sich
+aber als <em class="gesperrt">historisches Ereignis</em> an dem Vorl&auml;ufer vollzogen.
+Das ist ein Fingerzeig, wie sie sich an ihm selbst vollziehen wird.</p>
+
+<p>Dieser Fingerzeig kam gerade zu der Zeit, als er durch die
+Ereignisse zum Nachdenken &uuml;ber die Enddrangsal gezwungen
+wurde. Nach der R&uuml;ckkehr der J&uuml;nger hatte er dieselbe f&uuml;r die
+allern&auml;chste Zeit erwartet. Sie blieb aber aus. Noch mehr: damit
+blieb auch das Reich aus! Bei der Aussendung hatte er den
+J&uuml;ngern gesagt, sie w&uuml;rden auf dem Weg von den anbrechenden
+Wehen &uuml;berrascht. Die Erscheinung des Menschensohnes w&uuml;rde
+statthaben, ehe sie mit den St&auml;dten Israels zu Ende w&auml;ren: &mdash;
+und sie waren zur&uuml;ckgekehrt, ohne dass die Wehen begonnen hatten
+und das Reich angebrochen war.</p>
+
+<p>Die Kunde, mit der sie zu ihm zur&uuml;ckkehrten, zeigte aber,
+dass alles bereit war. Schon war die gottwidrige Macht gebrochen,
+denn sonst w&auml;ren ihnen die unsauberen Geister nicht
+unterthan gewesen. Das Reich war herbeigen&ouml;tigt durch die
+Busse seit den Tagen des T&auml;ufers. Auch hier war das Mass voll;
+das zeigte die Menge, die sich in gl&auml;ubiger Erwartung um ihn
+scharte. So war alles bereitet &mdash; und doch kam das Reich nicht!
+<em class="gesperrt">Die Verz&ouml;gerung des eschatologischen Kommens des
+Reiches, das war das grosse Erlebnis, welches ihn damals
+immer wieder in die Einsamkeit trieb, ob er sich
+Klarheit dar&uuml;ber err&auml;nge.</em></p>
+
+<p>Ehe das Reich kommen konnte, musste die Drangsal eintreffen.
+Sie blieb aber aus. Man musste sie also herbeif&uuml;hren,
+um so das Gottesreich herbeizun&ouml;tigen. Busse und Knechtung
+der widerg&ouml;ttlichen Macht thaten es nicht allein, sondern es
+musste noch ein St&auml;rkerer zu den Gewaltth&auml;tigen hinzutreten:
+der zuk&uuml;nftige Messias, <em class="gesperrt">der an sich die Enddrangsal herauff&uuml;hrte</em>
+in der Form, wie sie sich schon an dem Elias erf&uuml;llt
+hatte. So geht das Geheimnis des Reiches Gottes in das Geheimnis
+des Leidensgedankens &uuml;ber.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[S. 89]</a></span></p>
+
+<p>Die Vorstellung der Enddrangsal enthielt den Gedanken der
+S&uuml;hne und der L&auml;uterung. Alle die, welche f&uuml;r das Reich bestimmt
+waren, mussten in der Standhaftigkeit gegen die sich zum
+letztenmal aufb&auml;umende Weltmacht die Vergebung der im
+weltlichen Aeon begangenen Schuld erringen. Denn durch
+diese Schuld waren sie der widerg&ouml;ttlichen Macht noch verfallen.
+Sie bildete ein Gegengewicht, welches das Kommen des Reiches
+aufhielt.</p>
+
+<p class="pmb3">Nun f&uuml;hrte aber Gott die Drangsal nicht herauf. Und doch
+musste die S&uuml;hne geleistet werden. Da ging es Jesus auf, dass
+er als zuk&uuml;nftiger Menschensohn <em class="gesperrt">die S&uuml;hne an sich vollziehen
+m&uuml;sse</em>. Derjenige, welcher einst als Messias &uuml;ber die
+Gl&auml;ubigen herrschen wird, der erniedrigt sich jetzt unter sie und
+dient ihnen, indem er sein Leben zur S&uuml;hne f&uuml;r viele dahingibt,
+damit das Reich f&uuml;r sie anbreche. Das ist seine Mission in dem
+Zustand, welcher seiner &uuml;berirdischen Herrlichkeit vorausgeht.
+»Dazu ist er gekommen« (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>). Er muss leiden f&uuml;r die
+S&uuml;nden derer, welche zu seinem Reich bestimmt sind. Um dies
+auszuf&uuml;hren, zieht er hinauf nach Jerusalem, dass er dort von der
+Obrigkeit zu Tode gebracht werde, wie der Elias, der ihm vorangegangen,
+durch des K&ouml;nigs Henker umkam. <em class="gesperrt">Das ist das
+Geheimnis des Leidensgedankens.</em> Jesus ist wirklich f&uuml;r
+die S&uuml;nden der Menschen gestorben, wenn auch in einem andern
+Sinn, als es die <span class="smcap">Anselm</span>'sche Theorie annimmt.</p>
+
+
+<h3>5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift
+geweissagt.</h3>
+
+<p>»Wie steht geschrieben &uuml;ber den Menschensohn? Dass er
+viel leiden muss und verachtet werden« (Mk 9 <span class="antiqua">12</span>). <em class="gesperrt">Die neue
+Form des Leidensgedankens stammt aus der Schrift.</em>
+In dem Bild des leidenden Gottesknechtes erkannte Jesus sich
+wieder. Dort fand er seinen Leidensberuf vorgebildet.</p>
+
+<p>Um aber zu verstehen, wie ihm sein Geheimnis aus der Schrift
+erstand, muss man das Bild des leidenden Gottesknechtes in
+den grossen Rahmen stellen, in welchem es erscheint. Der modern-historische
+L&ouml;sungsversuch vermag dies nicht. Er beschr&auml;nkt
+sich auf den Gedanken der dienenden Dahingabe. Sobald man
+es aber einmal erfasst hat, dass Jesu Leidensgedanke eschatologisch
+war, dann sieht man auch, in welchem grossen Zusammenhang
+die Erscheinung des leidenden Gottesknechtes f&uuml;r ihn stehen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_90">[S. 90]</a></span>
+musste. Darnach war Jes 40-66 nichts anderes, als die <em class="gesperrt">weissagende
+Darstellung der Ereignisse der Endzeit</em>, in
+denen er sich mitten drin wusste.</p>
+
+<p>Die Schrift hebt an mit der Verk&uuml;ndigung, dass die Gottesherrschaft
+nahe ist. Der Wegbereiter tritt auf. Er ruft, dass das Irdische
+vergeht, wenn der Herr, Lohn und Vergeltung austeilend,
+in seiner Herrlichkeit erscheint. Die Zeit bricht an, wo er
+seine Herde sammelt und den Friedenszustand herauff&uuml;hrt (Jes
+40 <span class="antiqua">1-11</span>).</p>
+
+<p>Der Auserw&auml;hlte ist da. Er verk&uuml;ndet die Gerechtigkeit in
+Wahrheit. Gott hat seinen Geist auf ihn gelegt (Jes 42 <span class="antiqua">1</span> ff.).
+Er soll das Recht gr&uuml;nden auf Erden; die Gestade harren auf
+seine Lehre. Bevor aber die Herrlichkeit anbricht und der Tr&auml;ger
+des g&ouml;ttlichen Geistes in Kraft und Gerechtigkeit &uuml;ber die
+V&ouml;lker regieret, muss er durch einen Zustand der Erniedrigung
+hindurch.</p>
+
+<p>Die andern verstehen nicht, warum er geschm&auml;ht wird. Sie
+meinen, Gott habe ihn verstossen und wissen nicht, dass er ihre
+Krankheiten tr&auml;gt, durchbohrt wird ob ihrer Vergehen und zerschlagen
+ist ob ihrer Verschuldung. Der Gequ&auml;lte ist dem&uuml;tig
+und &ouml;ffnet seinen Mund nicht. Ob der Vergehen des Volks wird
+er zu Tode getroffen. Dann wird ihn aber der Herr verherrlichen.
+Vom Mutterleib hat er ihn dazu berufen. Er ist bestimmt, Jakob
+zur&uuml;ckzuf&uuml;hren und Israel zu erretten. Das Licht der V&ouml;lker
+soll er werden, damit die Rettung Gottes sei bis ans Ende der
+Welt (Jes 49 <span class="antiqua">1</span> ff., 52 <span class="antiqua">12</span> ff., 53 <span class="antiqua">1</span> ff.)</p>
+
+<p>Auf die Schilderung der Leiden des Gottesknechtes folgt
+die Beschreibung des Gerichts &uuml;ber die ganze Welt und Israel
+(Jes 54-65). Am Ende aber bricht die Herrlichkeit Gottes hervor.
+Er thront &uuml;ber dem neugeschaffenen Himmel und &uuml;ber der
+neugeschaffenen Erde (Jes 65 u. 66). Wenn das Gericht vollzogen
+ist, dann bricht der Jubel an, denn die Seligen aus der ganzen
+Welt, aus allen Geschlechtern und Nationen, werden sich um ihn
+sammeln und ihm Verehrung darbringen.</p>
+
+<p>Man muss die dramatische Einheit in diesen Kapiteln erfassen,
+um mit einer Pers&ouml;nlichkeit mitempfinden zu k&ouml;nnen,
+welche hier den geheimnisvollen Hinweis auf die Dinge der Endzeit
+suchte. <em class="gesperrt">Damit geht Jesu Leidensgedanke vollst&auml;ndig
+in dem deuterojesaianischen auf.</em> Wie der Knecht
+Gottes, ist auch er zum Herrschen in Herrlichkeit bestimmt.
