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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums - Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine - Skizze des Lebens Jesu - -Author: Albert Schweitzer - -Release Date: January 11, 2016 [EBook #50901] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG *** - - - - -Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Michael Waddell -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Das Abendmahl - - im - - Zusammenhang mit dem Leben Jesu - - und der - - Geschichte des Urchristentums - - von - - Lic. Dr. Albert Schweitzer - in Strassburg i. E. - - - Zweites Heft. - - Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. - - Eine Skizze des Lebens Jesu. - -[Illustration] - - - =Tübingen= und =Leipzig=. - Verlag von _=J. C. B. Mohr=_ (Paul Siebeck). - 1901. - - - - - _Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich - die Verlagsbuchhandlung vor._ - - - - - C. A. Wagner's Universitätsbuchdruckerei in Freiburg i. B. - - - - - Seinem Lehrer - - Herrn Prof. D. Dr. _-H. J. Holtzmann-_ - - gewidmet - - in aufrichtiger Verehrung und treuer Anhänglichkeit - - von seinem dankbaren Schüler - - =Albert Schweitzer.= - - - - -Vorrede. - - -Der Versuch, ein Leben Jesu zu schreiben und dabei nicht am Anfang, -sondern in der Mitte, _=mit dem Leidensgedanken=_ zu beginnen, musste sich -notwendig einmal einstellen. Es ist verwunderlich, dass er nicht schon -früher gemacht worden ist, denn er liegt in der Luft. - -Alle Darstellungen des Lebens Jesu befriedigen nämlich _=bis zum Eintritt -des Leidensgedankens=_. Dort aber verfehlen sie den Anschluss. Es gelingt -keiner von ihnen begreiflich zu machen, warum Jesus nun plötzlich seinen -Tod für notwendig hält und in welchem Sinne er ihn für heilbringend -ansieht. Um diesen Anschluss zu erreichen, muss man sich entschliessen, -einmal vom Leidensgedanken selbst auszugehen, um von da aus das Leben -Jesu _=nach rückwärts und nach vorwärts=_ zu begreifen. Wenn wir den -Leidensgedanken nicht verstehen, liegt es nicht vielleicht daran, dass -wir _=die erste Periode=_ des Lebens Jesu falsch auffassen und uns so die -Einsicht in das _=Aufkommen des Leidensgedankens=_ von vornherein -unmöglich machen? - -Die letzten Jahre der Forschung haben gezeigt, auf wie schwachem Grunde -eigentlich unsere _=historische Auffassung=_ des Lebens Jesu beruht. Es -lässt sich nicht verkennen, dass wir bei einer _=schweren Antinomie=_ -angelangt sind. _=Entweder Jesus hielt sich wirklich selbst für den -Messias oder=_, worauf eine neue Richtung in der Forschung zu führen -scheint, _=erst die urchristliche Auffassung hat ihm diese Würde -beigelegt=_. In beiden Fällen bleibt das »Leben Jesu« gleich rätselhaft. - -Hielt sich Jesus wirklich für den Messias, wie kommt es, dass er wirkt, -als wäre er nicht der Messias? Wie ist es erklärlich, dass seine Würde -und Machtstellung so gar nichts mit seiner _=öffentlichen Thätigkeit zu -thun zu haben scheint=_? Was ist davon zu halten, dass er seinen Jüngern -erst, nachdem seine öffentliche Wirksamkeit -- die wenigen Tage zu -Jerusalem abgerechnet -- schon zu Ende ist, eröffnet, wer er ist, und -ihnen dazu noch befiehlt, _=das Geheimnis=_ streng zu wahren? Dass Motive -der Klugheit oder pädagogische Absichten ihm diese Haltung diktiert -haben sollen, erklärt nichts. _=Wo steht in den synoptischen Berichten -auch nur die leiseste Andeutung, dass Jesus die Jünger und das Volk zur -Erkenntnis seiner Messianität hat erziehen wollen?=_ - -Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr erkennt man, wie wenig die -Annahme, dass Jesus sich für den Messias gehalten habe, das »Leben Jesu« -zu erklären vermag, weil sich so gar keine Verbindung zwischen seinem -Selbstbewusstsein und seiner öffentlichen Wirksamkeit ergiebt. Es mag -banal klingen: man wird dabei die Frage nicht los, warum er es nie -versucht hat, das Volk durch Unterweisung zu der neuen ethischen -Auffassung der Messianität emporzuheben. Der Versuch wäre nicht so -aussichtslos gewesen, als man anzunehmen geneigt ist, denn es ging -damals ein tiefreligiöser Zug durch Israel. _=Warum hat sich Jesus -beharrlich über seine Auffassung der Messianität ausgeschwiegen?=_ - -Nimmt man andererseits an, er hat sich selbst nicht für den Messias -gehalten, so müsste erklärt werden, wie er dann _=nach seinem Tode=_ zum -Messias gemacht wurde. Auf Grund seiner öffentlichen Wirksamkeit ist es -sicher nicht geschehen -- denn diese gerade hat ja mit seiner -Messianität nichts zu thun! Was bedeutet aber dann die Offenbarung des -Messiasgeheimnisses an die Zwölf und das Bekenntnis vor dem -Hohenpriester? Es ist ein purer Gewaltakt, diese Scenen für unhistorisch -zu erklären. Entschliesst man sich zu solchen Eingriffen, _=was bleibt -dann überhaupt noch von der evangelischen Geschichtsüberlieferung -bestehen=_? - -Dabei darf man nicht vergessen, dass wenn Jesus sich selbst nicht für -den Messias gehalten hat, dies den Todesstoss für den christlichen -Glauben bedeutet. Das Urteil der urchristlichen Gemeinde ist für uns -nicht bindend. Die christliche Religion erbaut sich auf _=dem -messianischen Selbstbewusstsein Jesu=_, wodurch er selbst seine -Persönlichkeit aus der Reihe anderer Verkündiger der religiösen -Sittlichkeit _=in einzigartiger Weise=_ scharf heraushebt. Hielt er _=sich -selbst=_ nun nicht für den Messias, so beruht das ganze Christentum -- um -ein verdrehtes und misshandeltes Wort ehrlich zu gebrauchen -- auf einem -_=»Werturteil« der Anhängerschaft Jesu von Nazareth nach seinem Tode=_! - -Vergessen wir nicht, dass es sich um eine Antinomie handelt, aus der -man nur _=einen=_ Schluss ziehen darf: _=dass nämlich die bisherige -»historische« Auffassung des Messianitätsbewusstseins Jesu falsch -ist, weil sie die Geschichte nicht erklärt=_. Geschichtlich ist nur -diejenige Auffassung, welche begreiflich macht, _=wie Jesus sich -für den Messias halten konnte, ohne sich genötigt zu sehen, dieses -sein Selbstbewusstsein in seiner öffentlichen Wirksamkeit auf das -messianische Reich hin zur Geltung zu bringen, ja, wie er geradezu -gezwungen war, die messianische Würde seiner Person zu verschweigen! -Warum war seine Messianität Jesu Geheimnis?=_ -- dieses erklären heisst -das Leben Jesu begreifen. - -Aus der Einsicht in das Wesen dieser Antinomie ist diese neue -Auffassung des Lebens Jesu erwachsen. Inwieweit sie das Problem löst, -das mögen die Verhandlungen darüber klarstellen. Ich veröffentliche die -neue Auffassung _=als Skizze=_, weil sie notwendig in den Rahmen des -Werkes über das Abendmahl gehört. Sodann aber hoffe ich, aus der Kritik -ihrer Grundzüge über manche Punkte des exegetischen Details noch zu -grösserer Klarheit zu kommen, ehe ich daran denke, diesen Gedanken in -einem ausgearbeiteten »Leben Jesu« eine definitive Fassung zu geben. - -_=Den litterarischen Unterbau=_ habe ich, dem skizzenhaften Charakter der -Darstellung entsprechend, gewöhnlich nur andeuten können. Wer sich -jedoch in dieser Sache auskennt, der wird leicht bemerken, dass hinter -mancher hingeworfenen Behauptung viel mehr synoptisches Detailstudium -steckt, als der erste Blick vermuten liesse. - -Gerade für die synoptische Frage ist die neue Auffassung des Lebens Jesu -von grosser Bedeutung. _=Danach wird nämlich die Komposition der -Synoptiker viel einfacher und klarer. Die künstliche Redaktion, mit der -man bisher zu operieren gezwungen war, wird sehr reduziert. Die -Bergpredigt, die Aussendungsrede und die Würdigungsrede über den Täufer -sind keine »Redekompositionen«, sondern sie sind in der Hauptsache so -gehalten, wie sie uns überliefert sind. Auch die Form der Leidens- und -Auferstehungsweissagungen kommt nicht auf das urchristliche Konto, -sondern Jesus hat in diesen Worten zu seinen Jüngern von seiner Zukunft -geredet.=_ Gerade diese Vereinfachung der litterarischen Frage und die -damit verbundene Steigerung der historischen Glaubwürdigkeit der -evangelischen Geschichtserzählung ist von grossem Gewicht für die neue -Auffassung des Lebens Jesu. - -Diese Vereinfachung beruht aber nicht auf einer _=naiven -Stellungnahme=_ den Berichten gegenüber, _=sondern sie ist -herbeigeführt durch die Einsicht in die Gesetze, nach welchen die -urchristliche Auffassung und Würdigung der Persönlichkeit Jesu die -Darstellung seines Lebens und Wirkens bedingte=_. Gerade diese Frage -ist bisher vielleicht zu wenig _=systematisch=_ behandelt worden. - -_=Einerseits=_ ist zwar gewiss, dass das Urchristentum auf die -Darstellung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu _=von bedeutendem -Einfluss gewesen=_. _=Andererseits=_ sind aber gerade wieder in dem -Wesen des urchristlichen Glaubens alle Voraussetzungen gegeben, dass -er die _=Grundzüge der öffentlichen Wirksamkeit Jesu nicht angetastet -und vor allem keine »Thatsachen« im Leben Jesu »produziert«=_ hat. Denn -das Urchristentum stand ja dem _=Leben Jesu als solchem indifferent -gegenüber=_! Der urchristliche Glaube hatte an diesem irdischen Leben -nicht das geringste Interesse, weil Jesu Messianität sich ja auf seine -Auferstehung, nicht auf seine irdische Thätigkeit gründete und man -dem kommenden Messias in Glorie _=entgegenblickte und dabei an dem -Leben Jesu von Nazareth nur soweit Interesse nahm, als es mit den -Herrenworten zusammenhing. Eine urchristliche Auffassung des Lebens -Jesu gab es überhaupt nicht=_, und die Synoptiker enthalten auch -nichts derartiges. Sie reihen die Erzählungen aus seiner öffentlichen -Wirksamkeit aneinander, ohne den Versuch zu machen, sie in ihrer -Aufeinanderfolge und in ihrem Zusammenhang begreiflich zu machen und -uns die »Entwicklung« Jesu erkennen zu lassen. Als dann, mit dem -Zurücktreten der Eschatologie, das Schwergewicht auf _=die irdische -Erscheinung Jesu als des Messias=_ fiel und so zu einer _=Auffassung -des Lebens Jesu=_ führte, da hatten die Berichte von der öffentlichen -Thätigkeit Jesu schon eine zu _=feste Fassung=_ angenommen, als dass -dieser Prozess sie hätte _=berühren können=_. Das _=vierte Evangelium=_ -bietet ein Geschichtsbild des Lebens Jesu, aber es steht _=neben der -synoptischen Schilderung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu, wie die -Chronik neben den Samuelis- und den Königsbüchern=_. Der Unterschied -zwischen dem vierten Evangelium und den Synoptikern besteht gerade -darin, dass das erstere ein »_=Leben Jesu=_« bietet, während die -Synoptiker von seiner _=öffentlichen Wirksamkeit berichten=_. - -Der urchristliche Glaube hat die Darstellung der öffentlichen -Wirksamkeit Jesu _=nach immanenten Gesetzen beeinflusst=_, gerade wie die -deuteronomische Reform auf die Vorstellung von den Ereignissen während -der Richter- und Königszeit eingewirkt hat. _=Es handelt sich um eine -unbewusste, notwendige perspektivische Verschiebung.=_ Die neue Auffassung -beruht auf der Berechnung dieser perspektivischen Verschiebung, _=wobei -sich ergibt, dass der Einfluss des urchristlichen Gemeindeglaubens auf -die synoptischen Berichte viel weniger tief geht als man bisher -anzunehmen geneigt war=_. - - _=Strassburg=_, im August 1901. - - - - -Inhaltsangabe des zweiten Heftes. - - - Seite - - _=Vorrede zu einer neuen Auffassung des Lebens Jesu=_ V-IX - - _Erstes Kapitel_ 1-13 - - =Der modern-historische Lösungsversuch.= - - 1. Darstellung 1- 3 - - 2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen - Lösungsversuchs 3 - - 3. Die zwei kontrastierenden Epochen. (Erste Voraussetzung) 3- 6 - - 4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung - der synoptischen Leidensworte. (Zweite Voraussetzung) 6- 8 - - 5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken. - (Dritte Voraussetzung) 8-12 - - 6. Die Form der Leidensoffenbarung. (Vierte Voraussetzung) 12 - - 7. Zusammenfassung 12-13 - - - _Zweites Kapitel_ 13-18 - - =Die »Entwicklung« Jesu.= - - 1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische - Grösse 13-15 - - 2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede 15-17 - - 3. Die neue Auffassung 17-18 - - - _Drittes Kapitel_ 18-23 - - =Die Predigt vom Reich Gottes.= - - 1. Die neue Sittlichkeit als Busse 18-20 - - 2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik 21-23 - - - _Viertes Kapitel_ 24-32 - - =Das Geheimnis des Reiches Gottes.= - - 1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes 24-26 - - 2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk - nach der Aussendung 26-27 - - 3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der - prophetischen und jüdischen Zukunftserwartungen 27-28 - - 4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der - glücklichen galiläischen Periode 29 - - 5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus - Jesu 29-30 - - 6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum - Gesetz und Staat 30-31 - - 7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu 31-32 - - - _Fünftes Kapitel_ 32-34 - - =Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.= - - - _Sechstes Kapitel_ 34-52 - - =Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen - Wirksamkeit.= - - 1. Das Problem und die Thatsachen 34-38 - - 2. Jesus der Elias durch die Solidarität mit dem Menschensohn 38-40 - - 3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen 40-42 - - 4. Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches - Gottes 42-43 - - 5. Jesus und der Täufer 43-44 - - 6. Der Täufer und Jesus 44-48 - - 7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in - Jerusalem 49-52 - - _Siebentes Kapitel_ 52-60 - - =Nach der Aussendung. Litterarische und historische - Probleme.= - - 1. Die Seereise nach der Aussendung 52-55 - - 2. Das Abendmahl am See Genezareth 55-57 - - 3. Die Woche zu Bethsaida 57-60 - - - _Achtes Kapitel_ 60-80 - - =Das Messianitätsgeheimnis.= - - 1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi 60-63 - - 2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu 63-65 - - 3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der - Messianität Jesu 66-71 - - 4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der - Messianität Jesu 72-79 - - 5. Der Verrat des Judas -- die letzte Bekanntgebung des - Messiasgeheimnisses 79-80 - - - _Neuntes Kapitel_ 81-98 - - =Das Geheimnis des Leidensgedankens.= - - 1. Die vormessianische Drangsal 81-83 - - 2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode 83-84 - - 3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht 84-86 - - 4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode 86-89 - - 5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt 89-91 - - 6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis 91-92 - - 7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung - der Perspektive 92-98 - - _Zehntes Kapitel_ 98-109 - - =Abriss des Lebens Jesu.= - - _=Nachwort=_ 109 - - - - - Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis, - eine Skizze des Lebens Jesu. - - - - -Erstes Kapitel. - -Der modern-historische Lösungsversuch. - - -1. Darstellung. - -Die synoptischen Stellen bieten keine Erklärung, wie der Leidensgedanke -sich Jesu aufdrängte und was er für ihn bedeutete. Die apostolische -Predigt in den Petrus- und Paulusreden betrachtet das Leiden unter dem -Gesichtspunkt der göttlichen Notwendigkeit, welche in der Schrift -geweissagt ist. Auch die paulinische Theorie hat nichts mit der -Geschichte zu thun. - -Was also im Zusammenhang mit einer geschichtlichen Auffassung des Lebens -Jesu über den Leidensgedanken ausgeführt wird, ist nicht von der -Geschichte direkt dargeboten, sondern aus ihr erschlossen. Es handelt -sich immer nur um eine notwendige und unvermeidliche _=historische -Konstruktion=_, deren Richtigkeit in dem Masse feststeht, als sie Ordnung -und Klarheit in die synoptischen Notizen bringt. - -Sämtliche Konstruktionen mit ausgesprochen historischem Interesse -begegnen sich in einem Lösungsversuch, den wir als den -historisch-modernen bezeichnen. Historisch daran ist das Interesse, -Geschichte zu erklären, modern die psychologische Nachempfindung, mit -deren Hülfe nachgewiesen wird, wie unter dem Einfluss bestimmter -Erlebnisse der Leidensgedanke sich Jesu aufdrängte und von ihm religiös -gewertet wurde. Die Grundgedanken dieses Lösungsversuchs sind folgende. - -Es konnte sich für Jesus nicht um Beschaffung der Sündenvergebung -handeln. Er setzte sie schon voraus; wie die Bitte des Vaterunsers -zeigt, floss sie ja aus der verzeihenden Vaterliebe Gottes. Nun erinnert -der Gedanke der Sühne (Mk 10 _-45-_) an die paulinische Sühnetheorie mit -ihrem juridischen Charakter. Diese bezieht sich allerdings auf die -Sündenvergebung. Es ist daher anzunehmen, dass, wie der Gedanke der -Sündenvergebung, so auch die juridische Sühnevorstellung Jesu fremd war, -da sie in seiner ganzen Lehrweise nicht vorgesehen ist. Die Aussprüche -über die Wertung seines Leidens sind also in der überlieferten Form -irgendwie von paulinischen Gedanken beeinflusst. - -Bringt man diese Beeinflussung in Anschlag, so enthält der historische -Ausspruch (Mk 10 _-45-_) den Gedanken der dienenden Dahingabe in der -höchsten Potenz. Wir stehen auf der Grenze, wo der gesteigerte Begriff -des Dienens zum Begriff der Sühne führt. Der Wert dieser Dahingabe für -die andern besteht darin, dass das von Jesus übernommene Todesleiden -gleichsam der Inauguralakt ist, durch welchen die neue Sittlichkeit des -Gottesreiches und damit der neue Zustand selbst verwirklicht wird. Diese -That ist das wirksame Anfangsglied in einer Kette von Umgestaltungen, -deren übernatürlichen Abschluss seine »Wiederkunft« in Herrlichkeit -bildet, wo der Neue Bund, den er mit seinem Blute besiegelt hat, durch -ihn sich vollendet. - -Damit ist auch gegeben, wie der Leidensentschluss sich einstellen konnte -und musste. Jesu Amt galt der Verwirklichung des Gottesreiches. Dies -hatte er zunächst in kleinen Grenzen während seiner galiläischen -Wirksamkeit unternommen. Durch seine Predigt von der neuen Sittlichkeit -auf Grund des Glaubens an den göttlichen Vater und unter dem Eindruck -der Kraft, die von ihm ausging, entwickelten sich die Anfänge dieses -Reiches. Es war eine glückliche, erfolgreiche Zeit: »der _=galiläische -Frühling=_,« wie sie KEIM genannt hat. Den Höhepunkt dieser Periode -bildete die Aussendung der Jünger. Durch ihre Predigt sollte die -herrliche Saat allenthalben ausgestreut werden. Als sie ihm bei der -Rückkehr ihre Erfolge kund thaten, brach er in den Jubelruf aus, der den -Sieg für schon gegenwärtig hielt (Mt 11 _-25-27-_). - -Dann kam die Zeit des Niedergangs. Von Jerusalem aus wurde der -Widerstand insceniert (Mk 7 _-1-_). Früher hob ihn die Zuneigung -des Volks über die Reibereien mit den Behörden hinweg. Jetzt aber, -da die Sache planmässig betrieben wurde, fielen auch seine Anhänger -von ihm ab. Es war verhängnisvoll, dass in der Diskussion über die -Reinigkeitsgebote der Widerspruch mit der gesetzlichen Ueberlieferung -zu Tage trat (Mk 7 _-1-23-_). Ehe der Frühling wieder ins Land kam, -hatte er Galiläa verlassen müssen. Hoch im Norden, in der Stille und -in der Einsamkeit sammelte er sich, um mit sich selbst ins Klare zu -kommen. - -Für die Verwirklichung des Reichs stand ihm nur noch ein Weg offen: der -Kampf mit der Macht, welche sich seinem Werk entgegensetzte. Er war -entschlossen, ihn in die Hauptstadt selbst hineinzutragen. Dort sollte -sich das Schicksal entscheiden. Vielleicht fiel ihm der Sieg zu. Aber, -wenn auch in der Reihe des irdischen Geschehens das Todesschicksal -unentrinnbar seiner wartete: sobald er den Weg betrat, den sein Amt ihm -wies, so bedeutete dieses Todesleiden in der Veranstaltung Gottes die -Leistung, durch welche sein Werk gekrönt wurde. Es war dann Gottes -Wille, dass der Zustand des Gottesreiches durch die höchste sittliche -That des Messias inauguriert wurde. Mit diesem Gedanken zog er nach -Jerusalem -- um Messias zu bleiben. - - -2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen Lösungsversuchs. - -1. Das Leben Jesu zerfällt in zwei kontrastierende Epochen. Die erste -war glücklich, die zweite brachte Enttäuschungen und Misserfolge. - -2. Die Form des synoptischen Leidensgedankens in Mk 10 _-45-_ (seine -Dahingabe eine Sühne für viele) und in dem Abendmahlswort Mk 14 -_-24-_ (sein Blut für viele dahin gegeben) ist irgendwie durch den -paulinischen Sühnegedanken beeinflusst. - -3. Die Vorstellung des Reiches Gottes als der sich vollendenden -sittlichen Gemeinschaft, in welcher das Dienen oberstes Gesetz ist, -beherrschte den Leidensgedanken. - -4. War Jesu Leiden der Inauguralakt der neuen Sittlichkeit des -Gottesreiches, so hing der Erfolg mit davon ab, dass die Jünger durch -ihn angeleitet wurden, es so zu verstehen und danach zu handeln. Der -Leidensgedanke war eine Reflexion. - -Sind diese Voraussetzungen, jede für sich genommen, richtig? - - -=3. Die zwei kontrastierenden Epochen.= (Erste Voraussetzung.) - -Man datiert die Periode der Misserfolge von der Zeit nach der -Aussendung. Welches sind die Ereignisse der angeblich glücklichen -Epoche? Wir sehen ab von den unerquicklichen Diskussionen mit den -Pharisäern über die Heilung des Paralytischen (Mk 2 _-1-12-_), über die -Fastenfrage (Mk 2 _-18-22-_) und über die Sabbathaltung (Mk 2 _-23-_-3 -_-6-_). Schon Mk 3 _-6-_ ist es zu einem Todesanschlag gekommen. -Von seiner Familie muss er sich lossagen, weil sie ihn als geistig -unzurechnungsfähig mit Gewalt nach Hause zurückbringen wollen (Mk 3 -_-20-22-_, _-31-35-_). In Nazareth wird er verworfen (Mk 6 _-1-6-_). - -In dieselbe Zeit fällt ein Angriff, der ihn aufs tiefste erschüttert -hat. Die Pharisäer diskreditieren ihn beim Volk, indem sie ihm -vorwerfen, er stehe mit dem Teufel im Bund (Mk 3 _-22-30-_). Wie sehr ihn -dieses Wort verwundet hat, ersieht man aus der Aussendungsrede. Er -bereitet die Jünger auf ähnliche Verkennung vor. »Haben sie den -Hausherrn Beelzebub geheissen, wie viel mehr seine Leute« (Mt 10 _-25-_). - -Das sind die bekannten Ereignisse »der erfolgreichen Periode«! Aber -sie sind nichts im Vergleich zu denen, auf welche er in der Zeit -der Aussendung anspielt. Preist er schon im allgemeinen diejenigen -selig, die um seinetwillen geschmäht und verfolgt werden (Mt 5 -_-11-_ u. _-12-_), so stellt er jetzt den Jüngern Drangsal und Not -in Aussicht (Mt 10 _-17-25-_). Zu ihm halten heisst Schmach erdulden -(Mt 10 _-22-_), die zartesten Bande zerreissen (Mt 10 _-37-_) und -sein Kreuz auf sich nehmen (Mt 10 _-38-_). Die galiläische Periode -soll _=glücklich=_ gewesen sein; der Charakter der Aussendung ist -_=pessimistisch=_. Wie passt das zusammen? - -Auch die Anspielungen, die er dem Volk gegenüber in jener Zeit thut, -weisen auf schwere Katastrophen. Was muss in Chorazin, in Kapernaum und -in Bethsaïda vorgefallen sein, dass er den Tag des Gerichts auf sie -herabbeschwört, wo es Tyrus und Sidon noch erträglicher gehen wird als -ihnen (Mt 11 _-20-24-_)! - -Weil dieser düstere Zug nicht in die glückliche galiläische Periode -passen will, liegt der Versuch nahe, in den matthäischen Reden um die -Zeit der Aussendung eine Komposition zu sehen, welche Stücke aus einer -späteren Epoche enthält. Wo soll Jesus sie aber gesprochen haben? Nach -der Flucht, als er im Norden weilte, hat er keine Reden gehalten, und -die Aussprüche in den jerusalemitischen Tagen haben ihr eigentümliches -Gepräge, so dass man nicht wüsste, wo Anspielungen auf galiläische -Ereignisse oder Ermahnungen an die ausziehenden Jünger unterzubringen -wären. - -Dazu kommt, dass von bedeutenden Erfolgen in jener ersten Zeit nichts -berichtet ist. Diese beginnen erst mit der Aussendung der Jünger. Den -grossen Augenblick ihrer Rückkehr feiert Jesus mit begeisterten Worten -(Mt 11 _-25-27-_). Nun soll er in der Folge alles an die Pharisäer -verloren haben und vom Volk verlassen worden sein! Von diesem Rückgang -seiner Sache berichten aber die Texte nichts. Die Diskussion über -die Reinigkeitsvorschriften (Mk 7 _-1-23-_) leistet nicht, was man -von ihr verlangt. Jesus war früher mit den Hauptstadttheologen schon -viel heftiger zusammengestossen (Mk 3 _-22-30-_). In der Frage der -Reinigkeitsgebote ist er gar nicht der Ueberwundene. - -Man hat die Niederlage daraus erschliessen wollen, dass die »Flucht« -nach dem Norden auf diese Scene folgt (Mk 7 _-24-_ ff.) Aber die -Berichte stellen diesen Aufbruch gar nicht als _=Flucht=_ dar; -ebensowenig _=begründen=_ sie diese Nordreise aus dem Resultat -des vorhergehenden Streitgesprächs, sondern _=wir=_ tragen in die -berichtete chronologische Folge einen fiktiven kausalen Charakter ein. -Wenn Jesus also kurz vorher von der Volksgunst getragen ist und nun -das Gebiet verlässt, so bleibt dieses Faktum nach den Texten vorläufig -unerklärt. Dass es eine Flucht war, ist eine unerweisbare Mutmassung. - -Es sei kein Gewicht darauf gelegt, dass er in der Folge noch zweimal -von einer grossen Volksmenge umgeben erscheint (Mk 8 _-1-9-_, -Speisung der 4000 und Mk 8 _-34-_ ff., in den Scenen vor und nach -der Verklärungsgeschichte). Dieses Faktum könnte vielleicht in einer -litterarischen Einarbeitung der betreffenden Berichte begründet sein, -was z. B. für die Doublette zur Speisungsgeschichte als erwiesen gelten -darf. - -Massgebend ist aber der Empfang, den die Festkarawane Jesu bereitet, -als er sie vor Jericho einholt. Diese Ovation gilt nicht dem Mann, der -Land und Leute an die Pharisäer verlor und zuletzt fliehen musste, -sondern dem aus der Verborgenheit wieder aufgetauchten gefeierten -Propheten. Wenn diese jubelnden galiläischen Volksmassen es ihm -jetzt ermöglichen, in der Hauptstadt die Behörde mehrere Tage zu -terrorisieren -- denn etwas anderes ist die Tempelreinigung nicht -gewesen -- und die Schriftgelehrten mit herber Ironie blosszustellen, -haben sie es für den Mann gethan, der einige Wochen vorher diesen -Theologen im eigenen Land weichen musste? - -Will man also von einer Periode der Erfolge reden, so muss man die -_=zweite=_ als eine solche bezeichnen. Denn überall, wo Jesus nach der -Rückkehr der Jünger in der Oeffentlichkeit erscheint, ist er von einer -ihm ergebenen Menge begleitet: in Galiläa, vom Jordan nach Jerusalem -und in der Hauptstadt selbst. Das murrende Judenvolk ist eine Erfindung -des vierten Evangelisten. Zudem zeigt der Gewaltstreich der heimlichen -Gefangennahme und die hastige Verurteilung, was der hohe Rat von dieser -Volksbewegung zu Gunsten Jesu befürchtete. Das war der einzige -»Misserfolg« in der zweiten Periode. Freilich war er verhängnisvoll. - -Die erfolgreiche erste galiläische Periode ist also in Wirklichkeit -die Zeit der Demütigungen und der Misserfolge. Ein Doppeltes führte -dazu, sie trotzdem als die »glückliche« aufzufassen. Zunächst ist -darin ein _=ästhetischer Faktor=_ enthalten, der gerade bei KEIM stark -hervortritt. Eine Reihe der Natur entnommener Gleichnisse, sowie die -wundervolle Rede gegen weltliche Sorge Mt 6 _-25-34-_ scheinen nicht -anders begreiflich, als dass hoffnungsvoller Frohsinn in der Natur sich -selbst wiederfindet. - -Dazu kommt als zweites ein _=historisches Postulat=_. In der ersten -Periode findet sich keine Spur vom Leidensgedanken; die zweite wird -durch ihn beherrscht. Also war die erste erfolgreich, die zweite -unglücklich, da anders der Umschwung psychologisch und historisch nicht -begreiflich ist. - -Die historischen Thatsachen reden anders. In der wirklichen Periode der -Misserfolge tritt der Leidensentschluss nicht zu Tage. Dagegen eröffnet -er seinen Jüngern in der erfolgreichen zweiten Periode, dass er durch -die Schriftgelehrten sterben müsse. _=Das Verhältnis ist also gerade -umgekehrt.=_ Damit steht die modern-historische Psychologie vor einem -Rätsel. - - -=4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung der -synoptischen Leidensworte.= (Zweite Voraussetzung.) - -Es lässt sich kein Beweis führen, dass die synoptischen Leidensstellen -durch paulinische Gedanken beeinflusst sind. Auch hier handelt es sich -um eine Art Postulat, denn wenn es nicht gelingt, den juridischen -Charakter von Mk 10 _-45-_ und Mk 14 _-24-_ auf Rechnung des paulinischen -Mediums zu setzen, so muss man annehmen, dass Jesu Leidensgedanke selbst -diese schroffe Sühnevorstellung enthalten habe. Darauf ist aber der -modern-historische Lösungsversuch nicht eingerichtet. - -Nun lässt sich aber beweisen, dass kein paulinischer Einfluss vorliegen -kann! Nach Paulus sagt Jesus beim Abendmahl: Mein Leib _=für euch=_ (I -Kor 11 _-24-_). Dementsprechend heisst es auch Lk 22 _-19-_ u. _-20-_: -Mein Leib, der _=für euch=_ gegeben wird, das Blut, das _=für euch=_ -vergossen wird. Die beiden älteren Synoptiker schreiben dafür immer: -_=für viele=_. Mk 10 _-45-_ = Mt 20 _-28-_: zu geben sein Leben zur -Sühne _=für viele=_. Mk 14 _-24-_ = Mt 26 _-28-_: mein Blut des Bundes, -das vergossen wird _=für viele=_. Das eine Mal ist also das Publikum, -welchem das Leiden zu gute kommt, genau bestimmt: es sind die Jünger. -Das andere Mal handelt es sich um eine unbestimmte Mehrheit. - -Mit dem Argument, dass es sachlich auf dasselbe hinauskomme, ist -nichts gethan. Warum redete Jesus bei den älteren Synoptikern von -den _=Vielen=_, bei Paulus von den _=Seinen=_? Die einzige Erklärung -liegt darin, _=dass Paulus von dem Standpunkt der Gemeinde nach dem -Tode Jesu schreibt=_. Danach kommt die Heilswirkung des Todes Jesu -einer bestimmten Gemeinschaft zu gute, nämlich denen, die an ihn -glauben. Die Jünger repräsentieren diese gläubige Gemeinschaft in den -geschichtlichen Aussprüchen Jesu, weil man es sich vom Standpunkt der -messiasgläubigen Gemeinde aus nicht anders vorstellen konnte, als dass -Jesus mit den Worten über sein Leiden die Gläubigen gemeint habe. - -Das altsynoptische »_=für viele=_« ist aber vom _=historischen -Standpunkt=_ aus gesprochen, wo Jesus noch nicht den Glauben an -seine Messianität verlangt und wo deshalb die Mehrheit, denen sein -Tod zu gute kommen soll, unbestimmt gelassen ist. Nur eines ist ihm -gewiss, dass sie grösser ist als der Jüngerkreis; darum sagt er »_=für -viele=_«. Hätte er gesagt »_=für euch=_« wie Paulus ihm zumutet, so -hätten die Jünger daraus schliessen müssen, er sterbe für sie allein, -da sie sich damals nicht, wie es Paulus und der Gemeinde geläufig war, -als Repräsentanten einer zukünftigen messiasgläubigen Gemeinschaft -fühlen konnten. - -Ist aber dieses »_=für viele=_« stehen geblieben, trotzdem Paulus aus -der Gemeindevorstellung heraus es instinktiv durch »_=für euch=_« -ersetzen muss, obwohl er dadurch ein historisch unmögliches Wort -schafft: so ist man nicht berechtigt, in der überlieferten Form des -altsynoptischen Leidensgedankens irgendwie paulinische Beeinflussung -anzunehmen. Die schroffe Sühnetheorie bei den Synoptikern ist also -historisch. Eine Abschwächung, wie sie der modern-historische -Lösungsversuch voraussetzen muss, ist unberechtigt. - -Nun stellt sich die Aufgabe, in der Deutung der Aussprüche Jesu gerade -dem »_=für viele=_« gerecht zu werden. Weil sie dies nicht gethan haben, -sind alle Darlegungen über die Bedeutung des Todes Jesu, von Paulus bis -RITSCHL, unhistorisch. Man setze statt der gläubigen Gemeinschaft, mit -der sie operieren, die unbestimmte und unqualifizierte Mehrheit des -historischen Wortes ein, dann werden ihre Ausführungen einfach sinnlos. -Historisch ist allein diejenige Deutung, welche begreiflich macht, warum -nach Jesus die durch seinen Tod gewirkte Sühne einer mit Absicht -unbestimmt gelassenen Mehrheit zu gute kommen soll. - - -=5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken.= (Dritte -Voraussetzung.) - - -a) Mk 10 _-41-45-_. Das Dienen als das sittliche Verhalten in Erwartung -des kommenden Reiches. - -Die Zebedaiden hatten beansprucht, zu Seiten des Herrn zu sitzen in -seiner Herrlichkeit, d. h. wenn er als Messias von seinem Thron aus -regieren würde. Darüber sind die andern unwillig. Jesus ruft sie -zusammen und redet ihnen vom Dienen und Herrschen in Bezug auf das -Gottesreich. - -In diesem Ausspruch findet man nun gewöhnlich den ethischen Begriff des -Reiches Gottes. Eine Umwertung aller Werte soll erfolgen. Der Grösste -im Himmelreich ist der, welcher klein wird als ein Kind (Mt 18 _-4-_), -und Herrscher ist, wer dient. Selbsterniedrigung und dahingebendes -Dienen, das ist die neue Sittlichkeit des Gottesreiches, welche durch -Jesu dienendes Todesleiden in Kraft tritt. - -Dabei vergessen wir aber, dass das Reich, in dem man herrscht, -als etwas Zukünftiges gedacht ist, während das Dienen auf die -Gegenwart geht! In unserer ethischen Betrachtungsweise fallen -Dienen und Herrschen zeitlich und logisch zusammen. Bei Jesus aber -handelt es sich gar nicht um eine rein ethische Vertauschung der -Begriffe Dienen-Herrschen, sondern dieser Gegensatz verläuft in -einer _=zeitlichen Folge=_. Scharf hebt sich der gegenwärtige von -dem zukünftigen Aeon ab. Wer im Reich Gottes einmal zu den Grössten -gehören will, der muss _=jetzt=_ sein als ein Kind! Wer auf eine -Herrscherstellung darin Anwartschaft erhebt, der muss _=jetzt=_ dienen! -Je tiefer sich _=jetzt=_ einer unter die andern beugt in der Zeit, wo -die irdischen Herrscher sich mit Gewalt im Regiment erhalten, desto -höher wird seine Herrschaft sein, wenn die irdische Gewalt aufhört und -das Reich Gottes anbricht. Darum muss derjenige sich im Todesleiden -erniedrigen, welcher als Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen -wird zum Richten und Herrschen. Ehe er seinen Thron besteigt, trinkt -er den Leidensbecher, von dem auch die kosten müssen, die mit ihm -herrschen wollen! - -Sowie man dieses »_=jetzt und dann=_« in Jesu Rede beachtet, tritt an die -Stelle des abgeblassten Satzparallelismus eine wirkungsvolle Steigerung. -Den absteigenden Rangstufen des Dienens entsprechen die aufsteigenden -des Herrschens. - - 1. Wer gross sein will _=unter euch=_, der sei _=euer=_ Diener - (V. _-43-_). - - 2. Wer _-von euch-_ der erste sein will, der sei _=aller (andern)=_ - Diener (V. _-44-_). - - 3. Darum wartet des Menschensohns die höchste Herrscherstellung, - weil er nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, sondern zu - dienen, indem er sein Leben als Sühne für _=die Vielheit=_ - dahingibt (V. _-45-_). - -Die Steigerung ist eine doppelte. Das Dienen der Jünger erstreckt -sich nur auf _=ihren=_ Kreis, das Dienen Jesu auf eine unbeschränkte -Mehrheit, nämlich auf alle die, welchen sein Todesleiden zu gute -kommen soll. Bei den Jüngern handelt es sich nur um eine selbstlose -_=Unterwerfung=_, bei Jesus um das _=bittere Todesleiden=_. Beides ist -ein Dienen, insofern damit die Anwartschaft auf eine Herrscherstellung -im Reich verbunden ist. - -Die gewöhnliche Erklärung wird nicht dem altsynoptischen, sondern -nur dem lukanischen Texte gerecht (Lk 22 _-24-27-_). Dieser hat die -Erzählung aus dem Zusammenhang herausgerissen, so dass es sich um einen -Streit der Jünger beim letzten Mahl handelt, wer von ihnen »für den -Grössten zu halten sei.« - -Damit ist das »_=jetzt und dann=_« aus der Situation ausgeschieden -und es handelt sich nur um eine rein ethische Verkehrung der Begriffe -Herrschen und Dienen. Jesu Rede verläuft dementsprechend auch in -einem unlebendigen Parallelismus. Der Grösste unter euch sei wie der -Jüngste, und der Vorsteher wie der, der aufwartet (Lk 22 _-26-_). Statt -aus seiner Dahingabe in den Tod für die grosse Allgemeinheit auf das -Verhalten derer, die mit herrschen wollen, zu exemplifizieren, redet -er nur von seinem dienstbaren Wesen den Jüngern gegenüber: Ich aber -bin in eurer Mitte, wie der, der aufwartet (Lk 22 _-27-_). Damit meint -er ein Dienen, das zugleich Herrschen ist. Bei den beiden älteren -Synoptikern handelt es sich aber gar nicht um die Proklamierung der -neuen Sittlichkeit des Gottesreiches, wo Dienen Herrschen ist, sondern -um die Bedeutung der Selbsterniedrigung und des Dienens in _=Erwartung -des Gottesreiches=_. Dienen ist das Grundgesetz der _=Interimsethik=_. - -Dieser Gedanke ist viel tiefer und lebendiger als das moderne Spiel -mit Worten, welches wir dem Herrn zumuten. Nur durch Erniedrigung und -Kindessinn in diesem Aeon wird man würdig bereitet, im Reich Gottes zu -herrschen. Nur wer durch Leiden hier sittlich geläutert und geadelt -ist, kann dort gross sein. Darum ist das Leiden für Jesus der sittliche -Erwerb und die sittliche Bewährung für die messianische Herrschaft, die -ihm bestimmt ist. - -Irdisches Herrschen, weil es auf Gewaltthat beruht, ist Ausfluss der -widergöttlichen Macht. Das Herrschen im Reich Gottes, wo die Weltmacht -vernichtet ist, bedeutet Ausfluss der göttlichen Macht sein. Träger -derselben kann nur der werden, welcher sich von irdischem Herrschen rein -erhalten hat. Sie zu vergeben an die, welche durch Leiden sich bereitet -haben, ist allein Gottes Sache (Mk 10 _-39-_ u. _-40-_). - -Ist aber Dienen nicht die Sittlichkeit des Gottesreiches, so operiert -Jesu Leidensvorstellung auch nicht mit dem darauf beruhenden Begriff des -Gottesreichs als der sich vollendenden ethischen Gemeinschaft, sondern -mit einer übersittlichen Grösse, nämlich mit der eschatologischen -Reichsvorstellung. - - -b) Der Leidensgedanke und die eschatologische Erwartung. - -Die Untersuchung der Abendmahlsberichte ergab einen engen Zusammenhang -zwischen dem eschatologischen Schlusswort und dem Ausspruch vom -vergossenen Blut. Die übrigen Stellen über das Leiden führen auf eine -ähnliche Verbindung. - -Nachdem Jesus mit seinem »ja« sich selbst das Todesurteil gesprochen, -redet er von seiner »Wiederkunft« auf den Wolken des Himmels. Dabei -denkt er, dem Markustext zufolge, beide Geschehnisse in einem Gedanken. -Mk 14 _-62-_: Ich bin es _-und-_ ihr werdet den Menschensohn sitzen -sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels. -Dieser logische Zusammenhang ist, wie für das Kelchwort, bei Matthäus -schon erweicht, indem er an die Stelle des »_=und=_« die rein zeitliche -Folge setzt. Mt 26 _-64-_: Du sagst es. _=Doch=_ ich sage euch, _=von -nun an=_ werdet etc. Bei Lukas fehlt der eschatologische Hinweis; er -hat ihn auch beim Kelchwort ausfallen lassen. - -Eine enge Verbindung zwischen dem Leidensgedanken und der Eschatologie -setzt auch das Gespräch über den Leidensweg der Nachfolger voraus (Mk 8 -_-34-_-9 _-1-_). Wer sich Jesu schämt, wenn er Schmähung und Verfolgung -in der ehebrecherischen und sündigen Welt erduldet, dessen wird sich -auch der Menschensohn schämen, wenn er in der Herrlichkeit seines -Vaters mit den heiligen Engeln kommt. Denn dieses Geschlecht wird nicht -in den Tod sinken, bis sie sehen das Reich Gottes kommend in Macht! - -Dieser Zusammenhang muss für die Hörer stark hervorgetreten sein. Nach -dem Aufbruch von Cäsarea Philippi, unter dem Eindruck des -Leidensgeheimnisses, das ihren Sinn mit Trauer und Angst erfüllt (Mk 9 -_-30-32-_) -- streiten sich die Jünger darum, wer den höchsten Platz im -Reich einnehmen wird. Im Hause zu Kapernaum muss Jesus sie darüber -zurechtweisen (Mk 9 _-33-37-_). Das war, nachdem er zum zweitenmal von -seinem Leiden gesprochen hatte. - -Auf dem Weg nach Jerusalem wiederholt sich derselbe Auftritt im engsten -Anschluss an die dritte Leidensweissagung (Mk 10 _-32-41-_). Die -Zebedaiden erheben ihre Ansprüche auf die Thronplätze. Es handelt sich -hier gar nicht um kindischen Missverstand der Anhänger, denn Jesus -geht ja ganz ernsthaft auf ihren Gedanken ein. Die eschatologische -Erwartung muss also für die Jünger in dem Leidenswort Jesu so stark zur -Geltung gekommen sein, dass sie sich notwendig Gedanken machen über die -Stellung, welche sie im zukünftigen Reich einnehmen werden. - -Der modern-historische Erklärungsversuch eliminiert den -eschatologischen Begriff des Reiches Gottes aus dem Leidensgedanken, -indem er ihn auf die apotheosenhafte Vorstellung von der -»_=Wiederkunft=_« reduziert. Dieser Ausdruck ist vollständig falsch. -Jesus hat nie von seiner »_=Wiederkunft=_«, sondern nur von seiner -_=Ankunft=_ oder der _=Zukunft=_ des Menschensohnes geredet. Wir -gebrauchen den Ausdruck »Wiederkunft«, weil wir Tod und Herrlichkeit -durch Kontrast verbinden, als bezöge sich der neue Zustand nur auf -eine sieghafte Verklärung Jesu. Unsere Auffassung lässt ihn sagen: -»Ich werde sterben, _=aber=_ ich werde durch meine _=Wiederkunft=_ -verherrlicht werden«. Thatsächlich hat er aber gesagt: »Ich muss leiden -_=und=_ der Menschensohn wird auf den Wolken des Himmels erscheinen.« -Das bedeutet aber für seine Zuhörer viel mehr als eine Apotheose -- -denn mit der Erscheinung des Menschensohnes brach das eschatologische -Reich an. Jesus setzt also seinen Tod mit dem eschatologischen -Anbruch des Reichs in einen zeitlich-ursächlichen Zusammenhang. Der -_=eschatologische=_ Reichsbegriff, nicht der _=modern-ethische=_, -beherrscht seinen Leidensgedanken. - - -=6. Die Form der Leidensoffenbarung.= (Vierte Voraussetzung.) - -Bestände die Auffassung des modern-historischen Lösungsversuchs zu -Recht, so hätte Jesus den Jüngern den Leidensgedanken in der Form einer -ethischen _=Reflexion=_ mitteilen müssen. Sollten sie die eintretende -Katastrophe als Inauguralakt der neuen Sittlichkeit begreifen und daraus -eine Erneuerung ihres sittlichen Handelns ableiten, dann musste er sie -mit diesem Charakter des Ereignisses von vornherein, zugleich mit der -Ankündigung desselben, bekannt machen. - -Nun hat er ihnen aber den Leidensgedanken nicht in der Form einer -_=ethischen Reflexion=_, sondern als ein _=Geheimnis=_ ohne weitere -Erklärung mitgeteilt. Es wird beherrscht von dem »müssen«, dem Ausdruck -der unbegreiflichen göttlichen Notwendigkeit. Dass der Leidensgedanke -ein Leidensgeheimnis war, das steht dem modern-historischen -Lösungsversuch entgegen. - - -7. Zusammenfassung. - - 1. Die Annahme einer glücklichen galiläischen Periode, auf welche - dann die Zeit des Niedergangs folgt, ist historisch nicht haltbar. - - 2. Paulinischer Einfluss kann die Fassung der altsynoptischen - Leidensaussprüche nicht bedingt haben. - - 3. Nicht der ethische, sondern der überethische, eschatologische - Reichsgedanke beherrscht die Leidensvorstellung Jesu. - - 4. Die Aussprache des Leidensgedankens geschah nicht in der Form - einer ethischen Betrachtung, sondern es handelt sich um ein - unbegreifliches Geheimnis, das die Jünger gar nicht zu verstehen - brauchten und auch nicht verstanden haben. - -So steht es um die vier Grundpfeiler des modern-historischen -Lösungsversuchs. Mit ihnen stürzt der ganze Bau zusammen. Es ist doch -nur ein unlebendiger Gedanke! Das Modern-Kraftlose zeigt sich darin, -dass man es dabei über eine Art repräsentativer Bedeutung des Todes Jesu -nicht hinausbringt. Jesus beschafft durch seine Dahingabe nichts -schlechthin Neues, weil er ja das Reich Gottes als Sündenvergebung oder -als die sich sittlich vollendende Gemeinschaft während seiner ganzen -öffentlichen Wirksamkeit als schon vorhanden voraussetzt. Es ist mit -seinem Auftreten selbst gegeben. Eine geleistete Sühne verlangt aber -eine _=effektive=_ Bedeutung des Todes. - -Darin besteht auch die Schwäche der modernen Dogmatik gegenüber der -alten. Paulus, Anselm und Luther wissen um einen absolut neuen Zustand, -der zeitlich und kausal aus Jesu Tod resultiert. Die moderne Dogmatik -redet darum herum; aber sie weiss nichts anzugeben, sondern hüllt sich -in die Wolke ihrer eigenen Voraussetzungen. Unhistorisch sind sie zwar -beide. Religiös berechtigt ist allein die moderne. Die alte Dogmatik ist -aber hier historischer, denn sie postuliert doch eine effektive Wirkung -des Todes Jesu, wie es die synoptischen Stellen verlangen. - -Worin besteht aber dort die schlechthin neue Grösse, welche an den Tod -gebunden ist? Die synoptischen Sprüche geben darauf nur _=eine=_ Antwort: -_=die eschatologische Realisierung des Reiches=_! Von der Sühne, die Jesus -leistet, hängt das Kommen des Reiches Gottes in Macht ab. Das ist der -Grundzug des Leidensgeheimnisses. - -Wie ist dies zu verstehen? Nur die Geschichte Jesu kann darüber -Aufschluss geben. _=An die Stelle des modern-historischen tritt nun der -eschatologisch-historische Lösungsversuch.=_ - - - - -Zweites Kapitel. - -Die Entwicklung Jesu. - - -1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische Grösse. - -Das Zusammensein einer ethischen und einer eschatologischen -Gedankenreihe bei Jesus bildete von jeher eines der schwersten Probleme -der neutestamentlichen Wissenschaft. Wie können sich in _=einem=_ Denken -zwei so verschiedene, in manchem diametral entgegengesetzte -Weltanschauungen vereinigen? - -Man hat das Problem zu umgehen gesucht, in dem richtigen Gefühl, dass -beide unvereinbar sind. Kritische Geister wie T. COLANI (Jésus-Christ et -les croyances messianiques de son temps 1864, S. 94 ff., 169 ff.) und G. -VOLKMAR (Die Evangelien 1870, S. 530 ff.) kamen dazu, die Eschatologie -überhaupt aus Jesu Vorstellungskreis zu _=eliminieren=_. Danach wären alle -derartigen Aussprüche auf Kosten der eschatologischen Erwartung der -späteren Zeit zu setzen. Dieses Verfahren scheitert an der -Hartnäckigkeit der Texte; gerade die eschatologischen Worte gehören zu -den bestbezeugten Partien. Ihre Ausscheidung bedeutet einen Gewaltakt. - -Nicht besser steht es mit dem Versuch der Umgehung des Problems durch -_=Sublimierung=_ der Eschatologie, als hätte Jesus die realistischen -Vorstellungen seiner Zeit ins Geistige übersetzt, indem er sie im Bilde -anwandte. Auf diesem Gedanken beruht die Studie von ERICH HAUPT (Die -eschatologischen Aussagen Jesu in den synoptischen Evangelien. 1895). -Nichts berechtigt uns aber anzunehmen, Jesus habe seine Worte in einem -uneigentlichen Sinn gemeint, während seine Zuhörer sie aus der -zeitgenössischen Vorstellung heraus realistisch auffassen mussten. Für -ein solches Unternehmen fehlt nicht nur jede prinzipielle Erklärung, -sondern auch die leiseste Andeutung seinerseits. - -So bleibt also das Problem, wie das Nebeneinander zweier -Weltanschauungen zu erklären sei, in voller Schärfe bestehen. Die -einzige Lösung scheint in der Annahme einer zeitlichen Entwicklung zu -liegen. Jesu Weltanschauung sei anfangs rein ethisch gewesen. Er habe -die Realisierung des Reiches Gottes von der Ausdehnung und Vollendung -der sittlich-religiösen Gemeinschaft erwartet, die er zu gründen -unternahm. Als aber der Widerstand der Weltmacht die organische -Vollendung des Reiches in Frage stellte, habe sich die eschatologische -Vorstellung ihm aufgedrängt. Durch die Ereignisse sei er dazu gekommen, -die Vollendung des religiös-ethischen Ideals, welche er bisher an den -Endpunkt einer durch sittliches Wirken fortschreitenden Entwicklung -verlegte, nunmehr von einer kosmischen Katastrophe zu erwarten, in -welcher die Allmacht Gottes das zum Abschluss bringen sollte, was er -unternommen hatte. - -Es soll also ein Umschwung in Jesu Gedanken stattgefunden haben. Aber -die zeitliche Auseinanderziehung des Gegensatzes verschleiert das -Problem nur, ohne es zu lösen. Die Aufnahme des eschatologischen -Gedankens, wenn sie in dieser Weise vorstellig gemacht werden soll, -bedeutet nichts anderes, als den totalen Bruch mit der Vergangenheit, -wobei jede Entwicklung aufhört. Denn, wenn man mit dem eschatologischen -Gedanken Ernst macht, hebt er die ethischen Gedankenreihen auf. Er -verträgt keine nebensächliche Stellung. Zu dieser Kraftlosigkeit kam er -erst in der christlichen Dogmatik, durch die geschichtliche Erfahrung. -Jesus aber hat entweder eschatologisch oder uneschatologisch gedacht, -aber nicht beides zugleich oder so, dass das Eschatologische ergänzend -zum Uneschatologischen hinzutrat. - -Nun ist nachgewiesen, dass in dem Leidensgedanken nur der -eschatologische Begriff vom Reich Gottes zur Geltung kommt. Ebenso ist -die Annahme einer Periode der Misserfolge nach der Aussendung historisch -nicht berechtigt. Diese bildet aber die unumgängliche Voraussetzung -jeder in Jesu anzunehmenden Entwicklung. Also kann der eschatologische -Gedanke sich Jesu nicht durch äussere Erlebnisse aufgezwungen haben, -_=sondern er muss von Anfang an=_, auch in der ersten galiläischen Periode -_=seiner Predigt zu Grunde gelegen haben=_! - - -2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede. - -»Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen« (Mt 10 _-7-_) -- dieses -Wort, das Jesus den Jüngern zu verkündigen aufträgt, fasst seine ganze -bisherige Predigt zusammen. Sie sollen sie nun hinaustragen in die -Städte Israels. In welchem Sinn diese Ankündigung gemeint ist, darüber -gibt die Aussendungsrede keinen Aufschluss. - -Ist die gewöhnliche Auffassung von der Bedeutung jener Entsendung der -Jünger richtig, so bieten die Worte, mit denen er sie entlässt, ein -merkwürdiges Rätsel dar. In hoffnungsvoller Schaffensfreude geht er -daran, den Kreis seiner auf die Gründung des Gottesreiches gerichteten -Thätigkeit weiter zu ziehen. Die Aussendungsrede sollte also Belehrungen -für die missionierende Thätigkeit der Jünger in diesem Sinn enthalten. -Man müsste nun erwarten, dass er sie anleitet, wie sie über das neue -Verhältnis zu Gott und über die neue Sittlichkeit des Gottesreiches -predigen sollen. - -Die Aussendungsrede ist aber alles andere eher als eine Zusammenfassung -der »Lehre Jesu«. An eine tiefer eindringende Unterweisung ist gar nicht -gedacht, sondern es handelt sich um eine fliegende Verkündigung durch -Israel mit dem einzigen Lehrauftrag, den Ruf von der Nähe des -Gottesreiches überall ertönen zu lassen -- damit alle gewarnt sind und -Busse thun können. Zeit ist aber dabei nicht zu verlieren; darum sollen -sie sich in einer Stadt, wo sie keine Empfänglichkeit finden, nicht -aufhalten, sondern weiter eilen, damit sie mit den Städten Israels -fertig werden, ehe die Erscheinung des Menschensohns stattfindet. -»Kommen des Menschensohnes« bedeutet aber: _=Einbrechen des Reiches Gottes -mit Macht=_. - -Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, fliehet zur andern; wahrlich -ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht zu Ende sein, -bis dass der Menschensohn kommen wird (Mt 10 _-23-_). Versteht man die -Aussendungsrede so, als habe Jesus durch die Jünger sagen lassen, dass -nun die Zeit da sei, in einem neuen sittlichen Verhalten das Reich zu -verwirklichen, so bleibt jenes eschatologische Wort ein erratischer -Block inmitten blühender Wiesen. Fasst man aber die Botschaft der -Reichsnähe eschatologisch auf, dann fügt sich das Wort einem grossen -Zusammenhang ein. Es ist ein Fels in einer wilden Gebirgslandschaft. Von -diesem Wort kann man nicht sagen, es sei aus einer späteren Zeit -eingearbeitet, sondern mit zwingender Gewalt bannt es eschatologische -Aussagen in die Tage der Aussendung. - -Die einzige erforderliche Lehrunterweisung ist der Bussruf. Busse thut, -wer an die Nähe des Reiches glaubt. Darum gibt Jesus ihnen Gewalt über -die unreinen Geister, dass sie dieselben austreiben und die Kranken -heilen (Mt 10 _-1-_); aus diesem Zeichen sollen alle ersehen, dass -es mit der widergöttlichen Macht zu Ende geht und das Morgenrot des -Gottesreiches anbricht. Das gehört mit zu ihrem Lehrauftrag, denn wer -ihren Zeichen nicht glaubt und daraufhin keine Busse auf das Reich -Gottes hin thut, der ist verdammt. So sind Chorazin, Bethsaïda und -Kapernaum dem Gerichte verfallen. Der Glaube und die Busse wurden -ihnen leicht gemacht durch die Zeichen und Wunder, mit welchen sie vor -andern begnadet waren -- und sie waren doch nicht in sich gegangen, was -doch Heidenstädte wie Tyrus und Sidon gethan hätten (Mt 11 _-20-24-_). -Dieses an das Volk gerichtete Wort zeigt, welche Bedeutung Jesus den -Zeichen mit Hinsicht auf die eschatologische Botschaft beimass. - -Die Jünger sollten also predigen _=vom Reich, von der Busse und -dem Gericht=_. Weil aber das Ereignis, das sie verkündeten, so nahe -war, dass es jeden Augenblick hereinbrechen konnte, mussten sie auf -das, was ihm vorausging, vorbereitet sein: nämlich auf _=das letzte -Aufbäumen der Weltmacht=_. Wie sie sich dabei zu verhalten haben, um -nicht irre zu werden, darauf geht die Unterweisung, mit der er sie -entlässt! In dem allgemeinen Aufruhr der Geister werden sich alle Bande -lösen. Bis in die Familie wird der Zwiespalt hineingetragen werden -(Mt 10 _-34-36-_). Wer sich zur Sache des Gottesreiches halten will, -der muss bereit sein, die, welche ihm am liebsten waren, aus seinem -Herzen herauszureissen und Kreuz und Schmach auf sich zu nehmen (Mt 10 -_-37-_ u. _-38-_). Die weltliche Gewalt wird schwere Verfolgung über -sie bringen (Mt 10 _-17-31-_). Man wird sie zur Verantwortung ziehen -und sie quälen, um sie zur Verleugnung zu bewegen. Der Bruder wird den -Bruder, der Vater das Kind dem Tod überantworten, und die Kinder werden -wider die Eltern aufstehen und den Tod über sie bringen. Nur wer in -diesem allgemeinen Aufruhr standhaft beharrt und sich zu Jesu bekennt, -der wird am Gerichtstage gerettet werden, wenn der Herr bei Gott für -ihn eintritt (Mt 10 _-32-_ u. _-33-_). - -In der Aussendungsrede hat Jesus die Jünger über die Wehen des -anbrechenden Reiches belehrt. Manches in den ausmalenden Partien -mag vielleicht die Färbung einer späteren Zeit aufweisen. Dadurch -wird aber der Gesamtcharakter der Rede nicht beeinträchtigt. Es -handelt sich nicht um ein Verhalten in ihrer Thätigkeit _=nach seinem -Tode=_; über eine solche Anweisung fehlt uns jegliches historische -Wort. Dem Anbruch des Reiches gehen die Wehen voraus. Also muss die -sieghafte Verkündigung der Reichsnähe sich auf die Wehen einrichten. -Darum dieses, in der bisherigen Erklärung unfassbare Nebeneinander -von Optimismus und Pessimismus. Es gehört zur Signatur jeder -eschatologischen Weltanschauung. - - -3. Die neue Auffassung. - -Der Leidensgedanke ist _=nur=_ von dem eschatologischen Reichsbegriff -beherrscht. In der Aussendungsrede handelt es sich _=nur=_ um die -eschatologische, nicht um die ethische Reichsnähe. Daraus folgt einmal, -dass Jesu Thätigkeit _=nur=_ mit der eschatologischen Realisierung -des Reiches rechnet. Dann kann aber das Verhältnis seiner ethischen -Gedanken zur eschatologischen Weltanschauung keine Umbildung durch -äussere Ereignisse erfahren haben, sondern es muss von Anfang an -dasselbe gewesen sein. - -In welchem Zusammenhang standen aber seine Ethik und seine -Eschatologie? Solange man von der Ethik ausgeht und die Eschatologie -als etwas Hinzutretendes zu begreifen sucht, gibt es keinen organischen -Zusammenhang zwischen beiden, weil die Ethik Jesu, wie wir sie -aufzufassen pflegen, gar nicht auf die Eschatologie eingerichtet -ist, sondern viel höher steht. Man muss daher den umgekehrten Weg -einschlagen und versuchen, _=ob nicht seine ethische Verkündigung ihrem -Wesen nach durch die eschatologische Weltanschauung bedingt ist=_. - - - - -Drittes Kapitel. - -Die Predigt vom Reich Gottes. - - -1. Die neue Sittlichkeit als Busse. - -Wenn der Gedanke der eschatologischen Realisierung des Reichs die -Grundvorstellung der Predigt Jesu ist, so fällt seine ganze Ethik unter -den Begriff der auf das Kommen des Reichs vorbereitenden _=Busse=_. Uns -scheint dieser Begriff zu eng, um auf den ganzen Umfang seiner -sittlich-religiösen Verkündigung angewandt werden zu können. In unserer -Sprache hat nämlich dieses Wort eine mehr negative Bedeutung, sofern es -hauptsächlich die Beziehung auf eine vorhergehende Schuld hervorhebt. -Die Vorstellung aber, welche bei den Synoptikern durch Busse ([Greek: -metanoia]) wiedergegeben wird, ist viel reicher. Sie ist nicht nur eine -sittliche Wiederherstellung im Rückblick auf einen zurückliegenden -sündigen Zustand, sondern -- und dieser Charakter prävaliert -- _=auch -eine sittliche Erneuerung im Hinblick auf eine bevorstehende allgemeine -sittliche Vollendung=_. - -So schliesst »die Busse in Erwartung des Reichs« alle positiven -ethischen Forderungen in sich. In dieser Bedeutung ist sie der -lebendige Nachhall der altprophetischen Busse. Denn bei Amos, Hosea, -Jesaia und Jeremia bedeutet Busse die sittliche Erneuerung im Hinblick -auf den Tag des Herrn. So sagt Jesaia: »Waschet euch, reinigt euch; -entfernt die Bosheit eurer Thaten aus meinen Augen. Fraget nach Recht, -steuert dem Gewaltthätigen; richtet die Waise, schaffet Recht der -Witwe« (Jes 1 _-16-_ u. _-17-_). Gerade diesen alttestamentlichen -Begriff der Busse, welcher den Nachdruck auf das neue sittliche Leben -legt, muss man gegenwärtig haben, um die synoptische Busse richtig zu -erfassen. Beide sind nach vorwärts orientiert, beide sind durch den -Gedanken eines Zustandes der Vollendung beherrscht, den Gott durch sein -Gericht heraufführen wird. Für die altprophetische ist es der Tag des -Herrn, für die synoptische der Anbruch des Reiches. - -Die Ethik der Bergpredigt ist also Busse. Die neue Sittlichkeit, welche -hinter dem Buchstaben den Geist des Gesetzes entdeckt, macht geschickt -zum Reiche Gottes. Nur die Gerechten kommen ins Gottesreich: das stand -für alle fest. Wer also die Nähe des Reiches predigte, musste auch die -Gerechtigkeit auf das Reich hin lehren. Darum verkündet Jesus die neue -Gerechtigkeit, die höher ist als das Gesetz und die Propheten, denn -diese gehen nur bis auf den Täufer. Seit den Tagen des Täufers steht man -aber in der unmittelbar vormessianischen Zeit. - -Am Tage des Gerichts gilt es, diese sittliche Umwandlung vorzuweisen; -nur wer den Willen des himmlischen Vaters gethan hat, der wird in das -Gottesreich eingehen (Mt 7 _-21-_). Keine Berufung auf Anhängerschaft -Jesu, nicht einmal auf Zeichen, die in seinem Namen verrichtet wurden, -kann diese neue Gerechtigkeit ersetzen (Mt 7 _-22-_ u. _-23-_). -Darum schliesst die Bergpredigt mit der Ermahnung, in Erwartung der -gewaltigen Ereignisse einen festen Bau aufzuführen, der in Sturm und -Wetter standhält (Mt 7 _-24-27-_). - -Unter denselben Gesichtspunkt fallen die Seligpreisungen (Mt 5 -_-3-12-_). Sie bestimmen die zum Eintritt in das Himmelreich -berechtigende sittliche Verfassung. So erklärt sich das Präsens und -das Futurum in demselben Satz. Selig sind sie, die Sanftmütigen, die -nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, die Barmherzigen, die -reinen Herzens sind, die Friedfertigen, die geistig Armen, die in der -Verfolgung um der Gerechtigkeit willen beharren, weil sie in diesem -Verhalten die Gewähr haben, beim Erscheinen des Reiches Gottes als dazu -gehörig erfunden zu werden. - -Eine Reihe von Gleichnissen enthält denselben Gedanken. So wird in den -Gleichnissen vom Schatz im Acker und von der köstlichen Perle (Mt 13 -_-44-46-_) geschildert, wie der Mensch alles daran setzen muss, wenn -ihm das Reich Gottes in Aussicht gestellt wird, wie er alle andern -Güter dahingeben muss, um dieses in Aussicht stehende höchste Gut zu -erwerben. - -Wir finden also in der Ethik der galiläischen Periode schon das -»jetzt und dann«, welches der Wertung des Dienens (Mk 10 _-45-_) zu -Grunde liegt. _=Als Busse auf das Reich Gottes hin ist auch die Ethik -der Bergpredigt Interimsethik.=_ Die sittliche Unterweisung Jesu -ist sich also darin vom ersten Tag seines Auftretens bis zu seinen -letzten Aussprüchen gleichgeblieben, denn die Erniedrigung und das -Dienen, welche er den Seinen auf dem Weg nach Jerusalem anempfiehlt, -entsprechen genau dem neuen sittlichen Verhalten, das er in der -Bergpredigt entwickelt: sie machen geschickt zum Reich Gottes. Nur -bilden sie noch eine Steigerung zur neuen Gerechtigkeit, indem sie -geschickt machen zum _=Herrschen=_ daselbst. - -Dem Leitmotiv der Bergpredigt begegnen wir noch einmal in dem Epilog -zur grossen Gleichnisrede der jerusalemitischen Tage. Nur die Bewährung -der neuen Sittlichkeit in allen Verhältnissen des Lebens gewährleistet -den Eintritt in das Reich. Darum kann Jesus zu dem Pharisäer, der dem -Grundgesetz dieser neuen Sittlichkeit zustimmt, wie es in dem grossen -Liebesgebot ausgedrückt ist, sagen: Du bist nicht fern vom Reich Gottes -(Mk 12 _-34-_). Das will nicht heissen, dass der Pharisäer durch seine -Gesinnung beinahe schon die Höhe der »Sittlichkeit des Gottesreiches« -erklommen hat. Wenn nämlich das Doppelgebot der Liebe die Sittlichkeit -des _=Gottesreiches=_ ausmachte, müsste er ihm, da er diesem Gebote -vollständig zustimmt, sagen: Du gehörst dem Gottesreiche an. So aber -ist das »nicht fern« rein zeitlich zu verstehen, nicht von einer -kleinen Vervollkommnung, die ihm noch fehlt. Er ist nicht fern von dem -Reich Gottes, weil er die sittliche Qualität besitzt, durch welche -er als ein Genosse desselben erfunden werden wird, wenn es in Kürze -erscheint. Das »nicht fern« enthält also dasselbe Gemisch von Präsens -und Futurum wie die Seligpreisungen. - -Von unseren ethischen Vorstellungen ausgehend, sind wir geneigt, den -Begriff des Lohnes auf dieses Verhältnis zwischen der Zugehörigkeit -zum Reich und der neuen Sittlichkeit anzuwenden. Damit wird jedoch -der Gedanke Jesu nicht vollständig wiedergegeben, da es sich für ihn -vor allem um die _=Unmittelbarkeit=_ des Uebergangs aus dem Zustande -der sittlichen Erneuerung in den der übersittlichen Vollendung des -Gottesreiches handelt. Wer beim Anbrechen des Gottesreichs im Besitz -der sittlichen Erneuerung ist, der wird als ein Glied desselben -erfunden werden. Dies ist der adäquate Ausdruck für das Verhältnis der -Sittlichkeit zum kommenden Gottesreich. - - -2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik. - -Durch die Tiefe der religiösen Ethik Jesu kommen wir dazu, in ihr unser -modern-ethisches Bewusstsein wiederfinden zu wollen. Ihrer ewigen -inneren Wahrheit nach ist sie allerdings losgelöst von jeder -geschichtlichen Bedingtheit, weil sie die höchsten ethischen Gedanken -aller Zeiten schon in sich enthält. Dennoch besteht ein grosser -Unterschied zwischen Jesu Empfinden und dem unseren. Die moderne Ethik -ist »unbedingt«, weil sie den neuen sittlichen Zustand aus sich selbst -heraus schafft, wobei vorausgesetzt wird, dass sich dieser Zustand zur -Endvollendung entwickeln wird. Die Ethik ist hier Selbstzweck, sofern -die sittliche Vollendung der Menschheit sich mit der Vollendung des -Reiches Gottes deckt. Das ist KANT's Gedanke. In dieser -Verselbständigung der Ethik, welcher doch eine gewisse Resignation -hinsichtlich der Erreichung des vollendeten Endzustandes anhaftet, zeigt -sich, dass die christlich-moderne Ethik von -hellenistisch-rationalistischen Gedanken durchsetzt ist und unter dem -Einfluss einer zweitausendjährigen Entwicklung steht. - -Die Ethik Jesu hingegen ist »bedingt« in dem Sinn, dass sie in -unlösbarem Zusammenhang mit der Erwartung eines übernatürlich -eintretenden Zustandes der Vollendung steht. Darin zeigt sich ihre -jüdische Provenienz und der unmittelbare Zusammenhang mit der -prophetischen Ethik, wo das sittliche Verhalten des Volks durch seine -Zukunftserwartungen bedingt war. Wenn daher irgend eine Parallele zur -Erklärung der Ethik Jesu herbeigezogen werden darf, so ist es nur die -prophetische, niemals die moderne. Denn sowie die letztere -mithereinspielt, wird die Betrachtungsweise unhistorisch, sofern man die -Ethik Jesu verselbständigt, während sie durchaus nach der erwarteten -übernatürlichen Vollendung orientiert ist. - -Dadurch schafft man das unlösbare Problem, dass eine ihrer Ethik nach -durchaus moderne Persönlichkeit nebenher eschatologische Aussprüche -thut. Hat man aber einmal die Bedingtheit seiner Ethik eingesehen und -macht man Ernst mit ihrem Zusammenhang mit der prophetischen Ethik, so -ist mit einem Schlage klar, dass alle Vorstellungen von einem aus -kleinen Anfängen emporwachsenden Reich, von einer Ethik des -Gottesreiches und von einer Entwicklung desselben durch unser modernes -Bewusstsein an Jesu Gedanken herangetragen werden, weil wir uns nicht -ohne weiteres mit der Bedingtheit seiner Ethik vertraut machen können. - -Wir muten ihm zu, sich das Reich Gottes vorzustellen, wie es in seiner -historischen Verwirklichung sich gleichsam durch eine Verengerung -hindurchzwängt, um nachher die Vollgestalt, auf die es angelegt ist, zu -erreichen. Das ist moderne Vorstellung. Für Jesus und die Propheten war -sie aber unvollziehbar. In der Unmittelbarkeit ihrer ethischen -Anschauung gibt es keine Sittlichkeit des Gottesreichs und keine -Entwicklung desselben -- es liegt jenseits der ethischen Grenze von Gut -und Böse; es wird herbeigeführt durch eine kosmische Katastrophe, durch -welche das Böse total überwunden wird. Damit werden die sittlichen -Massstäbe aufgehoben. _=Das Reich Gottes ist eine übersittliche Grösse.=_ - -Zu dieser Höhe des überethischen Idealismus kann sich das moderne -Bewusstsein nicht mehr aufschwingen. Wir sind eben durch die Geschichte -alt geworden. Für das historische Verständnis der Ethik Jesu ist sie -aber die unerlässliche Voraussetzung. - -Dazu kommt noch, dass wir beim Reich Gottes nach vorwärts denken, an die -kommenden Generationen, welche es in steigendem Masse verwirklichen -werden. Jesu Blick geht rückwärts. Für ihn setzt sich das Reich zusammen -aus den Generationen, welche schon ins Grab gesunken sind und die nun zu -einem Vollendungszustand erweckt werden. Wie soll es für ihn eine Ethik -der geschlechtlichen Beziehungen im Gottesreiche geben, wenn er den -Sadducäern erklärt, dass es im Gottesreiche nach der grossen -Auferstehung geschlechtliche Beziehungen überhaupt nicht mehr geben -wird, sondern »dass sie sein werden, wie die Engel des Himmels« (Mk 12 -_-25-_)? - -Jede ethische Norm Jesu, möge sie auch noch so vollendet sein, führt -also nur bis an die Grenze des Reiches Gottes, während jeglicher Pfad -verschwindet, sobald man sich auf dem neuen Boden bewegt. Dort braucht -man keinen. - -Man hat ein Vorurteil gegen diese Bedingtheit. Sofern man meint, der -Wert der Ethik Jesu würde dadurch herabgesetzt, ist es unberechtigt. -Gerade das Gegenteil ist der Fall; denn diese Bedingtheit fliesst aus -einem absolut ethischen Idealismus, welcher für den erwarteten -Vollkommenheitszustand Daseinsbedingungen postuliert, die selbst ethisch -sind. In unserer verselbständigten Ethik aber setzen wir den Kampf -zwischen Gut und Bös, als dauernd zum Wesen des Ethischen gehörend, für -immer voraus. Ethik und Theologie stehen für uns nicht in diesem -lebendigen Verhältnis, wie bei Jesus. Die Lebhaftigkeit der Farben des -absolut ethischen Idealismus ist in der Geschichte verblasst. So ist die -Verselbständigung der Ethik Jesu also nicht nur ungeschichtlich, sondern -sie bedeutet auch eine Verkümmerung seines ethischen Idealismus. - -In _=einem=_ Punkte hat aber unser ethisches Empfinden mit seinem -Vorurteil recht. Bezieht sich die Ethik bloss auf die Erwartung -der übernatürlichen Vollendung, dann ist ihr thatsächlicher Wert -herabgesetzt, da sie nur Individualethik ist und nur das Verhältnis -des Einzelnen zum Gottesreich berücksichtigt. Dass aber die sittliche -Gemeinschaft, welche durch Jesu Predigt hervorgerufen wird, als -solche irgendwie das wirksame Anfangsglied in der Realisierung -des Gottesreiches sei, dieser Gedanke liegt nicht nur in unserem -ethischen Empfinden, sondern er belebt auch die Predigt Jesu, denn er -arbeitet den sozialen Charakter seiner Ethik scharf heraus. Gerade -deswegen sträubt man sich, den eschatologischen Begriff des Reiches -Gottes seiner Verkündigung von Anfang an zu Grunde zu legen, weil -man sich dann nicht erklären kann, wie er den Zustand der neuen -sittlichen Gemeinschaft, die er um sich schafft, mit dem übernatürlich -eintretenden Reich organisch verbunden denkt. - -Daher gerät man hier unwillkürlich auf das moderne Geleise. Der -Begriff der Entwicklung leistet das Geforderte, indem er erlaubt, die -neue sittliche Gemeinschaft als Anfangszustand zu jenem Endzustand -aufzufassen, welchem sie sich durch eine stetige Ausdehnung und -Vertiefung nähert. Der sich erweiternde Kreis ist aber eine moderne -geschichtliche Betrachtungsweise. Sie ist Jesu vollständig fremd. -Wenn er aber auch unsere Erklärung nicht vorausgesetzt haben kann, -das Faktum, dass diese neue Gemeinschaft mit dem Endzustand in einem -organischen Zusammenhang stehe, war ihm ebenso sicher wie uns. Weil er -aber diesen Endzustand als rein übernatürlich eintretend erwartete, -war der Zusammenhang nicht durch menschliche Ueberlegung zu begreifen, -_=sondern es war ein göttliches Geheimnis=_, das er nur in Analogien zu -den Vorgängen in der Natur aussprach. - - - - -Viertes Kapitel. - -Das Geheimnis des Reiches Gottes. - - -1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes. - -Es handelt sich um das »Geheimnis des Gottesreiches« (Mk 4 _-11-_), -welches in den Gleichnissen vom Säemann, von der selbstwachsenden Saat, -vom Senfkorn und vom Sauerteig dargestellt wird. Wir finden darin -gewöhnlich die Veranschaulichung einer stetigen Entfaltung, durch -welche ein kleiner Anfangszustand mit einem herrlichen Endzustand -zusammenhängt. Die gesäten Körner enthalten die Ernte schon, indem -jedes auf die Pflanze samt der Frucht angelegt ist. Sie entwickeln sich -daraus stetig und notwendig. So ist es auch mit der Entwicklung des -Reiches Gottes aus kleinen, unscheinbaren Anfängen. - -Diese ansprechende Deutung der Gleichnisse benimmt ihnen aber den -Charakter des _=Geheimnisses=_, denn die Veranschaulichung einer -stetigen Entfaltung durch die Vorgänge in der Natur ist kein Geheimnis -mehr. Darum misskennen wir das Geheimnis in diesen Gleichnissen. Wir -deuten sie aus unserer naturwissenschaftlichen Reflexion, welche zwei -noch so verschiedene Zustände in allen Fällen durch den Begriff der -Entwicklung verbindet. - -Der Unmittelbarkeit, mit welcher der antike ungeschulte Geist die -Natur beobachtete, bot sie aber noch Geheimnisse, indem sie ihm zwei -ganz verschiedene Zustände in einer Aufeinanderfolge vorführte, deren -Zusammenhang ebenso gewiss als unerklärlich war. Diese Unmittelbarkeit -spricht aus Jesu Gleichnissen. Der Begriff der Entwicklung in der -Natur, auf welchen es die moderne Erklärung abgesehen hat, wird gar -nicht hervorgehoben, sondern die Exposition geht darauf aus, die -beiden Zustände so unmittelbar nebeneinander zu stellen, dass man zur -Frage gedrängt wird: Wie kann der Endzustand aus dem Anfangszustand -hervorgehen? - -1. Ein Mensch säte aus. Von der Aussaat ging ein grosser Teil durch -die verschiedensten Umstände verloren -- und doch war der Ertrag der -Körner, welche auf gutes Land fielen, so gross, dass es das Ausgesäte -dreissig-, sechzig-, ja hundertfältig wiederbrachte. - -Die Ausdeutung der einzelnen Punkte bei der Schilderung dieses -Verlustes auf bestimmte Menschenklassen, wie sie Mk 4 _-13-20-_ -vorliegt, ist aus einer späteren Anschauung hervorgegangen, für die das -Gleichnis eben kein Geheimnis mehr enthielt. Ursprünglich waren aber -die einzelnen Schilderungen nicht selbständig, sondern die Saat, die -auf dem Weg, auf dem steinigten Boden und unter den Dornen verloren -geht, samt der, welche die Vögel des Himmels aufpicken, bildet einen -einheitlichen Gegensatz zu der, welche auf gutes Land fiel. Für das -Gleichnis kommt die Art, wie sie zu Grunde ging, nicht in Betracht. -Jesu Rede hängt, trotz der wundervoll ausgeführten Schilderung, in -einem Gedanken: So klein war unter Anrechnung alles dessen, was -verloren ging, die Aussaat und dennoch die grosse Ernte! -- Darin liegt -das Geheimnis. - -2. Ein Mensch streute Samen auf das Land. Er schlief, ging seinen -Geschäften nach und kümmerte sich nicht weiter um die Saat. Ehe er -sich's indes versah, stand die Ernte auf dem Feld und er konnte seine -Knechte ausschicken, sie einzuholen. Wie ging es zu, dass, nachdem die -Samenkörner in die Erde gesenkt waren, der Boden _=von selbst=_ Gras, -Halm und volle Aehre hervorbrachte? -- Darin liegt das Geheimnis. - -3. Es wurde ein Senfkorn gesät; daraus sprosste eine grosse Staude -hervor, mit Zweigen, dass die Vögel des Himmels darunter wohnen -konnten. Wie ging das zu, da doch das Senfkorn so klein ist? -- Das ist -das Geheimnis. - -4. Ein Weib that ein bischen Sauerteig zu einem grossen Teig. Nachher -war der ganze Teig »Sauerteig«. Wie kann durch ein wenig Sauerteig ein -grosser Teig durchsäuert werden? -- Das ist das Geheimnis. - -Diese Gleichnisse sind gar nicht darauf angelegt, gedeutet und -verstanden zu werden, sondern sie sollen die Hörer darauf aufmerksam -machen, dass in den Sachen des Reiches Gottes ein Geheimnis sich -vorbereitet, wie sie es in der Natur erleben. _=Es sind Signale.