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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Ferien an der Adria - Bilder aus Süd-Österreich - -Author: Jakob Christoph Heer - -Release Date: January 10, 2016 [EBook #50888] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN AN DER ADRIA *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gesetzt. - - Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~. - - Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des - Buches. - - - - - Ferien an der Adria - - Bilder aus Süd-Österreich - - von - - J. C. Heer - - 4.--8. Tausend - - Frauenfeld und Leipzig 1918 - Verlag von Huber & Co. - - - - -Den Einband zeichnete Otto Baumberger, Zürich - -~Copyright 1918 by Huber & Co., Frauenfeld~ - -Druck von Huber & Co. in Frauenfeld - - - - -Vorwort zur dritten Auflage - - -1887--1917. Dreißig Jahre sind es her, seit ich als junger Mann die -»Ferien an der Adria«, mein erstes Buch schrieb. Dem Werklein war -ein stiller Lebenslauf beschieden; denn die Landschaften, von denen -es handelt, lagen nicht an den großen Straßen der Welt, etwa Triest -ausgenommen. Zwanzig Jahre waren notwendig, daß sich die erste Auflage -erledigte, und als ich 1907 die zweite zeichnete, war ich überzeugt, -daß es zugleich die letzte sein und das Werklein der Jugend in den -Schoß milder Vergessenheit fallen würde. Das wäre der natürliche -Verlauf eines Buchschicksals gewesen, das nie auf große Wirksamkeit -angelegt war. - -Nun haben es die Zeiten anders entschieden, und furchtbar schwere -Träume, die schon in den achtziger Jahren über den schweigenden Fluren -des Friauls lagen, haben sich erfüllt, das nur halblaute Flüsterwort -der Bevölkerung: »Um unsere Dörfer und Städte, um unsere Felder und -unser Meer wird zwischen Italien und Oesterreich noch einmal ein -entsetzlicher Krieg geführt werden.« Wie ein Alpdruck lag schon damals -die Furcht davor über jedermann. - -Nun haben sich die alten bösen Ahnungen erfüllt, und schauderhaft ist -der Krieg während drei Jahren über das blaue Band des Isonzo hin und -her gestampft, Ebene wie Berge jener Gegenden haben unermeßlich das -Blut der kämpfenden Hunderttausende getrunken. Wo ist die Lieblichkeit -von Görz, der Friede der Lagunen, der düsterschwere Schönheitstraum von -Duino? So weit die Berichte zu uns in die Schweiz dringen, überall nur -Trümmer. - -Wir Schriftsteller haben wahrlich keinen Anlaß, dem Krieg ein Loblied -zu singen. Nicht einmal wir Neutralen. ~Inter bellum musae silent.~ -Wie viele schöne Arbeitsstunden blieben unter dem Druck des großen -Völkerkrieges unfruchtbar; wie manche Werke müssen ungedruckt im -Pult liegen! Die furchtbaren Ereignisse aber, die sich im Friaul -abspielten, haben da und dort noch einmal die Neugier derer, die dem -italienisch-österreichischen Krieg mit Spannung folgen, auf meine -halbvergessenen Schilderungen »Ferien an der Adria« gelenkt. So -können sie im Gegensatz zu manchem Buch, dem der Krieg den Lebenslauf -bedenklich schmälert, noch einmal in neuer Auflage erscheinen, was mich -für meinen Erstling immerhin erfreut. - -Ein Geständnis aber an die Leser. Das Buch erscheint genau, wie es vor -dreißig Jahren geschrieben worden ist, obgleich auch im Küstenland -die Zeit nicht ohne Entwicklung vorübergegangen ist; namentlich hat -sich ja inzwischen Triest wundervoll entfaltet und verdiente ein neues -Kapitel der Schilderung. Es fehlen mir aber für dieses die Unterlagen -eines neuern Besuches an der Adria, und jetzt im Krieg läßt sich ein -solcher doch nicht leicht nachholen. Von Triest aber abgesehen dürften -die Schilderungen im wesentlichen noch stimmen, das Landschaftliche -voran. Dazu trage ich ein weiteres Bedenken gegen eine Umarbeitung -des Werkleins. Wenn es auch keine hohen literarischen Ansprüche -erhebt, so ist es doch aus empfänglichster jugendlicher Wanderstimmung -geschrieben, die ich nach so viel Jahren nicht mit dem Stil des -Alternden durchbrechen mag; mir ist, ein Jugendwerk ehrt man am besten, -indem man es bestehen läßt, wie es ist. Damit mögen sich auch die Leser -zufrieden geben. - -Die neue Auflage aber kann ich nicht einleiten, ohne dem Volk der darin -geschilderten Gegenden mein herzliches Mitleid auszusprechen mit den -furchtbaren Erlebnissen, die es selber erfahren hat oder deren Zeuge -es gewesen ist. Möge dies- und jenseits des blauen Isonzo nach dem -Schrecken der Schlachten bald wieder die gesegnete Stille einkehren, in -der das Leben des Volkes am besten gedeiht, mögen die Wunden harschen, -die Dörfer und Städte in neuer Blüte auferstehen und die Wellen der -Adria wieder ein Land küssen, das sich nach Jahren tiefster Prüfung -des süßen Friedens erfreut. Friede den Völkern -- das ist mir mehr -Herzenssache, als daß dieses Büchlein aus Kriegsgründen noch einmal -flüchtige Tagesbedeutung gewinnt. - - Weihnacht 1917. - - J. C. Heer. - - - - -Inhaltsübersicht - - -Seite - - Im Friaul 1 - - Venedig. -- Abendfahrt. -- Monfalcone. -- Meer und - Tiefland. -- Ein Garten. -- Die Piazza grande. -- - Der Markt. -- Leben und Lieben. -- Nord und Süd. -- - Ein Original. -- Sein Hausregiment. -- Der Maler. - -- Die Volksschule. -- Am Hafen. -- Die Fischer. -- - Ein Strandgebiet. -- Die Malaria. -- Die Campagnen. - -- Der Isonzo. -- Die bäuerliche Wirtschaft. -- - Furlanische Dörfer. -- Italiener und Slovenen. - -- Die Karstlandschaft. -- Eine Taubenhöhle. -- - Verlorene Wasser. - - Österreichisch Nizza 27 - - Eine Wagenfahrt. -- Görz. -- Völker und Sprachen. - -- Ein mittelalterliches Idyll. -- Industrie. -- - Die Villen. -- Der Kurort. -- Ein Ausflug. -- - Der Monte Santo. -- Wallfahrer. -- Lienhard und - Gertrud. -- Aussicht. -- Bohnen in den Schuhen. -- - Am Isonzo. -- In der Ebene. -- Gradiska. -- Ein - Plan. - - Aquileja 45 - - Die Gründung. -- Die Blüte. -- Leben und Treiben. - -- Der Untergang. -- Alte Lebensfasern. -- - Fundgegenstände. -- Ein Stall. -- Das moderne - Aquileja. -- Rückblick. -- Die ungetreuen - Frauen. -- Die Erbin. -- Eine Auferstehung. -- - Der Pozzo d'oro. -- Ein Wirrsal. -- Signore - Moschettini. -- Das Museum. -- Skulpturen. -- - Grabsteine. -- Anticaglien. -- Neujahrslampen. - -- Ziegelinschriften. -- Der Campanile. -- Die - Patriarchen. -- Der Dom. -- Die Krypta. -- Ein - urchristliches Taufbecken. -- Die Aussicht. - - Lagune von Grado 73 - - Die Düne. -- Ebbe und Flut. -- Lagunenfahrt. - -- Säkuläre Senkungen. -- Schöne Pläne. -- - Gradonesische Fischer. -- Indolenz. -- Ein Asyl. -- - Das Städtchen Grado. -- Badeleben. -- Inselgrün. -- - Die steigende Flut. -- Südliche Nacht. - - Im Frühling von Miramare 87 - - Ein Badeort im Sumpfe. -- Der kürzeste Strom - Europas. -- Naturrätsel. -- »Es stand in alten - Zeiten ...« -- Duino. -- Meerbilder. -- Die - Dolinen. -- Slavische Dörfer. -- An der Küste. -- - Die Gärten von Miramare. -- Erzherzog Max. -- Das - Trauerspiel von Mexiko. -- Der Kaiser. -- Charlotte - von Belgien. -- Das Ende. -- Ein Gang durchs - Schloß. -- Auf der Balustrade. -- Ave Maria. - - Triest 106 - - An den Quais. -- Der Hafen. -- Der Leuchtturm. - -- Ausblick. -- Schiffer und Arbeiter. -- Der - Fischmarkt. -- Meerspinnen und Muscheln. -- Die - Stadt. -- Denkmäler. -- Die Einwohnerschaft. -- - Gegensätze. -- Antikes. -- Winckelmann. -- Beim - Antiquar. -- Das Arsenal. -- Der Schiffsbau. -- - Seeleute. -- Ein Maschinist. - - Die Küste von Istrien 125 - - Meerfahrt. -- Capo d'Istria. -- Pirano. -- Das - Volksleben. -- Schöne Frauen. -- Die Salzgärten. -- - Die Punta Salvore. -- Spielende Delphine. -- Der - Name Istrien. -- Der kleine Antiquar. -- Parenzo. - -- Eine Schweiz im Wasser. -- Felsen und Riffe. -- - Rovigno. -- Schiffersagen. -- Die Bucht von Pola. - - Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn 143 - - Das Seearsenal. -- Schiffsmodelle. -- Trophäen und - Standarten. -- Die Magazine. -- Die Riesen des - Alpenwaldes. -- Werften und Docks. -- Das Stadtbild - von Pola. -- Chidher, der ewig junge. -- Römische - Denkmäler. -- Die Arena. -- Eine Überraschung. - -- Arme Leutchen. -- Im Mondschein. -- Aus der - Schenke. -- Ein Nachtspaziergang. -- Sonnenaufgang. - -- ~La poveretta.~ -- Der Scirocco. -- ~Mal di - mare.~ - - Der Karst und die Grotte von Adelsberg 163 - - Osterfahrt. -- Die Karstgewässer. -- Äcker und - Weiden. -- Die Bora. -- Der Wald. -- Aufforstungen. - -- Adelsberg. -- Am Grottentor. -- Die Grotte. - -- Der große Dom. -- Der Höhlenfluß. -- Die - Geschichte der Grotte. -- Die Tropfsteinbildungen. - -- Der Tartarus. -- Geheimnisvolle Bildwerke. -- - Festliches Leben. -- Unerforschte Gänge. -- Zum - Kalvarienberg. -- An die Sonne. - - - - -[Illustration] - -Im Friaul. - - -Als der Schnee schon in die Berge zurückgewichen war, Lenzsonnenschein -auf den Höhen, junge Wanderlust im Herzen lag, da brachte mir eine -Briefschwalbe aus dem Süden unerwartete Botschaft: eine herzliche -Einladung meines Onkel -- Direktor Johannes Heers in Monfalcone -- zu -einem längeren Aufenthalte am Golfe von Triest. - -Ich las das freundliche Schreiben und jenes stille Heimweh nach -dem sonnigen Süden, das Goethe mit seinen Mignon-Liedern uns -Nordlandssöhnen nun einmal in die Brust gedichtet hat, brach durch; die -schöne Süderde stand verführerisch vor meiner Seele: »Du hast Ferien, -Junge, du hast etwas Kleingeld, du hast vor Jahren eine italienische -Schulgrammatik durchgearbeitet, es fehlt dir nicht an Wandermut, -geh und sieh dir den Garten unter den südlichen Alpenkämmen, die -lombardischen Städte, die Meerkönigin, das wundersame Venedig, an und -halte dann Wanderrast in Monfalcone, der kleinen Stadt am Golfrund von -Triest.« - -Vierzehn Tage später flog ich durch den Gotthardtunnel. In Lugano und -auf seinem herrlichen See bot ich im Geist Willkomm dem Lande ewigen -Lenzes und sonniger Kunst, dem Land dunkler Weine und dunkler Frauen; -in Lecco, wo die »~Promessi sposi~« in Liebesträumen gewandelt, fing -ich an zu wandern die Kreuz und die Quer; in Verona ließ ich mir den -Palast der Capulet und hinter einem Krautgarten das legendäre Grabmal -Juliens zeigen, und vierzehn Tage nach meiner Abreise stand ich auf dem -Markusplatz zu Venedig. - -»~La mia bella Venezia!~« Es war am dritten Tag meines dortigen -Aufenthaltes, das schöne Venedig hatte mich gewaltig reisemüde gemacht, -und ein feiner, trostloser Regen rieselte in die Lagune; da war mir die -märchenschöne Stadt in tiefster Seele verleidet. Wenn man sie im Glanz -des vollen Mondes gesehen hat, gibt's nichts Traurigeres, als Venedig -bei Regenwetter; es ist dann wirklich nichts mehr als die Totenstadt -der erschlagenen Republik. - -Ich atmete auf, als der Nachmittagszug Venedig-Triest die lange Brücke -gegen Mestre hinüberdonnerte; ich hatte sogar nicht viel dagegen, daß -in Treviso eine italienische Arbeiterkolonie, die hinaus nach Graz oder -Wien wollte, lärmend und singend den Rest der Plätze besetzte und mich -mit ihren Reisesäcken einpferchte. Der Regen floß in Strömen auf die im -ersten, zarten Laubkleid prangende Tiefebene des östlichen Venetiens. - -Als wir ein paar Stunden gefahren, hielt der Zug plötzlich im freien -Feld still; der Lärm der Italiener wurde noch größer; so viele Köpfe -als unter den Wagenfenstern Platz hatten, reckten sich in den Regen -hinaus. »~Addio, carissima patria, addio, addio!~« schrien die braunen -Männer, schwenkten ihre roten Sacktücher, und ein blutjunger Bursche, -der zum erstenmal von Vater und Mutter gegangen, zerdrückte eine Träne -im Auge. - -Wir standen auf der Brücke des Judrio, auf der diesseitigen Grenztafel -war das italienische Kreuz, auf der jenseitigen der österreichische -Doppeladler. - -Eine Minute Halt, als Reverenz gegen die habsburgische Monarchie -- die -Lokomotive schrillte, und ein Weilchen später waren wir in Cormons. -Wagenwechsel -- Gepäckrevision -- dann sank melancholisch die Nacht -herein; die Italiener wurden stiller und stiller; der Zug brauste die -öden Hügellehnen, welche die julischen Alpen als Brustwehr gegen die -Tiefebene hinausstellen, entlang und donnerte über die Isonzobrücke, -während bergeinwärts ein Lichtfunkeln im Tal die Lage der Stadt Görz -verriet. - -Der Schaffner schrie sein schnarrendes »Gorizia« -- dann -»Rubbia-Savogna -- Zagrado -- Ronchi« und endlich -- meine Ungeduld war -aufs höchste gestiegen -- »Monfalcone«! - -Als ich ausstieg, schloß mich ein hochgewachsener Mann mit einem großen -schwarzen Bart in seine Arme. Das war mein Onkel, und die vier Kinder, -die sich an mich drängten, sein blühender Nachwuchs. - -Das Direktionshaus der erst vor wenigen Jahren gegründeten großen -Baumwollspinnerei im Osten des Städtchens war mir nun während drei -Monaten freundliches Asyl, wo ich herzliche Gastfreundschaft genoß. - -Ich war frei und von jeher kein Stubenmensch; ich suchte von Land und -Volk so viel zu erfassen, als in der kurzen Frist möglich war. Hier -die Eindrücke, mit denen mich das sonnige Meer, das üppige Tiefland, -die grottendurchwühlten Berge, das italienische Volksleben, die mehr -als zweitausendjährige Geschichte des österreichischen Südens gefesselt -haben. - - * * * * * - -»Du kleine Stadt, du weites Land, du blinkendes Meer, grüß euch Gott. -Hier ist gute Wanderrast!« - -Als ich's rief -- oder vielmehr war's nur ein halblauter Gedanke --- stand ich auf einem jener steinigen Hügelrücken, welche vom -innersten Winkel der Adria bis nach Görz und noch ein Stück weiter -die nordadriatische Tiefebene begleiten. Ein klarer, wundervoller -Morgen, wie ich während meines Aufenthaltes im Küstenland noch manchen, -aber keinen schönern erlebt, lag über der regennassen Erde, die im -Sonnenschein lächelte, wie ein Kind, dem noch die Tränen an den Wangen -perlen. - -Mir zu Füßen lag, von West nach Ost, die kleine Stadt, und von dem -großen, viereckigen Platz in ihrer Mitte tönte der Lärm des südlichen -Marktes; allein nicht Stadt, nicht Markt fesselten mich; mein erster -Blick war gebannt von jenem lieblichen Stück des »alten, heil'gen, -ew'gen Meers«, welches bis gegen das Städtchen hin vordringt. - -Das ist der Golf von Monfalcone, der innerste Busen der Adria. An -seiner felsenstarrenden Ostküste stehen die herrlichen Schlösser Duino -und Miramare, weiter nach Süden, wo sich der Golf zur offenen See -ausweitet, schimmert Triest an grünen Uferhügeln, und die dunkeln -Küsten Istriens grüßen mit ihren blinkenden Hafenpunkten meerherüber. - -Dem Zauber des Meeres entzieht sich kein Sohn des Binnenlandes; denn -es liegt etwas unendlich Träumerisches, Auflösendes im Anblick seiner -ruhsamen, azurenen Flut, und immer wieder kehrt der Blick zu seinem -sonnigverklärten Blau zurück. - -Allein kaum weniger mächtig reizte mich gebirgsgewohnten Mann die -Ausschau auf die im Süden und Südosten sich unübersehbar dehnende, -von keiner Erdwelle durchsetzte Ebene des untern Friauls, aus deren -frühlingszartem Grün, wohin ich blickte, graziöse Kirchtürme gegen -den tiefblauen Südhimmel aufstiegen. Am Horizonte dämmerte, zugleich -Grabmonument einer der größten Römerstädte und weithin sichtbares -Wahrzeichen des Friauls, der Campanile von Aquileja, der acht -Jahrhunderte kommen und gehen sah. - -Meer und Tiefland sind schön durch ihre ahnungsvolle, träumerische -Einförmigkeit; doch ebenso schön sind die Berge. In den wilden Häuptern -der Alpen ist nichts Gleichartiges, da liegt in jeder Falte, in jeder -Linie ein origineller Gedanke, wie ihn die geniale Natur gefaßt und zu -Stein verhärtet hat. - -Die julischen Alpen sind zwar keine Schweizerberge, dafür fehlen ihnen -die ewigen Firnen und die donnernden Gletscher, doch tragen sie bis -weit in den Sommer hinein den Hermelin des Winters; sie stehen über -den Hügeln des Karsts und den Fichtenwäldern des Tarnovanerwalds als -achtungfordernde Pioniere nordischer Herrlichkeit und sind ein Schmuck -der nördlichen Adria, gegen welchen die Südgestade dieses Meeres nichts -zu vergleichen haben. - -Auf der höchsten Erhebung des Karstrückens, den ich erklommen, steht -eine Ruine, ein runder Turm auf einem breitern, runden Grundbau. Das -ist die Rocca von Monfalcone, die älteste Burg des Küstenlandes. -Die Geschichte kennt nicht Ursprung, nicht Schicksal; die dichtende -Sage aber verknüpft ihren Namen mit demjenigen Theodorichs, des -Ostgotenkönigs. Ich kletterte über die äußere Mauerbrüstung und -durchstöberte das einzige Gelaß der Burg; allein im Halbdunkel war -außer vielem Schutt und einigen morschen Knochen nichts zu entdecken. - -Das war mein erster Spaziergang in Monfalcone, und nachmals bin ich -noch oft auf die Höhe gewandert, um auszuschauen in die sonnigen -Weiten; doch mein Lieblingsplätzchen wurde ein in der Nähe unseres -Wohnhauses an den Hügel sich lehnender Garten, der früher einem Grafen -Asquini gehörte, jetzt aber vernachlässigt ist. Da blühen ungehegt und -ungepflegt Mandel- und Olivenbaum; Weinreben und Rosen ranken sich um -die Stämme breitschirmiger Pinien, und im ungehindert wuchernden Grün -stehen feierliche Zypressen. Mitten in die Romantik dieser Wildnis, -in ein blühendes Lorbeerwäldchen, ließ ich mir ein Tischchen setzen. -Da las ich in den Morgenstunden meinen Goethe, und er liest sich noch -einmal so schön in dem ihm geistig heimischen Land. - -Manch eine Frucht seiner tiefen, geläuterten Lebensanschauung, um die -ich im Norden vergebens rang, senkte sich unter dem grünen Laubdach -leicht und zwangslos in die Seele. - -Dann wanderte ich hinunter in die Stadt, von der ich gerne viel Schönes -und Interessantes schreiben würde; doch ist Monfalcone nicht anders als -irgend eine italienische Kleinstadt der Lombardei oder der Toskana. -Vor mancher andern zeichnet sie sich durch eine gewisse Reinlichkeit -vorteilhaft aus, obwohl sich noch italienischer Absonderlichkeiten -genug vor den Blick des Fremden drängen. - -Die alten römischen Städte hatten ihr Forum, die neuen italienischen, -auch die kleinsten, wollen nicht ohne ihre »Piazza grande« sein. Auf -derjenigen von Monfalcone steht, vielleicht in Nachahmung der drei -Mastbäume auf dem Markusplatz zu Venedig, eine hohe Stange mit dem -Wappentier der Stadt, dem Falken, auf der Spitze. - -Es erinnert daran, daß die Burg, jene verwitterte Rocca, im -Mittelalter, als von der Longobardenzeit her noch ein deutscher -Adel über die Gegend herrschte, die »Falkenburg« hieß. Ihren -ins Italienische übersetzten Namen hat dann mit dem Emporkommen -italienischer Volkselemente das Städtchen selber angenommen, während -sein ursprünglicher deutscher -- Neuenmarkt -- in Vergessenheit geriet. - -Einige Gebäude unter dem Häuserviereck, welches die Piazza grande -umschließt, sehen recht gedeihlich aus. Der schönste Schmuck des -Platzes indes ist das in schlichtem Tempelstil gehaltene Stadthaus mit -einem daran stoßenden kleinen Park. - -Das Kasino im Erdgeschoß des Gebäudes und die Vortreppe desselben -bilden den Sammelort der vornehmen Welt von Monfalcone, doch beschränkt -sich diese auf einige reiche Grundbesitzer, einige Rittmeister außer -Diensten, einige Handelsleute und ein paar kleine Rentiers. - -Auf der Piazza entfaltete sich in den Morgenstunden ein lebhafter -Markt, besonders stellen sich die Karstbauern mit ihren Fuhren von -Wurzelwerk und Staudenholz ein; denn der Holzbedarf einer furlanischen -Städterfamilie wird entweder täglich oder wöchentlich, selten aber -durch große Einkäufe gedeckt. Der Mangel an diesem so unentbehrlichen -Feuerungsmaterial ist fühlbar, die Qualität des Holzes sehr gering, -da es fast ausnahmslos aus zehn- oder zwanzigjährigem Niederwald -stammt. Längs des Stadthausparkes sind die Stände des Fischmarktes; -doch kommen in Monfalcone selber nur die geringsten Sorten der -Seeflosser, am häufigsten der Tintenfisch und der Aal, zum Verkauf; die -schmackhafteren wandern fast alle auf binnenländische Märkte, besonders -nach Wien. - -Östlich von der Piazza liegt der Kern des Städtchens, ein -Viereck älterer Gebäude. Aus der Mitte steigt der Campanile der -Parochialkirche, ein zierlicher Bau, dessen achteckiger Helm von acht -Säulen getragen wird. Vier schöne Glocken schimmern zwischen denselben -durch. - -Ich war entzückt, als ich das reine volle Geläute zum erstenmal hörte, -allein es hat den Fehler eines Plauderers: man hört es zu viel; -es ist keine Stunde in der Morgenfrühe, keine im Tag und keine am -Spätabend, wo nicht Glockenklänge über das Städtchen hallen. Dazu -hat der Italiener eine bewundernswerte Virtuosität, Mannigfaltigkeit -in die Tonregister des Geläutes zu bringen, eine Virtuosität, die in -abgebrochenen kurzen Klängen und in wimmerndem Gebimmel das Höchste -leistet. - -Nur in der Charwoche, wenn die katholische Christenheit auch den -Bilderschmuck ihrer Kirchen mit Tüchern verhängt, blieben, ein hübsches -Sinnbild der Trauer, die Glocken stumm. Selbst der Stundenschlag hörte -auf; aber an seine Stelle trat das weithin tönende Geklapper einer im -Glockenhaus aufgestellten Maschine, das von der mit Handklappern durch -das Städtchen schwärmenden Jugend verstärkt wurde. - -Am Ostende des die Kirche umschließenden Quartiers ist eine schöne -Kastanienallee, die von der Zeit an, wo sie in der Pracht ihrer -rötlichen Blütenkandelaber steht, bis in die letzten Tage des Herbstes, -wo der Borasturm sie entblättert, den Lieblingsaufenthalt der -Monfalconeser bildet. - -Hier oder im Park des Stadthauses hat der Fremde am ehesten -Gelegenheit, das Leben und Lieben dieses Völkleins zu beobachten, und -nie mehr als an einem Sonntagnachmittag, wenn leichte, lose Musik die -Jugend zum Tanz unter die Baumkronen lockt, denn kein Bursche, kein -Mädchen widersteht den Klängen. - -Wenn sich das italienische Barfüßele des Werktages sonntäglich -schmückt, wenn es Haar und Büste mit Knospen und Blüten ziert, wenn -es, das Köpfchen an die braune Brust des Burschen geschmiegt, wild und -wilder durch die Reihen fliegt, die schwarzen Augen glühen, die Wangen -gerötet sind, die Leidenschaft durch alle Bewegungen und Züge rinnt, -dann liegt wirklich etwas exzentrisch Schönes in diesen südlichen -Gestalten. - -Da kann man allerdings ein keckeres Kosen sehen als draußen im kühlen -Nord, und manch ein braunes, glutäugiges Kind, das im Begriffe steht, -eine Jungfrau zu werden, reift hier unter den sengenden Blicken seines -Burschen rascher aus, als ihm vielleicht gut ist. Der Süden, der der -Natur einen so kurzen Lenz zumißt, er gönnt auch dem Menschenkind -keinen langen Lebensmai, und wenn das nordische Mädchen in seiner -schönsten Blüte steht, ist diejenige des südlichen schon dahin. - -Auf der Nordseite der viereckigen Häuseranlage zieht sich die Straße, -die von Triest nach Venedig führt, durch das Städtchen. - -Denke ich an diese Gasse, dann kommt mir die Erinnerung an einen -liebenswürdigen und originellen Menschen, an den Signore Battistic. Ich -habe in seinem Atelier zu manche Stunde verplaudert, als daß ich den -würdigen Postwirt von Monfalcone totschweigen wollte. - -Er ist der berühmteste unter den Bewohnern des Orts, und sein Gasthof -hat einen Ruf, der genau soweit reicht wie derjenige seines Städtchens. -Nennt man einem Triestiner Monfalcone, so denkt er sicherlich nicht an -die Stadt, er denkt an die Küche des Herrn Battistic, an die Schnepfen, -an die Branzins, an die Austern, an die Spargeln, die man nirgends so -gut bekommt, wie auf der Post zu Monfalcone. - -Ich habe zwar mehr die andern guten Eigenschaften des Herrn -Battistic als diejenigen des Hoteliers kennen und schätzen gelernt. -Er geht nämlich im Ruhm seines Gasthofes nicht auf, sondern ist -der erste Naturforscher und der erste Nimrod der Gegend, er ist -Antiquitätenhändler, Briefmarkensammler, ein Universalgenie; sein -höchster Stolz aber ist die Kunst: er ist ein Meister des Pinsels und -der Palette. - -Er mag jetzt seine vierzig Jahre haben und in seinen jüngern Zeiten -war er zweifellos ein sehr hübscher Mann, denn er ist jetzt noch nicht -häßlich, obwohl er sich eines gewissen Embonpoints erfreut. Noch flutet -eine Fülle von Künstlerlocken in seinen Nacken, und die kleinen, klugen -Augen sprühen zuweilen noch die Glut des verliebten Italieners. - -Man kann einen Embonpoint tragen und eine Vielseitigkeit des Geistes -entwickeln, wie Herr Battistic, und dabei doch ein armer Teufel sein. -Er war's. Wurde am Morgen für ein Gesellschäftchen aus Triest ein -Abendessen bestellt, dann war mein Freund in Verzweiflung, kein Geld, -kein Kredit und keine Ware. Er war nicht mehr zu sprechen, er irrte in -seinen Schlappschuhen durch die Gemächer, er irrte durch die Stadt, -verwünschte seine beschränkten Verhältnisse und raufte sich das dunkle -Haar. - -Jedesmal wurde das Wunder neu. Wenn die Gäste kamen, war ein Essen -da, wie man es nur auf der Post zu Monfalcone bekommt. Herr Battistic -glänzte vor Vergnügen, sprach geistreich, und keiner seiner Gäste -lernte ihn anders denn als einen Gentleman kennen. War man aber -vertrauter, so machte er aus seinen bedenklichen Umständen kein Hehl. - -»Aber sagen Sie mir, wie kamen Sie denn in eine solche Lage, Sie, der -kluge, lebenserfahrene Mann?« fragte ich ihn einmal. - -»Das kommt von meinem Hausregiment«, sagte er, »das kommt davon, daß -meine Köchin und meine Kellnerin die größten Schelme sind auf der -Welt. Brauch' ich im Tag einen Liter in der Wirtschaft, so trinken -die beiden heimlich drei; bleibt von einer Mahlzeit ein Rest, den ich -wieder verwenden könnte, so ist er fort, ehe ich danach sehen kann, und -frage ich, wohin die Dinge gekommen seien, so antworten die beiden aus -+einem+ Mund: »Wir wissen es nicht, wir sind ganz unschuldig, Patron.« -Zuweilen erwische ich sie aber doch.« - -»Wie so denn?« - -»Nun, bald so, bald so. Ich habe schon eine Purgaz in den Wein getan. -Sie können sich nicht vorstellen, was das für ein Rennen gab; aber -bekannt haben die Weiber nicht. Ich habe auch einmal Hundsexkremente -auf einen Teller gelegt und überzuckert; da haben sie, nachdem sie es -zum Munde geführt, schrecklich gespien; aber gebessert haben sie sich -nicht.« - -»Dann entlassen Sie die Unverbesserlichen.« - -»Ich kann nicht. Die Köchin ist die beste Stütze des Geschäftes, an -die andere bin ich mich auch gewöhnt, und Wechseln würde doch nur den -Tausch eines Schelmes mit einem Dieb bedeuten -- mein Gott, hätte ich -nur 2000 Gulden, in zwei Jahren wäre ich Rentier.« Herr Battistic -wußte Dutzende von Gelegenheitskäufen in Smyrna, in Bombay, ein großer -Spekulant ist an ihm verloren gegangen. - -Allein die Malerei hilft ihm über die Misere des Lebens weg. Er malt -in einer Art von Loggia, aus der man in den Hof seines Hauses sieht. -Eine wirre Sammlung von Muscheln, ausgestopften Vögeln, selbstgemalten -Bildern und aus Büchern ausgeschnittenen Holzstichen bringt die nötige -Stimmung in sein Arbeiten. Steht er an der Staffelei, so hüllt er -seine Gestalt in einen Schleier von Zigarrenrauch, aus dem das sonnige -Gesicht des Künstlers in sanfter Verklärung strahlt, und so entstehen -unter seinem Pinsel Strandlandschaften, Meerbilder, Jäger, Fischer, -Netze und Wild. - -Mit diesem Künstler, und jovialen Gesellschafter, von dessen -Naturerkenntnis und Jägererfahrung man, so oft er erzählte, das -Sprichwort »~Se non è vero, è ben trovato~« anwenden mußte, bin ich -immer gern einen Weg gewandert; er hat mir auch einen wesentlichen -Dienst geleistet, eine kleine Sammlung von Muscheln und Krebstieren der -nördlichen Adria hübsch präpariert. - -Hier muß ich auch noch eines andern lieben Mannes gedenken, des Herrn -Primosciz, Schulleiter in Monfalcone, der mich eben so sehr durch seine -Herzensgüte als durch seinen aufgeschlossenen Natursinn sympathisch an -sich gefesselt hat. - -Dort, fast dem Gasthof zur Post gegenüber, steht das Schulhaus, in -dem er mit fünf andern Kollegen wirkt. Es ist ein enger, abstoßender -Bau und furchtbar mit Schülern überfüllt; allein es ist Hoffnung -vorhanden, daß die Stadt in einigen Jahren ein würdiges Heim für die -heranwachsende Jugend baut. - -Sonst bildet das Schulwesen ein trübes Blatt im furlanischen Volkstum. -Es fehlt nicht immer an gebildeten Lehrern und in den Schulen nicht -an guten, allgemeinen Lehrmitteln, für den Anschauungsunterricht sind -sogar vorzügliche und reiche Bilder da, auch die Bücher der Jungen -sind nicht ungeschickt abgefaßt, doch vielleicht etwas zu hoch; aber -es fehlt die Hauptsache: Die Schule hat im Volk keine Wurzeln, man -betrachtet sie als eine von der Regierung aufgebürdete Last, und das -Obligatorium derselben wird durchbrochen, wo immer es geht. Nicht nur -einmal sind mir draußen in den Pächterhütten der Campagna zehn- und -elfjährige Rangen begegnet, die noch über keine Schulschwelle getreten -waren. - -Herr Primosciz und ich, wir sind häufig miteinander gewandert hinab -ans Meer, hinaus in die Campagna, hinein ins Gebirg -- und manch -ein Merkwürdiges, das ich dort gesehen, habe ich seiner Führung zu -verdanken. - -Ein Lieblingsziel war mir stets der Porto Rosega, der Hafen von -Monfalcone. Man spaziert in einer halben Stunde dorthin, und so oft man -kommt, sieht man etwas Neues. - -Der Hafen selber ist zwar nur ein ins Land einschneidender Kanal von -etlichen Metern Breite. Nichtsdestoweniger gehört er zu den besten der -adriatischen Nordküste. - -Und welch einen herrlichen Blick hat man, wenn man auf der äußersten -Spitze seines Molo steht. Man sieht ein Golfoval, das zu den -schönsten Stellen des Mittelmeeres gerechnet wird. Man hat den steilen -Küstensturz von Duino und darüber die uralte gewaltige Veste selbst, wo -die deutschen Kaiser auf ihren Italienfahrten gerastet, wo der Geist -Dantes umgeht, man hat gerade vor sich Miramare, das Tränenschloß, -zur Rechten Triest, sich hell und klar von silbergrauen Olivenhängen -hebend, und noch ein paar istrianische Städte: Capo d'Istria, Isola -und auf verblauendem Vorgebirg Pirano. Dazwischen liegt der von hellen -Segeln belebte herrliche Golf, der bald wie Silber glänzt und gleißt -und bald wie ein großes Träumerauge in stiller Ruhe blaut. - -Die Ebbe des Golfes, die im Mittel nicht mehr als sechzig Centimeter, -im Maximum einen Meter beträgt, ruft zwar nicht jene großartigen -Erscheinungen hervor, welche an der Nordsee den Fremden so gewaltig -fesseln, doch legt sie an dem flachen Strand von Monfalcone weite -Meergebiete bloß. - -Dann eilen halb entblößte Weiber und Kinder, einen Sack am Rücken, -ein Netz in der Hand, auf die Sandbänke, waten weit hinein in die -zurückweichende Flut und sammeln ihre »~frutti di mare~.« - -Es braucht den Mut dieser Strandläufer, immer frisch und keck in den -krabbelnden Quark von Seespinnen, Krebsen, Strahltieren und Mollusken, -zwischen denen sich wohl auch etwa ein Wasserschlänglein verfängt, -hineinzugreifen. - -Der Golf von Monfalcone muß übrigens, sowohl was die Artenmenge, -als die Farbenschönheit der Seetiere betrifft, als das am meisten -durch Süßwasser geschwängerte Becken dieses Meeres, von den südlichen -Gebieten desselben zurücktreten; doch schon bei Grado, einer kleinen -Insel wenige Stunden mittäglich von Monfalcone, prangt das Meer mit -vielen farbenprächtigen Muschelgebilden. - -Dagegen ist der Golf von Monfalcone sehr fischreich, und es bilden die -Fischer ein wesentliches Element der monfalconesischen Bevölkerung. - -Wie oft bin ich im Morgenschein oder in der Abendglut hinausgefahren -mit den braunen Männern, die Netze zu ziehen oder neu zu legen! Es -war mir immer wohl bei den treuherzigen, einfachen Naturmenschen, -welche den italienischen Volkscharakter von einer andern, bedeutend -bessern Seite offenbaren als der schlaue Handelsmann oder Wirt und -die unverschämten Ciceroni zu Venedig. Viele dieser Fischer haben ein -schönes Stück Welt gesehen, denn sie haben bei der Marine gedient und -wissen von den griechischen Inseln, von da und dort, wo österreichische -Kriegsschiffe kreuzen, zu erzählen. Bei ihrer Arbeit singen sie ihre -fulanischen Weisen und keine häufiger als jene, worin der mit dem Sturm -ringende Schiffer seines Liebchens gedenkt: - - »~Il mar' è turpido - E la barquetta pendole - E nome tei è tendere - Ch'è amic' sola me.~« - -Sie leben höchst einfach, diese wetterharten, tiefbraunen Fischer, die -zuweilen mehrere Tage zur See bleiben. Ein schmaler, gedeckter Raum -der Barke ist dann Stube, Küche und Schlafkammer zugleich, wo das Weib -den Mais und die Meerfrüchte abkocht, ihren Kleinsten säugt und pflegt, -und das Meer denselben in Schlummer wiegt, ihn sturm- und sonnenhart -macht, den zukünftigen adriatischen Seemann. - -Keiner der Fischer ist selbständig. Entweder hängen sie von einem -Händler ab, oder stehen im Dienst eines Unternehmers, so daß dann nicht -einmal die Barke, auf der sie fahren, ihr Eigentum ist. Bezahlt werden -sie durch einen kleinen Anteil an der Beute. Darum achtet kein Mensch -ein Stück Kleingeld so hoch wie sie. - -Neben den Fischerflottillen, welche aus dem Porto Rosega in die -Gewässer der obern Adria ausschwärmen, beleben wohl auch einige -Lastschiffe den Hafenkanal; allein denkt man an jene Zeiten zurück, -da die großen Handelskarawanen und Fuhrwerke, welche fast den ganzen -Warentransport nach Kärnten und bis ins Tirol hinein besorgten, hier -ihren Ausgang nahmen, Monfalcone ein berühmter Stapelplatz war, dann -kann allerdings das Leben, das sich in der Gegenwart hier bewegt, nur -als ein Abglanz von demjenigen früherer Tage erscheinen. - -Wenn man vom Porto Rosega südwärts wandert, so kommt man in ein -seltsames Strandgebiet, wo der Meersand, nur von Salzpflanzen und -sauren Gräsern durchwuchert, einen stundenbreiten Gürtel zwischen -Meer und Campagna bildet, eine stille Landschaft, über welche die -melancholische Poesie der Steppe schwebt. - -Da und selbst weit in den angrenzenden Campagnen ist für den Menschen -keine bleibende Stätte, schwingt die Malaria ihre Geißel. Wachthäuser -haben hier ihretwegen von den Zollwächtern, Pächterhütten von den -Bauern verlassen werden müssen; ja auch an den Insassen weit vom -Meer abliegender Gehöfte kann man noch den Einfluß des Sumpffiebers, -aufgetriebene Leiber und blasse Gesichter, sehen. - -Die Sonne brütet über den Sandsümpfen; salziges und süßes Wasser, von -denen eines die Organismen des andern tötet, fließen ineinander und -werden zum fortwährenden Fäulnisherd. - -Das Seegeflügel hat die Herrschaft, die der Mensch nicht aufrecht -halten konnte, übernommen, und König über seine Vasallen, den Storch, -den wilden Schwan, den Kranich und Reiher, ist der Seeadler, der im -Blau des Äthers seine einsamen Bahnen zieht. - -Nur der Zollwächter und der nächtliche Schmuggler haben ihre Wege -in diesem traurigen Gebiet; doch es ist wie überall: Die Hüter des -Gesetzes sind immer da, wo die Übertreter nicht sind. Wenigstens -hört man selten von einem größern Fang, es sei denn, man halte ein -furlanisches Weibchen, das in seinen großen Schuhen ein Kilogramm -Kaffeebohnen aus der Freihafenstadt Triest etliche Stunden weit -schleppt, dafür. - -In der Tat ist der Beruf eines »Finanzers« ein undankbarer; denn keine -Verletzung hat im Volke einen solchen Rückhalt wie der Schmuggel und -keine Beamten sind so verachtet wie die »~doganieri~«; ich aber, der -ich kein Interesse hatte, ihnen gram zu sein, habe im Zollhaus am Porto -Rosega hin und wieder gern Rast gehalten. - -Westlich von diesem öden Sandstrich beginnen jene üppigen Campagnen des -untern Friauls, die sich fortsetzen in die Lombardei, bis hinüber zu -den Seealpen. - -Die meisten Touristen schelten sie langweilig, und fast tödlich -langweilig mögen sie für den Fußwanderer sein, der ihre schnurgeraden, -endlosen, staubigen Straßen geht. Eine Spazierfahrt in offener -Kalesche und am kühlen Abend hinaus in diese unabsehbare, leuchtende -Pflanzenüppigkeit, die Wald und Feld und Garten zugleich ist, in der -man Richtung und Himmelsgegend wie auf dem offenen Meer verliert, habe -ich immer angenehm gefunden. - -Es ist wahr, wenn ich nichts sah als die offenen Weiten, das -grenzenlose Grün, dann suchte ich fast ängstlich nach den Stützen des -Firmaments. Am Horizont des Nordens standen dann weiße Schimmer. -- -Waren es Wolken -- waren es Schneeberge? Ich konnte im Zweifel sein. - -Soweit der Blick des Auges reicht, ziehen sich längs der Ackerfurchen -in zierlichen Reihen die Maulbeerbäume; und von Maulbeerbaum zu Ulme, -von Ulme zu Kirschbaum, vom Kirschbaum zum Feldahorn, von diesem -zum Maulbeerbaum schlingen sich, in die Baumkronen geheftet, die -Rebenguirlanden, während das zarte Grün des jungen Maiskorns, das -zweimal im Jahr den Erntesegen liefert, oder der mächtig in die Halme -schießende Weizen die Felder deckt. - -Durch dieses üppige Landschaftsbild schlängelt sich halbwegs zwischen -Monfalcone und Aquileja das blaue, breite Stromband des Isonzo, über -welchen die Straße mit einer halbkilometerlangen Holzbrücke setzt. - -Wie alles in diesem Lande, so hat auch dieser Fluß seine Geschichte und -zwar eine Geschichte in der geschichtlichen Zeit. Er ist der jüngste -Strom Europas und kaum über vierhundert Jahre alt, während der Natisso, -jener schiffbare Strom, der, wie die römischen Schriftsteller melden, -an den Mauern Aquilejas vorüberfloß, verschwunden ist und durch jene -Gegend jetzt nur ein seichtes Küstenwässerchen schleicht. - -Seltsamer Weise melden die mittelalterlichen Schriften kaum etwas, -wie aus dem Natisso der Isonzo entstand. Man weiß nur, daß ums Jahr -580 während eines vollen Monats Wolkenbrüche, welche das ganze -Landschaftsbild umformten, über das Friaul niedergingen, so daß die -Leute glaubten, die zweite Sündflut sei gekommen. - -In dieser bösen Zeit, so glaubt man, habe der Natisso, durch einen -Bergsturz in den julischen Alpen aus seinem Bette gedrängt, seinen -Oberlauf, in den späteren Jahrhunderten immer mehr durch das Tiefland -ostwärts vagierend, seinen Unterlauf geändert und am Ende des -fünfzehnten Jahrhunderts endlich diejenige Gestalt angenommen, mit der -er dem Wanderer jetzt als Isonzo entgegentritt. - -Zwei Jahrtausende schon entzückt das Friaul -- so bezeugt es Herodian, -der Geschichtsschreiber des zweiten Jahrhunderts -- den Fremden durch -eine Üppigkeit, welche nur derjenigen der Lombardei zu vergleichen ist; -zwei Jahrtausende aber ist der Bauer auch ein armer, enterbter Mann -geblieben. - -Die mächtigen Latifundienbesitzer des Altertums und die Landbarone -der Gegenwart, der bäuerliche Proletarier der Vergangenheit und der -Colono des gegenwärtigen Jahrhunderts, die Gegensätze prahlenden -Lebensgenusses und unsäglichen Darbens, sie sind anderthalb -Jahrtausenden christlicher Entwicklung zum Trotz dieselben geblieben. - -Mit seiner Zeit und seiner Kraft, mit allem und jeglichem steht der -Colono in der Schuld seines Herrn. Nach altem Herkommen sichert der -Pachtvertrag dem Gutsbesitzer zwei Drittel vom Laub der Maulbeerbäume, -zwei Drittel vom Wein und vom Obst, vom Weizen und Mais, er sichert ihm -auch jene Dutzende von Abgaben an jungem Vieh, an Geflügel, Butter, -Eier und Erstlingsfrüchten und überdies eine bare Pachtsumme oder -Wohnungsmiete, wofür der Bauer mit dem Rest der Landerträge aufzukommen -hat. - -Der Arme ist stets ein schlechter Wirtschafter, darum kann der Colono -kein guter sein! In der Tat fehlt es ihm an allem, an Betriebskapital, -an vorteilhaften Geräten, an einem erfreulichen Viehstand und an der -Lust, irgend etwas zu verbessern. Was sollte er auch? Treibt sein Fleiß -und seine Intelligenz den Ertrag der Pachtgründe in die Höhe, dann hat -der Herr das größte, er selber das kleinste Interesse daran. - -Das Verhältnis des Grundbesitzers zum Colono ist im günstigsten Fall -ein patriarchalisches; man läßt ihn nie ganz verkommen; man ermutigt -ihn mit Pachtnachlässen, wenn Hagelschlag oder Dürre die Campagne -heimsucht; im ungünstigsten Fall aber, wenn der Grundbesitzer ein Mann -harten Rechts ist, waltet das Gesetz, und wehe dann dem Colono! Dann -hat er zu Zeiten wohl auch das rauhe Brot der italienischen Armut, die -Polenta, nicht mehr. - -Doch zuckt ein Morgenschimmer der Besserung über das Land. Der -transozeanische Westen ist das Ziel, dem hundert furlanische Herzen -entgegenklopfen, und es ist keine Frage, daß die genügsamen, braunen -Tieflandssöhne drüben noch eine Zukunft haben. - -Die Colonenhütten sehen mit ihren rauhen, schwarzen Mauern und -Hohlziegeldächern wenig wohnlich aus. Die viereckigen Löcher, in denen -keine Fenster sind und die des Nachts mit vorgestellten Brettstücken -geschlossen werden, geben ihnen etwas Ruinenhaftes im Ansehen. - -Allein es fehlt in den Dörfern des Friauls auch nicht an hübschen -Bauten, oft sogar sieht man freundliche Villen, und ein besseres -Bauernhaus, etwa dasjenige eines Verwalters, gewährt mit seinem hübsch -verzierten Portal, mit der Zysterne des Hofes, über die sich eine -schmiedeiserne Krone spannt, mit den feierlichen Zypressen oder einer -gewaltigen Linde, die den Hofraum beschattet, einen echt südlichen und -wohltuenden Eindruck. - -Entgegen der ersten Vermutung, der man beim Anblick der vielen -halbzerfallenen Hütten Raum gewährt, sind die furlanischen Ortschaften -sehr dicht bewohnt; zehn bis fünfzehn Personen sind unter dem gleichen -Hüttendach nicht selten. So zählt Monfalcone 4800 Einwohner; es hat -indes kaum mehr Häuser als ein schweizerisches Dorf von der halben -Bevölkerungszahl. - -Der furlanisch-italienische Volksschlag tritt im allgemeinen vor -demjenigen von Venedig an Schönheit und natürlicher Grazie zurück; -denn wenn der Furlaner auch einen Dialekt spricht, der sich noch mehr -dem Lateinischen nähert, als das Italienische selber, so rollt das -italienische Blut doch nicht mehr so rein durch seine Adern, sondern -ist mit slavischem und deutschem versetzt. - -Nur der flache Strand ist italienisch, und schon an den ersten -Vorflügeln des Karsts erstirbt der melodiöse Laut des Südens in der -konsonantenreichen windischen Sprache; das Volkselement der Italiener -weicht dem gelassenen, wie von einer Art Schwermut durchzitterten -slavischen Wesen. - -Der Gegensatz der italienischen und slovenischen Furlaner ist ebenso -groß wie derjenige zwischen Romanen und Germanen, wenigstens hier, wo -die Armut nicht das Leben ganz verkümmert, südliche Lebensfülle und -südliche Lust, glutäugige, braune Mädchen, dort ein stummer Duldermut, -ein tiefer fatalistischer Zug, blaßwangige Mädchen mit schlichtem Haar -und wasserblauen Augen. - -Arm, wie der zerrissene Felsboden, den es bewohnt, ist auch das -slovenische Volk. Wenn ein Fremder in ein solches Karstdörfchen kommt, -dann springen aus allen Häusern die Kinder daher. Die halbzerlumpten, -bleichen Gestalten werfen sich knielings in den Straßenstaub und -bitten, die Arme über die Brust gekreuzt, mit den kläglichsten Gebärden -um eine Gabe. Wirft man ihnen einige Kreuzerstücke zu, dann purzeln -alle in den Staub, lüften ihre Mützen und werfen dem Spender unter -beständigen Segenswünschen ihre Handküsse nach, bis er verschwindet. - -Nur der materielle Notstand des slavischen Colono läßt das Bild -begreifen. Noch größer als dieser ist der geistige, denn ich habe -es aus guter Quelle, daß in einigen dieser Karstdörfer selbst die -Bürgermeister nicht schreiben können. - -Wenn man auf der Rocca von Monfalcone steht, sieht man hinein ins -windische Land, Bühel an Bühel, unregelmäßig ohne bestimmte Richtung, -grau und nackt, nur in den Frühlingswochen mit einem schwachen Flor -sprießender Gräser überhaucht, sonst dürrer als eine Heide, eine -Felsenwüste. - -Das ist der Karst. Wandert man von der Rocca über die Karren des -Burghügels hinab, so kommt man an den kleinen See von Pietra rosa in -einem einsamen Tälchen. Das Ried, das ihn umkränzt, ist das einzige -Grün in dieser Steinwildnis. - -Das kleine Wasser und seine Umgebung mahnt an einen Alpensee unter -der Grenze ewigen Schnees, etwa im Gotthardhochtal; allein in Tat und -Wahrheit liegt es wenige Meter über der Adria, und wenn eine Springflut -den Golf von Monfalcone schwellt, dann steigt auch in diesem Becken die -Flut aus verborgenen Quellen auf, er ist ein kleiner Zirknitzersee und -war für mich das erste kleine Wunder des Karsts, des Gebirges, wo man -aus den Wundern nicht herauskommt. - -Doch hat das Seelein einen oberirdischen Abfluß und an diesem steht -eine kleine Mühle. Ihr Klappern ist der einzige Laut des stillen Tales. - -Eine Bodensenkung führt im Norden der Mühle weiter hinein in den Karst, -dessen Halden stellenweise ein mageres Eichengestrüpp bedeckt, und wir -kommen nach Jaminiano hinüber, einem kleinen slavischen Dorf, das mit -seinen elenden Hütten an der Halde eines Hügels klebt. - -Jaminiano bedeutet im Slovenischen »Ort bei der Grotte«, und in der -Tat liegt ein Viertelstündchen davon eine ~grotta di columbe~, eine -Taubenhöhle. - -Grotten gibt es im Karst fast so viele als Wasserfälle in den Alpen. -Die Höhle von Jaminiano ist nur eine von den zahlreichen, in denen -wilde Tauben ihr Geniste haben. Sie liegt nicht an einem Abhang, -sondern in der Sohle eines von Osten nach Westen laufenden Tals, -unfern eines kleinen Sees, und das Auge entdeckt von ihr nichts, bis -man hart an ihrem Eingang steht. Es ist dies ein zehn Meter tiefer -Felsenschacht, an dessen Rand ein kärgliches Gebüsche wächst. - -In dieser Kluft, in die man ohne Leiter und Seile nicht hinuntersteigen -kann, öffnet sich in der Richtung gegen das Meer eine Höhle. Horcht -man, so tönt aus derselben das »ruck, ruck, ruck« und das Girren -von etlichen hundert Tauben, von denen man erst einige zu Gesichte -bekommt, wenn man sie durch Steinwürfe oder besser noch durch einen -Pistolenschuß erschreckt. - -Die Tiere führen hier ein idyllisches Leben; doch machen sich hin und -wieder die Nimrode der Gegend den Spaß, daß einer von ihnen an Seilen -die Höhle hinunter gelassen wird und die friedliche Vogelkolonie in -Aufruhr bringt, während ihrer ein Dutzend mit gespanntem Hahn am Rande -stehen und, zusammenpaffend was möglich ist, unter den Tieren ein -Blutbad anrichten. - -Der See im Süden der Grotte hat keinen oberirdischen Abfluß; am Eingang -der Taubenhöhle aber hört man die abfließenden Wasser in verlorenen -Tiefen rauschen. Wer weiß, durch welche phantastische Tropfsteingänge -und Hallen sie ziehen, bis sie den Timavo, jenen aus den Uferfelsen der -Adria brechenden kurzen Strom erreichen. - -Als Andenken an den in Karrenfelder eingebetteten See von Dobredo und -die Taubengrotte habe ich mir die Zwiebeln einiger bis halbmeterhoch -werdenden Amaryllen und einiger Zyklamen, welche das stille Wasser -umblühen, mitgenommen. - -Doch nun zu größern Ausflügen. Drüben im Hof des »~Cotonificio -triestino~« knallt Antonio, der Kutscher, mit der Peitsche; dort -scharren Bubo und Plato, die treuen Tiere. Geht's nach Görz, der -furlanischen Gartenstadt, geht's nach Duino, dem gewaltigen Schloß -am Meer oder in den märchenträumenden Frühling von Miramare? -- Von -solchen vergnüglichen Fahrten plaudern die folgenden Blätter. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Österreichisch Nizza. - - -Es ließe sich mit Städtenamen und ihren Umschreibungen ein -stattliches Lexikon füllen; vielleicht ist auf keinem Gebiete die -schriftstellerische Paraphrase fruchtbarer gewesen als auf diesem, und -eine Reihe dieser umschreibenden Städtebezeichnungen sind Gemeingut -der Bildung geworden. Wer wüßte nicht, daß Amsterdam ein »nordisches -Venedig«, München ein »deutsches Athen«, Dresden das »Elbeflorenz«, -Montreux das »schweizerische Nizza« ist? - -Wo aber ist »österreichisch Nizza?« -- Es ist Görz, eine -küstenländische Stadt an der Linie Triest-Venedig; und das Verdienst -dafür, einen so schönen Namen aufgebracht zu haben, gebührt Baron -Czörnig, der ein umfangreiches Buch über die Stadt geschrieben hat. - -Gewiß liegt etwas Verlockendes in dem Namen, denn ein »Nizza« bedeutet -doch wohl milde Lüfte, steten Frühling, eine reizende Gegend, eine -schöne, fröhliche Stadt, kurz ein Paradies! Wer wollte nicht in einem -Paradiese sein? So dachte ich, und der Gedanke wurde zu einer frischen, -frohen Frühlingsfahrt über den Karst nach Görz. - -Bis Ronchi, dem westlichen Nachbardorf von Monfalcone, brausten die -beiden Apfelschimmel so feurig dahin, als gälte es einen Morgenbesuch -in Venedig; allein an den Karstklippen, durch die sich die Straße -zur Höhe emporwindet, brach der erste Schwung. Der Rückblick -auf die grünen, leise wogenden Campagnen des Friauls und das am -Horizont verdämmernde, ferne Meer, hielt das Auge noch eine Weile in -Spannung. Als wir jedoch die Höhe eines in die furlanische Tiefebene -vorspringenden Karstrückens hinter uns hatten, sahen wir nichts mehr -als die wüsten Klippen und Klüfte des vegetationslosen Gebirgs. In -seinem endlosen Grau bildeten nur die sich scheu in die flachen -Bodensenkungen duckenden, kleinen Getreidefelder und Baumkrüppel einige -Pflanzenoasen und erbarmungswürdiges Karstvieh, das nicht gedeiht und -nicht verkommt, suchte in den Felsspalten nach einigen grünbraunen -Halmen oder einem aufsprossenden Stäudchen. - -Die Straße senkte sich in ein von öden Hügeln eingerahmtes, wenig -bewohntes Tal, aus dessen Steinklippen hie und da ein Häslein die -Ohren reckte, und nach etwa einstündiger Fahrt erreichten wir die -frischgrüne, lachende Ebene von Görz, eine große, vegetationsreiche -Tieflandsbucht, welche die furlanische Ebene in die grauen, nackten -Gebirgszüge des Karstes sendet. - -Der Blick ist bemerkenswert schön wegen zwei hübschen Bauten. Zur -Rechten erhebt sich die Santa Scala von Merna, eine Kirche mit -Doppelturm auf freiem Hügel; zur Linken das liebliche Schloß Rubbia in -einem hellen Buchenschlag des äußersten Karstvorsprungs. - -Vor beiden zieht müde, mit keiner Welle plaudernd, als drückte sie -ein Geheimnis aus dem Berginnern, die Wippach, die einige Stunden -oberhalb Görz plötzlich als starker Fluß aus dem Gebirge quillt, -mit gelbgrünen Wassern dahin, um unterhalb Rubbia in dem schönen, -raschfließenden Isonzo aufzugehen. Jenseits des Wassers liegen Görz, -seine großen Fabriken und seine Vorstädte im weinreichen, nach Süden -geöffneten Kessel, und darüberhin die Felsenrücken der Isonzoberge. -Auf einem derselben, der das Tal des türkis-blauen Flusses gegen -Westen vollkommen abzuschließen scheint, schimmert ein großes, -kastellähnliches Haus, die Pilgerherberge des Monte Santo. Das ist -das Maria-Zell oder Maria-Einsiedeln des Küstenlandes, nach dem die -Italiener der Tiefebene wie die Slaven des Gebirgs mit gleicher -Verehrung und in großen Bußprozessionen wallfahrten. - -Merna, an dem wir eben jetzt vorüberkommen, ist der Schuhmacherort des -Friauls, denn wie nach altem Herkommen an dem einen Ort ausschließlich -Tischlerei, an dem andern die Töpferei, am dritten das Maurer- oder -Steinmetzhandwerk das Gewerbe der ganzen Dorfschaft bildet, so blüht in -Merna die Kunst der Fußbekleidung. - -Nachdem wir die Wippachbrücke passiert hatten, langten wir in Görz an. - -Eine Stadt mit 17000 Einwohnern kann nicht groß sein, aber doch manche -Sehenswürdigkeiten enthalten. Görz ist weder groß, noch durch letztere -merkwürdig; aber mit seinen vielen, schönen Gärten ist es eine ebenso -saubere als reizende Stadt. Wenn man über den geräumigen Marktplatz -geht und die ehrenfesten Bürger- und Patrizierhäuser sieht, dann fühlt -man's heraus, daß man sich in einer alten, deutschen Stadt befindet, -die durch den Zufall der Völkerverteilung in das schöne südliche Tal zu -liegen kam. - -Jahrhunderte lang eine deutsche Sprachinsel und von einem deutschen -Adel beherrscht, bewahrte sie zwischen italienischen und slavischen -Volkselementen das deutsche Wesen treu, bis sie ums Jahr 1500 unter -die österreichische Herrschaft kam. Allein mit dem steigenden Verkehr -nach dem Venetianischen und dem Zuströmen italienischer Kaufleute -und Handwerker, mit dem Verfall der Schulen im 17. Jahrhundert -gelangte, trotz des Protestes der eingebornen Görzer im Jahr 1626, -daß sie »echte, rechte, geborne, alte Teutsche« seien, im Ringen um -die Sprachoberherrschaft der südliche Wohllaut über das kräftige -germanische Wort zum Sieg. In steter Reibung mit dem alteinheimischen -Deutschen und dem Slovenischen hat sich die italienische Sprache immer -mehr befestigt, so daß jetzt 11000 Italiener und 4200 Slaven einem Rest -von 1800 Deutschen gegenüberstehen, die indessen durch ihre Bildung -und ihre soziale Stellung der deutschen Sprache einen dauernden Halt -sichern, so daß Görz die Stadt bleiben wird, wo sich drei Sprachen -stoßen. - -Deutsch ist in Görz der Mutterlaut, deutsch die Bildung und deutsch das -Bier. Diese drei haben mich in der Stadt am meisten gefreut. - -Über dem Marktplatz und der Altstadt steht auf einem nach allen Seiten -freien Hügel das durch Bastionen verstärkte, aber zum Teil verfallene -Kastell, das ehemalige Schloß der mächtigen Grafen von Görz, deren -Töchter selbst deutsche Kaisersöhne freiten. - -So war Elisabeth, die Gemahlin des Kaisers Albrecht, der durch die -Hand des Johannes Parricida fiel, eine Görzerin, und das »kühne, -unerschöpflich begierige Weib«, das sich nach dem Kaisermord zur -gräßlichen Rachefurie wandelte, mag, da es später als stille Büßerin in -der Klosterzelle von Königsfelden saß, wohl öfters der sonnigen Burg im -Isonzotal, wo sie ihre Jugend verlebte, gedacht haben. - -Als Gegenstück zu der mit Blut gezeichneten Geschichte dieser Frau -nimmt sich das Liebesidyll Emerentiens von Görz, die an der Wende -des vierzehnten zum fünfzehnten Jahrhundert gelebt, noch einmal so -freundlich aus. Ihre Brüder wollten sie nach dem Tode ihres Vaters in -ein italienisches Kloster schicken und wählten als ihren Begleiter -Balthasar von Welsberg, einen frommen und guten Ritter aus. Als aber -die junge, schöne Maid die lachenden Gefilde Italiens, die prächtigen -Städte und ihr fröhliches Leben sah, da wurde ihr beim Gedanken ans -Klosterleben düster zu Mut und schwer ums Herz und sie verhehlte -dem Ritter, der den stillen Gram gewahrte, ihre Leiden nicht. Herr -Balthasar war nicht unritterlich und die Worte der Dame gingen ihm -nahe. Statt ins Kloster führte er die schöne Anvertraute zu einem -Priester, der ihrem Bündnis die Weihe gab, und sie flüchteten sich ins -Tirol, wo sie zu Toblach im Pustertal in einer niedrigen Bauernhütte -Flitterwochen hielten. - -Allein die jungen Grafen von Görz erklärten sich gegen solches -Minneleben, sie wollten vor Welsberg ziehen. Da erschien irgend ein -geistlicher Herr -- die Kirche hat ihre Sache nicht immer so gut -gemacht -- löste alle Zwietracht in Frieden und laute Hochzeitsfreude -auf, so daß Herr Balthasar seiner Emerentia sagte: »Engel, ös ist -G'fahr vorbei.« - -Ein gewaltiges Stück mittelalterlicher Kriegsgeschichte ging mit den -Grafen von Görz an der Stadt vorüber, und hätte sie sonst keinen Ruhm, -so könnte sie auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen. - -Allein Görz hat eine blühende Gegenwart. Es besitzt am Isonzo eine -beträchtliche Industrie für Mahlprodukte, Spinnerei, Weberei und -Papierbereitung, einen bedeutenden Weinbau und einen lebhaften Handel, -eine Realschule und ein Obergymnasium, wo die italienischen Studenten -deutsche Wissenschaft einsaugen, ein geistliches Zentralseminar, dessen -gutgedrillten Zöglingsscharen und schwarzen Führern man an allen -Ecken der Stadt begegnet, woraus man die Gewähr dafür schöpfen kann, -daß im Küstenland die Milch der frommen Denkungsart nicht ausgeht, -eine Provinzialackerbauschule, in die man keine Coloni schickt, ein -Damenstift und einige Klöster, in welche man die ehe- und weltscheuen -Leute steckt, und einen Fürsterzbischof, der die Stadt segnet. - -Görz ist das südliche Pensionopolis Österreichs, die schöne, ruhmreiche -Stadt, wo die küstenländischen und krainischen Beamten und Professoren -im milden Glanz eines wohlverdienten Feierabends ihre Diäten -verzehren, Bier trinken, Zeitungen lesen, über das Wetter plaudern, -aber nicht politisieren; denn das hat ein Österreicher entweder nie -begonnen, oder längst verlernt, wenn er die kaiserliche Pension genießt. - -Es ist zur Legende geworden, daß ein Pensionär mit seinen Einkünften -nicht leben und nicht sterben kann; wenn aber ein Fremder von Görz -hinaus gegen den Isonzo wandert, so staunt er über die Villenpracht. -Das frische, kühlende Grün wohlgepflegter Gärten schaut in die -spiegelnden Scheiben; unter großen weitschattenden Bäumen plaudert -die Quelle; Marmorstatuen, wirkliche, wahrhaftige Antike von Aquileja -nicken im dunkeln Lorbeer, und Blumenmosaik schmückt mit leuchtenden -Farben das zarte Grün der Rasenbeete. Da wohnen wohl auch kaiserliche -Pensionäre, nur nicht die legendären, sondern jene, denen der Zufall -der Geburt schon eine Couponschere unter das Wiegenkissen gelegt. - -Diese herrlichen Villeggiaturen, denen ich in oberitalienischen -Landen nichts zu vergleichen wüßte, stellen dem Geschmack der reichen -Görzer das beste Zeugnis aus. Was mir an ihnen besser noch als die -Pinienschirme, die Palmenwedel und die Orangerien gefallen, das ist -das Blust unserer nordischen Obstbäume, das im ersten Frühling auf die -Kieswege dieser Gärten niederschneit. Görzisches Obst gilt bei den -italienischen Feinschmeckern als ein Leckerbissen. - -Auch der Arme von Görz muß sich nicht begnügen, zu sehen, wie -der Reichen Gärten blühen; denn die Stadt, die nun einmal einen -aufgeweckten Sinn für jedes mütterliche Lächeln der Natur bekundet, -hat einen wunderschönen Volksgarten, nicht nur einen dünnbestockten -Park mit ein paar krummen Wegen, sondern einen echten, wohlgepflegten, -öffentlichen Garten von südlicher Üppigkeit. Wenn sich dazu auf der -Stadtseite desselben der Blumenmarkt entfaltet, dann scheint für Görz -allerdings kein Name passender, als derjenige einer Gartenstadt. - -Wer wollte einen südlichen Blumenmarkt beschreiben? Der Name der -Gewächse ist das wenigste; die schweren Düfte, die leuchtenden Farben, -die sich in Worten nicht wiedergeben lassen, schon mehr; das wählende, -prüfende, feilschende Menschenkind, das sein Leben mit Blüten und -Grünem schmücken will, das meiste an seiner Poesie. - -Wo die Blumen so herrlich gedeihen, wie in Görz, mußte man mit -Naturnotwendigkeit zu der Frage kommen, ob da nicht auch dem -verwelkenden Menschenkind ein neuer Lenz erblühe, das in den rauhen -Klimaten nicht mehr fortkommen will. Görz ist klimatischer Kurort -und -- was nicht jede aufstrebende Stadt wagen würde -- es stellt -sich gleich neben Nizza. In manchen Dingen hat es das Wesen dazu, vor -allem einen angenehmen, dem nordischen Frühling gleichenden Winter, -der nicht einmal die Einstellung der Feldarbeiten bedingt, einen -gemäßigten Sommer, von dem die reinen, frischen Gebirgswinde die -italienische Schwüle fernhalten, eine herrliche Lage, welche nur wegen -ihrer nackten, grauen Gebirgsrahmen hinter der Schönheit irgend eines -südtirolischen Kurortes zurücksteht. - -Jetzt fühlt es indessen die Flut und Ebbe eines zu- und abströmenden -Fremdenkontingents noch nicht stark; der mehrsprachige Verkehr, die -engen gesellschaftlichen Verhältnisse der Kleinstadt, das Bestreben, -sie ganz in ein italienisches Kleid zu stecken, stehen einer raschen -Entwicklung des Touristenverkehrs entgegen; denn wo immer der Mensch -auch zu gesunden suche, verlangt er ein Stück lebhafter Geselligkeit, -und der Deutsche, namentlich der Deutsch-Österreicher, an den sich der -Kurort Görz wendet, ein ungebrochenes, gemütliches Volksleben, das er -eben in der italisierten Stadt vermißt. - -Ob sich nun der Traum eines »österreichischen Nizza« realisiere oder -nicht, die gärtenumrahmte kleine Stadt wird jeder ihrer Besucher mit -dem Eindruck lieblicher Schönheit verlassen. - -Allein nicht minder freundlich als die Stadt selber steht mir ein -Ausflug in ihre Umgebung, zum Isonzoschlund hinterhalb Salcano und eine -Besteigung des Monte Santo, die ich später einmal unternommen, vor -meinem Gedächtnis. - -Ich streifte hinaus zu dem Totenacker von Görz und weiter gegen jenen -nackten Felsenrücken, auf dem das Kirchenkastell des Monte Santo steht. - -Dann kam ich nach Salcano. Es ist eine kleine Ortschaft von 1400 -Einwohnern, mit zum Teil sehr alten, ansehnlichen Häusern, die sich am -linken Ufer des Isonzo aufreihen, der hier perlend und wogend aus einer -Gebirgsklause heraustritt. - -Salcano ist die Mutter von Görz. Als dieses selber noch nicht in die -Geschichte eingetreten war, blühte hier um die Wende des Jahrtausends -ein Grafengeschlecht, das seine Burg auf den jetzigen Kastellhügel von -Görz verlegte und damit Gründer der Stadt Görz geworden ist. - -Es geht so im Leben; die Tochter wächst der Mutter über das Haupt. Görz -ist eine Stadt geworden, Salcano ein Dorf geblieben. Die Ritterlichkeit -ist vergangen, die Naturherrlichkeit geblieben; denn hinterhalb Salcano -schäumt der prächtige, hellblaue Isonzo zwischen den steilen Halden -des Monte Santo und einem mit verbogenen Schichten aufragenden Vorberg -durch einen Engpaß, wie im Bündnerland der junge Rhein. - -Wo man die Schlucht und den tosenden Bergstrom am schönsten überschaut, -beginnt die Straße auf den Monte Santo. In einem Uferfelsen, zur -Rechten des aufsteigenden Wanderers ist eine Gedenktafel zu Ehren -ihres Erbauers, eines Herrn Joseph Koller, eingelassen, der sie in -zierlichen, immer weiter gegen Süden als gegen Norden auslangenden -Zickzacklinien sanft und sachte an der vegetationsarmen, klippigen -Berglehne emporgezogen hat, so daß es eine wirkliche Kunststraße ist. - -Der Monte Santo ist kein Riese. Er hat die mäßige Seehöhe von 645 -Metern; aber sein breiter, wenig entwickelter Felsrücken ragt immerhin -achtmal höher als der herrliche Campanile von Aquileja über die -Tiefebene empor. Diese liegt bei Salcano erst 85 Meter über Meer und so -ist er denn doch eine stattliche Bergerscheinung. - -Es war bereits Nachmittag, als ich von Görz her an den Fuß des Berges -gelangte. Nur der Vorsatz, das Isonzodefile zu sehen, hatte mich hieher -geleitet; aber nun wurde der Bergfex in mir lebendig, und das hat mich -nicht gereut. - -Ich benützte nur zum kleinern Teil die bequeme Straße des Herrn Joseph -Koller, sondern klomm die alten rauhen Pilgerpfade von Kapelle zu -Kapelle höher hinan. - -Die erste erhebt sich auf einer starken, nördlichen Gratsenke des -Berges, von der aus man zugleich in den romantischen Talkessel -von Salcano und in eine westliche Gebirgsmulde blickt, wo ein -Slavendörfchen in steiniger Gebirgseinsamkeit liegt. Vor der zweiten -lag ein Pilgrim auf den Knieen und betete seinen Rosenkranz. Es mußte -ihn beleidigen, daß ich nicht das gleiche tat; denn er warf mir, als -ich vorüberschritt, einen sehr zornmütigen Blick zu. - -Das böse Auge des Mannes gab mir zu denken. Hinter seinem Beten und -meinem Wandern lag ja eigentlich die nämliche Idee: Unser armes Sein -ein Weilchen von uns ab in den Schoß einer guten, großen Mutter zu -legen. Nur hatten wir unser Vertrauen zwei verschiedenen Müttern -zugewandt; er der schmerzenreichen, die einen Gott gebar und dafür in -den Himmel kam, ich der Natur, die aus Staub nur Staub geschaffen und -auf der Erde hat bleiben müssen. - -Ich dachte, ich stieg und kam zur letzten Kapelle. Da holte ich einen -zweiten Wanderer ein, der lesend fürbaß ging. Als ich eben grüßend an -ihm vorübergehen wollte, schaute er auf und rief mir ein lächelndes -»~Chi va piano, va sano~« zu. - -Das war der Anfang unserer Unterhaltung -- und je länger ich mit ihm -redete, desto merkwürdiger wurde mir der Mann; aber das Merkwürdigste -an ihm war seine Lektüre: »Lienhard und Gertrud.« - -Es tut immer wohl, wenn man die Schriftsteller der eigenen Nation von -Fremden gelesen sieht; ich konnte meine freudige Überraschung nicht -verbergen; sie zwang mich, dem kleinen, klug dreinblickenden Mann mit -den Augengläsern zu sagen, daß der berühmte Verfasser des Buches mein -Landsmann sei. - -Da trat er einen Augenblick prüfend vor mich hin. »Sie sind Schweizer!« -sagte er und ergriff meine beiden Hände. »Jetzt lasse ich Sie nicht -gleich wieder los. Bitte erzählen Sie mir von Ihrem schönen Land, -seinen herrlichen Bergen, seinem glücklichen Volk, seinen freien -Institutionen.« - -Die Begeisterung des slavischen Lehrers nötigte mir ein Lächeln ab; -aber ich fühlte, daß ein Ernst hinter seinen Worten liege, und wer -plaudert nicht gern vom Heimatland? Plaudernd kamen wir auf den -Gipfel, zu dem weitläufigen ehemaligen Franziskanerkloster, setzten -uns vor der Pilgerherberge zum Abendtrunk und schauten aus auf das im -Nachmittagsschein vor uns liegende Land, die Berge und das ferne Meer. - -Der Monte Santo ist ein südösterreichischer Rigi. Wunderhübsch ist -der Blick auf die Stadt Görz und den hinter ihr liegenden Coglio, -ein reizendes Hügelland, auf dessen Höhen weißschimmernde Kirchen -und Dörfer stehen. Darüberhin ragt im fernsten Osten der Krainer -Schneeberg, der zwar keinen Firn und keinen Gletscher, aber doch -bis weit in den Sommer hinein eine glitzernde Schneekrone trägt. -Von ihm aus ziehen sich in weiten Rundbogen, über die tannendunkeln -Höhen des Birnbaumer- und Tarnovanerwaldes aufgebaut, die zerrissenen -Gebirgsmauern und Kalkzinken der julischen und karnischen Alpen -gegen Nordwesten. Aus dem Chaos der Spitzen hebt sich östlich der -wildabstürzende Nanos, im Norden der Triglav, der scharfgezeichnete -Krn, und, durch das tief eingeschnittene Isonzotal davon getrennt, -der Monte Canin, der massige Rücken des Monte Matajur und dahinter -eine Menge fernblauender Häupter, die den italienischen oder gar den -tirolischen Alpen angehören. - -Dann weichen die Gebirge weit zurück und der Blick taucht in die -venetianische Tiefebene. Im Süden dämmern der Campanile von Aquileja, -die Lagune von Grado und der bleiche Schimmer der offenen See, im -Südosten der Golf von Monfalcone, jenseits desselben eine matte Helle, -die Stadt Triest, ein dunkler Wall, der Küstenhang von Istrien, der -sanft im Horizont erstirbt. - -Wer daheim an jedem schönen Tag die Hochalpen vor Augen hat, der weiß -mit den Kalkalpen nicht viel anzufangen. Ich schilderte meinem Slaven -einen Morgen auf der Wengernalp, den Blick auf Jungfrau und Silberhorn, -den steten Fall der Lawinen, die vor dem Beobachter donnernd ins -Trümmletental niederstäuben. Da fing der gute Mensch an zu seufzen: »O -nur einmal, einmal in die Schweiz! Allein es ist unmöglich.« - -Er malte mir Grau in Grau ein Bild des Lehrerlebens in einem slavischen -Dörfchen, die Armut bei einer Besoldung von 200 Gulden im Anfang und -bei einer wenig größern in den spätern Jahren, die Schulfeindlichkeit -der Grundbesitzer, das Vorurteil der Bauern gegen den Lehrer und -ihren tiefen Haß gegen den Schulzwang, die Laxheit der Behörden in -der Durchführung der Gesetze: kurz die ganze Leidensgeschichte eines -Streiters für die Bildung an einem Ort, wo er der einzige ist, der -dafür kämpft. - -»Ich bin«, sagte er, »keiner der ärmsten, denn ich habe meinen -allerdings kleinen Einkünften etwas väterliches Vermögen zuzusetzen; -aber für eine Schweizerreise ...« Er starrte melancholisch vor sich hin. - -Wir waren bereits zu lange gesessen; ich stand auf und wollte von dem -Lehrer Abschied nehmen. - -»So wollen wir nicht scheiden, mein Herr«, sagte er; »ich dachte mir -zwar auf dem Monte Santo zu bleiben, allein ich werde Sie ein Stück -Weges begleiten.« - -Meine Bitte, sich nicht zu bemühen, war erfolglos. Wir schritten wie -zwei alte Freunde plaudernd bergabwärts. Da begegnete uns jener hohe, -hagere Pilgersmann, den ich vor der untersten Kapelle hatte knieen -sehen und der, Gebete vor sich hinmurmelnd, hinkend bergaufwärts ging. - -»Wissen Sie, warum der arme Mann so schlecht geht?« fragte mein -Begleiter. »Die Pilgrime, die auf den Monte Santo wallfahren, pflegen -in ihre Schuhe einzelne Bohnen zu legen, die beim Gehen große Schmerzen -verursachen. Sie glauben dann von der Gottesmutter eher erhört zu -werden.« - -Als ich das vernahm, hatte ich dem Pilger seinen bösen Blick schon -verziehen. - -Bei der untersten Kapelle schied ich von dem slavischen Lehrer. -»Lienhard und Gertrud«, sagte er, »ist eines der wenigen deutschen -Bücher, die ich besitze; aber ich werde nie darauf zurückkommen, ohne -mit lebhaftem Vergnügen mich der schönen Stunde zu erinnern, die mir an -Ihrer Seite beschieden war. Grüßen Sie mir die Schweiz!« - -Er wandte sich gebirgseinwärts, ich auswärts. Der nächste Augenblick -hatte den einen dem Blick des andern entzogen. - -Als ich wieder in Salcano ankam, lag der Abendsonnenschein auf den -Klostermauern von Monte Santo. Unterhalb der Ortschaft steigt man auf -hohem, steilem Uferbord zu einer Fähre des Isonzo hinab. Da ließ ich -mich über den herrlichen, hellblauen Fluß ans rechte Ufer hinüberstoßen. - -Ein braunes, italienisches Mädchen saß mit mir im Kahn und wies mir -den Weg hinauf nach dem Schlosse San Mauro, das als hübsche Villa -über dem waldigen Ufer steht. Es war ein genußreiches Wandern durch -jungbelaubten Buchenwald, als ich im Abendschein, hoch über dem Fluß, -an einem Slavendörfchen vorbei, talabwärts schritt. Das Wellenspiel des -Isonzo, der hier in einem tiefen Bette strömt, mahnte mich an den Rhein -unterhalb seines Falles. - -Eine Brücke führt in der Nähe von Görz darüber hin. Im Dunkel des -Abends schritt ich darüber; ich dachte an den Pilger mit den Bohnen in -den Schuhen, an den slavischen Lehrer, an mein Heimatland, ich dachte -an so vieles; wer wollte gedankenlos wandern zur Frühlingszeit! - -Man hat -- ich kehre hier zu jener ersten Wagentour, die wir nach -Görz unternommen, zurück -- die interessanten Gebäude der Stadt bald -gesehen, und der Liebreiz ihrer Gärten prägt sich rasch in den Sinn des -Wanderers. Wir verließen es also am Spätnachmittag und fuhren hinaus -gegen den langen, prächtigen Viadukt, mit dem die Linie Venedig-Triest -das Tal des Isonzo überspannt. Jenseits desselben gelangten wir über -den Fluß in die offene venetianische Tiefebene hinaus, zu der die -Landschaft von Görz sich wie eine hügelumschlossene Bucht verhält. - -Am Ausgang dieses Tieflandwinkels liegt die Ortschaft Mainizza. -Hier stießen im Jahr 489 die beiden gewaltigen Recken der deutschen -Heldensage, der Herulerfürst Odoaker, der den letzten der römischen -Schattenkönige, den Romulus Augustulus, vom weströmischen Kaiserthrone -verjagt und selbst die Zügel des verrotteten Reiches ergriffen hatte, -und der Ostgotenkönig Theodorich in furchtbarer Schlacht zusammen. Hier -war es, wo der Stern des ersten germanischen Kaisers auf römischem -Thron ins Sinken kam. Im folgenden Jahr wurde er an der Adda wieder -geschlagen, im Jahre 493 von Theodorich in Ravenna belagert und zuletzt -durch dessen eigene Hand niedergestoßen. - -Gegenüber Mainizza grüßt wieder das prächtige Schloß Rubbia mit -blühendem Park, und zwischen beiden fällt die schleichende, trübe -Wippach in den lichten Isonzo. - -Eine undurchdringliche Staubwolke lag stets hinter unserm Wagen; denn -im Brand der italienischen Sonne hatten sich die furlanischen Straßen -handtief in Staub aufgelöst, der das Wandern der Fußgänger unerträglich -machte. Im Wagen litten wir weniger davon, und die Fahrt längs der -letzten Karstausläufer bis zu dem Städtchen Gradiska war in der -Abendkühle ein hoher Genuß. - -Dieses Städtchen, das im Jahr 1473 von den Venetianern zum Schutz gegen -die Türken gegründet wurde, war von der Mitte des siebzehnten bis in -den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts hinein der Sitz einer kleinen -Grafschaft. Jetzt ist sie mit derjenigen von Görz unter dem Namen der -»gefürsteten Grafschaft Görz und Gradiska« zu einem selbständigen -Kronland der österreichischen Monarchie vereinigt, das in Görz seinen -Landtag hat. - -Im Osten des Städtchens, das aus wenigen Häuserreihen besteht und -nur 1500 Einwohner zählt, sind noch achtunggebietende Reste der -venetianischen Festungswerke, eine düstere Stadtmauer mit zwei -ungemein festen Bastionen und einem dunkeln, engen Tor. Die früher -davor liegenden Außenwerke sind im Laufe dieses Jahrhunderts einem -ungewöhnlich großen, öffentlichen Platze gewichen, der mit seinem -angenehmen Kastanienschatten und seiner hübschen Rotunde nicht nur dem -kleinen Gradiska, sondern mancher größern Stadt wohl anstehen würde. - -Auf der andern Seite des Städtchens steht hart am Isonzo ein großes, -weithin sichtbares Gebäude, das zu einer Strafanstalt für schwere -Verbrecher umgebaute Schloß, dessen jetzigen Insassen wenigstens -ein Schönes von der Welt geblieben ist: ein entzückender Blick ins -südösterreichische und italienische Gebirge. - -An den hübschen Villen im Norden des Städtchens vorbei fuhren wir längs -des Isonzo dem schlanken, zierlichen Campanile von Villesse entgegen; -allein ehe wir ihn erreichten, bog der Weg wieder über den Isonzo. Er -ist hier lange nicht mehr der hübsche Fluß wie beim Austritt aus dem -Gebirge. In einem wohl fünfmal breitern Becken als jenem bei der Fähre -von Salcano wirft er sich zwischen vielen Kiesbänken bald ans eine, -bald ans andere Ufer und reißt den Ebenenbewohnern zur Linken und -Rechten die besten Humusgründe weg. - -Er hat deswegen bei seinen Anwohnern einen übeln Ruf; allein was fragt -er darnach, denn er hat seinen Plan. Mit all den Erdpartikeln aus dem -Gebirge und der Ebene will er sich eine Brücke mitten durch den Golf -von Monfalcone nach dem wunderschönen Schloß von Miramare hinüberbauen. - -Vielleicht ist's ein Jugendtraum, vielleicht ist's mehr. Der Isonzo -kann noch etwas leisten; denn wie ich früher ausgeführt habe, ist er -ein Kind gegenüber den uralten Strömen des übrigen Europa und der -jüngste Fluß unseres Kontinents. Eine lange Holzbrücke führt nach -Sagrado, einem freundlichen Dorf, das eine große Gerberei und viele -Landhäuser mit lauschigen Gärten hat. - -In einer halben Stunde -- in Roncchi -- hatten wir den Zirkel unserer -Fahrt beendet. Am frühen Abend waren wir wieder in Monfalcone. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Aquileja. - - -Eines Tages im Jahr 182 v. Chr. standen die Väter zu Rom früher auf, -als sie sonst zu tun pflegten; denn der Fall war ernst: Die Kelten und -Illyrier, die bislang in den julischen Bergen und Wäldern gesessen, -zeigten Lust, sich in den venetianischen Gefilden längs der Adria -niederzulassen. - -Das war die Sorge der Väter zu Rom. - -Sie schickten drei angesehene Männer mit einigen Priestern in den -italienischen Osten, und als diese an jenen flachen Strand und Winkel -kamen, wo -- um mit den jetzigen Namen zu reden -- der triestinische -aus dem venetianischen Golfe tritt, pflügten sie mit einem Ochsen auf -einer breiten Landwelle, etwas abseits vom Meer, ein Viereck aus, -das ein Quadrat sein sollte und eins war. Da trat P. Scipio Nasica, -einer der drei Abgesandten, in das Pseudoquadrat, erklärte ernst und -feierlich: »Hieher kommt eine Stadt!