summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
-rw-r--r--.gitattributes4
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
-rw-r--r--old/50888-0.txt5751
-rw-r--r--old/50888-0.zipbin125370 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h.zipbin240279 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/50888-h.htm7201
-rw-r--r--old/50888-h/images/chap-end.pngbin307 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/cover.jpgbin60158 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/drop-a.pngbin531 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/drop-d.pngbin487 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/drop-e.pngbin1115 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/drop-i.pngbin1068 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/drop-v.pngbin501 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/drop-w.pngbin574 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/illu-001.pngbin4411 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/illu-027.pngbin3052 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/illu-045.pngbin4331 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/illu-073.pngbin2632 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/illu-087.pngbin4525 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/illu-106.pngbin4837 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/illu-125.pngbin2950 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/illu-143.pngbin4910 -> 0 bytes
-rw-r--r--old/50888-h/images/illu-163.pngbin10300 -> 0 bytes
24 files changed, 17 insertions, 12952 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..d7b82bc
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,4 @@
+*.txt text eol=lf
+*.htm text eol=lf
+*.html text eol=lf
+*.md text eol=lf
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..db04013
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #50888 (https://www.gutenberg.org/ebooks/50888)
diff --git a/old/50888-0.txt b/old/50888-0.txt
deleted file mode 100644
index c19389b..0000000
--- a/old/50888-0.txt
+++ /dev/null
@@ -1,5751 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Ferien an der Adria, by Jakob Christoph Heer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Ferien an der Adria
- Bilder aus Süd-Österreich
-
-Author: Jakob Christoph Heer
-
-Release Date: January 10, 2016 [EBook #50888]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN AN DER ADRIA ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt.
-
- Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
-
-
- Ferien an der Adria
-
- Bilder aus Süd-Österreich
-
- von
-
- J. C. Heer
-
- 4.--8. Tausend
-
- Frauenfeld und Leipzig 1918
- Verlag von Huber & Co.
-
-
-
-
-Den Einband zeichnete Otto Baumberger, Zürich
-
-~Copyright 1918 by Huber & Co., Frauenfeld~
-
-Druck von Huber & Co. in Frauenfeld
-
-
-
-
-Vorwort zur dritten Auflage
-
-
-1887--1917. Dreißig Jahre sind es her, seit ich als junger Mann die
-»Ferien an der Adria«, mein erstes Buch schrieb. Dem Werklein war
-ein stiller Lebenslauf beschieden; denn die Landschaften, von denen
-es handelt, lagen nicht an den großen Straßen der Welt, etwa Triest
-ausgenommen. Zwanzig Jahre waren notwendig, daß sich die erste Auflage
-erledigte, und als ich 1907 die zweite zeichnete, war ich überzeugt,
-daß es zugleich die letzte sein und das Werklein der Jugend in den
-Schoß milder Vergessenheit fallen würde. Das wäre der natürliche
-Verlauf eines Buchschicksals gewesen, das nie auf große Wirksamkeit
-angelegt war.
-
-Nun haben es die Zeiten anders entschieden, und furchtbar schwere
-Träume, die schon in den achtziger Jahren über den schweigenden Fluren
-des Friauls lagen, haben sich erfüllt, das nur halblaute Flüsterwort
-der Bevölkerung: »Um unsere Dörfer und Städte, um unsere Felder und
-unser Meer wird zwischen Italien und Oesterreich noch einmal ein
-entsetzlicher Krieg geführt werden.« Wie ein Alpdruck lag schon damals
-die Furcht davor über jedermann.
-
-Nun haben sich die alten bösen Ahnungen erfüllt, und schauderhaft ist
-der Krieg während drei Jahren über das blaue Band des Isonzo hin und
-her gestampft, Ebene wie Berge jener Gegenden haben unermeßlich das
-Blut der kämpfenden Hunderttausende getrunken. Wo ist die Lieblichkeit
-von Görz, der Friede der Lagunen, der düsterschwere Schönheitstraum von
-Duino? So weit die Berichte zu uns in die Schweiz dringen, überall nur
-Trümmer.
-
-Wir Schriftsteller haben wahrlich keinen Anlaß, dem Krieg ein Loblied
-zu singen. Nicht einmal wir Neutralen. ~Inter bellum musae silent.~
-Wie viele schöne Arbeitsstunden blieben unter dem Druck des großen
-Völkerkrieges unfruchtbar; wie manche Werke müssen ungedruckt im
-Pult liegen! Die furchtbaren Ereignisse aber, die sich im Friaul
-abspielten, haben da und dort noch einmal die Neugier derer, die dem
-italienisch-österreichischen Krieg mit Spannung folgen, auf meine
-halbvergessenen Schilderungen »Ferien an der Adria« gelenkt. So
-können sie im Gegensatz zu manchem Buch, dem der Krieg den Lebenslauf
-bedenklich schmälert, noch einmal in neuer Auflage erscheinen, was mich
-für meinen Erstling immerhin erfreut.
-
-Ein Geständnis aber an die Leser. Das Buch erscheint genau, wie es vor
-dreißig Jahren geschrieben worden ist, obgleich auch im Küstenland
-die Zeit nicht ohne Entwicklung vorübergegangen ist; namentlich hat
-sich ja inzwischen Triest wundervoll entfaltet und verdiente ein neues
-Kapitel der Schilderung. Es fehlen mir aber für dieses die Unterlagen
-eines neuern Besuches an der Adria, und jetzt im Krieg läßt sich ein
-solcher doch nicht leicht nachholen. Von Triest aber abgesehen dürften
-die Schilderungen im wesentlichen noch stimmen, das Landschaftliche
-voran. Dazu trage ich ein weiteres Bedenken gegen eine Umarbeitung
-des Werkleins. Wenn es auch keine hohen literarischen Ansprüche
-erhebt, so ist es doch aus empfänglichster jugendlicher Wanderstimmung
-geschrieben, die ich nach so viel Jahren nicht mit dem Stil des
-Alternden durchbrechen mag; mir ist, ein Jugendwerk ehrt man am besten,
-indem man es bestehen läßt, wie es ist. Damit mögen sich auch die Leser
-zufrieden geben.
-
-Die neue Auflage aber kann ich nicht einleiten, ohne dem Volk der darin
-geschilderten Gegenden mein herzliches Mitleid auszusprechen mit den
-furchtbaren Erlebnissen, die es selber erfahren hat oder deren Zeuge
-es gewesen ist. Möge dies- und jenseits des blauen Isonzo nach dem
-Schrecken der Schlachten bald wieder die gesegnete Stille einkehren, in
-der das Leben des Volkes am besten gedeiht, mögen die Wunden harschen,
-die Dörfer und Städte in neuer Blüte auferstehen und die Wellen der
-Adria wieder ein Land küssen, das sich nach Jahren tiefster Prüfung
-des süßen Friedens erfreut. Friede den Völkern -- das ist mir mehr
-Herzenssache, als daß dieses Büchlein aus Kriegsgründen noch einmal
-flüchtige Tagesbedeutung gewinnt.
-
- Weihnacht 1917.
-
- J. C. Heer.
-
-
-
-
-Inhaltsübersicht
-
-
-Seite
-
- Im Friaul 1
-
- Venedig. -- Abendfahrt. -- Monfalcone. -- Meer und
- Tiefland. -- Ein Garten. -- Die Piazza grande. --
- Der Markt. -- Leben und Lieben. -- Nord und Süd. --
- Ein Original. -- Sein Hausregiment. -- Der Maler.
- -- Die Volksschule. -- Am Hafen. -- Die Fischer. --
- Ein Strandgebiet. -- Die Malaria. -- Die Campagnen.
- -- Der Isonzo. -- Die bäuerliche Wirtschaft. --
- Furlanische Dörfer. -- Italiener und Slovenen.
- -- Die Karstlandschaft. -- Eine Taubenhöhle. --
- Verlorene Wasser.
-
- Österreichisch Nizza 27
-
- Eine Wagenfahrt. -- Görz. -- Völker und Sprachen.
- -- Ein mittelalterliches Idyll. -- Industrie. --
- Die Villen. -- Der Kurort. -- Ein Ausflug. --
- Der Monte Santo. -- Wallfahrer. -- Lienhard und
- Gertrud. -- Aussicht. -- Bohnen in den Schuhen. --
- Am Isonzo. -- In der Ebene. -- Gradiska. -- Ein
- Plan.
-
- Aquileja 45
-
- Die Gründung. -- Die Blüte. -- Leben und Treiben.
- -- Der Untergang. -- Alte Lebensfasern. --
- Fundgegenstände. -- Ein Stall. -- Das moderne
- Aquileja. -- Rückblick. -- Die ungetreuen
- Frauen. -- Die Erbin. -- Eine Auferstehung. --
- Der Pozzo d'oro. -- Ein Wirrsal. -- Signore
- Moschettini. -- Das Museum. -- Skulpturen. --
- Grabsteine. -- Anticaglien. -- Neujahrslampen.
- -- Ziegelinschriften. -- Der Campanile. -- Die
- Patriarchen. -- Der Dom. -- Die Krypta. -- Ein
- urchristliches Taufbecken. -- Die Aussicht.
-
- Lagune von Grado 73
-
- Die Düne. -- Ebbe und Flut. -- Lagunenfahrt.
- -- Säkuläre Senkungen. -- Schöne Pläne. --
- Gradonesische Fischer. -- Indolenz. -- Ein Asyl. --
- Das Städtchen Grado. -- Badeleben. -- Inselgrün. --
- Die steigende Flut. -- Südliche Nacht.
-
- Im Frühling von Miramare 87
-
- Ein Badeort im Sumpfe. -- Der kürzeste Strom
- Europas. -- Naturrätsel. -- »Es stand in alten
- Zeiten ...« -- Duino. -- Meerbilder. -- Die
- Dolinen. -- Slavische Dörfer. -- An der Küste. --
- Die Gärten von Miramare. -- Erzherzog Max. -- Das
- Trauerspiel von Mexiko. -- Der Kaiser. -- Charlotte
- von Belgien. -- Das Ende. -- Ein Gang durchs
- Schloß. -- Auf der Balustrade. -- Ave Maria.
-
- Triest 106
-
- An den Quais. -- Der Hafen. -- Der Leuchtturm.
- -- Ausblick. -- Schiffer und Arbeiter. -- Der
- Fischmarkt. -- Meerspinnen und Muscheln. -- Die
- Stadt. -- Denkmäler. -- Die Einwohnerschaft. --
- Gegensätze. -- Antikes. -- Winckelmann. -- Beim
- Antiquar. -- Das Arsenal. -- Der Schiffsbau. --
- Seeleute. -- Ein Maschinist.
-
- Die Küste von Istrien 125
-
- Meerfahrt. -- Capo d'Istria. -- Pirano. -- Das
- Volksleben. -- Schöne Frauen. -- Die Salzgärten. --
- Die Punta Salvore. -- Spielende Delphine. -- Der
- Name Istrien. -- Der kleine Antiquar. -- Parenzo.
- -- Eine Schweiz im Wasser. -- Felsen und Riffe. --
- Rovigno. -- Schiffersagen. -- Die Bucht von Pola.
-
- Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn 143
-
- Das Seearsenal. -- Schiffsmodelle. -- Trophäen und
- Standarten. -- Die Magazine. -- Die Riesen des
- Alpenwaldes. -- Werften und Docks. -- Das Stadtbild
- von Pola. -- Chidher, der ewig junge. -- Römische
- Denkmäler. -- Die Arena. -- Eine Überraschung.
- -- Arme Leutchen. -- Im Mondschein. -- Aus der
- Schenke. -- Ein Nachtspaziergang. -- Sonnenaufgang.
- -- ~La poveretta.~ -- Der Scirocco. -- ~Mal di
- mare.~
-
- Der Karst und die Grotte von Adelsberg 163
-
- Osterfahrt. -- Die Karstgewässer. -- Äcker und
- Weiden. -- Die Bora. -- Der Wald. -- Aufforstungen.
- -- Adelsberg. -- Am Grottentor. -- Die Grotte.
- -- Der große Dom. -- Der Höhlenfluß. -- Die
- Geschichte der Grotte. -- Die Tropfsteinbildungen.
- -- Der Tartarus. -- Geheimnisvolle Bildwerke. --
- Festliches Leben. -- Unerforschte Gänge. -- Zum
- Kalvarienberg. -- An die Sonne.
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Im Friaul.
-
-
-Als der Schnee schon in die Berge zurückgewichen war, Lenzsonnenschein
-auf den Höhen, junge Wanderlust im Herzen lag, da brachte mir eine
-Briefschwalbe aus dem Süden unerwartete Botschaft: eine herzliche
-Einladung meines Onkel -- Direktor Johannes Heers in Monfalcone -- zu
-einem längeren Aufenthalte am Golfe von Triest.
-
-Ich las das freundliche Schreiben und jenes stille Heimweh nach
-dem sonnigen Süden, das Goethe mit seinen Mignon-Liedern uns
-Nordlandssöhnen nun einmal in die Brust gedichtet hat, brach durch; die
-schöne Süderde stand verführerisch vor meiner Seele: »Du hast Ferien,
-Junge, du hast etwas Kleingeld, du hast vor Jahren eine italienische
-Schulgrammatik durchgearbeitet, es fehlt dir nicht an Wandermut,
-geh und sieh dir den Garten unter den südlichen Alpenkämmen, die
-lombardischen Städte, die Meerkönigin, das wundersame Venedig, an und
-halte dann Wanderrast in Monfalcone, der kleinen Stadt am Golfrund von
-Triest.«
-
-Vierzehn Tage später flog ich durch den Gotthardtunnel. In Lugano und
-auf seinem herrlichen See bot ich im Geist Willkomm dem Lande ewigen
-Lenzes und sonniger Kunst, dem Land dunkler Weine und dunkler Frauen;
-in Lecco, wo die »~Promessi sposi~« in Liebesträumen gewandelt, fing
-ich an zu wandern die Kreuz und die Quer; in Verona ließ ich mir den
-Palast der Capulet und hinter einem Krautgarten das legendäre Grabmal
-Juliens zeigen, und vierzehn Tage nach meiner Abreise stand ich auf dem
-Markusplatz zu Venedig.
-
-»~La mia bella Venezia!~« Es war am dritten Tag meines dortigen
-Aufenthaltes, das schöne Venedig hatte mich gewaltig reisemüde gemacht,
-und ein feiner, trostloser Regen rieselte in die Lagune; da war mir die
-märchenschöne Stadt in tiefster Seele verleidet. Wenn man sie im Glanz
-des vollen Mondes gesehen hat, gibt's nichts Traurigeres, als Venedig
-bei Regenwetter; es ist dann wirklich nichts mehr als die Totenstadt
-der erschlagenen Republik.
-
-Ich atmete auf, als der Nachmittagszug Venedig-Triest die lange Brücke
-gegen Mestre hinüberdonnerte; ich hatte sogar nicht viel dagegen, daß
-in Treviso eine italienische Arbeiterkolonie, die hinaus nach Graz oder
-Wien wollte, lärmend und singend den Rest der Plätze besetzte und mich
-mit ihren Reisesäcken einpferchte. Der Regen floß in Strömen auf die im
-ersten, zarten Laubkleid prangende Tiefebene des östlichen Venetiens.
-
-Als wir ein paar Stunden gefahren, hielt der Zug plötzlich im freien
-Feld still; der Lärm der Italiener wurde noch größer; so viele Köpfe
-als unter den Wagenfenstern Platz hatten, reckten sich in den Regen
-hinaus. »~Addio, carissima patria, addio, addio!~« schrien die braunen
-Männer, schwenkten ihre roten Sacktücher, und ein blutjunger Bursche,
-der zum erstenmal von Vater und Mutter gegangen, zerdrückte eine Träne
-im Auge.
-
-Wir standen auf der Brücke des Judrio, auf der diesseitigen Grenztafel
-war das italienische Kreuz, auf der jenseitigen der österreichische
-Doppeladler.
-
-Eine Minute Halt, als Reverenz gegen die habsburgische Monarchie -- die
-Lokomotive schrillte, und ein Weilchen später waren wir in Cormons.
-Wagenwechsel -- Gepäckrevision -- dann sank melancholisch die Nacht
-herein; die Italiener wurden stiller und stiller; der Zug brauste die
-öden Hügellehnen, welche die julischen Alpen als Brustwehr gegen die
-Tiefebene hinausstellen, entlang und donnerte über die Isonzobrücke,
-während bergeinwärts ein Lichtfunkeln im Tal die Lage der Stadt Görz
-verriet.
-
-Der Schaffner schrie sein schnarrendes »Gorizia« -- dann
-»Rubbia-Savogna -- Zagrado -- Ronchi« und endlich -- meine Ungeduld war
-aufs höchste gestiegen -- »Monfalcone«!
-
-Als ich ausstieg, schloß mich ein hochgewachsener Mann mit einem großen
-schwarzen Bart in seine Arme. Das war mein Onkel, und die vier Kinder,
-die sich an mich drängten, sein blühender Nachwuchs.
-
-Das Direktionshaus der erst vor wenigen Jahren gegründeten großen
-Baumwollspinnerei im Osten des Städtchens war mir nun während drei
-Monaten freundliches Asyl, wo ich herzliche Gastfreundschaft genoß.
-
-Ich war frei und von jeher kein Stubenmensch; ich suchte von Land und
-Volk so viel zu erfassen, als in der kurzen Frist möglich war. Hier
-die Eindrücke, mit denen mich das sonnige Meer, das üppige Tiefland,
-die grottendurchwühlten Berge, das italienische Volksleben, die mehr
-als zweitausendjährige Geschichte des österreichischen Südens gefesselt
-haben.
-
- * * * * *
-
-»Du kleine Stadt, du weites Land, du blinkendes Meer, grüß euch Gott.
-Hier ist gute Wanderrast!«
-
-Als ich's rief -- oder vielmehr war's nur ein halblauter Gedanke
--- stand ich auf einem jener steinigen Hügelrücken, welche vom
-innersten Winkel der Adria bis nach Görz und noch ein Stück weiter
-die nordadriatische Tiefebene begleiten. Ein klarer, wundervoller
-Morgen, wie ich während meines Aufenthaltes im Küstenland noch manchen,
-aber keinen schönern erlebt, lag über der regennassen Erde, die im
-Sonnenschein lächelte, wie ein Kind, dem noch die Tränen an den Wangen
-perlen.
-
-Mir zu Füßen lag, von West nach Ost, die kleine Stadt, und von dem
-großen, viereckigen Platz in ihrer Mitte tönte der Lärm des südlichen
-Marktes; allein nicht Stadt, nicht Markt fesselten mich; mein erster
-Blick war gebannt von jenem lieblichen Stück des »alten, heil'gen,
-ew'gen Meers«, welches bis gegen das Städtchen hin vordringt.
-
-Das ist der Golf von Monfalcone, der innerste Busen der Adria. An
-seiner felsenstarrenden Ostküste stehen die herrlichen Schlösser Duino
-und Miramare, weiter nach Süden, wo sich der Golf zur offenen See
-ausweitet, schimmert Triest an grünen Uferhügeln, und die dunkeln
-Küsten Istriens grüßen mit ihren blinkenden Hafenpunkten meerherüber.
-
-Dem Zauber des Meeres entzieht sich kein Sohn des Binnenlandes; denn
-es liegt etwas unendlich Träumerisches, Auflösendes im Anblick seiner
-ruhsamen, azurenen Flut, und immer wieder kehrt der Blick zu seinem
-sonnigverklärten Blau zurück.
-
-Allein kaum weniger mächtig reizte mich gebirgsgewohnten Mann die
-Ausschau auf die im Süden und Südosten sich unübersehbar dehnende,
-von keiner Erdwelle durchsetzte Ebene des untern Friauls, aus deren
-frühlingszartem Grün, wohin ich blickte, graziöse Kirchtürme gegen
-den tiefblauen Südhimmel aufstiegen. Am Horizonte dämmerte, zugleich
-Grabmonument einer der größten Römerstädte und weithin sichtbares
-Wahrzeichen des Friauls, der Campanile von Aquileja, der acht
-Jahrhunderte kommen und gehen sah.
-
-Meer und Tiefland sind schön durch ihre ahnungsvolle, träumerische
-Einförmigkeit; doch ebenso schön sind die Berge. In den wilden Häuptern
-der Alpen ist nichts Gleichartiges, da liegt in jeder Falte, in jeder
-Linie ein origineller Gedanke, wie ihn die geniale Natur gefaßt und zu
-Stein verhärtet hat.
-
-Die julischen Alpen sind zwar keine Schweizerberge, dafür fehlen ihnen
-die ewigen Firnen und die donnernden Gletscher, doch tragen sie bis
-weit in den Sommer hinein den Hermelin des Winters; sie stehen über
-den Hügeln des Karsts und den Fichtenwäldern des Tarnovanerwalds als
-achtungfordernde Pioniere nordischer Herrlichkeit und sind ein Schmuck
-der nördlichen Adria, gegen welchen die Südgestade dieses Meeres nichts
-zu vergleichen haben.
-
-Auf der höchsten Erhebung des Karstrückens, den ich erklommen, steht
-eine Ruine, ein runder Turm auf einem breitern, runden Grundbau. Das
-ist die Rocca von Monfalcone, die älteste Burg des Küstenlandes.
-Die Geschichte kennt nicht Ursprung, nicht Schicksal; die dichtende
-Sage aber verknüpft ihren Namen mit demjenigen Theodorichs, des
-Ostgotenkönigs. Ich kletterte über die äußere Mauerbrüstung und
-durchstöberte das einzige Gelaß der Burg; allein im Halbdunkel war
-außer vielem Schutt und einigen morschen Knochen nichts zu entdecken.
-
-Das war mein erster Spaziergang in Monfalcone, und nachmals bin ich
-noch oft auf die Höhe gewandert, um auszuschauen in die sonnigen
-Weiten; doch mein Lieblingsplätzchen wurde ein in der Nähe unseres
-Wohnhauses an den Hügel sich lehnender Garten, der früher einem Grafen
-Asquini gehörte, jetzt aber vernachlässigt ist. Da blühen ungehegt und
-ungepflegt Mandel- und Olivenbaum; Weinreben und Rosen ranken sich um
-die Stämme breitschirmiger Pinien, und im ungehindert wuchernden Grün
-stehen feierliche Zypressen. Mitten in die Romantik dieser Wildnis,
-in ein blühendes Lorbeerwäldchen, ließ ich mir ein Tischchen setzen.
-Da las ich in den Morgenstunden meinen Goethe, und er liest sich noch
-einmal so schön in dem ihm geistig heimischen Land.
-
-Manch eine Frucht seiner tiefen, geläuterten Lebensanschauung, um die
-ich im Norden vergebens rang, senkte sich unter dem grünen Laubdach
-leicht und zwangslos in die Seele.
-
-Dann wanderte ich hinunter in die Stadt, von der ich gerne viel Schönes
-und Interessantes schreiben würde; doch ist Monfalcone nicht anders als
-irgend eine italienische Kleinstadt der Lombardei oder der Toskana.
-Vor mancher andern zeichnet sie sich durch eine gewisse Reinlichkeit
-vorteilhaft aus, obwohl sich noch italienischer Absonderlichkeiten
-genug vor den Blick des Fremden drängen.
-
-Die alten römischen Städte hatten ihr Forum, die neuen italienischen,
-auch die kleinsten, wollen nicht ohne ihre »Piazza grande« sein. Auf
-derjenigen von Monfalcone steht, vielleicht in Nachahmung der drei
-Mastbäume auf dem Markusplatz zu Venedig, eine hohe Stange mit dem
-Wappentier der Stadt, dem Falken, auf der Spitze.
-
-Es erinnert daran, daß die Burg, jene verwitterte Rocca, im
-Mittelalter, als von der Longobardenzeit her noch ein deutscher
-Adel über die Gegend herrschte, die »Falkenburg« hieß. Ihren
-ins Italienische übersetzten Namen hat dann mit dem Emporkommen
-italienischer Volkselemente das Städtchen selber angenommen, während
-sein ursprünglicher deutscher -- Neuenmarkt -- in Vergessenheit geriet.
-
-Einige Gebäude unter dem Häuserviereck, welches die Piazza grande
-umschließt, sehen recht gedeihlich aus. Der schönste Schmuck des
-Platzes indes ist das in schlichtem Tempelstil gehaltene Stadthaus mit
-einem daran stoßenden kleinen Park.
-
-Das Kasino im Erdgeschoß des Gebäudes und die Vortreppe desselben
-bilden den Sammelort der vornehmen Welt von Monfalcone, doch beschränkt
-sich diese auf einige reiche Grundbesitzer, einige Rittmeister außer
-Diensten, einige Handelsleute und ein paar kleine Rentiers.
-
-Auf der Piazza entfaltete sich in den Morgenstunden ein lebhafter
-Markt, besonders stellen sich die Karstbauern mit ihren Fuhren von
-Wurzelwerk und Staudenholz ein; denn der Holzbedarf einer furlanischen
-Städterfamilie wird entweder täglich oder wöchentlich, selten aber
-durch große Einkäufe gedeckt. Der Mangel an diesem so unentbehrlichen
-Feuerungsmaterial ist fühlbar, die Qualität des Holzes sehr gering,
-da es fast ausnahmslos aus zehn- oder zwanzigjährigem Niederwald
-stammt. Längs des Stadthausparkes sind die Stände des Fischmarktes;
-doch kommen in Monfalcone selber nur die geringsten Sorten der
-Seeflosser, am häufigsten der Tintenfisch und der Aal, zum Verkauf; die
-schmackhafteren wandern fast alle auf binnenländische Märkte, besonders
-nach Wien.
-
-Östlich von der Piazza liegt der Kern des Städtchens, ein
-Viereck älterer Gebäude. Aus der Mitte steigt der Campanile der
-Parochialkirche, ein zierlicher Bau, dessen achteckiger Helm von acht
-Säulen getragen wird. Vier schöne Glocken schimmern zwischen denselben
-durch.
-
-Ich war entzückt, als ich das reine volle Geläute zum erstenmal hörte,
-allein es hat den Fehler eines Plauderers: man hört es zu viel;
-es ist keine Stunde in der Morgenfrühe, keine im Tag und keine am
-Spätabend, wo nicht Glockenklänge über das Städtchen hallen. Dazu
-hat der Italiener eine bewundernswerte Virtuosität, Mannigfaltigkeit
-in die Tonregister des Geläutes zu bringen, eine Virtuosität, die in
-abgebrochenen kurzen Klängen und in wimmerndem Gebimmel das Höchste
-leistet.
-
-Nur in der Charwoche, wenn die katholische Christenheit auch den
-Bilderschmuck ihrer Kirchen mit Tüchern verhängt, blieben, ein hübsches
-Sinnbild der Trauer, die Glocken stumm. Selbst der Stundenschlag hörte
-auf; aber an seine Stelle trat das weithin tönende Geklapper einer im
-Glockenhaus aufgestellten Maschine, das von der mit Handklappern durch
-das Städtchen schwärmenden Jugend verstärkt wurde.
-
-Am Ostende des die Kirche umschließenden Quartiers ist eine schöne
-Kastanienallee, die von der Zeit an, wo sie in der Pracht ihrer
-rötlichen Blütenkandelaber steht, bis in die letzten Tage des Herbstes,
-wo der Borasturm sie entblättert, den Lieblingsaufenthalt der
-Monfalconeser bildet.
-
-Hier oder im Park des Stadthauses hat der Fremde am ehesten
-Gelegenheit, das Leben und Lieben dieses Völkleins zu beobachten, und
-nie mehr als an einem Sonntagnachmittag, wenn leichte, lose Musik die
-Jugend zum Tanz unter die Baumkronen lockt, denn kein Bursche, kein
-Mädchen widersteht den Klängen.
-
-Wenn sich das italienische Barfüßele des Werktages sonntäglich
-schmückt, wenn es Haar und Büste mit Knospen und Blüten ziert, wenn
-es, das Köpfchen an die braune Brust des Burschen geschmiegt, wild und
-wilder durch die Reihen fliegt, die schwarzen Augen glühen, die Wangen
-gerötet sind, die Leidenschaft durch alle Bewegungen und Züge rinnt,
-dann liegt wirklich etwas exzentrisch Schönes in diesen südlichen
-Gestalten.
-
-Da kann man allerdings ein keckeres Kosen sehen als draußen im kühlen
-Nord, und manch ein braunes, glutäugiges Kind, das im Begriffe steht,
-eine Jungfrau zu werden, reift hier unter den sengenden Blicken seines
-Burschen rascher aus, als ihm vielleicht gut ist. Der Süden, der der
-Natur einen so kurzen Lenz zumißt, er gönnt auch dem Menschenkind
-keinen langen Lebensmai, und wenn das nordische Mädchen in seiner
-schönsten Blüte steht, ist diejenige des südlichen schon dahin.
-
-Auf der Nordseite der viereckigen Häuseranlage zieht sich die Straße,
-die von Triest nach Venedig führt, durch das Städtchen.
-
-Denke ich an diese Gasse, dann kommt mir die Erinnerung an einen
-liebenswürdigen und originellen Menschen, an den Signore Battistic. Ich
-habe in seinem Atelier zu manche Stunde verplaudert, als daß ich den
-würdigen Postwirt von Monfalcone totschweigen wollte.
-
-Er ist der berühmteste unter den Bewohnern des Orts, und sein Gasthof
-hat einen Ruf, der genau soweit reicht wie derjenige seines Städtchens.
-Nennt man einem Triestiner Monfalcone, so denkt er sicherlich nicht an
-die Stadt, er denkt an die Küche des Herrn Battistic, an die Schnepfen,
-an die Branzins, an die Austern, an die Spargeln, die man nirgends so
-gut bekommt, wie auf der Post zu Monfalcone.
-
-Ich habe zwar mehr die andern guten Eigenschaften des Herrn
-Battistic als diejenigen des Hoteliers kennen und schätzen gelernt.
-Er geht nämlich im Ruhm seines Gasthofes nicht auf, sondern ist
-der erste Naturforscher und der erste Nimrod der Gegend, er ist
-Antiquitätenhändler, Briefmarkensammler, ein Universalgenie; sein
-höchster Stolz aber ist die Kunst: er ist ein Meister des Pinsels und
-der Palette.
-
-Er mag jetzt seine vierzig Jahre haben und in seinen jüngern Zeiten
-war er zweifellos ein sehr hübscher Mann, denn er ist jetzt noch nicht
-häßlich, obwohl er sich eines gewissen Embonpoints erfreut. Noch flutet
-eine Fülle von Künstlerlocken in seinen Nacken, und die kleinen, klugen
-Augen sprühen zuweilen noch die Glut des verliebten Italieners.
-
-Man kann einen Embonpoint tragen und eine Vielseitigkeit des Geistes
-entwickeln, wie Herr Battistic, und dabei doch ein armer Teufel sein.
-Er war's. Wurde am Morgen für ein Gesellschäftchen aus Triest ein
-Abendessen bestellt, dann war mein Freund in Verzweiflung, kein Geld,
-kein Kredit und keine Ware. Er war nicht mehr zu sprechen, er irrte in
-seinen Schlappschuhen durch die Gemächer, er irrte durch die Stadt,
-verwünschte seine beschränkten Verhältnisse und raufte sich das dunkle
-Haar.
-
-Jedesmal wurde das Wunder neu. Wenn die Gäste kamen, war ein Essen
-da, wie man es nur auf der Post zu Monfalcone bekommt. Herr Battistic
-glänzte vor Vergnügen, sprach geistreich, und keiner seiner Gäste
-lernte ihn anders denn als einen Gentleman kennen. War man aber
-vertrauter, so machte er aus seinen bedenklichen Umständen kein Hehl.
-
-»Aber sagen Sie mir, wie kamen Sie denn in eine solche Lage, Sie, der
-kluge, lebenserfahrene Mann?« fragte ich ihn einmal.
-
-»Das kommt von meinem Hausregiment«, sagte er, »das kommt davon, daß
-meine Köchin und meine Kellnerin die größten Schelme sind auf der
-Welt. Brauch' ich im Tag einen Liter in der Wirtschaft, so trinken
-die beiden heimlich drei; bleibt von einer Mahlzeit ein Rest, den ich
-wieder verwenden könnte, so ist er fort, ehe ich danach sehen kann, und
-frage ich, wohin die Dinge gekommen seien, so antworten die beiden aus
-+einem+ Mund: »Wir wissen es nicht, wir sind ganz unschuldig, Patron.«
-Zuweilen erwische ich sie aber doch.«
-
-»Wie so denn?«
-
-»Nun, bald so, bald so. Ich habe schon eine Purgaz in den Wein getan.
-Sie können sich nicht vorstellen, was das für ein Rennen gab; aber
-bekannt haben die Weiber nicht. Ich habe auch einmal Hundsexkremente
-auf einen Teller gelegt und überzuckert; da haben sie, nachdem sie es
-zum Munde geführt, schrecklich gespien; aber gebessert haben sie sich
-nicht.«
-
-»Dann entlassen Sie die Unverbesserlichen.«
-
-»Ich kann nicht. Die Köchin ist die beste Stütze des Geschäftes, an
-die andere bin ich mich auch gewöhnt, und Wechseln würde doch nur den
-Tausch eines Schelmes mit einem Dieb bedeuten -- mein Gott, hätte ich
-nur 2000 Gulden, in zwei Jahren wäre ich Rentier.« Herr Battistic
-wußte Dutzende von Gelegenheitskäufen in Smyrna, in Bombay, ein großer
-Spekulant ist an ihm verloren gegangen.
-
-Allein die Malerei hilft ihm über die Misere des Lebens weg. Er malt
-in einer Art von Loggia, aus der man in den Hof seines Hauses sieht.
-Eine wirre Sammlung von Muscheln, ausgestopften Vögeln, selbstgemalten
-Bildern und aus Büchern ausgeschnittenen Holzstichen bringt die nötige
-Stimmung in sein Arbeiten. Steht er an der Staffelei, so hüllt er
-seine Gestalt in einen Schleier von Zigarrenrauch, aus dem das sonnige
-Gesicht des Künstlers in sanfter Verklärung strahlt, und so entstehen
-unter seinem Pinsel Strandlandschaften, Meerbilder, Jäger, Fischer,
-Netze und Wild.
-
-Mit diesem Künstler, und jovialen Gesellschafter, von dessen
-Naturerkenntnis und Jägererfahrung man, so oft er erzählte, das
-Sprichwort »~Se non è vero, è ben trovato~« anwenden mußte, bin ich
-immer gern einen Weg gewandert; er hat mir auch einen wesentlichen
-Dienst geleistet, eine kleine Sammlung von Muscheln und Krebstieren der
-nördlichen Adria hübsch präpariert.
-
-Hier muß ich auch noch eines andern lieben Mannes gedenken, des Herrn
-Primosciz, Schulleiter in Monfalcone, der mich eben so sehr durch seine
-Herzensgüte als durch seinen aufgeschlossenen Natursinn sympathisch an
-sich gefesselt hat.
-
-Dort, fast dem Gasthof zur Post gegenüber, steht das Schulhaus, in
-dem er mit fünf andern Kollegen wirkt. Es ist ein enger, abstoßender
-Bau und furchtbar mit Schülern überfüllt; allein es ist Hoffnung
-vorhanden, daß die Stadt in einigen Jahren ein würdiges Heim für die
-heranwachsende Jugend baut.
-
-Sonst bildet das Schulwesen ein trübes Blatt im furlanischen Volkstum.
-Es fehlt nicht immer an gebildeten Lehrern und in den Schulen nicht
-an guten, allgemeinen Lehrmitteln, für den Anschauungsunterricht sind
-sogar vorzügliche und reiche Bilder da, auch die Bücher der Jungen
-sind nicht ungeschickt abgefaßt, doch vielleicht etwas zu hoch; aber
-es fehlt die Hauptsache: Die Schule hat im Volk keine Wurzeln, man
-betrachtet sie als eine von der Regierung aufgebürdete Last, und das
-Obligatorium derselben wird durchbrochen, wo immer es geht. Nicht nur
-einmal sind mir draußen in den Pächterhütten der Campagna zehn- und
-elfjährige Rangen begegnet, die noch über keine Schulschwelle getreten
-waren.
-
-Herr Primosciz und ich, wir sind häufig miteinander gewandert hinab
-ans Meer, hinaus in die Campagna, hinein ins Gebirg -- und manch
-ein Merkwürdiges, das ich dort gesehen, habe ich seiner Führung zu
-verdanken.
-
-Ein Lieblingsziel war mir stets der Porto Rosega, der Hafen von
-Monfalcone. Man spaziert in einer halben Stunde dorthin, und so oft man
-kommt, sieht man etwas Neues.
-
-Der Hafen selber ist zwar nur ein ins Land einschneidender Kanal von
-etlichen Metern Breite. Nichtsdestoweniger gehört er zu den besten der
-adriatischen Nordküste.
-
-Und welch einen herrlichen Blick hat man, wenn man auf der äußersten
-Spitze seines Molo steht. Man sieht ein Golfoval, das zu den
-schönsten Stellen des Mittelmeeres gerechnet wird. Man hat den steilen
-Küstensturz von Duino und darüber die uralte gewaltige Veste selbst, wo
-die deutschen Kaiser auf ihren Italienfahrten gerastet, wo der Geist
-Dantes umgeht, man hat gerade vor sich Miramare, das Tränenschloß,
-zur Rechten Triest, sich hell und klar von silbergrauen Olivenhängen
-hebend, und noch ein paar istrianische Städte: Capo d'Istria, Isola
-und auf verblauendem Vorgebirg Pirano. Dazwischen liegt der von hellen
-Segeln belebte herrliche Golf, der bald wie Silber glänzt und gleißt
-und bald wie ein großes Träumerauge in stiller Ruhe blaut.
-
-Die Ebbe des Golfes, die im Mittel nicht mehr als sechzig Centimeter,
-im Maximum einen Meter beträgt, ruft zwar nicht jene großartigen
-Erscheinungen hervor, welche an der Nordsee den Fremden so gewaltig
-fesseln, doch legt sie an dem flachen Strand von Monfalcone weite
-Meergebiete bloß.
-
-Dann eilen halb entblößte Weiber und Kinder, einen Sack am Rücken,
-ein Netz in der Hand, auf die Sandbänke, waten weit hinein in die
-zurückweichende Flut und sammeln ihre »~frutti di mare~.«
-
-Es braucht den Mut dieser Strandläufer, immer frisch und keck in den
-krabbelnden Quark von Seespinnen, Krebsen, Strahltieren und Mollusken,
-zwischen denen sich wohl auch etwa ein Wasserschlänglein verfängt,
-hineinzugreifen.
-
-Der Golf von Monfalcone muß übrigens, sowohl was die Artenmenge,
-als die Farbenschönheit der Seetiere betrifft, als das am meisten
-durch Süßwasser geschwängerte Becken dieses Meeres, von den südlichen
-Gebieten desselben zurücktreten; doch schon bei Grado, einer kleinen
-Insel wenige Stunden mittäglich von Monfalcone, prangt das Meer mit
-vielen farbenprächtigen Muschelgebilden.
-
-Dagegen ist der Golf von Monfalcone sehr fischreich, und es bilden die
-Fischer ein wesentliches Element der monfalconesischen Bevölkerung.
-
-Wie oft bin ich im Morgenschein oder in der Abendglut hinausgefahren
-mit den braunen Männern, die Netze zu ziehen oder neu zu legen! Es
-war mir immer wohl bei den treuherzigen, einfachen Naturmenschen,
-welche den italienischen Volkscharakter von einer andern, bedeutend
-bessern Seite offenbaren als der schlaue Handelsmann oder Wirt und
-die unverschämten Ciceroni zu Venedig. Viele dieser Fischer haben ein
-schönes Stück Welt gesehen, denn sie haben bei der Marine gedient und
-wissen von den griechischen Inseln, von da und dort, wo österreichische
-Kriegsschiffe kreuzen, zu erzählen. Bei ihrer Arbeit singen sie ihre
-fulanischen Weisen und keine häufiger als jene, worin der mit dem Sturm
-ringende Schiffer seines Liebchens gedenkt:
-
- »~Il mar' è turpido
- E la barquetta pendole
- E nome tei è tendere
- Ch'è amic' sola me.~«
-
-Sie leben höchst einfach, diese wetterharten, tiefbraunen Fischer, die
-zuweilen mehrere Tage zur See bleiben. Ein schmaler, gedeckter Raum
-der Barke ist dann Stube, Küche und Schlafkammer zugleich, wo das Weib
-den Mais und die Meerfrüchte abkocht, ihren Kleinsten säugt und pflegt,
-und das Meer denselben in Schlummer wiegt, ihn sturm- und sonnenhart
-macht, den zukünftigen adriatischen Seemann.
-
-Keiner der Fischer ist selbständig. Entweder hängen sie von einem
-Händler ab, oder stehen im Dienst eines Unternehmers, so daß dann nicht
-einmal die Barke, auf der sie fahren, ihr Eigentum ist. Bezahlt werden
-sie durch einen kleinen Anteil an der Beute. Darum achtet kein Mensch
-ein Stück Kleingeld so hoch wie sie.
-
-Neben den Fischerflottillen, welche aus dem Porto Rosega in die
-Gewässer der obern Adria ausschwärmen, beleben wohl auch einige
-Lastschiffe den Hafenkanal; allein denkt man an jene Zeiten zurück,
-da die großen Handelskarawanen und Fuhrwerke, welche fast den ganzen
-Warentransport nach Kärnten und bis ins Tirol hinein besorgten, hier
-ihren Ausgang nahmen, Monfalcone ein berühmter Stapelplatz war, dann
-kann allerdings das Leben, das sich in der Gegenwart hier bewegt, nur
-als ein Abglanz von demjenigen früherer Tage erscheinen.
-
-Wenn man vom Porto Rosega südwärts wandert, so kommt man in ein
-seltsames Strandgebiet, wo der Meersand, nur von Salzpflanzen und
-sauren Gräsern durchwuchert, einen stundenbreiten Gürtel zwischen
-Meer und Campagna bildet, eine stille Landschaft, über welche die
-melancholische Poesie der Steppe schwebt.
-
-Da und selbst weit in den angrenzenden Campagnen ist für den Menschen
-keine bleibende Stätte, schwingt die Malaria ihre Geißel. Wachthäuser
-haben hier ihretwegen von den Zollwächtern, Pächterhütten von den
-Bauern verlassen werden müssen; ja auch an den Insassen weit vom
-Meer abliegender Gehöfte kann man noch den Einfluß des Sumpffiebers,
-aufgetriebene Leiber und blasse Gesichter, sehen.
-
-Die Sonne brütet über den Sandsümpfen; salziges und süßes Wasser, von
-denen eines die Organismen des andern tötet, fließen ineinander und
-werden zum fortwährenden Fäulnisherd.
-
-Das Seegeflügel hat die Herrschaft, die der Mensch nicht aufrecht
-halten konnte, übernommen, und König über seine Vasallen, den Storch,
-den wilden Schwan, den Kranich und Reiher, ist der Seeadler, der im
-Blau des Äthers seine einsamen Bahnen zieht.
-
-Nur der Zollwächter und der nächtliche Schmuggler haben ihre Wege
-in diesem traurigen Gebiet; doch es ist wie überall: Die Hüter des
-Gesetzes sind immer da, wo die Übertreter nicht sind. Wenigstens
-hört man selten von einem größern Fang, es sei denn, man halte ein
-furlanisches Weibchen, das in seinen großen Schuhen ein Kilogramm
-Kaffeebohnen aus der Freihafenstadt Triest etliche Stunden weit
-schleppt, dafür.
-
-In der Tat ist der Beruf eines »Finanzers« ein undankbarer; denn keine
-Verletzung hat im Volke einen solchen Rückhalt wie der Schmuggel und
-keine Beamten sind so verachtet wie die »~doganieri~«; ich aber, der
-ich kein Interesse hatte, ihnen gram zu sein, habe im Zollhaus am Porto
-Rosega hin und wieder gern Rast gehalten.
-
-Westlich von diesem öden Sandstrich beginnen jene üppigen Campagnen des
-untern Friauls, die sich fortsetzen in die Lombardei, bis hinüber zu
-den Seealpen.
-
-Die meisten Touristen schelten sie langweilig, und fast tödlich
-langweilig mögen sie für den Fußwanderer sein, der ihre schnurgeraden,
-endlosen, staubigen Straßen geht. Eine Spazierfahrt in offener
-Kalesche und am kühlen Abend hinaus in diese unabsehbare, leuchtende
-Pflanzenüppigkeit, die Wald und Feld und Garten zugleich ist, in der
-man Richtung und Himmelsgegend wie auf dem offenen Meer verliert, habe
-ich immer angenehm gefunden.
-
-Es ist wahr, wenn ich nichts sah als die offenen Weiten, das
-grenzenlose Grün, dann suchte ich fast ängstlich nach den Stützen des
-Firmaments. Am Horizont des Nordens standen dann weiße Schimmer. --
-Waren es Wolken -- waren es Schneeberge? Ich konnte im Zweifel sein.
-
-Soweit der Blick des Auges reicht, ziehen sich längs der Ackerfurchen
-in zierlichen Reihen die Maulbeerbäume; und von Maulbeerbaum zu Ulme,
-von Ulme zu Kirschbaum, vom Kirschbaum zum Feldahorn, von diesem
-zum Maulbeerbaum schlingen sich, in die Baumkronen geheftet, die
-Rebenguirlanden, während das zarte Grün des jungen Maiskorns, das
-zweimal im Jahr den Erntesegen liefert, oder der mächtig in die Halme
-schießende Weizen die Felder deckt.
-
-Durch dieses üppige Landschaftsbild schlängelt sich halbwegs zwischen
-Monfalcone und Aquileja das blaue, breite Stromband des Isonzo, über
-welchen die Straße mit einer halbkilometerlangen Holzbrücke setzt.
-
-Wie alles in diesem Lande, so hat auch dieser Fluß seine Geschichte und
-zwar eine Geschichte in der geschichtlichen Zeit. Er ist der jüngste
-Strom Europas und kaum über vierhundert Jahre alt, während der Natisso,
-jener schiffbare Strom, der, wie die römischen Schriftsteller melden,
-an den Mauern Aquilejas vorüberfloß, verschwunden ist und durch jene
-Gegend jetzt nur ein seichtes Küstenwässerchen schleicht.
-
-Seltsamer Weise melden die mittelalterlichen Schriften kaum etwas,
-wie aus dem Natisso der Isonzo entstand. Man weiß nur, daß ums Jahr
-580 während eines vollen Monats Wolkenbrüche, welche das ganze
-Landschaftsbild umformten, über das Friaul niedergingen, so daß die
-Leute glaubten, die zweite Sündflut sei gekommen.
-
-In dieser bösen Zeit, so glaubt man, habe der Natisso, durch einen
-Bergsturz in den julischen Alpen aus seinem Bette gedrängt, seinen
-Oberlauf, in den späteren Jahrhunderten immer mehr durch das Tiefland
-ostwärts vagierend, seinen Unterlauf geändert und am Ende des
-fünfzehnten Jahrhunderts endlich diejenige Gestalt angenommen, mit der
-er dem Wanderer jetzt als Isonzo entgegentritt.
-
-Zwei Jahrtausende schon entzückt das Friaul -- so bezeugt es Herodian,
-der Geschichtsschreiber des zweiten Jahrhunderts -- den Fremden durch
-eine Üppigkeit, welche nur derjenigen der Lombardei zu vergleichen ist;
-zwei Jahrtausende aber ist der Bauer auch ein armer, enterbter Mann
-geblieben.
-
-Die mächtigen Latifundienbesitzer des Altertums und die Landbarone
-der Gegenwart, der bäuerliche Proletarier der Vergangenheit und der
-Colono des gegenwärtigen Jahrhunderts, die Gegensätze prahlenden
-Lebensgenusses und unsäglichen Darbens, sie sind anderthalb
-Jahrtausenden christlicher Entwicklung zum Trotz dieselben geblieben.
-
-Mit seiner Zeit und seiner Kraft, mit allem und jeglichem steht der
-Colono in der Schuld seines Herrn. Nach altem Herkommen sichert der
-Pachtvertrag dem Gutsbesitzer zwei Drittel vom Laub der Maulbeerbäume,
-zwei Drittel vom Wein und vom Obst, vom Weizen und Mais, er sichert ihm
-auch jene Dutzende von Abgaben an jungem Vieh, an Geflügel, Butter,
-Eier und Erstlingsfrüchten und überdies eine bare Pachtsumme oder
-Wohnungsmiete, wofür der Bauer mit dem Rest der Landerträge aufzukommen
-hat.
-
-Der Arme ist stets ein schlechter Wirtschafter, darum kann der Colono
-kein guter sein! In der Tat fehlt es ihm an allem, an Betriebskapital,
-an vorteilhaften Geräten, an einem erfreulichen Viehstand und an der
-Lust, irgend etwas zu verbessern. Was sollte er auch? Treibt sein Fleiß
-und seine Intelligenz den Ertrag der Pachtgründe in die Höhe, dann hat
-der Herr das größte, er selber das kleinste Interesse daran.
-
-Das Verhältnis des Grundbesitzers zum Colono ist im günstigsten Fall
-ein patriarchalisches; man läßt ihn nie ganz verkommen; man ermutigt
-ihn mit Pachtnachlässen, wenn Hagelschlag oder Dürre die Campagne
-heimsucht; im ungünstigsten Fall aber, wenn der Grundbesitzer ein Mann
-harten Rechts ist, waltet das Gesetz, und wehe dann dem Colono! Dann
-hat er zu Zeiten wohl auch das rauhe Brot der italienischen Armut, die
-Polenta, nicht mehr.
-
-Doch zuckt ein Morgenschimmer der Besserung über das Land. Der
-transozeanische Westen ist das Ziel, dem hundert furlanische Herzen
-entgegenklopfen, und es ist keine Frage, daß die genügsamen, braunen
-Tieflandssöhne drüben noch eine Zukunft haben.
-
-Die Colonenhütten sehen mit ihren rauhen, schwarzen Mauern und
-Hohlziegeldächern wenig wohnlich aus. Die viereckigen Löcher, in denen
-keine Fenster sind und die des Nachts mit vorgestellten Brettstücken
-geschlossen werden, geben ihnen etwas Ruinenhaftes im Ansehen.
-
-Allein es fehlt in den Dörfern des Friauls auch nicht an hübschen
-Bauten, oft sogar sieht man freundliche Villen, und ein besseres
-Bauernhaus, etwa dasjenige eines Verwalters, gewährt mit seinem hübsch
-verzierten Portal, mit der Zysterne des Hofes, über die sich eine
-schmiedeiserne Krone spannt, mit den feierlichen Zypressen oder einer
-gewaltigen Linde, die den Hofraum beschattet, einen echt südlichen und
-wohltuenden Eindruck.
-
-Entgegen der ersten Vermutung, der man beim Anblick der vielen
-halbzerfallenen Hütten Raum gewährt, sind die furlanischen Ortschaften
-sehr dicht bewohnt; zehn bis fünfzehn Personen sind unter dem gleichen
-Hüttendach nicht selten. So zählt Monfalcone 4800 Einwohner; es hat
-indes kaum mehr Häuser als ein schweizerisches Dorf von der halben
-Bevölkerungszahl.
-
-Der furlanisch-italienische Volksschlag tritt im allgemeinen vor
-demjenigen von Venedig an Schönheit und natürlicher Grazie zurück;
-denn wenn der Furlaner auch einen Dialekt spricht, der sich noch mehr
-dem Lateinischen nähert, als das Italienische selber, so rollt das
-italienische Blut doch nicht mehr so rein durch seine Adern, sondern
-ist mit slavischem und deutschem versetzt.
-
-Nur der flache Strand ist italienisch, und schon an den ersten
-Vorflügeln des Karsts erstirbt der melodiöse Laut des Südens in der
-konsonantenreichen windischen Sprache; das Volkselement der Italiener
-weicht dem gelassenen, wie von einer Art Schwermut durchzitterten
-slavischen Wesen.
-
-Der Gegensatz der italienischen und slovenischen Furlaner ist ebenso
-groß wie derjenige zwischen Romanen und Germanen, wenigstens hier, wo
-die Armut nicht das Leben ganz verkümmert, südliche Lebensfülle und
-südliche Lust, glutäugige, braune Mädchen, dort ein stummer Duldermut,
-ein tiefer fatalistischer Zug, blaßwangige Mädchen mit schlichtem Haar
-und wasserblauen Augen.
-
-Arm, wie der zerrissene Felsboden, den es bewohnt, ist auch das
-slovenische Volk. Wenn ein Fremder in ein solches Karstdörfchen kommt,
-dann springen aus allen Häusern die Kinder daher. Die halbzerlumpten,
-bleichen Gestalten werfen sich knielings in den Straßenstaub und
-bitten, die Arme über die Brust gekreuzt, mit den kläglichsten Gebärden
-um eine Gabe. Wirft man ihnen einige Kreuzerstücke zu, dann purzeln
-alle in den Staub, lüften ihre Mützen und werfen dem Spender unter
-beständigen Segenswünschen ihre Handküsse nach, bis er verschwindet.
-
-Nur der materielle Notstand des slavischen Colono läßt das Bild
-begreifen. Noch größer als dieser ist der geistige, denn ich habe
-es aus guter Quelle, daß in einigen dieser Karstdörfer selbst die
-Bürgermeister nicht schreiben können.
-
-Wenn man auf der Rocca von Monfalcone steht, sieht man hinein ins
-windische Land, Bühel an Bühel, unregelmäßig ohne bestimmte Richtung,
-grau und nackt, nur in den Frühlingswochen mit einem schwachen Flor
-sprießender Gräser überhaucht, sonst dürrer als eine Heide, eine
-Felsenwüste.
-
-Das ist der Karst. Wandert man von der Rocca über die Karren des
-Burghügels hinab, so kommt man an den kleinen See von Pietra rosa in
-einem einsamen Tälchen. Das Ried, das ihn umkränzt, ist das einzige
-Grün in dieser Steinwildnis.
-
-Das kleine Wasser und seine Umgebung mahnt an einen Alpensee unter
-der Grenze ewigen Schnees, etwa im Gotthardhochtal; allein in Tat und
-Wahrheit liegt es wenige Meter über der Adria, und wenn eine Springflut
-den Golf von Monfalcone schwellt, dann steigt auch in diesem Becken die
-Flut aus verborgenen Quellen auf, er ist ein kleiner Zirknitzersee und
-war für mich das erste kleine Wunder des Karsts, des Gebirges, wo man
-aus den Wundern nicht herauskommt.
-
-Doch hat das Seelein einen oberirdischen Abfluß und an diesem steht
-eine kleine Mühle. Ihr Klappern ist der einzige Laut des stillen Tales.
-
-Eine Bodensenkung führt im Norden der Mühle weiter hinein in den Karst,
-dessen Halden stellenweise ein mageres Eichengestrüpp bedeckt, und wir
-kommen nach Jaminiano hinüber, einem kleinen slavischen Dorf, das mit
-seinen elenden Hütten an der Halde eines Hügels klebt.
-
-Jaminiano bedeutet im Slovenischen »Ort bei der Grotte«, und in der
-Tat liegt ein Viertelstündchen davon eine ~grotta di columbe~, eine
-Taubenhöhle.
-
-Grotten gibt es im Karst fast so viele als Wasserfälle in den Alpen.
-Die Höhle von Jaminiano ist nur eine von den zahlreichen, in denen
-wilde Tauben ihr Geniste haben. Sie liegt nicht an einem Abhang,
-sondern in der Sohle eines von Osten nach Westen laufenden Tals,
-unfern eines kleinen Sees, und das Auge entdeckt von ihr nichts, bis
-man hart an ihrem Eingang steht. Es ist dies ein zehn Meter tiefer
-Felsenschacht, an dessen Rand ein kärgliches Gebüsche wächst.
-
-In dieser Kluft, in die man ohne Leiter und Seile nicht hinuntersteigen
-kann, öffnet sich in der Richtung gegen das Meer eine Höhle. Horcht
-man, so tönt aus derselben das »ruck, ruck, ruck« und das Girren
-von etlichen hundert Tauben, von denen man erst einige zu Gesichte
-bekommt, wenn man sie durch Steinwürfe oder besser noch durch einen
-Pistolenschuß erschreckt.
-
-Die Tiere führen hier ein idyllisches Leben; doch machen sich hin und
-wieder die Nimrode der Gegend den Spaß, daß einer von ihnen an Seilen
-die Höhle hinunter gelassen wird und die friedliche Vogelkolonie in
-Aufruhr bringt, während ihrer ein Dutzend mit gespanntem Hahn am Rande
-stehen und, zusammenpaffend was möglich ist, unter den Tieren ein
-Blutbad anrichten.
-
-Der See im Süden der Grotte hat keinen oberirdischen Abfluß; am Eingang
-der Taubenhöhle aber hört man die abfließenden Wasser in verlorenen
-Tiefen rauschen. Wer weiß, durch welche phantastische Tropfsteingänge
-und Hallen sie ziehen, bis sie den Timavo, jenen aus den Uferfelsen der
-Adria brechenden kurzen Strom erreichen.
-
-Als Andenken an den in Karrenfelder eingebetteten See von Dobredo und
-die Taubengrotte habe ich mir die Zwiebeln einiger bis halbmeterhoch
-werdenden Amaryllen und einiger Zyklamen, welche das stille Wasser
-umblühen, mitgenommen.
-
-Doch nun zu größern Ausflügen. Drüben im Hof des »~Cotonificio
-triestino~« knallt Antonio, der Kutscher, mit der Peitsche; dort
-scharren Bubo und Plato, die treuen Tiere. Geht's nach Görz, der
-furlanischen Gartenstadt, geht's nach Duino, dem gewaltigen Schloß
-am Meer oder in den märchenträumenden Frühling von Miramare? -- Von
-solchen vergnüglichen Fahrten plaudern die folgenden Blätter.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Österreichisch Nizza.
-
-
-Es ließe sich mit Städtenamen und ihren Umschreibungen ein
-stattliches Lexikon füllen; vielleicht ist auf keinem Gebiete die
-schriftstellerische Paraphrase fruchtbarer gewesen als auf diesem, und
-eine Reihe dieser umschreibenden Städtebezeichnungen sind Gemeingut
-der Bildung geworden. Wer wüßte nicht, daß Amsterdam ein »nordisches
-Venedig«, München ein »deutsches Athen«, Dresden das »Elbeflorenz«,
-Montreux das »schweizerische Nizza« ist?
-
-Wo aber ist »österreichisch Nizza?« -- Es ist Görz, eine
-küstenländische Stadt an der Linie Triest-Venedig; und das Verdienst
-dafür, einen so schönen Namen aufgebracht zu haben, gebührt Baron
-Czörnig, der ein umfangreiches Buch über die Stadt geschrieben hat.
-
-Gewiß liegt etwas Verlockendes in dem Namen, denn ein »Nizza« bedeutet
-doch wohl milde Lüfte, steten Frühling, eine reizende Gegend, eine
-schöne, fröhliche Stadt, kurz ein Paradies! Wer wollte nicht in einem
-Paradiese sein? So dachte ich, und der Gedanke wurde zu einer frischen,
-frohen Frühlingsfahrt über den Karst nach Görz.
-
-Bis Ronchi, dem westlichen Nachbardorf von Monfalcone, brausten die
-beiden Apfelschimmel so feurig dahin, als gälte es einen Morgenbesuch
-in Venedig; allein an den Karstklippen, durch die sich die Straße
-zur Höhe emporwindet, brach der erste Schwung. Der Rückblick
-auf die grünen, leise wogenden Campagnen des Friauls und das am
-Horizont verdämmernde, ferne Meer, hielt das Auge noch eine Weile in
-Spannung. Als wir jedoch die Höhe eines in die furlanische Tiefebene
-vorspringenden Karstrückens hinter uns hatten, sahen wir nichts mehr
-als die wüsten Klippen und Klüfte des vegetationslosen Gebirgs. In
-seinem endlosen Grau bildeten nur die sich scheu in die flachen
-Bodensenkungen duckenden, kleinen Getreidefelder und Baumkrüppel einige
-Pflanzenoasen und erbarmungswürdiges Karstvieh, das nicht gedeiht und
-nicht verkommt, suchte in den Felsspalten nach einigen grünbraunen
-Halmen oder einem aufsprossenden Stäudchen.
-
-Die Straße senkte sich in ein von öden Hügeln eingerahmtes, wenig
-bewohntes Tal, aus dessen Steinklippen hie und da ein Häslein die
-Ohren reckte, und nach etwa einstündiger Fahrt erreichten wir die
-frischgrüne, lachende Ebene von Görz, eine große, vegetationsreiche
-Tieflandsbucht, welche die furlanische Ebene in die grauen, nackten
-Gebirgszüge des Karstes sendet.
-
-Der Blick ist bemerkenswert schön wegen zwei hübschen Bauten. Zur
-Rechten erhebt sich die Santa Scala von Merna, eine Kirche mit
-Doppelturm auf freiem Hügel; zur Linken das liebliche Schloß Rubbia in
-einem hellen Buchenschlag des äußersten Karstvorsprungs.
-
-Vor beiden zieht müde, mit keiner Welle plaudernd, als drückte sie
-ein Geheimnis aus dem Berginnern, die Wippach, die einige Stunden
-oberhalb Görz plötzlich als starker Fluß aus dem Gebirge quillt,
-mit gelbgrünen Wassern dahin, um unterhalb Rubbia in dem schönen,
-raschfließenden Isonzo aufzugehen. Jenseits des Wassers liegen Görz,
-seine großen Fabriken und seine Vorstädte im weinreichen, nach Süden
-geöffneten Kessel, und darüberhin die Felsenrücken der Isonzoberge.
-Auf einem derselben, der das Tal des türkis-blauen Flusses gegen
-Westen vollkommen abzuschließen scheint, schimmert ein großes,
-kastellähnliches Haus, die Pilgerherberge des Monte Santo. Das ist
-das Maria-Zell oder Maria-Einsiedeln des Küstenlandes, nach dem die
-Italiener der Tiefebene wie die Slaven des Gebirgs mit gleicher
-Verehrung und in großen Bußprozessionen wallfahrten.
-
-Merna, an dem wir eben jetzt vorüberkommen, ist der Schuhmacherort des
-Friauls, denn wie nach altem Herkommen an dem einen Ort ausschließlich
-Tischlerei, an dem andern die Töpferei, am dritten das Maurer- oder
-Steinmetzhandwerk das Gewerbe der ganzen Dorfschaft bildet, so blüht in
-Merna die Kunst der Fußbekleidung.
-
-Nachdem wir die Wippachbrücke passiert hatten, langten wir in Görz an.
-
-Eine Stadt mit 17000 Einwohnern kann nicht groß sein, aber doch manche
-Sehenswürdigkeiten enthalten. Görz ist weder groß, noch durch letztere
-merkwürdig; aber mit seinen vielen, schönen Gärten ist es eine ebenso
-saubere als reizende Stadt. Wenn man über den geräumigen Marktplatz
-geht und die ehrenfesten Bürger- und Patrizierhäuser sieht, dann fühlt
-man's heraus, daß man sich in einer alten, deutschen Stadt befindet,
-die durch den Zufall der Völkerverteilung in das schöne südliche Tal zu
-liegen kam.
-
-Jahrhunderte lang eine deutsche Sprachinsel und von einem deutschen
-Adel beherrscht, bewahrte sie zwischen italienischen und slavischen
-Volkselementen das deutsche Wesen treu, bis sie ums Jahr 1500 unter
-die österreichische Herrschaft kam. Allein mit dem steigenden Verkehr
-nach dem Venetianischen und dem Zuströmen italienischer Kaufleute
-und Handwerker, mit dem Verfall der Schulen im 17. Jahrhundert
-gelangte, trotz des Protestes der eingebornen Görzer im Jahr 1626,
-daß sie »echte, rechte, geborne, alte Teutsche« seien, im Ringen um
-die Sprachoberherrschaft der südliche Wohllaut über das kräftige
-germanische Wort zum Sieg. In steter Reibung mit dem alteinheimischen
-Deutschen und dem Slovenischen hat sich die italienische Sprache immer
-mehr befestigt, so daß jetzt 11000 Italiener und 4200 Slaven einem Rest
-von 1800 Deutschen gegenüberstehen, die indessen durch ihre Bildung
-und ihre soziale Stellung der deutschen Sprache einen dauernden Halt
-sichern, so daß Görz die Stadt bleiben wird, wo sich drei Sprachen
-stoßen.
-
-Deutsch ist in Görz der Mutterlaut, deutsch die Bildung und deutsch das
-Bier. Diese drei haben mich in der Stadt am meisten gefreut.
-
-Über dem Marktplatz und der Altstadt steht auf einem nach allen Seiten
-freien Hügel das durch Bastionen verstärkte, aber zum Teil verfallene
-Kastell, das ehemalige Schloß der mächtigen Grafen von Görz, deren
-Töchter selbst deutsche Kaisersöhne freiten.
-
-So war Elisabeth, die Gemahlin des Kaisers Albrecht, der durch die
-Hand des Johannes Parricida fiel, eine Görzerin, und das »kühne,
-unerschöpflich begierige Weib«, das sich nach dem Kaisermord zur
-gräßlichen Rachefurie wandelte, mag, da es später als stille Büßerin in
-der Klosterzelle von Königsfelden saß, wohl öfters der sonnigen Burg im
-Isonzotal, wo sie ihre Jugend verlebte, gedacht haben.
-
-Als Gegenstück zu der mit Blut gezeichneten Geschichte dieser Frau
-nimmt sich das Liebesidyll Emerentiens von Görz, die an der Wende
-des vierzehnten zum fünfzehnten Jahrhundert gelebt, noch einmal so
-freundlich aus. Ihre Brüder wollten sie nach dem Tode ihres Vaters in
-ein italienisches Kloster schicken und wählten als ihren Begleiter
-Balthasar von Welsberg, einen frommen und guten Ritter aus. Als aber
-die junge, schöne Maid die lachenden Gefilde Italiens, die prächtigen
-Städte und ihr fröhliches Leben sah, da wurde ihr beim Gedanken ans
-Klosterleben düster zu Mut und schwer ums Herz und sie verhehlte
-dem Ritter, der den stillen Gram gewahrte, ihre Leiden nicht. Herr
-Balthasar war nicht unritterlich und die Worte der Dame gingen ihm
-nahe. Statt ins Kloster führte er die schöne Anvertraute zu einem
-Priester, der ihrem Bündnis die Weihe gab, und sie flüchteten sich ins
-Tirol, wo sie zu Toblach im Pustertal in einer niedrigen Bauernhütte
-Flitterwochen hielten.
-
-Allein die jungen Grafen von Görz erklärten sich gegen solches
-Minneleben, sie wollten vor Welsberg ziehen. Da erschien irgend ein
-geistlicher Herr -- die Kirche hat ihre Sache nicht immer so gut
-gemacht -- löste alle Zwietracht in Frieden und laute Hochzeitsfreude
-auf, so daß Herr Balthasar seiner Emerentia sagte: »Engel, ös ist
-G'fahr vorbei.«
-
-Ein gewaltiges Stück mittelalterlicher Kriegsgeschichte ging mit den
-Grafen von Görz an der Stadt vorüber, und hätte sie sonst keinen Ruhm,
-so könnte sie auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen.
-
-Allein Görz hat eine blühende Gegenwart. Es besitzt am Isonzo eine
-beträchtliche Industrie für Mahlprodukte, Spinnerei, Weberei und
-Papierbereitung, einen bedeutenden Weinbau und einen lebhaften Handel,
-eine Realschule und ein Obergymnasium, wo die italienischen Studenten
-deutsche Wissenschaft einsaugen, ein geistliches Zentralseminar, dessen
-gutgedrillten Zöglingsscharen und schwarzen Führern man an allen
-Ecken der Stadt begegnet, woraus man die Gewähr dafür schöpfen kann,
-daß im Küstenland die Milch der frommen Denkungsart nicht ausgeht,
-eine Provinzialackerbauschule, in die man keine Coloni schickt, ein
-Damenstift und einige Klöster, in welche man die ehe- und weltscheuen
-Leute steckt, und einen Fürsterzbischof, der die Stadt segnet.
-
-Görz ist das südliche Pensionopolis Österreichs, die schöne, ruhmreiche
-Stadt, wo die küstenländischen und krainischen Beamten und Professoren
-im milden Glanz eines wohlverdienten Feierabends ihre Diäten
-verzehren, Bier trinken, Zeitungen lesen, über das Wetter plaudern,
-aber nicht politisieren; denn das hat ein Österreicher entweder nie
-begonnen, oder längst verlernt, wenn er die kaiserliche Pension genießt.
-
-Es ist zur Legende geworden, daß ein Pensionär mit seinen Einkünften
-nicht leben und nicht sterben kann; wenn aber ein Fremder von Görz
-hinaus gegen den Isonzo wandert, so staunt er über die Villenpracht.
-Das frische, kühlende Grün wohlgepflegter Gärten schaut in die
-spiegelnden Scheiben; unter großen weitschattenden Bäumen plaudert
-die Quelle; Marmorstatuen, wirkliche, wahrhaftige Antike von Aquileja
-nicken im dunkeln Lorbeer, und Blumenmosaik schmückt mit leuchtenden
-Farben das zarte Grün der Rasenbeete. Da wohnen wohl auch kaiserliche
-Pensionäre, nur nicht die legendären, sondern jene, denen der Zufall
-der Geburt schon eine Couponschere unter das Wiegenkissen gelegt.
-
-Diese herrlichen Villeggiaturen, denen ich in oberitalienischen
-Landen nichts zu vergleichen wüßte, stellen dem Geschmack der reichen
-Görzer das beste Zeugnis aus. Was mir an ihnen besser noch als die
-Pinienschirme, die Palmenwedel und die Orangerien gefallen, das ist
-das Blust unserer nordischen Obstbäume, das im ersten Frühling auf die
-Kieswege dieser Gärten niederschneit. Görzisches Obst gilt bei den
-italienischen Feinschmeckern als ein Leckerbissen.
-
-Auch der Arme von Görz muß sich nicht begnügen, zu sehen, wie
-der Reichen Gärten blühen; denn die Stadt, die nun einmal einen
-aufgeweckten Sinn für jedes mütterliche Lächeln der Natur bekundet,
-hat einen wunderschönen Volksgarten, nicht nur einen dünnbestockten
-Park mit ein paar krummen Wegen, sondern einen echten, wohlgepflegten,
-öffentlichen Garten von südlicher Üppigkeit. Wenn sich dazu auf der
-Stadtseite desselben der Blumenmarkt entfaltet, dann scheint für Görz
-allerdings kein Name passender, als derjenige einer Gartenstadt.
-
-Wer wollte einen südlichen Blumenmarkt beschreiben? Der Name der
-Gewächse ist das wenigste; die schweren Düfte, die leuchtenden Farben,
-die sich in Worten nicht wiedergeben lassen, schon mehr; das wählende,
-prüfende, feilschende Menschenkind, das sein Leben mit Blüten und
-Grünem schmücken will, das meiste an seiner Poesie.
-
-Wo die Blumen so herrlich gedeihen, wie in Görz, mußte man mit
-Naturnotwendigkeit zu der Frage kommen, ob da nicht auch dem
-verwelkenden Menschenkind ein neuer Lenz erblühe, das in den rauhen
-Klimaten nicht mehr fortkommen will. Görz ist klimatischer Kurort
-und -- was nicht jede aufstrebende Stadt wagen würde -- es stellt
-sich gleich neben Nizza. In manchen Dingen hat es das Wesen dazu, vor
-allem einen angenehmen, dem nordischen Frühling gleichenden Winter,
-der nicht einmal die Einstellung der Feldarbeiten bedingt, einen
-gemäßigten Sommer, von dem die reinen, frischen Gebirgswinde die
-italienische Schwüle fernhalten, eine herrliche Lage, welche nur wegen
-ihrer nackten, grauen Gebirgsrahmen hinter der Schönheit irgend eines
-südtirolischen Kurortes zurücksteht.
-
-Jetzt fühlt es indessen die Flut und Ebbe eines zu- und abströmenden
-Fremdenkontingents noch nicht stark; der mehrsprachige Verkehr, die
-engen gesellschaftlichen Verhältnisse der Kleinstadt, das Bestreben,
-sie ganz in ein italienisches Kleid zu stecken, stehen einer raschen
-Entwicklung des Touristenverkehrs entgegen; denn wo immer der Mensch
-auch zu gesunden suche, verlangt er ein Stück lebhafter Geselligkeit,
-und der Deutsche, namentlich der Deutsch-Österreicher, an den sich der
-Kurort Görz wendet, ein ungebrochenes, gemütliches Volksleben, das er
-eben in der italisierten Stadt vermißt.
-
-Ob sich nun der Traum eines »österreichischen Nizza« realisiere oder
-nicht, die gärtenumrahmte kleine Stadt wird jeder ihrer Besucher mit
-dem Eindruck lieblicher Schönheit verlassen.
-
-Allein nicht minder freundlich als die Stadt selber steht mir ein
-Ausflug in ihre Umgebung, zum Isonzoschlund hinterhalb Salcano und eine
-Besteigung des Monte Santo, die ich später einmal unternommen, vor
-meinem Gedächtnis.
-
-Ich streifte hinaus zu dem Totenacker von Görz und weiter gegen jenen
-nackten Felsenrücken, auf dem das Kirchenkastell des Monte Santo steht.
-
-Dann kam ich nach Salcano. Es ist eine kleine Ortschaft von 1400
-Einwohnern, mit zum Teil sehr alten, ansehnlichen Häusern, die sich am
-linken Ufer des Isonzo aufreihen, der hier perlend und wogend aus einer
-Gebirgsklause heraustritt.
-
-Salcano ist die Mutter von Görz. Als dieses selber noch nicht in die
-Geschichte eingetreten war, blühte hier um die Wende des Jahrtausends
-ein Grafengeschlecht, das seine Burg auf den jetzigen Kastellhügel von
-Görz verlegte und damit Gründer der Stadt Görz geworden ist.
-
-Es geht so im Leben; die Tochter wächst der Mutter über das Haupt. Görz
-ist eine Stadt geworden, Salcano ein Dorf geblieben. Die Ritterlichkeit
-ist vergangen, die Naturherrlichkeit geblieben; denn hinterhalb Salcano
-schäumt der prächtige, hellblaue Isonzo zwischen den steilen Halden
-des Monte Santo und einem mit verbogenen Schichten aufragenden Vorberg
-durch einen Engpaß, wie im Bündnerland der junge Rhein.
-
-Wo man die Schlucht und den tosenden Bergstrom am schönsten überschaut,
-beginnt die Straße auf den Monte Santo. In einem Uferfelsen, zur
-Rechten des aufsteigenden Wanderers ist eine Gedenktafel zu Ehren
-ihres Erbauers, eines Herrn Joseph Koller, eingelassen, der sie in
-zierlichen, immer weiter gegen Süden als gegen Norden auslangenden
-Zickzacklinien sanft und sachte an der vegetationsarmen, klippigen
-Berglehne emporgezogen hat, so daß es eine wirkliche Kunststraße ist.
-
-Der Monte Santo ist kein Riese. Er hat die mäßige Seehöhe von 645
-Metern; aber sein breiter, wenig entwickelter Felsrücken ragt immerhin
-achtmal höher als der herrliche Campanile von Aquileja über die
-Tiefebene empor. Diese liegt bei Salcano erst 85 Meter über Meer und so
-ist er denn doch eine stattliche Bergerscheinung.
-
-Es war bereits Nachmittag, als ich von Görz her an den Fuß des Berges
-gelangte. Nur der Vorsatz, das Isonzodefile zu sehen, hatte mich hieher
-geleitet; aber nun wurde der Bergfex in mir lebendig, und das hat mich
-nicht gereut.
-
-Ich benützte nur zum kleinern Teil die bequeme Straße des Herrn Joseph
-Koller, sondern klomm die alten rauhen Pilgerpfade von Kapelle zu
-Kapelle höher hinan.
-
-Die erste erhebt sich auf einer starken, nördlichen Gratsenke des
-Berges, von der aus man zugleich in den romantischen Talkessel
-von Salcano und in eine westliche Gebirgsmulde blickt, wo ein
-Slavendörfchen in steiniger Gebirgseinsamkeit liegt. Vor der zweiten
-lag ein Pilgrim auf den Knieen und betete seinen Rosenkranz. Es mußte
-ihn beleidigen, daß ich nicht das gleiche tat; denn er warf mir, als
-ich vorüberschritt, einen sehr zornmütigen Blick zu.
-
-Das böse Auge des Mannes gab mir zu denken. Hinter seinem Beten und
-meinem Wandern lag ja eigentlich die nämliche Idee: Unser armes Sein
-ein Weilchen von uns ab in den Schoß einer guten, großen Mutter zu
-legen. Nur hatten wir unser Vertrauen zwei verschiedenen Müttern
-zugewandt; er der schmerzenreichen, die einen Gott gebar und dafür in
-den Himmel kam, ich der Natur, die aus Staub nur Staub geschaffen und
-auf der Erde hat bleiben müssen.
-
-Ich dachte, ich stieg und kam zur letzten Kapelle. Da holte ich einen
-zweiten Wanderer ein, der lesend fürbaß ging. Als ich eben grüßend an
-ihm vorübergehen wollte, schaute er auf und rief mir ein lächelndes
-»~Chi va piano, va sano~« zu.
-
-Das war der Anfang unserer Unterhaltung -- und je länger ich mit ihm
-redete, desto merkwürdiger wurde mir der Mann; aber das Merkwürdigste
-an ihm war seine Lektüre: »Lienhard und Gertrud.«
-
-Es tut immer wohl, wenn man die Schriftsteller der eigenen Nation von
-Fremden gelesen sieht; ich konnte meine freudige Überraschung nicht
-verbergen; sie zwang mich, dem kleinen, klug dreinblickenden Mann mit
-den Augengläsern zu sagen, daß der berühmte Verfasser des Buches mein
-Landsmann sei.
-
-Da trat er einen Augenblick prüfend vor mich hin. »Sie sind Schweizer!«
-sagte er und ergriff meine beiden Hände. »Jetzt lasse ich Sie nicht
-gleich wieder los. Bitte erzählen Sie mir von Ihrem schönen Land,
-seinen herrlichen Bergen, seinem glücklichen Volk, seinen freien
-Institutionen.«
-
-Die Begeisterung des slavischen Lehrers nötigte mir ein Lächeln ab;
-aber ich fühlte, daß ein Ernst hinter seinen Worten liege, und wer
-plaudert nicht gern vom Heimatland? Plaudernd kamen wir auf den
-Gipfel, zu dem weitläufigen ehemaligen Franziskanerkloster, setzten
-uns vor der Pilgerherberge zum Abendtrunk und schauten aus auf das im
-Nachmittagsschein vor uns liegende Land, die Berge und das ferne Meer.
-
-Der Monte Santo ist ein südösterreichischer Rigi. Wunderhübsch ist
-der Blick auf die Stadt Görz und den hinter ihr liegenden Coglio,
-ein reizendes Hügelland, auf dessen Höhen weißschimmernde Kirchen
-und Dörfer stehen. Darüberhin ragt im fernsten Osten der Krainer
-Schneeberg, der zwar keinen Firn und keinen Gletscher, aber doch
-bis weit in den Sommer hinein eine glitzernde Schneekrone trägt.
-Von ihm aus ziehen sich in weiten Rundbogen, über die tannendunkeln
-Höhen des Birnbaumer- und Tarnovanerwaldes aufgebaut, die zerrissenen
-Gebirgsmauern und Kalkzinken der julischen und karnischen Alpen
-gegen Nordwesten. Aus dem Chaos der Spitzen hebt sich östlich der
-wildabstürzende Nanos, im Norden der Triglav, der scharfgezeichnete
-Krn, und, durch das tief eingeschnittene Isonzotal davon getrennt,
-der Monte Canin, der massige Rücken des Monte Matajur und dahinter
-eine Menge fernblauender Häupter, die den italienischen oder gar den
-tirolischen Alpen angehören.
-
-Dann weichen die Gebirge weit zurück und der Blick taucht in die
-venetianische Tiefebene. Im Süden dämmern der Campanile von Aquileja,
-die Lagune von Grado und der bleiche Schimmer der offenen See, im
-Südosten der Golf von Monfalcone, jenseits desselben eine matte Helle,
-die Stadt Triest, ein dunkler Wall, der Küstenhang von Istrien, der
-sanft im Horizont erstirbt.
-
-Wer daheim an jedem schönen Tag die Hochalpen vor Augen hat, der weiß
-mit den Kalkalpen nicht viel anzufangen. Ich schilderte meinem Slaven
-einen Morgen auf der Wengernalp, den Blick auf Jungfrau und Silberhorn,
-den steten Fall der Lawinen, die vor dem Beobachter donnernd ins
-Trümmletental niederstäuben. Da fing der gute Mensch an zu seufzen: »O
-nur einmal, einmal in die Schweiz! Allein es ist unmöglich.«
-
-Er malte mir Grau in Grau ein Bild des Lehrerlebens in einem slavischen
-Dörfchen, die Armut bei einer Besoldung von 200 Gulden im Anfang und
-bei einer wenig größern in den spätern Jahren, die Schulfeindlichkeit
-der Grundbesitzer, das Vorurteil der Bauern gegen den Lehrer und
-ihren tiefen Haß gegen den Schulzwang, die Laxheit der Behörden in
-der Durchführung der Gesetze: kurz die ganze Leidensgeschichte eines
-Streiters für die Bildung an einem Ort, wo er der einzige ist, der
-dafür kämpft.
-
-»Ich bin«, sagte er, »keiner der ärmsten, denn ich habe meinen
-allerdings kleinen Einkünften etwas väterliches Vermögen zuzusetzen;
-aber für eine Schweizerreise ...« Er starrte melancholisch vor sich hin.
-
-Wir waren bereits zu lange gesessen; ich stand auf und wollte von dem
-Lehrer Abschied nehmen.
-
-»So wollen wir nicht scheiden, mein Herr«, sagte er; »ich dachte mir
-zwar auf dem Monte Santo zu bleiben, allein ich werde Sie ein Stück
-Weges begleiten.«
-
-Meine Bitte, sich nicht zu bemühen, war erfolglos. Wir schritten wie
-zwei alte Freunde plaudernd bergabwärts. Da begegnete uns jener hohe,
-hagere Pilgersmann, den ich vor der untersten Kapelle hatte knieen
-sehen und der, Gebete vor sich hinmurmelnd, hinkend bergaufwärts ging.
-
-»Wissen Sie, warum der arme Mann so schlecht geht?« fragte mein
-Begleiter. »Die Pilgrime, die auf den Monte Santo wallfahren, pflegen
-in ihre Schuhe einzelne Bohnen zu legen, die beim Gehen große Schmerzen
-verursachen. Sie glauben dann von der Gottesmutter eher erhört zu
-werden.«
-
-Als ich das vernahm, hatte ich dem Pilger seinen bösen Blick schon
-verziehen.
-
-Bei der untersten Kapelle schied ich von dem slavischen Lehrer.
-»Lienhard und Gertrud«, sagte er, »ist eines der wenigen deutschen
-Bücher, die ich besitze; aber ich werde nie darauf zurückkommen, ohne
-mit lebhaftem Vergnügen mich der schönen Stunde zu erinnern, die mir an
-Ihrer Seite beschieden war. Grüßen Sie mir die Schweiz!«
-
-Er wandte sich gebirgseinwärts, ich auswärts. Der nächste Augenblick
-hatte den einen dem Blick des andern entzogen.
-
-Als ich wieder in Salcano ankam, lag der Abendsonnenschein auf den
-Klostermauern von Monte Santo. Unterhalb der Ortschaft steigt man auf
-hohem, steilem Uferbord zu einer Fähre des Isonzo hinab. Da ließ ich
-mich über den herrlichen, hellblauen Fluß ans rechte Ufer hinüberstoßen.
-
-Ein braunes, italienisches Mädchen saß mit mir im Kahn und wies mir
-den Weg hinauf nach dem Schlosse San Mauro, das als hübsche Villa
-über dem waldigen Ufer steht. Es war ein genußreiches Wandern durch
-jungbelaubten Buchenwald, als ich im Abendschein, hoch über dem Fluß,
-an einem Slavendörfchen vorbei, talabwärts schritt. Das Wellenspiel des
-Isonzo, der hier in einem tiefen Bette strömt, mahnte mich an den Rhein
-unterhalb seines Falles.
-
-Eine Brücke führt in der Nähe von Görz darüber hin. Im Dunkel des
-Abends schritt ich darüber; ich dachte an den Pilger mit den Bohnen in
-den Schuhen, an den slavischen Lehrer, an mein Heimatland, ich dachte
-an so vieles; wer wollte gedankenlos wandern zur Frühlingszeit!
-
-Man hat -- ich kehre hier zu jener ersten Wagentour, die wir nach
-Görz unternommen, zurück -- die interessanten Gebäude der Stadt bald
-gesehen, und der Liebreiz ihrer Gärten prägt sich rasch in den Sinn des
-Wanderers. Wir verließen es also am Spätnachmittag und fuhren hinaus
-gegen den langen, prächtigen Viadukt, mit dem die Linie Venedig-Triest
-das Tal des Isonzo überspannt. Jenseits desselben gelangten wir über
-den Fluß in die offene venetianische Tiefebene hinaus, zu der die
-Landschaft von Görz sich wie eine hügelumschlossene Bucht verhält.