=_ -Wie auf die Saat die Ernte folgt, ohne dass jemand sagen kann, wie -es zuging, so wird auf Jesu Predigt hin das Reich Gottes in Macht -sich einstellen. So klein, verglichen mit dem Zustand des Reiches -Gottes, der Kreis auch ist, welchen er um sich sammelt, so ist -nichtsdestoweniger gewiss, dass es sich in der Folge dieser so -beschränkten sittlichen Erneuerung einstellen wird, so gewiss zu -erwarten ist, dass die Saat, welche zur Zeit, da er spricht, im Boden -schlummert, eine herrliche Ernte bringen wird. Wartet nicht nur auf -die Ernte, sondern wartet auch auf das Reich Gottes! -- so redete -der geistige Säemann zu den Galiläern zur Zeit der Aussaat. Sie -sollten, wenn sie es ahnen konnten, darauf aufmerksam werden, dass die -sittliche Erneuerung im Gefolge seiner Predigt in einem notwendigen, -aber unerklärlichen Zusammenhang mit dem Anbrechen des Reiches Gottes -stände. Denn derselbe Gott, der durch die geheimnisvolle Kraft in der -Natur die Ernte erstehen lassen wird, der wird auch das Reich Gottes -erstehen lassen. - -Darum, als es die Zeit der Ernte war, schickte er seine Jünger aus, zu -verkünden: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen. - - -2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk nach der -Aussendung. - -Jesus war allein. Die Jünger trugen die Kunde von der Nähe des Reiches -in die Städte Israels. Während das Volk sich um ihn drängte, kamen -die Gesandten des Täufers mit ihrer Frage. Er entliess sie mit dem -Bescheid: das Reich stehe vor der Thür; man brauche nur die Sprache -der Zeichen und Wunder zu verstehen. Zum Volk sich wendend, redete er -von der Bedeutung des Täufers und seiner Würde. Dabei entfiel ihm ein -Geheimniswort (Mt 11 _-14-_: »wenn ihr es zu fassen vermögt«, Mt 11 -_-15-_: »wer Ohren hat zu hören, der höre«). Johannes ist der Elias, d. -h. die Persönlichkeit, welche das unmittelbare Einbrechen des Reichs -anzeigt. »Von den Tagen Johannes des Täufers bis auf diesen Augenblick -wird dem Reich Gottes Gewalt angethan und die Gewaltthätigen reissen -es an sich. Denn die Propheten und das Gesetz haben bis Johannes -geprophezeit, und wenn ihr es fassen mögt, so ist er der Elias, der -kommen soll. Wer Ohren hat zu hören, der höre« (Mt 11 _-12-14-_). - -Dieses Wort widerstrebt aller Exegese, denn es enthält gar nicht den -Gedanken, dass die Einzelnen sich mit Gewalt den Eingang ins Reich -erzwingen. Was sollte das auch heissen? Inwiefern geschieht das von den -Tagen des Täufers an? Das von Jesus gebrauchte Bild ist unbegreiflich, -wenn es sich um das Eintreten Einzelner in das Gottesreich handelt. -Ebenso unverständlich bleibt es aber, wenn es sich auf die Realisierung -des Gottesreiches durch Entwicklung beziehen soll. Erstens widerspricht -das Bild vom Gewaltakt dem Gedanken der Entwicklung; zweitens datiert -der Anfang dieser Nötigung dann nicht vom Täufer, sondern von Jesus. - -Es handelt sich um das Geheimnis des Reiches Gottes, darum der -Hinweis: wer Ohren hat zu hören, der höre. Er kommt nur noch bei -den Gleichnissen vom Geheimnis des Reiches Gottes und als Beschluss -apokalyptischer Sprüche vor (vgl. den Gebrauch des Ausdrucks in der -Apokalypse: 2 _-7 11 17 29-_, 3 _-6 13 22-_). Die Busse und sittliche -Erneuerung auf das Reich Gottes hin sind gleichsam ein Druck, der -ausgeübt wird, _=um es zu zwingen, in die Erscheinung zu treten=_. -Diese Bewegung hat eingesetzt mit den Tagen des Täufers. Darum wird von -da an dem Reich Gottes Gewalt angethan. Die Gewaltthätigen, die es an -sich reissen, sind diejenigen, welche die sittliche Erneuerung leisten. -Sie ziehen es mit Macht auf die Erde herunter. - -Das Wort in der Rede über den Täufer und die Gleichnisse des Reiches -Gottes erklären und ergänzen sich gegenseitig. Die Gleichnisse heben -vor allem _=das Unangemessene=_ in dem Verhältnis der geleisteten -sittlichen Erneuerung zur eintretenden Vollkommenheit des Reiches -Gottes hervor, während das Bild in dem Ausspruch nach der Aussendung -mehr _=den zwingenden Zusammenhang=_ zwischen beiden herausarbeitet. - - -3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen und -jüdischen Zukunftserwartungen. - -Jesu Ethik hängt mit der altprophetischen zusammen, da sie, wie -jene, durch die Erwartung eines Zustandes der Vollendung bedingt ist, -welchen Gott heraufführen wird. Aber auch das Geheimnis des Reiches -Gottes, wonach die sittliche Erneuerung das übernatürliche Kommen des -Reiches herbeiführt, entspricht dem prophetischen Grundgedanken. Bei -den Propheten ist das Verhältnis zwischen der sittlichen Umkehr, welche -sie herbeiführen wollen, und dem Herrlichkeitszustand, welchen Gott am -Tage des Gerichts heraufführen wird, kein rein zeitliches, sondern es -beruht auf einem übernatürlichen kausalen Zusammenhang. Das gottwidrige -Verhalten zieht den Tag des Gerichts und der Verdammnis herbei. Darum -züchtigt Gott das Volk und gibt es in die Hand seiner Bedränger. Wenn -es sich aber zur sittlichen Umkehr entschliesst, wenn es in gläubigem -Vertrauen bei ihm allein Zuflucht sucht, wenn Gerechtigkeit und -Wahrheit unter ihnen herrschen, dann wird ihm der Herr Recht schaffen -vor seinen Bedrängern und seine Herrlichkeit wird aufgehen über Israel, -dem die Völker dienstbar werden. An jenem Tage wird dann der Friede -über die ganze Welt und auch über die Natur ausgegossen werden. - -Nach dem Exil wirkt dieser Gedanke in der Auffassung vom Gesetz -weiter. Durch das Halten des Gesetzes wird der Herrlichkeitszustand -von Gott erzwungen. Nicht der einzelne, sondern die Gesamtheit wirkt -durch das Gesetz auf Gott. Diese generelle Betrachtungsweise ist die -primäre, die individualistische erst die sekundäre. »Israel würde -erlöst werden, wenn es nur zwei Sabbate hielte, wie es sich gebührte« -(Schabbath 118^b. WÜNSCHE, System der altsynagogalen palästinensischen -Theologie 1880 S. 299). Hier begegnet uns der altprophetische Gedanke -in gesetzlicher Veräusserlichung. - -Im allgemeinen herrschte aber später die individualistische Betrachtung -vor. Das Gesetz und das sittliche Verhalten überhaupt waren nur die -Vorbereitung auf den erwarteten Herrlichkeitszustand. An Stelle der -lebendigen generellen prophetischen Auffassung trat eine individuelle, -unlebendige. _=Die Eschatologie wurde Rechenexempel und die Ethik -Kasuistik.=_ - -Da Jesus aber auf den ethischen Grundgedanken der prophetischen -Zeit zurückgriff, handelte es sich für ihn nicht um reine -Zukunfts_=erwartung=_. Spätjüdisch an ihm ist nur die Form, in der er -sich das Eintreten dieses Endzustandes denkt. Er erfasst es nicht mehr -unter dem Gesichtspunkt des Eingreifens Gottes in die Völkergeschichte, -wie die Propheten, sondern unter dem der kosmischen Endkatastrophe. -Seine Eschatologie ist Daniel'sche Apokalyptik, weil das Reich durch -den Menschensohn herbeigeführt wird, wenn er auf den Wolken des Himmels -erscheint (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_). - -_=Das Geheimnis des Reiches Gottes ist also die Synthese eines -souveränen Geistes zwischen der altprophetischen Ethik und der -Daniel'schen Apokalyptik.=_ Daher wurzelt Jesu Eschatologie in seiner -Zeit und steht doch so hoch über ihr. Für die Zeitgenossen handelte es -sich um _=Erwartung=_ des Reichs, um das Ausdenken und Ausmalen aller -Momente der grossen Katastrophe und um die Vorbereitung darauf, für -Jesus um die _=Herbeiführung=_ des erwarteten Ereignisses durch die -sittliche Erneuerung. _=Aus der eschatologischen Ethik wird ethische -Eschatologie.=_ - - -4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der glücklichen -galiläischen Periode. - -Dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge ist das Eintreten des Reiches -unabhängig von der Allgemeinheit des Erfolgs der Predigt Jesu. Er -betont ja gerade, dass die Beschränktheit des Kreises, welcher die -sittliche Erneuerung leistet, in gar keinem Verhältnis steht zu der -allumfassenden Grösse des Reichs, das auf Grund ihres Verhaltens -eintritt. Es genügt, dass ein geringer Teil der Aussaat auf das gute -Land fällt -- und die überreiche Ernte ist da, durch Gottes Macht. -Nicht durch die Menge, sondern durch die Gewalttätigen wird das Reich -herbeigenötigt. - -Darum macht das Geheimnis des Reiches Gottes die Annahme einer -erfolgreichen galiläischen Periode ganz überflüssig. Jesus kann sich -der Erwartung der baldigen Realisierung des Reichs hingeben, auch wenn -er die grössten Misserfolge erlebt und ganze Ortschaften sich seiner -Predigt verschliessen. Sie halten damit das Reich Gottes nicht auf, -sondern sie überliefern sich nur selbst dem Gericht, denn das Reich -tritt notwendig ein auf Grund der sittlichen Erneuerung der Kreise, die -sich um Jesu sammeln. - -Die Richtigkeit der Deutung des Geheimnisses des Reiches Gottes zeigt -sich also darin, dass sie eine zur Erklärung des Lebens Jesu sonst -absolut unumgängliche, historisch aber in keiner Weise zu begründende -Annahme unnötig macht. - - -5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus Jesu. - -So lange die sittliche Erneuerung auf Grund der Predigt Jesu mit der -Realisierung des Reiches durch den modernen Gedanken der Entwicklung in -Beziehung gesetzt wird, ist auch die Korrelatgrösse zur Vollendung des -Reichs modern, nämlich »_=die sittliche Menschheit als Gesamtheit=_«. -Man mutet dann Jesu zu, dass er in Gedanken voraussieht, wie die neue -sittliche Gemeinschaft, die er gründet, sich immer weiter ausbreitet, -ganz Israel ergreift -- hier bricht aber der Gedanke Jesu ab; -universalistische Ideen darf man ihm nicht unterschieben, denn die -Aussendungsrede zeigt, dass er für die sittliche Erneuerung nicht über -die Grenzen Israels hinaus reflektiert. Mt 10 _-5-_ u. _-6-_: Ziehet -auf keiner Heidenstrasse und betretet keine Samariterstadt; gehet aber -vielmehr zu den verlornen Schafen des Hauses Israel. - -Die Predigt des Reiches Gottes ist also partikularistisch; das -Reich selbst aber ist universalistisch, »denn sie werden kommen von -Mitternacht und von Mittag, vom Morgen und vom Abend«. Das Geschlecht, -das ein Wunder verlangt, wird ein solches erleben: Die Niniviten -werden am Tage des Gerichts aufstehen und es verdammen, weil sie Busse -gethan haben auf die Predigt des Jonas hin, »und hier ist mehr denn -Jonas«. Auch die Königin von Mittag wird den Zeitgenossen Jesu dann als -Richterin erstehen, denn sie machte sich auf, um die Weisheit Salomos -zu hören, »und hier ist mehr denn Salomo« (Mt 12 _-41-42-_). - -Für das moderne Bewusstsein ist dieser Widerspruch zwischen dem -Partikularismus in der Verkündigung des Reiches und dem Universalismus -in der Vollendung desselben unüberwindbar, weil es sich alles durch -den Begriff der Entwicklung denkt. In dem Geheimnis des Reiches Gottes -aber gehen Partikularismus und Universalismus mit einander auf. Das -Reich ist universalistisch, denn es ersteht aus dem kosmischen Akt, -bei welchem Gott die Gerechten aller Zeiten und aller Völker zur -Herrlichkeit erweckt. Die Herbeiführung des Reiches hingegen fusst auf -dem Partikularismus, denn es wird durch die sittliche Erneuerung der -Volksgenossen Jesu herbeigenötigt. Das Heil kommt aus Israel. - - -6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum Gesetz und -zum Staat. - -Jesus hat sich weder für noch gegen das Gesetz ausgesprochen. Er -erkannte es einfach als etwas Bestehendes an, ohne sich daran zu -binden. Zu einer prinzipiellen Stellungnahme, ob es verbindlich oder -nicht verbindlich sei, fühlte er keine Nötigung. Diese Frage war für -ihn gegenstandslos. Auf die neue Sittlichkeit, nicht auf das Gesetz kam -es an. Heilig und unverletzlich war ihm dieses Gesetz, sofern es den -Weg zur neuen Sittlichkeit wies. Aber damit hob es sich selbst auf; -denn in dem Reich, das auf Grund der neuen Sittlichkeit in Erscheinung -trat, war es abgethan, da der Vollendungszustand übergesetzlich und -überethisch war. Bis dahin bestand es zu Recht. Ob das Gesetz auch für -seine Anhänger in Zukunft gelten sollte, diese Frage existierte für ihn -nicht, sondern erst die Geschichte hat sie der ersten Gemeinde gestellt. - -Mit dem Staat verhielt es sich ebenso. Die Frage, die man ihm in den -jerusalemitischen Tagen stellte, war für ihn gegenstandslos. Als er -den Pharisäern auf ihre Frage antwortete, ob man dem Kaiser den Zins -geben sollte, dachte er nicht daran, seine und seiner Anhänger Stellung -zum Staat festzulegen. Wie konnte man sich nur mit solchen Dingen -aufhalten! Der Staat war ja irdisches, also ungöttliches Herrschen. -Sein Bestand reichte also nur bis zur anbrechenden Gottesherrschaft. -Da diese nahe bevorstand, was brauchte man sich entscheiden, ob man -der Weltmacht tributpflichtig sein wollte oder nicht? Man liess sie -eben über sich ergehen; ihr Ende war ja da. Gebt dem Kaiser, was des -Kaisers ist und Gott, was Gottes ist (Mk 12 _-17-_) -- dieses Wort ist -mit einer souveränen Ironie gesprochen gegen die Pharisäer, die so -wenig die Zeichen der Zeit verstehen, dass das noch eine Frage für sie -bildet. Sie sind gerade so thöricht in den Sachen des Reiches Gottes, -wie die Sadducäer mit ihrer Vexierfrage, welchem Gatten das siebenmal -verheiratete Weib bei der Auferstehung gehören wird, denn auch sie -lassen eines ausser Berechnung: die Macht Gottes (Mk 12 _-24-_). - - -7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu. - -»Es sei die Maxime in jeder wissenschaftlichen Untersuchung, mit aller -möglichen Genauigkeit und Offenheit seinen Gang ungestört fortzusetzen, -ohne sich an das zu kehren, wowider sie ausser ihrem Felde etwa -verstossen möchte, sondern sie für sich allein, so viel man kann, wahr -und vollständig zu vollführen. Oeftere Beobachtung hat mich überzeugt, -dass, wenn man diese Geschäfte zu Ende gebracht hat, das, was in der -Hälfte derselben, in Betracht anderer Lehren ausserhalb, mir bisweilen -sehr bedenklich schien, wenn ich diese Bedenklichkeit nur so lange -aus den Augen liess und bloss auf mein Geschäft achthatte, bis es -vollendet sei, endlich auf unerwartete Weise mit demjenigen vollkommen -zusammenstimmte, was sich ohne die mindeste Rücksicht auf jene Lehren, -ohne Parteilichkeit und Vorliebe für dieselbe, von selbst gefunden -hatte[1].« - -KANT spricht dieses tiefe Wort in dem Augenblick, wo ihm die -Zusammenstimmung des transcendentalen Freiheitsbegriffs mit dem -praktischen aufgeht. Mit dem Verhältnis der Ethik Jesu zu seiner -Eschatologie steht es ebenso. Es ist ein Postulat unserer christlichen -Ueberzeugung, dass die Ethik Jesu in ihrem Grundgedanken modern sei. -Darum kommen wir immer wieder dazu, in seiner Ethik das Moderne zu -suchen und dafür seine Eschatologie, da sie uns unmodern scheint, in -den Hintergrund zu drängen. Entschliesst man sich aber, dieses in -unserem Wesen so tiefbegründete und so berechtigte Interesse für einen -Augenblick ausser acht zu lassen und das Verhältnis seiner Eschatologie -zur Ethik rein für sich, geschichtlich zu betrachten, so fördert die -Untersuchung das überraschende Resultat zu Tage, dass die letztere -in einem viel höheren Masse modern ist, als man bisher zu hoffen -wagte. Jesu Ethik ist modern, nicht etwa, weil die Eschatologie dabei -Begleitgedanke ist, sondern gerade, weil sie von dieser Eschatologie -vollständig abhängig ist! Diese Eschatologie selbst, wie sie sich -in dem Geheimnis des Reiches Gottes darstellt, ist nämlich durchaus -modern, indem sie von dem Grundgedanken beherrscht wird, dass auf die -religiös-sittliche Erneuerung hin, welche die Gläubigen leisten, das -Reich Gottes eintreten wird. _=Jede sittlich-religiöse Bethätigung ist -also Arbeit am Kommen des Reiches Gottes.=_ - -Als durch die Geschichte die Eschatologie in dieser -ethisch-eschatologischen Weltanschauung langsam verblich, da blieb -eine ethische Weltanschauung, in der die Eschatologie durch sieghafte -Begeisterung und den unvergänglichen Glauben an den Endsieg des Guten -weiterlebte. Das Geheimnis des Reiches Gottes enthält das Geheimnis -der christlichen Weltanschauung überhaupt. Die ethische Eschatologie -Jesu ist die _=heroische Form=_, in der die modern-christliche -Weltanschauung in die Geschichte eintrat! - -FUSSNOTE: - -[1] Kritik der praktischen Vernunft. Ed. Reclam S. 129. - - - - -Fünftes Kapitel. - -Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken. - - -In der letzten Periode seines Lebens hat Jesus noch einmal Gleichnisse -vom Reich Gottes geredet. Der Weinberg Gottes (Mt 21 _-33-46-_). Die -königliche Hochzeit (Mt 22 _-1-14-_). Der wachende Knecht (Mt 24 -_-42-47-_). Die zehn Jungfrauen (Mt 25 _-1-13-_). Die anvertrauten -Pfunde (Mt 25 _-14-30-_). - -Diese Gleichnisse enthalten, im Unterschied zu denen vom -Geheimnis des Gottesreiches, kein Geheimnis, sondern es sind reine -_=Lehrgleichnisse=_, aus denen eine Moral zu ziehen ist. Das Reich -Gottes ist nahe. Nur diejenigen werden als dazu gehörig erfunden -werden, die sich durch ihr sittliches Verhalten darauf einrichten. - -Dafür enthält aber die zweite Periode _=das Geheimnis des -Leidensgedankens=_. Wie wir gesehen haben, führen die Aussprüche Jesu -auf eine geheimnisvolle kausale Verbindung zwischen dem Leiden und dem -Eintreten des Reichs, weil die Eschatologie und der Leidensgedanke -immer nebeneinander auftreten und die Zukunftserwartungen der Jünger -jedesmal durch seine Leidensankündigung aufs höchste gesteigert werden. - -_=Das Geheimnis des Leidensgedankens nimmt also das Geheimnis des -Reiches Gottes wieder auf und setzt es fort.=_ Zu der sittlichen -Erneuerung, welche dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge auf das -Eintreten des Reiches eine nötigende Gewalt ausübt, _=tritt die -sühnende Todesleistung Jesu hinzu=_. Sie vollendet die Busse derer, -die an das Kommen des Reiches glauben. Dadurch tritt Jesus den -Gewaltthätigen, die das Reich herbeinötigen, zur Seite. Die Gewalt, die -er dabei anwendet, ist die denkbar höchste -- er gibt sein Leben hin. - -Der Leidensgedanke ist also die Umformung des Geheimnisses vom Reich -Gottes. Darum ist er ebensowenig darauf berechnet, von den andern -begriffen zu werden, als die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches -Gottes. Es handelt sich beidemal um eine nicht weiter zu ergründende -Thatsache. - -Der Zusammenhang zwischen dem Leidensgedanken und dem Geheimnis -des Reiches Gottes garantiert die Kontinuität in Jesu Gedankenwelt. -Alle Konstruktionen, die man unternommen hat in der Absicht, diese -Kontinuität herzustellen, waren unvermögend, das Geforderte zu leisten. -Die Aufnahme des Leidensgedankens bedeutete in allen Fällen eine -totale Veränderung seiner Reichs- und Weltanschauung. Stellt man aber -den Leidensgedanken in den grossen Zusammenhang des Geheimnisses des -Reiches Gottes, so ist die Kontinuität natürlich gegeben. Der Gedanke -der übernatürlichen Herbeiführung des Reiches Gottes durchzieht Jesu -ganzes Leben, wobei der Leidensgedanke nur die Formulierung desselben -in der zweiten Periode darstellt. - -Wodurch nimmt das Geheimnis des Reiches Gottes die Form des -Leidensgeheimnisses an? - -Warum muss die Sühne Jesu vollendend zur sittlichen Erneuerung und zur -Busse der reichsgläubigen Gemeinschaft hinzutreten? - -Inwiefern kommt dem Sühnetod Jesu eine Einwirkung auf das Eintreten des -Reiches zu? - - - - -Sechstes Kapitel. - -Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen Wirksamkeit. - - -1. Das Problem und die Thatsachen. - -Das Erlebnis bei der Taufe bedeutet den Anfangspunkt des -Messianitätsbewusstseins Jesu. In der Gegend von Cäsarea Philippi -offenbart er den Jüngern sein Geheimnis. Oeffentlich bekennt er sich -erst vor dem Hohenpriester zu seiner messianischen Würde. Seiner -Predigt vom Reiche Gottes liegt also das Messianitätsbewusstsein zwar -zu Grunde. Bei den Zuhörern setzt er aber die Kenntnis der Stellung, -welche ihm zukommt, nicht voraus. _=Der Glaube, den er verlangt, hat -nichts mit seiner Person zu thun, sondern er bezieht sich nur auf die -Botschaft von der Nähe des Reichs.=_ Erst der vierte Evangelist stellt -die Geschichte so dar, als handelte es sich um die Persönlichkeit Jesu. - -Nun können wir nicht ermessen, inwieweit seine Würde für solche, -die ein aufgewecktes Verständnis hatten, in seiner Verkündigung -durchschien. Eines ist sicher: bis in die Zeit nach der Aussendung hat -niemand im entferntesten daran gedacht, in ihm den Messias zu erkennen. -Bei Cäsarea Philippi antworten die Jünger ihm nur, dass das Volk ihn -für einen Propheten oder für den Vorläufer Elias halte, und sie selbst -wissen nicht anders. Denn Petrus hat, wie Jesus selbst sagt, seine -Kenntnis nicht aus dem Wirken und Reden seines Meisters erschlossen, -sondern er verdankt sie einer übernatürlichen Offenbarung. - -Nach dieser Fundamentalthatsache müssen die synoptischen Notizen -beurteilt werden. _=Zuerst=_ stehen dazu eine Reihe matthäischer -Stellen in Spannung. - -Mt 9 _-27-31-_, in der galiläischen Parallele zur Blindenheilung in -Jericho, wird berichtet, dass ihn zwei Blinde durch den ganzen Ort mit -dem Ruf »Davidssohn« verfolgt haben. Was dann die Warnung Jesu, »dass -es niemand erfahre«, bedeuten soll, bleibt allerdings dunkel. - -Mt 12 _-23-_ raunen sich die Leute nach einer wunderbaren Heilung zu, -ob das nicht der Davidssohn sei. - -Mt 14 _-33-_ fallen die Jünger nach dem Erlebnis auf der See im Schiff -vor ihm nieder und sprechen: »du bist wahrhaftig Gottes Sohn.« - -Mt 15 _-22-_ redet die Kananäerin ihn als den Davidssohn an, während -sie bei Markus ihm einfach zu Füssen fällt und um Hülfe bittet. - -In allen diesen Stellen liegt matthäisches Sondergut vor, das einer -sekundären litterarischen Schicht angehört. Für die Geschichte Jesu -haben sie keine Bedeutung, wohl aber für die Geschichte der Geschichte -Jesu. Sie zeigen uns nämlich, wie die spätere Zeit immer mehr dazu kam, -sein Leben von der Voraussetzung aus darzustellen, dass nicht nur er -sich als Messias wusste, sondern dass auch die andern diesen Eindruck -von ihm hatten. - -_=An zweiter Stelle=_ handelt es sich um die _=Anrede der -Dämonischen=_. Nach Mk 3 _-11-_ warfen sich die unreinen Geister, so -oft sie ihn erblickten, vor ihm nieder und riefen ihn als Gottessohn -an (vgl. auch Mk 1 _-24-_ und Mk 5 _-7-_). Zwar wehrte er diesen Rufen -und gebot Schweigen. Hätten wir aber nicht die unumstösslich sichere -Kunde, dass während seiner ganzen galiläischen Wirksamkeit das Volk -nichts weiter wusste, als dass er ein Prophet oder der Elias sei, -so müssten wir annehmen, dass diese Dämonenrufe die Leute auf seine -Würde irgendwie aufmerksam machten. So aber ersehen wir gerade aus der -Nichtbeachtung der Dämonenrufe mit Bestimmtheit, wie weit man davon -entfernt war, in ihm den Messias zu vermuten. Wer glaubte denn dem -Teufel und dem irren Gerede Besessener? - -_=An dritter Stelle=_ handelt es sich um den Ausdruck -»_=Menschensohn=_«. Hat Jesus ihn vor Cäsarea Philippi als -Selbstbezeichnung gebraucht, so liegt darin in jedem Falle eine -messianische Andeutung, denn jeder musste diesen Daniel'schen Ausdruck -auf die Persönlichkeit der Endzeit beziehen. - -Als Selbstbezeichnung _=vor=_ Cäsarea Philippi verwendet ihn Jesus -bei Markus zweimal (Mk 2 _-10-_ und 2 _-28-_) und in einer Reihe -matthäischer Sonderstellen (8 _-20-_, 11 _-19-_, 12 _-32-_, 12 _-40-_, -13 _-37-_ u. _-41-_ und 16 _-13-_). Auch für die Beurteilung dieser -Stellen muss man von dem festen Punkt, der in der Antwort der Jünger -bei Cäsarea Philippi gegeben ist, ausgehen. - -Entweder hat Jesus den Ausdruck damals noch nicht gebraucht. Dann sind -diese Menschensohnstellen chronologisch verfrüht oder es handelt sich -um rein litterarische Erscheinungen. - -Oder aber er hat den Ausdruck schon gebraucht. Dann muss er es in -einer solchen Weise gethan haben, dass niemand auf den Gedanken kommen -konnte, er nehme die Würde des Daniel'schen Menschensohns für sich in -Anspruch. - -Das Problem der zweiten Periode ist noch schwieriger. Die Jünger wissen -um sein Geheimnis, aber sie dürfen es niemand offenbaren. Wie steht es -aber mit dem Volk? War diesem jetzt eine Ahnung von der messianischen -Würde Jesu aufgegangen? - -Das Problem hat es also mit drei Thatsachen zu thun. - -1. Die ganze Diskussion in den jerusalemitischen Tagen dreht sich in -keiner Weise um die messianische Würde Jesu, sondern es handelt sich -um gesetzliche Thesen und um Tagesfragen. Man hat bisher viel zu wenig -Gewicht darauf gelegt, dass weder das Volk noch die Schriftgelehrten -irgendwie zu ihm als _=der messianischen Persönlichkeit=_ Stellung -nehmen. Wie ganz anders wären die jerusalemitischen Tage gewesen, -wenn es sich darum gehandelt hätte: ist er der Messias -- ist er es -nicht? Kann er es sein -- kann er es nicht sein? In Wirklichkeit ist -er nur die Autoritätsperson des galiläischen Volkes, vor welche die -Hauptstadtgelehrten ihre Schulfragen bringen, sei es in aufrichtiger -Gesinnung, sei es in der perfiden Absicht, seine Autorität zu -vernichten. - -2. In dieser zweiten Periode hat Jesus das Volk nur einige Tage um -sich gehabt: vom Jordanübergang bis zu seinem Tode. Während dieser -Zeit hat er ihnen keine Eröffnung über seine Messianität gemacht, -auch keine Anspielung, die sie dahin verstehen konnten und mussten. -Die gedungenen Zeugen wissen nichts derartiges vorzubringen. Das -Bemerkenswerte an ihrer Aussage, worauf man auch viel zu wenig Gewicht -zu legen geneigt ist, besteht ja gerade darin, _=dass sie ihn in keiner -Weise beschuldigen, Messias sein zu wollen=_. Für sie erschöpft sich -seine frevelhafte Prätention in dem respektwidrigen Ausspruch über -den Tempel. Man stelle sich die Gerichtsverhandlung vor, wenn die -gedungenen Ankläger in Jesu Reden messianische Anspielungen auf sich -selbst entdeckt hätten! - -3. Von hier aus kommt man notwendig zu dem Urteil, dass er für das Volk -in Jerusalem bis zur letzten Stunde war, was er in Galiläa gewesen: der -grosse Prophet oder der Vorläufer, in keiner Weise aber der Messias! -Damit vertragen sich aber zwei Thatsachen nicht. - -Der Einzug in Jerusalem war -- der gewöhnlichen Auffassung zufolge -- -_=eine messianische Ovation=_. Also musste das Volk die Würde Jesu -ahnen. - -Der Hohepriester stellte die Frage an ihn, _=ob er der Messias wäre=_. -Also wusste er um Jesu Ansprüche. - -Es handelt sich hier um die klare Frage: galt Jesus in den -jerusalemitischen Tagen als messianischer Prätendent oder nicht? Man -darf sich diese Frage nicht dadurch verdunkeln, dass man von einem -mehr oder weniger klaren »Ahnen« in dieser Sache redet. Das »Ahnen -der Messianität Jesu« ist eine moderne Erfindung. Eine Volksmasse -wäre nicht von dunkelm geheimnisvollem Ahnen hin- und herbewegt -worden, sondern es hätte sich um Glauben oder Nichtglauben gehandelt. -Wer dafür hielt, er sei der Messias, musste mit ihm durch Feuer und -Tod gehen, der Herrlichkeit entgegen. Wer nicht dafür hielt, solche -Prätention bei ihm aber auch nur ahnte, der musste das Signal geben, -den Gotteslästerer zu steinigen. Ein Drittes gab es nicht. - -Die allgemeinen Thatsachen sprechen dafür, dass Volk und Pharisäer -in den jerusalemitischen Tagen Jesu keine messianischen Prätentionen -beilegten, ebensowenig wie früher. Nur bleibt dann der Einzug in -Jerusalem, als messianische Ovation verstanden, ein Rätsel, und ebenso -ist es unerklärlich, wie der Hohepriester darauf kommt, ihn nach seiner -Messianität zu fragen. - -Entweder verhält es sich hiermit so, wie man gewöhnlich annimmt. Dann -muss man auf jedes geschichtliche Verständnis der letzten öffentlichen -Periode Jesu verzichten. Es geht nicht an, dass er am Anfang (Einzug in -Jerusalem) und am Ende derselben (Frage des Hohenpriesters vor Gericht) -für den Messias gehalten wurde, während die dazwischen liegenden -jerusalemitischen Tage davon nicht das geringste wissen. - -Oder man hat den Einzug und die Frage des Hohenpriesters geschichtlich -missverstanden. Galt die Ovation dem messianischen Prätendenten? Sprach -der Hohepriester in seiner Frage etwas aus, worum alle wussten? Hat er -die behauptete Messianität aus Jesu Leben, Wirken und Reden erschlossen --- oder wusste er vielleicht nur durch Verrat um das innerste Geheimnis -Jesu, das nur den Vertrauten seit Cäsarea Philippi bekannt war? - -In seiner vollen Schwierigkeit erhält das Messianitätsproblem folgende -Formulierung: Wie war es möglich, dass Jesus sich von Anfang an als -Messias wusste und dennoch seine Messianität in seiner öffentlichen -Predigt vom Reich bis zum letzten Augenblick nicht zur Geltung kommen -liess? Wie konnte dem Volke auf die Dauer verborgen bleiben, dass diese -Reden vom messianischen Bewusstsein aus gesprochen waren? _=Jesus war -ein Messias, der es während seiner öffentlichen Wirksamkeit nicht sein -wollte, nicht zu sein brauchte und nicht sein durfte, um seine Mission -zu erfüllen! So stellt die Geschichte das Problem.=_ - - -2. Jesus der Elias, durch die Solidarität mit dem Menschensohn. - -_=Welche Würde konnte und musste das Volk Jesu auf seine öffentliche -Wirksamkeit hin beilegen?=_ Das ist die Frage, um die es sich jetzt -handelt. - -Der Messias und das messianische Reich gehören unzertrennlich zusammen. -Wenn daher Jesus ein gegenwärtiges messianisches Reich gepredigt hätte, -wäre zugleich die Notwendigkeit an ihn herangetreten, den Messias -kenntlich zu machen; er hätte damit beginnen müssen, sich vor dem Volk -als Messias zu legitimieren. - -Nun war aber seine Predigt vom Reich futurisch; damit war vollständig -ausgeschlossen, dass jemand darauf kommen konnte, in ihm den Messias -zu vermuten. _=War das Reich futurisch, so war es auch der Messias.=_ -Wenn Jesus dennoch messianische Ansprüche hatte, so lag dieser -Gedanke dem Volk vollständig fern, denn seine Reichspredigt schloss -auch die leiseste derartige Mutmassung aus. Darum konnten auch die -Dämonenschreie die Leute nicht auf die richtige Spur bringen. - -Vollends unmöglich gemacht waren derartige Mutmassungen durch die -Art, wie Jesus von dem Messias als futurischer Persönlichkeit in der -dritten Person redet. Den Jüngern kündigt er bei der Aussendung an, -dass der Menschensohn erscheinen wird, ehe sie mit den Städten Israels -zu Ende sein werden (Mt 10 _-23-_). Mk 8 _-38-_ verheisst er dem Volk -das baldige Erscheinen des Menschensohns zum Gericht und das Kommen -des Reiches Gottes in Kraft. Ebenso redet er noch in Jerusalem von -dem Gericht, das der Menschensohn abhalten wird, wenn er in seiner -Herrlichkeit umgeben von den Engeln erscheinen wird (Mt 25 _-31-_). - -Nur die Jünger nach der Offenbarung zu Cäsarea Philippi und der -Hohepriester nach dem »Ja« Jesu konnten eine persönliche Beziehung -zwischen ihm und dem Menschensohn, von dessen Kommen er sprach, -statuieren, da sie um sein Geheimnis wussten. Sonst aber blieben für -die Hörer _=Jesus von Nazareth=_ und der, von welchem die Rede war, -_=der Menschensohn=_, zwei vollständig verschiedene Persönlichkeiten. - -Vor dem Volk deutet Jesus nur an, dass der Menschensohn mit ihm, der -ihn verkündigt, absolut _=solidarisch=_ ist. In dieser Form allein ragt -seine eigene gigantische Persönlichkeit in seine Predigt des Reiches -Gottes hinein. Nur wer sich zu ihm, dem Verkündiger des Kommens des -Menschensohnes, unter allen Umständen bekennt, der wird am Gerichtstag -als zum Reich gehörig erfunden werden. Jesus wird nämlich vor Gott -und vor dem Menschensohn für ihn eintreten (Mk 8 _-38-_-9 _-1-_; Mt -10 _-32-33-_). Man muss bereit sein, das Liebste aufzugeben, um ihm -nachzufolgen, denn nur so wird man _=seiner wert=_ (Mt 10 _-37-_ u. -_-38-_). Darum ist Jesus betrübt, als der reiche Jüngling sich nicht -entschliessen kann, seinen Reichtum aufzugeben, um ihm nachzufolgen (Mk -10 _-22-_), denn nun kann er am Gerichtstag nicht für ihn einstehen, -damit er als zum Reich Gottes gehörig erfunden werde. Doch hofft er von -der schrankenlosen Allmacht Gottes, dass dieser Reiche trotzdem zum -Reich eingehe (Mk 10 _-17-31-_). Wenn also dieser, weil Jesus nicht -für ihn eintreten kann, nicht sicher ist, »das ewige Leben zu ererben« -(Mk 10 _-17-_), so sind doch die, welche, zu ihm und seiner Botschaft -sich bekennend, den Tod erleiden, gewiss, ihr Leben zu bewahren, d. h. -bei der Totenauferstehung zum Reich zu gehören (Mk 8 _-37-_). Darum -preist er am Eingang der Bergpredigt diejenigen selig, welche um -seinetwillen Schmähung und Verfolgung erdulden, weil sie dadurch, wie -die Sanftmütigen und die Barmherzigen, zum Reiche Gottes vorbestimmt -sind (Mt 5 _-11-_ f.). - -Vom Standpunkte Jesu aus bietet diese absolute Solidarität zwischen -Gott und dem Menschensohn einerseits und ihm andererseits kein Rätsel, -denn sie basiert auf seinem messianischen Selbstbewusstsein; er -kann so reden, weil er sich bewusst ist, selbst der Menschensohn zu -sein. Anders war es für das Volk und die Jünger vor der Offenbarung -zu Cäsarea Philippi. Wie kann Jesus von Nazareth in einer so -selbstbewussten, souveränen Weise den Menschensohn mit ihm selbst für -absolut solidarisch proklamieren? Diese Behauptung zwang das Volk -zur Reflexion über seine Persönlichkeit. Wer war derjenige, dessen -Erscheinung machtvoll aus dem vormessianischen in den messianischen -Aeon hineinragte, dass Gott und der Menschensohn die, welche -sich zu ihm bekannt hatten, in das Reich aufnahmen, wenn dieses -Bekenntnis nicht durch die mangelnde sittliche Würdigkeit seinen -Wert einbüsste, wie er einmal ausdrücklich warnend erklärte? Nur -_=einer=_ Persönlichkeit kam die Bedeutung zu, die Jesus für sich -in Anspruch nahm: _=Elias, dem gewaltigen Vorläufer=_; denn seine -Erscheinung erstreckte sich aus dem jetzigen in den messianischen Aeon -und verband beide miteinander. Darum hielt das Volk dafür, Jesus sei -der Elias. Darin sprach sich die höchste Würdigung aus, welche seine -Persönlichkeit den Massen abnötigen konnte. Es handelte sich dabei -nicht um eines der in der sekundären evangelischen Geschichtserzählung -so beliebten Missverständnisse, sondern das Volk _=konnte=_ nach Jesu -Auftreten und nach seiner Verkündigung zu keinem andern Urteil über ihn -kommen. - - -3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen. - -Um sich die Stellung der Zeitgenossen zur Persönlichkeit und zum -Wirken Jesu begreiflich zu machen, muss man sich von zwei falschen -Voraussetzungen, mit denen wir immer unbewusst operieren, befreien. -Zum ersten richtete sich die Erwartung damals nicht auf den Messias, -sondern auf den geweissagten Vorläufer. Zum zweiten hat niemand in -dem Täufer irgendwie den Vorläufer vermutet. Durch diese beiden -Voraussetzungen verderben wir uns die historische Perspektive. - -Das Erscheinen des Messias mitsamt der grossen Krise, welche -er herbeiführt, macht das überweltliche Drama aus, das der Welt -bevorsteht. Aber ehe der Vorhang aufgeht, muss unter den harrenden -Menschen jemand erstehen, der den Prolog zum Stück spricht, um dann, -sobald der Vorhang in die Höhe geht, den überirdischen Grössen sich -beizugesellen, welche die Handlung des Dramas leiten. Darum wartet man -zunächst nicht auf das Emporgehen des Vorhangs und die Erscheinung des -Messias, sondern auf den berufenen Sprecher des Prologs. _=Es galt, das -Auftreten des Vorläufers zu signalisieren, um zu wissen, welche Stunde -der Zeiger der Weltuhr zeigte.=_ - -Nun war aber der Elias noch nicht erschienen, denn der Täufer hatte -sich nicht als solchen legitimiert. Dazu fehlte ihm die übernatürliche -Kraftbekundung. Zeichen und Wunder gehörten aber notwendig zur Epoche, -welche dem Reich unmittelbar voranging. Allgemeine Geistbegabung und -Prophezeiung, Wunder am Himmel und auf der Erde: das trifft ein, -bevor der Tag Gottes kommt. So bestimmte es der Prophet Joël (3 _-1-_ -ff.). In der Pfingstpredigt beruft sich Petrus auf diese Stelle (Akt -2 _-17-22-_). Aus der übernatürlich ekstatischen Rede sollen sie -erkennen, dass man dem Ende der Tage entgegengeht. Der getötete Jesus -ist von Gott zum Messias erhöht in der Auferstehung und das Reich wird -bald einbrechen. - -Diese Joëlstelle wurde also auf die unmittelbar vormessianische -Wunderzeit bezogen, in welcher nach der Weissagung des Maleachi -der Vorläufer auftreten sollte (Mal 3 _-23-_ u. _-24-_). Der -gleiche Kehrvers hielt zudem noch diese beiden Grundstellen der -vormessianischen Erwartung zusammen. Mal 3 _-23-_ = Joël 3 _-4-_: -»Vor dem Kommen des Tages des Herrn, den grossen und schrecklichen.« -_=Der Vorläufer ohne Wunderzeichen in einer wunderlosen Zeit war also -undenkbar.=_ - -Nun bestand für die Zeitgenossen der charakteristische Unterschied -zwischen Johannes und Jesus gerade darin, dass der eine einfach auf -die Nähe des Gottesreiches hinwies, während der andere seine Predigt -durch Zeichen und Wunder bekräftigte. Man hatte das Bewusstsein, mit -Jesus in die Zeit der Wunder zu treten. Er war der Täufer, aber ins -Uebernatürliche übersetzt. Als nach der Aussendung sein Auftreten und -seine Zeichen zugleich mit dem Tode des Täufers bekannt wurden, da -sagte man: Der Täufer ist vom Tod erstanden. Darum antworteten ihm -die Jünger zu Cäsarea Philippi, man halte ihn für den Elias oder für -den Täufer (Mk 8 _-28-_). Als Herodes von ihm hörte, liess er sich's -nicht nehmen, dass er der Täufer sei. »_=Der Täufer ist von den Toten -auferstanden und deshalb wirken die Wunderkräfte in ihm=_« (Mk 6 -_-14-_). - -Auch die Bedeutung, die Jesus den Zeichen beilegte, musste die -Zuhörer darauf führen, dass man sich in der Vorläuferaera befand. Ihre -Bedeutung besteht nämlich darin, die Nähe des messianischen Reiches zu -bekräftigen. Die Leute sollen ihm um der Zeichen willen glauben und -Busse thun auf das Reich Gottes hin. - -Die Zeichen sind eine Gnade Gottes, durch welche er die Menschen -aufmerksam machen will, welche Stunde es ist. Wer dann keine Busse -thut, der ist verdammt. So geht es den Leuten von Chorazin, Bethsaida -und Kapernaum. Wer aber gar den »heiligen Geist« lästert und der -widergöttlichen Macht die Zeichen zuschreibt, der hat keine Vergebung -ewiglich. Dieses Verbrechens hatten sich die jerusalemitischen -Schriftgelehrten in Galiläa schuldig gemacht (Mk 3 _-22-_ ff.). -Diejenigen aber, welche sich nicht verstockten, hielten dafür, das -Reich Gottes stehe vor der Thür und Jesus sei der Vorläufer, weil man -offenbar in die Zeit der Zeichen eingetreten war, von der die Schrift -geweissagt hatte. - - -4. Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches Gottes. - -Für Jesus bedeuteten die Zeichen die Reichsnähe noch in einem höheren -als dem rein zeitlichen Sinn. Durch die Dämonenbekämpfung ist er -sich bewusst, _=auf das Kommen desselben einzuwirken=_. Hier spielt -das Geheimnis des Reiches Gottes mit herein. Dieser Gedanke ist in -dem Gleichnis enthalten, mit welchem er die Verdächtigungen der -jerusalemitischen Schriftgelehrten zurückweist (Mk 3 _-23-30-_). - -Es erschöpft sich nämlich nicht in dem Gedanken, dass die bösen -Geister ihre Herrschaft nicht untergraben, indem der eine sich gegen -den andern erhebt; in dem Schlusswort begegnet uns nämlich unvermutet -das »jetzt und dann« aus dem Geheimnis des Reiches Gottes: »Keiner -kann in das Haus des Starken einbrechen und ihm seinen Besitz rauben, -wenn er nicht _=zuvor=_ den Starken bindet, und _=alsdann=_ mag er -sein Haus ausplündern.« Die Dämonenaustreibung bedeutet also für Jesus -das Binden und das Unschädlichmachen der widergöttlichen Macht. Diese -Thätigkeit steht deshalb, wie die sittliche Erneuerung im Geheimnis des -Reiches Gottes, mit dem Anbrechen des Reiches in kausalem Zusammenhang. -Durch die Dämonenüberwindung ist Jesus der Gewaltthätige, der das -Reich herbeinötigt; denn, wenn die widergöttliche Macht gebunden ist, -dann tritt der Augenblick ein, wo die Herrschaft von ihr genommen -wird. Damit dies geschehen kann, muss sie erst unschädlich gemacht -werden. Darum gibt Jesus den Jüngern bei der Aussendung nicht nur den -Befehl, die Nähe des Reiches zu verkündigen, sondern auch die Vollmacht -über die Dämonen (Mt 10 _-1-_). In jenem Augenblick der höchsten -eschatologischen Erwartung sendet er sie als die Gewaltthätigen aus, -welche die letzten Streiche führen sollen. Die Busse, welche durch ihre -Predigt gewirkt wird, und die Ueberwindung der widergöttlichen Macht in -den Dämonischen nötigen zusammen das Reich herbei. - -So drücken die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches Gottes (Mk 4), -das Gleichnis in Jesu Apologie an die Pharisäer (Mk 3 _-23-30-_) und -das Gleichnis in der Würdigungsrede über den Täufer (Mt 11 _-12-15-_) -denselben Gedanken aus. Die beiden letzteren begegnen sich sogar im -drastischen Bild der Vergewaltigung, weshalb ihnen auch der Begriff des -»Raubes« gemeinsam ist (Mk 3 _-27-_ = Mt 11 _-12-_). - -Für das Bewusstsein Jesu waren also die Dämonenheilungen in das -Geheimnis vom Reich Gottes hineingestellt. Dem Volk aber genügte es, -den rein zeitlichen Zusammenhang zu erfassen. - - -5. Jesus und der Täufer. - -Wir haben oben gesehen, dass niemand in dem Täufer den Elias erkennen -konnte, weil seine zeichenlose Thätigkeit und Reichspredigt der -schriftgemässen Vorstellung der Vorläuferepoche nicht entsprachen. -Nur einer machte eine Ausnahme, indem er ihm diese Würde zuerkannte: -_=Jesus!=_ Er war der erste, welcher dem Volk eine geheimnisvolle -Andeutung machte, jener sei der Vorläufer: »Wenn ihr es fassen mögt, so -ist er selbst Elias, der Kommen-Sollende« (Mt 11 _-14-_). Er ist sich -aber bewusst, damit ein unbegreifliches Geheimnis auszusprechen, das -ihnen ebenso dunkel bleibt, wie das damit zusammenhängende Wort von den -Gewaltthätigen, die seit den Tagen des Täufers das Reich herbeinötigen -(Mt 11 _-12-_). Darum beschliesst er diese beiden Sprüche mit dem -Orakelwort: Wer Ohren hat zu hören, der höre (Mt 11 _-15-_). - -Das Volk aber war weit entfernt zu begreifen, dass der in der Gewalt -des Herodes befindliche Täufer die Persönlichkeit sein könne, die auf -der Schwelle der vormessianischen zur messianischen Periode stand. -So verhallte das geheimnisvolle Wort Jesu und das Volk blieb dabei, -Johannes sei wirklich ein Prophet gewesen (Mk 11 _-32-_). - -Auch die Oberen konnten zu keinem Schluss über die Persönlichkeit -des Täufers kommen. Darum unterlagen sie Jesu, als sie ihn über die -Tempelreinigung zur Rede stellen wollten (Mk 11 _-33-_). - -Mit den Jüngern verhielt es sich nicht anders; sie waren von sich -aus unfähig, in Johannes den Elias zu erkennen. Beim Abstieg vom -Verklärungsberg kommen ihnen Bedenken über die Möglichkeit der -Messianität Jesu und über die Möglichkeit der Totenauferstehung, die -er in seiner Rede berührt hatte. Dadurch wurde ja die Gegenwärtigkeit -der messianischen Aera vorausgesetzt, und diese konnte noch nicht -angebrochen sein, denn »Elias muss zuvor kommen, wie die Pharisäer -und Schriftgelehrten darthun« (Mk 9 _-9-11-_). Darauf antwortet ihnen -Jesus, dass Johannes dieser Elias war, wenn er auch in der Menschen -Gewalt geliefert wurde (Mk 9 _-12-_ u. _-13-_). - -Wie war Jesus zur Ueberzeugung gekommen, dass der Täufer der Elias war? -Durch einen notwendigen Rückschluss von seiner eigenen Messianität -aus. Weil er sich als Messias wusste, musste jener der Elias sein. -Zwischen beiden bestand eine notwendige Wechselbeziehung. Niemand -konnte wissen, dass der Täufer der Elias war, ohne diese Erkenntnis -von der Messianität Jesu herzuleiten. Niemand konnte auf den Gedanken -kommen, Johannes sei der Elias, ohne zugleich in Jesu den Messias sehen -zu müssen. Denn nach dem Vorläufer blieb für eine zweite derartige -Erscheinung kein Raum. Nun wusste niemand, dass Jesus sich für den -Messias hielt. Also sah man in dem Täufer einen Propheten und fragte -sich, ob Jesus nicht der Elias wäre. Die geheimnisvollen Schlusssätze -der Würdigungsrede über den Täufer hatte niemand in ihrer vollen -Tragweite verstanden. _=Für Jesus allein war Johannes der verheissene -Elias.=_ - - -6. Der Täufer und Jesus. - -Wie stand der Täufer zu Jesus? Wenn er sich bewusst war, der Vorläufer -zu sein, so musste er in Jesus den Messias mutmassen. Dies setzt man -gewöhnlich voraus und lässt ihn als Vorläufer bei Jesus anfragen, ob -er der Messias sei (Mt 11 _-2-6-_). Diese Annahme scheint uns ganz -natürlich, weil wir uns beide immer in dem Verhältnis Vorläufer-Messias -vorstellen. - -Darüber vergessen wir aber eine ganz naheliegende Frage. Hat der -Täufer sich selbst als den Vorläufer, als den Elias gefühlt? Dem -Volk gegenüber hat er in keiner Aeusserung einen derartigen Anspruch -erhoben. Hartnäckig erkennt es in ihm nur einen Propheten. Auch während -seiner Gefangenschaft kann er nichts derartiges beansprucht haben, -denn noch in Jerusalem urteilt das Volk nicht anders, als dass er ein -Prophet gewesen. - -Wenn irgendwie die Ahnung durchgedrungen wäre, dass er die Eliasgestalt -repräsentierte, wie hätte man dann allgemein auf den Gedanken kommen -können, Johannes sei ein Prophet, Jesus der Elias? Dass dies die -allgemeine Ansicht auch nach dem Tode des Täufers war, bezeugt die -Antwort der Jünger zu Cäsarea Philippi. - -Die Täuferanfrage unter der Voraussetzung betrachten, dass der -Vorläufer frägt, ob Jesus der Messias sei, heisst sie in eine -vollkommen unberechtigte Perspektive rücken, da gar nicht zu erweisen -ist, ob Johannes sich für den Vorläufer hielt. Also ist auch gar nicht -ausgemacht, ob seine Frage sich auf die messianische Würde bezieht. Das -umstehende Volk, da es Johannes nicht für den Vorläufer hielt, musste -sie ganz anders auffassen, nämlich: bist du der Elias? - -Nun wird aber durch die gewöhnliche Perspektive ein charakteristisches -Detail in der Perikope selbst verdeckt, nämlich, dass Jesus dieselbe -Bezeichnung, die der Täufer in der Anfrage auf ihn anwandte, -nun seinerseits wieder auf den Täufer anwendet! Bist du der -Kommen-Sollende? frägt der Täufer. Jesus antwortet: Wenn ihr es fassen -mögt, so ist _=er selbst=_ Elias, der Kommen-Sollende! Bei den Reden -ist also die Bezeichnung des »Kommen-Sollenden« gemeinsam, nur dass wir -in der Anfrage des Täufers sie eigenmächtig auf den Messias beziehen. -Dieses für die naive Perspektive so ganz natürliche Verfahren wird aber -als unberechtigt erkannt, sobald man weiss, dass es sich eben nur um -Perspektive, nicht um die reellen Massstäbe handelt. Denn dann gewinnt -plötzlich das »er selbst« in der Antwort Jesu eine ungeahnte Bedeutung; -»_=er selbst=_ ist der Elias«, der Kommen-Sollende! Dieser Rückweis -zwingt uns, in der Anfrage des Täufers unter dem Kommen-Sollenden nicht -den Messias, sondern, wie in der Antwort Jesu, den Elias zu verstehen. - -»Bist du der erwartete Vorläufer?« so lässt der Täufer Jesum fragen. -»Wenn ihr es fassen mögt, ist er selbst dieser Vorläufer«, sagt Jesus -zum Volk, nachdem er ihnen von der Grösse des Täufers geredet. - -Durch diese Rückbeziehung bekommt nun die Scene ein viel intensiveres -Kolorit. Zunächst wird klar, warum Jesus _=nach dem Weggang der -Gesandten=_ über den Täufer redet. Er fühlt sich genötigt, das Volk in -wirkungsvoller Steigerung von der Vorstellung, jener sei ein Prophet -(Mt 11 _-9-_), zu der Ahnung zu bringen, er sei der Vorläufer, mit -dessen Auftreten der Zeiger der Weltuhr sich der verhängnisvollen -Stunde nähert, auf den sich das Wort »von dem, der den Weg bereitet« -bezieht und von dem die Schriftgelehrten sagen, »dass er zuerst kommen -muss« (Mk 9 _-11-_). - -Johannes nämlich war mit seiner Anfrage in der messianischen -Zeitrechnung zurück. Seine Abgesandten erkundigen sich nach dem -Vorläufer in dem Augenblick, wo Jesu Zuversicht, dass das Reich -unmittelbar hereinbrechen wird, aufs höchste gestiegen ist. Er hat -ja seine Jünger ausgeschickt und ihnen in Aussicht gestellt, dass -die Erscheinung des Menschensohnes sie auf dem Weg durch die Städte -Israels überraschen könne. Die Stunde ist schon viel weiter vorgerückt --- das will Jesus dem Volk in der »Würdigungsrede über den Täufer« zu -verstehen geben, wenn sie es begreifen können. - -Zu seinem Urteil über Jesus war Johannes auf demselben Wege gekommen, -wie das Volk. Als er nämlich _=von den Zeichen und Thaten Jesu hört=_ -(Mt 11 _-2-_), da steigt ihm der Gedanke auf, ob dieser nicht etwa mehr -wäre, als ein Busse predigender Prophet. So schickte er zu ihm hin, um -darüber Gewissheit zu haben. - -Damit rückt aber die Verkündigung des Täufers in ein ganz anderes -Licht. Er hat nie auf den kommenden Messias, _=sondern auf den -erwarteten Vorläufer hingewiesen=_. So erklärt sich die Verkündigung -»von dem, der nach ihm kommen wird« (Mk 1 _-7-_ u. _-8-_). Auf den -Messias angewandt, bleiben die von ihm gebrauchten Ausdrücke dunkel. -Sie statuieren nämlich nur einen Gradunterschied, nicht eine totale -Differenz zwischen ihm und dem Angekündigten. Wenn er vom Messias -redete, wären diese Ausdrücke, in welchen er den Kommenden, trotz des -gewaltigen Rangunterschieds, immer noch mit sich selbst vergleicht, -unmöglich. Er denkt sich den Vorläufer wie ihn selbst, taufend und -die Busse auf das Reich hin verkündigend, aber nur unverhältnismässig -grösser und mächtiger. Statt mit Wasser wird er mit dem heiligen Geist -taufen (Mk 1 _-8-_). - -Dies kann nicht auf den Messias gehen. Seit wann tauft der Messias? -Sodann aber findet die berühmte allgemeine Geistesausgiessung nicht -_=in=_, sondern _=vor=_ der messianischen Aera statt! Bevor der -gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er seinen Geist ausgiessen über -alles Fleisch, und Zeichen und Wunder werden am Himmel geschehen (Joël -3 _-1-_ ff.). Bevor der gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er Elias, -den Propheten, schicken (Mal 3 _-23-_). Diese beiden Hauptstellen über -die grossen Vorereignisse der Endzeit verbindet der Täufer in Gedanken -und kommt so zur Vorstellung _=des Vorläufers, der mit dem heiligen -Geiste taufen wird=_! Man sieht dabei, welch übernatürliches Licht die -Gestalt des Vorläufers in der damaligen Vorstellung umfliesst. Darum -fühlt sich Johannes so klein vor ihm. - -Für die Antwort befand sich Jesus in einer schweren Lage. Indem er -fragen liess: bist du der Vorläufer, oder bist du es nicht? hatte ihm -der Täufer eine falsche Alternative gestellt, auf die er weder ja -noch nein antworten konnte. Sein Messianitätsgeheimnis wollte er den -Gesandten auch nicht anvertrauen. Er antwortet daher mit dem Hinweis -auf die Nähe des Reiches, die sich in seinen Thaten offenbart. Zugleich -rückt er seine eigene Persönlichkeit machtvoll in den Vordergrund. Nur -derjenige kann selig werden, der zu ihm steht und kein Aergernis an ihm -nimmt. Er will damit dasselbe sagen, was er auch dem Volk Mk 8 _-38-_ -vorhält: Die Zugehörigkeit zum Reich ist abhängig von dem Ausharren bei -ihm. - -Die merkwürdige, ausweichende Antwort Jesu an den Täufer, in welcher -die Exegese von jeher besondere Finessen entdecken zu müssen glaubte, -erklärt sich also einfach aus einer Zwangslage! Er konnte nicht direkt -antworten. Darum gab er diesen dunkeln Bescheid. Der Täufer sollte -daraus entnehmen, was er wollte und konnte. Uebrigens hatte es ja keine -Bedeutung, wie er ihn verstand. Die Ereignisse werden ihn lehren, denn -die Zeit ist ja schon viel weiter vorangeschritten als er annimmt, und -der Hammer hebt schon zum Stundenschlag aus. - -Es wird uns sehr schwer von dem Gedanken loszukommen, als ob der -Täufer und Jesus zu einander als Vorläufer und Messias gestanden -hätten. Nur durch eine angespannte Ueberlegung gelangt man zur -Einsicht, dass bei unserer Perspektive die beiden Grössen in diesem -Verhältnis stehen, weil wir die Messianität Jesu voraussetzen, dass -man aber, um ihre historischen Beziehungen zu entdecken, die richtige -Perspektive berechnen und in Anschlag bringen muss. - -Solange man noch irgendwie in der alten Perspektive befangen ist, -wird man der vorliegenden Untersuchung nicht gerecht. Man meint dann -nämlich, es handle sich um »den Vorläufer des Vorläufers« und den -Vorläufer, also eine geistreiche Multiplizierung des Vorläufers mit -sich selbst. Das ist falsch ausgedrückt. Ein busspredigender Prophet, -Johannes der Täufer, weist auf die machtvolle Vorläufergestalt des -Elias hin und, als er im Gefängnis von den Zeichen Jesu hört, frägt er -sich, ob dieser nicht der Elias sei und ahnt nicht, dass jener sich für -den Messias halte und er selbst deshalb in der Geschichte hinfort als -der Vorläufer bezeichnet würde. Dies ist der geschichtliche Thatbestand. - -Mit dem Augenblick aber, wo die Geschichtsbetrachtung von der -Gewissheit ausgeht, dass Jesus der Messias war, verschiebt sich der -geschichtliche Thatbestand notwendig. Die Evangelien zeigen diese -Verschiebung in steigendem Masse an. In dem Anfangssatz des Markus -wird das Maleachicitat von dem bahnbereitenden Vorläufer (Mal 3 _-1-_) -schon auf Johannes angewandt. Bei Matthäus hört der Täufer im Gefängnis -»die Werke des Messias« (Mt 11 _-2-_). Handelt es sich hier nur um das -unreflektierte Hereinspielen einer neuen Betrachtungsweise, so hat das -vierte Evangelium daraus ein Prinzip gemacht und stellt die Geschichte -konsequent unter der Voraussetzung dar, dass, weil Jesus der Messias -war, der Täufer der Vorläufer war und sich als solcher auch fühlen -musste. Der historische Täufer sagt: ich bin nicht der _=Vorläufer=_, -denn dieser ist unverhältnismässig grösser und mächtiger als ich. Nach -dem vierten Evangelium könnten die Leute mutmassen, er sei Christus. Er -muss daher sagen: ich bin nicht _=Christus=_ (Joh 1 _-20-_)! - -So hat sich das Verhältnis unter der neuen Perspektive vollständig -verschoben. Die Person des Täufers ist historisch unkenntlich -geworden. Zuletzt hat man noch den modernen Zweifelsmann aus ihm -gemacht, der halb an Jesu Messianität glaubt, halb nicht glaubt. In -diesem Hangen und Bangen soll gar die Tragik seines Daseins bestehen! -Nun darf man ihn aber mit Zuversicht aus der Reihe der uns Modernen -so interessanten, am tragischen Halbglauben zu Grunde gehenden -Persönlichkeiten tilgen. Jesus hat ihm das erspart. Denn so lang er -lebte, verlangte er von niemand den Glauben an seine Messianität -- und -war es doch! - - -7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in Jerusalem. - -Ist der Einzug in Jerusalem eine messianische Ovation? Das hängt -einmal davon ab, wie man die Rufe des Volkes deutet, sodann aber von -der Auffassung der Scene zwischen Jesus und dem Blinden. Handelt es -sich dort wirklich um die Begrüssung als Davidssohn, die er nun nicht -mehr ablehnt, sondern stillschweigend annimmt, sodass das Volk zur -Erkenntnis gelangt, für wen er sich halte: dann ist die Folgerung -unabweislich, dass es eine messianische Ovation war. - -Für die Herausarbeitung der ursprünglichen Situation in der Schilderung -des Einzugs sind die Detailunterschiede zwischen Markus und den -Seitenreferenten von weittragender Bedeutung. Bei Markus haben wir zwei -klar unterschiedene Jubelrufe. Der erste gilt der gegenwärtigen Person -Jesu: »Hosianna, gelobt sei der »Kommen-Sollende« im Namen des Herrn« -(Mk 11 _-9-_). Der zweite bezieht sich auf das erwartete Kommen des -Reichs: »Gelobt sei das kommen-sollende Reich unseres Vaters David; -Hosianna in der Höh'.« Von dem Davidssohn ist also gar nicht die Rede! - -Anders bei Matthäus. Dort ruft das Volk: »Hosianna dem Sohne Davids; -gesegnet sei der Kommen-Sollende im Namen des Herrn; Hosianna in der -Höh'« (Mt 21 _-9-_). Wir haben also hier nur den Ruf, welcher der -Person Jesu gilt. Das Reich wird nicht erwähnt; dafür jubelt man dem -Davidssohn und zugleich dem Kommen-Sollenden zu. - -Der lukanische Bericht kommt nicht in Betracht, da er mit Reminiscenzen -aus der Vorgeschichte operiert: »Gesegnet der König, der im Namen des -Herrn kommt. Friede im Himmel und Ehre in der Höh'« (Luk 19 _-38-_). - -In seiner Darstellung deutet also Matthäus den Kommen-Sollenden auf -den Davidssohn. Direkte Beweise, dass dieser aus Psalm 118 _-25-_ ff. -stammende Ausdruck zur Zeit Jesu auf den Messias angewandt wurde, -besitzen wir nicht. Wohl aber hat es sich gezeigt, _=dass sowohl der -Täufer als auch Jesus ihn auf den Vorläufer Elias anwenden=_. Also -ist es ungeschichtlich, wenn Matthäus das Volk in einem Atem dem -Kommen-Sollenden und dem Davidssohn zujubeln lässt. - -Markus hat auch hier in seinem Detail die ursprüngliche Situation -festgehalten. Das Volk jubelt Jesus als dem »Kommen-Sollenden«, d. -h. dem erscheinenden Vorläufer zu und singt ein »Hosianna in der -Höh'« dem Reich, welches bald auf Erden herabkommen wird. Gerade der -Unterschied zwischen dem _=Hosianna=_ und dem _=Hosianna in der Höh'=_ -ist bezeichnend, sofern das erste auf den gegenwärtigen Vorläufer, -das zweite auf das himmlische Reich geht. Der sekundäre Charakter der -matthäischen Darstellung tritt darin zu Tage, dass er dem Davidssohn -und dem Kommen-Sollenden ein Hosianna und zugleich Hosianna in der Höh' -gelten lässt, wobei der Messias also einmal auf Erden, das andere Mal -noch im Himmel vorausgesetzt wird! Hier zeigt sich deutlich, dass dem -zweiten Hosianna ursprünglich das Reich beigehört. - -_=Der Einzug in Jerusalem galt also nicht dem Messias, sondern dem -Vorläufer.=_ Dann ist es aber unmöglich, dass das Volk die Scene mit -dem Blinden dahin verstanden hat, als nähme hier Jesus die Anrede -»Davidssohn« entgegen. - -Auch hier handelt es sich um synoptisches Detail, durch welches die -Scene total verändert wird. Der Ruf über den Davidssohn ist dabei -gefallen. Die Frage ist nur, ob ihn das Publikum als Anrede auffassen -konnte und musste. Bei Matthäus und Lukas trifft dies zu, _=bei Markus -ist es ausgeschlossen=_. - -Nach der matthäischen Scenerie sitzen zwei Blinde am Wege und rufen: -erbarme dich unser, Sohn Davids (Mt 20 _-30-_). - -Bei Lukas lautet der Ruf: Jesu, du Sohn Davids, erbarme dich meiner -(Luk 18 _-38-_). Darauf bleibt Jesus vor ihm stehen, redet ihn an und -heilt ihn. - -Bei Markus sitzt der blinde Bettler, Sohn des Timäus, hinter der -Menge am Wege. _=Jesus sieht ihn nicht, er kann ihn nicht anreden, -sondern er hört nur eine Stimme, die mitten aus dem Gewühl vom Boden -zu ihm dringt=_, wo einer über den Davidssohn um Hülfe ruft. Er bleibt -stehen und schickt, man _=solle ihn holen=_! Man geht der Stimme nach -und findet ihn am Boden sitzend. Steh' auf, er ruft dich! sagen sie -zu ihm. Er wirft sein Kleid ab, springt auf und drängt sich durch die -Menge zu ihm. Als Jesus ihn so auf sich zukommen sieht, kann er gar -nicht wissen, dass dieser Mann blind ist! Er muss ihn also _=fragen=_, -was ihm fehlt. Die Distanz, der Aufenthalt, das Schicken nach ihm, das -behende Herbeikommen: alles dies ist bei Matthäus ausgefallen. Er hat -die Situation vereinfacht: Jesus stösst auf die beiden am Weg und redet -sogleich mit ihnen. Nur hat er aus dem ursprünglichen Sachverhalt die -Frage, wo es denn fehle, beibehalten, die zwar bei Markus thatsächlich -nötig ist, bei ihm aber ganz unbegreiflich bleibt, da Jesus sehen muss, -dass er es mit zwei Blinden zu thun hat! - -Lag aber eine solche Distanz zwischen Jesus und dem Blinden, so konnte -niemand auf den Gedanken kommen, er beziehe den monotonen Ruf über den -Davidssohn als Anrede auf sich! Es war eben nur ein lästiger _=Ruf=_, -den die Umstehenden ihm vergebens zu verwehren suchten. Man legte ihm -so wenig Bedeutung bei, als den Dämonenrufen -- wenn man ihn überhaupt -verstand. - -Die _=Anrede=_ des Bettlers lautet ganz anders und zeigt, dass er -ebensowenig wie das Volk Jesum für den Messias hält: »_=Rabbi=_, dass -ich sehend werde.« Er war für ihn also der Rabbi aus Nazareth. - -Hält man sich diese Situation vor, so ersieht man, dass die Umstehenden -in keiner Weise auf den Gedanken kommen konnten, Jesus nehme hier -messianische Huldigungen entgegen. Es war aber das erste Zeichen, das -er wieder that, seitdem er aus der Einsamkeit herausgetreten war. Damit -legitimiert er sich vor der Festkarawane als der Vorläufer, für den ihn -die Anhänger in Galiläa hielten, ehe er sich plötzlich in die Stille -nach dem Norden zurückzog. Nun bricht der Jubel los und sie bereiten -ihm als dem Vorläufer die Ovation beim Einzug. - -Bei dem Nachweis über den eigentlichen Charakter dieses Ereignisses -handelt es sich um ein anscheinend geringfügiges Detail, dem nicht -jedermann geneigt sein möchte, die erforderliche Bedeutung beizulegen. -Demgegenüber ist an folgendes zu erinnern: - -1. In der Darstellung, welche die Messianität Jesu voraussetzte, musste -sich wie von selbst die Sache im Detail dahin verschieben, dass es sich -um einen messianischen Einzug handelt. Dies ist bei Matthäus der Fall. -Bewusste Absicht des Schriftstellers liegt nicht vor. - -2. Die Schilderung des Markus zeigt eine solche Ursprünglichkeit den -Seitenreferenten gegenüber (man denke an die Taufgeschichte und an den -Bericht des letzten Mahles), dass man nicht leicht der Eigentümlichkeit -seiner Notizen ein zu grosses Gewicht beilegen kann, besonders wenn -sich daraus eine so anschauliche Situation ergibt, wie es hier der Fall -ist. - -3. Mit der Behauptung, der Beweis sei nicht erbracht, dass es sich um -eine Ovation an den Vorläufer handle, ist nichts gethan. Dann gilt es -nämlich darzuthun, wie unter der Voraussetzung, dass sie wirklich dem -Messias galt, die Verhandlungen in den jerusalemitischen Tagen gar -nicht auf eine vorausgesetzte messianische Anmassung reflektieren und -die gedungenen Ankläger sich nicht auf solche Anmassungen berufen. Was -hätte der römische Befehlshaber gethan, wenn einer unter den Hochrufen -des Volks als Davidssohn in die Stadt eingezogen wäre? - -4. Die historische Erkenntnis wird uns hier besonders schwer, weil -wir immer meinen, die Zeichen und Wunder bekräftigten für die -Zeitgenossen die Messianität Jesu. Damit stehen wir auf dem Standpunkt -der johanneischen Geschichtsdarstellung. In der Vorstellung der -Zeitgenossen Jesu braucht aber der Messias keine Zeichen, sondern er -wird offenbar in seiner Macht! Die Zeichen hingegen gehen auf die Zeit -des Vorläufers! - -5. Auch unsere Uebersetzung wirkt beeinträchtigend. Der [Greek: -erchomenos] bezeichnet in allen Stellen eine für jene Zeit scharf -ausgeprägte Persönlichkeit. Man muss daher überall dieses Wort -dementsprechend übersetzen und es nicht einmal als Substantiv, ein -andermal (in der Einzugsgeschichte) wieder als Verbalform übersetzen, -wie es gerade am bequemsten ist. »Kommen-Sollender« ist der Vorläufer, -weil er vor dem messianischen Gericht im Namen Gottes kommen soll, um -alles in Ordnung zu bringen. - -Es bleibt also dabei: _=Bis zu dem Bekenntnis vor dem hohen Rat galt -Jesus öffentlich für den Vorläufer, wofür er schon in Galiläa gehalten -worden war.=_ - - - - -Siebentes Kapitel. - -Nach der Aussendung. Litterarische und historische Probleme. - - -1. Die Seereise nach der Aussendung. - -Es ist sehr schwer, sich nach den synoptischen Berichten ein klares -Bild von den Ereignissen zu machen, welche auf die Aussendung folgten. -Wann sind die Jünger zurückgekehrt? Wo hat sich Jesus während ihrer -Abwesenheit aufgehalten? Welcher Art waren die Erfolge der Jünger? -Welches waren die Ereignisse zwischen ihrer Rückkehr und dem Aufbruch -nach dem Norden? Wird durch diese Ereignisse motiviert, warum Jesus -sich mit ihnen in die Einsamkeit zurückzieht? - -Auf diese Fragen geben die Berichte keine Antwort. Dazu kommt noch ein -rein litterarisches Problem. Der Zusammenhang zwischen den einzelnen -Scenen ist hier merkwürdig zerrissen. Fast scheint es, als ob der -Faden der Geschichtserzählung hier abbräche. Erst vom Augenblick des -Aufbruchs zur Reise nach Jerusalem an stehen die Scenen wieder in einem -natürlichen und klaren Zusammenhang. - -Zunächst handelt es sich um zwei offenbare Doubletten: die -Speisungsberichte mit nachfolgender Seefahrt (Mk 6 _-31-56-_ = -Mk 8 _-1-22-_). Beidemale wird Jesus auf einer Reise längs des -Sees von der Volksmenge beim Anlegen ans Land in einsamer Gegend -eingeholt. Dann kehrt er in die galiläischen Orte auf dem Westufer -zurück. Hier, in seinem gewohnten Wirkungskreis, trifft er mit den -pharisäischen Sendlingen aus Jerusalem zusammen. Sie stellen ihn zur -Rede. In der Erzählungsreihe der ersten Speisungsgeschichte handelt -es sich um das Händewaschen (Mk 7 _-1-23-_), in der der zweiten -um die Zeichenforderung (Mk 8 _-11-13-_). Im Gefolge der ersten -Erzählungsreihe steht der Aufbruch nach Norden, wo er in der Gegend von -Tyrus und Sidon mit der Kanaanitin zusammentrifft (Mk 7 _-24-30-_). In -der zweiten folgt auf das Zusammentreffen mit den Pharisäern die Reise -nach Cäsarea Philippi (Mk 8 _-27-_). - -Wir haben hier also zwei selbständige Darstellungen derselben Epoche -im Leben Jesu. Dem Plane nach decken sie sich vollständig; nur -differieren sie in der Auswahl der berichteten Ereignisse. Diese beiden -Erzählungsreihen sind wie prädestiniert miteinander verbunden, statt -einander gleichgesetzt zu werden. Jede erzählte Nordreise beginnt und -endigt nämlich mit einem Aufenthalt in Galiläa. Mk 7 _-31-_: Nachdem -er weggegangen aus dem Gebiet von Tyrus, ging er über Sidon an den -galiläischen See; Mk 9 _-30-_ u. _-33-_: Und sie gingen weg von da -(gemeint ist Cäsarea Philippi) und wandelten durch Galiläa hin und sie -kamen nach Kapernaum. Man ist also an dem Ende einer Erzählungsreihe -wieder an dem Ausgangspunkt der andern. Verbindet man daher die eine -Rückkehr aus dem Norden mit dem Anfang der andern Erzählungsreihe, so -hat man äusserlich betrachtet eine ganz natürliche Fortsetzung, nur -dass Jesus jetzt unbegreiflicherweise gleich wieder nach dem Norden -muss, statt dass die Rückkehr nach Galiläa ein Teil der Jerusalemreise -ist! Diese schliesst sich in dieser Anordnung dann erst an die zweite -Rückkehr an. - -In dieser rückläufigen Bewegung der beiden Erzählungsreihen liegt -es begründet, dass sie, obwohl Parallélcyklen, sich doch in einer -Folge aneinanderschliessen. Der jetzige Text zeigt ihre vollständige -Harmonisierung. Nicht nur dass die zweite Speisungsgeschichte auf die -erste durch »wiederum« (Mk 8 _-1-_) Rücksicht nimmt: der Ausgleich ist -sogar soweit vorangeschritten, dass Jesus in einem Wort an die Jünger -beide voraussetzt (Mk 8 _-19-21-_)! Wie weit sich dieser Prozess schon -in der mündlichen Ueberlieferung vollzogen hatte und was auf das Konto -der endgültigen litterarischen Zusammenfügung kommt, das lässt sich -nicht mehr ausmachen. - -Nur der erste Cyklus ist vollständig. Jesus fährt mit den Jüngern -nordöstlich der Küste entlang und kehrt dann wieder nach der Landschaft -Genezareth zurück (Mc 6 _-32 45 53-_). Der zweite ist unvollständig und -etwas in Unordnung geraten. - -Jesus ist von der Seereise zum Westufer zurückgekehrt. Mk 8 _-10-_ -ff. entspricht Mk 6 _-53-_ ff. u. 7 _-1-_ ff.; Dalmanutha liegt auf -dem Westufer. Statt dass er aber nun direkt nach Norden aufbricht, -folgt zuerst wieder eine Fahrt nach dem Ostufer (Mk 8 _-13-_). Erst -von Bethsaida zieht er dann mit ihnen nach Norden (Mk 8 _-27-_ ff.). -Der erste Cyklus hingegen erzählt _=diese Seefahrt nach Bethsaida -als Episode der grossen Uferreise in unmittelbarer Folge auf die -Speisungsgeschichte=_ (Mk 6 _-45-_ ff.). Nun zeigt aber auch die zweite -Erzählungsreihe, dass dies der ursprüngliche Zusammenhang war, denn -auch hier, wie in der ersten, bezieht sich das Gespräch beim Landen auf -die vorhergegangene Speisung. Mk 6 _-52-_: »Denn sie waren nicht zur -Einsicht gekommen über den Broten, sondern ihr Herz war verstockt«. Mk -8 _-19-21-_: »Da ich die fünf Brote gebrochen habe -- da ich die sieben -gebrochen habe -- versteht ihr noch nicht?« Es ist also unmöglich, dass -zwischen dieser Fahrt und der Speisung alle Auftritte, die sich auf -dem Westufer abgespielt haben, dazwischen liegen. Das Denken aller ist -ja noch von dem grossen Ereignis beherrscht. _=Die neue Seereise des -zweiten Cyklus ist nichts anderes als die ursprüngliche Fortsetzung der -Fahrt von dem Platz der Speisung nach Bethsaida.=_ - -Damit ist der Parallelismus der beiden Erzählungsreihen erwiesen. -Die Ereignisse verlaufen in der Folge: Uferfahrt vom Westufer aus, -Speisung, Weiterfahrt nach dem Nordosten, »Meerwandeln« resp. Gespräch -im Boot, Ankunft in Bethsaida, Rückkehr nach der Landschaft Genezareth, -Diskussion mit den Pharisäern, Aufbruch mit den Jüngern nach dem Norden. - - -2. Das Abendmahl am See Genezareth. - -Die Predigt der Jünger von der unmittelbaren Nähe des Reiches muss -einen grossen Erfolg gehabt haben. Eine gewaltige Menge von solchen, -die der Kunde glauben, scharen sich um Jesus. Er hat eine von der -hochgradigsten eschatologischen Erwartung beseelte Gemeinde um sich. -Sie lassen ihn nicht los. Um mit den Jüngern allein zu sein, besteigt -er ein Schiff. Er gedenkt sich nach dem Nordostufer zurückzuziehen. -Die Menge aber, als sie erfährt, dass er sich entfernen will, strömt -allerorts zusammen und folgt am Strande. Mk 6 _-32-_ u. _-33-_: »Es war -eine Menge Leute da, die kamen und gingen; und sie hatten nicht einmal -Zeit zu essen. Und sie gingen zu Schiff hin beiseits an einen einsamen -Ort; und viele sahen sie hingehen und erkannten sie. Und sie liefen von -allen Städten aus zu Fuss dahin zusammen und kamen ihnen zuvor«. - -Sie treffen ihn in einsamer Gegend und umringen ihn alsbald. Die Stunde -der Mahlzeit kommt. In den Berichten von der wunderbaren Speisung ist -uns das Mahl, das sie feierten, erhalten. _=Es handelte sich um ein -feierliches Kultmahl!=_ Nach weihevollem Dankgebet lässt Jesus durch -seine Jünger das von ihm gebrochene Brot unter die Menge verteilen. -Mit Ausnahme der beiden Gleichnisse haben wir absolut denselben -feierlichen Vorgang wie beim Abendmahl. Er teilt persönlich Speise -unter die Tischgenossenschaft aus. Die Schilderung der Brotausteilung -hier entspricht vollständig dem ersten Abendmahlsakt. Mk 6 _-41-_: Er -nahm die Brote, segnete sie, zum Himmel aufblickend, brach sie und gab -sie den Jüngern, sie ihnen vorzusetzen. Mk 14 _-22-_: Er nahm das Brot, -segnete und brach es und gab es ihnen. - -_=In der feierlichen Austeilungshandlung=_ liegt also das Wesen -sowohl jener Mahlzeit am Strand als auch des letzten Mahls mit den -Jüngern begründet. Der Name Abendmahl geht auf beide, denn auch jenes -Mahl am See fand in der Abendstunde statt. Mk 6 _-35-_: Und wie es -schon spät wurde, traten seine Jünger zu ihm etc. Hier setzt sich die -Mahlgemeinschaft aus der grossen Menge der Reichsgläubigen zusammen, -beim letzten Mahl ist sie auf den Jüngerkreis beschränkt. _=Die Feier -aber war dieselbe.