+ <span class="pagenum"><a id="Page_91">[S. 91]</a></span>
+Aber zuerst tritt er still und unerkannt als Verk&uuml;ndiger auf, der
+Gerechtigkeit wirket. Dabei muss er durch das Leid und die Erniedrigung
+hindurch, ehe Gott den herrlichen Endzustand anbrechen
+l&auml;sst. Was er erduldet, ist eine S&uuml;hne f&uuml;r die Schuld der
+andern. Dies ist ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. Die
+andern k&ouml;nnen und brauchen es nicht zu verstehen, <em class="gesperrt">denn wenn
+die Herrlichkeit anbricht, dann werden sie erkennen,
+dass er f&uuml;r sie gelitten hat</em>. Darum brauchte und durfte
+Jesus dem Volk und den J&uuml;ngern sein Leiden nicht erkl&auml;ren. Es
+musste ein Geheimnis bleiben: so stand es in der Schrift. Auch
+denen, welchen er das Kommende voraussagte, sprach er es
+nur als Geheimnis aus. Bei seinem Erscheinen als Menschensohn
+musste ihnen die Binde von den Augen fallen. In der
+Herrlichkeit des Reiches erkennen sie dann, dass er gelitten,
+damit sie verschont w&uuml;rden und Friede h&auml;tten. Dieses Geheimnis
+ist nur retrospektiv von der erreichten Herrlichkeit aus
+erfassbar.</p>
+
+<p>Darum macht es nichts, wenn die Seinen sich in seiner Erniedrigung
+von ihm abwenden und die Menschen an ihm irre
+werden, als ob Gott ihn z&uuml;chtigte. Die Schrift rechnet es ihnen
+nicht zum Frevel an, sondern sie hat es also bestimmt. So heisst
+es in dem Augenblick, wo ihm das Leidensgeheimnis aus der
+Schrift aufgeht, nicht mehr: wer in der Erniedrigung sich meiner
+sch&auml;mt, der ist verdammt, sondern: ihr werdet euch alle an mir
+&auml;rgern &mdash; wobei er weiss, dass sie bei der Auferstehung um ihn
+versammelt sein werden.</p>
+
+<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Unter dem Einfluss von Deuterojesaia hat sich
+also der Gedanke der allgemeinen Enddrangsal in das
+pers&ouml;nliche Leidensgeheimnis Jesu umgesetzt.</em></p>
+
+
+<h3>6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis.</h3>
+
+<p>An dem innersten Grundzug des Leidensgedankens ist durch
+das Leidensgeheimnis der zweiten Epoche nichts ver&auml;ndert worden.
+F&uuml;r Jesus bleibt das Leiden auch in dieser Form vor allem die
+sittliche Bew&auml;hrung der W&uuml;rde, die ihm bestimmt ist.</p>
+
+<p>Die Drangsal tr&auml;gt jetzt aber die konkreten Z&uuml;ge eines bestimmten
+Ereignisses. <em class="gesperrt">Aus dem messianischen Enddrama
+zieht er sie gleichsam in die menschliche Geschichte
+herunter.</em> Darin liegt etwas Prophetisches auf die Zukunft des
+Christentums: nach seinem Tode l&ouml;st sich das ganze messianische
+ <span class="pagenum"><a id="Page_92">[S. 92]</a></span>
+Enddrama in menschliche Geschichte auf. Diese Entwicklung
+hat mit dem »Leidensgeheimnis« begonnen.</p>
+
+<p>So kommt es auch, dass das Leidensgeheimnis, verglichen
+mit dem Leidensgedanken der ersten Periode, menschlichere
+Z&uuml;ge tr&auml;gt. Es liegt etwas von mitf&uuml;hlender Nachsicht in dem
+Gedanken, dass er f&uuml;r die Reichsgenossen die S&uuml;hne im Leiden
+leistet, damit ihnen die Bew&auml;hrung, in welcher sie vielleicht
+schwach werden k&ouml;nnten, erspart bleibt. »Und f&uuml;hre uns nicht
+in die Versuchung, sondern erl&ouml;se uns von dem B&ouml;sen«: diese
+Bitte ist nun in seinem Leiden erf&uuml;llt.</p>
+
+<p class="pmb3">Dieses tief Menschliche tritt besonders in Gethsemane zu
+Tage. <em class="gesperrt">Nur &uuml;ber den drei Intimen schwebt die M&ouml;glichkeit,
+dass sie mit ihm durch das Leiden und die Versuchung
+hindurchm&uuml;ssen.</em> Die Zebedaiden vermassen sich,
+um die Anwartschaft auf die Thronpl&auml;tze zu erwerben, mit ihm
+den Leidenskelch zu trinken und mit ihm die Leidenstaufe zu
+empfangen &mdash; und er stellte es ihnen in Aussicht (Mk 10 <span class="antiqua">38-40</span>).
+Petrus aber verschwor sich, ihn nicht zu verleugnen; wenn auch
+alle zur&uuml;ckwichen, wollte er doch mit ihm sterben (Mk 14 <span class="antiqua">31</span>).
+Diese drei hat er mit sich genommen bis zum Ort hin, wo er betet.
+W&auml;hrend er zu Gott fleht, dass der Leidenskelch an ihm vor&uuml;bergehe,
+erfasst ihn eine bangende Angst um die Intimen. Wenn
+Gott sie nun wirklich mit ihm durch das Leiden sendet, werden
+sie bestehen, wie sie es sich zutrauten? Darum sorgt er sich
+um sie in der schweren Stunde. Zweimal rafft er sich auf, weckt
+sie aus dem Schlaf, dass sie wach bleiben und zu Gott beten,
+dass er <em class="gesperrt">sie</em> nicht in die Versuchung f&uuml;hrt, wenn er auch <em class="gesperrt">ihm</em> den
+Kelch nicht erspart; denn der Geist ist willig, aber das Fleisch
+ist schwach. <em class="gesperrt">Das ist vielleicht der ergreifendste Zug in
+Jesu Leben.</em> Man hat gewagt, Gethsemane die schwache Stunde
+Jesu zu nennen: in Wirklichkeit ist es aber gerade die Stunde,
+wo seine &uuml;berweltliche Gr&ouml;sse in seinem tiefmenschlichen Mitf&uuml;hlen
+offenbar wird.</p>
+
+
+<h3>7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung
+der Perspektive.</h3>
+
+<p>Jesus nahm das Leidensgeheimnis, welches den Genossen
+des Reiches offenbar werden sollte, mit sich in den Tod. Das
+Reich brach aber nicht an. So erkl&auml;rt es sich, dass er die J&uuml;nger
+zwar auf sein Leiden hingewiesen hat, dass sie aber, als das Ereignis
+ <span class="pagenum"><a id="Page_93">[S. 93]</a></span>
+eingetreten war, keine Deutung daf&uuml;r wussten. Dennoch
+mussten sie sich damit auseinandersetzen, indem sie sich die
+Thatsachen nach den Andeutungen, die sie im Ged&auml;chtnis
+hatten, zurechtlegten. <em class="gesperrt">So ist der Leidensgedanke des
+Urchristentums viel &auml;rmer als das Leidensgeheimnis
+Jesu.</em></p>
+
+<p>Die Erkl&auml;rung konzentrierte sich haupts&auml;chlich auf <em class="gesperrt">eine</em>
+Thatsache: Infolge des Leidens und der Auferstehung von den
+Toten ist er der Messias. In diesem Sinne sind das Leiden und
+die Erh&ouml;hung in der Schrift vorherbestimmt.</p>
+
+<p>W&auml;hrend das Leidensgeheimnis den Tod in die engste zeitliche
+und kausale Verbindung mit dem Anbruch des Reiches setzt,
+ist f&uuml;r das Urchristentum das vergangene Ereignis <em class="gesperrt">als solches</em>
+Gegenstand der Erkl&auml;rung, weil das Reich nicht eingetroffen ist
+und sich mit dem zeitlichen auch der urspr&uuml;ngliche kausale Zusammenhang
+gel&ouml;st hat.</p>
+
+<p>Nun hatte Jesus in Hinsicht auf seinen Tod auch von S&uuml;hne
+und S&uuml;ndenvergebung geredet. Durch die Ereignisse war aber
+der Gedanke, den er damit verband, vollst&auml;ndig unm&ouml;glich geworden.
+Die unbestimmte Mehrheit, welche die S&uuml;hne auf sich
+beziehen sollte in der Erkenntnis, dass er f&uuml;r sie gelitten, <em class="gesperrt">war
+ja noch gar nicht gegeben, denn das Reich war noch
+nicht erschienen</em>. Von jenem Standort allein aber konnte man
+es erfassen, dass er f&uuml;r die Genossen die Drangsalss&uuml;hne geleistet
+habe.</p>
+
+<p>In der Zwischenzeit lagen die Dinge ganz anders: an Stelle
+der »vielen« waren »die Gl&auml;ubigen« getreten. Die, welche an
+die Messianit&auml;t Jesu glauben, haben S&uuml;ndenvergebung: dieser
+Satz bildete, wie die Pfingstpredigt zeigt, einen Bestandteil der
+urapostolischen Verk&uuml;ndigung (Akt 2 <span class="antiqua">38</span>). Inwiefern man aber
+dadurch S&uuml;ndenvergebung hatte, darin bestand das Problem.
