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-The Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben
-Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums
- Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine
- Skizze des Lebens Jesu
-
-Author: Albert Schweitzer
-
-Release Date: January 11, 2016 [EBook #50901]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG ***
-
-
-
-
-Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Michael Waddell
-and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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-
- Das Abendmahl
-
- im
-
- Zusammenhang mit dem Leben Jesu
-
- und der
-
- Geschichte des Urchristentums
-
- von
-
- Lic. Dr. Albert Schweitzer
- in Strassburg i. E.
-
-
- Zweites Heft.
-
- Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis.
-
- Eine Skizze des Lebens Jesu.
-
-[Illustration]
-
-
- =Tübingen= und =Leipzig=.
- Verlag von _=J. C. B. Mohr=_ (Paul Siebeck).
- 1901.
-
-
-
-
- _Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich
- die Verlagsbuchhandlung vor._
-
-
-
-
- C. A. Wagner's Universitätsbuchdruckerei in Freiburg i. B.
-
-
-
-
- Seinem Lehrer
-
- Herrn Prof. D. Dr. _-H. J. Holtzmann-_
-
- gewidmet
-
- in aufrichtiger Verehrung und treuer Anhänglichkeit
-
- von seinem dankbaren Schüler
-
- =Albert Schweitzer.=
-
-
-
-
-Vorrede.
-
-
-Der Versuch, ein Leben Jesu zu schreiben und dabei nicht am Anfang,
-sondern in der Mitte, _=mit dem Leidensgedanken=_ zu beginnen, musste sich
-notwendig einmal einstellen. Es ist verwunderlich, dass er nicht schon
-früher gemacht worden ist, denn er liegt in der Luft.
-
-Alle Darstellungen des Lebens Jesu befriedigen nämlich _=bis zum Eintritt
-des Leidensgedankens=_. Dort aber verfehlen sie den Anschluss. Es gelingt
-keiner von ihnen begreiflich zu machen, warum Jesus nun plötzlich seinen
-Tod für notwendig hält und in welchem Sinne er ihn für heilbringend
-ansieht. Um diesen Anschluss zu erreichen, muss man sich entschliessen,
-einmal vom Leidensgedanken selbst auszugehen, um von da aus das Leben
-Jesu _=nach rückwärts und nach vorwärts=_ zu begreifen. Wenn wir den
-Leidensgedanken nicht verstehen, liegt es nicht vielleicht daran, dass
-wir _=die erste Periode=_ des Lebens Jesu falsch auffassen und uns so die
-Einsicht in das _=Aufkommen des Leidensgedankens=_ von vornherein
-unmöglich machen?
-
-Die letzten Jahre der Forschung haben gezeigt, auf wie schwachem Grunde
-eigentlich unsere _=historische Auffassung=_ des Lebens Jesu beruht. Es
-lässt sich nicht verkennen, dass wir bei einer _=schweren Antinomie=_
-angelangt sind. _=Entweder Jesus hielt sich wirklich selbst für den
-Messias oder=_, worauf eine neue Richtung in der Forschung zu führen
-scheint, _=erst die urchristliche Auffassung hat ihm diese Würde
-beigelegt=_. In beiden Fällen bleibt das »Leben Jesu« gleich rätselhaft.
-
-Hielt sich Jesus wirklich für den Messias, wie kommt es, dass er wirkt,
-als wäre er nicht der Messias? Wie ist es erklärlich, dass seine Würde
-und Machtstellung so gar nichts mit seiner _=öffentlichen Thätigkeit zu
-thun zu haben scheint=_? Was ist davon zu halten, dass er seinen Jüngern
-erst, nachdem seine öffentliche Wirksamkeit -- die wenigen Tage zu
-Jerusalem abgerechnet -- schon zu Ende ist, eröffnet, wer er ist, und
-ihnen dazu noch befiehlt, _=das Geheimnis=_ streng zu wahren? Dass Motive
-der Klugheit oder pädagogische Absichten ihm diese Haltung diktiert
-haben sollen, erklärt nichts. _=Wo steht in den synoptischen Berichten
-auch nur die leiseste Andeutung, dass Jesus die Jünger und das Volk zur
-Erkenntnis seiner Messianität hat erziehen wollen?=_
-
-Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr erkennt man, wie wenig die
-Annahme, dass Jesus sich für den Messias gehalten habe, das »Leben Jesu«
-zu erklären vermag, weil sich so gar keine Verbindung zwischen seinem
-Selbstbewusstsein und seiner öffentlichen Wirksamkeit ergiebt. Es mag
-banal klingen: man wird dabei die Frage nicht los, warum er es nie
-versucht hat, das Volk durch Unterweisung zu der neuen ethischen
-Auffassung der Messianität emporzuheben. Der Versuch wäre nicht so
-aussichtslos gewesen, als man anzunehmen geneigt ist, denn es ging
-damals ein tiefreligiöser Zug durch Israel. _=Warum hat sich Jesus
-beharrlich über seine Auffassung der Messianität ausgeschwiegen?=_
-
-Nimmt man andererseits an, er hat sich selbst nicht für den Messias
-gehalten, so müsste erklärt werden, wie er dann _=nach seinem Tode=_ zum
-Messias gemacht wurde. Auf Grund seiner öffentlichen Wirksamkeit ist es
-sicher nicht geschehen -- denn diese gerade hat ja mit seiner
-Messianität nichts zu thun! Was bedeutet aber dann die Offenbarung des
-Messiasgeheimnisses an die Zwölf und das Bekenntnis vor dem
-Hohenpriester? Es ist ein purer Gewaltakt, diese Scenen für unhistorisch
-zu erklären. Entschliesst man sich zu solchen Eingriffen, _=was bleibt
-dann überhaupt noch von der evangelischen Geschichtsüberlieferung
-bestehen=_?
-
-Dabei darf man nicht vergessen, dass wenn Jesus sich selbst nicht für
-den Messias gehalten hat, dies den Todesstoss für den christlichen
-Glauben bedeutet. Das Urteil der urchristlichen Gemeinde ist für uns
-nicht bindend. Die christliche Religion erbaut sich auf _=dem
-messianischen Selbstbewusstsein Jesu=_, wodurch er selbst seine
-Persönlichkeit aus der Reihe anderer Verkündiger der religiösen
-Sittlichkeit _=in einzigartiger Weise=_ scharf heraushebt. Hielt er _=sich
-selbst=_ nun nicht für den Messias, so beruht das ganze Christentum -- um
-ein verdrehtes und misshandeltes Wort ehrlich zu gebrauchen -- auf einem
-_=»Werturteil« der Anhängerschaft Jesu von Nazareth nach seinem Tode=_!
-
-Vergessen wir nicht, dass es sich um eine Antinomie handelt, aus der
-man nur _=einen=_ Schluss ziehen darf: _=dass nämlich die bisherige
-»historische« Auffassung des Messianitätsbewusstseins Jesu falsch
-ist, weil sie die Geschichte nicht erklärt=_. Geschichtlich ist nur
-diejenige Auffassung, welche begreiflich macht, _=wie Jesus sich
-für den Messias halten konnte, ohne sich genötigt zu sehen, dieses
-sein Selbstbewusstsein in seiner öffentlichen Wirksamkeit auf das
-messianische Reich hin zur Geltung zu bringen, ja, wie er geradezu
-gezwungen war, die messianische Würde seiner Person zu verschweigen!
-Warum war seine Messianität Jesu Geheimnis?=_ -- dieses erklären heisst
-das Leben Jesu begreifen.
-
-Aus der Einsicht in das Wesen dieser Antinomie ist diese neue
-Auffassung des Lebens Jesu erwachsen. Inwieweit sie das Problem löst,
-das mögen die Verhandlungen darüber klarstellen. Ich veröffentliche die
-neue Auffassung _=als Skizze=_, weil sie notwendig in den Rahmen des
-Werkes über das Abendmahl gehört. Sodann aber hoffe ich, aus der Kritik
-ihrer Grundzüge über manche Punkte des exegetischen Details noch zu
-grösserer Klarheit zu kommen, ehe ich daran denke, diesen Gedanken in
-einem ausgearbeiteten »Leben Jesu« eine definitive Fassung zu geben.
-
-_=Den litterarischen Unterbau=_ habe ich, dem skizzenhaften Charakter der
-Darstellung entsprechend, gewöhnlich nur andeuten können. Wer sich
-jedoch in dieser Sache auskennt, der wird leicht bemerken, dass hinter
-mancher hingeworfenen Behauptung viel mehr synoptisches Detailstudium
-steckt, als der erste Blick vermuten liesse.
-
-Gerade für die synoptische Frage ist die neue Auffassung des Lebens Jesu
-von grosser Bedeutung. _=Danach wird nämlich die Komposition der
-Synoptiker viel einfacher und klarer. Die künstliche Redaktion, mit der
-man bisher zu operieren gezwungen war, wird sehr reduziert. Die
-Bergpredigt, die Aussendungsrede und die Würdigungsrede über den Täufer
-sind keine »Redekompositionen«, sondern sie sind in der Hauptsache so
-gehalten, wie sie uns überliefert sind. Auch die Form der Leidens- und
-Auferstehungsweissagungen kommt nicht auf das urchristliche Konto,
-sondern Jesus hat in diesen Worten zu seinen Jüngern von seiner Zukunft
-geredet.=_ Gerade diese Vereinfachung der litterarischen Frage und die
-damit verbundene Steigerung der historischen Glaubwürdigkeit der
-evangelischen Geschichtserzählung ist von grossem Gewicht für die neue
-Auffassung des Lebens Jesu.
-
-Diese Vereinfachung beruht aber nicht auf einer _=naiven
-Stellungnahme=_ den Berichten gegenüber, _=sondern sie ist
-herbeigeführt durch die Einsicht in die Gesetze, nach welchen die
-urchristliche Auffassung und Würdigung der Persönlichkeit Jesu die
-Darstellung seines Lebens und Wirkens bedingte=_. Gerade diese Frage
-ist bisher vielleicht zu wenig _=systematisch=_ behandelt worden.
-
-_=Einerseits=_ ist zwar gewiss, dass das Urchristentum auf die
-Darstellung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu _=von bedeutendem
-Einfluss gewesen=_. _=Andererseits=_ sind aber gerade wieder in dem
-Wesen des urchristlichen Glaubens alle Voraussetzungen gegeben, dass
-er die _=Grundzüge der öffentlichen Wirksamkeit Jesu nicht angetastet
-und vor allem keine »Thatsachen« im Leben Jesu »produziert«=_ hat. Denn
-das Urchristentum stand ja dem _=Leben Jesu als solchem indifferent
-gegenüber=_! Der urchristliche Glaube hatte an diesem irdischen Leben
-nicht das geringste Interesse, weil Jesu Messianität sich ja auf seine
-Auferstehung, nicht auf seine irdische Thätigkeit gründete und man
-dem kommenden Messias in Glorie _=entgegenblickte und dabei an dem
-Leben Jesu von Nazareth nur soweit Interesse nahm, als es mit den
-Herrenworten zusammenhing. Eine urchristliche Auffassung des Lebens
-Jesu gab es überhaupt nicht=_, und die Synoptiker enthalten auch
-nichts derartiges. Sie reihen die Erzählungen aus seiner öffentlichen
-Wirksamkeit aneinander, ohne den Versuch zu machen, sie in ihrer
-Aufeinanderfolge und in ihrem Zusammenhang begreiflich zu machen und
-uns die »Entwicklung« Jesu erkennen zu lassen. Als dann, mit dem
-Zurücktreten der Eschatologie, das Schwergewicht auf _=die irdische
-Erscheinung Jesu als des Messias=_ fiel und so zu einer _=Auffassung
-des Lebens Jesu=_ führte, da hatten die Berichte von der öffentlichen
-Thätigkeit Jesu schon eine zu _=feste Fassung=_ angenommen, als dass
-dieser Prozess sie hätte _=berühren können=_. Das _=vierte Evangelium=_
-bietet ein Geschichtsbild des Lebens Jesu, aber es steht _=neben der
-synoptischen Schilderung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu, wie die
-Chronik neben den Samuelis- und den Königsbüchern=_. Der Unterschied
-zwischen dem vierten Evangelium und den Synoptikern besteht gerade
-darin, dass das erstere ein »_=Leben Jesu=_« bietet, während die
-Synoptiker von seiner _=öffentlichen Wirksamkeit berichten=_.
-
-Der urchristliche Glaube hat die Darstellung der öffentlichen
-Wirksamkeit Jesu _=nach immanenten Gesetzen beeinflusst=_, gerade wie die
-deuteronomische Reform auf die Vorstellung von den Ereignissen während
-der Richter- und Königszeit eingewirkt hat. _=Es handelt sich um eine
-unbewusste, notwendige perspektivische Verschiebung.=_ Die neue Auffassung
-beruht auf der Berechnung dieser perspektivischen Verschiebung, _=wobei
-sich ergibt, dass der Einfluss des urchristlichen Gemeindeglaubens auf
-die synoptischen Berichte viel weniger tief geht als man bisher
-anzunehmen geneigt war=_.
-
- _=Strassburg=_, im August 1901.
-
-
-
-
-Inhaltsangabe des zweiten Heftes.
-
-
- Seite
-
- _=Vorrede zu einer neuen Auffassung des Lebens Jesu=_ V-IX
-
- _Erstes Kapitel_ 1-13
-
- =Der modern-historische Lösungsversuch.=
-
- 1. Darstellung 1- 3
-
- 2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen
- Lösungsversuchs 3
-
- 3. Die zwei kontrastierenden Epochen. (Erste Voraussetzung) 3- 6
-
- 4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung
- der synoptischen Leidensworte. (Zweite Voraussetzung) 6- 8
-
- 5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken.
- (Dritte Voraussetzung) 8-12
-
- 6. Die Form der Leidensoffenbarung. (Vierte Voraussetzung) 12
-
- 7. Zusammenfassung 12-13
-
-
- _Zweites Kapitel_ 13-18
-
- =Die »Entwicklung« Jesu.=
-
- 1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische
- Grösse 13-15
-
- 2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede 15-17
-
- 3. Die neue Auffassung 17-18
-
-
- _Drittes Kapitel_ 18-23
-
- =Die Predigt vom Reich Gottes.=
-
- 1. Die neue Sittlichkeit als Busse 18-20
-
- 2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik 21-23
-
-
- _Viertes Kapitel_ 24-32
-
- =Das Geheimnis des Reiches Gottes.=
-
- 1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes 24-26
-
- 2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk
- nach der Aussendung 26-27
-
- 3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der
- prophetischen und jüdischen Zukunftserwartungen 27-28
-
- 4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der
- glücklichen galiläischen Periode 29
-
- 5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus
- Jesu 29-30
-
- 6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum
- Gesetz und Staat 30-31
-
- 7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu 31-32
-
-
- _Fünftes Kapitel_ 32-34
-
- =Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.=
-
-
- _Sechstes Kapitel_ 34-52
-
- =Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen
- Wirksamkeit.=
-
- 1. Das Problem und die Thatsachen 34-38
-
- 2. Jesus der Elias durch die Solidarität mit dem Menschensohn 38-40
-
- 3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen 40-42
-
- 4. Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches
- Gottes 42-43
-
- 5. Jesus und der Täufer 43-44
-
- 6. Der Täufer und Jesus 44-48
-
- 7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in
- Jerusalem 49-52
-
- _Siebentes Kapitel_ 52-60
-
- =Nach der Aussendung. Litterarische und historische
- Probleme.=
-
- 1. Die Seereise nach der Aussendung 52-55
-
- 2. Das Abendmahl am See Genezareth 55-57
-
- 3. Die Woche zu Bethsaida 57-60
-
-
- _Achtes Kapitel_ 60-80
-
- =Das Messianitätsgeheimnis.=
-
- 1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi 60-63
-
- 2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu 63-65
-
- 3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der
- Messianität Jesu 66-71
-
- 4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der
- Messianität Jesu 72-79
-
- 5. Der Verrat des Judas -- die letzte Bekanntgebung des
- Messiasgeheimnisses 79-80
-
-
- _Neuntes Kapitel_ 81-98
-
- =Das Geheimnis des Leidensgedankens.=
-
- 1. Die vormessianische Drangsal 81-83
-
- 2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode 83-84
-
- 3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht 84-86
-
- 4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode 86-89
-
- 5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt 89-91
-
- 6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis 91-92
-
- 7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung
- der Perspektive 92-98
-
- _Zehntes Kapitel_ 98-109
-
- =Abriss des Lebens Jesu.=
-
- _=Nachwort=_ 109
-
-
-
-
- Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis,
- eine Skizze des Lebens Jesu.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-Der modern-historische Lösungsversuch.
-
-
-1. Darstellung.
-
-Die synoptischen Stellen bieten keine Erklärung, wie der Leidensgedanke
-sich Jesu aufdrängte und was er für ihn bedeutete. Die apostolische
-Predigt in den Petrus- und Paulusreden betrachtet das Leiden unter dem
-Gesichtspunkt der göttlichen Notwendigkeit, welche in der Schrift
-geweissagt ist. Auch die paulinische Theorie hat nichts mit der
-Geschichte zu thun.
-
-Was also im Zusammenhang mit einer geschichtlichen Auffassung des Lebens
-Jesu über den Leidensgedanken ausgeführt wird, ist nicht von der
-Geschichte direkt dargeboten, sondern aus ihr erschlossen. Es handelt
-sich immer nur um eine notwendige und unvermeidliche _=historische
-Konstruktion=_, deren Richtigkeit in dem Masse feststeht, als sie Ordnung
-und Klarheit in die synoptischen Notizen bringt.
-
-Sämtliche Konstruktionen mit ausgesprochen historischem Interesse
-begegnen sich in einem Lösungsversuch, den wir als den
-historisch-modernen bezeichnen. Historisch daran ist das Interesse,
-Geschichte zu erklären, modern die psychologische Nachempfindung, mit
-deren Hülfe nachgewiesen wird, wie unter dem Einfluss bestimmter
-Erlebnisse der Leidensgedanke sich Jesu aufdrängte und von ihm religiös
-gewertet wurde. Die Grundgedanken dieses Lösungsversuchs sind folgende.
-
-Es konnte sich für Jesus nicht um Beschaffung der Sündenvergebung
-handeln. Er setzte sie schon voraus; wie die Bitte des Vaterunsers
-zeigt, floss sie ja aus der verzeihenden Vaterliebe Gottes. Nun erinnert
-der Gedanke der Sühne (Mk 10 _-45-_) an die paulinische Sühnetheorie mit
-ihrem juridischen Charakter. Diese bezieht sich allerdings auf die
-Sündenvergebung. Es ist daher anzunehmen, dass, wie der Gedanke der
-Sündenvergebung, so auch die juridische Sühnevorstellung Jesu fremd war,
-da sie in seiner ganzen Lehrweise nicht vorgesehen ist. Die Aussprüche
-über die Wertung seines Leidens sind also in der überlieferten Form
-irgendwie von paulinischen Gedanken beeinflusst.
-
-Bringt man diese Beeinflussung in Anschlag, so enthält der historische
-Ausspruch (Mk 10 _-45-_) den Gedanken der dienenden Dahingabe in der
-höchsten Potenz. Wir stehen auf der Grenze, wo der gesteigerte Begriff
-des Dienens zum Begriff der Sühne führt. Der Wert dieser Dahingabe für
-die andern besteht darin, dass das von Jesus übernommene Todesleiden
-gleichsam der Inauguralakt ist, durch welchen die neue Sittlichkeit des
-Gottesreiches und damit der neue Zustand selbst verwirklicht wird. Diese
-That ist das wirksame Anfangsglied in einer Kette von Umgestaltungen,
-deren übernatürlichen Abschluss seine »Wiederkunft« in Herrlichkeit
-bildet, wo der Neue Bund, den er mit seinem Blute besiegelt hat, durch
-ihn sich vollendet.
-
-Damit ist auch gegeben, wie der Leidensentschluss sich einstellen konnte
-und musste. Jesu Amt galt der Verwirklichung des Gottesreiches. Dies
-hatte er zunächst in kleinen Grenzen während seiner galiläischen
-Wirksamkeit unternommen. Durch seine Predigt von der neuen Sittlichkeit
-auf Grund des Glaubens an den göttlichen Vater und unter dem Eindruck
-der Kraft, die von ihm ausging, entwickelten sich die Anfänge dieses
-Reiches. Es war eine glückliche, erfolgreiche Zeit: »der _=galiläische
-Frühling=_,« wie sie KEIM genannt hat. Den Höhepunkt dieser Periode
-bildete die Aussendung der Jünger. Durch ihre Predigt sollte die
-herrliche Saat allenthalben ausgestreut werden. Als sie ihm bei der
-Rückkehr ihre Erfolge kund thaten, brach er in den Jubelruf aus, der den
-Sieg für schon gegenwärtig hielt (Mt 11 _-25-27-_).
-
-Dann kam die Zeit des Niedergangs. Von Jerusalem aus wurde der
-Widerstand insceniert (Mk 7 _-1-_). Früher hob ihn die Zuneigung
-des Volks über die Reibereien mit den Behörden hinweg. Jetzt aber,
-da die Sache planmässig betrieben wurde, fielen auch seine Anhänger
-von ihm ab. Es war verhängnisvoll, dass in der Diskussion über die
-Reinigkeitsgebote der Widerspruch mit der gesetzlichen Ueberlieferung
-zu Tage trat (Mk 7 _-1-23-_). Ehe der Frühling wieder ins Land kam,
-hatte er Galiläa verlassen müssen. Hoch im Norden, in der Stille und
-in der Einsamkeit sammelte er sich, um mit sich selbst ins Klare zu
-kommen.
-
-Für die Verwirklichung des Reichs stand ihm nur noch ein Weg offen: der
-Kampf mit der Macht, welche sich seinem Werk entgegensetzte. Er war
-entschlossen, ihn in die Hauptstadt selbst hineinzutragen. Dort sollte
-sich das Schicksal entscheiden. Vielleicht fiel ihm der Sieg zu. Aber,
-wenn auch in der Reihe des irdischen Geschehens das Todesschicksal
-unentrinnbar seiner wartete: sobald er den Weg betrat, den sein Amt ihm
-wies, so bedeutete dieses Todesleiden in der Veranstaltung Gottes die
-Leistung, durch welche sein Werk gekrönt wurde. Es war dann Gottes
-Wille, dass der Zustand des Gottesreiches durch die höchste sittliche
-That des Messias inauguriert wurde. Mit diesem Gedanken zog er nach
-Jerusalem -- um Messias zu bleiben.
-
-
-2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen Lösungsversuchs.
-
-1. Das Leben Jesu zerfällt in zwei kontrastierende Epochen. Die erste
-war glücklich, die zweite brachte Enttäuschungen und Misserfolge.
-
-2. Die Form des synoptischen Leidensgedankens in Mk 10 _-45-_ (seine
-Dahingabe eine Sühne für viele) und in dem Abendmahlswort Mk 14
-_-24-_ (sein Blut für viele dahin gegeben) ist irgendwie durch den
-paulinischen Sühnegedanken beeinflusst.
-
-3. Die Vorstellung des Reiches Gottes als der sich vollendenden
-sittlichen Gemeinschaft, in welcher das Dienen oberstes Gesetz ist,
-beherrschte den Leidensgedanken.
-
-4. War Jesu Leiden der Inauguralakt der neuen Sittlichkeit des
-Gottesreiches, so hing der Erfolg mit davon ab, dass die Jünger durch
-ihn angeleitet wurden, es so zu verstehen und danach zu handeln. Der
-Leidensgedanke war eine Reflexion.
-
-Sind diese Voraussetzungen, jede für sich genommen, richtig?
-
-
-=3. Die zwei kontrastierenden Epochen.= (Erste Voraussetzung.)
-
-Man datiert die Periode der Misserfolge von der Zeit nach der
-Aussendung. Welches sind die Ereignisse der angeblich glücklichen
-Epoche? Wir sehen ab von den unerquicklichen Diskussionen mit den
-Pharisäern über die Heilung des Paralytischen (Mk 2 _-1-12-_), über die
-Fastenfrage (Mk 2 _-18-22-_) und über die Sabbathaltung (Mk 2 _-23-_-3
-_-6-_). Schon Mk 3 _-6-_ ist es zu einem Todesanschlag gekommen.
-Von seiner Familie muss er sich lossagen, weil sie ihn als geistig
-unzurechnungsfähig mit Gewalt nach Hause zurückbringen wollen (Mk 3
-_-20-22-_, _-31-35-_). In Nazareth wird er verworfen (Mk 6 _-1-6-_).
-
-In dieselbe Zeit fällt ein Angriff, der ihn aufs tiefste erschüttert
-hat. Die Pharisäer diskreditieren ihn beim Volk, indem sie ihm
-vorwerfen, er stehe mit dem Teufel im Bund (Mk 3 _-22-30-_). Wie sehr ihn
-dieses Wort verwundet hat, ersieht man aus der Aussendungsrede. Er
-bereitet die Jünger auf ähnliche Verkennung vor. »Haben sie den
-Hausherrn Beelzebub geheissen, wie viel mehr seine Leute« (Mt 10 _-25-_).
-
-Das sind die bekannten Ereignisse »der erfolgreichen Periode«! Aber
-sie sind nichts im Vergleich zu denen, auf welche er in der Zeit
-der Aussendung anspielt. Preist er schon im allgemeinen diejenigen
-selig, die um seinetwillen geschmäht und verfolgt werden (Mt 5
-_-11-_ u. _-12-_), so stellt er jetzt den Jüngern Drangsal und Not
-in Aussicht (Mt 10 _-17-25-_). Zu ihm halten heisst Schmach erdulden
-(Mt 10 _-22-_), die zartesten Bande zerreissen (Mt 10 _-37-_) und
-sein Kreuz auf sich nehmen (Mt 10 _-38-_). Die galiläische Periode
-soll _=glücklich=_ gewesen sein; der Charakter der Aussendung ist
-_=pessimistisch=_. Wie passt das zusammen?
-
-Auch die Anspielungen, die er dem Volk gegenüber in jener Zeit thut,
-weisen auf schwere Katastrophen. Was muss in Chorazin, in Kapernaum und
-in Bethsaïda vorgefallen sein, dass er den Tag des Gerichts auf sie
-herabbeschwört, wo es Tyrus und Sidon noch erträglicher gehen wird als
-ihnen (Mt 11 _-20-24-_)!
-
-Weil dieser düstere Zug nicht in die glückliche galiläische Periode
-passen will, liegt der Versuch nahe, in den matthäischen Reden um die
-Zeit der Aussendung eine Komposition zu sehen, welche Stücke aus einer
-späteren Epoche enthält. Wo soll Jesus sie aber gesprochen haben? Nach
-der Flucht, als er im Norden weilte, hat er keine Reden gehalten, und
-die Aussprüche in den jerusalemitischen Tagen haben ihr eigentümliches
-Gepräge, so dass man nicht wüsste, wo Anspielungen auf galiläische
-Ereignisse oder Ermahnungen an die ausziehenden Jünger unterzubringen
-wären.
-
-Dazu kommt, dass von bedeutenden Erfolgen in jener ersten Zeit nichts
-berichtet ist. Diese beginnen erst mit der Aussendung der Jünger. Den
-grossen Augenblick ihrer Rückkehr feiert Jesus mit begeisterten Worten
-(Mt 11 _-25-27-_). Nun soll er in der Folge alles an die Pharisäer
-verloren haben und vom Volk verlassen worden sein! Von diesem Rückgang
-seiner Sache berichten aber die Texte nichts. Die Diskussion über
-die Reinigkeitsvorschriften (Mk 7 _-1-23-_) leistet nicht, was man
-von ihr verlangt. Jesus war früher mit den Hauptstadttheologen schon
-viel heftiger zusammengestossen (Mk 3 _-22-30-_). In der Frage der
-Reinigkeitsgebote ist er gar nicht der Ueberwundene.
-
-Man hat die Niederlage daraus erschliessen wollen, dass die »Flucht«
-nach dem Norden auf diese Scene folgt (Mk 7 _-24-_ ff.) Aber die
-Berichte stellen diesen Aufbruch gar nicht als _=Flucht=_ dar;
-ebensowenig _=begründen=_ sie diese Nordreise aus dem Resultat
-des vorhergehenden Streitgesprächs, sondern _=wir=_ tragen in die
-berichtete chronologische Folge einen fiktiven kausalen Charakter ein.
-Wenn Jesus also kurz vorher von der Volksgunst getragen ist und nun
-das Gebiet verlässt, so bleibt dieses Faktum nach den Texten vorläufig
-unerklärt. Dass es eine Flucht war, ist eine unerweisbare Mutmassung.
-
-Es sei kein Gewicht darauf gelegt, dass er in der Folge noch zweimal
-von einer grossen Volksmenge umgeben erscheint (Mk 8 _-1-9-_,
-Speisung der 4000 und Mk 8 _-34-_ ff., in den Scenen vor und nach
-der Verklärungsgeschichte). Dieses Faktum könnte vielleicht in einer
-litterarischen Einarbeitung der betreffenden Berichte begründet sein,
-was z. B. für die Doublette zur Speisungsgeschichte als erwiesen gelten
-darf.
-
-Massgebend ist aber der Empfang, den die Festkarawane Jesu bereitet,
-als er sie vor Jericho einholt. Diese Ovation gilt nicht dem Mann, der
-Land und Leute an die Pharisäer verlor und zuletzt fliehen musste,
-sondern dem aus der Verborgenheit wieder aufgetauchten gefeierten
-Propheten. Wenn diese jubelnden galiläischen Volksmassen es ihm
-jetzt ermöglichen, in der Hauptstadt die Behörde mehrere Tage zu
-terrorisieren -- denn etwas anderes ist die Tempelreinigung nicht
-gewesen -- und die Schriftgelehrten mit herber Ironie blosszustellen,
-haben sie es für den Mann gethan, der einige Wochen vorher diesen
-Theologen im eigenen Land weichen musste?
-
-Will man also von einer Periode der Erfolge reden, so muss man die
-_=zweite=_ als eine solche bezeichnen. Denn überall, wo Jesus nach der
-Rückkehr der Jünger in der Oeffentlichkeit erscheint, ist er von einer
-ihm ergebenen Menge begleitet: in Galiläa, vom Jordan nach Jerusalem
-und in der Hauptstadt selbst. Das murrende Judenvolk ist eine Erfindung
-des vierten Evangelisten. Zudem zeigt der Gewaltstreich der heimlichen
-Gefangennahme und die hastige Verurteilung, was der hohe Rat von dieser
-Volksbewegung zu Gunsten Jesu befürchtete. Das war der einzige
-»Misserfolg« in der zweiten Periode. Freilich war er verhängnisvoll.
-
-Die erfolgreiche erste galiläische Periode ist also in Wirklichkeit
-die Zeit der Demütigungen und der Misserfolge. Ein Doppeltes führte
-dazu, sie trotzdem als die »glückliche« aufzufassen. Zunächst ist
-darin ein _=ästhetischer Faktor=_ enthalten, der gerade bei KEIM stark
-hervortritt. Eine Reihe der Natur entnommener Gleichnisse, sowie die
-wundervolle Rede gegen weltliche Sorge Mt 6 _-25-34-_ scheinen nicht
-anders begreiflich, als dass hoffnungsvoller Frohsinn in der Natur sich
-selbst wiederfindet.
-
-Dazu kommt als zweites ein _=historisches Postulat=_. In der ersten
-Periode findet sich keine Spur vom Leidensgedanken; die zweite wird
-durch ihn beherrscht. Also war die erste erfolgreich, die zweite
-unglücklich, da anders der Umschwung psychologisch und historisch nicht
-begreiflich ist.
-
-Die historischen Thatsachen reden anders. In der wirklichen Periode der
-Misserfolge tritt der Leidensentschluss nicht zu Tage. Dagegen eröffnet
-er seinen Jüngern in der erfolgreichen zweiten Periode, dass er durch
-die Schriftgelehrten sterben müsse. _=Das Verhältnis ist also gerade
-umgekehrt.=_ Damit steht die modern-historische Psychologie vor einem
-Rätsel.
-
-
-=4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung der
-synoptischen Leidensworte.= (Zweite Voraussetzung.)
-
-Es lässt sich kein Beweis führen, dass die synoptischen Leidensstellen
-durch paulinische Gedanken beeinflusst sind. Auch hier handelt es sich
-um eine Art Postulat, denn wenn es nicht gelingt, den juridischen
-Charakter von Mk 10 _-45-_ und Mk 14 _-24-_ auf Rechnung des paulinischen
-Mediums zu setzen, so muss man annehmen, dass Jesu Leidensgedanke selbst
-diese schroffe Sühnevorstellung enthalten habe. Darauf ist aber der
-modern-historische Lösungsversuch nicht eingerichtet.
-
-Nun lässt sich aber beweisen, dass kein paulinischer Einfluss vorliegen
-kann! Nach Paulus sagt Jesus beim Abendmahl: Mein Leib _=für euch=_ (I
-Kor 11 _-24-_). Dementsprechend heisst es auch Lk 22 _-19-_ u. _-20-_:
-Mein Leib, der _=für euch=_ gegeben wird, das Blut, das _=für euch=_
-vergossen wird. Die beiden älteren Synoptiker schreiben dafür immer:
-_=für viele=_. Mk 10 _-45-_ = Mt 20 _-28-_: zu geben sein Leben zur
-Sühne _=für viele=_. Mk 14 _-24-_ = Mt 26 _-28-_: mein Blut des Bundes,
-das vergossen wird _=für viele=_. Das eine Mal ist also das Publikum,
-welchem das Leiden zu gute kommt, genau bestimmt: es sind die Jünger.
-Das andere Mal handelt es sich um eine unbestimmte Mehrheit.
-
-Mit dem Argument, dass es sachlich auf dasselbe hinauskomme, ist
-nichts gethan. Warum redete Jesus bei den älteren Synoptikern von
-den _=Vielen=_, bei Paulus von den _=Seinen=_? Die einzige Erklärung
-liegt darin, _=dass Paulus von dem Standpunkt der Gemeinde nach dem
-Tode Jesu schreibt=_. Danach kommt die Heilswirkung des Todes Jesu
-einer bestimmten Gemeinschaft zu gute, nämlich denen, die an ihn
-glauben. Die Jünger repräsentieren diese gläubige Gemeinschaft in den
-geschichtlichen Aussprüchen Jesu, weil man es sich vom Standpunkt der
-messiasgläubigen Gemeinde aus nicht anders vorstellen konnte, als dass
-Jesus mit den Worten über sein Leiden die Gläubigen gemeint habe.
-
-Das altsynoptische »_=für viele=_« ist aber vom _=historischen
-Standpunkt=_ aus gesprochen, wo Jesus noch nicht den Glauben an
-seine Messianität verlangt und wo deshalb die Mehrheit, denen sein
-Tod zu gute kommen soll, unbestimmt gelassen ist. Nur eines ist ihm
-gewiss, dass sie grösser ist als der Jüngerkreis; darum sagt er »_=für
-viele=_«. Hätte er gesagt »_=für euch=_« wie Paulus ihm zumutet, so
-hätten die Jünger daraus schliessen müssen, er sterbe für sie allein,
-da sie sich damals nicht, wie es Paulus und der Gemeinde geläufig war,
-als Repräsentanten einer zukünftigen messiasgläubigen Gemeinschaft
-fühlen konnten.
-
-Ist aber dieses »_=für viele=_« stehen geblieben, trotzdem Paulus aus
-der Gemeindevorstellung heraus es instinktiv durch »_=für euch=_«
-ersetzen muss, obwohl er dadurch ein historisch unmögliches Wort
-schafft: so ist man nicht berechtigt, in der überlieferten Form des
-altsynoptischen Leidensgedankens irgendwie paulinische Beeinflussung
-anzunehmen. Die schroffe Sühnetheorie bei den Synoptikern ist also
-historisch. Eine Abschwächung, wie sie der modern-historische
-Lösungsversuch voraussetzen muss, ist unberechtigt.
-
-Nun stellt sich die Aufgabe, in der Deutung der Aussprüche Jesu gerade
-dem »_=für viele=_« gerecht zu werden. Weil sie dies nicht gethan haben,
-sind alle Darlegungen über die Bedeutung des Todes Jesu, von Paulus bis
-RITSCHL, unhistorisch. Man setze statt der gläubigen Gemeinschaft, mit
-der sie operieren, die unbestimmte und unqualifizierte Mehrheit des
-historischen Wortes ein, dann werden ihre Ausführungen einfach sinnlos.
-Historisch ist allein diejenige Deutung, welche begreiflich macht, warum
-nach Jesus die durch seinen Tod gewirkte Sühne einer mit Absicht
-unbestimmt gelassenen Mehrheit zu gute kommen soll.
-
-
-=5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken.= (Dritte
-Voraussetzung.)
-
-
-a) Mk 10 _-41-45-_. Das Dienen als das sittliche Verhalten in Erwartung
-des kommenden Reiches.
-
-Die Zebedaiden hatten beansprucht, zu Seiten des Herrn zu sitzen in
-seiner Herrlichkeit, d. h. wenn er als Messias von seinem Thron aus
-regieren würde. Darüber sind die andern unwillig. Jesus ruft sie
-zusammen und redet ihnen vom Dienen und Herrschen in Bezug auf das
-Gottesreich.
-
-In diesem Ausspruch findet man nun gewöhnlich den ethischen Begriff des
-Reiches Gottes. Eine Umwertung aller Werte soll erfolgen. Der Grösste
-im Himmelreich ist der, welcher klein wird als ein Kind (Mt 18 _-4-_),
-und Herrscher ist, wer dient. Selbsterniedrigung und dahingebendes
-Dienen, das ist die neue Sittlichkeit des Gottesreiches, welche durch
-Jesu dienendes Todesleiden in Kraft tritt.
-
-Dabei vergessen wir aber, dass das Reich, in dem man herrscht,
-als etwas Zukünftiges gedacht ist, während das Dienen auf die
-Gegenwart geht! In unserer ethischen Betrachtungsweise fallen
-Dienen und Herrschen zeitlich und logisch zusammen. Bei Jesus aber
-handelt es sich gar nicht um eine rein ethische Vertauschung der
-Begriffe Dienen-Herrschen, sondern dieser Gegensatz verläuft in
-einer _=zeitlichen Folge=_. Scharf hebt sich der gegenwärtige von
-dem zukünftigen Aeon ab. Wer im Reich Gottes einmal zu den Grössten
-gehören will, der muss _=jetzt=_ sein als ein Kind! Wer auf eine
-Herrscherstellung darin Anwartschaft erhebt, der muss _=jetzt=_ dienen!
-Je tiefer sich _=jetzt=_ einer unter die andern beugt in der Zeit, wo
-die irdischen Herrscher sich mit Gewalt im Regiment erhalten, desto
-höher wird seine Herrschaft sein, wenn die irdische Gewalt aufhört und
-das Reich Gottes anbricht. Darum muss derjenige sich im Todesleiden
-erniedrigen, welcher als Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen
-wird zum Richten und Herrschen. Ehe er seinen Thron besteigt, trinkt
-er den Leidensbecher, von dem auch die kosten müssen, die mit ihm
-herrschen wollen!
-
-Sowie man dieses »_=jetzt und dann=_« in Jesu Rede beachtet, tritt an die
-Stelle des abgeblassten Satzparallelismus eine wirkungsvolle Steigerung.
-Den absteigenden Rangstufen des Dienens entsprechen die aufsteigenden
-des Herrschens.
-
- 1. Wer gross sein will _=unter euch=_, der sei _=euer=_ Diener
- (V. _-43-_).
-
- 2. Wer _-von euch-_ der erste sein will, der sei _=aller (andern)=_
- Diener (V. _-44-_).
-
- 3. Darum wartet des Menschensohns die höchste Herrscherstellung,
- weil er nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu
- dienen, indem er sein Leben als Sühne für _=die Vielheit=_
- dahingibt (V. _-45-_).
-
-Die Steigerung ist eine doppelte. Das Dienen der Jünger erstreckt
-sich nur auf _=ihren=_ Kreis, das Dienen Jesu auf eine unbeschränkte
-Mehrheit, nämlich auf alle die, welchen sein Todesleiden zu gute
-kommen soll. Bei den Jüngern handelt es sich nur um eine selbstlose
-_=Unterwerfung=_, bei Jesus um das _=bittere Todesleiden=_. Beides ist
-ein Dienen, insofern damit die Anwartschaft auf eine Herrscherstellung
-im Reich verbunden ist.
-
-Die gewöhnliche Erklärung wird nicht dem altsynoptischen, sondern
-nur dem lukanischen Texte gerecht (Lk 22 _-24-27-_). Dieser hat die
-Erzählung aus dem Zusammenhang herausgerissen, so dass es sich um einen
-Streit der Jünger beim letzten Mahl handelt, wer von ihnen »für den
-Grössten zu halten sei.«
-
-Damit ist das »_=jetzt und dann=_« aus der Situation ausgeschieden
-und es handelt sich nur um eine rein ethische Verkehrung der Begriffe
-Herrschen und Dienen. Jesu Rede verläuft dementsprechend auch in
-einem unlebendigen Parallelismus. Der Grösste unter euch sei wie der
-Jüngste, und der Vorsteher wie der, der aufwartet (Lk 22 _-26-_). Statt
-aus seiner Dahingabe in den Tod für die grosse Allgemeinheit auf das
-Verhalten derer, die mit herrschen wollen, zu exemplifizieren, redet
-er nur von seinem dienstbaren Wesen den Jüngern gegenüber: Ich aber
-bin in eurer Mitte, wie der, der aufwartet (Lk 22 _-27-_). Damit meint
-er ein Dienen, das zugleich Herrschen ist. Bei den beiden älteren
-Synoptikern handelt es sich aber gar nicht um die Proklamierung der
-neuen Sittlichkeit des Gottesreiches, wo Dienen Herrschen ist, sondern
-um die Bedeutung der Selbsterniedrigung und des Dienens in _=Erwartung
-des Gottesreiches=_. Dienen ist das Grundgesetz der _=Interimsethik=_.
-
-Dieser Gedanke ist viel tiefer und lebendiger als das moderne Spiel
-mit Worten, welches wir dem Herrn zumuten. Nur durch Erniedrigung und
-Kindessinn in diesem Aeon wird man würdig bereitet, im Reich Gottes zu
-herrschen. Nur wer durch Leiden hier sittlich geläutert und geadelt
-ist, kann dort gross sein. Darum ist das Leiden für Jesus der sittliche
-Erwerb und die sittliche Bewährung für die messianische Herrschaft, die
-ihm bestimmt ist.
-
-Irdisches Herrschen, weil es auf Gewaltthat beruht, ist Ausfluss der
-widergöttlichen Macht. Das Herrschen im Reich Gottes, wo die Weltmacht
-vernichtet ist, bedeutet Ausfluss der göttlichen Macht sein. Träger
-derselben kann nur der werden, welcher sich von irdischem Herrschen rein
-erhalten hat. Sie zu vergeben an die, welche durch Leiden sich bereitet
-haben, ist allein Gottes Sache (Mk 10 _-39-_ u. _-40-_).
-
-Ist aber Dienen nicht die Sittlichkeit des Gottesreiches, so operiert
-Jesu Leidensvorstellung auch nicht mit dem darauf beruhenden Begriff des
-Gottesreichs als der sich vollendenden ethischen Gemeinschaft, sondern
-mit einer übersittlichen Grösse, nämlich mit der eschatologischen
-Reichsvorstellung.
-
-
-b) Der Leidensgedanke und die eschatologische Erwartung.
-
-Die Untersuchung der Abendmahlsberichte ergab einen engen Zusammenhang
-zwischen dem eschatologischen Schlusswort und dem Ausspruch vom
-vergossenen Blut. Die übrigen Stellen über das Leiden führen auf eine
-ähnliche Verbindung.
-
-Nachdem Jesus mit seinem »ja« sich selbst das Todesurteil gesprochen,
-redet er von seiner »Wiederkunft« auf den Wolken des Himmels. Dabei
-denkt er, dem Markustext zufolge, beide Geschehnisse in einem Gedanken.
-Mk 14 _-62-_: Ich bin es _-und-_ ihr werdet den Menschensohn sitzen
-sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels.
-Dieser logische Zusammenhang ist, wie für das Kelchwort, bei Matthäus
-schon erweicht, indem er an die Stelle des »_=und=_« die rein zeitliche
-Folge setzt. Mt 26 _-64-_: Du sagst es. _=Doch=_ ich sage euch, _=von
-nun an=_ werdet etc. Bei Lukas fehlt der eschatologische Hinweis; er
-hat ihn auch beim Kelchwort ausfallen lassen.
-
-Eine enge Verbindung zwischen dem Leidensgedanken und der Eschatologie
-setzt auch das Gespräch über den Leidensweg der Nachfolger voraus (Mk 8
-_-34-_-9 _-1-_). Wer sich Jesu schämt, wenn er Schmähung und Verfolgung
-in der ehebrecherischen und sündigen Welt erduldet, dessen wird sich
-auch der Menschensohn schämen, wenn er in der Herrlichkeit seines
-Vaters mit den heiligen Engeln kommt. Denn dieses Geschlecht wird nicht
-in den Tod sinken, bis sie sehen das Reich Gottes kommend in Macht!
-
-Dieser Zusammenhang muss für die Hörer stark hervorgetreten sein. Nach
-dem Aufbruch von Cäsarea Philippi, unter dem Eindruck des
-Leidensgeheimnisses, das ihren Sinn mit Trauer und Angst erfüllt (Mk 9
-_-30-32-_) -- streiten sich die Jünger darum, wer den höchsten Platz im
-Reich einnehmen wird. Im Hause zu Kapernaum muss Jesus sie darüber
-zurechtweisen (Mk 9 _-33-37-_). Das war, nachdem er zum zweitenmal von
-seinem Leiden gesprochen hatte.
-
-Auf dem Weg nach Jerusalem wiederholt sich derselbe Auftritt im engsten
-Anschluss an die dritte Leidensweissagung (Mk 10 _-32-41-_). Die
-Zebedaiden erheben ihre Ansprüche auf die Thronplätze. Es handelt sich
-hier gar nicht um kindischen Missverstand der Anhänger, denn Jesus
-geht ja ganz ernsthaft auf ihren Gedanken ein. Die eschatologische
-Erwartung muss also für die Jünger in dem Leidenswort Jesu so stark zur
-Geltung gekommen sein, dass sie sich notwendig Gedanken machen über die
-Stellung, welche sie im zukünftigen Reich einnehmen werden.
-
-Der modern-historische Erklärungsversuch eliminiert den
-eschatologischen Begriff des Reiches Gottes aus dem Leidensgedanken,
-indem er ihn auf die apotheosenhafte Vorstellung von der
-»_=Wiederkunft=_« reduziert. Dieser Ausdruck ist vollständig falsch.
-Jesus hat nie von seiner »_=Wiederkunft=_«, sondern nur von seiner
-_=Ankunft=_ oder der _=Zukunft=_ des Menschensohnes geredet. Wir
-gebrauchen den Ausdruck »Wiederkunft«, weil wir Tod und Herrlichkeit
-durch Kontrast verbinden, als bezöge sich der neue Zustand nur auf
-eine sieghafte Verklärung Jesu. Unsere Auffassung lässt ihn sagen:
-»Ich werde sterben, _=aber=_ ich werde durch meine _=Wiederkunft=_
-verherrlicht werden«. Thatsächlich hat er aber gesagt: »Ich muss leiden
-_=und=_ der Menschensohn wird auf den Wolken des Himmels erscheinen.«
-Das bedeutet aber für seine Zuhörer viel mehr als eine Apotheose --
-denn mit der Erscheinung des Menschensohnes brach das eschatologische
-Reich an. Jesus setzt also seinen Tod mit dem eschatologischen
-Anbruch des Reichs in einen zeitlich-ursächlichen Zusammenhang. Der
-_=eschatologische=_ Reichsbegriff, nicht der _=modern-ethische=_,
-beherrscht seinen Leidensgedanken.
-
-
-=6. Die Form der Leidensoffenbarung.= (Vierte Voraussetzung.)
-
-Bestände die Auffassung des modern-historischen Lösungsversuchs zu
-Recht, so hätte Jesus den Jüngern den Leidensgedanken in der Form einer
-ethischen _=Reflexion=_ mitteilen müssen. Sollten sie die eintretende
-Katastrophe als Inauguralakt der neuen Sittlichkeit begreifen und daraus
-eine Erneuerung ihres sittlichen Handelns ableiten, dann musste er sie
-mit diesem Charakter des Ereignisses von vornherein, zugleich mit der
-Ankündigung desselben, bekannt machen.
-
-Nun hat er ihnen aber den Leidensgedanken nicht in der Form einer
-_=ethischen Reflexion=_, sondern als ein _=Geheimnis=_ ohne weitere
-Erklärung mitgeteilt. Es wird beherrscht von dem »müssen«, dem Ausdruck
-der unbegreiflichen göttlichen Notwendigkeit. Dass der Leidensgedanke
-ein Leidensgeheimnis war, das steht dem modern-historischen
-Lösungsversuch entgegen.
-
-
-7. Zusammenfassung.
-
- 1. Die Annahme einer glücklichen galiläischen Periode, auf welche
- dann die Zeit des Niedergangs folgt, ist historisch nicht haltbar.
-
- 2. Paulinischer Einfluss kann die Fassung der altsynoptischen
- Leidensaussprüche nicht bedingt haben.
-
- 3. Nicht der ethische, sondern der überethische, eschatologische
- Reichsgedanke beherrscht die Leidensvorstellung Jesu.
-
- 4. Die Aussprache des Leidensgedankens geschah nicht in der Form
- einer ethischen Betrachtung, sondern es handelt sich um ein
- unbegreifliches Geheimnis, das die Jünger gar nicht zu verstehen
- brauchten und auch nicht verstanden haben.
-
-So steht es um die vier Grundpfeiler des modern-historischen
-Lösungsversuchs. Mit ihnen stürzt der ganze Bau zusammen. Es ist doch
-nur ein unlebendiger Gedanke! Das Modern-Kraftlose zeigt sich darin,
-dass man es dabei über eine Art repräsentativer Bedeutung des Todes Jesu
-nicht hinausbringt. Jesus beschafft durch seine Dahingabe nichts
-schlechthin Neues, weil er ja das Reich Gottes als Sündenvergebung oder
-als die sich sittlich vollendende Gemeinschaft während seiner ganzen
-öffentlichen Wirksamkeit als schon vorhanden voraussetzt. Es ist mit
-seinem Auftreten selbst gegeben. Eine geleistete Sühne verlangt aber
-eine _=effektive=_ Bedeutung des Todes.
-
-Darin besteht auch die Schwäche der modernen Dogmatik gegenüber der
-alten. Paulus, Anselm und Luther wissen um einen absolut neuen Zustand,
-der zeitlich und kausal aus Jesu Tod resultiert. Die moderne Dogmatik
-redet darum herum; aber sie weiss nichts anzugeben, sondern hüllt sich
-in die Wolke ihrer eigenen Voraussetzungen. Unhistorisch sind sie zwar
-beide. Religiös berechtigt ist allein die moderne. Die alte Dogmatik ist
-aber hier historischer, denn sie postuliert doch eine effektive Wirkung
-des Todes Jesu, wie es die synoptischen Stellen verlangen.
-
-Worin besteht aber dort die schlechthin neue Grösse, welche an den Tod
-gebunden ist? Die synoptischen Sprüche geben darauf nur _=eine=_ Antwort:
-_=die eschatologische Realisierung des Reiches=_! Von der Sühne, die Jesus
-leistet, hängt das Kommen des Reiches Gottes in Macht ab. Das ist der
-Grundzug des Leidensgeheimnisses.
-
-Wie ist dies zu verstehen? Nur die Geschichte Jesu kann darüber
-Aufschluss geben. _=An die Stelle des modern-historischen tritt nun der
-eschatologisch-historische Lösungsversuch.=_
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-Die Entwicklung Jesu.
-
-
-1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische Grösse.
-
-Das Zusammensein einer ethischen und einer eschatologischen
-Gedankenreihe bei Jesus bildete von jeher eines der schwersten Probleme
-der neutestamentlichen Wissenschaft. Wie können sich in _=einem=_ Denken
-zwei so verschiedene, in manchem diametral entgegengesetzte
-Weltanschauungen vereinigen?
-
-Man hat das Problem zu umgehen gesucht, in dem richtigen Gefühl, dass
-beide unvereinbar sind. Kritische Geister wie T. COLANI (Jésus-Christ et
-les croyances messianiques de son temps 1864, S. 94 ff., 169 ff.) und G.
-VOLKMAR (Die Evangelien 1870, S. 530 ff.) kamen dazu, die Eschatologie
-überhaupt aus Jesu Vorstellungskreis zu _=eliminieren=_. Danach wären alle
-derartigen Aussprüche auf Kosten der eschatologischen Erwartung der
-späteren Zeit zu setzen. Dieses Verfahren scheitert an der
-Hartnäckigkeit der Texte; gerade die eschatologischen Worte gehören zu
-den bestbezeugten Partien. Ihre Ausscheidung bedeutet einen Gewaltakt.
-
-Nicht besser steht es mit dem Versuch der Umgehung des Problems durch
-_=Sublimierung=_ der Eschatologie, als hätte Jesus die realistischen
-Vorstellungen seiner Zeit ins Geistige übersetzt, indem er sie im Bilde
-anwandte. Auf diesem Gedanken beruht die Studie von ERICH HAUPT (Die
-eschatologischen Aussagen Jesu in den synoptischen Evangelien. 1895).
-Nichts berechtigt uns aber anzunehmen, Jesus habe seine Worte in einem
-uneigentlichen Sinn gemeint, während seine Zuhörer sie aus der
-zeitgenössischen Vorstellung heraus realistisch auffassen mussten. Für
-ein solches Unternehmen fehlt nicht nur jede prinzipielle Erklärung,
-sondern auch die leiseste Andeutung seinerseits.
-
-So bleibt also das Problem, wie das Nebeneinander zweier
-Weltanschauungen zu erklären sei, in voller Schärfe bestehen. Die
-einzige Lösung scheint in der Annahme einer zeitlichen Entwicklung zu
-liegen. Jesu Weltanschauung sei anfangs rein ethisch gewesen. Er habe
-die Realisierung des Reiches Gottes von der Ausdehnung und Vollendung
-der sittlich-religiösen Gemeinschaft erwartet, die er zu gründen
-unternahm. Als aber der Widerstand der Weltmacht die organische
-Vollendung des Reiches in Frage stellte, habe sich die eschatologische
-Vorstellung ihm aufgedrängt. Durch die Ereignisse sei er dazu gekommen,
-die Vollendung des religiös-ethischen Ideals, welche er bisher an den
-Endpunkt einer durch sittliches Wirken fortschreitenden Entwicklung
-verlegte, nunmehr von einer kosmischen Katastrophe zu erwarten, in
-welcher die Allmacht Gottes das zum Abschluss bringen sollte, was er
-unternommen hatte.
-
-Es soll also ein Umschwung in Jesu Gedanken stattgefunden haben. Aber
-die zeitliche Auseinanderziehung des Gegensatzes verschleiert das
-Problem nur, ohne es zu lösen. Die Aufnahme des eschatologischen
-Gedankens, wenn sie in dieser Weise vorstellig gemacht werden soll,
-bedeutet nichts anderes, als den totalen Bruch mit der Vergangenheit,
-wobei jede Entwicklung aufhört. Denn, wenn man mit dem eschatologischen
-Gedanken Ernst macht, hebt er die ethischen Gedankenreihen auf. Er
-verträgt keine nebensächliche Stellung. Zu dieser Kraftlosigkeit kam er
-erst in der christlichen Dogmatik, durch die geschichtliche Erfahrung.
-Jesus aber hat entweder eschatologisch oder uneschatologisch gedacht,
-aber nicht beides zugleich oder so, dass das Eschatologische ergänzend
-zum Uneschatologischen hinzutrat.
-
-Nun ist nachgewiesen, dass in dem Leidensgedanken nur der
-eschatologische Begriff vom Reich Gottes zur Geltung kommt. Ebenso ist
-die Annahme einer Periode der Misserfolge nach der Aussendung historisch
-nicht berechtigt. Diese bildet aber die unumgängliche Voraussetzung
-jeder in Jesu anzunehmenden Entwicklung. Also kann der eschatologische
-Gedanke sich Jesu nicht durch äussere Erlebnisse aufgezwungen haben,
-_=sondern er muss von Anfang an=_, auch in der ersten galiläischen Periode
-_=seiner Predigt zu Grunde gelegen haben=_!
-
-
-2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede.
-
-»Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen« (Mt 10 _-7-_) -- dieses
-Wort, das Jesus den Jüngern zu verkündigen aufträgt, fasst seine ganze
-bisherige Predigt zusammen. Sie sollen sie nun hinaustragen in die
-Städte Israels. In welchem Sinn diese Ankündigung gemeint ist, darüber
-gibt die Aussendungsrede keinen Aufschluss.
-
-Ist die gewöhnliche Auffassung von der Bedeutung jener Entsendung der
-Jünger richtig, so bieten die Worte, mit denen er sie entlässt, ein
-merkwürdiges Rätsel dar. In hoffnungsvoller Schaffensfreude geht er
-daran, den Kreis seiner auf die Gründung des Gottesreiches gerichteten
-Thätigkeit weiter zu ziehen. Die Aussendungsrede sollte also Belehrungen
-für die missionierende Thätigkeit der Jünger in diesem Sinn enthalten.
-Man müsste nun erwarten, dass er sie anleitet, wie sie über das neue
-Verhältnis zu Gott und über die neue Sittlichkeit des Gottesreiches
-predigen sollen.
-
-Die Aussendungsrede ist aber alles andere eher als eine Zusammenfassung
-der »Lehre Jesu«. An eine tiefer eindringende Unterweisung ist gar nicht
-gedacht, sondern es handelt sich um eine fliegende Verkündigung durch
-Israel mit dem einzigen Lehrauftrag, den Ruf von der Nähe des
-Gottesreiches überall ertönen zu lassen -- damit alle gewarnt sind und
-Busse thun können. Zeit ist aber dabei nicht zu verlieren; darum sollen
-sie sich in einer Stadt, wo sie keine Empfänglichkeit finden, nicht
-aufhalten, sondern weiter eilen, damit sie mit den Städten Israels
-fertig werden, ehe die Erscheinung des Menschensohns stattfindet.
-»Kommen des Menschensohnes« bedeutet aber: _=Einbrechen des Reiches Gottes
-mit Macht=_.
-
-Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, fliehet zur andern; wahrlich
-ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein,
-bis dass der Menschensohn kommen wird (Mt 10 _-23-_). Versteht man die
-Aussendungsrede so, als habe Jesus durch die Jünger sagen lassen, dass
-nun die Zeit da sei, in einem neuen sittlichen Verhalten das Reich zu
-verwirklichen, so bleibt jenes eschatologische Wort ein erratischer
-Block inmitten blühender Wiesen. Fasst man aber die Botschaft der
-Reichsnähe eschatologisch auf, dann fügt sich das Wort einem grossen
-Zusammenhang ein. Es ist ein Fels in einer wilden Gebirgslandschaft. Von
-diesem Wort kann man nicht sagen, es sei aus einer späteren Zeit
-eingearbeitet, sondern mit zwingender Gewalt bannt es eschatologische
-Aussagen in die Tage der Aussendung.
-
-Die einzige erforderliche Lehrunterweisung ist der Bussruf. Busse thut,
-wer an die Nähe des Reiches glaubt. Darum gibt Jesus ihnen Gewalt über
-die unreinen Geister, dass sie dieselben austreiben und die Kranken
-heilen (Mt 10 _-1-_); aus diesem Zeichen sollen alle ersehen, dass
-es mit der widergöttlichen Macht zu Ende geht und das Morgenrot des
-Gottesreiches anbricht. Das gehört mit zu ihrem Lehrauftrag, denn wer
-ihren Zeichen nicht glaubt und daraufhin keine Busse auf das Reich
-Gottes hin thut, der ist verdammt. So sind Chorazin, Bethsaïda und
-Kapernaum dem Gerichte verfallen. Der Glaube und die Busse wurden
-ihnen leicht gemacht durch die Zeichen und Wunder, mit welchen sie vor
-andern begnadet waren -- und sie waren doch nicht in sich gegangen, was
-doch Heidenstädte wie Tyrus und Sidon gethan hätten (Mt 11 _-20-24-_).
-Dieses an das Volk gerichtete Wort zeigt, welche Bedeutung Jesus den
-Zeichen mit Hinsicht auf die eschatologische Botschaft beimass.
-
-Die Jünger sollten also predigen _=vom Reich, von der Busse und
-dem Gericht=_. Weil aber das Ereignis, das sie verkündeten, so nahe
-war, dass es jeden Augenblick hereinbrechen konnte, mussten sie auf
-das, was ihm vorausging, vorbereitet sein: nämlich auf _=das letzte
-Aufbäumen der Weltmacht=_. Wie sie sich dabei zu verhalten haben, um
-nicht irre zu werden, darauf geht die Unterweisung, mit der er sie
-entlässt! In dem allgemeinen Aufruhr der Geister werden sich alle Bande
-lösen. Bis in die Familie wird der Zwiespalt hineingetragen werden
-(Mt 10 _-34-36-_). Wer sich zur Sache des Gottesreiches halten will,
-der muss bereit sein, die, welche ihm am liebsten waren, aus seinem
-Herzen herauszureissen und Kreuz und Schmach auf sich zu nehmen (Mt 10
-_-37-_ u. _-38-_). Die weltliche Gewalt wird schwere Verfolgung über
-sie bringen (Mt 10 _-17-31-_). Man wird sie zur Verantwortung ziehen
-und sie quälen, um sie zur Verleugnung zu bewegen. Der Bruder wird den
-Bruder, der Vater das Kind dem Tod überantworten, und die Kinder werden
-wider die Eltern aufstehen und den Tod über sie bringen. Nur wer in
-diesem allgemeinen Aufruhr standhaft beharrt und sich zu Jesu bekennt,
-der wird am Gerichtstage gerettet werden, wenn der Herr bei Gott für
-ihn eintritt (Mt 10 _-32-_ u. _-33-_).
-
-In der Aussendungsrede hat Jesus die Jünger über die Wehen des
-anbrechenden Reiches belehrt. Manches in den ausmalenden Partien
-mag vielleicht die Färbung einer späteren Zeit aufweisen. Dadurch
-wird aber der Gesamtcharakter der Rede nicht beeinträchtigt. Es
-handelt sich nicht um ein Verhalten in ihrer Thätigkeit _=nach seinem
-Tode=_; über eine solche Anweisung fehlt uns jegliches historische
-Wort. Dem Anbruch des Reiches gehen die Wehen voraus. Also muss die
-sieghafte Verkündigung der Reichsnähe sich auf die Wehen einrichten.
-Darum dieses, in der bisherigen Erklärung unfassbare Nebeneinander
-von Optimismus und Pessimismus. Es gehört zur Signatur jeder
-eschatologischen Weltanschauung.
-
-
-3. Die neue Auffassung.
-
-Der Leidensgedanke ist _=nur=_ von dem eschatologischen Reichsbegriff
-beherrscht. In der Aussendungsrede handelt es sich _=nur=_ um die
-eschatologische, nicht um die ethische Reichsnähe. Daraus folgt einmal,
-dass Jesu Thätigkeit _=nur=_ mit der eschatologischen Realisierung
-des Reiches rechnet. Dann kann aber das Verhältnis seiner ethischen
-Gedanken zur eschatologischen Weltanschauung keine Umbildung durch
-äussere Ereignisse erfahren haben, sondern es muss von Anfang an
-dasselbe gewesen sein.
-
-In welchem Zusammenhang standen aber seine Ethik und seine
-Eschatologie? Solange man von der Ethik ausgeht und die Eschatologie
-als etwas Hinzutretendes zu begreifen sucht, gibt es keinen organischen
-Zusammenhang zwischen beiden, weil die Ethik Jesu, wie wir sie
-aufzufassen pflegen, gar nicht auf die Eschatologie eingerichtet
-ist, sondern viel höher steht. Man muss daher den umgekehrten Weg
-einschlagen und versuchen, _=ob nicht seine ethische Verkündigung ihrem
-Wesen nach durch die eschatologische Weltanschauung bedingt ist=_.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-Die Predigt vom Reich Gottes.
-
-
-1. Die neue Sittlichkeit als Busse.
-
-Wenn der Gedanke der eschatologischen Realisierung des Reichs die
-Grundvorstellung der Predigt Jesu ist, so fällt seine ganze Ethik unter
-den Begriff der auf das Kommen des Reichs vorbereitenden _=Busse=_. Uns
-scheint dieser Begriff zu eng, um auf den ganzen Umfang seiner
-sittlich-religiösen Verkündigung angewandt werden zu können. In unserer
-Sprache hat nämlich dieses Wort eine mehr negative Bedeutung, sofern es
-hauptsächlich die Beziehung auf eine vorhergehende Schuld hervorhebt.
-Die Vorstellung aber, welche bei den Synoptikern durch Busse ([Greek:
-metanoia]) wiedergegeben wird, ist viel reicher. Sie ist nicht nur eine
-sittliche Wiederherstellung im Rückblick auf einen zurückliegenden
-sündigen Zustand, sondern -- und dieser Charakter prävaliert -- _=auch
-eine sittliche Erneuerung im Hinblick auf eine bevorstehende allgemeine
-sittliche Vollendung=_.
-
-So schliesst »die Busse in Erwartung des Reichs« alle positiven
-ethischen Forderungen in sich. In dieser Bedeutung ist sie der
-lebendige Nachhall der altprophetischen Busse. Denn bei Amos, Hosea,
-Jesaia und Jeremia bedeutet Busse die sittliche Erneuerung im Hinblick
-auf den Tag des Herrn. So sagt Jesaia: »Waschet euch, reinigt euch;
-entfernt die Bosheit eurer Thaten aus meinen Augen. Fraget nach Recht,
-steuert dem Gewaltthätigen; richtet die Waise, schaffet Recht der
-Witwe« (Jes 1 _-16-_ u. _-17-_). Gerade diesen alttestamentlichen
-Begriff der Busse, welcher den Nachdruck auf das neue sittliche Leben
-legt, muss man gegenwärtig haben, um die synoptische Busse richtig zu
-erfassen. Beide sind nach vorwärts orientiert, beide sind durch den
-Gedanken eines Zustandes der Vollendung beherrscht, den Gott durch sein
-Gericht heraufführen wird. Für die altprophetische ist es der Tag des
-Herrn, für die synoptische der Anbruch des Reiches.
-
-Die Ethik der Bergpredigt ist also Busse. Die neue Sittlichkeit, welche
-hinter dem Buchstaben den Geist des Gesetzes entdeckt, macht geschickt
-zum Reiche Gottes. Nur die Gerechten kommen ins Gottesreich: das stand
-für alle fest. Wer also die Nähe des Reiches predigte, musste auch die
-Gerechtigkeit auf das Reich hin lehren. Darum verkündet Jesus die neue
-Gerechtigkeit, die höher ist als das Gesetz und die Propheten, denn
-diese gehen nur bis auf den Täufer. Seit den Tagen des Täufers steht man
-aber in der unmittelbar vormessianischen Zeit.
-
-Am Tage des Gerichts gilt es, diese sittliche Umwandlung vorzuweisen;
-nur wer den Willen des himmlischen Vaters gethan hat, der wird in das
-Gottesreich eingehen (Mt 7 _-21-_). Keine Berufung auf Anhängerschaft
-Jesu, nicht einmal auf Zeichen, die in seinem Namen verrichtet wurden,
-kann diese neue Gerechtigkeit ersetzen (Mt 7 _-22-_ u. _-23-_).
-Darum schliesst die Bergpredigt mit der Ermahnung, in Erwartung der
-gewaltigen Ereignisse einen festen Bau aufzuführen, der in Sturm und
-Wetter standhält (Mt 7 _-24-27-_).
-
-Unter denselben Gesichtspunkt fallen die Seligpreisungen (Mt 5
-_-3-12-_). Sie bestimmen die zum Eintritt in das Himmelreich
-berechtigende sittliche Verfassung. So erklärt sich das Präsens und
-das Futurum in demselben Satz. Selig sind sie, die Sanftmütigen, die
-nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, die Barmherzigen, die
-reinen Herzens sind, die Friedfertigen, die geistig Armen, die in der
-Verfolgung um der Gerechtigkeit willen beharren, weil sie in diesem
-Verhalten die Gewähr haben, beim Erscheinen des Reiches Gottes als dazu
-gehörig erfunden zu werden.
-
-Eine Reihe von Gleichnissen enthält denselben Gedanken. So wird in den
-Gleichnissen vom Schatz im Acker und von der köstlichen Perle (Mt 13
-_-44-46-_) geschildert, wie der Mensch alles daran setzen muss, wenn
-ihm das Reich Gottes in Aussicht gestellt wird, wie er alle andern
-Güter dahingeben muss, um dieses in Aussicht stehende höchste Gut zu
-erwerben.
-
-Wir finden also in der Ethik der galiläischen Periode schon das
-»jetzt und dann«, welches der Wertung des Dienens (Mk 10 _-45-_) zu
-Grunde liegt. _=Als Busse auf das Reich Gottes hin ist auch die Ethik
-der Bergpredigt Interimsethik.=_ Die sittliche Unterweisung Jesu
-ist sich also darin vom ersten Tag seines Auftretens bis zu seinen
-letzten Aussprüchen gleichgeblieben, denn die Erniedrigung und das
-Dienen, welche er den Seinen auf dem Weg nach Jerusalem anempfiehlt,
-entsprechen genau dem neuen sittlichen Verhalten, das er in der
-Bergpredigt entwickelt: sie machen geschickt zum Reich Gottes. Nur
-bilden sie noch eine Steigerung zur neuen Gerechtigkeit, indem sie
-geschickt machen zum _=Herrschen=_ daselbst.
-
-Dem Leitmotiv der Bergpredigt begegnen wir noch einmal in dem Epilog
-zur grossen Gleichnisrede der jerusalemitischen Tage. Nur die Bewährung
-der neuen Sittlichkeit in allen Verhältnissen des Lebens gewährleistet
-den Eintritt in das Reich. Darum kann Jesus zu dem Pharisäer, der dem
-Grundgesetz dieser neuen Sittlichkeit zustimmt, wie es in dem grossen
-Liebesgebot ausgedrückt ist, sagen: Du bist nicht fern vom Reich Gottes
-(Mk 12 _-34-_). Das will nicht heissen, dass der Pharisäer durch seine
-Gesinnung beinahe schon die Höhe der »Sittlichkeit des Gottesreiches«
-erklommen hat. Wenn nämlich das Doppelgebot der Liebe die Sittlichkeit
-des _=Gottesreiches=_ ausmachte, müsste er ihm, da er diesem Gebote
-vollständig zustimmt, sagen: Du gehörst dem Gottesreiche an. So aber
-ist das »nicht fern« rein zeitlich zu verstehen, nicht von einer
-kleinen Vervollkommnung, die ihm noch fehlt. Er ist nicht fern von dem
-Reich Gottes, weil er die sittliche Qualität besitzt, durch welche
-er als ein Genosse desselben erfunden werden wird, wenn es in Kürze
-erscheint. Das »nicht fern« enthält also dasselbe Gemisch von Präsens
-und Futurum wie die Seligpreisungen.
-
-Von unseren ethischen Vorstellungen ausgehend, sind wir geneigt, den
-Begriff des Lohnes auf dieses Verhältnis zwischen der Zugehörigkeit
-zum Reich und der neuen Sittlichkeit anzuwenden. Damit wird jedoch
-der Gedanke Jesu nicht vollständig wiedergegeben, da es sich für ihn
-vor allem um die _=Unmittelbarkeit=_ des Uebergangs aus dem Zustande
-der sittlichen Erneuerung in den der übersittlichen Vollendung des
-Gottesreiches handelt. Wer beim Anbrechen des Gottesreichs im Besitz
-der sittlichen Erneuerung ist, der wird als ein Glied desselben
-erfunden werden. Dies ist der adäquate Ausdruck für das Verhältnis der
-Sittlichkeit zum kommenden Gottesreich.
-
-
-2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik.
-
-Durch die Tiefe der religiösen Ethik Jesu kommen wir dazu, in ihr unser
-modern-ethisches Bewusstsein wiederfinden zu wollen. Ihrer ewigen
-inneren Wahrheit nach ist sie allerdings losgelöst von jeder
-geschichtlichen Bedingtheit, weil sie die höchsten ethischen Gedanken
-aller Zeiten schon in sich enthält. Dennoch besteht ein grosser
-Unterschied zwischen Jesu Empfinden und dem unseren. Die moderne Ethik
-ist »unbedingt«, weil sie den neuen sittlichen Zustand aus sich selbst
-heraus schafft, wobei vorausgesetzt wird, dass sich dieser Zustand zur
-Endvollendung entwickeln wird. Die Ethik ist hier Selbstzweck, sofern
-die sittliche Vollendung der Menschheit sich mit der Vollendung des
-Reiches Gottes deckt. Das ist KANT's Gedanke. In dieser
-Verselbständigung der Ethik, welcher doch eine gewisse Resignation
-hinsichtlich der Erreichung des vollendeten Endzustandes anhaftet, zeigt
-sich, dass die christlich-moderne Ethik von
-hellenistisch-rationalistischen Gedanken durchsetzt ist und unter dem
-Einfluss einer zweitausendjährigen Entwicklung steht.
-
-Die Ethik Jesu hingegen ist »bedingt« in dem Sinn, dass sie in
-unlösbarem Zusammenhang mit der Erwartung eines übernatürlich
-eintretenden Zustandes der Vollendung steht. Darin zeigt sich ihre
-jüdische Provenienz und der unmittelbare Zusammenhang mit der
-prophetischen Ethik, wo das sittliche Verhalten des Volks durch seine
-Zukunftserwartungen bedingt war. Wenn daher irgend eine Parallele zur
-Erklärung der Ethik Jesu herbeigezogen werden darf, so ist es nur die
-prophetische, niemals die moderne. Denn sowie die letztere
-mithereinspielt, wird die Betrachtungsweise unhistorisch, sofern man die
-Ethik Jesu verselbständigt, während sie durchaus nach der erwarteten
-übernatürlichen Vollendung orientiert ist.
-
-Dadurch schafft man das unlösbare Problem, dass eine ihrer Ethik nach
-durchaus moderne Persönlichkeit nebenher eschatologische Aussprüche
-thut. Hat man aber einmal die Bedingtheit seiner Ethik eingesehen und
-macht man Ernst mit ihrem Zusammenhang mit der prophetischen Ethik, so
-ist mit einem Schlage klar, dass alle Vorstellungen von einem aus
-kleinen Anfängen emporwachsenden Reich, von einer Ethik des
-Gottesreiches und von einer Entwicklung desselben durch unser modernes
-Bewusstsein an Jesu Gedanken herangetragen werden, weil wir uns nicht
-ohne weiteres mit der Bedingtheit seiner Ethik vertraut machen können.
-
-Wir muten ihm zu, sich das Reich Gottes vorzustellen, wie es in seiner
-historischen Verwirklichung sich gleichsam durch eine Verengerung
-hindurchzwängt, um nachher die Vollgestalt, auf die es angelegt ist, zu
-erreichen. Das ist moderne Vorstellung. Für Jesus und die Propheten war
-sie aber unvollziehbar. In der Unmittelbarkeit ihrer ethischen
-Anschauung gibt es keine Sittlichkeit des Gottesreichs und keine
-Entwicklung desselben -- es liegt jenseits der ethischen Grenze von Gut
-und Böse; es wird herbeigeführt durch eine kosmische Katastrophe, durch
-welche das Böse total überwunden wird. Damit werden die sittlichen
-Massstäbe aufgehoben. _=Das Reich Gottes ist eine übersittliche Grösse.=_
-
-Zu dieser Höhe des überethischen Idealismus kann sich das moderne
-Bewusstsein nicht mehr aufschwingen. Wir sind eben durch die Geschichte
-alt geworden. Für das historische Verständnis der Ethik Jesu ist sie
-aber die unerlässliche Voraussetzung.
-
-Dazu kommt noch, dass wir beim Reich Gottes nach vorwärts denken, an die
-kommenden Generationen, welche es in steigendem Masse verwirklichen
-werden. Jesu Blick geht rückwärts. Für ihn setzt sich das Reich zusammen
-aus den Generationen, welche schon ins Grab gesunken sind und die nun zu
-einem Vollendungszustand erweckt werden. Wie soll es für ihn eine Ethik
-der geschlechtlichen Beziehungen im Gottesreiche geben, wenn er den
-Sadducäern erklärt, dass es im Gottesreiche nach der grossen
-Auferstehung geschlechtliche Beziehungen überhaupt nicht mehr geben
-wird, sondern »dass sie sein werden, wie die Engel des Himmels« (Mk 12
-_-25-_)?
-
-Jede ethische Norm Jesu, möge sie auch noch so vollendet sein, führt
-also nur bis an die Grenze des Reiches Gottes, während jeglicher Pfad
-verschwindet, sobald man sich auf dem neuen Boden bewegt. Dort braucht
-man keinen.
-
-Man hat ein Vorurteil gegen diese Bedingtheit. Sofern man meint, der
-Wert der Ethik Jesu würde dadurch herabgesetzt, ist es unberechtigt.
-Gerade das Gegenteil ist der Fall; denn diese Bedingtheit fliesst aus
-einem absolut ethischen Idealismus, welcher für den erwarteten
-Vollkommenheitszustand Daseinsbedingungen postuliert, die selbst ethisch
-sind. In unserer verselbständigten Ethik aber setzen wir den Kampf
-zwischen Gut und Bös, als dauernd zum Wesen des Ethischen gehörend, für
-immer voraus. Ethik und Theologie stehen für uns nicht in diesem
-lebendigen Verhältnis, wie bei Jesus. Die Lebhaftigkeit der Farben des
-absolut ethischen Idealismus ist in der Geschichte verblasst. So ist die
-Verselbständigung der Ethik Jesu also nicht nur ungeschichtlich, sondern
-sie bedeutet auch eine Verkümmerung seines ethischen Idealismus.
-
-In _=einem=_ Punkte hat aber unser ethisches Empfinden mit seinem
-Vorurteil recht. Bezieht sich die Ethik bloss auf die Erwartung
-der übernatürlichen Vollendung, dann ist ihr thatsächlicher Wert
-herabgesetzt, da sie nur Individualethik ist und nur das Verhältnis
-des Einzelnen zum Gottesreich berücksichtigt. Dass aber die sittliche
-Gemeinschaft, welche durch Jesu Predigt hervorgerufen wird, als
-solche irgendwie das wirksame Anfangsglied in der Realisierung
-des Gottesreiches sei, dieser Gedanke liegt nicht nur in unserem
-ethischen Empfinden, sondern er belebt auch die Predigt Jesu, denn er
-arbeitet den sozialen Charakter seiner Ethik scharf heraus. Gerade
-deswegen sträubt man sich, den eschatologischen Begriff des Reiches
-Gottes seiner Verkündigung von Anfang an zu Grunde zu legen, weil
-man sich dann nicht erklären kann, wie er den Zustand der neuen
-sittlichen Gemeinschaft, die er um sich schafft, mit dem übernatürlich
-eintretenden Reich organisch verbunden denkt.
-
-Daher gerät man hier unwillkürlich auf das moderne Geleise. Der
-Begriff der Entwicklung leistet das Geforderte, indem er erlaubt, die
-neue sittliche Gemeinschaft als Anfangszustand zu jenem Endzustand
-aufzufassen, welchem sie sich durch eine stetige Ausdehnung und
-Vertiefung nähert. Der sich erweiternde Kreis ist aber eine moderne
-geschichtliche Betrachtungsweise. Sie ist Jesu vollständig fremd.
-Wenn er aber auch unsere Erklärung nicht vorausgesetzt haben kann,
-das Faktum, dass diese neue Gemeinschaft mit dem Endzustand in einem
-organischen Zusammenhang stehe, war ihm ebenso sicher wie uns. Weil er
-aber diesen Endzustand als rein übernatürlich eintretend erwartete,
-war der Zusammenhang nicht durch menschliche Ueberlegung zu begreifen,
-_=sondern es war ein göttliches Geheimnis=_, das er nur in Analogien zu
-den Vorgängen in der Natur aussprach.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-Das Geheimnis des Reiches Gottes.
-
-
-1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes.
-
-Es handelt sich um das »Geheimnis des Gottesreiches« (Mk 4 _-11-_),
-welches in den Gleichnissen vom Säemann, von der selbstwachsenden Saat,
-vom Senfkorn und vom Sauerteig dargestellt wird. Wir finden darin
-gewöhnlich die Veranschaulichung einer stetigen Entfaltung, durch
-welche ein kleiner Anfangszustand mit einem herrlichen Endzustand
-zusammenhängt. Die gesäten Körner enthalten die Ernte schon, indem
-jedes auf die Pflanze samt der Frucht angelegt ist. Sie entwickeln sich
-daraus stetig und notwendig. So ist es auch mit der Entwicklung des
-Reiches Gottes aus kleinen, unscheinbaren Anfängen.
-
-Diese ansprechende Deutung der Gleichnisse benimmt ihnen aber den
-Charakter des _=Geheimnisses=_, denn die Veranschaulichung einer
-stetigen Entfaltung durch die Vorgänge in der Natur ist kein Geheimnis
-mehr. Darum misskennen wir das Geheimnis in diesen Gleichnissen. Wir
-deuten sie aus unserer naturwissenschaftlichen Reflexion, welche zwei
-noch so verschiedene Zustände in allen Fällen durch den Begriff der
-Entwicklung verbindet.
-
-Der Unmittelbarkeit, mit welcher der antike ungeschulte Geist die
-Natur beobachtete, bot sie aber noch Geheimnisse, indem sie ihm zwei
-ganz verschiedene Zustände in einer Aufeinanderfolge vorführte, deren
-Zusammenhang ebenso gewiss als unerklärlich war. Diese Unmittelbarkeit
-spricht aus Jesu Gleichnissen. Der Begriff der Entwicklung in der
-Natur, auf welchen es die moderne Erklärung abgesehen hat, wird gar
-nicht hervorgehoben, sondern die Exposition geht darauf aus, die
-beiden Zustände so unmittelbar nebeneinander zu stellen, dass man zur
-Frage gedrängt wird: Wie kann der Endzustand aus dem Anfangszustand
-hervorgehen?
-
-1. Ein Mensch säte aus. Von der Aussaat ging ein grosser Teil durch
-die verschiedensten Umstände verloren -- und doch war der Ertrag der
-Körner, welche auf gutes Land fielen, so gross, dass es das Ausgesäte
-dreissig-, sechzig-, ja hundertfältig wiederbrachte.
-
-Die Ausdeutung der einzelnen Punkte bei der Schilderung dieses
-Verlustes auf bestimmte Menschenklassen, wie sie Mk 4 _-13-20-_
-vorliegt, ist aus einer späteren Anschauung hervorgegangen, für die das
-Gleichnis eben kein Geheimnis mehr enthielt. Ursprünglich waren aber
-die einzelnen Schilderungen nicht selbständig, sondern die Saat, die
-auf dem Weg, auf dem steinigten Boden und unter den Dornen verloren
-geht, samt der, welche die Vögel des Himmels aufpicken, bildet einen
-einheitlichen Gegensatz zu der, welche auf gutes Land fiel. Für das
-Gleichnis kommt die Art, wie sie zu Grunde ging, nicht in Betracht.
-Jesu Rede hängt, trotz der wundervoll ausgeführten Schilderung, in
-einem Gedanken: So klein war unter Anrechnung alles dessen, was
-verloren ging, die Aussaat und dennoch die grosse Ernte! -- Darin liegt
-das Geheimnis.
-
-2. Ein Mensch streute Samen auf das Land. Er schlief, ging seinen
-Geschäften nach und kümmerte sich nicht weiter um die Saat. Ehe er
-sich's indes versah, stand die Ernte auf dem Feld und er konnte seine
-Knechte ausschicken, sie einzuholen. Wie ging es zu, dass, nachdem die
-Samenkörner in die Erde gesenkt waren, der Boden _=von selbst=_ Gras,
-Halm und volle Aehre hervorbrachte? -- Darin liegt das Geheimnis.
-
-3. Es wurde ein Senfkorn gesät; daraus sprosste eine grosse Staude
-hervor, mit Zweigen, dass die Vögel des Himmels darunter wohnen
-konnten. Wie ging das zu, da doch das Senfkorn so klein ist? -- Das ist
-das Geheimnis.
-
-4. Ein Weib that ein bischen Sauerteig zu einem grossen Teig. Nachher
-war der ganze Teig »Sauerteig«. Wie kann durch ein wenig Sauerteig ein
-grosser Teig durchsäuert werden? -- Das ist das Geheimnis.
-
-Diese Gleichnisse sind gar nicht darauf angelegt, gedeutet und
-verstanden zu werden, sondern sie sollen die Hörer darauf aufmerksam
-machen, dass in den Sachen des Reiches Gottes ein Geheimnis sich
-vorbereitet, wie sie es in der Natur erleben. _=Es sind Signale.=_
-Wie auf die Saat die Ernte folgt, ohne dass jemand sagen kann, wie
-es zuging, so wird auf Jesu Predigt hin das Reich Gottes in Macht
-sich einstellen. So klein, verglichen mit dem Zustand des Reiches
-Gottes, der Kreis auch ist, welchen er um sich sammelt, so ist
-nichtsdestoweniger gewiss, dass es sich in der Folge dieser so
-beschränkten sittlichen Erneuerung einstellen wird, so gewiss zu
-erwarten ist, dass die Saat, welche zur Zeit, da er spricht, im Boden
-schlummert, eine herrliche Ernte bringen wird. Wartet nicht nur auf
-die Ernte, sondern wartet auch auf das Reich Gottes! -- so redete
-der geistige Säemann zu den Galiläern zur Zeit der Aussaat. Sie
-sollten, wenn sie es ahnen konnten, darauf aufmerksam werden, dass die
-sittliche Erneuerung im Gefolge seiner Predigt in einem notwendigen,
-aber unerklärlichen Zusammenhang mit dem Anbrechen des Reiches Gottes
-stände. Denn derselbe Gott, der durch die geheimnisvolle Kraft in der
-Natur die Ernte erstehen lassen wird, der wird auch das Reich Gottes
-erstehen lassen.
-
-Darum, als es die Zeit der Ernte war, schickte er seine Jünger aus, zu
-verkünden: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.
-
-
-2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk nach der
-Aussendung.
-
-Jesus war allein. Die Jünger trugen die Kunde von der Nähe des Reiches
-in die Städte Israels. Während das Volk sich um ihn drängte, kamen
-die Gesandten des Täufers mit ihrer Frage. Er entliess sie mit dem
-Bescheid: das Reich stehe vor der Thür; man brauche nur die Sprache
-der Zeichen und Wunder zu verstehen. Zum Volk sich wendend, redete er
-von der Bedeutung des Täufers und seiner Würde. Dabei entfiel ihm ein
-Geheimniswort (Mt 11 _-14-_: »wenn ihr es zu fassen vermögt«, Mt 11
-_-15-_: »wer Ohren hat zu hören, der höre«). Johannes ist der Elias, d.
-h. die Persönlichkeit, welche das unmittelbare Einbrechen des Reichs
-anzeigt. »Von den Tagen Johannes des Täufers bis auf diesen Augenblick
-wird dem Reich Gottes Gewalt angethan und die Gewaltthätigen reissen
-es an sich. Denn die Propheten und das Gesetz haben bis Johannes
-geprophezeit, und wenn ihr es fassen mögt, so ist er der Elias, der
-kommen soll. Wer Ohren hat zu hören, der höre« (Mt 11 _-12-14-_).
-
-Dieses Wort widerstrebt aller Exegese, denn es enthält gar nicht den
-Gedanken, dass die Einzelnen sich mit Gewalt den Eingang ins Reich
-erzwingen. Was sollte das auch heissen? Inwiefern geschieht das von den
-Tagen des Täufers an? Das von Jesus gebrauchte Bild ist unbegreiflich,
-wenn es sich um das Eintreten Einzelner in das Gottesreich handelt.
-Ebenso unverständlich bleibt es aber, wenn es sich auf die Realisierung
-des Gottesreiches durch Entwicklung beziehen soll. Erstens widerspricht
-das Bild vom Gewaltakt dem Gedanken der Entwicklung; zweitens datiert
-der Anfang dieser Nötigung dann nicht vom Täufer, sondern von Jesus.
-
-Es handelt sich um das Geheimnis des Reiches Gottes, darum der
-Hinweis: wer Ohren hat zu hören, der höre. Er kommt nur noch bei
-den Gleichnissen vom Geheimnis des Reiches Gottes und als Beschluss
-apokalyptischer Sprüche vor (vgl. den Gebrauch des Ausdrucks in der
-Apokalypse: 2 _-7 11 17 29-_, 3 _-6 13 22-_). Die Busse und sittliche
-Erneuerung auf das Reich Gottes hin sind gleichsam ein Druck, der
-ausgeübt wird, _=um es zu zwingen, in die Erscheinung zu treten=_.