=_ - -Hier ist sie nun in einen Wunderbericht verzerrt, weil das Kultmahl, -das Jesus am See improvisiert, als ein Sättigungsmahl aufgefasst wird. -Dass er den geringen Vorrat, der zu Händen war, die für ihn und seine -Jünger bestimmte Speise der Menge feierlich austeilte, ist historisch. -Dass dieses Mahl ihnen die abendliche Mahlzeit ersetzte, trifft -ebenfalls zu. Dass die Menge davon aber durch einen übernatürlichen -Vorgang _=satt wurde=_, das gehört zum Wundercharakter, welchen die -spätere Zeit der Feier beilegte, weil man sich ihre Bedeutung nicht -zurechtlegen konnte. - -Der historische Vorgang ist also folgender: Die Jünger verlangen, -Jesus solle das Volk entlassen, damit sie sich sättigen. Für ihn aber -ist es nicht der Augenblick, an irdische Mahlzeit zu denken und dafür -auseinanderzugehen, denn die Stunde ist nahe, wo sie alle um ihn zum -messianischen Mahl versammelt sein werden. Darum will er nicht, dass -sie jetzt gehen, sondern, ehe er sie entlässt, heisst er sie sich -lagern. An die Stelle der Sättigungsmahlzeit setzt er ein feierliches -Kultmahl, bei dem die irdische Sättigung keine Rolle spielt, sodass die -für ihn und seine Jünger bestimmte Speise ausreicht. - -Weder die Jünger noch die Menge verstehen, was vorgeht. Als Jesus -nachher im Schiff die Rede auf die Bedeutung der Mahlzeit bringt -- -dies allein kann der historische Sinn der dunkeln Notizen Mk 6 _-52-_ -und Mk 8 _-14-21-_ sein -- zeigt sich, dass sie nichts begriffen haben. - -Er hielt also ein Kultmahl ab, dessen Sinn ihm allein klar war. Er -achtete es nicht für nötig, ihnen das Wesen der Feier zu erklären. -Die Erinnerung aber an jene geheimnisvolle Abendmahlzeit am einsamen -Seestrand lebte in der Ueberlieferung lebendig weiter und wuchs zum -Bericht der wunderbaren Speisung aus. - -Worin bestand für Jesus der feierliche Charakter der Austeilung? -Die Mahlgemeinschaft trägt eschatologischen Charakter. Das Volk, das -sich am See um ihn gesammelt, erwartet mit ihm das Anbrechen des -Reiches. Indem er nun an die Stelle der gewöhnlichen Sättigungsmahlzeit -ein Kultmahl setzt, wo er unter Danksagung zu Gott ihnen Speise -austeilt, da handelt er aus seinem messianischen Selbstbewusstsein -heraus. _=Als derjenige, welcher sich Messias weiss und bei dem -unmittelbar bevorstehenden Einbrechen des Reiches ihnen als solcher -geoffenbart werden wird, teilt er denjenigen, welche er demnächst beim -messianischen Mahl um sich erwartet, feierlich Speise aus, als wollte -er ihnen damit ein Anrecht auf Teilnahme an jener zukünftigen Feier -geben.=_ Die Zeit der irdischen Mahlzeiten ist vorbei; darum hält er -mit ihnen die Vorfeier des messianischen Mahles. Sie aber verstanden es -nicht, denn sie konnten nicht ahnen, dass derjenige, welcher ihnen so -weihevoll Speise in Danksagung austeilte, sich als Messias wusste und -als solcher handelte. - -In diesem Zusammenhang fällt nun ein Licht auf das Wesen des Abendmahls -zu Jerusalem. Dort repräsentieren die Jünger die reichsgläubige -Gemeinschaft. Jesus teilt ihnen im Verlauf jener letzten Mahlzeit -unter Danksagungswort Speise und Trank aus. Nun wissen sie aber, was -er von sich hält. Er hat ihnen sein messianisches Geheimnis enthüllt. -Sie können daraus die Beziehung seiner Austeilung auf das messianische -Mahl ahnen. Er selbst gibt seinem Handeln diese Bedeutung, indem er -die Feier mit dem Hinweis auf die demnächstige Wiedervereinigung -beschliesst, wo er mit ihnen den Wein neu trinken wird in seines Vaters -Reich! - -Das Abendmahl am See und das Abendmahl zu Jerusalem entsprechen -sich also vollkommen, nur dass Jesus bei letzterem den Jüngern das -Wesen der Feier andeutet und zugleich in den beiden Gleichnissen -den Leidensgedanken zum Ausdruck bringt. Das Kultmahl war dasselbe: -eine Vorfeier des messianischen Mahles im Kreise der reichsgläubigen -Genossenschaft. _=Jetzt versteht man erst, wie das Wesen des Abendmahls -von den Gleichnissen unabhängig sein kann.=_ - - -3. Die Woche zu Bethsaida. - -Während der Feier war Jesus tief ergriffen. Darum drängte er zum -Aufbruch und entliess das Volk. Er selbst zog sich auf einen Berg -zurück, um im Gebet allein zu sein. Am Strande zu Bethsaida, wohin er -ihnen zu rudern befohlen hatte, traf er die Seinen wieder. Im Kampf -mit Sturm und Wellen wähnten sie eine überirdische Erscheinung auf sie -zukommen zu sehen, als sie seine Gestalt am Strande erblickten. So sehr -standen sie noch unter dem Eindruck der gewaltigen Persönlichkeit, -welche voll geheimnisvoller Hoheit der Menge feierlich Speise -ausgeteilt und dann die Feier plötzlich abgebrochen hatte (Mk 6 -_-45-52-_). - -Wohin hatte er die Menge entlassen? Was thaten sie in Bethsaida? Wie -lang blieben sie dort? Unser Text berichtet nur, dass sie wieder nach -Genezareth zurückkehrten. - -Nun bietet aber die synoptische Geschichtserzählung für die Zeit vor -dem Aufbruch nach Jerusalem (Mk 9 _-30-_) ein schweres litterarisches -Problem. Mk 8 _-27-33-_ befindet sich Jesus allein mit seinen Jüngern -hoch im Norden auf heidnischem Gebiet; von dort bricht er auch 9 _-30-_ -ff. zum raschen Zug durch Galiläa nach Jerusalem auf. »Sie zogen von -dort weg und nahmen ihren Weg durch Galiläa; er wollte aber nicht, dass -jemand davon wusste.« Zwischen die Messianitätserklärung und diesen -Aufbruch fällt nun eine Scene (Mk 8 _-34-_-9 _-29-_), wo er von einer -grossen Volksmenge umgeben erscheint. Er verlässt sie mit den Intimen, -um nachher wieder zu ihr zurückzukehren. Nirgends wird berichtet, -wie dieses Volk plötzlich auf heidnischem Land sich zu ihm findet. -Ebensowenig erfahren wir, wie es ihn wieder verlässt, dass er Mk 9 -_-30-_ ff. allein mit den Jüngern und unerkannt durch Galiläa ziehen -kann. - -Aber nicht nur die Volksmenge kommt unerwartet, sondern die ganze -Scenerie verändert sich. Man befindet sich in bekannter Gegend, denn -Jesus geht mit den Jüngern »ins Haus«, während das Volk draussen bleibt -(Mk 9 _-28-_)! - -Der litterarische Zusammenhang, in dem das Stück steht, ist absolut -unmöglich, denn es kann nicht auf _=heidnischem Boden=_, sondern nur -in _=Galiläa=_ spielen! Da aber Jesus nachher Galiläa nur im Fluge und -incognito berührt, so gehört es in die galiläische Periode _=vor den -Aufbruch nach dem Norden und zwar in die Zeit nach der Rückkehr der -Jünger=_, da er dort von einer ständigen Volksmenge umgeben ist und -dabei mit den Jüngern die Einsamkeit aufsucht! - -Die Situation lässt sich aber mit Sicherheit noch genauer bestimmen. -Jesus wohnt in einer Ortschaft (Mk 9 _-28-_), in deren Nähe ein Berg -sich befindet, zu dem er sich mit den Intimen begibt (Mk 9 _-2-_). -Dies passt aber alles mit absoluter Sicherheit auf den Aufenthalt _=in -Bethsaida=_. Der Berg, den er mit den drei Intimen aufsucht, ist _=der -Berg am Nordstrand des Sees, auf dem er gebetet in der Nacht, da er -nach Bethsaida kam=_! - -Das Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_ gehört also in die Tage von Bethsaida! -Es ist nicht mehr auszumachen, durch welchen Prozess es in den -vorliegenden, unmöglichen litterarischen Zusammenhang geriet. Von -Einfluss auf diese Einreihung wird gewesen sein, dass sich an die -Leidensweissagung in Cäsarea Philippi (Mk 8 _-31-33-_) am natürlichsten -das eindringliche Wort von der Leidensnachfolge der Anhänger -anzuschliessen schien (Mk 8 _-34-_-9 _-1-_). - -Zudem hatte die Umbildung des Berichts von dem Zusammentreffen Jesu -mit seinen landenden Jüngern in eine Wundererzählung den natürlichen -Anschluss des Berichts von dem am folgenden Morgen eintretenden -Ereignisse erschwert. Und doch setzt Mk 8 _-34-_ ff. die Massnahmen -des vorhergehenden Abends voraus (Mk 6 _-45-47-_). Jesus hat das Volk -entlassen, sich selbst in die Einsamkeit zurückgezogen und ist mit -den Jüngern im Dunkel der Nacht in Bethsaida eingetroffen, wo sie im -Hause (Mk 9 _-28-_) Herberge haben. Am andern Tage ruft er das Volk -mit den Jüngern um sich (Mk 8 _-34-_) und redet zu ihnen von der -Selbstverleugnung, die in seiner Nachfolge gewillt sein muss, Schande, -Hohn und Spott zu erdulden, um bei ihm auszuharren. Dieses Verhalten -wird durch die Nähe der Ankunft des Menschensohnes gerechtfertigt, der -in Solidarität mit Jesu richten wird. - -Den Beschluss dieser mahnenden Rede bildet ein Wort »von dem -Hereinbrechen des Reiches Gottes mit Macht«, d. h. der eschatologischen -Realisierung desselben. In der jetzigen Form ist es abgeschwächt: -einige von den Umstehenden werden den Tod nicht schmecken, bevor jener -Augenblick eintritt. Als Abschluss dieser Rede muss es aber gelautet -haben: Ihr, die ihr hier steht, werdet in Bälde den grossen Augenblick -des gewaltsamen Einbruchs des Reiches Gottes erleben! So passt diese -ernste Rede in Bethsaida zu den Erwartungen, die Jesum und die Menge um -ihn bewegten. - -Sechs Tage nach jener Rede in Bethsaida nimmt er die Intimen mit -sich und führt sie auf den Berg, wo er am Abend nach dem grossen -gemeinschaftlichen Kultmahl in der Einsamkeit gebetet. Bei ihrer -Rückkehr finden sie die andern Jünger vom Volk umgeben; trotz der von -ihnen auf ihrem Wanderzug durch die Ortschaften Israels bewiesenen -Vollmacht über die Dämonen werden sie nicht Herr über einen Besessenen, -der ihnen zugeführt worden. Jesus geht mit dem Vater und dem Besessenen -abseits; in dem Augenblick, wo das Volk herbeiläuft (Mk 9 _-25-27-_), -beginnt die Krisis, nach der Jesus den wie tot daliegenden Knaben bei -der Hand fasst und aufrichtet. - -So enthält dieses merkwürdige eingeschobene Stück Mk 8 _-34-_-9 _-29-_ -einen anschaulichen Bericht über den ersten und letzten Tag der Woche, -die er damals zwischen der Rückkehr der Jünger und dem Aufbruch nach -dem Norden in Bethsaida verbrachte. - -Erst jetzt wird ganz klar, wie unhistorisch die Ansicht ist, dass Jesus -Galiläa infolge des wachsenden Widerstandes und des zunehmenden Abfalls -verlassen habe. Im Gegenteil: es ist die Zeit der höchsten Triumphe. -Eine reichsgläubige Volksmenge hängt ihm an und verfolgt ihn überall. -Kaum landet er am Westufer, so sind sie schon wieder da. Ihre Zahl ist -noch gewachsen und wächst immer fort (Mk 6 _-53-56-_). Dass sie ihn -verlassen, dass sie auch nur die geringste Regung des Zweifels oder -Abfalls gezeigt haben: davon wissen die Texte nichts. _=Nicht das Volk -verlässt ihn, sondern er verlässt das Volk.=_ - -Das thut er nicht aus Angst vor den jerusalemitischen Sendlingen, -sondern er führt nur aus, was er schon seit der Rückkehr der Jünger -im Sinne hatte. Er will allein sein. Das Volk hatte diese Absicht -vereitelt, indem es ihm bei der Seefahrt am Ufer folgte. Auf das -Westufer zurückgekehrt, sieht er sich wieder umgeben. Weil er das -Alleinsein mit den Jüngern für absolut notwendig hält und weil es ihm -in Galiläa nicht gelingt, deswegen verschwindet er plötzlich und begibt -sich auf heidnisches Gebiet. _=Die Nordreise ist keine Flucht, sondern -sie verfolgt denselben Zweck wie die Seereise.=_ - - - - -Achtes Kapitel. - -Das Messianitätsgeheimnis. - - -1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi. - -Nach Cäsarea Philippi ist die Verklärungsscene bedeutungslos und -unverständlich. Die drei Intimen erfahren nicht mehr über Jesus, als -was Petrus schon bekannt und Jesus daraufhin bestätigt hat. So ist die -ganze Perikope nichts als eine angehängte Apotheose mit einem dunkeln -Gespräch, der keine geschichtliche Bedeutung zukommt. - -Spielt die Scene aber, wie oben litterarisch nachgewiesen ist, in den -Wochen nach der Aussendung, _=vor Cäsarea Philippi=_, nicht auf dem -Berg der Legende, _=sondern auf dem Berg in der Einsamkeit des Seeufers -bei Bethsaida=_, dann ist mit einem Schlage aus der bedeutungslosen -Anhangsapotheose zur Offenbarung des Messiasgeheimnisses ein -galiläisches Ereignis von weittragender historischer Bedeutung -geworden, _=das die Scene zu Cäsarea Philippi erklärt, nicht -umgekehrt=_! Was wir die Verklärung Jesu nennen, ist in Wirklichkeit -nichts anderes als _=die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an die -drei Intimen=_! Einige Wochen später folgt dann die Eröffnung an die -Zwölfe. - -Diese Offenbarung an die Intimen ist uns als Wundergeschichte -überliefert. Sie hat dieselbe Umbildung erfahren, wie alle Ereignisse -auf jener Fahrt längs des Nordstrandes. Wie die Speisungsgeschichte und -die Begegnung Jesu mit seinen Jüngern im Abenddunkel, so steht auch die -Scene auf dem Berg unter dem Eindruck der intensivsten eschatologischen -Erregtheit. Darum ist der historische Vorgang im einzelnen nicht -mehr klar. Elias und Moses, die Persönlichkeiten, welche die Endzeit -ankündigen, erscheinen ihnen. Inwiefern haben dabei ekstatische -Zustände, verbunden mit Glossolalie, mitgespielt? Die jetzige -Schilderung lässt auf derartiges schliessen (Mk 9 _-2-6-_). Inwiefern -wiederholt sich in der Stimme aus den Wolken das Erlebnis Jesu bei der -Taufe Jesu? Mk 9 _-7-_: »Dies ist mein lieber Sohn, auf ihn höret.« - -Zwischen der Taufe und der Verklärung besteht ein innerer Zusammenhang. -Beidemal handelt es sich um einen Zustand der Verzückung, in dem -das Geheimnis der Persönlichkeit Jesu offenbar wird. Das erste Mal -war es für ihn allein. Hier nehmen auch die Jünger daran teil. Wie -weit sie selbst hingerissen waren, ist nicht klar. Fest steht, dass -in einem Zustand der Betäubung, aus dem sie erst am Ende der Scene -erwachen (Mk 9 _-8-_), die Gestalt Jesu ihnen von überirdischem Glanz -und Herrlichkeit umstrahlt erscheint und sie eine Stimme hören, er -sei Gottes Sohn. Der Vorgang erklärt sich nur aus der gewaltigen -eschatologischen Aufregung. - -Es ist merkwürdig, dass die Offenbarwerdung des Messiasgeheimnisses -_=immer=_ an derartige Zustände geknüpft erscheint. Bei der -Pfingstrede, wo Petrus die Messianität Jesu öffentlich verkündigt, -handelt es sich auch um Glossolalie. Freilich hatte er diesen Zustand -schon erlebt, als ihm die Offenbarung auf dem Berg bei Bethsaida wurde. -Auch Paulus befindet sich in Verzückung, als er die Stimme aus den -Wolken hört. - -Wir haben oben dargethan, dass niemand durch Jesu Auftreten oder -durch seine Reden jemals auf den Gedanken kommen konnte, er halte -sich für den Messias. Die Frage dreht sich nicht darum, wie die Leute -seine Messianität ignorieren konnten, sondern woher Petrus zu Cäsarea -Philippi und der Hohepriester in der Gerichtsscene im Besitz des -Geheimnisses Jesu sind. - -Die Verklärungsscene löst die erste Frage. Petrus weiss, dass Jesus -»Sohn Gottes« ist aus der Offenbarung, die ihm mit den andern beiden -Intimen auf dem Berg bei Bethsaida geworden ist. Darum antwortet er mit -einer solchen Sicherheit auf die gestellte Frage (Mk 8 _-29-_). Der -matthäische Text fügt sogar noch ein Wort bei, in dem Jesus auf das -Erlebnis, wo ihm diese Erkenntnis zu teil geworden, anspielt. Mt 16 -_-17-_: Selig bist du Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat es -dir nicht geoffenbart, sondern der Vater im Himmel. - -Aber auch die auf die Antwort des Petrus folgende Scene zeigt, dass es -sich um ein beiden gemeinsames Geheimnis handelt. Auf die Eröffnung -Jesu, dass er in Jerusalem sterben müsse, fährt Petrus heftig und -rücksichtslos auf ihn ein, nimmt ihn zur Seite und redet mit ihm -in aufgeregter Weise. _=Als Jesus sieht, dass die übrigen Jünger -aufmerksam werden=_, reisst er sich mit einem harten Wort von ihm los, -indem er ihn den Versucher nennt, der nicht Gottes Dinge, sondern -Menschendinge sinne (Mk 8 _-32 u. 33-_). - -Warum die Aufregung des Petrus über die Eröffnung Jesu von der -Todesreise nach Jerusalem? Weil sie neu hinzukommt zu dem, was ihm -aus jener Scene auf dem Berg bei Bethsaida bekannt ist. Nun darf -er aber davon vor den andern Jüngern nicht reden, weil Jesus den -Intimen verboten hatte, jenes Ereignis zu erwähnen. Darum nimmt er -ihn bei Seite. Jesus aber kann, da die andern aufmerksam werden, sich -mit ihm nicht darüber auseinandersetzen, sondern er gebietet ihm -leidenschaftlich erregt Schweigen. - -Nur der Zusammenhang mit der Verklärungsscene erklärt die -charakteristischen Züge des Ereignisses zu Cäsarea Philippi. Die -allgemein im Gebrauch befindlichen psychologischen Noterwägungen über -die schnelle Auffassungskraft des Petrus und sein lebhaftes Temperament -können nicht im geringsten erklären, warum er allein mit solcher -Sicherheit zur Erkenntnis der Messianität Jesu gekommen, um sie alsbald -wieder so misszuverstehen, dass er mit Jesus darob in heftiges Gerede -kommt. Warum gehen beide mit einander abseits? Warum belehrt ihn Jesus -nicht, sondern lässt ihn mit hartem Scheltwort stehen? - -An sich ist also die ganze Scene zu Cäsarea Philippi ein Rätsel. -Nimmt man aber an, dass die Verklärungsscene vorausgegangen ist, -so löst sich das Rätsel und die Scene wird bis ins kleinste Detail -verständlich. _=Der Offenbarung an die Zwölf ging die Kundgebung des -Messiasgeheimnisses an die Intimen voraus.=_ - - -2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu. - -Die Offenbarung des Messiasgeheimnisses änderte vorläufig nichts -in dem Verhalten der Jünger zu Jesu. Sie sind nicht vor ihm in den -Staub gesunken, als ob nun aus dem Menschen, den sie gekannt, eine -überirdische Erscheinung geworden wäre. Nur eine gewisse Scheu legen -sie in der Folge an den Tag. Sie wagen ihn nicht zu fragen, wenn sie -seine Worte nicht verstehen (Mk 9 _-32-_), sondern sie gehen neben ihm -her als solche, die wissen, dass er ein grosses Geheimnis in sich trägt. - -War nun Jesus vom Tag der Offenbarung seines Messiasgeheimnisses an -für sie der Messias? _=Er war es noch nicht.=_ Man muss sich immer -wieder erinnern, dass das Reich und der Messias unzertrennlich -zusammengehören. Nun war das Reich noch nicht erschienen, also auch -der Messias nicht. Die Eröffnung Jesu bezieht sich auf den Zeitpunkt -des Anbrechens des Reichs. Wann jene Stunde schlagen wird, dann wird -er als Messias erscheinen, dann wird seine Messianität in Herrlichkeit -geoffenbart werden. Das war das Geheimnis, welches er den Jüngern -feierlich bekannt gab. - -Jesu Messianität war ein Geheimnis nicht nur, weil er davon zu -sprechen verboten hatte, sondern auch wegen ihrer besonderen Art, -_=sofern sie erst in einem bestimmten Zeitpunkt real wurde=_. Es -handelt sich um eine nur in seinem Selbstbewusstsein vollziehbare -Vorstellung. Darum konnte und brauchte das Volk nicht darum zu wissen. -Es genügte, dass sein Wort und seine Zeichen sie zum Glauben an die -Nähe des Reiches bekehrten, denn mit dem Anbruch des Reiches wurde -ihnen auch seine Messianität offenbar. - -Es ist fast unmöglich, das Messianitätsbewusstsein, wie es Jesus seinen -Jüngern als Geheimnis offenbarte, in moderne Begriffe zu fassen. -Mag man es als eine Identität zwischen ihm und dem erscheinenden -Menschensohn beschreiben, mag man es als eine Kontinuität, die beide -Persönlichkeiten verbindet, auffassen, oder mag man es sich als ein -virtuelles Vorhandensein der Messianität denken: keine von diesen -modernen Anschauungen kann das messianische Selbstbewusstsein Jesu, -_=wie es die Jünger verstanden=_, wiedergeben. - -Uns fehlt nämlich das »jetzt und dann«, welches ihr Denken beherrschte -und eine eigenartige Duplicität des Selbstbewusstseins bedingte. -Was wir Identität, Kontinuität und virtuelle Anlage nennen, das -ging in ihrer Vorstellung in einer für uns ganz unfassbaren Weise -ineinander über. Jede Persönlichkeit dachte sich selbst in _=zwei -ganz verschiedenen Zuständen=_, sofern sie sich nämlich jetzt in -der vormessianischen und dann in der messianischen Aera wusste. -Aussprüche, welche wir nur nach der Einheit des Selbstbewusstseins -deuten, verstanden sie ganz von selbst nach dem ihnen geläufigen -doppelten Selbstbewusstsein. Wenn ihnen also Jesus das Geheimnis seiner -Messianität offenbarte, hiess das für sie nicht, er sei der Messias, -wie wir Modernen es verstehen müssten, sondern es bedeutet für sie, -dass ihr Herr und Meister derjenige war, _=der im messianischen Aeon -als Messias geoffenbart werden würde=_. - -Auch sich selbst dachten sie in dieser Doppelheit des -Selbstbewusstseins. Jedesmal, nachdem Jesus ihnen eröffnet, dass -er vor Antritt seiner Herrschaft leiden müsse, machen sie sich -Gedanken, was sie sein werden im zukünftigen Aeon. Darum folgen auf -die Leidensweissagungen die Scenen, in denen sie sich streiten, wer -von ihnen der grösste sein wird im Himmelreich, oder welchen die -Ehrenplätze zu Seiten des Thrones zufallen werden. Bis dahin aber -bleiben sie, was sie sind, und Jesus, was er ist, ihr Lehrer und -Meister. »Meister« reden ihn die Zebedaiden Mk 10 _-35-_ an. Als Lehrer -soll er versprechen und gewähren, was sich erfüllen wird, wenn das -Reich und damit seine Messianität geoffenbart sein wird. - -In diesem Sinne ist also das Messianitätsbewusstsein Jesu futurisch. -Weder für ihn noch für die Jünger lag darin etwas Auffälliges. Im -Gegenteil: es entsprach ganz der jüdischen Vorstellung von _=dem -verborgenen Werden und Wirken des Messias=_ (vgl. WEBER, System der -altsynagogalen Theologie, 1880. S. 342-446). Jesu irdische Laufbahn -ging seiner Messianität in Herrlichkeit voraus. Der Messias musste -irdisch und unerkannt auftreten und wirken, er musste lehren und durch -Thun und Leiden ein vollendeter Gerechter werden. Dann erst sollte -die messianische Aera mit dem Gericht und der Aufrichtung des Reichs -anbrechen. Von Norden sollte der Messias kommen. Jesu Zug von Cäsarea -Philippi nach Jerusalem war der Lauf des unerkannten Messias zur -Erlangung seiner Herrlichkeit. - -So stand er als werdender Messias mitten drin in der messianischen -Erwartung seines Volkes. Er durfte sich ihm nicht offenbaren, denn die -Zeit seines verborgenen Wirkens war noch nicht vorüber. Darum predigte -er die Nähe des Reiches Gottes. - -Aus seinem futurischen Messianitätsbewusstsein heraus berührt er im -Tempel die messianische Dogmatik der Schriftgelehrten, als wollte er -sie auf das Geheimnis, das dahinter steckt, aufmerksam machen. Die -Pharisäer sagen: der Messias ist Davids Sohn. David aber nennt ihn -seinen Herrn. Wie kann er da noch sein Sohn sein (Mk 12 _-35-37-_)? - -_=Davids Sohn=_, also ihm unterstehend, ist der Messias, wenn er in -diesem Aeon, aus irdischem Geschlecht geboren, verborgen wirkt und -wird. _=Davids Herr=_, wenn er beim Anbruch des zukünftigen Aeons als -Messias in Herrlichkeit geoffenbart wird. Es liegt Jesu fern, die -messianische Dogmatik der Pharisäer anzugreifen. Sie ist richtig, -denn die Schrift lehrt so. Nur können sie die Pharisäer selbst nicht -erklären, da sie nicht deuten können, wie einmal der Messias Davids -Sohn, das andere Mal Davids Herr ist. - -Dieser Ausspruch an das Volk im Tempel -- erst Matthäus hat daraus -eine Vexierfrage gemacht -- steht auf derselben Stufe wie das Urteil -über den Täufer. Wer es zu fassen vermöchte, in welcher Vollmacht jener -taufte, dass er nämlich der Elias war, wer begreifen könnte, wie der -Messias einmal Davids Sohn, dann wieder Davids Herr ist -- der wüsste -auch, wer der ist, der so redet. Wer Ohren hat zu hören, der höre! - - -3. Der Menschensohn und der futurische Charakter der Messianität Jesu. - -Der Ausdruck »Davidssohn« enthält also ein Rätsel. Darum gebraucht -ihn Jesus nie, wenn er von seiner Messianität spricht, sondern immer -redet er von sich als dem »Menschensohn«. Diese Bezeichnung war also -besonders geeignet, um sein Messianitätsbewusstsein wiederzugeben. - -Er hat es auf diesen Ausdruck abgesehen. Jede messianische Bezeichnung, -die ihn betreffend gefallen ist, _=korrigiert und erläutert er durch -»Menschensohn«=_. - -Nachdem es in der Scene auf dem Berg den Jüngern aufgegangen ist, dass -er »Gottessohn« sei, redet er beim Abstieg zu ihnen von sich als dem -»Menschensohn« (Mk 9 _-7-9-_). - -Petrus proklamiert ihn vor den andern als »den Gesalbten« (Mk 8 -_-29-_). Gleich fährt Jesus fort, sie über das Schicksal »des -Menschensohns« (Mk 8 _-31-_) zu belehren. - -Bist du Christus, der Sohn des Hochgelobten? frägt ihn der Hohepriester -(Mk 14 _-61-_). Ihr werdet sehen den »Menschensohn« sitzend zur Rechten -der Kraft und kommend auf den Wolken des Himmels, antwortet Jesus. Das -will heissen: Ja. In der zweiten und dritten Leidensweissagung (Mk 9 -_-30-32-_ und Mk 10 _-32-34-_) ebenso wie in dem Wort vom Dienen (Mk 10 -_-45-_) kehrt überall derselbe Ausdruck wieder. - -_=Die Messianitätsbezeichnung »Menschensohn«=_ ist _=futurischen -Charakters=_. Sie bezieht sich auf den Augenblick, wo der Messias auf -den Wolken des Himmels zum Gericht erscheinen wird. In diesem Sinne -hatte Jesus zum Volk und zu den Jüngern vom Kommen des Menschensohnes -von jeher geredet. Bei der Aussendung weist er die Seinen auf die -unmittelbare Nähe des Tages des Menschensohnes hin (Mt 10 _-23-_). Dem -Volk redet er von dem Kommen des Menschensohnes, um es zu vermahnen, -bei ihm, Jesus, auszuhalten (Mk 8 _-38-_). - -Dabei sind er und der Menschensohn für die Jünger und das Volk zwei -ganz verschiedene Persönlichkeiten. Der eine ist eine _=irdische=_, der -andere eine _=überirdische=_ Gestalt; der eine gehört dem _=jetzigen=_, -der andere dem _=messianischen=_ Zeitalter an. Zwischen beiden besteht -Solidarität, indem der Menschensohn für die eintreten wird, welche zu -Jesus, dem Verkündiger seines Kommens, gestanden sind. - -Von diesen Stellen muss man ausgehen, um die Bedeutung des Ausdrucks -in Jesu Munde zu verstehen. Wer um sein Geheimnis nicht weiss, für -den sind Jesus und der Menschensohn verschiedene Personen. Wem er -aber sein Geheimnis offenbart hat, für den besteht ein persönlicher -Zusammenhang zwischen beiden. Jesus ist der, welcher am messianischen -Tag als Menschensohn erscheinen wird. _=Die Offenbarung zu Cäsarea -Philippi besteht darin, dass Jesus seinen Jüngern offenbart, in welchem -persönlichen Verhältnis er zum erscheinenden Menschensohn steht.=_ Als -der, welcher Menschensohn sein wird, kann er Petri Bekenntnis, dass er -Messias sei, bestätigen. Seine Antwort auf die Frage des Hohenpriesters -ist in demselben Sinn bejahend. Er ist Messias: das werden sie sehen, -wenn er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels erscheint. - -»Menschensohn« ist also der adäquate Ausdruck für seine Messianität, -so lange er als Jesus von Nazareth in diesem Aeon auf seine zukünftige -Würde zu reden kommt. Wenn er daher zu den Jüngern von sich als dem -Menschensohn spricht, so setzt er dabei das Doppelbewusstsein voraus. -»Der Menschensohn muss leiden und wird dann von den Toten auferstehen«: -das will heissen: »als solcher, der Menschensohn sein wird bei der -Totenauferstehung, muss ich leiden«. Ebenso ist das Wort vom Dienen zu -verstehen: als solcher, der als Menschensohn zu der höchsten Herrschaft -im messianischen Aeon berufen ist, muss ich jetzt am tiefsten mich im -Dienen erniedrigen (Mk 10 _-45-_). So sagt er vor der Gefangennahme: -die Stunde ist gekommen, dass der, welcher Menschensohn sein wird, in -Sünderhände überantwortet wird (Mk 14 _-21-_ u. _-41-_). - -Damit ist das Menschensohnproblem klargestellt. Eine geläufige -Selbstbezeichnung war der Ausdruck nicht, sondern eine hoheitsvolle -Art, mit welcher er in den grossen Momenten seines Lebens zu den -Eingeweihten von sich als dem zukünftigen Messias sprach, während er -für die andern von dem Menschensohn als einer von ihm unterschiedenen -Grösse redete. In allen Fällen aber zeigte der Zusammenhang an, dass -er von einer zukünftigen Grösse redete, denn in all diesen Stellen -wird entweder die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken des -Himmels erwähnt. Die philologischen Bedenken treffen hier also nicht -zu. Eingeweihte und Uneingeweihte mussten aus der Situation verstehen, -dass er von einer bestimmten Persönlichkeit der Zukunft redete und -nicht von dem Menschen allgemein, wenn auch der Ausdruck beidemal -derselbe war. - -Ganz anders steht es mit einer Reihe von Stellen, wo der Ausdruck -als reine, unmotivierte Selbstbezeichnung, als einfache Umschreibung -von »Ich« vorkommt. Hier bestehen alle kritischen und philologischen -Bedenken unbedingt zu Recht. - - Mt 8 _-20-_: Der Menschensohn hat nicht, da er sein Haupt - hinlege. - - Mt 11 _-19-_: Der Menschensohn ist gekommen, isset und - trinket (im Gegensatz zum Täufer). - - Mt 12 _-32-_: Die Lästerung wider den heiligen Geist ist noch - schwerer als die Schmähung des Menschensohnes. - - Mt 12 _-40-_: Der Menschensohn wird drei Tage in der Erde - sein, wie Jonas im Bauch des Fisches. - - Mt 13 _-37-_ u. _-41-_: Der Menschensohn ist der Säemann; der - Menschensohn ist der Herr, der den Befehl zur - Ernte gibt. - - Mt 16 _-13-_: Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn sei? - -Hier ist der Ausdruck philologisch unmöglich. Denn wenn Jesus ihn -so gebraucht hätte, mussten ihn die Hörer einfach vom »Menschen« -verstehen. Nichts zeigt an, dass es sich um die künftige messianische -Würde handelt! Hier bezeichnet er ja seinen gegenwärtigen Zustand -damit! »Menschensohn« ist aber eine Messiasbezeichnung futurischen -Charakters, _=da man dabei immer an das Kommen auf den Wolken denkt, -entsprechend Dan 7 _-13-14-_=_. Zudem wissen die Jünger in allen diesen -Stellen damals noch gar nicht um das Geheimnis Jesu. Der Menschensohn -ist für sie noch eine von ihm ganz unterschiedene Persönlichkeit. Die -Einheit des Subjekts ist ihnen ja noch unbekannt! Also konnten sie -nicht verstehen, dass er hierbei von sich rede, sondern sie mussten -alles auf den Menschensohn beziehen, von dessen Kommen er auch sonst -sprach! Damit wären aber die Stellen alle sinnlos, da sie voraussetzen, -es handle sich um eine Selbstbezeichnung seinerseits! - -Historisch und philologisch ist es also unmöglich, dass Jesus den -Ausdruck als unmotivierte, selbstverständliche Selbstbezeichnung -gebraucht haben kann. Als Selbstbezeichnung, sofern er von sich im -Hinblick auf seine künftige messianische Würde redete, konnten es -erst die verstehen, welche um sein Geheimnis wussten. Darum sind alle -Stellen, in denen er sich _=vor Cäsarea Philippi=_ (für die Intimen -vor der Verklärung) _=als Menschensohn bezeichnet, unhistorisch=_. -Historisch sind für jene Zeit nur solche, wo er von dem Menschensohn -als einer mit ihm nicht identischen zukünftigen Erscheinung redet -(Mt 10 _-23-_ und Mk 8 _-38-_). Die oben erwähnten Stellen, welche -den Ausdruck als unmotivierte Selbstbezeichnung bieten, sind also -nicht historisch, sondern nur aus einem litterarischen Prozess heraus -verständlich. Wie kommt es, dass eine spätere Periode der evangelischen -Geschichtserzählung diesen Ausdruck als »Selbstbezeichnung Jesu« ansah? - -Dies beruht auf einer Verschiebung der Perspektive. Sie machte sich in -dem Augenblick bemerkbar, wo man die Geschichte Jesu von dem Gedanken -aus zu schreiben begann, dass er auf Erden schon _=der Messias war=_. -Denn nun verlor man das Bewusstsein, dass für die irdische Existenz -Jesu seine Messianität selbst etwas Futurisches war und dass er sich -mit dem Ausdruck Menschensohn eben als futurischen Messias bezeichnete. -Weil nun historisch feststand, dass er von sich als Menschensohn -geredet, bemächtigte sich die Geschichtserzählung dieser emphatischen -Selbstbezeichnung. Ohne eine Ahnung davon zu haben, dass sie nur für -ganz bestimmte Worte und Situationen passte, verwandte man sie auf -beliebige Stellen, wo er von sich selbst sprach, und schuf damit diese -philologischen und historischen Unmöglichkeiten. - -Dieser falsche Gebrauch beruht also auf einem litterarischen Prozess -von ausgesprochen sekundärem Charakter. Es verhält sich damit, wie mit -der unhistorischen Verwendung des Ausdrucks Davidssohn bei Matthäus. -Dazu stimmt, dass auch die fraglichen Menschensohnstellen einer -sekundären Schicht des Matthäus angehören. - -Vor allem bekunden diesen Charakter: die Umformung der einfachen Frage -zu Cäsarea Philippi (Mt 16 _-13-_), die Deutung des Gleichnisses -vom Säemann (Mt 13 _-37-_ u. _-41-_) und die falsche Auslegung des -Jonaswunders (Mt 12 _-40-_). - -Ebenso sekundär ist die Darstellung der Rede über die Sünde wider -den heiligen Geist, wo ein Unterschied zwischen der Lästerung wider -den heiligen Geist und der wider den Menschensohn statuiert wird (Mt -12 _-32-_), während doch in dem Gedanken Jesu beides auf dasselbe -hinauskommt, da es die bewusste Verstockung gegen die in ihm wirkenden -Kräfte des nahen Reichs bedeutet. In den Stellen Mt 8 _-20-_ und Mt 11 -_-19-_ ist der Ausdruck unmotiviert, da Jesus dort nur sagen will: ich -habe nicht, da ich mein Haupt hinlege, ich esse und trinke im Gegensatz -zu dem asketischen Verhalten des Täufers. - -Eine eigene Bewandtnis hat es mit den beiden unhistorischen -Menschensohnstellen im Markustext. - - Mk 2 _-10-_: Der Menschensohn hat das Recht, auf Erden Sünden - zu erlassen. - - Mk 2 _-28-_: Der Menschensohn ist Herr des Sabbattages. - -Das Sekundäre besteht darin, dass Jesus den Ausdruck als -_=Selbstbezeichnung=_ gebraucht haben soll. Historisch ist, dass er -ihn in jenem Zusammenhang gebraucht hat, entweder vom Menschensohn als -einer dritten, eschatologischen Grösse oder vom Menschen überhaupt. -Beidemal gibt es einen Sinn. - - 1. Der Mensch als solcher kann durch die Heilung die - Sündenvergebung auf Erden bekunden. - Der Mensch als Mensch ist Herr des Sabbattages. - - 2. Im Hinblick auf den kommenden Menschensohn findet jetzt schon - Sündenvergebung auf Erden statt, wie die Heilung zeigt. - Im Hinblick auf das Kommen des Menschensohns ragt jetzt schon - ein Höheres in die gesetzliche Sabbatbeobachtung hinein. Vor dem - Höheren verschwindet das Gesetz. Das zeigt der Fall Davids. - -Wie man sich die Stellen auch zurechtlegen mag, eines ist klar: -hier hat der Ausdruck historisch vorgelegen und die Aussage Jesu -irgendwie motiviert. Sekundär ist nur, dass jetzt der Ausdruck als -Selbstbezeichnung erscheint, während Jesus vom Menschen oder vom -Menschensohn geredet hat. So stehen diese Stellen auf der Schwelle vom -geschichtlichen zum litterarisch-ungeschichtlichen Gebrauch des Wortes -»Menschensohn«. - -Von hier aus erfasst man erst die eigentliche Schwierigkeit des -Menschensohnproblems. Je tiefer bisher die Untersuchung ging, in -desto weitere Ferne schien die Lösung zu rücken. Dies rührte daher, -dass keine Ueberlegung eine Scheidung unter den so ungleichwertigen -Stellen herbeiführen konnte. So blieben die litterarische und die -historische Seite des Problems unlösbar verquickt. Mit dem Augenblick -aber, wo man von dem Studium des Messianitätsbewusstseins Jesu aus -entdeckt, dass der Ausdruck Menschensohn der einzige war, in welchem -er das Geheimnis seiner futurischen Würde aussprechen konnte, ist -auch die Scheidung gegeben. Historisch sind alle Stellen, wo der -danielisch-eschatologische Charakter des Ausdrucks wirksam ist, -unhistorisch alle diejenigen, wo dies nicht der Fall ist. Zugleich -erklärt sich durch die Verschiebung in der Perspektive, wie für -eine spätere Geschichtserzählung der Ausdruck im Munde Jesu nur die -Bedeutung einer unmotivierten Selbstbezeichnung haben konnte, die in -allen Situationen, wo er von sich selbst sprach, angebracht schien. - -Endlich löst sich auch das letzte Rätsel. Warum verschwindet der -Ausdruck in der Sprache des Urchristentums? Warum bezeichnete niemand -den Messias als Menschensohn (ausser Akt 7 _-56-_), da ihn doch Jesus -ausschliesslich für seine Würde gebraucht hatte? Das rührt daher, dass -»Menschensohn« der messianische Ausdruck nur für eine klar bestimmte -Episode des messianischen Dramas war. Menschensohn war der Messias in -dem Augenblick, wo er auf den Wolken des Himmels der Welt zum Gericht -und zur Herrschaft offenbar wurde. An jenen Augenblick dachte Jesus -ausschliesslich, weil er erst von da an für die Menschen Messias war. -Das Urchristentum aber erblickte, weil sich eine Zwischenzeit einschob, -Jesum als Messias droben im Himmel zur Rechten Gottes. Er war schon -der Messias und wurde es für sie nicht erst mit dem Augenblicke der -Erscheinung des Menschensohns. Weil sich also auch hier die Perspektive -verschoben hatte, gebrauchte man den allgemeinen Ausdruck »Messias«, -nicht das auf eine besondere Scene hinweisende »Menschensohn«. - -_=Jesus hätte sich ungenau ausgedrückt, wenn er gesagt hätte: ich bin -der Messias; denn er war es erst mit seinem überirdischen Erscheinen -als Menschensohn. Im Urchristentum hätte man sich ungenau ausgedrückt, -wenn man gesagt hätte: Jesus ist der Menschensohn. Denn nach der -Auferstehung war er der Messias zur Rechten Gottes, dessen Erscheinen -als Menschensohn man erwartete.=_ - - -4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der Messianität -Jesu. - -Welche Bedeutung haben die Auferstehungsweissagungen? Es fällt -uns schwer, anzunehmen, dass Jesus so präcis ein solches Ereignis -vorhergesagt habe. Weit eher scheint es uns erklärlich, dass seine -allgemeinen Aussagen von einer Herrlichkeit, die seiner wartete, ex -eventu in Auferstehungsweissagungen redigiert worden seien. - -Diese Kritik ist berechtigt, solange man meint, mit der geweissagten -Auferstehung handle es sich um ein _=isoliertes Ereignis=_ in der -Existenz Jesu. Das ist aber nur für unser modernes Bewusstsein der -Fall, weil wir auch in der Auferstehungsfrage uneschatologisch -denken. Für Jesus und die Jünger hatte aber die Auferstehung, von der -er redete, eine ganz andere Bedeutung. Sie war _=ein messianisches -Ereignis=_, welches den Anbruch der ganzen zukünftigen Herrlichkeit -bedeutete. Wir müssen auch hier vom Modernen, Apotheosenhaften in der -geweissagten Auferstehung abstrahieren. Das zeitgenössische Bewusstsein -verstand diese »Rehabilitierung« als Offenbarung seiner Messianität -beim Anbruch des Reichs. Wenn also Jesus von seiner Auferstehung -sprach, dachten die Jünger _=an die grosse messianische Auferstehung, -in der er als Messias auferstehen würde=_. - -In dieser Hinsicht ist das Gespräch beim Abstieg vom Berg nach der -Verklärungsscene entscheidend. Er redet dort den Intimen zum erstenmal -von »der Auferstehung des Menschensohnes von den Toten« (Mk 9 _-9-_). -Sie können sich aber »die Auferstehung des Menschensohnes« ohne -Zusammenhang mit der messianischen Auferstehung gar nicht denken. Ihre -Aufmerksamkeit ist ganz von dem messianischen Ereignis, das ihnen Jesus -damit in Aussicht stellt, gefangen genommen. Sie machen sich deshalb -Gedanken über die Totenauferstehung. Wie verhält es sich damit (Mk 9 -_-10-_)? Die Bedingungen dafür sind nämlich, soviel sie sehen, noch -nicht gegeben. Der Elias ist ja noch nicht erschienen (Mk 9 _-11-_). -Jesus beruhigt sie mit dem Hinweis, dass er schon da war, wenn ihn die -Menschen auch nicht erkannt haben. Er meint den Täufer (Mk 9 _-12-13-_). - -Dieses Gespräch, in dem man sonst überhaupt keine fassliche -Gedankenfolge statuieren kann, wird also in dem Augenblick vollständig -durchsichtig und natürlich, wo man bemerkt, wie die Jünger die von -Jesus in Aussicht gestellte Auferstehung _=nur in demselben Gedanken -mit der grossen, allgemeinen, messianischen Auferstehung denken -können=_! Darum wirft diese Rede beim Abstieg ein helles Licht auf -die spätere Leidens- und Auferstehungsweissagungen, weil wir hier im -stande sind, die Gedanken und Erwägungen, die diese Worte im Herzen -der Jünger wachriefen, zu kontrollieren. Ueberdies fehlt in dieser -»Auferstehungsweissagung« die Erwähnung der drei Tage, die gerade den -Anlass zum Einsetzen der Kritik in den folgenden Leidensweissagungen -bietet. In dieser Hinsicht stimmt das Wort beim Abstieg mit dem letzten -Ausspruch vor dem Hohenpriester überein. Beiden fehlt die zeitliche -Bestimmung, wann die Auferstehung oder das Erscheinen auf den Wolken -des Himmels statthaben wird. In dem messianischen Ereignis fällt beides -zusammen: Auferstehung und Kommen auf den Wolken bedeuten nur die -Offenbarung seiner Messianität am grossen Auferstehungstag. - -Diese Erwartung der eschatologischen Totenauferstehung beherrschte -das Bewusstsein Jesu und seiner Zeitgenossen. Er setzt sie in seinen -jerusalemitischen Reden voraus. Die Reichserwartung und der Glaube an -die bevorstehende Totenauferstehung gehören eng zusammen. Es ist, wie -schon früher bemerkt wurde, ein perspektivischer Fehler, den Gedanken -Jesu, wenn er vom kommenden Reich spricht, eine Orientierung nach -vorwärts zu geben, als bezöge es sich auf kommende Generationen. So -denkt der moderne Geist. Bei ihm war es gerade umgekehrt. _=Beim Reich -handelt es sich um die vergangenen Generationen!=_ Sie erstehen zum -Gericht, welches das Reich einleitet. - -Die Totenauferstehung ist die Vorbedingung zur Reichserrichtung. -Dadurch werden alle Generationen der Welt aus ihrer zeitlichen Folge -herausgehoben und für das Urteil Gottes als gleichzeitig gesetzt. -So verlangt z. B. gerade das Gleichnis vom Weinberg Gottes (Mk 12 -_-1-12-_) die Annahme der Totenauferstehung. Die ganze Geschichte -Israels wird dort in dem Verhalten der Pächter beschrieben. Jesus redet -von den Generationen Israels von den Tagen der Propheten bis zu der -gegenwärtigen, der seine Warnung gilt. Im Gleichnis aber ist es nur -eine Generation, weil das ganze Volk in seinen aufeinanderfolgenden -Geschlechtern als Kollektivgrösse vor Gott tritt, wenn es sich um das -Gericht handelt; es ist dann als Ganzes in der Auferstehung erstanden. - -Ebenso erklärt es sich, dass für den Gerichtstag dem Geschlecht derer -von Sodom noch ein erträglicheres Los in Aussicht gestellt wird als dem -gegenwärtigen von Kapernaum (Mt 11 _-23-24-_). - -Wer das Kommen des Reichs erwartete, der glaubte auch an die -bevorstehende Totenauferstehung. Darum richtet sich der Angriff der -Sadducäer gerade auf diese Frage. Wenn Jesus ihnen antwortet, »dass, -wenn sie von den Toten auferstehen, sie weder freien noch gefreit -werden, sondern sein werden, wie die Engel im Himmel« (Mk 12 _-25-_), -so ist dies von dem Zustand im Reich Gottes zu verstehen, in das sie -durch die Totenauferstehung eingehen. - -In letzter Linie war die »Totenauferstehung« nur die Art, wie sich -die Veränderung der ganzen Existenzform an denjenigen vollzog, die -schon in den Tod gesunken waren. Durch das Kommen des Reiches Gottes -wird aber die irdische Existenzform überhaupt in eine damit nicht -zu vergleichende andere erhoben. In dieser Hinsicht erleben auch -diejenigen, welche vor dem Ereignis nicht in den Tod sinken, eine -»Auferstehung«, denn auch ihre Daseinsweise wird plötzlich durch eine -höhere Macht in eine andere verwandelt, welche sie nun mit denen -teilen, die aus dem Tod erweckt sind. Verglichen mit dieser neuen -Existenzform ist die vorhergehende indifferent. Es ist gleich, ob man -aus dem irdischen Dasein oder aus dem Totenschlaf in die messianische -Seinsweise eingeht! Im Verhältnis zur letzteren ist alles Sein -»_=Tod=_«. Sie allein ist »_=Leben=_«. - -Darum redet Jesus zu den Lebenden von dem Weg, der zum »Leben« führet -(Mt 7 _-14-_). Er empfiehlt, eher ein Glied dieses Leibes daran zu -geben, wenn es sich um das »Leben« handelt, als bei der Auferstehung -nicht an der messianischen Existenz teil zu haben (Mt 18 _-8-_ u. -_-9-_). Der reiche Jüngling frägt, was er thun soll, »um das ewige -Leben zu ererben«. Als er der erhaltenen Weisung nicht folgen will, ist -Jesus sehr betrübt, weil es so schwer ist, dass ein Reicher »in das -Gottesreich eingehe« (Mk 10 _-17-_ u. _-25-_). - -Diese Entwertung der irdischen Daseinsform geht bis zur Darangabe des -irdischen Lebens überhaupt, um des Lebens im zukünftigen Aeon gewiss -und versichert zu werden. Darum erklärt Jesus, wo er von der Nachfolge -in Leiden und Schmach redet, dass »wer sein Leben retten will, der wird -es verlieren«. Das heisst: Wer sich aus Angst für sein irdisches Dasein -unwürdig macht, dass der Menschensohn vor Gott für ihn eintrete, der -verwirkt dadurch das messianische Leben, das mit der Totenauferstehung -anhebt (Mk 8 _-35-_). - -Wenn das Reich anbricht, ist es einerlei, ob man in einem lebendigen -oder in einem toten Leib existiert. Diese Erwägung allein gibt das -richtige Verhalten in der Verfolgung an. Darum sagt Jesus zu den -Jüngern bei der Aussendung: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib -töten, die »Seele« aber nicht vermögen zu töten; fürchtet euch hingegen -vor dem, der vermag sowohl die »Seele« als auch den Leib zu verderben -in der Hölle (Mt 10 _-28-_). - -Dieselbe Verbindung der urchristlich eschatologischen Erwartung mit der -Totenauferstehung findet sich in klassischer Weise bei Paulus (1 Kor -15 _-50-54-_). Es handelt sich hier gar nicht um genuin paulinische -Gedanken, sondern um eine urchristliche Anschauung, welche schon Jesus -ausgesprochen hat. Fleisch und Blut, ob belebt oder unbelebt, können in -keiner Weise am Reich teil haben. Darum wenn die Stunde schlägt, wo die -Toten unvergänglich auferstehen, werden auch die Lebendigen in diese -Unvergänglichkeit verwandelt. - -Die Totenauferstehung ist die Brücke vom »Jetzt« zum »Dann«. Auf ihr -beruht die Doppelheit des Selbstbewusstseins. Wenn daher Jesus von -seiner Auferstehung sprach, gliederten die Jünger dieses Wort in -einen grossen Zusammenhang ein. Es bedeutete für sie die allgemeine -Auferstehung, wo auch sie in die Existenzform des Reiches Gottes -auferstehen würden. Wohl erwarteten sie seine Auferstehung: aber nicht -als »Osterereignis«, sondern als den Anbruch des messianischen Reiches. -Als Auferstandener sollte er offenbar werden, wenn er auf den Wolken -des Himmels als Menschensohn ankäme und den grossen messianischen Tag -heraufführte. - -Für unser Empfinden verhält sich der Tod Jesu zur Auferstehung wie die -Dissonanz zu ihrer Auflösung. Bei der Entwertung jeglicher Seinsform -vor der messianischen Aera lag auf dem Tod, für das Empfinden der -Jünger, _=ein viel schwächerer Accent=_. Es handelt sich für sie um -einen unendlichen ewigen Accord mit einem kurzen, irdischen Vorschlag. - -Wo wir ein _=Nebeneinander=_ von Messianitätserklärung, -Leidensvorhersagung und Auferstehungsweissagung sehen, erfassten -sie eine viel straffere Gedankenverbindung. Sie erblickten alles -im messianischen Licht. Darum entnahmen sie seiner Rede nicht drei -verschiedene Thatsachen: 1. dass er Messias sei, 2. dass er leiden und -sterben müsse, 3. dass er auferstehen werde, sondern sie bedeutete für -sie: _=unser Meister wird nach seinem Tod, bei der Auferstehung, als -Menschensohn geoffenbart werden=_. Zugleich machen sie sich Gedanken, -was dann sie wohl sein werden und welche Würde ihnen in der neuen -Existenz zufallen wird. - -So erklärt sich, wie ihre messianische Vorstellung durch den Gedanken -»des leidenden und sterbenden Messias« nicht vollständig umgeworfen -wurde. Jesus hat ihnen weder den leidenden, noch den sterbenden, noch -den auferstehenden Messias geoffenbart, sondern er hat ihnen von dem -erscheinenden Menschensohn geredet und ihnen offenbart, dass er es sein -werde, wenn er im Leiden hier sich vollendet haben würde. - -Man kann es nie genug betonen, dass damit seine Messianität vollständig -in der Bahn der volkstümlichen Anschauung sich bewegte. Das Drama -in seinem Leben beruht nicht darin, dass seine Messianität der -gewöhnlichen Erwartung entgegenlief und daraus sich nun Konflikte -ergaben, die seinen Tod herbeiführten. Das ist erst die Anschauung -des vierten Evangeliums. _=Der historische Jesus beanspruchte die -Messianität erst vom Augenblick der Totenauferstehung an.=_ - -Diese Auffassung der altsynoptischen Messianitätseröffnungen Jesu -wird durch die urchristliche Vorstellung absolut gefordert. Das -Urchristentum setzt voraus, dass Jesu Messianitätsbewusstsein, als -er zu den Jüngern redete und noch als er dem Hohenpriester Antwort -gab, futurisch war! Denn auch die Petrusreden in Akt datieren die -Messianität erst von seiner Auferstehung an. Bis dahin war er Jesus -von Nazareth. Nur ist an die Stelle des Kommens auf den Wolken des -Himmels der vorläufige Zustand des Sitzens zur Rechten Gottes getreten. -»Jesum den Nazarener, einen Mann, ausgewiesen von Gott her bei euch -mit gewaltigen Thaten und Wundern und Zeichen (Akt 2 _-22-_), ihn hat -Gott auferweckt (Akt 2 _-32-_) und hat ihn zum Herrn und zum Messias -gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt« (Akt 2 _-36-_). - -Dieses Zeugnis der urchristlichen Auffassung der Messianität Jesu -ist allein schon so gewichtig, dass es die ganze synoptische -Ueberlieferung, wenn sie anders redete, zum Schweigen bringen würde. -Wie sollte man es begreifen, dass die Jünger verkündeten, Jesus sei -durch seine Auferstehung in sein messianisches Dasein eingegangen, wenn -er ihnen schon auf Erden von seiner Messianität als gegenwärtiger Würde -geredet hätte! Nun entsprechen sich aber die altsynoptische Tradition -und die Auffassung des Urchristentums vollkommen. Beide erklären -einstimmig: _=Jesu Messianitätsbewusstsein war futurisch!=_ - -Besässen wir dieses Zeugnis nicht, so wäre uns die Erkenntnis seiner -historischen Persönlichkeit auf immer verschlossen. Denn nach seinem -Tode stellen sich alle Voraussetzungen ein, die dahin wirken, das -Bewusstsein von dem futurischen Charakter seiner Messianität ausser -Kraft zu setzen. Seine Auferstehung als Messias fiel mit dem Beginn -der messianischen Aera in der Totenauferstehung zusammen: so war die -Perspektive für die Jünger vor seinem Tod. Nach dem Tode wurde seine -Auferstehung als Messias ein Faktum für sich. _=Jesus war Messias vor -der messianischen Aera! Das ist die folgenschwere Verschiebung in -der Perspektive. Darin beruht das Tragische, zugleich aber auch das -Grossartige in der Erscheinung des Christentums überhaupt.=_ - -Das urchristliche Bewusstsein machte die grössten Anstrengungen, die -Kluft zu überwinden und Jesu Auferstehung dennoch als Anbruch der -messianischen Aera in der allgemeinen Totenauferstehung aufzufassen. -Man suchte sich begreiflich zu machen, dass es sich gleichsam um -die etwas in die Länge gezogene Zwischenpause zwischen den beiden -Auftritten des ersten Akts des Dramas handelte. Eigentlich aber stand -man schon in der messianischen Auferstehung. So ist für Paulus Jesus -Christus durch die Totenauferstehung als Messias erwiesen, »der -Erstling der Entschlafenen« (I Kor 15 _-20-_). Auf diesem Gedanken -beruht überhaupt die ganze paulinische Theologie und Ethik. _=Weil man -sich in dieser Zeit befindet, sind die Gläubigen eigentlich mit Christo -begraben und mit ihm auferstanden durch die Taufe.=_ Sie sind die -»neue« Kreatur, sie sind die »Gerechten«, deren »Bürgertum« im Himmel -ist. Erst von diesem Grundgedanken aus erfasst man die Einheit in der -für uns sonst so mannigfach zusammengesetzten Gedankenwelt Pauli. - -Die christliche Geschichtsüberlieferung suchte sich anders zu behelfen. -Sie nahm eine _=Art Vorauferstehung=_ an, die mit der Auferstehung -Jesu zusammenfiel. Dieser lieh sie die Farben des messianischen Tages. -Mt 27 _-50-53-_ ist uns eine solche Zurechtlegung in Legendenform -erhalten. Mit Jesu Kreuzestod bricht das neue Weltalter an. Nach seinem -Verscheiden zerreisst der Tempelvorhang und Erdbeben, die Zeichen der -Endzeit, erschüttern die Erde; die Felsen zersplittern; die Gräber -thun sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen werden -auferweckt. _=Nach Jesu Auferstehung=_ gehen sie aus den Gräbern heraus -in die heilige Stadt und erscheinen vielen. So hält diese Erzählung -daran fest, dass im Anschluss an Jesu Tod mit seiner Auferstehung die -allgemeine Totenauferstehung unter den Anzeichen des messianischen -Tages erfolgte -- jedoch nur als eine Art Vorspiel. - -Die Zeit war eben mächtiger als die ursprünglichen Anschauungen. -Unerbittlich schob sie sich wie ein auseinandertreibender Keil zwischen -Jesu Auferstehung und die erwartete allgemeine Auferstehung am -messianischen Tag und zerstörte mit dem zeitlichen auch den kausalen -Zusammenhang im ursprünglichen Sinne. Die Messianität Jesu stand -aus der Vergangenheit fest. Für die, welche sich dazu bekannten und -zugleich das Reich als zukünftig erwarteten, schwand das Bewusstsein, -dass in Jesu Verkündigung seine Messianität und das Reich zukünftige, -_=koïncidierende Ereignisse=_ waren. Man fing an, die evangelische -Geschichte unter dem Gesichtspunkt zu betrachten: _=Jesus war der -Messias.=_ Die Ueberschrift zu dieser neuen Geschichtsauffassung hat -Paulus geschrieben. Sie heisst »_=Jesus Christus=_«: die Würde des -Auferstandenen wird mit der historischen Persönlichkeit in einem -Begriff verbunden. Der vierte Evangelist hat die Konsequenz daraus -gezogen und die Geschichte Jesu so dargestellt, als ob er auf Erden als -Messias aufgetreten wäre. - -Es ist die Aufgabe der historischen Forschung, sich von der religiösen -unhistorischen Perspektive für einen Augenblick zu emancipieren und die -synoptischen Berichte in die richtige Stellung zu rücken. Dann erst, -wenn man das Futurische in Jesu Messianitätsbewusstsein erfasst hat, -versteht man, warum er seine Würde den Jüngern als ein »Geheimnis« -offenbart hat, warum er sich dabei als Menschensohn bezeichnete und in -welchem Sinne er von seiner Auferstehung sprach. - - -5. Der Verrat des Judas -- die letzte Bekanntgebung des -Messiasgeheimnisses. - -Was hat Judas eigentlich verraten? Nach den Schilderungen unserer -Evangelien sieht es so aus, als hätte er dem Synedrium angegeben, wo -sie zu einer bestimmten Stunde Jesum fassen könnten. Wenn nun auch -diese Angabe des Orts eine Rolle bei dem Verrat des Judas gespielt hat, -so war dies nur _=nebensächlich=_. Wo Jesus sich aufhielt, konnten -sie jederzeit erfahren, da er nichts that, um sein Kommen und Gehen -zu verheimlichen. Wenn sie ihn also greifen wollten, so brauchten -sie ihm bei seinem Weggang am Abend aus Jerusalem nur einen Späher -nachzusenden, um über seinen Aufenthalt orientiert zu sein. Dafür -hätten sie keinen aus dem intimen Kreis gebraucht. - -Nun lag aber die Hauptschwierigkeit auf einem ganz andern Gebiet. -Nicht ihn zu _=verhaften=_, sondern ihn zu _=verurteilen=_ wollte -ihnen nicht gelingen, denn sie konnten nichts gegen ihn aufbringen. -Sie befanden sich ihm und seinem Anhang gegenüber in der unbequemen -Lage, in die jedes ehrbare Kirchenregiment notwendig einmal kommt: -die Leute waren ihnen zu fromm, unordentlich fromm, indem sie mit -zu grossem Enthusiasmus glaubten, was die andern mit Mässigung und -Ordnung in ihrem Bekenntnis mitfühlten, dass nämlich das Reich nahe -sei. Aus der Vorläuferwürde, die das Volk Jesu beilegte, konnten sie -keine Verurteilung gewinnen, denn durch seine Zeichen hatte er diese -Würde bewährt. Ueberdies hatte er diese Würde nie öffentlich für -sich in Anspruch genommen. Dennoch war die Art, wie er auftrat, für -sie in höchstem Masse gefährlich. An der Spitze des frommen Volkes -terrorisierte er sie. Darum hätten sie sich seiner gern entledigt und -konnten es nicht. - -Man versteht die Haltung und die Schwierigkeiten des Synedriums nur, -wenn man immer bedenkt, dass aus der ganzen Wirksamkeit Jesu niemand -auf den Gedanken gekommen war, er könne sich für den Messias halten. So -wussten sie nichts gegen ihn vorzubringen und waren darauf angewiesen, -ihn in Reden zu fangen, um ihn beim Volke zu diskreditieren, was ihnen -nicht gelang. - -Da erscheint Judas bei ihnen und gibt ihnen die tödliche Waffe in -die Hand. Als sie hörten, was er ihnen kund that, »_=freuten sie -sich=_«, denn jetzt war er in ihre Hand gegeben. Nun sucht Judas einen -geeigneten Augenblick, um ihnen den Verratenen in die Hände zu liefern -(Mk 14 _-11-_). - -Was er ihnen verraten hatte, ersieht man aus der Gerichtsverhandlung. -Die Zeugen der Pharisäer können nichts vorbringen, woraufhin man ihn -verurteilen kann. Als aber die Zeugen abgetreten sind, stellt der -Hohepriester an Jesus direkt die Frage, ob er der Messias sei. Für -solche Ansprüche Jesu konnten sie die erforderlichen Zeugen nicht -aufbringen -- denn es gab keine. _=Der Hohepriester befindet sich hier -im Besitz des Geheimnisses Jesu. Das war der Verrat des Judas!=_ Durch -ihn wusste das Synedrium, dass er etwas anderes zu sein beanspruchte, -als wofür ihn das Volk hielt, ohne dass er dagegen Einspruch erhob. - -Aus dem verratenen Geheimnis von Cäsarea Philippi gewannen sie die -entscheidende Anklage. Der Prophet der Endzeit, Elias, zu sein, das -war keine Gotteslästerung. Aber zu behaupten, Messias zu sein, das war -Frevel! Die Perfidie in der Anklage lag darin, dass der Hohepriester -Jesus ohne weiteres unterschob, er hielte sich so, wie er vor ihm -stand, für den Messias. Das wies Jesus aber zurück mit dem stolzen Wort -von seinem Erscheinen als Menschensohn. Nichtsdestoweniger wurde er -wegen Gotteslästerung verurteilt. - -Wir haben also drei Offenbarungen des Messianitätsgeheimnisses, die -unter sich eng zusammenhängen, so, dass jede folgende die vorhergehende -voraussetzt. Auf dem Berg bei Bethsaida wird den drei Intimen das -Geheimnis offenbart, welches Jesus in der Taufe aufgegangen war. Das -war nach der Erntezeit. Einige Wochen später wird es den Zwölfen -bekannt, indem Petrus zu Cäsarea Philippi die Frage Jesu aus dem, was -er vom Verklärungsberg her weiss, beantwortet. Von den Zwölfen verrät -einer das Geheimnis an den Hohenpriester. Diese letzte Offenbarung -des Geheimnisses war verhängnisvoll, denn sie führte den Tod Jesu -herbei. _=Er wurde als Messias verurteilt, obwohl er nie als solcher -aufgetreten war.=_ - - - - -Neuntes Kapitel. - -Das Geheimnis des Leidensgedankens. - - -1. Die vormessianische Drangsal. - -_=Der Hinweis auf das Leiden gehört naturgemäss zur eschatologischen -Verkündigung.=_ Eine Zeit unerhörter Drangsal muss dem Kommen des -Reiches vorhergehen. Aus diesen Wehen wird der Messias herausgeboren. -Das war eine überall verbreitete Ansicht: anders konnte man sich die -Ereignisse der Endzeit nicht denken. - -Danach muss man die Worte Jesu deuten. Es zeigt sich dann, dass er bei -seiner Reichspredigt den Gedanken der Enddrangsal scharf hervorgehoben -hat. Wir nehmen immer an, dass, wenn er von Verfolgungen, welchen die -Seinen entgegengehen, spricht, damit das gemeint sei, was sie nach -seinem Tode allein und verwaist auf Erden durchmachen müssten. Das -ist vollständig falsch. Nach seinem Tode wird Jesus Messias durch -die Auferstehung, und dann bricht die Reichsherrlichkeit an. Nicht -was sie nach seinem Tode ausstehen müssen, sondern was sie im Reich -sein werden, das beschäftigt die Gedanken der Jünger auf dem Weg nach -Jerusalem. - -Wo er von Leiden und Verfolgung spricht, handelt es sich um -Drangsale, die seine Anhänger _=mit ihm=_ erdulden müssen _=vor dem -Reichsanbruch=_. Gemeint ist der letzte Ansturm der widergöttlichen -Weltmacht, der über diejenigen hereinfluten wird, welche in der -Erwartung des Gottesreiches die Repräsentanten der göttlichen Macht in -der widergöttlichen Welt sind. Darum bildet Jesus den Mittelpunkt, auf -den hin sich die Drangsal konzentriert. Er ist der Fels, der die Wogen -aufbranden lässt. Wer von der grossen Weltflut nicht mitgerissen werden -will, muss sich an ihn anklammern. - -Wenn er sagt, dass seine Mission nicht sei, den Frieden zu bringen, -sondern das Schwert, wenn er von dem Aufruhr redet, den er heraufführt, -wo die heiligsten irdischen Bande sich lösen müssen, wo man mit dem -Kreuz beladen ihm nachfolgen muss und das eigene Leben für nichts -achten (Mt 10 _-34-42-_), -- dann meint er die grosse Verfolgung der -Endzeit. Wer das Reich Gottes herbeinötigt, der führt auch jene herauf, -denn das Reich und der Messias erstehen ja aus ihr. - -Darum überall der grelle Akkord in den messianischen Harmonien! Er -beschliesst die Seligpreisungen mit dem Hinweis, dass sie selig sind, -wenn sie gehasst und verfolgt werden und alles Böse um seinetwillen -über sie geredet wird. Dann haben sie gerade Grund zur Freude und -zum Jubel, denn in dem, was sie erdulden müssen, offenbart sich ihre -Zugehörigkeit zum Gottesreich. Während sie von der Weltmacht noch -drangsaliert werden, ist der Lohn schon im Himmel bereitet (Mt 5 _-11-_ -u. _-12-_). - -»Verkündet, dass das Reich nahe herbeigekommen ist«, sagt er den -Jüngern bei der Aussendung. Zugleich aber bereitet er sie eindringlich -auf die Enddrangsal vor, denn der Zeiger der Weltuhr steht nahe an -der grossen Stunde. Sie müssen es wissen, damit sie nicht meinen, -es widerfahre ihnen etwas Fremdes, wenn sie von der Weltmacht zur -Verantwortung gezogen werden, wenn sich um sie her Aufruhr und -Verfolgung erhebt und ihrem Leben Gefahr droht. Sie müssen es wissen, -damit sie nicht irre an ihm werden und ihn verleugnen und an ihm -Aergernis nehmen, wenn er in der Menschen Gewalt gegeben wird, denn -er selbst als machtvoller Verkündiger des Reiches hat diesen Aufruhr -angeregt. Wenn aber die Weltmacht zu siegen scheint, dann steht Gott -mit seiner Allmacht darüber. Nicht die, welche den Leib töten, muss man -fürchten, sondern den allmächtigen Herrn, welcher beim Gericht Seele -und Leib verdammen kann in die Hölle. In diesem letzten Aufruhr richtet -die Weltmacht sich selbst; nach dem Gericht kommt das Reich. Das ist -der Grundgedanke der Aussendungsrede. - -Auch die Botschaft an den Täufer schliesst mit einem solchen Hinweis. -Das Reich ist nahe, lässt er ihm sagen; meine Predigt, Zeichen und -Wunder bekräftigen es: und zur Seligkeit kommt, wer sich nicht an mir -ärgert, d. h. wer in der vormessianischen Drangsal zu mir steht. - -Am eindringlichsten aber ergeht das Wort von der schweren Zeit an die, -welche sich auf die Predigt der Jünger hin in gläubiger Reichserwartung -um ihn versammelt haben. Bei einbrechender Dämmerung hat er mit ihnen -das grosse Abendmahl am See gefeiert. Als der, welcher sich als Messias -weiss, hat er ihnen feierlich Speise dargereicht und sie damit, ohne -dass sie es ahnen, zu Teilnehmern am messianischen Mahle geweiht. Am -folgenden Morgen aber ruft er sie zu Bethsaida um sich und ermahnt sie -zur Hingabe des Lebens in der Drangsal. Wer sich seiner und seiner -Worte schämt in der Erniedrigung, welche durch die ehebrecherische -und sündige Welt über ihn kommen wird, den wird auch der Menschensohn -nicht anerkennen, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters, von seinen -Engeln umgeben, erscheinen wird (Mk 8 _-35-38-_). - - -2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode. - -_=Der Leidensgedanke gehört also von Anfang an zur Verkündigung -Jesu.=_ In der Enddrangsal sollten sie mit ihm durch Leiden hindurch -der Herrlichkeit entgegengehen: so verstanden ihn seine Zuhörer. Nur -wussten sie nicht, dass der, mit welchem sie leiden sollten, als -Messias geoffenbart werden würde. - -In Jesu messianischem Selbstbewusstsein bekam nun der Leidensgedanke, -auf ihn bezogen, eine geheimnisvolle Bedeutung. Die Messianität, welche -ihm in der Taufe aufging, war nicht ein Besitz, ein Gegenstand der -Erwartung, sondern in der eschatologischen Vorstellung war von selbst -gegeben, dass er durch Leiden hindurch in der Bewährung werden müsse, -was er der Bestimmung nach war. _=Sein Messianitätsbewusstsein war -nie ohne Leidensgedanke!=_ Das Leiden ist der Weg zur Offenbarung der -Messianität! - -Was er in diesem Aeon lebte, das stellte das verborgene Wirken und -Werden des Messias dar. Dabei war aber das Leiden vorgesehen. Es war -jüdische Lehre, dass der Messias voll von Züchtigungsleiden sein müsse: -denn die Leiden sind nötig, um ein vollendeter Gerechter zu werden -(WEBER S. 343). - -Dieses Messianitätsbewusstsein Jesu zeigt dieselbe sittliche -Vertiefung wie seine Eschatologie. In der gewohnten Modernisierung -desselben wird vorausgesetzt, dass er den grössten Teil seiner -Wirksamkeit nicht ans Leiden dachte, sondern dass erst die -hämische Feindschaft der Schriftgelehrten ihm diesen Gedanken -aufnötigte. So bekommt seine Messianität in der ersten Periode einen -_=ethisch-idyllischen=_, in der zweiten einen _=modern-resignierten=_ -Charakter. Das historisch-eschatologische Bild ist aber lebendiger, -tiefer und sittlicher zugleich. Jesus hat sich hinsichtlich seines -Messianitätsbewusstseins nicht »entwickelt« durch Aufnahme des -Leidensgedankens. Von Anfang an weiss er sich als Messias, nur insofern -er entschlossen ist, durch das Leiden zur Vollendung geläutert zu -werden. Als der, welcher einst im neuen Aeon herrschen soll, muss er -zuvor in die Gewalt der widergöttlichen Macht gegeben werden, _=um sich -dort zur göttlichen Herrschaft zu bewähren=_. Aus diesem messianischen -Selbstbewusstsein heraus beschwört er die um ihn sind, dass sie bei -ihm aushalten, damit er sie als die Seinen anerkennen kann, wenn die -Herrlichkeit anbricht. So beherrscht der thätige ethische Zug, der -die Tiefe des Geheimnisses des Reiches Gottes ausmacht, auch das -Messianitätsgeheimnis. - -Das geschichtliche Problem stellt sich nun so: In der ersten Periode -hat Jesus viel häufiger, und zwar öffentlich, den Leidensgedanken -ausgesprochen als in der zweiten. Jede grössere Rede schliesst mit -einem solchen Hinweis. Den Seinen war der Gedanke vertraut, ihn in der -Drangsal erniedrigt zu sehen. Dennoch aber bedeutet die Eröffnung zu -Cäsarea Philippi für die Jünger etwas Neues und ist es thatsächlich -auch. Es handelt sich dort nämlich nicht mehr um ein Leiden des -_=machtvollen Reichspredigers=_ mit den Seinen in der Enddrangsal, -sondern derjenige, welcher _=Messias=_ sein wird, leidet. Dieses -Leiden aber verläuft nicht mehr _=in der allgemeinen Enddrangsal=_, -sondern Jesus _=leidet allein=_ und zwar handelt es sich um ein _=rein -irdisch-geschichtliches Ereignis=_. Er wird dem hohen Rat überantwortet -und von diesem zum Tode verurteilt! Das war das Neue, was den Jüngern -ein Geheimnis blieb. - - -3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht. - -In dem Leidensgedanken zeigt sich ein eigentümliches Schwanken. -Einmal erscheint der Tod als absolute Notwendigkeit; dann wieder, z. -B. in Gethsemane, kennt Jesus doch wieder eine Möglichkeit, dass ihm -das Leiden erspart bleiben kann. Nun besteht aber der Leidensgedanke -ohne Rücksicht auf irdischen Erfolg oder Misserfolg. Also darf auch -das Schwanken damit nicht in Verbindung gesetzt werden. Als Jesus -nach Jerusalem zog, um zu leiden, da hegte er nicht in einem Winkel -seines Herzens den Gedanken, dass Gott durch seine Allmacht dennoch -vielleicht den Gang zum Siegesgang machen könnte und er durch ihn über -die Pharisäer und den hohen Rat triumphieren könnte. Das wäre nach -seinem Empfinden »menschlich« gedacht gewesen. Denn er kann in Sachen -des Reiches Gottes nicht den Widerstand der Schriftgelehrten und die -göttliche Allmacht gegeneinandersetzen: es handelte sich ja um ein -göttliches Drama, in welchem sie nur Statisten mit zugewiesener aktiver -Rolle waren, wie die Lanzknechte, welche ihn auf ihr Geheiss griffen. -_=Das Schwanken muss also in dem göttlichen Willen selbst begründet -sein.=_ - -Es ist das Spezifische in der Anschauung Jesu, dass der göttliche -Wille einerseits zwar die Ereignisse des messianischen Dramas vorher -planmässig in der bekannten Form bestimmt, andererseits demselben -wieder frei gegenübersteht. Durch den einmal festgelegten messianischen -Schematismus ist die dahinterstehende göttliche Allmacht in keiner -Weise gebunden! Sie kennt überhaupt keine Bestimmungen. - -Von dieser Allmacht erwartet Jesus z. B., dass sie auch diejenigen, -welche wegen ihres Verhaltens die Zugehörigkeit zum Reich verwirkt -haben, dennoch in den seligen Zustand aufnehmen könne. Nach den -geltenden Bestimmungen ist es zwar unmöglich, dass die Reichen zum -Leben eingehen können. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich (Mk 10 -_-27-_). - -Es gilt der Satz: Wer mit dem zukünftigen Messias herrschen will, muss -mit Jesus leiden. Aber er wagt es doch nicht, den beiden Intimen, -Jakobus und Johannes, die Thronplätze zu versprechen, obwohl er ihnen -zutraut, dass sie sein Leiden teilen werden. Er könnte damit Gottes -Allmacht vorgreifen (Mk 10 _-35-40-_). - -So liegt auch die Enddrangsal zwar in dem göttlich bestimmten Verlauf -des messianischen Dramas. Aber es steht in Gottes unbeschränkter -Allmacht, dass er sie _=ausschalte=_ und das Reich ohne diese -Prüfungszeit anbrechen lasse. Darum dürfen die Menschen Gott darum -bitten, er möge jene schweren Stunden der Bewährung vorübergehen -lassen. Jesus weist sie dazu an in demselben Gebet, wo er sie um das -kommende Reich bitten lehrt. Man erfleht den Endzustand, in welchem -sein Name geheiligt wird und sein Wille auf Erden geschieht wie im -Himmel; aber zugleich bittet man ihn, er möge die Menschen nicht in -»die Versuchung« führen, sie nicht in die Gewalt des Bösen geben, -sie nicht nötigen, ihre Sünden durch das Beharren in der Enddrangsal -zu sühnen: sondern sie durch seine Allmacht der Gewalt des Bösen -entreissen, wenn sich die widergöttliche Welt zum letztenmal aufbäumt -beim Kommen des Reiches, um das sie beten. Das ist der innere -Zusammenhang der letzten drei Bitten des Vaterunsers. - -Das Herrengebet trägt also in den drei ersten und den drei letzten -Bitten rein eschatologischen Charakter. Wir haben denselben Kontrast -wie in den Seligpreisungen, der Aussendungsrede, der Botschaft an den -Täufer und den Scenen bei Bethsaida. Zuerst handelt es sich um das -Kommen des Reichs, dann um die Enddrangsal. Aus dem Herrengebet ersehen -wir aber, dass es dafür keine absolute Notwendigkeit gibt, sondern dass -sie nur relativ in Gottes Allmachtswillen bedingt ist. - -Sie stellt nämlich die höchste Form der Busse auf das Gottesreich hin -dar. Wer sich darin bewährt, der leistet Sühne für seine Vergehungen -im widergöttlichen Aeon. Unter Kampf und Leiden ringt man sich von ihr -los, um Träger des göttlichen Willens im Gottesreich zu sein. Das ist -kollektivistisch zu denken. Die reichsgläubige Gemeinschaft als solche -leistet die Sühne. Der Einzelne vollendet und bewährt sich darin. So -ist es Gottes Wille. Jesus aber betet mit ihnen zu Gott, er möge in -seiner Allmacht ihnen die Schuld ohne Sühne vergeben, wie sie ihren -Schuldnern vergeben. Das will heissen: sühneloses, reines Erlassen. -Er möge sie nicht durch die »Versuchung« hindurchführen, sondern sie -geradewegs der Weltmacht entreissen. - -Nur so versteht man, wie Jesus in seinem Wirken Sündenvergebung -voraussetzt und doch hier darum besonders bittet, und wie er von einer -Versuchung redet, die _=von Gott=_ kommt. Es handelt sich eben um den -allgemeinen _=messianischen Schulderlass=_ und um die _=messianische -Drangsalsversuchung=_. Darum bilden diese Bitten den Beschluss des -Reichsgebets. - -Was er hier mit der Allgemeinheit bittet, das erfleht er für sich, als -die Stunde für ihn gekommen. In Gethsemane fällt er vor Gott nieder. -In ergreifendem Gebet beruft er sich auf Gottes Allmacht: Abba, Vater, -alles ist dir möglich (Mk 14 _-36-_). Er möge den Leidenskelch an -seinen Lippen vorüberführen, ohne dass er davon kosten muss. Auch die -schlafenden Intimen rüttelt er auf, sie sollen wach bleiben und zu Gott -beten, dass er ihnen die Versuchung ersparen möge, denn das Fleisch ist -schwach. - - -4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode. - -Mit der Offenbarung zu Cäsarea Philippi hören alle Hinweise auf, dass -die Gläubigen mit ihm durch Drangsal müssen. Dem Geheimnis zufolge, das -er den Jüngern mitteilt, _=leidet nur er allein=_. In Jerusalem richtet -er weder an das Volk noch an die Jünger ein eindringliches Wort von der -Leidensnachfolge. Ja, er nimmt geradezu zurück, was er früher gesagt. -Am Morgen nach dem Abendmahl am See hatte er die Seligkeit derer, -welche er zum messianischen Mahl geweiht, davon abhängig gemacht, -dass sie ihm ins Leiden nachfolgen. Den Teilnehmern des Abendmahls zu -Jerusalem sagt er gelassen voraus, _=dass sie sich in der Nacht alle -an ihm »ärgern« werden!=_ Er knüpft auch keine Verdammnis daran -- -_=denn es ist in der Schrift also bestimmt!=_ Steht nicht geschrieben: -»ich werde den Hirten schlagen und die Schafe werden sich zerstreuen?« -Darum, wenn sie sich auch an ihm ärgern, wenn sie ihn auch verlassen, -in seiner Herrlichkeit wird er sie doch um sich sammeln und als Messias --- denn das ist er als Auferstandener -- vor ihnen herziehen nach -Galiläa (Mk 14 _-26-28-_). - -Was er früher von allen gefordert, das mutet er jetzt nicht einmal -dem zu, der sich vermisst, allein bei ihm auszuhalten. »Ehe der Hahn -zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen«, sagt er zu Petrus (Mk -14 _-29-31-_). - -Diese Wandlung muss mit der Form, welche der Leidensgedanke in der -zweiten Periode annimmt, zusammenhängen. Es muss eine Veränderung -in der Vorstellung von der Enddrangsal eingetreten sein. Die andern -sind von der Bewährung befreit, Jesus leidet allein, und zwar besteht -die Erniedrigung in dem Tod, welchen die Schriftgelehrten über ihn -verhängen. Darin wirkt sich jetzt die Enddrangsal aus. Seine Gläubigen -bleiben verschont. _=Er leidet für sie, denn er gibt sein Leben hin als -eine Sühne für viele.=_ - -Wie ihm dieses Geheimnis aufgegangen nach der Aussendung in den Tagen -der Einsamkeit, darüber hat er sich nicht geäussert. Die Form des -Leidensgeheimnisses aber zeigt, dass zwei Erlebnisse auf ihn eingewirkt -haben. - -_=Zunächst der Tod des Täufers.