+Dieses war aber historisch unl&ouml;sbar, denn die S&uuml;ndenvergebung
+des Leidensgeheimnisses ging nicht auf die an <em class="gesperrt">Jesus-Christus</em>
+Gl&auml;ubigen, sondern auf die Reichsgenossen. M&ouml;gen daher alle
+Erkl&auml;rungen der Bedeutung des Leidens von Paulus bis auf
+<span class="smcap">Ritschl</span> jede f&uuml;r ihre Zeit religi&ouml;s noch so wahr und tief sein:
+den Gedanken Jesu k&ouml;nnen sie unm&ouml;glich erfassen, weil sie von
+einer ganz andern Voraussetzung ausgehen.</p>
+
+<p>Da nun aber doch alle sich geschichtlich legitimieren wollten,
+so erlebt man das merkw&uuml;rdige Schauspiel, dass Jesu die
+ <span class="pagenum"><a id="Page_94">[S. 94]</a></span>
+verschiedensten Deutungen seines Leidens in den Mund gelegt
+wurden, <em class="gesperrt">von denen aber keine auch nur ann&auml;hernd erkl&auml;ren
+kann, wie aus einer solchen Anschauung die urchristlich-apostolische
+Wertung des Todes hervorgehen
+konnte</em>. Das zeigt sich auch bei dem modern-historischen
+L&ouml;sungsversuch. Wenn Jesus seinen J&uuml;ngern die ethische
+Bedeutung seines Todes verst&auml;ndlich machte, warum beschr&auml;nkt
+sich die urchristliche Leidenserkl&auml;rung auf die Schriftgem&auml;ssheit
+des Leidens und auf die »S&uuml;ndenvergebung«?</p>
+
+<p>Auf diese Frage bleibt der modern-historische L&ouml;sungsversuch
+die Antwort schuldig. Der eschatologisch-historische
+hingegen vermag die <em class="gesperrt">notwendige Verk&uuml;mmerung</em> des
+Leidensgedankens Jesu im Urchristentum <em class="gesperrt">perspektivisch
+zu berechnen</em>. Er weist nach, welche Momente des Leidensgeheimnisses
+nach dem Tod allein noch zu Recht bestehen
+konnten. Weil er die urchristliche Deutung in dem Zusammenhang
+mit dem Gedanken Jesu erfasst, darum ist der eschatologisch-historische
+L&ouml;sungsversuch der richtige.</p>
+
+<p>Die Aufhebung des kausalen Zusammenhangs zwischen dem
+Tod Jesu und der Realisierung des Reichs war f&uuml;r die urchristliche
+Eschatologie verh&auml;ngnisvoll. Mit dem Leidensgeheimnis
+ging auch das Geheimnis des Reiches Gottes unter. Das bedeutet
+aber nichts anderes, als dass die Eschatologie gerade den
+spezifisch »christlichen« Charakter, den Jesus ihr gegeben hatte,
+verliert. Das ethisch-th&auml;tige Moment, durch welches sie versittlicht
+wurde, f&auml;llt weg. <em class="gesperrt">So ist die urchristliche Eschatologie
+durch Jesu Tod »entchristlicht«.</em> Dadurch
+sinkt sie wieder auf das Niveau der zeitgen&ouml;ssisch-j&uuml;dischen herunter.
+Das Reich ist wieder Gegenstand reiner Erwartung!
+Dass die sittliche Umkehr aktiv auf sein Kommen einwirkt: dieses
+Geheimnis war mit Jesus ins Grab gesunken. Jetzt that man
+Busse und leistete die sittliche Erneuerung in Erwartung des
+Gottesreichs, <em class="gesperrt">wie zu des T&auml;ufers Zeit</em>.</p>
+
+<p>Diese Entchristlichung tritt gerade in der Frage der Enddrangsal
+zu Tage. Nach dem Leidensgedanken der ersten
+Periode sollten die Gl&auml;ubigen mit dem zuk&uuml;nftigen Messias leiden;
+nach dem der zweiten wollte er die Drangsal f&uuml;r sie erdulden.
+Im Urchristentum erwarten die Gl&auml;ubigen die Drangsal <em class="gesperrt">vor dem
+Erscheinen des Messias</em>, wie es in der zeitgen&ouml;ssischen
+Vorstellung der Fall war. Denn Jesu Leidensgeheimnis war
+ <span class="pagenum"><a id="Page_95">[S. 95]</a></span>
+ihnen nicht bekannt. Darum geh&ouml;ren ihnen die j&uuml;dischen Apokalypsen
+gerade wie den andern Juden, nur mit dem Unterschied,
+dass der gekreuzigte Jesus der erscheinende Messias sein soll.
+Nur durch die <em class="gesperrt">Person</em> Jesu war die urchristliche Eschatologie
+also noch »christlich«, nicht mehr durch seinen <em class="gesperrt">Geist</em>, wie es
+im Geheimnis des Reiches Gottes und im Leidensgeheimnis der
+Fall gewesen war.</p>
+
+<p>Darnach muss man »die synoptische Apokalypse« (Mk 13)
+beurteilen. M&ouml;gen auch einzelne eschatologische Spr&uuml;che darin
+von Jesus stammen, die Rede als solche ist notwendig unhistorisch.
+<em class="gesperrt">Sie zeigt die Perspektive der Zeit nach dem Tode.</em>
+In den jerusalemitischen Tagen konnte Jesus von keiner allgemeinen
+Enddrangsal vor dem Kommen des Menschensohnes
+reden. Die synoptische Apokalypse steht in direktem Widerspruch
+zu dem Leidensgeheimnis, da dieses ja die allgemeine Enddrangsal
+gerade aufhebt. Sie ist also unhistorisch. Apokalyptische
+Reden mit Hinweis auf die Enddrangsal geh&ouml;ren in die
+galil&auml;ische Periode zur Zeit der Aussendung. <em class="gesperrt">Die Aussendungsrede
+ist die historische synoptische Apokalypse.</em>
+Von einer Drangsal nach seinem Tod hat Jesus den
+Seinen nie etwas gesagt, denn sie lag ausserhalb seines Gesichtskreises.</p>
+
+<p>Mit dem Tod, gerade durch denselben, war also die Eschatologie,
+obwohl die urchristliche Gemeinde noch ganz darin lebte,
+thats&auml;chlich abgethan. Sie war bestimmt, aus der christlichen
+Weltanschauung hinausgedr&auml;ngt zu werden, denn sie war »entchristlicht«,
+weil sie mit dem Geheimnis des Reiches Gottes und
+des Leidensgedankens das innere ethische Leben eingeb&uuml;sst
+hatte, welches ihr durch Jesus eingehaucht worden war. Ein
+Baum, der mitten in der Bl&uuml;tenpracht an der Wurzel getroffen
+wird &mdash; so war es ihr Schicksal, abzuwelken und zu verdorren,
+wenn man es vorerst auch noch nicht merkte, dass sie dem Untergang
+geweiht war. <em class="gesperrt">Indem die Geschichte in der Folgezeit
+zwangsweise eine uneschatologische christliche Weltanschauung
+schuf, hat sie nur vollzogen, was in dem
+Gesetz der Dinge mit Jesu Tod schon bestimmt war.</em></p>
+
+<p>Jesu Tod das Ende der Eschatologie! Der Messias, der es
+auf Erden nicht war, das Ende der messianischen Erwartung!
+Die Weltauffassung, in der er lebte und predigte, war eschatologisch;
+die »christliche Weltauffassung«, die er durch seinen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_96">[S. 96]</a></span>
+Tod begr&uuml;ndet, f&uuml;hrt die Menschheit f&uuml;r immer &uuml;ber die Eschatologie
+hinaus! Das ist das grosse Geheimnis in der christlichen
+Heils&ouml;konomie.</p>
+
+<p>F&uuml;r ihn und die Seinen war sein Tod, gem&auml;ss der eschatologischen
+Weltanschauung, nur eine <em class="gesperrt">Uebergangsthatsache</em>.
+Sobald aber das Ereignis eingetreten war, wurde es die bleibende
+<em class="gesperrt">Centralthatsache</em>, auf der sich die neue uneschatologische
+Weltauffassung aufbaute. Im Urchristentum waren das Alte und
+das Neue noch nebeneinander.</p>
+
+<p>Die Anh&auml;nger Jesu glaubten an das Kommen des Reichs,
+weil seine machtvolle Pers&ouml;nlichkeit die Kunde bekr&auml;ftigte. Die
+Gemeinde nach dem Tode glaubte an seine Messianit&auml;t und erwartete
+das Kommen des Reichs. Wir glauben, dass in seiner
+ethisch-religi&ouml;sen Pers&ouml;nlichkeit, wie sie sich in seinem Wirken
+und Leiden offenbart, der Messias und das Reich gekommen sind.</p>
+
+<p>Es verh&auml;lt sich damit wie mit dem Lauf der Sonne. Ihr
+Glanz bricht hervor, w&auml;hrend sie noch hinter den Bergen steht.