« Die Priester fielen mit heiligen -Messern über die Opfertiere her, spritzten das warme, rieselnde Blut -auf den umgepflügten Grund, weissagten aus den Eingeweiden, reckten die -Hände empor und flehten von den unsterblichen Göttern Gedeihen herab -auf die Stadt. Da flog ein Storch, der in den Meerbinsen gefischt, über -die Gegend, und sein Schatten fiel auf die Priester. Das war nicht gut; -denn Störche haben später die Stadt verraten. Sie hieß Aquileja! - -Dreitausend Kolonisten bebauten den ~ager colonicus~ um sie her; die -Kelten und Illyrier sahen aus achtungsvoller Entfernung zu und in -langer Friedenszeit gedieh die Stadt herrlich empor. Als Augustulus -seine ganze Herrscherhuld auf das blühende Gemeinwesen ausgoß, als -er an das alte Aquileja ein neues, prächtiges fügte, in dessen Kranz -stolzer Monumentalbauten der stolzeste Palast sein eigener war, den er -mit der schönen Livia bewohnte, da war der Stadt ein liebliches Los -gefallen. - -Großartige Bauten schmückten sie, und ein reiches Bürgergeschlecht -erging sich in der Kühle aufrauschender Brunnen oder im Anblick -reizender Marmorbilder, die auf Kapitol und Forum standen. In -schimmernden Tempelhallen wachten die vestalischen Jungfrauen am ewigen -Feuer, opferte das Volk dem Jupiter tonans und Ceres, der gütigen -Göttin; das höchste Ansehen aber genoß Apollo Belenus, der gewaltige -Sonnengott, dem die Stadt gewidmet war. Mit hochragenden Standarten -zogen im Jubel der Fanfaren Kohorten und Legionen aus den weitläufigen -Kasernen nach den fernen, nordischen Standquartieren oder schifften -sich auf der Flotte, deren Mastenwerk vom Meer zur Stadt herübergrüßte, -nach dem blühenden Osten ein; denn Aquileja war vor allem eine -Militärstadt, ein mit Mauern und Türmen befestigtes Bollwerk und -Ausfalltor gegen die im Osten und Norden drohenden Barbaren, ein -Schlüssel des römischen Reichs. - -Hinter den siegreichen, römischen Legionen her zogen die -Kaufmannskarawanen, zwar nicht der Römer -- denn diese hielten -bekanntermaßen den Handel unter ihrer Würde -- aber diejenigen -unternehmender Griechen und Orientalen, die in Aquileja ihre -Niederlagen hatten, und dem Norden Europas die Erzeugnisse des -Morgenlandes vermittelten. So war Aquileja im Altertum die Königin der -Adria, eine Metropole des Welthandels, wie es ihr Kind, das prunkende -Venedig, im Mittelalter wurde. An ihrem Strand entfaltete sich der -Schiffsbau, in ihren Mauern die Waffenfabrikation, die Leinen- und -Wollindustrie, die Purpurfärberei, welche die Gewänder der Könige und -Kaiser lieferte, die Glasfabrikation und die mannigfaltigen Zweige des -antiken Kunstgewerbes. - -Als Aquileja unter den Kaisern Trajan und Hadrian den Zenith seiner -Machtfülle erreichte, war es eine der neun größten Städte des -Römerreichs und unter den neun -- die Hauptstadt ausgenommen -- die -reichste, so daß die Dichter und Schriftsteller jener Zeit mit den -Ausdrücken höchster Bewunderung von ihrer Schönheit reden. Da soll es -gegen eine halbe Million Einwohner gezählt und die aus dem Grün der -Laubkronen schimmernden Villen der Vornehmen es stundenweit umgeben -haben. - -Die nationale Toga der Römer und die Palla der Römerin trat in dem -antiken Emporium der Adria vor der Menge fremdländischer Trachten -zurück; denn alle reichen Grundeigentümer und Kaufleute aus Kleinasien -und Nordafrika strömten nach der Eroberung jener Länder durch die -Römer nach Aquileja. Denkt man sich nun die Kontingente germanischer, -gallischer und illyrischer Soldaten dazu, die sich durch den prunkenden -Adel, die geschäftige Handelswelt und das Proletariat bewegten, so -haben wir ein anziehendes Bild seines Menschengemenges, das von allen -Enden der damaligen Welt zusammengewürfelt war. Jeder fand in Aquileja -seine Rechnung, der Marktschreier und der Müßiggänger, der Schauspieler -und der Gladiator, der Lustigmacher und der Schmarotzer, und der -heitere Epikuräismus der Kaiserzeit bot in Theater, Amphitheater und -Zirkus den raffiniertesten sinnlichen Genuß, in marmornen Bädern die -Liebe und in kühlen, rebenumgrünten Tabernen den Wein. - -Allein an Zeitläufen, wo die Bacchanalien und die laute Freude eines in -seinem Reichtum schwelgenden Volkes im Ernst der Ereignisse unterging, -hat es auch in Aquileja nicht gefehlt. Wenn es auch in den ersten -drei Jahrhunderten seines Bestehens das Glück eines steten, tiefen -Friedens genoß, so ist doch außer Rom keine Stadt so oft durch Krieg, -Plünderung, Raub und Mord heimgesucht worden wie Aquileja, die östliche -Feste des Reichs. - -Zum erstenmal wurde es im Jahr 172 von den Markomannen und Quaden -bedroht, deren Macht sich indessen wirkungslos an der Festigkeit seiner -Mauern brach. Im Jahr 237 erfuhr es durch den Tribun Maximinus eine -Belagerung großen Stils. Er war wegen seiner Härte und Grausamkeit vom -römischen Volke als Kaiser abgelehnt worden und umzingelte nun die -Stadt in wildem Ingrimm mit einem furchtbaren Heer. Sie ging siegreich -und mit dem Ruhm einer Retterin Italiens aus dieser Prüfung hervor. -Vom Jahr 340, wo sie im Kriege, den die Söhne Constantius des Großen -gegeneinander führten, eine Belagerung glücklich bestand, folgten sich -die Umzingelungen fast Schlag auf Schlag. Schon 361 lag Julianus, der -Apostat, der sich gegen Constantius empört, mit einem Heer vor ihren -Mauern, 383 und 384 kämpfte Theodosius auf ihrem ~ager colonicus~ seine -Kriege gegen K. Maximus und den Usurpator Johannes, im Jahr 400 wurde -sie von Alarich, 406 von Radagais, 408 von den Vandalen geplündert. - -Wohl waren das herbe Prüfungen für den Wohlstand Aquilejas; aber seine -Fundamente erschütterten sie nicht, und der aquilejensische Adler stieg -immer wieder kraftvoll aus den Schreckensjahren auf. - -Da kam -- fast wie ein Blitz aus heiterm Himmel -- sein Untergang. Es -war im Sommer des Jahres 452, als Attila »Godegisel« aus Pannonien -her seine Hunnenhorden gegen Aquileja wälzte. Es fand unter seinem -tapfern Oberbefehlshaber Cajus Menapius kaum Zeit, seine Festungswerke -auszubessern, und das Landvolk der Umgebung floh entsetzt ins Gebirge -und auf die nahen Lagunen. Drei Monate dauerte die Belagerung, ohne daß -für die Belagerer ein Erfolg abzusehen war. - - »Da wurden die Hunnen sturmmüd und wollten endlich fort, - Doch Attila, ihr König, ritt um die Mauern dort. -- - Da rief er seinem Heere: Schaut zu den Giebeln dort, - Von allen Genisten ziehen die weißen Störche fort. - Sie wissen, wie bald in Flammen hinuntersinkt die Stadt, - Drum auf zum neuen Sturme, wer Händ' und Füße hat. - Da flogen die Feuerpfeile, da rannten die Widder an. - Und von den Mauern stürzten die Trümmer nicht dann und wann, - Nein, immer! Vom Hunnensturme wankte die ganze Stadt - Als wie ein Schiff im Meere, das keine Segel hat. - Aquileja, Aquileja wurde so berannt, - Daß man nichts als die Stätte und nicht die Stätte fand!« - - A. Kopisch. - -Die frische, tauige Morgenfrühe, die schönste Tagesstunde des -sonnenreichen Südens, lag über den unabsehbar weiten Campagnen des -Friauls, und die Laubkronen nah und fern wogten, ein Meer von Grün, -im leichten Wind. Wiehernd holten die beiden feurigen Pferde aus; -wir flogen leicht und rasch, eine kleine Gesellschaft, dem großen -Römerkirchhof Aquileja entgegen, wo die gewaltige Stadt mit ihren sechs -Jahrhunderten römischen Kulturlebens, ihr reiches, übermütiges Volk -ohne Zukunft und ohne Auferstehung verscharrt im Sand der Tiefebene -liegt. - -Man berechnet den Weg von Monfalcone nach Aquileja zu vier bis fünf -Gehstunden; unsere Pferde legten ihn in der halben Zeit zurück. - -Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus; die Nähe einer großen -Stadt fühlt der Wanderer, lange ehe er ihre Türme und Kuppeln sieht; -daß aber auch eine tote, verscharrte fast anderthalb Jahrtausende -nach ihrem Untergang noch mit den letzten Resten alter Lebensfasern -stundenweit über ihr ehemaliges Weichbild hinausgreifen würde, hätte -ich nicht gedacht. - -Allein sobald man jenseits des Isonzo kommt, spürt man die Nähe -Aquilejas deutlich. Sowohl in den schattigen Parks einiger -Villenpaläste als an den halbzerfallenen Pächterhütten, die an der -Straße stehen, begegnet der Blick den seltsamen Fundstücken aus der -römischen Stadt. Basaltsäulen stehen an monumentalen Toreingängen, -zierliche Aschenkrüge in den Rosenbeeten; nickende Faune und weibliche -Götterbilder an den Parkwegen, Tritonen und Nimphenstatuen an den -Teichen. Marmorfriese sind als Schmuck in die Mauern der Colonenhütten -eingelassen; Inschriftenblöcke liegen als Ruhebänke neben den Türen, -Grabvasen, die vielleicht einst den Staub einer edeln Römerin geborgen, -sind zu Futterbecken des Geflügels geworden; überall begegnet man -jenen roten tönernen Urnen, die auf dem ehemaligen Grund der Stadt zu -Tausenden und Tausenden gefunden werden. - -Man kann dem römischen Altertum keine größere Ehrerbietung erweisen, -als diejenige, daß man mit seinen Reliquien den Palast und die Hütte -der Gegenwart schmückt. - -Immer mächtiger steigt der herrliche Campanile von Aquileja aus grüner -Flur, und immer gewaltiger löst er sich aus der Bläue des südlichen -Horizonts. Wir sind in Fiumecello, fünf Minuten später in Monastero, im -Bereich des alten Aquileja! - -Halten muß hier Roß und Rad; nicht bloß deswegen weil Monastero eine -der ausgiebigsten Fundstätten römischer Altertümer ist und nicht -deswegen, weil hier das Vollendetste, was das römische Aquileja -an Architektur besaß, das Hadrianeum stand, sondern weil Monastero -ein Landgut ist, wie es im Friaul nicht zweie gibt, eine agrikolare -Musteranstalt des neunzehnten Jahrhunderts auf dem klassischen Boden -des Altertums. Es gehört den Herren von Ritter, den Fabrikanten in Görz. - -Schon der weite Hofraum des reichen Herrensitzes ist nicht ganz -gewöhnlich, denn längs des Wohnhauses wie der Ökonomiegebäude, die -ihn einrahmen, ist eine antiquarische Ausstellung, hinter der manches -große, nordische Museum zurückbleibt. Sie enthält zwar nur die -rudimentärsten der Fundstücke von Monastero: zerbrochene Säulenstümpfe, -jonische, dorische, etruskische und korinthische Kapitäle, -Inschriftenblöcke, Sarkophage, Urnen und Marmortorsen. Das Beste -der aus dem Grund von Monastero aufgepflügten Reste, die herrliche -von Rittersche Sammlung, ist leihweise an das Museum zu Aquileja -übergegangen. - -Ein Aufseher des Landgutes hatte die Freundlichkeit, uns die andere -ebenso große Sehenswürdigkeit der Villeggiatur -- ihre Ställe -- zu -zeigen. - -Ein Viehstall in Monastero ist gegen viele tausend menschliche -Wohnungen im Friaul ein Palast, und wären nicht die schönen Tiere, -deren zu einem Hundert dort stehen, der Hauptschmuck der hallenartigen -Gebäude, dann würde es ihre Reinlichkeit sein. - -Besonders hübsch ist der Kuhstall, wo das Vieh in zwei Reihen die -breitgestirnten Köpfe gegen einander kehrt. Man sieht im Berneroberland -keine schönern Tiere, als wenn man auf einer bequemen Rampe längs -der prachtvoll gehörnten Köpfe des hellfarbigen Ungarviehs oder der -gefleckten Emmentalerkühe dahinwandert. Hinter jedem der Tiere hängt -eine Tafel an der Wand, aus der nicht nur der Zivilstand desselben, -sondern auch der tägliche Milchertrag notiert ist. Sinkt bei einem -Tier der letztere unter ein gewisses Minimum, dann ist's seinem Los -verfallen; es wandert hinüber in den Schlachtviehstall, wo bereits -eine stattliche Schar schwerster Mastochsen und rundlicher Kühe sich -behaglich den Tod anfüttern. - -Ein flüchtiger Blick noch in den Pferdestall, wo neben den -großknochigen Ackertieren die edelsten Ganzhufer des Friauls stehen, -schlanke, feurige Tiere; ein Blick noch in die dem Landgut zugehörende -Mühle, wo eintönig die Reisstampfen klopfen -- und fort geht's von -Monastero. - -Aquileja, das moderne Aquileja ist nah, und neben dem Campanile wächst -bereits der ehrwürdige Patriarchendom aus der Campagna. Da fahren -wir, da sind wir, allein das Aquileja unserer Tage, das ungefähr 1750 -Einwohner zählt, hat vor jedem andern furlanischen Nest nichts voraus -als seinen herrlichen Dom und daß es ungefähr den Ort bezeichnet, -wo die marmorschimmernde, römische Stadt gestanden, von welcher der -Dichter Aug. Kopisch in seinen wuchtigen, knorrigen Nibelungenversen so -treffend sagt, - - »Man nichts als die Stätte und nicht die Stätte --« - -findet. - -Es ist poetisch schwungvoll, daß er diese Tatsache in unmittelbare -Beziehung zum Hunnensturme setzt; allein die Geschichte ist grausamer -als die Dichtung. Wohl hat jene entsetzliche Zerstörung, in der -37000 Menschen das Leben verloren, jener langandauernde, an den -Untergang Karthagos erinnernde Brand, dem Attila vom Kastellhügel -zu Udine bewundernd zugesehen haben soll, das römische Aquileja -tödlich getroffen. Allein eine so gewaltige Stadt stirbt auch im -wildesten Völkertumult nicht auf einen Schlag und der Todeskampf der -altadriatischen Königin hat Jahrhunderte, hat ein Jahrtausend gedauert; -ja sie hat -- der ehrwürdige Dom ist das beredteste Zeugnis dafür -- -eine Periode gezeitigt, die einem halben Wiederaufleben glich. - -Der Fall Aquilejas war eine Katastrophe. Sie kam und war zu Ende. -Als die Trümmer der unglücklichen Stadt noch rauchten, wälzten sich -die asiatischen Horden bereits von dannen; auf den Lagunen des -venetianischen Südens aber lebten noch Tausende ehemaliger Bewohner, -Frauen, Kinder und Priester und wohl auch noch beträchtliche Scharen -wehrhafter Männer, die sich im allgemeinen Sturm zum rettenden Meere -durchgeschlagen hatten. - -Als nach Tagen, Wochen, Monaten des Zitterns und Zagens und des -allgemeinen Schreckens wieder etwas vom alten Lebensmut in die auf -den Inseln zerstreuten Aquilejenserhaufen kam, Trüpplein um Trüpplein -sich wieder aufs Festland hinüberwagte, da mag sich auf den Trümmern -der alten, schönen Heimat manch eine rührende Wiedersehensszene, wo -Totgeglaubte auferstanden, zugetragen haben. - -In diese furchtbar ernsten Tage der Sammlung hat der Humor der -Geschichte eines seiner heitersten Stücklein geflochten, die -Erzählung von den ungetreuen Frauen Aquilejas, die, ihre Männer -erschlagen wähnend, so rasch eine zweite Ehe eingingen, daß manche der -Aquilejenser bei ihrer Rückkehr die Frauen im Haus eines neuen Gatten -fanden. Die Verzweiflung war groß, denn die Treulosen weigerten sich, -ihre erste Ehe zu Recht zu erkennen. Da wandten sich die Männer an den -heiligen Vater zu Rom, und kraft seines Amtes zu binden und zu lösen, -erklärte er die zweite Ehe der aquilejensischen Frauen für nichtig. - -Langsam bevölkerte sich Aquileja wieder und ein halbes Jahrhundert nach -seinem Fall fristete es wieder ein ziemlich behagliches Dasein. Noch -ein halb Jahrhundert später wurde es unter Narses, dem griechischen -Reichsvikar, wieder eine Festung, über die, ehe das erste Jahrtausend -unserer Zeitrechnung voll wurde, wieder ein Dutzend Plünderungen -ergingen. - -Allein weder die Hunnen, noch die Germanen und Slaven, welche es später -bedrängten, waren die grausamsten Feinde der zwischen Leben und Tod -ringenden Stadt. Das war das werdende Venedig! - -In jenen Zeiten unmittelbar nach dem Untergang Aquilejas, wo -der Völkersturm in den wildesten Stößen von den Alpen zum Meer -niederbrauste, wagte es nur ein kleinerer Teil der Lagunenflüchtlinge -dauernd in die Stadt zurückzukehren. Die meisten blieben auf der -südvenetischen Inselgruppe und gründeten hier eine Reihe kleiner, -demokratischer Gemeinwesen. Unter diesen erwies sich dasjenige auf den -drei größten Inseln, dem Rialto, Malamocco und Torcello, besonders -lebenskräftig. Aus ihm entstand im Anfang des neunten Jahrhunderts -Venedig, die Tochter Aquilejas. - -Diese Tochter, die nachmals im Schmuck ihrer Paläste so wunderherrlich -prangte, hat ihre Mutter bei noch halblebendigem Leibe beerbt und ist -zur Hyäne des Schlachtfeldes von Aquileja geworden! - -Zwar hatten schon nach dem Untergang der Stadt die Lagunenbewohner -angefangen, mit ihren Barken die kostbaren architektonischen Reste nach -den neuen Niederlassungen überzuführen; aber erst die Dogenresidenz, -die hartherzige, eigensüchtige wagte es so recht, Hand an die -Mutterstadt zu legen, sie im vollsten Sinn des Worts als Steinbruch für -ihre Markuskirche, für alle jene Bauten, mit denen Venedig heut noch -den Fremden entzückt, auszubeuten. Damit hatte sie das böse Beispiel -für alle Städte im venetischen Land gegeben, so daß der heilige Paulin -in einem lateinischen Liede klagt, Aquileja werde in alle umgebenden -Länder verkauft; selbst die Toten hätten nicht Ruhe und würden -ausgeworfen wegen des Schachers mit Marmor. - -Dadurch ist es begreiflich, daß von dem ganzen großen, marmorprunkenden -Aquileja kein Turm und kein Tor, von seinen Amphitheatern, Theatern, -Tempeln und Villen auch nicht eine Ruine auf uns gekommen, kein Stein -auf dem andern geblieben ist und daß dasjenige, was man über die -Topographie des alten Aquileja Sicheres weiß, verschwindet vor den -weiten Gebieten, über welche die Vermutung und die Phantasie ihre -Flügel schlägt. - -Obgleich sich schon vierzehn Jahrhunderte in den Gräberraub von -Aquileja teilen, ist die Stätte noch nicht erschöpft. Manches haben -die ehemaligen Bewohner vor dem Zusammenbruch der Stadt, manches hat -die Natur selbst in furchtbaren Überschwemmungskatastrophen in den -Schoß der Erde geborgen, und nur zögernd aufersteht vor dem Stoße der -Pflugschar die Antike. - -Allein sie aufersteht! Die Obelisken mit ihren ägyptischen -Hieroglyphen, die riesenhaften Götter- und Kaiserstatuen, die Säulen -aus parischem und numidischem Marmor richten sich wieder auf; aus den -bildgezierten Sarkophagen stäubt die Asche in die Luft; die Mosaikböden -glänzen wieder im Schmuck ihrer farbigen Steine; aus den Topfscherben -rollen die Münzen mit ihren Kaiserbildnissen; das Kind des furlanischen -Bauers spielt arglos mit den Geheimnissen des antiken Frauengemachs, -oder schmückt sich einen Augenblick mit dem silbernen oder goldenen -Geschmeid der Römerin. - -Aquileja ist ein anderes Pompeji, nur mit dem Unterschied, daß hier -systematische Grabungen erst sehr spät gemacht worden sind, daß es -meist dem Zufall und dem aquilejensischen Bauer vorbehalten blieb, die -Steine, »welche redend zeugen«, aus dem Schutt der Jahrhunderte zu -ziehen. - -Manche der Funde verdankt man wohl der anmutigen Sage vom ~pozzo -d'oro~, dem Goldbrunnen. - -»Lange bevor Aquileja unterging«, -- so lebt sich im Friaul die -Erzählung fort, -- »haben gottbegnadete Seher die Zerstörung der -Stadt in ihren Weisssagungen verkündet. Da ließen die Väter der -Stadt, die Wucht des Schicksals zu mildern, einen ungemein tiefen, -verschließbaren Brunnen bauen. Sie bestellten zwei ihrer Angesehensten -zu Schlüßlern desselben und verordneten, daß jeder Bürger Aquilejas -von seinem Reichtum einen Teil in die Tiefe des Schachtes werfe, damit -dereinst, wenn das Verhängnis hereinbreche, ein Fonds zum Wiederaufbau -der Stadt vorhanden sei. In edelm Wetteifer gaben die Einwohner ihr -Bestes hin, was sie zu Hause an Edelsteinen und Perlen, an Gold und -Silber besaßen, um den Schatz im Goldbrunnen zu mehren. Glückliche -Eltern brachten bei der Geburt eines Knaben ihre Weihegeschenke; -liebende Paare widmeten, ehe sie vor den Altar traten, die Geschmeide -ihrer Jugendzeit, Gewissensbeladene schenkten reiche Sühnopfer, -Sterbende einen Teil ihres Vermögens der Brunnenstiftung. So häufte -sich im Schacht ein unermeßlicher Reichtum, der zum Bau eines neuen -herrlichen Aquileja vollauf genügt hätte. Im Vertrauen darauf sahen -die Bürger dem lang dräuenden Verhängnis ruhiger entgegen. Allein als -dieses kam, da wurden die Schlüßler von den stürzenden Stadtmauern -erschlagen und die Stadt so verwüstet, daß selbst die Überlebenden die -Stelle, wo der Goldbrunnen gewesen, nicht mehr erkannten. Darum konnte -Aquileja nicht wieder aufgebaut werden. Der Brunnen ist verschollen; -noch niemand hat ihn entdeckt.« - -So sehr hat sich diese Sage ins furlanische Volk eingelebt, daß die -Grundbesitzer in der Gegend von Aquileja bis in die neueste Zeit hinein -es nie unterließen, sich beim Verkauf eines Landstückes durch die -Klausel des ~pozzo d'oro~ das Anrecht auf den Schatz im Goldbrunnen -zu sichern, wenn dieser zufällig im veräußerten Grunde entdeckt werden -sollte. - -Wie über den Ausgrabungen, so hat auch über dem Schicksal der -Fundgegenstände der Zufall, fast möchte ich sagen der gleiche -Fluch gewaltet, der im Mittelalter die oberirdischen Baudenkmäler -Aquilejas in alle vier Winde verschleuderte. Wollte man zu einigen -der Statuen, deren Torsen in Aquileja liegen, die ergänzenden Glieder -zusammenbringen, so müßte man den einen Arm im Mauerwerk einer -furlanischen Hütte, den andern in einem Palaste Venedigs, die Hand in -der Raritätenkammer eines englischen Schlosses, den Fuß in irgend einer -archäologischen Sammlung Frankreichs suchen, während die übrigen Reste -selbst in ihren kleinsten Teilen nirgends mehr zu finden wären, da sie -zu Mörtelkalk verbrannt worden sind. Wie reich aber auch jetzt noch die -Funde in Aquileja sind, mag die eine Tatsache verdeutlichen, daß Kenner -einzig die Anzahl der geschnittenen Edelsteine, die im Laufe des 19. -Jahrhunderts dort gefunden wurden, auf zehntausend Stücke schätzen, daß -jetzt noch Jahr für Jahr zwanzig und mehr Inschriftentafeln, Hunderte -von Graburnen und Glasgefäßen, Kannen, kleine Bronzen, Bein- und -Bernsteinfiguren, Terracottasächelchen und ganze Reihen von Skulpturen -ohne systematische Nachgrabungen aus der Erde gehoben werden und daß -der Fremde sich jetzt noch für wenige Gulden eine hübsche Sammlung -antiker Münzen, Bronzen und Töpferprodukte erwerben kann. - -Der erste Sammler aquilejensischer Altertümer war Joh. Dom. Bertoli, -der im letzten Viertel des 17. und in der ersten Hälfte des 18. -Jahrhunderts als Domherr zu Aquileja lebte. Seither hat es immer -einsichtige Privaten gegeben, welche die ausgegrabenen Marmorbilder, -wenn es möglich war, ihrem gewöhnlichen Schicksal, zu Mauersteinen -zerschlagen oder zu Kalk verbrannt zu werden, entzogen. - -Immer war die Möglichkeit nicht da. Kein moderner Palast ist aus -kostbarerem Material gebaut als manche der elenden Pächterhütten in -Aquileja; allein weitaus das grellste Bild aus dem Kapitel bäuerlicher -Barbarei ist der Stall eines Signore Moschettini. Ein solcher steht -wohl in der ganzen, weiten Welt nicht mehr, und an Originalität kann -sich kein Antikenmuseum der Erde mit ihm messen. - -Seine Mauern samt und sonders sind aus einem Trümmerchaos von Statuen, -Säulen, Gedenk- und Inschriftentafeln, Sarkophagen und Mosaikböden -aufgebaut. Götterköpfe, Aphroditenleiber, Füße und Hände von Marmor, -Säulenkapitäle, Kolumbarien sind zu diesem Zweck in handliche Stücke -zerschlagen, vermauert und nach außen mit altchristlichen Grabsteinen, -Inschriftenplatten, Aschenbehältern, Kaiserbildern, Medusenhäuptern -und Büsten von Göttinnen belegt worden. Selbst das arme Hirn eines -Geisteskranken könnte nicht so tollen Widersinn erdenken, wie an diesem -Gebäude der Mörtel zusammenleimt. Es könnte einen Hypochonder zum -Lachen bringen, einen Kunstschwärmer in Verzweiflung treiben, dieses -zu Kraut und Rüben gemengte, zerschlagene Aquileja des marmornen -Stalls! Zum Glück hat Aquileja nur einen Moschettini von solch genial -barbarischem Geschmack besessen. - -Spät kam der Staat, um im Interesse der Archäologie seine schützende -Hand über die Antiken Aquilejas zu legen; allein er kam. Im Herbst 1882 -wurde in dem kleinen Ort feierlich ein Staatsmuseum eingeweiht und in -einem zweckmäßig gebauten, geräumigen Haus untergebracht. Indes wären -seine Schätze noch wenig bedeutend, hätten nicht die Gemeinde, die im -Jahre 1873 zu sammeln begann, und die Gebrüder von Ritter in Monastero -ihre hübschen Sammlungen leihweise dem öffentlichen Museum überlassen, -so daß dieses jetzt dem Fremden ein lebendiges Bild von der Kunstfülle -des römischen Aquileja zu geben vermag. - -Der weite, gegen die Straße liegende Hof des Museums, in welchem die -kolossalsten der Monumente ihre Aufstellung gefunden haben, gleicht -einem mit Denkmälern überladenen Kirchhof. Durch denselben wandelnd, -weiß man nicht, soll man mehr die Kunstgewalt der alten Meister, die -dem spröden Stein so herrliche Gebilde abgewonnen, soll man mehr die -Wucht der Zerstörungskräfte bewundern, welche diese riesenhaften -Säulen, diese Marmorquadern brachen. Doch hat im wilden Ringen der -Verneinungsgeister gegen die lichte Kunstgewalt die letztere gesiegt. -Durch allen Graus der Zerstörung und Verwitterung haben viele der -Gebilde eine wunderbare Anmut, eine zu Herzen gehende Schönheit -bewahrt, und denkt man an die Paläste, die Tempel, die Theater zurück, -deren Teile sie einst gebildet, so drängt sich einem wie dem Dichter zu -Venedig die Frage auf die Lippen: - - »Wo ist das Volk von Königen geblieben, - Das solche Häuser durfte bauen?« - -Tausende von Skulpturen und eine Menge merkwürdiger Anticaglien, -Nutz- und Schmuckgegenstände des altaquilejensischen Haushalts, -haben im Innern des Museums ihre Aufstellung gefunden. Schon die -Vorhalle bereitet mit ihren zahlreichen römischen und altchristlichen -Grabsteinen, mit herrlichen korinthischen Kapitälen, mit einer -prächtigen Sammlung schön geschweifter Henkelkrüge, Kolumbarien, die -zum Teil noch die verbrannten Knochen enthalten, unsere Stimmung -auf den Eintritt in die Museumssäle vor. Es ist nur zu bedauern, -daß jene schöne Mosaik, welche die Entführung der Europa durch Zeus -darstellt, zerbröckelt und unkenntlich geworden ist. Sie war so -kunstvoll gearbeitet, daß sie als ein würdiges Gegenstück der berühmten -Dariusschlacht galt, die man auf einem Fußboden zu Pompeji entdeckte. - -~Avete Caesares!~ -- Der erste Museumssaal ist jenen Steindenkmälern -gewidmet, die sich auf die römischen Kaiser und ihre Beamten -beziehen, und fesselt besonders mit zwei fast vollständig erhaltenen -Marmorstatuen das Kunstinteresse. Die eine derselben stellt in kühner, -kräftiger Arbeit den Kaiser Tiberius dar, von dessen Haupt sich die -Toga in herrlichem Faltenwurfe um den Körper drapiert; die andere -ist das nicht minder schöne Bild des Kaisers Claudius. Man vermutet -jedoch des eingesetzten Kopfes wegen, daß diese Statue erst Caligula, -jenem Tollmenschen »~memoriae damnatae~«, der vom Jahr 37--41 auf dem -römischen Thron gesessen, gegolten, und erst, als dieser in einer -Palastrevolution fiel, das Haupt des Claudius erhalten habe. - -Beide Statuen sind von mehr als Lebensgröße, wie denn die kolossalen -Verhältnisse der in Aquileja gefundenen Marmorbilder ein hervorragendes -Charakteristikum derselben bilden. Unter den über lebensgroßen -Torsen interessiert besonders deswegen eine nackte, starkbewegte -Männergestalt, weil die unfertige Statue jene Vertiefungen -- Puntelli --- an die sich der Künstler bei seiner Arbeit hielt, noch zeigt und uns -so einen Einblick in die Bildhauertechnik des Altertums gewährt. - -Der zweite Saal ist zum größten Teil eine Sammlung von Grabsteinen, -die uns bald das Bild der Toten in Relief darbieten, bald mit kürzern -und längern Inschriften von ihnen erzählen. So berichtet der eine -von Cippus, dem Perlenhändler, der andere von dem Freigelassenen -Sextilius Crescens, dem Fleischer. Hier hat ein antiker Salber einem -kaiserlichen Haussklaven, dort ein Priester seinem Vorgänger, der 110 -Jahre alt geworden war, ein frommes Andenken gestiftet. Der merkwürdige -Grabstein des Afrikaners Restutus meldet, daß dieser die weite Reise -aus seiner Heimat einzig deswegen unternommen habe, um Aquileja, die -herrliche Stadt, zu sehen, daß er eine Weile da gelebt und von einer -Bestattungsgesellschaft begraben wurde. - -Nun kommen wir in hohe Gesellschaft. Im dritten Saal schauen die -lichten Gestalten des Olymps, Jupiter, der Vater der Götter und -Menschen, im Schmuck des langwallenden Haupthaars und Barts, Merkur, -der Gott mit geflügeltem Hut, dessen Gunst sich Aquileja so lange -erfreute, der schmiedende Vulkanus, Mars mit reichverziertem Helm -und Federbusch, Venus, die meergeborne Göttin mit dem Perlendiadem -aus großen Medaillons auf uns Sterbliche nieder. Auf einem Grabstein -spielt der efeubekränzte Silenus die Leier, und Pan, der friedliche, -bläst auf der Hirtenflöte. Die Statue Neptuns, des meerbeherrschenden -Gottes, ist leider nur noch ein Torso. Einem Marmorbild der Venus, die -in der Stellung der medizäischen zu Florenz dargestellt ist und durch -sorgfältige Ausführung und edle Verhältnisse eines der herrlichsten -Stücke der Sammlung bildet, fehlt leider das Haupt. Ein allerdings -entzückend schöner Venuskopf, der auf einer nahen Säule aufgestellt -ist, entschädigt nicht ganz für das fehlende. - -Ein Gefühl des Mitleids mit den verstümmelten Bildern will sich in die -Seele des Beschauers schleichen; denn, wenn auch gebrochen, sind sie -doch nicht tot, sondern reden kraft der ihnen innewohnenden Schönheit -mächtig zu seinem Gemüt. - -Verlassen wir nun die Säle, in deren Bildwerken sich die Künstlerschaft -der antiken Meister noch in den Fragmenten so achtunggebietend -offenbart, und treten wir in die Räume, wo die Anticaglien, jene -zumeist in den Gräbern gefundenen zierlichen Werke der Kleintechnik -hinter Glas und Rahmen liegen. Sie sind in ihrer Art nicht weniger -interessant als der Marmorprunk der durchwanderten Gemächer. - -Eine Menge dieser kleinen Sachen führt ins altaquilejensische Haus. -Es sind bronzene Nägel und Nadeln, Griffel, die zum Schreiben auf die -Wachstafeln dienten, Zirkel, Lote, Schnellwagen, Gewichte, Schlüssel, -und einige Messer da. Besonders schön ist eine Sammlung arretinischen -Tischgeschirrs aus korallenrot gefärbter Terrakotta, die mit ihren -zierlichen Reliefs in den Oberflächen gewiß einst den Stolz eines -tafelfreudigen Aquilejensers gebildet. Tonplatten, welche in erhobener -Arbeit Szenen aus der Mythologie oder dem täglichen Leben darstellen, -schmückten, ähnlich wie unsere Gemälde, die Zimmerwände. Mannigfaltig -ist die Ausstellung von Tonlampen, die, selten eines Reliefschmuckes -entbehrend, bald zierliche Traghenkel, bald eine Einrichtung zum -Aufhängen zeigen und manchmal für mehrere Dochte zugleich eingerichtet -sind. - -Manche derselben tragen eine Inschrift, häufig einen Glückwunsch zum -Jahreswechsel. Einige dieser Neujahrslampen, mit denen man seine -Freunde zu beschenken pflegte, sind von zierlicher Schönheit und -entfalten in Reliefdarstellung diejenigen Gaben, die der Geber dem -Beschenkten wünschte: Feigen, Kuchen oder Münzen. Eine der schönsten -stellt eine Siegesgöttin dar, die auf erhabenem Schilde die Inschrift: -»~Annum novum faustum felicem mihi~« trägt. - -Allerliebste Tonfigürchen waren die Puppen der aquilejensischen Kinder. -An den bittern Ernst des Lebens erinnern eine Menge Tränenfläschchen, -die mit wohlriechenden Salben gefüllt, von den Alten in die brennenden -Totenfeuer geworfen oder in die Gräber gelegt wurden. Den größten -Reichtum der Anticagliensammlung indes bilden die vielen Schmuck- und -Nippsachen: geschnittene Steine von Karneol, Jaspis, Onyx, in welche -Szenen aus der Mythologie, aus dem täglichen Leben oder Tierbilder -eingegraben sind. Bernsteinfigürchen, Haftnadeln und zierliche -Statuetten aus Bronze, sehr große Fingerringe von Gold und Silber, die -in der Stärke, wie sie da sind, nur als Totenschmuck gedient haben -können, und endlich eine Menge Kaiser- und Familienmünzen. - -So prangt nach anderthalb Jahrtausenden noch der aquilejensische Luxus, -das reiche, häusliche Leben. Allein mitten in unsre Bewunderung für das -Kunstschöne, das sich an diesem Wohlleben so reich entwickelt, erinnert -uns die Inschrift, die wir auf einem Ziegel lesen: »~Cave malum, si non -raseris lateres sexcentos; si raseris, minus malum formidabile~«: »Wenn -du nicht sechshundert Ziegel verfertigst, so hüte dich vor einem Übel; -verfertigst du sie, so wird das Übel weniger groß sein«, daran, daß die -ganze Kultur des Altertums, die ganze römische Herrlichkeit auf einem -sozialen Institute beruhte, von dessen Härte und Grausamkeit wir uns -mit Abscheu wenden, auf der Sklaverei. - -Das ist der schwarze Punkt im lichten Bild der Antike. Aus der -Sklaverei hat das Altertum Jahrhunderte lang seine Stärke geschöpft; -an der Sklaverei ist es gestorben. Hätte im römischen Reich, als -der Völkersturm durch Europa wogte, eine gewaltige Volksmasse, die -nichts zu verlieren, wohl aber manches zu gewinnen hatte, nicht -sympathielos das Alte stürzen sehen, sondern ihre Wucht mit derjenigen -der Kriegsheere in die Wagschale der Geschicke geworfen, dann wäre -es nicht zu schwer gewesen, den schönen Süden vor dem Schrecken der -eindringenden Barbaren zu bewahren. - -Aquileja fiel. Nach ihm fiel Rom. Allein dort wie hier rang sich aus -dem Schoß des untergehenden Altertums eine neue Welt: das Christentum. -Dieses hat um die gewaltige Metropole des römischen Reichs mit dem -kräftig aufstrebenden Papsttum einen neuen, die Völker blendenden -Glanz gewoben; als ein heller Stern hat es auch über dem zerstörten -Aquileja gestrahlt. Der herrliche Dom und sein stolzer Campanile, der -in wahrhaft majestätischer Größe über die Hütten des modernen Aquileja -steigt, zeugen dafür. - -Nur Rom selber kann sich rühmen, eine um wenige Jahre ältere -Pflanzstätte der christlichen Idee gewesen zu sein, als Aquileja. -Aus dem Blut überzeugungstreuer Märtyrer und aus einer Reihe wilder -Verfolgungen heraus wuchs hier mitten im rauschenden Taumel des sich -verzehrenden Römertums eine starke Anhängergemeinde, und als Konstantin -die Göttertempel schließen ließ, hielt das Evangelium von Aquileja aus -seinen Siegeszug in die norditalischen Lande und in die Alpen, so daß -die Stadt als ein Mittelpunkt christlichen Lebens galt. Ihre Bischöfe -genossen so hohes Ansehen, daß sie nach dem Papst als die ersten in der -Christenheit gefeiert wurden und an den Kirchenversammlungen zu Rechten -desselben saßen. Sie nannten sich Patriarchen. - -Um die Wende des Jahrtausends lächelte Aquileja noch einmal etwas -wie Gedeihen und Entwicklung. Nachdem schon seine Vorgänger die -Grundsteine dazu gelegt, bildete und festigte sich unter Popo, dem -tatkräftigsten der aquilejensischen Kirchenfürsten, ein Staat eigenster -Art, das Patriarchat von Aquileja, dessen Herrscher folgenschwer in -die deutsche und italienische Geschichte, in jene gewaltigen Kämpfe -zwischen Kaiser und Papst eingegriffen haben, indem sie bald den einen, -bald den andern unterstützten. - -Allein der kurzdauernde Glanz dieses Kirchenstaates glich doch mehr -einem plötzlichen Aufflackern als einer ruhigen Entwicklung. Schon zwei -Jahrhunderte nach Popo, der die Ländereien vom Po bis an die ungarische -Grenze in seine geistliche, das Friaul, Istrien und Krain in seine -weltliche Machtsphäre gezogen hatte, begann der Verfall. Um die Mitte -des fünfzehnten Jahrhunderts siedelten die Geistlichen von Aquileja, -dessen Klima sich infolge mangelhafter Instandhaltung der Wasserläufe -und säkulärer Senkungen sehr verschlechtert hatte, nach Udine über, und -nachdem Venedig und Österreich die Gebiete des Patriarchats an sich -gezogen, nachdem der Papst das Erzbistum aufgehoben und dafür dasjenige -von Udine und Görz gegründet hatte, erlosch der letzte Schein der -zweiten Glorie, die über dem Tieflandsorte aufgegangen war. Aquileja -sank und sank. Im Anfang des 17. Jahrhunderts sollen daselbst nur noch -35 Fischerfamilien gelebt haben. Tiefer kann ein Ort, der einst gegen -eine halbe Million Einwohner zählte, wohl nicht erniedrigt werden. - -Allein noch steigt der altersgraue Dom mit seinem gewaltigen Campanile -über die Flur. Er hat nichts gemein mit den kleinen Hütten, die -ihn umstehen; er ragt in stolzer Vereinsamung in der prosaischen -Gegenwart; er träumt von alter Patriarchenherrlichkeit; er träumt -weit zurück in das jugendliche Christentum, denn während fünfzehn -Jahrhunderten hat er den Gang der christlichen Religion gesehen. - -Als wir in der Frühe jenes schönen Morgens, der uns zu unserer Fahrt -durch die Campagnen geleuchtet, in das große Gotteshaus eintraten, las -eben ein blutjunger Priester von kleiner, schmächtiger Gestalt die -Messe. Eine kleine Schar buntgeschmückter Weiber, sowie einige Koloni -knieten vor dem Altar und hörten dem in einförmigen Kadenzen durch die -Halle tönenden Meßgemurmel zu. - -Der junge Priester, das bißchen Volk, die bäuerlichen Meßknaben, sie -verschwanden fast in der Weite des feierlichen, von einundfünfzig -Fenstern mit Licht vollauf gesättigten Raums. - -Der Fußboden des Domes, unter dessen Platten die Patriarchen in ihren -Grüften den Schlaf der Gerechten schlafen, liegt fast einen Meter -tiefer als die äußere Umgebung des Gottshauses. Um so viel hat sich die -letztere von der Zeit, wo man den Dom baute, bis jetzt erhöht. - -Die Baukunst von fünfzehn Jahrhunderten in sich vereinend, gehört die -Basilika wesentlich dem romanischen Stil an. Ihre Grundform bildet ein -Kreuz, dessen Stamm 70 Meter lang und 29 Meter breit ist, während der -Querraum nur 43 Meter mißt. Der aus fünf Bogenabteilungen bestehende, -netzartige Plafond des Mittelschiffes, welches bedeutend höher als die -Seitenschiffe ist, ragt 22 Meter über den Fußboden empor. - -Je fünf Säulen, die durch Spitzbogen unter sich verbunden sind, trennen -das Mittelschiff von den Seitenschiffen. Sie verraten die Kirche als -ein Epigonenwerk. Ihre an Dicke und Höhe verschiedenen granitnen oder -marmornen Schäfte, von denen einigen mit Unterlagen hatte nachgeholfen -werden müssen, beweisen deutlich, daß man als Material zum Bau einfach -die Ruinen des römischen Aquileja verwendet hat. - -Während wir das schmucklose, aber erhabene Innere der Kirche -besichtigten, ging die Messe zu Ende. Wir baten den jungen Priester, -uns die Krypta, die unter dem Chor liegende Unterkirche zeigen zu -lassen, und zuvorkommend übernahm er selbst den Führerdienst. - -Als wir durch einen halbdunklen Gang in diese Krypta niederstiegen, -mahnte es mich an die Kasemattengänge einer Festung; allein um wie viel -älter sind diese ehrwürdigen Mauern als die älteste Burg; denn sie wie -die Krypta stammen noch aus der Zeit vor dem Hunnensturme, vom ersten -Kirchenbau Aquilejas her. - -Rohe Säulen mit sehr einfachen Kapitälen, aber ohne Sockel, stützen -die in runden Halbbogen sich wölbende Decke. Fünf kleine, halbrunde -Fenster verbreiten in dem kühlen, moderigen Raum ein geheimnisvolles -Halbdunkel, das von den uralten, kunstlosen Malereien, welche Wände -und Wölbung bedecken, nur wenig erkennen läßt. In der Mitte dieser -unterirdischen Kapelle steht ein großer Sarkophag, der einst die -Knochen des heiligen Hermagoras, des ersten Bischofs von Aquileja, -enthielt. In den vielen Kriegen sind die heiligen Gebeine gestohlen -worden. Der junge Führer sprach sich sehr bedauernd darüber aus; wir -aber atmeten auf, als wir wieder in die gute Luft der Oberkirche kamen. - -Auf der Westseite des Domes steht eine andere, die Heidenkirche, die -~chiesa dei pagani~, ein öder, vernachlässigter Bau aus jener frühen -Zeit unmittelbar vor der letzten Christenverfolgung. - -Interessanter ist das darangebaute Baptisterium, eine Taufhalle, wie -aus der christlichen Vorzeit nur wenige auf uns gekommen sind. In einem -achteckigen Hofe steht ein sechsseitiges, geräumiges Taufbecken, in -das der Täufling über drei große Stufen hinabstieg. Wenn das Becken -gefüllt war, reichte das Wasser einem Erwachsenen bis über die Brust -hinauf, und durch dreimaliges Untertauchen vollzog sich die symbolische -Handlung. - -Auf der Südseite des Domes stehen als letzte Reste des -Patriarchenpalastes zwei stark verwitterte, mächtige Säulen; auf der -Nordseite aber ragt der aus den Quadern des römischen Amphitheaters von -Popo erbaute, 72 Meter hohe, freistehende Glockenturm empor. An der -südlichen Flanke, eines breiten, aus Römerzeit stammenden Grundbaues, -führt eine Freitreppe in den eigentlichen Turm hinauf. Ein junges -Weib geleitete uns die hundertacht beschwerlichen Stufen, die von -schießschartigen Löchern nur schlecht beleuchtet sind, zur Glockenstube -empor. - -Da oben ist's wundervoll! Die Aussicht ist zwar nur aus wenigen -Elementen zusammengesetzt, der endlosen, grünen Flur, dem unbegrenzten -blauen Meer, den fernen, verschwimmenden Küsten von Istrien, den -fernen, blassen Alpen, dem düster dämmernden Markusturm von Venedig. -Fast fehlt es dem Bild an Linien; aber unsäglich schön ist der Luftton, -halb Schleier, halb Klarheit! - -Tief unter uns liegt das kleine, unscheinbare Aquileja im -Morgensonnenglanze; hoch über uns wölbt sich ein Himmel, wie es nur -einen gibt auf der Erde, den italienischen, der so dunkel, so strahlend -ist, wie das Auge der Italienerin. - -So war dieser Himmel schon, als die Römer über die Gefilde wandelten, -und feuchte Augen haben schon damals in der Not der Seele aufgeblickt -zum Firmament; auf unserm Stern aber waltet das Schicksal. Aquileja -- -»gezählt, gewogen und geteilt!« - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Die Lagune von Grado. - - -In einem halben Tag hat man zu Aquileja alles gesehen, was zu sehen -ist, den Patriarchendom und die Rundsicht auf dem Campanile, die -Antikensammlung und den Stall Moschettini. Ist man dazu ein paar -Mal durch die wenigen Straßen spaziert, an denen in losen, kurzen -Häuserzeilen das moderne Aquileja steht, ist man da und dort bei einem -besonders zierlichen Relief still gestanden, das ein in seiner Art -kunstsinniger Bauer in die Front seiner Hütte hat einmauern lassen, -hat man über die Umfassungsmauern in einige kleine Gärten geblickt, in -deren Pflanzengrün halb versteckt hübsche private Sammlungen enthalten -sind, hat man gesehen, wie die Schweine aus antiken Sarkophagen, Katzen -und Hühner aus antiken Graburnen fressen, dann hat man in der Tat alles -gesehen, was das moderne Aquileja dem Fremden bieten kann. -- Auch bei -einem zweiten Besuch habe ich in dem großen geplünderten Römerkirchhof -nicht mehr entdeckt. Also »~partiamo!~« - -Der Kutscher warf sich in die Brust und knallte gewaltig, als wollte -er die alten Aquilejenser aus dem Schlafe wecken; wir flogen südwärts -über das ebene Land nach Beligna und Belvedere ungefähr eine Stunde -Wegs durch einen dunklen Ackergrund, dessen Boden so fein ist, als wäre -er durch ein Sieb gegangen. - -Waren hier die Gartenpaläste der Reichen; war hier die Nekropolis des -ehemaligen Aquileja? Man sagt das eine und das andere, vielleicht -ist keines wahr; hingegen weiß man, daß zu Beligna ein feierlicher -Tempel des Sonnengottes Belenus stand, zu Belvedere ein römisches -Arsenal war und eine Kolossalstatue mit brennender Fackel auf das Meer -hinausleuchtete. - -Wir wollten nach Grado, jener kleinen Inselstadt, hinüberfahren, deren -Namen sich mit Aquileja derart verschwistert hat, daß man den Namen der -einen nicht nennen kann, ohne der andern zu gedenken, daß die beiden, -in Glück und Unglück schicksalsverwandt, zusammengehören wie das -Dioskurenpaar im Mythus der Hellenen. - -Bei dem Dorfe Belvedere erstirbt die Campagna im Dünensand; die gute -Straße geht aus; die Räder sinken tief in den beweglichen Grund, die -Gräser weichen dem Salzkraut, dem Meerginster und wie die Gewächse des -Hallophytengeschlechtes heißen, die oft mit seltsamen, fettkrautartigen -Bildungen den Strand überwuchern. Noch ein Viertelstündchen, und wir -sind an der Lagune. - -Da steht, wie ein Stück Ideallandschaft anzuschauen, auf einem -Dünenrücken ein nicht gar großer, aber alter Pinienwald, der mit -seinen breiten, dunkeln Schirmen das Lagunenbild wundersam verschönt. -Die Pineta, sagt man, sei nur ein Rest eines Piniengürtels, der im -Altertum die ganze adriatische Nordküste umschlang. Wenn das richtig -ist, dann ist dieses weite Meerufer um einen seiner herrlichsten Reize -ärmer geworden. - -Als wir wenig nach Mittag am Strande ankamen, war die Barke, die wir -von Aquileja aus telegraphisch in Grado bestellt, mit zwei tiefbraunen -Gradoneserfischern schon an Ort und Stelle; die Lagune aber bot den -seltsamsten Anblick, den man sich denken kann. - -Es herrschte tiefe Ebbe. Vom Land her strömten die Wässerlein, welche -sonst die Niederungen bei Belvedere mit einem braunen Brackwasser -füllen, in eiliger Hast, wie Kinder in den Schoß der Mutter fliehen, -dem zurückweichenden Meere nach und furchten Dutzende von Rinnen -in den grauen Lagunenschlamm. Die breiten Sandrücken, die vom Meer -zurückgelassenen Tümpel und Lachen durchsetzten sich derart, daß -man nicht sagen konnte, überwog die See das Land oder dieses die -See. Es war ein interessantes Etwas, das niemand gefallen konnte -als den Amphibien, den sich sonnenden Wasserschlangen und den im -Schlamm steckenden Schildkröten. Selbst der Menge von Krustentieren, -den Taschenkrebsen und Langschwänzern, die neben vielen kleinern -und größern Muscheln den Schlamm bedeckten und hundert vergebliche -Versuche machten, kriechend oder springend ihr natürliches Element zu -erreichen, schien die Gegend schlecht zu bekommen. Man konnte es in -der Tat für gleich unmöglich halten, zu Fuß oder zu Schiff nach Grado -überzusetzen, dessen Häuser klar und fast zum Erlangen nah über die -Lagune schimmerten; denn für das eine war zu wenig Land, für das andere -zu wenig Wasser. - -Allein, was will eine Landratte urteilen! -- Unsere Gradoneserfischer -stachelten ohne viel Besinnen die Barke durch den flüssigen Schlamm, -bis wir in einen jener Kanäle kamen, die sich wie Flußbette in vielen -Windungen durch den Lagunenboden ziehen. - -An eine direkte Fahrt nach Grado war nicht zu denken. Wir fuhren statt -nach Süden weit ostwärts gegen die kleine Insel Barbana hinunter, -wo einige feierliche Zypressen um eine alte Wallfahrtskirche stehn. -Diese soll sich laut Legende da erheben, wo nach jener furchtbaren -Naturkatastrophe vom Jahre 585 Schiffer ein auf den Wellen treibendes -hölzernes Marienbild fanden, das heute noch wundertätig alljährlich -Pilgerflotten von 30000 bis 40000 Wallfahrern nach Barbana lockt. - -Bald einer Sandbarre ausweichend, bald über eine hinschleifend, bald -durch Meergras und Binsen wogend, änderte die Barke jeden Augenblick -ihren Kurs, so daß wir auf unserer fast dreistündigen Fahrt nach Grado -mindestens die zwiefache Strecke zurücklegten und es fast unmöglich -schien, nach dem durch seine Nähe neckenden Städtchen zu gelangen. - -Es wäre etwas Mißliches um eine solche Fahrt im Zickzack, böte sie -nicht ein ganz ungewöhnliches landschaftliches Interesse dar. Ein Lido -flacher, grüner Inseln umschließt die Lagunen, und zwischen ihnen durch -schimmert scheinbar erhöht der Azur des offnen Meers, das leistönend -seine Wellen in den Lagunenfrieden treibt. Dazu zieht sich von der -Isonzomündung bis gegen Grado hin ein vielfach vom Meer durchbrochener -und unterwaschener Dünenzug, dessen einzelne steilabstürzende Hügel -wie riesige Blockhäuser aus der wogenden See aufsteigen. - -Die kleine Inselstadt, die grünen, flachen Inseln des Lido, der -Ausblick auf die offene See, die fernen Dünenpalisaden geben zusammen -der Landschaft ein seltsam Reizvolles, das weniger schön als merkwürdig -ist. Der Schaffensdrang der umgestaltenden Natur offenbart sich -vielleicht nirgends gewaltiger als am Meeresstrand. - -Zweifellos war jener Dünenzug, dessen ruinenhafte Hügel dem -Zusammensturz nahe scheinen, vor Zeiten eine geschlossene Sandbarre, -und noch in römischer Ära muß die Lagune ganz anders ausgesehen -haben als in unsern Tagen. Von Istrien, wo ein ehemaliger Stadtteil -von Parenzo in der See versank, bis nach Venedig, wo im Gang der -Jahrhunderte die unterirdischen Räume der Markuskirche ins Wasser -zu stehen kamen, bemerkt man die Folgen einer säkularen Senkung des -Bodens. Diese beträgt im Bereich der furlanischen Küste zwei Meter, -und bei der Flachheit des Strandes hat sie dem Meer die Herrschaft -über weite ehemalige Landstriche eingetragen. So kommt es, daß die -Inseln des Lido, welche in der römischen Zeit mit Werkstätten für den -Schiffsbau und Hafenanstalten jeder Art dicht besetzt waren, viel -kleiner geworden sind, daß an der Stelle der ehemaligen Inselwälder, wo -noch die Dogen Venedigs des Weidwerks pflogen, an der Stelle, wo der -Pflug des mittelalterlichen Bauers den Acker furchte und das Vieh auf -fetten Gründen weidete, die Lagunenwelle im Röhricht plätschert und von -den zahlreichen Eilanden, Grado ausgenommen, keines mehr dem Menschen -eine dauernde Wohnstätte bietet. So kommt es, daß große Strecken -landeinwärts gegen Aquileja, welche früher in der Pflanzenüppigkeit -der Campagna prangten, Meersumpf geworden sind, daß Mauerreste und -Inschriftensteine, Mosaikböden und Lager von Amphoren, in welchen die -Römer den Wein aufzubewahren pflegten, im Grund der Lagune und der -Meersümpfe liegen. - -Man sagt, daß zur Blütezeit Aquilejas ein Damm von Belvedere nach -Grado hinüber geführt habe. Vielleicht im Angedenken der ehemaligen -Schönheit dieser Landschaft ist ein großartiges Projekt aufgetaucht: -die ganze Lagune von der Isonzomündung bis zur italienischen Grenze, -also auf eine Strecke von 30 Kilometern, durch Dämme, die sich von -einer Lidoinsel zur andern ziehen, gegen die See abzuschließen, die -Lagune selber durch Maschinen zu entwässern und ein Gebiet von sechzig -Quadratkilometern Meer in Kulturland umzuschaffen. - -Allein dem schöngedachten Plan eines »adriatischen Hollands« mit -Polderwerken und fetten Marschen, wo ein glückliches Volk, den -Niederländern nacheifernd, auf altem Meergrund seine Felder baut, -haftet der eine große Fehler an, daß es auf den griechischen Kalenden -steht. Selbst für jenen andern, ungleich bescheidenern, jene -Dammverbindung von Grado und Belvedere zu erneuern, lebt, obwohl die -Existenzfähigkeit des Lagunenstädtchens eng damit verknüpft ist, in den -Kreisen, die ihn vermöge ihrer sozialen Stellung zu einer allgemeinen -Landessache machen könnten, wenig Sinn. - -Der Gedanke an Italien, das nur eine Gelegenheit abwartet, wo die -Heere Österreichs anderwärts gebunden sind, um eine Erweiterung seiner -Grenzen bis an den Golf von Triest oder sogar drüberhin zu versuchen, -und die Möglichkeit eines Erfolges legt in Finanzkreisen jede größere -Unternehmung im untern Friaul lahm. - -Bei Barbana nahm unsere Barke eine ziemlich gerade Richtung nach -Grado. Auf vielen der binsenumwachsenen, niedrigen Sandinseln, -welche sich längs der Lagunenkanäle hinziehen, standen zeltartige -Schilfhütten. Das sind die Sommerfrischen gradonesischer Fischer, und -wie eine Robinsonade mutet das Leben des Inselvölkleins an. Malerisch -verwilderte Männergestalten besserten ihre Netze aus oder legten sie -zum Trocknen an die Sonne, bronzefarbene Weiber schabten die gefangenen -Fische, und junge Burschen und Mädchen wälzten sich kichernd und -halbnackt in den Binsen. - -Oft hat -- ich weiß nicht durch welche Ideenassoziation -- der Anblick -irgend einer Meerlandschaft in mir die Erinnerung an Hochgebirgsszenen -wachgerufen, und als ich die rauchgeschwärzten Schilfhütten sah, die -nur mit einer offenen Feuerstelle, einem Binsenlager im Hintergrund -und einigen Holzklötzen zum Sitzen ausgestattet sind, mußte ich -unwillkürlich an jene letzten Hütten, die der Mensch gegen die Grenzen -des ewigen Schnees emporgebaut hat, denken. Allein wie viel einfacher -lebt noch der adriatische Strandfischer, dessen ganzer Reichtum sein -Schilfzelt, sein Kahn, sein Netz und sein Segel ist, gegen den letzten -Sennen, der doch wenigstens noch jene Reihe von Geräten, wie man sie -zur Käsebereitung bedarf, in seiner Alphütte birgt. - -Man sieht unter diesen Lagunenfischern und ihren Weibern viele -Gesichter von hoher natürlicher Intelligenz und prächtig -aufgeschlossenen Gesichtszügen und es lebt auch ein großes Stück -Selbstgefühl in diesen malerischen Gestalten. - -Fordert Ihnen ein Gradonese am Strand von Belvedere fünf Gulden für die -Überfahrt nach seiner Inselheimat und bieten Sie ihm zwei, womit seine -Arbeit vollauf bezahlt wäre, eher kehrt er Ihnen den Rücken und fährt -allein in seine Lagunen zurück, um in einer Woche mühsamer Fischerei -die zwei Gulden nicht zu verdienen, als daß er auf Ihren durchaus -billigen Vorschlag eingehe; er läßt nicht mit sich markten. - -Allein nicht minder groß als ihr Selbstgefühl ist ihre -Gleichgültigkeit; sie sind wahre Diogenesnaturen. - -Als wir bereits in der Nähe von Grado waren, mußten unsere zwei -Barkenführer noch eine lange, schmale Sandbarre umrudern. - -»Warum«, fragten wir einen derselben, »haben Sie denn diese Bank nicht -längst durchstochen; es kürzte ja den Weg ungemein?« - -»Wer soll es machen?« antwortete er schulternzuckend. - -»Diese Arbeit von einem oder zwei Tagen, wir denken Sie oder Ihre -Gefährten oder die Stadt Grado«, sagten wir. - -»Das Meer hat diesen Sand daher gespült«, erklärte er nun; »unsere -Väter sind schon um denselben her gefahren; wir machen es ebenso; -soll der Sand weg, dann mag ihn das Meer wegschaffen -- es wäre uns -allerdings recht.« - -Wir bemühten uns nicht weiter, dem Manne die Vorteile einiger -Spatenstiche klar zu machen; wir fuhren an einigen venetianischen -Booten, die bei der Schlammbank in Quarantäne standen und mit der -Wäsche ihrer Mannschaft beflaggt waren, vorbei, und ein kleines -Weilchen später waren wir nach zweieinhalbstündiger Fahrt im Hafen von -Grado, der schicksalsreichen Inselstadt. - -Zur Blütezeit Aquilejas war Grado das Herz des aquilejensischen -Seelebens, der Mittelpunkt der Flottenstation und zugleich der -Angelpunkt des aquilejensischen Urchristentums, den eine ganze -Mätyrerschar, darunter viele Jungfrauen, mit ihrem Blute weihten. - -Dann wurde das Laguneneiland Port und Asyl der heimatlosen -Aquilejenser. Wie mag das Wehegeschrei der Frauen und Kinder durch -das kleine Inselland gehallt haben, als über den Meeresarm her der -Lärm und das Getöse des Hunnensturms erscholl, als aus der glänzenden -Heimatstadt die Feuerlohe zum Himmel schlug, als das erste wunde -Kriegerhäuflein, das sich durch die Hunnenscharen geschlagen, an den -Strand von Grado kam und auf die hundert durcheinander schwirrenden -Fragen todestraurig die Antwort: »~Finis Aquilejae~« gab. - -Die schöne Aufgabe, ein Friedensport im Kriege zu sein, hat Grado -durch die ganze schwere Zeit der Völkerwanderung gegenüber den Land- -und Städtebewohnern des Friauls erfüllt. Es war nicht sein Schaden; -denn »Neu-Aquileja«, wie sich der Ort im sechsten Jahrhundert nannte, -war, ehe dem venetianischen Löwen die Flügel gar so mächtig wuchsen, -der Vorort der Lagunenstädte. Die mittelalterlichen Schriftsteller -rühmen seine starken Mauern und Türme, seine zahlreichen Kirchen und -herrlichen Paläste, und von der Festlandsstadt hatte es nicht nur viele -Kunstwerke, sondern auch einen Teil ihres blühenden Handels geerbt. - -In der Hunnenzeit war auch der Patriarch von Aquileja nach Grado -geflohen. Seine Nachfolger hielten bald hier, bald dort ihre -Residenz, bis in jenen uns kaum mehr verständlichen Streiten der -orthodoxen Kirche gegen die verschiedenen Schismen auf Grado ein -Konkurrenzpatriarchat zu demjenigen von Aquileja entstand, das, später -auch rechtgläubig geworden, erst nach fast tausendjährigem Bestand von -den Patriarchen des letztern aufgerieben wurde. - -Dann wurde es stiller und stiller auf dem Eiland; die Bevölkerung -verarmte im Laufe der Jahrhunderte; die Insel wurde, von den -Meereswogen zernagt, kleiner und kleiner; die Stadtmauern stürzten ins -Meer, und heute ist Grado ein kleines Städtchen von 3000 Einwohnern, -deren Ackerfeld, Garten, Werkstätte, Vorratskammer, deren ganzer -Reichtum das Meer ist; denn die Gradonesen alle sind Fischer. - -Das Städtchen ist grad so groß als die Insel, deren Strandoval man -in einem Viertelstündchen bequem umwandelt. So freundlich es von der -Lagune her aussieht, so unreinlich ist es im Innern. - -Wie die Patriarchen von Aquileja sich in ihrem Dom und dessen -weitausschauendem Campanile ein Denkmal errichteten, das ihre eigene -Existenz um Jahrhunderte überdauerte, sicherten sich diejenigen von -Grado in der Kathedrale Sant' Eufemia ein heut noch wohlerhaltenes -Monument. Ihr Äußeres wird freilich in seinem Eindruck durch die -umgebenden Häuser beeinträchtigt, und mit dem stolzen Gotteshaus von -Aquileja darf sie sich nicht messen; aber ihr Inneres wetteifert an -Alter und archäologischem Wert mit dem Dom von Aquileja. - -Sonst bietet die kleine Stadt kaum etwas Sehenswertes; doch ist ein -Spaziergang auf dem neuen Damm, der die Südseite des Städtchens zum -Schutz gegen die Meereswogen in einem Halbrund umzieht, von bedeutendem -Reiz; denn von seiner Höhe genießt man einen wundervollen Blick auf die -offene, in dunkelblauen Wellen pulsierende See. - -Dieser Damm und die an der Ostseite des Städtchens liegende, erst -kürzlich in leichtem Holzstil aufgeführte Badeanstalt zeigen, daß -Grado sich nicht willenlos in sein dereinstiges Schicksal, vom -Meer aufgefressen zu werden, ergibt. Vorher möchte es noch eine -Gesundheitsstation ersten Ranges, ein adriatisches Rügen werden. - -Es hat seine dankbare Klientel, die vom Seebade Grados entzückt ist. -Sie spricht von seinem herrlichen Wellenschlage, als ob das Meer -nirgends mehr so lieblich wogte, wie an diesem Strand, und findet den -feinen, weißen Sand unvergleichlich. Allein die dankbarste Kundschaft -ist die alljährliche wiederkehrende Kolonie einiger hundert skrofulöser -Kinder, welche die Städte Triest und Graz auf das kleine Inselland in -die Ferien senden. - -Diese armen, glücklichen Kinder untersuchen nicht; sie baden, sie -spielen und werden gesund. Die roten Wangen, die lachenden Augen, sie -sind die besten Anwälte für Grado. - -Allein so ein echter, rechter Kurort -- eben ein adriatisches Rügen --- kann Grado doch nicht werden. Dazu fehlt es an allem, an einer -Promenade, wenn man nicht den bei ruhiger Luft unangenehm ausdünstenden -Strand längs des Inseldammes dafür nehmen will, an Wohnungen, denn das -Städtchen ist von den eigenen Einwohnern bereits übervölkert und an -Platz für etwas ausgedehntere Neubauten, wenn man nicht ein neues Grado -in die Lagunen hinaus gründen will. - -Wenn sich wenigstens nur etwas Baumgrün auf das Inselland pflanzen -ließe, damit das Auge etwas mehr hätte, als das endlose Blau der See -und des Himmels, den südlichen Sonnenschein und die reflektierenden -Mauern der Stadt; allein alle Versuche, auf der Insel Bäume längere -Zeit zu erhalten, scheitern. Sie verderben in kurzer Zeit an dem -salzigen Grundwasser oder fallen, da ihnen der lockere Inselsand keinen -Halt gewährt, den Seewinden zum Opfer. - -Selbst das freundliche Bild grünender, blühender Sträucher hat sich -in einige ganz kleine Privatgärten, die zwischen den Häusern des -Städtchens eingeklemmt sind, zurückgeflüchtet. - -Manches wird in Grado, um Kurgäste anzulocken, noch getan werden -können. Von all den kleinen Anfängen, welche das Kurleben dort -gezeitigt hat, schien uns die Gründung einer deutschen Bierhalle das -bedeutsamste Ereignis. Wir haben es gewürdigt! Schäumender Gerstensaft, -ein blühendes Gärtchen, eine gute Kegelbahn; wer wollte auf einem so -kleinen Meereilande sich nicht damit zufrieden geben! - -Als wir nach einem dreistündigen Aufenthalt in der kleinen Inselstadt -wieder unsere Fischer und unsere Barke aufsuchten, bot die Lagune -ein ganz anderes Bild, als am Nachmittag. Die steigende Flut hatte -die Sandbänke mit dem Blau des Meerwassers bedeckt; nur einige der -höhern, auf welchen die Schilfhütten der Fischer standen, ragten -noch, zwar um vieles verkleinert, über die hereinbrechende See. Die -Gegend war kaum mehr zu erkennen. Die Lagune gestattet jetzt eine -fast geradlinige Fahrt von Grado nach Belvedere; dazu schwellte ein -angenehmer Seewind das Segel. Glücklich schwebten wir über der aus -allen Tiefen emporquellenden Flut durch den schönen Meeresabend, -tranken dunkeln Wein von Monfalcone und hellen von Gumboldskirch, aßen -kaltes Geflügel und italienische Rauchschinken, Vorräte, die wir alle -der gütigen Vorsorge unserer Hauswirtin verdankten, und sangen die -Lieder unserer Heimat dazu. Die niedergehende Sonne zögerte noch ein -Weilchen, als sie so fröhliche Menschen sah. Ihre Strahlen glühten über -der kleinen Fischerstadt. Wir wünschten Grado, dem meerumschlungenen, -viele Kurgäste und noch manche Jahre gedeihlichen Daseins; denn sterben -muß es einmal doch. Wer es in tausend Jahren besuchen will, findet -vielleicht nichts mehr von dem Eiland. Es sinkt und sinkt; die See nagt -immerfort an seinen Flanken; überall beißen sich die Wellen in seine -Ufer; Sandkorn um Sandkorn wird hinweggespült. Wenn später einmal der -Fischer mit seinem Kahn über die Stelle fährt, dann faltet er die Hände -und betet ein Requiem über der versunkenen Stadt. - -Als wir am Strand von Belvedere nach nicht viel mehr als einstündiger -Fahrt ankamen, versank die Sonne rotgolden und groß in der -venetianischen Tiefebene; als die stillen Straßen Aquilejas vom -Hufschlag unserer Pferde widerhallten, hatte sich der Sternenschleier -der südlichen Nacht über den dämmernden Dom und den riesengroßen -Campanile gespannt; als wir durch die furlanische Campagna nordwärts -flogen, da stoben lichte Schwärme von Leuchtkäfern in Büschen und -Bäumen auf und erloschen im Campagnenwald, und als wir in Monfalcone -ankamen, tanzte beim Klang der Trompete und den leidenschaftlichen -Tönen des Fagotts noch das junge Volk unter den Kastanienbäumen. -Qualmende Lichter warfen ihre Strahlen auf die Gruppen; in geröteten -Gesichtern und in funkelnden Augen lag Liebesglut und Feuer des Südens. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Im Frühling von Miramare. - - -Wenn die junge Süderde im Lenzgeschmeide prangt, wenn es in den -adriatischen Gärten blüht und duftet, dann pilgert der Naturfreund -Triests hinaus zu dem Marmelschloß von Miramare, das in sonniger, -märchenträumender Schönheit am innersten Golfe der Adria prangt. - -Gedenk ich jener Stunden, wo ich im blühenden Burgfrieden von Miramare -die stillen Parkwege gewandelt, so kommt wieder der ganze Zauber jener -Meerlandschaft, zu der sich wie im Heimweh nach der mütterlichen Flut -der Karst, der dunkle Tarnovanerwald und die julischen Alpen mit ihren -leuchtenden Berggesichtern niederdrängen, über mich. - -Es ist von Monfalcone nach Miramare fünf Stunden Wegs um das innerste -Golfrund der Adria. Sie bieten dem Wanderer das Schönste, was im -Bereich dieses Meeres liegt! - -Zwar weicht schon nach der ersten Wegstunde die Campagna stagnierenden -Reissümpfen; allein auch sie sind nicht reizlos. Zwischen Sumpf und -Meer steht, malerisch an einen Felsrücken gelehnt, die altersgraue -Kapelle Sant' Antonio, welche alljährlich zur Frühlingszeit die -Schiffer der Umgebung zur Bootsweihe in ihre Räume sammelt. Bereits im -Sumpf erhebt sich ein hübsches, modernes Gebäude, das Bad Monfalcone. -In seinem Hof dringt eine Schwefelquelle von 40 Grad Celsius aus dem -Moorboden, die mit dem Meere ebbt und flutet. In den Gängen hangen -die Krücken dankbarer Gichtbrüchiger, die als Lahme gekommen und als -Gesunde gegangen sind. Die heilsame Quelle lockt allsommerlich eine -kleine Fremdenkolonie nach Monfalcone. Da das Badegebäude wegen der -fiebererregenden Dünste, welche am Abend aus den Sümpfen aufsteigen, -nicht bewohnt werden kann, beleben die Badegäste die paar Gasthöfe der -Stadt. Regte sich hier der nämliche Unternehmungsgeist, wie in manchen -Tälern des Gebirges, so wäre Monfalcone der Welt schon lange als ein -südösterreichisches Ragaz bekannt. - -Der Sumpf östlich vom Bad war um die Wende unserer Zeitrechnung noch -ein mit dem Meer zusammenhängender Binnensee, in welchem hin und wieder -eine römische Flotte vor Anker lag. Jetzt schleicht vom Karste her die -Lokavaz, ein unheimliches, trübes Gewässer, durch diese Gegend zum -nahen Meer. - -Jenseits des Flusses liegt der merkwürdige Ort, wo an der letzten -innersten Bucht der Adria die lombardisch-venetianische Tiefebene -ausgeht, die Alpen mit ihren felsklippigen Ausläufern sich ans Meerblau -drängen, der flache, reizlose Lagunenstrand des adriatischen Westens -den malerischen Felsenufern des Ostens weicht und sich die östlichste, -von der Romantik der Halbkultur umschleierte große Halbinsel vom -europäischen Festland löst. - -Es ist, als ob die Natur den Angelpunkt, wo sich Alpen, Meer und -Tiefland stoßen, der europäische Osten sich vom Westen scheidet, selber -mit einem ihrer herrlichsten Wahrzeichen hätte schmücken wollen; denn -da rauscht in drei Quellen aus unerforschten Felsenschlünden der -kürzeste Strom Europas, der Timavo auf. - -Die altersgraue Kirche San Giovanni, eine Mühle, deren Werke seit -längerer Zeit ruhen, einige kleine Häuser und etwas Grün schmücken die -Quellen, und Barken fahren bis an den Ursprung den langsam abfließenden -Strom hinauf, der sich schon nach wenigen Kilometern Laufes in die -Bläue des Meeres verliert. - -Seine Geschichte greift hinauf bis in die graue Sagenzeit, und seine -Wasser sind geweiht durch Argonautenzug und Äneis. In einem heiligen -Eichenhain stand an seinem Ufer ein Tempel des Diomedes, der den -Griechen im Kampf gegen Troja mit achtzig Schiffen zu Hülfe gekommen -war, und später einer der Hera, der großäugigen, lilienarmigen Göttin. - -Der Trimavus muß im Altertum, als er die damaligen Schriftsteller -und Dichter, einen Virgil, einen Strabo, einen Plinius, Martial und -Cornelius Nepos, zum höchsten Staunen hinriß, noch ein ganz anderer -gewesen sein als in unserer Zeit; denn sie feiern ihn in bewundernden -Ausdrücken als die »Mutter des Meers«, und der Sänger der Äneis meldet: - - »~... Per ora novem vasto cum murmure montis - It mare proruptum et pelago premit arva sonanti~«[1] - - [1] »... Durch neun Münde und unter dem Seufzen des Berges - Bricht er ins Meer und peitscht mit tönender Woge die Felder.« - - -Neun Quellen, nach andern Schriftstellern auch zwölf, hatte also damals -der Timavus, und schauerlich großartig trat er zu Tage -- heute ist -er bis auf drei versiegt. Dennoch tritt auch jetzt noch der Wanderer -mit einer gewissen Ehrfurcht an den seltsamen Fluß, der mit immer noch -starker Wasserfülle als ein herrliches Naturrätsel von dannen strömt. - -Naturrätsel! Wenn das Rätsellösen so viel bedeutet, als an die Stelle -des einen ein anderes zu setzen, dann ist auch der Timavo, seine -einstige Wassergröße, seine jetzige Kleinheit, dann sind seine Zuflüsse -enträtselt. - -Eine scharfsinnige Hypothese bringt nämlich seinen Wasserverlust mit -der Bildung des Isonzo in Zusammenhang. Dieser soll im Altertum bei -Görz im Karst verschwunden sein; allein im Mittelalter haben sich die -unterirdischen Verbindungskanäle dann verstopft, der Isonzo sei nach -Süden ausgebrochen, wodurch der jetzige Unterlauf desselben entstand, -der Timavus aber um eine Reihe von Quellen verarmte. - -Diese Hypothese hat ungemein viel für sich. Noch heute existiert -zwischen der Wippach und dem See Dobredo ein Zusammenhang; denn bei -großen Wasserständen des Flusses steigt auch der See, und heute noch -hört man in der Grotte von Jaminiano das Rauschen unterirdischer -Wasser, die in der Richtung gegen Timavo abfließen. - -Seinen jetzigen Hauptzufluß -- das steht ganz außer Zweifel -- erhält -der Timavo von der Reka, einem Karstwasser, das sich bei San Canziano -ein paar Stunden gebirgseinwärts von Triest in eine Kalksteingrotte -verliert. Die Entfernung von San Canziano zum Timavo beträgt über -dreißig Kilometer. Man hat die Grotte, die sich in unmittelbarer Nähe -der Kirche des Dorfes zum Empfang der Reka öffnet, eine Strecke weit -erforscht. Es soll, so sagen die Höhlenpioniere von Canziano, ein -wunderbares, unbeschreibliches Gefüge von Gängen, Hallen und Erkern -sein, durch welches sich die Reka windet, ein Seitenstück zur Grotte -von Adelsberg. - -Jenseits des Timavo beginnt die Straße mählich anzusteigen. Da liegt -zwischen ihr und dem Meer der Wildpark von Duino, ein großer, dichter -Terebinthenhain, der ein beredtes Zeugnis dafür bildet, daß der Karst -von Natur aus kein kärglicher Boden ist, daß erst der Unverstand der -Menschen ihn zu der dürren Steinwüste gemacht hat. - -Hinter dem Park ragen die altersgrauen, verwitterten Mauern des -Schlosses Duino auf hohen, malerisch zur See abstürzenden Felsen auf ... - - »Es stand in alten Zeiten ein Schloß so hoch und hehr, - Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer.« - -Man muß unwillkürlich an diese Uhlandsverse denken, wenn man die -alte gewaltige Feste sieht. Man sagte mir, es sei die größte am -Mittelmeer! Uralt ist sie; denn schon die Hohenstaufen haben auf ihren -Italienfahrten in Tybein, wie der alte, deutsche Name der Burg lautet, -gern gerastet; ja ihre Anfänge gehen bis in die Römerzeit zurück. Es -muß damals in dieser Gegend ein vorzüglicher Wein gewachsen sein; denn -Livia, die Gemahlin des Augustus glaubte es diesem zu verdanken, daß -sie über die achtzig Jahre alt geworden ist. - -Landeinwärts vom Schloß bildet ein Dutzend dazu gehöriger Pächterhütten -eine kleine Ortschaft. In ihrer Mitte ist das schwarze, ungemein feste -Eingangstor zum Schloß. Dieses selber besteht aus einem Gefüge von -Bauwerken aus verschiedenen Jahrhunderten, die sich alle um einen -dicken, viereckigen Turm drängen. - -Die gegenwärtige Besitzerin des Schlosses, eine Fürstin Hohenlohe, -hat die weitläufigen Gemächer desselben mit vielen römischen -Fundstücken, alt-venetianischen Holzschnitzwerken und herrlichen -Gemälden geschmückt, von denen manche den besten italienischen Meistern -angehören. Sie ist selber eine Malerin von hohem Talent, und es kann -für eine Künstlerin in der Tat keinen Ort geben, wo sich die Phantasie -mehr befruchtet, als in dem sagen- und efeuumrankten Schloß, vor dem -das südliche Licht über den Azur des Meeres zuckt und flutet. Achtzig -Meter steigen die zerrissenen Uferfelsen lotrecht von der See auf, und -in ihren Rissen grünt eine Vegetation, die mit ihren Agaven und Kakteen -an noch südlichere Gestade erinnert. - -Auf einem grauen, verwaschenen Felsen in der See, der durch ein -zackiges Riff mit dem Festland verbunden ist, liegen die Ruinen -der Stammburg, Tore, Bogen und Türme, durch welche das tiefe Blau -des Himmels scheint; ein ungemein malerisches Bild, wie denn das -Meergestade von Duino in seiner Art etwas einzig Schönes hat. - -In der Nähe ist eine kleine Sardellenfabrik und der Hafen von Duino. -Nichts Angenehmeres, als sich hier hinausrudern zu lassen auf das -träumende Meer, unter dem Schloß hin und längs der steilen, zerrissenen -Uferfelsen. Hier wäre der Ort für eine südliche Lorelei! Oben in einem -Saal des Schlosses steht eine goldene Harfe; allein ich vermute, -daß sie, die wohl von Harfner oder Harfnerin einst in Minneleid und -Minnefreude geschlagen worden, nun gute Ruhe hat. - -Und wie sollte eine Lorelei hier Stätte haben, wo der Sterblichen -Gewaltigster einer gedichtet hat. -- Dante! Man zeigt unter dem Schloß -einen in die See vorspringenden Felsen, welchen die Sage zu einem -Lieblingsaufenthalt des großen Florentiners weiht. - -Die Landschaft östlich vom Schloß mahnte mich etwas an den Urnersee. -Es ist wunderbar still da unten; nur die prächtig gefärbten zierlichen -Quallen, die in geselligen Schwärmen durch die Meerflut ziehen und vor -der nahenden Barke fliehen, das Aufblinken sich tummelnder Seefische -und das Geschrei aus- und einfliegender Tauben und Spyrschwalben, die -ihre Geniste in den Löchern des Felsensturzes haben, bringen etwas -Leben in den strengen Ernst des Ufers und das sonnige Lächeln des -Meeres. Drei Felsen, die aus dem Steilhang des Ufers treten, heißen die -»drei Altäre.« - -Die Bucht von Sistiana, ein reizendes Meeridyll, legt eine Bresche in -den Felsengürtel, der das Meer von Duino umschlingt. An ihrem Eingang -sieht man nach Aurisina hinüber, das ein halbes Stündchen entfernt sein -mag. Dort steht das Maschinenhaus der Wasserversorgung von Triest. -Die Pumpwerke derselben schaffen das am Meeresstrand den Felsen -entquellende Wasser auf das Plateau von Nabresina hinauf, das hundert -Meter über dem Seespiegel liegt. - -Bei Sistiana, wo eine Menge der Steine, die zum Hafenbau von Triest -verwendet worden sind, gebrochen wurden, stiegen wir wieder hinauf -auf die Straße Monfalcone-Triest. Sie führt durch eine Landschaft vom -echtesten Karsttypus. Ringsum starrt ein Chaos zernagter Felsen, wie -aus dem Boden gewachsen, uns entgegen. Doch bilden sie eine Menge, zum -Teil großer Dolinen, seltsame, dem Karst eigentümliche Gesteinskessel, -deren Grund mit einer üppigen Vegetationsdecke ausgeschlagen ist. Die -Dolinen sind ein ungemein liebliches Kontrastbild zu der Trostlosigkeit -der übrigen Landschaft; denn auf den Miniaturäckern, die im Grund -derselben liegen, gedeihen, dem zerstörenden Hauch der Bora entrückt, -die zuweilen mit furchtbarer Gewalt über diese Gegend fegt, Wein und -Öl, Mandel und Feige wie drunten am Meer. - -In einem weiten Bogen überspannt ein Kolossaldamm der österreichischen -Südbahn das Küstenplateau, und durch ein Tor dieser gewaltigen Baute -gelangen wir in das berühmte Steinbruchgebiet von Nabresina, dessen -mattweißer Marmor schon der Stolz des ehemaligen Aquileja war und das -heutige Wien mit den Prachtbauten der Ringstraße schmückt. - -Durch einen Bogen eines zweiten, sechshundert Meter langen -Bahnviaduktes gelangen wir nach Nabresina selbst, einem slavischen -Dorf, bei dessen Station sich aus der Hauptlinie Venedig-Wien der -Schienenstrang nach Triest herauslöst, um sich längs der Ufer von -Miramare in die adriatische Handels- und Hafenstadt hinabzusenken. - -Nabresina und die mehr nach Osten vorgeschobenen Dörfer Santa Croce -und Prosecco sind beliebte Ausflugsziele des nahen Triest, von dem -die Straße in zahlreichen, engen Windungen nach Prosecco emporklimmt, -fröhliche Stelldichein der lebenslustigen Jugend. Bei der eingebornen -Landbevölkerung hat sich noch eine hübsche Mädchentracht, ein Schapel, -ein weißes, geschmeidiges Brusttuch und eine rote oder blaue Schürze, -alles von Seide und reich gestickt, erhalten. Es liegt etwas ungemein -Gutmütiges, mehr Trauriges als Fröhliches, mehr Demütiges als Keckes -in den Gesichtern ihrer Trägerinnen, deren wasserblaue Augen und wenig -belebte Züge scharf gegen das ewig bewegliche Element und die Glutaugen -der italienischen Strandbewohnerinnen abstechen. - -Da sind wir auf der Höhe von Prosecco, jenem kühnen Vorgebirg nächst -Triest! »~Vedere e morire!