-
-Am Ausgang dieses Tieflandwinkels liegt die Ortschaft Mainizza.
-Hier stießen im Jahr 489 die beiden gewaltigen Recken der deutschen
-Heldensage, der Herulerfürst Odoaker, der den letzten der römischen
-Schattenkönige, den Romulus Augustulus, vom weströmischen Kaiserthrone
-verjagt und selbst die Zügel des verrotteten Reiches ergriffen hatte,
-und der Ostgotenkönig Theodorich in furchtbarer Schlacht zusammen. Hier
-war es, wo der Stern des ersten germanischen Kaisers auf römischem
-Thron ins Sinken kam. Im folgenden Jahr wurde er an der Adda wieder
-geschlagen, im Jahre 493 von Theodorich in Ravenna belagert und zuletzt
-durch dessen eigene Hand niedergestoßen.
-
-Gegenüber Mainizza grüßt wieder das prächtige Schloß Rubbia mit
-blühendem Park, und zwischen beiden fällt die schleichende, trübe
-Wippach in den lichten Isonzo.
-
-Eine undurchdringliche Staubwolke lag stets hinter unserm Wagen; denn
-im Brand der italienischen Sonne hatten sich die furlanischen Straßen
-handtief in Staub aufgelöst, der das Wandern der Fußgänger unerträglich
-machte. Im Wagen litten wir weniger davon, und die Fahrt längs der
-letzten Karstausläufer bis zu dem Städtchen Gradiska war in der
-Abendkühle ein hoher Genuß.
-
-Dieses Städtchen, das im Jahr 1473 von den Venetianern zum Schutz gegen
-die Türken gegründet wurde, war von der Mitte des siebzehnten bis in
-den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts hinein der Sitz einer kleinen
-Grafschaft. Jetzt ist sie mit derjenigen von Görz unter dem Namen der
-»gefürsteten Grafschaft Görz und Gradiska« zu einem selbständigen
-Kronland der österreichischen Monarchie vereinigt, das in Görz seinen
-Landtag hat.
-
-Im Osten des Städtchens, das aus wenigen Häuserreihen besteht und
-nur 1500 Einwohner zählt, sind noch achtunggebietende Reste der
-venetianischen Festungswerke, eine düstere Stadtmauer mit zwei
-ungemein festen Bastionen und einem dunkeln, engen Tor. Die früher
-davor liegenden Außenwerke sind im Laufe dieses Jahrhunderts einem
-ungewöhnlich großen, öffentlichen Platze gewichen, der mit seinem
-angenehmen Kastanienschatten und seiner hübschen Rotunde nicht nur dem
-kleinen Gradiska, sondern mancher größern Stadt wohl anstehen würde.
-
-Auf der andern Seite des Städtchens steht hart am Isonzo ein großes,
-weithin sichtbares Gebäude, das zu einer Strafanstalt für schwere
-Verbrecher umgebaute Schloß, dessen jetzigen Insassen wenigstens
-ein Schönes von der Welt geblieben ist: ein entzückender Blick ins
-südösterreichische und italienische Gebirge.
-
-An den hübschen Villen im Norden des Städtchens vorbei fuhren wir längs
-des Isonzo dem schlanken, zierlichen Campanile von Villesse entgegen;
-allein ehe wir ihn erreichten, bog der Weg wieder über den Isonzo. Er
-ist hier lange nicht mehr der hübsche Fluß wie beim Austritt aus dem
-Gebirge. In einem wohl fünfmal breitern Becken als jenem bei der Fähre
-von Salcano wirft er sich zwischen vielen Kiesbänken bald ans eine,
-bald ans andere Ufer und reißt den Ebenenbewohnern zur Linken und
-Rechten die besten Humusgründe weg.
-
-Er hat deswegen bei seinen Anwohnern einen übeln Ruf; allein was fragt
-er darnach, denn er hat seinen Plan. Mit all den Erdpartikeln aus dem
-Gebirge und der Ebene will er sich eine Brücke mitten durch den Golf
-von Monfalcone nach dem wunderschönen Schloß von Miramare hinüberbauen.
-
-Vielleicht ist's ein Jugendtraum, vielleicht ist's mehr. Der Isonzo
-kann noch etwas leisten; denn wie ich früher ausgeführt habe, ist er
-ein Kind gegenüber den uralten Strömen des übrigen Europa und der
-jüngste Fluß unseres Kontinents. Eine lange Holzbrücke führt nach
-Sagrado, einem freundlichen Dorf, das eine große Gerberei und viele
-Landhäuser mit lauschigen Gärten hat.
-
-In einer halben Stunde -- in Roncchi -- hatten wir den Zirkel unserer
-Fahrt beendet. Am frühen Abend waren wir wieder in Monfalcone.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Aquileja.
-
-
-Eines Tages im Jahr 182 v. Chr. standen die Väter zu Rom früher auf,
-als sie sonst zu tun pflegten; denn der Fall war ernst: Die Kelten und
-Illyrier, die bislang in den julischen Bergen und Wäldern gesessen,
-zeigten Lust, sich in den venetianischen Gefilden längs der Adria
-niederzulassen.
-
-Das war die Sorge der Väter zu Rom.
-
-Sie schickten drei angesehene Männer mit einigen Priestern in den
-italienischen Osten, und als diese an jenen flachen Strand und Winkel
-kamen, wo -- um mit den jetzigen Namen zu reden -- der triestinische
-aus dem venetianischen Golfe tritt, pflügten sie mit einem Ochsen auf
-einer breiten Landwelle, etwas abseits vom Meer, ein Viereck aus,
-das ein Quadrat sein sollte und eins war. Da trat P. Scipio Nasica,
-einer der drei Abgesandten, in das Pseudoquadrat, erklärte ernst und
-feierlich: »Hieher kommt eine Stadt!« Die Priester fielen mit heiligen
-Messern über die Opfertiere her, spritzten das warme, rieselnde Blut
-auf den umgepflügten Grund, weissagten aus den Eingeweiden, reckten die
-Hände empor und flehten von den unsterblichen Göttern Gedeihen herab
-auf die Stadt. Da flog ein Storch, der in den Meerbinsen gefischt, über
-die Gegend, und sein Schatten fiel auf die Priester. Das war nicht gut;
-denn Störche haben später die Stadt verraten. Sie hieß Aquileja!
-
-Dreitausend Kolonisten bebauten den ~ager colonicus~ um sie her; die
-Kelten und Illyrier sahen aus achtungsvoller Entfernung zu und in
-langer Friedenszeit gedieh die Stadt herrlich empor. Als Augustulus
-seine ganze Herrscherhuld auf das blühende Gemeinwesen ausgoß, als
-er an das alte Aquileja ein neues, prächtiges fügte, in dessen Kranz
-stolzer Monumentalbauten der stolzeste Palast sein eigener war, den er
-mit der schönen Livia bewohnte, da war der Stadt ein liebliches Los
-gefallen.
-
-Großartige Bauten schmückten sie, und ein reiches Bürgergeschlecht
-erging sich in der Kühle aufrauschender Brunnen oder im Anblick
-reizender Marmorbilder, die auf Kapitol und Forum standen. In
-schimmernden Tempelhallen wachten die vestalischen Jungfrauen am ewigen
-Feuer, opferte das Volk dem Jupiter tonans und Ceres, der gütigen
-Göttin; das höchste Ansehen aber genoß Apollo Belenus, der gewaltige
-Sonnengott, dem die Stadt gewidmet war. Mit hochragenden Standarten
-zogen im Jubel der Fanfaren Kohorten und Legionen aus den weitläufigen
-Kasernen nach den fernen, nordischen Standquartieren oder schifften
-sich auf der Flotte, deren Mastenwerk vom Meer zur Stadt herübergrüßte,
-nach dem blühenden Osten ein; denn Aquileja war vor allem eine
-Militärstadt, ein mit Mauern und Türmen befestigtes Bollwerk und
-Ausfalltor gegen die im Osten und Norden drohenden Barbaren, ein
-Schlüssel des römischen Reichs.
-
-Hinter den siegreichen, römischen Legionen her zogen die
-Kaufmannskarawanen, zwar nicht der Römer -- denn diese hielten
-bekanntermaßen den Handel unter ihrer Würde -- aber diejenigen
-unternehmender Griechen und Orientalen, die in Aquileja ihre
-Niederlagen hatten, und dem Norden Europas die Erzeugnisse des
-Morgenlandes vermittelten. So war Aquileja im Altertum die Königin der
-Adria, eine Metropole des Welthandels, wie es ihr Kind, das prunkende
-Venedig, im Mittelalter wurde. An ihrem Strand entfaltete sich der
-Schiffsbau, in ihren Mauern die Waffenfabrikation, die Leinen- und
-Wollindustrie, die Purpurfärberei, welche die Gewänder der Könige und
-Kaiser lieferte, die Glasfabrikation und die mannigfaltigen Zweige des
-antiken Kunstgewerbes.
-
-Als Aquileja unter den Kaisern Trajan und Hadrian den Zenith seiner
-Machtfülle erreichte, war es eine der neun größten Städte des
-Römerreichs und unter den neun -- die Hauptstadt ausgenommen -- die
-reichste, so daß die Dichter und Schriftsteller jener Zeit mit den
-Ausdrücken höchster Bewunderung von ihrer Schönheit reden. Da soll es
-gegen eine halbe Million Einwohner gezählt und die aus dem Grün der
-Laubkronen schimmernden Villen der Vornehmen es stundenweit umgeben
-haben.
-
-Die nationale Toga der Römer und die Palla der Römerin trat in dem
-antiken Emporium der Adria vor der Menge fremdländischer Trachten
-zurück; denn alle reichen Grundeigentümer und Kaufleute aus Kleinasien
-und Nordafrika strömten nach der Eroberung jener Länder durch die
-Römer nach Aquileja. Denkt man sich nun die Kontingente germanischer,
-gallischer und illyrischer Soldaten dazu, die sich durch den prunkenden
-Adel, die geschäftige Handelswelt und das Proletariat bewegten, so
-haben wir ein anziehendes Bild seines Menschengemenges, das von allen
-Enden der damaligen Welt zusammengewürfelt war. Jeder fand in Aquileja
-seine Rechnung, der Marktschreier und der Müßiggänger, der Schauspieler
-und der Gladiator, der Lustigmacher und der Schmarotzer, und der
-heitere Epikuräismus der Kaiserzeit bot in Theater, Amphitheater und
-Zirkus den raffiniertesten sinnlichen Genuß, in marmornen Bädern die
-Liebe und in kühlen, rebenumgrünten Tabernen den Wein.
-
-Allein an Zeitläufen, wo die Bacchanalien und die laute Freude eines in
-seinem Reichtum schwelgenden Volkes im Ernst der Ereignisse unterging,
-hat es auch in Aquileja nicht gefehlt. Wenn es auch in den ersten
-drei Jahrhunderten seines Bestehens das Glück eines steten, tiefen
-Friedens genoß, so ist doch außer Rom keine Stadt so oft durch Krieg,
-Plünderung, Raub und Mord heimgesucht worden wie Aquileja, die östliche
-Feste des Reichs.
-
-Zum erstenmal wurde es im Jahr 172 von den Markomannen und Quaden
-bedroht, deren Macht sich indessen wirkungslos an der Festigkeit seiner
-Mauern brach. Im Jahr 237 erfuhr es durch den Tribun Maximinus eine
-Belagerung großen Stils. Er war wegen seiner Härte und Grausamkeit vom
-römischen Volke als Kaiser abgelehnt worden und umzingelte nun die
-Stadt in wildem Ingrimm mit einem furchtbaren Heer. Sie ging siegreich
-und mit dem Ruhm einer Retterin Italiens aus dieser Prüfung hervor.
-Vom Jahr 340, wo sie im Kriege, den die Söhne Constantius des Großen
-gegeneinander führten, eine Belagerung glücklich bestand, folgten sich
-die Umzingelungen fast Schlag auf Schlag. Schon 361 lag Julianus, der
-Apostat, der sich gegen Constantius empört, mit einem Heer vor ihren
-Mauern, 383 und 384 kämpfte Theodosius auf ihrem ~ager colonicus~ seine
-Kriege gegen K. Maximus und den Usurpator Johannes, im Jahr 400 wurde
-sie von Alarich, 406 von Radagais, 408 von den Vandalen geplündert.
-
-Wohl waren das herbe Prüfungen für den Wohlstand Aquilejas; aber seine
-Fundamente erschütterten sie nicht, und der aquilejensische Adler stieg
-immer wieder kraftvoll aus den Schreckensjahren auf.
-
-Da kam -- fast wie ein Blitz aus heiterm Himmel -- sein Untergang. Es
-war im Sommer des Jahres 452, als Attila »Godegisel« aus Pannonien
-her seine Hunnenhorden gegen Aquileja wälzte. Es fand unter seinem
-tapfern Oberbefehlshaber Cajus Menapius kaum Zeit, seine Festungswerke
-auszubessern, und das Landvolk der Umgebung floh entsetzt ins Gebirge
-und auf die nahen Lagunen. Drei Monate dauerte die Belagerung, ohne daß
-für die Belagerer ein Erfolg abzusehen war.
-
- »Da wurden die Hunnen sturmmüd und wollten endlich fort,
- Doch Attila, ihr König, ritt um die Mauern dort. --
- Da rief er seinem Heere: Schaut zu den Giebeln dort,
- Von allen Genisten ziehen die weißen Störche fort.
- Sie wissen, wie bald in Flammen hinuntersinkt die Stadt,
- Drum auf zum neuen Sturme, wer Händ' und Füße hat.
- Da flogen die Feuerpfeile, da rannten die Widder an.
- Und von den Mauern stürzten die Trümmer nicht dann und wann,
- Nein, immer! Vom Hunnensturme wankte die ganze Stadt
- Als wie ein Schiff im Meere, das keine Segel hat.
- Aquileja, Aquileja wurde so berannt,
- Daß man nichts als die Stätte und nicht die Stätte fand!«
-
- A. Kopisch.
-
-Die frische, tauige Morgenfrühe, die schönste Tagesstunde des
-sonnenreichen Südens, lag über den unabsehbar weiten Campagnen des
-Friauls, und die Laubkronen nah und fern wogten, ein Meer von Grün,
-im leichten Wind. Wiehernd holten die beiden feurigen Pferde aus;
-wir flogen leicht und rasch, eine kleine Gesellschaft, dem großen
-Römerkirchhof Aquileja entgegen, wo die gewaltige Stadt mit ihren sechs
-Jahrhunderten römischen Kulturlebens, ihr reiches, übermütiges Volk
-ohne Zukunft und ohne Auferstehung verscharrt im Sand der Tiefebene
-liegt.
-
-Man berechnet den Weg von Monfalcone nach Aquileja zu vier bis fünf
-Gehstunden; unsere Pferde legten ihn in der halben Zeit zurück.
-
-Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus; die Nähe einer großen
-Stadt fühlt der Wanderer, lange ehe er ihre Türme und Kuppeln sieht;
-daß aber auch eine tote, verscharrte fast anderthalb Jahrtausende
-nach ihrem Untergang noch mit den letzten Resten alter Lebensfasern
-stundenweit über ihr ehemaliges Weichbild hinausgreifen würde, hätte
-ich nicht gedacht.
-
-Allein sobald man jenseits des Isonzo kommt, spürt man die Nähe
-Aquilejas deutlich. Sowohl in den schattigen Parks einiger
-Villenpaläste als an den halbzerfallenen Pächterhütten, die an der
-Straße stehen, begegnet der Blick den seltsamen Fundstücken aus der
-römischen Stadt. Basaltsäulen stehen an monumentalen Toreingängen,
-zierliche Aschenkrüge in den Rosenbeeten; nickende Faune und weibliche
-Götterbilder an den Parkwegen, Tritonen und Nimphenstatuen an den
-Teichen. Marmorfriese sind als Schmuck in die Mauern der Colonenhütten
-eingelassen; Inschriftenblöcke liegen als Ruhebänke neben den Türen,
-Grabvasen, die vielleicht einst den Staub einer edeln Römerin geborgen,
-sind zu Futterbecken des Geflügels geworden; überall begegnet man
-jenen roten tönernen Urnen, die auf dem ehemaligen Grund der Stadt zu
-Tausenden und Tausenden gefunden werden.
-
-Man kann dem römischen Altertum keine größere Ehrerbietung erweisen,
-als diejenige, daß man mit seinen Reliquien den Palast und die Hütte
-der Gegenwart schmückt.
-
-Immer mächtiger steigt der herrliche Campanile von Aquileja aus grüner
-Flur, und immer gewaltiger löst er sich aus der Bläue des südlichen
-Horizonts. Wir sind in Fiumecello, fünf Minuten später in Monastero, im
-Bereich des alten Aquileja!
-
-Halten muß hier Roß und Rad; nicht bloß deswegen weil Monastero eine
-der ausgiebigsten Fundstätten römischer Altertümer ist und nicht
-deswegen, weil hier das Vollendetste, was das römische Aquileja
-an Architektur besaß, das Hadrianeum stand, sondern weil Monastero
-ein Landgut ist, wie es im Friaul nicht zweie gibt, eine agrikolare
-Musteranstalt des neunzehnten Jahrhunderts auf dem klassischen Boden
-des Altertums. Es gehört den Herren von Ritter, den Fabrikanten in Görz.
-
-Schon der weite Hofraum des reichen Herrensitzes ist nicht ganz
-gewöhnlich, denn längs des Wohnhauses wie der Ökonomiegebäude, die
-ihn einrahmen, ist eine antiquarische Ausstellung, hinter der manches
-große, nordische Museum zurückbleibt. Sie enthält zwar nur die
-rudimentärsten der Fundstücke von Monastero: zerbrochene Säulenstümpfe,
-jonische, dorische, etruskische und korinthische Kapitäle,
-Inschriftenblöcke, Sarkophage, Urnen und Marmortorsen. Das Beste
-der aus dem Grund von Monastero aufgepflügten Reste, die herrliche
-von Rittersche Sammlung, ist leihweise an das Museum zu Aquileja
-übergegangen.
-
-Ein Aufseher des Landgutes hatte die Freundlichkeit, uns die andere
-ebenso große Sehenswürdigkeit der Villeggiatur -- ihre Ställe -- zu
-zeigen.
-
-Ein Viehstall in Monastero ist gegen viele tausend menschliche
-Wohnungen im Friaul ein Palast, und wären nicht die schönen Tiere,
-deren zu einem Hundert dort stehen, der Hauptschmuck der hallenartigen
-Gebäude, dann würde es ihre Reinlichkeit sein.
-
-Besonders hübsch ist der Kuhstall, wo das Vieh in zwei Reihen die
-breitgestirnten Köpfe gegen einander kehrt. Man sieht im Berneroberland
-keine schönern Tiere, als wenn man auf einer bequemen Rampe längs
-der prachtvoll gehörnten Köpfe des hellfarbigen Ungarviehs oder der
-gefleckten Emmentalerkühe dahinwandert. Hinter jedem der Tiere hängt
-eine Tafel an der Wand, aus der nicht nur der Zivilstand desselben,
-sondern auch der tägliche Milchertrag notiert ist. Sinkt bei einem
-Tier der letztere unter ein gewisses Minimum, dann ist's seinem Los
-verfallen; es wandert hinüber in den Schlachtviehstall, wo bereits
-eine stattliche Schar schwerster Mastochsen und rundlicher Kühe sich
-behaglich den Tod anfüttern.
-
-Ein flüchtiger Blick noch in den Pferdestall, wo neben den
-großknochigen Ackertieren die edelsten Ganzhufer des Friauls stehen,
-schlanke, feurige Tiere; ein Blick noch in die dem Landgut zugehörende
-Mühle, wo eintönig die Reisstampfen klopfen -- und fort geht's von
-Monastero.
-
-Aquileja, das moderne Aquileja ist nah, und neben dem Campanile wächst
-bereits der ehrwürdige Patriarchendom aus der Campagna. Da fahren
-wir, da sind wir, allein das Aquileja unserer Tage, das ungefähr 1750
-Einwohner zählt, hat vor jedem andern furlanischen Nest nichts voraus
-als seinen herrlichen Dom und daß es ungefähr den Ort bezeichnet,
-wo die marmorschimmernde, römische Stadt gestanden, von welcher der
-Dichter Aug. Kopisch in seinen wuchtigen, knorrigen Nibelungenversen so
-treffend sagt,
-
- »Man nichts als die Stätte und nicht die Stätte --«
-
-findet.
-
-Es ist poetisch schwungvoll, daß er diese Tatsache in unmittelbare
-Beziehung zum Hunnensturme setzt; allein die Geschichte ist grausamer
-als die Dichtung. Wohl hat jene entsetzliche Zerstörung, in der
-37000 Menschen das Leben verloren, jener langandauernde, an den
-Untergang Karthagos erinnernde Brand, dem Attila vom Kastellhügel
-zu Udine bewundernd zugesehen haben soll, das römische Aquileja
-tödlich getroffen. Allein eine so gewaltige Stadt stirbt auch im
-wildesten Völkertumult nicht auf einen Schlag und der Todeskampf der
-altadriatischen Königin hat Jahrhunderte, hat ein Jahrtausend gedauert;
-ja sie hat -- der ehrwürdige Dom ist das beredteste Zeugnis dafür --
-eine Periode gezeitigt, die einem halben Wiederaufleben glich.
-
-Der Fall Aquilejas war eine Katastrophe. Sie kam und war zu Ende.
-Als die Trümmer der unglücklichen Stadt noch rauchten, wälzten sich
-die asiatischen Horden bereits von dannen; auf den Lagunen des
-venetianischen Südens aber lebten noch Tausende ehemaliger Bewohner,
-Frauen, Kinder und Priester und wohl auch noch beträchtliche Scharen
-wehrhafter Männer, die sich im allgemeinen Sturm zum rettenden Meere
-durchgeschlagen hatten.
-
-Als nach Tagen, Wochen, Monaten des Zitterns und Zagens und des
-allgemeinen Schreckens wieder etwas vom alten Lebensmut in die auf
-den Inseln zerstreuten Aquilejenserhaufen kam, Trüpplein um Trüpplein
-sich wieder aufs Festland hinüberwagte, da mag sich auf den Trümmern
-der alten, schönen Heimat manch eine rührende Wiedersehensszene, wo
-Totgeglaubte auferstanden, zugetragen haben.
-
-In diese furchtbar ernsten Tage der Sammlung hat der Humor der
-Geschichte eines seiner heitersten Stücklein geflochten, die
-Erzählung von den ungetreuen Frauen Aquilejas, die, ihre Männer
-erschlagen wähnend, so rasch eine zweite Ehe eingingen, daß manche der
-Aquilejenser bei ihrer Rückkehr die Frauen im Haus eines neuen Gatten
-fanden. Die Verzweiflung war groß, denn die Treulosen weigerten sich,
-ihre erste Ehe zu Recht zu erkennen. Da wandten sich die Männer an den
-heiligen Vater zu Rom, und kraft seines Amtes zu binden und zu lösen,
-erklärte er die zweite Ehe der aquilejensischen Frauen für nichtig.
-
-Langsam bevölkerte sich Aquileja wieder und ein halbes Jahrhundert nach
-seinem Fall fristete es wieder ein ziemlich behagliches Dasein. Noch
-ein halb Jahrhundert später wurde es unter Narses, dem griechischen
-Reichsvikar, wieder eine Festung, über die, ehe das erste Jahrtausend
-unserer Zeitrechnung voll wurde, wieder ein Dutzend Plünderungen
-ergingen.
-
-Allein weder die Hunnen, noch die Germanen und Slaven, welche es später
-bedrängten, waren die grausamsten Feinde der zwischen Leben und Tod
-ringenden Stadt. Das war das werdende Venedig!
-
-In jenen Zeiten unmittelbar nach dem Untergang Aquilejas, wo
-der Völkersturm in den wildesten Stößen von den Alpen zum Meer
-niederbrauste, wagte es nur ein kleinerer Teil der Lagunenflüchtlinge
-dauernd in die Stadt zurückzukehren. Die meisten blieben auf der
-südvenetischen Inselgruppe und gründeten hier eine Reihe kleiner,
-demokratischer Gemeinwesen. Unter diesen erwies sich dasjenige auf den
-drei größten Inseln, dem Rialto, Malamocco und Torcello, besonders
-lebenskräftig. Aus ihm entstand im Anfang des neunten Jahrhunderts
-Venedig, die Tochter Aquilejas.
-
-Diese Tochter, die nachmals im Schmuck ihrer Paläste so wunderherrlich
-prangte, hat ihre Mutter bei noch halblebendigem Leibe beerbt und ist
-zur Hyäne des Schlachtfeldes von Aquileja geworden!
-
-Zwar hatten schon nach dem Untergang der Stadt die Lagunenbewohner
-angefangen, mit ihren Barken die kostbaren architektonischen Reste nach
-den neuen Niederlassungen überzuführen; aber erst die Dogenresidenz,
-die hartherzige, eigensüchtige wagte es so recht, Hand an die
-Mutterstadt zu legen, sie im vollsten Sinn des Worts als Steinbruch für
-ihre Markuskirche, für alle jene Bauten, mit denen Venedig heut noch
-den Fremden entzückt, auszubeuten. Damit hatte sie das böse Beispiel
-für alle Städte im venetischen Land gegeben, so daß der heilige Paulin
-in einem lateinischen Liede klagt, Aquileja werde in alle umgebenden
-Länder verkauft; selbst die Toten hätten nicht Ruhe und würden
-ausgeworfen wegen des Schachers mit Marmor.
-
-Dadurch ist es begreiflich, daß von dem ganzen großen, marmorprunkenden
-Aquileja kein Turm und kein Tor, von seinen Amphitheatern, Theatern,
-Tempeln und Villen auch nicht eine Ruine auf uns gekommen, kein Stein
-auf dem andern geblieben ist und daß dasjenige, was man über die
-Topographie des alten Aquileja Sicheres weiß, verschwindet vor den
-weiten Gebieten, über welche die Vermutung und die Phantasie ihre
-Flügel schlägt.
-
-Obgleich sich schon vierzehn Jahrhunderte in den Gräberraub von
-Aquileja teilen, ist die Stätte noch nicht erschöpft. Manches haben
-die ehemaligen Bewohner vor dem Zusammenbruch der Stadt, manches hat
-die Natur selbst in furchtbaren Überschwemmungskatastrophen in den
-Schoß der Erde geborgen, und nur zögernd aufersteht vor dem Stoße der
-Pflugschar die Antike.
-
-Allein sie aufersteht! Die Obelisken mit ihren ägyptischen
-Hieroglyphen, die riesenhaften Götter- und Kaiserstatuen, die Säulen
-aus parischem und numidischem Marmor richten sich wieder auf; aus den
-bildgezierten Sarkophagen stäubt die Asche in die Luft; die Mosaikböden
-glänzen wieder im Schmuck ihrer farbigen Steine; aus den Topfscherben
-rollen die Münzen mit ihren Kaiserbildnissen; das Kind des furlanischen
-Bauers spielt arglos mit den Geheimnissen des antiken Frauengemachs,
-oder schmückt sich einen Augenblick mit dem silbernen oder goldenen
-Geschmeid der Römerin.
-
-Aquileja ist ein anderes Pompeji, nur mit dem Unterschied, daß hier
-systematische Grabungen erst sehr spät gemacht worden sind, daß es
-meist dem Zufall und dem aquilejensischen Bauer vorbehalten blieb, die
-Steine, »welche redend zeugen«, aus dem Schutt der Jahrhunderte zu
-ziehen.
-
-Manche der Funde verdankt man wohl der anmutigen Sage vom ~pozzo
-d'oro~, dem Goldbrunnen.
-
-»Lange bevor Aquileja unterging«, -- so lebt sich im Friaul die
-Erzählung fort, -- »haben gottbegnadete Seher die Zerstörung der
-Stadt in ihren Weisssagungen verkündet. Da ließen die Väter der
-Stadt, die Wucht des Schicksals zu mildern, einen ungemein tiefen,
-verschließbaren Brunnen bauen. Sie bestellten zwei ihrer Angesehensten
-zu Schlüßlern desselben und verordneten, daß jeder Bürger Aquilejas
-von seinem Reichtum einen Teil in die Tiefe des Schachtes werfe, damit
-dereinst, wenn das Verhängnis hereinbreche, ein Fonds zum Wiederaufbau
-der Stadt vorhanden sei. In edelm Wetteifer gaben die Einwohner ihr
-Bestes hin, was sie zu Hause an Edelsteinen und Perlen, an Gold und
-Silber besaßen, um den Schatz im Goldbrunnen zu mehren. Glückliche
-Eltern brachten bei der Geburt eines Knaben ihre Weihegeschenke;
-liebende Paare widmeten, ehe sie vor den Altar traten, die Geschmeide
-ihrer Jugendzeit, Gewissensbeladene schenkten reiche Sühnopfer,
-Sterbende einen Teil ihres Vermögens der Brunnenstiftung. So häufte
-sich im Schacht ein unermeßlicher Reichtum, der zum Bau eines neuen
-herrlichen Aquileja vollauf genügt hätte. Im Vertrauen darauf sahen
-die Bürger dem lang dräuenden Verhängnis ruhiger entgegen. Allein als
-dieses kam, da wurden die Schlüßler von den stürzenden Stadtmauern
-erschlagen und die Stadt so verwüstet, daß selbst die Überlebenden die
-Stelle, wo der Goldbrunnen gewesen, nicht mehr erkannten. Darum konnte
-Aquileja nicht wieder aufgebaut werden. Der Brunnen ist verschollen;
-noch niemand hat ihn entdeckt.«
-
-So sehr hat sich diese Sage ins furlanische Volk eingelebt, daß die
-Grundbesitzer in der Gegend von Aquileja bis in die neueste Zeit hinein
-es nie unterließen, sich beim Verkauf eines Landstückes durch die
-Klausel des ~pozzo d'oro~ das Anrecht auf den Schatz im Goldbrunnen
-zu sichern, wenn dieser zufällig im veräußerten Grunde entdeckt werden
-sollte.
-
-Wie über den Ausgrabungen, so hat auch über dem Schicksal der
-Fundgegenstände der Zufall, fast möchte ich sagen der gleiche
-Fluch gewaltet, der im Mittelalter die oberirdischen Baudenkmäler
-Aquilejas in alle vier Winde verschleuderte. Wollte man zu einigen
-der Statuen, deren Torsen in Aquileja liegen, die ergänzenden Glieder
-zusammenbringen, so müßte man den einen Arm im Mauerwerk einer
-furlanischen Hütte, den andern in einem Palaste Venedigs, die Hand in
-der Raritätenkammer eines englischen Schlosses, den Fuß in irgend einer
-archäologischen Sammlung Frankreichs suchen, während die übrigen Reste
-selbst in ihren kleinsten Teilen nirgends mehr zu finden wären, da sie
-zu Mörtelkalk verbrannt worden sind. Wie reich aber auch jetzt noch die
-Funde in Aquileja sind, mag die eine Tatsache verdeutlichen, daß Kenner
-einzig die Anzahl der geschnittenen Edelsteine, die im Laufe des 19.
-Jahrhunderts dort gefunden wurden, auf zehntausend Stücke schätzen, daß
-jetzt noch Jahr für Jahr zwanzig und mehr Inschriftentafeln, Hunderte
-von Graburnen und Glasgefäßen, Kannen, kleine Bronzen, Bein- und
-Bernsteinfiguren, Terracottasächelchen und ganze Reihen von Skulpturen
-ohne systematische Nachgrabungen aus der Erde gehoben werden und daß
-der Fremde sich jetzt noch für wenige Gulden eine hübsche Sammlung
-antiker Münzen, Bronzen und Töpferprodukte erwerben kann.
-
-Der erste Sammler aquilejensischer Altertümer war Joh. Dom. Bertoli,
-der im letzten Viertel des 17. und in der ersten Hälfte des 18.
-Jahrhunderts als Domherr zu Aquileja lebte. Seither hat es immer
-einsichtige Privaten gegeben, welche die ausgegrabenen Marmorbilder,
-wenn es möglich war, ihrem gewöhnlichen Schicksal, zu Mauersteinen
-zerschlagen oder zu Kalk verbrannt zu werden, entzogen.
-
-Immer war die Möglichkeit nicht da. Kein moderner Palast ist aus
-kostbarerem Material gebaut als manche der elenden Pächterhütten in
-Aquileja; allein weitaus das grellste Bild aus dem Kapitel bäuerlicher
-Barbarei ist der Stall eines Signore Moschettini. Ein solcher steht
-wohl in der ganzen, weiten Welt nicht mehr, und an Originalität kann
-sich kein Antikenmuseum der Erde mit ihm messen.
-
-Seine Mauern samt und sonders sind aus einem Trümmerchaos von Statuen,
-Säulen, Gedenk- und Inschriftentafeln, Sarkophagen und Mosaikböden
-aufgebaut. Götterköpfe, Aphroditenleiber, Füße und Hände von Marmor,
-Säulenkapitäle, Kolumbarien sind zu diesem Zweck in handliche Stücke
-zerschlagen, vermauert und nach außen mit altchristlichen Grabsteinen,
-Inschriftenplatten, Aschenbehältern, Kaiserbildern, Medusenhäuptern
-und Büsten von Göttinnen belegt worden. Selbst das arme Hirn eines
-Geisteskranken könnte nicht so tollen Widersinn erdenken, wie an diesem
-Gebäude der Mörtel zusammenleimt. Es könnte einen Hypochonder zum
-Lachen bringen, einen Kunstschwärmer in Verzweiflung treiben, dieses
-zu Kraut und Rüben gemengte, zerschlagene Aquileja des marmornen
-Stalls! Zum Glück hat Aquileja nur einen Moschettini von solch genial
-barbarischem Geschmack besessen.
-
-Spät kam der Staat, um im Interesse der Archäologie seine schützende
-Hand über die Antiken Aquilejas zu legen; allein er kam. Im Herbst 1882
-wurde in dem kleinen Ort feierlich ein Staatsmuseum eingeweiht und in
-einem zweckmäßig gebauten, geräumigen Haus untergebracht. Indes wären
-seine Schätze noch wenig bedeutend, hätten nicht die Gemeinde, die im
-Jahre 1873 zu sammeln begann, und die Gebrüder von Ritter in Monastero
-ihre hübschen Sammlungen leihweise dem öffentlichen Museum überlassen,
-so daß dieses jetzt dem Fremden ein lebendiges Bild von der Kunstfülle
-des römischen Aquileja zu geben vermag.
-
-Der weite, gegen die Straße liegende Hof des Museums, in welchem die
-kolossalsten der Monumente ihre Aufstellung gefunden haben, gleicht
-einem mit Denkmälern überladenen Kirchhof. Durch denselben wandelnd,
-weiß man nicht, soll man mehr die Kunstgewalt der alten Meister, die
-dem spröden Stein so herrliche Gebilde abgewonnen, soll man mehr die
-Wucht der Zerstörungskräfte bewundern, welche diese riesenhaften
-Säulen, diese Marmorquadern brachen. Doch hat im wilden Ringen der
-Verneinungsgeister gegen die lichte Kunstgewalt die letztere gesiegt.
-Durch allen Graus der Zerstörung und Verwitterung haben viele der
-Gebilde eine wunderbare Anmut, eine zu Herzen gehende Schönheit
-bewahrt, und denkt man an die Paläste, die Tempel, die Theater zurück,
-deren Teile sie einst gebildet, so drängt sich einem wie dem Dichter zu
-Venedig die Frage auf die Lippen:
-
- »Wo ist das Volk von Königen geblieben,
- Das solche Häuser durfte bauen?«
-
-Tausende von Skulpturen und eine Menge merkwürdiger Anticaglien,
-Nutz- und Schmuckgegenstände des altaquilejensischen Haushalts,
-haben im Innern des Museums ihre Aufstellung gefunden. Schon die
-Vorhalle bereitet mit ihren zahlreichen römischen und altchristlichen
-Grabsteinen, mit herrlichen korinthischen Kapitälen, mit einer
-prächtigen Sammlung schön geschweifter Henkelkrüge, Kolumbarien, die
-zum Teil noch die verbrannten Knochen enthalten, unsere Stimmung
-auf den Eintritt in die Museumssäle vor. Es ist nur zu bedauern,
-daß jene schöne Mosaik, welche die Entführung der Europa durch Zeus
-darstellt, zerbröckelt und unkenntlich geworden ist. Sie war so
-kunstvoll gearbeitet, daß sie als ein würdiges Gegenstück der berühmten
-Dariusschlacht galt, die man auf einem Fußboden zu Pompeji entdeckte.
-
-~Avete Caesares!~ -- Der erste Museumssaal ist jenen Steindenkmälern
-gewidmet, die sich auf die römischen Kaiser und ihre Beamten
-beziehen, und fesselt besonders mit zwei fast vollständig erhaltenen
-Marmorstatuen das Kunstinteresse. Die eine derselben stellt in kühner,
-kräftiger Arbeit den Kaiser Tiberius dar, von dessen Haupt sich die
-Toga in herrlichem Faltenwurfe um den Körper drapiert; die andere
-ist das nicht minder schöne Bild des Kaisers Claudius. Man vermutet
-jedoch des eingesetzten Kopfes wegen, daß diese Statue erst Caligula,
-jenem Tollmenschen »~memoriae damnatae~«, der vom Jahr 37--41 auf dem
-römischen Thron gesessen, gegolten, und erst, als dieser in einer
-Palastrevolution fiel, das Haupt des Claudius erhalten habe.
-
-Beide Statuen sind von mehr als Lebensgröße, wie denn die kolossalen
-Verhältnisse der in Aquileja gefundenen Marmorbilder ein hervorragendes
-Charakteristikum derselben bilden. Unter den über lebensgroßen
-Torsen interessiert besonders deswegen eine nackte, starkbewegte
-Männergestalt, weil die unfertige Statue jene Vertiefungen -- Puntelli
--- an die sich der Künstler bei seiner Arbeit hielt, noch zeigt und uns
-so einen Einblick in die Bildhauertechnik des Altertums gewährt.
-
-Der zweite Saal ist zum größten Teil eine Sammlung von Grabsteinen,
-die uns bald das Bild der Toten in Relief darbieten, bald mit kürzern
-und längern Inschriften von ihnen erzählen. So berichtet der eine
-von Cippus, dem Perlenhändler, der andere von dem Freigelassenen
-Sextilius Crescens, dem Fleischer. Hier hat ein antiker Salber einem
-kaiserlichen Haussklaven, dort ein Priester seinem Vorgänger, der 110
-Jahre alt geworden war, ein frommes Andenken gestiftet. Der merkwürdige
-Grabstein des Afrikaners Restutus meldet, daß dieser die weite Reise
-aus seiner Heimat einzig deswegen unternommen habe, um Aquileja, die
-herrliche Stadt, zu sehen, daß er eine Weile da gelebt und von einer
-Bestattungsgesellschaft begraben wurde.
-
-Nun kommen wir in hohe Gesellschaft. Im dritten Saal schauen die
-lichten Gestalten des Olymps, Jupiter, der Vater der Götter und
-Menschen, im Schmuck des langwallenden Haupthaars und Barts, Merkur,
-der Gott mit geflügeltem Hut, dessen Gunst sich Aquileja so lange
-erfreute, der schmiedende Vulkanus, Mars mit reichverziertem Helm
-und Federbusch, Venus, die meergeborne Göttin mit dem Perlendiadem
-aus großen Medaillons auf uns Sterbliche nieder. Auf einem Grabstein
-spielt der efeubekränzte Silenus die Leier, und Pan, der friedliche,
-bläst auf der Hirtenflöte. Die Statue Neptuns, des meerbeherrschenden
-Gottes, ist leider nur noch ein Torso. Einem Marmorbild der Venus, die
-in der Stellung der medizäischen zu Florenz dargestellt ist und durch
-sorgfältige Ausführung und edle Verhältnisse eines der herrlichsten
-Stücke der Sammlung bildet, fehlt leider das Haupt. Ein allerdings
-entzückend schöner Venuskopf, der auf einer nahen Säule aufgestellt
-ist, entschädigt nicht ganz für das fehlende.
-
-Ein Gefühl des Mitleids mit den verstümmelten Bildern will sich in die
-Seele des Beschauers schleichen; denn, wenn auch gebrochen, sind sie
-doch nicht tot, sondern reden kraft der ihnen innewohnenden Schönheit
-mächtig zu seinem Gemüt.
-
-Verlassen wir nun die Säle, in deren Bildwerken sich die Künstlerschaft
-der antiken Meister noch in den Fragmenten so achtunggebietend
-offenbart, und treten wir in die Räume, wo die Anticaglien, jene
-zumeist in den Gräbern gefundenen zierlichen Werke der Kleintechnik
-hinter Glas und Rahmen liegen. Sie sind in ihrer Art nicht weniger
-interessant als der Marmorprunk der durchwanderten Gemächer.
-
-Eine Menge dieser kleinen Sachen führt ins altaquilejensische Haus.
-Es sind bronzene Nägel und Nadeln, Griffel, die zum Schreiben auf die
-Wachstafeln dienten, Zirkel, Lote, Schnellwagen, Gewichte, Schlüssel,
-und einige Messer da. Besonders schön ist eine Sammlung arretinischen
-Tischgeschirrs aus korallenrot gefärbter Terrakotta, die mit ihren
-zierlichen Reliefs in den Oberflächen gewiß einst den Stolz eines
-tafelfreudigen Aquilejensers gebildet. Tonplatten, welche in erhobener
-Arbeit Szenen aus der Mythologie oder dem täglichen Leben darstellen,
-schmückten, ähnlich wie unsere Gemälde, die Zimmerwände. Mannigfaltig
-ist die Ausstellung von Tonlampen, die, selten eines Reliefschmuckes
-entbehrend, bald zierliche Traghenkel, bald eine Einrichtung zum
-Aufhängen zeigen und manchmal für mehrere Dochte zugleich eingerichtet
-sind.
-
-Manche derselben tragen eine Inschrift, häufig einen Glückwunsch zum
-Jahreswechsel. Einige dieser Neujahrslampen, mit denen man seine
-Freunde zu beschenken pflegte, sind von zierlicher Schönheit und
-entfalten in Reliefdarstellung diejenigen Gaben, die der Geber dem
-Beschenkten wünschte: Feigen, Kuchen oder Münzen. Eine der schönsten
-stellt eine Siegesgöttin dar, die auf erhabenem Schilde die Inschrift:
-»~Annum novum faustum felicem mihi~« trägt.
-
-Allerliebste Tonfigürchen waren die Puppen der aquilejensischen Kinder.
-An den bittern Ernst des Lebens erinnern eine Menge Tränenfläschchen,
-die mit wohlriechenden Salben gefüllt, von den Alten in die brennenden
-Totenfeuer geworfen oder in die Gräber gelegt wurden. Den größten
-Reichtum der Anticagliensammlung indes bilden die vielen Schmuck- und
-Nippsachen: geschnittene Steine von Karneol, Jaspis, Onyx, in welche
-Szenen aus der Mythologie, aus dem täglichen Leben oder Tierbilder
-eingegraben sind. Bernsteinfigürchen, Haftnadeln und zierliche
-Statuetten aus Bronze, sehr große Fingerringe von Gold und Silber, die
-in der Stärke, wie sie da sind, nur als Totenschmuck gedient haben
-können, und endlich eine Menge Kaiser- und Familienmünzen.
-
-So prangt nach anderthalb Jahrtausenden noch der aquilejensische Luxus,
-das reiche, häusliche Leben. Allein mitten in unsre Bewunderung für das
-Kunstschöne, das sich an diesem Wohlleben so reich entwickelt, erinnert
-uns die Inschrift, die wir auf einem Ziegel lesen: »~Cave malum, si non
-raseris lateres sexcentos; si raseris, minus malum formidabile~«: »Wenn
-du nicht sechshundert Ziegel verfertigst, so hüte dich vor einem Übel;
-verfertigst du sie, so wird das Übel weniger groß sein«, daran, daß die
-ganze Kultur des Altertums, die ganze römische Herrlichkeit auf einem
-sozialen Institute beruhte, von dessen Härte und Grausamkeit wir uns
-mit Abscheu wenden, auf der Sklaverei.
-
-Das ist der schwarze Punkt im lichten Bild der Antike. Aus der
-Sklaverei hat das Altertum Jahrhunderte lang seine Stärke geschöpft;
-an der Sklaverei ist es gestorben. Hätte im römischen Reich, als
-der Völkersturm durch Europa wogte, eine gewaltige Volksmasse, die
-nichts zu verlieren, wohl aber manches zu gewinnen hatte, nicht
-sympathielos das Alte stürzen sehen, sondern ihre Wucht mit derjenigen
-der Kriegsheere in die Wagschale der Geschicke geworfen, dann wäre
-es nicht zu schwer gewesen, den schönen Süden vor dem Schrecken der
-eindringenden Barbaren zu bewahren.
-
-Aquileja fiel. Nach ihm fiel Rom. Allein dort wie hier rang sich aus
-dem Schoß des untergehenden Altertums eine neue Welt: das Christentum.
-Dieses hat um die gewaltige Metropole des römischen Reichs mit dem
-kräftig aufstrebenden Papsttum einen neuen, die Völker blendenden
-Glanz gewoben; als ein heller Stern hat es auch über dem zerstörten
-Aquileja gestrahlt. Der herrliche Dom und sein stolzer Campanile, der
-in wahrhaft majestätischer Größe über die Hütten des modernen Aquileja
-steigt, zeugen dafür.
-
-Nur Rom selber kann sich rühmen, eine um wenige Jahre ältere
-Pflanzstätte der christlichen Idee gewesen zu sein, als Aquileja.
-Aus dem Blut überzeugungstreuer Märtyrer und aus einer Reihe wilder
-Verfolgungen heraus wuchs hier mitten im rauschenden Taumel des sich
-verzehrenden Römertums eine starke Anhängergemeinde, und als Konstantin
-die Göttertempel schließen ließ, hielt das Evangelium von Aquileja aus
-seinen Siegeszug in die norditalischen Lande und in die Alpen, so daß
-die Stadt als ein Mittelpunkt christlichen Lebens galt. Ihre Bischöfe
-genossen so hohes Ansehen, daß sie nach dem Papst als die ersten in der
-Christenheit gefeiert wurden und an den Kirchenversammlungen zu Rechten
-desselben saßen. Sie nannten sich Patriarchen.
-
-Um die Wende des Jahrtausends lächelte Aquileja noch einmal etwas
-wie Gedeihen und Entwicklung. Nachdem schon seine Vorgänger die
-Grundsteine dazu gelegt, bildete und festigte sich unter Popo, dem
-tatkräftigsten der aquilejensischen Kirchenfürsten, ein Staat eigenster
-Art, das Patriarchat von Aquileja, dessen Herrscher folgenschwer in
-die deutsche und italienische Geschichte, in jene gewaltigen Kämpfe
-zwischen Kaiser und Papst eingegriffen haben, indem sie bald den einen,
-bald den andern unterstützten.
-
-Allein der kurzdauernde Glanz dieses Kirchenstaates glich doch mehr
-einem plötzlichen Aufflackern als einer ruhigen Entwicklung. Schon zwei
-Jahrhunderte nach Popo, der die Ländereien vom Po bis an die ungarische
-Grenze in seine geistliche, das Friaul, Istrien und Krain in seine
-weltliche Machtsphäre gezogen hatte, begann der Verfall. Um die Mitte
-des fünfzehnten Jahrhunderts siedelten die Geistlichen von Aquileja,
-dessen Klima sich infolge mangelhafter Instandhaltung der Wasserläufe
-und säkulärer Senkungen sehr verschlechtert hatte, nach Udine über, und
-nachdem Venedig und Österreich die Gebiete des Patriarchats an sich
-gezogen, nachdem der Papst das Erzbistum aufgehoben und dafür dasjenige
-von Udine und Görz gegründet hatte, erlosch der letzte Schein der
-zweiten Glorie, die über dem Tieflandsorte aufgegangen war. Aquileja
-sank und sank. Im Anfang des 17. Jahrhunderts sollen daselbst nur noch
-35 Fischerfamilien gelebt haben. Tiefer kann ein Ort, der einst gegen
-eine halbe Million Einwohner zählte, wohl nicht erniedrigt werden.
-
-Allein noch steigt der altersgraue Dom mit seinem gewaltigen Campanile
-über die Flur. Er hat nichts gemein mit den kleinen Hütten, die
-ihn umstehen; er ragt in stolzer Vereinsamung in der prosaischen
-Gegenwart; er träumt von alter Patriarchenherrlichkeit; er träumt
-weit zurück in das jugendliche Christentum, denn während fünfzehn
-Jahrhunderten hat er den Gang der christlichen Religion gesehen.
-
-Als wir in der Frühe jenes schönen Morgens, der uns zu unserer Fahrt
-durch die Campagnen geleuchtet, in das große Gotteshaus eintraten, las
-eben ein blutjunger Priester von kleiner, schmächtiger Gestalt die
-Messe. Eine kleine Schar buntgeschmückter Weiber, sowie einige Koloni
-knieten vor dem Altar und hörten dem in einförmigen Kadenzen durch die
-Halle tönenden Meßgemurmel zu.
-
-Der junge Priester, das bißchen Volk, die bäuerlichen Meßknaben, sie
-verschwanden fast in der Weite des feierlichen, von einundfünfzig
-Fenstern mit Licht vollauf gesättigten Raums.
-
-Der Fußboden des Domes, unter dessen Platten die Patriarchen in ihren
-Grüften den Schlaf der Gerechten schlafen, liegt fast einen Meter
-tiefer als die äußere Umgebung des Gottshauses. Um so viel hat sich die
-letztere von der Zeit, wo man den Dom baute, bis jetzt erhöht.
-
-Die Baukunst von fünfzehn Jahrhunderten in sich vereinend, gehört die
-Basilika wesentlich dem romanischen Stil an. Ihre Grundform bildet ein
-Kreuz, dessen Stamm 70 Meter lang und 29 Meter breit ist, während der
-Querraum nur 43 Meter mißt. Der aus fünf Bogenabteilungen bestehende,
-netzartige Plafond des Mittelschiffes, welches bedeutend höher als die
-Seitenschiffe ist, ragt 22 Meter über den Fußboden empor.
-
-Je fünf Säulen, die durch Spitzbogen unter sich verbunden sind, trennen
-das Mittelschiff von den Seitenschiffen. Sie verraten die Kirche als
-ein Epigonenwerk. Ihre an Dicke und Höhe verschiedenen granitnen oder
-marmornen Schäfte, von denen einigen mit Unterlagen hatte nachgeholfen
-werden müssen, beweisen deutlich, daß man als Material zum Bau einfach
-die Ruinen des römischen Aquileja verwendet hat.
-
-Während wir das schmucklose, aber erhabene Innere der Kirche
-besichtigten, ging die Messe zu Ende. Wir baten den jungen Priester,
-uns die Krypta, die unter dem Chor liegende Unterkirche zeigen zu
-lassen, und zuvorkommend übernahm er selbst den Führerdienst.
-
-Als wir durch einen halbdunklen Gang in diese Krypta niederstiegen,
-mahnte es mich an die Kasemattengänge einer Festung; allein um wie viel
-älter sind diese ehrwürdigen Mauern als die älteste Burg; denn sie wie
-die Krypta stammen noch aus der Zeit vor dem Hunnensturme, vom ersten
-Kirchenbau Aquilejas her.
-
-Rohe Säulen mit sehr einfachen Kapitälen, aber ohne Sockel, stützen
-die in runden Halbbogen sich wölbende Decke. Fünf kleine, halbrunde
-Fenster verbreiten in dem kühlen, moderigen Raum ein geheimnisvolles
-Halbdunkel, das von den uralten, kunstlosen Malereien, welche Wände
-und Wölbung bedecken, nur wenig erkennen läßt. In der Mitte dieser
-unterirdischen Kapelle steht ein großer Sarkophag, der einst die
-Knochen des heiligen Hermagoras, des ersten Bischofs von Aquileja,
-enthielt. In den vielen Kriegen sind die heiligen Gebeine gestohlen
-worden. Der junge Führer sprach sich sehr bedauernd darüber aus; wir
-aber atmeten auf, als wir wieder in die gute Luft der Oberkirche kamen.
-
-Auf der Westseite des Domes steht eine andere, die Heidenkirche, die
-~chiesa dei pagani~, ein öder, vernachlässigter Bau aus jener frühen
-Zeit unmittelbar vor der letzten Christenverfolgung.
-
-Interessanter ist das darangebaute Baptisterium, eine Taufhalle, wie
-aus der christlichen Vorzeit nur wenige auf uns gekommen sind. In einem
-achteckigen Hofe steht ein sechsseitiges, geräumiges Taufbecken, in
-das der Täufling über drei große Stufen hinabstieg. Wenn das Becken
-gefüllt war, reichte das Wasser einem Erwachsenen bis über die Brust
-hinauf, und durch dreimaliges Untertauchen vollzog sich die symbolische
-Handlung.
-
-Auf der Südseite des Domes stehen als letzte Reste des
-Patriarchenpalastes zwei stark verwitterte, mächtige Säulen; auf der
-Nordseite aber ragt der aus den Quadern des römischen Amphitheaters von
-Popo erbaute, 72 Meter hohe, freistehende Glockenturm empor. An der
-südlichen Flanke, eines breiten, aus Römerzeit stammenden Grundbaues,
-führt eine Freitreppe in den eigentlichen Turm hinauf. Ein junges
-Weib geleitete uns die hundertacht beschwerlichen Stufen, die von
-schießschartigen Löchern nur schlecht beleuchtet sind, zur Glockenstube
-empor.
-
-Da oben ist's wundervoll! Die Aussicht ist zwar nur aus wenigen
-Elementen zusammengesetzt, der endlosen, grünen Flur, dem unbegrenzten
-blauen Meer, den fernen, verschwimmenden Küsten von Istrien, den
-fernen, blassen Alpen, dem düster dämmernden Markusturm von Venedig.
-Fast fehlt es dem Bild an Linien; aber unsäglich schön ist der Luftton,
-halb Schleier, halb Klarheit!
-
-Tief unter uns liegt das kleine, unscheinbare Aquileja im
-Morgensonnenglanze; hoch über uns wölbt sich ein Himmel, wie es nur
-einen gibt auf der Erde, den italienischen, der so dunkel, so strahlend
-ist, wie das Auge der Italienerin.
-
-So war dieser Himmel schon, als die Römer über die Gefilde wandelten,
-und feuchte Augen haben schon damals in der Not der Seele aufgeblickt
-zum Firmament; auf unserm Stern aber waltet das Schicksal. Aquileja --
-»gezählt, gewogen und geteilt!«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Die Lagune von Grado.
-
-
-In einem halben Tag hat man zu Aquileja alles gesehen, was zu sehen
-ist, den Patriarchendom und die Rundsicht auf dem Campanile, die
-Antikensammlung und den Stall Moschettini. Ist man dazu ein paar
-Mal durch die wenigen Straßen spaziert, an denen in losen, kurzen
-Häuserzeilen das moderne Aquileja steht, ist man da und dort bei einem
-besonders zierlichen Relief still gestanden, das ein in seiner Art
-kunstsinniger Bauer in die Front seiner Hütte hat einmauern lassen,
-hat man über die Umfassungsmauern in einige kleine Gärten geblickt, in
-deren Pflanzengrün halb versteckt hübsche private Sammlungen enthalten
-sind, hat man gesehen, wie die Schweine aus antiken Sarkophagen, Katzen
-und Hühner aus antiken Graburnen fressen, dann hat man in der Tat alles
-gesehen, was das moderne Aquileja dem Fremden bieten kann. -- Auch bei
-einem zweiten Besuch habe ich in dem großen geplünderten Römerkirchhof
-nicht mehr entdeckt. Also »~partiamo!~«
-
-Der Kutscher warf sich in die Brust und knallte gewaltig, als wollte
-er die alten Aquilejenser aus dem Schlafe wecken; wir flogen südwärts
-über das ebene Land nach Beligna und Belvedere ungefähr eine Stunde
-Wegs durch einen dunklen Ackergrund, dessen Boden so fein ist, als wäre
-er durch ein Sieb gegangen.
-
-Waren hier die Gartenpaläste der Reichen; war hier die Nekropolis des
-ehemaligen Aquileja? Man sagt das eine und das andere, vielleicht
-ist keines wahr; hingegen weiß man, daß zu Beligna ein feierlicher
-Tempel des Sonnengottes Belenus stand, zu Belvedere ein römisches
-Arsenal war und eine Kolossalstatue mit brennender Fackel auf das Meer
-hinausleuchtete.
-
-Wir wollten nach Grado, jener kleinen Inselstadt, hinüberfahren, deren
-Namen sich mit Aquileja derart verschwistert hat, daß man den Namen der
-einen nicht nennen kann, ohne der andern zu gedenken, daß die beiden,
-in Glück und Unglück schicksalsverwandt, zusammengehören wie das
-Dioskurenpaar im Mythus der Hellenen.
-
-Bei dem Dorfe Belvedere erstirbt die Campagna im Dünensand; die gute
-Straße geht aus; die Räder sinken tief in den beweglichen Grund, die
-Gräser weichen dem Salzkraut, dem Meerginster und wie die Gewächse des
-Hallophytengeschlechtes heißen, die oft mit seltsamen, fettkrautartigen
-Bildungen den Strand überwuchern. Noch ein Viertelstündchen, und wir
-sind an der Lagune.
-
-Da steht, wie ein Stück Ideallandschaft anzuschauen, auf einem
-Dünenrücken ein nicht gar großer, aber alter Pinienwald, der mit
-seinen breiten, dunkeln Schirmen das Lagunenbild wundersam verschönt.
-Die Pineta, sagt man, sei nur ein Rest eines Piniengürtels, der im
-Altertum die ganze adriatische Nordküste umschlang. Wenn das richtig
-ist, dann ist dieses weite Meerufer um einen seiner herrlichsten Reize
-ärmer geworden.
-
-Als wir wenig nach Mittag am Strande ankamen, war die Barke, die wir
-von Aquileja aus telegraphisch in Grado bestellt, mit zwei tiefbraunen
-Gradoneserfischern schon an Ort und Stelle; die Lagune aber bot den
-seltsamsten Anblick, den man sich denken kann.
-
-Es herrschte tiefe Ebbe. Vom Land her strömten die Wässerlein, welche
-sonst die Niederungen bei Belvedere mit einem braunen Brackwasser
-füllen, in eiliger Hast, wie Kinder in den Schoß der Mutter fliehen,
-dem zurückweichenden Meere nach und furchten Dutzende von Rinnen
-in den grauen Lagunenschlamm. Die breiten Sandrücken, die vom Meer
-zurückgelassenen Tümpel und Lachen durchsetzten sich derart, daß
-man nicht sagen konnte, überwog die See das Land oder dieses die
-See. Es war ein interessantes Etwas, das niemand gefallen konnte
-als den Amphibien, den sich sonnenden Wasserschlangen und den im
-Schlamm steckenden Schildkröten. Selbst der Menge von Krustentieren,
-den Taschenkrebsen und Langschwänzern, die neben vielen kleinern
-und größern Muscheln den Schlamm bedeckten und hundert vergebliche
-Versuche machten, kriechend oder springend ihr natürliches Element zu
-erreichen, schien die Gegend schlecht zu bekommen. Man konnte es in
-der Tat für gleich unmöglich halten, zu Fuß oder zu Schiff nach Grado
-überzusetzen, dessen Häuser klar und fast zum Erlangen nah über die
-Lagune schimmerten; denn für das eine war zu wenig Land, für das andere
-zu wenig Wasser.
-
-Allein, was will eine Landratte urteilen! -- Unsere Gradoneserfischer
-stachelten ohne viel Besinnen die Barke durch den flüssigen Schlamm,
-bis wir in einen jener Kanäle kamen, die sich wie Flußbette in vielen
-Windungen durch den Lagunenboden ziehen.
-
-An eine direkte Fahrt nach Grado war nicht zu denken. Wir fuhren statt
-nach Süden weit ostwärts gegen die kleine Insel Barbana hinunter,
-wo einige feierliche Zypressen um eine alte Wallfahrtskirche stehn.
-Diese soll sich laut Legende da erheben, wo nach jener furchtbaren
-Naturkatastrophe vom Jahre 585 Schiffer ein auf den Wellen treibendes
-hölzernes Marienbild fanden, das heute noch wundertätig alljährlich
-Pilgerflotten von 30000 bis 40000 Wallfahrern nach Barbana lockt.
-
-Bald einer Sandbarre ausweichend, bald über eine hinschleifend, bald
-durch Meergras und Binsen wogend, änderte die Barke jeden Augenblick
-ihren Kurs, so daß wir auf unserer fast dreistündigen Fahrt nach Grado
-mindestens die zwiefache Strecke zurücklegten und es fast unmöglich
-schien, nach dem durch seine Nähe neckenden Städtchen zu gelangen.
-
-Es wäre etwas Mißliches um eine solche Fahrt im Zickzack, böte sie
-nicht ein ganz ungewöhnliches landschaftliches Interesse dar. Ein Lido
-flacher, grüner Inseln umschließt die Lagunen, und zwischen ihnen durch
-schimmert scheinbar erhöht der Azur des offnen Meers, das leistönend
-seine Wellen in den Lagunenfrieden treibt. Dazu zieht sich von der
-Isonzomündung bis gegen Grado hin ein vielfach vom Meer durchbrochener
-und unterwaschener Dünenzug, dessen einzelne steilabstürzende Hügel
-wie riesige Blockhäuser aus der wogenden See aufsteigen.
-
-Die kleine Inselstadt, die grünen, flachen Inseln des Lido, der
-Ausblick auf die offene See, die fernen Dünenpalisaden geben zusammen
-der Landschaft ein seltsam Reizvolles, das weniger schön als merkwürdig
-ist. Der Schaffensdrang der umgestaltenden Natur offenbart sich
-vielleicht nirgends gewaltiger als am Meeresstrand.
-
-Zweifellos war jener Dünenzug, dessen ruinenhafte Hügel dem
-Zusammensturz nahe scheinen, vor Zeiten eine geschlossene Sandbarre,
-und noch in römischer Ära muß die Lagune ganz anders ausgesehen
-haben als in unsern Tagen. Von Istrien, wo ein ehemaliger Stadtteil
-von Parenzo in der See versank, bis nach Venedig, wo im Gang der
-Jahrhunderte die unterirdischen Räume der Markuskirche ins Wasser
-zu stehen kamen, bemerkt man die Folgen einer säkularen Senkung des
-Bodens. Diese beträgt im Bereich der furlanischen Küste zwei Meter,
-und bei der Flachheit des Strandes hat sie dem Meer die Herrschaft
-über weite ehemalige Landstriche eingetragen. So kommt es, daß die
-Inseln des Lido, welche in der römischen Zeit mit Werkstätten für den
-Schiffsbau und Hafenanstalten jeder Art dicht besetzt waren, viel
-kleiner geworden sind, daß an der Stelle der ehemaligen Inselwälder, wo
-noch die Dogen Venedigs des Weidwerks pflogen, an der Stelle, wo der
-Pflug des mittelalterlichen Bauers den Acker furchte und das Vieh auf
-fetten Gründen weidete, die Lagunenwelle im Röhricht plätschert und von
-den zahlreichen Eilanden, Grado ausgenommen, keines mehr dem Menschen
-eine dauernde Wohnstätte bietet. So kommt es, daß große Strecken
-landeinwärts gegen Aquileja, welche früher in der Pflanzenüppigkeit
-der Campagna prangten, Meersumpf geworden sind, daß Mauerreste und
-Inschriftensteine, Mosaikböden und Lager von Amphoren, in welchen die
-Römer den Wein aufzubewahren pflegten, im Grund der Lagune und der
-Meersümpfe liegen.
-
-Man sagt, daß zur Blütezeit Aquilejas ein Damm von Belvedere nach
-Grado hinüber geführt habe. Vielleicht im Angedenken der ehemaligen
-Schönheit dieser Landschaft ist ein großartiges Projekt aufgetaucht:
-die ganze Lagune von der Isonzomündung bis zur italienischen Grenze,
-also auf eine Strecke von 30 Kilometern, durch Dämme, die sich von
-einer Lidoinsel zur andern ziehen, gegen die See abzuschließen, die
-Lagune selber durch Maschinen zu entwässern und ein Gebiet von sechzig
-Quadratkilometern Meer in Kulturland umzuschaffen.
-
-Allein dem schöngedachten Plan eines »adriatischen Hollands« mit
-Polderwerken und fetten Marschen, wo ein glückliches Volk, den
-Niederländern nacheifernd, auf altem Meergrund seine Felder baut,
-haftet der eine große Fehler an, daß es auf den griechischen Kalenden
-steht. Selbst für jenen andern, ungleich bescheidenern, jene
-Dammverbindung von Grado und Belvedere zu erneuern, lebt, obwohl die
-Existenzfähigkeit des Lagunenstädtchens eng damit verknüpft ist, in den
-Kreisen, die ihn vermöge ihrer sozialen Stellung zu einer allgemeinen
-Landessache machen könnten, wenig Sinn.
-
-Der Gedanke an Italien, das nur eine Gelegenheit abwartet, wo die
-Heere Österreichs anderwärts gebunden sind, um eine Erweiterung seiner
-Grenzen bis an den Golf von Triest oder sogar drüberhin zu versuchen,
-und die Möglichkeit eines Erfolges legt in Finanzkreisen jede größere
-Unternehmung im untern Friaul lahm.
-
-Bei Barbana nahm unsere Barke eine ziemlich gerade Richtung nach
-Grado. Auf vielen der binsenumwachsenen, niedrigen Sandinseln,
-welche sich längs der Lagunenkanäle hinziehen, standen zeltartige
-Schilfhütten. Das sind die Sommerfrischen gradonesischer Fischer, und
-wie eine Robinsonade mutet das Leben des Inselvölkleins an. Malerisch
-verwilderte Männergestalten besserten ihre Netze aus oder legten sie
-zum Trocknen an die Sonne, bronzefarbene Weiber schabten die gefangenen
-Fische, und junge Burschen und Mädchen wälzten sich kichernd und
-halbnackt in den Binsen.
-
-Oft hat -- ich weiß nicht durch welche Ideenassoziation -- der Anblick
-irgend einer Meerlandschaft in mir die Erinnerung an Hochgebirgsszenen
-wachgerufen, und als ich die rauchgeschwärzten Schilfhütten sah, die
-nur mit einer offenen Feuerstelle, einem Binsenlager im Hintergrund
-und einigen Holzklötzen zum Sitzen ausgestattet sind, mußte ich
-unwillkürlich an jene letzten Hütten, die der Mensch gegen die Grenzen
-des ewigen Schnees emporgebaut hat, denken. Allein wie viel einfacher
-lebt noch der adriatische Strandfischer, dessen ganzer Reichtum sein
-Schilfzelt, sein Kahn, sein Netz und sein Segel ist, gegen den letzten
-Sennen, der doch wenigstens noch jene Reihe von Geräten, wie man sie
-zur Käsebereitung bedarf, in seiner Alphütte birgt.
-
-Man sieht unter diesen Lagunenfischern und ihren Weibern viele
-Gesichter von hoher natürlicher Intelligenz und prächtig
-aufgeschlossenen Gesichtszügen und es lebt auch ein großes Stück
-Selbstgefühl in diesen malerischen Gestalten.
-
-Fordert Ihnen ein Gradonese am Strand von Belvedere fünf Gulden für die
-Überfahrt nach seiner Inselheimat und bieten Sie ihm zwei, womit seine
-Arbeit vollauf bezahlt wäre, eher kehrt er Ihnen den Rücken und fährt
-allein in seine Lagunen zurück, um in einer Woche mühsamer Fischerei
-die zwei Gulden nicht zu verdienen, als daß er auf Ihren durchaus
-billigen Vorschlag eingehe; er läßt nicht mit sich markten.
-
-Allein nicht minder groß als ihr Selbstgefühl ist ihre
-Gleichgültigkeit; sie sind wahre Diogenesnaturen.
-
-Als wir bereits in der Nähe von Grado waren, mußten unsere zwei
-Barkenführer noch eine lange, schmale Sandbarre umrudern.
-
-»Warum«, fragten wir einen derselben, »haben Sie denn diese Bank nicht
-längst durchstochen; es kürzte ja den Weg ungemein?«
-
-»Wer soll es machen?« antwortete er schulternzuckend.
-
-»Diese Arbeit von einem oder zwei Tagen, wir denken Sie oder Ihre
-Gefährten oder die Stadt Grado«, sagten wir.
-
-»Das Meer hat diesen Sand daher gespült«, erklärte er nun; »unsere
-Väter sind schon um denselben her gefahren; wir machen es ebenso;
-soll der Sand weg, dann mag ihn das Meer wegschaffen -- es wäre uns
-allerdings recht.«
-
-Wir bemühten uns nicht weiter, dem Manne die Vorteile einiger
-Spatenstiche klar zu machen; wir fuhren an einigen venetianischen
-Booten, die bei der Schlammbank in Quarantäne standen und mit der
-Wäsche ihrer Mannschaft beflaggt waren, vorbei, und ein kleines
-Weilchen später waren wir nach zweieinhalbstündiger Fahrt im Hafen von
-Grado, der schicksalsreichen Inselstadt.
-
-Zur Blütezeit Aquilejas war Grado das Herz des aquilejensischen
-Seelebens, der Mittelpunkt der Flottenstation und zugleich der
-Angelpunkt des aquilejensischen Urchristentums, den eine ganze
-Mätyrerschar, darunter viele Jungfrauen, mit ihrem Blute weihten.
-
-Dann wurde das Laguneneiland Port und Asyl der heimatlosen
-Aquilejenser. Wie mag das Wehegeschrei der Frauen und Kinder durch
-das kleine Inselland gehallt haben, als über den Meeresarm her der
-Lärm und das Getöse des Hunnensturms erscholl, als aus der glänzenden
-Heimatstadt die Feuerlohe zum Himmel schlug, als das erste wunde
-Kriegerhäuflein, das sich durch die Hunnenscharen geschlagen, an den
-Strand von Grado kam und auf die hundert durcheinander schwirrenden
-Fragen todestraurig die Antwort: »~Finis Aquilejae~« gab.
-
-Die schöne Aufgabe, ein Friedensport im Kriege zu sein, hat Grado
-durch die ganze schwere Zeit der Völkerwanderung gegenüber den Land-
-und Städtebewohnern des Friauls erfüllt. Es war nicht sein Schaden;
-denn »Neu-Aquileja«, wie sich der Ort im sechsten Jahrhundert nannte,
-war, ehe dem venetianischen Löwen die Flügel gar so mächtig wuchsen,
-der Vorort der Lagunenstädte. Die mittelalterlichen Schriftsteller
-rühmen seine starken Mauern und Türme, seine zahlreichen Kirchen und
-herrlichen Paläste, und von der Festlandsstadt hatte es nicht nur viele
-Kunstwerke, sondern auch einen Teil ihres blühenden Handels geerbt.
-
-In der Hunnenzeit war auch der Patriarch von Aquileja nach Grado
-geflohen. Seine Nachfolger hielten bald hier, bald dort ihre
-Residenz, bis in jenen uns kaum mehr verständlichen Streiten der
-orthodoxen Kirche gegen die verschiedenen Schismen auf Grado ein
-Konkurrenzpatriarchat zu demjenigen von Aquileja entstand, das, später
-auch rechtgläubig geworden, erst nach fast tausendjährigem Bestand von
-den Patriarchen des letztern aufgerieben wurde.
-
-Dann wurde es stiller und stiller auf dem Eiland; die Bevölkerung
-verarmte im Laufe der Jahrhunderte; die Insel wurde, von den
-Meereswogen zernagt, kleiner und kleiner; die Stadtmauern stürzten ins
-Meer, und heute ist Grado ein kleines Städtchen von 3000 Einwohnern,
-deren Ackerfeld, Garten, Werkstätte, Vorratskammer, deren ganzer
-Reichtum das Meer ist; denn die Gradonesen alle sind Fischer.
-
-Das Städtchen ist grad so groß als die Insel, deren Strandoval man
-in einem Viertelstündchen bequem umwandelt. So freundlich es von der
-Lagune her aussieht, so unreinlich ist es im Innern.
-
-Wie die Patriarchen von Aquileja sich in ihrem Dom und dessen
-weitausschauendem Campanile ein Denkmal errichteten, das ihre eigene
-Existenz um Jahrhunderte überdauerte, sicherten sich diejenigen von
-Grado in der Kathedrale Sant' Eufemia ein heut noch wohlerhaltenes
-Monument. Ihr Äußeres wird freilich in seinem Eindruck durch die
-umgebenden Häuser beeinträchtigt, und mit dem stolzen Gotteshaus von
-Aquileja darf sie sich nicht messen; aber ihr Inneres wetteifert an
-Alter und archäologischem Wert mit dem Dom von Aquileja.
-
-Sonst bietet die kleine Stadt kaum etwas Sehenswertes; doch ist ein
-Spaziergang auf dem neuen Damm, der die Südseite des Städtchens zum
-Schutz gegen die Meereswogen in einem Halbrund umzieht, von bedeutendem
-Reiz; denn von seiner Höhe genießt man einen wundervollen Blick auf die
-offene, in dunkelblauen Wellen pulsierende See.
-
-Dieser Damm und die an der Ostseite des Städtchens liegende, erst
-kürzlich in leichtem Holzstil aufgeführte Badeanstalt zeigen, daß
-Grado sich nicht willenlos in sein dereinstiges Schicksal, vom
-Meer aufgefressen zu werden, ergibt. Vorher möchte es noch eine
-Gesundheitsstation ersten Ranges, ein adriatisches Rügen werden.
-
-Es hat seine dankbare Klientel, die vom Seebade Grados entzückt ist.
-Sie spricht von seinem herrlichen Wellenschlage, als ob das Meer
-nirgends mehr so lieblich wogte, wie an diesem Strand, und findet den
-feinen, weißen Sand unvergleichlich. Allein die dankbarste Kundschaft
-ist die alljährliche wiederkehrende Kolonie einiger hundert skrofulöser
-Kinder, welche die Städte Triest und Graz auf das kleine Inselland in
-die Ferien senden.
-
-Diese armen, glücklichen Kinder untersuchen nicht; sie baden, sie
-spielen und werden gesund. Die roten Wangen, die lachenden Augen, sie
-sind die besten Anwälte für Grado.
-
-Allein so ein echter, rechter Kurort -- eben ein adriatisches Rügen
--- kann Grado doch nicht werden. Dazu fehlt es an allem, an einer
-Promenade, wenn man nicht den bei ruhiger Luft unangenehm ausdünstenden
-Strand längs des Inseldammes dafür nehmen will, an Wohnungen, denn das
-Städtchen ist von den eigenen Einwohnern bereits übervölkert und an
-Platz für etwas ausgedehntere Neubauten, wenn man nicht ein neues Grado
-in die Lagunen hinaus gründen will.
-
-Wenn sich wenigstens nur etwas Baumgrün auf das Inselland pflanzen
-ließe, damit das Auge etwas mehr hätte, als das endlose Blau der See
-und des Himmels, den südlichen Sonnenschein und die reflektierenden
-Mauern der Stadt; allein alle Versuche, auf der Insel Bäume längere
-Zeit zu erhalten, scheitern. Sie verderben in kurzer Zeit an dem
-salzigen Grundwasser oder fallen, da ihnen der lockere Inselsand keinen
-Halt gewährt, den Seewinden zum Opfer.
-
-Selbst das freundliche Bild grünender, blühender Sträucher hat sich
-in einige ganz kleine Privatgärten, die zwischen den Häusern des
-Städtchens eingeklemmt sind, zurückgeflüchtet.
-
-Manches wird in Grado, um Kurgäste anzulocken, noch getan werden
-können. Von all den kleinen Anfängen, welche das Kurleben dort
-gezeitigt hat, schien uns die Gründung einer deutschen Bierhalle das
-bedeutsamste Ereignis. Wir haben es gewürdigt! Schäumender Gerstensaft,
-ein blühendes Gärtchen, eine gute Kegelbahn; wer wollte auf einem so
-kleinen Meereilande sich nicht damit zufrieden geben!
-
-Als wir nach einem dreistündigen Aufenthalt in der kleinen Inselstadt
-wieder unsere Fischer und unsere Barke aufsuchten, bot die Lagune
-ein ganz anderes Bild, als am Nachmittag. Die steigende Flut hatte
-die Sandbänke mit dem Blau des Meerwassers bedeckt; nur einige der
-höhern, auf welchen die Schilfhütten der Fischer standen, ragten
-noch, zwar um vieles verkleinert, über die hereinbrechende See. Die
-Gegend war kaum mehr zu erkennen. Die Lagune gestattet jetzt eine
-fast geradlinige Fahrt von Grado nach Belvedere; dazu schwellte ein
-angenehmer Seewind das Segel. Glücklich schwebten wir über der aus
-allen Tiefen emporquellenden Flut durch den schönen Meeresabend,
-tranken dunkeln Wein von Monfalcone und hellen von Gumboldskirch, aßen
-kaltes Geflügel und italienische Rauchschinken, Vorräte, die wir alle
-der gütigen Vorsorge unserer Hauswirtin verdankten, und sangen die
-Lieder unserer Heimat dazu. Die niedergehende Sonne zögerte noch ein
-Weilchen, als sie so fröhliche Menschen sah. Ihre Strahlen glühten über
-der kleinen Fischerstadt. Wir wünschten Grado, dem meerumschlungenen,
-viele Kurgäste und noch manche Jahre gedeihlichen Daseins; denn sterben
-muß es einmal doch. Wer es in tausend Jahren besuchen will, findet
-vielleicht nichts mehr von dem Eiland. Es sinkt und sinkt; die See nagt
-immerfort an seinen Flanken; überall beißen sich die Wellen in seine
-Ufer; Sandkorn um Sandkorn wird hinweggespült. Wenn später einmal der
-Fischer mit seinem Kahn über die Stelle fährt, dann faltet er die Hände
-und betet ein Requiem über der versunkenen Stadt.
-
-Als wir am Strand von Belvedere nach nicht viel mehr als einstündiger
-Fahrt ankamen, versank die Sonne rotgolden und groß in der
-venetianischen Tiefebene; als die stillen Straßen Aquilejas vom
-Hufschlag unserer Pferde widerhallten, hatte sich der Sternenschleier
-der südlichen Nacht über den dämmernden Dom und den riesengroßen
-Campanile gespannt; als wir durch die furlanische Campagna nordwärts
-flogen, da stoben lichte Schwärme von Leuchtkäfern in Büschen und
-Bäumen auf und erloschen im Campagnenwald, und als wir in Monfalcone
-ankamen, tanzte beim Klang der Trompete und den leidenschaftlichen
-Tönen des Fagotts noch das junge Volk unter den Kastanienbäumen.
-Qualmende Lichter warfen ihre Strahlen auf die Gruppen; in geröteten
-Gesichtern und in funkelnden Augen lag Liebesglut und Feuer des Südens.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Im Frühling von Miramare.
-
-
-Wenn die junge Süderde im Lenzgeschmeide prangt, wenn es in den
-adriatischen Gärten blüht und duftet, dann pilgert der Naturfreund
-Triests hinaus zu dem Marmelschloß von Miramare, das in sonniger,
-märchenträumender Schönheit am innersten Golfe der Adria prangt.
-
-Gedenk ich jener Stunden, wo ich im blühenden Burgfrieden von Miramare
-die stillen Parkwege gewandelt, so kommt wieder der ganze Zauber jener
-Meerlandschaft, zu der sich wie im Heimweh nach der mütterlichen Flut
-der Karst, der dunkle Tarnovanerwald und die julischen Alpen mit ihren
-leuchtenden Berggesichtern niederdrängen, über mich.
-
-Es ist von Monfalcone nach Miramare fünf Stunden Wegs um das innerste
-Golfrund der Adria. Sie bieten dem Wanderer das Schönste, was im
-Bereich dieses Meeres liegt!
-
-Zwar weicht schon nach der ersten Wegstunde die Campagna stagnierenden
-Reissümpfen; allein auch sie sind nicht reizlos. Zwischen Sumpf und
-Meer steht, malerisch an einen Felsrücken gelehnt, die altersgraue
-Kapelle Sant' Antonio, welche alljährlich zur Frühlingszeit die
-Schiffer der Umgebung zur Bootsweihe in ihre Räume sammelt. Bereits im
-Sumpf erhebt sich ein hübsches, modernes Gebäude, das Bad Monfalcone.
-In seinem Hof dringt eine Schwefelquelle von 40 Grad Celsius aus dem
-Moorboden, die mit dem Meere ebbt und flutet. In den Gängen hangen
-die Krücken dankbarer Gichtbrüchiger, die als Lahme gekommen und als
-Gesunde gegangen sind. Die heilsame Quelle lockt allsommerlich eine
-kleine Fremdenkolonie nach Monfalcone. Da das Badegebäude wegen der
-fiebererregenden Dünste, welche am Abend aus den Sümpfen aufsteigen,
-nicht bewohnt werden kann, beleben die Badegäste die paar Gasthöfe der
-Stadt. Regte sich hier der nämliche Unternehmungsgeist, wie in manchen
-Tälern des Gebirges, so wäre Monfalcone der Welt schon lange als ein
-südösterreichisches Ragaz bekannt.
-
-Der Sumpf östlich vom Bad war um die Wende unserer Zeitrechnung noch
-ein mit dem Meer zusammenhängender Binnensee, in welchem hin und wieder
-eine römische Flotte vor Anker lag. Jetzt schleicht vom Karste her die
-Lokavaz, ein unheimliches, trübes Gewässer, durch diese Gegend zum
-nahen Meer.
-
-Jenseits des Flusses liegt der merkwürdige Ort, wo an der letzten
-innersten Bucht der Adria die lombardisch-venetianische Tiefebene
-ausgeht, die Alpen mit ihren felsklippigen Ausläufern sich ans Meerblau
-drängen, der flache, reizlose Lagunenstrand des adriatischen Westens
-den malerischen Felsenufern des Ostens weicht und sich die östlichste,
-von der Romantik der Halbkultur umschleierte große Halbinsel vom
-europäischen Festland löst.
-
-Es ist, als ob die Natur den Angelpunkt, wo sich Alpen, Meer und
-Tiefland stoßen, der europäische Osten sich vom Westen scheidet, selber
-mit einem ihrer herrlichsten Wahrzeichen hätte schmücken wollen; denn
-da rauscht in drei Quellen aus unerforschten Felsenschlünden der
-kürzeste Strom Europas, der Timavo auf.
-
-Die altersgraue Kirche San Giovanni, eine Mühle, deren Werke seit
-längerer Zeit ruhen, einige kleine Häuser und etwas Grün schmücken die
-Quellen, und Barken fahren bis an den Ursprung den langsam abfließenden
-Strom hinauf, der sich schon nach wenigen Kilometern Laufes in die
-Bläue des Meeres verliert.
-
-Seine Geschichte greift hinauf bis in die graue Sagenzeit, und seine
-Wasser sind geweiht durch Argonautenzug und Äneis. In einem heiligen
-Eichenhain stand an seinem Ufer ein Tempel des Diomedes, der den
-Griechen im Kampf gegen Troja mit achtzig Schiffen zu Hülfe gekommen
-war, und später einer der Hera, der großäugigen, lilienarmigen Göttin.
-
-Der Trimavus muß im Altertum, als er die damaligen Schriftsteller
-und Dichter, einen Virgil, einen Strabo, einen Plinius, Martial und
-Cornelius Nepos, zum höchsten Staunen hinriß, noch ein ganz anderer
-gewesen sein als in unserer Zeit; denn sie feiern ihn in bewundernden
-Ausdrücken als die »Mutter des Meers«, und der Sänger der Äneis meldet:
-
- »~... Per ora novem vasto cum murmure montis
- It mare proruptum et pelago premit arva sonanti~«[1]
-
- [1] »... Durch neun Münde und unter dem Seufzen des Berges
- Bricht er ins Meer und peitscht mit tönender Woge die Felder.«
-
-
-Neun Quellen, nach andern Schriftstellern auch zwölf, hatte also damals
-der Timavus, und schauerlich großartig trat er zu Tage -- heute ist
-er bis auf drei versiegt. Dennoch tritt auch jetzt noch der Wanderer
-mit einer gewissen Ehrfurcht an den seltsamen Fluß, der mit immer noch
-starker Wasserfülle als ein herrliches Naturrätsel von dannen strömt.
-
-Naturrätsel! Wenn das Rätsellösen so viel bedeutet, als an die Stelle
-des einen ein anderes zu setzen, dann ist auch der Timavo, seine
-einstige Wassergröße, seine jetzige Kleinheit, dann sind seine Zuflüsse
-enträtselt.
-
-Eine scharfsinnige Hypothese bringt nämlich seinen Wasserverlust mit
-der Bildung des Isonzo in Zusammenhang. Dieser soll im Altertum bei
-Görz im Karst verschwunden sein; allein im Mittelalter haben sich die
-unterirdischen Verbindungskanäle dann verstopft, der Isonzo sei nach
-Süden ausgebrochen, wodurch der jetzige Unterlauf desselben entstand,
-der Timavus aber um eine Reihe von Quellen verarmte.