+Die dunkeln Wolken r&ouml;ten sich von ihrem Schein und in phantastischen
+Gebilden spielt sich der Kampf zwischen Licht und
+Finsternis ab. Noch ist die Sonne selbst nicht sichtbar, sondern
+sie ist nur da, sofern die Helligkeit von ihr ausgeht. <em class="gesperrt">Die Sonne
+hinter dem Morgenrot</em>: so erschien die Pers&ouml;nlichkeit
+<em class="gesperrt">Jesu von Nazareth</em> den Zeitgenossen in der vormessianischen
+Aera.</p>
+
+<p>In dem Augenblick, wo der Himmel im intensivsten Kolorit
+ergl&uuml;ht, steigt sie &uuml;ber den Horizont auf. Damit aber f&auml;ngt die
+Farbenpracht an langsam abzunehmen. Die phantastischen Gebilde
+verblassen und versinken, weil die Sonne selbst die Wolken,
+in denen sie sich spiegelt, aufl&ouml;st. <em class="gesperrt">Die aufgehende Sonne
+&uuml;ber dem Horizont</em>, so erschien »<em class="gesperrt">Jesus Christus</em>« der urchristlichen
+Gemeinde in ihrer eschatologischen Erwartung.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Die Sonne zur Mittagszeit</em>: so erscheint er uns. Wir
+wissen nichts von Morgen- und Abendrot, sondern wir sehen nur
+die weisse Helligkeit, die alles durchleuchtet. Weil sie aber jetzt
+f&uuml;r uns in diesem Licht erstrahlt, d&uuml;rfen wir uns nicht auch den
+Sonnenaufgang so vorstellen, als w&auml;re sie als leuchtende Scheibe
+in Mittagsklarheit &uuml;ber dem Horizont aufgestiegen. Unsere moderne
+Anschauung &uuml;ber den Tod Jesu ist wahr, in ihrem innersten
+Wesen wahr, weil sie seine sittlich-religi&ouml;se Pers&ouml;nlichkeit in den
+Gedanken unserer Zeit wiedergibt. Wenn wir sie aber so in die
+ <span class="pagenum"><a id="Page_97">[S. 97]</a></span>
+Geschichte Jesu und des Urchristentums zur&uuml;cktragen, thun wir
+dasselbe, als wenn wir einen Sonnenaufgang ohne Morgenrot
+malen wollten.</p>
+
+<p>In der wahren historischen Erkenntnis liegt eine befreiende
+und f&ouml;rdernde Macht. Unser Glaube baut sich auf der Pers&ouml;nlichkeit
+Jesu auf. Zwischen unserer Weltanschauung und derjenigen,
+in welcher er lebte und wirkte, liegt aber eine tiefe, wie
+es scheint, un&uuml;berbr&uuml;ckbare Kluft. Man sah sich deshalb gen&ouml;tigt,
+<em class="gesperrt">seine Pers&ouml;nlichkeit gleichsam aus seiner Weltanschauung
+herauszureissen</em> und ihr einen Strich ins Moderne
+zu geben.</p>
+
+<p>Dadurch kam aber eine eigent&uuml;mliche Unlebendigkeit und
+Zwitterhaftigkeit in das Bild seiner Person. <em class="gesperrt">Man erhielt ein
+Zwitterwesen, halb modern, halb antik.</em> Mit dem Modernen
+&uuml;bertrug man auch die moderne Psychologie auf ihn, ohne
+sich immer vollst&auml;ndig klar zu machen, dass sie nicht auf ihn anwendbar
+ist und ihn notwendig verkleinert. Denn sie ist hergenommen
+von Durchschnittswesen, die aus Meinungen zusammengeflickt
+sind und sich nur in stetiger Entwicklung erfassen
+und beobachten. <em class="gesperrt">Jesus ist aber eine &uuml;bermenschliche Pers&ouml;nlichkeit
+aus einem Guss.</em></p>
+
+<p>So beruht die moderne Dogmatik auf einer historischen und
+psychologischen Gewaltthat, weil sie nicht nachweisen kann, warum
+wir das Recht haben, Jesum aus seiner Zeit herauszul&ouml;sen,
+seine Pers&ouml;nlichkeit in unsere modernen Gedanken zu &uuml;bersetzen
+und ihn als »Messias« und »Gottessohn« ausserhalb des j&uuml;dischen
+Rahmens aufzufassen.</p>
+
+<p>Die wahre geschichtliche Erkenntnis aber gibt der Dogmatik
+ihre volle Bewegungsfreiheit wieder! Sie bietet ihr die Pers&ouml;nlichkeit
+Jesu dar in einer eschatologischen <em class="gesperrt">und doch ihrem
+Wesen nach durch und durch modernen Weltanschauung</em>,
+weil <b>er</b> sie mit seinem gewaltigen Geiste durchdrungen hat.</p>
+
+<p>Dieser Jesus ist viel gr&ouml;sser als der modern gedachte: <em class="gesperrt">er
+ist wirklich eine &uuml;berirdische Pers&ouml;nlichkeit</em>. Mit seinem
+Tode vernichtet er die Form seiner Weltanschauung, indem seine
+Eschatologie unm&ouml;glich wird. Damit gibt er allen Geschlechtern
+und allen Zeiten das Recht, <em class="gesperrt">ihn in ihren Gedanken und Vorstellungen
+zu erfassen, dass sein Geist ihre Weltanschauung
+durchdringe, wie er die j&uuml;dische Eschatologie
+belebte und verkl&auml;rte</em>.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_98">[S. 98]</a></span></p>
+
+<p>Darum darf sich die moderne Dogmatik gerade auf Grund
+der wahren geschichtlichen Erkenntnis frei bewegen, ohne die
+immerw&auml;hrende kleinliche geschichtliche R&uuml;cksichtnahme, welche
+heutzutage oft zum Schaden der geschichtlichen Wahrhaftigkeit
+beobachtet wird. <em class="gesperrt">Die Dogmatik soll nicht um einen Pflock
+grasen. Sie ist frei, denn sie hat unsere christliche
+Weltanschauung allein auf die Pers&ouml;nlichkeit Jesu
+Christi zu gr&uuml;nden, ohne R&uuml;cksicht zu nehmen auf
+die Form, in welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte.
+Er selbst hat ja diese Form mit seinem Tod zerst&ouml;rt.</em>
+Die <em class="gesperrt">Geschichte</em> fordert die Dogmatik zu dieser <em class="gesperrt">Ungeschichtlichkeit</em>
+auf.</p>
+
+<p class="pmb3">Als Jesus verschieden war, sagte <em class="gesperrt">der r&ouml;mische Hauptmann</em>,
+»wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen« (Mk
+15 <span class="antiqua">39</span>). So wird seine W&uuml;rde mit dem Augenblick seines Todes
+frei f&uuml;r alle Zungen, f&uuml;r alle Nationen und f&uuml;r alle Weltanschauungen.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<h2 id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.<br /><br />
+
+Abriss des Lebens Jesu.</h2>
+
+
+<p>Das »<em class="gesperrt">Leben Jesu</em>« beschr&auml;nkt sich auf die letzten Monate
+seines Daseins. Zur Zeit der Sommeraussaat trat er auf und starb
+am Kreuz zu Ostern des folgenden Jahres.</p>
+
+<p>Seine &ouml;ffentliche Wirksamkeit z&auml;hlt nach <em class="gesperrt">Wochen</em>. Die erste
+Periode reicht von der Aussaat bis in die Erntezeit; die zweite
+umfasst die Tage des Auftretens zu Jerusalem. Den Herbst und
+den Winter verbrachte er auf heidnischem Gebiet, allein mit
+seinen J&uuml;ngern.</p>
+
+<p>Vor ihm war der T&auml;ufer aufgetreten und hatte mit Nachdruck
+auf die N&auml;he des Reiches und die vormessianische Erscheinung
+des gewaltigen Vorl&auml;ufers hingewiesen, mit dessen Auftreten die
+Geistesausgiessung statthaben sollte. Nach Jo&euml;l war dies, mit
+andern Wundern, das Zeichen, dass der Gerichtstag unmittelbar
+bevorstand. Johannes selbst hielt sich nie f&uuml;r diesen Vorl&auml;ufer;
+auch das Volk kam nicht auf diesen Gedanken, <em class="gesperrt">denn er hatte die
+Zeit der Wunder nicht heraufgef&uuml;hrt</em>. Er sei ein Prophet:
+das war die allgemeine Meinung.</p>
+
+<p>Ueber Jesu fr&uuml;here Entwicklung wissen wir nichts. Alles liegt
+im Dunkeln. Nur eines steht fest: W&auml;hrend der Taufe ging ihm
+das Geheimnis seines Daseins auf, dass er n&auml;mlich derjenige sei,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_99">[S. 99]</a></span>
+den <em class="gesperrt">Gott</em> zum Messias bestimmt hatte. <em class="gesperrt">Mit dieser Offenbarung
+ist er fertig; eine Entwicklung hat er nicht
+mehr durchgemacht.</em> Denn nun stand ihm fest, dass er bis
+zum nahen Anbrechen der messianischen Aera, wo seine W&uuml;rde
+ihm in Herrlichkeit zufiel, als der unerkannte und verborgene
+Messias auf das Reich hin zu wirken habe und sich mit den Seinen