~« Sieh's und stirbt -- So spricht der -Neapolitaner von seiner Stadt; allein schöner kann Neapel nicht sein, -als der Blick von Prosecco. Da steht man, schaut man, -- und schweigt! - -Tief zu unsern Füßen liegt wonnig und sonnig die Adria, und weiße -Segler ziehen nah und fern auf leuchtender Flut. Etwas links baut sich, -vom Mastenwald seines Hafens emporsteigend, Triest an grünen Hügeln -auf. Über dem Golf von Capo d'Istria winkt Pirano auf olivenreichem -Vorgebirg herüber, während in blauender Ferne Himmel und Meer eines -ins andere übergehen. Zur Rechten senkt sich steil eine Riviera -von silbergrauen Ölbäumen und dunkelgrünen Lorbeerwäldchen, von -Rebengrün und Myrtenhainen zur Punta Grignana ab, auf deren äußerstem -Vorsprung ein zu Stein gewordenes Märchen, Schloß Miramare, aus einem -Terebinthen- und Lorbeerparke steigt. Noch weiter rückwärts gegen Duino -stürzen die Karstfelsen jäh und handlos zur blauen Flut. Meerherüber -grüßen die Pinien von Barbana, Grado, die Inselstadt, der Campanile -von Aquileja, die Lagunen und in träumender, nordwestlicher Ferne die -julischen und italienischen Alpen. - -Allein das sind nur einige Fixpunkte; denn ein Bild wie dasjenige von -Prosecco läßt sich nicht wiedergeben; es kann nur ein selbstgeschautes, -kein übertragenes sein. Was ich nicht zu beschreiben vermag, das -ist der jäh wirkende Zauber des Meerbilds, der Wandel der übers -Meer spielenden Sonnenlichter, jenes Geheimnisvolle, mit dem eine -fast grenzenlose Meerperspektive auf die Seele wirkt und sie mit -einem leisen Heimweh nach dem sonnigen Hellas und den Märchen des -Morgenlandes füllt. - -Zögernd scheiden wir von dem herrlichen Punkt, zögernd, als könnte -unserem Auge das schöne Bild mit den sonnigen Weiten plötzlich entzogen -werden, und steigen durch die Weinberge von Prosecco, wo ein feuriger -Schaumwein wächst, durch hochromantische Felsenpartien, malerische -Kastanienwäldchen und Olivenhaine hinunter zur Südbahn, welche von -Triest aus an dem üppigen Küstenhang das Plateau von Nabresina gewinnt, -und hinunter zu den Lustgärten von Miramare. - -Miramare! -- Liegt nicht schon im Wort südlicher Wohllaut? »Wunder des -Meeres« heißt's zu deutsch, und ein Wunder ist's, das Marmorschloß -am Meer mit seinen Gärten. Da rauschen die Pinien im lauen Wind, und -zierliche Wege ziehen drunter hin; da glänzen und duften Myrte und -Lorbeer; da schreitet man unterm grünen Dach der Madeirareben, durch -schattige Lauben und kühle Grotten, an halbverborgenen Teichen, über -welche die Schwäne ihre Ringe ziehen, hinab zum Marmelpalast. Fast zu -üppig ist hier der Duft blühender Schlingpflanzen, die über die Arkaden -klettern. Die Kamelien blühen, die wie aus Wachs gegossen im Weiß der -Lilie und im Rot der Rose prangen. Er ist einzig, der Kamelienflor von -Miramare. Da, auf der Gartenterrasse nächst dem Schloß, wo herrliche -Erzbilder auf ihren Postamenten stehen, wo wehende Palmen mächtig auf -zum Sonnenlichte streben, mutet's den Wanderer märchenhaft an; da -scheint eine Fee ihren lieblichsten Träumen Gestalt verliehen zu haben; -da scheint alles gefeit gegen Sorge und Gram, gegen Unglück und Tod; -ein Eden, dieses Miramar! - -Und dennoch trauert Miramare! Es trauert um den Erzherzog -Max, seinen Schöpfer, der sich als ehemaliger Statthalter des -lombardisch-venetianischen Königreichs mit freiheitlicher Gesinnung -eine heute noch lebendige Sympathie in den Herzen der Küstenbewohner -erworben hat, eine Sympathie, die mit schuld sein soll an der -tragischen Geschichte des hochbegabten Fürsten. - -Es war im Jahr 1856, in seinen Bräutigamstagen, als Max auf der Punta -Grignana Miramare, das in normännischem Stil gehaltene Schloß, dessen -heller Schein so wundersam über das triestinische Golfrund leuchtet, -und die Parkanlagen schuf. Im folgenden Sommer führte er sein junges -Weib Charlotte, die schönheitsstrahlende, ehrgeizige Belgierin, in -den zauberhaften Meerpalast heim. Er stand damals an der Schwelle der -dreißiger Jahre und war ein liebenswürdiger, hochgebildeter Mann, der -auf mannigfachen Reisen durch die gesamten Mittelmeerländer und auf -einer Pilgerfahrt nach Jerusalem ein schönes Stück Welt gesehen hatte; -sie eine kaum Siebenzehnjährige, mit allen Vorzügen einer ungewöhnlich -tüchtigen Bildung, dabei von ernstem, arbeitsamem Wesen, aber auch von -einem maßlosen Ehrgeiz. Das liberale Österreich sah mit Hoffnungen auf -das Paar, welche den Neid der Wiener Hofburg herausforderten; denn Max -war um seiner persönlichen Ritterlichkeit und Liebenswürdigkeit willen -weitaus der volkstümlichste der Habsburger, doch für einen Staatsmann -von zu weichem Naturell, und das hat denn auch die furchtbare Tragik in -sein Leben gewoben. - -Man kennt das »Trauerspiel« in Mexiko. Das Land und die Ereignisse, -welche damals zwei Welten in fieberhafter Spannung hielten, sind zwar -in den geschichtlichen Hintergrund getreten; von den Hauptbeteiligten -sind alle tot: Kaiser Max, das Opfer, Napoleon, der Komödiant und -Verführer, Bazaine, das Werkzeug, Juarez, der großmütige Feind, Lopez -der Verräter, General Diaz, der Scherge; nur eine lebt noch, wenn -Irrsinn leben heißt, Charlotte, die schöne ehrgeizige Belgierin. Auf -dem Schloß Tervueren bei Brüssel lebt sie noch. - -Allein wenn man auf den Parkwegen von Miramare wandelt, wird einem die -Geschichte, die Johannes Scherr mit bitterer Ironie eine »Tragikomödie« -nennt, wieder neu, und die Toten stehen wieder auf. - -Es war im Jahr 1860, als Napoleon ~III.~ zum erstenmal als Versucher an -den Erzherzog herantrat und ihm die Kaiserkrone von Mexiko anbot. Man -kann von Max zwar nicht sagen: »Versucht und verführt.« Nur zögernd, -erst am 10. April 1864, als zu Miramare eine mexikanische Deputation -erschien und ihm die Krone namens des mexikanischen Volkes bot, nahm -er sie; allein er nahm sie, denn er war ehrgeizig, sein Weib Charlotte -noch mehr, und die kaiserlichen Verwandten, denen die Volkstümlichkeit -des Erzherzogs schon lange ein Dorn im Auge gewesen war, hatten nichts -dagegen einzuwenden. - -Vier Tage später sagten Maximilian und Charlotte Miramare Lebewohl. Nie -zuvor und nie später haben sich in den Wegen der herrlichen Gärten so -viel Menschen bewegt, wie am Morgen des Scheidetags. Beim Einstieg des -kaiserlichen Paars ins Boot blieb kein Auge trocken. Mit Recht! Was Max -dem Küstenland gewesen, das haben die folgenden Jahrzehnte in keiner -Weise ersetzt. - -Unter einem Blumenregen, unter den Segenswünschen des sich zudrängenden -Volkes schritt das Paar zum kleinen Hafen, und ein Boot, auf dem ein -roter Sammet-Baldachin aufgeschlagen war, führte es hinaus auf den -Golf, wo die »Novarra«, das Lieblingsschiff des Kaisers, im Schmuck -der Wimpel und Flaggen zur Aufnahme der kaiserlichen Passagiere bereit -stand. - -Dann donnerten die Kanonen; vom Ufer schollen die »Lebewohl«; die -»Novarra« fuhr, von dem französischen Kriegsschiffe »Themis« begleitet, -im Glanz des jungen Frühlingsmorgens, beim klarsten Lächeln des -südlichen Himmels hinab gegen Pirano, bis sie am Horizont verschwand. --- Die »Novarra« ist wiedergekehrt, der Kaiser nicht! - -Als Maximilian ~I.~ in Mexiko zu herrschen begann, waren alle tüchtigen -Elemente des von den Franzosen vergewaltigten Volkes gegen ihn, -den aufgezwungenen Herrscher, eingenommen, und der Widerstand der -Freisinnigen trieb ihn in die Arme der Priesterpartei. Sie verführte -ihn zu dem Dekrete vom 3. Oktober 1865, das seine mexikanischen Gegner -für »vogelfrei und außer dem Gesetze stehend« erklärte, Hunderte von -patriotischen Mexikanern dem Standrecht preisgab und im Land eine -furchtbare Erbitterung gegen den Kaiser erregte. - -Zudem hatten die amerikanischen Nordstaaten Maximilian nie als Kaiser -von Mexiko anerkannt, und als diese über die rebellischen Südstaaten, -die dem Kaiser günstig gestimmt waren, gesiegt hatten, verlangte -Johnson, der Präsident der Union, von Frankreich, daß es seine Truppen -aus Mexiko zurückziehe. - -Vor seiner festen Sprache gab Napoleon nach; die Zustände in Mexiko -wurden immer unhaltbarer und im Sommer des Jahres 1866 wollte -Maximilian die mexikanische Kaiserkrone ablegen. Allein Charlotte hielt -die Feder, welche diesem Entschluß Rechtskraft geben sollte, zurück; -denn der Kaiserinnentraum war für sie zu schön, und sie verteidigte ihn -mit einer Kraft, die einer bessern Sache wert gewesen wäre. Zwei Tage -nach diesem Ereignis brach sie im fernen Mexiko nach Frankreich auf, -um Napoleon ~III.~ um Innehaltung seines Vertrages zu bitten. Am 10. -August kam sie in St. Cloud an und erlangte, als sie der wortbrüchige -Herrscher nicht vorließ, mit Gewalt eine Unterredung mit ihm. Erst -eine demütig um Hülfe Bittende und, als der Kaiser hart blieb, eine -Furie, hat sie diesem Manne vielleicht das Bitterste gesagt, was er aus -Frauenmund je gehört hat. - -Vierzehn Tage später irrte sie, eine Verzweifelnde, durch die Gemächer -ihres Marmelpalastes am Meer; Verzweiflung und Irrsinn peitschten sie -wieder fort, nach Rom zu den Füßen Pius ~IX.~ Dann kam sie wieder nach -Miramare, eine vollständig Wahnsinnige. Maximilian hat sie nie mehr -gesehen. - -Napoleon zog vertragsbrüchig Truppe um Truppe aus Mexiko zurück, und -nach vergeblichen Versuchen, Maximilian zur Abdankung zu bewegen, -überließ er ihn seinem Schicksal. - -Eine Weile schien es, als wollte Maximilian, den Tatsachen weichend, -ernstlich den Rückzug vor den immer mächtiger vordringenden -republikanischen Heeren vorbereiten; allein auf diesem Rückzug ereilte -ihn in einer einsamen Hazienda bei Orizaba eine Depesche, welche ihm -über das Schicksal seines Weibes Aufschluß gab. - -Niemand weiß nun recht, was im Hirn und Herzen des unglücklichen -Kaisers vorging; genug, Maximilian kehrte um die Jahreswende 1866/67 -in die Hauptstadt Mexiko zurück, und am 15. Mai erreichte ihn, von den -republikanischen Heeren bis an die Grenze des Landes hinausgedrängt, -zu Queretaro das Verhängnis. Von Oberst Miquel Lopez, einem Verwandten -des Marschalls Bazaine, um 10000 Pesos verraten, gab Maximilian, -nachdem er das letzte Bollwerk, den Cerro de las Campanas, mit einem -Häuflein getreuer Österreicher verteidigt, den Degen ab und war der -Kriegsgefangene der Republikaner. - -Ein Kriegsgericht von sieben Mann sollte über das Los des Gefangenen -entscheiden; die europäische Diplomatie tat alles, um ihn zu retten; -selbst Juarez, der feindliche Anführer, wollte großmütig das Leben -Maximilians schonen. Allein der Fluch des Oktoberdekrets fiel auf -seinen Urheber zurück. In der Mitternacht des 14. Juni wurden -Maximilian ~I.~ und zwei seiner Generäle von dem republikanischen -Kriegsgericht zum Tode verurteilt. - -Vier Tage später stand in der Morgenfrühe auf dem Cerro de las Campanas -ein Truppenviereck und in dessen offener Seite Maximilian mit seinen -zwei Generälen. - -Nachdem der Kaiser seinen letzten Besitz, eine Hand voll Geld, die er -bei sich trug, durch einen Unteroffizier hatte verteilen lassen, rief -er: »Möge mein Blut das letzte sein, welches für das Vaterland geopfert -wird ... Es lebe Mexiko ... Auf die Brust! Zielt nach dem Herzen! -Zielt gut! ... Arme Charlotte!« - -Unter dem Knattern der Gewehre, dem Wirbeln der Trommeln, dem Klang -der Hörner und unter den freudigen Rufen der Mexikaner: »Freiheit und -Unabhängigkeit!« sanken die drei Männer auf den Grund ... - -So starb Maximilian ~I.~ Ein Schrei der Entrüstung ging durch Europa; -aufrichtig betrauert aber und nicht vergessen hat man Max nur an der -Adria, im Küstenland. - -Seit er an jenem schönen Aprilmorgen auszog ins Kaiserelend, steht das -Lustschloß vereinsamt und verwaist. Selten, und immer nur für wenige -Tage, kehren die Glieder der kaiserlichen Familie in die luxuriösen -Hallen ein; es scheint ihnen nicht wohl zu sein in den duftschwülen -Gärten am Meer. - -Dafür wallt in blühender Sommerszeit der Naturschwärmer und Künstler -Triests zum Lustschloß Miramar. - -Treten auch wir jetzt durch den mit mittelalterlichen Waffen -geschmückten Korridor ins weite, helle Kaiserhaus, an der Hauskapelle -vorbei in die marmelverzierten Gemächer, in die weite Bibliothek, wo -die Büsten Homers, Dantes, Shakespeares und Goethes stehen. Bis an den -Plafond reichen die offenen Büchergestelle, von prachtvollen Einbänden, -von Gold und Silber schimmernd; aber die Bücher sind tot; seit Max -gestorben, hat sie keine Hand mehr aufgeschlagen. - -Nebenan ist das Arbeitszimmer Maximilians. Es hat die Form der Kajüte, -welche er auf der »Novarra«, jenem Schiff bewohnte, das ihn in seinen -jungen Jahren in die verschiedenen Mittelmeerländer und später nach -Mexiko geführt. Hier hat er jene anziehenden Bücher: »Aus meinem -Leben« und »Aphorismen« geschrieben, die nach seinem Tod das teuerste -Vermächtnis für seine Freunde waren. An den Wänden dieser Koje -hangen zwei Bilder: »Die Ermordung Cäsars« und »Maria Antoinette im -Gefängnis.« Ob der fürstliche Arbeiter sich's je geträumt, daß sie zu -seinem eigenen Geschick beziehungsvoll würden? - -So geht es fort durch eine weite Flucht von Gemächern. Da funkelt's -von Gold- und Seidentapeten; da stehen kunstvoll geschnitzte Möbel, -altertümliche Uhren und Schränke; da gleitet der Fuß auf Wunderwerken -von eingelegten Parketts; da hangen von herrlichen Decken zierliche -Lustres, Meisterwerke der Goldschmiedekunst. Alles erzählt von der -üppigen Phantasie seines Schöpfers, der einen großen Teil der Pläne und -Zeichnungen für den Bau mit eigener Hand entworfen hat. - -Genug von dieser wundersamen Pracht. Viele stolze Schlösser und größere -als Miramare habe ich in jüngern Wandertagen in Frankreich gesehen, -aber keines, wo Natur und Kunst sich zu einem so wirkungsvollen Ganzen, -zu so bestrickender Schönheit verschwistern wie in Miramare. - -Treten wir hinaus auf eine der Balustraden. Noch ist's das Bild von -Prosecco: - - »Es singt und klingt das blaue Meer - So sagenreich, so wunderhehr. - Es rauscht der weiße Schaum der Welle - Melodisch an die Marmorschwelle - Und drücket auf des Schlosses Fuß - Den schauerkühlen Nymphenkuß, - Und als zurück die Wogen prallen, - Da zittert's wonnig durch die Hallen.« - -Ich habe den schönen Versen, mit denen Max selber sein stolzes -Haus gefeiert, nichts beizufügen. Und nun reißen wir uns los; denn -freiwillig scheidet wohl keiner von dem »Wunder des Meers.« Drunten im -Hafen an der Gartenterrasse wartet unser der Fährmann, der uns zurück -nach Monfalcone führen soll. - -Das Ruder plätschert in kristallner Flut; die Berge stehen im -Abendglanz; alles ist Daseinswonne, Frieden und Licht, und von Miramare -her streicht der Blütenduft über die See. - -Bald ziehen Glockentöne übers Meer. »Ave Maria! Ave Maria!« Nah und -fern fallen die rauhen, sonnverbrannten Fischer in ihren Segelbooten -auf die Kniee und beten zur gnadenreichen Gottesmutter um glücklichen -Fischfang, um ihren Schutz zur See, um gnädige Erhaltung von Weib und -Kind. - -So kommt die Nacht, die laue Südnacht mit ihrem Sternbrevier. Von -Triest her flammen tausend Lichter; der Leuchtturm spielt mit seinen -wechselnden Signalen; doch schon beginnt - - »Den Osten Mondlicht zu erhellen, - Und zitternd funkelt's auf den Wellen. - Still wird's auf weitem Meeresplan, - Und rauschen hört man nur den Kahn.« - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Triest. - - -Wenn man von Venedig kommend bei Monfalcone den innersten Busen -der Adria umfährt, dann schimmert an der östlichen Küste blendend -weiß, wie der Leib eines schönen Menschen, der zum Bad ans Meerufer -niedergestiegen ist, die Stadt Triest. Im Halbzirkel baut sie sich vom -lachenden Golf zum Kastellhügel und malerischen Uferhöhen empor. Olive -und Lorbeer haben die Unfruchtbarkeit des Karstgesteins besiegt und -schlagen mit herrschaftlichen Gärten einen üppig grünen Rahmen um das -glänzende Stadtbild. - -Von ferne könnte man glauben, alle Häuser seien von Marmor; kommt man -aber hinein, so sind sie kaum anders als irgend sonst wo in einer -großen Stadt; mächtig und prächtig, an die schönsten Plätze von Wien -oder Paris erinnernd im neuen Teil, der das Vorland zwischen Küstenhang -und Meer bedeckt, klein, düster und elend in der Altstadt, deren -Straßen sich eng und steil von der Zitadelle zum neuen Stadtteile -hinunterziehen. Doch hat Triest etwas Besonderes, was manch größere -Stadt nicht hat, nämlich einen hochragenden Mastenwald vor seinen -Häusern. - -Der Nationalstolz nennt Triest das »österreichische Hamburg«, eine -Metapher, bei der man etwas Übertreibung mit in den Kauf nehmen muß. -Triest ist kein Hamburg, aber immerhin das gewaltigste Handelsemporium -an der Adria und, abgesehen von Fiume, das die Ungarn zur Blüte zu -bringen suchen, der einzige große Hafen der habsburgischen Monarchie. - -Der Zug fährt von Nabresina in drei Viertelstunden in die Stadt -hinunter und legt auf dem Wege dahin dem Reisenden die ganze Pracht des -Golfes von Triest, ein wundersam wonniges Bild, zu Füßen. - -Aus der hohen Halle des schönen Bahnhofes tritt man auf den geräumigen -Vorplatz, und vor dem eigentümlichen Reiz, der beim Anblick eines -Seehafens das Herz der Landratte packt, muß in der ersten Stunde jedes -andere Interesse dem am Hafenbilde weichen. - -So ging's mir nicht nur das erste, so ging's mir auch die folgenden -Male, als ich nach Triest kam. Ich wurde nicht müde, den Quai auf und -ab zu wandeln, mich an den bunten Flaggen und Wimpeln, die lustig gegen -den dunkelblauen Himmel emporflatterten, an dem Gewirre von Masten, -an den riesenhaften Kauffahrteischiffen, an dem lebendigen Gewühl der -Gaete, Mistici, Navicelli, Trabaccoli, Brazzere, Tartome, und wie -immer noch das Gewimmel jener kleinern Boote, Schaluppen und Kähne, -die zwischen den Riesenleibern der Ostindienfahrer durchschwärmen, -sich nennen mag, zu ergötzen. Diese gebrechlichen Nußschalen, oft -von bizarrer Form und buntem Anstrich, mit ihrem sonnengebräunten, -malerisch verwilderten Matrosen- und Fischervolk, sind nicht weniger -interessant als die Giganten des österreichischen Lloyd, als der -»Polluce«, der »Helios«, die gewaltige »Pandora« oder die »Medusa«, -in deren Tauwerk die braunen Jungen mit der Gelenkigkeit von Katzen -auf- und niederklettern. Macht ein solcher Schiffspalast »klar«, so -verfinstert eine Rauchpinie den Molo, bis der Koloß hinauswogt in den -offenen Golf. - -Man sagt, daß jährlich 1600 Dampfer und 7000 Schiffe langer Fahrt -in den Hafen von Triest einlaufen und daß sie zusammen für über 400 -Millionen Kronen Waren bringen. Kein Wunder, wenn hier alles Leben und -Bewegung, Handel und Wandel ist! - -Dennoch fühlt sich der Fremde vom Hafenbild Triests einigermaßen -enttäuscht; denn die durch acht größere und viele kleinere Moli -voneinander getrennten Bassins, die sich in der Länge einer halben -Stunde eines ans andere reihen, sind gegen das Meer hin offen und -widersprechen durchaus jenem typischen Hafenbilde von der dreiseitig -sturmverschlossenen Bucht, wo die Schiffe ruhsam ankern können. - -In der Tat war der Hafen von Triest früher wegen seiner vielen -Schiffbrüche in Verruf, und die Stadt hätte nie der blühende -Handelspunkt werden können, wenn sie sich nicht durch gewaltige Bauten -jenen Schutz, den die Natur ihrer Rhede versagt, selber geschaffen -hätte. Die neue Anlage hat dreißig Millionen Kronen gekostet. Ein dem -Hafen vorgelagerter, sechszehn Meter vom Grund der See aufragender -Damm, »der Wellenbrecher«, schützt ihn nun gegen den Wogendrang -der hochgehenden Adria, so daß jetzt die ungünstigen natürlichen -Verhältnisse desselben aufgehoben sind. - -Auf der Spitze des südlichsten Molos steht der 33 Meter hohe -Leuchtturm, welcher im Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem Modell -des berühmten Turmes auf der Eddystoneklippe in nach oben verjüngt -zulaufender Form gebaut worden ist. Während des Tages schmücken die -Flaggen der jeweilen ankommenden Schiffe seinen Signalmast; wenn -die Nacht hereinbricht, spielen die Feuersignale seiner Laterne mit -blitzartigen, durch Momente vollkommener Dunkelheit getrennten, bald -hellern, bald schwächern Lichtern über die See, sodaß der Adriafahrer -schon 30 Kilometer von Triest das helle Blinken gewahrt. - -Wenn ich an den Leuchtturm von Triest denke, dann stehen zwei Bilder, -die ich von der Höhe seiner Plattform genossen, vor meinem Blick: -ein wundersamer, stiller Meeresabend, an dem die See regungslos und -lächelnd, golden besonnt und unermessen vor mir lag. Das verworrene -Geschrei der Lastträger, das Rasseln der Fuhrwerke und der schrille -Laut der Dampfpfeife erreichten schon halb verhallt den schönen -Standpunkt. Die lichtübergossene Uferlehne von Miramare im Norden, -die schroffen istrianischen Küstenhänge im Süden und die Stadt mit -ihren leuchtenden Häuserfronten zwischen ihnen fesselten das Auge -gleichermaßen. Von Pirano her, der hellschimmernden Stadt auf dem -westlichen Vorgebirge von Istrien, kam das winzige Lokalboot, während -eine Flottille größerer Segler, die jedenfalls nur einen Levante -abwarteten, um nach Venedig hinüberzufahren, unbeweglich vor der -Bucht von Capo d'Istria stand. Andere stiegen am fernsten Horizont als -schimmernde Punkte malerisch auf oder versanken; Scharen von Möven und -andern Vögeln zogen über dem herrlichen Golfe ihre Kreise. - -Etwas unendlich Weiches, Träumerisches, ein wundersamer Frieden, der -erlösend in die Menschenbrust übergeht, lag da im Meerbilde von Triest. - -Wie ganz anders habe ich die gleiche Landschaft das zweitemal gesehen! -friedlos, von schmerzlicher Melancholie bewegt; das Land, sturmempört, -vom Scirocco gepeitscht die See, ängstlich sich zum Hafen flüchtende -Barken, bald hoch auf zerspritzenden Schäumen, bald tief in den -Mulden der Wogen. In langgestreckten Zügen, wogend und ringend, hier -zergehend, dort auferstehend, fluteten die Wellen, zerbarsten mit -furchtbarem Prall an den Fundamenten des Turmes, daß es zitternd durch -seinen Steinleib ging, und strömten brausend ins Meer zurück. Dazu -rauschte und pfiff, sang und klang der Sturm. - -Es ist auch herrlich und unaussprechlich schön, aber liebe- und -erbarmungslos, das stürmende, hochgehende Meer! - -Die nördlichen Hafenmauern sind durch Schienengeleise mit dem -Warenbahnhofe verbunden, so daß die Eisenbahnfrachtwagen ihre Lasten -bis dicht an die Flanken der Kauffahrteischiffe bringen können. -Allein diese Verkehrserleichterung scheint dem lauten, beweglichen -Leben auf dem Hafenquai, wo italienische und deutsche, slovenische -und kroatische, morlakische und neugriechische Zunge vieltönig -durcheinandergehen, keinen Eintrag zu tun. Der Lärm und die Zurufe von -hundert emsigen Menschen, die sich um das Verladen der Schiffsfrachten -auf die Fuhrwerke bemühen, das Rasseln der heransprengenden, das -Geknarre der abfahrenden Lastwagen gestaltet das Ufer zu einem -wunderbaren Tummelplatze der Arbeit. - -Doch auch die Idylle ist nicht weit. Drunten liegen italienische -Schiffer und feiern Hafenrast. Sie singen abgebrochene Strophen -alter Seemannslieder. Es ist seltsam; auch die bedürfnislosen Söhne -des sonnigen Südens legen wie die Fergen der Nordlandsbuchten etwas -Tieftrauriges, das einem nicht so leicht wieder aus dem Gehöre kommt, -in ihre meergebornen Lieder, in jene eintönigen, getragenen Melodien, -deren Schlußakkorde gerade so lange gehalten werden, als der Atem der -Sänger reicht. - -So ist das triestinische Hafentreiben, hier ein ~dolce far niente~, -dort Arbeit, aber voll eigentümlichen Lebens überall. Am Uferrand der -Quais liegen die mannigfaltigsten Frachtgüter aufgespeichert: Fässer -mit dalmatinischen Weinen, Salztonnen von Pirano, Baumwollballen -aus Ägypten, Kaffeesäcke von Java, Indigo von Senegal, Wallonen aus -der Levante, Farbholz aus Brasilien und die schwarzen Diamanten aus -England, kurz, Schätze von allen Enden der Welt. - -Man beziffert den Wert der alljährlichen Einfuhr auf etwas mehr, -denjenigen der Ausfuhr auf etwas weniger als 400 Millionen Kronen. - -Die teuerste Fracht aber ist der Mensch, der Mensch, dem das weite -Heimatland zu eng wird und der das Glück im märchenträumenden -Morgenland oder im Sonnenbrand Afrikas oder im fernen aufblühenden -Westen suchen geht. Ich kann nicht sagen, wie viel Auswanderer jährlich -den Weg über Triest nehmen; ich weiß nur, daß die einen lächeln, die -andern weinen, alle prächtige Luftschlösser bauen, wenn das Schiff aus -dem Hafen rauscht; daß die einen reich, die andern arm werden; daß sie -alle schließlich wieder ein Luftschloß bauen, aber ein enges, kleines, -ein wundersam bescheidenes: Sechs Fuß Raum in der Heimaterde. Manchem -wird's zu teil, und wem es nicht zu teil wird, den drückt der fremde -Boden auch nicht schwer. - -Wenden wir uns vom lauten Hafentreiben ab und der Stadt zu, die auf -Strand und Hang so herrlich vor uns ausgebreitet liegt, so gelangen -wir auf den mit dem Hafen in enger Beziehung stehenden Fischmarkt. Er -ist in einem Gebäude der Salzquais untergebracht und bietet ein ins -Italienische übersetztes Stück des berühmten Pariser Hallenlebens. - -Die Menge der in den ersten Morgenstunden zum Verkaufe gebrachten -Seefische, Krebstiere und Muscheln wird nur erklärlich durch die -Aufnahmefähigkeit, welche das triestinische Volk diesen Meerprodukten -entgegenbringt. - -Das Meer ist die Delikatessenkammer des Wohllebens und der Garten der -Armut, die sich das trockene Polentamahl mit in Öl gebratenen Sardellen -würzt, den Tintenfisch im Topfe siedet, oder eine Art kleiner, den -Asseln ähnlicher Krebse zum Abendbrote röstet. - -Der stachelflossige, bläuliche Tunfisch, der oft zwei Meter lang -und zentnerschwer wird, ist der Riese des Marktes; doch liefern -Tintenfisch, Meeraale und plattgedrückte, schiefmäulige Brassen die -größte Warenmasse. - -Von wirklich feinem Geschmack und auch dem Gaumen des Binnenländers -schmeichelnd sind indessen nur die blaue, goldig glänzende Makrele, -eine schon bei den Römern hochgeschätzte Tafelzierde, und der Branzin, -ein Brackwasserfisch, der in den furlanischen Lagunen häufig gefangen -wird. Die Austern von Triest dagegen stehen den venetianischen im -Wohlgeschmacke nach. - -Ich habe den durchdringenden Fischgeruch der Halle und den Anblick der -im Sterben liegenden, schnappenden, zuckenden, oft bei lebendigem Leib -verstümmelten Flosser nie lange ertragen können. Ihr Fang und Verkauf -enthält ein furchtbares Stück menschlicher Grausamkeit. - -Am ruhigsten scheint das Geschlecht der gewaltigen Hummer und der -langbeinigen Meerspinnen den Übergang aus der kühlen Salzflut in die -warme Luft zu nehmen; denn sie führen, der gemeinsamen Not vergessend, -einen letzten Scherenkampf. - -Merkwürdigerweise ist der Handel mit den schönen Muscheln in Triest -viel weniger zu Haus als in mancher Binnenstadt; denn außer ein -paar durchaus gewöhnlichen Exemplaren in einer an die Fischhalle -lehnenden Bude fand ich in den triestinischen Läden nichts käuflich. -Allerdings sollen hie und da schöne private Sammlungen bestehen, und -das Ferdinand-Maximilian-Museum enthält die zum Teil prachtvollen, -farbenreichen Muscheln der südlichen Meere in seltener Vollständigkeit. - -Östlich vom Hafenquai und südlich vom Bahnhof liegt die Neustadt. -Der »große Kanal« dringt vom Hafen bis in den Hintergrund dieses -Stadtteils und gestattet selbst Quersegelschiffen, unmittelbar bei den -Magazinen zu löschen. Am Ende des Kanals steht St. Antonio nuovo, eine -im Anfange dieses Jahrhunderts erbaute einschiffige Kirche mit hübschem -Säulenportikus. - -Romantische Gedanken läßt die Neustadt nicht aufkommen. Dazu sind ihre -Häuser zu modern, ihre Straßen zu rechtwinklig, ihr Pflaster zu gut; -die Nüchternheit der triestinischen Handelsleute ist in der Architektur -dieses Quartiers zu ihrem entsprechenden Ausdruck gekommen. - -Ich wüßte überhaupt keine Stadt von der Größe Triests, wo der Wanderer -so unbeschwert von baulichen Merkwürdigkeiten und kunstgeschichtlichen -Reminiszenzen seines Weges gehen könnte, wie in Triest. Es ist in -dieser Hinsicht das Widerspiel Venedigs, dessen Kunstschätze es -nicht zugleich mit dessen Handel geerbt hat. Das Wenige, was es an -sehenswerten Gebäuden und Monumenten in der Tat besitzt, drängt sich -im Süden der Neustadt um die gegen den Hafen offene »Piazza grande« -zusammen. - -Den Hintergrund dieses Platzes schließt die reichgegliederte Fassade -des Munizipalpalastes, eines modernen Prachtbaues, würdig ab. Auf -dem Dach desselben schlagen wie auf der Markuskirche zu Venedig zwei -eherne Mohren die Stunden. Davor stehen ein im blühendsten Rokokostil -gehaltener, mit vielen Figuren verzierter Springbrunnen und die -Marmorstatue Kaiser Karls ~VI.~, des letzten Herrschers aus dem -Mannesstamme der Habsburger, der mit ihm im Jahre 1736 ausgestorben -ist. - -Bedeutender noch ist das neue Gebäude, das sich im Süden des Platzes -und angesichts des Hafens erhebt. Gleich ausgezeichnet durch seine -einfache, edle Gliederung, wie durch seine monumentale Größe, ist -es das prunkende Heim des österreichisch-ungarischen Lloyd, jener -mächtigen Dampfschiffgesellschaft, die mit ihren gewaltigen Kapitalien -und siebenzig in ihrem Dienst stehenden großen Meerdampfern nicht -nur den Schiffsverkehr der Adria, sondern auch einen großen Teil des -europäischen Handels nach der Levante und Indien beherrscht. - -Im Norden der Piazza grande stehen das Stadttheater und das Tergesteum, -der größte der triestinischen Paläste, von vier engen Gassen umzogen, -ziemlich vergraben in den umgebenden Häusern. Sein Erdgeschoß bildet -einen Bazar, wo man alles, was schön und teuer ist, kaufen kann. - -Auf dem Vorplatze der alten Börse, eines im dorischen Stil gehaltenen -Baues, steht auf hoher Säule das in Erz gegossene Standbild Leopolds -~I.~ - -Als ich einen meiner Triestiner Bekannten fragte, wie der grausame -Unterdrücker des Protestantismus in Ungarn zu der Ehre eines solchen -Denkmals komme, lächelte er fein und sagte: »Die Ehre gilt im Grunde -nicht dem Kaiser; sie gilt seinem genialen Feldherrn, dem Prinz Eugen, -dem Sieger von Belgrad, und dem Starhemberg, dem Verteidiger Wiens in -der Türkennot. Indem wir den Kaiser sehen, denken wir an seine Helden!« - -Auf dem Börsenplatze beginnt die Via del Corso, die fashionable Straße -von Triest, die, zu beiden Seiten mit großen, reichen Kaufläden -besetzt, sich zur Piazza della Legna hinaufzieht. Auf ihren Trottoirs -wandelt am Nachmittag die feine Triestiner Welt auf und ab. - -An feiner Toilette, an Geschmack und an Luxus weicht der Triestiner -keinem andern Städter der Welt. Selbst Paris hat keine feinern Ponies, -keine zierlicheren Breaks als die ~jeunesse dorée~ der adriatischen -Handelsstadt, und auf der Karosse des Grafen von Paris haben wie -auf der Kutsche des Triestiner Baumwollbarons auch höchstens vier -galonierte Lakeien, zwei hinten und zwei vorn, Platz. Viele Damen -entstellt der Reispuder. - -Man sieht unter den feinen Schichten der triestinischen Gesellschaft -stets viele Armenier und Griechen, prächtige Gestalten mit kühn -geschnittenen, ausdrucksvollen Gesichtern, während man die schönen -Frauen dieses Volkes, das eine Aspasia, eine Laïs besaß, in Triest wohl -vergebens sucht. In Anmut und Temperament werden die Fremden alle von -der italienischen Triestinerin besiegt. - -Obwohl das gebildete Triest einen ausgesprochenen kosmopolitischen -Charakter trägt und dieses Gemisch deutscher, französischer, -griechischer und armenischer Elemente die stärkste Stütze seines -Gedeihens bildet, ist es eine vorwiegend italienische Stadt. Von den -110000 Einwohnern sind vier Fünftel Italiener; der Rest wird durch die -kulturell wenig bedeutenden Slaven und etwa 5000 Fremde gebildet. - -Dieses starke Übergewicht des italienischen über das slavische und -das deutsche Element läßt die reiche Stadt zu einem Schmerzenskind -des habsburgischen Reiches werden. Die Irredenta, die Gesellschaft -des »unerlösten Italiens«, die dem jungen Königreich vor allem gern -die schöne Adriabraut zuführen möchte, wühlt in der Handelsstadt. Es -waltet in den triestinischen Kreisen kein Zweifel, daß die italienische -Rauflust ihre nächsten Lorbeeren im Bereiche des schönen Golfes holen -wird. - -Heute führt Triest noch den Ehrennamen der »allergetreuesten Stadt.« -Auf ihrem Korso hängt die glutäugige Italienerin am Arme des -deutsch-österreichischen Offiziers, und ihr helles Geplauder klingt -nicht wie Kriegserklärung. - -Der Korso scheidet die Neustadt von der Altstadt. Unmittelbar hinter -den stolzen Häusern dieser Straße liegt jener verrufene Stadtteil, wo -der Typhus und die Blattern kaum ausgehen, die Cholera je und je, wenn -sie ihren Totenritt durch die Südlande unternimmt, ihr Rastquartier -aufschlägt, wo die Werkstätten der italienischen Handwerker und die -düstern Matrosenkneipen sind und manch ein armes Kind dem Laster -erzogen wird. - -Doch hat Alt-Triest mit seinen vom Rauch der Jahrhunderte geschwärzten -Bauten einen Vorzug vor der neuen Stadt. Seine Häuser haben eine lange -Geschichte, doch keines eine längere als das Gotteshaus von San Giusto, -das, dem Dom von Aquileja und der Kathedrale von Parenzo in Istrien an -Alter ebenbürtig, aus der legendenumsponnenen Kindheit des Christentums -stammt. - -Durch die Gassen und Gäßchen der Altstadt flanierend kam ich in die -Via Trionfo, zu dem Rest eines alten Bogens. Er mag in Wahrheit von -einem römischen Siegestor oder auch nur von einer antiken Wasserleitung -herrühren. Vom Volke aber wird er dem König Richard Löwenherz, jenem -ritterlichen Kreuzfahrer zugeschrieben, der im Jahre 1192 siegreich -aus Palästina zurückkehrend von einem Sturm an die Küste von Aquileja -verschlagen worden war, und heißt Arco di Ricardo. - -Nun hinauf zu der Kathedrale von St. Just! In ihrer jetzigen Gestalt -ist sie ein Doppelbau aus zwei Basiliken. An die ältere, schon drei -Jahrhunderte nach dem Stifter des Christentums entstandene, wurde -im 6. Jahrhundert eine byzantinische Kirche angefügt und beide im -14. Jahrhundert zu einer einzigen Halle vereinigt, welche durch vier -Säulenreihen in fünf Schiffe geschieden wird. - -Durch einen von ein paar Bäumen beschatteten Hof tritt man vor die -Giebelfassade des Baues. Sie hat eine riesige Fensterrose. Christliche -Insignien sind zwischen der Türe und dem massigen, das Gotteshaus -flankierenden Turm, der römische Säulen enthält, eingemauert. Das -höchste archäologische Interesse gewähren zwei Mosaiken im Innern. Sie -schmücken die Apsis und bilden ein herrliches Zeugnis künstlerischen -Könnens im Mittelalter. In Farben auf Goldgrund stellen sie die -Gottesmutter und einen sie umschwebenden Chor von Engeln, sowie die -zwölf Apostel dar. Ihr Ursprung geht zum Teil ins 7., zum Teil ins 11. -Jahrhundert zurück. - -Neben der Kathedrale, dem einzigen kunstgeschichtlich merkwürdigen -Baudenkmal der großen Adriastadt, liegt ein ehemaliger Kirchhof. An -einem in grünumrankter Bogenwölbung stehenden Sarkophag liest man die -Inschrift: »~Joanni Winckelmanno, domo Stendelia -- -- --~« - -Es ist das Grab Johannes Winckelmanns, des Schöpfers der deutschen -Kunstgeschichte, der zu Rom als Kustode des antiken Museums lebte -und im Sommer 1768 seiner nordischen Heimat einen Besuch abstatten -wollte. Auf dieser Reise fiel er in einem Gasthofe Triests unter den -Messerstichen eines italienischen Räubers. - -Dicht über der Kathedrale erheben sich die grauen Mauern des 200 Jahre -alten, auch gegenwärtig noch Befestigungszwecken dienenden Kastells, -das Stadt und Hafen schützend überschaut. Es mag wohl an der Stelle -des Kapitols stehen, das im Beginn unserer Zeitrechnung die römische -Kolonie Tergeste beherrschte. - -Ein Weilchen rastend hier zu stehen und Überschau zu halten über -Triest, seinen Hafen und seinen Golf ist herrlich. Allein ich hatte -einen Empfehlungsbrief für einen Seemann in der Tasche, dessen Schiff, -der gewaltige Lloyddampfer Jupiter, im Arsenal der Bucht von Muggia lag. - -Ich eilte wieder hinunter zur Piazza grande, wo sich ein lärmendes -südliches Markttreiben entfaltet hatte. Es geht nichts über welsche -Lungen, welsche Verkäufer und Verkäuferinnen; denn so ausdauernd, -unverwüstlich wie jene, so abenteuerlich und drollig sind diese. Man -kann bei ihnen alles Mögliche und noch einiges kaufen: Juwelen und -Perlen aus Glas, Uhren und Zigarrenetuis, Stubenvögel und junge Ziegen, -Käse und Salami, von Insekten umschwärmte Orangen, frische Datteln, -die in langen Trauben noch aneinander hängen, Sträuße und Blumen in -Töpfen. Immer führen zum Erbarmen schwer beladene Maultiere und Esel, -von schmutzigen Titschenbauern gelockt und getrieben, neue Lasten von -Lebensmitteln herbei. - -Ich stand vor der Auslage eines italienischen Antiquars, der -Volksbücher, Heiligenbilder, Holzschnitte, mittelalterliche Erd- und -Himmelsgloben, sowie einen Wust deutscher und italienischer Literatur -aus dem vorigen Jahrhundert feilbot. Ich entdeckte darunter eine alte -Ausgabe der Gedichte von G. A. Bürger mit einigen Stichen und blätterte -darin. - -»Kaufen Sie es, mein Herr«, sagte der Jude, abgefeimt lächelnd in einem -Tone, als hätte er mir das größte Geheimnis mitzuteilen; »der Autor hat -so pikant geschrieben, und er hat alles selbst erlebt -- -- -- --.« - -Was er noch sagte, trieb mir die Zornröte ins Gesicht. Es ist wahr, der -Amtmann zu Gelnhausen hat nicht für Kinder geschrieben; aber für die -Marktkniffe eines italienischen Antiquars war mir der ehrbare, brave -Bürger denn doch zu gut. Ich warf das Buch hin und eilte auf die schöne -Piazza Lipsia, einem prächtig grünen öffentlichen Garten südlich von -der Piazza grande. - -Es drängte mich hinaus aus der Stadt. Nur das prächtige Standbild -Maximilians ~I.~ auf der Piazza Giuseppina hielt mich noch auf, denn -die tragische Geschichte des mexikanischen Kaisers hatte mir nun -einmal seine Gestalt menschlich nahe gerückt. Der Erzguß ist ein -Meisterwerk Schillings, des gefeierten Dresdener Bildhauers, der auch -das Nationaldenkmal auf dem Niederwald geschaffen hat. Er stellt den -Kaiser als eine imposant schöne Gestalt mit hoher, träumerischer Stirne -dar. Ein mit allegorischen Figuren reich geschmückter Sockel trägt vier -Inschriftentafeln. Drei feiern den Kaiser als Schützer der Kriegs- und -Handelsflotte und als Verschönerer von Triest, während diejenige der -Frontseite den Testamentspruch enthält, worin er seiner Freunde an der -Adria und der österreichischen Marine am Tage vor seinem Tode mit einem -letzten Lebewohl gedenkt. - -Vom südlichsten Teile des Hafens zieht sich ein angenehmer Spaziergang -längs des Meeres, an den Landhäusern von Sant' Andrea vorüber, zum -Lloyd-Arsenal, das ein Halbstündchen von der Stadt entfernt liegt. Da -die Straße langsam steigt, übersieht man am Eingangstor des Arsenals -die ganze Anlage der gewaltigen Schiffsbauwerkstätten, die sich -zwischen Straße und Meer ausbreiten. - -»~Signore Rossi, macchinista sul Giupitro!~« las der Portier als -Adresse auf meinem Empfehlungsschreiben. »Treten Sie ein«, sagte er; -»wo das Schiff eben liegt, kann ich Ihnen nicht sagen; doch wird man -Sie drunten weisen können.« Ungehindert stieg ich durch ein turmartiges -Treppenhaus in den Fabrikhof hinunter und schlug mich glücklich -zwischen den Gebäuden, dem Rauschen, Rasseln und Dröhnen, das aus den -Werkstätten klang, zum Meeresstrande durch. - -Da war wieder ein Teil jenes Waldes, der in aller Herren Ländern -gewachsen ist, zwar nicht so groß, wie der im Hafen von Triest, aber -immerhin groß genug, um mich in einige Verlegenheit zu bringen. -Welche der ragenden Bäume gehörten dem Jupiter an? Als Ausweis meine -Briefadresse zur Hand, wanderte ich über die provisorisch von Schiff zu -Schiff geschlagenen Stege, bis ich fast zufällig vor dem Bauch eines -der gewaltigsten Schiffe stand. »Giupitro« glänzte der Name am Pavillon -desselben. - -Herr Maschinist Rossi empfing mich mit großer Liebenswürdigkeit. - -Ein Schiff ist ein Schiff und wesentlich immer dasselbe; aber ein -Ostindienfahrer wie dieser Jupiter nötigt der Landratte doch einen Zoll -ehrlicher Bewunderung ab. Es ist nicht allein seine Größe, die dazu -zwingt; es ist fast mehr noch die Art, wie eine in sich vollkommene -Welt in die Planken des schwimmenden Meerpalastes gefügt ist, die -technisch vollendete Einteilung des Raumes von den Kohlenbehältern -durch drei Etagen hinauf bis zu den Salons, die mit Glühlichtlampen -erhellt werden und im Glanze luxuriösen Komforts strahlen. - -Als das Schiff bei Anlaß des russisch-türkischen Krieges im Jahre -1878 nebst anderen Lloyddampfern von den Russen zum Militärtransport -gemietet war, faßte es, wie mir Herr Rossi erzählte, 3500 Mann, also -die Bewohnerschaft einer kleinen Stadt. - -Eine Maschine treibt mit der Kraft von 2000 Pferden dieses gewaltige -Haus von einem Ende der Welt zum andern, daß es leicht und schön -einherzieht wie ein über die See hinschwebender Riesenaar. - -Jetzt war diese Maschine zerlegt. In einem elf Tage andauernden Sturme -im indischen Ozean, während dessen selbst an den Wogengang des Meeres -gewöhnte Matrosen eine Beute der Seekrankheit wurden, hatte sie sich -überarbeitet. Doch sollte das Schiff schon in vierzehn Tagen wieder in -die See stechen. - - »Auf Matrosen, die Anker gelichtet, - Segel gespannt, den Kompaß gerichtet, - Liebchen, ade! - Morgen, da geht's in die wogende See!« - -So singt das deutsche Lied; allein der Seemann, wenn er vom heimischen -Strande fährt, singt nicht. Auch er in seinem großen Kasten empfindet -sein Handwerk als einen Kampf ums tägliche Brot und beneidet den -Arbeitsmann zu Land, der nach getanem Tagewerke wenigstens ein Heim -hat, wo er im Kreise seiner Lieben und auf fester Erde ruht. Den -Seemann wiegt die falsche Woge, und nur ein Brett scheidet ihn vom Tode. - -Als wir auf der Steuermannsbrücke des Schiffes standen, hatten wir -einen reizenden Blick über die Bucht, an welcher das Arsenal gelegen -ist, auf Muggia, eine kleine, altertümliche Stadt, und gegenüber auf -einer hügeligen Landzunge, auf die benachbarten Schiffswerften von San -Rocco und das großartige Etablissement Strudthoff, wo man die stolzen -Panzerschiffe der österreichischen Kriegsmarine baut, auf uralte -Burgen, die im Hintergrunde der Bucht wie Geierhorste an den felsigen -Küstenwänden kleben, und auf das sich freundlich im Golfe spiegelnde -Servolo. Dieses hat seinen Namen vom Schutzpatron der Stadt Triest -bekommen, der dort als seltsamer Grottenheiliger gelebt haben soll. - -Nachdem wir unsern Rundgang durch das Schiff beendet hatten, führte -mich Herr Rossi in die Werkstätten des Lloyd, in welchem 2000 -Arbeiter beschäftigt sind. Ein paar Dutzend derselben krabbelten -eben wie Ameisen an den Rippen eines auf der Werfte im Bau liegenden -Ostindienfahrers und nieteten die Wandplatten fest. - -Ich habe später die nicht minder interessanten Werkstätten des -österreichisch-ungarischen Kriegshafens zu Pola gesehen. Da der -Eindruck, den der Fremde hier und dort empfängt, wesentlich der gleiche -ist, will ich mir die Schilderung eines Marine-Arsenals für jene -Gelegenheit aufsparen. - -Nur das sei noch anerkennend erwähnt, daß der Lloyd in der Nähe seiner -Werkstätten freundlich auf das Meer ausblickende Arbeiterhäuser hat, -die zum Besten gehören, was ich in dieser Art im südlichen Österreich -entdeckte. - -Und nun zurück nach Triest! Wenn sich zwei Männer befreunden, dann darf -ein kühler Trunk nicht fehlen, und die Stadt hat feine Bierquellen. Wir -haben lang getrunken und lang geplaudert. - -Eine junge, hübsche Triestinerin hörte mit mir dem jungen, -liebenswürdigen Erzähler Rossi zu und wurde recht nachdenklich. Ich -glaube erraten zu haben, was sie dachte: »Mag Gott das junge Blut -behüten!« Und wenn schöne Lippen so recht innig für einen fernen -Seemann beten, dann tut der Himmel wohl ein Einsehen! - -Als ich drei Wochen später wieder nach Triest kam, war der »Giupitro« -bereits nach Bombay unterwegs. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Die Küste von Istrien. - - -Der Hafen von Triest lag hinter uns, vor uns die Adria. Das niedrige -Ufergebiet des Isonzo und die Lagunen-Inseln waren unter den Horizont -gesunken; nur der Leuchtturm von Barbana und der graue Kirchturm -von Aquileja verrieten, daß dort im Westen noch etwas anderes als -Salzwasser liege. - -Ein tiefer, blauer Himmel stand über dem tiefen, blauen Meer, und die -Morgensonne, die über den istrianischen Bergen emporgestiegen war, -leuchtete über die wonnig zitternde Flut. - - »Unermeßlich und unendlich, - Glänzend, ruhig, ahnungsschwer, - Liegst du vor mir ausgebreitet, - Altes, heil'ges, ew'ges Meer!« - -Die schönen Verse von Anastasius Grün, dem Grazer Poeten, kamen mir zu -Sinn, als ich die weite See übersah, von der ich in meiner Jugend so -oft geträumt hatte. - -Nur hatte ich damals gemeint, wenn ich einmal darüber hinfahre, -so müsse es auf einem gewaltigen Meerdampfer sein, auf einem -Ostindienfahrer mit geblähten Segeln, wo die Matrosen im Tauwerk -klettern und ein kleiner Hydriot im Mastkorb sitzt. Nun war's auf einem -istrianischen Küstenfahrzeug, dreimal so groß wie eine Nußschale. - -Wir hatten Südwestkurs nach Pirano, das am westlichsten Kap von Istrien -mattweiß über die See hinschimmerte. Unterhalb Triest öffnet sich die -liebliche Bucht von Muggia, welche, wie der Busen von Fiume im Osten, -hier im Westen die Halbinsel Istrien vom Festland abschnürt, daß sie -wie ein Herz am Kontinent hängt. - -Das übrige Europa hört wenig vom Schlag dieses Herzens. Selbst in der -österreichisch-ungarischen Monarchie kümmert man sich nicht viel darum, -was in dem stillen, vergessenen Land vorgeht. Es suchen und fliehen, -lieben und hassen sich auf seinem dürren Felsboden 300000 Menschen -gerade so heftig und so innig, wie in den Ländern der Hochkultur; -aber nur je der zweite Mann und je die dritte Frau kann ein Brieflein -schreiben. - -An der Grenze des triestinischen und istrianischen Gebietes sahen -wir drei große ostindische Kauffahrer stehen, welche dort ihre -vierzehntägige Quarantäne hielten. Die Kolosse lagen wie im tiefsten -Schlaf; die Segel waren eingerefft; die gewaltigen Schlote rauchten -nicht; kein Mann rührte sich auf Deck. - -Quarantäne! Das Wort steht in üblem Ansehen bei den Schiffsleuten. Der -Seemann hat auch ein Herz im Leibe; er hat Frau und Kind, oder ein -Liebchen in der Stadt; und nun muß er abrasten im Anblick des Ziels, -abzählen den Stundengang langsam hinrinnender Zeit, ehe er nach -monatelanger Abwesenheit das weinende Weib in die Arme schließt, den -lachenden Buben küßt, oder mit seinem Liebchen die kurze, tolle Liebe -des Matrosen lebt. - -Auch die Wasserratte sehnt sich von Zeit zu Zeit aufs Land. »Lieber im -Sturm als in der Quarantäne«, hat mir Herr Rossi erklärt. - -Hinter zwei Landzungen öffnete sich nach halbstündiger Fahrt von -Triest die große Bucht von Capo d'Istria, und auf einem anmutigen -Hintergrund grüner Uferhöhen und fern verdämmernder Berge winkte das -alte Städtchen, das dem Wasserbecken seinen Namen lieh. Palladia, -Ägida, Justinianopolis, Kapris und Capo d'Istria sind fünf Namen, -ein kolchischer, ein römischer, ein byzantinischer, ein slavischer, -ein italienischer, und alle meinen dieselbe Stadt. Viel Waffenklang, -Männerstreit und vieler Völker Blut liegt zwischen diesen Namen innen; -kein Wunder also, daß der Wein von Capo d'Istria so dunkel im Glase -schäumt und so feurig durch die Adern rollt. - -Über den altersgrauen Häusern steht ein großes, modernes Gebäude -mit einem Belvedere. Es beherrscht Stadt und Bucht, wie in den -bildungsfreundlichen Gegenden unserer Heimat etwa ein Schulbau von -lichter Höhe ins Tal, auf Stadt oder Dorf herunterleuchtet. - -»~Un ginnaso od un' academia?~« fragte ich, darauf zeigend, meinen -Nachbar, einen ältern, freundlichen Herrn. - -»~Un penitenziario~«, eine Strafanstalt, antwortete er. - -»Armes Land, das so schöne Strafanstalten hat!« Ich sagte es nicht, -aber ich dachte es, und der Herr mochte mir meine Enttäuschung vom -Gesichte lesen. Er lächelte und bemerkte, wenn man nicht gerade einen -bedeutenden Wert auf die Bewegung im Freien setze und Geld genug zur -Verfügung habe, so lebe sich's im großen Hause von Capo d'Istria nicht -übel. - -Ich hatte an dem vertrauenerweckenden Alten einen liebenswürdigen -Gesellschafter, den ich in Citta nuova ungern verlor; denn er ließ -sich durch mein ziemlich gebrochenes Italienisch nicht abschrecken, -mir manches Wissenswerte über Istrien mitzuteilen. Als ich einiges -davon notierte, war er sehr erfreut. »Schreiben Sie«, sagte er zu mir, -»etwas besonders Schönes von Rovigno; meine Frau war eine Rovignesin, -und einer meiner Söhne, ein schöner, zwanzigjähriger Mensch, liegt dort -begraben. Er hat schon mit fünfzehn Jahren Verse gemacht wie Dante und -Ariost. Die meisten klugen Menschen sterben früh.« - -So kamen wir in die Nähe von Isola, das sich pyramidenförmig an einem -Hügel der steilen, weit nach Westen vorspringenden Küste aufbaut. -Altersgraue, viereckige Türme haben es zu Kriegszeiten gegen das Innere -der Halbinsel geschirmt. Heute hält dieser Schutz nicht mehr stand; -die Mauern und Wachten zerbröckeln. Die alten, aus venetianischer Zeit -stammenden Stützmauern aber, welche das Städtchen ins Meer hinabsendet, -damit der Wogenprall der durch Borastürme aufgeregten See seinen Grund -nicht unterspüle, sind heute noch von Wichtigkeit für den steil am -Ufergebirge klebenden Ort. - -Auf einer gleichen, sich aus der Ferne viaduktähnlich ansehenden -Schutzbaute ruht der schöne Dom von Pirano. Sankt Georg, der auf dem -Turme desselben steht, ist ein wetterwendischer Heiliger, der seinen -Mantel nach dem Winde dreht und heute, da ein leichter Levante über die -See strich, gegen Grado hinübersah, als wollte er Sant' Eufemia drüben -grüßen. - -Man fährt von Triest aus in anderthalb Stunden nach Pirano, das -von den Terrassen eines steilen Vorgebirges die Adria nach drei -Richtungen überblickt. Altersgraue Kastellmauern, an welchen Reben und -Olivengesträuch emporwuchert, überragen es malerisch. - -Malerisch! Das sind die Küstenstädte Istriens alle. In ihren -geborstenen Festungsmauern liegt das Kriegselend einer großen -Vergangenheit und das Stillleben der trostlosen Gegenwart ausgestellt. -Wie die kriechenden Lianen den Verfall der alten Schutzwehr, so deckt -ein sorgloses Volksleben den Mangel einer modernen Geschichte zu. Als -Venedig blühte, und die Herrin der Adria war, da hatten auch diese -Vasallenstädte eine goldene Zeit, und so erinnert denn, was darinnen an -Gebäuden irgendwie von Bedeutung ist, an die versunkene, venetianische -Herrlichkeit; Rathaus und Dom tragen die Wappen Venedigs; allein - - »Es wirft nur Schatten her aus alten Tagen, - Es liegt der Leu der Republik erschlagen.« - -Eine lebendige Berühmtheit haben aber diese istrianischen Städte doch -und besonders auch Pirano, schöne Frauen. - -Glücklicherweise braucht man nicht die engen, halsbrecherischen Gassen, -die sich von der Höhe zum Meer hinunterziehen, empor zu klettern, -um die hübschen Mädchen Piranos zu sehen; denn zweimal im Tag, um -neun Uhr, wenn der Küstendampfer von Triest, und um drei Uhr, wenn -derjenige von Pola im Hafen anlegt, eilt, wer immer im Städtchen Zeit -hat, auf den Molo. - -Das ist der Korso der istrianischen Kleinstädter. Schöne Frauenbilder, -die Zenda, ein schwarzes Kopftuch mit reicher Spitzengarnitur, -malerisch ums Hinterhaupt geschlagen und um die Schultern gewunden, -ergehen sich auf demselben sich selbst zur Freude und den andern zur -Augenweide. Es sind darunter Madonnengesichter, so rein und schön, -wie diejenigen in den goldenen Rahmen der Pinakotheken; aber ich habe -neben diesen auch andere wandeln sehen, wo die Not, das Elend, die -Leidenschaft tiefe und unschöne Linien in ihr Antlitz gegraben hat. - -Die Hafenszene, die sich nach der Ankunft eines Schiffes in einer -istrianischen Küstenstadt entwickelt, dieses laute, geschäftige Treiben -hat für einen Fremden so viel Reiz, daß ihm die Viertelstunde, welche -über dem Ein- und Ausladen der Waren verstreicht, rasch vorübergeht, -besonders wenn er sich von einem italienischen Barfüßele den »~vino -nostrale~«, den schwarzen, feurigen Landwein, kredenzen läßt. Mein -genügsamer inländischer Gesellschafter nahm bescheiden mit der »~acqua -fresca~«, vorlieb, das eine stämmige kroatische Bäuerin aus zwei -Kübeln servierte, die sie an einem Holzbogen über der Schulter trug; -andere knackten zur Kurzweil die »~bianche, belle noci~« eines aus -Leibeskräften schreienden Jungen. - -Die Fracht der istrianischen Küstenfahrer besteht zumeist aus vollen -oder leeren Weinfässern, die oft den Platz auf dem Verdeck derart -beschränken, daß der Reisende froh sein muß, wenn er innerhalb dieser -Faßbarrikaden ein halbwegs bequemes Plätzchen für sich selber findet. -Daneben bilden Kübel und Kisten, in welche frische oder »~à la mode de -Nantes~« zubereitete Sardellen verpackt sind, einen Haupttransport. Die -kleinen Fische, deren Züge im Becken des Mittelmeeres für die fehlenden -Häringe einigen Ersatz bieten, werden in der Adria zu Millionen und -Millionen gefangen und in den Sardellenfabriken von Barcola, Isola, -Rovigno zum Versand zubereitet. - -Um die äußerste Westspitze von Istrien, die Punta Salvore, zu -erreichen, durchquert das Schiff die Bucht von Sicciolo. In ihrem -Hintergrund liegen zu Füßen einer schroffen Küste die Salzgärten von -Pirano, die durch eine Reihe weißer, schimmernder Sudhäuser angedeutet -sind. Die ganze Anlage bedeckt einen Raum von 600 Hektaren und hat -über 7000 Salzgärten, die jährlich eine halbe Million Meterzentner -dieses Minerals liefern. Man läßt das Meerwasser in größere Becken -strömen, wo ein Teil desselben innerhalb einiger Tage verdunstet. Die -derart erhaltene Sole wird durch ein Schleusensystem in die Salzkammern -geführt. Da schlägt sich unter dem Einfluß des Sonnenscheins das Salz, -das nachher in den Sudhäusern noch einem letzten Trocknungsprozeß -unterworfen wird, als weiße Kruste nieder. - -An der Punta Salvore steht ein Leuchtturm, ein prächtiger Bau, und -hinter ihm liegt, soweit das Auge schweift, eine klippige, flache -Küste, über welche das mattglänzende Laub endloser Ölwälder flimmert. - -»Sie kennen wohl die Geschichte des Kaisers Barbarossa?« sagte mein -Gefährte. - -»Des Hohenstaufen, der so viel in den italienischen Landen gekämpft -hat«, antwortete ich zum Zeichen meines Verständnisses. - -»Ich kann Ihnen mehr sagen«, erwiderte er; »er hat an der Punta Salvore -gekämpft, hat da eine Schlacht verloren und einen Sohn dazu.« - -»An wen?« - -»An den Dogen zu Venedig.« - -»Wann?« - -»Es ist so lange her, daß es wohl niemand mehr weiß.« - -Ich erfuhr nachträglich, daß es am Himmelfahrtstag 1176 war, als -der Hohenstaufe Otto, an dessen Seite auch die Genuesen und Pisaner -gekämpft, nach unglücklicher Schlacht in die Hand des Dogen Ziani fiel. - -»Etwas anderes kann ich Ihnen auch noch sagen, junger Herr«, nahm mein -Gesellschafter nach einigem Stillschweigen das Wort wieder auf. »An -der Punta Salvore ist schon manches Weib eine Witwe geworden. Ich habe -es selbst mitangesehen, daß im Süden des Kaps die See so ruhig lag wie -ein schlafendes Kind und -- ~maladetta~ -- im Norden, da hat das Meer -gestürmt, ich sage nichts; aber ein Schiff ist bald hin. Wer den Hafen -von Pirano nicht erreichen kann, der sehe, wo er sich birgt. An allem -ist die Bora schuld, deren Macht sich hier an der Punta Salvore bricht. -Jenseits hat sie keine Gewalt mehr.« - -Heute lag die blaue Adria so wonnig, sonnig da, als könnte sie -niemandem, selbst keinem armen, braunen Fischerknaben ein Leid -antun. Aus ihrem Spiegel schnellten die spielenden Delphine empor -und verfolgten sich und tummelten sich wie die jungen Menschenkinder -im Haschespiel. Die letzten Alpengipfel, die bis dahin ins Meer -hinaus geleuchtet, waren im Dunst des nördlichen Horizonts dem Auge -entschwunden, und der schmale Küstenstreifen, der dem Blick noch blieb, -war ein Nichts gegen das weite, wunderschöne Blau des Meeres, über -das fernher die weißen Segel einiger Fischerflotillen wie gewaltige -Vogelschwingen schimmerten. - -Die Fahrt von der Punta Salvore gegen Süden ist einförmig. Die flache -Küste mit ihren verwaschenen Klippen und dem rauhen Karstgrund tritt -mehr und mehr gegen Osten zurück, sendet aber von Ort zu Ort wieder -eine felsige Landzunge in die See. Die Buchten zwischen diesem flachen -Vorgebirge sind so tief, daß dort kein Schiff ankern könnte, obwohl die -Adria im Bereiche der istrianischen Küste nur eine Tiefe von 36--40 -Metern, also nicht einmal diejenige der meisten Alpenseen, aufweist. - -Nach einstündiger Fahrt von Pirano erreichten wir etwas vor zehn Uhr -Umago, ein kleines Städtchen mit einem geräumigen Hafen, von welchem -aus ein ziemlich lebhafter Holzhandel nach Venedig getrieben wird. Es -ließe sich von Umago gar manches aus allerlei Nöten erzählen, von Krieg -und Pest, von Wassersnot und Erdbeben, insbesondere auch von einer -Bodensenkung, welche einen Teil des Städtchens in die Wellen begrub, wo -man an klaren Tagen jetzt noch die Mauerreste sieht. - -Hübscher als das Städtchen selber ist die Landschaft, aus deren -Olivenhainen, Eichenwäldchen und Gärten halbe versteckte Landhäuser und -Villen istrianischer Vornehmer herübergrüßen. - -Unser Schiff legte weder in Umago noch in Citta nuova, das wie -dieses nach einer langen Lebensgeschichte eine stille Gegenwart -fristet, im Hafen an, sondern ließ sich die Passagiere im Fischerboot -herüberbringen. - -Hier verlor ich meinen bisherigen Gesellschafter. »Grüßen Sie mir -Rovigno und tragen Sie ein freundliches Bild von Istrien mit sich -fort!« Mit diesen Worten bot er mir die Hand zum Abschied, und noch vom -Kahne aus rief er mir ein herzliches »~Buon viaggio!~« nach. - -Unterhalb Citta nuova, das keineswegs, wie sein Name zu bedeuten -scheint, eine »neue Stadt«, sondern eine uralte ist, die allerdings, -nachdem sie türkische Seeräuber im Jahr 1687 in Asche legten, nur eine -bescheidene Auferstehung erlebte, liegt die weite Mündungsbucht des -Quieto, des größten istrianischen Stromes. Die alten Schriftsteller -sollen ihn für die Fortsetzung des Isters, wie damals die Donau -hieß, gehalten und selbst so genannt haben. Dadurch erkläre sich der -Landesname »Istrien«, der also das Umgelände des Quieto bedeuten würde. - -Allein lassen wir die etymologische Untersuchung ruhen und uns dafür -vom Küchenjungen, der zugleich Kellner und Oberkellner des kleinen -Dampfers ist, einen ~mezzo-litro~ schenken. - -Während der schmächtige Bursche den Blechhumpen füllt, schielen seine -schwarzen Augen schon nach dem Trinkgeld; aber er serviert mit einer -Grazie, als wäre er Angestellter des Hotel de Ville in Triest, und hat -er erst sein Trinkgeld, so läßt er sich's nicht nehmen, sich als ein -Mann von Welt zu dokumentieren. Er spricht von Athen oder Neapel so -gelassen, wie ein Landknabe seines Alters -- er ist zwölfjährig -- vom -Krautgarten des Nachbars. - -»Was sagen Sie zu unserm Wein?« - -»Er ist vorzüglich.« - -»Sie werden auf keinem Schiff einen bessern trinken.« Er sprach -mit solchem Ernst, daß man nicht wußte, war er mehr Schlingel oder -Gentleman. - -»Der Herr ist ein Deutscher?« fuhr er fort. - -»Zu dienen.« - -»Sie werden bald ein gutes Italienisch sprechen, aber ich ein -schlechtes Deutsch. Ich kenne noch keine zwanzig Worte.« - -»Sie wünschen es zu lernen?« - -»Mein Gott -- mein Handel würde florieren! -- wer kauft lieber die -schönen Muscheln und die herrlichen Antiquitäten, als die Deutschen!« - -Er eilte in seine Kabine und holte eine Kiste mit Konchylien und -kleinen Altertümern. - -»Sehen Sie diesen Mark Aurel!« Er betrachtete das Stück mit dem Blicke -eines Numatikers von Fach. »Zwei Gulden, mein Herr! Sie finden den -Preis wohl nicht zu hoch?« - -»Man kauft in Aquileja zehn Stück für einen halben Gulden.« - -»Sie entschuldigen, wenn das wahr ist, bin ich ein ruinierter Mann.« - -In diesem Augenblicke wurde er gerufen -- ich ließ mir den Wein -schmecken. - -»~Un uom' rovinato~« und ein Schiffsjunge von zwölf Jahren. Umsonst -suchte ich es mir zusammenzureimen. Als ich eben wieder einen Schluck -zu tieferer Ergründung des Gedankens aus meinem Blechbecher tun wollte, -waren wir in Parenzo, und ich sagte seinem alten Dom Grüß Gott! - -Die Stadt gefiel mir ausnehmend, und ich hätte ihr bald eine Standrede -gehalten. - -»Parenzo«, hätte ich gesagt, »du bist ein grünes Reis auf dem alten -Stamm, der Parentium hieß und eine römische Kolonie war. Es ist dir -wenig geblieben von der alten Herrlichkeit: zwei Säulenstümpfe und ein -Pfeiler auf dem Platze Marafor; das andere liegt drunten im Meer, und -die Krabben kriechen drüber hin. Manche deiner Schwesterstädte stehen -zwar malerisch auf einem Vorgebirge, du auf einer flachen Landzunge; -aber du hast, was jene nicht haben, einige moderne Bauten. - -Ich ziehe meinen Touristenhut ab vor deinem Dom, der dreizehn und ein -halbes Jahrhundert an sich vorübergehen sah. Allein wäre er nicht -von Stein gewesen, dann hätte er wohl in Jammer und Elend gewankt, -als vor fünfhundert Jahren die Pest deine Kinder, junge und alte, zu -Tausenden würgte und die letzten Dreihundert knierutschend zu deiner -Schutzheiligen flehten: Heilige Eufrasia, schone uns! - -Die Heilige tat ein Einsehen; sie schonte die Dreihundert, und heute -sind's wieder fast dreitausend. Sie bauen Schiffe, sie verkaufen Wein -und Holz, sie schleppen die Netze, ein Bischof segnet ihre Arbeit, -und nie ist's schöner bei dir zu wohnen, als wenn die dreiunddreißig -Landräte von Istrien durch deine Gassen wimmeln und dem Wohle des -Landes nicht schaden. Fürwahr, du bist nicht die Kleinste von Istrien!« - -Da rollten die Matrosen eben wieder eine Partie der unvermeidlichen -Weinfässer ins Schiff; ich mußte meine Füße in Sicherheit bringen und -brach den stummen Sermon ab, ohne dem Schönsten an Parenzo gerecht -geworden zu sein, dem vor der Stadt liegenden wunderhübschen Eiland San -Nicola. - -Es ist eine südliche Ufenau! Es stehen zwar keine Fruchtbäume darauf, -aber viel helles Oliven- und dunkles Lorbeergesträuch; kein Kirchlein -grüßt vom Fels, aber ein halbzerfallener Turm; kein Ulrich von Hutten -hat darauf sein einsames Grab, aber wer weiß, ob die Lorbeeren von San -Nicola nicht über einem toten Helden rauschen? - -Unser Schraubendämpferchen zischte wieder; ade Parenzo! ade San Nicola! - -Ist die felsige, flache Küste von Cap Salvore bis Parenzo reizlos, -so entschädigt, wenn man das grüne Eiland im Süden umfahren hat, die -entzückende Fahrt durch den Scoglienarchipel den Touristen vollauf! - -»Eine Schweiz im Wasser!« Ich kann nicht mehr sagen, welcher -Reiseschriftsteller diese Bezeichnung für das liebliche Wirrsal kleiner -Inseln aufgebracht hat. Der seltsame Reiz, den diese Felseneilande -auf das Auge üben, kann allerdings mit demjenigen einer schönen -Schweizerlandschaft verglichen werden; aber Schweizerisches ist nichts -daran. - -»Ein Karst im Wasser!« Damit hätte man wenigstens die geologische -Eigenart dieser Inseln charakterisiert; aber Karst sind nur die -furchtbar verwaschenen Felsenfundamente, die malerischen Riffe und -Wellenbrecher, die sie der hereinflutenden See entgegenstellen. Die -Rasendecke dagegen, die bald wie ein Teppich und bald nur wie ein -Häubchen die Scoglien deckt, die malerischen Baumgruppen, die kleinen -Fischerhäuser sind zu anmutig, als daß man sie in eine Karstlandschaft -einfügen dürfte; sie sind mit der blauen Flut und dem öden Fels ein -einzig schönes Meeridyll. Den großen Meerschiffen sind die Scoglien -verschlossen, und selbst das kleine Küstenschiff krümmt und windet -sich mit Mühe durch die Kanäle, welche den Archipel labyrinthisch -durchziehen, bald sich zum Engpaß schließen, bald zum freundlichen -Bild eines Binnensees ausweiten, hier den Blick auf ein kleines -Landschaftsbild begrenzen und dort dem Auge den Durchblick auf das -ruhig-große Meer erschließen. - -Wenn aber die See rast, und die sturmgepeitschten Wogen an den Scoglien -zerschellen, dann mag die stille Schönheit dieser Inseln einem -furchtbaren Bilde weichen. Darum wächst auf diesen Felseneilanden ein -Lotsengeschlecht, dessen Ruhm an der Adria kein anderes verdunkelt. - -Der Lotse zur See, der Führer im Hochgebirge, sie beide stehen im -Dienste des Lebens anderer, und manch einer, dessen Name in der großen -Welt mächtig widerhallt, wäre kaum würdig, diesen schlichten Helden, -von denen man wenig singt und sagt, auch nur die Schuhriemen zu lösen! - -Da, wo sich die kleinen Inseln am dichtesten drängen, hängt das -Städtchen Orsera an steiler Küstenhöhe. Nicht gar fern davon schneidet -eine schmale Felsenbucht tief ins Land. Es ist der Canale di Leme, ein -in den Süden versetzter norwegischer Fjord. - -Nun sieh dort das Heiligenbild, das hoch vom fernen Campanile glitzert -und glänzt! Das ist Sant' Eufemia im Strahlenkranz, die Schutzheilige -von Rovigno, der Stadt, die ich grüßen soll, und ich grüße sie gern; -denn ein Hauch südlicher Romantik webt über ihr und ihrem gewaltigen -Dom, der, auf dem Vorgebirge stehend, all die Profanhäuser der Stadt, -wie eine Henne die Küchlein, um sich sammelt. - -Ein Rätsel ist mir nicht gelöst worden, nämlich warum die Rovignesen -vor anderthalbhundert Jahren ihren alten Schutzpatron, den heiligen -Georg, der doch als wackerer Kriegsmann während mehr als einem -Jahrtausend die Stadt vor Sarazeneneinfall, Ungarwut und Pest gehütet, -als Schutzpatron abgesetzt und sich unter den Schirm einer Heiligen -gestellt haben. Ich vermutete indes, daß es als eine Huldigung an die -schönen Frauen Rovignos geschah, die sich so seltsam und reizend zu -kleiden verstehen. - -Welche unserer Damen weiß, was eine »Vestura« ist? Ein leichter, -luftiger Überwurf, der wie eine rückwärts gebundene Schürze empor -gezogen wird und, ähnlich wie ein venetianischer Schleier über Scheitel -und Oberkörper gewunden, Antlitz und Büste duftig schmückt. - -Es war schon Nachmittag, als unser Schiff an der hübschen Insel San -Catterina vorbei, welche sich als ein natürlicher Wellenbrecher vor -dem Hafen Rovignos lagert, in die südlichen Scoglien steuerte. Sie -sind größer und vegetationsreicher als die nördlichen, und bergen hie -und da unter dem Schutze eines kleinen Hügels an blauer Meerbucht ein -schimmerndes Fischerdörfchen. Ja selbst die Rauchwolken aus dem Schlote -einer Zementfabrik ziehen über die Olivenwäldchen von Sant' Andrea, -einer größern Insel in der Nähe Rovignos. - -Allein sie stören den märchenträumenden Frieden des stillen -Meergeländes nur einen Augenblick; denn - - »Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde - Klingen Abendglocken dumpf und matt, - Uns zu geben wunderbare Kunde - Von der schönen, alten Stadt. - In der Fluten Schoß hinabgesunken - Blieben ihre Trümmer stehn: - Ihre Zinnen lassen goldne Funken - Wiederscheinend auf dem Spiegel sehn.« - -So meldet eine Schiffersage auf San Giovanni, und das Merkwürdigste -daran ist der Umstand, daß einige von den Inselnbewohnern vorgewiesene -Funde ihr einen realen Hintergrund zu geben scheinen. - -Sodom, Gomorrha, Stavoren, Vineta, und hier eine schicksalsverwandte -Stadt, deren Name selbst vergangen ist! Es mag merkwürdig zugehen, wenn -am jüngsten Tage das Meer seine Toten ausspeit! - -Ich beugte mich über den Rand des Schiffes, um nach den versunkenen -Türmen und Dächern zu spähen. Eine Qualle, die wie eine zierliche -Hängelampe mit ausgespanntem Schirm durch die Meerflut zog, wollte mir -dazu leuchten; allein das Schiff fuhr vorbei, die schöne Meerampel -verschwand, und es ging mir, wie es vielen schon gegangen -- ich habe -das istrianische Vineta nicht gesehen. - -Südlich vom Scoglienarchipel sticht das Fahrzeug in den Kanal -von Fasana, der sich wie ein breiter, ruhiger Strom zwischen den -Klippen des Festlandes und dem grünen Teppich der brionischen Inseln -durchwindet. Um drei Uhr erreichten wir die kleine Stadt, deren -Name sich auf den Meeresarm übertragen hat, und sahen auch Perri, -die bocchesisch-montenegrinische Kolonie, die rings umgeben von -istrianischen Volkselementen den heimatlichen Typus fast unversehrt -behalten hat. - -Bald sind wir in Pola. Dort auf der größten der Inseln, auf der Brion -grande dräut von der höchsten Hügelkuppe das erste Festungswerk. Es -führt den ehrenvollen Namen Tegethoffs, des Siegers von Lissa, der sich -ruhmbedeckt in die Kriegsgeschichte von 1866 eingetragen hat; denn hier -am Kanal von Fasana hat der kühne Admiral sein Geschwader, für dessen -Kriegstüchtigkeit ganz Österreich bangte, gesammelt und es von hier aus -zur heißen Seeschlacht bei der dalmatinischen Insel geführt. - -An dem Eiland San Girolomo vorbei kamen wir in die Bucht von Pola. Sie -könnte mit der blauen, ruhsamen Flut, den grünen Hügeln, welche sie -umkränzen, ein idyllisches Meerbild genannt werden, schaute nicht von -den Uferhöhen Fort an Fort auf den stillen Golf und blickten nicht -hundert Mündungen blanker Stahlgeschosse aus den engen Schießscharten -der Festungsrondellen auf den Wasserspiegel, die das Friedensbild zum -furchtbaren Festungsrayon verwandeln. - -Die Bucht weitet sich birnenförmig aus. In ihrem Hintergrund liegt -der von Barken belebte Handelshafen von Pola und südöstlich, durch -die Oliveninsel und ein anderes kleines Eiland abgeschlossen, der -eigentliche Kriegshafen, wo die abgetäuten Panzerschiffe schwimmen. -Die Stadt lagert sich staffelartig um einen zwischen den Häfen -vorspringenden Hügel. - -Das Erste, was der Reisende von Pola erblickt, ist die Kolossalruine -des römischen Amphitheaters, das den Sturm fast zweier Jahrtausende -überdauert hat. Ernst und beschaulich sieht es auf den Golf, wo sich -eine moderne Großmacht mit ihrer Seewehr brüstet. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn. - - -Vor undenklichen Zeiten fuhren im fernen Osten, wo die ersten Menschen -gewachsen sind, zwei Fischer in ihren Einbäumen auf eine Meerbucht -hinaus. Der eine machte einen guten Fang; die Netze des andern blieben -leer. Da wurde dieser neidisch und zornmütig. Es entstand ein Streit, -und der Stärkere schlug den Schwächern tot. - -Das war der erste Seekrieg! - -Man weiß nicht, wann die Kunst, Menschen auf dem Meere totzuschlagen, -in den Westen gewandert ist. Den Kampf im Einbaum hat man schon lange -aufgegeben. Die aufstrebenden, schaffensfreudigen Völker Europas haben -jetzt andere Kriegswerkzeuge zur See: Panzer, Torpedos und gezogene -Kanonen. - -Ein Einbaum und ein modernes Kriegsschiff gleichen sich wenig; aber -heute noch wird der Stärkere über den Schwächern Meister. Darum will -jedes Volk stark sein. Es läßt zu diesem Zwecke die Künste, die -Wissenschaften darben; es legt die Nerven der Industrie lahm; es -opfert den Segen des Landbaues; es unterbindet den Handel; es begräbt -das Nationalvermögen in Festungen, Kasernen, Panzerschiffe und wirft -die Blüte der Männer hinein. - -Das ist der moderne Militarismus! - -Wo ein Reich ein schönes Stück Nationalvermögen hingegeben an den -angenehmen Gedanken, stark zu sein, stand ich jetzt, am Kriegshafen der -österreichisch-ungarischen Monarchie, am Quai von Pola, und dachte an -die Leberknödel meiner lieben Wirtin zu Monfalcone. - -Ich will es nur gestehen, daß mir im frischen Hauch der Meerluft ein -gutes Beefsteak, ein Nierenbraten, eine Ganskeule oder ein Presciutto -stets als besonders begehrenswerte Dinge vorgekommen sind. In Pola -bekam ich für Geld und gute Worte etwas Lämmernes, und es wurde -mir davon sehr friedlich zu Mute. Allein nun galt's, den Tag noch -auszunutzen! - -Nachdem ich in einem Hotel ein Zimmer bestellt, stand ich etwas vor -vier Uhr am Eingangstor zu den Werkstätten des k. k. See-Arsenals. -Sie ziehen sich in der Länge eines Kilometers am südlichen Ufer der -Bucht von Pola hin, während die Etablissemente für den Schiffsbau und -die Docks den Scoglio olivi, eine der Stadt zu Füßen liegende Insel, -bedecken. - -Nirgends findet der Fremde ein freundlicheres Entgegenkommen als -in Österreich. Die einfache Visitenkarte öffnet ihm, sofern nicht -Glieder des Herrscherhauses selber da sind, die kaiserlichen -Schlösser; sie genügt auch, um Eintritt ins Seearsenal zu erlangen. -Als Führer wurde mir ein junger, hübscher Mann in Unteroffizierstenue -vorgestellt, und ich war angenehm überrascht, statt des langweilig -pathetischen Erklärungstones der italienischen Ciceroni ein gemütliches -Grazerdeutsch zu hören. - -So wanderten wir denn. Schon im Waffensaal, wo die großen Geschütze -in Reih und Glied stehen, die Bomben und Granaten zu Tausenden -kunstreich geschichtet auf ihren Lagern liegen, wird dem Laien ganz -kriegsandächtig zu Mute. Allein erst im Marine-Museum, wo alle die -verschiedenen Dinge, die zur Flotte und ihrer Geschichte eine Beziehung -haben, in einer Flucht von Gemächern aufgestapelt liegen, offenbart -sich ihm vom Schlachtenhandwerk zur See ein Stück intimen Lebens. - -Besonders fesselnd ist die Menge zierlicher Schiffsmodelle, die -eigentliche Kunstwerke der Kleintechnik sind. Sie gewähren in ihrer -Gesamtheit ein lehrreiches Bild von jenem gewaltigen Umschwunge, der -sich in den letzten dreißig Jahren im Marinewesen vollzogen hat. An -manch eines der ältern ließe sich eine fesselnde Schiffsgeschichte -knüpfen. Viele Schiffe, deren Modelle hier noch ein lebhaftes Interesse -erregen, stehen entmastet, zu einem Warenlager oder Pulvermagazin -erniedrigt irgendwo im letzten Hafen oder fahren, von der Verwaltung -ausrangiert, neu aufgeputzt und neu bewimpelt, unter der Flagge irgend -einer halbzivilisierten Macht, die den Marinesport der europäischen -Nationen nachahmen will. - -Auch ein Schiff hat sein Schicksal. Vielleicht keines ein traurigeres -als die »Maria Anna«, einer der schönsten Kriegsdampfer. Zwischen -Triest und Venedig kreuzend, verschwand sie mit ihrer Mannschaft an -einem stürmischen Märztage des Jahres 1852, ohne daß es je gelungen -wäre, Bestimmtes über ihren Untergang zu erfahren. - -Was immer die österreich-ungarische Flotte auf ihren Kreuz- und -Querzügen durch die Meere an nautischen Gegenständen von fremden -Küsten hergetragen, indianische Canoes und figurenbedeckte asiatische -Fahrzeuge, das liegt hier aufbewahrt. An den Wänden und in Schreinen -hangen die Trophäen aus den Seetreffen älterer und neuerer Zeit, die -blauweiße Flagge, die Don Juan von Österreich in der Schlacht von -Lepanto im Jahre 1571 auf seinem Admiralschiff führte, und zahlreiche -tunesische, marokkanische und egyptische Wimpel aus den Jahren 1829 und -1830. - -Mit besonderer Sorgfalt sind die Trophäen aus der Seeschlacht von Lissa -und mannigfache Erinnerungszeichen an Admiral Tegethoff, Uniformen, -Feldzeichen, Orden, Lorbeerkränze aufbewahrt worden. Sie mahnen aus -ihren Glasschränken heraus an jene blutig bewegten Tage, da Österreich -unter dem furchtbaren Eindruck der Niederlage von Königgrätz, trotzdem -es in jenem Doppelkrieg sich Italien gegenüber zu Land und zur See -siegreich behauptet hatte, das reiche Venetien durch die Vermittlung -Napoleons ~III.