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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Ferien an der Adria - Bilder aus Süd-Österreich - -Author: Jakob Christoph Heer - -Release Date: January 10, 2016 [EBook #50888] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN AN DER ADRIA *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Ferien an der Adria - - Bilder aus Süd-Österreich - - von - - J. C. Heer - - 4.--8. Tausend - - Frauenfeld und Leipzig 1918 - Verlag von Huber & Co. - - - - -Den Einband zeichnete Otto Baumberger, Zürich - -~Copyright 1918 by Huber & Co., Frauenfeld~ - -Druck von Huber & Co. in Frauenfeld - - - - -Vorwort zur dritten Auflage - - -1887--1917. Dreißig Jahre sind es her, seit ich als junger Mann die -»Ferien an der Adria«, mein erstes Buch schrieb. Dem Werklein war -ein stiller Lebenslauf beschieden; denn die Landschaften, von denen -es handelt, lagen nicht an den großen Straßen der Welt, etwa Triest -ausgenommen. Zwanzig Jahre waren notwendig, daß sich die erste Auflage -erledigte, und als ich 1907 die zweite zeichnete, war ich überzeugt, -daß es zugleich die letzte sein und das Werklein der Jugend in den -Schoß milder Vergessenheit fallen würde. Das wäre der natürliche -Verlauf eines Buchschicksals gewesen, das nie auf große Wirksamkeit -angelegt war. - -Nun haben es die Zeiten anders entschieden, und furchtbar schwere -Träume, die schon in den achtziger Jahren über den schweigenden Fluren -des Friauls lagen, haben sich erfüllt, das nur halblaute Flüsterwort -der Bevölkerung: »Um unsere Dörfer und Städte, um unsere Felder und -unser Meer wird zwischen Italien und Oesterreich noch einmal ein -entsetzlicher Krieg geführt werden.« Wie ein Alpdruck lag schon damals -die Furcht davor über jedermann. - -Nun haben sich die alten bösen Ahnungen erfüllt, und schauderhaft ist -der Krieg während drei Jahren über das blaue Band des Isonzo hin und -her gestampft, Ebene wie Berge jener Gegenden haben unermeßlich das -Blut der kämpfenden Hunderttausende getrunken. Wo ist die Lieblichkeit -von Görz, der Friede der Lagunen, der düsterschwere Schönheitstraum von -Duino? So weit die Berichte zu uns in die Schweiz dringen, überall nur -Trümmer. - -Wir Schriftsteller haben wahrlich keinen Anlaß, dem Krieg ein Loblied -zu singen. Nicht einmal wir Neutralen. ~Inter bellum musae silent.~ -Wie viele schöne Arbeitsstunden blieben unter dem Druck des großen -Völkerkrieges unfruchtbar; wie manche Werke müssen ungedruckt im -Pult liegen! Die furchtbaren Ereignisse aber, die sich im Friaul -abspielten, haben da und dort noch einmal die Neugier derer, die dem -italienisch-österreichischen Krieg mit Spannung folgen, auf meine -halbvergessenen Schilderungen »Ferien an der Adria« gelenkt. So -können sie im Gegensatz zu manchem Buch, dem der Krieg den Lebenslauf -bedenklich schmälert, noch einmal in neuer Auflage erscheinen, was mich -für meinen Erstling immerhin erfreut. - -Ein Geständnis aber an die Leser. Das Buch erscheint genau, wie es vor -dreißig Jahren geschrieben worden ist, obgleich auch im Küstenland -die Zeit nicht ohne Entwicklung vorübergegangen ist; namentlich hat -sich ja inzwischen Triest wundervoll entfaltet und verdiente ein neues -Kapitel der Schilderung. Es fehlen mir aber für dieses die Unterlagen -eines neuern Besuches an der Adria, und jetzt im Krieg läßt sich ein -solcher doch nicht leicht nachholen. Von Triest aber abgesehen dürften -die Schilderungen im wesentlichen noch stimmen, das Landschaftliche -voran. Dazu trage ich ein weiteres Bedenken gegen eine Umarbeitung -des Werkleins. Wenn es auch keine hohen literarischen Ansprüche -erhebt, so ist es doch aus empfänglichster jugendlicher Wanderstimmung -geschrieben, die ich nach so viel Jahren nicht mit dem Stil des -Alternden durchbrechen mag; mir ist, ein Jugendwerk ehrt man am besten, -indem man es bestehen läßt, wie es ist. Damit mögen sich auch die Leser -zufrieden geben. - -Die neue Auflage aber kann ich nicht einleiten, ohne dem Volk der darin -geschilderten Gegenden mein herzliches Mitleid auszusprechen mit den -furchtbaren Erlebnissen, die es selber erfahren hat oder deren Zeuge -es gewesen ist. Möge dies- und jenseits des blauen Isonzo nach dem -Schrecken der Schlachten bald wieder die gesegnete Stille einkehren, in -der das Leben des Volkes am besten gedeiht, mögen die Wunden harschen, -die Dörfer und Städte in neuer Blüte auferstehen und die Wellen der -Adria wieder ein Land küssen, das sich nach Jahren tiefster Prüfung -des süßen Friedens erfreut. Friede den Völkern -- das ist mir mehr -Herzenssache, als daß dieses Büchlein aus Kriegsgründen noch einmal -flüchtige Tagesbedeutung gewinnt. - - Weihnacht 1917. - - J. C. Heer. - - - - -Inhaltsübersicht - - -Seite - - Im Friaul 1 - - Venedig. -- Abendfahrt. -- Monfalcone. -- Meer und - Tiefland. -- Ein Garten. -- Die Piazza grande. -- - Der Markt. -- Leben und Lieben. -- Nord und Süd. -- - Ein Original. -- Sein Hausregiment. -- Der Maler. - -- Die Volksschule. -- Am Hafen. -- Die Fischer. -- - Ein Strandgebiet. -- Die Malaria. -- Die Campagnen. - -- Der Isonzo. -- Die bäuerliche Wirtschaft. -- - Furlanische Dörfer. -- Italiener und Slovenen. - -- Die Karstlandschaft. -- Eine Taubenhöhle. -- - Verlorene Wasser. - - Österreichisch Nizza 27 - - Eine Wagenfahrt. -- Görz. -- Völker und Sprachen. - -- Ein mittelalterliches Idyll. -- Industrie. -- - Die Villen. -- Der Kurort. -- Ein Ausflug. -- - Der Monte Santo. -- Wallfahrer. -- Lienhard und - Gertrud. -- Aussicht. -- Bohnen in den Schuhen. -- - Am Isonzo. -- In der Ebene. -- Gradiska. -- Ein - Plan. - - Aquileja 45 - - Die Gründung. -- Die Blüte. -- Leben und Treiben. - -- Der Untergang. -- Alte Lebensfasern. -- - Fundgegenstände. -- Ein Stall. -- Das moderne - Aquileja. -- Rückblick. -- Die ungetreuen - Frauen. -- Die Erbin. -- Eine Auferstehung. -- - Der Pozzo d'oro. -- Ein Wirrsal. -- Signore - Moschettini. -- Das Museum. -- Skulpturen. -- - Grabsteine. -- Anticaglien. -- Neujahrslampen. - -- Ziegelinschriften. -- Der Campanile. -- Die - Patriarchen. -- Der Dom. -- Die Krypta. -- Ein - urchristliches Taufbecken. -- Die Aussicht. - - Lagune von Grado 73 - - Die Düne. -- Ebbe und Flut. -- Lagunenfahrt. - -- Säkuläre Senkungen. -- Schöne Pläne. -- - Gradonesische Fischer. -- Indolenz. -- Ein Asyl. -- - Das Städtchen Grado. -- Badeleben. -- Inselgrün. -- - Die steigende Flut. -- Südliche Nacht. - - Im Frühling von Miramare 87 - - Ein Badeort im Sumpfe. -- Der kürzeste Strom - Europas. -- Naturrätsel. -- »Es stand in alten - Zeiten ...« -- Duino. -- Meerbilder. -- Die - Dolinen. -- Slavische Dörfer. -- An der Küste. -- - Die Gärten von Miramare. -- Erzherzog Max. -- Das - Trauerspiel von Mexiko. -- Der Kaiser. -- Charlotte - von Belgien. -- Das Ende. -- Ein Gang durchs - Schloß. -- Auf der Balustrade. -- Ave Maria. - - Triest 106 - - An den Quais. -- Der Hafen. -- Der Leuchtturm. - -- Ausblick. -- Schiffer und Arbeiter. -- Der - Fischmarkt. -- Meerspinnen und Muscheln. -- Die - Stadt. -- Denkmäler. -- Die Einwohnerschaft. -- - Gegensätze. -- Antikes. -- Winckelmann. -- Beim - Antiquar. -- Das Arsenal. -- Der Schiffsbau. -- - Seeleute. -- Ein Maschinist. - - Die Küste von Istrien 125 - - Meerfahrt. -- Capo d'Istria. -- Pirano. -- Das - Volksleben. -- Schöne Frauen. -- Die Salzgärten. -- - Die Punta Salvore. -- Spielende Delphine. -- Der - Name Istrien. -- Der kleine Antiquar. -- Parenzo. - -- Eine Schweiz im Wasser. -- Felsen und Riffe. -- - Rovigno. -- Schiffersagen. -- Die Bucht von Pola. - - Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn 143 - - Das Seearsenal. -- Schiffsmodelle. -- Trophäen und - Standarten. -- Die Magazine. -- Die Riesen des - Alpenwaldes. -- Werften und Docks. -- Das Stadtbild - von Pola. -- Chidher, der ewig junge. -- Römische - Denkmäler. -- Die Arena. -- Eine Überraschung. - -- Arme Leutchen. -- Im Mondschein. -- Aus der - Schenke. -- Ein Nachtspaziergang. -- Sonnenaufgang. - -- ~La poveretta.~ -- Der Scirocco. -- ~Mal di - mare.~ - - Der Karst und die Grotte von Adelsberg 163 - - Osterfahrt. -- Die Karstgewässer. -- Äcker und - Weiden. -- Die Bora. -- Der Wald. -- Aufforstungen. - -- Adelsberg. -- Am Grottentor. -- Die Grotte. - -- Der große Dom. -- Der Höhlenfluß. -- Die - Geschichte der Grotte. -- Die Tropfsteinbildungen. - -- Der Tartarus. -- Geheimnisvolle Bildwerke. -- - Festliches Leben. -- Unerforschte Gänge. -- Zum - Kalvarienberg. -- An die Sonne. - - - - -[Illustration] - -Im Friaul. - - -Als der Schnee schon in die Berge zurückgewichen war, Lenzsonnenschein -auf den Höhen, junge Wanderlust im Herzen lag, da brachte mir eine -Briefschwalbe aus dem Süden unerwartete Botschaft: eine herzliche -Einladung meines Onkel -- Direktor Johannes Heers in Monfalcone -- zu -einem längeren Aufenthalte am Golfe von Triest. - -Ich las das freundliche Schreiben und jenes stille Heimweh nach -dem sonnigen Süden, das Goethe mit seinen Mignon-Liedern uns -Nordlandssöhnen nun einmal in die Brust gedichtet hat, brach durch; die -schöne Süderde stand verführerisch vor meiner Seele: »Du hast Ferien, -Junge, du hast etwas Kleingeld, du hast vor Jahren eine italienische -Schulgrammatik durchgearbeitet, es fehlt dir nicht an Wandermut, -geh und sieh dir den Garten unter den südlichen Alpenkämmen, die -lombardischen Städte, die Meerkönigin, das wundersame Venedig, an und -halte dann Wanderrast in Monfalcone, der kleinen Stadt am Golfrund von -Triest.« - -Vierzehn Tage später flog ich durch den Gotthardtunnel. In Lugano und -auf seinem herrlichen See bot ich im Geist Willkomm dem Lande ewigen -Lenzes und sonniger Kunst, dem Land dunkler Weine und dunkler Frauen; -in Lecco, wo die »~Promessi sposi~« in Liebesträumen gewandelt, fing -ich an zu wandern die Kreuz und die Quer; in Verona ließ ich mir den -Palast der Capulet und hinter einem Krautgarten das legendäre Grabmal -Juliens zeigen, und vierzehn Tage nach meiner Abreise stand ich auf dem -Markusplatz zu Venedig. - -»~La mia bella Venezia!~« Es war am dritten Tag meines dortigen -Aufenthaltes, das schöne Venedig hatte mich gewaltig reisemüde gemacht, -und ein feiner, trostloser Regen rieselte in die Lagune; da war mir die -märchenschöne Stadt in tiefster Seele verleidet. Wenn man sie im Glanz -des vollen Mondes gesehen hat, gibt's nichts Traurigeres, als Venedig -bei Regenwetter; es ist dann wirklich nichts mehr als die Totenstadt -der erschlagenen Republik. - -Ich atmete auf, als der Nachmittagszug Venedig-Triest die lange Brücke -gegen Mestre hinüberdonnerte; ich hatte sogar nicht viel dagegen, daß -in Treviso eine italienische Arbeiterkolonie, die hinaus nach Graz oder -Wien wollte, lärmend und singend den Rest der Plätze besetzte und mich -mit ihren Reisesäcken einpferchte. Der Regen floß in Strömen auf die im -ersten, zarten Laubkleid prangende Tiefebene des östlichen Venetiens. - -Als wir ein paar Stunden gefahren, hielt der Zug plötzlich im freien -Feld still; der Lärm der Italiener wurde noch größer; so viele Köpfe -als unter den Wagenfenstern Platz hatten, reckten sich in den Regen -hinaus. »~Addio, carissima patria, addio, addio!~« schrien die braunen -Männer, schwenkten ihre roten Sacktücher, und ein blutjunger Bursche, -der zum erstenmal von Vater und Mutter gegangen, zerdrückte eine Träne -im Auge. - -Wir standen auf der Brücke des Judrio, auf der diesseitigen Grenztafel -war das italienische Kreuz, auf der jenseitigen der österreichische -Doppeladler. - -Eine Minute Halt, als Reverenz gegen die habsburgische Monarchie -- die -Lokomotive schrillte, und ein Weilchen später waren wir in Cormons. -Wagenwechsel -- Gepäckrevision -- dann sank melancholisch die Nacht -herein; die Italiener wurden stiller und stiller; der Zug brauste die -öden Hügellehnen, welche die julischen Alpen als Brustwehr gegen die -Tiefebene hinausstellen, entlang und donnerte über die Isonzobrücke, -während bergeinwärts ein Lichtfunkeln im Tal die Lage der Stadt Görz -verriet. - -Der Schaffner schrie sein schnarrendes »Gorizia« -- dann -»Rubbia-Savogna -- Zagrado -- Ronchi« und endlich -- meine Ungeduld war -aufs höchste gestiegen -- »Monfalcone«! - -Als ich ausstieg, schloß mich ein hochgewachsener Mann mit einem großen -schwarzen Bart in seine Arme. Das war mein Onkel, und die vier Kinder, -die sich an mich drängten, sein blühender Nachwuchs. - -Das Direktionshaus der erst vor wenigen Jahren gegründeten großen -Baumwollspinnerei im Osten des Städtchens war mir nun während drei -Monaten freundliches Asyl, wo ich herzliche Gastfreundschaft genoß. - -Ich war frei und von jeher kein Stubenmensch; ich suchte von Land und -Volk so viel zu erfassen, als in der kurzen Frist möglich war. Hier -die Eindrücke, mit denen mich das sonnige Meer, das üppige Tiefland, -die grottendurchwühlten Berge, das italienische Volksleben, die mehr -als zweitausendjährige Geschichte des österreichischen Südens gefesselt -haben. - - * * * * * - -»Du kleine Stadt, du weites Land, du blinkendes Meer, grüß euch Gott. -Hier ist gute Wanderrast!« - -Als ich's rief -- oder vielmehr war's nur ein halblauter Gedanke --- stand ich auf einem jener steinigen Hügelrücken, welche vom -innersten Winkel der Adria bis nach Görz und noch ein Stück weiter -die nordadriatische Tiefebene begleiten. Ein klarer, wundervoller -Morgen, wie ich während meines Aufenthaltes im Küstenland noch manchen, -aber keinen schönern erlebt, lag über der regennassen Erde, die im -Sonnenschein lächelte, wie ein Kind, dem noch die Tränen an den Wangen -perlen. - -Mir zu Füßen lag, von West nach Ost, die kleine Stadt, und von dem -großen, viereckigen Platz in ihrer Mitte tönte der Lärm des südlichen -Marktes; allein nicht Stadt, nicht Markt fesselten mich; mein erster -Blick war gebannt von jenem lieblichen Stück des »alten, heil'gen, -ew'gen Meers«, welches bis gegen das Städtchen hin vordringt. - -Das ist der Golf von Monfalcone, der innerste Busen der Adria. An -seiner felsenstarrenden Ostküste stehen die herrlichen Schlösser Duino -und Miramare, weiter nach Süden, wo sich der Golf zur offenen See -ausweitet, schimmert Triest an grünen Uferhügeln, und die dunkeln -Küsten Istriens grüßen mit ihren blinkenden Hafenpunkten meerherüber. - -Dem Zauber des Meeres entzieht sich kein Sohn des Binnenlandes; denn -es liegt etwas unendlich Träumerisches, Auflösendes im Anblick seiner -ruhsamen, azurenen Flut, und immer wieder kehrt der Blick zu seinem -sonnigverklärten Blau zurück. - -Allein kaum weniger mächtig reizte mich gebirgsgewohnten Mann die -Ausschau auf die im Süden und Südosten sich unübersehbar dehnende, -von keiner Erdwelle durchsetzte Ebene des untern Friauls, aus deren -frühlingszartem Grün, wohin ich blickte, graziöse Kirchtürme gegen -den tiefblauen Südhimmel aufstiegen. Am Horizonte dämmerte, zugleich -Grabmonument einer der größten Römerstädte und weithin sichtbares -Wahrzeichen des Friauls, der Campanile von Aquileja, der acht -Jahrhunderte kommen und gehen sah. - -Meer und Tiefland sind schön durch ihre ahnungsvolle, träumerische -Einförmigkeit; doch ebenso schön sind die Berge. In den wilden Häuptern -der Alpen ist nichts Gleichartiges, da liegt in jeder Falte, in jeder -Linie ein origineller Gedanke, wie ihn die geniale Natur gefaßt und zu -Stein verhärtet hat. - -Die julischen Alpen sind zwar keine Schweizerberge, dafür fehlen ihnen -die ewigen Firnen und die donnernden Gletscher, doch tragen sie bis -weit in den Sommer hinein den Hermelin des Winters; sie stehen über -den Hügeln des Karsts und den Fichtenwäldern des Tarnovanerwalds als -achtungfordernde Pioniere nordischer Herrlichkeit und sind ein Schmuck -der nördlichen Adria, gegen welchen die Südgestade dieses Meeres nichts -zu vergleichen haben. - -Auf der höchsten Erhebung des Karstrückens, den ich erklommen, steht -eine Ruine, ein runder Turm auf einem breitern, runden Grundbau. Das -ist die Rocca von Monfalcone, die älteste Burg des Küstenlandes. -Die Geschichte kennt nicht Ursprung, nicht Schicksal; die dichtende -Sage aber verknüpft ihren Namen mit demjenigen Theodorichs, des -Ostgotenkönigs. Ich kletterte über die äußere Mauerbrüstung und -durchstöberte das einzige Gelaß der Burg; allein im Halbdunkel war -außer vielem Schutt und einigen morschen Knochen nichts zu entdecken. - -Das war mein erster Spaziergang in Monfalcone, und nachmals bin ich -noch oft auf die Höhe gewandert, um auszuschauen in die sonnigen -Weiten; doch mein Lieblingsplätzchen wurde ein in der Nähe unseres -Wohnhauses an den Hügel sich lehnender Garten, der früher einem Grafen -Asquini gehörte, jetzt aber vernachlässigt ist. Da blühen ungehegt und -ungepflegt Mandel- und Olivenbaum; Weinreben und Rosen ranken sich um -die Stämme breitschirmiger Pinien, und im ungehindert wuchernden Grün -stehen feierliche Zypressen. Mitten in die Romantik dieser Wildnis, -in ein blühendes Lorbeerwäldchen, ließ ich mir ein Tischchen setzen. -Da las ich in den Morgenstunden meinen Goethe, und er liest sich noch -einmal so schön in dem ihm geistig heimischen Land. - -Manch eine Frucht seiner tiefen, geläuterten Lebensanschauung, um die -ich im Norden vergebens rang, senkte sich unter dem grünen Laubdach -leicht und zwangslos in die Seele. - -Dann wanderte ich hinunter in die Stadt, von der ich gerne viel Schönes -und Interessantes schreiben würde; doch ist Monfalcone nicht anders als -irgend eine italienische Kleinstadt der Lombardei oder der Toskana. -Vor mancher andern zeichnet sie sich durch eine gewisse Reinlichkeit -vorteilhaft aus, obwohl sich noch italienischer Absonderlichkeiten -genug vor den Blick des Fremden drängen. - -Die alten römischen Städte hatten ihr Forum, die neuen italienischen, -auch die kleinsten, wollen nicht ohne ihre »Piazza grande« sein. Auf -derjenigen von Monfalcone steht, vielleicht in Nachahmung der drei -Mastbäume auf dem Markusplatz zu Venedig, eine hohe Stange mit dem -Wappentier der Stadt, dem Falken, auf der Spitze. - -Es erinnert daran, daß die Burg, jene verwitterte Rocca, im -Mittelalter, als von der Longobardenzeit her noch ein deutscher -Adel über die Gegend herrschte, die »Falkenburg« hieß. Ihren -ins Italienische übersetzten Namen hat dann mit dem Emporkommen -italienischer Volkselemente das Städtchen selber angenommen, während -sein ursprünglicher deutscher -- Neuenmarkt -- in Vergessenheit geriet. - -Einige Gebäude unter dem Häuserviereck, welches die Piazza grande -umschließt, sehen recht gedeihlich aus. Der schönste Schmuck des -Platzes indes ist das in schlichtem Tempelstil gehaltene Stadthaus mit -einem daran stoßenden kleinen Park. - -Das Kasino im Erdgeschoß des Gebäudes und die Vortreppe desselben -bilden den Sammelort der vornehmen Welt von Monfalcone, doch beschränkt -sich diese auf einige reiche Grundbesitzer, einige Rittmeister außer -Diensten, einige Handelsleute und ein paar kleine Rentiers. - -Auf der Piazza entfaltete sich in den Morgenstunden ein lebhafter -Markt, besonders stellen sich die Karstbauern mit ihren Fuhren von -Wurzelwerk und Staudenholz ein; denn der Holzbedarf einer furlanischen -Städterfamilie wird entweder täglich oder wöchentlich, selten aber -durch große Einkäufe gedeckt. Der Mangel an diesem so unentbehrlichen -Feuerungsmaterial ist fühlbar, die Qualität des Holzes sehr gering, -da es fast ausnahmslos aus zehn- oder zwanzigjährigem Niederwald -stammt. Längs des Stadthausparkes sind die Stände des Fischmarktes; -doch kommen in Monfalcone selber nur die geringsten Sorten der -Seeflosser, am häufigsten der Tintenfisch und der Aal, zum Verkauf; die -schmackhafteren wandern fast alle auf binnenländische Märkte, besonders -nach Wien. - -Östlich von der Piazza liegt der Kern des Städtchens, ein -Viereck älterer Gebäude. Aus der Mitte steigt der Campanile der -Parochialkirche, ein zierlicher Bau, dessen achteckiger Helm von acht -Säulen getragen wird. Vier schöne Glocken schimmern zwischen denselben -durch. - -Ich war entzückt, als ich das reine volle Geläute zum erstenmal hörte, -allein es hat den Fehler eines Plauderers: man hört es zu viel; -es ist keine Stunde in der Morgenfrühe, keine im Tag und keine am -Spätabend, wo nicht Glockenklänge über das Städtchen hallen. Dazu -hat der Italiener eine bewundernswerte Virtuosität, Mannigfaltigkeit -in die Tonregister des Geläutes zu bringen, eine Virtuosität, die in -abgebrochenen kurzen Klängen und in wimmerndem Gebimmel das Höchste -leistet. - -Nur in der Charwoche, wenn die katholische Christenheit auch den -Bilderschmuck ihrer Kirchen mit Tüchern verhängt, blieben, ein hübsches -Sinnbild der Trauer, die Glocken stumm. Selbst der Stundenschlag hörte -auf; aber an seine Stelle trat das weithin tönende Geklapper einer im -Glockenhaus aufgestellten Maschine, das von der mit Handklappern durch -das Städtchen schwärmenden Jugend verstärkt wurde. - -Am Ostende des die Kirche umschließenden Quartiers ist eine schöne -Kastanienallee, die von der Zeit an, wo sie in der Pracht ihrer -rötlichen Blütenkandelaber steht, bis in die letzten Tage des Herbstes, -wo der Borasturm sie entblättert, den Lieblingsaufenthalt der -Monfalconeser bildet. - -Hier oder im Park des Stadthauses hat der Fremde am ehesten -Gelegenheit, das Leben und Lieben dieses Völkleins zu beobachten, und -nie mehr als an einem Sonntagnachmittag, wenn leichte, lose Musik die -Jugend zum Tanz unter die Baumkronen lockt, denn kein Bursche, kein -Mädchen widersteht den Klängen. - -Wenn sich das italienische Barfüßele des Werktages sonntäglich -schmückt, wenn es Haar und Büste mit Knospen und Blüten ziert, wenn -es, das Köpfchen an die braune Brust des Burschen geschmiegt, wild und -wilder durch die Reihen fliegt, die schwarzen Augen glühen, die Wangen -gerötet sind, die Leidenschaft durch alle Bewegungen und Züge rinnt, -dann liegt wirklich etwas exzentrisch Schönes in diesen südlichen -Gestalten. - -Da kann man allerdings ein keckeres Kosen sehen als draußen im kühlen -Nord, und manch ein braunes, glutäugiges Kind, das im Begriffe steht, -eine Jungfrau zu werden, reift hier unter den sengenden Blicken seines -Burschen rascher aus, als ihm vielleicht gut ist. Der Süden, der der -Natur einen so kurzen Lenz zumißt, er gönnt auch dem Menschenkind -keinen langen Lebensmai, und wenn das nordische Mädchen in seiner -schönsten Blüte steht, ist diejenige des südlichen schon dahin. - -Auf der Nordseite der viereckigen Häuseranlage zieht sich die Straße, -die von Triest nach Venedig führt, durch das Städtchen. - -Denke ich an diese Gasse, dann kommt mir die Erinnerung an einen -liebenswürdigen und originellen Menschen, an den Signore Battistic. Ich -habe in seinem Atelier zu manche Stunde verplaudert, als daß ich den -würdigen Postwirt von Monfalcone totschweigen wollte. - -Er ist der berühmteste unter den Bewohnern des Orts, und sein Gasthof -hat einen Ruf, der genau soweit reicht wie derjenige seines Städtchens. -Nennt man einem Triestiner Monfalcone, so denkt er sicherlich nicht an -die Stadt, er denkt an die Küche des Herrn Battistic, an die Schnepfen, -an die Branzins, an die Austern, an die Spargeln, die man nirgends so -gut bekommt, wie auf der Post zu Monfalcone. - -Ich habe zwar mehr die andern guten Eigenschaften des Herrn -Battistic als diejenigen des Hoteliers kennen und schätzen gelernt. -Er geht nämlich im Ruhm seines Gasthofes nicht auf, sondern ist -der erste Naturforscher und der erste Nimrod der Gegend, er ist -Antiquitätenhändler, Briefmarkensammler, ein Universalgenie; sein -höchster Stolz aber ist die Kunst: er ist ein Meister des Pinsels und -der Palette. - -Er mag jetzt seine vierzig Jahre haben und in seinen jüngern Zeiten -war er zweifellos ein sehr hübscher Mann, denn er ist jetzt noch nicht -häßlich, obwohl er sich eines gewissen Embonpoints erfreut. Noch flutet -eine Fülle von Künstlerlocken in seinen Nacken, und die kleinen, klugen -Augen sprühen zuweilen noch die Glut des verliebten Italieners. - -Man kann einen Embonpoint tragen und eine Vielseitigkeit des Geistes -entwickeln, wie Herr Battistic, und dabei doch ein armer Teufel sein. -Er war's. Wurde am Morgen für ein Gesellschäftchen aus Triest ein -Abendessen bestellt, dann war mein Freund in Verzweiflung, kein Geld, -kein Kredit und keine Ware. Er war nicht mehr zu sprechen, er irrte in -seinen Schlappschuhen durch die Gemächer, er irrte durch die Stadt, -verwünschte seine beschränkten Verhältnisse und raufte sich das dunkle -Haar. - -Jedesmal wurde das Wunder neu. Wenn die Gäste kamen, war ein Essen -da, wie man es nur auf der Post zu Monfalcone bekommt. Herr Battistic -glänzte vor Vergnügen, sprach geistreich, und keiner seiner Gäste -lernte ihn anders denn als einen Gentleman kennen. War man aber -vertrauter, so machte er aus seinen bedenklichen Umständen kein Hehl. - -»Aber sagen Sie mir, wie kamen Sie denn in eine solche Lage, Sie, der -kluge, lebenserfahrene Mann?« fragte ich ihn einmal. - -»Das kommt von meinem Hausregiment«, sagte er, »das kommt davon, daß -meine Köchin und meine Kellnerin die größten Schelme sind auf der -Welt. Brauch' ich im Tag einen Liter in der Wirtschaft, so trinken -die beiden heimlich drei; bleibt von einer Mahlzeit ein Rest, den ich -wieder verwenden könnte, so ist er fort, ehe ich danach sehen kann, und -frage ich, wohin die Dinge gekommen seien, so antworten die beiden aus -+einem+ Mund: »Wir wissen es nicht, wir sind ganz unschuldig, Patron.« -Zuweilen erwische ich sie aber doch.« - -»Wie so denn?« - -»Nun, bald so, bald so. Ich habe schon eine Purgaz in den Wein getan. -Sie können sich nicht vorstellen, was das für ein Rennen gab; aber -bekannt haben die Weiber nicht. Ich habe auch einmal Hundsexkremente -auf einen Teller gelegt und überzuckert; da haben sie, nachdem sie es -zum Munde geführt, schrecklich gespien; aber gebessert haben sie sich -nicht.« - -»Dann entlassen Sie die Unverbesserlichen.« - -»Ich kann nicht. Die Köchin ist die beste Stütze des Geschäftes, an -die andere bin ich mich auch gewöhnt, und Wechseln würde doch nur den -Tausch eines Schelmes mit einem Dieb bedeuten -- mein Gott, hätte ich -nur 2000 Gulden, in zwei Jahren wäre ich Rentier.« Herr Battistic -wußte Dutzende von Gelegenheitskäufen in Smyrna, in Bombay, ein großer -Spekulant ist an ihm verloren gegangen. - -Allein die Malerei hilft ihm über die Misere des Lebens weg. Er malt -in einer Art von Loggia, aus der man in den Hof seines Hauses sieht. -Eine wirre Sammlung von Muscheln, ausgestopften Vögeln, selbstgemalten -Bildern und aus Büchern ausgeschnittenen Holzstichen bringt die nötige -Stimmung in sein Arbeiten. Steht er an der Staffelei, so hüllt er -seine Gestalt in einen Schleier von Zigarrenrauch, aus dem das sonnige -Gesicht des Künstlers in sanfter Verklärung strahlt, und so entstehen -unter seinem Pinsel Strandlandschaften, Meerbilder, Jäger, Fischer, -Netze und Wild. - -Mit diesem Künstler, und jovialen Gesellschafter, von dessen -Naturerkenntnis und Jägererfahrung man, so oft er erzählte, das -Sprichwort »~Se non è vero, è ben trovato~« anwenden mußte, bin ich -immer gern einen Weg gewandert; er hat mir auch einen wesentlichen -Dienst geleistet, eine kleine Sammlung von Muscheln und Krebstieren der -nördlichen Adria hübsch präpariert. - -Hier muß ich auch noch eines andern lieben Mannes gedenken, des Herrn -Primosciz, Schulleiter in Monfalcone, der mich eben so sehr durch seine -Herzensgüte als durch seinen aufgeschlossenen Natursinn sympathisch an -sich gefesselt hat. - -Dort, fast dem Gasthof zur Post gegenüber, steht das Schulhaus, in -dem er mit fünf andern Kollegen wirkt. Es ist ein enger, abstoßender -Bau und furchtbar mit Schülern überfüllt; allein es ist Hoffnung -vorhanden, daß die Stadt in einigen Jahren ein würdiges Heim für die -heranwachsende Jugend baut. - -Sonst bildet das Schulwesen ein trübes Blatt im furlanischen Volkstum. -Es fehlt nicht immer an gebildeten Lehrern und in den Schulen nicht -an guten, allgemeinen Lehrmitteln, für den Anschauungsunterricht sind -sogar vorzügliche und reiche Bilder da, auch die Bücher der Jungen -sind nicht ungeschickt abgefaßt, doch vielleicht etwas zu hoch; aber -es fehlt die Hauptsache: Die Schule hat im Volk keine Wurzeln, man -betrachtet sie als eine von der Regierung aufgebürdete Last, und das -Obligatorium derselben wird durchbrochen, wo immer es geht. Nicht nur -einmal sind mir draußen in den Pächterhütten der Campagna zehn- und -elfjährige Rangen begegnet, die noch über keine Schulschwelle getreten -waren. - -Herr Primosciz und ich, wir sind häufig miteinander gewandert hinab -ans Meer, hinaus in die Campagna, hinein ins Gebirg -- und manch -ein Merkwürdiges, das ich dort gesehen, habe ich seiner Führung zu -verdanken. - -Ein Lieblingsziel war mir stets der Porto Rosega, der Hafen von -Monfalcone. Man spaziert in einer halben Stunde dorthin, und so oft man -kommt, sieht man etwas Neues. - -Der Hafen selber ist zwar nur ein ins Land einschneidender Kanal von -etlichen Metern Breite. Nichtsdestoweniger gehört er zu den besten der -adriatischen Nordküste. - -Und welch einen herrlichen Blick hat man, wenn man auf der äußersten -Spitze seines Molo steht. Man sieht ein Golfoval, das zu den -schönsten Stellen des Mittelmeeres gerechnet wird. Man hat den steilen -Küstensturz von Duino und darüber die uralte gewaltige Veste selbst, wo -die deutschen Kaiser auf ihren Italienfahrten gerastet, wo der Geist -Dantes umgeht, man hat gerade vor sich Miramare, das Tränenschloß, -zur Rechten Triest, sich hell und klar von silbergrauen Olivenhängen -hebend, und noch ein paar istrianische Städte: Capo d'Istria, Isola -und auf verblauendem Vorgebirg Pirano. Dazwischen liegt der von hellen -Segeln belebte herrliche Golf, der bald wie Silber glänzt und gleißt -und bald wie ein großes Träumerauge in stiller Ruhe blaut. - -Die Ebbe des Golfes, die im Mittel nicht mehr als sechzig Centimeter, -im Maximum einen Meter beträgt, ruft zwar nicht jene großartigen -Erscheinungen hervor, welche an der Nordsee den Fremden so gewaltig -fesseln, doch legt sie an dem flachen Strand von Monfalcone weite -Meergebiete bloß. - -Dann eilen halb entblößte Weiber und Kinder, einen Sack am Rücken, -ein Netz in der Hand, auf die Sandbänke, waten weit hinein in die -zurückweichende Flut und sammeln ihre »~frutti di mare~.« - -Es braucht den Mut dieser Strandläufer, immer frisch und keck in den -krabbelnden Quark von Seespinnen, Krebsen, Strahltieren und Mollusken, -zwischen denen sich wohl auch etwa ein Wasserschlänglein verfängt, -hineinzugreifen. - -Der Golf von Monfalcone muß übrigens, sowohl was die Artenmenge, -als die Farbenschönheit der Seetiere betrifft, als das am meisten -durch Süßwasser geschwängerte Becken dieses Meeres, von den südlichen -Gebieten desselben zurücktreten; doch schon bei Grado, einer kleinen -Insel wenige Stunden mittäglich von Monfalcone, prangt das Meer mit -vielen farbenprächtigen Muschelgebilden. - -Dagegen ist der Golf von Monfalcone sehr fischreich, und es bilden die -Fischer ein wesentliches Element der monfalconesischen Bevölkerung. - -Wie oft bin ich im Morgenschein oder in der Abendglut hinausgefahren -mit den braunen Männern, die Netze zu ziehen oder neu zu legen! Es -war mir immer wohl bei den treuherzigen, einfachen Naturmenschen, -welche den italienischen Volkscharakter von einer andern, bedeutend -bessern Seite offenbaren als der schlaue Handelsmann oder Wirt und -die unverschämten Ciceroni zu Venedig. Viele dieser Fischer haben ein -schönes Stück Welt gesehen, denn sie haben bei der Marine gedient und -wissen von den griechischen Inseln, von da und dort, wo österreichische -Kriegsschiffe kreuzen, zu erzählen. Bei ihrer Arbeit singen sie ihre -fulanischen Weisen und keine häufiger als jene, worin der mit dem Sturm -ringende Schiffer seines Liebchens gedenkt: - - »~Il mar' è turpido - E la barquetta pendole - E nome tei è tendere - Ch'è amic' sola me.