-Diese Bewegung hat eingesetzt mit den Tagen des Täufers. Darum wird von
-da an dem Reich Gottes Gewalt angethan. Die Gewaltthätigen, die es an
-sich reissen, sind diejenigen, welche die sittliche Erneuerung leisten.
-Sie ziehen es mit Macht auf die Erde herunter.
-
-Das Wort in der Rede über den Täufer und die Gleichnisse des Reiches
-Gottes erklären und ergänzen sich gegenseitig. Die Gleichnisse heben
-vor allem _=das Unangemessene=_ in dem Verhältnis der geleisteten
-sittlichen Erneuerung zur eintretenden Vollkommenheit des Reiches
-Gottes hervor, während das Bild in dem Ausspruch nach der Aussendung
-mehr _=den zwingenden Zusammenhang=_ zwischen beiden herausarbeitet.
-
-
-3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen und
-jüdischen Zukunftserwartungen.
-
-Jesu Ethik hängt mit der altprophetischen zusammen, da sie, wie
-jene, durch die Erwartung eines Zustandes der Vollendung bedingt ist,
-welchen Gott heraufführen wird. Aber auch das Geheimnis des Reiches
-Gottes, wonach die sittliche Erneuerung das übernatürliche Kommen des
-Reiches herbeiführt, entspricht dem prophetischen Grundgedanken. Bei
-den Propheten ist das Verhältnis zwischen der sittlichen Umkehr, welche
-sie herbeiführen wollen, und dem Herrlichkeitszustand, welchen Gott am
-Tage des Gerichts heraufführen wird, kein rein zeitliches, sondern es
-beruht auf einem übernatürlichen kausalen Zusammenhang. Das gottwidrige
-Verhalten zieht den Tag des Gerichts und der Verdammnis herbei. Darum
-züchtigt Gott das Volk und gibt es in die Hand seiner Bedränger. Wenn
-es sich aber zur sittlichen Umkehr entschliesst, wenn es in gläubigem
-Vertrauen bei ihm allein Zuflucht sucht, wenn Gerechtigkeit und
-Wahrheit unter ihnen herrschen, dann wird ihm der Herr Recht schaffen
-vor seinen Bedrängern und seine Herrlichkeit wird aufgehen über Israel,
-dem die Völker dienstbar werden. An jenem Tage wird dann der Friede
-über die ganze Welt und auch über die Natur ausgegossen werden.
-
-Nach dem Exil wirkt dieser Gedanke in der Auffassung vom Gesetz
-weiter. Durch das Halten des Gesetzes wird der Herrlichkeitszustand
-von Gott erzwungen. Nicht der einzelne, sondern die Gesamtheit wirkt
-durch das Gesetz auf Gott. Diese generelle Betrachtungsweise ist die
-primäre, die individualistische erst die sekundäre. »Israel würde
-erlöst werden, wenn es nur zwei Sabbate hielte, wie es sich gebührte«
-(Schabbath 118^b. WÜNSCHE, System der altsynagogalen palästinensischen
-Theologie 1880 S. 299). Hier begegnet uns der altprophetische Gedanke
-in gesetzlicher Veräusserlichung.
-
-Im allgemeinen herrschte aber später die individualistische Betrachtung
-vor. Das Gesetz und das sittliche Verhalten überhaupt waren nur die
-Vorbereitung auf den erwarteten Herrlichkeitszustand. An Stelle der
-lebendigen generellen prophetischen Auffassung trat eine individuelle,
-unlebendige. _=Die Eschatologie wurde Rechenexempel und die Ethik
-Kasuistik.=_
-
-Da Jesus aber auf den ethischen Grundgedanken der prophetischen
-Zeit zurückgriff, handelte es sich für ihn nicht um reine
-Zukunfts_=erwartung=_. Spätjüdisch an ihm ist nur die Form, in der er
-sich das Eintreten dieses Endzustandes denkt. Er erfasst es nicht mehr
-unter dem Gesichtspunkt des Eingreifens Gottes in die Völkergeschichte,
-wie die Propheten, sondern unter dem der kosmischen Endkatastrophe.
-Seine Eschatologie ist Daniel'sche Apokalyptik, weil das Reich durch
-den Menschensohn herbeigeführt wird, wenn er auf den Wolken des Himmels
-erscheint (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_).
-
-_=Das Geheimnis des Reiches Gottes ist also die Synthese eines
-souveränen Geistes zwischen der altprophetischen Ethik und der
-Daniel'schen Apokalyptik.=_ Daher wurzelt Jesu Eschatologie in seiner
-Zeit und steht doch so hoch über ihr. Für die Zeitgenossen handelte es
-sich um _=Erwartung=_ des Reichs, um das Ausdenken und Ausmalen aller
-Momente der grossen Katastrophe und um die Vorbereitung darauf, für
-Jesus um die _=Herbeiführung=_ des erwarteten Ereignisses durch die
-sittliche Erneuerung. _=Aus der eschatologischen Ethik wird ethische
-Eschatologie.=_
-
-
-4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der glücklichen
-galiläischen Periode.
-
-Dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge ist das Eintreten des Reiches
-unabhängig von der Allgemeinheit des Erfolgs der Predigt Jesu. Er
-betont ja gerade, dass die Beschränktheit des Kreises, welcher die
-sittliche Erneuerung leistet, in gar keinem Verhältnis steht zu der
-allumfassenden Grösse des Reichs, das auf Grund ihres Verhaltens
-eintritt. Es genügt, dass ein geringer Teil der Aussaat auf das gute
-Land fällt -- und die überreiche Ernte ist da, durch Gottes Macht.
-Nicht durch die Menge, sondern durch die Gewalttätigen wird das Reich
-herbeigenötigt.
-
-Darum macht das Geheimnis des Reiches Gottes die Annahme einer
-erfolgreichen galiläischen Periode ganz überflüssig. Jesus kann sich
-der Erwartung der baldigen Realisierung des Reichs hingeben, auch wenn
-er die grössten Misserfolge erlebt und ganze Ortschaften sich seiner
-Predigt verschliessen. Sie halten damit das Reich Gottes nicht auf,
-sondern sie überliefern sich nur selbst dem Gericht, denn das Reich
-tritt notwendig ein auf Grund der sittlichen Erneuerung der Kreise, die
-sich um Jesu sammeln.
-
-Die Richtigkeit der Deutung des Geheimnisses des Reiches Gottes zeigt
-sich also darin, dass sie eine zur Erklärung des Lebens Jesu sonst
-absolut unumgängliche, historisch aber in keiner Weise zu begründende
-Annahme unnötig macht.
-
-
-5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus Jesu.
-
-So lange die sittliche Erneuerung auf Grund der Predigt Jesu mit der
-Realisierung des Reiches durch den modernen Gedanken der Entwicklung in
-Beziehung gesetzt wird, ist auch die Korrelatgrösse zur Vollendung des
-Reichs modern, nämlich »_=die sittliche Menschheit als Gesamtheit=_«.
-Man mutet dann Jesu zu, dass er in Gedanken voraussieht, wie die neue
-sittliche Gemeinschaft, die er gründet, sich immer weiter ausbreitet,
-ganz Israel ergreift -- hier bricht aber der Gedanke Jesu ab;
-universalistische Ideen darf man ihm nicht unterschieben, denn die
-Aussendungsrede zeigt, dass er für die sittliche Erneuerung nicht über
-die Grenzen Israels hinaus reflektiert. Mt 10 _-5-_ u. _-6-_: Ziehet
-auf keiner Heidenstrasse und betretet keine Samariterstadt; gehet aber
-vielmehr zu den verlornen Schafen des Hauses Israel.
-
-Die Predigt des Reiches Gottes ist also partikularistisch; das
-Reich selbst aber ist universalistisch, »denn sie werden kommen von
-Mitternacht und von Mittag, vom Morgen und vom Abend«. Das Geschlecht,
-das ein Wunder verlangt, wird ein solches erleben: Die Niniviten
-werden am Tage des Gerichts aufstehen und es verdammen, weil sie Busse
-gethan haben auf die Predigt des Jonas hin, »und hier ist mehr denn
-Jonas«. Auch die Königin von Mittag wird den Zeitgenossen Jesu dann als
-Richterin erstehen, denn sie machte sich auf, um die Weisheit Salomos
-zu hören, »und hier ist mehr denn Salomo« (Mt 12 _-41-42-_).
-
-Für das moderne Bewusstsein ist dieser Widerspruch zwischen dem
-Partikularismus in der Verkündigung des Reiches und dem Universalismus
-in der Vollendung desselben unüberwindbar, weil es sich alles durch
-den Begriff der Entwicklung denkt. In dem Geheimnis des Reiches Gottes
-aber gehen Partikularismus und Universalismus mit einander auf. Das
-Reich ist universalistisch, denn es ersteht aus dem kosmischen Akt,
-bei welchem Gott die Gerechten aller Zeiten und aller Völker zur
-Herrlichkeit erweckt. Die Herbeiführung des Reiches hingegen fusst auf
-dem Partikularismus, denn es wird durch die sittliche Erneuerung der
-Volksgenossen Jesu herbeigenötigt. Das Heil kommt aus Israel.
-
-
-6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum Gesetz und
-zum Staat.
-
-Jesus hat sich weder für noch gegen das Gesetz ausgesprochen. Er
-erkannte es einfach als etwas Bestehendes an, ohne sich daran zu
-binden. Zu einer prinzipiellen Stellungnahme, ob es verbindlich oder
-nicht verbindlich sei, fühlte er keine Nötigung. Diese Frage war für
-ihn gegenstandslos. Auf die neue Sittlichkeit, nicht auf das Gesetz kam
-es an. Heilig und unverletzlich war ihm dieses Gesetz, sofern es den
-Weg zur neuen Sittlichkeit wies. Aber damit hob es sich selbst auf;
-denn in dem Reich, das auf Grund der neuen Sittlichkeit in Erscheinung
-trat, war es abgethan, da der Vollendungszustand übergesetzlich und
-überethisch war. Bis dahin bestand es zu Recht. Ob das Gesetz auch für
-seine Anhänger in Zukunft gelten sollte, diese Frage existierte für ihn
-nicht, sondern erst die Geschichte hat sie der ersten Gemeinde gestellt.
-
-Mit dem Staat verhielt es sich ebenso. Die Frage, die man ihm in den
-jerusalemitischen Tagen stellte, war für ihn gegenstandslos. Als er
-den Pharisäern auf ihre Frage antwortete, ob man dem Kaiser den Zins
-geben sollte, dachte er nicht daran, seine und seiner Anhänger Stellung
-zum Staat festzulegen. Wie konnte man sich nur mit solchen Dingen
-aufhalten! Der Staat war ja irdisches, also ungöttliches Herrschen.
-Sein Bestand reichte also nur bis zur anbrechenden Gottesherrschaft.
-Da diese nahe bevorstand, was brauchte man sich entscheiden, ob man
-der Weltmacht tributpflichtig sein wollte oder nicht? Man liess sie
-eben über sich ergehen; ihr Ende war ja da. Gebt dem Kaiser, was des
-Kaisers ist und Gott, was Gottes ist (Mk 12 _-17-_) -- dieses Wort ist
-mit einer souveränen Ironie gesprochen gegen die Pharisäer, die so
-wenig die Zeichen der Zeit verstehen, dass das noch eine Frage für sie
-bildet. Sie sind gerade so thöricht in den Sachen des Reiches Gottes,
-wie die Sadducäer mit ihrer Vexierfrage, welchem Gatten das siebenmal
-verheiratete Weib bei der Auferstehung gehören wird, denn auch sie
-lassen eines ausser Berechnung: die Macht Gottes (Mk 12 _-24-_).
-
-
-7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu.
-
-»Es sei die Maxime in jeder wissenschaftlichen Untersuchung, mit aller
-möglichen Genauigkeit und Offenheit seinen Gang ungestört fortzusetzen,
-ohne sich an das zu kehren, wowider sie ausser ihrem Felde etwa
-verstossen möchte, sondern sie für sich allein, so viel man kann, wahr
-und vollständig zu vollführen. Oeftere Beobachtung hat mich überzeugt,
-dass, wenn man diese Geschäfte zu Ende gebracht hat, das, was in der
-Hälfte derselben, in Betracht anderer Lehren ausserhalb, mir bisweilen
-sehr bedenklich schien, wenn ich diese Bedenklichkeit nur so lange
-aus den Augen liess und bloss auf mein Geschäft achthatte, bis es
-vollendet sei, endlich auf unerwartete Weise mit demjenigen vollkommen
-zusammenstimmte, was sich ohne die mindeste Rücksicht auf jene Lehren,
-ohne Parteilichkeit und Vorliebe für dieselbe, von selbst gefunden
-hatte[1].«
-
-KANT spricht dieses tiefe Wort in dem Augenblick, wo ihm die
-Zusammenstimmung des transcendentalen Freiheitsbegriffs mit dem
-praktischen aufgeht. Mit dem Verhältnis der Ethik Jesu zu seiner
-Eschatologie steht es ebenso. Es ist ein Postulat unserer christlichen
-Ueberzeugung, dass die Ethik Jesu in ihrem Grundgedanken modern sei.
-Darum kommen wir immer wieder dazu, in seiner Ethik das Moderne zu
-suchen und dafür seine Eschatologie, da sie uns unmodern scheint, in
-den Hintergrund zu drängen. Entschliesst man sich aber, dieses in
-unserem Wesen so tiefbegründete und so berechtigte Interesse für einen
-Augenblick ausser acht zu lassen und das Verhältnis seiner Eschatologie
-zur Ethik rein für sich, geschichtlich zu betrachten, so fördert die
-Untersuchung das überraschende Resultat zu Tage, dass die letztere
-in einem viel höheren Masse modern ist, als man bisher zu hoffen
-wagte. Jesu Ethik ist modern, nicht etwa, weil die Eschatologie dabei
-Begleitgedanke ist, sondern gerade, weil sie von dieser Eschatologie
-vollständig abhängig ist! Diese Eschatologie selbst, wie sie sich
-in dem Geheimnis des Reiches Gottes darstellt, ist nämlich durchaus
-modern, indem sie von dem Grundgedanken beherrscht wird, dass auf die
-religiös-sittliche Erneuerung hin, welche die Gläubigen leisten, das
-Reich Gottes eintreten wird. _=Jede sittlich-religiöse Bethätigung ist
-also Arbeit am Kommen des Reiches Gottes.=_
-
-Als durch die Geschichte die Eschatologie in dieser
-ethisch-eschatologischen Weltanschauung langsam verblich, da blieb
-eine ethische Weltanschauung, in der die Eschatologie durch sieghafte
-Begeisterung und den unvergänglichen Glauben an den Endsieg des Guten
-weiterlebte. Das Geheimnis des Reiches Gottes enthält das Geheimnis
-der christlichen Weltanschauung überhaupt. Die ethische Eschatologie
-Jesu ist die _=heroische Form=_, in der die modern-christliche
-Weltanschauung in die Geschichte eintrat!
-
-FUSSNOTE:
-
-[1] Kritik der praktischen Vernunft. Ed. Reclam S. 129.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.
-
-
-In der letzten Periode seines Lebens hat Jesus noch einmal Gleichnisse
-vom Reich Gottes geredet. Der Weinberg Gottes (Mt 21 _-33-46-_). Die
-königliche Hochzeit (Mt 22 _-1-14-_). Der wachende Knecht (Mt 24
-_-42-47-_). Die zehn Jungfrauen (Mt 25 _-1-13-_). Die anvertrauten
-Pfunde (Mt 25 _-14-30-_).
-
-Diese Gleichnisse enthalten, im Unterschied zu denen vom
-Geheimnis des Gottesreiches, kein Geheimnis, sondern es sind reine
-_=Lehrgleichnisse=_, aus denen eine Moral zu ziehen ist. Das Reich
-Gottes ist nahe. Nur diejenigen werden als dazu gehörig erfunden
-werden, die sich durch ihr sittliches Verhalten darauf einrichten.
-
-Dafür enthält aber die zweite Periode _=das Geheimnis des
-Leidensgedankens=_. Wie wir gesehen haben, führen die Aussprüche Jesu
-auf eine geheimnisvolle kausale Verbindung zwischen dem Leiden und dem
-Eintreten des Reichs, weil die Eschatologie und der Leidensgedanke
-immer nebeneinander auftreten und die Zukunftserwartungen der Jünger
-jedesmal durch seine Leidensankündigung aufs höchste gesteigert werden.
-
-_=Das Geheimnis des Leidensgedankens nimmt also das Geheimnis des
-Reiches Gottes wieder auf und setzt es fort.=_ Zu der sittlichen
-Erneuerung, welche dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge auf das
-Eintreten des Reiches eine nötigende Gewalt ausübt, _=tritt die
-sühnende Todesleistung Jesu hinzu=_. Sie vollendet die Busse derer,
-die an das Kommen des Reiches glauben. Dadurch tritt Jesus den
-Gewaltthätigen, die das Reich herbeinötigen, zur Seite. Die Gewalt, die
-er dabei anwendet, ist die denkbar höchste -- er gibt sein Leben hin.
-
-Der Leidensgedanke ist also die Umformung des Geheimnisses vom Reich
-Gottes. Darum ist er ebensowenig darauf berechnet, von den andern
-begriffen zu werden, als die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches
-Gottes. Es handelt sich beidemal um eine nicht weiter zu ergründende
-Thatsache.
-
-Der Zusammenhang zwischen dem Leidensgedanken und dem Geheimnis
-des Reiches Gottes garantiert die Kontinuität in Jesu Gedankenwelt.
-Alle Konstruktionen, die man unternommen hat in der Absicht, diese
-Kontinuität herzustellen, waren unvermögend, das Geforderte zu leisten.
-Die Aufnahme des Leidensgedankens bedeutete in allen Fällen eine
-totale Veränderung seiner Reichs- und Weltanschauung. Stellt man aber
-den Leidensgedanken in den grossen Zusammenhang des Geheimnisses des
-Reiches Gottes, so ist die Kontinuität natürlich gegeben. Der Gedanke
-der übernatürlichen Herbeiführung des Reiches Gottes durchzieht Jesu
-ganzes Leben, wobei der Leidensgedanke nur die Formulierung desselben
-in der zweiten Periode darstellt.
-
-Wodurch nimmt das Geheimnis des Reiches Gottes die Form des
-Leidensgeheimnisses an?
-
-Warum muss die Sühne Jesu vollendend zur sittlichen Erneuerung und zur
-Busse der reichsgläubigen Gemeinschaft hinzutreten?
-
-Inwiefern kommt dem Sühnetod Jesu eine Einwirkung auf das Eintreten des
-Reiches zu?
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen Wirksamkeit.
-
-
-1. Das Problem und die Thatsachen.
-
-Das Erlebnis bei der Taufe bedeutet den Anfangspunkt des
-Messianitätsbewusstseins Jesu. In der Gegend von Cäsarea Philippi
-offenbart er den Jüngern sein Geheimnis. Oeffentlich bekennt er sich
-erst vor dem Hohenpriester zu seiner messianischen Würde. Seiner
-Predigt vom Reiche Gottes liegt also das Messianitätsbewusstsein zwar
-zu Grunde. Bei den Zuhörern setzt er aber die Kenntnis der Stellung,
-welche ihm zukommt, nicht voraus. _=Der Glaube, den er verlangt, hat
-nichts mit seiner Person zu thun, sondern er bezieht sich nur auf die
-Botschaft von der Nähe des Reichs.=_ Erst der vierte Evangelist stellt
-die Geschichte so dar, als handelte es sich um die Persönlichkeit Jesu.
-
-Nun können wir nicht ermessen, inwieweit seine Würde für solche,
-die ein aufgewecktes Verständnis hatten, in seiner Verkündigung
-durchschien. Eines ist sicher: bis in die Zeit nach der Aussendung hat
-niemand im entferntesten daran gedacht, in ihm den Messias zu erkennen.
-Bei Cäsarea Philippi antworten die Jünger ihm nur, dass das Volk ihn
-für einen Propheten oder für den Vorläufer Elias halte, und sie selbst
-wissen nicht anders. Denn Petrus hat, wie Jesus selbst sagt, seine
-Kenntnis nicht aus dem Wirken und Reden seines Meisters erschlossen,
-sondern er verdankt sie einer übernatürlichen Offenbarung.
-
-Nach dieser Fundamentalthatsache müssen die synoptischen Notizen
-beurteilt werden. _=Zuerst=_ stehen dazu eine Reihe matthäischer
-Stellen in Spannung.
-
-Mt 9 _-27-31-_, in der galiläischen Parallele zur Blindenheilung in
-Jericho, wird berichtet, dass ihn zwei Blinde durch den ganzen Ort mit
-dem Ruf »Davidssohn« verfolgt haben. Was dann die Warnung Jesu, »dass
-es niemand erfahre«, bedeuten soll, bleibt allerdings dunkel.
-
-Mt 12 _-23-_ raunen sich die Leute nach einer wunderbaren Heilung zu,
-ob das nicht der Davidssohn sei.
-
-Mt 14 _-33-_ fallen die Jünger nach dem Erlebnis auf der See im Schiff
-vor ihm nieder und sprechen: »du bist wahrhaftig Gottes Sohn.«
-
-Mt 15 _-22-_ redet die Kananäerin ihn als den Davidssohn an, während
-sie bei Markus ihm einfach zu Füssen fällt und um Hülfe bittet.
-
-In allen diesen Stellen liegt matthäisches Sondergut vor, das einer
-sekundären litterarischen Schicht angehört. Für die Geschichte Jesu
-haben sie keine Bedeutung, wohl aber für die Geschichte der Geschichte
-Jesu. Sie zeigen uns nämlich, wie die spätere Zeit immer mehr dazu kam,
-sein Leben von der Voraussetzung aus darzustellen, dass nicht nur er
-sich als Messias wusste, sondern dass auch die andern diesen Eindruck
-von ihm hatten.
-
-_=An zweiter Stelle=_ handelt es sich um die _=Anrede der
-Dämonischen=_. Nach Mk 3 _-11-_ warfen sich die unreinen Geister, so
-oft sie ihn erblickten, vor ihm nieder und riefen ihn als Gottessohn
-an (vgl. auch Mk 1 _-24-_ und Mk 5 _-7-_). Zwar wehrte er diesen Rufen
-und gebot Schweigen. Hätten wir aber nicht die unumstösslich sichere
-Kunde, dass während seiner ganzen galiläischen Wirksamkeit das Volk
-nichts weiter wusste, als dass er ein Prophet oder der Elias sei,
-so müssten wir annehmen, dass diese Dämonenrufe die Leute auf seine
-Würde irgendwie aufmerksam machten. So aber ersehen wir gerade aus der
-Nichtbeachtung der Dämonenrufe mit Bestimmtheit, wie weit man davon
-entfernt war, in ihm den Messias zu vermuten. Wer glaubte denn dem
-Teufel und dem irren Gerede Besessener?
-
-_=An dritter Stelle=_ handelt es sich um den Ausdruck
-»_=Menschensohn=_«. Hat Jesus ihn vor Cäsarea Philippi als
-Selbstbezeichnung gebraucht, so liegt darin in jedem Falle eine
-messianische Andeutung, denn jeder musste diesen Daniel'schen Ausdruck
-auf die Persönlichkeit der Endzeit beziehen.
-
-Als Selbstbezeichnung _=vor=_ Cäsarea Philippi verwendet ihn Jesus
-bei Markus zweimal (Mk 2 _-10-_ und 2 _-28-_) und in einer Reihe
-matthäischer Sonderstellen (8 _-20-_, 11 _-19-_, 12 _-32-_, 12 _-40-_,
-13 _-37-_ u. _-41-_ und 16 _-13-_). Auch für die Beurteilung dieser
-Stellen muss man von dem festen Punkt, der in der Antwort der Jünger
-bei Cäsarea Philippi gegeben ist, ausgehen.
-
-Entweder hat Jesus den Ausdruck damals noch nicht gebraucht. Dann sind
-diese Menschensohnstellen chronologisch verfrüht oder es handelt sich
-um rein litterarische Erscheinungen.
-
-Oder aber er hat den Ausdruck schon gebraucht. Dann muss er es in
-einer solchen Weise gethan haben, dass niemand auf den Gedanken kommen
-konnte, er nehme die Würde des Daniel'schen Menschensohns für sich in
-Anspruch.
-
-Das Problem der zweiten Periode ist noch schwieriger. Die Jünger wissen
-um sein Geheimnis, aber sie dürfen es niemand offenbaren. Wie steht es
-aber mit dem Volk? War diesem jetzt eine Ahnung von der messianischen
-Würde Jesu aufgegangen?
-
-Das Problem hat es also mit drei Thatsachen zu thun.
-
-1. Die ganze Diskussion in den jerusalemitischen Tagen dreht sich in
-keiner Weise um die messianische Würde Jesu, sondern es handelt sich
-um gesetzliche Thesen und um Tagesfragen. Man hat bisher viel zu wenig
-Gewicht darauf gelegt, dass weder das Volk noch die Schriftgelehrten
-irgendwie zu ihm als _=der messianischen Persönlichkeit=_ Stellung
-nehmen. Wie ganz anders wären die jerusalemitischen Tage gewesen,
-wenn es sich darum gehandelt hätte: ist er der Messias -- ist er es
-nicht? Kann er es sein -- kann er es nicht sein? In Wirklichkeit ist
-er nur die Autoritätsperson des galiläischen Volkes, vor welche die
-Hauptstadtgelehrten ihre Schulfragen bringen, sei es in aufrichtiger
-Gesinnung, sei es in der perfiden Absicht, seine Autorität zu
-vernichten.
-
-2. In dieser zweiten Periode hat Jesus das Volk nur einige Tage um
-sich gehabt: vom Jordanübergang bis zu seinem Tode. Während dieser
-Zeit hat er ihnen keine Eröffnung über seine Messianität gemacht,
-auch keine Anspielung, die sie dahin verstehen konnten und mussten.
-Die gedungenen Zeugen wissen nichts derartiges vorzubringen. Das
-Bemerkenswerte an ihrer Aussage, worauf man auch viel zu wenig Gewicht
-zu legen geneigt ist, besteht ja gerade darin, _=dass sie ihn in keiner
-Weise beschuldigen, Messias sein zu wollen=_. Für sie erschöpft sich
-seine frevelhafte Prätention in dem respektwidrigen Ausspruch über
-den Tempel. Man stelle sich die Gerichtsverhandlung vor, wenn die
-gedungenen Ankläger in Jesu Reden messianische Anspielungen auf sich
-selbst entdeckt hätten!
-
-3. Von hier aus kommt man notwendig zu dem Urteil, dass er für das Volk
-in Jerusalem bis zur letzten Stunde war, was er in Galiläa gewesen: der
-grosse Prophet oder der Vorläufer, in keiner Weise aber der Messias!
-Damit vertragen sich aber zwei Thatsachen nicht.
-
-Der Einzug in Jerusalem war -- der gewöhnlichen Auffassung zufolge --
-_=eine messianische Ovation=_. Also musste das Volk die Würde Jesu
-ahnen.
-
-Der Hohepriester stellte die Frage an ihn, _=ob er der Messias wäre=_.
-Also wusste er um Jesu Ansprüche.
-
-Es handelt sich hier um die klare Frage: galt Jesus in den
-jerusalemitischen Tagen als messianischer Prätendent oder nicht? Man
-darf sich diese Frage nicht dadurch verdunkeln, dass man von einem
-mehr oder weniger klaren »Ahnen« in dieser Sache redet. Das »Ahnen
-der Messianität Jesu« ist eine moderne Erfindung. Eine Volksmasse
-wäre nicht von dunkelm geheimnisvollem Ahnen hin- und herbewegt
-worden, sondern es hätte sich um Glauben oder Nichtglauben gehandelt.
-Wer dafür hielt, er sei der Messias, musste mit ihm durch Feuer und
-Tod gehen, der Herrlichkeit entgegen. Wer nicht dafür hielt, solche
-Prätention bei ihm aber auch nur ahnte, der musste das Signal geben,
-den Gotteslästerer zu steinigen. Ein Drittes gab es nicht.
-
-Die allgemeinen Thatsachen sprechen dafür, dass Volk und Pharisäer
-in den jerusalemitischen Tagen Jesu keine messianischen Prätentionen
-beilegten, ebensowenig wie früher. Nur bleibt dann der Einzug in
-Jerusalem, als messianische Ovation verstanden, ein Rätsel, und ebenso
-ist es unerklärlich, wie der Hohepriester darauf kommt, ihn nach seiner
-Messianität zu fragen.
-
-Entweder verhält es sich hiermit so, wie man gewöhnlich annimmt. Dann
-muss man auf jedes geschichtliche Verständnis der letzten öffentlichen
-Periode Jesu verzichten. Es geht nicht an, dass er am Anfang (Einzug in
-Jerusalem) und am Ende derselben (Frage des Hohenpriesters vor Gericht)
-für den Messias gehalten wurde, während die dazwischen liegenden
-jerusalemitischen Tage davon nicht das geringste wissen.
-
-Oder man hat den Einzug und die Frage des Hohenpriesters geschichtlich
-missverstanden. Galt die Ovation dem messianischen Prätendenten? Sprach
-der Hohepriester in seiner Frage etwas aus, worum alle wussten? Hat er
-die behauptete Messianität aus Jesu Leben, Wirken und Reden erschlossen
--- oder wusste er vielleicht nur durch Verrat um das innerste Geheimnis
-Jesu, das nur den Vertrauten seit Cäsarea Philippi bekannt war?
-
-In seiner vollen Schwierigkeit erhält das Messianitätsproblem folgende
-Formulierung: Wie war es möglich, dass Jesus sich von Anfang an als
-Messias wusste und dennoch seine Messianität in seiner öffentlichen
-Predigt vom Reich bis zum letzten Augenblick nicht zur Geltung kommen
-liess? Wie konnte dem Volke auf die Dauer verborgen bleiben, dass diese
-Reden vom messianischen Bewusstsein aus gesprochen waren? _=Jesus war
-ein Messias, der es während seiner öffentlichen Wirksamkeit nicht sein
-wollte, nicht zu sein brauchte und nicht sein durfte, um seine Mission
-zu erfüllen! So stellt die Geschichte das Problem.=_
-
-
-2. Jesus der Elias, durch die Solidarität mit dem Menschensohn.
-
-_=Welche Würde konnte und musste das Volk Jesu auf seine öffentliche
-Wirksamkeit hin beilegen?=_ Das ist die Frage, um die es sich jetzt
-handelt.
-
-Der Messias und das messianische Reich gehören unzertrennlich zusammen.
-Wenn daher Jesus ein gegenwärtiges messianisches Reich gepredigt hätte,
-wäre zugleich die Notwendigkeit an ihn herangetreten, den Messias
-kenntlich zu machen; er hätte damit beginnen müssen, sich vor dem Volk
-als Messias zu legitimieren.
-
-Nun war aber seine Predigt vom Reich futurisch; damit war vollständig
-ausgeschlossen, dass jemand darauf kommen konnte, in ihm den Messias
-zu vermuten. _=War das Reich futurisch, so war es auch der Messias.=_
-Wenn Jesus dennoch messianische Ansprüche hatte, so lag dieser
-Gedanke dem Volk vollständig fern, denn seine Reichspredigt schloss
-auch die leiseste derartige Mutmassung aus. Darum konnten auch die
-Dämonenschreie die Leute nicht auf die richtige Spur bringen.
-
-Vollends unmöglich gemacht waren derartige Mutmassungen durch die
-Art, wie Jesus von dem Messias als futurischer Persönlichkeit in der
-dritten Person redet. Den Jüngern kündigt er bei der Aussendung an,
-dass der Menschensohn erscheinen wird, ehe sie mit den Städten Israels
-zu Ende sein werden (Mt 10 _-23-_). Mk 8 _-38-_ verheisst er dem Volk
-das baldige Erscheinen des Menschensohns zum Gericht und das Kommen
-des Reiches Gottes in Kraft. Ebenso redet er noch in Jerusalem von
-dem Gericht, das der Menschensohn abhalten wird, wenn er in seiner
-Herrlichkeit umgeben von den Engeln erscheinen wird (Mt 25 _-31-_).
-
-Nur die Jünger nach der Offenbarung zu Cäsarea Philippi und der
-Hohepriester nach dem »Ja« Jesu konnten eine persönliche Beziehung
-zwischen ihm und dem Menschensohn, von dessen Kommen er sprach,
-statuieren, da sie um sein Geheimnis wussten. Sonst aber blieben für
-die Hörer _=Jesus von Nazareth=_ und der, von welchem die Rede war,
-_=der Menschensohn=_, zwei vollständig verschiedene Persönlichkeiten.
-
-Vor dem Volk deutet Jesus nur an, dass der Menschensohn mit ihm, der
-ihn verkündigt, absolut _=solidarisch=_ ist. In dieser Form allein ragt
-seine eigene gigantische Persönlichkeit in seine Predigt des Reiches
-Gottes hinein. Nur wer sich zu ihm, dem Verkündiger des Kommens des
-Menschensohnes, unter allen Umständen bekennt, der wird am Gerichtstag
-als zum Reich gehörig erfunden werden. Jesus wird nämlich vor Gott
-und vor dem Menschensohn für ihn eintreten (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_; Mt
-10 _-32-33-_). Man muss bereit sein, das Liebste aufzugeben, um ihm
-nachzufolgen, denn nur so wird man _=seiner wert=_ (Mt 10 _-37-_ u.
-_-38-_). Darum ist Jesus betrübt, als der reiche Jüngling sich nicht
-entschliessen kann, seinen Reichtum aufzugeben, um ihm nachzufolgen (Mk
-10 _-22-_), denn nun kann er am Gerichtstag nicht für ihn einstehen,
-damit er als zum Reich Gottes gehörig erfunden werde. Doch hofft er von
-der schrankenlosen Allmacht Gottes, dass dieser Reiche trotzdem zum
-Reich eingehe (Mk 10 _-17-31-_). Wenn also dieser, weil Jesus nicht
-für ihn eintreten kann, nicht sicher ist, »das ewige Leben zu ererben«
-(Mk 10 _-17-_), so sind doch die, welche, zu ihm und seiner Botschaft
-sich bekennend, den Tod erleiden, gewiss, ihr Leben zu bewahren, d. h.
-bei der Totenauferstehung zum Reich zu gehören (Mk 8 _-37-_). Darum
-preist er am Eingang der Bergpredigt diejenigen selig, welche um
-seinetwillen Schmähung und Verfolgung erdulden, weil sie dadurch, wie
-die Sanftmütigen und die Barmherzigen, zum Reiche Gottes vorbestimmt
-sind (Mt 5 _-11-_ f.).
-
-Vom Standpunkte Jesu aus bietet diese absolute Solidarität zwischen
-Gott und dem Menschensohn einerseits und ihm andererseits kein Rätsel,
-denn sie basiert auf seinem messianischen Selbstbewusstsein; er
-kann so reden, weil er sich bewusst ist, selbst der Menschensohn zu
-sein. Anders war es für das Volk und die Jünger vor der Offenbarung
-zu Cäsarea Philippi. Wie kann Jesus von Nazareth in einer so
-selbstbewussten, souveränen Weise den Menschensohn mit ihm selbst für
-absolut solidarisch proklamieren? Diese Behauptung zwang das Volk
-zur Reflexion über seine Persönlichkeit. Wer war derjenige, dessen
-Erscheinung machtvoll aus dem vormessianischen in den messianischen
-Aeon hineinragte, dass Gott und der Menschensohn die, welche
-sich zu ihm bekannt hatten, in das Reich aufnahmen, wenn dieses
-Bekenntnis nicht durch die mangelnde sittliche Würdigkeit seinen
-Wert einbüsste, wie er einmal ausdrücklich warnend erklärte? Nur
-_=einer=_ Persönlichkeit kam die Bedeutung zu, die Jesus für sich
-in Anspruch nahm: _=Elias, dem gewaltigen Vorläufer=_; denn seine
-Erscheinung erstreckte sich aus dem jetzigen in den messianischen Aeon
-und verband beide miteinander. Darum hielt das Volk dafür, Jesus sei
-der Elias. Darin sprach sich die höchste Würdigung aus, welche seine
-Persönlichkeit den Massen abnötigen konnte. Es handelte sich dabei
-nicht um eines der in der sekundären evangelischen Geschichtserzählung
-so beliebten Missverständnisse, sondern das Volk _=konnte=_ nach Jesu
-Auftreten und nach seiner Verkündigung zu keinem andern Urteil über ihn
-kommen.
-
-
-3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen.
-
-Um sich die Stellung der Zeitgenossen zur Persönlichkeit und zum
-Wirken Jesu begreiflich zu machen, muss man sich von zwei falschen
-Voraussetzungen, mit denen wir immer unbewusst operieren, befreien.
-Zum ersten richtete sich die Erwartung damals nicht auf den Messias,
-sondern auf den geweissagten Vorläufer. Zum zweiten hat niemand in
-dem Täufer irgendwie den Vorläufer vermutet. Durch diese beiden
-Voraussetzungen verderben wir uns die historische Perspektive.
-
-Das Erscheinen des Messias mitsamt der grossen Krise, welche
-er herbeiführt, macht das überweltliche Drama aus, das der Welt
-bevorsteht. Aber ehe der Vorhang aufgeht, muss unter den harrenden
-Menschen jemand erstehen, der den Prolog zum Stück spricht, um dann,
-sobald der Vorhang in die Höhe geht, den überirdischen Grössen sich
-beizugesellen, welche die Handlung des Dramas leiten. Darum wartet man
-zunächst nicht auf das Emporgehen des Vorhangs und die Erscheinung des
-Messias, sondern auf den berufenen Sprecher des Prologs. _=Es galt, das
-Auftreten des Vorläufers zu signalisieren, um zu wissen, welche Stunde
-der Zeiger der Weltuhr zeigte.=_
-
-Nun war aber der Elias noch nicht erschienen, denn der Täufer hatte
-sich nicht als solchen legitimiert. Dazu fehlte ihm die übernatürliche
-Kraftbekundung. Zeichen und Wunder gehörten aber notwendig zur Epoche,
-welche dem Reich unmittelbar voranging. Allgemeine Geistbegabung und
-Prophezeiung, Wunder am Himmel und auf der Erde: das trifft ein,
-bevor der Tag Gottes kommt. So bestimmte es der Prophet Joël (3 _-1-_
-ff.). In der Pfingstpredigt beruft sich Petrus auf diese Stelle (Akt
-2 _-17-22-_). Aus der übernatürlich ekstatischen Rede sollen sie
-erkennen, dass man dem Ende der Tage entgegengeht. Der getötete Jesus
-ist von Gott zum Messias erhöht in der Auferstehung und das Reich wird
-bald einbrechen.
-
-Diese Joëlstelle wurde also auf die unmittelbar vormessianische
-Wunderzeit bezogen, in welcher nach der Weissagung des Maleachi
-der Vorläufer auftreten sollte (Mal 3 _-23-_ u. _-24-_). Der
-gleiche Kehrvers hielt zudem noch diese beiden Grundstellen der
-vormessianischen Erwartung zusammen. Mal 3 _-23-_ = Joël 3 _-4-_:
-»Vor dem Kommen des Tages des Herrn, den grossen und schrecklichen.«
-_=Der Vorläufer ohne Wunderzeichen in einer wunderlosen Zeit war also
-undenkbar.=_
-
-Nun bestand für die Zeitgenossen der charakteristische Unterschied
-zwischen Johannes und Jesus gerade darin, dass der eine einfach auf
-die Nähe des Gottesreiches hinwies, während der andere seine Predigt
-durch Zeichen und Wunder bekräftigte. Man hatte das Bewusstsein, mit
-Jesus in die Zeit der Wunder zu treten. Er war der Täufer, aber ins
-Uebernatürliche übersetzt. Als nach der Aussendung sein Auftreten und
-seine Zeichen zugleich mit dem Tode des Täufers bekannt wurden, da
-sagte man: Der Täufer ist vom Tod erstanden. Darum antworteten ihm
-die Jünger zu Cäsarea Philippi, man halte ihn für den Elias oder für
-den Täufer (Mk 8 _-28-_). Als Herodes von ihm hörte, liess er sich's
-nicht nehmen, dass er der Täufer sei. »_=Der Täufer ist von den Toten
-auferstanden und deshalb wirken die Wunderkräfte in ihm=_« (Mk 6
-_-14-_).
-
-Auch die Bedeutung, die Jesus den Zeichen beilegte, musste die
-Zuhörer darauf führen, dass man sich in der Vorläuferaera befand. Ihre
-Bedeutung besteht nämlich darin, die Nähe des messianischen Reiches zu
-bekräftigen. Die Leute sollen ihm um der Zeichen willen glauben und
-Busse thun auf das Reich Gottes hin.
-
-Die Zeichen sind eine Gnade Gottes, durch welche er die Menschen
-aufmerksam machen will, welche Stunde es ist. Wer dann keine Busse
-thut, der ist verdammt. So geht es den Leuten von Chorazin, Bethsaida
-und Kapernaum. Wer aber gar den »heiligen Geist« lästert und der
-widergöttlichen Macht die Zeichen zuschreibt, der hat keine Vergebung
-ewiglich. Dieses Verbrechens hatten sich die jerusalemitischen
-Schriftgelehrten in Galiläa schuldig gemacht (Mk 3 _-22-_ ff.).
-Diejenigen aber, welche sich nicht verstockten, hielten dafür, das
-Reich Gottes stehe vor der Thür und Jesus sei der Vorläufer, weil man
-offenbar in die Zeit der Zeichen eingetreten war, von der die Schrift
-geweissagt hatte.
-
-
-4. Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches Gottes.
-
-Für Jesus bedeuteten die Zeichen die Reichsnähe noch in einem höheren
-als dem rein zeitlichen Sinn. Durch die Dämonenbekämpfung ist er
-sich bewusst, _=auf das Kommen desselben einzuwirken=_. Hier spielt
-das Geheimnis des Reiches Gottes mit herein. Dieser Gedanke ist in
-dem Gleichnis enthalten, mit welchem er die Verdächtigungen der
-jerusalemitischen Schriftgelehrten zurückweist (Mk 3 _-23-30-_).
-
-Es erschöpft sich nämlich nicht in dem Gedanken, dass die bösen
-Geister ihre Herrschaft nicht untergraben, indem der eine sich gegen
-den andern erhebt; in dem Schlusswort begegnet uns nämlich unvermutet
-das »jetzt und dann« aus dem Geheimnis des Reiches Gottes: »Keiner
-kann in das Haus des Starken einbrechen und ihm seinen Besitz rauben,
-wenn er nicht _=zuvor=_ den Starken bindet, und _=alsdann=_ mag er
-sein Haus ausplündern.« Die Dämonenaustreibung bedeutet also für Jesus
-das Binden und das Unschädlichmachen der widergöttlichen Macht. Diese
-Thätigkeit steht deshalb, wie die sittliche Erneuerung im Geheimnis des
-Reiches Gottes, mit dem Anbrechen des Reiches in kausalem Zusammenhang.
-Durch die Dämonenüberwindung ist Jesus der Gewaltthätige, der das
-Reich herbeinötigt; denn, wenn die widergöttliche Macht gebunden ist,
-dann tritt der Augenblick ein, wo die Herrschaft von ihr genommen
-wird. Damit dies geschehen kann, muss sie erst unschädlich gemacht
-werden. Darum gibt Jesus den Jüngern bei der Aussendung nicht nur den
-Befehl, die Nähe des Reiches zu verkündigen, sondern auch die Vollmacht
-über die Dämonen (Mt 10 _-1-_). In jenem Augenblick der höchsten
-eschatologischen Erwartung sendet er sie als die Gewaltthätigen aus,
-welche die letzten Streiche führen sollen. Die Busse, welche durch ihre
-Predigt gewirkt wird, und die Ueberwindung der widergöttlichen Macht in
-den Dämonischen nötigen zusammen das Reich herbei.
-
-So drücken die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches Gottes (Mk 4),
-das Gleichnis in Jesu Apologie an die Pharisäer (Mk 3 _-23-30-_) und
-das Gleichnis in der Würdigungsrede über den Täufer (Mt 11 _-12-15-_)
-denselben Gedanken aus. Die beiden letzteren begegnen sich sogar im
-drastischen Bild der Vergewaltigung, weshalb ihnen auch der Begriff des
-»Raubes« gemeinsam ist (Mk 3 _-27-_ = Mt 11 _-12-_).
-
-Für das Bewusstsein Jesu waren also die Dämonenheilungen in das
-Geheimnis vom Reich Gottes hineingestellt. Dem Volk aber genügte es,
-den rein zeitlichen Zusammenhang zu erfassen.
-
-
-5. Jesus und der Täufer.
-
-Wir haben oben gesehen, dass niemand in dem Täufer den Elias erkennen
-konnte, weil seine zeichenlose Thätigkeit und Reichspredigt der
-schriftgemässen Vorstellung der Vorläuferepoche nicht entsprachen.
-Nur einer machte eine Ausnahme, indem er ihm diese Würde zuerkannte:
-_=Jesus!=_ Er war der erste, welcher dem Volk eine geheimnisvolle
-Andeutung machte, jener sei der Vorläufer: »Wenn ihr es fassen mögt, so
-ist er selbst Elias, der Kommen-Sollende« (Mt 11 _-14-_). Er ist sich
-aber bewusst, damit ein unbegreifliches Geheimnis auszusprechen, das
-ihnen ebenso dunkel bleibt, wie das damit zusammenhängende Wort von den
-Gewaltthätigen, die seit den Tagen des Täufers das Reich herbeinötigen
-(Mt 11 _-12-_). Darum beschliesst er diese beiden Sprüche mit dem
-Orakelwort: Wer Ohren hat zu hören, der höre (Mt 11 _-15-_).
-
-Das Volk aber war weit entfernt zu begreifen, dass der in der Gewalt
-des Herodes befindliche Täufer die Persönlichkeit sein könne, die auf
-der Schwelle der vormessianischen zur messianischen Periode stand.
-So verhallte das geheimnisvolle Wort Jesu und das Volk blieb dabei,
-Johannes sei wirklich ein Prophet gewesen (Mk 11 _-32-_).
-
-Auch die Oberen konnten zu keinem Schluss über die Persönlichkeit
-des Täufers kommen. Darum unterlagen sie Jesu, als sie ihn über die
-Tempelreinigung zur Rede stellen wollten (Mk 11 _-33-_).
-
-Mit den Jüngern verhielt es sich nicht anders; sie waren von sich
-aus unfähig, in Johannes den Elias zu erkennen. Beim Abstieg vom
-Verklärungsberg kommen ihnen Bedenken über die Möglichkeit der
-Messianität Jesu und über die Möglichkeit der Totenauferstehung, die
-er in seiner Rede berührt hatte. Dadurch wurde ja die Gegenwärtigkeit
-der messianischen Aera vorausgesetzt, und diese konnte noch nicht
-angebrochen sein, denn »Elias muss zuvor kommen, wie die Pharisäer
-und Schriftgelehrten darthun« (Mk 9 _-9-11-_). Darauf antwortet ihnen
-Jesus, dass Johannes dieser Elias war, wenn er auch in der Menschen
-Gewalt geliefert wurde (Mk 9 _-12-_ u. _-13-_).
-
-Wie war Jesus zur Ueberzeugung gekommen, dass der Täufer der Elias war?
-Durch einen notwendigen Rückschluss von seiner eigenen Messianität
-aus. Weil er sich als Messias wusste, musste jener der Elias sein.
-Zwischen beiden bestand eine notwendige Wechselbeziehung. Niemand
-konnte wissen, dass der Täufer der Elias war, ohne diese Erkenntnis
-von der Messianität Jesu herzuleiten. Niemand konnte auf den Gedanken
-kommen, Johannes sei der Elias, ohne zugleich in Jesu den Messias sehen
-zu müssen. Denn nach dem Vorläufer blieb für eine zweite derartige
-Erscheinung kein Raum. Nun wusste niemand, dass Jesus sich für den
-Messias hielt. Also sah man in dem Täufer einen Propheten und fragte
-sich, ob Jesus nicht der Elias wäre. Die geheimnisvollen Schlusssätze
-der Würdigungsrede über den Täufer hatte niemand in ihrer vollen
-Tragweite verstanden. _=Für Jesus allein war Johannes der verheissene
-Elias.=_
-
-
-6. Der Täufer und Jesus.
-
-Wie stand der Täufer zu Jesus? Wenn er sich bewusst war, der Vorläufer
-zu sein, so musste er in Jesus den Messias mutmassen. Dies setzt man
-gewöhnlich voraus und lässt ihn als Vorläufer bei Jesus anfragen, ob
-er der Messias sei (Mt 11 _-2-6-_). Diese Annahme scheint uns ganz
-natürlich, weil wir uns beide immer in dem Verhältnis Vorläufer-Messias
-vorstellen.
-
-Darüber vergessen wir aber eine ganz naheliegende Frage. Hat der
-Täufer sich selbst als den Vorläufer, als den Elias gefühlt? Dem
-Volk gegenüber hat er in keiner Aeusserung einen derartigen Anspruch
-erhoben. Hartnäckig erkennt es in ihm nur einen Propheten. Auch während
-seiner Gefangenschaft kann er nichts derartiges beansprucht haben,
-denn noch in Jerusalem urteilt das Volk nicht anders, als dass er ein
-Prophet gewesen.
-
-Wenn irgendwie die Ahnung durchgedrungen wäre, dass er die Eliasgestalt
-repräsentierte, wie hätte man dann allgemein auf den Gedanken kommen
-können, Johannes sei ein Prophet, Jesus der Elias? Dass dies die
-allgemeine Ansicht auch nach dem Tode des Täufers war, bezeugt die
-Antwort der Jünger zu Cäsarea Philippi.
-
-Die Täuferanfrage unter der Voraussetzung betrachten, dass der
-Vorläufer frägt, ob Jesus der Messias sei, heisst sie in eine
-vollkommen unberechtigte Perspektive rücken, da gar nicht zu erweisen
-ist, ob Johannes sich für den Vorläufer hielt. Also ist auch gar nicht
-ausgemacht, ob seine Frage sich auf die messianische Würde bezieht. Das
-umstehende Volk, da es Johannes nicht für den Vorläufer hielt, musste
-sie ganz anders auffassen, nämlich: bist du der Elias?
-
-Nun wird aber durch die gewöhnliche Perspektive ein charakteristisches
-Detail in der Perikope selbst verdeckt, nämlich, dass Jesus dieselbe
-Bezeichnung, die der Täufer in der Anfrage auf ihn anwandte,
-nun seinerseits wieder auf den Täufer anwendet! Bist du der
-Kommen-Sollende? frägt der Täufer. Jesus antwortet: Wenn ihr es fassen
-mögt, so ist _=er selbst=_ Elias, der Kommen-Sollende! Bei den Reden
-ist also die Bezeichnung des »Kommen-Sollenden« gemeinsam, nur dass wir
-in der Anfrage des Täufers sie eigenmächtig auf den Messias beziehen.
-Dieses für die naive Perspektive so ganz natürliche Verfahren wird aber
-als unberechtigt erkannt, sobald man weiss, dass es sich eben nur um
-Perspektive, nicht um die reellen Massstäbe handelt. Denn dann gewinnt
-plötzlich das »er selbst« in der Antwort Jesu eine ungeahnte Bedeutung;
-»_=er selbst=_ ist der Elias«, der Kommen-Sollende! Dieser Rückweis
-zwingt uns, in der Anfrage des Täufers unter dem Kommen-Sollenden nicht
-den Messias, sondern, wie in der Antwort Jesu, den Elias zu verstehen.
-
-»Bist du der erwartete Vorläufer?« so lässt der Täufer Jesum fragen.
-»Wenn ihr es fassen mögt, ist er selbst dieser Vorläufer«, sagt Jesus
-zum Volk, nachdem er ihnen von der Grösse des Täufers geredet.
-
-Durch diese Rückbeziehung bekommt nun die Scene ein viel intensiveres
-Kolorit. Zunächst wird klar, warum Jesus _=nach dem Weggang der
-Gesandten=_ über den Täufer redet. Er fühlt sich genötigt, das Volk in
-wirkungsvoller Steigerung von der Vorstellung, jener sei ein Prophet
-(Mt 11 _-9-_), zu der Ahnung zu bringen, er sei der Vorläufer, mit
-dessen Auftreten der Zeiger der Weltuhr sich der verhängnisvollen
-Stunde nähert, auf den sich das Wort »von dem, der den Weg bereitet«
-bezieht und von dem die Schriftgelehrten sagen, »dass er zuerst kommen
-muss« (Mk 9 _-11-_).
-
-Johannes nämlich war mit seiner Anfrage in der messianischen
-Zeitrechnung zurück. Seine Abgesandten erkundigen sich nach dem
-Vorläufer in dem Augenblick, wo Jesu Zuversicht, dass das Reich
-unmittelbar hereinbrechen wird, aufs höchste gestiegen ist. Er hat
-ja seine Jünger ausgeschickt und ihnen in Aussicht gestellt, dass
-die Erscheinung des Menschensohnes sie auf dem Weg durch die Städte
-Israels überraschen könne. Die Stunde ist schon viel weiter vorgerückt
--- das will Jesus dem Volk in der »Würdigungsrede über den Täufer« zu
-verstehen geben, wenn sie es begreifen können.
-
-Zu seinem Urteil über Jesus war Johannes auf demselben Wege gekommen,
-wie das Volk. Als er nämlich _=von den Zeichen und Thaten Jesu hört=_
-(Mt 11 _-2-_), da steigt ihm der Gedanke auf, ob dieser nicht etwa mehr
-wäre, als ein Busse predigender Prophet. So schickte er zu ihm hin, um
-darüber Gewissheit zu haben.
-
-Damit rückt aber die Verkündigung des Täufers in ein ganz anderes
-Licht. Er hat nie auf den kommenden Messias, _=sondern auf den
-erwarteten Vorläufer hingewiesen=_. So erklärt sich die Verkündigung
-»von dem, der nach ihm kommen wird« (Mk 1 _-7-_ u. _-8-_). Auf den
-Messias angewandt, bleiben die von ihm gebrauchten Ausdrücke dunkel.
-Sie statuieren nämlich nur einen Gradunterschied, nicht eine totale
-Differenz zwischen ihm und dem Angekündigten. Wenn er vom Messias
-redete, wären diese Ausdrücke, in welchen er den Kommenden, trotz des
-gewaltigen Rangunterschieds, immer noch mit sich selbst vergleicht,
-unmöglich. Er denkt sich den Vorläufer wie ihn selbst, taufend und
-die Busse auf das Reich hin verkündigend, aber nur unverhältnismässig
-grösser und mächtiger. Statt mit Wasser wird er mit dem heiligen Geist
-taufen (Mk 1 _-8-_).
-
-Dies kann nicht auf den Messias gehen. Seit wann tauft der Messias?
-Sodann aber findet die berühmte allgemeine Geistesausgiessung nicht
-_=in=_, sondern _=vor=_ der messianischen Aera statt! Bevor der
-gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er seinen Geist ausgiessen über
-alles Fleisch, und Zeichen und Wunder werden am Himmel geschehen (Joël
-3 _-1-_ ff.). Bevor der gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er Elias,
-den Propheten, schicken (Mal 3 _-23-_). Diese beiden Hauptstellen über
-die grossen Vorereignisse der Endzeit verbindet der Täufer in Gedanken
-und kommt so zur Vorstellung _=des Vorläufers, der mit dem heiligen
-Geiste taufen wird=_! Man sieht dabei, welch übernatürliches Licht die
-Gestalt des Vorläufers in der damaligen Vorstellung umfliesst. Darum
-fühlt sich Johannes so klein vor ihm.
-
-Für die Antwort befand sich Jesus in einer schweren Lage. Indem er
-fragen liess: bist du der Vorläufer, oder bist du es nicht? hatte ihm
-der Täufer eine falsche Alternative gestellt, auf die er weder ja
-noch nein antworten konnte. Sein Messianitätsgeheimnis wollte er den
-Gesandten auch nicht anvertrauen. Er antwortet daher mit dem Hinweis
-auf die Nähe des Reiches, die sich in seinen Thaten offenbart. Zugleich
-rückt er seine eigene Persönlichkeit machtvoll in den Vordergrund. Nur
-derjenige kann selig werden, der zu ihm steht und kein Aergernis an ihm
-nimmt. Er will damit dasselbe sagen, was er auch dem Volk Mk 8 _-38-_
-vorhält: Die Zugehörigkeit zum Reich ist abhängig von dem Ausharren bei
-ihm.
-
-Die merkwürdige, ausweichende Antwort Jesu an den Täufer, in welcher
-die Exegese von jeher besondere Finessen entdecken zu müssen glaubte,
-erklärt sich also einfach aus einer Zwangslage! Er konnte nicht direkt
-antworten. Darum gab er diesen dunkeln Bescheid. Der Täufer sollte
-daraus entnehmen, was er wollte und konnte. Uebrigens hatte es ja keine
-Bedeutung, wie er ihn verstand. Die Ereignisse werden ihn lehren, denn
-die Zeit ist ja schon viel weiter vorangeschritten als er annimmt, und
-der Hammer hebt schon zum Stundenschlag aus.
-
-Es wird uns sehr schwer von dem Gedanken loszukommen, als ob der
-Täufer und Jesus zu einander als Vorläufer und Messias gestanden
-hätten. Nur durch eine angespannte Ueberlegung gelangt man zur
-Einsicht, dass bei unserer Perspektive die beiden Grössen in diesem
-Verhältnis stehen, weil wir die Messianität Jesu voraussetzen, dass
-man aber, um ihre historischen Beziehungen zu entdecken, die richtige
-Perspektive berechnen und in Anschlag bringen muss.
-
-Solange man noch irgendwie in der alten Perspektive befangen ist,
-wird man der vorliegenden Untersuchung nicht gerecht. Man meint dann
-nämlich, es handle sich um »den Vorläufer des Vorläufers« und den
-Vorläufer, also eine geistreiche Multiplizierung des Vorläufers mit
-sich selbst. Das ist falsch ausgedrückt. Ein busspredigender Prophet,
-Johannes der Täufer, weist auf die machtvolle Vorläufergestalt des
-Elias hin und, als er im Gefängnis von den Zeichen Jesu hört, frägt er
-sich, ob dieser nicht der Elias sei und ahnt nicht, dass jener sich für
-den Messias halte und er selbst deshalb in der Geschichte hinfort als
-der Vorläufer bezeichnet würde. Dies ist der geschichtliche Thatbestand.
-
-Mit dem Augenblick aber, wo die Geschichtsbetrachtung von der
-Gewissheit ausgeht, dass Jesus der Messias war, verschiebt sich der
-geschichtliche Thatbestand notwendig. Die Evangelien zeigen diese
-Verschiebung in steigendem Masse an. In dem Anfangssatz des Markus
-wird das Maleachicitat von dem bahnbereitenden Vorläufer (Mal 3 _-1-_)
-schon auf Johannes angewandt. Bei Matthäus hört der Täufer im Gefängnis
-»die Werke des Messias« (Mt 11 _-2-_). Handelt es sich hier nur um das
-unreflektierte Hereinspielen einer neuen Betrachtungsweise, so hat das
-vierte Evangelium daraus ein Prinzip gemacht und stellt die Geschichte
-konsequent unter der Voraussetzung dar, dass, weil Jesus der Messias
-war, der Täufer der Vorläufer war und sich als solcher auch fühlen
-musste. Der historische Täufer sagt: ich bin nicht der _=Vorläufer=_,
-denn dieser ist unverhältnismässig grösser und mächtiger als ich. Nach
-dem vierten Evangelium könnten die Leute mutmassen, er sei Christus. Er
-muss daher sagen: ich bin nicht _=Christus=_ (Joh 1 _-20-_)!
-
-So hat sich das Verhältnis unter der neuen Perspektive vollständig
-verschoben. Die Person des Täufers ist historisch unkenntlich
-geworden. Zuletzt hat man noch den modernen Zweifelsmann aus ihm
-gemacht, der halb an Jesu Messianität glaubt, halb nicht glaubt. In
-diesem Hangen und Bangen soll gar die Tragik seines Daseins bestehen!
-Nun darf man ihn aber mit Zuversicht aus der Reihe der uns Modernen
-so interessanten, am tragischen Halbglauben zu Grunde gehenden
-Persönlichkeiten tilgen. Jesus hat ihm das erspart. Denn so lang er
-lebte, verlangte er von niemand den Glauben an seine Messianität -- und
-war es doch!
-
-
-7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in Jerusalem.
-
-Ist der Einzug in Jerusalem eine messianische Ovation? Das hängt
-einmal davon ab, wie man die Rufe des Volkes deutet, sodann aber von
-der Auffassung der Scene zwischen Jesus und dem Blinden. Handelt es
-sich dort wirklich um die Begrüssung als Davidssohn, die er nun nicht
-mehr ablehnt, sondern stillschweigend annimmt, sodass das Volk zur
-Erkenntnis gelangt, für wen er sich halte: dann ist die Folgerung
-unabweislich, dass es eine messianische Ovation war.
-
-Für die Herausarbeitung der ursprünglichen Situation in der Schilderung
-des Einzugs sind die Detailunterschiede zwischen Markus und den
-Seitenreferenten von weittragender Bedeutung. Bei Markus haben wir zwei
-klar unterschiedene Jubelrufe. Der erste gilt der gegenwärtigen Person
-Jesu: »Hosianna, gelobt sei der »Kommen-Sollende« im Namen des Herrn«
-(Mk 11 _-9-_). Der zweite bezieht sich auf das erwartete Kommen des
-Reichs: »Gelobt sei das kommen-sollende Reich unseres Vaters David;
-Hosianna in der Höh'.« Von dem Davidssohn ist also gar nicht die Rede!
-
-Anders bei Matthäus. Dort ruft das Volk: »Hosianna dem Sohne Davids;
-gesegnet sei der Kommen-Sollende im Namen des Herrn; Hosianna in der
-Höh'« (Mt 21 _-9-_). Wir haben also hier nur den Ruf, welcher der
-Person Jesu gilt. Das Reich wird nicht erwähnt; dafür jubelt man dem
-Davidssohn und zugleich dem Kommen-Sollenden zu.
-
-Der lukanische Bericht kommt nicht in Betracht, da er mit Reminiscenzen
-aus der Vorgeschichte operiert: »Gesegnet der König, der im Namen des
-Herrn kommt. Friede im Himmel und Ehre in der Höh'« (Luk 19 _-38-_).
-
-In seiner Darstellung deutet also Matthäus den Kommen-Sollenden auf
-den Davidssohn. Direkte Beweise, dass dieser aus Psalm 118 _-25-_ ff.
-stammende Ausdruck zur Zeit Jesu auf den Messias angewandt wurde,
-besitzen wir nicht. Wohl aber hat es sich gezeigt, _=dass sowohl der
-Täufer als auch Jesus ihn auf den Vorläufer Elias anwenden=_. Also
-ist es ungeschichtlich, wenn Matthäus das Volk in einem Atem dem
-Kommen-Sollenden und dem Davidssohn zujubeln lässt.
-
-Markus hat auch hier in seinem Detail die ursprüngliche Situation
-festgehalten. Das Volk jubelt Jesus als dem »Kommen-Sollenden«, d.
-h. dem erscheinenden Vorläufer zu und singt ein »Hosianna in der
-Höh'« dem Reich, welches bald auf Erden herabkommen wird. Gerade der
-Unterschied zwischen dem _=Hosianna=_ und dem _=Hosianna in der Höh'=_
-ist bezeichnend, sofern das erste auf den gegenwärtigen Vorläufer,
-das zweite auf das himmlische Reich geht. Der sekundäre Charakter der
-matthäischen Darstellung tritt darin zu Tage, dass er dem Davidssohn
-und dem Kommen-Sollenden ein Hosianna und zugleich Hosianna in der Höh'
-gelten lässt, wobei der Messias also einmal auf Erden, das andere Mal
-noch im Himmel vorausgesetzt wird! Hier zeigt sich deutlich, dass dem
-zweiten Hosianna ursprünglich das Reich beigehört.
-
-_=Der Einzug in Jerusalem galt also nicht dem Messias, sondern dem
-Vorläufer.=_ Dann ist es aber unmöglich, dass das Volk die Scene mit
-dem Blinden dahin verstanden hat, als nähme hier Jesus die Anrede
-»Davidssohn« entgegen.
-
-Auch hier handelt es sich um synoptisches Detail, durch welches die
-Scene total verändert wird. Der Ruf über den Davidssohn ist dabei
-gefallen. Die Frage ist nur, ob ihn das Publikum als Anrede auffassen
-konnte und musste. Bei Matthäus und Lukas trifft dies zu, _=bei Markus
-ist es ausgeschlossen=_.
-
-Nach der matthäischen Scenerie sitzen zwei Blinde am Wege und rufen:
-erbarme dich unser, Sohn Davids (Mt 20 _-30-_).
-
-Bei Lukas lautet der Ruf: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich meiner
-(Luk 18 _-38-_). Darauf bleibt Jesus vor ihm stehen, redet ihn an und
-heilt ihn.
-
-Bei Markus sitzt der blinde Bettler, Sohn des Timäus, hinter der
-Menge am Wege. _=Jesus sieht ihn nicht, er kann ihn nicht anreden,
-sondern er hört nur eine Stimme, die mitten aus dem Gewühl vom Boden
-zu ihm dringt=_, wo einer über den Davidssohn um Hülfe ruft. Er bleibt
-stehen und schickt, man _=solle ihn holen=_! Man geht der Stimme nach
-und findet ihn am Boden sitzend. Steh' auf, er ruft dich! sagen sie
-zu ihm. Er wirft sein Kleid ab, springt auf und drängt sich durch die
-Menge zu ihm. Als Jesus ihn so auf sich zukommen sieht, kann er gar
-nicht wissen, dass dieser Mann blind ist! Er muss ihn also _=fragen=_,
-was ihm fehlt. Die Distanz, der Aufenthalt, das Schicken nach ihm, das
-behende Herbeikommen: alles dies ist bei Matthäus ausgefallen. Er hat
-die Situation vereinfacht: Jesus stösst auf die beiden am Weg und redet
-sogleich mit ihnen. Nur hat er aus dem ursprünglichen Sachverhalt die
-Frage, wo es denn fehle, beibehalten, die zwar bei Markus thatsächlich
-nötig ist, bei ihm aber ganz unbegreiflich bleibt, da Jesus sehen muss,
-dass er es mit zwei Blinden zu thun hat!
-
-Lag aber eine solche Distanz zwischen Jesus und dem Blinden, so konnte
-niemand auf den Gedanken kommen, er beziehe den monotonen Ruf über den
-Davidssohn als Anrede auf sich! Es war eben nur ein lästiger _=Ruf=_,
-den die Umstehenden ihm vergebens zu verwehren suchten. Man legte ihm
-so wenig Bedeutung bei, als den Dämonenrufen -- wenn man ihn überhaupt
-verstand.
-
-Die _=Anrede=_ des Bettlers lautet ganz anders und zeigt, dass er
-ebensowenig wie das Volk Jesum für den Messias hält: »_=Rabbi=_, dass
-ich sehend werde.« Er war für ihn also der Rabbi aus Nazareth.
-
-Hält man sich diese Situation vor, so ersieht man, dass die Umstehenden
-in keiner Weise auf den Gedanken kommen konnten, Jesus nehme hier
-messianische Huldigungen entgegen. Es war aber das erste Zeichen, das
-er wieder that, seitdem er aus der Einsamkeit herausgetreten war. Damit
-legitimiert er sich vor der Festkarawane als der Vorläufer, für den ihn
-die Anhänger in Galiläa hielten, ehe er sich plötzlich in die Stille
-nach dem Norden zurückzog. Nun bricht der Jubel los und sie bereiten
-ihm als dem Vorläufer die Ovation beim Einzug.
-
-Bei dem Nachweis über den eigentlichen Charakter dieses Ereignisses
-handelt es sich um ein anscheinend geringfügiges Detail, dem nicht
-jedermann geneigt sein möchte, die erforderliche Bedeutung beizulegen.
-Demgegenüber ist an folgendes zu erinnern:
-
-1. In der Darstellung, welche die Messianität Jesu voraussetzte, musste
-sich wie von selbst die Sache im Detail dahin verschieben, dass es sich
-um einen messianischen Einzug handelt. Dies ist bei Matthäus der Fall.
-Bewusste Absicht des Schriftstellers liegt nicht vor.
-
-2. Die Schilderung des Markus zeigt eine solche Ursprünglichkeit den
-Seitenreferenten gegenüber (man denke an die Taufgeschichte und an den
-Bericht des letzten Mahles), dass man nicht leicht der Eigentümlichkeit
-seiner Notizen ein zu grosses Gewicht beilegen kann, besonders wenn
-sich daraus eine so anschauliche Situation ergibt, wie es hier der Fall
-ist.
-
-3. Mit der Behauptung, der Beweis sei nicht erbracht, dass es sich um
-eine Ovation an den Vorläufer handle, ist nichts gethan. Dann gilt es
-nämlich darzuthun, wie unter der Voraussetzung, dass sie wirklich dem
-Messias galt, die Verhandlungen in den jerusalemitischen Tagen gar
-nicht auf eine vorausgesetzte messianische Anmassung reflektieren und
-die gedungenen Ankläger sich nicht auf solche Anmassungen berufen. Was
-hätte der römische Befehlshaber gethan, wenn einer unter den Hochrufen
-des Volks als Davidssohn in die Stadt eingezogen wäre?
-
-4. Die historische Erkenntnis wird uns hier besonders schwer, weil
-wir immer meinen, die Zeichen und Wunder bekräftigten für die
-Zeitgenossen die Messianität Jesu. Damit stehen wir auf dem Standpunkt
-der johanneischen Geschichtsdarstellung. In der Vorstellung der
-Zeitgenossen Jesu braucht aber der Messias keine Zeichen, sondern er
-wird offenbar in seiner Macht! Die Zeichen hingegen gehen auf die Zeit
-des Vorläufers!
-
-5. Auch unsere Uebersetzung wirkt beeinträchtigend. Der [Greek:
-erchomenos] bezeichnet in allen Stellen eine für jene Zeit scharf
-ausgeprägte Persönlichkeit. Man muss daher überall dieses Wort
-dementsprechend übersetzen und es nicht einmal als Substantiv, ein
-andermal (in der Einzugsgeschichte) wieder als Verbalform übersetzen,
-wie es gerade am bequemsten ist. »Kommen-Sollender« ist der Vorläufer,
-weil er vor dem messianischen Gericht im Namen Gottes kommen soll, um
-alles in Ordnung zu bringen.
-
-Es bleibt also dabei: _=Bis zu dem Bekenntnis vor dem hohen Rat galt
-Jesus öffentlich für den Vorläufer, wofür er schon in Galiläa gehalten
-worden war.=_
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-Nach der Aussendung. Litterarische und historische Probleme.
-
-
-1. Die Seereise nach der Aussendung.
-
-Es ist sehr schwer, sich nach den synoptischen Berichten ein klares
-Bild von den Ereignissen zu machen, welche auf die Aussendung folgten.
-Wann sind die Jünger zurückgekehrt? Wo hat sich Jesus während ihrer
-Abwesenheit aufgehalten? Welcher Art waren die Erfolge der Jünger?
-Welches waren die Ereignisse zwischen ihrer Rückkehr und dem Aufbruch
-nach dem Norden? Wird durch diese Ereignisse motiviert, warum Jesus
-sich mit ihnen in die Einsamkeit zurückzieht?
-
-Auf diese Fragen geben die Berichte keine Antwort. Dazu kommt noch ein
-rein litterarisches Problem. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen
-Scenen ist hier merkwürdig zerrissen. Fast scheint es, als ob der
-Faden der Geschichtserzählung hier abbräche. Erst vom Augenblick des
-Aufbruchs zur Reise nach Jerusalem an stehen die Scenen wieder in einem
-natürlichen und klaren Zusammenhang.
-
-Zunächst handelt es sich um zwei offenbare Doubletten: die
-Speisungsberichte mit nachfolgender Seefahrt (Mk 6 _-31-56-_ =
-Mk 8 _-1-22-_). Beidemale wird Jesus auf einer Reise längs des
-Sees von der Volksmenge beim Anlegen ans Land in einsamer Gegend
-eingeholt. Dann kehrt er in die galiläischen Orte auf dem Westufer
-zurück. Hier, in seinem gewohnten Wirkungskreis, trifft er mit den
-pharisäischen Sendlingen aus Jerusalem zusammen. Sie stellen ihn zur
-Rede. In der Erzählungsreihe der ersten Speisungsgeschichte handelt
-es sich um das Händewaschen (Mk 7 _-1-23-_), in der der zweiten
-um die Zeichenforderung (Mk 8 _-11-13-_). Im Gefolge der ersten
-Erzählungsreihe steht der Aufbruch nach Norden, wo er in der Gegend von
-Tyrus und Sidon mit der Kanaanitin zusammentrifft (Mk 7 _-24-30-_). In
-der zweiten folgt auf das Zusammentreffen mit den Pharisäern die Reise
-nach Cäsarea Philippi (Mk 8 _-27-_).
-
-Wir haben hier also zwei selbständige Darstellungen derselben Epoche
-im Leben Jesu. Dem Plane nach decken sie sich vollständig; nur
-differieren sie in der Auswahl der berichteten Ereignisse. Diese beiden
-Erzählungsreihen sind wie prädestiniert miteinander verbunden, statt
-einander gleichgesetzt zu werden. Jede erzählte Nordreise beginnt und
-endigt nämlich mit einem Aufenthalt in Galiläa. Mk 7 _-31-_: Nachdem
-er weggegangen aus dem Gebiet von Tyrus, ging er über Sidon an den
-galiläischen See; Mk 9 _-30-_ u. _-33-_: Und sie gingen weg von da
-(gemeint ist Cäsarea Philippi) und wandelten durch Galiläa hin und sie
-kamen nach Kapernaum. Man ist also an dem Ende einer Erzählungsreihe
-wieder an dem Ausgangspunkt der andern. Verbindet man daher die eine
-Rückkehr aus dem Norden mit dem Anfang der andern Erzählungsreihe, so
-hat man äusserlich betrachtet eine ganz natürliche Fortsetzung, nur
-dass Jesus jetzt unbegreiflicherweise gleich wieder nach dem Norden
-muss, statt dass die Rückkehr nach Galiläa ein Teil der Jerusalemreise
-ist! Diese schliesst sich in dieser Anordnung dann erst an die zweite
-Rückkehr an.
-
-In dieser rückläufigen Bewegung der beiden Erzählungsreihen liegt
-es begründet, dass sie, obwohl Parallélcyklen, sich doch in einer
-Folge aneinanderschliessen. Der jetzige Text zeigt ihre vollständige
-Harmonisierung. Nicht nur dass die zweite Speisungsgeschichte auf die
-erste durch »wiederum« (Mk 8 _-1-_) Rücksicht nimmt: der Ausgleich ist
-sogar soweit vorangeschritten, dass Jesus in einem Wort an die Jünger
-beide voraussetzt (Mk 8 _-19-21-_)! Wie weit sich dieser Prozess schon
-in der mündlichen Ueberlieferung vollzogen hatte und was auf das Konto
-der endgültigen litterarischen Zusammenfügung kommt, das lässt sich
-nicht mehr ausmachen.
-
-Nur der erste Cyklus ist vollständig. Jesus fährt mit den Jüngern
-nordöstlich der Küste entlang und kehrt dann wieder nach der Landschaft
-Genezareth zurück (Mc 6 _-32 45 53-_). Der zweite ist unvollständig und
-etwas in Unordnung geraten.
-
-Jesus ist von der Seereise zum Westufer zurückgekehrt. Mk 8 _-10-_
-ff. entspricht Mk 6 _-53-_ ff. u. 7 _-1-_ ff.; Dalmanutha liegt auf
-dem Westufer. Statt dass er aber nun direkt nach Norden aufbricht,
-folgt zuerst wieder eine Fahrt nach dem Ostufer (Mk 8 _-13-_). Erst
-von Bethsaida zieht er dann mit ihnen nach Norden (Mk 8 _-27-_ ff.).
-Der erste Cyklus hingegen erzählt _=diese Seefahrt nach Bethsaida
-als Episode der grossen Uferreise in unmittelbarer Folge auf die
-Speisungsgeschichte=_ (Mk 6 _-45-_ ff.). Nun zeigt aber auch die zweite
-Erzählungsreihe, dass dies der ursprüngliche Zusammenhang war, denn
-auch hier, wie in der ersten, bezieht sich das Gespräch beim Landen auf
-die vorhergegangene Speisung. Mk 6 _-52-_: »Denn sie waren nicht zur
-Einsicht gekommen über den Broten, sondern ihr Herz war verstockt«. Mk
-8 _-19-21-_: »Da ich die fünf Brote gebrochen habe -- da ich die sieben
-gebrochen habe -- versteht ihr noch nicht?« Es ist also unmöglich, dass
-zwischen dieser Fahrt und der Speisung alle Auftritte, die sich auf
-dem Westufer abgespielt haben, dazwischen liegen. Das Denken aller ist
-ja noch von dem grossen Ereignis beherrscht. _=Die neue Seereise des
-zweiten Cyklus ist nichts anderes als die ursprüngliche Fortsetzung der
-Fahrt von dem Platz der Speisung nach Bethsaida.=_
-
-Damit ist der Parallelismus der beiden Erzählungsreihen erwiesen.
-Die Ereignisse verlaufen in der Folge: Uferfahrt vom Westufer aus,
-Speisung, Weiterfahrt nach dem Nordosten, »Meerwandeln« resp. Gespräch
-im Boot, Ankunft in Bethsaida, Rückkehr nach der Landschaft Genezareth,
-Diskussion mit den Pharisäern, Aufbruch mit den Jüngern nach dem Norden.
-
-
-2. Das Abendmahl am See Genezareth.
-
-Die Predigt der Jünger von der unmittelbaren Nähe des Reiches muss
-einen grossen Erfolg gehabt haben. Eine gewaltige Menge von solchen,
-die der Kunde glauben, scharen sich um Jesus. Er hat eine von der
-hochgradigsten eschatologischen Erwartung beseelte Gemeinde um sich.
-Sie lassen ihn nicht los. Um mit den Jüngern allein zu sein, besteigt
-er ein Schiff. Er gedenkt sich nach dem Nordostufer zurückzuziehen.
-Die Menge aber, als sie erfährt, dass er sich entfernen will, strömt
-allerorts zusammen und folgt am Strande. Mk 6 _-32-_ u. _-33-_: »Es war
-eine Menge Leute da, die kamen und gingen; und sie hatten nicht einmal
-Zeit zu essen. Und sie gingen zu Schiff hin beiseits an einen einsamen
-Ort; und viele sahen sie hingehen und erkannten sie. Und sie liefen von
-allen Städten aus zu Fuss dahin zusammen und kamen ihnen zuvor«.
-
-Sie treffen ihn in einsamer Gegend und umringen ihn alsbald. Die Stunde
-der Mahlzeit kommt. In den Berichten von der wunderbaren Speisung ist
-uns das Mahl, das sie feierten, erhalten. _=Es handelte sich um ein
-feierliches Kultmahl!=_ Nach weihevollem Dankgebet lässt Jesus durch
-seine Jünger das von ihm gebrochene Brot unter die Menge verteilen.
-Mit Ausnahme der beiden Gleichnisse haben wir absolut denselben
-feierlichen Vorgang wie beim Abendmahl. Er teilt persönlich Speise
-unter die Tischgenossenschaft aus. Die Schilderung der Brotausteilung
-hier entspricht vollständig dem ersten Abendmahlsakt. Mk 6 _-41-_: Er
-nahm die Brote, segnete sie, zum Himmel aufblickend, brach sie und gab
-sie den Jüngern, sie ihnen vorzusetzen. Mk 14 _-22-_: Er nahm das Brot,
-segnete und brach es und gab es ihnen.
-
-_=In der feierlichen Austeilungshandlung=_ liegt also das Wesen
-sowohl jener Mahlzeit am Strand als auch des letzten Mahls mit den
-Jüngern begründet. Der Name Abendmahl geht auf beide, denn auch jenes
-Mahl am See fand in der Abendstunde statt. Mk 6 _-35-_: Und wie es
-schon spät wurde, traten seine Jünger zu ihm etc. Hier setzt sich die
-Mahlgemeinschaft aus der grossen Menge der Reichsgläubigen zusammen,
-beim letzten Mahl ist sie auf den Jüngerkreis beschränkt. _=Die Feier
-aber war dieselbe.=_
-
-Hier ist sie nun in einen Wunderbericht verzerrt, weil das Kultmahl,
-das Jesus am See improvisiert, als ein Sättigungsmahl aufgefasst wird.
-Dass er den geringen Vorrat, der zu Händen war, die für ihn und seine
-Jünger bestimmte Speise der Menge feierlich austeilte, ist historisch.
-Dass dieses Mahl ihnen die abendliche Mahlzeit ersetzte, trifft
-ebenfalls zu. Dass die Menge davon aber durch einen übernatürlichen
-Vorgang _=satt wurde=_, das gehört zum Wundercharakter, welchen die
-spätere Zeit der Feier beilegte, weil man sich ihre Bedeutung nicht
-zurechtlegen konnte.
-
-Der historische Vorgang ist also folgender: Die Jünger verlangen,
-Jesus solle das Volk entlassen, damit sie sich sättigen. Für ihn aber
-ist es nicht der Augenblick, an irdische Mahlzeit zu denken und dafür
-auseinanderzugehen, denn die Stunde ist nahe, wo sie alle um ihn zum
-messianischen Mahl versammelt sein werden. Darum will er nicht, dass
-sie jetzt gehen, sondern, ehe er sie entlässt, heisst er sie sich
-lagern. An die Stelle der Sättigungsmahlzeit setzt er ein feierliches
-Kultmahl, bei dem die irdische Sättigung keine Rolle spielt, sodass die
-für ihn und seine Jünger bestimmte Speise ausreicht.
-
-Weder die Jünger noch die Menge verstehen, was vorgeht. Als Jesus
-nachher im Schiff die Rede auf die Bedeutung der Mahlzeit bringt --
-dies allein kann der historische Sinn der dunkeln Notizen Mk 6 _-52-_
-und Mk 8 _-14-21-_ sein -- zeigt sich, dass sie nichts begriffen haben.
-
-Er hielt also ein Kultmahl ab, dessen Sinn ihm allein klar war. Er
-achtete es nicht für nötig, ihnen das Wesen der Feier zu erklären.
-Die Erinnerung aber an jene geheimnisvolle Abendmahlzeit am einsamen
-Seestrand lebte in der Ueberlieferung lebendig weiter und wuchs zum
-Bericht der wunderbaren Speisung aus.
-
-Worin bestand für Jesus der feierliche Charakter der Austeilung?
-Die Mahlgemeinschaft trägt eschatologischen Charakter. Das Volk, das
-sich am See um ihn gesammelt, erwartet mit ihm das Anbrechen des
-Reiches. Indem er nun an die Stelle der gewöhnlichen Sättigungsmahlzeit
-ein Kultmahl setzt, wo er unter Danksagung zu Gott ihnen Speise
-austeilt, da handelt er aus seinem messianischen Selbstbewusstsein
-heraus. _=Als derjenige, welcher sich Messias weiss und bei dem
-unmittelbar bevorstehenden Einbrechen des Reiches ihnen als solcher
-geoffenbart werden wird, teilt er denjenigen, welche er demnächst beim
-messianischen Mahl um sich erwartet, feierlich Speise aus, als wollte
-er ihnen damit ein Anrecht auf Teilnahme an jener zukünftigen Feier
-geben.=_ Die Zeit der irdischen Mahlzeiten ist vorbei; darum hält er
-mit ihnen die Vorfeier des messianischen Mahles. Sie aber verstanden es
-nicht, denn sie konnten nicht ahnen, dass derjenige, welcher ihnen so
-weihevoll Speise in Danksagung austeilte, sich als Messias wusste und
-als solcher handelte.
-
-In diesem Zusammenhang fällt nun ein Licht auf das Wesen des Abendmahls
-zu Jerusalem. Dort repräsentieren die Jünger die reichsgläubige
-Gemeinschaft. Jesus teilt ihnen im Verlauf jener letzten Mahlzeit
-unter Danksagungswort Speise und Trank aus. Nun wissen sie aber, was
-er von sich hält. Er hat ihnen sein messianisches Geheimnis enthüllt.
-Sie können daraus die Beziehung seiner Austeilung auf das messianische
-Mahl ahnen. Er selbst gibt seinem Handeln diese Bedeutung, indem er
-die Feier mit dem Hinweis auf die demnächstige Wiedervereinigung
-beschliesst, wo er mit ihnen den Wein neu trinken wird in seines Vaters
-Reich!
-
-Das Abendmahl am See und das Abendmahl zu Jerusalem entsprechen
-sich also vollkommen, nur dass Jesus bei letzterem den Jüngern das
-Wesen der Feier andeutet und zugleich in den beiden Gleichnissen
-den Leidensgedanken zum Ausdruck bringt. Das Kultmahl war dasselbe:
-eine Vorfeier des messianischen Mahles im Kreise der reichsgläubigen
-Genossenschaft. _=Jetzt versteht man erst, wie das Wesen des Abendmahls
-von den Gleichnissen unabhängig sein kann.=_
-
-
-3. Die Woche zu Bethsaida.
-
-Während der Feier war Jesus tief ergriffen. Darum drängte er zum
-Aufbruch und entliess das Volk. Er selbst zog sich auf einen Berg
-zurück, um im Gebet allein zu sein. Am Strande zu Bethsaida, wohin er
-ihnen zu rudern befohlen hatte, traf er die Seinen wieder. Im Kampf
-mit Sturm und Wellen wähnten sie eine überirdische Erscheinung auf sie
-zukommen zu sehen, als sie seine Gestalt am Strande erblickten. So sehr
-standen sie noch unter dem Eindruck der gewaltigen Persönlichkeit,
-welche voll geheimnisvoller Hoheit der Menge feierlich Speise
-ausgeteilt und dann die Feier plötzlich abgebrochen hatte (Mk 6
-_-45-52-_).
-
-Wohin hatte er die Menge entlassen? Was thaten sie in Bethsaida? Wie
-lang blieben sie dort? Unser Text berichtet nur, dass sie wieder nach
-Genezareth zurückkehrten.
-
-Nun bietet aber die synoptische Geschichtserzählung für die Zeit vor
-dem Aufbruch nach Jerusalem (Mk 9 _-30-_) ein schweres litterarisches
-Problem. Mk 8 _-27-33-_ befindet sich Jesus allein mit seinen Jüngern
-hoch im Norden auf heidnischem Gebiet; von dort bricht er auch 9 _-30-_
-ff. zum raschen Zug durch Galiläa nach Jerusalem auf. »Sie zogen von
-dort weg und nahmen ihren Weg durch Galiläa; er wollte aber nicht, dass
-jemand davon wusste.« Zwischen die Messianitätserklärung und diesen
-Aufbruch fällt nun eine Scene (Mk 8 _-34-_-9 _-29-_), wo er von einer
-grossen Volksmenge umgeben erscheint. Er verlässt sie mit den Intimen,
-um nachher wieder zu ihr zurückzukehren. Nirgends wird berichtet,
-wie dieses Volk plötzlich auf heidnischem Land sich zu ihm findet.
-Ebensowenig erfahren wir, wie es ihn wieder verlässt, dass er Mk 9
-_-30-_ ff. allein mit den Jüngern und unerkannt durch Galiläa ziehen
-kann.
-
-Aber nicht nur die Volksmenge kommt unerwartet, sondern die ganze
-Scenerie verändert sich. Man befindet sich in bekannter Gegend, denn
-Jesus geht mit den Jüngern »ins Haus«, während das Volk draussen bleibt
-(Mk 9 _-28-_)!
-
-Der litterarische Zusammenhang, in dem das Stück steht, ist absolut
-unmöglich, denn es kann nicht auf _=heidnischem Boden=_, sondern nur
-in _=Galiläa=_ spielen! Da aber Jesus nachher Galiläa nur im Fluge und
-incognito berührt, so gehört es in die galiläische Periode _=vor den
-Aufbruch nach dem Norden und zwar in die Zeit nach der Rückkehr der
-Jünger=_, da er dort von einer ständigen Volksmenge umgeben ist und
-dabei mit den Jüngern die Einsamkeit aufsucht!
-
-Die Situation lässt sich aber mit Sicherheit noch genauer bestimmen.
-Jesus wohnt in einer Ortschaft (Mk 9 _-28-_), in deren Nähe ein Berg
-sich befindet, zu dem er sich mit den Intimen begibt (Mk 9 _-2-_).