~ dem ~re galant' uomo~ hingab. - -Nun traten wir in die Artilleriewerkstätten, wo ein Arbeiterbataillon -hämmert und feilt, hobelt und bohrt, poliert und dreht. Was bereiten -denn diese hundert und hundert emsigen Gesellen, diese rollenden -Maschinen? Was wird aus den hochgeschichteten Stößen von Erz, was aus -den brodelnden Metallmassen, die aus den Öfen zischend in die Formen -schießen? - -Waffen; allein wo das Torpedo, die furchtbarste Wehr zur See, bereitet -wird, da führt man keinen Uneingeweihten hin. - -Wer sich nicht ganz vom Militärevangelium der Gegenwart den Verstand -hat berauschen lassen, hat ohnehin genug gesehen. Ein Protest gegen den -Krieg, die vom Staat und dem Patriotismus geheiligte, von den Dichtern -verherrlichte, große Menschenschlächterei geht an diesem Orte, wo ohne -Unterlaß die Werkzeuge zum Massenmord bereitet werden, durch seine -Seele. - -Doch sieh, da sind wir ja aus dem sinnbetäubenden Rasseln und Dröhnen -der rußigen Werkstätten in ein friedliches Asyl, in eine große -Schneiderwerkstätte gekommen. Das ist der Saal der Segelmacher, wo man -den schweren Kriegsdampfern die leichten Schwingen zurechtschneidet, -für die hochragenden Masten die rot-weiß-rot gestreiften Kriegs- -und für den Manövrierdienst die verschiedenfarbigen Signalflaggen -zusammensetzt. Man könnte bei dem Anblick der vielen farbigen Tücher, -der bunten Nationalbanner aller Seemächte, fast auf den Gedanken -kommen, daß hier die Kostüme für eine große Maskerade oder die Wimpel -für ein Fest vorbereitet werden. Es ist aber alles blutiger Ernst! - -Am chemischen Laboratorium vorbei, wo man die Sprenggeschosse -füllt, kommen wir ins Aus- und Abrüstungsmagazin, in dessen Kammern -jene unzähligen Gegenstände in Depot liegen, deren ein Schiff, um -segelfertig zu werden, bedarf. Hier liegt auch jenes Boot aufbewahrt, -in welchem die Nordpolfahrer Weyprecht und Payer mit ihren Gefährten -im Jahre 1874 nach zweijährigem Aufenthalt im äußersten Norden -den schwierigen Rückzug nach Novaja Semlja ausführten, als das -Expeditionsschiff »Tegethoff« in eine Eisscholle eingefroren unrettbar -nach Norden trieb. Sechsundneunzig Tage brachte die Mannschaft mit -ihren braven Führern, die das Franz-Josephs-Land entdeckt, in dem -kleinen Fahrzeuge zu, bis die immer südwärts Steuernden an der Küste -von Novaja Semlja einen russischen Schooner entdeckten, der sie in den -Hafen Vardóe in Schweden brachte. - -Ein Blick noch auf die gewaltigen Vorräte von Mastenholz, jene -geschundenen Riesentannen des Alpenwaldes, die sich auf dem Meer in -Heimweh härmen, ein Blick noch auf die Bootswerfte, wo die kleinern -Schiffe gebaut werden, und wir wanderten längs des im Abendschein -vergoldeten Meeres allmählich zurück, hier rasch ins Ketten- und -Ankermagazin tretend, dort das Bootsmagazin musternd, wo eine Menge -kleinerer Fahrzeuge über und nebeneinander aufgeschichtet liegen, bis -zu dem gewaltigen Scherenkrahn, der von anständiger Kirchturmshöhe ist -und Lasten von über tausend Zentnern Gewicht auf die Kriegsschiffe -überträgt. Nicht weit davon ist die gewaltige Kesselschmiede und der -Maschinensaal mit einem Anhang weitläufiger Nebenwerkstätten. - -Die Uhrenfabrikation und der Schiffsbau bezeichnen zwei Pole der -Industrie. Dort müht sich der Arbeiter mit der Loupe an dem kleinsten, -hier mit dem dampfgetriebenen Krahne an dem größten mechanisch -Darstellbaren. - -Hier geht alles ins Kolossale. Der Arbeiter ist im Vergleich zu den -Maschinen, an denen er hantiert, eine Ameise, während die Hämmer, -welche die Panzerplatten schmieden, die Werkzeuge von Kyklopen zu -sein scheinen. Staunend schaut der Fremde eine Weile in das tosende, -riesenhafte Getriebe; dann wendet er sich gern wieder ab. Es liegt -etwas Übermenschliches, an den Vulkanmythus Mahnendes, etwas -Beängstigendes in diesen donnernden, sausenden, singenden und ächzenden -Kolossalmaschinen. - -Ich atmete auf, als ich wieder draußen auf der Hafenstraße von Pola -stand. Sie war reich belebt von spazierenden Militärs. Ich ließ mich -ohne Rast zum Scoglio olivi hinüberstoßen, wo in zwei weiten eisernen -Hallen die Werften für den Kriegsschiffbau liegen. Ein Kriegsschiff -war nicht im Baue; hingegen lag auf einem der beiden Trockendocks ein -Panzerschiff in Reparatur und glich, wie es da außer Wasser stand, -einem gestrandeten Walfisch. - -Der augenfällige Unterschied zwischen einem Handels- und einem -Kriegsschiff besteht darin, daß die schwimmende Festung statt der -vielen Kajütenfenster nur eine Reihe viereckiger Öffnungen zeigt, durch -die ebenso viele Kanonenmündungen blitzen, und daß auf dem Deck ein -oder zwei drehbare Panzertürme, runden Kesseln nicht unähnlich, mit -Schießlucken stehen. Wirklich schwer gepanzert ist es nur etwa zwei -Meter über und unter der Wasserlinie und da, wo die Werke zum Drehen -der Türme stehen. - -Das Balancedock ist ein ungeheurer Kasten, der wie ein Schiff auf -dem Meere schwimmt, aber durch Einpumpen von Wasser derart versenkt -werden kann, daß das größte Kriegsschiff zwischen seinen Seitenwänden -einfahren kann, worauf das Schiff durch das Auspumpen des Wassers im -Dock ins Trockene gehoben wird. - -Nicht minder merkwürdig ist der »Zyklop«, ein Werkstättenschiff, -welches die Arbeitsräume und Maschinen für die Reparatur der -Marineboote enthält. Es ist ein schwimmendes Arsenal, welches ein in -die See stechendes Geschwader begleiten kann. - -Der Tag ging zur Neige, als ich meinen Gang durch das Arsenal beendet -hatte. Um von dem Städtchen noch etwas zu sehen, verzichtete ich -auf eine Kahnfahrt nach dem Kriegshafen, wie sie mir mein Führer -vorgeschlagen hatte; ich begnügte mich, den grauen, stählernen -Ungeheuern mit den Kanonenmündungen von ferne meine Reverenz zu -erweisen. - -Während mich der Führer zurückruderte, genoß ich den reizenden Anblick -des sich an den südlichen Hügelstufen emporbauenden Stadtbildes von -Pola. - -Der Ort selber ist uralt; denn unter dem Namen Pietas Julia blühte -hier eine römische Kolonie, und im Mittelalter beherrschten von hier -aus die Markgrafen von Istrien ihr Land; aber in gewissem Sinne ist -es doch der Benjamin der istrianischen Städte. Nachdem es im 13. -und 14. Jahrhundert bald von den Venetianern, bald von den Genuesen -verwüstet und im 17. von der Pest entvölkert worden war, so daß es kaum -mehr ein halbes Tausend Einwohner zählte, ist es erst durch Anlage -des Kriegshafens und zum großen Teil auf Kosten der istrianischen -Schwesterstädte wieder ein Gemeinwesen von einiger Bedeutung geworden -und zählt gegenwärtig etwas über 10000 Einwohner. - -Seine Geschichte bringt es mit sich, daß sich in der Stadt Altes und -Neues aufs wunderlichste mischen, daß fast an jedem Plätzchen eine alte -Historie klebt. - -Hier sollen Jason und Medea auf ihrer Flucht vor den Kolchiern -gerastet, dort die schöne Cenide mit dem jugendlichen Vespasian einen -erotischen Roman durchlebt haben; am dritten Ort zeigt man die Stelle, -wo am Charfreitag 1271 die Familie der Sergier, die als erbliche -Generalkapitäne die Stadt verwalteten, vom Volke meuchelmörderisch -niedergemacht worden ist. - -Vielleicht die interessanteste dieser Erinnerungen aber hat der Ort -da, wo jetzt mit leuchtender Front die Infanteriekaserne auf den Golf -herniederschaut; denn hier stand im Altertum ein Venustempel, im -Mittelalter ein Nonnenkloster, jetzt also eine Militäranstalt. - - »Und aber nach fünfhundert Jahren, - Als ich desselbigen Wegs gefahren« -- -- -- - -Kann man sich eine lebendigere Illustration zur Sage von »Chidher, dem -Ewigjungen«, denken? - -Auf einem Hügel oberhalb der Kaserne erhebt sich das alte venetianische -Kastell, und nicht weit davon steht eines der sehenswertesten -Altertümer: die zierliche Triumphpforte, welche Salvia Postumia ihrem -Gemahl, dem Tribunen Servius Lucius, und dessen Verwandten errichtet -hat. Das vollkommen freistehende, von einem prächtigen Rostton -überzogene Denkmal gehört mit seinen paarweise geordneten korinthischen -Säulen und dem stark vortretenden, von etwas Strauchwerk umwucherten -Gesimse der besten Zeit römischer Baukunst an. - -Ebenso schön ist ein anderes ganz in den Häusern verstecktes römisches -Denkmal: ein eleganter Tempel des Augustus und der Roma, ein wunderbar -wohlerhaltener Bau, obgleich er unter den wechselnden Besitzern von -Pola schon als Kirche und als Kornkammer gebraucht wurde. Noch liest -man an dem Fries der von sechs korinthischen Säulen gebildeten Vorhalle -die Widmungsinschrift »~Patri Patriæ~«, und die zierliche Ornamentik -des Giebels hat durch den Verwitterungsvorgang von fast zwanzig -Jahrhunderten -- der Tempel wurde im Jahre 8 gebaut -- nicht wesentlich -gelitten. - -Neben diesem 13 Meter hohen Bau stand im Altertum ein anderes -Heiligtum, der Tempel der Diana, von welchem aber nur die Rückseite -auf uns gekommen ist; denn in seine Vorderseite hinein ist nicht -ohne Geschick das Stadthaus von Pola, ein anmutiger Palast in -maurisch-gotischem Stil, gebaut worden. Vor seiner Parterreloggia liegt -der Hauptplatz von Pola, das antike Forum. - -Vom Triumphbogen der Sergier zieht sich die mit Kastanienbäumen -besetzte Ringstraße um das Kastell her gegen den innersten Teil des -Hafens und gegen das Amphitheater hinab. - -Dieses kann sich zwar an Größe mit demjenigen von Verona nicht messen; -denn die Maßverhältnisse sind fast ein Drittel geringer als am »Haus -Dietrichs von Bern«; immerhin beträgt die Länge seines Ovals 120, die -Breite 96 Meter und sein Raum faßte über 20000 Personen. Von all den -Arenen des Südens ist sie die einzige im Außenbau erhaltene, während -man freilich, um ein Bild ihres ausgeplünderten Inneren zu gewinnen, -das Bild des Amphitheaters an der Etsch zu Hülfe nehmen muß. - -Da die Arena, die von der alten römischen Gemeinde um das Jahr 200 -zur Auslösung eines Gelübdes und zu Ehren der Kaiser Septimus Severus -und Caracalla aufgeführt wurde, am Abhange eines Küstenhügels steht, -so verkürzt sich der Bau von der Golfseite gegen hinten um die ganze -Höhe der untersten Bogenreihe, während am zweiten Stockwerk die 72 -Bogen recht schön zur Darstellung kommen. Über den viereckigen, -fensterartigen Ausschnitten des dritten Stockwerkes krönt eine -Steingalerie den 24 Meter hohen Bau, an welchem vier turmartige -Anbauten eine besondere Eigentümlichkeit bilden. - -Als ich auf dem Hügel über dem Amphitheater stand, erhaschte ich eben -noch die letzten Strahlen der scheidenden Sonne, die herrlich durch die -öden Räume des gewaltigen Baues fluteten. Dann versank das purpurne -Gestirn in der fernen See; die Dämmer woben über dem Hafenrund von Pola. - -Ich setzte mich auf den kurzen Rasen des Hügels, und im Anblick des -dunkeln Ruinenkolosses sah ich, als hätten sich die Zeiten um mehr denn -anderthalb Jahrtausende zurückgedreht, ein seltsam Bild. - -Römische Männer und Frauen schritten in Toga und Palla zu den vier -Toren der Arena. Auf den Galerien plauderte viel müßiges Volk: -Kriegsleute, Freigelassene und Sklaven, und unter Trompetenklängen kam -von der Pietas Julia die Schar der Gladiatoren gezogen. Nun scholl -auf zur Loge, wo im Purpurgewand mit müdem Lächeln der junge Kaiser -saß: »~Ave Caesar, morituri te salutant!~« »Sei gegrüßt, Cäsar, die -Todbereiten grüßen dich!« »Hie Hyplomachos, hie Thraker.« Nun ein -erstes Scheingefecht, dann heller Schwertesklang! Der Thraker sinkt in -die Kniee und hält um sein Leben bittend die Hand empor. Allein das -Volk will Blut sehen. Der Hyplomachos gibt ihm unter dem wilden Jubel -der Zuschauer den Todesstoß. Noch haben kaum die Angestellten den -zuckenden Leichnam versenkt, - - »Da speit das doppelt geöffnete Haus - Zwei Leoparden auf einmal aus.« - -Ich kam nicht weiter mit meinem Schiller ... - -»Guten Abend, mein Herr, darf ich Sie um etwas Feuer bitten?« -sagte jemand im feinsten Deutsch zu mir. Ich schnellte aus meinen -Träumen und von dem Rasenlager empor, und vor mir stand ein hagerer, -fadenscheiniger Mensch. - -»Bitte, bedienen Sie sich.« Allein der Mann sah mich nur mit einer Art -stummen Jammers an. »Gnädiger Herr«, sagte er dann, »um Gotteswillen, -bezahlen Sie mir und meiner Frau ein Abendbrot; wir sind deutsche -Schauspieler und heute sechs Stunden über das Land gewandert; aber -gegessen haben wir nichts. Erst müssen wir spielen, dann können wir -essen. -- Mein Gott, was ist das für ein Spielen, wenn man vor Hunger -zusammenfällt!« - -»Wir wollen sehen«, sagte ich und ging mit dem armen Teufel gegen -den Quai hinunter, als aus dem Schatten der Arena ein junges Weib -hervortrat. - -»So haben wir uns nicht getäuscht«, sagte sie, auf uns zutretend; »der -gnädige Herr will etwas für uns tun.« Meine Hand ergreifend, wollte sie -dieselbe küssen. - -»Leutchen, aber wie kommen Sie denn überhaupt dazu, mich so zu -überfallen?« fragte ich halb abwehrend, halb von den erwartungsvollen -Gesichtern belustigt. - -»Verzeihen Sie, wir haben Sie an der Arena vorüber auf den Hügel -steigen sehen, und ich sagte zu meinem Mann: »Dieser Herr wird uns -helfen.« Sie haben so ein liebes, gütiges Gesicht. Da sind wir Ihnen -gefolgt bis zur Höhe«, sprach das junge Weibchen schmeichelnd, aber -noch ungewiß, ob mich all das rühren werde. - -Da die Leutchen mir wirklich mehr arm als gaunerhaft vorkamen und ich -frei sein wollte, gab ich den beiden zu einem Abendbrot. Sie dankten -überschwenglich und luden mich, ich weiß nicht mehr wohin, ein, ihr -Spiel anzusehen. Ich hatte indes Neu-Pola, das sich um einen Hügel -südlich vom Kastell lagert, einen Besuch zugedacht, und dazu war -jetzt die rechte Zeit. Über den östlichen Höhen war der volle Mond -aufgegangen, und die Nacht war so hell und klar, daß ich selbst meinen -Bädeker, der übrigens von Pola wenig schreibt, ohne Mühe lesen konnte. - -So wanderte ich denn hinauf auf die höchste Kuppe zur Sternwarte, auf -deren Terrasse das Monument des Admirals Tegethoff, ein prachtvoller -Erzguß, steht, den Kaiser Franz Joseph im Jahre 1877 errichten ließ. -»Tapfer kämpfend bei Helgoland, glorreich siegend bei Lissa, erwarb er -unsterblichen Ruhm sich und Österreichs Seemacht« lautet die Inschrift -auf dem Sockel des Denkmals, dessen Fuß mit vier allegorischen Figuren -geschmückt ist. - -Wunderschön ist der Standort; denn da liegt nicht nur die Stadt selbst, -sondern auch der Golf mit den Forts, die ihn umrahmen, und die See, die -mondbeglänzte, lichtgesättigte, dem Beschauer zu Fuß. - -Dann führte mich der Weg hinab zu reizenden Baum- und Buschanlagen, wo -im tiefsten Parkfrieden das Maximiliansmonument, eine zu jeder Seite -mit drei Schiffsschnäbeln gezierte, schlanke Säule, steht, die von -einer geflügelten, auf einer Kugel stehenden Viktoria bekrönt ist. - -Ich habe die Figur im ersten Augenblick für eine Fortuna gehalten, -hat doch der unglückliche Kaiser von Mexiko mehr von der Macht -der launenhaften, flüchtigen Göttin des Glückes als von der -lorbeerspendenden des Sieges erfahren, zu deren Bildnis sich die -mexikanische Kaisergeschichte wie eine bittere Satire ausnimmt. - -Nachdem ich Pola im Mondschein noch mehrmals durchstreift, ging ich -ermüdet von der Triumphpforte der Sergier gegen den Quai hinunter. Da -hörte ich aus einer Schenke die Stimme einer Sängerin. Sie sang das -Lied: »Komm, flieh mit mir und sei mein Weib.« Ich hörte stillstehend -zu, bis die Schlußworte »verdorben, gestorben« verklungen waren. Als -eben eine Schar Seeleute dem Gesang händeklatschend ihren Beifall gab, -trat ich ein. - -Es war der Schauspieler und sein Weib, die ich auf so seltsame Art -bei der Arena kennen gelernt hatte, welche in dem raucherfüllten, -nicht sonderlich reinen Raume sangen. Man trank ein leidliches Bier, -und in eine Ecke gedrückt hörte ich den Deklamationen und Gesängen -des armseligen jungen Künstlerpaares zu. Gewiß hatten diese Leutchen -schon bessere Gesellschaft gesehen. Hier leuchtete ihnen kein -Stern. Plötzlich verlangten die Italiener unter den Seeleuten einen -italienischen Vortrag, und das ausgehungerte Paar war in größter -Verlegenheit. Jeder Versuch einer weitern deutschen Deklamation wurde -durch italienische Gesänge vereitelt, der Wirt hob die Vorstellung -auf, und mit der unglücklichsten Miene von der Welt eilte der deutsche -Schauspieler mit seinem Weibe davon. - -Es war mir selbst unbehaglich geworden; denn die Deutschen und die -Italiener suchten sich gegenseitig mit ihren Liedern zu übertönen -und einige Minuten nach der abgebrochenen Vorstellung suchte auch -ich meinen Gasthof auf und nahm mir vor, bis um fünf Uhr morgens so -fest zu schlafen, wie daheim bei der Mutter. Das Bett war wirklich -vortrefflich; allein ich hatte meine Rechnung ohne die Plagegeister -des Südens gemacht. Schon bald nach Mitternacht erwachte ich von einem -Schmerz, wie wenn ich im dichtesten Nesselbusche läge, und als ich -Licht machte und die Decke zurückschlug, rannten eben die letzten der -braunroten Halbflügler davon. - -Ratlos stand ich am Fenster und sah zum Mond hinauf, der ruhsam über -die Dächer von Pola zog. Draußen lag eine lichtvolle sommerlich warme -Nacht. »Ruhe findest du hier keine mehr«, sagte ich mir; »wie wär's, -wenn du hinauswandertest, einsam wandertest in das fremde, mondhelle -Land?« - -Der Gedanke hatte etwas Romantisches; ich widerstand ihm nicht lange -und das Türschloß des Gasthofes auch nicht. So zog ich denn hinaus, ein -stiller Gänger, am Amphitheater vorbei hinauf auf das Plateau und immer -südwärts über die öden Karstgründe dahin. - -Wer nie so menschenverlassen gewandert ist, der faßt kaum die Poesie -eines solchen nächtlichen Streifzuges. Sie läßt sich in Worten nicht -wiedergeben. Die Steinklippen, die Ränder der Mulden, selbst das Laub -des Gesträuchs leuchteten mit einem fahlen Schein; auch nicht ein -Mensch begegnete mir; nur in einem fernen schlafenden Gehöfte schlug -ein Hund an, um sich dann rasch wieder zu beruhigen. - -Und doch war die Einöde fern und nah tonerfüllt. Sangen die Zikaden, -sangen die Vögel im Traume? Ich glaube das letztere. Als der -Morgen kam, da klangen über dem gottverlassenen Karstlande, in den -Steinwinkeln und in der Bläue der Luft so viele Vogellieder, daß ich -mich nur wundern mußte, in dem Gefelse ein so reiches Tierleben zu -finden. - -Trotzdem ich ohne Hast gegangen war, stand ich um vier Uhr auf einer -Uferhöhe, nicht fern von Medolina, das an einer lieblichen Bucht ganz -im Süden der Halbinsel liegt. - -Schon stritten sich Mondlicht und Dämmerschein und als eine schwarze -Felsenbarre zog sich die äußerste Spitze von Istrien -- Promontore -- -und der Scoglio Porer in das perlmutterglänzende Meer hinaus. Fern im -Osten über dem Quarnero stieg die Sonne groß und golden aus der See -empor und umflutete die Küstenhöhen mit einer Garbe jungen Lichts; dann -wurden auf dem Meer Segel sichtbar; die Flut selber war überhaucht von -Sonnengold. - -So führt im hellenischen Mythus Helios seinen goldenen Wagen über das -Meer herauf. - -Von einer immergrünen Eiche steckte ich mir ein Zweiglein auf den Hut; -dann wanderte ich schneller, als ich gekommen war, nach Pola zurück. - -Auf dem Wege dahin sah ich ein istrianisches Idyll: Eine junge Bäuerin, -die, auf einer Eselin sitzend, mit der einen Hand die Kunkel hielt, mit -der andern ein grobes Baumwollgarn spann und eine Ziegenherde vor sich -her trieb. - -Noch mehr aber als dieses Bild erheiterte mich die Überraschung, die -sich auf dem Gesichte meines Wirtes spiegelte, als ich mit allen Spuren -einer Morgenwanderung vor ihn trat. Er schwur hoch und teuer, daß es in -seinem Hause keine Wanzen gebe; als ich aber meine Rechnung bezahlte, -bat er mich, es keinem Menschen zu verraten, daß ich bei ihm schlecht -geschlafen habe. - -Nach dem Frühstück eilte ich auf das Dampfboot, wo ich kaum eine Minute -vor der Abfahrt anlangte. Als dasselbe aus dem Hafen manövrierte, sah -ich die Sängerin von gestern abend zwischen ein paar großen Weinfässern -des zweiten Platzes kauern. Erst jetzt fiel mir so recht auf, wie -jung, kaum über die zwanzig Jahre, und wie erbarmungswürdig das Wesen -in seinem schwarzen Kleide dreinsah. Als sie sich jedoch von mir -beobachtet fühlte, da stieg eine tiefe Röte in ihr Gesicht; meine -Entdeckung schien sie peinlich zu berühren. Dann aber kam sie plötzlich -auf mich zu. - -»Wir haben uns getrennt«, sagte sie; »wir waren in Wahrheit nur so weit -hinabgewandert, um uns im Meer das Leben zu nehmen; allein der Tod tut -weh! Ich gehe heim in die Steiermark; denn ich habe einen Vater und -eine Mutter dort. Zu ihnen will ich zurückkehren und will arbeiten. -Ich bin ihnen fortgelaufen. Der Sänger ist nicht mein Mann; aber wir -hatten einander lieb. Er war immer gut mit mir, und gestern nacht, -als ich weinte und mich das Heimweh überkam, da schenkte er mir die -ganze gestrige Einnahme und sagte: »So geh, du mein armes, armes Kind; -ich darf dich nicht länger halten!« Mein Gott, was wird aus ihm jetzt -werden! Er wird allein tun, was wir zusammen nicht vollbringen konnten. -Er hat keinen Halt mehr; ich hätte ihn nicht verlassen sollen.« Sie -hatte das letztere mehr zu sich selbst als zu mir gesagt und lehnte nun -in stummer Verzweiflung an einen Warenballen. - -Bis nach Rovigno hinauf waren ein sehr elegantes, italienisches -Fräulein, das von Cattaro kam, und ich die einzigen Passagiere erster -Klasse. Mit steigender Aufmerksamkeit hatte diese junge Dame die eben -geschilderte Szene beobachtet, und als ich in ihre Nähe kam, erkundigte -sie sich einläßlich, was dem armen Wesen fehle. »~O poveretta, -poveretta!~« rief sie, als ich ihr die Umstände der Sängerin erzählte, -und übernahm an ihr das Amt der barmherzigen Samariterin. Sie -erledigte sich seiner in einem gebrochenen Deutsch, das man für drollig -hätte halten können, wäre es nicht die Sprache einer Menschenfreundin -gewesen, und mit ebenso viel Anmut, als Erfolg; denn als wir uns -Rovigno näherten, war der Ausdruck dumpfer Verzweiflung in dem Gesichte -der Steiermärkerin demjenigen einer stillen Ergebung gewichen. - -»Ich werde die Arme in Triest in ein Haus begleiten, wo man für -ihre Heimkehr sorgen wird!« sagte mir die Cattaresin. Kein Mensch -hätte ihr dankbarer sein können als ich, daß ich endlich einer -Reisebekanntschaft, die ich dreimal unter den seltsamsten Umständen -gemacht, auf eine so schickliche Weise ledig wurde. - -Bis in die Gegend von Parenzo hatten wir wieder prachtvolle Fahrt -bei spiegelglatter See; dann aber verdüsterte sich der Himmel, wurde -bleiern, und ein sengend warmer Scirocco brach ein. Schon in der Gegend -von Cittanuova schwankte unser Küstendämpferchen bedenklich, und bald -war die See nah und fern mit weißen Schäumen überdeckt, die gleich -gescheuchten Herden vor dem Seewind flohen. Es war kein Sturm, aber -ein Stürmchen, gerade stark genug, um mir noch eine Vorahnung dessen -zu geben, was zur See schlechtes Wetter heißt. Abgeschlagen und wohl -auch der Seekrankheit nahe, kam ich in Triest an. Unser Schiff hatte -zwei Stunden Verspätung, und noch am folgenden und zweitfolgenden Tag -fühlte ich die Nachwehen der paar Stunden unruhiger Fahrt, ein Gefühl -des Schwankens, als wäre ich noch zu Schiff. - -Und als ich dann zu Monfalcone wieder am Strande stand, das Meer sonnig -war und glatt, fern und nahe die kleinen und großen Schiffe segelten, -da dachte ich an das »~male di mare~« wie an ein Erlebtes und wünschte -glückliche Reise und ruhiges Wetter allen, die hinfahren über das -schöne, falsche Meer. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - -Der Karst und die Grotte von Adelsberg. - - -Es ist etwas Eigenes um jene vielgerühmten Stellen, die zu Zielpunkten -eines allsommerlichen Touristenstromes geworden sind. Seit sie jedes -Reisehandbuch bespricht, seit sie nur noch durch die Spießrutengasse -der Spekulation zu erreichen sind und sich das reisende Volk aller -Winde an ihnen sammelt, wirken sie auf den selbständigen Touristen -nur noch mit halber Anziehungskraft. Es mutet ihn an, als ob sie -durch den ihnen überreich dargebrachten Tribut gelitten hätten, und -das Reizendste an ihnen, die Frische und Unmittelbarkeit des ersten -Eindrucks dahin sei. - -Allein wochenlang am Karst und in seiner nächsten Nähe zu flanieren, -mit der größten Gefahr für die lieben Knochen sein Karrengefelse zu -durchwandern, um einige Fledermaus- und Taubenhöhlen, einige seiner -in verlorenen Schluchten rauschenden Quellen und kleinen Seen zu -sehen, ohne einmal das berühmteste unter den vielen Wundern dieses -eigenartigen Gebirges, die Adelsberger-Grotte, zu schauen, wäre denn -doch gegen mein Gewissen gegangen. - -Sie ist zwar auch eine jener Sammellinsen des Fremdenverkehrs, eines -jener Schaustücke, an die man mit dem Gefühle herantritt, es möchte -sich um eine abgegriffene Münze handeln. Als ich sie aber sah, da wurde -ich aus einem Saulus ein Paulus. - -Der frühe Osterschein flutete wonnig auf den blauen Golf von Triest, -als der Kurierzug meinen liebenswürdigen Gastgeber, Direktor Johannes -Heer von Monfalcone, und mich aus dem Bereiche voll entfalteten Lenzes, -aus der klassisch schönen Meerlandschaft von Duino und Miramar in das -noch winteröde Karsthochland von Nabresina und Sesana trug. - -Der Schienenweg dahin bildet eine gewaltige, nach Norden ausweichende -Schlinge, die sich nach einem vierzig Kilometer langen Weg bei Sesana -wieder bis auf zwei Stunden dem adriatischen Handelsemporium nähert. - -Die fahlen Steinklippen der Gegend von Nabresina erscheinen, nachdem -man die Duftwellen des Frühlings von Miramar geatmet, unsäglich -vegetationsarm, ärmer, als sie in Tat und Wahrheit sind; denn das -Pflanzenleben hat sich in die Dolinen, die merkwürdigen Gesteinskessel -des Karsts, zurückgezogen. Da feiert es, vor der Bora geschützt, seinen -einsamen, wenig beobachteten Frühling und bedeckt die rötliche Erde -dieser Vertiefungen mit dem Schnee fallender Olivenblüten. - -Nähert man sich Sesana, so schimmert der weiße Steinobelisk von Obcina, -der von Triest aus gesehen auf steiler Bergeshöhe steht, horizontal -über das Plateau her. In dem freundlich aus grauen, wenig bebuschten -Karren emporsteigenden Ort sind wir bereits drei und ein halbhundert -Meter über Meer. Ein Hauch des Nordens zieht hier selbst im Sommer, -wenn Triest zum unausstehlichen Glühkessel wird, durchs Land. Darum -ist Sesana die Sommerfrische der reichen Triestinerfamilien, deren -Landhäuser aus kleinen, dem Karst abgerungenen Gärten heraus auf die -im einzelnen ebenso bizarren, als im ganzen einförmigen Steinklippen -schauen. - -Allmählich geht die Gegend in ein Gebirgsland über, dessen -Bodenerhebungen nur hügelartig als ein Wirrsal von Geröllkuppen über -die Landschaft steigen. Als wäre ein weiter, gewaltiger Bergsturz -über das Land gegangen, starrt, wohin immer der Blick auch streift, -das lichtgraue, zerklüftete Gefelse auf. Wilder Thymian und andere -kleine Heidekräuter überwuchern es, ohne die grenzenlose Blöße des -Landschaftsbildes zu verhüllen. - -Der Karst ist ein weites Gebirge; denn der Hirt der Tolmeinberge, -der seine Ziegen unter dem Predilpasse weiden führt, und der -montenegrinische Schäfer am Scutarisee hüten ihre Tiere an seinen -Gehängen. Er bildet abgeschlossene Talbecken, wo ein Seespiegel oder -ein Wasserfaden glänzt, der aus dem Berge sprudelt, sich lustig im -Lichte sonnt, bis er sich wieder in einen Höhlengrund stürzt und, dem -menschlichen Blick entzogen, eine tolle Welt von Tropfstein baut. Die -Hänge und die Höhen aber dürsten wie der reiche Mann in der Gehenna. - -Ein toniger Humus, die ~terra rossa~, füllt die Karstklüfte und Mulden -aus. Er ist der Träger der Pflanzenwelt und, wo genügend Wasser -vorhanden ist, ungemein fruchtbar. Man sagt, daß die Bauern auf den -Miniaturäckern, welche im Grunde der Gebirgstrichter liegen, drei -Jahre Weizen ernten können, ohne zu düngen. Allein die Felder und -fruchtbaren Talböden bedecken nur ein Fünftel des Karsts; mehr als die -Hälfte ist Weide; doch gibt es unter diesen Weiden Flächen von der -Größe eines Quadratkilometers, wo sich keine Ziege satt fressen könnte; -der Rest ist Wald, aber stundenweit steht kein armsdicker Baum. Nur -im Ternovanerwald bei Görz schlägt man noch Mastbäume; im Tiergarten -von Duino stehen dunkle, große Terebinthen, und in Lippiza bei Sesana -weiden die Füllen eines Gestüts im Schatten eines Hochwaldes. Der -übrige Wald ist ein lichtes Gebüsch von Eichen und Wachholder, Ahorn -und Pappeln, welches die Klippen begrünt. - -Auf einer solchen Waldoase ruht das Auge, wenn der Zug an einer -Berglehne hinbrausend ins Tal der Reka tritt, eines kleinen -Karstwassers, das seine Wellen plaudernd gegen St. Kanzian -hinunterträgt, wo es sich in einem Felsenschlund verliert. Man nimmt -an, daß die Dolinen des Plateau von Nabresina das unterirdische -Flußbett der Reka zu den drei mächtig aufrauschenden Quellen des Timavo -andeuten. - -Längs der Eisenbahn stehen hölzerne und steinerne Schutzwehren -gegen die Bora, graue, unheimliche Bauten, die auch dem im goldenen -Sonnenschein durch den Karst fahrenden Fremden nahe führen, wie wild -die Geister der Luft in dieser Felswüstenei zuweilen ihre Sturmorgien -feiern. Zu solchen Zeiten leisten die Bahnangestellten dieser Gegend -den Sicherungsdienst mit Steigeisen an den Schuhen. Sogar die Gewalt -der Lokomotive bricht sich zu Winterszeiten hin und wieder an den von -der Bora geteilten zusammengewehten Schneemassen, so daß der Verkehr -auf dieser Linie stockt. Dann mögen sich die Reisenden, die in einem -armseligen Karstdörfchen eingeschneit auf Erlösung warten, sehnsüchtig -an die Beefsteaks Wiens oder die Meerfische Triests erinnern! - -Die Bora steht ebenso sehr durch ihre Kälte als durch die -explosionsartige Heftigkeit ihrer Stöße in Verruf; allein so erstarrend -sie auch auf den Körper wirkt, ihre Temperatur sinkt selten auf -den Gefrierpunkt, und das Kältegefühl, das sie erzeugt, beruht aus -einem subjektiven Vorgang, auf der durch die Trockenheit des Windes -hervorgerufenen, lebhaften Verdunstung der Haut. - -Man hat, ähnlich wie zur Ergründung des Föhns, zu dem die Bora so -recht die Kontrasterscheinung bildet, allerlei künstliche Theorien -herbeigezogen, um ihr Wesen zu erklären; die neueren, meteorologischen -Forschungen haben indes erwiesen, daß sie einfach der Abfluß eines -hohen Luftdruckes, der über den Saveländern lagert, gegen das -Adriabecken ist. - -Nirgends tritt die vegetationsertötende Wirkung dieses Windes und die -grenzenlose Armut des Karsts so überredend vor den Blick, wie bei St. -Peter, der zweiten Station von Adelsberg. - -Überschaut man diese Öde, so glaubt man es kaum, doch ist es -durch geschichtliche Dokumente bezeugt, daß der Karst einst mit -nur unterbrochenem Hochwald bestockt war. Im Volke lebt die Sage, -die Venetianer hätten die gewaltigen Eichenhaine geschlagen, um -Bauholz für ihre Flotten zu gewinnen. Da sei der Fluch der an die -Schiffsplanken hingeschmiedeten Galeerensklaven über die Heimat des -Schiffsholzes gekommen, und die Forste seien abgestanden. - -~Vox populi, vox Dei!~ Nur hier nicht. Venedig hat lange vor andern -Staaten in seinen Provinzen für die Erhaltung des Waldes Sorge -getragen, und als der Markuslöwe seine Flügel über die Karstländer -schlug, da war das Hauptwerk der Forstverwüstung bereits getan. Die -Jahrhunderte alte Schuld trägt die Mißwirtschaft der Gemeinden, der -Karstbauer mit seinem Weidgang. - -Eigentlich virtuos geht man in einigen Gegenden Istriens gegen den -Wald vor, wo der »~contadino~« nicht warten mag, bis sich durch die -Wurzeltriebe etwas verkäufliches Staudenwerk gebildet hat, sondern die -Wurzeln selber ausgräbt und in die nahen Städte zu Markte führt. - -Unter dem wenigen Guten, das man dem österreichischen Großgrundbesitz -nachreden kann, gehört das vielleicht zum Besten, daß er in den -Karstgegenden am meisten die Kraft besaß, den ursprünglichen Hochwald, -so die schönen Buchenhaine Oberkrains, in die Gegenwart herüber -zu retten, während die Gemeinden ihre einstigen Forste, soweit -sie nicht der vegetationslosen Öde gewichen sind, auf Niederwald -herabgewirtschaftet haben, der je nach der Holzart alle sieben oder -vierzehn Jahre geschlagen wird. - -Die christliche Legende erzählt, der blinde Missionar Beda habe, von -einem Knaben irre geführt, einst den Steinen gepredigt; da hätten -diese statt der Menschen gerufen: »Amen! Amen!« Auch die nackten -Karstklippen rufen. »Gebirgsvölker, schont den Wald!« rufen sie. - -Seit drei Jahrzehnten macht sich eine Bewegung, deren Seele der k. -k. Forstrat Ritter von Guttenberg ist, für eine Verbesserung der -Waldverhältnisse des Karstes geltend. Das große Losungswort heißt: -»Wiederaufforstung« und Gesetz bietet die staatliche Grundlage für die -Wiederbewaldung wenigstens des küstenländischen Karsts. Man hofft, -durch diese die Gewalt der Bora zu brechen, die Bodenfeuchtigkeit zu -vermehren, die seit der Entforstung gesteigerten Gegensätze des Klimas -zu mildern und nach und nach den durch Gewitterregen weggeschwemmten -Humus wieder zu gewinnen. - -Es liegt etwas Großartiges in diesem Plan. Allein die Anlagen sind -teuer, und Wien ist weit; ja die Karstgemeinden selber leisten -Widerstand; der Bauer läßt sich seinen Weidgang nicht gern beschränken. -Ob der Karst je wieder im Schmuck eines geschlossenen Hochwaldes -prangen wird? Künftige Generationen werden es sagen können. Wer ihn -jetzt bei St. Peter sieht, kann es kaum glauben. - -Anders schaut die Gegend schon bei der folgenden Station aus, bei -Prestanek, wo das grüne Wald- und Wiesental der Poik, das sich zur -Linken öffnet, unsern Blick aus dem Klippengrau erlöst, und langen -wir auf der Station Adelsberg an, so grüßt das kleine Städtchen gar -freundlich aus weitem grünem Talgrund auf. Nur die öden Berglehnen -verraten, daß wir uns noch mitten im Karst und zwar auf seiner -höchstgelegenen Station, 583 Meter über der See, befinden. - -Es war uns eine Herzenserleichterung, als wir aus dem engen Bahnwagen -hinaus in den österlichen Sonnenschein traten. Um der Zudringlichkeit -der Führer und Hotelwerber ein rasches Ende zu bereiten, vertrauten wir -uns dem eleganten Omnibus des Adelsbergerhofes an. Während die Pferde -davontrotteten, überblickten wir von seinem Imperiale herunter das -bergumrahmte, grüne Tal, auf welches von kahlem Felsgipfel ernst und -streng die Trümmer der Burg Adelsberg herunterblicken. - -Bald hatten wir den »Markt« erreicht, wie sich Adelsberg in der -Rangstufe österreichischer Ortschaften nennt. Seine stattlichen, -blankgeweißten Häuser mit den Flachziegeldächern muten uns mehr deutsch -denn slavisch an. Bei seiner hübschen Pfarrkirche vorbei gelangen wir -zu dem großen, modernen Hotelbau des Adelsbergerhofes im Norden des -Städtchens. - -Dem goldig herniederflutenden Ostersonnenschein zum Trotz schien außer -dem Omnibusführer das gesamte Hotelpersonal noch im Winterschlaf zu -liegen, bis endlich ein erwachsendes Dornröschen, eine junge, wenig -gesprächige Dame erschien und das Halbdutzend Grottengäste, die sich -im Hausflur zusammengefunden, in die nächsten Räume wies. Während sie -wieder für ein Viertelstündchen unsichtbar wurde, bemerkten wir, die -Fensterläden öffnend, daß wir uns in einem sehr hübsch ausgestatteten -Lesesaal, aber jedenfalls noch nicht in der ~haute saison~ von -Adelsberg befanden. - -Allein am Dornensträuchlein der Geduld wuchs denn doch ein frugaler -Morgenimbiß auf, und bald kam die Nachricht, daß sich in den -verschiedenen Gasthöfen der Stadt etliche dreißig Fremde zum Besuche -der Grotte eingefunden hätten und ihre Beleuchtung um halb elf Uhr in -Szene gehen könne. - -So hatten wir uns denn in der Voraussetzung, es werde der Ostermontag, -dieser in Nord und Süd gleich beliebte Ausflugstag, auch ein -Häuflein Neugieriger am Grottentor von Adelsberg versammeln, nicht -getäuscht. Es ist für die Touristen, welche alljährlich zu den -Höhlenwundern der krainischen Berge pilgern, ein wahres Glück, -daß die Tropfsteinunterwelt von Adelsberg eine Staatsdomäne und -so der Privatspekulation entzogen ist. Sie steht unter einer aus -Staats- und Gemeindebeamten zusammengesetzten Verwaltung, welche -den Grottenbesuchern durch eine wirklich liberale Besuchsordnung -entgegenkommt und den Grottenapparat, den Führerdienst, die Wege und -die Beleuchtung in einen Stand gesetzt hat, der allen Ansprüchen genügt. - -Ihre spekulative Mäßigung sticht wohltuend ab von der -Touristenschererei der Hotels. Ihr hat es Adelsberg zu verdanken, daß -es ein so blühender Touristenort ist, der seine zweitausend Einwohner -unmittelbar oder mittelbar durch den Fremdenverkehr ernährt. - -Eine hübsche Allee junger Linden führt längs eines nicht gar hohen -felsklippigen Bergrückens zum Eingangstor der Grotte, die als -ein stundenlanges Labyrinth den Leib dieses Höhenzuges mit ihren -Tropfsteingängen durchzieht. An die grauen, mit spärlichem Eichenwuchs -geschmückten Hänge schlängelt sich ein dunkelglänzendes Wasserband, -die Poik heran, und verliert sich, nachdem sie noch ein klapperndes -Mühlenrad geschlagen hat, mit raschem Wellenzug ins Innere des Berges. - -Eine gar gemischte Gesellschaft standen wir erwartungsvoll am gotischen -Gittertor und wehrten den zudringlichen Jungen, welche zierliche -Tropfsteingebilde und Erinnerungsstücke feilboten und mit jeder Minute -um fünf Kreuzer billiger wurden. - -Endlich kamen die Führer und Grottenwächter, alles ältere Leute -in zerschossenen Knappentrachten, die Bergmannslaterne im Gürtel, -dahergeschritten. Der Riegel klirrte; die Karawane, in welcher die -Gestalt eines mit Fez und weißem Filzmantel angetanen bochesischen -Magnaten besonders hervorstach, zog, nachdem sie zum Schutz gegen die -nur 8--9° ~R~ betragende Höhlentemperatur die Überröcke und Shawls -umgeworfen, in die Grotte ein. - -Die ersten fünfzig Schritte boten nichts Bemerkenswertes, und schon -wollten wir unserer kühlen Stimmung recht geben, da horch -- verlorenes -Wasserrauschen -- da sieh -- eine weite Halle über uns und herrlich -hereinflutend eine Garbe elektrischen Lichts. Wir selber stehen -hoch auf einer Felsengalerie über einem Höhlenabgrund, in dem mit -flimmernden Wellen der unterirdische Fluß durchs Halbdunkel zieht. - -Es geht allen Besuchern gleich. Sie sind bezaubert vom Anblick des -»großen Doms«, der gewaltigen Halle, mit welcher die Adelsberger -Grotte kaum 30 Meter vom Eingang überrascht. Und doch muß das Auge -sich erst an die Kontrastlichter gewöhnen, in denen Höhlendunkel -und elektrische Flamme sich widerstreiten, ehe es die gewaltige -Deckenspaltung und die Höhe des weiten Raums ermißt. Mögen die Führer -in ihren ledernen Erklärungen jene zu 45, diese zu 28 Meter angeben, -auch in der dürftigsten Seele ist die Phantasie machtvoll erwacht, und -den Meterstab bei Seite setzend, mißt sie den Naturdom nur mit ihrer -bewundernden Andacht aus. - -Etwas unendlich Geheimnisvolles, Düsterschönes, liegt in dem -weltabgeschiedenen Raum. So mag die ahnende Seele des Griechen sich die -Ufer der Lethe und den Totenfluß selber vorgestellt haben, wie hier die -Poik zwischen feuchten Felsensäumen strömt. - -Die Wände und das Gewölbe des großen Domes sind zwar arm an jenen -wundersamen Tropfsteingebilden, welche die Zierde anderer Grottenteile -bilden; aber gerade durch dieses Zurücktreten der Einzelformen wirken -die gewaltigen Ausdehnungen hinreißend auf die Phantasie. - -Im Innersten erregt, schreiten wir die Stufen der westlichen Wand zu -einer Naturbrücke hinab, unter welcher die Poik rauschend aus dem -Höhlengestein quillt, um ihre im Licht erzitternden Wasser nach doppelt -gekrümmtem Laufe bei den Ostfelsen des unterirdischen Münsters wieder -in unerforschte Höhlenschachte einzusargen. - -In den verborgenen Wasseradern und in den Tümpeln der Grotte lebt ein -seltsames Tier, ein spannenlanger, aalähnlicher Lurch von farblosem -oder hübsch rosa angehauchtem Leib, mit vier zierlichen Beinchen -und noch viel zierlichern, roten Kiemenbüscheln, der Olm. Der -lichtscheue, kleine Geselle kommt nur etwa nach langem Regenwetter -und am häufigsten in der mit der Adelsberger in Verbindung stehenden -Magdalenengrotte zum Vorschein, hat aber den Gelehrten schon viel zu -reden gegeben; denn er ist einer der Hauptzeugen für die Darwinsche -und Häckelsche Anpassungstheorie. Sie haben ihn mit dem Namen des -Proteus belegt, da er wie dieser sich verwandeln kann. Je nachdem er -in tiefem oder seichtem Wasser lebt, ist er Kiemen- oder Lungenatmer, -gewissermaßen also Fisch oder Vogel. Ein Führer, der uns in einer -Wasserflasche ein solches Tierchen zeigte, behauptete, daß es jahrelang -ohne Nahrung lebe. - -Jenseits der Naturbrücke, welche über die Poik führt, steht, damit -wir ja nicht vergessen, daß wir, wenn auch im Berginnern, doch immer -noch im loyalen Österreich sind, ein Denkmal, das in den devotesten -Ausdrücken der Untertanenehrfurcht die Erinnerung an Franz ~I.~ feiert, -der den großen Dom im Jahre 1816 besucht hat, und wandern wir auf einer -künstlich in die Felswand eingesprengten Galerie dem Hintergrunde der -Halle zu, wo bei einem zweiten Monument die Ferdinandsgrotte anhebt, so -stehen wir gar vor dem Polsterwagen einer Schiebbahn, mit der bequeme -Grottengäste von den Wächtern etwas mehr als anderthalb Kilometer weit -bergeinwärts gestoßen werden können. - -Man kann darüber, wie weit die Technik, ohne den guten Geschmack -zu verletzen, ein Naturschönes zu Bequemlichkeitszwecken antasten -darf, verschiedener Meinung sein. Man mag die hübsch geebneten Wege, -welche die frühern Treppen und holperigen Steige der Grotte ersetzen, -das herrliche elektrische Bogenlicht an Stelle einer unruhigen -Fackelbeleuchtung über alles Lob angenehm finden, ohne zugleich diese -Schiebbahn, die denn doch nur einem winzigen Teil der Adelsberger Gäste -wirkliches Bedürfnis ist, für eine glückliche Schöpfung ansehen zu -müssen. - -Wo sie beginnt, hat man einen hübschen Rückblick auf den großen Dom, -die gewaltige Vorhalle des übrigen Grottensystems. Sie war bis im -Anfang des 19. Jahrhunderts der einzige bekannte Raum, wurde aber -schon im 13. Jahrhundert besucht; denn in einer Nebengrotte sind -noch eingehauene Namen und Jahrzahlen von 1213 und 1290 erhalten. So -sind durch sechs Jahrhunderte hindurch die Geschlechter im großen -Dom bewundernd gestanden, ohne zu ahnen, was für märchenhafte -Schönheit von Tropfsteingebilden in den Gängen und Hallen des tieferen -Berginnern prangt. Erst das Jahr 1818 hat die Entdeckung der weiter -zurückliegenden Grottenteile, insbesondere der an den großen Dom -anschließenden Ferdinandsgrotte gebracht. Vorwärts nun! - -Bald hat sich der milde weiße Schein der Bogenlampen, die den großen -Dom erhellen, unserem Blicke entzogen; allein nun flammen in den Falten -und Nischen, an den Erkern und Gesimsen des Höhlenschachtes, der sich -hier zum Engpaß schließt, dort zur herrlichen Halle weitet, Hunderte -von Kerzen auf. Es ist ein Gang durch ein Märchenreich: - - »An den Wänden rankt in buntem - Formenspiel des grauen Tropfsteins - Geisterhaftes Steingeweb, - Bald wie Tränen, die der Fels weint, - Bald wie reizverschlung'ne Zierat - Riesiger Korallenäste.« - - (Scheffel.) - -Schlank wie die Palmen des Morgenlandes, dann kräftig und knorrig wie -deutsche Eichen wachsen die Steinschäfte, von Lianen umschlungen, zur -Ornamentik der Höhlendecke auf. - -Da hängt nächst dem Grotteneingang an grauer Tropfsteinwand eine -»Kanzel.« Allein wer möchte da droben stehen und predigen, wo die -Steine in ihrer Pracht den Menschen überschreien! Da steht, damit -es dem staunenden Wanderer nicht gar zu andächtig ums Herz wird, -eine »Metzgerbank«, und die »Speckschwarten« hangen drüber hin; -da ist eine »Diamantengrube«, wo das Licht sich tausendfach an -blitzenden Kristallen bricht; dort ein feiner »Regen« von wunderzarten -Tropfsteinröhrchen; jetzt wandeln wir durch die reizenden Gebüsche -eines »englischen Gartens.« - -Wie sie nur zu Wege kamen, diese feierlichen Hallen, dieser -Säulenprunk, diese tolle, andächtig schöne Märchenwelt! - -Gewiß wüßte der Höhlenfluß, die Poik, die am Karst entspringt, -einige Stunden im Sonnenlicht wandert, dann sich in die Unterwelt -von Adelsberg verkriecht und, durch ein Felsentor im Tal von Planina -wieder zu Tage tretend, Unz heißt, sich aufs neue in ein Gebirge -begräbt und jenseits desselben als Laibach, Schiffe auf ihrem Rücken -tragend, der Save zueilt, gewiß wüßte sie das Geheimnis der Grotte zu -lösen. Allein sie plaudert mit ihren Wellen nur in Rätsellauten von dem -Schattenreich, das sie durchwandert. - -Sonst würde sie uns vielleicht erzählen von uraltem Tagewerk, wie -sie einst -- es mögen hunderttausend Jahre her sein -- müd der Sonne -und der oberflachen Welt, bei Adelsberg an die Höhe hinkroch, sich -langsam eine dunkle, einsame Gruft in den Kalkstein des Gebirges -wühlte und nagte, bis sie sich einsargen konnte in einen stillen, -selbstgeschaffenen Hades. - -Dieses abgeschiedene Gelände aber war noch öde und leer. Da kamen -andere Werkmeister, kleine, aber nicht verachtungswürdige. Es waren die -vom Bergrücken durch das Gestein hinunterkriechenden Wassertropfen, -ganz gewöhnliche Wassertropfen. Einer lief dem andern nach, und jeder -brachte eine kleine Ladung Kalk auf dem Rücken. So damals, so vor einer -Jahrmyriade, vor einem Jahrtausend, vor einem Jahrhundert, so gestern, -so heute. Einer hat sein Körnchen Kalk hübsch zu dem Körnchen seines -Vorgängers gelegt, und alle die Dinge wurden, wie sie nun sind: die -Pforten, die Hallen, die Obelisken, die Säulen, die Zacken, die Bäume, -die Falten, die Tierfiguren und die Menschengestalten. - -Fast im Hintergrunde des Höhlenlabyrinthes ist eine schauerlich -zerklüftete Nebengrotte, der Tartarus. Da sind die kleinen Arbeiter -noch nicht fertig mit ihrem Werk; da sieht man sie noch an der Arbeit. -Von der Decke einer 19 Meter hohen Halle fällt ein Wasserfaden auf -einen Stalagmitkegel. Aus dem Becken des rötlich glänzenden Steines -spritzen perlende Wassertropfen heraus und rieseln über den Kegel -nieder. Durch ihre Kalkablagerungen wächst der Tropfbrunnen allmählich -zur Decke empor. - -Allein der Stein wächst langsam, man sagt in dreizehn Jahren einen -Millimeter, in tausend Jahren nicht einmal einen Meter. Da die höchste -Säule zehn Meter über den Höhlengrund steigt, so muß sie also über -zehntausend Jahre alt sein. - -Zehntausend Jahre! Und als vor sechzig Jahren mit rauchenden Fackeln -und klopfenden Herzen die Menschen in das Labyrinth von Adelsberg -eindrangen und wenn sie heute von ferne her in die Höhle kommen, so -halten sie verwundert den Atem an. »Hat hier nicht ein unterirdisches -Volk gelebt und unsere Dinge nachgeahmt?« rufen sie verwundert aus. -»Steht dort nicht noch der Thron, auf dem sein König gesessen? Dort -hängt noch das Bild der Maria mit dem Kinde in der Nische, vor dem sie -betend gekniet. Dort ist die Wiege, worin es seine Kinder gewiegt; -dort stehen die Särge, worin es seine Toten gebettet. Auch die Kannen, -aus denen es getrunken, sind noch da und das Handwerkszeug, mit dem -es gearbeitet. Noch hangen an den Decken die Felle des Gerbers, die -Linnen der Waschfrau; hier ist das Zelt, unter dem es gerastet, -dort die Dorfkirche, in der es den Sonntag gefeiert; es fehlt nicht -die Orgel und nicht der Beichtstuhl; es hat also auch gesündigt, -dieses Höhlenvolk! Und geliebt wohl auch! Denn was sollten sonst -die lauschigen Erker, die stillen Wälder! Jene vermummten, klagend -vorgebeugten Gestalten, sind es nicht die letzten der Höhlenbewohner? -Vielleicht, wenn man den Stein behutsam losschälte von den armen -Leuten, wer weiß, fände man einen Leib mit warmem Blut, mit einem -pochenden Herzen. Vielleicht könnte man eine verzauberte Seele -erlösen!« - -Es ist wunderbar, was für geheimnisvolle Bildwerke die sickernden -Wassertropfen im Schleier ewiger Nacht gebaut! - -Und Bewohner hat diese Märchenwelt wirklich gehabt. Zwar nicht -menschliche Troglodyten, aber den plumpen, zottigen Höhlenbär. Wo sich -die Ferdinandsgrotte zu einem hohen gotischen Münster weitet, hat man -im Boden seine Knochen gefunden. Jetzt dient das Bärenlager der Vorzeit -als Tanzsaal. Am Pfingstmontag, wenn das Grottenfest gefeiert wird, -fünftausend Menschen durch die Tropfsteinhallen und Gänge wogen, dann -ziehen heitere Klänge hier brausend, dort fern verklingend durch das -stille Reich, und in dem weiten Raume reigt junges und altes Volk; am -Sonntag Trinitatis aber ist hier Gottesdienst. - -Ich möchte nicht tanzen in dieser Halle; ich möchte darin auch keine -Predigt hören; am liebsten würde ich, ein stiller Bürger des Hades, -einsam und ungestört die Tropfsteingewächse entlang schreiten; denn -einem einfachen Gemüte gehen im Alleinsein die schönsten Erkenntnisse -auf. Wirklich war ich ein paar Dutzend Schritte hinter der Karawane -zurückgeblieben, um mich ungestört meinen Betrachtungen hinzugeben. -Allein ich hatte meine Rechnung ohne die Grottenwächter gemacht, die -in einiger Entfernung der Wandergruppe folgten und die Kerzenlichter -auslöschten, da immer nur der Teil der Grotte erleuchtet ist, wo sich -die Grottenkarawane bewegt. - -»Vorwärts, vorwärts, junger Herr!« mahnte ein gutmütiger Alter. »Sie -könnten sich so verirren, daß wir selber Sie nicht mehr fänden.« - -Ich lächelte; aber er hatte recht. Es gibt in der Unterwelt von -Adelsberg Nebengrotten, die noch nicht gangbar gemacht worden, zum Teil -noch nicht einmal gründlich erforscht sind; wo, geriete ein Wanderer -durch einen unglücklichen Zufall hinein, vielleicht erst nach Jahren -ein Wagehals oder ein Forscher die gebleichten Knochen des armen -Verirrten fände; denn kein Ariadnefaden führt aus diesem Labyrinth -heraus. - -Warum hat man diese nicht wegbar gemacht? Wohl aus Kostengründen, -wohl auch, um in Zukunft mit ihrer Erschließung den Ruf der Grotte -wieder neu zu beleben. Wer jetzt durch dieselbe geht, wird es nicht -bedauern, daß ihm einige Räume entzogen bleiben; denn man sieht auf der -dreistündigen Wanderung so unendlich viel des Schönen, Sonderbaren, -Fremden und Phantastischen, daß auch das Auge des Unersättlichsten satt -dieser Steintollnis wird. - -Die letzte Halle der Kaiser Ferdinands-Grotte ist das »Grab.« Bei einem -versteinerten Springbrunnen, einer Ruine und einer Hieroglyphensäule -stehen die vertropften egyptischen Mumien. - -Da teilt sich die Grotte in zwei, die Franz-Joseph- und -Elisabeth-Grotte zur Linken, die Maria-Anna-Grotte zur Rechten. Sie -treffen sich tiefer im Berginnern wieder. Wir schritten durch diejenige -zur Linken ein und gingen später durch diejenige zur Rechten hinaus. - -In der Franz-Joseph- und Elisabeth-Grotte brechen viele rosig -überhauchte Tropfsteine aus blendend weißen Wänden hervor; -überraschend schöne Steinfalten hängen durchschimmernd an den Decken; -in einer diamantenfunkelnden Kammer liegt unter einer Trauerweide -eine schlafende Jungfrau, und an der Decke hängt über ihr das -Damoklesschwert. - -In der Maria-Anna-Grotte ist der Leuchtturm von Triest, der Dom von -Mailand und vielleicht das berühmteste Stück der ganzen Adelsberger -Unterwelt -- der Vorhang. Man traut seinen Augen kaum! Drei Meter -lang und einen Meter breit hängt dieses wunderzarte, schimmernde -Gebilde von nur acht Millimetern Dicke aus der Wand und prangt mit -feinem, durchsichtigem Faltenwurf und einer braun und rot gestreiften -Einfassung von überraschender Natürlichkeit, als wäre es eine Stickerei -von kunstfertiger Frauenhand. - -Wo sich die beiden Grotten wieder vereinen, treten wir in eine -Trauerhalle von schwarzbraunem Gestein, und nun führt der Weg an -kristallenem und elfenbeinernem Bilderschmuck hinauf zum letzten der -ungeheuern Dome, hinan zum Kalvarienberg. - -Was soll ich von ihm sagen? -- 58 Meter hoch und 200 in der Weite wölbt -sich die Halle über einen 41 Meter hohen, an die Nordwand anlehnenden -Hügel. Über einen Bergsturz steigt man an acht wunderlichen Kolossen -vorbei auf die Spitze, wo die Arche Noah ist. Da übersieht man eine -kleine Landschaft. - -Es ist eine ewig geheimnisvolle Welt von vertropften Gebilden. -Funkensterne glitzern an Statuen; blau und rote Flämmlein zucken -zwischen den Bildwerken auf, und kein Menschengedanke wird klug aus -dem düsterschönen Rätsel. Ist's ein versteinerter Wald? Ist's ein mit -halbzerstörten, verwitterten Denkmälern übersäter Kirchhof oder der zu -Stein erstarrte Zug des Volkes auf die Höhe von Golgatha? - -Zum Glück hatte ich nicht Zeit, den Faden dieser Gedanken weiter zu -spinnen. Die Führer mahnten zum Aufbruch; sie wußten, daß man die Leute -nicht zu lange auf die melancholischen Gruppen des Kalvarienberges -darf schauen lassen. Schneller als wir gekommen, schritten wir bergab, -bergauf, zurück durch die Grottenhallen. - -Es kamen wieder neue Gestalten, neue Bilder; allein ich sah sie nur -noch halb. Das wohlige Gefühl, mit dem ich eingewandert war, hatte mich -verlassen; die Traurigkeit dieses Schattenreiches hatte es mir angetan; -ich dürstete nach Sonnenlicht, Himmelblau, Wiesengrün. - -Und wieder standen wir über dem Höhlenfluß. Rauschend und flimmernd zog -er einher; aber vom Grotteneingang wehte schon ein warmer, milder Hauch -von Tagesluft. Noch ein paar Schritte, und der Bann der Unterwelt war -gebrochen; herzinnig grüßte ich das goldige, sonnige Licht, und dankbar -schaute ich auf zum blauen Dom des Himmels. - -Ich habe die Grotte von Adelsberg beschreiben wollen? - -Nicht doch! Wenn tausend Schriftsteller es tun wollten, sie bleibt doch -ewig unbeschreiblich; denn sie ist wie die Gletscher des Hochgebirgs, -wie das in Sturmlauten tönende Meer eine Naturoffenbarung, deren -Schönheit der Mensch nie ganz ausbegreift. - -[Illustration] - - - - - Von +J. C. Heer+ ist bei +Huber & Co.+ - in Frauenfeld und Leipzig erschienen: - - - Streifzüge im Engadin - - Gebunden 3 Fr. - - +Inhalt+: Vorspiel. -- Über den Flüela. -- - Schuls-Tarasp. -- Uinatal und Finstermünz. - Von Schuls - nach Zernetz. -- Von Zernetz nach Samaden. -- Samaden. - -- Pontresina und Morieratsch. -- Die Diavolezzatour. - -- St. Moritz. -- Sils-Maria. -- Auf dem Maloja. -- - Über den Julier. - -Ein Dichter und ein Meister kraftvoller Schilderung ist Heer. Er weiß -nicht nur die überreichen Schönheiten des Engadin in leuchtenden Farben -dem Leser vor Augen zu führen; auch die politischen und kulturellen -Verhältnisse vermag er, ebenso gut wie Rückblicke aus der Vergangenheit -und Betrachtungen zur Gegenwart, einzuflechten. Ein Muster in dieser -Hinsicht ist der Abschnitt Schuls-Tarasp. - - »Münchner Neueste Nachrichten« - - - - - Bücher der Zeit aus dem Verlag von +Huber & Co.+ - Frauenfeld und Leipzig - - - Aus der Brandung - - Zeitgedichte von +Robert Faesi+ - - Kartoniert Fr. 1.40 - -Faesis Zeitgedichte sind das erste wirklich bedeutende -Kriegsgedichtbuch der deutschen Schweiz und eines der edelsten Stücke -der deutschen Kriegslyrik überhaupt. - - »Das Literarische Echo« - - - Krieg und Frieden - - Frei nach Aristophanes von +Hugo Blümner+ - - Geheftet Fr. 3.-- - -Aristophanes-Blümner hat das erste bühnengerechte, dichterisch -vollwertige Friedensdrama des Weltkriegs geschrieben! Es ist ein -einzigartiger Fall, daß ein Werk nach zweitausend Jahren noch einmal -stärkste Aktualität gewinnt. Kriegs- und Friedensparteien, Hetzer und -Verständigungspolitiker, ehrliche Patrioten und Gesinnungslumpen, -stehen sich gegenüber wie heute. - - - Der starke Mann - - Eine schweizerische Offiziersgeschichte von +Paul Ilg+ - - Broschiert Fr. 4.-- Gebunden Fr. 5.-- - -Der Roman sprüht und glüht von einer Jugendkraft, um die Paul Ilg zu -beneiden ist. - - »Neue Zürcher Zeitung« - -Es konnte nicht anders sein: Staub hat das Buch viel aufgewirbelt. -... Mit unheimlichen Kräften geladen, sorgsam in aller Knappheit -durchgeführt, fesselt die Handlung bis zuletzt. - - »Kunstwart« - - - In diesen Zeiten - - Erzählungen von +Robert Wehrlin+ - - Gebunden Fr. 2.-- - -Turmhoch über das Geschreibsel so vieler Kriegsbücher erhebt sich das -Werkchen dieses Schweizer Schriftstellers. Jede der fünf Geschichten -ist ein Kunstwerk und bereitet reinen Genuß. - - »Hamburger Fremdenblatt« - - - In tiefster russischer Provinz - - Zwei Erzählungen von +L. Haller+ - - Gebunden Fr. 4.50 - -Wäre dieses prächtig erzählte Buch nicht einige Monate vor dem Krieg -sondern während des Kriege erschienen, es hätte bereits Massenauflagen -erlebt. Wer die Seele des russischen Volkes mit ihren tiefen Wundern -und Unfaßlichkeiten, ihren chaotischen und dumpfen Leidenschaften und -ihrem gutmütig-tölpelhaftem Humor in der Spiegelung eines scharfen, -neutral beobachtenden Auges sehen will, muß Hallers Schilderungen lesen. - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend - korrigiert. - - Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten. - - Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen): - - S. VII: Sloveneu → Slovenen - Italiener und {Slovenen} - - S. VIII: Dee → Die - {Die} Geschichte der Grotte - - S. 2: Aufenhaltes → Aufenthaltes - dritten Tag meines dortigen {Aufenthaltes} - - S. 10: etwes → etwas - dann liegt wirklich {etwas} exzentrisch Schönes - - S. 20: Selsamer → Seltsamer - {Seltsamer} Weise melden die mittelalterlichen Schriften - - S. 37: zu Mutter → Mutter zu - in den Schoß einer guten, großen {Mutter zu} legen - - S. 41: ihrer → Ihrer - die mir an {Ihrer} Seite beschieden war - - S. 42: Ausang → Ausgang - Am {Ausgang} dieses Tieflandwinkels - - S. 42: west römischen → weströmischen - vom {weströmischen} Kaiserthrone verjagt - - S. 46: Kelter → Kelten - die {Kelten} und Illyrier sahen aus achtungsvoller - - S. 48: zusamengewürfelt → zusammengewürfelt - der damaligen Welt {zusammengewürfelt} war - - S. 49: ein → eine - {eine} Belagerung glücklich bestand - - S. 57: Rönierin → Römerin - goldenen Geschmeid der {Römerin} - - S. 77: pläschert → plätschert - die Lagunenwelle im Röhricht {plätschert} - - S. 98: Siebenzehnzährige → Siebenzehnjährige - sie eine kaum {Siebenzehnjährige} - - S. 105: Leuchturm → Leuchtturm - der {Leuchtturm} spielt mit - - S. 109: innen → ihnen - Häuserfronten zwischen {ihnen} fesselten - - S. 122: Tag → Tage - In einem elf {Tage} andauernden Sturme - - S. 123: die → der - Als wir auf {der} Steuermannsbrücke - - S. 128: habe → haben - viereckige Türme {haben} es zu Kriegszeiten - - S. 134: nouva → nuova - weder in Umago noch in Citta {nuova} - - S. 135: als als → als - sich {als} ein Mann von Welt - - S. 146: egypische → egyptische - marokkanische und {egyptische} Wimpel - - S. 157: sömmerlich → sommerlich - eine lichtvolle {sommerlich} warme Nacht - - S. 165: bizzarren → bizarren - im einzelnen ebenso {bizarren} - - S. 176: sieht → steht - Da {steht}, damit es dem staunenden Wanderer - - - - - -End of Project Gutenberg's Ferien an der Adria, by Jakob Christoph Heer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN AN DER ADRIA *** - -***** This file should be named 50888-0.txt or 50888-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/8/8/50888/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Ferien an der Adria - Bilder aus Süd-Österreich - -Author: Jakob Christoph Heer - -Release Date: January 10, 2016 [EBook #50888] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN AN DER ADRIA *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p> - -<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am <a href="#tnextra">Ende -des Buches</a>.</p> -</div> - -<h1>Ferien an der Adria</h1> - -<p class="h2">Bilder aus Süd-Österreich</p> - -<p class="center">von</p> - -<p class="h2">J. C. Heer</p> - -<p class="center p2">4.–8. Tausend</p> - -<hr class="tb" /> - -<p class="center">Frauenfeld und Leipzig 1918<br /> -Verlag von Huber & Co. -</p> -<hr class="chap" /> - -<p class="center">Den Einband zeichnete Otto Baumberger, Zürich</p> - -<p class="center"><em class="antiqua">Copyright 1918 by Huber & Co., Frauenfeld</em></p> - -<p class="center">Druck von Huber & Co. in Frauenfeld</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_i">[I]</a></span></p> - -<h2 id="Vorwort_zur_dritten_Auflage">Vorwort zur dritten Auflage</h2> -</div> - -<p>1887–1917. Dreißig Jahre sind es her, seit ich -als junger Mann die »Ferien an der Adria«, mein erstes -Buch schrieb. Dem Werklein war ein stiller Lebenslauf -beschieden; denn die Landschaften, von denen es handelt, -lagen nicht an den großen Straßen der Welt, etwa Triest -ausgenommen. Zwanzig Jahre waren notwendig, daß sich -die erste Auflage erledigte, und als ich 1907 die zweite -zeichnete, war ich überzeugt, daß es zugleich die letzte sein -und das Werklein der Jugend in den Schoß milder Vergessenheit -fallen würde. Das wäre der natürliche Verlauf -eines Buchschicksals gewesen, das nie auf große Wirksamkeit -angelegt war.</p> - -<p>Nun haben es die Zeiten anders entschieden, und furchtbar -schwere Träume, die schon in den achtziger Jahren -über den schweigenden Fluren des Friauls lagen, haben sich -erfüllt, das nur halblaute Flüsterwort der Bevölkerung: -»Um unsere Dörfer und Städte, um unsere Felder und<span class="pagenum"><a id="Seite_ii">[II]</a></span> -unser Meer wird zwischen Italien und Oesterreich noch -einmal ein entsetzlicher Krieg geführt werden.« Wie ein -Alpdruck lag schon damals die Furcht davor über jedermann.</p> - -<p>Nun haben sich die alten bösen Ahnungen erfüllt, und -schauderhaft ist der Krieg während drei Jahren über das -blaue Band des Isonzo hin und her gestampft, Ebene -wie Berge jener Gegenden haben unermeßlich das Blut -der kämpfenden Hunderttausende getrunken. Wo ist die -Lieblichkeit von Görz, der Friede der Lagunen, der düsterschwere -Schönheitstraum von Duino? So weit die Berichte -zu uns in die Schweiz dringen, überall nur Trümmer.</p> - -<p>Wir Schriftsteller haben wahrlich keinen Anlaß, dem -Krieg ein Loblied zu singen. Nicht einmal wir Neutralen. -<em class="antiqua">Inter bellum musae silent.</em> Wie viele schöne Arbeitsstunden -blieben unter dem Druck des großen Völkerkrieges -unfruchtbar; wie manche Werke müssen ungedruckt im Pult -liegen! Die furchtbaren Ereignisse aber, die sich im Friaul -abspielten, haben da und dort noch einmal die Neugier -derer, die dem italienisch-österreichischen Krieg mit Spannung -folgen, auf meine halbvergessenen Schilderungen -»Ferien an der Adria« gelenkt. So können sie im Gegensatz -zu manchem Buch, dem der Krieg den Lebenslauf -bedenklich schmälert, noch einmal in neuer Auflage erscheinen, -was mich für meinen Erstling immerhin erfreut.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_iii">[III]</a></span></p> - -<p>Ein Geständnis aber an die Leser. Das Buch erscheint -genau, wie es vor dreißig Jahren geschrieben worden -ist, obgleich auch im Küstenland die Zeit nicht ohne Entwicklung -vorübergegangen ist; namentlich hat sich ja inzwischen -Triest wundervoll entfaltet und verdiente ein -neues Kapitel der Schilderung. Es fehlen mir aber für -dieses die Unterlagen eines neuern Besuches an der Adria, -und jetzt im Krieg läßt sich ein solcher doch nicht leicht -nachholen. Von Triest aber abgesehen dürften die Schilderungen -im wesentlichen noch stimmen, das Landschaftliche -voran. Dazu trage ich ein weiteres Bedenken gegen eine -Umarbeitung des Werkleins. Wenn es auch keine hohen -literarischen Ansprüche erhebt, so ist es doch aus empfänglichster -jugendlicher Wanderstimmung geschrieben, die ich -nach so viel Jahren nicht mit dem Stil des Alternden -durchbrechen mag; mir ist, ein Jugendwerk ehrt man am -besten, indem man es bestehen läßt, wie es ist. Damit -mögen sich auch die Leser zufrieden geben.</p> - -<p>Die neue Auflage aber kann ich nicht einleiten, ohne -dem Volk der darin geschilderten Gegenden mein herzliches -Mitleid auszusprechen mit den furchtbaren Erlebnissen, die -es selber erfahren hat oder deren Zeuge es gewesen ist. -Möge dies- und jenseits des blauen Isonzo nach dem -Schrecken der Schlachten bald wieder die gesegnete Stille -einkehren, in der das Leben des Volkes am besten gedeiht,<span class="pagenum"><a id="Seite_iv">[IV]</a></span> -mögen die Wunden harschen, die Dörfer und Städte in -neuer Blüte auferstehen und die Wellen der Adria wieder -ein Land küssen, das sich nach Jahren tiefster Prüfung -des süßen Friedens erfreut. Friede den Völkern – das -ist mir mehr Herzenssache, als daß dieses Büchlein aus -Kriegsgründen noch einmal flüchtige Tagesbedeutung gewinnt.</p> - -<p> -Weihnacht 1917.</p> - -<p class="right"> -J. C. Heer.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_v">[V]</a></span></p> - -<h2><a id="Inhaltsuebersicht">Inhaltsübersicht</a></h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td> -<td></td> -<td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td colspan="2">Im Friaul</td> - <td class="tdr"><a href="#Im_Friaul">1</a></td> -</tr> -<tr> -<td> </td> -<td class="tddesc"> -Venedig. – Abendfahrt. – Monfalcone. – Meer und Tiefland. -– Ein Garten. – Die Piazza grande. – Der Markt. – Leben -und Lieben. – Nord und Süd. – Ein Original. – Sein Hausregiment. -– Der Maler. – Die Volksschule. – Am Hafen. – -Die Fischer. – Ein Strandgebiet. – Die Malaria. – Die -Campagnen. – Der Isonzo. – Die bäuerliche Wirtschaft. – -Furlanische Dörfer. – Italiener und <span id="corr_vii">Slovenen</span>. – Die Karstlandschaft. -– Eine Taubenhöhle. – Verlorene Wasser.</td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td colspan="2">Österreichisch Nizza</td> - <td class="tdr"><a href="#OEsterreichisch_Nizza">27</a></td> -</tr> -<tr> -<td></td> -<td class="tddesc"> -Eine Wagenfahrt. – Görz. – Völker und Sprachen. – Ein -mittelalterliches Idyll. – Industrie. – Die Villen. – Der -Kurort. – Ein Ausflug. – Der Monte Santo. – Wallfahrer. -– Lienhard und Gertrud. – Aussicht. – Bohnen in den Schuhen. -– Am Isonzo. – In der Ebene. – Gradiska. – Ein Plan. -</td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td colspan="2">Aquileja</td> - <td class="tdr"><a href="#Aquileja">45</a></td> -</tr> -<tr> -<td></td> -<td class="tddesc"> -Die Gründung. – Die Blüte. – Leben und Treiben. – Der -Untergang. – Alte Lebensfasern. – Fundgegenstände. – Ein -Stall. – Das moderne Aquileja. – Rückblick. – Die ungetreuen -Frauen. – Die Erbin. – Eine Auferstehung. – Der Pozzo d'oro. -– Ein Wirrsal. – Signore Moschettini. – Das Museum. – -Skulpturen. – Grabsteine. – Anticaglien. – Neujahrslampen. -– Ziegelinschriften. – Der Campanile. – Die Patriarchen. – -Der Dom. – Die Krypta. – Ein urchristliches Taufbecken. – -Die Aussicht.</td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td colspan="2">Lagune von Grado</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Lagune_von_Grado">73</a></td> -</tr> -<tr> -<td></td> -<td class="tddesc"> -Die Düne. – Ebbe und Flut. – Lagunenfahrt. – Säkuläre -Senkungen. – Schöne Pläne. – Gradonesische Fischer. – Indolenz. -– Ein Asyl. – Das Städtchen Grado. – Badeleben. – Inselgrün. -<span class="pagenum"><a id="Seite_vi">[VI]</a></span>– Die steigende Flut. – Südliche Nacht. -</td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td colspan="2">Im Frühling von Miramare</td> - <td class="tdr"><a href="#Im_Fruehling_von_Miramare">87</a></td> -</tr> -<tr> -<td></td> -<td class="tddesc"> -Ein Badeort im Sumpfe. – Der kürzeste Strom Europas. – -Naturrätsel. – »Es stand in alten Zeiten …« – Duino. – -Meerbilder. – Die Dolinen. – Slavische Dörfer. – An der -Küste. – Die Gärten von Miramare. – Erzherzog Max. – Das -Trauerspiel von Mexiko. – Der Kaiser. – Charlotte von Belgien. -– Das Ende. – Ein Gang durchs Schloß. – Auf der Balustrade. -– Ave Maria.</td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td colspan="2">Triest</td> - <td class="tdr"><a href="#Triest">106</a></td> -</tr> -<tr> -<td></td> -<td class="tddesc"> -An den Quais. – Der Hafen. – Der Leuchtturm. – Ausblick. -– Schiffer und Arbeiter. – Der Fischmarkt. – Meerspinnen und -Muscheln. – Die Stadt. – Denkmäler. – Die Einwohnerschaft. -– Gegensätze. – Antikes. – Winckelmann. – Beim Antiquar. – -Das Arsenal. – Der Schiffsbau. – Seeleute. – Ein Maschinist.</td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td colspan="2">Die Küste von Istrien</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Kueste_von_Istrien">125</a></td> -</tr> -<tr> -<td></td> -<td class="tddesc"> -Meerfahrt. – Capo d'Istria. – Pirano. – Das Volksleben. – -Schöne Frauen. – Die Salzgärten. – Die Punta Salvore. – -Spielende Delphine. – Der Name Istrien. – Der kleine Antiquar. -– Parenzo. – Eine Schweiz im Wasser. – Felsen und Riffe. – -Rovigno. – Schiffersagen. – Die Bucht von Pola.</td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td colspan="2">Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn</td> - <td class="tdr"><a href="#Im_Kriegshafen">143</a></td> -</tr> -<tr> -<td></td> -<td class="tddesc"> -Das Seearsenal. – Schiffsmodelle. – Trophäen und Standarten. -– Die Magazine. – Die Riesen des Alpenwaldes. – Werften -und Docks. – Das Stadtbild von Pola. – Chidher, der ewig -junge. – Römische Denkmäler. – Die Arena. – Eine Überraschung. -– Arme Leutchen. – Im Mondschein. – Aus der -Schenke. – Ein Nachtspaziergang. – Sonnenaufgang. – <em class="antiqua">La -poveretta.</em> – Der Scirocco. – <em class="antiqua">Mal di mare.</em></td> -<td></td> -</tr> -<tr> -<td colspan="2">Der Karst und die Grotte von Adelsberg</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Karst">163</a></td> -</tr> -<tr> -<td></td> -<td class="tddesc"> -Osterfahrt. – Die Karstgewässer. – Äcker und Weiden. – Die -Bora. – Der Wald. – Aufforstungen. – Adelsberg. – Am -Grottentor. – Die Grotte. – Der große Dom. – Der Höhlenfluß. -– <span id="corr_viii">Die</span> Geschichte der Grotte. – Die Tropfsteinbildungen. -– Der Tartarus. – Geheimnisvolle Bildwerke. – Festliches -Leben. – Unerforschte Gänge. – Zum Kalvarienberg. – An -die Sonne.</td> -<td></td> -</tr> -</table> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p> - -<h2 id="Im_Friaul"> -<img src="images/illu-001.png" alt="" /> -<br /> -Im Friaul.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Als der Schnee schon in die Berge zurückgewichen war, -Lenzsonnenschein auf den Höhen, junge Wanderlust -im Herzen lag, da brachte mir eine Briefschwalbe aus dem -Süden unerwartete Botschaft: eine herzliche Einladung -meines Onkel – Direktor Johannes Heers in Monfalcone -– zu einem längeren Aufenthalte am Golfe von Triest.</p> - -<p>Ich las das freundliche Schreiben und jenes stille -Heimweh nach dem sonnigen Süden, das Goethe mit -seinen Mignon-Liedern uns Nordlandssöhnen nun einmal -in die Brust gedichtet hat, brach durch; die schöne -Süderde stand verführerisch vor meiner Seele: »Du hast -Ferien, Junge, du hast etwas Kleingeld, du hast vor -Jahren eine italienische Schulgrammatik durchgearbeitet, -es fehlt dir nicht an Wandermut, geh und sieh dir den -Garten unter den südlichen Alpenkämmen, die lombardischen -Städte, die Meerkönigin, das wundersame Venedig, -an und halte dann Wanderrast in Monfalcone, der kleinen -Stadt am Golfrund von Triest.«</p> - -<p>Vierzehn Tage später flog ich durch den Gotthardtunnel. -In Lugano und auf seinem herrlichen See bot ich im<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span> -Geist Willkomm dem Lande ewigen Lenzes und sonniger -Kunst, dem Land dunkler Weine und dunkler Frauen; -in Lecco, wo die »<em class="antiqua">Promessi sposi</em>« in Liebesträumen -gewandelt, fing ich an zu wandern die Kreuz und die -Quer; in Verona ließ ich mir den Palast der Capulet -und hinter einem Krautgarten das legendäre Grabmal -Juliens zeigen, und vierzehn Tage nach meiner Abreise -stand ich auf dem Markusplatz zu Venedig.</p> - -<p>»<em class="antiqua">La mia bella Venezia!</em>« Es war am dritten Tag -meines dortigen <span id="corr002">Aufenthaltes</span>, das schöne Venedig hatte -mich gewaltig reisemüde gemacht, und ein feiner, trostloser -Regen rieselte in die Lagune; da war mir die märchenschöne -Stadt in tiefster Seele verleidet. Wenn man sie im -Glanz des vollen Mondes gesehen hat, gibt's nichts Traurigeres, -als Venedig bei Regenwetter; es ist dann wirklich -nichts mehr als die Totenstadt der erschlagenen Republik.</p> - -<p>Ich atmete auf, als der Nachmittagszug Venedig-Triest -die lange Brücke gegen Mestre hinüberdonnerte; -ich hatte sogar nicht viel dagegen, daß in Treviso eine -italienische Arbeiterkolonie, die hinaus nach Graz oder -Wien wollte, lärmend und singend den Rest der Plätze -besetzte und mich mit ihren Reisesäcken einpferchte. Der -Regen floß in Strömen auf die im ersten, zarten Laubkleid -prangende Tiefebene des östlichen Venetiens.</p> - -<p>Als wir ein paar Stunden gefahren, hielt der Zug -plötzlich im freien Feld still; der Lärm der Italiener -wurde noch größer; so viele Köpfe als unter den Wagenfenstern -Platz hatten, reckten sich in den Regen hinaus. -»<em class="antiqua">Addio, carissima patria, addio, addio!</em>« schrien die<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span> -braunen Männer, schwenkten ihre roten Sacktücher, und -ein blutjunger Bursche, der zum erstenmal von Vater und -Mutter gegangen, zerdrückte eine Träne im Auge.</p> - -<p>Wir standen auf der Brücke des Judrio, auf der -diesseitigen Grenztafel war das italienische Kreuz, auf -der jenseitigen der österreichische Doppeladler.</p> - -<p>Eine Minute Halt, als Reverenz gegen die habsburgische -Monarchie – die Lokomotive schrillte, und ein -Weilchen später waren wir in Cormons. Wagenwechsel -– Gepäckrevision – dann sank melancholisch die Nacht -herein; die Italiener wurden stiller und stiller; der Zug -brauste die öden Hügellehnen, welche die julischen Alpen -als Brustwehr gegen die Tiefebene hinausstellen, entlang -und donnerte über die Isonzobrücke, während bergeinwärts -ein Lichtfunkeln im Tal die Lage der Stadt Görz verriet.