-
-Diese Hypothese hat ungemein viel für sich. Noch heute existiert
-zwischen der Wippach und dem See Dobredo ein Zusammenhang; denn bei
-großen Wasserständen des Flusses steigt auch der See, und heute noch
-hört man in der Grotte von Jaminiano das Rauschen unterirdischer
-Wasser, die in der Richtung gegen Timavo abfließen.
-
-Seinen jetzigen Hauptzufluß -- das steht ganz außer Zweifel -- erhält
-der Timavo von der Reka, einem Karstwasser, das sich bei San Canziano
-ein paar Stunden gebirgseinwärts von Triest in eine Kalksteingrotte
-verliert. Die Entfernung von San Canziano zum Timavo beträgt über
-dreißig Kilometer. Man hat die Grotte, die sich in unmittelbarer Nähe
-der Kirche des Dorfes zum Empfang der Reka öffnet, eine Strecke weit
-erforscht. Es soll, so sagen die Höhlenpioniere von Canziano, ein
-wunderbares, unbeschreibliches Gefüge von Gängen, Hallen und Erkern
-sein, durch welches sich die Reka windet, ein Seitenstück zur Grotte
-von Adelsberg.
-
-Jenseits des Timavo beginnt die Straße mählich anzusteigen. Da liegt
-zwischen ihr und dem Meer der Wildpark von Duino, ein großer, dichter
-Terebinthenhain, der ein beredtes Zeugnis dafür bildet, daß der Karst
-von Natur aus kein kärglicher Boden ist, daß erst der Unverstand der
-Menschen ihn zu der dürren Steinwüste gemacht hat.
-
-Hinter dem Park ragen die altersgrauen, verwitterten Mauern des
-Schlosses Duino auf hohen, malerisch zur See abstürzenden Felsen auf ...
-
- »Es stand in alten Zeiten ein Schloß so hoch und hehr,
- Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer.«
-
-Man muß unwillkürlich an diese Uhlandsverse denken, wenn man die
-alte gewaltige Feste sieht. Man sagte mir, es sei die größte am
-Mittelmeer! Uralt ist sie; denn schon die Hohenstaufen haben auf ihren
-Italienfahrten in Tybein, wie der alte, deutsche Name der Burg lautet,
-gern gerastet; ja ihre Anfänge gehen bis in die Römerzeit zurück. Es
-muß damals in dieser Gegend ein vorzüglicher Wein gewachsen sein; denn
-Livia, die Gemahlin des Augustus glaubte es diesem zu verdanken, daß
-sie über die achtzig Jahre alt geworden ist.
-
-Landeinwärts vom Schloß bildet ein Dutzend dazu gehöriger Pächterhütten
-eine kleine Ortschaft. In ihrer Mitte ist das schwarze, ungemein feste
-Eingangstor zum Schloß. Dieses selber besteht aus einem Gefüge von
-Bauwerken aus verschiedenen Jahrhunderten, die sich alle um einen
-dicken, viereckigen Turm drängen.
-
-Die gegenwärtige Besitzerin des Schlosses, eine Fürstin Hohenlohe,
-hat die weitläufigen Gemächer desselben mit vielen römischen
-Fundstücken, alt-venetianischen Holzschnitzwerken und herrlichen
-Gemälden geschmückt, von denen manche den besten italienischen Meistern
-angehören. Sie ist selber eine Malerin von hohem Talent, und es kann
-für eine Künstlerin in der Tat keinen Ort geben, wo sich die Phantasie
-mehr befruchtet, als in dem sagen- und efeuumrankten Schloß, vor dem
-das südliche Licht über den Azur des Meeres zuckt und flutet. Achtzig
-Meter steigen die zerrissenen Uferfelsen lotrecht von der See auf, und
-in ihren Rissen grünt eine Vegetation, die mit ihren Agaven und Kakteen
-an noch südlichere Gestade erinnert.
-
-Auf einem grauen, verwaschenen Felsen in der See, der durch ein
-zackiges Riff mit dem Festland verbunden ist, liegen die Ruinen
-der Stammburg, Tore, Bogen und Türme, durch welche das tiefe Blau
-des Himmels scheint; ein ungemein malerisches Bild, wie denn das
-Meergestade von Duino in seiner Art etwas einzig Schönes hat.
-
-In der Nähe ist eine kleine Sardellenfabrik und der Hafen von Duino.
-Nichts Angenehmeres, als sich hier hinausrudern zu lassen auf das
-träumende Meer, unter dem Schloß hin und längs der steilen, zerrissenen
-Uferfelsen. Hier wäre der Ort für eine südliche Lorelei! Oben in einem
-Saal des Schlosses steht eine goldene Harfe; allein ich vermute,
-daß sie, die wohl von Harfner oder Harfnerin einst in Minneleid und
-Minnefreude geschlagen worden, nun gute Ruhe hat.
-
-Und wie sollte eine Lorelei hier Stätte haben, wo der Sterblichen
-Gewaltigster einer gedichtet hat. -- Dante! Man zeigt unter dem Schloß
-einen in die See vorspringenden Felsen, welchen die Sage zu einem
-Lieblingsaufenthalt des großen Florentiners weiht.
-
-Die Landschaft östlich vom Schloß mahnte mich etwas an den Urnersee.
-Es ist wunderbar still da unten; nur die prächtig gefärbten zierlichen
-Quallen, die in geselligen Schwärmen durch die Meerflut ziehen und vor
-der nahenden Barke fliehen, das Aufblinken sich tummelnder Seefische
-und das Geschrei aus- und einfliegender Tauben und Spyrschwalben, die
-ihre Geniste in den Löchern des Felsensturzes haben, bringen etwas
-Leben in den strengen Ernst des Ufers und das sonnige Lächeln des
-Meeres. Drei Felsen, die aus dem Steilhang des Ufers treten, heißen die
-»drei Altäre.«
-
-Die Bucht von Sistiana, ein reizendes Meeridyll, legt eine Bresche in
-den Felsengürtel, der das Meer von Duino umschlingt. An ihrem Eingang
-sieht man nach Aurisina hinüber, das ein halbes Stündchen entfernt sein
-mag. Dort steht das Maschinenhaus der Wasserversorgung von Triest.
-Die Pumpwerke derselben schaffen das am Meeresstrand den Felsen
-entquellende Wasser auf das Plateau von Nabresina hinauf, das hundert
-Meter über dem Seespiegel liegt.
-
-Bei Sistiana, wo eine Menge der Steine, die zum Hafenbau von Triest
-verwendet worden sind, gebrochen wurden, stiegen wir wieder hinauf
-auf die Straße Monfalcone-Triest. Sie führt durch eine Landschaft vom
-echtesten Karsttypus. Ringsum starrt ein Chaos zernagter Felsen, wie
-aus dem Boden gewachsen, uns entgegen. Doch bilden sie eine Menge, zum
-Teil großer Dolinen, seltsame, dem Karst eigentümliche Gesteinskessel,
-deren Grund mit einer üppigen Vegetationsdecke ausgeschlagen ist. Die
-Dolinen sind ein ungemein liebliches Kontrastbild zu der Trostlosigkeit
-der übrigen Landschaft; denn auf den Miniaturäckern, die im Grund
-derselben liegen, gedeihen, dem zerstörenden Hauch der Bora entrückt,
-die zuweilen mit furchtbarer Gewalt über diese Gegend fegt, Wein und
-Öl, Mandel und Feige wie drunten am Meer.
-
-In einem weiten Bogen überspannt ein Kolossaldamm der österreichischen
-Südbahn das Küstenplateau, und durch ein Tor dieser gewaltigen Baute
-gelangen wir in das berühmte Steinbruchgebiet von Nabresina, dessen
-mattweißer Marmor schon der Stolz des ehemaligen Aquileja war und das
-heutige Wien mit den Prachtbauten der Ringstraße schmückt.
-
-Durch einen Bogen eines zweiten, sechshundert Meter langen
-Bahnviaduktes gelangen wir nach Nabresina selbst, einem slavischen
-Dorf, bei dessen Station sich aus der Hauptlinie Venedig-Wien der
-Schienenstrang nach Triest herauslöst, um sich längs der Ufer von
-Miramare in die adriatische Handels- und Hafenstadt hinabzusenken.
-
-Nabresina und die mehr nach Osten vorgeschobenen Dörfer Santa Croce
-und Prosecco sind beliebte Ausflugsziele des nahen Triest, von dem
-die Straße in zahlreichen, engen Windungen nach Prosecco emporklimmt,
-fröhliche Stelldichein der lebenslustigen Jugend. Bei der eingebornen
-Landbevölkerung hat sich noch eine hübsche Mädchentracht, ein Schapel,
-ein weißes, geschmeidiges Brusttuch und eine rote oder blaue Schürze,
-alles von Seide und reich gestickt, erhalten. Es liegt etwas ungemein
-Gutmütiges, mehr Trauriges als Fröhliches, mehr Demütiges als Keckes
-in den Gesichtern ihrer Trägerinnen, deren wasserblaue Augen und wenig
-belebte Züge scharf gegen das ewig bewegliche Element und die Glutaugen
-der italienischen Strandbewohnerinnen abstechen.
-
-Da sind wir auf der Höhe von Prosecco, jenem kühnen Vorgebirg nächst
-Triest! »~Vedere e morire!~« Sieh's und stirbt -- So spricht der
-Neapolitaner von seiner Stadt; allein schöner kann Neapel nicht sein,
-als der Blick von Prosecco. Da steht man, schaut man, -- und schweigt!
-
-Tief zu unsern Füßen liegt wonnig und sonnig die Adria, und weiße
-Segler ziehen nah und fern auf leuchtender Flut. Etwas links baut sich,
-vom Mastenwald seines Hafens emporsteigend, Triest an grünen Hügeln
-auf. Über dem Golf von Capo d'Istria winkt Pirano auf olivenreichem
-Vorgebirg herüber, während in blauender Ferne Himmel und Meer eines
-ins andere übergehen. Zur Rechten senkt sich steil eine Riviera
-von silbergrauen Ölbäumen und dunkelgrünen Lorbeerwäldchen, von
-Rebengrün und Myrtenhainen zur Punta Grignana ab, auf deren äußerstem
-Vorsprung ein zu Stein gewordenes Märchen, Schloß Miramare, aus einem
-Terebinthen- und Lorbeerparke steigt. Noch weiter rückwärts gegen Duino
-stürzen die Karstfelsen jäh und handlos zur blauen Flut. Meerherüber
-grüßen die Pinien von Barbana, Grado, die Inselstadt, der Campanile
-von Aquileja, die Lagunen und in träumender, nordwestlicher Ferne die
-julischen und italienischen Alpen.
-
-Allein das sind nur einige Fixpunkte; denn ein Bild wie dasjenige von
-Prosecco läßt sich nicht wiedergeben; es kann nur ein selbstgeschautes,
-kein übertragenes sein. Was ich nicht zu beschreiben vermag, das
-ist der jäh wirkende Zauber des Meerbilds, der Wandel der übers
-Meer spielenden Sonnenlichter, jenes Geheimnisvolle, mit dem eine
-fast grenzenlose Meerperspektive auf die Seele wirkt und sie mit
-einem leisen Heimweh nach dem sonnigen Hellas und den Märchen des
-Morgenlandes füllt.
-
-Zögernd scheiden wir von dem herrlichen Punkt, zögernd, als könnte
-unserem Auge das schöne Bild mit den sonnigen Weiten plötzlich entzogen
-werden, und steigen durch die Weinberge von Prosecco, wo ein feuriger
-Schaumwein wächst, durch hochromantische Felsenpartien, malerische
-Kastanienwäldchen und Olivenhaine hinunter zur Südbahn, welche von
-Triest aus an dem üppigen Küstenhang das Plateau von Nabresina gewinnt,
-und hinunter zu den Lustgärten von Miramare.
-
-Miramare! -- Liegt nicht schon im Wort südlicher Wohllaut? »Wunder des
-Meeres« heißt's zu deutsch, und ein Wunder ist's, das Marmorschloß
-am Meer mit seinen Gärten. Da rauschen die Pinien im lauen Wind, und
-zierliche Wege ziehen drunter hin; da glänzen und duften Myrte und
-Lorbeer; da schreitet man unterm grünen Dach der Madeirareben, durch
-schattige Lauben und kühle Grotten, an halbverborgenen Teichen, über
-welche die Schwäne ihre Ringe ziehen, hinab zum Marmelpalast. Fast zu
-üppig ist hier der Duft blühender Schlingpflanzen, die über die Arkaden
-klettern. Die Kamelien blühen, die wie aus Wachs gegossen im Weiß der
-Lilie und im Rot der Rose prangen. Er ist einzig, der Kamelienflor von
-Miramare. Da, auf der Gartenterrasse nächst dem Schloß, wo herrliche
-Erzbilder auf ihren Postamenten stehen, wo wehende Palmen mächtig auf
-zum Sonnenlichte streben, mutet's den Wanderer märchenhaft an; da
-scheint eine Fee ihren lieblichsten Träumen Gestalt verliehen zu haben;
-da scheint alles gefeit gegen Sorge und Gram, gegen Unglück und Tod;
-ein Eden, dieses Miramar!
-
-Und dennoch trauert Miramare! Es trauert um den Erzherzog
-Max, seinen Schöpfer, der sich als ehemaliger Statthalter des
-lombardisch-venetianischen Königreichs mit freiheitlicher Gesinnung
-eine heute noch lebendige Sympathie in den Herzen der Küstenbewohner
-erworben hat, eine Sympathie, die mit schuld sein soll an der
-tragischen Geschichte des hochbegabten Fürsten.
-
-Es war im Jahr 1856, in seinen Bräutigamstagen, als Max auf der Punta
-Grignana Miramare, das in normännischem Stil gehaltene Schloß, dessen
-heller Schein so wundersam über das triestinische Golfrund leuchtet,
-und die Parkanlagen schuf. Im folgenden Sommer führte er sein junges
-Weib Charlotte, die schönheitsstrahlende, ehrgeizige Belgierin, in
-den zauberhaften Meerpalast heim. Er stand damals an der Schwelle der
-dreißiger Jahre und war ein liebenswürdiger, hochgebildeter Mann, der
-auf mannigfachen Reisen durch die gesamten Mittelmeerländer und auf
-einer Pilgerfahrt nach Jerusalem ein schönes Stück Welt gesehen hatte;
-sie eine kaum Siebenzehnjährige, mit allen Vorzügen einer ungewöhnlich
-tüchtigen Bildung, dabei von ernstem, arbeitsamem Wesen, aber auch von
-einem maßlosen Ehrgeiz. Das liberale Österreich sah mit Hoffnungen auf
-das Paar, welche den Neid der Wiener Hofburg herausforderten; denn Max
-war um seiner persönlichen Ritterlichkeit und Liebenswürdigkeit willen
-weitaus der volkstümlichste der Habsburger, doch für einen Staatsmann
-von zu weichem Naturell, und das hat denn auch die furchtbare Tragik in
-sein Leben gewoben.
-
-Man kennt das »Trauerspiel« in Mexiko. Das Land und die Ereignisse,
-welche damals zwei Welten in fieberhafter Spannung hielten, sind zwar
-in den geschichtlichen Hintergrund getreten; von den Hauptbeteiligten
-sind alle tot: Kaiser Max, das Opfer, Napoleon, der Komödiant und
-Verführer, Bazaine, das Werkzeug, Juarez, der großmütige Feind, Lopez
-der Verräter, General Diaz, der Scherge; nur eine lebt noch, wenn
-Irrsinn leben heißt, Charlotte, die schöne ehrgeizige Belgierin. Auf
-dem Schloß Tervueren bei Brüssel lebt sie noch.
-
-Allein wenn man auf den Parkwegen von Miramare wandelt, wird einem die
-Geschichte, die Johannes Scherr mit bitterer Ironie eine »Tragikomödie«
-nennt, wieder neu, und die Toten stehen wieder auf.
-
-Es war im Jahr 1860, als Napoleon ~III.~ zum erstenmal als Versucher an
-den Erzherzog herantrat und ihm die Kaiserkrone von Mexiko anbot. Man
-kann von Max zwar nicht sagen: »Versucht und verführt.« Nur zögernd,
-erst am 10. April 1864, als zu Miramare eine mexikanische Deputation
-erschien und ihm die Krone namens des mexikanischen Volkes bot, nahm
-er sie; allein er nahm sie, denn er war ehrgeizig, sein Weib Charlotte
-noch mehr, und die kaiserlichen Verwandten, denen die Volkstümlichkeit
-des Erzherzogs schon lange ein Dorn im Auge gewesen war, hatten nichts
-dagegen einzuwenden.
-
-Vier Tage später sagten Maximilian und Charlotte Miramare Lebewohl. Nie
-zuvor und nie später haben sich in den Wegen der herrlichen Gärten so
-viel Menschen bewegt, wie am Morgen des Scheidetags. Beim Einstieg des
-kaiserlichen Paars ins Boot blieb kein Auge trocken. Mit Recht! Was Max
-dem Küstenland gewesen, das haben die folgenden Jahrzehnte in keiner
-Weise ersetzt.
-
-Unter einem Blumenregen, unter den Segenswünschen des sich zudrängenden
-Volkes schritt das Paar zum kleinen Hafen, und ein Boot, auf dem ein
-roter Sammet-Baldachin aufgeschlagen war, führte es hinaus auf den
-Golf, wo die »Novarra«, das Lieblingsschiff des Kaisers, im Schmuck
-der Wimpel und Flaggen zur Aufnahme der kaiserlichen Passagiere bereit
-stand.
-
-Dann donnerten die Kanonen; vom Ufer schollen die »Lebewohl«; die
-»Novarra« fuhr, von dem französischen Kriegsschiffe »Themis« begleitet,
-im Glanz des jungen Frühlingsmorgens, beim klarsten Lächeln des
-südlichen Himmels hinab gegen Pirano, bis sie am Horizont verschwand.
--- Die »Novarra« ist wiedergekehrt, der Kaiser nicht!
-
-Als Maximilian ~I.~ in Mexiko zu herrschen begann, waren alle tüchtigen
-Elemente des von den Franzosen vergewaltigten Volkes gegen ihn,
-den aufgezwungenen Herrscher, eingenommen, und der Widerstand der
-Freisinnigen trieb ihn in die Arme der Priesterpartei. Sie verführte
-ihn zu dem Dekrete vom 3. Oktober 1865, das seine mexikanischen Gegner
-für »vogelfrei und außer dem Gesetze stehend« erklärte, Hunderte von
-patriotischen Mexikanern dem Standrecht preisgab und im Land eine
-furchtbare Erbitterung gegen den Kaiser erregte.
-
-Zudem hatten die amerikanischen Nordstaaten Maximilian nie als Kaiser
-von Mexiko anerkannt, und als diese über die rebellischen Südstaaten,
-die dem Kaiser günstig gestimmt waren, gesiegt hatten, verlangte
-Johnson, der Präsident der Union, von Frankreich, daß es seine Truppen
-aus Mexiko zurückziehe.
-
-Vor seiner festen Sprache gab Napoleon nach; die Zustände in Mexiko
-wurden immer unhaltbarer und im Sommer des Jahres 1866 wollte
-Maximilian die mexikanische Kaiserkrone ablegen. Allein Charlotte hielt
-die Feder, welche diesem Entschluß Rechtskraft geben sollte, zurück;
-denn der Kaiserinnentraum war für sie zu schön, und sie verteidigte ihn
-mit einer Kraft, die einer bessern Sache wert gewesen wäre. Zwei Tage
-nach diesem Ereignis brach sie im fernen Mexiko nach Frankreich auf,
-um Napoleon ~III.~ um Innehaltung seines Vertrages zu bitten. Am 10.
-August kam sie in St. Cloud an und erlangte, als sie der wortbrüchige
-Herrscher nicht vorließ, mit Gewalt eine Unterredung mit ihm. Erst
-eine demütig um Hülfe Bittende und, als der Kaiser hart blieb, eine
-Furie, hat sie diesem Manne vielleicht das Bitterste gesagt, was er aus
-Frauenmund je gehört hat.
-
-Vierzehn Tage später irrte sie, eine Verzweifelnde, durch die Gemächer
-ihres Marmelpalastes am Meer; Verzweiflung und Irrsinn peitschten sie
-wieder fort, nach Rom zu den Füßen Pius ~IX.~ Dann kam sie wieder nach
-Miramare, eine vollständig Wahnsinnige. Maximilian hat sie nie mehr
-gesehen.
-
-Napoleon zog vertragsbrüchig Truppe um Truppe aus Mexiko zurück, und
-nach vergeblichen Versuchen, Maximilian zur Abdankung zu bewegen,
-überließ er ihn seinem Schicksal.
-
-Eine Weile schien es, als wollte Maximilian, den Tatsachen weichend,
-ernstlich den Rückzug vor den immer mächtiger vordringenden
-republikanischen Heeren vorbereiten; allein auf diesem Rückzug ereilte
-ihn in einer einsamen Hazienda bei Orizaba eine Depesche, welche ihm
-über das Schicksal seines Weibes Aufschluß gab.
-
-Niemand weiß nun recht, was im Hirn und Herzen des unglücklichen
-Kaisers vorging; genug, Maximilian kehrte um die Jahreswende 1866/67
-in die Hauptstadt Mexiko zurück, und am 15. Mai erreichte ihn, von den
-republikanischen Heeren bis an die Grenze des Landes hinausgedrängt,
-zu Queretaro das Verhängnis. Von Oberst Miquel Lopez, einem Verwandten
-des Marschalls Bazaine, um 10000 Pesos verraten, gab Maximilian,
-nachdem er das letzte Bollwerk, den Cerro de las Campanas, mit einem
-Häuflein getreuer Österreicher verteidigt, den Degen ab und war der
-Kriegsgefangene der Republikaner.
-
-Ein Kriegsgericht von sieben Mann sollte über das Los des Gefangenen
-entscheiden; die europäische Diplomatie tat alles, um ihn zu retten;
-selbst Juarez, der feindliche Anführer, wollte großmütig das Leben
-Maximilians schonen. Allein der Fluch des Oktoberdekrets fiel auf
-seinen Urheber zurück. In der Mitternacht des 14. Juni wurden
-Maximilian ~I.~ und zwei seiner Generäle von dem republikanischen
-Kriegsgericht zum Tode verurteilt.
-
-Vier Tage später stand in der Morgenfrühe auf dem Cerro de las Campanas
-ein Truppenviereck und in dessen offener Seite Maximilian mit seinen
-zwei Generälen.
-
-Nachdem der Kaiser seinen letzten Besitz, eine Hand voll Geld, die er
-bei sich trug, durch einen Unteroffizier hatte verteilen lassen, rief
-er: »Möge mein Blut das letzte sein, welches für das Vaterland geopfert
-wird ... Es lebe Mexiko ... Auf die Brust! Zielt nach dem Herzen!
-Zielt gut! ... Arme Charlotte!«
-
-Unter dem Knattern der Gewehre, dem Wirbeln der Trommeln, dem Klang
-der Hörner und unter den freudigen Rufen der Mexikaner: »Freiheit und
-Unabhängigkeit!« sanken die drei Männer auf den Grund ...
-
-So starb Maximilian ~I.~ Ein Schrei der Entrüstung ging durch Europa;
-aufrichtig betrauert aber und nicht vergessen hat man Max nur an der
-Adria, im Küstenland.
-
-Seit er an jenem schönen Aprilmorgen auszog ins Kaiserelend, steht das
-Lustschloß vereinsamt und verwaist. Selten, und immer nur für wenige
-Tage, kehren die Glieder der kaiserlichen Familie in die luxuriösen
-Hallen ein; es scheint ihnen nicht wohl zu sein in den duftschwülen
-Gärten am Meer.
-
-Dafür wallt in blühender Sommerszeit der Naturschwärmer und Künstler
-Triests zum Lustschloß Miramar.
-
-Treten auch wir jetzt durch den mit mittelalterlichen Waffen
-geschmückten Korridor ins weite, helle Kaiserhaus, an der Hauskapelle
-vorbei in die marmelverzierten Gemächer, in die weite Bibliothek, wo
-die Büsten Homers, Dantes, Shakespeares und Goethes stehen. Bis an den
-Plafond reichen die offenen Büchergestelle, von prachtvollen Einbänden,
-von Gold und Silber schimmernd; aber die Bücher sind tot; seit Max
-gestorben, hat sie keine Hand mehr aufgeschlagen.
-
-Nebenan ist das Arbeitszimmer Maximilians. Es hat die Form der Kajüte,
-welche er auf der »Novarra«, jenem Schiff bewohnte, das ihn in seinen
-jungen Jahren in die verschiedenen Mittelmeerländer und später nach
-Mexiko geführt. Hier hat er jene anziehenden Bücher: »Aus meinem
-Leben« und »Aphorismen« geschrieben, die nach seinem Tod das teuerste
-Vermächtnis für seine Freunde waren. An den Wänden dieser Koje
-hangen zwei Bilder: »Die Ermordung Cäsars« und »Maria Antoinette im
-Gefängnis.« Ob der fürstliche Arbeiter sich's je geträumt, daß sie zu
-seinem eigenen Geschick beziehungsvoll würden?
-
-So geht es fort durch eine weite Flucht von Gemächern. Da funkelt's
-von Gold- und Seidentapeten; da stehen kunstvoll geschnitzte Möbel,
-altertümliche Uhren und Schränke; da gleitet der Fuß auf Wunderwerken
-von eingelegten Parketts; da hangen von herrlichen Decken zierliche
-Lustres, Meisterwerke der Goldschmiedekunst. Alles erzählt von der
-üppigen Phantasie seines Schöpfers, der einen großen Teil der Pläne und
-Zeichnungen für den Bau mit eigener Hand entworfen hat.
-
-Genug von dieser wundersamen Pracht. Viele stolze Schlösser und größere
-als Miramare habe ich in jüngern Wandertagen in Frankreich gesehen,
-aber keines, wo Natur und Kunst sich zu einem so wirkungsvollen Ganzen,
-zu so bestrickender Schönheit verschwistern wie in Miramare.
-
-Treten wir hinaus auf eine der Balustraden. Noch ist's das Bild von
-Prosecco:
-
- »Es singt und klingt das blaue Meer
- So sagenreich, so wunderhehr.
- Es rauscht der weiße Schaum der Welle
- Melodisch an die Marmorschwelle
- Und drücket auf des Schlosses Fuß
- Den schauerkühlen Nymphenkuß,
- Und als zurück die Wogen prallen,
- Da zittert's wonnig durch die Hallen.«
-
-Ich habe den schönen Versen, mit denen Max selber sein stolzes
-Haus gefeiert, nichts beizufügen. Und nun reißen wir uns los; denn
-freiwillig scheidet wohl keiner von dem »Wunder des Meers.« Drunten im
-Hafen an der Gartenterrasse wartet unser der Fährmann, der uns zurück
-nach Monfalcone führen soll.
-
-Das Ruder plätschert in kristallner Flut; die Berge stehen im
-Abendglanz; alles ist Daseinswonne, Frieden und Licht, und von Miramare
-her streicht der Blütenduft über die See.
-
-Bald ziehen Glockentöne übers Meer. »Ave Maria! Ave Maria!« Nah und
-fern fallen die rauhen, sonnverbrannten Fischer in ihren Segelbooten
-auf die Kniee und beten zur gnadenreichen Gottesmutter um glücklichen
-Fischfang, um ihren Schutz zur See, um gnädige Erhaltung von Weib und
-Kind.
-
-So kommt die Nacht, die laue Südnacht mit ihrem Sternbrevier. Von
-Triest her flammen tausend Lichter; der Leuchtturm spielt mit seinen
-wechselnden Signalen; doch schon beginnt
-
- »Den Osten Mondlicht zu erhellen,
- Und zitternd funkelt's auf den Wellen.
- Still wird's auf weitem Meeresplan,
- Und rauschen hört man nur den Kahn.«
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Triest.
-
-
-Wenn man von Venedig kommend bei Monfalcone den innersten Busen
-der Adria umfährt, dann schimmert an der östlichen Küste blendend
-weiß, wie der Leib eines schönen Menschen, der zum Bad ans Meerufer
-niedergestiegen ist, die Stadt Triest. Im Halbzirkel baut sie sich vom
-lachenden Golf zum Kastellhügel und malerischen Uferhöhen empor. Olive
-und Lorbeer haben die Unfruchtbarkeit des Karstgesteins besiegt und
-schlagen mit herrschaftlichen Gärten einen üppig grünen Rahmen um das
-glänzende Stadtbild.
-
-Von ferne könnte man glauben, alle Häuser seien von Marmor; kommt man
-aber hinein, so sind sie kaum anders als irgend sonst wo in einer
-großen Stadt; mächtig und prächtig, an die schönsten Plätze von Wien
-oder Paris erinnernd im neuen Teil, der das Vorland zwischen Küstenhang
-und Meer bedeckt, klein, düster und elend in der Altstadt, deren
-Straßen sich eng und steil von der Zitadelle zum neuen Stadtteile
-hinunterziehen. Doch hat Triest etwas Besonderes, was manch größere
-Stadt nicht hat, nämlich einen hochragenden Mastenwald vor seinen
-Häusern.
-
-Der Nationalstolz nennt Triest das »österreichische Hamburg«, eine
-Metapher, bei der man etwas Übertreibung mit in den Kauf nehmen muß.
-Triest ist kein Hamburg, aber immerhin das gewaltigste Handelsemporium
-an der Adria und, abgesehen von Fiume, das die Ungarn zur Blüte zu
-bringen suchen, der einzige große Hafen der habsburgischen Monarchie.
-
-Der Zug fährt von Nabresina in drei Viertelstunden in die Stadt
-hinunter und legt auf dem Wege dahin dem Reisenden die ganze Pracht des
-Golfes von Triest, ein wundersam wonniges Bild, zu Füßen.
-
-Aus der hohen Halle des schönen Bahnhofes tritt man auf den geräumigen
-Vorplatz, und vor dem eigentümlichen Reiz, der beim Anblick eines
-Seehafens das Herz der Landratte packt, muß in der ersten Stunde jedes
-andere Interesse dem am Hafenbilde weichen.
-
-So ging's mir nicht nur das erste, so ging's mir auch die folgenden
-Male, als ich nach Triest kam. Ich wurde nicht müde, den Quai auf und
-ab zu wandeln, mich an den bunten Flaggen und Wimpeln, die lustig gegen
-den dunkelblauen Himmel emporflatterten, an dem Gewirre von Masten,
-an den riesenhaften Kauffahrteischiffen, an dem lebendigen Gewühl der
-Gaete, Mistici, Navicelli, Trabaccoli, Brazzere, Tartome, und wie
-immer noch das Gewimmel jener kleinern Boote, Schaluppen und Kähne,
-die zwischen den Riesenleibern der Ostindienfahrer durchschwärmen,
-sich nennen mag, zu ergötzen. Diese gebrechlichen Nußschalen, oft
-von bizarrer Form und buntem Anstrich, mit ihrem sonnengebräunten,
-malerisch verwilderten Matrosen- und Fischervolk, sind nicht weniger
-interessant als die Giganten des österreichischen Lloyd, als der
-»Polluce«, der »Helios«, die gewaltige »Pandora« oder die »Medusa«,
-in deren Tauwerk die braunen Jungen mit der Gelenkigkeit von Katzen
-auf- und niederklettern. Macht ein solcher Schiffspalast »klar«, so
-verfinstert eine Rauchpinie den Molo, bis der Koloß hinauswogt in den
-offenen Golf.
-
-Man sagt, daß jährlich 1600 Dampfer und 7000 Schiffe langer Fahrt
-in den Hafen von Triest einlaufen und daß sie zusammen für über 400
-Millionen Kronen Waren bringen. Kein Wunder, wenn hier alles Leben und
-Bewegung, Handel und Wandel ist!
-
-Dennoch fühlt sich der Fremde vom Hafenbild Triests einigermaßen
-enttäuscht; denn die durch acht größere und viele kleinere Moli
-voneinander getrennten Bassins, die sich in der Länge einer halben
-Stunde eines ans andere reihen, sind gegen das Meer hin offen und
-widersprechen durchaus jenem typischen Hafenbilde von der dreiseitig
-sturmverschlossenen Bucht, wo die Schiffe ruhsam ankern können.
-
-In der Tat war der Hafen von Triest früher wegen seiner vielen
-Schiffbrüche in Verruf, und die Stadt hätte nie der blühende
-Handelspunkt werden können, wenn sie sich nicht durch gewaltige Bauten
-jenen Schutz, den die Natur ihrer Rhede versagt, selber geschaffen
-hätte. Die neue Anlage hat dreißig Millionen Kronen gekostet. Ein dem
-Hafen vorgelagerter, sechszehn Meter vom Grund der See aufragender
-Damm, »der Wellenbrecher«, schützt ihn nun gegen den Wogendrang
-der hochgehenden Adria, so daß jetzt die ungünstigen natürlichen
-Verhältnisse desselben aufgehoben sind.
-
-Auf der Spitze des südlichsten Molos steht der 33 Meter hohe
-Leuchtturm, welcher im Anfang des 19. Jahrhunderts nach dem Modell
-des berühmten Turmes auf der Eddystoneklippe in nach oben verjüngt
-zulaufender Form gebaut worden ist. Während des Tages schmücken die
-Flaggen der jeweilen ankommenden Schiffe seinen Signalmast; wenn
-die Nacht hereinbricht, spielen die Feuersignale seiner Laterne mit
-blitzartigen, durch Momente vollkommener Dunkelheit getrennten, bald
-hellern, bald schwächern Lichtern über die See, sodaß der Adriafahrer
-schon 30 Kilometer von Triest das helle Blinken gewahrt.
-
-Wenn ich an den Leuchtturm von Triest denke, dann stehen zwei Bilder,
-die ich von der Höhe seiner Plattform genossen, vor meinem Blick:
-ein wundersamer, stiller Meeresabend, an dem die See regungslos und
-lächelnd, golden besonnt und unermessen vor mir lag. Das verworrene
-Geschrei der Lastträger, das Rasseln der Fuhrwerke und der schrille
-Laut der Dampfpfeife erreichten schon halb verhallt den schönen
-Standpunkt. Die lichtübergossene Uferlehne von Miramare im Norden,
-die schroffen istrianischen Küstenhänge im Süden und die Stadt mit
-ihren leuchtenden Häuserfronten zwischen ihnen fesselten das Auge
-gleichermaßen. Von Pirano her, der hellschimmernden Stadt auf dem
-westlichen Vorgebirge von Istrien, kam das winzige Lokalboot, während
-eine Flottille größerer Segler, die jedenfalls nur einen Levante
-abwarteten, um nach Venedig hinüberzufahren, unbeweglich vor der
-Bucht von Capo d'Istria stand. Andere stiegen am fernsten Horizont als
-schimmernde Punkte malerisch auf oder versanken; Scharen von Möven und
-andern Vögeln zogen über dem herrlichen Golfe ihre Kreise.
-
-Etwas unendlich Weiches, Träumerisches, ein wundersamer Frieden, der
-erlösend in die Menschenbrust übergeht, lag da im Meerbilde von Triest.
-
-Wie ganz anders habe ich die gleiche Landschaft das zweitemal gesehen!
-friedlos, von schmerzlicher Melancholie bewegt; das Land, sturmempört,
-vom Scirocco gepeitscht die See, ängstlich sich zum Hafen flüchtende
-Barken, bald hoch auf zerspritzenden Schäumen, bald tief in den
-Mulden der Wogen. In langgestreckten Zügen, wogend und ringend, hier
-zergehend, dort auferstehend, fluteten die Wellen, zerbarsten mit
-furchtbarem Prall an den Fundamenten des Turmes, daß es zitternd durch
-seinen Steinleib ging, und strömten brausend ins Meer zurück. Dazu
-rauschte und pfiff, sang und klang der Sturm.
-
-Es ist auch herrlich und unaussprechlich schön, aber liebe- und
-erbarmungslos, das stürmende, hochgehende Meer!
-
-Die nördlichen Hafenmauern sind durch Schienengeleise mit dem
-Warenbahnhofe verbunden, so daß die Eisenbahnfrachtwagen ihre Lasten
-bis dicht an die Flanken der Kauffahrteischiffe bringen können.
-Allein diese Verkehrserleichterung scheint dem lauten, beweglichen
-Leben auf dem Hafenquai, wo italienische und deutsche, slovenische
-und kroatische, morlakische und neugriechische Zunge vieltönig
-durcheinandergehen, keinen Eintrag zu tun. Der Lärm und die Zurufe von
-hundert emsigen Menschen, die sich um das Verladen der Schiffsfrachten
-auf die Fuhrwerke bemühen, das Rasseln der heransprengenden, das
-Geknarre der abfahrenden Lastwagen gestaltet das Ufer zu einem
-wunderbaren Tummelplatze der Arbeit.
-
-Doch auch die Idylle ist nicht weit. Drunten liegen italienische
-Schiffer und feiern Hafenrast. Sie singen abgebrochene Strophen
-alter Seemannslieder. Es ist seltsam; auch die bedürfnislosen Söhne
-des sonnigen Südens legen wie die Fergen der Nordlandsbuchten etwas
-Tieftrauriges, das einem nicht so leicht wieder aus dem Gehöre kommt,
-in ihre meergebornen Lieder, in jene eintönigen, getragenen Melodien,
-deren Schlußakkorde gerade so lange gehalten werden, als der Atem der
-Sänger reicht.
-
-So ist das triestinische Hafentreiben, hier ein ~dolce far niente~,
-dort Arbeit, aber voll eigentümlichen Lebens überall. Am Uferrand der
-Quais liegen die mannigfaltigsten Frachtgüter aufgespeichert: Fässer
-mit dalmatinischen Weinen, Salztonnen von Pirano, Baumwollballen
-aus Ägypten, Kaffeesäcke von Java, Indigo von Senegal, Wallonen aus
-der Levante, Farbholz aus Brasilien und die schwarzen Diamanten aus
-England, kurz, Schätze von allen Enden der Welt.
-
-Man beziffert den Wert der alljährlichen Einfuhr auf etwas mehr,
-denjenigen der Ausfuhr auf etwas weniger als 400 Millionen Kronen.
-
-Die teuerste Fracht aber ist der Mensch, der Mensch, dem das weite
-Heimatland zu eng wird und der das Glück im märchenträumenden
-Morgenland oder im Sonnenbrand Afrikas oder im fernen aufblühenden
-Westen suchen geht. Ich kann nicht sagen, wie viel Auswanderer jährlich
-den Weg über Triest nehmen; ich weiß nur, daß die einen lächeln, die
-andern weinen, alle prächtige Luftschlösser bauen, wenn das Schiff aus
-dem Hafen rauscht; daß die einen reich, die andern arm werden; daß sie
-alle schließlich wieder ein Luftschloß bauen, aber ein enges, kleines,
-ein wundersam bescheidenes: Sechs Fuß Raum in der Heimaterde. Manchem
-wird's zu teil, und wem es nicht zu teil wird, den drückt der fremde
-Boden auch nicht schwer.
-
-Wenden wir uns vom lauten Hafentreiben ab und der Stadt zu, die auf
-Strand und Hang so herrlich vor uns ausgebreitet liegt, so gelangen
-wir auf den mit dem Hafen in enger Beziehung stehenden Fischmarkt. Er
-ist in einem Gebäude der Salzquais untergebracht und bietet ein ins
-Italienische übersetztes Stück des berühmten Pariser Hallenlebens.
-
-Die Menge der in den ersten Morgenstunden zum Verkaufe gebrachten
-Seefische, Krebstiere und Muscheln wird nur erklärlich durch die
-Aufnahmefähigkeit, welche das triestinische Volk diesen Meerprodukten
-entgegenbringt.
-
-Das Meer ist die Delikatessenkammer des Wohllebens und der Garten der
-Armut, die sich das trockene Polentamahl mit in Öl gebratenen Sardellen
-würzt, den Tintenfisch im Topfe siedet, oder eine Art kleiner, den
-Asseln ähnlicher Krebse zum Abendbrote röstet.
-
-Der stachelflossige, bläuliche Tunfisch, der oft zwei Meter lang
-und zentnerschwer wird, ist der Riese des Marktes; doch liefern
-Tintenfisch, Meeraale und plattgedrückte, schiefmäulige Brassen die
-größte Warenmasse.
-
-Von wirklich feinem Geschmack und auch dem Gaumen des Binnenländers
-schmeichelnd sind indessen nur die blaue, goldig glänzende Makrele,
-eine schon bei den Römern hochgeschätzte Tafelzierde, und der Branzin,
-ein Brackwasserfisch, der in den furlanischen Lagunen häufig gefangen
-wird. Die Austern von Triest dagegen stehen den venetianischen im
-Wohlgeschmacke nach.
-
-Ich habe den durchdringenden Fischgeruch der Halle und den Anblick der
-im Sterben liegenden, schnappenden, zuckenden, oft bei lebendigem Leib
-verstümmelten Flosser nie lange ertragen können. Ihr Fang und Verkauf
-enthält ein furchtbares Stück menschlicher Grausamkeit.
-
-Am ruhigsten scheint das Geschlecht der gewaltigen Hummer und der
-langbeinigen Meerspinnen den Übergang aus der kühlen Salzflut in die
-warme Luft zu nehmen; denn sie führen, der gemeinsamen Not vergessend,
-einen letzten Scherenkampf.
-
-Merkwürdigerweise ist der Handel mit den schönen Muscheln in Triest
-viel weniger zu Haus als in mancher Binnenstadt; denn außer ein
-paar durchaus gewöhnlichen Exemplaren in einer an die Fischhalle
-lehnenden Bude fand ich in den triestinischen Läden nichts käuflich.
-Allerdings sollen hie und da schöne private Sammlungen bestehen, und
-das Ferdinand-Maximilian-Museum enthält die zum Teil prachtvollen,
-farbenreichen Muscheln der südlichen Meere in seltener Vollständigkeit.
-
-Östlich vom Hafenquai und südlich vom Bahnhof liegt die Neustadt.
-Der »große Kanal« dringt vom Hafen bis in den Hintergrund dieses
-Stadtteils und gestattet selbst Quersegelschiffen, unmittelbar bei den
-Magazinen zu löschen. Am Ende des Kanals steht St. Antonio nuovo, eine
-im Anfange dieses Jahrhunderts erbaute einschiffige Kirche mit hübschem
-Säulenportikus.
-
-Romantische Gedanken läßt die Neustadt nicht aufkommen. Dazu sind ihre
-Häuser zu modern, ihre Straßen zu rechtwinklig, ihr Pflaster zu gut;
-die Nüchternheit der triestinischen Handelsleute ist in der Architektur
-dieses Quartiers zu ihrem entsprechenden Ausdruck gekommen.
-
-Ich wüßte überhaupt keine Stadt von der Größe Triests, wo der Wanderer
-so unbeschwert von baulichen Merkwürdigkeiten und kunstgeschichtlichen
-Reminiszenzen seines Weges gehen könnte, wie in Triest. Es ist in
-dieser Hinsicht das Widerspiel Venedigs, dessen Kunstschätze es
-nicht zugleich mit dessen Handel geerbt hat. Das Wenige, was es an
-sehenswerten Gebäuden und Monumenten in der Tat besitzt, drängt sich
-im Süden der Neustadt um die gegen den Hafen offene »Piazza grande«
-zusammen.
-
-Den Hintergrund dieses Platzes schließt die reichgegliederte Fassade
-des Munizipalpalastes, eines modernen Prachtbaues, würdig ab. Auf
-dem Dach desselben schlagen wie auf der Markuskirche zu Venedig zwei
-eherne Mohren die Stunden. Davor stehen ein im blühendsten Rokokostil
-gehaltener, mit vielen Figuren verzierter Springbrunnen und die
-Marmorstatue Kaiser Karls ~VI.~, des letzten Herrschers aus dem
-Mannesstamme der Habsburger, der mit ihm im Jahre 1736 ausgestorben
-ist.
-
-Bedeutender noch ist das neue Gebäude, das sich im Süden des Platzes
-und angesichts des Hafens erhebt. Gleich ausgezeichnet durch seine
-einfache, edle Gliederung, wie durch seine monumentale Größe, ist
-es das prunkende Heim des österreichisch-ungarischen Lloyd, jener
-mächtigen Dampfschiffgesellschaft, die mit ihren gewaltigen Kapitalien
-und siebenzig in ihrem Dienst stehenden großen Meerdampfern nicht
-nur den Schiffsverkehr der Adria, sondern auch einen großen Teil des
-europäischen Handels nach der Levante und Indien beherrscht.
-
-Im Norden der Piazza grande stehen das Stadttheater und das Tergesteum,
-der größte der triestinischen Paläste, von vier engen Gassen umzogen,
-ziemlich vergraben in den umgebenden Häusern. Sein Erdgeschoß bildet
-einen Bazar, wo man alles, was schön und teuer ist, kaufen kann.
-
-Auf dem Vorplatze der alten Börse, eines im dorischen Stil gehaltenen
-Baues, steht auf hoher Säule das in Erz gegossene Standbild Leopolds
-~I.~
-
-Als ich einen meiner Triestiner Bekannten fragte, wie der grausame
-Unterdrücker des Protestantismus in Ungarn zu der Ehre eines solchen
-Denkmals komme, lächelte er fein und sagte: »Die Ehre gilt im Grunde
-nicht dem Kaiser; sie gilt seinem genialen Feldherrn, dem Prinz Eugen,
-dem Sieger von Belgrad, und dem Starhemberg, dem Verteidiger Wiens in
-der Türkennot. Indem wir den Kaiser sehen, denken wir an seine Helden!«
-
-Auf dem Börsenplatze beginnt die Via del Corso, die fashionable Straße
-von Triest, die, zu beiden Seiten mit großen, reichen Kaufläden
-besetzt, sich zur Piazza della Legna hinaufzieht. Auf ihren Trottoirs
-wandelt am Nachmittag die feine Triestiner Welt auf und ab.
-
-An feiner Toilette, an Geschmack und an Luxus weicht der Triestiner
-keinem andern Städter der Welt. Selbst Paris hat keine feinern Ponies,
-keine zierlicheren Breaks als die ~jeunesse dorée~ der adriatischen
-Handelsstadt, und auf der Karosse des Grafen von Paris haben wie
-auf der Kutsche des Triestiner Baumwollbarons auch höchstens vier
-galonierte Lakeien, zwei hinten und zwei vorn, Platz. Viele Damen
-entstellt der Reispuder.
-
-Man sieht unter den feinen Schichten der triestinischen Gesellschaft
-stets viele Armenier und Griechen, prächtige Gestalten mit kühn
-geschnittenen, ausdrucksvollen Gesichtern, während man die schönen
-Frauen dieses Volkes, das eine Aspasia, eine Laïs besaß, in Triest wohl
-vergebens sucht. In Anmut und Temperament werden die Fremden alle von
-der italienischen Triestinerin besiegt.
-
-Obwohl das gebildete Triest einen ausgesprochenen kosmopolitischen
-Charakter trägt und dieses Gemisch deutscher, französischer,
-griechischer und armenischer Elemente die stärkste Stütze seines
-Gedeihens bildet, ist es eine vorwiegend italienische Stadt. Von den
-110000 Einwohnern sind vier Fünftel Italiener; der Rest wird durch die
-kulturell wenig bedeutenden Slaven und etwa 5000 Fremde gebildet.
-
-Dieses starke Übergewicht des italienischen über das slavische und
-das deutsche Element läßt die reiche Stadt zu einem Schmerzenskind
-des habsburgischen Reiches werden. Die Irredenta, die Gesellschaft
-des »unerlösten Italiens«, die dem jungen Königreich vor allem gern
-die schöne Adriabraut zuführen möchte, wühlt in der Handelsstadt. Es
-waltet in den triestinischen Kreisen kein Zweifel, daß die italienische
-Rauflust ihre nächsten Lorbeeren im Bereiche des schönen Golfes holen
-wird.
-
-Heute führt Triest noch den Ehrennamen der »allergetreuesten Stadt.«
-Auf ihrem Korso hängt die glutäugige Italienerin am Arme des
-deutsch-österreichischen Offiziers, und ihr helles Geplauder klingt
-nicht wie Kriegserklärung.
-
-Der Korso scheidet die Neustadt von der Altstadt. Unmittelbar hinter
-den stolzen Häusern dieser Straße liegt jener verrufene Stadtteil, wo
-der Typhus und die Blattern kaum ausgehen, die Cholera je und je, wenn
-sie ihren Totenritt durch die Südlande unternimmt, ihr Rastquartier
-aufschlägt, wo die Werkstätten der italienischen Handwerker und die
-düstern Matrosenkneipen sind und manch ein armes Kind dem Laster
-erzogen wird.
-
-Doch hat Alt-Triest mit seinen vom Rauch der Jahrhunderte geschwärzten
-Bauten einen Vorzug vor der neuen Stadt. Seine Häuser haben eine lange
-Geschichte, doch keines eine längere als das Gotteshaus von San Giusto,
-das, dem Dom von Aquileja und der Kathedrale von Parenzo in Istrien an
-Alter ebenbürtig, aus der legendenumsponnenen Kindheit des Christentums
-stammt.
-
-Durch die Gassen und Gäßchen der Altstadt flanierend kam ich in die
-Via Trionfo, zu dem Rest eines alten Bogens. Er mag in Wahrheit von
-einem römischen Siegestor oder auch nur von einer antiken Wasserleitung
-herrühren. Vom Volke aber wird er dem König Richard Löwenherz, jenem
-ritterlichen Kreuzfahrer zugeschrieben, der im Jahre 1192 siegreich
-aus Palästina zurückkehrend von einem Sturm an die Küste von Aquileja
-verschlagen worden war, und heißt Arco di Ricardo.
-
-Nun hinauf zu der Kathedrale von St. Just! In ihrer jetzigen Gestalt
-ist sie ein Doppelbau aus zwei Basiliken. An die ältere, schon drei
-Jahrhunderte nach dem Stifter des Christentums entstandene, wurde
-im 6. Jahrhundert eine byzantinische Kirche angefügt und beide im
-14. Jahrhundert zu einer einzigen Halle vereinigt, welche durch vier
-Säulenreihen in fünf Schiffe geschieden wird.
-
-Durch einen von ein paar Bäumen beschatteten Hof tritt man vor die
-Giebelfassade des Baues. Sie hat eine riesige Fensterrose. Christliche
-Insignien sind zwischen der Türe und dem massigen, das Gotteshaus
-flankierenden Turm, der römische Säulen enthält, eingemauert. Das
-höchste archäologische Interesse gewähren zwei Mosaiken im Innern. Sie
-schmücken die Apsis und bilden ein herrliches Zeugnis künstlerischen
-Könnens im Mittelalter. In Farben auf Goldgrund stellen sie die
-Gottesmutter und einen sie umschwebenden Chor von Engeln, sowie die
-zwölf Apostel dar. Ihr Ursprung geht zum Teil ins 7., zum Teil ins 11.
-Jahrhundert zurück.
-
-Neben der Kathedrale, dem einzigen kunstgeschichtlich merkwürdigen
-Baudenkmal der großen Adriastadt, liegt ein ehemaliger Kirchhof. An
-einem in grünumrankter Bogenwölbung stehenden Sarkophag liest man die
-Inschrift: »~Joanni Winckelmanno, domo Stendelia -- -- --~«
-
-Es ist das Grab Johannes Winckelmanns, des Schöpfers der deutschen
-Kunstgeschichte, der zu Rom als Kustode des antiken Museums lebte
-und im Sommer 1768 seiner nordischen Heimat einen Besuch abstatten
-wollte. Auf dieser Reise fiel er in einem Gasthofe Triests unter den
-Messerstichen eines italienischen Räubers.
-
-Dicht über der Kathedrale erheben sich die grauen Mauern des 200 Jahre
-alten, auch gegenwärtig noch Befestigungszwecken dienenden Kastells,
-das Stadt und Hafen schützend überschaut. Es mag wohl an der Stelle
-des Kapitols stehen, das im Beginn unserer Zeitrechnung die römische
-Kolonie Tergeste beherrschte.
-
-Ein Weilchen rastend hier zu stehen und Überschau zu halten über
-Triest, seinen Hafen und seinen Golf ist herrlich. Allein ich hatte
-einen Empfehlungsbrief für einen Seemann in der Tasche, dessen Schiff,
-der gewaltige Lloyddampfer Jupiter, im Arsenal der Bucht von Muggia lag.
-
-Ich eilte wieder hinunter zur Piazza grande, wo sich ein lärmendes
-südliches Markttreiben entfaltet hatte. Es geht nichts über welsche
-Lungen, welsche Verkäufer und Verkäuferinnen; denn so ausdauernd,
-unverwüstlich wie jene, so abenteuerlich und drollig sind diese. Man
-kann bei ihnen alles Mögliche und noch einiges kaufen: Juwelen und
-Perlen aus Glas, Uhren und Zigarrenetuis, Stubenvögel und junge Ziegen,
-Käse und Salami, von Insekten umschwärmte Orangen, frische Datteln,
-die in langen Trauben noch aneinander hängen, Sträuße und Blumen in
-Töpfen. Immer führen zum Erbarmen schwer beladene Maultiere und Esel,
-von schmutzigen Titschenbauern gelockt und getrieben, neue Lasten von
-Lebensmitteln herbei.
-
-Ich stand vor der Auslage eines italienischen Antiquars, der
-Volksbücher, Heiligenbilder, Holzschnitte, mittelalterliche Erd- und
-Himmelsgloben, sowie einen Wust deutscher und italienischer Literatur
-aus dem vorigen Jahrhundert feilbot. Ich entdeckte darunter eine alte
-Ausgabe der Gedichte von G. A. Bürger mit einigen Stichen und blätterte
-darin.
-
-»Kaufen Sie es, mein Herr«, sagte der Jude, abgefeimt lächelnd in einem
-Tone, als hätte er mir das größte Geheimnis mitzuteilen; »der Autor hat
-so pikant geschrieben, und er hat alles selbst erlebt -- -- -- --.«
-
-Was er noch sagte, trieb mir die Zornröte ins Gesicht. Es ist wahr, der
-Amtmann zu Gelnhausen hat nicht für Kinder geschrieben; aber für die
-Marktkniffe eines italienischen Antiquars war mir der ehrbare, brave
-Bürger denn doch zu gut. Ich warf das Buch hin und eilte auf die schöne
-Piazza Lipsia, einem prächtig grünen öffentlichen Garten südlich von
-der Piazza grande.
-
-Es drängte mich hinaus aus der Stadt. Nur das prächtige Standbild
-Maximilians ~I.~ auf der Piazza Giuseppina hielt mich noch auf, denn
-die tragische Geschichte des mexikanischen Kaisers hatte mir nun
-einmal seine Gestalt menschlich nahe gerückt. Der Erzguß ist ein
-Meisterwerk Schillings, des gefeierten Dresdener Bildhauers, der auch
-das Nationaldenkmal auf dem Niederwald geschaffen hat. Er stellt den
-Kaiser als eine imposant schöne Gestalt mit hoher, träumerischer Stirne
-dar. Ein mit allegorischen Figuren reich geschmückter Sockel trägt vier
-Inschriftentafeln. Drei feiern den Kaiser als Schützer der Kriegs- und
-Handelsflotte und als Verschönerer von Triest, während diejenige der
-Frontseite den Testamentspruch enthält, worin er seiner Freunde an der
-Adria und der österreichischen Marine am Tage vor seinem Tode mit einem
-letzten Lebewohl gedenkt.
-
-Vom südlichsten Teile des Hafens zieht sich ein angenehmer Spaziergang
-längs des Meeres, an den Landhäusern von Sant' Andrea vorüber, zum
-Lloyd-Arsenal, das ein Halbstündchen von der Stadt entfernt liegt. Da
-die Straße langsam steigt, übersieht man am Eingangstor des Arsenals
-die ganze Anlage der gewaltigen Schiffsbauwerkstätten, die sich
-zwischen Straße und Meer ausbreiten.
-
-»~Signore Rossi, macchinista sul Giupitro!~« las der Portier als
-Adresse auf meinem Empfehlungsschreiben. »Treten Sie ein«, sagte er;
-»wo das Schiff eben liegt, kann ich Ihnen nicht sagen; doch wird man
-Sie drunten weisen können.« Ungehindert stieg ich durch ein turmartiges
-Treppenhaus in den Fabrikhof hinunter und schlug mich glücklich
-zwischen den Gebäuden, dem Rauschen, Rasseln und Dröhnen, das aus den
-Werkstätten klang, zum Meeresstrande durch.
-
-Da war wieder ein Teil jenes Waldes, der in aller Herren Ländern
-gewachsen ist, zwar nicht so groß, wie der im Hafen von Triest, aber
-immerhin groß genug, um mich in einige Verlegenheit zu bringen.
-Welche der ragenden Bäume gehörten dem Jupiter an? Als Ausweis meine
-Briefadresse zur Hand, wanderte ich über die provisorisch von Schiff zu
-Schiff geschlagenen Stege, bis ich fast zufällig vor dem Bauch eines
-der gewaltigsten Schiffe stand. »Giupitro« glänzte der Name am Pavillon
-desselben.
-
-Herr Maschinist Rossi empfing mich mit großer Liebenswürdigkeit.
-
-Ein Schiff ist ein Schiff und wesentlich immer dasselbe; aber ein
-Ostindienfahrer wie dieser Jupiter nötigt der Landratte doch einen Zoll
-ehrlicher Bewunderung ab. Es ist nicht allein seine Größe, die dazu
-zwingt; es ist fast mehr noch die Art, wie eine in sich vollkommene
-Welt in die Planken des schwimmenden Meerpalastes gefügt ist, die
-technisch vollendete Einteilung des Raumes von den Kohlenbehältern
-durch drei Etagen hinauf bis zu den Salons, die mit Glühlichtlampen
-erhellt werden und im Glanze luxuriösen Komforts strahlen.
-
-Als das Schiff bei Anlaß des russisch-türkischen Krieges im Jahre
-1878 nebst anderen Lloyddampfern von den Russen zum Militärtransport
-gemietet war, faßte es, wie mir Herr Rossi erzählte, 3500 Mann, also
-die Bewohnerschaft einer kleinen Stadt.
-
-Eine Maschine treibt mit der Kraft von 2000 Pferden dieses gewaltige
-Haus von einem Ende der Welt zum andern, daß es leicht und schön
-einherzieht wie ein über die See hinschwebender Riesenaar.
-
-Jetzt war diese Maschine zerlegt. In einem elf Tage andauernden Sturme
-im indischen Ozean, während dessen selbst an den Wogengang des Meeres
-gewöhnte Matrosen eine Beute der Seekrankheit wurden, hatte sie sich
-überarbeitet. Doch sollte das Schiff schon in vierzehn Tagen wieder in
-die See stechen.
-
- »Auf Matrosen, die Anker gelichtet,
- Segel gespannt, den Kompaß gerichtet,
- Liebchen, ade!
- Morgen, da geht's in die wogende See!«
-
-So singt das deutsche Lied; allein der Seemann, wenn er vom heimischen
-Strande fährt, singt nicht. Auch er in seinem großen Kasten empfindet
-sein Handwerk als einen Kampf ums tägliche Brot und beneidet den
-Arbeitsmann zu Land, der nach getanem Tagewerke wenigstens ein Heim
-hat, wo er im Kreise seiner Lieben und auf fester Erde ruht. Den
-Seemann wiegt die falsche Woge, und nur ein Brett scheidet ihn vom Tode.
-
-Als wir auf der Steuermannsbrücke des Schiffes standen, hatten wir
-einen reizenden Blick über die Bucht, an welcher das Arsenal gelegen
-ist, auf Muggia, eine kleine, altertümliche Stadt, und gegenüber auf
-einer hügeligen Landzunge, auf die benachbarten Schiffswerften von San
-Rocco und das großartige Etablissement Strudthoff, wo man die stolzen
-Panzerschiffe der österreichischen Kriegsmarine baut, auf uralte
-Burgen, die im Hintergrunde der Bucht wie Geierhorste an den felsigen
-Küstenwänden kleben, und auf das sich freundlich im Golfe spiegelnde
-Servolo. Dieses hat seinen Namen vom Schutzpatron der Stadt Triest
-bekommen, der dort als seltsamer Grottenheiliger gelebt haben soll.
-
-Nachdem wir unsern Rundgang durch das Schiff beendet hatten, führte
-mich Herr Rossi in die Werkstätten des Lloyd, in welchem 2000
-Arbeiter beschäftigt sind. Ein paar Dutzend derselben krabbelten
-eben wie Ameisen an den Rippen eines auf der Werfte im Bau liegenden
-Ostindienfahrers und nieteten die Wandplatten fest.
-
-Ich habe später die nicht minder interessanten Werkstätten des
-österreichisch-ungarischen Kriegshafens zu Pola gesehen. Da der
-Eindruck, den der Fremde hier und dort empfängt, wesentlich der gleiche
-ist, will ich mir die Schilderung eines Marine-Arsenals für jene
-Gelegenheit aufsparen.
-
-Nur das sei noch anerkennend erwähnt, daß der Lloyd in der Nähe seiner
-Werkstätten freundlich auf das Meer ausblickende Arbeiterhäuser hat,
-die zum Besten gehören, was ich in dieser Art im südlichen Österreich
-entdeckte.
-
-Und nun zurück nach Triest! Wenn sich zwei Männer befreunden, dann darf
-ein kühler Trunk nicht fehlen, und die Stadt hat feine Bierquellen. Wir
-haben lang getrunken und lang geplaudert.
-
-Eine junge, hübsche Triestinerin hörte mit mir dem jungen,
-liebenswürdigen Erzähler Rossi zu und wurde recht nachdenklich. Ich
-glaube erraten zu haben, was sie dachte: »Mag Gott das junge Blut
-behüten!« Und wenn schöne Lippen so recht innig für einen fernen
-Seemann beten, dann tut der Himmel wohl ein Einsehen!
-
-Als ich drei Wochen später wieder nach Triest kam, war der »Giupitro«
-bereits nach Bombay unterwegs.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Die Küste von Istrien.
-
-
-Der Hafen von Triest lag hinter uns, vor uns die Adria. Das niedrige
-Ufergebiet des Isonzo und die Lagunen-Inseln waren unter den Horizont
-gesunken; nur der Leuchtturm von Barbana und der graue Kirchturm
-von Aquileja verrieten, daß dort im Westen noch etwas anderes als
-Salzwasser liege.
-
-Ein tiefer, blauer Himmel stand über dem tiefen, blauen Meer, und die
-Morgensonne, die über den istrianischen Bergen emporgestiegen war,
-leuchtete über die wonnig zitternde Flut.
-
- »Unermeßlich und unendlich,
- Glänzend, ruhig, ahnungsschwer,
- Liegst du vor mir ausgebreitet,
- Altes, heil'ges, ew'ges Meer!«
-
-Die schönen Verse von Anastasius Grün, dem Grazer Poeten, kamen mir zu
-Sinn, als ich die weite See übersah, von der ich in meiner Jugend so
-oft geträumt hatte.
-
-Nur hatte ich damals gemeint, wenn ich einmal darüber hinfahre,
-so müsse es auf einem gewaltigen Meerdampfer sein, auf einem
-Ostindienfahrer mit geblähten Segeln, wo die Matrosen im Tauwerk
-klettern und ein kleiner Hydriot im Mastkorb sitzt. Nun war's auf einem
-istrianischen Küstenfahrzeug, dreimal so groß wie eine Nußschale.
-
-Wir hatten Südwestkurs nach Pirano, das am westlichsten Kap von Istrien
-mattweiß über die See hinschimmerte. Unterhalb Triest öffnet sich die
-liebliche Bucht von Muggia, welche, wie der Busen von Fiume im Osten,
-hier im Westen die Halbinsel Istrien vom Festland abschnürt, daß sie
-wie ein Herz am Kontinent hängt.
-
-Das übrige Europa hört wenig vom Schlag dieses Herzens. Selbst in der
-österreichisch-ungarischen Monarchie kümmert man sich nicht viel darum,
-was in dem stillen, vergessenen Land vorgeht. Es suchen und fliehen,
-lieben und hassen sich auf seinem dürren Felsboden 300000 Menschen
-gerade so heftig und so innig, wie in den Ländern der Hochkultur;
-aber nur je der zweite Mann und je die dritte Frau kann ein Brieflein
-schreiben.
-
-An der Grenze des triestinischen und istrianischen Gebietes sahen
-wir drei große ostindische Kauffahrer stehen, welche dort ihre
-vierzehntägige Quarantäne hielten. Die Kolosse lagen wie im tiefsten
-Schlaf; die Segel waren eingerefft; die gewaltigen Schlote rauchten
-nicht; kein Mann rührte sich auf Deck.
-
-Quarantäne! Das Wort steht in üblem Ansehen bei den Schiffsleuten. Der
-Seemann hat auch ein Herz im Leibe; er hat Frau und Kind, oder ein
-Liebchen in der Stadt; und nun muß er abrasten im Anblick des Ziels,
-abzählen den Stundengang langsam hinrinnender Zeit, ehe er nach
-monatelanger Abwesenheit das weinende Weib in die Arme schließt, den
-lachenden Buben küßt, oder mit seinem Liebchen die kurze, tolle Liebe
-des Matrosen lebt.
-
-Auch die Wasserratte sehnt sich von Zeit zu Zeit aufs Land. »Lieber im
-Sturm als in der Quarantäne«, hat mir Herr Rossi erklärt.
-
-Hinter zwei Landzungen öffnete sich nach halbstündiger Fahrt von
-Triest die große Bucht von Capo d'Istria, und auf einem anmutigen
-Hintergrund grüner Uferhöhen und fern verdämmernder Berge winkte das
-alte Städtchen, das dem Wasserbecken seinen Namen lieh. Palladia,
-Ägida, Justinianopolis, Kapris und Capo d'Istria sind fünf Namen,
-ein kolchischer, ein römischer, ein byzantinischer, ein slavischer,
-ein italienischer, und alle meinen dieselbe Stadt. Viel Waffenklang,
-Männerstreit und vieler Völker Blut liegt zwischen diesen Namen innen;
-kein Wunder also, daß der Wein von Capo d'Istria so dunkel im Glase
-schäumt und so feurig durch die Adern rollt.
-
-Über den altersgrauen Häusern steht ein großes, modernes Gebäude
-mit einem Belvedere. Es beherrscht Stadt und Bucht, wie in den
-bildungsfreundlichen Gegenden unserer Heimat etwa ein Schulbau von
-lichter Höhe ins Tal, auf Stadt oder Dorf herunterleuchtet.
-
-»~Un ginnaso od un' academia?~« fragte ich, darauf zeigend, meinen
-Nachbar, einen ältern, freundlichen Herrn.
-
-»~Un penitenziario~«, eine Strafanstalt, antwortete er.
-
-»Armes Land, das so schöne Strafanstalten hat!« Ich sagte es nicht,
-aber ich dachte es, und der Herr mochte mir meine Enttäuschung vom
-Gesichte lesen. Er lächelte und bemerkte, wenn man nicht gerade einen
-bedeutenden Wert auf die Bewegung im Freien setze und Geld genug zur
-Verfügung habe, so lebe sich's im großen Hause von Capo d'Istria nicht
-übel.
-
-Ich hatte an dem vertrauenerweckenden Alten einen liebenswürdigen
-Gesellschafter, den ich in Citta nuova ungern verlor; denn er ließ
-sich durch mein ziemlich gebrochenes Italienisch nicht abschrecken,
-mir manches Wissenswerte über Istrien mitzuteilen. Als ich einiges
-davon notierte, war er sehr erfreut. »Schreiben Sie«, sagte er zu mir,
-»etwas besonders Schönes von Rovigno; meine Frau war eine Rovignesin,
-und einer meiner Söhne, ein schöner, zwanzigjähriger Mensch, liegt dort
-begraben. Er hat schon mit fünfzehn Jahren Verse gemacht wie Dante und
-Ariost. Die meisten klugen Menschen sterben früh.«
-
-So kamen wir in die Nähe von Isola, das sich pyramidenförmig an einem
-Hügel der steilen, weit nach Westen vorspringenden Küste aufbaut.
-Altersgraue, viereckige Türme haben es zu Kriegszeiten gegen das Innere
-der Halbinsel geschirmt. Heute hält dieser Schutz nicht mehr stand;
-die Mauern und Wachten zerbröckeln. Die alten, aus venetianischer Zeit
-stammenden Stützmauern aber, welche das Städtchen ins Meer hinabsendet,
-damit der Wogenprall der durch Borastürme aufgeregten See seinen Grund
-nicht unterspüle, sind heute noch von Wichtigkeit für den steil am
-Ufergebirge klebenden Ort.
-
-Auf einer gleichen, sich aus der Ferne viaduktähnlich ansehenden
-Schutzbaute ruht der schöne Dom von Pirano. Sankt Georg, der auf dem
-Turme desselben steht, ist ein wetterwendischer Heiliger, der seinen
-Mantel nach dem Winde dreht und heute, da ein leichter Levante über die
-See strich, gegen Grado hinübersah, als wollte er Sant' Eufemia drüben
-grüßen.
-
-Man fährt von Triest aus in anderthalb Stunden nach Pirano, das
-von den Terrassen eines steilen Vorgebirges die Adria nach drei
-Richtungen überblickt. Altersgraue Kastellmauern, an welchen Reben und
-Olivengesträuch emporwuchert, überragen es malerisch.
-
-Malerisch! Das sind die Küstenstädte Istriens alle. In ihren
-geborstenen Festungsmauern liegt das Kriegselend einer großen
-Vergangenheit und das Stillleben der trostlosen Gegenwart ausgestellt.
-Wie die kriechenden Lianen den Verfall der alten Schutzwehr, so deckt
-ein sorgloses Volksleben den Mangel einer modernen Geschichte zu. Als
-Venedig blühte, und die Herrin der Adria war, da hatten auch diese
-Vasallenstädte eine goldene Zeit, und so erinnert denn, was darinnen an
-Gebäuden irgendwie von Bedeutung ist, an die versunkene, venetianische
-Herrlichkeit; Rathaus und Dom tragen die Wappen Venedigs; allein
-
- »Es wirft nur Schatten her aus alten Tagen,
- Es liegt der Leu der Republik erschlagen.«
-
-Eine lebendige Berühmtheit haben aber diese istrianischen Städte doch
-und besonders auch Pirano, schöne Frauen.
-
-Glücklicherweise braucht man nicht die engen, halsbrecherischen Gassen,
-die sich von der Höhe zum Meer hinunterziehen, empor zu klettern,
-um die hübschen Mädchen Piranos zu sehen; denn zweimal im Tag, um
-neun Uhr, wenn der Küstendampfer von Triest, und um drei Uhr, wenn
-derjenige von Pola im Hafen anlegt, eilt, wer immer im Städtchen Zeit
-hat, auf den Molo.
-
-Das ist der Korso der istrianischen Kleinstädter. Schöne Frauenbilder,
-die Zenda, ein schwarzes Kopftuch mit reicher Spitzengarnitur,
-malerisch ums Hinterhaupt geschlagen und um die Schultern gewunden,
-ergehen sich auf demselben sich selbst zur Freude und den andern zur
-Augenweide. Es sind darunter Madonnengesichter, so rein und schön,
-wie diejenigen in den goldenen Rahmen der Pinakotheken; aber ich habe
-neben diesen auch andere wandeln sehen, wo die Not, das Elend, die
-Leidenschaft tiefe und unschöne Linien in ihr Antlitz gegraben hat.
-
-Die Hafenszene, die sich nach der Ankunft eines Schiffes in einer
-istrianischen Küstenstadt entwickelt, dieses laute, geschäftige Treiben
-hat für einen Fremden so viel Reiz, daß ihm die Viertelstunde, welche
-über dem Ein- und Ausladen der Waren verstreicht, rasch vorübergeht,
-besonders wenn er sich von einem italienischen Barfüßele den »~vino
-nostrale~«, den schwarzen, feurigen Landwein, kredenzen läßt. Mein
-genügsamer inländischer Gesellschafter nahm bescheiden mit der »~acqua
-fresca~«, vorlieb, das eine stämmige kroatische Bäuerin aus zwei
-Kübeln servierte, die sie an einem Holzbogen über der Schulter trug;
-andere knackten zur Kurzweil die »~bianche, belle noci~« eines aus
-Leibeskräften schreienden Jungen.
-
-Die Fracht der istrianischen Küstenfahrer besteht zumeist aus vollen
-oder leeren Weinfässern, die oft den Platz auf dem Verdeck derart
-beschränken, daß der Reisende froh sein muß, wenn er innerhalb dieser
-Faßbarrikaden ein halbwegs bequemes Plätzchen für sich selber findet.
-Daneben bilden Kübel und Kisten, in welche frische oder »~à la mode de
-Nantes~« zubereitete Sardellen verpackt sind, einen Haupttransport. Die
-kleinen Fische, deren Züge im Becken des Mittelmeeres für die fehlenden
-Häringe einigen Ersatz bieten, werden in der Adria zu Millionen und
-Millionen gefangen und in den Sardellenfabriken von Barcola, Isola,
-Rovigno zum Versand zubereitet.
-
-Um die äußerste Westspitze von Istrien, die Punta Salvore, zu
-erreichen, durchquert das Schiff die Bucht von Sicciolo. In ihrem
-Hintergrund liegen zu Füßen einer schroffen Küste die Salzgärten von
-Pirano, die durch eine Reihe weißer, schimmernder Sudhäuser angedeutet
-sind. Die ganze Anlage bedeckt einen Raum von 600 Hektaren und hat
-über 7000 Salzgärten, die jährlich eine halbe Million Meterzentner
-dieses Minerals liefern. Man läßt das Meerwasser in größere Becken
-strömen, wo ein Teil desselben innerhalb einiger Tage verdunstet. Die
-derart erhaltene Sole wird durch ein Schleusensystem in die Salzkammern
-geführt. Da schlägt sich unter dem Einfluß des Sonnenscheins das Salz,
-das nachher in den Sudhäusern noch einem letzten Trocknungsprozeß
-unterworfen wird, als weiße Kruste nieder.
-
-An der Punta Salvore steht ein Leuchtturm, ein prächtiger Bau, und
-hinter ihm liegt, soweit das Auge schweift, eine klippige, flache
-Küste, über welche das mattglänzende Laub endloser Ölwälder flimmert.
-
-»Sie kennen wohl die Geschichte des Kaisers Barbarossa?« sagte mein
-Gefährte.
-
-»Des Hohenstaufen, der so viel in den italienischen Landen gekämpft
-hat«, antwortete ich zum Zeichen meines Verständnisses.
-
-»Ich kann Ihnen mehr sagen«, erwiderte er; »er hat an der Punta Salvore
-gekämpft, hat da eine Schlacht verloren und einen Sohn dazu.«
-
-»An wen?«
-
-»An den Dogen zu Venedig.«
-
-»Wann?«
-
-»Es ist so lange her, daß es wohl niemand mehr weiß.«
-
-Ich erfuhr nachträglich, daß es am Himmelfahrtstag 1176 war, als
-der Hohenstaufe Otto, an dessen Seite auch die Genuesen und Pisaner
-gekämpft, nach unglücklicher Schlacht in die Hand des Dogen Ziani fiel.
-
-»Etwas anderes kann ich Ihnen auch noch sagen, junger Herr«, nahm mein
-Gesellschafter nach einigem Stillschweigen das Wort wieder auf. »An
-der Punta Salvore ist schon manches Weib eine Witwe geworden. Ich habe
-es selbst mitangesehen, daß im Süden des Kaps die See so ruhig lag wie
-ein schlafendes Kind und -- ~maladetta~ -- im Norden, da hat das Meer
-gestürmt, ich sage nichts; aber ein Schiff ist bald hin. Wer den Hafen
-von Pirano nicht erreichen kann, der sehe, wo er sich birgt. An allem
-ist die Bora schuld, deren Macht sich hier an der Punta Salvore bricht.
-Jenseits hat sie keine Gewalt mehr.«
-
-Heute lag die blaue Adria so wonnig, sonnig da, als könnte sie
-niemandem, selbst keinem armen, braunen Fischerknaben ein Leid
-antun. Aus ihrem Spiegel schnellten die spielenden Delphine empor
-und verfolgten sich und tummelten sich wie die jungen Menschenkinder
-im Haschespiel. Die letzten Alpengipfel, die bis dahin ins Meer
-hinaus geleuchtet, waren im Dunst des nördlichen Horizonts dem Auge
-entschwunden, und der schmale Küstenstreifen, der dem Blick noch blieb,
-war ein Nichts gegen das weite, wunderschöne Blau des Meeres, über
-das fernher die weißen Segel einiger Fischerflotillen wie gewaltige
-Vogelschwingen schimmerten.
-
-Die Fahrt von der Punta Salvore gegen Süden ist einförmig. Die flache
-Küste mit ihren verwaschenen Klippen und dem rauhen Karstgrund tritt
-mehr und mehr gegen Osten zurück, sendet aber von Ort zu Ort wieder
-eine felsige Landzunge in die See. Die Buchten zwischen diesem flachen
-Vorgebirge sind so tief, daß dort kein Schiff ankern könnte, obwohl die
-Adria im Bereiche der istrianischen Küste nur eine Tiefe von 36--40
-Metern, also nicht einmal diejenige der meisten Alpenseen, aufweist.
-
-Nach einstündiger Fahrt von Pirano erreichten wir etwas vor zehn Uhr
-Umago, ein kleines Städtchen mit einem geräumigen Hafen, von welchem
-aus ein ziemlich lebhafter Holzhandel nach Venedig getrieben wird. Es
-ließe sich von Umago gar manches aus allerlei Nöten erzählen, von Krieg
-und Pest, von Wassersnot und Erdbeben, insbesondere auch von einer
-Bodensenkung, welche einen Teil des Städtchens in die Wellen begrub, wo
-man an klaren Tagen jetzt noch die Mauerreste sieht.
-
-Hübscher als das Städtchen selber ist die Landschaft, aus deren
-Olivenhainen, Eichenwäldchen und Gärten halbe versteckte Landhäuser und
-Villen istrianischer Vornehmer herübergrüßen.
-
-Unser Schiff legte weder in Umago noch in Citta nuova, das wie
-dieses nach einer langen Lebensgeschichte eine stille Gegenwart
-fristet, im Hafen an, sondern ließ sich die Passagiere im Fischerboot
-herüberbringen.
-
-Hier verlor ich meinen bisherigen Gesellschafter. »Grüßen Sie mir
-Rovigno und tragen Sie ein freundliches Bild von Istrien mit sich
-fort!« Mit diesen Worten bot er mir die Hand zum Abschied, und noch vom
-Kahne aus rief er mir ein herzliches »~Buon viaggio!~« nach.
-
-Unterhalb Citta nuova, das keineswegs, wie sein Name zu bedeuten
-scheint, eine »neue Stadt«, sondern eine uralte ist, die allerdings,
-nachdem sie türkische Seeräuber im Jahr 1687 in Asche legten, nur eine
-bescheidene Auferstehung erlebte, liegt die weite Mündungsbucht des
-Quieto, des größten istrianischen Stromes. Die alten Schriftsteller
-sollen ihn für die Fortsetzung des Isters, wie damals die Donau
-hieß, gehalten und selbst so genannt haben. Dadurch erkläre sich der
-Landesname »Istrien«, der also das Umgelände des Quieto bedeuten würde.
-
-Allein lassen wir die etymologische Untersuchung ruhen und uns dafür
-vom Küchenjungen, der zugleich Kellner und Oberkellner des kleinen
-Dampfers ist, einen ~mezzo-litro~ schenken.
-
-Während der schmächtige Bursche den Blechhumpen füllt, schielen seine
-schwarzen Augen schon nach dem Trinkgeld; aber er serviert mit einer
-Grazie, als wäre er Angestellter des Hotel de Ville in Triest, und hat
-er erst sein Trinkgeld, so läßt er sich's nicht nehmen, sich als ein
-Mann von Welt zu dokumentieren. Er spricht von Athen oder Neapel so
-gelassen, wie ein Landknabe seines Alters -- er ist zwölfjährig -- vom
-Krautgarten des Nachbars.
-
-»Was sagen Sie zu unserm Wein?«
-
-»Er ist vorzüglich.«
-
-»Sie werden auf keinem Schiff einen bessern trinken.« Er sprach
-mit solchem Ernst, daß man nicht wußte, war er mehr Schlingel oder
-Gentleman.
-
-»Der Herr ist ein Deutscher?« fuhr er fort.
-
-»Zu dienen.«
-
-»Sie werden bald ein gutes Italienisch sprechen, aber ich ein
-schlechtes Deutsch. Ich kenne noch keine zwanzig Worte.«
-
-»Sie wünschen es zu lernen?«
-
-»Mein Gott -- mein Handel würde florieren! -- wer kauft lieber die
-schönen Muscheln und die herrlichen Antiquitäten, als die Deutschen!«
-
-Er eilte in seine Kabine und holte eine Kiste mit Konchylien und
-kleinen Altertümern.
-
-»Sehen Sie diesen Mark Aurel!« Er betrachtete das Stück mit dem Blicke
-eines Numatikers von Fach. »Zwei Gulden, mein Herr! Sie finden den
-Preis wohl nicht zu hoch?«
-
-»Man kauft in Aquileja zehn Stück für einen halben Gulden.«
-
-»Sie entschuldigen, wenn das wahr ist, bin ich ein ruinierter Mann.«
-
-In diesem Augenblicke wurde er gerufen -- ich ließ mir den Wein
-schmecken.
-
-»~Un uom' rovinato~« und ein Schiffsjunge von zwölf Jahren. Umsonst
-suchte ich es mir zusammenzureimen. Als ich eben wieder einen Schluck
-zu tieferer Ergründung des Gedankens aus meinem Blechbecher tun wollte,
-waren wir in Parenzo, und ich sagte seinem alten Dom Grüß Gott!
-
-Die Stadt gefiel mir ausnehmend, und ich hätte ihr bald eine Standrede
-gehalten.
-
-»Parenzo«, hätte ich gesagt, »du bist ein grünes Reis auf dem alten
-Stamm, der Parentium hieß und eine römische Kolonie war. Es ist dir
-wenig geblieben von der alten Herrlichkeit: zwei Säulenstümpfe und ein
-Pfeiler auf dem Platze Marafor; das andere liegt drunten im Meer, und
-die Krabben kriechen drüber hin. Manche deiner Schwesterstädte stehen
-zwar malerisch auf einem Vorgebirge, du auf einer flachen Landzunge;
-aber du hast, was jene nicht haben, einige moderne Bauten.
-
-Ich ziehe meinen Touristenhut ab vor deinem Dom, der dreizehn und ein
-halbes Jahrhundert an sich vorübergehen sah. Allein wäre er nicht
-von Stein gewesen, dann hätte er wohl in Jammer und Elend gewankt,
-als vor fünfhundert Jahren die Pest deine Kinder, junge und alte, zu
-Tausenden würgte und die letzten Dreihundert knierutschend zu deiner
-Schutzheiligen flehten: Heilige Eufrasia, schone uns!
-
-Die Heilige tat ein Einsehen; sie schonte die Dreihundert, und heute
-sind's wieder fast dreitausend. Sie bauen Schiffe, sie verkaufen Wein
-und Holz, sie schleppen die Netze, ein Bischof segnet ihre Arbeit,
-und nie ist's schöner bei dir zu wohnen, als wenn die dreiunddreißig
-Landräte von Istrien durch deine Gassen wimmeln und dem Wohle des
-Landes nicht schaden. Fürwahr, du bist nicht die Kleinste von Istrien!«
-
-Da rollten die Matrosen eben wieder eine Partie der unvermeidlichen
-Weinfässer ins Schiff; ich mußte meine Füße in Sicherheit bringen und
-brach den stummen Sermon ab, ohne dem Schönsten an Parenzo gerecht
-geworden zu sein, dem vor der Stadt liegenden wunderhübschen Eiland San
-Nicola.
-
-Es ist eine südliche Ufenau! Es stehen zwar keine Fruchtbäume darauf,
-aber viel helles Oliven- und dunkles Lorbeergesträuch; kein Kirchlein
-grüßt vom Fels, aber ein halbzerfallener Turm; kein Ulrich von Hutten
-hat darauf sein einsames Grab, aber wer weiß, ob die Lorbeeren von San
-Nicola nicht über einem toten Helden rauschen?
-
-Unser Schraubendämpferchen zischte wieder; ade Parenzo! ade San Nicola!
-
-Ist die felsige, flache Küste von Cap Salvore bis Parenzo reizlos,
-so entschädigt, wenn man das grüne Eiland im Süden umfahren hat, die
-entzückende Fahrt durch den Scoglienarchipel den Touristen vollauf!
-
-»Eine Schweiz im Wasser!« Ich kann nicht mehr sagen, welcher
-Reiseschriftsteller diese Bezeichnung für das liebliche Wirrsal kleiner
-Inseln aufgebracht hat. Der seltsame Reiz, den diese Felseneilande
-auf das Auge üben, kann allerdings mit demjenigen einer schönen
-Schweizerlandschaft verglichen werden; aber Schweizerisches ist nichts
-daran.