-Dies passt aber alles mit absoluter Sicherheit auf den Aufenthalt _=in
-Bethsaida=_. Der Berg, den er mit den drei Intimen aufsucht, ist _=der
-Berg am Nordstrand des Sees, auf dem er gebetet in der Nacht, da er
-nach Bethsaida kam=_!
-
-Das Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_ gehört also in die Tage von Bethsaida!
-Es ist nicht mehr auszumachen, durch welchen Prozess es in den
-vorliegenden, unmöglichen litterarischen Zusammenhang geriet. Von
-Einfluss auf diese Einreihung wird gewesen sein, dass sich an die
-Leidensweissagung in Cäsarea Philippi (Mk 8 _-31-33-_) am natürlichsten
-das eindringliche Wort von der Leidensnachfolge der Anhänger
-anzuschliessen schien (Mk 8 _-34-_-9 _-1-_).
-
-Zudem hatte die Umbildung des Berichts von dem Zusammentreffen Jesu
-mit seinen landenden Jüngern in eine Wundererzählung den natürlichen
-Anschluss des Berichts von dem am folgenden Morgen eintretenden
-Ereignisse erschwert. Und doch setzt Mk 8 _-34-_ ff. die Massnahmen
-des vorhergehenden Abends voraus (Mk 6 _-45-47-_). Jesus hat das Volk
-entlassen, sich selbst in die Einsamkeit zurückgezogen und ist mit
-den Jüngern im Dunkel der Nacht in Bethsaida eingetroffen, wo sie im
-Hause (Mk 9 _-28-_) Herberge haben. Am andern Tage ruft er das Volk
-mit den Jüngern um sich (Mk 8 _-34-_) und redet zu ihnen von der
-Selbstverleugnung, die in seiner Nachfolge gewillt sein muss, Schande,
-Hohn und Spott zu erdulden, um bei ihm auszuharren. Dieses Verhalten
-wird durch die Nähe der Ankunft des Menschensohnes gerechtfertigt, der
-in Solidarität mit Jesu richten wird.
-
-Den Beschluss dieser mahnenden Rede bildet ein Wort »von dem
-Hereinbrechen des Reiches Gottes mit Macht«, d. h. der eschatologischen
-Realisierung desselben. In der jetzigen Form ist es abgeschwächt:
-einige von den Umstehenden werden den Tod nicht schmecken, bevor jener
-Augenblick eintritt. Als Abschluss dieser Rede muss es aber gelautet
-haben: Ihr, die ihr hier steht, werdet in Bälde den grossen Augenblick
-des gewaltsamen Einbruchs des Reiches Gottes erleben! So passt diese
-ernste Rede in Bethsaida zu den Erwartungen, die Jesum und die Menge um
-ihn bewegten.
-
-Sechs Tage nach jener Rede in Bethsaida nimmt er die Intimen mit
-sich und führt sie auf den Berg, wo er am Abend nach dem grossen
-gemeinschaftlichen Kultmahl in der Einsamkeit gebetet. Bei ihrer
-Rückkehr finden sie die andern Jünger vom Volk umgeben; trotz der von
-ihnen auf ihrem Wanderzug durch die Ortschaften Israels bewiesenen
-Vollmacht über die Dämonen werden sie nicht Herr über einen Besessenen,
-der ihnen zugeführt worden. Jesus geht mit dem Vater und dem Besessenen
-abseits; in dem Augenblick, wo das Volk herbeiläuft (Mk 9 _-25-27-_),
-beginnt die Krisis, nach der Jesus den wie tot daliegenden Knaben bei
-der Hand fasst und aufrichtet.
-
-So enthält dieses merkwürdige eingeschobene Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_
-einen anschaulichen Bericht über den ersten und letzten Tag der Woche,
-die er damals zwischen der Rückkehr der Jünger und dem Aufbruch nach
-dem Norden in Bethsaida verbrachte.
-
-Erst jetzt wird ganz klar, wie unhistorisch die Ansicht ist, dass Jesus
-Galiläa infolge des wachsenden Widerstandes und des zunehmenden Abfalls
-verlassen habe. Im Gegenteil: es ist die Zeit der höchsten Triumphe.
-Eine reichsgläubige Volksmenge hängt ihm an und verfolgt ihn überall.
-Kaum landet er am Westufer, so sind sie schon wieder da. Ihre Zahl ist
-noch gewachsen und wächst immer fort (Mk 6 _-53-56-_). Dass sie ihn
-verlassen, dass sie auch nur die geringste Regung des Zweifels oder
-Abfalls gezeigt haben: davon wissen die Texte nichts. _=Nicht das Volk
-verlässt ihn, sondern er verlässt das Volk.=_
-
-Das thut er nicht aus Angst vor den jerusalemitischen Sendlingen,
-sondern er führt nur aus, was er schon seit der Rückkehr der Jünger
-im Sinne hatte. Er will allein sein. Das Volk hatte diese Absicht
-vereitelt, indem es ihm bei der Seefahrt am Ufer folgte. Auf das
-Westufer zurückgekehrt, sieht er sich wieder umgeben. Weil er das
-Alleinsein mit den Jüngern für absolut notwendig hält und weil es ihm
-in Galiläa nicht gelingt, deswegen verschwindet er plötzlich und begibt
-sich auf heidnisches Gebiet. _=Die Nordreise ist keine Flucht, sondern
-sie verfolgt denselben Zweck wie die Seereise.=_
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-Das Messianitätsgeheimnis.
-
-
-1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi.
-
-Nach Cäsarea Philippi ist die Verklärungsscene bedeutungslos und
-unverständlich. Die drei Intimen erfahren nicht mehr über Jesus, als
-was Petrus schon bekannt und Jesus daraufhin bestätigt hat. So ist die
-ganze Perikope nichts als eine angehängte Apotheose mit einem dunkeln
-Gespräch, der keine geschichtliche Bedeutung zukommt.
-
-Spielt die Scene aber, wie oben litterarisch nachgewiesen ist, in den
-Wochen nach der Aussendung, _=vor Cäsarea Philippi=_, nicht auf dem
-Berg der Legende, _=sondern auf dem Berg in der Einsamkeit des Seeufers
-bei Bethsaida=_, dann ist mit einem Schlage aus der bedeutungslosen
-Anhangsapotheose zur Offenbarung des Messiasgeheimnisses ein
-galiläisches Ereignis von weittragender historischer Bedeutung
-geworden, _=das die Scene zu Cäsarea Philippi erklärt, nicht
-umgekehrt=_! Was wir die Verklärung Jesu nennen, ist in Wirklichkeit
-nichts anderes als _=die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an die
-drei Intimen=_! Einige Wochen später folgt dann die Eröffnung an die
-Zwölfe.
-
-Diese Offenbarung an die Intimen ist uns als Wundergeschichte
-überliefert. Sie hat dieselbe Umbildung erfahren, wie alle Ereignisse
-auf jener Fahrt längs des Nordstrandes. Wie die Speisungsgeschichte und
-die Begegnung Jesu mit seinen Jüngern im Abenddunkel, so steht auch die
-Scene auf dem Berg unter dem Eindruck der intensivsten eschatologischen
-Erregtheit. Darum ist der historische Vorgang im einzelnen nicht
-mehr klar. Elias und Moses, die Persönlichkeiten, welche die Endzeit
-ankündigen, erscheinen ihnen. Inwiefern haben dabei ekstatische
-Zustände, verbunden mit Glossolalie, mitgespielt? Die jetzige
-Schilderung lässt auf derartiges schliessen (Mk 9 _-2-6-_). Inwiefern
-wiederholt sich in der Stimme aus den Wolken das Erlebnis Jesu bei der
-Taufe Jesu? Mk 9 _-7-_: »Dies ist mein lieber Sohn, auf ihn höret.«
-
-Zwischen der Taufe und der Verklärung besteht ein innerer Zusammenhang.
-Beidemal handelt es sich um einen Zustand der Verzückung, in dem
-das Geheimnis der Persönlichkeit Jesu offenbar wird. Das erste Mal
-war es für ihn allein. Hier nehmen auch die Jünger daran teil. Wie
-weit sie selbst hingerissen waren, ist nicht klar. Fest steht, dass
-in einem Zustand der Betäubung, aus dem sie erst am Ende der Scene
-erwachen (Mk 9 _-8-_), die Gestalt Jesu ihnen von überirdischem Glanz
-und Herrlichkeit umstrahlt erscheint und sie eine Stimme hören, er
-sei Gottes Sohn. Der Vorgang erklärt sich nur aus der gewaltigen
-eschatologischen Aufregung.
-
-Es ist merkwürdig, dass die Offenbarwerdung des Messiasgeheimnisses
-_=immer=_ an derartige Zustände geknüpft erscheint. Bei der
-Pfingstrede, wo Petrus die Messianität Jesu öffentlich verkündigt,
-handelt es sich auch um Glossolalie. Freilich hatte er diesen Zustand
-schon erlebt, als ihm die Offenbarung auf dem Berg bei Bethsaida wurde.
-Auch Paulus befindet sich in Verzückung, als er die Stimme aus den
-Wolken hört.
-
-Wir haben oben dargethan, dass niemand durch Jesu Auftreten oder
-durch seine Reden jemals auf den Gedanken kommen konnte, er halte
-sich für den Messias. Die Frage dreht sich nicht darum, wie die Leute
-seine Messianität ignorieren konnten, sondern woher Petrus zu Cäsarea
-Philippi und der Hohepriester in der Gerichtsscene im Besitz des
-Geheimnisses Jesu sind.
-
-Die Verklärungsscene löst die erste Frage. Petrus weiss, dass Jesus
-»Sohn Gottes« ist aus der Offenbarung, die ihm mit den andern beiden
-Intimen auf dem Berg bei Bethsaida geworden ist. Darum antwortet er mit
-einer solchen Sicherheit auf die gestellte Frage (Mk 8 _-29-_). Der
-matthäische Text fügt sogar noch ein Wort bei, in dem Jesus auf das
-Erlebnis, wo ihm diese Erkenntnis zu teil geworden, anspielt. Mt 16
-_-17-_: Selig bist du Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat es
-dir nicht geoffenbart, sondern der Vater im Himmel.
-
-Aber auch die auf die Antwort des Petrus folgende Scene zeigt, dass es
-sich um ein beiden gemeinsames Geheimnis handelt. Auf die Eröffnung
-Jesu, dass er in Jerusalem sterben müsse, fährt Petrus heftig und
-rücksichtslos auf ihn ein, nimmt ihn zur Seite und redet mit ihm
-in aufgeregter Weise. _=Als Jesus sieht, dass die übrigen Jünger
-aufmerksam werden=_, reisst er sich mit einem harten Wort von ihm los,
-indem er ihn den Versucher nennt, der nicht Gottes Dinge, sondern
-Menschendinge sinne (Mk 8 _-32 u. 33-_).
-
-Warum die Aufregung des Petrus über die Eröffnung Jesu von der
-Todesreise nach Jerusalem? Weil sie neu hinzukommt zu dem, was ihm
-aus jener Scene auf dem Berg bei Bethsaida bekannt ist. Nun darf
-er aber davon vor den andern Jüngern nicht reden, weil Jesus den
-Intimen verboten hatte, jenes Ereignis zu erwähnen. Darum nimmt er
-ihn bei Seite. Jesus aber kann, da die andern aufmerksam werden, sich
-mit ihm nicht darüber auseinandersetzen, sondern er gebietet ihm
-leidenschaftlich erregt Schweigen.
-
-Nur der Zusammenhang mit der Verklärungsscene erklärt die
-charakteristischen Züge des Ereignisses zu Cäsarea Philippi. Die
-allgemein im Gebrauch befindlichen psychologischen Noterwägungen über
-die schnelle Auffassungskraft des Petrus und sein lebhaftes Temperament
-können nicht im geringsten erklären, warum er allein mit solcher
-Sicherheit zur Erkenntnis der Messianität Jesu gekommen, um sie alsbald
-wieder so misszuverstehen, dass er mit Jesus darob in heftiges Gerede
-kommt. Warum gehen beide mit einander abseits? Warum belehrt ihn Jesus
-nicht, sondern lässt ihn mit hartem Scheltwort stehen?
-
-An sich ist also die ganze Scene zu Cäsarea Philippi ein Rätsel.
-Nimmt man aber an, dass die Verklärungsscene vorausgegangen ist,
-so löst sich das Rätsel und die Scene wird bis ins kleinste Detail
-verständlich. _=Der Offenbarung an die Zwölf ging die Kundgebung des
-Messiasgeheimnisses an die Intimen voraus.=_
-
-
-2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu.
-
-Die Offenbarung des Messiasgeheimnisses änderte vorläufig nichts
-in dem Verhalten der Jünger zu Jesu. Sie sind nicht vor ihm in den
-Staub gesunken, als ob nun aus dem Menschen, den sie gekannt, eine
-überirdische Erscheinung geworden wäre. Nur eine gewisse Scheu legen
-sie in der Folge an den Tag. Sie wagen ihn nicht zu fragen, wenn sie
-seine Worte nicht verstehen (Mk 9 _-32-_), sondern sie gehen neben ihm
-her als solche, die wissen, dass er ein grosses Geheimnis in sich trägt.
-
-War nun Jesus vom Tag der Offenbarung seines Messiasgeheimnisses an
-für sie der Messias? _=Er war es noch nicht.=_ Man muss sich immer
-wieder erinnern, dass das Reich und der Messias unzertrennlich
-zusammengehören. Nun war das Reich noch nicht erschienen, also auch
-der Messias nicht. Die Eröffnung Jesu bezieht sich auf den Zeitpunkt
-des Anbrechens des Reichs. Wann jene Stunde schlagen wird, dann wird
-er als Messias erscheinen, dann wird seine Messianität in Herrlichkeit
-geoffenbart werden. Das war das Geheimnis, welches er den Jüngern
-feierlich bekannt gab.
-
-Jesu Messianität war ein Geheimnis nicht nur, weil er davon zu
-sprechen verboten hatte, sondern auch wegen ihrer besonderen Art,
-_=sofern sie erst in einem bestimmten Zeitpunkt real wurde=_. Es
-handelt sich um eine nur in seinem Selbstbewusstsein vollziehbare
-Vorstellung. Darum konnte und brauchte das Volk nicht darum zu wissen.
-Es genügte, dass sein Wort und seine Zeichen sie zum Glauben an die
-Nähe des Reiches bekehrten, denn mit dem Anbruch des Reiches wurde
-ihnen auch seine Messianität offenbar.
-
-Es ist fast unmöglich, das Messianitätsbewusstsein, wie es Jesus seinen
-Jüngern als Geheimnis offenbarte, in moderne Begriffe zu fassen.
-Mag man es als eine Identität zwischen ihm und dem erscheinenden
-Menschensohn beschreiben, mag man es als eine Kontinuität, die beide
-Persönlichkeiten verbindet, auffassen, oder mag man es sich als ein
-virtuelles Vorhandensein der Messianität denken: keine von diesen
-modernen Anschauungen kann das messianische Selbstbewusstsein Jesu,
-_=wie es die Jünger verstanden=_, wiedergeben.
-
-Uns fehlt nämlich das »jetzt und dann«, welches ihr Denken beherrschte
-und eine eigenartige Duplicität des Selbstbewusstseins bedingte.
-Was wir Identität, Kontinuität und virtuelle Anlage nennen, das
-ging in ihrer Vorstellung in einer für uns ganz unfassbaren Weise
-ineinander über. Jede Persönlichkeit dachte sich selbst in _=zwei
-ganz verschiedenen Zuständen=_, sofern sie sich nämlich jetzt in
-der vormessianischen und dann in der messianischen Aera wusste.
-Aussprüche, welche wir nur nach der Einheit des Selbstbewusstseins
-deuten, verstanden sie ganz von selbst nach dem ihnen geläufigen
-doppelten Selbstbewusstsein. Wenn ihnen also Jesus das Geheimnis seiner
-Messianität offenbarte, hiess das für sie nicht, er sei der Messias,
-wie wir Modernen es verstehen müssten, sondern es bedeutet für sie,
-dass ihr Herr und Meister derjenige war, _=der im messianischen Aeon
-als Messias geoffenbart werden würde=_.
-
-Auch sich selbst dachten sie in dieser Doppelheit des
-Selbstbewusstseins. Jedesmal, nachdem Jesus ihnen eröffnet, dass
-er vor Antritt seiner Herrschaft leiden müsse, machen sie sich
-Gedanken, was sie sein werden im zukünftigen Aeon. Darum folgen auf
-die Leidensweissagungen die Scenen, in denen sie sich streiten, wer
-von ihnen der grösste sein wird im Himmelreich, oder welchen die
-Ehrenplätze zu Seiten des Thrones zufallen werden. Bis dahin aber
-bleiben sie, was sie sind, und Jesus, was er ist, ihr Lehrer und
-Meister. »Meister« reden ihn die Zebedaiden Mk 10 _-35-_ an. Als Lehrer
-soll er versprechen und gewähren, was sich erfüllen wird, wenn das
-Reich und damit seine Messianität geoffenbart sein wird.
-
-In diesem Sinne ist also das Messianitätsbewusstsein Jesu futurisch.
-Weder für ihn noch für die Jünger lag darin etwas Auffälliges. Im
-Gegenteil: es entsprach ganz der jüdischen Vorstellung von _=dem
-verborgenen Werden und Wirken des Messias=_ (vgl. WEBER, System der
-altsynagogalen Theologie, 1880. S. 342-446). Jesu irdische Laufbahn
-ging seiner Messianität in Herrlichkeit voraus. Der Messias musste
-irdisch und unerkannt auftreten und wirken, er musste lehren und durch
-Thun und Leiden ein vollendeter Gerechter werden. Dann erst sollte
-die messianische Aera mit dem Gericht und der Aufrichtung des Reichs
-anbrechen. Von Norden sollte der Messias kommen. Jesu Zug von Cäsarea
-Philippi nach Jerusalem war der Lauf des unerkannten Messias zur
-Erlangung seiner Herrlichkeit.
-
-So stand er als werdender Messias mitten drin in der messianischen
-Erwartung seines Volkes. Er durfte sich ihm nicht offenbaren, denn die
-Zeit seines verborgenen Wirkens war noch nicht vorüber. Darum predigte
-er die Nähe des Reiches Gottes.
-
-Aus seinem futurischen Messianitätsbewusstsein heraus berührt er im
-Tempel die messianische Dogmatik der Schriftgelehrten, als wollte er
-sie auf das Geheimnis, das dahinter steckt, aufmerksam machen. Die
-Pharisäer sagen: der Messias ist Davids Sohn. David aber nennt ihn
-seinen Herrn. Wie kann er da noch sein Sohn sein (Mk 12 _-35-37-_)?
-
-_=Davids Sohn=_, also ihm unterstehend, ist der Messias, wenn er in
-diesem Aeon, aus irdischem Geschlecht geboren, verborgen wirkt und
-wird. _=Davids Herr=_, wenn er beim Anbruch des zukünftigen Aeons als
-Messias in Herrlichkeit geoffenbart wird. Es liegt Jesu fern, die
-messianische Dogmatik der Pharisäer anzugreifen. Sie ist richtig,
-denn die Schrift lehrt so. Nur können sie die Pharisäer selbst nicht
-erklären, da sie nicht deuten können, wie einmal der Messias Davids
-Sohn, das andere Mal Davids Herr ist.
-
-Dieser Ausspruch an das Volk im Tempel -- erst Matthäus hat daraus
-eine Vexierfrage gemacht -- steht auf derselben Stufe wie das Urteil
-über den Täufer. Wer es zu fassen vermöchte, in welcher Vollmacht jener
-taufte, dass er nämlich der Elias war, wer begreifen könnte, wie der
-Messias einmal Davids Sohn, dann wieder Davids Herr ist -- der wüsste
-auch, wer der ist, der so redet. Wer Ohren hat zu hören, der höre!
-
-
-3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der Messianität Jesu.
-
-Der Ausdruck »Davidssohn« enthält also ein Rätsel. Darum gebraucht
-ihn Jesus nie, wenn er von seiner Messianität spricht, sondern immer
-redet er von sich als dem »Menschensohn«. Diese Bezeichnung war also
-besonders geeignet, um sein Messianitätsbewusstsein wiederzugeben.
-
-Er hat es auf diesen Ausdruck abgesehen. Jede messianische Bezeichnung,
-die ihn betreffend gefallen ist, _=korrigiert und erläutert er durch
-»Menschensohn«=_.
-
-Nachdem es in der Scene auf dem Berg den Jüngern aufgegangen ist, dass
-er »Gottessohn« sei, redet er beim Abstieg zu ihnen von sich als dem
-»Menschensohn« (Mk 9 _-7-9-_).
-
-Petrus proklamiert ihn vor den andern als »den Gesalbten« (Mk 8
-_-29-_). Gleich fährt Jesus fort, sie über das Schicksal »des
-Menschensohns« (Mk 8 _-31-_) zu belehren.
-
-Bist du Christus, der Sohn des Hochgelobten? frägt ihn der Hohepriester
-(Mk 14 _-61-_). Ihr werdet sehen den »Menschensohn« sitzend zur Rechten
-der Kraft und kommend auf den Wolken des Himmels, antwortet Jesus. Das
-will heissen: Ja. In der zweiten und dritten Leidensweissagung (Mk 9
-_-30-32-_ und Mk 10 _-32-34-_) ebenso wie in dem Wort vom Dienen (Mk 10
-_-45-_) kehrt überall derselbe Ausdruck wieder.
-
-_=Die Messianitätsbezeichnung »Menschensohn«=_ ist _=futurischen
-Charakters=_. Sie bezieht sich auf den Augenblick, wo der Messias auf
-den Wolken des Himmels zum Gericht erscheinen wird. In diesem Sinne
-hatte Jesus zum Volk und zu den Jüngern vom Kommen des Menschensohnes
-von jeher geredet. Bei der Aussendung weist er die Seinen auf die
-unmittelbare Nähe des Tages des Menschensohnes hin (Mt 10 _-23-_). Dem
-Volk redet er von dem Kommen des Menschensohnes, um es zu vermahnen,
-bei ihm, Jesus, auszuhalten (Mk 8 _-38-_).
-
-Dabei sind er und der Menschensohn für die Jünger und das Volk zwei
-ganz verschiedene Persönlichkeiten. Der eine ist eine _=irdische=_, der
-andere eine _=überirdische=_ Gestalt; der eine gehört dem _=jetzigen=_,
-der andere dem _=messianischen=_ Zeitalter an. Zwischen beiden besteht
-Solidarität, indem der Menschensohn für die eintreten wird, welche zu
-Jesus, dem Verkündiger seines Kommens, gestanden sind.
-
-Von diesen Stellen muss man ausgehen, um die Bedeutung des Ausdrucks
-in Jesu Munde zu verstehen. Wer um sein Geheimnis nicht weiss, für
-den sind Jesus und der Menschensohn verschiedene Personen. Wem er
-aber sein Geheimnis offenbart hat, für den besteht ein persönlicher
-Zusammenhang zwischen beiden. Jesus ist der, welcher am messianischen
-Tag als Menschensohn erscheinen wird. _=Die Offenbarung zu Cäsarea
-Philippi besteht darin, dass Jesus seinen Jüngern offenbart, in welchem
-persönlichen Verhältnis er zum erscheinenden Menschensohn steht.=_ Als
-der, welcher Menschensohn sein wird, kann er Petri Bekenntnis, dass er
-Messias sei, bestätigen. Seine Antwort auf die Frage des Hohenpriesters
-ist in demselben Sinn bejahend. Er ist Messias: das werden sie sehen,
-wenn er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels erscheint.
-
-»Menschensohn« ist also der adäquate Ausdruck für seine Messianität,
-so lange er als Jesus von Nazareth in diesem Aeon auf seine zukünftige
-Würde zu reden kommt. Wenn er daher zu den Jüngern von sich als dem
-Menschensohn spricht, so setzt er dabei das Doppelbewusstsein voraus.
-»Der Menschensohn muss leiden und wird dann von den Toten auferstehen«:
-das will heissen: »als solcher, der Menschensohn sein wird bei der
-Totenauferstehung, muss ich leiden«. Ebenso ist das Wort vom Dienen zu
-verstehen: als solcher, der als Menschensohn zu der höchsten Herrschaft
-im messianischen Aeon berufen ist, muss ich jetzt am tiefsten mich im
-Dienen erniedrigen (Mk 10 _-45-_). So sagt er vor der Gefangennahme:
-die Stunde ist gekommen, dass der, welcher Menschensohn sein wird, in
-Sünderhände überantwortet wird (Mk 14 _-21-_ u. _-41-_).
-
-Damit ist das Menschensohnproblem klargestellt. Eine geläufige
-Selbstbezeichnung war der Ausdruck nicht, sondern eine hoheitsvolle
-Art, mit welcher er in den grossen Momenten seines Lebens zu den
-Eingeweihten von sich als dem zukünftigen Messias sprach, während er
-für die andern von dem Menschensohn als einer von ihm unterschiedenen
-Grösse redete. In allen Fällen aber zeigte der Zusammenhang an, dass
-er von einer zukünftigen Grösse redete, denn in all diesen Stellen
-wird entweder die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken des
-Himmels erwähnt. Die philologischen Bedenken treffen hier also nicht
-zu. Eingeweihte und Uneingeweihte mussten aus der Situation verstehen,
-dass er von einer bestimmten Persönlichkeit der Zukunft redete und
-nicht von dem Menschen allgemein, wenn auch der Ausdruck beidemal
-derselbe war.
-
-Ganz anders steht es mit einer Reihe von Stellen, wo der Ausdruck
-als reine, unmotivierte Selbstbezeichnung, als einfache Umschreibung
-von »Ich« vorkommt. Hier bestehen alle kritischen und philologischen
-Bedenken unbedingt zu Recht.
-
- Mt 8 _-20-_: Der Menschensohn hat nicht, da er sein Haupt
- hinlege.
-
- Mt 11 _-19-_: Der Menschensohn ist gekommen, isset und
- trinket (im Gegensatz zum Täufer).
-
- Mt 12 _-32-_: Die Lästerung wider den heiligen Geist ist noch
- schwerer als die Schmähung des Menschensohnes.
-
- Mt 12 _-40-_: Der Menschensohn wird drei Tage in der Erde
- sein, wie Jonas im Bauch des Fisches.
-
- Mt 13 _-37-_ u. _-41-_: Der Menschensohn ist der Säemann; der
- Menschensohn ist der Herr, der den Befehl zur
- Ernte gibt.
-
- Mt 16 _-13-_: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei?
-
-Hier ist der Ausdruck philologisch unmöglich. Denn wenn Jesus ihn
-so gebraucht hätte, mussten ihn die Hörer einfach vom »Menschen«
-verstehen. Nichts zeigt an, dass es sich um die künftige messianische
-Würde handelt! Hier bezeichnet er ja seinen gegenwärtigen Zustand
-damit! »Menschensohn« ist aber eine Messiasbezeichnung futurischen
-Charakters, _=da man dabei immer an das Kommen auf den Wolken denkt,
-entsprechend Dan 7 _-13-14-_=_. Zudem wissen die Jünger in allen diesen
-Stellen damals noch gar nicht um das Geheimnis Jesu. Der Menschensohn
-ist für sie noch eine von ihm ganz unterschiedene Persönlichkeit. Die
-Einheit des Subjekts ist ihnen ja noch unbekannt! Also konnten sie
-nicht verstehen, dass er hierbei von sich rede, sondern sie mussten
-alles auf den Menschensohn beziehen, von dessen Kommen er auch sonst
-sprach! Damit wären aber die Stellen alle sinnlos, da sie voraussetzen,
-es handle sich um eine Selbstbezeichnung seinerseits!
-
-Historisch und philologisch ist es also unmöglich, dass Jesus den
-Ausdruck als unmotivierte, selbstverständliche Selbstbezeichnung
-gebraucht haben kann. Als Selbstbezeichnung, sofern er von sich im
-Hinblick auf seine künftige messianische Würde redete, konnten es
-erst die verstehen, welche um sein Geheimnis wussten. Darum sind alle
-Stellen, in denen er sich _=vor Cäsarea Philippi=_ (für die Intimen
-vor der Verklärung) _=als Menschensohn bezeichnet, unhistorisch=_.
-Historisch sind für jene Zeit nur solche, wo er von dem Menschensohn
-als einer mit ihm nicht identischen zukünftigen Erscheinung redet
-(Mt 10 _-23-_ und Mk 8 _-38-_). Die oben erwähnten Stellen, welche
-den Ausdruck als unmotivierte Selbstbezeichnung bieten, sind also
-nicht historisch, sondern nur aus einem litterarischen Prozess heraus
-verständlich. Wie kommt es, dass eine spätere Periode der evangelischen
-Geschichtserzählung diesen Ausdruck als »Selbstbezeichnung Jesu« ansah?
-
-Dies beruht auf einer Verschiebung der Perspektive. Sie machte sich in
-dem Augenblick bemerkbar, wo man die Geschichte Jesu von dem Gedanken
-aus zu schreiben begann, dass er auf Erden schon _=der Messias war=_.
-Denn nun verlor man das Bewusstsein, dass für die irdische Existenz
-Jesu seine Messianität selbst etwas Futurisches war und dass er sich
-mit dem Ausdruck Menschensohn eben als futurischen Messias bezeichnete.
-Weil nun historisch feststand, dass er von sich als Menschensohn
-geredet, bemächtigte sich die Geschichtserzählung dieser emphatischen
-Selbstbezeichnung. Ohne eine Ahnung davon zu haben, dass sie nur für
-ganz bestimmte Worte und Situationen passte, verwandte man sie auf
-beliebige Stellen, wo er von sich selbst sprach, und schuf damit diese
-philologischen und historischen Unmöglichkeiten.
-
-Dieser falsche Gebrauch beruht also auf einem litterarischen Prozess
-von ausgesprochen sekundärem Charakter. Es verhält sich damit, wie mit
-der unhistorischen Verwendung des Ausdrucks Davidssohn bei Matthäus.
-Dazu stimmt, dass auch die fraglichen Menschensohnstellen einer
-sekundären Schicht des Matthäus angehören.
-
-Vor allem bekunden diesen Charakter: die Umformung der einfachen Frage
-zu Cäsarea Philippi (Mt 16 _-13-_), die Deutung des Gleichnisses
-vom Säemann (Mt 13 _-37-_ u. _-41-_) und die falsche Auslegung des
-Jonaswunders (Mt 12 _-40-_).
-
-Ebenso sekundär ist die Darstellung der Rede über die Sünde wider
-den heiligen Geist, wo ein Unterschied zwischen der Lästerung wider
-den heiligen Geist und der wider den Menschensohn statuiert wird (Mt
-12 _-32-_), während doch in dem Gedanken Jesu beides auf dasselbe
-hinauskommt, da es die bewusste Verstockung gegen die in ihm wirkenden
-Kräfte des nahen Reichs bedeutet. In den Stellen Mt 8 _-20-_ und Mt 11
-_-19-_ ist der Ausdruck unmotiviert, da Jesus dort nur sagen will: ich
-habe nicht, da ich mein Haupt hinlege, ich esse und trinke im Gegensatz
-zu dem asketischen Verhalten des Täufers.
-
-Eine eigene Bewandtnis hat es mit den beiden unhistorischen
-Menschensohnstellen im Markustext.
-
- Mk 2 _-10-_: Der Menschensohn hat das Recht, auf Erden Sünden
- zu erlassen.
-
- Mk 2 _-28-_: Der Menschensohn ist Herr des Sabbattages.
-
-Das Sekundäre besteht darin, dass Jesus den Ausdruck als
-_=Selbstbezeichnung=_ gebraucht haben soll. Historisch ist, dass er
-ihn in jenem Zusammenhang gebraucht hat, entweder vom Menschensohn als
-einer dritten, eschatologischen Grösse oder vom Menschen überhaupt.
-Beidemal gibt es einen Sinn.
-
- 1. Der Mensch als solcher kann durch die Heilung die
- Sündenvergebung auf Erden bekunden.
- Der Mensch als Mensch ist Herr des Sabbattages.
-
- 2. Im Hinblick auf den kommenden Menschensohn findet jetzt schon
- Sündenvergebung auf Erden statt, wie die Heilung zeigt.
- Im Hinblick auf das Kommen des Menschensohns ragt jetzt schon
- ein Höheres in die gesetzliche Sabbatbeobachtung hinein. Vor dem
- Höheren verschwindet das Gesetz. Das zeigt der Fall Davids.
-
-Wie man sich die Stellen auch zurechtlegen mag, eines ist klar:
-hier hat der Ausdruck historisch vorgelegen und die Aussage Jesu
-irgendwie motiviert. Sekundär ist nur, dass jetzt der Ausdruck als
-Selbstbezeichnung erscheint, während Jesus vom Menschen oder vom
-Menschensohn geredet hat. So stehen diese Stellen auf der Schwelle vom
-geschichtlichen zum litterarisch-ungeschichtlichen Gebrauch des Wortes
-»Menschensohn«.
-
-Von hier aus erfasst man erst die eigentliche Schwierigkeit des
-Menschensohnproblems. Je tiefer bisher die Untersuchung ging, in
-desto weitere Ferne schien die Lösung zu rücken. Dies rührte daher,
-dass keine Ueberlegung eine Scheidung unter den so ungleichwertigen
-Stellen herbeiführen konnte. So blieben die litterarische und die
-historische Seite des Problems unlösbar verquickt. Mit dem Augenblick
-aber, wo man von dem Studium des Messianitätsbewusstseins Jesu aus
-entdeckt, dass der Ausdruck Menschensohn der einzige war, in welchem
-er das Geheimnis seiner futurischen Würde aussprechen konnte, ist
-auch die Scheidung gegeben. Historisch sind alle Stellen, wo der
-danielisch-eschatologische Charakter des Ausdrucks wirksam ist,
-unhistorisch alle diejenigen, wo dies nicht der Fall ist. Zugleich
-erklärt sich durch die Verschiebung in der Perspektive, wie für
-eine spätere Geschichtserzählung der Ausdruck im Munde Jesu nur die
-Bedeutung einer unmotivierten Selbstbezeichnung haben konnte, die in
-allen Situationen, wo er von sich selbst sprach, angebracht schien.
-
-Endlich löst sich auch das letzte Rätsel. Warum verschwindet der
-Ausdruck in der Sprache des Urchristentums? Warum bezeichnete niemand
-den Messias als Menschensohn (ausser Akt 7 _-56-_), da ihn doch Jesus
-ausschliesslich für seine Würde gebraucht hatte? Das rührt daher, dass
-»Menschensohn« der messianische Ausdruck nur für eine klar bestimmte
-Episode des messianischen Dramas war. Menschensohn war der Messias in
-dem Augenblick, wo er auf den Wolken des Himmels der Welt zum Gericht
-und zur Herrschaft offenbar wurde. An jenen Augenblick dachte Jesus
-ausschliesslich, weil er erst von da an für die Menschen Messias war.
-Das Urchristentum aber erblickte, weil sich eine Zwischenzeit einschob,
-Jesum als Messias droben im Himmel zur Rechten Gottes. Er war schon
-der Messias und wurde es für sie nicht erst mit dem Augenblicke der
-Erscheinung des Menschensohns. Weil sich also auch hier die Perspektive
-verschoben hatte, gebrauchte man den allgemeinen Ausdruck »Messias«,
-nicht das auf eine besondere Scene hinweisende »Menschensohn«.
-
-_=Jesus hätte sich ungenau ausgedrückt, wenn er gesagt hätte: ich bin
-der Messias; denn er war es erst mit seinem überirdischen Erscheinen
-als Menschensohn. Im Urchristentum hätte man sich ungenau ausgedrückt,
-wenn man gesagt hätte: Jesus ist der Menschensohn. Denn nach der
-Auferstehung war er der Messias zur Rechten Gottes, dessen Erscheinen
-als Menschensohn man erwartete.=_
-
-
-4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der Messianität
-Jesu.
-
-Welche Bedeutung haben die Auferstehungsweissagungen? Es fällt
-uns schwer, anzunehmen, dass Jesus so präcis ein solches Ereignis
-vorhergesagt habe. Weit eher scheint es uns erklärlich, dass seine
-allgemeinen Aussagen von einer Herrlichkeit, die seiner wartete, ex
-eventu in Auferstehungsweissagungen redigiert worden seien.
-
-Diese Kritik ist berechtigt, solange man meint, mit der geweissagten
-Auferstehung handle es sich um ein _=isoliertes Ereignis=_ in der
-Existenz Jesu. Das ist aber nur für unser modernes Bewusstsein der
-Fall, weil wir auch in der Auferstehungsfrage uneschatologisch
-denken. Für Jesus und die Jünger hatte aber die Auferstehung, von der
-er redete, eine ganz andere Bedeutung. Sie war _=ein messianisches
-Ereignis=_, welches den Anbruch der ganzen zukünftigen Herrlichkeit
-bedeutete. Wir müssen auch hier vom Modernen, Apotheosenhaften in der
-geweissagten Auferstehung abstrahieren. Das zeitgenössische Bewusstsein
-verstand diese »Rehabilitierung« als Offenbarung seiner Messianität
-beim Anbruch des Reichs. Wenn also Jesus von seiner Auferstehung
-sprach, dachten die Jünger _=an die grosse messianische Auferstehung,
-in der er als Messias auferstehen würde=_.
-
-In dieser Hinsicht ist das Gespräch beim Abstieg vom Berg nach der
-Verklärungsscene entscheidend. Er redet dort den Intimen zum erstenmal
-von »der Auferstehung des Menschensohnes von den Toten« (Mk 9 _-9-_).
-Sie können sich aber »die Auferstehung des Menschensohnes« ohne
-Zusammenhang mit der messianischen Auferstehung gar nicht denken. Ihre
-Aufmerksamkeit ist ganz von dem messianischen Ereignis, das ihnen Jesus
-damit in Aussicht stellt, gefangen genommen. Sie machen sich deshalb
-Gedanken über die Totenauferstehung. Wie verhält es sich damit (Mk 9
-_-10-_)? Die Bedingungen dafür sind nämlich, soviel sie sehen, noch
-nicht gegeben. Der Elias ist ja noch nicht erschienen (Mk 9 _-11-_).
-Jesus beruhigt sie mit dem Hinweis, dass er schon da war, wenn ihn die
-Menschen auch nicht erkannt haben. Er meint den Täufer (Mk 9 _-12-13-_).
-
-Dieses Gespräch, in dem man sonst überhaupt keine fassliche
-Gedankenfolge statuieren kann, wird also in dem Augenblick vollständig
-durchsichtig und natürlich, wo man bemerkt, wie die Jünger die von
-Jesus in Aussicht gestellte Auferstehung _=nur in demselben Gedanken
-mit der grossen, allgemeinen, messianischen Auferstehung denken
-können=_! Darum wirft diese Rede beim Abstieg ein helles Licht auf
-die spätere Leidens- und Auferstehungsweissagungen, weil wir hier im
-stande sind, die Gedanken und Erwägungen, die diese Worte im Herzen
-der Jünger wachriefen, zu kontrollieren. Ueberdies fehlt in dieser
-»Auferstehungsweissagung« die Erwähnung der drei Tage, die gerade den
-Anlass zum Einsetzen der Kritik in den folgenden Leidensweissagungen
-bietet. In dieser Hinsicht stimmt das Wort beim Abstieg mit dem letzten
-Ausspruch vor dem Hohenpriester überein. Beiden fehlt die zeitliche
-Bestimmung, wann die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken
-des Himmels statthaben wird. In dem messianischen Ereignis fällt beides
-zusammen: Auferstehung und Kommen auf den Wolken bedeuten nur die
-Offenbarung seiner Messianität am grossen Auferstehungstag.
-
-Diese Erwartung der eschatologischen Totenauferstehung beherrschte
-das Bewusstsein Jesu und seiner Zeitgenossen. Er setzt sie in seinen
-jerusalemitischen Reden voraus. Die Reichserwartung und der Glaube an
-die bevorstehende Totenauferstehung gehören eng zusammen. Es ist, wie
-schon früher bemerkt wurde, ein perspektivischer Fehler, den Gedanken
-Jesu, wenn er vom kommenden Reich spricht, eine Orientierung nach
-vorwärts zu geben, als bezöge es sich auf kommende Generationen. So
-denkt der moderne Geist. Bei ihm war es gerade umgekehrt. _=Beim Reich
-handelt es sich um die vergangenen Generationen!=_ Sie erstehen zum
-Gericht, welches das Reich einleitet.
-
-Die Totenauferstehung ist die Vorbedingung zur Reichserrichtung.
-Dadurch werden alle Generationen der Welt aus ihrer zeitlichen Folge
-herausgehoben und für das Urteil Gottes als gleichzeitig gesetzt.
-So verlangt z. B. gerade das Gleichnis vom Weinberg Gottes (Mk 12
-_-1-12-_) die Annahme der Totenauferstehung. Die ganze Geschichte
-Israels wird dort in dem Verhalten der Pächter beschrieben. Jesus redet
-von den Generationen Israels von den Tagen der Propheten bis zu der
-gegenwärtigen, der seine Warnung gilt. Im Gleichnis aber ist es nur
-eine Generation, weil das ganze Volk in seinen aufeinanderfolgenden
-Geschlechtern als Kollektivgrösse vor Gott tritt, wenn es sich um das
-Gericht handelt; es ist dann als Ganzes in der Auferstehung erstanden.
-
-Ebenso erklärt es sich, dass für den Gerichtstag dem Geschlecht derer
-von Sodom noch ein erträglicheres Los in Aussicht gestellt wird als dem
-gegenwärtigen von Kapernaum (Mt 11 _-23-24-_).
-
-Wer das Kommen des Reichs erwartete, der glaubte auch an die
-bevorstehende Totenauferstehung. Darum richtet sich der Angriff der
-Sadducäer gerade auf diese Frage. Wenn Jesus ihnen antwortet, »dass,
-wenn sie von den Toten auferstehen, sie weder freien noch gefreit
-werden, sondern sein werden, wie die Engel im Himmel« (Mk 12 _-25-_),
-so ist dies von dem Zustand im Reich Gottes zu verstehen, in das sie
-durch die Totenauferstehung eingehen.
-
-In letzter Linie war die »Totenauferstehung« nur die Art, wie sich
-die Veränderung der ganzen Existenzform an denjenigen vollzog, die
-schon in den Tod gesunken waren. Durch das Kommen des Reiches Gottes
-wird aber die irdische Existenzform überhaupt in eine damit nicht
-zu vergleichende andere erhoben. In dieser Hinsicht erleben auch
-diejenigen, welche vor dem Ereignis nicht in den Tod sinken, eine
-»Auferstehung«, denn auch ihre Daseinsweise wird plötzlich durch eine
-höhere Macht in eine andere verwandelt, welche sie nun mit denen
-teilen, die aus dem Tod erweckt sind. Verglichen mit dieser neuen
-Existenzform ist die vorhergehende indifferent. Es ist gleich, ob man
-aus dem irdischen Dasein oder aus dem Totenschlaf in die messianische
-Seinsweise eingeht! Im Verhältnis zur letzteren ist alles Sein
-»_=Tod=_«. Sie allein ist »_=Leben=_«.
-
-Darum redet Jesus zu den Lebenden von dem Weg, der zum »Leben« führet
-(Mt 7 _-14-_). Er empfiehlt, eher ein Glied dieses Leibes daran zu
-geben, wenn es sich um das »Leben« handelt, als bei der Auferstehung
-nicht an der messianischen Existenz teil zu haben (Mt 18 _-8-_ u.
-_-9-_). Der reiche Jüngling frägt, was er thun soll, »um das ewige
-Leben zu ererben«. Als er der erhaltenen Weisung nicht folgen will, ist
-Jesus sehr betrübt, weil es so schwer ist, dass ein Reicher »in das
-Gottesreich eingehe« (Mk 10 _-17-_ u. _-25-_).
-
-Diese Entwertung der irdischen Daseinsform geht bis zur Darangabe des
-irdischen Lebens überhaupt, um des Lebens im zukünftigen Aeon gewiss
-und versichert zu werden. Darum erklärt Jesus, wo er von der Nachfolge
-in Leiden und Schmach redet, dass »wer sein Leben retten will, der wird
-es verlieren«. Das heisst: Wer sich aus Angst für sein irdisches Dasein
-unwürdig macht, dass der Menschensohn vor Gott für ihn eintrete, der
-verwirkt dadurch das messianische Leben, das mit der Totenauferstehung
-anhebt (Mk 8 _-35-_).
-
-Wenn das Reich anbricht, ist es einerlei, ob man in einem lebendigen
-oder in einem toten Leib existiert. Diese Erwägung allein gibt das
-richtige Verhalten in der Verfolgung an. Darum sagt Jesus zu den
-Jüngern bei der Aussendung: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib
-töten, die »Seele« aber nicht vermögen zu töten; fürchtet euch hingegen
-vor dem, der vermag sowohl die »Seele« als auch den Leib zu verderben
-in der Hölle (Mt 10 _-28-_).
-
-Dieselbe Verbindung der urchristlich eschatologischen Erwartung mit der
-Totenauferstehung findet sich in klassischer Weise bei Paulus (1 Kor
-15 _-50-54-_). Es handelt sich hier gar nicht um genuin paulinische
-Gedanken, sondern um eine urchristliche Anschauung, welche schon Jesus
-ausgesprochen hat. Fleisch und Blut, ob belebt oder unbelebt, können in
-keiner Weise am Reich teil haben. Darum wenn die Stunde schlägt, wo die
-Toten unvergänglich auferstehen, werden auch die Lebendigen in diese
-Unvergänglichkeit verwandelt.
-
-Die Totenauferstehung ist die Brücke vom »Jetzt« zum »Dann«. Auf ihr
-beruht die Doppelheit des Selbstbewusstseins. Wenn daher Jesus von
-seiner Auferstehung sprach, gliederten die Jünger dieses Wort in
-einen grossen Zusammenhang ein. Es bedeutete für sie die allgemeine
-Auferstehung, wo auch sie in die Existenzform des Reiches Gottes
-auferstehen würden. Wohl erwarteten sie seine Auferstehung: aber nicht
-als »Osterereignis«, sondern als den Anbruch des messianischen Reiches.
-Als Auferstandener sollte er offenbar werden, wenn er auf den Wolken
-des Himmels als Menschensohn ankäme und den grossen messianischen Tag
-heraufführte.
-
-Für unser Empfinden verhält sich der Tod Jesu zur Auferstehung wie die
-Dissonanz zu ihrer Auflösung. Bei der Entwertung jeglicher Seinsform
-vor der messianischen Aera lag auf dem Tod, für das Empfinden der
-Jünger, _=ein viel schwächerer Accent=_. Es handelt sich für sie um
-einen unendlichen ewigen Accord mit einem kurzen, irdischen Vorschlag.
-
-Wo wir ein _=Nebeneinander=_ von Messianitätserklärung,
-Leidensvorhersagung und Auferstehungsweissagung sehen, erfassten
-sie eine viel straffere Gedankenverbindung. Sie erblickten alles
-im messianischen Licht. Darum entnahmen sie seiner Rede nicht drei
-verschiedene Thatsachen: 1. dass er Messias sei, 2. dass er leiden und
-sterben müsse, 3. dass er auferstehen werde, sondern sie bedeutete für
-sie: _=unser Meister wird nach seinem Tod, bei der Auferstehung, als
-Menschensohn geoffenbart werden=_. Zugleich machen sie sich Gedanken,
-was dann sie wohl sein werden und welche Würde ihnen in der neuen
-Existenz zufallen wird.
-
-So erklärt sich, wie ihre messianische Vorstellung durch den Gedanken
-»des leidenden und sterbenden Messias« nicht vollständig umgeworfen
-wurde. Jesus hat ihnen weder den leidenden, noch den sterbenden, noch
-den auferstehenden Messias geoffenbart, sondern er hat ihnen von dem
-erscheinenden Menschensohn geredet und ihnen offenbart, dass er es sein
-werde, wenn er im Leiden hier sich vollendet haben würde.
-
-Man kann es nie genug betonen, dass damit seine Messianität vollständig
-in der Bahn der volkstümlichen Anschauung sich bewegte. Das Drama
-in seinem Leben beruht nicht darin, dass seine Messianität der
-gewöhnlichen Erwartung entgegenlief und daraus sich nun Konflikte
-ergaben, die seinen Tod herbeiführten. Das ist erst die Anschauung
-des vierten Evangeliums. _=Der historische Jesus beanspruchte die
-Messianität erst vom Augenblick der Totenauferstehung an.=_
-
-Diese Auffassung der altsynoptischen Messianitätseröffnungen Jesu
-wird durch die urchristliche Vorstellung absolut gefordert. Das
-Urchristentum setzt voraus, dass Jesu Messianitätsbewusstsein, als
-er zu den Jüngern redete und noch als er dem Hohenpriester Antwort
-gab, futurisch war! Denn auch die Petrusreden in Akt datieren die
-Messianität erst von seiner Auferstehung an. Bis dahin war er Jesus
-von Nazareth. Nur ist an die Stelle des Kommens auf den Wolken des
-Himmels der vorläufige Zustand des Sitzens zur Rechten Gottes getreten.
-»Jesum den Nazarener, einen Mann, ausgewiesen von Gott her bei euch
-mit gewaltigen Thaten und Wundern und Zeichen (Akt 2 _-22-_), ihn hat
-Gott auferweckt (Akt 2 _-32-_) und hat ihn zum Herrn und zum Messias
-gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt« (Akt 2 _-36-_).
-
-Dieses Zeugnis der urchristlichen Auffassung der Messianität Jesu
-ist allein schon so gewichtig, dass es die ganze synoptische
-Ueberlieferung, wenn sie anders redete, zum Schweigen bringen würde.
-Wie sollte man es begreifen, dass die Jünger verkündeten, Jesus sei
-durch seine Auferstehung in sein messianisches Dasein eingegangen, wenn
-er ihnen schon auf Erden von seiner Messianität als gegenwärtiger Würde
-geredet hätte! Nun entsprechen sich aber die altsynoptische Tradition
-und die Auffassung des Urchristentums vollkommen. Beide erklären
-einstimmig: _=Jesu Messianitätsbewusstsein war futurisch!=_
-
-Besässen wir dieses Zeugnis nicht, so wäre uns die Erkenntnis seiner
-historischen Persönlichkeit auf immer verschlossen. Denn nach seinem
-Tode stellen sich alle Voraussetzungen ein, die dahin wirken, das
-Bewusstsein von dem futurischen Charakter seiner Messianität ausser
-Kraft zu setzen. Seine Auferstehung als Messias fiel mit dem Beginn
-der messianischen Aera in der Totenauferstehung zusammen: so war die
-Perspektive für die Jünger vor seinem Tod. Nach dem Tode wurde seine
-Auferstehung als Messias ein Faktum für sich. _=Jesus war Messias vor
-der messianischen Aera! Das ist die folgenschwere Verschiebung in
-der Perspektive. Darin beruht das Tragische, zugleich aber auch das
-Grossartige in der Erscheinung des Christentums überhaupt.=_
-
-Das urchristliche Bewusstsein machte die grössten Anstrengungen, die
-Kluft zu überwinden und Jesu Auferstehung dennoch als Anbruch der
-messianischen Aera in der allgemeinen Totenauferstehung aufzufassen.
-Man suchte sich begreiflich zu machen, dass es sich gleichsam um
-die etwas in die Länge gezogene Zwischenpause zwischen den beiden
-Auftritten des ersten Akts des Dramas handelte. Eigentlich aber stand
-man schon in der messianischen Auferstehung. So ist für Paulus Jesus
-Christus durch die Totenauferstehung als Messias erwiesen, »der
-Erstling der Entschlafenen« (I Kor 15 _-20-_). Auf diesem Gedanken
-beruht überhaupt die ganze paulinische Theologie und Ethik. _=Weil man
-sich in dieser Zeit befindet, sind die Gläubigen eigentlich mit Christo
-begraben und mit ihm auferstanden durch die Taufe.=_ Sie sind die
-»neue« Kreatur, sie sind die »Gerechten«, deren »Bürgertum« im Himmel
-ist. Erst von diesem Grundgedanken aus erfasst man die Einheit in der
-für uns sonst so mannigfach zusammengesetzten Gedankenwelt Pauli.
-
-Die christliche Geschichtsüberlieferung suchte sich anders zu behelfen.
-Sie nahm eine _=Art Vorauferstehung=_ an, die mit der Auferstehung
-Jesu zusammenfiel. Dieser lieh sie die Farben des messianischen Tages.
-Mt 27 _-50-53-_ ist uns eine solche Zurechtlegung in Legendenform
-erhalten. Mit Jesu Kreuzestod bricht das neue Weltalter an. Nach seinem
-Verscheiden zerreisst der Tempelvorhang und Erdbeben, die Zeichen der
-Endzeit, erschüttern die Erde; die Felsen zersplittern; die Gräber
-thun sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen werden
-auferweckt. _=Nach Jesu Auferstehung=_ gehen sie aus den Gräbern heraus
-in die heilige Stadt und erscheinen vielen. So hält diese Erzählung
-daran fest, dass im Anschluss an Jesu Tod mit seiner Auferstehung die
-allgemeine Totenauferstehung unter den Anzeichen des messianischen
-Tages erfolgte -- jedoch nur als eine Art Vorspiel.
-
-Die Zeit war eben mächtiger als die ursprünglichen Anschauungen.
-Unerbittlich schob sie sich wie ein auseinandertreibender Keil zwischen
-Jesu Auferstehung und die erwartete allgemeine Auferstehung am
-messianischen Tag und zerstörte mit dem zeitlichen auch den kausalen
-Zusammenhang im ursprünglichen Sinne. Die Messianität Jesu stand
-aus der Vergangenheit fest. Für die, welche sich dazu bekannten und
-zugleich das Reich als zukünftig erwarteten, schwand das Bewusstsein,
-dass in Jesu Verkündigung seine Messianität und das Reich zukünftige,
-_=koïncidierende Ereignisse=_ waren. Man fing an, die evangelische
-Geschichte unter dem Gesichtspunkt zu betrachten: _=Jesus war der
-Messias.=_ Die Ueberschrift zu dieser neuen Geschichtsauffassung hat
-Paulus geschrieben. Sie heisst »_=Jesus Christus=_«: die Würde des
-Auferstandenen wird mit der historischen Persönlichkeit in einem
-Begriff verbunden. Der vierte Evangelist hat die Konsequenz daraus
-gezogen und die Geschichte Jesu so dargestellt, als ob er auf Erden als
-Messias aufgetreten wäre.
-
-Es ist die Aufgabe der historischen Forschung, sich von der religiösen
-unhistorischen Perspektive für einen Augenblick zu emancipieren und die
-synoptischen Berichte in die richtige Stellung zu rücken. Dann erst,
-wenn man das Futurische in Jesu Messianitätsbewusstsein erfasst hat,
-versteht man, warum er seine Würde den Jüngern als ein »Geheimnis«
-offenbart hat, warum er sich dabei als Menschensohn bezeichnete und in
-welchem Sinne er von seiner Auferstehung sprach.
-
-
-5. Der Verrat des Judas -- die letzte Bekanntgebung des
-Messiasgeheimnisses.
-
-Was hat Judas eigentlich verraten? Nach den Schilderungen unserer
-Evangelien sieht es so aus, als hätte er dem Synedrium angegeben, wo
-sie zu einer bestimmten Stunde Jesum fassen könnten. Wenn nun auch
-diese Angabe des Orts eine Rolle bei dem Verrat des Judas gespielt hat,
-so war dies nur _=nebensächlich=_. Wo Jesus sich aufhielt, konnten
-sie jederzeit erfahren, da er nichts that, um sein Kommen und Gehen
-zu verheimlichen. Wenn sie ihn also greifen wollten, so brauchten
-sie ihm bei seinem Weggang am Abend aus Jerusalem nur einen Späher
-nachzusenden, um über seinen Aufenthalt orientiert zu sein. Dafür
-hätten sie keinen aus dem intimen Kreis gebraucht.
-
-Nun lag aber die Hauptschwierigkeit auf einem ganz andern Gebiet.
-Nicht ihn zu _=verhaften=_, sondern ihn zu _=verurteilen=_ wollte
-ihnen nicht gelingen, denn sie konnten nichts gegen ihn aufbringen.
-Sie befanden sich ihm und seinem Anhang gegenüber in der unbequemen
-Lage, in die jedes ehrbare Kirchenregiment notwendig einmal kommt:
-die Leute waren ihnen zu fromm, unordentlich fromm, indem sie mit
-zu grossem Enthusiasmus glaubten, was die andern mit Mässigung und
-Ordnung in ihrem Bekenntnis mitfühlten, dass nämlich das Reich nahe
-sei. Aus der Vorläuferwürde, die das Volk Jesu beilegte, konnten sie
-keine Verurteilung gewinnen, denn durch seine Zeichen hatte er diese
-Würde bewährt. Ueberdies hatte er diese Würde nie öffentlich für
-sich in Anspruch genommen. Dennoch war die Art, wie er auftrat, für
-sie in höchstem Masse gefährlich. An der Spitze des frommen Volkes
-terrorisierte er sie. Darum hätten sie sich seiner gern entledigt und
-konnten es nicht.
-
-Man versteht die Haltung und die Schwierigkeiten des Synedriums nur,
-wenn man immer bedenkt, dass aus der ganzen Wirksamkeit Jesu niemand
-auf den Gedanken gekommen war, er könne sich für den Messias halten. So
-wussten sie nichts gegen ihn vorzubringen und waren darauf angewiesen,
-ihn in Reden zu fangen, um ihn beim Volke zu diskreditieren, was ihnen
-nicht gelang.
-
-Da erscheint Judas bei ihnen und gibt ihnen die tödliche Waffe in
-die Hand. Als sie hörten, was er ihnen kund that, »_=freuten sie
-sich=_«, denn jetzt war er in ihre Hand gegeben. Nun sucht Judas einen
-geeigneten Augenblick, um ihnen den Verratenen in die Hände zu liefern
-(Mk 14 _-11-_).
-
-Was er ihnen verraten hatte, ersieht man aus der Gerichtsverhandlung.
-Die Zeugen der Pharisäer können nichts vorbringen, woraufhin man ihn
-verurteilen kann. Als aber die Zeugen abgetreten sind, stellt der
-Hohepriester an Jesus direkt die Frage, ob er der Messias sei. Für
-solche Ansprüche Jesu konnten sie die erforderlichen Zeugen nicht
-aufbringen -- denn es gab keine. _=Der Hohepriester befindet sich hier
-im Besitz des Geheimnisses Jesu. Das war der Verrat des Judas!=_ Durch
-ihn wusste das Synedrium, dass er etwas anderes zu sein beanspruchte,
-als wofür ihn das Volk hielt, ohne dass er dagegen Einspruch erhob.
-
-Aus dem verratenen Geheimnis von Cäsarea Philippi gewannen sie die
-entscheidende Anklage. Der Prophet der Endzeit, Elias, zu sein, das
-war keine Gotteslästerung. Aber zu behaupten, Messias zu sein, das war
-Frevel! Die Perfidie in der Anklage lag darin, dass der Hohepriester
-Jesus ohne weiteres unterschob, er hielte sich so, wie er vor ihm
-stand, für den Messias. Das wies Jesus aber zurück mit dem stolzen Wort
-von seinem Erscheinen als Menschensohn. Nichtsdestoweniger wurde er
-wegen Gotteslästerung verurteilt.
-
-Wir haben also drei Offenbarungen des Messianitätsgeheimnisses, die
-unter sich eng zusammenhängen, so, dass jede folgende die vorhergehende
-voraussetzt. Auf dem Berg bei Bethsaida wird den drei Intimen das
-Geheimnis offenbart, welches Jesus in der Taufe aufgegangen war. Das
-war nach der Erntezeit. Einige Wochen später wird es den Zwölfen
-bekannt, indem Petrus zu Cäsarea Philippi die Frage Jesu aus dem, was
-er vom Verklärungsberg her weiss, beantwortet. Von den Zwölfen verrät
-einer das Geheimnis an den Hohenpriester. Diese letzte Offenbarung
-des Geheimnisses war verhängnisvoll, denn sie führte den Tod Jesu
-herbei. _=Er wurde als Messias verurteilt, obwohl er nie als solcher
-aufgetreten war.=_
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-Das Geheimnis des Leidensgedankens.
-
-
-1. Die vormessianische Drangsal.
-
-_=Der Hinweis auf das Leiden gehört naturgemäss zur eschatologischen
-Verkündigung.=_ Eine Zeit unerhörter Drangsal muss dem Kommen des
-Reiches vorhergehen. Aus diesen Wehen wird der Messias herausgeboren.
-Das war eine überall verbreitete Ansicht: anders konnte man sich die
-Ereignisse der Endzeit nicht denken.
-
-Danach muss man die Worte Jesu deuten. Es zeigt sich dann, dass er bei
-seiner Reichspredigt den Gedanken der Enddrangsal scharf hervorgehoben
-hat. Wir nehmen immer an, dass, wenn er von Verfolgungen, welchen die
-Seinen entgegengehen, spricht, damit das gemeint sei, was sie nach
-seinem Tode allein und verwaist auf Erden durchmachen müssten. Das
-ist vollständig falsch. Nach seinem Tode wird Jesus Messias durch
-die Auferstehung, und dann bricht die Reichsherrlichkeit an. Nicht
-was sie nach seinem Tode ausstehen müssen, sondern was sie im Reich
-sein werden, das beschäftigt die Gedanken der Jünger auf dem Weg nach
-Jerusalem.
-
-Wo er von Leiden und Verfolgung spricht, handelt es sich um
-Drangsale, die seine Anhänger _=mit ihm=_ erdulden müssen _=vor dem
-Reichsanbruch=_. Gemeint ist der letzte Ansturm der widergöttlichen
-Weltmacht, der über diejenigen hereinfluten wird, welche in der
-Erwartung des Gottesreiches die Repräsentanten der göttlichen Macht in
-der widergöttlichen Welt sind. Darum bildet Jesus den Mittelpunkt, auf
-den hin sich die Drangsal konzentriert. Er ist der Fels, der die Wogen
-aufbranden lässt. Wer von der grossen Weltflut nicht mitgerissen werden
-will, muss sich an ihn anklammern.
-
-Wenn er sagt, dass seine Mission nicht sei, den Frieden zu bringen,
-sondern das Schwert, wenn er von dem Aufruhr redet, den er heraufführt,
-wo die heiligsten irdischen Bande sich lösen müssen, wo man mit dem
-Kreuz beladen ihm nachfolgen muss und das eigene Leben für nichts
-achten (Mt 10 _-34-42-_), -- dann meint er die grosse Verfolgung der
-Endzeit. Wer das Reich Gottes herbeinötigt, der führt auch jene herauf,
-denn das Reich und der Messias erstehen ja aus ihr.
-
-Darum überall der grelle Akkord in den messianischen Harmonien! Er
-beschliesst die Seligpreisungen mit dem Hinweis, dass sie selig sind,
-wenn sie gehasst und verfolgt werden und alles Böse um seinetwillen
-über sie geredet wird. Dann haben sie gerade Grund zur Freude und
-zum Jubel, denn in dem, was sie erdulden müssen, offenbart sich ihre
-Zugehörigkeit zum Gottesreich. Während sie von der Weltmacht noch
-drangsaliert werden, ist der Lohn schon im Himmel bereitet (Mt 5 _-11-_
-u. _-12-_).
-
-»Verkündet, dass das Reich nahe herbeigekommen ist«, sagt er den
-Jüngern bei der Aussendung. Zugleich aber bereitet er sie eindringlich
-auf die Enddrangsal vor, denn der Zeiger der Weltuhr steht nahe an
-der grossen Stunde. Sie müssen es wissen, damit sie nicht meinen,
-es widerfahre ihnen etwas Fremdes, wenn sie von der Weltmacht zur
-Verantwortung gezogen werden, wenn sich um sie her Aufruhr und
-Verfolgung erhebt und ihrem Leben Gefahr droht. Sie müssen es wissen,
-damit sie nicht irre an ihm werden und ihn verleugnen und an ihm
-Aergernis nehmen, wenn er in der Menschen Gewalt gegeben wird, denn
-er selbst als machtvoller Verkündiger des Reiches hat diesen Aufruhr
-angeregt. Wenn aber die Weltmacht zu siegen scheint, dann steht Gott
-mit seiner Allmacht darüber. Nicht die, welche den Leib töten, muss man
-fürchten, sondern den allmächtigen Herrn, welcher beim Gericht Seele
-und Leib verdammen kann in die Hölle. In diesem letzten Aufruhr richtet
-die Weltmacht sich selbst; nach dem Gericht kommt das Reich. Das ist
-der Grundgedanke der Aussendungsrede.
-
-Auch die Botschaft an den Täufer schliesst mit einem solchen Hinweis.
-Das Reich ist nahe, lässt er ihm sagen; meine Predigt, Zeichen und
-Wunder bekräftigen es: und zur Seligkeit kommt, wer sich nicht an mir
-ärgert, d. h. wer in der vormessianischen Drangsal zu mir steht.
-
-Am eindringlichsten aber ergeht das Wort von der schweren Zeit an die,
-welche sich auf die Predigt der Jünger hin in gläubiger Reichserwartung
-um ihn versammelt haben. Bei einbrechender Dämmerung hat er mit ihnen
-das grosse Abendmahl am See gefeiert. Als der, welcher sich als Messias
-weiss, hat er ihnen feierlich Speise dargereicht und sie damit, ohne
-dass sie es ahnen, zu Teilnehmern am messianischen Mahle geweiht. Am
-folgenden Morgen aber ruft er sie zu Bethsaida um sich und ermahnt sie
-zur Hingabe des Lebens in der Drangsal. Wer sich seiner und seiner
-Worte schämt in der Erniedrigung, welche durch die ehebrecherische
-und sündige Welt über ihn kommen wird, den wird auch der Menschensohn
-nicht anerkennen, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters, von seinen
-Engeln umgeben, erscheinen wird (Mk 8 _-35-38-_).
-
-
-2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode.
-
-_=Der Leidensgedanke gehört also von Anfang an zur Verkündigung
-Jesu.=_ In der Enddrangsal sollten sie mit ihm durch Leiden hindurch
-der Herrlichkeit entgegengehen: so verstanden ihn seine Zuhörer. Nur
-wussten sie nicht, dass der, mit welchem sie leiden sollten, als
-Messias geoffenbart werden würde.
-
-In Jesu messianischem Selbstbewusstsein bekam nun der Leidensgedanke,
-auf ihn bezogen, eine geheimnisvolle Bedeutung. Die Messianität, welche
-ihm in der Taufe aufging, war nicht ein Besitz, ein Gegenstand der
-Erwartung, sondern in der eschatologischen Vorstellung war von selbst
-gegeben, dass er durch Leiden hindurch in der Bewährung werden müsse,
-was er der Bestimmung nach war. _=Sein Messianitätsbewusstsein war
-nie ohne Leidensgedanke!=_ Das Leiden ist der Weg zur Offenbarung der
-Messianität!
-
-Was er in diesem Aeon lebte, das stellte das verborgene Wirken und
-Werden des Messias dar. Dabei war aber das Leiden vorgesehen. Es war
-jüdische Lehre, dass der Messias voll von Züchtigungsleiden sein müsse:
-denn die Leiden sind nötig, um ein vollendeter Gerechter zu werden
-(WEBER S. 343).
-
-Dieses Messianitätsbewusstsein Jesu zeigt dieselbe sittliche
-Vertiefung wie seine Eschatologie. In der gewohnten Modernisierung
-desselben wird vorausgesetzt, dass er den grössten Teil seiner
-Wirksamkeit nicht ans Leiden dachte, sondern dass erst die
-hämische Feindschaft der Schriftgelehrten ihm diesen Gedanken
-aufnötigte. So bekommt seine Messianität in der ersten Periode einen
-_=ethisch-idyllischen=_, in der zweiten einen _=modern-resignierten=_
-Charakter. Das historisch-eschatologische Bild ist aber lebendiger,
-tiefer und sittlicher zugleich. Jesus hat sich hinsichtlich seines
-Messianitätsbewusstseins nicht »entwickelt« durch Aufnahme des
-Leidensgedankens. Von Anfang an weiss er sich als Messias, nur insofern
-er entschlossen ist, durch das Leiden zur Vollendung geläutert zu
-werden. Als der, welcher einst im neuen Aeon herrschen soll, muss er
-zuvor in die Gewalt der widergöttlichen Macht gegeben werden, _=um sich
-dort zur göttlichen Herrschaft zu bewähren=_. Aus diesem messianischen
-Selbstbewusstsein heraus beschwört er die um ihn sind, dass sie bei
-ihm aushalten, damit er sie als die Seinen anerkennen kann, wenn die
-Herrlichkeit anbricht. So beherrscht der thätige ethische Zug, der
-die Tiefe des Geheimnisses des Reiches Gottes ausmacht, auch das
-Messianitätsgeheimnis.
-
-Das geschichtliche Problem stellt sich nun so: In der ersten Periode
-hat Jesus viel häufiger, und zwar öffentlich, den Leidensgedanken
-ausgesprochen als in der zweiten. Jede grössere Rede schliesst mit
-einem solchen Hinweis. Den Seinen war der Gedanke vertraut, ihn in der
-Drangsal erniedrigt zu sehen. Dennoch aber bedeutet die Eröffnung zu
-Cäsarea Philippi für die Jünger etwas Neues und ist es thatsächlich
-auch. Es handelt sich dort nämlich nicht mehr um ein Leiden des
-_=machtvollen Reichspredigers=_ mit den Seinen in der Enddrangsal,
-sondern derjenige, welcher _=Messias=_ sein wird, leidet. Dieses
-Leiden aber verläuft nicht mehr _=in der allgemeinen Enddrangsal=_,
-sondern Jesus _=leidet allein=_ und zwar handelt es sich um ein _=rein
-irdisch-geschichtliches Ereignis=_. Er wird dem hohen Rat überantwortet
-und von diesem zum Tode verurteilt! Das war das Neue, was den Jüngern
-ein Geheimnis blieb.
-
-
-3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht.
-
-In dem Leidensgedanken zeigt sich ein eigentümliches Schwanken.
-Einmal erscheint der Tod als absolute Notwendigkeit; dann wieder, z.
-B. in Gethsemane, kennt Jesus doch wieder eine Möglichkeit, dass ihm
-das Leiden erspart bleiben kann. Nun besteht aber der Leidensgedanke
-ohne Rücksicht auf irdischen Erfolg oder Misserfolg. Also darf auch
-das Schwanken damit nicht in Verbindung gesetzt werden. Als Jesus
-nach Jerusalem zog, um zu leiden, da hegte er nicht in einem Winkel
-seines Herzens den Gedanken, dass Gott durch seine Allmacht dennoch
-vielleicht den Gang zum Siegesgang machen könnte und er durch ihn über
-die Pharisäer und den hohen Rat triumphieren könnte. Das wäre nach
-seinem Empfinden »menschlich« gedacht gewesen. Denn er kann in Sachen
-des Reiches Gottes nicht den Widerstand der Schriftgelehrten und die
-göttliche Allmacht gegeneinandersetzen: es handelte sich ja um ein
-göttliches Drama, in welchem sie nur Statisten mit zugewiesener aktiver
-Rolle waren, wie die Lanzknechte, welche ihn auf ihr Geheiss griffen.
-_=Das Schwanken muss also in dem göttlichen Willen selbst begründet
-sein.=_
-
-Es ist das Spezifische in der Anschauung Jesu, dass der göttliche
-Wille einerseits zwar die Ereignisse des messianischen Dramas vorher
-planmässig in der bekannten Form bestimmt, andererseits demselben
-wieder frei gegenübersteht. Durch den einmal festgelegten messianischen
-Schematismus ist die dahinterstehende göttliche Allmacht in keiner
-Weise gebunden! Sie kennt überhaupt keine Bestimmungen.
-
-Von dieser Allmacht erwartet Jesus z. B., dass sie auch diejenigen,
-welche wegen ihres Verhaltens die Zugehörigkeit zum Reich verwirkt
-haben, dennoch in den seligen Zustand aufnehmen könne. Nach den
-geltenden Bestimmungen ist es zwar unmöglich, dass die Reichen zum
-Leben eingehen können. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich (Mk 10
-_-27-_).
-
-Es gilt der Satz: Wer mit dem zukünftigen Messias herrschen will, muss
-mit Jesus leiden. Aber er wagt es doch nicht, den beiden Intimen,
-Jakobus und Johannes, die Thronplätze zu versprechen, obwohl er ihnen
-zutraut, dass sie sein Leiden teilen werden. Er könnte damit Gottes
-Allmacht vorgreifen (Mk 10 _-35-40-_).
-
-So liegt auch die Enddrangsal zwar in dem göttlich bestimmten Verlauf
-des messianischen Dramas. Aber es steht in Gottes unbeschränkter
-Allmacht, dass er sie _=ausschalte=_ und das Reich ohne diese
-Prüfungszeit anbrechen lasse. Darum dürfen die Menschen Gott darum
-bitten, er möge jene schweren Stunden der Bewährung vorübergehen
-lassen. Jesus weist sie dazu an in demselben Gebet, wo er sie um das
-kommende Reich bitten lehrt. Man erfleht den Endzustand, in welchem
-sein Name geheiligt wird und sein Wille auf Erden geschieht wie im
-Himmel; aber zugleich bittet man ihn, er möge die Menschen nicht in
-»die Versuchung« führen, sie nicht in die Gewalt des Bösen geben,
-sie nicht nötigen, ihre Sünden durch das Beharren in der Enddrangsal
-zu sühnen: sondern sie durch seine Allmacht der Gewalt des Bösen
-entreissen, wenn sich die widergöttliche Welt zum letztenmal aufbäumt
-beim Kommen des Reiches, um das sie beten. Das ist der innere
-Zusammenhang der letzten drei Bitten des Vaterunsers.
-
-Das Herrengebet trägt also in den drei ersten und den drei letzten
-Bitten rein eschatologischen Charakter. Wir haben denselben Kontrast
-wie in den Seligpreisungen, der Aussendungsrede, der Botschaft an den
-Täufer und den Scenen bei Bethsaida. Zuerst handelt es sich um das
-Kommen des Reichs, dann um die Enddrangsal. Aus dem Herrengebet ersehen
-wir aber, dass es dafür keine absolute Notwendigkeit gibt, sondern dass
-sie nur relativ in Gottes Allmachtswillen bedingt ist.
-
-Sie stellt nämlich die höchste Form der Busse auf das Gottesreich hin
-dar. Wer sich darin bewährt, der leistet Sühne für seine Vergehungen
-im widergöttlichen Aeon. Unter Kampf und Leiden ringt man sich von ihr
-los, um Träger des göttlichen Willens im Gottesreich zu sein. Das ist
-kollektivistisch zu denken. Die reichsgläubige Gemeinschaft als solche
-leistet die Sühne. Der Einzelne vollendet und bewährt sich darin. So
-ist es Gottes Wille. Jesus aber betet mit ihnen zu Gott, er möge in
-seiner Allmacht ihnen die Schuld ohne Sühne vergeben, wie sie ihren
-Schuldnern vergeben. Das will heissen: sühneloses, reines Erlassen.
-Er möge sie nicht durch die »Versuchung« hindurchführen, sondern sie
-geradewegs der Weltmacht entreissen.
-
-Nur so versteht man, wie Jesus in seinem Wirken Sündenvergebung
-voraussetzt und doch hier darum besonders bittet, und wie er von einer
-Versuchung redet, die _=von Gott=_ kommt. Es handelt sich eben um den
-allgemeinen _=messianischen Schulderlass=_ und um die _=messianische
-Drangsalsversuchung=_. Darum bilden diese Bitten den Beschluss des
-Reichsgebets.
-
-Was er hier mit der Allgemeinheit bittet, das erfleht er für sich, als
-die Stunde für ihn gekommen. In Gethsemane fällt er vor Gott nieder.
-In ergreifendem Gebet beruft er sich auf Gottes Allmacht: Abba, Vater,
-alles ist dir möglich (Mk 14 _-36-_). Er möge den Leidenskelch an
-seinen Lippen vorüberführen, ohne dass er davon kosten muss. Auch die
-schlafenden Intimen rüttelt er auf, sie sollen wach bleiben und zu Gott
-beten, dass er ihnen die Versuchung ersparen möge, denn das Fleisch ist
-schwach.
-
-
-4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode.
-
-Mit der Offenbarung zu Cäsarea Philippi hören alle Hinweise auf, dass
-die Gläubigen mit ihm durch Drangsal müssen. Dem Geheimnis zufolge, das
-er den Jüngern mitteilt, _=leidet nur er allein=_. In Jerusalem richtet
-er weder an das Volk noch an die Jünger ein eindringliches Wort von der
-Leidensnachfolge. Ja, er nimmt geradezu zurück, was er früher gesagt.
-Am Morgen nach dem Abendmahl am See hatte er die Seligkeit derer,
-welche er zum messianischen Mahl geweiht, davon abhängig gemacht,
-dass sie ihm ins Leiden nachfolgen. Den Teilnehmern des Abendmahls zu
-Jerusalem sagt er gelassen voraus, _=dass sie sich in der Nacht alle
-an ihm »ärgern« werden!=_ Er knüpft auch keine Verdammnis daran --
-_=denn es ist in der Schrift also bestimmt!=_ Steht nicht geschrieben:
-»ich werde den Hirten schlagen und die Schafe werden sich zerstreuen?«
-Darum, wenn sie sich auch an ihm ärgern, wenn sie ihn auch verlassen,
-in seiner Herrlichkeit wird er sie doch um sich sammeln und als Messias
--- denn das ist er als Auferstandener -- vor ihnen herziehen nach
-Galiläa (Mk 14 _-26-28-_).
-
-Was er früher von allen gefordert, das mutet er jetzt nicht einmal
-dem zu, der sich vermisst, allein bei ihm auszuhalten. »Ehe der Hahn
-zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen«, sagt er zu Petrus (Mk
-14 _-29-31-_).
-
-Diese Wandlung muss mit der Form, welche der Leidensgedanke in der
-zweiten Periode annimmt, zusammenhängen. Es muss eine Veränderung
-in der Vorstellung von der Enddrangsal eingetreten sein. Die andern
-sind von der Bewährung befreit, Jesus leidet allein, und zwar besteht
-die Erniedrigung in dem Tod, welchen die Schriftgelehrten über ihn
-verhängen. Darin wirkt sich jetzt die Enddrangsal aus. Seine Gläubigen
-bleiben verschont. _=Er leidet für sie, denn er gibt sein Leben hin als
-eine Sühne für viele.=_
-
-Wie ihm dieses Geheimnis aufgegangen nach der Aussendung in den Tagen
-der Einsamkeit, darüber hat er sich nicht geäussert. Die Form des
-Leidensgeheimnisses aber zeigt, dass zwei Erlebnisse auf ihn eingewirkt
-haben.
-
-_=Zunächst der Tod des Täufers.=_ Jener war für ihn der Elias. Wenn
-er von Menschenhand vor der messianischen Aera getötet wurde, so war
-das Gottes Wille und deshalb in dem messianischen Drama vorgesehen. Das
-geschah, während die Jünger fort waren. Seine Botschaft hat den Täufer
-vielleicht nicht mehr erreicht. Darüber muss er nun ins Klare kommen.
-Deshalb will er sich mit den Seinen in die Einsamkeit zurückziehen.
-
-Wie sehr ihn der Gedanke des Todes des Vorläufers beschäftigte, ersieht
-man aus dem Gespräch nach der Offenbarung an die Intimen. Es war in
-der Schrift bestimmt, dass der Elias so von Menschenhand umkomme. So
-steht auch über den Menschensohn geschrieben, dass er viel leiden und
-verworfen werden müsse (Mk 9 _-12-13-_).
-
-Bisher hatte er nur in allgemeinen Zügen von der Enddrangsal als einem
-Ereignis der Endzeit geredet. Nun hat sie sich aber als _=historisches
-Ereignis=_ an dem Vorläufer vollzogen. Das ist ein Fingerzeig, wie sie
-sich an ihm selbst vollziehen wird.
-
-Dieser Fingerzeig kam gerade zu der Zeit, als er durch die Ereignisse
-zum Nachdenken über die Enddrangsal gezwungen wurde. Nach der Rückkehr
-der Jünger hatte er dieselbe für die allernächste Zeit erwartet. Sie
-blieb aber aus. Noch mehr: damit blieb auch das Reich aus! Bei der
-Aussendung hatte er den Jüngern gesagt, sie würden auf dem Weg von den
-anbrechenden Wehen überrascht. Die Erscheinung des Menschensohnes würde
-statthaben, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären: -- und sie
-waren zurückgekehrt, ohne dass die Wehen begonnen hatten und das Reich
-angebrochen war.
-
-Die Kunde, mit der sie zu ihm zurückkehrten, zeigte aber, dass alles
-bereit war. Schon war die gottwidrige Macht gebrochen, denn sonst
-wären ihnen die unsauberen Geister nicht unterthan gewesen. Das Reich
-war herbeigenötigt durch die Busse seit den Tagen des Täufers. Auch
-hier war das Mass voll; das zeigte die Menge, die sich in gläubiger
-Erwartung um ihn scharte. So war alles bereitet -- und doch kam das
-Reich nicht! _=Die Verzögerung des eschatologischen Kommens des
-Reiches, das war das grosse Erlebnis, welches ihn damals immer wieder
-in die Einsamkeit trieb, ob er sich Klarheit darüber erränge.=_
-
-Ehe das Reich kommen konnte, musste die Drangsal eintreffen. Sie blieb
-aber aus. Man musste sie also herbeiführen, um so das Gottesreich
-herbeizunötigen. Busse und Knechtung der widergöttlichen Macht
-thaten es nicht allein, sondern es musste noch ein Stärkerer zu den
-Gewaltthätigen hinzutreten: der zukünftige Messias, _=der an sich die
-Enddrangsal heraufführte=_ in der Form, wie sie sich schon an dem
-Elias erfüllt hatte. So geht das Geheimnis des Reiches Gottes in das
-Geheimnis des Leidensgedankens über.
-
-Die Vorstellung der Enddrangsal enthielt den Gedanken der Sühne und der
-Läuterung. Alle die, welche für das Reich bestimmt waren, mussten in
-der Standhaftigkeit gegen die sich zum letztenmal aufbäumende Weltmacht
-die Vergebung der im weltlichen Aeon begangenen Schuld erringen. Denn
-durch diese Schuld waren sie der widergöttlichen Macht noch verfallen.
-Sie bildete ein Gegengewicht, welches das Kommen des Reiches aufhielt.
-
-Nun führte aber Gott die Drangsal nicht herauf. Und doch musste die
-Sühne geleistet werden. Da ging es Jesus auf, dass er als zukünftiger
-Menschensohn _=die Sühne an sich vollziehen müsse=_. Derjenige,
-welcher einst als Messias über die Gläubigen herrschen wird, der
-erniedrigt sich jetzt unter sie und dient ihnen, indem er sein Leben
-zur Sühne für viele dahingibt, damit das Reich für sie anbreche.
-Das ist seine Mission in dem Zustand, welcher seiner überirdischen
-Herrlichkeit vorausgeht. »Dazu ist er gekommen« (Mk 10 _-45-_). Er
-muss leiden für die Sünden derer, welche zu seinem Reich bestimmt
-sind. Um dies auszuführen, zieht er hinauf nach Jerusalem, dass er
-dort von der Obrigkeit zu Tode gebracht werde, wie der Elias, der ihm
-vorangegangen, durch des Königs Henker umkam. _=Das ist das Geheimnis
-des Leidensgedankens.=_ Jesus ist wirklich für die Sünden der Menschen
-gestorben, wenn auch in einem andern Sinn, als es die ANSELM'sche
-Theorie annimmt.
-
-
-5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt.
-
-»Wie steht geschrieben über den Menschensohn? Dass er viel leiden
-muss und verachtet werden« (Mk 9 _-12-_). _=Die neue Form des
-Leidensgedankens stammt aus der Schrift.=_ In dem Bild des leidenden
-Gottesknechtes erkannte Jesus sich wieder. Dort fand er seinen
-Leidensberuf vorgebildet.
-
-Um aber zu verstehen, wie ihm sein Geheimnis aus der Schrift erstand,
-muss man das Bild des leidenden Gottesknechtes in den grossen
-Rahmen stellen, in welchem es erscheint. Der modern-historische
-Lösungsversuch vermag dies nicht. Er beschränkt sich auf den Gedanken
-der dienenden Dahingabe. Sobald man es aber einmal erfasst hat, dass
-Jesu Leidensgedanke eschatologisch war, dann sieht man auch, in welchem
-grossen Zusammenhang die Erscheinung des leidenden Gottesknechtes
-für ihn stehen musste. Darnach war Jes 40-66 nichts anderes, als die
-_=weissagende Darstellung der Ereignisse der Endzeit=_, in denen er
-sich mitten drin wusste.
-
-Die Schrift hebt an mit der Verkündigung, dass die Gottesherrschaft
-nahe ist. Der Wegbereiter tritt auf. Er ruft, dass das Irdische
-vergeht, wenn der Herr, Lohn und Vergeltung austeilend, in seiner
-Herrlichkeit erscheint. Die Zeit bricht an, wo er seine Herde sammelt
-und den Friedenszustand heraufführt (Jes 40 _-1-11-_).
-
-Der Auserwählte ist da. Er verkündet die Gerechtigkeit in Wahrheit.
-Gott hat seinen Geist auf ihn gelegt (Jes 42 _-1-_ ff.). Er soll das
-Recht gründen auf Erden; die Gestade harren auf seine Lehre. Bevor aber
-die Herrlichkeit anbricht und der Träger des göttlichen Geistes in
-Kraft und Gerechtigkeit über die Völker regieret, muss er durch einen
-Zustand der Erniedrigung hindurch.
-
-Die andern verstehen nicht, warum er geschmäht wird. Sie meinen,
-Gott habe ihn verstossen und wissen nicht, dass er ihre Krankheiten
-trägt, durchbohrt wird ob ihrer Vergehen und zerschlagen ist ob ihrer
-Verschuldung. Der Gequälte ist demütig und öffnet seinen Mund nicht. Ob
-der Vergehen des Volks wird er zu Tode getroffen. Dann wird ihn aber
-der Herr verherrlichen. Vom Mutterleib hat er ihn dazu berufen. Er ist
-bestimmt, Jakob zurückzuführen und Israel zu erretten. Das Licht der
-Völker soll er werden, damit die Rettung Gottes sei bis ans Ende der
-Welt (Jes 49 _-1-_ ff., 52 _-12-_ ff., 53 _-1-_ ff.)
-
-Auf die Schilderung der Leiden des Gottesknechtes folgt die
-Beschreibung des Gerichts über die ganze Welt und Israel (Jes 54-65).
-Am Ende aber bricht die Herrlichkeit Gottes hervor. Er thront über dem
-neugeschaffenen Himmel und über der neugeschaffenen Erde (Jes 65 u.
-66). Wenn das Gericht vollzogen ist, dann bricht der Jubel an, denn
-die Seligen aus der ganzen Welt, aus allen Geschlechtern und Nationen,
-werden sich um ihn sammeln und ihm Verehrung darbringen.
-
-Man muss die dramatische Einheit in diesen Kapiteln erfassen, um
-mit einer Persönlichkeit mitempfinden zu können, welche hier den
-geheimnisvollen Hinweis auf die Dinge der Endzeit suchte. _=Damit geht
-Jesu Leidensgedanke vollständig in dem deuterojesaianischen auf.=_
-Wie der Knecht Gottes, ist auch er zum Herrschen in Herrlichkeit
-bestimmt. Aber zuerst tritt er still und unerkannt als Verkündiger
-auf, der Gerechtigkeit wirket. Dabei muss er durch das Leid und die
-Erniedrigung hindurch, ehe Gott den herrlichen Endzustand anbrechen
-lässt. Was er erduldet, ist eine Sühne für die Schuld der andern. Dies
-ist ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. Die andern können und brauchen
-es nicht zu verstehen, _=denn wenn die Herrlichkeit anbricht, dann
-werden sie erkennen, dass er für sie gelitten hat=_. Darum brauchte und
-durfte Jesus dem Volk und den Jüngern sein Leiden nicht erklären. Es
-musste ein Geheimnis bleiben: so stand es in der Schrift. Auch denen,
-welchen er das Kommende voraussagte, sprach er es nur als Geheimnis
-aus. Bei seinem Erscheinen als Menschensohn musste ihnen die Binde von
-den Augen fallen. In der Herrlichkeit des Reiches erkennen sie dann,
-dass er gelitten, damit sie verschont würden und Friede hätten. Dieses
-Geheimnis ist nur retrospektiv von der erreichten Herrlichkeit aus
-erfassbar.