=_ Jener war für ihn der Elias. Wenn -er von Menschenhand vor der messianischen Aera getötet wurde, so war -das Gottes Wille und deshalb in dem messianischen Drama vorgesehen. Das -geschah, während die Jünger fort waren. Seine Botschaft hat den Täufer -vielleicht nicht mehr erreicht. Darüber muss er nun ins Klare kommen. -Deshalb will er sich mit den Seinen in die Einsamkeit zurückziehen. - -Wie sehr ihn der Gedanke des Todes des Vorläufers beschäftigte, ersieht -man aus dem Gespräch nach der Offenbarung an die Intimen. Es war in -der Schrift bestimmt, dass der Elias so von Menschenhand umkomme. So -steht auch über den Menschensohn geschrieben, dass er viel leiden und -verworfen werden müsse (Mk 9 _-12-13-_). - -Bisher hatte er nur in allgemeinen Zügen von der Enddrangsal als einem -Ereignis der Endzeit geredet. Nun hat sie sich aber als _=historisches -Ereignis=_ an dem Vorläufer vollzogen. Das ist ein Fingerzeig, wie sie -sich an ihm selbst vollziehen wird. - -Dieser Fingerzeig kam gerade zu der Zeit, als er durch die Ereignisse -zum Nachdenken über die Enddrangsal gezwungen wurde. Nach der Rückkehr -der Jünger hatte er dieselbe für die allernächste Zeit erwartet. Sie -blieb aber aus. Noch mehr: damit blieb auch das Reich aus! Bei der -Aussendung hatte er den Jüngern gesagt, sie würden auf dem Weg von den -anbrechenden Wehen überrascht. Die Erscheinung des Menschensohnes würde -statthaben, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären: -- und sie -waren zurückgekehrt, ohne dass die Wehen begonnen hatten und das Reich -angebrochen war. - -Die Kunde, mit der sie zu ihm zurückkehrten, zeigte aber, dass alles -bereit war. Schon war die gottwidrige Macht gebrochen, denn sonst -wären ihnen die unsauberen Geister nicht unterthan gewesen. Das Reich -war herbeigenötigt durch die Busse seit den Tagen des Täufers. Auch -hier war das Mass voll; das zeigte die Menge, die sich in gläubiger -Erwartung um ihn scharte. So war alles bereitet -- und doch kam das -Reich nicht! _=Die Verzögerung des eschatologischen Kommens des -Reiches, das war das grosse Erlebnis, welches ihn damals immer wieder -in die Einsamkeit trieb, ob er sich Klarheit darüber erränge.=_ - -Ehe das Reich kommen konnte, musste die Drangsal eintreffen. Sie blieb -aber aus. Man musste sie also herbeiführen, um so das Gottesreich -herbeizunötigen. Busse und Knechtung der widergöttlichen Macht -thaten es nicht allein, sondern es musste noch ein Stärkerer zu den -Gewaltthätigen hinzutreten: der zukünftige Messias, _=der an sich die -Enddrangsal heraufführte=_ in der Form, wie sie sich schon an dem -Elias erfüllt hatte. So geht das Geheimnis des Reiches Gottes in das -Geheimnis des Leidensgedankens über. - -Die Vorstellung der Enddrangsal enthielt den Gedanken der Sühne und der -Läuterung. Alle die, welche für das Reich bestimmt waren, mussten in -der Standhaftigkeit gegen die sich zum letztenmal aufbäumende Weltmacht -die Vergebung der im weltlichen Aeon begangenen Schuld erringen. Denn -durch diese Schuld waren sie der widergöttlichen Macht noch verfallen. -Sie bildete ein Gegengewicht, welches das Kommen des Reiches aufhielt. - -Nun führte aber Gott die Drangsal nicht herauf. Und doch musste die -Sühne geleistet werden. Da ging es Jesus auf, dass er als zukünftiger -Menschensohn _=die Sühne an sich vollziehen müsse=_. Derjenige, -welcher einst als Messias über die Gläubigen herrschen wird, der -erniedrigt sich jetzt unter sie und dient ihnen, indem er sein Leben -zur Sühne für viele dahingibt, damit das Reich für sie anbreche. -Das ist seine Mission in dem Zustand, welcher seiner überirdischen -Herrlichkeit vorausgeht. »Dazu ist er gekommen« (Mk 10 _-45-_). Er -muss leiden für die Sünden derer, welche zu seinem Reich bestimmt -sind. Um dies auszuführen, zieht er hinauf nach Jerusalem, dass er -dort von der Obrigkeit zu Tode gebracht werde, wie der Elias, der ihm -vorangegangen, durch des Königs Henker umkam. _=Das ist das Geheimnis -des Leidensgedankens.=_ Jesus ist wirklich für die Sünden der Menschen -gestorben, wenn auch in einem andern Sinn, als es die ANSELM'sche -Theorie annimmt. - - -5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt. - -»Wie steht geschrieben über den Menschensohn? Dass er viel leiden -muss und verachtet werden« (Mk 9 _-12-_). _=Die neue Form des -Leidensgedankens stammt aus der Schrift.=_ In dem Bild des leidenden -Gottesknechtes erkannte Jesus sich wieder. Dort fand er seinen -Leidensberuf vorgebildet. - -Um aber zu verstehen, wie ihm sein Geheimnis aus der Schrift erstand, -muss man das Bild des leidenden Gottesknechtes in den grossen -Rahmen stellen, in welchem es erscheint. Der modern-historische -Lösungsversuch vermag dies nicht. Er beschränkt sich auf den Gedanken -der dienenden Dahingabe. Sobald man es aber einmal erfasst hat, dass -Jesu Leidensgedanke eschatologisch war, dann sieht man auch, in welchem -grossen Zusammenhang die Erscheinung des leidenden Gottesknechtes -für ihn stehen musste. Darnach war Jes 40-66 nichts anderes, als die -_=weissagende Darstellung der Ereignisse der Endzeit=_, in denen er -sich mitten drin wusste. - -Die Schrift hebt an mit der Verkündigung, dass die Gottesherrschaft -nahe ist. Der Wegbereiter tritt auf. Er ruft, dass das Irdische -vergeht, wenn der Herr, Lohn und Vergeltung austeilend, in seiner -Herrlichkeit erscheint. Die Zeit bricht an, wo er seine Herde sammelt -und den Friedenszustand heraufführt (Jes 40 _-1-11-_). - -Der Auserwählte ist da. Er verkündet die Gerechtigkeit in Wahrheit. -Gott hat seinen Geist auf ihn gelegt (Jes 42 _-1-_ ff.). Er soll das -Recht gründen auf Erden; die Gestade harren auf seine Lehre. Bevor aber -die Herrlichkeit anbricht und der Träger des göttlichen Geistes in -Kraft und Gerechtigkeit über die Völker regieret, muss er durch einen -Zustand der Erniedrigung hindurch. - -Die andern verstehen nicht, warum er geschmäht wird. Sie meinen, -Gott habe ihn verstossen und wissen nicht, dass er ihre Krankheiten -trägt, durchbohrt wird ob ihrer Vergehen und zerschlagen ist ob ihrer -Verschuldung. Der Gequälte ist demütig und öffnet seinen Mund nicht. Ob -der Vergehen des Volks wird er zu Tode getroffen. Dann wird ihn aber -der Herr verherrlichen. Vom Mutterleib hat er ihn dazu berufen. Er ist -bestimmt, Jakob zurückzuführen und Israel zu erretten. Das Licht der -Völker soll er werden, damit die Rettung Gottes sei bis ans Ende der -Welt (Jes 49 _-1-_ ff., 52 _-12-_ ff., 53 _-1-_ ff.) - -Auf die Schilderung der Leiden des Gottesknechtes folgt die -Beschreibung des Gerichts über die ganze Welt und Israel (Jes 54-65). -Am Ende aber bricht die Herrlichkeit Gottes hervor. Er thront über dem -neugeschaffenen Himmel und über der neugeschaffenen Erde (Jes 65 u. -66). Wenn das Gericht vollzogen ist, dann bricht der Jubel an, denn -die Seligen aus der ganzen Welt, aus allen Geschlechtern und Nationen, -werden sich um ihn sammeln und ihm Verehrung darbringen. - -Man muss die dramatische Einheit in diesen Kapiteln erfassen, um -mit einer Persönlichkeit mitempfinden zu können, welche hier den -geheimnisvollen Hinweis auf die Dinge der Endzeit suchte. _=Damit geht -Jesu Leidensgedanke vollständig in dem deuterojesaianischen auf.=_ -Wie der Knecht Gottes, ist auch er zum Herrschen in Herrlichkeit -bestimmt. Aber zuerst tritt er still und unerkannt als Verkündiger -auf, der Gerechtigkeit wirket. Dabei muss er durch das Leid und die -Erniedrigung hindurch, ehe Gott den herrlichen Endzustand anbrechen -lässt. Was er erduldet, ist eine Sühne für die Schuld der andern. Dies -ist ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. Die andern können und brauchen -es nicht zu verstehen, _=denn wenn die Herrlichkeit anbricht, dann -werden sie erkennen, dass er für sie gelitten hat=_. Darum brauchte und -durfte Jesus dem Volk und den Jüngern sein Leiden nicht erklären. Es -musste ein Geheimnis bleiben: so stand es in der Schrift. Auch denen, -welchen er das Kommende voraussagte, sprach er es nur als Geheimnis -aus. Bei seinem Erscheinen als Menschensohn musste ihnen die Binde von -den Augen fallen. In der Herrlichkeit des Reiches erkennen sie dann, -dass er gelitten, damit sie verschont würden und Friede hätten. Dieses -Geheimnis ist nur retrospektiv von der erreichten Herrlichkeit aus -erfassbar. - -Darum macht es nichts, wenn die Seinen sich in seiner Erniedrigung -von ihm abwenden und die Menschen an ihm irre werden, als ob Gott -ihn züchtigte. Die Schrift rechnet es ihnen nicht zum Frevel an, -sondern sie hat es also bestimmt. So heisst es in dem Augenblick, wo -ihm das Leidensgeheimnis aus der Schrift aufgeht, nicht mehr: wer in -der Erniedrigung sich meiner schämt, der ist verdammt, sondern: ihr -werdet euch alle an mir ärgern -- wobei er weiss, dass sie bei der -Auferstehung um ihn versammelt sein werden. - -_=Unter dem Einfluss von Deuterojesaia hat sich also der Gedanke der -allgemeinen Enddrangsal in das persönliche Leidensgeheimnis Jesu -umgesetzt.=_ - - -6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis. - -An dem innersten Grundzug des Leidensgedankens ist durch das -Leidensgeheimnis der zweiten Epoche nichts verändert worden. Für Jesus -bleibt das Leiden auch in dieser Form vor allem die sittliche Bewährung -der Würde, die ihm bestimmt ist. - -Die Drangsal trägt jetzt aber die konkreten Züge eines bestimmten -Ereignisses. _=Aus dem messianischen Enddrama zieht er sie gleichsam in -die menschliche Geschichte herunter.=_ Darin liegt etwas Prophetisches -auf die Zukunft des Christentums: nach seinem Tode löst sich das ganze -messianische Enddrama in menschliche Geschichte auf. Diese Entwicklung -hat mit dem »Leidensgeheimnis« begonnen. - -So kommt es auch, dass das Leidensgeheimnis, verglichen mit dem -Leidensgedanken der ersten Periode, menschlichere Züge trägt. Es liegt -etwas von mitfühlender Nachsicht in dem Gedanken, dass er für die -Reichsgenossen die Sühne im Leiden leistet, damit ihnen die Bewährung, -in welcher sie vielleicht schwach werden könnten, erspart bleibt. »Und -führe uns nicht in die Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen«: -diese Bitte ist nun in seinem Leiden erfüllt. - -Dieses tief Menschliche tritt besonders in Gethsemane zu Tage. _=Nur -über den drei Intimen schwebt die Möglichkeit, dass sie mit ihm -durch das Leiden und die Versuchung hindurchmüssen.=_ Die Zebedaiden -vermassen sich, um die Anwartschaft auf die Thronplätze zu erwerben, -mit ihm den Leidenskelch zu trinken und mit ihm die Leidenstaufe zu -empfangen -- und er stellte es ihnen in Aussicht (Mk 10 _-38-40-_). -Petrus aber verschwor sich, ihn nicht zu verleugnen; wenn auch alle -zurückwichen, wollte er doch mit ihm sterben (Mk 14 _-31-_). Diese drei -hat er mit sich genommen bis zum Ort hin, wo er betet. Während er zu -Gott fleht, dass der Leidenskelch an ihm vorübergehe, erfasst ihn eine -bangende Angst um die Intimen. Wenn Gott sie nun wirklich mit ihm durch -das Leiden sendet, werden sie bestehen, wie sie es sich zutrauten? -Darum sorgt er sich um sie in der schweren Stunde. Zweimal rafft er -sich auf, weckt sie aus dem Schlaf, dass sie wach bleiben und zu Gott -beten, dass er _=sie=_ nicht in die Versuchung führt, wenn er auch -_=ihm=_ den Kelch nicht erspart; denn der Geist ist willig, aber das -Fleisch ist schwach. _=Das ist vielleicht der ergreifendste Zug in Jesu -Leben.=_ Man hat gewagt, Gethsemane die schwache Stunde Jesu zu nennen: -in Wirklichkeit ist es aber gerade die Stunde, wo seine überweltliche -Grösse in seinem tiefmenschlichen Mitfühlen offenbar wird. - - -7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung der -Perspektive. - -Jesus nahm das Leidensgeheimnis, welches den Genossen des Reiches -offenbar werden sollte, mit sich in den Tod. Das Reich brach aber -nicht an. So erklärt es sich, dass er die Jünger zwar auf sein -Leiden hingewiesen hat, dass sie aber, als das Ereignis eingetreten -war, keine Deutung dafür wussten. Dennoch mussten sie sich -damit auseinandersetzen, indem sie sich die Thatsachen nach den -Andeutungen, die sie im Gedächtnis hatten, zurechtlegten. _=So ist der -Leidensgedanke des Urchristentums viel ärmer als das Leidensgeheimnis -Jesu.=_ - -Die Erklärung konzentrierte sich hauptsächlich auf _=eine=_ Thatsache: -Infolge des Leidens und der Auferstehung von den Toten ist er der -Messias. In diesem Sinne sind das Leiden und die Erhöhung in der -Schrift vorherbestimmt. - -Während das Leidensgeheimnis den Tod in die engste zeitliche und -kausale Verbindung mit dem Anbruch des Reiches setzt, ist für das -Urchristentum das vergangene Ereignis _=als solches=_ Gegenstand der -Erklärung, weil das Reich nicht eingetroffen ist und sich mit dem -zeitlichen auch der ursprüngliche kausale Zusammenhang gelöst hat. - -Nun hatte Jesus in Hinsicht auf seinen Tod auch von Sühne und -Sündenvergebung geredet. Durch die Ereignisse war aber der Gedanke, -den er damit verband, vollständig unmöglich geworden. Die unbestimmte -Mehrheit, welche die Sühne auf sich beziehen sollte in der Erkenntnis, -dass er für sie gelitten, _=war ja noch gar nicht gegeben, denn das -Reich war noch nicht erschienen=_. Von jenem Standort allein aber -konnte man es erfassen, dass er für die Genossen die Drangsalssühne -geleistet habe. - -In der Zwischenzeit lagen die Dinge ganz anders: an Stelle der »vielen« -waren »die Gläubigen« getreten. Die, welche an die Messianität -Jesu glauben, haben Sündenvergebung: dieser Satz bildete, wie -die Pfingstpredigt zeigt, einen Bestandteil der urapostolischen -Verkündigung (Akt 2 _-38-_). Inwiefern man aber dadurch Sündenvergebung -hatte, darin bestand das Problem. Dieses war aber historisch unlösbar, -denn die Sündenvergebung des Leidensgeheimnisses ging nicht auf die an -_=Jesus-Christus=_ Gläubigen, sondern auf die Reichsgenossen. Mögen -daher alle Erklärungen der Bedeutung des Leidens von Paulus bis auf -RITSCHL jede für ihre Zeit religiös noch so wahr und tief sein: den -Gedanken Jesu können sie unmöglich erfassen, weil sie von einer ganz -andern Voraussetzung ausgehen. - -Da nun aber doch alle sich geschichtlich legitimieren wollten, so -erlebt man das merkwürdige Schauspiel, dass Jesu die verschiedensten -Deutungen seines Leidens in den Mund gelegt wurden, _=von denen -aber keine auch nur annähernd erklären kann, wie aus einer solchen -Anschauung die urchristlich-apostolische Wertung des Todes -hervorgehen konnte=_. Das zeigt sich auch bei dem modern-historischen -Lösungsversuch. Wenn Jesus seinen Jüngern die ethische Bedeutung seines -Todes verständlich machte, warum beschränkt sich die urchristliche -Leidenserklärung auf die Schriftgemässheit des Leidens und auf die -»Sündenvergebung«? - -Auf diese Frage bleibt der modern-historische Lösungsversuch die -Antwort schuldig. Der eschatologisch-historische hingegen vermag die -_=notwendige Verkümmerung=_ des Leidensgedankens Jesu im Urchristentum -_=perspektivisch zu berechnen=_. Er weist nach, welche Momente des -Leidensgeheimnisses nach dem Tod allein noch zu Recht bestehen konnten. -Weil er die urchristliche Deutung in dem Zusammenhang mit dem Gedanken -Jesu erfasst, darum ist der eschatologisch-historische Lösungsversuch -der richtige. - -Die Aufhebung des kausalen Zusammenhangs zwischen dem Tod Jesu und -der Realisierung des Reichs war für die urchristliche Eschatologie -verhängnisvoll. Mit dem Leidensgeheimnis ging auch das Geheimnis des -Reiches Gottes unter. Das bedeutet aber nichts anderes, als dass die -Eschatologie gerade den spezifisch »christlichen« Charakter, den -Jesus ihr gegeben hatte, verliert. Das ethisch-thätige Moment, durch -welches sie versittlicht wurde, fällt weg. _=So ist die urchristliche -Eschatologie durch Jesu Tod »entchristlicht«.=_ Dadurch sinkt sie -wieder auf das Niveau der zeitgenössisch-jüdischen herunter. Das Reich -ist wieder Gegenstand reiner Erwartung! Dass die sittliche Umkehr aktiv -auf sein Kommen einwirkt: dieses Geheimnis war mit Jesus ins Grab -gesunken. Jetzt that man Busse und leistete die sittliche Erneuerung in -Erwartung des Gottesreichs, _=wie zu des Täufers Zeit=_. - -Diese Entchristlichung tritt gerade in der Frage der Enddrangsal zu -Tage. Nach dem Leidensgedanken der ersten Periode sollten die Gläubigen -mit dem zukünftigen Messias leiden; nach dem der zweiten wollte er die -Drangsal für sie erdulden. Im Urchristentum erwarten die Gläubigen -die Drangsal _=vor dem Erscheinen des Messias=_, wie es in der -zeitgenössischen Vorstellung der Fall war. Denn Jesu Leidensgeheimnis -war ihnen nicht bekannt. Darum gehören ihnen die jüdischen Apokalypsen -gerade wie den andern Juden, nur mit dem Unterschied, dass der -gekreuzigte Jesus der erscheinende Messias sein soll. Nur durch -die _=Person=_ Jesu war die urchristliche Eschatologie also noch -»christlich«, nicht mehr durch seinen _=Geist=_, wie es im Geheimnis -des Reiches Gottes und im Leidensgeheimnis der Fall gewesen war. - -Darnach muss man »die synoptische Apokalypse« (Mk 13) beurteilen. Mögen -auch einzelne eschatologische Sprüche darin von Jesus stammen, die Rede -als solche ist notwendig unhistorisch. _=Sie zeigt die Perspektive -der Zeit nach dem Tode.=_ In den jerusalemitischen Tagen konnte Jesus -von keiner allgemeinen Enddrangsal vor dem Kommen des Menschensohnes -reden. Die synoptische Apokalypse steht in direktem Widerspruch zu -dem Leidensgeheimnis, da dieses ja die allgemeine Enddrangsal gerade -aufhebt. Sie ist also unhistorisch. Apokalyptische Reden mit Hinweis -auf die Enddrangsal gehören in die galiläische Periode zur Zeit der -Aussendung. _=Die Aussendungsrede ist die historische synoptische -Apokalypse.=_ Von einer Drangsal nach seinem Tod hat Jesus den Seinen -nie etwas gesagt, denn sie lag ausserhalb seines Gesichtskreises. - -Mit dem Tod, gerade durch denselben, war also die Eschatologie, -obwohl die urchristliche Gemeinde noch ganz darin lebte, thatsächlich -abgethan. Sie war bestimmt, aus der christlichen Weltanschauung -hinausgedrängt zu werden, denn sie war »entchristlicht«, weil sie mit -dem Geheimnis des Reiches Gottes und des Leidensgedankens das innere -ethische Leben eingebüsst hatte, welches ihr durch Jesus eingehaucht -worden war. Ein Baum, der mitten in der Blütenpracht an der Wurzel -getroffen wird -- so war es ihr Schicksal, abzuwelken und zu verdorren, -wenn man es vorerst auch noch nicht merkte, dass sie dem Untergang -geweiht war. _=Indem die Geschichte in der Folgezeit zwangsweise -eine uneschatologische christliche Weltanschauung schuf, hat sie nur -vollzogen, was in dem Gesetz der Dinge mit Jesu Tod schon bestimmt -war.=_ - -Jesu Tod das Ende der Eschatologie! Der Messias, der es auf Erden -nicht war, das Ende der messianischen Erwartung! Die Weltauffassung, -in der er lebte und predigte, war eschatologisch; die »christliche -Weltauffassung«, die er durch seinen Tod begründet, führt die -Menschheit für immer über die Eschatologie hinaus! Das ist das grosse -Geheimnis in der christlichen Heilsökonomie. - -Für ihn und die Seinen war sein Tod, gemäss der eschatologischen -Weltanschauung, nur eine _=Uebergangsthatsache=_. Sobald aber das -Ereignis eingetreten war, wurde es die bleibende _=Centralthatsache=_, -auf der sich die neue uneschatologische Weltauffassung aufbaute. Im -Urchristentum waren das Alte und das Neue noch nebeneinander. - -Die Anhänger Jesu glaubten an das Kommen des Reichs, weil seine -machtvolle Persönlichkeit die Kunde bekräftigte. Die Gemeinde nach dem -Tode glaubte an seine Messianität und erwartete das Kommen des Reichs. -Wir glauben, dass in seiner ethisch-religiösen Persönlichkeit, wie sie -sich in seinem Wirken und Leiden offenbart, der Messias und das Reich -gekommen sind. - -Es verhält sich damit wie mit dem Lauf der Sonne. Ihr Glanz bricht -hervor, während sie noch hinter den Bergen steht. Die dunkeln Wolken -röten sich von ihrem Schein und in phantastischen Gebilden spielt -sich der Kampf zwischen Licht und Finsternis ab. Noch ist die Sonne -selbst nicht sichtbar, sondern sie ist nur da, sofern die Helligkeit -von ihr ausgeht. _=Die Sonne hinter dem Morgenrot=_: so erschien -die Persönlichkeit _=Jesu von Nazareth=_ den Zeitgenossen in der -vormessianischen Aera. - -In dem Augenblick, wo der Himmel im intensivsten Kolorit erglüht, -steigt sie über den Horizont auf. Damit aber fängt die Farbenpracht -an langsam abzunehmen. Die phantastischen Gebilde verblassen und -versinken, weil die Sonne selbst die Wolken, in denen sie sich -spiegelt, auflöst. _=Die aufgehende Sonne über dem Horizont=_, so -erschien »_=Jesus Christus=_« der urchristlichen Gemeinde in ihrer -eschatologischen Erwartung. - -_=Die Sonne zur Mittagszeit=_: so erscheint er uns. Wir wissen nichts -von Morgen- und Abendrot, sondern wir sehen nur die weisse Helligkeit, -die alles durchleuchtet. Weil sie aber jetzt für uns in diesem Licht -erstrahlt, dürfen wir uns nicht auch den Sonnenaufgang so vorstellen, -als wäre sie als leuchtende Scheibe in Mittagsklarheit über dem -Horizont aufgestiegen. Unsere moderne Anschauung über den Tod Jesu ist -wahr, in ihrem innersten Wesen wahr, weil sie seine sittlich-religiöse -Persönlichkeit in den Gedanken unserer Zeit wiedergibt. Wenn wir sie -aber so in die Geschichte Jesu und des Urchristentums zurücktragen, -thun wir dasselbe, als wenn wir einen Sonnenaufgang ohne Morgenrot -malen wollten. - -In der wahren historischen Erkenntnis liegt eine befreiende und -fördernde Macht. Unser Glaube baut sich auf der Persönlichkeit -Jesu auf. Zwischen unserer Weltanschauung und derjenigen, in -welcher er lebte und wirkte, liegt aber eine tiefe, wie es scheint, -unüberbrückbare Kluft. Man sah sich deshalb genötigt, _=seine -Persönlichkeit gleichsam aus seiner Weltanschauung herauszureissen=_ -und ihr einen Strich ins Moderne zu geben. - -Dadurch kam aber eine eigentümliche Unlebendigkeit und -Zwitterhaftigkeit in das Bild seiner Person. _=Man erhielt ein -Zwitterwesen, halb modern, halb antik.=_ Mit dem Modernen übertrug -man auch die moderne Psychologie auf ihn, ohne sich immer vollständig -klar zu machen, dass sie nicht auf ihn anwendbar ist und ihn notwendig -verkleinert. Denn sie ist hergenommen von Durchschnittswesen, die aus -Meinungen zusammengeflickt sind und sich nur in stetiger Entwicklung -erfassen und beobachten. _=Jesus ist aber eine übermenschliche -Persönlichkeit aus einem Guss.=_ - -So beruht die moderne Dogmatik auf einer historischen und -psychologischen Gewaltthat, weil sie nicht nachweisen kann, warum -wir das Recht haben, Jesum aus seiner Zeit herauszulösen, seine -Persönlichkeit in unsere modernen Gedanken zu übersetzen und ihn als -»Messias« und »Gottessohn« ausserhalb des jüdischen Rahmens aufzufassen. - -Die wahre geschichtliche Erkenntnis aber gibt der Dogmatik ihre volle -Bewegungsfreiheit wieder! Sie bietet ihr die Persönlichkeit Jesu dar -in einer eschatologischen _=und doch ihrem Wesen nach durch und durch -modernen Weltanschauung=_, weil =er= sie mit seinem gewaltigen Geiste -durchdrungen hat. - -Dieser Jesus ist viel grösser als der modern gedachte: _=er ist -wirklich eine überirdische Persönlichkeit=_. Mit seinem Tode vernichtet -er die Form seiner Weltanschauung, indem seine Eschatologie unmöglich -wird. Damit gibt er allen Geschlechtern und allen Zeiten das Recht, -_=ihn in ihren Gedanken und Vorstellungen zu erfassen, dass sein Geist -ihre Weltanschauung durchdringe, wie er die jüdische Eschatologie -belebte und verklärte=_. - -Darum darf sich die moderne Dogmatik gerade auf Grund der wahren -geschichtlichen Erkenntnis frei bewegen, ohne die immerwährende -kleinliche geschichtliche Rücksichtnahme, welche heutzutage oft zum -Schaden der geschichtlichen Wahrhaftigkeit beobachtet wird. _=Die -Dogmatik soll nicht um einen Pflock grasen. Sie ist frei, denn sie -hat unsere christliche Weltanschauung allein auf die Persönlichkeit -Jesu Christi zu gründen, ohne Rücksicht zu nehmen auf die Form, in -welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte. Er selbst hat ja diese Form -mit seinem Tod zerstört.=_ Die _=Geschichte=_ fordert die Dogmatik zu -dieser _=Ungeschichtlichkeit=_ auf. - -Als Jesus verschieden war, sagte _=der römische Hauptmann=_, »wahrlich, -dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen« (Mk 15 _-39-_). So wird seine -Würde mit dem Augenblick seines Todes frei für alle Zungen, für alle -Nationen und für alle Weltanschauungen. - - - - -Zehntes Kapitel. - -Abriss des Lebens Jesu. - - -Das »_=Leben Jesu=_« beschränkt sich auf die letzten Monate seines -Daseins. Zur Zeit der Sommeraussaat trat er auf und starb am Kreuz zu -Ostern des folgenden Jahres. - -Seine öffentliche Wirksamkeit zählt nach _=Wochen=_. Die erste Periode -reicht von der Aussaat bis in die Erntezeit; die zweite umfasst die -Tage des Auftretens zu Jerusalem. Den Herbst und den Winter verbrachte -er auf heidnischem Gebiet, allein mit seinen Jüngern. - -Vor ihm war der Täufer aufgetreten und hatte mit Nachdruck auf die -Nähe des Reiches und die vormessianische Erscheinung des gewaltigen -Vorläufers hingewiesen, mit dessen Auftreten die Geistesausgiessung -statthaben sollte. Nach Joël war dies, mit andern Wundern, das Zeichen, -dass der Gerichtstag unmittelbar bevorstand. Johannes selbst hielt sich -nie für diesen Vorläufer; auch das Volk kam nicht auf diesen Gedanken, -_=denn er hatte die Zeit der Wunder nicht heraufgeführt=_. Er sei ein -Prophet: das war die allgemeine Meinung. - -Ueber Jesu frühere Entwicklung wissen wir nichts. Alles liegt im -Dunkeln. Nur eines steht fest: Während der Taufe ging ihm das Geheimnis -seines Daseins auf, dass er nämlich derjenige sei, den _=Gott=_ zum -Messias bestimmt hatte. _=Mit dieser Offenbarung ist er fertig; eine -Entwicklung hat er nicht mehr durchgemacht.=_ Denn nun stand ihm fest, -dass er bis zum nahen Anbrechen der messianischen Aera, wo seine -Würde ihm in Herrlichkeit zufiel, als der unerkannte und verborgene -Messias auf das Reich hin zu wirken habe und sich mit den Seinen in der -Enddrangsal bewähren und läutern müsse. - -_=Der Leidensgedanke war also mit dem Messianitätsbewusstsein -selbst gegeben, wie mit der Reichserwartung die Vorstellung der -vormessianischen Drangsal unlösbar zusammenhängt.=_ Irdische Ereignisse -konnten Jesu Werdegang nicht beeinflussen. _=Durch sein Geheimnis stand -er über der Welt=_, wenn er auch jetzt noch als Mensch unter Menschen -wandelte. - -Sein Auftreten und seine Verkündigung gehen nur auf die Reichsnähe. -Seine Predigt ist die des Johannes, nur dass er sie durch Zeichen -bekräftigt. Obwohl sein Geheimnis seine ganze Verkündigung beherrscht, -darf niemand darum wissen, denn er muss unerkannt bleiben, bis der neue -Aeon anbricht. - -Wie sein Geheimnis, so ist auch seine ganze Ethik durch das »jetzt und -dann« beherrscht. Es handelt sich um die Busse auf das Reich Gottes -hin und den Erwerb der Gerechtigkeit, welche dazu befähigt: _=denn nur -die Gerechten ererben das Reich=_. Diese Gerechtigkeit ist höher als -die des Gesetzes, denn er weiss, dass das Gesetz und die Propheten -weissagten bis Johannes: _=mit dem Täufer aber befindet man sich in der -Vorläuferperiode unmittelbar vor dem Reichsanbruch=_. - -Darum muss er, als künftiger Messias, jene höhere Sittlichkeit -verkünden und wirken. Die geistig Armen, die Sanftmütigen, die da Leid -tragen, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten, die Mitleidigen, -die reinen Herzens sind, die Friedfertigen: _=diese alle sind selig, -weil sie in dieser Eigenschaft zum Reich bestimmt sind=_. - -Hinter dieser ethischen Verkündigung steht das Geheimnis des Reiches -Gottes. Was, _=von dem Einzelnen geleistet=_, sittliche Erneuerung in -Vorbereitung auf das Reich ist, das bedeutet, _=von der Gemeinschaft -gewirkt=_, eine Thatsache, durch welche seine Realisierung auf -übernatürliche Weise herbeigeführt wird. So durchdringen sich -Individual- und Sozialethik in dem grossen Geheimnis. Wie die -überreiche Ernte durch Gottes Wundermacht geheimnisvoll auf die -Aussaat folgt, so kommt auch das Reich Gottes auf Grund der sittlichen -Erneuerung durch die Menschen, aber ohne ihr Zuthun. - -In dem Gleichnis ist auch die zeitliche Koïncidenz enthalten. Er sprach -es zur Aussaat und erwartete das Reich zur Erntezeit. _=Die Natur -war Gottes Uhr. Mit der letzten Aussaat hatte er sie zum letztenmal -gestellt.=_ - -Das Geheimnis des Reiches Gottes ist die überirdische Verklärung der -altprophetischen Ethik, in welcher der herrliche Endzustand auch nur -auf Grund der sittlichen Umkehr Israels von Gott heraufgeführt wird. -In souveräner Art vollzieht Jesus die Synthese zwischen Daniel'scher -Apokalyptik und prophetischer Ethik. Es handelt sich bei ihm nicht um -_=eschatologische Ethik=_, sondern seine Weltanschauung ist _=ethische -Eschatologie. Als solche ist sie modern.=_ - -Auch die Zeichen und Wunder fallen unter eine doppelte -Betrachtungsweise. Für das Volk sollen sie nur die Predigt von der -Reichsnähe bekräftigen. Wer jetzt nicht glaubt, dass die Zeit so weit -ist, hat keine Entschuldigung. Die Zeichen und Wunder verdammen ihn, -denn sie bekunden offenbar, dass es mit der widergöttlichen Macht zu -Ende geht. - -Hinter dieser Behauptung steht aber für Jesus das Geheimnis des -Reiches Gottes. Als die Pharisäer die Zeichen selbst der Teufelsmacht -zuschreiben wollten, deutet er in einem Gleichnis das Geheimnis an. -Durch seine Thaten bindet er die widergöttliche Macht, wie man über -einen Starken zuerst herfällt und ihn unschädlich macht, ehe man daran -denken kann, ihm seinen Besitz zu rauben. Darum gibt er den Jüngern bei -der Aussendung zugleich mit dem Predigtauftrag die Vollmacht über die -unreinen Geister. Sie sollen die letzten Streiche führen. - -Als Drittes gehört zur Reichspredigt der Hinweis auf die -vormessianische Drangsal. Die Gläubigen müssen darauf vorbereitet sein, -mit ihm durch jene Zeit der Bewährung hindurchzugehen, wo sie in der -Standhaftigkeit gegen den letzten Ansturm der Weltmacht sich als die -Auserwählten des Gottesreiches erweisen. Auf seine Person hin wird sich -dieser Ansturm konzentrieren; darum muss man bei ihm ausharren bis -zum Tod. Nur das Sein im Gottesreich ist Leben. Der Menschensohn wird -darnach richten, ob sie bei ihm, Jesus, ausgehalten haben oder nicht. -So wendet sich Jesus am Schluss der Seligpreisungen an die Seinen mit -den Worten: »Selig seid ihr, wenn die Menschen euch um meinetwillen -verfolgen«. Die Aussendungsrede wird zu einer Ausführung über die -Drangsal. Das letzte Wort in der Botschaft von der unmittelbaren -Reichsnähe an den Täufer lautet: »Selig ist, wer sich nicht an mir -ärgert.« Die Menge, mit welcher er das Abendmahl am See gefeiert hat, -beschwört er am Morgen zu Bethsaida, bei ihm auszuharren, auch wenn er -ein Gegenstand der Verachtung und des Spotts in der sündigen Welt sein -wird: ihre Seligkeit hängt davon ab. - -Diese Drangsal bedeutet zugleich mit der _=Bewährung=_ auch noch eine -_=Sühne=_. Sie ist im messianischen Drama vorgesehen, weil Gott von -den Reichsgenossen eine Sühne für ihre Vergehungen in diesem Aeon -verlangt. _=Aber er ist allmächtig.=_ In dieser Allmacht bestimmt er -über die Zugehörigkeit zum Reich, über die Stelle, die einer darin -einnimmt, ohne an irgend welche Bestimmung gebunden zu sein. So ist -auch die Notwendigkeit der Enddrangsal im Hinblick auf seine Allmacht -nur relativ. Er kann sie den Menschen erlassen. - -Darauf beziehen sich die drei letzten Bitten des Vaterunsers. Nachdem -Gott angefleht worden, er möge das Reich senden, dass sein Name -geheiligt werde und sein Wille auf Erden geschehe, wie im Himmel, -dürfen die Menschen ihn bitten, ihnen die Vergehungen zu verzeihen und -die »Versuchung« zu ersparen, indem er sie der Gewalt des Bösen direkt -entreisst. - -Dies war der Inhalt von Jesu Verkündigung in der ersten Periode. Er -hielt sich während derselben am nördlichen Ufer des Sees auf. Chorazin, -Bethsaida und Kapernaum waren die Hauptstätten seiner Wirksamkeit. Von -dort unternahm er über den See hin einen Zug in das Gebiet der zehn -Städte und eine Reise nach Nazareth. - -Gerade in den Städten seiner Hauptwirksamkeit stiess er auf Unglauben. -Der Fluch, den er über sie aussprechen muss, bezeugt es. Zudem waren -ihm die Pharisäer aufsässig und suchten ihn gerade wegen seiner Wunder -beim Volk zu diskreditieren. In Nazareth erfuhr er, dass ein Prophet -nichts gilt in seinem Vaterlande. - -So war die galiläische Periode nichts weniger als eine glückliche. -Diese äusseren Misserfolge bedeuteten aber nichts für das Kommen des -Reiches. Die ungläubigen Städte richteten nur sich selbst. Um die -Nähe des Reiches zu ermessen, hatte Jesus andere, geheimnisvolle -Anzeichen. An diesen erkannte er, dass die Zeit da war. _=Darum sandte -er seine Jünger aus, gerade auf dem Rückweg von Nazareth -- denn es war -Erntezeit.=_ - -Durch ihre Predigt und durch ihre Zeichen drang die Kunde von seiner -machtvollen Persönlichkeit überall hin. Jetzt beginnt die Zeit der -Erfolge! Johannes im Gefängnis hörte davon und sandte seine Jünger, sie -sollten ihn fragen, ob er derjenige sei, »welcher kommen sollte«, denn -aus den Wundern schloss er, dass die Zeit des machtvollen Vorläufers, -den er verkündigt hatte, da sei. - -Jesus that Zeichen, seine Jünger hatten Macht über die Geister. Wenn -er vom Gericht sprach, betonte er, dass der Menschensohn mit ihm -solidarisch wäre und nur den anerkännte, der zu ihm, Jesus, gestanden -hätte. Das Volk hielt deshalb dafür, er könne der sein, nach dem man -ausschaute, und der gefangene Täufer wollte darüber Gewissheit haben. - -Jesus kann ihm nicht sagen, wer er ist. »_=Die Zeit ist sehr -vorgeschritten=_« -- das ist der Inhalt seines Bescheids. Nachdem -die Gesandten fort sind, wendet er sich an das Volk und deutet -in geheimnisvoller Rede darauf hin, dass die Stunde schon weiter -vorgerückt sei, als jener in seiner Frage ahnte. Die Vorläuferzeit -hat mit dem Auftreten des Täufers selbst angefangen. Seither wird das -Gottesreich gewaltsam herbeigenötigt. _=Der Frager selbst ist der -Elias, wenn sie es begreifen mögen.=_ - -Die Menschen vermochten es nicht zu fassen, dass der Gefangene der -Elias war. Sie verstanden die Zeit nicht, als er mit seiner Predigt -auftrat. Das liegt aber nicht allein daran, dass jener keine Wunder -that, sondern an der Verstocktheit ihrer Herzen. Unvernünftige Kinder -sind sie, die nicht wissen, was sie wollen. Jetzt ist einer da, der -Zeichen thut -- aber auch dem glauben sie die Nähe des Reiches nicht. -So schliesst der Fluch über Chorazin und Bethsaida die »Würdigungsrede -über den Täufer« ab. - -Die Entsendung der Jünger war die letzte That zur Herbeiführung des -Reiches. Als sie daher zurückkommen, ihm ihren Erfolg künden und -berichten, wie sie Gewalt über die bösen Geister hatten, heisst das für -ihn: _=es ist alles bereit.=_ So erwartet er jetzt den Reichsanbruch -für die unmittelbarste Zukunft, nachdem es ihm schon fraglich gewesen -war, ob die Jünger vor diesem Ereignis zu ihm zurückkehren würden. Er -hatte ihnen ja gesagt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie -ereilen würde, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären. - -Sein Werk ist gethan. Nun verlangt es ihn, sich zu sammeln und mit -den Seinen allein zu sein. Sie besteigen ein Schiff und fahren längs -des Strandes nach Norden zu. Die Menge aber, welche sich auf die -Predigt der Jünger hin um ihn gesammelt hatte, um mit ihm das Reich -zu erwarten, folgt ihnen am Ufer nach und überrascht sie am einsamen -Strand, wo sie gelandet. - -Als es Abend geworden, wollten die Jünger, dass er das Volk entlasse, -damit sie in den umliegenden Flecken Speise zu sich nähmen. Für ihn -ist aber die Stunde zu heilig, um durch ein irdisches Mahl entweiht -zu werden. Bevor er sie daher entlässt, heisst er sie sich lagern und -hält mit ihnen eine Vorfeier des messianischen Mahles. Er, der künftige -Messias, teilt der Gemeinschaft, welche um ihn versammelt ist, um die -Ankunft des Reiches zu erwarten, feierlich Speise aus, indem er sie -damit geheimnisvoll zur Teilnahme an der nahen Vollendungsfeier weiht. -Da sie sein Geheimnis nicht wussten, verstanden sie sein Handeln nicht, -ebensowenig wie die Jünger. Sie begriffen nur, dass es etwas gewaltig -Ernstes bedeutete und machten sich ihre Gedanken darüber. - -Darauf entliess er sie. Den Jüngern befahl er an den Strand von -Bethsaida zu fahren. Er selbst zog sich auf den Berg zum Gebet zurück -und folgte dann längs des Strandes zu Fuss. Als ihnen seine Gestalt -im Dunkel der Nacht erschien, da glaubten sie, unter dem Eindruck -der Feier, wo er in geheimnisvoller Hoheit vor ihnen stand, seine -überirdische Erscheinung nahe sich auf den bewegten Wogen, gegen die -sie zur Landung ankämpften. - -Am Morgen nach dem Abendmahl am See sammelt er Volk und Jünger um sich -zu Bethsaida und vermahnt sie, bei ihm auszuharren und ihn nicht zu -verleugnen in der Erniedrigung. - -Sechs Tage später geht er mit den drei Intimen auf den Berg, wo er -einsam gebetet hatte. Dort wird er ihnen als der Messias geoffenbart. -Auf dem Heimweg verbietet er ihnen, etwas davon zu sagen, bis er bei -der Auferstehung in der Glorie des Menschensohns offenbart würde. -Sie aber vermissen noch die Erscheinung des Elias, der doch kommen -müsse, bevor die Totenauferstehung statt habe. Bei der Würdigungsrede -über den Täufer, wo die geheimnisvolle Andeutung fiel, waren sie -ja nicht zugegen gewesen. Ihnen muss er daher jetzt klar machen, -dass der Enthauptete der Elias war. An seinem Schicksal dürfen sie -keinen Anstoss nehmen, denn also war es bestimmt. Auch der, welcher -Menschensohn sein wird, muss viel leiden und verspottet werden. So will -es die Schrift. - -Das Reich, welches Jesus in unmittelbarer Nähe erwartete, blieb aus. -Für die evangelische Geschichtsüberlieferung war diese _=erste=_ -eschatologische Verzögerung insofern verhängnisvoll, als nun alle -Vorgänge um die Aussendung herum unverständlich wurden, weil das -Bewusstsein verloren ging, dass die intensivste eschatologische -Erwartung damals Jesus und seine Umgebung beseelte. Darum ist gerade -diese Zeit in den Berichten verwirrt und dunkel, besonders da einzelne -Vorgänge auch den damaligen Teilnehmern rätselhaft blieben. So wurde in -der Ueberlieferung das Kultmahl am See zur »wunderbaren Speisung« in -einem ganz andern Sinn, als es Jesus gemeint hatte. - -Auch die Motive seines Verschwindens werden damit unverständlich. -Es scheint sich um eine »Flucht« zu handeln, während andererseits -die Berichte in keiner Weise andeuten, wie es so weit gekommen. -In der Einsicht in die beiden sich entsprechenden Höhepunkte der -eschatologischen Erwartung liegt der Schlüssel zum historischen -Verständnis des Lebens Jesu. _=Während den jerusalemitischen Tagen -kehrt wieder, was in den Tagen zu Bethsaida schon einmal dagewesen.=_ -Ohne diese Annahme klafft zwischen der Aussendung und dem Zug -nach Jerusalem eine Lücke in der evangelischen Ueberlieferung. -Die Geschichtsschreibung sieht sich gezwungen, eine Periode des -galiläischen Niedergangs zu _=erfinden=_, um den Zusammenhang der -berichteten Thatsachen herzustellen, als fehlte hier ein Stück in -unseren Evangelien. _=Das ist der schwache Punkt aller »Leben Jesu«.=_ - -Mit der Rückkehr in die Landschaft Genezareth entzieht sich Jesus den -Pharisäern und dem Volk, um mit seinen Jüngern allein zu sein, wie es -schon seit ihrer Rückkehr von der Missionswanderung sein vergebliches -Bestreben war. Es ist unumgänglich nötig, denn er muss über zwei -messianische Thatsachen ins Klare kommen. - -_=Warum ist der Täufer von seiner Obrigkeit hingerichtet worden, ehe -die messianische Zeit angebrochen?=_ - -_=Warum bleibt das Reich aus, da doch die Anzeichen seines Einbrechens -da sind?=_ - -In der Schrift geht ihm das Geheimnis auf: Gott führt das Reich herauf -_=ohne allgemeine Enddrangsal=_. Derjenige, den er zur Herrschaft in -Herrlichkeit bestimmt hat, vollzieht sie an sich, indem er als ein -Uebelthäter gerichtet und verurteilt wird. Dafür gehen die andern -frei aus: er leistet die Sühne für sie. Mögen sie immerhin glauben, -Gott strafe ihn, mögen sie an dem, welcher ihnen die Gerechtigkeit -gepredigt, irre werden, -- wenn nach seinem Leiden die Herrlichkeit -anbricht, dann werden sie sehen, dass er für sie gelitten. - -So las Jesus im Propheten Jesaia, was Gott über ihn, den Auserwählten, -bestimmt hatte. Das Ende des Täufers zeigte ihm an, in welcher Form ihm -diese Verurteilung beschieden war: er sollte von seiner Obrigkeit vor -allem Volk als ein Missethäter zu Tode gebracht werden. Dazu musste er -hinaufziehen nach Jerusalem für die Zeit, _=da ganz Israel sich dort -versammelte=_. - -Als daher die Zeit zur Osterreise kam, brach er mit seinen Jüngern auf. -Ehe sie von dannen zogen, fragte er sie, für wen er bei den Leuten -gelte. Sie wussten nur zu antworten, dass man ihn für den Elias halte. -Petrus aber, in der Erinnerung an die Offenbarung auf dem Berg bei -Bethsaida, sagt: du bist der Gottessohn. Daraufhin thut ihnen Jesus -sein Geheimnis kund. Gewiss, er ist der, welcher als Menschensohn -bei der Auferstehung geoffenbart werden wird. Vorher aber ist ihm -bestimmt, den Hohenpriestern und Aeltesten zur Verurteilung und zum -Tod überantwortet zu werden. Gott will es also. Darum ziehen sie nach -Jerusalem. - -Petrus hält sich über diese neue Eröffnung auf, denn in der Offenbarung -auf dem Berg war nicht die Rede davon gewesen. Er nimmt Jesum bei -Seite und dringt heftig auf ihn ein. Darauf wird er von ihm hart -zurechtgewiesen, dass er menschliche Erwägungen laut werden lässt, wo -Gott redet. - -Diese Reise nach Jerusalem war der Todeszug zum Siege. In dem -Leidensgeheimnis lag das Geheimnis des Reiches Gottes geborgen. Sie -zogen hinter ihm her und wussten nur, dass er nachher, wenn ihm also -geschehen wäre, Messias sein würde. Es bangte ihnen vor dem, was kommen -sollte; sie verstanden nicht, warum es also sein musste, und scheuten -sich, ihn zu fragen. Vor allem gingen aber ihre Gedanken auf den -Zustand im nahen Reich. Wenn er einmal Messias war, was würden dann sie -sein? das beschäftigte ihren Sinn und davon redeten sie untereinander. -Er aber wies sie zurecht und deutete ihnen an, warum er leiden müsse. -Nur durch Erniedrigung und dienende Dahingabe wird man bereitet, im -Gottesreich zu herrschen. Darum muss der, welcher als Menschensohn die -Herrschaft im Reich ausüben wird, jetzt für die vielen mit seinem Leben -in dienender Hingabe eine Sühne leisten. - -Mit dem Betreten des jüdischen Gebiets beginnt die zweite öffentliche -Periode. Er ist wieder vom Volk umgeben. In Jericho wartet die Menge -auf ihn, um ihn beim Durchzug zu sehen. Durch die Heilung eines -blinden Bettlers, des Sohnes des Timäus, erweist er sich ihnen als der -grosse Vorläufer, für den man ihn schon in Galiläa gehalten hatte. -Die jubelnde Menge bereitet ihm einen feierlichen Einzug. Als dem, -welcher der Weissagung zufolge vor dem Messias herkommt, singen sie -ihm Hosianna. Dem Reich aber, welches in Bälde erscheinen wird, gilt -das Hosianna in der Höh'. Damit ist wieder die Situation der grossen -Tage am Seestrand erreicht: Jesus wird von der reichsgläubigen Menge -umdrängt. - -Die Belehrung, welche die jerusalemitischen Gleichnisse enthalten, -bezieht sich auf die Nähe des Reiches. Es sind _=Warnrufe=_, die -zugleich eine Drohung für die enthalten, welche sich gegen die Kunde -verstocken. Nicht die Frage: ist er der Messias? ist er es nicht? -bewegte die Geister, sondern: ist das Reich so nah, wie er sagt, oder -nicht? - -Die Pharisäer und Schriftgelehrten wussten nicht, welche Stunde es -geschlagen hatte. Sie zeigten eine gänzliche Unempfindlichkeit für -die Nähe des Reichs, denn sonst hätten sie ihm nicht Fragen zur -Beantwortung vorgelegt, die gerade durch die vorgeschrittene Zeit -gegenstandslos geworden waren. Was kommt denn noch auf den Kaiserzins -an? Was sollen die spitzfindigen sadducäischen Argumente gegen die -Möglichkeit der Totenauferstehung? Bald ist ja mit dem Reichsanbruch -die _=irdische Herrschaft=_ gerade so gut wie die _=irdische -Menschennatur=_ abgethan! - -Ja, wenn sie die Zeichen der Zeit verständen! Er gibt ihnen zwei -Fragen auf, die sie zum Nachdenken bringen sollen, damit sie es merken, -dass sie in der Zeit eines grossen Geheimnisses stehen, von dem sich -ihre Schriftgelehrsamkeit nicht träumen lässt. - -_=In welcher Vollmacht wirkte der Täufer?=_ Wenn sie es wüssten, -dass er der Vorläufer war, wie es Jesus schon dem Volk gegenüber -geheimnisvoll angedeutet hatte, dann wüssten sie auch, dass die Stunde -des Reiches geschlagen hat. - -_=Wie ist der Messias bald Davids Sohn, also unter ihm, bald Davids -Herr, also über ihm?=_ Wenn sie das erklären könnten, dann verständen -sie auch, dass der, welcher niedrig und unerkannt auf das Reich Gottes -hinwirkt, als Herr und Messias geoffenbart werden wird. - -So aber ahnen sie nicht einmal, dass die messianischen Hinweise -_=Geheimnisse=_ bergen. Mit ihrer Gelehrsamkeit sind sie blinde -Blindenleiter, die das Volk, statt es für das Reich empfänglich -zu machen, verstocken und statt die neue Sittlichkeit, welche zum -Reich gerecht macht, aus dem Gesetz herauszulesen, in kleinlicher -Veräusserlichung ihr entgegenarbeiten und das Volk mit sich ins -Verderben ziehen. Darum: _=Wehe den Pharisäern und Schriftgelehrten!=_ - -Zwar auch unter ihnen gibt es noch solche, welche ein offenes Auge -behalten haben. Derjenige, welcher ihn nach dem grossen Gebot gefragt -hat und seiner Antwort zustimmt, der ist »verständig« und deshalb -»nicht fern vom Reich Gottes«, denn er gehört dazu, wenn es erscheint. - -Die Masse aber der Pharisäer und Schriftgelehrten versteht ihn so -wenig, dass sie seinen Tod beschliessen. Auf Jesu Auftreten hin -brachten sie keine wirksame Anklage fertig. Ein respektloses Wort über -den Tempel: das war alles. _=Da verriet ihnen Judas das Geheimnis.=_ -Jetzt war er verurteilt. - -In der Nähe des Todes richtet sich Jesus zu derselben sieghaften -Grösse auf, wie in den Tagen am Seestrand: _=denn mit dem Tod kommt -das Reich.=_ Damals hatte er mit den Gläubigen die Vorfeier des -messianischen Mahles gehalten; so erhebt er sich jetzt am Ende der -letzten irdischen Mahlzeit und teilt den Jüngern feierlich Speise und -Trank aus, indem er sie mit erhobener Stimme, nachdem der Becher zu ihm -zurückgekehrt ist, darauf hinweist, dass dieses das letzte irdische -Mahl gewesen ist, weil sie in Bälde zum Mahl in des Vaters Reich -vereinigt sein werden. Zwei entsprechende Gleichnisworte deuten das -Leidensgeheimnis an. Für ihn sind Brot und Wein, die er ihnen bei der -Vorfeier darreicht, sein Leib und sein Blut, weil er durch die Hingabe -in den Tod das messianische Mahl heraufführt. Das Gleichniswort blieb -den Jüngern dunkel. Es war auch nicht auf sie berechnet, es sollte -ihnen nichts verdeutlichen -- _=denn es war ein Geheimnisgleichnis=_. - -Wie nach dem Abendmahl am See, sucht er auch jetzt, da die grosse -Stunde naht, die Einsamkeit auf, um zu beten. Er trägt die Drangsal -für die andern. Darum darf er den Jüngern voraussagen, dass sie in -der Nacht sich alle an ihm ärgern werden -- und er braucht sie nicht -zu verdammen, denn die Schrift hat es so bestimmt. Welch unendlicher -Friede liegt in diesem Wort! Ja, er tröstet sie: nach der Auferstehung -will er sie um sich sammeln und ihnen in messianischer Herrlichkeit -vorausziehen nach Galiläa, die Strasse zurück, auf welcher sie ihm im -Todesgang gefolgt sind. - -Noch steht es aber in Gottes Allmacht, die Drangsal auch für ihn -auszuschalten. Darum, wie er einst mit den Gläubigen gebetet »und führe -uns nicht in die Versuchung«, so bittet er jetzt für sich, Gott in -seiner Allmacht möge den Leidenskelch an _=seinen=_ Lippen vorübergehen -lassen. Zwar, wenn es Gottes Wille ist, fühlt er sich stark genug, ihn -zu trinken. Nur für die Intimen bangt ihm. Die Zebedaiden haben sich -vermessen, um die Thronplätze zu erlangen, den Leidensbecher mit ihm -zu trinken und die Leidenstaufe mit ihm zu empfangen. Petrus verschwor -sich, bei ihm auszuhalten, auch wenn er mit ihm sterben müsste. Er -weiss nicht, wie Gott über sie bestimmt hat, ob er ihnen auferlegen -wird, was sie auf sich nehmen wollten. Darum heisst er sie in seiner -Nähe bleiben. Und während er Gott für sich anfleht, gedenkt er ihrer -und weckt sie zu zweien Malen, dass sie wach bleiben und Gott anflehen, -er möge sie nicht durch »die Versuchung« hindurchführen. - -Beim drittenmal war die Schar mit dem Verräter nahe. Die Stunde ist -gekommen: darum richtet er sich in seiner ganzen hoheitsvollen Grösse -auf. Er ist allein, die Seinen fliehen. - -Das Zeugenverhör ist nur ein Scheinverhör. Nachdem sie abgetreten, -stellt der Hohepriester unvermittelt die Frage wegen der Messianität. -»_=Ich bin's=_«, sagt Jesus, _=indem er sie auf die Stunde verweist, wo -er als Menschensohn auf den Wolken des Himmels, umgeben von den Engeln, -erscheinen wird.=_ Darum wurde er wegen Gotteslästerung zum Tode -verurteilt. - -Am 14. Nisan Nachmittags, da man abends das Passahlamm ass, schrie er -laut auf und verschied. - - - - -Nachwort. - - -Die Urteile über diese realistische Darstellung des Lebens Jesu können -sehr verschieden sein, je nach dem dogmatischen, historischen oder -litterarischen Standort der Kritik. Nur den _=Zweck=_ des Buches mögen -sie nicht antasten: _=der modernen Zeit und der modernen Dogmatik die -Gestalt Jesu in ihrer überwältigenden heroischen Grösse vor die Seele -zu führen.=_ - -Das Heroische geht unserer Weltanschauung, unserem Christentum und -unserer Auffassung der Person Jesu ab. Darum hat man ihn vermenschlicht -und erniedrigt. RENAN hat ihn zur sentimentalen Figur entweiht, feige -Geister wie SCHOPENHAUER wagten es, sich auf ihn zu berufen für ihre -entnervende Weltanschauung, und unsere Zeit hat ihn modernisiert, -indem sie sein Werden und seine Entwicklung psychologisch zu begreifen -gedachte. - -Wir müssen dazu zurückkehren, das _=Heroische=_ in Jesu wieder zu -empfinden, wir müssen vor dieser geheimnisvollen Persönlichkeit, die -in der Form ihrer Zeit weiss, dass sie auf Grund ihres Wirkens und -Sterbens eine sittliche Welt schafft, _=welche ihren Namen trägt=_, -in den Staub gezwungen werden, ohne es auch nur zu wagen, ihr Wesen -verstehen zu wollen: _=dann erst kann das Heroische in unserem -Christentum und in unserer Weltanschauung wieder lebendig werden=_. - - - - -Anmerkungen des Bearbeiters: - -Gesperrter Text wird markiert durch _= ... =_ - -Text in anderer Schrift wird markiert durch _- ... -_ - -Kursivschrift wird gekennzeichnet durch _..._ - -Die Schreibweise des Originals wurde unverändert übernommen. Heute -unübliche Schreibweisen wurden beibehalten. - -Das Symbol ^ kennzeichnet den nachfolgenden Buchstaben als hochgestellt. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem -Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG *** - -***** This file should be named 50901-8.txt or 50901-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/0/50901/ - -Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Michael Waddell -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums - Zweites Heft. Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis. Eine - Skizze des Lebens Jesu - -Author: Albert Schweitzer - -Release Date: January 11, 2016 [EBook #50901] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG *** - - - - -Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Michael Waddell -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - - -<p class="pmb3" /> - -<h1>Das Abendmahl</h1> - -<p class="center"><span class="font07">im</span></p> - -<p class="center"><span class="font18">Zusammenhang mit dem Leben Jesu</span></p> - -<p class="center"><span class="font07">und der</span></p> - -<p class="center"><span class="font18 pmb1">Geschichte des Urchristentums</span></p> - -<p class="center"><span class="font07 pmb1">von</span></p> - -<p class="center"><span class="font15"><b>Lic. Dr. Albert Schweitzer</b></span></p> - -<p class="center"><span class="font08 pmb1">in Strassburg i. E.</span></p> - -<hr class="r5" /> - -<p class="p1 center"><span class="font19">Zweites Heft.</span></p> - -<p class="center"><span class="font15"><b>Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis.</b></span></p> - -<p class="center"><span class="font12">Eine Skizze des Lebens Jesu.</span></p> -<div class="pmb3"></div> - -<div class="figcenter" style="width: 95px;"> - <img src="images/illu_001.jpg" width="95" height="107" alt="mark" title="" /> -</div> -<div class="pmb3"></div> - -<p class="pmb3 center"><span class="font11"><b>Tübingen</b></span> - <span class="font09">und</span> <span class="font11"><b>Leipzig</b>.</span></p> - -<p class="center font08">Verlag von <em class="gesperrt">J. C. B. Mohr</em> (Paul Siebeck).</p> - -<p class="center font10 pmb3">1901.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> -<p class="pmb3" /> - -<hr class="r5" /> -<p class="center font08"> -<i>Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen behält sich<br /> -die Verlagsbuchhandlung vor.</i> -</p> - -<hr class="r5" /> -<p class="pmb3" /> - -<p class="p3 center font08 pmb3"> -C. A. Wagner's Universitätsbuchdruckerei in Freiburg i. B. -</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p class="pmb3" /> - -<p class="p3 center font12">Seinem Lehrer</p> - -<p class="center"><span class="font12"> -Herrn Prof. D. Dr.</span> <span class="font14"><span class="antiqua">H. J. Holtzmann</span></span></p> - -<p class="center font08">gewidmet</p> - -<p class="center font10">in aufrichtiger Verehrung und treuer Anhänglichkeit</p> - -<p class="center font10">von seinem dankbaren Schüler</p> - -<p class="center font10 pmb3"><b>Albert Schweitzer.</b></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_v">[S. v]</a></span></p> - - -<h2 id="Vorrede">Vorrede.</h2> - - -<p>Der Versuch, ein Leben Jesu zu schreiben und dabei nicht -am Anfang, sondern in der Mitte, <em class="gesperrt">mit dem Leidensgedanken</em> -zu beginnen, musste sich notwendig einmal einstellen. Es ist verwunderlich, -dass er nicht schon früher gemacht worden ist, denn -er liegt in der Luft.</p> - -<p>Alle Darstellungen des Lebens Jesu befriedigen nämlich -<em class="gesperrt">bis zum Eintritt des Leidensgedankens</em>. Dort aber verfehlen -sie den Anschluss. Es gelingt keiner von ihnen begreiflich -zu machen, warum Jesus nun plötzlich seinen Tod für notwendig -hält und in welchem Sinne er ihn für heilbringend ansieht. Um -diesen Anschluss zu erreichen, muss man sich entschliessen, einmal -vom Leidensgedanken selbst auszugehen, um von da aus das -Leben Jesu <em class="gesperrt">nach rückwärts und nach vorwärts</em> zu begreifen. -Wenn wir den Leidensgedanken nicht verstehen, liegt -es nicht vielleicht daran, dass wir <em class="gesperrt">die erste Periode</em> des Lebens -Jesu falsch auffassen und uns so die Einsicht in das <em class="gesperrt">Aufkommen -des Leidensgedankens</em> von vornherein unmöglich machen?</p> - -<p>Die letzten Jahre der Forschung haben gezeigt, auf wie -schwachem Grunde eigentlich unsere <em class="gesperrt">historische Auffassung</em> -des Lebens Jesu beruht. Es lässt sich nicht verkennen, dass wir -bei einer <em class="gesperrt">schweren Antinomie</em> angelangt sind. <em class="gesperrt">Entweder -Jesus hielt sich wirklich selbst für den Messias oder</em>, -worauf eine neue Richtung in der Forschung zu führen scheint, -<em class="gesperrt">erst die urchristliche Auffassung hat ihm diese Würde -beigelegt</em>. In beiden Fällen bleibt das »Leben Jesu« gleich -rätselhaft.</p> - -<p>Hielt sich Jesus wirklich für den Messias, wie kommt es, -dass er wirkt, als wäre er nicht der Messias? Wie ist es erklärlich, -dass seine Würde und Machtstellung so gar nichts mit seiner - <span class="pagenum"><a id="Page_vi">[S. vi]</a></span> -<em class="gesperrt">öffentlichen Thätigkeit zu thun zu haben scheint</em>? Was ist -davon zu halten, dass er seinen Jüngern erst, nachdem seine öffentliche -Wirksamkeit — die wenigen Tage zu Jerusalem abgerechnet -— schon zu Ende ist, eröffnet, wer er ist, und ihnen dazu noch -befiehlt, <em class="gesperrt">das Geheimnis</em> streng zu wahren? Dass Motive der -Klugheit oder pädagogische Absichten ihm diese Haltung diktiert -haben sollen, erklärt nichts. <em class="gesperrt">Wo steht in den synoptischen -Berichten auch nur die leiseste Andeutung, dass Jesus -die Jünger und das Volk zur Erkenntnis seiner Messianität -hat erziehen wollen?</em></p> - -<p>Je mehr man darüber nachdenkt, desto mehr erkennt man, -wie wenig die Annahme, dass Jesus sich für den Messias gehalten -habe, das »Leben Jesu« zu erklären vermag, weil sich so gar keine -Verbindung zwischen seinem Selbstbewusstsein und seiner öffentlichen -Wirksamkeit ergiebt. Es mag banal klingen: man wird -dabei die Frage nicht los, warum er es nie versucht hat, das Volk -durch Unterweisung zu der neuen ethischen Auffassung der Messianität -emporzuheben. Der Versuch wäre nicht so aussichtslos -gewesen, als man anzunehmen geneigt ist, denn es ging damals -ein tiefreligiöser Zug durch Israel. <em class="gesperrt">Warum hat sich Jesus -beharrlich über seine Auffassung der Messianität ausgeschwiegen?</em></p> - -<p>Nimmt man andererseits an, er hat sich selbst nicht für den -Messias gehalten, so müsste erklärt werden, wie er dann <em class="gesperrt">nach -seinem Tode</em> zum Messias gemacht wurde. Auf Grund seiner -öffentlichen Wirksamkeit ist es sicher nicht geschehen — denn -diese gerade hat ja mit seiner Messianität nichts zu thun! Was -bedeutet aber dann die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an -die Zwölf und das Bekenntnis vor dem Hohenpriester? Es ist ein -purer Gewaltakt, diese Scenen für unhistorisch zu erklären. Entschliesst -man sich zu solchen Eingriffen, <em class="gesperrt">was bleibt dann überhaupt -noch von der evangelischen Geschichtsüberlieferung -bestehen</em>?</p> - -<p>Dabei darf man nicht vergessen, dass wenn Jesus sich selbst -nicht für den Messias gehalten hat, dies den Todesstoss für den -christlichen Glauben bedeutet. Das Urteil der urchristlichen -Gemeinde ist für uns nicht bindend. Die christliche Religion erbaut -sich auf <em class="gesperrt">dem messianischen Selbstbewusstsein Jesu</em>, -wodurch er selbst seine Persönlichkeit aus der Reihe anderer -Verkündiger der religiösen Sittlichkeit <em class="gesperrt">in einzigartiger Weise</em> - <span class="pagenum"><a id="Page_vii">[S. vii]</a></span> -scharf heraushebt. Hielt er <em class="gesperrt">sich selbst</em> nun nicht für den Messias, -so beruht das ganze Christentum — um ein verdrehtes und -misshandeltes Wort ehrlich zu gebrauchen — auf einem <em class="gesperrt">»Werturteil« -der Anhängerschaft Jesu von Nazareth nach -seinem Tode</em>!</p> - -<p>Vergessen wir nicht, dass es sich um eine Antinomie handelt, -aus der man nur <em class="gesperrt">einen</em> Schluss ziehen darf: <em class="gesperrt">dass nämlich die -bisherige »historische« Auffassung des Messianitätsbewusstseins -Jesu falsch ist, weil sie die Geschichte -nicht erklärt</em>. Geschichtlich ist nur diejenige Auffassung, -welche begreiflich macht, <em class="gesperrt">wie Jesus sich für den Messias -halten konnte, ohne sich genötigt zu sehen, dieses sein -Selbstbewusstsein in seiner öffentlichen Wirksamkeit -auf das messianische Reich hin zur Geltung zu bringen, -ja, wie er geradezu gezwungen war, die messianische -Würde seiner Person zu verschweigen! Warum war -seine Messianität Jesu Geheimnis?</em> — dieses erklären heisst -das Leben Jesu begreifen.</p> - -<p>Aus der Einsicht in das Wesen dieser Antinomie ist diese -neue Auffassung des Lebens Jesu erwachsen. Inwieweit sie das -Problem löst, das mögen die Verhandlungen darüber klarstellen. -Ich veröffentliche die neue Auffassung <em class="gesperrt">als Skizze</em>, weil sie notwendig -in den Rahmen des Werkes über das Abendmahl gehört. -Sodann aber hoffe ich, aus der Kritik ihrer Grundzüge über manche -Punkte des exegetischen Details noch zu grösserer Klarheit zu -kommen, ehe ich daran denke, diesen Gedanken in einem ausgearbeiteten -»Leben Jesu« eine definitive Fassung zu geben.</p> - -<p><em class="gesperrt">Den litterarischen Unterbau</em> habe ich, dem skizzenhaften -Charakter der Darstellung entsprechend, gewöhnlich nur -andeuten können. Wer sich jedoch in dieser Sache auskennt, -der wird leicht bemerken, dass hinter mancher hingeworfenen -Behauptung viel mehr synoptisches Detailstudium steckt, als der -erste Blick vermuten liesse.</p> - -<p>Gerade für die synoptische Frage ist die neue Auffassung -des Lebens Jesu von grosser Bedeutung. <em class="gesperrt">Danach wird nämlich -die Komposition der Synoptiker viel einfacher und -klarer. Die künstliche Redaktion, mit der man bisher -zu operieren gezwungen war, wird sehr reduziert. Die -Bergpredigt, die Aussendungsrede und die Würdigungsrede -über den Täufer sind keine »Redekompositionen«, - <span class="pagenum"><a id="Page_viii">[S. viii]</a></span> -sondern sie sind in der Hauptsache so gehalten, -wie sie uns überliefert sind. Auch die Form -der Leidens- und Auferstehungsweissagungen kommt -nicht auf das urchristliche Konto, sondern Jesus hat -in diesen Worten zu seinen Jüngern von seiner Zukunft -geredet.</em> Gerade diese Vereinfachung der litterarischen Frage -und die damit verbundene Steigerung der historischen Glaubwürdigkeit -der evangelischen Geschichtserzählung ist von grossem -Gewicht für die neue Auffassung des Lebens Jesu.</p> - -<p>Diese Vereinfachung beruht aber nicht auf einer <em class="gesperrt">naiven -Stellungnahme</em> den Berichten gegenüber, <em class="gesperrt">sondern sie ist -herbeigeführt durch die Einsicht in die Gesetze, nach -welchen die urchristliche Auffassung und Würdigung -der Persönlichkeit Jesu die Darstellung seines Lebens -und Wirkens bedingte</em>. Gerade diese Frage ist bisher vielleicht -zu wenig <em class="gesperrt">systematisch</em> behandelt worden.</p> - -<p><em class="gesperrt">Einerseits</em> ist zwar gewiss, dass das Urchristentum auf die -Darstellung der öffentlichen Wirksamkeit Jesu <em class="gesperrt">von bedeutendem -Einfluss gewesen</em>. <em class="gesperrt">Andererseits</em> sind aber gerade -wieder in dem Wesen des urchristlichen Glaubens alle Voraussetzungen -gegeben, dass er die <em class="gesperrt">Grundzüge der öffentlichen -Wirksamkeit Jesu nicht angetastet und vor allem keine -»Thatsachen« im Leben Jesu »produziert«</em> hat. Denn -das Urchristentum stand ja dem <em class="gesperrt">Leben Jesu als solchem -indifferent gegenüber</em>! Der urchristliche Glaube hatte an -diesem irdischen Leben nicht das geringste Interesse, weil Jesu -Messianität sich ja auf seine Auferstehung, nicht auf seine irdische -Thätigkeit gründete und man dem kommenden Messias in Glorie -<em class="gesperrt">entgegenblickte und dabei an dem Leben Jesu von -Nazareth nur soweit Interesse nahm, als es mit den -Herrenworten zusammenhing. Eine urchristliche Auffassung -des Lebens Jesu gab es überhaupt nicht</em>, und die -Synoptiker enthalten auch nichts derartiges. Sie reihen die Erzählungen -aus seiner öffentlichen Wirksamkeit aneinander, ohne -den Versuch zu machen, sie in ihrer Aufeinanderfolge und in -ihrem Zusammenhang begreiflich zu machen und uns die »Entwicklung« -Jesu erkennen zu lassen. Als dann, mit dem Zurücktreten -der Eschatologie, das Schwergewicht auf <em class="gesperrt">die irdische -Erscheinung Jesu als des Messias</em> fiel und so zu einer <em class="gesperrt">Auffassung -des Lebens Jesu</em> führte, da hatten die Berichte von - <span class="pagenum"><a id="Page_ix">[S. ix]</a></span> -der öffentlichen Thätigkeit Jesu schon eine zu <em class="gesperrt">feste Fassung</em> -angenommen, als dass dieser Prozess sie hätte <em class="gesperrt">berühren -können</em>. Das <em class="gesperrt">vierte Evangelium</em> bietet ein Geschichtsbild -des Lebens Jesu, aber es steht <em class="gesperrt">neben der synoptischen Schilderung -der öffentlichen Wirksamkeit Jesu, wie die -Chronik neben den Samuelis- und den Königsbüchern</em>. -Der Unterschied zwischen dem vierten Evangelium und den Synoptikern -besteht gerade darin, dass das erstere ein »<em class="gesperrt">Leben Jesu</em>« -bietet, während die Synoptiker von seiner <em class="gesperrt">öffentlichen Wirksamkeit -berichten</em>.</p> - -<p>Der urchristliche Glaube hat die Darstellung der öffentlichen -Wirksamkeit Jesu <em class="gesperrt">nach immanenten Gesetzen beeinflusst</em>, -gerade wie die deuteronomische Reform auf die Vorstellung von -den Ereignissen während der Richter- und Königszeit eingewirkt -hat. <em class="gesperrt">Es handelt sich um eine unbewusste, notwendige -perspektivische Verschiebung.</em> Die neue Auffassung beruht -auf der Berechnung dieser perspektivischen Verschiebung, -<em class="gesperrt">wobei sich ergibt, dass der Einfluss des urchristlichen -Gemeindeglaubens auf die synoptischen Berichte viel -weniger tief geht als man bisher anzunehmen geneigt -war</em>.</p> - -<p class="left"> -<em class="gesperrt">Strassburg</em>, im August 1901.<br /> -</p> -<p class="pmb3" /> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_x">[S. x]</a></span></p> - - -<h2 id="Inhaltsangabe_des_zweiten_Heftes">Inhaltsangabe des zweiten Heftes.</h2> - - -<blockquote> - -<table border="0" class="tdl" cellspacing="3" cellpadding="0" summary="Contents and Illustrations"> - <colgroup> <col width="14%" /> <col width="70%" /> <col width="16%" /> </colgroup> - <tr> - <td align="right" colspan="3"><span class="font07">Seite</span></td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"><span class="font09"> - <em class="gesperrt">Vorrede zu einer neuen Auffassung des Lebens Jesu</em></span><br /><br /></td> - <td align="right"><a href="#Page_v">V</a>-<a href="#Page_ix">IX</a><br /><br /></td> - </tr> - - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><i>Erstes Kapitel</i></td> - <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_1">1</a>-<a href="#Page_13">13</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><span class="font09"><b>Der modern-historische Lösungsversuch.</b></span></td> - <td align="right"> </td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Darstellung</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_1">1</a>-<a href="#Page_3">3</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die vier Voraussetzungen des modern-historischen Lösungsversuchs</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_3">3</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die zwei kontrastierenden Epochen. (Erste Voraussetzung)</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_3">3</a>-<a href="#Page_6">6</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung - der synoptischen Leidensworte. (Zweite Voraussetzung)</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_6">6</a>-<a href="#Page_8">8</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken. - (Dritte Voraussetzung)</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_8">8</a>-<a href="#Page_12">12</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die Form der Leidensoffenbarung. (Vierte Voraussetzung)</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_12">12</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span><br /><br /></td> - <td valign="top"><span class="font08">Zusammenfassung</span><br /><br /></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_12">12</a>-<a href="#Page_13">13</a></span><br /><br /></td> - </tr> - - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><i>Zweites Kapitel</i></td> - <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_13">13</a>-<a href="#Page_18">18</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><span class="font09"><b>Die »Entwicklung« Jesu.</b></span></td> - <td align="right"> </td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische - Grösse</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_13">13</a>-<a href="#Page_15">15</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_15">15</a>-<a href="#Page_17">17</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span><br /><br /></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die neue Auffassung</span><br /><br /></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_17">17</a>-<a href="#Page_18">18</a></span><br /><br /></td> - </tr> - - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><i>Drittes Kapitel</i></td> - <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_18">18</a>-<a href="#Page_23">23</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><span class="font09"><b>Die Predigt vom Reich Gottes.</b></span></td> - <td align="right"> </td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die neue Sittlichkeit als Busse</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_18">18</a>-<a href="#Page_20">20</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span><br /><br /></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die Ethik Jesu und die moderne Ethik</span><br /><br /></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_21">21</a>-<a href="#Page_23">23</a></span><br /><br /></td> - </tr> - - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><i>Viertes Kapitel</i></td> - <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_24">24</a>-<a href="#Page_32">32</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><span class="font09"><b>Das Geheimnis des Reiches Gottes.</b></span></td> - <td align="right"> </td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_24">24</a>-<a href="#Page_26">26</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk - nach der Aussendung</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_26">26</a>-<a href="#Page_27">27</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="pagenum"><a id="Page_xi">[S. xi]</a></span> - <span class="font08">3.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen<br /> - und jüdischen Zukunftserwartungen</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_27">27</a>-<a href="#Page_28">28</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme der - glücklichen galiläischen Periode</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_29">29</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus - Jesu</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_29">29</a>-<a href="#Page_30">30</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum - Gesetz und Staat</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_30">30</a>-<a href="#Page_31">31</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span><br /><br /></td> - <td valign="top"><span class="font08">Das Moderne in der Eschatologie Jesu</span><br /><br /></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_31">31</a>-<a href="#Page_32">32</a></span><br /><br /></td> - </tr> - - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><i>Fünftes Kapitel</i></td> - <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_32">32</a>-<a href="#Page_34">34</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td> <br /><br /></td> - <td align="center"><span class="font09"><b>Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.</b></span><br /><br /></td> - <td align="right"> <br /><br /></td> - </tr> - - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><i>Sechstes Kapitel</i></td> - <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_34">34</a>-<a href="#Page_52">52</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><span class="font09"><b>Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen<br /> - Wirksamkeit.