-
-»Ein Karst im Wasser!« Damit hätte man wenigstens die geologische
-Eigenart dieser Inseln charakterisiert; aber Karst sind nur die
-furchtbar verwaschenen Felsenfundamente, die malerischen Riffe und
-Wellenbrecher, die sie der hereinflutenden See entgegenstellen. Die
-Rasendecke dagegen, die bald wie ein Teppich und bald nur wie ein
-Häubchen die Scoglien deckt, die malerischen Baumgruppen, die kleinen
-Fischerhäuser sind zu anmutig, als daß man sie in eine Karstlandschaft
-einfügen dürfte; sie sind mit der blauen Flut und dem öden Fels ein
-einzig schönes Meeridyll. Den großen Meerschiffen sind die Scoglien
-verschlossen, und selbst das kleine Küstenschiff krümmt und windet
-sich mit Mühe durch die Kanäle, welche den Archipel labyrinthisch
-durchziehen, bald sich zum Engpaß schließen, bald zum freundlichen
-Bild eines Binnensees ausweiten, hier den Blick auf ein kleines
-Landschaftsbild begrenzen und dort dem Auge den Durchblick auf das
-ruhig-große Meer erschließen.
-
-Wenn aber die See rast, und die sturmgepeitschten Wogen an den Scoglien
-zerschellen, dann mag die stille Schönheit dieser Inseln einem
-furchtbaren Bilde weichen. Darum wächst auf diesen Felseneilanden ein
-Lotsengeschlecht, dessen Ruhm an der Adria kein anderes verdunkelt.
-
-Der Lotse zur See, der Führer im Hochgebirge, sie beide stehen im
-Dienste des Lebens anderer, und manch einer, dessen Name in der großen
-Welt mächtig widerhallt, wäre kaum würdig, diesen schlichten Helden,
-von denen man wenig singt und sagt, auch nur die Schuhriemen zu lösen!
-
-Da, wo sich die kleinen Inseln am dichtesten drängen, hängt das
-Städtchen Orsera an steiler Küstenhöhe. Nicht gar fern davon schneidet
-eine schmale Felsenbucht tief ins Land. Es ist der Canale di Leme, ein
-in den Süden versetzter norwegischer Fjord.
-
-Nun sieh dort das Heiligenbild, das hoch vom fernen Campanile glitzert
-und glänzt! Das ist Sant' Eufemia im Strahlenkranz, die Schutzheilige
-von Rovigno, der Stadt, die ich grüßen soll, und ich grüße sie gern;
-denn ein Hauch südlicher Romantik webt über ihr und ihrem gewaltigen
-Dom, der, auf dem Vorgebirge stehend, all die Profanhäuser der Stadt,
-wie eine Henne die Küchlein, um sich sammelt.
-
-Ein Rätsel ist mir nicht gelöst worden, nämlich warum die Rovignesen
-vor anderthalbhundert Jahren ihren alten Schutzpatron, den heiligen
-Georg, der doch als wackerer Kriegsmann während mehr als einem
-Jahrtausend die Stadt vor Sarazeneneinfall, Ungarwut und Pest gehütet,
-als Schutzpatron abgesetzt und sich unter den Schirm einer Heiligen
-gestellt haben. Ich vermutete indes, daß es als eine Huldigung an die
-schönen Frauen Rovignos geschah, die sich so seltsam und reizend zu
-kleiden verstehen.
-
-Welche unserer Damen weiß, was eine »Vestura« ist? Ein leichter,
-luftiger Überwurf, der wie eine rückwärts gebundene Schürze empor
-gezogen wird und, ähnlich wie ein venetianischer Schleier über Scheitel
-und Oberkörper gewunden, Antlitz und Büste duftig schmückt.
-
-Es war schon Nachmittag, als unser Schiff an der hübschen Insel San
-Catterina vorbei, welche sich als ein natürlicher Wellenbrecher vor
-dem Hafen Rovignos lagert, in die südlichen Scoglien steuerte. Sie
-sind größer und vegetationsreicher als die nördlichen, und bergen hie
-und da unter dem Schutze eines kleinen Hügels an blauer Meerbucht ein
-schimmerndes Fischerdörfchen. Ja selbst die Rauchwolken aus dem Schlote
-einer Zementfabrik ziehen über die Olivenwäldchen von Sant' Andrea,
-einer größern Insel in der Nähe Rovignos.
-
-Allein sie stören den märchenträumenden Frieden des stillen
-Meergeländes nur einen Augenblick; denn
-
- »Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde
- Klingen Abendglocken dumpf und matt,
- Uns zu geben wunderbare Kunde
- Von der schönen, alten Stadt.
- In der Fluten Schoß hinabgesunken
- Blieben ihre Trümmer stehn:
- Ihre Zinnen lassen goldne Funken
- Wiederscheinend auf dem Spiegel sehn.«
-
-So meldet eine Schiffersage auf San Giovanni, und das Merkwürdigste
-daran ist der Umstand, daß einige von den Inselnbewohnern vorgewiesene
-Funde ihr einen realen Hintergrund zu geben scheinen.
-
-Sodom, Gomorrha, Stavoren, Vineta, und hier eine schicksalsverwandte
-Stadt, deren Name selbst vergangen ist! Es mag merkwürdig zugehen, wenn
-am jüngsten Tage das Meer seine Toten ausspeit!
-
-Ich beugte mich über den Rand des Schiffes, um nach den versunkenen
-Türmen und Dächern zu spähen. Eine Qualle, die wie eine zierliche
-Hängelampe mit ausgespanntem Schirm durch die Meerflut zog, wollte mir
-dazu leuchten; allein das Schiff fuhr vorbei, die schöne Meerampel
-verschwand, und es ging mir, wie es vielen schon gegangen -- ich habe
-das istrianische Vineta nicht gesehen.
-
-Südlich vom Scoglienarchipel sticht das Fahrzeug in den Kanal
-von Fasana, der sich wie ein breiter, ruhiger Strom zwischen den
-Klippen des Festlandes und dem grünen Teppich der brionischen Inseln
-durchwindet. Um drei Uhr erreichten wir die kleine Stadt, deren
-Name sich auf den Meeresarm übertragen hat, und sahen auch Perri,
-die bocchesisch-montenegrinische Kolonie, die rings umgeben von
-istrianischen Volkselementen den heimatlichen Typus fast unversehrt
-behalten hat.
-
-Bald sind wir in Pola. Dort auf der größten der Inseln, auf der Brion
-grande dräut von der höchsten Hügelkuppe das erste Festungswerk. Es
-führt den ehrenvollen Namen Tegethoffs, des Siegers von Lissa, der sich
-ruhmbedeckt in die Kriegsgeschichte von 1866 eingetragen hat; denn hier
-am Kanal von Fasana hat der kühne Admiral sein Geschwader, für dessen
-Kriegstüchtigkeit ganz Österreich bangte, gesammelt und es von hier aus
-zur heißen Seeschlacht bei der dalmatinischen Insel geführt.
-
-An dem Eiland San Girolomo vorbei kamen wir in die Bucht von Pola. Sie
-könnte mit der blauen, ruhsamen Flut, den grünen Hügeln, welche sie
-umkränzen, ein idyllisches Meerbild genannt werden, schaute nicht von
-den Uferhöhen Fort an Fort auf den stillen Golf und blickten nicht
-hundert Mündungen blanker Stahlgeschosse aus den engen Schießscharten
-der Festungsrondellen auf den Wasserspiegel, die das Friedensbild zum
-furchtbaren Festungsrayon verwandeln.
-
-Die Bucht weitet sich birnenförmig aus. In ihrem Hintergrund liegt
-der von Barken belebte Handelshafen von Pola und südöstlich, durch
-die Oliveninsel und ein anderes kleines Eiland abgeschlossen, der
-eigentliche Kriegshafen, wo die abgetäuten Panzerschiffe schwimmen.
-Die Stadt lagert sich staffelartig um einen zwischen den Häfen
-vorspringenden Hügel.
-
-Das Erste, was der Reisende von Pola erblickt, ist die Kolossalruine
-des römischen Amphitheaters, das den Sturm fast zweier Jahrtausende
-überdauert hat. Ernst und beschaulich sieht es auf den Golf, wo sich
-eine moderne Großmacht mit ihrer Seewehr brüstet.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn.
-
-
-Vor undenklichen Zeiten fuhren im fernen Osten, wo die ersten Menschen
-gewachsen sind, zwei Fischer in ihren Einbäumen auf eine Meerbucht
-hinaus. Der eine machte einen guten Fang; die Netze des andern blieben
-leer. Da wurde dieser neidisch und zornmütig. Es entstand ein Streit,
-und der Stärkere schlug den Schwächern tot.
-
-Das war der erste Seekrieg!
-
-Man weiß nicht, wann die Kunst, Menschen auf dem Meere totzuschlagen,
-in den Westen gewandert ist. Den Kampf im Einbaum hat man schon lange
-aufgegeben. Die aufstrebenden, schaffensfreudigen Völker Europas haben
-jetzt andere Kriegswerkzeuge zur See: Panzer, Torpedos und gezogene
-Kanonen.
-
-Ein Einbaum und ein modernes Kriegsschiff gleichen sich wenig; aber
-heute noch wird der Stärkere über den Schwächern Meister. Darum will
-jedes Volk stark sein. Es läßt zu diesem Zwecke die Künste, die
-Wissenschaften darben; es legt die Nerven der Industrie lahm; es
-opfert den Segen des Landbaues; es unterbindet den Handel; es begräbt
-das Nationalvermögen in Festungen, Kasernen, Panzerschiffe und wirft
-die Blüte der Männer hinein.
-
-Das ist der moderne Militarismus!
-
-Wo ein Reich ein schönes Stück Nationalvermögen hingegeben an den
-angenehmen Gedanken, stark zu sein, stand ich jetzt, am Kriegshafen der
-österreichisch-ungarischen Monarchie, am Quai von Pola, und dachte an
-die Leberknödel meiner lieben Wirtin zu Monfalcone.
-
-Ich will es nur gestehen, daß mir im frischen Hauch der Meerluft ein
-gutes Beefsteak, ein Nierenbraten, eine Ganskeule oder ein Presciutto
-stets als besonders begehrenswerte Dinge vorgekommen sind. In Pola
-bekam ich für Geld und gute Worte etwas Lämmernes, und es wurde
-mir davon sehr friedlich zu Mute. Allein nun galt's, den Tag noch
-auszunutzen!
-
-Nachdem ich in einem Hotel ein Zimmer bestellt, stand ich etwas vor
-vier Uhr am Eingangstor zu den Werkstätten des k. k. See-Arsenals.
-Sie ziehen sich in der Länge eines Kilometers am südlichen Ufer der
-Bucht von Pola hin, während die Etablissemente für den Schiffsbau und
-die Docks den Scoglio olivi, eine der Stadt zu Füßen liegende Insel,
-bedecken.
-
-Nirgends findet der Fremde ein freundlicheres Entgegenkommen als
-in Österreich. Die einfache Visitenkarte öffnet ihm, sofern nicht
-Glieder des Herrscherhauses selber da sind, die kaiserlichen
-Schlösser; sie genügt auch, um Eintritt ins Seearsenal zu erlangen.
-Als Führer wurde mir ein junger, hübscher Mann in Unteroffizierstenue
-vorgestellt, und ich war angenehm überrascht, statt des langweilig
-pathetischen Erklärungstones der italienischen Ciceroni ein gemütliches
-Grazerdeutsch zu hören.
-
-So wanderten wir denn. Schon im Waffensaal, wo die großen Geschütze
-in Reih und Glied stehen, die Bomben und Granaten zu Tausenden
-kunstreich geschichtet auf ihren Lagern liegen, wird dem Laien ganz
-kriegsandächtig zu Mute. Allein erst im Marine-Museum, wo alle die
-verschiedenen Dinge, die zur Flotte und ihrer Geschichte eine Beziehung
-haben, in einer Flucht von Gemächern aufgestapelt liegen, offenbart
-sich ihm vom Schlachtenhandwerk zur See ein Stück intimen Lebens.
-
-Besonders fesselnd ist die Menge zierlicher Schiffsmodelle, die
-eigentliche Kunstwerke der Kleintechnik sind. Sie gewähren in ihrer
-Gesamtheit ein lehrreiches Bild von jenem gewaltigen Umschwunge, der
-sich in den letzten dreißig Jahren im Marinewesen vollzogen hat. An
-manch eines der ältern ließe sich eine fesselnde Schiffsgeschichte
-knüpfen. Viele Schiffe, deren Modelle hier noch ein lebhaftes Interesse
-erregen, stehen entmastet, zu einem Warenlager oder Pulvermagazin
-erniedrigt irgendwo im letzten Hafen oder fahren, von der Verwaltung
-ausrangiert, neu aufgeputzt und neu bewimpelt, unter der Flagge irgend
-einer halbzivilisierten Macht, die den Marinesport der europäischen
-Nationen nachahmen will.
-
-Auch ein Schiff hat sein Schicksal. Vielleicht keines ein traurigeres
-als die »Maria Anna«, einer der schönsten Kriegsdampfer. Zwischen
-Triest und Venedig kreuzend, verschwand sie mit ihrer Mannschaft an
-einem stürmischen Märztage des Jahres 1852, ohne daß es je gelungen
-wäre, Bestimmtes über ihren Untergang zu erfahren.
-
-Was immer die österreich-ungarische Flotte auf ihren Kreuz- und
-Querzügen durch die Meere an nautischen Gegenständen von fremden
-Küsten hergetragen, indianische Canoes und figurenbedeckte asiatische
-Fahrzeuge, das liegt hier aufbewahrt. An den Wänden und in Schreinen
-hangen die Trophäen aus den Seetreffen älterer und neuerer Zeit, die
-blauweiße Flagge, die Don Juan von Österreich in der Schlacht von
-Lepanto im Jahre 1571 auf seinem Admiralschiff führte, und zahlreiche
-tunesische, marokkanische und egyptische Wimpel aus den Jahren 1829 und
-1830.
-
-Mit besonderer Sorgfalt sind die Trophäen aus der Seeschlacht von Lissa
-und mannigfache Erinnerungszeichen an Admiral Tegethoff, Uniformen,
-Feldzeichen, Orden, Lorbeerkränze aufbewahrt worden. Sie mahnen aus
-ihren Glasschränken heraus an jene blutig bewegten Tage, da Österreich
-unter dem furchtbaren Eindruck der Niederlage von Königgrätz, trotzdem
-es in jenem Doppelkrieg sich Italien gegenüber zu Land und zur See
-siegreich behauptet hatte, das reiche Venetien durch die Vermittlung
-Napoleons ~III.~ dem ~re galant' uomo~ hingab.
-
-Nun traten wir in die Artilleriewerkstätten, wo ein Arbeiterbataillon
-hämmert und feilt, hobelt und bohrt, poliert und dreht. Was bereiten
-denn diese hundert und hundert emsigen Gesellen, diese rollenden
-Maschinen? Was wird aus den hochgeschichteten Stößen von Erz, was aus
-den brodelnden Metallmassen, die aus den Öfen zischend in die Formen
-schießen?
-
-Waffen; allein wo das Torpedo, die furchtbarste Wehr zur See, bereitet
-wird, da führt man keinen Uneingeweihten hin.
-
-Wer sich nicht ganz vom Militärevangelium der Gegenwart den Verstand
-hat berauschen lassen, hat ohnehin genug gesehen. Ein Protest gegen den
-Krieg, die vom Staat und dem Patriotismus geheiligte, von den Dichtern
-verherrlichte, große Menschenschlächterei geht an diesem Orte, wo ohne
-Unterlaß die Werkzeuge zum Massenmord bereitet werden, durch seine
-Seele.
-
-Doch sieh, da sind wir ja aus dem sinnbetäubenden Rasseln und Dröhnen
-der rußigen Werkstätten in ein friedliches Asyl, in eine große
-Schneiderwerkstätte gekommen. Das ist der Saal der Segelmacher, wo man
-den schweren Kriegsdampfern die leichten Schwingen zurechtschneidet,
-für die hochragenden Masten die rot-weiß-rot gestreiften Kriegs-
-und für den Manövrierdienst die verschiedenfarbigen Signalflaggen
-zusammensetzt. Man könnte bei dem Anblick der vielen farbigen Tücher,
-der bunten Nationalbanner aller Seemächte, fast auf den Gedanken
-kommen, daß hier die Kostüme für eine große Maskerade oder die Wimpel
-für ein Fest vorbereitet werden. Es ist aber alles blutiger Ernst!
-
-Am chemischen Laboratorium vorbei, wo man die Sprenggeschosse
-füllt, kommen wir ins Aus- und Abrüstungsmagazin, in dessen Kammern
-jene unzähligen Gegenstände in Depot liegen, deren ein Schiff, um
-segelfertig zu werden, bedarf. Hier liegt auch jenes Boot aufbewahrt,
-in welchem die Nordpolfahrer Weyprecht und Payer mit ihren Gefährten
-im Jahre 1874 nach zweijährigem Aufenthalt im äußersten Norden
-den schwierigen Rückzug nach Novaja Semlja ausführten, als das
-Expeditionsschiff »Tegethoff« in eine Eisscholle eingefroren unrettbar
-nach Norden trieb. Sechsundneunzig Tage brachte die Mannschaft mit
-ihren braven Führern, die das Franz-Josephs-Land entdeckt, in dem
-kleinen Fahrzeuge zu, bis die immer südwärts Steuernden an der Küste
-von Novaja Semlja einen russischen Schooner entdeckten, der sie in den
-Hafen Vardóe in Schweden brachte.
-
-Ein Blick noch auf die gewaltigen Vorräte von Mastenholz, jene
-geschundenen Riesentannen des Alpenwaldes, die sich auf dem Meer in
-Heimweh härmen, ein Blick noch auf die Bootswerfte, wo die kleinern
-Schiffe gebaut werden, und wir wanderten längs des im Abendschein
-vergoldeten Meeres allmählich zurück, hier rasch ins Ketten- und
-Ankermagazin tretend, dort das Bootsmagazin musternd, wo eine Menge
-kleinerer Fahrzeuge über und nebeneinander aufgeschichtet liegen, bis
-zu dem gewaltigen Scherenkrahn, der von anständiger Kirchturmshöhe ist
-und Lasten von über tausend Zentnern Gewicht auf die Kriegsschiffe
-überträgt. Nicht weit davon ist die gewaltige Kesselschmiede und der
-Maschinensaal mit einem Anhang weitläufiger Nebenwerkstätten.
-
-Die Uhrenfabrikation und der Schiffsbau bezeichnen zwei Pole der
-Industrie. Dort müht sich der Arbeiter mit der Loupe an dem kleinsten,
-hier mit dem dampfgetriebenen Krahne an dem größten mechanisch
-Darstellbaren.
-
-Hier geht alles ins Kolossale. Der Arbeiter ist im Vergleich zu den
-Maschinen, an denen er hantiert, eine Ameise, während die Hämmer,
-welche die Panzerplatten schmieden, die Werkzeuge von Kyklopen zu
-sein scheinen. Staunend schaut der Fremde eine Weile in das tosende,
-riesenhafte Getriebe; dann wendet er sich gern wieder ab. Es liegt
-etwas Übermenschliches, an den Vulkanmythus Mahnendes, etwas
-Beängstigendes in diesen donnernden, sausenden, singenden und ächzenden
-Kolossalmaschinen.
-
-Ich atmete auf, als ich wieder draußen auf der Hafenstraße von Pola
-stand. Sie war reich belebt von spazierenden Militärs. Ich ließ mich
-ohne Rast zum Scoglio olivi hinüberstoßen, wo in zwei weiten eisernen
-Hallen die Werften für den Kriegsschiffbau liegen. Ein Kriegsschiff
-war nicht im Baue; hingegen lag auf einem der beiden Trockendocks ein
-Panzerschiff in Reparatur und glich, wie es da außer Wasser stand,
-einem gestrandeten Walfisch.
-
-Der augenfällige Unterschied zwischen einem Handels- und einem
-Kriegsschiff besteht darin, daß die schwimmende Festung statt der
-vielen Kajütenfenster nur eine Reihe viereckiger Öffnungen zeigt, durch
-die ebenso viele Kanonenmündungen blitzen, und daß auf dem Deck ein
-oder zwei drehbare Panzertürme, runden Kesseln nicht unähnlich, mit
-Schießlucken stehen. Wirklich schwer gepanzert ist es nur etwa zwei
-Meter über und unter der Wasserlinie und da, wo die Werke zum Drehen
-der Türme stehen.
-
-Das Balancedock ist ein ungeheurer Kasten, der wie ein Schiff auf
-dem Meere schwimmt, aber durch Einpumpen von Wasser derart versenkt
-werden kann, daß das größte Kriegsschiff zwischen seinen Seitenwänden
-einfahren kann, worauf das Schiff durch das Auspumpen des Wassers im
-Dock ins Trockene gehoben wird.
-
-Nicht minder merkwürdig ist der »Zyklop«, ein Werkstättenschiff,
-welches die Arbeitsräume und Maschinen für die Reparatur der
-Marineboote enthält. Es ist ein schwimmendes Arsenal, welches ein in
-die See stechendes Geschwader begleiten kann.
-
-Der Tag ging zur Neige, als ich meinen Gang durch das Arsenal beendet
-hatte. Um von dem Städtchen noch etwas zu sehen, verzichtete ich
-auf eine Kahnfahrt nach dem Kriegshafen, wie sie mir mein Führer
-vorgeschlagen hatte; ich begnügte mich, den grauen, stählernen
-Ungeheuern mit den Kanonenmündungen von ferne meine Reverenz zu
-erweisen.
-
-Während mich der Führer zurückruderte, genoß ich den reizenden Anblick
-des sich an den südlichen Hügelstufen emporbauenden Stadtbildes von
-Pola.
-
-Der Ort selber ist uralt; denn unter dem Namen Pietas Julia blühte
-hier eine römische Kolonie, und im Mittelalter beherrschten von hier
-aus die Markgrafen von Istrien ihr Land; aber in gewissem Sinne ist
-es doch der Benjamin der istrianischen Städte. Nachdem es im 13.
-und 14. Jahrhundert bald von den Venetianern, bald von den Genuesen
-verwüstet und im 17. von der Pest entvölkert worden war, so daß es kaum
-mehr ein halbes Tausend Einwohner zählte, ist es erst durch Anlage
-des Kriegshafens und zum großen Teil auf Kosten der istrianischen
-Schwesterstädte wieder ein Gemeinwesen von einiger Bedeutung geworden
-und zählt gegenwärtig etwas über 10000 Einwohner.
-
-Seine Geschichte bringt es mit sich, daß sich in der Stadt Altes und
-Neues aufs wunderlichste mischen, daß fast an jedem Plätzchen eine alte
-Historie klebt.
-
-Hier sollen Jason und Medea auf ihrer Flucht vor den Kolchiern
-gerastet, dort die schöne Cenide mit dem jugendlichen Vespasian einen
-erotischen Roman durchlebt haben; am dritten Ort zeigt man die Stelle,
-wo am Charfreitag 1271 die Familie der Sergier, die als erbliche
-Generalkapitäne die Stadt verwalteten, vom Volke meuchelmörderisch
-niedergemacht worden ist.
-
-Vielleicht die interessanteste dieser Erinnerungen aber hat der Ort
-da, wo jetzt mit leuchtender Front die Infanteriekaserne auf den Golf
-herniederschaut; denn hier stand im Altertum ein Venustempel, im
-Mittelalter ein Nonnenkloster, jetzt also eine Militäranstalt.
-
- »Und aber nach fünfhundert Jahren,
- Als ich desselbigen Wegs gefahren« -- -- --
-
-Kann man sich eine lebendigere Illustration zur Sage von »Chidher, dem
-Ewigjungen«, denken?
-
-Auf einem Hügel oberhalb der Kaserne erhebt sich das alte venetianische
-Kastell, und nicht weit davon steht eines der sehenswertesten
-Altertümer: die zierliche Triumphpforte, welche Salvia Postumia ihrem
-Gemahl, dem Tribunen Servius Lucius, und dessen Verwandten errichtet
-hat. Das vollkommen freistehende, von einem prächtigen Rostton
-überzogene Denkmal gehört mit seinen paarweise geordneten korinthischen
-Säulen und dem stark vortretenden, von etwas Strauchwerk umwucherten
-Gesimse der besten Zeit römischer Baukunst an.
-
-Ebenso schön ist ein anderes ganz in den Häusern verstecktes römisches
-Denkmal: ein eleganter Tempel des Augustus und der Roma, ein wunderbar
-wohlerhaltener Bau, obgleich er unter den wechselnden Besitzern von
-Pola schon als Kirche und als Kornkammer gebraucht wurde. Noch liest
-man an dem Fries der von sechs korinthischen Säulen gebildeten Vorhalle
-die Widmungsinschrift »~Patri Patriæ~«, und die zierliche Ornamentik
-des Giebels hat durch den Verwitterungsvorgang von fast zwanzig
-Jahrhunderten -- der Tempel wurde im Jahre 8 gebaut -- nicht wesentlich
-gelitten.
-
-Neben diesem 13 Meter hohen Bau stand im Altertum ein anderes
-Heiligtum, der Tempel der Diana, von welchem aber nur die Rückseite
-auf uns gekommen ist; denn in seine Vorderseite hinein ist nicht
-ohne Geschick das Stadthaus von Pola, ein anmutiger Palast in
-maurisch-gotischem Stil, gebaut worden. Vor seiner Parterreloggia liegt
-der Hauptplatz von Pola, das antike Forum.
-
-Vom Triumphbogen der Sergier zieht sich die mit Kastanienbäumen
-besetzte Ringstraße um das Kastell her gegen den innersten Teil des
-Hafens und gegen das Amphitheater hinab.
-
-Dieses kann sich zwar an Größe mit demjenigen von Verona nicht messen;
-denn die Maßverhältnisse sind fast ein Drittel geringer als am »Haus
-Dietrichs von Bern«; immerhin beträgt die Länge seines Ovals 120, die
-Breite 96 Meter und sein Raum faßte über 20000 Personen. Von all den
-Arenen des Südens ist sie die einzige im Außenbau erhaltene, während
-man freilich, um ein Bild ihres ausgeplünderten Inneren zu gewinnen,
-das Bild des Amphitheaters an der Etsch zu Hülfe nehmen muß.
-
-Da die Arena, die von der alten römischen Gemeinde um das Jahr 200
-zur Auslösung eines Gelübdes und zu Ehren der Kaiser Septimus Severus
-und Caracalla aufgeführt wurde, am Abhange eines Küstenhügels steht,
-so verkürzt sich der Bau von der Golfseite gegen hinten um die ganze
-Höhe der untersten Bogenreihe, während am zweiten Stockwerk die 72
-Bogen recht schön zur Darstellung kommen. Über den viereckigen,
-fensterartigen Ausschnitten des dritten Stockwerkes krönt eine
-Steingalerie den 24 Meter hohen Bau, an welchem vier turmartige
-Anbauten eine besondere Eigentümlichkeit bilden.
-
-Als ich auf dem Hügel über dem Amphitheater stand, erhaschte ich eben
-noch die letzten Strahlen der scheidenden Sonne, die herrlich durch die
-öden Räume des gewaltigen Baues fluteten. Dann versank das purpurne
-Gestirn in der fernen See; die Dämmer woben über dem Hafenrund von Pola.
-
-Ich setzte mich auf den kurzen Rasen des Hügels, und im Anblick des
-dunkeln Ruinenkolosses sah ich, als hätten sich die Zeiten um mehr denn
-anderthalb Jahrtausende zurückgedreht, ein seltsam Bild.
-
-Römische Männer und Frauen schritten in Toga und Palla zu den vier
-Toren der Arena. Auf den Galerien plauderte viel müßiges Volk:
-Kriegsleute, Freigelassene und Sklaven, und unter Trompetenklängen kam
-von der Pietas Julia die Schar der Gladiatoren gezogen. Nun scholl
-auf zur Loge, wo im Purpurgewand mit müdem Lächeln der junge Kaiser
-saß: »~Ave Caesar, morituri te salutant!~« »Sei gegrüßt, Cäsar, die
-Todbereiten grüßen dich!« »Hie Hyplomachos, hie Thraker.« Nun ein
-erstes Scheingefecht, dann heller Schwertesklang! Der Thraker sinkt in
-die Kniee und hält um sein Leben bittend die Hand empor. Allein das
-Volk will Blut sehen. Der Hyplomachos gibt ihm unter dem wilden Jubel
-der Zuschauer den Todesstoß. Noch haben kaum die Angestellten den
-zuckenden Leichnam versenkt,
-
- »Da speit das doppelt geöffnete Haus
- Zwei Leoparden auf einmal aus.«
-
-Ich kam nicht weiter mit meinem Schiller ...
-
-»Guten Abend, mein Herr, darf ich Sie um etwas Feuer bitten?«
-sagte jemand im feinsten Deutsch zu mir. Ich schnellte aus meinen
-Träumen und von dem Rasenlager empor, und vor mir stand ein hagerer,
-fadenscheiniger Mensch.
-
-»Bitte, bedienen Sie sich.« Allein der Mann sah mich nur mit einer Art
-stummen Jammers an. »Gnädiger Herr«, sagte er dann, »um Gotteswillen,
-bezahlen Sie mir und meiner Frau ein Abendbrot; wir sind deutsche
-Schauspieler und heute sechs Stunden über das Land gewandert; aber
-gegessen haben wir nichts. Erst müssen wir spielen, dann können wir
-essen. -- Mein Gott, was ist das für ein Spielen, wenn man vor Hunger
-zusammenfällt!«
-
-»Wir wollen sehen«, sagte ich und ging mit dem armen Teufel gegen
-den Quai hinunter, als aus dem Schatten der Arena ein junges Weib
-hervortrat.
-
-»So haben wir uns nicht getäuscht«, sagte sie, auf uns zutretend; »der
-gnädige Herr will etwas für uns tun.« Meine Hand ergreifend, wollte sie
-dieselbe küssen.
-
-»Leutchen, aber wie kommen Sie denn überhaupt dazu, mich so zu
-überfallen?« fragte ich halb abwehrend, halb von den erwartungsvollen
-Gesichtern belustigt.
-
-»Verzeihen Sie, wir haben Sie an der Arena vorüber auf den Hügel
-steigen sehen, und ich sagte zu meinem Mann: »Dieser Herr wird uns
-helfen.« Sie haben so ein liebes, gütiges Gesicht. Da sind wir Ihnen
-gefolgt bis zur Höhe«, sprach das junge Weibchen schmeichelnd, aber
-noch ungewiß, ob mich all das rühren werde.
-
-Da die Leutchen mir wirklich mehr arm als gaunerhaft vorkamen und ich
-frei sein wollte, gab ich den beiden zu einem Abendbrot. Sie dankten
-überschwenglich und luden mich, ich weiß nicht mehr wohin, ein, ihr
-Spiel anzusehen. Ich hatte indes Neu-Pola, das sich um einen Hügel
-südlich vom Kastell lagert, einen Besuch zugedacht, und dazu war
-jetzt die rechte Zeit. Über den östlichen Höhen war der volle Mond
-aufgegangen, und die Nacht war so hell und klar, daß ich selbst meinen
-Bädeker, der übrigens von Pola wenig schreibt, ohne Mühe lesen konnte.
-
-So wanderte ich denn hinauf auf die höchste Kuppe zur Sternwarte, auf
-deren Terrasse das Monument des Admirals Tegethoff, ein prachtvoller
-Erzguß, steht, den Kaiser Franz Joseph im Jahre 1877 errichten ließ.
-»Tapfer kämpfend bei Helgoland, glorreich siegend bei Lissa, erwarb er
-unsterblichen Ruhm sich und Österreichs Seemacht« lautet die Inschrift
-auf dem Sockel des Denkmals, dessen Fuß mit vier allegorischen Figuren
-geschmückt ist.
-
-Wunderschön ist der Standort; denn da liegt nicht nur die Stadt selbst,
-sondern auch der Golf mit den Forts, die ihn umrahmen, und die See, die
-mondbeglänzte, lichtgesättigte, dem Beschauer zu Fuß.
-
-Dann führte mich der Weg hinab zu reizenden Baum- und Buschanlagen, wo
-im tiefsten Parkfrieden das Maximiliansmonument, eine zu jeder Seite
-mit drei Schiffsschnäbeln gezierte, schlanke Säule, steht, die von
-einer geflügelten, auf einer Kugel stehenden Viktoria bekrönt ist.
-
-Ich habe die Figur im ersten Augenblick für eine Fortuna gehalten,
-hat doch der unglückliche Kaiser von Mexiko mehr von der Macht
-der launenhaften, flüchtigen Göttin des Glückes als von der
-lorbeerspendenden des Sieges erfahren, zu deren Bildnis sich die
-mexikanische Kaisergeschichte wie eine bittere Satire ausnimmt.
-
-Nachdem ich Pola im Mondschein noch mehrmals durchstreift, ging ich
-ermüdet von der Triumphpforte der Sergier gegen den Quai hinunter. Da
-hörte ich aus einer Schenke die Stimme einer Sängerin. Sie sang das
-Lied: »Komm, flieh mit mir und sei mein Weib.« Ich hörte stillstehend
-zu, bis die Schlußworte »verdorben, gestorben« verklungen waren. Als
-eben eine Schar Seeleute dem Gesang händeklatschend ihren Beifall gab,
-trat ich ein.
-
-Es war der Schauspieler und sein Weib, die ich auf so seltsame Art
-bei der Arena kennen gelernt hatte, welche in dem raucherfüllten,
-nicht sonderlich reinen Raume sangen. Man trank ein leidliches Bier,
-und in eine Ecke gedrückt hörte ich den Deklamationen und Gesängen
-des armseligen jungen Künstlerpaares zu. Gewiß hatten diese Leutchen
-schon bessere Gesellschaft gesehen. Hier leuchtete ihnen kein
-Stern. Plötzlich verlangten die Italiener unter den Seeleuten einen
-italienischen Vortrag, und das ausgehungerte Paar war in größter
-Verlegenheit. Jeder Versuch einer weitern deutschen Deklamation wurde
-durch italienische Gesänge vereitelt, der Wirt hob die Vorstellung
-auf, und mit der unglücklichsten Miene von der Welt eilte der deutsche
-Schauspieler mit seinem Weibe davon.
-
-Es war mir selbst unbehaglich geworden; denn die Deutschen und die
-Italiener suchten sich gegenseitig mit ihren Liedern zu übertönen
-und einige Minuten nach der abgebrochenen Vorstellung suchte auch
-ich meinen Gasthof auf und nahm mir vor, bis um fünf Uhr morgens so
-fest zu schlafen, wie daheim bei der Mutter. Das Bett war wirklich
-vortrefflich; allein ich hatte meine Rechnung ohne die Plagegeister
-des Südens gemacht. Schon bald nach Mitternacht erwachte ich von einem
-Schmerz, wie wenn ich im dichtesten Nesselbusche läge, und als ich
-Licht machte und die Decke zurückschlug, rannten eben die letzten der
-braunroten Halbflügler davon.
-
-Ratlos stand ich am Fenster und sah zum Mond hinauf, der ruhsam über
-die Dächer von Pola zog. Draußen lag eine lichtvolle sommerlich warme
-Nacht. »Ruhe findest du hier keine mehr«, sagte ich mir; »wie wär's,
-wenn du hinauswandertest, einsam wandertest in das fremde, mondhelle
-Land?«
-
-Der Gedanke hatte etwas Romantisches; ich widerstand ihm nicht lange
-und das Türschloß des Gasthofes auch nicht. So zog ich denn hinaus, ein
-stiller Gänger, am Amphitheater vorbei hinauf auf das Plateau und immer
-südwärts über die öden Karstgründe dahin.
-
-Wer nie so menschenverlassen gewandert ist, der faßt kaum die Poesie
-eines solchen nächtlichen Streifzuges. Sie läßt sich in Worten nicht
-wiedergeben. Die Steinklippen, die Ränder der Mulden, selbst das Laub
-des Gesträuchs leuchteten mit einem fahlen Schein; auch nicht ein
-Mensch begegnete mir; nur in einem fernen schlafenden Gehöfte schlug
-ein Hund an, um sich dann rasch wieder zu beruhigen.
-
-Und doch war die Einöde fern und nah tonerfüllt. Sangen die Zikaden,
-sangen die Vögel im Traume? Ich glaube das letztere. Als der
-Morgen kam, da klangen über dem gottverlassenen Karstlande, in den
-Steinwinkeln und in der Bläue der Luft so viele Vogellieder, daß ich
-mich nur wundern mußte, in dem Gefelse ein so reiches Tierleben zu
-finden.
-
-Trotzdem ich ohne Hast gegangen war, stand ich um vier Uhr auf einer
-Uferhöhe, nicht fern von Medolina, das an einer lieblichen Bucht ganz
-im Süden der Halbinsel liegt.
-
-Schon stritten sich Mondlicht und Dämmerschein und als eine schwarze
-Felsenbarre zog sich die äußerste Spitze von Istrien -- Promontore --
-und der Scoglio Porer in das perlmutterglänzende Meer hinaus. Fern im
-Osten über dem Quarnero stieg die Sonne groß und golden aus der See
-empor und umflutete die Küstenhöhen mit einer Garbe jungen Lichts; dann
-wurden auf dem Meer Segel sichtbar; die Flut selber war überhaucht von
-Sonnengold.
-
-So führt im hellenischen Mythus Helios seinen goldenen Wagen über das
-Meer herauf.
-
-Von einer immergrünen Eiche steckte ich mir ein Zweiglein auf den Hut;
-dann wanderte ich schneller, als ich gekommen war, nach Pola zurück.
-
-Auf dem Wege dahin sah ich ein istrianisches Idyll: Eine junge Bäuerin,
-die, auf einer Eselin sitzend, mit der einen Hand die Kunkel hielt, mit
-der andern ein grobes Baumwollgarn spann und eine Ziegenherde vor sich
-her trieb.
-
-Noch mehr aber als dieses Bild erheiterte mich die Überraschung, die
-sich auf dem Gesichte meines Wirtes spiegelte, als ich mit allen Spuren
-einer Morgenwanderung vor ihn trat. Er schwur hoch und teuer, daß es in
-seinem Hause keine Wanzen gebe; als ich aber meine Rechnung bezahlte,
-bat er mich, es keinem Menschen zu verraten, daß ich bei ihm schlecht
-geschlafen habe.
-
-Nach dem Frühstück eilte ich auf das Dampfboot, wo ich kaum eine Minute
-vor der Abfahrt anlangte. Als dasselbe aus dem Hafen manövrierte, sah
-ich die Sängerin von gestern abend zwischen ein paar großen Weinfässern
-des zweiten Platzes kauern. Erst jetzt fiel mir so recht auf, wie
-jung, kaum über die zwanzig Jahre, und wie erbarmungswürdig das Wesen
-in seinem schwarzen Kleide dreinsah. Als sie sich jedoch von mir
-beobachtet fühlte, da stieg eine tiefe Röte in ihr Gesicht; meine
-Entdeckung schien sie peinlich zu berühren. Dann aber kam sie plötzlich
-auf mich zu.
-
-»Wir haben uns getrennt«, sagte sie; »wir waren in Wahrheit nur so weit
-hinabgewandert, um uns im Meer das Leben zu nehmen; allein der Tod tut
-weh! Ich gehe heim in die Steiermark; denn ich habe einen Vater und
-eine Mutter dort. Zu ihnen will ich zurückkehren und will arbeiten.
-Ich bin ihnen fortgelaufen. Der Sänger ist nicht mein Mann; aber wir
-hatten einander lieb. Er war immer gut mit mir, und gestern nacht,
-als ich weinte und mich das Heimweh überkam, da schenkte er mir die
-ganze gestrige Einnahme und sagte: »So geh, du mein armes, armes Kind;
-ich darf dich nicht länger halten!« Mein Gott, was wird aus ihm jetzt
-werden! Er wird allein tun, was wir zusammen nicht vollbringen konnten.
-Er hat keinen Halt mehr; ich hätte ihn nicht verlassen sollen.« Sie
-hatte das letztere mehr zu sich selbst als zu mir gesagt und lehnte nun
-in stummer Verzweiflung an einen Warenballen.
-
-Bis nach Rovigno hinauf waren ein sehr elegantes, italienisches
-Fräulein, das von Cattaro kam, und ich die einzigen Passagiere erster
-Klasse. Mit steigender Aufmerksamkeit hatte diese junge Dame die eben
-geschilderte Szene beobachtet, und als ich in ihre Nähe kam, erkundigte
-sie sich einläßlich, was dem armen Wesen fehle. »~O poveretta,
-poveretta!~« rief sie, als ich ihr die Umstände der Sängerin erzählte,
-und übernahm an ihr das Amt der barmherzigen Samariterin. Sie
-erledigte sich seiner in einem gebrochenen Deutsch, das man für drollig
-hätte halten können, wäre es nicht die Sprache einer Menschenfreundin
-gewesen, und mit ebenso viel Anmut, als Erfolg; denn als wir uns
-Rovigno näherten, war der Ausdruck dumpfer Verzweiflung in dem Gesichte
-der Steiermärkerin demjenigen einer stillen Ergebung gewichen.
-
-»Ich werde die Arme in Triest in ein Haus begleiten, wo man für
-ihre Heimkehr sorgen wird!« sagte mir die Cattaresin. Kein Mensch
-hätte ihr dankbarer sein können als ich, daß ich endlich einer
-Reisebekanntschaft, die ich dreimal unter den seltsamsten Umständen
-gemacht, auf eine so schickliche Weise ledig wurde.
-
-Bis in die Gegend von Parenzo hatten wir wieder prachtvolle Fahrt
-bei spiegelglatter See; dann aber verdüsterte sich der Himmel, wurde
-bleiern, und ein sengend warmer Scirocco brach ein. Schon in der Gegend
-von Cittanuova schwankte unser Küstendämpferchen bedenklich, und bald
-war die See nah und fern mit weißen Schäumen überdeckt, die gleich
-gescheuchten Herden vor dem Seewind flohen. Es war kein Sturm, aber
-ein Stürmchen, gerade stark genug, um mir noch eine Vorahnung dessen
-zu geben, was zur See schlechtes Wetter heißt. Abgeschlagen und wohl
-auch der Seekrankheit nahe, kam ich in Triest an. Unser Schiff hatte
-zwei Stunden Verspätung, und noch am folgenden und zweitfolgenden Tag
-fühlte ich die Nachwehen der paar Stunden unruhiger Fahrt, ein Gefühl
-des Schwankens, als wäre ich noch zu Schiff.
-
-Und als ich dann zu Monfalcone wieder am Strande stand, das Meer sonnig
-war und glatt, fern und nahe die kleinen und großen Schiffe segelten,
-da dachte ich an das »~male di mare~« wie an ein Erlebtes und wünschte
-glückliche Reise und ruhiges Wetter allen, die hinfahren über das
-schöne, falsche Meer.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-Der Karst und die Grotte von Adelsberg.
-
-
-Es ist etwas Eigenes um jene vielgerühmten Stellen, die zu Zielpunkten
-eines allsommerlichen Touristenstromes geworden sind. Seit sie jedes
-Reisehandbuch bespricht, seit sie nur noch durch die Spießrutengasse
-der Spekulation zu erreichen sind und sich das reisende Volk aller
-Winde an ihnen sammelt, wirken sie auf den selbständigen Touristen
-nur noch mit halber Anziehungskraft. Es mutet ihn an, als ob sie
-durch den ihnen überreich dargebrachten Tribut gelitten hätten, und
-das Reizendste an ihnen, die Frische und Unmittelbarkeit des ersten
-Eindrucks dahin sei.
-
-Allein wochenlang am Karst und in seiner nächsten Nähe zu flanieren,
-mit der größten Gefahr für die lieben Knochen sein Karrengefelse zu
-durchwandern, um einige Fledermaus- und Taubenhöhlen, einige seiner
-in verlorenen Schluchten rauschenden Quellen und kleinen Seen zu
-sehen, ohne einmal das berühmteste unter den vielen Wundern dieses
-eigenartigen Gebirges, die Adelsberger-Grotte, zu schauen, wäre denn
-doch gegen mein Gewissen gegangen.
-
-Sie ist zwar auch eine jener Sammellinsen des Fremdenverkehrs, eines
-jener Schaustücke, an die man mit dem Gefühle herantritt, es möchte
-sich um eine abgegriffene Münze handeln. Als ich sie aber sah, da wurde
-ich aus einem Saulus ein Paulus.
-
-Der frühe Osterschein flutete wonnig auf den blauen Golf von Triest,
-als der Kurierzug meinen liebenswürdigen Gastgeber, Direktor Johannes
-Heer von Monfalcone, und mich aus dem Bereiche voll entfalteten Lenzes,
-aus der klassisch schönen Meerlandschaft von Duino und Miramar in das
-noch winteröde Karsthochland von Nabresina und Sesana trug.
-
-Der Schienenweg dahin bildet eine gewaltige, nach Norden ausweichende
-Schlinge, die sich nach einem vierzig Kilometer langen Weg bei Sesana
-wieder bis auf zwei Stunden dem adriatischen Handelsemporium nähert.
-
-Die fahlen Steinklippen der Gegend von Nabresina erscheinen, nachdem
-man die Duftwellen des Frühlings von Miramar geatmet, unsäglich
-vegetationsarm, ärmer, als sie in Tat und Wahrheit sind; denn das
-Pflanzenleben hat sich in die Dolinen, die merkwürdigen Gesteinskessel
-des Karsts, zurückgezogen. Da feiert es, vor der Bora geschützt, seinen
-einsamen, wenig beobachteten Frühling und bedeckt die rötliche Erde
-dieser Vertiefungen mit dem Schnee fallender Olivenblüten.
-
-Nähert man sich Sesana, so schimmert der weiße Steinobelisk von Obcina,
-der von Triest aus gesehen auf steiler Bergeshöhe steht, horizontal
-über das Plateau her. In dem freundlich aus grauen, wenig bebuschten
-Karren emporsteigenden Ort sind wir bereits drei und ein halbhundert
-Meter über Meer. Ein Hauch des Nordens zieht hier selbst im Sommer,
-wenn Triest zum unausstehlichen Glühkessel wird, durchs Land. Darum
-ist Sesana die Sommerfrische der reichen Triestinerfamilien, deren
-Landhäuser aus kleinen, dem Karst abgerungenen Gärten heraus auf die
-im einzelnen ebenso bizarren, als im ganzen einförmigen Steinklippen
-schauen.
-
-Allmählich geht die Gegend in ein Gebirgsland über, dessen
-Bodenerhebungen nur hügelartig als ein Wirrsal von Geröllkuppen über
-die Landschaft steigen. Als wäre ein weiter, gewaltiger Bergsturz
-über das Land gegangen, starrt, wohin immer der Blick auch streift,
-das lichtgraue, zerklüftete Gefelse auf. Wilder Thymian und andere
-kleine Heidekräuter überwuchern es, ohne die grenzenlose Blöße des
-Landschaftsbildes zu verhüllen.
-
-Der Karst ist ein weites Gebirge; denn der Hirt der Tolmeinberge,
-der seine Ziegen unter dem Predilpasse weiden führt, und der
-montenegrinische Schäfer am Scutarisee hüten ihre Tiere an seinen
-Gehängen. Er bildet abgeschlossene Talbecken, wo ein Seespiegel oder
-ein Wasserfaden glänzt, der aus dem Berge sprudelt, sich lustig im
-Lichte sonnt, bis er sich wieder in einen Höhlengrund stürzt und, dem
-menschlichen Blick entzogen, eine tolle Welt von Tropfstein baut. Die
-Hänge und die Höhen aber dürsten wie der reiche Mann in der Gehenna.
-
-Ein toniger Humus, die ~terra rossa~, füllt die Karstklüfte und Mulden
-aus. Er ist der Träger der Pflanzenwelt und, wo genügend Wasser
-vorhanden ist, ungemein fruchtbar. Man sagt, daß die Bauern auf den
-Miniaturäckern, welche im Grunde der Gebirgstrichter liegen, drei
-Jahre Weizen ernten können, ohne zu düngen. Allein die Felder und
-fruchtbaren Talböden bedecken nur ein Fünftel des Karsts; mehr als die
-Hälfte ist Weide; doch gibt es unter diesen Weiden Flächen von der
-Größe eines Quadratkilometers, wo sich keine Ziege satt fressen könnte;
-der Rest ist Wald, aber stundenweit steht kein armsdicker Baum. Nur
-im Ternovanerwald bei Görz schlägt man noch Mastbäume; im Tiergarten
-von Duino stehen dunkle, große Terebinthen, und in Lippiza bei Sesana
-weiden die Füllen eines Gestüts im Schatten eines Hochwaldes. Der
-übrige Wald ist ein lichtes Gebüsch von Eichen und Wachholder, Ahorn
-und Pappeln, welches die Klippen begrünt.
-
-Auf einer solchen Waldoase ruht das Auge, wenn der Zug an einer
-Berglehne hinbrausend ins Tal der Reka tritt, eines kleinen
-Karstwassers, das seine Wellen plaudernd gegen St. Kanzian
-hinunterträgt, wo es sich in einem Felsenschlund verliert. Man nimmt
-an, daß die Dolinen des Plateau von Nabresina das unterirdische
-Flußbett der Reka zu den drei mächtig aufrauschenden Quellen des Timavo
-andeuten.
-
-Längs der Eisenbahn stehen hölzerne und steinerne Schutzwehren
-gegen die Bora, graue, unheimliche Bauten, die auch dem im goldenen
-Sonnenschein durch den Karst fahrenden Fremden nahe führen, wie wild
-die Geister der Luft in dieser Felswüstenei zuweilen ihre Sturmorgien
-feiern. Zu solchen Zeiten leisten die Bahnangestellten dieser Gegend
-den Sicherungsdienst mit Steigeisen an den Schuhen. Sogar die Gewalt
-der Lokomotive bricht sich zu Winterszeiten hin und wieder an den von
-der Bora geteilten zusammengewehten Schneemassen, so daß der Verkehr
-auf dieser Linie stockt. Dann mögen sich die Reisenden, die in einem
-armseligen Karstdörfchen eingeschneit auf Erlösung warten, sehnsüchtig
-an die Beefsteaks Wiens oder die Meerfische Triests erinnern!
-
-Die Bora steht ebenso sehr durch ihre Kälte als durch die
-explosionsartige Heftigkeit ihrer Stöße in Verruf; allein so erstarrend
-sie auch auf den Körper wirkt, ihre Temperatur sinkt selten auf
-den Gefrierpunkt, und das Kältegefühl, das sie erzeugt, beruht aus
-einem subjektiven Vorgang, auf der durch die Trockenheit des Windes
-hervorgerufenen, lebhaften Verdunstung der Haut.
-
-Man hat, ähnlich wie zur Ergründung des Föhns, zu dem die Bora so
-recht die Kontrasterscheinung bildet, allerlei künstliche Theorien
-herbeigezogen, um ihr Wesen zu erklären; die neueren, meteorologischen
-Forschungen haben indes erwiesen, daß sie einfach der Abfluß eines
-hohen Luftdruckes, der über den Saveländern lagert, gegen das
-Adriabecken ist.
-
-Nirgends tritt die vegetationsertötende Wirkung dieses Windes und die
-grenzenlose Armut des Karsts so überredend vor den Blick, wie bei St.
-Peter, der zweiten Station von Adelsberg.
-
-Überschaut man diese Öde, so glaubt man es kaum, doch ist es
-durch geschichtliche Dokumente bezeugt, daß der Karst einst mit
-nur unterbrochenem Hochwald bestockt war. Im Volke lebt die Sage,
-die Venetianer hätten die gewaltigen Eichenhaine geschlagen, um
-Bauholz für ihre Flotten zu gewinnen. Da sei der Fluch der an die
-Schiffsplanken hingeschmiedeten Galeerensklaven über die Heimat des
-Schiffsholzes gekommen, und die Forste seien abgestanden.
-
-~Vox populi, vox Dei!~ Nur hier nicht. Venedig hat lange vor andern
-Staaten in seinen Provinzen für die Erhaltung des Waldes Sorge
-getragen, und als der Markuslöwe seine Flügel über die Karstländer
-schlug, da war das Hauptwerk der Forstverwüstung bereits getan. Die
-Jahrhunderte alte Schuld trägt die Mißwirtschaft der Gemeinden, der
-Karstbauer mit seinem Weidgang.
-
-Eigentlich virtuos geht man in einigen Gegenden Istriens gegen den
-Wald vor, wo der »~contadino~« nicht warten mag, bis sich durch die
-Wurzeltriebe etwas verkäufliches Staudenwerk gebildet hat, sondern die
-Wurzeln selber ausgräbt und in die nahen Städte zu Markte führt.
-
-Unter dem wenigen Guten, das man dem österreichischen Großgrundbesitz
-nachreden kann, gehört das vielleicht zum Besten, daß er in den
-Karstgegenden am meisten die Kraft besaß, den ursprünglichen Hochwald,
-so die schönen Buchenhaine Oberkrains, in die Gegenwart herüber
-zu retten, während die Gemeinden ihre einstigen Forste, soweit
-sie nicht der vegetationslosen Öde gewichen sind, auf Niederwald
-herabgewirtschaftet haben, der je nach der Holzart alle sieben oder
-vierzehn Jahre geschlagen wird.
-
-Die christliche Legende erzählt, der blinde Missionar Beda habe, von
-einem Knaben irre geführt, einst den Steinen gepredigt; da hätten
-diese statt der Menschen gerufen: »Amen! Amen!« Auch die nackten
-Karstklippen rufen. »Gebirgsvölker, schont den Wald!« rufen sie.
-
-Seit drei Jahrzehnten macht sich eine Bewegung, deren Seele der k.
-k. Forstrat Ritter von Guttenberg ist, für eine Verbesserung der
-Waldverhältnisse des Karstes geltend. Das große Losungswort heißt:
-»Wiederaufforstung« und Gesetz bietet die staatliche Grundlage für die
-Wiederbewaldung wenigstens des küstenländischen Karsts. Man hofft,
-durch diese die Gewalt der Bora zu brechen, die Bodenfeuchtigkeit zu
-vermehren, die seit der Entforstung gesteigerten Gegensätze des Klimas
-zu mildern und nach und nach den durch Gewitterregen weggeschwemmten
-Humus wieder zu gewinnen.
-
-Es liegt etwas Großartiges in diesem Plan. Allein die Anlagen sind
-teuer, und Wien ist weit; ja die Karstgemeinden selber leisten
-Widerstand; der Bauer läßt sich seinen Weidgang nicht gern beschränken.
-Ob der Karst je wieder im Schmuck eines geschlossenen Hochwaldes
-prangen wird? Künftige Generationen werden es sagen können. Wer ihn
-jetzt bei St. Peter sieht, kann es kaum glauben.
-
-Anders schaut die Gegend schon bei der folgenden Station aus, bei
-Prestanek, wo das grüne Wald- und Wiesental der Poik, das sich zur
-Linken öffnet, unsern Blick aus dem Klippengrau erlöst, und langen
-wir auf der Station Adelsberg an, so grüßt das kleine Städtchen gar
-freundlich aus weitem grünem Talgrund auf. Nur die öden Berglehnen
-verraten, daß wir uns noch mitten im Karst und zwar auf seiner
-höchstgelegenen Station, 583 Meter über der See, befinden.
-
-Es war uns eine Herzenserleichterung, als wir aus dem engen Bahnwagen
-hinaus in den österlichen Sonnenschein traten. Um der Zudringlichkeit
-der Führer und Hotelwerber ein rasches Ende zu bereiten, vertrauten wir
-uns dem eleganten Omnibus des Adelsbergerhofes an. Während die Pferde
-davontrotteten, überblickten wir von seinem Imperiale herunter das
-bergumrahmte, grüne Tal, auf welches von kahlem Felsgipfel ernst und
-streng die Trümmer der Burg Adelsberg herunterblicken.
-
-Bald hatten wir den »Markt« erreicht, wie sich Adelsberg in der
-Rangstufe österreichischer Ortschaften nennt. Seine stattlichen,
-blankgeweißten Häuser mit den Flachziegeldächern muten uns mehr deutsch
-denn slavisch an. Bei seiner hübschen Pfarrkirche vorbei gelangen wir
-zu dem großen, modernen Hotelbau des Adelsbergerhofes im Norden des
-Städtchens.
-
-Dem goldig herniederflutenden Ostersonnenschein zum Trotz schien außer
-dem Omnibusführer das gesamte Hotelpersonal noch im Winterschlaf zu
-liegen, bis endlich ein erwachsendes Dornröschen, eine junge, wenig
-gesprächige Dame erschien und das Halbdutzend Grottengäste, die sich
-im Hausflur zusammengefunden, in die nächsten Räume wies. Während sie
-wieder für ein Viertelstündchen unsichtbar wurde, bemerkten wir, die
-Fensterläden öffnend, daß wir uns in einem sehr hübsch ausgestatteten
-Lesesaal, aber jedenfalls noch nicht in der ~haute saison~ von
-Adelsberg befanden.
-
-Allein am Dornensträuchlein der Geduld wuchs denn doch ein frugaler
-Morgenimbiß auf, und bald kam die Nachricht, daß sich in den
-verschiedenen Gasthöfen der Stadt etliche dreißig Fremde zum Besuche
-der Grotte eingefunden hätten und ihre Beleuchtung um halb elf Uhr in
-Szene gehen könne.
-
-So hatten wir uns denn in der Voraussetzung, es werde der Ostermontag,
-dieser in Nord und Süd gleich beliebte Ausflugstag, auch ein
-Häuflein Neugieriger am Grottentor von Adelsberg versammeln, nicht
-getäuscht. Es ist für die Touristen, welche alljährlich zu den
-Höhlenwundern der krainischen Berge pilgern, ein wahres Glück,
-daß die Tropfsteinunterwelt von Adelsberg eine Staatsdomäne und
-so der Privatspekulation entzogen ist. Sie steht unter einer aus
-Staats- und Gemeindebeamten zusammengesetzten Verwaltung, welche
-den Grottenbesuchern durch eine wirklich liberale Besuchsordnung
-entgegenkommt und den Grottenapparat, den Führerdienst, die Wege und
-die Beleuchtung in einen Stand gesetzt hat, der allen Ansprüchen genügt.
-
-Ihre spekulative Mäßigung sticht wohltuend ab von der
-Touristenschererei der Hotels. Ihr hat es Adelsberg zu verdanken, daß
-es ein so blühender Touristenort ist, der seine zweitausend Einwohner
-unmittelbar oder mittelbar durch den Fremdenverkehr ernährt.
-
-Eine hübsche Allee junger Linden führt längs eines nicht gar hohen
-felsklippigen Bergrückens zum Eingangstor der Grotte, die als
-ein stundenlanges Labyrinth den Leib dieses Höhenzuges mit ihren
-Tropfsteingängen durchzieht. An die grauen, mit spärlichem Eichenwuchs
-geschmückten Hänge schlängelt sich ein dunkelglänzendes Wasserband,
-die Poik heran, und verliert sich, nachdem sie noch ein klapperndes
-Mühlenrad geschlagen hat, mit raschem Wellenzug ins Innere des Berges.
-
-Eine gar gemischte Gesellschaft standen wir erwartungsvoll am gotischen
-Gittertor und wehrten den zudringlichen Jungen, welche zierliche
-Tropfsteingebilde und Erinnerungsstücke feilboten und mit jeder Minute
-um fünf Kreuzer billiger wurden.
-
-Endlich kamen die Führer und Grottenwächter, alles ältere Leute
-in zerschossenen Knappentrachten, die Bergmannslaterne im Gürtel,
-dahergeschritten. Der Riegel klirrte; die Karawane, in welcher die
-Gestalt eines mit Fez und weißem Filzmantel angetanen bochesischen
-Magnaten besonders hervorstach, zog, nachdem sie zum Schutz gegen die
-nur 8--9° ~R~ betragende Höhlentemperatur die Überröcke und Shawls
-umgeworfen, in die Grotte ein.
-
-Die ersten fünfzig Schritte boten nichts Bemerkenswertes, und schon
-wollten wir unserer kühlen Stimmung recht geben, da horch -- verlorenes
-Wasserrauschen -- da sieh -- eine weite Halle über uns und herrlich
-hereinflutend eine Garbe elektrischen Lichts. Wir selber stehen
-hoch auf einer Felsengalerie über einem Höhlenabgrund, in dem mit
-flimmernden Wellen der unterirdische Fluß durchs Halbdunkel zieht.
-
-Es geht allen Besuchern gleich. Sie sind bezaubert vom Anblick des
-»großen Doms«, der gewaltigen Halle, mit welcher die Adelsberger
-Grotte kaum 30 Meter vom Eingang überrascht. Und doch muß das Auge
-sich erst an die Kontrastlichter gewöhnen, in denen Höhlendunkel
-und elektrische Flamme sich widerstreiten, ehe es die gewaltige
-Deckenspaltung und die Höhe des weiten Raums ermißt. Mögen die Führer
-in ihren ledernen Erklärungen jene zu 45, diese zu 28 Meter angeben,
-auch in der dürftigsten Seele ist die Phantasie machtvoll erwacht, und
-den Meterstab bei Seite setzend, mißt sie den Naturdom nur mit ihrer
-bewundernden Andacht aus.
-
-Etwas unendlich Geheimnisvolles, Düsterschönes, liegt in dem
-weltabgeschiedenen Raum. So mag die ahnende Seele des Griechen sich die
-Ufer der Lethe und den Totenfluß selber vorgestellt haben, wie hier die
-Poik zwischen feuchten Felsensäumen strömt.
-
-Die Wände und das Gewölbe des großen Domes sind zwar arm an jenen
-wundersamen Tropfsteingebilden, welche die Zierde anderer Grottenteile
-bilden; aber gerade durch dieses Zurücktreten der Einzelformen wirken
-die gewaltigen Ausdehnungen hinreißend auf die Phantasie.
-
-Im Innersten erregt, schreiten wir die Stufen der westlichen Wand zu
-einer Naturbrücke hinab, unter welcher die Poik rauschend aus dem
-Höhlengestein quillt, um ihre im Licht erzitternden Wasser nach doppelt
-gekrümmtem Laufe bei den Ostfelsen des unterirdischen Münsters wieder
-in unerforschte Höhlenschachte einzusargen.
-
-In den verborgenen Wasseradern und in den Tümpeln der Grotte lebt ein
-seltsames Tier, ein spannenlanger, aalähnlicher Lurch von farblosem
-oder hübsch rosa angehauchtem Leib, mit vier zierlichen Beinchen
-und noch viel zierlichern, roten Kiemenbüscheln, der Olm. Der
-lichtscheue, kleine Geselle kommt nur etwa nach langem Regenwetter
-und am häufigsten in der mit der Adelsberger in Verbindung stehenden
-Magdalenengrotte zum Vorschein, hat aber den Gelehrten schon viel zu
-reden gegeben; denn er ist einer der Hauptzeugen für die Darwinsche
-und Häckelsche Anpassungstheorie. Sie haben ihn mit dem Namen des
-Proteus belegt, da er wie dieser sich verwandeln kann. Je nachdem er
-in tiefem oder seichtem Wasser lebt, ist er Kiemen- oder Lungenatmer,
-gewissermaßen also Fisch oder Vogel. Ein Führer, der uns in einer
-Wasserflasche ein solches Tierchen zeigte, behauptete, daß es jahrelang
-ohne Nahrung lebe.
-
-Jenseits der Naturbrücke, welche über die Poik führt, steht, damit
-wir ja nicht vergessen, daß wir, wenn auch im Berginnern, doch immer
-noch im loyalen Österreich sind, ein Denkmal, das in den devotesten
-Ausdrücken der Untertanenehrfurcht die Erinnerung an Franz ~I.~ feiert,
-der den großen Dom im Jahre 1816 besucht hat, und wandern wir auf einer
-künstlich in die Felswand eingesprengten Galerie dem Hintergrunde der
-Halle zu, wo bei einem zweiten Monument die Ferdinandsgrotte anhebt, so
-stehen wir gar vor dem Polsterwagen einer Schiebbahn, mit der bequeme
-Grottengäste von den Wächtern etwas mehr als anderthalb Kilometer weit
-bergeinwärts gestoßen werden können.
-
-Man kann darüber, wie weit die Technik, ohne den guten Geschmack
-zu verletzen, ein Naturschönes zu Bequemlichkeitszwecken antasten
-darf, verschiedener Meinung sein. Man mag die hübsch geebneten Wege,
-welche die frühern Treppen und holperigen Steige der Grotte ersetzen,
-das herrliche elektrische Bogenlicht an Stelle einer unruhigen
-Fackelbeleuchtung über alles Lob angenehm finden, ohne zugleich diese
-Schiebbahn, die denn doch nur einem winzigen Teil der Adelsberger Gäste
-wirkliches Bedürfnis ist, für eine glückliche Schöpfung ansehen zu
-müssen.
-
-Wo sie beginnt, hat man einen hübschen Rückblick auf den großen Dom,
-die gewaltige Vorhalle des übrigen Grottensystems. Sie war bis im
-Anfang des 19. Jahrhunderts der einzige bekannte Raum, wurde aber
-schon im 13. Jahrhundert besucht; denn in einer Nebengrotte sind
-noch eingehauene Namen und Jahrzahlen von 1213 und 1290 erhalten. So
-sind durch sechs Jahrhunderte hindurch die Geschlechter im großen
-Dom bewundernd gestanden, ohne zu ahnen, was für märchenhafte
-Schönheit von Tropfsteingebilden in den Gängen und Hallen des tieferen
-Berginnern prangt. Erst das Jahr 1818 hat die Entdeckung der weiter
-zurückliegenden Grottenteile, insbesondere der an den großen Dom
-anschließenden Ferdinandsgrotte gebracht. Vorwärts nun!
-
-Bald hat sich der milde weiße Schein der Bogenlampen, die den großen
-Dom erhellen, unserem Blicke entzogen; allein nun flammen in den Falten
-und Nischen, an den Erkern und Gesimsen des Höhlenschachtes, der sich
-hier zum Engpaß schließt, dort zur herrlichen Halle weitet, Hunderte
-von Kerzen auf. Es ist ein Gang durch ein Märchenreich:
-
- »An den Wänden rankt in buntem
- Formenspiel des grauen Tropfsteins
- Geisterhaftes Steingeweb,
- Bald wie Tränen, die der Fels weint,
- Bald wie reizverschlung'ne Zierat
- Riesiger Korallenäste.«
-
- (Scheffel.)
-
-Schlank wie die Palmen des Morgenlandes, dann kräftig und knorrig wie
-deutsche Eichen wachsen die Steinschäfte, von Lianen umschlungen, zur
-Ornamentik der Höhlendecke auf.
-
-Da hängt nächst dem Grotteneingang an grauer Tropfsteinwand eine
-»Kanzel.« Allein wer möchte da droben stehen und predigen, wo die
-Steine in ihrer Pracht den Menschen überschreien! Da steht, damit
-es dem staunenden Wanderer nicht gar zu andächtig ums Herz wird,
-eine »Metzgerbank«, und die »Speckschwarten« hangen drüber hin;
-da ist eine »Diamantengrube«, wo das Licht sich tausendfach an
-blitzenden Kristallen bricht; dort ein feiner »Regen« von wunderzarten
-Tropfsteinröhrchen; jetzt wandeln wir durch die reizenden Gebüsche
-eines »englischen Gartens.«
-
-Wie sie nur zu Wege kamen, diese feierlichen Hallen, dieser
-Säulenprunk, diese tolle, andächtig schöne Märchenwelt!
-
-Gewiß wüßte der Höhlenfluß, die Poik, die am Karst entspringt,
-einige Stunden im Sonnenlicht wandert, dann sich in die Unterwelt
-von Adelsberg verkriecht und, durch ein Felsentor im Tal von Planina
-wieder zu Tage tretend, Unz heißt, sich aufs neue in ein Gebirge
-begräbt und jenseits desselben als Laibach, Schiffe auf ihrem Rücken
-tragend, der Save zueilt, gewiß wüßte sie das Geheimnis der Grotte zu
-lösen. Allein sie plaudert mit ihren Wellen nur in Rätsellauten von dem
-Schattenreich, das sie durchwandert.
-
-Sonst würde sie uns vielleicht erzählen von uraltem Tagewerk, wie
-sie einst -- es mögen hunderttausend Jahre her sein -- müd der Sonne
-und der oberflachen Welt, bei Adelsberg an die Höhe hinkroch, sich
-langsam eine dunkle, einsame Gruft in den Kalkstein des Gebirges
-wühlte und nagte, bis sie sich einsargen konnte in einen stillen,
-selbstgeschaffenen Hades.
-
-Dieses abgeschiedene Gelände aber war noch öde und leer. Da kamen
-andere Werkmeister, kleine, aber nicht verachtungswürdige. Es waren die
-vom Bergrücken durch das Gestein hinunterkriechenden Wassertropfen,
-ganz gewöhnliche Wassertropfen. Einer lief dem andern nach, und jeder
-brachte eine kleine Ladung Kalk auf dem Rücken. So damals, so vor einer
-Jahrmyriade, vor einem Jahrtausend, vor einem Jahrhundert, so gestern,
-so heute. Einer hat sein Körnchen Kalk hübsch zu dem Körnchen seines
-Vorgängers gelegt, und alle die Dinge wurden, wie sie nun sind: die
-Pforten, die Hallen, die Obelisken, die Säulen, die Zacken, die Bäume,
-die Falten, die Tierfiguren und die Menschengestalten.
-
-Fast im Hintergrunde des Höhlenlabyrinthes ist eine schauerlich
-zerklüftete Nebengrotte, der Tartarus. Da sind die kleinen Arbeiter
-noch nicht fertig mit ihrem Werk; da sieht man sie noch an der Arbeit.
-Von der Decke einer 19 Meter hohen Halle fällt ein Wasserfaden auf
-einen Stalagmitkegel. Aus dem Becken des rötlich glänzenden Steines
-spritzen perlende Wassertropfen heraus und rieseln über den Kegel
-nieder. Durch ihre Kalkablagerungen wächst der Tropfbrunnen allmählich
-zur Decke empor.
-
-Allein der Stein wächst langsam, man sagt in dreizehn Jahren einen
-Millimeter, in tausend Jahren nicht einmal einen Meter. Da die höchste
-Säule zehn Meter über den Höhlengrund steigt, so muß sie also über
-zehntausend Jahre alt sein.
-
-Zehntausend Jahre! Und als vor sechzig Jahren mit rauchenden Fackeln
-und klopfenden Herzen die Menschen in das Labyrinth von Adelsberg
-eindrangen und wenn sie heute von ferne her in die Höhle kommen, so
-halten sie verwundert den Atem an. »Hat hier nicht ein unterirdisches
-Volk gelebt und unsere Dinge nachgeahmt?« rufen sie verwundert aus.
-»Steht dort nicht noch der Thron, auf dem sein König gesessen? Dort
-hängt noch das Bild der Maria mit dem Kinde in der Nische, vor dem sie
-betend gekniet. Dort ist die Wiege, worin es seine Kinder gewiegt;
-dort stehen die Särge, worin es seine Toten gebettet. Auch die Kannen,
-aus denen es getrunken, sind noch da und das Handwerkszeug, mit dem
-es gearbeitet. Noch hangen an den Decken die Felle des Gerbers, die
-Linnen der Waschfrau; hier ist das Zelt, unter dem es gerastet,
-dort die Dorfkirche, in der es den Sonntag gefeiert; es fehlt nicht
-die Orgel und nicht der Beichtstuhl; es hat also auch gesündigt,
-dieses Höhlenvolk! Und geliebt wohl auch! Denn was sollten sonst
-die lauschigen Erker, die stillen Wälder! Jene vermummten, klagend
-vorgebeugten Gestalten, sind es nicht die letzten der Höhlenbewohner?
-Vielleicht, wenn man den Stein behutsam losschälte von den armen
-Leuten, wer weiß, fände man einen Leib mit warmem Blut, mit einem
-pochenden Herzen. Vielleicht könnte man eine verzauberte Seele
-erlösen!«
-
-Es ist wunderbar, was für geheimnisvolle Bildwerke die sickernden
-Wassertropfen im Schleier ewiger Nacht gebaut!
-
-Und Bewohner hat diese Märchenwelt wirklich gehabt. Zwar nicht
-menschliche Troglodyten, aber den plumpen, zottigen Höhlenbär. Wo sich
-die Ferdinandsgrotte zu einem hohen gotischen Münster weitet, hat man
-im Boden seine Knochen gefunden. Jetzt dient das Bärenlager der Vorzeit
-als Tanzsaal. Am Pfingstmontag, wenn das Grottenfest gefeiert wird,
-fünftausend Menschen durch die Tropfsteinhallen und Gänge wogen, dann
-ziehen heitere Klänge hier brausend, dort fern verklingend durch das
-stille Reich, und in dem weiten Raume reigt junges und altes Volk; am
-Sonntag Trinitatis aber ist hier Gottesdienst.
-
-Ich möchte nicht tanzen in dieser Halle; ich möchte darin auch keine
-Predigt hören; am liebsten würde ich, ein stiller Bürger des Hades,
-einsam und ungestört die Tropfsteingewächse entlang schreiten; denn
-einem einfachen Gemüte gehen im Alleinsein die schönsten Erkenntnisse
-auf. Wirklich war ich ein paar Dutzend Schritte hinter der Karawane
-zurückgeblieben, um mich ungestört meinen Betrachtungen hinzugeben.
-Allein ich hatte meine Rechnung ohne die Grottenwächter gemacht, die
-in einiger Entfernung der Wandergruppe folgten und die Kerzenlichter
-auslöschten, da immer nur der Teil der Grotte erleuchtet ist, wo sich
-die Grottenkarawane bewegt.
-
-»Vorwärts, vorwärts, junger Herr!« mahnte ein gutmütiger Alter. »Sie
-könnten sich so verirren, daß wir selber Sie nicht mehr fänden.«
-
-Ich lächelte; aber er hatte recht. Es gibt in der Unterwelt von
-Adelsberg Nebengrotten, die noch nicht gangbar gemacht worden, zum Teil
-noch nicht einmal gründlich erforscht sind; wo, geriete ein Wanderer
-durch einen unglücklichen Zufall hinein, vielleicht erst nach Jahren
-ein Wagehals oder ein Forscher die gebleichten Knochen des armen
-Verirrten fände; denn kein Ariadnefaden führt aus diesem Labyrinth
-heraus.
-
-Warum hat man diese nicht wegbar gemacht? Wohl aus Kostengründen,
-wohl auch, um in Zukunft mit ihrer Erschließung den Ruf der Grotte
-wieder neu zu beleben. Wer jetzt durch dieselbe geht, wird es nicht
-bedauern, daß ihm einige Räume entzogen bleiben; denn man sieht auf der
-dreistündigen Wanderung so unendlich viel des Schönen, Sonderbaren,
-Fremden und Phantastischen, daß auch das Auge des Unersättlichsten satt
-dieser Steintollnis wird.
-
-Die letzte Halle der Kaiser Ferdinands-Grotte ist das »Grab.« Bei einem
-versteinerten Springbrunnen, einer Ruine und einer Hieroglyphensäule
-stehen die vertropften egyptischen Mumien.
-
-Da teilt sich die Grotte in zwei, die Franz-Joseph- und
-Elisabeth-Grotte zur Linken, die Maria-Anna-Grotte zur Rechten. Sie
-treffen sich tiefer im Berginnern wieder. Wir schritten durch diejenige
-zur Linken ein und gingen später durch diejenige zur Rechten hinaus.
-
-In der Franz-Joseph- und Elisabeth-Grotte brechen viele rosig
-überhauchte Tropfsteine aus blendend weißen Wänden hervor;
-überraschend schöne Steinfalten hängen durchschimmernd an den Decken;
-in einer diamantenfunkelnden Kammer liegt unter einer Trauerweide
-eine schlafende Jungfrau, und an der Decke hängt über ihr das
-Damoklesschwert.
-
-In der Maria-Anna-Grotte ist der Leuchtturm von Triest, der Dom von
-Mailand und vielleicht das berühmteste Stück der ganzen Adelsberger
-Unterwelt -- der Vorhang. Man traut seinen Augen kaum! Drei Meter
-lang und einen Meter breit hängt dieses wunderzarte, schimmernde
-Gebilde von nur acht Millimetern Dicke aus der Wand und prangt mit
-feinem, durchsichtigem Faltenwurf und einer braun und rot gestreiften
-Einfassung von überraschender Natürlichkeit, als wäre es eine Stickerei
-von kunstfertiger Frauenhand.
-
-Wo sich die beiden Grotten wieder vereinen, treten wir in eine
-Trauerhalle von schwarzbraunem Gestein, und nun führt der Weg an
-kristallenem und elfenbeinernem Bilderschmuck hinauf zum letzten der
-ungeheuern Dome, hinan zum Kalvarienberg.
-
-Was soll ich von ihm sagen? -- 58 Meter hoch und 200 in der Weite wölbt
-sich die Halle über einen 41 Meter hohen, an die Nordwand anlehnenden
-Hügel. Über einen Bergsturz steigt man an acht wunderlichen Kolossen
-vorbei auf die Spitze, wo die Arche Noah ist. Da übersieht man eine
-kleine Landschaft.
-
-Es ist eine ewig geheimnisvolle Welt von vertropften Gebilden.
-Funkensterne glitzern an Statuen; blau und rote Flämmlein zucken
-zwischen den Bildwerken auf, und kein Menschengedanke wird klug aus
-dem düsterschönen Rätsel. Ist's ein versteinerter Wald? Ist's ein mit
-halbzerstörten, verwitterten Denkmälern übersäter Kirchhof oder der zu
-Stein erstarrte Zug des Volkes auf die Höhe von Golgatha?
-
-Zum Glück hatte ich nicht Zeit, den Faden dieser Gedanken weiter zu
-spinnen. Die Führer mahnten zum Aufbruch; sie wußten, daß man die Leute
-nicht zu lange auf die melancholischen Gruppen des Kalvarienberges
-darf schauen lassen. Schneller als wir gekommen, schritten wir bergab,
-bergauf, zurück durch die Grottenhallen.
-
-Es kamen wieder neue Gestalten, neue Bilder; allein ich sah sie nur
-noch halb. Das wohlige Gefühl, mit dem ich eingewandert war, hatte mich
-verlassen; die Traurigkeit dieses Schattenreiches hatte es mir angetan;
-ich dürstete nach Sonnenlicht, Himmelblau, Wiesengrün.
-
-Und wieder standen wir über dem Höhlenfluß. Rauschend und flimmernd zog
-er einher; aber vom Grotteneingang wehte schon ein warmer, milder Hauch
-von Tagesluft. Noch ein paar Schritte, und der Bann der Unterwelt war
-gebrochen; herzinnig grüßte ich das goldige, sonnige Licht, und dankbar
-schaute ich auf zum blauen Dom des Himmels.
-
-Ich habe die Grotte von Adelsberg beschreiben wollen?
-
-Nicht doch! Wenn tausend Schriftsteller es tun wollten, sie bleibt doch
-ewig unbeschreiblich; denn sie ist wie die Gletscher des Hochgebirgs,
-wie das in Sturmlauten tönende Meer eine Naturoffenbarung, deren
-Schönheit der Mensch nie ganz ausbegreift.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
- Von +J. C. Heer+ ist bei +Huber & Co.+
- in Frauenfeld und Leipzig erschienen:
-
-
- Streifzüge im Engadin
-
- Gebunden 3 Fr.
-
- +Inhalt+: Vorspiel. -- Über den Flüela. --
- Schuls-Tarasp. -- Uinatal und Finstermünz. - Von Schuls
- nach Zernetz. -- Von Zernetz nach Samaden. -- Samaden.
- -- Pontresina und Morieratsch. -- Die Diavolezzatour.
- -- St. Moritz. -- Sils-Maria. -- Auf dem Maloja. --
- Über den Julier.
-
-Ein Dichter und ein Meister kraftvoller Schilderung ist Heer. Er weiß
-nicht nur die überreichen Schönheiten des Engadin in leuchtenden Farben
-dem Leser vor Augen zu führen; auch die politischen und kulturellen
-Verhältnisse vermag er, ebenso gut wie Rückblicke aus der Vergangenheit
-und Betrachtungen zur Gegenwart, einzuflechten. Ein Muster in dieser
-Hinsicht ist der Abschnitt Schuls-Tarasp.
-
- »Münchner Neueste Nachrichten«
-
-
-
-
- Bücher der Zeit aus dem Verlag von +Huber & Co.+
- Frauenfeld und Leipzig
-
-
- Aus der Brandung
-
- Zeitgedichte von +Robert Faesi+
-
- Kartoniert Fr. 1.40
-
-Faesis Zeitgedichte sind das erste wirklich bedeutende
-Kriegsgedichtbuch der deutschen Schweiz und eines der edelsten Stücke
-der deutschen Kriegslyrik überhaupt.
-
- »Das Literarische Echo«
-
-
- Krieg und Frieden
-
- Frei nach Aristophanes von +Hugo Blümner+
-
- Geheftet Fr. 3.--
-
-Aristophanes-Blümner hat das erste bühnengerechte, dichterisch
-vollwertige Friedensdrama des Weltkriegs geschrieben! Es ist ein
-einzigartiger Fall, daß ein Werk nach zweitausend Jahren noch einmal
-stärkste Aktualität gewinnt. Kriegs- und Friedensparteien, Hetzer und
-Verständigungspolitiker, ehrliche Patrioten und Gesinnungslumpen,
-stehen sich gegenüber wie heute.
-
-
- Der starke Mann
-
- Eine schweizerische Offiziersgeschichte von +Paul Ilg+
-
- Broschiert Fr. 4.-- Gebunden Fr. 5.--
-
-Der Roman sprüht und glüht von einer Jugendkraft, um die Paul Ilg zu
-beneiden ist.
-
- »Neue Zürcher Zeitung«
-
-Es konnte nicht anders sein: Staub hat das Buch viel aufgewirbelt.
-... Mit unheimlichen Kräften geladen, sorgsam in aller Knappheit
-durchgeführt, fesselt die Handlung bis zuletzt.
-
- »Kunstwart«
-
-
- In diesen Zeiten
-
- Erzählungen von +Robert Wehrlin+
-
- Gebunden Fr. 2.--
-
-Turmhoch über das Geschreibsel so vieler Kriegsbücher erhebt sich das
-Werkchen dieses Schweizer Schriftstellers. Jede der fünf Geschichten
-ist ein Kunstwerk und bereitet reinen Genuß.
-
- »Hamburger Fremdenblatt«
-
-
- In tiefster russischer Provinz
-
- Zwei Erzählungen von +L. Haller+
-
- Gebunden Fr. 4.50
-
-Wäre dieses prächtig erzählte Buch nicht einige Monate vor dem Krieg
-sondern während des Kriege erschienen, es hätte bereits Massenauflagen
-erlebt. Wer die Seele des russischen Volkes mit ihren tiefen Wundern
-und Unfaßlichkeiten, ihren chaotischen und dumpfen Leidenschaften und
-ihrem gutmütig-tölpelhaftem Humor in der Spiegelung eines scharfen,
-neutral beobachtenden Auges sehen will, muß Hallers Schilderungen lesen.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
- korrigiert.
-
- Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.
-
- Korrekturen (das korrigierte Wort ist in {} eingeschlossen):
-
- S. VII: Sloveneu → Slovenen
- Italiener und {Slovenen}
-
- S. VIII: Dee → Die
- {Die} Geschichte der Grotte
-
- S. 2: Aufenhaltes → Aufenthaltes
- dritten Tag meines dortigen {Aufenthaltes}
-
- S. 10: etwes → etwas
- dann liegt wirklich {etwas} exzentrisch Schönes
-
- S. 20: Selsamer → Seltsamer
- {Seltsamer} Weise melden die mittelalterlichen Schriften
-
- S. 37: zu Mutter → Mutter zu
- in den Schoß einer guten, großen {Mutter zu} legen
-
- S. 41: ihrer → Ihrer
- die mir an {Ihrer} Seite beschieden war
-
- S. 42: Ausang → Ausgang
- Am {Ausgang} dieses Tieflandwinkels
-
- S. 42: west römischen → weströmischen
- vom {weströmischen} Kaiserthrone verjagt
-
- S. 46: Kelter → Kelten
- die {Kelten} und Illyrier sahen aus achtungsvoller
-
- S. 48: zusamengewürfelt → zusammengewürfelt
- der damaligen Welt {zusammengewürfelt} war
-
- S. 49: ein → eine
- {eine} Belagerung glücklich bestand
-
- S. 57: Rönierin → Römerin
- goldenen Geschmeid der {Römerin}
-
- S. 77: pläschert → plätschert
- die Lagunenwelle im Röhricht {plätschert}
-
- S. 98: Siebenzehnzährige → Siebenzehnjährige
- sie eine kaum {Siebenzehnjährige}
-
- S. 105: Leuchturm → Leuchtturm
- der {Leuchtturm} spielt mit
-
- S. 109: innen → ihnen
- Häuserfronten zwischen {ihnen} fesselten
-
- S. 122: Tag → Tage
- In einem elf {Tage} andauernden Sturme
-
- S. 123: die → der
- Als wir auf {der} Steuermannsbrücke
-
- S. 128: habe → haben
- viereckige Türme {haben} es zu Kriegszeiten
-
- S. 134: nouva → nuova
- weder in Umago noch in Citta {nuova}
-
- S. 135: als als → als
- sich {als} ein Mann von Welt
-
- S. 146: egypische → egyptische
- marokkanische und {egyptische} Wimpel
-
- S. 157: sömmerlich → sommerlich
- eine lichtvolle {sommerlich} warme Nacht
-
- S. 165: bizzarren → bizarren
- im einzelnen ebenso {bizarren}
-
- S. 176: sieht → steht
- Da {steht}, damit es dem staunenden Wanderer
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Ferien an der Adria, by Jakob Christoph Heer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN AN DER ADRIA ***
-
-***** This file should be named 50888-0.txt or 50888-0.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/0/8/8/50888/
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
diff --git a/old/50888-0.zip b/old/50888-0.zip
deleted file mode 100644
index 0e9712b..0000000
--- a/old/50888-0.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h.zip b/old/50888-h.zip
deleted file mode 100644
index 10612f7..0000000
--- a/old/50888-h.zip
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/50888-h.htm b/old/50888-h/50888-h.htm
deleted file mode 100644
index 88f412a..0000000
--- a/old/50888-h/50888-h.htm
+++ /dev/null
@@ -1,7201 +0,0 @@
-<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
- "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
-<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
- <head>
- <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" />
- <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
- <title>
- The Project Gutenberg eBook of Ferien an der Adria, by Jakob Christoph Heer.