+in der Enddrangsal bew&auml;hren und l&auml;utern m&uuml;sse.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Der Leidensgedanke war also mit dem Messianit&auml;tsbewusstsein
+selbst gegeben, wie mit der Reichserwartung
+die Vorstellung der vormessianischen Drangsal
+unl&ouml;sbar zusammenh&auml;ngt.</em> Irdische Ereignisse konnten
+Jesu Werdegang nicht beeinflussen. <em class="gesperrt">Durch sein Geheimnis
+stand er &uuml;ber der Welt</em>, wenn er auch jetzt noch als Mensch
+unter Menschen wandelte.</p>
+
+<p>Sein Auftreten und seine Verk&uuml;ndigung gehen nur auf die
+Reichsn&auml;he. Seine Predigt ist die des Johannes, nur dass er sie
+durch Zeichen bekr&auml;ftigt. Obwohl sein Geheimnis seine ganze
+Verk&uuml;ndigung beherrscht, darf niemand darum wissen, denn er
+muss unerkannt bleiben, bis der neue Aeon anbricht.</p>
+
+<p>Wie sein Geheimnis, so ist auch seine ganze Ethik durch
+das »jetzt und dann« beherrscht. Es handelt sich um die Busse
+auf das Reich Gottes hin und den Erwerb der Gerechtigkeit,
+welche dazu bef&auml;higt: <em class="gesperrt">denn nur die Gerechten ererben das
+Reich</em>. Diese Gerechtigkeit ist h&ouml;her als die des Gesetzes, denn
+er weiss, dass das Gesetz und die Propheten weissagten bis Johannes:
+<em class="gesperrt">mit dem T&auml;ufer aber befindet man sich in der
+Vorl&auml;uferperiode unmittelbar vor dem Reichsanbruch</em>.</p>
+
+<p>Darum muss er, als k&uuml;nftiger Messias, jene h&ouml;here Sittlichkeit
+verk&uuml;nden und wirken. Die geistig Armen, die Sanftm&uuml;tigen,
+die da Leid tragen, die nach Gerechtigkeit hungern und
+d&uuml;rsten, die Mitleidigen, die reinen Herzens sind, die Friedfertigen:
+<em class="gesperrt">diese alle sind selig, weil sie in dieser Eigenschaft
+zum Reich bestimmt sind</em>.</p>
+
+<p>Hinter dieser ethischen Verk&uuml;ndigung steht das Geheimnis
+des Reiches Gottes. Was, <em class="gesperrt">von dem Einzelnen geleistet</em>,
+sittliche Erneuerung in Vorbereitung auf das Reich ist, das bedeutet,
+<em class="gesperrt">von der Gemeinschaft gewirkt</em>, eine Thatsache,
+durch welche seine Realisierung auf &uuml;bernat&uuml;rliche Weise herbeigef&uuml;hrt
+wird. So durchdringen sich Individual- und Sozialethik
+in dem grossen Geheimnis. Wie die &uuml;berreiche Ernte durch
+ <span class="pagenum"><a id="Page_100">[S. 100]</a></span>
+Gottes Wundermacht geheimnisvoll auf die Aussaat folgt, so
+kommt auch das Reich Gottes auf Grund der sittlichen Erneuerung
+durch die Menschen, aber ohne ihr Zuthun.</p>
+
+<p>In dem Gleichnis ist auch die zeitliche Ko&iuml;ncidenz enthalten.
+Er sprach es zur Aussaat und erwartete das Reich zur Erntezeit.
+<em class="gesperrt">Die Natur war Gottes Uhr. Mit der letzten Aussaat
+hatte er sie zum letztenmal gestellt.</em></p>
+
+<p>Das Geheimnis des Reiches Gottes ist die &uuml;berirdische Verkl&auml;rung
+der altprophetischen Ethik, in welcher der herrliche Endzustand
+auch nur auf Grund der sittlichen Umkehr Israels von
+Gott heraufgef&uuml;hrt wird. In souver&auml;ner Art vollzieht Jesus die
+Synthese zwischen Daniel'scher Apokalyptik und prophetischer
+Ethik. Es handelt sich bei ihm nicht um <em class="gesperrt">eschatologische
+Ethik</em>, sondern seine Weltanschauung ist <em class="gesperrt">ethische Eschatologie.
+Als solche ist sie modern.</em></p>
+
+<p>Auch die Zeichen und Wunder fallen unter eine doppelte
+Betrachtungsweise. F&uuml;r das Volk sollen sie nur die Predigt von
+der Reichsn&auml;he bekr&auml;ftigen. Wer jetzt nicht glaubt, dass die
+Zeit so weit ist, hat keine Entschuldigung. Die Zeichen und
+Wunder verdammen ihn, denn sie bekunden offenbar, dass es mit
+der widerg&ouml;ttlichen Macht zu Ende geht.</p>
+
+<p>Hinter dieser Behauptung steht aber f&uuml;r Jesus das Geheimnis
+des Reiches Gottes. Als die Pharis&auml;er die Zeichen selbst der
+Teufelsmacht zuschreiben wollten, deutet er in einem Gleichnis das
+Geheimnis an. Durch seine Thaten bindet er die widerg&ouml;ttliche
+Macht, wie man &uuml;ber einen Starken zuerst herf&auml;llt und ihn unsch&auml;dlich
+macht, ehe man daran denken kann, ihm seinen Besitz
+zu rauben. Darum gibt er den J&uuml;ngern bei der Aussendung zugleich
+mit dem Predigtauftrag die Vollmacht &uuml;ber die unreinen
+Geister. Sie sollen die letzten Streiche f&uuml;hren.</p>
+
+<p>Als Drittes geh&ouml;rt zur Reichspredigt der Hinweis auf die
+vormessianische Drangsal. Die Gl&auml;ubigen m&uuml;ssen darauf vorbereitet
+sein, mit ihm durch jene Zeit der Bew&auml;hrung hindurchzugehen,
+wo sie in der Standhaftigkeit gegen den letzten Ansturm
+der Weltmacht sich als die Auserw&auml;hlten des Gottesreiches erweisen.
+Auf seine Person hin wird sich dieser Ansturm konzentrieren;
+darum muss man bei ihm ausharren bis zum Tod. Nur
+das Sein im Gottesreich ist Leben. Der Menschensohn wird darnach
+richten, ob sie bei ihm, Jesus, ausgehalten haben oder nicht.
+So wendet sich Jesus am Schluss der Seligpreisungen an die Seinen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_101">[S. 101]</a></span>
+mit den Worten: »Selig seid ihr, wenn die Menschen euch um
+meinetwillen verfolgen«. Die Aussendungsrede wird zu einer Ausf&uuml;hrung
+&uuml;ber die Drangsal. Das letzte Wort in der Botschaft
+von der unmittelbaren Reichsn&auml;he an den T&auml;ufer lautet: »Selig ist,
+wer sich nicht an mir &auml;rgert.« Die Menge, mit welcher er das
+Abendmahl am See gefeiert hat, beschw&ouml;rt er am Morgen zu
+Bethsaida, bei ihm auszuharren, auch wenn er ein Gegenstand
+der Verachtung und des Spotts in der s&uuml;ndigen Welt sein wird:
+ihre Seligkeit h&auml;ngt davon ab.</p>
+
+<p>Diese Drangsal bedeutet zugleich mit der <em class="gesperrt">Bew&auml;hrung</em> auch
+noch eine <em class="gesperrt">S&uuml;hne</em>. Sie ist im messianischen Drama vorgesehen,
+weil Gott von den Reichsgenossen eine S&uuml;hne f&uuml;r ihre Vergehungen
+in diesem Aeon verlangt. <em class="gesperrt">Aber er ist allm&auml;chtig.</em>
+In dieser Allmacht bestimmt er &uuml;ber die Zugeh&ouml;rigkeit zum
+Reich, &uuml;ber die Stelle, die einer darin einnimmt, ohne an irgend
+welche Bestimmung gebunden zu sein. So ist auch die Notwendigkeit
+der Enddrangsal im Hinblick auf seine Allmacht nur relativ.
+Er kann sie den Menschen erlassen.</p>
+
+<p>Darauf beziehen sich die drei letzten Bitten des Vaterunsers.
+Nachdem Gott angefleht worden, er m&ouml;ge das Reich senden, dass
+sein Name geheiligt werde und sein Wille auf Erden geschehe, wie
+im Himmel, d&uuml;rfen die Menschen ihn bitten, ihnen die Vergehungen
+zu verzeihen und die »Versuchung« zu ersparen, indem
+er sie der Gewalt des B&ouml;sen direkt entreisst.</p>
+
+<p>Dies war der Inhalt von Jesu Verk&uuml;ndigung in der ersten
+Periode. Er hielt sich w&auml;hrend derselben am n&ouml;rdlichen Ufer des
+Sees auf. Chorazin, Bethsaida und Kapernaum waren die Hauptst&auml;tten
+seiner Wirksamkeit. Von dort unternahm er &uuml;ber den
+See hin einen Zug in das Gebiet der zehn St&auml;dte und eine Reise
+nach Nazareth.</p>
+
+<p>Gerade in den St&auml;dten seiner Hauptwirksamkeit stiess er
+auf Unglauben. Der Fluch, den er &uuml;ber sie aussprechen muss,
+bezeugt es. Zudem waren ihm die Pharis&auml;er aufs&auml;ssig und suchten
+ihn gerade wegen seiner Wunder beim Volk zu diskreditieren. In
+Nazareth erfuhr er, dass ein Prophet nichts gilt in seinem Vaterlande.</p>
+
+<p>So war die galil&auml;ische Periode nichts weniger als eine gl&uuml;ckliche.