~« - -Sie leben höchst einfach, diese wetterharten, tiefbraunen Fischer, die -zuweilen mehrere Tage zur See bleiben. Ein schmaler, gedeckter Raum -der Barke ist dann Stube, Küche und Schlafkammer zugleich, wo das Weib -den Mais und die Meerfrüchte abkocht, ihren Kleinsten säugt und pflegt, -und das Meer denselben in Schlummer wiegt, ihn sturm- und sonnenhart -macht, den zukünftigen adriatischen Seemann. - -Keiner der Fischer ist selbständig. Entweder hängen sie von einem -Händler ab, oder stehen im Dienst eines Unternehmers, so daß dann nicht -einmal die Barke, auf der sie fahren, ihr Eigentum ist. Bezahlt werden -sie durch einen kleinen Anteil an der Beute. Darum achtet kein Mensch -ein Stück Kleingeld so hoch wie sie. - -Neben den Fischerflottillen, welche aus dem Porto Rosega in die -Gewässer der obern Adria ausschwärmen, beleben wohl auch einige -Lastschiffe den Hafenkanal; allein denkt man an jene Zeiten zurück, -da die großen Handelskarawanen und Fuhrwerke, welche fast den ganzen -Warentransport nach Kärnten und bis ins Tirol hinein besorgten, hier -ihren Ausgang nahmen, Monfalcone ein berühmter Stapelplatz war, dann -kann allerdings das Leben, das sich in der Gegenwart hier bewegt, nur -als ein Abglanz von demjenigen früherer Tage erscheinen. - -Wenn man vom Porto Rosega südwärts wandert, so kommt man in ein -seltsames Strandgebiet, wo der Meersand, nur von Salzpflanzen und -sauren Gräsern durchwuchert, einen stundenbreiten Gürtel zwischen -Meer und Campagna bildet, eine stille Landschaft, über welche die -melancholische Poesie der Steppe schwebt. - -Da und selbst weit in den angrenzenden Campagnen ist für den Menschen -keine bleibende Stätte, schwingt die Malaria ihre Geißel. Wachthäuser -haben hier ihretwegen von den Zollwächtern, Pächterhütten von den -Bauern verlassen werden müssen; ja auch an den Insassen weit vom -Meer abliegender Gehöfte kann man noch den Einfluß des Sumpffiebers, -aufgetriebene Leiber und blasse Gesichter, sehen. - -Die Sonne brütet über den Sandsümpfen; salziges und süßes Wasser, von -denen eines die Organismen des andern tötet, fließen ineinander und -werden zum fortwährenden Fäulnisherd. - -Das Seegeflügel hat die Herrschaft, die der Mensch nicht aufrecht -halten konnte, übernommen, und König über seine Vasallen, den Storch, -den wilden Schwan, den Kranich und Reiher, ist der Seeadler, der im -Blau des Äthers seine einsamen Bahnen zieht. - -Nur der Zollwächter und der nächtliche Schmuggler haben ihre Wege -in diesem traurigen Gebiet; doch es ist wie überall: Die Hüter des -Gesetzes sind immer da, wo die Übertreter nicht sind. Wenigstens -hört man selten von einem größern Fang, es sei denn, man halte ein -furlanisches Weibchen, das in seinen großen Schuhen ein Kilogramm -Kaffeebohnen aus der Freihafenstadt Triest etliche Stunden weit -schleppt, dafür. - -In der Tat ist der Beruf eines »Finanzers« ein undankbarer; denn keine -Verletzung hat im Volke einen solchen Rückhalt wie der Schmuggel und -keine Beamten sind so verachtet wie die »~doganieri~«; ich aber, der -ich kein Interesse hatte, ihnen gram zu sein, habe im Zollhaus am Porto -Rosega hin und wieder gern Rast gehalten. - -Westlich von diesem öden Sandstrich beginnen jene üppigen Campagnen des -untern Friauls, die sich fortsetzen in die Lombardei, bis hinüber zu -den Seealpen. - -Die meisten Touristen schelten sie langweilig, und fast tödlich -langweilig mögen sie für den Fußwanderer sein, der ihre schnurgeraden, -endlosen, staubigen Straßen geht. Eine Spazierfahrt in offener -Kalesche und am kühlen Abend hinaus in diese unabsehbare, leuchtende -Pflanzenüppigkeit, die Wald und Feld und Garten zugleich ist, in der -man Richtung und Himmelsgegend wie auf dem offenen Meer verliert, habe -ich immer angenehm gefunden. - -Es ist wahr, wenn ich nichts sah als die offenen Weiten, das -grenzenlose Grün, dann suchte ich fast ängstlich nach den Stützen des -Firmaments. Am Horizont des Nordens standen dann weiße Schimmer. -- -Waren es Wolken -- waren es Schneeberge? Ich konnte im Zweifel sein. - -Soweit der Blick des Auges reicht, ziehen sich längs der Ackerfurchen -in zierlichen Reihen die Maulbeerbäume; und von Maulbeerbaum zu Ulme, -von Ulme zu Kirschbaum, vom Kirschbaum zum Feldahorn, von diesem -zum Maulbeerbaum schlingen sich, in die Baumkronen geheftet, die -Rebenguirlanden, während das zarte Grün des jungen Maiskorns, das -zweimal im Jahr den Erntesegen liefert, oder der mächtig in die Halme -schießende Weizen die Felder deckt. - -Durch dieses üppige Landschaftsbild schlängelt sich halbwegs zwischen -Monfalcone und Aquileja das blaue, breite Stromband des Isonzo, über -welchen die Straße mit einer halbkilometerlangen Holzbrücke setzt. - -Wie alles in diesem Lande, so hat auch dieser Fluß seine Geschichte und -zwar eine Geschichte in der geschichtlichen Zeit. Er ist der jüngste -Strom Europas und kaum über vierhundert Jahre alt, während der Natisso, -jener schiffbare Strom, der, wie die römischen Schriftsteller melden, -an den Mauern Aquilejas vorüberfloß, verschwunden ist und durch jene -Gegend jetzt nur ein seichtes Küstenwässerchen schleicht. - -Seltsamer Weise melden die mittelalterlichen Schriften kaum etwas, -wie aus dem Natisso der Isonzo entstand. Man weiß nur, daß ums Jahr -580 während eines vollen Monats Wolkenbrüche, welche das ganze -Landschaftsbild umformten, über das Friaul niedergingen, so daß die -Leute glaubten, die zweite Sündflut sei gekommen. - -In dieser bösen Zeit, so glaubt man, habe der Natisso, durch einen -Bergsturz in den julischen Alpen aus seinem Bette gedrängt, seinen -Oberlauf, in den späteren Jahrhunderten immer mehr durch das Tiefland -ostwärts vagierend, seinen Unterlauf geändert und am Ende des -fünfzehnten Jahrhunderts endlich diejenige Gestalt angenommen, mit der -er dem Wanderer jetzt als Isonzo entgegentritt. - -Zwei Jahrtausende schon entzückt das Friaul -- so bezeugt es Herodian, -der Geschichtsschreiber des zweiten Jahrhunderts -- den Fremden durch -eine Üppigkeit, welche nur derjenigen der Lombardei zu vergleichen ist; -zwei Jahrtausende aber ist der Bauer auch ein armer, enterbter Mann -geblieben. - -Die mächtigen Latifundienbesitzer des Altertums und die Landbarone -der Gegenwart, der bäuerliche Proletarier der Vergangenheit und der -Colono des gegenwärtigen Jahrhunderts, die Gegensätze prahlenden -Lebensgenusses und unsäglichen Darbens, sie sind anderthalb -Jahrtausenden christlicher Entwicklung zum Trotz dieselben geblieben. - -Mit seiner Zeit und seiner Kraft, mit allem und jeglichem steht der -Colono in der Schuld seines Herrn. Nach altem Herkommen sichert der -Pachtvertrag dem Gutsbesitzer zwei Drittel vom Laub der Maulbeerbäume, -zwei Drittel vom Wein und vom Obst, vom Weizen und Mais, er sichert ihm -auch jene Dutzende von Abgaben an jungem Vieh, an Geflügel, Butter, -Eier und Erstlingsfrüchten und überdies eine bare Pachtsumme oder -Wohnungsmiete, wofür der Bauer mit dem Rest der Landerträge aufzukommen -hat. - -Der Arme ist stets ein schlechter Wirtschafter, darum kann der Colono -kein guter sein! In der Tat fehlt es ihm an allem, an Betriebskapital, -an vorteilhaften Geräten, an einem erfreulichen Viehstand und an der -Lust, irgend etwas zu verbessern. Was sollte er auch? Treibt sein Fleiß -und seine Intelligenz den Ertrag der Pachtgründe in die Höhe, dann hat -der Herr das größte, er selber das kleinste Interesse daran. - -Das Verhältnis des Grundbesitzers zum Colono ist im günstigsten Fall -ein patriarchalisches; man läßt ihn nie ganz verkommen; man ermutigt -ihn mit Pachtnachlässen, wenn Hagelschlag oder Dürre die Campagne -heimsucht; im ungünstigsten Fall aber, wenn der Grundbesitzer ein Mann -harten Rechts ist, waltet das Gesetz, und wehe dann dem Colono! Dann -hat er zu Zeiten wohl auch das rauhe Brot der italienischen Armut, die -Polenta, nicht mehr. - -Doch zuckt ein Morgenschimmer der Besserung über das Land. Der -transozeanische Westen ist das Ziel, dem hundert furlanische Herzen -entgegenklopfen, und es ist keine Frage, daß die genügsamen, braunen -Tieflandssöhne drüben noch eine Zukunft haben. - -Die Colonenhütten sehen mit ihren rauhen, schwarzen Mauern und -Hohlziegeldächern wenig wohnlich aus. Die viereckigen Löcher, in denen -keine Fenster sind und die des Nachts mit vorgestellten Brettstücken -geschlossen werden, geben ihnen etwas Ruinenhaftes im Ansehen. - -Allein es fehlt in den Dörfern des Friauls auch nicht an hübschen -Bauten, oft sogar sieht man freundliche Villen, und ein besseres -Bauernhaus, etwa dasjenige eines Verwalters, gewährt mit seinem hübsch -verzierten Portal, mit der Zysterne des Hofes, über die sich eine -schmiedeiserne Krone spannt, mit den feierlichen Zypressen oder einer -gewaltigen Linde, die den Hofraum beschattet, einen echt südlichen und -wohltuenden Eindruck. - -Entgegen der ersten Vermutung, der man beim Anblick der vielen -halbzerfallenen Hütten Raum gewährt, sind die furlanischen Ortschaften -sehr dicht bewohnt; zehn bis fünfzehn Personen sind unter dem gleichen -Hüttendach nicht selten. So zählt Monfalcone 4800 Einwohner; es hat -indes kaum mehr Häuser als ein schweizerisches Dorf von der halben -Bevölkerungszahl. - -Der furlanisch-italienische Volksschlag tritt im allgemeinen vor -demjenigen von Venedig an Schönheit und natürlicher Grazie zurück; -denn wenn der Furlaner auch einen Dialekt spricht, der sich noch mehr -dem Lateinischen nähert, als das Italienische selber, so rollt das -italienische Blut doch nicht mehr so rein durch seine Adern, sondern -ist mit slavischem und deutschem versetzt. - -Nur der flache Strand ist italienisch, und schon an den ersten -Vorflügeln des Karsts erstirbt der melodiöse Laut des Südens in der -konsonantenreichen windischen Sprache; das Volkselement der Italiener -weicht dem gelassenen, wie von einer Art Schwermut durchzitterten -slavischen Wesen. - -Der Gegensatz der italienischen und slovenischen Furlaner ist ebenso -groß wie derjenige zwischen Romanen und Germanen, wenigstens hier, wo -die Armut nicht das Leben ganz verkümmert, südliche Lebensfülle und -südliche Lust, glutäugige, braune Mädchen, dort ein stummer Duldermut, -ein tiefer fatalistischer Zug, blaßwangige Mädchen mit schlichtem Haar -und wasserblauen Augen. - -Arm, wie der zerrissene Felsboden, den es bewohnt, ist auch das -slovenische Volk. Wenn ein Fremder in ein solches Karstdörfchen kommt, -dann springen aus allen Häusern die Kinder daher. Die halbzerlumpten, -bleichen Gestalten werfen sich knielings in den Straßenstaub und -bitten, die Arme über die Brust gekreuzt, mit den kläglichsten Gebärden -um eine Gabe. Wirft man ihnen einige Kreuzerstücke zu, dann purzeln -alle in den Staub, lüften ihre Mützen und werfen dem Spender unter -beständigen Segenswünschen ihre Handküsse nach, bis er verschwindet. - -Nur der materielle Notstand des slavischen Colono läßt das Bild -begreifen. Noch größer als dieser ist der geistige, denn ich habe -es aus guter Quelle, daß in einigen dieser Karstdörfer selbst die -Bürgermeister nicht schreiben können. - -Wenn man auf der Rocca von Monfalcone steht, sieht man hinein ins -windische Land, Bühel an Bühel, unregelmäßig ohne bestimmte Richtung, -grau und nackt, nur in den Frühlingswochen mit einem schwachen Flor -sprießender Gräser überhaucht, sonst dürrer als eine Heide, eine -Felsenwüste. - -Das ist der Karst. Wandert man von der Rocca über die Karren des -Burghügels hinab, so kommt man an den kleinen See von Pietra rosa in -einem einsamen Tälchen. Das Ried, das ihn umkränzt, ist das einzige -Grün in dieser Steinwildnis. - -Das kleine Wasser und seine Umgebung mahnt an einen Alpensee unter -der Grenze ewigen Schnees, etwa im Gotthardhochtal; allein in Tat und -Wahrheit liegt es wenige Meter über der Adria, und wenn eine Springflut -den Golf von Monfalcone schwellt, dann steigt auch in diesem Becken die -Flut aus verborgenen Quellen auf, er ist ein kleiner Zirknitzersee und -war für mich das erste kleine Wunder des Karsts, des Gebirges, wo man -aus den Wundern nicht herauskommt. - -Doch hat das Seelein einen oberirdischen Abfluß und an diesem steht -eine kleine Mühle. Ihr Klappern ist der einzige Laut des stillen Tales. - -Eine Bodensenkung führt im Norden der Mühle weiter hinein in den Karst, -dessen Halden stellenweise ein mageres Eichengestrüpp bedeckt, und wir -kommen nach Jaminiano hinüber, einem kleinen slavischen Dorf, das mit -seinen elenden Hütten an der Halde eines Hügels klebt. - -Jaminiano bedeutet im Slovenischen »Ort bei der Grotte«, und in der -Tat liegt ein Viertelstündchen davon eine ~grotta di columbe~, eine -Taubenhöhle. - -Grotten gibt es im Karst fast so viele als Wasserfälle in den Alpen. -Die Höhle von Jaminiano ist nur eine von den zahlreichen, in denen -wilde Tauben ihr Geniste haben. Sie liegt nicht an einem Abhang, -sondern in der Sohle eines von Osten nach Westen laufenden Tals, -unfern eines kleinen Sees, und das Auge entdeckt von ihr nichts, bis -man hart an ihrem Eingang steht. Es ist dies ein zehn Meter tiefer -Felsenschacht, an dessen Rand ein kärgliches Gebüsche wächst. - -In dieser Kluft, in die man ohne Leiter und Seile nicht hinuntersteigen -kann, öffnet sich in der Richtung gegen das Meer eine Höhle. Horcht -man, so tönt aus derselben das »ruck, ruck, ruck« und das Girren -von etlichen hundert Tauben, von denen man erst einige zu Gesichte -bekommt, wenn man sie durch Steinwürfe oder besser noch durch einen -Pistolenschuß erschreckt. - -Die Tiere führen hier ein idyllisches Leben; doch machen sich hin und -wieder die Nimrode der Gegend den Spaß, daß einer von ihnen an Seilen -die Höhle hinunter gelassen wird und die friedliche Vogelkolonie in -Aufruhr bringt, während ihrer ein Dutzend mit gespanntem Hahn am Rande -stehen und, zusammenpaffend was möglich ist, unter den Tieren ein -Blutbad anrichten. - -Der See im Süden der Grotte hat keinen oberirdischen Abfluß; am Eingang -der Taubenhöhle aber hört man die abfließenden Wasser in verlorenen -Tiefen rauschen. Wer weiß, durch welche phantastische Tropfsteingänge -und Hallen sie ziehen, bis sie den Timavo, jenen aus den Uferfelsen der -Adria brechenden kurzen Strom erreichen. - -Als Andenken an den in Karrenfelder eingebetteten See von Dobredo und -die Taubengrotte habe ich mir die Zwiebeln einiger bis halbmeterhoch -werdenden Amaryllen und einiger Zyklamen, welche das stille Wasser -umblühen, mitgenommen. - -Doch nun zu größern Ausflügen. Drüben im Hof des »~Cotonificio -triestino~« knallt Antonio, der Kutscher, mit der Peitsche; dort -scharren Bubo und Plato, die treuen Tiere. Geht's nach Görz, der -furlanischen Gartenstadt, geht's nach Duino, dem gewaltigen Schloß -am Meer oder in den märchenträumenden Frühling von Miramare? -- Von -solchen vergnüglichen Fahrten plaudern die folgenden Blätter. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Österreichisch Nizza. - - -Es ließe sich mit Städtenamen und ihren Umschreibungen ein -stattliches Lexikon füllen; vielleicht ist auf keinem Gebiete die -schriftstellerische Paraphrase fruchtbarer gewesen als auf diesem, und -eine Reihe dieser umschreibenden Städtebezeichnungen sind Gemeingut -der Bildung geworden. Wer wüßte nicht, daß Amsterdam ein »nordisches -Venedig«, München ein »deutsches Athen«, Dresden das »Elbeflorenz«, -Montreux das »schweizerische Nizza« ist? - -Wo aber ist »österreichisch Nizza?« -- Es ist Görz, eine -küstenländische Stadt an der Linie Triest-Venedig; und das Verdienst -dafür, einen so schönen Namen aufgebracht zu haben, gebührt Baron -Czörnig, der ein umfangreiches Buch über die Stadt geschrieben hat. - -Gewiß liegt etwas Verlockendes in dem Namen, denn ein »Nizza« bedeutet -doch wohl milde Lüfte, steten Frühling, eine reizende Gegend, eine -schöne, fröhliche Stadt, kurz ein Paradies! Wer wollte nicht in einem -Paradiese sein? So dachte ich, und der Gedanke wurde zu einer frischen, -frohen Frühlingsfahrt über den Karst nach Görz. - -Bis Ronchi, dem westlichen Nachbardorf von Monfalcone, brausten die -beiden Apfelschimmel so feurig dahin, als gälte es einen Morgenbesuch -in Venedig; allein an den Karstklippen, durch die sich die Straße -zur Höhe emporwindet, brach der erste Schwung. Der Rückblick -auf die grünen, leise wogenden Campagnen des Friauls und das am -Horizont verdämmernde, ferne Meer, hielt das Auge noch eine Weile in -Spannung. Als wir jedoch die Höhe eines in die furlanische Tiefebene -vorspringenden Karstrückens hinter uns hatten, sahen wir nichts mehr -als die wüsten Klippen und Klüfte des vegetationslosen Gebirgs. In -seinem endlosen Grau bildeten nur die sich scheu in die flachen -Bodensenkungen duckenden, kleinen Getreidefelder und Baumkrüppel einige -Pflanzenoasen und erbarmungswürdiges Karstvieh, das nicht gedeiht und -nicht verkommt, suchte in den Felsspalten nach einigen grünbraunen -Halmen oder einem aufsprossenden Stäudchen. - -Die Straße senkte sich in ein von öden Hügeln eingerahmtes, wenig -bewohntes Tal, aus dessen Steinklippen hie und da ein Häslein die -Ohren reckte, und nach etwa einstündiger Fahrt erreichten wir die -frischgrüne, lachende Ebene von Görz, eine große, vegetationsreiche -Tieflandsbucht, welche die furlanische Ebene in die grauen, nackten -Gebirgszüge des Karstes sendet. - -Der Blick ist bemerkenswert schön wegen zwei hübschen Bauten. Zur -Rechten erhebt sich die Santa Scala von Merna, eine Kirche mit -Doppelturm auf freiem Hügel; zur Linken das liebliche Schloß Rubbia in -einem hellen Buchenschlag des äußersten Karstvorsprungs. - -Vor beiden zieht müde, mit keiner Welle plaudernd, als drückte sie -ein Geheimnis aus dem Berginnern, die Wippach, die einige Stunden -oberhalb Görz plötzlich als starker Fluß aus dem Gebirge quillt, -mit gelbgrünen Wassern dahin, um unterhalb Rubbia in dem schönen, -raschfließenden Isonzo aufzugehen. Jenseits des Wassers liegen Görz, -seine großen Fabriken und seine Vorstädte im weinreichen, nach Süden -geöffneten Kessel, und darüberhin die Felsenrücken der Isonzoberge. -Auf einem derselben, der das Tal des türkis-blauen Flusses gegen -Westen vollkommen abzuschließen scheint, schimmert ein großes, -kastellähnliches Haus, die Pilgerherberge des Monte Santo. Das ist -das Maria-Zell oder Maria-Einsiedeln des Küstenlandes, nach dem die -Italiener der Tiefebene wie die Slaven des Gebirgs mit gleicher -Verehrung und in großen Bußprozessionen wallfahrten. - -Merna, an dem wir eben jetzt vorüberkommen, ist der Schuhmacherort des -Friauls, denn wie nach altem Herkommen an dem einen Ort ausschließlich -Tischlerei, an dem andern die Töpferei, am dritten das Maurer- oder -Steinmetzhandwerk das Gewerbe der ganzen Dorfschaft bildet, so blüht in -Merna die Kunst der Fußbekleidung. - -Nachdem wir die Wippachbrücke passiert hatten, langten wir in Görz an. - -Eine Stadt mit 17000 Einwohnern kann nicht groß sein, aber doch manche -Sehenswürdigkeiten enthalten. Görz ist weder groß, noch durch letztere -merkwürdig; aber mit seinen vielen, schönen Gärten ist es eine ebenso -saubere als reizende Stadt. Wenn man über den geräumigen Marktplatz -geht und die ehrenfesten Bürger- und Patrizierhäuser sieht, dann fühlt -man's heraus, daß man sich in einer alten, deutschen Stadt befindet, -die durch den Zufall der Völkerverteilung in das schöne südliche Tal zu -liegen kam. - -Jahrhunderte lang eine deutsche Sprachinsel und von einem deutschen -Adel beherrscht, bewahrte sie zwischen italienischen und slavischen -Volkselementen das deutsche Wesen treu, bis sie ums Jahr 1500 unter -die österreichische Herrschaft kam. Allein mit dem steigenden Verkehr -nach dem Venetianischen und dem Zuströmen italienischer Kaufleute -und Handwerker, mit dem Verfall der Schulen im 17. Jahrhundert -gelangte, trotz des Protestes der eingebornen Görzer im Jahr 1626, -daß sie »echte, rechte, geborne, alte Teutsche« seien, im Ringen um -die Sprachoberherrschaft der südliche Wohllaut über das kräftige -germanische Wort zum Sieg. In steter Reibung mit dem alteinheimischen -Deutschen und dem Slovenischen hat sich die italienische Sprache immer -mehr befestigt, so daß jetzt 11000 Italiener und 4200 Slaven einem Rest -von 1800 Deutschen gegenüberstehen, die indessen durch ihre Bildung -und ihre soziale Stellung der deutschen Sprache einen dauernden Halt -sichern, so daß Görz die Stadt bleiben wird, wo sich drei Sprachen -stoßen. - -Deutsch ist in Görz der Mutterlaut, deutsch die Bildung und deutsch das -Bier. Diese drei haben mich in der Stadt am meisten gefreut. - -Über dem Marktplatz und der Altstadt steht auf einem nach allen Seiten -freien Hügel das durch Bastionen verstärkte, aber zum Teil verfallene -Kastell, das ehemalige Schloß der mächtigen Grafen von Görz, deren -Töchter selbst deutsche Kaisersöhne freiten. - -So war Elisabeth, die Gemahlin des Kaisers Albrecht, der durch die -Hand des Johannes Parricida fiel, eine Görzerin, und das »kühne, -unerschöpflich begierige Weib«, das sich nach dem Kaisermord zur -gräßlichen Rachefurie wandelte, mag, da es später als stille Büßerin in -der Klosterzelle von Königsfelden saß, wohl öfters der sonnigen Burg im -Isonzotal, wo sie ihre Jugend verlebte, gedacht haben. - -Als Gegenstück zu der mit Blut gezeichneten Geschichte dieser Frau -nimmt sich das Liebesidyll Emerentiens von Görz, die an der Wende -des vierzehnten zum fünfzehnten Jahrhundert gelebt, noch einmal so -freundlich aus. Ihre Brüder wollten sie nach dem Tode ihres Vaters in -ein italienisches Kloster schicken und wählten als ihren Begleiter -Balthasar von Welsberg, einen frommen und guten Ritter aus. Als aber -die junge, schöne Maid die lachenden Gefilde Italiens, die prächtigen -Städte und ihr fröhliches Leben sah, da wurde ihr beim Gedanken ans -Klosterleben düster zu Mut und schwer ums Herz und sie verhehlte -dem Ritter, der den stillen Gram gewahrte, ihre Leiden nicht. Herr -Balthasar war nicht unritterlich und die Worte der Dame gingen ihm -nahe. Statt ins Kloster führte er die schöne Anvertraute zu einem -Priester, der ihrem Bündnis die Weihe gab, und sie flüchteten sich ins -Tirol, wo sie zu Toblach im Pustertal in einer niedrigen Bauernhütte -Flitterwochen hielten. - -Allein die jungen Grafen von Görz erklärten sich gegen solches -Minneleben, sie wollten vor Welsberg ziehen. Da erschien irgend ein -geistlicher Herr -- die Kirche hat ihre Sache nicht immer so gut -gemacht -- löste alle Zwietracht in Frieden und laute Hochzeitsfreude -auf, so daß Herr Balthasar seiner Emerentia sagte: »Engel, ös ist -G'fahr vorbei.« - -Ein gewaltiges Stück mittelalterlicher Kriegsgeschichte ging mit den -Grafen von Görz an der Stadt vorüber, und hätte sie sonst keinen Ruhm, -so könnte sie auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen. - -Allein Görz hat eine blühende Gegenwart. Es besitzt am Isonzo eine -beträchtliche Industrie für Mahlprodukte, Spinnerei, Weberei und -Papierbereitung, einen bedeutenden Weinbau und einen lebhaften Handel, -eine Realschule und ein Obergymnasium, wo die italienischen Studenten -deutsche Wissenschaft einsaugen, ein geistliches Zentralseminar, dessen -gutgedrillten Zöglingsscharen und schwarzen Führern man an allen -Ecken der Stadt begegnet, woraus man die Gewähr dafür schöpfen kann, -daß im Küstenland die Milch der frommen Denkungsart nicht ausgeht, -eine Provinzialackerbauschule, in die man keine Coloni schickt, ein -Damenstift und einige Klöster, in welche man die ehe- und weltscheuen -Leute steckt, und einen Fürsterzbischof, der die Stadt segnet. - -Görz ist das südliche Pensionopolis Österreichs, die schöne, ruhmreiche -Stadt, wo die küstenländischen und krainischen Beamten und Professoren -im milden Glanz eines wohlverdienten Feierabends ihre Diäten -verzehren, Bier trinken, Zeitungen lesen, über das Wetter plaudern, -aber nicht politisieren; denn das hat ein Österreicher entweder nie -begonnen, oder längst verlernt, wenn er die kaiserliche Pension genießt. - -Es ist zur Legende geworden, daß ein Pensionär mit seinen Einkünften -nicht leben und nicht sterben kann; wenn aber ein Fremder von Görz -hinaus gegen den Isonzo wandert, so staunt er über die Villenpracht. -Das frische, kühlende Grün wohlgepflegter Gärten schaut in die -spiegelnden Scheiben; unter großen weitschattenden Bäumen plaudert -die Quelle; Marmorstatuen, wirkliche, wahrhaftige Antike von Aquileja -nicken im dunkeln Lorbeer, und Blumenmosaik schmückt mit leuchtenden -Farben das zarte Grün der Rasenbeete. Da wohnen wohl auch kaiserliche -Pensionäre, nur nicht die legendären, sondern jene, denen der Zufall -der Geburt schon eine Couponschere unter das Wiegenkissen gelegt. - -Diese herrlichen Villeggiaturen, denen ich in oberitalienischen -Landen nichts zu vergleichen wüßte, stellen dem Geschmack der reichen -Görzer das beste Zeugnis aus. Was mir an ihnen besser noch als die -Pinienschirme, die Palmenwedel und die Orangerien gefallen, das ist -das Blust unserer nordischen Obstbäume, das im ersten Frühling auf die -Kieswege dieser Gärten niederschneit. Görzisches Obst gilt bei den -italienischen Feinschmeckern als ein Leckerbissen. - -Auch der Arme von Görz muß sich nicht begnügen, zu sehen, wie -der Reichen Gärten blühen; denn die Stadt, die nun einmal einen -aufgeweckten Sinn für jedes mütterliche Lächeln der Natur bekundet, -hat einen wunderschönen Volksgarten, nicht nur einen dünnbestockten -Park mit ein paar krummen Wegen, sondern einen echten, wohlgepflegten, -öffentlichen Garten von südlicher Üppigkeit. Wenn sich dazu auf der -Stadtseite desselben der Blumenmarkt entfaltet, dann scheint für Görz -allerdings kein Name passender, als derjenige einer Gartenstadt. - -Wer wollte einen südlichen Blumenmarkt beschreiben? Der Name der -Gewächse ist das wenigste; die schweren Düfte, die leuchtenden Farben, -die sich in Worten nicht wiedergeben lassen, schon mehr; das wählende, -prüfende, feilschende Menschenkind, das sein Leben mit Blüten und -Grünem schmücken will, das meiste an seiner Poesie. - -Wo die Blumen so herrlich gedeihen, wie in Görz, mußte man mit -Naturnotwendigkeit zu der Frage kommen, ob da nicht auch dem -verwelkenden Menschenkind ein neuer Lenz erblühe, das in den rauhen -Klimaten nicht mehr fortkommen will. Görz ist klimatischer Kurort -und -- was nicht jede aufstrebende Stadt wagen würde -- es stellt -sich gleich neben Nizza. In manchen Dingen hat es das Wesen dazu, vor -allem einen angenehmen, dem nordischen Frühling gleichenden Winter, -der nicht einmal die Einstellung der Feldarbeiten bedingt, einen -gemäßigten Sommer, von dem die reinen, frischen Gebirgswinde die -italienische Schwüle fernhalten, eine herrliche Lage, welche nur wegen -ihrer nackten, grauen Gebirgsrahmen hinter der Schönheit irgend eines -südtirolischen Kurortes zurücksteht. - -Jetzt fühlt es indessen die Flut und Ebbe eines zu- und abströmenden -Fremdenkontingents noch nicht stark; der mehrsprachige Verkehr, die -engen gesellschaftlichen Verhältnisse der Kleinstadt, das Bestreben, -sie ganz in ein italienisches Kleid zu stecken, stehen einer raschen -Entwicklung des Touristenverkehrs entgegen; denn wo immer der Mensch -auch zu gesunden suche, verlangt er ein Stück lebhafter Geselligkeit, -und der Deutsche, namentlich der Deutsch-Österreicher, an den sich der -Kurort Görz wendet, ein ungebrochenes, gemütliches Volksleben, das er -eben in der italisierten Stadt vermißt. - -Ob sich nun der Traum eines »österreichischen Nizza« realisiere oder -nicht, die gärtenumrahmte kleine Stadt wird jeder ihrer Besucher mit -dem Eindruck lieblicher Schönheit verlassen. - -Allein nicht minder freundlich als die Stadt selber steht mir ein -Ausflug in ihre Umgebung, zum Isonzoschlund hinterhalb Salcano und eine -Besteigung des Monte Santo, die ich später einmal unternommen, vor -meinem Gedächtnis. - -Ich streifte hinaus zu dem Totenacker von Görz und weiter gegen jenen -nackten Felsenrücken, auf dem das Kirchenkastell des Monte Santo steht. - -Dann kam ich nach Salcano. Es ist eine kleine Ortschaft von 1400 -Einwohnern, mit zum Teil sehr alten, ansehnlichen Häusern, die sich am -linken Ufer des Isonzo aufreihen, der hier perlend und wogend aus einer -Gebirgsklause heraustritt. - -Salcano ist die Mutter von Görz. Als dieses selber noch nicht in die -Geschichte eingetreten war, blühte hier um die Wende des Jahrtausends -ein Grafengeschlecht, das seine Burg auf den jetzigen Kastellhügel von -Görz verlegte und damit Gründer der Stadt Görz geworden ist. - -Es geht so im Leben; die Tochter wächst der Mutter über das Haupt. Görz -ist eine Stadt geworden, Salcano ein Dorf geblieben. Die Ritterlichkeit -ist vergangen, die Naturherrlichkeit geblieben; denn hinterhalb Salcano -schäumt der prächtige, hellblaue Isonzo zwischen den steilen Halden -des Monte Santo und einem mit verbogenen Schichten aufragenden Vorberg -durch einen Engpaß, wie im Bündnerland der junge Rhein. - -Wo man die Schlucht und den tosenden Bergstrom am schönsten überschaut, -beginnt die Straße auf den Monte Santo. In einem Uferfelsen, zur -Rechten des aufsteigenden Wanderers ist eine Gedenktafel zu Ehren -ihres Erbauers, eines Herrn Joseph Koller, eingelassen, der sie in -zierlichen, immer weiter gegen Süden als gegen Norden auslangenden -Zickzacklinien sanft und sachte an der vegetationsarmen, klippigen -Berglehne emporgezogen hat, so daß es eine wirkliche Kunststraße ist. - -Der Monte Santo ist kein Riese. Er hat die mäßige Seehöhe von 645 -Metern; aber sein breiter, wenig entwickelter Felsrücken ragt immerhin -achtmal höher als der herrliche Campanile von Aquileja über die -Tiefebene empor. Diese liegt bei Salcano erst 85 Meter über Meer und so -ist er denn doch eine stattliche Bergerscheinung. - -Es war bereits Nachmittag, als ich von Görz her an den Fuß des Berges -gelangte. Nur der Vorsatz, das Isonzodefile zu sehen, hatte mich hieher -geleitet; aber nun wurde der Bergfex in mir lebendig, und das hat mich -nicht gereut. - -Ich benützte nur zum kleinern Teil die bequeme Straße des Herrn Joseph -Koller, sondern klomm die alten rauhen Pilgerpfade von Kapelle zu -Kapelle höher hinan. - -Die erste erhebt sich auf einer starken, nördlichen Gratsenke des -Berges, von der aus man zugleich in den romantischen Talkessel -von Salcano und in eine westliche Gebirgsmulde blickt, wo ein -Slavendörfchen in steiniger Gebirgseinsamkeit liegt. Vor der zweiten -lag ein Pilgrim auf den Knieen und betete seinen Rosenkranz. Es mußte -ihn beleidigen, daß ich nicht das gleiche tat; denn er warf mir, als -ich vorüberschritt, einen sehr zornmütigen Blick zu. - -Das böse Auge des Mannes gab mir zu denken. Hinter seinem Beten und -meinem Wandern lag ja eigentlich die nämliche Idee: Unser armes Sein -ein Weilchen von uns ab in den Schoß einer guten, großen Mutter zu -legen. Nur hatten wir unser Vertrauen zwei verschiedenen Müttern -zugewandt; er der schmerzenreichen, die einen Gott gebar und dafür in -den Himmel kam, ich der Natur, die aus Staub nur Staub geschaffen und -auf der Erde hat bleiben müssen. - -Ich dachte, ich stieg und kam zur letzten Kapelle. Da holte ich einen -zweiten Wanderer ein, der lesend fürbaß ging. Als ich eben grüßend an -ihm vorübergehen wollte, schaute er auf und rief mir ein lächelndes -»~Chi va piano, va sano~« zu. - -Das war der Anfang unserer Unterhaltung -- und je länger ich mit ihm -redete, desto merkwürdiger wurde mir der Mann; aber das Merkwürdigste -an ihm war seine Lektüre: »Lienhard und Gertrud.« - -Es tut immer wohl, wenn man die Schriftsteller der eigenen Nation von -Fremden gelesen sieht; ich konnte meine freudige Überraschung nicht -verbergen; sie zwang mich, dem kleinen, klug dreinblickenden Mann mit -den Augengläsern zu sagen, daß der berühmte Verfasser des Buches mein -Landsmann sei. - -Da trat er einen Augenblick prüfend vor mich hin. »Sie sind Schweizer!« -sagte er und ergriff meine beiden Hände. »Jetzt lasse ich Sie nicht -gleich wieder los. Bitte erzählen Sie mir von Ihrem schönen Land, -seinen herrlichen Bergen, seinem glücklichen Volk, seinen freien -Institutionen.« - -Die Begeisterung des slavischen Lehrers nötigte mir ein Lächeln ab; -aber ich fühlte, daß ein Ernst hinter seinen Worten liege, und wer -plaudert nicht gern vom Heimatland? Plaudernd kamen wir auf den -Gipfel, zu dem weitläufigen ehemaligen Franziskanerkloster, setzten -uns vor der Pilgerherberge zum Abendtrunk und schauten aus auf das im -Nachmittagsschein vor uns liegende Land, die Berge und das ferne Meer. - -Der Monte Santo ist ein südösterreichischer Rigi. Wunderhübsch ist -der Blick auf die Stadt Görz und den hinter ihr liegenden Coglio, -ein reizendes Hügelland, auf dessen Höhen weißschimmernde Kirchen -und Dörfer stehen. Darüberhin ragt im fernsten Osten der Krainer -Schneeberg, der zwar keinen Firn und keinen Gletscher, aber doch -bis weit in den Sommer hinein eine glitzernde Schneekrone trägt. -Von ihm aus ziehen sich in weiten Rundbogen, über die tannendunkeln -Höhen des Birnbaumer- und Tarnovanerwaldes aufgebaut, die zerrissenen -Gebirgsmauern und Kalkzinken der julischen und karnischen Alpen -gegen Nordwesten. Aus dem Chaos der Spitzen hebt sich östlich der -wildabstürzende Nanos, im Norden der Triglav, der scharfgezeichnete -Krn, und, durch das tief eingeschnittene Isonzotal davon getrennt, -der Monte Canin, der massige Rücken des Monte Matajur und dahinter -eine Menge fernblauender Häupter, die den italienischen oder gar den -tirolischen Alpen angehören. - -Dann weichen die Gebirge weit zurück und der Blick taucht in die -venetianische Tiefebene. Im Süden dämmern der Campanile von Aquileja, -die Lagune von Grado und der bleiche Schimmer der offenen See, im -Südosten der Golf von Monfalcone, jenseits desselben eine matte Helle, -die Stadt Triest, ein dunkler Wall, der Küstenhang von Istrien, der -sanft im Horizont erstirbt. - -Wer daheim an jedem schönen Tag die Hochalpen vor Augen hat, der weiß -mit den Kalkalpen nicht viel anzufangen. Ich schilderte meinem Slaven -einen Morgen auf der Wengernalp, den Blick auf Jungfrau und Silberhorn, -den steten Fall der Lawinen, die vor dem Beobachter donnernd ins -Trümmletental niederstäuben. Da fing der gute Mensch an zu seufzen: »O -nur einmal, einmal in die Schweiz! Allein es ist unmöglich.« - -Er malte mir Grau in Grau ein Bild des Lehrerlebens in einem slavischen -Dörfchen, die Armut bei einer Besoldung von 200 Gulden im Anfang und -bei einer wenig größern in den spätern Jahren, die Schulfeindlichkeit -der Grundbesitzer, das Vorurteil der Bauern gegen den Lehrer und -ihren tiefen Haß gegen den Schulzwang, die Laxheit der Behörden in -der Durchführung der Gesetze: kurz die ganze Leidensgeschichte eines -Streiters für die Bildung an einem Ort, wo er der einzige ist, der -dafür kämpft. - -»Ich bin«, sagte er, »keiner der ärmsten, denn ich habe meinen -allerdings kleinen Einkünften etwas väterliches Vermögen zuzusetzen; -aber für eine Schweizerreise ...« Er starrte melancholisch vor sich hin. - -Wir waren bereits zu lange gesessen; ich stand auf und wollte von dem -Lehrer Abschied nehmen. - -»So wollen wir nicht scheiden, mein Herr«, sagte er; »ich dachte mir -zwar auf dem Monte Santo zu bleiben, allein ich werde Sie ein Stück -Weges begleiten.« - -Meine Bitte, sich nicht zu bemühen, war erfolglos. Wir schritten wie -zwei alte Freunde plaudernd bergabwärts. Da begegnete uns jener hohe, -hagere Pilgersmann, den ich vor der untersten Kapelle hatte knieen -sehen und der, Gebete vor sich hinmurmelnd, hinkend bergaufwärts ging. - -»Wissen Sie, warum der arme Mann so schlecht geht?« fragte mein -Begleiter. »Die Pilgrime, die auf den Monte Santo wallfahren, pflegen -in ihre Schuhe einzelne Bohnen zu legen, die beim Gehen große Schmerzen -verursachen. Sie glauben dann von der Gottesmutter eher erhört zu -werden.« - -Als ich das vernahm, hatte ich dem Pilger seinen bösen Blick schon -verziehen. - -Bei der untersten Kapelle schied ich von dem slavischen Lehrer. -»Lienhard und Gertrud«, sagte er, »ist eines der wenigen deutschen -Bücher, die ich besitze; aber ich werde nie darauf zurückkommen, ohne -mit lebhaftem Vergnügen mich der schönen Stunde zu erinnern, die mir an -Ihrer Seite beschieden war. Grüßen Sie mir die Schweiz!