- </title>
- <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
- <style type="text/css">
-
-body {
- margin-left: 10%;
- margin-right: 10%;
-}
-
-.chapter {
- page-break-before: always;
-}
-
-h1, h2 {
- text-align: center; /* all headings centered */
- clear: both;
-}
-
-p {
- margin-top: 1ex;
- margin-bottom: 1ex;
- text-align: justify;
- text-indent: 1em;
-}
-
-.noind {
- text-indent: 0;
-}
-
-.h2 {
- text-indent: 0;
- text-align: center;
- font-size: x-large;
-}
-
-.abstract {
- font-size: 90%;
- margin-left: 3em;
- margin-right: 3em;
-}
-
-.desc {
- margin-left: 2em;
- margin-right: 2em;
-}
-
-.p2 {margin-top: 2em;}
-
-hr {
- width: 33%;
- margin-top: 2em;
- margin-bottom: 2em;
- margin-left: 33.5%;
- margin-right: 33.5%;
- clear: both;
-}
-
-hr.tb {width: 45%; margin-left: 27.5%; margin-right: 27.5%; }
-hr.chap {width: 65%; margin-left: 17.5%; margin-right: 17.5%; }
-
-table {
- margin-left: auto;
- margin-right: auto;
-}
-
-.tdr {text-align: right;}
-
-.tddesc {
- width: 70%;
- font-size: 90%;
- text-align: justify;
-}
-.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
- /* visibility: hidden; */
- position: absolute;
- left: 90%;
- width: 8%;
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-weight: normal;
- font-size: small;
- text-align: right;
-} /* page numbers */
-
-.pagenum a {
- color: gray;
- /*border: 1px gray solid;*/
-}
-
-.center {
- text-align: center;
- text-indent: 0;
-}
-
-.right {text-align: right;}
-
-.antiqua {
- font-family: sans-serif;
- font-style: normal;
- font-size: 95%;
-}
-
-.gesperrt {
- font-style: italic;
-}
-
-.larger {
- font-size: larger;
-}
-
-/* Images */
-img {
- max-width: 100%;
- height: auto;
-}
-
-.figcenter {
- margin: auto;
- text-align: center;
-}
-
-/* Footnotes */
-.footnotes {
- margin-left: 5%;
- margin-right: 5%;
-}
-
-.footnote {margin-left: 5%; margin-right: 5%; font-size: 0.9em;}
-
-.footnote .label {
- font-size: 90%;
- position: absolute;
- left: 20%;
- text-align: left;
-}
-
-.footnote p {
- text-indent: 0;
-}
-
-.fnanchor {
- vertical-align: top;
- font-size: 70%;
- text-decoration: none;
-}
-
-/* Poetry */
-.poem {
- margin-left:10%;
- margin-right:10%;
- text-align: left;
-}
-
-.poem br {display: none;}
-
-.poem .stanza {margin: 1em 0em 1em 0em;}
-
-.poem span.i0 {display: block; margin-left: 0em; padding-left: 3em; text-indent: -3em;}
-.poem span.iaut {
- display: block;
- margin-left: 20%;
- text-indent: 0;
-}
-
-/* Transcriber's notes */
-.transnote {background-color: #E6E6FA;
- color: black;
- font-size:smaller;
- padding:0.5em;
- margin-bottom:5em;
-}
-
-.corr p {
- margin-left: 2em;
- text-indent: -1em;
-}
-
-img.drop {
- float: left;
- margin: 0 0.5em 0 0;
-}
-
-p.drop:first-letter {
- color: transparent;
- visibility: hidden;
- margin-left: -1.5em;
-}
-
-p.dropt {
- text-indent: 0;
-}
-
-p.dropt:first-letter {
- float: left;
- margin: 0.3ex 0.1em 0 0;
- font-size: 250%;
- line-height: 1.7ex;
-}
-
-@media handheld {
- img.drop { display: none; }
-
- p.drop:first-letter {
- color: inherit;
- visibility: visible;
- margin-left: 0;
- }
-
- p.dropt:first-letter {
- float: none;
- margin: 0;
- font-size: 100%;
- }
-}
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Ferien an der Adria, by Jakob Christoph Heer
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-Title: Ferien an der Adria
- Bilder aus Süd-Österreich
-
-Author: Jakob Christoph Heer
-
-Release Date: January 10, 2016 [EBook #50888]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN AN DER ADRIA ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gesetzt.</p>
-
-<p>Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am <a href="#tnextra">Ende
-des Buches</a>.</p>
-</div>
-
-<h1>Ferien an der Adria</h1>
-
-<p class="h2">Bilder aus Süd-Österreich</p>
-
-<p class="center">von</p>
-
-<p class="h2">J. C. Heer</p>
-
-<p class="center p2">4.&ndash;8. Tausend</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p class="center">Frauenfeld und Leipzig 1918<br />
-Verlag von Huber &amp; Co.
-</p>
-<hr class="chap" />
-
-<p class="center">Den Einband zeichnete Otto Baumberger, Zürich</p>
-
-<p class="center"><em class="antiqua">Copyright 1918 by Huber &amp; Co., Frauenfeld</em></p>
-
-<p class="center">Druck von Huber &amp; Co. in Frauenfeld</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_i">[I]</a></span></p>
-
-<h2 id="Vorwort_zur_dritten_Auflage">Vorwort zur dritten Auflage</h2>
-</div>
-
-<p>1887&ndash;1917. Dreißig Jahre sind es her, seit ich
-als junger Mann die »Ferien an der Adria«, mein erstes
-Buch schrieb. Dem Werklein war ein stiller Lebenslauf
-beschieden; denn die Landschaften, von denen es handelt,
-lagen nicht an den großen Straßen der Welt, etwa Triest
-ausgenommen. Zwanzig Jahre waren notwendig, daß sich
-die erste Auflage erledigte, und als ich 1907 die zweite
-zeichnete, war ich überzeugt, daß es zugleich die letzte sein
-und das Werklein der Jugend in den Schoß milder Vergessenheit
-fallen würde. Das wäre der natürliche Verlauf
-eines Buchschicksals gewesen, das nie auf große Wirksamkeit
-angelegt war.</p>
-
-<p>Nun haben es die Zeiten anders entschieden, und furchtbar
-schwere Träume, die schon in den achtziger Jahren
-über den schweigenden Fluren des Friauls lagen, haben sich
-erfüllt, das nur halblaute Flüsterwort der Bevölkerung:
-»Um unsere Dörfer und Städte, um unsere Felder und<span class="pagenum"><a id="Seite_ii">[II]</a></span>
-unser Meer wird zwischen Italien und Oesterreich noch
-einmal ein entsetzlicher Krieg geführt werden.« Wie ein
-Alpdruck lag schon damals die Furcht davor über jedermann.</p>
-
-<p>Nun haben sich die alten bösen Ahnungen erfüllt, und
-schauderhaft ist der Krieg während drei Jahren über das
-blaue Band des Isonzo hin und her gestampft, Ebene
-wie Berge jener Gegenden haben unermeßlich das Blut
-der kämpfenden Hunderttausende getrunken. Wo ist die
-Lieblichkeit von Görz, der Friede der Lagunen, der düsterschwere
-Schönheitstraum von Duino? So weit die Berichte
-zu uns in die Schweiz dringen, überall nur Trümmer.</p>
-
-<p>Wir Schriftsteller haben wahrlich keinen Anlaß, dem
-Krieg ein Loblied zu singen. Nicht einmal wir Neutralen.
-<em class="antiqua">Inter bellum musae silent.</em> Wie viele schöne Arbeitsstunden
-blieben unter dem Druck des großen Völkerkrieges
-unfruchtbar; wie manche Werke müssen ungedruckt im Pult
-liegen! Die furchtbaren Ereignisse aber, die sich im Friaul
-abspielten, haben da und dort noch einmal die Neugier
-derer, die dem italienisch-österreichischen Krieg mit Spannung
-folgen, auf meine halbvergessenen Schilderungen
-»Ferien an der Adria« gelenkt. So können sie im Gegensatz
-zu manchem Buch, dem der Krieg den Lebenslauf
-bedenklich schmälert, noch einmal in neuer Auflage erscheinen,
-was mich für meinen Erstling immerhin erfreut.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_iii">[III]</a></span></p>
-
-<p>Ein Geständnis aber an die Leser. Das Buch erscheint
-genau, wie es vor dreißig Jahren geschrieben worden
-ist, obgleich auch im Küstenland die Zeit nicht ohne Entwicklung
-vorübergegangen ist; namentlich hat sich ja inzwischen
-Triest wundervoll entfaltet und verdiente ein
-neues Kapitel der Schilderung. Es fehlen mir aber für
-dieses die Unterlagen eines neuern Besuches an der Adria,
-und jetzt im Krieg läßt sich ein solcher doch nicht leicht
-nachholen. Von Triest aber abgesehen dürften die Schilderungen
-im wesentlichen noch stimmen, das Landschaftliche
-voran. Dazu trage ich ein weiteres Bedenken gegen eine
-Umarbeitung des Werkleins. Wenn es auch keine hohen
-literarischen Ansprüche erhebt, so ist es doch aus empfänglichster
-jugendlicher Wanderstimmung geschrieben, die ich
-nach so viel Jahren nicht mit dem Stil des Alternden
-durchbrechen mag; mir ist, ein Jugendwerk ehrt man am
-besten, indem man es bestehen läßt, wie es ist. Damit
-mögen sich auch die Leser zufrieden geben.</p>
-
-<p>Die neue Auflage aber kann ich nicht einleiten, ohne
-dem Volk der darin geschilderten Gegenden mein herzliches
-Mitleid auszusprechen mit den furchtbaren Erlebnissen, die
-es selber erfahren hat oder deren Zeuge es gewesen ist.
-Möge dies- und jenseits des blauen Isonzo nach dem
-Schrecken der Schlachten bald wieder die gesegnete Stille
-einkehren, in der das Leben des Volkes am besten gedeiht,<span class="pagenum"><a id="Seite_iv">[IV]</a></span>
-mögen die Wunden harschen, die Dörfer und Städte in
-neuer Blüte auferstehen und die Wellen der Adria wieder
-ein Land küssen, das sich nach Jahren tiefster Prüfung
-des süßen Friedens erfreut. Friede den Völkern &ndash; das
-ist mir mehr Herzenssache, als daß dieses Büchlein aus
-Kriegsgründen noch einmal flüchtige Tagesbedeutung gewinnt.</p>
-
-<p>
-Weihnacht 1917.</p>
-
-<p class="right">
-J. C. Heer.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_v">[V]</a></span></p>
-
-<h2><a id="Inhaltsuebersicht">Inhaltsübersicht</a></h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td>
-<td></td>
-<td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="2">Im Friaul</td>
- <td class="tdr"><a href="#Im_Friaul">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>&nbsp;</td>
-<td class="tddesc">
-Venedig. &ndash; Abendfahrt. &ndash; Monfalcone. &ndash; Meer und Tiefland.
-&ndash; Ein Garten. &ndash; Die Piazza grande. &ndash; Der Markt. &ndash; Leben
-und Lieben. &ndash; Nord und Süd. &ndash; Ein Original. &ndash; Sein Hausregiment.
-&ndash; Der Maler. &ndash; Die Volksschule. &ndash; Am Hafen. &ndash;
-Die Fischer. &ndash; Ein Strandgebiet. &ndash; Die Malaria. &ndash; Die
-Campagnen. &ndash; Der Isonzo. &ndash; Die bäuerliche Wirtschaft. &ndash;
-Furlanische Dörfer. &ndash; Italiener und <span id="corr_vii">Slovenen</span>. &ndash; Die Karstlandschaft.
-&ndash; Eine Taubenhöhle. &ndash; Verlorene Wasser.</td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="2">Österreichisch Nizza</td>
- <td class="tdr"><a href="#OEsterreichisch_Nizza">27</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td></td>
-<td class="tddesc">
-Eine Wagenfahrt. &ndash; Görz. &ndash; Völker und Sprachen. &ndash; Ein
-mittelalterliches Idyll. &ndash; Industrie. &ndash; Die Villen. &ndash; Der
-Kurort. &ndash; Ein Ausflug. &ndash; Der Monte Santo. &ndash; Wallfahrer.
-&ndash; Lienhard und Gertrud. &ndash; Aussicht. &ndash; Bohnen in den Schuhen.
-&ndash; Am Isonzo. &ndash; In der Ebene. &ndash; Gradiska. &ndash; Ein Plan.
-</td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="2">Aquileja</td>
- <td class="tdr"><a href="#Aquileja">45</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td></td>
-<td class="tddesc">
-Die Gründung. &ndash; Die Blüte. &ndash; Leben und Treiben. &ndash; Der
-Untergang. &ndash; Alte Lebensfasern. &ndash; Fundgegenstände. &ndash; Ein
-Stall. &ndash; Das moderne Aquileja. &ndash; Rückblick. &ndash; Die ungetreuen
-Frauen. &ndash; Die Erbin. &ndash; Eine Auferstehung. &ndash; Der Pozzo d'oro.
-&ndash; Ein Wirrsal. &ndash; Signore Moschettini. &ndash; Das Museum. &ndash;
-Skulpturen. &ndash; Grabsteine. &ndash; Anticaglien. &ndash; Neujahrslampen.
-&ndash; Ziegelinschriften. &ndash; Der Campanile. &ndash; Die Patriarchen. &ndash;
-Der Dom. &ndash; Die Krypta. &ndash; Ein urchristliches Taufbecken. &ndash;
-Die Aussicht.</td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="2">Lagune von Grado</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Lagune_von_Grado">73</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td></td>
-<td class="tddesc">
-Die Düne. &ndash; Ebbe und Flut. &ndash; Lagunenfahrt. &ndash; Säkuläre
-Senkungen. &ndash; Schöne Pläne. &ndash; Gradonesische Fischer. &ndash; Indolenz.
-&ndash; Ein Asyl. &ndash; Das Städtchen Grado. &ndash; Badeleben. &ndash; Inselgrün.
-<span class="pagenum"><a id="Seite_vi">[VI]</a></span>&ndash; Die steigende Flut. &ndash; Südliche Nacht.
-</td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="2">Im Frühling von Miramare</td>
- <td class="tdr"><a href="#Im_Fruehling_von_Miramare">87</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td></td>
-<td class="tddesc">
-Ein Badeort im Sumpfe. &ndash; Der kürzeste Strom Europas. &ndash;
-Naturrätsel. &ndash; »Es stand in alten Zeiten …« &ndash; Duino. &ndash;
-Meerbilder. &ndash; Die Dolinen. &ndash; Slavische Dörfer. &ndash; An der
-Küste. &ndash; Die Gärten von Miramare. &ndash; Erzherzog Max. &ndash; Das
-Trauerspiel von Mexiko. &ndash; Der Kaiser. &ndash; Charlotte von Belgien.
-&ndash; Das Ende. &ndash; Ein Gang durchs Schloß. &ndash; Auf der Balustrade.
-&ndash; Ave Maria.</td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="2">Triest</td>
- <td class="tdr"><a href="#Triest">106</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td></td>
-<td class="tddesc">
-An den Quais. &ndash; Der Hafen. &ndash; Der Leuchtturm. &ndash; Ausblick.
-&ndash; Schiffer und Arbeiter. &ndash; Der Fischmarkt. &ndash; Meerspinnen und
-Muscheln. &ndash; Die Stadt. &ndash; Denkmäler. &ndash; Die Einwohnerschaft.
-&ndash; Gegensätze. &ndash; Antikes. &ndash; Winckelmann. &ndash; Beim Antiquar. &ndash;
-Das Arsenal. &ndash; Der Schiffsbau. &ndash; Seeleute. &ndash; Ein Maschinist.</td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="2">Die Küste von Istrien</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Kueste_von_Istrien">125</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td></td>
-<td class="tddesc">
-Meerfahrt. &ndash; Capo d'Istria. &ndash; Pirano. &ndash; Das Volksleben. &ndash;
-Schöne Frauen. &ndash; Die Salzgärten. &ndash; Die Punta Salvore. &ndash;
-Spielende Delphine. &ndash; Der Name Istrien. &ndash; Der kleine Antiquar.
-&ndash; Parenzo. &ndash; Eine Schweiz im Wasser. &ndash; Felsen und Riffe. &ndash;
-Rovigno. &ndash; Schiffersagen. &ndash; Die Bucht von Pola.</td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="2">Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn</td>
- <td class="tdr"><a href="#Im_Kriegshafen">143</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td></td>
-<td class="tddesc">
-Das Seearsenal. &ndash; Schiffsmodelle. &ndash; Trophäen und Standarten.
-&ndash; Die Magazine. &ndash; Die Riesen des Alpenwaldes. &ndash; Werften
-und Docks. &ndash; Das Stadtbild von Pola. &ndash; Chidher, der ewig
-junge. &ndash; Römische Denkmäler. &ndash; Die Arena. &ndash; Eine Überraschung.
-&ndash; Arme Leutchen. &ndash; Im Mondschein. &ndash; Aus der
-Schenke. &ndash; Ein Nachtspaziergang. &ndash; Sonnenaufgang. &ndash; <em class="antiqua">La
-poveretta.</em> &ndash; Der Scirocco. &ndash; <em class="antiqua">Mal di mare.</em></td>
-<td></td>
-</tr>
-<tr>
-<td colspan="2">Der Karst und die Grotte von Adelsberg</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Karst">163</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td></td>
-<td class="tddesc">
-Osterfahrt. &ndash; Die Karstgewässer. &ndash; Äcker und Weiden. &ndash; Die
-Bora. &ndash; Der Wald. &ndash; Aufforstungen. &ndash; Adelsberg. &ndash; Am
-Grottentor. &ndash; Die Grotte. &ndash; Der große Dom. &ndash; Der Höhlenfluß.
-&ndash; <span id="corr_viii">Die</span> Geschichte der Grotte. &ndash; Die Tropfsteinbildungen.
-&ndash; Der Tartarus. &ndash; Geheimnisvolle Bildwerke. &ndash; Festliches
-Leben. &ndash; Unerforschte Gänge. &ndash; Zum Kalvarienberg. &ndash; An
-die Sonne.</td>
-<td></td>
-</tr>
-</table>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<h2 id="Im_Friaul">
-<img src="images/illu-001.png" alt="" />
-<br />
-Im Friaul.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-a.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Als der Schnee schon in die Berge zurückgewichen war,
-Lenzsonnenschein auf den Höhen, junge Wanderlust
-im Herzen lag, da brachte mir eine Briefschwalbe aus dem
-Süden unerwartete Botschaft: eine herzliche Einladung
-meines Onkel &ndash; Direktor Johannes Heers in Monfalcone
-&ndash; zu einem längeren Aufenthalte am Golfe von Triest.</p>
-
-<p>Ich las das freundliche Schreiben und jenes stille
-Heimweh nach dem sonnigen Süden, das Goethe mit
-seinen Mignon-Liedern uns Nordlandssöhnen nun einmal
-in die Brust gedichtet hat, brach durch; die schöne
-Süderde stand verführerisch vor meiner Seele: »Du hast
-Ferien, Junge, du hast etwas Kleingeld, du hast vor
-Jahren eine italienische Schulgrammatik durchgearbeitet,
-es fehlt dir nicht an Wandermut, geh und sieh dir den
-Garten unter den südlichen Alpenkämmen, die lombardischen
-Städte, die Meerkönigin, das wundersame Venedig,
-an und halte dann Wanderrast in Monfalcone, der kleinen
-Stadt am Golfrund von Triest.«</p>
-
-<p>Vierzehn Tage später flog ich durch den Gotthardtunnel.
-In Lugano und auf seinem herrlichen See bot ich im<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span>
-Geist Willkomm dem Lande ewigen Lenzes und sonniger
-Kunst, dem Land dunkler Weine und dunkler Frauen;
-in Lecco, wo die »<em class="antiqua">Promessi sposi</em>« in Liebesträumen
-gewandelt, fing ich an zu wandern die Kreuz und die
-Quer; in Verona ließ ich mir den Palast der Capulet
-und hinter einem Krautgarten das legendäre Grabmal
-Juliens zeigen, und vierzehn Tage nach meiner Abreise
-stand ich auf dem Markusplatz zu Venedig.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">La mia bella Venezia!</em>« Es war am dritten Tag
-meines dortigen <span id="corr002">Aufenthaltes</span>, das schöne Venedig hatte
-mich gewaltig reisemüde gemacht, und ein feiner, trostloser
-Regen rieselte in die Lagune; da war mir die märchenschöne
-Stadt in tiefster Seele verleidet. Wenn man sie im
-Glanz des vollen Mondes gesehen hat, gibt's nichts Traurigeres,
-als Venedig bei Regenwetter; es ist dann wirklich
-nichts mehr als die Totenstadt der erschlagenen Republik.</p>
-
-<p>Ich atmete auf, als der Nachmittagszug Venedig-Triest
-die lange Brücke gegen Mestre hinüberdonnerte;
-ich hatte sogar nicht viel dagegen, daß in Treviso eine
-italienische Arbeiterkolonie, die hinaus nach Graz oder
-Wien wollte, lärmend und singend den Rest der Plätze
-besetzte und mich mit ihren Reisesäcken einpferchte. Der
-Regen floß in Strömen auf die im ersten, zarten Laubkleid
-prangende Tiefebene des östlichen Venetiens.</p>
-
-<p>Als wir ein paar Stunden gefahren, hielt der Zug
-plötzlich im freien Feld still; der Lärm der Italiener
-wurde noch größer; so viele Köpfe als unter den Wagenfenstern
-Platz hatten, reckten sich in den Regen hinaus.
-»<em class="antiqua">Addio, carissima patria, addio, addio!</em>« schrien die<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span>
-braunen Männer, schwenkten ihre roten Sacktücher, und
-ein blutjunger Bursche, der zum erstenmal von Vater und
-Mutter gegangen, zerdrückte eine Träne im Auge.</p>
-
-<p>Wir standen auf der Brücke des Judrio, auf der
-diesseitigen Grenztafel war das italienische Kreuz, auf
-der jenseitigen der österreichische Doppeladler.</p>
-
-<p>Eine Minute Halt, als Reverenz gegen die habsburgische
-Monarchie &ndash; die Lokomotive schrillte, und ein
-Weilchen später waren wir in Cormons. Wagenwechsel
-&ndash; Gepäckrevision &ndash; dann sank melancholisch die Nacht
-herein; die Italiener wurden stiller und stiller; der Zug
-brauste die öden Hügellehnen, welche die julischen Alpen
-als Brustwehr gegen die Tiefebene hinausstellen, entlang
-und donnerte über die Isonzobrücke, während bergeinwärts
-ein Lichtfunkeln im Tal die Lage der Stadt Görz verriet.</p>
-
-<p>Der Schaffner schrie sein schnarrendes »Gorizia« &ndash;
-dann »Rubbia-Savogna &ndash; Zagrado &ndash; Ronchi« und
-endlich &ndash; meine Ungeduld war aufs höchste gestiegen
-&ndash; »Monfalcone«!</p>
-
-<p>Als ich ausstieg, schloß mich ein hochgewachsener Mann
-mit einem großen schwarzen Bart in seine Arme. Das
-war mein Onkel, und die vier Kinder, die sich an mich
-drängten, sein blühender Nachwuchs.</p>
-
-<p>Das Direktionshaus der erst vor wenigen Jahren
-gegründeten großen Baumwollspinnerei im Osten des
-Städtchens war mir nun während drei Monaten freundliches
-Asyl, wo ich herzliche Gastfreundschaft genoß.</p>
-
-<p>Ich war frei und von jeher kein Stubenmensch; ich
-suchte von Land und Volk so viel zu erfassen, als in der<span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span>
-kurzen Frist möglich war. Hier die Eindrücke, mit denen
-mich das sonnige Meer, das üppige Tiefland, die grottendurchwühlten
-Berge, das italienische Volksleben, die mehr
-als zweitausendjährige Geschichte des österreichischen Südens
-gefesselt haben.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>»Du kleine Stadt, du weites Land, du blinkendes
-Meer, grüß euch Gott. Hier ist gute Wanderrast!«</p>
-
-<p>Als ich's rief &ndash; oder vielmehr war's nur ein halblauter
-Gedanke &ndash; stand ich auf einem jener steinigen
-Hügelrücken, welche vom innersten Winkel der Adria bis
-nach Görz und noch ein Stück weiter die nordadriatische
-Tiefebene begleiten. Ein klarer, wundervoller Morgen,
-wie ich während meines Aufenthaltes im Küstenland noch
-manchen, aber keinen schönern erlebt, lag über der regennassen
-Erde, die im Sonnenschein lächelte, wie ein Kind,
-dem noch die Tränen an den Wangen perlen.</p>
-
-<p>Mir zu Füßen lag, von West nach Ost, die kleine
-Stadt, und von dem großen, viereckigen Platz in ihrer
-Mitte tönte der Lärm des südlichen Marktes; allein nicht
-Stadt, nicht Markt fesselten mich; mein erster Blick war
-gebannt von jenem lieblichen Stück des »alten, heil'gen,
-ew'gen Meers«, welches bis gegen das Städtchen hin
-vordringt.</p>
-
-<p>Das ist der Golf von Monfalcone, der innerste Busen
-der Adria. An seiner felsenstarrenden Ostküste stehen die
-herrlichen Schlösser Duino und Miramare, weiter nach
-Süden, wo sich der Golf zur offenen See ausweitet,<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-schimmert Triest an grünen Uferhügeln, und die dunkeln
-Küsten Istriens grüßen mit ihren blinkenden Hafenpunkten
-meerherüber.</p>
-
-<p>Dem Zauber des Meeres entzieht sich kein Sohn des
-Binnenlandes; denn es liegt etwas unendlich Träumerisches,
-Auflösendes im Anblick seiner ruhsamen, azurenen Flut,
-und immer wieder kehrt der Blick zu seinem sonnigverklärten
-Blau zurück.</p>
-
-<p>Allein kaum weniger mächtig reizte mich gebirgsgewohnten
-Mann die Ausschau auf die im Süden und
-Südosten sich unübersehbar dehnende, von keiner Erdwelle
-durchsetzte Ebene des untern Friauls, aus deren frühlingszartem
-Grün, wohin ich blickte, graziöse Kirchtürme gegen
-den tiefblauen Südhimmel aufstiegen. Am Horizonte
-dämmerte, zugleich Grabmonument einer der größten
-Römerstädte und weithin sichtbares Wahrzeichen des Friauls,
-der Campanile von Aquileja, der acht Jahrhunderte kommen
-und gehen sah.</p>
-
-<p>Meer und Tiefland sind schön durch ihre ahnungsvolle,
-träumerische Einförmigkeit; doch ebenso schön sind die
-Berge. In den wilden Häuptern der Alpen ist nichts
-Gleichartiges, da liegt in jeder Falte, in jeder Linie ein
-origineller Gedanke, wie ihn die geniale Natur gefaßt
-und zu Stein verhärtet hat.</p>
-
-<p>Die julischen Alpen sind zwar keine Schweizerberge,
-dafür fehlen ihnen die ewigen Firnen und die donnernden
-Gletscher, doch tragen sie bis weit in den Sommer hinein
-den Hermelin des Winters; sie stehen über den Hügeln
-des Karsts und den Fichtenwäldern des Tarnovanerwalds<span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span>
-als achtungfordernde Pioniere nordischer Herrlichkeit
-und sind ein Schmuck der nördlichen Adria, gegen welchen
-die Südgestade dieses Meeres nichts zu vergleichen haben.</p>
-
-<p>Auf der höchsten Erhebung des Karstrückens, den ich
-erklommen, steht eine Ruine, ein runder Turm auf einem
-breitern, runden Grundbau. Das ist die Rocca von
-Monfalcone, die älteste Burg des Küstenlandes. Die
-Geschichte kennt nicht Ursprung, nicht Schicksal; die dichtende
-Sage aber verknüpft ihren Namen mit demjenigen
-Theodorichs, des Ostgotenkönigs. Ich kletterte über die
-äußere Mauerbrüstung und durchstöberte das einzige Gelaß
-der Burg; allein im Halbdunkel war außer vielem
-Schutt und einigen morschen Knochen nichts zu entdecken.</p>
-
-<p>Das war mein erster Spaziergang in Monfalcone,
-und nachmals bin ich noch oft auf die Höhe gewandert,
-um auszuschauen in die sonnigen Weiten; doch mein
-Lieblingsplätzchen wurde ein in der Nähe unseres Wohnhauses
-an den Hügel sich lehnender Garten, der früher
-einem Grafen Asquini gehörte, jetzt aber vernachlässigt
-ist. Da blühen ungehegt und ungepflegt Mandel- und
-Olivenbaum; Weinreben und Rosen ranken sich um die
-Stämme breitschirmiger Pinien, und im ungehindert
-wuchernden Grün stehen feierliche Zypressen. Mitten in
-die Romantik dieser Wildnis, in ein blühendes Lorbeerwäldchen,
-ließ ich mir ein Tischchen setzen. Da las ich in
-den Morgenstunden meinen Goethe, und er liest sich noch
-einmal so schön in dem ihm geistig heimischen Land.</p>
-
-<p>Manch eine Frucht seiner tiefen, geläuterten Lebensanschauung,
-um die ich im Norden vergebens rang, senkte<span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span>
-sich unter dem grünen Laubdach leicht und zwangslos in
-die Seele.</p>
-
-<p>Dann wanderte ich hinunter in die Stadt, von der
-ich gerne viel Schönes und Interessantes schreiben würde;
-doch ist Monfalcone nicht anders als irgend eine italienische
-Kleinstadt der Lombardei oder der Toskana. Vor
-mancher andern zeichnet sie sich durch eine gewisse Reinlichkeit
-vorteilhaft aus, obwohl sich noch italienischer Absonderlichkeiten
-genug vor den Blick des Fremden drängen.</p>
-
-<p>Die alten römischen Städte hatten ihr Forum, die
-neuen italienischen, auch die kleinsten, wollen nicht ohne
-ihre »Piazza grande« sein. Auf derjenigen von Monfalcone
-steht, vielleicht in Nachahmung der drei Mastbäume
-auf dem Markusplatz zu Venedig, eine hohe Stange
-mit dem Wappentier der Stadt, dem Falken, auf der
-Spitze.</p>
-
-<p>Es erinnert daran, daß die Burg, jene verwitterte
-Rocca, im Mittelalter, als von der Longobardenzeit her
-noch ein deutscher Adel über die Gegend herrschte, die
-»Falkenburg« hieß. Ihren ins Italienische übersetzten
-Namen hat dann mit dem Emporkommen italienischer
-Volkselemente das Städtchen selber angenommen, während
-sein ursprünglicher deutscher &ndash; Neuenmarkt &ndash; in Vergessenheit
-geriet.</p>
-
-<p>Einige Gebäude unter dem Häuserviereck, welches die
-Piazza grande umschließt, sehen recht gedeihlich aus. Der
-schönste Schmuck des Platzes indes ist das in schlichtem
-Tempelstil gehaltene Stadthaus mit einem daran stoßenden
-kleinen Park.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p>
-
-<p>Das Kasino im Erdgeschoß des Gebäudes und die
-Vortreppe desselben bilden den Sammelort der vornehmen
-Welt von Monfalcone, doch beschränkt sich diese auf einige
-reiche Grundbesitzer, einige Rittmeister außer Diensten,
-einige Handelsleute und ein paar kleine Rentiers.</p>
-
-<p>Auf der Piazza entfaltete sich in den Morgenstunden
-ein lebhafter Markt, besonders stellen sich die Karstbauern
-mit ihren Fuhren von Wurzelwerk und Staudenholz ein;
-denn der Holzbedarf einer furlanischen Städterfamilie
-wird entweder täglich oder wöchentlich, selten aber durch
-große Einkäufe gedeckt. Der Mangel an diesem so unentbehrlichen
-Feuerungsmaterial ist fühlbar, die Qualität
-des Holzes sehr gering, da es fast ausnahmslos aus
-zehn- oder zwanzigjährigem Niederwald stammt. Längs
-des Stadthausparkes sind die Stände des Fischmarktes;
-doch kommen in Monfalcone selber nur die geringsten
-Sorten der Seeflosser, am häufigsten der Tintenfisch und
-der Aal, zum Verkauf; die schmackhafteren wandern fast
-alle auf binnenländische Märkte, besonders nach Wien.</p>
-
-<p>Östlich von der Piazza liegt der Kern des Städtchens,
-ein Viereck älterer Gebäude. Aus der Mitte steigt der
-Campanile der Parochialkirche, ein zierlicher Bau, dessen
-achteckiger Helm von acht Säulen getragen wird. Vier
-schöne Glocken schimmern zwischen denselben durch.</p>
-
-<p>Ich war entzückt, als ich das reine volle Geläute
-zum erstenmal hörte, allein es hat den Fehler eines
-Plauderers: man hört es zu viel; es ist keine Stunde
-in der Morgenfrühe, keine im Tag und keine am Spätabend,
-wo nicht Glockenklänge über das Städtchen hallen.<span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span>
-Dazu hat der Italiener eine bewundernswerte Virtuosität,
-Mannigfaltigkeit in die Tonregister des Geläutes zu bringen,
-eine Virtuosität, die in abgebrochenen kurzen Klängen und
-in wimmerndem Gebimmel das Höchste leistet.</p>
-
-<p>Nur in der Charwoche, wenn die katholische Christenheit
-auch den Bilderschmuck ihrer Kirchen mit Tüchern
-verhängt, blieben, ein hübsches Sinnbild der Trauer, die
-Glocken stumm. Selbst der Stundenschlag hörte auf;
-aber an seine Stelle trat das weithin tönende Geklapper
-einer im Glockenhaus aufgestellten Maschine, das von
-der mit Handklappern durch das Städtchen schwärmenden
-Jugend verstärkt wurde.</p>
-
-<p>Am Ostende des die Kirche umschließenden Quartiers
-ist eine schöne Kastanienallee, die von der Zeit an, wo
-sie in der Pracht ihrer rötlichen Blütenkandelaber steht,
-bis in die letzten Tage des Herbstes, wo der Borasturm
-sie entblättert, den Lieblingsaufenthalt der Monfalconeser
-bildet.</p>
-
-<p>Hier oder im Park des Stadthauses hat der Fremde
-am ehesten Gelegenheit, das Leben und Lieben dieses
-Völkleins zu beobachten, und nie mehr als an einem
-Sonntagnachmittag, wenn leichte, lose Musik die Jugend
-zum Tanz unter die Baumkronen lockt, denn kein Bursche,
-kein Mädchen widersteht den Klängen.</p>
-
-<p>Wenn sich das italienische Barfüßele des Werktages
-sonntäglich schmückt, wenn es Haar und Büste mit Knospen
-und Blüten ziert, wenn es, das Köpfchen an die braune
-Brust des Burschen geschmiegt, wild und wilder durch
-die Reihen fliegt, die schwarzen Augen glühen, die<span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span>
-Wangen gerötet sind, die Leidenschaft durch alle Bewegungen
-und Züge rinnt, dann liegt wirklich <span id="corr010">etwas</span> exzentrisch
-Schönes in diesen südlichen Gestalten.</p>
-
-<p>Da kann man allerdings ein keckeres Kosen sehen als
-draußen im kühlen Nord, und manch ein braunes, glutäugiges
-Kind, das im Begriffe steht, eine Jungfrau zu
-werden, reift hier unter den sengenden Blicken seines
-Burschen rascher aus, als ihm vielleicht gut ist. Der
-Süden, der der Natur einen so kurzen Lenz zumißt, er
-gönnt auch dem Menschenkind keinen langen Lebensmai,
-und wenn das nordische Mädchen in seiner schönsten Blüte
-steht, ist diejenige des südlichen schon dahin.</p>
-
-<p>Auf der Nordseite der viereckigen Häuseranlage zieht
-sich die Straße, die von Triest nach Venedig führt, durch
-das Städtchen.</p>
-
-<p>Denke ich an diese Gasse, dann kommt mir die Erinnerung
-an einen liebenswürdigen und originellen Menschen,
-an den Signore Battistic. Ich habe in seinem
-Atelier zu manche Stunde verplaudert, als daß ich den
-würdigen Postwirt von Monfalcone totschweigen wollte.</p>
-
-<p>Er ist der berühmteste unter den Bewohnern des
-Orts, und sein Gasthof hat einen Ruf, der genau soweit
-reicht wie derjenige seines Städtchens. Nennt man einem
-Triestiner Monfalcone, so denkt er sicherlich nicht an die
-Stadt, er denkt an die Küche des Herrn Battistic, an
-die Schnepfen, an die Branzins, an die Austern, an die
-Spargeln, die man nirgends so gut bekommt, wie auf
-der Post zu Monfalcone.</p>
-
-<p>Ich habe zwar mehr die andern guten Eigenschaften<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-des Herrn Battistic als diejenigen des Hoteliers kennen
-und schätzen gelernt. Er geht nämlich im Ruhm seines
-Gasthofes nicht auf, sondern ist der erste Naturforscher
-und der erste Nimrod der Gegend, er ist Antiquitätenhändler,
-Briefmarkensammler, ein Universalgenie; sein
-höchster Stolz aber ist die Kunst: er ist ein Meister des
-Pinsels und der Palette.</p>
-
-<p>Er mag jetzt seine vierzig Jahre haben und in seinen
-jüngern Zeiten war er zweifellos ein sehr hübscher Mann,
-denn er ist jetzt noch nicht häßlich, obwohl er sich eines
-gewissen Embonpoints erfreut. Noch flutet eine Fülle von
-Künstlerlocken in seinen Nacken, und die kleinen, klugen
-Augen sprühen zuweilen noch die Glut des verliebten
-Italieners.</p>
-
-<p>Man kann einen Embonpoint tragen und eine Vielseitigkeit
-des Geistes entwickeln, wie Herr Battistic, und
-dabei doch ein armer Teufel sein. Er war's. Wurde
-am Morgen für ein Gesellschäftchen aus Triest ein Abendessen
-bestellt, dann war mein Freund in Verzweiflung,
-kein Geld, kein Kredit und keine Ware. Er war nicht
-mehr zu sprechen, er irrte in seinen Schlappschuhen
-durch die Gemächer, er irrte durch die Stadt, verwünschte
-seine beschränkten Verhältnisse und raufte sich
-das dunkle Haar.</p>
-
-<p>Jedesmal wurde das Wunder neu. Wenn die Gäste
-kamen, war ein Essen da, wie man es nur auf der Post
-zu Monfalcone bekommt. Herr Battistic glänzte vor Vergnügen,
-sprach geistreich, und keiner seiner Gäste lernte
-ihn anders denn als einen Gentleman kennen. War man<span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span>
-aber vertrauter, so machte er aus seinen bedenklichen Umständen
-kein Hehl.</p>
-
-<p>»Aber sagen Sie mir, wie kamen Sie denn in eine
-solche Lage, Sie, der kluge, lebenserfahrene Mann?«
-fragte ich ihn einmal.</p>
-
-<p>»Das kommt von meinem Hausregiment«, sagte er,
-»das kommt davon, daß meine Köchin und meine Kellnerin
-die größten Schelme sind auf der Welt. Brauch'
-ich im Tag einen Liter in der Wirtschaft, so trinken die
-beiden heimlich drei; bleibt von einer Mahlzeit ein Rest,
-den ich wieder verwenden könnte, so ist er fort, ehe ich
-danach sehen kann, und frage ich, wohin die Dinge gekommen
-seien, so antworten die beiden aus <em class="gesperrt">einem</em> Mund:
-»Wir wissen es nicht, wir sind ganz unschuldig, Patron.«
-Zuweilen erwische ich sie aber doch.«</p>
-
-<p>»Wie so denn?«</p>
-
-<p>»Nun, bald so, bald so. Ich habe schon eine Purgaz
-in den Wein getan. Sie können sich nicht vorstellen,
-was das für ein Rennen gab; aber bekannt haben die
-Weiber nicht. Ich habe auch einmal Hundsexkremente
-auf einen Teller gelegt und überzuckert; da haben sie,
-nachdem sie es zum Munde geführt, schrecklich gespien;
-aber gebessert haben sie sich nicht.«</p>
-
-<p>»Dann entlassen Sie die Unverbesserlichen.«</p>
-
-<p>»Ich kann nicht. Die Köchin ist die beste Stütze des
-Geschäftes, an die andere bin ich mich auch gewöhnt,
-und Wechseln würde doch nur den Tausch eines Schelmes
-mit einem Dieb bedeuten &ndash; mein Gott, hätte ich nur
-2000 Gulden, in zwei Jahren wäre ich Rentier.« Herr<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-Battistic wußte Dutzende von Gelegenheitskäufen in
-Smyrna, in Bombay, ein großer Spekulant ist an ihm
-verloren gegangen.</p>
-
-<p>Allein die Malerei hilft ihm über die Misere des
-Lebens weg. Er malt in einer Art von Loggia, aus der
-man in den Hof seines Hauses sieht. Eine wirre Sammlung
-von Muscheln, ausgestopften Vögeln, selbstgemalten
-Bildern und aus Büchern ausgeschnittenen Holzstichen
-bringt die nötige Stimmung in sein Arbeiten. Steht
-er an der Staffelei, so hüllt er seine Gestalt in einen
-Schleier von Zigarrenrauch, aus dem das sonnige Gesicht
-des Künstlers in sanfter Verklärung strahlt, und so entstehen
-unter seinem Pinsel Strandlandschaften, Meerbilder,
-Jäger, Fischer, Netze und Wild.</p>
-
-<p>Mit diesem Künstler, und jovialen Gesellschafter, von
-dessen Naturerkenntnis und Jägererfahrung man, so oft
-er erzählte, das Sprichwort »<em class="antiqua">Se non è vero, è ben
-trovato</em>« anwenden mußte, bin ich immer gern einen
-Weg gewandert; er hat mir auch einen wesentlichen Dienst
-geleistet, eine kleine Sammlung von Muscheln und Krebstieren
-der nördlichen Adria hübsch präpariert.</p>
-
-<p>Hier muß ich auch noch eines andern lieben Mannes
-gedenken, des Herrn Primosciz, Schulleiter in Monfalcone,
-der mich eben so sehr durch seine Herzensgüte
-als durch seinen aufgeschlossenen Natursinn sympathisch
-an sich gefesselt hat.</p>
-
-<p>Dort, fast dem Gasthof zur Post gegenüber, steht
-das Schulhaus, in dem er mit fünf andern Kollegen
-wirkt. Es ist ein enger, abstoßender Bau und furchtbar<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-mit Schülern überfüllt; allein es ist Hoffnung vorhanden,
-daß die Stadt in einigen Jahren ein würdiges Heim
-für die heranwachsende Jugend baut.</p>
-
-<p>Sonst bildet das Schulwesen ein trübes Blatt im
-furlanischen Volkstum. Es fehlt nicht immer an gebildeten
-Lehrern und in den Schulen nicht an guten,
-allgemeinen Lehrmitteln, für den Anschauungsunterricht
-sind sogar vorzügliche und reiche Bilder da, auch die
-Bücher der Jungen sind nicht ungeschickt abgefaßt, doch
-vielleicht etwas zu hoch; aber es fehlt die Hauptsache:
-Die Schule hat im Volk keine Wurzeln, man betrachtet
-sie als eine von der Regierung aufgebürdete Last, und
-das Obligatorium derselben wird durchbrochen, wo immer
-es geht. Nicht nur einmal sind mir draußen in den
-Pächterhütten der Campagna zehn- und elfjährige Rangen
-begegnet, die noch über keine Schulschwelle getreten waren.</p>
-
-<p>Herr Primosciz und ich, wir sind häufig miteinander
-gewandert hinab ans Meer, hinaus in die Campagna,
-hinein ins Gebirg &ndash; und manch ein Merkwürdiges, das
-ich dort gesehen, habe ich seiner Führung zu verdanken.</p>
-
-<p>Ein Lieblingsziel war mir stets der Porto Rosega,
-der Hafen von Monfalcone. Man spaziert in einer halben
-Stunde dorthin, und so oft man kommt, sieht man etwas
-Neues.</p>
-
-<p>Der Hafen selber ist zwar nur ein ins Land einschneidender
-Kanal von etlichen Metern Breite. Nichtsdestoweniger
-gehört er zu den besten der adriatischen Nordküste.</p>
-
-<p>Und welch einen herrlichen Blick hat man, wenn man
-auf der äußersten Spitze seines Molo steht. Man sieht<span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span>
-ein Golfoval, das zu den schönsten Stellen des Mittelmeeres
-gerechnet wird. Man hat den steilen Küstensturz
-von Duino und darüber die uralte gewaltige Veste selbst,
-wo die deutschen Kaiser auf ihren Italienfahrten gerastet,
-wo der Geist Dantes umgeht, man hat gerade vor sich
-Miramare, das Tränenschloß, zur Rechten Triest, sich
-hell und klar von silbergrauen Olivenhängen hebend,
-und noch ein paar istrianische Städte: Capo d'Istria,
-Isola und auf verblauendem Vorgebirg Pirano. Dazwischen
-liegt der von hellen Segeln belebte herrliche
-Golf, der bald wie Silber glänzt und gleißt und bald
-wie ein großes Träumerauge in stiller Ruhe blaut.</p>
-
-<p>Die Ebbe des Golfes, die im Mittel nicht mehr als
-sechzig Centimeter, im Maximum einen Meter beträgt, ruft
-zwar nicht jene großartigen Erscheinungen hervor, welche
-an der Nordsee den Fremden so gewaltig fesseln, doch
-legt sie an dem flachen Strand von Monfalcone weite
-Meergebiete bloß.</p>
-
-<p>Dann eilen halb entblößte Weiber und Kinder, einen
-Sack am Rücken, ein Netz in der Hand, auf die Sandbänke,
-waten weit hinein in die zurückweichende Flut und
-sammeln ihre »<em class="antiqua">frutti di mare</em>.«</p>
-
-<p>Es braucht den Mut dieser Strandläufer, immer
-frisch und keck in den krabbelnden Quark von Seespinnen,
-Krebsen, Strahltieren und Mollusken, zwischen denen sich
-wohl auch etwa ein Wasserschlänglein verfängt, hineinzugreifen.</p>
-
-<p>Der Golf von Monfalcone muß übrigens, sowohl
-was die Artenmenge, als die Farbenschönheit der Seetiere<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-betrifft, als das am meisten durch Süßwasser geschwängerte
-Becken dieses Meeres, von den südlichen Gebieten
-desselben zurücktreten; doch schon bei Grado, einer
-kleinen Insel wenige Stunden mittäglich von Monfalcone,
-prangt das Meer mit vielen farbenprächtigen Muschelgebilden.</p>
-
-<p>Dagegen ist der Golf von Monfalcone sehr fischreich,
-und es bilden die Fischer ein wesentliches Element der
-monfalconesischen Bevölkerung.</p>
-
-<p>Wie oft bin ich im Morgenschein oder in der Abendglut
-hinausgefahren mit den braunen Männern, die Netze
-zu ziehen oder neu zu legen! Es war mir immer wohl
-bei den treuherzigen, einfachen Naturmenschen, welche den
-italienischen Volkscharakter von einer andern, bedeutend
-bessern Seite offenbaren als der schlaue Handelsmann
-oder Wirt und die unverschämten Ciceroni zu Venedig.
-Viele dieser Fischer haben ein schönes Stück Welt gesehen,
-denn sie haben bei der Marine gedient und wissen von
-den griechischen Inseln, von da und dort, wo österreichische
-Kriegsschiffe kreuzen, zu erzählen. Bei ihrer Arbeit singen
-sie ihre fulanischen Weisen und keine häufiger als jene,
-worin der mit dem Sturm ringende Schiffer seines Liebchens
-gedenkt:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»<em class="antiqua">Il mar' è turpido</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">E la barquetta pendole</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">E nome tei è tendere</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">Ch'è amic' sola me.</em>«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Sie leben höchst einfach, diese wetterharten, tiefbraunen
-Fischer, die zuweilen mehrere Tage zur See bleiben. Ein<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-schmaler, gedeckter Raum der Barke ist dann Stube,
-Küche und Schlafkammer zugleich, wo das Weib den
-Mais und die Meerfrüchte abkocht, ihren Kleinsten säugt
-und pflegt, und das Meer denselben in Schlummer wiegt,
-ihn sturm- und sonnenhart macht, den zukünftigen adriatischen
-Seemann.</p>
-
-<p>Keiner der Fischer ist selbständig. Entweder hängen
-sie von einem Händler ab, oder stehen im Dienst eines
-Unternehmers, so daß dann nicht einmal die Barke, auf
-der sie fahren, ihr Eigentum ist. Bezahlt werden sie
-durch einen kleinen Anteil an der Beute. Darum achtet
-kein Mensch ein Stück Kleingeld so hoch wie sie.</p>
-
-<p>Neben den Fischerflottillen, welche aus dem Porto
-Rosega in die Gewässer der obern Adria ausschwärmen,
-beleben wohl auch einige Lastschiffe den Hafenkanal; allein
-denkt man an jene Zeiten zurück, da die großen Handelskarawanen
-und Fuhrwerke, welche fast den ganzen Warentransport
-nach Kärnten und bis ins Tirol hinein besorgten,
-hier ihren Ausgang nahmen, Monfalcone ein
-berühmter Stapelplatz war, dann kann allerdings das
-Leben, das sich in der Gegenwart hier bewegt, nur als
-ein Abglanz von demjenigen früherer Tage erscheinen.</p>
-
-<p>Wenn man vom Porto Rosega südwärts wandert, so
-kommt man in ein seltsames Strandgebiet, wo der Meersand,
-nur von Salzpflanzen und sauren Gräsern durchwuchert,
-einen stundenbreiten Gürtel zwischen Meer und
-Campagna bildet, eine stille Landschaft, über welche die
-melancholische Poesie der Steppe schwebt.</p>
-
-<p>Da und selbst weit in den angrenzenden Campagnen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-ist für den Menschen keine bleibende Stätte, schwingt die
-Malaria ihre Geißel. Wachthäuser haben hier ihretwegen
-von den Zollwächtern, Pächterhütten von den Bauern
-verlassen werden müssen; ja auch an den Insassen weit vom
-Meer abliegender Gehöfte kann man noch den Einfluß des
-Sumpffiebers, aufgetriebene Leiber und blasse Gesichter, sehen.</p>
-
-<p>Die Sonne brütet über den Sandsümpfen; salziges
-und süßes Wasser, von denen eines die Organismen des
-andern tötet, fließen ineinander und werden zum fortwährenden
-Fäulnisherd.</p>
-
-<p>Das Seegeflügel hat die Herrschaft, die der Mensch
-nicht aufrecht halten konnte, übernommen, und König
-über seine Vasallen, den Storch, den wilden Schwan,
-den Kranich und Reiher, ist der Seeadler, der im Blau
-des Äthers seine einsamen Bahnen zieht.</p>
-
-<p>Nur der Zollwächter und der nächtliche Schmuggler
-haben ihre Wege in diesem traurigen Gebiet; doch es ist
-wie überall: Die Hüter des Gesetzes sind immer da, wo
-die Übertreter nicht sind. Wenigstens hört man selten
-von einem größern Fang, es sei denn, man halte ein
-furlanisches Weibchen, das in seinen großen Schuhen ein
-Kilogramm Kaffeebohnen aus der Freihafenstadt Triest
-etliche Stunden weit schleppt, dafür.</p>
-
-<p>In der Tat ist der Beruf eines »Finanzers« ein
-undankbarer; denn keine Verletzung hat im Volke einen
-solchen Rückhalt wie der Schmuggel und keine Beamten
-sind so verachtet wie die »<em class="antiqua">doganieri</em>«; ich aber, der ich
-kein Interesse hatte, ihnen gram zu sein, habe im Zollhaus
-am Porto Rosega hin und wieder gern Rast gehalten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p>
-
-<p>Westlich von diesem öden Sandstrich beginnen jene
-üppigen Campagnen des untern Friauls, die sich fortsetzen
-in die Lombardei, bis hinüber zu den Seealpen.</p>
-
-<p>Die meisten Touristen schelten sie langweilig, und
-fast tödlich langweilig mögen sie für den Fußwanderer
-sein, der ihre schnurgeraden, endlosen, staubigen Straßen
-geht. Eine Spazierfahrt in offener Kalesche und am
-kühlen Abend hinaus in diese unabsehbare, leuchtende
-Pflanzenüppigkeit, die Wald und Feld und Garten zugleich
-ist, in der man Richtung und Himmelsgegend wie
-auf dem offenen Meer verliert, habe ich immer angenehm
-gefunden.</p>
-
-<p>Es ist wahr, wenn ich nichts sah als die offenen
-Weiten, das grenzenlose Grün, dann suchte ich fast ängstlich
-nach den Stützen des Firmaments. Am Horizont
-des Nordens standen dann weiße Schimmer. &ndash; Waren
-es Wolken &ndash; waren es Schneeberge? Ich konnte im
-Zweifel sein.</p>
-
-<p>Soweit der Blick des Auges reicht, ziehen sich längs
-der Ackerfurchen in zierlichen Reihen die Maulbeerbäume;
-und von Maulbeerbaum zu Ulme, von Ulme zu Kirschbaum,
-vom Kirschbaum zum Feldahorn, von diesem zum
-Maulbeerbaum schlingen sich, in die Baumkronen geheftet,
-die Rebenguirlanden, während das zarte Grün des jungen
-Maiskorns, das zweimal im Jahr den Erntesegen liefert,
-oder der mächtig in die Halme schießende Weizen die
-Felder deckt.</p>
-
-<p>Durch dieses üppige Landschaftsbild schlängelt sich
-halbwegs zwischen Monfalcone und Aquileja das blaue,<span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span>
-breite Stromband des Isonzo, über welchen die Straße
-mit einer halbkilometerlangen Holzbrücke setzt.</p>
-
-<p>Wie alles in diesem Lande, so hat auch dieser Fluß
-seine Geschichte und zwar eine Geschichte in der geschichtlichen
-Zeit. Er ist der jüngste Strom Europas und
-kaum über vierhundert Jahre alt, während der Natisso,
-jener schiffbare Strom, der, wie die römischen Schriftsteller
-melden, an den Mauern Aquilejas vorüberfloß,
-verschwunden ist und durch jene Gegend jetzt nur ein
-seichtes Küstenwässerchen schleicht.</p>
-
-<p><span id="corr020">Seltsamer</span> Weise melden die mittelalterlichen Schriften
-kaum etwas, wie aus dem Natisso der Isonzo entstand.
-Man weiß nur, daß ums Jahr 580 während eines
-vollen Monats Wolkenbrüche, welche das ganze Landschaftsbild
-umformten, über das Friaul niedergingen, so daß
-die Leute glaubten, die zweite Sündflut sei gekommen.</p>
-
-<p>In dieser bösen Zeit, so glaubt man, habe der Natisso,
-durch einen Bergsturz in den julischen Alpen aus seinem
-Bette gedrängt, seinen Oberlauf, in den späteren Jahrhunderten
-immer mehr durch das Tiefland ostwärts vagierend,
-seinen Unterlauf geändert und am Ende des fünfzehnten
-Jahrhunderts endlich diejenige Gestalt angenommen,
-mit der er dem Wanderer jetzt als Isonzo entgegentritt.</p>
-
-<p>Zwei Jahrtausende schon entzückt das Friaul &ndash; so
-bezeugt es Herodian, der Geschichtsschreiber des zweiten
-Jahrhunderts &ndash; den Fremden durch eine Üppigkeit,
-welche nur derjenigen der Lombardei zu vergleichen ist;
-zwei Jahrtausende aber ist der Bauer auch ein armer,
-enterbter Mann geblieben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<p>Die mächtigen Latifundienbesitzer des Altertums und
-die Landbarone der Gegenwart, der bäuerliche Proletarier
-der Vergangenheit und der Colono des gegenwärtigen Jahrhunderts,
-die Gegensätze prahlenden Lebensgenusses und
-unsäglichen Darbens, sie sind anderthalb Jahrtausenden
-christlicher Entwicklung zum Trotz dieselben geblieben.</p>
-
-<p>Mit seiner Zeit und seiner Kraft, mit allem und jeglichem
-steht der Colono in der Schuld seines Herrn.
-Nach altem Herkommen sichert der Pachtvertrag dem Gutsbesitzer
-zwei Drittel vom Laub der Maulbeerbäume, zwei
-Drittel vom Wein und vom Obst, vom Weizen und Mais,
-er sichert ihm auch jene Dutzende von Abgaben an jungem
-Vieh, an Geflügel, Butter, Eier und Erstlingsfrüchten
-und überdies eine bare Pachtsumme oder Wohnungsmiete,
-wofür der Bauer mit dem Rest der Landerträge
-aufzukommen hat.</p>
-
-<p>Der Arme ist stets ein schlechter Wirtschafter, darum
-kann der Colono kein guter sein! In der Tat fehlt es
-ihm an allem, an Betriebskapital, an vorteilhaften Geräten,
-an einem erfreulichen Viehstand und an der Lust,
-irgend etwas zu verbessern. Was sollte er auch? Treibt
-sein Fleiß und seine Intelligenz den Ertrag der Pachtgründe
-in die Höhe, dann hat der Herr das größte, er
-selber das kleinste Interesse daran.</p>
-
-<p>Das Verhältnis des Grundbesitzers zum Colono ist
-im günstigsten Fall ein patriarchalisches; man läßt ihn
-nie ganz verkommen; man ermutigt ihn mit Pachtnachlässen,
-wenn Hagelschlag oder Dürre die Campagne heimsucht;
-im ungünstigsten Fall aber, wenn der Grundbesitzer<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-ein Mann harten Rechts ist, waltet das Gesetz, und wehe
-dann dem Colono! Dann hat er zu Zeiten wohl auch
-das rauhe Brot der italienischen Armut, die Polenta,
-nicht mehr.</p>
-
-<p>Doch zuckt ein Morgenschimmer der Besserung über
-das Land. Der transozeanische Westen ist das Ziel, dem
-hundert furlanische Herzen entgegenklopfen, und es ist
-keine Frage, daß die genügsamen, braunen Tieflandssöhne
-drüben noch eine Zukunft haben.</p>
-
-<p>Die Colonenhütten sehen mit ihren rauhen, schwarzen
-Mauern und Hohlziegeldächern wenig wohnlich aus. Die
-viereckigen Löcher, in denen keine Fenster sind und die
-des Nachts mit vorgestellten Brettstücken geschlossen werden,
-geben ihnen etwas Ruinenhaftes im Ansehen.</p>
-
-<p>Allein es fehlt in den Dörfern des Friauls auch nicht
-an hübschen Bauten, oft sogar sieht man freundliche Villen,
-und ein besseres Bauernhaus, etwa dasjenige eines Verwalters,
-gewährt mit seinem hübsch verzierten Portal,
-mit der Zysterne des Hofes, über die sich eine schmiedeiserne
-Krone spannt, mit den feierlichen Zypressen oder
-einer gewaltigen Linde, die den Hofraum beschattet, einen
-echt südlichen und wohltuenden Eindruck.</p>
-
-<p>Entgegen der ersten Vermutung, der man beim Anblick
-der vielen halbzerfallenen Hütten Raum gewährt,
-sind die furlanischen Ortschaften sehr dicht bewohnt; zehn
-bis fünfzehn Personen sind unter dem gleichen Hüttendach
-nicht selten. So zählt Monfalcone 4800 Einwohner;
-es hat indes kaum mehr Häuser als ein schweizerisches
-Dorf von der halben Bevölkerungszahl.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span></p>
-
-<p>Der furlanisch-italienische Volksschlag tritt im allgemeinen
-vor demjenigen von Venedig an Schönheit und
-natürlicher Grazie zurück; denn wenn der Furlaner auch
-einen Dialekt spricht, der sich noch mehr dem Lateinischen
-nähert, als das Italienische selber, so rollt das italienische
-Blut doch nicht mehr so rein durch seine Adern, sondern
-ist mit slavischem und deutschem versetzt.</p>
-
-<p>Nur der flache Strand ist italienisch, und schon an
-den ersten Vorflügeln des Karsts erstirbt der melodiöse
-Laut des Südens in der konsonantenreichen windischen
-Sprache; das Volkselement der Italiener weicht dem gelassenen,
-wie von einer Art Schwermut durchzitterten
-slavischen Wesen.</p>
-
-<p>Der Gegensatz der italienischen und slovenischen Furlaner
-ist ebenso groß wie derjenige zwischen Romanen und
-Germanen, wenigstens hier, wo die Armut nicht das Leben
-ganz verkümmert, südliche Lebensfülle und südliche Lust,
-glutäugige, braune Mädchen, dort ein stummer Duldermut,
-ein tiefer fatalistischer Zug, blaßwangige Mädchen
-mit schlichtem Haar und wasserblauen Augen.</p>
-
-<p>Arm, wie der zerrissene Felsboden, den es bewohnt,
-ist auch das slovenische Volk. Wenn ein Fremder in ein
-solches Karstdörfchen kommt, dann springen aus allen
-Häusern die Kinder daher. Die halbzerlumpten, bleichen
-Gestalten werfen sich knielings in den Straßenstaub und
-bitten, die Arme über die Brust gekreuzt, mit den kläglichsten
-Gebärden um eine Gabe. Wirft man ihnen einige
-Kreuzerstücke zu, dann purzeln alle in den Staub,
-lüften ihre Mützen und werfen dem Spender unter<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-beständigen Segenswünschen ihre Handküsse nach, bis er
-verschwindet.</p>
-
-<p>Nur der materielle Notstand des slavischen Colono läßt
-das Bild begreifen. Noch größer als dieser ist der geistige,
-denn ich habe es aus guter Quelle, daß in einigen dieser
-Karstdörfer selbst die Bürgermeister nicht schreiben können.</p>
-
-<p>Wenn man auf der Rocca von Monfalcone steht, sieht
-man hinein ins windische Land, Bühel an Bühel, unregelmäßig
-ohne bestimmte Richtung, grau und nackt,
-nur in den Frühlingswochen mit einem schwachen Flor
-sprießender Gräser überhaucht, sonst dürrer als eine Heide,
-eine Felsenwüste.</p>
-
-<p>Das ist der Karst. Wandert man von der Rocca
-über die Karren des Burghügels hinab, so kommt man
-an den kleinen See von Pietra rosa in einem einsamen
-Tälchen. Das Ried, das ihn umkränzt, ist das einzige
-Grün in dieser Steinwildnis.</p>
-
-<p>Das kleine Wasser und seine Umgebung mahnt an
-einen Alpensee unter der Grenze ewigen Schnees, etwa
-im Gotthardhochtal; allein in Tat und Wahrheit liegt es
-wenige Meter über der Adria, und wenn eine Springflut
-den Golf von Monfalcone schwellt, dann steigt auch
-in diesem Becken die Flut aus verborgenen Quellen auf,
-er ist ein kleiner Zirknitzersee und war für mich das erste
-kleine Wunder des Karsts, des Gebirges, wo man aus
-den Wundern nicht herauskommt.</p>
-
-<p>Doch hat das Seelein einen oberirdischen Abfluß und
-an diesem steht eine kleine Mühle. Ihr Klappern ist
-der einzige Laut des stillen Tales.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span></p>
-
-<p>Eine Bodensenkung führt im Norden der Mühle
-weiter hinein in den Karst, dessen Halden stellenweise ein
-mageres Eichengestrüpp bedeckt, und wir kommen nach
-Jaminiano hinüber, einem kleinen slavischen Dorf, das
-mit seinen elenden Hütten an der Halde eines Hügels klebt.</p>
-
-<p>Jaminiano bedeutet im Slovenischen »Ort bei der
-Grotte«, und in der Tat liegt ein Viertelstündchen davon
-eine <em class="antiqua">grotta di columbe</em>, eine Taubenhöhle.</p>
-
-<p>Grotten gibt es im Karst fast so viele als Wasserfälle
-in den Alpen. Die Höhle von Jaminiano ist nur
-eine von den zahlreichen, in denen wilde Tauben ihr Geniste
-haben. Sie liegt nicht an einem Abhang, sondern
-in der Sohle eines von Osten nach Westen laufenden
-Tals, unfern eines kleinen Sees, und das Auge entdeckt
-von ihr nichts, bis man hart an ihrem Eingang steht. Es
-ist dies ein zehn Meter tiefer Felsenschacht, an dessen
-Rand ein kärgliches Gebüsche wächst.</p>
-
-<p>In dieser Kluft, in die man ohne Leiter und Seile
-nicht hinuntersteigen kann, öffnet sich in der Richtung
-gegen das Meer eine Höhle. Horcht man, so tönt aus
-derselben das »ruck, ruck, ruck« und das Girren von
-etlichen hundert Tauben, von denen man erst einige zu
-Gesichte bekommt, wenn man sie durch Steinwürfe oder
-besser noch durch einen Pistolenschuß erschreckt.</p>
-
-<p>Die Tiere führen hier ein idyllisches Leben; doch machen
-sich hin und wieder die Nimrode der Gegend den Spaß,
-daß einer von ihnen an Seilen die Höhle hinunter gelassen
-wird und die friedliche Vogelkolonie in Aufruhr
-bringt, während ihrer ein Dutzend mit gespanntem Hahn<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-am Rande stehen und, zusammenpaffend was möglich ist,
-unter den Tieren ein Blutbad anrichten.</p>
-
-<p>Der See im Süden der Grotte hat keinen oberirdischen
-Abfluß; am Eingang der Taubenhöhle aber hört
-man die abfließenden Wasser in verlorenen Tiefen rauschen.
-Wer weiß, durch welche phantastische Tropfsteingänge und
-Hallen sie ziehen, bis sie den Timavo, jenen aus den Uferfelsen
-der Adria brechenden kurzen Strom erreichen.</p>
-
-<p>Als Andenken an den in Karrenfelder eingebetteten
-See von Dobredo und die Taubengrotte habe ich mir
-die Zwiebeln einiger bis halbmeterhoch werdenden Amaryllen
-und einiger Zyklamen, welche das stille Wasser
-umblühen, mitgenommen.</p>
-
-<p>Doch nun zu größern Ausflügen. Drüben im Hof
-des »<em class="antiqua">Cotonificio triestino</em>« knallt Antonio, der Kutscher,
-mit der Peitsche; dort scharren Bubo und Plato, die
-treuen Tiere. Geht's nach Görz, der furlanischen Gartenstadt,
-geht's nach Duino, dem gewaltigen Schloß am
-Meer oder in den märchenträumenden Frühling von
-Miramare? &ndash; Von solchen vergnüglichen Fahrten plaudern
-die folgenden Blätter.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/chap-end.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span></p>
-
-<h2 id="OEsterreichisch_Nizza">
-<img src="images/illu-027.png" alt="" /><br />
-Österreichisch Nizza.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Es ließe sich mit Städtenamen und ihren Umschreibungen
-ein stattliches Lexikon füllen; vielleicht ist
-auf keinem Gebiete die schriftstellerische Paraphrase fruchtbarer
-gewesen als auf diesem, und eine Reihe dieser
-umschreibenden Städtebezeichnungen sind Gemeingut der
-Bildung geworden. Wer wüßte nicht, daß Amsterdam
-ein »nordisches Venedig«, München ein »deutsches Athen«,
-Dresden das »Elbeflorenz«, Montreux das »schweizerische
-Nizza« ist?</p>
-
-<p>Wo aber ist »österreichisch Nizza?« &ndash; Es ist Görz,
-eine küstenländische Stadt an der Linie Triest-Venedig;
-und das Verdienst dafür, einen so schönen Namen aufgebracht
-zu haben, gebührt Baron Czörnig, der ein umfangreiches
-Buch über die Stadt geschrieben hat.</p>
-
-<p>Gewiß liegt etwas Verlockendes in dem Namen, denn
-ein »Nizza« bedeutet doch wohl milde Lüfte, steten Frühling,
-eine reizende Gegend, eine schöne, fröhliche Stadt, kurz
-ein Paradies! Wer wollte nicht in einem Paradiese sein?
-So dachte ich, und der Gedanke wurde zu einer frischen,
-frohen Frühlingsfahrt über den Karst nach Görz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span></p>
-
-<p>Bis Ronchi, dem westlichen Nachbardorf von Monfalcone,
-brausten die beiden Apfelschimmel so feurig dahin,
-als gälte es einen Morgenbesuch in Venedig; allein an
-den Karstklippen, durch die sich die Straße zur Höhe
-emporwindet, brach der erste Schwung. Der Rückblick
-auf die grünen, leise wogenden Campagnen des Friauls
-und das am Horizont verdämmernde, ferne Meer, hielt
-das Auge noch eine Weile in Spannung. Als wir jedoch
-die Höhe eines in die furlanische Tiefebene vorspringenden
-Karstrückens hinter uns hatten, sahen wir
-nichts mehr als die wüsten Klippen und Klüfte des vegetationslosen
-Gebirgs. In seinem endlosen Grau bildeten
-nur die sich scheu in die flachen Bodensenkungen duckenden,
-kleinen Getreidefelder und Baumkrüppel einige Pflanzenoasen
-und erbarmungswürdiges Karstvieh, das nicht gedeiht
-und nicht verkommt, suchte in den Felsspalten nach einigen
-grünbraunen Halmen oder einem aufsprossenden Stäudchen.</p>
-
-<p>Die Straße senkte sich in ein von öden Hügeln eingerahmtes,
-wenig bewohntes Tal, aus dessen Steinklippen
-hie und da ein Häslein die Ohren reckte, und nach etwa
-einstündiger Fahrt erreichten wir die frischgrüne, lachende
-Ebene von Görz, eine große, vegetationsreiche Tieflandsbucht,
-welche die furlanische Ebene in die grauen, nackten
-Gebirgszüge des Karstes sendet.</p>
-
-<p>Der Blick ist bemerkenswert schön wegen zwei hübschen
-Bauten. Zur Rechten erhebt sich die Santa Scala von
-Merna, eine Kirche mit Doppelturm auf freiem Hügel;
-zur Linken das liebliche Schloß Rubbia in einem hellen
-Buchenschlag des äußersten Karstvorsprungs.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p>
-
-<p>Vor beiden zieht müde, mit keiner Welle plaudernd,
-als drückte sie ein Geheimnis aus dem Berginnern, die
-Wippach, die einige Stunden oberhalb Görz plötzlich als
-starker Fluß aus dem Gebirge quillt, mit gelbgrünen
-Wassern dahin, um unterhalb Rubbia in dem schönen,
-raschfließenden Isonzo aufzugehen. Jenseits des Wassers
-liegen Görz, seine großen Fabriken und seine Vorstädte
-im weinreichen, nach Süden geöffneten Kessel, und darüberhin
-die Felsenrücken der Isonzoberge. Auf einem
-derselben, der das Tal des türkis-blauen Flusses gegen
-Westen vollkommen abzuschließen scheint, schimmert ein
-großes, kastellähnliches Haus, die Pilgerherberge des
-Monte Santo. Das ist das Maria-Zell oder Maria-Einsiedeln
-des Küstenlandes, nach dem die Italiener der
-Tiefebene wie die Slaven des Gebirgs mit gleicher Verehrung
-und in großen Bußprozessionen wallfahrten.</p>
-
-<p>Merna, an dem wir eben jetzt vorüberkommen, ist
-der Schuhmacherort des Friauls, denn wie nach altem
-Herkommen an dem einen Ort ausschließlich Tischlerei,
-an dem andern die Töpferei, am dritten das Maurer-
-oder Steinmetzhandwerk das Gewerbe der ganzen Dorfschaft
-bildet, so blüht in Merna die Kunst der Fußbekleidung.</p>
-
-<p>Nachdem wir die Wippachbrücke passiert hatten, langten
-wir in Görz an.</p>
-
-<p>Eine Stadt mit 17&nbsp;000 Einwohnern kann nicht groß
-sein, aber doch manche Sehenswürdigkeiten enthalten.
-Görz ist weder groß, noch durch letztere merkwürdig; aber
-mit seinen vielen, schönen Gärten ist es eine ebenso saubere
-als reizende Stadt. Wenn man über den geräumigen<span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span>
-Marktplatz geht und die ehrenfesten Bürger- und Patrizierhäuser
-sieht, dann fühlt man's heraus, daß man sich in
-einer alten, deutschen Stadt befindet, die durch den
-Zufall der Völkerverteilung in das schöne südliche Tal
-zu liegen kam.</p>
-
-<p>Jahrhunderte lang eine deutsche Sprachinsel und von
-einem deutschen Adel beherrscht, bewahrte sie zwischen
-italienischen und slavischen Volkselementen das deutsche
-Wesen treu, bis sie ums Jahr 1500 unter die österreichische
-Herrschaft kam. Allein mit dem steigenden Verkehr
-nach dem Venetianischen und dem Zuströmen italienischer
-Kaufleute und Handwerker, mit dem Verfall der Schulen
-im 17. Jahrhundert gelangte, trotz des Protestes der eingebornen
-Görzer im Jahr 1626, daß sie »echte, rechte,
-geborne, alte Teutsche« seien, im Ringen um die Sprachoberherrschaft
-der südliche Wohllaut über das kräftige
-germanische Wort zum Sieg. In steter Reibung mit dem
-alteinheimischen Deutschen und dem Slovenischen hat sich
-die italienische Sprache immer mehr befestigt, so daß jetzt
-11&nbsp;000 Italiener und 4200 Slaven einem Rest von 1800
-Deutschen gegenüberstehen, die indessen durch ihre Bildung
-und ihre soziale Stellung der deutschen Sprache
-einen dauernden Halt sichern, so daß Görz die Stadt
-bleiben wird, wo sich drei Sprachen stoßen.</p>
-
-<p>Deutsch ist in Görz der Mutterlaut, deutsch die Bildung
-und deutsch das Bier. Diese drei haben mich in
-der Stadt am meisten gefreut.</p>
-
-<p>Über dem Marktplatz und der Altstadt steht auf einem
-nach allen Seiten freien Hügel das durch Bastionen<span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span>
-verstärkte, aber zum Teil verfallene Kastell, das ehemalige
-Schloß der mächtigen Grafen von Görz, deren Töchter
-selbst deutsche Kaisersöhne freiten.</p>
-
-<p>So war Elisabeth, die Gemahlin des Kaisers Albrecht,
-der durch die Hand des Johannes Parricida fiel, eine
-Görzerin, und das »kühne, unerschöpflich begierige Weib«,
-das sich nach dem Kaisermord zur gräßlichen Rachefurie
-wandelte, mag, da es später als stille Büßerin in der
-Klosterzelle von Königsfelden saß, wohl öfters der sonnigen
-Burg im Isonzotal, wo sie ihre Jugend verlebte, gedacht
-haben.</p>
-
-<p>Als Gegenstück zu der mit Blut gezeichneten Geschichte
-dieser Frau nimmt sich das Liebesidyll Emerentiens von
-Görz, die an der Wende des vierzehnten zum fünfzehnten
-Jahrhundert gelebt, noch einmal so freundlich aus. Ihre
-Brüder wollten sie nach dem Tode ihres Vaters in ein
-italienisches Kloster schicken und wählten als ihren Begleiter
-Balthasar von Welsberg, einen frommen und guten
-Ritter aus. Als aber die junge, schöne Maid die lachenden
-Gefilde Italiens, die prächtigen Städte und ihr
-fröhliches Leben sah, da wurde ihr beim Gedanken ans
-Klosterleben düster zu Mut und schwer ums Herz und
-sie verhehlte dem Ritter, der den stillen Gram gewahrte,
-ihre Leiden nicht. Herr Balthasar war nicht unritterlich
-und die Worte der Dame gingen ihm nahe. Statt ins
-Kloster führte er die schöne Anvertraute zu einem Priester,
-der ihrem Bündnis die Weihe gab, und sie flüchteten
-sich ins Tirol, wo sie zu Toblach im Pustertal in einer
-niedrigen Bauernhütte Flitterwochen hielten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span></p>
-
-<p>Allein die jungen Grafen von Görz erklärten sich
-gegen solches Minneleben, sie wollten vor Welsberg ziehen.
-Da erschien irgend ein geistlicher Herr &ndash; die Kirche hat
-ihre Sache nicht immer so gut gemacht &ndash; löste alle
-Zwietracht in Frieden und laute Hochzeitsfreude auf,
-so daß Herr Balthasar seiner Emerentia sagte: »Engel,
-ös ist G'fahr vorbei.«</p>
-
-<p>Ein gewaltiges Stück mittelalterlicher Kriegsgeschichte
-ging mit den Grafen von Görz an der Stadt vorüber,
-und hätte sie sonst keinen Ruhm, so könnte sie auf den
-Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen.</p>
-
-<p>Allein Görz hat eine blühende Gegenwart. Es besitzt
-am Isonzo eine beträchtliche Industrie für Mahlprodukte,
-Spinnerei, Weberei und Papierbereitung, einen
-bedeutenden Weinbau und einen lebhaften Handel, eine
-Realschule und ein Obergymnasium, wo die italienischen
-Studenten deutsche Wissenschaft einsaugen, ein geistliches
-Zentralseminar, dessen gutgedrillten Zöglingsscharen und
-schwarzen Führern man an allen Ecken der Stadt begegnet,
-woraus man die Gewähr dafür schöpfen kann,
-daß im Küstenland die Milch der frommen Denkungsart
-nicht ausgeht, eine Provinzialackerbauschule, in die man
-keine Coloni schickt, ein Damenstift und einige Klöster,
-in welche man die ehe- und weltscheuen Leute steckt, und
-einen Fürsterzbischof, der die Stadt segnet.</p>
-
-<p>Görz ist das südliche Pensionopolis Österreichs, die
-schöne, ruhmreiche Stadt, wo die küstenländischen und
-krainischen Beamten und Professoren im milden Glanz
-eines wohlverdienten Feierabends ihre Diäten verzehren,<span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span>
-Bier trinken, Zeitungen lesen, über das Wetter plaudern,
-aber nicht politisieren; denn das hat ein Österreicher entweder
-nie begonnen, oder längst verlernt, wenn er die
-kaiserliche Pension genießt.</p>
-
-<p>Es ist zur Legende geworden, daß ein Pensionär mit
-seinen Einkünften nicht leben und nicht sterben kann; wenn
-aber ein Fremder von Görz hinaus gegen den Isonzo
-wandert, so staunt er über die Villenpracht. Das frische,
-kühlende Grün wohlgepflegter Gärten schaut in die spiegelnden
-Scheiben; unter großen weitschattenden Bäumen
-plaudert die Quelle; Marmorstatuen, wirkliche, wahrhaftige
-Antike von Aquileja nicken im dunkeln Lorbeer,
-und Blumenmosaik schmückt mit leuchtenden Farben das
-zarte Grün der Rasenbeete. Da wohnen wohl auch kaiserliche
-Pensionäre, nur nicht die legendären, sondern jene,
-denen der Zufall der Geburt schon eine Couponschere
-unter das Wiegenkissen gelegt.</p>
-
-<p>Diese herrlichen Villeggiaturen, denen ich in oberitalienischen
-Landen nichts zu vergleichen wüßte, stellen
-dem Geschmack der reichen Görzer das beste Zeugnis
-aus. Was mir an ihnen besser noch als die Pinienschirme,
-die Palmenwedel und die Orangerien gefallen,
-das ist das Blust unserer nordischen Obstbäume, das im
-ersten Frühling auf die Kieswege dieser Gärten niederschneit.
-Görzisches Obst gilt bei den italienischen Feinschmeckern
-als ein Leckerbissen.</p>
-
-<p>Auch der Arme von Görz muß sich nicht begnügen,
-zu sehen, wie der Reichen Gärten blühen; denn die Stadt,
-die nun einmal einen aufgeweckten Sinn für jedes<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-mütterliche Lächeln der Natur bekundet, hat einen wunderschönen
-Volksgarten, nicht nur einen dünnbestockten Park
-mit ein paar krummen Wegen, sondern einen echten, wohlgepflegten,
-öffentlichen Garten von südlicher Üppigkeit.
-Wenn sich dazu auf der Stadtseite desselben der Blumenmarkt
-entfaltet, dann scheint für Görz allerdings kein
-Name passender, als derjenige einer Gartenstadt.</p>
-
-<p>Wer wollte einen südlichen Blumenmarkt beschreiben?
-Der Name der Gewächse ist das wenigste; die schweren
-Düfte, die leuchtenden Farben, die sich in Worten nicht
-wiedergeben lassen, schon mehr; das wählende, prüfende,
-feilschende Menschenkind, das sein Leben mit Blüten und
-Grünem schmücken will, das meiste an seiner Poesie.</p>
-
-<p>Wo die Blumen so herrlich gedeihen, wie in Görz,
-mußte man mit Naturnotwendigkeit zu der Frage kommen,
-ob da nicht auch dem verwelkenden Menschenkind ein
-neuer Lenz erblühe, das in den rauhen Klimaten nicht
-mehr fortkommen will. Görz ist klimatischer Kurort und
-&ndash; was nicht jede aufstrebende Stadt wagen würde &ndash;
-es stellt sich gleich neben Nizza. In manchen Dingen
-hat es das Wesen dazu, vor allem einen angenehmen,
-dem nordischen Frühling gleichenden Winter, der nicht
-einmal die Einstellung der Feldarbeiten bedingt, einen
-gemäßigten Sommer, von dem die reinen, frischen Gebirgswinde
-die italienische Schwüle fernhalten, eine herrliche
-Lage, welche nur wegen ihrer nackten, grauen Gebirgsrahmen
-hinter der Schönheit irgend eines südtirolischen
-Kurortes zurücksteht.</p>
-
-<p>Jetzt fühlt es indessen die Flut und Ebbe eines zu- und<span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span>
-abströmenden Fremdenkontingents noch nicht stark; der
-mehrsprachige Verkehr, die engen gesellschaftlichen Verhältnisse
-der Kleinstadt, das Bestreben, sie ganz in ein
-italienisches Kleid zu stecken, stehen einer raschen Entwicklung
-des Touristenverkehrs entgegen; denn wo immer
-der Mensch auch zu gesunden suche, verlangt er ein Stück
-lebhafter Geselligkeit, und der Deutsche, namentlich der
-Deutsch-Österreicher, an den sich der Kurort Görz wendet,
-ein ungebrochenes, gemütliches Volksleben, das er eben
-in der italisierten Stadt vermißt.</p>
-
-<p>Ob sich nun der Traum eines »österreichischen Nizza«
-realisiere oder nicht, die gärtenumrahmte kleine Stadt wird
-jeder ihrer Besucher mit dem Eindruck lieblicher Schönheit
-verlassen.</p>
-
-<p>Allein nicht minder freundlich als die Stadt selber
-steht mir ein Ausflug in ihre Umgebung, zum Isonzoschlund
-hinterhalb Salcano und eine Besteigung des Monte
-Santo, die ich später einmal unternommen, vor meinem
-Gedächtnis.</p>
-
-<p>Ich streifte hinaus zu dem Totenacker von Görz und
-weiter gegen jenen nackten Felsenrücken, auf dem das
-Kirchenkastell des Monte Santo steht.</p>
-
-<p>Dann kam ich nach Salcano. Es ist eine kleine
-Ortschaft von 1400 Einwohnern, mit zum Teil sehr alten,
-ansehnlichen Häusern, die sich am linken Ufer des Isonzo
-aufreihen, der hier perlend und wogend aus einer Gebirgsklause
-heraustritt.</p>
-
-<p>Salcano ist die Mutter von Görz. Als dieses selber
-noch nicht in die Geschichte eingetreten war, blühte hier<span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span>
-um die Wende des Jahrtausends ein Grafengeschlecht,
-das seine Burg auf den jetzigen Kastellhügel von Görz
-verlegte und damit Gründer der Stadt Görz geworden ist.</p>
-
-<p>Es geht so im Leben; die Tochter wächst der Mutter
-über das Haupt. Görz ist eine Stadt geworden, Salcano
-ein Dorf geblieben. Die Ritterlichkeit ist vergangen, die
-Naturherrlichkeit geblieben; denn hinterhalb Salcano
-schäumt der prächtige, hellblaue Isonzo zwischen den
-steilen Halden des Monte Santo und einem mit verbogenen
-Schichten aufragenden Vorberg durch einen Engpaß,
-wie im Bündnerland der junge Rhein.</p>
-
-<p>Wo man die Schlucht und den tosenden Bergstrom
-am schönsten überschaut, beginnt die Straße auf den
-Monte Santo. In einem Uferfelsen, zur Rechten des
-aufsteigenden Wanderers ist eine Gedenktafel zu Ehren
-ihres Erbauers, eines Herrn Joseph Koller, eingelassen,
-der sie in zierlichen, immer weiter gegen Süden als
-gegen Norden auslangenden Zickzacklinien sanft und sachte
-an der vegetationsarmen, klippigen Berglehne emporgezogen
-hat, so daß es eine wirkliche Kunststraße ist.</p>
-
-<p>Der Monte Santo ist kein Riese. Er hat die mäßige
-Seehöhe von 645 Metern; aber sein breiter, wenig entwickelter
-Felsrücken ragt immerhin achtmal höher als der
-herrliche Campanile von Aquileja über die Tiefebene empor.