+Diese &auml;usseren Misserfolge bedeuteten aber nichts f&uuml;r das
+Kommen des Reiches. Die ungl&auml;ubigen St&auml;dte richteten nur sich
+selbst. Um die N&auml;he des Reiches zu ermessen, hatte Jesus andere,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_102">[S. 102]</a></span>
+geheimnisvolle Anzeichen. An diesen erkannte er, dass die Zeit
+da war. <em class="gesperrt">Darum sandte er seine J&uuml;nger aus, gerade auf
+dem R&uuml;ckweg von Nazareth &mdash; denn es war Erntezeit.</em></p>
+
+<p>Durch ihre Predigt und durch ihre Zeichen drang die Kunde
+von seiner machtvollen Pers&ouml;nlichkeit &uuml;berall hin. Jetzt beginnt
+die Zeit der Erfolge! Johannes im Gef&auml;ngnis h&ouml;rte davon und
+sandte seine J&uuml;nger, sie sollten ihn fragen, ob er derjenige sei,
+»welcher kommen sollte«, denn aus den Wundern schloss er, dass
+die Zeit des machtvollen Vorl&auml;ufers, den er verk&uuml;ndigt hatte,
+da sei.</p>
+
+<p>Jesus that Zeichen, seine J&uuml;nger hatten Macht &uuml;ber die
+Geister. Wenn er vom Gericht sprach, betonte er, dass der
+Menschensohn mit ihm solidarisch w&auml;re und nur den anerk&auml;nnte,
+der zu ihm, Jesus, gestanden h&auml;tte. Das Volk hielt deshalb daf&uuml;r,
+er k&ouml;nne der sein, nach dem man ausschaute, und der gefangene
+T&auml;ufer wollte dar&uuml;ber Gewissheit haben.</p>
+
+<p>Jesus kann ihm nicht sagen, wer er ist. »<em class="gesperrt">Die Zeit ist
+sehr vorgeschritten</em>« &mdash; das ist der Inhalt seines Bescheids.
+Nachdem die Gesandten fort sind, wendet er sich an das Volk und
+deutet in geheimnisvoller Rede darauf hin, dass die Stunde schon
+weiter vorger&uuml;ckt sei, als jener in seiner Frage ahnte. Die Vorl&auml;uferzeit
+hat mit dem Auftreten des T&auml;ufers selbst angefangen.
+Seither wird das Gottesreich gewaltsam herbeigen&ouml;tigt. <em class="gesperrt">Der
+Frager selbst ist der Elias, wenn sie es begreifen
+m&ouml;gen.</em></p>
+
+<p>Die Menschen vermochten es nicht zu fassen, dass der Gefangene
+der Elias war. Sie verstanden die Zeit nicht, als er mit
+seiner Predigt auftrat. Das liegt aber nicht allein daran, dass
+jener keine Wunder that, sondern an der Verstocktheit ihrer
+Herzen. Unvern&uuml;nftige Kinder sind sie, die nicht wissen, was sie
+wollen. Jetzt ist einer da, der Zeichen thut &mdash; aber auch dem
+glauben sie die N&auml;he des Reiches nicht. So schliesst der Fluch
+&uuml;ber Chorazin und Bethsaida die »W&uuml;rdigungsrede &uuml;ber den
+T&auml;ufer« ab.</p>
+
+<p>Die Entsendung der J&uuml;nger war die letzte That zur Herbeif&uuml;hrung
+des Reiches. Als sie daher zur&uuml;ckkommen, ihm ihren
+Erfolg k&uuml;nden und berichten, wie sie Gewalt &uuml;ber die b&ouml;sen
+Geister hatten, heisst das f&uuml;r ihn: <em class="gesperrt">es ist alles bereit.</em> So erwartet
+er jetzt den Reichsanbruch f&uuml;r die unmittelbarste Zukunft,
+nachdem es ihm schon fraglich gewesen war, ob die J&uuml;nger
+ <span class="pagenum"><a id="Page_103">[S. 103]</a></span>
+vor diesem Ereignis zu ihm zur&uuml;ckkehren w&uuml;rden. Er hatte ihnen
+ja gesagt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie ereilen
+w&uuml;rde, ehe sie mit den St&auml;dten Israels zu Ende w&auml;ren.</p>
+
+<p>Sein Werk ist gethan. Nun verlangt es ihn, sich zu sammeln
+und mit den Seinen allein zu sein. Sie besteigen ein Schiff und
+fahren l&auml;ngs des Strandes nach Norden zu. Die Menge aber,
+welche sich auf die Predigt der J&uuml;nger hin um ihn gesammelt
+hatte, um mit ihm das Reich zu erwarten, folgt ihnen am Ufer
+nach und &uuml;berrascht sie am einsamen Strand, wo sie gelandet.</p>
+
+<p>Als es Abend geworden, wollten die J&uuml;nger, dass er das
+Volk entlasse, damit sie in den umliegenden Flecken Speise zu
+sich n&auml;hmen. F&uuml;r ihn ist aber die Stunde zu heilig, um durch ein
+irdisches Mahl entweiht zu werden. Bevor er sie daher entl&auml;sst,
+heisst er sie sich lagern und h&auml;lt mit ihnen eine Vorfeier des
+messianischen Mahles. Er, der k&uuml;nftige Messias, teilt der Gemeinschaft,
+welche um ihn versammelt ist, um die Ankunft des
+Reiches zu erwarten, feierlich Speise aus, indem er sie damit geheimnisvoll
+zur Teilnahme an der nahen Vollendungsfeier weiht.
+Da sie sein Geheimnis nicht wussten, verstanden sie sein Handeln
+nicht, ebensowenig wie die J&uuml;nger. Sie begriffen nur, dass
+es etwas gewaltig Ernstes bedeutete und machten sich ihre Gedanken
+dar&uuml;ber.</p>
+
+<p>Darauf entliess er sie. Den J&uuml;ngern befahl er an den Strand
+von Bethsaida zu fahren. Er selbst zog sich auf den Berg zum
+Gebet zur&uuml;ck und folgte dann l&auml;ngs des Strandes zu Fuss. Als
+ihnen seine Gestalt im Dunkel der Nacht erschien, da glaubten
+sie, unter dem Eindruck der Feier, wo er in geheimnisvoller
+Hoheit vor ihnen stand, seine &uuml;berirdische Erscheinung nahe
+sich auf den bewegten Wogen, gegen die sie zur Landung ank&auml;mpften.</p>
+
+<p>Am Morgen nach dem Abendmahl am See sammelt er Volk
+und J&uuml;nger um sich zu Bethsaida und vermahnt sie, bei ihm auszuharren
+und ihn nicht zu verleugnen in der Erniedrigung.</p>
+
+<p>Sechs Tage sp&auml;ter geht er mit den drei Intimen auf den
+Berg, wo er einsam gebetet hatte. Dort wird er ihnen als der
+Messias geoffenbart. Auf dem Heimweg verbietet er ihnen, etwas
+davon zu sagen, bis er bei der Auferstehung in der Glorie des
+Menschensohns offenbart w&uuml;rde. Sie aber vermissen noch die
+Erscheinung des Elias, der doch kommen m&uuml;sse, bevor die Totenauferstehung
+statt habe. Bei der W&uuml;rdigungsrede &uuml;ber den T&auml;ufer,
+ <span class="pagenum"><a id="Page_104">[S. 104]</a></span>
+wo die geheimnisvolle Andeutung fiel, waren sie ja nicht zugegen
+gewesen. Ihnen muss er daher jetzt klar machen, dass der Enthauptete
+der Elias war. An seinem Schicksal d&uuml;rfen sie keinen
+Anstoss nehmen, denn also war es bestimmt. Auch der, welcher
+Menschensohn sein wird, muss viel leiden und verspottet werden.
+So will es die Schrift.</p>
+
+<p>Das Reich, welches Jesus in unmittelbarer N&auml;he erwartete,
+blieb aus. F&uuml;r die evangelische Geschichts&uuml;berlieferung war
+diese <em class="gesperrt">erste</em> eschatologische Verz&ouml;gerung insofern verh&auml;ngnisvoll,
+als nun alle Vorg&auml;nge um die Aussendung herum unverst&auml;ndlich
+wurden, weil das Bewusstsein verloren ging, dass die intensivste
+eschatologische Erwartung damals Jesus und seine Umgebung
+beseelte. Darum ist gerade diese Zeit in den Berichten verwirrt
+und dunkel, besonders da einzelne Vorg&auml;nge auch den damaligen
+Teilnehmern r&auml;tselhaft blieben. So wurde in der Ueberlieferung
+das Kultmahl am See zur »wunderbaren Speisung« in einem ganz
+andern Sinn, als es Jesus gemeint hatte.</p>
+
+<p>Auch die Motive seines Verschwindens werden damit unverst&auml;ndlich.