</b></span></td> - <td align="right"> </td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Das Problem und die Thatsachen</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_34">34</a>-<a href="#Page_38">38</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Jesus der Elias durch die Solidarität mit dem Menschensohn</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_38">38</a>-<a href="#Page_40">40</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_40">40</a>-<a href="#Page_42">42</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches - Gottes</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_42">42</a>-<a href="#Page_43">43</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Jesus und der Täufer</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_43">43</a>-<a href="#Page_44">44</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der Täufer und Jesus</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_44">44</a>-<a href="#Page_48">48</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span><br /><br /></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in<br /> - Jerusalem</span><br /><br /></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_49">49</a>-<a href="#Page_52">52</a></span><br /><br /></td> - </tr> - - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><i>Siebentes Kapitel</i></td> - <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_52">52</a>-<a href="#Page_60">60</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><span class="font09"><b>Nach der Aussendung. Litterarische und historische<br /> - Probleme.</b></span></td> - <td align="right"> </td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die Seereise nach der Aussendung</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_52">52</a>-<a href="#Page_55">55</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Das Abendmahl am See Genezareth</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_55">55</a>-<a href="#Page_57">57</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span><br /><br /></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die Woche zu Bethsaida</span><br /><br /></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_57">57</a>-<a href="#Page_60">60</a></span><br /><br /></td> - </tr> - - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><i>Achtes Kapitel</i></td> - <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_60">60</a>-<a href="#Page_80">80</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><span class="font09"><b>Das Messianitätsgeheimnis.</b></span></td> - <td align="right"> </td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_60">60</a>-<a href="#Page_63">63</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der futurische Charakter der Messianität Jesu</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_63">63</a>-<a href="#Page_65">65</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der Menschensohn und der futurische Charakter der - Messianität Jesu</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_66">66</a>-<a href="#Page_71">71</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der - Messianität Jesu</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_72">72</a>-<a href="#Page_79">79</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span><br /><br /></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der Verrat des Judas — die letzte Bekanntgebung des - Messiasgeheimnisses</span><br /><br /></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_79">79</a>-<a href="#Page_80">80</a></span><br /><br /></td> - </tr> - - <tr> - <td><span class="pagenum"><a id="Page_xii">[S. xii]</a></span> - </td> - <td align="center"><i>Neuntes Kapitel</i></td> - <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_81">81</a>-<a href="#Page_98">98</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><span class="font09"><b>Das Geheimnis des Leidensgedankens.</b></span></td> - <td align="right"> </td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">1.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die vormessianische Drangsal</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_81">81</a>-<a href="#Page_83">83</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">2.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der Leidensgedanke in der ersten Periode</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_83">83</a>-<a href="#Page_84">84</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">3.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_84">84</a>-<a href="#Page_86">86</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">4.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der Leidensgedanke in der zweiten Periode</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_86">86</a>-<a href="#Page_89">89</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">5.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift geweissagt</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_89">89</a>-<a href="#Page_91">91</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">6.</span></td> - <td valign="top"><span class="font08">Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis</span></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_91">91</a>-<a href="#Page_92">92</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td align="right" valign="top"><span class="font08">7.</span><br /><br /></td> - <td valign="top"><span class="font08">Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung - der Perspektive</span><br /><br /></td> - <td align="right" valign="bottom"><span class="font08"><a href="#Page_92">92</a>-<a href="#Page_98">98</a></span><br /><br /></td> - </tr> - - <tr> - <td> </td> - <td align="center"><i>Zehntes Kapitel</i></td> - <td align="right"><span class="font08"><a href="#Page_98">98</a>-<a href="#Page_109">109</a></span></td> - </tr> - <tr> - <td> <br /><br /></td> - <td align="center"><span class="font09"><b>Abriss des Lebens Jesu.</b></span><br /><br /></td> - <td align="right"> <br /><br /></td> - </tr> - - <tr> - <td colspan="2"><span class="font09"> - <em class="gesperrt">Nachwort</em></span></td> - <td align="right"><a href="#Page_109">109</a></td> - </tr> -</table> -</blockquote> - -<p class="pmb3" /> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_1">[S. 1]</a></span></p> - - -<p class="p2 center font14">Das Messianitäts- und Leidensgeheimnis,<br /> -eine Skizze des Lebens Jesu.</p> - - -<hr class="r5" /> - -<h2 id="Erstes_Kapitel">Erstes Kapitel.<br /><br /> - -Der modern-historische Lösungsversuch.</h2> -<p class="pmb2" /> - - -<h3>1. Darstellung.</h3> - -<p>Die synoptischen Stellen bieten keine Erklärung, wie der -Leidensgedanke sich Jesu aufdrängte und was er für ihn bedeutete. -Die apostolische Predigt in den Petrus- und Paulusreden -betrachtet das Leiden unter dem Gesichtspunkt der göttlichen -Notwendigkeit, welche in der Schrift geweissagt ist. Auch die -paulinische Theorie hat nichts mit der Geschichte zu thun.</p> - -<p>Was also im Zusammenhang mit einer geschichtlichen Auffassung -des Lebens Jesu über den Leidensgedanken ausgeführt -wird, ist nicht von der Geschichte direkt dargeboten, sondern aus -ihr erschlossen. Es handelt sich immer nur um eine notwendige -und unvermeidliche <em class="gesperrt">historische Konstruktion</em>, deren Richtigkeit -in dem Masse feststeht, als sie Ordnung und Klarheit in die -synoptischen Notizen bringt.</p> - -<p>Sämtliche Konstruktionen mit ausgesprochen historischem -Interesse begegnen sich in einem Lösungsversuch, den wir als den -historisch-modernen bezeichnen. Historisch daran ist das Interesse, -Geschichte zu erklären, modern die psychologische Nachempfindung, -mit deren Hülfe nachgewiesen wird, wie unter dem -Einfluss bestimmter Erlebnisse der Leidensgedanke sich Jesu aufdrängte -und von ihm religiös gewertet wurde. Die Grundgedanken -dieses Lösungsversuchs sind folgende.</p> - -<p>Es konnte sich für Jesus nicht um Beschaffung der Sündenvergebung -handeln. Er setzte sie schon voraus; wie die Bitte des -Vaterunsers zeigt, floss sie ja aus der verzeihenden Vaterliebe -Gottes. Nun erinnert der Gedanke der Sühne (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>) an die - <span class="pagenum"><a id="Page_2">[S. 2]</a></span> -paulinische Sühnetheorie mit ihrem juridischen Charakter. Diese -bezieht sich allerdings auf die Sündenvergebung. Es ist daher -anzunehmen, dass, wie der Gedanke der Sündenvergebung, so -auch die juridische Sühnevorstellung Jesu fremd war, da sie in -seiner ganzen Lehrweise nicht vorgesehen ist. Die Aussprüche -über die Wertung seines Leidens sind also in der überlieferten -Form irgendwie von paulinischen Gedanken beeinflusst.</p> - -<p>Bringt man diese Beeinflussung in Anschlag, so enthält der -historische Ausspruch (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>) den Gedanken der dienenden -Dahingabe in der höchsten Potenz. Wir stehen auf der Grenze, -wo der gesteigerte Begriff des Dienens zum Begriff der Sühne -führt. Der Wert dieser Dahingabe für die andern besteht darin, -dass das von Jesus übernommene Todesleiden gleichsam der Inauguralakt -ist, durch welchen die neue Sittlichkeit des Gottesreiches -und damit der neue Zustand selbst verwirklicht wird. -Diese That ist das wirksame Anfangsglied in einer Kette von -Umgestaltungen, deren übernatürlichen Abschluss seine »Wiederkunft« -in Herrlichkeit bildet, wo der Neue Bund, den er mit -seinem Blute besiegelt hat, durch ihn sich vollendet.</p> - -<p>Damit ist auch gegeben, wie der Leidensentschluss sich einstellen -konnte und musste. Jesu Amt galt der Verwirklichung -des Gottesreiches. Dies hatte er zunächst in kleinen Grenzen -während seiner galiläischen Wirksamkeit unternommen. Durch -seine Predigt von der neuen Sittlichkeit auf Grund des Glaubens -an den göttlichen Vater und unter dem Eindruck der Kraft, die -von ihm ausging, entwickelten sich die Anfänge dieses Reiches. -Es war eine glückliche, erfolgreiche Zeit: »der <em class="gesperrt">galiläische Frühling</em>,« -wie sie <span class="smcap">Keim</span> genannt hat. Den Höhepunkt dieser Periode -bildete die Aussendung der Jünger. Durch ihre Predigt sollte -die herrliche Saat allenthalben ausgestreut werden. Als sie ihm -bei der Rückkehr ihre Erfolge kund thaten, brach er in den Jubelruf -aus, der den Sieg für schon gegenwärtig hielt (Mt 11 <span class="antiqua">25-27</span>).</p> - -<p>Dann kam die Zeit des Niedergangs. Von Jerusalem aus -wurde der Widerstand insceniert (Mk 7 <span class="antiqua">1</span>). Früher hob ihn die -Zuneigung des Volks über die Reibereien mit den Behörden hinweg. -Jetzt aber, da die Sache planmässig betrieben wurde, fielen -auch seine Anhänger von ihm ab. Es war verhängnisvoll, dass in -der Diskussion über die Reinigkeitsgebote der Widerspruch mit -der gesetzlichen Ueberlieferung zu Tage trat (Mk 7 <span class="antiqua">1-23</span>). Ehe -der Frühling wieder ins Land kam, hatte er Galiläa verlassen - <span class="pagenum"><a id="Page_3">[S. 3]</a></span> -müssen. Hoch im Norden, in der Stille und in der Einsamkeit -sammelte er sich, um mit sich selbst ins Klare zu kommen.</p> - -<p class="pmb3">Für die Verwirklichung des Reichs stand ihm nur noch ein -Weg offen: der Kampf mit der Macht, welche sich seinem Werk -entgegensetzte. Er war entschlossen, ihn in die Hauptstadt selbst -hineinzutragen. Dort sollte sich das Schicksal entscheiden. Vielleicht -fiel ihm der Sieg zu. Aber, wenn auch in der Reihe des -irdischen Geschehens das Todesschicksal unentrinnbar seiner wartete: -sobald er den Weg betrat, den sein Amt ihm wies, so bedeutete -dieses Todesleiden in der Veranstaltung Gottes die -Leistung, durch welche sein Werk gekrönt wurde. Es war dann -Gottes Wille, dass der Zustand des Gottesreiches durch die höchste -sittliche That des Messias inauguriert wurde. Mit diesem Gedanken -zog er nach Jerusalem — um Messias zu bleiben.</p> - - -<h3>2. Die vier Voraussetzungen des modern-historischen -Lösungsversuchs.</h3> - -<p>1. Das Leben Jesu zerfällt in zwei kontrastierende Epochen. -Die erste war glücklich, die zweite brachte Enttäuschungen und -Misserfolge.</p> - -<p>2. Die Form des synoptischen Leidensgedankens in Mk 10 <span class="antiqua">45</span> -(seine Dahingabe eine Sühne für viele) und in dem Abendmahlswort -Mk 14 <span class="antiqua">24</span> (sein Blut für viele dahin gegeben) ist irgendwie -durch den paulinischen Sühnegedanken beeinflusst.</p> - -<p>3. Die Vorstellung des Reiches Gottes als der sich vollendenden -sittlichen Gemeinschaft, in welcher das Dienen oberstes -Gesetz ist, beherrschte den Leidensgedanken.</p> - -<p>4. War Jesu Leiden der Inauguralakt der neuen Sittlichkeit -des Gottesreiches, so hing der Erfolg mit davon ab, dass die -Jünger durch ihn angeleitet wurden, es so zu verstehen und -danach zu handeln. Der Leidensgedanke war eine Reflexion.</p> - -<p class="pmb3">Sind diese Voraussetzungen, jede für sich genommen, richtig?</p> - - -<h3>3. Die zwei kontrastierenden Epochen.<br /> -<span class="small">(Erste Voraussetzung.)</span></h3> - -<p>Man datiert die Periode der Misserfolge von der Zeit nach -der Aussendung. Welches sind die Ereignisse der angeblich -glücklichen Epoche? Wir sehen ab von den unerquicklichen Diskussionen -mit den Pharisäern über die Heilung des Paralytischen -(Mk 2 <span class="antiqua">1-12</span>), über die Fastenfrage (Mk 2 <span class="antiqua">18-22</span>) und über die - <span class="pagenum"><a id="Page_4">[S. 4]</a></span> -Sabbathaltung (Mk 2 <span class="antiqua">23</span>-3 <span class="antiqua">6</span>). Schon Mk 3 <span class="antiqua">6</span> ist es zu einem -Todesanschlag gekommen. Von seiner Familie muss er sich -lossagen, weil sie ihn als geistig unzurechnungsfähig mit Gewalt -nach Hause zurückbringen wollen (Mk 3 <span class="antiqua">20-22</span>, <span class="antiqua">31-35</span>). In Nazareth -wird er verworfen (Mk 6 <span class="antiqua">1-6</span>).</p> - -<p>In dieselbe Zeit fällt ein Angriff, der ihn aufs tiefste erschüttert -hat. Die Pharisäer diskreditieren ihn beim Volk, indem -sie ihm vorwerfen, er stehe mit dem Teufel im Bund (Mk 3 <span class="antiqua">22-30</span>). -Wie sehr ihn dieses Wort verwundet hat, ersieht man aus der -Aussendungsrede. Er bereitet die Jünger auf ähnliche Verkennung -vor. »Haben sie den Hausherrn Beelzebub geheissen, -wie viel mehr seine Leute« (Mt 10 <span class="antiqua">25</span>).</p> - -<p>Das sind die bekannten Ereignisse »der erfolgreichen Periode«! -Aber sie sind nichts im Vergleich zu denen, auf welche er in der -Zeit der Aussendung anspielt. Preist er schon im allgemeinen -diejenigen selig, die um seinetwillen geschmäht und verfolgt -werden (Mt 5 <span class="antiqua">11</span> u. <span class="antiqua">12</span>), so stellt er jetzt den Jüngern Drangsal -und Not in Aussicht (Mt 10 <span class="antiqua">17-25</span>). Zu ihm halten heisst Schmach -erdulden (Mt 10 <span class="antiqua">22</span>), die zartesten Bande zerreissen (Mt 10 <span class="antiqua">37</span>) -und sein Kreuz auf sich nehmen (Mt 10 <span class="antiqua">38</span>). Die galiläische -Periode soll <em class="gesperrt">glücklich</em> gewesen sein; der Charakter der Aussendung -ist <em class="gesperrt">pessimistisch</em>. Wie passt das zusammen?</p> - -<p>Auch die Anspielungen, die er dem Volk gegenüber in jener -Zeit thut, weisen auf schwere Katastrophen. Was muss in Chorazin, -in Kapernaum und in Bethsaïda vorgefallen sein, dass er -den Tag des Gerichts auf sie herabbeschwört, wo es Tyrus und -Sidon noch erträglicher gehen wird als ihnen (Mt 11 <span class="antiqua">20-24</span>)!</p> - -<p>Weil dieser düstere Zug nicht in die glückliche galiläische -Periode passen will, liegt der Versuch nahe, in den matthäischen -Reden um die Zeit der Aussendung eine Komposition zu sehen, -welche Stücke aus einer späteren Epoche enthält. Wo soll Jesus -sie aber gesprochen haben? Nach der Flucht, als er im Norden -weilte, hat er keine Reden gehalten, und die Aussprüche in den -jerusalemitischen Tagen haben ihr eigentümliches Gepräge, so -dass man nicht wüsste, wo Anspielungen auf galiläische Ereignisse -oder Ermahnungen an die ausziehenden Jünger unterzubringen -wären.</p> - -<p>Dazu kommt, dass von bedeutenden Erfolgen in jener ersten -Zeit nichts berichtet ist. Diese beginnen erst mit der Aussendung -der Jünger. Den grossen Augenblick ihrer Rückkehr feiert Jesus - <span class="pagenum"><a id="Page_5">[S. 5]</a></span> -mit begeisterten Worten (Mt 11 <span class="antiqua">25-27</span>). Nun soll er in der Folge -alles an die Pharisäer verloren haben und vom Volk verlassen -worden sein! Von diesem Rückgang seiner Sache berichten aber -die Texte nichts. Die Diskussion über die Reinigkeitsvorschriften -(Mk 7 <span class="antiqua">1-23</span>) leistet nicht, was man von ihr verlangt. Jesus war -früher mit den Hauptstadttheologen schon viel heftiger zusammengestossen -(Mk 3 <span class="antiqua">22-30</span>). In der Frage der Reinigkeitsgebote ist -er gar nicht der Ueberwundene.</p> - -<p>Man hat die Niederlage daraus erschliessen wollen, dass die -»Flucht« nach dem Norden auf diese Scene folgt (Mk 7 <span class="antiqua">24</span> ff.) -Aber die Berichte stellen diesen Aufbruch gar nicht als <em class="gesperrt">Flucht</em> -dar; ebensowenig <em class="gesperrt">begründen</em> sie diese Nordreise aus dem Resultat -des vorhergehenden Streitgesprächs, sondern <em class="gesperrt">wir</em> tragen -in die berichtete chronologische Folge einen fiktiven kausalen -Charakter ein. Wenn Jesus also kurz vorher von der Volksgunst -getragen ist und nun das Gebiet verlässt, so bleibt dieses Faktum -nach den Texten vorläufig unerklärt. Dass es eine Flucht war, ist -eine unerweisbare Mutmassung.</p> - -<p>Es sei kein Gewicht darauf gelegt, dass er in der Folge noch -zweimal von einer grossen Volksmenge umgeben erscheint (Mk -8 <span class="antiqua">1-9</span>, Speisung der 4000 und Mk 8 <span class="antiqua">34</span> ff., in den Scenen vor und -nach der Verklärungsgeschichte). Dieses Faktum könnte vielleicht -in einer litterarischen Einarbeitung der betreffenden Berichte -begründet sein, was z. B. für die Doublette zur Speisungsgeschichte -als erwiesen gelten darf.</p> - -<p>Massgebend ist aber der Empfang, den die Festkarawane -Jesu bereitet, als er sie vor Jericho einholt. Diese Ovation gilt -nicht dem Mann, der Land und Leute an die Pharisäer verlor -und zuletzt fliehen musste, sondern dem aus der Verborgenheit -wieder aufgetauchten gefeierten Propheten. Wenn diese jubelnden -galiläischen Volksmassen es ihm jetzt ermöglichen, in der Hauptstadt -die Behörde mehrere Tage zu terrorisieren — denn etwas -anderes ist die Tempelreinigung nicht gewesen — und die Schriftgelehrten -mit herber Ironie blosszustellen, haben sie es für den -Mann gethan, der einige Wochen vorher diesen Theologen im -eigenen Land weichen musste?</p> - -<p>Will man also von einer Periode der Erfolge reden, so muss -man die <em class="gesperrt">zweite</em> als eine solche bezeichnen. Denn überall, wo -Jesus nach der Rückkehr der Jünger in der Oeffentlichkeit erscheint, -ist er von einer ihm ergebenen Menge begleitet: in Galiläa, - <span class="pagenum"><a id="Page_6">[S. 6]</a></span> -vom Jordan nach Jerusalem und in der Hauptstadt selbst. Das -murrende Judenvolk ist eine Erfindung des vierten Evangelisten. -Zudem zeigt der Gewaltstreich der heimlichen Gefangennahme -und die hastige Verurteilung, was der hohe Rat von dieser Volksbewegung -zu Gunsten Jesu befürchtete. Das war der einzige -»Misserfolg« in der zweiten Periode. Freilich war er verhängnisvoll.</p> - -<p>Die erfolgreiche erste galiläische Periode ist also in Wirklichkeit -die Zeit der Demütigungen und der Misserfolge. Ein -Doppeltes führte dazu, sie trotzdem als die »glückliche« aufzufassen. -Zunächst ist darin ein <em class="gesperrt">ästhetischer Faktor</em> enthalten, -der gerade bei <span class="smcap">Keim</span> stark hervortritt. Eine Reihe der Natur -entnommener Gleichnisse, sowie die wundervolle Rede gegen weltliche -Sorge Mt 6 <span class="antiqua">25-34</span> scheinen nicht anders begreiflich, als -dass hoffnungsvoller Frohsinn in der Natur sich selbst wiederfindet.</p> - -<p>Dazu kommt als zweites ein <em class="gesperrt">historisches Postulat</em>. In der -ersten Periode findet sich keine Spur vom Leidensgedanken; die -zweite wird durch ihn beherrscht. Also war die erste erfolgreich, die -zweite unglücklich, da anders der Umschwung psychologisch und -historisch nicht begreiflich ist.</p> - -<p class="pmb3">Die historischen Thatsachen reden anders. In der wirklichen -Periode der Misserfolge tritt der Leidensentschluss nicht zu Tage. -Dagegen eröffnet er seinen Jüngern in der erfolgreichen zweiten -Periode, dass er durch die Schriftgelehrten sterben müsse. <em class="gesperrt">Das -Verhältnis ist also gerade umgekehrt.</em> Damit steht die -modern-historische Psychologie vor einem Rätsel.</p> - - -<h3>4. Der Einfluss der paulinischen Sühnetheorie auf die Fassung -der synoptischen Leidensworte.<br /> -<span class="small">(Zweite Voraussetzung.)</span></h3> - -<p>Es lässt sich kein Beweis führen, dass die synoptischen -Leidensstellen durch paulinische Gedanken beeinflusst sind. Auch -hier handelt es sich um eine Art Postulat, denn wenn es nicht gelingt, -den juridischen Charakter von Mk 10 <span class="antiqua">45</span> und Mk 14 <span class="antiqua">24</span> auf -Rechnung des paulinischen Mediums zu setzen, so muss man annehmen, -dass Jesu Leidensgedanke selbst diese schroffe Sühnevorstellung -enthalten habe. Darauf ist aber der modern-historische -Lösungsversuch nicht eingerichtet.</p> - -<p>Nun lässt sich aber beweisen, dass kein paulinischer Einfluss -vorliegen kann! Nach Paulus sagt Jesus beim Abendmahl: - <span class="pagenum"><a id="Page_7">[S. 7]</a></span> -Mein Leib <em class="gesperrt">für euch</em> (I Kor 11 <span class="antiqua">24</span>). Dementsprechend heisst es -auch Lk 22 <span class="antiqua">19</span> u. <span class="antiqua">20</span>: Mein Leib, der <em class="gesperrt">für euch</em> gegeben wird, das -Blut, das <em class="gesperrt">für euch</em> vergossen wird. Die beiden älteren Synoptiker -schreiben dafür immer: <em class="gesperrt">für viele</em>. Mk 10 <span class="antiqua">45</span> = Mt 20 <span class="antiqua">28</span>: zu -geben sein Leben zur Sühne <em class="gesperrt">für viele</em>. Mk 14 <span class="antiqua">24</span> = Mt 26 <span class="antiqua">28</span>: -mein Blut des Bundes, das vergossen wird <em class="gesperrt">für viele</em>. Das -eine Mal ist also das Publikum, welchem das Leiden zu gute -kommt, genau bestimmt: es sind die Jünger. Das andere Mal -handelt es sich um eine unbestimmte Mehrheit.</p> - -<p>Mit dem Argument, dass es sachlich auf dasselbe hinauskomme, -ist nichts gethan. Warum redete Jesus bei den älteren -Synoptikern von den <em class="gesperrt">Vielen</em>, bei Paulus von den <em class="gesperrt">Seinen</em>? Die -einzige Erklärung liegt darin, <em class="gesperrt">dass Paulus von dem Standpunkt -der Gemeinde nach dem Tode Jesu schreibt</em>. Danach -kommt die Heilswirkung des Todes Jesu einer bestimmten -Gemeinschaft zu gute, nämlich denen, die an ihn glauben. Die -Jünger repräsentieren diese gläubige Gemeinschaft in den geschichtlichen -Aussprüchen Jesu, weil man es sich vom Standpunkt -der messiasgläubigen Gemeinde aus nicht anders vorstellen konnte, -als dass Jesus mit den Worten über sein Leiden die Gläubigen -gemeint habe.</p> - -<p>Das altsynoptische »<em class="gesperrt">für viele</em>« ist aber vom <em class="gesperrt">historischen -Standpunkt</em> aus gesprochen, wo Jesus noch nicht den Glauben -an seine Messianität verlangt und wo deshalb die Mehrheit, denen -sein Tod zu gute kommen soll, unbestimmt gelassen ist. Nur eines -ist ihm gewiss, dass sie grösser ist als der Jüngerkreis; darum -sagt er »<em class="gesperrt">für viele</em>«. Hätte er gesagt »<em class="gesperrt">für euch</em>« wie Paulus ihm -zumutet, so hätten die Jünger daraus schliessen müssen, er sterbe -für sie allein, da sie sich damals nicht, wie es Paulus und der -Gemeinde geläufig war, als Repräsentanten einer zukünftigen -messiasgläubigen Gemeinschaft fühlen konnten.</p> - -<p>Ist aber dieses »<em class="gesperrt">für viele</em>« stehen geblieben, trotzdem Paulus -aus der Gemeindevorstellung heraus es instinktiv durch »<em class="gesperrt">für -euch</em>« ersetzen muss, obwohl er dadurch ein historisch unmögliches -Wort schafft: so ist man nicht berechtigt, in der überlieferten -Form des altsynoptischen Leidensgedankens irgendwie paulinische -Beeinflussung anzunehmen. Die schroffe Sühnetheorie bei den -Synoptikern ist also historisch. Eine Abschwächung, wie sie der -modern-historische Lösungsversuch voraussetzen muss, ist unberechtigt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_8">[S. 8]</a></span></p> - -<p class="pmb3">Nun stellt sich die Aufgabe, in der Deutung der Aussprüche -Jesu gerade dem »<em class="gesperrt">für viele</em>« gerecht zu werden. Weil sie dies -nicht gethan haben, sind alle Darlegungen über die Bedeutung -des Todes Jesu, von Paulus bis <span class="smcap">Ritschl</span>, unhistorisch. Man -setze statt der gläubigen Gemeinschaft, mit der sie operieren, -die unbestimmte und unqualifizierte Mehrheit des historischen -Wortes ein, dann werden ihre Ausführungen einfach sinnlos. -Historisch ist allein diejenige Deutung, welche begreiflich macht, -warum nach Jesus die durch seinen Tod gewirkte Sühne einer mit -Absicht unbestimmt gelassenen Mehrheit zu gute kommen soll.</p> - - -<h3>5. Das Reich Gottes als ethische Grösse im Leidensgedanken.<br /> -<span class="small">(Dritte Voraussetzung.)</span></h3> -<p class="pmb2" /> - - -<h4>a) Mk 10 <span class="antiqua">41-45</span>. Das Dienen als das sittliche Verhalten in -Erwartung des kommenden Reiches.</h4> - -<p>Die Zebedaiden hatten beansprucht, zu Seiten des Herrn -zu sitzen in seiner Herrlichkeit, d. h. wenn er als Messias von -seinem Thron aus regieren würde. Darüber sind die andern unwillig. -Jesus ruft sie zusammen und redet ihnen vom Dienen und -Herrschen in Bezug auf das Gottesreich.</p> - -<p>In diesem Ausspruch findet man nun gewöhnlich den ethischen -Begriff des Reiches Gottes. Eine Umwertung aller Werte soll erfolgen. -Der Grösste im Himmelreich ist der, welcher klein wird als ein -Kind (Mt 18 <span class="antiqua">4</span>), und Herrscher ist, wer dient. Selbsterniedrigung -und dahingebendes Dienen, das ist die neue Sittlichkeit des Gottesreiches, -welche durch Jesu dienendes Todesleiden in Kraft tritt.</p> - -<p>Dabei vergessen wir aber, dass das Reich, in dem man herrscht, -als etwas Zukünftiges gedacht ist, während das Dienen auf die -Gegenwart geht! In unserer ethischen Betrachtungsweise fallen -Dienen und Herrschen zeitlich und logisch zusammen. Bei Jesus -aber handelt es sich gar nicht um eine rein ethische Vertauschung -der Begriffe Dienen-Herrschen, sondern dieser Gegensatz verläuft -in einer <em class="gesperrt">zeitlichen Folge</em>. Scharf hebt sich der gegenwärtige -von dem zukünftigen Aeon ab. Wer im Reich Gottes -einmal zu den Grössten gehören will, der muss <em class="gesperrt">jetzt</em> sein als ein -Kind! Wer auf eine Herrscherstellung darin Anwartschaft erhebt, -der muss <em class="gesperrt">jetzt</em> dienen! Je tiefer sich <em class="gesperrt">jetzt</em> einer unter die andern -beugt in der Zeit, wo die irdischen Herrscher sich mit Gewalt im -Regiment erhalten, desto höher wird seine Herrschaft sein, wenn -die irdische Gewalt aufhört und das Reich Gottes anbricht. - <span class="pagenum"><a id="Page_9">[S. 9]</a></span> -Darum muss derjenige sich im Todesleiden erniedrigen, welcher -als Menschensohn auf den Wolken des Himmels kommen wird -zum Richten und Herrschen. Ehe er seinen Thron besteigt, -trinkt er den Leidensbecher, von dem auch die kosten müssen, -die mit ihm herrschen wollen!</p> - -<p>Sowie man dieses »<em class="gesperrt">jetzt und dann</em>« in Jesu Rede beachtet, -tritt an die Stelle des abgeblassten Satzparallelismus eine wirkungsvolle -Steigerung. Den absteigenden Rangstufen des Dienens -entsprechen die aufsteigenden des Herrschens.</p> - -<blockquote> -<p class="p_m1">1. Wer gross sein will <em class="gesperrt">unter euch</em>, der sei <em class="gesperrt">euer</em> Diener (<span class="smcap">V.</span> <span class="antiqua">43</span>).</p> - -<p class="p_m1">2. Wer <span class="antiqua">von euch</span> der erste sein will, der sei <em class="gesperrt">aller (andern)</em> -Diener (<span class="smcap">V.</span> <span class="antiqua">44</span>).</p> - -<p class="p_m1">3. Darum wartet des Menschensohns die höchste Herrscherstellung, -weil er nicht gekommen ist, sich dienen zu lassen, -sondern zu dienen, indem er sein Leben als Sühne für <em class="gesperrt">die -Vielheit</em> dahingibt (<span class="smcap">V.</span> <span class="antiqua">45</span>).</p> -</blockquote> - -<p>Die Steigerung ist eine doppelte. Das Dienen der Jünger -erstreckt sich nur auf <em class="gesperrt">ihren</em> Kreis, das Dienen Jesu auf eine unbeschränkte -Mehrheit, nämlich auf alle die, welchen sein Todesleiden -zu gute kommen soll. Bei den Jüngern handelt es sich nur -um eine selbstlose <em class="gesperrt">Unterwerfung</em>, bei Jesus um das <em class="gesperrt">bittere -Todesleiden</em>. Beides ist ein Dienen, insofern damit die Anwartschaft -auf eine Herrscherstellung im Reich verbunden ist.</p> - -<p>Die gewöhnliche Erklärung wird nicht dem altsynoptischen, -sondern nur dem lukanischen Texte gerecht (Lk 22 <span class="antiqua">24-27</span>). Dieser -hat die Erzählung aus dem Zusammenhang herausgerissen, so -dass es sich um einen Streit der Jünger beim letzten Mahl -handelt, wer von ihnen »für den Grössten zu halten sei.«</p> - -<p>Damit ist das »<em class="gesperrt">jetzt und dann</em>« aus der Situation ausgeschieden -und es handelt sich nur um eine rein ethische Verkehrung -der Begriffe Herrschen und Dienen. Jesu Rede verläuft dementsprechend -auch in einem unlebendigen Parallelismus. Der -Grösste unter euch sei wie der Jüngste, und der Vorsteher wie -der, der aufwartet (Lk 22 <span class="antiqua">26</span>). Statt aus seiner Dahingabe in den -Tod für die grosse Allgemeinheit auf das Verhalten derer, die -mit herrschen wollen, zu exemplifizieren, redet er nur von seinem -dienstbaren Wesen den Jüngern gegenüber: Ich aber bin in eurer -Mitte, wie der, der aufwartet (Lk 22 <span class="antiqua">27</span>). Damit meint er ein -Dienen, das zugleich Herrschen ist. Bei den beiden älteren -Synoptikern handelt es sich aber gar nicht um die Proklamierung - <span class="pagenum"><a id="Page_10">[S. 10]</a></span> -der neuen Sittlichkeit des Gottesreiches, wo Dienen Herrschen -ist, sondern um die Bedeutung der Selbsterniedrigung und des -Dienens in <em class="gesperrt">Erwartung des Gottesreiches</em>. Dienen ist das -Grundgesetz der <em class="gesperrt">Interimsethik</em>.</p> - -<p>Dieser Gedanke ist viel tiefer und lebendiger als das moderne -Spiel mit Worten, welches wir dem Herrn zumuten. Nur durch -Erniedrigung und Kindessinn in diesem Aeon wird man würdig -bereitet, im Reich Gottes zu herrschen. Nur wer durch Leiden -hier sittlich geläutert und geadelt ist, kann dort gross sein. Darum -ist das Leiden für Jesus der sittliche Erwerb und die sittliche -Bewährung für die messianische Herrschaft, die ihm bestimmt ist.</p> - -<p>Irdisches Herrschen, weil es auf Gewaltthat beruht, ist Ausfluss -der widergöttlichen Macht. Das Herrschen im Reich Gottes, -wo die Weltmacht vernichtet ist, bedeutet Ausfluss der göttlichen -Macht sein. Träger derselben kann nur der werden, welcher sich -von irdischem Herrschen rein erhalten hat. Sie zu vergeben an -die, welche durch Leiden sich bereitet haben, ist allein Gottes -Sache (Mk 10 <span class="antiqua">39</span> u. <span class="antiqua">40</span>).</p> - -<p class="pmb2">Ist aber Dienen nicht die Sittlichkeit des Gottesreiches, so -operiert Jesu Leidensvorstellung auch nicht mit dem darauf beruhenden -Begriff des Gottesreichs als der sich vollendenden -ethischen Gemeinschaft, sondern mit einer übersittlichen Grösse, -nämlich mit der eschatologischen Reichsvorstellung.</p> - - -<h4>b) Der Leidensgedanke und die eschatologische Erwartung.</h4> - -<p>Die Untersuchung der Abendmahlsberichte ergab einen engen -Zusammenhang zwischen dem eschatologischen Schlusswort und -dem Ausspruch vom vergossenen Blut. Die übrigen Stellen über -das Leiden führen auf eine ähnliche Verbindung.</p> - -<p>Nachdem Jesus mit seinem »ja« sich selbst das Todesurteil -gesprochen, redet er von seiner »Wiederkunft« auf den Wolken -des Himmels. Dabei denkt er, dem Markustext zufolge, beide -Geschehnisse in einem Gedanken. Mk 14 <span class="antiqua">62</span>: Ich bin es <span class="antiqua">und</span> ihr -werdet den Menschensohn sitzen sehen zur Rechten der Macht -und kommen mit den Wolken des Himmels. Dieser logische Zusammenhang -ist, wie für das Kelchwort, bei Matthäus schon -erweicht, indem er an die Stelle des »<em class="gesperrt">und</em>« die rein zeitliche Folge -setzt. Mt 26 <span class="antiqua">64</span>: Du sagst es. <em class="gesperrt">Doch</em> ich sage euch, <em class="gesperrt">von nun an</em> -werdet etc. Bei Lukas fehlt der eschatologische Hinweis; er hat -ihn auch beim Kelchwort ausfallen lassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_11">[S. 11]</a></span></p> - -<p>Eine enge Verbindung zwischen dem Leidensgedanken und -der Eschatologie setzt auch das Gespräch über den Leidensweg -der Nachfolger voraus (Mk 8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">1</span>). Wer sich Jesu schämt, -wenn er Schmähung und Verfolgung in der ehebrecherischen und -sündigen Welt erduldet, dessen wird sich auch der Menschensohn -schämen, wenn er in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen -Engeln kommt. Denn dieses Geschlecht wird nicht in den -Tod sinken, bis sie sehen das Reich Gottes kommend in Macht!</p> - -<p>Dieser Zusammenhang muss für die Hörer stark hervorgetreten -sein. Nach dem Aufbruch von Cäsarea Philippi, unter dem -Eindruck des Leidensgeheimnisses, das ihren Sinn mit Trauer -und Angst erfüllt (Mk 9 <span class="antiqua">30-32</span>) — streiten sich die Jünger darum, -wer den höchsten Platz im Reich einnehmen wird. Im Hause -zu Kapernaum muss Jesus sie darüber zurechtweisen (Mk 9 <span class="antiqua">33-37</span>). -Das war, nachdem er zum zweitenmal von seinem Leiden gesprochen -hatte.</p> - -<p>Auf dem Weg nach Jerusalem wiederholt sich derselbe Auftritt -im engsten Anschluss an die dritte Leidensweissagung (Mk 10 -<span class="antiqua">32-41</span>). Die Zebedaiden erheben ihre Ansprüche auf die Thronplätze. -Es handelt sich hier gar nicht um kindischen Missverstand -der Anhänger, denn Jesus geht ja ganz ernsthaft auf ihren Gedanken -ein. Die eschatologische Erwartung muss also für die -Jünger in dem Leidenswort Jesu so stark zur Geltung gekommen -sein, dass sie sich notwendig Gedanken machen über -die Stellung, welche sie im zukünftigen Reich einnehmen werden.</p> - -<p class="pmb3">Der modern-historische Erklärungsversuch eliminiert den -eschatologischen Begriff des Reiches Gottes aus dem Leidensgedanken, -indem er ihn auf die apotheosenhafte Vorstellung von -der »<em class="gesperrt">Wiederkunft</em>« reduziert. Dieser Ausdruck ist vollständig -falsch. Jesus hat nie von seiner »<em class="gesperrt">Wiederkunft</em>«, sondern nur -von seiner <em class="gesperrt">Ankunft</em> oder der <em class="gesperrt">Zukunft</em> des Menschensohnes geredet. -Wir gebrauchen den Ausdruck »Wiederkunft«, weil wir -Tod und Herrlichkeit durch Kontrast verbinden, als bezöge sich -der neue Zustand nur auf eine sieghafte Verklärung Jesu. Unsere -Auffassung lässt ihn sagen: »Ich werde sterben, <em class="gesperrt">aber</em> ich werde -durch meine <em class="gesperrt">Wiederkunft</em> verherrlicht werden«. Thatsächlich -hat er aber gesagt: »Ich muss leiden <em class="gesperrt">und</em> der Menschensohn wird -auf den Wolken des Himmels erscheinen.« Das bedeutet aber -für seine Zuhörer viel mehr als eine Apotheose — denn mit der -Erscheinung des Menschensohnes brach das eschatologische Reich - <span class="pagenum"><a id="Page_12">[S. 12]</a></span> -an. Jesus setzt also seinen Tod mit dem eschatologischen -Anbruch des Reichs in einen zeitlich-ursächlichen Zusammenhang. -Der <em class="gesperrt">eschatologische</em> Reichsbegriff, nicht der <em class="gesperrt">modern-ethische</em>, -beherrscht seinen Leidensgedanken.</p> - - -<h3>6. Die Form der Leidensoffenbarung.<br /> -<span class="small">(Vierte Voraussetzung.)</span></h3> - -<p>Bestände die Auffassung des modern-historischen Lösungsversuchs -zu Recht, so hätte Jesus den Jüngern den Leidensgedanken -in der Form einer ethischen <em class="gesperrt">Reflexion</em> mitteilen -müssen. Sollten sie die eintretende Katastrophe als Inauguralakt -der neuen Sittlichkeit begreifen und daraus eine Erneuerung -ihres sittlichen Handelns ableiten, dann musste er sie mit diesem -Charakter des Ereignisses von vornherein, zugleich mit der Ankündigung -desselben, bekannt machen.</p> - -<p class="pmb3">Nun hat er ihnen aber den Leidensgedanken nicht in der -Form einer <em class="gesperrt">ethischen Reflexion</em>, sondern als ein <em class="gesperrt">Geheimnis</em> -ohne weitere Erklärung mitgeteilt. Es wird beherrscht von dem -»müssen«, dem Ausdruck der unbegreiflichen göttlichen Notwendigkeit. -Dass der Leidensgedanke ein Leidensgeheimnis war, -das steht dem modern-historischen Lösungsversuch entgegen.</p> - - -<h3>7. Zusammenfassung.</h3> - -<blockquote> -<p class="p_m1">1. Die Annahme einer glücklichen galiläischen Periode, auf -welche dann die Zeit des Niedergangs folgt, ist historisch -nicht haltbar.</p> - -<p class="p_m1">2. Paulinischer Einfluss kann die Fassung der altsynoptischen -Leidensaussprüche nicht bedingt haben.</p> - -<p class="p_m1">3. Nicht der ethische, sondern der überethische, eschatologische -Reichsgedanke beherrscht die Leidensvorstellung Jesu.</p> - -<p class="p_m1">4. Die Aussprache des Leidensgedankens geschah nicht in der -Form einer ethischen Betrachtung, sondern es handelt sich -um ein unbegreifliches Geheimnis, das die Jünger gar nicht -zu verstehen brauchten und auch nicht verstanden haben.</p> -</blockquote> - -<p>So steht es um die vier Grundpfeiler des modern-historischen -Lösungsversuchs. Mit ihnen stürzt der ganze Bau zusammen. Es -ist doch nur ein unlebendiger Gedanke! Das Modern-Kraftlose -zeigt sich darin, dass man es dabei über eine Art repräsentativer -Bedeutung des Todes Jesu nicht hinausbringt. Jesus beschafft -durch seine Dahingabe nichts schlechthin Neues, weil er ja das -Reich Gottes als Sündenvergebung oder als die sich sittlich - <span class="pagenum"><a id="Page_13">[S. 13]</a></span> -vollendende Gemeinschaft während seiner ganzen öffentlichen -Wirksamkeit als schon vorhanden voraussetzt. Es ist mit -seinem Auftreten selbst gegeben. Eine geleistete Sühne verlangt -aber eine <em class="gesperrt">effektive</em> Bedeutung des Todes.</p> - -<p>Darin besteht auch die Schwäche der modernen Dogmatik -gegenüber der alten. Paulus, Anselm und Luther wissen um -einen absolut neuen Zustand, der zeitlich und kausal aus Jesu -Tod resultiert. Die moderne Dogmatik redet darum herum; aber -sie weiss nichts anzugeben, sondern hüllt sich in die Wolke ihrer -eigenen Voraussetzungen. Unhistorisch sind sie zwar beide. -Religiös berechtigt ist allein die moderne. Die alte Dogmatik -ist aber hier historischer, denn sie postuliert doch eine effektive -Wirkung des Todes Jesu, wie es die synoptischen Stellen -verlangen.</p> - -<p>Worin besteht aber dort die schlechthin neue Grösse, welche -an den Tod gebunden ist? Die synoptischen Sprüche geben darauf -nur <em class="gesperrt">eine</em> Antwort: <em class="gesperrt">die eschatologische Realisierung des -Reiches</em>! Von der Sühne, die Jesus leistet, hängt das Kommen -des Reiches Gottes in Macht ab. Das ist der Grundzug des -Leidensgeheimnisses.</p> - -<p>Wie ist dies zu verstehen? Nur die Geschichte Jesu -kann darüber Aufschluss geben. <em class="gesperrt">An die Stelle des modern-historischen -tritt nun der eschatologisch-historische -Lösungsversuch.</em></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<h2 id="Zweites_Kapitel">Zweites Kapitel.<br /><br /> - -Die Entwicklung Jesu.</h2> -<p class="pmb2" /> - - -<h3>1. Das Reich Gottes als ethische und als eschatologische -Grösse.</h3> - -<p>Das Zusammensein einer ethischen und einer eschatologischen -Gedankenreihe bei Jesus bildete von jeher eines der -schwersten Probleme der neutestamentlichen Wissenschaft. Wie -können sich in <em class="gesperrt">einem</em> Denken zwei so verschiedene, in manchem -diametral entgegengesetzte Weltanschauungen vereinigen?</p> - -<p>Man hat das Problem zu umgehen gesucht, in dem richtigen -Gefühl, dass beide unvereinbar sind. Kritische Geister wie <span class="smcap">T. Colani</span> -(Jésus-Christ et les croyances messianiques de son temps -1864, S. 94 ff., 169 ff.) und <span class="smcap">G. Volkmar</span> (Die Evangelien 1870, -S. 530 ff.) kamen dazu, die Eschatologie überhaupt aus Jesu Vorstellungskreis - <span class="pagenum"><a id="Page_14">[S. 14]</a></span> -zu <em class="gesperrt">eliminieren</em>. Danach wären alle derartigen -Aussprüche auf Kosten der eschatologischen Erwartung der späteren -Zeit zu setzen. Dieses Verfahren scheitert an der Hartnäckigkeit -der Texte; gerade die eschatologischen Worte gehören -zu den bestbezeugten Partien. Ihre Ausscheidung bedeutet -einen Gewaltakt.</p> - -<p>Nicht besser steht es mit dem Versuch der Umgehung des -Problems durch <em class="gesperrt">Sublimierung</em> der Eschatologie, als hätte Jesus -die realistischen Vorstellungen seiner Zeit ins Geistige übersetzt, -indem er sie im Bilde anwandte. Auf diesem Gedanken beruht -die Studie von <span class="smcap">Erich Haupt</span> (Die eschatologischen Aussagen -Jesu in den synoptischen Evangelien. 1895). Nichts berechtigt -uns aber anzunehmen, Jesus habe seine Worte in einem uneigentlichen -Sinn gemeint, während seine Zuhörer sie aus der -zeitgenössischen Vorstellung heraus realistisch auffassen mussten. -Für ein solches Unternehmen fehlt nicht nur jede prinzipielle -Erklärung, sondern auch die leiseste Andeutung seinerseits.</p> - -<p>So bleibt also das Problem, wie das Nebeneinander zweier -Weltanschauungen zu erklären sei, in voller Schärfe bestehen. -Die einzige Lösung scheint in der Annahme einer zeitlichen Entwicklung -zu liegen. Jesu Weltanschauung sei anfangs rein ethisch -gewesen. Er habe die Realisierung des Reiches Gottes von der -Ausdehnung und Vollendung der sittlich-religiösen Gemeinschaft -erwartet, die er zu gründen unternahm. Als aber der Widerstand -der Weltmacht die organische Vollendung des Reiches in -Frage stellte, habe sich die eschatologische Vorstellung ihm aufgedrängt. -Durch die Ereignisse sei er dazu gekommen, die Vollendung -des religiös-ethischen Ideals, welche er bisher an den -Endpunkt einer durch sittliches Wirken fortschreitenden Entwicklung -verlegte, nunmehr von einer kosmischen Katastrophe -zu erwarten, in welcher die Allmacht Gottes das zum Abschluss -bringen sollte, was er unternommen hatte.</p> - -<p>Es soll also ein Umschwung in Jesu Gedanken stattgefunden -haben. Aber die zeitliche Auseinanderziehung des Gegensatzes -verschleiert das Problem nur, ohne es zu lösen. Die Aufnahme -des eschatologischen Gedankens, wenn sie in dieser Weise vorstellig -gemacht werden soll, bedeutet nichts anderes, als den totalen -Bruch mit der Vergangenheit, wobei jede Entwicklung aufhört. -Denn, wenn man mit dem eschatologischen Gedanken Ernst -macht, hebt er die ethischen Gedankenreihen auf. Er verträgt - <span class="pagenum"><a id="Page_15">[S. 15]</a></span> -keine nebensächliche Stellung. Zu dieser Kraftlosigkeit kam er -erst in der christlichen Dogmatik, durch die geschichtliche Erfahrung. -Jesus aber hat entweder eschatologisch oder uneschatologisch -gedacht, aber nicht beides zugleich oder so, dass das -Eschatologische ergänzend zum Uneschatologischen hinzutrat.</p> - -<p class="pmb3">Nun ist nachgewiesen, dass in dem Leidensgedanken nur -der eschatologische Begriff vom Reich Gottes zur Geltung -kommt. Ebenso ist die Annahme einer Periode der Misserfolge -nach der Aussendung historisch nicht berechtigt. Diese bildet -aber die unumgängliche Voraussetzung jeder in Jesu anzunehmenden -Entwicklung. Also kann der eschatologische Gedanke -sich Jesu nicht durch äussere Erlebnisse aufgezwungen -haben, <em class="gesperrt">sondern er muss von Anfang an</em>, auch in der ersten -galiläischen Periode <em class="gesperrt">seiner Predigt zu Grunde gelegen -haben</em>!</p> - - -<h3>2. Der eschatologische Charakter der Aussendungsrede.</h3> - -<p>»Das Himmelreich ist nahe herbeigekommen« (Mt 10 <span class="antiqua">7</span>) — -dieses Wort, das Jesus den Jüngern zu verkündigen aufträgt, -fasst seine ganze bisherige Predigt zusammen. Sie sollen sie nun -hinaustragen in die Städte Israels. In welchem Sinn diese Ankündigung -gemeint ist, darüber gibt die Aussendungsrede keinen -Aufschluss.</p> - -<p>Ist die gewöhnliche Auffassung von der Bedeutung jener -Entsendung der Jünger richtig, so bieten die Worte, mit denen -er sie entlässt, ein merkwürdiges Rätsel dar. In hoffnungsvoller -Schaffensfreude geht er daran, den Kreis seiner auf die Gründung -des Gottesreiches gerichteten Thätigkeit weiter zu ziehen. Die -Aussendungsrede sollte also Belehrungen für die missionierende -Thätigkeit der Jünger in diesem Sinn enthalten. Man müsste -nun erwarten, dass er sie anleitet, wie sie über das neue Verhältnis -zu Gott und über die neue Sittlichkeit des Gottesreiches predigen -sollen.</p> - -<p>Die Aussendungsrede ist aber alles andere eher als eine Zusammenfassung -der »Lehre Jesu«. An eine tiefer eindringende -Unterweisung ist gar nicht gedacht, sondern es handelt sich um -eine fliegende Verkündigung durch Israel mit dem einzigen Lehrauftrag, -den Ruf von der Nähe des Gottesreiches überall ertönen -zu lassen — damit alle gewarnt sind und Busse thun können. -Zeit ist aber dabei nicht zu verlieren; darum sollen sie sich in - <span class="pagenum"><a id="Page_16">[S. 16]</a></span> -einer Stadt, wo sie keine Empfänglichkeit finden, nicht aufhalten, -sondern weiter eilen, damit sie mit den Städten Israels fertig -werden, ehe die Erscheinung des Menschensohns stattfindet. -»Kommen des Menschensohnes« bedeutet aber: <em class="gesperrt">Einbrechen -des Reiches Gottes mit Macht</em>.</p> - -<p>Wenn sie euch verfolgen in dieser Stadt, fliehet zur andern; -wahrlich ich sage euch, ihr werdet mit den Städten Israels nicht -zu Ende sein, bis dass der Menschensohn kommen wird (Mt 10 <span class="antiqua">23</span>). -Versteht man die Aussendungsrede so, als habe Jesus durch die -Jünger sagen lassen, dass nun die Zeit da sei, in einem neuen -sittlichen Verhalten das Reich zu verwirklichen, so bleibt jenes -eschatologische Wort ein erratischer Block inmitten blühender -Wiesen. Fasst man aber die Botschaft der Reichsnähe eschatologisch -auf, dann fügt sich das Wort einem grossen Zusammenhang -ein. Es ist ein Fels in einer wilden Gebirgslandschaft. Von -diesem Wort kann man nicht sagen, es sei aus einer späteren -Zeit eingearbeitet, sondern mit zwingender Gewalt bannt es -eschatologische Aussagen in die Tage der Aussendung.</p> - -<p>Die einzige erforderliche Lehrunterweisung ist der Bussruf. -Busse thut, wer an die Nähe des Reiches glaubt. Darum gibt -Jesus ihnen Gewalt über die unreinen Geister, dass sie dieselben -austreiben und die Kranken heilen (Mt 10 <span class="antiqua">1</span>); aus diesem Zeichen -sollen alle ersehen, dass es mit der widergöttlichen Macht zu -Ende geht und das Morgenrot des Gottesreiches anbricht. Das -gehört mit zu ihrem Lehrauftrag, denn wer ihren Zeichen nicht -glaubt und daraufhin keine Busse auf das Reich Gottes hin thut, -der ist verdammt. So sind Chorazin, Bethsaïda und Kapernaum -dem Gerichte verfallen. Der Glaube und die Busse wurden ihnen -leicht gemacht durch die Zeichen und Wunder, mit welchen sie -vor andern begnadet waren — und sie waren doch nicht in sich -gegangen, was doch Heidenstädte wie Tyrus und Sidon gethan -hätten (Mt 11 <span class="antiqua">20-24</span>). Dieses an das Volk gerichtete Wort zeigt, -welche Bedeutung Jesus den Zeichen mit Hinsicht auf die eschatologische -Botschaft beimass.</p> - -<p>Die Jünger sollten also predigen <em class="gesperrt">vom Reich, von der -Busse und dem Gericht</em>. Weil aber das Ereignis, das sie verkündeten, -so nahe war, dass es jeden Augenblick hereinbrechen -konnte, mussten sie auf das, was ihm vorausging, vorbereitet sein: -nämlich auf <em class="gesperrt">das letzte Aufbäumen der Weltmacht</em>. Wie -sie sich dabei zu verhalten haben, um nicht irre zu werden, darauf - <span class="pagenum"><a id="Page_17">[S. 17]</a></span> -geht die Unterweisung, mit der er sie entlässt! In dem allgemeinen -Aufruhr der Geister werden sich alle Bande lösen. Bis -in die Familie wird der Zwiespalt hineingetragen werden (Mt 10 -<span class="antiqua">34-36</span>). Wer sich zur Sache des Gottesreiches halten will, der -muss bereit sein, die, welche ihm am liebsten waren, aus seinem -Herzen herauszureissen und Kreuz und Schmach auf sich zu -nehmen (Mt 10 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">38</span>). Die weltliche Gewalt wird schwere -Verfolgung über sie bringen (Mt 10 <span class="antiqua">17-31</span>). Man wird sie zur -Verantwortung ziehen und sie quälen, um sie zur Verleugnung zu -bewegen. Der Bruder wird den Bruder, der Vater das Kind dem -Tod überantworten, und die Kinder werden wider die Eltern aufstehen -und den Tod über sie bringen. Nur wer in diesem allgemeinen -Aufruhr standhaft beharrt und sich zu Jesu bekennt, der -wird am Gerichtstage gerettet werden, wenn der Herr bei Gott -für ihn eintritt (Mt 10 <span class="antiqua">32</span> u. <span class="antiqua">33</span>).</p> - -<p class="pmb3">In der Aussendungsrede hat Jesus die Jünger über die -Wehen des anbrechenden Reiches belehrt. Manches in den ausmalenden -Partien mag vielleicht die Färbung einer späteren Zeit -aufweisen. Dadurch wird aber der Gesamtcharakter der Rede -nicht beeinträchtigt. Es handelt sich nicht um ein Verhalten in -ihrer Thätigkeit <em class="gesperrt">nach seinem Tode</em>; über eine solche Anweisung -fehlt uns jegliches historische Wort. Dem Anbruch des -Reiches gehen die Wehen voraus. Also muss die sieghafte Verkündigung -der Reichsnähe sich auf die Wehen einrichten. Darum -dieses, in der bisherigen Erklärung unfassbare Nebeneinander -von Optimismus und Pessimismus. Es gehört zur Signatur jeder -eschatologischen Weltanschauung.</p> - - -<h3>3. Die neue Auffassung.</h3> - -<p>Der Leidensgedanke ist <em class="gesperrt">nur</em> von dem eschatologischen -Reichsbegriff beherrscht. In der Aussendungsrede handelt es -sich <em class="gesperrt">nur</em> um die eschatologische, nicht um die ethische Reichsnähe. -Daraus folgt einmal, dass Jesu Thätigkeit <em class="gesperrt">nur</em> mit der -eschatologischen Realisierung des Reiches rechnet. Dann kann -aber das Verhältnis seiner ethischen Gedanken zur eschatologischen -Weltanschauung keine Umbildung durch äussere Ereignisse -erfahren haben, sondern es muss von Anfang an dasselbe -gewesen sein.</p> - -<p>In welchem Zusammenhang standen aber seine Ethik und -seine Eschatologie? Solange man von der Ethik ausgeht und die - <span class="pagenum"><a id="Page_18">[S. 18]</a></span> -Eschatologie als etwas Hinzutretendes zu begreifen sucht, gibt es -keinen organischen Zusammenhang zwischen beiden, weil die Ethik -Jesu, wie wir sie aufzufassen pflegen, gar nicht auf die Eschatologie -eingerichtet ist, sondern viel höher steht. Man muss daher -den umgekehrten Weg einschlagen und versuchen, <em class="gesperrt">ob nicht -seine ethische Verkündigung ihrem Wesen nach durch -die eschatologische Weltanschauung bedingt ist</em>.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<h2 id="Drittes_Kapitel">Drittes Kapitel.<br /><br /> - -Die Predigt vom Reich Gottes.</h2> -<p class="pmb2" /> - - -<h3>1. Die neue Sittlichkeit als Busse.</h3> - -<p>Wenn der Gedanke der eschatologischen Realisierung des -Reichs die Grundvorstellung der Predigt Jesu ist, so fällt seine -ganze Ethik unter den Begriff der auf das Kommen des Reichs -vorbereitenden <em class="gesperrt">Busse</em>. Uns scheint dieser Begriff zu eng, um -auf den ganzen Umfang seiner sittlich-religiösen Verkündigung -angewandt werden zu können. In unserer Sprache hat nämlich -dieses Wort eine mehr negative Bedeutung, sofern es hauptsächlich -die Beziehung auf eine vorhergehende Schuld hervorhebt. -Die Vorstellung aber, welche bei den Synoptikern durch Busse -(μετάνοια) wiedergegeben wird, ist viel reicher. Sie ist nicht nur -eine sittliche Wiederherstellung im Rückblick auf einen zurückliegenden -sündigen Zustand, sondern — und dieser Charakter -prävaliert — <em class="gesperrt">auch eine sittliche Erneuerung im Hinblick -auf eine bevorstehende allgemeine sittliche Vollendung</em>.</p> - -<p>So schliesst »die Busse in Erwartung des Reichs« alle positiven -ethischen Forderungen in sich. In dieser Bedeutung ist sie -der lebendige Nachhall der altprophetischen Busse. Denn bei -Amos, Hosea, Jesaia und Jeremia bedeutet Busse die sittliche Erneuerung -im Hinblick auf den Tag des Herrn. So sagt Jesaia: -»Waschet euch, reinigt euch; entfernt die Bosheit eurer Thaten -aus meinen Augen. Fraget nach Recht, steuert dem Gewaltthätigen; -richtet die Waise, schaffet Recht der Witwe« (Jes 1 -<span class="antiqua">16</span> u. <span class="antiqua">17</span>). Gerade diesen alttestamentlichen Begriff der Busse, -welcher den Nachdruck auf das neue sittliche Leben legt, muss -man gegenwärtig haben, um die synoptische Busse richtig zu erfassen. -Beide sind nach vorwärts orientiert, beide sind durch -den Gedanken eines Zustandes der Vollendung beherrscht, den - <span class="pagenum"><a id="Page_19">[S. 19]</a></span> -Gott durch sein Gericht heraufführen wird. Für die altprophetische -ist es der Tag des Herrn, für die synoptische der Anbruch -des Reiches.</p> - -<p>Die Ethik der Bergpredigt ist also Busse. Die neue Sittlichkeit, -welche hinter dem Buchstaben den Geist des Gesetzes -entdeckt, macht geschickt zum Reiche Gottes. Nur die Gerechten -kommen ins Gottesreich: das stand für alle fest. Wer also -die Nähe des Reiches predigte, musste auch die Gerechtigkeit -auf das Reich hin lehren. Darum verkündet Jesus die neue Gerechtigkeit, -die höher ist als das Gesetz und die Propheten, denn -diese gehen nur bis auf den Täufer. Seit den Tagen des Täufers -steht man aber in der unmittelbar vormessianischen Zeit.</p> - -<p>Am Tage des Gerichts gilt es, diese sittliche Umwandlung -vorzuweisen; nur wer den Willen des himmlischen Vaters gethan -hat, der wird in das Gottesreich eingehen (Mt 7 <span class="antiqua">21</span>). Keine Berufung -auf Anhängerschaft Jesu, nicht einmal auf Zeichen, die -in seinem Namen verrichtet wurden, kann diese neue Gerechtigkeit -ersetzen (Mt 7 <span class="antiqua">22</span> u. <span class="antiqua">23</span>). Darum schliesst die Bergpredigt -mit der Ermahnung, in Erwartung der gewaltigen Ereignisse -einen festen Bau aufzuführen, der in Sturm und Wetter standhält -(Mt 7 <span class="antiqua">24-27</span>).</p> - -<p>Unter denselben Gesichtspunkt fallen die Seligpreisungen -(Mt 5 <span class="antiqua">3-12</span>). Sie bestimmen die zum Eintritt in das Himmelreich -berechtigende sittliche Verfassung. So erklärt sich das Präsens -und das Futurum in demselben Satz. Selig sind sie, die Sanftmütigen, -die nach Gerechtigkeit Hungernden und Dürstenden, die -Barmherzigen, die reinen Herzens sind, die Friedfertigen, die geistig -Armen, die in der Verfolgung um der Gerechtigkeit willen beharren, -weil sie in diesem Verhalten die Gewähr haben, beim Erscheinen -des Reiches Gottes als dazu gehörig erfunden zu werden.</p> - -<p>Eine Reihe von Gleichnissen enthält denselben Gedanken. -So wird in den Gleichnissen vom Schatz im Acker und von -der köstlichen Perle (Mt 13 <span class="antiqua">44-46</span>) geschildert, wie der Mensch -alles daran setzen muss, wenn ihm das Reich Gottes in Aussicht -gestellt wird, wie er alle andern Güter dahingeben muss, um dieses -in Aussicht stehende höchste Gut zu erwerben.</p> - -<p>Wir finden also in der Ethik der galiläischen Periode schon -das »jetzt und dann«, welches der Wertung des Dienens (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>) -zu Grunde liegt. <em class="gesperrt">Als Busse auf das Reich Gottes hin ist -auch die Ethik der Bergpredigt Interimsethik.</em> Die sittliche - <span class="pagenum"><a id="Page_20">[S. 20]</a></span> -Unterweisung Jesu ist sich also darin vom ersten Tag -seines Auftretens bis zu seinen letzten Aussprüchen gleichgeblieben, -denn die Erniedrigung und das Dienen, welche er den -Seinen auf dem Weg nach Jerusalem anempfiehlt, entsprechen -genau dem neuen sittlichen Verhalten, das er in der Bergpredigt -entwickelt: sie machen geschickt zum Reich Gottes. Nur bilden -sie noch eine Steigerung zur neuen Gerechtigkeit, indem sie geschickt -machen zum <em class="gesperrt">Herrschen</em> daselbst.</p> - -<p>Dem Leitmotiv der Bergpredigt begegnen wir noch einmal -in dem Epilog zur grossen Gleichnisrede der jerusalemitischen -Tage. Nur die Bewährung der neuen Sittlichkeit in allen Verhältnissen -des Lebens gewährleistet den Eintritt in das Reich. -Darum kann Jesus zu dem Pharisäer, der dem Grundgesetz -dieser neuen Sittlichkeit zustimmt, wie es in dem grossen Liebesgebot -ausgedrückt ist, sagen: Du bist nicht fern vom Reich Gottes -(Mk 12 <span class="antiqua">34</span>). Das will nicht heissen, dass der Pharisäer durch seine -Gesinnung beinahe schon die Höhe der »Sittlichkeit des Gottesreiches« -erklommen hat. Wenn nämlich das Doppelgebot der -Liebe die Sittlichkeit des <em class="gesperrt">Gottesreiches</em> ausmachte, müsste -er ihm, da er diesem Gebote vollständig zustimmt, sagen: Du -gehörst dem Gottesreiche an. So aber ist das »nicht fern« rein -zeitlich zu verstehen, nicht von einer kleinen Vervollkommnung, -die ihm noch fehlt. Er ist nicht fern von dem Reich Gottes, weil -er die sittliche Qualität besitzt, durch welche er als ein Genosse -desselben erfunden werden wird, wenn es in Kürze erscheint. Das -»nicht fern« enthält also dasselbe Gemisch von Präsens und Futurum -wie die Seligpreisungen.</p> - -<p class="pmb3">Von unseren ethischen Vorstellungen ausgehend, sind wir geneigt, -den Begriff des Lohnes auf dieses Verhältnis zwischen der -Zugehörigkeit zum Reich und der neuen Sittlichkeit anzuwenden. -Damit wird jedoch der Gedanke Jesu nicht vollständig wiedergegeben, -da es sich für ihn vor allem um die <em class="gesperrt">Unmittelbarkeit</em> -des Uebergangs aus dem Zustande der sittlichen Erneuerung in -den der übersittlichen Vollendung des Gottesreiches handelt. Wer -beim Anbrechen des Gottesreichs im Besitz der sittlichen Erneuerung -ist, der wird als ein Glied desselben erfunden werden. -Dies ist der adäquate Ausdruck für das Verhältnis der Sittlichkeit -zum kommenden Gottesreich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_21">[S. 21]</a></span></p> - - -<h3>2. Die Ethik Jesu und die moderne Ethik.</h3> - -<p>Durch die Tiefe der religiösen Ethik Jesu kommen wir dazu, -in ihr unser modern-ethisches Bewusstsein wiederfinden zu -wollen. Ihrer ewigen inneren Wahrheit nach ist sie allerdings losgelöst -von jeder geschichtlichen Bedingtheit, weil sie die höchsten -ethischen Gedanken aller Zeiten schon in sich enthält. Dennoch -besteht ein grosser Unterschied zwischen Jesu Empfinden -und dem unseren. Die moderne Ethik ist »unbedingt«, weil sie -den neuen sittlichen Zustand aus sich selbst heraus schafft, wobei -vorausgesetzt wird, dass sich dieser Zustand zur Endvollendung -entwickeln wird. Die Ethik ist hier Selbstzweck, sofern -die sittliche Vollendung der Menschheit sich mit der Vollendung -des Reiches Gottes deckt. Das ist <span class="smcap">Kant</span>'s Gedanke. In dieser -Verselbständigung der Ethik, welcher doch eine gewisse Resignation -hinsichtlich der Erreichung des vollendeten Endzustandes -anhaftet, zeigt sich, dass die christlich-moderne Ethik von hellenistisch-rationalistischen -Gedanken durchsetzt ist und unter dem -Einfluss einer zweitausendjährigen Entwicklung steht.</p> - -<p>Die Ethik Jesu hingegen ist »bedingt« in dem Sinn, dass sie -in unlösbarem Zusammenhang mit der Erwartung eines übernatürlich -eintretenden Zustandes der Vollendung steht. Darin -zeigt sich ihre jüdische Provenienz und der unmittelbare Zusammenhang -mit der prophetischen Ethik, wo das sittliche Verhalten -des Volks durch seine Zukunftserwartungen bedingt war. -Wenn daher irgend eine Parallele zur Erklärung der Ethik Jesu -herbeigezogen werden darf, so ist es nur die prophetische, niemals -die moderne. Denn sowie die letztere mithereinspielt, wird die -Betrachtungsweise unhistorisch, sofern man die Ethik Jesu verselbständigt, -während sie durchaus nach der erwarteten übernatürlichen -Vollendung orientiert ist.</p> - -<p>Dadurch schafft man das unlösbare Problem, dass eine ihrer -Ethik nach durchaus moderne Persönlichkeit nebenher eschatologische -Aussprüche thut. Hat man aber einmal die Bedingtheit -seiner Ethik eingesehen und macht man Ernst mit ihrem Zusammenhang -mit der prophetischen Ethik, so ist mit einem Schlage -klar, dass alle Vorstellungen von einem aus kleinen Anfängen -emporwachsenden Reich, von einer Ethik des Gottesreiches und -von einer Entwicklung desselben durch unser modernes Bewusstsein -an Jesu Gedanken herangetragen werden, weil wir uns nicht - <span class="pagenum"><a id="Page_22">[S. 22]</a></span> -ohne weiteres mit der Bedingtheit seiner Ethik vertraut machen -können.</p> - -<p>Wir muten ihm zu, sich das Reich Gottes vorzustellen, wie -es in seiner historischen Verwirklichung sich gleichsam durch -eine Verengerung hindurchzwängt, um nachher die Vollgestalt, -auf die es angelegt ist, zu erreichen. Das ist moderne Vorstellung. -Für Jesus und die Propheten war sie aber unvollziehbar. In der -Unmittelbarkeit ihrer ethischen Anschauung gibt es keine Sittlichkeit -des Gottesreichs und keine Entwicklung desselben — -es liegt jenseits der ethischen Grenze von Gut und Böse; es wird -herbeigeführt durch eine kosmische Katastrophe, durch welche -das Böse total überwunden wird. Damit werden die sittlichen -Massstäbe aufgehoben. <em class="gesperrt">Das Reich Gottes ist eine übersittliche -Grösse.</em></p> - -<p>Zu dieser Höhe des überethischen Idealismus kann sich das -moderne Bewusstsein nicht mehr aufschwingen. Wir sind eben -durch die Geschichte alt geworden. Für das historische Verständnis -der Ethik Jesu ist sie aber die unerlässliche Voraussetzung.</p> - -<p>Dazu kommt noch, dass wir beim Reich Gottes nach vorwärts -denken, an die kommenden Generationen, welche es in -steigendem Masse verwirklichen werden. Jesu Blick geht rückwärts. -Für ihn setzt sich das Reich zusammen aus den Generationen, -welche schon ins Grab gesunken sind und die nun zu -einem Vollendungszustand erweckt werden. Wie soll es für ihn -eine Ethik der geschlechtlichen Beziehungen im Gottesreiche -geben, wenn er den Sadducäern erklärt, dass es im Gottesreiche -nach der grossen Auferstehung geschlechtliche Beziehungen überhaupt -nicht mehr geben wird, sondern »dass sie sein werden, wie -die Engel des Himmels« (Mk 12 <span class="antiqua">25</span>)?</p> - -<p>Jede ethische Norm Jesu, möge sie auch noch so vollendet -sein, führt also nur bis an die Grenze des Reiches Gottes, während -jeglicher Pfad verschwindet, sobald man sich auf dem neuen -Boden bewegt. Dort braucht man keinen.</p> - -<p>Man hat ein Vorurteil gegen diese Bedingtheit. Sofern man -meint, der Wert der Ethik Jesu würde dadurch herabgesetzt, ist -es unberechtigt. Gerade das Gegenteil ist der Fall; denn diese -Bedingtheit fliesst aus einem absolut ethischen Idealismus, welcher -für den erwarteten Vollkommenheitszustand Daseinsbedingungen -postuliert, die selbst ethisch sind. In unserer verselbständigten - <span class="pagenum"><a id="Page_23">[S. 23]</a></span> -Ethik aber setzen wir den Kampf zwischen Gut und Bös, als -dauernd zum Wesen des Ethischen gehörend, für immer voraus. -Ethik und Theologie stehen für uns nicht in diesem lebendigen -Verhältnis, wie bei Jesus. Die Lebhaftigkeit der Farben des -absolut ethischen Idealismus ist in der Geschichte verblasst. So -ist die Verselbständigung der Ethik Jesu also nicht nur ungeschichtlich, -sondern sie bedeutet auch eine Verkümmerung seines -ethischen Idealismus.</p> - -<p>In <em class="gesperrt">einem</em> Punkte hat aber unser ethisches Empfinden mit -seinem Vorurteil recht. Bezieht sich die Ethik bloss auf die Erwartung -der übernatürlichen Vollendung, dann ist ihr thatsächlicher -Wert herabgesetzt, da sie nur Individualethik ist und nur -das Verhältnis des Einzelnen zum Gottesreich berücksichtigt. -Dass aber die sittliche Gemeinschaft, welche durch Jesu Predigt -hervorgerufen wird, als solche irgendwie das wirksame Anfangsglied -in der Realisierung des Gottesreiches sei, dieser Gedanke -liegt nicht nur in unserem ethischen Empfinden, sondern er belebt -auch die Predigt Jesu, denn er arbeitet den sozialen Charakter -seiner Ethik scharf heraus. Gerade deswegen sträubt man sich, -den eschatologischen Begriff des Reiches Gottes seiner Verkündigung -von Anfang an zu Grunde zu legen, weil man sich -dann nicht erklären kann, wie er den Zustand der neuen sittlichen -Gemeinschaft, die er um sich schafft, mit dem übernatürlich -eintretenden Reich organisch verbunden denkt.</p> - -<p class="pmb3">Daher gerät man hier unwillkürlich auf das moderne Geleise. -Der Begriff der Entwicklung leistet das Geforderte, indem er erlaubt, -die neue sittliche Gemeinschaft als Anfangszustand zu -jenem Endzustand aufzufassen, welchem sie sich durch eine stetige -Ausdehnung und Vertiefung nähert. Der sich erweiternde Kreis -ist aber eine moderne geschichtliche Betrachtungsweise. Sie ist -Jesu vollständig fremd. Wenn er aber auch unsere Erklärung -nicht vorausgesetzt haben kann, das Faktum, dass diese neue -Gemeinschaft mit dem Endzustand in einem organischen Zusammenhang -stehe, war ihm ebenso sicher wie uns. Weil er -aber diesen Endzustand als rein übernatürlich eintretend erwartete, -war der Zusammenhang nicht durch menschliche Ueberlegung -zu begreifen, <em class="gesperrt">sondern es war ein göttliches Geheimnis</em>, -das er nur in Analogien zu den Vorgängen in der Natur -aussprach.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_24">[S. 24]</a></span></p> - - -<h2 id="Viertes_Kapitel">Viertes Kapitel.<br /><br /> - -Das Geheimnis des Reiches Gottes.</h2> -<p class="pmb2" /> - - -<h3>1. Die Gleichnisse von dem Geheimnis des Reiches Gottes.</h3> - -<p>Es handelt sich um das »Geheimnis des Gottesreiches« -(Mk 4 <span class="antiqua">11</span>), welches in den Gleichnissen vom Säemann, von der -selbstwachsenden Saat, vom Senfkorn und vom Sauerteig dargestellt -wird. Wir finden darin gewöhnlich die Veranschaulichung -einer stetigen Entfaltung, durch welche ein kleiner Anfangszustand -mit einem herrlichen Endzustand zusammenhängt. Die gesäten -Körner enthalten die Ernte schon, indem jedes auf die -Pflanze samt der Frucht angelegt ist. Sie entwickeln sich daraus -stetig und notwendig. So ist es auch mit der Entwicklung des -Reiches Gottes aus kleinen, unscheinbaren Anfängen.</p> - -<p>Diese ansprechende Deutung der Gleichnisse benimmt ihnen -aber den Charakter des <em class="gesperrt">Geheimnisses</em>, denn die Veranschaulichung -einer stetigen Entfaltung durch die Vorgänge in der Natur -ist kein Geheimnis mehr. Darum misskennen wir das Geheimnis -in diesen Gleichnissen. Wir deuten sie aus unserer naturwissenschaftlichen -Reflexion, welche zwei noch so verschiedene Zustände -in allen Fällen durch den Begriff der Entwicklung verbindet.</p> - -<p>Der Unmittelbarkeit, mit welcher der antike ungeschulte -Geist die Natur beobachtete, bot sie aber noch Geheimnisse, indem -sie ihm zwei ganz verschiedene Zustände in einer Aufeinanderfolge -vorführte, deren Zusammenhang ebenso gewiss als -unerklärlich war. Diese Unmittelbarkeit spricht aus Jesu Gleichnissen. -Der Begriff der Entwicklung in der Natur, auf welchen -es die moderne Erklärung abgesehen hat, wird gar nicht hervorgehoben, -sondern die Exposition geht darauf aus, die beiden Zustände -so unmittelbar nebeneinander zu stellen, dass man zur -Frage gedrängt wird: Wie kann der Endzustand aus dem Anfangszustand -hervorgehen?</p> - -<p>1. Ein Mensch säte aus. Von der Aussaat ging ein grosser -Teil durch die verschiedensten Umstände verloren — und doch -war der Ertrag der Körner, welche auf gutes Land fielen, so -gross, dass es das Ausgesäte dreissig-, sechzig-, ja hundertfältig -wiederbrachte.</p> - -<p>Die Ausdeutung der einzelnen Punkte bei der Schilderung -dieses Verlustes auf bestimmte Menschenklassen, wie sie Mk 4 - <span class="pagenum"><a id="Page_25">[S. 25]</a></span> -<span class="antiqua">13-20</span> vorliegt, ist aus einer späteren Anschauung hervorgegangen, -für die das Gleichnis eben kein Geheimnis mehr enthielt. Ursprünglich -waren aber die einzelnen Schilderungen nicht selbständig, -sondern die Saat, die auf dem Weg, auf dem steinigten -Boden und unter den Dornen verloren geht, samt der, welche die -Vögel des Himmels aufpicken, bildet einen einheitlichen Gegensatz -zu der, welche auf gutes Land fiel. Für das Gleichnis -kommt die Art, wie sie zu Grunde ging, nicht in Betracht. Jesu -Rede hängt, trotz der wundervoll ausgeführten Schilderung, in -einem Gedanken: So klein war unter Anrechnung alles dessen, -was verloren ging, die Aussaat und dennoch die grosse Ernte! — -Darin liegt das Geheimnis.</p> - -<p>2. Ein Mensch streute Samen auf das Land. Er schlief, -ging seinen Geschäften nach und kümmerte sich nicht weiter um -die Saat. Ehe er sich's indes versah, stand die Ernte auf dem -Feld und er konnte seine Knechte ausschicken, sie einzuholen. -Wie ging es zu, dass, nachdem die Samenkörner in die Erde gesenkt -waren, der Boden <em class="gesperrt">von selbst</em> Gras, Halm und volle Aehre -hervorbrachte? — Darin liegt das Geheimnis.</p> - -<p>3. Es wurde ein Senfkorn gesät; daraus sprosste eine grosse -Staude hervor, mit Zweigen, dass die Vögel des Himmels darunter -wohnen konnten. Wie ging das zu, da doch das Senfkorn -so klein ist? — Das ist das Geheimnis.</p> - -<p>4. Ein Weib that ein bischen Sauerteig zu einem grossen -Teig. Nachher war der ganze Teig »Sauerteig«. Wie kann durch -ein wenig Sauerteig ein grosser Teig durchsäuert werden? — Das -ist das Geheimnis.</p> - -<p>Diese Gleichnisse sind gar nicht darauf angelegt, gedeutet -und verstanden zu werden, sondern sie sollen die Hörer darauf -aufmerksam machen, dass in den Sachen des Reiches Gottes ein -Geheimnis sich vorbereitet, wie sie es in der Natur erleben. <em class="gesperrt">Es -sind Signale.</em> Wie auf die Saat die Ernte folgt, ohne dass -jemand sagen kann, wie es zuging, so wird auf Jesu Predigt hin -das Reich Gottes in Macht sich einstellen. So klein, verglichen -mit dem Zustand des Reiches Gottes, der Kreis auch ist, welchen -er um sich sammelt, so ist nichtsdestoweniger gewiss, dass es -sich in der Folge dieser so beschränkten sittlichen Erneuerung -einstellen wird, so gewiss zu erwarten ist, dass die Saat, welche -zur Zeit, da er spricht, im Boden schlummert, eine herrliche -Ernte bringen wird. Wartet nicht nur auf die Ernte, sondern - <span class="pagenum"><a id="Page_26">[S. 26]</a></span> -wartet auch auf das Reich Gottes! — so redete der geistige Säemann -zu den Galiläern zur Zeit der Aussaat. Sie sollten, wenn -sie es ahnen konnten, darauf aufmerksam werden, dass die sittliche -Erneuerung im Gefolge seiner Predigt in einem notwendigen, -aber unerklärlichen Zusammenhang mit dem Anbrechen des -Reiches Gottes stände. Denn derselbe Gott, der durch die geheimnisvolle -Kraft in der Natur die Ernte erstehen lassen wird, -der wird auch das Reich Gottes erstehen lassen.