</p> - -<p>Der Schaffner schrie sein schnarrendes »Gorizia« – -dann »Rubbia-Savogna – Zagrado – Ronchi« und -endlich – meine Ungeduld war aufs höchste gestiegen -– »Monfalcone«!</p> - -<p>Als ich ausstieg, schloß mich ein hochgewachsener Mann -mit einem großen schwarzen Bart in seine Arme. Das -war mein Onkel, und die vier Kinder, die sich an mich -drängten, sein blühender Nachwuchs.</p> - -<p>Das Direktionshaus der erst vor wenigen Jahren -gegründeten großen Baumwollspinnerei im Osten des -Städtchens war mir nun während drei Monaten freundliches -Asyl, wo ich herzliche Gastfreundschaft genoß.</p> - -<p>Ich war frei und von jeher kein Stubenmensch; ich -suchte von Land und Volk so viel zu erfassen, als in der<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span> -kurzen Frist möglich war. Hier die Eindrücke, mit denen -mich das sonnige Meer, das üppige Tiefland, die grottendurchwühlten -Berge, das italienische Volksleben, die mehr -als zweitausendjährige Geschichte des österreichischen Südens -gefesselt haben.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>»Du kleine Stadt, du weites Land, du blinkendes -Meer, grüß euch Gott. Hier ist gute Wanderrast!«</p> - -<p>Als ich's rief – oder vielmehr war's nur ein halblauter -Gedanke – stand ich auf einem jener steinigen -Hügelrücken, welche vom innersten Winkel der Adria bis -nach Görz und noch ein Stück weiter die nordadriatische -Tiefebene begleiten. Ein klarer, wundervoller Morgen, -wie ich während meines Aufenthaltes im Küstenland noch -manchen, aber keinen schönern erlebt, lag über der regennassen -Erde, die im Sonnenschein lächelte, wie ein Kind, -dem noch die Tränen an den Wangen perlen.</p> - -<p>Mir zu Füßen lag, von West nach Ost, die kleine -Stadt, und von dem großen, viereckigen Platz in ihrer -Mitte tönte der Lärm des südlichen Marktes; allein nicht -Stadt, nicht Markt fesselten mich; mein erster Blick war -gebannt von jenem lieblichen Stück des »alten, heil'gen, -ew'gen Meers«, welches bis gegen das Städtchen hin -vordringt.</p> - -<p>Das ist der Golf von Monfalcone, der innerste Busen -der Adria. An seiner felsenstarrenden Ostküste stehen die -herrlichen Schlösser Duino und Miramare, weiter nach -Süden, wo sich der Golf zur offenen See ausweitet,<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span> -schimmert Triest an grünen Uferhügeln, und die dunkeln -Küsten Istriens grüßen mit ihren blinkenden Hafenpunkten -meerherüber.</p> - -<p>Dem Zauber des Meeres entzieht sich kein Sohn des -Binnenlandes; denn es liegt etwas unendlich Träumerisches, -Auflösendes im Anblick seiner ruhsamen, azurenen Flut, -und immer wieder kehrt der Blick zu seinem sonnigverklärten -Blau zurück.</p> - -<p>Allein kaum weniger mächtig reizte mich gebirgsgewohnten -Mann die Ausschau auf die im Süden und -Südosten sich unübersehbar dehnende, von keiner Erdwelle -durchsetzte Ebene des untern Friauls, aus deren frühlingszartem -Grün, wohin ich blickte, graziöse Kirchtürme gegen -den tiefblauen Südhimmel aufstiegen. Am Horizonte -dämmerte, zugleich Grabmonument einer der größten -Römerstädte und weithin sichtbares Wahrzeichen des Friauls, -der Campanile von Aquileja, der acht Jahrhunderte kommen -und gehen sah.</p> - -<p>Meer und Tiefland sind schön durch ihre ahnungsvolle, -träumerische Einförmigkeit; doch ebenso schön sind die -Berge. In den wilden Häuptern der Alpen ist nichts -Gleichartiges, da liegt in jeder Falte, in jeder Linie ein -origineller Gedanke, wie ihn die geniale Natur gefaßt -und zu Stein verhärtet hat.</p> - -<p>Die julischen Alpen sind zwar keine Schweizerberge, -dafür fehlen ihnen die ewigen Firnen und die donnernden -Gletscher, doch tragen sie bis weit in den Sommer hinein -den Hermelin des Winters; sie stehen über den Hügeln -des Karsts und den Fichtenwäldern des Tarnovanerwalds<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span> -als achtungfordernde Pioniere nordischer Herrlichkeit -und sind ein Schmuck der nördlichen Adria, gegen welchen -die Südgestade dieses Meeres nichts zu vergleichen haben.</p> - -<p>Auf der höchsten Erhebung des Karstrückens, den ich -erklommen, steht eine Ruine, ein runder Turm auf einem -breitern, runden Grundbau. Das ist die Rocca von -Monfalcone, die älteste Burg des Küstenlandes. Die -Geschichte kennt nicht Ursprung, nicht Schicksal; die dichtende -Sage aber verknüpft ihren Namen mit demjenigen -Theodorichs, des Ostgotenkönigs. Ich kletterte über die -äußere Mauerbrüstung und durchstöberte das einzige Gelaß -der Burg; allein im Halbdunkel war außer vielem -Schutt und einigen morschen Knochen nichts zu entdecken.</p> - -<p>Das war mein erster Spaziergang in Monfalcone, -und nachmals bin ich noch oft auf die Höhe gewandert, -um auszuschauen in die sonnigen Weiten; doch mein -Lieblingsplätzchen wurde ein in der Nähe unseres Wohnhauses -an den Hügel sich lehnender Garten, der früher -einem Grafen Asquini gehörte, jetzt aber vernachlässigt -ist. Da blühen ungehegt und ungepflegt Mandel- und -Olivenbaum; Weinreben und Rosen ranken sich um die -Stämme breitschirmiger Pinien, und im ungehindert -wuchernden Grün stehen feierliche Zypressen. Mitten in -die Romantik dieser Wildnis, in ein blühendes Lorbeerwäldchen, -ließ ich mir ein Tischchen setzen. Da las ich in -den Morgenstunden meinen Goethe, und er liest sich noch -einmal so schön in dem ihm geistig heimischen Land.</p> - -<p>Manch eine Frucht seiner tiefen, geläuterten Lebensanschauung, -um die ich im Norden vergebens rang, senkte<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span> -sich unter dem grünen Laubdach leicht und zwangslos in -die Seele.</p> - -<p>Dann wanderte ich hinunter in die Stadt, von der -ich gerne viel Schönes und Interessantes schreiben würde; -doch ist Monfalcone nicht anders als irgend eine italienische -Kleinstadt der Lombardei oder der Toskana. Vor -mancher andern zeichnet sie sich durch eine gewisse Reinlichkeit -vorteilhaft aus, obwohl sich noch italienischer Absonderlichkeiten -genug vor den Blick des Fremden drängen.</p> - -<p>Die alten römischen Städte hatten ihr Forum, die -neuen italienischen, auch die kleinsten, wollen nicht ohne -ihre »Piazza grande« sein. Auf derjenigen von Monfalcone -steht, vielleicht in Nachahmung der drei Mastbäume -auf dem Markusplatz zu Venedig, eine hohe Stange -mit dem Wappentier der Stadt, dem Falken, auf der -Spitze.</p> - -<p>Es erinnert daran, daß die Burg, jene verwitterte -Rocca, im Mittelalter, als von der Longobardenzeit her -noch ein deutscher Adel über die Gegend herrschte, die -»Falkenburg« hieß. Ihren ins Italienische übersetzten -Namen hat dann mit dem Emporkommen italienischer -Volkselemente das Städtchen selber angenommen, während -sein ursprünglicher deutscher – Neuenmarkt – in Vergessenheit -geriet.</p> - -<p>Einige Gebäude unter dem Häuserviereck, welches die -Piazza grande umschließt, sehen recht gedeihlich aus. Der -schönste Schmuck des Platzes indes ist das in schlichtem -Tempelstil gehaltene Stadthaus mit einem daran stoßenden -kleinen Park.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p> - -<p>Das Kasino im Erdgeschoß des Gebäudes und die -Vortreppe desselben bilden den Sammelort der vornehmen -Welt von Monfalcone, doch beschränkt sich diese auf einige -reiche Grundbesitzer, einige Rittmeister außer Diensten, -einige Handelsleute und ein paar kleine Rentiers.</p> - -<p>Auf der Piazza entfaltete sich in den Morgenstunden -ein lebhafter Markt, besonders stellen sich die Karstbauern -mit ihren Fuhren von Wurzelwerk und Staudenholz ein; -denn der Holzbedarf einer furlanischen Städterfamilie -wird entweder täglich oder wöchentlich, selten aber durch -große Einkäufe gedeckt. Der Mangel an diesem so unentbehrlichen -Feuerungsmaterial ist fühlbar, die Qualität -des Holzes sehr gering, da es fast ausnahmslos aus -zehn- oder zwanzigjährigem Niederwald stammt. Längs -des Stadthausparkes sind die Stände des Fischmarktes; -doch kommen in Monfalcone selber nur die geringsten -Sorten der Seeflosser, am häufigsten der Tintenfisch und -der Aal, zum Verkauf; die schmackhafteren wandern fast -alle auf binnenländische Märkte, besonders nach Wien.</p> - -<p>Östlich von der Piazza liegt der Kern des Städtchens, -ein Viereck älterer Gebäude. Aus der Mitte steigt der -Campanile der Parochialkirche, ein zierlicher Bau, dessen -achteckiger Helm von acht Säulen getragen wird. Vier -schöne Glocken schimmern zwischen denselben durch.</p> - -<p>Ich war entzückt, als ich das reine volle Geläute -zum erstenmal hörte, allein es hat den Fehler eines -Plauderers: man hört es zu viel; es ist keine Stunde -in der Morgenfrühe, keine im Tag und keine am Spätabend, -wo nicht Glockenklänge über das Städtchen hallen.<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span> -Dazu hat der Italiener eine bewundernswerte Virtuosität, -Mannigfaltigkeit in die Tonregister des Geläutes zu bringen, -eine Virtuosität, die in abgebrochenen kurzen Klängen und -in wimmerndem Gebimmel das Höchste leistet.</p> - -<p>Nur in der Charwoche, wenn die katholische Christenheit -auch den Bilderschmuck ihrer Kirchen mit Tüchern -verhängt, blieben, ein hübsches Sinnbild der Trauer, die -Glocken stumm. Selbst der Stundenschlag hörte auf; -aber an seine Stelle trat das weithin tönende Geklapper -einer im Glockenhaus aufgestellten Maschine, das von -der mit Handklappern durch das Städtchen schwärmenden -Jugend verstärkt wurde.</p> - -<p>Am Ostende des die Kirche umschließenden Quartiers -ist eine schöne Kastanienallee, die von der Zeit an, wo -sie in der Pracht ihrer rötlichen Blütenkandelaber steht, -bis in die letzten Tage des Herbstes, wo der Borasturm -sie entblättert, den Lieblingsaufenthalt der Monfalconeser -bildet.</p> - -<p>Hier oder im Park des Stadthauses hat der Fremde -am ehesten Gelegenheit, das Leben und Lieben dieses -Völkleins zu beobachten, und nie mehr als an einem -Sonntagnachmittag, wenn leichte, lose Musik die Jugend -zum Tanz unter die Baumkronen lockt, denn kein Bursche, -kein Mädchen widersteht den Klängen.</p> - -<p>Wenn sich das italienische Barfüßele des Werktages -sonntäglich schmückt, wenn es Haar und Büste mit Knospen -und Blüten ziert, wenn es, das Köpfchen an die braune -Brust des Burschen geschmiegt, wild und wilder durch -die Reihen fliegt, die schwarzen Augen glühen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span> -Wangen gerötet sind, die Leidenschaft durch alle Bewegungen -und Züge rinnt, dann liegt wirklich <span id="corr010">etwas</span> exzentrisch -Schönes in diesen südlichen Gestalten.</p> - -<p>Da kann man allerdings ein keckeres Kosen sehen als -draußen im kühlen Nord, und manch ein braunes, glutäugiges -Kind, das im Begriffe steht, eine Jungfrau zu -werden, reift hier unter den sengenden Blicken seines -Burschen rascher aus, als ihm vielleicht gut ist. Der -Süden, der der Natur einen so kurzen Lenz zumißt, er -gönnt auch dem Menschenkind keinen langen Lebensmai, -und wenn das nordische Mädchen in seiner schönsten Blüte -steht, ist diejenige des südlichen schon dahin.</p> - -<p>Auf der Nordseite der viereckigen Häuseranlage zieht -sich die Straße, die von Triest nach Venedig führt, durch -das Städtchen.</p> - -<p>Denke ich an diese Gasse, dann kommt mir die Erinnerung -an einen liebenswürdigen und originellen Menschen, -an den Signore Battistic. Ich habe in seinem -Atelier zu manche Stunde verplaudert, als daß ich den -würdigen Postwirt von Monfalcone totschweigen wollte.</p> - -<p>Er ist der berühmteste unter den Bewohnern des -Orts, und sein Gasthof hat einen Ruf, der genau soweit -reicht wie derjenige seines Städtchens. Nennt man einem -Triestiner Monfalcone, so denkt er sicherlich nicht an die -Stadt, er denkt an die Küche des Herrn Battistic, an -die Schnepfen, an die Branzins, an die Austern, an die -Spargeln, die man nirgends so gut bekommt, wie auf -der Post zu Monfalcone.</p> - -<p>Ich habe zwar mehr die andern guten Eigenschaften<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -des Herrn Battistic als diejenigen des Hoteliers kennen -und schätzen gelernt. Er geht nämlich im Ruhm seines -Gasthofes nicht auf, sondern ist der erste Naturforscher -und der erste Nimrod der Gegend, er ist Antiquitätenhändler, -Briefmarkensammler, ein Universalgenie; sein -höchster Stolz aber ist die Kunst: er ist ein Meister des -Pinsels und der Palette.</p> - -<p>Er mag jetzt seine vierzig Jahre haben und in seinen -jüngern Zeiten war er zweifellos ein sehr hübscher Mann, -denn er ist jetzt noch nicht häßlich, obwohl er sich eines -gewissen Embonpoints erfreut. Noch flutet eine Fülle von -Künstlerlocken in seinen Nacken, und die kleinen, klugen -Augen sprühen zuweilen noch die Glut des verliebten -Italieners.</p> - -<p>Man kann einen Embonpoint tragen und eine Vielseitigkeit -des Geistes entwickeln, wie Herr Battistic, und -dabei doch ein armer Teufel sein. Er war's. Wurde -am Morgen für ein Gesellschäftchen aus Triest ein Abendessen -bestellt, dann war mein Freund in Verzweiflung, -kein Geld, kein Kredit und keine Ware. Er war nicht -mehr zu sprechen, er irrte in seinen Schlappschuhen -durch die Gemächer, er irrte durch die Stadt, verwünschte -seine beschränkten Verhältnisse und raufte sich -das dunkle Haar.</p> - -<p>Jedesmal wurde das Wunder neu. Wenn die Gäste -kamen, war ein Essen da, wie man es nur auf der Post -zu Monfalcone bekommt. Herr Battistic glänzte vor Vergnügen, -sprach geistreich, und keiner seiner Gäste lernte -ihn anders denn als einen Gentleman kennen. War man<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span> -aber vertrauter, so machte er aus seinen bedenklichen Umständen -kein Hehl.</p> - -<p>»Aber sagen Sie mir, wie kamen Sie denn in eine -solche Lage, Sie, der kluge, lebenserfahrene Mann?« -fragte ich ihn einmal.</p> - -<p>»Das kommt von meinem Hausregiment«, sagte er, -»das kommt davon, daß meine Köchin und meine Kellnerin -die größten Schelme sind auf der Welt. Brauch' -ich im Tag einen Liter in der Wirtschaft, so trinken die -beiden heimlich drei; bleibt von einer Mahlzeit ein Rest, -den ich wieder verwenden könnte, so ist er fort, ehe ich -danach sehen kann, und frage ich, wohin die Dinge gekommen -seien, so antworten die beiden aus <em class="gesperrt">einem</em> Mund: -»Wir wissen es nicht, wir sind ganz unschuldig, Patron.« -Zuweilen erwische ich sie aber doch.«</p> - -<p>»Wie so denn?«</p> - -<p>»Nun, bald so, bald so. Ich habe schon eine Purgaz -in den Wein getan. Sie können sich nicht vorstellen, -was das für ein Rennen gab; aber bekannt haben die -Weiber nicht. Ich habe auch einmal Hundsexkremente -auf einen Teller gelegt und überzuckert; da haben sie, -nachdem sie es zum Munde geführt, schrecklich gespien; -aber gebessert haben sie sich nicht.«</p> - -<p>»Dann entlassen Sie die Unverbesserlichen.«</p> - -<p>»Ich kann nicht. Die Köchin ist die beste Stütze des -Geschäftes, an die andere bin ich mich auch gewöhnt, -und Wechseln würde doch nur den Tausch eines Schelmes -mit einem Dieb bedeuten – mein Gott, hätte ich nur -2000 Gulden, in zwei Jahren wäre ich Rentier.« Herr<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -Battistic wußte Dutzende von Gelegenheitskäufen in -Smyrna, in Bombay, ein großer Spekulant ist an ihm -verloren gegangen.</p> - -<p>Allein die Malerei hilft ihm über die Misere des -Lebens weg. Er malt in einer Art von Loggia, aus der -man in den Hof seines Hauses sieht. Eine wirre Sammlung -von Muscheln, ausgestopften Vögeln, selbstgemalten -Bildern und aus Büchern ausgeschnittenen Holzstichen -bringt die nötige Stimmung in sein Arbeiten. Steht -er an der Staffelei, so hüllt er seine Gestalt in einen -Schleier von Zigarrenrauch, aus dem das sonnige Gesicht -des Künstlers in sanfter Verklärung strahlt, und so entstehen -unter seinem Pinsel Strandlandschaften, Meerbilder, -Jäger, Fischer, Netze und Wild.</p> - -<p>Mit diesem Künstler, und jovialen Gesellschafter, von -dessen Naturerkenntnis und Jägererfahrung man, so oft -er erzählte, das Sprichwort »<em class="antiqua">Se non è vero, è ben -trovato</em>« anwenden mußte, bin ich immer gern einen -Weg gewandert; er hat mir auch einen wesentlichen Dienst -geleistet, eine kleine Sammlung von Muscheln und Krebstieren -der nördlichen Adria hübsch präpariert.</p> - -<p>Hier muß ich auch noch eines andern lieben Mannes -gedenken, des Herrn Primosciz, Schulleiter in Monfalcone, -der mich eben so sehr durch seine Herzensgüte -als durch seinen aufgeschlossenen Natursinn sympathisch -an sich gefesselt hat.</p> - -<p>Dort, fast dem Gasthof zur Post gegenüber, steht -das Schulhaus, in dem er mit fünf andern Kollegen -wirkt. Es ist ein enger, abstoßender Bau und furchtbar<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -mit Schülern überfüllt; allein es ist Hoffnung vorhanden, -daß die Stadt in einigen Jahren ein würdiges Heim -für die heranwachsende Jugend baut.</p> - -<p>Sonst bildet das Schulwesen ein trübes Blatt im -furlanischen Volkstum. Es fehlt nicht immer an gebildeten -Lehrern und in den Schulen nicht an guten, -allgemeinen Lehrmitteln, für den Anschauungsunterricht -sind sogar vorzügliche und reiche Bilder da, auch die -Bücher der Jungen sind nicht ungeschickt abgefaßt, doch -vielleicht etwas zu hoch; aber es fehlt die Hauptsache: -Die Schule hat im Volk keine Wurzeln, man betrachtet -sie als eine von der Regierung aufgebürdete Last, und -das Obligatorium derselben wird durchbrochen, wo immer -es geht. Nicht nur einmal sind mir draußen in den -Pächterhütten der Campagna zehn- und elfjährige Rangen -begegnet, die noch über keine Schulschwelle getreten waren.</p> - -<p>Herr Primosciz und ich, wir sind häufig miteinander -gewandert hinab ans Meer, hinaus in die Campagna, -hinein ins Gebirg – und manch ein Merkwürdiges, das -ich dort gesehen, habe ich seiner Führung zu verdanken.</p> - -<p>Ein Lieblingsziel war mir stets der Porto Rosega, -der Hafen von Monfalcone. Man spaziert in einer halben -Stunde dorthin, und so oft man kommt, sieht man etwas -Neues.</p> - -<p>Der Hafen selber ist zwar nur ein ins Land einschneidender -Kanal von etlichen Metern Breite. Nichtsdestoweniger -gehört er zu den besten der adriatischen Nordküste.</p> - -<p>Und welch einen herrlichen Blick hat man, wenn man -auf der äußersten Spitze seines Molo steht. Man sieht<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span> -ein Golfoval, das zu den schönsten Stellen des Mittelmeeres -gerechnet wird. Man hat den steilen Küstensturz -von Duino und darüber die uralte gewaltige Veste selbst, -wo die deutschen Kaiser auf ihren Italienfahrten gerastet, -wo der Geist Dantes umgeht, man hat gerade vor sich -Miramare, das Tränenschloß, zur Rechten Triest, sich -hell und klar von silbergrauen Olivenhängen hebend, -und noch ein paar istrianische Städte: Capo d'Istria, -Isola und auf verblauendem Vorgebirg Pirano. Dazwischen -liegt der von hellen Segeln belebte herrliche -Golf, der bald wie Silber glänzt und gleißt und bald -wie ein großes Träumerauge in stiller Ruhe blaut.</p> - -<p>Die Ebbe des Golfes, die im Mittel nicht mehr als -sechzig Centimeter, im Maximum einen Meter beträgt, ruft -zwar nicht jene großartigen Erscheinungen hervor, welche -an der Nordsee den Fremden so gewaltig fesseln, doch -legt sie an dem flachen Strand von Monfalcone weite -Meergebiete bloß.</p> - -<p>Dann eilen halb entblößte Weiber und Kinder, einen -Sack am Rücken, ein Netz in der Hand, auf die Sandbänke, -waten weit hinein in die zurückweichende Flut und -sammeln ihre »<em class="antiqua">frutti di mare</em>.«</p> - -<p>Es braucht den Mut dieser Strandläufer, immer -frisch und keck in den krabbelnden Quark von Seespinnen, -Krebsen, Strahltieren und Mollusken, zwischen denen sich -wohl auch etwa ein Wasserschlänglein verfängt, hineinzugreifen.</p> - -<p>Der Golf von Monfalcone muß übrigens, sowohl -was die Artenmenge, als die Farbenschönheit der Seetiere<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -betrifft, als das am meisten durch Süßwasser geschwängerte -Becken dieses Meeres, von den südlichen Gebieten -desselben zurücktreten; doch schon bei Grado, einer -kleinen Insel wenige Stunden mittäglich von Monfalcone, -prangt das Meer mit vielen farbenprächtigen Muschelgebilden.</p> - -<p>Dagegen ist der Golf von Monfalcone sehr fischreich, -und es bilden die Fischer ein wesentliches Element der -monfalconesischen Bevölkerung.</p> - -<p>Wie oft bin ich im Morgenschein oder in der Abendglut -hinausgefahren mit den braunen Männern, die Netze -zu ziehen oder neu zu legen! Es war mir immer wohl -bei den treuherzigen, einfachen Naturmenschen, welche den -italienischen Volkscharakter von einer andern, bedeutend -bessern Seite offenbaren als der schlaue Handelsmann -oder Wirt und die unverschämten Ciceroni zu Venedig. -Viele dieser Fischer haben ein schönes Stück Welt gesehen, -denn sie haben bei der Marine gedient und wissen von -den griechischen Inseln, von da und dort, wo österreichische -Kriegsschiffe kreuzen, zu erzählen. Bei ihrer Arbeit singen -sie ihre fulanischen Weisen und keine häufiger als jene, -worin der mit dem Sturm ringende Schiffer seines Liebchens -gedenkt:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»<em class="antiqua">Il mar' è turpido</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">E la barquetta pendole</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">E nome tei è tendere</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">Ch'è amic' sola me.</em>«<br /></span> -</div></div> - -<p>Sie leben höchst einfach, diese wetterharten, tiefbraunen -Fischer, die zuweilen mehrere Tage zur See bleiben. Ein<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -schmaler, gedeckter Raum der Barke ist dann Stube, -Küche und Schlafkammer zugleich, wo das Weib den -Mais und die Meerfrüchte abkocht, ihren Kleinsten säugt -und pflegt, und das Meer denselben in Schlummer wiegt, -ihn sturm- und sonnenhart macht, den zukünftigen adriatischen -Seemann.</p> - -<p>Keiner der Fischer ist selbständig. Entweder hängen -sie von einem Händler ab, oder stehen im Dienst eines -Unternehmers, so daß dann nicht einmal die Barke, auf -der sie fahren, ihr Eigentum ist. Bezahlt werden sie -durch einen kleinen Anteil an der Beute. Darum achtet -kein Mensch ein Stück Kleingeld so hoch wie sie.</p> - -<p>Neben den Fischerflottillen, welche aus dem Porto -Rosega in die Gewässer der obern Adria ausschwärmen, -beleben wohl auch einige Lastschiffe den Hafenkanal; allein -denkt man an jene Zeiten zurück, da die großen Handelskarawanen -und Fuhrwerke, welche fast den ganzen Warentransport -nach Kärnten und bis ins Tirol hinein besorgten, -hier ihren Ausgang nahmen, Monfalcone ein -berühmter Stapelplatz war, dann kann allerdings das -Leben, das sich in der Gegenwart hier bewegt, nur als -ein Abglanz von demjenigen früherer Tage erscheinen.</p> - -<p>Wenn man vom Porto Rosega südwärts wandert, so -kommt man in ein seltsames Strandgebiet, wo der Meersand, -nur von Salzpflanzen und sauren Gräsern durchwuchert, -einen stundenbreiten Gürtel zwischen Meer und -Campagna bildet, eine stille Landschaft, über welche die -melancholische Poesie der Steppe schwebt.</p> - -<p>Da und selbst weit in den angrenzenden Campagnen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -ist für den Menschen keine bleibende Stätte, schwingt die -Malaria ihre Geißel. Wachthäuser haben hier ihretwegen -von den Zollwächtern, Pächterhütten von den Bauern -verlassen werden müssen; ja auch an den Insassen weit vom -Meer abliegender Gehöfte kann man noch den Einfluß des -Sumpffiebers, aufgetriebene Leiber und blasse Gesichter, sehen.</p> - -<p>Die Sonne brütet über den Sandsümpfen; salziges -und süßes Wasser, von denen eines die Organismen des -andern tötet, fließen ineinander und werden zum fortwährenden -Fäulnisherd.</p> - -<p>Das Seegeflügel hat die Herrschaft, die der Mensch -nicht aufrecht halten konnte, übernommen, und König -über seine Vasallen, den Storch, den wilden Schwan, -den Kranich und Reiher, ist der Seeadler, der im Blau -des Äthers seine einsamen Bahnen zieht.</p> - -<p>Nur der Zollwächter und der nächtliche Schmuggler -haben ihre Wege in diesem traurigen Gebiet; doch es ist -wie überall: Die Hüter des Gesetzes sind immer da, wo -die Übertreter nicht sind. Wenigstens hört man selten -von einem größern Fang, es sei denn, man halte ein -furlanisches Weibchen, das in seinen großen Schuhen ein -Kilogramm Kaffeebohnen aus der Freihafenstadt Triest -etliche Stunden weit schleppt, dafür.</p> - -<p>In der Tat ist der Beruf eines »Finanzers« ein -undankbarer; denn keine Verletzung hat im Volke einen -solchen Rückhalt wie der Schmuggel und keine Beamten -sind so verachtet wie die »<em class="antiqua">doganieri</em>«; ich aber, der ich -kein Interesse hatte, ihnen gram zu sein, habe im Zollhaus -am Porto Rosega hin und wieder gern Rast gehalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p> - -<p>Westlich von diesem öden Sandstrich beginnen jene -üppigen Campagnen des untern Friauls, die sich fortsetzen -in die Lombardei, bis hinüber zu den Seealpen.</p> - -<p>Die meisten Touristen schelten sie langweilig, und -fast tödlich langweilig mögen sie für den Fußwanderer -sein, der ihre schnurgeraden, endlosen, staubigen Straßen -geht. Eine Spazierfahrt in offener Kalesche und am -kühlen Abend hinaus in diese unabsehbare, leuchtende -Pflanzenüppigkeit, die Wald und Feld und Garten zugleich -ist, in der man Richtung und Himmelsgegend wie -auf dem offenen Meer verliert, habe ich immer angenehm -gefunden.</p> - -<p>Es ist wahr, wenn ich nichts sah als die offenen -Weiten, das grenzenlose Grün, dann suchte ich fast ängstlich -nach den Stützen des Firmaments. Am Horizont -des Nordens standen dann weiße Schimmer. – Waren -es Wolken – waren es Schneeberge? Ich konnte im -Zweifel sein.</p> - -<p>Soweit der Blick des Auges reicht, ziehen sich längs -der Ackerfurchen in zierlichen Reihen die Maulbeerbäume; -und von Maulbeerbaum zu Ulme, von Ulme zu Kirschbaum, -vom Kirschbaum zum Feldahorn, von diesem zum -Maulbeerbaum schlingen sich, in die Baumkronen geheftet, -die Rebenguirlanden, während das zarte Grün des jungen -Maiskorns, das zweimal im Jahr den Erntesegen liefert, -oder der mächtig in die Halme schießende Weizen die -Felder deckt.</p> - -<p>Durch dieses üppige Landschaftsbild schlängelt sich -halbwegs zwischen Monfalcone und Aquileja das blaue,<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span> -breite Stromband des Isonzo, über welchen die Straße -mit einer halbkilometerlangen Holzbrücke setzt.</p> - -<p>Wie alles in diesem Lande, so hat auch dieser Fluß -seine Geschichte und zwar eine Geschichte in der geschichtlichen -Zeit. Er ist der jüngste Strom Europas und -kaum über vierhundert Jahre alt, während der Natisso, -jener schiffbare Strom, der, wie die römischen Schriftsteller -melden, an den Mauern Aquilejas vorüberfloß, -verschwunden ist und durch jene Gegend jetzt nur ein -seichtes Küstenwässerchen schleicht.</p> - -<p><span id="corr020">Seltsamer</span> Weise melden die mittelalterlichen Schriften -kaum etwas, wie aus dem Natisso der Isonzo entstand. -Man weiß nur, daß ums Jahr 580 während eines -vollen Monats Wolkenbrüche, welche das ganze Landschaftsbild -umformten, über das Friaul niedergingen, so daß -die Leute glaubten, die zweite Sündflut sei gekommen.</p> - -<p>In dieser bösen Zeit, so glaubt man, habe der Natisso, -durch einen Bergsturz in den julischen Alpen aus seinem -Bette gedrängt, seinen Oberlauf, in den späteren Jahrhunderten -immer mehr durch das Tiefland ostwärts vagierend, -seinen Unterlauf geändert und am Ende des fünfzehnten -Jahrhunderts endlich diejenige Gestalt angenommen, -mit der er dem Wanderer jetzt als Isonzo entgegentritt.</p> - -<p>Zwei Jahrtausende schon entzückt das Friaul – so -bezeugt es Herodian, der Geschichtsschreiber des zweiten -Jahrhunderts – den Fremden durch eine Üppigkeit, -welche nur derjenigen der Lombardei zu vergleichen ist; -zwei Jahrtausende aber ist der Bauer auch ein armer, -enterbter Mann geblieben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<p>Die mächtigen Latifundienbesitzer des Altertums und -die Landbarone der Gegenwart, der bäuerliche Proletarier -der Vergangenheit und der Colono des gegenwärtigen Jahrhunderts, -die Gegensätze prahlenden Lebensgenusses und -unsäglichen Darbens, sie sind anderthalb Jahrtausenden -christlicher Entwicklung zum Trotz dieselben geblieben.</p> - -<p>Mit seiner Zeit und seiner Kraft, mit allem und jeglichem -steht der Colono in der Schuld seines Herrn. -Nach altem Herkommen sichert der Pachtvertrag dem Gutsbesitzer -zwei Drittel vom Laub der Maulbeerbäume, zwei -Drittel vom Wein und vom Obst, vom Weizen und Mais, -er sichert ihm auch jene Dutzende von Abgaben an jungem -Vieh, an Geflügel, Butter, Eier und Erstlingsfrüchten -und überdies eine bare Pachtsumme oder Wohnungsmiete, -wofür der Bauer mit dem Rest der Landerträge -aufzukommen hat.</p> - -<p>Der Arme ist stets ein schlechter Wirtschafter, darum -kann der Colono kein guter sein! In der Tat fehlt es -ihm an allem, an Betriebskapital, an vorteilhaften Geräten, -an einem erfreulichen Viehstand und an der Lust, -irgend etwas zu verbessern. Was sollte er auch? Treibt -sein Fleiß und seine Intelligenz den Ertrag der Pachtgründe -in die Höhe, dann hat der Herr das größte, er -selber das kleinste Interesse daran.</p> - -<p>Das Verhältnis des Grundbesitzers zum Colono ist -im günstigsten Fall ein patriarchalisches; man läßt ihn -nie ganz verkommen; man ermutigt ihn mit Pachtnachlässen, -wenn Hagelschlag oder Dürre die Campagne heimsucht; -im ungünstigsten Fall aber, wenn der Grundbesitzer<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -ein Mann harten Rechts ist, waltet das Gesetz, und wehe -dann dem Colono! Dann hat er zu Zeiten wohl auch -das rauhe Brot der italienischen Armut, die Polenta, -nicht mehr.</p> - -<p>Doch zuckt ein Morgenschimmer der Besserung über -das Land. Der transozeanische Westen ist das Ziel, dem -hundert furlanische Herzen entgegenklopfen, und es ist -keine Frage, daß die genügsamen, braunen Tieflandssöhne -drüben noch eine Zukunft haben.</p> - -<p>Die Colonenhütten sehen mit ihren rauhen, schwarzen -Mauern und Hohlziegeldächern wenig wohnlich aus. Die -viereckigen Löcher, in denen keine Fenster sind und die -des Nachts mit vorgestellten Brettstücken geschlossen werden, -geben ihnen etwas Ruinenhaftes im Ansehen.</p> - -<p>Allein es fehlt in den Dörfern des Friauls auch nicht -an hübschen Bauten, oft sogar sieht man freundliche Villen, -und ein besseres Bauernhaus, etwa dasjenige eines Verwalters, -gewährt mit seinem hübsch verzierten Portal, -mit der Zysterne des Hofes, über die sich eine schmiedeiserne -Krone spannt, mit den feierlichen Zypressen oder -einer gewaltigen Linde, die den Hofraum beschattet, einen -echt südlichen und wohltuenden Eindruck.</p> - -<p>Entgegen der ersten Vermutung, der man beim Anblick -der vielen halbzerfallenen Hütten Raum gewährt, -sind die furlanischen Ortschaften sehr dicht bewohnt; zehn -bis fünfzehn Personen sind unter dem gleichen Hüttendach -nicht selten. So zählt Monfalcone 4800 Einwohner; -es hat indes kaum mehr Häuser als ein schweizerisches -Dorf von der halben Bevölkerungszahl.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span></p> - -<p>Der furlanisch-italienische Volksschlag tritt im allgemeinen -vor demjenigen von Venedig an Schönheit und -natürlicher Grazie zurück; denn wenn der Furlaner auch -einen Dialekt spricht, der sich noch mehr dem Lateinischen -nähert, als das Italienische selber, so rollt das italienische -Blut doch nicht mehr so rein durch seine Adern, sondern -ist mit slavischem und deutschem versetzt.</p> - -<p>Nur der flache Strand ist italienisch, und schon an -den ersten Vorflügeln des Karsts erstirbt der melodiöse -Laut des Südens in der konsonantenreichen windischen -Sprache; das Volkselement der Italiener weicht dem gelassenen, -wie von einer Art Schwermut durchzitterten -slavischen Wesen.</p> - -<p>Der Gegensatz der italienischen und slovenischen Furlaner -ist ebenso groß wie derjenige zwischen Romanen und -Germanen, wenigstens hier, wo die Armut nicht das Leben -ganz verkümmert, südliche Lebensfülle und südliche Lust, -glutäugige, braune Mädchen, dort ein stummer Duldermut, -ein tiefer fatalistischer Zug, blaßwangige Mädchen -mit schlichtem Haar und wasserblauen Augen.</p> - -<p>Arm, wie der zerrissene Felsboden, den es bewohnt, -ist auch das slovenische Volk. Wenn ein Fremder in ein -solches Karstdörfchen kommt, dann springen aus allen -Häusern die Kinder daher. Die halbzerlumpten, bleichen -Gestalten werfen sich knielings in den Straßenstaub und -bitten, die Arme über die Brust gekreuzt, mit den kläglichsten -Gebärden um eine Gabe. Wirft man ihnen einige -Kreuzerstücke zu, dann purzeln alle in den Staub, -lüften ihre Mützen und werfen dem Spender unter<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -beständigen Segenswünschen ihre Handküsse nach, bis er -verschwindet.</p> - -<p>Nur der materielle Notstand des slavischen Colono läßt -das Bild begreifen. Noch größer als dieser ist der geistige, -denn ich habe es aus guter Quelle, daß in einigen dieser -Karstdörfer selbst die Bürgermeister nicht schreiben können.</p> - -<p>Wenn man auf der Rocca von Monfalcone steht, sieht -man hinein ins windische Land, Bühel an Bühel, unregelmäßig -ohne bestimmte Richtung, grau und nackt, -nur in den Frühlingswochen mit einem schwachen Flor -sprießender Gräser überhaucht, sonst dürrer als eine Heide, -eine Felsenwüste.</p> - -<p>Das ist der Karst. Wandert man von der Rocca -über die Karren des Burghügels hinab, so kommt man -an den kleinen See von Pietra rosa in einem einsamen -Tälchen. Das Ried, das ihn umkränzt, ist das einzige -Grün in dieser Steinwildnis.</p> - -<p>Das kleine Wasser und seine Umgebung mahnt an -einen Alpensee unter der Grenze ewigen Schnees, etwa -im Gotthardhochtal; allein in Tat und Wahrheit liegt es -wenige Meter über der Adria, und wenn eine Springflut -den Golf von Monfalcone schwellt, dann steigt auch -in diesem Becken die Flut aus verborgenen Quellen auf, -er ist ein kleiner Zirknitzersee und war für mich das erste -kleine Wunder des Karsts, des Gebirges, wo man aus -den Wundern nicht herauskommt.</p> - -<p>Doch hat das Seelein einen oberirdischen Abfluß und -an diesem steht eine kleine Mühle. Ihr Klappern ist -der einzige Laut des stillen Tales.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p> - -<p>Eine Bodensenkung führt im Norden der Mühle -weiter hinein in den Karst, dessen Halden stellenweise ein -mageres Eichengestrüpp bedeckt, und wir kommen nach -Jaminiano hinüber, einem kleinen slavischen Dorf, das -mit seinen elenden Hütten an der Halde eines Hügels klebt.</p> - -<p>Jaminiano bedeutet im Slovenischen »Ort bei der -Grotte«, und in der Tat liegt ein Viertelstündchen davon -eine <em class="antiqua">grotta di columbe</em>, eine Taubenhöhle.</p> - -<p>Grotten gibt es im Karst fast so viele als Wasserfälle -in den Alpen. Die Höhle von Jaminiano ist nur -eine von den zahlreichen, in denen wilde Tauben ihr Geniste -haben. Sie liegt nicht an einem Abhang, sondern -in der Sohle eines von Osten nach Westen laufenden -Tals, unfern eines kleinen Sees, und das Auge entdeckt -von ihr nichts, bis man hart an ihrem Eingang steht. Es -ist dies ein zehn Meter tiefer Felsenschacht, an dessen -Rand ein kärgliches Gebüsche wächst.</p> - -<p>In dieser Kluft, in die man ohne Leiter und Seile -nicht hinuntersteigen kann, öffnet sich in der Richtung -gegen das Meer eine Höhle. Horcht man, so tönt aus -derselben das »ruck, ruck, ruck« und das Girren von -etlichen hundert Tauben, von denen man erst einige zu -Gesichte bekommt, wenn man sie durch Steinwürfe oder -besser noch durch einen Pistolenschuß erschreckt.</p> - -<p>Die Tiere führen hier ein idyllisches Leben; doch machen -sich hin und wieder die Nimrode der Gegend den Spaß, -daß einer von ihnen an Seilen die Höhle hinunter gelassen -wird und die friedliche Vogelkolonie in Aufruhr -bringt, während ihrer ein Dutzend mit gespanntem Hahn<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -am Rande stehen und, zusammenpaffend was möglich ist, -unter den Tieren ein Blutbad anrichten.</p> - -<p>Der See im Süden der Grotte hat keinen oberirdischen -Abfluß; am Eingang der Taubenhöhle aber hört -man die abfließenden Wasser in verlorenen Tiefen rauschen. -Wer weiß, durch welche phantastische Tropfsteingänge und -Hallen sie ziehen, bis sie den Timavo, jenen aus den Uferfelsen -der Adria brechenden kurzen Strom erreichen.</p> - -<p>Als Andenken an den in Karrenfelder eingebetteten -See von Dobredo und die Taubengrotte habe ich mir -die Zwiebeln einiger bis halbmeterhoch werdenden Amaryllen -und einiger Zyklamen, welche das stille Wasser -umblühen, mitgenommen.</p> - -<p>Doch nun zu größern Ausflügen. Drüben im Hof -des »<em class="antiqua">Cotonificio triestino</em>« knallt Antonio, der Kutscher, -mit der Peitsche; dort scharren Bubo und Plato, die -treuen Tiere. Geht's nach Görz, der furlanischen Gartenstadt, -geht's nach Duino, dem gewaltigen Schloß am -Meer oder in den märchenträumenden Frühling von -Miramare? – Von solchen vergnüglichen Fahrten plaudern -die folgenden Blätter.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/chap-end.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p> - -<h2 id="OEsterreichisch_Nizza"> -<img src="images/illu-027.png" alt="" /><br /> -Österreichisch Nizza.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Es ließe sich mit Städtenamen und ihren Umschreibungen -ein stattliches Lexikon füllen; vielleicht ist -auf keinem Gebiete die schriftstellerische Paraphrase fruchtbarer -gewesen als auf diesem, und eine Reihe dieser -umschreibenden Städtebezeichnungen sind Gemeingut der -Bildung geworden. Wer wüßte nicht, daß Amsterdam -ein »nordisches Venedig«, München ein »deutsches Athen«, -Dresden das »Elbeflorenz«, Montreux das »schweizerische -Nizza« ist?</p> - -<p>Wo aber ist »österreichisch Nizza?« – Es ist Görz, -eine küstenländische Stadt an der Linie Triest-Venedig; -und das Verdienst dafür, einen so schönen Namen aufgebracht -zu haben, gebührt Baron Czörnig, der ein umfangreiches -Buch über die Stadt geschrieben hat.</p> - -<p>Gewiß liegt etwas Verlockendes in dem Namen, denn -ein »Nizza« bedeutet doch wohl milde Lüfte, steten Frühling, -eine reizende Gegend, eine schöne, fröhliche Stadt, kurz -ein Paradies! Wer wollte nicht in einem Paradiese sein? -So dachte ich, und der Gedanke wurde zu einer frischen, -frohen Frühlingsfahrt über den Karst nach Görz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p> - -<p>Bis Ronchi, dem westlichen Nachbardorf von Monfalcone, -brausten die beiden Apfelschimmel so feurig dahin, -als gälte es einen Morgenbesuch in Venedig; allein an -den Karstklippen, durch die sich die Straße zur Höhe -emporwindet, brach der erste Schwung. Der Rückblick -auf die grünen, leise wogenden Campagnen des Friauls -und das am Horizont verdämmernde, ferne Meer, hielt -das Auge noch eine Weile in Spannung. Als wir jedoch -die Höhe eines in die furlanische Tiefebene vorspringenden -Karstrückens hinter uns hatten, sahen wir -nichts mehr als die wüsten Klippen und Klüfte des vegetationslosen -Gebirgs. In seinem endlosen Grau bildeten -nur die sich scheu in die flachen Bodensenkungen duckenden, -kleinen Getreidefelder und Baumkrüppel einige Pflanzenoasen -und erbarmungswürdiges Karstvieh, das nicht gedeiht -und nicht verkommt, suchte in den Felsspalten nach einigen -grünbraunen Halmen oder einem aufsprossenden Stäudchen.</p> - -<p>Die Straße senkte sich in ein von öden Hügeln eingerahmtes, -wenig bewohntes Tal, aus dessen Steinklippen -hie und da ein Häslein die Ohren reckte, und nach etwa -einstündiger Fahrt erreichten wir die frischgrüne, lachende -Ebene von Görz, eine große, vegetationsreiche Tieflandsbucht, -welche die furlanische Ebene in die grauen, nackten -Gebirgszüge des Karstes sendet.</p> - -<p>Der Blick ist bemerkenswert schön wegen zwei hübschen -Bauten. Zur Rechten erhebt sich die Santa Scala von -Merna, eine Kirche mit Doppelturm auf freiem Hügel; -zur Linken das liebliche Schloß Rubbia in einem hellen -Buchenschlag des äußersten Karstvorsprungs.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p> - -<p>Vor beiden zieht müde, mit keiner Welle plaudernd, -als drückte sie ein Geheimnis aus dem Berginnern, die -Wippach, die einige Stunden oberhalb Görz plötzlich als -starker Fluß aus dem Gebirge quillt, mit gelbgrünen -Wassern dahin, um unterhalb Rubbia in dem schönen, -raschfließenden Isonzo aufzugehen. Jenseits des Wassers -liegen Görz, seine großen Fabriken und seine Vorstädte -im weinreichen, nach Süden geöffneten Kessel, und darüberhin -die Felsenrücken der Isonzoberge. Auf einem -derselben, der das Tal des türkis-blauen Flusses gegen -Westen vollkommen abzuschließen scheint, schimmert ein -großes, kastellähnliches Haus, die Pilgerherberge des -Monte Santo. Das ist das Maria-Zell oder Maria-Einsiedeln -des Küstenlandes, nach dem die Italiener der -Tiefebene wie die Slaven des Gebirgs mit gleicher Verehrung -und in großen Bußprozessionen wallfahrten.</p> - -<p>Merna, an dem wir eben jetzt vorüberkommen, ist -der Schuhmacherort des Friauls, denn wie nach altem -Herkommen an dem einen Ort ausschließlich Tischlerei, -an dem andern die Töpferei, am dritten das Maurer- -oder Steinmetzhandwerk das Gewerbe der ganzen Dorfschaft -bildet, so blüht in Merna die Kunst der Fußbekleidung.</p> - -<p>Nachdem wir die Wippachbrücke passiert hatten, langten -wir in Görz an.</p> - -<p>Eine Stadt mit 17 000 Einwohnern kann nicht groß -sein, aber doch manche Sehenswürdigkeiten enthalten. -Görz ist weder groß, noch durch letztere merkwürdig; aber -mit seinen vielen, schönen Gärten ist es eine ebenso saubere -als reizende Stadt. Wenn man über den geräumigen<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span> -Marktplatz geht und die ehrenfesten Bürger- und Patrizierhäuser -sieht, dann fühlt man's heraus, daß man sich in -einer alten, deutschen Stadt befindet, die durch den -Zufall der Völkerverteilung in das schöne südliche Tal -zu liegen kam.</p> - -<p>Jahrhunderte lang eine deutsche Sprachinsel und von -einem deutschen Adel beherrscht, bewahrte sie zwischen -italienischen und slavischen Volkselementen das deutsche -Wesen treu, bis sie ums Jahr 1500 unter die österreichische -Herrschaft kam. Allein mit dem steigenden Verkehr -nach dem Venetianischen und dem Zuströmen italienischer -Kaufleute und Handwerker, mit dem Verfall der Schulen -im 17. Jahrhundert gelangte, trotz des Protestes der eingebornen -Görzer im Jahr 1626, daß sie »echte, rechte, -geborne, alte Teutsche« seien, im Ringen um die Sprachoberherrschaft -der südliche Wohllaut über das kräftige -germanische Wort zum Sieg. In steter Reibung mit dem -alteinheimischen Deutschen und dem Slovenischen hat sich -die italienische Sprache immer mehr befestigt, so daß jetzt -11 000 Italiener und 4200 Slaven einem Rest von 1800 -Deutschen gegenüberstehen, die indessen durch ihre Bildung -und ihre soziale Stellung der deutschen Sprache -einen dauernden Halt sichern, so daß Görz die Stadt -bleiben wird, wo sich drei Sprachen stoßen.</p> - -<p>Deutsch ist in Görz der Mutterlaut, deutsch die Bildung -und deutsch das Bier. Diese drei haben mich in -der Stadt am meisten gefreut.</p> - -<p>Über dem Marktplatz und der Altstadt steht auf einem -nach allen Seiten freien Hügel das durch Bastionen<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span> -verstärkte, aber zum Teil verfallene Kastell, das ehemalige -Schloß der mächtigen Grafen von Görz, deren Töchter -selbst deutsche Kaisersöhne freiten.</p> - -<p>So war Elisabeth, die Gemahlin des Kaisers Albrecht, -der durch die Hand des Johannes Parricida fiel, eine -Görzerin, und das »kühne, unerschöpflich begierige Weib«, -das sich nach dem Kaisermord zur gräßlichen Rachefurie -wandelte, mag, da es später als stille Büßerin in der -Klosterzelle von Königsfelden saß, wohl öfters der sonnigen -Burg im Isonzotal, wo sie ihre Jugend verlebte, gedacht -haben.</p> - -<p>Als Gegenstück zu der mit Blut gezeichneten Geschichte -dieser Frau nimmt sich das Liebesidyll Emerentiens von -Görz, die an der Wende des vierzehnten zum fünfzehnten -Jahrhundert gelebt, noch einmal so freundlich aus. Ihre -Brüder wollten sie nach dem Tode ihres Vaters in ein -italienisches Kloster schicken und wählten als ihren Begleiter -Balthasar von Welsberg, einen frommen und guten -Ritter aus. Als aber die junge, schöne Maid die lachenden -Gefilde Italiens, die prächtigen Städte und ihr -fröhliches Leben sah, da wurde ihr beim Gedanken ans -Klosterleben düster zu Mut und schwer ums Herz und -sie verhehlte dem Ritter, der den stillen Gram gewahrte, -ihre Leiden nicht. Herr Balthasar war nicht unritterlich -und die Worte der Dame gingen ihm nahe. Statt ins -Kloster führte er die schöne Anvertraute zu einem Priester, -der ihrem Bündnis die Weihe gab, und sie flüchteten -sich ins Tirol, wo sie zu Toblach im Pustertal in einer -niedrigen Bauernhütte Flitterwochen hielten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p> - -<p>Allein die jungen Grafen von Görz erklärten sich -gegen solches Minneleben, sie wollten vor Welsberg ziehen. -Da erschien irgend ein geistlicher Herr – die Kirche hat -ihre Sache nicht immer so gut gemacht – löste alle -Zwietracht in Frieden und laute Hochzeitsfreude auf, -so daß Herr Balthasar seiner Emerentia sagte: »Engel, -ös ist G'fahr vorbei.«</p> - -<p>Ein gewaltiges Stück mittelalterlicher Kriegsgeschichte -ging mit den Grafen von Görz an der Stadt vorüber, -und hätte sie sonst keinen Ruhm, so könnte sie auf den -Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen.</p> - -<p>Allein Görz hat eine blühende Gegenwart. Es besitzt -am Isonzo eine beträchtliche Industrie für Mahlprodukte, -Spinnerei, Weberei und Papierbereitung, einen -bedeutenden Weinbau und einen lebhaften Handel, eine -Realschule und ein Obergymnasium, wo die italienischen -Studenten deutsche Wissenschaft einsaugen, ein geistliches -Zentralseminar, dessen gutgedrillten Zöglingsscharen und -schwarzen Führern man an allen Ecken der Stadt begegnet, -woraus man die Gewähr dafür schöpfen kann, -daß im Küstenland die Milch der frommen Denkungsart -nicht ausgeht, eine Provinzialackerbauschule, in die man -keine Coloni schickt, ein Damenstift und einige Klöster, -in welche man die ehe- und weltscheuen Leute steckt, und -einen Fürsterzbischof, der die Stadt segnet.</p> - -<p>Görz ist das südliche Pensionopolis Österreichs, die -schöne, ruhmreiche Stadt, wo die küstenländischen und -krainischen Beamten und Professoren im milden Glanz -eines wohlverdienten Feierabends ihre Diäten verzehren,<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span> -Bier trinken, Zeitungen lesen, über das Wetter plaudern, -aber nicht politisieren; denn das hat ein Österreicher entweder -nie begonnen, oder längst verlernt, wenn er die -kaiserliche Pension genießt.</p> - -<p>Es ist zur Legende geworden, daß ein Pensionär mit -seinen Einkünften nicht leben und nicht sterben kann; wenn -aber ein Fremder von Görz hinaus gegen den Isonzo -wandert, so staunt er über die Villenpracht. Das frische, -kühlende Grün wohlgepflegter Gärten schaut in die spiegelnden -Scheiben; unter großen weitschattenden Bäumen -plaudert die Quelle; Marmorstatuen, wirkliche, wahrhaftige -Antike von Aquileja nicken im dunkeln Lorbeer, -und Blumenmosaik schmückt mit leuchtenden Farben das -zarte Grün der Rasenbeete. Da wohnen wohl auch kaiserliche -Pensionäre, nur nicht die legendären, sondern jene, -denen der Zufall der Geburt schon eine Couponschere -unter das Wiegenkissen gelegt.</p> - -<p>Diese herrlichen Villeggiaturen, denen ich in oberitalienischen -Landen nichts zu vergleichen wüßte, stellen -dem Geschmack der reichen Görzer das beste Zeugnis -aus. Was mir an ihnen besser noch als die Pinienschirme, -die Palmenwedel und die Orangerien gefallen, -das ist das Blust unserer nordischen Obstbäume, das im -ersten Frühling auf die Kieswege dieser Gärten niederschneit. -Görzisches Obst gilt bei den italienischen Feinschmeckern -als ein Leckerbissen.</p> - -<p>Auch der Arme von Görz muß sich nicht begnügen, -zu sehen, wie der Reichen Gärten blühen; denn die Stadt, -die nun einmal einen aufgeweckten Sinn für jedes<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -mütterliche Lächeln der Natur bekundet, hat einen wunderschönen -Volksgarten, nicht nur einen dünnbestockten Park -mit ein paar krummen Wegen, sondern einen echten, wohlgepflegten, -öffentlichen Garten von südlicher Üppigkeit. -Wenn sich dazu auf der Stadtseite desselben der Blumenmarkt -entfaltet, dann scheint für Görz allerdings kein -Name passender, als derjenige einer Gartenstadt.</p> - -<p>Wer wollte einen südlichen Blumenmarkt beschreiben? -Der Name der Gewächse ist das wenigste; die schweren -Düfte, die leuchtenden Farben, die sich in Worten nicht -wiedergeben lassen, schon mehr; das wählende, prüfende, -feilschende Menschenkind, das sein Leben mit Blüten und -Grünem schmücken will, das meiste an seiner Poesie.</p> - -<p>Wo die Blumen so herrlich gedeihen, wie in Görz, -mußte man mit Naturnotwendigkeit zu der Frage kommen, -ob da nicht auch dem verwelkenden Menschenkind ein -neuer Lenz erblühe, das in den rauhen Klimaten nicht -mehr fortkommen will. Görz ist klimatischer Kurort und -– was nicht jede aufstrebende Stadt wagen würde – -es stellt sich gleich neben Nizza. In manchen Dingen -hat es das Wesen dazu, vor allem einen angenehmen, -dem nordischen Frühling gleichenden Winter, der nicht -einmal die Einstellung der Feldarbeiten bedingt, einen -gemäßigten Sommer, von dem die reinen, frischen Gebirgswinde -die italienische Schwüle fernhalten, eine herrliche -Lage, welche nur wegen ihrer nackten, grauen Gebirgsrahmen -hinter der Schönheit irgend eines südtirolischen -Kurortes zurücksteht.</p> - -<p>Jetzt fühlt es indessen die Flut und Ebbe eines zu- und<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span> -abströmenden Fremdenkontingents noch nicht stark; der -mehrsprachige Verkehr, die engen gesellschaftlichen Verhältnisse -der Kleinstadt, das Bestreben, sie ganz in ein -italienisches Kleid zu stecken, stehen einer raschen Entwicklung -des Touristenverkehrs entgegen; denn wo immer -der Mensch auch zu gesunden suche, verlangt er ein Stück -lebhafter Geselligkeit, und der Deutsche, namentlich der -Deutsch-Österreicher, an den sich der Kurort Görz wendet, -ein ungebrochenes, gemütliches Volksleben, das er eben -in der italisierten Stadt vermißt.</p> - -<p>Ob sich nun der Traum eines »österreichischen Nizza« -realisiere oder nicht, die gärtenumrahmte kleine Stadt wird -jeder ihrer Besucher mit dem Eindruck lieblicher Schönheit -verlassen.</p> - -<p>Allein nicht minder freundlich als die Stadt selber -steht mir ein Ausflug in ihre Umgebung, zum Isonzoschlund -hinterhalb Salcano und eine Besteigung des Monte -Santo, die ich später einmal unternommen, vor meinem -Gedächtnis.</p> - -<p>Ich streifte hinaus zu dem Totenacker von Görz und -weiter gegen jenen nackten Felsenrücken, auf dem das -Kirchenkastell des Monte Santo steht.</p> - -<p>Dann kam ich nach Salcano. Es ist eine kleine -Ortschaft von 1400 Einwohnern, mit zum Teil sehr alten, -ansehnlichen Häusern, die sich am linken Ufer des Isonzo -aufreihen, der hier perlend und wogend aus einer Gebirgsklause -heraustritt.</p> - -<p>Salcano ist die Mutter von Görz. Als dieses selber -noch nicht in die Geschichte eingetreten war, blühte hier<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span> -um die Wende des Jahrtausends ein Grafengeschlecht, -das seine Burg auf den jetzigen Kastellhügel von Görz -verlegte und damit Gründer der Stadt Görz geworden ist.</p> - -<p>Es geht so im Leben; die Tochter wächst der Mutter -über das Haupt. Görz ist eine Stadt geworden, Salcano -ein Dorf geblieben. Die Ritterlichkeit ist vergangen, die -Naturherrlichkeit geblieben; denn hinterhalb Salcano -schäumt der prächtige, hellblaue Isonzo zwischen den -steilen Halden des Monte Santo und einem mit verbogenen -Schichten aufragenden Vorberg durch einen Engpaß, -wie im Bündnerland der junge Rhein.</p> - -<p>Wo man die Schlucht und den tosenden Bergstrom -am schönsten überschaut, beginnt die Straße auf den -Monte Santo. In einem Uferfelsen, zur Rechten des -aufsteigenden Wanderers ist eine Gedenktafel zu Ehren -ihres Erbauers, eines Herrn Joseph Koller, eingelassen, -der sie in zierlichen, immer weiter gegen Süden als -gegen Norden auslangenden Zickzacklinien sanft und sachte -an der vegetationsarmen, klippigen Berglehne emporgezogen -hat, so daß es eine wirkliche Kunststraße ist.</p> - -<p>Der Monte Santo ist kein Riese. Er hat die mäßige -Seehöhe von 645 Metern; aber sein breiter, wenig entwickelter -Felsrücken ragt immerhin achtmal höher als der -herrliche Campanile von Aquileja über die Tiefebene empor. -Diese liegt bei Salcano erst 85 Meter über Meer -und so ist er denn doch eine stattliche Bergerscheinung.</p> - -<p>Es war bereits Nachmittag, als ich von Görz her -an den Fuß des Berges gelangte. Nur der Vorsatz, -das Isonzodefile zu sehen, hatte mich hieher geleitet; aber<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -nun wurde der Bergfex in mir lebendig, und das hat -mich nicht gereut.</p> - -<p>Ich benützte nur zum kleinern Teil die bequeme Straße -des Herrn Joseph Koller, sondern klomm die alten rauhen -Pilgerpfade von Kapelle zu Kapelle höher hinan.</p> - -<p>Die erste erhebt sich auf einer starken, nördlichen -Gratsenke des Berges, von der aus man zugleich in den -romantischen Talkessel von Salcano und in eine westliche -Gebirgsmulde blickt, wo ein Slavendörfchen in steiniger -Gebirgseinsamkeit liegt. Vor der zweiten lag ein Pilgrim -auf den Knieen und betete seinen Rosenkranz. Es mußte -ihn beleidigen, daß ich nicht das gleiche tat; denn er warf -mir, als ich vorüberschritt, einen sehr zornmütigen Blick zu.</p> - -<p>Das böse Auge des Mannes gab mir zu denken. -Hinter seinem Beten und meinem Wandern lag ja eigentlich -die nämliche Idee: Unser armes Sein ein Weilchen von -uns ab in den Schoß einer guten, großen <span id="corr037">Mutter zu</span> legen. -Nur hatten wir unser Vertrauen zwei verschiedenen Müttern -zugewandt; er der schmerzenreichen, die einen Gott gebar -und dafür in den Himmel kam, ich der Natur, die -aus Staub nur Staub geschaffen und auf der Erde hat -bleiben müssen.</p> - -<p>Ich dachte, ich stieg und kam zur letzten Kapelle. Da -holte ich einen zweiten Wanderer ein, der lesend fürbaß -ging. Als ich eben grüßend an ihm vorübergehen wollte, -schaute er auf und rief mir ein lächelndes »<em class="antiqua">Chi va piano, -va sano</em>« zu.</p> - -<p>Das war der Anfang unserer Unterhaltung – und -je länger ich mit ihm redete, desto merkwürdiger wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -mir der Mann; aber das Merkwürdigste an ihm war -seine Lektüre: »Lienhard und Gertrud.«</p> - -<p>Es tut immer wohl, wenn man die Schriftsteller der -eigenen Nation von Fremden gelesen sieht; ich konnte -meine freudige Überraschung nicht verbergen; sie zwang -mich, dem kleinen, klug dreinblickenden Mann mit den -Augengläsern zu sagen, daß der berühmte Verfasser des -Buches mein Landsmann sei.</p> - -<p>Da trat er einen Augenblick prüfend vor mich hin. -»Sie sind Schweizer!« sagte er und ergriff meine beiden -Hände. »Jetzt lasse ich Sie nicht gleich wieder los. -Bitte erzählen Sie mir von Ihrem schönen Land, seinen -herrlichen Bergen, seinem glücklichen Volk, seinen freien -Institutionen.«</p> - -<p>Die Begeisterung des slavischen Lehrers nötigte mir -ein Lächeln ab; aber ich fühlte, daß ein Ernst hinter -seinen Worten liege, und wer plaudert nicht gern vom -Heimatland? Plaudernd kamen wir auf den Gipfel, zu -dem weitläufigen ehemaligen Franziskanerkloster, setzten -uns vor der Pilgerherberge zum Abendtrunk und schauten -aus auf das im Nachmittagsschein vor uns liegende Land, -die Berge und das ferne Meer.</p> - -<p>Der Monte Santo ist ein südösterreichischer Rigi. -Wunderhübsch ist der Blick auf die Stadt Görz und -den hinter ihr liegenden Coglio, ein reizendes Hügelland, -auf dessen Höhen weißschimmernde Kirchen und Dörfer -stehen. Darüberhin ragt im fernsten Osten der Krainer -Schneeberg, der zwar keinen Firn und keinen Gletscher, -aber doch bis weit in den Sommer hinein eine glitzernde<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span> -Schneekrone trägt. Von ihm aus ziehen sich in weiten -Rundbogen, über die tannendunkeln Höhen des Birnbaumer- -und Tarnovanerwaldes aufgebaut, die zerrissenen -Gebirgsmauern und Kalkzinken der julischen und karnischen -Alpen gegen Nordwesten. Aus dem Chaos der Spitzen -hebt sich östlich der wildabstürzende Nanos, im Norden -der Triglav, der scharfgezeichnete Krn, und, durch das -tief eingeschnittene Isonzotal davon getrennt, der Monte -Canin, der massige Rücken des Monte Matajur und dahinter -eine Menge fernblauender Häupter, die den italienischen -oder gar den tirolischen Alpen angehören.</p> - -<p>Dann weichen die Gebirge weit zurück und der Blick -taucht in die venetianische Tiefebene. Im Süden dämmern -der Campanile von Aquileja, die Lagune von Grado und -der bleiche Schimmer der offenen See, im Südosten der -Golf von Monfalcone, jenseits desselben eine matte Helle, -die Stadt Triest, ein dunkler Wall, der Küstenhang von -Istrien, der sanft im Horizont erstirbt.</p> - -<p>Wer daheim an jedem schönen Tag die Hochalpen -vor Augen hat, der weiß mit den Kalkalpen nicht viel -anzufangen. Ich schilderte meinem Slaven einen Morgen -auf der Wengernalp, den Blick auf Jungfrau und Silberhorn, -den steten Fall der Lawinen, die vor dem Beobachter -donnernd ins Trümmletental niederstäuben. Da -fing der gute Mensch an zu seufzen: »O nur einmal, -einmal in die Schweiz! Allein es ist unmöglich.«</p> - -<p>Er malte mir Grau in Grau ein Bild des Lehrerlebens -in einem slavischen Dörfchen, die Armut bei einer -Besoldung von 200 Gulden im Anfang und bei einer<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -wenig größern in den spätern Jahren, die Schulfeindlichkeit -der Grundbesitzer, das Vorurteil der Bauern gegen -den Lehrer und ihren tiefen Haß gegen den Schulzwang, -die Laxheit der Behörden in der Durchführung der Gesetze: -kurz die ganze Leidensgeschichte eines Streiters für die Bildung -an einem Ort, wo er der einzige ist, der dafür kämpft.</p> - -<p>»Ich bin«, sagte er, »keiner der ärmsten, denn ich -habe meinen allerdings kleinen Einkünften etwas väterliches -Vermögen zuzusetzen; aber für eine Schweizerreise -…« Er starrte melancholisch vor sich hin.</p> - -<p>Wir waren bereits zu lange gesessen; ich stand auf -und wollte von dem Lehrer Abschied nehmen.</p> - -<p>»So wollen wir nicht scheiden, mein Herr«, sagte er; -»ich dachte mir zwar auf dem Monte Santo zu bleiben, -allein ich werde Sie ein Stück Weges begleiten.«</p> - -<p>Meine Bitte, sich nicht zu bemühen, war erfolglos. -Wir schritten wie zwei alte Freunde plaudernd bergabwärts. -Da begegnete uns jener hohe, hagere Pilgersmann, -den ich vor der untersten Kapelle hatte knieen -sehen und der, Gebete vor sich hinmurmelnd, hinkend bergaufwärts -ging.</p> - -<p>»Wissen Sie, warum der arme Mann so schlecht -geht?« fragte mein Begleiter. »Die Pilgrime, die auf den -Monte Santo wallfahren, pflegen in ihre Schuhe einzelne -Bohnen zu legen, die beim Gehen große Schmerzen verursachen. -Sie glauben dann von der Gottesmutter eher -erhört zu werden.«</p> - -<p>Als ich das vernahm, hatte ich dem Pilger seinen -bösen Blick schon verziehen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p> - -<p>Bei der untersten Kapelle schied ich von dem slavischen -Lehrer. »Lienhard und Gertrud«, sagte er, »ist eines der -wenigen deutschen Bücher, die ich besitze; aber ich werde -nie darauf zurückkommen, ohne mit lebhaftem Vergnügen -mich der schönen Stunde zu erinnern, die mir an <span id="corr041">Ihrer</span> -Seite beschieden war. Grüßen Sie mir die Schweiz!«</p> - -<p>Er wandte sich gebirgseinwärts, ich auswärts. Der -nächste Augenblick hatte den einen dem Blick des andern -entzogen.</p> - -<p>Als ich wieder in Salcano ankam, lag der Abendsonnenschein -auf den Klostermauern von Monte Santo. -Unterhalb der Ortschaft steigt man auf hohem, steilem -Uferbord zu einer Fähre des Isonzo hinab. Da ließ ich -mich über den herrlichen, hellblauen Fluß ans rechte Ufer -hinüberstoßen.</p> - -<p>Ein braunes, italienisches Mädchen saß mit mir im -Kahn und wies mir den Weg hinauf nach dem Schlosse -San Mauro, das als hübsche Villa über dem waldigen -Ufer steht. Es war ein genußreiches Wandern durch -jungbelaubten Buchenwald, als ich im Abendschein, hoch -über dem Fluß, an einem Slavendörfchen vorbei, talabwärts -schritt. Das Wellenspiel des Isonzo, der hier -in einem tiefen Bette strömt, mahnte mich an den Rhein -unterhalb seines Falles.</p> - -<p>Eine Brücke führt in der Nähe von Görz darüber -hin. Im Dunkel des Abends schritt ich darüber; ich -dachte an den Pilger mit den Bohnen in den Schuhen, an -den slavischen Lehrer, an mein Heimatland, ich dachte an so -vieles; wer wollte gedankenlos wandern zur Frühlingszeit!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p> - -<p>Man hat – ich kehre hier zu jener ersten Wagentour, -die wir nach Görz unternommen, zurück – die -interessanten Gebäude der Stadt bald gesehen, und -der Liebreiz ihrer Gärten prägt sich rasch in den Sinn -des Wanderers. Wir verließen es also am Spätnachmittag -und fuhren hinaus gegen den langen, prächtigen -Viadukt, mit dem die Linie Venedig-Triest das Tal des -Isonzo überspannt. Jenseits desselben gelangten wir über -den Fluß in die offene venetianische Tiefebene hinaus, zu -der die Landschaft von Görz sich wie eine hügelumschlossene -Bucht verhält.</p> - -<p>Am <span id="corr042a">Ausgang</span> dieses Tieflandwinkels liegt die Ortschaft -Mainizza. Hier stießen im Jahr 489 die beiden gewaltigen -Recken der deutschen Heldensage, der Herulerfürst -Odoaker, der den letzten der römischen Schattenkönige, -den Romulus Augustulus, vom <span id="corr042b">weströmischen</span> Kaiserthrone -verjagt und selbst die Zügel des verrotteten Reiches -ergriffen hatte, und der Ostgotenkönig Theodorich in furchtbarer -Schlacht zusammen. Hier war es, wo der Stern -des ersten germanischen Kaisers auf römischem Thron ins -Sinken kam. Im folgenden Jahr wurde er an der Adda -wieder geschlagen, im Jahre 493 von Theodorich in Ravenna -belagert und zuletzt durch dessen eigene Hand niedergestoßen.</p> - -<p>Gegenüber Mainizza grüßt wieder das prächtige Schloß -Rubbia mit blühendem Park, und zwischen beiden fällt -die schleichende, trübe Wippach in den lichten Isonzo.</p> - -<p>Eine undurchdringliche Staubwolke lag stets hinter -unserm Wagen; denn im Brand der italienischen Sonne<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -hatten sich die furlanischen Straßen handtief in Staub -aufgelöst, der das Wandern der Fußgänger unerträglich -machte. Im Wagen litten wir weniger davon, und die -Fahrt längs der letzten Karstausläufer bis zu dem Städtchen -Gradiska war in der Abendkühle ein hoher Genuß.</p> - -<p>Dieses Städtchen, das im Jahr 1473 von den Venetianern -zum Schutz gegen die Türken gegründet wurde, -war von der Mitte des siebzehnten bis in den Anfang -des achtzehnten Jahrhunderts hinein der Sitz einer kleinen -Grafschaft. Jetzt ist sie mit derjenigen von Görz unter -dem Namen der »gefürsteten Grafschaft Görz und Gradiska« -zu einem selbständigen Kronland der österreichischen -Monarchie vereinigt, das in Görz seinen Landtag hat.</p> - -<p>Im Osten des Städtchens, das aus wenigen Häuserreihen -besteht und nur 1500 Einwohner zählt, sind noch -achtunggebietende Reste der venetianischen Festungswerke, -eine düstere Stadtmauer mit zwei ungemein festen Bastionen -und einem dunkeln, engen Tor. Die früher davor -liegenden Außenwerke sind im Laufe dieses Jahrhunderts -einem ungewöhnlich großen, öffentlichen Platze -gewichen, der mit seinem angenehmen Kastanienschatten und -seiner hübschen Rotunde nicht nur dem kleinen Gradiska, -sondern mancher größern Stadt wohl anstehen würde.</p> - -<p>Auf der andern Seite des Städtchens steht hart am -Isonzo ein großes, weithin sichtbares Gebäude, das zu -einer Strafanstalt für schwere Verbrecher umgebaute -Schloß, dessen jetzigen Insassen wenigstens ein Schönes -von der Welt geblieben ist: ein entzückender Blick ins -südösterreichische und italienische Gebirge.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p> - -<p>An den hübschen Villen im Norden des Städtchens -vorbei fuhren wir längs des Isonzo dem schlanken, zierlichen -Campanile von Villesse entgegen; allein ehe wir -ihn erreichten, bog der Weg wieder über den Isonzo. Er -ist hier lange nicht mehr der hübsche Fluß wie beim -Austritt aus dem Gebirge. In einem wohl fünfmal -breitern Becken als jenem bei der Fähre von Salcano -wirft er sich zwischen vielen Kiesbänken bald ans eine, -bald ans andere Ufer und reißt den Ebenenbewohnern zur -Linken und Rechten die besten Humusgründe weg.</p> - -<p>Er hat deswegen bei seinen Anwohnern einen übeln -Ruf; allein was fragt er darnach, denn er hat seinen -Plan. Mit all den Erdpartikeln aus dem Gebirge und -der Ebene will er sich eine Brücke mitten durch den Golf -von Monfalcone nach dem wunderschönen Schloß von -Miramare hinüberbauen.</p> - -<p>Vielleicht ist's ein Jugendtraum, vielleicht ist's mehr. -Der Isonzo kann noch etwas leisten; denn wie ich früher -ausgeführt habe, ist er ein Kind gegenüber den uralten -Strömen des übrigen Europa und der jüngste Fluß -unseres Kontinents. Eine lange Holzbrücke führt nach -Sagrado, einem freundlichen Dorf, das eine große Gerberei -und viele Landhäuser mit lauschigen Gärten hat.</p> - -<p>In einer halben Stunde – in Roncchi – hatten -wir den Zirkel unserer Fahrt beendet. Am frühen Abend -waren wir wieder in Monfalcone.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/chap-end.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p> - -<h2 id="Aquileja"> -<img src="images/illu-045.png" alt="" /><br /> -Aquileja.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Eines Tages im Jahr 182 v. Chr. standen die Väter -zu Rom früher auf, als sie sonst zu tun pflegten; -denn der Fall war ernst: Die Kelten und Illyrier, die -bislang in den julischen Bergen und Wäldern gesessen, -zeigten Lust, sich in den venetianischen Gefilden längs der -Adria niederzulassen.</p> - -<p>Das war die Sorge der Väter zu Rom.</p> - -<p>Sie schickten drei angesehene Männer mit einigen -Priestern in den italienischen Osten, und als diese an -jenen flachen Strand und Winkel kamen, wo – um -mit den jetzigen Namen zu reden – der triestinische aus -dem venetianischen Golfe tritt, pflügten sie mit einem -Ochsen auf einer breiten Landwelle, etwas abseits vom -Meer, ein Viereck aus, das ein Quadrat sein sollte und -eins war. Da trat P. Scipio Nasica, einer der drei -Abgesandten, in das Pseudoquadrat, erklärte ernst und -feierlich: »Hieher kommt eine Stadt!« Die Priester -fielen mit heiligen Messern über die Opfertiere her, spritzten -das warme, rieselnde Blut auf den umgepflügten Grund, -weissagten aus den Eingeweiden, reckten die Hände empor<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -und flehten von den unsterblichen Göttern Gedeihen herab -auf die Stadt. Da flog ein Storch, der in den Meerbinsen -gefischt, über die Gegend, und sein Schatten fiel -auf die Priester. Das war nicht gut; denn Störche -haben später die Stadt verraten. Sie hieß Aquileja!</p> - -<p>Dreitausend Kolonisten bebauten den <em class="antiqua">ager colonicus</em> -um sie her; die <span id="corr046">Kelten</span> und Illyrier sahen aus achtungsvoller -Entfernung zu und in langer Friedenszeit gedieh -die Stadt herrlich empor. Als Augustulus seine ganze -Herrscherhuld auf das blühende Gemeinwesen ausgoß, -als er an das alte Aquileja ein neues, prächtiges fügte, -in dessen Kranz stolzer Monumentalbauten der stolzeste -Palast sein eigener war, den er mit der schönen -Livia bewohnte, da war der Stadt ein liebliches Los -gefallen.</p> - -<p>Großartige Bauten schmückten sie, und ein reiches -Bürgergeschlecht erging sich in der Kühle aufrauschender -Brunnen oder im Anblick reizender Marmorbilder, die -auf Kapitol und Forum standen. In schimmernden Tempelhallen -wachten die vestalischen Jungfrauen am ewigen -Feuer, opferte das Volk dem Jupiter tonans und Ceres, -der gütigen Göttin; das höchste Ansehen aber genoß Apollo -Belenus, der gewaltige Sonnengott, dem die Stadt gewidmet -war. Mit hochragenden Standarten zogen im -Jubel der Fanfaren Kohorten und Legionen aus den -weitläufigen Kasernen nach den fernen, nordischen Standquartieren -oder schifften sich auf der Flotte, deren Mastenwerk -vom Meer zur Stadt herübergrüßte, nach dem -blühenden Osten ein; denn Aquileja war vor allem eine<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span> -Militärstadt, ein mit Mauern und Türmen befestigtes -Bollwerk und Ausfalltor gegen die im Osten und Norden -drohenden Barbaren, ein Schlüssel des römischen Reichs.</p> - -<p>Hinter den siegreichen, römischen Legionen her zogen -die Kaufmannskarawanen, zwar nicht der Römer – denn -diese hielten bekanntermaßen den Handel unter ihrer -Würde – aber diejenigen unternehmender Griechen und -Orientalen, die in Aquileja ihre Niederlagen hatten, und -dem Norden Europas die Erzeugnisse des Morgenlandes -vermittelten. So war Aquileja im Altertum -die Königin der Adria, eine Metropole des Welthandels, -wie es ihr Kind, das prunkende Venedig, im Mittelalter -wurde. An ihrem Strand entfaltete sich der Schiffsbau, -in ihren Mauern die Waffenfabrikation, die Leinen- -und Wollindustrie, die Purpurfärberei, welche die Gewänder -der Könige und Kaiser lieferte, die Glasfabrikation -und die mannigfaltigen Zweige des antiken Kunstgewerbes.</p> - -<p>Als Aquileja unter den Kaisern Trajan und Hadrian -den Zenith seiner Machtfülle erreichte, war es eine der -neun größten Städte des Römerreichs und unter den -neun – die Hauptstadt ausgenommen – die reichste, so -daß die Dichter und Schriftsteller jener Zeit mit den -Ausdrücken höchster Bewunderung von ihrer Schönheit -reden. Da soll es gegen eine halbe Million Einwohner -gezählt und die aus dem Grün der Laubkronen schimmernden -Villen der Vornehmen es stundenweit umgeben -haben.</p> - -<p>Die nationale Toga der Römer und die Palla der<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span> -Römerin trat in dem antiken Emporium der Adria vor -der Menge fremdländischer Trachten zurück; denn alle -reichen Grundeigentümer und Kaufleute aus Kleinasien -und Nordafrika strömten nach der Eroberung jener Länder -durch die Römer nach Aquileja. Denkt man sich nun -die Kontingente germanischer, gallischer und illyrischer Soldaten -dazu, die sich durch den prunkenden Adel, die geschäftige -Handelswelt und das Proletariat bewegten, so -haben wir ein anziehendes Bild seines Menschengemenges, -das von allen Enden der damaligen Welt <span id="corr048">zusammengewürfelt</span> -war. Jeder fand in Aquileja seine Rechnung, der Marktschreier -und der Müßiggänger, der Schauspieler und der -Gladiator, der Lustigmacher und der Schmarotzer, und -der heitere Epikuräismus der Kaiserzeit bot in Theater, -Amphitheater und Zirkus den raffiniertesten sinnlichen -Genuß, in marmornen Bädern die Liebe und in kühlen, -rebenumgrünten Tabernen den Wein.</p> - -<p>Allein an Zeitläufen, wo die Bacchanalien und die -laute Freude eines in seinem Reichtum schwelgenden Volkes -im Ernst der Ereignisse unterging, hat es auch in Aquileja -nicht gefehlt. Wenn es auch in den ersten drei Jahrhunderten -seines Bestehens das Glück eines steten, tiefen -Friedens genoß, so ist doch außer Rom keine Stadt -so oft durch Krieg, Plünderung, Raub und Mord -heimgesucht worden wie Aquileja, die östliche Feste des -Reichs.</p> - -<p>Zum erstenmal wurde es im Jahr 172 von den -Markomannen und Quaden bedroht, deren Macht sich indessen -wirkungslos an der Festigkeit seiner Mauern brach.<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -Im Jahr 237 erfuhr es durch den Tribun Maximinus -eine Belagerung großen Stils. Er war wegen seiner -Härte und Grausamkeit vom römischen Volke als Kaiser -abgelehnt worden und umzingelte nun die Stadt in wildem -Ingrimm mit einem furchtbaren Heer. Sie ging siegreich -und mit dem Ruhm einer Retterin Italiens aus -dieser Prüfung hervor. Vom Jahr 340, wo sie im Kriege, -den die Söhne Constantius des Großen gegeneinander -führten, <span id="corr049">eine</span> Belagerung glücklich bestand, folgten sich die -Umzingelungen fast Schlag auf Schlag. Schon 361 lag -Julianus, der Apostat, der sich gegen Constantius empört, -mit einem Heer vor ihren Mauern, 383 und 384 kämpfte -Theodosius auf ihrem <em class="antiqua">ager colonicus</em> seine Kriege gegen -K. Maximus und den Usurpator Johannes, im Jahr 400 -wurde sie von Alarich, 406 von Radagais, 408 von den -Vandalen geplündert.</p> - -<p>Wohl waren das herbe Prüfungen für den Wohlstand -Aquilejas; aber seine Fundamente erschütterten sie -nicht, und der aquilejensische Adler stieg immer wieder -kraftvoll aus den Schreckensjahren auf.</p> - -<p>Da kam – fast wie ein Blitz aus heiterm Himmel -– sein Untergang. Es war im Sommer des Jahres -452, als Attila »Godegisel« aus Pannonien her seine -Hunnenhorden gegen Aquileja wälzte. Es fand unter -seinem tapfern Oberbefehlshaber Cajus Menapius kaum -Zeit, seine Festungswerke auszubessern, und das Landvolk -der Umgebung floh entsetzt ins Gebirge und auf die nahen -Lagunen. Drei Monate dauerte die Belagerung, ohne -daß für die Belagerer ein Erfolg abzusehen war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Da wurden die Hunnen sturmmüd und wollten endlich fort,<br /></span> -<span class="i0">Doch Attila, ihr König, ritt um die Mauern dort. –<br /></span> -<span class="i0">Da rief er seinem Heere: Schaut zu den Giebeln dort,<br /></span> -<span class="i0">Von allen Genisten ziehen die weißen Störche fort.<br /></span> -<span class="i0">Sie wissen, wie bald in Flammen hinuntersinkt die Stadt,<br /></span> -<span class="i0">Drum auf zum neuen Sturme, wer Händ' und Füße hat.<br /></span> -<span class="i0">Da flogen die Feuerpfeile, da rannten die Widder an.