+Es scheint sich um eine »Flucht« zu handeln, w&auml;hrend
+andererseits die Berichte in keiner Weise andeuten, wie es
+so weit gekommen. In der Einsicht in die beiden sich entsprechenden
+H&ouml;hepunkte der eschatologischen Erwartung liegt der
+Schl&uuml;ssel zum historischen Verst&auml;ndnis des Lebens Jesu. <em class="gesperrt">W&auml;hrend
+den jerusalemitischen Tagen kehrt wieder, was in
+den Tagen zu Bethsaida schon einmal dagewesen.</em> Ohne
+diese Annahme klafft zwischen der Aussendung und dem Zug
+nach Jerusalem eine L&uuml;cke in der evangelischen Ueberlieferung.
+Die Geschichtsschreibung sieht sich gezwungen, eine Periode des
+galil&auml;ischen Niedergangs zu <em class="gesperrt">erfinden</em>, um den Zusammenhang
+der berichteten Thatsachen herzustellen, als fehlte hier ein St&uuml;ck
+in unseren Evangelien. <em class="gesperrt">Das ist der schwache Punkt aller
+»Leben Jesu«.</em></p>
+
+<p>Mit der R&uuml;ckkehr in die Landschaft Genezareth entzieht sich
+Jesus den Pharis&auml;ern und dem Volk, um mit seinen J&uuml;ngern allein
+zu sein, wie es schon seit ihrer R&uuml;ckkehr von der Missionswanderung
+sein vergebliches Bestreben war. Es ist unumg&auml;nglich n&ouml;tig, denn
+er muss &uuml;ber zwei messianische Thatsachen ins Klare kommen.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Warum ist der T&auml;ufer von seiner Obrigkeit hingerichtet
+worden, ehe die messianische Zeit angebrochen?</em></p>
+
+<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[S. 105]</a></span></p>
+
+<p><em class="gesperrt">Warum bleibt das Reich aus, da doch die Anzeichen
+seines Einbrechens da sind?</em></p>
+
+<p>In der Schrift geht ihm das Geheimnis auf: Gott f&uuml;hrt das
+Reich herauf <em class="gesperrt">ohne allgemeine Enddrangsal</em>. Derjenige, den
+er zur Herrschaft in Herrlichkeit bestimmt hat, vollzieht sie an
+sich, indem er als ein Uebelth&auml;ter gerichtet und verurteilt wird.
+Daf&uuml;r gehen die andern frei aus: er leistet die S&uuml;hne f&uuml;r sie.
+M&ouml;gen sie immerhin glauben, Gott strafe ihn, m&ouml;gen sie an dem,
+welcher ihnen die Gerechtigkeit gepredigt, irre werden, &mdash; wenn
+nach seinem Leiden die Herrlichkeit anbricht, dann werden sie
+sehen, dass er f&uuml;r sie gelitten.</p>
+
+<p>So las Jesus im Propheten Jesaia, was Gott &uuml;ber ihn, den
+Auserw&auml;hlten, bestimmt hatte. Das Ende des T&auml;ufers zeigte ihm
+an, in welcher Form ihm diese Verurteilung beschieden war: er
+sollte von seiner Obrigkeit vor allem Volk als ein Misseth&auml;ter
+zu Tode gebracht werden. Dazu musste er hinaufziehen nach
+Jerusalem f&uuml;r die Zeit, <em class="gesperrt">da ganz Israel sich dort versammelte</em>.</p>
+
+<p>Als daher die Zeit zur Osterreise kam, brach er mit seinen
+J&uuml;ngern auf. Ehe sie von dannen zogen, fragte er sie, f&uuml;r wen
+er bei den Leuten gelte. Sie wussten nur zu antworten, dass man
+ihn f&uuml;r den Elias halte. Petrus aber, in der Erinnerung an die
+Offenbarung auf dem Berg bei Bethsaida, sagt: du bist der
+Gottessohn. Daraufhin thut ihnen Jesus sein Geheimnis kund.
+Gewiss, er ist der, welcher als Menschensohn bei der Auferstehung
+geoffenbart werden wird. Vorher aber ist ihm bestimmt, den
+Hohenpriestern und Aeltesten zur Verurteilung und zum Tod &uuml;berantwortet
+zu werden. Gott will es also. Darum ziehen sie nach
+Jerusalem.</p>
+
+<p>Petrus h&auml;lt sich &uuml;ber diese neue Er&ouml;ffnung auf, denn in der
+Offenbarung auf dem Berg war nicht die Rede davon gewesen.
+Er nimmt Jesum bei Seite und dringt heftig auf ihn ein. Darauf
+wird er von ihm hart zurechtgewiesen, dass er menschliche Erw&auml;gungen
+laut werden l&auml;sst, wo Gott redet.</p>
+
+<p>Diese Reise nach Jerusalem war der Todeszug zum Siege.
+In dem Leidensgeheimnis lag das Geheimnis des Reiches Gottes
+geborgen. Sie zogen hinter ihm her und wussten nur, dass er
+nachher, wenn ihm also geschehen w&auml;re, Messias sein w&uuml;rde. Es
+bangte ihnen vor dem, was kommen sollte; sie verstanden nicht,
+warum es also sein musste, und scheuten sich, ihn zu fragen. Vor
+ <span class="pagenum"><a id="Page_106">[S. 106]</a></span>
+allem gingen aber ihre Gedanken auf den Zustand im nahen
+Reich. Wenn er einmal Messias war, was w&uuml;rden dann sie sein?
+das besch&auml;ftigte ihren Sinn und davon redeten sie untereinander.
+Er aber wies sie zurecht und deutete ihnen an, warum er leiden
+m&uuml;sse. Nur durch Erniedrigung und dienende Dahingabe wird
+man bereitet, im Gottesreich zu herrschen. Darum muss der,
+welcher als Menschensohn die Herrschaft im Reich aus&uuml;ben wird,
+jetzt f&uuml;r die vielen mit seinem Leben in dienender Hingabe eine
+S&uuml;hne leisten.</p>
+
+<p>Mit dem Betreten des j&uuml;dischen Gebiets beginnt die zweite
+&ouml;ffentliche Periode. Er ist wieder vom Volk umgeben. In Jericho
+wartet die Menge auf ihn, um ihn beim Durchzug zu sehen.
+Durch die Heilung eines blinden Bettlers, des Sohnes des Tim&auml;us,
+erweist er sich ihnen als der grosse Vorl&auml;ufer, f&uuml;r den man ihn
+schon in Galil&auml;a gehalten hatte. Die jubelnde Menge bereitet
+ihm einen feierlichen Einzug. Als dem, welcher der Weissagung
+zufolge vor dem Messias herkommt, singen sie ihm Hosianna.
+Dem Reich aber, welches in B&auml;lde erscheinen wird, gilt das
+Hosianna in der H&ouml;h'. Damit ist wieder die Situation der grossen
+Tage am Seestrand erreicht: Jesus wird von der reichsgl&auml;ubigen
+Menge umdr&auml;ngt.</p>
+
+<p>Die Belehrung, welche die jerusalemitischen Gleichnisse enthalten,
+bezieht sich auf die N&auml;he des Reiches. Es sind <em class="gesperrt">Warnrufe</em>,
+die zugleich eine Drohung f&uuml;r die enthalten, welche sich
+gegen die Kunde verstocken. Nicht die Frage: ist er der Messias?