« - -Er wandte sich gebirgseinwärts, ich auswärts. Der nächste Augenblick -hatte den einen dem Blick des andern entzogen. - -Als ich wieder in Salcano ankam, lag der Abendsonnenschein auf den -Klostermauern von Monte Santo. Unterhalb der Ortschaft steigt man auf -hohem, steilem Uferbord zu einer Fähre des Isonzo hinab. Da ließ ich -mich über den herrlichen, hellblauen Fluß ans rechte Ufer hinüberstoßen. - -Ein braunes, italienisches Mädchen saß mit mir im Kahn und wies mir -den Weg hinauf nach dem Schlosse San Mauro, das als hübsche Villa -über dem waldigen Ufer steht. Es war ein genußreiches Wandern durch -jungbelaubten Buchenwald, als ich im Abendschein, hoch über dem Fluß, -an einem Slavendörfchen vorbei, talabwärts schritt. Das Wellenspiel des -Isonzo, der hier in einem tiefen Bette strömt, mahnte mich an den Rhein -unterhalb seines Falles. - -Eine Brücke führt in der Nähe von Görz darüber hin. Im Dunkel des -Abends schritt ich darüber; ich dachte an den Pilger mit den Bohnen in -den Schuhen, an den slavischen Lehrer, an mein Heimatland, ich dachte -an so vieles; wer wollte gedankenlos wandern zur Frühlingszeit! - -Man hat -- ich kehre hier zu jener ersten Wagentour, die wir nach -Görz unternommen, zurück -- die interessanten Gebäude der Stadt bald -gesehen, und der Liebreiz ihrer Gärten prägt sich rasch in den Sinn des -Wanderers. Wir verließen es also am Spätnachmittag und fuhren hinaus -gegen den langen, prächtigen Viadukt, mit dem die Linie Venedig-Triest -das Tal des Isonzo überspannt. Jenseits desselben gelangten wir über -den Fluß in die offene venetianische Tiefebene hinaus, zu der die -Landschaft von Görz sich wie eine hügelumschlossene Bucht verhält. - -Am Ausgang dieses Tieflandwinkels liegt die Ortschaft Mainizza. -Hier stießen im Jahr 489 die beiden gewaltigen Recken der deutschen -Heldensage, der Herulerfürst Odoaker, der den letzten der römischen -Schattenkönige, den Romulus Augustulus, vom weströmischen Kaiserthrone -verjagt und selbst die Zügel des verrotteten Reiches ergriffen hatte, -und der Ostgotenkönig Theodorich in furchtbarer Schlacht zusammen. Hier -war es, wo der Stern des ersten germanischen Kaisers auf römischem -Thron ins Sinken kam. Im folgenden Jahr wurde er an der Adda wieder -geschlagen, im Jahre 493 von Theodorich in Ravenna belagert und zuletzt -durch dessen eigene Hand niedergestoßen. - -Gegenüber Mainizza grüßt wieder das prächtige Schloß Rubbia mit -blühendem Park, und zwischen beiden fällt die schleichende, trübe -Wippach in den lichten Isonzo. - -Eine undurchdringliche Staubwolke lag stets hinter unserm Wagen; denn -im Brand der italienischen Sonne hatten sich die furlanischen Straßen -handtief in Staub aufgelöst, der das Wandern der Fußgänger unerträglich -machte. Im Wagen litten wir weniger davon, und die Fahrt längs der -letzten Karstausläufer bis zu dem Städtchen Gradiska war in der -Abendkühle ein hoher Genuß. - -Dieses Städtchen, das im Jahr 1473 von den Venetianern zum Schutz gegen -die Türken gegründet wurde, war von der Mitte des siebzehnten bis in -den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts hinein der Sitz einer kleinen -Grafschaft. Jetzt ist sie mit derjenigen von Görz unter dem Namen der -»gefürsteten Grafschaft Görz und Gradiska« zu einem selbständigen -Kronland der österreichischen Monarchie vereinigt, das in Görz seinen -Landtag hat. - -Im Osten des Städtchens, das aus wenigen Häuserreihen besteht und -nur 1500 Einwohner zählt, sind noch achtunggebietende Reste der -venetianischen Festungswerke, eine düstere Stadtmauer mit zwei -ungemein festen Bastionen und einem dunkeln, engen Tor. Die früher -davor liegenden Außenwerke sind im Laufe dieses Jahrhunderts einem -ungewöhnlich großen, öffentlichen Platze gewichen, der mit seinem -angenehmen Kastanienschatten und seiner hübschen Rotunde nicht nur dem -kleinen Gradiska, sondern mancher größern Stadt wohl anstehen würde. - -Auf der andern Seite des Städtchens steht hart am Isonzo ein großes, -weithin sichtbares Gebäude, das zu einer Strafanstalt für schwere -Verbrecher umgebaute Schloß, dessen jetzigen Insassen wenigstens -ein Schönes von der Welt geblieben ist: ein entzückender Blick ins -südösterreichische und italienische Gebirge. - -An den hübschen Villen im Norden des Städtchens vorbei fuhren wir längs -des Isonzo dem schlanken, zierlichen Campanile von Villesse entgegen; -allein ehe wir ihn erreichten, bog der Weg wieder über den Isonzo. Er -ist hier lange nicht mehr der hübsche Fluß wie beim Austritt aus dem -Gebirge. In einem wohl fünfmal breitern Becken als jenem bei der Fähre -von Salcano wirft er sich zwischen vielen Kiesbänken bald ans eine, -bald ans andere Ufer und reißt den Ebenenbewohnern zur Linken und -Rechten die besten Humusgründe weg. - -Er hat deswegen bei seinen Anwohnern einen übeln Ruf; allein was fragt -er darnach, denn er hat seinen Plan. Mit all den Erdpartikeln aus dem -Gebirge und der Ebene will er sich eine Brücke mitten durch den Golf -von Monfalcone nach dem wunderschönen Schloß von Miramare hinüberbauen. - -Vielleicht ist's ein Jugendtraum, vielleicht ist's mehr. Der Isonzo -kann noch etwas leisten; denn wie ich früher ausgeführt habe, ist er -ein Kind gegenüber den uralten Strömen des übrigen Europa und der -jüngste Fluß unseres Kontinents. Eine lange Holzbrücke führt nach -Sagrado, einem freundlichen Dorf, das eine große Gerberei und viele -Landhäuser mit lauschigen Gärten hat. - -In einer halben Stunde -- in Roncchi -- hatten wir den Zirkel unserer -Fahrt beendet. Am frühen Abend waren wir wieder in Monfalcone. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Aquileja. - - -Eines Tages im Jahr 182 v. Chr. standen die Väter zu Rom früher auf, -als sie sonst zu tun pflegten; denn der Fall war ernst: Die Kelten und -Illyrier, die bislang in den julischen Bergen und Wäldern gesessen, -zeigten Lust, sich in den venetianischen Gefilden längs der Adria -niederzulassen. - -Das war die Sorge der Väter zu Rom. - -Sie schickten drei angesehene Männer mit einigen Priestern in den -italienischen Osten, und als diese an jenen flachen Strand und Winkel -kamen, wo -- um mit den jetzigen Namen zu reden -- der triestinische -aus dem venetianischen Golfe tritt, pflügten sie mit einem Ochsen auf -einer breiten Landwelle, etwas abseits vom Meer, ein Viereck aus, -das ein Quadrat sein sollte und eins war. Da trat P. Scipio Nasica, -einer der drei Abgesandten, in das Pseudoquadrat, erklärte ernst und -feierlich: »Hieher kommt eine Stadt!« Die Priester fielen mit heiligen -Messern über die Opfertiere her, spritzten das warme, rieselnde Blut -auf den umgepflügten Grund, weissagten aus den Eingeweiden, reckten die -Hände empor und flehten von den unsterblichen Göttern Gedeihen herab -auf die Stadt. Da flog ein Storch, der in den Meerbinsen gefischt, über -die Gegend, und sein Schatten fiel auf die Priester. Das war nicht gut; -denn Störche haben später die Stadt verraten. Sie hieß Aquileja! - -Dreitausend Kolonisten bebauten den ~ager colonicus~ um sie her; die -Kelten und Illyrier sahen aus achtungsvoller Entfernung zu und in -langer Friedenszeit gedieh die Stadt herrlich empor. Als Augustulus -seine ganze Herrscherhuld auf das blühende Gemeinwesen ausgoß, als -er an das alte Aquileja ein neues, prächtiges fügte, in dessen Kranz -stolzer Monumentalbauten der stolzeste Palast sein eigener war, den er -mit der schönen Livia bewohnte, da war der Stadt ein liebliches Los -gefallen. - -Großartige Bauten schmückten sie, und ein reiches Bürgergeschlecht -erging sich in der Kühle aufrauschender Brunnen oder im Anblick -reizender Marmorbilder, die auf Kapitol und Forum standen. In -schimmernden Tempelhallen wachten die vestalischen Jungfrauen am ewigen -Feuer, opferte das Volk dem Jupiter tonans und Ceres, der gütigen -Göttin; das höchste Ansehen aber genoß Apollo Belenus, der gewaltige -Sonnengott, dem die Stadt gewidmet war. Mit hochragenden Standarten -zogen im Jubel der Fanfaren Kohorten und Legionen aus den weitläufigen -Kasernen nach den fernen, nordischen Standquartieren oder schifften -sich auf der Flotte, deren Mastenwerk vom Meer zur Stadt herübergrüßte, -nach dem blühenden Osten ein; denn Aquileja war vor allem eine -Militärstadt, ein mit Mauern und Türmen befestigtes Bollwerk und -Ausfalltor gegen die im Osten und Norden drohenden Barbaren, ein -Schlüssel des römischen Reichs. - -Hinter den siegreichen, römischen Legionen her zogen die -Kaufmannskarawanen, zwar nicht der Römer -- denn diese hielten -bekanntermaßen den Handel unter ihrer Würde -- aber diejenigen -unternehmender Griechen und Orientalen, die in Aquileja ihre -Niederlagen hatten, und dem Norden Europas die Erzeugnisse des -Morgenlandes vermittelten. So war Aquileja im Altertum die Königin der -Adria, eine Metropole des Welthandels, wie es ihr Kind, das prunkende -Venedig, im Mittelalter wurde. An ihrem Strand entfaltete sich der -Schiffsbau, in ihren Mauern die Waffenfabrikation, die Leinen- und -Wollindustrie, die Purpurfärberei, welche die Gewänder der Könige und -Kaiser lieferte, die Glasfabrikation und die mannigfaltigen Zweige des -antiken Kunstgewerbes. - -Als Aquileja unter den Kaisern Trajan und Hadrian den Zenith seiner -Machtfülle erreichte, war es eine der neun größten Städte des -Römerreichs und unter den neun -- die Hauptstadt ausgenommen -- die -reichste, so daß die Dichter und Schriftsteller jener Zeit mit den -Ausdrücken höchster Bewunderung von ihrer Schönheit reden. Da soll es -gegen eine halbe Million Einwohner gezählt und die aus dem Grün der -Laubkronen schimmernden Villen der Vornehmen es stundenweit umgeben -haben. - -Die nationale Toga der Römer und die Palla der Römerin trat in dem -antiken Emporium der Adria vor der Menge fremdländischer Trachten -zurück; denn alle reichen Grundeigentümer und Kaufleute aus Kleinasien -und Nordafrika strömten nach der Eroberung jener Länder durch die -Römer nach Aquileja. Denkt man sich nun die Kontingente germanischer, -gallischer und illyrischer Soldaten dazu, die sich durch den prunkenden -Adel, die geschäftige Handelswelt und das Proletariat bewegten, so -haben wir ein anziehendes Bild seines Menschengemenges, das von allen -Enden der damaligen Welt zusammengewürfelt war. Jeder fand in Aquileja -seine Rechnung, der Marktschreier und der Müßiggänger, der Schauspieler -und der Gladiator, der Lustigmacher und der Schmarotzer, und der -heitere Epikuräismus der Kaiserzeit bot in Theater, Amphitheater und -Zirkus den raffiniertesten sinnlichen Genuß, in marmornen Bädern die -Liebe und in kühlen, rebenumgrünten Tabernen den Wein. - -Allein an Zeitläufen, wo die Bacchanalien und die laute Freude eines in -seinem Reichtum schwelgenden Volkes im Ernst der Ereignisse unterging, -hat es auch in Aquileja nicht gefehlt. Wenn es auch in den ersten -drei Jahrhunderten seines Bestehens das Glück eines steten, tiefen -Friedens genoß, so ist doch außer Rom keine Stadt so oft durch Krieg, -Plünderung, Raub und Mord heimgesucht worden wie Aquileja, die östliche -Feste des Reichs. - -Zum erstenmal wurde es im Jahr 172 von den Markomannen und Quaden -bedroht, deren Macht sich indessen wirkungslos an der Festigkeit seiner -Mauern brach. Im Jahr 237 erfuhr es durch den Tribun Maximinus eine -Belagerung großen Stils. Er war wegen seiner Härte und Grausamkeit vom -römischen Volke als Kaiser abgelehnt worden und umzingelte nun die -Stadt in wildem Ingrimm mit einem furchtbaren Heer. Sie ging siegreich -und mit dem Ruhm einer Retterin Italiens aus dieser Prüfung hervor. -Vom Jahr 340, wo sie im Kriege, den die Söhne Constantius des Großen -gegeneinander führten, eine Belagerung glücklich bestand, folgten sich -die Umzingelungen fast Schlag auf Schlag. Schon 361 lag Julianus, der -Apostat, der sich gegen Constantius empört, mit einem Heer vor ihren -Mauern, 383 und 384 kämpfte Theodosius auf ihrem ~ager colonicus~ seine -Kriege gegen K. Maximus und den Usurpator Johannes, im Jahr 400 wurde -sie von Alarich, 406 von Radagais, 408 von den Vandalen geplündert. - -Wohl waren das herbe Prüfungen für den Wohlstand Aquilejas; aber seine -Fundamente erschütterten sie nicht, und der aquilejensische Adler stieg -immer wieder kraftvoll aus den Schreckensjahren auf. - -Da kam -- fast wie ein Blitz aus heiterm Himmel -- sein Untergang. Es -war im Sommer des Jahres 452, als Attila »Godegisel« aus Pannonien -her seine Hunnenhorden gegen Aquileja wälzte. Es fand unter seinem -tapfern Oberbefehlshaber Cajus Menapius kaum Zeit, seine Festungswerke -auszubessern, und das Landvolk der Umgebung floh entsetzt ins Gebirge -und auf die nahen Lagunen. Drei Monate dauerte die Belagerung, ohne daß -für die Belagerer ein Erfolg abzusehen war. - - »Da wurden die Hunnen sturmmüd und wollten endlich fort, - Doch Attila, ihr König, ritt um die Mauern dort. -- - Da rief er seinem Heere: Schaut zu den Giebeln dort, - Von allen Genisten ziehen die weißen Störche fort. - Sie wissen, wie bald in Flammen hinuntersinkt die Stadt, - Drum auf zum neuen Sturme, wer Händ' und Füße hat. - Da flogen die Feuerpfeile, da rannten die Widder an. - Und von den Mauern stürzten die Trümmer nicht dann und wann, - Nein, immer! Vom Hunnensturme wankte die ganze Stadt - Als wie ein Schiff im Meere, das keine Segel hat. - Aquileja, Aquileja wurde so berannt, - Daß man nichts als die Stätte und nicht die Stätte fand!« - - A. Kopisch. - -Die frische, tauige Morgenfrühe, die schönste Tagesstunde des -sonnenreichen Südens, lag über den unabsehbar weiten Campagnen des -Friauls, und die Laubkronen nah und fern wogten, ein Meer von Grün, -im leichten Wind. Wiehernd holten die beiden feurigen Pferde aus; -wir flogen leicht und rasch, eine kleine Gesellschaft, dem großen -Römerkirchhof Aquileja entgegen, wo die gewaltige Stadt mit ihren sechs -Jahrhunderten römischen Kulturlebens, ihr reiches, übermütiges Volk -ohne Zukunft und ohne Auferstehung verscharrt im Sand der Tiefebene -liegt. - -Man berechnet den Weg von Monfalcone nach Aquileja zu vier bis fünf -Gehstunden; unsere Pferde legten ihn in der halben Zeit zurück. - -Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus; die Nähe einer großen -Stadt fühlt der Wanderer, lange ehe er ihre Türme und Kuppeln sieht; -daß aber auch eine tote, verscharrte fast anderthalb Jahrtausende -nach ihrem Untergang noch mit den letzten Resten alter Lebensfasern -stundenweit über ihr ehemaliges Weichbild hinausgreifen würde, hätte -ich nicht gedacht. - -Allein sobald man jenseits des Isonzo kommt, spürt man die Nähe -Aquilejas deutlich. Sowohl in den schattigen Parks einiger -Villenpaläste als an den halbzerfallenen Pächterhütten, die an der -Straße stehen, begegnet der Blick den seltsamen Fundstücken aus der -römischen Stadt. Basaltsäulen stehen an monumentalen Toreingängen, -zierliche Aschenkrüge in den Rosenbeeten; nickende Faune und weibliche -Götterbilder an den Parkwegen, Tritonen und Nimphenstatuen an den -Teichen. Marmorfriese sind als Schmuck in die Mauern der Colonenhütten -eingelassen; Inschriftenblöcke liegen als Ruhebänke neben den Türen, -Grabvasen, die vielleicht einst den Staub einer edeln Römerin geborgen, -sind zu Futterbecken des Geflügels geworden; überall begegnet man -jenen roten tönernen Urnen, die auf dem ehemaligen Grund der Stadt zu -Tausenden und Tausenden gefunden werden. - -Man kann dem römischen Altertum keine größere Ehrerbietung erweisen, -als diejenige, daß man mit seinen Reliquien den Palast und die Hütte -der Gegenwart schmückt. - -Immer mächtiger steigt der herrliche Campanile von Aquileja aus grüner -Flur, und immer gewaltiger löst er sich aus der Bläue des südlichen -Horizonts. Wir sind in Fiumecello, fünf Minuten später in Monastero, im -Bereich des alten Aquileja! - -Halten muß hier Roß und Rad; nicht bloß deswegen weil Monastero eine -der ausgiebigsten Fundstätten römischer Altertümer ist und nicht -deswegen, weil hier das Vollendetste, was das römische Aquileja -an Architektur besaß, das Hadrianeum stand, sondern weil Monastero -ein Landgut ist, wie es im Friaul nicht zweie gibt, eine agrikolare -Musteranstalt des neunzehnten Jahrhunderts auf dem klassischen Boden -des Altertums. Es gehört den Herren von Ritter, den Fabrikanten in Görz. - -Schon der weite Hofraum des reichen Herrensitzes ist nicht ganz -gewöhnlich, denn längs des Wohnhauses wie der Ökonomiegebäude, die -ihn einrahmen, ist eine antiquarische Ausstellung, hinter der manches -große, nordische Museum zurückbleibt. Sie enthält zwar nur die -rudimentärsten der Fundstücke von Monastero: zerbrochene Säulenstümpfe, -jonische, dorische, etruskische und korinthische Kapitäle, -Inschriftenblöcke, Sarkophage, Urnen und Marmortorsen. Das Beste -der aus dem Grund von Monastero aufgepflügten Reste, die herrliche -von Rittersche Sammlung, ist leihweise an das Museum zu Aquileja -übergegangen. - -Ein Aufseher des Landgutes hatte die Freundlichkeit, uns die andere -ebenso große Sehenswürdigkeit der Villeggiatur -- ihre Ställe -- zu -zeigen. - -Ein Viehstall in Monastero ist gegen viele tausend menschliche -Wohnungen im Friaul ein Palast, und wären nicht die schönen Tiere, -deren zu einem Hundert dort stehen, der Hauptschmuck der hallenartigen -Gebäude, dann würde es ihre Reinlichkeit sein. - -Besonders hübsch ist der Kuhstall, wo das Vieh in zwei Reihen die -breitgestirnten Köpfe gegen einander kehrt. Man sieht im Berneroberland -keine schönern Tiere, als wenn man auf einer bequemen Rampe längs -der prachtvoll gehörnten Köpfe des hellfarbigen Ungarviehs oder der -gefleckten Emmentalerkühe dahinwandert. Hinter jedem der Tiere hängt -eine Tafel an der Wand, aus der nicht nur der Zivilstand desselben, -sondern auch der tägliche Milchertrag notiert ist. Sinkt bei einem -Tier der letztere unter ein gewisses Minimum, dann ist's seinem Los -verfallen; es wandert hinüber in den Schlachtviehstall, wo bereits -eine stattliche Schar schwerster Mastochsen und rundlicher Kühe sich -behaglich den Tod anfüttern. - -Ein flüchtiger Blick noch in den Pferdestall, wo neben den -großknochigen Ackertieren die edelsten Ganzhufer des Friauls stehen, -schlanke, feurige Tiere; ein Blick noch in die dem Landgut zugehörende -Mühle, wo eintönig die Reisstampfen klopfen -- und fort geht's von -Monastero. - -Aquileja, das moderne Aquileja ist nah, und neben dem Campanile wächst -bereits der ehrwürdige Patriarchendom aus der Campagna. Da fahren -wir, da sind wir, allein das Aquileja unserer Tage, das ungefähr 1750 -Einwohner zählt, hat vor jedem andern furlanischen Nest nichts voraus -als seinen herrlichen Dom und daß es ungefähr den Ort bezeichnet, -wo die marmorschimmernde, römische Stadt gestanden, von welcher der -Dichter Aug. Kopisch in seinen wuchtigen, knorrigen Nibelungenversen so -treffend sagt, - - »Man nichts als die Stätte und nicht die Stätte --« - -findet. - -Es ist poetisch schwungvoll, daß er diese Tatsache in unmittelbare -Beziehung zum Hunnensturme setzt; allein die Geschichte ist grausamer -als die Dichtung. Wohl hat jene entsetzliche Zerstörung, in der -37000 Menschen das Leben verloren, jener langandauernde, an den -Untergang Karthagos erinnernde Brand, dem Attila vom Kastellhügel -zu Udine bewundernd zugesehen haben soll, das römische Aquileja -tödlich getroffen. Allein eine so gewaltige Stadt stirbt auch im -wildesten Völkertumult nicht auf einen Schlag und der Todeskampf der -altadriatischen Königin hat Jahrhunderte, hat ein Jahrtausend gedauert; -ja sie hat -- der ehrwürdige Dom ist das beredteste Zeugnis dafür -- -eine Periode gezeitigt, die einem halben Wiederaufleben glich. - -Der Fall Aquilejas war eine Katastrophe. Sie kam und war zu Ende. -Als die Trümmer der unglücklichen Stadt noch rauchten, wälzten sich -die asiatischen Horden bereits von dannen; auf den Lagunen des -venetianischen Südens aber lebten noch Tausende ehemaliger Bewohner, -Frauen, Kinder und Priester und wohl auch noch beträchtliche Scharen -wehrhafter Männer, die sich im allgemeinen Sturm zum rettenden Meere -durchgeschlagen hatten. - -Als nach Tagen, Wochen, Monaten des Zitterns und Zagens und des -allgemeinen Schreckens wieder etwas vom alten Lebensmut in die auf -den Inseln zerstreuten Aquilejenserhaufen kam, Trüpplein um Trüpplein -sich wieder aufs Festland hinüberwagte, da mag sich auf den Trümmern -der alten, schönen Heimat manch eine rührende Wiedersehensszene, wo -Totgeglaubte auferstanden, zugetragen haben. - -In diese furchtbar ernsten Tage der Sammlung hat der Humor der -Geschichte eines seiner heitersten Stücklein geflochten, die -Erzählung von den ungetreuen Frauen Aquilejas, die, ihre Männer -erschlagen wähnend, so rasch eine zweite Ehe eingingen, daß manche der -Aquilejenser bei ihrer Rückkehr die Frauen im Haus eines neuen Gatten -fanden. Die Verzweiflung war groß, denn die Treulosen weigerten sich, -ihre erste Ehe zu Recht zu erkennen. Da wandten sich die Männer an den -heiligen Vater zu Rom, und kraft seines Amtes zu binden und zu lösen, -erklärte er die zweite Ehe der aquilejensischen Frauen für nichtig. - -Langsam bevölkerte sich Aquileja wieder und ein halbes Jahrhundert nach -seinem Fall fristete es wieder ein ziemlich behagliches Dasein. Noch -ein halb Jahrhundert später wurde es unter Narses, dem griechischen -Reichsvikar, wieder eine Festung, über die, ehe das erste Jahrtausend -unserer Zeitrechnung voll wurde, wieder ein Dutzend Plünderungen -ergingen. - -Allein weder die Hunnen, noch die Germanen und Slaven, welche es später -bedrängten, waren die grausamsten Feinde der zwischen Leben und Tod -ringenden Stadt. Das war das werdende Venedig! - -In jenen Zeiten unmittelbar nach dem Untergang Aquilejas, wo -der Völkersturm in den wildesten Stößen von den Alpen zum Meer -niederbrauste, wagte es nur ein kleinerer Teil der Lagunenflüchtlinge -dauernd in die Stadt zurückzukehren. Die meisten blieben auf der -südvenetischen Inselgruppe und gründeten hier eine Reihe kleiner, -demokratischer Gemeinwesen. Unter diesen erwies sich dasjenige auf den -drei größten Inseln, dem Rialto, Malamocco und Torcello, besonders -lebenskräftig. Aus ihm entstand im Anfang des neunten Jahrhunderts -Venedig, die Tochter Aquilejas. - -Diese Tochter, die nachmals im Schmuck ihrer Paläste so wunderherrlich -prangte, hat ihre Mutter bei noch halblebendigem Leibe beerbt und ist -zur Hyäne des Schlachtfeldes von Aquileja geworden! - -Zwar hatten schon nach dem Untergang der Stadt die Lagunenbewohner -angefangen, mit ihren Barken die kostbaren architektonischen Reste nach -den neuen Niederlassungen überzuführen; aber erst die Dogenresidenz, -die hartherzige, eigensüchtige wagte es so recht, Hand an die -Mutterstadt zu legen, sie im vollsten Sinn des Worts als Steinbruch für -ihre Markuskirche, für alle jene Bauten, mit denen Venedig heut noch -den Fremden entzückt, auszubeuten. Damit hatte sie das böse Beispiel -für alle Städte im venetischen Land gegeben, so daß der heilige Paulin -in einem lateinischen Liede klagt, Aquileja werde in alle umgebenden -Länder verkauft; selbst die Toten hätten nicht Ruhe und würden -ausgeworfen wegen des Schachers mit Marmor. - -Dadurch ist es begreiflich, daß von dem ganzen großen, marmorprunkenden -Aquileja kein Turm und kein Tor, von seinen Amphitheatern, Theatern, -Tempeln und Villen auch nicht eine Ruine auf uns gekommen, kein Stein -auf dem andern geblieben ist und daß dasjenige, was man über die -Topographie des alten Aquileja Sicheres weiß, verschwindet vor den -weiten Gebieten, über welche die Vermutung und die Phantasie ihre -Flügel schlägt. - -Obgleich sich schon vierzehn Jahrhunderte in den Gräberraub von -Aquileja teilen, ist die Stätte noch nicht erschöpft. Manches haben -die ehemaligen Bewohner vor dem Zusammenbruch der Stadt, manches hat -die Natur selbst in furchtbaren Überschwemmungskatastrophen in den -Schoß der Erde geborgen, und nur zögernd aufersteht vor dem Stoße der -Pflugschar die Antike. - -Allein sie aufersteht! Die Obelisken mit ihren ägyptischen -Hieroglyphen, die riesenhaften Götter- und Kaiserstatuen, die Säulen -aus parischem und numidischem Marmor richten sich wieder auf; aus den -bildgezierten Sarkophagen stäubt die Asche in die Luft; die Mosaikböden -glänzen wieder im Schmuck ihrer farbigen Steine; aus den Topfscherben -rollen die Münzen mit ihren Kaiserbildnissen; das Kind des furlanischen -Bauers spielt arglos mit den Geheimnissen des antiken Frauengemachs, -oder schmückt sich einen Augenblick mit dem silbernen oder goldenen -Geschmeid der Römerin. - -Aquileja ist ein anderes Pompeji, nur mit dem Unterschied, daß hier -systematische Grabungen erst sehr spät gemacht worden sind, daß es -meist dem Zufall und dem aquilejensischen Bauer vorbehalten blieb, die -Steine, »welche redend zeugen«, aus dem Schutt der Jahrhunderte zu -ziehen. - -Manche der Funde verdankt man wohl der anmutigen Sage vom ~pozzo -d'oro~, dem Goldbrunnen. - -»Lange bevor Aquileja unterging«, -- so lebt sich im Friaul die -Erzählung fort, -- »haben gottbegnadete Seher die Zerstörung der -Stadt in ihren Weisssagungen verkündet. Da ließen die Väter der -Stadt, die Wucht des Schicksals zu mildern, einen ungemein tiefen, -verschließbaren Brunnen bauen. Sie bestellten zwei ihrer Angesehensten -zu Schlüßlern desselben und verordneten, daß jeder Bürger Aquilejas -von seinem Reichtum einen Teil in die Tiefe des Schachtes werfe, damit -dereinst, wenn das Verhängnis hereinbreche, ein Fonds zum Wiederaufbau -der Stadt vorhanden sei. In edelm Wetteifer gaben die Einwohner ihr -Bestes hin, was sie zu Hause an Edelsteinen und Perlen, an Gold und -Silber besaßen, um den Schatz im Goldbrunnen zu mehren. Glückliche -Eltern brachten bei der Geburt eines Knaben ihre Weihegeschenke; -liebende Paare widmeten, ehe sie vor den Altar traten, die Geschmeide -ihrer Jugendzeit, Gewissensbeladene schenkten reiche Sühnopfer, -Sterbende einen Teil ihres Vermögens der Brunnenstiftung. So häufte -sich im Schacht ein unermeßlicher Reichtum, der zum Bau eines neuen -herrlichen Aquileja vollauf genügt hätte. Im Vertrauen darauf sahen -die Bürger dem lang dräuenden Verhängnis ruhiger entgegen. Allein als -dieses kam, da wurden die Schlüßler von den stürzenden Stadtmauern -erschlagen und die Stadt so verwüstet, daß selbst die Überlebenden die -Stelle, wo der Goldbrunnen gewesen, nicht mehr erkannten. Darum konnte -Aquileja nicht wieder aufgebaut werden. Der Brunnen ist verschollen; -noch niemand hat ihn entdeckt.« - -So sehr hat sich diese Sage ins furlanische Volk eingelebt, daß die -Grundbesitzer in der Gegend von Aquileja bis in die neueste Zeit hinein -es nie unterließen, sich beim Verkauf eines Landstückes durch die -Klausel des ~pozzo d'oro~ das Anrecht auf den Schatz im Goldbrunnen -zu sichern, wenn dieser zufällig im veräußerten Grunde entdeckt werden -sollte. - -Wie über den Ausgrabungen, so hat auch über dem Schicksal der -Fundgegenstände der Zufall, fast möchte ich sagen der gleiche -Fluch gewaltet, der im Mittelalter die oberirdischen Baudenkmäler -Aquilejas in alle vier Winde verschleuderte. Wollte man zu einigen -der Statuen, deren Torsen in Aquileja liegen, die ergänzenden Glieder -zusammenbringen, so müßte man den einen Arm im Mauerwerk einer -furlanischen Hütte, den andern in einem Palaste Venedigs, die Hand in -der Raritätenkammer eines englischen Schlosses, den Fuß in irgend einer -archäologischen Sammlung Frankreichs suchen, während die übrigen Reste -selbst in ihren kleinsten Teilen nirgends mehr zu finden wären, da sie -zu Mörtelkalk verbrannt worden sind. Wie reich aber auch jetzt noch die -Funde in Aquileja sind, mag die eine Tatsache verdeutlichen, daß Kenner -einzig die Anzahl der geschnittenen Edelsteine, die im Laufe des 19. -Jahrhunderts dort gefunden wurden, auf zehntausend Stücke schätzen, daß -jetzt noch Jahr für Jahr zwanzig und mehr Inschriftentafeln, Hunderte -von Graburnen und Glasgefäßen, Kannen, kleine Bronzen, Bein- und -Bernsteinfiguren, Terracottasächelchen und ganze Reihen von Skulpturen -ohne systematische Nachgrabungen aus der Erde gehoben werden und daß -der Fremde sich jetzt noch für wenige Gulden eine hübsche Sammlung -antiker Münzen, Bronzen und Töpferprodukte erwerben kann. - -Der erste Sammler aquilejensischer Altertümer war Joh. Dom. Bertoli, -der im letzten Viertel des 17. und in der ersten Hälfte des 18. -Jahrhunderts als Domherr zu Aquileja lebte. Seither hat es immer -einsichtige Privaten gegeben, welche die ausgegrabenen Marmorbilder, -wenn es möglich war, ihrem gewöhnlichen Schicksal, zu Mauersteinen -zerschlagen oder zu Kalk verbrannt zu werden, entzogen. - -Immer war die Möglichkeit nicht da. Kein moderner Palast ist aus -kostbarerem Material gebaut als manche der elenden Pächterhütten in -Aquileja; allein weitaus das grellste Bild aus dem Kapitel bäuerlicher -Barbarei ist der Stall eines Signore Moschettini. Ein solcher steht -wohl in der ganzen, weiten Welt nicht mehr, und an Originalität kann -sich kein Antikenmuseum der Erde mit ihm messen. - -Seine Mauern samt und sonders sind aus einem Trümmerchaos von Statuen, -Säulen, Gedenk- und Inschriftentafeln, Sarkophagen und Mosaikböden -aufgebaut. Götterköpfe, Aphroditenleiber, Füße und Hände von Marmor, -Säulenkapitäle, Kolumbarien sind zu diesem Zweck in handliche Stücke -zerschlagen, vermauert und nach außen mit altchristlichen Grabsteinen, -Inschriftenplatten, Aschenbehältern, Kaiserbildern, Medusenhäuptern -und Büsten von Göttinnen belegt worden. Selbst das arme Hirn eines -Geisteskranken könnte nicht so tollen Widersinn erdenken, wie an diesem -Gebäude der Mörtel zusammenleimt. Es könnte einen Hypochonder zum -Lachen bringen, einen Kunstschwärmer in Verzweiflung treiben, dieses -zu Kraut und Rüben gemengte, zerschlagene Aquileja des marmornen -Stalls! Zum Glück hat Aquileja nur einen Moschettini von solch genial -barbarischem Geschmack besessen. - -Spät kam der Staat, um im Interesse der Archäologie seine schützende -Hand über die Antiken Aquilejas zu legen; allein er kam. Im Herbst 1882 -wurde in dem kleinen Ort feierlich ein Staatsmuseum eingeweiht und in -einem zweckmäßig gebauten, geräumigen Haus untergebracht. Indes wären -seine Schätze noch wenig bedeutend, hätten nicht die Gemeinde, die im -Jahre 1873 zu sammeln begann, und die Gebrüder von Ritter in Monastero -ihre hübschen Sammlungen leihweise dem öffentlichen Museum überlassen, -so daß dieses jetzt dem Fremden ein lebendiges Bild von der Kunstfülle -des römischen Aquileja zu geben vermag. - -Der weite, gegen die Straße liegende Hof des Museums, in welchem die -kolossalsten der Monumente ihre Aufstellung gefunden haben, gleicht -einem mit Denkmälern überladenen Kirchhof. Durch denselben wandelnd, -weiß man nicht, soll man mehr die Kunstgewalt der alten Meister, die -dem spröden Stein so herrliche Gebilde abgewonnen, soll man mehr die -Wucht der Zerstörungskräfte bewundern, welche diese riesenhaften -Säulen, diese Marmorquadern brachen. Doch hat im wilden Ringen der -Verneinungsgeister gegen die lichte Kunstgewalt die letztere gesiegt. -Durch allen Graus der Zerstörung und Verwitterung haben viele der -Gebilde eine wunderbare Anmut, eine zu Herzen gehende Schönheit -bewahrt, und denkt man an die Paläste, die Tempel, die Theater zurück, -deren Teile sie einst gebildet, so drängt sich einem wie dem Dichter zu -Venedig die Frage auf die Lippen: - - »Wo ist das Volk von Königen geblieben, - Das solche Häuser durfte bauen?« - -Tausende von Skulpturen und eine Menge merkwürdiger Anticaglien, -Nutz- und Schmuckgegenstände des altaquilejensischen Haushalts, -haben im Innern des Museums ihre Aufstellung gefunden. Schon die -Vorhalle bereitet mit ihren zahlreichen römischen und altchristlichen -Grabsteinen, mit herrlichen korinthischen Kapitälen, mit einer -prächtigen Sammlung schön geschweifter Henkelkrüge, Kolumbarien, die -zum Teil noch die verbrannten Knochen enthalten, unsere Stimmung -auf den Eintritt in die Museumssäle vor. Es ist nur zu bedauern, -daß jene schöne Mosaik, welche die Entführung der Europa durch Zeus -darstellt, zerbröckelt und unkenntlich geworden ist. Sie war so -kunstvoll gearbeitet, daß sie als ein würdiges Gegenstück der berühmten -Dariusschlacht galt, die man auf einem Fußboden zu Pompeji entdeckte. - -~Avete Caesares!~ -- Der erste Museumssaal ist jenen Steindenkmälern -gewidmet, die sich auf die römischen Kaiser und ihre Beamten -beziehen, und fesselt besonders mit zwei fast vollständig erhaltenen -Marmorstatuen das Kunstinteresse. Die eine derselben stellt in kühner, -kräftiger Arbeit den Kaiser Tiberius dar, von dessen Haupt sich die -Toga in herrlichem Faltenwurfe um den Körper drapiert; die andere -ist das nicht minder schöne Bild des Kaisers Claudius. Man vermutet -jedoch des eingesetzten Kopfes wegen, daß diese Statue erst Caligula, -jenem Tollmenschen »~memoriae damnatae~«, der vom Jahr 37--41 auf dem -römischen Thron gesessen, gegolten, und erst, als dieser in einer -Palastrevolution fiel, das Haupt des Claudius erhalten habe. - -Beide Statuen sind von mehr als Lebensgröße, wie denn die kolossalen -Verhältnisse der in Aquileja gefundenen Marmorbilder ein hervorragendes -Charakteristikum derselben bilden. Unter den über lebensgroßen -Torsen interessiert besonders deswegen eine nackte, starkbewegte -Männergestalt, weil die unfertige Statue jene Vertiefungen -- Puntelli --- an die sich der Künstler bei seiner Arbeit hielt, noch zeigt und uns -so einen Einblick in die Bildhauertechnik des Altertums gewährt. - -Der zweite Saal ist zum größten Teil eine Sammlung von Grabsteinen, -die uns bald das Bild der Toten in Relief darbieten, bald mit kürzern -und längern Inschriften von ihnen erzählen. So berichtet der eine -von Cippus, dem Perlenhändler, der andere von dem Freigelassenen -Sextilius Crescens, dem Fleischer. Hier hat ein antiker Salber einem -kaiserlichen Haussklaven, dort ein Priester seinem Vorgänger, der 110 -Jahre alt geworden war, ein frommes Andenken gestiftet. Der merkwürdige -Grabstein des Afrikaners Restutus meldet, daß dieser die weite Reise -aus seiner Heimat einzig deswegen unternommen habe, um Aquileja, die -herrliche Stadt, zu sehen, daß er eine Weile da gelebt und von einer -Bestattungsgesellschaft begraben wurde. - -Nun kommen wir in hohe Gesellschaft. Im dritten Saal schauen die -lichten Gestalten des Olymps, Jupiter, der Vater der Götter und -Menschen, im Schmuck des langwallenden Haupthaars und Barts, Merkur, -der Gott mit geflügeltem Hut, dessen Gunst sich Aquileja so lange -erfreute, der schmiedende Vulkanus, Mars mit reichverziertem Helm -und Federbusch, Venus, die meergeborne Göttin mit dem Perlendiadem -aus großen Medaillons auf uns Sterbliche nieder. Auf einem Grabstein -spielt der efeubekränzte Silenus die Leier, und Pan, der friedliche, -bläst auf der Hirtenflöte. Die Statue Neptuns, des meerbeherrschenden -Gottes, ist leider nur noch ein Torso. Einem Marmorbild der Venus, die -in der Stellung der medizäischen zu Florenz dargestellt ist und durch -sorgfältige Ausführung und edle Verhältnisse eines der herrlichsten -Stücke der Sammlung bildet, fehlt leider das Haupt. Ein allerdings -entzückend schöner Venuskopf, der auf einer nahen Säule aufgestellt -ist, entschädigt nicht ganz für das fehlende. - -Ein Gefühl des Mitleids mit den verstümmelten Bildern will sich in die -Seele des Beschauers schleichen; denn, wenn auch gebrochen, sind sie -doch nicht tot, sondern reden kraft der ihnen innewohnenden Schönheit -mächtig zu seinem Gemüt. - -Verlassen wir nun die Säle, in deren Bildwerken sich die Künstlerschaft -der antiken Meister noch in den Fragmenten so achtunggebietend -offenbart, und treten wir in die Räume, wo die Anticaglien, jene -zumeist in den Gräbern gefundenen zierlichen Werke der Kleintechnik -hinter Glas und Rahmen liegen. Sie sind in ihrer Art nicht weniger -interessant als der Marmorprunk der durchwanderten Gemächer. - -Eine Menge dieser kleinen Sachen führt ins altaquilejensische Haus. -Es sind bronzene Nägel und Nadeln, Griffel, die zum Schreiben auf die -Wachstafeln dienten, Zirkel, Lote, Schnellwagen, Gewichte, Schlüssel, -und einige Messer da. Besonders schön ist eine Sammlung arretinischen -Tischgeschirrs aus korallenrot gefärbter Terrakotta, die mit ihren -zierlichen Reliefs in den Oberflächen gewiß einst den Stolz eines -tafelfreudigen Aquilejensers gebildet. Tonplatten, welche in erhobener -Arbeit Szenen aus der Mythologie oder dem täglichen Leben darstellen, -schmückten, ähnlich wie unsere Gemälde, die Zimmerwände. Mannigfaltig -ist die Ausstellung von Tonlampen, die, selten eines Reliefschmuckes -entbehrend, bald zierliche Traghenkel, bald eine Einrichtung zum -Aufhängen zeigen und manchmal für mehrere Dochte zugleich eingerichtet -sind. - -Manche derselben tragen eine Inschrift, häufig einen Glückwunsch zum -Jahreswechsel. Einige dieser Neujahrslampen, mit denen man seine -Freunde zu beschenken pflegte, sind von zierlicher Schönheit und -entfalten in Reliefdarstellung diejenigen Gaben, die der Geber dem -Beschenkten wünschte: Feigen, Kuchen oder Münzen. Eine der schönsten -stellt eine Siegesgöttin dar, die auf erhabenem Schilde die Inschrift: -»~Annum novum faustum felicem mihi~« trägt. - -Allerliebste Tonfigürchen waren die Puppen der aquilejensischen Kinder. -An den bittern Ernst des Lebens erinnern eine Menge Tränenfläschchen, -die mit wohlriechenden Salben gefüllt, von den Alten in die brennenden -Totenfeuer geworfen oder in die Gräber gelegt wurden. Den größten -Reichtum der Anticagliensammlung indes bilden die vielen Schmuck- und -Nippsachen: geschnittene Steine von Karneol, Jaspis, Onyx, in welche -Szenen aus der Mythologie, aus dem täglichen Leben oder Tierbilder -eingegraben sind. Bernsteinfigürchen, Haftnadeln und zierliche -Statuetten aus Bronze, sehr große Fingerringe von Gold und Silber, die -in der Stärke, wie sie da sind, nur als Totenschmuck gedient haben -können, und endlich eine Menge Kaiser- und Familienmünzen. - -So prangt nach anderthalb Jahrtausenden noch der aquilejensische Luxus, -das reiche, häusliche Leben. Allein mitten in unsre Bewunderung für das -Kunstschöne, das sich an diesem Wohlleben so reich entwickelt, erinnert -uns die Inschrift, die wir auf einem Ziegel lesen: »~Cave malum, si non -raseris lateres sexcentos; si raseris, minus malum formidabile~«: »Wenn -du nicht sechshundert Ziegel verfertigst, so hüte dich vor einem Übel; -verfertigst du sie, so wird das Übel weniger groß sein«, daran, daß die -ganze Kultur des Altertums, die ganze römische Herrlichkeit auf einem -sozialen Institute beruhte, von dessen Härte und Grausamkeit wir uns -mit Abscheu wenden, auf der Sklaverei. - -Das ist der schwarze Punkt im lichten Bild der Antike. Aus der -Sklaverei hat das Altertum Jahrhunderte lang seine Stärke geschöpft; -an der Sklaverei ist es gestorben. Hätte im römischen Reich, als -der Völkersturm durch Europa wogte, eine gewaltige Volksmasse, die -nichts zu verlieren, wohl aber manches zu gewinnen hatte, nicht -sympathielos das Alte stürzen sehen, sondern ihre Wucht mit derjenigen -der Kriegsheere in die Wagschale der Geschicke geworfen, dann wäre -es nicht zu schwer gewesen, den schönen Süden vor dem Schrecken der -eindringenden Barbaren zu bewahren. - -Aquileja fiel. Nach ihm fiel Rom. Allein dort wie hier rang sich aus -dem Schoß des untergehenden Altertums eine neue Welt: das Christentum. -Dieses hat um die gewaltige Metropole des römischen Reichs mit dem -kräftig aufstrebenden Papsttum einen neuen, die Völker blendenden -Glanz gewoben; als ein heller Stern hat es auch über dem zerstörten -Aquileja gestrahlt. Der herrliche Dom und sein stolzer Campanile, der -in wahrhaft majestätischer Größe über die Hütten des modernen Aquileja -steigt, zeugen dafür. - -Nur Rom selber kann sich rühmen, eine um wenige Jahre ältere -Pflanzstätte der christlichen Idee gewesen zu sein, als Aquileja. -Aus dem Blut überzeugungstreuer Märtyrer und aus einer Reihe wilder -Verfolgungen heraus wuchs hier mitten im rauschenden Taumel des sich -verzehrenden Römertums eine starke Anhängergemeinde, und als Konstantin -die Göttertempel schließen ließ, hielt das Evangelium von Aquileja aus -seinen Siegeszug in die norditalischen Lande und in die Alpen, so daß -die Stadt als ein Mittelpunkt christlichen Lebens galt. Ihre Bischöfe -genossen so hohes Ansehen, daß sie nach dem Papst als die ersten in der -Christenheit gefeiert wurden und an den Kirchenversammlungen zu Rechten -desselben saßen. Sie nannten sich Patriarchen. - -Um die Wende des Jahrtausends lächelte Aquileja noch einmal etwas -wie Gedeihen und Entwicklung. Nachdem schon seine Vorgänger die -Grundsteine dazu gelegt, bildete und festigte sich unter Popo, dem -tatkräftigsten der aquilejensischen Kirchenfürsten, ein Staat eigenster -Art, das Patriarchat von Aquileja, dessen Herrscher folgenschwer in -die deutsche und italienische Geschichte, in jene gewaltigen Kämpfe -zwischen Kaiser und Papst eingegriffen haben, indem sie bald den einen, -bald den andern unterstützten. - -Allein der kurzdauernde Glanz dieses Kirchenstaates glich doch mehr -einem plötzlichen Aufflackern als einer ruhigen Entwicklung. Schon zwei -Jahrhunderte nach Popo, der die Ländereien vom Po bis an die ungarische -Grenze in seine geistliche, das Friaul, Istrien und Krain in seine -weltliche Machtsphäre gezogen hatte, begann der Verfall. Um die Mitte -des fünfzehnten Jahrhunderts siedelten die Geistlichen von Aquileja, -dessen Klima sich infolge mangelhafter Instandhaltung der Wasserläufe -und säkulärer Senkungen sehr verschlechtert hatte, nach Udine über, und -nachdem Venedig und Österreich die Gebiete des Patriarchats an sich -gezogen, nachdem der Papst das Erzbistum aufgehoben und dafür dasjenige -von Udine und Görz gegründet hatte, erlosch der letzte Schein der -zweiten Glorie, die über dem Tieflandsorte aufgegangen war. Aquileja -sank und sank. Im Anfang des 17. Jahrhunderts sollen daselbst nur noch -35 Fischerfamilien gelebt haben. Tiefer kann ein Ort, der einst gegen -eine halbe Million Einwohner zählte, wohl nicht erniedrigt werden. - -Allein noch steigt der altersgraue Dom mit seinem gewaltigen Campanile -über die Flur. Er hat nichts gemein mit den kleinen Hütten, die -ihn umstehen; er ragt in stolzer Vereinsamung in der prosaischen -Gegenwart; er träumt von alter Patriarchenherrlichkeit; er träumt -weit zurück in das jugendliche Christentum, denn während fünfzehn -Jahrhunderten hat er den Gang der christlichen Religion gesehen. - -Als wir in der Frühe jenes schönen Morgens, der uns zu unserer Fahrt -durch die Campagnen geleuchtet, in das große Gotteshaus eintraten, las -eben ein blutjunger Priester von kleiner, schmächtiger Gestalt die -Messe. Eine kleine Schar buntgeschmückter Weiber, sowie einige Koloni -knieten vor dem Altar und hörten dem in einförmigen Kadenzen durch die -Halle tönenden Meßgemurmel zu. - -Der junge Priester, das bißchen Volk, die bäuerlichen Meßknaben, sie -verschwanden fast in der Weite des feierlichen, von einundfünfzig -Fenstern mit Licht vollauf gesättigten Raums. - -Der Fußboden des Domes, unter dessen Platten die Patriarchen in ihren -Grüften den Schlaf der Gerechten schlafen, liegt fast einen Meter -tiefer als die äußere Umgebung des Gottshauses. Um so viel hat sich die -letztere von der Zeit, wo man den Dom baute, bis jetzt erhöht. - -Die Baukunst von fünfzehn Jahrhunderten in sich vereinend, gehört die -Basilika wesentlich dem romanischen Stil an. Ihre Grundform bildet ein -Kreuz, dessen Stamm 70 Meter lang und 29 Meter breit ist, während der -Querraum nur 43 Meter mißt. Der aus fünf Bogenabteilungen bestehende, -netzartige Plafond des Mittelschiffes, welches bedeutend höher als die -Seitenschiffe ist, ragt 22 Meter über den Fußboden empor. - -Je fünf Säulen, die durch Spitzbogen unter sich verbunden sind, trennen -das Mittelschiff von den Seitenschiffen. Sie verraten die Kirche als -ein Epigonenwerk. Ihre an Dicke und Höhe verschiedenen granitnen oder -marmornen Schäfte, von denen einigen mit Unterlagen hatte nachgeholfen -werden müssen, beweisen deutlich, daß man als Material zum Bau einfach -die Ruinen des römischen Aquileja verwendet hat. - -Während wir das schmucklose, aber erhabene Innere der Kirche -besichtigten, ging die Messe zu Ende. Wir baten den jungen Priester, -uns die Krypta, die unter dem Chor liegende Unterkirche zeigen zu -lassen, und zuvorkommend übernahm er selbst den Führerdienst. - -Als wir durch einen halbdunklen Gang in diese Krypta niederstiegen, -mahnte es mich an die Kasemattengänge einer Festung; allein um wie viel -älter sind diese ehrwürdigen Mauern als die älteste Burg; denn sie wie -die Krypta stammen noch aus der Zeit vor dem Hunnensturme, vom ersten -Kirchenbau Aquilejas her. - -Rohe Säulen mit sehr einfachen Kapitälen, aber ohne Sockel, stützen -die in runden Halbbogen sich wölbende Decke. Fünf kleine, halbrunde -Fenster verbreiten in dem kühlen, moderigen Raum ein geheimnisvolles -Halbdunkel, das von den uralten, kunstlosen Malereien, welche Wände -und Wölbung bedecken, nur wenig erkennen läßt. In der Mitte dieser -unterirdischen Kapelle steht ein großer Sarkophag, der einst die -Knochen des heiligen Hermagoras, des ersten Bischofs von Aquileja, -enthielt. In den vielen Kriegen sind die heiligen Gebeine gestohlen -worden. Der junge Führer sprach sich sehr bedauernd darüber aus; wir -aber atmeten auf, als wir wieder in die gute Luft der Oberkirche kamen. - -Auf der Westseite des Domes steht eine andere, die Heidenkirche, die -~chiesa dei pagani~, ein öder, vernachlässigter Bau aus jener frühen -Zeit unmittelbar vor der letzten Christenverfolgung. - -Interessanter ist das darangebaute Baptisterium, eine Taufhalle, wie -aus der christlichen Vorzeit nur wenige auf uns gekommen sind. In einem -achteckigen Hofe steht ein sechsseitiges, geräumiges Taufbecken, in -das der Täufling über drei große Stufen hinabstieg. Wenn das Becken -gefüllt war, reichte das Wasser einem Erwachsenen bis über die Brust -hinauf, und durch dreimaliges Untertauchen vollzog sich die symbolische -Handlung. - -Auf der Südseite des Domes stehen als letzte Reste des -Patriarchenpalastes zwei stark verwitterte, mächtige Säulen; auf der -Nordseite aber ragt der aus den Quadern des römischen Amphitheaters von -Popo erbaute, 72 Meter hohe, freistehende Glockenturm empor. An der -südlichen Flanke, eines breiten, aus Römerzeit stammenden Grundbaues, -führt eine Freitreppe in den eigentlichen Turm hinauf. Ein junges -Weib geleitete uns die hundertacht beschwerlichen Stufen, die von -schießschartigen Löchern nur schlecht beleuchtet sind, zur Glockenstube -empor. - -Da oben ist's wundervoll! Die Aussicht ist zwar nur aus wenigen -Elementen zusammengesetzt, der endlosen, grünen Flur, dem unbegrenzten -blauen Meer, den fernen, verschwimmenden Küsten von Istrien, den -fernen, blassen Alpen, dem düster dämmernden Markusturm von Venedig. -Fast fehlt es dem Bild an Linien; aber unsäglich schön ist der Luftton, -halb Schleier, halb Klarheit! - -Tief unter uns liegt das kleine, unscheinbare Aquileja im -Morgensonnenglanze; hoch über uns wölbt sich ein Himmel, wie es nur -einen gibt auf der Erde, den italienischen, der so dunkel, so strahlend -ist, wie das Auge der Italienerin. - -So war dieser Himmel schon, als die Römer über die Gefilde wandelten, -und feuchte Augen haben schon damals in der Not der Seele aufgeblickt -zum Firmament; auf unserm Stern aber waltet das Schicksal. Aquileja -- -»gezählt, gewogen und geteilt!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Die Lagune von Grado. - - -In einem halben Tag hat man zu Aquileja alles gesehen, was zu sehen -ist, den Patriarchendom und die Rundsicht auf dem Campanile, die -Antikensammlung und den Stall Moschettini. Ist man dazu ein paar -Mal durch die wenigen Straßen spaziert, an denen in losen, kurzen -Häuserzeilen das moderne Aquileja steht, ist man da und dort bei einem -besonders zierlichen Relief still gestanden, das ein in seiner Art -kunstsinniger Bauer in die Front seiner Hütte hat einmauern lassen, -hat man über die Umfassungsmauern in einige kleine Gärten geblickt, in -deren Pflanzengrün halb versteckt hübsche private Sammlungen enthalten -sind, hat man gesehen, wie die Schweine aus antiken Sarkophagen, Katzen -und Hühner aus antiken Graburnen fressen, dann hat man in der Tat alles -gesehen, was das moderne Aquileja dem Fremden bieten kann. -- Auch bei -einem zweiten Besuch habe ich in dem großen geplünderten Römerkirchhof -nicht mehr entdeckt. Also »~partiamo!~« - -Der Kutscher warf sich in die Brust und knallte gewaltig, als wollte -er die alten Aquilejenser aus dem Schlafe wecken; wir flogen südwärts -über das ebene Land nach Beligna und Belvedere ungefähr eine Stunde -Wegs durch einen dunklen Ackergrund, dessen Boden so fein ist, als wäre -er durch ein Sieb gegangen. - -Waren hier die Gartenpaläste der Reichen; war hier die Nekropolis des -ehemaligen Aquileja? Man sagt das eine und das andere, vielleicht -ist keines wahr; hingegen weiß man, daß zu Beligna ein feierlicher -Tempel des Sonnengottes Belenus stand, zu Belvedere ein römisches -Arsenal war und eine Kolossalstatue mit brennender Fackel auf das Meer -hinausleuchtete. - -Wir wollten nach Grado, jener kleinen Inselstadt, hinüberfahren, deren -Namen sich mit Aquileja derart verschwistert hat, daß man den Namen der -einen nicht nennen kann, ohne der andern zu gedenken, daß die beiden, -in Glück und Unglück schicksalsverwandt, zusammengehören wie das -Dioskurenpaar im Mythus der Hellenen. - -Bei dem Dorfe Belvedere erstirbt die Campagna im Dünensand; die gute -Straße geht aus; die Räder sinken tief in den beweglichen Grund, die -Gräser weichen dem Salzkraut, dem Meerginster und wie die Gewächse des -Hallophytengeschlechtes heißen, die oft mit seltsamen, fettkrautartigen -Bildungen den Strand überwuchern. Noch ein Viertelstündchen, und wir -sind an der Lagune. - -Da steht, wie ein Stück Ideallandschaft anzuschauen, auf einem -Dünenrücken ein nicht gar großer, aber alter Pinienwald, der mit -seinen breiten, dunkeln Schirmen das Lagunenbild wundersam verschönt. -Die Pineta, sagt man, sei nur ein Rest eines Piniengürtels, der im -Altertum die ganze adriatische Nordküste umschlang. Wenn das richtig -ist, dann ist dieses weite Meerufer um einen seiner herrlichsten Reize -ärmer geworden. - -Als wir wenig nach Mittag am Strande ankamen, war die Barke, die wir -von Aquileja aus telegraphisch in Grado bestellt, mit zwei tiefbraunen -Gradoneserfischern schon an Ort und Stelle; die Lagune aber bot den -seltsamsten Anblick, den man sich denken kann. - -Es herrschte tiefe Ebbe. Vom Land her strömten die Wässerlein, welche -sonst die Niederungen bei Belvedere mit einem braunen Brackwasser -füllen, in eiliger Hast, wie Kinder in den Schoß der Mutter fliehen, -dem zurückweichenden Meere nach und furchten Dutzende von Rinnen -in den grauen Lagunenschlamm. Die breiten Sandrücken, die vom Meer -zurückgelassenen Tümpel und Lachen durchsetzten sich derart, daß -man nicht sagen konnte, überwog die See das Land oder dieses die -See. Es war ein interessantes Etwas, das niemand gefallen konnte -als den Amphibien, den sich sonnenden Wasserschlangen und den im -Schlamm steckenden Schildkröten. Selbst der Menge von Krustentieren, -den Taschenkrebsen und Langschwänzern, die neben vielen kleinern -und größern Muscheln den Schlamm bedeckten und hundert vergebliche -Versuche machten, kriechend oder springend ihr natürliches Element zu -erreichen, schien die Gegend schlecht zu bekommen. Man konnte es in -der Tat für gleich unmöglich halten, zu Fuß oder zu Schiff nach Grado -überzusetzen, dessen Häuser klar und fast zum Erlangen nah über die -Lagune schimmerten; denn für das eine war zu wenig Land, für das andere -zu wenig Wasser. - -Allein, was will eine Landratte urteilen! -- Unsere Gradoneserfischer -stachelten ohne viel Besinnen die Barke durch den flüssigen Schlamm, -bis wir in einen jener Kanäle kamen, die sich wie Flußbette in vielen -Windungen durch den Lagunenboden ziehen. - -An eine direkte Fahrt nach Grado war nicht zu denken. Wir fuhren statt -nach Süden weit ostwärts gegen die kleine Insel Barbana hinunter, -wo einige feierliche Zypressen um eine alte Wallfahrtskirche stehn. -Diese soll sich laut Legende da erheben, wo nach jener furchtbaren -Naturkatastrophe vom Jahre 585 Schiffer ein auf den Wellen treibendes -hölzernes Marienbild fanden, das heute noch wundertätig alljährlich -Pilgerflotten von 30000 bis 40000 Wallfahrern nach Barbana lockt. - -Bald einer Sandbarre ausweichend, bald über eine hinschleifend, bald -durch Meergras und Binsen wogend, änderte die Barke jeden Augenblick -ihren Kurs, so daß wir auf unserer fast dreistündigen Fahrt nach Grado -mindestens die zwiefache Strecke zurücklegten und es fast unmöglich -schien, nach dem durch seine Nähe neckenden Städtchen zu gelangen. - -Es wäre etwas Mißliches um eine solche Fahrt im Zickzack, böte sie -nicht ein ganz ungewöhnliches landschaftliches Interesse dar. Ein Lido -flacher, grüner Inseln umschließt die Lagunen, und zwischen ihnen durch -schimmert scheinbar erhöht der Azur des offnen Meers, das leistönend -seine Wellen in den Lagunenfrieden treibt. Dazu zieht sich von der -Isonzomündung bis gegen Grado hin ein vielfach vom Meer durchbrochener -und unterwaschener Dünenzug, dessen einzelne steilabstürzende Hügel -wie riesige Blockhäuser aus der wogenden See aufsteigen. - -Die kleine Inselstadt, die grünen, flachen Inseln des Lido, der -Ausblick auf die offene See, die fernen Dünenpalisaden geben zusammen -der Landschaft ein seltsam Reizvolles, das weniger schön als merkwürdig -ist. Der Schaffensdrang der umgestaltenden Natur offenbart sich -vielleicht nirgends gewaltiger als am Meeresstrand. - -Zweifellos war jener Dünenzug, dessen ruinenhafte Hügel dem -Zusammensturz nahe scheinen, vor Zeiten eine geschlossene Sandbarre, -und noch in römischer Ära muß die Lagune ganz anders ausgesehen -haben als in unsern Tagen. Von Istrien, wo ein ehemaliger Stadtteil -von Parenzo in der See versank, bis nach Venedig, wo im Gang der -Jahrhunderte die unterirdischen Räume der Markuskirche ins Wasser -zu stehen kamen, bemerkt man die Folgen einer säkularen Senkung des -Bodens. Diese beträgt im Bereich der furlanischen Küste zwei Meter, -und bei der Flachheit des Strandes hat sie dem Meer die Herrschaft -über weite ehemalige Landstriche eingetragen. So kommt es, daß die -Inseln des Lido, welche in der römischen Zeit mit Werkstätten für den -Schiffsbau und Hafenanstalten jeder Art dicht besetzt waren, viel -kleiner geworden sind, daß an der Stelle der ehemaligen Inselwälder, wo -noch die Dogen Venedigs des Weidwerks pflogen, an der Stelle, wo der -Pflug des mittelalterlichen Bauers den Acker furchte und das Vieh auf -fetten Gründen weidete, die Lagunenwelle im Röhricht plätschert und von -den zahlreichen Eilanden, Grado ausgenommen, keines mehr dem Menschen -eine dauernde Wohnstätte bietet. So kommt es, daß große Strecken -landeinwärts gegen Aquileja, welche früher in der Pflanzenüppigkeit -der Campagna prangten, Meersumpf geworden sind, daß Mauerreste und -Inschriftensteine, Mosaikböden und Lager von Amphoren, in welchen die -Römer den Wein aufzubewahren pflegten, im Grund der Lagune und der -Meersümpfe liegen. - -Man sagt, daß zur Blütezeit Aquilejas ein Damm von Belvedere nach -Grado hinüber geführt habe. Vielleicht im Angedenken der ehemaligen -Schönheit dieser Landschaft ist ein großartiges Projekt aufgetaucht: -die ganze Lagune von der Isonzomündung bis zur italienischen Grenze, -also auf eine Strecke von 30 Kilometern, durch Dämme, die sich von -einer Lidoinsel zur andern ziehen, gegen die See abzuschließen, die -Lagune selber durch Maschinen zu entwässern und ein Gebiet von sechzig -Quadratkilometern Meer in Kulturland umzuschaffen. - -Allein dem schöngedachten Plan eines »adriatischen Hollands« mit -Polderwerken und fetten Marschen, wo ein glückliches Volk, den -Niederländern nacheifernd, auf altem Meergrund seine Felder baut, -haftet der eine große Fehler an, daß es auf den griechischen Kalenden -steht. Selbst für jenen andern, ungleich bescheidenern, jene -Dammverbindung von Grado und Belvedere zu erneuern, lebt, obwohl die -Existenzfähigkeit des Lagunenstädtchens eng damit verknüpft ist, in den -Kreisen, die ihn vermöge ihrer sozialen Stellung zu einer allgemeinen -Landessache machen könnten, wenig Sinn. - -Der Gedanke an Italien, das nur eine Gelegenheit abwartet, wo die -Heere Österreichs anderwärts gebunden sind, um eine Erweiterung seiner -Grenzen bis an den Golf von Triest oder sogar drüberhin zu versuchen, -und die Möglichkeit eines Erfolges legt in Finanzkreisen jede größere -Unternehmung im untern Friaul lahm. - -Bei Barbana nahm unsere Barke eine ziemlich gerade Richtung nach -Grado. Auf vielen der binsenumwachsenen, niedrigen Sandinseln, -welche sich längs der Lagunenkanäle hinziehen, standen zeltartige -Schilfhütten. Das sind die Sommerfrischen gradonesischer Fischer, und -wie eine Robinsonade mutet das Leben des Inselvölkleins an. Malerisch -verwilderte Männergestalten besserten ihre Netze aus oder legten sie -zum Trocknen an die Sonne, bronzefarbene Weiber schabten die gefangenen -Fische, und junge Burschen und Mädchen wälzten sich kichernd und -halbnackt in den Binsen. - -Oft hat -- ich weiß nicht durch welche Ideenassoziation -- der Anblick -irgend einer Meerlandschaft in mir die Erinnerung an Hochgebirgsszenen -wachgerufen, und als ich die rauchgeschwärzten Schilfhütten sah, die -nur mit einer offenen Feuerstelle, einem Binsenlager im Hintergrund -und einigen Holzklötzen zum Sitzen ausgestattet sind, mußte ich -unwillkürlich an jene letzten Hütten, die der Mensch gegen die Grenzen -des ewigen Schnees emporgebaut hat, denken. Allein wie viel einfacher -lebt noch der adriatische Strandfischer, dessen ganzer Reichtum sein -Schilfzelt, sein Kahn, sein Netz und sein Segel ist, gegen den letzten -Sennen, der doch wenigstens noch jene Reihe von Geräten, wie man sie -zur Käsebereitung bedarf, in seiner Alphütte birgt. - -Man sieht unter diesen Lagunenfischern und ihren Weibern viele -Gesichter von hoher natürlicher Intelligenz und prächtig -aufgeschlossenen Gesichtszügen und es lebt auch ein großes Stück -Selbstgefühl in diesen malerischen Gestalten. - -Fordert Ihnen ein Gradonese am Strand von Belvedere fünf Gulden für die -Überfahrt nach seiner Inselheimat und bieten Sie ihm zwei, womit seine -Arbeit vollauf bezahlt wäre, eher kehrt er Ihnen den Rücken und fährt -allein in seine Lagunen zurück, um in einer Woche mühsamer Fischerei -die zwei Gulden nicht zu verdienen, als daß er auf Ihren durchaus -billigen Vorschlag eingehe; er läßt nicht mit sich markten. - -Allein nicht minder groß als ihr Selbstgefühl ist ihre -Gleichgültigkeit; sie sind wahre Diogenesnaturen. - -Als wir bereits in der Nähe von Grado waren, mußten unsere zwei -Barkenführer noch eine lange, schmale Sandbarre umrudern. - -»Warum«, fragten wir einen derselben, »haben Sie denn diese Bank nicht -längst durchstochen; es kürzte ja den Weg ungemein?« - -»Wer soll es machen?« antwortete er schulternzuckend. - -»Diese Arbeit von einem oder zwei Tagen, wir denken Sie oder Ihre -Gefährten oder die Stadt Grado«, sagten wir. - -»Das Meer hat diesen Sand daher gespült«, erklärte er nun; »unsere -Väter sind schon um denselben her gefahren; wir machen es ebenso; -soll der Sand weg, dann mag ihn das Meer wegschaffen -- es wäre uns -allerdings recht.« - -Wir bemühten uns nicht weiter, dem Manne die Vorteile einiger -Spatenstiche klar zu machen; wir fuhren an einigen venetianischen -Booten, die bei der Schlammbank in Quarantäne standen und mit der -Wäsche ihrer Mannschaft beflaggt waren, vorbei, und ein kleines -Weilchen später waren wir nach zweieinhalbstündiger Fahrt im Hafen von -Grado, der schicksalsreichen Inselstadt. - -Zur Blütezeit Aquilejas war Grado das Herz des aquilejensischen -Seelebens, der Mittelpunkt der Flottenstation und zugleich der -Angelpunkt des aquilejensischen Urchristentums, den eine ganze -Mätyrerschar, darunter viele Jungfrauen, mit ihrem Blute weihten. - -Dann wurde das Laguneneiland Port und Asyl der heimatlosen -Aquilejenser. Wie mag das Wehegeschrei der Frauen und Kinder durch -das kleine Inselland gehallt haben, als über den Meeresarm her der -Lärm und das Getöse des Hunnensturms erscholl, als aus der glänzenden -Heimatstadt die Feuerlohe zum Himmel schlug, als das erste wunde -Kriegerhäuflein, das sich durch die Hunnenscharen geschlagen, an den -Strand von Grado kam und auf die hundert durcheinander schwirrenden -Fragen todestraurig die Antwort: »~Finis Aquilejae~« gab. - -Die schöne Aufgabe, ein Friedensport im Kriege zu sein, hat Grado -durch die ganze schwere Zeit der Völkerwanderung gegenüber den Land- -und Städtebewohnern des Friauls erfüllt. Es war nicht sein Schaden; -denn »Neu-Aquileja«, wie sich der Ort im sechsten Jahrhundert nannte, -war, ehe dem venetianischen Löwen die Flügel gar so mächtig wuchsen, -der Vorort der Lagunenstädte. Die mittelalterlichen Schriftsteller -rühmen seine starken Mauern und Türme, seine zahlreichen Kirchen und -herrlichen Paläste, und von der Festlandsstadt hatte es nicht nur viele -Kunstwerke, sondern auch einen Teil ihres blühenden Handels geerbt. - -In der Hunnenzeit war auch der Patriarch von Aquileja nach Grado -geflohen. Seine Nachfolger hielten bald hier, bald dort ihre -Residenz, bis in jenen uns kaum mehr verständlichen Streiten der -orthodoxen Kirche gegen die verschiedenen Schismen auf Grado ein -Konkurrenzpatriarchat zu demjenigen von Aquileja entstand, das, später -auch rechtgläubig geworden, erst nach fast tausendjährigem Bestand von -den Patriarchen des letztern aufgerieben wurde. - -Dann wurde es stiller und stiller auf dem Eiland; die Bevölkerung -verarmte im Laufe der Jahrhunderte; die Insel wurde, von den -Meereswogen zernagt, kleiner und kleiner; die Stadtmauern stürzten ins -Meer, und heute ist Grado ein kleines Städtchen von 3000 Einwohnern, -deren Ackerfeld, Garten, Werkstätte, Vorratskammer, deren ganzer -Reichtum das Meer ist; denn die Gradonesen alle sind Fischer. - -Das Städtchen ist grad so groß als die Insel, deren Strandoval man -in einem Viertelstündchen bequem umwandelt. So freundlich es von der -Lagune her aussieht, so unreinlich ist es im Innern. - -Wie die Patriarchen von Aquileja sich in ihrem Dom und dessen -weitausschauendem Campanile ein Denkmal errichteten, das ihre eigene -Existenz um Jahrhunderte überdauerte, sicherten sich diejenigen von -Grado in der Kathedrale Sant' Eufemia ein heut noch wohlerhaltenes -Monument. Ihr Äußeres wird freilich in seinem Eindruck durch die -umgebenden Häuser beeinträchtigt, und mit dem stolzen Gotteshaus von -Aquileja darf sie sich nicht messen; aber ihr Inneres wetteifert an -Alter und archäologischem Wert mit dem Dom von Aquileja. - -Sonst bietet die kleine Stadt kaum etwas Sehenswertes; doch ist ein -Spaziergang auf dem neuen Damm, der die Südseite des Städtchens zum -Schutz gegen die Meereswogen in einem Halbrund umzieht, von bedeutendem -Reiz; denn von seiner Höhe genießt man einen wundervollen Blick auf die -offene, in dunkelblauen Wellen pulsierende See. - -Dieser Damm und die an der Ostseite des Städtchens liegende, erst -kürzlich in leichtem Holzstil aufgeführte Badeanstalt zeigen, daß -Grado sich nicht willenlos in sein dereinstiges Schicksal, vom -Meer aufgefressen zu werden, ergibt. Vorher möchte es noch eine -Gesundheitsstation ersten Ranges, ein adriatisches Rügen werden. - -Es hat seine dankbare Klientel, die vom Seebade Grados entzückt ist. -Sie spricht von seinem herrlichen Wellenschlage, als ob das Meer -nirgends mehr so lieblich wogte, wie an diesem Strand, und findet den -feinen, weißen Sand unvergleichlich. Allein die dankbarste Kundschaft -ist die alljährliche wiederkehrende Kolonie einiger hundert skrofulöser -Kinder, welche die Städte Triest und Graz auf das kleine Inselland in -die Ferien senden. - -Diese armen, glücklichen Kinder untersuchen nicht; sie baden, sie -spielen und werden gesund. Die roten Wangen, die lachenden Augen, sie -sind die besten Anwälte für Grado. - -Allein so ein echter, rechter Kurort -- eben ein adriatisches Rügen --- kann Grado doch nicht werden. Dazu fehlt es an allem, an einer -Promenade, wenn man nicht den bei ruhiger Luft unangenehm ausdünstenden -Strand längs des Inseldammes dafür nehmen will, an Wohnungen, denn das -Städtchen ist von den eigenen Einwohnern bereits übervölkert und an -Platz für etwas ausgedehntere Neubauten, wenn man nicht ein neues Grado -in die Lagunen hinaus gründen will. - -Wenn sich wenigstens nur etwas Baumgrün auf das Inselland pflanzen -ließe, damit das Auge etwas mehr hätte, als das endlose Blau der See -und des Himmels, den südlichen Sonnenschein und die reflektierenden -Mauern der Stadt; allein alle Versuche, auf der Insel Bäume längere -Zeit zu erhalten, scheitern. Sie verderben in kurzer Zeit an dem -salzigen Grundwasser oder fallen, da ihnen der lockere Inselsand keinen -Halt gewährt, den Seewinden zum Opfer. - -Selbst das freundliche Bild grünender, blühender Sträucher hat sich -in einige ganz kleine Privatgärten, die zwischen den Häusern des -Städtchens eingeklemmt sind, zurückgeflüchtet. - -Manches wird in Grado, um Kurgäste anzulocken, noch getan werden -können. Von all den kleinen Anfängen, welche das Kurleben dort -gezeitigt hat, schien uns die Gründung einer deutschen Bierhalle das -bedeutsamste Ereignis. Wir haben es gewürdigt! Schäumender Gerstensaft, -ein blühendes Gärtchen, eine gute Kegelbahn; wer wollte auf einem so -kleinen Meereilande sich nicht damit zufrieden geben! - -Als wir nach einem dreistündigen Aufenthalt in der kleinen Inselstadt -wieder unsere Fischer und unsere Barke aufsuchten, bot die Lagune -ein ganz anderes Bild, als am Nachmittag. Die steigende Flut hatte -die Sandbänke mit dem Blau des Meerwassers bedeckt; nur einige der -höhern, auf welchen die Schilfhütten der Fischer standen, ragten -noch, zwar um vieles verkleinert, über die hereinbrechende See. Die -Gegend war kaum mehr zu erkennen. Die Lagune gestattet jetzt eine -fast geradlinige Fahrt von Grado nach Belvedere; dazu schwellte ein -angenehmer Seewind das Segel. Glücklich schwebten wir über der aus -allen Tiefen emporquellenden Flut durch den schönen Meeresabend, -tranken dunkeln Wein von Monfalcone und hellen von Gumboldskirch, aßen -kaltes Geflügel und italienische Rauchschinken, Vorräte, die wir alle -der gütigen Vorsorge unserer Hauswirtin verdankten, und sangen die -Lieder unserer Heimat dazu. Die niedergehende Sonne zögerte noch ein -Weilchen, als sie so fröhliche Menschen sah. Ihre Strahlen glühten über -der kleinen Fischerstadt. Wir wünschten Grado, dem meerumschlungenen, -viele Kurgäste und noch manche Jahre gedeihlichen Daseins; denn sterben -muß es einmal doch. Wer es in tausend Jahren besuchen will, findet -vielleicht nichts mehr von dem Eiland. Es sinkt und sinkt; die See nagt -immerfort an seinen Flanken; überall beißen sich die Wellen in seine -Ufer; Sandkorn um Sandkorn wird hinweggespült. Wenn später einmal der -Fischer mit seinem Kahn über die Stelle fährt, dann faltet er die Hände -und betet ein Requiem über der versunkenen Stadt. - -Als wir am Strand von Belvedere nach nicht viel mehr als einstündiger -Fahrt ankamen, versank die Sonne rotgolden und groß in der -venetianischen Tiefebene; als die stillen Straßen Aquilejas vom -Hufschlag unserer Pferde widerhallten, hatte sich der Sternenschleier -der südlichen Nacht über den dämmernden Dom und den riesengroßen -Campanile gespannt; als wir durch die furlanische Campagna nordwärts -flogen, da stoben lichte Schwärme von Leuchtkäfern in Büschen und -Bäumen auf und erloschen im Campagnenwald, und als wir in Monfalcone -ankamen, tanzte beim Klang der Trompete und den leidenschaftlichen -Tönen des Fagotts noch das junge Volk unter den Kastanienbäumen. -Qualmende Lichter warfen ihre Strahlen auf die Gruppen; in geröteten -Gesichtern und in funkelnden Augen lag Liebesglut und Feuer des Südens. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Im Frühling von Miramare. - - -Wenn die junge Süderde im Lenzgeschmeide prangt, wenn es in den -adriatischen Gärten blüht und duftet, dann pilgert der Naturfreund -Triests hinaus zu dem Marmelschloß von Miramare, das in sonniger, -märchenträumender Schönheit am innersten Golfe der Adria prangt. - -Gedenk ich jener Stunden, wo ich im blühenden Burgfrieden von Miramare -die stillen Parkwege gewandelt, so kommt wieder der ganze Zauber jener -Meerlandschaft, zu der sich wie im Heimweh nach der mütterlichen Flut -der Karst, der dunkle Tarnovanerwald und die julischen Alpen mit ihren -leuchtenden Berggesichtern niederdrängen, über mich. - -Es ist von Monfalcone nach Miramare fünf Stunden Wegs um das innerste -Golfrund der Adria. Sie bieten dem Wanderer das Schönste, was im -Bereich dieses Meeres liegt! - -Zwar weicht schon nach der ersten Wegstunde die Campagna stagnierenden -Reissümpfen; allein auch sie sind nicht reizlos. Zwischen Sumpf und -Meer steht, malerisch an einen Felsrücken gelehnt, die altersgraue -Kapelle Sant' Antonio, welche alljährlich zur Frühlingszeit die -Schiffer der Umgebung zur Bootsweihe in ihre Räume sammelt. Bereits im -Sumpf erhebt sich ein hübsches, modernes Gebäude, das Bad Monfalcone. -In seinem Hof dringt eine Schwefelquelle von 40 Grad Celsius aus dem -Moorboden, die mit dem Meere ebbt und flutet. In den Gängen hangen -die Krücken dankbarer Gichtbrüchiger, die als Lahme gekommen und als -Gesunde gegangen sind. Die heilsame Quelle lockt allsommerlich eine -kleine Fremdenkolonie nach Monfalcone. Da das Badegebäude wegen der -fiebererregenden Dünste, welche am Abend aus den Sümpfen aufsteigen, -nicht bewohnt werden kann, beleben die Badegäste die paar Gasthöfe der -Stadt. Regte sich hier der nämliche Unternehmungsgeist, wie in manchen -Tälern des Gebirges, so wäre Monfalcone der Welt schon lange als ein -südösterreichisches Ragaz bekannt. - -Der Sumpf östlich vom Bad war um die Wende unserer Zeitrechnung noch -ein mit dem Meer zusammenhängender Binnensee, in welchem hin und wieder -eine römische Flotte vor Anker lag. Jetzt schleicht vom Karste her die -Lokavaz, ein unheimliches, trübes Gewässer, durch diese Gegend zum -nahen Meer. - -Jenseits des Flusses liegt der merkwürdige Ort, wo an der letzten -innersten Bucht der Adria die lombardisch-venetianische Tiefebene -ausgeht, die Alpen mit ihren felsklippigen Ausläufern sich ans Meerblau -drängen, der flache, reizlose Lagunenstrand des adriatischen Westens -den malerischen Felsenufern des Ostens weicht und sich die östlichste, -von der Romantik der Halbkultur umschleierte große Halbinsel vom -europäischen Festland löst. - -Es ist, als ob die Natur den Angelpunkt, wo sich Alpen, Meer und -Tiefland stoßen, der europäische Osten sich vom Westen scheidet, selber -mit einem ihrer herrlichsten Wahrzeichen hätte schmücken wollen; denn -da rauscht in drei Quellen aus unerforschten Felsenschlünden der -kürzeste Strom Europas, der Timavo auf. - -Die altersgraue Kirche San Giovanni, eine Mühle, deren Werke seit -längerer Zeit ruhen, einige kleine Häuser und etwas Grün schmücken die -Quellen, und Barken fahren bis an den Ursprung den langsam abfließenden -Strom hinauf, der sich schon nach wenigen Kilometern Laufes in die -Bläue des Meeres verliert. - -Seine Geschichte greift hinauf bis in die graue Sagenzeit, und seine -Wasser sind geweiht durch Argonautenzug und Äneis. In einem heiligen -Eichenhain stand an seinem Ufer ein Tempel des Diomedes, der den -Griechen im Kampf gegen Troja mit achtzig Schiffen zu Hülfe gekommen -war, und später einer der Hera, der großäugigen, lilienarmigen Göttin. - -Der Trimavus muß im Altertum, als er die damaligen Schriftsteller -und Dichter, einen Virgil, einen Strabo, einen Plinius, Martial und -Cornelius Nepos, zum höchsten Staunen hinriß, noch ein ganz anderer -gewesen sein als in unserer Zeit; denn sie feiern ihn in bewundernden -Ausdrücken als die »Mutter des Meers«, und der Sänger der Äneis meldet: - - »~... Per ora novem vasto cum murmure montis - It mare proruptum et pelago premit arva sonanti~«[1] - - [1] »... Durch neun Münde und unter dem Seufzen des Berges - Bricht er ins Meer und peitscht mit tönender Woge die Felder.