-Diese liegt bei Salcano erst 85 Meter über Meer
-und so ist er denn doch eine stattliche Bergerscheinung.</p>
-
-<p>Es war bereits Nachmittag, als ich von Görz her
-an den Fuß des Berges gelangte. Nur der Vorsatz,
-das Isonzodefile zu sehen, hatte mich hieher geleitet; aber<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-nun wurde der Bergfex in mir lebendig, und das hat
-mich nicht gereut.</p>
-
-<p>Ich benützte nur zum kleinern Teil die bequeme Straße
-des Herrn Joseph Koller, sondern klomm die alten rauhen
-Pilgerpfade von Kapelle zu Kapelle höher hinan.</p>
-
-<p>Die erste erhebt sich auf einer starken, nördlichen
-Gratsenke des Berges, von der aus man zugleich in den
-romantischen Talkessel von Salcano und in eine westliche
-Gebirgsmulde blickt, wo ein Slavendörfchen in steiniger
-Gebirgseinsamkeit liegt. Vor der zweiten lag ein Pilgrim
-auf den Knieen und betete seinen Rosenkranz. Es mußte
-ihn beleidigen, daß ich nicht das gleiche tat; denn er warf
-mir, als ich vorüberschritt, einen sehr zornmütigen Blick zu.</p>
-
-<p>Das böse Auge des Mannes gab mir zu denken.
-Hinter seinem Beten und meinem Wandern lag ja eigentlich
-die nämliche Idee: Unser armes Sein ein Weilchen von
-uns ab in den Schoß einer guten, großen <span id="corr037">Mutter zu</span> legen.
-Nur hatten wir unser Vertrauen zwei verschiedenen Müttern
-zugewandt; er der schmerzenreichen, die einen Gott gebar
-und dafür in den Himmel kam, ich der Natur, die
-aus Staub nur Staub geschaffen und auf der Erde hat
-bleiben müssen.</p>
-
-<p>Ich dachte, ich stieg und kam zur letzten Kapelle. Da
-holte ich einen zweiten Wanderer ein, der lesend fürbaß
-ging. Als ich eben grüßend an ihm vorübergehen wollte,
-schaute er auf und rief mir ein lächelndes »<em class="antiqua">Chi va piano,
-va sano</em>« zu.</p>
-
-<p>Das war der Anfang unserer Unterhaltung &ndash; und
-je länger ich mit ihm redete, desto merkwürdiger wurde<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-mir der Mann; aber das Merkwürdigste an ihm war
-seine Lektüre: »Lienhard und Gertrud.«</p>
-
-<p>Es tut immer wohl, wenn man die Schriftsteller der
-eigenen Nation von Fremden gelesen sieht; ich konnte
-meine freudige Überraschung nicht verbergen; sie zwang
-mich, dem kleinen, klug dreinblickenden Mann mit den
-Augengläsern zu sagen, daß der berühmte Verfasser des
-Buches mein Landsmann sei.</p>
-
-<p>Da trat er einen Augenblick prüfend vor mich hin.
-»Sie sind Schweizer!« sagte er und ergriff meine beiden
-Hände. »Jetzt lasse ich Sie nicht gleich wieder los.
-Bitte erzählen Sie mir von Ihrem schönen Land, seinen
-herrlichen Bergen, seinem glücklichen Volk, seinen freien
-Institutionen.«</p>
-
-<p>Die Begeisterung des slavischen Lehrers nötigte mir
-ein Lächeln ab; aber ich fühlte, daß ein Ernst hinter
-seinen Worten liege, und wer plaudert nicht gern vom
-Heimatland? Plaudernd kamen wir auf den Gipfel, zu
-dem weitläufigen ehemaligen Franziskanerkloster, setzten
-uns vor der Pilgerherberge zum Abendtrunk und schauten
-aus auf das im Nachmittagsschein vor uns liegende Land,
-die Berge und das ferne Meer.</p>
-
-<p>Der Monte Santo ist ein südösterreichischer Rigi.
-Wunderhübsch ist der Blick auf die Stadt Görz und
-den hinter ihr liegenden Coglio, ein reizendes Hügelland,
-auf dessen Höhen weißschimmernde Kirchen und Dörfer
-stehen. Darüberhin ragt im fernsten Osten der Krainer
-Schneeberg, der zwar keinen Firn und keinen Gletscher,
-aber doch bis weit in den Sommer hinein eine glitzernde<span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span>
-Schneekrone trägt. Von ihm aus ziehen sich in weiten
-Rundbogen, über die tannendunkeln Höhen des Birnbaumer-
-und Tarnovanerwaldes aufgebaut, die zerrissenen
-Gebirgsmauern und Kalkzinken der julischen und karnischen
-Alpen gegen Nordwesten. Aus dem Chaos der Spitzen
-hebt sich östlich der wildabstürzende Nanos, im Norden
-der Triglav, der scharfgezeichnete Krn, und, durch das
-tief eingeschnittene Isonzotal davon getrennt, der Monte
-Canin, der massige Rücken des Monte Matajur und dahinter
-eine Menge fernblauender Häupter, die den italienischen
-oder gar den tirolischen Alpen angehören.</p>
-
-<p>Dann weichen die Gebirge weit zurück und der Blick
-taucht in die venetianische Tiefebene. Im Süden dämmern
-der Campanile von Aquileja, die Lagune von Grado und
-der bleiche Schimmer der offenen See, im Südosten der
-Golf von Monfalcone, jenseits desselben eine matte Helle,
-die Stadt Triest, ein dunkler Wall, der Küstenhang von
-Istrien, der sanft im Horizont erstirbt.</p>
-
-<p>Wer daheim an jedem schönen Tag die Hochalpen
-vor Augen hat, der weiß mit den Kalkalpen nicht viel
-anzufangen. Ich schilderte meinem Slaven einen Morgen
-auf der Wengernalp, den Blick auf Jungfrau und Silberhorn,
-den steten Fall der Lawinen, die vor dem Beobachter
-donnernd ins Trümmletental niederstäuben. Da
-fing der gute Mensch an zu seufzen: »O nur einmal,
-einmal in die Schweiz! Allein es ist unmöglich.«</p>
-
-<p>Er malte mir Grau in Grau ein Bild des Lehrerlebens
-in einem slavischen Dörfchen, die Armut bei einer
-Besoldung von 200 Gulden im Anfang und bei einer<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-wenig größern in den spätern Jahren, die Schulfeindlichkeit
-der Grundbesitzer, das Vorurteil der Bauern gegen
-den Lehrer und ihren tiefen Haß gegen den Schulzwang,
-die Laxheit der Behörden in der Durchführung der Gesetze:
-kurz die ganze Leidensgeschichte eines Streiters für die Bildung
-an einem Ort, wo er der einzige ist, der dafür kämpft.</p>
-
-<p>»Ich bin«, sagte er, »keiner der ärmsten, denn ich
-habe meinen allerdings kleinen Einkünften etwas väterliches
-Vermögen zuzusetzen; aber für eine Schweizerreise
-…« Er starrte melancholisch vor sich hin.</p>
-
-<p>Wir waren bereits zu lange gesessen; ich stand auf
-und wollte von dem Lehrer Abschied nehmen.</p>
-
-<p>»So wollen wir nicht scheiden, mein Herr«, sagte er;
-»ich dachte mir zwar auf dem Monte Santo zu bleiben,
-allein ich werde Sie ein Stück Weges begleiten.«</p>
-
-<p>Meine Bitte, sich nicht zu bemühen, war erfolglos.
-Wir schritten wie zwei alte Freunde plaudernd bergabwärts.
-Da begegnete uns jener hohe, hagere Pilgersmann,
-den ich vor der untersten Kapelle hatte knieen
-sehen und der, Gebete vor sich hinmurmelnd, hinkend bergaufwärts
-ging.</p>
-
-<p>»Wissen Sie, warum der arme Mann so schlecht
-geht?« fragte mein Begleiter. »Die Pilgrime, die auf den
-Monte Santo wallfahren, pflegen in ihre Schuhe einzelne
-Bohnen zu legen, die beim Gehen große Schmerzen verursachen.
-Sie glauben dann von der Gottesmutter eher
-erhört zu werden.«</p>
-
-<p>Als ich das vernahm, hatte ich dem Pilger seinen
-bösen Blick schon verziehen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span></p>
-
-<p>Bei der untersten Kapelle schied ich von dem slavischen
-Lehrer. »Lienhard und Gertrud«, sagte er, »ist eines der
-wenigen deutschen Bücher, die ich besitze; aber ich werde
-nie darauf zurückkommen, ohne mit lebhaftem Vergnügen
-mich der schönen Stunde zu erinnern, die mir an <span id="corr041">Ihrer</span>
-Seite beschieden war. Grüßen Sie mir die Schweiz!«</p>
-
-<p>Er wandte sich gebirgseinwärts, ich auswärts. Der
-nächste Augenblick hatte den einen dem Blick des andern
-entzogen.</p>
-
-<p>Als ich wieder in Salcano ankam, lag der Abendsonnenschein
-auf den Klostermauern von Monte Santo.
-Unterhalb der Ortschaft steigt man auf hohem, steilem
-Uferbord zu einer Fähre des Isonzo hinab. Da ließ ich
-mich über den herrlichen, hellblauen Fluß ans rechte Ufer
-hinüberstoßen.</p>
-
-<p>Ein braunes, italienisches Mädchen saß mit mir im
-Kahn und wies mir den Weg hinauf nach dem Schlosse
-San Mauro, das als hübsche Villa über dem waldigen
-Ufer steht. Es war ein genußreiches Wandern durch
-jungbelaubten Buchenwald, als ich im Abendschein, hoch
-über dem Fluß, an einem Slavendörfchen vorbei, talabwärts
-schritt. Das Wellenspiel des Isonzo, der hier
-in einem tiefen Bette strömt, mahnte mich an den Rhein
-unterhalb seines Falles.</p>
-
-<p>Eine Brücke führt in der Nähe von Görz darüber
-hin. Im Dunkel des Abends schritt ich darüber; ich
-dachte an den Pilger mit den Bohnen in den Schuhen, an
-den slavischen Lehrer, an mein Heimatland, ich dachte an so
-vieles; wer wollte gedankenlos wandern zur Frühlingszeit!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p>
-
-<p>Man hat &ndash; ich kehre hier zu jener ersten Wagentour,
-die wir nach Görz unternommen, zurück &ndash; die
-interessanten Gebäude der Stadt bald gesehen, und
-der Liebreiz ihrer Gärten prägt sich rasch in den Sinn
-des Wanderers. Wir verließen es also am Spätnachmittag
-und fuhren hinaus gegen den langen, prächtigen
-Viadukt, mit dem die Linie Venedig-Triest das Tal des
-Isonzo überspannt. Jenseits desselben gelangten wir über
-den Fluß in die offene venetianische Tiefebene hinaus, zu
-der die Landschaft von Görz sich wie eine hügelumschlossene
-Bucht verhält.</p>
-
-<p>Am <span id="corr042a">Ausgang</span> dieses Tieflandwinkels liegt die Ortschaft
-Mainizza. Hier stießen im Jahr 489 die beiden gewaltigen
-Recken der deutschen Heldensage, der Herulerfürst
-Odoaker, der den letzten der römischen Schattenkönige,
-den Romulus Augustulus, vom <span id="corr042b">weströmischen</span> Kaiserthrone
-verjagt und selbst die Zügel des verrotteten Reiches
-ergriffen hatte, und der Ostgotenkönig Theodorich in furchtbarer
-Schlacht zusammen. Hier war es, wo der Stern
-des ersten germanischen Kaisers auf römischem Thron ins
-Sinken kam. Im folgenden Jahr wurde er an der Adda
-wieder geschlagen, im Jahre 493 von Theodorich in Ravenna
-belagert und zuletzt durch dessen eigene Hand niedergestoßen.</p>
-
-<p>Gegenüber Mainizza grüßt wieder das prächtige Schloß
-Rubbia mit blühendem Park, und zwischen beiden fällt
-die schleichende, trübe Wippach in den lichten Isonzo.</p>
-
-<p>Eine undurchdringliche Staubwolke lag stets hinter
-unserm Wagen; denn im Brand der italienischen Sonne<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-hatten sich die furlanischen Straßen handtief in Staub
-aufgelöst, der das Wandern der Fußgänger unerträglich
-machte. Im Wagen litten wir weniger davon, und die
-Fahrt längs der letzten Karstausläufer bis zu dem Städtchen
-Gradiska war in der Abendkühle ein hoher Genuß.</p>
-
-<p>Dieses Städtchen, das im Jahr 1473 von den Venetianern
-zum Schutz gegen die Türken gegründet wurde,
-war von der Mitte des siebzehnten bis in den Anfang
-des achtzehnten Jahrhunderts hinein der Sitz einer kleinen
-Grafschaft. Jetzt ist sie mit derjenigen von Görz unter
-dem Namen der »gefürsteten Grafschaft Görz und Gradiska«
-zu einem selbständigen Kronland der österreichischen
-Monarchie vereinigt, das in Görz seinen Landtag hat.</p>
-
-<p>Im Osten des Städtchens, das aus wenigen Häuserreihen
-besteht und nur 1500 Einwohner zählt, sind noch
-achtunggebietende Reste der venetianischen Festungswerke,
-eine düstere Stadtmauer mit zwei ungemein festen Bastionen
-und einem dunkeln, engen Tor. Die früher davor
-liegenden Außenwerke sind im Laufe dieses Jahrhunderts
-einem ungewöhnlich großen, öffentlichen Platze
-gewichen, der mit seinem angenehmen Kastanienschatten und
-seiner hübschen Rotunde nicht nur dem kleinen Gradiska,
-sondern mancher größern Stadt wohl anstehen würde.</p>
-
-<p>Auf der andern Seite des Städtchens steht hart am
-Isonzo ein großes, weithin sichtbares Gebäude, das zu
-einer Strafanstalt für schwere Verbrecher umgebaute
-Schloß, dessen jetzigen Insassen wenigstens ein Schönes
-von der Welt geblieben ist: ein entzückender Blick ins
-südösterreichische und italienische Gebirge.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span></p>
-
-<p>An den hübschen Villen im Norden des Städtchens
-vorbei fuhren wir längs des Isonzo dem schlanken, zierlichen
-Campanile von Villesse entgegen; allein ehe wir
-ihn erreichten, bog der Weg wieder über den Isonzo. Er
-ist hier lange nicht mehr der hübsche Fluß wie beim
-Austritt aus dem Gebirge. In einem wohl fünfmal
-breitern Becken als jenem bei der Fähre von Salcano
-wirft er sich zwischen vielen Kiesbänken bald ans eine,
-bald ans andere Ufer und reißt den Ebenenbewohnern zur
-Linken und Rechten die besten Humusgründe weg.</p>
-
-<p>Er hat deswegen bei seinen Anwohnern einen übeln
-Ruf; allein was fragt er darnach, denn er hat seinen
-Plan. Mit all den Erdpartikeln aus dem Gebirge und
-der Ebene will er sich eine Brücke mitten durch den Golf
-von Monfalcone nach dem wunderschönen Schloß von
-Miramare hinüberbauen.</p>
-
-<p>Vielleicht ist's ein Jugendtraum, vielleicht ist's mehr.
-Der Isonzo kann noch etwas leisten; denn wie ich früher
-ausgeführt habe, ist er ein Kind gegenüber den uralten
-Strömen des übrigen Europa und der jüngste Fluß
-unseres Kontinents. Eine lange Holzbrücke führt nach
-Sagrado, einem freundlichen Dorf, das eine große Gerberei
-und viele Landhäuser mit lauschigen Gärten hat.</p>
-
-<p>In einer halben Stunde &ndash; in Roncchi &ndash; hatten
-wir den Zirkel unserer Fahrt beendet. Am frühen Abend
-waren wir wieder in Monfalcone.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/chap-end.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p>
-
-<h2 id="Aquileja">
-<img src="images/illu-045.png" alt="" /><br />
-Aquileja.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Eines Tages im Jahr 182 v. Chr. standen die Väter
-zu Rom früher auf, als sie sonst zu tun pflegten;
-denn der Fall war ernst: Die Kelten und Illyrier, die
-bislang in den julischen Bergen und Wäldern gesessen,
-zeigten Lust, sich in den venetianischen Gefilden längs der
-Adria niederzulassen.</p>
-
-<p>Das war die Sorge der Väter zu Rom.</p>
-
-<p>Sie schickten drei angesehene Männer mit einigen
-Priestern in den italienischen Osten, und als diese an
-jenen flachen Strand und Winkel kamen, wo &ndash; um
-mit den jetzigen Namen zu reden &ndash; der triestinische aus
-dem venetianischen Golfe tritt, pflügten sie mit einem
-Ochsen auf einer breiten Landwelle, etwas abseits vom
-Meer, ein Viereck aus, das ein Quadrat sein sollte und
-eins war. Da trat P. Scipio Nasica, einer der drei
-Abgesandten, in das Pseudoquadrat, erklärte ernst und
-feierlich: »Hieher kommt eine Stadt!« Die Priester
-fielen mit heiligen Messern über die Opfertiere her, spritzten
-das warme, rieselnde Blut auf den umgepflügten Grund,
-weissagten aus den Eingeweiden, reckten die Hände empor<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-und flehten von den unsterblichen Göttern Gedeihen herab
-auf die Stadt. Da flog ein Storch, der in den Meerbinsen
-gefischt, über die Gegend, und sein Schatten fiel
-auf die Priester. Das war nicht gut; denn Störche
-haben später die Stadt verraten. Sie hieß Aquileja!</p>
-
-<p>Dreitausend Kolonisten bebauten den <em class="antiqua">ager colonicus</em>
-um sie her; die <span id="corr046">Kelten</span> und Illyrier sahen aus achtungsvoller
-Entfernung zu und in langer Friedenszeit gedieh
-die Stadt herrlich empor. Als Augustulus seine ganze
-Herrscherhuld auf das blühende Gemeinwesen ausgoß,
-als er an das alte Aquileja ein neues, prächtiges fügte,
-in dessen Kranz stolzer Monumentalbauten der stolzeste
-Palast sein eigener war, den er mit der schönen
-Livia bewohnte, da war der Stadt ein liebliches Los
-gefallen.</p>
-
-<p>Großartige Bauten schmückten sie, und ein reiches
-Bürgergeschlecht erging sich in der Kühle aufrauschender
-Brunnen oder im Anblick reizender Marmorbilder, die
-auf Kapitol und Forum standen. In schimmernden Tempelhallen
-wachten die vestalischen Jungfrauen am ewigen
-Feuer, opferte das Volk dem Jupiter tonans und Ceres,
-der gütigen Göttin; das höchste Ansehen aber genoß Apollo
-Belenus, der gewaltige Sonnengott, dem die Stadt gewidmet
-war. Mit hochragenden Standarten zogen im
-Jubel der Fanfaren Kohorten und Legionen aus den
-weitläufigen Kasernen nach den fernen, nordischen Standquartieren
-oder schifften sich auf der Flotte, deren Mastenwerk
-vom Meer zur Stadt herübergrüßte, nach dem
-blühenden Osten ein; denn Aquileja war vor allem eine<span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span>
-Militärstadt, ein mit Mauern und Türmen befestigtes
-Bollwerk und Ausfalltor gegen die im Osten und Norden
-drohenden Barbaren, ein Schlüssel des römischen Reichs.</p>
-
-<p>Hinter den siegreichen, römischen Legionen her zogen
-die Kaufmannskarawanen, zwar nicht der Römer &ndash; denn
-diese hielten bekanntermaßen den Handel unter ihrer
-Würde &ndash; aber diejenigen unternehmender Griechen und
-Orientalen, die in Aquileja ihre Niederlagen hatten, und
-dem Norden Europas die Erzeugnisse des Morgenlandes
-vermittelten. So war Aquileja im Altertum
-die Königin der Adria, eine Metropole des Welthandels,
-wie es ihr Kind, das prunkende Venedig, im Mittelalter
-wurde. An ihrem Strand entfaltete sich der Schiffsbau,
-in ihren Mauern die Waffenfabrikation, die Leinen-
-und Wollindustrie, die Purpurfärberei, welche die Gewänder
-der Könige und Kaiser lieferte, die Glasfabrikation
-und die mannigfaltigen Zweige des antiken Kunstgewerbes.</p>
-
-<p>Als Aquileja unter den Kaisern Trajan und Hadrian
-den Zenith seiner Machtfülle erreichte, war es eine der
-neun größten Städte des Römerreichs und unter den
-neun &ndash; die Hauptstadt ausgenommen &ndash; die reichste, so
-daß die Dichter und Schriftsteller jener Zeit mit den
-Ausdrücken höchster Bewunderung von ihrer Schönheit
-reden. Da soll es gegen eine halbe Million Einwohner
-gezählt und die aus dem Grün der Laubkronen schimmernden
-Villen der Vornehmen es stundenweit umgeben
-haben.</p>
-
-<p>Die nationale Toga der Römer und die Palla der<span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span>
-Römerin trat in dem antiken Emporium der Adria vor
-der Menge fremdländischer Trachten zurück; denn alle
-reichen Grundeigentümer und Kaufleute aus Kleinasien
-und Nordafrika strömten nach der Eroberung jener Länder
-durch die Römer nach Aquileja. Denkt man sich nun
-die Kontingente germanischer, gallischer und illyrischer Soldaten
-dazu, die sich durch den prunkenden Adel, die geschäftige
-Handelswelt und das Proletariat bewegten, so
-haben wir ein anziehendes Bild seines Menschengemenges,
-das von allen Enden der damaligen Welt <span id="corr048">zusammengewürfelt</span>
-war. Jeder fand in Aquileja seine Rechnung, der Marktschreier
-und der Müßiggänger, der Schauspieler und der
-Gladiator, der Lustigmacher und der Schmarotzer, und
-der heitere Epikuräismus der Kaiserzeit bot in Theater,
-Amphitheater und Zirkus den raffiniertesten sinnlichen
-Genuß, in marmornen Bädern die Liebe und in kühlen,
-rebenumgrünten Tabernen den Wein.</p>
-
-<p>Allein an Zeitläufen, wo die Bacchanalien und die
-laute Freude eines in seinem Reichtum schwelgenden Volkes
-im Ernst der Ereignisse unterging, hat es auch in Aquileja
-nicht gefehlt. Wenn es auch in den ersten drei Jahrhunderten
-seines Bestehens das Glück eines steten, tiefen
-Friedens genoß, so ist doch außer Rom keine Stadt
-so oft durch Krieg, Plünderung, Raub und Mord
-heimgesucht worden wie Aquileja, die östliche Feste des
-Reichs.</p>
-
-<p>Zum erstenmal wurde es im Jahr 172 von den
-Markomannen und Quaden bedroht, deren Macht sich indessen
-wirkungslos an der Festigkeit seiner Mauern brach.<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-Im Jahr 237 erfuhr es durch den Tribun Maximinus
-eine Belagerung großen Stils. Er war wegen seiner
-Härte und Grausamkeit vom römischen Volke als Kaiser
-abgelehnt worden und umzingelte nun die Stadt in wildem
-Ingrimm mit einem furchtbaren Heer. Sie ging siegreich
-und mit dem Ruhm einer Retterin Italiens aus
-dieser Prüfung hervor. Vom Jahr 340, wo sie im Kriege,
-den die Söhne Constantius des Großen gegeneinander
-führten, <span id="corr049">eine</span> Belagerung glücklich bestand, folgten sich die
-Umzingelungen fast Schlag auf Schlag. Schon 361 lag
-Julianus, der Apostat, der sich gegen Constantius empört,
-mit einem Heer vor ihren Mauern, 383 und 384 kämpfte
-Theodosius auf ihrem <em class="antiqua">ager colonicus</em> seine Kriege gegen
-K. Maximus und den Usurpator Johannes, im Jahr 400
-wurde sie von Alarich, 406 von Radagais, 408 von den
-Vandalen geplündert.</p>
-
-<p>Wohl waren das herbe Prüfungen für den Wohlstand
-Aquilejas; aber seine Fundamente erschütterten sie
-nicht, und der aquilejensische Adler stieg immer wieder
-kraftvoll aus den Schreckensjahren auf.</p>
-
-<p>Da kam &ndash; fast wie ein Blitz aus heiterm Himmel
-&ndash; sein Untergang. Es war im Sommer des Jahres
-452, als Attila »Godegisel« aus Pannonien her seine
-Hunnenhorden gegen Aquileja wälzte. Es fand unter
-seinem tapfern Oberbefehlshaber Cajus Menapius kaum
-Zeit, seine Festungswerke auszubessern, und das Landvolk
-der Umgebung floh entsetzt ins Gebirge und auf die nahen
-Lagunen. Drei Monate dauerte die Belagerung, ohne
-daß für die Belagerer ein Erfolg abzusehen war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Da wurden die Hunnen sturmmüd und wollten endlich fort,<br /></span>
-<span class="i0">Doch Attila, ihr König, ritt um die Mauern dort. &ndash;<br /></span>
-<span class="i0">Da rief er seinem Heere: Schaut zu den Giebeln dort,<br /></span>
-<span class="i0">Von allen Genisten ziehen die weißen Störche fort.<br /></span>
-<span class="i0">Sie wissen, wie bald in Flammen hinuntersinkt die Stadt,<br /></span>
-<span class="i0">Drum auf zum neuen Sturme, wer Händ' und Füße hat.<br /></span>
-<span class="i0">Da flogen die Feuerpfeile, da rannten die Widder an.<br /></span>
-<span class="i0">Und von den Mauern stürzten die Trümmer nicht dann und wann,<br /></span>
-<span class="i0">Nein, immer! Vom Hunnensturme wankte die ganze Stadt<br /></span>
-<span class="i0">Als wie ein Schiff im Meere, das keine Segel hat.<br /></span>
-<span class="i0">Aquileja, Aquileja wurde so berannt,<br /></span>
-<span class="i0">Daß man nichts als die Stätte und nicht die Stätte fand!«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="iaut">A. Kopisch.<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Die frische, tauige Morgenfrühe, die schönste Tagesstunde
-des sonnenreichen Südens, lag über den unabsehbar
-weiten Campagnen des Friauls, und die Laubkronen nah
-und fern wogten, ein Meer von Grün, im leichten Wind.
-Wiehernd holten die beiden feurigen Pferde aus; wir
-flogen leicht und rasch, eine kleine Gesellschaft, dem großen
-Römerkirchhof Aquileja entgegen, wo die gewaltige Stadt
-mit ihren sechs Jahrhunderten römischen Kulturlebens,
-ihr reiches, übermütiges Volk ohne Zukunft und ohne
-Auferstehung verscharrt im Sand der Tiefebene liegt.</p>
-
-<p>Man berechnet den Weg von Monfalcone nach Aquileja
-zu vier bis fünf Gehstunden; unsere Pferde legten ihn
-in der halben Zeit zurück.</p>
-
-<p>Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus; die
-Nähe einer großen Stadt fühlt der Wanderer, lange ehe
-er ihre Türme und Kuppeln sieht; daß aber auch eine
-tote, verscharrte fast anderthalb Jahrtausende nach ihrem
-Untergang noch mit den letzten Resten alter Lebensfasern<span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span>
-stundenweit über ihr ehemaliges Weichbild hinausgreifen
-würde, hätte ich nicht gedacht.</p>
-
-<p>Allein sobald man jenseits des Isonzo kommt, spürt
-man die Nähe Aquilejas deutlich. Sowohl in den schattigen
-Parks einiger Villenpaläste als an den halbzerfallenen
-Pächterhütten, die an der Straße stehen, begegnet der
-Blick den seltsamen Fundstücken aus der römischen Stadt.
-Basaltsäulen stehen an monumentalen Toreingängen, zierliche
-Aschenkrüge in den Rosenbeeten; nickende Faune und
-weibliche Götterbilder an den Parkwegen, Tritonen und
-Nimphenstatuen an den Teichen. Marmorfriese sind als
-Schmuck in die Mauern der Colonenhütten eingelassen;
-Inschriftenblöcke liegen als Ruhebänke neben den Türen,
-Grabvasen, die vielleicht einst den Staub einer edeln
-Römerin geborgen, sind zu Futterbecken des Geflügels geworden;
-überall begegnet man jenen roten tönernen Urnen,
-die auf dem ehemaligen Grund der Stadt zu Tausenden
-und Tausenden gefunden werden.</p>
-
-<p>Man kann dem römischen Altertum keine größere Ehrerbietung
-erweisen, als diejenige, daß man mit seinen
-Reliquien den Palast und die Hütte der Gegenwart schmückt.</p>
-
-<p>Immer mächtiger steigt der herrliche Campanile von
-Aquileja aus grüner Flur, und immer gewaltiger löst
-er sich aus der Bläue des südlichen Horizonts. Wir sind
-in Fiumecello, fünf Minuten später in Monastero, im
-Bereich des alten Aquileja!</p>
-
-<p>Halten muß hier Roß und Rad; nicht bloß deswegen
-weil Monastero eine der ausgiebigsten Fundstätten römischer
-Altertümer ist und nicht deswegen, weil hier das<span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span>
-Vollendetste, was das römische Aquileja an Architektur
-besaß, das Hadrianeum stand, sondern weil Monastero
-ein Landgut ist, wie es im Friaul nicht zweie gibt, eine
-agrikolare Musteranstalt des neunzehnten Jahrhunderts
-auf dem klassischen Boden des Altertums. Es gehört
-den Herren von Ritter, den Fabrikanten in Görz.</p>
-
-<p>Schon der weite Hofraum des reichen Herrensitzes ist
-nicht ganz gewöhnlich, denn längs des Wohnhauses wie
-der Ökonomiegebäude, die ihn einrahmen, ist eine antiquarische
-Ausstellung, hinter der manches große, nordische
-Museum zurückbleibt. Sie enthält zwar nur die rudimentärsten
-der Fundstücke von Monastero: zerbrochene
-Säulenstümpfe, jonische, dorische, etruskische und korinthische
-Kapitäle, Inschriftenblöcke, Sarkophage, Urnen und
-Marmortorsen. Das Beste der aus dem Grund von
-Monastero aufgepflügten Reste, die herrliche von Rittersche
-Sammlung, ist leihweise an das Museum zu Aquileja
-übergegangen.</p>
-
-<p>Ein Aufseher des Landgutes hatte die Freundlichkeit,
-uns die andere ebenso große Sehenswürdigkeit der Villeggiatur
-&ndash; ihre Ställe &ndash; zu zeigen.</p>
-
-<p>Ein Viehstall in Monastero ist gegen viele tausend
-menschliche Wohnungen im Friaul ein Palast, und wären
-nicht die schönen Tiere, deren zu einem Hundert dort
-stehen, der Hauptschmuck der hallenartigen Gebäude, dann
-würde es ihre Reinlichkeit sein.</p>
-
-<p>Besonders hübsch ist der Kuhstall, wo das Vieh in
-zwei Reihen die breitgestirnten Köpfe gegen einander kehrt.
-Man sieht im Berneroberland keine schönern Tiere, als<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-wenn man auf einer bequemen Rampe längs der prachtvoll
-gehörnten Köpfe des hellfarbigen Ungarviehs oder der gefleckten
-Emmentalerkühe dahinwandert. Hinter jedem der
-Tiere hängt eine Tafel an der Wand, aus der nicht nur der
-Zivilstand desselben, sondern auch der tägliche Milchertrag
-notiert ist. Sinkt bei einem Tier der letztere unter ein
-gewisses Minimum, dann ist's seinem Los verfallen; es
-wandert hinüber in den Schlachtviehstall, wo bereits eine
-stattliche Schar schwerster Mastochsen und rundlicher Kühe
-sich behaglich den Tod anfüttern.</p>
-
-<p>Ein flüchtiger Blick noch in den Pferdestall, wo neben
-den großknochigen Ackertieren die edelsten Ganzhufer des
-Friauls stehen, schlanke, feurige Tiere; ein Blick noch in
-die dem Landgut zugehörende Mühle, wo eintönig die Reisstampfen
-klopfen &ndash; und fort geht's von Monastero.</p>
-
-<p>Aquileja, das moderne Aquileja ist nah, und neben
-dem Campanile wächst bereits der ehrwürdige Patriarchendom
-aus der Campagna. Da fahren wir, da sind wir,
-allein das Aquileja unserer Tage, das ungefähr 1750
-Einwohner zählt, hat vor jedem andern furlanischen Nest
-nichts voraus als seinen herrlichen Dom und daß es ungefähr
-den Ort bezeichnet, wo die marmorschimmernde,
-römische Stadt gestanden, von welcher der Dichter Aug.
-Kopisch in seinen wuchtigen, knorrigen Nibelungenversen
-so treffend sagt,</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Man nichts als die Stätte und nicht die Stätte&nbsp;&ndash;«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="noind">findet.</p>
-
-<p>Es ist poetisch schwungvoll, daß er diese Tatsache in
-unmittelbare Beziehung zum Hunnensturme setzt; allein<span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span>
-die Geschichte ist grausamer als die Dichtung. Wohl hat
-jene entsetzliche Zerstörung, in der 37&nbsp;000 Menschen das
-Leben verloren, jener langandauernde, an den Untergang
-Karthagos erinnernde Brand, dem Attila vom Kastellhügel
-zu Udine bewundernd zugesehen haben soll, das
-römische Aquileja tödlich getroffen. Allein eine so gewaltige
-Stadt stirbt auch im wildesten Völkertumult nicht
-auf einen Schlag und der Todeskampf der altadriatischen
-Königin hat Jahrhunderte, hat ein Jahrtausend gedauert;
-ja sie hat &ndash; der ehrwürdige Dom ist das beredteste
-Zeugnis dafür &ndash; eine Periode gezeitigt, die einem halben
-Wiederaufleben glich.</p>
-
-<p>Der Fall Aquilejas war eine Katastrophe. Sie kam
-und war zu Ende. Als die Trümmer der unglücklichen
-Stadt noch rauchten, wälzten sich die asiatischen Horden
-bereits von dannen; auf den Lagunen des venetianischen
-Südens aber lebten noch Tausende ehemaliger Bewohner,
-Frauen, Kinder und Priester und wohl auch noch beträchtliche
-Scharen wehrhafter Männer, die sich im allgemeinen
-Sturm zum rettenden Meere durchgeschlagen hatten.</p>
-
-<p>Als nach Tagen, Wochen, Monaten des Zitterns und
-Zagens und des allgemeinen Schreckens wieder etwas vom
-alten Lebensmut in die auf den Inseln zerstreuten Aquilejenserhaufen
-kam, Trüpplein um Trüpplein sich wieder
-aufs Festland hinüberwagte, da mag sich auf den Trümmern
-der alten, schönen Heimat manch eine rührende Wiedersehensszene,
-wo Totgeglaubte auferstanden, zugetragen haben.</p>
-
-<p>In diese furchtbar ernsten Tage der Sammlung hat
-der Humor der Geschichte eines seiner heitersten Stücklein<span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span>
-geflochten, die Erzählung von den ungetreuen Frauen
-Aquilejas, die, ihre Männer erschlagen wähnend, so rasch
-eine zweite Ehe eingingen, daß manche der Aquilejenser
-bei ihrer Rückkehr die Frauen im Haus eines neuen
-Gatten fanden. Die Verzweiflung war groß, denn die
-Treulosen weigerten sich, ihre erste Ehe zu Recht zu erkennen.
-Da wandten sich die Männer an den heiligen
-Vater zu Rom, und kraft seines Amtes zu binden und zu
-lösen, erklärte er die zweite Ehe der aquilejensischen Frauen
-für nichtig.</p>
-
-<p>Langsam bevölkerte sich Aquileja wieder und ein halbes
-Jahrhundert nach seinem Fall fristete es wieder ein ziemlich
-behagliches Dasein. Noch ein halb Jahrhundert später
-wurde es unter Narses, dem griechischen Reichsvikar,
-wieder eine Festung, über die, ehe das erste Jahrtausend
-unserer Zeitrechnung voll wurde, wieder ein Dutzend
-Plünderungen ergingen.</p>
-
-<p>Allein weder die Hunnen, noch die Germanen und
-Slaven, welche es später bedrängten, waren die grausamsten
-Feinde der zwischen Leben und Tod ringenden Stadt. Das
-war das werdende Venedig!</p>
-
-<p>In jenen Zeiten unmittelbar nach dem Untergang
-Aquilejas, wo der Völkersturm in den wildesten Stößen
-von den Alpen zum Meer niederbrauste, wagte es nur ein
-kleinerer Teil der Lagunenflüchtlinge dauernd in die Stadt
-zurückzukehren. Die meisten blieben auf der südvenetischen
-Inselgruppe und gründeten hier eine Reihe kleiner, demokratischer
-Gemeinwesen. Unter diesen erwies sich dasjenige
-auf den drei größten Inseln, dem Rialto, Malamocco<span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span>
-und Torcello, besonders lebenskräftig. Aus ihm entstand
-im Anfang des neunten Jahrhunderts Venedig, die Tochter
-Aquilejas.</p>
-
-<p>Diese Tochter, die nachmals im Schmuck ihrer Paläste
-so wunderherrlich prangte, hat ihre Mutter bei noch halblebendigem
-Leibe beerbt und ist zur Hyäne des Schlachtfeldes
-von Aquileja geworden!</p>
-
-<p>Zwar hatten schon nach dem Untergang der Stadt
-die Lagunenbewohner angefangen, mit ihren Barken die
-kostbaren architektonischen Reste nach den neuen Niederlassungen
-überzuführen; aber erst die Dogenresidenz, die
-hartherzige, eigensüchtige wagte es so recht, Hand an die
-Mutterstadt zu legen, sie im vollsten Sinn des Worts
-als Steinbruch für ihre Markuskirche, für alle jene Bauten,
-mit denen Venedig heut noch den Fremden entzückt, auszubeuten.
-Damit hatte sie das böse Beispiel für alle
-Städte im venetischen Land gegeben, so daß der heilige
-Paulin in einem lateinischen Liede klagt, Aquileja werde
-in alle umgebenden Länder verkauft; selbst die Toten hätten
-nicht Ruhe und würden ausgeworfen wegen des Schachers
-mit Marmor.</p>
-
-<p>Dadurch ist es begreiflich, daß von dem ganzen großen,
-marmorprunkenden Aquileja kein Turm und kein Tor, von
-seinen Amphitheatern, Theatern, Tempeln und Villen auch
-nicht eine Ruine auf uns gekommen, kein Stein auf dem
-andern geblieben ist und daß dasjenige, was man über
-die Topographie des alten Aquileja Sicheres weiß, verschwindet
-vor den weiten Gebieten, über welche die Vermutung
-und die Phantasie ihre Flügel schlägt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>Obgleich sich schon vierzehn Jahrhunderte in den
-Gräberraub von Aquileja teilen, ist die Stätte noch
-nicht erschöpft. Manches haben die ehemaligen Bewohner
-vor dem Zusammenbruch der Stadt, manches hat die
-Natur selbst in furchtbaren Überschwemmungskatastrophen
-in den Schoß der Erde geborgen, und nur zögernd aufersteht
-vor dem Stoße der Pflugschar die Antike.</p>
-
-<p>Allein sie aufersteht! Die Obelisken mit ihren ägyptischen
-Hieroglyphen, die riesenhaften Götter- und Kaiserstatuen,
-die Säulen aus parischem und numidischem
-Marmor richten sich wieder auf; aus den bildgezierten
-Sarkophagen stäubt die Asche in die Luft; die Mosaikböden
-glänzen wieder im Schmuck ihrer farbigen Steine;
-aus den Topfscherben rollen die Münzen mit ihren Kaiserbildnissen;
-das Kind des furlanischen Bauers spielt arglos
-mit den Geheimnissen des antiken Frauengemachs, oder
-schmückt sich einen Augenblick mit dem silbernen oder
-goldenen Geschmeid der <span id="corr057">Römerin</span>.</p>
-
-<p>Aquileja ist ein anderes Pompeji, nur mit dem Unterschied,
-daß hier systematische Grabungen erst sehr spät
-gemacht worden sind, daß es meist dem Zufall und dem
-aquilejensischen Bauer vorbehalten blieb, die Steine, »welche
-redend zeugen«, aus dem Schutt der Jahrhunderte zu ziehen.</p>
-
-<p>Manche der Funde verdankt man wohl der anmutigen
-Sage vom <em class="antiqua">pozzo d'oro</em>, dem Goldbrunnen.</p>
-
-<p>»Lange bevor Aquileja unterging«, &ndash; so lebt sich im
-Friaul die Erzählung fort, &ndash; »haben gottbegnadete Seher
-die Zerstörung der Stadt in ihren Weisssagungen verkündet.
-Da ließen die Väter der Stadt, die Wucht des<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-Schicksals zu mildern, einen ungemein tiefen, verschließbaren
-Brunnen bauen. Sie bestellten zwei ihrer Angesehensten
-zu Schlüßlern desselben und verordneten, daß jeder Bürger
-Aquilejas von seinem Reichtum einen Teil in die Tiefe
-des Schachtes werfe, damit dereinst, wenn das Verhängnis
-hereinbreche, ein Fonds zum Wiederaufbau der Stadt
-vorhanden sei. In edelm Wetteifer gaben die Einwohner
-ihr Bestes hin, was sie zu Hause an Edelsteinen und
-Perlen, an Gold und Silber besaßen, um den Schatz im
-Goldbrunnen zu mehren. Glückliche Eltern brachten bei
-der Geburt eines Knaben ihre Weihegeschenke; liebende
-Paare widmeten, ehe sie vor den Altar traten, die Geschmeide
-ihrer Jugendzeit, Gewissensbeladene schenkten reiche
-Sühnopfer, Sterbende einen Teil ihres Vermögens der
-Brunnenstiftung. So häufte sich im Schacht ein unermeßlicher
-Reichtum, der zum Bau eines neuen herrlichen
-Aquileja vollauf genügt hätte. Im Vertrauen darauf
-sahen die Bürger dem lang dräuenden Verhängnis
-ruhiger entgegen. Allein als dieses kam, da wurden die
-Schlüßler von den stürzenden Stadtmauern erschlagen
-und die Stadt so verwüstet, daß selbst die Überlebenden
-die Stelle, wo der Goldbrunnen gewesen, nicht mehr erkannten.
-Darum konnte Aquileja nicht wieder aufgebaut
-werden. Der Brunnen ist verschollen; noch niemand hat
-ihn entdeckt.«</p>
-
-<p>So sehr hat sich diese Sage ins furlanische Volk
-eingelebt, daß die Grundbesitzer in der Gegend von Aquileja
-bis in die neueste Zeit hinein es nie unterließen, sich
-beim Verkauf eines Landstückes durch die Klausel des<span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span>
-<em class="antiqua">pozzo d'oro</em> das Anrecht auf den Schatz im Goldbrunnen
-zu sichern, wenn dieser zufällig im veräußerten
-Grunde entdeckt werden sollte.</p>
-
-<p>Wie über den Ausgrabungen, so hat auch über dem
-Schicksal der Fundgegenstände der Zufall, fast möchte ich
-sagen der gleiche Fluch gewaltet, der im Mittelalter die
-oberirdischen Baudenkmäler Aquilejas in alle vier Winde
-verschleuderte. Wollte man zu einigen der Statuen, deren
-Torsen in Aquileja liegen, die ergänzenden Glieder zusammenbringen,
-so müßte man den einen Arm im Mauerwerk
-einer furlanischen Hütte, den andern in einem Palaste
-Venedigs, die Hand in der Raritätenkammer eines englischen
-Schlosses, den Fuß in irgend einer archäologischen
-Sammlung Frankreichs suchen, während die übrigen Reste
-selbst in ihren kleinsten Teilen nirgends mehr zu finden
-wären, da sie zu Mörtelkalk verbrannt worden sind. Wie
-reich aber auch jetzt noch die Funde in Aquileja sind,
-mag die eine Tatsache verdeutlichen, daß Kenner einzig
-die Anzahl der geschnittenen Edelsteine, die im Laufe des
-19. Jahrhunderts dort gefunden wurden, auf zehntausend
-Stücke schätzen, daß jetzt noch Jahr für Jahr zwanzig
-und mehr Inschriftentafeln, Hunderte von Graburnen
-und Glasgefäßen, Kannen, kleine Bronzen, Bein- und
-Bernsteinfiguren, Terracottasächelchen und ganze Reihen
-von Skulpturen ohne systematische Nachgrabungen aus
-der Erde gehoben werden und daß der Fremde sich jetzt
-noch für wenige Gulden eine hübsche Sammlung antiker
-Münzen, Bronzen und Töpferprodukte erwerben kann.</p>
-
-<p>Der erste Sammler aquilejensischer Altertümer war<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-Joh. Dom. Bertoli, der im letzten Viertel des 17. und
-in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als Domherr
-zu Aquileja lebte. Seither hat es immer einsichtige Privaten
-gegeben, welche die ausgegrabenen Marmorbilder,
-wenn es möglich war, ihrem gewöhnlichen Schicksal, zu
-Mauersteinen zerschlagen oder zu Kalk verbrannt zu werden,
-entzogen.</p>
-
-<p>Immer war die Möglichkeit nicht da. Kein moderner
-Palast ist aus kostbarerem Material gebaut als manche
-der elenden Pächterhütten in Aquileja; allein weitaus
-das grellste Bild aus dem Kapitel bäuerlicher Barbarei
-ist der Stall eines Signore Moschettini. Ein solcher
-steht wohl in der ganzen, weiten Welt nicht mehr, und
-an Originalität kann sich kein Antikenmuseum der Erde
-mit ihm messen.</p>
-
-<p>Seine Mauern samt und sonders sind aus einem
-Trümmerchaos von Statuen, Säulen, Gedenk- und Inschriftentafeln,
-Sarkophagen und Mosaikböden aufgebaut.
-Götterköpfe, Aphroditenleiber, Füße und Hände von Marmor,
-Säulenkapitäle, Kolumbarien sind zu diesem Zweck
-in handliche Stücke zerschlagen, vermauert und nach außen
-mit altchristlichen Grabsteinen, Inschriftenplatten, Aschenbehältern,
-Kaiserbildern, Medusenhäuptern und Büsten
-von Göttinnen belegt worden. Selbst das arme Hirn
-eines Geisteskranken könnte nicht so tollen Widersinn erdenken,
-wie an diesem Gebäude der Mörtel zusammenleimt.
-Es könnte einen Hypochonder zum Lachen bringen,
-einen Kunstschwärmer in Verzweiflung treiben, dieses zu
-Kraut und Rüben gemengte, zerschlagene Aquileja des<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-marmornen Stalls! Zum Glück hat Aquileja nur einen
-Moschettini von solch genial barbarischem Geschmack besessen.</p>
-
-<p>Spät kam der Staat, um im Interesse der Archäologie
-seine schützende Hand über die Antiken Aquilejas
-zu legen; allein er kam. Im Herbst 1882 wurde in dem
-kleinen Ort feierlich ein Staatsmuseum eingeweiht und
-in einem zweckmäßig gebauten, geräumigen Haus untergebracht.
-Indes wären seine Schätze noch wenig bedeutend,
-hätten nicht die Gemeinde, die im Jahre 1873 zu sammeln
-begann, und die Gebrüder von Ritter in Monastero ihre
-hübschen Sammlungen leihweise dem öffentlichen Museum
-überlassen, so daß dieses jetzt dem Fremden ein lebendiges Bild
-von der Kunstfülle des römischen Aquileja zu geben vermag.</p>
-
-<p>Der weite, gegen die Straße liegende Hof des Museums,
-in welchem die kolossalsten der Monumente ihre Aufstellung
-gefunden haben, gleicht einem mit Denkmälern überladenen
-Kirchhof. Durch denselben wandelnd, weiß man nicht, soll
-man mehr die Kunstgewalt der alten Meister, die dem
-spröden Stein so herrliche Gebilde abgewonnen, soll man
-mehr die Wucht der Zerstörungskräfte bewundern, welche
-diese riesenhaften Säulen, diese Marmorquadern brachen.
-Doch hat im wilden Ringen der Verneinungsgeister gegen
-die lichte Kunstgewalt die letztere gesiegt. Durch allen
-Graus der Zerstörung und Verwitterung haben viele der
-Gebilde eine wunderbare Anmut, eine zu Herzen gehende
-Schönheit bewahrt, und denkt man an die Paläste, die
-Tempel, die Theater zurück, deren Teile sie einst gebildet,
-so drängt sich einem wie dem Dichter zu Venedig die
-Frage auf die Lippen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Wo ist das Volk von Königen geblieben,<br /></span>
-<span class="i0">Das solche Häuser durfte bauen?«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Tausende von Skulpturen und eine Menge merkwürdiger
-Anticaglien, Nutz- und Schmuckgegenstände des
-altaquilejensischen Haushalts, haben im Innern des Museums
-ihre Aufstellung gefunden. Schon die Vorhalle
-bereitet mit ihren zahlreichen römischen und altchristlichen
-Grabsteinen, mit herrlichen korinthischen Kapitälen, mit
-einer prächtigen Sammlung schön geschweifter Henkelkrüge,
-Kolumbarien, die zum Teil noch die verbrannten Knochen
-enthalten, unsere Stimmung auf den Eintritt in die
-Museumssäle vor. Es ist nur zu bedauern, daß jene
-schöne Mosaik, welche die Entführung der Europa durch
-Zeus darstellt, zerbröckelt und unkenntlich geworden ist.
-Sie war so kunstvoll gearbeitet, daß sie als ein würdiges
-Gegenstück der berühmten Dariusschlacht galt, die man
-auf einem Fußboden zu Pompeji entdeckte.</p>
-
-<p><em class="antiqua">Avete Caesares!</em> &ndash; Der erste Museumssaal ist jenen
-Steindenkmälern gewidmet, die sich auf die römischen
-Kaiser und ihre Beamten beziehen, und fesselt besonders
-mit zwei fast vollständig erhaltenen Marmorstatuen das
-Kunstinteresse. Die eine derselben stellt in kühner, kräftiger
-Arbeit den Kaiser Tiberius dar, von dessen Haupt
-sich die Toga in herrlichem Faltenwurfe um den Körper
-drapiert; die andere ist das nicht minder schöne Bild des
-Kaisers Claudius. Man vermutet jedoch des eingesetzten
-Kopfes wegen, daß diese Statue erst Caligula, jenem
-Tollmenschen »<em class="antiqua">memoriae damnatae</em>«, der vom Jahr
-37&ndash;41 auf dem römischen Thron gesessen, gegolten, und<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-erst, als dieser in einer Palastrevolution fiel, das Haupt
-des Claudius erhalten habe.</p>
-
-<p>Beide Statuen sind von mehr als Lebensgröße, wie
-denn die kolossalen Verhältnisse der in Aquileja gefundenen
-Marmorbilder ein hervorragendes Charakteristikum derselben
-bilden. Unter den über lebensgroßen Torsen interessiert
-besonders deswegen eine nackte, starkbewegte
-Männergestalt, weil die unfertige Statue jene Vertiefungen
-&ndash; Puntelli &ndash; an die sich der Künstler bei seiner
-Arbeit hielt, noch zeigt und uns so einen Einblick in die
-Bildhauertechnik des Altertums gewährt.</p>
-
-<p>Der zweite Saal ist zum größten Teil eine Sammlung
-von Grabsteinen, die uns bald das Bild der Toten
-in Relief darbieten, bald mit kürzern und längern Inschriften
-von ihnen erzählen. So berichtet der eine von
-Cippus, dem Perlenhändler, der andere von dem Freigelassenen
-Sextilius Crescens, dem Fleischer. Hier hat
-ein antiker Salber einem kaiserlichen Haussklaven, dort
-ein Priester seinem Vorgänger, der 110 Jahre alt geworden
-war, ein frommes Andenken gestiftet. Der merkwürdige
-Grabstein des Afrikaners Restutus meldet, daß
-dieser die weite Reise aus seiner Heimat einzig deswegen
-unternommen habe, um Aquileja, die herrliche Stadt, zu
-sehen, daß er eine Weile da gelebt und von einer Bestattungsgesellschaft
-begraben wurde.</p>
-
-<p>Nun kommen wir in hohe Gesellschaft. Im dritten
-Saal schauen die lichten Gestalten des Olymps, Jupiter,
-der Vater der Götter und Menschen, im Schmuck des
-langwallenden Haupthaars und Barts, Merkur, der Gott<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-mit geflügeltem Hut, dessen Gunst sich Aquileja so lange
-erfreute, der schmiedende Vulkanus, Mars mit reichverziertem
-Helm und Federbusch, Venus, die meergeborne
-Göttin mit dem Perlendiadem aus großen Medaillons
-auf uns Sterbliche nieder. Auf einem Grabstein spielt
-der efeubekränzte Silenus die Leier, und Pan, der friedliche,
-bläst auf der Hirtenflöte. Die Statue Neptuns,
-des meerbeherrschenden Gottes, ist leider nur noch ein
-Torso. Einem Marmorbild der Venus, die in der Stellung
-der medizäischen zu Florenz dargestellt ist und durch
-sorgfältige Ausführung und edle Verhältnisse eines der
-herrlichsten Stücke der Sammlung bildet, fehlt leider das
-Haupt. Ein allerdings entzückend schöner Venuskopf, der
-auf einer nahen Säule aufgestellt ist, entschädigt nicht
-ganz für das fehlende.</p>
-
-<p>Ein Gefühl des Mitleids mit den verstümmelten
-Bildern will sich in die Seele des Beschauers schleichen;
-denn, wenn auch gebrochen, sind sie doch nicht tot, sondern
-reden kraft der ihnen innewohnenden Schönheit mächtig
-zu seinem Gemüt.</p>
-
-<p>Verlassen wir nun die Säle, in deren Bildwerken sich
-die Künstlerschaft der antiken Meister noch in den Fragmenten
-so achtunggebietend offenbart, und treten wir in
-die Räume, wo die Anticaglien, jene zumeist in den
-Gräbern gefundenen zierlichen Werke der Kleintechnik
-hinter Glas und Rahmen liegen. Sie sind in ihrer Art
-nicht weniger interessant als der Marmorprunk der durchwanderten
-Gemächer.</p>
-
-<p>Eine Menge dieser kleinen Sachen führt ins altaquilejensische<span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span>
-Haus. Es sind bronzene Nägel und Nadeln,
-Griffel, die zum Schreiben auf die Wachstafeln dienten,
-Zirkel, Lote, Schnellwagen, Gewichte, Schlüssel, und
-einige Messer da. Besonders schön ist eine Sammlung
-arretinischen Tischgeschirrs aus korallenrot gefärbter Terrakotta,
-die mit ihren zierlichen Reliefs in den Oberflächen
-gewiß einst den Stolz eines tafelfreudigen Aquilejensers
-gebildet. Tonplatten, welche in erhobener Arbeit Szenen
-aus der Mythologie oder dem täglichen Leben darstellen,
-schmückten, ähnlich wie unsere Gemälde, die Zimmerwände.
-Mannigfaltig ist die Ausstellung von Tonlampen, die,
-selten eines Reliefschmuckes entbehrend, bald zierliche Traghenkel,
-bald eine Einrichtung zum Aufhängen zeigen und
-manchmal für mehrere Dochte zugleich eingerichtet sind.</p>
-
-<p>Manche derselben tragen eine Inschrift, häufig einen
-Glückwunsch zum Jahreswechsel. Einige dieser Neujahrslampen,
-mit denen man seine Freunde zu beschenken pflegte,
-sind von zierlicher Schönheit und entfalten in Reliefdarstellung
-diejenigen Gaben, die der Geber dem Beschenkten
-wünschte: Feigen, Kuchen oder Münzen. Eine
-der schönsten stellt eine Siegesgöttin dar, die auf erhabenem
-Schilde die Inschrift: »<em class="antiqua">Annum novum faustum
-felicem mihi</em>« trägt.</p>
-
-<p>Allerliebste Tonfigürchen waren die Puppen der aquilejensischen
-Kinder. An den bittern Ernst des Lebens
-erinnern eine Menge Tränenfläschchen, die mit wohlriechenden
-Salben gefüllt, von den Alten in die brennenden
-Totenfeuer geworfen oder in die Gräber gelegt wurden.
-Den größten Reichtum der Anticagliensammlung indes<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-bilden die vielen Schmuck- und Nippsachen: geschnittene
-Steine von Karneol, Jaspis, Onyx, in welche Szenen
-aus der Mythologie, aus dem täglichen Leben oder Tierbilder
-eingegraben sind. Bernsteinfigürchen, Haftnadeln
-und zierliche Statuetten aus Bronze, sehr große Fingerringe
-von Gold und Silber, die in der Stärke, wie sie
-da sind, nur als Totenschmuck gedient haben können, und
-endlich eine Menge Kaiser- und Familienmünzen.</p>
-
-<p>So prangt nach anderthalb Jahrtausenden noch der
-aquilejensische Luxus, das reiche, häusliche Leben. Allein
-mitten in unsre Bewunderung für das Kunstschöne, das
-sich an diesem Wohlleben so reich entwickelt, erinnert uns
-die Inschrift, die wir auf einem Ziegel lesen: »<em class="antiqua">Cave
-malum, si non raseris lateres sexcentos; si raseris,
-minus malum formidabile</em>«: »Wenn du nicht sechshundert
-Ziegel verfertigst, so hüte dich vor einem Übel;
-verfertigst du sie, so wird das Übel weniger groß sein«,
-daran, daß die ganze Kultur des Altertums, die ganze
-römische Herrlichkeit auf einem sozialen Institute beruhte,
-von dessen Härte und Grausamkeit wir uns mit Abscheu
-wenden, auf der Sklaverei.</p>
-
-<p>Das ist der schwarze Punkt im lichten Bild der Antike.
-Aus der Sklaverei hat das Altertum Jahrhunderte lang
-seine Stärke geschöpft; an der Sklaverei ist es gestorben.
-Hätte im römischen Reich, als der Völkersturm durch
-Europa wogte, eine gewaltige Volksmasse, die nichts zu
-verlieren, wohl aber manches zu gewinnen hatte, nicht
-sympathielos das Alte stürzen sehen, sondern ihre Wucht
-mit derjenigen der Kriegsheere in die Wagschale der<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-Geschicke geworfen, dann wäre es nicht zu schwer gewesen,
-den schönen Süden vor dem Schrecken der eindringenden
-Barbaren zu bewahren.</p>
-
-<p>Aquileja fiel. Nach ihm fiel Rom. Allein dort wie
-hier rang sich aus dem Schoß des untergehenden Altertums
-eine neue Welt: das Christentum. Dieses hat um
-die gewaltige Metropole des römischen Reichs mit dem
-kräftig aufstrebenden Papsttum einen neuen, die Völker
-blendenden Glanz gewoben; als ein heller Stern hat es
-auch über dem zerstörten Aquileja gestrahlt. Der herrliche
-Dom und sein stolzer Campanile, der in wahrhaft
-majestätischer Größe über die Hütten des modernen Aquileja
-steigt, zeugen dafür.</p>
-
-<p>Nur Rom selber kann sich rühmen, eine um wenige
-Jahre ältere Pflanzstätte der christlichen Idee gewesen zu
-sein, als Aquileja. Aus dem Blut überzeugungstreuer
-Märtyrer und aus einer Reihe wilder Verfolgungen
-heraus wuchs hier mitten im rauschenden Taumel des
-sich verzehrenden Römertums eine starke Anhängergemeinde,
-und als Konstantin die Göttertempel schließen ließ, hielt
-das Evangelium von Aquileja aus seinen Siegeszug in
-die norditalischen Lande und in die Alpen, so daß die
-Stadt als ein Mittelpunkt christlichen Lebens galt. Ihre
-Bischöfe genossen so hohes Ansehen, daß sie nach dem
-Papst als die ersten in der Christenheit gefeiert wurden
-und an den Kirchenversammlungen zu Rechten desselben
-saßen. Sie nannten sich Patriarchen.</p>
-
-<p>Um die Wende des Jahrtausends lächelte Aquileja
-noch einmal etwas wie Gedeihen und Entwicklung. Nachdem<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-schon seine Vorgänger die Grundsteine dazu gelegt, bildete
-und festigte sich unter Popo, dem tatkräftigsten der
-aquilejensischen Kirchenfürsten, ein Staat eigenster Art,
-das Patriarchat von Aquileja, dessen Herrscher folgenschwer
-in die deutsche und italienische Geschichte, in jene gewaltigen
-Kämpfe zwischen Kaiser und Papst eingegriffen haben,
-indem sie bald den einen, bald den andern unterstützten.</p>
-
-<p>Allein der kurzdauernde Glanz dieses Kirchenstaates
-glich doch mehr einem plötzlichen Aufflackern als einer
-ruhigen Entwicklung. Schon zwei Jahrhunderte nach
-Popo, der die Ländereien vom Po bis an die ungarische
-Grenze in seine geistliche, das Friaul, Istrien und Krain
-in seine weltliche Machtsphäre gezogen hatte, begann der
-Verfall. Um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts
-siedelten die Geistlichen von Aquileja, dessen Klima sich
-infolge mangelhafter Instandhaltung der Wasserläufe und
-säkulärer Senkungen sehr verschlechtert hatte, nach Udine
-über, und nachdem Venedig und Österreich die Gebiete
-des Patriarchats an sich gezogen, nachdem der Papst das
-Erzbistum aufgehoben und dafür dasjenige von Udine
-und Görz gegründet hatte, erlosch der letzte Schein der
-zweiten Glorie, die über dem Tieflandsorte aufgegangen
-war. Aquileja sank und sank. Im Anfang des 17. Jahrhunderts
-sollen daselbst nur noch 35 Fischerfamilien gelebt
-haben. Tiefer kann ein Ort, der einst gegen eine halbe
-Million Einwohner zählte, wohl nicht erniedrigt werden.</p>
-
-<p>Allein noch steigt der altersgraue Dom mit seinem
-gewaltigen Campanile über die Flur. Er hat nichts
-gemein mit den kleinen Hütten, die ihn umstehen; er ragt<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-in stolzer Vereinsamung in der prosaischen Gegenwart;
-er träumt von alter Patriarchenherrlichkeit; er träumt
-weit zurück in das jugendliche Christentum, denn während
-fünfzehn Jahrhunderten hat er den Gang der christlichen
-Religion gesehen.</p>
-
-<p>Als wir in der Frühe jenes schönen Morgens, der
-uns zu unserer Fahrt durch die Campagnen geleuchtet, in
-das große Gotteshaus eintraten, las eben ein blutjunger
-Priester von kleiner, schmächtiger Gestalt die Messe. Eine
-kleine Schar buntgeschmückter Weiber, sowie einige Koloni
-knieten vor dem Altar und hörten dem in einförmigen
-Kadenzen durch die Halle tönenden Meßgemurmel zu.</p>
-
-<p>Der junge Priester, das bißchen Volk, die bäuerlichen
-Meßknaben, sie verschwanden fast in der Weite des feierlichen,
-von einundfünfzig Fenstern mit Licht vollauf gesättigten
-Raums.</p>
-
-<p>Der Fußboden des Domes, unter dessen Platten die
-Patriarchen in ihren Grüften den Schlaf der Gerechten
-schlafen, liegt fast einen Meter tiefer als die äußere Umgebung
-des Gottshauses. Um so viel hat sich die letztere
-von der Zeit, wo man den Dom baute, bis jetzt erhöht.</p>
-
-<p>Die Baukunst von fünfzehn Jahrhunderten in sich
-vereinend, gehört die Basilika wesentlich dem romanischen
-Stil an. Ihre Grundform bildet ein Kreuz, dessen
-Stamm 70 Meter lang und 29 Meter breit ist, während
-der Querraum nur 43 Meter mißt. Der aus fünf
-Bogenabteilungen bestehende, netzartige Plafond des Mittelschiffes,
-welches bedeutend höher als die Seitenschiffe ist,
-ragt 22 Meter über den Fußboden empor.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p>
-
-<p>Je fünf Säulen, die durch Spitzbogen unter sich verbunden
-sind, trennen das Mittelschiff von den Seitenschiffen.
-Sie verraten die Kirche als ein Epigonenwerk.
-Ihre an Dicke und Höhe verschiedenen granitnen oder
-marmornen Schäfte, von denen einigen mit Unterlagen
-hatte nachgeholfen werden müssen, beweisen deutlich, daß
-man als Material zum Bau einfach die Ruinen des
-römischen Aquileja verwendet hat.</p>
-
-<p>Während wir das schmucklose, aber erhabene Innere
-der Kirche besichtigten, ging die Messe zu Ende. Wir
-baten den jungen Priester, uns die Krypta, die unter dem
-Chor liegende Unterkirche zeigen zu lassen, und zuvorkommend
-übernahm er selbst den Führerdienst.</p>
-
-<p>Als wir durch einen halbdunklen Gang in diese Krypta
-niederstiegen, mahnte es mich an die Kasemattengänge
-einer Festung; allein um wie viel älter sind diese ehrwürdigen
-Mauern als die älteste Burg; denn sie wie die
-Krypta stammen noch aus der Zeit vor dem Hunnensturme,
-vom ersten Kirchenbau Aquilejas her.</p>
-
-<p>Rohe Säulen mit sehr einfachen Kapitälen, aber ohne
-Sockel, stützen die in runden Halbbogen sich wölbende
-Decke. Fünf kleine, halbrunde Fenster verbreiten in dem
-kühlen, moderigen Raum ein geheimnisvolles Halbdunkel,
-das von den uralten, kunstlosen Malereien, welche Wände
-und Wölbung bedecken, nur wenig erkennen läßt. In der
-Mitte dieser unterirdischen Kapelle steht ein großer Sarkophag,
-der einst die Knochen des heiligen Hermagoras,
-des ersten Bischofs von Aquileja, enthielt. In den vielen
-Kriegen sind die heiligen Gebeine gestohlen worden. Der<span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span>
-junge Führer sprach sich sehr bedauernd darüber aus;
-wir aber atmeten auf, als wir wieder in die gute Luft
-der Oberkirche kamen.</p>
-
-<p>Auf der Westseite des Domes steht eine andere, die
-Heidenkirche, die <em class="antiqua">chiesa dei pagani</em>, ein öder, vernachlässigter
-Bau aus jener frühen Zeit unmittelbar vor der
-letzten Christenverfolgung.</p>
-
-<p>Interessanter ist das darangebaute Baptisterium, eine
-Taufhalle, wie aus der christlichen Vorzeit nur wenige
-auf uns gekommen sind. In einem achteckigen Hofe steht
-ein sechsseitiges, geräumiges Taufbecken, in das der Täufling
-über drei große Stufen hinabstieg. Wenn das Becken
-gefüllt war, reichte das Wasser einem Erwachsenen bis
-über die Brust hinauf, und durch dreimaliges Untertauchen
-vollzog sich die symbolische Handlung.</p>
-
-<p>Auf der Südseite des Domes stehen als letzte Reste
-des Patriarchenpalastes zwei stark verwitterte, mächtige
-Säulen; auf der Nordseite aber ragt der aus den Quadern
-des römischen Amphitheaters von Popo erbaute, 72 Meter
-hohe, freistehende Glockenturm empor. An der südlichen
-Flanke, eines breiten, aus Römerzeit stammenden Grundbaues,
-führt eine Freitreppe in den eigentlichen Turm
-hinauf. Ein junges Weib geleitete uns die hundertacht
-beschwerlichen Stufen, die von schießschartigen Löchern nur
-schlecht beleuchtet sind, zur Glockenstube empor.</p>
-
-<p>Da oben ist's wundervoll! Die Aussicht ist zwar
-nur aus wenigen Elementen zusammengesetzt, der endlosen,
-grünen Flur, dem unbegrenzten blauen Meer, den fernen,
-verschwimmenden Küsten von Istrien, den fernen, blassen<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-Alpen, dem düster dämmernden Markusturm von Venedig.
-Fast fehlt es dem Bild an Linien; aber unsäglich schön
-ist der Luftton, halb Schleier, halb Klarheit!</p>
-
-<p>Tief unter uns liegt das kleine, unscheinbare Aquileja
-im Morgensonnenglanze; hoch über uns wölbt sich ein
-Himmel, wie es nur einen gibt auf der Erde, den italienischen,
-der so dunkel, so strahlend ist, wie das Auge
-der Italienerin.</p>
-
-<p>So war dieser Himmel schon, als die Römer über
-die Gefilde wandelten, und feuchte Augen haben schon
-damals in der Not der Seele aufgeblickt zum Firmament;
-auf unserm Stern aber waltet das Schicksal. Aquileja
-&ndash; »gezählt, gewogen und geteilt!«</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/chap-end.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Lagune_von_Grado">
-<img src="images/illu-073.png" alt="" /><br />
-Die Lagune von Grado.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-i.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">In einem halben Tag hat man zu Aquileja alles gesehen,
-was zu sehen ist, den Patriarchendom und die Rundsicht
-auf dem Campanile, die Antikensammlung und den Stall
-Moschettini. Ist man dazu ein paar Mal durch die
-wenigen Straßen spaziert, an denen in losen, kurzen Häuserzeilen
-das moderne Aquileja steht, ist man da und dort
-bei einem besonders zierlichen Relief still gestanden, das
-ein in seiner Art kunstsinniger Bauer in die Front seiner
-Hütte hat einmauern lassen, hat man über die Umfassungsmauern
-in einige kleine Gärten geblickt, in deren Pflanzengrün
-halb versteckt hübsche private Sammlungen enthalten
-sind, hat man gesehen, wie die Schweine aus antiken
-Sarkophagen, Katzen und Hühner aus antiken Graburnen
-fressen, dann hat man in der Tat alles gesehen, was das
-moderne Aquileja dem Fremden bieten kann. &ndash; Auch
-bei einem zweiten Besuch habe ich in dem großen
-geplünderten Römerkirchhof nicht mehr entdeckt. Also
-»<em class="antiqua">partiamo!</em>«</p>
-
-<p>Der Kutscher warf sich in die Brust und knallte
-gewaltig, als wollte er die alten Aquilejenser aus dem<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-Schlafe wecken; wir flogen südwärts über das ebene Land
-nach Beligna und Belvedere ungefähr eine Stunde Wegs
-durch einen dunklen Ackergrund, dessen Boden so fein ist,
-als wäre er durch ein Sieb gegangen.</p>
-
-<p>Waren hier die Gartenpaläste der Reichen; war hier
-die Nekropolis des ehemaligen Aquileja? Man sagt das
-eine und das andere, vielleicht ist keines wahr; hingegen
-weiß man, daß zu Beligna ein feierlicher Tempel des
-Sonnengottes Belenus stand, zu Belvedere ein römisches
-Arsenal war und eine Kolossalstatue mit brennender Fackel
-auf das Meer hinausleuchtete.</p>
-
-<p>Wir wollten nach Grado, jener kleinen Inselstadt,
-hinüberfahren, deren Namen sich mit Aquileja derart verschwistert
-hat, daß man den Namen der einen nicht nennen
-kann, ohne der andern zu gedenken, daß die beiden, in
-Glück und Unglück schicksalsverwandt, zusammengehören
-wie das Dioskurenpaar im Mythus der Hellenen.</p>
-
-<p>Bei dem Dorfe Belvedere erstirbt die Campagna im
-Dünensand; die gute Straße geht aus; die Räder sinken
-tief in den beweglichen Grund, die Gräser weichen dem
-Salzkraut, dem Meerginster und wie die Gewächse des
-Hallophytengeschlechtes heißen, die oft mit seltsamen, fettkrautartigen
-Bildungen den Strand überwuchern. Noch
-ein Viertelstündchen, und wir sind an der Lagune.</p>
-
-<p>Da steht, wie ein Stück Ideallandschaft anzuschauen,
-auf einem Dünenrücken ein nicht gar großer, aber alter
-Pinienwald, der mit seinen breiten, dunkeln Schirmen das
-Lagunenbild wundersam verschönt. Die Pineta, sagt man,
-sei nur ein Rest eines Piniengürtels, der im Altertum<span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span>
-die ganze adriatische Nordküste umschlang. Wenn das
-richtig ist, dann ist dieses weite Meerufer um einen seiner
-herrlichsten Reize ärmer geworden.</p>
-
-<p>Als wir wenig nach Mittag am Strande ankamen,
-war die Barke, die wir von Aquileja aus telegraphisch
-in Grado bestellt, mit zwei tiefbraunen Gradoneserfischern
-schon an Ort und Stelle; die Lagune aber bot den seltsamsten
-Anblick, den man sich denken kann.</p>
-
-<p>Es herrschte tiefe Ebbe. Vom Land her strömten die
-Wässerlein, welche sonst die Niederungen bei Belvedere
-mit einem braunen Brackwasser füllen, in eiliger Hast,
-wie Kinder in den Schoß der Mutter fliehen, dem zurückweichenden
-Meere nach und furchten Dutzende von Rinnen
-in den grauen Lagunenschlamm. Die breiten Sandrücken,
-die vom Meer zurückgelassenen Tümpel und Lachen durchsetzten
-sich derart, daß man nicht sagen konnte, überwog
-die See das Land oder dieses die See. Es war ein
-interessantes Etwas, das niemand gefallen konnte als den
-Amphibien, den sich sonnenden Wasserschlangen und den
-im Schlamm steckenden Schildkröten. Selbst der Menge
-von Krustentieren, den Taschenkrebsen und Langschwänzern,
-die neben vielen kleinern und größern Muscheln den Schlamm
-bedeckten und hundert vergebliche Versuche machten, kriechend
-oder springend ihr natürliches Element zu erreichen, schien
-die Gegend schlecht zu bekommen. Man konnte es in der
-Tat für gleich unmöglich halten, zu Fuß oder zu Schiff
-nach Grado überzusetzen, dessen Häuser klar und fast zum
-Erlangen nah über die Lagune schimmerten; denn für das
-eine war zu wenig Land, für das andere zu wenig Wasser.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p>
-
-<p>Allein, was will eine Landratte urteilen! &ndash; Unsere
-Gradoneserfischer stachelten ohne viel Besinnen die Barke
-durch den flüssigen Schlamm, bis wir in einen jener
-Kanäle kamen, die sich wie Flußbette in vielen Windungen
-durch den Lagunenboden ziehen.</p>
-
-<p>An eine direkte Fahrt nach Grado war nicht zu denken.
-Wir fuhren statt nach Süden weit ostwärts gegen die
-kleine Insel Barbana hinunter, wo einige feierliche Zypressen
-um eine alte Wallfahrtskirche stehn. Diese soll sich laut
-Legende da erheben, wo nach jener furchtbaren Naturkatastrophe
-vom Jahre 585 Schiffer ein auf den Wellen
-treibendes hölzernes Marienbild fanden, das heute noch
-wundertätig alljährlich Pilgerflotten von 30&nbsp;000 bis 40&nbsp;000
-Wallfahrern nach Barbana lockt.</p>
-
-<p>Bald einer Sandbarre ausweichend, bald über eine
-hinschleifend, bald durch Meergras und Binsen wogend,
-änderte die Barke jeden Augenblick ihren Kurs, so daß
-wir auf unserer fast dreistündigen Fahrt nach Grado
-mindestens die zwiefache Strecke zurücklegten und es fast
-unmöglich schien, nach dem durch seine Nähe neckenden
-Städtchen zu gelangen.</p>
-
-<p>Es wäre etwas Mißliches um eine solche Fahrt im
-Zickzack, böte sie nicht ein ganz ungewöhnliches landschaftliches
-Interesse dar. Ein Lido flacher, grüner Inseln umschließt
-die Lagunen, und zwischen ihnen durch schimmert
-scheinbar erhöht der Azur des offnen Meers, das leistönend
-seine Wellen in den Lagunenfrieden treibt. Dazu
-zieht sich von der Isonzomündung bis gegen Grado hin
-ein vielfach vom Meer durchbrochener und unterwaschener<span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span>
-Dünenzug, dessen einzelne steilabstürzende Hügel wie riesige
-Blockhäuser aus der wogenden See aufsteigen.</p>
-
-<p>Die kleine Inselstadt, die grünen, flachen Inseln des
-Lido, der Ausblick auf die offene See, die fernen Dünenpalisaden
-geben zusammen der Landschaft ein seltsam
-Reizvolles, das weniger schön als merkwürdig ist. Der
-Schaffensdrang der umgestaltenden Natur offenbart sich
-vielleicht nirgends gewaltiger als am Meeresstrand.</p>
-
-<p>Zweifellos war jener Dünenzug, dessen ruinenhafte
-Hügel dem Zusammensturz nahe scheinen, vor Zeiten eine
-geschlossene Sandbarre, und noch in römischer Ära muß
-die Lagune ganz anders ausgesehen haben als in unsern
-Tagen. Von Istrien, wo ein ehemaliger Stadtteil von
-Parenzo in der See versank, bis nach Venedig, wo im
-Gang der Jahrhunderte die unterirdischen Räume der
-Markuskirche ins Wasser zu stehen kamen, bemerkt man
-die Folgen einer säkularen Senkung des Bodens. Diese
-beträgt im Bereich der furlanischen Küste zwei Meter,
-und bei der Flachheit des Strandes hat sie dem Meer
-die Herrschaft über weite ehemalige Landstriche eingetragen.
-So kommt es, daß die Inseln des Lido, welche in der
-römischen Zeit mit Werkstätten für den Schiffsbau und
-Hafenanstalten jeder Art dicht besetzt waren, viel kleiner
-geworden sind, daß an der Stelle der ehemaligen Inselwälder,
-wo noch die Dogen Venedigs des Weidwerks
-pflogen, an der Stelle, wo der Pflug des mittelalterlichen
-Bauers den Acker furchte und das Vieh auf fetten
-Gründen weidete, die Lagunenwelle im Röhricht <span id="corr077">plätschert</span>
-und von den zahlreichen Eilanden, Grado ausgenommen,<span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span>
-keines mehr dem Menschen eine dauernde Wohnstätte bietet.
-So kommt es, daß große Strecken landeinwärts gegen
-Aquileja, welche früher in der Pflanzenüppigkeit der
-Campagna prangten, Meersumpf geworden sind, daß Mauerreste
-und Inschriftensteine, Mosaikböden und Lager von
-Amphoren, in welchen die Römer den Wein aufzubewahren
-pflegten, im Grund der Lagune und der Meersümpfe
-liegen.</p>
-
-<p>Man sagt, daß zur Blütezeit Aquilejas ein Damm
-von Belvedere nach Grado hinüber geführt habe. Vielleicht
-im Angedenken der ehemaligen Schönheit dieser Landschaft
-ist ein großartiges Projekt aufgetaucht: die ganze Lagune
-von der Isonzomündung bis zur italienischen Grenze, also
-auf eine Strecke von 30 Kilometern, durch Dämme, die
-sich von einer Lidoinsel zur andern ziehen, gegen die See
-abzuschließen, die Lagune selber durch Maschinen zu entwässern
-und ein Gebiet von sechzig Quadratkilometern
-Meer in Kulturland umzuschaffen.</p>
-
-<p>Allein dem schöngedachten Plan eines »adriatischen
-Hollands« mit Polderwerken und fetten Marschen, wo ein
-glückliches Volk, den Niederländern nacheifernd, auf altem
-Meergrund seine Felder baut, haftet der eine große Fehler
-an, daß es auf den griechischen Kalenden steht. Selbst
-für jenen andern, ungleich bescheidenern, jene Dammverbindung
-von Grado und Belvedere zu erneuern, lebt,
-obwohl die Existenzfähigkeit des Lagunenstädtchens eng
-damit verknüpft ist, in den Kreisen, die ihn vermöge ihrer
-sozialen Stellung zu einer allgemeinen Landessache machen
-könnten, wenig Sinn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p>
-
-<p>Der Gedanke an Italien, das nur eine Gelegenheit
-abwartet, wo die Heere Österreichs anderwärts gebunden
-sind, um eine Erweiterung seiner Grenzen bis an den
-Golf von Triest oder sogar drüberhin zu versuchen, und
-die Möglichkeit eines Erfolges legt in Finanzkreisen jede
-größere Unternehmung im untern Friaul lahm.</p>
-
-<p>Bei Barbana nahm unsere Barke eine ziemlich gerade
-Richtung nach Grado. Auf vielen der binsenumwachsenen,
-niedrigen Sandinseln, welche sich längs der Lagunenkanäle
-hinziehen, standen zeltartige Schilfhütten. Das sind die
-Sommerfrischen gradonesischer Fischer, und wie eine
-Robinsonade mutet das Leben des Inselvölkleins an.
-Malerisch verwilderte Männergestalten besserten ihre Netze
-aus oder legten sie zum Trocknen an die Sonne, bronzefarbene
-Weiber schabten die gefangenen Fische, und junge
-Burschen und Mädchen wälzten sich kichernd und halbnackt
-in den Binsen.</p>
-
-<p>Oft hat &ndash; ich weiß nicht durch welche Ideenassoziation
-&ndash; der Anblick irgend einer Meerlandschaft in mir die
-Erinnerung an Hochgebirgsszenen wachgerufen, und als
-ich die rauchgeschwärzten Schilfhütten sah, die nur mit
-einer offenen Feuerstelle, einem Binsenlager im Hintergrund
-und einigen Holzklötzen zum Sitzen ausgestattet sind,
-mußte ich unwillkürlich an jene letzten Hütten, die der
-Mensch gegen die Grenzen des ewigen Schnees emporgebaut
-hat, denken. Allein wie viel einfacher lebt noch
-der adriatische Strandfischer, dessen ganzer Reichtum sein
-Schilfzelt, sein Kahn, sein Netz und sein Segel ist, gegen
-den letzten Sennen, der doch wenigstens noch jene Reihe<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-von Geräten, wie man sie zur Käsebereitung bedarf, in
-seiner Alphütte birgt.</p>
-
-<p>Man sieht unter diesen Lagunenfischern und ihren
-Weibern viele Gesichter von hoher natürlicher Intelligenz
-und prächtig aufgeschlossenen Gesichtszügen und es lebt auch
-ein großes Stück Selbstgefühl in diesen malerischen Gestalten.</p>
-
-<p>Fordert Ihnen ein Gradonese am Strand von Belvedere
-fünf Gulden für die Überfahrt nach seiner Inselheimat
-und bieten Sie ihm zwei, womit seine Arbeit vollauf
-bezahlt wäre, eher kehrt er Ihnen den Rücken und fährt
-allein in seine Lagunen zurück, um in einer Woche mühsamer
-Fischerei die zwei Gulden nicht zu verdienen, als daß er
-auf Ihren durchaus billigen Vorschlag eingehe; er läßt
-nicht mit sich markten.</p>
-
-<p>Allein nicht minder groß als ihr Selbstgefühl ist ihre
-Gleichgültigkeit; sie sind wahre Diogenesnaturen.</p>
-
-<p>Als wir bereits in der Nähe von Grado waren,
-mußten unsere zwei Barkenführer noch eine lange, schmale
-Sandbarre umrudern.</p>
-
-<p>»Warum«, fragten wir einen derselben, »haben Sie
-denn diese Bank nicht längst durchstochen; es kürzte ja den
-Weg ungemein?«</p>
-
-<p>»Wer soll es machen?« antwortete er schulternzuckend.</p>
-
-<p>»Diese Arbeit von einem oder zwei Tagen, wir denken
-Sie oder Ihre Gefährten oder die Stadt Grado«, sagten wir.</p>
-
-<p>»Das Meer hat diesen Sand daher gespült«, erklärte
-er nun; »unsere Väter sind schon um denselben her gefahren;
-wir machen es ebenso; soll der Sand weg, dann mag
-ihn das Meer wegschaffen &ndash; es wäre uns allerdings recht.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span></p>
-
-<p>Wir bemühten uns nicht weiter, dem Manne die Vorteile
-einiger Spatenstiche klar zu machen; wir fuhren an einigen
-venetianischen Booten, die bei der Schlammbank in Quarantäne
-standen und mit der Wäsche ihrer Mannschaft beflaggt
-waren, vorbei, und ein kleines Weilchen später waren wir
-nach zweieinhalbstündiger Fahrt im Hafen von Grado,
-der schicksalsreichen Inselstadt.</p>
-
-<p>Zur Blütezeit Aquilejas war Grado das Herz des
-aquilejensischen Seelebens, der Mittelpunkt der Flottenstation
-und zugleich der Angelpunkt des aquilejensischen Urchristentums,
-den eine ganze Mätyrerschar, darunter viele Jungfrauen,
-mit ihrem Blute weihten.</p>
-
-<p>Dann wurde das Laguneneiland Port und Asyl der
-heimatlosen Aquilejenser. Wie mag das Wehegeschrei der
-Frauen und Kinder durch das kleine Inselland gehallt
-haben, als über den Meeresarm her der Lärm und das
-Getöse des Hunnensturms erscholl, als aus der glänzenden
-Heimatstadt die Feuerlohe zum Himmel schlug, als das erste
-wunde Kriegerhäuflein, das sich durch die Hunnenscharen
-geschlagen, an den Strand von Grado kam und auf die
-hundert durcheinander schwirrenden Fragen todestraurig
-die Antwort: »<em class="antiqua">Finis Aquilejae</em>« gab.</p>
-
-<p>Die schöne Aufgabe, ein Friedensport im Kriege zu
-sein, hat Grado durch die ganze schwere Zeit der Völkerwanderung
-gegenüber den Land- und Städtebewohnern
-des Friauls erfüllt. Es war nicht sein Schaden; denn
-»Neu-Aquileja«, wie sich der Ort im sechsten Jahrhundert
-nannte, war, ehe dem venetianischen Löwen die Flügel
-gar so mächtig wuchsen, der Vorort der Lagunenstädte.<span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span>
-Die mittelalterlichen Schriftsteller rühmen seine starken
-Mauern und Türme, seine zahlreichen Kirchen und herrlichen
-Paläste, und von der Festlandsstadt hatte es nicht nur
-viele Kunstwerke, sondern auch einen Teil ihres blühenden
-Handels geerbt.</p>
-
-<p>In der Hunnenzeit war auch der Patriarch von Aquileja
-nach Grado geflohen. Seine Nachfolger hielten bald hier,
-bald dort ihre Residenz, bis in jenen uns kaum mehr
-verständlichen Streiten der orthodoxen Kirche gegen die
-verschiedenen Schismen auf Grado ein Konkurrenzpatriarchat
-zu demjenigen von Aquileja entstand, das, später auch
-rechtgläubig geworden, erst nach fast tausendjährigem
-Bestand von den Patriarchen des letztern aufgerieben wurde.</p>
-
-<p>Dann wurde es stiller und stiller auf dem Eiland;
-die Bevölkerung verarmte im Laufe der Jahrhunderte; die
-Insel wurde, von den Meereswogen zernagt, kleiner und
-kleiner; die Stadtmauern stürzten ins Meer, und heute
-ist Grado ein kleines Städtchen von 3000 Einwohnern,
-deren Ackerfeld, Garten, Werkstätte, Vorratskammer, deren
-ganzer Reichtum das Meer ist; denn die Gradonesen alle
-sind Fischer.</p>
-
-<p>Das Städtchen ist grad so groß als die Insel, deren
-Strandoval man in einem Viertelstündchen bequem umwandelt.