+ist er es nicht? bewegte die Geister, sondern: ist das Reich
+so nah, wie er sagt, oder nicht?</p>
+
+<p>Die Pharis&auml;er und Schriftgelehrten wussten nicht, welche
+Stunde es geschlagen hatte. Sie zeigten eine g&auml;nzliche Unempfindlichkeit
+f&uuml;r die N&auml;he des Reichs, denn sonst h&auml;tten sie
+ihm nicht Fragen zur Beantwortung vorgelegt, die gerade durch
+die vorgeschrittene Zeit gegenstandslos geworden waren. Was
+kommt denn noch auf den Kaiserzins an? Was sollen die
+spitzfindigen sadduc&auml;ischen Argumente gegen die M&ouml;glichkeit
+der Totenauferstehung? Bald ist ja mit dem Reichsanbruch
+die <em class="gesperrt">irdische Herrschaft</em> gerade so gut wie die <em class="gesperrt">irdische
+Menschennatur</em> abgethan!</p>
+
+<p>Ja, wenn sie die Zeichen der Zeit verst&auml;nden! Er gibt ihnen
+zwei Fragen auf, die sie zum Nachdenken bringen sollen, damit
+sie es merken, dass sie in der Zeit eines grossen Geheimnisses
+ <span class="pagenum"><a id="Page_107">[S. 107]</a></span>
+stehen, von dem sich ihre Schriftgelehrsamkeit nicht tr&auml;umen
+l&auml;sst.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">In welcher Vollmacht wirkte der T&auml;ufer?</em> Wenn sie
+es w&uuml;ssten, dass er der Vorl&auml;ufer war, wie es Jesus schon dem
+Volk gegen&uuml;ber geheimnisvoll angedeutet hatte, dann w&uuml;ssten
+sie auch, dass die Stunde des Reiches geschlagen hat.</p>
+
+<p><em class="gesperrt">Wie ist der Messias bald Davids Sohn, also unter
+ihm, bald Davids Herr, also &uuml;ber ihm?</em> Wenn sie das
+erkl&auml;ren k&ouml;nnten, dann verst&auml;nden sie auch, dass der, welcher
+niedrig und unerkannt auf das Reich Gottes hinwirkt, als Herr
+und Messias geoffenbart werden wird.</p>
+
+<p>So aber ahnen sie nicht einmal, dass die messianischen Hinweise
+<em class="gesperrt">Geheimnisse</em> bergen. Mit ihrer Gelehrsamkeit sind sie
+blinde Blindenleiter, die das Volk, statt es f&uuml;r das Reich empf&auml;nglich
+zu machen, verstocken und statt die neue Sittlichkeit, welche
+zum Reich gerecht macht, aus dem Gesetz herauszulesen, in
+kleinlicher Ver&auml;usserlichung ihr entgegenarbeiten und das Volk
+mit sich ins Verderben ziehen. Darum: <em class="gesperrt">Wehe den Pharis&auml;ern
+und Schriftgelehrten!</em></p>
+
+<p>Zwar auch unter ihnen gibt es noch solche, welche ein
+offenes Auge behalten haben. Derjenige, welcher ihn nach dem
+grossen Gebot gefragt hat und seiner Antwort zustimmt, der ist
+»verst&auml;ndig« und deshalb »nicht fern vom Reich Gottes«, denn
+er geh&ouml;rt dazu, wenn es erscheint.</p>
+
+<p>Die Masse aber der Pharis&auml;er und Schriftgelehrten versteht
+ihn so wenig, dass sie seinen Tod beschliessen. Auf Jesu Auftreten
+hin brachten sie keine wirksame Anklage fertig. Ein respektloses
+Wort &uuml;ber den Tempel: das war alles. <em class="gesperrt">Da verriet
+ihnen Judas das Geheimnis.</em> Jetzt war er verurteilt.</p>
+
+<p>In der N&auml;he des Todes richtet sich Jesus zu derselben sieghaften
+Gr&ouml;sse auf, wie in den Tagen am Seestrand: <em class="gesperrt">denn mit
+dem Tod kommt das Reich.</em> Damals hatte er mit den Gl&auml;ubigen
+die Vorfeier des messianischen Mahles gehalten; so erhebt
+er sich jetzt am Ende der letzten irdischen Mahlzeit und teilt den
+J&uuml;ngern feierlich Speise und Trank aus, indem er sie mit erhobener
+Stimme, nachdem der Becher zu ihm zur&uuml;ckgekehrt ist, darauf
+hinweist, dass dieses das letzte irdische Mahl gewesen ist, weil
+sie in B&auml;lde zum Mahl in des Vaters Reich vereinigt sein
+werden. Zwei entsprechende Gleichnisworte deuten das Leidensgeheimnis
+an. F&uuml;r ihn sind Brot und Wein, die er ihnen bei der
+ <span class="pagenum"><a id="Page_108">[S. 108]</a></span>
+Vorfeier darreicht, sein Leib und sein Blut, weil er durch die Hingabe
+in den Tod das messianische Mahl herauff&uuml;hrt. Das Gleichniswort
+blieb den J&uuml;ngern dunkel. Es war auch nicht auf sie berechnet,
+es sollte ihnen nichts verdeutlichen &mdash; <em class="gesperrt">denn es war
+ein Geheimnisgleichnis</em>.</p>
+
+<p>Wie nach dem Abendmahl am See, sucht er auch jetzt, da
+die grosse Stunde naht, die Einsamkeit auf, um zu beten. Er
+tr&auml;gt die Drangsal f&uuml;r die andern. Darum darf er den J&uuml;ngern
+voraussagen, dass sie in der Nacht sich alle an ihm &auml;rgern werden
+&mdash; und er braucht sie nicht zu verdammen, denn die Schrift
+hat es so bestimmt. Welch unendlicher Friede liegt in diesem
+Wort! Ja, er tr&ouml;stet sie: nach der Auferstehung will er sie um
+sich sammeln und ihnen in messianischer Herrlichkeit vorausziehen
+nach Galil&auml;a, die Strasse zur&uuml;ck, auf welcher sie ihm im
+Todesgang gefolgt sind.</p>
+
+<p>Noch steht es aber in Gottes Allmacht, die Drangsal auch
+f&uuml;r ihn auszuschalten. Darum, wie er einst mit den Gl&auml;ubigen
+gebetet »und f&uuml;hre uns nicht in die Versuchung«, so bittet er
+jetzt f&uuml;r sich, Gott in seiner Allmacht m&ouml;ge den Leidenskelch an
+<em class="gesperrt">seinen</em> Lippen vor&uuml;bergehen lassen. Zwar, wenn es Gottes Wille
+ist, f&uuml;hlt er sich stark genug, ihn zu trinken. Nur f&uuml;r die Intimen
+bangt ihm. Die Zebedaiden haben sich vermessen, um die Thronpl&auml;tze
+zu erlangen, den Leidensbecher mit ihm zu trinken und
+die Leidenstaufe mit ihm zu empfangen. Petrus verschwor sich,
+bei ihm auszuhalten, auch wenn er mit ihm sterben m&uuml;sste. Er
+weiss nicht, wie Gott &uuml;ber sie bestimmt hat, ob er ihnen auferlegen
+wird, was sie auf sich nehmen wollten. Darum heisst er
+sie in seiner N&auml;he bleiben. Und w&auml;hrend er Gott f&uuml;r sich anfleht,
+gedenkt er ihrer und weckt sie zu zweien Malen, dass sie
+wach bleiben und Gott anflehen, er m&ouml;ge sie nicht durch »die
+Versuchung« hindurchf&uuml;hren.</p>
+
+<p>Beim drittenmal war die Schar mit dem Verr&auml;ter nahe.
+Die Stunde ist gekommen: darum richtet er sich in seiner
+ganzen hoheitsvollen Gr&ouml;sse auf. Er ist allein, die Seinen
+fliehen.</p>
+
+<p>Das Zeugenverh&ouml;r ist nur ein Scheinverh&ouml;r. Nachdem sie
+abgetreten, stellt der Hohepriester unvermittelt die Frage wegen
+der Messianit&auml;t. »<em class="gesperrt">Ich bin's</em>«, sagt Jesus, <em class="gesperrt">indem er sie auf
+die Stunde verweist, wo er als Menschensohn auf den
+Wolken des Himmels, umgeben von den Engeln, erscheinen
+ <span class="pagenum"><a id="Page_109">[S. 109]</a></span>
+wird.</em> Darum wurde er wegen Gottesl&auml;sterung zum
+Tode verurteilt.</p>
+
+<p class="pmb3">Am 14. Nisan Nachmittags, da man abends das Passahlamm
+ass, schrie er laut auf und verschied.</p>
+
+
+<p class="break" />
+<hr class="chap" />
+
+<h2 id="Nachwort">Nachwort.</h2>
+
+
+<p>Die Urteile &uuml;ber diese realistische Darstellung des Lebens
+Jesu k&ouml;nnen sehr verschieden sein, je nach dem dogmatischen,
+historischen oder litterarischen Standort der Kritik. Nur den
+<em class="gesperrt">Zweck</em> des Buches m&ouml;gen sie nicht antasten: <em class="gesperrt">der modernen
+Zeit und der modernen Dogmatik die Gestalt Jesu in
+ihrer &uuml;berw&auml;ltigenden heroischen Gr&ouml;sse vor die Seele
+zu f&uuml;hren.</em></p>
+
+<p>Das Heroische geht unserer Weltanschauung, unserem
+Christentum und unserer Auffassung der Person Jesu ab. Darum
+hat man ihn vermenschlicht und erniedrigt. <span class="smcap">Renan</span> hat ihn zur
+sentimentalen Figur entweiht, feige Geister wie <span class="smcap">Schopenhauer</span>
+wagten es, sich auf ihn zu berufen f&uuml;r ihre entnervende Weltanschauung,
+und unsere Zeit hat ihn modernisiert, indem sie sein
+Werden und seine Entwicklung psychologisch zu begreifen gedachte.</p>
+
+<p class="pmb3">Wir m&uuml;ssen dazu zur&uuml;ckkehren, das <em class="gesperrt">Heroische</em> in Jesu
+wieder zu empfinden, wir m&uuml;ssen vor dieser geheimnisvollen Pers&ouml;nlichkeit,
+die in der Form ihrer Zeit weiss, dass sie auf Grund
+ihres Wirkens und Sterbens eine sittliche Welt schafft, <em class="gesperrt">welche
+ihren Namen tr&auml;gt</em>, in den Staub gezwungen werden, ohne es
+auch nur zu wagen, ihr Wesen verstehen zu wollen: <em class="gesperrt">dann erst
+kann das Heroische in unserem Christentum und in
+unserer Weltanschauung wieder lebendig werden</em>.</p>
+
+
+<div class="break" />
+<p class="pmb3" />
+
+<div class="transnote">
+<b>Notizen des Bearbeiters:</b><br />
+Die Schreibweise des Originals wurde unver&auml;ndert &uuml;bernommen.<br />
+Heute un&uuml;bliche Schreibweisen wurden beibehalten.</div>
+
+<p class="pmb3" />
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem
+Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG ***
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+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
+generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
+Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
+www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
+U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
+mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
+volunteers and employees are scattered throughout numerous
+locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
+Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
+date contact information can be found at the Foundation's web site and
+official page at www.gutenberg.org/contact
+
+For additional contact information:
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
+DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
+state visit www.gutenberg.org/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations. To
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+
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+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
+Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
+freely shared with anyone. For forty years, he produced and
+distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
+volunteer support.
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
+the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
+necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
+edition.
+
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+facility: www.gutenberg.org
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