« - - -Neun Quellen, nach andern Schriftstellern auch zwölf, hatte also damals -der Timavus, und schauerlich großartig trat er zu Tage -- heute ist -er bis auf drei versiegt. Dennoch tritt auch jetzt noch der Wanderer -mit einer gewissen Ehrfurcht an den seltsamen Fluß, der mit immer noch -starker Wasserfülle als ein herrliches Naturrätsel von dannen strömt. - -Naturrätsel! Wenn das Rätsellösen so viel bedeutet, als an die Stelle -des einen ein anderes zu setzen, dann ist auch der Timavo, seine -einstige Wassergröße, seine jetzige Kleinheit, dann sind seine Zuflüsse -enträtselt. - -Eine scharfsinnige Hypothese bringt nämlich seinen Wasserverlust mit -der Bildung des Isonzo in Zusammenhang. Dieser soll im Altertum bei -Görz im Karst verschwunden sein; allein im Mittelalter haben sich die -unterirdischen Verbindungskanäle dann verstopft, der Isonzo sei nach -Süden ausgebrochen, wodurch der jetzige Unterlauf desselben entstand, -der Timavus aber um eine Reihe von Quellen verarmte. - -Diese Hypothese hat ungemein viel für sich. Noch heute existiert -zwischen der Wippach und dem See Dobredo ein Zusammenhang; denn bei -großen Wasserständen des Flusses steigt auch der See, und heute noch -hört man in der Grotte von Jaminiano das Rauschen unterirdischer -Wasser, die in der Richtung gegen Timavo abfließen. - -Seinen jetzigen Hauptzufluß -- das steht ganz außer Zweifel -- erhält -der Timavo von der Reka, einem Karstwasser, das sich bei San Canziano -ein paar Stunden gebirgseinwärts von Triest in eine Kalksteingrotte -verliert. Die Entfernung von San Canziano zum Timavo beträgt über -dreißig Kilometer. Man hat die Grotte, die sich in unmittelbarer Nähe -der Kirche des Dorfes zum Empfang der Reka öffnet, eine Strecke weit -erforscht. Es soll, so sagen die Höhlenpioniere von Canziano, ein -wunderbares, unbeschreibliches Gefüge von Gängen, Hallen und Erkern -sein, durch welches sich die Reka windet, ein Seitenstück zur Grotte -von Adelsberg. - -Jenseits des Timavo beginnt die Straße mählich anzusteigen. Da liegt -zwischen ihr und dem Meer der Wildpark von Duino, ein großer, dichter -Terebinthenhain, der ein beredtes Zeugnis dafür bildet, daß der Karst -von Natur aus kein kärglicher Boden ist, daß erst der Unverstand der -Menschen ihn zu der dürren Steinwüste gemacht hat. - -Hinter dem Park ragen die altersgrauen, verwitterten Mauern des -Schlosses Duino auf hohen, malerisch zur See abstürzenden Felsen auf ... - - »Es stand in alten Zeiten ein Schloß so hoch und hehr, - Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer.« - -Man muß unwillkürlich an diese Uhlandsverse denken, wenn man die -alte gewaltige Feste sieht. Man sagte mir, es sei die größte am -Mittelmeer! Uralt ist sie; denn schon die Hohenstaufen haben auf ihren -Italienfahrten in Tybein, wie der alte, deutsche Name der Burg lautet, -gern gerastet; ja ihre Anfänge gehen bis in die Römerzeit zurück. Es -muß damals in dieser Gegend ein vorzüglicher Wein gewachsen sein; denn -Livia, die Gemahlin des Augustus glaubte es diesem zu verdanken, daß -sie über die achtzig Jahre alt geworden ist. - -Landeinwärts vom Schloß bildet ein Dutzend dazu gehöriger Pächterhütten -eine kleine Ortschaft. In ihrer Mitte ist das schwarze, ungemein feste -Eingangstor zum Schloß. Dieses selber besteht aus einem Gefüge von -Bauwerken aus verschiedenen Jahrhunderten, die sich alle um einen -dicken, viereckigen Turm drängen. - -Die gegenwärtige Besitzerin des Schlosses, eine Fürstin Hohenlohe, -hat die weitläufigen Gemächer desselben mit vielen römischen -Fundstücken, alt-venetianischen Holzschnitzwerken und herrlichen -Gemälden geschmückt, von denen manche den besten italienischen Meistern -angehören. Sie ist selber eine Malerin von hohem Talent, und es kann -für eine Künstlerin in der Tat keinen Ort geben, wo sich die Phantasie -mehr befruchtet, als in dem sagen- und efeuumrankten Schloß, vor dem -das südliche Licht über den Azur des Meeres zuckt und flutet. Achtzig -Meter steigen die zerrissenen Uferfelsen lotrecht von der See auf, und -in ihren Rissen grünt eine Vegetation, die mit ihren Agaven und Kakteen -an noch südlichere Gestade erinnert. - -Auf einem grauen, verwaschenen Felsen in der See, der durch ein -zackiges Riff mit dem Festland verbunden ist, liegen die Ruinen -der Stammburg, Tore, Bogen und Türme, durch welche das tiefe Blau -des Himmels scheint; ein ungemein malerisches Bild, wie denn das -Meergestade von Duino in seiner Art etwas einzig Schönes hat. - -In der Nähe ist eine kleine Sardellenfabrik und der Hafen von Duino. -Nichts Angenehmeres, als sich hier hinausrudern zu lassen auf das -träumende Meer, unter dem Schloß hin und längs der steilen, zerrissenen -Uferfelsen. Hier wäre der Ort für eine südliche Lorelei! Oben in einem -Saal des Schlosses steht eine goldene Harfe; allein ich vermute, -daß sie, die wohl von Harfner oder Harfnerin einst in Minneleid und -Minnefreude geschlagen worden, nun gute Ruhe hat. - -Und wie sollte eine Lorelei hier Stätte haben, wo der Sterblichen -Gewaltigster einer gedichtet hat. -- Dante! Man zeigt unter dem Schloß -einen in die See vorspringenden Felsen, welchen die Sage zu einem -Lieblingsaufenthalt des großen Florentiners weiht. - -Die Landschaft östlich vom Schloß mahnte mich etwas an den Urnersee. -Es ist wunderbar still da unten; nur die prächtig gefärbten zierlichen -Quallen, die in geselligen Schwärmen durch die Meerflut ziehen und vor -der nahenden Barke fliehen, das Aufblinken sich tummelnder Seefische -und das Geschrei aus- und einfliegender Tauben und Spyrschwalben, die -ihre Geniste in den Löchern des Felsensturzes haben, bringen etwas -Leben in den strengen Ernst des Ufers und das sonnige Lächeln des -Meeres. Drei Felsen, die aus dem Steilhang des Ufers treten, heißen die -»drei Altäre.« - -Die Bucht von Sistiana, ein reizendes Meeridyll, legt eine Bresche in -den Felsengürtel, der das Meer von Duino umschlingt. An ihrem Eingang -sieht man nach Aurisina hinüber, das ein halbes Stündchen entfernt sein -mag. Dort steht das Maschinenhaus der Wasserversorgung von Triest. -Die Pumpwerke derselben schaffen das am Meeresstrand den Felsen -entquellende Wasser auf das Plateau von Nabresina hinauf, das hundert -Meter über dem Seespiegel liegt. - -Bei Sistiana, wo eine Menge der Steine, die zum Hafenbau von Triest -verwendet worden sind, gebrochen wurden, stiegen wir wieder hinauf -auf die Straße Monfalcone-Triest. Sie führt durch eine Landschaft vom -echtesten Karsttypus. Ringsum starrt ein Chaos zernagter Felsen, wie -aus dem Boden gewachsen, uns entgegen. Doch bilden sie eine Menge, zum -Teil großer Dolinen, seltsame, dem Karst eigentümliche Gesteinskessel, -deren Grund mit einer üppigen Vegetationsdecke ausgeschlagen ist. Die -Dolinen sind ein ungemein liebliches Kontrastbild zu der Trostlosigkeit -der übrigen Landschaft; denn auf den Miniaturäckern, die im Grund -derselben liegen, gedeihen, dem zerstörenden Hauch der Bora entrückt, -die zuweilen mit furchtbarer Gewalt über diese Gegend fegt, Wein und -Öl, Mandel und Feige wie drunten am Meer. - -In einem weiten Bogen überspannt ein Kolossaldamm der österreichischen -Südbahn das Küstenplateau, und durch ein Tor dieser gewaltigen Baute -gelangen wir in das berühmte Steinbruchgebiet von Nabresina, dessen -mattweißer Marmor schon der Stolz des ehemaligen Aquileja war und das -heutige Wien mit den Prachtbauten der Ringstraße schmückt. - -Durch einen Bogen eines zweiten, sechshundert Meter langen -Bahnviaduktes gelangen wir nach Nabresina selbst, einem slavischen -Dorf, bei dessen Station sich aus der Hauptlinie Venedig-Wien der -Schienenstrang nach Triest herauslöst, um sich längs der Ufer von -Miramare in die adriatische Handels- und Hafenstadt hinabzusenken. - -Nabresina und die mehr nach Osten vorgeschobenen Dörfer Santa Croce -und Prosecco sind beliebte Ausflugsziele des nahen Triest, von dem -die Straße in zahlreichen, engen Windungen nach Prosecco emporklimmt, -fröhliche Stelldichein der lebenslustigen Jugend. Bei der eingebornen -Landbevölkerung hat sich noch eine hübsche Mädchentracht, ein Schapel, -ein weißes, geschmeidiges Brusttuch und eine rote oder blaue Schürze, -alles von Seide und reich gestickt, erhalten. Es liegt etwas ungemein -Gutmütiges, mehr Trauriges als Fröhliches, mehr Demütiges als Keckes -in den Gesichtern ihrer Trägerinnen, deren wasserblaue Augen und wenig -belebte Züge scharf gegen das ewig bewegliche Element und die Glutaugen -der italienischen Strandbewohnerinnen abstechen. - -Da sind wir auf der Höhe von Prosecco, jenem kühnen Vorgebirg nächst -Triest! »~Vedere e morire!~« Sieh's und stirbt -- So spricht der -Neapolitaner von seiner Stadt; allein schöner kann Neapel nicht sein, -als der Blick von Prosecco. Da steht man, schaut man, -- und schweigt! - -Tief zu unsern Füßen liegt wonnig und sonnig die Adria, und weiße -Segler ziehen nah und fern auf leuchtender Flut. Etwas links baut sich, -vom Mastenwald seines Hafens emporsteigend, Triest an grünen Hügeln -auf. Über dem Golf von Capo d'Istria winkt Pirano auf olivenreichem -Vorgebirg herüber, während in blauender Ferne Himmel und Meer eines -ins andere übergehen. Zur Rechten senkt sich steil eine Riviera -von silbergrauen Ölbäumen und dunkelgrünen Lorbeerwäldchen, von -Rebengrün und Myrtenhainen zur Punta Grignana ab, auf deren äußerstem -Vorsprung ein zu Stein gewordenes Märchen, Schloß Miramare, aus einem -Terebinthen- und Lorbeerparke steigt. Noch weiter rückwärts gegen Duino -stürzen die Karstfelsen jäh und handlos zur blauen Flut. Meerherüber -grüßen die Pinien von Barbana, Grado, die Inselstadt, der Campanile -von Aquileja, die Lagunen und in träumender, nordwestlicher Ferne die -julischen und italienischen Alpen. - -Allein das sind nur einige Fixpunkte; denn ein Bild wie dasjenige von -Prosecco läßt sich nicht wiedergeben; es kann nur ein selbstgeschautes, -kein übertragenes sein. Was ich nicht zu beschreiben vermag, das -ist der jäh wirkende Zauber des Meerbilds, der Wandel der übers -Meer spielenden Sonnenlichter, jenes Geheimnisvolle, mit dem eine -fast grenzenlose Meerperspektive auf die Seele wirkt und sie mit -einem leisen Heimweh nach dem sonnigen Hellas und den Märchen des -Morgenlandes füllt. - -Zögernd scheiden wir von dem herrlichen Punkt, zögernd, als könnte -unserem Auge das schöne Bild mit den sonnigen Weiten plötzlich entzogen -werden, und steigen durch die Weinberge von Prosecco, wo ein feuriger -Schaumwein wächst, durch hochromantische Felsenpartien, malerische -Kastanienwäldchen und Olivenhaine hinunter zur Südbahn, welche von -Triest aus an dem üppigen Küstenhang das Plateau von Nabresina gewinnt, -und hinunter zu den Lustgärten von Miramare. - -Miramare! -- Liegt nicht schon im Wort südlicher Wohllaut? »Wunder des -Meeres« heißt's zu deutsch, und ein Wunder ist's, das Marmorschloß -am Meer mit seinen Gärten. Da rauschen die Pinien im lauen Wind, und -zierliche Wege ziehen drunter hin; da glänzen und duften Myrte und -Lorbeer; da schreitet man unterm grünen Dach der Madeirareben, durch -schattige Lauben und kühle Grotten, an halbverborgenen Teichen, über -welche die Schwäne ihre Ringe ziehen, hinab zum Marmelpalast. Fast zu -üppig ist hier der Duft blühender Schlingpflanzen, die über die Arkaden -klettern. Die Kamelien blühen, die wie aus Wachs gegossen im Weiß der -Lilie und im Rot der Rose prangen. Er ist einzig, der Kamelienflor von -Miramare. Da, auf der Gartenterrasse nächst dem Schloß, wo herrliche -Erzbilder auf ihren Postamenten stehen, wo wehende Palmen mächtig auf -zum Sonnenlichte streben, mutet's den Wanderer märchenhaft an; da -scheint eine Fee ihren lieblichsten Träumen Gestalt verliehen zu haben; -da scheint alles gefeit gegen Sorge und Gram, gegen Unglück und Tod; -ein Eden, dieses Miramar! - -Und dennoch trauert Miramare! Es trauert um den Erzherzog -Max, seinen Schöpfer, der sich als ehemaliger Statthalter des -lombardisch-venetianischen Königreichs mit freiheitlicher Gesinnung -eine heute noch lebendige Sympathie in den Herzen der Küstenbewohner -erworben hat, eine Sympathie, die mit schuld sein soll an der -tragischen Geschichte des hochbegabten Fürsten. - -Es war im Jahr 1856, in seinen Bräutigamstagen, als Max auf der Punta -Grignana Miramare, das in normännischem Stil gehaltene Schloß, dessen -heller Schein so wundersam über das triestinische Golfrund leuchtet, -und die Parkanlagen schuf. Im folgenden Sommer führte er sein junges -Weib Charlotte, die schönheitsstrahlende, ehrgeizige Belgierin, in -den zauberhaften Meerpalast heim. Er stand damals an der Schwelle der -dreißiger Jahre und war ein liebenswürdiger, hochgebildeter Mann, der -auf mannigfachen Reisen durch die gesamten Mittelmeerländer und auf -einer Pilgerfahrt nach Jerusalem ein schönes Stück Welt gesehen hatte; -sie eine kaum Siebenzehnjährige, mit allen Vorzügen einer ungewöhnlich -tüchtigen Bildung, dabei von ernstem, arbeitsamem Wesen, aber auch von -einem maßlosen Ehrgeiz. Das liberale Österreich sah mit Hoffnungen auf -das Paar, welche den Neid der Wiener Hofburg herausforderten; denn Max -war um seiner persönlichen Ritterlichkeit und Liebenswürdigkeit willen -weitaus der volkstümlichste der Habsburger, doch für einen Staatsmann -von zu weichem Naturell, und das hat denn auch die furchtbare Tragik in -sein Leben gewoben. - -Man kennt das »Trauerspiel« in Mexiko. Das Land und die Ereignisse, -welche damals zwei Welten in fieberhafter Spannung hielten, sind zwar -in den geschichtlichen Hintergrund getreten; von den Hauptbeteiligten -sind alle tot: Kaiser Max, das Opfer, Napoleon, der Komödiant und -Verführer, Bazaine, das Werkzeug, Juarez, der großmütige Feind, Lopez -der Verräter, General Diaz, der Scherge; nur eine lebt noch, wenn -Irrsinn leben heißt, Charlotte, die schöne ehrgeizige Belgierin. Auf -dem Schloß Tervueren bei Brüssel lebt sie noch. - -Allein wenn man auf den Parkwegen von Miramare wandelt, wird einem die -Geschichte, die Johannes Scherr mit bitterer Ironie eine »Tragikomödie« -nennt, wieder neu, und die Toten stehen wieder auf. - -Es war im Jahr 1860, als Napoleon ~III.~ zum erstenmal als Versucher an -den Erzherzog herantrat und ihm die Kaiserkrone von Mexiko anbot. Man -kann von Max zwar nicht sagen: »Versucht und verführt.« Nur zögernd, -erst am 10. April 1864, als zu Miramare eine mexikanische Deputation -erschien und ihm die Krone namens des mexikanischen Volkes bot, nahm -er sie; allein er nahm sie, denn er war ehrgeizig, sein Weib Charlotte -noch mehr, und die kaiserlichen Verwandten, denen die Volkstümlichkeit -des Erzherzogs schon lange ein Dorn im Auge gewesen war, hatten nichts -dagegen einzuwenden. - -Vier Tage später sagten Maximilian und Charlotte Miramare Lebewohl. Nie -zuvor und nie später haben sich in den Wegen der herrlichen Gärten so -viel Menschen bewegt, wie am Morgen des Scheidetags. Beim Einstieg des -kaiserlichen Paars ins Boot blieb kein Auge trocken. Mit Recht! Was Max -dem Küstenland gewesen, das haben die folgenden Jahrzehnte in keiner -Weise ersetzt. - -Unter einem Blumenregen, unter den Segenswünschen des sich zudrängenden -Volkes schritt das Paar zum kleinen Hafen, und ein Boot, auf dem ein -roter Sammet-Baldachin aufgeschlagen war, führte es hinaus auf den -Golf, wo die »Novarra«, das Lieblingsschiff des Kaisers, im Schmuck -der Wimpel und Flaggen zur Aufnahme der kaiserlichen Passagiere bereit -stand. - -Dann donnerten die Kanonen; vom Ufer schollen die »Lebewohl«; die -»Novarra« fuhr, von dem französischen Kriegsschiffe »Themis« begleitet, -im Glanz des jungen Frühlingsmorgens, beim klarsten Lächeln des -südlichen Himmels hinab gegen Pirano, bis sie am Horizont verschwand. --- Die »Novarra« ist wiedergekehrt, der Kaiser nicht! - -Als Maximilian ~I.~ in Mexiko zu herrschen begann, waren alle tüchtigen -Elemente des von den Franzosen vergewaltigten Volkes gegen ihn, -den aufgezwungenen Herrscher, eingenommen, und der Widerstand der -Freisinnigen trieb ihn in die Arme der Priesterpartei. Sie verführte -ihn zu dem Dekrete vom 3. Oktober 1865, das seine mexikanischen Gegner -für »vogelfrei und außer dem Gesetze stehend« erklärte, Hunderte von -patriotischen Mexikanern dem Standrecht preisgab und im Land eine -furchtbare Erbitterung gegen den Kaiser erregte. - -Zudem hatten die amerikanischen Nordstaaten Maximilian nie als Kaiser -von Mexiko anerkannt, und als diese über die rebellischen Südstaaten, -die dem Kaiser günstig gestimmt waren, gesiegt hatten, verlangte -Johnson, der Präsident der Union, von Frankreich, daß es seine Truppen -aus Mexiko zurückziehe. - -Vor seiner festen Sprache gab Napoleon nach; die Zustände in Mexiko -wurden immer unhaltbarer und im Sommer des Jahres 1866 wollte -Maximilian die mexikanische Kaiserkrone ablegen. Allein Charlotte hielt -die Feder, welche diesem Entschluß Rechtskraft geben sollte, zurück; -denn der Kaiserinnentraum war für sie zu schön, und sie verteidigte ihn -mit einer Kraft, die einer bessern Sache wert gewesen wäre. Zwei Tage -nach diesem Ereignis brach sie im fernen Mexiko nach Frankreich auf, -um Napoleon ~III.~ um Innehaltung seines Vertrages zu bitten. Am 10. -August kam sie in St. Cloud an und erlangte, als sie der wortbrüchige -Herrscher nicht vorließ, mit Gewalt eine Unterredung mit ihm. Erst -eine demütig um Hülfe Bittende und, als der Kaiser hart blieb, eine -Furie, hat sie diesem Manne vielleicht das Bitterste gesagt, was er aus -Frauenmund je gehört hat. - -Vierzehn Tage später irrte sie, eine Verzweifelnde, durch die Gemächer -ihres Marmelpalastes am Meer; Verzweiflung und Irrsinn peitschten sie -wieder fort, nach Rom zu den Füßen Pius ~IX.~ Dann kam sie wieder nach -Miramare, eine vollständig Wahnsinnige. Maximilian hat sie nie mehr -gesehen. - -Napoleon zog vertragsbrüchig Truppe um Truppe aus Mexiko zurück, und -nach vergeblichen Versuchen, Maximilian zur Abdankung zu bewegen, -überließ er ihn seinem Schicksal. - -Eine Weile schien es, als wollte Maximilian, den Tatsachen weichend, -ernstlich den Rückzug vor den immer mächtiger vordringenden -republikanischen Heeren vorbereiten; allein auf diesem Rückzug ereilte -ihn in einer einsamen Hazienda bei Orizaba eine Depesche, welche ihm -über das Schicksal seines Weibes Aufschluß gab. - -Niemand weiß nun recht, was im Hirn und Herzen des unglücklichen -Kaisers vorging; genug, Maximilian kehrte um die Jahreswende 1866/67 -in die Hauptstadt Mexiko zurück, und am 15. Mai erreichte ihn, von den -republikanischen Heeren bis an die Grenze des Landes hinausgedrängt, -zu Queretaro das Verhängnis. Von Oberst Miquel Lopez, einem Verwandten -des Marschalls Bazaine, um 10000 Pesos verraten, gab Maximilian, -nachdem er das letzte Bollwerk, den Cerro de las Campanas, mit einem -Häuflein getreuer Österreicher verteidigt, den Degen ab und war der -Kriegsgefangene der Republikaner. - -Ein Kriegsgericht von sieben Mann sollte über das Los des Gefangenen -entscheiden; die europäische Diplomatie tat alles, um ihn zu retten; -selbst Juarez, der feindliche Anführer, wollte großmütig das Leben -Maximilians schonen. Allein der Fluch des Oktoberdekrets fiel auf -seinen Urheber zurück. In der Mitternacht des 14. Juni wurden -Maximilian ~I.~ und zwei seiner Generäle von dem republikanischen -Kriegsgericht zum Tode verurteilt. - -Vier Tage später stand in der Morgenfrühe auf dem Cerro de las Campanas -ein Truppenviereck und in dessen offener Seite Maximilian mit seinen -zwei Generälen. - -Nachdem der Kaiser seinen letzten Besitz, eine Hand voll Geld, die er -bei sich trug, durch einen Unteroffizier hatte verteilen lassen, rief -er: »Möge mein Blut das letzte sein, welches für das Vaterland geopfert -wird ... Es lebe Mexiko ... Auf die Brust! Zielt nach dem Herzen! -Zielt gut! ... Arme Charlotte!« - -Unter dem Knattern der Gewehre, dem Wirbeln der Trommeln, dem Klang -der Hörner und unter den freudigen Rufen der Mexikaner: »Freiheit und -Unabhängigkeit!« sanken die drei Männer auf den Grund ... - -So starb Maximilian ~I.~ Ein Schrei der Entrüstung ging durch Europa; -aufrichtig betrauert aber und nicht vergessen hat man Max nur an der -Adria, im Küstenland. - -Seit er an jenem schönen Aprilmorgen auszog ins Kaiserelend, steht das -Lustschloß vereinsamt und verwaist. Selten, und immer nur für wenige -Tage, kehren die Glieder der kaiserlichen Familie in die luxuriösen -Hallen ein; es scheint ihnen nicht wohl zu sein in den duftschwülen -Gärten am Meer. - -Dafür wallt in blühender Sommerszeit der Naturschwärmer und Künstler -Triests zum Lustschloß Miramar. - -Treten auch wir jetzt durch den mit mittelalterlichen Waffen -geschmückten Korridor ins weite, helle Kaiserhaus, an der Hauskapelle -vorbei in die marmelverzierten Gemächer, in die weite Bibliothek, wo -die Büsten Homers, Dantes, Shakespeares und Goethes stehen. Bis an den -Plafond reichen die offenen Büchergestelle, von prachtvollen Einbänden, -von Gold und Silber schimmernd; aber die Bücher sind tot; seit Max -gestorben, hat sie keine Hand mehr aufgeschlagen. - -Nebenan ist das Arbeitszimmer Maximilians. Es hat die Form der Kajüte, -welche er auf der »Novarra«, jenem Schiff bewohnte, das ihn in seinen -jungen Jahren in die verschiedenen Mittelmeerländer und später nach -Mexiko geführt. Hier hat er jene anziehenden Bücher: »Aus meinem -Leben« und »Aphorismen« geschrieben, die nach seinem Tod das teuerste -Vermächtnis für seine Freunde waren. An den Wänden dieser Koje -hangen zwei Bilder: »Die Ermordung Cäsars« und »Maria Antoinette im -Gefängnis.« Ob der fürstliche Arbeiter sich's je geträumt, daß sie zu -seinem eigenen Geschick beziehungsvoll würden? - -So geht es fort durch eine weite Flucht von Gemächern. Da funkelt's -von Gold- und Seidentapeten; da stehen kunstvoll geschnitzte Möbel, -altertümliche Uhren und Schränke; da gleitet der Fuß auf Wunderwerken -von eingelegten Parketts; da hangen von herrlichen Decken zierliche -Lustres, Meisterwerke der Goldschmiedekunst. Alles erzählt von der -üppigen Phantasie seines Schöpfers, der einen großen Teil der Pläne und -Zeichnungen für den Bau mit eigener Hand entworfen hat. - -Genug von dieser wundersamen Pracht. Viele stolze Schlösser und größere -als Miramare habe ich in jüngern Wandertagen in Frankreich gesehen, -aber keines, wo Natur und Kunst sich zu einem so wirkungsvollen Ganzen, -zu so bestrickender Schönheit verschwistern wie in Miramare. - -Treten wir hinaus auf eine der Balustraden. Noch ist's das Bild von -Prosecco: - - »Es singt und klingt das blaue Meer - So sagenreich, so wunderhehr. - Es rauscht der weiße Schaum der Welle - Melodisch an die Marmorschwelle - Und drücket auf des Schlosses Fuß - Den schauerkühlen Nymphenkuß, - Und als zurück die Wogen prallen, - Da zittert's wonnig durch die Hallen.« - -Ich habe den schönen Versen, mit denen Max selber sein stolzes -Haus gefeiert, nichts beizufügen. Und nun reißen wir uns los; denn -freiwillig scheidet wohl keiner von dem »Wunder des Meers.« Drunten im -Hafen an der Gartenterrasse wartet unser der Fährmann, der uns zurück -nach Monfalcone führen soll. - -Das Ruder plätschert in kristallner Flut; die Berge stehen im -Abendglanz; alles ist Daseinswonne, Frieden und Licht, und von Miramare -her streicht der Blütenduft über die See. - -Bald ziehen Glockentöne übers Meer. »Ave Maria! Ave Maria!« Nah und -fern fallen die rauhen, sonnverbrannten Fischer in ihren Segelbooten -auf die Kniee und beten zur gnadenreichen Gottesmutter um glücklichen -Fischfang, um ihren Schutz zur See, um gnädige Erhaltung von Weib und -Kind. - -So kommt die Nacht, die laue Südnacht mit ihrem Sternbrevier. Von -Triest her flammen tausend Lichter; der Leuchtturm spielt mit seinen -wechselnden Signalen; doch schon beginnt - - »Den Osten Mondlicht zu erhellen, - Und zitternd funkelt's auf den Wellen. - Still wird's auf weitem Meeresplan, - Und rauschen hört man nur den Kahn.« - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Triest. - - -Wenn man von Venedig kommend bei Monfalcone den innersten Busen -der Adria umfährt, dann schimmert an der östlichen Küste blendend -weiß, wie der Leib eines schönen Menschen, der zum Bad ans Meerufer -niedergestiegen ist, die Stadt Triest. Im Halbzirkel baut sie sich vom -lachenden Golf zum Kastellhügel und malerischen Uferhöhen empor. Olive -und Lorbeer haben die Unfruchtbarkeit des Karstgesteins besiegt und -schlagen mit herrschaftlichen Gärten einen üppig grünen Rahmen um das -glänzende Stadtbild. - -Von ferne könnte man glauben, alle Häuser seien von Marmor; kommt man -aber hinein, so sind sie kaum anders als irgend sonst wo in einer -großen Stadt; mächtig und prächtig, an die schönsten Plätze von Wien -oder Paris erinnernd im neuen Teil, der das Vorland zwischen Küstenhang -und Meer bedeckt, klein, düster und elend in der Altstadt, deren -Straßen sich eng und steil von der Zitadelle zum neuen Stadtteile -hinunterziehen. Doch hat Triest etwas Besonderes, was manch größere -Stadt nicht hat, nämlich einen hochragenden Mastenwald vor seinen -Häusern. - -Der Nationalstolz nennt Triest das »österreichische Hamburg«, eine -Metapher, bei der man etwas Übertreibung mit in den Kauf nehmen muß. -Triest ist kein Hamburg, aber immerhin das gewaltigste Handelsemporium -an der Adria und, abgesehen von Fiume, das die Ungarn zur Blüte zu -bringen suchen, der einzige große Hafen der habsburgischen Monarchie. - -Der Zug fährt von Nabresina in drei Viertelstunden in die Stadt -hinunter und legt auf dem Wege dahin dem Reisenden die ganze Pracht des -Golfes von Triest, ein wundersam wonniges Bild, zu Füßen. - -Aus der hohen Halle des schönen Bahnhofes tritt man auf den geräumigen -Vorplatz, und vor dem eigentümlichen Reiz, der beim Anblick eines -Seehafens das Herz der Landratte packt, muß in der ersten Stunde jedes -andere Interesse dem am Hafenbilde weichen. - -So ging's mir nicht nur das erste, so ging's mir auch die folgenden -Male, als ich nach Triest kam. Ich wurde nicht müde, den Quai auf und -ab zu wandeln, mich an den bunten Flaggen und Wimpeln, die lustig gegen -den dunkelblauen Himmel emporflatterten, an dem Gewirre von Masten, -an den riesenhaften Kauffahrteischiffen, an dem lebendigen Gewühl der -Gaete, Mistici, Navicelli, Trabaccoli, Brazzere, Tartome, und wie -immer noch das Gewimmel jener kleinern Boote, Schaluppen und Kähne, -die zwischen den Riesenleibern der Ostindienfahrer durchschwärmen, -sich nennen mag, zu ergötzen. Diese gebrechlichen Nußschalen, oft -von bizarrer Form und buntem Anstrich, mit ihrem sonnengebräunten, -malerisch verwilderten Matrosen- und Fischervolk, sind nicht weniger -interessant als die Giganten des österreichischen Lloyd, als der -»Polluce«, der »Helios«, die gewaltige »Pandora« oder die »Medusa«, -in deren Tauwerk die braunen Jungen mit der Gelenkigkeit von Katzen -auf- und niederklettern. Macht ein solcher Schiffspalast »klar«, so -verfinstert eine Rauchpinie den Molo, bis der Koloß hinauswogt in den -offenen Golf. - -Man sagt, daß jährlich 1600 Dampfer und 7000 Schiffe langer Fahrt -in den Hafen von Triest einlaufen und daß sie zusammen für über 400 -Millionen Kronen Waren bringen. Kein Wunder, wenn hier alles Leben und -Bewegung, Handel und Wandel ist! - -Dennoch fühlt sich der Fremde vom Hafenbild Triests einigermaßen -enttäuscht; denn die durch acht größere und viele kleinere Moli -voneinander getrennten Bassins, die sich in der Länge einer halben -Stunde eines ans andere reihen, sind gegen das Meer hin offen und -widersprechen durchaus jenem typischen Hafenbilde von der dreiseitig -sturmverschlossenen Bucht, wo die Schiffe ruhsam ankern können. - -In der Tat war der Hafen von Triest früher wegen seiner vielen -Schiffbrüche in Verruf, und die Stadt hätte nie der blühende -Handelspunkt werden können, wenn sie sich nicht durch gewaltige Bauten -jenen Schutz, den die Natur ihrer Rhede versagt, selber geschaffen -hätte. Die neue Anlage hat dreißig Millionen Kronen gekostet. Ein dem -Hafen vorgelagerter, sechszehn Meter vom Grund der See aufragender -Damm, »der Wellenbrecher«, schützt ihn nun gegen den Wogendrang -der hochgehenden Adria, so daß jetzt die ungünstigen natürlichen -Verhältnisse desselben aufgehoben sind. - -Auf der Spitze des südlichsten Molos steht der 33 Meter hohe -Leuchtturm, welcher im Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem Modell -des berühmten Turmes auf der Eddystoneklippe in nach oben verjüngt -zulaufender Form gebaut worden ist. Während des Tages schmücken die -Flaggen der jeweilen ankommenden Schiffe seinen Signalmast; wenn -die Nacht hereinbricht, spielen die Feuersignale seiner Laterne mit -blitzartigen, durch Momente vollkommener Dunkelheit getrennten, bald -hellern, bald schwächern Lichtern über die See, sodaß der Adriafahrer -schon 30 Kilometer von Triest das helle Blinken gewahrt. - -Wenn ich an den Leuchtturm von Triest denke, dann stehen zwei Bilder, -die ich von der Höhe seiner Plattform genossen, vor meinem Blick: -ein wundersamer, stiller Meeresabend, an dem die See regungslos und -lächelnd, golden besonnt und unermessen vor mir lag. Das verworrene -Geschrei der Lastträger, das Rasseln der Fuhrwerke und der schrille -Laut der Dampfpfeife erreichten schon halb verhallt den schönen -Standpunkt. Die lichtübergossene Uferlehne von Miramare im Norden, -die schroffen istrianischen Küstenhänge im Süden und die Stadt mit -ihren leuchtenden Häuserfronten zwischen ihnen fesselten das Auge -gleichermaßen. Von Pirano her, der hellschimmernden Stadt auf dem -westlichen Vorgebirge von Istrien, kam das winzige Lokalboot, während -eine Flottille größerer Segler, die jedenfalls nur einen Levante -abwarteten, um nach Venedig hinüberzufahren, unbeweglich vor der -Bucht von Capo d'Istria stand. Andere stiegen am fernsten Horizont als -schimmernde Punkte malerisch auf oder versanken; Scharen von Möven und -andern Vögeln zogen über dem herrlichen Golfe ihre Kreise. - -Etwas unendlich Weiches, Träumerisches, ein wundersamer Frieden, der -erlösend in die Menschenbrust übergeht, lag da im Meerbilde von Triest. - -Wie ganz anders habe ich die gleiche Landschaft das zweitemal gesehen! -friedlos, von schmerzlicher Melancholie bewegt; das Land, sturmempört, -vom Scirocco gepeitscht die See, ängstlich sich zum Hafen flüchtende -Barken, bald hoch auf zerspritzenden Schäumen, bald tief in den -Mulden der Wogen. In langgestreckten Zügen, wogend und ringend, hier -zergehend, dort auferstehend, fluteten die Wellen, zerbarsten mit -furchtbarem Prall an den Fundamenten des Turmes, daß es zitternd durch -seinen Steinleib ging, und strömten brausend ins Meer zurück. Dazu -rauschte und pfiff, sang und klang der Sturm. - -Es ist auch herrlich und unaussprechlich schön, aber liebe- und -erbarmungslos, das stürmende, hochgehende Meer! - -Die nördlichen Hafenmauern sind durch Schienengeleise mit dem -Warenbahnhofe verbunden, so daß die Eisenbahnfrachtwagen ihre Lasten -bis dicht an die Flanken der Kauffahrteischiffe bringen können. -Allein diese Verkehrserleichterung scheint dem lauten, beweglichen -Leben auf dem Hafenquai, wo italienische und deutsche, slovenische -und kroatische, morlakische und neugriechische Zunge vieltönig -durcheinandergehen, keinen Eintrag zu tun. Der Lärm und die Zurufe von -hundert emsigen Menschen, die sich um das Verladen der Schiffsfrachten -auf die Fuhrwerke bemühen, das Rasseln der heransprengenden, das -Geknarre der abfahrenden Lastwagen gestaltet das Ufer zu einem -wunderbaren Tummelplatze der Arbeit. - -Doch auch die Idylle ist nicht weit. Drunten liegen italienische -Schiffer und feiern Hafenrast. Sie singen abgebrochene Strophen -alter Seemannslieder. Es ist seltsam; auch die bedürfnislosen Söhne -des sonnigen Südens legen wie die Fergen der Nordlandsbuchten etwas -Tieftrauriges, das einem nicht so leicht wieder aus dem Gehöre kommt, -in ihre meergebornen Lieder, in jene eintönigen, getragenen Melodien, -deren Schlußakkorde gerade so lange gehalten werden, als der Atem der -Sänger reicht. - -So ist das triestinische Hafentreiben, hier ein ~dolce far niente~, -dort Arbeit, aber voll eigentümlichen Lebens überall. Am Uferrand der -Quais liegen die mannigfaltigsten Frachtgüter aufgespeichert: Fässer -mit dalmatinischen Weinen, Salztonnen von Pirano, Baumwollballen -aus Ägypten, Kaffeesäcke von Java, Indigo von Senegal, Wallonen aus -der Levante, Farbholz aus Brasilien und die schwarzen Diamanten aus -England, kurz, Schätze von allen Enden der Welt. - -Man beziffert den Wert der alljährlichen Einfuhr auf etwas mehr, -denjenigen der Ausfuhr auf etwas weniger als 400 Millionen Kronen. - -Die teuerste Fracht aber ist der Mensch, der Mensch, dem das weite -Heimatland zu eng wird und der das Glück im märchenträumenden -Morgenland oder im Sonnenbrand Afrikas oder im fernen aufblühenden -Westen suchen geht. Ich kann nicht sagen, wie viel Auswanderer jährlich -den Weg über Triest nehmen; ich weiß nur, daß die einen lächeln, die -andern weinen, alle prächtige Luftschlösser bauen, wenn das Schiff aus -dem Hafen rauscht; daß die einen reich, die andern arm werden; daß sie -alle schließlich wieder ein Luftschloß bauen, aber ein enges, kleines, -ein wundersam bescheidenes: Sechs Fuß Raum in der Heimaterde. Manchem -wird's zu teil, und wem es nicht zu teil wird, den drückt der fremde -Boden auch nicht schwer. - -Wenden wir uns vom lauten Hafentreiben ab und der Stadt zu, die auf -Strand und Hang so herrlich vor uns ausgebreitet liegt, so gelangen -wir auf den mit dem Hafen in enger Beziehung stehenden Fischmarkt. Er -ist in einem Gebäude der Salzquais untergebracht und bietet ein ins -Italienische übersetztes Stück des berühmten Pariser Hallenlebens. - -Die Menge der in den ersten Morgenstunden zum Verkaufe gebrachten -Seefische, Krebstiere und Muscheln wird nur erklärlich durch die -Aufnahmefähigkeit, welche das triestinische Volk diesen Meerprodukten -entgegenbringt. - -Das Meer ist die Delikatessenkammer des Wohllebens und der Garten der -Armut, die sich das trockene Polentamahl mit in Öl gebratenen Sardellen -würzt, den Tintenfisch im Topfe siedet, oder eine Art kleiner, den -Asseln ähnlicher Krebse zum Abendbrote röstet. - -Der stachelflossige, bläuliche Tunfisch, der oft zwei Meter lang -und zentnerschwer wird, ist der Riese des Marktes; doch liefern -Tintenfisch, Meeraale und plattgedrückte, schiefmäulige Brassen die -größte Warenmasse. - -Von wirklich feinem Geschmack und auch dem Gaumen des Binnenländers -schmeichelnd sind indessen nur die blaue, goldig glänzende Makrele, -eine schon bei den Römern hochgeschätzte Tafelzierde, und der Branzin, -ein Brackwasserfisch, der in den furlanischen Lagunen häufig gefangen -wird. Die Austern von Triest dagegen stehen den venetianischen im -Wohlgeschmacke nach. - -Ich habe den durchdringenden Fischgeruch der Halle und den Anblick der -im Sterben liegenden, schnappenden, zuckenden, oft bei lebendigem Leib -verstümmelten Flosser nie lange ertragen können. Ihr Fang und Verkauf -enthält ein furchtbares Stück menschlicher Grausamkeit. - -Am ruhigsten scheint das Geschlecht der gewaltigen Hummer und der -langbeinigen Meerspinnen den Übergang aus der kühlen Salzflut in die -warme Luft zu nehmen; denn sie führen, der gemeinsamen Not vergessend, -einen letzten Scherenkampf. - -Merkwürdigerweise ist der Handel mit den schönen Muscheln in Triest -viel weniger zu Haus als in mancher Binnenstadt; denn außer ein -paar durchaus gewöhnlichen Exemplaren in einer an die Fischhalle -lehnenden Bude fand ich in den triestinischen Läden nichts käuflich. -Allerdings sollen hie und da schöne private Sammlungen bestehen, und -das Ferdinand-Maximilian-Museum enthält die zum Teil prachtvollen, -farbenreichen Muscheln der südlichen Meere in seltener Vollständigkeit. - -Östlich vom Hafenquai und südlich vom Bahnhof liegt die Neustadt. -Der »große Kanal« dringt vom Hafen bis in den Hintergrund dieses -Stadtteils und gestattet selbst Quersegelschiffen, unmittelbar bei den -Magazinen zu löschen. Am Ende des Kanals steht St. Antonio nuovo, eine -im Anfange dieses Jahrhunderts erbaute einschiffige Kirche mit hübschem -Säulenportikus. - -Romantische Gedanken läßt die Neustadt nicht aufkommen. Dazu sind ihre -Häuser zu modern, ihre Straßen zu rechtwinklig, ihr Pflaster zu gut; -die Nüchternheit der triestinischen Handelsleute ist in der Architektur -dieses Quartiers zu ihrem entsprechenden Ausdruck gekommen. - -Ich wüßte überhaupt keine Stadt von der Größe Triests, wo der Wanderer -so unbeschwert von baulichen Merkwürdigkeiten und kunstgeschichtlichen -Reminiszenzen seines Weges gehen könnte, wie in Triest. Es ist in -dieser Hinsicht das Widerspiel Venedigs, dessen Kunstschätze es -nicht zugleich mit dessen Handel geerbt hat. Das Wenige, was es an -sehenswerten Gebäuden und Monumenten in der Tat besitzt, drängt sich -im Süden der Neustadt um die gegen den Hafen offene »Piazza grande« -zusammen. - -Den Hintergrund dieses Platzes schließt die reichgegliederte Fassade -des Munizipalpalastes, eines modernen Prachtbaues, würdig ab. Auf -dem Dach desselben schlagen wie auf der Markuskirche zu Venedig zwei -eherne Mohren die Stunden. Davor stehen ein im blühendsten Rokokostil -gehaltener, mit vielen Figuren verzierter Springbrunnen und die -Marmorstatue Kaiser Karls ~VI.