-So freundlich es von der Lagune her aussieht,
-so unreinlich ist es im Innern.</p>
-
-<p>Wie die Patriarchen von Aquileja sich in ihrem Dom
-und dessen weitausschauendem Campanile ein Denkmal
-errichteten, das ihre eigene Existenz um Jahrhunderte
-überdauerte, sicherten sich diejenigen von Grado in der<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-Kathedrale Sant' Eufemia ein heut noch wohlerhaltenes
-Monument. Ihr Äußeres wird freilich in seinem Eindruck
-durch die umgebenden Häuser beeinträchtigt, und mit dem
-stolzen Gotteshaus von Aquileja darf sie sich nicht messen;
-aber ihr Inneres wetteifert an Alter und archäologischem
-Wert mit dem Dom von Aquileja.</p>
-
-<p>Sonst bietet die kleine Stadt kaum etwas Sehenswertes;
-doch ist ein Spaziergang auf dem neuen Damm, der die
-Südseite des Städtchens zum Schutz gegen die Meereswogen
-in einem Halbrund umzieht, von bedeutendem Reiz;
-denn von seiner Höhe genießt man einen wundervollen
-Blick auf die offene, in dunkelblauen Wellen pulsierende See.</p>
-
-<p>Dieser Damm und die an der Ostseite des Städtchens
-liegende, erst kürzlich in leichtem Holzstil aufgeführte
-Badeanstalt zeigen, daß Grado sich nicht willenlos in sein
-dereinstiges Schicksal, vom Meer aufgefressen zu werden,
-ergibt. Vorher möchte es noch eine Gesundheitsstation
-ersten Ranges, ein adriatisches Rügen werden.</p>
-
-<p>Es hat seine dankbare Klientel, die vom Seebade
-Grados entzückt ist. Sie spricht von seinem herrlichen
-Wellenschlage, als ob das Meer nirgends mehr so lieblich
-wogte, wie an diesem Strand, und findet den feinen,
-weißen Sand unvergleichlich. Allein die dankbarste Kundschaft
-ist die alljährliche wiederkehrende Kolonie einiger
-hundert skrofulöser Kinder, welche die Städte Triest und
-Graz auf das kleine Inselland in die Ferien senden.</p>
-
-<p>Diese armen, glücklichen Kinder untersuchen nicht; sie
-baden, sie spielen und werden gesund. Die roten Wangen,
-die lachenden Augen, sie sind die besten Anwälte für Grado.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span></p>
-
-<p>Allein so ein echter, rechter Kurort &ndash; eben ein adriatisches
-Rügen &ndash; kann Grado doch nicht werden. Dazu
-fehlt es an allem, an einer Promenade, wenn man nicht
-den bei ruhiger Luft unangenehm ausdünstenden Strand
-längs des Inseldammes dafür nehmen will, an Wohnungen,
-denn das Städtchen ist von den eigenen Einwohnern
-bereits übervölkert und an Platz für etwas ausgedehntere
-Neubauten, wenn man nicht ein neues Grado in die
-Lagunen hinaus gründen will.</p>
-
-<p>Wenn sich wenigstens nur etwas Baumgrün auf das
-Inselland pflanzen ließe, damit das Auge etwas mehr hätte,
-als das endlose Blau der See und des Himmels, den
-südlichen Sonnenschein und die reflektierenden Mauern der
-Stadt; allein alle Versuche, auf der Insel Bäume längere
-Zeit zu erhalten, scheitern. Sie verderben in kurzer Zeit
-an dem salzigen Grundwasser oder fallen, da ihnen der lockere
-Inselsand keinen Halt gewährt, den Seewinden zum Opfer.</p>
-
-<p>Selbst das freundliche Bild grünender, blühender
-Sträucher hat sich in einige ganz kleine Privatgärten, die
-zwischen den Häusern des Städtchens eingeklemmt sind,
-zurückgeflüchtet.</p>
-
-<p>Manches wird in Grado, um Kurgäste anzulocken,
-noch getan werden können. Von all den kleinen Anfängen,
-welche das Kurleben dort gezeitigt hat, schien uns die
-Gründung einer deutschen Bierhalle das bedeutsamste
-Ereignis. Wir haben es gewürdigt! Schäumender Gerstensaft,
-ein blühendes Gärtchen, eine gute Kegelbahn; wer
-wollte auf einem so kleinen Meereilande sich nicht damit
-zufrieden geben!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span></p>
-
-<p>Als wir nach einem dreistündigen Aufenthalt in der
-kleinen Inselstadt wieder unsere Fischer und unsere Barke
-aufsuchten, bot die Lagune ein ganz anderes Bild, als
-am Nachmittag. Die steigende Flut hatte die Sandbänke
-mit dem Blau des Meerwassers bedeckt; nur einige der
-höhern, auf welchen die Schilfhütten der Fischer standen,
-ragten noch, zwar um vieles verkleinert, über die hereinbrechende
-See. Die Gegend war kaum mehr zu erkennen.
-Die Lagune gestattet jetzt eine fast geradlinige Fahrt von
-Grado nach Belvedere; dazu schwellte ein angenehmer
-Seewind das Segel. Glücklich schwebten wir über der
-aus allen Tiefen emporquellenden Flut durch den schönen
-Meeresabend, tranken dunkeln Wein von Monfalcone und
-hellen von Gumboldskirch, aßen kaltes Geflügel und
-italienische Rauchschinken, Vorräte, die wir alle der gütigen
-Vorsorge unserer Hauswirtin verdankten, und sangen die
-Lieder unserer Heimat dazu. Die niedergehende Sonne
-zögerte noch ein Weilchen, als sie so fröhliche Menschen
-sah. Ihre Strahlen glühten über der kleinen Fischerstadt.
-Wir wünschten Grado, dem meerumschlungenen, viele
-Kurgäste und noch manche Jahre gedeihlichen Daseins;
-denn sterben muß es einmal doch. Wer es in tausend
-Jahren besuchen will, findet vielleicht nichts mehr von dem
-Eiland. Es sinkt und sinkt; die See nagt immerfort an
-seinen Flanken; überall beißen sich die Wellen in seine
-Ufer; Sandkorn um Sandkorn wird hinweggespült. Wenn
-später einmal der Fischer mit seinem Kahn über die Stelle
-fährt, dann faltet er die Hände und betet ein Requiem
-über der versunkenen Stadt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p>
-
-<p>Als wir am Strand von Belvedere nach nicht viel
-mehr als einstündiger Fahrt ankamen, versank die Sonne
-rotgolden und groß in der venetianischen Tiefebene; als
-die stillen Straßen Aquilejas vom Hufschlag unserer Pferde
-widerhallten, hatte sich der Sternenschleier der südlichen
-Nacht über den dämmernden Dom und den riesengroßen
-Campanile gespannt; als wir durch die furlanische Campagna
-nordwärts flogen, da stoben lichte Schwärme von
-Leuchtkäfern in Büschen und Bäumen auf und erloschen
-im Campagnenwald, und als wir in Monfalcone ankamen,
-tanzte beim Klang der Trompete und den leidenschaftlichen
-Tönen des Fagotts noch das junge Volk unter
-den Kastanienbäumen. Qualmende Lichter warfen ihre
-Strahlen auf die Gruppen; in geröteten Gesichtern und
-in funkelnden Augen lag Liebesglut und Feuer des Südens.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/chap-end.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span></p>
-
-<h2 id="Im_Fruehling_von_Miramare">
-<img src="images/illu-087.png" alt="" /><br />
-Im Frühling von Miramare.</h2>
-</div>
-<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Wenn die junge Süderde im Lenzgeschmeide prangt,
-wenn es in den adriatischen Gärten blüht und
-duftet, dann pilgert der Naturfreund Triests hinaus zu
-dem Marmelschloß von Miramare, das in sonniger,
-märchenträumender Schönheit am innersten Golfe der
-Adria prangt.</p>
-
-<p>Gedenk ich jener Stunden, wo ich im blühenden Burgfrieden
-von Miramare die stillen Parkwege gewandelt, so
-kommt wieder der ganze Zauber jener Meerlandschaft, zu
-der sich wie im Heimweh nach der mütterlichen Flut der
-Karst, der dunkle Tarnovanerwald und die julischen
-Alpen mit ihren leuchtenden Berggesichtern niederdrängen,
-über mich.</p>
-
-<p>Es ist von Monfalcone nach Miramare fünf Stunden
-Wegs um das innerste Golfrund der Adria. Sie bieten
-dem Wanderer das Schönste, was im Bereich dieses
-Meeres liegt!</p>
-
-<p>Zwar weicht schon nach der ersten Wegstunde die
-Campagna stagnierenden Reissümpfen; allein auch sie sind
-nicht reizlos. Zwischen Sumpf und Meer steht, malerisch<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-an einen Felsrücken gelehnt, die altersgraue Kapelle Sant'
-Antonio, welche alljährlich zur Frühlingszeit die Schiffer
-der Umgebung zur Bootsweihe in ihre Räume sammelt.
-Bereits im Sumpf erhebt sich ein hübsches, modernes
-Gebäude, das Bad Monfalcone. In seinem Hof dringt
-eine Schwefelquelle von 40 Grad Celsius aus dem Moorboden,
-die mit dem Meere ebbt und flutet. In den
-Gängen hangen die Krücken dankbarer Gichtbrüchiger,
-die als Lahme gekommen und als Gesunde gegangen
-sind. Die heilsame Quelle lockt allsommerlich eine kleine
-Fremdenkolonie nach Monfalcone. Da das Badegebäude
-wegen der fiebererregenden Dünste, welche am
-Abend aus den Sümpfen aufsteigen, nicht bewohnt
-werden kann, beleben die Badegäste die paar Gasthöfe
-der Stadt. Regte sich hier der nämliche Unternehmungsgeist,
-wie in manchen Tälern des Gebirges, so wäre
-Monfalcone der Welt schon lange als ein südösterreichisches
-Ragaz bekannt.</p>
-
-<p>Der Sumpf östlich vom Bad war um die Wende
-unserer Zeitrechnung noch ein mit dem Meer zusammenhängender
-Binnensee, in welchem hin und wieder eine
-römische Flotte vor Anker lag. Jetzt schleicht vom Karste
-her die Lokavaz, ein unheimliches, trübes Gewässer, durch
-diese Gegend zum nahen Meer.</p>
-
-<p>Jenseits des Flusses liegt der merkwürdige Ort, wo
-an der letzten innersten Bucht der Adria die lombardisch-venetianische
-Tiefebene ausgeht, die Alpen mit ihren felsklippigen
-Ausläufern sich ans Meerblau drängen, der
-flache, reizlose Lagunenstrand des adriatischen Westens<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-den malerischen Felsenufern des Ostens weicht und sich
-die östlichste, von der Romantik der Halbkultur umschleierte
-große Halbinsel vom europäischen Festland löst.</p>
-
-<p>Es ist, als ob die Natur den Angelpunkt, wo sich Alpen,
-Meer und Tiefland stoßen, der europäische Osten sich
-vom Westen scheidet, selber mit einem ihrer herrlichsten
-Wahrzeichen hätte schmücken wollen; denn da rauscht in
-drei Quellen aus unerforschten Felsenschlünden der kürzeste
-Strom Europas, der Timavo auf.</p>
-
-<p>Die altersgraue Kirche San Giovanni, eine Mühle,
-deren Werke seit längerer Zeit ruhen, einige kleine Häuser
-und etwas Grün schmücken die Quellen, und Barken
-fahren bis an den Ursprung den langsam abfließenden
-Strom hinauf, der sich schon nach wenigen Kilometern
-Laufes in die Bläue des Meeres verliert.</p>
-
-<p>Seine Geschichte greift hinauf bis in die graue Sagenzeit,
-und seine Wasser sind geweiht durch Argonautenzug
-und Äneis. In einem heiligen Eichenhain stand an seinem
-Ufer ein Tempel des Diomedes, der den Griechen im
-Kampf gegen Troja mit achtzig Schiffen zu Hülfe gekommen
-war, und später einer der Hera, der großäugigen,
-lilienarmigen Göttin.</p>
-
-<p>Der Trimavus muß im Altertum, als er die damaligen
-Schriftsteller und Dichter, einen Virgil, einen
-Strabo, einen Plinius, Martial und Cornelius Nepos,
-zum höchsten Staunen hinriß, noch ein ganz anderer gewesen
-sein als in unserer Zeit; denn sie feiern ihn in
-bewundernden Ausdrücken als die »Mutter des Meers«,
-und der Sänger der Äneis meldet:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»<em class="antiqua">… Per ora novem vasto cum murmure montis</em><br /></span>
-<span class="i0"><em class="antiqua">It mare proruptum et pelago premit arva sonanti</em>«<a id="FNAnker_A_1"></a><a href="#Fussnote_A_1" class="fnanchor">[1]</a><br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="footnotes">
-<div class="footnote">
-<p><a id="Fussnote_A_1"></a><a href="#FNAnker_A_1"><span class="label">[1]</span></a>
-</p>
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»… Durch neun Münde und unter dem Seufzen des Berges<br /></span>
-<span class="i0">Bricht er ins Meer und peitscht mit tönender Woge die Felder.«<br /></span>
-</div></div>
-</div>
-</div>
-
-<p>Neun Quellen, nach andern Schriftstellern auch zwölf,
-hatte also damals der Timavus, und schauerlich großartig
-trat er zu Tage &ndash; heute ist er bis auf drei versiegt.
-Dennoch tritt auch jetzt noch der Wanderer mit einer
-gewissen Ehrfurcht an den seltsamen Fluß, der mit immer
-noch starker Wasserfülle als ein herrliches Naturrätsel von
-dannen strömt.</p>
-
-<p>Naturrätsel! Wenn das Rätsellösen so viel bedeutet,
-als an die Stelle des einen ein anderes zu setzen, dann
-ist auch der Timavo, seine einstige Wassergröße, seine
-jetzige Kleinheit, dann sind seine Zuflüsse enträtselt.</p>
-
-<p>Eine scharfsinnige Hypothese bringt nämlich seinen
-Wasserverlust mit der Bildung des Isonzo in Zusammenhang.
-Dieser soll im Altertum bei Görz im Karst verschwunden
-sein; allein im Mittelalter haben sich die unterirdischen
-Verbindungskanäle dann verstopft, der Isonzo sei
-nach Süden ausgebrochen, wodurch der jetzige Unterlauf
-desselben entstand, der Timavus aber um eine Reihe von
-Quellen verarmte.</p>
-
-<p>Diese Hypothese hat ungemein viel für sich. Noch heute
-existiert zwischen der Wippach und dem See Dobredo ein
-Zusammenhang; denn bei großen Wasserständen des Flusses
-steigt auch der See, und heute noch hört man in der
-Grotte von Jaminiano das Rauschen unterirdischer Wasser,
-die in der Richtung gegen Timavo abfließen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span></p>
-
-<p>Seinen jetzigen Hauptzufluß &ndash; das steht ganz außer
-Zweifel &ndash; erhält der Timavo von der Reka, einem
-Karstwasser, das sich bei San Canziano ein paar Stunden
-gebirgseinwärts von Triest in eine Kalksteingrotte verliert.
-Die Entfernung von San Canziano zum Timavo beträgt
-über dreißig Kilometer. Man hat die Grotte, die sich
-in unmittelbarer Nähe der Kirche des Dorfes zum Empfang
-der Reka öffnet, eine Strecke weit erforscht. Es
-soll, so sagen die Höhlenpioniere von Canziano, ein wunderbares,
-unbeschreibliches Gefüge von Gängen, Hallen und
-Erkern sein, durch welches sich die Reka windet, ein Seitenstück
-zur Grotte von Adelsberg.</p>
-
-<p>Jenseits des Timavo beginnt die Straße mählich anzusteigen.
-Da liegt zwischen ihr und dem Meer der
-Wildpark von Duino, ein großer, dichter Terebinthenhain,
-der ein beredtes Zeugnis dafür bildet, daß der Karst von
-Natur aus kein kärglicher Boden ist, daß erst der Unverstand
-der Menschen ihn zu der dürren Steinwüste
-gemacht hat.</p>
-
-<p>Hinter dem Park ragen die altersgrauen, verwitterten
-Mauern des Schlosses Duino auf hohen, malerisch zur
-See abstürzenden Felsen auf&nbsp;…</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Es stand in alten Zeiten ein Schloß so hoch und hehr,<br /></span>
-<span class="i0">Weit glänzt es über die Lande bis an das blaue Meer.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Man muß unwillkürlich an diese Uhlandsverse denken,
-wenn man die alte gewaltige Feste sieht. Man sagte
-mir, es sei die größte am Mittelmeer! Uralt ist sie;
-denn schon die Hohenstaufen haben auf ihren Italienfahrten
-in Tybein, wie der alte, deutsche Name der Burg<span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span>
-lautet, gern gerastet; ja ihre Anfänge gehen bis in die
-Römerzeit zurück. Es muß damals in dieser Gegend ein
-vorzüglicher Wein gewachsen sein; denn Livia, die Gemahlin
-des Augustus glaubte es diesem zu verdanken, daß sie
-über die achtzig Jahre alt geworden ist.</p>
-
-<p>Landeinwärts vom Schloß bildet ein Dutzend dazu
-gehöriger Pächterhütten eine kleine Ortschaft. In ihrer
-Mitte ist das schwarze, ungemein feste Eingangstor zum
-Schloß. Dieses selber besteht aus einem Gefüge von
-Bauwerken aus verschiedenen Jahrhunderten, die sich alle
-um einen dicken, viereckigen Turm drängen.</p>
-
-<p>Die gegenwärtige Besitzerin des Schlosses, eine Fürstin
-Hohenlohe, hat die weitläufigen Gemächer desselben mit
-vielen römischen Fundstücken, alt-venetianischen Holzschnitzwerken
-und herrlichen Gemälden geschmückt, von denen
-manche den besten italienischen Meistern angehören. Sie
-ist selber eine Malerin von hohem Talent, und es kann
-für eine Künstlerin in der Tat keinen Ort geben, wo
-sich die Phantasie mehr befruchtet, als in dem sagen-
-und efeuumrankten Schloß, vor dem das südliche Licht
-über den Azur des Meeres zuckt und flutet. Achtzig
-Meter steigen die zerrissenen Uferfelsen lotrecht von der
-See auf, und in ihren Rissen grünt eine Vegetation, die
-mit ihren Agaven und Kakteen an noch südlichere Gestade
-erinnert.</p>
-
-<p>Auf einem grauen, verwaschenen Felsen in der See,
-der durch ein zackiges Riff mit dem Festland verbunden
-ist, liegen die Ruinen der Stammburg, Tore, Bogen und
-Türme, durch welche das tiefe Blau des Himmels scheint;<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-ein ungemein malerisches Bild, wie denn das Meergestade
-von Duino in seiner Art etwas einzig Schönes hat.</p>
-
-<p>In der Nähe ist eine kleine Sardellenfabrik und der
-Hafen von Duino. Nichts Angenehmeres, als sich hier
-hinausrudern zu lassen auf das träumende Meer, unter
-dem Schloß hin und längs der steilen, zerrissenen Uferfelsen.
-Hier wäre der Ort für eine südliche Lorelei!
-Oben in einem Saal des Schlosses steht eine goldene
-Harfe; allein ich vermute, daß sie, die wohl von Harfner
-oder Harfnerin einst in Minneleid und Minnefreude geschlagen
-worden, nun gute Ruhe hat.</p>
-
-<p>Und wie sollte eine Lorelei hier Stätte haben, wo
-der Sterblichen Gewaltigster einer gedichtet hat. &ndash; Dante!
-Man zeigt unter dem Schloß einen in die See vorspringenden
-Felsen, welchen die Sage zu einem Lieblingsaufenthalt
-des großen Florentiners weiht.</p>
-
-<p>Die Landschaft östlich vom Schloß mahnte mich etwas
-an den Urnersee. Es ist wunderbar still da unten; nur
-die prächtig gefärbten zierlichen Quallen, die in geselligen
-Schwärmen durch die Meerflut ziehen und vor der nahenden
-Barke fliehen, das Aufblinken sich tummelnder
-Seefische und das Geschrei aus- und einfliegender Tauben
-und Spyrschwalben, die ihre Geniste in den Löchern des
-Felsensturzes haben, bringen etwas Leben in den strengen
-Ernst des Ufers und das sonnige Lächeln des Meeres.
-Drei Felsen, die aus dem Steilhang des Ufers treten,
-heißen die »drei Altäre.«</p>
-
-<p>Die Bucht von Sistiana, ein reizendes Meeridyll,
-legt eine Bresche in den Felsengürtel, der das Meer von<span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span>
-Duino umschlingt. An ihrem Eingang sieht man nach
-Aurisina hinüber, das ein halbes Stündchen entfernt sein
-mag. Dort steht das Maschinenhaus der Wasserversorgung
-von Triest. Die Pumpwerke derselben schaffen das am
-Meeresstrand den Felsen entquellende Wasser auf das
-Plateau von Nabresina hinauf, das hundert Meter über
-dem Seespiegel liegt.</p>
-
-<p>Bei Sistiana, wo eine Menge der Steine, die zum
-Hafenbau von Triest verwendet worden sind, gebrochen
-wurden, stiegen wir wieder hinauf auf die Straße Monfalcone-Triest.
-Sie führt durch eine Landschaft vom echtesten
-Karsttypus. Ringsum starrt ein Chaos zernagter Felsen,
-wie aus dem Boden gewachsen, uns entgegen. Doch bilden
-sie eine Menge, zum Teil großer Dolinen, seltsame, dem
-Karst eigentümliche Gesteinskessel, deren Grund mit einer
-üppigen Vegetationsdecke ausgeschlagen ist. Die Dolinen
-sind ein ungemein liebliches Kontrastbild zu der Trostlosigkeit
-der übrigen Landschaft; denn auf den Miniaturäckern,
-die im Grund derselben liegen, gedeihen, dem
-zerstörenden Hauch der Bora entrückt, die zuweilen mit
-furchtbarer Gewalt über diese Gegend fegt, Wein und
-Öl, Mandel und Feige wie drunten am Meer.</p>
-
-<p>In einem weiten Bogen überspannt ein Kolossaldamm
-der österreichischen Südbahn das Küstenplateau, und durch
-ein Tor dieser gewaltigen Baute gelangen wir in das
-berühmte Steinbruchgebiet von Nabresina, dessen mattweißer
-Marmor schon der Stolz des ehemaligen Aquileja
-war und das heutige Wien mit den Prachtbauten der
-Ringstraße schmückt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span></p>
-
-<p>Durch einen Bogen eines zweiten, sechshundert Meter
-langen Bahnviaduktes gelangen wir nach Nabresina selbst,
-einem slavischen Dorf, bei dessen Station sich aus der
-Hauptlinie Venedig-Wien der Schienenstrang nach Triest
-herauslöst, um sich längs der Ufer von Miramare in die
-adriatische Handels- und Hafenstadt hinabzusenken.</p>
-
-<p>Nabresina und die mehr nach Osten vorgeschobenen
-Dörfer Santa Croce und Prosecco sind beliebte Ausflugsziele
-des nahen Triest, von dem die Straße in zahlreichen,
-engen Windungen nach Prosecco emporklimmt,
-fröhliche Stelldichein der lebenslustigen Jugend. Bei der
-eingebornen Landbevölkerung hat sich noch eine hübsche
-Mädchentracht, ein Schapel, ein weißes, geschmeidiges
-Brusttuch und eine rote oder blaue Schürze, alles von
-Seide und reich gestickt, erhalten. Es liegt etwas ungemein
-Gutmütiges, mehr Trauriges als Fröhliches, mehr
-Demütiges als Keckes in den Gesichtern ihrer Trägerinnen,
-deren wasserblaue Augen und wenig belebte Züge scharf
-gegen das ewig bewegliche Element und die Glutaugen
-der italienischen Strandbewohnerinnen abstechen.</p>
-
-<p>Da sind wir auf der Höhe von Prosecco, jenem kühnen
-Vorgebirg nächst Triest! »<em class="antiqua">Vedere e morire!</em>« Sieh's
-und stirbt &ndash; So spricht der Neapolitaner von seiner
-Stadt; allein schöner kann Neapel nicht sein, als der
-Blick von Prosecco. Da steht man, schaut man, &ndash; und
-schweigt!</p>
-
-<p>Tief zu unsern Füßen liegt wonnig und sonnig die
-Adria, und weiße Segler ziehen nah und fern auf leuchtender
-Flut. Etwas links baut sich, vom Mastenwald<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-seines Hafens emporsteigend, Triest an grünen Hügeln
-auf. Über dem Golf von Capo d'Istria winkt Pirano
-auf olivenreichem Vorgebirg herüber, während in blauender
-Ferne Himmel und Meer eines ins andere übergehen.
-Zur Rechten senkt sich steil eine Riviera von silbergrauen
-Ölbäumen und dunkelgrünen Lorbeerwäldchen, von Rebengrün
-und Myrtenhainen zur Punta Grignana ab, auf
-deren äußerstem Vorsprung ein zu Stein gewordenes
-Märchen, Schloß Miramare, aus einem Terebinthen-
-und Lorbeerparke steigt. Noch weiter rückwärts gegen
-Duino stürzen die Karstfelsen jäh und handlos zur blauen
-Flut. Meerherüber grüßen die Pinien von Barbana,
-Grado, die Inselstadt, der Campanile von Aquileja, die
-Lagunen und in träumender, nordwestlicher Ferne die
-julischen und italienischen Alpen.</p>
-
-<p>Allein das sind nur einige Fixpunkte; denn ein Bild
-wie dasjenige von Prosecco läßt sich nicht wiedergeben;
-es kann nur ein selbstgeschautes, kein übertragenes sein.
-Was ich nicht zu beschreiben vermag, das ist der jäh
-wirkende Zauber des Meerbilds, der Wandel der übers
-Meer spielenden Sonnenlichter, jenes Geheimnisvolle, mit
-dem eine fast grenzenlose Meerperspektive auf die Seele
-wirkt und sie mit einem leisen Heimweh nach dem sonnigen
-Hellas und den Märchen des Morgenlandes füllt.</p>
-
-<p>Zögernd scheiden wir von dem herrlichen Punkt, zögernd,
-als könnte unserem Auge das schöne Bild mit den sonnigen
-Weiten plötzlich entzogen werden, und steigen durch die
-Weinberge von Prosecco, wo ein feuriger Schaumwein
-wächst, durch hochromantische Felsenpartien, malerische<span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span>
-Kastanienwäldchen und Olivenhaine hinunter zur Südbahn,
-welche von Triest aus an dem üppigen Küstenhang
-das Plateau von Nabresina gewinnt, und hinunter zu
-den Lustgärten von Miramare.</p>
-
-<p>Miramare! &ndash; Liegt nicht schon im Wort südlicher
-Wohllaut? »Wunder des Meeres« heißt's zu deutsch, und
-ein Wunder ist's, das Marmorschloß am Meer mit seinen
-Gärten. Da rauschen die Pinien im lauen Wind, und
-zierliche Wege ziehen drunter hin; da glänzen und duften
-Myrte und Lorbeer; da schreitet man unterm grünen
-Dach der Madeirareben, durch schattige Lauben und kühle
-Grotten, an halbverborgenen Teichen, über welche die
-Schwäne ihre Ringe ziehen, hinab zum Marmelpalast.
-Fast zu üppig ist hier der Duft blühender Schlingpflanzen,
-die über die Arkaden klettern. Die Kamelien blühen, die
-wie aus Wachs gegossen im Weiß der Lilie und im Rot
-der Rose prangen. Er ist einzig, der Kamelienflor von
-Miramare. Da, auf der Gartenterrasse nächst dem Schloß,
-wo herrliche Erzbilder auf ihren Postamenten stehen, wo
-wehende Palmen mächtig auf zum Sonnenlichte streben,
-mutet's den Wanderer märchenhaft an; da scheint eine
-Fee ihren lieblichsten Träumen Gestalt verliehen zu haben;
-da scheint alles gefeit gegen Sorge und Gram, gegen
-Unglück und Tod; ein Eden, dieses Miramar!</p>
-
-<p>Und dennoch trauert Miramare! Es trauert um den
-Erzherzog Max, seinen Schöpfer, der sich als ehemaliger
-Statthalter des lombardisch-venetianischen Königreichs mit
-freiheitlicher Gesinnung eine heute noch lebendige Sympathie
-in den Herzen der Küstenbewohner erworben hat,<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-eine Sympathie, die mit schuld sein soll an der tragischen
-Geschichte des hochbegabten Fürsten.</p>
-
-<p>Es war im Jahr 1856, in seinen Bräutigamstagen,
-als Max auf der Punta Grignana Miramare, das in
-normännischem Stil gehaltene Schloß, dessen heller Schein
-so wundersam über das triestinische Golfrund leuchtet, und
-die Parkanlagen schuf. Im folgenden Sommer führte er
-sein junges Weib Charlotte, die schönheitsstrahlende, ehrgeizige
-Belgierin, in den zauberhaften Meerpalast heim.
-Er stand damals an der Schwelle der dreißiger Jahre
-und war ein liebenswürdiger, hochgebildeter Mann, der
-auf mannigfachen Reisen durch die gesamten Mittelmeerländer
-und auf einer Pilgerfahrt nach Jerusalem ein
-schönes Stück Welt gesehen hatte; sie eine kaum <span id="corr098">Siebenzehnjährige</span>,
-mit allen Vorzügen einer ungewöhnlich tüchtigen
-Bildung, dabei von ernstem, arbeitsamem Wesen,
-aber auch von einem maßlosen Ehrgeiz. Das liberale
-Österreich sah mit Hoffnungen auf das Paar, welche den
-Neid der Wiener Hofburg herausforderten; denn Max
-war um seiner persönlichen Ritterlichkeit und Liebenswürdigkeit
-willen weitaus der volkstümlichste der Habsburger,
-doch für einen Staatsmann von zu weichem
-Naturell, und das hat denn auch die furchtbare Tragik
-in sein Leben gewoben.</p>
-
-<p>Man kennt das »Trauerspiel« in Mexiko. Das Land
-und die Ereignisse, welche damals zwei Welten in fieberhafter
-Spannung hielten, sind zwar in den geschichtlichen
-Hintergrund getreten; von den Hauptbeteiligten sind alle
-tot: Kaiser Max, das Opfer, Napoleon, der Komödiant<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-und Verführer, Bazaine, das Werkzeug, Juarez, der großmütige
-Feind, Lopez der Verräter, General Diaz, der
-Scherge; nur eine lebt noch, wenn Irrsinn leben heißt,
-Charlotte, die schöne ehrgeizige Belgierin. Auf dem Schloß
-Tervueren bei Brüssel lebt sie noch.</p>
-
-<p>Allein wenn man auf den Parkwegen von Miramare
-wandelt, wird einem die Geschichte, die Johannes Scherr
-mit bitterer Ironie eine »Tragikomödie« nennt, wieder
-neu, und die Toten stehen wieder auf.</p>
-
-<p>Es war im Jahr 1860, als Napoleon <em class="antiqua">III.</em> zum
-erstenmal als Versucher an den Erzherzog herantrat und
-ihm die Kaiserkrone von Mexiko anbot. Man kann von
-Max zwar nicht sagen: »Versucht und verführt.« Nur
-zögernd, erst am 10. April 1864, als zu Miramare
-eine mexikanische Deputation erschien und ihm die Krone
-namens des mexikanischen Volkes bot, nahm er sie; allein
-er nahm sie, denn er war ehrgeizig, sein Weib Charlotte
-noch mehr, und die kaiserlichen Verwandten, denen die
-Volkstümlichkeit des Erzherzogs schon lange ein Dorn im
-Auge gewesen war, hatten nichts dagegen einzuwenden.</p>
-
-<p>Vier Tage später sagten Maximilian und Charlotte
-Miramare Lebewohl. Nie zuvor und nie später haben
-sich in den Wegen der herrlichen Gärten so viel Menschen
-bewegt, wie am Morgen des Scheidetags. Beim Einstieg
-des kaiserlichen Paars ins Boot blieb kein Auge
-trocken. Mit Recht! Was Max dem Küstenland gewesen,
-das haben die folgenden Jahrzehnte in keiner Weise ersetzt.</p>
-
-<p>Unter einem Blumenregen, unter den Segenswünschen
-des sich zudrängenden Volkes schritt das Paar zum kleinen<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-Hafen, und ein Boot, auf dem ein roter Sammet-Baldachin
-aufgeschlagen war, führte es hinaus auf den Golf,
-wo die »Novarra«, das Lieblingsschiff des Kaisers, im
-Schmuck der Wimpel und Flaggen zur Aufnahme der kaiserlichen
-Passagiere bereit stand.</p>
-
-<p>Dann donnerten die Kanonen; vom Ufer schollen die
-»Lebewohl«; die »Novarra« fuhr, von dem französischen
-Kriegsschiffe »Themis« begleitet, im Glanz des jungen
-Frühlingsmorgens, beim klarsten Lächeln des südlichen
-Himmels hinab gegen Pirano, bis sie am Horizont
-verschwand. &ndash; Die »Novarra« ist wiedergekehrt, der
-Kaiser nicht!</p>
-
-<p>Als Maximilian <em class="antiqua">I.</em> in Mexiko zu herrschen begann,
-waren alle tüchtigen Elemente des von den Franzosen
-vergewaltigten Volkes gegen ihn, den aufgezwungenen
-Herrscher, eingenommen, und der Widerstand der Freisinnigen
-trieb ihn in die Arme der Priesterpartei. Sie
-verführte ihn zu dem Dekrete vom 3. Oktober 1865,
-das seine mexikanischen Gegner für »vogelfrei und außer
-dem Gesetze stehend« erklärte, Hunderte von patriotischen
-Mexikanern dem Standrecht preisgab und im Land eine
-furchtbare Erbitterung gegen den Kaiser erregte.</p>
-
-<p>Zudem hatten die amerikanischen Nordstaaten Maximilian
-nie als Kaiser von Mexiko anerkannt, und als
-diese über die rebellischen Südstaaten, die dem Kaiser
-günstig gestimmt waren, gesiegt hatten, verlangte Johnson,
-der Präsident der Union, von Frankreich, daß es seine
-Truppen aus Mexiko zurückziehe.</p>
-
-<p>Vor seiner festen Sprache gab Napoleon nach; die<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-Zustände in Mexiko wurden immer unhaltbarer und im
-Sommer des Jahres 1866 wollte Maximilian die mexikanische
-Kaiserkrone ablegen. Allein Charlotte hielt die
-Feder, welche diesem Entschluß Rechtskraft geben sollte,
-zurück; denn der Kaiserinnentraum war für sie zu schön,
-und sie verteidigte ihn mit einer Kraft, die einer bessern
-Sache wert gewesen wäre. Zwei Tage nach diesem Ereignis
-brach sie im fernen Mexiko nach Frankreich auf,
-um Napoleon <em class="antiqua">III.</em> um Innehaltung seines Vertrages zu
-bitten. Am 10. August kam sie in St. Cloud an und
-erlangte, als sie der wortbrüchige Herrscher nicht vorließ,
-mit Gewalt eine Unterredung mit ihm. Erst eine demütig
-um Hülfe Bittende und, als der Kaiser hart blieb, eine
-Furie, hat sie diesem Manne vielleicht das Bitterste gesagt,
-was er aus Frauenmund je gehört hat.</p>
-
-<p>Vierzehn Tage später irrte sie, eine Verzweifelnde,
-durch die Gemächer ihres Marmelpalastes am Meer;
-Verzweiflung und Irrsinn peitschten sie wieder fort, nach
-Rom zu den Füßen Pius <em class="antiqua">IX.</em> Dann kam sie wieder
-nach Miramare, eine vollständig Wahnsinnige. Maximilian
-hat sie nie mehr gesehen.</p>
-
-<p>Napoleon zog vertragsbrüchig Truppe um Truppe
-aus Mexiko zurück, und nach vergeblichen Versuchen,
-Maximilian zur Abdankung zu bewegen, überließ er ihn
-seinem Schicksal.</p>
-
-<p>Eine Weile schien es, als wollte Maximilian, den
-Tatsachen weichend, ernstlich den Rückzug vor den immer
-mächtiger vordringenden republikanischen Heeren vorbereiten;
-allein auf diesem Rückzug ereilte ihn in einer<span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span>
-einsamen Hazienda bei Orizaba eine Depesche, welche ihm
-über das Schicksal seines Weibes Aufschluß gab.</p>
-
-<p>Niemand weiß nun recht, was im Hirn und Herzen
-des unglücklichen Kaisers vorging; genug, Maximilian
-kehrte um die Jahreswende 1866/67 in die Hauptstadt
-Mexiko zurück, und am 15. Mai erreichte ihn, von den
-republikanischen Heeren bis an die Grenze des Landes
-hinausgedrängt, zu Queretaro das Verhängnis. Von
-Oberst Miquel Lopez, einem Verwandten des Marschalls
-Bazaine, um 10&nbsp;000 Pesos verraten, gab Maximilian,
-nachdem er das letzte Bollwerk, den Cerro de las
-Campanas, mit einem Häuflein getreuer Österreicher
-verteidigt, den Degen ab und war der Kriegsgefangene
-der Republikaner.</p>
-
-<p>Ein Kriegsgericht von sieben Mann sollte über das
-Los des Gefangenen entscheiden; die europäische Diplomatie
-tat alles, um ihn zu retten; selbst Juarez, der feindliche
-Anführer, wollte großmütig das Leben Maximilians
-schonen. Allein der Fluch des Oktoberdekrets fiel auf
-seinen Urheber zurück. In der Mitternacht des 14. Juni
-wurden Maximilian <em class="antiqua">I.</em> und zwei seiner Generäle von dem
-republikanischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt.</p>
-
-<p>Vier Tage später stand in der Morgenfrühe auf dem
-Cerro de las Campanas ein Truppenviereck und in dessen
-offener Seite Maximilian mit seinen zwei Generälen.</p>
-
-<p>Nachdem der Kaiser seinen letzten Besitz, eine Hand
-voll Geld, die er bei sich trug, durch einen Unteroffizier
-hatte verteilen lassen, rief er: »Möge mein Blut das
-letzte sein, welches für das Vaterland geopfert wird …<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-Es lebe Mexiko … Auf die Brust! Zielt nach dem
-Herzen! Zielt gut! … Arme Charlotte!«</p>
-
-<p>Unter dem Knattern der Gewehre, dem Wirbeln der
-Trommeln, dem Klang der Hörner und unter den freudigen
-Rufen der Mexikaner: »Freiheit und Unabhängigkeit!«
-sanken die drei Männer auf den Grund&nbsp;…</p>
-
-<p>So starb Maximilian <em class="antiqua">I.</em> Ein Schrei der Entrüstung
-ging durch Europa; aufrichtig betrauert aber und nicht
-vergessen hat man Max nur an der Adria, im Küstenland.</p>
-
-<p>Seit er an jenem schönen Aprilmorgen auszog ins Kaiserelend,
-steht das Lustschloß vereinsamt und verwaist. Selten,
-und immer nur für wenige Tage, kehren die Glieder der kaiserlichen
-Familie in die luxuriösen Hallen ein; es scheint ihnen
-nicht wohl zu sein in den duftschwülen Gärten am Meer.</p>
-
-<p>Dafür wallt in blühender Sommerszeit der Naturschwärmer
-und Künstler Triests zum Lustschloß Miramar.</p>
-
-<p>Treten auch wir jetzt durch den mit mittelalterlichen
-Waffen geschmückten Korridor ins weite, helle Kaiserhaus,
-an der Hauskapelle vorbei in die marmelverzierten Gemächer,
-in die weite Bibliothek, wo die Büsten Homers, Dantes,
-Shakespeares und Goethes stehen. Bis an den Plafond
-reichen die offenen Büchergestelle, von prachtvollen Einbänden,
-von Gold und Silber schimmernd; aber die Bücher sind tot;
-seit Max gestorben, hat sie keine Hand mehr aufgeschlagen.</p>
-
-<p>Nebenan ist das Arbeitszimmer Maximilians. Es
-hat die Form der Kajüte, welche er auf der »Novarra«,
-jenem Schiff bewohnte, das ihn in seinen jungen Jahren
-in die verschiedenen Mittelmeerländer und später nach
-Mexiko geführt. Hier hat er jene anziehenden Bücher:<span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span>
-»Aus meinem Leben« und »Aphorismen« geschrieben, die
-nach seinem Tod das teuerste Vermächtnis für seine
-Freunde waren. An den Wänden dieser Koje hangen zwei
-Bilder: »Die Ermordung Cäsars« und »Maria Antoinette
-im Gefängnis.« Ob der fürstliche Arbeiter sich's je geträumt,
-daß sie zu seinem eigenen Geschick beziehungsvoll würden?</p>
-
-<p>So geht es fort durch eine weite Flucht von Gemächern.
-Da funkelt's von Gold- und Seidentapeten;
-da stehen kunstvoll geschnitzte Möbel, altertümliche Uhren
-und Schränke; da gleitet der Fuß auf Wunderwerken von
-eingelegten Parketts; da hangen von herrlichen Decken
-zierliche Lustres, Meisterwerke der Goldschmiedekunst. Alles
-erzählt von der üppigen Phantasie seines Schöpfers, der
-einen großen Teil der Pläne und Zeichnungen für den
-Bau mit eigener Hand entworfen hat.</p>
-
-<p>Genug von dieser wundersamen Pracht. Viele stolze
-Schlösser und größere als Miramare habe ich in jüngern
-Wandertagen in Frankreich gesehen, aber keines, wo Natur
-und Kunst sich zu einem so wirkungsvollen Ganzen, zu
-so bestrickender Schönheit verschwistern wie in Miramare.</p>
-
-<p>Treten wir hinaus auf eine der Balustraden. Noch
-ist's das Bild von Prosecco:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Es singt und klingt das blaue Meer<br /></span>
-<span class="i0">So sagenreich, so wunderhehr.<br /></span>
-<span class="i0">Es rauscht der weiße Schaum der Welle<br /></span>
-<span class="i0">Melodisch an die Marmorschwelle<br /></span>
-<span class="i0">Und drücket auf des Schlosses Fuß<br /></span>
-<span class="i0">Den schauerkühlen Nymphenkuß,<br /></span>
-<span class="i0">Und als zurück die Wogen prallen,<br /></span>
-<span class="i0">Da zittert's wonnig durch die Hallen.«<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span></p>
-<p>Ich habe den schönen Versen, mit denen Max selber
-sein stolzes Haus gefeiert, nichts beizufügen. Und nun
-reißen wir uns los; denn freiwillig scheidet wohl keiner
-von dem »Wunder des Meers.« Drunten im Hafen
-an der Gartenterrasse wartet unser der Fährmann, der
-uns zurück nach Monfalcone führen soll.</p>
-
-<p>Das Ruder plätschert in kristallner Flut; die Berge
-stehen im Abendglanz; alles ist Daseinswonne, Frieden
-und Licht, und von Miramare her streicht der Blütenduft
-über die See.</p>
-
-<p>Bald ziehen Glockentöne übers Meer. »Ave Maria!
-Ave Maria!« Nah und fern fallen die rauhen, sonnverbrannten
-Fischer in ihren Segelbooten auf die Kniee
-und beten zur gnadenreichen Gottesmutter um glücklichen
-Fischfang, um ihren Schutz zur See, um gnädige Erhaltung
-von Weib und Kind.</p>
-
-<p>So kommt die Nacht, die laue Südnacht mit ihrem
-Sternbrevier. Von Triest her flammen tausend Lichter;
-der <span id="corr105">Leuchtturm</span> spielt mit seinen wechselnden Signalen;
-doch schon beginnt</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Den Osten Mondlicht zu erhellen,<br /></span>
-<span class="i0">Und zitternd funkelt's auf den Wellen.<br /></span>
-<span class="i0">Still wird's auf weitem Meeresplan,<br /></span>
-<span class="i0">Und rauschen hört man nur den Kahn.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/chap-end.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Triest">
-<img src="images/illu-106.png" alt="" /><br />
-Triest.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-w.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Wenn man von Venedig kommend bei Monfalcone
-den innersten Busen der Adria umfährt, dann
-schimmert an der östlichen Küste blendend weiß, wie der
-Leib eines schönen Menschen, der zum Bad ans Meerufer
-niedergestiegen ist, die Stadt Triest. Im Halbzirkel
-baut sie sich vom lachenden Golf zum Kastellhügel
-und malerischen Uferhöhen empor. Olive und Lorbeer
-haben die Unfruchtbarkeit des Karstgesteins besiegt und
-schlagen mit herrschaftlichen Gärten einen üppig grünen
-Rahmen um das glänzende Stadtbild.</p>
-
-<p>Von ferne könnte man glauben, alle Häuser seien von
-Marmor; kommt man aber hinein, so sind sie kaum anders
-als irgend sonst wo in einer großen Stadt; mächtig und
-prächtig, an die schönsten Plätze von Wien oder Paris erinnernd
-im neuen Teil, der das Vorland zwischen Küstenhang
-und Meer bedeckt, klein, düster und elend in der Altstadt,
-deren Straßen sich eng und steil von der Zitadelle
-zum neuen Stadtteile hinunterziehen. Doch hat Triest
-etwas Besonderes, was manch größere Stadt nicht hat,
-nämlich einen hochragenden Mastenwald vor seinen Häusern.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p>
-
-<p>Der Nationalstolz nennt Triest das »österreichische
-Hamburg«, eine Metapher, bei der man etwas Übertreibung
-mit in den Kauf nehmen muß. Triest ist kein
-Hamburg, aber immerhin das gewaltigste Handelsemporium
-an der Adria und, abgesehen von Fiume, das die Ungarn
-zur Blüte zu bringen suchen, der einzige große Hafen
-der habsburgischen Monarchie.</p>
-
-<p>Der Zug fährt von Nabresina in drei Viertelstunden
-in die Stadt hinunter und legt auf dem Wege dahin
-dem Reisenden die ganze Pracht des Golfes von Triest,
-ein wundersam wonniges Bild, zu Füßen.</p>
-
-<p>Aus der hohen Halle des schönen Bahnhofes tritt
-man auf den geräumigen Vorplatz, und vor dem eigentümlichen
-Reiz, der beim Anblick eines Seehafens das
-Herz der Landratte packt, muß in der ersten Stunde
-jedes andere Interesse dem am Hafenbilde weichen.</p>
-
-<p>So ging's mir nicht nur das erste, so ging's mir
-auch die folgenden Male, als ich nach Triest kam. Ich
-wurde nicht müde, den Quai auf und ab zu wandeln,
-mich an den bunten Flaggen und Wimpeln, die lustig gegen
-den dunkelblauen Himmel emporflatterten, an dem Gewirre
-von Masten, an den riesenhaften Kauffahrteischiffen, an
-dem lebendigen Gewühl der Gaete, Mistici, Navicelli,
-Trabaccoli, Brazzere, Tartome, und wie immer noch das
-Gewimmel jener kleinern Boote, Schaluppen und Kähne,
-die zwischen den Riesenleibern der Ostindienfahrer durchschwärmen,
-sich nennen mag, zu ergötzen. Diese gebrechlichen
-Nußschalen, oft von bizarrer Form und buntem
-Anstrich, mit ihrem sonnengebräunten, malerisch verwilderten<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-Matrosen- und Fischervolk, sind nicht weniger interessant
-als die Giganten des österreichischen Lloyd, als der
-»Polluce«, der »Helios«, die gewaltige »Pandora« oder
-die »Medusa«, in deren Tauwerk die braunen Jungen
-mit der Gelenkigkeit von Katzen auf- und niederklettern.
-Macht ein solcher Schiffspalast »klar«, so verfinstert eine
-Rauchpinie den Molo, bis der Koloß hinauswogt in den
-offenen Golf.</p>
-
-<p>Man sagt, daß jährlich 1600 Dampfer und 7000
-Schiffe langer Fahrt in den Hafen von Triest einlaufen
-und daß sie zusammen für über 400 Millionen Kronen
-Waren bringen. Kein Wunder, wenn hier alles Leben
-und Bewegung, Handel und Wandel ist!</p>
-
-<p>Dennoch fühlt sich der Fremde vom Hafenbild Triests
-einigermaßen enttäuscht; denn die durch acht größere und
-viele kleinere Moli voneinander getrennten Bassins, die
-sich in der Länge einer halben Stunde eines ans andere
-reihen, sind gegen das Meer hin offen und widersprechen
-durchaus jenem typischen Hafenbilde von der dreiseitig
-sturmverschlossenen Bucht, wo die Schiffe ruhsam ankern
-können.</p>
-
-<p>In der Tat war der Hafen von Triest früher wegen
-seiner vielen Schiffbrüche in Verruf, und die Stadt hätte
-nie der blühende Handelspunkt werden können, wenn sie
-sich nicht durch gewaltige Bauten jenen Schutz, den die
-Natur ihrer Rhede versagt, selber geschaffen hätte. Die
-neue Anlage hat dreißig Millionen Kronen gekostet. Ein
-dem Hafen vorgelagerter, sechszehn Meter vom Grund
-der See aufragender Damm, »der Wellenbrecher«, schützt<span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span>
-ihn nun gegen den Wogendrang der hochgehenden Adria,
-so daß jetzt die ungünstigen natürlichen Verhältnisse desselben
-aufgehoben sind.</p>
-
-<p>Auf der Spitze des südlichsten Molos steht der 33 Meter
-hohe Leuchtturm, welcher im Anfang des 19. Jahrhunderts
-nach dem Modell des berühmten Turmes auf der Eddystoneklippe
-in nach oben verjüngt zulaufender Form gebaut
-worden ist. Während des Tages schmücken die Flaggen
-der jeweilen ankommenden Schiffe seinen Signalmast;
-wenn die Nacht hereinbricht, spielen die Feuersignale seiner
-Laterne mit blitzartigen, durch Momente vollkommener
-Dunkelheit getrennten, bald hellern, bald schwächern Lichtern
-über die See, sodaß der Adriafahrer schon 30 Kilometer
-von Triest das helle Blinken gewahrt.</p>
-
-<p>Wenn ich an den Leuchtturm von Triest denke, dann
-stehen zwei Bilder, die ich von der Höhe seiner Plattform
-genossen, vor meinem Blick: ein wundersamer, stiller
-Meeresabend, an dem die See regungslos und lächelnd,
-golden besonnt und unermessen vor mir lag. Das verworrene
-Geschrei der Lastträger, das Rasseln der Fuhrwerke und
-der schrille Laut der Dampfpfeife erreichten schon halb
-verhallt den schönen Standpunkt. Die lichtübergossene
-Uferlehne von Miramare im Norden, die schroffen istrianischen
-Küstenhänge im Süden und die Stadt mit ihren
-leuchtenden Häuserfronten zwischen <span id="corr109">ihnen</span> fesselten das Auge
-gleichermaßen. Von Pirano her, der hellschimmernden
-Stadt auf dem westlichen Vorgebirge von Istrien, kam
-das winzige Lokalboot, während eine Flottille größerer
-Segler, die jedenfalls nur einen Levante abwarteten, um<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-nach Venedig hinüberzufahren, unbeweglich vor der Bucht
-von Capo d'Istria stand. Andere stiegen am fernsten
-Horizont als schimmernde Punkte malerisch auf oder versanken;
-Scharen von Möven und andern Vögeln zogen
-über dem herrlichen Golfe ihre Kreise.</p>
-
-<p>Etwas unendlich Weiches, Träumerisches, ein wundersamer
-Frieden, der erlösend in die Menschenbrust übergeht,
-lag da im Meerbilde von Triest.</p>
-
-<p>Wie ganz anders habe ich die gleiche Landschaft das
-zweitemal gesehen! friedlos, von schmerzlicher Melancholie
-bewegt; das Land, sturmempört, vom Scirocco gepeitscht
-die See, ängstlich sich zum Hafen flüchtende Barken, bald
-hoch auf zerspritzenden Schäumen, bald tief in den Mulden
-der Wogen. In langgestreckten Zügen, wogend und ringend,
-hier zergehend, dort auferstehend, fluteten die Wellen, zerbarsten
-mit furchtbarem Prall an den Fundamenten des
-Turmes, daß es zitternd durch seinen Steinleib ging,
-und strömten brausend ins Meer zurück. Dazu rauschte
-und pfiff, sang und klang der Sturm.</p>
-
-<p>Es ist auch herrlich und unaussprechlich schön, aber
-liebe- und erbarmungslos, das stürmende, hochgehende
-Meer!</p>
-
-<p>Die nördlichen Hafenmauern sind durch Schienengeleise
-mit dem Warenbahnhofe verbunden, so daß die
-Eisenbahnfrachtwagen ihre Lasten bis dicht an die Flanken
-der Kauffahrteischiffe bringen können. Allein diese Verkehrserleichterung
-scheint dem lauten, beweglichen Leben
-auf dem Hafenquai, wo italienische und deutsche, slovenische
-und kroatische, morlakische und neugriechische Zunge<span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span>
-vieltönig durcheinandergehen, keinen Eintrag zu tun. Der
-Lärm und die Zurufe von hundert emsigen Menschen, die
-sich um das Verladen der Schiffsfrachten auf die Fuhrwerke
-bemühen, das Rasseln der heransprengenden, das
-Geknarre der abfahrenden Lastwagen gestaltet das Ufer
-zu einem wunderbaren Tummelplatze der Arbeit.</p>
-
-<p>Doch auch die Idylle ist nicht weit. Drunten liegen
-italienische Schiffer und feiern Hafenrast. Sie singen
-abgebrochene Strophen alter Seemannslieder. Es ist
-seltsam; auch die bedürfnislosen Söhne des sonnigen
-Südens legen wie die Fergen der Nordlandsbuchten etwas
-Tieftrauriges, das einem nicht so leicht wieder aus dem
-Gehöre kommt, in ihre meergebornen Lieder, in jene eintönigen,
-getragenen Melodien, deren Schlußakkorde gerade
-so lange gehalten werden, als der Atem der Sänger reicht.</p>
-
-<p>So ist das triestinische Hafentreiben, hier ein <em class="antiqua">dolce
-far niente</em>, dort Arbeit, aber voll eigentümlichen Lebens
-überall. Am Uferrand der Quais liegen die mannigfaltigsten
-Frachtgüter aufgespeichert: Fässer mit dalmatinischen
-Weinen, Salztonnen von Pirano, Baumwollballen
-aus Ägypten, Kaffeesäcke von Java, Indigo von Senegal,
-Wallonen aus der Levante, Farbholz aus Brasilien und
-die schwarzen Diamanten aus England, kurz, Schätze
-von allen Enden der Welt.</p>
-
-<p>Man beziffert den Wert der alljährlichen Einfuhr auf
-etwas mehr, denjenigen der Ausfuhr auf etwas weniger
-als 400 Millionen Kronen.</p>
-
-<p>Die teuerste Fracht aber ist der Mensch, der Mensch,
-dem das weite Heimatland zu eng wird und der das<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-Glück im märchenträumenden Morgenland oder im Sonnenbrand
-Afrikas oder im fernen aufblühenden Westen suchen
-geht. Ich kann nicht sagen, wie viel Auswanderer jährlich
-den Weg über Triest nehmen; ich weiß nur, daß die
-einen lächeln, die andern weinen, alle prächtige Luftschlösser
-bauen, wenn das Schiff aus dem Hafen rauscht; daß die
-einen reich, die andern arm werden; daß sie alle schließlich
-wieder ein Luftschloß bauen, aber ein enges, kleines, ein
-wundersam bescheidenes: Sechs Fuß Raum in der Heimaterde.
-Manchem wird's zu teil, und wem es nicht zu
-teil wird, den drückt der fremde Boden auch nicht schwer.</p>
-
-<p>Wenden wir uns vom lauten Hafentreiben ab und
-der Stadt zu, die auf Strand und Hang so herrlich vor
-uns ausgebreitet liegt, so gelangen wir auf den mit dem
-Hafen in enger Beziehung stehenden Fischmarkt. Er ist
-in einem Gebäude der Salzquais untergebracht und bietet
-ein ins Italienische übersetztes Stück des berühmten Pariser
-Hallenlebens.</p>
-
-<p>Die Menge der in den ersten Morgenstunden zum
-Verkaufe gebrachten Seefische, Krebstiere und Muscheln
-wird nur erklärlich durch die Aufnahmefähigkeit, welche
-das triestinische Volk diesen Meerprodukten entgegenbringt.</p>
-
-<p>Das Meer ist die Delikatessenkammer des Wohllebens
-und der Garten der Armut, die sich das trockene Polentamahl
-mit in Öl gebratenen Sardellen würzt, den Tintenfisch
-im Topfe siedet, oder eine Art kleiner, den Asseln
-ähnlicher Krebse zum Abendbrote röstet.</p>
-
-<p>Der stachelflossige, bläuliche Tunfisch, der oft zwei
-Meter lang und zentnerschwer wird, ist der Riese des<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-Marktes; doch liefern Tintenfisch, Meeraale und plattgedrückte,
-schiefmäulige Brassen die größte Warenmasse.</p>
-
-<p>Von wirklich feinem Geschmack und auch dem Gaumen
-des Binnenländers schmeichelnd sind indessen nur die
-blaue, goldig glänzende Makrele, eine schon bei den Römern
-hochgeschätzte Tafelzierde, und der Branzin, ein Brackwasserfisch,
-der in den furlanischen Lagunen häufig gefangen
-wird. Die Austern von Triest dagegen stehen den
-venetianischen im Wohlgeschmacke nach.</p>
-
-<p>Ich habe den durchdringenden Fischgeruch der Halle
-und den Anblick der im Sterben liegenden, schnappenden,
-zuckenden, oft bei lebendigem Leib verstümmelten Flosser
-nie lange ertragen können. Ihr Fang und Verkauf enthält
-ein furchtbares Stück menschlicher Grausamkeit.</p>
-
-<p>Am ruhigsten scheint das Geschlecht der gewaltigen
-Hummer und der langbeinigen Meerspinnen den Übergang
-aus der kühlen Salzflut in die warme Luft zu
-nehmen; denn sie führen, der gemeinsamen Not vergessend,
-einen letzten Scherenkampf.</p>
-
-<p>Merkwürdigerweise ist der Handel mit den schönen
-Muscheln in Triest viel weniger zu Haus als in mancher
-Binnenstadt; denn außer ein paar durchaus gewöhnlichen
-Exemplaren in einer an die Fischhalle lehnenden Bude
-fand ich in den triestinischen Läden nichts käuflich. Allerdings
-sollen hie und da schöne private Sammlungen bestehen,
-und das Ferdinand-Maximilian-Museum enthält
-die zum Teil prachtvollen, farbenreichen Muscheln der
-südlichen Meere in seltener Vollständigkeit.</p>
-
-<p>Östlich vom Hafenquai und südlich vom Bahnhof liegt<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-die Neustadt. Der »große Kanal« dringt vom Hafen
-bis in den Hintergrund dieses Stadtteils und gestattet
-selbst Quersegelschiffen, unmittelbar bei den Magazinen zu
-löschen. Am Ende des Kanals steht St. Antonio nuovo,
-eine im Anfange dieses Jahrhunderts erbaute einschiffige
-Kirche mit hübschem Säulenportikus.</p>
-
-<p>Romantische Gedanken läßt die Neustadt nicht aufkommen.
-Dazu sind ihre Häuser zu modern, ihre Straßen
-zu rechtwinklig, ihr Pflaster zu gut; die Nüchternheit
-der triestinischen Handelsleute ist in der Architektur dieses
-Quartiers zu ihrem entsprechenden Ausdruck gekommen.</p>
-
-<p>Ich wüßte überhaupt keine Stadt von der Größe
-Triests, wo der Wanderer so unbeschwert von baulichen
-Merkwürdigkeiten und kunstgeschichtlichen Reminiszenzen
-seines Weges gehen könnte, wie in Triest. Es ist in
-dieser Hinsicht das Widerspiel Venedigs, dessen Kunstschätze
-es nicht zugleich mit dessen Handel geerbt hat.
-Das Wenige, was es an sehenswerten Gebäuden und
-Monumenten in der Tat besitzt, drängt sich im Süden
-der Neustadt um die gegen den Hafen offene »Piazza
-grande« zusammen.</p>
-
-<p>Den Hintergrund dieses Platzes schließt die reichgegliederte
-Fassade des Munizipalpalastes, eines modernen
-Prachtbaues, würdig ab. Auf dem Dach desselben
-schlagen wie auf der Markuskirche zu Venedig zwei
-eherne Mohren die Stunden. Davor stehen ein im
-blühendsten Rokokostil gehaltener, mit vielen Figuren
-verzierter Springbrunnen und die Marmorstatue Kaiser
-Karls <em class="antiqua">VI.</em>, des letzten Herrschers aus dem Mannesstamme<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-der Habsburger, der mit ihm im Jahre 1736 ausgestorben
-ist.</p>
-
-<p>Bedeutender noch ist das neue Gebäude, das sich im
-Süden des Platzes und angesichts des Hafens erhebt.
-Gleich ausgezeichnet durch seine einfache, edle Gliederung,
-wie durch seine monumentale Größe, ist es das prunkende
-Heim des österreichisch-ungarischen Lloyd, jener mächtigen
-Dampfschiffgesellschaft, die mit ihren gewaltigen Kapitalien
-und siebenzig in ihrem Dienst stehenden großen Meerdampfern
-nicht nur den Schiffsverkehr der Adria, sondern
-auch einen großen Teil des europäischen Handels nach
-der Levante und Indien beherrscht.</p>
-
-<p>Im Norden der Piazza grande stehen das Stadttheater
-und das Tergesteum, der größte der triestinischen
-Paläste, von vier engen Gassen umzogen, ziemlich vergraben
-in den umgebenden Häusern. Sein Erdgeschoß
-bildet einen Bazar, wo man alles, was schön und teuer
-ist, kaufen kann.</p>
-
-<p>Auf dem Vorplatze der alten Börse, eines im dorischen
-Stil gehaltenen Baues, steht auf hoher Säule
-das in Erz gegossene Standbild Leopolds <em class="antiqua">I.</em></p>
-
-<p>Als ich einen meiner Triestiner Bekannten fragte, wie
-der grausame Unterdrücker des Protestantismus in Ungarn
-zu der Ehre eines solchen Denkmals komme, lächelte
-er fein und sagte: »Die Ehre gilt im Grunde nicht dem
-Kaiser; sie gilt seinem genialen Feldherrn, dem Prinz
-Eugen, dem Sieger von Belgrad, und dem Starhemberg,
-dem Verteidiger Wiens in der Türkennot. Indem wir
-den Kaiser sehen, denken wir an seine Helden!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span></p>
-
-<p>Auf dem Börsenplatze beginnt die Via del Corso, die
-fashionable Straße von Triest, die, zu beiden Seiten mit
-großen, reichen Kaufläden besetzt, sich zur Piazza della
-Legna hinaufzieht. Auf ihren Trottoirs wandelt am Nachmittag
-die feine Triestiner Welt auf und ab.</p>
-
-<p>An feiner Toilette, an Geschmack und an Luxus weicht
-der Triestiner keinem andern Städter der Welt. Selbst
-Paris hat keine feinern Ponies, keine zierlicheren Breaks
-als die <em class="antiqua">jeunesse dorée</em> der adriatischen Handelsstadt, und
-auf der Karosse des Grafen von Paris haben wie auf
-der Kutsche des Triestiner Baumwollbarons auch höchstens
-vier galonierte Lakeien, zwei hinten und zwei vorn,
-Platz. Viele Damen entstellt der Reispuder.</p>
-
-<p>Man sieht unter den feinen Schichten der triestinischen
-Gesellschaft stets viele Armenier und Griechen, prächtige
-Gestalten mit kühn geschnittenen, ausdrucksvollen Gesichtern,
-während man die schönen Frauen dieses Volkes, das eine
-Aspasia, eine Laïs besaß, in Triest wohl vergebens sucht.
-In Anmut und Temperament werden die Fremden alle
-von der italienischen Triestinerin besiegt.</p>
-
-<p>Obwohl das gebildete Triest einen ausgesprochenen
-kosmopolitischen Charakter trägt und dieses Gemisch deutscher,
-französischer, griechischer und armenischer Elemente die
-stärkste Stütze seines Gedeihens bildet, ist es eine vorwiegend
-italienische Stadt. Von den 110&nbsp;000 Einwohnern
-sind vier Fünftel Italiener; der Rest wird durch die
-kulturell wenig bedeutenden Slaven und etwa 5000 Fremde
-gebildet.</p>
-
-<p>Dieses starke Übergewicht des italienischen über das<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-slavische und das deutsche Element läßt die reiche Stadt zu
-einem Schmerzenskind des habsburgischen Reiches werden.
-Die Irredenta, die Gesellschaft des »unerlösten Italiens«,
-die dem jungen Königreich vor allem gern die schöne Adriabraut
-zuführen möchte, wühlt in der Handelsstadt. Es
-waltet in den triestinischen Kreisen kein Zweifel, daß die
-italienische Rauflust ihre nächsten Lorbeeren im Bereiche
-des schönen Golfes holen wird.</p>
-
-<p>Heute führt Triest noch den Ehrennamen der »allergetreuesten
-Stadt.« Auf ihrem Korso hängt die glutäugige
-Italienerin am Arme des deutsch-österreichischen
-Offiziers, und ihr helles Geplauder klingt nicht wie Kriegserklärung.</p>
-
-<p>Der Korso scheidet die Neustadt von der Altstadt.
-Unmittelbar hinter den stolzen Häusern dieser Straße
-liegt jener verrufene Stadtteil, wo der Typhus und die
-Blattern kaum ausgehen, die Cholera je und je, wenn sie
-ihren Totenritt durch die Südlande unternimmt, ihr Rastquartier
-aufschlägt, wo die Werkstätten der italienischen
-Handwerker und die düstern Matrosenkneipen sind und
-manch ein armes Kind dem Laster erzogen wird.</p>
-
-<p>Doch hat Alt-Triest mit seinen vom Rauch der Jahrhunderte
-geschwärzten Bauten einen Vorzug vor der neuen
-Stadt. Seine Häuser haben eine lange Geschichte, doch
-keines eine längere als das Gotteshaus von San Giusto,
-das, dem Dom von Aquileja und der Kathedrale von
-Parenzo in Istrien an Alter ebenbürtig, aus der legendenumsponnenen
-Kindheit des Christentums stammt.</p>
-
-<p>Durch die Gassen und Gäßchen der Altstadt flanierend<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-kam ich in die Via Trionfo, zu dem Rest eines alten
-Bogens. Er mag in Wahrheit von einem römischen
-Siegestor oder auch nur von einer antiken Wasserleitung
-herrühren. Vom Volke aber wird er dem König Richard
-Löwenherz, jenem ritterlichen Kreuzfahrer zugeschrieben,
-der im Jahre 1192 siegreich aus Palästina zurückkehrend
-von einem Sturm an die Küste von Aquileja verschlagen
-worden war, und heißt Arco di Ricardo.</p>
-
-<p>Nun hinauf zu der Kathedrale von St. Just! In
-ihrer jetzigen Gestalt ist sie ein Doppelbau aus zwei Basiliken.
-An die ältere, schon drei Jahrhunderte nach dem
-Stifter des Christentums entstandene, wurde im 6. Jahrhundert
-eine byzantinische Kirche angefügt und beide im
-14. Jahrhundert zu einer einzigen Halle vereinigt, welche
-durch vier Säulenreihen in fünf Schiffe geschieden wird.</p>
-
-<p>Durch einen von ein paar Bäumen beschatteten Hof
-tritt man vor die Giebelfassade des Baues. Sie hat
-eine riesige Fensterrose. Christliche Insignien sind zwischen
-der Türe und dem massigen, das Gotteshaus flankierenden
-Turm, der römische Säulen enthält, eingemauert. Das
-höchste archäologische Interesse gewähren zwei Mosaiken
-im Innern. Sie schmücken die Apsis und bilden ein
-herrliches Zeugnis künstlerischen Könnens im Mittelalter.
-In Farben auf Goldgrund stellen sie die Gottesmutter
-und einen sie umschwebenden Chor von Engeln, sowie die
-zwölf Apostel dar. Ihr Ursprung geht zum Teil ins 7.,
-zum Teil ins 11. Jahrhundert zurück.</p>
-
-<p>Neben der Kathedrale, dem einzigen kunstgeschichtlich
-merkwürdigen Baudenkmal der großen Adriastadt, liegt<span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span>
-ein ehemaliger Kirchhof. An einem in grünumrankter
-Bogenwölbung stehenden Sarkophag liest man die Inschrift:
-»<em class="antiqua">Joanni Winckelmanno, domo Stendelia&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</em>«</p>
-
-<p>Es ist das Grab Johannes Winckelmanns, des Schöpfers
-der deutschen Kunstgeschichte, der zu Rom als Kustode des
-antiken Museums lebte und im Sommer 1768 seiner
-nordischen Heimat einen Besuch abstatten wollte. Auf
-dieser Reise fiel er in einem Gasthofe Triests unter den
-Messerstichen eines italienischen Räubers.</p>
-
-<p>Dicht über der Kathedrale erheben sich die grauen
-Mauern des 200 Jahre alten, auch gegenwärtig noch
-Befestigungszwecken dienenden Kastells, das Stadt und
-Hafen schützend überschaut. Es mag wohl an der Stelle
-des Kapitols stehen, das im Beginn unserer Zeitrechnung
-die römische Kolonie Tergeste beherrschte.</p>
-
-<p>Ein Weilchen rastend hier zu stehen und Überschau
-zu halten über Triest, seinen Hafen und seinen Golf ist
-herrlich. Allein ich hatte einen Empfehlungsbrief für einen
-Seemann in der Tasche, dessen Schiff, der gewaltige Lloyddampfer
-Jupiter, im Arsenal der Bucht von Muggia lag.</p>
-
-<p>Ich eilte wieder hinunter zur Piazza grande, wo sich
-ein lärmendes südliches Markttreiben entfaltet hatte. Es
-geht nichts über welsche Lungen, welsche Verkäufer und
-Verkäuferinnen; denn so ausdauernd, unverwüstlich wie
-jene, so abenteuerlich und drollig sind diese. Man kann
-bei ihnen alles Mögliche und noch einiges kaufen: Juwelen
-und Perlen aus Glas, Uhren und Zigarrenetuis, Stubenvögel
-und junge Ziegen, Käse und Salami, von Insekten
-umschwärmte Orangen, frische Datteln, die in langen<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-Trauben noch aneinander hängen, Sträuße und Blumen
-in Töpfen. Immer führen zum Erbarmen schwer beladene
-Maultiere und Esel, von schmutzigen Titschenbauern gelockt
-und getrieben, neue Lasten von Lebensmitteln herbei.</p>
-
-<p>Ich stand vor der Auslage eines italienischen Antiquars,
-der Volksbücher, Heiligenbilder, Holzschnitte, mittelalterliche
-Erd- und Himmelsgloben, sowie einen Wust
-deutscher und italienischer Literatur aus dem vorigen Jahrhundert
-feilbot. Ich entdeckte darunter eine alte Ausgabe
-der Gedichte von G. A. Bürger mit einigen Stichen und
-blätterte darin.</p>
-
-<p>»Kaufen Sie es, mein Herr«, sagte der Jude, abgefeimt
-lächelnd in einem Tone, als hätte er mir das
-größte Geheimnis mitzuteilen; »der Autor hat so pikant
-geschrieben, und er hat alles selbst erlebt&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;.«</p>
-
-<p>Was er noch sagte, trieb mir die Zornröte ins Gesicht.
-Es ist wahr, der Amtmann zu Gelnhausen hat
-nicht für Kinder geschrieben; aber für die Marktkniffe
-eines italienischen Antiquars war mir der ehrbare, brave
-Bürger denn doch zu gut. Ich warf das Buch hin und
-eilte auf die schöne Piazza Lipsia, einem prächtig grünen
-öffentlichen Garten südlich von der Piazza grande.</p>
-
-<p>Es drängte mich hinaus aus der Stadt. Nur das
-prächtige Standbild Maximilians <em class="antiqua">I.</em> auf der Piazza Giuseppina
-hielt mich noch auf, denn die tragische Geschichte
-des mexikanischen Kaisers hatte mir nun einmal seine Gestalt
-menschlich nahe gerückt. Der Erzguß ist ein Meisterwerk
-Schillings, des gefeierten Dresdener Bildhauers,
-der auch das Nationaldenkmal auf dem Niederwald geschaffen<span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span>
-hat. Er stellt den Kaiser als eine imposant schöne
-Gestalt mit hoher, träumerischer Stirne dar. Ein mit
-allegorischen Figuren reich geschmückter Sockel trägt vier
-Inschriftentafeln. Drei feiern den Kaiser als Schützer
-der Kriegs- und Handelsflotte und als Verschönerer von
-Triest, während diejenige der Frontseite den Testamentspruch
-enthält, worin er seiner Freunde an der Adria und
-der österreichischen Marine am Tage vor seinem Tode
-mit einem letzten Lebewohl gedenkt.</p>
-
-<p>Vom südlichsten Teile des Hafens zieht sich ein angenehmer
-Spaziergang längs des Meeres, an den Landhäusern
-von Sant' Andrea vorüber, zum Lloyd-Arsenal,
-das ein Halbstündchen von der Stadt entfernt liegt. Da
-die Straße langsam steigt, übersieht man am Eingangstor
-des Arsenals die ganze Anlage der gewaltigen Schiffsbauwerkstätten,
-die sich zwischen Straße und Meer ausbreiten.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Signore Rossi, macchinista sul Giupitro!</em>« las
-der Portier als Adresse auf meinem Empfehlungsschreiben.
-»Treten Sie ein«, sagte er; »wo das Schiff eben liegt,
-kann ich Ihnen nicht sagen; doch wird man Sie drunten
-weisen können.« Ungehindert stieg ich durch ein turmartiges
-Treppenhaus in den Fabrikhof hinunter und schlug
-mich glücklich zwischen den Gebäuden, dem Rauschen,
-Rasseln und Dröhnen, das aus den Werkstätten klang,
-zum Meeresstrande durch.</p>
-
-<p>Da war wieder ein Teil jenes Waldes, der in aller
-Herren Ländern gewachsen ist, zwar nicht so groß, wie
-der im Hafen von Triest, aber immerhin groß genug,<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-um mich in einige Verlegenheit zu bringen. Welche der
-ragenden Bäume gehörten dem Jupiter an? Als Ausweis
-meine Briefadresse zur Hand, wanderte ich über die
-provisorisch von Schiff zu Schiff geschlagenen Stege, bis ich
-fast zufällig vor dem Bauch eines der gewaltigsten Schiffe
-stand. »Giupitro« glänzte der Name am Pavillon desselben.</p>
-
-<p>Herr Maschinist Rossi empfing mich mit großer Liebenswürdigkeit.</p>
-
-<p>Ein Schiff ist ein Schiff und wesentlich immer dasselbe;
-aber ein Ostindienfahrer wie dieser Jupiter nötigt
-der Landratte doch einen Zoll ehrlicher Bewunderung ab.
-Es ist nicht allein seine Größe, die dazu zwingt; es ist
-fast mehr noch die Art, wie eine in sich vollkommene Welt
-in die Planken des schwimmenden Meerpalastes gefügt
-ist, die technisch vollendete Einteilung des Raumes von
-den Kohlenbehältern durch drei Etagen hinauf bis zu den
-Salons, die mit Glühlichtlampen erhellt werden und im
-Glanze luxuriösen Komforts strahlen.</p>
-
-<p>Als das Schiff bei Anlaß des russisch-türkischen Krieges
-im Jahre 1878 nebst anderen Lloyddampfern von den
-Russen zum Militärtransport gemietet war, faßte es, wie
-mir Herr Rossi erzählte, 3500 Mann, also die Bewohnerschaft
-einer kleinen Stadt.</p>
-
-<p>Eine Maschine treibt mit der Kraft von 2000 Pferden
-dieses gewaltige Haus von einem Ende der Welt zum
-andern, daß es leicht und schön einherzieht wie ein über
-die See hinschwebender Riesenaar.</p>
-
-<p>Jetzt war diese Maschine zerlegt. In einem elf <span id="corr122">Tage</span>
-andauernden Sturme im indischen Ozean, während dessen<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-selbst an den Wogengang des Meeres gewöhnte Matrosen
-eine Beute der Seekrankheit wurden, hatte sie sich überarbeitet.
-Doch sollte das Schiff schon in vierzehn Tagen wieder in die
-See stechen.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Auf Matrosen, die Anker gelichtet,<br /></span>
-<span class="i0">Segel gespannt, den Kompaß gerichtet,<br /></span>
-<span class="i0">Liebchen, ade!<br /></span>
-<span class="i0">Morgen, da geht's in die wogende See!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>So singt das deutsche Lied; allein der Seemann,
-wenn er vom heimischen Strande fährt, singt nicht. Auch
-er in seinem großen Kasten empfindet sein Handwerk als
-einen Kampf ums tägliche Brot und beneidet den Arbeitsmann
-zu Land, der nach getanem Tagewerke wenigstens
-ein Heim hat, wo er im Kreise seiner Lieben und auf
-fester Erde ruht. Den Seemann wiegt die falsche Woge,
-und nur ein Brett scheidet ihn vom Tode.</p>
-
-<p>Als wir auf <span id="corr123">der</span> Steuermannsbrücke des Schiffes
-standen, hatten wir einen reizenden Blick über die Bucht,
-an welcher das Arsenal gelegen ist, auf Muggia, eine
-kleine, altertümliche Stadt, und gegenüber auf einer hügeligen
-Landzunge, auf die benachbarten Schiffswerften von
-San Rocco und das großartige Etablissement Strudthoff,
-wo man die stolzen Panzerschiffe der österreichischen Kriegsmarine
-baut, auf uralte Burgen, die im Hintergrunde
-der Bucht wie Geierhorste an den felsigen Küstenwänden
-kleben, und auf das sich freundlich im Golfe spiegelnde
-Servolo. Dieses hat seinen Namen vom Schutzpatron
-der Stadt Triest bekommen, der dort als seltsamer Grottenheiliger
-gelebt haben soll.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span></p>
-
-<p>Nachdem wir unsern Rundgang durch das Schiff
-beendet hatten, führte mich Herr Rossi in die Werkstätten
-des Lloyd, in welchem 2000 Arbeiter beschäftigt sind. Ein
-paar Dutzend derselben krabbelten eben wie Ameisen an
-den Rippen eines auf der Werfte im Bau liegenden
-Ostindienfahrers und nieteten die Wandplatten fest.</p>
-
-<p>Ich habe später die nicht minder interessanten Werkstätten
-des österreichisch-ungarischen Kriegshafens zu Pola
-gesehen. Da der Eindruck, den der Fremde hier und dort
-empfängt, wesentlich der gleiche ist, will ich mir die Schilderung
-eines Marine-Arsenals für jene Gelegenheit aufsparen.</p>
-
-<p>Nur das sei noch anerkennend erwähnt, daß der Lloyd
-in der Nähe seiner Werkstätten freundlich auf das Meer
-ausblickende Arbeiterhäuser hat, die zum Besten gehören,
-was ich in dieser Art im südlichen Österreich entdeckte.</p>
-
-<p>Und nun zurück nach Triest! Wenn sich zwei Männer
-befreunden, dann darf ein kühler Trunk nicht fehlen, und
-die Stadt hat feine Bierquellen. Wir haben lang getrunken
-und lang geplaudert.</p>
-
-<p>Eine junge, hübsche Triestinerin hörte mit mir dem
-jungen, liebenswürdigen Erzähler Rossi zu und wurde recht
-nachdenklich. Ich glaube erraten zu haben, was sie dachte:
-»Mag Gott das junge Blut behüten!« Und wenn schöne
-Lippen so recht innig für einen fernen Seemann beten,
-dann tut der Himmel wohl ein Einsehen!</p>
-
-<p>Als ich drei Wochen später wieder nach Triest kam,
-war der »Giupitro« bereits nach Bombay unterwegs.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/chap-end.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Kueste_von_Istrien">
-<img src="images/illu-125.png" alt="" /><br />
-Die Küste von Istrien.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-d.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Der Hafen von Triest lag hinter uns, vor uns die
-Adria. Das niedrige Ufergebiet des Isonzo und
-die Lagunen-Inseln waren unter den Horizont gesunken;
-nur der Leuchtturm von Barbana und der graue Kirchturm
-von Aquileja verrieten, daß dort im Westen noch
-etwas anderes als Salzwasser liege.</p>
-
-<p>Ein tiefer, blauer Himmel stand über dem tiefen,
-blauen Meer, und die Morgensonne, die über den istrianischen
-Bergen emporgestiegen war, leuchtete über die
-wonnig zitternde Flut.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Unermeßlich und unendlich,<br /></span>
-<span class="i0">Glänzend, ruhig, ahnungsschwer,<br /></span>
-<span class="i0">Liegst du vor mir ausgebreitet,<br /></span>
-<span class="i0">Altes, heil'ges, ew'ges Meer!«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Die schönen Verse von Anastasius Grün, dem Grazer
-Poeten, kamen mir zu Sinn, als ich die weite See übersah,
-von der ich in meiner Jugend so oft geträumt hatte.</p>
-
-<p>Nur hatte ich damals gemeint, wenn ich einmal darüber
-hinfahre, so müsse es auf einem gewaltigen Meerdampfer
-sein, auf einem Ostindienfahrer mit geblähten<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-Segeln, wo die Matrosen im Tauwerk klettern und ein
-kleiner Hydriot im Mastkorb sitzt. Nun war's auf einem
-istrianischen Küstenfahrzeug, dreimal so groß wie eine
-Nußschale.</p>
-
-<p>Wir hatten Südwestkurs nach Pirano, das am westlichsten
-Kap von Istrien mattweiß über die See hinschimmerte.