-
-Darum macht es nichts, wenn die Seinen sich in seiner Erniedrigung
-von ihm abwenden und die Menschen an ihm irre werden, als ob Gott
-ihn züchtigte. Die Schrift rechnet es ihnen nicht zum Frevel an,
-sondern sie hat es also bestimmt. So heisst es in dem Augenblick, wo
-ihm das Leidensgeheimnis aus der Schrift aufgeht, nicht mehr: wer in
-der Erniedrigung sich meiner schämt, der ist verdammt, sondern: ihr
-werdet euch alle an mir ärgern -- wobei er weiss, dass sie bei der
-Auferstehung um ihn versammelt sein werden.
-
-_=Unter dem Einfluss von Deuterojesaia hat sich also der Gedanke der
-allgemeinen Enddrangsal in das persönliche Leidensgeheimnis Jesu
-umgesetzt.=_
-
-
-6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis.
-
-An dem innersten Grundzug des Leidensgedankens ist durch das
-Leidensgeheimnis der zweiten Epoche nichts verändert worden. Für Jesus
-bleibt das Leiden auch in dieser Form vor allem die sittliche Bewährung
-der Würde, die ihm bestimmt ist.
-
-Die Drangsal trägt jetzt aber die konkreten Züge eines bestimmten
-Ereignisses. _=Aus dem messianischen Enddrama zieht er sie gleichsam in
-die menschliche Geschichte herunter.=_ Darin liegt etwas Prophetisches
-auf die Zukunft des Christentums: nach seinem Tode löst sich das ganze
-messianische Enddrama in menschliche Geschichte auf. Diese Entwicklung
-hat mit dem »Leidensgeheimnis« begonnen.
-
-So kommt es auch, dass das Leidensgeheimnis, verglichen mit dem
-Leidensgedanken der ersten Periode, menschlichere Züge trägt. Es liegt
-etwas von mitfühlender Nachsicht in dem Gedanken, dass er für die
-Reichsgenossen die Sühne im Leiden leistet, damit ihnen die Bewährung,
-in welcher sie vielleicht schwach werden könnten, erspart bleibt. »Und
-führe uns nicht in die Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen«:
-diese Bitte ist nun in seinem Leiden erfüllt.
-
-Dieses tief Menschliche tritt besonders in Gethsemane zu Tage. _=Nur
-über den drei Intimen schwebt die Möglichkeit, dass sie mit ihm
-durch das Leiden und die Versuchung hindurchmüssen.=_ Die Zebedaiden
-vermassen sich, um die Anwartschaft auf die Thronplätze zu erwerben,
-mit ihm den Leidenskelch zu trinken und mit ihm die Leidenstaufe zu
-empfangen -- und er stellte es ihnen in Aussicht (Mk 10 _-38-40-_).
-Petrus aber verschwor sich, ihn nicht zu verleugnen; wenn auch alle
-zurückwichen, wollte er doch mit ihm sterben (Mk 14 _-31-_). Diese drei
-hat er mit sich genommen bis zum Ort hin, wo er betet. Während er zu
-Gott fleht, dass der Leidenskelch an ihm vorübergehe, erfasst ihn eine
-bangende Angst um die Intimen. Wenn Gott sie nun wirklich mit ihm durch
-das Leiden sendet, werden sie bestehen, wie sie es sich zutrauten?
-Darum sorgt er sich um sie in der schweren Stunde. Zweimal rafft er
-sich auf, weckt sie aus dem Schlaf, dass sie wach bleiben und zu Gott
-beten, dass er _=sie=_ nicht in die Versuchung führt, wenn er auch
-_=ihm=_ den Kelch nicht erspart; denn der Geist ist willig, aber das
-Fleisch ist schwach. _=Das ist vielleicht der ergreifendste Zug in Jesu
-Leben.=_ Man hat gewagt, Gethsemane die schwache Stunde Jesu zu nennen:
-in Wirklichkeit ist es aber gerade die Stunde, wo seine überweltliche
-Grösse in seinem tiefmenschlichen Mitfühlen offenbar wird.
-
-
-7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung der
-Perspektive.
-
-Jesus nahm das Leidensgeheimnis, welches den Genossen des Reiches
-offenbar werden sollte, mit sich in den Tod. Das Reich brach aber
-nicht an. So erklärt es sich, dass er die Jünger zwar auf sein
-Leiden hingewiesen hat, dass sie aber, als das Ereignis eingetreten
-war, keine Deutung dafür wussten. Dennoch mussten sie sich
-damit auseinandersetzen, indem sie sich die Thatsachen nach den
-Andeutungen, die sie im Gedächtnis hatten, zurechtlegten. _=So ist der
-Leidensgedanke des Urchristentums viel ärmer als das Leidensgeheimnis
-Jesu.=_
-
-Die Erklärung konzentrierte sich hauptsächlich auf _=eine=_ Thatsache:
-Infolge des Leidens und der Auferstehung von den Toten ist er der
-Messias. In diesem Sinne sind das Leiden und die Erhöhung in der
-Schrift vorherbestimmt.
-
-Während das Leidensgeheimnis den Tod in die engste zeitliche und
-kausale Verbindung mit dem Anbruch des Reiches setzt, ist für das
-Urchristentum das vergangene Ereignis _=als solches=_ Gegenstand der
-Erklärung, weil das Reich nicht eingetroffen ist und sich mit dem
-zeitlichen auch der ursprüngliche kausale Zusammenhang gelöst hat.
-
-Nun hatte Jesus in Hinsicht auf seinen Tod auch von Sühne und
-Sündenvergebung geredet. Durch die Ereignisse war aber der Gedanke,
-den er damit verband, vollständig unmöglich geworden. Die unbestimmte
-Mehrheit, welche die Sühne auf sich beziehen sollte in der Erkenntnis,
-dass er für sie gelitten, _=war ja noch gar nicht gegeben, denn das
-Reich war noch nicht erschienen=_. Von jenem Standort allein aber
-konnte man es erfassen, dass er für die Genossen die Drangsalssühne
-geleistet habe.
-
-In der Zwischenzeit lagen die Dinge ganz anders: an Stelle der »vielen«
-waren »die Gläubigen« getreten. Die, welche an die Messianität
-Jesu glauben, haben Sündenvergebung: dieser Satz bildete, wie
-die Pfingstpredigt zeigt, einen Bestandteil der urapostolischen
-Verkündigung (Akt 2 _-38-_). Inwiefern man aber dadurch Sündenvergebung
-hatte, darin bestand das Problem. Dieses war aber historisch unlösbar,
-denn die Sündenvergebung des Leidensgeheimnisses ging nicht auf die an
-_=Jesus-Christus=_ Gläubigen, sondern auf die Reichsgenossen. Mögen
-daher alle Erklärungen der Bedeutung des Leidens von Paulus bis auf
-RITSCHL jede für ihre Zeit religiös noch so wahr und tief sein: den
-Gedanken Jesu können sie unmöglich erfassen, weil sie von einer ganz
-andern Voraussetzung ausgehen.
-
-Da nun aber doch alle sich geschichtlich legitimieren wollten, so
-erlebt man das merkwürdige Schauspiel, dass Jesu die verschiedensten
-Deutungen seines Leidens in den Mund gelegt wurden, _=von denen
-aber keine auch nur annähernd erklären kann, wie aus einer solchen
-Anschauung die urchristlich-apostolische Wertung des Todes
-hervorgehen konnte=_. Das zeigt sich auch bei dem modern-historischen
-Lösungsversuch. Wenn Jesus seinen Jüngern die ethische Bedeutung seines
-Todes verständlich machte, warum beschränkt sich die urchristliche
-Leidenserklärung auf die Schriftgemässheit des Leidens und auf die
-»Sündenvergebung«?
-
-Auf diese Frage bleibt der modern-historische Lösungsversuch die
-Antwort schuldig. Der eschatologisch-historische hingegen vermag die
-_=notwendige Verkümmerung=_ des Leidensgedankens Jesu im Urchristentum
-_=perspektivisch zu berechnen=_. Er weist nach, welche Momente des
-Leidensgeheimnisses nach dem Tod allein noch zu Recht bestehen konnten.
-Weil er die urchristliche Deutung in dem Zusammenhang mit dem Gedanken
-Jesu erfasst, darum ist der eschatologisch-historische Lösungsversuch
-der richtige.
-
-Die Aufhebung des kausalen Zusammenhangs zwischen dem Tod Jesu und
-der Realisierung des Reichs war für die urchristliche Eschatologie
-verhängnisvoll. Mit dem Leidensgeheimnis ging auch das Geheimnis des
-Reiches Gottes unter. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die
-Eschatologie gerade den spezifisch »christlichen« Charakter, den
-Jesus ihr gegeben hatte, verliert. Das ethisch-thätige Moment, durch
-welches sie versittlicht wurde, fällt weg. _=So ist die urchristliche
-Eschatologie durch Jesu Tod »entchristlicht«.=_ Dadurch sinkt sie
-wieder auf das Niveau der zeitgenössisch-jüdischen herunter. Das Reich
-ist wieder Gegenstand reiner Erwartung! Dass die sittliche Umkehr aktiv
-auf sein Kommen einwirkt: dieses Geheimnis war mit Jesus ins Grab
-gesunken. Jetzt that man Busse und leistete die sittliche Erneuerung in
-Erwartung des Gottesreichs, _=wie zu des Täufers Zeit=_.
-
-Diese Entchristlichung tritt gerade in der Frage der Enddrangsal zu
-Tage. Nach dem Leidensgedanken der ersten Periode sollten die Gläubigen
-mit dem zukünftigen Messias leiden; nach dem der zweiten wollte er die
-Drangsal für sie erdulden. Im Urchristentum erwarten die Gläubigen
-die Drangsal _=vor dem Erscheinen des Messias=_, wie es in der
-zeitgenössischen Vorstellung der Fall war. Denn Jesu Leidensgeheimnis
-war ihnen nicht bekannt. Darum gehören ihnen die jüdischen Apokalypsen
-gerade wie den andern Juden, nur mit dem Unterschied, dass der
-gekreuzigte Jesus der erscheinende Messias sein soll. Nur durch
-die _=Person=_ Jesu war die urchristliche Eschatologie also noch
-»christlich«, nicht mehr durch seinen _=Geist=_, wie es im Geheimnis
-des Reiches Gottes und im Leidensgeheimnis der Fall gewesen war.
-
-Darnach muss man »die synoptische Apokalypse« (Mk 13) beurteilen. Mögen
-auch einzelne eschatologische Sprüche darin von Jesus stammen, die Rede
-als solche ist notwendig unhistorisch. _=Sie zeigt die Perspektive
-der Zeit nach dem Tode.=_ In den jerusalemitischen Tagen konnte Jesus
-von keiner allgemeinen Enddrangsal vor dem Kommen des Menschensohnes
-reden. Die synoptische Apokalypse steht in direktem Widerspruch zu
-dem Leidensgeheimnis, da dieses ja die allgemeine Enddrangsal gerade
-aufhebt. Sie ist also unhistorisch. Apokalyptische Reden mit Hinweis
-auf die Enddrangsal gehören in die galiläische Periode zur Zeit der
-Aussendung. _=Die Aussendungsrede ist die historische synoptische
-Apokalypse.=_ Von einer Drangsal nach seinem Tod hat Jesus den Seinen
-nie etwas gesagt, denn sie lag ausserhalb seines Gesichtskreises.
-
-Mit dem Tod, gerade durch denselben, war also die Eschatologie,
-obwohl die urchristliche Gemeinde noch ganz darin lebte, thatsächlich
-abgethan. Sie war bestimmt, aus der christlichen Weltanschauung
-hinausgedrängt zu werden, denn sie war »entchristlicht«, weil sie mit
-dem Geheimnis des Reiches Gottes und des Leidensgedankens das innere
-ethische Leben eingebüsst hatte, welches ihr durch Jesus eingehaucht
-worden war. Ein Baum, der mitten in der Blütenpracht an der Wurzel
-getroffen wird -- so war es ihr Schicksal, abzuwelken und zu verdorren,
-wenn man es vorerst auch noch nicht merkte, dass sie dem Untergang
-geweiht war. _=Indem die Geschichte in der Folgezeit zwangsweise
-eine uneschatologische christliche Weltanschauung schuf, hat sie nur
-vollzogen, was in dem Gesetz der Dinge mit Jesu Tod schon bestimmt
-war.=_
-
-Jesu Tod das Ende der Eschatologie! Der Messias, der es auf Erden
-nicht war, das Ende der messianischen Erwartung! Die Weltauffassung,
-in der er lebte und predigte, war eschatologisch; die »christliche
-Weltauffassung«, die er durch seinen Tod begründet, führt die
-Menschheit für immer über die Eschatologie hinaus! Das ist das grosse
-Geheimnis in der christlichen Heilsökonomie.
-
-Für ihn und die Seinen war sein Tod, gemäss der eschatologischen
-Weltanschauung, nur eine _=Uebergangsthatsache=_. Sobald aber das
-Ereignis eingetreten war, wurde es die bleibende _=Centralthatsache=_,
-auf der sich die neue uneschatologische Weltauffassung aufbaute. Im
-Urchristentum waren das Alte und das Neue noch nebeneinander.
-
-Die Anhänger Jesu glaubten an das Kommen des Reichs, weil seine
-machtvolle Persönlichkeit die Kunde bekräftigte. Die Gemeinde nach dem
-Tode glaubte an seine Messianität und erwartete das Kommen des Reichs.
-Wir glauben, dass in seiner ethisch-religiösen Persönlichkeit, wie sie
-sich in seinem Wirken und Leiden offenbart, der Messias und das Reich
-gekommen sind.
-
-Es verhält sich damit wie mit dem Lauf der Sonne. Ihr Glanz bricht
-hervor, während sie noch hinter den Bergen steht. Die dunkeln Wolken
-röten sich von ihrem Schein und in phantastischen Gebilden spielt
-sich der Kampf zwischen Licht und Finsternis ab. Noch ist die Sonne
-selbst nicht sichtbar, sondern sie ist nur da, sofern die Helligkeit
-von ihr ausgeht. _=Die Sonne hinter dem Morgenrot=_: so erschien
-die Persönlichkeit _=Jesu von Nazareth=_ den Zeitgenossen in der
-vormessianischen Aera.
-
-In dem Augenblick, wo der Himmel im intensivsten Kolorit erglüht,
-steigt sie über den Horizont auf. Damit aber fängt die Farbenpracht
-an langsam abzunehmen. Die phantastischen Gebilde verblassen und
-versinken, weil die Sonne selbst die Wolken, in denen sie sich
-spiegelt, auflöst. _=Die aufgehende Sonne über dem Horizont=_, so
-erschien »_=Jesus Christus=_« der urchristlichen Gemeinde in ihrer
-eschatologischen Erwartung.
-
-_=Die Sonne zur Mittagszeit=_: so erscheint er uns. Wir wissen nichts
-von Morgen- und Abendrot, sondern wir sehen nur die weisse Helligkeit,
-die alles durchleuchtet. Weil sie aber jetzt für uns in diesem Licht
-erstrahlt, dürfen wir uns nicht auch den Sonnenaufgang so vorstellen,
-als wäre sie als leuchtende Scheibe in Mittagsklarheit über dem
-Horizont aufgestiegen. Unsere moderne Anschauung über den Tod Jesu ist
-wahr, in ihrem innersten Wesen wahr, weil sie seine sittlich-religiöse
-Persönlichkeit in den Gedanken unserer Zeit wiedergibt. Wenn wir sie
-aber so in die Geschichte Jesu und des Urchristentums zurücktragen,
-thun wir dasselbe, als wenn wir einen Sonnenaufgang ohne Morgenrot
-malen wollten.
-
-In der wahren historischen Erkenntnis liegt eine befreiende und
-fördernde Macht. Unser Glaube baut sich auf der Persönlichkeit
-Jesu auf. Zwischen unserer Weltanschauung und derjenigen, in
-welcher er lebte und wirkte, liegt aber eine tiefe, wie es scheint,
-unüberbrückbare Kluft. Man sah sich deshalb genötigt, _=seine
-Persönlichkeit gleichsam aus seiner Weltanschauung herauszureissen=_
-und ihr einen Strich ins Moderne zu geben.
-
-Dadurch kam aber eine eigentümliche Unlebendigkeit und
-Zwitterhaftigkeit in das Bild seiner Person. _=Man erhielt ein
-Zwitterwesen, halb modern, halb antik.=_ Mit dem Modernen übertrug
-man auch die moderne Psychologie auf ihn, ohne sich immer vollständig
-klar zu machen, dass sie nicht auf ihn anwendbar ist und ihn notwendig
-verkleinert. Denn sie ist hergenommen von Durchschnittswesen, die aus
-Meinungen zusammengeflickt sind und sich nur in stetiger Entwicklung
-erfassen und beobachten. _=Jesus ist aber eine übermenschliche
-Persönlichkeit aus einem Guss.=_
-
-So beruht die moderne Dogmatik auf einer historischen und
-psychologischen Gewaltthat, weil sie nicht nachweisen kann, warum
-wir das Recht haben, Jesum aus seiner Zeit herauszulösen, seine
-Persönlichkeit in unsere modernen Gedanken zu übersetzen und ihn als
-»Messias« und »Gottessohn« ausserhalb des jüdischen Rahmens aufzufassen.
-
-Die wahre geschichtliche Erkenntnis aber gibt der Dogmatik ihre volle
-Bewegungsfreiheit wieder! Sie bietet ihr die Persönlichkeit Jesu dar
-in einer eschatologischen _=und doch ihrem Wesen nach durch und durch
-modernen Weltanschauung=_, weil =er= sie mit seinem gewaltigen Geiste
-durchdrungen hat.
-
-Dieser Jesus ist viel grösser als der modern gedachte: _=er ist
-wirklich eine überirdische Persönlichkeit=_. Mit seinem Tode vernichtet
-er die Form seiner Weltanschauung, indem seine Eschatologie unmöglich
-wird. Damit gibt er allen Geschlechtern und allen Zeiten das Recht,
-_=ihn in ihren Gedanken und Vorstellungen zu erfassen, dass sein Geist
-ihre Weltanschauung durchdringe, wie er die jüdische Eschatologie
-belebte und verklärte=_.
-
-Darum darf sich die moderne Dogmatik gerade auf Grund der wahren
-geschichtlichen Erkenntnis frei bewegen, ohne die immerwährende
-kleinliche geschichtliche Rücksichtnahme, welche heutzutage oft zum
-Schaden der geschichtlichen Wahrhaftigkeit beobachtet wird. _=Die
-Dogmatik soll nicht um einen Pflock grasen. Sie ist frei, denn sie
-hat unsere christliche Weltanschauung allein auf die Persönlichkeit
-Jesu Christi zu gründen, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Form, in
-welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte. Er selbst hat ja diese Form
-mit seinem Tod zerstört.=_ Die _=Geschichte=_ fordert die Dogmatik zu
-dieser _=Ungeschichtlichkeit=_ auf.
-
-Als Jesus verschieden war, sagte _=der römische Hauptmann=_, »wahrlich,
-dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen« (Mk 15 _-39-_). So wird seine
-Würde mit dem Augenblick seines Todes frei für alle Zungen, für alle
-Nationen und für alle Weltanschauungen.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-Abriss des Lebens Jesu.
-
-
-Das »_=Leben Jesu=_« beschränkt sich auf die letzten Monate seines
-Daseins. Zur Zeit der Sommeraussaat trat er auf und starb am Kreuz zu
-Ostern des folgenden Jahres.
-
-Seine öffentliche Wirksamkeit zählt nach _=Wochen=_. Die erste Periode
-reicht von der Aussaat bis in die Erntezeit; die zweite umfasst die
-Tage des Auftretens zu Jerusalem. Den Herbst und den Winter verbrachte
-er auf heidnischem Gebiet, allein mit seinen Jüngern.
-
-Vor ihm war der Täufer aufgetreten und hatte mit Nachdruck auf die
-Nähe des Reiches und die vormessianische Erscheinung des gewaltigen
-Vorläufers hingewiesen, mit dessen Auftreten die Geistesausgiessung
-statthaben sollte. Nach Joël war dies, mit andern Wundern, das Zeichen,
-dass der Gerichtstag unmittelbar bevorstand. Johannes selbst hielt sich
-nie für diesen Vorläufer; auch das Volk kam nicht auf diesen Gedanken,
-_=denn er hatte die Zeit der Wunder nicht heraufgeführt=_. Er sei ein
-Prophet: das war die allgemeine Meinung.
-
-Ueber Jesu frühere Entwicklung wissen wir nichts. Alles liegt im
-Dunkeln. Nur eines steht fest: Während der Taufe ging ihm das Geheimnis
-seines Daseins auf, dass er nämlich derjenige sei, den _=Gott=_ zum
-Messias bestimmt hatte. _=Mit dieser Offenbarung ist er fertig; eine
-Entwicklung hat er nicht mehr durchgemacht.=_ Denn nun stand ihm fest,
-dass er bis zum nahen Anbrechen der messianischen Aera, wo seine
-Würde ihm in Herrlichkeit zufiel, als der unerkannte und verborgene
-Messias auf das Reich hin zu wirken habe und sich mit den Seinen in der
-Enddrangsal bewähren und läutern müsse.
-
-_=Der Leidensgedanke war also mit dem Messianitätsbewusstsein
-selbst gegeben, wie mit der Reichserwartung die Vorstellung der
-vormessianischen Drangsal unlösbar zusammenhängt.=_ Irdische Ereignisse
-konnten Jesu Werdegang nicht beeinflussen. _=Durch sein Geheimnis stand
-er über der Welt=_, wenn er auch jetzt noch als Mensch unter Menschen
-wandelte.
-
-Sein Auftreten und seine Verkündigung gehen nur auf die Reichsnähe.
-Seine Predigt ist die des Johannes, nur dass er sie durch Zeichen
-bekräftigt. Obwohl sein Geheimnis seine ganze Verkündigung beherrscht,
-darf niemand darum wissen, denn er muss unerkannt bleiben, bis der neue
-Aeon anbricht.
-
-Wie sein Geheimnis, so ist auch seine ganze Ethik durch das »jetzt und
-dann« beherrscht. Es handelt sich um die Busse auf das Reich Gottes
-hin und den Erwerb der Gerechtigkeit, welche dazu befähigt: _=denn nur
-die Gerechten ererben das Reich=_. Diese Gerechtigkeit ist höher als
-die des Gesetzes, denn er weiss, dass das Gesetz und die Propheten
-weissagten bis Johannes: _=mit dem Täufer aber befindet man sich in der
-Vorläuferperiode unmittelbar vor dem Reichsanbruch=_.
-
-Darum muss er, als künftiger Messias, jene höhere Sittlichkeit
-verkünden und wirken. Die geistig Armen, die Sanftmütigen, die da Leid
-tragen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die Mitleidigen,
-die reinen Herzens sind, die Friedfertigen: _=diese alle sind selig,
-weil sie in dieser Eigenschaft zum Reich bestimmt sind=_.
-
-Hinter dieser ethischen Verkündigung steht das Geheimnis des Reiches
-Gottes. Was, _=von dem Einzelnen geleistet=_, sittliche Erneuerung in
-Vorbereitung auf das Reich ist, das bedeutet, _=von der Gemeinschaft
-gewirkt=_, eine Thatsache, durch welche seine Realisierung auf
-übernatürliche Weise herbeigeführt wird. So durchdringen sich
-Individual- und Sozialethik in dem grossen Geheimnis. Wie die
-überreiche Ernte durch Gottes Wundermacht geheimnisvoll auf die
-Aussaat folgt, so kommt auch das Reich Gottes auf Grund der sittlichen
-Erneuerung durch die Menschen, aber ohne ihr Zuthun.
-
-In dem Gleichnis ist auch die zeitliche Koïncidenz enthalten. Er sprach
-es zur Aussaat und erwartete das Reich zur Erntezeit. _=Die Natur
-war Gottes Uhr. Mit der letzten Aussaat hatte er sie zum letztenmal
-gestellt.=_
-
-Das Geheimnis des Reiches Gottes ist die überirdische Verklärung der
-altprophetischen Ethik, in welcher der herrliche Endzustand auch nur
-auf Grund der sittlichen Umkehr Israels von Gott heraufgeführt wird.
-In souveräner Art vollzieht Jesus die Synthese zwischen Daniel'scher
-Apokalyptik und prophetischer Ethik. Es handelt sich bei ihm nicht um
-_=eschatologische Ethik=_, sondern seine Weltanschauung ist _=ethische
-Eschatologie. Als solche ist sie modern.=_
-
-Auch die Zeichen und Wunder fallen unter eine doppelte
-Betrachtungsweise. Für das Volk sollen sie nur die Predigt von der
-Reichsnähe bekräftigen. Wer jetzt nicht glaubt, dass die Zeit so weit
-ist, hat keine Entschuldigung. Die Zeichen und Wunder verdammen ihn,
-denn sie bekunden offenbar, dass es mit der widergöttlichen Macht zu
-Ende geht.
-
-Hinter dieser Behauptung steht aber für Jesus das Geheimnis des
-Reiches Gottes. Als die Pharisäer die Zeichen selbst der Teufelsmacht
-zuschreiben wollten, deutet er in einem Gleichnis das Geheimnis an.
-Durch seine Thaten bindet er die widergöttliche Macht, wie man über
-einen Starken zuerst herfällt und ihn unschädlich macht, ehe man daran
-denken kann, ihm seinen Besitz zu rauben. Darum gibt er den Jüngern bei
-der Aussendung zugleich mit dem Predigtauftrag die Vollmacht über die
-unreinen Geister. Sie sollen die letzten Streiche führen.
-
-Als Drittes gehört zur Reichspredigt der Hinweis auf die
-vormessianische Drangsal. Die Gläubigen müssen darauf vorbereitet sein,
-mit ihm durch jene Zeit der Bewährung hindurchzugehen, wo sie in der
-Standhaftigkeit gegen den letzten Ansturm der Weltmacht sich als die
-Auserwählten des Gottesreiches erweisen. Auf seine Person hin wird sich
-dieser Ansturm konzentrieren; darum muss man bei ihm ausharren bis
-zum Tod. Nur das Sein im Gottesreich ist Leben. Der Menschensohn wird
-darnach richten, ob sie bei ihm, Jesus, ausgehalten haben oder nicht.
-So wendet sich Jesus am Schluss der Seligpreisungen an die Seinen mit
-den Worten: »Selig seid ihr, wenn die Menschen euch um meinetwillen
-verfolgen«. Die Aussendungsrede wird zu einer Ausführung über die
-Drangsal. Das letzte Wort in der Botschaft von der unmittelbaren
-Reichsnähe an den Täufer lautet: »Selig ist, wer sich nicht an mir
-ärgert.« Die Menge, mit welcher er das Abendmahl am See gefeiert hat,
-beschwört er am Morgen zu Bethsaida, bei ihm auszuharren, auch wenn er
-ein Gegenstand der Verachtung und des Spotts in der sündigen Welt sein
-wird: ihre Seligkeit hängt davon ab.
-
-Diese Drangsal bedeutet zugleich mit der _=Bewährung=_ auch noch eine
-_=Sühne=_. Sie ist im messianischen Drama vorgesehen, weil Gott von
-den Reichsgenossen eine Sühne für ihre Vergehungen in diesem Aeon
-verlangt. _=Aber er ist allmächtig.=_ In dieser Allmacht bestimmt er
-über die Zugehörigkeit zum Reich, über die Stelle, die einer darin
-einnimmt, ohne an irgend welche Bestimmung gebunden zu sein. So ist
-auch die Notwendigkeit der Enddrangsal im Hinblick auf seine Allmacht
-nur relativ. Er kann sie den Menschen erlassen.
-
-Darauf beziehen sich die drei letzten Bitten des Vaterunsers. Nachdem
-Gott angefleht worden, er möge das Reich senden, dass sein Name
-geheiligt werde und sein Wille auf Erden geschehe, wie im Himmel,
-dürfen die Menschen ihn bitten, ihnen die Vergehungen zu verzeihen und
-die »Versuchung« zu ersparen, indem er sie der Gewalt des Bösen direkt
-entreisst.
-
-Dies war der Inhalt von Jesu Verkündigung in der ersten Periode. Er
-hielt sich während derselben am nördlichen Ufer des Sees auf. Chorazin,
-Bethsaida und Kapernaum waren die Hauptstätten seiner Wirksamkeit. Von
-dort unternahm er über den See hin einen Zug in das Gebiet der zehn
-Städte und eine Reise nach Nazareth.
-
-Gerade in den Städten seiner Hauptwirksamkeit stiess er auf Unglauben.
-Der Fluch, den er über sie aussprechen muss, bezeugt es. Zudem waren
-ihm die Pharisäer aufsässig und suchten ihn gerade wegen seiner Wunder
-beim Volk zu diskreditieren. In Nazareth erfuhr er, dass ein Prophet
-nichts gilt in seinem Vaterlande.
-
-So war die galiläische Periode nichts weniger als eine glückliche.
-Diese äusseren Misserfolge bedeuteten aber nichts für das Kommen des
-Reiches. Die ungläubigen Städte richteten nur sich selbst. Um die
-Nähe des Reiches zu ermessen, hatte Jesus andere, geheimnisvolle
-Anzeichen. An diesen erkannte er, dass die Zeit da war. _=Darum sandte
-er seine Jünger aus, gerade auf dem Rückweg von Nazareth -- denn es war
-Erntezeit.=_
-
-Durch ihre Predigt und durch ihre Zeichen drang die Kunde von seiner
-machtvollen Persönlichkeit überall hin. Jetzt beginnt die Zeit der
-Erfolge! Johannes im Gefängnis hörte davon und sandte seine Jünger, sie
-sollten ihn fragen, ob er derjenige sei, »welcher kommen sollte«, denn
-aus den Wundern schloss er, dass die Zeit des machtvollen Vorläufers,
-den er verkündigt hatte, da sei.
-
-Jesus that Zeichen, seine Jünger hatten Macht über die Geister. Wenn
-er vom Gericht sprach, betonte er, dass der Menschensohn mit ihm
-solidarisch wäre und nur den anerkännte, der zu ihm, Jesus, gestanden
-hätte. Das Volk hielt deshalb dafür, er könne der sein, nach dem man
-ausschaute, und der gefangene Täufer wollte darüber Gewissheit haben.
-
-Jesus kann ihm nicht sagen, wer er ist. »_=Die Zeit ist sehr
-vorgeschritten=_« -- das ist der Inhalt seines Bescheids. Nachdem
-die Gesandten fort sind, wendet er sich an das Volk und deutet
-in geheimnisvoller Rede darauf hin, dass die Stunde schon weiter
-vorgerückt sei, als jener in seiner Frage ahnte. Die Vorläuferzeit
-hat mit dem Auftreten des Täufers selbst angefangen. Seither wird das
-Gottesreich gewaltsam herbeigenötigt. _=Der Frager selbst ist der
-Elias, wenn sie es begreifen mögen.=_
-
-Die Menschen vermochten es nicht zu fassen, dass der Gefangene der
-Elias war. Sie verstanden die Zeit nicht, als er mit seiner Predigt
-auftrat. Das liegt aber nicht allein daran, dass jener keine Wunder
-that, sondern an der Verstocktheit ihrer Herzen. Unvernünftige Kinder
-sind sie, die nicht wissen, was sie wollen. Jetzt ist einer da, der
-Zeichen thut -- aber auch dem glauben sie die Nähe des Reiches nicht.
-So schliesst der Fluch über Chorazin und Bethsaida die »Würdigungsrede
-über den Täufer« ab.
-
-Die Entsendung der Jünger war die letzte That zur Herbeiführung des
-Reiches. Als sie daher zurückkommen, ihm ihren Erfolg künden und
-berichten, wie sie Gewalt über die bösen Geister hatten, heisst das für
-ihn: _=es ist alles bereit.=_ So erwartet er jetzt den Reichsanbruch
-für die unmittelbarste Zukunft, nachdem es ihm schon fraglich gewesen
-war, ob die Jünger vor diesem Ereignis zu ihm zurückkehren würden. Er
-hatte ihnen ja gesagt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie
-ereilen würde, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären.
-
-Sein Werk ist gethan. Nun verlangt es ihn, sich zu sammeln und mit
-den Seinen allein zu sein. Sie besteigen ein Schiff und fahren längs
-des Strandes nach Norden zu. Die Menge aber, welche sich auf die
-Predigt der Jünger hin um ihn gesammelt hatte, um mit ihm das Reich
-zu erwarten, folgt ihnen am Ufer nach und überrascht sie am einsamen
-Strand, wo sie gelandet.
-
-Als es Abend geworden, wollten die Jünger, dass er das Volk entlasse,
-damit sie in den umliegenden Flecken Speise zu sich nähmen. Für ihn
-ist aber die Stunde zu heilig, um durch ein irdisches Mahl entweiht
-zu werden. Bevor er sie daher entlässt, heisst er sie sich lagern und
-hält mit ihnen eine Vorfeier des messianischen Mahles. Er, der künftige
-Messias, teilt der Gemeinschaft, welche um ihn versammelt ist, um die
-Ankunft des Reiches zu erwarten, feierlich Speise aus, indem er sie
-damit geheimnisvoll zur Teilnahme an der nahen Vollendungsfeier weiht.
-Da sie sein Geheimnis nicht wussten, verstanden sie sein Handeln nicht,
-ebensowenig wie die Jünger. Sie begriffen nur, dass es etwas gewaltig
-Ernstes bedeutete und machten sich ihre Gedanken darüber.
-
-Darauf entliess er sie. Den Jüngern befahl er an den Strand von
-Bethsaida zu fahren. Er selbst zog sich auf den Berg zum Gebet zurück
-und folgte dann längs des Strandes zu Fuss. Als ihnen seine Gestalt
-im Dunkel der Nacht erschien, da glaubten sie, unter dem Eindruck
-der Feier, wo er in geheimnisvoller Hoheit vor ihnen stand, seine
-überirdische Erscheinung nahe sich auf den bewegten Wogen, gegen die
-sie zur Landung ankämpften.
-
-Am Morgen nach dem Abendmahl am See sammelt er Volk und Jünger um sich
-zu Bethsaida und vermahnt sie, bei ihm auszuharren und ihn nicht zu
-verleugnen in der Erniedrigung.
-
-Sechs Tage später geht er mit den drei Intimen auf den Berg, wo er
-einsam gebetet hatte. Dort wird er ihnen als der Messias geoffenbart.
-Auf dem Heimweg verbietet er ihnen, etwas davon zu sagen, bis er bei
-der Auferstehung in der Glorie des Menschensohns offenbart würde.
-Sie aber vermissen noch die Erscheinung des Elias, der doch kommen
-müsse, bevor die Totenauferstehung statt habe. Bei der Würdigungsrede
-über den Täufer, wo die geheimnisvolle Andeutung fiel, waren sie
-ja nicht zugegen gewesen. Ihnen muss er daher jetzt klar machen,
-dass der Enthauptete der Elias war. An seinem Schicksal dürfen sie
-keinen Anstoss nehmen, denn also war es bestimmt. Auch der, welcher
-Menschensohn sein wird, muss viel leiden und verspottet werden. So will
-es die Schrift.
-
-Das Reich, welches Jesus in unmittelbarer Nähe erwartete, blieb aus.
-Für die evangelische Geschichtsüberlieferung war diese _=erste=_
-eschatologische Verzögerung insofern verhängnisvoll, als nun alle
-Vorgänge um die Aussendung herum unverständlich wurden, weil das
-Bewusstsein verloren ging, dass die intensivste eschatologische
-Erwartung damals Jesus und seine Umgebung beseelte. Darum ist gerade
-diese Zeit in den Berichten verwirrt und dunkel, besonders da einzelne
-Vorgänge auch den damaligen Teilnehmern rätselhaft blieben. So wurde in
-der Ueberlieferung das Kultmahl am See zur »wunderbaren Speisung« in
-einem ganz andern Sinn, als es Jesus gemeint hatte.
-
-Auch die Motive seines Verschwindens werden damit unverständlich.
-Es scheint sich um eine »Flucht« zu handeln, während andererseits
-die Berichte in keiner Weise andeuten, wie es so weit gekommen.
-In der Einsicht in die beiden sich entsprechenden Höhepunkte der
-eschatologischen Erwartung liegt der Schlüssel zum historischen
-Verständnis des Lebens Jesu. _=Während den jerusalemitischen Tagen
-kehrt wieder, was in den Tagen zu Bethsaida schon einmal dagewesen.=_
-Ohne diese Annahme klafft zwischen der Aussendung und dem Zug
-nach Jerusalem eine Lücke in der evangelischen Ueberlieferung.
-Die Geschichtsschreibung sieht sich gezwungen, eine Periode des
-galiläischen Niedergangs zu _=erfinden=_, um den Zusammenhang der
-berichteten Thatsachen herzustellen, als fehlte hier ein Stück in
-unseren Evangelien. _=Das ist der schwache Punkt aller »Leben Jesu«.=_
-
-Mit der Rückkehr in die Landschaft Genezareth entzieht sich Jesus den
-Pharisäern und dem Volk, um mit seinen Jüngern allein zu sein, wie es
-schon seit ihrer Rückkehr von der Missionswanderung sein vergebliches
-Bestreben war. Es ist unumgänglich nötig, denn er muss über zwei
-messianische Thatsachen ins Klare kommen.
-
-_=Warum ist der Täufer von seiner Obrigkeit hingerichtet worden, ehe
-die messianische Zeit angebrochen?=_
-
-_=Warum bleibt das Reich aus, da doch die Anzeichen seines Einbrechens
-da sind?=_
-
-In der Schrift geht ihm das Geheimnis auf: Gott führt das Reich herauf
-_=ohne allgemeine Enddrangsal=_. Derjenige, den er zur Herrschaft in
-Herrlichkeit bestimmt hat, vollzieht sie an sich, indem er als ein
-Uebelthäter gerichtet und verurteilt wird. Dafür gehen die andern
-frei aus: er leistet die Sühne für sie. Mögen sie immerhin glauben,
-Gott strafe ihn, mögen sie an dem, welcher ihnen die Gerechtigkeit
-gepredigt, irre werden, -- wenn nach seinem Leiden die Herrlichkeit
-anbricht, dann werden sie sehen, dass er für sie gelitten.
-
-So las Jesus im Propheten Jesaia, was Gott über ihn, den Auserwählten,
-bestimmt hatte. Das Ende des Täufers zeigte ihm an, in welcher Form ihm
-diese Verurteilung beschieden war: er sollte von seiner Obrigkeit vor
-allem Volk als ein Missethäter zu Tode gebracht werden. Dazu musste er
-hinaufziehen nach Jerusalem für die Zeit, _=da ganz Israel sich dort
-versammelte=_.
-
-Als daher die Zeit zur Osterreise kam, brach er mit seinen Jüngern auf.
-Ehe sie von dannen zogen, fragte er sie, für wen er bei den Leuten
-gelte. Sie wussten nur zu antworten, dass man ihn für den Elias halte.
-Petrus aber, in der Erinnerung an die Offenbarung auf dem Berg bei
-Bethsaida, sagt: du bist der Gottessohn. Daraufhin thut ihnen Jesus
-sein Geheimnis kund. Gewiss, er ist der, welcher als Menschensohn
-bei der Auferstehung geoffenbart werden wird. Vorher aber ist ihm
-bestimmt, den Hohenpriestern und Aeltesten zur Verurteilung und zum
-Tod überantwortet zu werden. Gott will es also. Darum ziehen sie nach
-Jerusalem.
-
-Petrus hält sich über diese neue Eröffnung auf, denn in der Offenbarung
-auf dem Berg war nicht die Rede davon gewesen. Er nimmt Jesum bei
-Seite und dringt heftig auf ihn ein. Darauf wird er von ihm hart
-zurechtgewiesen, dass er menschliche Erwägungen laut werden lässt, wo
-Gott redet.
-
-Diese Reise nach Jerusalem war der Todeszug zum Siege. In dem
-Leidensgeheimnis lag das Geheimnis des Reiches Gottes geborgen. Sie
-zogen hinter ihm her und wussten nur, dass er nachher, wenn ihm also
-geschehen wäre, Messias sein würde. Es bangte ihnen vor dem, was kommen
-sollte; sie verstanden nicht, warum es also sein musste, und scheuten
-sich, ihn zu fragen. Vor allem gingen aber ihre Gedanken auf den
-Zustand im nahen Reich. Wenn er einmal Messias war, was würden dann sie
-sein? das beschäftigte ihren Sinn und davon redeten sie untereinander.
-Er aber wies sie zurecht und deutete ihnen an, warum er leiden müsse.
-Nur durch Erniedrigung und dienende Dahingabe wird man bereitet, im
-Gottesreich zu herrschen. Darum muss der, welcher als Menschensohn die
-Herrschaft im Reich ausüben wird, jetzt für die vielen mit seinem Leben
-in dienender Hingabe eine Sühne leisten.
-
-Mit dem Betreten des jüdischen Gebiets beginnt die zweite öffentliche
-Periode. Er ist wieder vom Volk umgeben. In Jericho wartet die Menge
-auf ihn, um ihn beim Durchzug zu sehen. Durch die Heilung eines
-blinden Bettlers, des Sohnes des Timäus, erweist er sich ihnen als der
-grosse Vorläufer, für den man ihn schon in Galiläa gehalten hatte.
-Die jubelnde Menge bereitet ihm einen feierlichen Einzug. Als dem,
-welcher der Weissagung zufolge vor dem Messias herkommt, singen sie
-ihm Hosianna. Dem Reich aber, welches in Bälde erscheinen wird, gilt
-das Hosianna in der Höh'. Damit ist wieder die Situation der grossen
-Tage am Seestrand erreicht: Jesus wird von der reichsgläubigen Menge
-umdrängt.
-
-Die Belehrung, welche die jerusalemitischen Gleichnisse enthalten,
-bezieht sich auf die Nähe des Reiches. Es sind _=Warnrufe=_, die
-zugleich eine Drohung für die enthalten, welche sich gegen die Kunde
-verstocken. Nicht die Frage: ist er der Messias? ist er es nicht?
-bewegte die Geister, sondern: ist das Reich so nah, wie er sagt, oder
-nicht?
-
-Die Pharisäer und Schriftgelehrten wussten nicht, welche Stunde es
-geschlagen hatte. Sie zeigten eine gänzliche Unempfindlichkeit für
-die Nähe des Reichs, denn sonst hätten sie ihm nicht Fragen zur
-Beantwortung vorgelegt, die gerade durch die vorgeschrittene Zeit
-gegenstandslos geworden waren. Was kommt denn noch auf den Kaiserzins
-an? Was sollen die spitzfindigen sadducäischen Argumente gegen die
-Möglichkeit der Totenauferstehung? Bald ist ja mit dem Reichsanbruch
-die _=irdische Herrschaft=_ gerade so gut wie die _=irdische
-Menschennatur=_ abgethan!
-
-Ja, wenn sie die Zeichen der Zeit verständen! Er gibt ihnen zwei
-Fragen auf, die sie zum Nachdenken bringen sollen, damit sie es merken,
-dass sie in der Zeit eines grossen Geheimnisses stehen, von dem sich
-ihre Schriftgelehrsamkeit nicht träumen lässt.
-
-_=In welcher Vollmacht wirkte der Täufer?=_ Wenn sie es wüssten,
-dass er der Vorläufer war, wie es Jesus schon dem Volk gegenüber
-geheimnisvoll angedeutet hatte, dann wüssten sie auch, dass die Stunde
-des Reiches geschlagen hat.
-
-_=Wie ist der Messias bald Davids Sohn, also unter ihm, bald Davids
-Herr, also über ihm?=_ Wenn sie das erklären könnten, dann verständen
-sie auch, dass der, welcher niedrig und unerkannt auf das Reich Gottes
-hinwirkt, als Herr und Messias geoffenbart werden wird.
-
-So aber ahnen sie nicht einmal, dass die messianischen Hinweise
-_=Geheimnisse=_ bergen. Mit ihrer Gelehrsamkeit sind sie blinde
-Blindenleiter, die das Volk, statt es für das Reich empfänglich
-zu machen, verstocken und statt die neue Sittlichkeit, welche zum
-Reich gerecht macht, aus dem Gesetz herauszulesen, in kleinlicher
-Veräusserlichung ihr entgegenarbeiten und das Volk mit sich ins
-Verderben ziehen. Darum: _=Wehe den Pharisäern und Schriftgelehrten!=_
-
-Zwar auch unter ihnen gibt es noch solche, welche ein offenes Auge
-behalten haben. Derjenige, welcher ihn nach dem grossen Gebot gefragt
-hat und seiner Antwort zustimmt, der ist »verständig« und deshalb
-»nicht fern vom Reich Gottes«, denn er gehört dazu, wenn es erscheint.
-
-Die Masse aber der Pharisäer und Schriftgelehrten versteht ihn so
-wenig, dass sie seinen Tod beschliessen. Auf Jesu Auftreten hin
-brachten sie keine wirksame Anklage fertig. Ein respektloses Wort über
-den Tempel: das war alles. _=Da verriet ihnen Judas das Geheimnis.=_
-Jetzt war er verurteilt.
-
-In der Nähe des Todes richtet sich Jesus zu derselben sieghaften
-Grösse auf, wie in den Tagen am Seestrand: _=denn mit dem Tod kommt
-das Reich.=_ Damals hatte er mit den Gläubigen die Vorfeier des
-messianischen Mahles gehalten; so erhebt er sich jetzt am Ende der
-letzten irdischen Mahlzeit und teilt den Jüngern feierlich Speise und
-Trank aus, indem er sie mit erhobener Stimme, nachdem der Becher zu ihm
-zurückgekehrt ist, darauf hinweist, dass dieses das letzte irdische
-Mahl gewesen ist, weil sie in Bälde zum Mahl in des Vaters Reich
-vereinigt sein werden. Zwei entsprechende Gleichnisworte deuten das
-Leidensgeheimnis an. Für ihn sind Brot und Wein, die er ihnen bei der
-Vorfeier darreicht, sein Leib und sein Blut, weil er durch die Hingabe
-in den Tod das messianische Mahl heraufführt. Das Gleichniswort blieb
-den Jüngern dunkel. Es war auch nicht auf sie berechnet, es sollte
-ihnen nichts verdeutlichen -- _=denn es war ein Geheimnisgleichnis=_.
-
-Wie nach dem Abendmahl am See, sucht er auch jetzt, da die grosse
-Stunde naht, die Einsamkeit auf, um zu beten. Er trägt die Drangsal
-für die andern. Darum darf er den Jüngern voraussagen, dass sie in
-der Nacht sich alle an ihm ärgern werden -- und er braucht sie nicht
-zu verdammen, denn die Schrift hat es so bestimmt. Welch unendlicher
-Friede liegt in diesem Wort! Ja, er tröstet sie: nach der Auferstehung
-will er sie um sich sammeln und ihnen in messianischer Herrlichkeit
-vorausziehen nach Galiläa, die Strasse zurück, auf welcher sie ihm im
-Todesgang gefolgt sind.
-
-Noch steht es aber in Gottes Allmacht, die Drangsal auch für ihn
-auszuschalten. Darum, wie er einst mit den Gläubigen gebetet »und führe
-uns nicht in die Versuchung«, so bittet er jetzt für sich, Gott in
-seiner Allmacht möge den Leidenskelch an _=seinen=_ Lippen vorübergehen
-lassen. Zwar, wenn es Gottes Wille ist, fühlt er sich stark genug, ihn
-zu trinken. Nur für die Intimen bangt ihm. Die Zebedaiden haben sich
-vermessen, um die Thronplätze zu erlangen, den Leidensbecher mit ihm
-zu trinken und die Leidenstaufe mit ihm zu empfangen. Petrus verschwor
-sich, bei ihm auszuhalten, auch wenn er mit ihm sterben müsste. Er
-weiss nicht, wie Gott über sie bestimmt hat, ob er ihnen auferlegen
-wird, was sie auf sich nehmen wollten. Darum heisst er sie in seiner
-Nähe bleiben. Und während er Gott für sich anfleht, gedenkt er ihrer
-und weckt sie zu zweien Malen, dass sie wach bleiben und Gott anflehen,
-er möge sie nicht durch »die Versuchung« hindurchführen.
-
-Beim drittenmal war die Schar mit dem Verräter nahe. Die Stunde ist
-gekommen: darum richtet er sich in seiner ganzen hoheitsvollen Grösse
-auf. Er ist allein, die Seinen fliehen.
-
-Das Zeugenverhör ist nur ein Scheinverhör. Nachdem sie abgetreten,
-stellt der Hohepriester unvermittelt die Frage wegen der Messianität.
-»_=Ich bin's=_«, sagt Jesus, _=indem er sie auf die Stunde verweist, wo
-er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels, umgeben von den Engeln,
-erscheinen wird.=_ Darum wurde er wegen Gotteslästerung zum Tode
-verurteilt.
-
-Am 14. Nisan Nachmittags, da man abends das Passahlamm ass, schrie er
-laut auf und verschied.
-
-
-
-
-Nachwort.
-
-
-Die Urteile über diese realistische Darstellung des Lebens Jesu können
-sehr verschieden sein, je nach dem dogmatischen, historischen oder
-litterarischen Standort der Kritik. Nur den _=Zweck=_ des Buches mögen
-sie nicht antasten: _=der modernen Zeit und der modernen Dogmatik die
-Gestalt Jesu in ihrer überwältigenden heroischen Grösse vor die Seele
-zu führen.=_
-
-Das Heroische geht unserer Weltanschauung, unserem Christentum und
-unserer Auffassung der Person Jesu ab. Darum hat man ihn vermenschlicht
-und erniedrigt. RENAN hat ihn zur sentimentalen Figur entweiht, feige
-Geister wie SCHOPENHAUER wagten es, sich auf ihn zu berufen für ihre
-entnervende Weltanschauung, und unsere Zeit hat ihn modernisiert,
-indem sie sein Werden und seine Entwicklung psychologisch zu begreifen
-gedachte.
-
-Wir müssen dazu zurückkehren, das _=Heroische=_ in Jesu wieder zu
-empfinden, wir müssen vor dieser geheimnisvollen Persönlichkeit, die
-in der Form ihrer Zeit weiss, dass sie auf Grund ihres Wirkens und
-Sterbens eine sittliche Welt schafft, _=welche ihren Namen trägt=_,
-in den Staub gezwungen werden, ohne es auch nur zu wagen, ihr Wesen
-verstehen zu wollen: _=dann erst kann das Heroische in unserem
-Christentum und in unserer Weltanschauung wieder lebendig werden=_.
-
-
-
-
-Anmerkungen des Bearbeiters:
-
-Gesperrter Text wird markiert durch _= ... =_
-
-Text in anderer Schrift wird markiert durch _- ... -_
-
-Kursivschrift wird gekennzeichnet durch _..._
-
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-unübliche Schreibweisen wurden beibehalten.
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-Das Symbol ^ kennzeichnet den nachfolgenden Buchstaben als hochgestellt.
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-
-
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-End of the Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem
-Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer
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- The Project Gutenberg eBook of Das Abendmahl, by Albert Schweitzer.
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-<body>
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-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben
-Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-
-
-Title: Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums
- Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine
- Skizze des Lebens Jesu
-
-Author: Albert Schweitzer
-
-Release Date: January 11, 2016 [EBook #50901]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG ***
-
-
-
-
-Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Michael Waddell
-and the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<p class="pmb3" />
-
-<h1>Das Abendmahl</h1>
-
-<p class="center"><span class="font07">im</span></p>
-
-<p class="center"><span class="font18">Zusammenhang mit dem Leben Jesu</span></p>
-
-<p class="center"><span class="font07">und der</span></p>
-
-<p class="center"><span class="font18 pmb1">Geschichte des Urchristentums</span></p>
-
-<p class="center"><span class="font07 pmb1">von</span></p>
-
-<p class="center"><span class="font15"><b>Lic. Dr. Albert Schweitzer</b></span></p>
-
-<p class="center"><span class="font08 pmb1">in Strassburg i. E.</span></p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<p class="p1 center"><span class="font19">Zweites Heft.</span></p>
-
-<p class="center"><span class="font15"><b>Das Messianit&auml;ts- und Leidensgeheimnis.</b></span></p>
-
-<p class="center"><span class="font12">Eine Skizze des Lebens Jesu.</span></p>
-<div class="pmb3"></div>
-
-<div class="figcenter" style="width: 95px;">
- <img src="images/illu_001.jpg" width="95" height="107" alt="mark" title="" />
-</div>
-<div class="pmb3"></div>
-
-<p class="pmb3 center"><span class="font11"><b>T&uuml;bingen</b></span>
- <span class="font09">und</span> <span class="font11"><b>Leipzig</b>.</span></p>
-
-<p class="center font08">Verlag von <em class="gesperrt">J. C. B. Mohr</em> (Paul Siebeck).</p>
-
-<p class="center font10 pmb3">1901.</p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pmb3" />
-<p class="pmb3" />
-
-<hr class="r5" />
-<p class="center font08">
-<i>Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen beh&auml;lt sich<br />
-die Verlagsbuchhandlung vor.</i>
-</p>
-
-<hr class="r5" />
-<p class="pmb3" />
-
-<p class="p3 center font08 pmb3">
-C. A. Wagner's Universit&auml;tsbuchdruckerei in Freiburg i. B.
-</p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p class="pmb3" />
-
-<p class="p3 center font12">Seinem Lehrer</p>
-
-<p class="center"><span class="font12">
-Herrn Prof. D. Dr.</span> <span class="font14"><span class="antiqua">H. J. Holtzmann</span></span></p>
-
-<p class="center font08">gewidmet</p>
-
-<p class="center font10">in aufrichtiger Verehrung und treuer Anh&auml;nglichkeit</p>
-
-<p class="center font10">von seinem dankbaren Sch&uuml;ler</p>
-
-<p class="center font10 pmb3"><b>Albert Schweitzer.</b></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_v">[S. v]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Vorrede">Vorrede.</h2>
-
-
-<p>Der Versuch, ein Leben Jesu zu schreiben und dabei nicht
-am Anfang, sondern in der Mitte, <em class="gesperrt">mit dem Leidensgedanken</em>
-zu beginnen, musste sich notwendig einmal einstellen. Es ist verwunderlich,
-dass er nicht schon fr&uuml;her gemacht worden ist, denn
-er liegt in der Luft.</p>
-
-<p>Alle Darstellungen des Lebens Jesu befriedigen n&auml;mlich
-<em class="gesperrt">bis zum Eintritt des Leidensgedankens</em>. Dort aber verfehlen
-sie den Anschluss. Es gelingt keiner von ihnen begreiflich
-zu machen, warum Jesus nun pl&ouml;tzlich seinen Tod f&uuml;r notwendig
-h&auml;lt und in welchem Sinne er ihn f&uuml;r heilbringend ansieht. Um
-diesen Anschluss zu erreichen, muss man sich entschliessen, einmal
-vom Leidensgedanken selbst auszugehen, um von da aus das
-Leben Jesu <em class="gesperrt">nach r&uuml;ckw&auml;rts und nach vorw&auml;rts</em> zu begreifen.
-Wenn wir den Leidensgedanken nicht verstehen, liegt
-es nicht vielleicht daran, dass wir <em class="gesperrt">die erste Periode</em> des Lebens
-Jesu falsch auffassen und uns so die Einsicht in das <em class="gesperrt">Aufkommen
-des Leidensgedankens</em> von vornherein unm&ouml;glich machen?</p>
-
-<p>Die letzten Jahre der Forschung haben gezeigt, auf wie
-schwachem Grunde eigentlich unsere <em class="gesperrt">historische Auffassung</em>
-des Lebens Jesu beruht. Es l&auml;sst sich nicht verkennen, dass wir
-bei einer <em class="gesperrt">schweren Antinomie</em> angelangt sind. <em class="gesperrt">Entweder
-Jesus hielt sich wirklich selbst f&uuml;r den Messias oder</em>,
-worauf eine neue Richtung in der Forschung zu f&uuml;hren scheint,
-<em class="gesperrt">erst die urchristliche Auffassung hat ihm diese W&uuml;rde
-beigelegt</em>. In beiden F&auml;llen bleibt das »Leben Jesu« gleich
-r&auml;tselhaft.</p>
-
-<p>Hielt sich Jesus wirklich f&uuml;r den Messias, wie kommt es,
-dass er wirkt, als w&auml;re er nicht der Messias? Wie ist es erkl&auml;rlich,
-dass seine W&uuml;rde und Machtstellung so gar nichts mit seiner
- <span class="pagenum"><a id="Page_vi">[S. vi]</a></span>
-<em class="gesperrt">&ouml;ffentlichen Th&auml;tigkeit zu thun zu haben scheint</em>? Was ist
-davon zu halten, dass er seinen J&uuml;ngern erst, nachdem seine &ouml;ffentliche
-Wirksamkeit &mdash; die wenigen Tage zu Jerusalem abgerechnet
-&mdash; schon zu Ende ist, er&ouml;ffnet, wer er ist, und ihnen dazu noch
-befiehlt, <em class="gesperrt">das Geheimnis</em> streng zu wahren? Dass Motive der
-Klugheit oder p&auml;dagogische Absichten ihm diese Haltung diktiert
-haben sollen, erkl&auml;rt nichts. <em class="gesperrt">Wo steht in den synoptischen
-Berichten auch nur die leiseste Andeutung, dass Jesus
-die J&uuml;nger und das Volk zur Erkenntnis seiner Messianit&auml;t
-hat erziehen wollen?</em></p>
-
-<p>Je mehr man dar&uuml;ber nachdenkt, desto mehr erkennt man,
-wie wenig die Annahme, dass Jesus sich f&uuml;r den Messias gehalten
-habe, das »Leben Jesu« zu erkl&auml;ren vermag, weil sich so gar keine
-Verbindung zwischen seinem Selbstbewusstsein und seiner &ouml;ffentlichen
-Wirksamkeit ergiebt. Es mag banal klingen: man wird
-dabei die Frage nicht los, warum er es nie versucht hat, das Volk
-durch Unterweisung zu der neuen ethischen Auffassung der Messianit&auml;t
-emporzuheben. Der Versuch w&auml;re nicht so aussichtslos
-gewesen, als man anzunehmen geneigt ist, denn es ging damals
-ein tiefreligi&ouml;ser Zug durch Israel. <em class="gesperrt">Warum hat sich Jesus
-beharrlich &uuml;ber seine Auffassung der Messianit&auml;t ausgeschwiegen?</em></p>
-
-<p>Nimmt man andererseits an, er hat sich selbst nicht f&uuml;r den
-Messias gehalten, so m&uuml;sste erkl&auml;rt werden, wie er dann <em class="gesperrt">nach
-seinem Tode</em> zum Messias gemacht wurde. Auf Grund seiner
-&ouml;ffentlichen Wirksamkeit ist es sicher nicht geschehen &mdash; denn
-diese gerade hat ja mit seiner Messianit&auml;t nichts zu thun! Was
-bedeutet aber dann die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an
-die Zw&ouml;lf und das Bekenntnis vor dem Hohenpriester? Es ist ein
-purer Gewaltakt, diese Scenen f&uuml;r unhistorisch zu erkl&auml;ren. Entschliesst
-man sich zu solchen Eingriffen, <em class="gesperrt">was bleibt dann &uuml;berhaupt
-noch von der evangelischen Geschichts&uuml;berlieferung
-bestehen</em>?</p>
-
-<p>Dabei darf man nicht vergessen, dass wenn Jesus sich selbst
-nicht f&uuml;r den Messias gehalten hat, dies den Todesstoss f&uuml;r den
-christlichen Glauben bedeutet. Das Urteil der urchristlichen
-Gemeinde ist f&uuml;r uns nicht bindend. Die christliche Religion erbaut
-sich auf <em class="gesperrt">dem messianischen Selbstbewusstsein Jesu</em>,
-wodurch er selbst seine Pers&ouml;nlichkeit aus der Reihe anderer
-Verk&uuml;ndiger der religi&ouml;sen Sittlichkeit <em class="gesperrt">in einzigartiger Weise</em>
- <span class="pagenum"><a id="Page_vii">[S. vii]</a></span>
-scharf heraushebt. Hielt er <em class="gesperrt">sich selbst</em> nun nicht f&uuml;r den Messias,
-so beruht das ganze Christentum &mdash; um ein verdrehtes und
-misshandeltes Wort ehrlich zu gebrauchen &mdash; auf einem <em class="gesperrt">»Werturteil«
-der Anh&auml;ngerschaft Jesu von Nazareth nach
-seinem Tode</em>!</p>
-
-<p>Vergessen wir nicht, dass es sich um eine Antinomie handelt,
-aus der man nur <em class="gesperrt">einen</em> Schluss ziehen darf: <em class="gesperrt">dass n&auml;mlich die
-bisherige »historische« Auffassung des Messianit&auml;tsbewusstseins
-Jesu falsch ist, weil sie die Geschichte
-nicht erkl&auml;rt</em>. Geschichtlich ist nur diejenige Auffassung,
-welche begreiflich macht, <em class="gesperrt">wie Jesus sich f&uuml;r den Messias
-halten konnte, ohne sich gen&ouml;tigt zu sehen, dieses sein
-Selbstbewusstsein in seiner &ouml;ffentlichen Wirksamkeit
-auf das messianische Reich hin zur Geltung zu bringen,
-ja, wie er geradezu gezwungen war, die messianische
-W&uuml;rde seiner Person zu verschweigen! Warum war
-seine Messianit&auml;t Jesu Geheimnis?</em> &mdash; dieses erkl&auml;ren heisst
-das Leben Jesu begreifen.</p>
-
-<p>Aus der Einsicht in das Wesen dieser Antinomie ist diese
-neue Auffassung des Lebens Jesu erwachsen. Inwieweit sie das
-Problem l&ouml;st, das m&ouml;gen die Verhandlungen dar&uuml;ber klarstellen.
-Ich ver&ouml;ffentliche die neue Auffassung <em class="gesperrt">als Skizze</em>, weil sie notwendig
-in den Rahmen des Werkes &uuml;ber das Abendmahl geh&ouml;rt.
-Sodann aber hoffe ich, aus der Kritik ihrer Grundz&uuml;ge &uuml;ber manche
-Punkte des exegetischen Details noch zu gr&ouml;sserer Klarheit zu
-kommen, ehe ich daran denke, diesen Gedanken in einem ausgearbeiteten
-»Leben Jesu« eine definitive Fassung zu geben.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Den litterarischen Unterbau</em> habe ich, dem skizzenhaften
-Charakter der Darstellung entsprechend, gew&ouml;hnlich nur
-andeuten k&ouml;nnen. Wer sich jedoch in dieser Sache auskennt,
-der wird leicht bemerken, dass hinter mancher hingeworfenen
-Behauptung viel mehr synoptisches Detailstudium steckt, als der
-erste Blick vermuten liesse.</p>
-
-<p>Gerade f&uuml;r die synoptische Frage ist die neue Auffassung
-des Lebens Jesu von grosser Bedeutung. <em class="gesperrt">Danach wird n&auml;mlich
-die Komposition der Synoptiker viel einfacher und
-klarer. Die k&uuml;nstliche Redaktion, mit der man bisher
-zu operieren gezwungen war, wird sehr reduziert. Die
-Bergpredigt, die Aussendungsrede und die W&uuml;rdigungsrede
-&uuml;ber den T&auml;ufer sind keine »Redekompositionen«,
- <span class="pagenum"><a id="Page_viii">[S. viii]</a></span>
-sondern sie sind in der Hauptsache so gehalten,
-wie sie uns &uuml;berliefert sind. Auch die Form
-der Leidens- und Auferstehungsweissagungen kommt
-nicht auf das urchristliche Konto, sondern Jesus hat
-in diesen Worten zu seinen J&uuml;ngern von seiner Zukunft
-geredet.</em> Gerade diese Vereinfachung der litterarischen Frage
-und die damit verbundene Steigerung der historischen Glaubw&uuml;rdigkeit
-der evangelischen Geschichtserz&auml;hlung ist von grossem
-Gewicht f&uuml;r die neue Auffassung des Lebens Jesu.</p>
-
-<p>Diese Vereinfachung beruht aber nicht auf einer <em class="gesperrt">naiven
-Stellungnahme</em> den Berichten gegen&uuml;ber, <em class="gesperrt">sondern sie ist
-herbeigef&uuml;hrt durch die Einsicht in die Gesetze, nach
-welchen die urchristliche Auffassung und W&uuml;rdigung
-der Pers&ouml;nlichkeit Jesu die Darstellung seines Lebens
-und Wirkens bedingte</em>. Gerade diese Frage ist bisher vielleicht
-zu wenig <em class="gesperrt">systematisch</em> behandelt worden.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Einerseits</em> ist zwar gewiss, dass das Urchristentum auf die
-Darstellung der &ouml;ffentlichen Wirksamkeit Jesu <em class="gesperrt">von bedeutendem
-Einfluss gewesen</em>. <em class="gesperrt">Andererseits</em> sind aber gerade
-wieder in dem Wesen des urchristlichen Glaubens alle Voraussetzungen
-gegeben, dass er die <em class="gesperrt">Grundz&uuml;ge der &ouml;ffentlichen
-Wirksamkeit Jesu nicht angetastet und vor allem keine
-»Thatsachen« im Leben Jesu »produziert«</em> hat. Denn
-das Urchristentum stand ja dem <em class="gesperrt">Leben Jesu als solchem
-indifferent gegen&uuml;ber</em>! Der urchristliche Glaube hatte an
-diesem irdischen Leben nicht das geringste Interesse, weil Jesu
-Messianit&auml;t sich ja auf seine Auferstehung, nicht auf seine irdische
-Th&auml;tigkeit gr&uuml;ndete und man dem kommenden Messias in Glorie
-<em class="gesperrt">entgegenblickte und dabei an dem Leben Jesu von
-Nazareth nur soweit Interesse nahm, als es mit den
-Herrenworten zusammenhing. Eine urchristliche Auffassung
-des Lebens Jesu gab es &uuml;berhaupt nicht</em>, und die
-Synoptiker enthalten auch nichts derartiges. Sie reihen die Erz&auml;hlungen
-aus seiner &ouml;ffentlichen Wirksamkeit aneinander, ohne
-den Versuch zu machen, sie in ihrer Aufeinanderfolge und in
-ihrem Zusammenhang begreiflich zu machen und uns die »Entwicklung«
-Jesu erkennen zu lassen. Als dann, mit dem Zur&uuml;cktreten
-der Eschatologie, das Schwergewicht auf <em class="gesperrt">die irdische
-Erscheinung Jesu als des Messias</em> fiel und so zu einer <em class="gesperrt">Auffassung
-des Lebens Jesu</em> f&uuml;hrte, da hatten die Berichte von
- <span class="pagenum"><a id="Page_ix">[S. ix]</a></span>
-der &ouml;ffentlichen Th&auml;tigkeit Jesu schon eine zu <em class="gesperrt">feste Fassung</em>
-angenommen, als dass dieser Prozess sie h&auml;tte <em class="gesperrt">ber&uuml;hren
-k&ouml;nnen</em>. Das <em class="gesperrt">vierte Evangelium</em> bietet ein Geschichtsbild
-des Lebens Jesu, aber es steht <em class="gesperrt">neben der synoptischen Schilderung
-der &ouml;ffentlichen Wirksamkeit Jesu, wie die
-Chronik neben den Samuelis- und den K&ouml;nigsb&uuml;chern</em>.
-Der Unterschied zwischen dem vierten Evangelium und den Synoptikern
-besteht gerade darin, dass das erstere ein »<em class="gesperrt">Leben Jesu</em>«
-bietet, w&auml;hrend die Synoptiker von seiner <em class="gesperrt">&ouml;ffentlichen Wirksamkeit
-berichten</em>.</p>
-
-<p>Der urchristliche Glaube hat die Darstellung der &ouml;ffentlichen
-Wirksamkeit Jesu <em class="gesperrt">nach immanenten Gesetzen beeinflusst</em>,
-gerade wie die deuteronomische Reform auf die Vorstellung von
-den Ereignissen w&auml;hrend der Richter- und K&ouml;nigszeit eingewirkt
-hat. <em class="gesperrt">Es handelt sich um eine unbewusste, notwendige
-perspektivische Verschiebung.</em> Die neue Auffassung beruht
-auf der Berechnung dieser perspektivischen Verschiebung,
-<em class="gesperrt">wobei sich ergibt, dass der Einfluss des urchristlichen
-Gemeindeglaubens auf die synoptischen Berichte viel
-weniger tief geht als man bisher anzunehmen geneigt
-war</em>.</p>
-
-<p class="left">&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;
-<em class="gesperrt">Strassburg</em>, im August 1901.<br />
-</p>
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_x">[S. x]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Inhaltsangabe_des_zweiten_Heftes">Inhaltsangabe des zweiten Heftes.</h2>
-
-
-<blockquote>
-
-<table border="0" class="tdl" cellspacing="3" cellpadding="0" summary="Contents and Illustrations">
- <colgroup> <col width="14%" /> <col width="70%" /> <col width="16%" /> </colgroup>
- <tr>
- <td align="right" colspan="3"><span class="font07">Seite</span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2"><span class="font09">
- <em class="gesperrt">Vorrede zu einer neuen Auffassung des Lebens Jesu</em></span><br /><br /></td>
- <td align="right"><a href="#Page_v">V</a>-<a href="#Page_ix">IX</a><br /><br /></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><i>Erstes Kapitel</i></td>
- <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_1">1</a>-<a href="#Page_13">13</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><span class="font09"><b>Der modern-historische L&ouml;sungsversuch.</b></span></td>
- <td align="right">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Darstellung</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_1">1</a>-<a href="#Page_3">3</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die vier Voraussetzungen des modern-historischen L&ouml;sungsversuchs</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_3">3</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die zwei kontrastierenden Epochen. (Erste Voraussetzung)</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_3">3</a>-<a href="#Page_6">6</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Der Einfluss der paulinischen S&uuml;hnetheorie auf die Fassung
- der synoptischen Leidensworte. (Zweite Voraussetzung)</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_6">6</a>-<a href="#Page_8">8</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Das Reich Gottes als ethische Gr&ouml;sse im Leidensgedanken.
- (Dritte Voraussetzung)</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_8">8</a>-<a href="#Page_12">12</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die Form der Leidensoffenbarung. (Vierte Voraussetzung)</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_12">12</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span><br /><br /></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Zusammenfassung</span><br /><br /></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_12">12</a>-<a href="#Page_13">13</a></span><br /><br /></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><i>Zweites Kapitel</i></td>
- <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_13">13</a>-<a href="#Page_18">18</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><span class="font09"><b>Die »Entwicklung« Jesu.</b></span></td>
- <td align="right">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische
- Gr&ouml;sse</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_13">13</a>-<a href="#Page_15">15</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_15">15</a>-<a href="#Page_17">17</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span><br /><br /></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die neue Auffassung</span><br /><br /></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_17">17</a>-<a href="#Page_18">18</a></span><br /><br /></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><i>Drittes Kapitel</i></td>
- <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_18">18</a>-<a href="#Page_23">23</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><span class="font09"><b>Die Predigt vom Reich Gottes.</b></span></td>
- <td align="right">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die neue Sittlichkeit als Busse</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_18">18</a>-<a href="#Page_20">20</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span><br /><br /></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die Ethik Jesu und die moderne Ethik</span><br /><br /></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_21">21</a>-<a href="#Page_23">23</a></span><br /><br /></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><i>Viertes Kapitel</i></td>
- <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_24">24</a>-<a href="#Page_32">32</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><span class="font09"><b>Das Geheimnis des Reiches Gottes.</b></span></td>
- <td align="right">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_24">24</a>-<a href="#Page_26">26</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk
- nach der Aussendung</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_26">26</a>-<a href="#Page_27">27</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="pagenum"><a id="Page_xi">[S. xi]</a></span>
- <span class="font08">3.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen<br />
- und j&uuml;dischen Zukunftserwartungen</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_27">27</a>-<a href="#Page_28">28</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der
- gl&uuml;cklichen galil&auml;ischen Periode</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_29">29</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus
- Jesu</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_29">29</a>-<a href="#Page_30">30</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum
- Gesetz und Staat</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_30">30</a>-<a href="#Page_31">31</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span><br /><br /></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Das Moderne in der Eschatologie Jesu</span><br /><br /></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_31">31</a>-<a href="#Page_32">32</a></span><br /><br /></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><i>F&uuml;nftes Kapitel</i></td>
- <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_32">32</a>-<a href="#Page_34">34</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;<br /><br /></td>
- <td align="center"><span class="font09"><b>Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.</b></span><br /><br /></td>
- <td align="right">&nbsp;<br /><br /></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><i>Sechstes Kapitel</i></td>
- <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_34">34</a>-<a href="#Page_52">52</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><span class="font09"><b>Die W&uuml;rde Jesu auf Grund seiner &ouml;ffentlichen<br />
- Wirksamkeit.</b></span></td>
- <td align="right">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Das Problem und die Thatsachen</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_34">34</a>-<a href="#Page_38">38</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Jesus der Elias durch die Solidarit&auml;t mit dem Menschensohn</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_38">38</a>-<a href="#Page_40">40</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_40">40</a>-<a href="#Page_42">42</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die D&auml;monenbek&auml;mpfung und das Geheimnis des Reiches
- Gottes</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_42">42</a>-<a href="#Page_43">43</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Jesus und der T&auml;ufer</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_43">43</a>-<a href="#Page_44">44</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Der T&auml;ufer und Jesus</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_44">44</a>-<a href="#Page_48">48</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span><br /><br /></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in<br />
- Jerusalem</span><br /><br /></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_49">49</a>-<a href="#Page_52">52</a></span><br /><br /></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><i>Siebentes Kapitel</i></td>
- <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_52">52</a>-<a href="#Page_60">60</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><span class="font09"><b>Nach der Aussendung. Litterarische und historische<br />
- Probleme.</b></span></td>
- <td align="right">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die Seereise nach der Aussendung</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_52">52</a>-<a href="#Page_55">55</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Das Abendmahl am See Genezareth</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_55">55</a>-<a href="#Page_57">57</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span><br /><br /></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die Woche zu Bethsaida</span><br /><br /></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_57">57</a>-<a href="#Page_60">60</a></span><br /><br /></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><i>Achtes Kapitel</i></td>
- <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_60">60</a>-<a href="#Page_80">80</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><span class="font09"><b>Das Messianit&auml;tsgeheimnis.</b></span></td>
- <td align="right">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Vom Verkl&auml;rungsberg nach C&auml;sarea Philippi</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_60">60</a>-<a href="#Page_63">63</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Der futurische Charakter der Messianit&auml;t Jesu</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_63">63</a>-<a href="#Page_65">65</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Der Menschensohn und der futurische Charakter der
- Messianit&auml;t Jesu</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_66">66</a>-<a href="#Page_71">71</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der
- Messianit&auml;t Jesu</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_72">72</a>-<a href="#Page_79">79</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span><br /><br /></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Der Verrat des Judas &mdash; die letzte Bekanntgebung des
- Messiasgeheimnisses</span><br /><br /></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_79">79</a>-<a href="#Page_80">80</a></span><br /><br /></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td><span class="pagenum"><a id="Page_xii">[S. xii]</a></span>
- &nbsp;</td>
- <td align="center"><i>Neuntes Kapitel</i></td>
- <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_81">81</a>-<a href="#Page_98">98</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><span class="font09"><b>Das Geheimnis des Leidensgedankens.</b></span></td>
- <td align="right">&nbsp;</td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die vormessianische Drangsal</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_81">81</a>-<a href="#Page_83">83</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Der Leidensgedanke in der ersten Periode</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_83">83</a>-<a href="#Page_84">84</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Die »Versuchung« und die g&ouml;ttliche Allmacht</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_84">84</a>-<a href="#Page_86">86</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Der Leidensgedanke in der zweiten Periode</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_86">86</a>-<a href="#Page_89">89</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_89">89</a>-<a href="#Page_91">91</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis</span></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_91">91</a>-<a href="#Page_92">92</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span><br /><br /></td>
- <td valign="top"><span class="font08">Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung
- der Perspektive</span><br /><br /></td>
- <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_92">92</a>-<a href="#Page_98">98</a></span><br /><br /></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td>&nbsp;</td>
- <td align="center"><i>Zehntes Kapitel</i></td>
- <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_98">98</a>-<a href="#Page_109">109</a></span></td>
- </tr>
- <tr>
- <td>&nbsp;<br /><br /></td>
- <td align="center"><span class="font09"><b>Abriss des Lebens Jesu.</b></span><br /><br /></td>
- <td align="right">&nbsp;<br /><br /></td>
- </tr>
-
- <tr>
- <td colspan="2"><span class="font09">
- <em class="gesperrt">Nachwort</em></span></td>
- <td align="right"><a href="#Page_109">109</a></td>
- </tr>
-</table>
-</blockquote>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-
-<p class="p2 center font14">Das Messianit&auml;ts- und Leidensgeheimnis,<br />
-eine Skizze des Lebens Jesu.</p>
-
-
-<hr class="r5" />
-
-<h2 id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br /><br />
-
-Der modern-historische L&ouml;sungsversuch.</h2>
-<p class="pmb2" />
-
-
-<h3>1. Darstellung.</h3>
-
-<p>Die synoptischen Stellen bieten keine Erkl&auml;rung, wie der
-Leidensgedanke sich Jesu aufdr&auml;ngte und was er f&uuml;r ihn bedeutete.
-Die apostolische Predigt in den Petrus- und Paulusreden
-betrachtet das Leiden unter dem Gesichtspunkt der g&ouml;ttlichen
-Notwendigkeit, welche in der Schrift geweissagt ist. Auch die
-paulinische Theorie hat nichts mit der Geschichte zu thun.</p>
-
-<p>Was also im Zusammenhang mit einer geschichtlichen Auffassung
-des Lebens Jesu &uuml;ber den Leidensgedanken ausgef&uuml;hrt
-wird, ist nicht von der Geschichte direkt dargeboten, sondern aus
-ihr erschlossen. Es handelt sich immer nur um eine notwendige
-und unvermeidliche <em class="gesperrt">historische Konstruktion</em>, deren Richtigkeit
-in dem Masse feststeht, als sie Ordnung und Klarheit in die
-synoptischen Notizen bringt.</p>
-
-<p>S&auml;mtliche Konstruktionen mit ausgesprochen historischem
-Interesse begegnen sich in einem L&ouml;sungsversuch, den wir als den
-historisch-modernen bezeichnen. Historisch daran ist das Interesse,
-Geschichte zu erkl&auml;ren, modern die psychologische Nachempfindung,
-mit deren H&uuml;lfe nachgewiesen wird, wie unter dem
-Einfluss bestimmter Erlebnisse der Leidensgedanke sich Jesu aufdr&auml;ngte
-und von ihm religi&ouml;s gewertet wurde. Die Grundgedanken
-dieses L&ouml;sungsversuchs sind folgende.</p>
-
-<p>Es konnte sich f&uuml;r Jesus nicht um Beschaffung der S&uuml;ndenvergebung
-handeln. Er setzte sie schon voraus; wie die Bitte des
-Vaterunsers zeigt, floss sie ja aus der verzeihenden Vaterliebe
-Gottes. Nun erinnert der Gedanke der S&uuml;hne (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>) an die
- <span class="pagenum"><a id="Page_2">[S. 2]</a></span>
-paulinische S&uuml;hnetheorie mit ihrem juridischen Charakter. Diese
-bezieht sich allerdings auf die S&uuml;ndenvergebung. Es ist daher
-anzunehmen, dass, wie der Gedanke der S&uuml;ndenvergebung, so
-auch die juridische S&uuml;hnevorstellung Jesu fremd war, da sie in
-seiner ganzen Lehrweise nicht vorgesehen ist. Die Ausspr&uuml;che
-&uuml;ber die Wertung seines Leidens sind also in der &uuml;berlieferten
-Form irgendwie von paulinischen Gedanken beeinflusst.</p>
-
-<p>Bringt man diese Beeinflussung in Anschlag, so enth&auml;lt der
-historische Ausspruch (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>) den Gedanken der dienenden
-Dahingabe in der h&ouml;chsten Potenz. Wir stehen auf der Grenze,
-wo der gesteigerte Begriff des Dienens zum Begriff der S&uuml;hne
-f&uuml;hrt. Der Wert dieser Dahingabe f&uuml;r die andern besteht darin,
-dass das von Jesus &uuml;bernommene Todesleiden gleichsam der Inauguralakt
-ist, durch welchen die neue Sittlichkeit des Gottesreiches
-und damit der neue Zustand selbst verwirklicht wird.
-Diese That ist das wirksame Anfangsglied in einer Kette von
-Umgestaltungen, deren &uuml;bernat&uuml;rlichen Abschluss seine »Wiederkunft«
-in Herrlichkeit bildet, wo der Neue Bund, den er mit
-seinem Blute besiegelt hat, durch ihn sich vollendet.</p>
-
-<p>Damit ist auch gegeben, wie der Leidensentschluss sich einstellen
-konnte und musste. Jesu Amt galt der Verwirklichung
-des Gottesreiches. Dies hatte er zun&auml;chst in kleinen Grenzen
-w&auml;hrend seiner galil&auml;ischen Wirksamkeit unternommen. Durch
-seine Predigt von der neuen Sittlichkeit auf Grund des Glaubens
-an den g&ouml;ttlichen Vater und unter dem Eindruck der Kraft, die
-von ihm ausging, entwickelten sich die Anf&auml;nge dieses Reiches.
-Es war eine gl&uuml;ckliche, erfolgreiche Zeit: »der <em class="gesperrt">galil&auml;ische Fr&uuml;hling</em>,«
-wie sie <span class="smcap">Keim</span> genannt hat. Den H&ouml;hepunkt dieser Periode
-bildete die Aussendung der J&uuml;nger. Durch ihre Predigt sollte
-die herrliche Saat allenthalben ausgestreut werden. Als sie ihm
-bei der R&uuml;ckkehr ihre Erfolge kund thaten, brach er in den Jubelruf
-aus, der den Sieg f&uuml;r schon gegenw&auml;rtig hielt (Mt 11 <span class="antiqua">25-27</span>).</p>
-
-<p>Dann kam die Zeit des Niedergangs. Von Jerusalem aus
-wurde der Widerstand insceniert (Mk 7 <span class="antiqua">1</span>). Fr&uuml;her hob ihn die
-Zuneigung des Volks &uuml;ber die Reibereien mit den Beh&ouml;rden hinweg.
-Jetzt aber, da die Sache planm&auml;ssig betrieben wurde, fielen
-auch seine Anh&auml;nger von ihm ab. Es war verh&auml;ngnisvoll, dass in
-der Diskussion &uuml;ber die Reinigkeitsgebote der Widerspruch mit
-der gesetzlichen Ueberlieferung zu Tage trat (Mk 7 <span class="antiqua">1-23</span>). Ehe
-der Fr&uuml;hling wieder ins Land kam, hatte er Galil&auml;a verlassen
- <span class="pagenum"><a id="Page_3">[S. 3]</a></span>
-m&uuml;ssen. Hoch im Norden, in der Stille und in der Einsamkeit
-sammelte er sich, um mit sich selbst ins Klare zu kommen.</p>
-
-<p class="pmb3">F&uuml;r die Verwirklichung des Reichs stand ihm nur noch ein
-Weg offen: der Kampf mit der Macht, welche sich seinem Werk
-entgegensetzte. Er war entschlossen, ihn in die Hauptstadt selbst
-hineinzutragen. Dort sollte sich das Schicksal entscheiden. Vielleicht
-fiel ihm der Sieg zu. Aber, wenn auch in der Reihe des
-irdischen Geschehens das Todesschicksal unentrinnbar seiner wartete:
-sobald er den Weg betrat, den sein Amt ihm wies, so bedeutete
-dieses Todesleiden in der Veranstaltung Gottes die
-Leistung, durch welche sein Werk gekr&ouml;nt wurde. Es war dann
-Gottes Wille, dass der Zustand des Gottesreiches durch die h&ouml;chste
-sittliche That des Messias inauguriert wurde. Mit diesem Gedanken
-zog er nach Jerusalem &mdash; um Messias zu bleiben.</p>
-
-
-<h3>2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen
-L&ouml;sungsversuchs.</h3>
-
-<p>1. Das Leben Jesu zerf&auml;llt in zwei kontrastierende Epochen.
-Die erste war gl&uuml;cklich, die zweite brachte Entt&auml;uschungen und
-Misserfolge.</p>
-
-<p>2. Die Form des synoptischen Leidensgedankens in Mk 10 <span class="antiqua">45</span>
-(seine Dahingabe eine S&uuml;hne f&uuml;r viele) und in dem Abendmahlswort
-Mk 14 <span class="antiqua">24</span> (sein Blut f&uuml;r viele dahin gegeben) ist irgendwie
-durch den paulinischen S&uuml;hnegedanken beeinflusst.</p>
-
-<p>3. Die Vorstellung des Reiches Gottes als der sich vollendenden
-sittlichen Gemeinschaft, in welcher das Dienen oberstes
-Gesetz ist, beherrschte den Leidensgedanken.</p>
-
-<p>4. War Jesu Leiden der Inauguralakt der neuen Sittlichkeit
-des Gottesreiches, so hing der Erfolg mit davon ab, dass die
-J&uuml;nger durch ihn angeleitet wurden, es so zu verstehen und
-danach zu handeln. Der Leidensgedanke war eine Reflexion.</p>
-
-<p class="pmb3">Sind diese Voraussetzungen, jede f&uuml;r sich genommen, richtig?</p>
-
-
-<h3>3. Die zwei kontrastierenden Epochen.<br />
-<span class="small">(Erste Voraussetzung.)</span></h3>
-
-<p>Man datiert die Periode der Misserfolge von der Zeit nach
-der Aussendung. Welches sind die Ereignisse der angeblich
-gl&uuml;cklichen Epoche? Wir sehen ab von den unerquicklichen Diskussionen
-mit den Pharis&auml;ern &uuml;ber die Heilung des Paralytischen
-(Mk 2 <span class="antiqua">1-12</span>), &uuml;ber die Fastenfrage (Mk 2 <span class="antiqua">18-22</span>) und &uuml;ber die
- <span class="pagenum"><a id="Page_4">[S. 4]</a></span>
-Sabbathaltung (Mk 2 <span class="antiqua">23</span>-3 <span class="antiqua">6</span>). Schon Mk 3 <span class="antiqua">6</span> ist es zu einem
-Todesanschlag gekommen. Von seiner Familie muss er sich
-lossagen, weil sie ihn als geistig unzurechnungsf&auml;hig mit Gewalt
-nach Hause zur&uuml;ckbringen wollen (Mk 3 <span class="antiqua">20-22</span>, <span class="antiqua">31-35</span>). In Nazareth
-wird er verworfen (Mk 6 <span class="antiqua">1-6</span>).</p>
-
-<p>In dieselbe Zeit f&auml;llt ein Angriff, der ihn aufs tiefste ersch&uuml;ttert
-hat. Die Pharis&auml;er diskreditieren ihn beim Volk, indem
-sie ihm vorwerfen, er stehe mit dem Teufel im Bund (Mk 3 <span class="antiqua">22-30</span>).
-Wie sehr ihn dieses Wort verwundet hat, ersieht man aus der
-Aussendungsrede. Er bereitet die J&uuml;nger auf &auml;hnliche Verkennung
-vor. »Haben sie den Hausherrn Beelzebub geheissen,
-wie viel mehr seine Leute« (Mt 10 <span class="antiqua">25</span>).</p>
-
-<p>Das sind die bekannten Ereignisse »der erfolgreichen Periode«!