<br /></span> -<span class="i0">Und von den Mauern stürzten die Trümmer nicht dann und wann,<br /></span> -<span class="i0">Nein, immer! Vom Hunnensturme wankte die ganze Stadt<br /></span> -<span class="i0">Als wie ein Schiff im Meere, das keine Segel hat.<br /></span> -<span class="i0">Aquileja, Aquileja wurde so berannt,<br /></span> -<span class="i0">Daß man nichts als die Stätte und nicht die Stätte fand!«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="iaut">A. Kopisch.<br /></span> -</div></div> - -<p>Die frische, tauige Morgenfrühe, die schönste Tagesstunde -des sonnenreichen Südens, lag über den unabsehbar -weiten Campagnen des Friauls, und die Laubkronen nah -und fern wogten, ein Meer von Grün, im leichten Wind. -Wiehernd holten die beiden feurigen Pferde aus; wir -flogen leicht und rasch, eine kleine Gesellschaft, dem großen -Römerkirchhof Aquileja entgegen, wo die gewaltige Stadt -mit ihren sechs Jahrhunderten römischen Kulturlebens, -ihr reiches, übermütiges Volk ohne Zukunft und ohne -Auferstehung verscharrt im Sand der Tiefebene liegt.</p> - -<p>Man berechnet den Weg von Monfalcone nach Aquileja -zu vier bis fünf Gehstunden; unsere Pferde legten ihn -in der halben Zeit zurück.</p> - -<p>Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus; die -Nähe einer großen Stadt fühlt der Wanderer, lange ehe -er ihre Türme und Kuppeln sieht; daß aber auch eine -tote, verscharrte fast anderthalb Jahrtausende nach ihrem -Untergang noch mit den letzten Resten alter Lebensfasern<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span> -stundenweit über ihr ehemaliges Weichbild hinausgreifen -würde, hätte ich nicht gedacht.</p> - -<p>Allein sobald man jenseits des Isonzo kommt, spürt -man die Nähe Aquilejas deutlich. Sowohl in den schattigen -Parks einiger Villenpaläste als an den halbzerfallenen -Pächterhütten, die an der Straße stehen, begegnet der -Blick den seltsamen Fundstücken aus der römischen Stadt. -Basaltsäulen stehen an monumentalen Toreingängen, zierliche -Aschenkrüge in den Rosenbeeten; nickende Faune und -weibliche Götterbilder an den Parkwegen, Tritonen und -Nimphenstatuen an den Teichen. Marmorfriese sind als -Schmuck in die Mauern der Colonenhütten eingelassen; -Inschriftenblöcke liegen als Ruhebänke neben den Türen, -Grabvasen, die vielleicht einst den Staub einer edeln -Römerin geborgen, sind zu Futterbecken des Geflügels geworden; -überall begegnet man jenen roten tönernen Urnen, -die auf dem ehemaligen Grund der Stadt zu Tausenden -und Tausenden gefunden werden.</p> - -<p>Man kann dem römischen Altertum keine größere Ehrerbietung -erweisen, als diejenige, daß man mit seinen -Reliquien den Palast und die Hütte der Gegenwart schmückt.</p> - -<p>Immer mächtiger steigt der herrliche Campanile von -Aquileja aus grüner Flur, und immer gewaltiger löst -er sich aus der Bläue des südlichen Horizonts. Wir sind -in Fiumecello, fünf Minuten später in Monastero, im -Bereich des alten Aquileja!</p> - -<p>Halten muß hier Roß und Rad; nicht bloß deswegen -weil Monastero eine der ausgiebigsten Fundstätten römischer -Altertümer ist und nicht deswegen, weil hier das<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span> -Vollendetste, was das römische Aquileja an Architektur -besaß, das Hadrianeum stand, sondern weil Monastero -ein Landgut ist, wie es im Friaul nicht zweie gibt, eine -agrikolare Musteranstalt des neunzehnten Jahrhunderts -auf dem klassischen Boden des Altertums. Es gehört -den Herren von Ritter, den Fabrikanten in Görz.</p> - -<p>Schon der weite Hofraum des reichen Herrensitzes ist -nicht ganz gewöhnlich, denn längs des Wohnhauses wie -der Ökonomiegebäude, die ihn einrahmen, ist eine antiquarische -Ausstellung, hinter der manches große, nordische -Museum zurückbleibt. Sie enthält zwar nur die rudimentärsten -der Fundstücke von Monastero: zerbrochene -Säulenstümpfe, jonische, dorische, etruskische und korinthische -Kapitäle, Inschriftenblöcke, Sarkophage, Urnen und -Marmortorsen. Das Beste der aus dem Grund von -Monastero aufgepflügten Reste, die herrliche von Rittersche -Sammlung, ist leihweise an das Museum zu Aquileja -übergegangen.</p> - -<p>Ein Aufseher des Landgutes hatte die Freundlichkeit, -uns die andere ebenso große Sehenswürdigkeit der Villeggiatur -– ihre Ställe – zu zeigen.</p> - -<p>Ein Viehstall in Monastero ist gegen viele tausend -menschliche Wohnungen im Friaul ein Palast, und wären -nicht die schönen Tiere, deren zu einem Hundert dort -stehen, der Hauptschmuck der hallenartigen Gebäude, dann -würde es ihre Reinlichkeit sein.</p> - -<p>Besonders hübsch ist der Kuhstall, wo das Vieh in -zwei Reihen die breitgestirnten Köpfe gegen einander kehrt. -Man sieht im Berneroberland keine schönern Tiere, als<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -wenn man auf einer bequemen Rampe längs der prachtvoll -gehörnten Köpfe des hellfarbigen Ungarviehs oder der gefleckten -Emmentalerkühe dahinwandert. Hinter jedem der -Tiere hängt eine Tafel an der Wand, aus der nicht nur der -Zivilstand desselben, sondern auch der tägliche Milchertrag -notiert ist. Sinkt bei einem Tier der letztere unter ein -gewisses Minimum, dann ist's seinem Los verfallen; es -wandert hinüber in den Schlachtviehstall, wo bereits eine -stattliche Schar schwerster Mastochsen und rundlicher Kühe -sich behaglich den Tod anfüttern.</p> - -<p>Ein flüchtiger Blick noch in den Pferdestall, wo neben -den großknochigen Ackertieren die edelsten Ganzhufer des -Friauls stehen, schlanke, feurige Tiere; ein Blick noch in -die dem Landgut zugehörende Mühle, wo eintönig die Reisstampfen -klopfen – und fort geht's von Monastero.</p> - -<p>Aquileja, das moderne Aquileja ist nah, und neben -dem Campanile wächst bereits der ehrwürdige Patriarchendom -aus der Campagna. Da fahren wir, da sind wir, -allein das Aquileja unserer Tage, das ungefähr 1750 -Einwohner zählt, hat vor jedem andern furlanischen Nest -nichts voraus als seinen herrlichen Dom und daß es ungefähr -den Ort bezeichnet, wo die marmorschimmernde, -römische Stadt gestanden, von welcher der Dichter Aug. -Kopisch in seinen wuchtigen, knorrigen Nibelungenversen -so treffend sagt,</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Man nichts als die Stätte und nicht die Stätte –«<br /></span> -</div></div> - -<p class="noind">findet.</p> - -<p>Es ist poetisch schwungvoll, daß er diese Tatsache in -unmittelbare Beziehung zum Hunnensturme setzt; allein<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span> -die Geschichte ist grausamer als die Dichtung. Wohl hat -jene entsetzliche Zerstörung, in der 37 000 Menschen das -Leben verloren, jener langandauernde, an den Untergang -Karthagos erinnernde Brand, dem Attila vom Kastellhügel -zu Udine bewundernd zugesehen haben soll, das -römische Aquileja tödlich getroffen. Allein eine so gewaltige -Stadt stirbt auch im wildesten Völkertumult nicht -auf einen Schlag und der Todeskampf der altadriatischen -Königin hat Jahrhunderte, hat ein Jahrtausend gedauert; -ja sie hat – der ehrwürdige Dom ist das beredteste -Zeugnis dafür – eine Periode gezeitigt, die einem halben -Wiederaufleben glich.</p> - -<p>Der Fall Aquilejas war eine Katastrophe. Sie kam -und war zu Ende. Als die Trümmer der unglücklichen -Stadt noch rauchten, wälzten sich die asiatischen Horden -bereits von dannen; auf den Lagunen des venetianischen -Südens aber lebten noch Tausende ehemaliger Bewohner, -Frauen, Kinder und Priester und wohl auch noch beträchtliche -Scharen wehrhafter Männer, die sich im allgemeinen -Sturm zum rettenden Meere durchgeschlagen hatten.</p> - -<p>Als nach Tagen, Wochen, Monaten des Zitterns und -Zagens und des allgemeinen Schreckens wieder etwas vom -alten Lebensmut in die auf den Inseln zerstreuten Aquilejenserhaufen -kam, Trüpplein um Trüpplein sich wieder -aufs Festland hinüberwagte, da mag sich auf den Trümmern -der alten, schönen Heimat manch eine rührende Wiedersehensszene, -wo Totgeglaubte auferstanden, zugetragen haben.</p> - -<p>In diese furchtbar ernsten Tage der Sammlung hat -der Humor der Geschichte eines seiner heitersten Stücklein<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span> -geflochten, die Erzählung von den ungetreuen Frauen -Aquilejas, die, ihre Männer erschlagen wähnend, so rasch -eine zweite Ehe eingingen, daß manche der Aquilejenser -bei ihrer Rückkehr die Frauen im Haus eines neuen -Gatten fanden. Die Verzweiflung war groß, denn die -Treulosen weigerten sich, ihre erste Ehe zu Recht zu erkennen. -Da wandten sich die Männer an den heiligen -Vater zu Rom, und kraft seines Amtes zu binden und zu -lösen, erklärte er die zweite Ehe der aquilejensischen Frauen -für nichtig.</p> - -<p>Langsam bevölkerte sich Aquileja wieder und ein halbes -Jahrhundert nach seinem Fall fristete es wieder ein ziemlich -behagliches Dasein. Noch ein halb Jahrhundert später -wurde es unter Narses, dem griechischen Reichsvikar, -wieder eine Festung, über die, ehe das erste Jahrtausend -unserer Zeitrechnung voll wurde, wieder ein Dutzend -Plünderungen ergingen.</p> - -<p>Allein weder die Hunnen, noch die Germanen und -Slaven, welche es später bedrängten, waren die grausamsten -Feinde der zwischen Leben und Tod ringenden Stadt. Das -war das werdende Venedig!</p> - -<p>In jenen Zeiten unmittelbar nach dem Untergang -Aquilejas, wo der Völkersturm in den wildesten Stößen -von den Alpen zum Meer niederbrauste, wagte es nur ein -kleinerer Teil der Lagunenflüchtlinge dauernd in die Stadt -zurückzukehren. Die meisten blieben auf der südvenetischen -Inselgruppe und gründeten hier eine Reihe kleiner, demokratischer -Gemeinwesen. Unter diesen erwies sich dasjenige -auf den drei größten Inseln, dem Rialto, Malamocco<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span> -und Torcello, besonders lebenskräftig. Aus ihm entstand -im Anfang des neunten Jahrhunderts Venedig, die Tochter -Aquilejas.</p> - -<p>Diese Tochter, die nachmals im Schmuck ihrer Paläste -so wunderherrlich prangte, hat ihre Mutter bei noch halblebendigem -Leibe beerbt und ist zur Hyäne des Schlachtfeldes -von Aquileja geworden!</p> - -<p>Zwar hatten schon nach dem Untergang der Stadt -die Lagunenbewohner angefangen, mit ihren Barken die -kostbaren architektonischen Reste nach den neuen Niederlassungen -überzuführen; aber erst die Dogenresidenz, die -hartherzige, eigensüchtige wagte es so recht, Hand an die -Mutterstadt zu legen, sie im vollsten Sinn des Worts -als Steinbruch für ihre Markuskirche, für alle jene Bauten, -mit denen Venedig heut noch den Fremden entzückt, auszubeuten. -Damit hatte sie das böse Beispiel für alle -Städte im venetischen Land gegeben, so daß der heilige -Paulin in einem lateinischen Liede klagt, Aquileja werde -in alle umgebenden Länder verkauft; selbst die Toten hätten -nicht Ruhe und würden ausgeworfen wegen des Schachers -mit Marmor.</p> - -<p>Dadurch ist es begreiflich, daß von dem ganzen großen, -marmorprunkenden Aquileja kein Turm und kein Tor, von -seinen Amphitheatern, Theatern, Tempeln und Villen auch -nicht eine Ruine auf uns gekommen, kein Stein auf dem -andern geblieben ist und daß dasjenige, was man über -die Topographie des alten Aquileja Sicheres weiß, verschwindet -vor den weiten Gebieten, über welche die Vermutung -und die Phantasie ihre Flügel schlägt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p> - -<p>Obgleich sich schon vierzehn Jahrhunderte in den -Gräberraub von Aquileja teilen, ist die Stätte noch -nicht erschöpft. Manches haben die ehemaligen Bewohner -vor dem Zusammenbruch der Stadt, manches hat die -Natur selbst in furchtbaren Überschwemmungskatastrophen -in den Schoß der Erde geborgen, und nur zögernd aufersteht -vor dem Stoße der Pflugschar die Antike.</p> - -<p>Allein sie aufersteht! Die Obelisken mit ihren ägyptischen -Hieroglyphen, die riesenhaften Götter- und Kaiserstatuen, -die Säulen aus parischem und numidischem -Marmor richten sich wieder auf; aus den bildgezierten -Sarkophagen stäubt die Asche in die Luft; die Mosaikböden -glänzen wieder im Schmuck ihrer farbigen Steine; -aus den Topfscherben rollen die Münzen mit ihren Kaiserbildnissen; -das Kind des furlanischen Bauers spielt arglos -mit den Geheimnissen des antiken Frauengemachs, oder -schmückt sich einen Augenblick mit dem silbernen oder -goldenen Geschmeid der <span id="corr057">Römerin</span>.</p> - -<p>Aquileja ist ein anderes Pompeji, nur mit dem Unterschied, -daß hier systematische Grabungen erst sehr spät -gemacht worden sind, daß es meist dem Zufall und dem -aquilejensischen Bauer vorbehalten blieb, die Steine, »welche -redend zeugen«, aus dem Schutt der Jahrhunderte zu ziehen.</p> - -<p>Manche der Funde verdankt man wohl der anmutigen -Sage vom <em class="antiqua">pozzo d'oro</em>, dem Goldbrunnen.</p> - -<p>»Lange bevor Aquileja unterging«, – so lebt sich im -Friaul die Erzählung fort, – »haben gottbegnadete Seher -die Zerstörung der Stadt in ihren Weisssagungen verkündet. -Da ließen die Väter der Stadt, die Wucht des<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -Schicksals zu mildern, einen ungemein tiefen, verschließbaren -Brunnen bauen. Sie bestellten zwei ihrer Angesehensten -zu Schlüßlern desselben und verordneten, daß jeder Bürger -Aquilejas von seinem Reichtum einen Teil in die Tiefe -des Schachtes werfe, damit dereinst, wenn das Verhängnis -hereinbreche, ein Fonds zum Wiederaufbau der Stadt -vorhanden sei. In edelm Wetteifer gaben die Einwohner -ihr Bestes hin, was sie zu Hause an Edelsteinen und -Perlen, an Gold und Silber besaßen, um den Schatz im -Goldbrunnen zu mehren. Glückliche Eltern brachten bei -der Geburt eines Knaben ihre Weihegeschenke; liebende -Paare widmeten, ehe sie vor den Altar traten, die Geschmeide -ihrer Jugendzeit, Gewissensbeladene schenkten reiche -Sühnopfer, Sterbende einen Teil ihres Vermögens der -Brunnenstiftung. So häufte sich im Schacht ein unermeßlicher -Reichtum, der zum Bau eines neuen herrlichen -Aquileja vollauf genügt hätte. Im Vertrauen darauf -sahen die Bürger dem lang dräuenden Verhängnis -ruhiger entgegen. Allein als dieses kam, da wurden die -Schlüßler von den stürzenden Stadtmauern erschlagen -und die Stadt so verwüstet, daß selbst die Überlebenden -die Stelle, wo der Goldbrunnen gewesen, nicht mehr erkannten. -Darum konnte Aquileja nicht wieder aufgebaut -werden. Der Brunnen ist verschollen; noch niemand hat -ihn entdeckt.«</p> - -<p>So sehr hat sich diese Sage ins furlanische Volk -eingelebt, daß die Grundbesitzer in der Gegend von Aquileja -bis in die neueste Zeit hinein es nie unterließen, sich -beim Verkauf eines Landstückes durch die Klausel des<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span> -<em class="antiqua">pozzo d'oro</em> das Anrecht auf den Schatz im Goldbrunnen -zu sichern, wenn dieser zufällig im veräußerten -Grunde entdeckt werden sollte.</p> - -<p>Wie über den Ausgrabungen, so hat auch über dem -Schicksal der Fundgegenstände der Zufall, fast möchte ich -sagen der gleiche Fluch gewaltet, der im Mittelalter die -oberirdischen Baudenkmäler Aquilejas in alle vier Winde -verschleuderte. Wollte man zu einigen der Statuen, deren -Torsen in Aquileja liegen, die ergänzenden Glieder zusammenbringen, -so müßte man den einen Arm im Mauerwerk -einer furlanischen Hütte, den andern in einem Palaste -Venedigs, die Hand in der Raritätenkammer eines englischen -Schlosses, den Fuß in irgend einer archäologischen -Sammlung Frankreichs suchen, während die übrigen Reste -selbst in ihren kleinsten Teilen nirgends mehr zu finden -wären, da sie zu Mörtelkalk verbrannt worden sind. Wie -reich aber auch jetzt noch die Funde in Aquileja sind, -mag die eine Tatsache verdeutlichen, daß Kenner einzig -die Anzahl der geschnittenen Edelsteine, die im Laufe des -19. Jahrhunderts dort gefunden wurden, auf zehntausend -Stücke schätzen, daß jetzt noch Jahr für Jahr zwanzig -und mehr Inschriftentafeln, Hunderte von Graburnen -und Glasgefäßen, Kannen, kleine Bronzen, Bein- und -Bernsteinfiguren, Terracottasächelchen und ganze Reihen -von Skulpturen ohne systematische Nachgrabungen aus -der Erde gehoben werden und daß der Fremde sich jetzt -noch für wenige Gulden eine hübsche Sammlung antiker -Münzen, Bronzen und Töpferprodukte erwerben kann.</p> - -<p>Der erste Sammler aquilejensischer Altertümer war<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -Joh. Dom. Bertoli, der im letzten Viertel des 17. und -in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Domherr -zu Aquileja lebte. Seither hat es immer einsichtige Privaten -gegeben, welche die ausgegrabenen Marmorbilder, -wenn es möglich war, ihrem gewöhnlichen Schicksal, zu -Mauersteinen zerschlagen oder zu Kalk verbrannt zu werden, -entzogen.</p> - -<p>Immer war die Möglichkeit nicht da. Kein moderner -Palast ist aus kostbarerem Material gebaut als manche -der elenden Pächterhütten in Aquileja; allein weitaus -das grellste Bild aus dem Kapitel bäuerlicher Barbarei -ist der Stall eines Signore Moschettini. Ein solcher -steht wohl in der ganzen, weiten Welt nicht mehr, und -an Originalität kann sich kein Antikenmuseum der Erde -mit ihm messen.</p> - -<p>Seine Mauern samt und sonders sind aus einem -Trümmerchaos von Statuen, Säulen, Gedenk- und Inschriftentafeln, -Sarkophagen und Mosaikböden aufgebaut. -Götterköpfe, Aphroditenleiber, Füße und Hände von Marmor, -Säulenkapitäle, Kolumbarien sind zu diesem Zweck -in handliche Stücke zerschlagen, vermauert und nach außen -mit altchristlichen Grabsteinen, Inschriftenplatten, Aschenbehältern, -Kaiserbildern, Medusenhäuptern und Büsten -von Göttinnen belegt worden. Selbst das arme Hirn -eines Geisteskranken könnte nicht so tollen Widersinn erdenken, -wie an diesem Gebäude der Mörtel zusammenleimt. -Es könnte einen Hypochonder zum Lachen bringen, -einen Kunstschwärmer in Verzweiflung treiben, dieses zu -Kraut und Rüben gemengte, zerschlagene Aquileja des<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -marmornen Stalls! Zum Glück hat Aquileja nur einen -Moschettini von solch genial barbarischem Geschmack besessen.</p> - -<p>Spät kam der Staat, um im Interesse der Archäologie -seine schützende Hand über die Antiken Aquilejas -zu legen; allein er kam. Im Herbst 1882 wurde in dem -kleinen Ort feierlich ein Staatsmuseum eingeweiht und -in einem zweckmäßig gebauten, geräumigen Haus untergebracht. -Indes wären seine Schätze noch wenig bedeutend, -hätten nicht die Gemeinde, die im Jahre 1873 zu sammeln -begann, und die Gebrüder von Ritter in Monastero ihre -hübschen Sammlungen leihweise dem öffentlichen Museum -überlassen, so daß dieses jetzt dem Fremden ein lebendiges Bild -von der Kunstfülle des römischen Aquileja zu geben vermag.</p> - -<p>Der weite, gegen die Straße liegende Hof des Museums, -in welchem die kolossalsten der Monumente ihre Aufstellung -gefunden haben, gleicht einem mit Denkmälern überladenen -Kirchhof. Durch denselben wandelnd, weiß man nicht, soll -man mehr die Kunstgewalt der alten Meister, die dem -spröden Stein so herrliche Gebilde abgewonnen, soll man -mehr die Wucht der Zerstörungskräfte bewundern, welche -diese riesenhaften Säulen, diese Marmorquadern brachen. -Doch hat im wilden Ringen der Verneinungsgeister gegen -die lichte Kunstgewalt die letztere gesiegt. Durch allen -Graus der Zerstörung und Verwitterung haben viele der -Gebilde eine wunderbare Anmut, eine zu Herzen gehende -Schönheit bewahrt, und denkt man an die Paläste, die -Tempel, die Theater zurück, deren Teile sie einst gebildet, -so drängt sich einem wie dem Dichter zu Venedig die -Frage auf die Lippen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Wo ist das Volk von Königen geblieben,<br /></span> -<span class="i0">Das solche Häuser durfte bauen?«<br /></span> -</div></div> - -<p>Tausende von Skulpturen und eine Menge merkwürdiger -Anticaglien, Nutz- und Schmuckgegenstände des -altaquilejensischen Haushalts, haben im Innern des Museums -ihre Aufstellung gefunden. Schon die Vorhalle -bereitet mit ihren zahlreichen römischen und altchristlichen -Grabsteinen, mit herrlichen korinthischen Kapitälen, mit -einer prächtigen Sammlung schön geschweifter Henkelkrüge, -Kolumbarien, die zum Teil noch die verbrannten Knochen -enthalten, unsere Stimmung auf den Eintritt in die -Museumssäle vor. Es ist nur zu bedauern, daß jene -schöne Mosaik, welche die Entführung der Europa durch -Zeus darstellt, zerbröckelt und unkenntlich geworden ist. -Sie war so kunstvoll gearbeitet, daß sie als ein würdiges -Gegenstück der berühmten Dariusschlacht galt, die man -auf einem Fußboden zu Pompeji entdeckte.</p> - -<p><em class="antiqua">Avete Caesares!</em> – Der erste Museumssaal ist jenen -Steindenkmälern gewidmet, die sich auf die römischen -Kaiser und ihre Beamten beziehen, und fesselt besonders -mit zwei fast vollständig erhaltenen Marmorstatuen das -Kunstinteresse. Die eine derselben stellt in kühner, kräftiger -Arbeit den Kaiser Tiberius dar, von dessen Haupt -sich die Toga in herrlichem Faltenwurfe um den Körper -drapiert; die andere ist das nicht minder schöne Bild des -Kaisers Claudius. Man vermutet jedoch des eingesetzten -Kopfes wegen, daß diese Statue erst Caligula, jenem -Tollmenschen »<em class="antiqua">memoriae damnatae</em>«, der vom Jahr -37–41 auf dem römischen Thron gesessen, gegolten, und<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -erst, als dieser in einer Palastrevolution fiel, das Haupt -des Claudius erhalten habe.</p> - -<p>Beide Statuen sind von mehr als Lebensgröße, wie -denn die kolossalen Verhältnisse der in Aquileja gefundenen -Marmorbilder ein hervorragendes Charakteristikum derselben -bilden. Unter den über lebensgroßen Torsen interessiert -besonders deswegen eine nackte, starkbewegte -Männergestalt, weil die unfertige Statue jene Vertiefungen -– Puntelli – an die sich der Künstler bei seiner -Arbeit hielt, noch zeigt und uns so einen Einblick in die -Bildhauertechnik des Altertums gewährt.</p> - -<p>Der zweite Saal ist zum größten Teil eine Sammlung -von Grabsteinen, die uns bald das Bild der Toten -in Relief darbieten, bald mit kürzern und längern Inschriften -von ihnen erzählen. So berichtet der eine von -Cippus, dem Perlenhändler, der andere von dem Freigelassenen -Sextilius Crescens, dem Fleischer. Hier hat -ein antiker Salber einem kaiserlichen Haussklaven, dort -ein Priester seinem Vorgänger, der 110 Jahre alt geworden -war, ein frommes Andenken gestiftet. Der merkwürdige -Grabstein des Afrikaners Restutus meldet, daß -dieser die weite Reise aus seiner Heimat einzig deswegen -unternommen habe, um Aquileja, die herrliche Stadt, zu -sehen, daß er eine Weile da gelebt und von einer Bestattungsgesellschaft -begraben wurde.</p> - -<p>Nun kommen wir in hohe Gesellschaft. Im dritten -Saal schauen die lichten Gestalten des Olymps, Jupiter, -der Vater der Götter und Menschen, im Schmuck des -langwallenden Haupthaars und Barts, Merkur, der Gott<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -mit geflügeltem Hut, dessen Gunst sich Aquileja so lange -erfreute, der schmiedende Vulkanus, Mars mit reichverziertem -Helm und Federbusch, Venus, die meergeborne -Göttin mit dem Perlendiadem aus großen Medaillons -auf uns Sterbliche nieder. Auf einem Grabstein spielt -der efeubekränzte Silenus die Leier, und Pan, der friedliche, -bläst auf der Hirtenflöte. Die Statue Neptuns, -des meerbeherrschenden Gottes, ist leider nur noch ein -Torso. Einem Marmorbild der Venus, die in der Stellung -der medizäischen zu Florenz dargestellt ist und durch -sorgfältige Ausführung und edle Verhältnisse eines der -herrlichsten Stücke der Sammlung bildet, fehlt leider das -Haupt. Ein allerdings entzückend schöner Venuskopf, der -auf einer nahen Säule aufgestellt ist, entschädigt nicht -ganz für das fehlende.</p> - -<p>Ein Gefühl des Mitleids mit den verstümmelten -Bildern will sich in die Seele des Beschauers schleichen; -denn, wenn auch gebrochen, sind sie doch nicht tot, sondern -reden kraft der ihnen innewohnenden Schönheit mächtig -zu seinem Gemüt.</p> - -<p>Verlassen wir nun die Säle, in deren Bildwerken sich -die Künstlerschaft der antiken Meister noch in den Fragmenten -so achtunggebietend offenbart, und treten wir in -die Räume, wo die Anticaglien, jene zumeist in den -Gräbern gefundenen zierlichen Werke der Kleintechnik -hinter Glas und Rahmen liegen. Sie sind in ihrer Art -nicht weniger interessant als der Marmorprunk der durchwanderten -Gemächer.</p> - -<p>Eine Menge dieser kleinen Sachen führt ins altaquilejensische<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span> -Haus. Es sind bronzene Nägel und Nadeln, -Griffel, die zum Schreiben auf die Wachstafeln dienten, -Zirkel, Lote, Schnellwagen, Gewichte, Schlüssel, und -einige Messer da. Besonders schön ist eine Sammlung -arretinischen Tischgeschirrs aus korallenrot gefärbter Terrakotta, -die mit ihren zierlichen Reliefs in den Oberflächen -gewiß einst den Stolz eines tafelfreudigen Aquilejensers -gebildet. Tonplatten, welche in erhobener Arbeit Szenen -aus der Mythologie oder dem täglichen Leben darstellen, -schmückten, ähnlich wie unsere Gemälde, die Zimmerwände. -Mannigfaltig ist die Ausstellung von Tonlampen, die, -selten eines Reliefschmuckes entbehrend, bald zierliche Traghenkel, -bald eine Einrichtung zum Aufhängen zeigen und -manchmal für mehrere Dochte zugleich eingerichtet sind.</p> - -<p>Manche derselben tragen eine Inschrift, häufig einen -Glückwunsch zum Jahreswechsel. Einige dieser Neujahrslampen, -mit denen man seine Freunde zu beschenken pflegte, -sind von zierlicher Schönheit und entfalten in Reliefdarstellung -diejenigen Gaben, die der Geber dem Beschenkten -wünschte: Feigen, Kuchen oder Münzen. Eine -der schönsten stellt eine Siegesgöttin dar, die auf erhabenem -Schilde die Inschrift: »<em class="antiqua">Annum novum faustum -felicem mihi</em>« trägt.</p> - -<p>Allerliebste Tonfigürchen waren die Puppen der aquilejensischen -Kinder. An den bittern Ernst des Lebens -erinnern eine Menge Tränenfläschchen, die mit wohlriechenden -Salben gefüllt, von den Alten in die brennenden -Totenfeuer geworfen oder in die Gräber gelegt wurden. -Den größten Reichtum der Anticagliensammlung indes<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -bilden die vielen Schmuck- und Nippsachen: geschnittene -Steine von Karneol, Jaspis, Onyx, in welche Szenen -aus der Mythologie, aus dem täglichen Leben oder Tierbilder -eingegraben sind. Bernsteinfigürchen, Haftnadeln -und zierliche Statuetten aus Bronze, sehr große Fingerringe -von Gold und Silber, die in der Stärke, wie sie -da sind, nur als Totenschmuck gedient haben können, und -endlich eine Menge Kaiser- und Familienmünzen.</p> - -<p>So prangt nach anderthalb Jahrtausenden noch der -aquilejensische Luxus, das reiche, häusliche Leben. Allein -mitten in unsre Bewunderung für das Kunstschöne, das -sich an diesem Wohlleben so reich entwickelt, erinnert uns -die Inschrift, die wir auf einem Ziegel lesen: »<em class="antiqua">Cave -malum, si non raseris lateres sexcentos; si raseris, -minus malum formidabile</em>«: »Wenn du nicht sechshundert -Ziegel verfertigst, so hüte dich vor einem Übel; -verfertigst du sie, so wird das Übel weniger groß sein«, -daran, daß die ganze Kultur des Altertums, die ganze -römische Herrlichkeit auf einem sozialen Institute beruhte, -von dessen Härte und Grausamkeit wir uns mit Abscheu -wenden, auf der Sklaverei.</p> - -<p>Das ist der schwarze Punkt im lichten Bild der Antike. -Aus der Sklaverei hat das Altertum Jahrhunderte lang -seine Stärke geschöpft; an der Sklaverei ist es gestorben. -Hätte im römischen Reich, als der Völkersturm durch -Europa wogte, eine gewaltige Volksmasse, die nichts zu -verlieren, wohl aber manches zu gewinnen hatte, nicht -sympathielos das Alte stürzen sehen, sondern ihre Wucht -mit derjenigen der Kriegsheere in die Wagschale der<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -Geschicke geworfen, dann wäre es nicht zu schwer gewesen, -den schönen Süden vor dem Schrecken der eindringenden -Barbaren zu bewahren.</p> - -<p>Aquileja fiel. Nach ihm fiel Rom. Allein dort wie -hier rang sich aus dem Schoß des untergehenden Altertums -eine neue Welt: das Christentum. Dieses hat um -die gewaltige Metropole des römischen Reichs mit dem -kräftig aufstrebenden Papsttum einen neuen, die Völker -blendenden Glanz gewoben; als ein heller Stern hat es -auch über dem zerstörten Aquileja gestrahlt. Der herrliche -Dom und sein stolzer Campanile, der in wahrhaft -majestätischer Größe über die Hütten des modernen Aquileja -steigt, zeugen dafür.</p> - -<p>Nur Rom selber kann sich rühmen, eine um wenige -Jahre ältere Pflanzstätte der christlichen Idee gewesen zu -sein, als Aquileja. Aus dem Blut überzeugungstreuer -Märtyrer und aus einer Reihe wilder Verfolgungen -heraus wuchs hier mitten im rauschenden Taumel des -sich verzehrenden Römertums eine starke Anhängergemeinde, -und als Konstantin die Göttertempel schließen ließ, hielt -das Evangelium von Aquileja aus seinen Siegeszug in -die norditalischen Lande und in die Alpen, so daß die -Stadt als ein Mittelpunkt christlichen Lebens galt. Ihre -Bischöfe genossen so hohes Ansehen, daß sie nach dem -Papst als die ersten in der Christenheit gefeiert wurden -und an den Kirchenversammlungen zu Rechten desselben -saßen. Sie nannten sich Patriarchen.</p> - -<p>Um die Wende des Jahrtausends lächelte Aquileja -noch einmal etwas wie Gedeihen und Entwicklung. Nachdem<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -schon seine Vorgänger die Grundsteine dazu gelegt, bildete -und festigte sich unter Popo, dem tatkräftigsten der -aquilejensischen Kirchenfürsten, ein Staat eigenster Art, -das Patriarchat von Aquileja, dessen Herrscher folgenschwer -in die deutsche und italienische Geschichte, in jene gewaltigen -Kämpfe zwischen Kaiser und Papst eingegriffen haben, -indem sie bald den einen, bald den andern unterstützten.</p> - -<p>Allein der kurzdauernde Glanz dieses Kirchenstaates -glich doch mehr einem plötzlichen Aufflackern als einer -ruhigen Entwicklung. Schon zwei Jahrhunderte nach -Popo, der die Ländereien vom Po bis an die ungarische -Grenze in seine geistliche, das Friaul, Istrien und Krain -in seine weltliche Machtsphäre gezogen hatte, begann der -Verfall. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts -siedelten die Geistlichen von Aquileja, dessen Klima sich -infolge mangelhafter Instandhaltung der Wasserläufe und -säkulärer Senkungen sehr verschlechtert hatte, nach Udine -über, und nachdem Venedig und Österreich die Gebiete -des Patriarchats an sich gezogen, nachdem der Papst das -Erzbistum aufgehoben und dafür dasjenige von Udine -und Görz gegründet hatte, erlosch der letzte Schein der -zweiten Glorie, die über dem Tieflandsorte aufgegangen -war. Aquileja sank und sank. Im Anfang des 17. Jahrhunderts -sollen daselbst nur noch 35 Fischerfamilien gelebt -haben. Tiefer kann ein Ort, der einst gegen eine halbe -Million Einwohner zählte, wohl nicht erniedrigt werden.</p> - -<p>Allein noch steigt der altersgraue Dom mit seinem -gewaltigen Campanile über die Flur. Er hat nichts -gemein mit den kleinen Hütten, die ihn umstehen; er ragt<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -in stolzer Vereinsamung in der prosaischen Gegenwart; -er träumt von alter Patriarchenherrlichkeit; er träumt -weit zurück in das jugendliche Christentum, denn während -fünfzehn Jahrhunderten hat er den Gang der christlichen -Religion gesehen.</p> - -<p>Als wir in der Frühe jenes schönen Morgens, der -uns zu unserer Fahrt durch die Campagnen geleuchtet, in -das große Gotteshaus eintraten, las eben ein blutjunger -Priester von kleiner, schmächtiger Gestalt die Messe. Eine -kleine Schar buntgeschmückter Weiber, sowie einige Koloni -knieten vor dem Altar und hörten dem in einförmigen -Kadenzen durch die Halle tönenden Meßgemurmel zu.</p> - -<p>Der junge Priester, das bißchen Volk, die bäuerlichen -Meßknaben, sie verschwanden fast in der Weite des feierlichen, -von einundfünfzig Fenstern mit Licht vollauf gesättigten -Raums.</p> - -<p>Der Fußboden des Domes, unter dessen Platten die -Patriarchen in ihren Grüften den Schlaf der Gerechten -schlafen, liegt fast einen Meter tiefer als die äußere Umgebung -des Gottshauses. Um so viel hat sich die letztere -von der Zeit, wo man den Dom baute, bis jetzt erhöht.</p> - -<p>Die Baukunst von fünfzehn Jahrhunderten in sich -vereinend, gehört die Basilika wesentlich dem romanischen -Stil an. Ihre Grundform bildet ein Kreuz, dessen -Stamm 70 Meter lang und 29 Meter breit ist, während -der Querraum nur 43 Meter mißt. Der aus fünf -Bogenabteilungen bestehende, netzartige Plafond des Mittelschiffes, -welches bedeutend höher als die Seitenschiffe ist, -ragt 22 Meter über den Fußboden empor.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p> - -<p>Je fünf Säulen, die durch Spitzbogen unter sich verbunden -sind, trennen das Mittelschiff von den Seitenschiffen. -Sie verraten die Kirche als ein Epigonenwerk. -Ihre an Dicke und Höhe verschiedenen granitnen oder -marmornen Schäfte, von denen einigen mit Unterlagen -hatte nachgeholfen werden müssen, beweisen deutlich, daß -man als Material zum Bau einfach die Ruinen des -römischen Aquileja verwendet hat.</p> - -<p>Während wir das schmucklose, aber erhabene Innere -der Kirche besichtigten, ging die Messe zu Ende. Wir -baten den jungen Priester, uns die Krypta, die unter dem -Chor liegende Unterkirche zeigen zu lassen, und zuvorkommend -übernahm er selbst den Führerdienst.</p> - -<p>Als wir durch einen halbdunklen Gang in diese Krypta -niederstiegen, mahnte es mich an die Kasemattengänge -einer Festung; allein um wie viel älter sind diese ehrwürdigen -Mauern als die älteste Burg; denn sie wie die -Krypta stammen noch aus der Zeit vor dem Hunnensturme, -vom ersten Kirchenbau Aquilejas her.</p> - -<p>Rohe Säulen mit sehr einfachen Kapitälen, aber ohne -Sockel, stützen die in runden Halbbogen sich wölbende -Decke. Fünf kleine, halbrunde Fenster verbreiten in dem -kühlen, moderigen Raum ein geheimnisvolles Halbdunkel, -das von den uralten, kunstlosen Malereien, welche Wände -und Wölbung bedecken, nur wenig erkennen läßt. In der -Mitte dieser unterirdischen Kapelle steht ein großer Sarkophag, -der einst die Knochen des heiligen Hermagoras, -des ersten Bischofs von Aquileja, enthielt. In den vielen -Kriegen sind die heiligen Gebeine gestohlen worden. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span> -junge Führer sprach sich sehr bedauernd darüber aus; -wir aber atmeten auf, als wir wieder in die gute Luft -der Oberkirche kamen.</p> - -<p>Auf der Westseite des Domes steht eine andere, die -Heidenkirche, die <em class="antiqua">chiesa dei pagani</em>, ein öder, vernachlässigter -Bau aus jener frühen Zeit unmittelbar vor der -letzten Christenverfolgung.</p> - -<p>Interessanter ist das darangebaute Baptisterium, eine -Taufhalle, wie aus der christlichen Vorzeit nur wenige -auf uns gekommen sind. In einem achteckigen Hofe steht -ein sechsseitiges, geräumiges Taufbecken, in das der Täufling -über drei große Stufen hinabstieg. Wenn das Becken -gefüllt war, reichte das Wasser einem Erwachsenen bis -über die Brust hinauf, und durch dreimaliges Untertauchen -vollzog sich die symbolische Handlung.</p> - -<p>Auf der Südseite des Domes stehen als letzte Reste -des Patriarchenpalastes zwei stark verwitterte, mächtige -Säulen; auf der Nordseite aber ragt der aus den Quadern -des römischen Amphitheaters von Popo erbaute, 72 Meter -hohe, freistehende Glockenturm empor. An der südlichen -Flanke, eines breiten, aus Römerzeit stammenden Grundbaues, -führt eine Freitreppe in den eigentlichen Turm -hinauf. Ein junges Weib geleitete uns die hundertacht -beschwerlichen Stufen, die von schießschartigen Löchern nur -schlecht beleuchtet sind, zur Glockenstube empor.</p> - -<p>Da oben ist's wundervoll! Die Aussicht ist zwar -nur aus wenigen Elementen zusammengesetzt, der endlosen, -grünen Flur, dem unbegrenzten blauen Meer, den fernen, -verschwimmenden Küsten von Istrien, den fernen, blassen<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -Alpen, dem düster dämmernden Markusturm von Venedig. -Fast fehlt es dem Bild an Linien; aber unsäglich schön -ist der Luftton, halb Schleier, halb Klarheit!</p> - -<p>Tief unter uns liegt das kleine, unscheinbare Aquileja -im Morgensonnenglanze; hoch über uns wölbt sich ein -Himmel, wie es nur einen gibt auf der Erde, den italienischen, -der so dunkel, so strahlend ist, wie das Auge -der Italienerin.</p> - -<p>So war dieser Himmel schon, als die Römer über -die Gefilde wandelten, und feuchte Augen haben schon -damals in der Not der Seele aufgeblickt zum Firmament; -auf unserm Stern aber waltet das Schicksal. Aquileja -– »gezählt, gewogen und geteilt!«</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/chap-end.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Lagune_von_Grado"> -<img src="images/illu-073.png" alt="" /><br /> -Die Lagune von Grado.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div> -<p class="drop">In einem halben Tag hat man zu Aquileja alles gesehen, -was zu sehen ist, den Patriarchendom und die Rundsicht -auf dem Campanile, die Antikensammlung und den Stall -Moschettini. Ist man dazu ein paar Mal durch die -wenigen Straßen spaziert, an denen in losen, kurzen Häuserzeilen -das moderne Aquileja steht, ist man da und dort -bei einem besonders zierlichen Relief still gestanden, das -ein in seiner Art kunstsinniger Bauer in die Front seiner -Hütte hat einmauern lassen, hat man über die Umfassungsmauern -in einige kleine Gärten geblickt, in deren Pflanzengrün -halb versteckt hübsche private Sammlungen enthalten -sind, hat man gesehen, wie die Schweine aus antiken -Sarkophagen, Katzen und Hühner aus antiken Graburnen -fressen, dann hat man in der Tat alles gesehen, was das -moderne Aquileja dem Fremden bieten kann. – Auch -bei einem zweiten Besuch habe ich in dem großen -geplünderten Römerkirchhof nicht mehr entdeckt. Also -»<em class="antiqua">partiamo!</em>«</p> - -<p>Der Kutscher warf sich in die Brust und knallte -gewaltig, als wollte er die alten Aquilejenser aus dem<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -Schlafe wecken; wir flogen südwärts über das ebene Land -nach Beligna und Belvedere ungefähr eine Stunde Wegs -durch einen dunklen Ackergrund, dessen Boden so fein ist, -als wäre er durch ein Sieb gegangen.</p> - -<p>Waren hier die Gartenpaläste der Reichen; war hier -die Nekropolis des ehemaligen Aquileja? Man sagt das -eine und das andere, vielleicht ist keines wahr; hingegen -weiß man, daß zu Beligna ein feierlicher Tempel des -Sonnengottes Belenus stand, zu Belvedere ein römisches -Arsenal war und eine Kolossalstatue mit brennender Fackel -auf das Meer hinausleuchtete.</p> - -<p>Wir wollten nach Grado, jener kleinen Inselstadt, -hinüberfahren, deren Namen sich mit Aquileja derart verschwistert -hat, daß man den Namen der einen nicht nennen -kann, ohne der andern zu gedenken, daß die beiden, in -Glück und Unglück schicksalsverwandt, zusammengehören -wie das Dioskurenpaar im Mythus der Hellenen.</p> - -<p>Bei dem Dorfe Belvedere erstirbt die Campagna im -Dünensand; die gute Straße geht aus; die Räder sinken -tief in den beweglichen Grund, die Gräser weichen dem -Salzkraut, dem Meerginster und wie die Gewächse des -Hallophytengeschlechtes heißen, die oft mit seltsamen, fettkrautartigen -Bildungen den Strand überwuchern. Noch -ein Viertelstündchen, und wir sind an der Lagune.</p> - -<p>Da steht, wie ein Stück Ideallandschaft anzuschauen, -auf einem Dünenrücken ein nicht gar großer, aber alter -Pinienwald, der mit seinen breiten, dunkeln Schirmen das -Lagunenbild wundersam verschönt. Die Pineta, sagt man, -sei nur ein Rest eines Piniengürtels, der im Altertum<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span> -die ganze adriatische Nordküste umschlang. Wenn das -richtig ist, dann ist dieses weite Meerufer um einen seiner -herrlichsten Reize ärmer geworden.</p> - -<p>Als wir wenig nach Mittag am Strande ankamen, -war die Barke, die wir von Aquileja aus telegraphisch -in Grado bestellt, mit zwei tiefbraunen Gradoneserfischern -schon an Ort und Stelle; die Lagune aber bot den seltsamsten -Anblick, den man sich denken kann.</p> - -<p>Es herrschte tiefe Ebbe. Vom Land her strömten die -Wässerlein, welche sonst die Niederungen bei Belvedere -mit einem braunen Brackwasser füllen, in eiliger Hast, -wie Kinder in den Schoß der Mutter fliehen, dem zurückweichenden -Meere nach und furchten Dutzende von Rinnen -in den grauen Lagunenschlamm. Die breiten Sandrücken, -die vom Meer zurückgelassenen Tümpel und Lachen durchsetzten -sich derart, daß man nicht sagen konnte, überwog -die See das Land oder dieses die See. Es war ein -interessantes Etwas, das niemand gefallen konnte als den -Amphibien, den sich sonnenden Wasserschlangen und den -im Schlamm steckenden Schildkröten. Selbst der Menge -von Krustentieren, den Taschenkrebsen und Langschwänzern, -die neben vielen kleinern und größern Muscheln den Schlamm -bedeckten und hundert vergebliche Versuche machten, kriechend -oder springend ihr natürliches Element zu erreichen, schien -die Gegend schlecht zu bekommen. Man konnte es in der -Tat für gleich unmöglich halten, zu Fuß oder zu Schiff -nach Grado überzusetzen, dessen Häuser klar und fast zum -Erlangen nah über die Lagune schimmerten; denn für das -eine war zu wenig Land, für das andere zu wenig Wasser.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p> - -<p>Allein, was will eine Landratte urteilen! – Unsere -Gradoneserfischer stachelten ohne viel Besinnen die Barke -durch den flüssigen Schlamm, bis wir in einen jener -Kanäle kamen, die sich wie Flußbette in vielen Windungen -durch den Lagunenboden ziehen.</p> - -<p>An eine direkte Fahrt nach Grado war nicht zu denken. -Wir fuhren statt nach Süden weit ostwärts gegen die -kleine Insel Barbana hinunter, wo einige feierliche Zypressen -um eine alte Wallfahrtskirche stehn. Diese soll sich laut -Legende da erheben, wo nach jener furchtbaren Naturkatastrophe -vom Jahre 585 Schiffer ein auf den Wellen -treibendes hölzernes Marienbild fanden, das heute noch -wundertätig alljährlich Pilgerflotten von 30 000 bis 40 000 -Wallfahrern nach Barbana lockt.</p> - -<p>Bald einer Sandbarre ausweichend, bald über eine -hinschleifend, bald durch Meergras und Binsen wogend, -änderte die Barke jeden Augenblick ihren Kurs, so daß -wir auf unserer fast dreistündigen Fahrt nach Grado -mindestens die zwiefache Strecke zurücklegten und es fast -unmöglich schien, nach dem durch seine Nähe neckenden -Städtchen zu gelangen.</p> - -<p>Es wäre etwas Mißliches um eine solche Fahrt im -Zickzack, böte sie nicht ein ganz ungewöhnliches landschaftliches -Interesse dar. Ein Lido flacher, grüner Inseln umschließt -die Lagunen, und zwischen ihnen durch schimmert -scheinbar erhöht der Azur des offnen Meers, das leistönend -seine Wellen in den Lagunenfrieden treibt. Dazu -zieht sich von der Isonzomündung bis gegen Grado hin -ein vielfach vom Meer durchbrochener und unterwaschener<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span> -Dünenzug, dessen einzelne steilabstürzende Hügel wie riesige -Blockhäuser aus der wogenden See aufsteigen.</p> - -<p>Die kleine Inselstadt, die grünen, flachen Inseln des -Lido, der Ausblick auf die offene See, die fernen Dünenpalisaden -geben zusammen der Landschaft ein seltsam -Reizvolles, das weniger schön als merkwürdig ist. Der -Schaffensdrang der umgestaltenden Natur offenbart sich -vielleicht nirgends gewaltiger als am Meeresstrand.</p> - -<p>Zweifellos war jener Dünenzug, dessen ruinenhafte -Hügel dem Zusammensturz nahe scheinen, vor Zeiten eine -geschlossene Sandbarre, und noch in römischer Ära muß -die Lagune ganz anders ausgesehen haben als in unsern -Tagen. Von Istrien, wo ein ehemaliger Stadtteil von -Parenzo in der See versank, bis nach Venedig, wo im -Gang der Jahrhunderte die unterirdischen Räume der -Markuskirche ins Wasser zu stehen kamen, bemerkt man -die Folgen einer säkularen Senkung des Bodens. Diese -beträgt im Bereich der furlanischen Küste zwei Meter, -und bei der Flachheit des Strandes hat sie dem Meer -die Herrschaft über weite ehemalige Landstriche eingetragen. -So kommt es, daß die Inseln des Lido, welche in der -römischen Zeit mit Werkstätten für den Schiffsbau und -Hafenanstalten jeder Art dicht besetzt waren, viel kleiner -geworden sind, daß an der Stelle der ehemaligen Inselwälder, -wo noch die Dogen Venedigs des Weidwerks -pflogen, an der Stelle, wo der Pflug des mittelalterlichen -Bauers den Acker furchte und das Vieh auf fetten -Gründen weidete, die Lagunenwelle im Röhricht <span id="corr077">plätschert</span> -und von den zahlreichen Eilanden, Grado ausgenommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span> -keines mehr dem Menschen eine dauernde Wohnstätte bietet. -So kommt es, daß große Strecken landeinwärts gegen -Aquileja, welche früher in der Pflanzenüppigkeit der -Campagna prangten, Meersumpf geworden sind, daß Mauerreste -und Inschriftensteine, Mosaikböden und Lager von -Amphoren, in welchen die Römer den Wein aufzubewahren -pflegten, im Grund der Lagune und der Meersümpfe -liegen.</p> - -<p>Man sagt, daß zur Blütezeit Aquilejas ein Damm -von Belvedere nach Grado hinüber geführt habe. Vielleicht -im Angedenken der ehemaligen Schönheit dieser Landschaft -ist ein großartiges Projekt aufgetaucht: die ganze Lagune -von der Isonzomündung bis zur italienischen Grenze, also -auf eine Strecke von 30 Kilometern, durch Dämme, die -sich von einer Lidoinsel zur andern ziehen, gegen die See -abzuschließen, die Lagune selber durch Maschinen zu entwässern -und ein Gebiet von sechzig Quadratkilometern -Meer in Kulturland umzuschaffen.</p> - -<p>Allein dem schöngedachten Plan eines »adriatischen -Hollands« mit Polderwerken und fetten Marschen, wo ein -glückliches Volk, den Niederländern nacheifernd, auf altem -Meergrund seine Felder baut, haftet der eine große Fehler -an, daß es auf den griechischen Kalenden steht. Selbst -für jenen andern, ungleich bescheidenern, jene Dammverbindung -von Grado und Belvedere zu erneuern, lebt, -obwohl die Existenzfähigkeit des Lagunenstädtchens eng -damit verknüpft ist, in den Kreisen, die ihn vermöge ihrer -sozialen Stellung zu einer allgemeinen Landessache machen -könnten, wenig Sinn.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p> - -<p>Der Gedanke an Italien, das nur eine Gelegenheit -abwartet, wo die Heere Österreichs anderwärts gebunden -sind, um eine Erweiterung seiner Grenzen bis an den -Golf von Triest oder sogar drüberhin zu versuchen, und -die Möglichkeit eines Erfolges legt in Finanzkreisen jede -größere Unternehmung im untern Friaul lahm.</p> - -<p>Bei Barbana nahm unsere Barke eine ziemlich gerade -Richtung nach Grado. Auf vielen der binsenumwachsenen, -niedrigen Sandinseln, welche sich längs der Lagunenkanäle -hinziehen, standen zeltartige Schilfhütten. Das sind die -Sommerfrischen gradonesischer Fischer, und wie eine -Robinsonade mutet das Leben des Inselvölkleins an. -Malerisch verwilderte Männergestalten besserten ihre Netze -aus oder legten sie zum Trocknen an die Sonne, bronzefarbene -Weiber schabten die gefangenen Fische, und junge -Burschen und Mädchen wälzten sich kichernd und halbnackt -in den Binsen.</p> - -<p>Oft hat – ich weiß nicht durch welche Ideenassoziation -– der Anblick irgend einer Meerlandschaft in mir die -Erinnerung an Hochgebirgsszenen wachgerufen, und als -ich die rauchgeschwärzten Schilfhütten sah, die nur mit -einer offenen Feuerstelle, einem Binsenlager im Hintergrund -und einigen Holzklötzen zum Sitzen ausgestattet sind, -mußte ich unwillkürlich an jene letzten Hütten, die der -Mensch gegen die Grenzen des ewigen Schnees emporgebaut -hat, denken. Allein wie viel einfacher lebt noch -der adriatische Strandfischer, dessen ganzer Reichtum sein -Schilfzelt, sein Kahn, sein Netz und sein Segel ist, gegen -den letzten Sennen, der doch wenigstens noch jene Reihe<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -von Geräten, wie man sie zur Käsebereitung bedarf, in -seiner Alphütte birgt.</p> - -<p>Man sieht unter diesen Lagunenfischern und ihren -Weibern viele Gesichter von hoher natürlicher Intelligenz -und prächtig aufgeschlossenen Gesichtszügen und es lebt auch -ein großes Stück Selbstgefühl in diesen malerischen Gestalten.</p> - -<p>Fordert Ihnen ein Gradonese am Strand von Belvedere -fünf Gulden für die Überfahrt nach seiner Inselheimat -und bieten Sie ihm zwei, womit seine Arbeit vollauf -bezahlt wäre, eher kehrt er Ihnen den Rücken und fährt -allein in seine Lagunen zurück, um in einer Woche mühsamer -Fischerei die zwei Gulden nicht zu verdienen, als daß er -auf Ihren durchaus billigen Vorschlag eingehe; er läßt -nicht mit sich markten.</p> - -<p>Allein nicht minder groß als ihr Selbstgefühl ist ihre -Gleichgültigkeit; sie sind wahre Diogenesnaturen.</p> - -<p>Als wir bereits in der Nähe von Grado waren, -mußten unsere zwei Barkenführer noch eine lange, schmale -Sandbarre umrudern.</p> - -<p>»Warum«, fragten wir einen derselben, »haben Sie -denn diese Bank nicht längst durchstochen; es kürzte ja den -Weg ungemein?«</p> - -<p>»Wer soll es machen?« antwortete er schulternzuckend.</p> - -<p>»Diese Arbeit von einem oder zwei Tagen, wir denken -Sie oder Ihre Gefährten oder die Stadt Grado«, sagten wir.</p> - -<p>»Das Meer hat diesen Sand daher gespült«, erklärte -er nun; »unsere Väter sind schon um denselben her gefahren; -wir machen es ebenso; soll der Sand weg, dann mag -ihn das Meer wegschaffen – es wäre uns allerdings recht.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p> - -<p>Wir bemühten uns nicht weiter, dem Manne die Vorteile -einiger Spatenstiche klar zu machen; wir fuhren an einigen -venetianischen Booten, die bei der Schlammbank in Quarantäne -standen und mit der Wäsche ihrer Mannschaft beflaggt -waren, vorbei, und ein kleines Weilchen später waren wir -nach zweieinhalbstündiger Fahrt im Hafen von Grado, -der schicksalsreichen Inselstadt.</p> - -<p>Zur Blütezeit Aquilejas war Grado das Herz des -aquilejensischen Seelebens, der Mittelpunkt der Flottenstation -und zugleich der Angelpunkt des aquilejensischen Urchristentums, -den eine ganze Mätyrerschar, darunter viele Jungfrauen, -mit ihrem Blute weihten.</p> - -<p>Dann wurde das Laguneneiland Port und Asyl der -heimatlosen Aquilejenser. Wie mag das Wehegeschrei der -Frauen und Kinder durch das kleine Inselland gehallt -haben, als über den Meeresarm her der Lärm und das -Getöse des Hunnensturms erscholl, als aus der glänzenden -Heimatstadt die Feuerlohe zum Himmel schlug, als das erste -wunde Kriegerhäuflein, das sich durch die Hunnenscharen -geschlagen, an den Strand von Grado kam und auf die -hundert durcheinander schwirrenden Fragen todestraurig -die Antwort: »<em class="antiqua">Finis Aquilejae</em>« gab.</p> - -<p>Die schöne Aufgabe, ein Friedensport im Kriege zu -sein, hat Grado durch die ganze schwere Zeit der Völkerwanderung -gegenüber den Land- und Städtebewohnern -des Friauls erfüllt. Es war nicht sein Schaden; denn -»Neu-Aquileja«, wie sich der Ort im sechsten Jahrhundert -nannte, war, ehe dem venetianischen Löwen die Flügel -gar so mächtig wuchsen, der Vorort der Lagunenstädte.<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span> -Die mittelalterlichen Schriftsteller rühmen seine starken -Mauern und Türme, seine zahlreichen Kirchen und herrlichen -Paläste, und von der Festlandsstadt hatte es nicht nur -viele Kunstwerke, sondern auch einen Teil ihres blühenden -Handels geerbt.</p> - -<p>In der Hunnenzeit war auch der Patriarch von Aquileja -nach Grado geflohen. Seine Nachfolger hielten bald hier, -bald dort ihre Residenz, bis in jenen uns kaum mehr -verständlichen Streiten der orthodoxen Kirche gegen die -verschiedenen Schismen auf Grado ein Konkurrenzpatriarchat -zu demjenigen von Aquileja entstand, das, später auch -rechtgläubig geworden, erst nach fast tausendjährigem -Bestand von den Patriarchen des letztern aufgerieben wurde.</p> - -<p>Dann wurde es stiller und stiller auf dem Eiland; -die Bevölkerung verarmte im Laufe der Jahrhunderte; die -Insel wurde, von den Meereswogen zernagt, kleiner und -kleiner; die Stadtmauern stürzten ins Meer, und heute -ist Grado ein kleines Städtchen von 3000 Einwohnern, -deren Ackerfeld, Garten, Werkstätte, Vorratskammer, deren -ganzer Reichtum das Meer ist; denn die Gradonesen alle -sind Fischer.</p> - -<p>Das Städtchen ist grad so groß als die Insel, deren -Strandoval man in einem Viertelstündchen bequem umwandelt. -So freundlich es von der Lagune her aussieht, -so unreinlich ist es im Innern.</p> - -<p>Wie die Patriarchen von Aquileja sich in ihrem Dom -und dessen weitausschauendem Campanile ein Denkmal -errichteten, das ihre eigene Existenz um Jahrhunderte -überdauerte, sicherten sich diejenigen von Grado in der<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -Kathedrale Sant' Eufemia ein heut noch wohlerhaltenes -Monument. Ihr Äußeres wird freilich in seinem Eindruck -durch die umgebenden Häuser beeinträchtigt, und mit dem -stolzen Gotteshaus von Aquileja darf sie sich nicht messen; -aber ihr Inneres wetteifert an Alter und archäologischem -Wert mit dem Dom von Aquileja.</p> - -<p>Sonst bietet die kleine Stadt kaum etwas Sehenswertes; -doch ist ein Spaziergang auf dem neuen Damm, der die -Südseite des Städtchens zum Schutz gegen die Meereswogen -in einem Halbrund umzieht, von bedeutendem Reiz; -denn von seiner Höhe genießt man einen wundervollen -Blick auf die offene, in dunkelblauen Wellen pulsierende See.</p> - -<p>Dieser Damm und die an der Ostseite des Städtchens -liegende, erst kürzlich in leichtem Holzstil aufgeführte -Badeanstalt zeigen, daß Grado sich nicht willenlos in sein -dereinstiges Schicksal, vom Meer aufgefressen zu werden, -ergibt. Vorher möchte es noch eine Gesundheitsstation -ersten Ranges, ein adriatisches Rügen werden.</p> - -<p>Es hat seine dankbare Klientel, die vom Seebade -Grados entzückt ist. Sie spricht von seinem herrlichen -Wellenschlage, als ob das Meer nirgends mehr so lieblich -wogte, wie an diesem Strand, und findet den feinen, -weißen Sand unvergleichlich. Allein die dankbarste Kundschaft -ist die alljährliche wiederkehrende Kolonie einiger -hundert skrofulöser Kinder, welche die Städte Triest und -Graz auf das kleine Inselland in die Ferien senden.</p> - -<p>Diese armen, glücklichen Kinder untersuchen nicht; sie -baden, sie spielen und werden gesund. Die roten Wangen, -die lachenden Augen, sie sind die besten Anwälte für Grado.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p> - -<p>Allein so ein echter, rechter Kurort – eben ein adriatisches -Rügen – kann Grado doch nicht werden. Dazu -fehlt es an allem, an einer Promenade, wenn man nicht -den bei ruhiger Luft unangenehm ausdünstenden Strand -längs des Inseldammes dafür nehmen will, an Wohnungen, -denn das Städtchen ist von den eigenen Einwohnern -bereits übervölkert und an Platz für etwas ausgedehntere -Neubauten, wenn man nicht ein neues Grado in die -Lagunen hinaus gründen will.</p> - -<p>Wenn sich wenigstens nur etwas Baumgrün auf das -Inselland pflanzen ließe, damit das Auge etwas mehr hätte, -als das endlose Blau der See und des Himmels, den -südlichen Sonnenschein und die reflektierenden Mauern der -Stadt; allein alle Versuche, auf der Insel Bäume längere -Zeit zu erhalten, scheitern. Sie verderben in kurzer Zeit -an dem salzigen Grundwasser oder fallen, da ihnen der lockere -Inselsand keinen Halt gewährt, den Seewinden zum Opfer.</p> - -<p>Selbst das freundliche Bild grünender, blühender -Sträucher hat sich in einige ganz kleine Privatgärten, die -zwischen den Häusern des Städtchens eingeklemmt sind, -zurückgeflüchtet.</p> - -<p>Manches wird in Grado, um Kurgäste anzulocken, -noch getan werden können. Von all den kleinen Anfängen, -welche das Kurleben dort gezeitigt hat, schien uns die -Gründung einer deutschen Bierhalle das bedeutsamste -Ereignis. Wir haben es gewürdigt! Schäumender Gerstensaft, -ein blühendes Gärtchen, eine gute Kegelbahn; wer -wollte auf einem so kleinen Meereilande sich nicht damit -zufrieden geben!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p> - -<p>Als wir nach einem dreistündigen Aufenthalt in der -kleinen Inselstadt wieder unsere Fischer und unsere Barke -aufsuchten, bot die Lagune ein ganz anderes Bild, als -am Nachmittag. Die steigende Flut hatte die Sandbänke -mit dem Blau des Meerwassers bedeckt; nur einige der -höhern, auf welchen die Schilfhütten der Fischer standen, -ragten noch, zwar um vieles verkleinert, über die hereinbrechende -See. Die Gegend war kaum mehr zu erkennen. -Die Lagune gestattet jetzt eine fast geradlinige Fahrt von -Grado nach Belvedere; dazu schwellte ein angenehmer -Seewind das Segel. Glücklich schwebten wir über der -aus allen Tiefen emporquellenden Flut durch den schönen -Meeresabend, tranken dunkeln Wein von Monfalcone und -hellen von Gumboldskirch, aßen kaltes Geflügel und -italienische Rauchschinken, Vorräte, die wir alle der gütigen -Vorsorge unserer Hauswirtin verdankten, und sangen die -Lieder unserer Heimat dazu. Die niedergehende Sonne -zögerte noch ein Weilchen, als sie so fröhliche Menschen -sah. Ihre Strahlen glühten über der kleinen Fischerstadt. -Wir wünschten Grado, dem meerumschlungenen, viele -Kurgäste und noch manche Jahre gedeihlichen Daseins; -denn sterben muß es einmal doch. Wer es in tausend -Jahren besuchen will, findet vielleicht nichts mehr von dem -Eiland. Es sinkt und sinkt; die See nagt immerfort an -seinen Flanken; überall beißen sich die Wellen in seine -Ufer; Sandkorn um Sandkorn wird hinweggespült. Wenn -später einmal der Fischer mit seinem Kahn über die Stelle -fährt, dann faltet er die Hände und betet ein Requiem -über der versunkenen Stadt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p> - -<p>Als wir am Strand von Belvedere nach nicht viel -mehr als einstündiger Fahrt ankamen, versank die Sonne -rotgolden und groß in der venetianischen Tiefebene; als -die stillen Straßen Aquilejas vom Hufschlag unserer Pferde -widerhallten, hatte sich der Sternenschleier der südlichen -Nacht über den dämmernden Dom und den riesengroßen -Campanile gespannt; als wir durch die furlanische Campagna -nordwärts flogen, da stoben lichte Schwärme von -Leuchtkäfern in Büschen und Bäumen auf und erloschen -im Campagnenwald, und als wir in Monfalcone ankamen, -tanzte beim Klang der Trompete und den leidenschaftlichen -Tönen des Fagotts noch das junge Volk unter -den Kastanienbäumen. Qualmende Lichter warfen ihre -Strahlen auf die Gruppen; in geröteten Gesichtern und -in funkelnden Augen lag Liebesglut und Feuer des Südens.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/chap-end.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p> - -<h2 id="Im_Fruehling_von_Miramare"> -<img src="images/illu-087.png" alt="" /><br /> -Im Frühling von Miramare.</h2> -</div> -<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Wenn die junge Süderde im Lenzgeschmeide prangt, -wenn es in den adriatischen Gärten blüht und -duftet, dann pilgert der Naturfreund Triests hinaus zu -dem Marmelschloß von Miramare, das in sonniger, -märchenträumender Schönheit am innersten Golfe der -Adria prangt.</p> - -<p>Gedenk ich jener Stunden, wo ich im blühenden Burgfrieden -von Miramare die stillen Parkwege gewandelt, so -kommt wieder der ganze Zauber jener Meerlandschaft, zu -der sich wie im Heimweh nach der mütterlichen Flut der -Karst, der dunkle Tarnovanerwald und die julischen -Alpen mit ihren leuchtenden Berggesichtern niederdrängen, -über mich.</p> - -<p>Es ist von Monfalcone nach Miramare fünf Stunden -Wegs um das innerste Golfrund der Adria. Sie bieten -dem Wanderer das Schönste, was im Bereich dieses -Meeres liegt!</p> - -<p>Zwar weicht schon nach der ersten Wegstunde die -Campagna stagnierenden Reissümpfen; allein auch sie sind -nicht reizlos. Zwischen Sumpf und Meer steht, malerisch<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -an einen Felsrücken gelehnt, die altersgraue Kapelle Sant' -Antonio, welche alljährlich zur Frühlingszeit die Schiffer -der Umgebung zur Bootsweihe in ihre Räume sammelt. -Bereits im Sumpf erhebt sich ein hübsches, modernes -Gebäude, das Bad Monfalcone. In seinem Hof dringt -eine Schwefelquelle von 40 Grad Celsius aus dem Moorboden, -die mit dem Meere ebbt und flutet. In den -Gängen hangen die Krücken dankbarer Gichtbrüchiger, -die als Lahme gekommen und als Gesunde gegangen -sind. Die heilsame Quelle lockt allsommerlich eine kleine -Fremdenkolonie nach Monfalcone. Da das Badegebäude -wegen der fiebererregenden Dünste, welche am -Abend aus den Sümpfen aufsteigen, nicht bewohnt -werden kann, beleben die Badegäste die paar Gasthöfe -der Stadt. Regte sich hier der nämliche Unternehmungsgeist, -wie in manchen Tälern des Gebirges, so wäre -Monfalcone der Welt schon lange als ein südösterreichisches -Ragaz bekannt.</p> - -<p>Der Sumpf östlich vom Bad war um die Wende -unserer Zeitrechnung noch ein mit dem Meer zusammenhängender -Binnensee, in welchem hin und wieder eine -römische Flotte vor Anker lag. Jetzt schleicht vom Karste -her die Lokavaz, ein unheimliches, trübes Gewässer, durch -diese Gegend zum nahen Meer.</p> - -<p>Jenseits des Flusses liegt der merkwürdige Ort, wo -an der letzten innersten Bucht der Adria die lombardisch-venetianische -Tiefebene ausgeht, die Alpen mit ihren felsklippigen -Ausläufern sich ans Meerblau drängen, der -flache, reizlose Lagunenstrand des adriatischen Westens<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -den malerischen Felsenufern des Ostens weicht und sich -die östlichste, von der Romantik der Halbkultur umschleierte -große Halbinsel vom europäischen Festland löst.</p> - -<p>Es ist, als ob die Natur den Angelpunkt, wo sich Alpen, -Meer und Tiefland stoßen, der europäische Osten sich -vom Westen scheidet, selber mit einem ihrer herrlichsten -Wahrzeichen hätte schmücken wollen; denn da rauscht in -drei Quellen aus unerforschten Felsenschlünden der kürzeste -Strom Europas, der Timavo auf.</p> - -<p>Die altersgraue Kirche San Giovanni, eine Mühle, -deren Werke seit längerer Zeit ruhen, einige kleine Häuser -und etwas Grün schmücken die Quellen, und Barken -fahren bis an den Ursprung den langsam abfließenden -Strom hinauf, der sich schon nach wenigen Kilometern -Laufes in die Bläue des Meeres verliert.</p> - -<p>Seine Geschichte greift hinauf bis in die graue Sagenzeit, -und seine Wasser sind geweiht durch Argonautenzug -und Äneis. In einem heiligen Eichenhain stand an seinem -Ufer ein Tempel des Diomedes, der den Griechen im -Kampf gegen Troja mit achtzig Schiffen zu Hülfe gekommen -war, und später einer der Hera, der großäugigen, -lilienarmigen Göttin.</p> - -<p>Der Trimavus muß im Altertum, als er die damaligen -Schriftsteller und Dichter, einen Virgil, einen -Strabo, einen Plinius, Martial und Cornelius Nepos, -zum höchsten Staunen hinriß, noch ein ganz anderer gewesen -sein als in unserer Zeit; denn sie feiern ihn in -bewundernden Ausdrücken als die »Mutter des Meers«, -und der Sänger der Äneis meldet:</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»<em class="antiqua">… Per ora novem vasto cum murmure montis</em><br /></span> -<span class="i0"><em class="antiqua">It mare proruptum et pelago premit arva sonanti</em>«<a id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">[1]</a><br /></span> -</div></div> - -<div class="footnotes"> -<div class="footnote"> -<p><a id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">[1]</span></a> -</p> -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»… Durch neun Münde und unter dem Seufzen des Berges<br /></span> -<span class="i0">Bricht er ins Meer und peitscht mit tönender Woge die Felder.«<br /></span> -</div></div> -</div> -</div> - -<p>Neun Quellen, nach andern Schriftstellern auch zwölf, -hatte also damals der Timavus, und schauerlich großartig -trat er zu Tage – heute ist er bis auf drei versiegt. -Dennoch tritt auch jetzt noch der Wanderer mit einer -gewissen Ehrfurcht an den seltsamen Fluß, der mit immer -noch starker Wasserfülle als ein herrliches Naturrätsel von -dannen strömt.</p> - -<p>Naturrätsel! Wenn das Rätsellösen so viel bedeutet, -als an die Stelle des einen ein anderes zu setzen, dann -ist auch der Timavo, seine einstige Wassergröße, seine -jetzige Kleinheit, dann sind seine Zuflüsse enträtselt.</p> - -<p>Eine scharfsinnige Hypothese bringt nämlich seinen -Wasserverlust mit der Bildung des Isonzo in Zusammenhang. -Dieser soll im Altertum bei Görz im Karst verschwunden -sein; allein im Mittelalter haben sich die unterirdischen -Verbindungskanäle dann verstopft, der Isonzo sei -nach Süden ausgebrochen, wodurch der jetzige Unterlauf -desselben entstand, der Timavus aber um eine Reihe von -Quellen verarmte.</p> - -<p>Diese Hypothese hat ungemein viel für sich. Noch heute -existiert zwischen der Wippach und dem See Dobredo ein -Zusammenhang; denn bei großen Wasserständen des Flusses -steigt auch der See, und heute noch hört man in der -Grotte von Jaminiano das Rauschen unterirdischer Wasser, -die in der Richtung gegen Timavo abfließen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p> - -<p>Seinen jetzigen Hauptzufluß – das steht ganz außer -Zweifel – erhält der Timavo von der Reka, einem -Karstwasser, das sich bei San Canziano ein paar Stunden -gebirgseinwärts von Triest in eine Kalksteingrotte verliert. -Die Entfernung von San Canziano zum Timavo beträgt -über dreißig Kilometer. Man hat die Grotte, die sich -in unmittelbarer Nähe der Kirche des Dorfes zum Empfang -der Reka öffnet, eine Strecke weit erforscht. Es -soll, so sagen die Höhlenpioniere von Canziano, ein wunderbares, -unbeschreibliches Gefüge von Gängen, Hallen und -Erkern sein, durch welches sich die Reka windet, ein Seitenstück -zur Grotte von Adelsberg.</p> - -<p>Jenseits des Timavo beginnt die Straße mählich anzusteigen. -Da liegt zwischen ihr und dem Meer der -Wildpark von Duino, ein großer, dichter Terebinthenhain, -der ein beredtes Zeugnis dafür bildet, daß der Karst von -Natur aus kein kärglicher Boden ist, daß erst der Unverstand -der Menschen ihn zu der dürren Steinwüste -gemacht hat.</p> - -<p>Hinter dem Park ragen die altersgrauen, verwitterten -Mauern des Schlosses Duino auf hohen, malerisch zur -See abstürzenden Felsen auf …</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Es stand in alten Zeiten ein Schloß so hoch und hehr,<br /></span> -<span class="i0">Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Man muß unwillkürlich an diese Uhlandsverse denken, -wenn man die alte gewaltige Feste sieht. Man sagte -mir, es sei die größte am Mittelmeer! Uralt ist sie; -denn schon die Hohenstaufen haben auf ihren Italienfahrten -in Tybein, wie der alte, deutsche Name der Burg<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span> -lautet, gern gerastet; ja ihre Anfänge gehen bis in die -Römerzeit zurück. Es muß damals in dieser Gegend ein -vorzüglicher Wein gewachsen sein; denn Livia, die Gemahlin -des Augustus glaubte es diesem zu verdanken, daß sie -über die achtzig Jahre alt geworden ist.</p> - -<p>Landeinwärts vom Schloß bildet ein Dutzend dazu -gehöriger Pächterhütten eine kleine Ortschaft. In ihrer -Mitte ist das schwarze, ungemein feste Eingangstor zum -Schloß. Dieses selber besteht aus einem Gefüge von -Bauwerken aus verschiedenen Jahrhunderten, die sich alle -um einen dicken, viereckigen Turm drängen.</p> - -<p>Die gegenwärtige Besitzerin des Schlosses, eine Fürstin -Hohenlohe, hat die weitläufigen Gemächer desselben mit -vielen römischen Fundstücken, alt-venetianischen Holzschnitzwerken -und herrlichen Gemälden geschmückt, von denen -manche den besten italienischen Meistern angehören. Sie -ist selber eine Malerin von hohem Talent, und es kann -für eine Künstlerin in der Tat keinen Ort geben, wo -sich die Phantasie mehr befruchtet, als in dem sagen- -und efeuumrankten Schloß, vor dem das südliche Licht -über den Azur des Meeres zuckt und flutet. Achtzig -Meter steigen die zerrissenen Uferfelsen lotrecht von der -See auf, und in ihren Rissen grünt eine Vegetation, die -mit ihren Agaven und Kakteen an noch südlichere Gestade -erinnert.</p> - -<p>Auf einem grauen, verwaschenen Felsen in der See, -der durch ein zackiges Riff mit dem Festland verbunden -ist, liegen die Ruinen der Stammburg, Tore, Bogen und -Türme, durch welche das tiefe Blau des Himmels scheint;<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -ein ungemein malerisches Bild, wie denn das Meergestade -von Duino in seiner Art etwas einzig Schönes hat.</p> - -<p>In der Nähe ist eine kleine Sardellenfabrik und der -Hafen von Duino. Nichts Angenehmeres, als sich hier -hinausrudern zu lassen auf das träumende Meer, unter -dem Schloß hin und längs der steilen, zerrissenen Uferfelsen. -Hier wäre der Ort für eine südliche Lorelei! -Oben in einem Saal des Schlosses steht eine goldene -Harfe; allein ich vermute, daß sie, die wohl von Harfner -oder Harfnerin einst in Minneleid und Minnefreude geschlagen -worden, nun gute Ruhe hat.</p> - -<p>Und wie sollte eine Lorelei hier Stätte haben, wo -der Sterblichen Gewaltigster einer gedichtet hat. – Dante! -Man zeigt unter dem Schloß einen in die See vorspringenden -Felsen, welchen die Sage zu einem Lieblingsaufenthalt -des großen Florentiners weiht.</p> - -<p>Die Landschaft östlich vom Schloß mahnte mich etwas -an den Urnersee. Es ist wunderbar still da unten; nur -die prächtig gefärbten zierlichen Quallen, die in geselligen -Schwärmen durch die Meerflut ziehen und vor der nahenden -Barke fliehen, das Aufblinken sich tummelnder -Seefische und das Geschrei aus- und einfliegender Tauben -und Spyrschwalben, die ihre Geniste in den Löchern des -Felsensturzes haben, bringen etwas Leben in den strengen -Ernst des Ufers und das sonnige Lächeln des Meeres. -Drei Felsen, die aus dem Steilhang des Ufers treten, -heißen die »drei Altäre.«</p> - -<p>Die Bucht von Sistiana, ein reizendes Meeridyll, -legt eine Bresche in den Felsengürtel, der das Meer von<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span> -Duino umschlingt. An ihrem Eingang sieht man nach -Aurisina hinüber, das ein halbes Stündchen entfernt sein -mag. Dort steht das Maschinenhaus der Wasserversorgung -von Triest. Die Pumpwerke derselben schaffen das am -Meeresstrand den Felsen entquellende Wasser auf das -Plateau von Nabresina hinauf, das hundert Meter über -dem Seespiegel liegt.</p> - -<p>Bei Sistiana, wo eine Menge der Steine, die zum -Hafenbau von Triest verwendet worden sind, gebrochen -wurden, stiegen wir wieder hinauf auf die Straße Monfalcone-Triest. -Sie führt durch eine Landschaft vom echtesten -Karsttypus. Ringsum starrt ein Chaos zernagter Felsen, -wie aus dem Boden gewachsen, uns entgegen. Doch bilden -sie eine Menge, zum Teil großer Dolinen, seltsame, dem -Karst eigentümliche Gesteinskessel, deren Grund mit einer -üppigen Vegetationsdecke ausgeschlagen ist. Die Dolinen -sind ein ungemein liebliches Kontrastbild zu der Trostlosigkeit -der übrigen Landschaft; denn auf den Miniaturäckern, -die im Grund derselben liegen, gedeihen, dem -zerstörenden Hauch der Bora entrückt, die zuweilen mit -furchtbarer Gewalt über diese Gegend fegt, Wein und -Öl, Mandel und Feige wie drunten am Meer.</p> - -<p>In einem weiten Bogen überspannt ein Kolossaldamm -der österreichischen Südbahn das Küstenplateau, und durch -ein Tor dieser gewaltigen Baute gelangen wir in das -berühmte Steinbruchgebiet von Nabresina, dessen mattweißer -Marmor schon der Stolz des ehemaligen Aquileja -war und das heutige Wien mit den Prachtbauten der -Ringstraße schmückt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span></p> - -<p>Durch einen Bogen eines zweiten, sechshundert Meter -langen Bahnviaduktes gelangen wir nach Nabresina selbst, -einem slavischen Dorf, bei dessen Station sich aus der -Hauptlinie Venedig-Wien der Schienenstrang nach Triest -herauslöst, um sich längs der Ufer von Miramare in die -adriatische Handels- und Hafenstadt hinabzusenken.</p> - -<p>Nabresina und die mehr nach Osten vorgeschobenen -Dörfer Santa Croce und Prosecco sind beliebte Ausflugsziele -des nahen Triest, von dem die Straße in zahlreichen, -engen Windungen nach Prosecco emporklimmt, -fröhliche Stelldichein der lebenslustigen Jugend. Bei der -eingebornen Landbevölkerung hat sich noch eine hübsche -Mädchentracht, ein Schapel, ein weißes, geschmeidiges -Brusttuch und eine rote oder blaue Schürze, alles von -Seide und reich gestickt, erhalten. Es liegt etwas ungemein -Gutmütiges, mehr Trauriges als Fröhliches, mehr -Demütiges als Keckes in den Gesichtern ihrer Trägerinnen, -deren wasserblaue Augen und wenig belebte Züge scharf -gegen das ewig bewegliche Element und die Glutaugen -der italienischen Strandbewohnerinnen abstechen.</p> - -<p>Da sind wir auf der Höhe von Prosecco, jenem kühnen -Vorgebirg nächst Triest! »<em class="antiqua">Vedere e morire!</em>« Sieh's -und stirbt – So spricht der Neapolitaner von seiner -Stadt; allein schöner kann Neapel nicht sein, als der -Blick von Prosecco. Da steht man, schaut man, – und -schweigt!</p> - -<p>Tief zu unsern Füßen liegt wonnig und sonnig die -Adria, und weiße Segler ziehen nah und fern auf leuchtender -Flut. Etwas links baut sich, vom Mastenwald<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -seines Hafens emporsteigend, Triest an grünen Hügeln -auf. Über dem Golf von Capo d'Istria winkt Pirano -auf olivenreichem Vorgebirg herüber, während in blauender -Ferne Himmel und Meer eines ins andere übergehen. -Zur Rechten senkt sich steil eine Riviera von silbergrauen -Ölbäumen und dunkelgrünen Lorbeerwäldchen, von Rebengrün -und Myrtenhainen zur Punta Grignana ab, auf -deren äußerstem Vorsprung ein zu Stein gewordenes -Märchen, Schloß Miramare, aus einem Terebinthen- -und Lorbeerparke steigt. Noch weiter rückwärts gegen -Duino stürzen die Karstfelsen jäh und handlos zur blauen -Flut. Meerherüber grüßen die Pinien von Barbana, -Grado, die Inselstadt, der Campanile von Aquileja, die -Lagunen und in träumender, nordwestlicher Ferne die -julischen und italienischen Alpen.</p> - -<p>Allein das sind nur einige Fixpunkte; denn ein Bild -wie dasjenige von Prosecco läßt sich nicht wiedergeben; -es kann nur ein selbstgeschautes, kein übertragenes sein. -Was ich nicht zu beschreiben vermag, das ist der jäh -wirkende Zauber des Meerbilds, der Wandel der übers -Meer spielenden Sonnenlichter, jenes Geheimnisvolle, mit -dem eine fast grenzenlose Meerperspektive auf die Seele -wirkt und sie mit einem leisen Heimweh nach dem sonnigen -Hellas und den Märchen des Morgenlandes füllt.