~, des letzten Herrschers aus dem -Mannesstamme der Habsburger, der mit ihm im Jahre 1736 ausgestorben -ist. - -Bedeutender noch ist das neue Gebäude, das sich im Süden des Platzes -und angesichts des Hafens erhebt. Gleich ausgezeichnet durch seine -einfache, edle Gliederung, wie durch seine monumentale Größe, ist -es das prunkende Heim des österreichisch-ungarischen Lloyd, jener -mächtigen Dampfschiffgesellschaft, die mit ihren gewaltigen Kapitalien -und siebenzig in ihrem Dienst stehenden großen Meerdampfern nicht -nur den Schiffsverkehr der Adria, sondern auch einen großen Teil des -europäischen Handels nach der Levante und Indien beherrscht. - -Im Norden der Piazza grande stehen das Stadttheater und das Tergesteum, -der größte der triestinischen Paläste, von vier engen Gassen umzogen, -ziemlich vergraben in den umgebenden Häusern. Sein Erdgeschoß bildet -einen Bazar, wo man alles, was schön und teuer ist, kaufen kann. - -Auf dem Vorplatze der alten Börse, eines im dorischen Stil gehaltenen -Baues, steht auf hoher Säule das in Erz gegossene Standbild Leopolds -~I.~ - -Als ich einen meiner Triestiner Bekannten fragte, wie der grausame -Unterdrücker des Protestantismus in Ungarn zu der Ehre eines solchen -Denkmals komme, lächelte er fein und sagte: »Die Ehre gilt im Grunde -nicht dem Kaiser; sie gilt seinem genialen Feldherrn, dem Prinz Eugen, -dem Sieger von Belgrad, und dem Starhemberg, dem Verteidiger Wiens in -der Türkennot. Indem wir den Kaiser sehen, denken wir an seine Helden!« - -Auf dem Börsenplatze beginnt die Via del Corso, die fashionable Straße -von Triest, die, zu beiden Seiten mit großen, reichen Kaufläden -besetzt, sich zur Piazza della Legna hinaufzieht. Auf ihren Trottoirs -wandelt am Nachmittag die feine Triestiner Welt auf und ab. - -An feiner Toilette, an Geschmack und an Luxus weicht der Triestiner -keinem andern Städter der Welt. Selbst Paris hat keine feinern Ponies, -keine zierlicheren Breaks als die ~jeunesse dorée~ der adriatischen -Handelsstadt, und auf der Karosse des Grafen von Paris haben wie -auf der Kutsche des Triestiner Baumwollbarons auch höchstens vier -galonierte Lakeien, zwei hinten und zwei vorn, Platz. Viele Damen -entstellt der Reispuder. - -Man sieht unter den feinen Schichten der triestinischen Gesellschaft -stets viele Armenier und Griechen, prächtige Gestalten mit kühn -geschnittenen, ausdrucksvollen Gesichtern, während man die schönen -Frauen dieses Volkes, das eine Aspasia, eine Laïs besaß, in Triest wohl -vergebens sucht. In Anmut und Temperament werden die Fremden alle von -der italienischen Triestinerin besiegt. - -Obwohl das gebildete Triest einen ausgesprochenen kosmopolitischen -Charakter trägt und dieses Gemisch deutscher, französischer, -griechischer und armenischer Elemente die stärkste Stütze seines -Gedeihens bildet, ist es eine vorwiegend italienische Stadt. Von den -110000 Einwohnern sind vier Fünftel Italiener; der Rest wird durch die -kulturell wenig bedeutenden Slaven und etwa 5000 Fremde gebildet. - -Dieses starke Übergewicht des italienischen über das slavische und -das deutsche Element läßt die reiche Stadt zu einem Schmerzenskind -des habsburgischen Reiches werden. Die Irredenta, die Gesellschaft -des »unerlösten Italiens«, die dem jungen Königreich vor allem gern -die schöne Adriabraut zuführen möchte, wühlt in der Handelsstadt. Es -waltet in den triestinischen Kreisen kein Zweifel, daß die italienische -Rauflust ihre nächsten Lorbeeren im Bereiche des schönen Golfes holen -wird. - -Heute führt Triest noch den Ehrennamen der »allergetreuesten Stadt.« -Auf ihrem Korso hängt die glutäugige Italienerin am Arme des -deutsch-österreichischen Offiziers, und ihr helles Geplauder klingt -nicht wie Kriegserklärung. - -Der Korso scheidet die Neustadt von der Altstadt. Unmittelbar hinter -den stolzen Häusern dieser Straße liegt jener verrufene Stadtteil, wo -der Typhus und die Blattern kaum ausgehen, die Cholera je und je, wenn -sie ihren Totenritt durch die Südlande unternimmt, ihr Rastquartier -aufschlägt, wo die Werkstätten der italienischen Handwerker und die -düstern Matrosenkneipen sind und manch ein armes Kind dem Laster -erzogen wird. - -Doch hat Alt-Triest mit seinen vom Rauch der Jahrhunderte geschwärzten -Bauten einen Vorzug vor der neuen Stadt. Seine Häuser haben eine lange -Geschichte, doch keines eine längere als das Gotteshaus von San Giusto, -das, dem Dom von Aquileja und der Kathedrale von Parenzo in Istrien an -Alter ebenbürtig, aus der legendenumsponnenen Kindheit des Christentums -stammt. - -Durch die Gassen und Gäßchen der Altstadt flanierend kam ich in die -Via Trionfo, zu dem Rest eines alten Bogens. Er mag in Wahrheit von -einem römischen Siegestor oder auch nur von einer antiken Wasserleitung -herrühren. Vom Volke aber wird er dem König Richard Löwenherz, jenem -ritterlichen Kreuzfahrer zugeschrieben, der im Jahre 1192 siegreich -aus Palästina zurückkehrend von einem Sturm an die Küste von Aquileja -verschlagen worden war, und heißt Arco di Ricardo. - -Nun hinauf zu der Kathedrale von St. Just! In ihrer jetzigen Gestalt -ist sie ein Doppelbau aus zwei Basiliken. An die ältere, schon drei -Jahrhunderte nach dem Stifter des Christentums entstandene, wurde -im 6. Jahrhundert eine byzantinische Kirche angefügt und beide im -14. Jahrhundert zu einer einzigen Halle vereinigt, welche durch vier -Säulenreihen in fünf Schiffe geschieden wird. - -Durch einen von ein paar Bäumen beschatteten Hof tritt man vor die -Giebelfassade des Baues. Sie hat eine riesige Fensterrose. Christliche -Insignien sind zwischen der Türe und dem massigen, das Gotteshaus -flankierenden Turm, der römische Säulen enthält, eingemauert. Das -höchste archäologische Interesse gewähren zwei Mosaiken im Innern. Sie -schmücken die Apsis und bilden ein herrliches Zeugnis künstlerischen -Könnens im Mittelalter. In Farben auf Goldgrund stellen sie die -Gottesmutter und einen sie umschwebenden Chor von Engeln, sowie die -zwölf Apostel dar. Ihr Ursprung geht zum Teil ins 7., zum Teil ins 11. -Jahrhundert zurück. - -Neben der Kathedrale, dem einzigen kunstgeschichtlich merkwürdigen -Baudenkmal der großen Adriastadt, liegt ein ehemaliger Kirchhof. An -einem in grünumrankter Bogenwölbung stehenden Sarkophag liest man die -Inschrift: »~Joanni Winckelmanno, domo Stendelia -- -- --~« - -Es ist das Grab Johannes Winckelmanns, des Schöpfers der deutschen -Kunstgeschichte, der zu Rom als Kustode des antiken Museums lebte -und im Sommer 1768 seiner nordischen Heimat einen Besuch abstatten -wollte. Auf dieser Reise fiel er in einem Gasthofe Triests unter den -Messerstichen eines italienischen Räubers. - -Dicht über der Kathedrale erheben sich die grauen Mauern des 200 Jahre -alten, auch gegenwärtig noch Befestigungszwecken dienenden Kastells, -das Stadt und Hafen schützend überschaut. Es mag wohl an der Stelle -des Kapitols stehen, das im Beginn unserer Zeitrechnung die römische -Kolonie Tergeste beherrschte. - -Ein Weilchen rastend hier zu stehen und Überschau zu halten über -Triest, seinen Hafen und seinen Golf ist herrlich. Allein ich hatte -einen Empfehlungsbrief für einen Seemann in der Tasche, dessen Schiff, -der gewaltige Lloyddampfer Jupiter, im Arsenal der Bucht von Muggia lag. - -Ich eilte wieder hinunter zur Piazza grande, wo sich ein lärmendes -südliches Markttreiben entfaltet hatte. Es geht nichts über welsche -Lungen, welsche Verkäufer und Verkäuferinnen; denn so ausdauernd, -unverwüstlich wie jene, so abenteuerlich und drollig sind diese. Man -kann bei ihnen alles Mögliche und noch einiges kaufen: Juwelen und -Perlen aus Glas, Uhren und Zigarrenetuis, Stubenvögel und junge Ziegen, -Käse und Salami, von Insekten umschwärmte Orangen, frische Datteln, -die in langen Trauben noch aneinander hängen, Sträuße und Blumen in -Töpfen. Immer führen zum Erbarmen schwer beladene Maultiere und Esel, -von schmutzigen Titschenbauern gelockt und getrieben, neue Lasten von -Lebensmitteln herbei. - -Ich stand vor der Auslage eines italienischen Antiquars, der -Volksbücher, Heiligenbilder, Holzschnitte, mittelalterliche Erd- und -Himmelsgloben, sowie einen Wust deutscher und italienischer Literatur -aus dem vorigen Jahrhundert feilbot. Ich entdeckte darunter eine alte -Ausgabe der Gedichte von G. A. Bürger mit einigen Stichen und blätterte -darin. - -»Kaufen Sie es, mein Herr«, sagte der Jude, abgefeimt lächelnd in einem -Tone, als hätte er mir das größte Geheimnis mitzuteilen; »der Autor hat -so pikant geschrieben, und er hat alles selbst erlebt -- -- -- --.« - -Was er noch sagte, trieb mir die Zornröte ins Gesicht. Es ist wahr, der -Amtmann zu Gelnhausen hat nicht für Kinder geschrieben; aber für die -Marktkniffe eines italienischen Antiquars war mir der ehrbare, brave -Bürger denn doch zu gut. Ich warf das Buch hin und eilte auf die schöne -Piazza Lipsia, einem prächtig grünen öffentlichen Garten südlich von -der Piazza grande. - -Es drängte mich hinaus aus der Stadt. Nur das prächtige Standbild -Maximilians ~I.~ auf der Piazza Giuseppina hielt mich noch auf, denn -die tragische Geschichte des mexikanischen Kaisers hatte mir nun -einmal seine Gestalt menschlich nahe gerückt. Der Erzguß ist ein -Meisterwerk Schillings, des gefeierten Dresdener Bildhauers, der auch -das Nationaldenkmal auf dem Niederwald geschaffen hat. Er stellt den -Kaiser als eine imposant schöne Gestalt mit hoher, träumerischer Stirne -dar. Ein mit allegorischen Figuren reich geschmückter Sockel trägt vier -Inschriftentafeln. Drei feiern den Kaiser als Schützer der Kriegs- und -Handelsflotte und als Verschönerer von Triest, während diejenige der -Frontseite den Testamentspruch enthält, worin er seiner Freunde an der -Adria und der österreichischen Marine am Tage vor seinem Tode mit einem -letzten Lebewohl gedenkt. - -Vom südlichsten Teile des Hafens zieht sich ein angenehmer Spaziergang -längs des Meeres, an den Landhäusern von Sant' Andrea vorüber, zum -Lloyd-Arsenal, das ein Halbstündchen von der Stadt entfernt liegt. Da -die Straße langsam steigt, übersieht man am Eingangstor des Arsenals -die ganze Anlage der gewaltigen Schiffsbauwerkstätten, die sich -zwischen Straße und Meer ausbreiten. - -»~Signore Rossi, macchinista sul Giupitro!~« las der Portier als -Adresse auf meinem Empfehlungsschreiben. »Treten Sie ein«, sagte er; -»wo das Schiff eben liegt, kann ich Ihnen nicht sagen; doch wird man -Sie drunten weisen können.« Ungehindert stieg ich durch ein turmartiges -Treppenhaus in den Fabrikhof hinunter und schlug mich glücklich -zwischen den Gebäuden, dem Rauschen, Rasseln und Dröhnen, das aus den -Werkstätten klang, zum Meeresstrande durch. - -Da war wieder ein Teil jenes Waldes, der in aller Herren Ländern -gewachsen ist, zwar nicht so groß, wie der im Hafen von Triest, aber -immerhin groß genug, um mich in einige Verlegenheit zu bringen. -Welche der ragenden Bäume gehörten dem Jupiter an? Als Ausweis meine -Briefadresse zur Hand, wanderte ich über die provisorisch von Schiff zu -Schiff geschlagenen Stege, bis ich fast zufällig vor dem Bauch eines -der gewaltigsten Schiffe stand. »Giupitro« glänzte der Name am Pavillon -desselben. - -Herr Maschinist Rossi empfing mich mit großer Liebenswürdigkeit. - -Ein Schiff ist ein Schiff und wesentlich immer dasselbe; aber ein -Ostindienfahrer wie dieser Jupiter nötigt der Landratte doch einen Zoll -ehrlicher Bewunderung ab. Es ist nicht allein seine Größe, die dazu -zwingt; es ist fast mehr noch die Art, wie eine in sich vollkommene -Welt in die Planken des schwimmenden Meerpalastes gefügt ist, die -technisch vollendete Einteilung des Raumes von den Kohlenbehältern -durch drei Etagen hinauf bis zu den Salons, die mit Glühlichtlampen -erhellt werden und im Glanze luxuriösen Komforts strahlen. - -Als das Schiff bei Anlaß des russisch-türkischen Krieges im Jahre -1878 nebst anderen Lloyddampfern von den Russen zum Militärtransport -gemietet war, faßte es, wie mir Herr Rossi erzählte, 3500 Mann, also -die Bewohnerschaft einer kleinen Stadt. - -Eine Maschine treibt mit der Kraft von 2000 Pferden dieses gewaltige -Haus von einem Ende der Welt zum andern, daß es leicht und schön -einherzieht wie ein über die See hinschwebender Riesenaar. - -Jetzt war diese Maschine zerlegt. In einem elf Tage andauernden Sturme -im indischen Ozean, während dessen selbst an den Wogengang des Meeres -gewöhnte Matrosen eine Beute der Seekrankheit wurden, hatte sie sich -überarbeitet. Doch sollte das Schiff schon in vierzehn Tagen wieder in -die See stechen. - - »Auf Matrosen, die Anker gelichtet, - Segel gespannt, den Kompaß gerichtet, - Liebchen, ade! - Morgen, da geht's in die wogende See!« - -So singt das deutsche Lied; allein der Seemann, wenn er vom heimischen -Strande fährt, singt nicht. Auch er in seinem großen Kasten empfindet -sein Handwerk als einen Kampf ums tägliche Brot und beneidet den -Arbeitsmann zu Land, der nach getanem Tagewerke wenigstens ein Heim -hat, wo er im Kreise seiner Lieben und auf fester Erde ruht. Den -Seemann wiegt die falsche Woge, und nur ein Brett scheidet ihn vom Tode. - -Als wir auf der Steuermannsbrücke des Schiffes standen, hatten wir -einen reizenden Blick über die Bucht, an welcher das Arsenal gelegen -ist, auf Muggia, eine kleine, altertümliche Stadt, und gegenüber auf -einer hügeligen Landzunge, auf die benachbarten Schiffswerften von San -Rocco und das großartige Etablissement Strudthoff, wo man die stolzen -Panzerschiffe der österreichischen Kriegsmarine baut, auf uralte -Burgen, die im Hintergrunde der Bucht wie Geierhorste an den felsigen -Küstenwänden kleben, und auf das sich freundlich im Golfe spiegelnde -Servolo. Dieses hat seinen Namen vom Schutzpatron der Stadt Triest -bekommen, der dort als seltsamer Grottenheiliger gelebt haben soll. - -Nachdem wir unsern Rundgang durch das Schiff beendet hatten, führte -mich Herr Rossi in die Werkstätten des Lloyd, in welchem 2000 -Arbeiter beschäftigt sind. Ein paar Dutzend derselben krabbelten -eben wie Ameisen an den Rippen eines auf der Werfte im Bau liegenden -Ostindienfahrers und nieteten die Wandplatten fest. - -Ich habe später die nicht minder interessanten Werkstätten des -österreichisch-ungarischen Kriegshafens zu Pola gesehen. Da der -Eindruck, den der Fremde hier und dort empfängt, wesentlich der gleiche -ist, will ich mir die Schilderung eines Marine-Arsenals für jene -Gelegenheit aufsparen. - -Nur das sei noch anerkennend erwähnt, daß der Lloyd in der Nähe seiner -Werkstätten freundlich auf das Meer ausblickende Arbeiterhäuser hat, -die zum Besten gehören, was ich in dieser Art im südlichen Österreich -entdeckte. - -Und nun zurück nach Triest! Wenn sich zwei Männer befreunden, dann darf -ein kühler Trunk nicht fehlen, und die Stadt hat feine Bierquellen. Wir -haben lang getrunken und lang geplaudert. - -Eine junge, hübsche Triestinerin hörte mit mir dem jungen, -liebenswürdigen Erzähler Rossi zu und wurde recht nachdenklich. Ich -glaube erraten zu haben, was sie dachte: »Mag Gott das junge Blut -behüten!« Und wenn schöne Lippen so recht innig für einen fernen -Seemann beten, dann tut der Himmel wohl ein Einsehen! - -Als ich drei Wochen später wieder nach Triest kam, war der »Giupitro« -bereits nach Bombay unterwegs. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Die Küste von Istrien. - - -Der Hafen von Triest lag hinter uns, vor uns die Adria. Das niedrige -Ufergebiet des Isonzo und die Lagunen-Inseln waren unter den Horizont -gesunken; nur der Leuchtturm von Barbana und der graue Kirchturm -von Aquileja verrieten, daß dort im Westen noch etwas anderes als -Salzwasser liege. - -Ein tiefer, blauer Himmel stand über dem tiefen, blauen Meer, und die -Morgensonne, die über den istrianischen Bergen emporgestiegen war, -leuchtete über die wonnig zitternde Flut. - - »Unermeßlich und unendlich, - Glänzend, ruhig, ahnungsschwer, - Liegst du vor mir ausgebreitet, - Altes, heil'ges, ew'ges Meer!« - -Die schönen Verse von Anastasius Grün, dem Grazer Poeten, kamen mir zu -Sinn, als ich die weite See übersah, von der ich in meiner Jugend so -oft geträumt hatte. - -Nur hatte ich damals gemeint, wenn ich einmal darüber hinfahre, -so müsse es auf einem gewaltigen Meerdampfer sein, auf einem -Ostindienfahrer mit geblähten Segeln, wo die Matrosen im Tauwerk -klettern und ein kleiner Hydriot im Mastkorb sitzt. Nun war's auf einem -istrianischen Küstenfahrzeug, dreimal so groß wie eine Nußschale. - -Wir hatten Südwestkurs nach Pirano, das am westlichsten Kap von Istrien -mattweiß über die See hinschimmerte. Unterhalb Triest öffnet sich die -liebliche Bucht von Muggia, welche, wie der Busen von Fiume im Osten, -hier im Westen die Halbinsel Istrien vom Festland abschnürt, daß sie -wie ein Herz am Kontinent hängt. - -Das übrige Europa hört wenig vom Schlag dieses Herzens. Selbst in der -österreichisch-ungarischen Monarchie kümmert man sich nicht viel darum, -was in dem stillen, vergessenen Land vorgeht. Es suchen und fliehen, -lieben und hassen sich auf seinem dürren Felsboden 300000 Menschen -gerade so heftig und so innig, wie in den Ländern der Hochkultur; -aber nur je der zweite Mann und je die dritte Frau kann ein Brieflein -schreiben. - -An der Grenze des triestinischen und istrianischen Gebietes sahen -wir drei große ostindische Kauffahrer stehen, welche dort ihre -vierzehntägige Quarantäne hielten. Die Kolosse lagen wie im tiefsten -Schlaf; die Segel waren eingerefft; die gewaltigen Schlote rauchten -nicht; kein Mann rührte sich auf Deck. - -Quarantäne! Das Wort steht in üblem Ansehen bei den Schiffsleuten. Der -Seemann hat auch ein Herz im Leibe; er hat Frau und Kind, oder ein -Liebchen in der Stadt; und nun muß er abrasten im Anblick des Ziels, -abzählen den Stundengang langsam hinrinnender Zeit, ehe er nach -monatelanger Abwesenheit das weinende Weib in die Arme schließt, den -lachenden Buben küßt, oder mit seinem Liebchen die kurze, tolle Liebe -des Matrosen lebt. - -Auch die Wasserratte sehnt sich von Zeit zu Zeit aufs Land. »Lieber im -Sturm als in der Quarantäne«, hat mir Herr Rossi erklärt. - -Hinter zwei Landzungen öffnete sich nach halbstündiger Fahrt von -Triest die große Bucht von Capo d'Istria, und auf einem anmutigen -Hintergrund grüner Uferhöhen und fern verdämmernder Berge winkte das -alte Städtchen, das dem Wasserbecken seinen Namen lieh. Palladia, -Ägida, Justinianopolis, Kapris und Capo d'Istria sind fünf Namen, -ein kolchischer, ein römischer, ein byzantinischer, ein slavischer, -ein italienischer, und alle meinen dieselbe Stadt. Viel Waffenklang, -Männerstreit und vieler Völker Blut liegt zwischen diesen Namen innen; -kein Wunder also, daß der Wein von Capo d'Istria so dunkel im Glase -schäumt und so feurig durch die Adern rollt. - -Über den altersgrauen Häusern steht ein großes, modernes Gebäude -mit einem Belvedere. Es beherrscht Stadt und Bucht, wie in den -bildungsfreundlichen Gegenden unserer Heimat etwa ein Schulbau von -lichter Höhe ins Tal, auf Stadt oder Dorf herunterleuchtet. - -»~Un ginnaso od un' academia?~« fragte ich, darauf zeigend, meinen -Nachbar, einen ältern, freundlichen Herrn. - -»~Un penitenziario~«, eine Strafanstalt, antwortete er. - -»Armes Land, das so schöne Strafanstalten hat!« Ich sagte es nicht, -aber ich dachte es, und der Herr mochte mir meine Enttäuschung vom -Gesichte lesen. Er lächelte und bemerkte, wenn man nicht gerade einen -bedeutenden Wert auf die Bewegung im Freien setze und Geld genug zur -Verfügung habe, so lebe sich's im großen Hause von Capo d'Istria nicht -übel. - -Ich hatte an dem vertrauenerweckenden Alten einen liebenswürdigen -Gesellschafter, den ich in Citta nuova ungern verlor; denn er ließ -sich durch mein ziemlich gebrochenes Italienisch nicht abschrecken, -mir manches Wissenswerte über Istrien mitzuteilen. Als ich einiges -davon notierte, war er sehr erfreut. »Schreiben Sie«, sagte er zu mir, -»etwas besonders Schönes von Rovigno; meine Frau war eine Rovignesin, -und einer meiner Söhne, ein schöner, zwanzigjähriger Mensch, liegt dort -begraben. Er hat schon mit fünfzehn Jahren Verse gemacht wie Dante und -Ariost. Die meisten klugen Menschen sterben früh.« - -So kamen wir in die Nähe von Isola, das sich pyramidenförmig an einem -Hügel der steilen, weit nach Westen vorspringenden Küste aufbaut. -Altersgraue, viereckige Türme haben es zu Kriegszeiten gegen das Innere -der Halbinsel geschirmt. Heute hält dieser Schutz nicht mehr stand; -die Mauern und Wachten zerbröckeln. Die alten, aus venetianischer Zeit -stammenden Stützmauern aber, welche das Städtchen ins Meer hinabsendet, -damit der Wogenprall der durch Borastürme aufgeregten See seinen Grund -nicht unterspüle, sind heute noch von Wichtigkeit für den steil am -Ufergebirge klebenden Ort. - -Auf einer gleichen, sich aus der Ferne viaduktähnlich ansehenden -Schutzbaute ruht der schöne Dom von Pirano. Sankt Georg, der auf dem -Turme desselben steht, ist ein wetterwendischer Heiliger, der seinen -Mantel nach dem Winde dreht und heute, da ein leichter Levante über die -See strich, gegen Grado hinübersah, als wollte er Sant' Eufemia drüben -grüßen. - -Man fährt von Triest aus in anderthalb Stunden nach Pirano, das -von den Terrassen eines steilen Vorgebirges die Adria nach drei -Richtungen überblickt. Altersgraue Kastellmauern, an welchen Reben und -Olivengesträuch emporwuchert, überragen es malerisch. - -Malerisch! Das sind die Küstenstädte Istriens alle. In ihren -geborstenen Festungsmauern liegt das Kriegselend einer großen -Vergangenheit und das Stillleben der trostlosen Gegenwart ausgestellt. -Wie die kriechenden Lianen den Verfall der alten Schutzwehr, so deckt -ein sorgloses Volksleben den Mangel einer modernen Geschichte zu. Als -Venedig blühte, und die Herrin der Adria war, da hatten auch diese -Vasallenstädte eine goldene Zeit, und so erinnert denn, was darinnen an -Gebäuden irgendwie von Bedeutung ist, an die versunkene, venetianische -Herrlichkeit; Rathaus und Dom tragen die Wappen Venedigs; allein - - »Es wirft nur Schatten her aus alten Tagen, - Es liegt der Leu der Republik erschlagen.« - -Eine lebendige Berühmtheit haben aber diese istrianischen Städte doch -und besonders auch Pirano, schöne Frauen. - -Glücklicherweise braucht man nicht die engen, halsbrecherischen Gassen, -die sich von der Höhe zum Meer hinunterziehen, empor zu klettern, -um die hübschen Mädchen Piranos zu sehen; denn zweimal im Tag, um -neun Uhr, wenn der Küstendampfer von Triest, und um drei Uhr, wenn -derjenige von Pola im Hafen anlegt, eilt, wer immer im Städtchen Zeit -hat, auf den Molo. - -Das ist der Korso der istrianischen Kleinstädter. Schöne Frauenbilder, -die Zenda, ein schwarzes Kopftuch mit reicher Spitzengarnitur, -malerisch ums Hinterhaupt geschlagen und um die Schultern gewunden, -ergehen sich auf demselben sich selbst zur Freude und den andern zur -Augenweide. Es sind darunter Madonnengesichter, so rein und schön, -wie diejenigen in den goldenen Rahmen der Pinakotheken; aber ich habe -neben diesen auch andere wandeln sehen, wo die Not, das Elend, die -Leidenschaft tiefe und unschöne Linien in ihr Antlitz gegraben hat. - -Die Hafenszene, die sich nach der Ankunft eines Schiffes in einer -istrianischen Küstenstadt entwickelt, dieses laute, geschäftige Treiben -hat für einen Fremden so viel Reiz, daß ihm die Viertelstunde, welche -über dem Ein- und Ausladen der Waren verstreicht, rasch vorübergeht, -besonders wenn er sich von einem italienischen Barfüßele den »~vino -nostrale~«, den schwarzen, feurigen Landwein, kredenzen läßt. Mein -genügsamer inländischer Gesellschafter nahm bescheiden mit der »~acqua -fresca~«, vorlieb, das eine stämmige kroatische Bäuerin aus zwei -Kübeln servierte, die sie an einem Holzbogen über der Schulter trug; -andere knackten zur Kurzweil die »~bianche, belle noci~« eines aus -Leibeskräften schreienden Jungen. - -Die Fracht der istrianischen Küstenfahrer besteht zumeist aus vollen -oder leeren Weinfässern, die oft den Platz auf dem Verdeck derart -beschränken, daß der Reisende froh sein muß, wenn er innerhalb dieser -Faßbarrikaden ein halbwegs bequemes Plätzchen für sich selber findet. -Daneben bilden Kübel und Kisten, in welche frische oder »~à la mode de -Nantes~« zubereitete Sardellen verpackt sind, einen Haupttransport. Die -kleinen Fische, deren Züge im Becken des Mittelmeeres für die fehlenden -Häringe einigen Ersatz bieten, werden in der Adria zu Millionen und -Millionen gefangen und in den Sardellenfabriken von Barcola, Isola, -Rovigno zum Versand zubereitet. - -Um die äußerste Westspitze von Istrien, die Punta Salvore, zu -erreichen, durchquert das Schiff die Bucht von Sicciolo. In ihrem -Hintergrund liegen zu Füßen einer schroffen Küste die Salzgärten von -Pirano, die durch eine Reihe weißer, schimmernder Sudhäuser angedeutet -sind. Die ganze Anlage bedeckt einen Raum von 600 Hektaren und hat -über 7000 Salzgärten, die jährlich eine halbe Million Meterzentner -dieses Minerals liefern. Man läßt das Meerwasser in größere Becken -strömen, wo ein Teil desselben innerhalb einiger Tage verdunstet. Die -derart erhaltene Sole wird durch ein Schleusensystem in die Salzkammern -geführt. Da schlägt sich unter dem Einfluß des Sonnenscheins das Salz, -das nachher in den Sudhäusern noch einem letzten Trocknungsprozeß -unterworfen wird, als weiße Kruste nieder. - -An der Punta Salvore steht ein Leuchtturm, ein prächtiger Bau, und -hinter ihm liegt, soweit das Auge schweift, eine klippige, flache -Küste, über welche das mattglänzende Laub endloser Ölwälder flimmert. - -»Sie kennen wohl die Geschichte des Kaisers Barbarossa?« sagte mein -Gefährte. - -»Des Hohenstaufen, der so viel in den italienischen Landen gekämpft -hat«, antwortete ich zum Zeichen meines Verständnisses. - -»Ich kann Ihnen mehr sagen«, erwiderte er; »er hat an der Punta Salvore -gekämpft, hat da eine Schlacht verloren und einen Sohn dazu.« - -»An wen?« - -»An den Dogen zu Venedig.« - -»Wann?« - -»Es ist so lange her, daß es wohl niemand mehr weiß.« - -Ich erfuhr nachträglich, daß es am Himmelfahrtstag 1176 war, als -der Hohenstaufe Otto, an dessen Seite auch die Genuesen und Pisaner -gekämpft, nach unglücklicher Schlacht in die Hand des Dogen Ziani fiel. - -»Etwas anderes kann ich Ihnen auch noch sagen, junger Herr«, nahm mein -Gesellschafter nach einigem Stillschweigen das Wort wieder auf. »An -der Punta Salvore ist schon manches Weib eine Witwe geworden. Ich habe -es selbst mitangesehen, daß im Süden des Kaps die See so ruhig lag wie -ein schlafendes Kind und -- ~maladetta~ -- im Norden, da hat das Meer -gestürmt, ich sage nichts; aber ein Schiff ist bald hin. Wer den Hafen -von Pirano nicht erreichen kann, der sehe, wo er sich birgt. An allem -ist die Bora schuld, deren Macht sich hier an der Punta Salvore bricht. -Jenseits hat sie keine Gewalt mehr.« - -Heute lag die blaue Adria so wonnig, sonnig da, als könnte sie -niemandem, selbst keinem armen, braunen Fischerknaben ein Leid -antun. Aus ihrem Spiegel schnellten die spielenden Delphine empor -und verfolgten sich und tummelten sich wie die jungen Menschenkinder -im Haschespiel. Die letzten Alpengipfel, die bis dahin ins Meer -hinaus geleuchtet, waren im Dunst des nördlichen Horizonts dem Auge -entschwunden, und der schmale Küstenstreifen, der dem Blick noch blieb, -war ein Nichts gegen das weite, wunderschöne Blau des Meeres, über -das fernher die weißen Segel einiger Fischerflotillen wie gewaltige -Vogelschwingen schimmerten. - -Die Fahrt von der Punta Salvore gegen Süden ist einförmig. Die flache -Küste mit ihren verwaschenen Klippen und dem rauhen Karstgrund tritt -mehr und mehr gegen Osten zurück, sendet aber von Ort zu Ort wieder -eine felsige Landzunge in die See. Die Buchten zwischen diesem flachen -Vorgebirge sind so tief, daß dort kein Schiff ankern könnte, obwohl die -Adria im Bereiche der istrianischen Küste nur eine Tiefe von 36--40 -Metern, also nicht einmal diejenige der meisten Alpenseen, aufweist. - -Nach einstündiger Fahrt von Pirano erreichten wir etwas vor zehn Uhr -Umago, ein kleines Städtchen mit einem geräumigen Hafen, von welchem -aus ein ziemlich lebhafter Holzhandel nach Venedig getrieben wird. Es -ließe sich von Umago gar manches aus allerlei Nöten erzählen, von Krieg -und Pest, von Wassersnot und Erdbeben, insbesondere auch von einer -Bodensenkung, welche einen Teil des Städtchens in die Wellen begrub, wo -man an klaren Tagen jetzt noch die Mauerreste sieht. - -Hübscher als das Städtchen selber ist die Landschaft, aus deren -Olivenhainen, Eichenwäldchen und Gärten halbe versteckte Landhäuser und -Villen istrianischer Vornehmer herübergrüßen. - -Unser Schiff legte weder in Umago noch in Citta nuova, das wie -dieses nach einer langen Lebensgeschichte eine stille Gegenwart -fristet, im Hafen an, sondern ließ sich die Passagiere im Fischerboot -herüberbringen. - -Hier verlor ich meinen bisherigen Gesellschafter. »Grüßen Sie mir -Rovigno und tragen Sie ein freundliches Bild von Istrien mit sich -fort!« Mit diesen Worten bot er mir die Hand zum Abschied, und noch vom -Kahne aus rief er mir ein herzliches »~Buon viaggio!~« nach. - -Unterhalb Citta nuova, das keineswegs, wie sein Name zu bedeuten -scheint, eine »neue Stadt«, sondern eine uralte ist, die allerdings, -nachdem sie türkische Seeräuber im Jahr 1687 in Asche legten, nur eine -bescheidene Auferstehung erlebte, liegt die weite Mündungsbucht des -Quieto, des größten istrianischen Stromes. Die alten Schriftsteller -sollen ihn für die Fortsetzung des Isters, wie damals die Donau -hieß, gehalten und selbst so genannt haben. Dadurch erkläre sich der -Landesname »Istrien«, der also das Umgelände des Quieto bedeuten würde. - -Allein lassen wir die etymologische Untersuchung ruhen und uns dafür -vom Küchenjungen, der zugleich Kellner und Oberkellner des kleinen -Dampfers ist, einen ~mezzo-litro~ schenken. - -Während der schmächtige Bursche den Blechhumpen füllt, schielen seine -schwarzen Augen schon nach dem Trinkgeld; aber er serviert mit einer -Grazie, als wäre er Angestellter des Hotel de Ville in Triest, und hat -er erst sein Trinkgeld, so läßt er sich's nicht nehmen, sich als ein -Mann von Welt zu dokumentieren. Er spricht von Athen oder Neapel so -gelassen, wie ein Landknabe seines Alters -- er ist zwölfjährig -- vom -Krautgarten des Nachbars. - -»Was sagen Sie zu unserm Wein?« - -»Er ist vorzüglich.« - -»Sie werden auf keinem Schiff einen bessern trinken.« Er sprach -mit solchem Ernst, daß man nicht wußte, war er mehr Schlingel oder -Gentleman. - -»Der Herr ist ein Deutscher?« fuhr er fort. - -»Zu dienen.« - -»Sie werden bald ein gutes Italienisch sprechen, aber ich ein -schlechtes Deutsch. Ich kenne noch keine zwanzig Worte.« - -»Sie wünschen es zu lernen?« - -»Mein Gott -- mein Handel würde florieren! -- wer kauft lieber die -schönen Muscheln und die herrlichen Antiquitäten, als die Deutschen!« - -Er eilte in seine Kabine und holte eine Kiste mit Konchylien und -kleinen Altertümern. - -»Sehen Sie diesen Mark Aurel!« Er betrachtete das Stück mit dem Blicke -eines Numatikers von Fach. »Zwei Gulden, mein Herr! Sie finden den -Preis wohl nicht zu hoch?« - -»Man kauft in Aquileja zehn Stück für einen halben Gulden.« - -»Sie entschuldigen, wenn das wahr ist, bin ich ein ruinierter Mann.« - -In diesem Augenblicke wurde er gerufen -- ich ließ mir den Wein -schmecken. - -»~Un uom' rovinato~« und ein Schiffsjunge von zwölf Jahren. Umsonst -suchte ich es mir zusammenzureimen. Als ich eben wieder einen Schluck -zu tieferer Ergründung des Gedankens aus meinem Blechbecher tun wollte, -waren wir in Parenzo, und ich sagte seinem alten Dom Grüß Gott! - -Die Stadt gefiel mir ausnehmend, und ich hätte ihr bald eine Standrede -gehalten. - -»Parenzo«, hätte ich gesagt, »du bist ein grünes Reis auf dem alten -Stamm, der Parentium hieß und eine römische Kolonie war. Es ist dir -wenig geblieben von der alten Herrlichkeit: zwei Säulenstümpfe und ein -Pfeiler auf dem Platze Marafor; das andere liegt drunten im Meer, und -die Krabben kriechen drüber hin. Manche deiner Schwesterstädte stehen -zwar malerisch auf einem Vorgebirge, du auf einer flachen Landzunge; -aber du hast, was jene nicht haben, einige moderne Bauten. - -Ich ziehe meinen Touristenhut ab vor deinem Dom, der dreizehn und ein -halbes Jahrhundert an sich vorübergehen sah. Allein wäre er nicht -von Stein gewesen, dann hätte er wohl in Jammer und Elend gewankt, -als vor fünfhundert Jahren die Pest deine Kinder, junge und alte, zu -Tausenden würgte und die letzten Dreihundert knierutschend zu deiner -Schutzheiligen flehten: Heilige Eufrasia, schone uns! - -Die Heilige tat ein Einsehen; sie schonte die Dreihundert, und heute -sind's wieder fast dreitausend. Sie bauen Schiffe, sie verkaufen Wein -und Holz, sie schleppen die Netze, ein Bischof segnet ihre Arbeit, -und nie ist's schöner bei dir zu wohnen, als wenn die dreiunddreißig -Landräte von Istrien durch deine Gassen wimmeln und dem Wohle des -Landes nicht schaden. Fürwahr, du bist nicht die Kleinste von Istrien!« - -Da rollten die Matrosen eben wieder eine Partie der unvermeidlichen -Weinfässer ins Schiff; ich mußte meine Füße in Sicherheit bringen und -brach den stummen Sermon ab, ohne dem Schönsten an Parenzo gerecht -geworden zu sein, dem vor der Stadt liegenden wunderhübschen Eiland San -Nicola. - -Es ist eine südliche Ufenau! Es stehen zwar keine Fruchtbäume darauf, -aber viel helles Oliven- und dunkles Lorbeergesträuch; kein Kirchlein -grüßt vom Fels, aber ein halbzerfallener Turm; kein Ulrich von Hutten -hat darauf sein einsames Grab, aber wer weiß, ob die Lorbeeren von San -Nicola nicht über einem toten Helden rauschen? - -Unser Schraubendämpferchen zischte wieder; ade Parenzo! ade San Nicola! - -Ist die felsige, flache Küste von Cap Salvore bis Parenzo reizlos, -so entschädigt, wenn man das grüne Eiland im Süden umfahren hat, die -entzückende Fahrt durch den Scoglienarchipel den Touristen vollauf! - -»Eine Schweiz im Wasser!« Ich kann nicht mehr sagen, welcher -Reiseschriftsteller diese Bezeichnung für das liebliche Wirrsal kleiner -Inseln aufgebracht hat. Der seltsame Reiz, den diese Felseneilande -auf das Auge üben, kann allerdings mit demjenigen einer schönen -Schweizerlandschaft verglichen werden; aber Schweizerisches ist nichts -daran. - -»Ein Karst im Wasser!