</p> - -<p class="pmb3">Darum, als es die Zeit der Ernte war, schickte er seine -Jünger aus, zu verkünden: das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen.</p> - - -<h3>2. Das Geheimnis des Reiches Gottes in der Rede zum Volk -nach der Aussendung.</h3> - -<p>Jesus war allein. Die Jünger trugen die Kunde von der -Nähe des Reiches in die Städte Israels. Während das Volk sich -um ihn drängte, kamen die Gesandten des Täufers mit ihrer -Frage. Er entliess sie mit dem Bescheid: das Reich stehe vor -der Thür; man brauche nur die Sprache der Zeichen und Wunder -zu verstehen. Zum Volk sich wendend, redete er von der Bedeutung -des Täufers und seiner Würde. Dabei entfiel ihm ein -Geheimniswort (Mt 11 <span class="antiqua">14</span>: »wenn ihr es zu fassen vermögt«, -Mt 11 <span class="antiqua">15</span>: »wer Ohren hat zu hören, der höre«). Johannes ist der -Elias, d. h. die Persönlichkeit, welche das unmittelbare Einbrechen -des Reichs anzeigt. »Von den Tagen Johannes des -Täufers bis auf diesen Augenblick wird dem Reich Gottes -Gewalt angethan und die Gewaltthätigen reissen es an sich. -Denn die Propheten und das Gesetz haben bis Johannes -geprophezeit, und wenn ihr es fassen mögt, so ist er der -Elias, der kommen soll. Wer Ohren hat zu hören, der höre« -(Mt 11 <span class="antiqua">12-14</span>).</p> - -<p>Dieses Wort widerstrebt aller Exegese, denn es enthält gar -nicht den Gedanken, dass die Einzelnen sich mit Gewalt den -Eingang ins Reich erzwingen. Was sollte das auch heissen? Inwiefern -geschieht das von den Tagen des Täufers an? Das von -Jesus gebrauchte Bild ist unbegreiflich, wenn es sich um das -Eintreten Einzelner in das Gottesreich handelt. Ebenso unverständlich -bleibt es aber, wenn es sich auf die Realisierung des -Gottesreiches durch Entwicklung beziehen soll. Erstens widerspricht -das Bild vom Gewaltakt dem Gedanken der Entwicklung; - <span class="pagenum"><a id="Page_27">[S. 27]</a></span> -zweitens datiert der Anfang dieser Nötigung dann nicht vom -Täufer, sondern von Jesus.</p> - -<p>Es handelt sich um das Geheimnis des Reiches Gottes, -darum der Hinweis: wer Ohren hat zu hören, der höre. Er -kommt nur noch bei den Gleichnissen vom Geheimnis des Reiches -Gottes und als Beschluss apokalyptischer Sprüche vor (vgl. den -Gebrauch des Ausdrucks in der Apokalypse: 2 <span class="antiqua">7 11 17 29</span>, 3 <span class="antiqua">6 13 22</span>). -Die Busse und sittliche Erneuerung auf das Reich Gottes hin -sind gleichsam ein Druck, der ausgeübt wird, <em class="gesperrt">um es zu zwingen, -in die Erscheinung zu treten</em>. Diese Bewegung hat eingesetzt -mit den Tagen des Täufers. Darum wird von da an dem -Reich Gottes Gewalt angethan. Die Gewaltthätigen, die es an -sich reissen, sind diejenigen, welche die sittliche Erneuerung -leisten. Sie ziehen es mit Macht auf die Erde herunter.</p> - -<p class="pmb3">Das Wort in der Rede über den Täufer und die Gleichnisse -des Reiches Gottes erklären und ergänzen sich gegenseitig. Die -Gleichnisse heben vor allem <em class="gesperrt">das Unangemessene</em> in dem Verhältnis -der geleisteten sittlichen Erneuerung zur eintretenden -Vollkommenheit des Reiches Gottes hervor, während das Bild -in dem Ausspruch nach der Aussendung mehr <em class="gesperrt">den zwingenden -Zusammenhang</em> zwischen beiden herausarbeitet.</p> - - -<h3>3. Das Geheimnis des Reiches Gottes im Lichte der prophetischen -und jüdischen Zukunftserwartungen.</h3> - -<p>Jesu Ethik hängt mit der altprophetischen zusammen, da -sie, wie jene, durch die Erwartung eines Zustandes der Vollendung -bedingt ist, welchen Gott heraufführen wird. Aber auch -das Geheimnis des Reiches Gottes, wonach die sittliche Erneuerung -das übernatürliche Kommen des Reiches herbeiführt, entspricht -dem prophetischen Grundgedanken. Bei den Propheten -ist das Verhältnis zwischen der sittlichen Umkehr, welche sie herbeiführen -wollen, und dem Herrlichkeitszustand, welchen Gott -am Tage des Gerichts heraufführen wird, kein rein zeitliches, -sondern es beruht auf einem übernatürlichen kausalen Zusammenhang. -Das gottwidrige Verhalten zieht den Tag des Gerichts -und der Verdammnis herbei. Darum züchtigt Gott das Volk und -gibt es in die Hand seiner Bedränger. Wenn es sich aber zur -sittlichen Umkehr entschliesst, wenn es in gläubigem Vertrauen -bei ihm allein Zuflucht sucht, wenn Gerechtigkeit und Wahrheit -unter ihnen herrschen, dann wird ihm der Herr Recht schaffen vor - <span class="pagenum"><a id="Page_28">[S. 28]</a></span> -seinen Bedrängern und seine Herrlichkeit wird aufgehen über Israel, -dem die Völker dienstbar werden. An jenem Tage wird -dann der Friede über die ganze Welt und auch über die Natur -ausgegossen werden.</p> - -<p>Nach dem Exil wirkt dieser Gedanke in der Auffassung vom -Gesetz weiter. Durch das Halten des Gesetzes wird der Herrlichkeitszustand -von Gott erzwungen. Nicht der einzelne, sondern -die Gesamtheit wirkt durch das Gesetz auf Gott. Diese -generelle Betrachtungsweise ist die primäre, die individualistische -erst die sekundäre. »Israel würde erlöst werden, wenn es nur -zwei Sabbate hielte, wie es sich gebührte« (Schabbath 118<sup>b</sup>. -<span class="smcap">Wünsche</span>, System der altsynagogalen palästinensischen Theologie -1880 S. 299). Hier begegnet uns der altprophetische Gedanke -in gesetzlicher Veräusserlichung.</p> - -<p>Im allgemeinen herrschte aber später die individualistische -Betrachtung vor. Das Gesetz und das sittliche Verhalten überhaupt -waren nur die Vorbereitung auf den erwarteten Herrlichkeitszustand. -An Stelle der lebendigen generellen prophetischen -Auffassung trat eine individuelle, unlebendige. <em class="gesperrt">Die Eschatologie -wurde Rechenexempel und die Ethik Kasuistik.</em></p> - -<p>Da Jesus aber auf den ethischen Grundgedanken der prophetischen -Zeit zurückgriff, handelte es sich für ihn nicht um -reine Zukunfts<em class="gesperrt">erwartung</em>. Spätjüdisch an ihm ist nur die Form, -in der er sich das Eintreten dieses Endzustandes denkt. Er erfasst -es nicht mehr unter dem Gesichtspunkt des Eingreifens -Gottes in die Völkergeschichte, wie die Propheten, sondern unter -dem der kosmischen Endkatastrophe. Seine Eschatologie ist -Daniel'sche Apokalyptik, weil das Reich durch den Menschensohn -herbeigeführt wird, wenn er auf den Wolken des Himmels -erscheint (Mk 8 <span class="antiqua">38</span>-9 <span class="antiqua">1</span>).</p> - -<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Das Geheimnis des Reiches Gottes ist also die -Synthese eines souveränen Geistes zwischen der altprophetischen -Ethik und der Daniel'schen Apokalyptik.</em> -Daher wurzelt Jesu Eschatologie in seiner Zeit und steht -doch so hoch über ihr. Für die Zeitgenossen handelte es sich -um <em class="gesperrt">Erwartung</em> des Reichs, um das Ausdenken und Ausmalen -aller Momente der grossen Katastrophe und um die Vorbereitung -darauf, für Jesus um die <em class="gesperrt">Herbeiführung</em> des erwarteten Ereignisses -durch die sittliche Erneuerung. <em class="gesperrt">Aus der eschatologischen -Ethik wird ethische Eschatologie.</em></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_29">[S. 29]</a></span></p> - - -<h3>4. Das Geheimnis des Reiches Gottes und die Annahme -der glücklichen galiläischen Periode.</h3> - -<p>Dem Geheimnis des Reiches Gottes zufolge ist das Eintreten -des Reiches unabhängig von der Allgemeinheit des Erfolgs der -Predigt Jesu. Er betont ja gerade, dass die Beschränktheit des -Kreises, welcher die sittliche Erneuerung leistet, in gar keinem -Verhältnis steht zu der allumfassenden Grösse des Reichs, das -auf Grund ihres Verhaltens eintritt. Es genügt, dass ein geringer -Teil der Aussaat auf das gute Land fällt — und die überreiche -Ernte ist da, durch Gottes Macht. Nicht durch die Menge, sondern -durch die Gewalttätigen wird das Reich herbeigenötigt.</p> - -<p>Darum macht das Geheimnis des Reiches Gottes die Annahme -einer erfolgreichen galiläischen Periode ganz überflüssig. -Jesus kann sich der Erwartung der baldigen Realisierung des -Reichs hingeben, auch wenn er die grössten Misserfolge erlebt -und ganze Ortschaften sich seiner Predigt verschliessen. Sie -halten damit das Reich Gottes nicht auf, sondern sie überliefern -sich nur selbst dem Gericht, denn das Reich tritt notwendig ein -auf Grund der sittlichen Erneuerung der Kreise, die sich um Jesu -sammeln.</p> - -<p class="pmb3">Die Richtigkeit der Deutung des Geheimnisses des Reiches -Gottes zeigt sich also darin, dass sie eine zur Erklärung des Lebens -Jesu sonst absolut unumgängliche, historisch aber in keiner -Weise zu begründende Annahme unnötig macht.</p> - - -<h3>5. Das Geheimnis des Reiches Gottes und der Universalismus -Jesu.</h3> - -<p>So lange die sittliche Erneuerung auf Grund der Predigt -Jesu mit der Realisierung des Reiches durch den modernen Gedanken -der Entwicklung in Beziehung gesetzt wird, ist auch die -Korrelatgrösse zur Vollendung des Reichs modern, nämlich »<em class="gesperrt">die -sittliche Menschheit als Gesamtheit</em>«. Man mutet dann -Jesu zu, dass er in Gedanken voraussieht, wie die neue sittliche -Gemeinschaft, die er gründet, sich immer weiter ausbreitet, ganz -Israel ergreift — hier bricht aber der Gedanke Jesu ab; universalistische -Ideen darf man ihm nicht unterschieben, denn die -Aussendungsrede zeigt, dass er für die sittliche Erneuerung nicht -über die Grenzen Israels hinaus reflektiert. Mt 10 <span class="antiqua">5</span> u. <span class="antiqua">6</span>: -Ziehet auf keiner Heidenstrasse und betretet keine Samariterstadt; - <span class="pagenum"><a id="Page_30">[S. 30]</a></span> -gehet aber vielmehr zu den verlornen Schafen des Hauses -Israel.</p> - -<p>Die Predigt des Reiches Gottes ist also partikularistisch; -das Reich selbst aber ist universalistisch, »denn sie werden kommen -von Mitternacht und von Mittag, vom Morgen und vom -Abend«. Das Geschlecht, das ein Wunder verlangt, wird ein -solches erleben: Die Niniviten werden am Tage des Gerichts aufstehen -und es verdammen, weil sie Busse gethan haben auf die -Predigt des Jonas hin, »und hier ist mehr denn Jonas«. Auch -die Königin von Mittag wird den Zeitgenossen Jesu dann als -Richterin erstehen, denn sie machte sich auf, um die Weisheit -Salomos zu hören, »und hier ist mehr denn Salomo« (Mt 12 <span class="antiqua">41-42</span>).</p> - -<p class="pmb3">Für das moderne Bewusstsein ist dieser Widerspruch zwischen -dem Partikularismus in der Verkündigung des Reiches und -dem Universalismus in der Vollendung desselben unüberwindbar, -weil es sich alles durch den Begriff der Entwicklung denkt. In -dem Geheimnis des Reiches Gottes aber gehen Partikularismus -und Universalismus mit einander auf. Das Reich ist universalistisch, -denn es ersteht aus dem kosmischen Akt, bei welchem -Gott die Gerechten aller Zeiten und aller Völker zur Herrlichkeit -erweckt. Die Herbeiführung des Reiches hingegen fusst auf dem -Partikularismus, denn es wird durch die sittliche Erneuerung der -Volksgenossen Jesu herbeigenötigt. Das Heil kommt aus Israel.</p> - - -<h3>6. Das Geheimnis des Reiches Gottes und Jesu Stellung zum -Gesetz und zum Staat.</h3> - -<p>Jesus hat sich weder für noch gegen das Gesetz ausgesprochen. -Er erkannte es einfach als etwas Bestehendes an, ohne sich -daran zu binden. Zu einer prinzipiellen Stellungnahme, ob es -verbindlich oder nicht verbindlich sei, fühlte er keine Nötigung. -Diese Frage war für ihn gegenstandslos. Auf die neue Sittlichkeit, -nicht auf das Gesetz kam es an. Heilig und unverletzlich -war ihm dieses Gesetz, sofern es den Weg zur neuen Sittlichkeit -wies. Aber damit hob es sich selbst auf; denn in dem Reich, das -auf Grund der neuen Sittlichkeit in Erscheinung trat, war es abgethan, -da der Vollendungszustand übergesetzlich und überethisch -war. Bis dahin bestand es zu Recht. Ob das Gesetz auch -für seine Anhänger in Zukunft gelten sollte, diese Frage existierte -für ihn nicht, sondern erst die Geschichte hat sie der ersten Gemeinde -gestellt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_31">[S. 31]</a></span></p> - -<p class="pmb3">Mit dem Staat verhielt es sich ebenso. Die Frage, die man -ihm in den jerusalemitischen Tagen stellte, war für ihn gegenstandslos. -Als er den Pharisäern auf ihre Frage antwortete, ob -man dem Kaiser den Zins geben sollte, dachte er nicht daran, -seine und seiner Anhänger Stellung zum Staat festzulegen. Wie -konnte man sich nur mit solchen Dingen aufhalten! Der Staat -war ja irdisches, also ungöttliches Herrschen. Sein Bestand -reichte also nur bis zur anbrechenden Gottesherrschaft. Da diese -nahe bevorstand, was brauchte man sich entscheiden, ob man der -Weltmacht tributpflichtig sein wollte oder nicht? Man liess sie -eben über sich ergehen; ihr Ende war ja da. Gebt dem Kaiser, -was des Kaisers ist und Gott, was Gottes ist (Mk 12 <span class="antiqua">17</span>) — dieses -Wort ist mit einer souveränen Ironie gesprochen gegen die -Pharisäer, die so wenig die Zeichen der Zeit verstehen, dass das -noch eine Frage für sie bildet. Sie sind gerade so thöricht in den -Sachen des Reiches Gottes, wie die Sadducäer mit ihrer Vexierfrage, -welchem Gatten das siebenmal verheiratete Weib bei der -Auferstehung gehören wird, denn auch sie lassen eines ausser -Berechnung: die Macht Gottes (Mk 12 <span class="antiqua">24</span>).</p> - - -<h3>7. Das Moderne in der Eschatologie Jesu.</h3> - -<p>»Es sei die Maxime in jeder wissenschaftlichen Untersuchung, -mit aller möglichen Genauigkeit und Offenheit seinen Gang ungestört -fortzusetzen, ohne sich an das zu kehren, wowider sie -ausser ihrem Felde etwa verstossen möchte, sondern sie für sich -allein, so viel man kann, wahr und vollständig zu vollführen. -Oeftere Beobachtung hat mich überzeugt, dass, wenn man diese -Geschäfte zu Ende gebracht hat, das, was in der Hälfte derselben, -in Betracht anderer Lehren ausserhalb, mir bisweilen -sehr bedenklich schien, wenn ich diese Bedenklichkeit nur so -lange aus den Augen liess und bloss auf mein Geschäft achthatte, -bis es vollendet sei, endlich auf unerwartete Weise mit -demjenigen vollkommen zusammenstimmte, was sich ohne die -mindeste Rücksicht auf jene Lehren, ohne Parteilichkeit und -Vorliebe für dieselbe, von selbst gefunden hatte<a id="FNanchor_1_1"></a><a href="#Footnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a>.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_32">[S. 32]</a></span></p> - -<hr class="tb" /> - -<p><span class="smcap">Kant</span> spricht dieses tiefe Wort in dem Augenblick, wo ihm -die Zusammenstimmung des transcendentalen Freiheitsbegriffs -mit dem praktischen aufgeht. Mit dem Verhältnis der Ethik Jesu -zu seiner Eschatologie steht es ebenso. Es ist ein Postulat unserer -christlichen Ueberzeugung, dass die Ethik Jesu in ihrem Grundgedanken -modern sei. Darum kommen wir immer wieder dazu, -in seiner Ethik das Moderne zu suchen und dafür seine Eschatologie, -da sie uns unmodern scheint, in den Hintergrund zu drängen. -Entschliesst man sich aber, dieses in unserem Wesen so tiefbegründete -und so berechtigte Interesse für einen Augenblick -ausser acht zu lassen und das Verhältnis seiner Eschatologie zur -Ethik rein für sich, geschichtlich zu betrachten, so fördert die -Untersuchung das überraschende Resultat zu Tage, dass die -letztere in einem viel höheren Masse modern ist, als man bisher -zu hoffen wagte. Jesu Ethik ist modern, nicht etwa, weil die -Eschatologie dabei Begleitgedanke ist, sondern gerade, weil sie -von dieser Eschatologie vollständig abhängig ist! Diese Eschatologie -selbst, wie sie sich in dem Geheimnis des Reiches Gottes -darstellt, ist nämlich durchaus modern, indem sie von dem Grundgedanken -beherrscht wird, dass auf die religiös-sittliche Erneuerung -hin, welche die Gläubigen leisten, das Reich Gottes eintreten -wird. <em class="gesperrt">Jede sittlich-religiöse Bethätigung ist also -Arbeit am Kommen des Reiches Gottes.</em></p> - -<p>Als durch die Geschichte die Eschatologie in dieser ethisch-eschatologischen -Weltanschauung langsam verblich, da blieb eine -ethische Weltanschauung, in der die Eschatologie durch sieghafte -Begeisterung und den unvergänglichen Glauben an den -Endsieg des Guten weiterlebte. Das Geheimnis des Reiches -Gottes enthält das Geheimnis der christlichen Weltanschauung -überhaupt. Die ethische Eschatologie Jesu ist die <em class="gesperrt">heroische -Form</em>, in der die modern-christliche Weltanschauung in die Geschichte -eintrat!</p> - - -<div class="footnotes"><b>Fußnote:</b> - -<div class="footnote"> -<p class="pmb2"><a id="Footnote_1_1"></a><a href="#FNanchor_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Kritik der praktischen Vernunft. Ed. Reclam S. 129.</p> -</div> -</div> - - -<p class="break" /> - -<p class="pmb3" /> - - -<h2 id="Funftes_Kapitel">Fünftes Kapitel.<br /><br /> - -Das Geheimnis des Reiches Gottes im Leidensgedanken.</h2> - - -<p>In der letzten Periode seines Lebens hat Jesus noch einmal -Gleichnisse vom Reich Gottes geredet. Der Weinberg Gottes -(Mt 21 <span class="antiqua">33-46</span>). Die königliche Hochzeit (Mt 22 <span class="antiqua">1-14</span>). Der -wachende Knecht (Mt 24 <span class="antiqua">42-47</span>). Die zehn Jungfrauen (Mt 25 -<span class="antiqua">1-13</span>). Die anvertrauten Pfunde (Mt 25 <span class="antiqua">14-30</span>).</p> - -<p>Diese Gleichnisse enthalten, im Unterschied zu denen vom -Geheimnis des Gottesreiches, kein Geheimnis, sondern es sind - <span class="pagenum"><a id="Page_33">[S. 33]</a></span> -reine <em class="gesperrt">Lehrgleichnisse</em>, aus denen eine Moral zu ziehen ist. -Das Reich Gottes ist nahe. Nur diejenigen werden als dazu gehörig -erfunden werden, die sich durch ihr sittliches Verhalten -darauf einrichten.</p> - -<p>Dafür enthält aber die zweite Periode <em class="gesperrt">das Geheimnis -des Leidensgedankens</em>. Wie wir gesehen haben, führen die -Aussprüche Jesu auf eine geheimnisvolle kausale Verbindung -zwischen dem Leiden und dem Eintreten des Reichs, weil die -Eschatologie und der Leidensgedanke immer nebeneinander -auftreten und die Zukunftserwartungen der Jünger jedesmal -durch seine Leidensankündigung aufs höchste gesteigert -werden.</p> - -<p><em class="gesperrt">Das Geheimnis des Leidensgedankens nimmt also -das Geheimnis des Reiches Gottes wieder auf und -setzt es fort.</em> Zu der sittlichen Erneuerung, welche dem Geheimnis -des Reiches Gottes zufolge auf das Eintreten des -Reiches eine nötigende Gewalt ausübt, <em class="gesperrt">tritt die sühnende -Todesleistung Jesu hinzu</em>. Sie vollendet die Busse derer, -die an das Kommen des Reiches glauben. Dadurch tritt Jesus -den Gewaltthätigen, die das Reich herbeinötigen, zur Seite. Die -Gewalt, die er dabei anwendet, ist die denkbar höchste — er -gibt sein Leben hin.</p> - -<p>Der Leidensgedanke ist also die Umformung des Geheimnisses -vom Reich Gottes. Darum ist er ebensowenig darauf berechnet, -von den andern begriffen zu werden, als die Gleichnisse -vom Geheimnis des Reiches Gottes. Es handelt sich beidemal -um eine nicht weiter zu ergründende Thatsache.</p> - -<p>Der Zusammenhang zwischen dem Leidensgedanken und -dem Geheimnis des Reiches Gottes garantiert die Kontinuität -in Jesu Gedankenwelt. Alle Konstruktionen, die man unternommen -hat in der Absicht, diese Kontinuität herzustellen, waren -unvermögend, das Geforderte zu leisten. Die Aufnahme des -Leidensgedankens bedeutete in allen Fällen eine totale Veränderung -seiner Reichs- und Weltanschauung. Stellt man aber -den Leidensgedanken in den grossen Zusammenhang des Geheimnisses -des Reiches Gottes, so ist die Kontinuität natürlich -gegeben. Der Gedanke der übernatürlichen Herbeiführung des -Reiches Gottes durchzieht Jesu ganzes Leben, wobei der Leidensgedanke -nur die Formulierung desselben in der zweiten Periode -darstellt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_34">[S. 34]</a></span></p> - -<p>Wodurch nimmt das Geheimnis des Reiches Gottes die -Form des Leidensgeheimnisses an?</p> - -<p>Warum muss die Sühne Jesu vollendend zur sittlichen Erneuerung -und zur Busse der reichsgläubigen Gemeinschaft hinzutreten?</p> - -<p class="pmb3">Inwiefern kommt dem Sühnetod Jesu eine Einwirkung auf -das Eintreten des Reiches zu?</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<h2 id="Sechstes_Kapitel">Sechstes Kapitel.<br /><br /> - -Die Würde Jesu auf Grund seiner öffentlichen -Wirksamkeit.</h2> -<p class="pmb2" /> - - -<h3>1. Das Problem und die Thatsachen.</h3> - -<p>Das Erlebnis bei der Taufe bedeutet den Anfangspunkt des -Messianitätsbewusstseins Jesu. In der Gegend von Cäsarea -Philippi offenbart er den Jüngern sein Geheimnis. Oeffentlich -bekennt er sich erst vor dem Hohenpriester zu seiner messianischen -Würde. Seiner Predigt vom Reiche Gottes liegt also das -Messianitätsbewusstsein zwar zu Grunde. Bei den Zuhörern -setzt er aber die Kenntnis der Stellung, welche ihm zukommt, -nicht voraus. <em class="gesperrt">Der Glaube, den er verlangt, hat nichts mit -seiner Person zu thun, sondern er bezieht sich nur auf -die Botschaft von der Nähe des Reichs.</em> Erst der vierte -Evangelist stellt die Geschichte so dar, als handelte es sich um -die Persönlichkeit Jesu.</p> - -<p>Nun können wir nicht ermessen, inwieweit seine Würde für -solche, die ein aufgewecktes Verständnis hatten, in seiner Verkündigung -durchschien. Eines ist sicher: bis in die Zeit nach -der Aussendung hat niemand im entferntesten daran gedacht, -in ihm den Messias zu erkennen. Bei Cäsarea Philippi antworten -die Jünger ihm nur, dass das Volk ihn für einen Propheten oder -für den Vorläufer Elias halte, und sie selbst wissen nicht anders. -Denn Petrus hat, wie Jesus selbst sagt, seine Kenntnis nicht aus -dem Wirken und Reden seines Meisters erschlossen, sondern er -verdankt sie einer übernatürlichen Offenbarung.</p> - -<p>Nach dieser Fundamentalthatsache müssen die synoptischen -Notizen beurteilt werden. <em class="gesperrt">Zuerst</em> stehen dazu eine Reihe -matthäischer Stellen in Spannung.</p> - -<p>Mt 9 <span class="antiqua">27-31</span>, in der galiläischen Parallele zur Blindenheilung -in Jericho, wird berichtet, dass ihn zwei Blinde durch den ganzen - <span class="pagenum"><a id="Page_35">[S. 35]</a></span> -Ort mit dem Ruf »Davidssohn« verfolgt haben. Was dann die -Warnung Jesu, »dass es niemand erfahre«, bedeuten soll, bleibt -allerdings dunkel.</p> - -<p>Mt 12 <span class="antiqua">23</span> raunen sich die Leute nach einer wunderbaren -Heilung zu, ob das nicht der Davidssohn sei.</p> - -<p>Mt 14 <span class="antiqua">33</span> fallen die Jünger nach dem Erlebnis auf der See -im Schiff vor ihm nieder und sprechen: »du bist wahrhaftig Gottes -Sohn.«</p> - -<p>Mt 15 <span class="antiqua">22</span> redet die Kananäerin ihn als den Davidssohn an, -während sie bei Markus ihm einfach zu Füssen fällt und um Hülfe -bittet.</p> - -<p>In allen diesen Stellen liegt matthäisches Sondergut vor, das -einer sekundären litterarischen Schicht angehört. Für die Geschichte -Jesu haben sie keine Bedeutung, wohl aber für die Geschichte -der Geschichte Jesu. Sie zeigen uns nämlich, wie die -spätere Zeit immer mehr dazu kam, sein Leben von der Voraussetzung -aus darzustellen, dass nicht nur er sich als Messias wusste, -sondern dass auch die andern diesen Eindruck von ihm hatten.</p> - -<p><em class="gesperrt">An zweiter Stelle</em> handelt es sich um die <em class="gesperrt">Anrede der -Dämonischen</em>. Nach Mk 3 <span class="antiqua">11</span> warfen sich die unreinen Geister, -so oft sie ihn erblickten, vor ihm nieder und riefen ihn als Gottessohn -an (vgl. auch Mk 1 <span class="antiqua">24</span> und Mk 5 <span class="antiqua">7</span>). Zwar wehrte er diesen -Rufen und gebot Schweigen. Hätten wir aber nicht die unumstösslich -sichere Kunde, dass während seiner ganzen galiläischen -Wirksamkeit das Volk nichts weiter wusste, als dass er ein Prophet -oder der Elias sei, so müssten wir annehmen, dass diese -Dämonenrufe die Leute auf seine Würde irgendwie aufmerksam -machten. So aber ersehen wir gerade aus der Nichtbeachtung -der Dämonenrufe mit Bestimmtheit, wie weit man davon entfernt -war, in ihm den Messias zu vermuten. Wer glaubte denn dem -Teufel und dem irren Gerede Besessener?</p> - -<p><em class="gesperrt">An dritter Stelle</em> handelt es sich um den Ausdruck -»<em class="gesperrt">Menschensohn</em>«. Hat Jesus ihn vor Cäsarea Philippi als -Selbstbezeichnung gebraucht, so liegt darin in jedem Falle eine -messianische Andeutung, denn jeder musste diesen Daniel'schen -Ausdruck auf die Persönlichkeit der Endzeit beziehen.</p> - -<p>Als Selbstbezeichnung <em class="gesperrt">vor</em> Cäsarea Philippi verwendet ihn -Jesus bei Markus zweimal (Mk 2 <span class="antiqua">10</span> und 2 <span class="antiqua">28</span>) und in einer Reihe -matthäischer Sonderstellen (8 <span class="antiqua">20</span>, 11 <span class="antiqua">19</span>, 12 <span class="antiqua">32</span>, 12 <span class="antiqua">40</span>, 13 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">41</span> -und 16 <span class="antiqua">13</span>). Auch für die Beurteilung dieser Stellen muss man - <span class="pagenum"><a id="Page_36">[S. 36]</a></span> -von dem festen Punkt, der in der Antwort der Jünger bei -Cäsarea Philippi gegeben ist, ausgehen.</p> - -<p>Entweder hat Jesus den Ausdruck damals noch nicht gebraucht. -Dann sind diese Menschensohnstellen chronologisch verfrüht -oder es handelt sich um rein litterarische Erscheinungen.</p> - -<p>Oder aber er hat den Ausdruck schon gebraucht. Dann -muss er es in einer solchen Weise gethan haben, dass niemand -auf den Gedanken kommen konnte, er nehme die Würde des -Daniel'schen Menschensohns für sich in Anspruch.</p> - -<p>Das Problem der zweiten Periode ist noch schwieriger. Die -Jünger wissen um sein Geheimnis, aber sie dürfen es niemand -offenbaren. Wie steht es aber mit dem Volk? War diesem jetzt -eine Ahnung von der messianischen Würde Jesu aufgegangen?</p> - -<p>Das Problem hat es also mit drei Thatsachen zu thun.</p> - -<p>1. Die ganze Diskussion in den jerusalemitischen Tagen -dreht sich in keiner Weise um die messianische Würde Jesu, -sondern es handelt sich um gesetzliche Thesen und um Tagesfragen. -Man hat bisher viel zu wenig Gewicht darauf gelegt, dass -weder das Volk noch die Schriftgelehrten irgendwie zu ihm als -<em class="gesperrt">der messianischen Persönlichkeit</em> Stellung nehmen. Wie -ganz anders wären die jerusalemitischen Tage gewesen, wenn es -sich darum gehandelt hätte: ist er der Messias — ist er es nicht? -Kann er es sein — kann er es nicht sein? In Wirklichkeit ist er -nur die Autoritätsperson des galiläischen Volkes, vor welche die -Hauptstadtgelehrten ihre Schulfragen bringen, sei es in aufrichtiger -Gesinnung, sei es in der perfiden Absicht, seine Autorität -zu vernichten.</p> - -<p>2. In dieser zweiten Periode hat Jesus das Volk nur einige -Tage um sich gehabt: vom Jordanübergang bis zu seinem Tode. -Während dieser Zeit hat er ihnen keine Eröffnung über seine Messianität -gemacht, auch keine Anspielung, die sie dahin verstehen -konnten und mussten. Die gedungenen Zeugen wissen nichts -derartiges vorzubringen. Das Bemerkenswerte an ihrer Aussage, -worauf man auch viel zu wenig Gewicht zu legen geneigt ist, besteht -ja gerade darin, <em class="gesperrt">dass sie ihn in keiner Weise beschuldigen, -Messias sein zu wollen</em>. Für sie erschöpft sich seine -frevelhafte Prätention in dem respektwidrigen Ausspruch über -den Tempel. Man stelle sich die Gerichtsverhandlung vor, wenn -die gedungenen Ankläger in Jesu Reden messianische Anspielungen -auf sich selbst entdeckt hätten!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_37">[S. 37]</a></span></p> - -<p>3. Von hier aus kommt man notwendig zu dem Urteil, dass -er für das Volk in Jerusalem bis zur letzten Stunde war, was er -in Galiläa gewesen: der grosse Prophet oder der Vorläufer, in -keiner Weise aber der Messias! Damit vertragen sich aber zwei -Thatsachen nicht.</p> - -<p>Der Einzug in Jerusalem war — der gewöhnlichen Auffassung -zufolge — <em class="gesperrt">eine messianische Ovation</em>. Also musste -das Volk die Würde Jesu ahnen.</p> - -<p>Der Hohepriester stellte die Frage an ihn, <em class="gesperrt">ob er der -Messias wäre</em>. Also wusste er um Jesu Ansprüche.</p> - -<p>Es handelt sich hier um die klare Frage: galt Jesus in den -jerusalemitischen Tagen als messianischer Prätendent oder nicht? -Man darf sich diese Frage nicht dadurch verdunkeln, dass man -von einem mehr oder weniger klaren »Ahnen« in dieser Sache -redet. Das »Ahnen der Messianität Jesu« ist eine moderne Erfindung. -Eine Volksmasse wäre nicht von dunkelm geheimnisvollem -Ahnen hin- und herbewegt worden, sondern es hätte sich -um Glauben oder Nichtglauben gehandelt. Wer dafür hielt, er -sei der Messias, musste mit ihm durch Feuer und Tod gehen, der -Herrlichkeit entgegen. Wer nicht dafür hielt, solche Prätention -bei ihm aber auch nur ahnte, der musste das Signal geben, den -Gotteslästerer zu steinigen. Ein Drittes gab es nicht.</p> - -<p>Die allgemeinen Thatsachen sprechen dafür, dass Volk und -Pharisäer in den jerusalemitischen Tagen Jesu keine messianischen -Prätentionen beilegten, ebensowenig wie früher. Nur bleibt -dann der Einzug in Jerusalem, als messianische Ovation verstanden, -ein Rätsel, und ebenso ist es unerklärlich, wie der Hohepriester -darauf kommt, ihn nach seiner Messianität zu fragen.</p> - -<p>Entweder verhält es sich hiermit so, wie man gewöhnlich -annimmt. Dann muss man auf jedes geschichtliche Verständnis -der letzten öffentlichen Periode Jesu verzichten. Es geht nicht -an, dass er am Anfang (Einzug in Jerusalem) und am Ende derselben -(Frage des Hohenpriesters vor Gericht) für den Messias gehalten -wurde, während die dazwischen liegenden jerusalemitischen -Tage davon nicht das geringste wissen.</p> - -<p>Oder man hat den Einzug und die Frage des Hohenpriesters -geschichtlich missverstanden. Galt die Ovation dem messianischen -Prätendenten? Sprach der Hohepriester in seiner Frage etwas -aus, worum alle wussten? Hat er die behauptete Messianität aus -Jesu Leben, Wirken und Reden erschlossen — oder wusste er - <span class="pagenum"><a id="Page_38">[S. 38]</a></span> -vielleicht nur durch Verrat um das innerste Geheimnis Jesu, das -nur den Vertrauten seit Cäsarea Philippi bekannt war?</p> - -<p class="pmb3">In seiner vollen Schwierigkeit erhält das Messianitätsproblem -folgende Formulierung: Wie war es möglich, dass Jesus sich von -Anfang an als Messias wusste und dennoch seine Messianität in -seiner öffentlichen Predigt vom Reich bis zum letzten Augenblick -nicht zur Geltung kommen liess? Wie konnte dem Volke auf die -Dauer verborgen bleiben, dass diese Reden vom messianischen -Bewusstsein aus gesprochen waren? <em class="gesperrt">Jesus war ein Messias, -der es während seiner öffentlichen Wirksamkeit nicht -sein wollte, nicht zu sein brauchte und nicht sein durfte, -um seine Mission zu erfüllen! So stellt die Geschichte -das Problem.</em></p> - - -<h3>2. Jesus der Elias, durch die Solidarität mit dem -Menschensohn.</h3> - -<p><em class="gesperrt">Welche Würde konnte und musste das Volk Jesu -auf seine öffentliche Wirksamkeit hin beilegen?</em> Das ist -die Frage, um die es sich jetzt handelt.</p> - -<p>Der Messias und das messianische Reich gehören unzertrennlich -zusammen. Wenn daher Jesus ein gegenwärtiges messianisches -Reich gepredigt hätte, wäre zugleich die Notwendigkeit an -ihn herangetreten, den Messias kenntlich zu machen; er hätte damit -beginnen müssen, sich vor dem Volk als Messias zu legitimieren.</p> - -<p>Nun war aber seine Predigt vom Reich futurisch; damit war -vollständig ausgeschlossen, dass jemand darauf kommen konnte, -in ihm den Messias zu vermuten. <em class="gesperrt">War das Reich futurisch, -so war es auch der Messias.</em> Wenn Jesus dennoch messianische -Ansprüche hatte, so lag dieser Gedanke dem Volk -vollständig fern, denn seine Reichspredigt schloss auch die -leiseste derartige Mutmassung aus. Darum konnten auch die -Dämonenschreie die Leute nicht auf die richtige Spur bringen.</p> - -<p>Vollends unmöglich gemacht waren derartige Mutmassungen -durch die Art, wie Jesus von dem Messias als futurischer Persönlichkeit -in der dritten Person redet. Den Jüngern kündigt er bei -der Aussendung an, dass der Menschensohn erscheinen wird, ehe -sie mit den Städten Israels zu Ende sein werden (Mt 10 <span class="antiqua">23</span>). Mk -8 <span class="antiqua">38</span> verheisst er dem Volk das baldige Erscheinen des Menschensohns -zum Gericht und das Kommen des Reiches Gottes in Kraft. -Ebenso redet er noch in Jerusalem von dem Gericht, das der - <span class="pagenum"><a id="Page_39">[S. 39]</a></span> -Menschensohn abhalten wird, wenn er in seiner Herrlichkeit umgeben -von den Engeln erscheinen wird (Mt 25 <span class="antiqua">31</span>).</p> - -<p>Nur die Jünger nach der Offenbarung zu Cäsarea Philippi -und der Hohepriester nach dem »Ja« Jesu konnten eine persönliche -Beziehung zwischen ihm und dem Menschensohn, von dessen -Kommen er sprach, statuieren, da sie um sein Geheimnis wussten. -Sonst aber blieben für die Hörer <em class="gesperrt">Jesus von Nazareth</em> und der, -von welchem die Rede war, <em class="gesperrt">der Menschensohn</em>, zwei vollständig -verschiedene Persönlichkeiten.</p> - -<p>Vor dem Volk deutet Jesus nur an, dass der Menschensohn -mit ihm, der ihn verkündigt, absolut <em class="gesperrt">solidarisch</em> ist. In dieser -Form allein ragt seine eigene gigantische Persönlichkeit in seine -Predigt des Reiches Gottes hinein. Nur wer sich zu ihm, dem -Verkündiger des Kommens des Menschensohnes, unter allen Umständen -bekennt, der wird am Gerichtstag als zum Reich gehörig -erfunden werden. Jesus wird nämlich vor Gott und vor dem -Menschensohn für ihn eintreten (Mk 8 <span class="antiqua">38</span>-9 <span class="antiqua">1</span>; Mt 10 <span class="antiqua">32-33</span>). -Man muss bereit sein, das Liebste aufzugeben, um ihm nachzufolgen, -denn nur so wird man <em class="gesperrt">seiner wert</em> (Mt 10 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">38</span>). -Darum ist Jesus betrübt, als der reiche Jüngling sich nicht entschliessen -kann, seinen Reichtum aufzugeben, um ihm nachzufolgen -(Mk 10 <span class="antiqua">22</span>), denn nun kann er am Gerichtstag nicht für -ihn einstehen, damit er als zum Reich Gottes gehörig erfunden -werde. Doch hofft er von der schrankenlosen Allmacht Gottes, -dass dieser Reiche trotzdem zum Reich eingehe (Mk 10 <span class="antiqua">17-31</span>). -Wenn also dieser, weil Jesus nicht für ihn eintreten kann, nicht -sicher ist, »das ewige Leben zu ererben« (Mk 10 <span class="antiqua">17</span>), so sind doch -die, welche, zu ihm und seiner Botschaft sich bekennend, den Tod -erleiden, gewiss, ihr Leben zu bewahren, d. h. bei der Totenauferstehung -zum Reich zu gehören (Mk 8 <span class="antiqua">37</span>). Darum preist er -am Eingang der Bergpredigt diejenigen selig, welche um seinetwillen -Schmähung und Verfolgung erdulden, weil sie dadurch, -wie die Sanftmütigen und die Barmherzigen, zum Reiche Gottes -vorbestimmt sind (Mt 5 <span class="antiqua">11</span> f.).</p> - -<p class="pmb3">Vom Standpunkte Jesu aus bietet diese absolute Solidarität -zwischen Gott und dem Menschensohn einerseits und ihm andererseits -kein Rätsel, denn sie basiert auf seinem messianischen Selbstbewusstsein; -er kann so reden, weil er sich bewusst ist, selbst der -Menschensohn zu sein. Anders war es für das Volk und die -Jünger vor der Offenbarung zu Cäsarea Philippi. Wie kann Jesus - <span class="pagenum"><a id="Page_40">[S. 40]</a></span> -von Nazareth in einer so selbstbewussten, souveränen Weise -den Menschensohn mit ihm selbst für absolut solidarisch proklamieren? -Diese Behauptung zwang das Volk zur Reflexion über -seine Persönlichkeit. Wer war derjenige, dessen Erscheinung -machtvoll aus dem vormessianischen in den messianischen Aeon -hineinragte, dass Gott und der Menschensohn die, welche sich zu -ihm bekannt hatten, in das Reich aufnahmen, wenn dieses Bekenntnis -nicht durch die mangelnde sittliche Würdigkeit seinen -Wert einbüsste, wie er einmal ausdrücklich warnend erklärte? -Nur <em class="gesperrt">einer</em> Persönlichkeit kam die Bedeutung zu, die Jesus für -sich in Anspruch nahm: <em class="gesperrt">Elias, dem gewaltigen Vorläufer</em>; -denn seine Erscheinung erstreckte sich aus dem jetzigen in den -messianischen Aeon und verband beide miteinander. Darum -hielt das Volk dafür, Jesus sei der Elias. Darin sprach sich die -höchste Würdigung aus, welche seine Persönlichkeit den Massen -abnötigen konnte. Es handelte sich dabei nicht um eines der in -der sekundären evangelischen Geschichtserzählung so beliebten -Missverständnisse, sondern das Volk <em class="gesperrt">konnte</em> nach Jesu Auftreten -und nach seiner Verkündigung zu keinem andern Urteil -über ihn kommen.</p> - - -<h3>3. Jesus der Elias durch die Zeichen, die von ihm ausgehen.</h3> - -<p>Um sich die Stellung der Zeitgenossen zur Persönlichkeit -und zum Wirken Jesu begreiflich zu machen, muss man sich von -zwei falschen Voraussetzungen, mit denen wir immer unbewusst -operieren, befreien. Zum ersten richtete sich die Erwartung damals -nicht auf den Messias, sondern auf den geweissagten Vorläufer. -Zum zweiten hat niemand in dem Täufer irgendwie den -Vorläufer vermutet. Durch diese beiden Voraussetzungen verderben -wir uns die historische Perspektive.</p> - -<p>Das Erscheinen des Messias mitsamt der grossen Krise, -welche er herbeiführt, macht das überweltliche Drama aus, das -der Welt bevorsteht. Aber ehe der Vorhang aufgeht, muss unter -den harrenden Menschen jemand erstehen, der den Prolog zum -Stück spricht, um dann, sobald der Vorhang in die Höhe geht, -den überirdischen Grössen sich beizugesellen, welche die Handlung -des Dramas leiten. Darum wartet man zunächst nicht -auf das Emporgehen des Vorhangs und die Erscheinung des -Messias, sondern auf den berufenen Sprecher des Prologs. -<em class="gesperrt">Es galt, das Auftreten des Vorläufers zu signalisieren,</em> - <span class="pagenum"><a id="Page_41">[S. 41]</a></span> -<em class="gesperrt">um zu wissen, welche Stunde der Zeiger der Weltuhr -zeigte.</em></p> - -<p>Nun war aber der Elias noch nicht erschienen, denn der -Täufer hatte sich nicht als solchen legitimiert. Dazu fehlte ihm -die übernatürliche Kraftbekundung. Zeichen und Wunder gehörten -aber notwendig zur Epoche, welche dem Reich unmittelbar -voranging. Allgemeine Geistbegabung und Prophezeiung, -Wunder am Himmel und auf der Erde: das trifft ein, bevor der -Tag Gottes kommt. So bestimmte es der Prophet Joël (3 <span class="antiqua">1</span> ff.). -In der Pfingstpredigt beruft sich Petrus auf diese Stelle (Akt -2 <span class="antiqua">17-22</span>). Aus der übernatürlich ekstatischen Rede sollen sie erkennen, -dass man dem Ende der Tage entgegengeht. Der getötete -Jesus ist von Gott zum Messias erhöht in der Auferstehung -und das Reich wird bald einbrechen.</p> - -<p>Diese Joëlstelle wurde also auf die unmittelbar vormessianische -Wunderzeit bezogen, in welcher nach der Weissagung des -Maleachi der Vorläufer auftreten sollte (Mal 3 <span class="antiqua">23</span> u. <span class="antiqua">24</span>). Der -gleiche Kehrvers hielt zudem noch diese beiden Grundstellen der -vormessianischen Erwartung zusammen. Mal 3 <span class="antiqua">23</span> = Joël 3 <span class="antiqua">4</span>: -»Vor dem Kommen des Tages des Herrn, den grossen und -schrecklichen.« <em class="gesperrt">Der Vorläufer ohne Wunderzeichen in -einer wunderlosen Zeit war also undenkbar.</em></p> - -<p>Nun bestand für die Zeitgenossen der charakteristische Unterschied -zwischen Johannes und Jesus gerade darin, dass der eine -einfach auf die Nähe des Gottesreiches hinwies, während der -andere seine Predigt durch Zeichen und Wunder bekräftigte. -Man hatte das Bewusstsein, mit Jesus in die Zeit der Wunder -zu treten. Er war der Täufer, aber ins Uebernatürliche übersetzt. -Als nach der Aussendung sein Auftreten und seine Zeichen -zugleich mit dem Tode des Täufers bekannt wurden, da sagte -man: Der Täufer ist vom Tod erstanden. Darum antworteten -ihm die Jünger zu Cäsarea Philippi, man halte ihn für den Elias -oder für den Täufer (Mk 8 <span class="antiqua">28</span>). Als Herodes von ihm hörte, liess -er sich's nicht nehmen, dass er der Täufer sei. »<em class="gesperrt">Der Täufer -ist von den Toten auferstanden und deshalb wirken -die Wunderkräfte in ihm</em>« (Mk 6 <span class="antiqua">14</span>).</p> - -<p>Auch die Bedeutung, die Jesus den Zeichen beilegte, musste -die Zuhörer darauf führen, dass man sich in der Vorläuferaera -befand. Ihre Bedeutung besteht nämlich darin, die Nähe des -messianischen Reiches zu bekräftigen. Die Leute sollen ihm um - <span class="pagenum"><a id="Page_42">[S. 42]</a></span> -der Zeichen willen glauben und Busse thun auf das Reich Gottes -hin.</p> - -<p class="pmb3">Die Zeichen sind eine Gnade Gottes, durch welche er die -Menschen aufmerksam machen will, welche Stunde es ist. Wer -dann keine Busse thut, der ist verdammt. So geht es den Leuten -von Chorazin, Bethsaida und Kapernaum. Wer aber gar den -»heiligen Geist« lästert und der widergöttlichen Macht die Zeichen -zuschreibt, der hat keine Vergebung ewiglich. Dieses Verbrechens -hatten sich die jerusalemitischen Schriftgelehrten in Galiläa -schuldig gemacht (Mk 3 <span class="antiqua">22</span> ff.). Diejenigen aber, welche sich -nicht verstockten, hielten dafür, das Reich Gottes stehe vor der -Thür und Jesus sei der Vorläufer, weil man offenbar in die Zeit -der Zeichen eingetreten war, von der die Schrift geweissagt -hatte.</p> - - -<h3>4. Die Dämonenbekämpfung und das Geheimnis des Reiches -Gottes.</h3> - -<p>Für Jesus bedeuteten die Zeichen die Reichsnähe noch in -einem höheren als dem rein zeitlichen Sinn. Durch die Dämonenbekämpfung -ist er sich bewusst, <em class="gesperrt">auf das Kommen desselben -einzuwirken</em>. Hier spielt das Geheimnis des Reiches Gottes -mit herein. Dieser Gedanke ist in dem Gleichnis enthalten, mit -welchem er die Verdächtigungen der jerusalemitischen Schriftgelehrten -zurückweist (Mk 3 <span class="antiqua">23-30</span>).</p> - -<p>Es erschöpft sich nämlich nicht in dem Gedanken, dass die -bösen Geister ihre Herrschaft nicht untergraben, indem der eine -sich gegen den andern erhebt; in dem Schlusswort begegnet uns -nämlich unvermutet das »jetzt und dann« aus dem Geheimnis -des Reiches Gottes: »Keiner kann in das Haus des Starken einbrechen -und ihm seinen Besitz rauben, wenn er nicht <em class="gesperrt">zuvor</em> den -Starken bindet, und <em class="gesperrt">alsdann</em> mag er sein Haus ausplündern.« -Die Dämonenaustreibung bedeutet also für Jesus das Binden und -das Unschädlichmachen der widergöttlichen Macht. Diese Thätigkeit -steht deshalb, wie die sittliche Erneuerung im Geheimnis -des Reiches Gottes, mit dem Anbrechen des Reiches in kausalem -Zusammenhang. Durch die Dämonenüberwindung ist Jesus der -Gewaltthätige, der das Reich herbeinötigt; denn, wenn die widergöttliche -Macht gebunden ist, dann tritt der Augenblick ein, wo -die Herrschaft von ihr genommen wird. Damit dies geschehen -kann, muss sie erst unschädlich gemacht werden. Darum gibt - <span class="pagenum"><a id="Page_43">[S. 43]</a></span> -Jesus den Jüngern bei der Aussendung nicht nur den Befehl, die -Nähe des Reiches zu verkündigen, sondern auch die Vollmacht -über die Dämonen (Mt 10 <span class="antiqua">1</span>). In jenem Augenblick der höchsten -eschatologischen Erwartung sendet er sie als die Gewaltthätigen -aus, welche die letzten Streiche führen sollen. Die Busse, welche -durch ihre Predigt gewirkt wird, und die Ueberwindung der -widergöttlichen Macht in den Dämonischen nötigen zusammen -das Reich herbei.</p> - -<p>So drücken die Gleichnisse vom Geheimnis des Reiches -Gottes (Mk 4), das Gleichnis in Jesu Apologie an die Pharisäer -(Mk 3 <span class="antiqua">23-30</span>) und das Gleichnis in der Würdigungsrede über -den Täufer (Mt 11 <span class="antiqua">12-15</span>) denselben Gedanken aus. Die beiden -letzteren begegnen sich sogar im drastischen Bild der Vergewaltigung, -weshalb ihnen auch der Begriff des »Raubes« gemeinsam -ist (Mk 3 <span class="antiqua">27</span> = Mt 11 <span class="antiqua">12</span>).</p> - -<p class="pmb3">Für das Bewusstsein Jesu waren also die Dämonenheilungen -in das Geheimnis vom Reich Gottes hineingestellt. Dem Volk -aber genügte es, den rein zeitlichen Zusammenhang zu erfassen.</p> - - -<h3>5. Jesus und der Täufer.</h3> - -<p>Wir haben oben gesehen, dass niemand in dem Täufer den -Elias erkennen konnte, weil seine zeichenlose Thätigkeit und -Reichspredigt der schriftgemässen Vorstellung der Vorläuferepoche -nicht entsprachen. Nur einer machte eine Ausnahme, indem -er ihm diese Würde zuerkannte: <em class="gesperrt">Jesus!</em> Er war der erste, -welcher dem Volk eine geheimnisvolle Andeutung machte, jener -sei der Vorläufer: »Wenn ihr es fassen mögt, so ist er selbst -Elias, der Kommen-Sollende« (Mt 11 <span class="antiqua">14</span>). Er ist sich aber bewusst, -damit ein unbegreifliches Geheimnis auszusprechen, das -ihnen ebenso dunkel bleibt, wie das damit zusammenhängende -Wort von den Gewaltthätigen, die seit den Tagen des Täufers -das Reich herbeinötigen (Mt 11 <span class="antiqua">12</span>). Darum beschliesst er diese -beiden Sprüche mit dem Orakelwort: Wer Ohren hat zu hören, -der höre (Mt 11 <span class="antiqua">15</span>).</p> - -<p>Das Volk aber war weit entfernt zu begreifen, dass der in -der Gewalt des Herodes befindliche Täufer die Persönlichkeit -sein könne, die auf der Schwelle der vormessianischen zur messianischen -Periode stand. So verhallte das geheimnisvolle Wort -Jesu und das Volk blieb dabei, Johannes sei wirklich ein Prophet -gewesen (Mk 11 <span class="antiqua">32</span>).</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_44">[S. 44]</a></span></p> - -<p>Auch die Oberen konnten zu keinem Schluss über die Persönlichkeit -des Täufers kommen. Darum unterlagen sie Jesu, -als sie ihn über die Tempelreinigung zur Rede stellen wollten -(Mk 11 <span class="antiqua">33</span>).</p> - -<p>Mit den Jüngern verhielt es sich nicht anders; sie waren von -sich aus unfähig, in Johannes den Elias zu erkennen. Beim Abstieg -vom Verklärungsberg kommen ihnen Bedenken über die -Möglichkeit der Messianität Jesu und über die Möglichkeit -der Totenauferstehung, die er in seiner Rede berührt hatte. -Dadurch wurde ja die Gegenwärtigkeit der messianischen Aera -vorausgesetzt, und diese konnte noch nicht angebrochen sein, -denn »Elias muss zuvor kommen, wie die Pharisäer und Schriftgelehrten -darthun« (Mk 9 <span class="antiqua">9-11</span>). Darauf antwortet ihnen Jesus, -dass Johannes dieser Elias war, wenn er auch in der Menschen -Gewalt geliefert wurde (Mk 9 <span class="antiqua">12</span> u. <span class="antiqua">13</span>).</p> - -<p class="pmb3">Wie war Jesus zur Ueberzeugung gekommen, dass der -Täufer der Elias war? Durch einen notwendigen Rückschluss von -seiner eigenen Messianität aus. Weil er sich als Messias wusste, -musste jener der Elias sein. Zwischen beiden bestand eine notwendige -Wechselbeziehung. Niemand konnte wissen, dass der -Täufer der Elias war, ohne diese Erkenntnis von der Messianität -Jesu herzuleiten. Niemand konnte auf den Gedanken kommen, -Johannes sei der Elias, ohne zugleich in Jesu den Messias sehen -zu müssen. Denn nach dem Vorläufer blieb für eine zweite derartige -Erscheinung kein Raum. Nun wusste niemand, dass Jesus -sich für den Messias hielt. Also sah man in dem Täufer einen -Propheten und fragte sich, ob Jesus nicht der Elias wäre. Die -geheimnisvollen Schlusssätze der Würdigungsrede über den Täufer -hatte niemand in ihrer vollen Tragweite verstanden. <em class="gesperrt">Für Jesus -allein war Johannes der verheissene Elias.</em></p> - - -<h3>6. Der Täufer und Jesus.</h3> - -<p>Wie stand der Täufer zu Jesus? Wenn er sich bewusst war, -der Vorläufer zu sein, so musste er in Jesus den Messias mutmassen. -Dies setzt man gewöhnlich voraus und lässt ihn als Vorläufer -bei Jesus anfragen, ob er der Messias sei (Mt 11 <span class="antiqua">2-6</span>). -Diese Annahme scheint uns ganz natürlich, weil wir uns beide -immer in dem Verhältnis Vorläufer-Messias vorstellen.</p> - -<p>Darüber vergessen wir aber eine ganz naheliegende Frage. -Hat der Täufer sich selbst als den Vorläufer, als den Elias gefühlt? - <span class="pagenum"><a id="Page_45">[S. 45]</a></span> -Dem Volk gegenüber hat er in keiner Aeusserung einen -derartigen Anspruch erhoben. Hartnäckig erkennt es in ihm -nur einen Propheten. Auch während seiner Gefangenschaft kann -er nichts derartiges beansprucht haben, denn noch in Jerusalem -urteilt das Volk nicht anders, als dass er ein Prophet gewesen.</p> - -<p>Wenn irgendwie die Ahnung durchgedrungen wäre, dass er -die Eliasgestalt repräsentierte, wie hätte man dann allgemein auf -den Gedanken kommen können, Johannes sei ein Prophet, Jesus -der Elias? Dass dies die allgemeine Ansicht auch nach dem Tode -des Täufers war, bezeugt die Antwort der Jünger zu Cäsarea -Philippi.</p> - -<p>Die Täuferanfrage unter der Voraussetzung betrachten, dass -der Vorläufer frägt, ob Jesus der Messias sei, heisst sie in -eine vollkommen unberechtigte Perspektive rücken, da gar nicht zu -erweisen ist, ob Johannes sich für den Vorläufer hielt. Also ist -auch gar nicht ausgemacht, ob seine Frage sich auf die messianische -Würde bezieht. Das umstehende Volk, da es Johannes -nicht für den Vorläufer hielt, musste sie ganz anders auffassen, -nämlich: bist du der Elias?</p> - -<p>Nun wird aber durch die gewöhnliche Perspektive ein charakteristisches -Detail in der Perikope selbst verdeckt, nämlich, -dass Jesus dieselbe Bezeichnung, die der Täufer in der Anfrage -auf ihn anwandte, nun seinerseits wieder auf den Täufer anwendet! -Bist du der Kommen-Sollende? frägt der Täufer. Jesus -antwortet: Wenn ihr es fassen mögt, so ist <em class="gesperrt">er selbst</em> Elias, der -Kommen-Sollende! Bei den Reden ist also die Bezeichnung des -»Kommen-Sollenden« gemeinsam, nur dass wir in der Anfrage -des Täufers sie eigenmächtig auf den Messias beziehen. Dieses -für die naive Perspektive so ganz natürliche Verfahren wird aber -als unberechtigt erkannt, sobald man weiss, dass es sich eben nur -um Perspektive, nicht um die reellen Massstäbe handelt. Denn -dann gewinnt plötzlich das »er selbst« in der Antwort Jesu eine -ungeahnte Bedeutung; »<em class="gesperrt">er selbst</em> ist der Elias«, der Kommen-Sollende! -Dieser Rückweis zwingt uns, in der Anfrage des Täufers -unter dem Kommen-Sollenden nicht den Messias, sondern, wie in -der Antwort Jesu, den Elias zu verstehen.</p> - -<p>»Bist du der erwartete Vorläufer?« so lässt der Täufer Jesum -fragen. »Wenn ihr es fassen mögt, ist er selbst dieser Vorläufer«, -sagt Jesus zum Volk, nachdem er ihnen von der Grösse -des Täufers geredet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_46">[S. 46]</a></span></p> - -<p>Durch diese Rückbeziehung bekommt nun die Scene ein viel -intensiveres Kolorit. Zunächst wird klar, warum Jesus <em class="gesperrt">nach dem -Weggang der Gesandten</em> über den Täufer redet. Er fühlt sich -genötigt, das Volk in wirkungsvoller Steigerung von der Vorstellung, -jener sei ein Prophet (Mt 11 <span class="antiqua">9</span>), zu der Ahnung zu bringen, -er sei der Vorläufer, mit dessen Auftreten der Zeiger der Weltuhr -sich der verhängnisvollen Stunde nähert, auf den sich das -Wort »von dem, der den Weg bereitet« bezieht und von dem -die Schriftgelehrten sagen, »dass er zuerst kommen muss« -(Mk 9 <span class="antiqua">11</span>).</p> - -<p>Johannes nämlich war mit seiner Anfrage in der messianischen -Zeitrechnung zurück. Seine Abgesandten erkundigen sich -nach dem Vorläufer in dem Augenblick, wo Jesu Zuversicht, -dass das Reich unmittelbar hereinbrechen wird, aufs höchste gestiegen -ist. Er hat ja seine Jünger ausgeschickt und ihnen in -Aussicht gestellt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie -auf dem Weg durch die Städte Israels überraschen könne. Die -Stunde ist schon viel weiter vorgerückt — das will Jesus dem Volk -in der »Würdigungsrede über den Täufer« zu verstehen geben, -wenn sie es begreifen können.</p> - -<p>Zu seinem Urteil über Jesus war Johannes auf demselben -Wege gekommen, wie das Volk. Als er nämlich <em class="gesperrt">von den Zeichen -und Thaten Jesu hört</em> (Mt 11 <span class="antiqua">2</span>), da steigt ihm der Gedanke -auf, ob dieser nicht etwa mehr wäre, als ein Busse predigender -Prophet. So schickte er zu ihm hin, um darüber Gewissheit zu -haben.</p> - -<p>Damit rückt aber die Verkündigung des Täufers in ein ganz -anderes Licht. Er hat nie auf den kommenden Messias, <em class="gesperrt">sondern -auf den erwarteten Vorläufer hingewiesen</em>. So erklärt -sich die Verkündigung »von dem, der nach ihm kommen wird« -(Mk 1 <span class="antiqua">7</span> u. <span class="antiqua">8</span>). Auf den Messias angewandt, bleiben die von ihm -gebrauchten Ausdrücke dunkel. Sie statuieren nämlich nur einen -Gradunterschied, nicht eine totale Differenz zwischen ihm und -dem Angekündigten. Wenn er vom Messias redete, wären diese -Ausdrücke, in welchen er den Kommenden, trotz des gewaltigen -Rangunterschieds, immer noch mit sich selbst vergleicht, unmöglich. -Er denkt sich den Vorläufer wie ihn selbst, taufend und die -Busse auf das Reich hin verkündigend, aber nur unverhältnismässig -grösser und mächtiger. Statt mit Wasser wird er mit dem heiligen -Geist taufen (Mk 1 <span class="antiqua">8</span>).</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_47">[S. 47]</a></span></p> - -<p>Dies kann nicht auf den Messias gehen. Seit wann tauft der -Messias? Sodann aber findet die berühmte allgemeine Geistesausgiessung -nicht <em class="gesperrt">in</em>, sondern <em class="gesperrt">vor</em> der messianischen Aera statt! Bevor -der gewaltige Tag des Herrn kommt, wird er seinen Geist -ausgiessen über alles Fleisch, und Zeichen und Wunder werden -am Himmel geschehen (Joël 3 <span class="antiqua">1</span> ff.). Bevor der gewaltige Tag des -Herrn kommt, wird er Elias, den Propheten, schicken (Mal 3 <span class="antiqua">23</span>). -Diese beiden Hauptstellen über die grossen Vorereignisse der -Endzeit verbindet der Täufer in Gedanken und kommt so zur -Vorstellung <em class="gesperrt">des Vorläufers, der mit dem heiligen Geiste -taufen wird</em>! Man sieht dabei, welch übernatürliches Licht -die Gestalt des Vorläufers in der damaligen Vorstellung umfliesst. -Darum fühlt sich Johannes so klein vor ihm.</p> - -<p>Für die Antwort befand sich Jesus in einer schweren Lage. -Indem er fragen liess: bist du der Vorläufer, oder bist du es -nicht? hatte ihm der Täufer eine falsche Alternative gestellt, auf -die er weder ja noch nein antworten konnte. Sein Messianitätsgeheimnis -wollte er den Gesandten auch nicht anvertrauen. Er -antwortet daher mit dem Hinweis auf die Nähe des Reiches, die -sich in seinen Thaten offenbart. Zugleich rückt er seine eigene -Persönlichkeit machtvoll in den Vordergrund. Nur derjenige -kann selig werden, der zu ihm steht und kein Aergernis an ihm -nimmt. Er will damit dasselbe sagen, was er auch dem Volk -Mk 8 <span class="antiqua">38</span> vorhält: Die Zugehörigkeit zum Reich ist abhängig von -dem Ausharren bei ihm.</p> - -<p>Die merkwürdige, ausweichende Antwort Jesu an den Täufer, -in welcher die Exegese von jeher besondere Finessen entdecken -zu müssen glaubte, erklärt sich also einfach aus einer Zwangslage! -Er konnte nicht direkt antworten. Darum gab er diesen -dunkeln Bescheid. Der Täufer sollte daraus entnehmen, was er -wollte und konnte. Uebrigens hatte es ja keine Bedeutung, wie -er ihn verstand. Die Ereignisse werden ihn lehren, denn die Zeit -ist ja schon viel weiter vorangeschritten als er annimmt, und der -Hammer hebt schon zum Stundenschlag aus.</p> - -<p>Es wird uns sehr schwer von dem Gedanken loszukommen, -als ob der Täufer und Jesus zu einander als Vorläufer und Messias -gestanden hätten. Nur durch eine angespannte Ueberlegung -gelangt man zur Einsicht, dass bei unserer Perspektive die beiden -Grössen in diesem Verhältnis stehen, weil wir die Messianität -Jesu voraussetzen, dass man aber, um ihre historischen Beziehungen - <span class="pagenum"><a id="Page_48">[S. 48]</a></span> -zu entdecken, die richtige Perspektive berechnen und -in Anschlag bringen muss.</p> - -<p>Solange man noch irgendwie in der alten Perspektive befangen -ist, wird man der vorliegenden Untersuchung nicht gerecht. -Man meint dann nämlich, es handle sich um »den Vorläufer -des Vorläufers« und den Vorläufer, also eine geistreiche -Multiplizierung des Vorläufers mit sich selbst. Das ist falsch -ausgedrückt. Ein busspredigender Prophet, Johannes der Täufer, -weist auf die machtvolle Vorläufergestalt des Elias hin und, als er -im Gefängnis von den Zeichen Jesu hört, frägt er sich, ob dieser -nicht der Elias sei und ahnt nicht, dass jener sich für den Messias -halte und er selbst deshalb in der Geschichte hinfort als der Vorläufer -bezeichnet würde. Dies ist der geschichtliche Thatbestand.</p> - -<p>Mit dem Augenblick aber, wo die Geschichtsbetrachtung -von der Gewissheit ausgeht, dass Jesus der Messias war, verschiebt -sich der geschichtliche Thatbestand notwendig. Die -Evangelien zeigen diese Verschiebung in steigendem Masse an. -In dem Anfangssatz des Markus wird das Maleachicitat von dem -bahnbereitenden Vorläufer (Mal 3 <span class="antiqua">1</span>) schon auf Johannes angewandt. -Bei Matthäus hört der Täufer im Gefängnis »die Werke -des Messias« (Mt 11 <span class="antiqua">2</span>). Handelt es sich hier nur um das unreflektierte -Hereinspielen einer neuen Betrachtungsweise, so hat -das vierte Evangelium daraus ein Prinzip gemacht und stellt die -Geschichte konsequent unter der Voraussetzung dar, dass, weil -Jesus der Messias war, der Täufer der Vorläufer war und sich -als solcher auch fühlen musste. Der historische Täufer sagt: -ich bin nicht der <em class="gesperrt">Vorläufer</em>, denn dieser ist unverhältnismässig -grösser und mächtiger als ich. Nach dem vierten Evangelium -könnten die Leute mutmassen, er sei Christus. Er muss daher -sagen: ich bin nicht <em class="gesperrt">Christus</em> (Joh 1 <span class="antiqua">20</span>)!</p> - -<p class="pmb3">So hat sich das Verhältnis unter der neuen Perspektive vollständig -verschoben. Die Person des Täufers ist historisch unkenntlich -geworden. Zuletzt hat man noch den modernen Zweifelsmann -aus ihm gemacht, der halb an Jesu Messianität glaubt, halb -nicht glaubt. In diesem Hangen und Bangen soll gar die Tragik -seines Daseins bestehen! Nun darf man ihn aber mit Zuversicht -aus der Reihe der uns Modernen so interessanten, am tragischen -Halbglauben zu Grunde gehenden Persönlichkeiten tilgen. Jesus -hat ihm das erspart. Denn so lang er lebte, verlangte er von -niemand den Glauben an seine Messianität — und war es doch!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_49">[S. 49]</a></span></p> - - -<h3>7. Der Blinde zu Jericho und die Ovation beim Einzug in -Jerusalem.</h3> - -<p>Ist der Einzug in Jerusalem eine messianische Ovation? -Das hängt einmal davon ab, wie man die Rufe des Volkes deutet, -sodann aber von der Auffassung der Scene zwischen Jesus und -dem Blinden. Handelt es sich dort wirklich um die Begrüssung -als Davidssohn, die er nun nicht mehr ablehnt, sondern stillschweigend -annimmt, sodass das Volk zur Erkenntnis gelangt, -für wen er sich halte: dann ist die Folgerung unabweislich, dass -es eine messianische Ovation war.</p> - -<p>Für die Herausarbeitung der ursprünglichen Situation in -der Schilderung des Einzugs sind die Detailunterschiede zwischen -Markus und den Seitenreferenten von weittragender Bedeutung. -Bei Markus haben wir zwei klar unterschiedene Jubelrufe. Der -erste gilt der gegenwärtigen Person Jesu: »Hosianna, gelobt sei -der »Kommen-Sollende« im Namen des Herrn« (Mk 11 <span class="antiqua">9</span>). Der -zweite bezieht sich auf das erwartete Kommen des Reichs: »Gelobt -sei das kommen-sollende Reich unseres Vaters David; Hosianna -in der Höh'.« Von dem Davidssohn ist also gar nicht die Rede!</p> - -<p>Anders bei Matthäus. Dort ruft das Volk: »Hosianna dem -Sohne Davids; gesegnet sei der Kommen-Sollende im Namen des -Herrn; Hosianna in der Höh'« (Mt 21 <span class="antiqua">9</span>). Wir haben also hier -nur den Ruf, welcher der Person Jesu gilt. Das Reich wird nicht -erwähnt; dafür jubelt man dem Davidssohn und zugleich dem -Kommen-Sollenden zu.</p> - -<p>Der lukanische Bericht kommt nicht in Betracht, da er mit -Reminiscenzen aus der Vorgeschichte operiert: »Gesegnet der -König, der im Namen des Herrn kommt. Friede im Himmel und -Ehre in der Höh'« (Luk 19 <span class="antiqua">38</span>).</p> - -<p>In seiner Darstellung deutet also Matthäus den Kommen-Sollenden -auf den Davidssohn. Direkte Beweise, dass dieser aus -Psalm 118 <span class="antiqua">25</span> ff. stammende Ausdruck zur Zeit Jesu auf den Messias -angewandt wurde, besitzen wir nicht. Wohl aber hat es sich -gezeigt, <em class="gesperrt">dass sowohl der Täufer als auch Jesus ihn auf -den Vorläufer Elias anwenden</em>. Also ist es ungeschichtlich, -wenn Matthäus das Volk in einem Atem dem Kommen-Sollenden -und dem Davidssohn zujubeln lässt.</p> - -<p>Markus hat auch hier in seinem Detail die ursprüngliche -Situation festgehalten. Das Volk jubelt Jesus als dem »Kommen-Sollenden«, - <span class="pagenum"><a id="Page_50">[S. 50]</a></span> -d. h. dem erscheinenden Vorläufer zu und singt ein -»Hosianna in der Höh'« dem Reich, welches bald auf Erden -herabkommen wird. Gerade der Unterschied zwischen dem -<em class="gesperrt">Hosianna</em> und dem <em class="gesperrt">Hosianna in der Höh'</em> ist bezeichnend, -sofern das erste auf den gegenwärtigen Vorläufer, das zweite auf -das himmlische Reich geht. Der sekundäre Charakter der -matthäischen Darstellung tritt darin zu Tage, dass er dem Davidssohn -und dem Kommen-Sollenden ein Hosianna und zugleich -Hosianna in der Höh' gelten lässt, wobei der Messias also einmal -auf Erden, das andere Mal noch im Himmel vorausgesetzt wird! -Hier zeigt sich deutlich, dass dem zweiten Hosianna ursprünglich -das Reich beigehört.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Einzug in Jerusalem galt also nicht dem -Messias, sondern dem Vorläufer.</em> Dann ist es aber unmöglich, -dass das Volk die Scene mit dem Blinden dahin verstanden -hat, als nähme hier Jesus die Anrede »Davidssohn« entgegen.</p> - -<p>Auch hier handelt es sich um synoptisches Detail, durch -welches die Scene total verändert wird. Der Ruf über den Davidssohn -ist dabei gefallen. Die Frage ist nur, ob ihn das Publikum -als Anrede auffassen konnte und musste. Bei Matthäus und -Lukas trifft dies zu, <em class="gesperrt">bei Markus ist es ausgeschlossen</em>.</p> - -<p>Nach der matthäischen Scenerie sitzen zwei Blinde am Wege -und rufen: erbarme dich unser, Sohn Davids (Mt 20 <span class="antiqua">30</span>).</p> - -<p>Bei Lukas lautet der Ruf: Jesu, du Sohn Davids, erbarme -dich meiner (Luk 18 <span class="antiqua">38</span>). Darauf bleibt Jesus vor ihm stehen, -redet ihn an und heilt ihn.</p> - -<p>Bei Markus sitzt der blinde Bettler, Sohn des Timäus, hinter -der Menge am Wege. <em class="gesperrt">Jesus sieht ihn nicht, er kann ihn -nicht anreden, sondern er hört nur eine Stimme, die -mitten aus dem Gewühl vom Boden zu ihm dringt</em>, wo -einer über den Davidssohn um Hülfe ruft. Er bleibt stehen und -schickt, man <em class="gesperrt">solle ihn holen</em>! Man geht der Stimme nach und -findet ihn am Boden sitzend. Steh' auf, er ruft dich! sagen sie zu -ihm. Er wirft sein Kleid ab, springt auf und drängt sich durch -die Menge zu ihm. Als Jesus ihn so auf sich zukommen sieht, -kann er gar nicht wissen, dass dieser Mann blind ist! Er muss -ihn also <em class="gesperrt">fragen</em>, was ihm fehlt. Die Distanz, der Aufenthalt, -das Schicken nach ihm, das behende Herbeikommen: alles dies -ist bei Matthäus ausgefallen. Er hat die Situation vereinfacht: - <span class="pagenum"><a id="Page_51">[S. 51]</a></span> -Jesus stösst auf die beiden am Weg und redet sogleich mit ihnen. -Nur hat er aus dem ursprünglichen Sachverhalt die Frage, wo -es denn fehle, beibehalten, die zwar bei Markus thatsächlich nötig -ist, bei ihm aber ganz unbegreiflich bleibt, da Jesus sehen muss, -dass er es mit zwei Blinden zu thun hat!</p> - -<p>Lag aber eine solche Distanz zwischen Jesus und dem Blinden, -so konnte niemand auf den Gedanken kommen, er beziehe -den monotonen Ruf über den Davidssohn als Anrede auf sich! -Es war eben nur ein lästiger <em class="gesperrt">Ruf</em>, den die Umstehenden ihm -vergebens zu verwehren suchten. Man legte ihm so wenig Bedeutung -bei, als den Dämonenrufen — wenn man ihn überhaupt -verstand.</p> - -<p>Die <em class="gesperrt">Anrede</em> des Bettlers lautet ganz anders und zeigt, dass -er ebensowenig wie das Volk Jesum für den Messias hält: »<em class="gesperrt">Rabbi</em>, -dass ich sehend werde.« Er war für ihn also der Rabbi aus -Nazareth.</p> - -<p>Hält man sich diese Situation vor, so ersieht man, dass die -Umstehenden in keiner Weise auf den Gedanken kommen konnten, -Jesus nehme hier messianische Huldigungen entgegen. Es war -aber das erste Zeichen, das er wieder that, seitdem er aus der -Einsamkeit herausgetreten war. Damit legitimiert er sich vor -der Festkarawane als der Vorläufer, für den ihn die Anhänger -in Galiläa hielten, ehe er sich plötzlich in die Stille nach dem -Norden zurückzog. Nun bricht der Jubel los und sie bereiten -ihm als dem Vorläufer die Ovation beim Einzug.</p> - -<p>Bei dem Nachweis über den eigentlichen Charakter dieses -Ereignisses handelt es sich um ein anscheinend geringfügiges Detail, -dem nicht jedermann geneigt sein möchte, die erforderliche Bedeutung -beizulegen. Demgegenüber ist an folgendes zu erinnern:</p> - -<p>1. In der Darstellung, welche die Messianität Jesu voraussetzte, -musste sich wie von selbst die Sache im Detail dahin verschieben, -dass es sich um einen messianischen Einzug handelt. -Dies ist bei Matthäus der Fall. Bewusste Absicht des Schriftstellers -liegt nicht vor.</p> - -<p>2. Die Schilderung des Markus zeigt eine solche Ursprünglichkeit -den Seitenreferenten gegenüber (man denke an die Taufgeschichte -und an den Bericht des letzten Mahles), dass man -nicht leicht der Eigentümlichkeit seiner Notizen ein zu grosses -Gewicht beilegen kann, besonders wenn sich daraus eine so anschauliche -Situation ergibt, wie es hier der Fall ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_52">[S. 52]</a></span></p> - -<p>3. Mit der Behauptung, der Beweis sei nicht erbracht, dass -es sich um eine Ovation an den Vorläufer handle, ist nichts gethan. -Dann gilt es nämlich darzuthun, wie unter der Voraussetzung, -dass sie wirklich dem Messias galt, die Verhandlungen -in den jerusalemitischen Tagen gar nicht auf eine vorausgesetzte -messianische Anmassung reflektieren und die gedungenen Ankläger -sich nicht auf solche Anmassungen berufen. Was hätte der -römische Befehlshaber gethan, wenn einer unter den Hochrufen -des Volks als Davidssohn in die Stadt eingezogen wäre?</p> - -<p>4. Die historische Erkenntnis wird uns hier besonders -schwer, weil wir immer meinen, die Zeichen und Wunder bekräftigten -für die Zeitgenossen die Messianität Jesu. Damit stehen -wir auf dem Standpunkt der johanneischen Geschichtsdarstellung. -In der Vorstellung der Zeitgenossen Jesu braucht aber der -Messias keine Zeichen, sondern er wird offenbar in seiner -Macht! Die Zeichen hingegen gehen auf die Zeit des Vorläufers!</p> - -<p>5. Auch unsere Uebersetzung wirkt beeinträchtigend. Der -ἐρχόμενος bezeichnet in allen Stellen eine für jene Zeit scharf -ausgeprägte Persönlichkeit. Man muss daher überall dieses -Wort dementsprechend übersetzen und es nicht einmal als Substantiv, -ein andermal (in der Einzugsgeschichte) wieder als Verbalform -übersetzen, wie es gerade am bequemsten ist. »Kommen-Sollender« -ist der Vorläufer, weil er vor dem messianischen Gericht -im Namen Gottes kommen soll, um alles in Ordnung zu -bringen.</p> - -<p class="pmb3">Es bleibt also dabei: <em class="gesperrt">Bis zu dem Bekenntnis vor dem -hohen Rat galt Jesus öffentlich für den Vorläufer, -wofür er schon in Galiläa gehalten worden war.</em></p> - - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - - -<h2 id="Siebentes_Kapitel">Siebentes Kapitel.<br /><br /> - -Nach der Aussendung. Litterarische und historische -Probleme.</h2> -<p class="pmb2" /> - - -<h3>1. Die Seereise nach der Aussendung.</h3> - -<p>Es ist sehr schwer, sich nach den synoptischen Berichten ein -klares Bild von den Ereignissen zu machen, welche auf die Aussendung -folgten. Wann sind die Jünger zurückgekehrt? Wo -hat sich Jesus während ihrer Abwesenheit aufgehalten? Welcher -Art waren die Erfolge der Jünger? Welches waren die Ereignisse - <span class="pagenum"><a id="Page_53">[S. 53]</a></span> -zwischen ihrer Rückkehr und dem Aufbruch nach dem Norden? -Wird durch diese Ereignisse motiviert, warum Jesus sich -mit ihnen in die Einsamkeit zurückzieht?</p> - -<p>Auf diese Fragen geben die Berichte keine Antwort. Dazu -kommt noch ein rein litterarisches Problem. Der Zusammenhang -zwischen den einzelnen Scenen ist hier merkwürdig zerrissen. -Fast scheint es, als ob der Faden der Geschichtserzählung hier -abbräche. Erst vom Augenblick des Aufbruchs zur Reise nach -Jerusalem an stehen die Scenen wieder in einem natürlichen und -klaren Zusammenhang.</p> - -<p>Zunächst handelt es sich um zwei offenbare Doubletten: die -Speisungsberichte mit nachfolgender Seefahrt (Mk 6 <span class="antiqua">31-56</span> = Mk -8 <span class="antiqua">1-22</span>). Beidemale wird Jesus auf einer Reise längs des Sees -von der Volksmenge beim Anlegen ans Land in einsamer Gegend -eingeholt. Dann kehrt er in die galiläischen Orte auf dem Westufer -zurück. Hier, in seinem gewohnten Wirkungskreis, trifft er -mit den pharisäischen Sendlingen aus Jerusalem zusammen. Sie -stellen ihn zur Rede. In der Erzählungsreihe der ersten Speisungsgeschichte -handelt es sich um das Händewaschen (Mk 7 -<span class="antiqua">1-23</span>), in der der zweiten um die Zeichenforderung (Mk 8 <span class="antiqua">11-13</span>). -Im Gefolge der ersten Erzählungsreihe steht der Aufbruch nach -Norden, wo er in der Gegend von Tyrus und Sidon mit der Kanaanitin -zusammentrifft (Mk 7 <span class="antiqua">24-30</span>). In der zweiten folgt auf -das Zusammentreffen mit den Pharisäern die Reise nach Cäsarea -Philippi (Mk 8 <span class="antiqua">27</span>).</p> - -<p>Wir haben hier also zwei selbständige Darstellungen derselben -Epoche im Leben Jesu. Dem Plane nach decken sie sich -vollständig; nur differieren sie in der Auswahl der berichteten -Ereignisse. Diese beiden Erzählungsreihen sind wie prädestiniert -miteinander verbunden, statt einander gleichgesetzt zu werden. -Jede erzählte Nordreise beginnt und endigt nämlich mit -einem Aufenthalt in Galiläa. Mk 7 <span class="antiqua">31</span>: Nachdem er weggegangen -aus dem Gebiet von Tyrus, ging er über Sidon an den galiläischen -See; Mk 9 <span class="antiqua">30</span> u. <span class="antiqua">33</span>: Und sie gingen weg von da (gemeint -ist Cäsarea Philippi) und wandelten durch Galiläa hin und sie -kamen nach Kapernaum. Man ist also an dem Ende einer Erzählungsreihe -wieder an dem Ausgangspunkt der andern. Verbindet -man daher die eine Rückkehr aus dem Norden mit dem -Anfang der andern Erzählungsreihe, so hat man äusserlich betrachtet -eine ganz natürliche Fortsetzung, nur dass Jesus jetzt - <span class="pagenum"><a id="Page_54">[S. 54]</a></span> -unbegreiflicherweise gleich wieder nach dem Norden muss, statt -dass die Rückkehr nach Galiläa ein Teil der Jerusalemreise ist! -Diese schliesst sich in dieser Anordnung dann erst an die zweite -Rückkehr an.