</p> - -<p>Zögernd scheiden wir von dem herrlichen Punkt, zögernd, -als könnte unserem Auge das schöne Bild mit den sonnigen -Weiten plötzlich entzogen werden, und steigen durch die -Weinberge von Prosecco, wo ein feuriger Schaumwein -wächst, durch hochromantische Felsenpartien, malerische<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span> -Kastanienwäldchen und Olivenhaine hinunter zur Südbahn, -welche von Triest aus an dem üppigen Küstenhang -das Plateau von Nabresina gewinnt, und hinunter zu -den Lustgärten von Miramare.</p> - -<p>Miramare! – Liegt nicht schon im Wort südlicher -Wohllaut? »Wunder des Meeres« heißt's zu deutsch, und -ein Wunder ist's, das Marmorschloß am Meer mit seinen -Gärten. Da rauschen die Pinien im lauen Wind, und -zierliche Wege ziehen drunter hin; da glänzen und duften -Myrte und Lorbeer; da schreitet man unterm grünen -Dach der Madeirareben, durch schattige Lauben und kühle -Grotten, an halbverborgenen Teichen, über welche die -Schwäne ihre Ringe ziehen, hinab zum Marmelpalast. -Fast zu üppig ist hier der Duft blühender Schlingpflanzen, -die über die Arkaden klettern. Die Kamelien blühen, die -wie aus Wachs gegossen im Weiß der Lilie und im Rot -der Rose prangen. Er ist einzig, der Kamelienflor von -Miramare. Da, auf der Gartenterrasse nächst dem Schloß, -wo herrliche Erzbilder auf ihren Postamenten stehen, wo -wehende Palmen mächtig auf zum Sonnenlichte streben, -mutet's den Wanderer märchenhaft an; da scheint eine -Fee ihren lieblichsten Träumen Gestalt verliehen zu haben; -da scheint alles gefeit gegen Sorge und Gram, gegen -Unglück und Tod; ein Eden, dieses Miramar!</p> - -<p>Und dennoch trauert Miramare! Es trauert um den -Erzherzog Max, seinen Schöpfer, der sich als ehemaliger -Statthalter des lombardisch-venetianischen Königreichs mit -freiheitlicher Gesinnung eine heute noch lebendige Sympathie -in den Herzen der Küstenbewohner erworben hat,<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -eine Sympathie, die mit schuld sein soll an der tragischen -Geschichte des hochbegabten Fürsten.</p> - -<p>Es war im Jahr 1856, in seinen Bräutigamstagen, -als Max auf der Punta Grignana Miramare, das in -normännischem Stil gehaltene Schloß, dessen heller Schein -so wundersam über das triestinische Golfrund leuchtet, und -die Parkanlagen schuf. Im folgenden Sommer führte er -sein junges Weib Charlotte, die schönheitsstrahlende, ehrgeizige -Belgierin, in den zauberhaften Meerpalast heim. -Er stand damals an der Schwelle der dreißiger Jahre -und war ein liebenswürdiger, hochgebildeter Mann, der -auf mannigfachen Reisen durch die gesamten Mittelmeerländer -und auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem ein -schönes Stück Welt gesehen hatte; sie eine kaum <span id="corr098">Siebenzehnjährige</span>, -mit allen Vorzügen einer ungewöhnlich tüchtigen -Bildung, dabei von ernstem, arbeitsamem Wesen, -aber auch von einem maßlosen Ehrgeiz. Das liberale -Österreich sah mit Hoffnungen auf das Paar, welche den -Neid der Wiener Hofburg herausforderten; denn Max -war um seiner persönlichen Ritterlichkeit und Liebenswürdigkeit -willen weitaus der volkstümlichste der Habsburger, -doch für einen Staatsmann von zu weichem -Naturell, und das hat denn auch die furchtbare Tragik -in sein Leben gewoben.</p> - -<p>Man kennt das »Trauerspiel« in Mexiko. Das Land -und die Ereignisse, welche damals zwei Welten in fieberhafter -Spannung hielten, sind zwar in den geschichtlichen -Hintergrund getreten; von den Hauptbeteiligten sind alle -tot: Kaiser Max, das Opfer, Napoleon, der Komödiant<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -und Verführer, Bazaine, das Werkzeug, Juarez, der großmütige -Feind, Lopez der Verräter, General Diaz, der -Scherge; nur eine lebt noch, wenn Irrsinn leben heißt, -Charlotte, die schöne ehrgeizige Belgierin. Auf dem Schloß -Tervueren bei Brüssel lebt sie noch.</p> - -<p>Allein wenn man auf den Parkwegen von Miramare -wandelt, wird einem die Geschichte, die Johannes Scherr -mit bitterer Ironie eine »Tragikomödie« nennt, wieder -neu, und die Toten stehen wieder auf.</p> - -<p>Es war im Jahr 1860, als Napoleon <em class="antiqua">III.</em> zum -erstenmal als Versucher an den Erzherzog herantrat und -ihm die Kaiserkrone von Mexiko anbot. Man kann von -Max zwar nicht sagen: »Versucht und verführt.« Nur -zögernd, erst am 10. April 1864, als zu Miramare -eine mexikanische Deputation erschien und ihm die Krone -namens des mexikanischen Volkes bot, nahm er sie; allein -er nahm sie, denn er war ehrgeizig, sein Weib Charlotte -noch mehr, und die kaiserlichen Verwandten, denen die -Volkstümlichkeit des Erzherzogs schon lange ein Dorn im -Auge gewesen war, hatten nichts dagegen einzuwenden.</p> - -<p>Vier Tage später sagten Maximilian und Charlotte -Miramare Lebewohl. Nie zuvor und nie später haben -sich in den Wegen der herrlichen Gärten so viel Menschen -bewegt, wie am Morgen des Scheidetags. Beim Einstieg -des kaiserlichen Paars ins Boot blieb kein Auge -trocken. Mit Recht! Was Max dem Küstenland gewesen, -das haben die folgenden Jahrzehnte in keiner Weise ersetzt.</p> - -<p>Unter einem Blumenregen, unter den Segenswünschen -des sich zudrängenden Volkes schritt das Paar zum kleinen<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -Hafen, und ein Boot, auf dem ein roter Sammet-Baldachin -aufgeschlagen war, führte es hinaus auf den Golf, -wo die »Novarra«, das Lieblingsschiff des Kaisers, im -Schmuck der Wimpel und Flaggen zur Aufnahme der kaiserlichen -Passagiere bereit stand.</p> - -<p>Dann donnerten die Kanonen; vom Ufer schollen die -»Lebewohl«; die »Novarra« fuhr, von dem französischen -Kriegsschiffe »Themis« begleitet, im Glanz des jungen -Frühlingsmorgens, beim klarsten Lächeln des südlichen -Himmels hinab gegen Pirano, bis sie am Horizont -verschwand. – Die »Novarra« ist wiedergekehrt, der -Kaiser nicht!</p> - -<p>Als Maximilian <em class="antiqua">I.</em> in Mexiko zu herrschen begann, -waren alle tüchtigen Elemente des von den Franzosen -vergewaltigten Volkes gegen ihn, den aufgezwungenen -Herrscher, eingenommen, und der Widerstand der Freisinnigen -trieb ihn in die Arme der Priesterpartei. Sie -verführte ihn zu dem Dekrete vom 3. Oktober 1865, -das seine mexikanischen Gegner für »vogelfrei und außer -dem Gesetze stehend« erklärte, Hunderte von patriotischen -Mexikanern dem Standrecht preisgab und im Land eine -furchtbare Erbitterung gegen den Kaiser erregte.</p> - -<p>Zudem hatten die amerikanischen Nordstaaten Maximilian -nie als Kaiser von Mexiko anerkannt, und als -diese über die rebellischen Südstaaten, die dem Kaiser -günstig gestimmt waren, gesiegt hatten, verlangte Johnson, -der Präsident der Union, von Frankreich, daß es seine -Truppen aus Mexiko zurückziehe.</p> - -<p>Vor seiner festen Sprache gab Napoleon nach; die<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -Zustände in Mexiko wurden immer unhaltbarer und im -Sommer des Jahres 1866 wollte Maximilian die mexikanische -Kaiserkrone ablegen. Allein Charlotte hielt die -Feder, welche diesem Entschluß Rechtskraft geben sollte, -zurück; denn der Kaiserinnentraum war für sie zu schön, -und sie verteidigte ihn mit einer Kraft, die einer bessern -Sache wert gewesen wäre. Zwei Tage nach diesem Ereignis -brach sie im fernen Mexiko nach Frankreich auf, -um Napoleon <em class="antiqua">III.</em> um Innehaltung seines Vertrages zu -bitten. Am 10. August kam sie in St. Cloud an und -erlangte, als sie der wortbrüchige Herrscher nicht vorließ, -mit Gewalt eine Unterredung mit ihm. Erst eine demütig -um Hülfe Bittende und, als der Kaiser hart blieb, eine -Furie, hat sie diesem Manne vielleicht das Bitterste gesagt, -was er aus Frauenmund je gehört hat.</p> - -<p>Vierzehn Tage später irrte sie, eine Verzweifelnde, -durch die Gemächer ihres Marmelpalastes am Meer; -Verzweiflung und Irrsinn peitschten sie wieder fort, nach -Rom zu den Füßen Pius <em class="antiqua">IX.</em> Dann kam sie wieder -nach Miramare, eine vollständig Wahnsinnige. Maximilian -hat sie nie mehr gesehen.</p> - -<p>Napoleon zog vertragsbrüchig Truppe um Truppe -aus Mexiko zurück, und nach vergeblichen Versuchen, -Maximilian zur Abdankung zu bewegen, überließ er ihn -seinem Schicksal.</p> - -<p>Eine Weile schien es, als wollte Maximilian, den -Tatsachen weichend, ernstlich den Rückzug vor den immer -mächtiger vordringenden republikanischen Heeren vorbereiten; -allein auf diesem Rückzug ereilte ihn in einer<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span> -einsamen Hazienda bei Orizaba eine Depesche, welche ihm -über das Schicksal seines Weibes Aufschluß gab.</p> - -<p>Niemand weiß nun recht, was im Hirn und Herzen -des unglücklichen Kaisers vorging; genug, Maximilian -kehrte um die Jahreswende 1866/67 in die Hauptstadt -Mexiko zurück, und am 15. Mai erreichte ihn, von den -republikanischen Heeren bis an die Grenze des Landes -hinausgedrängt, zu Queretaro das Verhängnis. Von -Oberst Miquel Lopez, einem Verwandten des Marschalls -Bazaine, um 10 000 Pesos verraten, gab Maximilian, -nachdem er das letzte Bollwerk, den Cerro de las -Campanas, mit einem Häuflein getreuer Österreicher -verteidigt, den Degen ab und war der Kriegsgefangene -der Republikaner.</p> - -<p>Ein Kriegsgericht von sieben Mann sollte über das -Los des Gefangenen entscheiden; die europäische Diplomatie -tat alles, um ihn zu retten; selbst Juarez, der feindliche -Anführer, wollte großmütig das Leben Maximilians -schonen. Allein der Fluch des Oktoberdekrets fiel auf -seinen Urheber zurück. In der Mitternacht des 14. Juni -wurden Maximilian <em class="antiqua">I.</em> und zwei seiner Generäle von dem -republikanischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt.</p> - -<p>Vier Tage später stand in der Morgenfrühe auf dem -Cerro de las Campanas ein Truppenviereck und in dessen -offener Seite Maximilian mit seinen zwei Generälen.</p> - -<p>Nachdem der Kaiser seinen letzten Besitz, eine Hand -voll Geld, die er bei sich trug, durch einen Unteroffizier -hatte verteilen lassen, rief er: »Möge mein Blut das -letzte sein, welches für das Vaterland geopfert wird …<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -Es lebe Mexiko … Auf die Brust! Zielt nach dem -Herzen! Zielt gut! … Arme Charlotte!«</p> - -<p>Unter dem Knattern der Gewehre, dem Wirbeln der -Trommeln, dem Klang der Hörner und unter den freudigen -Rufen der Mexikaner: »Freiheit und Unabhängigkeit!« -sanken die drei Männer auf den Grund …</p> - -<p>So starb Maximilian <em class="antiqua">I.</em> Ein Schrei der Entrüstung -ging durch Europa; aufrichtig betrauert aber und nicht -vergessen hat man Max nur an der Adria, im Küstenland.</p> - -<p>Seit er an jenem schönen Aprilmorgen auszog ins Kaiserelend, -steht das Lustschloß vereinsamt und verwaist. Selten, -und immer nur für wenige Tage, kehren die Glieder der kaiserlichen -Familie in die luxuriösen Hallen ein; es scheint ihnen -nicht wohl zu sein in den duftschwülen Gärten am Meer.</p> - -<p>Dafür wallt in blühender Sommerszeit der Naturschwärmer -und Künstler Triests zum Lustschloß Miramar.</p> - -<p>Treten auch wir jetzt durch den mit mittelalterlichen -Waffen geschmückten Korridor ins weite, helle Kaiserhaus, -an der Hauskapelle vorbei in die marmelverzierten Gemächer, -in die weite Bibliothek, wo die Büsten Homers, Dantes, -Shakespeares und Goethes stehen. Bis an den Plafond -reichen die offenen Büchergestelle, von prachtvollen Einbänden, -von Gold und Silber schimmernd; aber die Bücher sind tot; -seit Max gestorben, hat sie keine Hand mehr aufgeschlagen.</p> - -<p>Nebenan ist das Arbeitszimmer Maximilians. Es -hat die Form der Kajüte, welche er auf der »Novarra«, -jenem Schiff bewohnte, das ihn in seinen jungen Jahren -in die verschiedenen Mittelmeerländer und später nach -Mexiko geführt. Hier hat er jene anziehenden Bücher:<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span> -»Aus meinem Leben« und »Aphorismen« geschrieben, die -nach seinem Tod das teuerste Vermächtnis für seine -Freunde waren. An den Wänden dieser Koje hangen zwei -Bilder: »Die Ermordung Cäsars« und »Maria Antoinette -im Gefängnis.« Ob der fürstliche Arbeiter sich's je geträumt, -daß sie zu seinem eigenen Geschick beziehungsvoll würden?</p> - -<p>So geht es fort durch eine weite Flucht von Gemächern. -Da funkelt's von Gold- und Seidentapeten; -da stehen kunstvoll geschnitzte Möbel, altertümliche Uhren -und Schränke; da gleitet der Fuß auf Wunderwerken von -eingelegten Parketts; da hangen von herrlichen Decken -zierliche Lustres, Meisterwerke der Goldschmiedekunst. Alles -erzählt von der üppigen Phantasie seines Schöpfers, der -einen großen Teil der Pläne und Zeichnungen für den -Bau mit eigener Hand entworfen hat.</p> - -<p>Genug von dieser wundersamen Pracht. Viele stolze -Schlösser und größere als Miramare habe ich in jüngern -Wandertagen in Frankreich gesehen, aber keines, wo Natur -und Kunst sich zu einem so wirkungsvollen Ganzen, zu -so bestrickender Schönheit verschwistern wie in Miramare.</p> - -<p>Treten wir hinaus auf eine der Balustraden. Noch -ist's das Bild von Prosecco:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Es singt und klingt das blaue Meer<br /></span> -<span class="i0">So sagenreich, so wunderhehr.<br /></span> -<span class="i0">Es rauscht der weiße Schaum der Welle<br /></span> -<span class="i0">Melodisch an die Marmorschwelle<br /></span> -<span class="i0">Und drücket auf des Schlosses Fuß<br /></span> -<span class="i0">Den schauerkühlen Nymphenkuß,<br /></span> -<span class="i0">Und als zurück die Wogen prallen,<br /></span> -<span class="i0">Da zittert's wonnig durch die Hallen.«<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p> -<p>Ich habe den schönen Versen, mit denen Max selber -sein stolzes Haus gefeiert, nichts beizufügen. Und nun -reißen wir uns los; denn freiwillig scheidet wohl keiner -von dem »Wunder des Meers.« Drunten im Hafen -an der Gartenterrasse wartet unser der Fährmann, der -uns zurück nach Monfalcone führen soll.</p> - -<p>Das Ruder plätschert in kristallner Flut; die Berge -stehen im Abendglanz; alles ist Daseinswonne, Frieden -und Licht, und von Miramare her streicht der Blütenduft -über die See.</p> - -<p>Bald ziehen Glockentöne übers Meer. »Ave Maria! -Ave Maria!« Nah und fern fallen die rauhen, sonnverbrannten -Fischer in ihren Segelbooten auf die Kniee -und beten zur gnadenreichen Gottesmutter um glücklichen -Fischfang, um ihren Schutz zur See, um gnädige Erhaltung -von Weib und Kind.</p> - -<p>So kommt die Nacht, die laue Südnacht mit ihrem -Sternbrevier. Von Triest her flammen tausend Lichter; -der <span id="corr105">Leuchtturm</span> spielt mit seinen wechselnden Signalen; -doch schon beginnt</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Den Osten Mondlicht zu erhellen,<br /></span> -<span class="i0">Und zitternd funkelt's auf den Wellen.<br /></span> -<span class="i0">Still wird's auf weitem Meeresplan,<br /></span> -<span class="i0">Und rauschen hört man nur den Kahn.«<br /></span> -</div></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/chap-end.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Triest"> -<img src="images/illu-106.png" alt="" /><br /> -Triest.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Wenn man von Venedig kommend bei Monfalcone -den innersten Busen der Adria umfährt, dann -schimmert an der östlichen Küste blendend weiß, wie der -Leib eines schönen Menschen, der zum Bad ans Meerufer -niedergestiegen ist, die Stadt Triest. Im Halbzirkel -baut sie sich vom lachenden Golf zum Kastellhügel -und malerischen Uferhöhen empor. Olive und Lorbeer -haben die Unfruchtbarkeit des Karstgesteins besiegt und -schlagen mit herrschaftlichen Gärten einen üppig grünen -Rahmen um das glänzende Stadtbild.</p> - -<p>Von ferne könnte man glauben, alle Häuser seien von -Marmor; kommt man aber hinein, so sind sie kaum anders -als irgend sonst wo in einer großen Stadt; mächtig und -prächtig, an die schönsten Plätze von Wien oder Paris erinnernd -im neuen Teil, der das Vorland zwischen Küstenhang -und Meer bedeckt, klein, düster und elend in der Altstadt, -deren Straßen sich eng und steil von der Zitadelle -zum neuen Stadtteile hinunterziehen. Doch hat Triest -etwas Besonderes, was manch größere Stadt nicht hat, -nämlich einen hochragenden Mastenwald vor seinen Häusern.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p> - -<p>Der Nationalstolz nennt Triest das »österreichische -Hamburg«, eine Metapher, bei der man etwas Übertreibung -mit in den Kauf nehmen muß. Triest ist kein -Hamburg, aber immerhin das gewaltigste Handelsemporium -an der Adria und, abgesehen von Fiume, das die Ungarn -zur Blüte zu bringen suchen, der einzige große Hafen -der habsburgischen Monarchie.</p> - -<p>Der Zug fährt von Nabresina in drei Viertelstunden -in die Stadt hinunter und legt auf dem Wege dahin -dem Reisenden die ganze Pracht des Golfes von Triest, -ein wundersam wonniges Bild, zu Füßen.</p> - -<p>Aus der hohen Halle des schönen Bahnhofes tritt -man auf den geräumigen Vorplatz, und vor dem eigentümlichen -Reiz, der beim Anblick eines Seehafens das -Herz der Landratte packt, muß in der ersten Stunde -jedes andere Interesse dem am Hafenbilde weichen.</p> - -<p>So ging's mir nicht nur das erste, so ging's mir -auch die folgenden Male, als ich nach Triest kam. Ich -wurde nicht müde, den Quai auf und ab zu wandeln, -mich an den bunten Flaggen und Wimpeln, die lustig gegen -den dunkelblauen Himmel emporflatterten, an dem Gewirre -von Masten, an den riesenhaften Kauffahrteischiffen, an -dem lebendigen Gewühl der Gaete, Mistici, Navicelli, -Trabaccoli, Brazzere, Tartome, und wie immer noch das -Gewimmel jener kleinern Boote, Schaluppen und Kähne, -die zwischen den Riesenleibern der Ostindienfahrer durchschwärmen, -sich nennen mag, zu ergötzen. Diese gebrechlichen -Nußschalen, oft von bizarrer Form und buntem -Anstrich, mit ihrem sonnengebräunten, malerisch verwilderten<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -Matrosen- und Fischervolk, sind nicht weniger interessant -als die Giganten des österreichischen Lloyd, als der -»Polluce«, der »Helios«, die gewaltige »Pandora« oder -die »Medusa«, in deren Tauwerk die braunen Jungen -mit der Gelenkigkeit von Katzen auf- und niederklettern. -Macht ein solcher Schiffspalast »klar«, so verfinstert eine -Rauchpinie den Molo, bis der Koloß hinauswogt in den -offenen Golf.</p> - -<p>Man sagt, daß jährlich 1600 Dampfer und 7000 -Schiffe langer Fahrt in den Hafen von Triest einlaufen -und daß sie zusammen für über 400 Millionen Kronen -Waren bringen. Kein Wunder, wenn hier alles Leben -und Bewegung, Handel und Wandel ist!</p> - -<p>Dennoch fühlt sich der Fremde vom Hafenbild Triests -einigermaßen enttäuscht; denn die durch acht größere und -viele kleinere Moli voneinander getrennten Bassins, die -sich in der Länge einer halben Stunde eines ans andere -reihen, sind gegen das Meer hin offen und widersprechen -durchaus jenem typischen Hafenbilde von der dreiseitig -sturmverschlossenen Bucht, wo die Schiffe ruhsam ankern -können.</p> - -<p>In der Tat war der Hafen von Triest früher wegen -seiner vielen Schiffbrüche in Verruf, und die Stadt hätte -nie der blühende Handelspunkt werden können, wenn sie -sich nicht durch gewaltige Bauten jenen Schutz, den die -Natur ihrer Rhede versagt, selber geschaffen hätte. Die -neue Anlage hat dreißig Millionen Kronen gekostet. Ein -dem Hafen vorgelagerter, sechszehn Meter vom Grund -der See aufragender Damm, »der Wellenbrecher«, schützt<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span> -ihn nun gegen den Wogendrang der hochgehenden Adria, -so daß jetzt die ungünstigen natürlichen Verhältnisse desselben -aufgehoben sind.</p> - -<p>Auf der Spitze des südlichsten Molos steht der 33 Meter -hohe Leuchtturm, welcher im Anfang des 19. Jahrhunderts -nach dem Modell des berühmten Turmes auf der Eddystoneklippe -in nach oben verjüngt zulaufender Form gebaut -worden ist. Während des Tages schmücken die Flaggen -der jeweilen ankommenden Schiffe seinen Signalmast; -wenn die Nacht hereinbricht, spielen die Feuersignale seiner -Laterne mit blitzartigen, durch Momente vollkommener -Dunkelheit getrennten, bald hellern, bald schwächern Lichtern -über die See, sodaß der Adriafahrer schon 30 Kilometer -von Triest das helle Blinken gewahrt.</p> - -<p>Wenn ich an den Leuchtturm von Triest denke, dann -stehen zwei Bilder, die ich von der Höhe seiner Plattform -genossen, vor meinem Blick: ein wundersamer, stiller -Meeresabend, an dem die See regungslos und lächelnd, -golden besonnt und unermessen vor mir lag. Das verworrene -Geschrei der Lastträger, das Rasseln der Fuhrwerke und -der schrille Laut der Dampfpfeife erreichten schon halb -verhallt den schönen Standpunkt. Die lichtübergossene -Uferlehne von Miramare im Norden, die schroffen istrianischen -Küstenhänge im Süden und die Stadt mit ihren -leuchtenden Häuserfronten zwischen <span id="corr109">ihnen</span> fesselten das Auge -gleichermaßen. Von Pirano her, der hellschimmernden -Stadt auf dem westlichen Vorgebirge von Istrien, kam -das winzige Lokalboot, während eine Flottille größerer -Segler, die jedenfalls nur einen Levante abwarteten, um<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -nach Venedig hinüberzufahren, unbeweglich vor der Bucht -von Capo d'Istria stand. Andere stiegen am fernsten -Horizont als schimmernde Punkte malerisch auf oder versanken; -Scharen von Möven und andern Vögeln zogen -über dem herrlichen Golfe ihre Kreise.</p> - -<p>Etwas unendlich Weiches, Träumerisches, ein wundersamer -Frieden, der erlösend in die Menschenbrust übergeht, -lag da im Meerbilde von Triest.</p> - -<p>Wie ganz anders habe ich die gleiche Landschaft das -zweitemal gesehen! friedlos, von schmerzlicher Melancholie -bewegt; das Land, sturmempört, vom Scirocco gepeitscht -die See, ängstlich sich zum Hafen flüchtende Barken, bald -hoch auf zerspritzenden Schäumen, bald tief in den Mulden -der Wogen. In langgestreckten Zügen, wogend und ringend, -hier zergehend, dort auferstehend, fluteten die Wellen, zerbarsten -mit furchtbarem Prall an den Fundamenten des -Turmes, daß es zitternd durch seinen Steinleib ging, -und strömten brausend ins Meer zurück. Dazu rauschte -und pfiff, sang und klang der Sturm.</p> - -<p>Es ist auch herrlich und unaussprechlich schön, aber -liebe- und erbarmungslos, das stürmende, hochgehende -Meer!</p> - -<p>Die nördlichen Hafenmauern sind durch Schienengeleise -mit dem Warenbahnhofe verbunden, so daß die -Eisenbahnfrachtwagen ihre Lasten bis dicht an die Flanken -der Kauffahrteischiffe bringen können. Allein diese Verkehrserleichterung -scheint dem lauten, beweglichen Leben -auf dem Hafenquai, wo italienische und deutsche, slovenische -und kroatische, morlakische und neugriechische Zunge<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span> -vieltönig durcheinandergehen, keinen Eintrag zu tun. Der -Lärm und die Zurufe von hundert emsigen Menschen, die -sich um das Verladen der Schiffsfrachten auf die Fuhrwerke -bemühen, das Rasseln der heransprengenden, das -Geknarre der abfahrenden Lastwagen gestaltet das Ufer -zu einem wunderbaren Tummelplatze der Arbeit.</p> - -<p>Doch auch die Idylle ist nicht weit. Drunten liegen -italienische Schiffer und feiern Hafenrast. Sie singen -abgebrochene Strophen alter Seemannslieder. Es ist -seltsam; auch die bedürfnislosen Söhne des sonnigen -Südens legen wie die Fergen der Nordlandsbuchten etwas -Tieftrauriges, das einem nicht so leicht wieder aus dem -Gehöre kommt, in ihre meergebornen Lieder, in jene eintönigen, -getragenen Melodien, deren Schlußakkorde gerade -so lange gehalten werden, als der Atem der Sänger reicht.</p> - -<p>So ist das triestinische Hafentreiben, hier ein <em class="antiqua">dolce -far niente</em>, dort Arbeit, aber voll eigentümlichen Lebens -überall. Am Uferrand der Quais liegen die mannigfaltigsten -Frachtgüter aufgespeichert: Fässer mit dalmatinischen -Weinen, Salztonnen von Pirano, Baumwollballen -aus Ägypten, Kaffeesäcke von Java, Indigo von Senegal, -Wallonen aus der Levante, Farbholz aus Brasilien und -die schwarzen Diamanten aus England, kurz, Schätze -von allen Enden der Welt.</p> - -<p>Man beziffert den Wert der alljährlichen Einfuhr auf -etwas mehr, denjenigen der Ausfuhr auf etwas weniger -als 400 Millionen Kronen.</p> - -<p>Die teuerste Fracht aber ist der Mensch, der Mensch, -dem das weite Heimatland zu eng wird und der das<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -Glück im märchenträumenden Morgenland oder im Sonnenbrand -Afrikas oder im fernen aufblühenden Westen suchen -geht. Ich kann nicht sagen, wie viel Auswanderer jährlich -den Weg über Triest nehmen; ich weiß nur, daß die -einen lächeln, die andern weinen, alle prächtige Luftschlösser -bauen, wenn das Schiff aus dem Hafen rauscht; daß die -einen reich, die andern arm werden; daß sie alle schließlich -wieder ein Luftschloß bauen, aber ein enges, kleines, ein -wundersam bescheidenes: Sechs Fuß Raum in der Heimaterde. -Manchem wird's zu teil, und wem es nicht zu -teil wird, den drückt der fremde Boden auch nicht schwer.</p> - -<p>Wenden wir uns vom lauten Hafentreiben ab und -der Stadt zu, die auf Strand und Hang so herrlich vor -uns ausgebreitet liegt, so gelangen wir auf den mit dem -Hafen in enger Beziehung stehenden Fischmarkt. Er ist -in einem Gebäude der Salzquais untergebracht und bietet -ein ins Italienische übersetztes Stück des berühmten Pariser -Hallenlebens.</p> - -<p>Die Menge der in den ersten Morgenstunden zum -Verkaufe gebrachten Seefische, Krebstiere und Muscheln -wird nur erklärlich durch die Aufnahmefähigkeit, welche -das triestinische Volk diesen Meerprodukten entgegenbringt.</p> - -<p>Das Meer ist die Delikatessenkammer des Wohllebens -und der Garten der Armut, die sich das trockene Polentamahl -mit in Öl gebratenen Sardellen würzt, den Tintenfisch -im Topfe siedet, oder eine Art kleiner, den Asseln -ähnlicher Krebse zum Abendbrote röstet.</p> - -<p>Der stachelflossige, bläuliche Tunfisch, der oft zwei -Meter lang und zentnerschwer wird, ist der Riese des<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -Marktes; doch liefern Tintenfisch, Meeraale und plattgedrückte, -schiefmäulige Brassen die größte Warenmasse.</p> - -<p>Von wirklich feinem Geschmack und auch dem Gaumen -des Binnenländers schmeichelnd sind indessen nur die -blaue, goldig glänzende Makrele, eine schon bei den Römern -hochgeschätzte Tafelzierde, und der Branzin, ein Brackwasserfisch, -der in den furlanischen Lagunen häufig gefangen -wird. Die Austern von Triest dagegen stehen den -venetianischen im Wohlgeschmacke nach.</p> - -<p>Ich habe den durchdringenden Fischgeruch der Halle -und den Anblick der im Sterben liegenden, schnappenden, -zuckenden, oft bei lebendigem Leib verstümmelten Flosser -nie lange ertragen können. Ihr Fang und Verkauf enthält -ein furchtbares Stück menschlicher Grausamkeit.</p> - -<p>Am ruhigsten scheint das Geschlecht der gewaltigen -Hummer und der langbeinigen Meerspinnen den Übergang -aus der kühlen Salzflut in die warme Luft zu -nehmen; denn sie führen, der gemeinsamen Not vergessend, -einen letzten Scherenkampf.</p> - -<p>Merkwürdigerweise ist der Handel mit den schönen -Muscheln in Triest viel weniger zu Haus als in mancher -Binnenstadt; denn außer ein paar durchaus gewöhnlichen -Exemplaren in einer an die Fischhalle lehnenden Bude -fand ich in den triestinischen Läden nichts käuflich. Allerdings -sollen hie und da schöne private Sammlungen bestehen, -und das Ferdinand-Maximilian-Museum enthält -die zum Teil prachtvollen, farbenreichen Muscheln der -südlichen Meere in seltener Vollständigkeit.</p> - -<p>Östlich vom Hafenquai und südlich vom Bahnhof liegt<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -die Neustadt. Der »große Kanal« dringt vom Hafen -bis in den Hintergrund dieses Stadtteils und gestattet -selbst Quersegelschiffen, unmittelbar bei den Magazinen zu -löschen. Am Ende des Kanals steht St. Antonio nuovo, -eine im Anfange dieses Jahrhunderts erbaute einschiffige -Kirche mit hübschem Säulenportikus.</p> - -<p>Romantische Gedanken läßt die Neustadt nicht aufkommen. -Dazu sind ihre Häuser zu modern, ihre Straßen -zu rechtwinklig, ihr Pflaster zu gut; die Nüchternheit -der triestinischen Handelsleute ist in der Architektur dieses -Quartiers zu ihrem entsprechenden Ausdruck gekommen.</p> - -<p>Ich wüßte überhaupt keine Stadt von der Größe -Triests, wo der Wanderer so unbeschwert von baulichen -Merkwürdigkeiten und kunstgeschichtlichen Reminiszenzen -seines Weges gehen könnte, wie in Triest. Es ist in -dieser Hinsicht das Widerspiel Venedigs, dessen Kunstschätze -es nicht zugleich mit dessen Handel geerbt hat. -Das Wenige, was es an sehenswerten Gebäuden und -Monumenten in der Tat besitzt, drängt sich im Süden -der Neustadt um die gegen den Hafen offene »Piazza -grande« zusammen.</p> - -<p>Den Hintergrund dieses Platzes schließt die reichgegliederte -Fassade des Munizipalpalastes, eines modernen -Prachtbaues, würdig ab. Auf dem Dach desselben -schlagen wie auf der Markuskirche zu Venedig zwei -eherne Mohren die Stunden. Davor stehen ein im -blühendsten Rokokostil gehaltener, mit vielen Figuren -verzierter Springbrunnen und die Marmorstatue Kaiser -Karls <em class="antiqua">VI.</em>, des letzten Herrschers aus dem Mannesstamme<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -der Habsburger, der mit ihm im Jahre 1736 ausgestorben -ist.</p> - -<p>Bedeutender noch ist das neue Gebäude, das sich im -Süden des Platzes und angesichts des Hafens erhebt. -Gleich ausgezeichnet durch seine einfache, edle Gliederung, -wie durch seine monumentale Größe, ist es das prunkende -Heim des österreichisch-ungarischen Lloyd, jener mächtigen -Dampfschiffgesellschaft, die mit ihren gewaltigen Kapitalien -und siebenzig in ihrem Dienst stehenden großen Meerdampfern -nicht nur den Schiffsverkehr der Adria, sondern -auch einen großen Teil des europäischen Handels nach -der Levante und Indien beherrscht.</p> - -<p>Im Norden der Piazza grande stehen das Stadttheater -und das Tergesteum, der größte der triestinischen -Paläste, von vier engen Gassen umzogen, ziemlich vergraben -in den umgebenden Häusern. Sein Erdgeschoß -bildet einen Bazar, wo man alles, was schön und teuer -ist, kaufen kann.</p> - -<p>Auf dem Vorplatze der alten Börse, eines im dorischen -Stil gehaltenen Baues, steht auf hoher Säule -das in Erz gegossene Standbild Leopolds <em class="antiqua">I.</em></p> - -<p>Als ich einen meiner Triestiner Bekannten fragte, wie -der grausame Unterdrücker des Protestantismus in Ungarn -zu der Ehre eines solchen Denkmals komme, lächelte -er fein und sagte: »Die Ehre gilt im Grunde nicht dem -Kaiser; sie gilt seinem genialen Feldherrn, dem Prinz -Eugen, dem Sieger von Belgrad, und dem Starhemberg, -dem Verteidiger Wiens in der Türkennot. Indem wir -den Kaiser sehen, denken wir an seine Helden!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p> - -<p>Auf dem Börsenplatze beginnt die Via del Corso, die -fashionable Straße von Triest, die, zu beiden Seiten mit -großen, reichen Kaufläden besetzt, sich zur Piazza della -Legna hinaufzieht. Auf ihren Trottoirs wandelt am Nachmittag -die feine Triestiner Welt auf und ab.</p> - -<p>An feiner Toilette, an Geschmack und an Luxus weicht -der Triestiner keinem andern Städter der Welt. Selbst -Paris hat keine feinern Ponies, keine zierlicheren Breaks -als die <em class="antiqua">jeunesse dorée</em> der adriatischen Handelsstadt, und -auf der Karosse des Grafen von Paris haben wie auf -der Kutsche des Triestiner Baumwollbarons auch höchstens -vier galonierte Lakeien, zwei hinten und zwei vorn, -Platz. Viele Damen entstellt der Reispuder.</p> - -<p>Man sieht unter den feinen Schichten der triestinischen -Gesellschaft stets viele Armenier und Griechen, prächtige -Gestalten mit kühn geschnittenen, ausdrucksvollen Gesichtern, -während man die schönen Frauen dieses Volkes, das eine -Aspasia, eine Laïs besaß, in Triest wohl vergebens sucht. -In Anmut und Temperament werden die Fremden alle -von der italienischen Triestinerin besiegt.</p> - -<p>Obwohl das gebildete Triest einen ausgesprochenen -kosmopolitischen Charakter trägt und dieses Gemisch deutscher, -französischer, griechischer und armenischer Elemente die -stärkste Stütze seines Gedeihens bildet, ist es eine vorwiegend -italienische Stadt. Von den 110 000 Einwohnern -sind vier Fünftel Italiener; der Rest wird durch die -kulturell wenig bedeutenden Slaven und etwa 5000 Fremde -gebildet.</p> - -<p>Dieses starke Übergewicht des italienischen über das<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -slavische und das deutsche Element läßt die reiche Stadt zu -einem Schmerzenskind des habsburgischen Reiches werden. -Die Irredenta, die Gesellschaft des »unerlösten Italiens«, -die dem jungen Königreich vor allem gern die schöne Adriabraut -zuführen möchte, wühlt in der Handelsstadt. Es -waltet in den triestinischen Kreisen kein Zweifel, daß die -italienische Rauflust ihre nächsten Lorbeeren im Bereiche -des schönen Golfes holen wird.</p> - -<p>Heute führt Triest noch den Ehrennamen der »allergetreuesten -Stadt.« Auf ihrem Korso hängt die glutäugige -Italienerin am Arme des deutsch-österreichischen -Offiziers, und ihr helles Geplauder klingt nicht wie Kriegserklärung.</p> - -<p>Der Korso scheidet die Neustadt von der Altstadt. -Unmittelbar hinter den stolzen Häusern dieser Straße -liegt jener verrufene Stadtteil, wo der Typhus und die -Blattern kaum ausgehen, die Cholera je und je, wenn sie -ihren Totenritt durch die Südlande unternimmt, ihr Rastquartier -aufschlägt, wo die Werkstätten der italienischen -Handwerker und die düstern Matrosenkneipen sind und -manch ein armes Kind dem Laster erzogen wird.</p> - -<p>Doch hat Alt-Triest mit seinen vom Rauch der Jahrhunderte -geschwärzten Bauten einen Vorzug vor der neuen -Stadt. Seine Häuser haben eine lange Geschichte, doch -keines eine längere als das Gotteshaus von San Giusto, -das, dem Dom von Aquileja und der Kathedrale von -Parenzo in Istrien an Alter ebenbürtig, aus der legendenumsponnenen -Kindheit des Christentums stammt.</p> - -<p>Durch die Gassen und Gäßchen der Altstadt flanierend<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -kam ich in die Via Trionfo, zu dem Rest eines alten -Bogens. Er mag in Wahrheit von einem römischen -Siegestor oder auch nur von einer antiken Wasserleitung -herrühren. Vom Volke aber wird er dem König Richard -Löwenherz, jenem ritterlichen Kreuzfahrer zugeschrieben, -der im Jahre 1192 siegreich aus Palästina zurückkehrend -von einem Sturm an die Küste von Aquileja verschlagen -worden war, und heißt Arco di Ricardo.</p> - -<p>Nun hinauf zu der Kathedrale von St. Just! In -ihrer jetzigen Gestalt ist sie ein Doppelbau aus zwei Basiliken. -An die ältere, schon drei Jahrhunderte nach dem -Stifter des Christentums entstandene, wurde im 6. Jahrhundert -eine byzantinische Kirche angefügt und beide im -14. Jahrhundert zu einer einzigen Halle vereinigt, welche -durch vier Säulenreihen in fünf Schiffe geschieden wird.</p> - -<p>Durch einen von ein paar Bäumen beschatteten Hof -tritt man vor die Giebelfassade des Baues. Sie hat -eine riesige Fensterrose. Christliche Insignien sind zwischen -der Türe und dem massigen, das Gotteshaus flankierenden -Turm, der römische Säulen enthält, eingemauert. Das -höchste archäologische Interesse gewähren zwei Mosaiken -im Innern. Sie schmücken die Apsis und bilden ein -herrliches Zeugnis künstlerischen Könnens im Mittelalter. -In Farben auf Goldgrund stellen sie die Gottesmutter -und einen sie umschwebenden Chor von Engeln, sowie die -zwölf Apostel dar. Ihr Ursprung geht zum Teil ins 7., -zum Teil ins 11. Jahrhundert zurück.</p> - -<p>Neben der Kathedrale, dem einzigen kunstgeschichtlich -merkwürdigen Baudenkmal der großen Adriastadt, liegt<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span> -ein ehemaliger Kirchhof. An einem in grünumrankter -Bogenwölbung stehenden Sarkophag liest man die Inschrift: -»<em class="antiqua">Joanni Winckelmanno, domo Stendelia – – –</em>«</p> - -<p>Es ist das Grab Johannes Winckelmanns, des Schöpfers -der deutschen Kunstgeschichte, der zu Rom als Kustode des -antiken Museums lebte und im Sommer 1768 seiner -nordischen Heimat einen Besuch abstatten wollte. Auf -dieser Reise fiel er in einem Gasthofe Triests unter den -Messerstichen eines italienischen Räubers.</p> - -<p>Dicht über der Kathedrale erheben sich die grauen -Mauern des 200 Jahre alten, auch gegenwärtig noch -Befestigungszwecken dienenden Kastells, das Stadt und -Hafen schützend überschaut. Es mag wohl an der Stelle -des Kapitols stehen, das im Beginn unserer Zeitrechnung -die römische Kolonie Tergeste beherrschte.</p> - -<p>Ein Weilchen rastend hier zu stehen und Überschau -zu halten über Triest, seinen Hafen und seinen Golf ist -herrlich. Allein ich hatte einen Empfehlungsbrief für einen -Seemann in der Tasche, dessen Schiff, der gewaltige Lloyddampfer -Jupiter, im Arsenal der Bucht von Muggia lag.</p> - -<p>Ich eilte wieder hinunter zur Piazza grande, wo sich -ein lärmendes südliches Markttreiben entfaltet hatte. Es -geht nichts über welsche Lungen, welsche Verkäufer und -Verkäuferinnen; denn so ausdauernd, unverwüstlich wie -jene, so abenteuerlich und drollig sind diese. Man kann -bei ihnen alles Mögliche und noch einiges kaufen: Juwelen -und Perlen aus Glas, Uhren und Zigarrenetuis, Stubenvögel -und junge Ziegen, Käse und Salami, von Insekten -umschwärmte Orangen, frische Datteln, die in langen<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span> -Trauben noch aneinander hängen, Sträuße und Blumen -in Töpfen. Immer führen zum Erbarmen schwer beladene -Maultiere und Esel, von schmutzigen Titschenbauern gelockt -und getrieben, neue Lasten von Lebensmitteln herbei.</p> - -<p>Ich stand vor der Auslage eines italienischen Antiquars, -der Volksbücher, Heiligenbilder, Holzschnitte, mittelalterliche -Erd- und Himmelsgloben, sowie einen Wust -deutscher und italienischer Literatur aus dem vorigen Jahrhundert -feilbot. Ich entdeckte darunter eine alte Ausgabe -der Gedichte von G. A. Bürger mit einigen Stichen und -blätterte darin.</p> - -<p>»Kaufen Sie es, mein Herr«, sagte der Jude, abgefeimt -lächelnd in einem Tone, als hätte er mir das -größte Geheimnis mitzuteilen; »der Autor hat so pikant -geschrieben, und er hat alles selbst erlebt – – – –.«</p> - -<p>Was er noch sagte, trieb mir die Zornröte ins Gesicht. -Es ist wahr, der Amtmann zu Gelnhausen hat -nicht für Kinder geschrieben; aber für die Marktkniffe -eines italienischen Antiquars war mir der ehrbare, brave -Bürger denn doch zu gut. Ich warf das Buch hin und -eilte auf die schöne Piazza Lipsia, einem prächtig grünen -öffentlichen Garten südlich von der Piazza grande.</p> - -<p>Es drängte mich hinaus aus der Stadt. Nur das -prächtige Standbild Maximilians <em class="antiqua">I.</em> auf der Piazza Giuseppina -hielt mich noch auf, denn die tragische Geschichte -des mexikanischen Kaisers hatte mir nun einmal seine Gestalt -menschlich nahe gerückt. Der Erzguß ist ein Meisterwerk -Schillings, des gefeierten Dresdener Bildhauers, -der auch das Nationaldenkmal auf dem Niederwald geschaffen<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span> -hat. Er stellt den Kaiser als eine imposant schöne -Gestalt mit hoher, träumerischer Stirne dar. Ein mit -allegorischen Figuren reich geschmückter Sockel trägt vier -Inschriftentafeln. Drei feiern den Kaiser als Schützer -der Kriegs- und Handelsflotte und als Verschönerer von -Triest, während diejenige der Frontseite den Testamentspruch -enthält, worin er seiner Freunde an der Adria und -der österreichischen Marine am Tage vor seinem Tode -mit einem letzten Lebewohl gedenkt.</p> - -<p>Vom südlichsten Teile des Hafens zieht sich ein angenehmer -Spaziergang längs des Meeres, an den Landhäusern -von Sant' Andrea vorüber, zum Lloyd-Arsenal, -das ein Halbstündchen von der Stadt entfernt liegt. Da -die Straße langsam steigt, übersieht man am Eingangstor -des Arsenals die ganze Anlage der gewaltigen Schiffsbauwerkstätten, -die sich zwischen Straße und Meer ausbreiten.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Signore Rossi, macchinista sul Giupitro!</em>« las -der Portier als Adresse auf meinem Empfehlungsschreiben. -»Treten Sie ein«, sagte er; »wo das Schiff eben liegt, -kann ich Ihnen nicht sagen; doch wird man Sie drunten -weisen können.« Ungehindert stieg ich durch ein turmartiges -Treppenhaus in den Fabrikhof hinunter und schlug -mich glücklich zwischen den Gebäuden, dem Rauschen, -Rasseln und Dröhnen, das aus den Werkstätten klang, -zum Meeresstrande durch.</p> - -<p>Da war wieder ein Teil jenes Waldes, der in aller -Herren Ländern gewachsen ist, zwar nicht so groß, wie -der im Hafen von Triest, aber immerhin groß genug,<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -um mich in einige Verlegenheit zu bringen. Welche der -ragenden Bäume gehörten dem Jupiter an? Als Ausweis -meine Briefadresse zur Hand, wanderte ich über die -provisorisch von Schiff zu Schiff geschlagenen Stege, bis ich -fast zufällig vor dem Bauch eines der gewaltigsten Schiffe -stand. »Giupitro« glänzte der Name am Pavillon desselben.</p> - -<p>Herr Maschinist Rossi empfing mich mit großer Liebenswürdigkeit.</p> - -<p>Ein Schiff ist ein Schiff und wesentlich immer dasselbe; -aber ein Ostindienfahrer wie dieser Jupiter nötigt -der Landratte doch einen Zoll ehrlicher Bewunderung ab. -Es ist nicht allein seine Größe, die dazu zwingt; es ist -fast mehr noch die Art, wie eine in sich vollkommene Welt -in die Planken des schwimmenden Meerpalastes gefügt -ist, die technisch vollendete Einteilung des Raumes von -den Kohlenbehältern durch drei Etagen hinauf bis zu den -Salons, die mit Glühlichtlampen erhellt werden und im -Glanze luxuriösen Komforts strahlen.</p> - -<p>Als das Schiff bei Anlaß des russisch-türkischen Krieges -im Jahre 1878 nebst anderen Lloyddampfern von den -Russen zum Militärtransport gemietet war, faßte es, wie -mir Herr Rossi erzählte, 3500 Mann, also die Bewohnerschaft -einer kleinen Stadt.</p> - -<p>Eine Maschine treibt mit der Kraft von 2000 Pferden -dieses gewaltige Haus von einem Ende der Welt zum -andern, daß es leicht und schön einherzieht wie ein über -die See hinschwebender Riesenaar.</p> - -<p>Jetzt war diese Maschine zerlegt. In einem elf <span id="corr122">Tage</span> -andauernden Sturme im indischen Ozean, während dessen<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -selbst an den Wogengang des Meeres gewöhnte Matrosen -eine Beute der Seekrankheit wurden, hatte sie sich überarbeitet. -Doch sollte das Schiff schon in vierzehn Tagen wieder in die -See stechen.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Auf Matrosen, die Anker gelichtet,<br /></span> -<span class="i0">Segel gespannt, den Kompaß gerichtet,<br /></span> -<span class="i0">Liebchen, ade!<br /></span> -<span class="i0">Morgen, da geht's in die wogende See!«<br /></span> -</div></div> - -<p>So singt das deutsche Lied; allein der Seemann, -wenn er vom heimischen Strande fährt, singt nicht. Auch -er in seinem großen Kasten empfindet sein Handwerk als -einen Kampf ums tägliche Brot und beneidet den Arbeitsmann -zu Land, der nach getanem Tagewerke wenigstens -ein Heim hat, wo er im Kreise seiner Lieben und auf -fester Erde ruht. Den Seemann wiegt die falsche Woge, -und nur ein Brett scheidet ihn vom Tode.</p> - -<p>Als wir auf <span id="corr123">der</span> Steuermannsbrücke des Schiffes -standen, hatten wir einen reizenden Blick über die Bucht, -an welcher das Arsenal gelegen ist, auf Muggia, eine -kleine, altertümliche Stadt, und gegenüber auf einer hügeligen -Landzunge, auf die benachbarten Schiffswerften von -San Rocco und das großartige Etablissement Strudthoff, -wo man die stolzen Panzerschiffe der österreichischen Kriegsmarine -baut, auf uralte Burgen, die im Hintergrunde -der Bucht wie Geierhorste an den felsigen Küstenwänden -kleben, und auf das sich freundlich im Golfe spiegelnde -Servolo. Dieses hat seinen Namen vom Schutzpatron -der Stadt Triest bekommen, der dort als seltsamer Grottenheiliger -gelebt haben soll.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p> - -<p>Nachdem wir unsern Rundgang durch das Schiff -beendet hatten, führte mich Herr Rossi in die Werkstätten -des Lloyd, in welchem 2000 Arbeiter beschäftigt sind. Ein -paar Dutzend derselben krabbelten eben wie Ameisen an -den Rippen eines auf der Werfte im Bau liegenden -Ostindienfahrers und nieteten die Wandplatten fest.</p> - -<p>Ich habe später die nicht minder interessanten Werkstätten -des österreichisch-ungarischen Kriegshafens zu Pola -gesehen. Da der Eindruck, den der Fremde hier und dort -empfängt, wesentlich der gleiche ist, will ich mir die Schilderung -eines Marine-Arsenals für jene Gelegenheit aufsparen.</p> - -<p>Nur das sei noch anerkennend erwähnt, daß der Lloyd -in der Nähe seiner Werkstätten freundlich auf das Meer -ausblickende Arbeiterhäuser hat, die zum Besten gehören, -was ich in dieser Art im südlichen Österreich entdeckte.</p> - -<p>Und nun zurück nach Triest! Wenn sich zwei Männer -befreunden, dann darf ein kühler Trunk nicht fehlen, und -die Stadt hat feine Bierquellen. Wir haben lang getrunken -und lang geplaudert.</p> - -<p>Eine junge, hübsche Triestinerin hörte mit mir dem -jungen, liebenswürdigen Erzähler Rossi zu und wurde recht -nachdenklich. Ich glaube erraten zu haben, was sie dachte: -»Mag Gott das junge Blut behüten!« Und wenn schöne -Lippen so recht innig für einen fernen Seemann beten, -dann tut der Himmel wohl ein Einsehen!</p> - -<p>Als ich drei Wochen später wieder nach Triest kam, -war der »Giupitro« bereits nach Bombay unterwegs.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/chap-end.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Kueste_von_Istrien"> -<img src="images/illu-125.png" alt="" /><br /> -Die Küste von Istrien.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Der Hafen von Triest lag hinter uns, vor uns die -Adria. Das niedrige Ufergebiet des Isonzo und -die Lagunen-Inseln waren unter den Horizont gesunken; -nur der Leuchtturm von Barbana und der graue Kirchturm -von Aquileja verrieten, daß dort im Westen noch -etwas anderes als Salzwasser liege.</p> - -<p>Ein tiefer, blauer Himmel stand über dem tiefen, -blauen Meer, und die Morgensonne, die über den istrianischen -Bergen emporgestiegen war, leuchtete über die -wonnig zitternde Flut.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Unermeßlich und unendlich,<br /></span> -<span class="i0">Glänzend, ruhig, ahnungsschwer,<br /></span> -<span class="i0">Liegst du vor mir ausgebreitet,<br /></span> -<span class="i0">Altes, heil'ges, ew'ges Meer!«<br /></span> -</div></div> - -<p>Die schönen Verse von Anastasius Grün, dem Grazer -Poeten, kamen mir zu Sinn, als ich die weite See übersah, -von der ich in meiner Jugend so oft geträumt hatte.</p> - -<p>Nur hatte ich damals gemeint, wenn ich einmal darüber -hinfahre, so müsse es auf einem gewaltigen Meerdampfer -sein, auf einem Ostindienfahrer mit geblähten<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -Segeln, wo die Matrosen im Tauwerk klettern und ein -kleiner Hydriot im Mastkorb sitzt. Nun war's auf einem -istrianischen Küstenfahrzeug, dreimal so groß wie eine -Nußschale.</p> - -<p>Wir hatten Südwestkurs nach Pirano, das am westlichsten -Kap von Istrien mattweiß über die See hinschimmerte. -Unterhalb Triest öffnet sich die liebliche Bucht -von Muggia, welche, wie der Busen von Fiume im Osten, -hier im Westen die Halbinsel Istrien vom Festland abschnürt, -daß sie wie ein Herz am Kontinent hängt.</p> - -<p>Das übrige Europa hört wenig vom Schlag dieses -Herzens. Selbst in der österreichisch-ungarischen Monarchie -kümmert man sich nicht viel darum, was in dem -stillen, vergessenen Land vorgeht. Es suchen und fliehen, -lieben und hassen sich auf seinem dürren Felsboden -300 000 Menschen gerade so heftig und so innig, wie in -den Ländern der Hochkultur; aber nur je der zweite -Mann und je die dritte Frau kann ein Brieflein schreiben.</p> - -<p>An der Grenze des triestinischen und istrianischen -Gebietes sahen wir drei große ostindische Kauffahrer stehen, -welche dort ihre vierzehntägige Quarantäne hielten. Die -Kolosse lagen wie im tiefsten Schlaf; die Segel waren -eingerefft; die gewaltigen Schlote rauchten nicht; kein Mann -rührte sich auf Deck.</p> - -<p>Quarantäne! Das Wort steht in üblem Ansehen bei -den Schiffsleuten. Der Seemann hat auch ein Herz im -Leibe; er hat Frau und Kind, oder ein Liebchen in der -Stadt; und nun muß er abrasten im Anblick des Ziels, -abzählen den Stundengang langsam hinrinnender Zeit,<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -ehe er nach monatelanger Abwesenheit das weinende Weib -in die Arme schließt, den lachenden Buben küßt, oder mit -seinem Liebchen die kurze, tolle Liebe des Matrosen lebt.</p> - -<p>Auch die Wasserratte sehnt sich von Zeit zu Zeit aufs -Land. »Lieber im Sturm als in der Quarantäne«, hat -mir Herr Rossi erklärt.</p> - -<p>Hinter zwei Landzungen öffnete sich nach halbstündiger -Fahrt von Triest die große Bucht von Capo d'Istria, -und auf einem anmutigen Hintergrund grüner Uferhöhen -und fern verdämmernder Berge winkte das alte Städtchen, -das dem Wasserbecken seinen Namen lieh. Palladia, -Ägida, Justinianopolis, Kapris und Capo d'Istria sind -fünf Namen, ein kolchischer, ein römischer, ein byzantinischer, -ein slavischer, ein italienischer, und alle meinen -dieselbe Stadt. Viel Waffenklang, Männerstreit und vieler -Völker Blut liegt zwischen diesen Namen innen; kein -Wunder also, daß der Wein von Capo d'Istria so dunkel -im Glase schäumt und so feurig durch die Adern rollt.</p> - -<p>Über den altersgrauen Häusern steht ein großes, -modernes Gebäude mit einem Belvedere. Es beherrscht -Stadt und Bucht, wie in den bildungsfreundlichen Gegenden -unserer Heimat etwa ein Schulbau von lichter -Höhe ins Tal, auf Stadt oder Dorf herunterleuchtet.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Un ginnaso od un' academia?</em>« fragte ich, darauf -zeigend, meinen Nachbar, einen ältern, freundlichen Herrn.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Un penitenziario</em>«, eine Strafanstalt, antwortete er.</p> - -<p>»Armes Land, das so schöne Strafanstalten hat!« -Ich sagte es nicht, aber ich dachte es, und der Herr -mochte mir meine Enttäuschung vom Gesichte lesen. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -lächelte und bemerkte, wenn man nicht gerade einen bedeutenden -Wert auf die Bewegung im Freien setze und -Geld genug zur Verfügung habe, so lebe sich's im großen -Hause von Capo d'Istria nicht übel.</p> - -<p>Ich hatte an dem vertrauenerweckenden Alten einen -liebenswürdigen Gesellschafter, den ich in Citta nuova -ungern verlor; denn er ließ sich durch mein ziemlich gebrochenes -Italienisch nicht abschrecken, mir manches -Wissenswerte über Istrien mitzuteilen. Als ich einiges -davon notierte, war er sehr erfreut. »Schreiben Sie«, -sagte er zu mir, »etwas besonders Schönes von Rovigno; -meine Frau war eine Rovignesin, und einer meiner Söhne, -ein schöner, zwanzigjähriger Mensch, liegt dort begraben. -Er hat schon mit fünfzehn Jahren Verse gemacht wie Dante -und Ariost. Die meisten klugen Menschen sterben früh.«</p> - -<p>So kamen wir in die Nähe von Isola, das sich -pyramidenförmig an einem Hügel der steilen, weit nach -Westen vorspringenden Küste aufbaut. Altersgraue, viereckige -Türme <span id="corr128">haben</span> es zu Kriegszeiten gegen das Innere -der Halbinsel geschirmt. Heute hält dieser Schutz nicht -mehr stand; die Mauern und Wachten zerbröckeln. Die -alten, aus venetianischer Zeit stammenden Stützmauern -aber, welche das Städtchen ins Meer hinabsendet, damit -der Wogenprall der durch Borastürme aufgeregten See -seinen Grund nicht unterspüle, sind heute noch von -Wichtigkeit für den steil am Ufergebirge klebenden Ort.</p> - -<p>Auf einer gleichen, sich aus der Ferne viaduktähnlich -ansehenden Schutzbaute ruht der schöne Dom von Pirano. -Sankt Georg, der auf dem Turme desselben steht, ist<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -ein wetterwendischer Heiliger, der seinen Mantel nach dem -Winde dreht und heute, da ein leichter Levante über die -See strich, gegen Grado hinübersah, als wollte er Sant' -Eufemia drüben grüßen.</p> - -<p>Man fährt von Triest aus in anderthalb Stunden -nach Pirano, das von den Terrassen eines steilen Vorgebirges -die Adria nach drei Richtungen überblickt. Altersgraue -Kastellmauern, an welchen Reben und Olivengesträuch -emporwuchert, überragen es malerisch.</p> - -<p>Malerisch! Das sind die Küstenstädte Istriens alle. -In ihren geborstenen Festungsmauern liegt das Kriegselend -einer großen Vergangenheit und das Stillleben der -trostlosen Gegenwart ausgestellt. Wie die kriechenden -Lianen den Verfall der alten Schutzwehr, so deckt ein -sorgloses Volksleben den Mangel einer modernen Geschichte -zu. Als Venedig blühte, und die Herrin der Adria war, -da hatten auch diese Vasallenstädte eine goldene Zeit, und -so erinnert denn, was darinnen an Gebäuden irgendwie von -Bedeutung ist, an die versunkene, venetianische Herrlichkeit; -Rathaus und Dom tragen die Wappen Venedigs; allein</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Es wirft nur Schatten her aus alten Tagen,<br /></span> -<span class="i0">Es liegt der Leu der Republik erschlagen.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Eine lebendige Berühmtheit haben aber diese istrianischen -Städte doch und besonders auch Pirano, schöne Frauen.</p> - -<p>Glücklicherweise braucht man nicht die engen, halsbrecherischen -Gassen, die sich von der Höhe zum Meer -hinunterziehen, empor zu klettern, um die hübschen Mädchen -Piranos zu sehen; denn zweimal im Tag, um neun -Uhr, wenn der Küstendampfer von Triest, und um drei<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -Uhr, wenn derjenige von Pola im Hafen anlegt, eilt, -wer immer im Städtchen Zeit hat, auf den Molo.</p> - -<p>Das ist der Korso der istrianischen Kleinstädter. Schöne -Frauenbilder, die Zenda, ein schwarzes Kopftuch mit reicher -Spitzengarnitur, malerisch ums Hinterhaupt geschlagen -und um die Schultern gewunden, ergehen sich auf demselben -sich selbst zur Freude und den andern zur Augenweide. -Es sind darunter Madonnengesichter, so rein und schön, -wie diejenigen in den goldenen Rahmen der Pinakotheken; -aber ich habe neben diesen auch andere wandeln sehen, -wo die Not, das Elend, die Leidenschaft tiefe und unschöne -Linien in ihr Antlitz gegraben hat.</p> - -<p>Die Hafenszene, die sich nach der Ankunft eines Schiffes -in einer istrianischen Küstenstadt entwickelt, dieses laute, -geschäftige Treiben hat für einen Fremden so viel Reiz, -daß ihm die Viertelstunde, welche über dem Ein- und -Ausladen der Waren verstreicht, rasch vorübergeht, besonders -wenn er sich von einem italienischen Barfüßele den »<em class="antiqua">vino -nostrale</em>«, den schwarzen, feurigen Landwein, kredenzen -läßt. Mein genügsamer inländischer Gesellschafter nahm -bescheiden mit der »<em class="antiqua">acqua fresca</em>«, vorlieb, das eine -stämmige kroatische Bäuerin aus zwei Kübeln servierte, -die sie an einem Holzbogen über der Schulter trug; andere -knackten zur Kurzweil die »<em class="antiqua">bianche, belle noci</em>« eines -aus Leibeskräften schreienden Jungen.</p> - -<p>Die Fracht der istrianischen Küstenfahrer besteht zumeist -aus vollen oder leeren Weinfässern, die oft den -Platz auf dem Verdeck derart beschränken, daß der Reisende -froh sein muß, wenn er innerhalb dieser Faßbarrikaden<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span> -ein halbwegs bequemes Plätzchen für sich selber findet. -Daneben bilden Kübel und Kisten, in welche frische oder -»<em class="antiqua">à la mode de Nantes</em>« zubereitete Sardellen verpackt -sind, einen Haupttransport. Die kleinen Fische, deren Züge -im Becken des Mittelmeeres für die fehlenden Häringe -einigen Ersatz bieten, werden in der Adria zu Millionen -und Millionen gefangen und in den Sardellenfabriken von -Barcola, Isola, Rovigno zum Versand zubereitet.</p> - -<p>Um die äußerste Westspitze von Istrien, die Punta Salvore, -zu erreichen, durchquert das Schiff die Bucht von -Sicciolo. In ihrem Hintergrund liegen zu Füßen einer -schroffen Küste die Salzgärten von Pirano, die durch eine -Reihe weißer, schimmernder Sudhäuser angedeutet sind. -Die ganze Anlage bedeckt einen Raum von 600 Hektaren -und hat über 7000 Salzgärten, die jährlich eine halbe -Million Meterzentner dieses Minerals liefern. Man läßt -das Meerwasser in größere Becken strömen, wo ein Teil -desselben innerhalb einiger Tage verdunstet. Die derart -erhaltene Sole wird durch ein Schleusensystem in die Salzkammern -geführt. Da schlägt sich unter dem Einfluß des -Sonnenscheins das Salz, das nachher in den Sudhäusern -noch einem letzten Trocknungsprozeß unterworfen wird, als -weiße Kruste nieder.</p> - -<p>An der Punta Salvore steht ein Leuchtturm, ein -prächtiger Bau, und hinter ihm liegt, soweit das Auge -schweift, eine klippige, flache Küste, über welche das mattglänzende -Laub endloser Ölwälder flimmert.</p> - -<p>»Sie kennen wohl die Geschichte des Kaisers Barbarossa?« -sagte mein Gefährte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p> - -<p>»Des Hohenstaufen, der so viel in den italienischen -Landen gekämpft hat«, antwortete ich zum Zeichen meines -Verständnisses.</p> - -<p>»Ich kann Ihnen mehr sagen«, erwiderte er; »er hat -an der Punta Salvore gekämpft, hat da eine Schlacht -verloren und einen Sohn dazu.«</p> - -<p>»An wen?«</p> - -<p>»An den Dogen zu Venedig.«</p> - -<p>»Wann?«</p> - -<p>»Es ist so lange her, daß es wohl niemand mehr -weiß.«</p> - -<p>Ich erfuhr nachträglich, daß es am Himmelfahrtstag -1176 war, als der Hohenstaufe Otto, an dessen Seite -auch die Genuesen und Pisaner gekämpft, nach unglücklicher -Schlacht in die Hand des Dogen Ziani fiel.</p> - -<p>»Etwas anderes kann ich Ihnen auch noch sagen, -junger Herr«, nahm mein Gesellschafter nach einigem -Stillschweigen das Wort wieder auf. »An der Punta -Salvore ist schon manches Weib eine Witwe geworden. -Ich habe es selbst mitangesehen, daß im Süden des Kaps -die See so ruhig lag wie ein schlafendes Kind und – -<em class="antiqua">maladetta</em> – im Norden, da hat das Meer gestürmt, -ich sage nichts; aber ein Schiff ist bald hin. Wer den -Hafen von Pirano nicht erreichen kann, der sehe, wo er -sich birgt. An allem ist die Bora schuld, deren Macht -sich hier an der Punta Salvore bricht. Jenseits hat sie -keine Gewalt mehr.«</p> - -<p>Heute lag die blaue Adria so wonnig, sonnig da, als -könnte sie niemandem, selbst keinem armen, braunen Fischerknaben<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span> -ein Leid antun. Aus ihrem Spiegel schnellten die -spielenden Delphine empor und verfolgten sich und tummelten -sich wie die jungen Menschenkinder im Haschespiel. -Die letzten Alpengipfel, die bis dahin ins Meer hinaus -geleuchtet, waren im Dunst des nördlichen Horizonts dem -Auge entschwunden, und der schmale Küstenstreifen, der -dem Blick noch blieb, war ein Nichts gegen das weite, -wunderschöne Blau des Meeres, über das fernher die -weißen Segel einiger Fischerflotillen wie gewaltige Vogelschwingen -schimmerten.</p> - -<p>Die Fahrt von der Punta Salvore gegen Süden ist -einförmig. Die flache Küste mit ihren verwaschenen -Klippen und dem rauhen Karstgrund tritt mehr und mehr -gegen Osten zurück, sendet aber von Ort zu Ort wieder -eine felsige Landzunge in die See. Die Buchten zwischen -diesem flachen Vorgebirge sind so tief, daß dort kein Schiff -ankern könnte, obwohl die Adria im Bereiche der istrianischen -Küste nur eine Tiefe von 36–40 Metern, also -nicht einmal diejenige der meisten Alpenseen, aufweist.</p> - -<p>Nach einstündiger Fahrt von Pirano erreichten wir -etwas vor zehn Uhr Umago, ein kleines Städtchen mit -einem geräumigen Hafen, von welchem aus ein ziemlich -lebhafter Holzhandel nach Venedig getrieben wird. Es -ließe sich von Umago gar manches aus allerlei Nöten -erzählen, von Krieg und Pest, von Wassersnot und Erdbeben, -insbesondere auch von einer Bodensenkung, welche -einen Teil des Städtchens in die Wellen begrub, wo man -an klaren Tagen jetzt noch die Mauerreste sieht.</p> - -<p>Hübscher als das Städtchen selber ist die Landschaft,<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -aus deren Olivenhainen, Eichenwäldchen und Gärten halbe -versteckte Landhäuser und Villen istrianischer Vornehmer -herübergrüßen.</p> - -<p>Unser Schiff legte weder in Umago noch in Citta -<span id="corr134">nuova</span>, das wie dieses nach einer langen Lebensgeschichte -eine stille Gegenwart fristet, im Hafen an, sondern ließ -sich die Passagiere im Fischerboot herüberbringen.</p> - -<p>Hier verlor ich meinen bisherigen Gesellschafter. -»Grüßen Sie mir Rovigno und tragen Sie ein freundliches -Bild von Istrien mit sich fort!« Mit diesen Worten -bot er mir die Hand zum Abschied, und noch vom Kahne -aus rief er mir ein herzliches »<em class="antiqua">Buon viaggio!</em>« nach.</p> - -<p>Unterhalb Citta nuova, das keineswegs, wie sein Name -zu bedeuten scheint, eine »neue Stadt«, sondern eine uralte -ist, die allerdings, nachdem sie türkische Seeräuber -im Jahr 1687 in Asche legten, nur eine bescheidene Auferstehung -erlebte, liegt die weite Mündungsbucht des -Quieto, des größten istrianischen Stromes. Die alten -Schriftsteller sollen ihn für die Fortsetzung des Isters, -wie damals die Donau hieß, gehalten und selbst so genannt -haben. Dadurch erkläre sich der Landesname -»Istrien«, der also das Umgelände des Quieto bedeuten -würde.</p> - -<p>Allein lassen wir die etymologische Untersuchung ruhen -und uns dafür vom Küchenjungen, der zugleich Kellner -und Oberkellner des kleinen Dampfers ist, einen <em class="antiqua">mezzo-litro</em> -schenken.</p> - -<p>Während der schmächtige Bursche den Blechhumpen -füllt, schielen seine schwarzen Augen schon nach dem Trinkgeld;<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -aber er serviert mit einer Grazie, als wäre er -Angestellter des Hotel de Ville in Triest, und hat er erst -sein Trinkgeld, so läßt er sich's nicht nehmen, sich <span id="corr135">als</span> -ein Mann von Welt zu dokumentieren. Er spricht -von Athen oder Neapel so gelassen, wie ein Landknabe -seines Alters – er ist zwölfjährig – vom Krautgarten -des Nachbars.</p> - -<p>»Was sagen Sie zu unserm Wein?«</p> - -<p>»Er ist vorzüglich.«</p> - -<p>»Sie werden auf keinem Schiff einen bessern trinken.« -Er sprach mit solchem Ernst, daß man nicht wußte, war -er mehr Schlingel oder Gentleman.</p> - -<p>»Der Herr ist ein Deutscher?« fuhr er fort.</p> - -<p>»Zu dienen.«</p> - -<p>»Sie werden bald ein gutes Italienisch sprechen, aber -ich ein schlechtes Deutsch. Ich kenne noch keine zwanzig -Worte.«</p> - -<p>»Sie wünschen es zu lernen?«</p> - -<p>»Mein Gott – mein Handel würde florieren! – -wer kauft lieber die schönen Muscheln und die herrlichen -Antiquitäten, als die Deutschen!«</p> - -<p>Er eilte in seine Kabine und holte eine Kiste mit -Konchylien und kleinen Altertümern.</p> - -<p>»Sehen Sie diesen Mark Aurel!« Er betrachtete -das Stück mit dem Blicke eines Numatikers von Fach. -»Zwei Gulden, mein Herr! Sie finden den Preis wohl -nicht zu hoch?«</p> - -<p>»Man kauft in Aquileja zehn Stück für einen halben -Gulden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p> - -<p>»Sie entschuldigen, wenn das wahr ist, bin ich ein -ruinierter Mann.«</p> - -<p>In diesem Augenblicke wurde er gerufen – ich ließ -mir den Wein schmecken.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Un uom' rovinato</em>« und ein Schiffsjunge von zwölf -Jahren. Umsonst suchte ich es mir zusammenzureimen. -Als ich eben wieder einen Schluck zu tieferer Ergründung -des Gedankens aus meinem Blechbecher tun wollte, waren -wir in Parenzo, und ich sagte seinem alten Dom Grüß Gott!</p> - -<p>Die Stadt gefiel mir ausnehmend, und ich hätte ihr -bald eine Standrede gehalten.</p> - -<p>»Parenzo«, hätte ich gesagt, »du bist ein grünes Reis -auf dem alten Stamm, der Parentium hieß und eine -römische Kolonie war. Es ist dir wenig geblieben von -der alten Herrlichkeit: zwei Säulenstümpfe und ein Pfeiler -auf dem Platze Marafor; das andere liegt drunten im -Meer, und die Krabben kriechen drüber hin. Manche -deiner Schwesterstädte stehen zwar malerisch auf einem -Vorgebirge, du auf einer flachen Landzunge; aber du hast, -was jene nicht haben, einige moderne Bauten.</p> - -<p>Ich ziehe meinen Touristenhut ab vor deinem Dom, -der dreizehn und ein halbes Jahrhundert an sich vorübergehen -sah. Allein wäre er nicht von Stein gewesen, dann -hätte er wohl in Jammer und Elend gewankt, als vor -fünfhundert Jahren die Pest deine Kinder, junge und -alte, zu Tausenden würgte und die letzten Dreihundert -knierutschend zu deiner Schutzheiligen flehten: Heilige -Eufrasia, schone uns!</p> - -<p>Die Heilige tat ein Einsehen; sie schonte die Dreihundert,<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -und heute sind's wieder fast dreitausend. Sie -bauen Schiffe, sie verkaufen Wein und Holz, sie schleppen -die Netze, ein Bischof segnet ihre Arbeit, und nie ist's -schöner bei dir zu wohnen, als wenn die dreiunddreißig -Landräte von Istrien durch deine Gassen wimmeln und -dem Wohle des Landes nicht schaden. Fürwahr, du bist -nicht die Kleinste von Istrien!«</p> - -<p>Da rollten die Matrosen eben wieder eine Partie -der unvermeidlichen Weinfässer ins Schiff; ich mußte -meine Füße in Sicherheit bringen und brach den stummen -Sermon ab, ohne dem Schönsten an Parenzo gerecht geworden -zu sein, dem vor der Stadt liegenden wunderhübschen -Eiland San Nicola.</p> - -<p>Es ist eine südliche Ufenau! Es stehen zwar keine -Fruchtbäume darauf, aber viel helles Oliven- und dunkles -Lorbeergesträuch; kein Kirchlein grüßt vom Fels, aber ein -halbzerfallener Turm; kein Ulrich von Hutten hat darauf -sein einsames Grab, aber wer weiß, ob die Lorbeeren von -San Nicola nicht über einem toten Helden rauschen?</p> - -<p>Unser Schraubendämpferchen zischte wieder; ade Parenzo! -ade San Nicola!</p> - -<p>Ist die felsige, flache Küste von Cap Salvore bis -Parenzo reizlos, so entschädigt, wenn man das grüne -Eiland im Süden umfahren hat, die entzückende Fahrt -durch den Scoglienarchipel den Touristen vollauf!</p> - -<p>»Eine Schweiz im Wasser!« Ich kann nicht mehr -sagen, welcher Reiseschriftsteller diese Bezeichnung für das -liebliche Wirrsal kleiner Inseln aufgebracht hat. Der -seltsame Reiz, den diese Felseneilande auf das Auge üben,<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span> -kann allerdings mit demjenigen einer schönen Schweizerlandschaft -verglichen werden; aber Schweizerisches ist nichts -daran.</p> - -<p>»Ein Karst im Wasser!« Damit hätte man wenigstens -die geologische Eigenart dieser Inseln charakterisiert; aber -Karst sind nur die furchtbar verwaschenen Felsenfundamente, -die malerischen Riffe und Wellenbrecher, die sie der hereinflutenden -See entgegenstellen. Die Rasendecke dagegen, -die bald wie ein Teppich und bald nur wie ein Häubchen -die Scoglien deckt, die malerischen Baumgruppen, die -kleinen Fischerhäuser sind zu anmutig, als daß man sie -in eine Karstlandschaft einfügen dürfte; sie sind mit der -blauen Flut und dem öden Fels ein einzig schönes Meeridyll. -Den großen Meerschiffen sind die Scoglien verschlossen, -und selbst das kleine Küstenschiff krümmt und -windet sich mit Mühe durch die Kanäle, welche den -Archipel labyrinthisch durchziehen, bald sich zum Engpaß -schließen, bald zum freundlichen Bild eines Binnensees -ausweiten, hier den Blick auf ein kleines Landschaftsbild -begrenzen und dort dem Auge den Durchblick auf das -ruhig-große Meer erschließen.</p> - -<p>Wenn aber die See rast, und die sturmgepeitschten -Wogen an den Scoglien zerschellen, dann mag die stille -Schönheit dieser Inseln einem furchtbaren Bilde weichen. -Darum wächst auf diesen Felseneilanden ein Lotsengeschlecht, -dessen Ruhm an der Adria kein anderes verdunkelt.</p> - -<p>Der Lotse zur See, der Führer im Hochgebirge, sie beide -stehen im Dienste des Lebens anderer, und manch einer, -dessen Name in der großen Welt mächtig widerhallt, wäre<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -kaum würdig, diesen schlichten Helden, von denen man -wenig singt und sagt, auch nur die Schuhriemen zu lösen!</p> - -<p>Da, wo sich die kleinen Inseln am dichtesten drängen, -hängt das Städtchen Orsera an steiler Küstenhöhe. Nicht -gar fern davon schneidet eine schmale Felsenbucht tief ins -Land. Es ist der Canale di Leme, ein in den Süden -versetzter norwegischer Fjord.</p> - -<p>Nun sieh dort das Heiligenbild, das hoch vom fernen -Campanile glitzert und glänzt! Das ist Sant' Eufemia -im Strahlenkranz, die Schutzheilige von Rovigno, der -Stadt, die ich grüßen soll, und ich grüße sie gern; denn -ein Hauch südlicher Romantik webt über ihr und ihrem -gewaltigen Dom, der, auf dem Vorgebirge stehend, all die -Profanhäuser der Stadt, wie eine Henne die Küchlein, -um sich sammelt.</p> - -<p>Ein Rätsel ist mir nicht gelöst worden, nämlich warum -die Rovignesen vor anderthalbhundert Jahren ihren alten -Schutzpatron, den heiligen Georg, der doch als wackerer -Kriegsmann während mehr als einem Jahrtausend die -Stadt vor Sarazeneneinfall, Ungarwut und Pest gehütet, -als Schutzpatron abgesetzt und sich unter den Schirm -einer Heiligen gestellt haben. Ich vermutete indes, daß -es als eine Huldigung an die schönen Frauen Rovignos -geschah, die sich so seltsam und reizend zu kleiden verstehen.</p> - -<p>Welche unserer Damen weiß, was eine »Vestura« ist? -Ein leichter, luftiger Überwurf, der wie eine rückwärts -gebundene Schürze empor gezogen wird und, ähnlich wie -ein venetianischer Schleier über Scheitel und Oberkörper -gewunden, Antlitz und Büste duftig schmückt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p> - -<p>Es war schon Nachmittag, als unser Schiff an der -hübschen Insel San Catterina vorbei, welche sich als ein -natürlicher Wellenbrecher vor dem Hafen Rovignos lagert, -in die südlichen Scoglien steuerte. Sie sind größer und -vegetationsreicher als die nördlichen, und bergen hie und -da unter dem Schutze eines kleinen Hügels an blauer -Meerbucht ein schimmerndes Fischerdörfchen. Ja selbst die -Rauchwolken aus dem Schlote einer Zementfabrik ziehen -über die Olivenwäldchen von Sant' Andrea, einer größern -Insel in der Nähe Rovignos.</p> - -<p>Allein sie stören den märchenträumenden Frieden des -stillen Meergeländes nur einen Augenblick; denn</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde<br /></span> -<span class="i0">Klingen Abendglocken dumpf und matt,<br /></span> -<span class="i0">Uns zu geben wunderbare Kunde<br /></span> -<span class="i0">Von der schönen, alten Stadt.<br /></span> -<span class="i0">In der Fluten Schoß hinabgesunken<br /></span> -<span class="i0">Blieben ihre Trümmer stehn:<br /></span> -<span class="i0">Ihre Zinnen lassen goldne Funken<br /></span> -<span class="i0">Wiederscheinend auf dem Spiegel sehn.«<br /></span> -</div></div> - -<p>So meldet eine Schiffersage auf San Giovanni, und -das Merkwürdigste daran ist der Umstand, daß einige -von den Inselnbewohnern vorgewiesene Funde ihr einen -realen Hintergrund zu geben scheinen.</p> - -<p>Sodom, Gomorrha, Stavoren, Vineta, und hier eine -schicksalsverwandte Stadt, deren Name selbst vergangen -ist! Es mag merkwürdig zugehen, wenn am jüngsten -Tage das Meer seine Toten ausspeit!</p> - -<p>Ich beugte mich über den Rand des Schiffes, um -nach den versunkenen Türmen und Dächern zu spähen.<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -Eine Qualle, die wie eine zierliche Hängelampe mit ausgespanntem -Schirm durch die Meerflut zog, wollte mir -dazu leuchten; allein das Schiff fuhr vorbei, die schöne -Meerampel verschwand, und es ging mir, wie es vielen -schon gegangen – ich habe das istrianische Vineta nicht -gesehen.</p> - -<p>Südlich vom Scoglienarchipel sticht das Fahrzeug in -den Kanal von Fasana, der sich wie ein breiter, ruhiger -Strom zwischen den Klippen des Festlandes und dem -grünen Teppich der brionischen Inseln durchwindet. Um -drei Uhr erreichten wir die kleine Stadt, deren Name -sich auf den Meeresarm übertragen hat, und sahen auch -Perri, die bocchesisch-montenegrinische Kolonie, die rings -umgeben von istrianischen Volkselementen den heimatlichen -Typus fast unversehrt behalten hat.</p> - -<p>Bald sind wir in Pola. Dort auf der größten der -Inseln, auf der Brion grande dräut von der höchsten -Hügelkuppe das erste Festungswerk. Es führt den ehrenvollen -Namen Tegethoffs, des Siegers von Lissa, der sich -ruhmbedeckt in die Kriegsgeschichte von 1866 eingetragen -hat; denn hier am Kanal von Fasana hat der kühne -Admiral sein Geschwader, für dessen Kriegstüchtigkeit ganz -Österreich bangte, gesammelt und es von hier aus zur -heißen Seeschlacht bei der dalmatinischen Insel geführt.</p> - -<p>An dem Eiland San Girolomo vorbei kamen wir in -die Bucht von Pola. Sie könnte mit der blauen, ruhsamen -Flut, den grünen Hügeln, welche sie umkränzen, ein -idyllisches Meerbild genannt werden, schaute nicht von den -Uferhöhen Fort an Fort auf den stillen Golf und blickten<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -nicht hundert Mündungen blanker Stahlgeschosse aus den -engen Schießscharten der Festungsrondellen auf den Wasserspiegel, -die das Friedensbild zum furchtbaren Festungsrayon -verwandeln.</p> - -<p>Die Bucht weitet sich birnenförmig aus. In ihrem -Hintergrund liegt der von Barken belebte Handelshafen -von Pola und südöstlich, durch die Oliveninsel und ein -anderes kleines Eiland abgeschlossen, der eigentliche Kriegshafen, -wo die abgetäuten Panzerschiffe schwimmen. Die -Stadt lagert sich staffelartig um einen zwischen den Häfen -vorspringenden Hügel.</p> - -<p>Das Erste, was der Reisende von Pola erblickt, ist -die Kolossalruine des römischen Amphitheaters, das den -Sturm fast zweier Jahrtausende überdauert hat. Ernst -und beschaulich sieht es auf den Golf, wo sich eine moderne -Großmacht mit ihrer Seewehr brüstet.