-Aber sie sind nichts im Vergleich zu denen, auf welche er in der
-Zeit der Aussendung anspielt. Preist er schon im allgemeinen
-diejenigen selig, die um seinetwillen geschm&auml;ht und verfolgt
-werden (Mt 5 <span class="antiqua">11</span> u. <span class="antiqua">12</span>), so stellt er jetzt den J&uuml;ngern Drangsal
-und Not in Aussicht (Mt 10 <span class="antiqua">17-25</span>). Zu ihm halten heisst Schmach
-erdulden (Mt 10 <span class="antiqua">22</span>), die zartesten Bande zerreissen (Mt 10 <span class="antiqua">37</span>)
-und sein Kreuz auf sich nehmen (Mt 10 <span class="antiqua">38</span>). Die galil&auml;ische
-Periode soll <em class="gesperrt">gl&uuml;cklich</em> gewesen sein; der Charakter der Aussendung
-ist <em class="gesperrt">pessimistisch</em>. Wie passt das zusammen?</p>
-
-<p>Auch die Anspielungen, die er dem Volk gegen&uuml;ber in jener
-Zeit thut, weisen auf schwere Katastrophen. Was muss in Chorazin,
-in Kapernaum und in Bethsa&iuml;da vorgefallen sein, dass er
-den Tag des Gerichts auf sie herabbeschw&ouml;rt, wo es Tyrus und
-Sidon noch ertr&auml;glicher gehen wird als ihnen (Mt 11 <span class="antiqua">20-24</span>)!</p>
-
-<p>Weil dieser d&uuml;stere Zug nicht in die gl&uuml;ckliche galil&auml;ische
-Periode passen will, liegt der Versuch nahe, in den matth&auml;ischen
-Reden um die Zeit der Aussendung eine Komposition zu sehen,
-welche St&uuml;cke aus einer sp&auml;teren Epoche enth&auml;lt. Wo soll Jesus
-sie aber gesprochen haben? Nach der Flucht, als er im Norden
-weilte, hat er keine Reden gehalten, und die Ausspr&uuml;che in den
-jerusalemitischen Tagen haben ihr eigent&uuml;mliches Gepr&auml;ge, so
-dass man nicht w&uuml;sste, wo Anspielungen auf galil&auml;ische Ereignisse
-oder Ermahnungen an die ausziehenden J&uuml;nger unterzubringen
-w&auml;ren.</p>
-
-<p>Dazu kommt, dass von bedeutenden Erfolgen in jener ersten
-Zeit nichts berichtet ist. Diese beginnen erst mit der Aussendung
-der J&uuml;nger. Den grossen Augenblick ihrer R&uuml;ckkehr feiert Jesus
- <span class="pagenum"><a id="Page_5">[S. 5]</a></span>
-mit begeisterten Worten (Mt 11 <span class="antiqua">25-27</span>). Nun soll er in der Folge
-alles an die Pharis&auml;er verloren haben und vom Volk verlassen
-worden sein! Von diesem R&uuml;ckgang seiner Sache berichten aber
-die Texte nichts. Die Diskussion &uuml;ber die Reinigkeitsvorschriften
-(Mk 7 <span class="antiqua">1-23</span>) leistet nicht, was man von ihr verlangt. Jesus war
-fr&uuml;her mit den Hauptstadttheologen schon viel heftiger zusammengestossen
-(Mk 3 <span class="antiqua">22-30</span>). In der Frage der Reinigkeitsgebote ist
-er gar nicht der Ueberwundene.</p>
-
-<p>Man hat die Niederlage daraus erschliessen wollen, dass die
-»Flucht« nach dem Norden auf diese Scene folgt (Mk 7 <span class="antiqua">24</span> ff.)
-Aber die Berichte stellen diesen Aufbruch gar nicht als <em class="gesperrt">Flucht</em>
-dar; ebensowenig <em class="gesperrt">begr&uuml;nden</em> sie diese Nordreise aus dem Resultat
-des vorhergehenden Streitgespr&auml;chs, sondern <em class="gesperrt">wir</em> tragen
-in die berichtete chronologische Folge einen fiktiven kausalen
-Charakter ein. Wenn Jesus also kurz vorher von der Volksgunst
-getragen ist und nun das Gebiet verl&auml;sst, so bleibt dieses Faktum
-nach den Texten vorl&auml;ufig unerkl&auml;rt. Dass es eine Flucht war, ist
-eine unerweisbare Mutmassung.</p>
-
-<p>Es sei kein Gewicht darauf gelegt, dass er in der Folge noch
-zweimal von einer grossen Volksmenge umgeben erscheint (Mk
-8 <span class="antiqua">1-9</span>, Speisung der 4000 und Mk 8 <span class="antiqua">34</span> ff., in den Scenen vor und
-nach der Verkl&auml;rungsgeschichte). Dieses Faktum k&ouml;nnte vielleicht
-in einer litterarischen Einarbeitung der betreffenden Berichte
-begr&uuml;ndet sein, was z. B. f&uuml;r die Doublette zur Speisungsgeschichte
-als erwiesen gelten darf.</p>
-
-<p>Massgebend ist aber der Empfang, den die Festkarawane
-Jesu bereitet, als er sie vor Jericho einholt. Diese Ovation gilt
-nicht dem Mann, der Land und Leute an die Pharis&auml;er verlor
-und zuletzt fliehen musste, sondern dem aus der Verborgenheit
-wieder aufgetauchten gefeierten Propheten. Wenn diese jubelnden
-galil&auml;ischen Volksmassen es ihm jetzt erm&ouml;glichen, in der Hauptstadt
-die Beh&ouml;rde mehrere Tage zu terrorisieren &mdash; denn etwas
-anderes ist die Tempelreinigung nicht gewesen &mdash; und die Schriftgelehrten
-mit herber Ironie blosszustellen, haben sie es f&uuml;r den
-Mann gethan, der einige Wochen vorher diesen Theologen im
-eigenen Land weichen musste?</p>
-
-<p>Will man also von einer Periode der Erfolge reden, so muss
-man die <em class="gesperrt">zweite</em> als eine solche bezeichnen. Denn &uuml;berall, wo
-Jesus nach der R&uuml;ckkehr der J&uuml;nger in der Oeffentlichkeit erscheint,
-ist er von einer ihm ergebenen Menge begleitet: in Galil&auml;a,
- <span class="pagenum"><a id="Page_6">[S. 6]</a></span>
-vom Jordan nach Jerusalem und in der Hauptstadt selbst. Das
-murrende Judenvolk ist eine Erfindung des vierten Evangelisten.
-Zudem zeigt der Gewaltstreich der heimlichen Gefangennahme
-und die hastige Verurteilung, was der hohe Rat von dieser Volksbewegung
-zu Gunsten Jesu bef&uuml;rchtete. Das war der einzige
-»Misserfolg« in der zweiten Periode. Freilich war er verh&auml;ngnisvoll.</p>
-
-<p>Die erfolgreiche erste galil&auml;ische Periode ist also in Wirklichkeit
-die Zeit der Dem&uuml;tigungen und der Misserfolge. Ein
-Doppeltes f&uuml;hrte dazu, sie trotzdem als die »gl&uuml;ckliche« aufzufassen.
-Zun&auml;chst ist darin ein <em class="gesperrt">&auml;sthetischer Faktor</em> enthalten,
-der gerade bei <span class="smcap">Keim</span> stark hervortritt. Eine Reihe der Natur
-entnommener Gleichnisse, sowie die wundervolle Rede gegen weltliche
-Sorge Mt 6 <span class="antiqua">25-34</span> scheinen nicht anders begreiflich, als
-dass hoffnungsvoller Frohsinn in der Natur sich selbst wiederfindet.</p>
-
-<p>Dazu kommt als zweites ein <em class="gesperrt">historisches Postulat</em>. In der
-ersten Periode findet sich keine Spur vom Leidensgedanken; die
-zweite wird durch ihn beherrscht. Also war die erste erfolgreich, die
-zweite ungl&uuml;cklich, da anders der Umschwung psychologisch und
-historisch nicht begreiflich ist.</p>
-
-<p class="pmb3">Die historischen Thatsachen reden anders. In der wirklichen
-Periode der Misserfolge tritt der Leidensentschluss nicht zu Tage.
-Dagegen er&ouml;ffnet er seinen J&uuml;ngern in der erfolgreichen zweiten
-Periode, dass er durch die Schriftgelehrten sterben m&uuml;sse. <em class="gesperrt">Das
-Verh&auml;ltnis ist also gerade umgekehrt.</em> Damit steht die
-modern-historische Psychologie vor einem R&auml;tsel.</p>
-
-
-<h3>4. Der Einfluss der paulinischen S&uuml;hnetheorie auf die Fassung
-der synoptischen Leidensworte.<br />
-<span class="small">(Zweite Voraussetzung.)</span></h3>
-
-<p>Es l&auml;sst sich kein Beweis f&uuml;hren, dass die synoptischen
-Leidensstellen durch paulinische Gedanken beeinflusst sind. Auch
-hier handelt es sich um eine Art Postulat, denn wenn es nicht gelingt,
-den juridischen Charakter von Mk 10 <span class="antiqua">45</span> und Mk 14 <span class="antiqua">24</span> auf
-Rechnung des paulinischen Mediums zu setzen, so muss man annehmen,
-dass Jesu Leidensgedanke selbst diese schroffe S&uuml;hnevorstellung
-enthalten habe. Darauf ist aber der modern-historische
-L&ouml;sungsversuch nicht eingerichtet.</p>
-
-<p>Nun l&auml;sst sich aber beweisen, dass kein paulinischer Einfluss
-vorliegen kann! Nach Paulus sagt Jesus beim Abendmahl:
- <span class="pagenum"><a id="Page_7">[S. 7]</a></span>
-Mein Leib <em class="gesperrt">f&uuml;r euch</em> (I Kor 11 <span class="antiqua">24</span>). Dementsprechend heisst es
-auch Lk 22 <span class="antiqua">19</span> u. <span class="antiqua">20</span>: Mein Leib, der <em class="gesperrt">f&uuml;r euch</em> gegeben wird, das
-Blut, das <em class="gesperrt">f&uuml;r euch</em> vergossen wird. Die beiden &auml;lteren Synoptiker
-schreiben daf&uuml;r immer: <em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>. Mk 10 <span class="antiqua">45</span> = Mt 20 <span class="antiqua">28</span>: zu
-geben sein Leben zur S&uuml;hne <em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>. Mk 14 <span class="antiqua">24</span> = Mt 26 <span class="antiqua">28</span>:
-mein Blut des Bundes, das vergossen wird <em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>. Das
-eine Mal ist also das Publikum, welchem das Leiden zu gute
-kommt, genau bestimmt: es sind die J&uuml;nger. Das andere Mal
-handelt es sich um eine unbestimmte Mehrheit.</p>
-
-<p>Mit dem Argument, dass es sachlich auf dasselbe hinauskomme,
-ist nichts gethan. Warum redete Jesus bei den &auml;lteren
-Synoptikern von den <em class="gesperrt">Vielen</em>, bei Paulus von den <em class="gesperrt">Seinen</em>? Die
-einzige Erkl&auml;rung liegt darin, <em class="gesperrt">dass Paulus von dem Standpunkt
-der Gemeinde nach dem Tode Jesu schreibt</em>. Danach
-kommt die Heilswirkung des Todes Jesu einer bestimmten
-Gemeinschaft zu gute, n&auml;mlich denen, die an ihn glauben. Die
-J&uuml;nger repr&auml;sentieren diese gl&auml;ubige Gemeinschaft in den geschichtlichen
-Ausspr&uuml;chen Jesu, weil man es sich vom Standpunkt
-der messiasgl&auml;ubigen Gemeinde aus nicht anders vorstellen konnte,
-als dass Jesus mit den Worten &uuml;ber sein Leiden die Gl&auml;ubigen
-gemeint habe.</p>
-
-<p>Das altsynoptische »<em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>« ist aber vom <em class="gesperrt">historischen
-Standpunkt</em> aus gesprochen, wo Jesus noch nicht den Glauben
-an seine Messianit&auml;t verlangt und wo deshalb die Mehrheit, denen
-sein Tod zu gute kommen soll, unbestimmt gelassen ist. Nur eines
-ist ihm gewiss, dass sie gr&ouml;sser ist als der J&uuml;ngerkreis; darum
-sagt er »<em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>«. H&auml;tte er gesagt »<em class="gesperrt">f&uuml;r euch</em>« wie Paulus ihm
-zumutet, so h&auml;tten die J&uuml;nger daraus schliessen m&uuml;ssen, er sterbe
-f&uuml;r sie allein, da sie sich damals nicht, wie es Paulus und der
-Gemeinde gel&auml;ufig war, als Repr&auml;sentanten einer zuk&uuml;nftigen
-messiasgl&auml;ubigen Gemeinschaft f&uuml;hlen konnten.</p>
-
-<p>Ist aber dieses »<em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>« stehen geblieben, trotzdem Paulus
-aus der Gemeindevorstellung heraus es instinktiv durch »<em class="gesperrt">f&uuml;r
-euch</em>« ersetzen muss, obwohl er dadurch ein historisch unm&ouml;gliches
-Wort schafft: so ist man nicht berechtigt, in der &uuml;berlieferten
-Form des altsynoptischen Leidensgedankens irgendwie paulinische
-Beeinflussung anzunehmen. Die schroffe S&uuml;hnetheorie bei den
-Synoptikern ist also historisch. Eine Abschw&auml;chung, wie sie der
-modern-historische L&ouml;sungsversuch voraussetzen muss, ist unberechtigt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_8">[S. 8]</a></span></p>
-
-<p class="pmb3">Nun stellt sich die Aufgabe, in der Deutung der Ausspr&uuml;che
-Jesu gerade dem »<em class="gesperrt">f&uuml;r viele</em>« gerecht zu werden. Weil sie dies
-nicht gethan haben, sind alle Darlegungen &uuml;ber die Bedeutung
-des Todes Jesu, von Paulus bis <span class="smcap">Ritschl</span>, unhistorisch. Man
-setze statt der gl&auml;ubigen Gemeinschaft, mit der sie operieren,
-die unbestimmte und unqualifizierte Mehrheit des historischen
-Wortes ein, dann werden ihre Ausf&uuml;hrungen einfach sinnlos.
-Historisch ist allein diejenige Deutung, welche begreiflich macht,
-warum nach Jesus die durch seinen Tod gewirkte S&uuml;hne einer mit
-Absicht unbestimmt gelassenen Mehrheit zu gute kommen soll.</p>
-
-
-<h3>5. Das Reich Gottes als ethische Gr&ouml;sse im Leidensgedanken.<br />
-<span class="small">(Dritte Voraussetzung.)</span></h3>
-<p class="pmb2" />
-
-
-<h4>a) Mk 10 <span class="antiqua">41-45</span>. Das Dienen als das sittliche Verhalten in
-Erwartung des kommenden Reiches.</h4>
-
-<p>Die Zebedaiden hatten beansprucht, zu Seiten des Herrn
-zu sitzen in seiner Herrlichkeit, d. h. wenn er als Messias von
-seinem Thron aus regieren w&uuml;rde. Dar&uuml;ber sind die andern unwillig.
-Jesus ruft sie zusammen und redet ihnen vom Dienen und
-Herrschen in Bezug auf das Gottesreich.</p>
-
-<p>In diesem Ausspruch findet man nun gew&ouml;hnlich den ethischen
-Begriff des Reiches Gottes. Eine Umwertung aller Werte soll erfolgen.
-Der Gr&ouml;sste im Himmelreich ist der, welcher klein wird als ein
-Kind (Mt 18 <span class="antiqua">4</span>), und Herrscher ist, wer dient. Selbsterniedrigung
-und dahingebendes Dienen, das ist die neue Sittlichkeit des Gottesreiches,
-welche durch Jesu dienendes Todesleiden in Kraft tritt.</p>
-
-<p>Dabei vergessen wir aber, dass das Reich, in dem man herrscht,
-als etwas Zuk&uuml;nftiges gedacht ist, w&auml;hrend das Dienen auf die
-Gegenwart geht! In unserer ethischen Betrachtungsweise fallen
-Dienen und Herrschen zeitlich und logisch zusammen. Bei Jesus
-aber handelt es sich gar nicht um eine rein ethische Vertauschung
-der Begriffe Dienen-Herrschen, sondern dieser Gegensatz verl&auml;uft
-in einer <em class="gesperrt">zeitlichen Folge</em>. Scharf hebt sich der gegenw&auml;rtige
-von dem zuk&uuml;nftigen Aeon ab. Wer im Reich Gottes
-einmal zu den Gr&ouml;ssten geh&ouml;ren will, der muss <em class="gesperrt">jetzt</em> sein als ein
-Kind! Wer auf eine Herrscherstellung darin Anwartschaft erhebt,
-der muss <em class="gesperrt">jetzt</em> dienen! Je tiefer sich <em class="gesperrt">jetzt</em> einer unter die andern
-beugt in der Zeit, wo die irdischen Herrscher sich mit Gewalt im
-Regiment erhalten, desto h&ouml;her wird seine Herrschaft sein, wenn
-die irdische Gewalt aufh&ouml;rt und das Reich Gottes anbricht.
- <span class="pagenum"><a id="Page_9">[S. 9]</a></span>
-Darum muss derjenige sich im Todesleiden erniedrigen, welcher
-als Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen wird
-zum Richten und Herrschen. Ehe er seinen Thron besteigt,
-trinkt er den Leidensbecher, von dem auch die kosten m&uuml;ssen,
-die mit ihm herrschen wollen!</p>
-
-<p>Sowie man dieses »<em class="gesperrt">jetzt und dann</em>« in Jesu Rede beachtet,
-tritt an die Stelle des abgeblassten Satzparallelismus eine wirkungsvolle
-Steigerung. Den absteigenden Rangstufen des Dienens
-entsprechen die aufsteigenden des Herrschens.</p>
-
-<blockquote>
-<p class="p_m1">1. Wer gross sein will <em class="gesperrt">unter euch</em>, der sei <em class="gesperrt">euer</em> Diener (<span class="smcap">V.</span> <span class="antiqua">43</span>).</p>
-
-<p class="p_m1">2. Wer <span class="antiqua">von euch</span> der erste sein will, der sei <em class="gesperrt">aller (andern)</em>
-Diener (<span class="smcap">V.</span> <span class="antiqua">44</span>).</p>
-
-<p class="p_m1">3. Darum wartet des Menschensohns die h&ouml;chste Herrscherstellung,
-weil er nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen,
-sondern zu dienen, indem er sein Leben als S&uuml;hne f&uuml;r <em class="gesperrt">die
-Vielheit</em> dahingibt (<span class="smcap">V.</span> <span class="antiqua">45</span>).</p>
-</blockquote>
-
-<p>Die Steigerung ist eine doppelte. Das Dienen der J&uuml;nger
-erstreckt sich nur auf <em class="gesperrt">ihren</em> Kreis, das Dienen Jesu auf eine unbeschr&auml;nkte
-Mehrheit, n&auml;mlich auf alle die, welchen sein Todesleiden
-zu gute kommen soll. Bei den J&uuml;ngern handelt es sich nur
-um eine selbstlose <em class="gesperrt">Unterwerfung</em>, bei Jesus um das <em class="gesperrt">bittere
-Todesleiden</em>. Beides ist ein Dienen, insofern damit die Anwartschaft
-auf eine Herrscherstellung im Reich verbunden ist.</p>
-
-<p>Die gew&ouml;hnliche Erkl&auml;rung wird nicht dem altsynoptischen,
-sondern nur dem lukanischen Texte gerecht (Lk 22 <span class="antiqua">24-27</span>). Dieser
-hat die Erz&auml;hlung aus dem Zusammenhang herausgerissen, so
-dass es sich um einen Streit der J&uuml;nger beim letzten Mahl
-handelt, wer von ihnen »f&uuml;r den Gr&ouml;ssten zu halten sei.«</p>
-
-<p>Damit ist das »<em class="gesperrt">jetzt und dann</em>« aus der Situation ausgeschieden
-und es handelt sich nur um eine rein ethische Verkehrung
-der Begriffe Herrschen und Dienen. Jesu Rede verl&auml;uft dementsprechend
-auch in einem unlebendigen Parallelismus. Der
-Gr&ouml;sste unter euch sei wie der J&uuml;ngste, und der Vorsteher wie
-der, der aufwartet (Lk 22 <span class="antiqua">26</span>). Statt aus seiner Dahingabe in den
-Tod f&uuml;r die grosse Allgemeinheit auf das Verhalten derer, die
-mit herrschen wollen, zu exemplifizieren, redet er nur von seinem
-dienstbaren Wesen den J&uuml;ngern gegen&uuml;ber: Ich aber bin in eurer
-Mitte, wie der, der aufwartet (Lk 22 <span class="antiqua">27</span>). Damit meint er ein
-Dienen, das zugleich Herrschen ist. Bei den beiden &auml;lteren
-Synoptikern handelt es sich aber gar nicht um die Proklamierung
- <span class="pagenum"><a id="Page_10">[S. 10]</a></span>
-der neuen Sittlichkeit des Gottesreiches, wo Dienen Herrschen
-ist, sondern um die Bedeutung der Selbsterniedrigung und des
-Dienens in <em class="gesperrt">Erwartung des Gottesreiches</em>. Dienen ist das
-Grundgesetz der <em class="gesperrt">Interimsethik</em>.</p>
-
-<p>Dieser Gedanke ist viel tiefer und lebendiger als das moderne
-Spiel mit Worten, welches wir dem Herrn zumuten. Nur durch
-Erniedrigung und Kindessinn in diesem Aeon wird man w&uuml;rdig
-bereitet, im Reich Gottes zu herrschen. Nur wer durch Leiden
-hier sittlich gel&auml;utert und geadelt ist, kann dort gross sein. Darum
-ist das Leiden f&uuml;r Jesus der sittliche Erwerb und die sittliche
-Bew&auml;hrung f&uuml;r die messianische Herrschaft, die ihm bestimmt ist.</p>
-
-<p>Irdisches Herrschen, weil es auf Gewaltthat beruht, ist Ausfluss
-der widerg&ouml;ttlichen Macht. Das Herrschen im Reich Gottes,
-wo die Weltmacht vernichtet ist, bedeutet Ausfluss der g&ouml;ttlichen
-Macht sein. Tr&auml;ger derselben kann nur der werden, welcher sich
-von irdischem Herrschen rein erhalten hat. Sie zu vergeben an
-die, welche durch Leiden sich bereitet haben, ist allein Gottes
-Sache (Mk 10 <span class="antiqua">39</span> u. <span class="antiqua">40</span>).</p>
-
-<p class="pmb2">Ist aber Dienen nicht die Sittlichkeit des Gottesreiches, so
-operiert Jesu Leidensvorstellung auch nicht mit dem darauf beruhenden
-Begriff des Gottesreichs als der sich vollendenden
-ethischen Gemeinschaft, sondern mit einer &uuml;bersittlichen Gr&ouml;sse,
-n&auml;mlich mit der eschatologischen Reichsvorstellung.</p>
-
-
-<h4>b) Der Leidensgedanke und die eschatologische Erwartung.</h4>
-
-<p>Die Untersuchung der Abendmahlsberichte ergab einen engen
-Zusammenhang zwischen dem eschatologischen Schlusswort und
-dem Ausspruch vom vergossenen Blut. Die &uuml;brigen Stellen &uuml;ber
-das Leiden f&uuml;hren auf eine &auml;hnliche Verbindung.</p>
-
-<p>Nachdem Jesus mit seinem »ja« sich selbst das Todesurteil
-gesprochen, redet er von seiner »Wiederkunft« auf den Wolken
-des Himmels. Dabei denkt er, dem Markustext zufolge, beide
-Geschehnisse in einem Gedanken. Mk 14 <span class="antiqua">62</span>: Ich bin es <span class="antiqua">und</span> ihr
-werdet den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten der Macht
-und kommen mit den Wolken des Himmels. Dieser logische Zusammenhang
-ist, wie f&uuml;r das Kelchwort, bei Matth&auml;us schon
-erweicht, indem er an die Stelle des »<em class="gesperrt">und</em>« die rein zeitliche Folge
-setzt. Mt 26 <span class="antiqua">64</span>: Du sagst es. <em class="gesperrt">Doch</em> ich sage euch, <em class="gesperrt">von nun an</em>
-werdet etc. Bei Lukas fehlt der eschatologische Hinweis; er hat
-ihn auch beim Kelchwort ausfallen lassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p>Eine enge Verbindung zwischen dem Leidensgedanken und
-der Eschatologie setzt auch das Gespr&auml;ch &uuml;ber den Leidensweg
-der Nachfolger voraus (Mk 8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">1</span>). Wer sich Jesu sch&auml;mt,
-wenn er Schm&auml;hung und Verfolgung in der ehebrecherischen und
-s&uuml;ndigen Welt erduldet, dessen wird sich auch der Menschensohn
-sch&auml;men, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen
-Engeln kommt. Denn dieses Geschlecht wird nicht in den
-Tod sinken, bis sie sehen das Reich Gottes kommend in Macht!</p>
-
-<p>Dieser Zusammenhang muss f&uuml;r die H&ouml;rer stark hervorgetreten
-sein. Nach dem Aufbruch von C&auml;sarea Philippi, unter dem
-Eindruck des Leidensgeheimnisses, das ihren Sinn mit Trauer
-und Angst erf&uuml;llt (Mk 9 <span class="antiqua">30-32</span>) &mdash; streiten sich die J&uuml;nger darum,
-wer den h&ouml;chsten Platz im Reich einnehmen wird. Im Hause
-zu Kapernaum muss Jesus sie dar&uuml;ber zurechtweisen (Mk 9 <span class="antiqua">33-37</span>).
-Das war, nachdem er zum zweitenmal von seinem Leiden gesprochen
-hatte.</p>
-
-<p>Auf dem Weg nach Jerusalem wiederholt sich derselbe Auftritt
-im engsten Anschluss an die dritte Leidensweissagung (Mk 10
-<span class="antiqua">32-41</span>). Die Zebedaiden erheben ihre Anspr&uuml;che auf die Thronpl&auml;tze.
-Es handelt sich hier gar nicht um kindischen Missverstand
-der Anh&auml;nger, denn Jesus geht ja ganz ernsthaft auf ihren Gedanken
-ein. Die eschatologische Erwartung muss also f&uuml;r die
-J&uuml;nger in dem Leidenswort Jesu so stark zur Geltung gekommen
-sein, dass sie sich notwendig Gedanken machen &uuml;ber
-die Stellung, welche sie im zuk&uuml;nftigen Reich einnehmen werden.</p>
-
-<p class="pmb3">Der modern-historische Erkl&auml;rungsversuch eliminiert den
-eschatologischen Begriff des Reiches Gottes aus dem Leidensgedanken,
-indem er ihn auf die apotheosenhafte Vorstellung von
-der »<em class="gesperrt">Wiederkunft</em>« reduziert. Dieser Ausdruck ist vollst&auml;ndig
-falsch. Jesus hat nie von seiner »<em class="gesperrt">Wiederkunft</em>«, sondern nur
-von seiner <em class="gesperrt">Ankunft</em> oder der <em class="gesperrt">Zukunft</em> des Menschensohnes geredet.
-Wir gebrauchen den Ausdruck »Wiederkunft«, weil wir
-Tod und Herrlichkeit durch Kontrast verbinden, als bez&ouml;ge sich
-der neue Zustand nur auf eine sieghafte Verkl&auml;rung Jesu. Unsere
-Auffassung l&auml;sst ihn sagen: »Ich werde sterben, <em class="gesperrt">aber</em> ich werde
-durch meine <em class="gesperrt">Wiederkunft</em> verherrlicht werden«. Thats&auml;chlich
-hat er aber gesagt: »Ich muss leiden <em class="gesperrt">und</em> der Menschensohn wird
-auf den Wolken des Himmels erscheinen.« Das bedeutet aber
-f&uuml;r seine Zuh&ouml;rer viel mehr als eine Apotheose &mdash; denn mit der
-Erscheinung des Menschensohnes brach das eschatologische Reich
- <span class="pagenum"><a id="Page_12">[S. 12]</a></span>
-an. Jesus setzt also seinen Tod mit dem eschatologischen
-Anbruch des Reichs in einen zeitlich-urs&auml;chlichen Zusammenhang.
-Der <em class="gesperrt">eschatologische</em> Reichsbegriff, nicht der <em class="gesperrt">modern-ethische</em>,
-beherrscht seinen Leidensgedanken.</p>
-
-
-<h3>6. Die Form der Leidensoffenbarung.<br />
-<span class="small">(Vierte Voraussetzung.)</span></h3>
-
-<p>Best&auml;nde die Auffassung des modern-historischen L&ouml;sungsversuchs
-zu Recht, so h&auml;tte Jesus den J&uuml;ngern den Leidensgedanken
-in der Form einer ethischen <em class="gesperrt">Reflexion</em> mitteilen
-m&uuml;ssen. Sollten sie die eintretende Katastrophe als Inauguralakt
-der neuen Sittlichkeit begreifen und daraus eine Erneuerung
-ihres sittlichen Handelns ableiten, dann musste er sie mit diesem
-Charakter des Ereignisses von vornherein, zugleich mit der Ank&uuml;ndigung
-desselben, bekannt machen.</p>
-
-<p class="pmb3">Nun hat er ihnen aber den Leidensgedanken nicht in der
-Form einer <em class="gesperrt">ethischen Reflexion</em>, sondern als ein <em class="gesperrt">Geheimnis</em>
-ohne weitere Erkl&auml;rung mitgeteilt. Es wird beherrscht von dem
-»m&uuml;ssen«, dem Ausdruck der unbegreiflichen g&ouml;ttlichen Notwendigkeit.
-Dass der Leidensgedanke ein Leidensgeheimnis war,
-das steht dem modern-historischen L&ouml;sungsversuch entgegen.</p>
-
-
-<h3>7. Zusammenfassung.</h3>
-
-<blockquote>
-<p class="p_m1">1. Die Annahme einer gl&uuml;cklichen galil&auml;ischen Periode, auf
-welche dann die Zeit des Niedergangs folgt, ist historisch
-nicht haltbar.</p>
-
-<p class="p_m1">2. Paulinischer Einfluss kann die Fassung der altsynoptischen
-Leidensausspr&uuml;che nicht bedingt haben.</p>
-
-<p class="p_m1">3. Nicht der ethische, sondern der &uuml;berethische, eschatologische
-Reichsgedanke beherrscht die Leidensvorstellung Jesu.</p>
-
-<p class="p_m1">4. Die Aussprache des Leidensgedankens geschah nicht in der
-Form einer ethischen Betrachtung, sondern es handelt sich
-um ein unbegreifliches Geheimnis, das die J&uuml;nger gar nicht
-zu verstehen brauchten und auch nicht verstanden haben.</p>
-</blockquote>
-
-<p>So steht es um die vier Grundpfeiler des modern-historischen
-L&ouml;sungsversuchs. Mit ihnen st&uuml;rzt der ganze Bau zusammen. Es
-ist doch nur ein unlebendiger Gedanke! Das Modern-Kraftlose
-zeigt sich darin, dass man es dabei &uuml;ber eine Art repr&auml;sentativer
-Bedeutung des Todes Jesu nicht hinausbringt. Jesus beschafft
-durch seine Dahingabe nichts schlechthin Neues, weil er ja das
-Reich Gottes als S&uuml;ndenvergebung oder als die sich sittlich
- <span class="pagenum"><a id="Page_13">[S. 13]</a></span>
-vollendende Gemeinschaft w&auml;hrend seiner ganzen &ouml;ffentlichen
-Wirksamkeit als schon vorhanden voraussetzt. Es ist mit
-seinem Auftreten selbst gegeben. Eine geleistete S&uuml;hne verlangt
-aber eine <em class="gesperrt">effektive</em> Bedeutung des Todes.</p>
-
-<p>Darin besteht auch die Schw&auml;che der modernen Dogmatik
-gegen&uuml;ber der alten. Paulus, Anselm und Luther wissen um
-einen absolut neuen Zustand, der zeitlich und kausal aus Jesu
-Tod resultiert. Die moderne Dogmatik redet darum herum; aber
-sie weiss nichts anzugeben, sondern h&uuml;llt sich in die Wolke ihrer
-eigenen Voraussetzungen. Unhistorisch sind sie zwar beide.
-Religi&ouml;s berechtigt ist allein die moderne. Die alte Dogmatik
-ist aber hier historischer, denn sie postuliert doch eine effektive
-Wirkung des Todes Jesu, wie es die synoptischen Stellen
-verlangen.</p>
-
-<p>Worin besteht aber dort die schlechthin neue Gr&ouml;sse, welche
-an den Tod gebunden ist? Die synoptischen Spr&uuml;che geben darauf
-nur <em class="gesperrt">eine</em> Antwort: <em class="gesperrt">die eschatologische Realisierung des
-Reiches</em>! Von der S&uuml;hne, die Jesus leistet, h&auml;ngt das Kommen
-des Reiches Gottes in Macht ab. Das ist der Grundzug des
-Leidensgeheimnisses.</p>
-
-<p>Wie ist dies zu verstehen? Nur die Geschichte Jesu
-kann dar&uuml;ber Aufschluss geben. <em class="gesperrt">An die Stelle des modern-historischen
-tritt nun der eschatologisch-historische
-L&ouml;sungsversuch.</em></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<h2 id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br /><br />
-
-Die Entwicklung Jesu.</h2>
-<p class="pmb2" />
-
-
-<h3>1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische
-Gr&ouml;sse.</h3>
-
-<p>Das Zusammensein einer ethischen und einer eschatologischen
-Gedankenreihe bei Jesus bildete von jeher eines der
-schwersten Probleme der neutestamentlichen Wissenschaft. Wie
-k&ouml;nnen sich in <em class="gesperrt">einem</em> Denken zwei so verschiedene, in manchem
-diametral entgegengesetzte Weltanschauungen vereinigen?</p>
-
-<p>Man hat das Problem zu umgehen gesucht, in dem richtigen
-Gef&uuml;hl, dass beide unvereinbar sind. Kritische Geister wie <span class="smcap">T. Colani</span>
-(J&eacute;sus-Christ et les croyances messianiques de son temps
-1864, S. 94 ff., 169 ff.) und <span class="smcap">G. Volkmar</span> (Die Evangelien 1870,
-S. 530 ff.) kamen dazu, die Eschatologie &uuml;berhaupt aus Jesu Vorstellungskreis
- <span class="pagenum"><a id="Page_14">[S. 14]</a></span>
-zu <em class="gesperrt">eliminieren</em>. Danach w&auml;ren alle derartigen
-Ausspr&uuml;che auf Kosten der eschatologischen Erwartung der sp&auml;teren
-Zeit zu setzen. Dieses Verfahren scheitert an der Hartn&auml;ckigkeit
-der Texte; gerade die eschatologischen Worte geh&ouml;ren
-zu den bestbezeugten Partien. Ihre Ausscheidung bedeutet
-einen Gewaltakt.</p>
-
-<p>Nicht besser steht es mit dem Versuch der Umgehung des
-Problems durch <em class="gesperrt">Sublimierung</em> der Eschatologie, als h&auml;tte Jesus
-die realistischen Vorstellungen seiner Zeit ins Geistige &uuml;bersetzt,
-indem er sie im Bilde anwandte. Auf diesem Gedanken beruht
-die Studie von <span class="smcap">Erich Haupt</span> (Die eschatologischen Aussagen
-Jesu in den synoptischen Evangelien. 1895). Nichts berechtigt
-uns aber anzunehmen, Jesus habe seine Worte in einem uneigentlichen
-Sinn gemeint, w&auml;hrend seine Zuh&ouml;rer sie aus der
-zeitgen&ouml;ssischen Vorstellung heraus realistisch auffassen mussten.
-F&uuml;r ein solches Unternehmen fehlt nicht nur jede prinzipielle
-Erkl&auml;rung, sondern auch die leiseste Andeutung seinerseits.</p>
-
-<p>So bleibt also das Problem, wie das Nebeneinander zweier
-Weltanschauungen zu erkl&auml;ren sei, in voller Sch&auml;rfe bestehen.
-Die einzige L&ouml;sung scheint in der Annahme einer zeitlichen Entwicklung
-zu liegen. Jesu Weltanschauung sei anfangs rein ethisch
-gewesen. Er habe die Realisierung des Reiches Gottes von der
-Ausdehnung und Vollendung der sittlich-religi&ouml;sen Gemeinschaft
-erwartet, die er zu gr&uuml;nden unternahm. Als aber der Widerstand
-der Weltmacht die organische Vollendung des Reiches in
-Frage stellte, habe sich die eschatologische Vorstellung ihm aufgedr&auml;ngt.
-Durch die Ereignisse sei er dazu gekommen, die Vollendung
-des religi&ouml;s-ethischen Ideals, welche er bisher an den
-Endpunkt einer durch sittliches Wirken fortschreitenden Entwicklung
-verlegte, nunmehr von einer kosmischen Katastrophe
-zu erwarten, in welcher die Allmacht Gottes das zum Abschluss
-bringen sollte, was er unternommen hatte.</p>
-
-<p>Es soll also ein Umschwung in Jesu Gedanken stattgefunden
-haben. Aber die zeitliche Auseinanderziehung des Gegensatzes
-verschleiert das Problem nur, ohne es zu l&ouml;sen. Die Aufnahme
-des eschatologischen Gedankens, wenn sie in dieser Weise vorstellig
-gemacht werden soll, bedeutet nichts anderes, als den totalen
-Bruch mit der Vergangenheit, wobei jede Entwicklung aufh&ouml;rt.
-Denn, wenn man mit dem eschatologischen Gedanken Ernst
-macht, hebt er die ethischen Gedankenreihen auf. Er vertr&auml;gt
- <span class="pagenum"><a id="Page_15">[S. 15]</a></span>
-keine nebens&auml;chliche Stellung. Zu dieser Kraftlosigkeit kam er
-erst in der christlichen Dogmatik, durch die geschichtliche Erfahrung.
-Jesus aber hat entweder eschatologisch oder uneschatologisch
-gedacht, aber nicht beides zugleich oder so, dass das
-Eschatologische erg&auml;nzend zum Uneschatologischen hinzutrat.</p>
-
-<p class="pmb3">Nun ist nachgewiesen, dass in dem Leidensgedanken nur
-der eschatologische Begriff vom Reich Gottes zur Geltung
-kommt. Ebenso ist die Annahme einer Periode der Misserfolge
-nach der Aussendung historisch nicht berechtigt. Diese bildet
-aber die unumg&auml;ngliche Voraussetzung jeder in Jesu anzunehmenden
-Entwicklung. Also kann der eschatologische Gedanke
-sich Jesu nicht durch &auml;ussere Erlebnisse aufgezwungen
-haben, <em class="gesperrt">sondern er muss von Anfang an</em>, auch in der ersten
-galil&auml;ischen Periode <em class="gesperrt">seiner Predigt zu Grunde gelegen
-haben</em>!</p>
-
-
-<h3>2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede.</h3>
-
-<p>»Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen« (Mt 10 <span class="antiqua">7</span>) &mdash;
-dieses Wort, das Jesus den J&uuml;ngern zu verk&uuml;ndigen auftr&auml;gt,
-fasst seine ganze bisherige Predigt zusammen. Sie sollen sie nun
-hinaustragen in die St&auml;dte Israels. In welchem Sinn diese Ank&uuml;ndigung
-gemeint ist, dar&uuml;ber gibt die Aussendungsrede keinen
-Aufschluss.</p>
-
-<p>Ist die gew&ouml;hnliche Auffassung von der Bedeutung jener
-Entsendung der J&uuml;nger richtig, so bieten die Worte, mit denen
-er sie entl&auml;sst, ein merkw&uuml;rdiges R&auml;tsel dar. In hoffnungsvoller
-Schaffensfreude geht er daran, den Kreis seiner auf die Gr&uuml;ndung
-des Gottesreiches gerichteten Th&auml;tigkeit weiter zu ziehen. Die
-Aussendungsrede sollte also Belehrungen f&uuml;r die missionierende
-Th&auml;tigkeit der J&uuml;nger in diesem Sinn enthalten. Man m&uuml;sste
-nun erwarten, dass er sie anleitet, wie sie &uuml;ber das neue Verh&auml;ltnis
-zu Gott und &uuml;ber die neue Sittlichkeit des Gottesreiches predigen
-sollen.</p>
-
-<p>Die Aussendungsrede ist aber alles andere eher als eine Zusammenfassung
-der »Lehre Jesu«. An eine tiefer eindringende
-Unterweisung ist gar nicht gedacht, sondern es handelt sich um
-eine fliegende Verk&uuml;ndigung durch Israel mit dem einzigen Lehrauftrag,
-den Ruf von der N&auml;he des Gottesreiches &uuml;berall ert&ouml;nen
-zu lassen &mdash; damit alle gewarnt sind und Busse thun k&ouml;nnen.
-Zeit ist aber dabei nicht zu verlieren; darum sollen sie sich in
- <span class="pagenum"><a id="Page_16">[S. 16]</a></span>
-einer Stadt, wo sie keine Empf&auml;nglichkeit finden, nicht aufhalten,
-sondern weiter eilen, damit sie mit den St&auml;dten Israels fertig
-werden, ehe die Erscheinung des Menschensohns stattfindet.
-»Kommen des Menschensohnes« bedeutet aber: <em class="gesperrt">Einbrechen
-des Reiches Gottes mit Macht</em>.</p>
-
-<p>Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, fliehet zur andern;
-wahrlich ich sage euch, ihr werdet mit den St&auml;dten Israels nicht
-zu Ende sein, bis dass der Menschensohn kommen wird (Mt 10 <span class="antiqua">23</span>).
-Versteht man die Aussendungsrede so, als habe Jesus durch die
-J&uuml;nger sagen lassen, dass nun die Zeit da sei, in einem neuen
-sittlichen Verhalten das Reich zu verwirklichen, so bleibt jenes
-eschatologische Wort ein erratischer Block inmitten bl&uuml;hender
-Wiesen. Fasst man aber die Botschaft der Reichsn&auml;he eschatologisch
-auf, dann f&uuml;gt sich das Wort einem grossen Zusammenhang
-ein. Es ist ein Fels in einer wilden Gebirgslandschaft. Von
-diesem Wort kann man nicht sagen, es sei aus einer sp&auml;teren
-Zeit eingearbeitet, sondern mit zwingender Gewalt bannt es
-eschatologische Aussagen in die Tage der Aussendung.</p>
-
-<p>Die einzige erforderliche Lehrunterweisung ist der Bussruf.
-Busse thut, wer an die N&auml;he des Reiches glaubt. Darum gibt
-Jesus ihnen Gewalt &uuml;ber die unreinen Geister, dass sie dieselben
-austreiben und die Kranken heilen (Mt 10 <span class="antiqua">1</span>); aus diesem Zeichen
-sollen alle ersehen, dass es mit der widerg&ouml;ttlichen Macht zu
-Ende geht und das Morgenrot des Gottesreiches anbricht. Das
-geh&ouml;rt mit zu ihrem Lehrauftrag, denn wer ihren Zeichen nicht
-glaubt und daraufhin keine Busse auf das Reich Gottes hin thut,
-der ist verdammt. So sind Chorazin, Bethsa&iuml;da und Kapernaum
-dem Gerichte verfallen. Der Glaube und die Busse wurden ihnen
-leicht gemacht durch die Zeichen und Wunder, mit welchen sie
-vor andern begnadet waren &mdash; und sie waren doch nicht in sich
-gegangen, was doch Heidenst&auml;dte wie Tyrus und Sidon gethan
-h&auml;tten (Mt 11 <span class="antiqua">20-24</span>). Dieses an das Volk gerichtete Wort zeigt,
-welche Bedeutung Jesus den Zeichen mit Hinsicht auf die eschatologische
-Botschaft beimass.</p>
-
-<p>Die J&uuml;nger sollten also predigen <em class="gesperrt">vom Reich, von der
-Busse und dem Gericht</em>. Weil aber das Ereignis, das sie verk&uuml;ndeten,
-so nahe war, dass es jeden Augenblick hereinbrechen
-konnte, mussten sie auf das, was ihm vorausging, vorbereitet sein:
-n&auml;mlich auf <em class="gesperrt">das letzte Aufb&auml;umen der Weltmacht</em>. Wie
-sie sich dabei zu verhalten haben, um nicht irre zu werden, darauf
- <span class="pagenum"><a id="Page_17">[S. 17]</a></span>
-geht die Unterweisung, mit der er sie entl&auml;sst! In dem allgemeinen
-Aufruhr der Geister werden sich alle Bande l&ouml;sen. Bis
-in die Familie wird der Zwiespalt hineingetragen werden (Mt 10
-<span class="antiqua">34-36</span>). Wer sich zur Sache des Gottesreiches halten will, der
-muss bereit sein, die, welche ihm am liebsten waren, aus seinem
-Herzen herauszureissen und Kreuz und Schmach auf sich zu
-nehmen (Mt 10 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">38</span>). Die weltliche Gewalt wird schwere
-Verfolgung &uuml;ber sie bringen (Mt 10 <span class="antiqua">17-31</span>). Man wird sie zur
-Verantwortung ziehen und sie qu&auml;len, um sie zur Verleugnung zu
-bewegen. Der Bruder wird den Bruder, der Vater das Kind dem
-Tod &uuml;berantworten, und die Kinder werden wider die Eltern aufstehen
-und den Tod &uuml;ber sie bringen. Nur wer in diesem allgemeinen
-Aufruhr standhaft beharrt und sich zu Jesu bekennt, der
-wird am Gerichtstage gerettet werden, wenn der Herr bei Gott
-f&uuml;r ihn eintritt (Mt 10 <span class="antiqua">32</span> u. <span class="antiqua">33</span>).</p>
-
-<p class="pmb3">In der Aussendungsrede hat Jesus die J&uuml;nger &uuml;ber die
-Wehen des anbrechenden Reiches belehrt. Manches in den ausmalenden
-Partien mag vielleicht die F&auml;rbung einer sp&auml;teren Zeit
-aufweisen. Dadurch wird aber der Gesamtcharakter der Rede
-nicht beeintr&auml;chtigt. Es handelt sich nicht um ein Verhalten in
-ihrer Th&auml;tigkeit <em class="gesperrt">nach seinem Tode</em>; &uuml;ber eine solche Anweisung
-fehlt uns jegliches historische Wort. Dem Anbruch des
-Reiches gehen die Wehen voraus. Also muss die sieghafte Verk&uuml;ndigung
-der Reichsn&auml;he sich auf die Wehen einrichten. Darum
-dieses, in der bisherigen Erkl&auml;rung unfassbare Nebeneinander
-von Optimismus und Pessimismus. Es geh&ouml;rt zur Signatur jeder
-eschatologischen Weltanschauung.</p>
-
-
-<h3>3. Die neue Auffassung.</h3>
-
-<p>Der Leidensgedanke ist <em class="gesperrt">nur</em> von dem eschatologischen
-Reichsbegriff beherrscht. In der Aussendungsrede handelt es
-sich <em class="gesperrt">nur</em> um die eschatologische, nicht um die ethische Reichsn&auml;he.
-Daraus folgt einmal, dass Jesu Th&auml;tigkeit <em class="gesperrt">nur</em> mit der
-eschatologischen Realisierung des Reiches rechnet. Dann kann
-aber das Verh&auml;ltnis seiner ethischen Gedanken zur eschatologischen
-Weltanschauung keine Umbildung durch &auml;ussere Ereignisse
-erfahren haben, sondern es muss von Anfang an dasselbe
-gewesen sein.</p>
-
-<p>In welchem Zusammenhang standen aber seine Ethik und
-seine Eschatologie? Solange man von der Ethik ausgeht und die
- <span class="pagenum"><a id="Page_18">[S. 18]</a></span>
-Eschatologie als etwas Hinzutretendes zu begreifen sucht, gibt es
-keinen organischen Zusammenhang zwischen beiden, weil die Ethik
-Jesu, wie wir sie aufzufassen pflegen, gar nicht auf die Eschatologie
-eingerichtet ist, sondern viel h&ouml;her steht. Man muss daher
-den umgekehrten Weg einschlagen und versuchen, <em class="gesperrt">ob nicht
-seine ethische Verk&uuml;ndigung ihrem Wesen nach durch
-die eschatologische Weltanschauung bedingt ist</em>.</p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<h2 id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br /><br />
-
-Die Predigt vom Reich Gottes.</h2>
-<p class="pmb2" />
-
-
-<h3>1. Die neue Sittlichkeit als Busse.</h3>
-
-<p>Wenn der Gedanke der eschatologischen Realisierung des
-Reichs die Grundvorstellung der Predigt Jesu ist, so f&auml;llt seine
-ganze Ethik unter den Begriff der auf das Kommen des Reichs
-vorbereitenden <em class="gesperrt">Busse</em>. Uns scheint dieser Begriff zu eng, um
-auf den ganzen Umfang seiner sittlich-religi&ouml;sen Verk&uuml;ndigung
-angewandt werden zu k&ouml;nnen. In unserer Sprache hat n&auml;mlich
-dieses Wort eine mehr negative Bedeutung, sofern es haupts&auml;chlich
-die Beziehung auf eine vorhergehende Schuld hervorhebt.
-Die Vorstellung aber, welche bei den Synoptikern durch Busse
-(&#956;&#949;&#964;&#940;&#957;&#959;&#953;&#945;) wiedergegeben wird, ist viel reicher. Sie ist nicht nur
-eine sittliche Wiederherstellung im R&uuml;ckblick auf einen zur&uuml;ckliegenden
-s&uuml;ndigen Zustand, sondern &mdash; und dieser Charakter
-pr&auml;valiert &mdash; <em class="gesperrt">auch eine sittliche Erneuerung im Hinblick
-auf eine bevorstehende allgemeine sittliche Vollendung</em>.</p>
-
-<p>So schliesst »die Busse in Erwartung des Reichs« alle positiven
-ethischen Forderungen in sich. In dieser Bedeutung ist sie
-der lebendige Nachhall der altprophetischen Busse. Denn bei
-Amos, Hosea, Jesaia und Jeremia bedeutet Busse die sittliche Erneuerung
-im Hinblick auf den Tag des Herrn. So sagt Jesaia:
-»Waschet euch, reinigt euch; entfernt die Bosheit eurer Thaten
-aus meinen Augen. Fraget nach Recht, steuert dem Gewaltth&auml;tigen;
-richtet die Waise, schaffet Recht der Witwe« (Jes 1
-<span class="antiqua">16</span> u. <span class="antiqua">17</span>). Gerade diesen alttestamentlichen Begriff der Busse,
-welcher den Nachdruck auf das neue sittliche Leben legt, muss
-man gegenw&auml;rtig haben, um die synoptische Busse richtig zu erfassen.
-Beide sind nach vorw&auml;rts orientiert, beide sind durch
-den Gedanken eines Zustandes der Vollendung beherrscht, den
- <span class="pagenum"><a id="Page_19">[S. 19]</a></span>
-Gott durch sein Gericht herauff&uuml;hren wird. F&uuml;r die altprophetische
-ist es der Tag des Herrn, f&uuml;r die synoptische der Anbruch
-des Reiches.</p>
-
-<p>Die Ethik der Bergpredigt ist also Busse. Die neue Sittlichkeit,
-welche hinter dem Buchstaben den Geist des Gesetzes
-entdeckt, macht geschickt zum Reiche Gottes. Nur die Gerechten
-kommen ins Gottesreich: das stand f&uuml;r alle fest. Wer also
-die N&auml;he des Reiches predigte, musste auch die Gerechtigkeit
-auf das Reich hin lehren. Darum verk&uuml;ndet Jesus die neue Gerechtigkeit,
-die h&ouml;her ist als das Gesetz und die Propheten, denn
-diese gehen nur bis auf den T&auml;ufer. Seit den Tagen des T&auml;ufers
-steht man aber in der unmittelbar vormessianischen Zeit.</p>
-
-<p>Am Tage des Gerichts gilt es, diese sittliche Umwandlung
-vorzuweisen; nur wer den Willen des himmlischen Vaters gethan
-hat, der wird in das Gottesreich eingehen (Mt 7 <span class="antiqua">21</span>). Keine Berufung
-auf Anh&auml;ngerschaft Jesu, nicht einmal auf Zeichen, die
-in seinem Namen verrichtet wurden, kann diese neue Gerechtigkeit
-ersetzen (Mt 7 <span class="antiqua">22</span> u. <span class="antiqua">23</span>). Darum schliesst die Bergpredigt
-mit der Ermahnung, in Erwartung der gewaltigen Ereignisse
-einen festen Bau aufzuf&uuml;hren, der in Sturm und Wetter standh&auml;lt
-(Mt 7 <span class="antiqua">24-27</span>).</p>
-
-<p>Unter denselben Gesichtspunkt fallen die Seligpreisungen
-(Mt 5 <span class="antiqua">3-12</span>). Sie bestimmen die zum Eintritt in das Himmelreich
-berechtigende sittliche Verfassung. So erkl&auml;rt sich das Pr&auml;sens
-und das Futurum in demselben Satz. Selig sind sie, die Sanftm&uuml;tigen,
-die nach Gerechtigkeit Hungernden und D&uuml;rstenden, die
-Barmherzigen, die reinen Herzens sind, die Friedfertigen, die geistig
-Armen, die in der Verfolgung um der Gerechtigkeit willen beharren,
-weil sie in diesem Verhalten die Gew&auml;hr haben, beim Erscheinen
-des Reiches Gottes als dazu geh&ouml;rig erfunden zu werden.</p>
-
-<p>Eine Reihe von Gleichnissen enth&auml;lt denselben Gedanken.
-So wird in den Gleichnissen vom Schatz im Acker und von
-der k&ouml;stlichen Perle (Mt 13 <span class="antiqua">44-46</span>) geschildert, wie der Mensch
-alles daran setzen muss, wenn ihm das Reich Gottes in Aussicht
-gestellt wird, wie er alle andern G&uuml;ter dahingeben muss, um dieses
-in Aussicht stehende h&ouml;chste Gut zu erwerben.</p>
-
-<p>Wir finden also in der Ethik der galil&auml;ischen Periode schon
-das »jetzt und dann«, welches der Wertung des Dienens (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>)
-zu Grunde liegt. <em class="gesperrt">Als Busse auf das Reich Gottes hin ist
-auch die Ethik der Bergpredigt Interimsethik.</em> Die sittliche
- <span class="pagenum"><a id="Page_20">[S. 20]</a></span>
-Unterweisung Jesu ist sich also darin vom ersten Tag
-seines Auftretens bis zu seinen letzten Ausspr&uuml;chen gleichgeblieben,
-denn die Erniedrigung und das Dienen, welche er den
-Seinen auf dem Weg nach Jerusalem anempfiehlt, entsprechen
-genau dem neuen sittlichen Verhalten, das er in der Bergpredigt
-entwickelt: sie machen geschickt zum Reich Gottes. Nur bilden
-sie noch eine Steigerung zur neuen Gerechtigkeit, indem sie geschickt
-machen zum <em class="gesperrt">Herrschen</em> daselbst.</p>
-
-<p>Dem Leitmotiv der Bergpredigt begegnen wir noch einmal
-in dem Epilog zur grossen Gleichnisrede der jerusalemitischen
-Tage. Nur die Bew&auml;hrung der neuen Sittlichkeit in allen Verh&auml;ltnissen
-des Lebens gew&auml;hrleistet den Eintritt in das Reich.
-Darum kann Jesus zu dem Pharis&auml;er, der dem Grundgesetz
-dieser neuen Sittlichkeit zustimmt, wie es in dem grossen Liebesgebot
-ausgedr&uuml;ckt ist, sagen: Du bist nicht fern vom Reich Gottes
-(Mk 12 <span class="antiqua">34</span>). Das will nicht heissen, dass der Pharis&auml;er durch seine
-Gesinnung beinahe schon die H&ouml;he der »Sittlichkeit des Gottesreiches«
-erklommen hat. Wenn n&auml;mlich das Doppelgebot der
-Liebe die Sittlichkeit des <em class="gesperrt">Gottesreiches</em> ausmachte, m&uuml;sste
-er ihm, da er diesem Gebote vollst&auml;ndig zustimmt, sagen: Du
-geh&ouml;rst dem Gottesreiche an. So aber ist das »nicht fern« rein
-zeitlich zu verstehen, nicht von einer kleinen Vervollkommnung,
-die ihm noch fehlt. Er ist nicht fern von dem Reich Gottes, weil
-er die sittliche Qualit&auml;t besitzt, durch welche er als ein Genosse
-desselben erfunden werden wird, wenn es in K&uuml;rze erscheint. Das
-»nicht fern« enth&auml;lt also dasselbe Gemisch von Pr&auml;sens und Futurum
-wie die Seligpreisungen.</p>
-
-<p class="pmb3">Von unseren ethischen Vorstellungen ausgehend, sind wir geneigt,
-den Begriff des Lohnes auf dieses Verh&auml;ltnis zwischen der
-Zugeh&ouml;rigkeit zum Reich und der neuen Sittlichkeit anzuwenden.
-Damit wird jedoch der Gedanke Jesu nicht vollst&auml;ndig wiedergegeben,
-da es sich f&uuml;r ihn vor allem um die <em class="gesperrt">Unmittelbarkeit</em>
-des Uebergangs aus dem Zustande der sittlichen Erneuerung in
-den der &uuml;bersittlichen Vollendung des Gottesreiches handelt. Wer
-beim Anbrechen des Gottesreichs im Besitz der sittlichen Erneuerung
-ist, der wird als ein Glied desselben erfunden werden.
-Dies ist der ad&auml;quate Ausdruck f&uuml;r das Verh&auml;ltnis der Sittlichkeit
-zum kommenden Gottesreich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[S. 21]</a></span></p>
-
-
-<h3>2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik.</h3>
-
-<p>Durch die Tiefe der religi&ouml;sen Ethik Jesu kommen wir dazu,
-in ihr unser modern-ethisches Bewusstsein wiederfinden zu
-wollen. Ihrer ewigen inneren Wahrheit nach ist sie allerdings losgel&ouml;st
-von jeder geschichtlichen Bedingtheit, weil sie die h&ouml;chsten
-ethischen Gedanken aller Zeiten schon in sich enth&auml;lt. Dennoch
-besteht ein grosser Unterschied zwischen Jesu Empfinden
-und dem unseren. Die moderne Ethik ist »unbedingt«, weil sie
-den neuen sittlichen Zustand aus sich selbst heraus schafft, wobei
-vorausgesetzt wird, dass sich dieser Zustand zur Endvollendung
-entwickeln wird. Die Ethik ist hier Selbstzweck, sofern
-die sittliche Vollendung der Menschheit sich mit der Vollendung
-des Reiches Gottes deckt. Das ist <span class="smcap">Kant</span>'s Gedanke. In dieser
-Verselbst&auml;ndigung der Ethik, welcher doch eine gewisse Resignation
-hinsichtlich der Erreichung des vollendeten Endzustandes
-anhaftet, zeigt sich, dass die christlich-moderne Ethik von hellenistisch-rationalistischen
-Gedanken durchsetzt ist und unter dem
-Einfluss einer zweitausendj&auml;hrigen Entwicklung steht.</p>
-
-<p>Die Ethik Jesu hingegen ist »bedingt« in dem Sinn, dass sie
-in unl&ouml;sbarem Zusammenhang mit der Erwartung eines &uuml;bernat&uuml;rlich
-eintretenden Zustandes der Vollendung steht. Darin
-zeigt sich ihre j&uuml;dische Provenienz und der unmittelbare Zusammenhang
-mit der prophetischen Ethik, wo das sittliche Verhalten
-des Volks durch seine Zukunftserwartungen bedingt war.
-Wenn daher irgend eine Parallele zur Erkl&auml;rung der Ethik Jesu
-herbeigezogen werden darf, so ist es nur die prophetische, niemals
-die moderne. Denn sowie die letztere mithereinspielt, wird die
-Betrachtungsweise unhistorisch, sofern man die Ethik Jesu verselbst&auml;ndigt,
-w&auml;hrend sie durchaus nach der erwarteten &uuml;bernat&uuml;rlichen
-Vollendung orientiert ist.</p>
-
-<p>Dadurch schafft man das unl&ouml;sbare Problem, dass eine ihrer
-Ethik nach durchaus moderne Pers&ouml;nlichkeit nebenher eschatologische
-Ausspr&uuml;che thut. Hat man aber einmal die Bedingtheit
-seiner Ethik eingesehen und macht man Ernst mit ihrem Zusammenhang
-mit der prophetischen Ethik, so ist mit einem Schlage
-klar, dass alle Vorstellungen von einem aus kleinen Anf&auml;ngen
-emporwachsenden Reich, von einer Ethik des Gottesreiches und
-von einer Entwicklung desselben durch unser modernes Bewusstsein
-an Jesu Gedanken herangetragen werden, weil wir uns nicht
- <span class="pagenum"><a id="Page_22">[S. 22]</a></span>
-ohne weiteres mit der Bedingtheit seiner Ethik vertraut machen
-k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Wir muten ihm zu, sich das Reich Gottes vorzustellen, wie
-es in seiner historischen Verwirklichung sich gleichsam durch
-eine Verengerung hindurchzw&auml;ngt, um nachher die Vollgestalt,
-auf die es angelegt ist, zu erreichen. Das ist moderne Vorstellung.
-F&uuml;r Jesus und die Propheten war sie aber unvollziehbar. In der
-Unmittelbarkeit ihrer ethischen Anschauung gibt es keine Sittlichkeit
-des Gottesreichs und keine Entwicklung desselben &mdash;
-es liegt jenseits der ethischen Grenze von Gut und B&ouml;se; es wird
-herbeigef&uuml;hrt durch eine kosmische Katastrophe, durch welche
-das B&ouml;se total &uuml;berwunden wird. Damit werden die sittlichen
-Massst&auml;be aufgehoben. <em class="gesperrt">Das Reich Gottes ist eine &uuml;bersittliche
-Gr&ouml;sse.</em></p>
-
-<p>Zu dieser H&ouml;he des &uuml;berethischen Idealismus kann sich das
-moderne Bewusstsein nicht mehr aufschwingen. Wir sind eben
-durch die Geschichte alt geworden. F&uuml;r das historische Verst&auml;ndnis
-der Ethik Jesu ist sie aber die unerl&auml;ssliche Voraussetzung.</p>
-
-<p>Dazu kommt noch, dass wir beim Reich Gottes nach vorw&auml;rts
-denken, an die kommenden Generationen, welche es in
-steigendem Masse verwirklichen werden. Jesu Blick geht r&uuml;ckw&auml;rts.
-F&uuml;r ihn setzt sich das Reich zusammen aus den Generationen,
-welche schon ins Grab gesunken sind und die nun zu
-einem Vollendungszustand erweckt werden. Wie soll es f&uuml;r ihn
-eine Ethik der geschlechtlichen Beziehungen im Gottesreiche
-geben, wenn er den Sadduc&auml;ern erkl&auml;rt, dass es im Gottesreiche
-nach der grossen Auferstehung geschlechtliche Beziehungen &uuml;berhaupt
-nicht mehr geben wird, sondern »dass sie sein werden, wie
-die Engel des Himmels« (Mk 12 <span class="antiqua">25</span>)?</p>
-
-<p>Jede ethische Norm Jesu, m&ouml;ge sie auch noch so vollendet
-sein, f&uuml;hrt also nur bis an die Grenze des Reiches Gottes, w&auml;hrend
-jeglicher Pfad verschwindet, sobald man sich auf dem neuen
-Boden bewegt. Dort braucht man keinen.</p>
-
-<p>Man hat ein Vorurteil gegen diese Bedingtheit. Sofern man
-meint, der Wert der Ethik Jesu w&uuml;rde dadurch herabgesetzt, ist
-es unberechtigt. Gerade das Gegenteil ist der Fall; denn diese
-Bedingtheit fliesst aus einem absolut ethischen Idealismus, welcher
-f&uuml;r den erwarteten Vollkommenheitszustand Daseinsbedingungen
-postuliert, die selbst ethisch sind. In unserer verselbst&auml;ndigten
- <span class="pagenum"><a id="Page_23">[S. 23]</a></span>
-Ethik aber setzen wir den Kampf zwischen Gut und B&ouml;s, als
-dauernd zum Wesen des Ethischen geh&ouml;rend, f&uuml;r immer voraus.
-Ethik und Theologie stehen f&uuml;r uns nicht in diesem lebendigen
-Verh&auml;ltnis, wie bei Jesus. Die Lebhaftigkeit der Farben des
-absolut ethischen Idealismus ist in der Geschichte verblasst. So
-ist die Verselbst&auml;ndigung der Ethik Jesu also nicht nur ungeschichtlich,
-sondern sie bedeutet auch eine Verk&uuml;mmerung seines
-ethischen Idealismus.</p>
-
-<p>In <em class="gesperrt">einem</em> Punkte hat aber unser ethisches Empfinden mit
-seinem Vorurteil recht. Bezieht sich die Ethik bloss auf die Erwartung
-der &uuml;bernat&uuml;rlichen Vollendung, dann ist ihr thats&auml;chlicher
-Wert herabgesetzt, da sie nur Individualethik ist und nur
-das Verh&auml;ltnis des Einzelnen zum Gottesreich ber&uuml;cksichtigt.
-Dass aber die sittliche Gemeinschaft, welche durch Jesu Predigt
-hervorgerufen wird, als solche irgendwie das wirksame Anfangsglied
-in der Realisierung des Gottesreiches sei, dieser Gedanke
-liegt nicht nur in unserem ethischen Empfinden, sondern er belebt
-auch die Predigt Jesu, denn er arbeitet den sozialen Charakter
-seiner Ethik scharf heraus. Gerade deswegen str&auml;ubt man sich,
-den eschatologischen Begriff des Reiches Gottes seiner Verk&uuml;ndigung
-von Anfang an zu Grunde zu legen, weil man sich
-dann nicht erkl&auml;ren kann, wie er den Zustand der neuen sittlichen
-Gemeinschaft, die er um sich schafft, mit dem &uuml;bernat&uuml;rlich
-eintretenden Reich organisch verbunden denkt.</p>
-
-<p class="pmb3">Daher ger&auml;t man hier unwillk&uuml;rlich auf das moderne Geleise.
-Der Begriff der Entwicklung leistet das Geforderte, indem er erlaubt,
-die neue sittliche Gemeinschaft als Anfangszustand zu
-jenem Endzustand aufzufassen, welchem sie sich durch eine stetige
-Ausdehnung und Vertiefung n&auml;hert. Der sich erweiternde Kreis
-ist aber eine moderne geschichtliche Betrachtungsweise. Sie ist
-Jesu vollst&auml;ndig fremd. Wenn er aber auch unsere Erkl&auml;rung
-nicht vorausgesetzt haben kann, das Faktum, dass diese neue
-Gemeinschaft mit dem Endzustand in einem organischen Zusammenhang
-stehe, war ihm ebenso sicher wie uns. Weil er
-aber diesen Endzustand als rein &uuml;bernat&uuml;rlich eintretend erwartete,
-war der Zusammenhang nicht durch menschliche Ueberlegung
-zu begreifen, <em class="gesperrt">sondern es war ein g&ouml;ttliches Geheimnis</em>,
-das er nur in Analogien zu den Vorg&auml;ngen in der Natur
-aussprach.</p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[S. 24]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.<br /><br />
-
-Das Geheimnis des Reiches Gottes.</h2>
-<p class="pmb2" />
-
-
-<h3>1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes.</h3>
-
-<p>Es handelt sich um das »Geheimnis des Gottesreiches«
-(Mk 4 <span class="antiqua">11</span>), welches in den Gleichnissen vom S&auml;emann, von der
-selbstwachsenden Saat, vom Senfkorn und vom Sauerteig dargestellt
-wird. Wir finden darin gew&ouml;hnlich die Veranschaulichung
-einer stetigen Entfaltung, durch welche ein kleiner Anfangszustand
-mit einem herrlichen Endzustand zusammenh&auml;ngt. Die ges&auml;ten
-K&ouml;rner enthalten die Ernte schon, indem jedes auf die
-Pflanze samt der Frucht angelegt ist. Sie entwickeln sich daraus
-stetig und notwendig. So ist es auch mit der Entwicklung des
-Reiches Gottes aus kleinen, unscheinbaren Anf&auml;ngen.</p>
-
-<p>Diese ansprechende Deutung der Gleichnisse benimmt ihnen
-aber den Charakter des <em class="gesperrt">Geheimnisses</em>, denn die Veranschaulichung
-einer stetigen Entfaltung durch die Vorg&auml;nge in der Natur
-ist kein Geheimnis mehr. Darum misskennen wir das Geheimnis
-in diesen Gleichnissen. Wir deuten sie aus unserer naturwissenschaftlichen
-Reflexion, welche zwei noch so verschiedene Zust&auml;nde
-in allen F&auml;llen durch den Begriff der Entwicklung verbindet.</p>
-
-<p>Der Unmittelbarkeit, mit welcher der antike ungeschulte
-Geist die Natur beobachtete, bot sie aber noch Geheimnisse, indem
-sie ihm zwei ganz verschiedene Zust&auml;nde in einer Aufeinanderfolge
-vorf&uuml;hrte, deren Zusammenhang ebenso gewiss als
-unerkl&auml;rlich war. Diese Unmittelbarkeit spricht aus Jesu Gleichnissen.
-Der Begriff der Entwicklung in der Natur, auf welchen
-es die moderne Erkl&auml;rung abgesehen hat, wird gar nicht hervorgehoben,
-sondern die Exposition geht darauf aus, die beiden Zust&auml;nde
-so unmittelbar nebeneinander zu stellen, dass man zur
-Frage gedr&auml;ngt wird: Wie kann der Endzustand aus dem Anfangszustand
-hervorgehen?</p>
-
-<p>1. Ein Mensch s&auml;te aus. Von der Aussaat ging ein grosser
-Teil durch die verschiedensten Umst&auml;nde verloren &mdash; und doch
-war der Ertrag der K&ouml;rner, welche auf gutes Land fielen, so
-gross, dass es das Ausges&auml;te dreissig-, sechzig-, ja hundertf&auml;ltig
-wiederbrachte.</p>
-
-<p>Die Ausdeutung der einzelnen Punkte bei der Schilderung
-dieses Verlustes auf bestimmte Menschenklassen, wie sie Mk 4
- <span class="pagenum"><a id="Page_25">[S. 25]</a></span>
-<span class="antiqua">13-20</span> vorliegt, ist aus einer sp&auml;teren Anschauung hervorgegangen,
-f&uuml;r die das Gleichnis eben kein Geheimnis mehr enthielt. Urspr&uuml;nglich
-waren aber die einzelnen Schilderungen nicht selbst&auml;ndig,
-sondern die Saat, die auf dem Weg, auf dem steinigten
-Boden und unter den Dornen verloren geht, samt der, welche die
-V&ouml;gel des Himmels aufpicken, bildet einen einheitlichen Gegensatz
-zu der, welche auf gutes Land fiel. F&uuml;r das Gleichnis
-kommt die Art, wie sie zu Grunde ging, nicht in Betracht. Jesu
-Rede h&auml;ngt, trotz der wundervoll ausgef&uuml;hrten Schilderung, in
-einem Gedanken: So klein war unter Anrechnung alles dessen,
-was verloren ging, die Aussaat und dennoch die grosse Ernte! &mdash;
-Darin liegt das Geheimnis.</p>
-
-<p>2. Ein Mensch streute Samen auf das Land. Er schlief,
-ging seinen Gesch&auml;ften nach und k&uuml;mmerte sich nicht weiter um
-die Saat. Ehe er sich's indes versah, stand die Ernte auf dem
-Feld und er konnte seine Knechte ausschicken, sie einzuholen.
-Wie ging es zu, dass, nachdem die Samenk&ouml;rner in die Erde gesenkt
-waren, der Boden <em class="gesperrt">von selbst</em> Gras, Halm und volle Aehre
-hervorbrachte? &mdash; Darin liegt das Geheimnis.</p>
-
-<p>3. Es wurde ein Senfkorn ges&auml;t; daraus sprosste eine grosse
-Staude hervor, mit Zweigen, dass die V&ouml;gel des Himmels darunter
-wohnen konnten. Wie ging das zu, da doch das Senfkorn
-so klein ist? &mdash; Das ist das Geheimnis.</p>
-
-<p>4. Ein Weib that ein bischen Sauerteig zu einem grossen
-Teig. Nachher war der ganze Teig »Sauerteig«. Wie kann durch
-ein wenig Sauerteig ein grosser Teig durchs&auml;uert werden? &mdash; Das
-ist das Geheimnis.</p>
-
-<p>Diese Gleichnisse sind gar nicht darauf angelegt, gedeutet
-und verstanden zu werden, sondern sie sollen die H&ouml;rer darauf
-aufmerksam machen, dass in den Sachen des Reiches Gottes ein
-Geheimnis sich vorbereitet, wie sie es in der Natur erleben. <em class="gesperrt">Es
-sind Signale.</em> Wie auf die Saat die Ernte folgt, ohne dass
-jemand sagen kann, wie es zuging, so wird auf Jesu Predigt hin
-das Reich Gottes in Macht sich einstellen. So klein, verglichen
-mit dem Zustand des Reiches Gottes, der Kreis auch ist, welchen
-er um sich sammelt, so ist nichtsdestoweniger gewiss, dass es
-sich in der Folge dieser so beschr&auml;nkten sittlichen Erneuerung
-einstellen wird, so gewiss zu erwarten ist, dass die Saat, welche
-zur Zeit, da er spricht, im Boden schlummert, eine herrliche
-Ernte bringen wird. Wartet nicht nur auf die Ernte, sondern
- <span class="pagenum"><a id="Page_26">[S. 26]</a></span>
-wartet auch auf das Reich Gottes! &mdash; so redete der geistige S&auml;emann
-zu den Galil&auml;ern zur Zeit der Aussaat. Sie sollten, wenn
-sie es ahnen konnten, darauf aufmerksam werden, dass die sittliche
-Erneuerung im Gefolge seiner Predigt in einem notwendigen,
-aber unerkl&auml;rlichen Zusammenhang mit dem Anbrechen des
-Reiches Gottes st&auml;nde. Denn derselbe Gott, der durch die geheimnisvolle
-Kraft in der Natur die Ernte erstehen lassen wird,
-der wird auch das Reich Gottes erstehen lassen.</p>
-
-<p class="pmb3">Darum, als es die Zeit der Ernte war, schickte er seine
-J&uuml;nger aus, zu verk&uuml;nden: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.</p>
-
-
-<h3>2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk
-nach der Aussendung.</h3>
-
-<p>Jesus war allein. Die J&uuml;nger trugen die Kunde von der
-N&auml;he des Reiches in die St&auml;dte Israels. W&auml;hrend das Volk sich
-um ihn dr&auml;ngte, kamen die Gesandten des T&auml;ufers mit ihrer
-Frage. Er entliess sie mit dem Bescheid: das Reich stehe vor
-der Th&uuml;r; man brauche nur die Sprache der Zeichen und Wunder
-zu verstehen. Zum Volk sich wendend, redete er von der Bedeutung
-des T&auml;ufers und seiner W&uuml;rde. Dabei entfiel ihm ein
-Geheimniswort (Mt 11 <span class="antiqua">14</span>: »wenn ihr es zu fassen verm&ouml;gt«,
-Mt 11 <span class="antiqua">15</span>: »wer Ohren hat zu h&ouml;ren, der h&ouml;re«). Johannes ist der
-Elias, d. h. die Pers&ouml;nlichkeit, welche das unmittelbare Einbrechen
-des Reichs anzeigt. »Von den Tagen Johannes des
-T&auml;ufers bis auf diesen Augenblick wird dem Reich Gottes
-Gewalt angethan und die Gewaltth&auml;tigen reissen es an sich.
-Denn die Propheten und das Gesetz haben bis Johannes
-geprophezeit, und wenn ihr es fassen m&ouml;gt, so ist er der
-Elias, der kommen soll. Wer Ohren hat zu h&ouml;ren, der h&ouml;re«
-(Mt 11 <span class="antiqua">12-14</span>).</p>
-
-<p>Dieses Wort widerstrebt aller Exegese, denn es enth&auml;lt gar
-nicht den Gedanken, dass die Einzelnen sich mit Gewalt den
-Eingang ins Reich erzwingen. Was sollte das auch heissen? Inwiefern
-geschieht das von den Tagen des T&auml;ufers an? Das von
-Jesus gebrauchte Bild ist unbegreiflich, wenn es sich um das
-Eintreten Einzelner in das Gottesreich handelt. Ebenso unverst&auml;ndlich
-bleibt es aber, wenn es sich auf die Realisierung des
-Gottesreiches durch Entwicklung beziehen soll. Erstens widerspricht
-das Bild vom Gewaltakt dem Gedanken der Entwicklung;
- <span class="pagenum"><a id="Page_27">[S. 27]</a></span>
-zweitens datiert der Anfang dieser N&ouml;tigung dann nicht vom
-T&auml;ufer, sondern von Jesus.</p>
-
-<p>Es handelt sich um das Geheimnis des Reiches Gottes,
-darum der Hinweis: wer Ohren hat zu h&ouml;ren, der h&ouml;re. Er
-kommt nur noch bei den Gleichnissen vom Geheimnis des Reiches
-Gottes und als Beschluss apokalyptischer Spr&uuml;che vor (vgl. den
-Gebrauch des Ausdrucks in der Apokalypse: 2 <span class="antiqua">7 11 17 29</span>, 3 <span class="antiqua">6 13 22</span>).
-Die Busse und sittliche Erneuerung auf das Reich Gottes hin
-sind gleichsam ein Druck, der ausge&uuml;bt wird, <em class="gesperrt">um es zu zwingen,
-in die Erscheinung zu treten</em>. Diese Bewegung hat eingesetzt
-mit den Tagen des T&auml;ufers. Darum wird von da an dem
-Reich Gottes Gewalt angethan. Die Gewaltth&auml;tigen, die es an
-sich reissen, sind diejenigen, welche die sittliche Erneuerung
-leisten. Sie ziehen es mit Macht auf die Erde herunter.</p>
-
-<p class="pmb3">Das Wort in der Rede &uuml;ber den T&auml;ufer und die Gleichnisse
-des Reiches Gottes erkl&auml;ren und erg&auml;nzen sich gegenseitig. Die
-Gleichnisse heben vor allem <em class="gesperrt">das Unangemessene</em> in dem Verh&auml;ltnis
-der geleisteten sittlichen Erneuerung zur eintretenden
-Vollkommenheit des Reiches Gottes hervor, w&auml;hrend das Bild
-in dem Ausspruch nach der Aussendung mehr <em class="gesperrt">den zwingenden
-Zusammenhang</em> zwischen beiden herausarbeitet.</p>
-
-
-<h3>3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen
-und j&uuml;dischen Zukunftserwartungen.</h3>
-
-<p>Jesu Ethik h&auml;ngt mit der altprophetischen zusammen, da
-sie, wie jene, durch die Erwartung eines Zustandes der Vollendung
-bedingt ist, welchen Gott herauff&uuml;hren wird. Aber auch
-das Geheimnis des Reiches Gottes, wonach die sittliche Erneuerung
-das &uuml;bernat&uuml;rliche Kommen des Reiches herbeif&uuml;hrt, entspricht
-dem prophetischen Grundgedanken. Bei den Propheten
-ist das Verh&auml;ltnis zwischen der sittlichen Umkehr, welche sie herbeif&uuml;hren
-wollen, und dem Herrlichkeitszustand, welchen Gott
-am Tage des Gerichts herauff&uuml;hren wird, kein rein zeitliches,
-sondern es beruht auf einem &uuml;bernat&uuml;rlichen kausalen Zusammenhang.
-Das gottwidrige Verhalten zieht den Tag des Gerichts
-und der Verdammnis herbei. Darum z&uuml;chtigt Gott das Volk und
-gibt es in die Hand seiner Bedr&auml;nger. Wenn es sich aber zur
-sittlichen Umkehr entschliesst, wenn es in gl&auml;ubigem Vertrauen
-bei ihm allein Zuflucht sucht, wenn Gerechtigkeit und Wahrheit
-unter ihnen herrschen, dann wird ihm der Herr Recht schaffen vor
- <span class="pagenum"><a id="Page_28">[S. 28]</a></span>
-seinen Bedr&auml;ngern und seine Herrlichkeit wird aufgehen &uuml;ber Israel,
-dem die V&ouml;lker dienstbar werden. An jenem Tage wird
-dann der Friede &uuml;ber die ganze Welt und auch &uuml;ber die Natur
-ausgegossen werden.</p>
-
-<p>Nach dem Exil wirkt dieser Gedanke in der Auffassung vom
-Gesetz weiter. Durch das Halten des Gesetzes wird der Herrlichkeitszustand
-von Gott erzwungen. Nicht der einzelne, sondern
-die Gesamtheit wirkt durch das Gesetz auf Gott. Diese
-generelle Betrachtungsweise ist die prim&auml;re, die individualistische
-erst die sekund&auml;re. »Israel w&uuml;rde erl&ouml;st werden, wenn es nur
-zwei Sabbate hielte, wie es sich geb&uuml;hrte« (Schabbath 118<sup>b</sup>.
-<span class="smcap">W&uuml;nsche</span>, System der altsynagogalen pal&auml;stinensischen Theologie
-1880 S. 299). Hier begegnet uns der altprophetische Gedanke
-in gesetzlicher Ver&auml;usserlichung.</p>
-
-<p>Im allgemeinen herrschte aber sp&auml;ter die individualistische
-Betrachtung vor. Das Gesetz und das sittliche Verhalten &uuml;berhaupt
-waren nur die Vorbereitung auf den erwarteten Herrlichkeitszustand.
-An Stelle der lebendigen generellen prophetischen
-Auffassung trat eine individuelle, unlebendige. <em class="gesperrt">Die Eschatologie
-wurde Rechenexempel und die Ethik Kasuistik.</em></p>
-
-<p>Da Jesus aber auf den ethischen Grundgedanken der prophetischen
-Zeit zur&uuml;ckgriff, handelte es sich f&uuml;r ihn nicht um
-reine Zukunfts<em class="gesperrt">erwartung</em>. Sp&auml;tj&uuml;disch an ihm ist nur die Form,
-in der er sich das Eintreten dieses Endzustandes denkt. Er erfasst
-es nicht mehr unter dem Gesichtspunkt des Eingreifens
-Gottes in die V&ouml;lkergeschichte, wie die Propheten, sondern unter
-dem der kosmischen Endkatastrophe. Seine Eschatologie ist
-Daniel'sche Apokalyptik, weil das Reich durch den Menschensohn
-herbeigef&uuml;hrt wird, wenn er auf den Wolken des Himmels
-erscheint (Mk 8 <span class="antiqua">38</span>-9 <span class="antiqua">1</span>).</p>
-
-<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Das Geheimnis des Reiches Gottes ist also die
-Synthese eines souver&auml;nen Geistes zwischen der altprophetischen
-Ethik und der Daniel'schen Apokalyptik.</em>
-Daher wurzelt Jesu Eschatologie in seiner Zeit und steht
-doch so hoch &uuml;ber ihr. F&uuml;r die Zeitgenossen handelte es sich
-um <em class="gesperrt">Erwartung</em> des Reichs, um das Ausdenken und Ausmalen
-aller Momente der grossen Katastrophe und um die Vorbereitung
-darauf, f&uuml;r Jesus um die <em class="gesperrt">Herbeif&uuml;hrung</em> des erwarteten Ereignisses
-durch die sittliche Erneuerung. <em class="gesperrt">Aus der eschatologischen
-Ethik wird ethische Eschatologie.</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_29">[S. 29]</a></span></p>
-
-
-<h3>4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme
-der gl&uuml;cklichen galil&auml;ischen Periode.</h3>
-
-<p>Dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge ist das Eintreten
-des Reiches unabh&auml;ngig von der Allgemeinheit des Erfolgs der
-Predigt Jesu. Er betont ja gerade, dass die Beschr&auml;nktheit des
-Kreises, welcher die sittliche Erneuerung leistet, in gar keinem
-Verh&auml;ltnis steht zu der allumfassenden Gr&ouml;sse des Reichs, das
-auf Grund ihres Verhaltens eintritt. Es gen&uuml;gt, dass ein geringer
-Teil der Aussaat auf das gute Land f&auml;llt &mdash; und die &uuml;berreiche
-Ernte ist da, durch Gottes Macht. Nicht durch die Menge, sondern
-durch die Gewaltt&auml;tigen wird das Reich herbeigen&ouml;tigt.</p>
-
-<p>Darum macht das Geheimnis des Reiches Gottes die Annahme
-einer erfolgreichen galil&auml;ischen Periode ganz &uuml;berfl&uuml;ssig.
-Jesus kann sich der Erwartung der baldigen Realisierung des
-Reichs hingeben, auch wenn er die gr&ouml;ssten Misserfolge erlebt
-und ganze Ortschaften sich seiner Predigt verschliessen. Sie
-halten damit das Reich Gottes nicht auf, sondern sie &uuml;berliefern
-sich nur selbst dem Gericht, denn das Reich tritt notwendig ein
-auf Grund der sittlichen Erneuerung der Kreise, die sich um Jesu
-sammeln.</p>
-
-<p class="pmb3">Die Richtigkeit der Deutung des Geheimnisses des Reiches
-Gottes zeigt sich also darin, dass sie eine zur Erkl&auml;rung des Lebens
-Jesu sonst absolut unumg&auml;ngliche, historisch aber in keiner
-Weise zu begr&uuml;ndende Annahme unn&ouml;tig macht.</p>
-
-
-<h3>5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus
-Jesu.</h3>
-
-<p>So lange die sittliche Erneuerung auf Grund der Predigt
-Jesu mit der Realisierung des Reiches durch den modernen Gedanken
-der Entwicklung in Beziehung gesetzt wird, ist auch die
-Korrelatgr&ouml;sse zur Vollendung des Reichs modern, n&auml;mlich »<em class="gesperrt">die
-sittliche Menschheit als Gesamtheit</em>«. Man mutet dann
-Jesu zu, dass er in Gedanken voraussieht, wie die neue sittliche
-Gemeinschaft, die er gr&uuml;ndet, sich immer weiter ausbreitet, ganz
-Israel ergreift &mdash; hier bricht aber der Gedanke Jesu ab; universalistische
-Ideen darf man ihm nicht unterschieben, denn die
-Aussendungsrede zeigt, dass er f&uuml;r die sittliche Erneuerung nicht
-&uuml;ber die Grenzen Israels hinaus reflektiert. Mt 10 <span class="antiqua">5</span> u. <span class="antiqua">6</span>:
-Ziehet auf keiner Heidenstrasse und betretet keine Samariterstadt;
- <span class="pagenum"><a id="Page_30">[S. 30]</a></span>
-gehet aber vielmehr zu den verlornen Schafen des Hauses
-Israel.</p>
-
-<p>Die Predigt des Reiches Gottes ist also partikularistisch;
-das Reich selbst aber ist universalistisch, »denn sie werden kommen
-von Mitternacht und von Mittag, vom Morgen und vom
-Abend«. Das Geschlecht, das ein Wunder verlangt, wird ein
-solches erleben: Die Niniviten werden am Tage des Gerichts aufstehen
-und es verdammen, weil sie Busse gethan haben auf die
-Predigt des Jonas hin, »und hier ist mehr denn Jonas«. Auch
-die K&ouml;nigin von Mittag wird den Zeitgenossen Jesu dann als
-Richterin erstehen, denn sie machte sich auf, um die Weisheit
-Salomos zu h&ouml;ren, »und hier ist mehr denn Salomo« (Mt 12 <span class="antiqua">41-42</span>).</p>
-
-<p class="pmb3">F&uuml;r das moderne Bewusstsein ist dieser Widerspruch zwischen
-dem Partikularismus in der Verk&uuml;ndigung des Reiches und
-dem Universalismus in der Vollendung desselben un&uuml;berwindbar,
-weil es sich alles durch den Begriff der Entwicklung denkt. In
-dem Geheimnis des Reiches Gottes aber gehen Partikularismus
-und Universalismus mit einander auf. Das Reich ist universalistisch,
-denn es ersteht aus dem kosmischen Akt, bei welchem
-Gott die Gerechten aller Zeiten und aller V&ouml;lker zur Herrlichkeit
-erweckt. Die Herbeif&uuml;hrung des Reiches hingegen fusst auf dem
-Partikularismus, denn es wird durch die sittliche Erneuerung der
-Volksgenossen Jesu herbeigen&ouml;tigt. Das Heil kommt aus Israel.</p>
-
-
-<h3>6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum
-Gesetz und zum Staat.</h3>
-
-<p>Jesus hat sich weder f&uuml;r noch gegen das Gesetz ausgesprochen.
-Er erkannte es einfach als etwas Bestehendes an, ohne sich
-daran zu binden. Zu einer prinzipiellen Stellungnahme, ob es
-verbindlich oder nicht verbindlich sei, f&uuml;hlte er keine N&ouml;tigung.
-Diese Frage war f&uuml;r ihn gegenstandslos. Auf die neue Sittlichkeit,
-nicht auf das Gesetz kam es an. Heilig und unverletzlich
-war ihm dieses Gesetz, sofern es den Weg zur neuen Sittlichkeit
-wies. Aber damit hob es sich selbst auf; denn in dem Reich, das
-auf Grund der neuen Sittlichkeit in Erscheinung trat, war es abgethan,
-da der Vollendungszustand &uuml;bergesetzlich und &uuml;berethisch
-war. Bis dahin bestand es zu Recht. Ob das Gesetz auch
-f&uuml;r seine Anh&auml;nger in Zukunft gelten sollte, diese Frage existierte
-f&uuml;r ihn nicht, sondern erst die Geschichte hat sie der ersten Gemeinde
-gestellt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_31">[S. 31]</a></span></p>
-
-<p class="pmb3">Mit dem Staat verhielt es sich ebenso. Die Frage, die man
-ihm in den jerusalemitischen Tagen stellte, war f&uuml;r ihn gegenstandslos.