</p> - -<p>In dieser rückläufigen Bewegung der beiden Erzählungsreihen -liegt es begründet, dass sie, obwohl Parallélcyklen, sich -doch in einer Folge aneinanderschliessen. Der jetzige Text zeigt -ihre vollständige Harmonisierung. Nicht nur dass die zweite Speisungsgeschichte -auf die erste durch »wiederum« (Mk 8 <span class="antiqua">1</span>) Rücksicht -nimmt: der Ausgleich ist sogar soweit vorangeschritten, dass -Jesus in einem Wort an die Jünger beide voraussetzt (Mk 8 <span class="antiqua">19-21</span>)! -Wie weit sich dieser Prozess schon in der mündlichen Ueberlieferung -vollzogen hatte und was auf das Konto der endgültigen -litterarischen Zusammenfügung kommt, das lässt sich nicht mehr -ausmachen.</p> - -<p>Nur der erste Cyklus ist vollständig. Jesus fährt mit den -Jüngern nordöstlich der Küste entlang und kehrt dann wieder -nach der Landschaft Genezareth zurück (Mc 6 <span class="antiqua">32 45 53</span>). Der -zweite ist unvollständig und etwas in Unordnung geraten.</p> - -<p>Jesus ist von der Seereise zum Westufer zurückgekehrt. -Mk 8 <span class="antiqua">10</span> ff. entspricht Mk 6 <span class="antiqua">53</span> ff. u. 7 <span class="antiqua">1</span> ff.; Dalmanutha liegt auf -dem Westufer. Statt dass er aber nun direkt nach Norden aufbricht, -folgt zuerst wieder eine Fahrt nach dem Ostufer (Mk 8 <span class="antiqua">13</span>). -Erst von Bethsaida zieht er dann mit ihnen nach Norden (Mk -8 <span class="antiqua">27</span> ff.). Der erste Cyklus hingegen erzählt <em class="gesperrt">diese Seefahrt -nach Bethsaida als Episode der grossen Uferreise in -unmittelbarer Folge auf die Speisungsgeschichte</em> (Mk -6 <span class="antiqua">45</span> ff.). Nun zeigt aber auch die zweite Erzählungsreihe, dass -dies der ursprüngliche Zusammenhang war, denn auch hier, wie in -der ersten, bezieht sich das Gespräch beim Landen auf die vorhergegangene -Speisung. Mk 6 <span class="antiqua">52</span>: »Denn sie waren nicht zur Einsicht -gekommen über den Broten, sondern ihr Herz war verstockt«. -Mk 8 <span class="antiqua">19-21</span>: »Da ich die fünf Brote gebrochen habe — da ich -die sieben gebrochen habe — versteht ihr noch nicht?« Es ist -also unmöglich, dass zwischen dieser Fahrt und der Speisung alle -Auftritte, die sich auf dem Westufer abgespielt haben, dazwischen -liegen. Das Denken aller ist ja noch von dem grossen Ereignis -beherrscht. <em class="gesperrt">Die neue Seereise des zweiten Cyklus ist -nichts anderes als die ursprüngliche Fortsetzung der -Fahrt von dem Platz der Speisung nach Bethsaida.</em></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_55">[S. 55]</a></span></p> - -<p class="pmb3">Damit ist der Parallelismus der beiden Erzählungsreihen erwiesen. -Die Ereignisse verlaufen in der Folge: Uferfahrt vom -Westufer aus, Speisung, Weiterfahrt nach dem Nordosten, -»Meerwandeln« resp. Gespräch im Boot, Ankunft in Bethsaida, -Rückkehr nach der Landschaft Genezareth, Diskussion mit den -Pharisäern, Aufbruch mit den Jüngern nach dem Norden.</p> - - -<h3>2. Das Abendmahl am See Genezareth.</h3> - -<p>Die Predigt der Jünger von der unmittelbaren Nähe des -Reiches muss einen grossen Erfolg gehabt haben. Eine gewaltige -Menge von solchen, die der Kunde glauben, scharen sich um -Jesus. Er hat eine von der hochgradigsten eschatologischen Erwartung -beseelte Gemeinde um sich. Sie lassen ihn nicht los. -Um mit den Jüngern allein zu sein, besteigt er ein Schiff. Er -gedenkt sich nach dem Nordostufer zurückzuziehen. Die Menge -aber, als sie erfährt, dass er sich entfernen will, strömt allerorts -zusammen und folgt am Strande. Mk 6 <span class="antiqua">32</span> u. <span class="antiqua">33</span>: »Es war eine -Menge Leute da, die kamen und gingen; und sie hatten nicht -einmal Zeit zu essen. Und sie gingen zu Schiff hin beiseits an -einen einsamen Ort; und viele sahen sie hingehen und erkannten -sie. Und sie liefen von allen Städten aus zu Fuss dahin zusammen -und kamen ihnen zuvor«.</p> - -<p>Sie treffen ihn in einsamer Gegend und umringen ihn alsbald. -Die Stunde der Mahlzeit kommt. In den Berichten von -der wunderbaren Speisung ist uns das Mahl, das sie feierten, erhalten. -<em class="gesperrt">Es handelte sich um ein feierliches Kultmahl!</em> -Nach weihevollem Dankgebet lässt Jesus durch seine Jünger das -von ihm gebrochene Brot unter die Menge verteilen. Mit Ausnahme -der beiden Gleichnisse haben wir absolut denselben feierlichen -Vorgang wie beim Abendmahl. Er teilt persönlich Speise -unter die Tischgenossenschaft aus. Die Schilderung der Brotausteilung -hier entspricht vollständig dem ersten Abendmahlsakt. -Mk 6 <span class="antiqua">41</span>: Er nahm die Brote, segnete sie, zum Himmel aufblickend, -brach sie und gab sie den Jüngern, sie ihnen vorzusetzen. -Mk 14 <span class="antiqua">22</span>: Er nahm das Brot, segnete und brach es und -gab es ihnen.</p> - -<p><em class="gesperrt">In der feierlichen Austeilungshandlung</em> liegt also -das Wesen sowohl jener Mahlzeit am Strand als auch des letzten -Mahls mit den Jüngern begründet. Der Name Abendmahl geht -auf beide, denn auch jenes Mahl am See fand in der Abendstunde - <span class="pagenum"><a id="Page_56">[S. 56]</a></span> -statt. Mk 6 <span class="antiqua">35</span>: Und wie es schon spät wurde, traten seine Jünger -zu ihm etc. Hier setzt sich die Mahlgemeinschaft aus der grossen -Menge der Reichsgläubigen zusammen, beim letzten Mahl ist sie -auf den Jüngerkreis beschränkt. <em class="gesperrt">Die Feier aber war dieselbe.</em></p> - -<p>Hier ist sie nun in einen Wunderbericht verzerrt, weil das -Kultmahl, das Jesus am See improvisiert, als ein Sättigungsmahl -aufgefasst wird. Dass er den geringen Vorrat, der zu Händen war, -die für ihn und seine Jünger bestimmte Speise der Menge feierlich -austeilte, ist historisch. Dass dieses Mahl ihnen die abendliche -Mahlzeit ersetzte, trifft ebenfalls zu. Dass die Menge davon -aber durch einen übernatürlichen Vorgang <em class="gesperrt">satt wurde</em>, das -gehört zum Wundercharakter, welchen die spätere Zeit der Feier -beilegte, weil man sich ihre Bedeutung nicht zurechtlegen -konnte.</p> - -<p>Der historische Vorgang ist also folgender: Die Jünger -verlangen, Jesus solle das Volk entlassen, damit sie sich sättigen. -Für ihn aber ist es nicht der Augenblick, an irdische Mahlzeit zu -denken und dafür auseinanderzugehen, denn die Stunde ist nahe, -wo sie alle um ihn zum messianischen Mahl versammelt sein werden. -Darum will er nicht, dass sie jetzt gehen, sondern, ehe er -sie entlässt, heisst er sie sich lagern. An die Stelle der Sättigungsmahlzeit -setzt er ein feierliches Kultmahl, bei dem die irdische -Sättigung keine Rolle spielt, sodass die für ihn und seine -Jünger bestimmte Speise ausreicht.</p> - -<p>Weder die Jünger noch die Menge verstehen, was vorgeht. -Als Jesus nachher im Schiff die Rede auf die Bedeutung der -Mahlzeit bringt — dies allein kann der historische Sinn der dunkeln -Notizen Mk 6 <span class="antiqua">52</span> und Mk 8 <span class="antiqua">14-21</span> sein — zeigt sich, dass sie -nichts begriffen haben.</p> - -<p>Er hielt also ein Kultmahl ab, dessen Sinn ihm allein klar -war. Er achtete es nicht für nötig, ihnen das Wesen der Feier -zu erklären. Die Erinnerung aber an jene geheimnisvolle Abendmahlzeit -am einsamen Seestrand lebte in der Ueberlieferung -lebendig weiter und wuchs zum Bericht der wunderbaren Speisung -aus.</p> - -<p>Worin bestand für Jesus der feierliche Charakter der Austeilung? -Die Mahlgemeinschaft trägt eschatologischen Charakter. -Das Volk, das sich am See um ihn gesammelt, erwartet mit ihm -das Anbrechen des Reiches. Indem er nun an die Stelle der gewöhnlichen - <span class="pagenum"><a id="Page_57">[S. 57]</a></span> -Sättigungsmahlzeit ein Kultmahl setzt, wo er unter -Danksagung zu Gott ihnen Speise austeilt, da handelt er aus -seinem messianischen Selbstbewusstsein heraus. <em class="gesperrt">Als derjenige, -welcher sich Messias weiss und bei dem unmittelbar bevorstehenden -Einbrechen des Reiches ihnen als solcher -geoffenbart werden wird, teilt er denjenigen, welche er -demnächst beim messianischen Mahl um sich erwartet, -feierlich Speise aus, als wollte er ihnen damit ein Anrecht -auf Teilnahme an jener zukünftigen Feier geben.</em> -Die Zeit der irdischen Mahlzeiten ist vorbei; darum hält er mit -ihnen die Vorfeier des messianischen Mahles. Sie aber verstanden -es nicht, denn sie konnten nicht ahnen, dass derjenige, welcher -ihnen so weihevoll Speise in Danksagung austeilte, sich als -Messias wusste und als solcher handelte.</p> - -<p>In diesem Zusammenhang fällt nun ein Licht auf das Wesen -des Abendmahls zu Jerusalem. Dort repräsentieren die Jünger -die reichsgläubige Gemeinschaft. Jesus teilt ihnen im Verlauf -jener letzten Mahlzeit unter Danksagungswort Speise und Trank -aus. Nun wissen sie aber, was er von sich hält. Er hat ihnen sein -messianisches Geheimnis enthüllt. Sie können daraus die Beziehung -seiner Austeilung auf das messianische Mahl ahnen. Er -selbst gibt seinem Handeln diese Bedeutung, indem er die Feier -mit dem Hinweis auf die demnächstige Wiedervereinigung beschliesst, -wo er mit ihnen den Wein neu trinken wird in seines -Vaters Reich!</p> - -<p class="pmb3">Das Abendmahl am See und das Abendmahl zu Jerusalem -entsprechen sich also vollkommen, nur dass Jesus bei letzterem -den Jüngern das Wesen der Feier andeutet und zugleich in den -beiden Gleichnissen den Leidensgedanken zum Ausdruck bringt. -Das Kultmahl war dasselbe: eine Vorfeier des messianischen -Mahles im Kreise der reichsgläubigen Genossenschaft. <em class="gesperrt">Jetzt -versteht man erst, wie das Wesen des Abendmahls von -den Gleichnissen unabhängig sein kann.</em></p> - - -<p>3. Die Woche zu Bethsaida.</p> - -<p>Während der Feier war Jesus tief ergriffen. Darum drängte -er zum Aufbruch und entliess das Volk. Er selbst zog sich auf -einen Berg zurück, um im Gebet allein zu sein. Am Strande zu -Bethsaida, wohin er ihnen zu rudern befohlen hatte, traf er die -Seinen wieder. Im Kampf mit Sturm und Wellen wähnten sie - <span class="pagenum"><a id="Page_58">[S. 58]</a></span> -eine überirdische Erscheinung auf sie zukommen zu sehen, als -sie seine Gestalt am Strande erblickten. So sehr standen sie -noch unter dem Eindruck der gewaltigen Persönlichkeit, welche -voll geheimnisvoller Hoheit der Menge feierlich Speise ausgeteilt -und dann die Feier plötzlich abgebrochen hatte (Mk 6 <span class="antiqua">45-52</span>).</p> - -<p>Wohin hatte er die Menge entlassen? Was thaten sie in -Bethsaida? Wie lang blieben sie dort? Unser Text berichtet -nur, dass sie wieder nach Genezareth zurückkehrten.</p> - -<p>Nun bietet aber die synoptische Geschichtserzählung für die -Zeit vor dem Aufbruch nach Jerusalem (Mk 9 <span class="antiqua">30</span>) ein schweres -litterarisches Problem. Mk 8 <span class="antiqua">27-33</span> befindet sich Jesus allein mit -seinen Jüngern hoch im Norden auf heidnischem Gebiet; von -dort bricht er auch 9 <span class="antiqua">30</span> ff. zum raschen Zug durch Galiläa nach -Jerusalem auf. »Sie zogen von dort weg und nahmen ihren Weg -durch Galiläa; er wollte aber nicht, dass jemand davon wusste.« -Zwischen die Messianitätserklärung und diesen Aufbruch fällt -nun eine Scene (Mk 8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">29</span>), wo er von einer grossen Volksmenge -umgeben erscheint. Er verlässt sie mit den Intimen, um -nachher wieder zu ihr zurückzukehren. Nirgends wird berichtet, -wie dieses Volk plötzlich auf heidnischem Land sich zu ihm findet. -Ebensowenig erfahren wir, wie es ihn wieder verlässt, dass er Mk -9 <span class="antiqua">30</span> ff. allein mit den Jüngern und unerkannt durch Galiläa -ziehen kann.</p> - -<p>Aber nicht nur die Volksmenge kommt unerwartet, sondern -die ganze Scenerie verändert sich. Man befindet sich in bekannter -Gegend, denn Jesus geht mit den Jüngern »ins Haus«, während -das Volk draussen bleibt (Mk 9 <span class="antiqua">28</span>)!</p> - -<p>Der litterarische Zusammenhang, in dem das Stück steht, -ist absolut unmöglich, denn es kann nicht auf <em class="gesperrt">heidnischem -Boden</em>, sondern nur in <em class="gesperrt">Galiläa</em> spielen! Da aber Jesus nachher -Galiläa nur im Fluge und incognito berührt, so gehört es in -die galiläische Periode <em class="gesperrt">vor den Aufbruch nach dem Norden -und zwar in die Zeit nach der Rückkehr der Jünger</em>, da -er dort von einer ständigen Volksmenge umgeben ist und dabei -mit den Jüngern die Einsamkeit aufsucht!</p> - -<p>Die Situation lässt sich aber mit Sicherheit noch genauer -bestimmen. Jesus wohnt in einer Ortschaft (Mk 9 <span class="antiqua">28</span>), in deren -Nähe ein Berg sich befindet, zu dem er sich mit den Intimen begibt -(Mk 9 <span class="antiqua">2</span>). Dies passt aber alles mit absoluter Sicherheit auf -den Aufenthalt <em class="gesperrt">in Bethsaida</em>. Der Berg, den er mit den drei - <span class="pagenum"><a id="Page_59">[S. 59]</a></span> -Intimen aufsucht, ist <em class="gesperrt">der Berg am Nordstrand des Sees, -auf dem er gebetet in der Nacht, da er nach Bethsaida -kam</em>!</p> - -<p>Das Stück Mk 8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">29</span> gehört also in die Tage von Bethsaida! -Es ist nicht mehr auszumachen, durch welchen Prozess -es in den vorliegenden, unmöglichen litterarischen Zusammenhang -geriet. Von Einfluss auf diese Einreihung wird gewesen -sein, dass sich an die Leidensweissagung in Cäsarea Philippi (Mk -8 <span class="antiqua">31-33</span>) am natürlichsten das eindringliche Wort von der Leidensnachfolge -der Anhänger anzuschliessen schien (Mk 8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">1</span>).</p> - -<p>Zudem hatte die Umbildung des Berichts von dem Zusammentreffen -Jesu mit seinen landenden Jüngern in eine Wundererzählung -den natürlichen Anschluss des Berichts von dem am -folgenden Morgen eintretenden Ereignisse erschwert. Und doch -setzt Mk 8 <span class="antiqua">34</span> ff. die Massnahmen des vorhergehenden Abends -voraus (Mk 6 <span class="antiqua">45-47</span>). Jesus hat das Volk entlassen, sich selbst -in die Einsamkeit zurückgezogen und ist mit den Jüngern im -Dunkel der Nacht in Bethsaida eingetroffen, wo sie im Hause -(Mk 9 <span class="antiqua">28</span>) Herberge haben. Am andern Tage ruft er das Volk -mit den Jüngern um sich (Mk 8 <span class="antiqua">34</span>) und redet zu ihnen von der -Selbstverleugnung, die in seiner Nachfolge gewillt sein muss, -Schande, Hohn und Spott zu erdulden, um bei ihm auszuharren. -Dieses Verhalten wird durch die Nähe der Ankunft -des Menschensohnes gerechtfertigt, der in Solidarität mit Jesu -richten wird.</p> - -<p>Den Beschluss dieser mahnenden Rede bildet ein Wort »von -dem Hereinbrechen des Reiches Gottes mit Macht«, d. h. der -eschatologischen Realisierung desselben. In der jetzigen Form -ist es abgeschwächt: einige von den Umstehenden werden den -Tod nicht schmecken, bevor jener Augenblick eintritt. Als Abschluss -dieser Rede muss es aber gelautet haben: Ihr, die ihr -hier steht, werdet in Bälde den grossen Augenblick des gewaltsamen -Einbruchs des Reiches Gottes erleben! So passt diese -ernste Rede in Bethsaida zu den Erwartungen, die Jesum und -die Menge um ihn bewegten.</p> - -<p>Sechs Tage nach jener Rede in Bethsaida nimmt er die Intimen -mit sich und führt sie auf den Berg, wo er am Abend nach -dem grossen gemeinschaftlichen Kultmahl in der Einsamkeit gebetet. -Bei ihrer Rückkehr finden sie die andern Jünger vom -Volk umgeben; trotz der von ihnen auf ihrem Wanderzug durch - <span class="pagenum"><a id="Page_60">[S. 60]</a></span> -die Ortschaften Israels bewiesenen Vollmacht über die Dämonen -werden sie nicht Herr über einen Besessenen, der ihnen zugeführt -worden. Jesus geht mit dem Vater und dem Besessenen abseits; -in dem Augenblick, wo das Volk herbeiläuft (Mk 9 <span class="antiqua">25-27</span>), beginnt -die Krisis, nach der Jesus den wie tot daliegenden Knaben bei -der Hand fasst und aufrichtet.</p> - -<p>So enthält dieses merkwürdige eingeschobene Stück Mk -8 <span class="antiqua">34</span>-9 <span class="antiqua">29</span> einen anschaulichen Bericht über den ersten und -letzten Tag der Woche, die er damals zwischen der Rückkehr -der Jünger und dem Aufbruch nach dem Norden in Bethsaida -verbrachte.</p> - -<p>Erst jetzt wird ganz klar, wie unhistorisch die Ansicht ist, -dass Jesus Galiläa infolge des wachsenden Widerstandes und -des zunehmenden Abfalls verlassen habe. Im Gegenteil: es ist -die Zeit der höchsten Triumphe. Eine reichsgläubige Volksmenge -hängt ihm an und verfolgt ihn überall. Kaum landet er am Westufer, -so sind sie schon wieder da. Ihre Zahl ist noch gewachsen -und wächst immer fort (Mk 6 <span class="antiqua">53-56</span>). Dass sie ihn verlassen, -dass sie auch nur die geringste Regung des Zweifels oder Abfalls -gezeigt haben: davon wissen die Texte nichts. <em class="gesperrt">Nicht das Volk -verlässt ihn, sondern er verlässt das Volk.</em></p> - -<p class="pmb3">Das thut er nicht aus Angst vor den jerusalemitischen -Sendlingen, sondern er führt nur aus, was er schon seit der Rückkehr -der Jünger im Sinne hatte. Er will allein sein. Das Volk -hatte diese Absicht vereitelt, indem es ihm bei der Seefahrt am -Ufer folgte. Auf das Westufer zurückgekehrt, sieht er sich -wieder umgeben. Weil er das Alleinsein mit den Jüngern für -absolut notwendig hält und weil es ihm in Galiläa nicht gelingt, -deswegen verschwindet er plötzlich und begibt sich auf heidnisches -Gebiet. <em class="gesperrt">Die Nordreise ist keine Flucht, sondern -sie verfolgt denselben Zweck wie die Seereise.</em></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<h2 id="Achtes_Kapitel">Achtes Kapitel.<br /><br /> - -Das Messianitätsgeheimnis.</h2> -<p class="pmb2" /> - - -<h3>1. Vom Verklärungsberg nach Cäsarea Philippi.</h3> - -<p>Nach Cäsarea Philippi ist die Verklärungsscene bedeutungslos -und unverständlich. Die drei Intimen erfahren nicht mehr -über Jesus, als was Petrus schon bekannt und Jesus daraufhin -bestätigt hat. So ist die ganze Perikope nichts als eine angehängte - <span class="pagenum"><a id="Page_61">[S. 61]</a></span> -Apotheose mit einem dunkeln Gespräch, der keine geschichtliche -Bedeutung zukommt.</p> - -<p>Spielt die Scene aber, wie oben litterarisch nachgewiesen ist, -in den Wochen nach der Aussendung, <em class="gesperrt">vor Cäsarea Philippi</em>, -nicht auf dem Berg der Legende, <em class="gesperrt">sondern auf dem Berg in -der Einsamkeit des Seeufers bei Bethsaida</em>, dann ist mit -einem Schlage aus der bedeutungslosen Anhangsapotheose zur -Offenbarung des Messiasgeheimnisses ein galiläisches Ereignis -von weittragender historischer Bedeutung geworden, <em class="gesperrt">das die -Scene zu Cäsarea Philippi erklärt, nicht umgekehrt</em>! -Was wir die Verklärung Jesu nennen, ist in Wirklichkeit nichts -anderes als <em class="gesperrt">die Offenbarung des Messiasgeheimnisses an -die drei Intimen</em>! Einige Wochen später folgt dann die Eröffnung -an die Zwölfe.</p> - -<p>Diese Offenbarung an die Intimen ist uns als Wundergeschichte -überliefert. Sie hat dieselbe Umbildung erfahren, wie -alle Ereignisse auf jener Fahrt längs des Nordstrandes. Wie die -Speisungsgeschichte und die Begegnung Jesu mit seinen Jüngern -im Abenddunkel, so steht auch die Scene auf dem Berg unter -dem Eindruck der intensivsten eschatologischen Erregtheit. Darum -ist der historische Vorgang im einzelnen nicht mehr klar. -Elias und Moses, die Persönlichkeiten, welche die Endzeit ankündigen, -erscheinen ihnen. Inwiefern haben dabei ekstatische Zustände, -verbunden mit Glossolalie, mitgespielt? Die jetzige Schilderung -lässt auf derartiges schliessen (Mk 9 <span class="antiqua">2-6</span>). Inwiefern wiederholt -sich in der Stimme aus den Wolken das Erlebnis Jesu bei der -Taufe Jesu? Mk 9 <span class="antiqua">7</span>: »Dies ist mein lieber Sohn, auf ihn höret.«</p> - -<p>Zwischen der Taufe und der Verklärung besteht ein innerer -Zusammenhang. Beidemal handelt es sich um einen Zustand der -Verzückung, in dem das Geheimnis der Persönlichkeit Jesu offenbar -wird. Das erste Mal war es für ihn allein. Hier nehmen auch -die Jünger daran teil. Wie weit sie selbst hingerissen waren, ist -nicht klar. Fest steht, dass in einem Zustand der Betäubung, -aus dem sie erst am Ende der Scene erwachen (Mk 9 <span class="antiqua">8</span>), die Gestalt -Jesu ihnen von überirdischem Glanz und Herrlichkeit umstrahlt -erscheint und sie eine Stimme hören, er sei Gottes Sohn. -Der Vorgang erklärt sich nur aus der gewaltigen eschatologischen -Aufregung.</p> - -<p>Es ist merkwürdig, dass die Offenbarwerdung des Messiasgeheimnisses -<em class="gesperrt">immer</em> an derartige Zustände geknüpft erscheint. - <span class="pagenum"><a id="Page_62">[S. 62]</a></span> -Bei der Pfingstrede, wo Petrus die Messianität Jesu öffentlich -verkündigt, handelt es sich auch um Glossolalie. Freilich hatte -er diesen Zustand schon erlebt, als ihm die Offenbarung auf dem -Berg bei Bethsaida wurde. Auch Paulus befindet sich in Verzückung, -als er die Stimme aus den Wolken hört.</p> - -<p>Wir haben oben dargethan, dass niemand durch Jesu Auftreten -oder durch seine Reden jemals auf den Gedanken kommen -konnte, er halte sich für den Messias. Die Frage dreht sich nicht -darum, wie die Leute seine Messianität ignorieren konnten, sondern -woher Petrus zu Cäsarea Philippi und der Hohepriester in -der Gerichtsscene im Besitz des Geheimnisses Jesu sind.</p> - -<p>Die Verklärungsscene löst die erste Frage. Petrus weiss, -dass Jesus »Sohn Gottes« ist aus der Offenbarung, die ihm mit -den andern beiden Intimen auf dem Berg bei Bethsaida geworden -ist. Darum antwortet er mit einer solchen Sicherheit auf die gestellte -Frage (Mk 8 <span class="antiqua">29</span>). Der matthäische Text fügt sogar noch -ein Wort bei, in dem Jesus auf das Erlebnis, wo ihm diese Erkenntnis -zu teil geworden, anspielt. Mt 16 <span class="antiqua">17</span>: Selig bist du -Simon, Jonas Sohn; denn Fleisch und Blut hat es dir nicht geoffenbart, -sondern der Vater im Himmel.</p> - -<p>Aber auch die auf die Antwort des Petrus folgende Scene -zeigt, dass es sich um ein beiden gemeinsames Geheimnis handelt. -Auf die Eröffnung Jesu, dass er in Jerusalem sterben müsse, -fährt Petrus heftig und rücksichtslos auf ihn ein, nimmt ihn zur -Seite und redet mit ihm in aufgeregter Weise. <em class="gesperrt">Als Jesus -sieht, dass die übrigen Jünger aufmerksam werden</em>, reisst -er sich mit einem harten Wort von ihm los, indem er ihn den -Versucher nennt, der nicht Gottes Dinge, sondern Menschendinge -sinne (Mk 8 <span class="antiqua">32 u. 33</span>).</p> - -<p>Warum die Aufregung des Petrus über die Eröffnung Jesu -von der Todesreise nach Jerusalem? Weil sie neu hinzukommt -zu dem, was ihm aus jener Scene auf dem Berg bei Bethsaida -bekannt ist. Nun darf er aber davon vor den andern Jüngern -nicht reden, weil Jesus den Intimen verboten hatte, jenes Ereignis -zu erwähnen. Darum nimmt er ihn bei Seite. Jesus aber kann, -da die andern aufmerksam werden, sich mit ihm nicht darüber -auseinandersetzen, sondern er gebietet ihm leidenschaftlich erregt -Schweigen.</p> - -<p>Nur der Zusammenhang mit der Verklärungsscene erklärt -die charakteristischen Züge des Ereignisses zu Cäsarea Philippi. - <span class="pagenum"><a id="Page_63">[S. 63]</a></span> -Die allgemein im Gebrauch befindlichen psychologischen Noterwägungen -über die schnelle Auffassungskraft des Petrus und -sein lebhaftes Temperament können nicht im geringsten erklären, -warum er allein mit solcher Sicherheit zur Erkenntnis -der Messianität Jesu gekommen, um sie alsbald wieder so misszuverstehen, -dass er mit Jesus darob in heftiges Gerede -kommt. Warum gehen beide mit einander abseits? Warum -belehrt ihn Jesus nicht, sondern lässt ihn mit hartem Scheltwort -stehen?</p> - -<p class="pmb3">An sich ist also die ganze Scene zu Cäsarea Philippi ein -Rätsel. Nimmt man aber an, dass die Verklärungsscene vorausgegangen -ist, so löst sich das Rätsel und die Scene wird bis -ins kleinste Detail verständlich. <em class="gesperrt">Der Offenbarung an die -Zwölf ging die Kundgebung des Messiasgeheimnisses -an die Intimen voraus.</em></p> - - -<h3>2. Der futurische Charakter der Messianität Jesu.</h3> - -<p>Die Offenbarung des Messiasgeheimnisses änderte vorläufig -nichts in dem Verhalten der Jünger zu Jesu. Sie sind nicht vor -ihm in den Staub gesunken, als ob nun aus dem Menschen, den -sie gekannt, eine überirdische Erscheinung geworden wäre. Nur -eine gewisse Scheu legen sie in der Folge an den Tag. Sie wagen -ihn nicht zu fragen, wenn sie seine Worte nicht verstehen (Mk 9 <span class="antiqua">32</span>), -sondern sie gehen neben ihm her als solche, die wissen, dass er -ein grosses Geheimnis in sich trägt.</p> - -<p>War nun Jesus vom Tag der Offenbarung seines Messiasgeheimnisses -an für sie der Messias? <em class="gesperrt">Er war es noch nicht.</em> -Man muss sich immer wieder erinnern, dass das Reich und der -Messias unzertrennlich zusammengehören. Nun war das Reich -noch nicht erschienen, also auch der Messias nicht. Die Eröffnung -Jesu bezieht sich auf den Zeitpunkt des Anbrechens des -Reichs. Wann jene Stunde schlagen wird, dann wird er als Messias -erscheinen, dann wird seine Messianität in Herrlichkeit geoffenbart -werden. Das war das Geheimnis, welches er den Jüngern -feierlich bekannt gab.</p> - -<p>Jesu Messianität war ein Geheimnis nicht nur, weil er davon -zu sprechen verboten hatte, sondern auch wegen ihrer besonderen -Art, <em class="gesperrt">sofern sie erst in einem bestimmten Zeitpunkt -real wurde</em>. Es handelt sich um eine nur in seinem -Selbstbewusstsein vollziehbare Vorstellung. Darum konnte und - <span class="pagenum"><a id="Page_64">[S. 64]</a></span> -brauchte das Volk nicht darum zu wissen. Es genügte, dass sein -Wort und seine Zeichen sie zum Glauben an die Nähe des Reiches -bekehrten, denn mit dem Anbruch des Reiches wurde ihnen auch -seine Messianität offenbar.</p> - -<p>Es ist fast unmöglich, das Messianitätsbewusstsein, wie es -Jesus seinen Jüngern als Geheimnis offenbarte, in moderne Begriffe -zu fassen. Mag man es als eine Identität zwischen ihm und -dem erscheinenden Menschensohn beschreiben, mag man es als -eine Kontinuität, die beide Persönlichkeiten verbindet, auffassen, -oder mag man es sich als ein virtuelles Vorhandensein der Messianität -denken: keine von diesen modernen Anschauungen kann das -messianische Selbstbewusstsein Jesu, <em class="gesperrt">wie es die Jünger verstanden</em>, -wiedergeben.</p> - -<p>Uns fehlt nämlich das »jetzt und dann«, welches ihr Denken -beherrschte und eine eigenartige Duplicität des Selbstbewusstseins -bedingte. Was wir Identität, Kontinuität und virtuelle Anlage -nennen, das ging in ihrer Vorstellung in einer für uns ganz unfassbaren -Weise ineinander über. Jede Persönlichkeit dachte -sich selbst in <em class="gesperrt">zwei ganz verschiedenen Zuständen</em>, sofern -sie sich nämlich jetzt in der vormessianischen und dann in der -messianischen Aera wusste. Aussprüche, welche wir nur nach -der Einheit des Selbstbewusstseins deuten, verstanden sie ganz -von selbst nach dem ihnen geläufigen doppelten Selbstbewusstsein. -Wenn ihnen also Jesus das Geheimnis seiner Messianität offenbarte, -hiess das für sie nicht, er sei der Messias, wie wir Modernen -es verstehen müssten, sondern es bedeutet für sie, dass -ihr Herr und Meister derjenige war, <em class="gesperrt">der im messianischen -Aeon als Messias geoffenbart werden würde</em>.</p> - -<p>Auch sich selbst dachten sie in dieser Doppelheit des Selbstbewusstseins. -Jedesmal, nachdem Jesus ihnen eröffnet, dass er -vor Antritt seiner Herrschaft leiden müsse, machen sie sich Gedanken, -was sie sein werden im zukünftigen Aeon. Darum folgen -auf die Leidensweissagungen die Scenen, in denen sie sich streiten, -wer von ihnen der grösste sein wird im Himmelreich, oder welchen -die Ehrenplätze zu Seiten des Thrones zufallen werden. Bis dahin -aber bleiben sie, was sie sind, und Jesus, was er ist, ihr Lehrer -und Meister. »Meister« reden ihn die Zebedaiden Mk 10 <span class="antiqua">35</span> an. -Als Lehrer soll er versprechen und gewähren, was sich erfüllen -wird, wenn das Reich und damit seine Messianität geoffenbart -sein wird.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_65">[S. 65]</a></span></p> - -<p>In diesem Sinne ist also das Messianitätsbewusstsein Jesu -futurisch. Weder für ihn noch für die Jünger lag darin etwas -Auffälliges. Im Gegenteil: es entsprach ganz der jüdischen -Vorstellung von <em class="gesperrt">dem verborgenen Werden und Wirken -des Messias</em> (vgl. <span class="smcap">Weber</span>, System der altsynagogalen Theologie, -1880. S. 342-446). Jesu irdische Laufbahn ging seiner -Messianität in Herrlichkeit voraus. Der Messias musste irdisch -und unerkannt auftreten und wirken, er musste lehren und durch -Thun und Leiden ein vollendeter Gerechter werden. Dann erst -sollte die messianische Aera mit dem Gericht und der Aufrichtung -des Reichs anbrechen. Von Norden sollte der Messias kommen. -Jesu Zug von Cäsarea Philippi nach Jerusalem war der Lauf des -unerkannten Messias zur Erlangung seiner Herrlichkeit.</p> - -<p>So stand er als werdender Messias mitten drin in der messianischen -Erwartung seines Volkes. Er durfte sich ihm nicht -offenbaren, denn die Zeit seines verborgenen Wirkens war -noch nicht vorüber. Darum predigte er die Nähe des Reiches -Gottes.</p> - -<p>Aus seinem futurischen Messianitätsbewusstsein heraus berührt -er im Tempel die messianische Dogmatik der Schriftgelehrten, -als wollte er sie auf das Geheimnis, das dahinter steckt, -aufmerksam machen. Die Pharisäer sagen: der Messias ist Davids -Sohn. David aber nennt ihn seinen Herrn. Wie kann er da -noch sein Sohn sein (Mk 12 <span class="antiqua">35-37</span>)?</p> - -<p><em class="gesperrt">Davids Sohn</em>, also ihm unterstehend, ist der Messias, wenn -er in diesem Aeon, aus irdischem Geschlecht geboren, verborgen -wirkt und wird. <em class="gesperrt">Davids Herr</em>, wenn er beim Anbruch des zukünftigen -Aeons als Messias in Herrlichkeit geoffenbart wird. -Es liegt Jesu fern, die messianische Dogmatik der Pharisäer anzugreifen. -Sie ist richtig, denn die Schrift lehrt so. Nur können -sie die Pharisäer selbst nicht erklären, da sie nicht deuten -können, wie einmal der Messias Davids Sohn, das andere Mal -Davids Herr ist.</p> - -<p class="pmb3">Dieser Ausspruch an das Volk im Tempel — erst Matthäus -hat daraus eine Vexierfrage gemacht — steht auf derselben Stufe -wie das Urteil über den Täufer. Wer es zu fassen vermöchte, in -welcher Vollmacht jener taufte, dass er nämlich der Elias war, -wer begreifen könnte, wie der Messias einmal Davids Sohn, dann -wieder Davids Herr ist — der wüsste auch, wer der ist, der so -redet. Wer Ohren hat zu hören, der höre!</p> - - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_66">[S. 66]</a></span></p> - - -<h3>3. Der Menschensohn und der futurische Charakter -der Messianität Jesu.</h3> - -<p>Der Ausdruck »Davidssohn« enthält also ein Rätsel. Darum -gebraucht ihn Jesus nie, wenn er von seiner Messianität spricht, -sondern immer redet er von sich als dem »Menschensohn«. Diese -Bezeichnung war also besonders geeignet, um sein Messianitätsbewusstsein -wiederzugeben.</p> - -<p>Er hat es auf diesen Ausdruck abgesehen. Jede messianische -Bezeichnung, die ihn betreffend gefallen ist, <em class="gesperrt">korrigiert -und erläutert er durch »Menschensohn«</em>.</p> - -<p>Nachdem es in der Scene auf dem Berg den Jüngern aufgegangen -ist, dass er »Gottessohn« sei, redet er beim Abstieg -zu ihnen von sich als dem »Menschensohn« (Mk 9 <span class="antiqua">7-9</span>).</p> - -<p>Petrus proklamiert ihn vor den andern als »den Gesalbten« -(Mk 8 <span class="antiqua">29</span>). Gleich fährt Jesus fort, sie über das Schicksal »des -Menschensohns« (Mk 8 <span class="antiqua">31</span>) zu belehren.</p> - -<p>Bist du Christus, der Sohn des Hochgelobten? frägt ihn der -Hohepriester (Mk 14 <span class="antiqua">61</span>). Ihr werdet sehen den »Menschensohn« -sitzend zur Rechten der Kraft und kommend auf den Wolken des -Himmels, antwortet Jesus. Das will heissen: Ja. In der zweiten -und dritten Leidensweissagung (Mk 9 <span class="antiqua">30-32</span> und Mk 10 <span class="antiqua">32-34</span>) -ebenso wie in dem Wort vom Dienen (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>) kehrt überall -derselbe Ausdruck wieder.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die Messianitätsbezeichnung »Menschensohn«</em> ist -<em class="gesperrt">futurischen Charakters</em>. Sie bezieht sich auf den Augenblick, -wo der Messias auf den Wolken des Himmels zum Gericht erscheinen -wird. In diesem Sinne hatte Jesus zum Volk und zu -den Jüngern vom Kommen des Menschensohnes von jeher geredet. -Bei der Aussendung weist er die Seinen auf die unmittelbare -Nähe des Tages des Menschensohnes hin (Mt 10 <span class="antiqua">23</span>). Dem -Volk redet er von dem Kommen des Menschensohnes, um es zu -vermahnen, bei ihm, Jesus, auszuhalten (Mk 8 <span class="antiqua">38</span>).</p> - -<p>Dabei sind er und der Menschensohn für die Jünger und -das Volk zwei ganz verschiedene Persönlichkeiten. Der eine ist -eine <em class="gesperrt">irdische</em>, der andere eine <em class="gesperrt">überirdische</em> Gestalt; der eine -gehört dem <em class="gesperrt">jetzigen</em>, der andere dem <em class="gesperrt">messianischen</em> Zeitalter -an. Zwischen beiden besteht Solidarität, indem der -Menschensohn für die eintreten wird, welche zu Jesus, dem Verkündiger -seines Kommens, gestanden sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_67">[S. 67]</a></span></p> - -<p>Von diesen Stellen muss man ausgehen, um die Bedeutung -des Ausdrucks in Jesu Munde zu verstehen. Wer um sein Geheimnis -nicht weiss, für den sind Jesus und der Menschensohn -verschiedene Personen. Wem er aber sein Geheimnis offenbart -hat, für den besteht ein persönlicher Zusammenhang zwischen -beiden. Jesus ist der, welcher am messianischen Tag als Menschensohn -erscheinen wird. <em class="gesperrt">Die Offenbarung zu Cäsarea -Philippi besteht darin, dass Jesus seinen Jüngern -offenbart, in welchem persönlichen Verhältnis er zum -erscheinenden Menschensohn steht.</em> Als der, welcher -Menschensohn sein wird, kann er Petri Bekenntnis, dass er Messias -sei, bestätigen. Seine Antwort auf die Frage des Hohenpriesters -ist in demselben Sinn bejahend. Er ist Messias: das -werden sie sehen, wenn er als Menschensohn auf den Wolken des -Himmels erscheint.</p> - -<p>»Menschensohn« ist also der adäquate Ausdruck für seine -Messianität, so lange er als Jesus von Nazareth in diesem Aeon -auf seine zukünftige Würde zu reden kommt. Wenn er daher zu -den Jüngern von sich als dem Menschensohn spricht, so setzt er -dabei das Doppelbewusstsein voraus. »Der Menschensohn muss -leiden und wird dann von den Toten auferstehen«: das will -heissen: »als solcher, der Menschensohn sein wird bei der Totenauferstehung, -muss ich leiden«. Ebenso ist das Wort vom -Dienen zu verstehen: als solcher, der als Menschensohn zu der -höchsten Herrschaft im messianischen Aeon berufen ist, muss -ich jetzt am tiefsten mich im Dienen erniedrigen (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>). So -sagt er vor der Gefangennahme: die Stunde ist gekommen, dass -der, welcher Menschensohn sein wird, in Sünderhände überantwortet -wird (Mk 14 <span class="antiqua">21</span> u. <span class="antiqua">41</span>).</p> - -<p>Damit ist das Menschensohnproblem klargestellt. Eine geläufige -Selbstbezeichnung war der Ausdruck nicht, sondern eine -hoheitsvolle Art, mit welcher er in den grossen Momenten seines -Lebens zu den Eingeweihten von sich als dem zukünftigen Messias -sprach, während er für die andern von dem Menschensohn -als einer von ihm unterschiedenen Grösse redete. In allen Fällen -aber zeigte der Zusammenhang an, dass er von einer zukünftigen -Grösse redete, denn in all diesen Stellen wird entweder die Auferstehung -oder das Erscheinen auf den Wolken des Himmels erwähnt. -Die philologischen Bedenken treffen hier also nicht zu. -Eingeweihte und Uneingeweihte mussten aus der Situation verstehen, - <span class="pagenum"><a id="Page_68">[S. 68]</a></span> -dass er von einer bestimmten Persönlichkeit der Zukunft -redete und nicht von dem Menschen allgemein, wenn auch der -Ausdruck beidemal derselbe war.</p> - -<p class="pmb1">Ganz anders steht es mit einer Reihe von Stellen, wo der -Ausdruck als reine, unmotivierte Selbstbezeichnung, als einfache -Umschreibung von »Ich« vorkommt. Hier bestehen alle kritischen -und philologischen Bedenken unbedingt zu Recht.</p> - -<blockquote> -<table border="0" class="tdl" cellspacing="3" cellpadding="0" summary="Lit.Stellen_Ich"> - <colgroup> <col width="20%" /> <col width="80%" /> </colgroup> - <tr> - <td valign="top">Mt 8 <span class="antiqua">20</span>:</td> - <td valign="top">Der Menschensohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege.</td> - </tr> - <tr> - <td valign="top">Mt 11 <span class="antiqua">19</span>:</td> - <td valign="top">Der Menschensohn ist gekommen, isset und - trinket (im Gegensatz zum Täufer).</td> - </tr> - <tr> - <td valign="top">Mt 12 <span class="antiqua">32</span>:</td> - <td valign="top">Die Lästerung wider den heiligen Geist ist noch - schwerer als die Schmähung des Menschensohnes.</td> - </tr> - <tr> - <td valign="top">Mt 12 <span class="antiqua">40</span>:</td> - <td valign="top">Der Menschensohn wird drei Tage in der Erde - sein, wie Jonas im Bauch des Fisches.</td> - </tr> - <tr> - <td valign="top">Mt 13 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">41</span>:</td> - <td valign="top">Der Menschensohn ist der Säemann; der Menschensohn - ist der Herr, der den Befehl zur - Ernte gibt.</td> - </tr> - <tr> - <td valign="top">Mt 16 <span class="antiqua">13</span>:</td> - <td valign="top">Wer sagen die Leute, dass der Menschensohn - sei?</td> - </tr> -</table> -</blockquote> - -<p class="p1">Hier ist der Ausdruck philologisch unmöglich. Denn wenn -Jesus ihn so gebraucht hätte, mussten ihn die Hörer einfach vom -»Menschen« verstehen. Nichts zeigt an, dass es sich um die -künftige messianische Würde handelt! Hier bezeichnet er ja -seinen gegenwärtigen Zustand damit! »Menschensohn« ist aber -eine Messiasbezeichnung futurischen Charakters, <em class="gesperrt">da man dabei -immer an das Kommen auf den Wolken denkt, entsprechend -Dan 7 <span class="antiqua">13-14</span></em>. Zudem wissen die Jünger in allen -diesen Stellen damals noch gar nicht um das Geheimnis Jesu. -Der Menschensohn ist für sie noch eine von ihm ganz unterschiedene -Persönlichkeit. Die Einheit des Subjekts ist ihnen ja -noch unbekannt! Also konnten sie nicht verstehen, dass er hierbei -von sich rede, sondern sie mussten alles auf den Menschensohn -beziehen, von dessen Kommen er auch sonst sprach! Damit -wären aber die Stellen alle sinnlos, da sie voraussetzen, es -handle sich um eine Selbstbezeichnung seinerseits!</p> - -<p>Historisch und philologisch ist es also unmöglich, dass Jesus -den Ausdruck als unmotivierte, selbstverständliche Selbstbezeichnung -gebraucht haben kann. Als Selbstbezeichnung, sofern - <span class="pagenum"><a id="Page_69">[S. 69]</a></span> -er von sich im Hinblick auf seine künftige messianische -Würde redete, konnten es erst die verstehen, welche um sein Geheimnis -wussten. Darum sind alle Stellen, in denen er sich <em class="gesperrt">vor -Cäsarea Philippi</em> (für die Intimen vor der Verklärung) <em class="gesperrt">als -Menschensohn bezeichnet, unhistorisch</em>. Historisch sind -für jene Zeit nur solche, wo er von dem Menschensohn als einer -mit ihm nicht identischen zukünftigen Erscheinung redet (Mt -10 <span class="antiqua">23</span> und Mk 8 <span class="antiqua">38</span>). Die oben erwähnten Stellen, welche den -Ausdruck als unmotivierte Selbstbezeichnung bieten, sind also -nicht historisch, sondern nur aus einem litterarischen Prozess -heraus verständlich. Wie kommt es, dass eine spätere Periode -der evangelischen Geschichtserzählung diesen Ausdruck als -»Selbstbezeichnung Jesu« ansah?</p> - -<p>Dies beruht auf einer Verschiebung der Perspektive. Sie -machte sich in dem Augenblick bemerkbar, wo man die Geschichte -Jesu von dem Gedanken aus zu schreiben begann, dass -er auf Erden schon <em class="gesperrt">der Messias war</em>. Denn nun verlor man -das Bewusstsein, dass für die irdische Existenz Jesu seine Messianität -selbst etwas Futurisches war und dass er sich mit dem -Ausdruck Menschensohn eben als futurischen Messias bezeichnete. -Weil nun historisch feststand, dass er von sich als Menschensohn -geredet, bemächtigte sich die Geschichtserzählung -dieser emphatischen Selbstbezeichnung. Ohne eine Ahnung davon -zu haben, dass sie nur für ganz bestimmte Worte und Situationen -passte, verwandte man sie auf beliebige Stellen, wo er -von sich selbst sprach, und schuf damit diese philologischen und -historischen Unmöglichkeiten.</p> - -<p>Dieser falsche Gebrauch beruht also auf einem litterarischen -Prozess von ausgesprochen sekundärem Charakter. Es verhält -sich damit, wie mit der unhistorischen Verwendung des Ausdrucks -Davidssohn bei Matthäus. Dazu stimmt, dass auch die fraglichen -Menschensohnstellen einer sekundären Schicht des Matthäus angehören.</p> - -<p>Vor allem bekunden diesen Charakter: die Umformung der -einfachen Frage zu Cäsarea Philippi (Mt 16 <span class="antiqua">13</span>), die Deutung des -Gleichnisses vom Säemann (Mt 13 <span class="antiqua">37</span> u. <span class="antiqua">41</span>) und die falsche Auslegung -des Jonaswunders (Mt 12 <span class="antiqua">40</span>).</p> - -<p>Ebenso sekundär ist die Darstellung der Rede über die -Sünde wider den heiligen Geist, wo ein Unterschied zwischen der -Lästerung wider den heiligen Geist und der wider den Menschensohn - <span class="pagenum"><a id="Page_70">[S. 70]</a></span> -statuiert wird (Mt 12 <span class="antiqua">32</span>), während doch in dem Gedanken -Jesu beides auf dasselbe hinauskommt, da es die bewusste Verstockung -gegen die in ihm wirkenden Kräfte des nahen Reichs -bedeutet. In den Stellen Mt 8 <span class="antiqua">20</span> und Mt 11 <span class="antiqua">19</span> ist der Ausdruck -unmotiviert, da Jesus dort nur sagen will: ich habe nicht, da ich -mein Haupt hinlege, ich esse und trinke im Gegensatz zu dem -asketischen Verhalten des Täufers.</p> - -<p class="pmb1">Eine eigene Bewandtnis hat es mit den beiden unhistorischen -Menschensohnstellen im Markustext.</p> - -<blockquote> -<table border="0" class="tdl" cellspacing="3" cellpadding="0" summary="Markustext"> - <colgroup> <col width="20%" /> <col width="80%" /> </colgroup> - <tr> - <td valign="top">Mk 2 <span class="antiqua">10</span>:</td> - <td valign="top">Der Menschensohn hat das Recht, auf Erden Sünden - zu erlassen.</td> - </tr> - <tr> - <td valign="top">Mk 2 <span class="antiqua">28</span>:</td> - <td valign="top">Der Menschensohn ist Herr des Sabbattages.</td> - </tr> -</table> -</blockquote> - -<p class="p1 pmb1">Das Sekundäre besteht darin, dass Jesus den Ausdruck als -<em class="gesperrt">Selbstbezeichnung</em> gebraucht haben soll. Historisch ist, dass -er ihn in jenem Zusammenhang gebraucht hat, entweder vom -Menschensohn als einer dritten, eschatologischen Grösse oder -vom Menschen überhaupt. Beidemal gibt es einen Sinn.</p> - -<blockquote> -<table border="0" class="tdl" cellspacing="3" cellpadding="0" summary="Menschensohn_2"> - <colgroup> <col width="10%" /> <col width="90%" /> </colgroup> - <tr> - <td valign="top">1.</td> - <td valign="top">Der Mensch als solcher kann durch die Heilung die Sündenvergebung - auf Erden bekunden.<br /> - Der Mensch als Mensch ist Herr des Sabbattages.</td> - </tr> - <tr> - <td valign="top">2.</td> - <td valign="top">Im Hinblick auf den kommenden Menschensohn findet jetzt - schon Sündenvergebung auf Erden statt, wie die Heilung - zeigt.<br /> - Im Hinblick auf das Kommen des Menschensohns ragt - jetzt schon ein Höheres in die gesetzliche Sabbatbeobachtung - hinein. Vor dem Höheren verschwindet das Gesetz. Das - zeigt der Fall Davids.</td> - </tr> -</table> -</blockquote> - -<p class="p1">Wie man sich die Stellen auch zurechtlegen mag, eines ist -klar: hier hat der Ausdruck historisch vorgelegen und die Aussage -Jesu irgendwie motiviert. Sekundär ist nur, dass jetzt der -Ausdruck als Selbstbezeichnung erscheint, während Jesus vom -Menschen oder vom Menschensohn geredet hat. So stehen diese -Stellen auf der Schwelle vom geschichtlichen zum litterarisch-ungeschichtlichen -Gebrauch des Wortes »Menschensohn«.</p> - -<p>Von hier aus erfasst man erst die eigentliche Schwierigkeit -des Menschensohnproblems. Je tiefer bisher die Untersuchung -ging, in desto weitere Ferne schien die Lösung zu rücken. Dies -rührte daher, dass keine Ueberlegung eine Scheidung unter den -so ungleichwertigen Stellen herbeiführen konnte. So blieben die -litterarische und die historische Seite des Problems unlösbar verquickt. - <span class="pagenum"><a id="Page_71">[S. 71]</a></span> -Mit dem Augenblick aber, wo man von dem Studium des -Messianitätsbewusstseins Jesu aus entdeckt, dass der Ausdruck -Menschensohn der einzige war, in welchem er das Geheimnis -seiner futurischen Würde aussprechen konnte, ist auch die -Scheidung gegeben. Historisch sind alle Stellen, wo der danielisch-eschatologische -Charakter des Ausdrucks wirksam ist, unhistorisch -alle diejenigen, wo dies nicht der Fall ist. Zugleich erklärt -sich durch die Verschiebung in der Perspektive, wie für eine -spätere Geschichtserzählung der Ausdruck im Munde Jesu nur -die Bedeutung einer unmotivierten Selbstbezeichnung haben -konnte, die in allen Situationen, wo er von sich selbst sprach, angebracht -schien.</p> - -<p>Endlich löst sich auch das letzte Rätsel. Warum verschwindet -der Ausdruck in der Sprache des Urchristentums? Warum bezeichnete -niemand den Messias als Menschensohn (ausser Akt -7 <span class="antiqua">56</span>), da ihn doch Jesus ausschliesslich für seine Würde gebraucht -hatte? Das rührt daher, dass »Menschensohn« der messianische -Ausdruck nur für eine klar bestimmte Episode des messianischen -Dramas war. Menschensohn war der Messias in dem Augenblick, -wo er auf den Wolken des Himmels der Welt zum Gericht und -zur Herrschaft offenbar wurde. An jenen Augenblick dachte -Jesus ausschliesslich, weil er erst von da an für die Menschen -Messias war. Das Urchristentum aber erblickte, weil sich eine -Zwischenzeit einschob, Jesum als Messias droben im Himmel -zur Rechten Gottes. Er war schon der Messias und wurde es -für sie nicht erst mit dem Augenblicke der Erscheinung des -Menschensohns. Weil sich also auch hier die Perspektive verschoben -hatte, gebrauchte man den allgemeinen Ausdruck -»Messias«, nicht das auf eine besondere Scene hinweisende -»Menschensohn«.</p> - -<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Jesus hätte sich ungenau ausgedrückt, wenn er gesagt -hätte: ich bin der Messias; denn er war es erst mit -seinem überirdischen Erscheinen als Menschensohn. -Im Urchristentum hätte man sich ungenau ausgedrückt, -wenn man gesagt hätte: Jesus ist der Menschensohn. -Denn nach der Auferstehung war er der Messias -zur Rechten Gottes, dessen Erscheinen als Menschensohn -man erwartete.</em></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_72">[S. 72]</a></span></p> - - -<h3>4. Die Totenauferstehung und der futurische Charakter der Messianität Jesu.</h3> - - -<p>Welche Bedeutung haben die Auferstehungsweissagungen? -Es fällt uns schwer, anzunehmen, dass Jesus so präcis ein solches -Ereignis vorhergesagt habe. Weit eher scheint es uns erklärlich, -dass seine allgemeinen Aussagen von einer Herrlichkeit, die -seiner wartete, ex eventu in Auferstehungsweissagungen redigiert -worden seien.</p> - -<p>Diese Kritik ist berechtigt, solange man meint, mit der geweissagten -Auferstehung handle es sich um ein <em class="gesperrt">isoliertes Ereignis</em> -in der Existenz Jesu. Das ist aber nur für unser modernes -Bewusstsein der Fall, weil wir auch in der Auferstehungsfrage -uneschatologisch denken. Für Jesus und die Jünger hatte aber -die Auferstehung, von der er redete, eine ganz andere Bedeutung. -Sie war <em class="gesperrt">ein messianisches Ereignis</em>, welches den Anbruch -der ganzen zukünftigen Herrlichkeit bedeutete. Wir müssen auch -hier vom Modernen, Apotheosenhaften in der geweissagten Auferstehung -abstrahieren. Das zeitgenössische Bewusstsein verstand -diese »Rehabilitierung« als Offenbarung seiner Messianität -beim Anbruch des Reichs. Wenn also Jesus von seiner Auferstehung -sprach, dachten die Jünger <em class="gesperrt">an die grosse messianische -Auferstehung, in der er als Messias auferstehen -würde</em>.</p> - -<p>In dieser Hinsicht ist das Gespräch beim Abstieg vom Berg -nach der Verklärungsscene entscheidend. Er redet dort den Intimen -zum erstenmal von »der Auferstehung des Menschensohnes -von den Toten« (Mk 9 <span class="antiqua">9</span>). Sie können sich aber »die Auferstehung -des Menschensohnes« ohne Zusammenhang mit der -messianischen Auferstehung gar nicht denken. Ihre Aufmerksamkeit -ist ganz von dem messianischen Ereignis, das ihnen Jesus -damit in Aussicht stellt, gefangen genommen. Sie machen sich -deshalb Gedanken über die Totenauferstehung. Wie verhält es -sich damit (Mk 9 <span class="antiqua">10</span>)? Die Bedingungen dafür sind nämlich, soviel -sie sehen, noch nicht gegeben. Der Elias ist ja noch nicht -erschienen (Mk 9 <span class="antiqua">11</span>). Jesus beruhigt sie mit dem Hinweis, dass -er schon da war, wenn ihn die Menschen auch nicht erkannt -haben. Er meint den Täufer (Mk 9 <span class="antiqua">12-13</span>).</p> - -<p>Dieses Gespräch, in dem man sonst überhaupt keine fassliche -Gedankenfolge statuieren kann, wird also in dem Augenblick - <span class="pagenum"><a id="Page_73">[S. 73]</a></span> -vollständig durchsichtig und natürlich, wo man bemerkt, wie -die Jünger die von Jesus in Aussicht gestellte Auferstehung <em class="gesperrt">nur -in demselben Gedanken mit der grossen, allgemeinen, -messianischen Auferstehung denken können</em>! Darum -wirft diese Rede beim Abstieg ein helles Licht auf die spätere -Leidens- und Auferstehungsweissagungen, weil wir hier im stande -sind, die Gedanken und Erwägungen, die diese Worte im Herzen -der Jünger wachriefen, zu kontrollieren. Ueberdies fehlt in dieser -»Auferstehungsweissagung« die Erwähnung der drei Tage, die -gerade den Anlass zum Einsetzen der Kritik in den folgenden -Leidensweissagungen bietet. In dieser Hinsicht stimmt das Wort -beim Abstieg mit dem letzten Ausspruch vor dem Hohenpriester -überein. Beiden fehlt die zeitliche Bestimmung, wann die Auferstehung -oder das Erscheinen auf den Wolken des Himmels -statthaben wird. In dem messianischen Ereignis fällt beides -zusammen: Auferstehung und Kommen auf den Wolken bedeuten -nur die Offenbarung seiner Messianität am grossen Auferstehungstag.</p> - -<p>Diese Erwartung der eschatologischen Totenauferstehung -beherrschte das Bewusstsein Jesu und seiner Zeitgenossen. Er -setzt sie in seinen jerusalemitischen Reden voraus. Die Reichserwartung -und der Glaube an die bevorstehende Totenauferstehung -gehören eng zusammen. Es ist, wie schon früher bemerkt wurde, -ein perspektivischer Fehler, den Gedanken Jesu, wenn er vom -kommenden Reich spricht, eine Orientierung nach vorwärts zu -geben, als bezöge es sich auf kommende Generationen. So denkt -der moderne Geist. Bei ihm war es gerade umgekehrt. <em class="gesperrt">Beim -Reich handelt es sich um die vergangenen Generationen!</em> -Sie erstehen zum Gericht, welches das Reich einleitet.</p> - -<p>Die Totenauferstehung ist die Vorbedingung zur Reichserrichtung. -Dadurch werden alle Generationen der Welt aus -ihrer zeitlichen Folge herausgehoben und für das Urteil Gottes -als gleichzeitig gesetzt. So verlangt z. B. gerade das Gleichnis -vom Weinberg Gottes (Mk 12 <span class="antiqua">1-12</span>) die Annahme der Totenauferstehung. -Die ganze Geschichte Israels wird dort in dem -Verhalten der Pächter beschrieben. Jesus redet von den Generationen -Israels von den Tagen der Propheten bis zu der gegenwärtigen, -der seine Warnung gilt. Im Gleichnis aber ist es nur -eine Generation, weil das ganze Volk in seinen aufeinanderfolgenden -Geschlechtern als Kollektivgrösse vor Gott tritt, wenn es - <span class="pagenum"><a id="Page_74">[S. 74]</a></span> -sich um das Gericht handelt; es ist dann als Ganzes in der Auferstehung -erstanden.</p> - -<p>Ebenso erklärt es sich, dass für den Gerichtstag dem Geschlecht -derer von Sodom noch ein erträglicheres Los in Aussicht -gestellt wird als dem gegenwärtigen von Kapernaum (Mt -11 <span class="antiqua">23-24</span>).</p> - -<p>Wer das Kommen des Reichs erwartete, der glaubte auch -an die bevorstehende Totenauferstehung. Darum richtet sich der -Angriff der Sadducäer gerade auf diese Frage. Wenn Jesus -ihnen antwortet, »dass, wenn sie von den Toten auferstehen, sie -weder freien noch gefreit werden, sondern sein werden, wie die -Engel im Himmel« (Mk 12 <span class="antiqua">25</span>), so ist dies von dem Zustand im -Reich Gottes zu verstehen, in das sie durch die Totenauferstehung -eingehen.</p> - -<p>In letzter Linie war die »Totenauferstehung« nur die Art, -wie sich die Veränderung der ganzen Existenzform an denjenigen -vollzog, die schon in den Tod gesunken waren. Durch das Kommen -des Reiches Gottes wird aber die irdische Existenzform überhaupt -in eine damit nicht zu vergleichende andere erhoben. In dieser -Hinsicht erleben auch diejenigen, welche vor dem Ereignis nicht -in den Tod sinken, eine »Auferstehung«, denn auch ihre Daseinsweise -wird plötzlich durch eine höhere Macht in eine andere verwandelt, -welche sie nun mit denen teilen, die aus dem Tod erweckt -sind. Verglichen mit dieser neuen Existenzform ist die -vorhergehende indifferent. Es ist gleich, ob man aus dem irdischen -Dasein oder aus dem Totenschlaf in die messianische -Seinsweise eingeht! Im Verhältnis zur letzteren ist alles Sein -»<em class="gesperrt">Tod</em>«. Sie allein ist »<em class="gesperrt">Leben</em>«.</p> - -<p>Darum redet Jesus zu den Lebenden von dem Weg, der -zum »Leben« führet (Mt 7 <span class="antiqua">14</span>). Er empfiehlt, eher ein Glied dieses -Leibes daran zu geben, wenn es sich um das »Leben« handelt, -als bei der Auferstehung nicht an der messianischen Existenz teil -zu haben (Mt 18 <span class="antiqua">8</span> u. <span class="antiqua">9</span>). Der reiche Jüngling frägt, was er thun -soll, »um das ewige Leben zu ererben«. Als er der erhaltenen -Weisung nicht folgen will, ist Jesus sehr betrübt, weil es so -schwer ist, dass ein Reicher »in das Gottesreich eingehe« (Mk -10 <span class="antiqua">17</span> u. <span class="antiqua">25</span>).</p> - -<p>Diese Entwertung der irdischen Daseinsform geht bis zur -Darangabe des irdischen Lebens überhaupt, um des Lebens im -zukünftigen Aeon gewiss und versichert zu werden. Darum erklärt - <span class="pagenum"><a id="Page_75">[S. 75]</a></span> -Jesus, wo er von der Nachfolge in Leiden und Schmach -redet, dass »wer sein Leben retten will, der wird es verlieren«. -Das heisst: Wer sich aus Angst für sein irdisches Dasein unwürdig -macht, dass der Menschensohn vor Gott für ihn eintrete, -der verwirkt dadurch das messianische Leben, das mit der -Totenauferstehung anhebt (Mk 8 <span class="antiqua">35</span>).</p> - -<p>Wenn das Reich anbricht, ist es einerlei, ob man in einem -lebendigen oder in einem toten Leib existiert. Diese Erwägung -allein gibt das richtige Verhalten in der Verfolgung an. Darum -sagt Jesus zu den Jüngern bei der Aussendung: Fürchtet euch -nicht vor denen, die den Leib töten, die »Seele« aber nicht vermögen -zu töten; fürchtet euch hingegen vor dem, der vermag -sowohl die »Seele« als auch den Leib zu verderben in der Hölle -(Mt 10 <span class="antiqua">28</span>).</p> - -<p>Dieselbe Verbindung der urchristlich eschatologischen Erwartung -mit der Totenauferstehung findet sich in klassischer -Weise bei Paulus (1 Kor 15 <span class="antiqua">50-54</span>). Es handelt sich hier gar -nicht um genuin paulinische Gedanken, sondern um eine urchristliche -Anschauung, welche schon Jesus ausgesprochen hat. -Fleisch und Blut, ob belebt oder unbelebt, können in keiner Weise -am Reich teil haben. Darum wenn die Stunde schlägt, wo die -Toten unvergänglich auferstehen, werden auch die Lebendigen in -diese Unvergänglichkeit verwandelt.</p> - -<p>Die Totenauferstehung ist die Brücke vom »Jetzt« zum -»Dann«. Auf ihr beruht die Doppelheit des Selbstbewusstseins. -Wenn daher Jesus von seiner Auferstehung sprach, gliederten -die Jünger dieses Wort in einen grossen Zusammenhang ein. Es -bedeutete für sie die allgemeine Auferstehung, wo auch sie in die -Existenzform des Reiches Gottes auferstehen würden. Wohl erwarteten -sie seine Auferstehung: aber nicht als »Osterereignis«, -sondern als den Anbruch des messianischen Reiches. Als Auferstandener -sollte er offenbar werden, wenn er auf den Wolken -des Himmels als Menschensohn ankäme und den grossen messianischen -Tag heraufführte.</p> - -<p>Für unser Empfinden verhält sich der Tod Jesu zur Auferstehung -wie die Dissonanz zu ihrer Auflösung. Bei der Entwertung -jeglicher Seinsform vor der messianischen Aera lag auf -dem Tod, für das Empfinden der Jünger, <em class="gesperrt">ein viel schwächerer -Accent</em>. Es handelt sich für sie um einen unendlichen ewigen -Accord mit einem kurzen, irdischen Vorschlag.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_76">[S. 76]</a></span></p> - -<p>Wo wir ein <em class="gesperrt">Nebeneinander</em> von Messianitätserklärung, -Leidensvorhersagung und Auferstehungsweissagung sehen, erfassten -sie eine viel straffere Gedankenverbindung. Sie erblickten -alles im messianischen Licht. Darum entnahmen sie seiner -Rede nicht drei verschiedene Thatsachen: 1. dass er Messias -sei, 2. dass er leiden und sterben müsse, 3. dass er auferstehen -werde, sondern sie bedeutete für sie: <em class="gesperrt">unser Meister wird nach -seinem Tod, bei der Auferstehung, als Menschensohn -geoffenbart werden</em>. Zugleich machen sie sich Gedanken, -was dann sie wohl sein werden und welche Würde ihnen in der -neuen Existenz zufallen wird.</p> - -<p>So erklärt sich, wie ihre messianische Vorstellung durch den -Gedanken »des leidenden und sterbenden Messias« nicht vollständig -umgeworfen wurde. Jesus hat ihnen weder den leidenden, -noch den sterbenden, noch den auferstehenden Messias geoffenbart, -sondern er hat ihnen von dem erscheinenden Menschensohn -geredet und ihnen offenbart, dass er es sein werde, wenn er im -Leiden hier sich vollendet haben würde.</p> - -<p>Man kann es nie genug betonen, dass damit seine Messianität -vollständig in der Bahn der volkstümlichen Anschauung sich bewegte. -Das Drama in seinem Leben beruht nicht darin, dass -seine Messianität der gewöhnlichen Erwartung entgegenlief und -daraus sich nun Konflikte ergaben, die seinen Tod herbeiführten. -Das ist erst die Anschauung des vierten Evangeliums. <em class="gesperrt">Der -historische Jesus beanspruchte die Messianität erst -vom Augenblick der Totenauferstehung an.</em></p> - -<p>Diese Auffassung der altsynoptischen Messianitätseröffnungen -Jesu wird durch die urchristliche Vorstellung absolut gefordert. -Das Urchristentum setzt voraus, dass Jesu Messianitätsbewusstsein, -als er zu den Jüngern redete und noch als er dem -Hohenpriester Antwort gab, futurisch war! Denn auch die Petrusreden -in Akt datieren die Messianität erst von seiner Auferstehung -an. Bis dahin war er Jesus von Nazareth. Nur ist an die -Stelle des Kommens auf den Wolken des Himmels der vorläufige -Zustand des Sitzens zur Rechten Gottes getreten. »Jesum den -Nazarener, einen Mann, ausgewiesen von Gott her bei euch mit -gewaltigen Thaten und Wundern und Zeichen (Akt 2 <span class="antiqua">22</span>), ihn hat -Gott auferweckt (Akt 2 <span class="antiqua">32</span>) und hat ihn zum Herrn und zum -Messias gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt« (Akt -2 <span class="antiqua">36</span>).</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_77">[S. 77]</a></span></p> - -<p>Dieses Zeugnis der urchristlichen Auffassung der Messianität -Jesu ist allein schon so gewichtig, dass es die ganze synoptische -Ueberlieferung, wenn sie anders redete, zum Schweigen -bringen würde. Wie sollte man es begreifen, dass die Jünger -verkündeten, Jesus sei durch seine Auferstehung in sein messianisches -Dasein eingegangen, wenn er ihnen schon auf Erden -von seiner Messianität als gegenwärtiger Würde geredet hätte! -Nun entsprechen sich aber die altsynoptische Tradition und -die Auffassung des Urchristentums vollkommen. Beide erklären -einstimmig: <em class="gesperrt">Jesu Messianitätsbewusstsein war -futurisch!</em></p> - -<p>Besässen wir dieses Zeugnis nicht, so wäre uns die Erkenntnis -seiner historischen Persönlichkeit auf immer verschlossen. -Denn nach seinem Tode stellen sich alle Voraussetzungen ein, -die dahin wirken, das Bewusstsein von dem futurischen Charakter -seiner Messianität ausser Kraft zu setzen. Seine Auferstehung -als Messias fiel mit dem Beginn der messianischen Aera in der -Totenauferstehung zusammen: so war die Perspektive für die -Jünger vor seinem Tod. Nach dem Tode wurde seine Auferstehung -als Messias ein Faktum für sich. <em class="gesperrt">Jesus war Messias -vor der messianischen Aera! Das ist die folgenschwere -Verschiebung in der Perspektive. Darin beruht das -Tragische, zugleich aber auch das Grossartige in der -Erscheinung des Christentums überhaupt.</em></p> - -<p>Das urchristliche Bewusstsein machte die grössten Anstrengungen, -die Kluft zu überwinden und Jesu Auferstehung -dennoch als Anbruch der messianischen Aera in der allgemeinen -Totenauferstehung aufzufassen. Man suchte sich begreiflich zu -machen, dass es sich gleichsam um die etwas in die Länge gezogene -Zwischenpause zwischen den beiden Auftritten des ersten -Akts des Dramas handelte. Eigentlich aber stand man schon in -der messianischen Auferstehung. So ist für Paulus Jesus Christus -durch die Totenauferstehung als Messias erwiesen, »der Erstling -der Entschlafenen« (I Kor 15 <span class="antiqua">20</span>). Auf diesem Gedanken beruht -überhaupt die ganze paulinische Theologie und Ethik. <em class="gesperrt">Weil -man sich in dieser Zeit befindet, sind die Gläubigen -eigentlich mit Christo begraben und mit ihm auferstanden -durch die Taufe.</em> Sie sind die »neue« Kreatur, -sie sind die »Gerechten«, deren »Bürgertum« im Himmel ist. -Erst von diesem Grundgedanken aus erfasst man die Einheit in - <span class="pagenum"><a id="Page_78">[S. 78]</a></span> -der für uns sonst so mannigfach zusammengesetzten Gedankenwelt -Pauli.</p> - -<p>Die christliche Geschichtsüberlieferung suchte sich anders -zu behelfen. Sie nahm eine <em class="gesperrt">Art Vorauferstehung</em> an, die mit -der Auferstehung Jesu zusammenfiel. Dieser lieh sie die Farben -des messianischen Tages. Mt 27 <span class="antiqua">50-53</span> ist uns eine solche Zurechtlegung -in Legendenform erhalten. Mit Jesu Kreuzestod -bricht das neue Weltalter an. Nach seinem Verscheiden zerreisst -der Tempelvorhang und Erdbeben, die Zeichen der Endzeit, -erschüttern die Erde; die Felsen zersplittern; die Gräber thun -sich auf und viele Leiber der entschlafenen Heiligen werden auferweckt. -<em class="gesperrt">Nach Jesu Auferstehung</em> gehen sie aus den Gräbern -heraus in die heilige Stadt und erscheinen vielen. So hält diese -Erzählung daran fest, dass im Anschluss an Jesu Tod mit seiner -Auferstehung die allgemeine Totenauferstehung unter den Anzeichen -des messianischen Tages erfolgte — jedoch nur als eine -Art Vorspiel.</p> - -<p>Die Zeit war eben mächtiger als die ursprünglichen Anschauungen. -Unerbittlich schob sie sich wie ein auseinandertreibender -Keil zwischen Jesu Auferstehung und die erwartete -allgemeine Auferstehung am messianischen Tag und zerstörte -mit dem zeitlichen auch den kausalen Zusammenhang im ursprünglichen -Sinne. Die Messianität Jesu stand aus der Vergangenheit -fest. Für die, welche sich dazu bekannten und zugleich -das Reich als zukünftig erwarteten, schwand das Bewusstsein, -dass in Jesu Verkündigung seine Messianität und das Reich -zukünftige, <em class="gesperrt">koïncidierende Ereignisse</em> waren. Man fing an, -die evangelische Geschichte unter dem Gesichtspunkt zu betrachten: -<em class="gesperrt">Jesus war der Messias.</em> Die Ueberschrift zu dieser -neuen Geschichtsauffassung hat Paulus geschrieben. Sie heisst -»<em class="gesperrt">Jesus Christus</em>«: die Würde des Auferstandenen wird mit -der historischen Persönlichkeit in einem Begriff verbunden. Der -vierte Evangelist hat die Konsequenz daraus gezogen und die -Geschichte Jesu so dargestellt, als ob er auf Erden als Messias -aufgetreten wäre.</p> - -<p class="pmb3">Es ist die Aufgabe der historischen Forschung, sich von der -religiösen unhistorischen Perspektive für einen Augenblick zu -emancipieren und die synoptischen Berichte in die richtige Stellung -zu rücken. Dann erst, wenn man das Futurische in Jesu -Messianitätsbewusstsein erfasst hat, versteht man, warum er - <span class="pagenum"><a id="Page_79">[S. 79]</a></span> -seine Würde den Jüngern als ein »Geheimnis« offenbart hat, -warum er sich dabei als Menschensohn bezeichnete und in welchem -Sinne er von seiner Auferstehung sprach.</p> - - -<h3>5. Der Verrat des Judas — die letzte Bekanntgebung des -Messiasgeheimnisses.</h3> - -<p>Was hat Judas eigentlich verraten? Nach den Schilderungen -unserer Evangelien sieht es so aus, als hätte er dem Synedrium -angegeben, wo sie zu einer bestimmten Stunde Jesum fassen -könnten. Wenn nun auch diese Angabe des Orts eine Rolle bei -dem Verrat des Judas gespielt hat, so war dies nur <em class="gesperrt">nebensächlich</em>. -Wo Jesus sich aufhielt, konnten sie jederzeit erfahren, -da er nichts that, um sein Kommen und Gehen zu verheimlichen. -Wenn sie ihn also greifen wollten, so brauchten sie -ihm bei seinem Weggang am Abend aus Jerusalem nur einen -Späher nachzusenden, um über seinen Aufenthalt orientiert zu -sein. Dafür hätten sie keinen aus dem intimen Kreis gebraucht.</p> - -<p>Nun lag aber die Hauptschwierigkeit auf einem ganz andern -Gebiet. Nicht ihn zu <em class="gesperrt">verhaften</em>, sondern ihn zu <em class="gesperrt">verurteilen</em> -wollte ihnen nicht gelingen, denn sie konnten nichts gegen ihn -aufbringen. Sie befanden sich ihm und seinem Anhang gegenüber -in der unbequemen Lage, in die jedes ehrbare Kirchenregiment -notwendig einmal kommt: die Leute waren ihnen zu -fromm, unordentlich fromm, indem sie mit zu grossem Enthusiasmus -glaubten, was die andern mit Mässigung und Ordnung in -ihrem Bekenntnis mitfühlten, dass nämlich das Reich nahe sei. -Aus der Vorläuferwürde, die das Volk Jesu beilegte, konnten -sie keine Verurteilung gewinnen, denn durch seine Zeichen hatte -er diese Würde bewährt. Ueberdies hatte er diese Würde nie -öffentlich für sich in Anspruch genommen. Dennoch war die -Art, wie er auftrat, für sie in höchstem Masse gefährlich. An -der Spitze des frommen Volkes terrorisierte er sie. Darum -hätten sie sich seiner gern entledigt und konnten es nicht.</p> - -<p>Man versteht die Haltung und die Schwierigkeiten des Synedriums -nur, wenn man immer bedenkt, dass aus der ganzen Wirksamkeit -Jesu niemand auf den Gedanken gekommen war, er -könne sich für den Messias halten. So wussten sie nichts gegen -ihn vorzubringen und waren darauf angewiesen, ihn in Reden zu -fangen, um ihn beim Volke zu diskreditieren, was ihnen nicht -gelang.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_80">[S. 80]</a></span></p> - -<p>Da erscheint Judas bei ihnen und gibt ihnen die tödliche -Waffe in die Hand. Als sie hörten, was er ihnen kund that, -»<em class="gesperrt">freuten sie sich</em>«, denn jetzt war er in ihre Hand gegeben. -Nun sucht Judas einen geeigneten Augenblick, um ihnen den -Verratenen in die Hände zu liefern (Mk 14 <span class="antiqua">11</span>).</p> - -<p>Was er ihnen verraten hatte, ersieht man aus der Gerichtsverhandlung. -Die Zeugen der Pharisäer können nichts vorbringen, -woraufhin man ihn verurteilen kann. Als aber die -Zeugen abgetreten sind, stellt der Hohepriester an Jesus direkt -die Frage, ob er der Messias sei. Für solche Ansprüche Jesu -konnten sie die erforderlichen Zeugen nicht aufbringen — denn -es gab keine. <em class="gesperrt">Der Hohepriester befindet sich hier im -Besitz des Geheimnisses Jesu. Das war der Verrat -des Judas!</em> Durch ihn wusste das Synedrium, dass er etwas -anderes zu sein beanspruchte, als wofür ihn das Volk hielt, ohne -dass er dagegen Einspruch erhob.</p> - -<p>Aus dem verratenen Geheimnis von Cäsarea Philippi gewannen -sie die entscheidende Anklage. Der Prophet der Endzeit, -Elias, zu sein, das war keine Gotteslästerung. Aber zu behaupten, -Messias zu sein, das war Frevel! Die Perfidie in der Anklage -lag darin, dass der Hohepriester Jesus ohne weiteres unterschob, -er hielte sich so, wie er vor ihm stand, für den Messias. Das -wies Jesus aber zurück mit dem stolzen Wort von seinem Erscheinen -als Menschensohn. Nichtsdestoweniger wurde er wegen -Gotteslästerung verurteilt.</p> - -<p class="pmb3">Wir haben also drei Offenbarungen des Messianitätsgeheimnisses, -die unter sich eng zusammenhängen, so, dass jede folgende -die vorhergehende voraussetzt. Auf dem Berg bei Bethsaida wird -den drei Intimen das Geheimnis offenbart, welches Jesus in der -Taufe aufgegangen war. Das war nach der Erntezeit. Einige -Wochen später wird es den Zwölfen bekannt, indem Petrus zu -Cäsarea Philippi die Frage Jesu aus dem, was er vom Verklärungsberg -her weiss, beantwortet. Von den Zwölfen verrät einer -das Geheimnis an den Hohenpriester. Diese letzte Offenbarung -des Geheimnisses war verhängnisvoll, denn sie führte den Tod -Jesu herbei. <em class="gesperrt">Er wurde als Messias verurteilt, obwohl -er nie als solcher aufgetreten war.</em></p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_81">[S. 81]</a></span></p> - - -<h2 id="Neuntes_Kapitel">Neuntes Kapitel.<br /><br /> - -Das Geheimnis des Leidensgedankens.</h2> -<p class="pmb2" /> - - -<h3>1. Die vormessianische Drangsal.</h3> - -<p><em class="gesperrt">Der Hinweis auf das Leiden gehört naturgemäss -zur eschatologischen Verkündigung.</em> Eine Zeit unerhörter -Drangsal muss dem Kommen des Reiches vorhergehen. Aus -diesen Wehen wird der Messias herausgeboren. Das war eine -überall verbreitete Ansicht: anders konnte man sich die Ereignisse -der Endzeit nicht denken.</p> - -<p>Danach muss man die Worte Jesu deuten. Es zeigt sich dann, -dass er bei seiner Reichspredigt den Gedanken der Enddrangsal -scharf hervorgehoben hat. Wir nehmen immer an, dass, wenn er -von Verfolgungen, welchen die Seinen entgegengehen, spricht, damit -das gemeint sei, was sie nach seinem Tode allein und verwaist -auf Erden durchmachen müssten. Das ist vollständig -falsch. Nach seinem Tode wird Jesus Messias durch die Auferstehung, -und dann bricht die Reichsherrlichkeit an. Nicht was -sie nach seinem Tode ausstehen müssen, sondern was sie im -Reich sein werden, das beschäftigt die Gedanken der Jünger auf -dem Weg nach Jerusalem.