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/chap-end.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p> - -<h2 id="Im_Kriegshafen"> -<img src="images/illu-143.png" alt="" /><br /> -Im Kriegshafen -von Österreich-Ungarn.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-v.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Vor undenklichen Zeiten fuhren im fernen Osten, wo -die ersten Menschen gewachsen sind, zwei Fischer in -ihren Einbäumen auf eine Meerbucht hinaus. Der eine -machte einen guten Fang; die Netze des andern blieben -leer. Da wurde dieser neidisch und zornmütig. Es entstand -ein Streit, und der Stärkere schlug den Schwächern tot.</p> - -<p>Das war der erste Seekrieg!</p> - -<p>Man weiß nicht, wann die Kunst, Menschen auf dem -Meere totzuschlagen, in den Westen gewandert ist. Den -Kampf im Einbaum hat man schon lange aufgegeben. -Die aufstrebenden, schaffensfreudigen Völker Europas haben -jetzt andere Kriegswerkzeuge zur See: Panzer, Torpedos -und gezogene Kanonen.</p> - -<p>Ein Einbaum und ein modernes Kriegsschiff gleichen -sich wenig; aber heute noch wird der Stärkere über den -Schwächern Meister. Darum will jedes Volk stark sein. -Es läßt zu diesem Zwecke die Künste, die Wissenschaften -darben; es legt die Nerven der Industrie lahm; es opfert<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -den Segen des Landbaues; es unterbindet den Handel; -es begräbt das Nationalvermögen in Festungen, Kasernen, -Panzerschiffe und wirft die Blüte der Männer hinein.</p> - -<p>Das ist der moderne Militarismus!</p> - -<p>Wo ein Reich ein schönes Stück Nationalvermögen -hingegeben an den angenehmen Gedanken, stark zu sein, -stand ich jetzt, am Kriegshafen der österreichisch-ungarischen -Monarchie, am Quai von Pola, und dachte an die Leberknödel -meiner lieben Wirtin zu Monfalcone.</p> - -<p>Ich will es nur gestehen, daß mir im frischen Hauch -der Meerluft ein gutes Beefsteak, ein Nierenbraten, eine -Ganskeule oder ein Presciutto stets als besonders begehrenswerte -Dinge vorgekommen sind. In Pola bekam ich für -Geld und gute Worte etwas Lämmernes, und es wurde -mir davon sehr friedlich zu Mute. Allein nun galt's, -den Tag noch auszunutzen!</p> - -<p>Nachdem ich in einem Hotel ein Zimmer bestellt, stand -ich etwas vor vier Uhr am Eingangstor zu den Werkstätten -des k. k. See-Arsenals. Sie ziehen sich in der -Länge eines Kilometers am südlichen Ufer der Bucht von -Pola hin, während die Etablissemente für den Schiffsbau -und die Docks den Scoglio olivi, eine der Stadt zu -Füßen liegende Insel, bedecken.</p> - -<p>Nirgends findet der Fremde ein freundlicheres Entgegenkommen -als in Österreich. Die einfache Visitenkarte -öffnet ihm, sofern nicht Glieder des Herrscherhauses selber -da sind, die kaiserlichen Schlösser; sie genügt auch, um -Eintritt ins Seearsenal zu erlangen. Als Führer wurde -mir ein junger, hübscher Mann in Unteroffizierstenue<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -vorgestellt, und ich war angenehm überrascht, statt des -langweilig pathetischen Erklärungstones der italienischen -Ciceroni ein gemütliches Grazerdeutsch zu hören.</p> - -<p>So wanderten wir denn. Schon im Waffensaal, wo -die großen Geschütze in Reih und Glied stehen, die Bomben -und Granaten zu Tausenden kunstreich geschichtet auf ihren -Lagern liegen, wird dem Laien ganz kriegsandächtig zu -Mute. Allein erst im Marine-Museum, wo alle die verschiedenen -Dinge, die zur Flotte und ihrer Geschichte eine -Beziehung haben, in einer Flucht von Gemächern aufgestapelt -liegen, offenbart sich ihm vom Schlachtenhandwerk -zur See ein Stück intimen Lebens.</p> - -<p>Besonders fesselnd ist die Menge zierlicher Schiffsmodelle, -die eigentliche Kunstwerke der Kleintechnik sind. -Sie gewähren in ihrer Gesamtheit ein lehrreiches Bild -von jenem gewaltigen Umschwunge, der sich in den letzten -dreißig Jahren im Marinewesen vollzogen hat. An manch -eines der ältern ließe sich eine fesselnde Schiffsgeschichte -knüpfen. Viele Schiffe, deren Modelle hier noch ein lebhaftes -Interesse erregen, stehen entmastet, zu einem Warenlager -oder Pulvermagazin erniedrigt irgendwo im letzten -Hafen oder fahren, von der Verwaltung ausrangiert, neu -aufgeputzt und neu bewimpelt, unter der Flagge irgend -einer halbzivilisierten Macht, die den Marinesport der -europäischen Nationen nachahmen will.</p> - -<p>Auch ein Schiff hat sein Schicksal. Vielleicht keines -ein traurigeres als die »Maria Anna«, einer der schönsten -Kriegsdampfer. Zwischen Triest und Venedig kreuzend, -verschwand sie mit ihrer Mannschaft an einem stürmischen<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -Märztage des Jahres 1852, ohne daß es je gelungen -wäre, Bestimmtes über ihren Untergang zu erfahren.</p> - -<p>Was immer die österreich-ungarische Flotte auf ihren -Kreuz- und Querzügen durch die Meere an nautischen -Gegenständen von fremden Küsten hergetragen, indianische -Canoes und figurenbedeckte asiatische Fahrzeuge, das liegt -hier aufbewahrt. An den Wänden und in Schreinen hangen -die Trophäen aus den Seetreffen älterer und neuerer Zeit, -die blauweiße Flagge, die Don Juan von Österreich in -der Schlacht von Lepanto im Jahre 1571 auf seinem -Admiralschiff führte, und zahlreiche tunesische, marokkanische -und <span id="corr146">egyptische</span> Wimpel aus den Jahren 1829 und 1830.</p> - -<p>Mit besonderer Sorgfalt sind die Trophäen aus der -Seeschlacht von Lissa und mannigfache Erinnerungszeichen -an Admiral Tegethoff, Uniformen, Feldzeichen, Orden, -Lorbeerkränze aufbewahrt worden. Sie mahnen aus ihren -Glasschränken heraus an jene blutig bewegten Tage, da -Österreich unter dem furchtbaren Eindruck der Niederlage -von Königgrätz, trotzdem es in jenem Doppelkrieg sich -Italien gegenüber zu Land und zur See siegreich behauptet -hatte, das reiche Venetien durch die Vermittlung Napoleons -<em class="antiqua">III.</em> dem <em class="antiqua">re galant' uomo</em> hingab.</p> - -<p>Nun traten wir in die Artilleriewerkstätten, wo ein -Arbeiterbataillon hämmert und feilt, hobelt und bohrt, -poliert und dreht. Was bereiten denn diese hundert und -hundert emsigen Gesellen, diese rollenden Maschinen? Was -wird aus den hochgeschichteten Stößen von Erz, was aus -den brodelnden Metallmassen, die aus den Öfen zischend -in die Formen schießen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p> - -<p>Waffen; allein wo das Torpedo, die furchtbarste Wehr -zur See, bereitet wird, da führt man keinen Uneingeweihten -hin.</p> - -<p>Wer sich nicht ganz vom Militärevangelium der Gegenwart -den Verstand hat berauschen lassen, hat ohnehin -genug gesehen. Ein Protest gegen den Krieg, die vom -Staat und dem Patriotismus geheiligte, von den Dichtern -verherrlichte, große Menschenschlächterei geht an diesem -Orte, wo ohne Unterlaß die Werkzeuge zum Massenmord -bereitet werden, durch seine Seele.</p> - -<p>Doch sieh, da sind wir ja aus dem sinnbetäubenden -Rasseln und Dröhnen der rußigen Werkstätten in ein -friedliches Asyl, in eine große Schneiderwerkstätte gekommen. -Das ist der Saal der Segelmacher, wo man -den schweren Kriegsdampfern die leichten Schwingen zurechtschneidet, -für die hochragenden Masten die rot-weiß-rot -gestreiften Kriegs- und für den Manövrierdienst die -verschiedenfarbigen Signalflaggen zusammensetzt. Man -könnte bei dem Anblick der vielen farbigen Tücher, der -bunten Nationalbanner aller Seemächte, fast auf den -Gedanken kommen, daß hier die Kostüme für eine große -Maskerade oder die Wimpel für ein Fest vorbereitet -werden. Es ist aber alles blutiger Ernst!</p> - -<p>Am chemischen Laboratorium vorbei, wo man die -Sprenggeschosse füllt, kommen wir ins Aus- und Abrüstungsmagazin, -in dessen Kammern jene unzähligen -Gegenstände in Depot liegen, deren ein Schiff, um segelfertig -zu werden, bedarf. Hier liegt auch jenes Boot -aufbewahrt, in welchem die Nordpolfahrer Weyprecht und<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -Payer mit ihren Gefährten im Jahre 1874 nach zweijährigem -Aufenthalt im äußersten Norden den schwierigen -Rückzug nach Novaja Semlja ausführten, als das Expeditionsschiff -»Tegethoff« in eine Eisscholle eingefroren unrettbar -nach Norden trieb. Sechsundneunzig Tage brachte -die Mannschaft mit ihren braven Führern, die das Franz-Josephs-Land -entdeckt, in dem kleinen Fahrzeuge zu, bis -die immer südwärts Steuernden an der Küste von Novaja -Semlja einen russischen Schooner entdeckten, der sie in -den Hafen Vardóe in Schweden brachte.</p> - -<p>Ein Blick noch auf die gewaltigen Vorräte von Mastenholz, -jene geschundenen Riesentannen des Alpenwaldes, die -sich auf dem Meer in Heimweh härmen, ein Blick noch -auf die Bootswerfte, wo die kleinern Schiffe gebaut werden, -und wir wanderten längs des im Abendschein vergoldeten -Meeres allmählich zurück, hier rasch ins Ketten- und Ankermagazin -tretend, dort das Bootsmagazin musternd, wo -eine Menge kleinerer Fahrzeuge über und nebeneinander -aufgeschichtet liegen, bis zu dem gewaltigen Scherenkrahn, -der von anständiger Kirchturmshöhe ist und Lasten von -über tausend Zentnern Gewicht auf die Kriegsschiffe überträgt. -Nicht weit davon ist die gewaltige Kesselschmiede -und der Maschinensaal mit einem Anhang weitläufiger -Nebenwerkstätten.</p> - -<p>Die Uhrenfabrikation und der Schiffsbau bezeichnen -zwei Pole der Industrie. Dort müht sich der Arbeiter mit -der Loupe an dem kleinsten, hier mit dem dampfgetriebenen -Krahne an dem größten mechanisch Darstellbaren.</p> - -<p>Hier geht alles ins Kolossale. Der Arbeiter ist im<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -Vergleich zu den Maschinen, an denen er hantiert, eine -Ameise, während die Hämmer, welche die Panzerplatten -schmieden, die Werkzeuge von Kyklopen zu sein scheinen. -Staunend schaut der Fremde eine Weile in das tosende, -riesenhafte Getriebe; dann wendet er sich gern wieder ab. -Es liegt etwas Übermenschliches, an den Vulkanmythus -Mahnendes, etwas Beängstigendes in diesen donnernden, -sausenden, singenden und ächzenden Kolossalmaschinen.</p> - -<p>Ich atmete auf, als ich wieder draußen auf der -Hafenstraße von Pola stand. Sie war reich belebt von -spazierenden Militärs. Ich ließ mich ohne Rast zum -Scoglio olivi hinüberstoßen, wo in zwei weiten eisernen -Hallen die Werften für den Kriegsschiffbau liegen. Ein -Kriegsschiff war nicht im Baue; hingegen lag auf einem -der beiden Trockendocks ein Panzerschiff in Reparatur und -glich, wie es da außer Wasser stand, einem gestrandeten -Walfisch.</p> - -<p>Der augenfällige Unterschied zwischen einem Handels- -und einem Kriegsschiff besteht darin, daß die schwimmende -Festung statt der vielen Kajütenfenster nur eine Reihe -viereckiger Öffnungen zeigt, durch die ebenso viele Kanonenmündungen -blitzen, und daß auf dem Deck ein oder zwei -drehbare Panzertürme, runden Kesseln nicht unähnlich, -mit Schießlucken stehen. Wirklich schwer gepanzert ist es -nur etwa zwei Meter über und unter der Wasserlinie -und da, wo die Werke zum Drehen der Türme stehen.</p> - -<p>Das Balancedock ist ein ungeheurer Kasten, der wie -ein Schiff auf dem Meere schwimmt, aber durch Einpumpen -von Wasser derart versenkt werden kann, daß das größte<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -Kriegsschiff zwischen seinen Seitenwänden einfahren kann, -worauf das Schiff durch das Auspumpen des Wassers -im Dock ins Trockene gehoben wird.</p> - -<p>Nicht minder merkwürdig ist der »Zyklop«, ein Werkstättenschiff, -welches die Arbeitsräume und Maschinen für -die Reparatur der Marineboote enthält. Es ist ein -schwimmendes Arsenal, welches ein in die See stechendes -Geschwader begleiten kann.</p> - -<p>Der Tag ging zur Neige, als ich meinen Gang durch -das Arsenal beendet hatte. Um von dem Städtchen noch -etwas zu sehen, verzichtete ich auf eine Kahnfahrt nach -dem Kriegshafen, wie sie mir mein Führer vorgeschlagen -hatte; ich begnügte mich, den grauen, stählernen Ungeheuern -mit den Kanonenmündungen von ferne meine -Reverenz zu erweisen.</p> - -<p>Während mich der Führer zurückruderte, genoß ich -den reizenden Anblick des sich an den südlichen Hügelstufen -emporbauenden Stadtbildes von Pola.</p> - -<p>Der Ort selber ist uralt; denn unter dem Namen -Pietas Julia blühte hier eine römische Kolonie, und im -Mittelalter beherrschten von hier aus die Markgrafen von -Istrien ihr Land; aber in gewissem Sinne ist es doch der -Benjamin der istrianischen Städte. Nachdem es im 13. -und 14. Jahrhundert bald von den Venetianern, bald von -den Genuesen verwüstet und im 17. von der Pest entvölkert -worden war, so daß es kaum mehr ein halbes -Tausend Einwohner zählte, ist es erst durch Anlage des -Kriegshafens und zum großen Teil auf Kosten der istrianischen -Schwesterstädte wieder ein Gemeinwesen von einiger<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -Bedeutung geworden und zählt gegenwärtig etwas über -10 000 Einwohner.</p> - -<p>Seine Geschichte bringt es mit sich, daß sich in der -Stadt Altes und Neues aufs wunderlichste mischen, daß -fast an jedem Plätzchen eine alte Historie klebt.</p> - -<p>Hier sollen Jason und Medea auf ihrer Flucht vor -den Kolchiern gerastet, dort die schöne Cenide mit dem -jugendlichen Vespasian einen erotischen Roman durchlebt -haben; am dritten Ort zeigt man die Stelle, wo am -Charfreitag 1271 die Familie der Sergier, die als erbliche -Generalkapitäne die Stadt verwalteten, vom Volke -meuchelmörderisch niedergemacht worden ist.</p> - -<p>Vielleicht die interessanteste dieser Erinnerungen aber -hat der Ort da, wo jetzt mit leuchtender Front die Infanteriekaserne -auf den Golf herniederschaut; denn hier -stand im Altertum ein Venustempel, im Mittelalter ein -Nonnenkloster, jetzt also eine Militäranstalt.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Und aber nach fünfhundert Jahren,<br /></span> -<span class="i0">Als ich desselbigen Wegs gefahren« – – –<br /></span> -</div></div> - -<p>Kann man sich eine lebendigere Illustration zur Sage -von »Chidher, dem Ewigjungen«, denken?</p> - -<p>Auf einem Hügel oberhalb der Kaserne erhebt sich -das alte venetianische Kastell, und nicht weit davon steht -eines der sehenswertesten Altertümer: die zierliche Triumphpforte, -welche Salvia Postumia ihrem Gemahl, dem -Tribunen Servius Lucius, und dessen Verwandten errichtet -hat. Das vollkommen freistehende, von einem -prächtigen Rostton überzogene Denkmal gehört mit seinen -paarweise geordneten korinthischen Säulen und dem stark<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -vortretenden, von etwas Strauchwerk umwucherten Gesimse -der besten Zeit römischer Baukunst an.</p> - -<p>Ebenso schön ist ein anderes ganz in den Häusern -verstecktes römisches Denkmal: ein eleganter Tempel des -Augustus und der Roma, ein wunderbar wohlerhaltener -Bau, obgleich er unter den wechselnden Besitzern von Pola -schon als Kirche und als Kornkammer gebraucht wurde. -Noch liest man an dem Fries der von sechs korinthischen -Säulen gebildeten Vorhalle die Widmungsinschrift »<em class="antiqua">Patri -Patriæ</em>«, und die zierliche Ornamentik des Giebels hat -durch den Verwitterungsvorgang von fast zwanzig Jahrhunderten -– der Tempel wurde im Jahre 8 gebaut – -nicht wesentlich gelitten.</p> - -<p>Neben diesem 13 Meter hohen Bau stand im Altertum -ein anderes Heiligtum, der Tempel der Diana, von -welchem aber nur die Rückseite auf uns gekommen ist; -denn in seine Vorderseite hinein ist nicht ohne Geschick das -Stadthaus von Pola, ein anmutiger Palast in maurisch-gotischem -Stil, gebaut worden. Vor seiner Parterreloggia -liegt der Hauptplatz von Pola, das antike Forum.</p> - -<p>Vom Triumphbogen der Sergier zieht sich die mit -Kastanienbäumen besetzte Ringstraße um das Kastell her -gegen den innersten Teil des Hafens und gegen das -Amphitheater hinab.</p> - -<p>Dieses kann sich zwar an Größe mit demjenigen von -Verona nicht messen; denn die Maßverhältnisse sind fast -ein Drittel geringer als am »Haus Dietrichs von Bern«; -immerhin beträgt die Länge seines Ovals 120, die Breite -96 Meter und sein Raum faßte über 20 000 Personen. Von<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -all den Arenen des Südens ist sie die einzige im Außenbau -erhaltene, während man freilich, um ein Bild ihres ausgeplünderten -Inneren zu gewinnen, das Bild des Amphitheaters -an der Etsch zu Hülfe nehmen muß.</p> - -<p>Da die Arena, die von der alten römischen Gemeinde -um das Jahr 200 zur Auslösung eines Gelübdes und -zu Ehren der Kaiser Septimus Severus und Caracalla -aufgeführt wurde, am Abhange eines Küstenhügels steht, -so verkürzt sich der Bau von der Golfseite gegen hinten -um die ganze Höhe der untersten Bogenreihe, während -am zweiten Stockwerk die 72 Bogen recht schön zur Darstellung -kommen. Über den viereckigen, fensterartigen -Ausschnitten des dritten Stockwerkes krönt eine Steingalerie -den 24 Meter hohen Bau, an welchem vier turmartige -Anbauten eine besondere Eigentümlichkeit bilden.</p> - -<p>Als ich auf dem Hügel über dem Amphitheater stand, -erhaschte ich eben noch die letzten Strahlen der scheidenden -Sonne, die herrlich durch die öden Räume des gewaltigen -Baues fluteten. Dann versank das purpurne Gestirn in -der fernen See; die Dämmer woben über dem Hafenrund -von Pola.</p> - -<p>Ich setzte mich auf den kurzen Rasen des Hügels, und -im Anblick des dunkeln Ruinenkolosses sah ich, als hätten -sich die Zeiten um mehr denn anderthalb Jahrtausende -zurückgedreht, ein seltsam Bild.</p> - -<p>Römische Männer und Frauen schritten in Toga und -Palla zu den vier Toren der Arena. Auf den Galerien -plauderte viel müßiges Volk: Kriegsleute, Freigelassene -und Sklaven, und unter Trompetenklängen kam von der<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span> -Pietas Julia die Schar der Gladiatoren gezogen. Nun -scholl auf zur Loge, wo im Purpurgewand mit müdem -Lächeln der junge Kaiser saß: »<em class="antiqua">Ave Caesar, morituri -te salutant!</em>« »Sei gegrüßt, Cäsar, die Todbereiten -grüßen dich!« »Hie Hyplomachos, hie Thraker.« Nun -ein erstes Scheingefecht, dann heller Schwertesklang! Der -Thraker sinkt in die Kniee und hält um sein Leben bittend -die Hand empor. Allein das Volk will Blut sehen. Der -Hyplomachos gibt ihm unter dem wilden Jubel der Zuschauer -den Todesstoß. Noch haben kaum die Angestellten -den zuckenden Leichnam versenkt,</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»Da speit das doppelt geöffnete Haus<br /></span> -<span class="i0">Zwei Leoparden auf einmal aus.«<br /></span> -</div></div> - -<p>Ich kam nicht weiter mit meinem Schiller …</p> - -<p>»Guten Abend, mein Herr, darf ich Sie um etwas -Feuer bitten?« sagte jemand im feinsten Deutsch zu mir. -Ich schnellte aus meinen Träumen und von dem Rasenlager -empor, und vor mir stand ein hagerer, fadenscheiniger -Mensch.</p> - -<p>»Bitte, bedienen Sie sich.« Allein der Mann sah -mich nur mit einer Art stummen Jammers an. »Gnädiger -Herr«, sagte er dann, »um Gotteswillen, bezahlen Sie -mir und meiner Frau ein Abendbrot; wir sind deutsche -Schauspieler und heute sechs Stunden über das Land -gewandert; aber gegessen haben wir nichts. Erst müssen -wir spielen, dann können wir essen. – Mein Gott, was -ist das für ein Spielen, wenn man vor Hunger zusammenfällt!«</p> - -<p>»Wir wollen sehen«, sagte ich und ging mit dem<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -armen Teufel gegen den Quai hinunter, als aus dem -Schatten der Arena ein junges Weib hervortrat.</p> - -<p>»So haben wir uns nicht getäuscht«, sagte sie, auf -uns zutretend; »der gnädige Herr will etwas für uns -tun.« Meine Hand ergreifend, wollte sie dieselbe küssen.</p> - -<p>»Leutchen, aber wie kommen Sie denn überhaupt dazu, -mich so zu überfallen?« fragte ich halb abwehrend, halb -von den erwartungsvollen Gesichtern belustigt.</p> - -<p>»Verzeihen Sie, wir haben Sie an der Arena vorüber -auf den Hügel steigen sehen, und ich sagte zu meinem -Mann: »Dieser Herr wird uns helfen.« Sie haben so -ein liebes, gütiges Gesicht. Da sind wir Ihnen gefolgt -bis zur Höhe«, sprach das junge Weibchen schmeichelnd, -aber noch ungewiß, ob mich all das rühren werde.</p> - -<p>Da die Leutchen mir wirklich mehr arm als gaunerhaft -vorkamen und ich frei sein wollte, gab ich den beiden -zu einem Abendbrot. Sie dankten überschwenglich und -luden mich, ich weiß nicht mehr wohin, ein, ihr Spiel -anzusehen. Ich hatte indes Neu-Pola, das sich um einen -Hügel südlich vom Kastell lagert, einen Besuch zugedacht, -und dazu war jetzt die rechte Zeit. Über den östlichen -Höhen war der volle Mond aufgegangen, und die Nacht -war so hell und klar, daß ich selbst meinen Bädeker, der -übrigens von Pola wenig schreibt, ohne Mühe lesen konnte.</p> - -<p>So wanderte ich denn hinauf auf die höchste Kuppe -zur Sternwarte, auf deren Terrasse das Monument des -Admirals Tegethoff, ein prachtvoller Erzguß, steht, den -Kaiser Franz Joseph im Jahre 1877 errichten ließ. »Tapfer -kämpfend bei Helgoland, glorreich siegend bei Lissa, erwarb<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -er unsterblichen Ruhm sich und Österreichs Seemacht« -lautet die Inschrift auf dem Sockel des Denkmals, dessen -Fuß mit vier allegorischen Figuren geschmückt ist.</p> - -<p>Wunderschön ist der Standort; denn da liegt nicht -nur die Stadt selbst, sondern auch der Golf mit den Forts, -die ihn umrahmen, und die See, die mondbeglänzte, lichtgesättigte, -dem Beschauer zu Fuß.</p> - -<p>Dann führte mich der Weg hinab zu reizenden -Baum- und Buschanlagen, wo im tiefsten Parkfrieden -das Maximiliansmonument, eine zu jeder Seite mit drei -Schiffsschnäbeln gezierte, schlanke Säule, steht, die von -einer geflügelten, auf einer Kugel stehenden Viktoria bekrönt -ist.</p> - -<p>Ich habe die Figur im ersten Augenblick für eine -Fortuna gehalten, hat doch der unglückliche Kaiser von -Mexiko mehr von der Macht der launenhaften, flüchtigen -Göttin des Glückes als von der lorbeerspendenden des -Sieges erfahren, zu deren Bildnis sich die mexikanische -Kaisergeschichte wie eine bittere Satire ausnimmt.</p> - -<p>Nachdem ich Pola im Mondschein noch mehrmals -durchstreift, ging ich ermüdet von der Triumphpforte der -Sergier gegen den Quai hinunter. Da hörte ich aus -einer Schenke die Stimme einer Sängerin. Sie sang -das Lied: »Komm, flieh mit mir und sei mein Weib.« -Ich hörte stillstehend zu, bis die Schlußworte »verdorben, -gestorben« verklungen waren. Als eben eine Schar Seeleute -dem Gesang händeklatschend ihren Beifall gab, trat -ich ein.</p> - -<p>Es war der Schauspieler und sein Weib, die ich auf<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span> -so seltsame Art bei der Arena kennen gelernt hatte, welche -in dem raucherfüllten, nicht sonderlich reinen Raume sangen. -Man trank ein leidliches Bier, und in eine Ecke gedrückt -hörte ich den Deklamationen und Gesängen des armseligen -jungen Künstlerpaares zu. Gewiß hatten diese Leutchen -schon bessere Gesellschaft gesehen. Hier leuchtete ihnen kein -Stern. Plötzlich verlangten die Italiener unter den Seeleuten -einen italienischen Vortrag, und das ausgehungerte -Paar war in größter Verlegenheit. Jeder Versuch einer -weitern deutschen Deklamation wurde durch italienische -Gesänge vereitelt, der Wirt hob die Vorstellung auf, und -mit der unglücklichsten Miene von der Welt eilte der -deutsche Schauspieler mit seinem Weibe davon.</p> - -<p>Es war mir selbst unbehaglich geworden; denn die -Deutschen und die Italiener suchten sich gegenseitig mit -ihren Liedern zu übertönen und einige Minuten nach der -abgebrochenen Vorstellung suchte auch ich meinen Gasthof -auf und nahm mir vor, bis um fünf Uhr morgens so -fest zu schlafen, wie daheim bei der Mutter. Das Bett -war wirklich vortrefflich; allein ich hatte meine Rechnung -ohne die Plagegeister des Südens gemacht. Schon bald -nach Mitternacht erwachte ich von einem Schmerz, wie -wenn ich im dichtesten Nesselbusche läge, und als ich Licht -machte und die Decke zurückschlug, rannten eben die letzten -der braunroten Halbflügler davon.</p> - -<p>Ratlos stand ich am Fenster und sah zum Mond -hinauf, der ruhsam über die Dächer von Pola zog. -Draußen lag eine lichtvolle <span id="corr157">sommerlich</span> warme Nacht. -»Ruhe findest du hier keine mehr«, sagte ich mir; »wie<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -wär's, wenn du hinauswandertest, einsam wandertest in -das fremde, mondhelle Land?«</p> - -<p>Der Gedanke hatte etwas Romantisches; ich widerstand -ihm nicht lange und das Türschloß des Gasthofes auch -nicht. So zog ich denn hinaus, ein stiller Gänger, am -Amphitheater vorbei hinauf auf das Plateau und immer -südwärts über die öden Karstgründe dahin.</p> - -<p>Wer nie so menschenverlassen gewandert ist, der faßt -kaum die Poesie eines solchen nächtlichen Streifzuges. Sie -läßt sich in Worten nicht wiedergeben. Die Steinklippen, -die Ränder der Mulden, selbst das Laub des -Gesträuchs leuchteten mit einem fahlen Schein; auch nicht -ein Mensch begegnete mir; nur in einem fernen schlafenden -Gehöfte schlug ein Hund an, um sich dann rasch wieder -zu beruhigen.</p> - -<p>Und doch war die Einöde fern und nah tonerfüllt. -Sangen die Zikaden, sangen die Vögel im Traume? Ich -glaube das letztere. Als der Morgen kam, da klangen -über dem gottverlassenen Karstlande, in den Steinwinkeln -und in der Bläue der Luft so viele Vogellieder, daß ich -mich nur wundern mußte, in dem Gefelse ein so reiches -Tierleben zu finden.</p> - -<p>Trotzdem ich ohne Hast gegangen war, stand ich um -vier Uhr auf einer Uferhöhe, nicht fern von Medolina, -das an einer lieblichen Bucht ganz im Süden der Halbinsel -liegt.</p> - -<p>Schon stritten sich Mondlicht und Dämmerschein und -als eine schwarze Felsenbarre zog sich die äußerste Spitze -von Istrien – Promontore – und der Scoglio Porer<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -in das perlmutterglänzende Meer hinaus. Fern im Osten -über dem Quarnero stieg die Sonne groß und golden aus -der See empor und umflutete die Küstenhöhen mit einer -Garbe jungen Lichts; dann wurden auf dem Meer Segel -sichtbar; die Flut selber war überhaucht von Sonnengold.</p> - -<p>So führt im hellenischen Mythus Helios seinen goldenen -Wagen über das Meer herauf.</p> - -<p>Von einer immergrünen Eiche steckte ich mir ein Zweiglein -auf den Hut; dann wanderte ich schneller, als ich -gekommen war, nach Pola zurück.</p> - -<p>Auf dem Wege dahin sah ich ein istrianisches Idyll: -Eine junge Bäuerin, die, auf einer Eselin sitzend, mit -der einen Hand die Kunkel hielt, mit der andern ein -grobes Baumwollgarn spann und eine Ziegenherde vor -sich her trieb.</p> - -<p>Noch mehr aber als dieses Bild erheiterte mich die -Überraschung, die sich auf dem Gesichte meines Wirtes -spiegelte, als ich mit allen Spuren einer Morgenwanderung -vor ihn trat. Er schwur hoch und teuer, daß es in seinem -Hause keine Wanzen gebe; als ich aber meine Rechnung -bezahlte, bat er mich, es keinem Menschen zu verraten, -daß ich bei ihm schlecht geschlafen habe.</p> - -<p>Nach dem Frühstück eilte ich auf das Dampfboot, wo -ich kaum eine Minute vor der Abfahrt anlangte. Als -dasselbe aus dem Hafen manövrierte, sah ich die Sängerin -von gestern abend zwischen ein paar großen Weinfässern -des zweiten Platzes kauern. Erst jetzt fiel mir so recht -auf, wie jung, kaum über die zwanzig Jahre, und wie -erbarmungswürdig das Wesen in seinem schwarzen Kleide<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -dreinsah. Als sie sich jedoch von mir beobachtet fühlte, -da stieg eine tiefe Röte in ihr Gesicht; meine Entdeckung -schien sie peinlich zu berühren. Dann aber kam sie plötzlich -auf mich zu.</p> - -<p>»Wir haben uns getrennt«, sagte sie; »wir waren in -Wahrheit nur so weit hinabgewandert, um uns im Meer -das Leben zu nehmen; allein der Tod tut weh! Ich gehe -heim in die Steiermark; denn ich habe einen Vater und -eine Mutter dort. Zu ihnen will ich zurückkehren und -will arbeiten. Ich bin ihnen fortgelaufen. Der Sänger -ist nicht mein Mann; aber wir hatten einander lieb. Er -war immer gut mit mir, und gestern nacht, als ich weinte -und mich das Heimweh überkam, da schenkte er mir die -ganze gestrige Einnahme und sagte: »So geh, du mein -armes, armes Kind; ich darf dich nicht länger halten!« -Mein Gott, was wird aus ihm jetzt werden! Er wird -allein tun, was wir zusammen nicht vollbringen konnten. -Er hat keinen Halt mehr; ich hätte ihn nicht verlassen -sollen.« Sie hatte das letztere mehr zu sich selbst als zu -mir gesagt und lehnte nun in stummer Verzweiflung an -einen Warenballen.</p> - -<p>Bis nach Rovigno hinauf waren ein sehr elegantes, -italienisches Fräulein, das von Cattaro kam, und ich die -einzigen Passagiere erster Klasse. Mit steigender Aufmerksamkeit -hatte diese junge Dame die eben geschilderte -Szene beobachtet, und als ich in ihre Nähe kam, erkundigte -sie sich einläßlich, was dem armen Wesen fehle. -»<em class="antiqua">O poveretta, poveretta!</em>« rief sie, als ich ihr die Umstände -der Sängerin erzählte, und übernahm an ihr das<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span> -Amt der barmherzigen Samariterin. Sie erledigte sich -seiner in einem gebrochenen Deutsch, das man für drollig -hätte halten können, wäre es nicht die Sprache einer -Menschenfreundin gewesen, und mit ebenso viel Anmut, -als Erfolg; denn als wir uns Rovigno näherten, war -der Ausdruck dumpfer Verzweiflung in dem Gesichte -der Steiermärkerin demjenigen einer stillen Ergebung gewichen.</p> - -<p>»Ich werde die Arme in Triest in ein Haus begleiten, -wo man für ihre Heimkehr sorgen wird!« sagte mir die -Cattaresin. Kein Mensch hätte ihr dankbarer sein können -als ich, daß ich endlich einer Reisebekanntschaft, die ich -dreimal unter den seltsamsten Umständen gemacht, auf eine -so schickliche Weise ledig wurde.</p> - -<p>Bis in die Gegend von Parenzo hatten wir wieder -prachtvolle Fahrt bei spiegelglatter See; dann aber verdüsterte -sich der Himmel, wurde bleiern, und ein sengend -warmer Scirocco brach ein. Schon in der Gegend von -Cittanuova schwankte unser Küstendämpferchen bedenklich, -und bald war die See nah und fern mit weißen Schäumen -überdeckt, die gleich gescheuchten Herden vor dem Seewind -flohen. Es war kein Sturm, aber ein Stürmchen, gerade -stark genug, um mir noch eine Vorahnung dessen zu geben, -was zur See schlechtes Wetter heißt. Abgeschlagen und -wohl auch der Seekrankheit nahe, kam ich in Triest an. -Unser Schiff hatte zwei Stunden Verspätung, und noch -am folgenden und zweitfolgenden Tag fühlte ich die Nachwehen -der paar Stunden unruhiger Fahrt, ein Gefühl -des Schwankens, als wäre ich noch zu Schiff.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p> - -<p>Und als ich dann zu Monfalcone wieder am Strande -stand, das Meer sonnig war und glatt, fern und nahe -die kleinen und großen Schiffe segelten, da dachte ich an -das »<em class="antiqua">male di mare</em>« wie an ein Erlebtes und wünschte -glückliche Reise und ruhiges Wetter allen, die hinfahren -über das schöne, falsche Meer.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/chap-end.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Karst"> -<img src="images/illu-163.png" alt="" /><br /> -Der Karst und die Grotte -von Adelsberg.</h2> -</div> - -<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div> -<p class="drop">Es ist etwas Eigenes um jene vielgerühmten Stellen, -die zu Zielpunkten eines allsommerlichen Touristenstromes -geworden sind. Seit sie jedes Reisehandbuch bespricht, -seit sie nur noch durch die Spießrutengasse der -Spekulation zu erreichen sind und sich das reisende Volk -aller Winde an ihnen sammelt, wirken sie auf den selbständigen -Touristen nur noch mit halber Anziehungskraft. -Es mutet ihn an, als ob sie durch den ihnen überreich dargebrachten -Tribut gelitten hätten, und das Reizendste an ihnen, -die Frische und Unmittelbarkeit des ersten Eindrucks dahin sei.</p> - -<p>Allein wochenlang am Karst und in seiner nächsten -Nähe zu flanieren, mit der größten Gefahr für die lieben -Knochen sein Karrengefelse zu durchwandern, um einige -Fledermaus- und Taubenhöhlen, einige seiner in verlorenen -Schluchten rauschenden Quellen und kleinen Seen zu -sehen, ohne einmal das berühmteste unter den vielen Wundern -dieses eigenartigen Gebirges, die Adelsberger-Grotte, zu -schauen, wäre denn doch gegen mein Gewissen gegangen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p> - -<p>Sie ist zwar auch eine jener Sammellinsen des -Fremdenverkehrs, eines jener Schaustücke, an die man -mit dem Gefühle herantritt, es möchte sich um eine abgegriffene -Münze handeln. Als ich sie aber sah, da -wurde ich aus einem Saulus ein Paulus.</p> - -<p>Der frühe Osterschein flutete wonnig auf den blauen -Golf von Triest, als der Kurierzug meinen liebenswürdigen -Gastgeber, Direktor Johannes Heer von Monfalcone, und -mich aus dem Bereiche voll entfalteten Lenzes, aus der -klassisch schönen Meerlandschaft von Duino und Miramar -in das noch winteröde Karsthochland von Nabresina und -Sesana trug.</p> - -<p>Der Schienenweg dahin bildet eine gewaltige, nach -Norden ausweichende Schlinge, die sich nach einem vierzig -Kilometer langen Weg bei Sesana wieder bis auf zwei -Stunden dem adriatischen Handelsemporium nähert.</p> - -<p>Die fahlen Steinklippen der Gegend von Nabresina -erscheinen, nachdem man die Duftwellen des Frühlings -von Miramar geatmet, unsäglich vegetationsarm, ärmer, -als sie in Tat und Wahrheit sind; denn das Pflanzenleben -hat sich in die Dolinen, die merkwürdigen Gesteinskessel -des Karsts, zurückgezogen. Da feiert es, vor der -Bora geschützt, seinen einsamen, wenig beobachteten Frühling -und bedeckt die rötliche Erde dieser Vertiefungen mit -dem Schnee fallender Olivenblüten.</p> - -<p>Nähert man sich Sesana, so schimmert der weiße -Steinobelisk von Obcina, der von Triest aus gesehen auf -steiler Bergeshöhe steht, horizontal über das Plateau her. -In dem freundlich aus grauen, wenig bebuschten Karren<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span> -emporsteigenden Ort sind wir bereits drei und ein halbhundert -Meter über Meer. Ein Hauch des Nordens -zieht hier selbst im Sommer, wenn Triest zum unausstehlichen -Glühkessel wird, durchs Land. Darum ist Sesana -die Sommerfrische der reichen Triestinerfamilien, deren -Landhäuser aus kleinen, dem Karst abgerungenen Gärten -heraus auf die im einzelnen ebenso <span id="corr165">bizarren</span>, als im -ganzen einförmigen Steinklippen schauen.</p> - -<p>Allmählich geht die Gegend in ein Gebirgsland über, -dessen Bodenerhebungen nur hügelartig als ein Wirrsal -von Geröllkuppen über die Landschaft steigen. Als wäre -ein weiter, gewaltiger Bergsturz über das Land gegangen, -starrt, wohin immer der Blick auch streift, das lichtgraue, -zerklüftete Gefelse auf. Wilder Thymian und andere -kleine Heidekräuter überwuchern es, ohne die grenzenlose -Blöße des Landschaftsbildes zu verhüllen.</p> - -<p>Der Karst ist ein weites Gebirge; denn der Hirt der -Tolmeinberge, der seine Ziegen unter dem Predilpasse -weiden führt, und der montenegrinische Schäfer am Scutarisee -hüten ihre Tiere an seinen Gehängen. Er bildet abgeschlossene -Talbecken, wo ein Seespiegel oder ein Wasserfaden -glänzt, der aus dem Berge sprudelt, sich lustig im -Lichte sonnt, bis er sich wieder in einen Höhlengrund -stürzt und, dem menschlichen Blick entzogen, eine tolle -Welt von Tropfstein baut. Die Hänge und die Höhen -aber dürsten wie der reiche Mann in der Gehenna.</p> - -<p>Ein toniger Humus, die <em class="antiqua">terra rossa</em>, füllt die Karstklüfte -und Mulden aus. Er ist der Träger der Pflanzenwelt -und, wo genügend Wasser vorhanden ist, ungemein<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span> -fruchtbar. Man sagt, daß die Bauern auf den Miniaturäckern, -welche im Grunde der Gebirgstrichter liegen, drei -Jahre Weizen ernten können, ohne zu düngen. Allein die -Felder und fruchtbaren Talböden bedecken nur ein Fünftel -des Karsts; mehr als die Hälfte ist Weide; doch gibt es -unter diesen Weiden Flächen von der Größe eines Quadratkilometers, -wo sich keine Ziege satt fressen könnte; der Rest -ist Wald, aber stundenweit steht kein armsdicker Baum. -Nur im Ternovanerwald bei Görz schlägt man noch Mastbäume; -im Tiergarten von Duino stehen dunkle, große -Terebinthen, und in Lippiza bei Sesana weiden die Füllen -eines Gestüts im Schatten eines Hochwaldes. Der übrige -Wald ist ein lichtes Gebüsch von Eichen und Wachholder, -Ahorn und Pappeln, welches die Klippen begrünt.</p> - -<p>Auf einer solchen Waldoase ruht das Auge, wenn der -Zug an einer Berglehne hinbrausend ins Tal der Reka -tritt, eines kleinen Karstwassers, das seine Wellen plaudernd -gegen St. Kanzian hinunterträgt, wo es sich in einem -Felsenschlund verliert. Man nimmt an, daß die Dolinen -des Plateau von Nabresina das unterirdische Flußbett der -Reka zu den drei mächtig aufrauschenden Quellen des -Timavo andeuten.</p> - -<p>Längs der Eisenbahn stehen hölzerne und steinerne -Schutzwehren gegen die Bora, graue, unheimliche Bauten, -die auch dem im goldenen Sonnenschein durch den Karst -fahrenden Fremden nahe führen, wie wild die Geister -der Luft in dieser Felswüstenei zuweilen ihre Sturmorgien -feiern. Zu solchen Zeiten leisten die Bahnangestellten -dieser Gegend den Sicherungsdienst mit Steigeisen an den<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span> -Schuhen. Sogar die Gewalt der Lokomotive bricht sich -zu Winterszeiten hin und wieder an den von der Bora -geteilten zusammengewehten Schneemassen, so daß der -Verkehr auf dieser Linie stockt. Dann mögen sich die -Reisenden, die in einem armseligen Karstdörfchen eingeschneit -auf Erlösung warten, sehnsüchtig an die Beefsteaks -Wiens oder die Meerfische Triests erinnern!</p> - -<p>Die Bora steht ebenso sehr durch ihre Kälte als durch -die explosionsartige Heftigkeit ihrer Stöße in Verruf; -allein so erstarrend sie auch auf den Körper wirkt, ihre -Temperatur sinkt selten auf den Gefrierpunkt, und das -Kältegefühl, das sie erzeugt, beruht aus einem subjektiven -Vorgang, auf der durch die Trockenheit des Windes hervorgerufenen, -lebhaften Verdunstung der Haut.</p> - -<p>Man hat, ähnlich wie zur Ergründung des Föhns, -zu dem die Bora so recht die Kontrasterscheinung bildet, -allerlei künstliche Theorien herbeigezogen, um ihr Wesen -zu erklären; die neueren, meteorologischen Forschungen -haben indes erwiesen, daß sie einfach der Abfluß eines -hohen Luftdruckes, der über den Saveländern lagert, gegen -das Adriabecken ist.</p> - -<p>Nirgends tritt die vegetationsertötende Wirkung dieses -Windes und die grenzenlose Armut des Karsts so überredend -vor den Blick, wie bei St. Peter, der zweiten -Station von Adelsberg.</p> - -<p>Überschaut man diese Öde, so glaubt man es kaum, -doch ist es durch geschichtliche Dokumente bezeugt, daß der -Karst einst mit nur unterbrochenem Hochwald bestockt war. -Im Volke lebt die Sage, die Venetianer hätten die<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span> -gewaltigen Eichenhaine geschlagen, um Bauholz für ihre -Flotten zu gewinnen. Da sei der Fluch der an die -Schiffsplanken hingeschmiedeten Galeerensklaven über die -Heimat des Schiffsholzes gekommen, und die Forste seien -abgestanden.</p> - -<p><em class="antiqua">Vox populi, vox Dei!</em> Nur hier nicht. Venedig -hat lange vor andern Staaten in seinen Provinzen für -die Erhaltung des Waldes Sorge getragen, und als der -Markuslöwe seine Flügel über die Karstländer schlug, da -war das Hauptwerk der Forstverwüstung bereits getan. -Die Jahrhunderte alte Schuld trägt die Mißwirtschaft -der Gemeinden, der Karstbauer mit seinem Weidgang.</p> - -<p>Eigentlich virtuos geht man in einigen Gegenden -Istriens gegen den Wald vor, wo der »<em class="antiqua">contadino</em>« nicht -warten mag, bis sich durch die Wurzeltriebe etwas verkäufliches -Staudenwerk gebildet hat, sondern die Wurzeln -selber ausgräbt und in die nahen Städte zu Markte führt.</p> - -<p>Unter dem wenigen Guten, das man dem österreichischen -Großgrundbesitz nachreden kann, gehört das vielleicht -zum Besten, daß er in den Karstgegenden am meisten -die Kraft besaß, den ursprünglichen Hochwald, so die -schönen Buchenhaine Oberkrains, in die Gegenwart herüber -zu retten, während die Gemeinden ihre einstigen -Forste, soweit sie nicht der vegetationslosen Öde gewichen -sind, auf Niederwald herabgewirtschaftet haben, der je nach -der Holzart alle sieben oder vierzehn Jahre geschlagen wird.</p> - -<p>Die christliche Legende erzählt, der blinde Missionar -Beda habe, von einem Knaben irre geführt, einst den -Steinen gepredigt; da hätten diese statt der Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -gerufen: »Amen! Amen!« Auch die nackten Karstklippen -rufen. »Gebirgsvölker, schont den Wald!« rufen sie.</p> - -<p>Seit drei Jahrzehnten macht sich eine Bewegung, -deren Seele der k. k. Forstrat Ritter von Guttenberg ist, -für eine Verbesserung der Waldverhältnisse des Karstes -geltend. Das große Losungswort heißt: »Wiederaufforstung« -und Gesetz bietet die staatliche Grundlage für die -Wiederbewaldung wenigstens des küstenländischen Karsts. -Man hofft, durch diese die Gewalt der Bora zu brechen, -die Bodenfeuchtigkeit zu vermehren, die seit der Entforstung -gesteigerten Gegensätze des Klimas zu mildern und nach -und nach den durch Gewitterregen weggeschwemmten Humus -wieder zu gewinnen.</p> - -<p>Es liegt etwas Großartiges in diesem Plan. Allein -die Anlagen sind teuer, und Wien ist weit; ja die Karstgemeinden -selber leisten Widerstand; der Bauer läßt sich -seinen Weidgang nicht gern beschränken. Ob der Karst je -wieder im Schmuck eines geschlossenen Hochwaldes prangen -wird? Künftige Generationen werden es sagen können. -Wer ihn jetzt bei St. Peter sieht, kann es kaum glauben.</p> - -<p>Anders schaut die Gegend schon bei der folgenden -Station aus, bei Prestanek, wo das grüne Wald- und -Wiesental der Poik, das sich zur Linken öffnet, unsern -Blick aus dem Klippengrau erlöst, und langen wir auf -der Station Adelsberg an, so grüßt das kleine Städtchen -gar freundlich aus weitem grünem Talgrund auf. Nur -die öden Berglehnen verraten, daß wir uns noch mitten im -Karst und zwar auf seiner höchstgelegenen Station, 583 -Meter über der See, befinden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p> - -<p>Es war uns eine Herzenserleichterung, als wir aus -dem engen Bahnwagen hinaus in den österlichen Sonnenschein -traten. Um der Zudringlichkeit der Führer und -Hotelwerber ein rasches Ende zu bereiten, vertrauten wir -uns dem eleganten Omnibus des Adelsbergerhofes an. -Während die Pferde davontrotteten, überblickten wir von -seinem Imperiale herunter das bergumrahmte, grüne Tal, -auf welches von kahlem Felsgipfel ernst und streng die -Trümmer der Burg Adelsberg herunterblicken.</p> - -<p>Bald hatten wir den »Markt« erreicht, wie sich Adelsberg -in der Rangstufe österreichischer Ortschaften nennt. -Seine stattlichen, blankgeweißten Häuser mit den Flachziegeldächern -muten uns mehr deutsch denn slavisch an. -Bei seiner hübschen Pfarrkirche vorbei gelangen wir zu -dem großen, modernen Hotelbau des Adelsbergerhofes im -Norden des Städtchens.</p> - -<p>Dem goldig herniederflutenden Ostersonnenschein zum -Trotz schien außer dem Omnibusführer das gesamte Hotelpersonal -noch im Winterschlaf zu liegen, bis endlich ein -erwachsendes Dornröschen, eine junge, wenig gesprächige -Dame erschien und das Halbdutzend Grottengäste, die sich -im Hausflur zusammengefunden, in die nächsten Räume -wies. Während sie wieder für ein Viertelstündchen unsichtbar -wurde, bemerkten wir, die Fensterläden öffnend, -daß wir uns in einem sehr hübsch ausgestatteten Lesesaal, -aber jedenfalls noch nicht in der <em class="antiqua">haute saison</em> von Adelsberg -befanden.</p> - -<p>Allein am Dornensträuchlein der Geduld wuchs denn -doch ein frugaler Morgenimbiß auf, und bald kam die<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -Nachricht, daß sich in den verschiedenen Gasthöfen der -Stadt etliche dreißig Fremde zum Besuche der Grotte -eingefunden hätten und ihre Beleuchtung um halb elf -Uhr in Szene gehen könne.</p> - -<p>So hatten wir uns denn in der Voraussetzung, es -werde der Ostermontag, dieser in Nord und Süd gleich -beliebte Ausflugstag, auch ein Häuflein Neugieriger am -Grottentor von Adelsberg versammeln, nicht getäuscht. Es -ist für die Touristen, welche alljährlich zu den Höhlenwundern -der krainischen Berge pilgern, ein wahres Glück, -daß die Tropfsteinunterwelt von Adelsberg eine Staatsdomäne -und so der Privatspekulation entzogen ist. Sie -steht unter einer aus Staats- und Gemeindebeamten zusammengesetzten -Verwaltung, welche den Grottenbesuchern -durch eine wirklich liberale Besuchsordnung entgegenkommt -und den Grottenapparat, den Führerdienst, die -Wege und die Beleuchtung in einen Stand gesetzt hat, -der allen Ansprüchen genügt.</p> - -<p>Ihre spekulative Mäßigung sticht wohltuend ab von -der Touristenschererei der Hotels. Ihr hat es Adelsberg -zu verdanken, daß es ein so blühender Touristenort -ist, der seine zweitausend Einwohner unmittelbar oder -mittelbar durch den Fremdenverkehr ernährt.</p> - -<p>Eine hübsche Allee junger Linden führt längs eines -nicht gar hohen felsklippigen Bergrückens zum Eingangstor -der Grotte, die als ein stundenlanges Labyrinth den -Leib dieses Höhenzuges mit ihren Tropfsteingängen durchzieht. -An die grauen, mit spärlichem Eichenwuchs geschmückten -Hänge schlängelt sich ein dunkelglänzendes<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -Wasserband, die Poik heran, und verliert sich, nachdem -sie noch ein klapperndes Mühlenrad geschlagen hat, mit -raschem Wellenzug ins Innere des Berges.</p> - -<p>Eine gar gemischte Gesellschaft standen wir erwartungsvoll -am gotischen Gittertor und wehrten den zudringlichen -Jungen, welche zierliche Tropfsteingebilde und Erinnerungsstücke -feilboten und mit jeder Minute um fünf -Kreuzer billiger wurden.</p> - -<p>Endlich kamen die Führer und Grottenwächter, alles -ältere Leute in zerschossenen Knappentrachten, die Bergmannslaterne -im Gürtel, dahergeschritten. Der Riegel -klirrte; die Karawane, in welcher die Gestalt eines mit Fez -und weißem Filzmantel angetanen bochesischen Magnaten -besonders hervorstach, zog, nachdem sie zum Schutz gegen -die nur 8–9° <em class="antiqua">R</em> betragende Höhlentemperatur die Überröcke -und Shawls umgeworfen, in die Grotte ein.</p> - -<p>Die ersten fünfzig Schritte boten nichts Bemerkenswertes, -und schon wollten wir unserer kühlen Stimmung -recht geben, da horch – verlorenes Wasserrauschen – -da sieh – eine weite Halle über uns und herrlich hereinflutend -eine Garbe elektrischen Lichts. Wir selber stehen -hoch auf einer Felsengalerie über einem Höhlenabgrund, -in dem mit flimmernden Wellen der unterirdische Fluß -durchs Halbdunkel zieht.</p> - -<p>Es geht allen Besuchern gleich. Sie sind bezaubert -vom Anblick des »großen Doms«, der gewaltigen Halle, -mit welcher die Adelsberger Grotte kaum 30 Meter vom -Eingang überrascht. Und doch muß das Auge sich erst -an die Kontrastlichter gewöhnen, in denen Höhlendunkel<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -und elektrische Flamme sich widerstreiten, ehe es die gewaltige -Deckenspaltung und die Höhe des weiten Raums ermißt. -Mögen die Führer in ihren ledernen Erklärungen jene zu -45, diese zu 28 Meter angeben, auch in der dürftigsten -Seele ist die Phantasie machtvoll erwacht, und den Meterstab -bei Seite setzend, mißt sie den Naturdom nur mit -ihrer bewundernden Andacht aus.</p> - -<p>Etwas unendlich Geheimnisvolles, Düsterschönes, liegt -in dem weltabgeschiedenen Raum. So mag die ahnende -Seele des Griechen sich die Ufer der Lethe und den -Totenfluß selber vorgestellt haben, wie hier die Poik zwischen -feuchten Felsensäumen strömt.</p> - -<p>Die Wände und das Gewölbe des großen Domes -sind zwar arm an jenen wundersamen Tropfsteingebilden, -welche die Zierde anderer Grottenteile bilden; aber gerade -durch dieses Zurücktreten der Einzelformen wirken die -gewaltigen Ausdehnungen hinreißend auf die Phantasie.</p> - -<p>Im Innersten erregt, schreiten wir die Stufen der -westlichen Wand zu einer Naturbrücke hinab, unter welcher -die Poik rauschend aus dem Höhlengestein quillt, um ihre -im Licht erzitternden Wasser nach doppelt gekrümmtem -Laufe bei den Ostfelsen des unterirdischen Münsters wieder -in unerforschte Höhlenschachte einzusargen.</p> - -<p>In den verborgenen Wasseradern und in den Tümpeln -der Grotte lebt ein seltsames Tier, ein spannenlanger, -aalähnlicher Lurch von farblosem oder hübsch rosa angehauchtem -Leib, mit vier zierlichen Beinchen und noch -viel zierlichern, roten Kiemenbüscheln, der Olm. Der -lichtscheue, kleine Geselle kommt nur etwa nach langem<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -Regenwetter und am häufigsten in der mit der Adelsberger -in Verbindung stehenden Magdalenengrotte zum -Vorschein, hat aber den Gelehrten schon viel zu reden -gegeben; denn er ist einer der Hauptzeugen für die Darwinsche -und Häckelsche Anpassungstheorie. Sie haben ihn -mit dem Namen des Proteus belegt, da er wie dieser sich -verwandeln kann. Je nachdem er in tiefem oder seichtem -Wasser lebt, ist er Kiemen- oder Lungenatmer, gewissermaßen -also Fisch oder Vogel. Ein Führer, der uns in -einer Wasserflasche ein solches Tierchen zeigte, behauptete, -daß es jahrelang ohne Nahrung lebe.</p> - -<p>Jenseits der Naturbrücke, welche über die Poik führt, -steht, damit wir ja nicht vergessen, daß wir, wenn auch im -Berginnern, doch immer noch im loyalen Österreich sind, ein -Denkmal, das in den devotesten Ausdrücken der Untertanenehrfurcht -die Erinnerung an Franz <em class="antiqua">I.</em> feiert, der den großen -Dom im Jahre 1816 besucht hat, und wandern wir auf -einer künstlich in die Felswand eingesprengten Galerie -dem Hintergrunde der Halle zu, wo bei einem zweiten -Monument die Ferdinandsgrotte anhebt, so stehen wir -gar vor dem Polsterwagen einer Schiebbahn, mit der bequeme -Grottengäste von den Wächtern etwas mehr als anderthalb -Kilometer weit bergeinwärts gestoßen werden können.</p> - -<p>Man kann darüber, wie weit die Technik, ohne den -guten Geschmack zu verletzen, ein Naturschönes zu Bequemlichkeitszwecken -antasten darf, verschiedener Meinung -sein. Man mag die hübsch geebneten Wege, welche die -frühern Treppen und holperigen Steige der Grotte ersetzen, -das herrliche elektrische Bogenlicht an Stelle einer unruhigen<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span> -Fackelbeleuchtung über alles Lob angenehm finden, -ohne zugleich diese Schiebbahn, die denn doch nur einem -winzigen Teil der Adelsberger Gäste wirkliches Bedürfnis -ist, für eine glückliche Schöpfung ansehen zu müssen.</p> - -<p>Wo sie beginnt, hat man einen hübschen Rückblick auf -den großen Dom, die gewaltige Vorhalle des übrigen -Grottensystems. Sie war bis im Anfang des 19. Jahrhunderts -der einzige bekannte Raum, wurde aber schon -im 13. Jahrhundert besucht; denn in einer Nebengrotte -sind noch eingehauene Namen und Jahrzahlen von 1213 -und 1290 erhalten. So sind durch sechs Jahrhunderte -hindurch die Geschlechter im großen Dom bewundernd -gestanden, ohne zu ahnen, was für märchenhafte Schönheit -von Tropfsteingebilden in den Gängen und Hallen -des tieferen Berginnern prangt. Erst das Jahr 1818 -hat die Entdeckung der weiter zurückliegenden Grottenteile, -insbesondere der an den großen Dom anschließenden -Ferdinandsgrotte gebracht. Vorwärts nun!</p> - -<p>Bald hat sich der milde weiße Schein der Bogenlampen, -die den großen Dom erhellen, unserem Blicke entzogen; -allein nun flammen in den Falten und Nischen, an den -Erkern und Gesimsen des Höhlenschachtes, der sich hier zum -Engpaß schließt, dort zur herrlichen Halle weitet, Hunderte -von Kerzen auf. Es ist ein Gang durch ein Märchenreich:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">»An den Wänden rankt in buntem<br /></span> -<span class="i0">Formenspiel des grauen Tropfsteins<br /></span> -<span class="i0">Geisterhaftes Steingeweb,<br /></span> -<span class="i0">Bald wie Tränen, die der Fels weint,<br /></span> -<span class="i0">Bald wie reizverschlung'ne Zierat<br /></span> -<span class="i0">Riesiger Korallenäste.«<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="iaut">(Scheffel.)<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p> -<p>Schlank wie die Palmen des Morgenlandes, dann -kräftig und knorrig wie deutsche Eichen wachsen die Steinschäfte, -von Lianen umschlungen, zur Ornamentik der -Höhlendecke auf.</p> - -<p>Da hängt nächst dem Grotteneingang an grauer Tropfsteinwand -eine »Kanzel.« Allein wer möchte da droben -stehen und predigen, wo die Steine in ihrer Pracht den -Menschen überschreien! Da <span id="corr176">steht</span>, damit es dem staunenden -Wanderer nicht gar zu andächtig ums Herz wird, eine -»Metzgerbank«, und die »Speckschwarten« hangen drüber -hin; da ist eine »Diamantengrube«, wo das Licht sich -tausendfach an blitzenden Kristallen bricht; dort ein feiner -»Regen« von wunderzarten Tropfsteinröhrchen; jetzt wandeln -wir durch die reizenden Gebüsche eines »englischen -Gartens.«</p> - -<p>Wie sie nur zu Wege kamen, diese feierlichen Hallen, -dieser Säulenprunk, diese tolle, andächtig schöne Märchenwelt!</p> - -<p>Gewiß wüßte der Höhlenfluß, die Poik, die am Karst -entspringt, einige Stunden im Sonnenlicht wandert, dann -sich in die Unterwelt von Adelsberg verkriecht und, durch -ein Felsentor im Tal von Planina wieder zu Tage tretend, -Unz heißt, sich aufs neue in ein Gebirge begräbt und -jenseits desselben als Laibach, Schiffe auf ihrem Rücken -tragend, der Save zueilt, gewiß wüßte sie das Geheimnis -der Grotte zu lösen. Allein sie plaudert mit ihren Wellen -nur in Rätsellauten von dem Schattenreich, das sie durchwandert.</p> - -<p>Sonst würde sie uns vielleicht erzählen von uraltem<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span> -Tagewerk, wie sie einst – es mögen hunderttausend Jahre -her sein – müd der Sonne und der oberflachen Welt, -bei Adelsberg an die Höhe hinkroch, sich langsam eine -dunkle, einsame Gruft in den Kalkstein des Gebirges wühlte -und nagte, bis sie sich einsargen konnte in einen stillen, -selbstgeschaffenen Hades.</p> - -<p>Dieses abgeschiedene Gelände aber war noch öde und -leer. Da kamen andere Werkmeister, kleine, aber nicht -verachtungswürdige. Es waren die vom Bergrücken durch -das Gestein hinunterkriechenden Wassertropfen, ganz gewöhnliche -Wassertropfen. Einer lief dem andern nach, und -jeder brachte eine kleine Ladung Kalk auf dem Rücken. -So damals, so vor einer Jahrmyriade, vor einem Jahrtausend, -vor einem Jahrhundert, so gestern, so heute. -Einer hat sein Körnchen Kalk hübsch zu dem Körnchen -seines Vorgängers gelegt, und alle die Dinge wurden, wie -sie nun sind: die Pforten, die Hallen, die Obelisken, die -Säulen, die Zacken, die Bäume, die Falten, die Tierfiguren -und die Menschengestalten.</p> - -<p>Fast im Hintergrunde des Höhlenlabyrinthes ist eine -schauerlich zerklüftete Nebengrotte, der Tartarus. Da sind -die kleinen Arbeiter noch nicht fertig mit ihrem Werk; da -sieht man sie noch an der Arbeit. Von der Decke einer -19 Meter hohen Halle fällt ein Wasserfaden auf einen -Stalagmitkegel. Aus dem Becken des rötlich glänzenden -Steines spritzen perlende Wassertropfen heraus und rieseln -über den Kegel nieder. Durch ihre Kalkablagerungen -wächst der Tropfbrunnen allmählich zur Decke empor.</p> - -<p>Allein der Stein wächst langsam, man sagt in dreizehn<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -Jahren einen Millimeter, in tausend Jahren nicht einmal -einen Meter. Da die höchste Säule zehn Meter -über den Höhlengrund steigt, so muß sie also über zehntausend -Jahre alt sein.</p> - -<p>Zehntausend Jahre! Und als vor sechzig Jahren mit -rauchenden Fackeln und klopfenden Herzen die Menschen -in das Labyrinth von Adelsberg eindrangen und wenn sie -heute von ferne her in die Höhle kommen, so halten sie -verwundert den Atem an. »Hat hier nicht ein unterirdisches -Volk gelebt und unsere Dinge nachgeahmt?« -rufen sie verwundert aus. »Steht dort nicht noch der -Thron, auf dem sein König gesessen? Dort hängt noch -das Bild der Maria mit dem Kinde in der Nische, vor -dem sie betend gekniet. Dort ist die Wiege, worin es -seine Kinder gewiegt; dort stehen die Särge, worin es -seine Toten gebettet. Auch die Kannen, aus denen es -getrunken, sind noch da und das Handwerkszeug, mit dem -es gearbeitet. Noch hangen an den Decken die Felle des -Gerbers, die Linnen der Waschfrau; hier ist das Zelt, -unter dem es gerastet, dort die Dorfkirche, in der es den -Sonntag gefeiert; es fehlt nicht die Orgel und nicht der -Beichtstuhl; es hat also auch gesündigt, dieses Höhlenvolk! -Und geliebt wohl auch! Denn was sollten sonst die -lauschigen Erker, die stillen Wälder! Jene vermummten, -klagend vorgebeugten Gestalten, sind es nicht die letzten der -Höhlenbewohner? Vielleicht, wenn man den Stein behutsam -losschälte von den armen Leuten, wer weiß, fände man -einen Leib mit warmem Blut, mit einem pochenden Herzen. -Vielleicht könnte man eine verzauberte Seele erlösen!«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span></p> - -<p>Es ist wunderbar, was für geheimnisvolle Bildwerke -die sickernden Wassertropfen im Schleier ewiger Nacht -gebaut!</p> - -<p>Und Bewohner hat diese Märchenwelt wirklich gehabt. -Zwar nicht menschliche Troglodyten, aber den plumpen, -zottigen Höhlenbär. Wo sich die Ferdinandsgrotte zu -einem hohen gotischen Münster weitet, hat man im Boden -seine Knochen gefunden. Jetzt dient das Bärenlager der -Vorzeit als Tanzsaal. Am Pfingstmontag, wenn das -Grottenfest gefeiert wird, fünftausend Menschen durch die -Tropfsteinhallen und Gänge wogen, dann ziehen heitere -Klänge hier brausend, dort fern verklingend durch das stille -Reich, und in dem weiten Raume reigt junges und altes -Volk; am Sonntag Trinitatis aber ist hier Gottesdienst.</p> - -<p>Ich möchte nicht tanzen in dieser Halle; ich möchte -darin auch keine Predigt hören; am liebsten würde ich, -ein stiller Bürger des Hades, einsam und ungestört die -Tropfsteingewächse entlang schreiten; denn einem einfachen -Gemüte gehen im Alleinsein die schönsten Erkenntnisse auf. -Wirklich war ich ein paar Dutzend Schritte hinter der -Karawane zurückgeblieben, um mich ungestört meinen Betrachtungen -hinzugeben. Allein ich hatte meine Rechnung -ohne die Grottenwächter gemacht, die in einiger Entfernung -der Wandergruppe folgten und die Kerzenlichter auslöschten, -da immer nur der Teil der Grotte erleuchtet ist, wo sich -die Grottenkarawane bewegt.</p> - -<p>»Vorwärts, vorwärts, junger Herr!« mahnte ein gutmütiger -Alter. »Sie könnten sich so verirren, daß wir -selber Sie nicht mehr fänden.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p> - -<p>Ich lächelte; aber er hatte recht. Es gibt in der -Unterwelt von Adelsberg Nebengrotten, die noch nicht -gangbar gemacht worden, zum Teil noch nicht einmal -gründlich erforscht sind; wo, geriete ein Wanderer durch -einen unglücklichen Zufall hinein, vielleicht erst nach Jahren -ein Wagehals oder ein Forscher die gebleichten Knochen -des armen Verirrten fände; denn kein Ariadnefaden führt -aus diesem Labyrinth heraus.</p> - -<p>Warum hat man diese nicht wegbar gemacht? Wohl -aus Kostengründen, wohl auch, um in Zukunft mit ihrer -Erschließung den Ruf der Grotte wieder neu zu beleben. -Wer jetzt durch dieselbe geht, wird es nicht bedauern, daß -ihm einige Räume entzogen bleiben; denn man sieht auf -der dreistündigen Wanderung so unendlich viel des Schönen, -Sonderbaren, Fremden und Phantastischen, daß auch das -Auge des Unersättlichsten satt dieser Steintollnis wird.</p> - -<p>Die letzte Halle der Kaiser Ferdinands-Grotte ist das -»Grab.« Bei einem versteinerten Springbrunnen, einer -Ruine und einer Hieroglyphensäule stehen die vertropften -egyptischen Mumien.</p> - -<p>Da teilt sich die Grotte in zwei, die Franz-Joseph- -und Elisabeth-Grotte zur Linken, die Maria-Anna-Grotte -zur Rechten. Sie treffen sich tiefer im Berginnern wieder. -Wir schritten durch diejenige zur Linken ein und gingen -später durch diejenige zur Rechten hinaus.</p> - -<p>In der Franz-Joseph- und Elisabeth-Grotte brechen -viele rosig überhauchte Tropfsteine aus blendend weißen -Wänden hervor; überraschend schöne Steinfalten hängen -durchschimmernd an den Decken; in einer diamantenfunkelnden<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -Kammer liegt unter einer Trauerweide eine -schlafende Jungfrau, und an der Decke hängt über ihr das -Damoklesschwert.</p> - -<p>In der Maria-Anna-Grotte ist der Leuchtturm von -Triest, der Dom von Mailand und vielleicht das berühmteste -Stück der ganzen Adelsberger Unterwelt – der -Vorhang. Man traut seinen Augen kaum! Drei Meter -lang und einen Meter breit hängt dieses wunderzarte, -schimmernde Gebilde von nur acht Millimetern Dicke aus -der Wand und prangt mit feinem, durchsichtigem Faltenwurf -und einer braun und rot gestreiften Einfassung von -überraschender Natürlichkeit, als wäre es eine Stickerei -von kunstfertiger Frauenhand.</p> - -<p>Wo sich die beiden Grotten wieder vereinen, treten wir -in eine Trauerhalle von schwarzbraunem Gestein, und nun -führt der Weg an kristallenem und elfenbeinernem Bilderschmuck -hinauf zum letzten der ungeheuern Dome, hinan -zum Kalvarienberg.</p> - -<p>Was soll ich von ihm sagen? – 58 Meter hoch und -200 in der Weite wölbt sich die Halle über einen 41 Meter -hohen, an die Nordwand anlehnenden Hügel. Über einen -Bergsturz steigt man an acht wunderlichen Kolossen vorbei -auf die Spitze, wo die Arche Noah ist. Da übersieht man -eine kleine Landschaft.</p> - -<p>Es ist eine ewig geheimnisvolle Welt von vertropften -Gebilden. Funkensterne glitzern an Statuen; blau und rote -Flämmlein zucken zwischen den Bildwerken auf, und kein -Menschengedanke wird klug aus dem düsterschönen Rätsel. -Ist's ein versteinerter Wald? Ist's ein mit halbzerstörten,<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span> -verwitterten Denkmälern übersäter Kirchhof oder der zu -Stein erstarrte Zug des Volkes auf die Höhe von Golgatha?</p> - -<p>Zum Glück hatte ich nicht Zeit, den Faden dieser -Gedanken weiter zu spinnen. Die Führer mahnten zum -Aufbruch; sie wußten, daß man die Leute nicht zu lange -auf die melancholischen Gruppen des Kalvarienberges darf -schauen lassen. Schneller als wir gekommen, schritten wir -bergab, bergauf, zurück durch die Grottenhallen.</p> - -<p>Es kamen wieder neue Gestalten, neue Bilder; allein -ich sah sie nur noch halb. Das wohlige Gefühl, mit dem -ich eingewandert war, hatte mich verlassen; die Traurigkeit -dieses Schattenreiches hatte es mir angetan; ich dürstete -nach Sonnenlicht, Himmelblau, Wiesengrün.</p> - -<p>Und wieder standen wir über dem Höhlenfluß. Rauschend -und flimmernd zog er einher; aber vom Grotteneingang -wehte schon ein warmer, milder Hauch von Tagesluft. -Noch ein paar Schritte, und der Bann der Unterwelt war -gebrochen; herzinnig grüßte ich das goldige, sonnige Licht, -und dankbar schaute ich auf zum blauen Dom des Himmels.</p> - -<p>Ich habe die Grotte von Adelsberg beschreiben wollen?</p> - -<p>Nicht doch! Wenn tausend Schriftsteller es tun wollten, -sie bleibt doch ewig unbeschreiblich; denn sie ist wie die -Gletscher des Hochgebirgs, wie das in Sturmlauten tönende -Meer eine Naturoffenbarung, deren Schönheit der Mensch -nie ganz ausbegreift.</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/chap-end.png" alt="" /> -</div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p> - -<p class="h2"> -Von <em class="gesperrt">J. C. Heer</em> ist bei <em class="gesperrt">Huber & Co.</em><br /> -in Frauenfeld und Leipzig erschienen: -</p> -</div> - -<p class="h2"> -Streifzüge im Engadin</p> -<p class="center"> -Gebunden 3 Fr.<br /> -</p> - -<div class="abstract"> - -<p><em class="gesperrt">Inhalt</em>: Vorspiel. – Über den Flüela. – -Schuls-Tarasp. – Uinatal und Finstermünz. - Von -Schuls nach Zernetz. – Von Zernetz nach Samaden. -– Samaden. – Pontresina und Morieratsch. – -Die Diavolezzatour. – St. Moritz. – Sils-Maria. -– Auf dem Maloja. – Über den Julier.</p></div> - -<div class="desc"> - -<p class="dropt">Ein Dichter und ein Meister kraftvoller -Schilderung ist Heer. Er weiß nicht nur -die überreichen Schönheiten des Engadin in -leuchtenden Farben dem Leser vor Augen -zu führen; auch die politischen und kulturellen -Verhältnisse vermag er, ebenso gut -wie Rückblicke aus der Vergangenheit -und Betrachtungen zur Gegenwart, einzuflechten. -Ein Muster in dieser Hinsicht -ist der Abschnitt Schuls-Tarasp.</p></div> - -<p class="right"> -»Münchner Neueste Nachrichten«<br /> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p> - -<p class="h2"> -Bücher der Zeit aus dem Verlag von <em class="gesperrt">Huber & Co.</em><br /> -Frauenfeld und Leipzig<br /> -</p> - -<p class="h2"> -Aus der Brandung</p> -<p class="center larger"> -Zeitgedichte von <em class="gesperrt">Robert Faesi</em></p> -<p class="center"> -Kartoniert Fr. 1.40 -</p> - -<div class="desc"> - -<p class="dropt">Faesis Zeitgedichte sind das erste wirklich bedeutende Kriegsgedichtbuch der -deutschen Schweiz und eines der edelsten Stücke der deutschen Kriegslyrik -überhaupt.</p> - -<p class="right"> -»Das Literarische Echo« -</p></div> - -<p class="h2"> -Krieg und Frieden</p> -<p class="center larger"> -Frei nach Aristophanes von <em class="gesperrt">Hugo Blümner</em></p> -<p class="center"> -Geheftet Fr. 3.– -</p> - -<div class="desc"> - -<p class="dropt">Aristophanes-Blümner hat das erste bühnengerechte, dichterisch vollwertige -Friedensdrama des Weltkriegs geschrieben! Es ist ein einzigartiger Fall, -daß ein Werk nach zweitausend Jahren noch einmal stärkste Aktualität gewinnt. -Kriegs- und Friedensparteien, Hetzer und Verständigungspolitiker, -ehrliche Patrioten und Gesinnungslumpen, stehen sich gegenüber wie heute.</p></div> - -<p class="h2"> -Der starke Mann</p> -<p class="center larger"> -Eine schweizerische Offiziersgeschichte von <em class="gesperrt">Paul Ilg</em></p> -<p class="center"> -Broschiert Fr. 4.– Gebunden Fr. 5.– -</p> - -<div class="desc"> -<p class="dropt">Der Roman sprüht und glüht von einer Jugendkraft, um die Paul Ilg zu -beneiden ist.</p> - -<p class="right"> -»Neue Zürcher Zeitung« -</p> - -<p>Es konnte nicht anders sein: Staub hat das Buch viel aufgewirbelt. … -Mit unheimlichen Kräften geladen, sorgsam in aller Knappheit durchgeführt, -fesselt die Handlung bis zuletzt.</p> - -<p class="right"> -»Kunstwart« -</p></div> - -<p class="h2"> -In diesen Zeiten</p> -<p class="center larger"> -Erzählungen von <em class="gesperrt">Robert Wehrlin</em></p> -<p class="center"> -Gebunden Fr. 2.– -</p> - -<div class="desc"> - -<p class="dropt">Turmhoch über das Geschreibsel so vieler Kriegsbücher erhebt sich das -Werkchen dieses Schweizer Schriftstellers. Jede der fünf Geschichten ist -ein Kunstwerk und bereitet reinen Genuß.</p> - -<p class="right"> -»Hamburger Fremdenblatt« -</p></div> - -<p class="h2"> -In tiefster russischer Provinz</p> -<p class="center larger"> -Zwei Erzählungen von <em class="gesperrt">L. Haller</em></p> -<p class="center"> -Gebunden Fr. 4.50 -</p> - -<div class="desc"> -<p class="dropt">Wäre dieses prächtig erzählte Buch nicht einige Monate vor dem Krieg -sondern während des Kriege erschienen, es hätte bereits Massenauflagen -erlebt. Wer die Seele des russischen Volkes mit ihren tiefen Wundern und -Unfaßlichkeiten, ihren chaotischen und dumpfen Leidenschaften und ihrem -gutmütig-tölpelhaftem Humor in der Spiegelung eines scharfen, neutral beobachtenden -Auges sehen will, muß Hallers Schilderungen lesen.</p></div> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"></div> -<div class="transnote" id="tnextra"> -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.</p> - -<p>Korrekturen:</p> - -<div class="corr"> -<p> -S. VII: Sloveneu → Slovenen<br /> -Italiener und <a href="#corr_vii">Slovenen</a></p> -<p> -S. VIII: Dee → Die<br /> -<a href="#corr_viii">Die</a> Geschichte der Grotte</p> -<p> -S. 2: Aufenhaltes → Aufenthaltes<br /> -dritten Tag meines dortigen <a href="#corr002">Aufenthaltes</a></p> -<p> -S. 10: etwes → etwas<br /> -dann liegt wirklich <a href="#corr010">etwas</a> exzentrisch Schönes</p> -<p> -S. 20: Selsamer → Seltsamer<br /> -<a href="#corr020">Seltsamer</a> Weise melden die mittelalterlichen Schriften</p> -<p> -S. 37: zu Mutter → Mutter zu<br /> -in den Schoß einer guten, großen <a href="#corr037">Mutter zu</a> legen</p> -<p> -S. 41: ihrer → Ihrer<br /> -die mir an <a href="#corr041">Ihrer</a> Seite beschieden war</p> -<p> -S. 42: Ausang → Ausgang<br /> -Am <a href="#corr042a">Ausgang</a> dieses Tieflandwinkels</p> -<p> -S. 42: west römischen → weströmischen<br /> -vom <a href="#corr042b">weströmischen</a> Kaiserthrone verjagt</p> -<p> -S. 46: Kelter → Kelten<br /> -die <a href="#corr046">Kelten</a> und Illyrier sahen aus achtungsvoller</p> -<p> -S. 48: zusamengewürfelt → zusammengewürfelt<br /> -der damaligen Welt <a href="#corr048">zusammengewürfelt</a> war</p> -<p> -S. 49: ein → eine<br /> -<a href="#corr049">eine</a> Belagerung glücklich bestand</p> -<p> -S. 57: Rönierin → Römerin<br /> -goldenen Geschmeid der <a href="#corr057">Römerin</a></p> -<p> -S. 77: pläschert → plätschert<br /> -die Lagunenwelle im Röhricht <a href="#corr077">plätschert</a></p> -<p> -S. 98: Siebenzehnzährige → Siebenzehnjährige<br /> -sie eine kaum <a href="#corr098">Siebenzehnjährige</a></p> -<p> -S. 105: Leuchturm → Leuchtturm<br /> -der <a href="#corr105">Leuchtturm</a> spielt mit</p> -<p> -S. 109: innen → ihnen<br /> -Häuserfronten zwischen <a href="#corr109">ihnen</a> fesselten</p> -<p> -S. 122: Tag → Tage<br /> -In einem elf <a href="#corr122">Tage</a> andauernden Sturme</p> -<p> -S. 123: die → der<br /> -Als wir auf <a href="#corr123">der</a> Steuermannsbrücke</p> -<p> -S. 128: habe → haben<br /> -viereckige Türme <a href="#corr128">haben</a> es zu Kriegszeiten</p> -<p> -S. 134: nouva → nuova<br /> -weder in Umago noch in Citta <a href="#corr134">nuova</a></p> -<p> -S. 135: als als → als<br /> -sich <a href="#corr135">als</a> ein Mann von Welt</p> -<p> -S. 146: egypische → egyptische<br /> -marokkanische und <a href="#corr146">egyptische</a> Wimpel</p> -<p> -S. 157: sömmerlich → sommerlich<br /> -eine lichtvolle <a href="#corr157">sommerlich</a> warme Nacht</p> -<p> -S. 165: bizzarren → bizarren<br /> -im einzelnen ebenso <a href="#corr165">bizarren</a></p> -<p> -S. 176: sieht → steht<br /> -Da <a href="#corr176">steht</a>, damit es dem staunenden Wanderer</p> -</div> -</div> - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Ferien an der Adria, by Jakob Christoph Heer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN AN DER ADRIA *** - -***** This file should be named 50888-h.htm or 50888-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/8/8/50888/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned -images of public domain material from the Google Books -project.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/50888-h/images/chap-end.png b/old/50888-h/images/chap-end.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 14b09ad..0000000 --- a/old/50888-h/images/chap-end.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/cover.jpg b/old/50888-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index bf610f3..0000000 --- a/old/50888-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/drop-a.png b/old/50888-h/images/drop-a.png Binary files differdeleted file mode 100644 index e998eff..0000000 --- a/old/50888-h/images/drop-a.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/drop-d.png b/old/50888-h/images/drop-d.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 05fbdd9..0000000 --- a/old/50888-h/images/drop-d.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/drop-e.png b/old/50888-h/images/drop-e.png Binary files differdeleted file mode 100644 index be5e21b..0000000 --- a/old/50888-h/images/drop-e.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/drop-i.png b/old/50888-h/images/drop-i.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 6babd7a..0000000 --- a/old/50888-h/images/drop-i.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/drop-v.png b/old/50888-h/images/drop-v.png Binary files differdeleted file mode 100644 index ee6e3ea..0000000 --- a/old/50888-h/images/drop-v.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/drop-w.png b/old/50888-h/images/drop-w.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 23024b8..0000000 --- a/old/50888-h/images/drop-w.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/illu-001.png b/old/50888-h/images/illu-001.png Binary files differdeleted file mode 100644 index fdb38ff..0000000 --- a/old/50888-h/images/illu-001.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/illu-027.png b/old/50888-h/images/illu-027.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 529cf69..0000000 --- a/old/50888-h/images/illu-027.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/illu-045.png b/old/50888-h/images/illu-045.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 03d90a3..0000000 --- a/old/50888-h/images/illu-045.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/illu-073.png b/old/50888-h/images/illu-073.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 3f17354..0000000 --- a/old/50888-h/images/illu-073.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/illu-087.png b/old/50888-h/images/illu-087.png Binary files differdeleted file mode 100644 index efb0ce8..0000000 --- a/old/50888-h/images/illu-087.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/illu-106.png b/old/50888-h/images/illu-106.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 20bcf7b..0000000 --- a/old/50888-h/images/illu-106.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/illu-125.png b/old/50888-h/images/illu-125.png Binary files differdeleted file mode 100644 index bf1b8c6..0000000 --- a/old/50888-h/images/illu-125.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/illu-143.png b/old/50888-h/images/illu-143.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 6ff365f..0000000 --- a/old/50888-h/images/illu-143.png +++ /dev/null diff --git a/old/50888-h/images/illu-163.png b/old/50888-h/images/illu-163.png Binary files differdeleted file mode 100644 index 3e8c19f..0000000 --- a/old/50888-h/images/illu-163.png +++ /dev/null |