-Als er den Pharis&auml;ern auf ihre Frage antwortete, ob
-man dem Kaiser den Zins geben sollte, dachte er nicht daran,
-seine und seiner Anh&auml;nger Stellung zum Staat festzulegen. Wie
-konnte man sich nur mit solchen Dingen aufhalten! Der Staat
-war ja irdisches, also ung&ouml;ttliches Herrschen. Sein Bestand
-reichte also nur bis zur anbrechenden Gottesherrschaft. Da diese
-nahe bevorstand, was brauchte man sich entscheiden, ob man der
-Weltmacht tributpflichtig sein wollte oder nicht? Man liess sie
-eben &uuml;ber sich ergehen; ihr Ende war ja da. Gebt dem Kaiser,
-was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist (Mk 12 <span class="antiqua">17</span>) &mdash; dieses
-Wort ist mit einer souver&auml;nen Ironie gesprochen gegen die
-Pharis&auml;er, die so wenig die Zeichen der Zeit verstehen, dass das
-noch eine Frage f&uuml;r sie bildet. Sie sind gerade so th&ouml;richt in den
-Sachen des Reiches Gottes, wie die Sadduc&auml;er mit ihrer Vexierfrage,
-welchem Gatten das siebenmal verheiratete Weib bei der
-Auferstehung geh&ouml;ren wird, denn auch sie lassen eines ausser
-Berechnung: die Macht Gottes (Mk 12 <span class="antiqua">24</span>).</p>
-
-
-<h3>7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu.</h3>
-
-<p>»Es sei die Maxime in jeder wissenschaftlichen Untersuchung,
-mit aller m&ouml;glichen Genauigkeit und Offenheit seinen Gang ungest&ouml;rt
-fortzusetzen, ohne sich an das zu kehren, wowider sie
-ausser ihrem Felde etwa verstossen m&ouml;chte, sondern sie f&uuml;r sich
-allein, so viel man kann, wahr und vollst&auml;ndig zu vollf&uuml;hren.
-Oeftere Beobachtung hat mich &uuml;berzeugt, dass, wenn man diese
-Gesch&auml;fte zu Ende gebracht hat, das, was in der H&auml;lfte derselben,
-in Betracht anderer Lehren ausserhalb, mir bisweilen
-sehr bedenklich schien, wenn ich diese Bedenklichkeit nur so
-lange aus den Augen liess und bloss auf mein Gesch&auml;ft achthatte,
-bis es vollendet sei, endlich auf unerwartete Weise mit
-demjenigen vollkommen zusammenstimmte, was sich ohne die
-mindeste R&uuml;cksicht auf jene Lehren, ohne Parteilichkeit und
-Vorliebe f&uuml;r dieselbe, von selbst gefunden hatte<a id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[S. 32]</a></span></p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p><span class="smcap">Kant</span> spricht dieses tiefe Wort in dem Augenblick, wo ihm
-die Zusammenstimmung des transcendentalen Freiheitsbegriffs
-mit dem praktischen aufgeht. Mit dem Verh&auml;ltnis der Ethik Jesu
-zu seiner Eschatologie steht es ebenso. Es ist ein Postulat unserer
-christlichen Ueberzeugung, dass die Ethik Jesu in ihrem Grundgedanken
-modern sei. Darum kommen wir immer wieder dazu,
-in seiner Ethik das Moderne zu suchen und daf&uuml;r seine Eschatologie,
-da sie uns unmodern scheint, in den Hintergrund zu dr&auml;ngen.
-Entschliesst man sich aber, dieses in unserem Wesen so tiefbegr&uuml;ndete
-und so berechtigte Interesse f&uuml;r einen Augenblick
-ausser acht zu lassen und das Verh&auml;ltnis seiner Eschatologie zur
-Ethik rein f&uuml;r sich, geschichtlich zu betrachten, so f&ouml;rdert die
-Untersuchung das &uuml;berraschende Resultat zu Tage, dass die
-letztere in einem viel h&ouml;heren Masse modern ist, als man bisher
-zu hoffen wagte. Jesu Ethik ist modern, nicht etwa, weil die
-Eschatologie dabei Begleitgedanke ist, sondern gerade, weil sie
-von dieser Eschatologie vollst&auml;ndig abh&auml;ngig ist! Diese Eschatologie
-selbst, wie sie sich in dem Geheimnis des Reiches Gottes
-darstellt, ist n&auml;mlich durchaus modern, indem sie von dem Grundgedanken
-beherrscht wird, dass auf die religi&ouml;s-sittliche Erneuerung
-hin, welche die Gl&auml;ubigen leisten, das Reich Gottes eintreten
-wird. <em class="gesperrt">Jede sittlich-religi&ouml;se Beth&auml;tigung ist also
-Arbeit am Kommen des Reiches Gottes.</em></p>
-
-<p>Als durch die Geschichte die Eschatologie in dieser ethisch-eschatologischen
-Weltanschauung langsam verblich, da blieb eine
-ethische Weltanschauung, in der die Eschatologie durch sieghafte
-Begeisterung und den unverg&auml;nglichen Glauben an den
-Endsieg des Guten weiterlebte. Das Geheimnis des Reiches
-Gottes enth&auml;lt das Geheimnis der christlichen Weltanschauung
-&uuml;berhaupt. Die ethische Eschatologie Jesu ist die <em class="gesperrt">heroische
-Form</em>, in der die modern-christliche Weltanschauung in die Geschichte
-eintrat!</p>
-
-
-<div class="footnotes"><b>Fu&szlig;note:</b>
-
-<div class="footnote">
-<p class="pmb2"><a id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Kritik der praktischen Vernunft. Ed. Reclam S. 129.</p>
-</div>
-</div>
-
-
-<p class="break" />
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-<h2 id="Funftes_Kapitel">F&uuml;nftes Kapitel.<br /><br />
-
-Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.</h2>
-
-
-<p>In der letzten Periode seines Lebens hat Jesus noch einmal
-Gleichnisse vom Reich Gottes geredet. Der Weinberg Gottes
-(Mt 21 <span class="antiqua">33-46</span>). Die k&ouml;nigliche Hochzeit (Mt 22 <span class="antiqua">1-14</span>). Der
-wachende Knecht (Mt 24 <span class="antiqua">42-47</span>). Die zehn Jungfrauen (Mt 25
-<span class="antiqua">1-13</span>). Die anvertrauten Pfunde (Mt 25 <span class="antiqua">14-30</span>).</p>
-
-<p>Diese Gleichnisse enthalten, im Unterschied zu denen vom
-Geheimnis des Gottesreiches, kein Geheimnis, sondern es sind
- <span class="pagenum"><a id="Page_33">[S. 33]</a></span>
-reine <em class="gesperrt">Lehrgleichnisse</em>, aus denen eine Moral zu ziehen ist.
-Das Reich Gottes ist nahe. Nur diejenigen werden als dazu geh&ouml;rig
-erfunden werden, die sich durch ihr sittliches Verhalten
-darauf einrichten.</p>
-
-<p>Daf&uuml;r enth&auml;lt aber die zweite Periode <em class="gesperrt">das Geheimnis
-des Leidensgedankens</em>. Wie wir gesehen haben, f&uuml;hren die
-Ausspr&uuml;che Jesu auf eine geheimnisvolle kausale Verbindung
-zwischen dem Leiden und dem Eintreten des Reichs, weil die
-Eschatologie und der Leidensgedanke immer nebeneinander
-auftreten und die Zukunftserwartungen der J&uuml;nger jedesmal
-durch seine Leidensank&uuml;ndigung aufs h&ouml;chste gesteigert
-werden.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Das Geheimnis des Leidensgedankens nimmt also
-das Geheimnis des Reiches Gottes wieder auf und
-setzt es fort.</em> Zu der sittlichen Erneuerung, welche dem Geheimnis
-des Reiches Gottes zufolge auf das Eintreten des
-Reiches eine n&ouml;tigende Gewalt aus&uuml;bt, <em class="gesperrt">tritt die s&uuml;hnende
-Todesleistung Jesu hinzu</em>. Sie vollendet die Busse derer,
-die an das Kommen des Reiches glauben. Dadurch tritt Jesus
-den Gewaltth&auml;tigen, die das Reich herbein&ouml;tigen, zur Seite. Die
-Gewalt, die er dabei anwendet, ist die denkbar h&ouml;chste &mdash; er
-gibt sein Leben hin.</p>
-
-<p>Der Leidensgedanke ist also die Umformung des Geheimnisses
-vom Reich Gottes. Darum ist er ebensowenig darauf berechnet,
-von den andern begriffen zu werden, als die Gleichnisse
-vom Geheimnis des Reiches Gottes. Es handelt sich beidemal
-um eine nicht weiter zu ergr&uuml;ndende Thatsache.</p>
-
-<p>Der Zusammenhang zwischen dem Leidensgedanken und
-dem Geheimnis des Reiches Gottes garantiert die Kontinuit&auml;t
-in Jesu Gedankenwelt. Alle Konstruktionen, die man unternommen
-hat in der Absicht, diese Kontinuit&auml;t herzustellen, waren
-unverm&ouml;gend, das Geforderte zu leisten. Die Aufnahme des
-Leidensgedankens bedeutete in allen F&auml;llen eine totale Ver&auml;nderung
-seiner Reichs- und Weltanschauung. Stellt man aber
-den Leidensgedanken in den grossen Zusammenhang des Geheimnisses
-des Reiches Gottes, so ist die Kontinuit&auml;t nat&uuml;rlich
-gegeben. Der Gedanke der &uuml;bernat&uuml;rlichen Herbeif&uuml;hrung des
-Reiches Gottes durchzieht Jesu ganzes Leben, wobei der Leidensgedanke
-nur die Formulierung desselben in der zweiten Periode
-darstellt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[S. 34]</a></span></p>
-
-<p>Wodurch nimmt das Geheimnis des Reiches Gottes die
-Form des Leidensgeheimnisses an?</p>
-
-<p>Warum muss die S&uuml;hne Jesu vollendend zur sittlichen Erneuerung
-und zur Busse der reichsgl&auml;ubigen Gemeinschaft hinzutreten?</p>
-
-<p class="pmb3">Inwiefern kommt dem S&uuml;hnetod Jesu eine Einwirkung auf
-das Eintreten des Reiches zu?</p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<h2 id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.<br /><br />
-
-Die W&uuml;rde Jesu auf Grund seiner &ouml;ffentlichen
-Wirksamkeit.</h2>
-<p class="pmb2" />
-
-
-<h3>1. Das Problem und die Thatsachen.</h3>
-
-<p>Das Erlebnis bei der Taufe bedeutet den Anfangspunkt des
-Messianit&auml;tsbewusstseins Jesu. In der Gegend von C&auml;sarea
-Philippi offenbart er den J&uuml;ngern sein Geheimnis. Oeffentlich
-bekennt er sich erst vor dem Hohenpriester zu seiner messianischen
-W&uuml;rde. Seiner Predigt vom Reiche Gottes liegt also das
-Messianit&auml;tsbewusstsein zwar zu Grunde. Bei den Zuh&ouml;rern
-setzt er aber die Kenntnis der Stellung, welche ihm zukommt,
-nicht voraus. <em class="gesperrt">Der Glaube, den er verlangt, hat nichts mit
-seiner Person zu thun, sondern er bezieht sich nur auf
-die Botschaft von der N&auml;he des Reichs.</em> Erst der vierte
-Evangelist stellt die Geschichte so dar, als handelte es sich um
-die Pers&ouml;nlichkeit Jesu.</p>
-
-<p>Nun k&ouml;nnen wir nicht ermessen, inwieweit seine W&uuml;rde f&uuml;r
-solche, die ein aufgewecktes Verst&auml;ndnis hatten, in seiner Verk&uuml;ndigung
-durchschien. Eines ist sicher: bis in die Zeit nach
-der Aussendung hat niemand im entferntesten daran gedacht,
-in ihm den Messias zu erkennen. Bei C&auml;sarea Philippi antworten
-die J&uuml;nger ihm nur, dass das Volk ihn f&uuml;r einen Propheten oder
-f&uuml;r den Vorl&auml;ufer Elias halte, und sie selbst wissen nicht anders.
-Denn Petrus hat, wie Jesus selbst sagt, seine Kenntnis nicht aus
-dem Wirken und Reden seines Meisters erschlossen, sondern er
-verdankt sie einer &uuml;bernat&uuml;rlichen Offenbarung.</p>
-
-<p>Nach dieser Fundamentalthatsache m&uuml;ssen die synoptischen
-Notizen beurteilt werden. <em class="gesperrt">Zuerst</em> stehen dazu eine Reihe
-matth&auml;ischer Stellen in Spannung.</p>
-
-<p>Mt 9 <span class="antiqua">27-31</span>, in der galil&auml;ischen Parallele zur Blindenheilung
-in Jericho, wird berichtet, dass ihn zwei Blinde durch den ganzen
- <span class="pagenum"><a id="Page_35">[S. 35]</a></span>
-Ort mit dem Ruf »Davidssohn« verfolgt haben. Was dann die
-Warnung Jesu, »dass es niemand erfahre«, bedeuten soll, bleibt
-allerdings dunkel.</p>
-
-<p>Mt 12 <span class="antiqua">23</span> raunen sich die Leute nach einer wunderbaren
-Heilung zu, ob das nicht der Davidssohn sei.</p>
-
-<p>Mt 14 <span class="antiqua">33</span> fallen die J&uuml;nger nach dem Erlebnis auf der See
-im Schiff vor ihm nieder und sprechen: »du bist wahrhaftig Gottes
-Sohn.«</p>
-
-<p>Mt 15 <span class="antiqua">22</span> redet die Kanan&auml;erin ihn als den Davidssohn an,
-w&auml;hrend sie bei Markus ihm einfach zu F&uuml;ssen f&auml;llt und um H&uuml;lfe
-bittet.</p>
-
-<p>In allen diesen Stellen liegt matth&auml;isches Sondergut vor, das
-einer sekund&auml;ren litterarischen Schicht angeh&ouml;rt. F&uuml;r die Geschichte
-Jesu haben sie keine Bedeutung, wohl aber f&uuml;r die Geschichte
-der Geschichte Jesu. Sie zeigen uns n&auml;mlich, wie die
-sp&auml;tere Zeit immer mehr dazu kam, sein Leben von der Voraussetzung
-aus darzustellen, dass nicht nur er sich als Messias wusste,
-sondern dass auch die andern diesen Eindruck von ihm hatten.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">An zweiter Stelle</em> handelt es sich um die <em class="gesperrt">Anrede der
-D&auml;monischen</em>. Nach Mk 3 <span class="antiqua">11</span> warfen sich die unreinen Geister,
-so oft sie ihn erblickten, vor ihm nieder und riefen ihn als Gottessohn
-an (vgl. auch Mk 1 <span class="antiqua">24</span> und Mk 5 <span class="antiqua">7</span>). Zwar wehrte er diesen
-Rufen und gebot Schweigen. H&auml;tten wir aber nicht die unumst&ouml;sslich
-sichere Kunde, dass w&auml;hrend seiner ganzen galil&auml;ischen
-Wirksamkeit das Volk nichts weiter wusste, als dass er ein Prophet
-oder der Elias sei, so m&uuml;ssten wir annehmen, dass diese
-D&auml;monenrufe die Leute auf seine W&uuml;rde irgendwie aufmerksam
-machten. So aber ersehen wir gerade aus der Nichtbeachtung
-der D&auml;monenrufe mit Bestimmtheit, wie weit man davon entfernt
-war, in ihm den Messias zu vermuten. Wer glaubte denn dem
-Teufel und dem irren Gerede Besessener?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">An dritter Stelle</em> handelt es sich um den Ausdruck
-»<em class="gesperrt">Menschensohn</em>«. Hat Jesus ihn vor C&auml;sarea Philippi als
-Selbstbezeichnung gebraucht, so liegt darin in jedem Falle eine
-messianische Andeutung, denn jeder musste diesen Daniel'schen
-Ausdruck auf die Pers&ouml;nlichkeit der Endzeit beziehen.</p>
-
-<p>Als Selbstbezeichnung <em class="gesperrt">vor</em> C&auml;sarea Philippi verwendet ihn
-Jesus bei Markus zweimal (Mk 2 <span class="antiqua">10</span> und 2 <span class="antiqua">28</span>) und in einer Reihe
-matth&auml;ischer Sonderstellen (8 <span class="antiqua">20</span>, 11 <span class="antiqua">19</span>, 12 <span class="antiqua">32</span>, 12 <span class="antiqua">40</span>, 13 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">41</span>
-und 16 <span class="antiqua">13</span>). Auch f&uuml;r die Beurteilung dieser Stellen muss man
- <span class="pagenum"><a id="Page_36">[S. 36]</a></span>
-von dem festen Punkt, der in der Antwort der J&uuml;nger bei
-C&auml;sarea Philippi gegeben ist, ausgehen.</p>
-
-<p>Entweder hat Jesus den Ausdruck damals noch nicht gebraucht.
-Dann sind diese Menschensohnstellen chronologisch verfr&uuml;ht
-oder es handelt sich um rein litterarische Erscheinungen.</p>
-
-<p>Oder aber er hat den Ausdruck schon gebraucht. Dann
-muss er es in einer solchen Weise gethan haben, dass niemand
-auf den Gedanken kommen konnte, er nehme die W&uuml;rde des
-Daniel'schen Menschensohns f&uuml;r sich in Anspruch.</p>
-
-<p>Das Problem der zweiten Periode ist noch schwieriger. Die
-J&uuml;nger wissen um sein Geheimnis, aber sie d&uuml;rfen es niemand
-offenbaren. Wie steht es aber mit dem Volk? War diesem jetzt
-eine Ahnung von der messianischen W&uuml;rde Jesu aufgegangen?</p>
-
-<p>Das Problem hat es also mit drei Thatsachen zu thun.</p>
-
-<p>1. Die ganze Diskussion in den jerusalemitischen Tagen
-dreht sich in keiner Weise um die messianische W&uuml;rde Jesu,
-sondern es handelt sich um gesetzliche Thesen und um Tagesfragen.
-Man hat bisher viel zu wenig Gewicht darauf gelegt, dass
-weder das Volk noch die Schriftgelehrten irgendwie zu ihm als
-<em class="gesperrt">der messianischen Pers&ouml;nlichkeit</em> Stellung nehmen. Wie
-ganz anders w&auml;ren die jerusalemitischen Tage gewesen, wenn es
-sich darum gehandelt h&auml;tte: ist er der Messias &mdash; ist er es nicht?
-Kann er es sein &mdash; kann er es nicht sein? In Wirklichkeit ist er
-nur die Autorit&auml;tsperson des galil&auml;ischen Volkes, vor welche die
-Hauptstadtgelehrten ihre Schulfragen bringen, sei es in aufrichtiger
-Gesinnung, sei es in der perfiden Absicht, seine Autorit&auml;t
-zu vernichten.</p>
-
-<p>2. In dieser zweiten Periode hat Jesus das Volk nur einige
-Tage um sich gehabt: vom Jordan&uuml;bergang bis zu seinem Tode.
-W&auml;hrend dieser Zeit hat er ihnen keine Er&ouml;ffnung &uuml;ber seine Messianit&auml;t
-gemacht, auch keine Anspielung, die sie dahin verstehen
-konnten und mussten. Die gedungenen Zeugen wissen nichts
-derartiges vorzubringen. Das Bemerkenswerte an ihrer Aussage,
-worauf man auch viel zu wenig Gewicht zu legen geneigt ist, besteht
-ja gerade darin, <em class="gesperrt">dass sie ihn in keiner Weise beschuldigen,
-Messias sein zu wollen</em>. F&uuml;r sie ersch&ouml;pft sich seine
-frevelhafte Pr&auml;tention in dem respektwidrigen Ausspruch &uuml;ber
-den Tempel. Man stelle sich die Gerichtsverhandlung vor, wenn
-die gedungenen Ankl&auml;ger in Jesu Reden messianische Anspielungen
-auf sich selbst entdeckt h&auml;tten!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_37">[S. 37]</a></span></p>
-
-<p>3. Von hier aus kommt man notwendig zu dem Urteil, dass
-er f&uuml;r das Volk in Jerusalem bis zur letzten Stunde war, was er
-in Galil&auml;a gewesen: der grosse Prophet oder der Vorl&auml;ufer, in
-keiner Weise aber der Messias! Damit vertragen sich aber zwei
-Thatsachen nicht.</p>
-
-<p>Der Einzug in Jerusalem war &mdash; der gew&ouml;hnlichen Auffassung
-zufolge &mdash; <em class="gesperrt">eine messianische Ovation</em>. Also musste
-das Volk die W&uuml;rde Jesu ahnen.</p>
-
-<p>Der Hohepriester stellte die Frage an ihn, <em class="gesperrt">ob er der
-Messias w&auml;re</em>. Also wusste er um Jesu Anspr&uuml;che.</p>
-
-<p>Es handelt sich hier um die klare Frage: galt Jesus in den
-jerusalemitischen Tagen als messianischer Pr&auml;tendent oder nicht?
-Man darf sich diese Frage nicht dadurch verdunkeln, dass man
-von einem mehr oder weniger klaren »Ahnen« in dieser Sache
-redet. Das »Ahnen der Messianit&auml;t Jesu« ist eine moderne Erfindung.
-Eine Volksmasse w&auml;re nicht von dunkelm geheimnisvollem
-Ahnen hin- und herbewegt worden, sondern es h&auml;tte sich
-um Glauben oder Nichtglauben gehandelt. Wer daf&uuml;r hielt, er
-sei der Messias, musste mit ihm durch Feuer und Tod gehen, der
-Herrlichkeit entgegen. Wer nicht daf&uuml;r hielt, solche Pr&auml;tention
-bei ihm aber auch nur ahnte, der musste das Signal geben, den
-Gottesl&auml;sterer zu steinigen. Ein Drittes gab es nicht.</p>
-
-<p>Die allgemeinen Thatsachen sprechen daf&uuml;r, dass Volk und
-Pharis&auml;er in den jerusalemitischen Tagen Jesu keine messianischen
-Pr&auml;tentionen beilegten, ebensowenig wie fr&uuml;her. Nur bleibt
-dann der Einzug in Jerusalem, als messianische Ovation verstanden,
-ein R&auml;tsel, und ebenso ist es unerkl&auml;rlich, wie der Hohepriester
-darauf kommt, ihn nach seiner Messianit&auml;t zu fragen.</p>
-
-<p>Entweder verh&auml;lt es sich hiermit so, wie man gew&ouml;hnlich
-annimmt. Dann muss man auf jedes geschichtliche Verst&auml;ndnis
-der letzten &ouml;ffentlichen Periode Jesu verzichten. Es geht nicht
-an, dass er am Anfang (Einzug in Jerusalem) und am Ende derselben
-(Frage des Hohenpriesters vor Gericht) f&uuml;r den Messias gehalten
-wurde, w&auml;hrend die dazwischen liegenden jerusalemitischen
-Tage davon nicht das geringste wissen.</p>
-
-<p>Oder man hat den Einzug und die Frage des Hohenpriesters
-geschichtlich missverstanden. Galt die Ovation dem messianischen
-Pr&auml;tendenten? Sprach der Hohepriester in seiner Frage etwas
-aus, worum alle wussten? Hat er die behauptete Messianit&auml;t aus
-Jesu Leben, Wirken und Reden erschlossen &mdash; oder wusste er
- <span class="pagenum"><a id="Page_38">[S. 38]</a></span>
-vielleicht nur durch Verrat um das innerste Geheimnis Jesu, das
-nur den Vertrauten seit C&auml;sarea Philippi bekannt war?</p>
-
-<p class="pmb3">In seiner vollen Schwierigkeit erh&auml;lt das Messianit&auml;tsproblem
-folgende Formulierung: Wie war es m&ouml;glich, dass Jesus sich von
-Anfang an als Messias wusste und dennoch seine Messianit&auml;t in
-seiner &ouml;ffentlichen Predigt vom Reich bis zum letzten Augenblick
-nicht zur Geltung kommen liess? Wie konnte dem Volke auf die
-Dauer verborgen bleiben, dass diese Reden vom messianischen
-Bewusstsein aus gesprochen waren? <em class="gesperrt">Jesus war ein Messias,
-der es w&auml;hrend seiner &ouml;ffentlichen Wirksamkeit nicht
-sein wollte, nicht zu sein brauchte und nicht sein durfte,
-um seine Mission zu erf&uuml;llen! So stellt die Geschichte
-das Problem.</em></p>
-
-
-<h3>2. Jesus der Elias, durch die Solidarit&auml;t mit dem
-Menschensohn.</h3>
-
-<p><em class="gesperrt">Welche W&uuml;rde konnte und musste das Volk Jesu
-auf seine &ouml;ffentliche Wirksamkeit hin beilegen?</em> Das ist
-die Frage, um die es sich jetzt handelt.</p>
-
-<p>Der Messias und das messianische Reich geh&ouml;ren unzertrennlich
-zusammen. Wenn daher Jesus ein gegenw&auml;rtiges messianisches
-Reich gepredigt h&auml;tte, w&auml;re zugleich die Notwendigkeit an
-ihn herangetreten, den Messias kenntlich zu machen; er h&auml;tte damit
-beginnen m&uuml;ssen, sich vor dem Volk als Messias zu legitimieren.</p>
-
-<p>Nun war aber seine Predigt vom Reich futurisch; damit war
-vollst&auml;ndig ausgeschlossen, dass jemand darauf kommen konnte,
-in ihm den Messias zu vermuten. <em class="gesperrt">War das Reich futurisch,
-so war es auch der Messias.</em> Wenn Jesus dennoch messianische
-Anspr&uuml;che hatte, so lag dieser Gedanke dem Volk
-vollst&auml;ndig fern, denn seine Reichspredigt schloss auch die
-leiseste derartige Mutmassung aus. Darum konnten auch die
-D&auml;monenschreie die Leute nicht auf die richtige Spur bringen.</p>
-
-<p>Vollends unm&ouml;glich gemacht waren derartige Mutmassungen
-durch die Art, wie Jesus von dem Messias als futurischer Pers&ouml;nlichkeit
-in der dritten Person redet. Den J&uuml;ngern k&uuml;ndigt er bei
-der Aussendung an, dass der Menschensohn erscheinen wird, ehe
-sie mit den St&auml;dten Israels zu Ende sein werden (Mt 10 <span class="antiqua">23</span>). Mk
-8 <span class="antiqua">38</span> verheisst er dem Volk das baldige Erscheinen des Menschensohns
-zum Gericht und das Kommen des Reiches Gottes in Kraft.
-Ebenso redet er noch in Jerusalem von dem Gericht, das der
- <span class="pagenum"><a id="Page_39">[S. 39]</a></span>
-Menschensohn abhalten wird, wenn er in seiner Herrlichkeit umgeben
-von den Engeln erscheinen wird (Mt 25 <span class="antiqua">31</span>).</p>
-
-<p>Nur die J&uuml;nger nach der Offenbarung zu C&auml;sarea Philippi
-und der Hohepriester nach dem »Ja« Jesu konnten eine pers&ouml;nliche
-Beziehung zwischen ihm und dem Menschensohn, von dessen
-Kommen er sprach, statuieren, da sie um sein Geheimnis wussten.
-Sonst aber blieben f&uuml;r die H&ouml;rer <em class="gesperrt">Jesus von Nazareth</em> und der,
-von welchem die Rede war, <em class="gesperrt">der Menschensohn</em>, zwei vollst&auml;ndig
-verschiedene Pers&ouml;nlichkeiten.</p>
-
-<p>Vor dem Volk deutet Jesus nur an, dass der Menschensohn
-mit ihm, der ihn verk&uuml;ndigt, absolut <em class="gesperrt">solidarisch</em> ist. In dieser
-Form allein ragt seine eigene gigantische Pers&ouml;nlichkeit in seine
-Predigt des Reiches Gottes hinein. Nur wer sich zu ihm, dem
-Verk&uuml;ndiger des Kommens des Menschensohnes, unter allen Umst&auml;nden
-bekennt, der wird am Gerichtstag als zum Reich geh&ouml;rig
-erfunden werden. Jesus wird n&auml;mlich vor Gott und vor dem
-Menschensohn f&uuml;r ihn eintreten (Mk 8 <span class="antiqua">38</span>-9 <span class="antiqua">1</span>; Mt 10 <span class="antiqua">32-33</span>).
-Man muss bereit sein, das Liebste aufzugeben, um ihm nachzufolgen,
-denn nur so wird man <em class="gesperrt">seiner wert</em> (Mt 10 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">38</span>).
-Darum ist Jesus betr&uuml;bt, als der reiche J&uuml;ngling sich nicht entschliessen
-kann, seinen Reichtum aufzugeben, um ihm nachzufolgen
-(Mk 10 <span class="antiqua">22</span>), denn nun kann er am Gerichtstag nicht f&uuml;r
-ihn einstehen, damit er als zum Reich Gottes geh&ouml;rig erfunden
-werde. Doch hofft er von der schrankenlosen Allmacht Gottes,
-dass dieser Reiche trotzdem zum Reich eingehe (Mk 10 <span class="antiqua">17-31</span>).
-Wenn also dieser, weil Jesus nicht f&uuml;r ihn eintreten kann, nicht
-sicher ist, »das ewige Leben zu ererben« (Mk 10 <span class="antiqua">17</span>), so sind doch
-die, welche, zu ihm und seiner Botschaft sich bekennend, den Tod
-erleiden, gewiss, ihr Leben zu bewahren, d. h. bei der Totenauferstehung
-zum Reich zu geh&ouml;ren (Mk 8 <span class="antiqua">37</span>). Darum preist er
-am Eingang der Bergpredigt diejenigen selig, welche um seinetwillen
-Schm&auml;hung und Verfolgung erdulden, weil sie dadurch,
-wie die Sanftm&uuml;tigen und die Barmherzigen, zum Reiche Gottes
-vorbestimmt sind (Mt 5 <span class="antiqua">11</span> f.).</p>
-
-<p class="pmb3">Vom Standpunkte Jesu aus bietet diese absolute Solidarit&auml;t
-zwischen Gott und dem Menschensohn einerseits und ihm andererseits
-kein R&auml;tsel, denn sie basiert auf seinem messianischen Selbstbewusstsein;
-er kann so reden, weil er sich bewusst ist, selbst der
-Menschensohn zu sein. Anders war es f&uuml;r das Volk und die
-J&uuml;nger vor der Offenbarung zu C&auml;sarea Philippi. Wie kann Jesus
- <span class="pagenum"><a id="Page_40">[S. 40]</a></span>
-von Nazareth in einer so selbstbewussten, souver&auml;nen Weise
-den Menschensohn mit ihm selbst f&uuml;r absolut solidarisch proklamieren?
-Diese Behauptung zwang das Volk zur Reflexion &uuml;ber
-seine Pers&ouml;nlichkeit. Wer war derjenige, dessen Erscheinung
-machtvoll aus dem vormessianischen in den messianischen Aeon
-hineinragte, dass Gott und der Menschensohn die, welche sich zu
-ihm bekannt hatten, in das Reich aufnahmen, wenn dieses Bekenntnis
-nicht durch die mangelnde sittliche W&uuml;rdigkeit seinen
-Wert einb&uuml;sste, wie er einmal ausdr&uuml;cklich warnend erkl&auml;rte?
-Nur <em class="gesperrt">einer</em> Pers&ouml;nlichkeit kam die Bedeutung zu, die Jesus f&uuml;r
-sich in Anspruch nahm: <em class="gesperrt">Elias, dem gewaltigen Vorl&auml;ufer</em>;
-denn seine Erscheinung erstreckte sich aus dem jetzigen in den
-messianischen Aeon und verband beide miteinander. Darum
-hielt das Volk daf&uuml;r, Jesus sei der Elias. Darin sprach sich die
-h&ouml;chste W&uuml;rdigung aus, welche seine Pers&ouml;nlichkeit den Massen
-abn&ouml;tigen konnte. Es handelte sich dabei nicht um eines der in
-der sekund&auml;ren evangelischen Geschichtserz&auml;hlung so beliebten
-Missverst&auml;ndnisse, sondern das Volk <em class="gesperrt">konnte</em> nach Jesu Auftreten
-und nach seiner Verk&uuml;ndigung zu keinem andern Urteil
-&uuml;ber ihn kommen.</p>
-
-
-<h3>3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen.</h3>
-
-<p>Um sich die Stellung der Zeitgenossen zur Pers&ouml;nlichkeit
-und zum Wirken Jesu begreiflich zu machen, muss man sich von
-zwei falschen Voraussetzungen, mit denen wir immer unbewusst
-operieren, befreien. Zum ersten richtete sich die Erwartung damals
-nicht auf den Messias, sondern auf den geweissagten Vorl&auml;ufer.
-Zum zweiten hat niemand in dem T&auml;ufer irgendwie den
-Vorl&auml;ufer vermutet. Durch diese beiden Voraussetzungen verderben
-wir uns die historische Perspektive.</p>
-
-<p>Das Erscheinen des Messias mitsamt der grossen Krise,
-welche er herbeif&uuml;hrt, macht das &uuml;berweltliche Drama aus, das
-der Welt bevorsteht. Aber ehe der Vorhang aufgeht, muss unter
-den harrenden Menschen jemand erstehen, der den Prolog zum
-St&uuml;ck spricht, um dann, sobald der Vorhang in die H&ouml;he geht,
-den &uuml;berirdischen Gr&ouml;ssen sich beizugesellen, welche die Handlung
-des Dramas leiten. Darum wartet man zun&auml;chst nicht
-auf das Emporgehen des Vorhangs und die Erscheinung des
-Messias, sondern auf den berufenen Sprecher des Prologs.
-<em class="gesperrt">Es galt, das Auftreten des Vorl&auml;ufers zu signalisieren,</em>
- <span class="pagenum"><a id="Page_41">[S. 41]</a></span>
-<em class="gesperrt">um zu wissen, welche Stunde der Zeiger der Weltuhr
-zeigte.</em></p>
-
-<p>Nun war aber der Elias noch nicht erschienen, denn der
-T&auml;ufer hatte sich nicht als solchen legitimiert. Dazu fehlte ihm
-die &uuml;bernat&uuml;rliche Kraftbekundung. Zeichen und Wunder geh&ouml;rten
-aber notwendig zur Epoche, welche dem Reich unmittelbar
-voranging. Allgemeine Geistbegabung und Prophezeiung,
-Wunder am Himmel und auf der Erde: das trifft ein, bevor der
-Tag Gottes kommt. So bestimmte es der Prophet Jo&euml;l (3 <span class="antiqua">1</span> ff.).
-In der Pfingstpredigt beruft sich Petrus auf diese Stelle (Akt
-2 <span class="antiqua">17-22</span>). Aus der &uuml;bernat&uuml;rlich ekstatischen Rede sollen sie erkennen,
-dass man dem Ende der Tage entgegengeht. Der get&ouml;tete
-Jesus ist von Gott zum Messias erh&ouml;ht in der Auferstehung
-und das Reich wird bald einbrechen.</p>
-
-<p>Diese Jo&euml;lstelle wurde also auf die unmittelbar vormessianische
-Wunderzeit bezogen, in welcher nach der Weissagung des
-Maleachi der Vorl&auml;ufer auftreten sollte (Mal 3 <span class="antiqua">23</span> u. <span class="antiqua">24</span>). Der
-gleiche Kehrvers hielt zudem noch diese beiden Grundstellen der
-vormessianischen Erwartung zusammen. Mal 3 <span class="antiqua">23</span> = Jo&euml;l 3 <span class="antiqua">4</span>:
-»Vor dem Kommen des Tages des Herrn, den grossen und
-schrecklichen.« <em class="gesperrt">Der Vorl&auml;ufer ohne Wunderzeichen in
-einer wunderlosen Zeit war also undenkbar.</em></p>
-
-<p>Nun bestand f&uuml;r die Zeitgenossen der charakteristische Unterschied
-zwischen Johannes und Jesus gerade darin, dass der eine
-einfach auf die N&auml;he des Gottesreiches hinwies, w&auml;hrend der
-andere seine Predigt durch Zeichen und Wunder bekr&auml;ftigte.
-Man hatte das Bewusstsein, mit Jesus in die Zeit der Wunder
-zu treten. Er war der T&auml;ufer, aber ins Uebernat&uuml;rliche &uuml;bersetzt.
-Als nach der Aussendung sein Auftreten und seine Zeichen
-zugleich mit dem Tode des T&auml;ufers bekannt wurden, da sagte
-man: Der T&auml;ufer ist vom Tod erstanden. Darum antworteten
-ihm die J&uuml;nger zu C&auml;sarea Philippi, man halte ihn f&uuml;r den Elias
-oder f&uuml;r den T&auml;ufer (Mk 8 <span class="antiqua">28</span>). Als Herodes von ihm h&ouml;rte, liess
-er sich's nicht nehmen, dass er der T&auml;ufer sei. »<em class="gesperrt">Der T&auml;ufer
-ist von den Toten auferstanden und deshalb wirken
-die Wunderkr&auml;fte in ihm</em>« (Mk 6 <span class="antiqua">14</span>).</p>
-
-<p>Auch die Bedeutung, die Jesus den Zeichen beilegte, musste
-die Zuh&ouml;rer darauf f&uuml;hren, dass man sich in der Vorl&auml;uferaera
-befand. Ihre Bedeutung besteht n&auml;mlich darin, die N&auml;he des
-messianischen Reiches zu bekr&auml;ftigen. Die Leute sollen ihm um
- <span class="pagenum"><a id="Page_42">[S. 42]</a></span>
-der Zeichen willen glauben und Busse thun auf das Reich Gottes
-hin.</p>
-
-<p class="pmb3">Die Zeichen sind eine Gnade Gottes, durch welche er die
-Menschen aufmerksam machen will, welche Stunde es ist. Wer
-dann keine Busse thut, der ist verdammt. So geht es den Leuten
-von Chorazin, Bethsaida und Kapernaum. Wer aber gar den
-»heiligen Geist« l&auml;stert und der widerg&ouml;ttlichen Macht die Zeichen
-zuschreibt, der hat keine Vergebung ewiglich. Dieses Verbrechens
-hatten sich die jerusalemitischen Schriftgelehrten in Galil&auml;a
-schuldig gemacht (Mk 3 <span class="antiqua">22</span> ff.). Diejenigen aber, welche sich
-nicht verstockten, hielten daf&uuml;r, das Reich Gottes stehe vor der
-Th&uuml;r und Jesus sei der Vorl&auml;ufer, weil man offenbar in die Zeit
-der Zeichen eingetreten war, von der die Schrift geweissagt
-hatte.</p>
-
-
-<h3>4. Die D&auml;monenbek&auml;mpfung und das Geheimnis des Reiches
-Gottes.</h3>
-
-<p>F&uuml;r Jesus bedeuteten die Zeichen die Reichsn&auml;he noch in
-einem h&ouml;heren als dem rein zeitlichen Sinn. Durch die D&auml;monenbek&auml;mpfung
-ist er sich bewusst, <em class="gesperrt">auf das Kommen desselben
-einzuwirken</em>. Hier spielt das Geheimnis des Reiches Gottes
-mit herein. Dieser Gedanke ist in dem Gleichnis enthalten, mit
-welchem er die Verd&auml;chtigungen der jerusalemitischen Schriftgelehrten
-zur&uuml;ckweist (Mk 3 <span class="antiqua">23-30</span>).</p>
-
-<p>Es ersch&ouml;pft sich n&auml;mlich nicht in dem Gedanken, dass die
-b&ouml;sen Geister ihre Herrschaft nicht untergraben, indem der eine
-sich gegen den andern erhebt; in dem Schlusswort begegnet uns
-n&auml;mlich unvermutet das »jetzt und dann« aus dem Geheimnis
-des Reiches Gottes: »Keiner kann in das Haus des Starken einbrechen
-und ihm seinen Besitz rauben, wenn er nicht <em class="gesperrt">zuvor</em> den
-Starken bindet, und <em class="gesperrt">alsdann</em> mag er sein Haus auspl&uuml;ndern.«
-Die D&auml;monenaustreibung bedeutet also f&uuml;r Jesus das Binden und
-das Unsch&auml;dlichmachen der widerg&ouml;ttlichen Macht. Diese Th&auml;tigkeit
-steht deshalb, wie die sittliche Erneuerung im Geheimnis
-des Reiches Gottes, mit dem Anbrechen des Reiches in kausalem
-Zusammenhang. Durch die D&auml;monen&uuml;berwindung ist Jesus der
-Gewaltth&auml;tige, der das Reich herbein&ouml;tigt; denn, wenn die widerg&ouml;ttliche
-Macht gebunden ist, dann tritt der Augenblick ein, wo
-die Herrschaft von ihr genommen wird. Damit dies geschehen
-kann, muss sie erst unsch&auml;dlich gemacht werden. Darum gibt
- <span class="pagenum"><a id="Page_43">[S. 43]</a></span>
-Jesus den J&uuml;ngern bei der Aussendung nicht nur den Befehl, die
-N&auml;he des Reiches zu verk&uuml;ndigen, sondern auch die Vollmacht
-&uuml;ber die D&auml;monen (Mt 10 <span class="antiqua">1</span>). In jenem Augenblick der h&ouml;chsten
-eschatologischen Erwartung sendet er sie als die Gewaltth&auml;tigen
-aus, welche die letzten Streiche f&uuml;hren sollen. Die Busse, welche
-durch ihre Predigt gewirkt wird, und die Ueberwindung der
-widerg&ouml;ttlichen Macht in den D&auml;monischen n&ouml;tigen zusammen
-das Reich herbei.</p>
-
-<p>So dr&uuml;cken die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches
-Gottes (Mk 4), das Gleichnis in Jesu Apologie an die Pharis&auml;er
-(Mk 3 <span class="antiqua">23-30</span>) und das Gleichnis in der W&uuml;rdigungsrede &uuml;ber
-den T&auml;ufer (Mt 11 <span class="antiqua">12-15</span>) denselben Gedanken aus. Die beiden
-letzteren begegnen sich sogar im drastischen Bild der Vergewaltigung,
-weshalb ihnen auch der Begriff des »Raubes« gemeinsam
-ist (Mk 3 <span class="antiqua">27</span> = Mt 11 <span class="antiqua">12</span>).</p>
-
-<p class="pmb3">F&uuml;r das Bewusstsein Jesu waren also die D&auml;monenheilungen
-in das Geheimnis vom Reich Gottes hineingestellt. Dem Volk
-aber gen&uuml;gte es, den rein zeitlichen Zusammenhang zu erfassen.</p>
-
-
-<h3>5. Jesus und der T&auml;ufer.</h3>
-
-<p>Wir haben oben gesehen, dass niemand in dem T&auml;ufer den
-Elias erkennen konnte, weil seine zeichenlose Th&auml;tigkeit und
-Reichspredigt der schriftgem&auml;ssen Vorstellung der Vorl&auml;uferepoche
-nicht entsprachen. Nur einer machte eine Ausnahme, indem
-er ihm diese W&uuml;rde zuerkannte: <em class="gesperrt">Jesus!</em> Er war der erste,
-welcher dem Volk eine geheimnisvolle Andeutung machte, jener
-sei der Vorl&auml;ufer: »Wenn ihr es fassen m&ouml;gt, so ist er selbst
-Elias, der Kommen-Sollende« (Mt 11 <span class="antiqua">14</span>). Er ist sich aber bewusst,
-damit ein unbegreifliches Geheimnis auszusprechen, das
-ihnen ebenso dunkel bleibt, wie das damit zusammenh&auml;ngende
-Wort von den Gewaltth&auml;tigen, die seit den Tagen des T&auml;ufers
-das Reich herbein&ouml;tigen (Mt 11 <span class="antiqua">12</span>). Darum beschliesst er diese
-beiden Spr&uuml;che mit dem Orakelwort: Wer Ohren hat zu h&ouml;ren,
-der h&ouml;re (Mt 11 <span class="antiqua">15</span>).</p>
-
-<p>Das Volk aber war weit entfernt zu begreifen, dass der in
-der Gewalt des Herodes befindliche T&auml;ufer die Pers&ouml;nlichkeit
-sein k&ouml;nne, die auf der Schwelle der vormessianischen zur messianischen
-Periode stand. So verhallte das geheimnisvolle Wort
-Jesu und das Volk blieb dabei, Johannes sei wirklich ein Prophet
-gewesen (Mk 11 <span class="antiqua">32</span>).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[S. 44]</a></span></p>
-
-<p>Auch die Oberen konnten zu keinem Schluss &uuml;ber die Pers&ouml;nlichkeit
-des T&auml;ufers kommen. Darum unterlagen sie Jesu,
-als sie ihn &uuml;ber die Tempelreinigung zur Rede stellen wollten
-(Mk 11 <span class="antiqua">33</span>).</p>
-
-<p>Mit den J&uuml;ngern verhielt es sich nicht anders; sie waren von
-sich aus unf&auml;hig, in Johannes den Elias zu erkennen. Beim Abstieg
-vom Verkl&auml;rungsberg kommen ihnen Bedenken &uuml;ber die
-M&ouml;glichkeit der Messianit&auml;t Jesu und &uuml;ber die M&ouml;glichkeit
-der Totenauferstehung, die er in seiner Rede ber&uuml;hrt hatte.
-Dadurch wurde ja die Gegenw&auml;rtigkeit der messianischen Aera
-vorausgesetzt, und diese konnte noch nicht angebrochen sein,
-denn »Elias muss zuvor kommen, wie die Pharis&auml;er und Schriftgelehrten
-darthun« (Mk 9 <span class="antiqua">9-11</span>). Darauf antwortet ihnen Jesus,
-dass Johannes dieser Elias war, wenn er auch in der Menschen
-Gewalt geliefert wurde (Mk 9 <span class="antiqua">12</span> u. <span class="antiqua">13</span>).</p>
-
-<p class="pmb3">Wie war Jesus zur Ueberzeugung gekommen, dass der
-T&auml;ufer der Elias war? Durch einen notwendigen R&uuml;ckschluss von
-seiner eigenen Messianit&auml;t aus. Weil er sich als Messias wusste,
-musste jener der Elias sein. Zwischen beiden bestand eine notwendige
-Wechselbeziehung. Niemand konnte wissen, dass der
-T&auml;ufer der Elias war, ohne diese Erkenntnis von der Messianit&auml;t
-Jesu herzuleiten. Niemand konnte auf den Gedanken kommen,
-Johannes sei der Elias, ohne zugleich in Jesu den Messias sehen
-zu m&uuml;ssen. Denn nach dem Vorl&auml;ufer blieb f&uuml;r eine zweite derartige
-Erscheinung kein Raum. Nun wusste niemand, dass Jesus
-sich f&uuml;r den Messias hielt. Also sah man in dem T&auml;ufer einen
-Propheten und fragte sich, ob Jesus nicht der Elias w&auml;re. Die
-geheimnisvollen Schlusss&auml;tze der W&uuml;rdigungsrede &uuml;ber den T&auml;ufer
-hatte niemand in ihrer vollen Tragweite verstanden. <em class="gesperrt">F&uuml;r Jesus
-allein war Johannes der verheissene Elias.</em></p>
-
-
-<h3>6. Der T&auml;ufer und Jesus.</h3>
-
-<p>Wie stand der T&auml;ufer zu Jesus? Wenn er sich bewusst war,
-der Vorl&auml;ufer zu sein, so musste er in Jesus den Messias mutmassen.
-Dies setzt man gew&ouml;hnlich voraus und l&auml;sst ihn als Vorl&auml;ufer
-bei Jesus anfragen, ob er der Messias sei (Mt 11 <span class="antiqua">2-6</span>).
-Diese Annahme scheint uns ganz nat&uuml;rlich, weil wir uns beide
-immer in dem Verh&auml;ltnis Vorl&auml;ufer-Messias vorstellen.</p>
-
-<p>Dar&uuml;ber vergessen wir aber eine ganz naheliegende Frage.
-Hat der T&auml;ufer sich selbst als den Vorl&auml;ufer, als den Elias gef&uuml;hlt?
- <span class="pagenum"><a id="Page_45">[S. 45]</a></span>
-Dem Volk gegen&uuml;ber hat er in keiner Aeusserung einen
-derartigen Anspruch erhoben. Hartn&auml;ckig erkennt es in ihm
-nur einen Propheten. Auch w&auml;hrend seiner Gefangenschaft kann
-er nichts derartiges beansprucht haben, denn noch in Jerusalem
-urteilt das Volk nicht anders, als dass er ein Prophet gewesen.</p>
-
-<p>Wenn irgendwie die Ahnung durchgedrungen w&auml;re, dass er
-die Eliasgestalt repr&auml;sentierte, wie h&auml;tte man dann allgemein auf
-den Gedanken kommen k&ouml;nnen, Johannes sei ein Prophet, Jesus
-der Elias? Dass dies die allgemeine Ansicht auch nach dem Tode
-des T&auml;ufers war, bezeugt die Antwort der J&uuml;nger zu C&auml;sarea
-Philippi.</p>
-
-<p>Die T&auml;uferanfrage unter der Voraussetzung betrachten, dass
-der Vorl&auml;ufer fr&auml;gt, ob Jesus der Messias sei, heisst sie in
-eine vollkommen unberechtigte Perspektive r&uuml;cken, da gar nicht zu
-erweisen ist, ob Johannes sich f&uuml;r den Vorl&auml;ufer hielt. Also ist
-auch gar nicht ausgemacht, ob seine Frage sich auf die messianische
-W&uuml;rde bezieht. Das umstehende Volk, da es Johannes
-nicht f&uuml;r den Vorl&auml;ufer hielt, musste sie ganz anders auffassen,
-n&auml;mlich: bist du der Elias?</p>
-
-<p>Nun wird aber durch die gew&ouml;hnliche Perspektive ein charakteristisches
-Detail in der Perikope selbst verdeckt, n&auml;mlich,
-dass Jesus dieselbe Bezeichnung, die der T&auml;ufer in der Anfrage
-auf ihn anwandte, nun seinerseits wieder auf den T&auml;ufer anwendet!
-Bist du der Kommen-Sollende? fr&auml;gt der T&auml;ufer. Jesus
-antwortet: Wenn ihr es fassen m&ouml;gt, so ist <em class="gesperrt">er selbst</em> Elias, der
-Kommen-Sollende! Bei den Reden ist also die Bezeichnung des
-»Kommen-Sollenden« gemeinsam, nur dass wir in der Anfrage
-des T&auml;ufers sie eigenm&auml;chtig auf den Messias beziehen. Dieses
-f&uuml;r die naive Perspektive so ganz nat&uuml;rliche Verfahren wird aber
-als unberechtigt erkannt, sobald man weiss, dass es sich eben nur
-um Perspektive, nicht um die reellen Massst&auml;be handelt. Denn
-dann gewinnt pl&ouml;tzlich das »er selbst« in der Antwort Jesu eine
-ungeahnte Bedeutung; »<em class="gesperrt">er selbst</em> ist der Elias«, der Kommen-Sollende!
-Dieser R&uuml;ckweis zwingt uns, in der Anfrage des T&auml;ufers
-unter dem Kommen-Sollenden nicht den Messias, sondern, wie in
-der Antwort Jesu, den Elias zu verstehen.</p>
-
-<p>»Bist du der erwartete Vorl&auml;ufer?« so l&auml;sst der T&auml;ufer Jesum
-fragen. »Wenn ihr es fassen m&ouml;gt, ist er selbst dieser Vorl&auml;ufer«,
-sagt Jesus zum Volk, nachdem er ihnen von der Gr&ouml;sse
-des T&auml;ufers geredet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[S. 46]</a></span></p>
-
-<p>Durch diese R&uuml;ckbeziehung bekommt nun die Scene ein viel
-intensiveres Kolorit. Zun&auml;chst wird klar, warum Jesus <em class="gesperrt">nach dem
-Weggang der Gesandten</em> &uuml;ber den T&auml;ufer redet. Er f&uuml;hlt sich
-gen&ouml;tigt, das Volk in wirkungsvoller Steigerung von der Vorstellung,
-jener sei ein Prophet (Mt 11 <span class="antiqua">9</span>), zu der Ahnung zu bringen,
-er sei der Vorl&auml;ufer, mit dessen Auftreten der Zeiger der Weltuhr
-sich der verh&auml;ngnisvollen Stunde n&auml;hert, auf den sich das
-Wort »von dem, der den Weg bereitet« bezieht und von dem
-die Schriftgelehrten sagen, »dass er zuerst kommen muss«
-(Mk 9 <span class="antiqua">11</span>).</p>
-
-<p>Johannes n&auml;mlich war mit seiner Anfrage in der messianischen
-Zeitrechnung zur&uuml;ck. Seine Abgesandten erkundigen sich
-nach dem Vorl&auml;ufer in dem Augenblick, wo Jesu Zuversicht,
-dass das Reich unmittelbar hereinbrechen wird, aufs h&ouml;chste gestiegen
-ist. Er hat ja seine J&uuml;nger ausgeschickt und ihnen in
-Aussicht gestellt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie
-auf dem Weg durch die St&auml;dte Israels &uuml;berraschen k&ouml;nne. Die
-Stunde ist schon viel weiter vorger&uuml;ckt &mdash; das will Jesus dem Volk
-in der »W&uuml;rdigungsrede &uuml;ber den T&auml;ufer« zu verstehen geben,
-wenn sie es begreifen k&ouml;nnen.</p>
-
-<p>Zu seinem Urteil &uuml;ber Jesus war Johannes auf demselben
-Wege gekommen, wie das Volk. Als er n&auml;mlich <em class="gesperrt">von den Zeichen
-und Thaten Jesu h&ouml;rt</em> (Mt 11 <span class="antiqua">2</span>), da steigt ihm der Gedanke
-auf, ob dieser nicht etwa mehr w&auml;re, als ein Busse predigender
-Prophet. So schickte er zu ihm hin, um dar&uuml;ber Gewissheit zu
-haben.</p>
-
-<p>Damit r&uuml;ckt aber die Verk&uuml;ndigung des T&auml;ufers in ein ganz
-anderes Licht. Er hat nie auf den kommenden Messias, <em class="gesperrt">sondern
-auf den erwarteten Vorl&auml;ufer hingewiesen</em>. So erkl&auml;rt
-sich die Verk&uuml;ndigung »von dem, der nach ihm kommen wird«
-(Mk 1 <span class="antiqua">7</span> u. <span class="antiqua">8</span>). Auf den Messias angewandt, bleiben die von ihm
-gebrauchten Ausdr&uuml;cke dunkel. Sie statuieren n&auml;mlich nur einen
-Gradunterschied, nicht eine totale Differenz zwischen ihm und
-dem Angek&uuml;ndigten. Wenn er vom Messias redete, w&auml;ren diese
-Ausdr&uuml;cke, in welchen er den Kommenden, trotz des gewaltigen
-Rangunterschieds, immer noch mit sich selbst vergleicht, unm&ouml;glich.
-Er denkt sich den Vorl&auml;ufer wie ihn selbst, taufend und die
-Busse auf das Reich hin verk&uuml;ndigend, aber nur unverh&auml;ltnism&auml;ssig
-gr&ouml;sser und m&auml;chtiger. Statt mit Wasser wird er mit dem heiligen
-Geist taufen (Mk 1 <span class="antiqua">8</span>).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_47">[S. 47]</a></span></p>
-
-<p>Dies kann nicht auf den Messias gehen. Seit wann tauft der
-Messias? Sodann aber findet die ber&uuml;hmte allgemeine Geistesausgiessung
-nicht <em class="gesperrt">in</em>, sondern <em class="gesperrt">vor</em> der messianischen Aera statt! Bevor
-der gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er seinen Geist
-ausgiessen &uuml;ber alles Fleisch, und Zeichen und Wunder werden
-am Himmel geschehen (Jo&euml;l 3 <span class="antiqua">1</span> ff.). Bevor der gewaltige Tag des
-Herrn kommt, wird er Elias, den Propheten, schicken (Mal 3 <span class="antiqua">23</span>).
-Diese beiden Hauptstellen &uuml;ber die grossen Vorereignisse der
-Endzeit verbindet der T&auml;ufer in Gedanken und kommt so zur
-Vorstellung <em class="gesperrt">des Vorl&auml;ufers, der mit dem heiligen Geiste
-taufen wird</em>! Man sieht dabei, welch &uuml;bernat&uuml;rliches Licht
-die Gestalt des Vorl&auml;ufers in der damaligen Vorstellung umfliesst.
-Darum f&uuml;hlt sich Johannes so klein vor ihm.</p>
-
-<p>F&uuml;r die Antwort befand sich Jesus in einer schweren Lage.
-Indem er fragen liess: bist du der Vorl&auml;ufer, oder bist du es
-nicht? hatte ihm der T&auml;ufer eine falsche Alternative gestellt, auf
-die er weder ja noch nein antworten konnte. Sein Messianit&auml;tsgeheimnis
-wollte er den Gesandten auch nicht anvertrauen. Er
-antwortet daher mit dem Hinweis auf die N&auml;he des Reiches, die
-sich in seinen Thaten offenbart. Zugleich r&uuml;ckt er seine eigene
-Pers&ouml;nlichkeit machtvoll in den Vordergrund. Nur derjenige
-kann selig werden, der zu ihm steht und kein Aergernis an ihm
-nimmt. Er will damit dasselbe sagen, was er auch dem Volk
-Mk 8 <span class="antiqua">38</span> vorh&auml;lt: Die Zugeh&ouml;rigkeit zum Reich ist abh&auml;ngig von
-dem Ausharren bei ihm.</p>
-
-<p>Die merkw&uuml;rdige, ausweichende Antwort Jesu an den T&auml;ufer,
-in welcher die Exegese von jeher besondere Finessen entdecken
-zu m&uuml;ssen glaubte, erkl&auml;rt sich also einfach aus einer Zwangslage!
-Er konnte nicht direkt antworten. Darum gab er diesen
-dunkeln Bescheid. Der T&auml;ufer sollte daraus entnehmen, was er
-wollte und konnte. Uebrigens hatte es ja keine Bedeutung, wie
-er ihn verstand. Die Ereignisse werden ihn lehren, denn die Zeit
-ist ja schon viel weiter vorangeschritten als er annimmt, und der
-Hammer hebt schon zum Stundenschlag aus.</p>
-
-<p>Es wird uns sehr schwer von dem Gedanken loszukommen,
-als ob der T&auml;ufer und Jesus zu einander als Vorl&auml;ufer und Messias
-gestanden h&auml;tten. Nur durch eine angespannte Ueberlegung
-gelangt man zur Einsicht, dass bei unserer Perspektive die beiden
-Gr&ouml;ssen in diesem Verh&auml;ltnis stehen, weil wir die Messianit&auml;t
-Jesu voraussetzen, dass man aber, um ihre historischen Beziehungen
- <span class="pagenum"><a id="Page_48">[S. 48]</a></span>
-zu entdecken, die richtige Perspektive berechnen und
-in Anschlag bringen muss.</p>
-
-<p>Solange man noch irgendwie in der alten Perspektive befangen
-ist, wird man der vorliegenden Untersuchung nicht gerecht.
-Man meint dann n&auml;mlich, es handle sich um »den Vorl&auml;ufer
-des Vorl&auml;ufers« und den Vorl&auml;ufer, also eine geistreiche
-Multiplizierung des Vorl&auml;ufers mit sich selbst. Das ist falsch
-ausgedr&uuml;ckt. Ein busspredigender Prophet, Johannes der T&auml;ufer,
-weist auf die machtvolle Vorl&auml;ufergestalt des Elias hin und, als er
-im Gef&auml;ngnis von den Zeichen Jesu h&ouml;rt, fr&auml;gt er sich, ob dieser
-nicht der Elias sei und ahnt nicht, dass jener sich f&uuml;r den Messias
-halte und er selbst deshalb in der Geschichte hinfort als der Vorl&auml;ufer
-bezeichnet w&uuml;rde. Dies ist der geschichtliche Thatbestand.</p>
-
-<p>Mit dem Augenblick aber, wo die Geschichtsbetrachtung
-von der Gewissheit ausgeht, dass Jesus der Messias war, verschiebt
-sich der geschichtliche Thatbestand notwendig. Die
-Evangelien zeigen diese Verschiebung in steigendem Masse an.
-In dem Anfangssatz des Markus wird das Maleachicitat von dem
-bahnbereitenden Vorl&auml;ufer (Mal 3 <span class="antiqua">1</span>) schon auf Johannes angewandt.
-Bei Matth&auml;us h&ouml;rt der T&auml;ufer im Gef&auml;ngnis »die Werke
-des Messias« (Mt 11 <span class="antiqua">2</span>). Handelt es sich hier nur um das unreflektierte
-Hereinspielen einer neuen Betrachtungsweise, so hat
-das vierte Evangelium daraus ein Prinzip gemacht und stellt die
-Geschichte konsequent unter der Voraussetzung dar, dass, weil
-Jesus der Messias war, der T&auml;ufer der Vorl&auml;ufer war und sich
-als solcher auch f&uuml;hlen musste. Der historische T&auml;ufer sagt:
-ich bin nicht der <em class="gesperrt">Vorl&auml;ufer</em>, denn dieser ist unverh&auml;ltnism&auml;ssig
-gr&ouml;sser und m&auml;chtiger als ich. Nach dem vierten Evangelium
-k&ouml;nnten die Leute mutmassen, er sei Christus. Er muss daher
-sagen: ich bin nicht <em class="gesperrt">Christus</em> (Joh 1 <span class="antiqua">20</span>)!</p>
-
-<p class="pmb3">So hat sich das Verh&auml;ltnis unter der neuen Perspektive vollst&auml;ndig
-verschoben. Die Person des T&auml;ufers ist historisch unkenntlich
-geworden. Zuletzt hat man noch den modernen Zweifelsmann
-aus ihm gemacht, der halb an Jesu Messianit&auml;t glaubt, halb
-nicht glaubt. In diesem Hangen und Bangen soll gar die Tragik
-seines Daseins bestehen! Nun darf man ihn aber mit Zuversicht
-aus der Reihe der uns Modernen so interessanten, am tragischen
-Halbglauben zu Grunde gehenden Pers&ouml;nlichkeiten tilgen. Jesus
-hat ihm das erspart. Denn so lang er lebte, verlangte er von
-niemand den Glauben an seine Messianit&auml;t &mdash; und war es doch!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_49">[S. 49]</a></span></p>
-
-
-<h3>7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in
-Jerusalem.</h3>
-
-<p>Ist der Einzug in Jerusalem eine messianische Ovation?
-Das h&auml;ngt einmal davon ab, wie man die Rufe des Volkes deutet,
-sodann aber von der Auffassung der Scene zwischen Jesus und
-dem Blinden. Handelt es sich dort wirklich um die Begr&uuml;ssung
-als Davidssohn, die er nun nicht mehr ablehnt, sondern stillschweigend
-annimmt, sodass das Volk zur Erkenntnis gelangt,
-f&uuml;r wen er sich halte: dann ist die Folgerung unabweislich, dass
-es eine messianische Ovation war.</p>
-
-<p>F&uuml;r die Herausarbeitung der urspr&uuml;nglichen Situation in
-der Schilderung des Einzugs sind die Detailunterschiede zwischen
-Markus und den Seitenreferenten von weittragender Bedeutung.
-Bei Markus haben wir zwei klar unterschiedene Jubelrufe. Der
-erste gilt der gegenw&auml;rtigen Person Jesu: »Hosianna, gelobt sei
-der »Kommen-Sollende« im Namen des Herrn« (Mk 11 <span class="antiqua">9</span>). Der
-zweite bezieht sich auf das erwartete Kommen des Reichs: »Gelobt
-sei das kommen-sollende Reich unseres Vaters David; Hosianna
-in der H&ouml;h'.« Von dem Davidssohn ist also gar nicht die Rede!</p>
-
-<p>Anders bei Matth&auml;us. Dort ruft das Volk: »Hosianna dem
-Sohne Davids; gesegnet sei der Kommen-Sollende im Namen des
-Herrn; Hosianna in der H&ouml;h'« (Mt 21 <span class="antiqua">9</span>). Wir haben also hier
-nur den Ruf, welcher der Person Jesu gilt. Das Reich wird nicht
-erw&auml;hnt; daf&uuml;r jubelt man dem Davidssohn und zugleich dem
-Kommen-Sollenden zu.</p>
-
-<p>Der lukanische Bericht kommt nicht in Betracht, da er mit
-Reminiscenzen aus der Vorgeschichte operiert: »Gesegnet der
-K&ouml;nig, der im Namen des Herrn kommt. Friede im Himmel und
-Ehre in der H&ouml;h'« (Luk 19 <span class="antiqua">38</span>).</p>
-
-<p>In seiner Darstellung deutet also Matth&auml;us den Kommen-Sollenden
-auf den Davidssohn. Direkte Beweise, dass dieser aus
-Psalm 118 <span class="antiqua">25</span> ff. stammende Ausdruck zur Zeit Jesu auf den Messias
-angewandt wurde, besitzen wir nicht. Wohl aber hat es sich
-gezeigt, <em class="gesperrt">dass sowohl der T&auml;ufer als auch Jesus ihn auf
-den Vorl&auml;ufer Elias anwenden</em>. Also ist es ungeschichtlich,
-wenn Matth&auml;us das Volk in einem Atem dem Kommen-Sollenden
-und dem Davidssohn zujubeln l&auml;sst.</p>
-
-<p>Markus hat auch hier in seinem Detail die urspr&uuml;ngliche
-Situation festgehalten. Das Volk jubelt Jesus als dem »Kommen-Sollenden«,
- <span class="pagenum"><a id="Page_50">[S. 50]</a></span>
-d. h. dem erscheinenden Vorl&auml;ufer zu und singt ein
-»Hosianna in der H&ouml;h'« dem Reich, welches bald auf Erden
-herabkommen wird. Gerade der Unterschied zwischen dem
-<em class="gesperrt">Hosianna</em> und dem <em class="gesperrt">Hosianna in der H&ouml;h'</em> ist bezeichnend,
-sofern das erste auf den gegenw&auml;rtigen Vorl&auml;ufer, das zweite auf
-das himmlische Reich geht. Der sekund&auml;re Charakter der
-matth&auml;ischen Darstellung tritt darin zu Tage, dass er dem Davidssohn
-und dem Kommen-Sollenden ein Hosianna und zugleich
-Hosianna in der H&ouml;h' gelten l&auml;sst, wobei der Messias also einmal
-auf Erden, das andere Mal noch im Himmel vorausgesetzt wird!
-Hier zeigt sich deutlich, dass dem zweiten Hosianna urspr&uuml;nglich
-das Reich beigeh&ouml;rt.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Einzug in Jerusalem galt also nicht dem
-Messias, sondern dem Vorl&auml;ufer.</em> Dann ist es aber unm&ouml;glich,
-dass das Volk die Scene mit dem Blinden dahin verstanden
-hat, als n&auml;hme hier Jesus die Anrede »Davidssohn« entgegen.</p>
-
-<p>Auch hier handelt es sich um synoptisches Detail, durch
-welches die Scene total ver&auml;ndert wird. Der Ruf &uuml;ber den Davidssohn
-ist dabei gefallen. Die Frage ist nur, ob ihn das Publikum
-als Anrede auffassen konnte und musste. Bei Matth&auml;us und
-Lukas trifft dies zu, <em class="gesperrt">bei Markus ist es ausgeschlossen</em>.</p>
-
-<p>Nach der matth&auml;ischen Scenerie sitzen zwei Blinde am Wege
-und rufen: erbarme dich unser, Sohn Davids (Mt 20 <span class="antiqua">30</span>).</p>
-
-<p>Bei Lukas lautet der Ruf: Jesu, du Sohn Davids, erbarme
-dich meiner (Luk 18 <span class="antiqua">38</span>). Darauf bleibt Jesus vor ihm stehen,
-redet ihn an und heilt ihn.</p>
-
-<p>Bei Markus sitzt der blinde Bettler, Sohn des Tim&auml;us, hinter
-der Menge am Wege. <em class="gesperrt">Jesus sieht ihn nicht, er kann ihn
-nicht anreden, sondern er h&ouml;rt nur eine Stimme, die
-mitten aus dem Gew&uuml;hl vom Boden zu ihm dringt</em>, wo
-einer &uuml;ber den Davidssohn um H&uuml;lfe ruft. Er bleibt stehen und
-schickt, man <em class="gesperrt">solle ihn holen</em>! Man geht der Stimme nach und
-findet ihn am Boden sitzend. Steh' auf, er ruft dich! sagen sie zu
-ihm. Er wirft sein Kleid ab, springt auf und dr&auml;ngt sich durch
-die Menge zu ihm. Als Jesus ihn so auf sich zukommen sieht,
-kann er gar nicht wissen, dass dieser Mann blind ist! Er muss
-ihn also <em class="gesperrt">fragen</em>, was ihm fehlt. Die Distanz, der Aufenthalt,
-das Schicken nach ihm, das behende Herbeikommen: alles dies
-ist bei Matth&auml;us ausgefallen. Er hat die Situation vereinfacht:
- <span class="pagenum"><a id="Page_51">[S. 51]</a></span>
-Jesus st&ouml;sst auf die beiden am Weg und redet sogleich mit ihnen.
-Nur hat er aus dem urspr&uuml;nglichen Sachverhalt die Frage, wo
-es denn fehle, beibehalten, die zwar bei Markus thats&auml;chlich n&ouml;tig
-ist, bei ihm aber ganz unbegreiflich bleibt, da Jesus sehen muss,
-dass er es mit zwei Blinden zu thun hat!</p>
-
-<p>Lag aber eine solche Distanz zwischen Jesus und dem Blinden,
-so konnte niemand auf den Gedanken kommen, er beziehe
-den monotonen Ruf &uuml;ber den Davidssohn als Anrede auf sich!
-Es war eben nur ein l&auml;stiger <em class="gesperrt">Ruf</em>, den die Umstehenden ihm
-vergebens zu verwehren suchten. Man legte ihm so wenig Bedeutung
-bei, als den D&auml;monenrufen &mdash; wenn man ihn &uuml;berhaupt
-verstand.</p>
-
-<p>Die <em class="gesperrt">Anrede</em> des Bettlers lautet ganz anders und zeigt, dass
-er ebensowenig wie das Volk Jesum f&uuml;r den Messias h&auml;lt: »<em class="gesperrt">Rabbi</em>,
-dass ich sehend werde.« Er war f&uuml;r ihn also der Rabbi aus
-Nazareth.</p>
-
-<p>H&auml;lt man sich diese Situation vor, so ersieht man, dass die
-Umstehenden in keiner Weise auf den Gedanken kommen konnten,
-Jesus nehme hier messianische Huldigungen entgegen. Es war
-aber das erste Zeichen, das er wieder that, seitdem er aus der
-Einsamkeit herausgetreten war. Damit legitimiert er sich vor
-der Festkarawane als der Vorl&auml;ufer, f&uuml;r den ihn die Anh&auml;nger
-in Galil&auml;a hielten, ehe er sich pl&ouml;tzlich in die Stille nach dem
-Norden zur&uuml;ckzog. Nun bricht der Jubel los und sie bereiten
-ihm als dem Vorl&auml;ufer die Ovation beim Einzug.</p>
-
-<p>Bei dem Nachweis &uuml;ber den eigentlichen Charakter dieses
-Ereignisses handelt es sich um ein anscheinend geringf&uuml;giges Detail,
-dem nicht jedermann geneigt sein m&ouml;chte, die erforderliche Bedeutung
-beizulegen. Demgegen&uuml;ber ist an folgendes zu erinnern:</p>
-
-<p>1. In der Darstellung, welche die Messianit&auml;t Jesu voraussetzte,
-musste sich wie von selbst die Sache im Detail dahin verschieben,
-dass es sich um einen messianischen Einzug handelt.
-Dies ist bei Matth&auml;us der Fall. Bewusste Absicht des Schriftstellers
-liegt nicht vor.</p>
-
-<p>2. Die Schilderung des Markus zeigt eine solche Urspr&uuml;nglichkeit
-den Seitenreferenten gegen&uuml;ber (man denke an die Taufgeschichte
-und an den Bericht des letzten Mahles), dass man
-nicht leicht der Eigent&uuml;mlichkeit seiner Notizen ein zu grosses
-Gewicht beilegen kann, besonders wenn sich daraus eine so anschauliche
-Situation ergibt, wie es hier der Fall ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_52">[S. 52]</a></span></p>
-
-<p>3. Mit der Behauptung, der Beweis sei nicht erbracht, dass
-es sich um eine Ovation an den Vorl&auml;ufer handle, ist nichts gethan.
-Dann gilt es n&auml;mlich darzuthun, wie unter der Voraussetzung,
-dass sie wirklich dem Messias galt, die Verhandlungen
-in den jerusalemitischen Tagen gar nicht auf eine vorausgesetzte
-messianische Anmassung reflektieren und die gedungenen Ankl&auml;ger
-sich nicht auf solche Anmassungen berufen. Was h&auml;tte der
-r&ouml;mische Befehlshaber gethan, wenn einer unter den Hochrufen
-des Volks als Davidssohn in die Stadt eingezogen w&auml;re?</p>
-
-<p>4. Die historische Erkenntnis wird uns hier besonders
-schwer, weil wir immer meinen, die Zeichen und Wunder bekr&auml;ftigten
-f&uuml;r die Zeitgenossen die Messianit&auml;t Jesu. Damit stehen
-wir auf dem Standpunkt der johanneischen Geschichtsdarstellung.
-In der Vorstellung der Zeitgenossen Jesu braucht aber der
-Messias keine Zeichen, sondern er wird offenbar in seiner
-Macht! Die Zeichen hingegen gehen auf die Zeit des Vorl&auml;ufers!</p>
-
-<p>5. Auch unsere Uebersetzung wirkt beeintr&auml;chtigend. Der
-&#7952;&#961;&#967;&#972;&#956;&#949;&#957;&#959;&#962; bezeichnet in allen Stellen eine f&uuml;r jene Zeit scharf
-ausgepr&auml;gte Pers&ouml;nlichkeit. Man muss daher &uuml;berall dieses
-Wort dementsprechend &uuml;bersetzen und es nicht einmal als Substantiv,
-ein andermal (in der Einzugsgeschichte) wieder als Verbalform
-&uuml;bersetzen, wie es gerade am bequemsten ist. »Kommen-Sollender«
-ist der Vorl&auml;ufer, weil er vor dem messianischen Gericht
-im Namen Gottes kommen soll, um alles in Ordnung zu
-bringen.</p>
-
-<p class="pmb3">Es bleibt also dabei: <em class="gesperrt">Bis zu dem Bekenntnis vor dem
-hohen Rat galt Jesus &ouml;ffentlich f&uuml;r den Vorl&auml;ufer,
-wof&uuml;r er schon in Galil&auml;a gehalten worden war.</em></p>
-
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-
-<h2 id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.<br /><br />
-
-Nach der Aussendung. Litterarische und historische
-Probleme.</h2>
-<p class="pmb2" />
-
-
-<h3>1. Die Seereise nach der Aussendung.</h3>
-
-<p>Es ist sehr schwer, sich nach den synoptischen Berichten ein
-klares Bild von den Ereignissen zu machen, welche auf die Aussendung
-folgten. Wann sind die J&uuml;nger zur&uuml;ckgekehrt? Wo
-hat sich Jesus w&auml;hrend ihrer Abwesenheit aufgehalten? Welcher
-Art waren die Erfolge der J&uuml;nger? Welches waren die Ereignisse
- <span class="pagenum"><a id="Page_53">[S. 53]</a></span>
-zwischen ihrer R&uuml;ckkehr und dem Aufbruch nach dem Norden?
-Wird durch diese Ereignisse motiviert, warum Jesus sich
-mit ihnen in die Einsamkeit zur&uuml;ckzieht?</p>
-
-<p>Auf diese Fragen geben die Berichte keine Antwort. Dazu
-kommt noch ein rein litterarisches Problem. Der Zusammenhang
-zwischen den einzelnen Scenen ist hier merkw&uuml;rdig zerrissen.
-Fast scheint es, als ob der Faden der Geschichtserz&auml;hlung hier
-abbr&auml;che. Erst vom Augenblick des Aufbruchs zur Reise nach
-Jerusalem an stehen die Scenen wieder in einem nat&uuml;rlichen und
-klaren Zusammenhang.</p>
-
-<p>Zun&auml;chst handelt es sich um zwei offenbare Doubletten: die
-Speisungsberichte mit nachfolgender Seefahrt (Mk 6 <span class="antiqua">31-56</span> = Mk
-8 <span class="antiqua">1-22</span>). Beidemale wird Jesus auf einer Reise l&auml;ngs des Sees
-von der Volksmenge beim Anlegen ans Land in einsamer Gegend
-eingeholt. Dann kehrt er in die galil&auml;ischen Orte auf dem Westufer
-zur&uuml;ck. Hier, in seinem gewohnten Wirkungskreis, trifft er
-mit den pharis&auml;ischen Sendlingen aus Jerusalem zusammen. Sie
-stellen ihn zur Rede. In der Erz&auml;hlungsreihe der ersten Speisungsgeschichte
-handelt es sich um das H&auml;ndewaschen (Mk 7
-<span class="antiqua">1-23</span>), in der der zweiten um die Zeichenforderung (Mk 8 <span class="antiqua">11-13</span>).
-Im Gefolge der ersten Erz&auml;hlungsreihe steht der Aufbruch nach
-Norden, wo er in der Gegend von Tyrus und Sidon mit der Kanaanitin
-zusammentrifft (Mk 7 <span class="antiqua">24-30</span>). In der zweiten folgt auf
-das Zusammentreffen mit den Pharis&auml;ern die Reise nach C&auml;sarea
-Philippi (Mk 8 <span class="antiqua">27</span>).</p>
-
-<p>Wir haben hier also zwei selbst&auml;ndige Darstellungen derselben
-Epoche im Leben Jesu. Dem Plane nach decken sie sich
-vollst&auml;ndig; nur differieren sie in der Auswahl der berichteten
-Ereignisse. Diese beiden Erz&auml;hlungsreihen sind wie pr&auml;destiniert
-miteinander verbunden, statt einander gleichgesetzt zu werden.
-Jede erz&auml;hlte Nordreise beginnt und endigt n&auml;mlich mit
-einem Aufenthalt in Galil&auml;a. Mk 7 <span class="antiqua">31</span>: Nachdem er weggegangen
-aus dem Gebiet von Tyrus, ging er &uuml;ber Sidon an den galil&auml;ischen
-See; Mk 9 <span class="antiqua">30</span> u. <span class="antiqua">33</span>: Und sie gingen weg von da (gemeint
-ist C&auml;sarea Philippi) und wandelten durch Galil&auml;a hin und sie
-kamen nach Kapernaum. Man ist also an dem Ende einer Erz&auml;hlungsreihe
-wieder an dem Ausgangspunkt der andern. Verbindet
-man daher die eine R&uuml;ckkehr aus dem Norden mit dem
-Anfang der andern Erz&auml;hlungsreihe, so hat man &auml;usserlich betrachtet
-eine ganz nat&uuml;rliche Fortsetzung, nur dass Jesus jetzt
- <span class="pagenum"><a id="Page_54">[S. 54]</a></span>
-unbegreiflicherweise gleich wieder nach dem Norden muss, statt
-dass die R&uuml;ckkehr nach Galil&auml;a ein Teil der Jerusalemreise ist!
-Diese schliesst sich in dieser Anordnung dann erst an die zweite
-R&uuml;ckkehr an.</p>
-
-<p>In dieser r&uuml;ckl&auml;ufigen Bewegung der beiden Erz&auml;hlungsreihen
-liegt es begr&uuml;ndet, dass sie, obwohl Parall&eacute;lcyklen, sich
-doch in einer Folge aneinanderschliessen. Der jetzige Text zeigt
-ihre vollst&auml;ndige Harmonisierung. Nicht nur dass die zweite Speisungsgeschichte
-auf die erste durch »wiederum« (Mk 8 <span class="antiqua">1</span>) R&uuml;cksicht
-nimmt: der Ausgleich ist sogar soweit vorangeschritten, dass
-Jesus in einem Wort an die J&uuml;nger beide voraussetzt (Mk 8 <span class="antiqua">19-21</span>)!
-Wie weit sich dieser Prozess schon in der m&uuml;ndlichen Ueberlieferung
-vollzogen hatte und was auf das Konto der endg&uuml;ltigen
-litterarischen Zusammenf&uuml;gung kommt, das l&auml;sst sich nicht mehr
-ausmachen.</p>
-
-<p>Nur der erste Cyklus ist vollst&auml;ndig. Jesus f&auml;hrt mit den
-J&uuml;ngern nord&ouml;stlich der K&uuml;ste entlang und kehrt dann wieder
-nach der Landschaft Genezareth zur&uuml;ck (Mc 6 <span class="antiqua">32 45 53</span>). Der
-zweite ist unvollst&auml;ndig und etwas in Unordnung geraten.</p>
-
-<p>Jesus ist von der Seereise zum Westufer zur&uuml;ckgekehrt.
-Mk 8 <span class="antiqua">10</span> ff. entspricht Mk 6 <span class="antiqua">53</span> ff. u. 7 <span class="antiqua">1</span> ff.; Dalmanutha liegt auf
-dem Westufer. Statt dass er aber nun direkt nach Norden aufbricht,
-folgt zuerst wieder eine Fahrt nach dem Ostufer (Mk 8 <span class="antiqua">13</span>).
-Erst von Bethsaida zieht er dann mit ihnen nach Norden (Mk
-8 <span class="antiqua">27</span> ff.). Der erste Cyklus hingegen erz&auml;hlt <em class="gesperrt">diese Seefahrt
-nach Bethsaida als Episode der grossen Uferreise in
-unmittelbarer Folge auf die Speisungsgeschichte</em> (Mk
-6 <span class="antiqua">45</span> ff.). Nun zeigt aber auch die zweite Erz&auml;hlungsreihe, dass
-dies der urspr&uuml;ngliche Zusammenhang war, denn auch hier, wie in
-der ersten, bezieht sich das Gespr&auml;ch beim Landen auf die vorhergegangene
-Speisung. Mk 6 <span class="antiqua">52</span>: »Denn sie waren nicht zur Einsicht
-gekommen &uuml;ber den Broten, sondern ihr Herz war verstockt«.
-Mk 8 <span class="antiqua">19-21</span>: »Da ich die f&uuml;nf Brote gebrochen habe &mdash; da ich
-die sieben gebrochen habe &mdash; versteht ihr noch nicht?« Es ist
-also unm&ouml;glich, dass zwischen dieser Fahrt und der Speisung alle
-Auftritte, die sich auf dem Westufer abgespielt haben, dazwischen
-liegen. Das Denken aller ist ja noch von dem grossen Ereignis
-beherrscht. <em class="gesperrt">Die neue Seereise des zweiten Cyklus ist
-nichts anderes als die urspr&uuml;ngliche Fortsetzung der
-Fahrt von dem Platz der Speisung nach Bethsaida.</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[S. 55]</a></span></p>
-
-<p class="pmb3">Damit ist der Parallelismus der beiden Erz&auml;hlungsreihen erwiesen.
-Die Ereignisse verlaufen in der Folge: Uferfahrt vom
-Westufer aus, Speisung, Weiterfahrt nach dem Nordosten,
-»Meerwandeln« resp. Gespr&auml;ch im Boot, Ankunft in Bethsaida,
-R&uuml;ckkehr nach der Landschaft Genezareth, Diskussion mit den
-Pharis&auml;ern, Aufbruch mit den J&uuml;ngern nach dem Norden.</p>
-
-
-<h3>2. Das Abendmahl am See Genezareth.</h3>
-
-<p>Die Predigt der J&uuml;nger von der unmittelbaren N&auml;he des
-Reiches muss einen grossen Erfolg gehabt haben. Eine gewaltige
-Menge von solchen, die der Kunde glauben, scharen sich um
-Jesus. Er hat eine von der hochgradigsten eschatologischen Erwartung
-beseelte Gemeinde um sich. Sie lassen ihn nicht los.
-Um mit den J&uuml;ngern allein zu sein, besteigt er ein Schiff. Er
-gedenkt sich nach dem Nordostufer zur&uuml;ckzuziehen. Die Menge
-aber, als sie erf&auml;hrt, dass er sich entfernen will, str&ouml;mt allerorts
-zusammen und folgt am Strande. Mk 6 <span class="antiqua">32</span> u. <span class="antiqua">33</span>: »Es war eine
-Menge Leute da, die kamen und gingen; und sie hatten nicht
-einmal Zeit zu essen. Und sie gingen zu Schiff hin beiseits an
-einen einsamen Ort; und viele sahen sie hingehen und erkannten
-sie. Und sie liefen von allen St&auml;dten aus zu Fuss dahin zusammen
-und kamen ihnen zuvor«.</p>
-
-<p>Sie treffen ihn in einsamer Gegend und umringen ihn alsbald.
-Die Stunde der Mahlzeit kommt. In den Berichten von
-der wunderbaren Speisung ist uns das Mahl, das sie feierten, erhalten.
-<em class="gesperrt">Es handelte sich um ein feierliches Kultmahl!</em>
-Nach weihevollem Dankgebet l&auml;sst Jesus durch seine J&uuml;nger das
-von ihm gebrochene Brot unter die Menge verteilen. Mit Ausnahme
-der beiden Gleichnisse haben wir absolut denselben feierlichen
-Vorgang wie beim Abendmahl. Er teilt pers&ouml;nlich Speise
-unter die Tischgenossenschaft aus. Die Schilderung der Brotausteilung
-hier entspricht vollst&auml;ndig dem ersten Abendmahlsakt.
-Mk 6 <span class="antiqua">41</span>: Er nahm die Brote, segnete sie, zum Himmel aufblickend,
-brach sie und gab sie den J&uuml;ngern, sie ihnen vorzusetzen.
-Mk 14 <span class="antiqua">22</span>: Er nahm das Brot, segnete und brach es und
-gab es ihnen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">In der feierlichen Austeilungshandlung</em> liegt also
-das Wesen sowohl jener Mahlzeit am Strand als auch des letzten
-Mahls mit den J&uuml;ngern begr&uuml;ndet. Der Name Abendmahl geht
-auf beide, denn auch jenes Mahl am See fand in der Abendstunde
- <span class="pagenum"><a id="Page_56">[S. 56]</a></span>
-statt. Mk 6 <span class="antiqua">35</span>: Und wie es schon sp&auml;t wurde, traten seine J&uuml;nger
-zu ihm etc. Hier setzt sich die Mahlgemeinschaft aus der grossen
-Menge der Reichsgl&auml;ubigen zusammen, beim letzten Mahl ist sie
-auf den J&uuml;ngerkreis beschr&auml;nkt. <em class="gesperrt">Die Feier aber war dieselbe.</em></p>
-
-<p>Hier ist sie nun in einen Wunderbericht verzerrt, weil das
-Kultmahl, das Jesus am See improvisiert, als ein S&auml;ttigungsmahl
-aufgefasst wird. Dass er den geringen Vorrat, der zu H&auml;nden war,
-die f&uuml;r ihn und seine J&uuml;nger bestimmte Speise der Menge feierlich
-austeilte, ist historisch. Dass dieses Mahl ihnen die abendliche
-Mahlzeit ersetzte, trifft ebenfalls zu. Dass die Menge davon
-aber durch einen &uuml;bernat&uuml;rlichen Vorgang <em class="gesperrt">satt wurde</em>, das
-geh&ouml;rt zum Wundercharakter, welchen die sp&auml;tere Zeit der Feier
-beilegte, weil man sich ihre Bedeutung nicht zurechtlegen
-konnte.</p>
-
-<p>Der historische Vorgang ist also folgender: Die J&uuml;nger
-verlangen, Jesus solle das Volk entlassen, damit sie sich s&auml;ttigen.
-F&uuml;r ihn aber ist es nicht der Augenblick, an irdische Mahlzeit zu
-denken und daf&uuml;r auseinanderzugehen, denn die Stunde ist nahe,
-wo sie alle um ihn zum messianischen Mahl versammelt sein werden.
-Darum will er nicht, dass sie jetzt gehen, sondern, ehe er
-sie entl&auml;sst, heisst er sie sich lagern. An die Stelle der S&auml;ttigungsmahlzeit
-setzt er ein feierliches Kultmahl, bei dem die irdische
-S&auml;ttigung keine Rolle spielt, sodass die f&uuml;r ihn und seine
-J&uuml;nger bestimmte Speise ausreicht.</p>
-
-<p>Weder die J&uuml;nger noch die Menge verstehen, was vorgeht.
-Als Jesus nachher im Schiff die Rede auf die Bedeutung der
-Mahlzeit bringt &mdash; dies allein kann der historische Sinn der dunkeln
-Notizen Mk 6 <span class="antiqua">52</span> und Mk 8 <span class="antiqua">14-21</span> sein &mdash; zeigt sich, dass sie
-nichts begriffen haben.</p>
-
-<p>Er hielt also ein Kultmahl ab, dessen Sinn ihm allein klar
-war. Er achtete es nicht f&uuml;r n&ouml;tig, ihnen das Wesen der Feier
-zu erkl&auml;ren. Die Erinnerung aber an jene geheimnisvolle Abendmahlzeit
-am einsamen Seestrand lebte in der Ueberlieferung
-lebendig weiter und wuchs zum Bericht der wunderbaren Speisung
-aus.</p>
-
-<p>Worin bestand f&uuml;r Jesus der feierliche Charakter der Austeilung?