</p> - -<p>Wo er von Leiden und Verfolgung spricht, handelt es sich -um Drangsale, die seine Anhänger <em class="gesperrt">mit ihm</em> erdulden müssen -<em class="gesperrt">vor dem Reichsanbruch</em>. Gemeint ist der letzte Ansturm -der widergöttlichen Weltmacht, der über diejenigen hereinfluten -wird, welche in der Erwartung des Gottesreiches die Repräsentanten -der göttlichen Macht in der widergöttlichen Welt sind. -Darum bildet Jesus den Mittelpunkt, auf den hin sich die Drangsal -konzentriert. Er ist der Fels, der die Wogen aufbranden -lässt. Wer von der grossen Weltflut nicht mitgerissen werden -will, muss sich an ihn anklammern.</p> - -<p>Wenn er sagt, dass seine Mission nicht sei, den Frieden zu -bringen, sondern das Schwert, wenn er von dem Aufruhr redet, -den er heraufführt, wo die heiligsten irdischen Bande sich lösen -müssen, wo man mit dem Kreuz beladen ihm nachfolgen muss -und das eigene Leben für nichts achten (Mt 10 <span class="antiqua">34-42</span>), — dann -meint er die grosse Verfolgung der Endzeit. Wer das Reich -Gottes herbeinötigt, der führt auch jene herauf, denn das Reich -und der Messias erstehen ja aus ihr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_82">[S. 82]</a></span></p> - -<p>Darum überall der grelle Akkord in den messianischen Harmonien! -Er beschliesst die Seligpreisungen mit dem Hinweis, -dass sie selig sind, wenn sie gehasst und verfolgt werden und alles -Böse um seinetwillen über sie geredet wird. Dann haben sie gerade -Grund zur Freude und zum Jubel, denn in dem, was sie erdulden -müssen, offenbart sich ihre Zugehörigkeit zum Gottesreich. -Während sie von der Weltmacht noch drangsaliert werden, -ist der Lohn schon im Himmel bereitet (Mt 5 <span class="antiqua">11</span> u. <span class="antiqua">12</span>).</p> - -<p>»Verkündet, dass das Reich nahe herbeigekommen ist«, sagt -er den Jüngern bei der Aussendung. Zugleich aber bereitet er -sie eindringlich auf die Enddrangsal vor, denn der Zeiger der -Weltuhr steht nahe an der grossen Stunde. Sie müssen es -wissen, damit sie nicht meinen, es widerfahre ihnen etwas Fremdes, -wenn sie von der Weltmacht zur Verantwortung gezogen -werden, wenn sich um sie her Aufruhr und Verfolgung erhebt -und ihrem Leben Gefahr droht. Sie müssen es wissen, damit sie -nicht irre an ihm werden und ihn verleugnen und an ihm Aergernis -nehmen, wenn er in der Menschen Gewalt gegeben wird, denn -er selbst als machtvoller Verkündiger des Reiches hat diesen Aufruhr -angeregt. Wenn aber die Weltmacht zu siegen scheint, -dann steht Gott mit seiner Allmacht darüber. Nicht die, welche -den Leib töten, muss man fürchten, sondern den allmächtigen -Herrn, welcher beim Gericht Seele und Leib verdammen kann -in die Hölle. In diesem letzten Aufruhr richtet die Weltmacht -sich selbst; nach dem Gericht kommt das Reich. Das ist der -Grundgedanke der Aussendungsrede.</p> - -<p>Auch die Botschaft an den Täufer schliesst mit einem solchen -Hinweis. Das Reich ist nahe, lässt er ihm sagen; meine -Predigt, Zeichen und Wunder bekräftigen es: und zur Seligkeit -kommt, wer sich nicht an mir ärgert, d. h. wer in der vormessianischen -Drangsal zu mir steht.</p> - -<p class="pmb3">Am eindringlichsten aber ergeht das Wort von der schweren -Zeit an die, welche sich auf die Predigt der Jünger hin in gläubiger -Reichserwartung um ihn versammelt haben. Bei einbrechender -Dämmerung hat er mit ihnen das grosse Abendmahl -am See gefeiert. Als der, welcher sich als Messias weiss, hat er -ihnen feierlich Speise dargereicht und sie damit, ohne dass sie es -ahnen, zu Teilnehmern am messianischen Mahle geweiht. Am -folgenden Morgen aber ruft er sie zu Bethsaida um sich und ermahnt -sie zur Hingabe des Lebens in der Drangsal. Wer sich - <span class="pagenum"><a id="Page_83">[S. 83]</a></span> -seiner und seiner Worte schämt in der Erniedrigung, welche durch -die ehebrecherische und sündige Welt über ihn kommen wird, -den wird auch der Menschensohn nicht anerkennen, wenn er in -der Herrlichkeit seines Vaters, von seinen Engeln umgeben, erscheinen -wird (Mk 8 <span class="antiqua">35-38</span>).</p> - - -<h3>2. Der Leidensgedanke in der ersten Periode.</h3> - -<p><em class="gesperrt">Der Leidensgedanke gehört also von Anfang an zur -Verkündigung Jesu.</em> In der Enddrangsal sollten sie mit ihm -durch Leiden hindurch der Herrlichkeit entgegengehen: so verstanden -ihn seine Zuhörer. Nur wussten sie nicht, dass der, -mit welchem sie leiden sollten, als Messias geoffenbart werden -würde.</p> - -<p>In Jesu messianischem Selbstbewusstsein bekam nun der -Leidensgedanke, auf ihn bezogen, eine geheimnisvolle Bedeutung. -Die Messianität, welche ihm in der Taufe aufging, war nicht ein -Besitz, ein Gegenstand der Erwartung, sondern in der eschatologischen -Vorstellung war von selbst gegeben, dass er durch Leiden -hindurch in der Bewährung werden müsse, was er der Bestimmung -nach war. <em class="gesperrt">Sein Messianitätsbewusstsein war -nie ohne Leidensgedanke!</em> Das Leiden ist der Weg zur -Offenbarung der Messianität!</p> - -<p>Was er in diesem Aeon lebte, das stellte das verborgene -Wirken und Werden des Messias dar. Dabei war aber das Leiden -vorgesehen. Es war jüdische Lehre, dass der Messias voll -von Züchtigungsleiden sein müsse: denn die Leiden sind nötig, -um ein vollendeter Gerechter zu werden (<span class="smcap">Weber</span> S. 343).</p> - -<p>Dieses Messianitätsbewusstsein Jesu zeigt dieselbe sittliche -Vertiefung wie seine Eschatologie. In der gewohnten Modernisierung -desselben wird vorausgesetzt, dass er den grössten Teil -seiner Wirksamkeit nicht ans Leiden dachte, sondern dass erst -die hämische Feindschaft der Schriftgelehrten ihm diesen Gedanken -aufnötigte. So bekommt seine Messianität in der ersten -Periode einen <em class="gesperrt">ethisch-idyllischen</em>, in der zweiten einen -<em class="gesperrt">modern-resignierten</em> Charakter. Das historisch-eschatologische -Bild ist aber lebendiger, tiefer und sittlicher zugleich. -Jesus hat sich hinsichtlich seines Messianitätsbewusstseins nicht -»entwickelt« durch Aufnahme des Leidensgedankens. Von Anfang -an weiss er sich als Messias, nur insofern er entschlossen ist, -durch das Leiden zur Vollendung geläutert zu werden. Als der, - <span class="pagenum"><a id="Page_84">[S. 84]</a></span> -welcher einst im neuen Aeon herrschen soll, muss er zuvor in die -Gewalt der widergöttlichen Macht gegeben werden, <em class="gesperrt">um sich -dort zur göttlichen Herrschaft zu bewähren</em>. Aus diesem -messianischen Selbstbewusstsein heraus beschwört er die um ihn -sind, dass sie bei ihm aushalten, damit er sie als die Seinen anerkennen -kann, wenn die Herrlichkeit anbricht. So beherrscht der -thätige ethische Zug, der die Tiefe des Geheimnisses des Reiches -Gottes ausmacht, auch das Messianitätsgeheimnis.</p> - -<p class="pmb3">Das geschichtliche Problem stellt sich nun so: In der ersten -Periode hat Jesus viel häufiger, und zwar öffentlich, den Leidensgedanken -ausgesprochen als in der zweiten. Jede grössere -Rede schliesst mit einem solchen Hinweis. Den Seinen war der -Gedanke vertraut, ihn in der Drangsal erniedrigt zu sehen. Dennoch -aber bedeutet die Eröffnung zu Cäsarea Philippi für die -Jünger etwas Neues und ist es thatsächlich auch. Es handelt -sich dort nämlich nicht mehr um ein Leiden des <em class="gesperrt">machtvollen -Reichspredigers</em> mit den Seinen in der Enddrangsal, sondern -derjenige, welcher <em class="gesperrt">Messias</em> sein wird, leidet. Dieses Leiden aber -verläuft nicht mehr <em class="gesperrt">in der allgemeinen Enddrangsal</em>, sondern -Jesus <em class="gesperrt">leidet allein</em> und zwar handelt es sich um ein <em class="gesperrt">rein -irdisch-geschichtliches Ereignis</em>. Er wird dem hohen Rat -überantwortet und von diesem zum Tode verurteilt! Das war -das Neue, was den Jüngern ein Geheimnis blieb.</p> - - -<h3>3. Die »Versuchung« und die göttliche Allmacht.</h3> - -<p>In dem Leidensgedanken zeigt sich ein eigentümliches -Schwanken. Einmal erscheint der Tod als absolute Notwendigkeit; -dann wieder, z. B. in Gethsemane, kennt Jesus doch wieder -eine Möglichkeit, dass ihm das Leiden erspart bleiben kann. Nun -besteht aber der Leidensgedanke ohne Rücksicht auf irdischen -Erfolg oder Misserfolg. Also darf auch das Schwanken damit -nicht in Verbindung gesetzt werden. Als Jesus nach Jerusalem -zog, um zu leiden, da hegte er nicht in einem Winkel seines Herzens -den Gedanken, dass Gott durch seine Allmacht dennoch -vielleicht den Gang zum Siegesgang machen könnte und er durch -ihn über die Pharisäer und den hohen Rat triumphieren könnte. -Das wäre nach seinem Empfinden »menschlich« gedacht gewesen. -Denn er kann in Sachen des Reiches Gottes nicht den Widerstand -der Schriftgelehrten und die göttliche Allmacht gegeneinandersetzen: -es handelte sich ja um ein göttliches Drama, in - <span class="pagenum"><a id="Page_85">[S. 85]</a></span> -welchem sie nur Statisten mit zugewiesener aktiver Rolle waren, -wie die Lanzknechte, welche ihn auf ihr Geheiss griffen. <em class="gesperrt">Das -Schwanken muss also in dem göttlichen Willen selbst -begründet sein.</em></p> - -<p>Es ist das Spezifische in der Anschauung Jesu, dass der -göttliche Wille einerseits zwar die Ereignisse des messianischen -Dramas vorher planmässig in der bekannten Form bestimmt, -andererseits demselben wieder frei gegenübersteht. Durch den -einmal festgelegten messianischen Schematismus ist die dahinterstehende -göttliche Allmacht in keiner Weise gebunden! Sie kennt -überhaupt keine Bestimmungen.</p> - -<p>Von dieser Allmacht erwartet Jesus z. B., dass sie auch -diejenigen, welche wegen ihres Verhaltens die Zugehörigkeit zum -Reich verwirkt haben, dennoch in den seligen Zustand aufnehmen -könne. Nach den geltenden Bestimmungen ist es zwar -unmöglich, dass die Reichen zum Leben eingehen können. Aber -bei Gott sind alle Dinge möglich (Mk 10 <span class="antiqua">27</span>).</p> - -<p>Es gilt der Satz: Wer mit dem zukünftigen Messias herrschen -will, muss mit Jesus leiden. Aber er wagt es doch nicht, -den beiden Intimen, Jakobus und Johannes, die Thronplätze -zu versprechen, obwohl er ihnen zutraut, dass sie sein Leiden -teilen werden. Er könnte damit Gottes Allmacht vorgreifen -(Mk 10 <span class="antiqua">35-40</span>).</p> - -<p>So liegt auch die Enddrangsal zwar in dem göttlich bestimmten -Verlauf des messianischen Dramas. Aber es steht in Gottes -unbeschränkter Allmacht, dass er sie <em class="gesperrt">ausschalte</em> und das Reich -ohne diese Prüfungszeit anbrechen lasse. Darum dürfen die -Menschen Gott darum bitten, er möge jene schweren Stunden der -Bewährung vorübergehen lassen. Jesus weist sie dazu an in demselben -Gebet, wo er sie um das kommende Reich bitten lehrt. -Man erfleht den Endzustand, in welchem sein Name geheiligt -wird und sein Wille auf Erden geschieht wie im Himmel; aber -zugleich bittet man ihn, er möge die Menschen nicht in »die Versuchung« -führen, sie nicht in die Gewalt des Bösen geben, sie -nicht nötigen, ihre Sünden durch das Beharren in der Enddrangsal -zu sühnen: sondern sie durch seine Allmacht der Gewalt -des Bösen entreissen, wenn sich die widergöttliche Welt zum -letztenmal aufbäumt beim Kommen des Reiches, um das sie -beten. Das ist der innere Zusammenhang der letzten drei Bitten -des Vaterunsers.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_86">[S. 86]</a></span></p> - -<p>Das Herrengebet trägt also in den drei ersten und den drei -letzten Bitten rein eschatologischen Charakter. Wir haben denselben -Kontrast wie in den Seligpreisungen, der Aussendungsrede, -der Botschaft an den Täufer und den Scenen bei Bethsaida. -Zuerst handelt es sich um das Kommen des Reichs, dann um die -Enddrangsal. Aus dem Herrengebet ersehen wir aber, dass es -dafür keine absolute Notwendigkeit gibt, sondern dass sie nur -relativ in Gottes Allmachtswillen bedingt ist.</p> - -<p>Sie stellt nämlich die höchste Form der Busse auf das -Gottesreich hin dar. Wer sich darin bewährt, der leistet Sühne -für seine Vergehungen im widergöttlichen Aeon. Unter Kampf -und Leiden ringt man sich von ihr los, um Träger des göttlichen -Willens im Gottesreich zu sein. Das ist kollektivistisch zu denken. -Die reichsgläubige Gemeinschaft als solche leistet die -Sühne. Der Einzelne vollendet und bewährt sich darin. So ist -es Gottes Wille. Jesus aber betet mit ihnen zu Gott, er möge -in seiner Allmacht ihnen die Schuld ohne Sühne vergeben, wie sie -ihren Schuldnern vergeben. Das will heissen: sühneloses, reines -Erlassen. Er möge sie nicht durch die »Versuchung« hindurchführen, -sondern sie geradewegs der Weltmacht entreissen.</p> - -<p>Nur so versteht man, wie Jesus in seinem Wirken Sündenvergebung -voraussetzt und doch hier darum besonders bittet, und -wie er von einer Versuchung redet, die <em class="gesperrt">von Gott</em> kommt. Es -handelt sich eben um den allgemeinen <em class="gesperrt">messianischen Schulderlass</em> -und um die <em class="gesperrt">messianische Drangsalsversuchung</em>. -Darum bilden diese Bitten den Beschluss des Reichsgebets.</p> - -<p class="pmb3">Was er hier mit der Allgemeinheit bittet, das erfleht er für -sich, als die Stunde für ihn gekommen. In Gethsemane fällt er -vor Gott nieder. In ergreifendem Gebet beruft er sich auf Gottes -Allmacht: Abba, Vater, alles ist dir möglich (Mk 14 <span class="antiqua">36</span>). Er -möge den Leidenskelch an seinen Lippen vorüberführen, ohne -dass er davon kosten muss. Auch die schlafenden Intimen -rüttelt er auf, sie sollen wach bleiben und zu Gott beten, dass -er ihnen die Versuchung ersparen möge, denn das Fleisch ist -schwach.</p> - - -<h3>4. Der Leidensgedanke in der zweiten Periode.</h3> - -<p>Mit der Offenbarung zu Cäsarea Philippi hören alle Hinweise -auf, dass die Gläubigen mit ihm durch Drangsal müssen. -Dem Geheimnis zufolge, das er den Jüngern mitteilt, <em class="gesperrt">leidet nur</em> - <span class="pagenum"><a id="Page_87">[S. 87]</a></span> -<em class="gesperrt">er allein</em>. In Jerusalem richtet er weder an das Volk noch -an die Jünger ein eindringliches Wort von der Leidensnachfolge. -Ja, er nimmt geradezu zurück, was er früher gesagt. Am -Morgen nach dem Abendmahl am See hatte er die Seligkeit derer, -welche er zum messianischen Mahl geweiht, davon abhängig gemacht, -dass sie ihm ins Leiden nachfolgen. Den Teilnehmern des -Abendmahls zu Jerusalem sagt er gelassen voraus, <em class="gesperrt">dass sie -sich in der Nacht alle an ihm »ärgern« werden!</em> Er knüpft -auch keine Verdammnis daran — <em class="gesperrt">denn es ist in der Schrift -also bestimmt!</em> Steht nicht geschrieben: »ich werde den Hirten -schlagen und die Schafe werden sich zerstreuen?« Darum, wenn -sie sich auch an ihm ärgern, wenn sie ihn auch verlassen, in seiner -Herrlichkeit wird er sie doch um sich sammeln und als Messias — -denn das ist er als Auferstandener — vor ihnen herziehen nach -Galiläa (Mk 14 <span class="antiqua">26-28</span>).</p> - -<p>Was er früher von allen gefordert, das mutet er jetzt nicht -einmal dem zu, der sich vermisst, allein bei ihm auszuhalten. »Ehe -der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen«, sagt -er zu Petrus (Mk 14 <span class="antiqua">29-31</span>).</p> - -<p>Diese Wandlung muss mit der Form, welche der Leidensgedanke -in der zweiten Periode annimmt, zusammenhängen. Es -muss eine Veränderung in der Vorstellung von der Enddrangsal eingetreten -sein. Die andern sind von der Bewährung befreit, Jesus -leidet allein, und zwar besteht die Erniedrigung in dem Tod, -welchen die Schriftgelehrten über ihn verhängen. Darin wirkt sich -jetzt die Enddrangsal aus. Seine Gläubigen bleiben verschont. -<em class="gesperrt">Er leidet für sie, denn er gibt sein Leben hin als eine -Sühne für viele.</em></p> - -<p>Wie ihm dieses Geheimnis aufgegangen nach der Aussendung -in den Tagen der Einsamkeit, darüber hat er sich nicht geäussert. -Die Form des Leidensgeheimnisses aber zeigt, dass zwei -Erlebnisse auf ihn eingewirkt haben.</p> - -<p><em class="gesperrt">Zunächst der Tod des Täufers.</em> Jener war für ihn der -Elias. Wenn er von Menschenhand vor der messianischen Aera -getötet wurde, so war das Gottes Wille und deshalb in dem -messianischen Drama vorgesehen. Das geschah, während die -Jünger fort waren. Seine Botschaft hat den Täufer vielleicht -nicht mehr erreicht. Darüber muss er nun ins Klare kommen. -Deshalb will er sich mit den Seinen in die Einsamkeit zurückziehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_88">[S. 88]</a></span></p> - -<p>Wie sehr ihn der Gedanke des Todes des Vorläufers beschäftigte, -ersieht man aus dem Gespräch nach der Offenbarung -an die Intimen. Es war in der Schrift bestimmt, dass der Elias -so von Menschenhand umkomme. So steht auch über den -Menschensohn geschrieben, dass er viel leiden und verworfen -werden müsse (Mk 9 <span class="antiqua">12-13</span>).</p> - -<p>Bisher hatte er nur in allgemeinen Zügen von der Enddrangsal -als einem Ereignis der Endzeit geredet. Nun hat sie sich -aber als <em class="gesperrt">historisches Ereignis</em> an dem Vorläufer vollzogen. -Das ist ein Fingerzeig, wie sie sich an ihm selbst vollziehen wird.</p> - -<p>Dieser Fingerzeig kam gerade zu der Zeit, als er durch die -Ereignisse zum Nachdenken über die Enddrangsal gezwungen -wurde. Nach der Rückkehr der Jünger hatte er dieselbe für die -allernächste Zeit erwartet. Sie blieb aber aus. Noch mehr: damit -blieb auch das Reich aus! Bei der Aussendung hatte er den -Jüngern gesagt, sie würden auf dem Weg von den anbrechenden -Wehen überrascht. Die Erscheinung des Menschensohnes würde -statthaben, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären: — -und sie waren zurückgekehrt, ohne dass die Wehen begonnen hatten -und das Reich angebrochen war.</p> - -<p>Die Kunde, mit der sie zu ihm zurückkehrten, zeigte aber, -dass alles bereit war. Schon war die gottwidrige Macht gebrochen, -denn sonst wären ihnen die unsauberen Geister nicht -unterthan gewesen. Das Reich war herbeigenötigt durch die -Busse seit den Tagen des Täufers. Auch hier war das Mass voll; -das zeigte die Menge, die sich in gläubiger Erwartung um ihn -scharte. So war alles bereitet — und doch kam das Reich nicht! -<em class="gesperrt">Die Verzögerung des eschatologischen Kommens des -Reiches, das war das grosse Erlebnis, welches ihn damals -immer wieder in die Einsamkeit trieb, ob er sich -Klarheit darüber erränge.</em></p> - -<p>Ehe das Reich kommen konnte, musste die Drangsal eintreffen. -Sie blieb aber aus. Man musste sie also herbeiführen, -um so das Gottesreich herbeizunötigen. Busse und Knechtung -der widergöttlichen Macht thaten es nicht allein, sondern es -musste noch ein Stärkerer zu den Gewaltthätigen hinzutreten: -der zukünftige Messias, <em class="gesperrt">der an sich die Enddrangsal heraufführte</em> -in der Form, wie sie sich schon an dem Elias erfüllt -hatte. So geht das Geheimnis des Reiches Gottes in das Geheimnis -des Leidensgedankens über.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_89">[S. 89]</a></span></p> - -<p>Die Vorstellung der Enddrangsal enthielt den Gedanken der -Sühne und der Läuterung. Alle die, welche für das Reich bestimmt -waren, mussten in der Standhaftigkeit gegen die sich zum -letztenmal aufbäumende Weltmacht die Vergebung der im -weltlichen Aeon begangenen Schuld erringen. Denn durch -diese Schuld waren sie der widergöttlichen Macht noch verfallen. -Sie bildete ein Gegengewicht, welches das Kommen des Reiches -aufhielt.</p> - -<p class="pmb3">Nun führte aber Gott die Drangsal nicht herauf. Und doch -musste die Sühne geleistet werden. Da ging es Jesus auf, dass -er als zukünftiger Menschensohn <em class="gesperrt">die Sühne an sich vollziehen -müsse</em>. Derjenige, welcher einst als Messias über die -Gläubigen herrschen wird, der erniedrigt sich jetzt unter sie und -dient ihnen, indem er sein Leben zur Sühne für viele dahingibt, -damit das Reich für sie anbreche. Das ist seine Mission in dem -Zustand, welcher seiner überirdischen Herrlichkeit vorausgeht. -»Dazu ist er gekommen« (Mk 10 <span class="antiqua">45</span>). Er muss leiden für die -Sünden derer, welche zu seinem Reich bestimmt sind. Um dies -auszuführen, zieht er hinauf nach Jerusalem, dass er dort von der -Obrigkeit zu Tode gebracht werde, wie der Elias, der ihm vorangegangen, -durch des Königs Henker umkam. <em class="gesperrt">Das ist das -Geheimnis des Leidensgedankens.</em> Jesus ist wirklich für -die Sünden der Menschen gestorben, wenn auch in einem andern -Sinn, als es die <span class="smcap">Anselm</span>'sche Theorie annimmt.</p> - - -<h3>5. Jes 40-66: Das Leidensgeheimnis in der Schrift -geweissagt.</h3> - -<p>»Wie steht geschrieben über den Menschensohn? Dass er -viel leiden muss und verachtet werden« (Mk 9 <span class="antiqua">12</span>). <em class="gesperrt">Die neue -Form des Leidensgedankens stammt aus der Schrift.</em> -In dem Bild des leidenden Gottesknechtes erkannte Jesus sich -wieder. Dort fand er seinen Leidensberuf vorgebildet.</p> - -<p>Um aber zu verstehen, wie ihm sein Geheimnis aus der Schrift -erstand, muss man das Bild des leidenden Gottesknechtes in -den grossen Rahmen stellen, in welchem es erscheint. Der modern-historische -Lösungsversuch vermag dies nicht. Er beschränkt -sich auf den Gedanken der dienenden Dahingabe. Sobald man -es aber einmal erfasst hat, dass Jesu Leidensgedanke eschatologisch -war, dann sieht man auch, in welchem grossen Zusammenhang -die Erscheinung des leidenden Gottesknechtes für ihn stehen - <span class="pagenum"><a id="Page_90">[S. 90]</a></span> -musste. Darnach war Jes 40-66 nichts anderes, als die <em class="gesperrt">weissagende -Darstellung der Ereignisse der Endzeit</em>, in -denen er sich mitten drin wusste.</p> - -<p>Die Schrift hebt an mit der Verkündigung, dass die Gottesherrschaft -nahe ist. Der Wegbereiter tritt auf. Er ruft, dass das Irdische -vergeht, wenn der Herr, Lohn und Vergeltung austeilend, -in seiner Herrlichkeit erscheint. Die Zeit bricht an, wo er -seine Herde sammelt und den Friedenszustand heraufführt (Jes -40 <span class="antiqua">1-11</span>).</p> - -<p>Der Auserwählte ist da. Er verkündet die Gerechtigkeit in -Wahrheit. Gott hat seinen Geist auf ihn gelegt (Jes 42 <span class="antiqua">1</span> ff.). -Er soll das Recht gründen auf Erden; die Gestade harren auf -seine Lehre. Bevor aber die Herrlichkeit anbricht und der Träger -des göttlichen Geistes in Kraft und Gerechtigkeit über die -Völker regieret, muss er durch einen Zustand der Erniedrigung -hindurch.</p> - -<p>Die andern verstehen nicht, warum er geschmäht wird. Sie -meinen, Gott habe ihn verstossen und wissen nicht, dass er ihre -Krankheiten trägt, durchbohrt wird ob ihrer Vergehen und zerschlagen -ist ob ihrer Verschuldung. Der Gequälte ist demütig -und öffnet seinen Mund nicht. Ob der Vergehen des Volks wird -er zu Tode getroffen. Dann wird ihn aber der Herr verherrlichen. -Vom Mutterleib hat er ihn dazu berufen. Er ist bestimmt, Jakob -zurückzuführen und Israel zu erretten. Das Licht der Völker -soll er werden, damit die Rettung Gottes sei bis ans Ende der -Welt (Jes 49 <span class="antiqua">1</span> ff., 52 <span class="antiqua">12</span> ff., 53 <span class="antiqua">1</span> ff.)</p> - -<p>Auf die Schilderung der Leiden des Gottesknechtes folgt -die Beschreibung des Gerichts über die ganze Welt und Israel -(Jes 54-65). Am Ende aber bricht die Herrlichkeit Gottes hervor. -Er thront über dem neugeschaffenen Himmel und über der -neugeschaffenen Erde (Jes 65 u. 66). Wenn das Gericht vollzogen -ist, dann bricht der Jubel an, denn die Seligen aus der ganzen -Welt, aus allen Geschlechtern und Nationen, werden sich um ihn -sammeln und ihm Verehrung darbringen.</p> - -<p>Man muss die dramatische Einheit in diesen Kapiteln erfassen, -um mit einer Persönlichkeit mitempfinden zu können, -welche hier den geheimnisvollen Hinweis auf die Dinge der Endzeit -suchte. <em class="gesperrt">Damit geht Jesu Leidensgedanke vollständig -in dem deuterojesaianischen auf.</em> Wie der Knecht -Gottes, ist auch er zum Herrschen in Herrlichkeit bestimmt. - <span class="pagenum"><a id="Page_91">[S. 91]</a></span> -Aber zuerst tritt er still und unerkannt als Verkündiger auf, der -Gerechtigkeit wirket. Dabei muss er durch das Leid und die Erniedrigung -hindurch, ehe Gott den herrlichen Endzustand anbrechen -lässt. Was er erduldet, ist eine Sühne für die Schuld der -andern. Dies ist ein Geheimnis zwischen Gott und ihm. Die -andern können und brauchen es nicht zu verstehen, <em class="gesperrt">denn wenn -die Herrlichkeit anbricht, dann werden sie erkennen, -dass er für sie gelitten hat</em>. Darum brauchte und durfte -Jesus dem Volk und den Jüngern sein Leiden nicht erklären. Es -musste ein Geheimnis bleiben: so stand es in der Schrift. Auch -denen, welchen er das Kommende voraussagte, sprach er es -nur als Geheimnis aus. Bei seinem Erscheinen als Menschensohn -musste ihnen die Binde von den Augen fallen. In der -Herrlichkeit des Reiches erkennen sie dann, dass er gelitten, -damit sie verschont würden und Friede hätten. Dieses Geheimnis -ist nur retrospektiv von der erreichten Herrlichkeit aus -erfassbar.</p> - -<p>Darum macht es nichts, wenn die Seinen sich in seiner Erniedrigung -von ihm abwenden und die Menschen an ihm irre -werden, als ob Gott ihn züchtigte. Die Schrift rechnet es ihnen -nicht zum Frevel an, sondern sie hat es also bestimmt. So heisst -es in dem Augenblick, wo ihm das Leidensgeheimnis aus der -Schrift aufgeht, nicht mehr: wer in der Erniedrigung sich meiner -schämt, der ist verdammt, sondern: ihr werdet euch alle an mir -ärgern — wobei er weiss, dass sie bei der Auferstehung um ihn -versammelt sein werden.</p> - -<p class="pmb3"><em class="gesperrt">Unter dem Einfluss von Deuterojesaia hat sich -also der Gedanke der allgemeinen Enddrangsal in das -persönliche Leidensgeheimnis Jesu umgesetzt.</em></p> - - -<h3>6. Das »Menschliche« im Leidensgeheimnis.</h3> - -<p>An dem innersten Grundzug des Leidensgedankens ist durch -das Leidensgeheimnis der zweiten Epoche nichts verändert worden. -Für Jesus bleibt das Leiden auch in dieser Form vor allem die -sittliche Bewährung der Würde, die ihm bestimmt ist.</p> - -<p>Die Drangsal trägt jetzt aber die konkreten Züge eines bestimmten -Ereignisses. <em class="gesperrt">Aus dem messianischen Enddrama -zieht er sie gleichsam in die menschliche Geschichte -herunter.</em> Darin liegt etwas Prophetisches auf die Zukunft des -Christentums: nach seinem Tode löst sich das ganze messianische - <span class="pagenum"><a id="Page_92">[S. 92]</a></span> -Enddrama in menschliche Geschichte auf. Diese Entwicklung -hat mit dem »Leidensgeheimnis« begonnen.</p> - -<p>So kommt es auch, dass das Leidensgeheimnis, verglichen -mit dem Leidensgedanken der ersten Periode, menschlichere -Züge trägt. Es liegt etwas von mitfühlender Nachsicht in dem -Gedanken, dass er für die Reichsgenossen die Sühne im Leiden -leistet, damit ihnen die Bewährung, in welcher sie vielleicht -schwach werden könnten, erspart bleibt. »Und führe uns nicht -in die Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen«: diese -Bitte ist nun in seinem Leiden erfüllt.</p> - -<p class="pmb3">Dieses tief Menschliche tritt besonders in Gethsemane zu -Tage. <em class="gesperrt">Nur über den drei Intimen schwebt die Möglichkeit, -dass sie mit ihm durch das Leiden und die Versuchung -hindurchmüssen.</em> Die Zebedaiden vermassen sich, -um die Anwartschaft auf die Thronplätze zu erwerben, mit ihm -den Leidenskelch zu trinken und mit ihm die Leidenstaufe zu -empfangen — und er stellte es ihnen in Aussicht (Mk 10 <span class="antiqua">38-40</span>). -Petrus aber verschwor sich, ihn nicht zu verleugnen; wenn auch -alle zurückwichen, wollte er doch mit ihm sterben (Mk 14 <span class="antiqua">31</span>). -Diese drei hat er mit sich genommen bis zum Ort hin, wo er betet. -Während er zu Gott fleht, dass der Leidenskelch an ihm vorübergehe, -erfasst ihn eine bangende Angst um die Intimen. Wenn -Gott sie nun wirklich mit ihm durch das Leiden sendet, werden -sie bestehen, wie sie es sich zutrauten? Darum sorgt er sich -um sie in der schweren Stunde. Zweimal rafft er sich auf, weckt -sie aus dem Schlaf, dass sie wach bleiben und zu Gott beten, -dass er <em class="gesperrt">sie</em> nicht in die Versuchung führt, wenn er auch <em class="gesperrt">ihm</em> den -Kelch nicht erspart; denn der Geist ist willig, aber das Fleisch -ist schwach. <em class="gesperrt">Das ist vielleicht der ergreifendste Zug in -Jesu Leben.</em> Man hat gewagt, Gethsemane die schwache Stunde -Jesu zu nennen: in Wirklichkeit ist es aber gerade die Stunde, -wo seine überweltliche Grösse in seinem tiefmenschlichen Mitfühlen -offenbar wird.</p> - - -<h3>7. Der Leidensgedanke im Urchristentum. Die Verschiebung -der Perspektive.</h3> - -<p>Jesus nahm das Leidensgeheimnis, welches den Genossen -des Reiches offenbar werden sollte, mit sich in den Tod. Das -Reich brach aber nicht an. So erklärt es sich, dass er die Jünger -zwar auf sein Leiden hingewiesen hat, dass sie aber, als das Ereignis - <span class="pagenum"><a id="Page_93">[S. 93]</a></span> -eingetreten war, keine Deutung dafür wussten. Dennoch -mussten sie sich damit auseinandersetzen, indem sie sich die -Thatsachen nach den Andeutungen, die sie im Gedächtnis -hatten, zurechtlegten. <em class="gesperrt">So ist der Leidensgedanke des -Urchristentums viel ärmer als das Leidensgeheimnis -Jesu.</em></p> - -<p>Die Erklärung konzentrierte sich hauptsächlich auf <em class="gesperrt">eine</em> -Thatsache: Infolge des Leidens und der Auferstehung von den -Toten ist er der Messias. In diesem Sinne sind das Leiden und -die Erhöhung in der Schrift vorherbestimmt.</p> - -<p>Während das Leidensgeheimnis den Tod in die engste zeitliche -und kausale Verbindung mit dem Anbruch des Reiches setzt, -ist für das Urchristentum das vergangene Ereignis <em class="gesperrt">als solches</em> -Gegenstand der Erklärung, weil das Reich nicht eingetroffen ist -und sich mit dem zeitlichen auch der ursprüngliche kausale Zusammenhang -gelöst hat.</p> - -<p>Nun hatte Jesus in Hinsicht auf seinen Tod auch von Sühne -und Sündenvergebung geredet. Durch die Ereignisse war aber -der Gedanke, den er damit verband, vollständig unmöglich geworden. -Die unbestimmte Mehrheit, welche die Sühne auf sich -beziehen sollte in der Erkenntnis, dass er für sie gelitten, <em class="gesperrt">war -ja noch gar nicht gegeben, denn das Reich war noch -nicht erschienen</em>. Von jenem Standort allein aber konnte man -es erfassen, dass er für die Genossen die Drangsalssühne geleistet -habe.</p> - -<p>In der Zwischenzeit lagen die Dinge ganz anders: an Stelle -der »vielen« waren »die Gläubigen« getreten. Die, welche an -die Messianität Jesu glauben, haben Sündenvergebung: dieser -Satz bildete, wie die Pfingstpredigt zeigt, einen Bestandteil der -urapostolischen Verkündigung (Akt 2 <span class="antiqua">38</span>). Inwiefern man aber -dadurch Sündenvergebung hatte, darin bestand das Problem. -Dieses war aber historisch unlösbar, denn die Sündenvergebung -des Leidensgeheimnisses ging nicht auf die an <em class="gesperrt">Jesus-Christus</em> -Gläubigen, sondern auf die Reichsgenossen. Mögen daher alle -Erklärungen der Bedeutung des Leidens von Paulus bis auf -<span class="smcap">Ritschl</span> jede für ihre Zeit religiös noch so wahr und tief sein: -den Gedanken Jesu können sie unmöglich erfassen, weil sie von -einer ganz andern Voraussetzung ausgehen.</p> - -<p>Da nun aber doch alle sich geschichtlich legitimieren wollten, -so erlebt man das merkwürdige Schauspiel, dass Jesu die - <span class="pagenum"><a id="Page_94">[S. 94]</a></span> -verschiedensten Deutungen seines Leidens in den Mund gelegt -wurden, <em class="gesperrt">von denen aber keine auch nur annähernd erklären -kann, wie aus einer solchen Anschauung die urchristlich-apostolische -Wertung des Todes hervorgehen -konnte</em>. Das zeigt sich auch bei dem modern-historischen -Lösungsversuch. Wenn Jesus seinen Jüngern die ethische -Bedeutung seines Todes verständlich machte, warum beschränkt -sich die urchristliche Leidenserklärung auf die Schriftgemässheit -des Leidens und auf die »Sündenvergebung«?</p> - -<p>Auf diese Frage bleibt der modern-historische Lösungsversuch -die Antwort schuldig. Der eschatologisch-historische -hingegen vermag die <em class="gesperrt">notwendige Verkümmerung</em> des -Leidensgedankens Jesu im Urchristentum <em class="gesperrt">perspektivisch -zu berechnen</em>. Er weist nach, welche Momente des Leidensgeheimnisses -nach dem Tod allein noch zu Recht bestehen -konnten. Weil er die urchristliche Deutung in dem Zusammenhang -mit dem Gedanken Jesu erfasst, darum ist der eschatologisch-historische -Lösungsversuch der richtige.</p> - -<p>Die Aufhebung des kausalen Zusammenhangs zwischen dem -Tod Jesu und der Realisierung des Reichs war für die urchristliche -Eschatologie verhängnisvoll. Mit dem Leidensgeheimnis -ging auch das Geheimnis des Reiches Gottes unter. Das bedeutet -aber nichts anderes, als dass die Eschatologie gerade den -spezifisch »christlichen« Charakter, den Jesus ihr gegeben hatte, -verliert. Das ethisch-thätige Moment, durch welches sie versittlicht -wurde, fällt weg. <em class="gesperrt">So ist die urchristliche Eschatologie -durch Jesu Tod »entchristlicht«.</em> Dadurch -sinkt sie wieder auf das Niveau der zeitgenössisch-jüdischen herunter. -Das Reich ist wieder Gegenstand reiner Erwartung! -Dass die sittliche Umkehr aktiv auf sein Kommen einwirkt: dieses -Geheimnis war mit Jesus ins Grab gesunken. Jetzt that man -Busse und leistete die sittliche Erneuerung in Erwartung des -Gottesreichs, <em class="gesperrt">wie zu des Täufers Zeit</em>.</p> - -<p>Diese Entchristlichung tritt gerade in der Frage der Enddrangsal -zu Tage. Nach dem Leidensgedanken der ersten -Periode sollten die Gläubigen mit dem zukünftigen Messias leiden; -nach dem der zweiten wollte er die Drangsal für sie erdulden. -Im Urchristentum erwarten die Gläubigen die Drangsal <em class="gesperrt">vor dem -Erscheinen des Messias</em>, wie es in der zeitgenössischen -Vorstellung der Fall war. Denn Jesu Leidensgeheimnis war - <span class="pagenum"><a id="Page_95">[S. 95]</a></span> -ihnen nicht bekannt. Darum gehören ihnen die jüdischen Apokalypsen -gerade wie den andern Juden, nur mit dem Unterschied, -dass der gekreuzigte Jesus der erscheinende Messias sein soll. -Nur durch die <em class="gesperrt">Person</em> Jesu war die urchristliche Eschatologie -also noch »christlich«, nicht mehr durch seinen <em class="gesperrt">Geist</em>, wie es -im Geheimnis des Reiches Gottes und im Leidensgeheimnis der -Fall gewesen war.</p> - -<p>Darnach muss man »die synoptische Apokalypse« (Mk 13) -beurteilen. Mögen auch einzelne eschatologische Sprüche darin -von Jesus stammen, die Rede als solche ist notwendig unhistorisch. -<em class="gesperrt">Sie zeigt die Perspektive der Zeit nach dem Tode.</em> -In den jerusalemitischen Tagen konnte Jesus von keiner allgemeinen -Enddrangsal vor dem Kommen des Menschensohnes -reden. Die synoptische Apokalypse steht in direktem Widerspruch -zu dem Leidensgeheimnis, da dieses ja die allgemeine Enddrangsal -gerade aufhebt. Sie ist also unhistorisch. Apokalyptische -Reden mit Hinweis auf die Enddrangsal gehören in die -galiläische Periode zur Zeit der Aussendung. <em class="gesperrt">Die Aussendungsrede -ist die historische synoptische Apokalypse.</em> -Von einer Drangsal nach seinem Tod hat Jesus den -Seinen nie etwas gesagt, denn sie lag ausserhalb seines Gesichtskreises.</p> - -<p>Mit dem Tod, gerade durch denselben, war also die Eschatologie, -obwohl die urchristliche Gemeinde noch ganz darin lebte, -thatsächlich abgethan. Sie war bestimmt, aus der christlichen -Weltanschauung hinausgedrängt zu werden, denn sie war »entchristlicht«, -weil sie mit dem Geheimnis des Reiches Gottes und -des Leidensgedankens das innere ethische Leben eingebüsst -hatte, welches ihr durch Jesus eingehaucht worden war. Ein -Baum, der mitten in der Blütenpracht an der Wurzel getroffen -wird — so war es ihr Schicksal, abzuwelken und zu verdorren, -wenn man es vorerst auch noch nicht merkte, dass sie dem Untergang -geweiht war. <em class="gesperrt">Indem die Geschichte in der Folgezeit -zwangsweise eine uneschatologische christliche Weltanschauung -schuf, hat sie nur vollzogen, was in dem -Gesetz der Dinge mit Jesu Tod schon bestimmt war.</em></p> - -<p>Jesu Tod das Ende der Eschatologie! Der Messias, der es -auf Erden nicht war, das Ende der messianischen Erwartung! -Die Weltauffassung, in der er lebte und predigte, war eschatologisch; -die »christliche Weltauffassung«, die er durch seinen - <span class="pagenum"><a id="Page_96">[S. 96]</a></span> -Tod begründet, führt die Menschheit für immer über die Eschatologie -hinaus! Das ist das grosse Geheimnis in der christlichen -Heilsökonomie.</p> - -<p>Für ihn und die Seinen war sein Tod, gemäss der eschatologischen -Weltanschauung, nur eine <em class="gesperrt">Uebergangsthatsache</em>. -Sobald aber das Ereignis eingetreten war, wurde es die bleibende -<em class="gesperrt">Centralthatsache</em>, auf der sich die neue uneschatologische -Weltauffassung aufbaute. Im Urchristentum waren das Alte und -das Neue noch nebeneinander.</p> - -<p>Die Anhänger Jesu glaubten an das Kommen des Reichs, -weil seine machtvolle Persönlichkeit die Kunde bekräftigte. Die -Gemeinde nach dem Tode glaubte an seine Messianität und erwartete -das Kommen des Reichs. Wir glauben, dass in seiner -ethisch-religiösen Persönlichkeit, wie sie sich in seinem Wirken -und Leiden offenbart, der Messias und das Reich gekommen sind.</p> - -<p>Es verhält sich damit wie mit dem Lauf der Sonne. Ihr -Glanz bricht hervor, während sie noch hinter den Bergen steht. -Die dunkeln Wolken röten sich von ihrem Schein und in phantastischen -Gebilden spielt sich der Kampf zwischen Licht und -Finsternis ab. Noch ist die Sonne selbst nicht sichtbar, sondern -sie ist nur da, sofern die Helligkeit von ihr ausgeht. <em class="gesperrt">Die Sonne -hinter dem Morgenrot</em>: so erschien die Persönlichkeit -<em class="gesperrt">Jesu von Nazareth</em> den Zeitgenossen in der vormessianischen -Aera.</p> - -<p>In dem Augenblick, wo der Himmel im intensivsten Kolorit -erglüht, steigt sie über den Horizont auf. Damit aber fängt die -Farbenpracht an langsam abzunehmen. Die phantastischen Gebilde -verblassen und versinken, weil die Sonne selbst die Wolken, -in denen sie sich spiegelt, auflöst. <em class="gesperrt">Die aufgehende Sonne -über dem Horizont</em>, so erschien »<em class="gesperrt">Jesus Christus</em>« der urchristlichen -Gemeinde in ihrer eschatologischen Erwartung.</p> - -<p><em class="gesperrt">Die Sonne zur Mittagszeit</em>: so erscheint er uns. Wir -wissen nichts von Morgen- und Abendrot, sondern wir sehen nur -die weisse Helligkeit, die alles durchleuchtet. Weil sie aber jetzt -für uns in diesem Licht erstrahlt, dürfen wir uns nicht auch den -Sonnenaufgang so vorstellen, als wäre sie als leuchtende Scheibe -in Mittagsklarheit über dem Horizont aufgestiegen. Unsere moderne -Anschauung über den Tod Jesu ist wahr, in ihrem innersten -Wesen wahr, weil sie seine sittlich-religiöse Persönlichkeit in den -Gedanken unserer Zeit wiedergibt. Wenn wir sie aber so in die - <span class="pagenum"><a id="Page_97">[S. 97]</a></span> -Geschichte Jesu und des Urchristentums zurücktragen, thun wir -dasselbe, als wenn wir einen Sonnenaufgang ohne Morgenrot -malen wollten.</p> - -<p>In der wahren historischen Erkenntnis liegt eine befreiende -und fördernde Macht. Unser Glaube baut sich auf der Persönlichkeit -Jesu auf. Zwischen unserer Weltanschauung und derjenigen, -in welcher er lebte und wirkte, liegt aber eine tiefe, wie -es scheint, unüberbrückbare Kluft. Man sah sich deshalb genötigt, -<em class="gesperrt">seine Persönlichkeit gleichsam aus seiner Weltanschauung -herauszureissen</em> und ihr einen Strich ins Moderne -zu geben.</p> - -<p>Dadurch kam aber eine eigentümliche Unlebendigkeit und -Zwitterhaftigkeit in das Bild seiner Person. <em class="gesperrt">Man erhielt ein -Zwitterwesen, halb modern, halb antik.</em> Mit dem Modernen -übertrug man auch die moderne Psychologie auf ihn, ohne -sich immer vollständig klar zu machen, dass sie nicht auf ihn anwendbar -ist und ihn notwendig verkleinert. Denn sie ist hergenommen -von Durchschnittswesen, die aus Meinungen zusammengeflickt -sind und sich nur in stetiger Entwicklung erfassen -und beobachten. <em class="gesperrt">Jesus ist aber eine übermenschliche Persönlichkeit -aus einem Guss.</em></p> - -<p>So beruht die moderne Dogmatik auf einer historischen und -psychologischen Gewaltthat, weil sie nicht nachweisen kann, warum -wir das Recht haben, Jesum aus seiner Zeit herauszulösen, -seine Persönlichkeit in unsere modernen Gedanken zu übersetzen -und ihn als »Messias« und »Gottessohn« ausserhalb des jüdischen -Rahmens aufzufassen.</p> - -<p>Die wahre geschichtliche Erkenntnis aber gibt der Dogmatik -ihre volle Bewegungsfreiheit wieder! Sie bietet ihr die Persönlichkeit -Jesu dar in einer eschatologischen <em class="gesperrt">und doch ihrem -Wesen nach durch und durch modernen Weltanschauung</em>, -weil <b>er</b> sie mit seinem gewaltigen Geiste durchdrungen hat.</p> - -<p>Dieser Jesus ist viel grösser als der modern gedachte: <em class="gesperrt">er -ist wirklich eine überirdische Persönlichkeit</em>. Mit seinem -Tode vernichtet er die Form seiner Weltanschauung, indem seine -Eschatologie unmöglich wird. Damit gibt er allen Geschlechtern -und allen Zeiten das Recht, <em class="gesperrt">ihn in ihren Gedanken und Vorstellungen -zu erfassen, dass sein Geist ihre Weltanschauung -durchdringe, wie er die jüdische Eschatologie -belebte und verklärte</em>.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_98">[S. 98]</a></span></p> - -<p>Darum darf sich die moderne Dogmatik gerade auf Grund -der wahren geschichtlichen Erkenntnis frei bewegen, ohne die -immerwährende kleinliche geschichtliche Rücksichtnahme, welche -heutzutage oft zum Schaden der geschichtlichen Wahrhaftigkeit -beobachtet wird. <em class="gesperrt">Die Dogmatik soll nicht um einen Pflock -grasen. Sie ist frei, denn sie hat unsere christliche -Weltanschauung allein auf die Persönlichkeit Jesu -Christi zu gründen, ohne Rücksicht zu nehmen auf -die Form, in welcher sie sich in ihrer Zeit auswirkte. -Er selbst hat ja diese Form mit seinem Tod zerstört.</em> -Die <em class="gesperrt">Geschichte</em> fordert die Dogmatik zu dieser <em class="gesperrt">Ungeschichtlichkeit</em> -auf.</p> - -<p class="pmb3">Als Jesus verschieden war, sagte <em class="gesperrt">der römische Hauptmann</em>, -»wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen« (Mk -15 <span class="antiqua">39</span>). So wird seine Würde mit dem Augenblick seines Todes -frei für alle Zungen, für alle Nationen und für alle Weltanschauungen.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<h2 id="Zehntes_Kapitel">Zehntes Kapitel.<br /><br /> - -Abriss des Lebens Jesu.</h2> - - -<p>Das »<em class="gesperrt">Leben Jesu</em>« beschränkt sich auf die letzten Monate -seines Daseins. Zur Zeit der Sommeraussaat trat er auf und starb -am Kreuz zu Ostern des folgenden Jahres.</p> - -<p>Seine öffentliche Wirksamkeit zählt nach <em class="gesperrt">Wochen</em>. Die erste -Periode reicht von der Aussaat bis in die Erntezeit; die zweite -umfasst die Tage des Auftretens zu Jerusalem. Den Herbst und -den Winter verbrachte er auf heidnischem Gebiet, allein mit -seinen Jüngern.</p> - -<p>Vor ihm war der Täufer aufgetreten und hatte mit Nachdruck -auf die Nähe des Reiches und die vormessianische Erscheinung -des gewaltigen Vorläufers hingewiesen, mit dessen Auftreten die -Geistesausgiessung statthaben sollte. Nach Joël war dies, mit -andern Wundern, das Zeichen, dass der Gerichtstag unmittelbar -bevorstand. Johannes selbst hielt sich nie für diesen Vorläufer; -auch das Volk kam nicht auf diesen Gedanken, <em class="gesperrt">denn er hatte die -Zeit der Wunder nicht heraufgeführt</em>. Er sei ein Prophet: -das war die allgemeine Meinung.</p> - -<p>Ueber Jesu frühere Entwicklung wissen wir nichts. Alles liegt -im Dunkeln. Nur eines steht fest: Während der Taufe ging ihm -das Geheimnis seines Daseins auf, dass er nämlich derjenige sei, - <span class="pagenum"><a id="Page_99">[S. 99]</a></span> -den <em class="gesperrt">Gott</em> zum Messias bestimmt hatte. <em class="gesperrt">Mit dieser Offenbarung -ist er fertig; eine Entwicklung hat er nicht -mehr durchgemacht.</em> Denn nun stand ihm fest, dass er bis -zum nahen Anbrechen der messianischen Aera, wo seine Würde -ihm in Herrlichkeit zufiel, als der unerkannte und verborgene -Messias auf das Reich hin zu wirken habe und sich mit den Seinen -in der Enddrangsal bewähren und läutern müsse.</p> - -<p><em class="gesperrt">Der Leidensgedanke war also mit dem Messianitätsbewusstsein -selbst gegeben, wie mit der Reichserwartung -die Vorstellung der vormessianischen Drangsal -unlösbar zusammenhängt.</em> Irdische Ereignisse konnten -Jesu Werdegang nicht beeinflussen. <em class="gesperrt">Durch sein Geheimnis -stand er über der Welt</em>, wenn er auch jetzt noch als Mensch -unter Menschen wandelte.</p> - -<p>Sein Auftreten und seine Verkündigung gehen nur auf die -Reichsnähe. Seine Predigt ist die des Johannes, nur dass er sie -durch Zeichen bekräftigt. Obwohl sein Geheimnis seine ganze -Verkündigung beherrscht, darf niemand darum wissen, denn er -muss unerkannt bleiben, bis der neue Aeon anbricht.</p> - -<p>Wie sein Geheimnis, so ist auch seine ganze Ethik durch -das »jetzt und dann« beherrscht. Es handelt sich um die Busse -auf das Reich Gottes hin und den Erwerb der Gerechtigkeit, -welche dazu befähigt: <em class="gesperrt">denn nur die Gerechten ererben das -Reich</em>. Diese Gerechtigkeit ist höher als die des Gesetzes, denn -er weiss, dass das Gesetz und die Propheten weissagten bis Johannes: -<em class="gesperrt">mit dem Täufer aber befindet man sich in der -Vorläuferperiode unmittelbar vor dem Reichsanbruch</em>.</p> - -<p>Darum muss er, als künftiger Messias, jene höhere Sittlichkeit -verkünden und wirken. Die geistig Armen, die Sanftmütigen, -die da Leid tragen, die nach Gerechtigkeit hungern und -dürsten, die Mitleidigen, die reinen Herzens sind, die Friedfertigen: -<em class="gesperrt">diese alle sind selig, weil sie in dieser Eigenschaft -zum Reich bestimmt sind</em>.</p> - -<p>Hinter dieser ethischen Verkündigung steht das Geheimnis -des Reiches Gottes. Was, <em class="gesperrt">von dem Einzelnen geleistet</em>, -sittliche Erneuerung in Vorbereitung auf das Reich ist, das bedeutet, -<em class="gesperrt">von der Gemeinschaft gewirkt</em>, eine Thatsache, -durch welche seine Realisierung auf übernatürliche Weise herbeigeführt -wird. So durchdringen sich Individual- und Sozialethik -in dem grossen Geheimnis. Wie die überreiche Ernte durch - <span class="pagenum"><a id="Page_100">[S. 100]</a></span> -Gottes Wundermacht geheimnisvoll auf die Aussaat folgt, so -kommt auch das Reich Gottes auf Grund der sittlichen Erneuerung -durch die Menschen, aber ohne ihr Zuthun.</p> - -<p>In dem Gleichnis ist auch die zeitliche Koïncidenz enthalten. -Er sprach es zur Aussaat und erwartete das Reich zur Erntezeit. -<em class="gesperrt">Die Natur war Gottes Uhr. Mit der letzten Aussaat -hatte er sie zum letztenmal gestellt.</em></p> - -<p>Das Geheimnis des Reiches Gottes ist die überirdische Verklärung -der altprophetischen Ethik, in welcher der herrliche Endzustand -auch nur auf Grund der sittlichen Umkehr Israels von -Gott heraufgeführt wird. In souveräner Art vollzieht Jesus die -Synthese zwischen Daniel'scher Apokalyptik und prophetischer -Ethik. Es handelt sich bei ihm nicht um <em class="gesperrt">eschatologische -Ethik</em>, sondern seine Weltanschauung ist <em class="gesperrt">ethische Eschatologie. -Als solche ist sie modern.</em></p> - -<p>Auch die Zeichen und Wunder fallen unter eine doppelte -Betrachtungsweise. Für das Volk sollen sie nur die Predigt von -der Reichsnähe bekräftigen. Wer jetzt nicht glaubt, dass die -Zeit so weit ist, hat keine Entschuldigung. Die Zeichen und -Wunder verdammen ihn, denn sie bekunden offenbar, dass es mit -der widergöttlichen Macht zu Ende geht.</p> - -<p>Hinter dieser Behauptung steht aber für Jesus das Geheimnis -des Reiches Gottes. Als die Pharisäer die Zeichen selbst der -Teufelsmacht zuschreiben wollten, deutet er in einem Gleichnis das -Geheimnis an. Durch seine Thaten bindet er die widergöttliche -Macht, wie man über einen Starken zuerst herfällt und ihn unschädlich -macht, ehe man daran denken kann, ihm seinen Besitz -zu rauben. Darum gibt er den Jüngern bei der Aussendung zugleich -mit dem Predigtauftrag die Vollmacht über die unreinen -Geister. Sie sollen die letzten Streiche führen.</p> - -<p>Als Drittes gehört zur Reichspredigt der Hinweis auf die -vormessianische Drangsal. Die Gläubigen müssen darauf vorbereitet -sein, mit ihm durch jene Zeit der Bewährung hindurchzugehen, -wo sie in der Standhaftigkeit gegen den letzten Ansturm -der Weltmacht sich als die Auserwählten des Gottesreiches erweisen. -Auf seine Person hin wird sich dieser Ansturm konzentrieren; -darum muss man bei ihm ausharren bis zum Tod. Nur -das Sein im Gottesreich ist Leben. Der Menschensohn wird darnach -richten, ob sie bei ihm, Jesus, ausgehalten haben oder nicht. -So wendet sich Jesus am Schluss der Seligpreisungen an die Seinen - <span class="pagenum"><a id="Page_101">[S. 101]</a></span> -mit den Worten: »Selig seid ihr, wenn die Menschen euch um -meinetwillen verfolgen«. Die Aussendungsrede wird zu einer Ausführung -über die Drangsal. Das letzte Wort in der Botschaft -von der unmittelbaren Reichsnähe an den Täufer lautet: »Selig ist, -wer sich nicht an mir ärgert.« Die Menge, mit welcher er das -Abendmahl am See gefeiert hat, beschwört er am Morgen zu -Bethsaida, bei ihm auszuharren, auch wenn er ein Gegenstand -der Verachtung und des Spotts in der sündigen Welt sein wird: -ihre Seligkeit hängt davon ab.</p> - -<p>Diese Drangsal bedeutet zugleich mit der <em class="gesperrt">Bewährung</em> auch -noch eine <em class="gesperrt">Sühne</em>. Sie ist im messianischen Drama vorgesehen, -weil Gott von den Reichsgenossen eine Sühne für ihre Vergehungen -in diesem Aeon verlangt. <em class="gesperrt">Aber er ist allmächtig.</em> -In dieser Allmacht bestimmt er über die Zugehörigkeit zum -Reich, über die Stelle, die einer darin einnimmt, ohne an irgend -welche Bestimmung gebunden zu sein. So ist auch die Notwendigkeit -der Enddrangsal im Hinblick auf seine Allmacht nur relativ. -Er kann sie den Menschen erlassen.</p> - -<p>Darauf beziehen sich die drei letzten Bitten des Vaterunsers. -Nachdem Gott angefleht worden, er möge das Reich senden, dass -sein Name geheiligt werde und sein Wille auf Erden geschehe, wie -im Himmel, dürfen die Menschen ihn bitten, ihnen die Vergehungen -zu verzeihen und die »Versuchung« zu ersparen, indem -er sie der Gewalt des Bösen direkt entreisst.</p> - -<p>Dies war der Inhalt von Jesu Verkündigung in der ersten -Periode. Er hielt sich während derselben am nördlichen Ufer des -Sees auf. Chorazin, Bethsaida und Kapernaum waren die Hauptstätten -seiner Wirksamkeit. Von dort unternahm er über den -See hin einen Zug in das Gebiet der zehn Städte und eine Reise -nach Nazareth.</p> - -<p>Gerade in den Städten seiner Hauptwirksamkeit stiess er -auf Unglauben. Der Fluch, den er über sie aussprechen muss, -bezeugt es. Zudem waren ihm die Pharisäer aufsässig und suchten -ihn gerade wegen seiner Wunder beim Volk zu diskreditieren. In -Nazareth erfuhr er, dass ein Prophet nichts gilt in seinem Vaterlande.</p> - -<p>So war die galiläische Periode nichts weniger als eine glückliche. -Diese äusseren Misserfolge bedeuteten aber nichts für das -Kommen des Reiches. Die ungläubigen Städte richteten nur sich -selbst. Um die Nähe des Reiches zu ermessen, hatte Jesus andere, - <span class="pagenum"><a id="Page_102">[S. 102]</a></span> -geheimnisvolle Anzeichen. An diesen erkannte er, dass die Zeit -da war. <em class="gesperrt">Darum sandte er seine Jünger aus, gerade auf -dem Rückweg von Nazareth — denn es war Erntezeit.</em></p> - -<p>Durch ihre Predigt und durch ihre Zeichen drang die Kunde -von seiner machtvollen Persönlichkeit überall hin. Jetzt beginnt -die Zeit der Erfolge! Johannes im Gefängnis hörte davon und -sandte seine Jünger, sie sollten ihn fragen, ob er derjenige sei, -»welcher kommen sollte«, denn aus den Wundern schloss er, dass -die Zeit des machtvollen Vorläufers, den er verkündigt hatte, -da sei.</p> - -<p>Jesus that Zeichen, seine Jünger hatten Macht über die -Geister. Wenn er vom Gericht sprach, betonte er, dass der -Menschensohn mit ihm solidarisch wäre und nur den anerkännte, -der zu ihm, Jesus, gestanden hätte. Das Volk hielt deshalb dafür, -er könne der sein, nach dem man ausschaute, und der gefangene -Täufer wollte darüber Gewissheit haben.</p> - -<p>Jesus kann ihm nicht sagen, wer er ist. »<em class="gesperrt">Die Zeit ist -sehr vorgeschritten</em>« — das ist der Inhalt seines Bescheids. -Nachdem die Gesandten fort sind, wendet er sich an das Volk und -deutet in geheimnisvoller Rede darauf hin, dass die Stunde schon -weiter vorgerückt sei, als jener in seiner Frage ahnte. Die Vorläuferzeit -hat mit dem Auftreten des Täufers selbst angefangen. -Seither wird das Gottesreich gewaltsam herbeigenötigt. <em class="gesperrt">Der -Frager selbst ist der Elias, wenn sie es begreifen -mögen.</em></p> - -<p>Die Menschen vermochten es nicht zu fassen, dass der Gefangene -der Elias war. Sie verstanden die Zeit nicht, als er mit -seiner Predigt auftrat. Das liegt aber nicht allein daran, dass -jener keine Wunder that, sondern an der Verstocktheit ihrer -Herzen. Unvernünftige Kinder sind sie, die nicht wissen, was sie -wollen. Jetzt ist einer da, der Zeichen thut — aber auch dem -glauben sie die Nähe des Reiches nicht. So schliesst der Fluch -über Chorazin und Bethsaida die »Würdigungsrede über den -Täufer« ab.</p> - -<p>Die Entsendung der Jünger war die letzte That zur Herbeiführung -des Reiches. Als sie daher zurückkommen, ihm ihren -Erfolg künden und berichten, wie sie Gewalt über die bösen -Geister hatten, heisst das für ihn: <em class="gesperrt">es ist alles bereit.</em> So erwartet -er jetzt den Reichsanbruch für die unmittelbarste Zukunft, -nachdem es ihm schon fraglich gewesen war, ob die Jünger - <span class="pagenum"><a id="Page_103">[S. 103]</a></span> -vor diesem Ereignis zu ihm zurückkehren würden. Er hatte ihnen -ja gesagt, dass die Erscheinung des Menschensohnes sie ereilen -würde, ehe sie mit den Städten Israels zu Ende wären.</p> - -<p>Sein Werk ist gethan. Nun verlangt es ihn, sich zu sammeln -und mit den Seinen allein zu sein. Sie besteigen ein Schiff und -fahren längs des Strandes nach Norden zu. Die Menge aber, -welche sich auf die Predigt der Jünger hin um ihn gesammelt -hatte, um mit ihm das Reich zu erwarten, folgt ihnen am Ufer -nach und überrascht sie am einsamen Strand, wo sie gelandet.</p> - -<p>Als es Abend geworden, wollten die Jünger, dass er das -Volk entlasse, damit sie in den umliegenden Flecken Speise zu -sich nähmen. Für ihn ist aber die Stunde zu heilig, um durch ein -irdisches Mahl entweiht zu werden. Bevor er sie daher entlässt, -heisst er sie sich lagern und hält mit ihnen eine Vorfeier des -messianischen Mahles. Er, der künftige Messias, teilt der Gemeinschaft, -welche um ihn versammelt ist, um die Ankunft des -Reiches zu erwarten, feierlich Speise aus, indem er sie damit geheimnisvoll -zur Teilnahme an der nahen Vollendungsfeier weiht. -Da sie sein Geheimnis nicht wussten, verstanden sie sein Handeln -nicht, ebensowenig wie die Jünger. Sie begriffen nur, dass -es etwas gewaltig Ernstes bedeutete und machten sich ihre Gedanken -darüber.</p> - -<p>Darauf entliess er sie. Den Jüngern befahl er an den Strand -von Bethsaida zu fahren. Er selbst zog sich auf den Berg zum -Gebet zurück und folgte dann längs des Strandes zu Fuss. Als -ihnen seine Gestalt im Dunkel der Nacht erschien, da glaubten -sie, unter dem Eindruck der Feier, wo er in geheimnisvoller -Hoheit vor ihnen stand, seine überirdische Erscheinung nahe -sich auf den bewegten Wogen, gegen die sie zur Landung ankämpften.</p> - -<p>Am Morgen nach dem Abendmahl am See sammelt er Volk -und Jünger um sich zu Bethsaida und vermahnt sie, bei ihm auszuharren -und ihn nicht zu verleugnen in der Erniedrigung.</p> - -<p>Sechs Tage später geht er mit den drei Intimen auf den -Berg, wo er einsam gebetet hatte. Dort wird er ihnen als der -Messias geoffenbart. Auf dem Heimweg verbietet er ihnen, etwas -davon zu sagen, bis er bei der Auferstehung in der Glorie des -Menschensohns offenbart würde. Sie aber vermissen noch die -Erscheinung des Elias, der doch kommen müsse, bevor die Totenauferstehung -statt habe. Bei der Würdigungsrede über den Täufer, - <span class="pagenum"><a id="Page_104">[S. 104]</a></span> -wo die geheimnisvolle Andeutung fiel, waren sie ja nicht zugegen -gewesen. Ihnen muss er daher jetzt klar machen, dass der Enthauptete -der Elias war. An seinem Schicksal dürfen sie keinen -Anstoss nehmen, denn also war es bestimmt. Auch der, welcher -Menschensohn sein wird, muss viel leiden und verspottet werden. -So will es die Schrift.</p> - -<p>Das Reich, welches Jesus in unmittelbarer Nähe erwartete, -blieb aus. Für die evangelische Geschichtsüberlieferung war -diese <em class="gesperrt">erste</em> eschatologische Verzögerung insofern verhängnisvoll, -als nun alle Vorgänge um die Aussendung herum unverständlich -wurden, weil das Bewusstsein verloren ging, dass die intensivste -eschatologische Erwartung damals Jesus und seine Umgebung -beseelte. Darum ist gerade diese Zeit in den Berichten verwirrt -und dunkel, besonders da einzelne Vorgänge auch den damaligen -Teilnehmern rätselhaft blieben. So wurde in der Ueberlieferung -das Kultmahl am See zur »wunderbaren Speisung« in einem ganz -andern Sinn, als es Jesus gemeint hatte.</p> - -<p>Auch die Motive seines Verschwindens werden damit unverständlich. -Es scheint sich um eine »Flucht« zu handeln, während -andererseits die Berichte in keiner Weise andeuten, wie es -so weit gekommen. In der Einsicht in die beiden sich entsprechenden -Höhepunkte der eschatologischen Erwartung liegt der -Schlüssel zum historischen Verständnis des Lebens Jesu. <em class="gesperrt">Während -den jerusalemitischen Tagen kehrt wieder, was in -den Tagen zu Bethsaida schon einmal dagewesen.</em> Ohne -diese Annahme klafft zwischen der Aussendung und dem Zug -nach Jerusalem eine Lücke in der evangelischen Ueberlieferung. -Die Geschichtsschreibung sieht sich gezwungen, eine Periode des -galiläischen Niedergangs zu <em class="gesperrt">erfinden</em>, um den Zusammenhang -der berichteten Thatsachen herzustellen, als fehlte hier ein Stück -in unseren Evangelien. <em class="gesperrt">Das ist der schwache Punkt aller -»Leben Jesu«.</em></p> - -<p>Mit der Rückkehr in die Landschaft Genezareth entzieht sich -Jesus den Pharisäern und dem Volk, um mit seinen Jüngern allein -zu sein, wie es schon seit ihrer Rückkehr von der Missionswanderung -sein vergebliches Bestreben war. Es ist unumgänglich nötig, denn -er muss über zwei messianische Thatsachen ins Klare kommen.</p> - -<p><em class="gesperrt">Warum ist der Täufer von seiner Obrigkeit hingerichtet -worden, ehe die messianische Zeit angebrochen?</em></p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Page_105">[S. 105]</a></span></p> - -<p><em class="gesperrt">Warum bleibt das Reich aus, da doch die Anzeichen -seines Einbrechens da sind?</em></p> - -<p>In der Schrift geht ihm das Geheimnis auf: Gott führt das -Reich herauf <em class="gesperrt">ohne allgemeine Enddrangsal</em>. Derjenige, den -er zur Herrschaft in Herrlichkeit bestimmt hat, vollzieht sie an -sich, indem er als ein Uebelthäter gerichtet und verurteilt wird. -Dafür gehen die andern frei aus: er leistet die Sühne für sie. -Mögen sie immerhin glauben, Gott strafe ihn, mögen sie an dem, -welcher ihnen die Gerechtigkeit gepredigt, irre werden, — wenn -nach seinem Leiden die Herrlichkeit anbricht, dann werden sie -sehen, dass er für sie gelitten.</p> - -<p>So las Jesus im Propheten Jesaia, was Gott über ihn, den -Auserwählten, bestimmt hatte. Das Ende des Täufers zeigte ihm -an, in welcher Form ihm diese Verurteilung beschieden war: er -sollte von seiner Obrigkeit vor allem Volk als ein Missethäter -zu Tode gebracht werden. Dazu musste er hinaufziehen nach -Jerusalem für die Zeit, <em class="gesperrt">da ganz Israel sich dort versammelte</em>.</p> - -<p>Als daher die Zeit zur Osterreise kam, brach er mit seinen -Jüngern auf. Ehe sie von dannen zogen, fragte er sie, für wen -er bei den Leuten gelte. Sie wussten nur zu antworten, dass man -ihn für den Elias halte. Petrus aber, in der Erinnerung an die -Offenbarung auf dem Berg bei Bethsaida, sagt: du bist der -Gottessohn. Daraufhin thut ihnen Jesus sein Geheimnis kund. -Gewiss, er ist der, welcher als Menschensohn bei der Auferstehung -geoffenbart werden wird. Vorher aber ist ihm bestimmt, den -Hohenpriestern und Aeltesten zur Verurteilung und zum Tod überantwortet -zu werden. Gott will es also. Darum ziehen sie nach -Jerusalem.</p> - -<p>Petrus hält sich über diese neue Eröffnung auf, denn in der -Offenbarung auf dem Berg war nicht die Rede davon gewesen. -Er nimmt Jesum bei Seite und dringt heftig auf ihn ein. Darauf -wird er von ihm hart zurechtgewiesen, dass er menschliche Erwägungen -laut werden lässt, wo Gott redet.</p> - -<p>Diese Reise nach Jerusalem war der Todeszug zum Siege. -In dem Leidensgeheimnis lag das Geheimnis des Reiches Gottes -geborgen. Sie zogen hinter ihm her und wussten nur, dass er -nachher, wenn ihm also geschehen wäre, Messias sein würde. Es -bangte ihnen vor dem, was kommen sollte; sie verstanden nicht, -warum es also sein musste, und scheuten sich, ihn zu fragen. Vor - <span class="pagenum"><a id="Page_106">[S. 106]</a></span> -allem gingen aber ihre Gedanken auf den Zustand im nahen -Reich. Wenn er einmal Messias war, was würden dann sie sein? -das beschäftigte ihren Sinn und davon redeten sie untereinander. -Er aber wies sie zurecht und deutete ihnen an, warum er leiden -müsse. Nur durch Erniedrigung und dienende Dahingabe wird -man bereitet, im Gottesreich zu herrschen. Darum muss der, -welcher als Menschensohn die Herrschaft im Reich ausüben wird, -jetzt für die vielen mit seinem Leben in dienender Hingabe eine -Sühne leisten.</p> - -<p>Mit dem Betreten des jüdischen Gebiets beginnt die zweite -öffentliche Periode. Er ist wieder vom Volk umgeben. In Jericho -wartet die Menge auf ihn, um ihn beim Durchzug zu sehen. -Durch die Heilung eines blinden Bettlers, des Sohnes des Timäus, -erweist er sich ihnen als der grosse Vorläufer, für den man ihn -schon in Galiläa gehalten hatte. Die jubelnde Menge bereitet -ihm einen feierlichen Einzug. Als dem, welcher der Weissagung -zufolge vor dem Messias herkommt, singen sie ihm Hosianna. -Dem Reich aber, welches in Bälde erscheinen wird, gilt das -Hosianna in der Höh'. Damit ist wieder die Situation der grossen -Tage am Seestrand erreicht: Jesus wird von der reichsgläubigen -Menge umdrängt.</p> - -<p>Die Belehrung, welche die jerusalemitischen Gleichnisse enthalten, -bezieht sich auf die Nähe des Reiches. Es sind <em class="gesperrt">Warnrufe</em>, -die zugleich eine Drohung für die enthalten, welche sich -gegen die Kunde verstocken. Nicht die Frage: ist er der Messias? -ist er es nicht? bewegte die Geister, sondern: ist das Reich -so nah, wie er sagt, oder nicht?</p> - -<p>Die Pharisäer und Schriftgelehrten wussten nicht, welche -Stunde es geschlagen hatte. Sie zeigten eine gänzliche Unempfindlichkeit -für die Nähe des Reichs, denn sonst hätten sie -ihm nicht Fragen zur Beantwortung vorgelegt, die gerade durch -die vorgeschrittene Zeit gegenstandslos geworden waren. Was -kommt denn noch auf den Kaiserzins an? Was sollen die -spitzfindigen sadducäischen Argumente gegen die Möglichkeit -der Totenauferstehung? Bald ist ja mit dem Reichsanbruch -die <em class="gesperrt">irdische Herrschaft</em> gerade so gut wie die <em class="gesperrt">irdische -Menschennatur</em> abgethan!</p> - -<p>Ja, wenn sie die Zeichen der Zeit verständen! Er gibt ihnen -zwei Fragen auf, die sie zum Nachdenken bringen sollen, damit -sie es merken, dass sie in der Zeit eines grossen Geheimnisses - <span class="pagenum"><a id="Page_107">[S. 107]</a></span> -stehen, von dem sich ihre Schriftgelehrsamkeit nicht träumen -lässt.</p> - -<p><em class="gesperrt">In welcher Vollmacht wirkte der Täufer?</em> Wenn sie -es wüssten, dass er der Vorläufer war, wie es Jesus schon dem -Volk gegenüber geheimnisvoll angedeutet hatte, dann wüssten -sie auch, dass die Stunde des Reiches geschlagen hat.</p> - -<p><em class="gesperrt">Wie ist der Messias bald Davids Sohn, also unter -ihm, bald Davids Herr, also über ihm?</em> Wenn sie das -erklären könnten, dann verständen sie auch, dass der, welcher -niedrig und unerkannt auf das Reich Gottes hinwirkt, als Herr -und Messias geoffenbart werden wird.</p> - -<p>So aber ahnen sie nicht einmal, dass die messianischen Hinweise -<em class="gesperrt">Geheimnisse</em> bergen. Mit ihrer Gelehrsamkeit sind sie -blinde Blindenleiter, die das Volk, statt es für das Reich empfänglich -zu machen, verstocken und statt die neue Sittlichkeit, welche -zum Reich gerecht macht, aus dem Gesetz herauszulesen, in -kleinlicher Veräusserlichung ihr entgegenarbeiten und das Volk -mit sich ins Verderben ziehen. Darum: <em class="gesperrt">Wehe den Pharisäern -und Schriftgelehrten!</em></p> - -<p>Zwar auch unter ihnen gibt es noch solche, welche ein -offenes Auge behalten haben. Derjenige, welcher ihn nach dem -grossen Gebot gefragt hat und seiner Antwort zustimmt, der ist -»verständig« und deshalb »nicht fern vom Reich Gottes«, denn -er gehört dazu, wenn es erscheint.</p> - -<p>Die Masse aber der Pharisäer und Schriftgelehrten versteht -ihn so wenig, dass sie seinen Tod beschliessen. Auf Jesu Auftreten -hin brachten sie keine wirksame Anklage fertig. Ein respektloses -Wort über den Tempel: das war alles. <em class="gesperrt">Da verriet -ihnen Judas das Geheimnis.</em> Jetzt war er verurteilt.</p> - -<p>In der Nähe des Todes richtet sich Jesus zu derselben sieghaften -Grösse auf, wie in den Tagen am Seestrand: <em class="gesperrt">denn mit -dem Tod kommt das Reich.</em> Damals hatte er mit den Gläubigen -die Vorfeier des messianischen Mahles gehalten; so erhebt -er sich jetzt am Ende der letzten irdischen Mahlzeit und teilt den -Jüngern feierlich Speise und Trank aus, indem er sie mit erhobener -Stimme, nachdem der Becher zu ihm zurückgekehrt ist, darauf -hinweist, dass dieses das letzte irdische Mahl gewesen ist, weil -sie in Bälde zum Mahl in des Vaters Reich vereinigt sein -werden. Zwei entsprechende Gleichnisworte deuten das Leidensgeheimnis -an. Für ihn sind Brot und Wein, die er ihnen bei der - <span class="pagenum"><a id="Page_108">[S. 108]</a></span> -Vorfeier darreicht, sein Leib und sein Blut, weil er durch die Hingabe -in den Tod das messianische Mahl heraufführt. Das Gleichniswort -blieb den Jüngern dunkel. Es war auch nicht auf sie berechnet, -es sollte ihnen nichts verdeutlichen — <em class="gesperrt">denn es war -ein Geheimnisgleichnis</em>.</p> - -<p>Wie nach dem Abendmahl am See, sucht er auch jetzt, da -die grosse Stunde naht, die Einsamkeit auf, um zu beten. Er -trägt die Drangsal für die andern. Darum darf er den Jüngern -voraussagen, dass sie in der Nacht sich alle an ihm ärgern werden -— und er braucht sie nicht zu verdammen, denn die Schrift -hat es so bestimmt. Welch unendlicher Friede liegt in diesem -Wort! Ja, er tröstet sie: nach der Auferstehung will er sie um -sich sammeln und ihnen in messianischer Herrlichkeit vorausziehen -nach Galiläa, die Strasse zurück, auf welcher sie ihm im -Todesgang gefolgt sind.</p> - -<p>Noch steht es aber in Gottes Allmacht, die Drangsal auch -für ihn auszuschalten. Darum, wie er einst mit den Gläubigen -gebetet »und führe uns nicht in die Versuchung«, so bittet er -jetzt für sich, Gott in seiner Allmacht möge den Leidenskelch an -<em class="gesperrt">seinen</em> Lippen vorübergehen lassen. Zwar, wenn es Gottes Wille -ist, fühlt er sich stark genug, ihn zu trinken. Nur für die Intimen -bangt ihm. Die Zebedaiden haben sich vermessen, um die Thronplätze -zu erlangen, den Leidensbecher mit ihm zu trinken und -die Leidenstaufe mit ihm zu empfangen. Petrus verschwor sich, -bei ihm auszuhalten, auch wenn er mit ihm sterben müsste. Er -weiss nicht, wie Gott über sie bestimmt hat, ob er ihnen auferlegen -wird, was sie auf sich nehmen wollten. Darum heisst er -sie in seiner Nähe bleiben. Und während er Gott für sich anfleht, -gedenkt er ihrer und weckt sie zu zweien Malen, dass sie -wach bleiben und Gott anflehen, er möge sie nicht durch »die -Versuchung« hindurchführen.</p> - -<p>Beim drittenmal war die Schar mit dem Verräter nahe. -Die Stunde ist gekommen: darum richtet er sich in seiner -ganzen hoheitsvollen Grösse auf. Er ist allein, die Seinen -fliehen.</p> - -<p>Das Zeugenverhör ist nur ein Scheinverhör. Nachdem sie -abgetreten, stellt der Hohepriester unvermittelt die Frage wegen -der Messianität. »<em class="gesperrt">Ich bin's</em>«, sagt Jesus, <em class="gesperrt">indem er sie auf -die Stunde verweist, wo er als Menschensohn auf den -Wolken des Himmels, umgeben von den Engeln, erscheinen - <span class="pagenum"><a id="Page_109">[S. 109]</a></span> -wird.</em> Darum wurde er wegen Gotteslästerung zum -Tode verurteilt.</p> - -<p class="pmb3">Am 14. Nisan Nachmittags, da man abends das Passahlamm -ass, schrie er laut auf und verschied.</p> - - -<p class="break" /> -<hr class="chap" /> - -<h2 id="Nachwort">Nachwort.</h2> - - -<p>Die Urteile über diese realistische Darstellung des Lebens -Jesu können sehr verschieden sein, je nach dem dogmatischen, -historischen oder litterarischen Standort der Kritik. Nur den -<em class="gesperrt">Zweck</em> des Buches mögen sie nicht antasten: <em class="gesperrt">der modernen -Zeit und der modernen Dogmatik die Gestalt Jesu in -ihrer überwältigenden heroischen Grösse vor die Seele -zu führen.</em></p> - -<p>Das Heroische geht unserer Weltanschauung, unserem -Christentum und unserer Auffassung der Person Jesu ab. Darum -hat man ihn vermenschlicht und erniedrigt. <span class="smcap">Renan</span> hat ihn zur -sentimentalen Figur entweiht, feige Geister wie <span class="smcap">Schopenhauer</span> -wagten es, sich auf ihn zu berufen für ihre entnervende Weltanschauung, -und unsere Zeit hat ihn modernisiert, indem sie sein -Werden und seine Entwicklung psychologisch zu begreifen gedachte.</p> - -<p class="pmb3">Wir müssen dazu zurückkehren, das <em class="gesperrt">Heroische</em> in Jesu -wieder zu empfinden, wir müssen vor dieser geheimnisvollen Persönlichkeit, -die in der Form ihrer Zeit weiss, dass sie auf Grund -ihres Wirkens und Sterbens eine sittliche Welt schafft, <em class="gesperrt">welche -ihren Namen trägt</em>, in den Staub gezwungen werden, ohne es -auch nur zu wagen, ihr Wesen verstehen zu wollen: <em class="gesperrt">dann erst -kann das Heroische in unserem Christentum und in -unserer Weltanschauung wieder lebendig werden</em>.</p> - - -<div class="break" /> -<p class="pmb3" /> - -<div class="transnote"> -<b>Notizen des Bearbeiters:</b><br /> -Die Schreibweise des Originals wurde unverändert übernommen.<br /> -Heute unübliche Schreibweisen wurden beibehalten.</div> - -<p class="pmb3" /> - - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das Abendmahl im Zusammenhang mit dem -Leben Jesu und der Geschichte des Urchristentums, by Albert Schweitzer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS ABENDMAHL IM ZUSAMMENHANG *** - -***** This file should be named 50901-h.htm or 50901-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/9/0/50901/ - -Produced by Jana Srna, Matthias Grammel, Michael Waddell -and the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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