« Damit hätte man wenigstens die geologische -Eigenart dieser Inseln charakterisiert; aber Karst sind nur die -furchtbar verwaschenen Felsenfundamente, die malerischen Riffe und -Wellenbrecher, die sie der hereinflutenden See entgegenstellen. Die -Rasendecke dagegen, die bald wie ein Teppich und bald nur wie ein -Häubchen die Scoglien deckt, die malerischen Baumgruppen, die kleinen -Fischerhäuser sind zu anmutig, als daß man sie in eine Karstlandschaft -einfügen dürfte; sie sind mit der blauen Flut und dem öden Fels ein -einzig schönes Meeridyll. Den großen Meerschiffen sind die Scoglien -verschlossen, und selbst das kleine Küstenschiff krümmt und windet -sich mit Mühe durch die Kanäle, welche den Archipel labyrinthisch -durchziehen, bald sich zum Engpaß schließen, bald zum freundlichen -Bild eines Binnensees ausweiten, hier den Blick auf ein kleines -Landschaftsbild begrenzen und dort dem Auge den Durchblick auf das -ruhig-große Meer erschließen. - -Wenn aber die See rast, und die sturmgepeitschten Wogen an den Scoglien -zerschellen, dann mag die stille Schönheit dieser Inseln einem -furchtbaren Bilde weichen. Darum wächst auf diesen Felseneilanden ein -Lotsengeschlecht, dessen Ruhm an der Adria kein anderes verdunkelt. - -Der Lotse zur See, der Führer im Hochgebirge, sie beide stehen im -Dienste des Lebens anderer, und manch einer, dessen Name in der großen -Welt mächtig widerhallt, wäre kaum würdig, diesen schlichten Helden, -von denen man wenig singt und sagt, auch nur die Schuhriemen zu lösen! - -Da, wo sich die kleinen Inseln am dichtesten drängen, hängt das -Städtchen Orsera an steiler Küstenhöhe. Nicht gar fern davon schneidet -eine schmale Felsenbucht tief ins Land. Es ist der Canale di Leme, ein -in den Süden versetzter norwegischer Fjord. - -Nun sieh dort das Heiligenbild, das hoch vom fernen Campanile glitzert -und glänzt! Das ist Sant' Eufemia im Strahlenkranz, die Schutzheilige -von Rovigno, der Stadt, die ich grüßen soll, und ich grüße sie gern; -denn ein Hauch südlicher Romantik webt über ihr und ihrem gewaltigen -Dom, der, auf dem Vorgebirge stehend, all die Profanhäuser der Stadt, -wie eine Henne die Küchlein, um sich sammelt. - -Ein Rätsel ist mir nicht gelöst worden, nämlich warum die Rovignesen -vor anderthalbhundert Jahren ihren alten Schutzpatron, den heiligen -Georg, der doch als wackerer Kriegsmann während mehr als einem -Jahrtausend die Stadt vor Sarazeneneinfall, Ungarwut und Pest gehütet, -als Schutzpatron abgesetzt und sich unter den Schirm einer Heiligen -gestellt haben. Ich vermutete indes, daß es als eine Huldigung an die -schönen Frauen Rovignos geschah, die sich so seltsam und reizend zu -kleiden verstehen. - -Welche unserer Damen weiß, was eine »Vestura« ist? Ein leichter, -luftiger Überwurf, der wie eine rückwärts gebundene Schürze empor -gezogen wird und, ähnlich wie ein venetianischer Schleier über Scheitel -und Oberkörper gewunden, Antlitz und Büste duftig schmückt. - -Es war schon Nachmittag, als unser Schiff an der hübschen Insel San -Catterina vorbei, welche sich als ein natürlicher Wellenbrecher vor -dem Hafen Rovignos lagert, in die südlichen Scoglien steuerte. Sie -sind größer und vegetationsreicher als die nördlichen, und bergen hie -und da unter dem Schutze eines kleinen Hügels an blauer Meerbucht ein -schimmerndes Fischerdörfchen. Ja selbst die Rauchwolken aus dem Schlote -einer Zementfabrik ziehen über die Olivenwäldchen von Sant' Andrea, -einer größern Insel in der Nähe Rovignos. - -Allein sie stören den märchenträumenden Frieden des stillen -Meergeländes nur einen Augenblick; denn - - »Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde - Klingen Abendglocken dumpf und matt, - Uns zu geben wunderbare Kunde - Von der schönen, alten Stadt. - In der Fluten Schoß hinabgesunken - Blieben ihre Trümmer stehn: - Ihre Zinnen lassen goldne Funken - Wiederscheinend auf dem Spiegel sehn.« - -So meldet eine Schiffersage auf San Giovanni, und das Merkwürdigste -daran ist der Umstand, daß einige von den Inselnbewohnern vorgewiesene -Funde ihr einen realen Hintergrund zu geben scheinen. - -Sodom, Gomorrha, Stavoren, Vineta, und hier eine schicksalsverwandte -Stadt, deren Name selbst vergangen ist! Es mag merkwürdig zugehen, wenn -am jüngsten Tage das Meer seine Toten ausspeit! - -Ich beugte mich über den Rand des Schiffes, um nach den versunkenen -Türmen und Dächern zu spähen. Eine Qualle, die wie eine zierliche -Hängelampe mit ausgespanntem Schirm durch die Meerflut zog, wollte mir -dazu leuchten; allein das Schiff fuhr vorbei, die schöne Meerampel -verschwand, und es ging mir, wie es vielen schon gegangen -- ich habe -das istrianische Vineta nicht gesehen. - -Südlich vom Scoglienarchipel sticht das Fahrzeug in den Kanal -von Fasana, der sich wie ein breiter, ruhiger Strom zwischen den -Klippen des Festlandes und dem grünen Teppich der brionischen Inseln -durchwindet. Um drei Uhr erreichten wir die kleine Stadt, deren -Name sich auf den Meeresarm übertragen hat, und sahen auch Perri, -die bocchesisch-montenegrinische Kolonie, die rings umgeben von -istrianischen Volkselementen den heimatlichen Typus fast unversehrt -behalten hat. - -Bald sind wir in Pola. Dort auf der größten der Inseln, auf der Brion -grande dräut von der höchsten Hügelkuppe das erste Festungswerk. Es -führt den ehrenvollen Namen Tegethoffs, des Siegers von Lissa, der sich -ruhmbedeckt in die Kriegsgeschichte von 1866 eingetragen hat; denn hier -am Kanal von Fasana hat der kühne Admiral sein Geschwader, für dessen -Kriegstüchtigkeit ganz Österreich bangte, gesammelt und es von hier aus -zur heißen Seeschlacht bei der dalmatinischen Insel geführt. - -An dem Eiland San Girolomo vorbei kamen wir in die Bucht von Pola. Sie -könnte mit der blauen, ruhsamen Flut, den grünen Hügeln, welche sie -umkränzen, ein idyllisches Meerbild genannt werden, schaute nicht von -den Uferhöhen Fort an Fort auf den stillen Golf und blickten nicht -hundert Mündungen blanker Stahlgeschosse aus den engen Schießscharten -der Festungsrondellen auf den Wasserspiegel, die das Friedensbild zum -furchtbaren Festungsrayon verwandeln. - -Die Bucht weitet sich birnenförmig aus. In ihrem Hintergrund liegt -der von Barken belebte Handelshafen von Pola und südöstlich, durch -die Oliveninsel und ein anderes kleines Eiland abgeschlossen, der -eigentliche Kriegshafen, wo die abgetäuten Panzerschiffe schwimmen. -Die Stadt lagert sich staffelartig um einen zwischen den Häfen -vorspringenden Hügel. - -Das Erste, was der Reisende von Pola erblickt, ist die Kolossalruine -des römischen Amphitheaters, das den Sturm fast zweier Jahrtausende -überdauert hat. Ernst und beschaulich sieht es auf den Golf, wo sich -eine moderne Großmacht mit ihrer Seewehr brüstet. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn. - - -Vor undenklichen Zeiten fuhren im fernen Osten, wo die ersten Menschen -gewachsen sind, zwei Fischer in ihren Einbäumen auf eine Meerbucht -hinaus. Der eine machte einen guten Fang; die Netze des andern blieben -leer. Da wurde dieser neidisch und zornmütig. Es entstand ein Streit, -und der Stärkere schlug den Schwächern tot. - -Das war der erste Seekrieg! - -Man weiß nicht, wann die Kunst, Menschen auf dem Meere totzuschlagen, -in den Westen gewandert ist. Den Kampf im Einbaum hat man schon lange -aufgegeben. Die aufstrebenden, schaffensfreudigen Völker Europas haben -jetzt andere Kriegswerkzeuge zur See: Panzer, Torpedos und gezogene -Kanonen. - -Ein Einbaum und ein modernes Kriegsschiff gleichen sich wenig; aber -heute noch wird der Stärkere über den Schwächern Meister. Darum will -jedes Volk stark sein. Es läßt zu diesem Zwecke die Künste, die -Wissenschaften darben; es legt die Nerven der Industrie lahm; es -opfert den Segen des Landbaues; es unterbindet den Handel; es begräbt -das Nationalvermögen in Festungen, Kasernen, Panzerschiffe und wirft -die Blüte der Männer hinein. - -Das ist der moderne Militarismus! - -Wo ein Reich ein schönes Stück Nationalvermögen hingegeben an den -angenehmen Gedanken, stark zu sein, stand ich jetzt, am Kriegshafen der -österreichisch-ungarischen Monarchie, am Quai von Pola, und dachte an -die Leberknödel meiner lieben Wirtin zu Monfalcone. - -Ich will es nur gestehen, daß mir im frischen Hauch der Meerluft ein -gutes Beefsteak, ein Nierenbraten, eine Ganskeule oder ein Presciutto -stets als besonders begehrenswerte Dinge vorgekommen sind. In Pola -bekam ich für Geld und gute Worte etwas Lämmernes, und es wurde -mir davon sehr friedlich zu Mute. Allein nun galt's, den Tag noch -auszunutzen! - -Nachdem ich in einem Hotel ein Zimmer bestellt, stand ich etwas vor -vier Uhr am Eingangstor zu den Werkstätten des k. k. See-Arsenals. -Sie ziehen sich in der Länge eines Kilometers am südlichen Ufer der -Bucht von Pola hin, während die Etablissemente für den Schiffsbau und -die Docks den Scoglio olivi, eine der Stadt zu Füßen liegende Insel, -bedecken. - -Nirgends findet der Fremde ein freundlicheres Entgegenkommen als -in Österreich. Die einfache Visitenkarte öffnet ihm, sofern nicht -Glieder des Herrscherhauses selber da sind, die kaiserlichen -Schlösser; sie genügt auch, um Eintritt ins Seearsenal zu erlangen. -Als Führer wurde mir ein junger, hübscher Mann in Unteroffizierstenue -vorgestellt, und ich war angenehm überrascht, statt des langweilig -pathetischen Erklärungstones der italienischen Ciceroni ein gemütliches -Grazerdeutsch zu hören. - -So wanderten wir denn. Schon im Waffensaal, wo die großen Geschütze -in Reih und Glied stehen, die Bomben und Granaten zu Tausenden -kunstreich geschichtet auf ihren Lagern liegen, wird dem Laien ganz -kriegsandächtig zu Mute. Allein erst im Marine-Museum, wo alle die -verschiedenen Dinge, die zur Flotte und ihrer Geschichte eine Beziehung -haben, in einer Flucht von Gemächern aufgestapelt liegen, offenbart -sich ihm vom Schlachtenhandwerk zur See ein Stück intimen Lebens. - -Besonders fesselnd ist die Menge zierlicher Schiffsmodelle, die -eigentliche Kunstwerke der Kleintechnik sind. Sie gewähren in ihrer -Gesamtheit ein lehrreiches Bild von jenem gewaltigen Umschwunge, der -sich in den letzten dreißig Jahren im Marinewesen vollzogen hat. An -manch eines der ältern ließe sich eine fesselnde Schiffsgeschichte -knüpfen. Viele Schiffe, deren Modelle hier noch ein lebhaftes Interesse -erregen, stehen entmastet, zu einem Warenlager oder Pulvermagazin -erniedrigt irgendwo im letzten Hafen oder fahren, von der Verwaltung -ausrangiert, neu aufgeputzt und neu bewimpelt, unter der Flagge irgend -einer halbzivilisierten Macht, die den Marinesport der europäischen -Nationen nachahmen will. - -Auch ein Schiff hat sein Schicksal. Vielleicht keines ein traurigeres -als die »Maria Anna«, einer der schönsten Kriegsdampfer. Zwischen -Triest und Venedig kreuzend, verschwand sie mit ihrer Mannschaft an -einem stürmischen Märztage des Jahres 1852, ohne daß es je gelungen -wäre, Bestimmtes über ihren Untergang zu erfahren. - -Was immer die österreich-ungarische Flotte auf ihren Kreuz- und -Querzügen durch die Meere an nautischen Gegenständen von fremden -Küsten hergetragen, indianische Canoes und figurenbedeckte asiatische -Fahrzeuge, das liegt hier aufbewahrt. An den Wänden und in Schreinen -hangen die Trophäen aus den Seetreffen älterer und neuerer Zeit, die -blauweiße Flagge, die Don Juan von Österreich in der Schlacht von -Lepanto im Jahre 1571 auf seinem Admiralschiff führte, und zahlreiche -tunesische, marokkanische und egyptische Wimpel aus den Jahren 1829 und -1830. - -Mit besonderer Sorgfalt sind die Trophäen aus der Seeschlacht von Lissa -und mannigfache Erinnerungszeichen an Admiral Tegethoff, Uniformen, -Feldzeichen, Orden, Lorbeerkränze aufbewahrt worden. Sie mahnen aus -ihren Glasschränken heraus an jene blutig bewegten Tage, da Österreich -unter dem furchtbaren Eindruck der Niederlage von Königgrätz, trotzdem -es in jenem Doppelkrieg sich Italien gegenüber zu Land und zur See -siegreich behauptet hatte, das reiche Venetien durch die Vermittlung -Napoleons ~III.~ dem ~re galant' uomo~ hingab. - -Nun traten wir in die Artilleriewerkstätten, wo ein Arbeiterbataillon -hämmert und feilt, hobelt und bohrt, poliert und dreht. Was bereiten -denn diese hundert und hundert emsigen Gesellen, diese rollenden -Maschinen? Was wird aus den hochgeschichteten Stößen von Erz, was aus -den brodelnden Metallmassen, die aus den Öfen zischend in die Formen -schießen? - -Waffen; allein wo das Torpedo, die furchtbarste Wehr zur See, bereitet -wird, da führt man keinen Uneingeweihten hin. - -Wer sich nicht ganz vom Militärevangelium der Gegenwart den Verstand -hat berauschen lassen, hat ohnehin genug gesehen. Ein Protest gegen den -Krieg, die vom Staat und dem Patriotismus geheiligte, von den Dichtern -verherrlichte, große Menschenschlächterei geht an diesem Orte, wo ohne -Unterlaß die Werkzeuge zum Massenmord bereitet werden, durch seine -Seele. - -Doch sieh, da sind wir ja aus dem sinnbetäubenden Rasseln und Dröhnen -der rußigen Werkstätten in ein friedliches Asyl, in eine große -Schneiderwerkstätte gekommen. Das ist der Saal der Segelmacher, wo man -den schweren Kriegsdampfern die leichten Schwingen zurechtschneidet, -für die hochragenden Masten die rot-weiß-rot gestreiften Kriegs- -und für den Manövrierdienst die verschiedenfarbigen Signalflaggen -zusammensetzt. Man könnte bei dem Anblick der vielen farbigen Tücher, -der bunten Nationalbanner aller Seemächte, fast auf den Gedanken -kommen, daß hier die Kostüme für eine große Maskerade oder die Wimpel -für ein Fest vorbereitet werden. Es ist aber alles blutiger Ernst! - -Am chemischen Laboratorium vorbei, wo man die Sprenggeschosse -füllt, kommen wir ins Aus- und Abrüstungsmagazin, in dessen Kammern -jene unzähligen Gegenstände in Depot liegen, deren ein Schiff, um -segelfertig zu werden, bedarf. Hier liegt auch jenes Boot aufbewahrt, -in welchem die Nordpolfahrer Weyprecht und Payer mit ihren Gefährten -im Jahre 1874 nach zweijährigem Aufenthalt im äußersten Norden -den schwierigen Rückzug nach Novaja Semlja ausführten, als das -Expeditionsschiff »Tegethoff« in eine Eisscholle eingefroren unrettbar -nach Norden trieb. Sechsundneunzig Tage brachte die Mannschaft mit -ihren braven Führern, die das Franz-Josephs-Land entdeckt, in dem -kleinen Fahrzeuge zu, bis die immer südwärts Steuernden an der Küste -von Novaja Semlja einen russischen Schooner entdeckten, der sie in den -Hafen Vardóe in Schweden brachte. - -Ein Blick noch auf die gewaltigen Vorräte von Mastenholz, jene -geschundenen Riesentannen des Alpenwaldes, die sich auf dem Meer in -Heimweh härmen, ein Blick noch auf die Bootswerfte, wo die kleinern -Schiffe gebaut werden, und wir wanderten längs des im Abendschein -vergoldeten Meeres allmählich zurück, hier rasch ins Ketten- und -Ankermagazin tretend, dort das Bootsmagazin musternd, wo eine Menge -kleinerer Fahrzeuge über und nebeneinander aufgeschichtet liegen, bis -zu dem gewaltigen Scherenkrahn, der von anständiger Kirchturmshöhe ist -und Lasten von über tausend Zentnern Gewicht auf die Kriegsschiffe -überträgt. Nicht weit davon ist die gewaltige Kesselschmiede und der -Maschinensaal mit einem Anhang weitläufiger Nebenwerkstätten. - -Die Uhrenfabrikation und der Schiffsbau bezeichnen zwei Pole der -Industrie. Dort müht sich der Arbeiter mit der Loupe an dem kleinsten, -hier mit dem dampfgetriebenen Krahne an dem größten mechanisch -Darstellbaren. - -Hier geht alles ins Kolossale. Der Arbeiter ist im Vergleich zu den -Maschinen, an denen er hantiert, eine Ameise, während die Hämmer, -welche die Panzerplatten schmieden, die Werkzeuge von Kyklopen zu -sein scheinen. Staunend schaut der Fremde eine Weile in das tosende, -riesenhafte Getriebe; dann wendet er sich gern wieder ab. Es liegt -etwas Übermenschliches, an den Vulkanmythus Mahnendes, etwas -Beängstigendes in diesen donnernden, sausenden, singenden und ächzenden -Kolossalmaschinen. - -Ich atmete auf, als ich wieder draußen auf der Hafenstraße von Pola -stand. Sie war reich belebt von spazierenden Militärs. Ich ließ mich -ohne Rast zum Scoglio olivi hinüberstoßen, wo in zwei weiten eisernen -Hallen die Werften für den Kriegsschiffbau liegen. Ein Kriegsschiff -war nicht im Baue; hingegen lag auf einem der beiden Trockendocks ein -Panzerschiff in Reparatur und glich, wie es da außer Wasser stand, -einem gestrandeten Walfisch. - -Der augenfällige Unterschied zwischen einem Handels- und einem -Kriegsschiff besteht darin, daß die schwimmende Festung statt der -vielen Kajütenfenster nur eine Reihe viereckiger Öffnungen zeigt, durch -die ebenso viele Kanonenmündungen blitzen, und daß auf dem Deck ein -oder zwei drehbare Panzertürme, runden Kesseln nicht unähnlich, mit -Schießlucken stehen. Wirklich schwer gepanzert ist es nur etwa zwei -Meter über und unter der Wasserlinie und da, wo die Werke zum Drehen -der Türme stehen. - -Das Balancedock ist ein ungeheurer Kasten, der wie ein Schiff auf -dem Meere schwimmt, aber durch Einpumpen von Wasser derart versenkt -werden kann, daß das größte Kriegsschiff zwischen seinen Seitenwänden -einfahren kann, worauf das Schiff durch das Auspumpen des Wassers im -Dock ins Trockene gehoben wird. - -Nicht minder merkwürdig ist der »Zyklop«, ein Werkstättenschiff, -welches die Arbeitsräume und Maschinen für die Reparatur der -Marineboote enthält. Es ist ein schwimmendes Arsenal, welches ein in -die See stechendes Geschwader begleiten kann. - -Der Tag ging zur Neige, als ich meinen Gang durch das Arsenal beendet -hatte. Um von dem Städtchen noch etwas zu sehen, verzichtete ich -auf eine Kahnfahrt nach dem Kriegshafen, wie sie mir mein Führer -vorgeschlagen hatte; ich begnügte mich, den grauen, stählernen -Ungeheuern mit den Kanonenmündungen von ferne meine Reverenz zu -erweisen. - -Während mich der Führer zurückruderte, genoß ich den reizenden Anblick -des sich an den südlichen Hügelstufen emporbauenden Stadtbildes von -Pola. - -Der Ort selber ist uralt; denn unter dem Namen Pietas Julia blühte -hier eine römische Kolonie, und im Mittelalter beherrschten von hier -aus die Markgrafen von Istrien ihr Land; aber in gewissem Sinne ist -es doch der Benjamin der istrianischen Städte. Nachdem es im 13. -und 14. Jahrhundert bald von den Venetianern, bald von den Genuesen -verwüstet und im 17. von der Pest entvölkert worden war, so daß es kaum -mehr ein halbes Tausend Einwohner zählte, ist es erst durch Anlage -des Kriegshafens und zum großen Teil auf Kosten der istrianischen -Schwesterstädte wieder ein Gemeinwesen von einiger Bedeutung geworden -und zählt gegenwärtig etwas über 10000 Einwohner. - -Seine Geschichte bringt es mit sich, daß sich in der Stadt Altes und -Neues aufs wunderlichste mischen, daß fast an jedem Plätzchen eine alte -Historie klebt. - -Hier sollen Jason und Medea auf ihrer Flucht vor den Kolchiern -gerastet, dort die schöne Cenide mit dem jugendlichen Vespasian einen -erotischen Roman durchlebt haben; am dritten Ort zeigt man die Stelle, -wo am Charfreitag 1271 die Familie der Sergier, die als erbliche -Generalkapitäne die Stadt verwalteten, vom Volke meuchelmörderisch -niedergemacht worden ist. - -Vielleicht die interessanteste dieser Erinnerungen aber hat der Ort -da, wo jetzt mit leuchtender Front die Infanteriekaserne auf den Golf -herniederschaut; denn hier stand im Altertum ein Venustempel, im -Mittelalter ein Nonnenkloster, jetzt also eine Militäranstalt. - - »Und aber nach fünfhundert Jahren, - Als ich desselbigen Wegs gefahren« -- -- -- - -Kann man sich eine lebendigere Illustration zur Sage von »Chidher, dem -Ewigjungen«, denken? - -Auf einem Hügel oberhalb der Kaserne erhebt sich das alte venetianische -Kastell, und nicht weit davon steht eines der sehenswertesten -Altertümer: die zierliche Triumphpforte, welche Salvia Postumia ihrem -Gemahl, dem Tribunen Servius Lucius, und dessen Verwandten errichtet -hat. Das vollkommen freistehende, von einem prächtigen Rostton -überzogene Denkmal gehört mit seinen paarweise geordneten korinthischen -Säulen und dem stark vortretenden, von etwas Strauchwerk umwucherten -Gesimse der besten Zeit römischer Baukunst an. - -Ebenso schön ist ein anderes ganz in den Häusern verstecktes römisches -Denkmal: ein eleganter Tempel des Augustus und der Roma, ein wunderbar -wohlerhaltener Bau, obgleich er unter den wechselnden Besitzern von -Pola schon als Kirche und als Kornkammer gebraucht wurde. Noch liest -man an dem Fries der von sechs korinthischen Säulen gebildeten Vorhalle -die Widmungsinschrift »~Patri Patriæ~«, und die zierliche Ornamentik -des Giebels hat durch den Verwitterungsvorgang von fast zwanzig -Jahrhunderten -- der Tempel wurde im Jahre 8 gebaut -- nicht wesentlich -gelitten. - -Neben diesem 13 Meter hohen Bau stand im Altertum ein anderes -Heiligtum, der Tempel der Diana, von welchem aber nur die Rückseite -auf uns gekommen ist; denn in seine Vorderseite hinein ist nicht -ohne Geschick das Stadthaus von Pola, ein anmutiger Palast in -maurisch-gotischem Stil, gebaut worden. Vor seiner Parterreloggia liegt -der Hauptplatz von Pola, das antike Forum. - -Vom Triumphbogen der Sergier zieht sich die mit Kastanienbäumen -besetzte Ringstraße um das Kastell her gegen den innersten Teil des -Hafens und gegen das Amphitheater hinab. - -Dieses kann sich zwar an Größe mit demjenigen von Verona nicht messen; -denn die Maßverhältnisse sind fast ein Drittel geringer als am »Haus -Dietrichs von Bern«; immerhin beträgt die Länge seines Ovals 120, die -Breite 96 Meter und sein Raum faßte über 20000 Personen. Von all den -Arenen des Südens ist sie die einzige im Außenbau erhaltene, während -man freilich, um ein Bild ihres ausgeplünderten Inneren zu gewinnen, -das Bild des Amphitheaters an der Etsch zu Hülfe nehmen muß. - -Da die Arena, die von der alten römischen Gemeinde um das Jahr 200 -zur Auslösung eines Gelübdes und zu Ehren der Kaiser Septimus Severus -und Caracalla aufgeführt wurde, am Abhange eines Küstenhügels steht, -so verkürzt sich der Bau von der Golfseite gegen hinten um die ganze -Höhe der untersten Bogenreihe, während am zweiten Stockwerk die 72 -Bogen recht schön zur Darstellung kommen. Über den viereckigen, -fensterartigen Ausschnitten des dritten Stockwerkes krönt eine -Steingalerie den 24 Meter hohen Bau, an welchem vier turmartige -Anbauten eine besondere Eigentümlichkeit bilden. - -Als ich auf dem Hügel über dem Amphitheater stand, erhaschte ich eben -noch die letzten Strahlen der scheidenden Sonne, die herrlich durch die -öden Räume des gewaltigen Baues fluteten. Dann versank das purpurne -Gestirn in der fernen See; die Dämmer woben über dem Hafenrund von Pola. - -Ich setzte mich auf den kurzen Rasen des Hügels, und im Anblick des -dunkeln Ruinenkolosses sah ich, als hätten sich die Zeiten um mehr denn -anderthalb Jahrtausende zurückgedreht, ein seltsam Bild. - -Römische Männer und Frauen schritten in Toga und Palla zu den vier -Toren der Arena. Auf den Galerien plauderte viel müßiges Volk: -Kriegsleute, Freigelassene und Sklaven, und unter Trompetenklängen kam -von der Pietas Julia die Schar der Gladiatoren gezogen. Nun scholl -auf zur Loge, wo im Purpurgewand mit müdem Lächeln der junge Kaiser -saß: »~Ave Caesar, morituri te salutant!~« »Sei gegrüßt, Cäsar, die -Todbereiten grüßen dich!« »Hie Hyplomachos, hie Thraker.« Nun ein -erstes Scheingefecht, dann heller Schwertesklang! Der Thraker sinkt in -die Kniee und hält um sein Leben bittend die Hand empor. Allein das -Volk will Blut sehen. Der Hyplomachos gibt ihm unter dem wilden Jubel -der Zuschauer den Todesstoß. Noch haben kaum die Angestellten den -zuckenden Leichnam versenkt, - - »Da speit das doppelt geöffnete Haus - Zwei Leoparden auf einmal aus.« - -Ich kam nicht weiter mit meinem Schiller ... - -»Guten Abend, mein Herr, darf ich Sie um etwas Feuer bitten?« -sagte jemand im feinsten Deutsch zu mir. Ich schnellte aus meinen -Träumen und von dem Rasenlager empor, und vor mir stand ein hagerer, -fadenscheiniger Mensch. - -»Bitte, bedienen Sie sich.« Allein der Mann sah mich nur mit einer Art -stummen Jammers an. »Gnädiger Herr«, sagte er dann, »um Gotteswillen, -bezahlen Sie mir und meiner Frau ein Abendbrot; wir sind deutsche -Schauspieler und heute sechs Stunden über das Land gewandert; aber -gegessen haben wir nichts. Erst müssen wir spielen, dann können wir -essen. -- Mein Gott, was ist das für ein Spielen, wenn man vor Hunger -zusammenfällt!« - -»Wir wollen sehen«, sagte ich und ging mit dem armen Teufel gegen -den Quai hinunter, als aus dem Schatten der Arena ein junges Weib -hervortrat. - -»So haben wir uns nicht getäuscht«, sagte sie, auf uns zutretend; »der -gnädige Herr will etwas für uns tun.« Meine Hand ergreifend, wollte sie -dieselbe küssen. - -»Leutchen, aber wie kommen Sie denn überhaupt dazu, mich so zu -überfallen?« fragte ich halb abwehrend, halb von den erwartungsvollen -Gesichtern belustigt. - -»Verzeihen Sie, wir haben Sie an der Arena vorüber auf den Hügel -steigen sehen, und ich sagte zu meinem Mann: »Dieser Herr wird uns -helfen.« Sie haben so ein liebes, gütiges Gesicht. Da sind wir Ihnen -gefolgt bis zur Höhe«, sprach das junge Weibchen schmeichelnd, aber -noch ungewiß, ob mich all das rühren werde. - -Da die Leutchen mir wirklich mehr arm als gaunerhaft vorkamen und ich -frei sein wollte, gab ich den beiden zu einem Abendbrot. Sie dankten -überschwenglich und luden mich, ich weiß nicht mehr wohin, ein, ihr -Spiel anzusehen. Ich hatte indes Neu-Pola, das sich um einen Hügel -südlich vom Kastell lagert, einen Besuch zugedacht, und dazu war -jetzt die rechte Zeit. Über den östlichen Höhen war der volle Mond -aufgegangen, und die Nacht war so hell und klar, daß ich selbst meinen -Bädeker, der übrigens von Pola wenig schreibt, ohne Mühe lesen konnte. - -So wanderte ich denn hinauf auf die höchste Kuppe zur Sternwarte, auf -deren Terrasse das Monument des Admirals Tegethoff, ein prachtvoller -Erzguß, steht, den Kaiser Franz Joseph im Jahre 1877 errichten ließ. -»Tapfer kämpfend bei Helgoland, glorreich siegend bei Lissa, erwarb er -unsterblichen Ruhm sich und Österreichs Seemacht« lautet die Inschrift -auf dem Sockel des Denkmals, dessen Fuß mit vier allegorischen Figuren -geschmückt ist. - -Wunderschön ist der Standort; denn da liegt nicht nur die Stadt selbst, -sondern auch der Golf mit den Forts, die ihn umrahmen, und die See, die -mondbeglänzte, lichtgesättigte, dem Beschauer zu Fuß. - -Dann führte mich der Weg hinab zu reizenden Baum- und Buschanlagen, wo -im tiefsten Parkfrieden das Maximiliansmonument, eine zu jeder Seite -mit drei Schiffsschnäbeln gezierte, schlanke Säule, steht, die von -einer geflügelten, auf einer Kugel stehenden Viktoria bekrönt ist. - -Ich habe die Figur im ersten Augenblick für eine Fortuna gehalten, -hat doch der unglückliche Kaiser von Mexiko mehr von der Macht -der launenhaften, flüchtigen Göttin des Glückes als von der -lorbeerspendenden des Sieges erfahren, zu deren Bildnis sich die -mexikanische Kaisergeschichte wie eine bittere Satire ausnimmt. - -Nachdem ich Pola im Mondschein noch mehrmals durchstreift, ging ich -ermüdet von der Triumphpforte der Sergier gegen den Quai hinunter. Da -hörte ich aus einer Schenke die Stimme einer Sängerin. Sie sang das -Lied: »Komm, flieh mit mir und sei mein Weib.« Ich hörte stillstehend -zu, bis die Schlußworte »verdorben, gestorben« verklungen waren. Als -eben eine Schar Seeleute dem Gesang händeklatschend ihren Beifall gab, -trat ich ein. - -Es war der Schauspieler und sein Weib, die ich auf so seltsame Art -bei der Arena kennen gelernt hatte, welche in dem raucherfüllten, -nicht sonderlich reinen Raume sangen. Man trank ein leidliches Bier, -und in eine Ecke gedrückt hörte ich den Deklamationen und Gesängen -des armseligen jungen Künstlerpaares zu. Gewiß hatten diese Leutchen -schon bessere Gesellschaft gesehen. Hier leuchtete ihnen kein -Stern. Plötzlich verlangten die Italiener unter den Seeleuten einen -italienischen Vortrag, und das ausgehungerte Paar war in größter -Verlegenheit. Jeder Versuch einer weitern deutschen Deklamation wurde -durch italienische Gesänge vereitelt, der Wirt hob die Vorstellung -auf, und mit der unglücklichsten Miene von der Welt eilte der deutsche -Schauspieler mit seinem Weibe davon. - -Es war mir selbst unbehaglich geworden; denn die Deutschen und die -Italiener suchten sich gegenseitig mit ihren Liedern zu übertönen -und einige Minuten nach der abgebrochenen Vorstellung suchte auch -ich meinen Gasthof auf und nahm mir vor, bis um fünf Uhr morgens so -fest zu schlafen, wie daheim bei der Mutter. Das Bett war wirklich -vortrefflich; allein ich hatte meine Rechnung ohne die Plagegeister -des Südens gemacht. Schon bald nach Mitternacht erwachte ich von einem -Schmerz, wie wenn ich im dichtesten Nesselbusche läge, und als ich -Licht machte und die Decke zurückschlug, rannten eben die letzten der -braunroten Halbflügler davon. - -Ratlos stand ich am Fenster und sah zum Mond hinauf, der ruhsam über -die Dächer von Pola zog. Draußen lag eine lichtvolle sommerlich warme -Nacht. »Ruhe findest du hier keine mehr«, sagte ich mir; »wie wär's, -wenn du hinauswandertest, einsam wandertest in das fremde, mondhelle -Land?« - -Der Gedanke hatte etwas Romantisches; ich widerstand ihm nicht lange -und das Türschloß des Gasthofes auch nicht. So zog ich denn hinaus, ein -stiller Gänger, am Amphitheater vorbei hinauf auf das Plateau und immer -südwärts über die öden Karstgründe dahin. - -Wer nie so menschenverlassen gewandert ist, der faßt kaum die Poesie -eines solchen nächtlichen Streifzuges. Sie läßt sich in Worten nicht -wiedergeben. Die Steinklippen, die Ränder der Mulden, selbst das Laub -des Gesträuchs leuchteten mit einem fahlen Schein; auch nicht ein -Mensch begegnete mir; nur in einem fernen schlafenden Gehöfte schlug -ein Hund an, um sich dann rasch wieder zu beruhigen. - -Und doch war die Einöde fern und nah tonerfüllt. Sangen die Zikaden, -sangen die Vögel im Traume? Ich glaube das letztere. Als der -Morgen kam, da klangen über dem gottverlassenen Karstlande, in den -Steinwinkeln und in der Bläue der Luft so viele Vogellieder, daß ich -mich nur wundern mußte, in dem Gefelse ein so reiches Tierleben zu -finden. - -Trotzdem ich ohne Hast gegangen war, stand ich um vier Uhr auf einer -Uferhöhe, nicht fern von Medolina, das an einer lieblichen Bucht ganz -im Süden der Halbinsel liegt. - -Schon stritten sich Mondlicht und Dämmerschein und als eine schwarze -Felsenbarre zog sich die äußerste Spitze von Istrien -- Promontore -- -und der Scoglio Porer in das perlmutterglänzende Meer hinaus. Fern im -Osten über dem Quarnero stieg die Sonne groß und golden aus der See -empor und umflutete die Küstenhöhen mit einer Garbe jungen Lichts; dann -wurden auf dem Meer Segel sichtbar; die Flut selber war überhaucht von -Sonnengold. - -So führt im hellenischen Mythus Helios seinen goldenen Wagen über das -Meer herauf. - -Von einer immergrünen Eiche steckte ich mir ein Zweiglein auf den Hut; -dann wanderte ich schneller, als ich gekommen war, nach Pola zurück. - -Auf dem Wege dahin sah ich ein istrianisches Idyll: Eine junge Bäuerin, -die, auf einer Eselin sitzend, mit der einen Hand die Kunkel hielt, mit -der andern ein grobes Baumwollgarn spann und eine Ziegenherde vor sich -her trieb. - -Noch mehr aber als dieses Bild erheiterte mich die Überraschung, die -sich auf dem Gesichte meines Wirtes spiegelte, als ich mit allen Spuren -einer Morgenwanderung vor ihn trat. Er schwur hoch und teuer, daß es in -seinem Hause keine Wanzen gebe; als ich aber meine Rechnung bezahlte, -bat er mich, es keinem Menschen zu verraten, daß ich bei ihm schlecht -geschlafen habe. - -Nach dem Frühstück eilte ich auf das Dampfboot, wo ich kaum eine Minute -vor der Abfahrt anlangte. Als dasselbe aus dem Hafen manövrierte, sah -ich die Sängerin von gestern abend zwischen ein paar großen Weinfässern -des zweiten Platzes kauern. Erst jetzt fiel mir so recht auf, wie -jung, kaum über die zwanzig Jahre, und wie erbarmungswürdig das Wesen -in seinem schwarzen Kleide dreinsah. Als sie sich jedoch von mir -beobachtet fühlte, da stieg eine tiefe Röte in ihr Gesicht; meine -Entdeckung schien sie peinlich zu berühren. Dann aber kam sie plötzlich -auf mich zu. - -»Wir haben uns getrennt«, sagte sie; »wir waren in Wahrheit nur so weit -hinabgewandert, um uns im Meer das Leben zu nehmen; allein der Tod tut -weh! Ich gehe heim in die Steiermark; denn ich habe einen Vater und -eine Mutter dort. Zu ihnen will ich zurückkehren und will arbeiten. -Ich bin ihnen fortgelaufen. Der Sänger ist nicht mein Mann; aber wir -hatten einander lieb. Er war immer gut mit mir, und gestern nacht, -als ich weinte und mich das Heimweh überkam, da schenkte er mir die -ganze gestrige Einnahme und sagte: »So geh, du mein armes, armes Kind; -ich darf dich nicht länger halten!« Mein Gott, was wird aus ihm jetzt -werden! Er wird allein tun, was wir zusammen nicht vollbringen konnten. -Er hat keinen Halt mehr; ich hätte ihn nicht verlassen sollen.« Sie -hatte das letztere mehr zu sich selbst als zu mir gesagt und lehnte nun -in stummer Verzweiflung an einen Warenballen. - -Bis nach Rovigno hinauf waren ein sehr elegantes, italienisches -Fräulein, das von Cattaro kam, und ich die einzigen Passagiere erster -Klasse. Mit steigender Aufmerksamkeit hatte diese junge Dame die eben -geschilderte Szene beobachtet, und als ich in ihre Nähe kam, erkundigte -sie sich einläßlich, was dem armen Wesen fehle. »~O poveretta, -poveretta!~« rief sie, als ich ihr die Umstände der Sängerin erzählte, -und übernahm an ihr das Amt der barmherzigen Samariterin. Sie -erledigte sich seiner in einem gebrochenen Deutsch, das man für drollig -hätte halten können, wäre es nicht die Sprache einer Menschenfreundin -gewesen, und mit ebenso viel Anmut, als Erfolg; denn als wir uns -Rovigno näherten, war der Ausdruck dumpfer Verzweiflung in dem Gesichte -der Steiermärkerin demjenigen einer stillen Ergebung gewichen. - -»Ich werde die Arme in Triest in ein Haus begleiten, wo man für -ihre Heimkehr sorgen wird!« sagte mir die Cattaresin. Kein Mensch -hätte ihr dankbarer sein können als ich, daß ich endlich einer -Reisebekanntschaft, die ich dreimal unter den seltsamsten Umständen -gemacht, auf eine so schickliche Weise ledig wurde. - -Bis in die Gegend von Parenzo hatten wir wieder prachtvolle Fahrt -bei spiegelglatter See; dann aber verdüsterte sich der Himmel, wurde -bleiern, und ein sengend warmer Scirocco brach ein. Schon in der Gegend -von Cittanuova schwankte unser Küstendämpferchen bedenklich, und bald -war die See nah und fern mit weißen Schäumen überdeckt, die gleich -gescheuchten Herden vor dem Seewind flohen. Es war kein Sturm, aber -ein Stürmchen, gerade stark genug, um mir noch eine Vorahnung dessen -zu geben, was zur See schlechtes Wetter heißt. Abgeschlagen und wohl -auch der Seekrankheit nahe, kam ich in Triest an. Unser Schiff hatte -zwei Stunden Verspätung, und noch am folgenden und zweitfolgenden Tag -fühlte ich die Nachwehen der paar Stunden unruhiger Fahrt, ein Gefühl -des Schwankens, als wäre ich noch zu Schiff. - -Und als ich dann zu Monfalcone wieder am Strande stand, das Meer sonnig -war und glatt, fern und nahe die kleinen und großen Schiffe segelten, -da dachte ich an das »~male di mare~« wie an ein Erlebtes und wünschte -glückliche Reise und ruhiges Wetter allen, die hinfahren über das -schöne, falsche Meer. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Der Karst und die Grotte von Adelsberg. - - -Es ist etwas Eigenes um jene vielgerühmten Stellen, die zu Zielpunkten -eines allsommerlichen Touristenstromes geworden sind. Seit sie jedes -Reisehandbuch bespricht, seit sie nur noch durch die Spießrutengasse -der Spekulation zu erreichen sind und sich das reisende Volk aller -Winde an ihnen sammelt, wirken sie auf den selbständigen Touristen -nur noch mit halber Anziehungskraft. Es mutet ihn an, als ob sie -durch den ihnen überreich dargebrachten Tribut gelitten hätten, und -das Reizendste an ihnen, die Frische und Unmittelbarkeit des ersten -Eindrucks dahin sei. - -Allein wochenlang am Karst und in seiner nächsten Nähe zu flanieren, -mit der größten Gefahr für die lieben Knochen sein Karrengefelse zu -durchwandern, um einige Fledermaus- und Taubenhöhlen, einige seiner -in verlorenen Schluchten rauschenden Quellen und kleinen Seen zu -sehen, ohne einmal das berühmteste unter den vielen Wundern dieses -eigenartigen Gebirges, die Adelsberger-Grotte, zu schauen, wäre denn -doch gegen mein Gewissen gegangen. - -Sie ist zwar auch eine jener Sammellinsen des Fremdenverkehrs, eines -jener Schaustücke, an die man mit dem Gefühle herantritt, es möchte -sich um eine abgegriffene Münze handeln. Als ich sie aber sah, da wurde -ich aus einem Saulus ein Paulus. - -Der frühe Osterschein flutete wonnig auf den blauen Golf von Triest, -als der Kurierzug meinen liebenswürdigen Gastgeber, Direktor Johannes -Heer von Monfalcone, und mich aus dem Bereiche voll entfalteten Lenzes, -aus der klassisch schönen Meerlandschaft von Duino und Miramar in das -noch winteröde Karsthochland von Nabresina und Sesana trug. - -Der Schienenweg dahin bildet eine gewaltige, nach Norden ausweichende -Schlinge, die sich nach einem vierzig Kilometer langen Weg bei Sesana -wieder bis auf zwei Stunden dem adriatischen Handelsemporium nähert. - -Die fahlen Steinklippen der Gegend von Nabresina erscheinen, nachdem -man die Duftwellen des Frühlings von Miramar geatmet, unsäglich -vegetationsarm, ärmer, als sie in Tat und Wahrheit sind; denn das -Pflanzenleben hat sich in die Dolinen, die merkwürdigen Gesteinskessel -des Karsts, zurückgezogen. Da feiert es, vor der Bora geschützt, seinen -einsamen, wenig beobachteten Frühling und bedeckt die rötliche Erde -dieser Vertiefungen mit dem Schnee fallender Olivenblüten. - -Nähert man sich Sesana, so schimmert der weiße Steinobelisk von Obcina, -der von Triest aus gesehen auf steiler Bergeshöhe steht, horizontal -über das Plateau her. In dem freundlich aus grauen, wenig bebuschten -Karren emporsteigenden Ort sind wir bereits drei und ein halbhundert -Meter über Meer. Ein Hauch des Nordens zieht hier selbst im Sommer, -wenn Triest zum unausstehlichen Glühkessel wird, durchs Land. Darum -ist Sesana die Sommerfrische der reichen Triestinerfamilien, deren -Landhäuser aus kleinen, dem Karst abgerungenen Gärten heraus auf die -im einzelnen ebenso bizarren, als im ganzen einförmigen Steinklippen -schauen. - -Allmählich geht die Gegend in ein Gebirgsland über, dessen -Bodenerhebungen nur hügelartig als ein Wirrsal von Geröllkuppen über -die Landschaft steigen. Als wäre ein weiter, gewaltiger Bergsturz -über das Land gegangen, starrt, wohin immer der Blick auch streift, -das lichtgraue, zerklüftete Gefelse auf. Wilder Thymian und andere -kleine Heidekräuter überwuchern es, ohne die grenzenlose Blöße des -Landschaftsbildes zu verhüllen. - -Der Karst ist ein weites Gebirge; denn der Hirt der Tolmeinberge, -der seine Ziegen unter dem Predilpasse weiden führt, und der -montenegrinische Schäfer am Scutarisee hüten ihre Tiere an seinen -Gehängen. Er bildet abgeschlossene Talbecken, wo ein Seespiegel oder -ein Wasserfaden glänzt, der aus dem Berge sprudelt, sich lustig im -Lichte sonnt, bis er sich wieder in einen Höhlengrund stürzt und, dem -menschlichen Blick entzogen, eine tolle Welt von Tropfstein baut. Die -Hänge und die Höhen aber dürsten wie der reiche Mann in der Gehenna. - -Ein toniger Humus, die ~terra rossa~, füllt die Karstklüfte und Mulden -aus. Er ist der Träger der Pflanzenwelt und, wo genügend Wasser -vorhanden ist, ungemein fruchtbar. Man sagt, daß die Bauern auf den -Miniaturäckern, welche im Grunde der Gebirgstrichter liegen, drei -Jahre Weizen ernten können, ohne zu düngen. Allein die Felder und -fruchtbaren Talböden bedecken nur ein Fünftel des Karsts; mehr als die -Hälfte ist Weide; doch gibt es unter diesen Weiden Flächen von der -Größe eines Quadratkilometers, wo sich keine Ziege satt fressen könnte; -der Rest ist Wald, aber stundenweit steht kein armsdicker Baum. Nur -im Ternovanerwald bei Görz schlägt man noch Mastbäume; im Tiergarten -von Duino stehen dunkle, große Terebinthen, und in Lippiza bei Sesana -weiden die Füllen eines Gestüts im Schatten eines Hochwaldes. Der -übrige Wald ist ein lichtes Gebüsch von Eichen und Wachholder, Ahorn -und Pappeln, welches die Klippen begrünt. - -Auf einer solchen Waldoase ruht das Auge, wenn der Zug an einer -Berglehne hinbrausend ins Tal der Reka tritt, eines kleinen -Karstwassers, das seine Wellen plaudernd gegen St. Kanzian -hinunterträgt, wo es sich in einem Felsenschlund verliert. Man nimmt -an, daß die Dolinen des Plateau von Nabresina das unterirdische -Flußbett der Reka zu den drei mächtig aufrauschenden Quellen des Timavo -andeuten. - -Längs der Eisenbahn stehen hölzerne und steinerne Schutzwehren -gegen die Bora, graue, unheimliche Bauten, die auch dem im goldenen -Sonnenschein durch den Karst fahrenden Fremden nahe führen, wie wild -die Geister der Luft in dieser Felswüstenei zuweilen ihre Sturmorgien -feiern. Zu solchen Zeiten leisten die Bahnangestellten dieser Gegend -den Sicherungsdienst mit Steigeisen an den Schuhen. Sogar die Gewalt -der Lokomotive bricht sich zu Winterszeiten hin und wieder an den von -der Bora geteilten zusammengewehten Schneemassen, so daß der Verkehr -auf dieser Linie stockt. Dann mögen sich die Reisenden, die in einem -armseligen Karstdörfchen eingeschneit auf Erlösung warten, sehnsüchtig -an die Beefsteaks Wiens oder die Meerfische Triests erinnern! - -Die Bora steht ebenso sehr durch ihre Kälte als durch die -explosionsartige Heftigkeit ihrer Stöße in Verruf; allein so erstarrend -sie auch auf den Körper wirkt, ihre Temperatur sinkt selten auf -den Gefrierpunkt, und das Kältegefühl, das sie erzeugt, beruht aus -einem subjektiven Vorgang, auf der durch die Trockenheit des Windes -hervorgerufenen, lebhaften Verdunstung der Haut. - -Man hat, ähnlich wie zur Ergründung des Föhns, zu dem die Bora so -recht die Kontrasterscheinung bildet, allerlei künstliche Theorien -herbeigezogen, um ihr Wesen zu erklären; die neueren, meteorologischen -Forschungen haben indes erwiesen, daß sie einfach der Abfluß eines -hohen Luftdruckes, der über den Saveländern lagert, gegen das -Adriabecken ist. - -Nirgends tritt die vegetationsertötende Wirkung dieses Windes und die -grenzenlose Armut des Karsts so überredend vor den Blick, wie bei St. -Peter, der zweiten Station von Adelsberg. - -Überschaut man diese Öde, so glaubt man es kaum, doch ist es -durch geschichtliche Dokumente bezeugt, daß der Karst einst mit -nur unterbrochenem Hochwald bestockt war. Im Volke lebt die Sage, -die Venetianer hätten die gewaltigen Eichenhaine geschlagen, um -Bauholz für ihre Flotten zu gewinnen. Da sei der Fluch der an die -Schiffsplanken hingeschmiedeten Galeerensklaven über die Heimat des -Schiffsholzes gekommen, und die Forste seien abgestanden. - -~Vox populi, vox Dei!~ Nur hier nicht. Venedig hat lange vor andern -Staaten in seinen Provinzen für die Erhaltung des Waldes Sorge -getragen, und als der Markuslöwe seine Flügel über die Karstländer -schlug, da war das Hauptwerk der Forstverwüstung bereits getan. Die -Jahrhunderte alte Schuld trägt die Mißwirtschaft der Gemeinden, der -Karstbauer mit seinem Weidgang. - -Eigentlich virtuos geht man in einigen Gegenden Istriens gegen den -Wald vor, wo der »~contadino~« nicht warten mag, bis sich durch die -Wurzeltriebe etwas verkäufliches Staudenwerk gebildet hat, sondern die -Wurzeln selber ausgräbt und in die nahen Städte zu Markte führt. - -Unter dem wenigen Guten, das man dem österreichischen Großgrundbesitz -nachreden kann, gehört das vielleicht zum Besten, daß er in den -Karstgegenden am meisten die Kraft besaß, den ursprünglichen Hochwald, -so die schönen Buchenhaine Oberkrains, in die Gegenwart herüber -zu retten, während die Gemeinden ihre einstigen Forste, soweit -sie nicht der vegetationslosen Öde gewichen sind, auf Niederwald -herabgewirtschaftet haben, der je nach der Holzart alle sieben oder -vierzehn Jahre geschlagen wird. - -Die christliche Legende erzählt, der blinde Missionar Beda habe, von -einem Knaben irre geführt, einst den Steinen gepredigt; da hätten -diese statt der Menschen gerufen: »Amen! Amen!« Auch die nackten -Karstklippen rufen. »Gebirgsvölker, schont den Wald!« rufen sie. - -Seit drei Jahrzehnten macht sich eine Bewegung, deren Seele der k. -k. Forstrat Ritter von Guttenberg ist, für eine Verbesserung der -Waldverhältnisse des Karstes geltend. Das große Losungswort heißt: -»Wiederaufforstung« und Gesetz bietet die staatliche Grundlage für die -Wiederbewaldung wenigstens des küstenländischen Karsts. Man hofft, -durch diese die Gewalt der Bora zu brechen, die Bodenfeuchtigkeit zu -vermehren, die seit der Entforstung gesteigerten Gegensätze des Klimas -zu mildern und nach und nach den durch Gewitterregen weggeschwemmten -Humus wieder zu gewinnen. - -Es liegt etwas Großartiges in diesem Plan. Allein die Anlagen sind -teuer, und Wien ist weit; ja die Karstgemeinden selber leisten -Widerstand; der Bauer läßt sich seinen Weidgang nicht gern beschränken. -Ob der Karst je wieder im Schmuck eines geschlossenen Hochwaldes -prangen wird? Künftige Generationen werden es sagen können. Wer ihn -jetzt bei St. Peter sieht, kann es kaum glauben. - -Anders schaut die Gegend schon bei der folgenden Station aus, bei -Prestanek, wo das grüne Wald- und Wiesental der Poik, das sich zur -Linken öffnet, unsern Blick aus dem Klippengrau erlöst, und langen -wir auf der Station Adelsberg an, so grüßt das kleine Städtchen gar -freundlich aus weitem grünem Talgrund auf. Nur die öden Berglehnen -verraten, daß wir uns noch mitten im Karst und zwar auf seiner -höchstgelegenen Station, 583 Meter über der See, befinden. - -Es war uns eine Herzenserleichterung, als wir aus dem engen Bahnwagen -hinaus in den österlichen Sonnenschein traten. Um der Zudringlichkeit -der Führer und Hotelwerber ein rasches Ende zu bereiten, vertrauten wir -uns dem eleganten Omnibus des Adelsbergerhofes an. Während die Pferde -davontrotteten, überblickten wir von seinem Imperiale herunter das -bergumrahmte, grüne Tal, auf welches von kahlem Felsgipfel ernst und -streng die Trümmer der Burg Adelsberg herunterblicken. - -Bald hatten wir den »Markt« erreicht, wie sich Adelsberg in der -Rangstufe österreichischer Ortschaften nennt. Seine stattlichen, -blankgeweißten Häuser mit den Flachziegeldächern muten uns mehr deutsch -denn slavisch an. Bei seiner hübschen Pfarrkirche vorbei gelangen wir -zu dem großen, modernen Hotelbau des Adelsbergerhofes im Norden des -Städtchens. - -Dem goldig herniederflutenden Ostersonnenschein zum Trotz schien außer -dem Omnibusführer das gesamte Hotelpersonal noch im Winterschlaf zu -liegen, bis endlich ein erwachsendes Dornröschen, eine junge, wenig -gesprächige Dame erschien und das Halbdutzend Grottengäste, die sich -im Hausflur zusammengefunden, in die nächsten Räume wies. Während sie -wieder für ein Viertelstündchen unsichtbar wurde, bemerkten wir, die -Fensterläden öffnend, daß wir uns in einem sehr hübsch ausgestatteten -Lesesaal, aber jedenfalls noch nicht in der ~haute saison~ von -Adelsberg befanden. - -Allein am Dornensträuchlein der Geduld wuchs denn doch ein frugaler -Morgenimbiß auf, und bald kam die Nachricht, daß sich in den -verschiedenen Gasthöfen der Stadt etliche dreißig Fremde zum Besuche -der Grotte eingefunden hätten und ihre Beleuchtung um halb elf Uhr in -Szene gehen könne. - -So hatten wir uns denn in der Voraussetzung, es werde der Ostermontag, -dieser in Nord und Süd gleich beliebte Ausflugstag, auch ein -Häuflein Neugieriger am Grottentor von Adelsberg versammeln, nicht -getäuscht. Es ist für die Touristen, welche alljährlich zu den -Höhlenwundern der krainischen Berge pilgern, ein wahres Glück, -daß die Tropfsteinunterwelt von Adelsberg eine Staatsdomäne und -so der Privatspekulation entzogen ist. Sie steht unter einer aus -Staats- und Gemeindebeamten zusammengesetzten Verwaltung, welche -den Grottenbesuchern durch eine wirklich liberale Besuchsordnung -entgegenkommt und den Grottenapparat, den Führerdienst, die Wege und -die Beleuchtung in einen Stand gesetzt hat, der allen Ansprüchen genügt. - -Ihre spekulative Mäßigung sticht wohltuend ab von der -Touristenschererei der Hotels. Ihr hat es Adelsberg zu verdanken, daß -es ein so blühender Touristenort ist, der seine zweitausend Einwohner -unmittelbar oder mittelbar durch den Fremdenverkehr ernährt. - -Eine hübsche Allee junger Linden führt längs eines nicht gar hohen -felsklippigen Bergrückens zum Eingangstor der Grotte, die als -ein stundenlanges Labyrinth den Leib dieses Höhenzuges mit ihren -Tropfsteingängen durchzieht. An die grauen, mit spärlichem Eichenwuchs -geschmückten Hänge schlängelt sich ein dunkelglänzendes Wasserband, -die Poik heran, und verliert sich, nachdem sie noch ein klapperndes -Mühlenrad geschlagen hat, mit raschem Wellenzug ins Innere des Berges. - -Eine gar gemischte Gesellschaft standen wir erwartungsvoll am gotischen -Gittertor und wehrten den zudringlichen Jungen, welche zierliche -Tropfsteingebilde und Erinnerungsstücke feilboten und mit jeder Minute -um fünf Kreuzer billiger wurden. - -Endlich kamen die Führer und Grottenwächter, alles ältere Leute -in zerschossenen Knappentrachten, die Bergmannslaterne im Gürtel, -dahergeschritten. Der Riegel klirrte; die Karawane, in welcher die -Gestalt eines mit Fez und weißem Filzmantel angetanen bochesischen -Magnaten besonders hervorstach, zog, nachdem sie zum Schutz gegen die -nur 8--9° ~R~ betragende Höhlentemperatur die Überröcke und Shawls -umgeworfen, in die Grotte ein. - -Die ersten fünfzig Schritte boten nichts Bemerkenswertes, und schon -wollten wir unserer kühlen Stimmung recht geben, da horch -- verlorenes -Wasserrauschen -- da sieh -- eine weite Halle über uns und herrlich -hereinflutend eine Garbe elektrischen Lichts. Wir selber stehen -hoch auf einer Felsengalerie über einem Höhlenabgrund, in dem mit -flimmernden Wellen der unterirdische Fluß durchs Halbdunkel zieht. - -Es geht allen Besuchern gleich. Sie sind bezaubert vom Anblick des -»großen Doms«, der gewaltigen Halle, mit welcher die Adelsberger -Grotte kaum 30 Meter vom Eingang überrascht. Und doch muß das Auge -sich erst an die Kontrastlichter gewöhnen, in denen Höhlendunkel -und elektrische Flamme sich widerstreiten, ehe es die gewaltige -Deckenspaltung und die Höhe des weiten Raums ermißt. Mögen die Führer -in ihren ledernen Erklärungen jene zu 45, diese zu 28 Meter angeben, -auch in der dürftigsten Seele ist die Phantasie machtvoll erwacht, und -den Meterstab bei Seite setzend, mißt sie den Naturdom nur mit ihrer -bewundernden Andacht aus. - -Etwas unendlich Geheimnisvolles, Düsterschönes, liegt in dem -weltabgeschiedenen Raum. So mag die ahnende Seele des Griechen sich die -Ufer der Lethe und den Totenfluß selber vorgestellt haben, wie hier die -Poik zwischen feuchten Felsensäumen strömt. - -Die Wände und das Gewölbe des großen Domes sind zwar arm an jenen -wundersamen Tropfsteingebilden, welche die Zierde anderer Grottenteile -bilden; aber gerade durch dieses Zurücktreten der Einzelformen wirken -die gewaltigen Ausdehnungen hinreißend auf die Phantasie. - -Im Innersten erregt, schreiten wir die Stufen der westlichen Wand zu -einer Naturbrücke hinab, unter welcher die Poik rauschend aus dem -Höhlengestein quillt, um ihre im Licht erzitternden Wasser nach doppelt -gekrümmtem Laufe bei den Ostfelsen des unterirdischen Münsters wieder -in unerforschte Höhlenschachte einzusargen. - -In den verborgenen Wasseradern und in den Tümpeln der Grotte lebt ein -seltsames Tier, ein spannenlanger, aalähnlicher Lurch von farblosem -oder hübsch rosa angehauchtem Leib, mit vier zierlichen Beinchen -und noch viel zierlichern, roten Kiemenbüscheln, der Olm. Der -lichtscheue, kleine Geselle kommt nur etwa nach langem Regenwetter -und am häufigsten in der mit der Adelsberger in Verbindung stehenden -Magdalenengrotte zum Vorschein, hat aber den Gelehrten schon viel zu -reden gegeben; denn er ist einer der Hauptzeugen für die Darwinsche -und Häckelsche Anpassungstheorie. Sie haben ihn mit dem Namen des -Proteus belegt, da er wie dieser sich verwandeln kann. Je nachdem er -in tiefem oder seichtem Wasser lebt, ist er Kiemen- oder Lungenatmer, -gewissermaßen also Fisch oder Vogel. Ein Führer, der uns in einer -Wasserflasche ein solches Tierchen zeigte, behauptete, daß es jahrelang -ohne Nahrung lebe. - -Jenseits der Naturbrücke, welche über die Poik führt, steht, damit -wir ja nicht vergessen, daß wir, wenn auch im Berginnern, doch immer -noch im loyalen Österreich sind, ein Denkmal, das in den devotesten -Ausdrücken der Untertanenehrfurcht die Erinnerung an Franz ~I.~ feiert, -der den großen Dom im Jahre 1816 besucht hat, und wandern wir auf einer -künstlich in die Felswand eingesprengten Galerie dem Hintergrunde der -Halle zu, wo bei einem zweiten Monument die Ferdinandsgrotte anhebt, so -stehen wir gar vor dem Polsterwagen einer Schiebbahn, mit der bequeme -Grottengäste von den Wächtern etwas mehr als anderthalb Kilometer weit -bergeinwärts gestoßen werden können. - -Man kann darüber, wie weit die Technik, ohne den guten Geschmack -zu verletzen, ein Naturschönes zu Bequemlichkeitszwecken antasten -darf, verschiedener Meinung sein. Man mag die hübsch geebneten Wege, -welche die frühern Treppen und holperigen Steige der Grotte ersetzen, -das herrliche elektrische Bogenlicht an Stelle einer unruhigen -Fackelbeleuchtung über alles Lob angenehm finden, ohne zugleich diese -Schiebbahn, die denn doch nur einem winzigen Teil der Adelsberger Gäste -wirkliches Bedürfnis ist, für eine glückliche Schöpfung ansehen zu -müssen. - -Wo sie beginnt, hat man einen hübschen Rückblick auf den großen Dom, -die gewaltige Vorhalle des übrigen Grottensystems. Sie war bis im -Anfang des 19. Jahrhunderts der einzige bekannte Raum, wurde aber -schon im 13. Jahrhundert besucht; denn in einer Nebengrotte sind -noch eingehauene Namen und Jahrzahlen von 1213 und 1290 erhalten. So -sind durch sechs Jahrhunderte hindurch die Geschlechter im großen -Dom bewundernd gestanden, ohne zu ahnen, was für märchenhafte -Schönheit von Tropfsteingebilden in den Gängen und Hallen des tieferen -Berginnern prangt. Erst das Jahr 1818 hat die Entdeckung der weiter -zurückliegenden Grottenteile, insbesondere der an den großen Dom -anschließenden Ferdinandsgrotte gebracht. Vorwärts nun! - -Bald hat sich der milde weiße Schein der Bogenlampen, die den großen -Dom erhellen, unserem Blicke entzogen; allein nun flammen in den Falten -und Nischen, an den Erkern und Gesimsen des Höhlenschachtes, der sich -hier zum Engpaß schließt, dort zur herrlichen Halle weitet, Hunderte -von Kerzen auf. Es ist ein Gang durch ein Märchenreich: - - »An den Wänden rankt in buntem - Formenspiel des grauen Tropfsteins - Geisterhaftes Steingeweb, - Bald wie Tränen, die der Fels weint, - Bald wie reizverschlung'ne Zierat - Riesiger Korallenäste.« - - (Scheffel.) - -Schlank wie die Palmen des Morgenlandes, dann kräftig und knorrig wie -deutsche Eichen wachsen die Steinschäfte, von Lianen umschlungen, zur -Ornamentik der Höhlendecke auf. - -Da hängt nächst dem Grotteneingang an grauer Tropfsteinwand eine -»Kanzel.« Allein wer möchte da droben stehen und predigen, wo die -Steine in ihrer Pracht den Menschen überschreien! Da steht, damit -es dem staunenden Wanderer nicht gar zu andächtig ums Herz wird, -eine »Metzgerbank«, und die »Speckschwarten« hangen drüber hin; -da ist eine »Diamantengrube«, wo das Licht sich tausendfach an -blitzenden Kristallen bricht; dort ein feiner »Regen« von wunderzarten -Tropfsteinröhrchen; jetzt wandeln wir durch die reizenden Gebüsche -eines »englischen Gartens.« - -Wie sie nur zu Wege kamen, diese feierlichen Hallen, dieser -Säulenprunk, diese tolle, andächtig schöne Märchenwelt! - -Gewiß wüßte der Höhlenfluß, die Poik, die am Karst entspringt, -einige Stunden im Sonnenlicht wandert, dann sich in die Unterwelt -von Adelsberg verkriecht und, durch ein Felsentor im Tal von Planina -wieder zu Tage tretend, Unz heißt, sich aufs neue in ein Gebirge -begräbt und jenseits desselben als Laibach, Schiffe auf ihrem Rücken -tragend, der Save zueilt, gewiß wüßte sie das Geheimnis der Grotte zu -lösen. Allein sie plaudert mit ihren Wellen nur in Rätsellauten von dem -Schattenreich, das sie durchwandert. - -Sonst würde sie uns vielleicht erzählen von uraltem Tagewerk, wie -sie einst -- es mögen hunderttausend Jahre her sein -- müd der Sonne -und der oberflachen Welt, bei Adelsberg an die Höhe hinkroch, sich -langsam eine dunkle, einsame Gruft in den Kalkstein des Gebirges -wühlte und nagte, bis sie sich einsargen konnte in einen stillen, -selbstgeschaffenen Hades. - -Dieses abgeschiedene Gelände aber war noch öde und leer. Da kamen -andere Werkmeister, kleine, aber nicht verachtungswürdige. Es waren die -vom Bergrücken durch das Gestein hinunterkriechenden Wassertropfen, -ganz gewöhnliche Wassertropfen. Einer lief dem andern nach, und jeder -brachte eine kleine Ladung Kalk auf dem Rücken. So damals, so vor einer -Jahrmyriade, vor einem Jahrtausend, vor einem Jahrhundert, so gestern, -so heute. Einer hat sein Körnchen Kalk hübsch zu dem Körnchen seines -Vorgängers gelegt, und alle die Dinge wurden, wie sie nun sind: die -Pforten, die Hallen, die Obelisken, die Säulen, die Zacken, die Bäume, -die Falten, die Tierfiguren und die Menschengestalten. - -Fast im Hintergrunde des Höhlenlabyrinthes ist eine schauerlich -zerklüftete Nebengrotte, der Tartarus. Da sind die kleinen Arbeiter -noch nicht fertig mit ihrem Werk; da sieht man sie noch an der Arbeit. -Von der Decke einer 19 Meter hohen Halle fällt ein Wasserfaden auf -einen Stalagmitkegel. Aus dem Becken des rötlich glänzenden Steines -spritzen perlende Wassertropfen heraus und rieseln über den Kegel -nieder. Durch ihre Kalkablagerungen wächst der Tropfbrunnen allmählich -zur Decke empor. - -Allein der Stein wächst langsam, man sagt in dreizehn Jahren einen -Millimeter, in tausend Jahren nicht einmal einen Meter. Da die höchste -Säule zehn Meter über den Höhlengrund steigt, so muß sie also über -zehntausend Jahre alt sein. - -Zehntausend Jahre! Und als vor sechzig Jahren mit rauchenden Fackeln -und klopfenden Herzen die Menschen in das Labyrinth von Adelsberg -eindrangen und wenn sie heute von ferne her in die Höhle kommen, so -halten sie verwundert den Atem an. »Hat hier nicht ein unterirdisches -Volk gelebt und unsere Dinge nachgeahmt?« rufen sie verwundert aus. -»Steht dort nicht noch der Thron, auf dem sein König gesessen? Dort -hängt noch das Bild der Maria mit dem Kinde in der Nische, vor dem sie -betend gekniet. Dort ist die Wiege, worin es seine Kinder gewiegt; -dort stehen die Särge, worin es seine Toten gebettet. Auch die Kannen, -aus denen es getrunken, sind noch da und das Handwerkszeug, mit dem -es gearbeitet. Noch hangen an den Decken die Felle des Gerbers, die -Linnen der Waschfrau; hier ist das Zelt, unter dem es gerastet, -dort die Dorfkirche, in der es den Sonntag gefeiert; es fehlt nicht -die Orgel und nicht der Beichtstuhl; es hat also auch gesündigt, -dieses Höhlenvolk! Und geliebt wohl auch! Denn was sollten sonst -die lauschigen Erker, die stillen Wälder! Jene vermummten, klagend -vorgebeugten Gestalten, sind es nicht die letzten der Höhlenbewohner? -Vielleicht, wenn man den Stein behutsam losschälte von den armen -Leuten, wer weiß, fände man einen Leib mit warmem Blut, mit einem -pochenden Herzen. Vielleicht könnte man eine verzauberte Seele -erlösen!« - -Es ist wunderbar, was für geheimnisvolle Bildwerke die sickernden -Wassertropfen im Schleier ewiger Nacht gebaut! - -Und Bewohner hat diese Märchenwelt wirklich gehabt. Zwar nicht -menschliche Troglodyten, aber den plumpen, zottigen Höhlenbär. Wo sich -die Ferdinandsgrotte zu einem hohen gotischen Münster weitet, hat man -im Boden seine Knochen gefunden. Jetzt dient das Bärenlager der Vorzeit -als Tanzsaal. Am Pfingstmontag, wenn das Grottenfest gefeiert wird, -fünftausend Menschen durch die Tropfsteinhallen und Gänge wogen, dann -ziehen heitere Klänge hier brausend, dort fern verklingend durch das -stille Reich, und in dem weiten Raume reigt junges und altes Volk; am -Sonntag Trinitatis aber ist hier Gottesdienst. - -Ich möchte nicht tanzen in dieser Halle; ich möchte darin auch keine -Predigt hören; am liebsten würde ich, ein stiller Bürger des Hades, -einsam und ungestört die Tropfsteingewächse entlang schreiten; denn -einem einfachen Gemüte gehen im Alleinsein die schönsten Erkenntnisse -auf. Wirklich war ich ein paar Dutzend Schritte hinter der Karawane -zurückgeblieben, um mich ungestört meinen Betrachtungen hinzugeben. -Allein ich hatte meine Rechnung ohne die Grottenwächter gemacht, die -in einiger Entfernung der Wandergruppe folgten und die Kerzenlichter -auslöschten, da immer nur der Teil der Grotte erleuchtet ist, wo sich -die Grottenkarawane bewegt. - -»Vorwärts, vorwärts, junger Herr!« mahnte ein gutmütiger Alter. »Sie -könnten sich so verirren, daß wir selber Sie nicht mehr fänden.« - -Ich lächelte; aber er hatte recht. Es gibt in der Unterwelt von -Adelsberg Nebengrotten, die noch nicht gangbar gemacht worden, zum Teil -noch nicht einmal gründlich erforscht sind; wo, geriete ein Wanderer -durch einen unglücklichen Zufall hinein, vielleicht erst nach Jahren -ein Wagehals oder ein Forscher die gebleichten Knochen des armen -Verirrten fände; denn kein Ariadnefaden führt aus diesem Labyrinth -heraus. - -Warum hat man diese nicht wegbar gemacht? Wohl aus Kostengründen, -wohl auch, um in Zukunft mit ihrer Erschließung den Ruf der Grotte -wieder neu zu beleben. Wer jetzt durch dieselbe geht, wird es nicht -bedauern, daß ihm einige Räume entzogen bleiben; denn man sieht auf der -dreistündigen Wanderung so unendlich viel des Schönen, Sonderbaren, -Fremden und Phantastischen, daß auch das Auge des Unersättlichsten satt -dieser Steintollnis wird. - -Die letzte Halle der Kaiser Ferdinands-Grotte ist das »Grab.« Bei einem -versteinerten Springbrunnen, einer Ruine und einer Hieroglyphensäule -stehen die vertropften egyptischen Mumien. - -Da teilt sich die Grotte in zwei, die Franz-Joseph- und -Elisabeth-Grotte zur Linken, die Maria-Anna-Grotte zur Rechten. Sie -treffen sich tiefer im Berginnern wieder. Wir schritten durch diejenige -zur Linken ein und gingen später durch diejenige zur Rechten hinaus. - -In der Franz-Joseph- und Elisabeth-Grotte brechen viele rosig -überhauchte Tropfsteine aus blendend weißen Wänden hervor; -überraschend schöne Steinfalten hängen durchschimmernd an den Decken; -in einer diamantenfunkelnden Kammer liegt unter einer Trauerweide -eine schlafende Jungfrau, und an der Decke hängt über ihr das -Damoklesschwert. - -In der Maria-Anna-Grotte ist der Leuchtturm von Triest, der Dom von -Mailand und vielleicht das berühmteste Stück der ganzen Adelsberger -Unterwelt -- der Vorhang. Man traut seinen Augen kaum! Drei Meter -lang und einen Meter breit hängt dieses wunderzarte, schimmernde -Gebilde von nur acht Millimetern Dicke aus der Wand und prangt mit -feinem, durchsichtigem Faltenwurf und einer braun und rot gestreiften -Einfassung von überraschender Natürlichkeit, als wäre es eine Stickerei -von kunstfertiger Frauenhand. - -Wo sich die beiden Grotten wieder vereinen, treten wir in eine -Trauerhalle von schwarzbraunem Gestein, und nun führt der Weg an -kristallenem und elfenbeinernem Bilderschmuck hinauf zum letzten der -ungeheuern Dome, hinan zum Kalvarienberg. - -Was soll ich von ihm sagen? -- 58 Meter hoch und 200 in der Weite wölbt -sich die Halle über einen 41 Meter hohen, an die Nordwand anlehnenden -Hügel. Über einen Bergsturz steigt man an acht wunderlichen Kolossen -vorbei auf die Spitze, wo die Arche Noah ist. Da übersieht man eine -kleine Landschaft. - -Es ist eine ewig geheimnisvolle Welt von vertropften Gebilden. -Funkensterne glitzern an Statuen; blau und rote Flämmlein zucken -zwischen den Bildwerken auf, und kein Menschengedanke wird klug aus -dem düsterschönen Rätsel. Ist's ein versteinerter Wald? Ist's ein mit -halbzerstörten, verwitterten Denkmälern übersäter Kirchhof oder der zu -Stein erstarrte Zug des Volkes auf die Höhe von Golgatha? - -Zum Glück hatte ich nicht Zeit, den Faden dieser Gedanken weiter zu -spinnen. Die Führer mahnten zum Aufbruch; sie wußten, daß man die Leute -nicht zu lange auf die melancholischen Gruppen des Kalvarienberges -darf schauen lassen. Schneller als wir gekommen, schritten wir bergab, -bergauf, zurück durch die Grottenhallen. - -Es kamen wieder neue Gestalten, neue Bilder; allein ich sah sie nur -noch halb. Das wohlige Gefühl, mit dem ich eingewandert war, hatte mich -verlassen; die Traurigkeit dieses Schattenreiches hatte es mir angetan; -ich dürstete nach Sonnenlicht, Himmelblau, Wiesengrün. - -Und wieder standen wir über dem Höhlenfluß. Rauschend und flimmernd zog -er einher; aber vom Grotteneingang wehte schon ein warmer, milder Hauch -von Tagesluft. Noch ein paar Schritte, und der Bann der Unterwelt war -gebrochen; herzinnig grüßte ich das goldige, sonnige Licht, und dankbar -schaute ich auf zum blauen Dom des Himmels. - -Ich habe die Grotte von Adelsberg beschreiben wollen? - -Nicht doch! Wenn tausend Schriftsteller es tun wollten, sie bleibt doch -ewig unbeschreiblich; denn sie ist wie die Gletscher des Hochgebirgs, -wie das in Sturmlauten tönende Meer eine Naturoffenbarung, deren -Schönheit der Mensch nie ganz ausbegreift. - -[Illustration] - - - - - Von +J. C. Heer+ ist bei +Huber & Co.+ - in Frauenfeld und Leipzig erschienen: - - - Streifzüge im Engadin - - Gebunden 3 Fr. - - +Inhalt+: Vorspiel. -- Über den Flüela. -- - Schuls-Tarasp. -- Uinatal und Finstermünz. - Von Schuls - nach Zernetz. -- Von Zernetz nach Samaden. -- Samaden. - -- Pontresina und Morieratsch. -- Die Diavolezzatour. - -- St. Moritz. -- Sils-Maria. -- Auf dem Maloja. -- - Über den Julier. - -Ein Dichter und ein Meister kraftvoller Schilderung ist Heer. Er weiß -nicht nur die überreichen Schönheiten des Engadin in leuchtenden Farben -dem Leser vor Augen zu führen; auch die politischen und kulturellen -Verhältnisse vermag er, ebenso gut wie Rückblicke aus der Vergangenheit -und Betrachtungen zur Gegenwart, einzuflechten. Ein Muster in dieser -Hinsicht ist der Abschnitt Schuls-Tarasp. - - »Münchner Neueste Nachrichten« - - - - - Bücher der Zeit aus dem Verlag von +Huber & Co.+ - Frauenfeld und Leipzig - - - Aus der Brandung - - Zeitgedichte von +Robert Faesi+ - - Kartoniert Fr. 1.40 - -Faesis Zeitgedichte sind das erste wirklich bedeutende -Kriegsgedichtbuch der deutschen Schweiz und eines der edelsten Stücke -der deutschen Kriegslyrik überhaupt. - - »Das Literarische Echo« - - - Krieg und Frieden - - Frei nach Aristophanes von +Hugo Blümner+ - - Geheftet Fr. 3.-- - -Aristophanes-Blümner hat das erste bühnengerechte, dichterisch -vollwertige Friedensdrama des Weltkriegs geschrieben! Es ist ein -einzigartiger Fall, daß ein Werk nach zweitausend Jahren noch einmal -stärkste Aktualität gewinnt. Kriegs- und Friedensparteien, Hetzer und -Verständigungspolitiker, ehrliche Patrioten und Gesinnungslumpen, -stehen sich gegenüber wie heute. - - - Der starke Mann - - Eine schweizerische Offiziersgeschichte von +Paul Ilg+ - - Broschiert Fr. 4.-- Gebunden Fr. 5.-- - -Der Roman sprüht und glüht von einer Jugendkraft, um die Paul Ilg zu -beneiden ist. - - »Neue Zürcher Zeitung« - -Es konnte nicht anders sein: Staub hat das Buch viel aufgewirbelt. -... Mit unheimlichen Kräften geladen, sorgsam in aller Knappheit -durchgeführt, fesselt die Handlung bis zuletzt. - - »Kunstwart« - - - In diesen Zeiten - - Erzählungen von +Robert Wehrlin+ - - Gebunden Fr. 2.-- - -Turmhoch über das Geschreibsel so vieler Kriegsbücher erhebt sich das -Werkchen dieses Schweizer Schriftstellers. Jede der fünf Geschichten -ist ein Kunstwerk und bereitet reinen Genuß. - - »Hamburger Fremdenblatt« - - - In tiefster russischer Provinz - - Zwei Erzählungen von +L. Haller+ - - Gebunden Fr. 4.50 - -Wäre dieses prächtig erzählte Buch nicht einige Monate vor dem Krieg -sondern während des Kriege erschienen, es hätte bereits Massenauflagen -erlebt. Wer die Seele des russischen Volkes mit ihren tiefen Wundern -und Unfaßlichkeiten, ihren chaotischen und dumpfen Leidenschaften und -ihrem gutmütig-tölpelhaftem Humor in der Spiegelung eines scharfen, -neutral beobachtenden Auges sehen will, muß Hallers Schilderungen lesen. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. - - Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. VII: Sloveneu → Slovenen - Italiener und {Slovenen} - - S. VIII: Dee → Die - {Die} Geschichte der Grotte - - S. 2: Aufenhaltes → Aufenthaltes - dritten Tag meines dortigen {Aufenthaltes} - - S. 10: etwes → etwas - dann liegt wirklich {etwas} exzentrisch Schönes - - S. 20: Selsamer → Seltsamer - {Seltsamer} Weise melden die mittelalterlichen Schriften - - S. 37: zu Mutter → Mutter zu - in den Schoß einer guten, großen {Mutter zu} legen - - S. 41: ihrer → Ihrer - die mir an {Ihrer} Seite beschieden war - - S. 42: Ausang → Ausgang - Am {Ausgang} dieses Tieflandwinkels - - S. 42: west römischen → weströmischen - vom {weströmischen} Kaiserthrone verjagt - - S. 46: Kelter → Kelten - die {Kelten} und Illyrier sahen aus achtungsvoller - - S. 48: zusamengewürfelt → zusammengewürfelt - der damaligen Welt {zusammengewürfelt} war - - S. 49: ein → eine - {eine} Belagerung glücklich bestand - - S. 57: Rönierin → Römerin - goldenen Geschmeid der {Römerin} - - S. 77: pläschert → plätschert - die Lagunenwelle im Röhricht {plätschert} - - S. 98: Siebenzehnzährige → Siebenzehnjährige - sie eine kaum {Siebenzehnjährige} - - S. 105: Leuchturm → Leuchtturm - der {Leuchtturm} spielt mit - - S. 109: innen → ihnen - Häuserfronten zwischen {ihnen} fesselten - - S. 122: Tag → Tage - In einem elf {Tage} andauernden Sturme - - S. 123: die → der - Als wir auf {der} Steuermannsbrücke - - S. 128: habe → haben - viereckige Türme {haben} es zu Kriegszeiten - - S. 134: nouva → nuova - weder in Umago noch in Citta {nuova} - - S. 135: als als → als - sich {als} ein Mann von Welt - - S. 146: egypische → egyptische - marokkanische und {egyptische} Wimpel - - S. 157: sömmerlich → sommerlich - eine lichtvolle {sommerlich} warme Nacht - - S. 165: bizzarren → bizarren - im einzelnen ebenso {bizarren} - - S. 176: sieht → steht - Da {steht}, damit es dem staunenden Wanderer - - - - - -End of Project Gutenberg's Ferien an der Adria, by Jakob Christoph Heer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN AN DER ADRIA *** - -***** This file should be named 50888-0.txt or 50888-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/8/8/50888/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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