-Die Mahlgemeinschaft tr&auml;gt eschatologischen Charakter.
-Das Volk, das sich am See um ihn gesammelt, erwartet mit ihm
-das Anbrechen des Reiches. Indem er nun an die Stelle der gew&ouml;hnlichen
- <span class="pagenum"><a id="Page_57">[S. 57]</a></span>
-S&auml;ttigungsmahlzeit ein Kultmahl setzt, wo er unter
-Danksagung zu Gott ihnen Speise austeilt, da handelt er aus
-seinem messianischen Selbstbewusstsein heraus. <em class="gesperrt">Als derjenige,
-welcher sich Messias weiss und bei dem unmittelbar bevorstehenden
-Einbrechen des Reiches ihnen als solcher
-geoffenbart werden wird, teilt er denjenigen, welche er
-demn&auml;chst beim messianischen Mahl um sich erwartet,
-feierlich Speise aus, als wollte er ihnen damit ein Anrecht
-auf Teilnahme an jener zuk&uuml;nftigen Feier geben.</em>
-Die Zeit der irdischen Mahlzeiten ist vorbei; darum h&auml;lt er mit
-ihnen die Vorfeier des messianischen Mahles. Sie aber verstanden
-es nicht, denn sie konnten nicht ahnen, dass derjenige, welcher
-ihnen so weihevoll Speise in Danksagung austeilte, sich als
-Messias wusste und als solcher handelte.</p>
-
-<p>In diesem Zusammenhang f&auml;llt nun ein Licht auf das Wesen
-des Abendmahls zu Jerusalem. Dort repr&auml;sentieren die J&uuml;nger
-die reichsgl&auml;ubige Gemeinschaft. Jesus teilt ihnen im Verlauf
-jener letzten Mahlzeit unter Danksagungswort Speise und Trank
-aus. Nun wissen sie aber, was er von sich h&auml;lt. Er hat ihnen sein
-messianisches Geheimnis enth&uuml;llt. Sie k&ouml;nnen daraus die Beziehung
-seiner Austeilung auf das messianische Mahl ahnen. Er
-selbst gibt seinem Handeln diese Bedeutung, indem er die Feier
-mit dem Hinweis auf die demn&auml;chstige Wiedervereinigung beschliesst,
-wo er mit ihnen den Wein neu trinken wird in seines
-Vaters Reich!</p>
-
-<p class="pmb3">Das Abendmahl am See und das Abendmahl zu Jerusalem
-entsprechen sich also vollkommen, nur dass Jesus bei letzterem
-den J&uuml;ngern das Wesen der Feier andeutet und zugleich in den
-beiden Gleichnissen den Leidensgedanken zum Ausdruck bringt.
-Das Kultmahl war dasselbe: eine Vorfeier des messianischen
-Mahles im Kreise der reichsgl&auml;ubigen Genossenschaft. <em class="gesperrt">Jetzt
-versteht man erst, wie das Wesen des Abendmahls von
-den Gleichnissen unabh&auml;ngig sein kann.</em></p>
-
-
-<p>3. Die Woche zu Bethsaida.</p>
-
-<p>W&auml;hrend der Feier war Jesus tief ergriffen. Darum dr&auml;ngte
-er zum Aufbruch und entliess das Volk. Er selbst zog sich auf
-einen Berg zur&uuml;ck, um im Gebet allein zu sein. Am Strande zu
-Bethsaida, wohin er ihnen zu rudern befohlen hatte, traf er die
-Seinen wieder. Im Kampf mit Sturm und Wellen w&auml;hnten sie
- <span class="pagenum"><a id="Page_58">[S. 58]</a></span>
-eine &uuml;berirdische Erscheinung auf sie zukommen zu sehen, als
-sie seine Gestalt am Strande erblickten. So sehr standen sie
-noch unter dem Eindruck der gewaltigen Pers&ouml;nlichkeit, welche
-voll geheimnisvoller Hoheit der Menge feierlich Speise ausgeteilt
-und dann die Feier pl&ouml;tzlich abgebrochen hatte (Mk 6 <span class="antiqua">45-52</span>).</p>
-
-<p>Wohin hatte er die Menge entlassen? Was thaten sie in
-Bethsaida? Wie lang blieben sie dort? Unser Text berichtet
-nur, dass sie wieder nach Genezareth zur&uuml;ckkehrten.</p>
-
-<p>Nun bietet aber die synoptische Geschichtserz&auml;hlung f&uuml;r die
-Zeit vor dem Aufbruch nach Jerusalem (Mk 9 <span class="antiqua">30</span>) ein schweres
-litterarisches Problem. Mk 8 <span class="antiqua">27-33</span> befindet sich Jesus allein mit
-seinen J&uuml;ngern hoch im Norden auf heidnischem Gebiet; von
-dort bricht er auch 9 <span class="antiqua">30</span> ff. zum raschen Zug durch Galil&auml;a nach
-Jerusalem auf. »Sie zogen von dort weg und nahmen ihren Weg
-durch Galil&auml;a; er wollte aber nicht, dass jemand davon wusste.«
-Zwischen die Messianit&auml;tserkl&auml;rung und diesen Aufbruch f&auml;llt
-nun eine Scene (Mk 8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">29</span>), wo er von einer grossen Volksmenge
-umgeben erscheint. Er verl&auml;sst sie mit den Intimen, um
-nachher wieder zu ihr zur&uuml;ckzukehren. Nirgends wird berichtet,
-wie dieses Volk pl&ouml;tzlich auf heidnischem Land sich zu ihm findet.
-Ebensowenig erfahren wir, wie es ihn wieder verl&auml;sst, dass er Mk
-9 <span class="antiqua">30</span> ff. allein mit den J&uuml;ngern und unerkannt durch Galil&auml;a
-ziehen kann.</p>
-
-<p>Aber nicht nur die Volksmenge kommt unerwartet, sondern
-die ganze Scenerie ver&auml;ndert sich. Man befindet sich in bekannter
-Gegend, denn Jesus geht mit den J&uuml;ngern »ins Haus«, w&auml;hrend
-das Volk draussen bleibt (Mk 9 <span class="antiqua">28</span>)!</p>
-
-<p>Der litterarische Zusammenhang, in dem das St&uuml;ck steht,
-ist absolut unm&ouml;glich, denn es kann nicht auf <em class="gesperrt">heidnischem
-Boden</em>, sondern nur in <em class="gesperrt">Galil&auml;a</em> spielen! Da aber Jesus nachher
-Galil&auml;a nur im Fluge und incognito ber&uuml;hrt, so geh&ouml;rt es in
-die galil&auml;ische Periode <em class="gesperrt">vor den Aufbruch nach dem Norden
-und zwar in die Zeit nach der R&uuml;ckkehr der J&uuml;nger</em>, da
-er dort von einer st&auml;ndigen Volksmenge umgeben ist und dabei
-mit den J&uuml;ngern die Einsamkeit aufsucht!</p>
-
-<p>Die Situation l&auml;sst sich aber mit Sicherheit noch genauer
-bestimmen. Jesus wohnt in einer Ortschaft (Mk 9 <span class="antiqua">28</span>), in deren
-N&auml;he ein Berg sich befindet, zu dem er sich mit den Intimen begibt
-(Mk 9 <span class="antiqua">2</span>). Dies passt aber alles mit absoluter Sicherheit auf
-den Aufenthalt <em class="gesperrt">in Bethsaida</em>. Der Berg, den er mit den drei
- <span class="pagenum"><a id="Page_59">[S. 59]</a></span>
-Intimen aufsucht, ist <em class="gesperrt">der Berg am Nordstrand des Sees,
-auf dem er gebetet in der Nacht, da er nach Bethsaida
-kam</em>!</p>
-
-<p>Das St&uuml;ck Mk 8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">29</span> geh&ouml;rt also in die Tage von Bethsaida!
-Es ist nicht mehr auszumachen, durch welchen Prozess
-es in den vorliegenden, unm&ouml;glichen litterarischen Zusammenhang
-geriet. Von Einfluss auf diese Einreihung wird gewesen
-sein, dass sich an die Leidensweissagung in C&auml;sarea Philippi (Mk
-8 <span class="antiqua">31-33</span>) am nat&uuml;rlichsten das eindringliche Wort von der Leidensnachfolge
-der Anh&auml;nger anzuschliessen schien (Mk 8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">1</span>).</p>
-
-<p>Zudem hatte die Umbildung des Berichts von dem Zusammentreffen
-Jesu mit seinen landenden J&uuml;ngern in eine Wundererz&auml;hlung
-den nat&uuml;rlichen Anschluss des Berichts von dem am
-folgenden Morgen eintretenden Ereignisse erschwert. Und doch
-setzt Mk 8 <span class="antiqua">34</span> ff. die Massnahmen des vorhergehenden Abends
-voraus (Mk 6 <span class="antiqua">45-47</span>). Jesus hat das Volk entlassen, sich selbst
-in die Einsamkeit zur&uuml;ckgezogen und ist mit den J&uuml;ngern im
-Dunkel der Nacht in Bethsaida eingetroffen, wo sie im Hause
-(Mk 9 <span class="antiqua">28</span>) Herberge haben. Am andern Tage ruft er das Volk
-mit den J&uuml;ngern um sich (Mk 8 <span class="antiqua">34</span>) und redet zu ihnen von der
-Selbstverleugnung, die in seiner Nachfolge gewillt sein muss,
-Schande, Hohn und Spott zu erdulden, um bei ihm auszuharren.
-Dieses Verhalten wird durch die N&auml;he der Ankunft
-des Menschensohnes gerechtfertigt, der in Solidarit&auml;t mit Jesu
-richten wird.</p>
-
-<p>Den Beschluss dieser mahnenden Rede bildet ein Wort »von
-dem Hereinbrechen des Reiches Gottes mit Macht«, d. h. der
-eschatologischen Realisierung desselben. In der jetzigen Form
-ist es abgeschw&auml;cht: einige von den Umstehenden werden den
-Tod nicht schmecken, bevor jener Augenblick eintritt. Als Abschluss
-dieser Rede muss es aber gelautet haben: Ihr, die ihr
-hier steht, werdet in B&auml;lde den grossen Augenblick des gewaltsamen
-Einbruchs des Reiches Gottes erleben! So passt diese
-ernste Rede in Bethsaida zu den Erwartungen, die Jesum und
-die Menge um ihn bewegten.</p>
-
-<p>Sechs Tage nach jener Rede in Bethsaida nimmt er die Intimen
-mit sich und f&uuml;hrt sie auf den Berg, wo er am Abend nach
-dem grossen gemeinschaftlichen Kultmahl in der Einsamkeit gebetet.
-Bei ihrer R&uuml;ckkehr finden sie die andern J&uuml;nger vom
-Volk umgeben; trotz der von ihnen auf ihrem Wanderzug durch
- <span class="pagenum"><a id="Page_60">[S. 60]</a></span>
-die Ortschaften Israels bewiesenen Vollmacht &uuml;ber die D&auml;monen
-werden sie nicht Herr &uuml;ber einen Besessenen, der ihnen zugef&uuml;hrt
-worden. Jesus geht mit dem Vater und dem Besessenen abseits;
-in dem Augenblick, wo das Volk herbeil&auml;uft (Mk 9 <span class="antiqua">25-27</span>), beginnt
-die Krisis, nach der Jesus den wie tot daliegenden Knaben bei
-der Hand fasst und aufrichtet.</p>
-
-<p>So enth&auml;lt dieses merkw&uuml;rdige eingeschobene St&uuml;ck Mk
-8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">29</span> einen anschaulichen Bericht &uuml;ber den ersten und
-letzten Tag der Woche, die er damals zwischen der R&uuml;ckkehr
-der J&uuml;nger und dem Aufbruch nach dem Norden in Bethsaida
-verbrachte.</p>
-
-<p>Erst jetzt wird ganz klar, wie unhistorisch die Ansicht ist,
-dass Jesus Galil&auml;a infolge des wachsenden Widerstandes und
-des zunehmenden Abfalls verlassen habe. Im Gegenteil: es ist
-die Zeit der h&ouml;chsten Triumphe. Eine reichsgl&auml;ubige Volksmenge
-h&auml;ngt ihm an und verfolgt ihn &uuml;berall. Kaum landet er am Westufer,
-so sind sie schon wieder da. Ihre Zahl ist noch gewachsen
-und w&auml;chst immer fort (Mk 6 <span class="antiqua">53-56</span>). Dass sie ihn verlassen,
-dass sie auch nur die geringste Regung des Zweifels oder Abfalls
-gezeigt haben: davon wissen die Texte nichts. <em class="gesperrt">Nicht das Volk
-verl&auml;sst ihn, sondern er verl&auml;sst das Volk.</em></p>
-
-<p class="pmb3">Das thut er nicht aus Angst vor den jerusalemitischen
-Sendlingen, sondern er f&uuml;hrt nur aus, was er schon seit der R&uuml;ckkehr
-der J&uuml;nger im Sinne hatte. Er will allein sein. Das Volk
-hatte diese Absicht vereitelt, indem es ihm bei der Seefahrt am
-Ufer folgte. Auf das Westufer zur&uuml;ckgekehrt, sieht er sich
-wieder umgeben. Weil er das Alleinsein mit den J&uuml;ngern f&uuml;r
-absolut notwendig h&auml;lt und weil es ihm in Galil&auml;a nicht gelingt,
-deswegen verschwindet er pl&ouml;tzlich und begibt sich auf heidnisches
-Gebiet. <em class="gesperrt">Die Nordreise ist keine Flucht, sondern
-sie verfolgt denselben Zweck wie die Seereise.</em></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<h2 id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.<br /><br />
-
-Das Messianit&auml;tsgeheimnis.</h2>
-<p class="pmb2" />
-
-
-<h3>1. Vom Verkl&auml;rungsberg nach C&auml;sarea Philippi.</h3>
-
-<p>Nach C&auml;sarea Philippi ist die Verkl&auml;rungsscene bedeutungslos
-und unverst&auml;ndlich. Die drei Intimen erfahren nicht mehr
-&uuml;ber Jesus, als was Petrus schon bekannt und Jesus daraufhin
-best&auml;tigt hat. So ist die ganze Perikope nichts als eine angeh&auml;ngte
- <span class="pagenum"><a id="Page_61">[S. 61]</a></span>
-Apotheose mit einem dunkeln Gespr&auml;ch, der keine geschichtliche
-Bedeutung zukommt.</p>
-
-<p>Spielt die Scene aber, wie oben litterarisch nachgewiesen ist,
-in den Wochen nach der Aussendung, <em class="gesperrt">vor C&auml;sarea Philippi</em>,
-nicht auf dem Berg der Legende, <em class="gesperrt">sondern auf dem Berg in
-der Einsamkeit des Seeufers bei Bethsaida</em>, dann ist mit
-einem Schlage aus der bedeutungslosen Anhangsapotheose zur
-Offenbarung des Messiasgeheimnisses ein galil&auml;isches Ereignis
-von weittragender historischer Bedeutung geworden, <em class="gesperrt">das die
-Scene zu C&auml;sarea Philippi erkl&auml;rt, nicht umgekehrt</em>!
-Was wir die Verkl&auml;rung Jesu nennen, ist in Wirklichkeit nichts
-anderes als <em class="gesperrt">die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an
-die drei Intimen</em>! Einige Wochen sp&auml;ter folgt dann die Er&ouml;ffnung
-an die Zw&ouml;lfe.</p>
-
-<p>Diese Offenbarung an die Intimen ist uns als Wundergeschichte
-&uuml;berliefert. Sie hat dieselbe Umbildung erfahren, wie
-alle Ereignisse auf jener Fahrt l&auml;ngs des Nordstrandes. Wie die
-Speisungsgeschichte und die Begegnung Jesu mit seinen J&uuml;ngern
-im Abenddunkel, so steht auch die Scene auf dem Berg unter
-dem Eindruck der intensivsten eschatologischen Erregtheit. Darum
-ist der historische Vorgang im einzelnen nicht mehr klar.
-Elias und Moses, die Pers&ouml;nlichkeiten, welche die Endzeit ank&uuml;ndigen,
-erscheinen ihnen. Inwiefern haben dabei ekstatische Zust&auml;nde,
-verbunden mit Glossolalie, mitgespielt? Die jetzige Schilderung
-l&auml;sst auf derartiges schliessen (Mk 9 <span class="antiqua">2-6</span>). Inwiefern wiederholt
-sich in der Stimme aus den Wolken das Erlebnis Jesu bei der
-Taufe Jesu? Mk 9 <span class="antiqua">7</span>: »Dies ist mein lieber Sohn, auf ihn h&ouml;ret.«</p>
-
-<p>Zwischen der Taufe und der Verkl&auml;rung besteht ein innerer
-Zusammenhang. Beidemal handelt es sich um einen Zustand der
-Verz&uuml;ckung, in dem das Geheimnis der Pers&ouml;nlichkeit Jesu offenbar
-wird. Das erste Mal war es f&uuml;r ihn allein. Hier nehmen auch
-die J&uuml;nger daran teil. Wie weit sie selbst hingerissen waren, ist
-nicht klar. Fest steht, dass in einem Zustand der Bet&auml;ubung,
-aus dem sie erst am Ende der Scene erwachen (Mk 9 <span class="antiqua">8</span>), die Gestalt
-Jesu ihnen von &uuml;berirdischem Glanz und Herrlichkeit umstrahlt
-erscheint und sie eine Stimme h&ouml;ren, er sei Gottes Sohn.
-Der Vorgang erkl&auml;rt sich nur aus der gewaltigen eschatologischen
-Aufregung.</p>
-
-<p>Es ist merkw&uuml;rdig, dass die Offenbarwerdung des Messiasgeheimnisses
-<em class="gesperrt">immer</em> an derartige Zust&auml;nde gekn&uuml;pft erscheint.
- <span class="pagenum"><a id="Page_62">[S. 62]</a></span>
-Bei der Pfingstrede, wo Petrus die Messianit&auml;t Jesu &ouml;ffentlich
-verk&uuml;ndigt, handelt es sich auch um Glossolalie. Freilich hatte
-er diesen Zustand schon erlebt, als ihm die Offenbarung auf dem
-Berg bei Bethsaida wurde. Auch Paulus befindet sich in Verz&uuml;ckung,
-als er die Stimme aus den Wolken h&ouml;rt.</p>
-
-<p>Wir haben oben dargethan, dass niemand durch Jesu Auftreten
-oder durch seine Reden jemals auf den Gedanken kommen
-konnte, er halte sich f&uuml;r den Messias. Die Frage dreht sich nicht
-darum, wie die Leute seine Messianit&auml;t ignorieren konnten, sondern
-woher Petrus zu C&auml;sarea Philippi und der Hohepriester in
-der Gerichtsscene im Besitz des Geheimnisses Jesu sind.</p>
-
-<p>Die Verkl&auml;rungsscene l&ouml;st die erste Frage. Petrus weiss,
-dass Jesus »Sohn Gottes« ist aus der Offenbarung, die ihm mit
-den andern beiden Intimen auf dem Berg bei Bethsaida geworden
-ist. Darum antwortet er mit einer solchen Sicherheit auf die gestellte
-Frage (Mk 8 <span class="antiqua">29</span>). Der matth&auml;ische Text f&uuml;gt sogar noch
-ein Wort bei, in dem Jesus auf das Erlebnis, wo ihm diese Erkenntnis
-zu teil geworden, anspielt. Mt 16 <span class="antiqua">17</span>: Selig bist du
-Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat es dir nicht geoffenbart,
-sondern der Vater im Himmel.</p>
-
-<p>Aber auch die auf die Antwort des Petrus folgende Scene
-zeigt, dass es sich um ein beiden gemeinsames Geheimnis handelt.
-Auf die Er&ouml;ffnung Jesu, dass er in Jerusalem sterben m&uuml;sse,
-f&auml;hrt Petrus heftig und r&uuml;cksichtslos auf ihn ein, nimmt ihn zur
-Seite und redet mit ihm in aufgeregter Weise. <em class="gesperrt">Als Jesus
-sieht, dass die &uuml;brigen J&uuml;nger aufmerksam werden</em>, reisst
-er sich mit einem harten Wort von ihm los, indem er ihn den
-Versucher nennt, der nicht Gottes Dinge, sondern Menschendinge
-sinne (Mk 8 <span class="antiqua">32 u. 33</span>).</p>
-
-<p>Warum die Aufregung des Petrus &uuml;ber die Er&ouml;ffnung Jesu
-von der Todesreise nach Jerusalem? Weil sie neu hinzukommt
-zu dem, was ihm aus jener Scene auf dem Berg bei Bethsaida
-bekannt ist. Nun darf er aber davon vor den andern J&uuml;ngern
-nicht reden, weil Jesus den Intimen verboten hatte, jenes Ereignis
-zu erw&auml;hnen. Darum nimmt er ihn bei Seite. Jesus aber kann,
-da die andern aufmerksam werden, sich mit ihm nicht dar&uuml;ber
-auseinandersetzen, sondern er gebietet ihm leidenschaftlich erregt
-Schweigen.</p>
-
-<p>Nur der Zusammenhang mit der Verkl&auml;rungsscene erkl&auml;rt
-die charakteristischen Z&uuml;ge des Ereignisses zu C&auml;sarea Philippi.
- <span class="pagenum"><a id="Page_63">[S. 63]</a></span>
-Die allgemein im Gebrauch befindlichen psychologischen Noterw&auml;gungen
-&uuml;ber die schnelle Auffassungskraft des Petrus und
-sein lebhaftes Temperament k&ouml;nnen nicht im geringsten erkl&auml;ren,
-warum er allein mit solcher Sicherheit zur Erkenntnis
-der Messianit&auml;t Jesu gekommen, um sie alsbald wieder so misszuverstehen,
-dass er mit Jesus darob in heftiges Gerede
-kommt. Warum gehen beide mit einander abseits? Warum
-belehrt ihn Jesus nicht, sondern l&auml;sst ihn mit hartem Scheltwort
-stehen?</p>
-
-<p class="pmb3">An sich ist also die ganze Scene zu C&auml;sarea Philippi ein
-R&auml;tsel. Nimmt man aber an, dass die Verkl&auml;rungsscene vorausgegangen
-ist, so l&ouml;st sich das R&auml;tsel und die Scene wird bis
-ins kleinste Detail verst&auml;ndlich. <em class="gesperrt">Der Offenbarung an die
-Zw&ouml;lf ging die Kundgebung des Messiasgeheimnisses
-an die Intimen voraus.</em></p>
-
-
-<h3>2. Der futurische Charakter der Messianit&auml;t Jesu.</h3>
-
-<p>Die Offenbarung des Messiasgeheimnisses &auml;nderte vorl&auml;ufig
-nichts in dem Verhalten der J&uuml;nger zu Jesu. Sie sind nicht vor
-ihm in den Staub gesunken, als ob nun aus dem Menschen, den
-sie gekannt, eine &uuml;berirdische Erscheinung geworden w&auml;re. Nur
-eine gewisse Scheu legen sie in der Folge an den Tag. Sie wagen
-ihn nicht zu fragen, wenn sie seine Worte nicht verstehen (Mk 9 <span class="antiqua">32</span>),
-sondern sie gehen neben ihm her als solche, die wissen, dass er
-ein grosses Geheimnis in sich tr&auml;gt.</p>
-
-<p>War nun Jesus vom Tag der Offenbarung seines Messiasgeheimnisses
-an f&uuml;r sie der Messias? <em class="gesperrt">Er war es noch nicht.</em>
-Man muss sich immer wieder erinnern, dass das Reich und der
-Messias unzertrennlich zusammengeh&ouml;ren. Nun war das Reich
-noch nicht erschienen, also auch der Messias nicht. Die Er&ouml;ffnung
-Jesu bezieht sich auf den Zeitpunkt des Anbrechens des
-Reichs. Wann jene Stunde schlagen wird, dann wird er als Messias
-erscheinen, dann wird seine Messianit&auml;t in Herrlichkeit geoffenbart
-werden. Das war das Geheimnis, welches er den J&uuml;ngern
-feierlich bekannt gab.</p>
-
-<p>Jesu Messianit&auml;t war ein Geheimnis nicht nur, weil er davon
-zu sprechen verboten hatte, sondern auch wegen ihrer besonderen
-Art, <em class="gesperrt">sofern sie erst in einem bestimmten Zeitpunkt
-real wurde</em>. Es handelt sich um eine nur in seinem
-Selbstbewusstsein vollziehbare Vorstellung. Darum konnte und
- <span class="pagenum"><a id="Page_64">[S. 64]</a></span>
-brauchte das Volk nicht darum zu wissen. Es gen&uuml;gte, dass sein
-Wort und seine Zeichen sie zum Glauben an die N&auml;he des Reiches
-bekehrten, denn mit dem Anbruch des Reiches wurde ihnen auch
-seine Messianit&auml;t offenbar.</p>
-
-<p>Es ist fast unm&ouml;glich, das Messianit&auml;tsbewusstsein, wie es
-Jesus seinen J&uuml;ngern als Geheimnis offenbarte, in moderne Begriffe
-zu fassen. Mag man es als eine Identit&auml;t zwischen ihm und
-dem erscheinenden Menschensohn beschreiben, mag man es als
-eine Kontinuit&auml;t, die beide Pers&ouml;nlichkeiten verbindet, auffassen,
-oder mag man es sich als ein virtuelles Vorhandensein der Messianit&auml;t
-denken: keine von diesen modernen Anschauungen kann das
-messianische Selbstbewusstsein Jesu, <em class="gesperrt">wie es die J&uuml;nger verstanden</em>,
-wiedergeben.</p>
-
-<p>Uns fehlt n&auml;mlich das »jetzt und dann«, welches ihr Denken
-beherrschte und eine eigenartige Duplicit&auml;t des Selbstbewusstseins
-bedingte. Was wir Identit&auml;t, Kontinuit&auml;t und virtuelle Anlage
-nennen, das ging in ihrer Vorstellung in einer f&uuml;r uns ganz unfassbaren
-Weise ineinander &uuml;ber. Jede Pers&ouml;nlichkeit dachte
-sich selbst in <em class="gesperrt">zwei ganz verschiedenen Zust&auml;nden</em>, sofern
-sie sich n&auml;mlich jetzt in der vormessianischen und dann in der
-messianischen Aera wusste. Ausspr&uuml;che, welche wir nur nach
-der Einheit des Selbstbewusstseins deuten, verstanden sie ganz
-von selbst nach dem ihnen gel&auml;ufigen doppelten Selbstbewusstsein.
-Wenn ihnen also Jesus das Geheimnis seiner Messianit&auml;t offenbarte,
-hiess das f&uuml;r sie nicht, er sei der Messias, wie wir Modernen
-es verstehen m&uuml;ssten, sondern es bedeutet f&uuml;r sie, dass
-ihr Herr und Meister derjenige war, <em class="gesperrt">der im messianischen
-Aeon als Messias geoffenbart werden w&uuml;rde</em>.</p>
-
-<p>Auch sich selbst dachten sie in dieser Doppelheit des Selbstbewusstseins.
-Jedesmal, nachdem Jesus ihnen er&ouml;ffnet, dass er
-vor Antritt seiner Herrschaft leiden m&uuml;sse, machen sie sich Gedanken,
-was sie sein werden im zuk&uuml;nftigen Aeon. Darum folgen
-auf die Leidensweissagungen die Scenen, in denen sie sich streiten,
-wer von ihnen der gr&ouml;sste sein wird im Himmelreich, oder welchen
-die Ehrenpl&auml;tze zu Seiten des Thrones zufallen werden. Bis dahin
-aber bleiben sie, was sie sind, und Jesus, was er ist, ihr Lehrer
-und Meister. »Meister« reden ihn die Zebedaiden Mk 10 <span class="antiqua">35</span> an.
-Als Lehrer soll er versprechen und gew&auml;hren, was sich erf&uuml;llen
-wird, wenn das Reich und damit seine Messianit&auml;t geoffenbart
-sein wird.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p>In diesem Sinne ist also das Messianit&auml;tsbewusstsein Jesu
-futurisch. Weder f&uuml;r ihn noch f&uuml;r die J&uuml;nger lag darin etwas
-Auff&auml;lliges. Im Gegenteil: es entsprach ganz der j&uuml;dischen
-Vorstellung von <em class="gesperrt">dem verborgenen Werden und Wirken
-des Messias</em> (vgl. <span class="smcap">Weber</span>, System der altsynagogalen Theologie,
-1880. S. 342-446). Jesu irdische Laufbahn ging seiner
-Messianit&auml;t in Herrlichkeit voraus. Der Messias musste irdisch
-und unerkannt auftreten und wirken, er musste lehren und durch
-Thun und Leiden ein vollendeter Gerechter werden. Dann erst
-sollte die messianische Aera mit dem Gericht und der Aufrichtung
-des Reichs anbrechen. Von Norden sollte der Messias kommen.
-Jesu Zug von C&auml;sarea Philippi nach Jerusalem war der Lauf des
-unerkannten Messias zur Erlangung seiner Herrlichkeit.</p>
-
-<p>So stand er als werdender Messias mitten drin in der messianischen
-Erwartung seines Volkes. Er durfte sich ihm nicht
-offenbaren, denn die Zeit seines verborgenen Wirkens war
-noch nicht vor&uuml;ber. Darum predigte er die N&auml;he des Reiches
-Gottes.</p>
-
-<p>Aus seinem futurischen Messianit&auml;tsbewusstsein heraus ber&uuml;hrt
-er im Tempel die messianische Dogmatik der Schriftgelehrten,
-als wollte er sie auf das Geheimnis, das dahinter steckt,
-aufmerksam machen. Die Pharis&auml;er sagen: der Messias ist Davids
-Sohn. David aber nennt ihn seinen Herrn. Wie kann er da
-noch sein Sohn sein (Mk 12 <span class="antiqua">35-37</span>)?</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Davids Sohn</em>, also ihm unterstehend, ist der Messias, wenn
-er in diesem Aeon, aus irdischem Geschlecht geboren, verborgen
-wirkt und wird. <em class="gesperrt">Davids Herr</em>, wenn er beim Anbruch des zuk&uuml;nftigen
-Aeons als Messias in Herrlichkeit geoffenbart wird.
-Es liegt Jesu fern, die messianische Dogmatik der Pharis&auml;er anzugreifen.
-Sie ist richtig, denn die Schrift lehrt so. Nur k&ouml;nnen
-sie die Pharis&auml;er selbst nicht erkl&auml;ren, da sie nicht deuten
-k&ouml;nnen, wie einmal der Messias Davids Sohn, das andere Mal
-Davids Herr ist.</p>
-
-<p class="pmb3">Dieser Ausspruch an das Volk im Tempel &mdash; erst Matth&auml;us
-hat daraus eine Vexierfrage gemacht &mdash; steht auf derselben Stufe
-wie das Urteil &uuml;ber den T&auml;ufer. Wer es zu fassen verm&ouml;chte, in
-welcher Vollmacht jener taufte, dass er n&auml;mlich der Elias war,
-wer begreifen k&ouml;nnte, wie der Messias einmal Davids Sohn, dann
-wieder Davids Herr ist &mdash; der w&uuml;sste auch, wer der ist, der so
-redet. Wer Ohren hat zu h&ouml;ren, der h&ouml;re!</p>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_66">[S. 66]</a></span></p>
-
-
-<h3>3. Der Menschensohn und der futurische Charakter
-der Messianit&auml;t Jesu.</h3>
-
-<p>Der Ausdruck »Davidssohn« enth&auml;lt also ein R&auml;tsel. Darum
-gebraucht ihn Jesus nie, wenn er von seiner Messianit&auml;t spricht,
-sondern immer redet er von sich als dem »Menschensohn«. Diese
-Bezeichnung war also besonders geeignet, um sein Messianit&auml;tsbewusstsein
-wiederzugeben.</p>
-
-<p>Er hat es auf diesen Ausdruck abgesehen. Jede messianische
-Bezeichnung, die ihn betreffend gefallen ist, <em class="gesperrt">korrigiert
-und erl&auml;utert er durch »Menschensohn«</em>.</p>
-
-<p>Nachdem es in der Scene auf dem Berg den J&uuml;ngern aufgegangen
-ist, dass er »Gottessohn« sei, redet er beim Abstieg
-zu ihnen von sich als dem »Menschensohn« (Mk 9 <span class="antiqua">7-9</span>).</p>
-
-<p>Petrus proklamiert ihn vor den andern als »den Gesalbten«
-(Mk 8 <span class="antiqua">29</span>). Gleich f&auml;hrt Jesus fort, sie &uuml;ber das Schicksal »des
-Menschensohns« (Mk 8 <span class="antiqua">31</span>) zu belehren.</p>
-
-<p>Bist du Christus, der Sohn des Hochgelobten? fr&auml;gt ihn der
-Hohepriester (Mk 14 <span class="antiqua">61</span>). Ihr werdet sehen den »Menschensohn«
-sitzend zur Rechten der Kraft und kommend auf den Wolken des
-Himmels, antwortet Jesus. Das will heissen: Ja. In der zweiten
-und dritten Leidensweissagung (Mk 9 <span class="antiqua">30-32</span> und Mk 10 <span class="antiqua">32-34</span>)
-ebenso wie in dem Wort vom Dienen (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>) kehrt &uuml;berall
-derselbe Ausdruck wieder.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Messianit&auml;tsbezeichnung »Menschensohn«</em> ist
-<em class="gesperrt">futurischen Charakters</em>. Sie bezieht sich auf den Augenblick,
-wo der Messias auf den Wolken des Himmels zum Gericht erscheinen
-wird. In diesem Sinne hatte Jesus zum Volk und zu
-den J&uuml;ngern vom Kommen des Menschensohnes von jeher geredet.
-Bei der Aussendung weist er die Seinen auf die unmittelbare
-N&auml;he des Tages des Menschensohnes hin (Mt 10 <span class="antiqua">23</span>). Dem
-Volk redet er von dem Kommen des Menschensohnes, um es zu
-vermahnen, bei ihm, Jesus, auszuhalten (Mk 8 <span class="antiqua">38</span>).</p>
-
-<p>Dabei sind er und der Menschensohn f&uuml;r die J&uuml;nger und
-das Volk zwei ganz verschiedene Pers&ouml;nlichkeiten. Der eine ist
-eine <em class="gesperrt">irdische</em>, der andere eine <em class="gesperrt">&uuml;berirdische</em> Gestalt; der eine
-geh&ouml;rt dem <em class="gesperrt">jetzigen</em>, der andere dem <em class="gesperrt">messianischen</em> Zeitalter
-an. Zwischen beiden besteht Solidarit&auml;t, indem der
-Menschensohn f&uuml;r die eintreten wird, welche zu Jesus, dem Verk&uuml;ndiger
-seines Kommens, gestanden sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_67">[S. 67]</a></span></p>
-
-<p>Von diesen Stellen muss man ausgehen, um die Bedeutung
-des Ausdrucks in Jesu Munde zu verstehen. Wer um sein Geheimnis
-nicht weiss, f&uuml;r den sind Jesus und der Menschensohn
-verschiedene Personen. Wem er aber sein Geheimnis offenbart
-hat, f&uuml;r den besteht ein pers&ouml;nlicher Zusammenhang zwischen
-beiden. Jesus ist der, welcher am messianischen Tag als Menschensohn
-erscheinen wird. <em class="gesperrt">Die Offenbarung zu C&auml;sarea
-Philippi besteht darin, dass Jesus seinen J&uuml;ngern
-offenbart, in welchem pers&ouml;nlichen Verh&auml;ltnis er zum
-erscheinenden Menschensohn steht.</em> Als der, welcher
-Menschensohn sein wird, kann er Petri Bekenntnis, dass er Messias
-sei, best&auml;tigen. Seine Antwort auf die Frage des Hohenpriesters
-ist in demselben Sinn bejahend. Er ist Messias: das
-werden sie sehen, wenn er als Menschensohn auf den Wolken des
-Himmels erscheint.</p>
-
-<p>»Menschensohn« ist also der ad&auml;quate Ausdruck f&uuml;r seine
-Messianit&auml;t, so lange er als Jesus von Nazareth in diesem Aeon
-auf seine zuk&uuml;nftige W&uuml;rde zu reden kommt. Wenn er daher zu
-den J&uuml;ngern von sich als dem Menschensohn spricht, so setzt er
-dabei das Doppelbewusstsein voraus. »Der Menschensohn muss
-leiden und wird dann von den Toten auferstehen«: das will
-heissen: »als solcher, der Menschensohn sein wird bei der Totenauferstehung,
-muss ich leiden«. Ebenso ist das Wort vom
-Dienen zu verstehen: als solcher, der als Menschensohn zu der
-h&ouml;chsten Herrschaft im messianischen Aeon berufen ist, muss
-ich jetzt am tiefsten mich im Dienen erniedrigen (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>). So
-sagt er vor der Gefangennahme: die Stunde ist gekommen, dass
-der, welcher Menschensohn sein wird, in S&uuml;nderh&auml;nde &uuml;berantwortet
-wird (Mk 14 <span class="antiqua">21</span> u. <span class="antiqua">41</span>).</p>
-
-<p>Damit ist das Menschensohnproblem klargestellt. Eine gel&auml;ufige
-Selbstbezeichnung war der Ausdruck nicht, sondern eine
-hoheitsvolle Art, mit welcher er in den grossen Momenten seines
-Lebens zu den Eingeweihten von sich als dem zuk&uuml;nftigen Messias
-sprach, w&auml;hrend er f&uuml;r die andern von dem Menschensohn
-als einer von ihm unterschiedenen Gr&ouml;sse redete. In allen F&auml;llen
-aber zeigte der Zusammenhang an, dass er von einer zuk&uuml;nftigen
-Gr&ouml;sse redete, denn in all diesen Stellen wird entweder die Auferstehung
-oder das Erscheinen auf den Wolken des Himmels erw&auml;hnt.
-Die philologischen Bedenken treffen hier also nicht zu.
-Eingeweihte und Uneingeweihte mussten aus der Situation verstehen,
- <span class="pagenum"><a id="Page_68">[S. 68]</a></span>
-dass er von einer bestimmten Pers&ouml;nlichkeit der Zukunft
-redete und nicht von dem Menschen allgemein, wenn auch der
-Ausdruck beidemal derselbe war.</p>
-
-<p class="pmb1">Ganz anders steht es mit einer Reihe von Stellen, wo der
-Ausdruck als reine, unmotivierte Selbstbezeichnung, als einfache
-Umschreibung von »Ich« vorkommt. Hier bestehen alle kritischen
-und philologischen Bedenken unbedingt zu Recht.</p>
-
-<blockquote>
-<table border="0" class="tdl" cellspacing="3" cellpadding="0" summary="Lit.Stellen_Ich">
- <colgroup> <col width="20%" /> <col width="80%" /> </colgroup>
- <tr>
- <td valign="top">Mt 8 <span class="antiqua">20</span>:</td>
- <td valign="top">Der Menschensohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td valign="top">Mt 11 <span class="antiqua">19</span>:</td>
- <td valign="top">Der Menschensohn ist gekommen, isset und
- trinket (im Gegensatz zum T&auml;ufer).</td>
- </tr>
- <tr>
- <td valign="top">Mt 12 <span class="antiqua">32</span>:</td>
- <td valign="top">Die L&auml;sterung wider den heiligen Geist ist noch
- schwerer als die Schm&auml;hung des Menschensohnes.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td valign="top">Mt 12 <span class="antiqua">40</span>:</td>
- <td valign="top">Der Menschensohn wird drei Tage in der Erde
- sein, wie Jonas im Bauch des Fisches.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td valign="top">Mt 13 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">41</span>:</td>
- <td valign="top">Der Menschensohn ist der S&auml;emann; der Menschensohn
- ist der Herr, der den Befehl zur
- Ernte gibt.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td valign="top">Mt 16 <span class="antiqua">13</span>:</td>
- <td valign="top">Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn
- sei?</td>
- </tr>
-</table>
-</blockquote>
-
-<p class="p1">Hier ist der Ausdruck philologisch unm&ouml;glich. Denn wenn
-Jesus ihn so gebraucht h&auml;tte, mussten ihn die H&ouml;rer einfach vom
-»Menschen« verstehen. Nichts zeigt an, dass es sich um die
-k&uuml;nftige messianische W&uuml;rde handelt! Hier bezeichnet er ja
-seinen gegenw&auml;rtigen Zustand damit! »Menschensohn« ist aber
-eine Messiasbezeichnung futurischen Charakters, <em class="gesperrt">da man dabei
-immer an das Kommen auf den Wolken denkt, entsprechend
-Dan 7 <span class="antiqua">13-14</span></em>. Zudem wissen die J&uuml;nger in allen
-diesen Stellen damals noch gar nicht um das Geheimnis Jesu.
-Der Menschensohn ist f&uuml;r sie noch eine von ihm ganz unterschiedene
-Pers&ouml;nlichkeit. Die Einheit des Subjekts ist ihnen ja
-noch unbekannt! Also konnten sie nicht verstehen, dass er hierbei
-von sich rede, sondern sie mussten alles auf den Menschensohn
-beziehen, von dessen Kommen er auch sonst sprach! Damit
-w&auml;ren aber die Stellen alle sinnlos, da sie voraussetzen, es
-handle sich um eine Selbstbezeichnung seinerseits!</p>
-
-<p>Historisch und philologisch ist es also unm&ouml;glich, dass Jesus
-den Ausdruck als unmotivierte, selbstverst&auml;ndliche Selbstbezeichnung
-gebraucht haben kann. Als Selbstbezeichnung, sofern
- <span class="pagenum"><a id="Page_69">[S. 69]</a></span>
-er von sich im Hinblick auf seine k&uuml;nftige messianische
-W&uuml;rde redete, konnten es erst die verstehen, welche um sein Geheimnis
-wussten. Darum sind alle Stellen, in denen er sich <em class="gesperrt">vor
-C&auml;sarea Philippi</em> (f&uuml;r die Intimen vor der Verkl&auml;rung) <em class="gesperrt">als
-Menschensohn bezeichnet, unhistorisch</em>. Historisch sind
-f&uuml;r jene Zeit nur solche, wo er von dem Menschensohn als einer
-mit ihm nicht identischen zuk&uuml;nftigen Erscheinung redet (Mt
-10 <span class="antiqua">23</span> und Mk 8 <span class="antiqua">38</span>). Die oben erw&auml;hnten Stellen, welche den
-Ausdruck als unmotivierte Selbstbezeichnung bieten, sind also
-nicht historisch, sondern nur aus einem litterarischen Prozess
-heraus verst&auml;ndlich. Wie kommt es, dass eine sp&auml;tere Periode
-der evangelischen Geschichtserz&auml;hlung diesen Ausdruck als
-»Selbstbezeichnung Jesu« ansah?</p>
-
-<p>Dies beruht auf einer Verschiebung der Perspektive. Sie
-machte sich in dem Augenblick bemerkbar, wo man die Geschichte
-Jesu von dem Gedanken aus zu schreiben begann, dass
-er auf Erden schon <em class="gesperrt">der Messias war</em>. Denn nun verlor man
-das Bewusstsein, dass f&uuml;r die irdische Existenz Jesu seine Messianit&auml;t
-selbst etwas Futurisches war und dass er sich mit dem
-Ausdruck Menschensohn eben als futurischen Messias bezeichnete.
-Weil nun historisch feststand, dass er von sich als Menschensohn
-geredet, bem&auml;chtigte sich die Geschichtserz&auml;hlung
-dieser emphatischen Selbstbezeichnung. Ohne eine Ahnung davon
-zu haben, dass sie nur f&uuml;r ganz bestimmte Worte und Situationen
-passte, verwandte man sie auf beliebige Stellen, wo er
-von sich selbst sprach, und schuf damit diese philologischen und
-historischen Unm&ouml;glichkeiten.</p>
-
-<p>Dieser falsche Gebrauch beruht also auf einem litterarischen
-Prozess von ausgesprochen sekund&auml;rem Charakter. Es verh&auml;lt
-sich damit, wie mit der unhistorischen Verwendung des Ausdrucks
-Davidssohn bei Matth&auml;us. Dazu stimmt, dass auch die fraglichen
-Menschensohnstellen einer sekund&auml;ren Schicht des Matth&auml;us angeh&ouml;ren.</p>
-
-<p>Vor allem bekunden diesen Charakter: die Umformung der
-einfachen Frage zu C&auml;sarea Philippi (Mt 16 <span class="antiqua">13</span>), die Deutung des
-Gleichnisses vom S&auml;emann (Mt 13 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">41</span>) und die falsche Auslegung
-des Jonaswunders (Mt 12 <span class="antiqua">40</span>).</p>
-
-<p>Ebenso sekund&auml;r ist die Darstellung der Rede &uuml;ber die
-S&uuml;nde wider den heiligen Geist, wo ein Unterschied zwischen der
-L&auml;sterung wider den heiligen Geist und der wider den Menschensohn
- <span class="pagenum"><a id="Page_70">[S. 70]</a></span>
-statuiert wird (Mt 12 <span class="antiqua">32</span>), w&auml;hrend doch in dem Gedanken
-Jesu beides auf dasselbe hinauskommt, da es die bewusste Verstockung
-gegen die in ihm wirkenden Kr&auml;fte des nahen Reichs
-bedeutet. In den Stellen Mt 8 <span class="antiqua">20</span> und Mt 11 <span class="antiqua">19</span> ist der Ausdruck
-unmotiviert, da Jesus dort nur sagen will: ich habe nicht, da ich
-mein Haupt hinlege, ich esse und trinke im Gegensatz zu dem
-asketischen Verhalten des T&auml;ufers.</p>
-
-<p class="pmb1">Eine eigene Bewandtnis hat es mit den beiden unhistorischen
-Menschensohnstellen im Markustext.</p>
-
-<blockquote>
-<table border="0" class="tdl" cellspacing="3" cellpadding="0" summary="Markustext">
- <colgroup> <col width="20%" /> <col width="80%" /> </colgroup>
- <tr>
- <td valign="top">Mk 2 <span class="antiqua">10</span>:</td>
- <td valign="top">Der Menschensohn hat das Recht, auf Erden S&uuml;nden
- zu erlassen.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td valign="top">Mk 2 <span class="antiqua">28</span>:</td>
- <td valign="top">Der Menschensohn ist Herr des Sabbattages.</td>
- </tr>
-</table>
-</blockquote>
-
-<p class="p1 pmb1">Das Sekund&auml;re besteht darin, dass Jesus den Ausdruck als
-<em class="gesperrt">Selbstbezeichnung</em> gebraucht haben soll. Historisch ist, dass
-er ihn in jenem Zusammenhang gebraucht hat, entweder vom
-Menschensohn als einer dritten, eschatologischen Gr&ouml;sse oder
-vom Menschen &uuml;berhaupt. Beidemal gibt es einen Sinn.</p>
-
-<blockquote>
-<table border="0" class="tdl" cellspacing="3" cellpadding="0" summary="Menschensohn_2">
- <colgroup> <col width="10%" /> <col width="90%" /> </colgroup>
- <tr>
- <td valign="top">1.</td>
- <td valign="top">Der Mensch als solcher kann durch die Heilung die S&uuml;ndenvergebung
- auf Erden bekunden.<br />
- Der Mensch als Mensch ist Herr des Sabbattages.</td>
- </tr>
- <tr>
- <td valign="top">2.</td>
- <td valign="top">Im Hinblick auf den kommenden Menschensohn findet jetzt
- schon S&uuml;ndenvergebung auf Erden statt, wie die Heilung
- zeigt.<br />
- Im Hinblick auf das Kommen des Menschensohns ragt
- jetzt schon ein H&ouml;heres in die gesetzliche Sabbatbeobachtung
- hinein. Vor dem H&ouml;heren verschwindet das Gesetz. Das
- zeigt der Fall Davids.</td>
- </tr>
-</table>
-</blockquote>
-
-<p class="p1">Wie man sich die Stellen auch zurechtlegen mag, eines ist
-klar: hier hat der Ausdruck historisch vorgelegen und die Aussage
-Jesu irgendwie motiviert. Sekund&auml;r ist nur, dass jetzt der
-Ausdruck als Selbstbezeichnung erscheint, w&auml;hrend Jesus vom
-Menschen oder vom Menschensohn geredet hat. So stehen diese
-Stellen auf der Schwelle vom geschichtlichen zum litterarisch-ungeschichtlichen
-Gebrauch des Wortes »Menschensohn«.</p>
-
-<p>Von hier aus erfasst man erst die eigentliche Schwierigkeit
-des Menschensohnproblems. Je tiefer bisher die Untersuchung
-ging, in desto weitere Ferne schien die L&ouml;sung zu r&uuml;cken. Dies
-r&uuml;hrte daher, dass keine Ueberlegung eine Scheidung unter den
-so ungleichwertigen Stellen herbeif&uuml;hren konnte. So blieben die
-litterarische und die historische Seite des Problems unl&ouml;sbar verquickt.
- <span class="pagenum"><a id="Page_71">[S. 71]</a></span>
-Mit dem Augenblick aber, wo man von dem Studium des
-Messianit&auml;tsbewusstseins Jesu aus entdeckt, dass der Ausdruck
-Menschensohn der einzige war, in welchem er das Geheimnis
-seiner futurischen W&uuml;rde aussprechen konnte, ist auch die
-Scheidung gegeben. Historisch sind alle Stellen, wo der danielisch-eschatologische
-Charakter des Ausdrucks wirksam ist, unhistorisch
-alle diejenigen, wo dies nicht der Fall ist. Zugleich erkl&auml;rt
-sich durch die Verschiebung in der Perspektive, wie f&uuml;r eine
-sp&auml;tere Geschichtserz&auml;hlung der Ausdruck im Munde Jesu nur
-die Bedeutung einer unmotivierten Selbstbezeichnung haben
-konnte, die in allen Situationen, wo er von sich selbst sprach, angebracht
-schien.</p>
-
-<p>Endlich l&ouml;st sich auch das letzte R&auml;tsel. Warum verschwindet
-der Ausdruck in der Sprache des Urchristentums? Warum bezeichnete
-niemand den Messias als Menschensohn (ausser Akt
-7 <span class="antiqua">56</span>), da ihn doch Jesus ausschliesslich f&uuml;r seine W&uuml;rde gebraucht
-hatte? Das r&uuml;hrt daher, dass »Menschensohn« der messianische
-Ausdruck nur f&uuml;r eine klar bestimmte Episode des messianischen
-Dramas war. Menschensohn war der Messias in dem Augenblick,
-wo er auf den Wolken des Himmels der Welt zum Gericht und
-zur Herrschaft offenbar wurde. An jenen Augenblick dachte
-Jesus ausschliesslich, weil er erst von da an f&uuml;r die Menschen
-Messias war. Das Urchristentum aber erblickte, weil sich eine
-Zwischenzeit einschob, Jesum als Messias droben im Himmel
-zur Rechten Gottes. Er war schon der Messias und wurde es
-f&uuml;r sie nicht erst mit dem Augenblicke der Erscheinung des
-Menschensohns. Weil sich also auch hier die Perspektive verschoben
-hatte, gebrauchte man den allgemeinen Ausdruck
-»Messias«, nicht das auf eine besondere Scene hinweisende
-»Menschensohn«.</p>
-
-<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Jesus h&auml;tte sich ungenau ausgedr&uuml;ckt, wenn er gesagt
-h&auml;tte: ich bin der Messias; denn er war es erst mit
-seinem &uuml;berirdischen Erscheinen als Menschensohn.
-Im Urchristentum h&auml;tte man sich ungenau ausgedr&uuml;ckt,
-wenn man gesagt h&auml;tte: Jesus ist der Menschensohn.
-Denn nach der Auferstehung war er der Messias
-zur Rechten Gottes, dessen Erscheinen als Menschensohn
-man erwartete.</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[S. 72]</a></span></p>
-
-
-<h3>4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der Messianit&auml;t Jesu.</h3>
-
-
-<p>Welche Bedeutung haben die Auferstehungsweissagungen?
-Es f&auml;llt uns schwer, anzunehmen, dass Jesus so pr&auml;cis ein solches
-Ereignis vorhergesagt habe. Weit eher scheint es uns erkl&auml;rlich,
-dass seine allgemeinen Aussagen von einer Herrlichkeit, die
-seiner wartete, ex eventu in Auferstehungsweissagungen redigiert
-worden seien.</p>
-
-<p>Diese Kritik ist berechtigt, solange man meint, mit der geweissagten
-Auferstehung handle es sich um ein <em class="gesperrt">isoliertes Ereignis</em>
-in der Existenz Jesu. Das ist aber nur f&uuml;r unser modernes
-Bewusstsein der Fall, weil wir auch in der Auferstehungsfrage
-uneschatologisch denken. F&uuml;r Jesus und die J&uuml;nger hatte aber
-die Auferstehung, von der er redete, eine ganz andere Bedeutung.
-Sie war <em class="gesperrt">ein messianisches Ereignis</em>, welches den Anbruch
-der ganzen zuk&uuml;nftigen Herrlichkeit bedeutete. Wir m&uuml;ssen auch
-hier vom Modernen, Apotheosenhaften in der geweissagten Auferstehung
-abstrahieren. Das zeitgen&ouml;ssische Bewusstsein verstand
-diese »Rehabilitierung« als Offenbarung seiner Messianit&auml;t
-beim Anbruch des Reichs. Wenn also Jesus von seiner Auferstehung
-sprach, dachten die J&uuml;nger <em class="gesperrt">an die grosse messianische
-Auferstehung, in der er als Messias auferstehen
-w&uuml;rde</em>.</p>
-
-<p>In dieser Hinsicht ist das Gespr&auml;ch beim Abstieg vom Berg
-nach der Verkl&auml;rungsscene entscheidend. Er redet dort den Intimen
-zum erstenmal von »der Auferstehung des Menschensohnes
-von den Toten« (Mk 9 <span class="antiqua">9</span>). Sie k&ouml;nnen sich aber »die Auferstehung
-des Menschensohnes« ohne Zusammenhang mit der
-messianischen Auferstehung gar nicht denken. Ihre Aufmerksamkeit
-ist ganz von dem messianischen Ereignis, das ihnen Jesus
-damit in Aussicht stellt, gefangen genommen. Sie machen sich
-deshalb Gedanken &uuml;ber die Totenauferstehung. Wie verh&auml;lt es
-sich damit (Mk 9 <span class="antiqua">10</span>)? Die Bedingungen daf&uuml;r sind n&auml;mlich, soviel
-sie sehen, noch nicht gegeben. Der Elias ist ja noch nicht
-erschienen (Mk 9 <span class="antiqua">11</span>). Jesus beruhigt sie mit dem Hinweis, dass
-er schon da war, wenn ihn die Menschen auch nicht erkannt
-haben. Er meint den T&auml;ufer (Mk 9 <span class="antiqua">12-13</span>).</p>
-
-<p>Dieses Gespr&auml;ch, in dem man sonst &uuml;berhaupt keine fassliche
-Gedankenfolge statuieren kann, wird also in dem Augenblick
- <span class="pagenum"><a id="Page_73">[S. 73]</a></span>
-vollst&auml;ndig durchsichtig und nat&uuml;rlich, wo man bemerkt, wie
-die J&uuml;nger die von Jesus in Aussicht gestellte Auferstehung <em class="gesperrt">nur
-in demselben Gedanken mit der grossen, allgemeinen,
-messianischen Auferstehung denken k&ouml;nnen</em>! Darum
-wirft diese Rede beim Abstieg ein helles Licht auf die sp&auml;tere
-Leidens- und Auferstehungsweissagungen, weil wir hier im stande
-sind, die Gedanken und Erw&auml;gungen, die diese Worte im Herzen
-der J&uuml;nger wachriefen, zu kontrollieren. Ueberdies fehlt in dieser
-»Auferstehungsweissagung« die Erw&auml;hnung der drei Tage, die
-gerade den Anlass zum Einsetzen der Kritik in den folgenden
-Leidensweissagungen bietet. In dieser Hinsicht stimmt das Wort
-beim Abstieg mit dem letzten Ausspruch vor dem Hohenpriester
-&uuml;berein. Beiden fehlt die zeitliche Bestimmung, wann die Auferstehung
-oder das Erscheinen auf den Wolken des Himmels
-statthaben wird. In dem messianischen Ereignis f&auml;llt beides
-zusammen: Auferstehung und Kommen auf den Wolken bedeuten
-nur die Offenbarung seiner Messianit&auml;t am grossen Auferstehungstag.</p>
-
-<p>Diese Erwartung der eschatologischen Totenauferstehung
-beherrschte das Bewusstsein Jesu und seiner Zeitgenossen. Er
-setzt sie in seinen jerusalemitischen Reden voraus. Die Reichserwartung
-und der Glaube an die bevorstehende Totenauferstehung
-geh&ouml;ren eng zusammen. Es ist, wie schon fr&uuml;her bemerkt wurde,
-ein perspektivischer Fehler, den Gedanken Jesu, wenn er vom
-kommenden Reich spricht, eine Orientierung nach vorw&auml;rts zu
-geben, als bez&ouml;ge es sich auf kommende Generationen. So denkt
-der moderne Geist. Bei ihm war es gerade umgekehrt. <em class="gesperrt">Beim
-Reich handelt es sich um die vergangenen Generationen!</em>
-Sie erstehen zum Gericht, welches das Reich einleitet.</p>
-
-<p>Die Totenauferstehung ist die Vorbedingung zur Reichserrichtung.
-Dadurch werden alle Generationen der Welt aus
-ihrer zeitlichen Folge herausgehoben und f&uuml;r das Urteil Gottes
-als gleichzeitig gesetzt. So verlangt z. B. gerade das Gleichnis
-vom Weinberg Gottes (Mk 12 <span class="antiqua">1-12</span>) die Annahme der Totenauferstehung.
-Die ganze Geschichte Israels wird dort in dem
-Verhalten der P&auml;chter beschrieben. Jesus redet von den Generationen
-Israels von den Tagen der Propheten bis zu der gegenw&auml;rtigen,
-der seine Warnung gilt. Im Gleichnis aber ist es nur
-eine Generation, weil das ganze Volk in seinen aufeinanderfolgenden
-Geschlechtern als Kollektivgr&ouml;sse vor Gott tritt, wenn es
- <span class="pagenum"><a id="Page_74">[S. 74]</a></span>
-sich um das Gericht handelt; es ist dann als Ganzes in der Auferstehung
-erstanden.</p>
-
-<p>Ebenso erkl&auml;rt es sich, dass f&uuml;r den Gerichtstag dem Geschlecht
-derer von Sodom noch ein ertr&auml;glicheres Los in Aussicht
-gestellt wird als dem gegenw&auml;rtigen von Kapernaum (Mt
-11 <span class="antiqua">23-24</span>).</p>
-
-<p>Wer das Kommen des Reichs erwartete, der glaubte auch
-an die bevorstehende Totenauferstehung. Darum richtet sich der
-Angriff der Sadduc&auml;er gerade auf diese Frage. Wenn Jesus
-ihnen antwortet, »dass, wenn sie von den Toten auferstehen, sie
-weder freien noch gefreit werden, sondern sein werden, wie die
-Engel im Himmel« (Mk 12 <span class="antiqua">25</span>), so ist dies von dem Zustand im
-Reich Gottes zu verstehen, in das sie durch die Totenauferstehung
-eingehen.</p>
-
-<p>In letzter Linie war die »Totenauferstehung« nur die Art,
-wie sich die Ver&auml;nderung der ganzen Existenzform an denjenigen
-vollzog, die schon in den Tod gesunken waren. Durch das Kommen
-des Reiches Gottes wird aber die irdische Existenzform &uuml;berhaupt
-in eine damit nicht zu vergleichende andere erhoben. In dieser
-Hinsicht erleben auch diejenigen, welche vor dem Ereignis nicht
-in den Tod sinken, eine »Auferstehung«, denn auch ihre Daseinsweise
-wird pl&ouml;tzlich durch eine h&ouml;here Macht in eine andere verwandelt,
-welche sie nun mit denen teilen, die aus dem Tod erweckt
-sind. Verglichen mit dieser neuen Existenzform ist die
-vorhergehende indifferent. Es ist gleich, ob man aus dem irdischen
-Dasein oder aus dem Totenschlaf in die messianische
-Seinsweise eingeht! Im Verh&auml;ltnis zur letzteren ist alles Sein
-»<em class="gesperrt">Tod</em>«. Sie allein ist »<em class="gesperrt">Leben</em>«.</p>
-
-<p>Darum redet Jesus zu den Lebenden von dem Weg, der
-zum »Leben« f&uuml;hret (Mt 7 <span class="antiqua">14</span>). Er empfiehlt, eher ein Glied dieses
-Leibes daran zu geben, wenn es sich um das »Leben« handelt,
-als bei der Auferstehung nicht an der messianischen Existenz teil
-zu haben (Mt 18 <span class="antiqua">8</span> u. <span class="antiqua">9</span>). Der reiche J&uuml;ngling fr&auml;gt, was er thun
-soll, »um das ewige Leben zu ererben«. Als er der erhaltenen
-Weisung nicht folgen will, ist Jesus sehr betr&uuml;bt, weil es so
-schwer ist, dass ein Reicher »in das Gottesreich eingehe« (Mk
-10 <span class="antiqua">17</span> u. <span class="antiqua">25</span>).</p>
-
-<p>Diese Entwertung der irdischen Daseinsform geht bis zur
-Darangabe des irdischen Lebens &uuml;berhaupt, um des Lebens im
-zuk&uuml;nftigen Aeon gewiss und versichert zu werden. Darum erkl&auml;rt
- <span class="pagenum"><a id="Page_75">[S. 75]</a></span>
-Jesus, wo er von der Nachfolge in Leiden und Schmach
-redet, dass »wer sein Leben retten will, der wird es verlieren«.
-Das heisst: Wer sich aus Angst f&uuml;r sein irdisches Dasein unw&uuml;rdig
-macht, dass der Menschensohn vor Gott f&uuml;r ihn eintrete,
-der verwirkt dadurch das messianische Leben, das mit der
-Totenauferstehung anhebt (Mk 8 <span class="antiqua">35</span>).</p>
-
-<p>Wenn das Reich anbricht, ist es einerlei, ob man in einem
-lebendigen oder in einem toten Leib existiert. Diese Erw&auml;gung
-allein gibt das richtige Verhalten in der Verfolgung an. Darum
-sagt Jesus zu den J&uuml;ngern bei der Aussendung: F&uuml;rchtet euch
-nicht vor denen, die den Leib t&ouml;ten, die »Seele« aber nicht verm&ouml;gen
-zu t&ouml;ten; f&uuml;rchtet euch hingegen vor dem, der vermag
-sowohl die »Seele« als auch den Leib zu verderben in der H&ouml;lle
-(Mt 10 <span class="antiqua">28</span>).</p>
-
-<p>Dieselbe Verbindung der urchristlich eschatologischen Erwartung
-mit der Totenauferstehung findet sich in klassischer
-Weise bei Paulus (1 Kor 15 <span class="antiqua">50-54</span>). Es handelt sich hier gar
-nicht um genuin paulinische Gedanken, sondern um eine urchristliche
-Anschauung, welche schon Jesus ausgesprochen hat.
-Fleisch und Blut, ob belebt oder unbelebt, k&ouml;nnen in keiner Weise
-am Reich teil haben. Darum wenn die Stunde schl&auml;gt, wo die
-Toten unverg&auml;nglich auferstehen, werden auch die Lebendigen in
-diese Unverg&auml;nglichkeit verwandelt.</p>
-
-<p>Die Totenauferstehung ist die Br&uuml;cke vom »Jetzt« zum
-»Dann«. Auf ihr beruht die Doppelheit des Selbstbewusstseins.
-Wenn daher Jesus von seiner Auferstehung sprach, gliederten
-die J&uuml;nger dieses Wort in einen grossen Zusammenhang ein. Es
-bedeutete f&uuml;r sie die allgemeine Auferstehung, wo auch sie in die
-Existenzform des Reiches Gottes auferstehen w&uuml;rden. Wohl erwarteten
-sie seine Auferstehung: aber nicht als »Osterereignis«,
-sondern als den Anbruch des messianischen Reiches. Als Auferstandener
-sollte er offenbar werden, wenn er auf den Wolken
-des Himmels als Menschensohn ank&auml;me und den grossen messianischen
-Tag herauff&uuml;hrte.</p>
-
-<p>F&uuml;r unser Empfinden verh&auml;lt sich der Tod Jesu zur Auferstehung
-wie die Dissonanz zu ihrer Aufl&ouml;sung. Bei der Entwertung
-jeglicher Seinsform vor der messianischen Aera lag auf
-dem Tod, f&uuml;r das Empfinden der J&uuml;nger, <em class="gesperrt">ein viel schw&auml;cherer
-Accent</em>. Es handelt sich f&uuml;r sie um einen unendlichen ewigen
-Accord mit einem kurzen, irdischen Vorschlag.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[S. 76]</a></span></p>
-
-<p>Wo wir ein <em class="gesperrt">Nebeneinander</em> von Messianit&auml;tserkl&auml;rung,
-Leidensvorhersagung und Auferstehungsweissagung sehen, erfassten
-sie eine viel straffere Gedankenverbindung. Sie erblickten
-alles im messianischen Licht. Darum entnahmen sie seiner
-Rede nicht drei verschiedene Thatsachen: 1. dass er Messias
-sei, 2. dass er leiden und sterben m&uuml;sse, 3. dass er auferstehen
-werde, sondern sie bedeutete f&uuml;r sie: <em class="gesperrt">unser Meister wird nach
-seinem Tod, bei der Auferstehung, als Menschensohn
-geoffenbart werden</em>. Zugleich machen sie sich Gedanken,
-was dann sie wohl sein werden und welche W&uuml;rde ihnen in der
-neuen Existenz zufallen wird.</p>
-
-<p>So erkl&auml;rt sich, wie ihre messianische Vorstellung durch den
-Gedanken »des leidenden und sterbenden Messias« nicht vollst&auml;ndig
-umgeworfen wurde. Jesus hat ihnen weder den leidenden,
-noch den sterbenden, noch den auferstehenden Messias geoffenbart,
-sondern er hat ihnen von dem erscheinenden Menschensohn
-geredet und ihnen offenbart, dass er es sein werde, wenn er im
-Leiden hier sich vollendet haben w&uuml;rde.</p>
-
-<p>Man kann es nie genug betonen, dass damit seine Messianit&auml;t
-vollst&auml;ndig in der Bahn der volkst&uuml;mlichen Anschauung sich bewegte.
-Das Drama in seinem Leben beruht nicht darin, dass
-seine Messianit&auml;t der gew&ouml;hnlichen Erwartung entgegenlief und
-daraus sich nun Konflikte ergaben, die seinen Tod herbeif&uuml;hrten.
-Das ist erst die Anschauung des vierten Evangeliums. <em class="gesperrt">Der
-historische Jesus beanspruchte die Messianit&auml;t erst
-vom Augenblick der Totenauferstehung an.</em></p>
-
-<p>Diese Auffassung der altsynoptischen Messianit&auml;tser&ouml;ffnungen
-Jesu wird durch die urchristliche Vorstellung absolut gefordert.
-Das Urchristentum setzt voraus, dass Jesu Messianit&auml;tsbewusstsein,
-als er zu den J&uuml;ngern redete und noch als er dem
-Hohenpriester Antwort gab, futurisch war! Denn auch die Petrusreden
-in Akt datieren die Messianit&auml;t erst von seiner Auferstehung
-an. Bis dahin war er Jesus von Nazareth. Nur ist an die
-Stelle des Kommens auf den Wolken des Himmels der vorl&auml;ufige
-Zustand des Sitzens zur Rechten Gottes getreten. »Jesum den
-Nazarener, einen Mann, ausgewiesen von Gott her bei euch mit
-gewaltigen Thaten und Wundern und Zeichen (Akt 2 <span class="antiqua">22</span>), ihn hat
-Gott auferweckt (Akt 2 <span class="antiqua">32</span>) und hat ihn zum Herrn und zum
-Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt« (Akt
-2 <span class="antiqua">36</span>).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p>Dieses Zeugnis der urchristlichen Auffassung der Messianit&auml;t
-Jesu ist allein schon so gewichtig, dass es die ganze synoptische
-Ueberlieferung, wenn sie anders redete, zum Schweigen
-bringen w&uuml;rde. Wie sollte man es begreifen, dass die J&uuml;nger
-verk&uuml;ndeten, Jesus sei durch seine Auferstehung in sein messianisches
-Dasein eingegangen, wenn er ihnen schon auf Erden
-von seiner Messianit&auml;t als gegenw&auml;rtiger W&uuml;rde geredet h&auml;tte!
-Nun entsprechen sich aber die altsynoptische Tradition und
-die Auffassung des Urchristentums vollkommen. Beide erkl&auml;ren
-einstimmig: <em class="gesperrt">Jesu Messianit&auml;tsbewusstsein war
-futurisch!</em></p>
-
-<p>Bes&auml;ssen wir dieses Zeugnis nicht, so w&auml;re uns die Erkenntnis
-seiner historischen Pers&ouml;nlichkeit auf immer verschlossen.
-Denn nach seinem Tode stellen sich alle Voraussetzungen ein,
-die dahin wirken, das Bewusstsein von dem futurischen Charakter
-seiner Messianit&auml;t ausser Kraft zu setzen. Seine Auferstehung
-als Messias fiel mit dem Beginn der messianischen Aera in der
-Totenauferstehung zusammen: so war die Perspektive f&uuml;r die
-J&uuml;nger vor seinem Tod. Nach dem Tode wurde seine Auferstehung
-als Messias ein Faktum f&uuml;r sich. <em class="gesperrt">Jesus war Messias
-vor der messianischen Aera! Das ist die folgenschwere
-Verschiebung in der Perspektive. Darin beruht das
-Tragische, zugleich aber auch das Grossartige in der
-Erscheinung des Christentums &uuml;berhaupt.</em></p>
-
-<p>Das urchristliche Bewusstsein machte die gr&ouml;ssten Anstrengungen,
-die Kluft zu &uuml;berwinden und Jesu Auferstehung
-dennoch als Anbruch der messianischen Aera in der allgemeinen
-Totenauferstehung aufzufassen. Man suchte sich begreiflich zu
-machen, dass es sich gleichsam um die etwas in die L&auml;nge gezogene
-Zwischenpause zwischen den beiden Auftritten des ersten
-Akts des Dramas handelte. Eigentlich aber stand man schon in
-der messianischen Auferstehung. So ist f&uuml;r Paulus Jesus Christus
-durch die Totenauferstehung als Messias erwiesen, »der Erstling
-der Entschlafenen« (I Kor 15 <span class="antiqua">20</span>). Auf diesem Gedanken beruht
-&uuml;berhaupt die ganze paulinische Theologie und Ethik. <em class="gesperrt">Weil
-man sich in dieser Zeit befindet, sind die Gl&auml;ubigen
-eigentlich mit Christo begraben und mit ihm auferstanden
-durch die Taufe.</em> Sie sind die »neue« Kreatur,
-sie sind die »Gerechten«, deren »B&uuml;rgertum« im Himmel ist.
-Erst von diesem Grundgedanken aus erfasst man die Einheit in
- <span class="pagenum"><a id="Page_78">[S. 78]</a></span>
-der f&uuml;r uns sonst so mannigfach zusammengesetzten Gedankenwelt
-Pauli.</p>
-
-<p>Die christliche Geschichts&uuml;berlieferung suchte sich anders
-zu behelfen. Sie nahm eine <em class="gesperrt">Art Vorauferstehung</em> an, die mit
-der Auferstehung Jesu zusammenfiel. Dieser lieh sie die Farben
-des messianischen Tages. Mt 27 <span class="antiqua">50-53</span> ist uns eine solche Zurechtlegung
-in Legendenform erhalten. Mit Jesu Kreuzestod
-bricht das neue Weltalter an. Nach seinem Verscheiden zerreisst
-der Tempelvorhang und Erdbeben, die Zeichen der Endzeit,
-ersch&uuml;ttern die Erde; die Felsen zersplittern; die Gr&auml;ber thun
-sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen werden auferweckt.
-<em class="gesperrt">Nach Jesu Auferstehung</em> gehen sie aus den Gr&auml;bern
-heraus in die heilige Stadt und erscheinen vielen. So h&auml;lt diese
-Erz&auml;hlung daran fest, dass im Anschluss an Jesu Tod mit seiner
-Auferstehung die allgemeine Totenauferstehung unter den Anzeichen
-des messianischen Tages erfolgte &mdash; jedoch nur als eine
-Art Vorspiel.</p>
-
-<p>Die Zeit war eben m&auml;chtiger als die urspr&uuml;nglichen Anschauungen.
-Unerbittlich schob sie sich wie ein auseinandertreibender
-Keil zwischen Jesu Auferstehung und die erwartete
-allgemeine Auferstehung am messianischen Tag und zerst&ouml;rte
-mit dem zeitlichen auch den kausalen Zusammenhang im urspr&uuml;nglichen
-Sinne. Die Messianit&auml;t Jesu stand aus der Vergangenheit
-fest. F&uuml;r die, welche sich dazu bekannten und zugleich
-das Reich als zuk&uuml;nftig erwarteten, schwand das Bewusstsein,
-dass in Jesu Verk&uuml;ndigung seine Messianit&auml;t und das Reich
-zuk&uuml;nftige, <em class="gesperrt">ko&iuml;ncidierende Ereignisse</em> waren. Man fing an,
-die evangelische Geschichte unter dem Gesichtspunkt zu betrachten:
-<em class="gesperrt">Jesus war der Messias.</em> Die Ueberschrift zu dieser
-neuen Geschichtsauffassung hat Paulus geschrieben. Sie heisst
-»<em class="gesperrt">Jesus Christus</em>«: die W&uuml;rde des Auferstandenen wird mit
-der historischen Pers&ouml;nlichkeit in einem Begriff verbunden. Der
-vierte Evangelist hat die Konsequenz daraus gezogen und die
-Geschichte Jesu so dargestellt, als ob er auf Erden als Messias
-aufgetreten w&auml;re.</p>
-
-<p class="pmb3">Es ist die Aufgabe der historischen Forschung, sich von der
-religi&ouml;sen unhistorischen Perspektive f&uuml;r einen Augenblick zu
-emancipieren und die synoptischen Berichte in die richtige Stellung
-zu r&uuml;cken. Dann erst, wenn man das Futurische in Jesu
-Messianit&auml;tsbewusstsein erfasst hat, versteht man, warum er
- <span class="pagenum"><a id="Page_79">[S. 79]</a></span>
-seine W&uuml;rde den J&uuml;ngern als ein »Geheimnis« offenbart hat,
-warum er sich dabei als Menschensohn bezeichnete und in welchem
-Sinne er von seiner Auferstehung sprach.</p>
-
-
-<h3>5. Der Verrat des Judas &mdash; die letzte Bekanntgebung des
-Messiasgeheimnisses.</h3>
-
-<p>Was hat Judas eigentlich verraten? Nach den Schilderungen
-unserer Evangelien sieht es so aus, als h&auml;tte er dem Synedrium
-angegeben, wo sie zu einer bestimmten Stunde Jesum fassen
-k&ouml;nnten. Wenn nun auch diese Angabe des Orts eine Rolle bei
-dem Verrat des Judas gespielt hat, so war dies nur <em class="gesperrt">nebens&auml;chlich</em>.
-Wo Jesus sich aufhielt, konnten sie jederzeit erfahren,
-da er nichts that, um sein Kommen und Gehen zu verheimlichen.
-Wenn sie ihn also greifen wollten, so brauchten sie
-ihm bei seinem Weggang am Abend aus Jerusalem nur einen
-Sp&auml;her nachzusenden, um &uuml;ber seinen Aufenthalt orientiert zu
-sein. Daf&uuml;r h&auml;tten sie keinen aus dem intimen Kreis gebraucht.</p>
-
-<p>Nun lag aber die Hauptschwierigkeit auf einem ganz andern
-Gebiet. Nicht ihn zu <em class="gesperrt">verhaften</em>, sondern ihn zu <em class="gesperrt">verurteilen</em>
-wollte ihnen nicht gelingen, denn sie konnten nichts gegen ihn
-aufbringen. Sie befanden sich ihm und seinem Anhang gegen&uuml;ber
-in der unbequemen Lage, in die jedes ehrbare Kirchenregiment
-notwendig einmal kommt: die Leute waren ihnen zu
-fromm, unordentlich fromm, indem sie mit zu grossem Enthusiasmus
-glaubten, was die andern mit M&auml;ssigung und Ordnung in
-ihrem Bekenntnis mitf&uuml;hlten, dass n&auml;mlich das Reich nahe sei.
-Aus der Vorl&auml;uferw&uuml;rde, die das Volk Jesu beilegte, konnten
-sie keine Verurteilung gewinnen, denn durch seine Zeichen hatte
-er diese W&uuml;rde bew&auml;hrt. Ueberdies hatte er diese W&uuml;rde nie
-&ouml;ffentlich f&uuml;r sich in Anspruch genommen. Dennoch war die
-Art, wie er auftrat, f&uuml;r sie in h&ouml;chstem Masse gef&auml;hrlich. An
-der Spitze des frommen Volkes terrorisierte er sie. Darum
-h&auml;tten sie sich seiner gern entledigt und konnten es nicht.</p>
-
-<p>Man versteht die Haltung und die Schwierigkeiten des Synedriums
-nur, wenn man immer bedenkt, dass aus der ganzen Wirksamkeit
-Jesu niemand auf den Gedanken gekommen war, er
-k&ouml;nne sich f&uuml;r den Messias halten. So wussten sie nichts gegen
-ihn vorzubringen und waren darauf angewiesen, ihn in Reden zu
-fangen, um ihn beim Volke zu diskreditieren, was ihnen nicht
-gelang.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[S. 80]</a></span></p>
-
-<p>Da erscheint Judas bei ihnen und gibt ihnen die t&ouml;dliche
-Waffe in die Hand. Als sie h&ouml;rten, was er ihnen kund that,
-»<em class="gesperrt">freuten sie sich</em>«, denn jetzt war er in ihre Hand gegeben.
-Nun sucht Judas einen geeigneten Augenblick, um ihnen den
-Verratenen in die H&auml;nde zu liefern (Mk 14 <span class="antiqua">11</span>).</p>
-
-<p>Was er ihnen verraten hatte, ersieht man aus der Gerichtsverhandlung.
-Die Zeugen der Pharis&auml;er k&ouml;nnen nichts vorbringen,
-woraufhin man ihn verurteilen kann. Als aber die
-Zeugen abgetreten sind, stellt der Hohepriester an Jesus direkt
-die Frage, ob er der Messias sei. F&uuml;r solche Anspr&uuml;che Jesu
-konnten sie die erforderlichen Zeugen nicht aufbringen &mdash; denn
-es gab keine. <em class="gesperrt">Der Hohepriester befindet sich hier im
-Besitz des Geheimnisses Jesu. Das war der Verrat
-des Judas!</em> Durch ihn wusste das Synedrium, dass er etwas
-anderes zu sein beanspruchte, als wof&uuml;r ihn das Volk hielt, ohne
-dass er dagegen Einspruch erhob.</p>
-
-<p>Aus dem verratenen Geheimnis von C&auml;sarea Philippi gewannen
-sie die entscheidende Anklage. Der Prophet der Endzeit,
-Elias, zu sein, das war keine Gottesl&auml;sterung. Aber zu behaupten,
-Messias zu sein, das war Frevel! Die Perfidie in der Anklage
-lag darin, dass der Hohepriester Jesus ohne weiteres unterschob,
-er hielte sich so, wie er vor ihm stand, f&uuml;r den Messias. Das
-wies Jesus aber zur&uuml;ck mit dem stolzen Wort von seinem Erscheinen
-als Menschensohn. Nichtsdestoweniger wurde er wegen
-Gottesl&auml;sterung verurteilt.</p>
-
-<p class="pmb3">Wir haben also drei Offenbarungen des Messianit&auml;tsgeheimnisses,
-die unter sich eng zusammenh&auml;ngen, so, dass jede folgende
-die vorhergehende voraussetzt. Auf dem Berg bei Bethsaida wird
-den drei Intimen das Geheimnis offenbart, welches Jesus in der
-Taufe aufgegangen war. Das war nach der Erntezeit. Einige
-Wochen sp&auml;ter wird es den Zw&ouml;lfen bekannt, indem Petrus zu
-C&auml;sarea Philippi die Frage Jesu aus dem, was er vom Verkl&auml;rungsberg
-her weiss, beantwortet. Von den Zw&ouml;lfen verr&auml;t einer
-das Geheimnis an den Hohenpriester. Diese letzte Offenbarung
-des Geheimnisses war verh&auml;ngnisvoll, denn sie f&uuml;hrte den Tod
-Jesu herbei. <em class="gesperrt">Er wurde als Messias verurteilt, obwohl
-er nie als solcher aufgetreten war.</em></p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[S. 81]</a></span></p>
-
-
-<h2 id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.<br /><br />
-
-Das Geheimnis des Leidensgedankens.</h2>
-<p class="pmb2" />
-
-
-<h3>1. Die vormessianische Drangsal.</h3>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Hinweis auf das Leiden geh&ouml;rt naturgem&auml;ss
-zur eschatologischen Verk&uuml;ndigung.</em> Eine Zeit unerh&ouml;rter
-Drangsal muss dem Kommen des Reiches vorhergehen. Aus
-diesen Wehen wird der Messias herausgeboren. Das war eine
-&uuml;berall verbreitete Ansicht: anders konnte man sich die Ereignisse
-der Endzeit nicht denken.</p>
-
-<p>Danach muss man die Worte Jesu deuten. Es zeigt sich dann,
-dass er bei seiner Reichspredigt den Gedanken der Enddrangsal
-scharf hervorgehoben hat. Wir nehmen immer an, dass, wenn er
-von Verfolgungen, welchen die Seinen entgegengehen, spricht, damit
-das gemeint sei, was sie nach seinem Tode allein und verwaist
-auf Erden durchmachen m&uuml;ssten. Das ist vollst&auml;ndig
-falsch. Nach seinem Tode wird Jesus Messias durch die Auferstehung,
-und dann bricht die Reichsherrlichkeit an. Nicht was
-sie nach seinem Tode ausstehen m&uuml;ssen, sondern was sie im
-Reich sein werden, das besch&auml;ftigt die Gedanken der J&uuml;nger auf
-dem Weg nach Jerusalem.</p>
-
-<p>Wo er von Leiden und Verfolgung spricht, handelt es sich
-um Drangsale, die seine Anh&auml;nger <em class="gesperrt">mit ihm</em> erdulden m&uuml;ssen
-<em class="gesperrt">vor dem Reichsanbruch</em>. Gemeint ist der letzte Ansturm
-der widerg&ouml;ttlichen Weltmacht, der &uuml;ber diejenigen hereinfluten
-wird, welche in der Erwartung des Gottesreiches die Repr&auml;sentanten
-der g&ouml;ttlichen Macht in der widerg&ouml;ttlichen Welt sind.
-Darum bildet Jesus den Mittelpunkt, auf den hin sich die Drangsal
-konzentriert. Er ist der Fels, der die Wogen aufbranden
-l&auml;sst. Wer von der grossen Weltflut nicht mitgerissen werden
-will, muss sich an ihn anklammern.</p>
-
-<p>Wenn er sagt, dass seine Mission nicht sei, den Frieden zu
-bringen, sondern das Schwert, wenn er von dem Aufruhr redet,
-den er herauff&uuml;hrt, wo die heiligsten irdischen Bande sich l&ouml;sen
-m&uuml;ssen, wo man mit dem Kreuz beladen ihm nachfolgen muss
-und das eigene Leben f&uuml;r nichts achten (Mt 10 <span class="antiqua">34-42</span>), &mdash; dann
-meint er die grosse Verfolgung der Endzeit. Wer das Reich
-Gottes herbein&ouml;tigt, der f&uuml;hrt auch jene herauf, denn das Reich
-und der Messias erstehen ja aus ihr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[S. 82]</a></span></p>
-
-<p>Darum &uuml;berall der grelle Akkord in den messianischen Harmonien!
-Er beschliesst die Seligpreisungen mit dem Hinweis,
-dass sie selig sind, wenn sie gehasst und verfolgt werden und alles
-B&ouml;se um seinetwillen &uuml;ber sie geredet wird. Dann haben sie gerade
-Grund zur Freude und zum Jubel, denn in dem, was sie erdulden
-m&uuml;ssen, offenbart sich ihre Zugeh&ouml;rigkeit zum Gottesreich.
-W&auml;hrend sie von der Weltmacht noch drangsaliert werden,
-ist der Lohn schon im Himmel bereitet (Mt 5 <span class="antiqua">11</span> u. <span class="antiqua">12</span>).</p>
-
-<p>»Verk&uuml;ndet, dass das Reich nahe herbeigekommen ist«, sagt
-er den J&uuml;ngern bei der Aussendung. Zugleich aber bereitet er
-sie eindringlich auf die Enddrangsal vor, denn der Zeiger der
-Weltuhr steht nahe an der grossen Stunde. Sie m&uuml;ssen es
-wissen, damit sie nicht meinen, es widerfahre ihnen etwas Fremdes,
-wenn sie von der Weltmacht zur Verantwortung gezogen
-werden, wenn sich um sie her Aufruhr und Verfolgung erhebt
-und ihrem Leben Gefahr droht. Sie m&uuml;ssen es wissen, damit sie
-nicht irre an ihm werden und ihn verleugnen und an ihm Aergernis
-nehmen, wenn er in der Menschen Gewalt gegeben wird, denn
-er selbst als machtvoller Verk&uuml;ndiger des Reiches hat diesen Aufruhr
-angeregt. Wenn aber die Weltmacht zu siegen scheint,
-dann steht Gott mit seiner Allmacht dar&uuml;ber. Nicht die, welche
-den Leib t&ouml;ten, muss man f&uuml;rchten, sondern den allm&auml;chtigen
-Herrn, welcher beim Gericht Seele und Leib verdammen kann
-in die H&ouml;lle. In diesem letzten Aufruhr richtet die Weltmacht
-sich selbst; nach dem Gericht kommt das Reich. Das ist der
-Grundgedanke der Aussendungsrede.</p>
-
-<p>Auch die Botschaft an den T&auml;ufer schliesst mit einem solchen
-Hinweis. Das Reich ist nahe, l&auml;sst er ihm sagen; meine
-Predigt, Zeichen und Wunder bekr&auml;ftigen es: und zur Seligkeit
-kommt, wer sich nicht an mir &auml;rgert, d. h. wer in der vormessianischen
-Drangsal zu mir steht.</p>
-
-<p class="pmb3">Am eindringlichsten aber ergeht das Wort von der schweren
-Zeit an die, welche sich auf die Predigt der J&uuml;nger hin in gl&auml;ubiger
-Reichserwartung um ihn versammelt haben. Bei einbrechender
-D&auml;mmerung hat er mit ihnen das grosse Abendmahl
-am See gefeiert. Als der, welcher sich als Messias weiss, hat er
-ihnen feierlich Speise dargereicht und sie damit, ohne dass sie es
-ahnen, zu Teilnehmern am messianischen Mahle geweiht. Am
-folgenden Morgen aber ruft er sie zu Bethsaida um sich und ermahnt
-sie zur Hingabe des Lebens in der Drangsal. Wer sich
- <span class="pagenum"><a id="Page_83">[S. 83]</a></span>
-seiner und seiner Worte sch&auml;mt in der Erniedrigung, welche durch
-die ehebrecherische und s&uuml;ndige Welt &uuml;ber ihn kommen wird,
-den wird auch der Menschensohn nicht anerkennen, wenn er in
-der Herrlichkeit seines Vaters, von seinen Engeln umgeben, erscheinen
-wird (Mk 8 <span class="antiqua">35-38</span>).</p>
-
-
-<h3>2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode.</h3>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Leidensgedanke geh&ouml;rt also von Anfang an zur
-Verk&uuml;ndigung Jesu.</em> In der Enddrangsal sollten sie mit ihm
-durch Leiden hindurch der Herrlichkeit entgegengehen: so verstanden
-ihn seine Zuh&ouml;rer. Nur wussten sie nicht, dass der,
-mit welchem sie leiden sollten, als Messias geoffenbart werden
-w&uuml;rde.</p>
-
-<p>In Jesu messianischem Selbstbewusstsein bekam nun der
-Leidensgedanke, auf ihn bezogen, eine geheimnisvolle Bedeutung.
-Die Messianit&auml;t, welche ihm in der Taufe aufging, war nicht ein
-Besitz, ein Gegenstand der Erwartung, sondern in der eschatologischen
-Vorstellung war von selbst gegeben, dass er durch Leiden
-hindurch in der Bew&auml;hrung werden m&uuml;sse, was er der Bestimmung
-nach war. <em class="gesperrt">Sein Messianit&auml;tsbewusstsein war
-nie ohne Leidensgedanke!</em> Das Leiden ist der Weg zur
-Offenbarung der Messianit&auml;t!</p>
-
-<p>Was er in diesem Aeon lebte, das stellte das verborgene
-Wirken und Werden des Messias dar. Dabei war aber das Leiden
-vorgesehen. Es war j&uuml;dische Lehre, dass der Messias voll
-von Z&uuml;chtigungsleiden sein m&uuml;sse: denn die Leiden sind n&ouml;tig,
-um ein vollendeter Gerechter zu werden (<span class="smcap">Weber</span> S. 343).</p>
-
-<p>Dieses Messianit&auml;tsbewusstsein Jesu zeigt dieselbe sittliche
-Vertiefung wie seine Eschatologie. In der gewohnten Modernisierung
-desselben wird vorausgesetzt, dass er den gr&ouml;ssten Teil
-seiner Wirksamkeit nicht ans Leiden dachte, sondern dass erst
-die h&auml;mische Feindschaft der Schriftgelehrten ihm diesen Gedanken
-aufn&ouml;tigte. So bekommt seine Messianit&auml;t in der ersten
-Periode einen <em class="gesperrt">ethisch-idyllischen</em>, in der zweiten einen
-<em class="gesperrt">modern-resignierten</em> Charakter. Das historisch-eschatologische
-Bild ist aber lebendiger, tiefer und sittlicher zugleich.
-Jesus hat sich hinsichtlich seines Messianit&auml;tsbewusstseins nicht
-»entwickelt« durch Aufnahme des Leidensgedankens. Von Anfang
-an weiss er sich als Messias, nur insofern er entschlossen ist,
-durch das Leiden zur Vollendung gel&auml;utert zu werden. Als der,
- <span class="pagenum"><a id="Page_84">[S. 84]</a></span>
-welcher einst im neuen Aeon herrschen soll, muss er zuvor in die
-Gewalt der widerg&ouml;ttlichen Macht gegeben werden, <em class="gesperrt">um sich
-dort zur g&ouml;ttlichen Herrschaft zu bew&auml;hren</em>. Aus diesem
-messianischen Selbstbewusstsein heraus beschw&ouml;rt er die um ihn
-sind, dass sie bei ihm aushalten, damit er sie als die Seinen anerkennen
-kann, wenn die Herrlichkeit anbricht. So beherrscht der
-th&auml;tige ethische Zug, der die Tiefe des Geheimnisses des Reiches
-Gottes ausmacht, auch das Messianit&auml;tsgeheimnis.</p>
-
-<p class="pmb3">Das geschichtliche Problem stellt sich nun so: In der ersten
-Periode hat Jesus viel h&auml;ufiger, und zwar &ouml;ffentlich, den Leidensgedanken
-ausgesprochen als in der zweiten. Jede gr&ouml;ssere
-Rede schliesst mit einem solchen Hinweis. Den Seinen war der
-Gedanke vertraut, ihn in der Drangsal erniedrigt zu sehen. Dennoch
-aber bedeutet die Er&ouml;ffnung zu C&auml;sarea Philippi f&uuml;r die
-J&uuml;nger etwas Neues und ist es thats&auml;chlich auch. Es handelt
-sich dort n&auml;mlich nicht mehr um ein Leiden des <em class="gesperrt">machtvollen
-Reichspredigers</em> mit den Seinen in der Enddrangsal, sondern
-derjenige, welcher <em class="gesperrt">Messias</em> sein wird, leidet. Dieses Leiden aber
-verl&auml;uft nicht mehr <em class="gesperrt">in der allgemeinen Enddrangsal</em>, sondern
-Jesus <em class="gesperrt">leidet allein</em> und zwar handelt es sich um ein <em class="gesperrt">rein
-irdisch-geschichtliches Ereignis</em>. Er wird dem hohen Rat
-&uuml;berantwortet und von diesem zum Tode verurteilt! Das war
-das Neue, was den J&uuml;ngern ein Geheimnis blieb.</p>
-
-
-<h3>3. Die »Versuchung« und die g&ouml;ttliche Allmacht.</h3>
-
-<p>In dem Leidensgedanken zeigt sich ein eigent&uuml;mliches
-Schwanken. Einmal erscheint der Tod als absolute Notwendigkeit;
-dann wieder, z. B. in Gethsemane, kennt Jesus doch wieder
-eine M&ouml;glichkeit, dass ihm das Leiden erspart bleiben kann. Nun
-besteht aber der Leidensgedanke ohne R&uuml;cksicht auf irdischen
-Erfolg oder Misserfolg. Also darf auch das Schwanken damit
-nicht in Verbindung gesetzt werden. Als Jesus nach Jerusalem
-zog, um zu leiden, da hegte er nicht in einem Winkel seines Herzens
-den Gedanken, dass Gott durch seine Allmacht dennoch
-vielleicht den Gang zum Siegesgang machen k&ouml;nnte und er durch
-ihn &uuml;ber die Pharis&auml;er und den hohen Rat triumphieren k&ouml;nnte.
-Das w&auml;re nach seinem Empfinden »menschlich« gedacht gewesen.
-Denn er kann in Sachen des Reiches Gottes nicht den Widerstand
-der Schriftgelehrten und die g&ouml;ttliche Allmacht gegeneinandersetzen:
-es handelte sich ja um ein g&ouml;ttliches Drama, in
- <span class="pagenum"><a id="Page_85">[S. 85]</a></span>
-welchem sie nur Statisten mit zugewiesener aktiver Rolle waren,
-wie die Lanzknechte, welche ihn auf ihr Geheiss griffen. <em class="gesperrt">Das
-Schwanken muss also in dem g&ouml;ttlichen Willen selbst
-begr&uuml;ndet sein.</em></p>
-
-<p>Es ist das Spezifische in der Anschauung Jesu, dass der
-g&ouml;ttliche Wille einerseits zwar die Ereignisse des messianischen
-Dramas vorher planm&auml;ssig in der bekannten Form bestimmt,
-andererseits demselben wieder frei gegen&uuml;bersteht. Durch den
-einmal festgelegten messianischen Schematismus ist die dahinterstehende
-g&ouml;ttliche Allmacht in keiner Weise gebunden! Sie kennt
-&uuml;berhaupt keine Bestimmungen.</p>
-
-<p>Von dieser Allmacht erwartet Jesus z. B., dass sie auch
-diejenigen, welche wegen ihres Verhaltens die Zugeh&ouml;rigkeit zum
-Reich verwirkt haben, dennoch in den seligen Zustand aufnehmen
-k&ouml;nne. Nach den geltenden Bestimmungen ist es zwar
-unm&ouml;glich, dass die Reichen zum Leben eingehen k&ouml;nnen. Aber
-bei Gott sind alle Dinge m&ouml;glich (Mk 10 <span class="antiqua">27</span>).</p>
-
-<p>Es gilt der Satz: Wer mit dem zuk&uuml;nftigen Messias herrschen
-will, muss mit Jesus leiden. Aber er wagt es doch nicht,
-den beiden Intimen, Jakobus und Johannes, die Thronpl&auml;tze
-zu versprechen, obwohl er ihnen zutraut, dass sie sein Leiden
-teilen werden. Er k&ouml;nnte damit Gottes Allmacht vorgreifen
-(Mk 10 <span class="antiqua">35-40</span>).</p>
-
-<p>So liegt auch die Enddrangsal zwar in dem g&ouml;ttlich bestimmten
-Verlauf des messianischen Dramas. Aber es steht in Gottes
-unbeschr&auml;nkter Allmacht, dass er sie <em class="gesperrt">ausschalte</em> und das Reich
-ohne diese Pr&uuml;fungszeit anbrechen lasse. Darum d&uuml;rfen die
-Menschen Gott darum bitten, er m&ouml;ge jene schweren Stunden der
-Bew&auml;hrung vor&uuml;bergehen lassen. Jesus weist sie dazu an in demselben
-Gebet, wo er sie um das kommende Reich bitten lehrt.
-Man erfleht den Endzustand, in welchem sein Name geheiligt
-wird und sein Wille auf Erden geschieht wie im Himmel; aber
-zugleich bittet man ihn, er m&ouml;ge die Menschen nicht in »die Versuchung«
-f&uuml;hren, sie nicht in die Gewalt des B&ouml;sen geben, sie
-nicht n&ouml;tigen, ihre S&uuml;nden durch das Beharren in der Enddrangsal
-zu s&uuml;hnen: sondern sie durch seine Allmacht der Gewalt
-des B&ouml;sen entreissen, wenn sich die widerg&ouml;ttliche Welt zum
-letztenmal aufb&auml;umt beim Kommen des Reiches, um das sie
-beten. Das ist der innere Zusammenhang der letzten drei Bitten
-des Vaterunsers.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[S. 86]</a></span></p>
-
-<p>Das Herrengebet tr&auml;gt also in den drei ersten und den drei
-letzten Bitten rein eschatologischen Charakter. Wir haben denselben
-Kontrast wie in den Seligpreisungen, der Aussendungsrede,
-der Botschaft an den T&auml;ufer und den Scenen bei Bethsaida.
-Zuerst handelt es sich um das Kommen des Reichs, dann um die
-Enddrangsal. Aus dem Herrengebet ersehen wir aber, dass es
-daf&uuml;r keine absolute Notwendigkeit gibt, sondern dass sie nur
-relativ in Gottes Allmachtswillen bedingt ist.</p>
-
-<p>Sie stellt n&auml;mlich die h&ouml;chste Form der Busse auf das
-Gottesreich hin dar. Wer sich darin bew&auml;hrt, der leistet S&uuml;hne
-f&uuml;r seine Vergehungen im widerg&ouml;ttlichen Aeon. Unter Kampf
-und Leiden ringt man sich von ihr los, um Tr&auml;ger des g&ouml;ttlichen
-Willens im Gottesreich zu sein. Das ist kollektivistisch zu denken.
-Die reichsgl&auml;ubige Gemeinschaft als solche leistet die
-S&uuml;hne. Der Einzelne vollendet und bew&auml;hrt sich darin. So ist
-es Gottes Wille. Jesus aber betet mit ihnen zu Gott, er m&ouml;ge
-in seiner Allmacht ihnen die Schuld ohne S&uuml;hne vergeben, wie sie
-ihren Schuldnern vergeben. Das will heissen: s&uuml;hneloses, reines
-Erlassen. Er m&ouml;ge sie nicht durch die »Versuchung« hindurchf&uuml;hren,
-sondern sie geradewegs der Weltmacht entreissen.</p>
-
-<p>Nur so versteht man, wie Jesus in seinem Wirken S&uuml;ndenvergebung
-voraussetzt und doch hier darum besonders bittet, und
-wie er von einer Versuchung redet, die <em class="gesperrt">von Gott</em> kommt. Es
-handelt sich eben um den allgemeinen <em class="gesperrt">messianischen Schulderlass</em>
-und um die <em class="gesperrt">messianische Drangsalsversuchung</em>.
-Darum bilden diese Bitten den Beschluss des Reichsgebets.</p>
-
-<p class="pmb3">Was er hier mit der Allgemeinheit bittet, das erfleht er f&uuml;r
-sich, als die Stunde f&uuml;r ihn gekommen. In Gethsemane f&auml;llt er
-vor Gott nieder. In ergreifendem Gebet beruft er sich auf Gottes
-Allmacht: Abba, Vater, alles ist dir m&ouml;glich (Mk 14 <span class="antiqua">36</span>). Er
-m&ouml;ge den Leidenskelch an seinen Lippen vor&uuml;berf&uuml;hren, ohne
-dass er davon kosten muss. Auch die schlafenden Intimen
-r&uuml;ttelt er auf, sie sollen wach bleiben und zu Gott beten, dass
-er ihnen die Versuchung ersparen m&ouml;ge, denn das Fleisch ist
-schwach.</p>
-
-
-<h3>4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode.</h3>
-
-<p>Mit der Offenbarung zu C&auml;sarea Philippi h&ouml;ren alle Hinweise
-auf, dass die Gl&auml;ubigen mit ihm durch Drangsal m&uuml;ssen.
-Dem Geheimnis zufolge, das er den J&uuml;ngern mitteilt, <em class="gesperrt">leidet nur</em>
- <span class="pagenum"><a id="Page_87">[S. 87]</a></span>
-<em class="gesperrt">er allein</em>. In Jerusalem richtet er weder an das Volk noch
-an die J&uuml;nger ein eindringliches Wort von der Leidensnachfolge.
-Ja, er nimmt geradezu zur&uuml;ck, was er fr&uuml;her gesagt. Am
-Morgen nach dem Abendmahl am See hatte er die Seligkeit derer,
-welche er zum messianischen Mahl geweiht, davon abh&auml;ngig gemacht,
-dass sie ihm ins Leiden nachfolgen. Den Teilnehmern des
-Abendmahls zu Jerusalem sagt er gelassen voraus, <em class="gesperrt">dass sie
-sich in der Nacht alle an ihm »&auml;rgern« werden!</em> Er kn&uuml;pft
-auch keine Verdammnis daran &mdash; <em class="gesperrt">denn es ist in der Schrift
-also bestimmt!</em> Steht nicht geschrieben: »ich werde den Hirten
-schlagen und die Schafe werden sich zerstreuen?« Darum, wenn
-sie sich auch an ihm &auml;rgern, wenn sie ihn auch verlassen, in seiner
-Herrlichkeit wird er sie doch um sich sammeln und als Messias &mdash;
-denn das ist er als Auferstandener &mdash; vor ihnen herziehen nach
-Galil&auml;a (Mk 14 <span class="antiqua">26-28</span>).</p>
-
-<p>Was er fr&uuml;her von allen gefordert, das mutet er jetzt nicht
-einmal dem zu, der sich vermisst, allein bei ihm auszuhalten. »Ehe
-der Hahn zweimal kr&auml;ht, wirst du mich dreimal verleugnen«, sagt
-er zu Petrus (Mk 14 <span class="antiqua">29-31</span>).</p>
-
-<p>Diese Wandlung muss mit der Form, welche der Leidensgedanke
-in der zweiten Periode annimmt, zusammenh&auml;ngen. Es
-muss eine Ver&auml;nderung in der Vorstellung von der Enddrangsal eingetreten
-sein. Die andern sind von der Bew&auml;hrung befreit, Jesus
-leidet allein, und zwar besteht die Erniedrigung in dem Tod,
-welchen die Schriftgelehrten &uuml;ber ihn verh&auml;ngen. Darin wirkt sich
-jetzt die Enddrangsal aus. Seine Gl&auml;ubigen bleiben verschont.
-<em class="gesperrt">Er leidet f&uuml;r sie, denn er gibt sein Leben hin als eine
-S&uuml;hne f&uuml;r viele.</em></p>
-
-<p>Wie ihm dieses Geheimnis aufgegangen nach der Aussendung
-in den Tagen der Einsamkeit, dar&uuml;ber hat er sich nicht ge&auml;ussert.
-Die Form des Leidensgeheimnisses aber zeigt, dass zwei
-Erlebnisse auf ihn eingewirkt haben.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Zun&auml;chst der Tod des T&auml;ufers.</em> Jener war f&uuml;r ihn der
-Elias. Wenn er von Menschenhand vor der messianischen Aera
-get&ouml;tet wurde, so war das Gottes Wille und deshalb in dem
-messianischen Drama vorgesehen. Das geschah, w&auml;hrend die
-J&uuml;nger fort waren. Seine Botschaft hat den T&auml;ufer vielleicht
-nicht mehr erreicht. Dar&uuml;ber muss er nun ins Klare kommen.
-Deshalb will er sich mit den Seinen in die Einsamkeit zur&uuml;ckziehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[S. 88]</a></span></p>
-
-<p>Wie sehr ihn der Gedanke des Todes des Vorl&auml;ufers besch&auml;ftigte,
-ersieht man aus dem Gespr&auml;ch nach der Offenbarung
-an die Intimen. Es war in der Schrift bestimmt, dass der Elias
-so von Menschenhand umkomme. So steht auch &uuml;ber den
-Menschensohn geschrieben, dass er viel leiden und verworfen
-werden m&uuml;sse (Mk 9 <span class="antiqua">12-13</span>).</p>
-
-<p>Bisher hatte er nur in allgemeinen Z&uuml;gen von der Enddrangsal
-als einem Ereignis der Endzeit geredet. Nun hat sie sich
-aber als <em class="gesperrt">historisches Ereignis</em> an dem Vorl&auml;ufer vollzogen.
-Das ist ein Fingerzeig, wie sie sich an ihm selbst vollziehen wird.</p>
-
-<p>Dieser Fingerzeig kam gerade zu der Zeit, als er durch die
-Ereignisse zum Nachdenken &uuml;ber die Enddrangsal gezwungen
-wurde. Nach der R&uuml;ckkehr der J&uuml;nger hatte er dieselbe f&uuml;r die
-allern&auml;chste Zeit erwartet. Sie blieb aber aus. Noch mehr: damit
-blieb auch das Reich aus! Bei der Aussendung hatte er den
-J&uuml;ngern gesagt, sie w&uuml;rden auf dem Weg von den anbrechenden
-Wehen &uuml;berrascht. Die Erscheinung des Menschensohnes w&uuml;rde
-statthaben, ehe sie mit den St&auml;dten Israels zu Ende w&auml;ren: &mdash;
-und sie waren zur&uuml;ckgekehrt, ohne dass die Wehen begonnen hatten
-und das Reich angebrochen war.</p>
-
-<p>Die Kunde, mit der sie zu ihm zur&uuml;ckkehrten, zeigte aber,
-dass alles bereit war. Schon war die gottwidrige Macht gebrochen,
-denn sonst w&auml;ren ihnen die unsauberen Geister nicht
-unterthan gewesen. Das Reich war herbeigen&ouml;tigt durch die
-Busse seit den Tagen des T&auml;ufers. Auch hier war das Mass voll;
-das zeigte die Menge, die sich in gl&auml;ubiger Erwartung um ihn
-scharte. So war alles bereitet &mdash; und doch kam das Reich nicht!
-<em class="gesperrt">Die Verz&ouml;gerung des eschatologischen Kommens des
-Reiches, das war das grosse Erlebnis, welches ihn damals
-immer wieder in die Einsamkeit trieb, ob er sich
-Klarheit dar&uuml;ber err&auml;nge.</em></p>
-
-<p>Ehe das Reich kommen konnte, musste die Drangsal eintreffen.
-Sie blieb aber aus. Man musste sie also herbeif&uuml;hren,
-um so das Gottesreich herbeizun&ouml;tigen. Busse und Knechtung
-der widerg&ouml;ttlichen Macht thaten es nicht allein, sondern es
-musste noch ein St&auml;rkerer zu den Gewaltth&auml;tigen hinzutreten:
-der zuk&uuml;nftige Messias, <em class="gesperrt">der an sich die Enddrangsal herauff&uuml;hrte</em>
-in der Form, wie sie sich schon an dem Elias erf&uuml;llt
-hatte. So geht das Geheimnis des Reiches Gottes in das Geheimnis
-des Leidensgedankens &uuml;ber.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[S. 89]</a></span></p>
-
-<p>Die Vorstellung der Enddrangsal enthielt den Gedanken der
-S&uuml;hne und der L&auml;uterung. Alle die, welche f&uuml;r das Reich bestimmt
-waren, mussten in der Standhaftigkeit gegen die sich zum
-letztenmal aufb&auml;umende Weltmacht die Vergebung der im
-weltlichen Aeon begangenen Schuld erringen. Denn durch
-diese Schuld waren sie der widerg&ouml;ttlichen Macht noch verfallen.
-Sie bildete ein Gegengewicht, welches das Kommen des Reiches
-aufhielt.</p>
-
-<p class="pmb3">Nun f&uuml;hrte aber Gott die Drangsal nicht herauf. Und doch
-musste die S&uuml;hne geleistet werden. Da ging es Jesus auf, dass
-er als zuk&uuml;nftiger Menschensohn <em class="gesperrt">die S&uuml;hne an sich vollziehen
-m&uuml;sse</em>. Derjenige, welcher einst als Messias &uuml;ber die
-Gl&auml;ubigen herrschen wird, der erniedrigt sich jetzt unter sie und
-dient ihnen, indem er sein Leben zur S&uuml;hne f&uuml;r viele dahingibt,
-damit das Reich f&uuml;r sie anbreche. Das ist seine Mission in dem
-Zustand, welcher seiner &uuml;berirdischen Herrlichkeit vorausgeht.
-»Dazu ist er gekommen« (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>). Er muss leiden f&uuml;r die
-S&uuml;nden derer, welche zu seinem Reich bestimmt sind. Um dies
-auszuf&uuml;hren, zieht er hinauf nach Jerusalem, dass er dort von der
-Obrigkeit zu Tode gebracht werde, wie der Elias, der ihm vorangegangen,
-durch des K&ouml;nigs Henker umkam. <em class="gesperrt">Das ist das
-Geheimnis des Leidensgedankens.</em> Jesus ist wirklich f&uuml;r
-die S&uuml;nden der Menschen gestorben, wenn auch in einem andern
-Sinn, als es die <span class="smcap">Anselm</span>'sche Theorie annimmt.</p>
-
-
-<h3>5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift
-geweissagt.</h3>
-
-<p>»Wie steht geschrieben &uuml;ber den Menschensohn? Dass er
-viel leiden muss und verachtet werden« (Mk 9 <span class="antiqua">12</span>). <em class="gesperrt">Die neue
-Form des Leidensgedankens stammt aus der Schrift.</em>
-In dem Bild des leidenden Gottesknechtes erkannte Jesus sich
-wieder. Dort fand er seinen Leidensberuf vorgebildet.</p>
-
-<p>Um aber zu verstehen, wie ihm sein Geheimnis aus der Schrift
-erstand, muss man das Bild des leidenden Gottesknechtes in
-den grossen Rahmen stellen, in welchem es erscheint. Der modern-historische
-L&ouml;sungsversuch vermag dies nicht. Er beschr&auml;nkt
-sich auf den Gedanken der dienenden Dahingabe. Sobald man
-es aber einmal erfasst hat, dass Jesu Leidensgedanke eschatologisch
-war, dann sieht man auch, in welchem grossen Zusammenhang
-die Erscheinung des leidenden Gottesknechtes f&uuml;r ihn stehen
- <span class="pagenum"><a id="Page_90">[S. 90]</a></span>
-musste. Darnach war Jes 40-66 nichts anderes, als die <em class="gesperrt">weissagende
-Darstellung der Ereignisse der Endzeit</em>, in
-denen er sich mitten drin wusste.</p>
-
-<p>Die Schrift hebt an mit der Verk&uuml;ndigung, dass die Gottesherrschaft
-nahe ist. Der Wegbereiter tritt auf. Er ruft, dass das Irdische
-vergeht, wenn der Herr, Lohn und Vergeltung austeilend,
-in seiner Herrlichkeit erscheint. Die Zeit bricht an, wo er
-seine Herde sammelt und den Friedenszustand herauff&uuml;hrt (Jes
-40 <span class="antiqua">1-11</span>).</p>
-
-<p>Der Auserw&auml;hlte ist da. Er verk&uuml;ndet die Gerechtigkeit in
-Wahrheit. Gott hat seinen Geist auf ihn gelegt (Jes 42 <span class="antiqua">1</span> ff.).
-Er soll das Recht gr&uuml;nden auf Erden; die Gestade harren auf
-seine Lehre. Bevor aber die Herrlichkeit anbricht und der Tr&auml;ger
-des g&ouml;ttlichen Geistes in Kraft und Gerechtigkeit &uuml;ber die
-V&ouml;lker regieret, muss er durch einen Zustand der Erniedrigung
-hindurch.</p>
-
-<p>Die andern verstehen nicht, warum er geschm&auml;ht wird. Sie
-meinen, Gott habe ihn verstossen und wissen nicht, dass er ihre
-Krankheiten tr&auml;gt, durchbohrt wird ob ihrer Vergehen und zerschlagen
-ist ob ihrer Verschuldung. Der Gequ&auml;lte ist dem&uuml;tig
-und &ouml;ffnet seinen Mund nicht. Ob der Vergehen des Volks wird
-er zu Tode getroffen. Dann wird ihn aber der Herr verherrlichen.
-Vom Mutterleib hat er ihn dazu berufen. Er ist bestimmt, Jakob
-zur&uuml;ckzuf&uuml;hren und Israel zu erretten. Das Licht der V&ouml;lker
-soll er werden, damit die Rettung Gottes sei bis ans Ende der
-Welt (Jes 49 <span class="antiqua">1</span> ff., 52 <span class="antiqua">12</span> ff., 53 <span class="antiqua">1</span> ff.)</p>
-
-<p>Auf die Schilderung der Leiden des Gottesknechtes folgt
-die Beschreibung des Gerichts &uuml;ber die ganze Welt und Israel
-(Jes 54-65). Am Ende aber bricht die Herrlichkeit Gottes hervor.
-Er thront &uuml;ber dem neugeschaffenen Himmel und &uuml;ber der
-neugeschaffenen Erde (Jes 65 u. 66). Wenn das Gericht vollzogen
-ist, dann bricht der Jubel an, denn die Seligen aus der ganzen
-Welt, aus allen Geschlechtern und Nationen, werden sich um ihn
-sammeln und ihm Verehrung darbringen.</p>
-
-<p>Man muss die dramatische Einheit in diesen Kapiteln erfassen,
-um mit einer Pers&ouml;nlichkeit mitempfinden zu k&ouml;nnen,
-welche hier den geheimnisvollen Hinweis auf die Dinge der Endzeit
-suchte. <em class="gesperrt">Damit geht Jesu Leidensgedanke vollst&auml;ndig
-in dem deuterojesaianischen auf.</em> Wie der Knecht
-Gottes, ist auch er zum Herrschen in Herrlichkeit bestimmt.
- <span class="pagenum"><a id="Page_91">[S. 91]</a></span>
-Aber zuerst tritt er still und unerkannt als Verk&uuml;ndiger auf, der
-Gerechtigkeit wirket. Dabei muss er durch das Leid und die Erniedrigung
-hindurch, ehe Gott den herrlichen Endzustand anbrechen
-l&auml;sst. Was er erduldet, ist eine S&uuml;hne f&uuml;r die Schuld der
-andern. Dies ist ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. Die
-andern k&ouml;nnen und brauchen es nicht zu verstehen, <em class="gesperrt">denn wenn
-die Herrlichkeit anbricht, dann werden sie erkennen,
-dass er f&uuml;r sie gelitten hat</em>. Darum brauchte und durfte
-Jesus dem Volk und den J&uuml;ngern sein Leiden nicht erkl&auml;ren. Es
-musste ein Geheimnis bleiben: so stand es in der Schrift. Auch
-denen, welchen er das Kommende voraussagte, sprach er es
-nur als Geheimnis aus. Bei seinem Erscheinen als Menschensohn
-musste ihnen die Binde von den Augen fallen. In der
-Herrlichkeit des Reiches erkennen sie dann, dass er gelitten,
-damit sie verschont w&uuml;rden und Friede h&auml;tten. Dieses Geheimnis
-ist nur retrospektiv von der erreichten Herrlichkeit aus
-erfassbar.</p>
-
-<p>Darum macht es nichts, wenn die Seinen sich in seiner Erniedrigung
-von ihm abwenden und die Menschen an ihm irre
-werden, als ob Gott ihn z&uuml;chtigte. Die Schrift rechnet es ihnen
-nicht zum Frevel an, sondern sie hat es also bestimmt. So heisst
-es in dem Augenblick, wo ihm das Leidensgeheimnis aus der
-Schrift aufgeht, nicht mehr: wer in der Erniedrigung sich meiner
-sch&auml;mt, der ist verdammt, sondern: ihr werdet euch alle an mir
-&auml;rgern &mdash; wobei er weiss, dass sie bei der Auferstehung um ihn
-versammelt sein werden.</p>
-
-<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Unter dem Einfluss von Deuterojesaia hat sich
-also der Gedanke der allgemeinen Enddrangsal in das
-pers&ouml;nliche Leidensgeheimnis Jesu umgesetzt.</em></p>
-
-
-<h3>6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis.</h3>
-
-<p>An dem innersten Grundzug des Leidensgedankens ist durch
-das Leidensgeheimnis der zweiten Epoche nichts ver&auml;ndert worden.
-F&uuml;r Jesus bleibt das Leiden auch in dieser Form vor allem die
-sittliche Bew&auml;hrung der W&uuml;rde, die ihm bestimmt ist.</p>
-
-<p>Die Drangsal tr&auml;gt jetzt aber die konkreten Z&uuml;ge eines bestimmten
-Ereignisses. <em class="gesperrt">Aus dem messianischen Enddrama
-zieht er sie gleichsam in die menschliche Geschichte
-herunter.</em> Darin liegt etwas Prophetisches auf die Zukunft des
-Christentums: nach seinem Tode l&ouml;st sich das ganze messianische
- <span class="pagenum"><a id="Page_92">[S. 92]</a></span>
-Enddrama in menschliche Geschichte auf. Diese Entwicklung
-hat mit dem »Leidensgeheimnis« begonnen.</p>
-
-<p>So kommt es auch, dass das Leidensgeheimnis, verglichen
-mit dem Leidensgedanken der ersten Periode, menschlichere
-Z&uuml;ge tr&auml;gt. Es liegt etwas von mitf&uuml;hlender Nachsicht in dem
-Gedanken, dass er f&uuml;r die Reichsgenossen die S&uuml;hne im Leiden
-leistet, damit ihnen die Bew&auml;hrung, in welcher sie vielleicht
-schwach werden k&ouml;nnten, erspart bleibt. »Und f&uuml;hre uns nicht
-in die Versuchung, sondern erl&ouml;se uns von dem B&ouml;sen«: diese
-Bitte ist nun in seinem Leiden erf&uuml;llt.</p>
-
-<p class="pmb3">Dieses tief Menschliche tritt besonders in Gethsemane zu
-Tage. <em class="gesperrt">Nur &uuml;ber den drei Intimen schwebt die M&ouml;glichkeit,
-dass sie mit ihm durch das Leiden und die Versuchung
-hindurchm&uuml;ssen.</em> Die Zebedaiden vermassen sich,
-um die Anwartschaft auf die Thronpl&auml;tze zu erwerben, mit ihm
-den Leidenskelch zu trinken und mit ihm die Leidenstaufe zu
-empfangen &mdash; und er stellte es ihnen in Aussicht (Mk 10 <span class="antiqua">38-40</span>).
-Petrus aber verschwor sich, ihn nicht zu verleugnen; wenn auch
-alle zur&uuml;ckwichen, wollte er doch mit ihm sterben (Mk 14 <span class="antiqua">31</span>).
-Diese drei hat er mit sich genommen bis zum Ort hin, wo er betet.
-W&auml;hrend er zu Gott fleht, dass der Leidenskelch an ihm vor&uuml;bergehe,
-erfasst ihn eine bangende Angst um die Intimen. Wenn
-Gott sie nun wirklich mit ihm durch das Leiden sendet, werden
-sie bestehen, wie sie es sich zutrauten? Darum sorgt er sich
-um sie in der schweren Stunde. Zweimal rafft er sich auf, weckt
-sie aus dem Schlaf, dass sie wach bleiben und zu Gott beten,
-dass er <em class="gesperrt">sie</em> nicht in die Versuchung f&uuml;hrt, wenn er auch <em class="gesperrt">ihm</em> den
-Kelch nicht erspart; denn der Geist ist willig, aber das Fleisch
-ist schwach. <em class="gesperrt">Das ist vielleicht der ergreifendste Zug in
-Jesu Leben.</em> Man hat gewagt, Gethsemane die schwache Stunde
-Jesu zu nennen: in Wirklichkeit ist es aber gerade die Stunde,
-wo seine &uuml;berweltliche Gr&ouml;sse in seinem tiefmenschlichen Mitf&uuml;hlen
-offenbar wird.</p>
-
-
-<h3>7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung
-der Perspektive.</h3>
-
-<p>Jesus nahm das Leidensgeheimnis, welches den Genossen
-des Reiches offenbar werden sollte, mit sich in den Tod. Das
-Reich brach aber nicht an. So erkl&auml;rt es sich, dass er die J&uuml;nger
-zwar auf sein Leiden hingewiesen hat, dass sie aber, als das Ereignis
- <span class="pagenum"><a id="Page_93">[S. 93]</a></span>
-eingetreten war, keine Deutung daf&uuml;r wussten. Dennoch
-mussten sie sich damit auseinandersetzen, indem sie sich die
-Thatsachen nach den Andeutungen, die sie im Ged&auml;chtnis
-hatten, zurechtlegten. <em class="gesperrt">So ist der Leidensgedanke des
-Urchristentums viel &auml;rmer als das Leidensgeheimnis
-Jesu.</em></p>
-
-<p>Die Erkl&auml;rung konzentrierte sich haupts&auml;chlich auf <em class="gesperrt">eine</em>
-Thatsache: Infolge des Leidens und der Auferstehung von den
-Toten ist er der Messias. In diesem Sinne sind das Leiden und
-die Erh&ouml;hung in der Schrift vorherbestimmt.</p>
-
-<p>W&auml;hrend das Leidensgeheimnis den Tod in die engste zeitliche
-und kausale Verbindung mit dem Anbruch des Reiches setzt,
-ist f&uuml;r das Urchristentum das vergangene Ereignis <em class="gesperrt">als solches</em>
-Gegenstand der Erkl&auml;rung, weil das Reich nicht eingetroffen ist
-und sich mit dem zeitlichen auch der urspr&uuml;ngliche kausale Zusammenhang
-gel&ouml;st hat.</p>
-
-<p>Nun hatte Jesus in Hinsicht auf seinen Tod auch von S&uuml;hne
-und S&uuml;ndenvergebung geredet. Durch die Ereignisse war aber
-der Gedanke, den er damit verband, vollst&auml;ndig unm&ouml;glich geworden.
-Die unbestimmte Mehrheit, welche die S&uuml;hne auf sich
-beziehen sollte in der Erkenntnis, dass er f&uuml;r sie gelitten, <em class="gesperrt">war
-ja noch gar nicht gegeben, denn das Reich war noch
-nicht erschienen</em>. Von jenem Standort allein aber konnte man
-es erfassen, dass er f&uuml;r die Genossen die Drangsalss&uuml;hne geleistet
-habe.</p>
-
-<p>In der Zwischenzeit lagen die Dinge ganz anders: an Stelle
-der »vielen« waren »die Gl&auml;ubigen« getreten. Die, welche an
-die Messianit&auml;t Jesu glauben, haben S&uuml;ndenvergebung: dieser
-Satz bildete, wie die Pfingstpredigt zeigt, einen Bestandteil der
-urapostolischen Verk&uuml;ndigung (Akt 2 <span class="antiqua">38</span>). Inwiefern man aber
-dadurch S&uuml;ndenvergebung hatte, darin bestand das Problem.
-Dieses war aber historisch unl&ouml;sbar, denn die S&uuml;ndenvergebung
-des Leidensgeheimnisses ging nicht auf die an <em class="gesperrt">Jesus-Christus</em>
-Gl&auml;ubigen, sondern auf die Reichsgenossen. M&ouml;gen daher alle
-Erkl&auml;rungen der Bedeutung des Leidens von Paulus bis auf
-<span class="smcap">Ritschl</span> jede f&uuml;r ihre Zeit religi&ouml;s noch so wahr und tief sein:
-den Gedanken Jesu k&ouml;nnen sie unm&ouml;glich erfassen, weil sie von
-einer ganz andern Voraussetzung ausgehen.</p>
-
-<p>Da nun aber doch alle sich geschichtlich legitimieren wollten,
-so erlebt man das merkw&uuml;rdige Schauspiel, dass Jesu die
- <span class="pagenum"><a id="Page_94">[S. 94]</a></span>
-verschiedensten Deutungen seines Leidens in den Mund gelegt
-wurden, <em class="gesperrt">von denen aber keine auch nur ann&auml;hernd erkl&auml;ren
-kann, wie aus einer solchen Anschauung die urchristlich-apostolische
-Wertung des Todes hervorgehen
-konnte</em>. Das zeigt sich auch bei dem modern-historischen
-L&ouml;sungsversuch. Wenn Jesus seinen J&uuml;ngern die ethische
-Bedeutung seines Todes verst&auml;ndlich machte, warum beschr&auml;nkt
-sich die urchristliche Leidenserkl&auml;rung auf die Schriftgem&auml;ssheit
-des Leidens und auf die »S&uuml;ndenvergebung«?</p>
-
-<p>Auf diese Frage bleibt der modern-historische L&ouml;sungsversuch
-die Antwort schuldig. Der eschatologisch-historische
-hingegen vermag die <em class="gesperrt">notwendige Verk&uuml;mmerung</em> des
-Leidensgedankens Jesu im Urchristentum <em class="gesperrt">perspektivisch
-zu berechnen</em>. Er weist nach, welche Momente des Leidensgeheimnisses
-nach dem Tod allein noch zu Recht bestehen
-konnten. Weil er die urchristliche Deutung in dem Zusammenhang
-mit dem Gedanken Jesu erfasst, darum ist der eschatologisch-historische
-L&ouml;sungsversuch der richtige.</p>
-
-<p>Die Aufhebung des kausalen Zusammenhangs zwischen dem
-Tod Jesu und der Realisierung des Reichs war f&uuml;r die urchristliche
-Eschatologie verh&auml;ngnisvoll. Mit dem Leidensgeheimnis
-ging auch das Geheimnis des Reiches Gottes unter. Das bedeutet
-aber nichts anderes, als dass die Eschatologie gerade den
-spezifisch »christlichen« Charakter, den Jesus ihr gegeben hatte,
-verliert. Das ethisch-th&auml;tige Moment, durch welches sie versittlicht
-wurde, f&auml;llt weg. <em class="gesperrt">So ist die urchristliche Eschatologie
-durch Jesu Tod »entchristlicht«.</em> Dadurch
-sinkt sie wieder auf das Niveau der zeitgen&ouml;ssisch-j&uuml;dischen herunter.
-Das Reich ist wieder Gegenstand reiner Erwartung!
-Dass die sittliche Umkehr aktiv auf sein Kommen einwirkt: dieses
-Geheimnis war mit Jesus ins Grab gesunken. Jetzt that man
-Busse und leistete die sittliche Erneuerung in Erwartung des
-Gottesreichs, <em class="gesperrt">wie zu des T&auml;ufers Zeit</em>.</p>
-
-<p>Diese Entchristlichung tritt gerade in der Frage der Enddrangsal
-zu Tage. Nach dem Leidensgedanken der ersten
-Periode sollten die Gl&auml;ubigen mit dem zuk&uuml;nftigen Messias leiden;
-nach dem der zweiten wollte er die Drangsal f&uuml;r sie erdulden.
-Im Urchristentum erwarten die Gl&auml;ubigen die Drangsal <em class="gesperrt">vor dem
-Erscheinen des Messias</em>, wie es in der zeitgen&ouml;ssischen
-Vorstellung der Fall war. Denn Jesu Leidensgeheimnis war
- <span class="pagenum"><a id="Page_95">[S. 95]</a></span>
-ihnen nicht bekannt. Darum geh&ouml;ren ihnen die j&uuml;dischen Apokalypsen
-gerade wie den andern Juden, nur mit dem Unterschied,
-dass der gekreuzigte Jesus der erscheinende Messias sein soll.
-Nur durch die <em class="gesperrt">Person</em> Jesu war die urchristliche Eschatologie
-also noch »christlich«, nicht mehr durch seinen <em class="gesperrt">Geist</em>, wie es
-im Geheimnis des Reiches Gottes und im Leidensgeheimnis der
-Fall gewesen war.</p>
-
-<p>Darnach muss man »die synoptische Apokalypse« (Mk 13)
-beurteilen. M&ouml;gen auch einzelne eschatologische Spr&uuml;che darin
-von Jesus stammen, die Rede als solche ist notwendig unhistorisch.
-<em class="gesperrt">Sie zeigt die Perspektive der Zeit nach dem Tode.</em>
-In den jerusalemitischen Tagen konnte Jesus von keiner allgemeinen
-Enddrangsal vor dem Kommen des Menschensohnes
-reden. Die synoptische Apokalypse steht in direktem Widerspruch
-zu dem Leidensgeheimnis, da dieses ja die allgemeine Enddrangsal
-gerade aufhebt. Sie ist also unhistorisch. Apokalyptische
-Reden mit Hinweis auf die Enddrangsal geh&ouml;ren in die
-galil&auml;ische Periode zur Zeit der Aussendung. <em class="gesperrt">Die Aussendungsrede
-ist die historische synoptische Apokalypse.</em>
-Von einer Drangsal nach seinem Tod hat Jesus den
-Seinen nie etwas gesagt, denn sie lag ausserhalb seines Gesichtskreises.</p>
-
-<p>Mit dem Tod, gerade durch denselben, war also die Eschatologie,
-obwohl die urchristliche Gemeinde noch ganz darin lebte,
-thats&auml;chlich abgethan. Sie war bestimmt, aus der christlichen
-Weltanschauung hinausgedr&auml;ngt zu werden, denn sie war »entchristlicht«,
-weil sie mit dem Geheimnis des Reiches Gottes und
-des Leidensgedankens das innere ethische Leben eingeb&uuml;sst
-hatte, welches ihr durch Jesus eingehaucht worden war. Ein
-Baum, der mitten in der Bl&uuml;tenpracht an der Wurzel getroffen
-wird &mdash; so war es ihr Schicksal, abzuwelken und zu verdorren,
-wenn man es vorerst auch noch nicht merkte, dass sie dem Untergang
-geweiht war. <em class="gesperrt">Indem die Geschichte in der Folgezeit
-zwangsweise eine uneschatologische christliche Weltanschauung
-schuf, hat sie nur vollzogen, was in dem
-Gesetz der Dinge mit Jesu Tod schon bestimmt war.</em></p>
-
-<p>Jesu Tod das Ende der Eschatologie! Der Messias, der es
-auf Erden nicht war, das Ende der messianischen Erwartung!
-Die Weltauffassung, in der er lebte und predigte, war eschatologisch;
-die »christliche Weltauffassung«, die er durch seinen
- <span class="pagenum"><a id="Page_96">[S. 96]</a></span>
-Tod begr&uuml;ndet, f&uuml;hrt die Menschheit f&uuml;r immer &uuml;ber die Eschatologie
-hinaus! Das ist das grosse Geheimnis in der christlichen
-Heils&ouml;konomie.</p>
-
-<p>F&uuml;r ihn und die Seinen war sein Tod, gem&auml;ss der eschatologischen
-Weltanschauung, nur eine <em class="gesperrt">Uebergangsthatsache</em>.
-Sobald aber das Ereignis eingetreten war, wurde es die bleibende
-<em class="gesperrt">Centralthatsache</em>, auf der sich die neue uneschatologische
-Weltauffassung aufbaute. Im Urchristentum waren das Alte und
-das Neue noch nebeneinander.</p>
-
-<p>Die Anh&auml;nger Jesu glaubten an das Kommen des Reichs,
-weil seine machtvolle Pers&ouml;nlichkeit die Kunde bekr&auml;ftigte. Die
-Gemeinde nach dem Tode glaubte an seine Messianit&auml;t und erwartete
-das Kommen des Reichs. Wir glauben, dass in seiner
-ethisch-religi&ouml;sen Pers&ouml;nlichkeit, wie sie sich in seinem Wirken
-und Leiden offenbart, der Messias und das Reich gekommen sind.</p>
-
-<p>Es verh&auml;lt sich damit wie mit dem Lauf der Sonne. Ihr
-Glanz bricht hervor, w&auml;hrend sie noch hinter den Bergen steht.
-Die dunkeln Wolken r&ouml;ten sich von ihrem Schein und in phantastischen
-Gebilden spielt sich der Kampf zwischen Licht und
-Finsternis ab. Noch ist die Sonne selbst nicht sichtbar, sondern
-sie ist nur da, sofern die Helligkeit von ihr ausgeht. <em class="gesperrt">Die Sonne
-hinter dem Morgenrot</em>: so erschien die Pers&ouml;nlichkeit
-<em class="gesperrt">Jesu von Nazareth</em> den Zeitgenossen in der vormessianischen
-Aera.</p>
-
-<p>In dem Augenblick, wo der Himmel im intensivsten Kolorit
-ergl&uuml;ht, steigt sie &uuml;ber den Horizont auf. Damit aber f&auml;ngt die
-Farbenpracht an langsam abzunehmen. Die phantastischen Gebilde
-verblassen und versinken, weil die Sonne selbst die Wolken,
-in denen sie sich spiegelt, aufl&ouml;st. <em class="gesperrt">Die aufgehende Sonne
-&uuml;ber dem Horizont</em>, so erschien »<em class="gesperrt">Jesus Christus</em>« der urchristlichen
-Gemeinde in ihrer eschatologischen Erwartung.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Die Sonne zur Mittagszeit</em>: so erscheint er uns. Wir
-wissen nichts von Morgen- und Abendrot, sondern wir sehen nur
-die weisse Helligkeit, die alles durchleuchtet. Weil sie aber jetzt
-f&uuml;r uns in diesem Licht erstrahlt, d&uuml;rfen wir uns nicht auch den
-Sonnenaufgang so vorstellen, als w&auml;re sie als leuchtende Scheibe
-in Mittagsklarheit &uuml;ber dem Horizont aufgestiegen. Unsere moderne
-Anschauung &uuml;ber den Tod Jesu ist wahr, in ihrem innersten
-Wesen wahr, weil sie seine sittlich-religi&ouml;se Pers&ouml;nlichkeit in den
-Gedanken unserer Zeit wiedergibt. Wenn wir sie aber so in die
- <span class="pagenum"><a id="Page_97">[S. 97]</a></span>
-Geschichte Jesu und des Urchristentums zur&uuml;cktragen, thun wir
-dasselbe, als wenn wir einen Sonnenaufgang ohne Morgenrot
-malen wollten.</p>
-
-<p>In der wahren historischen Erkenntnis liegt eine befreiende
-und f&ouml;rdernde Macht. Unser Glaube baut sich auf der Pers&ouml;nlichkeit
-Jesu auf. Zwischen unserer Weltanschauung und derjenigen,
-in welcher er lebte und wirkte, liegt aber eine tiefe, wie
-es scheint, un&uuml;berbr&uuml;ckbare Kluft. Man sah sich deshalb gen&ouml;tigt,
-<em class="gesperrt">seine Pers&ouml;nlichkeit gleichsam aus seiner Weltanschauung
-herauszureissen</em> und ihr einen Strich ins Moderne
-zu geben.</p>
-
-<p>Dadurch kam aber eine eigent&uuml;mliche Unlebendigkeit und
-Zwitterhaftigkeit in das Bild seiner Person. <em class="gesperrt">Man erhielt ein
-Zwitterwesen, halb modern, halb antik.</em> Mit dem Modernen
-&uuml;bertrug man auch die moderne Psychologie auf ihn, ohne
-sich immer vollst&auml;ndig klar zu machen, dass sie nicht auf ihn anwendbar
-ist und ihn notwendig verkleinert. Denn sie ist hergenommen
-von Durchschnittswesen, die aus Meinungen zusammengeflickt
-sind und sich nur in stetiger Entwicklung erfassen
-und beobachten. <em class="gesperrt">Jesus ist aber eine &uuml;bermenschliche Pers&ouml;nlichkeit
-aus einem Guss.</em></p>
-
-<p>So beruht die moderne Dogmatik auf einer historischen und
-psychologischen Gewaltthat, weil sie nicht nachweisen kann, warum
-wir das Recht haben, Jesum aus seiner Zeit herauszul&ouml;sen,
-seine Pers&ouml;nlichkeit in unsere modernen Gedanken zu &uuml;bersetzen
-und ihn als »Messias« und »Gottessohn« ausserhalb des j&uuml;dischen
-Rahmens aufzufassen.</p>
-
-<p>Die wahre geschichtliche Erkenntnis aber gibt der Dogmatik
-ihre volle Bewegungsfreiheit wieder! Sie bietet ihr die Pers&ouml;nlichkeit
-Jesu dar in einer eschatologischen <em class="gesperrt">und doch ihrem
-Wesen nach durch und durch modernen Weltanschauung</em>,
-weil <b>er</b> sie mit seinem gewaltigen Geiste durchdrungen hat.</p>
-
-<p>Dieser Jesus ist viel gr&ouml;sser als der modern gedachte: <em class="gesperrt">er
-ist wirklich eine &uuml;berirdische Pers&ouml;nlichkeit</em>. Mit seinem
-Tode vernichtet er die Form seiner Weltanschauung, indem seine
-Eschatologie unm&ouml;glich wird. Damit gibt er allen Geschlechtern
-und allen Zeiten das Recht, <em class="gesperrt">ihn in ihren Gedanken und Vorstellungen
-zu erfassen, dass sein Geist ihre Weltanschauung
-durchdringe, wie er die j&uuml;dische Eschatologie
-belebte und verkl&auml;rte</em>.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_98">[S. 98]</a></span></p>
-
-<p>Darum darf sich die moderne Dogmatik gerade auf Grund
-der wahren geschichtlichen Erkenntnis frei bewegen, ohne die
-immerw&auml;hrende kleinliche geschichtliche R&uuml;cksichtnahme, welche
-heutzutage oft zum Schaden der geschichtlichen Wahrhaftigkeit
-beobachtet wird. <em class="gesperrt">Die Dogmatik soll nicht um einen Pflock
-grasen. Sie ist frei, denn sie hat unsere christliche
-Weltanschauung allein auf die Pers&ouml;nlichkeit Jesu
-Christi zu gr&uuml;nden, ohne R&uuml;cksicht zu nehmen auf
-die Form, in welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte.
-Er selbst hat ja diese Form mit seinem Tod zerst&ouml;rt.</em>
-Die <em class="gesperrt">Geschichte</em> fordert die Dogmatik zu dieser <em class="gesperrt">Ungeschichtlichkeit</em>
-auf.</p>
-
-<p class="pmb3">Als Jesus verschieden war, sagte <em class="gesperrt">der r&ouml;mische Hauptmann</em>,
-»wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen« (Mk
-15 <span class="antiqua">39</span>). So wird seine W&uuml;rde mit dem Augenblick seines Todes
-frei f&uuml;r alle Zungen, f&uuml;r alle Nationen und f&uuml;r alle Weltanschauungen.</p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<h2 id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.<br /><br />
-
-Abriss des Lebens Jesu.</h2>
-
-
-<p>Das »<em class="gesperrt">Leben Jesu</em>« beschr&auml;nkt sich auf die letzten Monate
-seines Daseins. Zur Zeit der Sommeraussaat trat er auf und starb
-am Kreuz zu Ostern des folgenden Jahres.</p>
-
-<p>Seine &ouml;ffentliche Wirksamkeit z&auml;hlt nach <em class="gesperrt">Wochen</em>. Die erste
-Periode reicht von der Aussaat bis in die Erntezeit; die zweite
-umfasst die Tage des Auftretens zu Jerusalem. Den Herbst und
-den Winter verbrachte er auf heidnischem Gebiet, allein mit
-seinen J&uuml;ngern.</p>
-
-<p>Vor ihm war der T&auml;ufer aufgetreten und hatte mit Nachdruck
-auf die N&auml;he des Reiches und die vormessianische Erscheinung
-des gewaltigen Vorl&auml;ufers hingewiesen, mit dessen Auftreten die
-Geistesausgiessung statthaben sollte. Nach Jo&euml;l war dies, mit
-andern Wundern, das Zeichen, dass der Gerichtstag unmittelbar
-bevorstand. Johannes selbst hielt sich nie f&uuml;r diesen Vorl&auml;ufer;
-auch das Volk kam nicht auf diesen Gedanken, <em class="gesperrt">denn er hatte die
-Zeit der Wunder nicht heraufgef&uuml;hrt</em>. Er sei ein Prophet:
-das war die allgemeine Meinung.</p>
-
-<p>Ueber Jesu fr&uuml;here Entwicklung wissen wir nichts. Alles liegt
-im Dunkeln. Nur eines steht fest: W&auml;hrend der Taufe ging ihm
-das Geheimnis seines Daseins auf, dass er n&auml;mlich derjenige sei,
- <span class="pagenum"><a id="Page_99">[S. 99]</a></span>
-den <em class="gesperrt">Gott</em> zum Messias bestimmt hatte. <em class="gesperrt">Mit dieser Offenbarung
-ist er fertig; eine Entwicklung hat er nicht
-mehr durchgemacht.</em> Denn nun stand ihm fest, dass er bis
-zum nahen Anbrechen der messianischen Aera, wo seine W&uuml;rde
-ihm in Herrlichkeit zufiel, als der unerkannte und verborgene
-Messias auf das Reich hin zu wirken habe und sich mit den Seinen
-in der Enddrangsal bew&auml;hren und l&auml;utern m&uuml;sse.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Der Leidensgedanke war also mit dem Messianit&auml;tsbewusstsein
-selbst gegeben, wie mit der Reichserwartung
-die Vorstellung der vormessianischen Drangsal
-unl&ouml;sbar zusammenh&auml;ngt.</em> Irdische Ereignisse konnten
-Jesu Werdegang nicht beeinflussen. <em class="gesperrt">Durch sein Geheimnis
-stand er &uuml;ber der Welt</em>, wenn er auch jetzt noch als Mensch
-unter Menschen wandelte.</p>
-
-<p>Sein Auftreten und seine Verk&uuml;ndigung gehen nur auf die
-Reichsn&auml;he. Seine Predigt ist die des Johannes, nur dass er sie
-durch Zeichen bekr&auml;ftigt. Obwohl sein Geheimnis seine ganze
-Verk&uuml;ndigung beherrscht, darf niemand darum wissen, denn er
-muss unerkannt bleiben, bis der neue Aeon anbricht.</p>
-
-<p>Wie sein Geheimnis, so ist auch seine ganze Ethik durch
-das »jetzt und dann« beherrscht. Es handelt sich um die Busse
-auf das Reich Gottes hin und den Erwerb der Gerechtigkeit,
-welche dazu bef&auml;higt: <em class="gesperrt">denn nur die Gerechten ererben das
-Reich</em>. Diese Gerechtigkeit ist h&ouml;her als die des Gesetzes, denn
-er weiss, dass das Gesetz und die Propheten weissagten bis Johannes:
-<em class="gesperrt">mit dem T&auml;ufer aber befindet man sich in der
-Vorl&auml;uferperiode unmittelbar vor dem Reichsanbruch</em>.</p>
-
-<p>Darum muss er, als k&uuml;nftiger Messias, jene h&ouml;here Sittlichkeit
-verk&uuml;nden und wirken. Die geistig Armen, die Sanftm&uuml;tigen,
-die da Leid tragen, die nach Gerechtigkeit hungern und
-d&uuml;rsten, die Mitleidigen, die reinen Herzens sind, die Friedfertigen:
-<em class="gesperrt">diese alle sind selig, weil sie in dieser Eigenschaft
-zum Reich bestimmt sind</em>.</p>
-
-<p>Hinter dieser ethischen Verk&uuml;ndigung steht das Geheimnis
-des Reiches Gottes. Was, <em class="gesperrt">von dem Einzelnen geleistet</em>,
-sittliche Erneuerung in Vorbereitung auf das Reich ist, das bedeutet,
-<em class="gesperrt">von der Gemeinschaft gewirkt</em>, eine Thatsache,
-durch welche seine Realisierung auf &uuml;bernat&uuml;rliche Weise herbeigef&uuml;hrt
-wird. So durchdringen sich Individual- und Sozialethik
-in dem grossen Geheimnis. Wie die &uuml;berreiche Ernte durch
- <span class="pagenum"><a id="Page_100">[S. 100]</a></span>
-Gottes Wundermacht geheimnisvoll auf die Aussaat folgt, so
-kommt auch das Reich Gottes auf Grund der sittlichen Erneuerung
-durch die Menschen, aber ohne ihr Zuthun.</p>
-
-<p>In dem Gleichnis ist auch die zeitliche Ko&iuml;ncidenz enthalten.
-Er sprach es zur Aussaat und erwartete das Reich zur Erntezeit.
-<em class="gesperrt">Die Natur war Gottes Uhr. Mit der letzten Aussaat
-hatte er sie zum letztenmal gestellt.</em></p>
-
-<p>Das Geheimnis des Reiches Gottes ist die &uuml;berirdische Verkl&auml;rung
-der altprophetischen Ethik, in welcher der herrliche Endzustand
-auch nur auf Grund der sittlichen Umkehr Israels von
-Gott heraufgef&uuml;hrt wird. In souver&auml;ner Art vollzieht Jesus die
-Synthese zwischen Daniel'scher Apokalyptik und prophetischer
-Ethik. Es handelt sich bei ihm nicht um <em class="gesperrt">eschatologische
-Ethik</em>, sondern seine Weltanschauung ist <em class="gesperrt">ethische Eschatologie.
-Als solche ist sie modern.</em></p>
-
-<p>Auch die Zeichen und Wunder fallen unter eine doppelte
-Betrachtungsweise. F&uuml;r das Volk sollen sie nur die Predigt von
-der Reichsn&auml;he bekr&auml;ftigen. Wer jetzt nicht glaubt, dass die
-Zeit so weit ist, hat keine Entschuldigung. Die Zeichen und
-Wunder verdammen ihn, denn sie bekunden offenbar, dass es mit
-der widerg&ouml;ttlichen Macht zu Ende geht.</p>
-
-<p>Hinter dieser Behauptung steht aber f&uuml;r Jesus das Geheimnis
-des Reiches Gottes. Als die Pharis&auml;er die Zeichen selbst der
-Teufelsmacht zuschreiben wollten, deutet er in einem Gleichnis das
-Geheimnis an. Durch seine Thaten bindet er die widerg&ouml;ttliche
-Macht, wie man &uuml;ber einen Starken zuerst herf&auml;llt und ihn unsch&auml;dlich
-macht, ehe man daran denken kann, ihm seinen Besitz
-zu rauben. Darum gibt er den J&uuml;ngern bei der Aussendung zugleich
-mit dem Predigtauftrag die Vollmacht &uuml;ber die unreinen
-Geister. Sie sollen die letzten Streiche f&uuml;hren.</p>
-
-<p>Als Drittes geh&ouml;rt zur Reichspredigt der Hinweis auf die
-vormessianische Drangsal. Die Gl&auml;ubigen m&uuml;ssen darauf vorbereitet
-sein, mit ihm durch jene Zeit der Bew&auml;hrung hindurchzugehen,
-wo sie in der Standhaftigkeit gegen den letzten Ansturm
-der Weltmacht sich als die Auserw&auml;hlten des Gottesreiches erweisen.
-Auf seine Person hin wird sich dieser Ansturm konzentrieren;
-darum muss man bei ihm ausharren bis zum Tod. Nur
-das Sein im Gottesreich ist Leben. Der Menschensohn wird darnach
-richten, ob sie bei ihm, Jesus, ausgehalten haben oder nicht.
-So wendet sich Jesus am Schluss der Seligpreisungen an die Seinen
- <span class="pagenum"><a id="Page_101">[S. 101]</a></span>
-mit den Worten: »Selig seid ihr, wenn die Menschen euch um
-meinetwillen verfolgen«. Die Aussendungsrede wird zu einer Ausf&uuml;hrung
-&uuml;ber die Drangsal. Das letzte Wort in der Botschaft
-von der unmittelbaren Reichsn&auml;he an den T&auml;ufer lautet: »Selig ist,
-wer sich nicht an mir &auml;rgert.« Die Menge, mit welcher er das
-Abendmahl am See gefeiert hat, beschw&ouml;rt er am Morgen zu
-Bethsaida, bei ihm auszuharren, auch wenn er ein Gegenstand
-der Verachtung und des Spotts in der s&uuml;ndigen Welt sein wird:
-ihre Seligkeit h&auml;ngt davon ab.</p>
-
-<p>Diese Drangsal bedeutet zugleich mit der <em class="gesperrt">Bew&auml;hrung</em> auch
-noch eine <em class="gesperrt">S&uuml;hne</em>. Sie ist im messianischen Drama vorgesehen,
-weil Gott von den Reichsgenossen eine S&uuml;hne f&uuml;r ihre Vergehungen
-in diesem Aeon verlangt. <em class="gesperrt">Aber er ist allm&auml;chtig.</em>
-In dieser Allmacht bestimmt er &uuml;ber die Zugeh&ouml;rigkeit zum
-Reich, &uuml;ber die Stelle, die einer darin einnimmt, ohne an irgend
-welche Bestimmung gebunden zu sein. So ist auch die Notwendigkeit
-der Enddrangsal im Hinblick auf seine Allmacht nur relativ.
-Er kann sie den Menschen erlassen.</p>
-
-<p>Darauf beziehen sich die drei letzten Bitten des Vaterunsers.
-Nachdem Gott angefleht worden, er m&ouml;ge das Reich senden, dass
-sein Name geheiligt werde und sein Wille auf Erden geschehe, wie
-im Himmel, d&uuml;rfen die Menschen ihn bitten, ihnen die Vergehungen
-zu verzeihen und die »Versuchung« zu ersparen, indem
-er sie der Gewalt des B&ouml;sen direkt entreisst.</p>
-
-<p>Dies war der Inhalt von Jesu Verk&uuml;ndigung in der ersten
-Periode. Er hielt sich w&auml;hrend derselben am n&ouml;rdlichen Ufer des
-Sees auf. Chorazin, Bethsaida und Kapernaum waren die Hauptst&auml;tten
-seiner Wirksamkeit. Von dort unternahm er &uuml;ber den
-See hin einen Zug in das Gebiet der zehn St&auml;dte und eine Reise
-nach Nazareth.</p>
-
-<p>Gerade in den St&auml;dten seiner Hauptwirksamkeit stiess er
-auf Unglauben. Der Fluch, den er &uuml;ber sie aussprechen muss,
-bezeugt es. Zudem waren ihm die Pharis&auml;er aufs&auml;ssig und suchten
-ihn gerade wegen seiner Wunder beim Volk zu diskreditieren. In
-Nazareth erfuhr er, dass ein Prophet nichts gilt in seinem Vaterlande.</p>
-
-<p>So war die galil&auml;ische Periode nichts weniger als eine gl&uuml;ckliche.
-Diese &auml;usseren Misserfolge bedeuteten aber nichts f&uuml;r das
-Kommen des Reiches. Die ungl&auml;ubigen St&auml;dte richteten nur sich
-selbst. Um die N&auml;he des Reiches zu ermessen, hatte Jesus andere,
- <span class="pagenum"><a id="Page_102">[S. 102]</a></span>
-geheimnisvolle Anzeichen. An diesen erkannte er, dass die Zeit
-da war. <em class="gesperrt">Darum sandte er seine J&uuml;nger aus, gerade auf
-dem R&uuml;ckweg von Nazareth &mdash; denn es war Erntezeit.</em></p>
-
-<p>Durch ihre Predigt und durch ihre Zeichen drang die Kunde
-von seiner machtvollen Pers&ouml;nlichkeit &uuml;berall hin. Jetzt beginnt
-die Zeit der Erfolge! Johannes im Gef&auml;ngnis h&ouml;rte davon und
-sandte seine J&uuml;nger, sie sollten ihn fragen, ob er derjenige sei,
-»welcher kommen sollte«, denn aus den Wundern schloss er, dass
-die Zeit des machtvollen Vorl&auml;ufers, den er verk&uuml;ndigt hatte,
-da sei.</p>
-
-<p>Jesus that Zeichen, seine J&uuml;nger hatten Macht &uuml;ber die
-Geister. Wenn er vom Gericht sprach, betonte er, dass der
-Menschensohn mit ihm solidarisch w&auml;re und nur den anerk&auml;nnte,
-der zu ihm, Jesus, gestanden h&auml;tte. Das Volk hielt deshalb daf&uuml;r,
-er k&ouml;nne der sein, nach dem man ausschaute, und der gefangene
-T&auml;ufer wollte dar&uuml;ber Gewissheit haben.</p>
-
-<p>Jesus kann ihm nicht sagen, wer er ist. »<em class="gesperrt">Die Zeit ist
-sehr vorgeschritten</em>« &mdash; das ist der Inhalt seines Bescheids.
-Nachdem die Gesandten fort sind, wendet er sich an das Volk und
-deutet in geheimnisvoller Rede darauf hin, dass die Stunde schon
-weiter vorger&uuml;ckt sei, als jener in seiner Frage ahnte. Die Vorl&auml;uferzeit
-hat mit dem Auftreten des T&auml;ufers selbst angefangen.
-Seither wird das Gottesreich gewaltsam herbeigen&ouml;tigt. <em class="gesperrt">Der
-Frager selbst ist der Elias, wenn sie es begreifen
-m&ouml;gen.</em></p>
-
-<p>Die Menschen vermochten es nicht zu fassen, dass der Gefangene
-der Elias war. Sie verstanden die Zeit nicht, als er mit
-seiner Predigt auftrat. Das liegt aber nicht allein daran, dass
-jener keine Wunder that, sondern an der Verstocktheit ihrer
-Herzen. Unvern&uuml;nftige Kinder sind sie, die nicht wissen, was sie
-wollen. Jetzt ist einer da, der Zeichen thut &mdash; aber auch dem
-glauben sie die N&auml;he des Reiches nicht. So schliesst der Fluch
-&uuml;ber Chorazin und Bethsaida die »W&uuml;rdigungsrede &uuml;ber den
-T&auml;ufer« ab.</p>
-
-<p>Die Entsendung der J&uuml;nger war die letzte That zur Herbeif&uuml;hrung
-des Reiches. Als sie daher zur&uuml;ckkommen, ihm ihren
-Erfolg k&uuml;nden und berichten, wie sie Gewalt &uuml;ber die b&ouml;sen
-Geister hatten, heisst das f&uuml;r ihn: <em class="gesperrt">es ist alles bereit.</em> So erwartet
-er jetzt den Reichsanbruch f&uuml;r die unmittelbarste Zukunft,
-nachdem es ihm schon fraglich gewesen war, ob die J&uuml;nger
- <span class="pagenum"><a id="Page_103">[S. 103]</a></span>
-vor diesem Ereignis zu ihm zur&uuml;ckkehren w&uuml;rden. Er hatte ihnen
-ja gesagt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie ereilen
-w&uuml;rde, ehe sie mit den St&auml;dten Israels zu Ende w&auml;ren.</p>
-
-<p>Sein Werk ist gethan. Nun verlangt es ihn, sich zu sammeln
-und mit den Seinen allein zu sein. Sie besteigen ein Schiff und
-fahren l&auml;ngs des Strandes nach Norden zu. Die Menge aber,
-welche sich auf die Predigt der J&uuml;nger hin um ihn gesammelt
-hatte, um mit ihm das Reich zu erwarten, folgt ihnen am Ufer
-nach und &uuml;berrascht sie am einsamen Strand, wo sie gelandet.</p>
-
-<p>Als es Abend geworden, wollten die J&uuml;nger, dass er das
-Volk entlasse, damit sie in den umliegenden Flecken Speise zu
-sich n&auml;hmen. F&uuml;r ihn ist aber die Stunde zu heilig, um durch ein
-irdisches Mahl entweiht zu werden. Bevor er sie daher entl&auml;sst,
-heisst er sie sich lagern und h&auml;lt mit ihnen eine Vorfeier des
-messianischen Mahles. Er, der k&uuml;nftige Messias, teilt der Gemeinschaft,
-welche um ihn versammelt ist, um die Ankunft des
-Reiches zu erwarten, feierlich Speise aus, indem er sie damit geheimnisvoll
-zur Teilnahme an der nahen Vollendungsfeier weiht.
-Da sie sein Geheimnis nicht wussten, verstanden sie sein Handeln
-nicht, ebensowenig wie die J&uuml;nger. Sie begriffen nur, dass
-es etwas gewaltig Ernstes bedeutete und machten sich ihre Gedanken
-dar&uuml;ber.</p>
-
-<p>Darauf entliess er sie. Den J&uuml;ngern befahl er an den Strand
-von Bethsaida zu fahren. Er selbst zog sich auf den Berg zum
-Gebet zur&uuml;ck und folgte dann l&auml;ngs des Strandes zu Fuss. Als
-ihnen seine Gestalt im Dunkel der Nacht erschien, da glaubten
-sie, unter dem Eindruck der Feier, wo er in geheimnisvoller
-Hoheit vor ihnen stand, seine &uuml;berirdische Erscheinung nahe
-sich auf den bewegten Wogen, gegen die sie zur Landung ank&auml;mpften.</p>
-
-<p>Am Morgen nach dem Abendmahl am See sammelt er Volk
-und J&uuml;nger um sich zu Bethsaida und vermahnt sie, bei ihm auszuharren
-und ihn nicht zu verleugnen in der Erniedrigung.</p>
-
-<p>Sechs Tage sp&auml;ter geht er mit den drei Intimen auf den
-Berg, wo er einsam gebetet hatte. Dort wird er ihnen als der
-Messias geoffenbart. Auf dem Heimweg verbietet er ihnen, etwas
-davon zu sagen, bis er bei der Auferstehung in der Glorie des
-Menschensohns offenbart w&uuml;rde. Sie aber vermissen noch die
-Erscheinung des Elias, der doch kommen m&uuml;sse, bevor die Totenauferstehung
-statt habe. Bei der W&uuml;rdigungsrede &uuml;ber den T&auml;ufer,
- <span class="pagenum"><a id="Page_104">[S. 104]</a></span>
-wo die geheimnisvolle Andeutung fiel, waren sie ja nicht zugegen
-gewesen. Ihnen muss er daher jetzt klar machen, dass der Enthauptete
-der Elias war. An seinem Schicksal d&uuml;rfen sie keinen
-Anstoss nehmen, denn also war es bestimmt. Auch der, welcher
-Menschensohn sein wird, muss viel leiden und verspottet werden.
-So will es die Schrift.</p>
-
-<p>Das Reich, welches Jesus in unmittelbarer N&auml;he erwartete,
-blieb aus. F&uuml;r die evangelische Geschichts&uuml;berlieferung war
-diese <em class="gesperrt">erste</em> eschatologische Verz&ouml;gerung insofern verh&auml;ngnisvoll,
-als nun alle Vorg&auml;nge um die Aussendung herum unverst&auml;ndlich
-wurden, weil das Bewusstsein verloren ging, dass die intensivste
-eschatologische Erwartung damals Jesus und seine Umgebung
-beseelte. Darum ist gerade diese Zeit in den Berichten verwirrt
-und dunkel, besonders da einzelne Vorg&auml;nge auch den damaligen
-Teilnehmern r&auml;tselhaft blieben. So wurde in der Ueberlieferung
-das Kultmahl am See zur »wunderbaren Speisung« in einem ganz
-andern Sinn, als es Jesus gemeint hatte.</p>
-
-<p>Auch die Motive seines Verschwindens werden damit unverst&auml;ndlich.
-Es scheint sich um eine »Flucht« zu handeln, w&auml;hrend
-andererseits die Berichte in keiner Weise andeuten, wie es
-so weit gekommen. In der Einsicht in die beiden sich entsprechenden
-H&ouml;hepunkte der eschatologischen Erwartung liegt der
-Schl&uuml;ssel zum historischen Verst&auml;ndnis des Lebens Jesu. <em class="gesperrt">W&auml;hrend
-den jerusalemitischen Tagen kehrt wieder, was in
-den Tagen zu Bethsaida schon einmal dagewesen.</em> Ohne
-diese Annahme klafft zwischen der Aussendung und dem Zug
-nach Jerusalem eine L&uuml;cke in der evangelischen Ueberlieferung.
-Die Geschichtsschreibung sieht sich gezwungen, eine Periode des
-galil&auml;ischen Niedergangs zu <em class="gesperrt">erfinden</em>, um den Zusammenhang
-der berichteten Thatsachen herzustellen, als fehlte hier ein St&uuml;ck
-in unseren Evangelien. <em class="gesperrt">Das ist der schwache Punkt aller
-»Leben Jesu«.</em></p>
-
-<p>Mit der R&uuml;ckkehr in die Landschaft Genezareth entzieht sich
-Jesus den Pharis&auml;ern und dem Volk, um mit seinen J&uuml;ngern allein
-zu sein, wie es schon seit ihrer R&uuml;ckkehr von der Missionswanderung
-sein vergebliches Bestreben war. Es ist unumg&auml;nglich n&ouml;tig, denn
-er muss &uuml;ber zwei messianische Thatsachen ins Klare kommen.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Warum ist der T&auml;ufer von seiner Obrigkeit hingerichtet
-worden, ehe die messianische Zeit angebrochen?</em></p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[S. 105]</a></span></p>
-
-<p><em class="gesperrt">Warum bleibt das Reich aus, da doch die Anzeichen
-seines Einbrechens da sind?</em></p>
-
-<p>In der Schrift geht ihm das Geheimnis auf: Gott f&uuml;hrt das
-Reich herauf <em class="gesperrt">ohne allgemeine Enddrangsal</em>. Derjenige, den
-er zur Herrschaft in Herrlichkeit bestimmt hat, vollzieht sie an
-sich, indem er als ein Uebelth&auml;ter gerichtet und verurteilt wird.
-Daf&uuml;r gehen die andern frei aus: er leistet die S&uuml;hne f&uuml;r sie.
-M&ouml;gen sie immerhin glauben, Gott strafe ihn, m&ouml;gen sie an dem,
-welcher ihnen die Gerechtigkeit gepredigt, irre werden, &mdash; wenn
-nach seinem Leiden die Herrlichkeit anbricht, dann werden sie
-sehen, dass er f&uuml;r sie gelitten.</p>
-
-<p>So las Jesus im Propheten Jesaia, was Gott &uuml;ber ihn, den
-Auserw&auml;hlten, bestimmt hatte. Das Ende des T&auml;ufers zeigte ihm
-an, in welcher Form ihm diese Verurteilung beschieden war: er
-sollte von seiner Obrigkeit vor allem Volk als ein Misseth&auml;ter
-zu Tode gebracht werden. Dazu musste er hinaufziehen nach
-Jerusalem f&uuml;r die Zeit, <em class="gesperrt">da ganz Israel sich dort versammelte</em>.</p>
-
-<p>Als daher die Zeit zur Osterreise kam, brach er mit seinen
-J&uuml;ngern auf. Ehe sie von dannen zogen, fragte er sie, f&uuml;r wen
-er bei den Leuten gelte. Sie wussten nur zu antworten, dass man
-ihn f&uuml;r den Elias halte. Petrus aber, in der Erinnerung an die
-Offenbarung auf dem Berg bei Bethsaida, sagt: du bist der
-Gottessohn. Daraufhin thut ihnen Jesus sein Geheimnis kund.
-Gewiss, er ist der, welcher als Menschensohn bei der Auferstehung
-geoffenbart werden wird. Vorher aber ist ihm bestimmt, den
-Hohenpriestern und Aeltesten zur Verurteilung und zum Tod &uuml;berantwortet
-zu werden. Gott will es also. Darum ziehen sie nach
-Jerusalem.</p>
-
-<p>Petrus h&auml;lt sich &uuml;ber diese neue Er&ouml;ffnung auf, denn in der
-Offenbarung auf dem Berg war nicht die Rede davon gewesen.
-Er nimmt Jesum bei Seite und dringt heftig auf ihn ein. Darauf
-wird er von ihm hart zurechtgewiesen, dass er menschliche Erw&auml;gungen
-laut werden l&auml;sst, wo Gott redet.</p>
-
-<p>Diese Reise nach Jerusalem war der Todeszug zum Siege.
-In dem Leidensgeheimnis lag das Geheimnis des Reiches Gottes
-geborgen. Sie zogen hinter ihm her und wussten nur, dass er
-nachher, wenn ihm also geschehen w&auml;re, Messias sein w&uuml;rde. Es
-bangte ihnen vor dem, was kommen sollte; sie verstanden nicht,
-warum es also sein musste, und scheuten sich, ihn zu fragen. Vor
- <span class="pagenum"><a id="Page_106">[S. 106]</a></span>
-allem gingen aber ihre Gedanken auf den Zustand im nahen
-Reich. Wenn er einmal Messias war, was w&uuml;rden dann sie sein?
-das besch&auml;ftigte ihren Sinn und davon redeten sie untereinander.
-Er aber wies sie zurecht und deutete ihnen an, warum er leiden
-m&uuml;sse. Nur durch Erniedrigung und dienende Dahingabe wird
-man bereitet, im Gottesreich zu herrschen. Darum muss der,
-welcher als Menschensohn die Herrschaft im Reich aus&uuml;ben wird,
-jetzt f&uuml;r die vielen mit seinem Leben in dienender Hingabe eine
-S&uuml;hne leisten.</p>
-
-<p>Mit dem Betreten des j&uuml;dischen Gebiets beginnt die zweite
-&ouml;ffentliche Periode. Er ist wieder vom Volk umgeben. In Jericho
-wartet die Menge auf ihn, um ihn beim Durchzug zu sehen.
-Durch die Heilung eines blinden Bettlers, des Sohnes des Tim&auml;us,
-erweist er sich ihnen als der grosse Vorl&auml;ufer, f&uuml;r den man ihn
-schon in Galil&auml;a gehalten hatte. Die jubelnde Menge bereitet
-ihm einen feierlichen Einzug. Als dem, welcher der Weissagung
-zufolge vor dem Messias herkommt, singen sie ihm Hosianna.
-Dem Reich aber, welches in B&auml;lde erscheinen wird, gilt das
-Hosianna in der H&ouml;h'. Damit ist wieder die Situation der grossen
-Tage am Seestrand erreicht: Jesus wird von der reichsgl&auml;ubigen
-Menge umdr&auml;ngt.</p>
-
-<p>Die Belehrung, welche die jerusalemitischen Gleichnisse enthalten,
-bezieht sich auf die N&auml;he des Reiches. Es sind <em class="gesperrt">Warnrufe</em>,
-die zugleich eine Drohung f&uuml;r die enthalten, welche sich
-gegen die Kunde verstocken. Nicht die Frage: ist er der Messias?
-ist er es nicht? bewegte die Geister, sondern: ist das Reich
-so nah, wie er sagt, oder nicht?</p>
-
-<p>Die Pharis&auml;er und Schriftgelehrten wussten nicht, welche
-Stunde es geschlagen hatte. Sie zeigten eine g&auml;nzliche Unempfindlichkeit
-f&uuml;r die N&auml;he des Reichs, denn sonst h&auml;tten sie
-ihm nicht Fragen zur Beantwortung vorgelegt, die gerade durch
-die vorgeschrittene Zeit gegenstandslos geworden waren. Was
-kommt denn noch auf den Kaiserzins an? Was sollen die
-spitzfindigen sadduc&auml;ischen Argumente gegen die M&ouml;glichkeit
-der Totenauferstehung? Bald ist ja mit dem Reichsanbruch
-die <em class="gesperrt">irdische Herrschaft</em> gerade so gut wie die <em class="gesperrt">irdische
-Menschennatur</em> abgethan!</p>
-
-<p>Ja, wenn sie die Zeichen der Zeit verst&auml;nden! Er gibt ihnen
-zwei Fragen auf, die sie zum Nachdenken bringen sollen, damit
-sie es merken, dass sie in der Zeit eines grossen Geheimnisses
- <span class="pagenum"><a id="Page_107">[S. 107]</a></span>
-stehen, von dem sich ihre Schriftgelehrsamkeit nicht tr&auml;umen
-l&auml;sst.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">In welcher Vollmacht wirkte der T&auml;ufer?</em> Wenn sie
-es w&uuml;ssten, dass er der Vorl&auml;ufer war, wie es Jesus schon dem
-Volk gegen&uuml;ber geheimnisvoll angedeutet hatte, dann w&uuml;ssten
-sie auch, dass die Stunde des Reiches geschlagen hat.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Wie ist der Messias bald Davids Sohn, also unter
-ihm, bald Davids Herr, also &uuml;ber ihm?</em> Wenn sie das
-erkl&auml;ren k&ouml;nnten, dann verst&auml;nden sie auch, dass der, welcher
-niedrig und unerkannt auf das Reich Gottes hinwirkt, als Herr
-und Messias geoffenbart werden wird.</p>
-
-<p>So aber ahnen sie nicht einmal, dass die messianischen Hinweise
-<em class="gesperrt">Geheimnisse</em> bergen. Mit ihrer Gelehrsamkeit sind sie
-blinde Blindenleiter, die das Volk, statt es f&uuml;r das Reich empf&auml;nglich
-zu machen, verstocken und statt die neue Sittlichkeit, welche
-zum Reich gerecht macht, aus dem Gesetz herauszulesen, in
-kleinlicher Ver&auml;usserlichung ihr entgegenarbeiten und das Volk
-mit sich ins Verderben ziehen. Darum: <em class="gesperrt">Wehe den Pharis&auml;ern
-und Schriftgelehrten!</em></p>
-
-<p>Zwar auch unter ihnen gibt es noch solche, welche ein
-offenes Auge behalten haben. Derjenige, welcher ihn nach dem
-grossen Gebot gefragt hat und seiner Antwort zustimmt, der ist
-»verst&auml;ndig« und deshalb »nicht fern vom Reich Gottes«, denn
-er geh&ouml;rt dazu, wenn es erscheint.</p>
-
-<p>Die Masse aber der Pharis&auml;er und Schriftgelehrten versteht
-ihn so wenig, dass sie seinen Tod beschliessen. Auf Jesu Auftreten
-hin brachten sie keine wirksame Anklage fertig. Ein respektloses
-Wort &uuml;ber den Tempel: das war alles. <em class="gesperrt">Da verriet
-ihnen Judas das Geheimnis.</em> Jetzt war er verurteilt.</p>
-
-<p>In der N&auml;he des Todes richtet sich Jesus zu derselben sieghaften
-Gr&ouml;sse auf, wie in den Tagen am Seestrand: <em class="gesperrt">denn mit
-dem Tod kommt das Reich.</em> Damals hatte er mit den Gl&auml;ubigen
-die Vorfeier des messianischen Mahles gehalten; so erhebt
-er sich jetzt am Ende der letzten irdischen Mahlzeit und teilt den
-J&uuml;ngern feierlich Speise und Trank aus, indem er sie mit erhobener
-Stimme, nachdem der Becher zu ihm zur&uuml;ckgekehrt ist, darauf
-hinweist, dass dieses das letzte irdische Mahl gewesen ist, weil
-sie in B&auml;lde zum Mahl in des Vaters Reich vereinigt sein
-werden. Zwei entsprechende Gleichnisworte deuten das Leidensgeheimnis
-an. F&uuml;r ihn sind Brot und Wein, die er ihnen bei der
- <span class="pagenum"><a id="Page_108">[S. 108]</a></span>
-Vorfeier darreicht, sein Leib und sein Blut, weil er durch die Hingabe
-in den Tod das messianische Mahl herauff&uuml;hrt. Das Gleichniswort
-blieb den J&uuml;ngern dunkel. Es war auch nicht auf sie berechnet,
-es sollte ihnen nichts verdeutlichen &mdash; <em class="gesperrt">denn es war
-ein Geheimnisgleichnis</em>.</p>
-
-<p>Wie nach dem Abendmahl am See, sucht er auch jetzt, da
-die grosse Stunde naht, die Einsamkeit auf, um zu beten. Er
-tr&auml;gt die Drangsal f&uuml;r die andern. Darum darf er den J&uuml;ngern
-voraussagen, dass sie in der Nacht sich alle an ihm &auml;rgern werden
-&mdash; und er braucht sie nicht zu verdammen, denn die Schrift
-hat es so bestimmt. Welch unendlicher Friede liegt in diesem
-Wort! Ja, er tr&ouml;stet sie: nach der Auferstehung will er sie um
-sich sammeln und ihnen in messianischer Herrlichkeit vorausziehen
-nach Galil&auml;a, die Strasse zur&uuml;ck, auf welcher sie ihm im
-Todesgang gefolgt sind.</p>
-
-<p>Noch steht es aber in Gottes Allmacht, die Drangsal auch
-f&uuml;r ihn auszuschalten. Darum, wie er einst mit den Gl&auml;ubigen
-gebetet »und f&uuml;hre uns nicht in die Versuchung«, so bittet er
-jetzt f&uuml;r sich, Gott in seiner Allmacht m&ouml;ge den Leidenskelch an
-<em class="gesperrt">seinen</em> Lippen vor&uuml;bergehen lassen. Zwar, wenn es Gottes Wille
-ist, f&uuml;hlt er sich stark genug, ihn zu trinken. Nur f&uuml;r die Intimen
-bangt ihm. Die Zebedaiden haben sich vermessen, um die Thronpl&auml;tze
-zu erlangen, den Leidensbecher mit ihm zu trinken und
-die Leidenstaufe mit ihm zu empfangen. Petrus verschwor sich,
-bei ihm auszuhalten, auch wenn er mit ihm sterben m&uuml;sste. Er
-weiss nicht, wie Gott &uuml;ber sie bestimmt hat, ob er ihnen auferlegen
-wird, was sie auf sich nehmen wollten. Darum heisst er
-sie in seiner N&auml;he bleiben. Und w&auml;hrend er Gott f&uuml;r sich anfleht,
-gedenkt er ihrer und weckt sie zu zweien Malen, dass sie
-wach bleiben und Gott anflehen, er m&ouml;ge sie nicht durch »die
-Versuchung« hindurchf&uuml;hren.</p>
-
-<p>Beim drittenmal war die Schar mit dem Verr&auml;ter nahe.
-Die Stunde ist gekommen: darum richtet er sich in seiner
-ganzen hoheitsvollen Gr&ouml;sse auf. Er ist allein, die Seinen
-fliehen.</p>
-
-<p>Das Zeugenverh&ouml;r ist nur ein Scheinverh&ouml;r. Nachdem sie
-abgetreten, stellt der Hohepriester unvermittelt die Frage wegen
-der Messianit&auml;t. »<em class="gesperrt">Ich bin's</em>«, sagt Jesus, <em class="gesperrt">indem er sie auf
-die Stunde verweist, wo er als Menschensohn auf den
-Wolken des Himmels, umgeben von den Engeln, erscheinen
- <span class="pagenum"><a id="Page_109">[S. 109]</a></span>
-wird.</em> Darum wurde er wegen Gottesl&auml;sterung zum
-Tode verurteilt.</p>
-
-<p class="pmb3">Am 14. Nisan Nachmittags, da man abends das Passahlamm
-ass, schrie er laut auf und verschied.</p>
-
-
-<p class="break" />
-<hr class="chap" />
-
-<h2 id="Nachwort">Nachwort.</h2>
-
-
-<p>Die Urteile &uuml;ber diese realistische Darstellung des Lebens
-Jesu k&ouml;nnen sehr verschieden sein, je nach dem dogmatischen,
-historischen oder litterarischen Standort der Kritik. Nur den
-<em class="gesperrt">Zweck</em> des Buches m&ouml;gen sie nicht antasten: <em class="gesperrt">der modernen
-Zeit und der modernen Dogmatik die Gestalt Jesu in
-ihrer &uuml;berw&auml;ltigenden heroischen Gr&ouml;sse vor die Seele
-zu f&uuml;hren.</em></p>
-
-<p>Das Heroische geht unserer Weltanschauung, unserem
-Christentum und unserer Auffassung der Person Jesu ab. Darum
-hat man ihn vermenschlicht und erniedrigt. <span class="smcap">Renan</span> hat ihn zur
-sentimentalen Figur entweiht, feige Geister wie <span class="smcap">Schopenhauer</span>
-wagten es, sich auf ihn zu berufen f&uuml;r ihre entnervende Weltanschauung,
-und unsere Zeit hat ihn modernisiert, indem sie sein
-Werden und seine Entwicklung psychologisch zu begreifen gedachte.</p>
-
-<p class="pmb3">Wir m&uuml;ssen dazu zur&uuml;ckkehren, das <em class="gesperrt">Heroische</em> in Jesu
-wieder zu empfinden, wir m&uuml;ssen vor dieser geheimnisvollen Pers&ouml;nlichkeit,
-die in der Form ihrer Zeit weiss, dass sie auf Grund
-ihres Wirkens und Sterbens eine sittliche Welt schafft, <em class="gesperrt">welche
-ihren Namen tr&auml;gt</em>, in den Staub gezwungen werden, ohne es
-auch nur zu wagen, ihr Wesen verstehen zu wollen: <em class="gesperrt">dann erst
-kann das Heroische in unserem Christentum und in
-unserer Weltanschauung wieder lebendig werden</em>.</p>
-
-
-<div class="break" />
-<p class="pmb3" />
-
-<div class="transnote">
-<b>Notizen des Bearbeiters:</b><br />
-Die Schreibweise des Originals wurde unver&auml;ndert &uuml;bernommen.<br />
-Heute un&uuml;bliche Schreibweisen wurden beibehalten.</div>
-
-<p class="pmb3" />
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem
-Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
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-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
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-Literary Archive Foundation
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-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
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-
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-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
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-
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-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
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-
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-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
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-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
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