-Unterhalb Triest öffnet sich die liebliche Bucht
-von Muggia, welche, wie der Busen von Fiume im Osten,
-hier im Westen die Halbinsel Istrien vom Festland abschnürt,
-daß sie wie ein Herz am Kontinent hängt.</p>
-
-<p>Das übrige Europa hört wenig vom Schlag dieses
-Herzens. Selbst in der österreichisch-ungarischen Monarchie
-kümmert man sich nicht viel darum, was in dem
-stillen, vergessenen Land vorgeht. Es suchen und fliehen,
-lieben und hassen sich auf seinem dürren Felsboden
-300&nbsp;000 Menschen gerade so heftig und so innig, wie in
-den Ländern der Hochkultur; aber nur je der zweite
-Mann und je die dritte Frau kann ein Brieflein schreiben.</p>
-
-<p>An der Grenze des triestinischen und istrianischen
-Gebietes sahen wir drei große ostindische Kauffahrer stehen,
-welche dort ihre vierzehntägige Quarantäne hielten. Die
-Kolosse lagen wie im tiefsten Schlaf; die Segel waren
-eingerefft; die gewaltigen Schlote rauchten nicht; kein Mann
-rührte sich auf Deck.</p>
-
-<p>Quarantäne! Das Wort steht in üblem Ansehen bei
-den Schiffsleuten. Der Seemann hat auch ein Herz im
-Leibe; er hat Frau und Kind, oder ein Liebchen in der
-Stadt; und nun muß er abrasten im Anblick des Ziels,
-abzählen den Stundengang langsam hinrinnender Zeit,<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-ehe er nach monatelanger Abwesenheit das weinende Weib
-in die Arme schließt, den lachenden Buben küßt, oder mit
-seinem Liebchen die kurze, tolle Liebe des Matrosen lebt.</p>
-
-<p>Auch die Wasserratte sehnt sich von Zeit zu Zeit aufs
-Land. »Lieber im Sturm als in der Quarantäne«, hat
-mir Herr Rossi erklärt.</p>
-
-<p>Hinter zwei Landzungen öffnete sich nach halbstündiger
-Fahrt von Triest die große Bucht von Capo d'Istria,
-und auf einem anmutigen Hintergrund grüner Uferhöhen
-und fern verdämmernder Berge winkte das alte Städtchen,
-das dem Wasserbecken seinen Namen lieh. Palladia,
-Ägida, Justinianopolis, Kapris und Capo d'Istria sind
-fünf Namen, ein kolchischer, ein römischer, ein byzantinischer,
-ein slavischer, ein italienischer, und alle meinen
-dieselbe Stadt. Viel Waffenklang, Männerstreit und vieler
-Völker Blut liegt zwischen diesen Namen innen; kein
-Wunder also, daß der Wein von Capo d'Istria so dunkel
-im Glase schäumt und so feurig durch die Adern rollt.</p>
-
-<p>Über den altersgrauen Häusern steht ein großes,
-modernes Gebäude mit einem Belvedere. Es beherrscht
-Stadt und Bucht, wie in den bildungsfreundlichen Gegenden
-unserer Heimat etwa ein Schulbau von lichter
-Höhe ins Tal, auf Stadt oder Dorf herunterleuchtet.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Un ginnaso od un' academia?</em>« fragte ich, darauf
-zeigend, meinen Nachbar, einen ältern, freundlichen Herrn.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Un penitenziario</em>«, eine Strafanstalt, antwortete er.</p>
-
-<p>»Armes Land, das so schöne Strafanstalten hat!«
-Ich sagte es nicht, aber ich dachte es, und der Herr
-mochte mir meine Enttäuschung vom Gesichte lesen. Er<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-lächelte und bemerkte, wenn man nicht gerade einen bedeutenden
-Wert auf die Bewegung im Freien setze und
-Geld genug zur Verfügung habe, so lebe sich's im großen
-Hause von Capo d'Istria nicht übel.</p>
-
-<p>Ich hatte an dem vertrauenerweckenden Alten einen
-liebenswürdigen Gesellschafter, den ich in Citta nuova
-ungern verlor; denn er ließ sich durch mein ziemlich gebrochenes
-Italienisch nicht abschrecken, mir manches
-Wissenswerte über Istrien mitzuteilen. Als ich einiges
-davon notierte, war er sehr erfreut. »Schreiben Sie«,
-sagte er zu mir, »etwas besonders Schönes von Rovigno;
-meine Frau war eine Rovignesin, und einer meiner Söhne,
-ein schöner, zwanzigjähriger Mensch, liegt dort begraben.
-Er hat schon mit fünfzehn Jahren Verse gemacht wie Dante
-und Ariost. Die meisten klugen Menschen sterben früh.«</p>
-
-<p>So kamen wir in die Nähe von Isola, das sich
-pyramidenförmig an einem Hügel der steilen, weit nach
-Westen vorspringenden Küste aufbaut. Altersgraue, viereckige
-Türme <span id="corr128">haben</span> es zu Kriegszeiten gegen das Innere
-der Halbinsel geschirmt. Heute hält dieser Schutz nicht
-mehr stand; die Mauern und Wachten zerbröckeln. Die
-alten, aus venetianischer Zeit stammenden Stützmauern
-aber, welche das Städtchen ins Meer hinabsendet, damit
-der Wogenprall der durch Borastürme aufgeregten See
-seinen Grund nicht unterspüle, sind heute noch von
-Wichtigkeit für den steil am Ufergebirge klebenden Ort.</p>
-
-<p>Auf einer gleichen, sich aus der Ferne viaduktähnlich
-ansehenden Schutzbaute ruht der schöne Dom von Pirano.
-Sankt Georg, der auf dem Turme desselben steht, ist<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-ein wetterwendischer Heiliger, der seinen Mantel nach dem
-Winde dreht und heute, da ein leichter Levante über die
-See strich, gegen Grado hinübersah, als wollte er Sant'
-Eufemia drüben grüßen.</p>
-
-<p>Man fährt von Triest aus in anderthalb Stunden
-nach Pirano, das von den Terrassen eines steilen Vorgebirges
-die Adria nach drei Richtungen überblickt. Altersgraue
-Kastellmauern, an welchen Reben und Olivengesträuch
-emporwuchert, überragen es malerisch.</p>
-
-<p>Malerisch! Das sind die Küstenstädte Istriens alle.
-In ihren geborstenen Festungsmauern liegt das Kriegselend
-einer großen Vergangenheit und das Stillleben der
-trostlosen Gegenwart ausgestellt. Wie die kriechenden
-Lianen den Verfall der alten Schutzwehr, so deckt ein
-sorgloses Volksleben den Mangel einer modernen Geschichte
-zu. Als Venedig blühte, und die Herrin der Adria war,
-da hatten auch diese Vasallenstädte eine goldene Zeit, und
-so erinnert denn, was darinnen an Gebäuden irgendwie von
-Bedeutung ist, an die versunkene, venetianische Herrlichkeit;
-Rathaus und Dom tragen die Wappen Venedigs; allein</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Es wirft nur Schatten her aus alten Tagen,<br /></span>
-<span class="i0">Es liegt der Leu der Republik erschlagen.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Eine lebendige Berühmtheit haben aber diese istrianischen
-Städte doch und besonders auch Pirano, schöne Frauen.</p>
-
-<p>Glücklicherweise braucht man nicht die engen, halsbrecherischen
-Gassen, die sich von der Höhe zum Meer
-hinunterziehen, empor zu klettern, um die hübschen Mädchen
-Piranos zu sehen; denn zweimal im Tag, um neun
-Uhr, wenn der Küstendampfer von Triest, und um drei<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-Uhr, wenn derjenige von Pola im Hafen anlegt, eilt,
-wer immer im Städtchen Zeit hat, auf den Molo.</p>
-
-<p>Das ist der Korso der istrianischen Kleinstädter. Schöne
-Frauenbilder, die Zenda, ein schwarzes Kopftuch mit reicher
-Spitzengarnitur, malerisch ums Hinterhaupt geschlagen
-und um die Schultern gewunden, ergehen sich auf demselben
-sich selbst zur Freude und den andern zur Augenweide.
-Es sind darunter Madonnengesichter, so rein und schön,
-wie diejenigen in den goldenen Rahmen der Pinakotheken;
-aber ich habe neben diesen auch andere wandeln sehen,
-wo die Not, das Elend, die Leidenschaft tiefe und unschöne
-Linien in ihr Antlitz gegraben hat.</p>
-
-<p>Die Hafenszene, die sich nach der Ankunft eines Schiffes
-in einer istrianischen Küstenstadt entwickelt, dieses laute,
-geschäftige Treiben hat für einen Fremden so viel Reiz,
-daß ihm die Viertelstunde, welche über dem Ein- und
-Ausladen der Waren verstreicht, rasch vorübergeht, besonders
-wenn er sich von einem italienischen Barfüßele den »<em class="antiqua">vino
-nostrale</em>«, den schwarzen, feurigen Landwein, kredenzen
-läßt. Mein genügsamer inländischer Gesellschafter nahm
-bescheiden mit der »<em class="antiqua">acqua fresca</em>«, vorlieb, das eine
-stämmige kroatische Bäuerin aus zwei Kübeln servierte,
-die sie an einem Holzbogen über der Schulter trug; andere
-knackten zur Kurzweil die »<em class="antiqua">bianche, belle noci</em>« eines
-aus Leibeskräften schreienden Jungen.</p>
-
-<p>Die Fracht der istrianischen Küstenfahrer besteht zumeist
-aus vollen oder leeren Weinfässern, die oft den
-Platz auf dem Verdeck derart beschränken, daß der Reisende
-froh sein muß, wenn er innerhalb dieser Faßbarrikaden<span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span>
-ein halbwegs bequemes Plätzchen für sich selber findet.
-Daneben bilden Kübel und Kisten, in welche frische oder
-»<em class="antiqua">à la mode de Nantes</em>« zubereitete Sardellen verpackt
-sind, einen Haupttransport. Die kleinen Fische, deren Züge
-im Becken des Mittelmeeres für die fehlenden Häringe
-einigen Ersatz bieten, werden in der Adria zu Millionen
-und Millionen gefangen und in den Sardellenfabriken von
-Barcola, Isola, Rovigno zum Versand zubereitet.</p>
-
-<p>Um die äußerste Westspitze von Istrien, die Punta Salvore,
-zu erreichen, durchquert das Schiff die Bucht von
-Sicciolo. In ihrem Hintergrund liegen zu Füßen einer
-schroffen Küste die Salzgärten von Pirano, die durch eine
-Reihe weißer, schimmernder Sudhäuser angedeutet sind.
-Die ganze Anlage bedeckt einen Raum von 600 Hektaren
-und hat über 7000 Salzgärten, die jährlich eine halbe
-Million Meterzentner dieses Minerals liefern. Man läßt
-das Meerwasser in größere Becken strömen, wo ein Teil
-desselben innerhalb einiger Tage verdunstet. Die derart
-erhaltene Sole wird durch ein Schleusensystem in die Salzkammern
-geführt. Da schlägt sich unter dem Einfluß des
-Sonnenscheins das Salz, das nachher in den Sudhäusern
-noch einem letzten Trocknungsprozeß unterworfen wird, als
-weiße Kruste nieder.</p>
-
-<p>An der Punta Salvore steht ein Leuchtturm, ein
-prächtiger Bau, und hinter ihm liegt, soweit das Auge
-schweift, eine klippige, flache Küste, über welche das mattglänzende
-Laub endloser Ölwälder flimmert.</p>
-
-<p>»Sie kennen wohl die Geschichte des Kaisers Barbarossa?«
-sagte mein Gefährte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p>
-
-<p>»Des Hohenstaufen, der so viel in den italienischen
-Landen gekämpft hat«, antwortete ich zum Zeichen meines
-Verständnisses.</p>
-
-<p>»Ich kann Ihnen mehr sagen«, erwiderte er; »er hat
-an der Punta Salvore gekämpft, hat da eine Schlacht
-verloren und einen Sohn dazu.«</p>
-
-<p>»An wen?«</p>
-
-<p>»An den Dogen zu Venedig.«</p>
-
-<p>»Wann?«</p>
-
-<p>»Es ist so lange her, daß es wohl niemand mehr
-weiß.«</p>
-
-<p>Ich erfuhr nachträglich, daß es am Himmelfahrtstag
-1176 war, als der Hohenstaufe Otto, an dessen Seite
-auch die Genuesen und Pisaner gekämpft, nach unglücklicher
-Schlacht in die Hand des Dogen Ziani fiel.</p>
-
-<p>»Etwas anderes kann ich Ihnen auch noch sagen,
-junger Herr«, nahm mein Gesellschafter nach einigem
-Stillschweigen das Wort wieder auf. »An der Punta
-Salvore ist schon manches Weib eine Witwe geworden.
-Ich habe es selbst mitangesehen, daß im Süden des Kaps
-die See so ruhig lag wie ein schlafendes Kind und &ndash;
-<em class="antiqua">maladetta</em> &ndash; im Norden, da hat das Meer gestürmt,
-ich sage nichts; aber ein Schiff ist bald hin. Wer den
-Hafen von Pirano nicht erreichen kann, der sehe, wo er
-sich birgt. An allem ist die Bora schuld, deren Macht
-sich hier an der Punta Salvore bricht. Jenseits hat sie
-keine Gewalt mehr.«</p>
-
-<p>Heute lag die blaue Adria so wonnig, sonnig da, als
-könnte sie niemandem, selbst keinem armen, braunen Fischerknaben<span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span>
-ein Leid antun. Aus ihrem Spiegel schnellten die
-spielenden Delphine empor und verfolgten sich und tummelten
-sich wie die jungen Menschenkinder im Haschespiel.
-Die letzten Alpengipfel, die bis dahin ins Meer hinaus
-geleuchtet, waren im Dunst des nördlichen Horizonts dem
-Auge entschwunden, und der schmale Küstenstreifen, der
-dem Blick noch blieb, war ein Nichts gegen das weite,
-wunderschöne Blau des Meeres, über das fernher die
-weißen Segel einiger Fischerflotillen wie gewaltige Vogelschwingen
-schimmerten.</p>
-
-<p>Die Fahrt von der Punta Salvore gegen Süden ist
-einförmig. Die flache Küste mit ihren verwaschenen
-Klippen und dem rauhen Karstgrund tritt mehr und mehr
-gegen Osten zurück, sendet aber von Ort zu Ort wieder
-eine felsige Landzunge in die See. Die Buchten zwischen
-diesem flachen Vorgebirge sind so tief, daß dort kein Schiff
-ankern könnte, obwohl die Adria im Bereiche der istrianischen
-Küste nur eine Tiefe von 36&ndash;40 Metern, also
-nicht einmal diejenige der meisten Alpenseen, aufweist.</p>
-
-<p>Nach einstündiger Fahrt von Pirano erreichten wir
-etwas vor zehn Uhr Umago, ein kleines Städtchen mit
-einem geräumigen Hafen, von welchem aus ein ziemlich
-lebhafter Holzhandel nach Venedig getrieben wird. Es
-ließe sich von Umago gar manches aus allerlei Nöten
-erzählen, von Krieg und Pest, von Wassersnot und Erdbeben,
-insbesondere auch von einer Bodensenkung, welche
-einen Teil des Städtchens in die Wellen begrub, wo man
-an klaren Tagen jetzt noch die Mauerreste sieht.</p>
-
-<p>Hübscher als das Städtchen selber ist die Landschaft,<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-aus deren Olivenhainen, Eichenwäldchen und Gärten halbe
-versteckte Landhäuser und Villen istrianischer Vornehmer
-herübergrüßen.</p>
-
-<p>Unser Schiff legte weder in Umago noch in Citta
-<span id="corr134">nuova</span>, das wie dieses nach einer langen Lebensgeschichte
-eine stille Gegenwart fristet, im Hafen an, sondern ließ
-sich die Passagiere im Fischerboot herüberbringen.</p>
-
-<p>Hier verlor ich meinen bisherigen Gesellschafter.
-»Grüßen Sie mir Rovigno und tragen Sie ein freundliches
-Bild von Istrien mit sich fort!« Mit diesen Worten
-bot er mir die Hand zum Abschied, und noch vom Kahne
-aus rief er mir ein herzliches »<em class="antiqua">Buon viaggio!</em>« nach.</p>
-
-<p>Unterhalb Citta nuova, das keineswegs, wie sein Name
-zu bedeuten scheint, eine »neue Stadt«, sondern eine uralte
-ist, die allerdings, nachdem sie türkische Seeräuber
-im Jahr 1687 in Asche legten, nur eine bescheidene Auferstehung
-erlebte, liegt die weite Mündungsbucht des
-Quieto, des größten istrianischen Stromes. Die alten
-Schriftsteller sollen ihn für die Fortsetzung des Isters,
-wie damals die Donau hieß, gehalten und selbst so genannt
-haben. Dadurch erkläre sich der Landesname
-»Istrien«, der also das Umgelände des Quieto bedeuten
-würde.</p>
-
-<p>Allein lassen wir die etymologische Untersuchung ruhen
-und uns dafür vom Küchenjungen, der zugleich Kellner
-und Oberkellner des kleinen Dampfers ist, einen <em class="antiqua">mezzo-litro</em>
-schenken.</p>
-
-<p>Während der schmächtige Bursche den Blechhumpen
-füllt, schielen seine schwarzen Augen schon nach dem Trinkgeld;<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-aber er serviert mit einer Grazie, als wäre er
-Angestellter des Hotel de Ville in Triest, und hat er erst
-sein Trinkgeld, so läßt er sich's nicht nehmen, sich <span id="corr135">als</span>
-ein Mann von Welt zu dokumentieren. Er spricht
-von Athen oder Neapel so gelassen, wie ein Landknabe
-seines Alters &ndash; er ist zwölfjährig &ndash; vom Krautgarten
-des Nachbars.</p>
-
-<p>»Was sagen Sie zu unserm Wein?«</p>
-
-<p>»Er ist vorzüglich.«</p>
-
-<p>»Sie werden auf keinem Schiff einen bessern trinken.«
-Er sprach mit solchem Ernst, daß man nicht wußte, war
-er mehr Schlingel oder Gentleman.</p>
-
-<p>»Der Herr ist ein Deutscher?« fuhr er fort.</p>
-
-<p>»Zu dienen.«</p>
-
-<p>»Sie werden bald ein gutes Italienisch sprechen, aber
-ich ein schlechtes Deutsch. Ich kenne noch keine zwanzig
-Worte.«</p>
-
-<p>»Sie wünschen es zu lernen?«</p>
-
-<p>»Mein Gott &ndash; mein Handel würde florieren! &ndash;
-wer kauft lieber die schönen Muscheln und die herrlichen
-Antiquitäten, als die Deutschen!«</p>
-
-<p>Er eilte in seine Kabine und holte eine Kiste mit
-Konchylien und kleinen Altertümern.</p>
-
-<p>»Sehen Sie diesen Mark Aurel!« Er betrachtete
-das Stück mit dem Blicke eines Numatikers von Fach.
-»Zwei Gulden, mein Herr! Sie finden den Preis wohl
-nicht zu hoch?«</p>
-
-<p>»Man kauft in Aquileja zehn Stück für einen halben
-Gulden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p>
-
-<p>»Sie entschuldigen, wenn das wahr ist, bin ich ein
-ruinierter Mann.«</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke wurde er gerufen &ndash; ich ließ
-mir den Wein schmecken.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Un uom' rovinato</em>« und ein Schiffsjunge von zwölf
-Jahren. Umsonst suchte ich es mir zusammenzureimen.
-Als ich eben wieder einen Schluck zu tieferer Ergründung
-des Gedankens aus meinem Blechbecher tun wollte, waren
-wir in Parenzo, und ich sagte seinem alten Dom Grüß Gott!</p>
-
-<p>Die Stadt gefiel mir ausnehmend, und ich hätte ihr
-bald eine Standrede gehalten.</p>
-
-<p>»Parenzo«, hätte ich gesagt, »du bist ein grünes Reis
-auf dem alten Stamm, der Parentium hieß und eine
-römische Kolonie war. Es ist dir wenig geblieben von
-der alten Herrlichkeit: zwei Säulenstümpfe und ein Pfeiler
-auf dem Platze Marafor; das andere liegt drunten im
-Meer, und die Krabben kriechen drüber hin. Manche
-deiner Schwesterstädte stehen zwar malerisch auf einem
-Vorgebirge, du auf einer flachen Landzunge; aber du hast,
-was jene nicht haben, einige moderne Bauten.</p>
-
-<p>Ich ziehe meinen Touristenhut ab vor deinem Dom,
-der dreizehn und ein halbes Jahrhundert an sich vorübergehen
-sah. Allein wäre er nicht von Stein gewesen, dann
-hätte er wohl in Jammer und Elend gewankt, als vor
-fünfhundert Jahren die Pest deine Kinder, junge und
-alte, zu Tausenden würgte und die letzten Dreihundert
-knierutschend zu deiner Schutzheiligen flehten: Heilige
-Eufrasia, schone uns!</p>
-
-<p>Die Heilige tat ein Einsehen; sie schonte die Dreihundert,<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-und heute sind's wieder fast dreitausend. Sie
-bauen Schiffe, sie verkaufen Wein und Holz, sie schleppen
-die Netze, ein Bischof segnet ihre Arbeit, und nie ist's
-schöner bei dir zu wohnen, als wenn die dreiunddreißig
-Landräte von Istrien durch deine Gassen wimmeln und
-dem Wohle des Landes nicht schaden. Fürwahr, du bist
-nicht die Kleinste von Istrien!«</p>
-
-<p>Da rollten die Matrosen eben wieder eine Partie
-der unvermeidlichen Weinfässer ins Schiff; ich mußte
-meine Füße in Sicherheit bringen und brach den stummen
-Sermon ab, ohne dem Schönsten an Parenzo gerecht geworden
-zu sein, dem vor der Stadt liegenden wunderhübschen
-Eiland San Nicola.</p>
-
-<p>Es ist eine südliche Ufenau! Es stehen zwar keine
-Fruchtbäume darauf, aber viel helles Oliven- und dunkles
-Lorbeergesträuch; kein Kirchlein grüßt vom Fels, aber ein
-halbzerfallener Turm; kein Ulrich von Hutten hat darauf
-sein einsames Grab, aber wer weiß, ob die Lorbeeren von
-San Nicola nicht über einem toten Helden rauschen?</p>
-
-<p>Unser Schraubendämpferchen zischte wieder; ade Parenzo!
-ade San Nicola!</p>
-
-<p>Ist die felsige, flache Küste von Cap Salvore bis
-Parenzo reizlos, so entschädigt, wenn man das grüne
-Eiland im Süden umfahren hat, die entzückende Fahrt
-durch den Scoglienarchipel den Touristen vollauf!</p>
-
-<p>»Eine Schweiz im Wasser!« Ich kann nicht mehr
-sagen, welcher Reiseschriftsteller diese Bezeichnung für das
-liebliche Wirrsal kleiner Inseln aufgebracht hat. Der
-seltsame Reiz, den diese Felseneilande auf das Auge üben,<span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span>
-kann allerdings mit demjenigen einer schönen Schweizerlandschaft
-verglichen werden; aber Schweizerisches ist nichts
-daran.</p>
-
-<p>»Ein Karst im Wasser!« Damit hätte man wenigstens
-die geologische Eigenart dieser Inseln charakterisiert; aber
-Karst sind nur die furchtbar verwaschenen Felsenfundamente,
-die malerischen Riffe und Wellenbrecher, die sie der hereinflutenden
-See entgegenstellen. Die Rasendecke dagegen,
-die bald wie ein Teppich und bald nur wie ein Häubchen
-die Scoglien deckt, die malerischen Baumgruppen, die
-kleinen Fischerhäuser sind zu anmutig, als daß man sie
-in eine Karstlandschaft einfügen dürfte; sie sind mit der
-blauen Flut und dem öden Fels ein einzig schönes Meeridyll.
-Den großen Meerschiffen sind die Scoglien verschlossen,
-und selbst das kleine Küstenschiff krümmt und
-windet sich mit Mühe durch die Kanäle, welche den
-Archipel labyrinthisch durchziehen, bald sich zum Engpaß
-schließen, bald zum freundlichen Bild eines Binnensees
-ausweiten, hier den Blick auf ein kleines Landschaftsbild
-begrenzen und dort dem Auge den Durchblick auf das
-ruhig-große Meer erschließen.</p>
-
-<p>Wenn aber die See rast, und die sturmgepeitschten
-Wogen an den Scoglien zerschellen, dann mag die stille
-Schönheit dieser Inseln einem furchtbaren Bilde weichen.
-Darum wächst auf diesen Felseneilanden ein Lotsengeschlecht,
-dessen Ruhm an der Adria kein anderes verdunkelt.</p>
-
-<p>Der Lotse zur See, der Führer im Hochgebirge, sie beide
-stehen im Dienste des Lebens anderer, und manch einer,
-dessen Name in der großen Welt mächtig widerhallt, wäre<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-kaum würdig, diesen schlichten Helden, von denen man
-wenig singt und sagt, auch nur die Schuhriemen zu lösen!</p>
-
-<p>Da, wo sich die kleinen Inseln am dichtesten drängen,
-hängt das Städtchen Orsera an steiler Küstenhöhe. Nicht
-gar fern davon schneidet eine schmale Felsenbucht tief ins
-Land. Es ist der Canale di Leme, ein in den Süden
-versetzter norwegischer Fjord.</p>
-
-<p>Nun sieh dort das Heiligenbild, das hoch vom fernen
-Campanile glitzert und glänzt! Das ist Sant' Eufemia
-im Strahlenkranz, die Schutzheilige von Rovigno, der
-Stadt, die ich grüßen soll, und ich grüße sie gern; denn
-ein Hauch südlicher Romantik webt über ihr und ihrem
-gewaltigen Dom, der, auf dem Vorgebirge stehend, all die
-Profanhäuser der Stadt, wie eine Henne die Küchlein,
-um sich sammelt.</p>
-
-<p>Ein Rätsel ist mir nicht gelöst worden, nämlich warum
-die Rovignesen vor anderthalbhundert Jahren ihren alten
-Schutzpatron, den heiligen Georg, der doch als wackerer
-Kriegsmann während mehr als einem Jahrtausend die
-Stadt vor Sarazeneneinfall, Ungarwut und Pest gehütet,
-als Schutzpatron abgesetzt und sich unter den Schirm
-einer Heiligen gestellt haben. Ich vermutete indes, daß
-es als eine Huldigung an die schönen Frauen Rovignos
-geschah, die sich so seltsam und reizend zu kleiden verstehen.</p>
-
-<p>Welche unserer Damen weiß, was eine »Vestura« ist?
-Ein leichter, luftiger Überwurf, der wie eine rückwärts
-gebundene Schürze empor gezogen wird und, ähnlich wie
-ein venetianischer Schleier über Scheitel und Oberkörper
-gewunden, Antlitz und Büste duftig schmückt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span></p>
-
-<p>Es war schon Nachmittag, als unser Schiff an der
-hübschen Insel San Catterina vorbei, welche sich als ein
-natürlicher Wellenbrecher vor dem Hafen Rovignos lagert,
-in die südlichen Scoglien steuerte. Sie sind größer und
-vegetationsreicher als die nördlichen, und bergen hie und
-da unter dem Schutze eines kleinen Hügels an blauer
-Meerbucht ein schimmerndes Fischerdörfchen. Ja selbst die
-Rauchwolken aus dem Schlote einer Zementfabrik ziehen
-über die Olivenwäldchen von Sant' Andrea, einer größern
-Insel in der Nähe Rovignos.</p>
-
-<p>Allein sie stören den märchenträumenden Frieden des
-stillen Meergeländes nur einen Augenblick; denn</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Aus des Meeres tiefem, tiefem Grunde<br /></span>
-<span class="i0">Klingen Abendglocken dumpf und matt,<br /></span>
-<span class="i0">Uns zu geben wunderbare Kunde<br /></span>
-<span class="i0">Von der schönen, alten Stadt.<br /></span>
-<span class="i0">In der Fluten Schoß hinabgesunken<br /></span>
-<span class="i0">Blieben ihre Trümmer stehn:<br /></span>
-<span class="i0">Ihre Zinnen lassen goldne Funken<br /></span>
-<span class="i0">Wiederscheinend auf dem Spiegel sehn.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>So meldet eine Schiffersage auf San Giovanni, und
-das Merkwürdigste daran ist der Umstand, daß einige
-von den Inselnbewohnern vorgewiesene Funde ihr einen
-realen Hintergrund zu geben scheinen.</p>
-
-<p>Sodom, Gomorrha, Stavoren, Vineta, und hier eine
-schicksalsverwandte Stadt, deren Name selbst vergangen
-ist! Es mag merkwürdig zugehen, wenn am jüngsten
-Tage das Meer seine Toten ausspeit!</p>
-
-<p>Ich beugte mich über den Rand des Schiffes, um
-nach den versunkenen Türmen und Dächern zu spähen.<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-Eine Qualle, die wie eine zierliche Hängelampe mit ausgespanntem
-Schirm durch die Meerflut zog, wollte mir
-dazu leuchten; allein das Schiff fuhr vorbei, die schöne
-Meerampel verschwand, und es ging mir, wie es vielen
-schon gegangen &ndash; ich habe das istrianische Vineta nicht
-gesehen.</p>
-
-<p>Südlich vom Scoglienarchipel sticht das Fahrzeug in
-den Kanal von Fasana, der sich wie ein breiter, ruhiger
-Strom zwischen den Klippen des Festlandes und dem
-grünen Teppich der brionischen Inseln durchwindet. Um
-drei Uhr erreichten wir die kleine Stadt, deren Name
-sich auf den Meeresarm übertragen hat, und sahen auch
-Perri, die bocchesisch-montenegrinische Kolonie, die rings
-umgeben von istrianischen Volkselementen den heimatlichen
-Typus fast unversehrt behalten hat.</p>
-
-<p>Bald sind wir in Pola. Dort auf der größten der
-Inseln, auf der Brion grande dräut von der höchsten
-Hügelkuppe das erste Festungswerk. Es führt den ehrenvollen
-Namen Tegethoffs, des Siegers von Lissa, der sich
-ruhmbedeckt in die Kriegsgeschichte von 1866 eingetragen
-hat; denn hier am Kanal von Fasana hat der kühne
-Admiral sein Geschwader, für dessen Kriegstüchtigkeit ganz
-Österreich bangte, gesammelt und es von hier aus zur
-heißen Seeschlacht bei der dalmatinischen Insel geführt.</p>
-
-<p>An dem Eiland San Girolomo vorbei kamen wir in
-die Bucht von Pola. Sie könnte mit der blauen, ruhsamen
-Flut, den grünen Hügeln, welche sie umkränzen, ein
-idyllisches Meerbild genannt werden, schaute nicht von den
-Uferhöhen Fort an Fort auf den stillen Golf und blickten<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-nicht hundert Mündungen blanker Stahlgeschosse aus den
-engen Schießscharten der Festungsrondellen auf den Wasserspiegel,
-die das Friedensbild zum furchtbaren Festungsrayon
-verwandeln.</p>
-
-<p>Die Bucht weitet sich birnenförmig aus. In ihrem
-Hintergrund liegt der von Barken belebte Handelshafen
-von Pola und südöstlich, durch die Oliveninsel und ein
-anderes kleines Eiland abgeschlossen, der eigentliche Kriegshafen,
-wo die abgetäuten Panzerschiffe schwimmen. Die
-Stadt lagert sich staffelartig um einen zwischen den Häfen
-vorspringenden Hügel.</p>
-
-<p>Das Erste, was der Reisende von Pola erblickt, ist
-die Kolossalruine des römischen Amphitheaters, das den
-Sturm fast zweier Jahrtausende überdauert hat. Ernst
-und beschaulich sieht es auf den Golf, wo sich eine moderne
-Großmacht mit ihrer Seewehr brüstet.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/chap-end.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p>
-
-<h2 id="Im_Kriegshafen">
-<img src="images/illu-143.png" alt="" /><br />
-Im Kriegshafen
-von Österreich-Ungarn.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-v.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Vor undenklichen Zeiten fuhren im fernen Osten, wo
-die ersten Menschen gewachsen sind, zwei Fischer in
-ihren Einbäumen auf eine Meerbucht hinaus. Der eine
-machte einen guten Fang; die Netze des andern blieben
-leer. Da wurde dieser neidisch und zornmütig. Es entstand
-ein Streit, und der Stärkere schlug den Schwächern tot.</p>
-
-<p>Das war der erste Seekrieg!</p>
-
-<p>Man weiß nicht, wann die Kunst, Menschen auf dem
-Meere totzuschlagen, in den Westen gewandert ist. Den
-Kampf im Einbaum hat man schon lange aufgegeben.
-Die aufstrebenden, schaffensfreudigen Völker Europas haben
-jetzt andere Kriegswerkzeuge zur See: Panzer, Torpedos
-und gezogene Kanonen.</p>
-
-<p>Ein Einbaum und ein modernes Kriegsschiff gleichen
-sich wenig; aber heute noch wird der Stärkere über den
-Schwächern Meister. Darum will jedes Volk stark sein.
-Es läßt zu diesem Zwecke die Künste, die Wissenschaften
-darben; es legt die Nerven der Industrie lahm; es opfert<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-den Segen des Landbaues; es unterbindet den Handel;
-es begräbt das Nationalvermögen in Festungen, Kasernen,
-Panzerschiffe und wirft die Blüte der Männer hinein.</p>
-
-<p>Das ist der moderne Militarismus!</p>
-
-<p>Wo ein Reich ein schönes Stück Nationalvermögen
-hingegeben an den angenehmen Gedanken, stark zu sein,
-stand ich jetzt, am Kriegshafen der österreichisch-ungarischen
-Monarchie, am Quai von Pola, und dachte an die Leberknödel
-meiner lieben Wirtin zu Monfalcone.</p>
-
-<p>Ich will es nur gestehen, daß mir im frischen Hauch
-der Meerluft ein gutes Beefsteak, ein Nierenbraten, eine
-Ganskeule oder ein Presciutto stets als besonders begehrenswerte
-Dinge vorgekommen sind. In Pola bekam ich für
-Geld und gute Worte etwas Lämmernes, und es wurde
-mir davon sehr friedlich zu Mute. Allein nun galt's,
-den Tag noch auszunutzen!</p>
-
-<p>Nachdem ich in einem Hotel ein Zimmer bestellt, stand
-ich etwas vor vier Uhr am Eingangstor zu den Werkstätten
-des k. k. See-Arsenals. Sie ziehen sich in der
-Länge eines Kilometers am südlichen Ufer der Bucht von
-Pola hin, während die Etablissemente für den Schiffsbau
-und die Docks den Scoglio olivi, eine der Stadt zu
-Füßen liegende Insel, bedecken.</p>
-
-<p>Nirgends findet der Fremde ein freundlicheres Entgegenkommen
-als in Österreich. Die einfache Visitenkarte
-öffnet ihm, sofern nicht Glieder des Herrscherhauses selber
-da sind, die kaiserlichen Schlösser; sie genügt auch, um
-Eintritt ins Seearsenal zu erlangen. Als Führer wurde
-mir ein junger, hübscher Mann in Unteroffizierstenue<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-vorgestellt, und ich war angenehm überrascht, statt des
-langweilig pathetischen Erklärungstones der italienischen
-Ciceroni ein gemütliches Grazerdeutsch zu hören.</p>
-
-<p>So wanderten wir denn. Schon im Waffensaal, wo
-die großen Geschütze in Reih und Glied stehen, die Bomben
-und Granaten zu Tausenden kunstreich geschichtet auf ihren
-Lagern liegen, wird dem Laien ganz kriegsandächtig zu
-Mute. Allein erst im Marine-Museum, wo alle die verschiedenen
-Dinge, die zur Flotte und ihrer Geschichte eine
-Beziehung haben, in einer Flucht von Gemächern aufgestapelt
-liegen, offenbart sich ihm vom Schlachtenhandwerk
-zur See ein Stück intimen Lebens.</p>
-
-<p>Besonders fesselnd ist die Menge zierlicher Schiffsmodelle,
-die eigentliche Kunstwerke der Kleintechnik sind.
-Sie gewähren in ihrer Gesamtheit ein lehrreiches Bild
-von jenem gewaltigen Umschwunge, der sich in den letzten
-dreißig Jahren im Marinewesen vollzogen hat. An manch
-eines der ältern ließe sich eine fesselnde Schiffsgeschichte
-knüpfen. Viele Schiffe, deren Modelle hier noch ein lebhaftes
-Interesse erregen, stehen entmastet, zu einem Warenlager
-oder Pulvermagazin erniedrigt irgendwo im letzten
-Hafen oder fahren, von der Verwaltung ausrangiert, neu
-aufgeputzt und neu bewimpelt, unter der Flagge irgend
-einer halbzivilisierten Macht, die den Marinesport der
-europäischen Nationen nachahmen will.</p>
-
-<p>Auch ein Schiff hat sein Schicksal. Vielleicht keines
-ein traurigeres als die »Maria Anna«, einer der schönsten
-Kriegsdampfer. Zwischen Triest und Venedig kreuzend,
-verschwand sie mit ihrer Mannschaft an einem stürmischen<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-Märztage des Jahres 1852, ohne daß es je gelungen
-wäre, Bestimmtes über ihren Untergang zu erfahren.</p>
-
-<p>Was immer die österreich-ungarische Flotte auf ihren
-Kreuz- und Querzügen durch die Meere an nautischen
-Gegenständen von fremden Küsten hergetragen, indianische
-Canoes und figurenbedeckte asiatische Fahrzeuge, das liegt
-hier aufbewahrt. An den Wänden und in Schreinen hangen
-die Trophäen aus den Seetreffen älterer und neuerer Zeit,
-die blauweiße Flagge, die Don Juan von Österreich in
-der Schlacht von Lepanto im Jahre 1571 auf seinem
-Admiralschiff führte, und zahlreiche tunesische, marokkanische
-und <span id="corr146">egyptische</span> Wimpel aus den Jahren 1829 und 1830.</p>
-
-<p>Mit besonderer Sorgfalt sind die Trophäen aus der
-Seeschlacht von Lissa und mannigfache Erinnerungszeichen
-an Admiral Tegethoff, Uniformen, Feldzeichen, Orden,
-Lorbeerkränze aufbewahrt worden. Sie mahnen aus ihren
-Glasschränken heraus an jene blutig bewegten Tage, da
-Österreich unter dem furchtbaren Eindruck der Niederlage
-von Königgrätz, trotzdem es in jenem Doppelkrieg sich
-Italien gegenüber zu Land und zur See siegreich behauptet
-hatte, das reiche Venetien durch die Vermittlung Napoleons
-<em class="antiqua">III.</em> dem <em class="antiqua">re galant' uomo</em> hingab.</p>
-
-<p>Nun traten wir in die Artilleriewerkstätten, wo ein
-Arbeiterbataillon hämmert und feilt, hobelt und bohrt,
-poliert und dreht. Was bereiten denn diese hundert und
-hundert emsigen Gesellen, diese rollenden Maschinen? Was
-wird aus den hochgeschichteten Stößen von Erz, was aus
-den brodelnden Metallmassen, die aus den Öfen zischend
-in die Formen schießen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span></p>
-
-<p>Waffen; allein wo das Torpedo, die furchtbarste Wehr
-zur See, bereitet wird, da führt man keinen Uneingeweihten
-hin.</p>
-
-<p>Wer sich nicht ganz vom Militärevangelium der Gegenwart
-den Verstand hat berauschen lassen, hat ohnehin
-genug gesehen. Ein Protest gegen den Krieg, die vom
-Staat und dem Patriotismus geheiligte, von den Dichtern
-verherrlichte, große Menschenschlächterei geht an diesem
-Orte, wo ohne Unterlaß die Werkzeuge zum Massenmord
-bereitet werden, durch seine Seele.</p>
-
-<p>Doch sieh, da sind wir ja aus dem sinnbetäubenden
-Rasseln und Dröhnen der rußigen Werkstätten in ein
-friedliches Asyl, in eine große Schneiderwerkstätte gekommen.
-Das ist der Saal der Segelmacher, wo man
-den schweren Kriegsdampfern die leichten Schwingen zurechtschneidet,
-für die hochragenden Masten die rot-weiß-rot
-gestreiften Kriegs- und für den Manövrierdienst die
-verschiedenfarbigen Signalflaggen zusammensetzt. Man
-könnte bei dem Anblick der vielen farbigen Tücher, der
-bunten Nationalbanner aller Seemächte, fast auf den
-Gedanken kommen, daß hier die Kostüme für eine große
-Maskerade oder die Wimpel für ein Fest vorbereitet
-werden. Es ist aber alles blutiger Ernst!</p>
-
-<p>Am chemischen Laboratorium vorbei, wo man die
-Sprenggeschosse füllt, kommen wir ins Aus- und Abrüstungsmagazin,
-in dessen Kammern jene unzähligen
-Gegenstände in Depot liegen, deren ein Schiff, um segelfertig
-zu werden, bedarf. Hier liegt auch jenes Boot
-aufbewahrt, in welchem die Nordpolfahrer Weyprecht und<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-Payer mit ihren Gefährten im Jahre 1874 nach zweijährigem
-Aufenthalt im äußersten Norden den schwierigen
-Rückzug nach Novaja Semlja ausführten, als das Expeditionsschiff
-»Tegethoff« in eine Eisscholle eingefroren unrettbar
-nach Norden trieb. Sechsundneunzig Tage brachte
-die Mannschaft mit ihren braven Führern, die das Franz-Josephs-Land
-entdeckt, in dem kleinen Fahrzeuge zu, bis
-die immer südwärts Steuernden an der Küste von Novaja
-Semlja einen russischen Schooner entdeckten, der sie in
-den Hafen Vardóe in Schweden brachte.</p>
-
-<p>Ein Blick noch auf die gewaltigen Vorräte von Mastenholz,
-jene geschundenen Riesentannen des Alpenwaldes, die
-sich auf dem Meer in Heimweh härmen, ein Blick noch
-auf die Bootswerfte, wo die kleinern Schiffe gebaut werden,
-und wir wanderten längs des im Abendschein vergoldeten
-Meeres allmählich zurück, hier rasch ins Ketten- und Ankermagazin
-tretend, dort das Bootsmagazin musternd, wo
-eine Menge kleinerer Fahrzeuge über und nebeneinander
-aufgeschichtet liegen, bis zu dem gewaltigen Scherenkrahn,
-der von anständiger Kirchturmshöhe ist und Lasten von
-über tausend Zentnern Gewicht auf die Kriegsschiffe überträgt.
-Nicht weit davon ist die gewaltige Kesselschmiede
-und der Maschinensaal mit einem Anhang weitläufiger
-Nebenwerkstätten.</p>
-
-<p>Die Uhrenfabrikation und der Schiffsbau bezeichnen
-zwei Pole der Industrie. Dort müht sich der Arbeiter mit
-der Loupe an dem kleinsten, hier mit dem dampfgetriebenen
-Krahne an dem größten mechanisch Darstellbaren.</p>
-
-<p>Hier geht alles ins Kolossale. Der Arbeiter ist im<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-Vergleich zu den Maschinen, an denen er hantiert, eine
-Ameise, während die Hämmer, welche die Panzerplatten
-schmieden, die Werkzeuge von Kyklopen zu sein scheinen.
-Staunend schaut der Fremde eine Weile in das tosende,
-riesenhafte Getriebe; dann wendet er sich gern wieder ab.
-Es liegt etwas Übermenschliches, an den Vulkanmythus
-Mahnendes, etwas Beängstigendes in diesen donnernden,
-sausenden, singenden und ächzenden Kolossalmaschinen.</p>
-
-<p>Ich atmete auf, als ich wieder draußen auf der
-Hafenstraße von Pola stand. Sie war reich belebt von
-spazierenden Militärs. Ich ließ mich ohne Rast zum
-Scoglio olivi hinüberstoßen, wo in zwei weiten eisernen
-Hallen die Werften für den Kriegsschiffbau liegen. Ein
-Kriegsschiff war nicht im Baue; hingegen lag auf einem
-der beiden Trockendocks ein Panzerschiff in Reparatur und
-glich, wie es da außer Wasser stand, einem gestrandeten
-Walfisch.</p>
-
-<p>Der augenfällige Unterschied zwischen einem Handels-
-und einem Kriegsschiff besteht darin, daß die schwimmende
-Festung statt der vielen Kajütenfenster nur eine Reihe
-viereckiger Öffnungen zeigt, durch die ebenso viele Kanonenmündungen
-blitzen, und daß auf dem Deck ein oder zwei
-drehbare Panzertürme, runden Kesseln nicht unähnlich,
-mit Schießlucken stehen. Wirklich schwer gepanzert ist es
-nur etwa zwei Meter über und unter der Wasserlinie
-und da, wo die Werke zum Drehen der Türme stehen.</p>
-
-<p>Das Balancedock ist ein ungeheurer Kasten, der wie
-ein Schiff auf dem Meere schwimmt, aber durch Einpumpen
-von Wasser derart versenkt werden kann, daß das größte<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-Kriegsschiff zwischen seinen Seitenwänden einfahren kann,
-worauf das Schiff durch das Auspumpen des Wassers
-im Dock ins Trockene gehoben wird.</p>
-
-<p>Nicht minder merkwürdig ist der »Zyklop«, ein Werkstättenschiff,
-welches die Arbeitsräume und Maschinen für
-die Reparatur der Marineboote enthält. Es ist ein
-schwimmendes Arsenal, welches ein in die See stechendes
-Geschwader begleiten kann.</p>
-
-<p>Der Tag ging zur Neige, als ich meinen Gang durch
-das Arsenal beendet hatte. Um von dem Städtchen noch
-etwas zu sehen, verzichtete ich auf eine Kahnfahrt nach
-dem Kriegshafen, wie sie mir mein Führer vorgeschlagen
-hatte; ich begnügte mich, den grauen, stählernen Ungeheuern
-mit den Kanonenmündungen von ferne meine
-Reverenz zu erweisen.</p>
-
-<p>Während mich der Führer zurückruderte, genoß ich
-den reizenden Anblick des sich an den südlichen Hügelstufen
-emporbauenden Stadtbildes von Pola.</p>
-
-<p>Der Ort selber ist uralt; denn unter dem Namen
-Pietas Julia blühte hier eine römische Kolonie, und im
-Mittelalter beherrschten von hier aus die Markgrafen von
-Istrien ihr Land; aber in gewissem Sinne ist es doch der
-Benjamin der istrianischen Städte. Nachdem es im 13.
-und 14. Jahrhundert bald von den Venetianern, bald von
-den Genuesen verwüstet und im 17. von der Pest entvölkert
-worden war, so daß es kaum mehr ein halbes
-Tausend Einwohner zählte, ist es erst durch Anlage des
-Kriegshafens und zum großen Teil auf Kosten der istrianischen
-Schwesterstädte wieder ein Gemeinwesen von einiger<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-Bedeutung geworden und zählt gegenwärtig etwas über
-10&nbsp;000 Einwohner.</p>
-
-<p>Seine Geschichte bringt es mit sich, daß sich in der
-Stadt Altes und Neues aufs wunderlichste mischen, daß
-fast an jedem Plätzchen eine alte Historie klebt.</p>
-
-<p>Hier sollen Jason und Medea auf ihrer Flucht vor
-den Kolchiern gerastet, dort die schöne Cenide mit dem
-jugendlichen Vespasian einen erotischen Roman durchlebt
-haben; am dritten Ort zeigt man die Stelle, wo am
-Charfreitag 1271 die Familie der Sergier, die als erbliche
-Generalkapitäne die Stadt verwalteten, vom Volke
-meuchelmörderisch niedergemacht worden ist.</p>
-
-<p>Vielleicht die interessanteste dieser Erinnerungen aber
-hat der Ort da, wo jetzt mit leuchtender Front die Infanteriekaserne
-auf den Golf herniederschaut; denn hier
-stand im Altertum ein Venustempel, im Mittelalter ein
-Nonnenkloster, jetzt also eine Militäranstalt.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Und aber nach fünfhundert Jahren,<br /></span>
-<span class="i0">Als ich desselbigen Wegs gefahren«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Kann man sich eine lebendigere Illustration zur Sage
-von »Chidher, dem Ewigjungen«, denken?</p>
-
-<p>Auf einem Hügel oberhalb der Kaserne erhebt sich
-das alte venetianische Kastell, und nicht weit davon steht
-eines der sehenswertesten Altertümer: die zierliche Triumphpforte,
-welche Salvia Postumia ihrem Gemahl, dem
-Tribunen Servius Lucius, und dessen Verwandten errichtet
-hat. Das vollkommen freistehende, von einem
-prächtigen Rostton überzogene Denkmal gehört mit seinen
-paarweise geordneten korinthischen Säulen und dem stark<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-vortretenden, von etwas Strauchwerk umwucherten Gesimse
-der besten Zeit römischer Baukunst an.</p>
-
-<p>Ebenso schön ist ein anderes ganz in den Häusern
-verstecktes römisches Denkmal: ein eleganter Tempel des
-Augustus und der Roma, ein wunderbar wohlerhaltener
-Bau, obgleich er unter den wechselnden Besitzern von Pola
-schon als Kirche und als Kornkammer gebraucht wurde.
-Noch liest man an dem Fries der von sechs korinthischen
-Säulen gebildeten Vorhalle die Widmungsinschrift »<em class="antiqua">Patri
-Patriæ</em>«, und die zierliche Ornamentik des Giebels hat
-durch den Verwitterungsvorgang von fast zwanzig Jahrhunderten
-&ndash; der Tempel wurde im Jahre 8 gebaut &ndash;
-nicht wesentlich gelitten.</p>
-
-<p>Neben diesem 13 Meter hohen Bau stand im Altertum
-ein anderes Heiligtum, der Tempel der Diana, von
-welchem aber nur die Rückseite auf uns gekommen ist;
-denn in seine Vorderseite hinein ist nicht ohne Geschick das
-Stadthaus von Pola, ein anmutiger Palast in maurisch-gotischem
-Stil, gebaut worden. Vor seiner Parterreloggia
-liegt der Hauptplatz von Pola, das antike Forum.</p>
-
-<p>Vom Triumphbogen der Sergier zieht sich die mit
-Kastanienbäumen besetzte Ringstraße um das Kastell her
-gegen den innersten Teil des Hafens und gegen das
-Amphitheater hinab.</p>
-
-<p>Dieses kann sich zwar an Größe mit demjenigen von
-Verona nicht messen; denn die Maßverhältnisse sind fast
-ein Drittel geringer als am »Haus Dietrichs von Bern«;
-immerhin beträgt die Länge seines Ovals 120, die Breite
-96 Meter und sein Raum faßte über 20&nbsp;000 Personen. Von<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-all den Arenen des Südens ist sie die einzige im Außenbau
-erhaltene, während man freilich, um ein Bild ihres ausgeplünderten
-Inneren zu gewinnen, das Bild des Amphitheaters
-an der Etsch zu Hülfe nehmen muß.</p>
-
-<p>Da die Arena, die von der alten römischen Gemeinde
-um das Jahr 200 zur Auslösung eines Gelübdes und
-zu Ehren der Kaiser Septimus Severus und Caracalla
-aufgeführt wurde, am Abhange eines Küstenhügels steht,
-so verkürzt sich der Bau von der Golfseite gegen hinten
-um die ganze Höhe der untersten Bogenreihe, während
-am zweiten Stockwerk die 72 Bogen recht schön zur Darstellung
-kommen. Über den viereckigen, fensterartigen
-Ausschnitten des dritten Stockwerkes krönt eine Steingalerie
-den 24 Meter hohen Bau, an welchem vier turmartige
-Anbauten eine besondere Eigentümlichkeit bilden.</p>
-
-<p>Als ich auf dem Hügel über dem Amphitheater stand,
-erhaschte ich eben noch die letzten Strahlen der scheidenden
-Sonne, die herrlich durch die öden Räume des gewaltigen
-Baues fluteten. Dann versank das purpurne Gestirn in
-der fernen See; die Dämmer woben über dem Hafenrund
-von Pola.</p>
-
-<p>Ich setzte mich auf den kurzen Rasen des Hügels, und
-im Anblick des dunkeln Ruinenkolosses sah ich, als hätten
-sich die Zeiten um mehr denn anderthalb Jahrtausende
-zurückgedreht, ein seltsam Bild.</p>
-
-<p>Römische Männer und Frauen schritten in Toga und
-Palla zu den vier Toren der Arena. Auf den Galerien
-plauderte viel müßiges Volk: Kriegsleute, Freigelassene
-und Sklaven, und unter Trompetenklängen kam von der<span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span>
-Pietas Julia die Schar der Gladiatoren gezogen. Nun
-scholl auf zur Loge, wo im Purpurgewand mit müdem
-Lächeln der junge Kaiser saß: »<em class="antiqua">Ave Caesar, morituri
-te salutant!</em>« »Sei gegrüßt, Cäsar, die Todbereiten
-grüßen dich!« »Hie Hyplomachos, hie Thraker.« Nun
-ein erstes Scheingefecht, dann heller Schwertesklang! Der
-Thraker sinkt in die Kniee und hält um sein Leben bittend
-die Hand empor. Allein das Volk will Blut sehen. Der
-Hyplomachos gibt ihm unter dem wilden Jubel der Zuschauer
-den Todesstoß. Noch haben kaum die Angestellten
-den zuckenden Leichnam versenkt,</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»Da speit das doppelt geöffnete Haus<br /></span>
-<span class="i0">Zwei Leoparden auf einmal aus.«<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ich kam nicht weiter mit meinem Schiller&nbsp;…</p>
-
-<p>»Guten Abend, mein Herr, darf ich Sie um etwas
-Feuer bitten?« sagte jemand im feinsten Deutsch zu mir.
-Ich schnellte aus meinen Träumen und von dem Rasenlager
-empor, und vor mir stand ein hagerer, fadenscheiniger
-Mensch.</p>
-
-<p>»Bitte, bedienen Sie sich.« Allein der Mann sah
-mich nur mit einer Art stummen Jammers an. »Gnädiger
-Herr«, sagte er dann, »um Gotteswillen, bezahlen Sie
-mir und meiner Frau ein Abendbrot; wir sind deutsche
-Schauspieler und heute sechs Stunden über das Land
-gewandert; aber gegessen haben wir nichts. Erst müssen
-wir spielen, dann können wir essen. &ndash; Mein Gott, was
-ist das für ein Spielen, wenn man vor Hunger zusammenfällt!«</p>
-
-<p>»Wir wollen sehen«, sagte ich und ging mit dem<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-armen Teufel gegen den Quai hinunter, als aus dem
-Schatten der Arena ein junges Weib hervortrat.</p>
-
-<p>»So haben wir uns nicht getäuscht«, sagte sie, auf
-uns zutretend; »der gnädige Herr will etwas für uns
-tun.« Meine Hand ergreifend, wollte sie dieselbe küssen.</p>
-
-<p>»Leutchen, aber wie kommen Sie denn überhaupt dazu,
-mich so zu überfallen?« fragte ich halb abwehrend, halb
-von den erwartungsvollen Gesichtern belustigt.</p>
-
-<p>»Verzeihen Sie, wir haben Sie an der Arena vorüber
-auf den Hügel steigen sehen, und ich sagte zu meinem
-Mann: »Dieser Herr wird uns helfen.« Sie haben so
-ein liebes, gütiges Gesicht. Da sind wir Ihnen gefolgt
-bis zur Höhe«, sprach das junge Weibchen schmeichelnd,
-aber noch ungewiß, ob mich all das rühren werde.</p>
-
-<p>Da die Leutchen mir wirklich mehr arm als gaunerhaft
-vorkamen und ich frei sein wollte, gab ich den beiden
-zu einem Abendbrot. Sie dankten überschwenglich und
-luden mich, ich weiß nicht mehr wohin, ein, ihr Spiel
-anzusehen. Ich hatte indes Neu-Pola, das sich um einen
-Hügel südlich vom Kastell lagert, einen Besuch zugedacht,
-und dazu war jetzt die rechte Zeit. Über den östlichen
-Höhen war der volle Mond aufgegangen, und die Nacht
-war so hell und klar, daß ich selbst meinen Bädeker, der
-übrigens von Pola wenig schreibt, ohne Mühe lesen konnte.</p>
-
-<p>So wanderte ich denn hinauf auf die höchste Kuppe
-zur Sternwarte, auf deren Terrasse das Monument des
-Admirals Tegethoff, ein prachtvoller Erzguß, steht, den
-Kaiser Franz Joseph im Jahre 1877 errichten ließ. »Tapfer
-kämpfend bei Helgoland, glorreich siegend bei Lissa, erwarb<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-er unsterblichen Ruhm sich und Österreichs Seemacht«
-lautet die Inschrift auf dem Sockel des Denkmals, dessen
-Fuß mit vier allegorischen Figuren geschmückt ist.</p>
-
-<p>Wunderschön ist der Standort; denn da liegt nicht
-nur die Stadt selbst, sondern auch der Golf mit den Forts,
-die ihn umrahmen, und die See, die mondbeglänzte, lichtgesättigte,
-dem Beschauer zu Fuß.</p>
-
-<p>Dann führte mich der Weg hinab zu reizenden
-Baum- und Buschanlagen, wo im tiefsten Parkfrieden
-das Maximiliansmonument, eine zu jeder Seite mit drei
-Schiffsschnäbeln gezierte, schlanke Säule, steht, die von
-einer geflügelten, auf einer Kugel stehenden Viktoria bekrönt
-ist.</p>
-
-<p>Ich habe die Figur im ersten Augenblick für eine
-Fortuna gehalten, hat doch der unglückliche Kaiser von
-Mexiko mehr von der Macht der launenhaften, flüchtigen
-Göttin des Glückes als von der lorbeerspendenden des
-Sieges erfahren, zu deren Bildnis sich die mexikanische
-Kaisergeschichte wie eine bittere Satire ausnimmt.</p>
-
-<p>Nachdem ich Pola im Mondschein noch mehrmals
-durchstreift, ging ich ermüdet von der Triumphpforte der
-Sergier gegen den Quai hinunter. Da hörte ich aus
-einer Schenke die Stimme einer Sängerin. Sie sang
-das Lied: »Komm, flieh mit mir und sei mein Weib.«
-Ich hörte stillstehend zu, bis die Schlußworte »verdorben,
-gestorben« verklungen waren. Als eben eine Schar Seeleute
-dem Gesang händeklatschend ihren Beifall gab, trat
-ich ein.</p>
-
-<p>Es war der Schauspieler und sein Weib, die ich auf<span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span>
-so seltsame Art bei der Arena kennen gelernt hatte, welche
-in dem raucherfüllten, nicht sonderlich reinen Raume sangen.
-Man trank ein leidliches Bier, und in eine Ecke gedrückt
-hörte ich den Deklamationen und Gesängen des armseligen
-jungen Künstlerpaares zu. Gewiß hatten diese Leutchen
-schon bessere Gesellschaft gesehen. Hier leuchtete ihnen kein
-Stern. Plötzlich verlangten die Italiener unter den Seeleuten
-einen italienischen Vortrag, und das ausgehungerte
-Paar war in größter Verlegenheit. Jeder Versuch einer
-weitern deutschen Deklamation wurde durch italienische
-Gesänge vereitelt, der Wirt hob die Vorstellung auf, und
-mit der unglücklichsten Miene von der Welt eilte der
-deutsche Schauspieler mit seinem Weibe davon.</p>
-
-<p>Es war mir selbst unbehaglich geworden; denn die
-Deutschen und die Italiener suchten sich gegenseitig mit
-ihren Liedern zu übertönen und einige Minuten nach der
-abgebrochenen Vorstellung suchte auch ich meinen Gasthof
-auf und nahm mir vor, bis um fünf Uhr morgens so
-fest zu schlafen, wie daheim bei der Mutter. Das Bett
-war wirklich vortrefflich; allein ich hatte meine Rechnung
-ohne die Plagegeister des Südens gemacht. Schon bald
-nach Mitternacht erwachte ich von einem Schmerz, wie
-wenn ich im dichtesten Nesselbusche läge, und als ich Licht
-machte und die Decke zurückschlug, rannten eben die letzten
-der braunroten Halbflügler davon.</p>
-
-<p>Ratlos stand ich am Fenster und sah zum Mond
-hinauf, der ruhsam über die Dächer von Pola zog.
-Draußen lag eine lichtvolle <span id="corr157">sommerlich</span> warme Nacht.
-»Ruhe findest du hier keine mehr«, sagte ich mir; »wie<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-wär's, wenn du hinauswandertest, einsam wandertest in
-das fremde, mondhelle Land?«</p>
-
-<p>Der Gedanke hatte etwas Romantisches; ich widerstand
-ihm nicht lange und das Türschloß des Gasthofes auch
-nicht. So zog ich denn hinaus, ein stiller Gänger, am
-Amphitheater vorbei hinauf auf das Plateau und immer
-südwärts über die öden Karstgründe dahin.</p>
-
-<p>Wer nie so menschenverlassen gewandert ist, der faßt
-kaum die Poesie eines solchen nächtlichen Streifzuges. Sie
-läßt sich in Worten nicht wiedergeben. Die Steinklippen,
-die Ränder der Mulden, selbst das Laub des
-Gesträuchs leuchteten mit einem fahlen Schein; auch nicht
-ein Mensch begegnete mir; nur in einem fernen schlafenden
-Gehöfte schlug ein Hund an, um sich dann rasch wieder
-zu beruhigen.</p>
-
-<p>Und doch war die Einöde fern und nah tonerfüllt.
-Sangen die Zikaden, sangen die Vögel im Traume? Ich
-glaube das letztere. Als der Morgen kam, da klangen
-über dem gottverlassenen Karstlande, in den Steinwinkeln
-und in der Bläue der Luft so viele Vogellieder, daß ich
-mich nur wundern mußte, in dem Gefelse ein so reiches
-Tierleben zu finden.</p>
-
-<p>Trotzdem ich ohne Hast gegangen war, stand ich um
-vier Uhr auf einer Uferhöhe, nicht fern von Medolina,
-das an einer lieblichen Bucht ganz im Süden der Halbinsel
-liegt.</p>
-
-<p>Schon stritten sich Mondlicht und Dämmerschein und
-als eine schwarze Felsenbarre zog sich die äußerste Spitze
-von Istrien &ndash; Promontore &ndash; und der Scoglio Porer<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-in das perlmutterglänzende Meer hinaus. Fern im Osten
-über dem Quarnero stieg die Sonne groß und golden aus
-der See empor und umflutete die Küstenhöhen mit einer
-Garbe jungen Lichts; dann wurden auf dem Meer Segel
-sichtbar; die Flut selber war überhaucht von Sonnengold.</p>
-
-<p>So führt im hellenischen Mythus Helios seinen goldenen
-Wagen über das Meer herauf.</p>
-
-<p>Von einer immergrünen Eiche steckte ich mir ein Zweiglein
-auf den Hut; dann wanderte ich schneller, als ich
-gekommen war, nach Pola zurück.</p>
-
-<p>Auf dem Wege dahin sah ich ein istrianisches Idyll:
-Eine junge Bäuerin, die, auf einer Eselin sitzend, mit
-der einen Hand die Kunkel hielt, mit der andern ein
-grobes Baumwollgarn spann und eine Ziegenherde vor
-sich her trieb.</p>
-
-<p>Noch mehr aber als dieses Bild erheiterte mich die
-Überraschung, die sich auf dem Gesichte meines Wirtes
-spiegelte, als ich mit allen Spuren einer Morgenwanderung
-vor ihn trat. Er schwur hoch und teuer, daß es in seinem
-Hause keine Wanzen gebe; als ich aber meine Rechnung
-bezahlte, bat er mich, es keinem Menschen zu verraten,
-daß ich bei ihm schlecht geschlafen habe.</p>
-
-<p>Nach dem Frühstück eilte ich auf das Dampfboot, wo
-ich kaum eine Minute vor der Abfahrt anlangte. Als
-dasselbe aus dem Hafen manövrierte, sah ich die Sängerin
-von gestern abend zwischen ein paar großen Weinfässern
-des zweiten Platzes kauern. Erst jetzt fiel mir so recht
-auf, wie jung, kaum über die zwanzig Jahre, und wie
-erbarmungswürdig das Wesen in seinem schwarzen Kleide<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-dreinsah. Als sie sich jedoch von mir beobachtet fühlte,
-da stieg eine tiefe Röte in ihr Gesicht; meine Entdeckung
-schien sie peinlich zu berühren. Dann aber kam sie plötzlich
-auf mich zu.</p>
-
-<p>»Wir haben uns getrennt«, sagte sie; »wir waren in
-Wahrheit nur so weit hinabgewandert, um uns im Meer
-das Leben zu nehmen; allein der Tod tut weh! Ich gehe
-heim in die Steiermark; denn ich habe einen Vater und
-eine Mutter dort. Zu ihnen will ich zurückkehren und
-will arbeiten. Ich bin ihnen fortgelaufen. Der Sänger
-ist nicht mein Mann; aber wir hatten einander lieb. Er
-war immer gut mit mir, und gestern nacht, als ich weinte
-und mich das Heimweh überkam, da schenkte er mir die
-ganze gestrige Einnahme und sagte: »So geh, du mein
-armes, armes Kind; ich darf dich nicht länger halten!«
-Mein Gott, was wird aus ihm jetzt werden! Er wird
-allein tun, was wir zusammen nicht vollbringen konnten.
-Er hat keinen Halt mehr; ich hätte ihn nicht verlassen
-sollen.« Sie hatte das letztere mehr zu sich selbst als zu
-mir gesagt und lehnte nun in stummer Verzweiflung an
-einen Warenballen.</p>
-
-<p>Bis nach Rovigno hinauf waren ein sehr elegantes,
-italienisches Fräulein, das von Cattaro kam, und ich die
-einzigen Passagiere erster Klasse. Mit steigender Aufmerksamkeit
-hatte diese junge Dame die eben geschilderte
-Szene beobachtet, und als ich in ihre Nähe kam, erkundigte
-sie sich einläßlich, was dem armen Wesen fehle.
-»<em class="antiqua">O poveretta, poveretta!</em>« rief sie, als ich ihr die Umstände
-der Sängerin erzählte, und übernahm an ihr das<span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span>
-Amt der barmherzigen Samariterin. Sie erledigte sich
-seiner in einem gebrochenen Deutsch, das man für drollig
-hätte halten können, wäre es nicht die Sprache einer
-Menschenfreundin gewesen, und mit ebenso viel Anmut,
-als Erfolg; denn als wir uns Rovigno näherten, war
-der Ausdruck dumpfer Verzweiflung in dem Gesichte
-der Steiermärkerin demjenigen einer stillen Ergebung gewichen.</p>
-
-<p>»Ich werde die Arme in Triest in ein Haus begleiten,
-wo man für ihre Heimkehr sorgen wird!« sagte mir die
-Cattaresin. Kein Mensch hätte ihr dankbarer sein können
-als ich, daß ich endlich einer Reisebekanntschaft, die ich
-dreimal unter den seltsamsten Umständen gemacht, auf eine
-so schickliche Weise ledig wurde.</p>
-
-<p>Bis in die Gegend von Parenzo hatten wir wieder
-prachtvolle Fahrt bei spiegelglatter See; dann aber verdüsterte
-sich der Himmel, wurde bleiern, und ein sengend
-warmer Scirocco brach ein. Schon in der Gegend von
-Cittanuova schwankte unser Küstendämpferchen bedenklich,
-und bald war die See nah und fern mit weißen Schäumen
-überdeckt, die gleich gescheuchten Herden vor dem Seewind
-flohen. Es war kein Sturm, aber ein Stürmchen, gerade
-stark genug, um mir noch eine Vorahnung dessen zu geben,
-was zur See schlechtes Wetter heißt. Abgeschlagen und
-wohl auch der Seekrankheit nahe, kam ich in Triest an.
-Unser Schiff hatte zwei Stunden Verspätung, und noch
-am folgenden und zweitfolgenden Tag fühlte ich die Nachwehen
-der paar Stunden unruhiger Fahrt, ein Gefühl
-des Schwankens, als wäre ich noch zu Schiff.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span></p>
-
-<p>Und als ich dann zu Monfalcone wieder am Strande
-stand, das Meer sonnig war und glatt, fern und nahe
-die kleinen und großen Schiffe segelten, da dachte ich an
-das »<em class="antiqua">male di mare</em>« wie an ein Erlebtes und wünschte
-glückliche Reise und ruhiges Wetter allen, die hinfahren
-über das schöne, falsche Meer.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/chap-end.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Karst">
-<img src="images/illu-163.png" alt="" /><br />
-Der Karst und die Grotte
-von Adelsberg.</h2>
-</div>
-
-<div><img class="drop" src="images/drop-e.png" alt="" /></div>
-<p class="drop">Es ist etwas Eigenes um jene vielgerühmten Stellen,
-die zu Zielpunkten eines allsommerlichen Touristenstromes
-geworden sind. Seit sie jedes Reisehandbuch bespricht,
-seit sie nur noch durch die Spießrutengasse der
-Spekulation zu erreichen sind und sich das reisende Volk
-aller Winde an ihnen sammelt, wirken sie auf den selbständigen
-Touristen nur noch mit halber Anziehungskraft.
-Es mutet ihn an, als ob sie durch den ihnen überreich dargebrachten
-Tribut gelitten hätten, und das Reizendste an ihnen,
-die Frische und Unmittelbarkeit des ersten Eindrucks dahin sei.</p>
-
-<p>Allein wochenlang am Karst und in seiner nächsten
-Nähe zu flanieren, mit der größten Gefahr für die lieben
-Knochen sein Karrengefelse zu durchwandern, um einige
-Fledermaus- und Taubenhöhlen, einige seiner in verlorenen
-Schluchten rauschenden Quellen und kleinen Seen zu
-sehen, ohne einmal das berühmteste unter den vielen Wundern
-dieses eigenartigen Gebirges, die Adelsberger-Grotte, zu
-schauen, wäre denn doch gegen mein Gewissen gegangen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p>
-
-<p>Sie ist zwar auch eine jener Sammellinsen des
-Fremdenverkehrs, eines jener Schaustücke, an die man
-mit dem Gefühle herantritt, es möchte sich um eine abgegriffene
-Münze handeln. Als ich sie aber sah, da
-wurde ich aus einem Saulus ein Paulus.</p>
-
-<p>Der frühe Osterschein flutete wonnig auf den blauen
-Golf von Triest, als der Kurierzug meinen liebenswürdigen
-Gastgeber, Direktor Johannes Heer von Monfalcone, und
-mich aus dem Bereiche voll entfalteten Lenzes, aus der
-klassisch schönen Meerlandschaft von Duino und Miramar
-in das noch winteröde Karsthochland von Nabresina und
-Sesana trug.</p>
-
-<p>Der Schienenweg dahin bildet eine gewaltige, nach
-Norden ausweichende Schlinge, die sich nach einem vierzig
-Kilometer langen Weg bei Sesana wieder bis auf zwei
-Stunden dem adriatischen Handelsemporium nähert.</p>
-
-<p>Die fahlen Steinklippen der Gegend von Nabresina
-erscheinen, nachdem man die Duftwellen des Frühlings
-von Miramar geatmet, unsäglich vegetationsarm, ärmer,
-als sie in Tat und Wahrheit sind; denn das Pflanzenleben
-hat sich in die Dolinen, die merkwürdigen Gesteinskessel
-des Karsts, zurückgezogen. Da feiert es, vor der
-Bora geschützt, seinen einsamen, wenig beobachteten Frühling
-und bedeckt die rötliche Erde dieser Vertiefungen mit
-dem Schnee fallender Olivenblüten.</p>
-
-<p>Nähert man sich Sesana, so schimmert der weiße
-Steinobelisk von Obcina, der von Triest aus gesehen auf
-steiler Bergeshöhe steht, horizontal über das Plateau her.
-In dem freundlich aus grauen, wenig bebuschten Karren<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-emporsteigenden Ort sind wir bereits drei und ein halbhundert
-Meter über Meer. Ein Hauch des Nordens
-zieht hier selbst im Sommer, wenn Triest zum unausstehlichen
-Glühkessel wird, durchs Land. Darum ist Sesana
-die Sommerfrische der reichen Triestinerfamilien, deren
-Landhäuser aus kleinen, dem Karst abgerungenen Gärten
-heraus auf die im einzelnen ebenso <span id="corr165">bizarren</span>, als im
-ganzen einförmigen Steinklippen schauen.</p>
-
-<p>Allmählich geht die Gegend in ein Gebirgsland über,
-dessen Bodenerhebungen nur hügelartig als ein Wirrsal
-von Geröllkuppen über die Landschaft steigen. Als wäre
-ein weiter, gewaltiger Bergsturz über das Land gegangen,
-starrt, wohin immer der Blick auch streift, das lichtgraue,
-zerklüftete Gefelse auf. Wilder Thymian und andere
-kleine Heidekräuter überwuchern es, ohne die grenzenlose
-Blöße des Landschaftsbildes zu verhüllen.</p>
-
-<p>Der Karst ist ein weites Gebirge; denn der Hirt der
-Tolmeinberge, der seine Ziegen unter dem Predilpasse
-weiden führt, und der montenegrinische Schäfer am Scutarisee
-hüten ihre Tiere an seinen Gehängen. Er bildet abgeschlossene
-Talbecken, wo ein Seespiegel oder ein Wasserfaden
-glänzt, der aus dem Berge sprudelt, sich lustig im
-Lichte sonnt, bis er sich wieder in einen Höhlengrund
-stürzt und, dem menschlichen Blick entzogen, eine tolle
-Welt von Tropfstein baut. Die Hänge und die Höhen
-aber dürsten wie der reiche Mann in der Gehenna.</p>
-
-<p>Ein toniger Humus, die <em class="antiqua">terra rossa</em>, füllt die Karstklüfte
-und Mulden aus. Er ist der Träger der Pflanzenwelt
-und, wo genügend Wasser vorhanden ist, ungemein<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-fruchtbar. Man sagt, daß die Bauern auf den Miniaturäckern,
-welche im Grunde der Gebirgstrichter liegen, drei
-Jahre Weizen ernten können, ohne zu düngen. Allein die
-Felder und fruchtbaren Talböden bedecken nur ein Fünftel
-des Karsts; mehr als die Hälfte ist Weide; doch gibt es
-unter diesen Weiden Flächen von der Größe eines Quadratkilometers,
-wo sich keine Ziege satt fressen könnte; der Rest
-ist Wald, aber stundenweit steht kein armsdicker Baum.
-Nur im Ternovanerwald bei Görz schlägt man noch Mastbäume;
-im Tiergarten von Duino stehen dunkle, große
-Terebinthen, und in Lippiza bei Sesana weiden die Füllen
-eines Gestüts im Schatten eines Hochwaldes. Der übrige
-Wald ist ein lichtes Gebüsch von Eichen und Wachholder,
-Ahorn und Pappeln, welches die Klippen begrünt.</p>
-
-<p>Auf einer solchen Waldoase ruht das Auge, wenn der
-Zug an einer Berglehne hinbrausend ins Tal der Reka
-tritt, eines kleinen Karstwassers, das seine Wellen plaudernd
-gegen St. Kanzian hinunterträgt, wo es sich in einem
-Felsenschlund verliert. Man nimmt an, daß die Dolinen
-des Plateau von Nabresina das unterirdische Flußbett der
-Reka zu den drei mächtig aufrauschenden Quellen des
-Timavo andeuten.</p>
-
-<p>Längs der Eisenbahn stehen hölzerne und steinerne
-Schutzwehren gegen die Bora, graue, unheimliche Bauten,
-die auch dem im goldenen Sonnenschein durch den Karst
-fahrenden Fremden nahe führen, wie wild die Geister
-der Luft in dieser Felswüstenei zuweilen ihre Sturmorgien
-feiern. Zu solchen Zeiten leisten die Bahnangestellten
-dieser Gegend den Sicherungsdienst mit Steigeisen an den<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-Schuhen. Sogar die Gewalt der Lokomotive bricht sich
-zu Winterszeiten hin und wieder an den von der Bora
-geteilten zusammengewehten Schneemassen, so daß der
-Verkehr auf dieser Linie stockt. Dann mögen sich die
-Reisenden, die in einem armseligen Karstdörfchen eingeschneit
-auf Erlösung warten, sehnsüchtig an die Beefsteaks
-Wiens oder die Meerfische Triests erinnern!</p>
-
-<p>Die Bora steht ebenso sehr durch ihre Kälte als durch
-die explosionsartige Heftigkeit ihrer Stöße in Verruf;
-allein so erstarrend sie auch auf den Körper wirkt, ihre
-Temperatur sinkt selten auf den Gefrierpunkt, und das
-Kältegefühl, das sie erzeugt, beruht aus einem subjektiven
-Vorgang, auf der durch die Trockenheit des Windes hervorgerufenen,
-lebhaften Verdunstung der Haut.</p>
-
-<p>Man hat, ähnlich wie zur Ergründung des Föhns,
-zu dem die Bora so recht die Kontrasterscheinung bildet,
-allerlei künstliche Theorien herbeigezogen, um ihr Wesen
-zu erklären; die neueren, meteorologischen Forschungen
-haben indes erwiesen, daß sie einfach der Abfluß eines
-hohen Luftdruckes, der über den Saveländern lagert, gegen
-das Adriabecken ist.</p>
-
-<p>Nirgends tritt die vegetationsertötende Wirkung dieses
-Windes und die grenzenlose Armut des Karsts so überredend
-vor den Blick, wie bei St. Peter, der zweiten
-Station von Adelsberg.</p>
-
-<p>Überschaut man diese Öde, so glaubt man es kaum,
-doch ist es durch geschichtliche Dokumente bezeugt, daß der
-Karst einst mit nur unterbrochenem Hochwald bestockt war.
-Im Volke lebt die Sage, die Venetianer hätten die<span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span>
-gewaltigen Eichenhaine geschlagen, um Bauholz für ihre
-Flotten zu gewinnen. Da sei der Fluch der an die
-Schiffsplanken hingeschmiedeten Galeerensklaven über die
-Heimat des Schiffsholzes gekommen, und die Forste seien
-abgestanden.</p>
-
-<p><em class="antiqua">Vox populi, vox Dei!</em> Nur hier nicht. Venedig
-hat lange vor andern Staaten in seinen Provinzen für
-die Erhaltung des Waldes Sorge getragen, und als der
-Markuslöwe seine Flügel über die Karstländer schlug, da
-war das Hauptwerk der Forstverwüstung bereits getan.
-Die Jahrhunderte alte Schuld trägt die Mißwirtschaft
-der Gemeinden, der Karstbauer mit seinem Weidgang.</p>
-
-<p>Eigentlich virtuos geht man in einigen Gegenden
-Istriens gegen den Wald vor, wo der »<em class="antiqua">contadino</em>« nicht
-warten mag, bis sich durch die Wurzeltriebe etwas verkäufliches
-Staudenwerk gebildet hat, sondern die Wurzeln
-selber ausgräbt und in die nahen Städte zu Markte führt.</p>
-
-<p>Unter dem wenigen Guten, das man dem österreichischen
-Großgrundbesitz nachreden kann, gehört das vielleicht
-zum Besten, daß er in den Karstgegenden am meisten
-die Kraft besaß, den ursprünglichen Hochwald, so die
-schönen Buchenhaine Oberkrains, in die Gegenwart herüber
-zu retten, während die Gemeinden ihre einstigen
-Forste, soweit sie nicht der vegetationslosen Öde gewichen
-sind, auf Niederwald herabgewirtschaftet haben, der je nach
-der Holzart alle sieben oder vierzehn Jahre geschlagen wird.</p>
-
-<p>Die christliche Legende erzählt, der blinde Missionar
-Beda habe, von einem Knaben irre geführt, einst den
-Steinen gepredigt; da hätten diese statt der Menschen<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-gerufen: »Amen! Amen!« Auch die nackten Karstklippen
-rufen. »Gebirgsvölker, schont den Wald!« rufen sie.</p>
-
-<p>Seit drei Jahrzehnten macht sich eine Bewegung,
-deren Seele der k. k. Forstrat Ritter von Guttenberg ist,
-für eine Verbesserung der Waldverhältnisse des Karstes
-geltend. Das große Losungswort heißt: »Wiederaufforstung«
-und Gesetz bietet die staatliche Grundlage für die
-Wiederbewaldung wenigstens des küstenländischen Karsts.
-Man hofft, durch diese die Gewalt der Bora zu brechen,
-die Bodenfeuchtigkeit zu vermehren, die seit der Entforstung
-gesteigerten Gegensätze des Klimas zu mildern und nach
-und nach den durch Gewitterregen weggeschwemmten Humus
-wieder zu gewinnen.</p>
-
-<p>Es liegt etwas Großartiges in diesem Plan. Allein
-die Anlagen sind teuer, und Wien ist weit; ja die Karstgemeinden
-selber leisten Widerstand; der Bauer läßt sich
-seinen Weidgang nicht gern beschränken. Ob der Karst je
-wieder im Schmuck eines geschlossenen Hochwaldes prangen
-wird? Künftige Generationen werden es sagen können.
-Wer ihn jetzt bei St. Peter sieht, kann es kaum glauben.</p>
-
-<p>Anders schaut die Gegend schon bei der folgenden
-Station aus, bei Prestanek, wo das grüne Wald- und
-Wiesental der Poik, das sich zur Linken öffnet, unsern
-Blick aus dem Klippengrau erlöst, und langen wir auf
-der Station Adelsberg an, so grüßt das kleine Städtchen
-gar freundlich aus weitem grünem Talgrund auf. Nur
-die öden Berglehnen verraten, daß wir uns noch mitten im
-Karst und zwar auf seiner höchstgelegenen Station, 583
-Meter über der See, befinden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span></p>
-
-<p>Es war uns eine Herzenserleichterung, als wir aus
-dem engen Bahnwagen hinaus in den österlichen Sonnenschein
-traten. Um der Zudringlichkeit der Führer und
-Hotelwerber ein rasches Ende zu bereiten, vertrauten wir
-uns dem eleganten Omnibus des Adelsbergerhofes an.
-Während die Pferde davontrotteten, überblickten wir von
-seinem Imperiale herunter das bergumrahmte, grüne Tal,
-auf welches von kahlem Felsgipfel ernst und streng die
-Trümmer der Burg Adelsberg herunterblicken.</p>
-
-<p>Bald hatten wir den »Markt« erreicht, wie sich Adelsberg
-in der Rangstufe österreichischer Ortschaften nennt.
-Seine stattlichen, blankgeweißten Häuser mit den Flachziegeldächern
-muten uns mehr deutsch denn slavisch an.
-Bei seiner hübschen Pfarrkirche vorbei gelangen wir zu
-dem großen, modernen Hotelbau des Adelsbergerhofes im
-Norden des Städtchens.</p>
-
-<p>Dem goldig herniederflutenden Ostersonnenschein zum
-Trotz schien außer dem Omnibusführer das gesamte Hotelpersonal
-noch im Winterschlaf zu liegen, bis endlich ein
-erwachsendes Dornröschen, eine junge, wenig gesprächige
-Dame erschien und das Halbdutzend Grottengäste, die sich
-im Hausflur zusammengefunden, in die nächsten Räume
-wies. Während sie wieder für ein Viertelstündchen unsichtbar
-wurde, bemerkten wir, die Fensterläden öffnend,
-daß wir uns in einem sehr hübsch ausgestatteten Lesesaal,
-aber jedenfalls noch nicht in der <em class="antiqua">haute saison</em> von Adelsberg
-befanden.</p>
-
-<p>Allein am Dornensträuchlein der Geduld wuchs denn
-doch ein frugaler Morgenimbiß auf, und bald kam die<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-Nachricht, daß sich in den verschiedenen Gasthöfen der
-Stadt etliche dreißig Fremde zum Besuche der Grotte
-eingefunden hätten und ihre Beleuchtung um halb elf
-Uhr in Szene gehen könne.</p>
-
-<p>So hatten wir uns denn in der Voraussetzung, es
-werde der Ostermontag, dieser in Nord und Süd gleich
-beliebte Ausflugstag, auch ein Häuflein Neugieriger am
-Grottentor von Adelsberg versammeln, nicht getäuscht. Es
-ist für die Touristen, welche alljährlich zu den Höhlenwundern
-der krainischen Berge pilgern, ein wahres Glück,
-daß die Tropfsteinunterwelt von Adelsberg eine Staatsdomäne
-und so der Privatspekulation entzogen ist. Sie
-steht unter einer aus Staats- und Gemeindebeamten zusammengesetzten
-Verwaltung, welche den Grottenbesuchern
-durch eine wirklich liberale Besuchsordnung entgegenkommt
-und den Grottenapparat, den Führerdienst, die
-Wege und die Beleuchtung in einen Stand gesetzt hat,
-der allen Ansprüchen genügt.</p>
-
-<p>Ihre spekulative Mäßigung sticht wohltuend ab von
-der Touristenschererei der Hotels. Ihr hat es Adelsberg
-zu verdanken, daß es ein so blühender Touristenort
-ist, der seine zweitausend Einwohner unmittelbar oder
-mittelbar durch den Fremdenverkehr ernährt.</p>
-
-<p>Eine hübsche Allee junger Linden führt längs eines
-nicht gar hohen felsklippigen Bergrückens zum Eingangstor
-der Grotte, die als ein stundenlanges Labyrinth den
-Leib dieses Höhenzuges mit ihren Tropfsteingängen durchzieht.
-An die grauen, mit spärlichem Eichenwuchs geschmückten
-Hänge schlängelt sich ein dunkelglänzendes<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-Wasserband, die Poik heran, und verliert sich, nachdem
-sie noch ein klapperndes Mühlenrad geschlagen hat, mit
-raschem Wellenzug ins Innere des Berges.</p>
-
-<p>Eine gar gemischte Gesellschaft standen wir erwartungsvoll
-am gotischen Gittertor und wehrten den zudringlichen
-Jungen, welche zierliche Tropfsteingebilde und Erinnerungsstücke
-feilboten und mit jeder Minute um fünf
-Kreuzer billiger wurden.</p>
-
-<p>Endlich kamen die Führer und Grottenwächter, alles
-ältere Leute in zerschossenen Knappentrachten, die Bergmannslaterne
-im Gürtel, dahergeschritten. Der Riegel
-klirrte; die Karawane, in welcher die Gestalt eines mit Fez
-und weißem Filzmantel angetanen bochesischen Magnaten
-besonders hervorstach, zog, nachdem sie zum Schutz gegen
-die nur 8&ndash;9°&nbsp;<em class="antiqua">R</em> betragende Höhlentemperatur die Überröcke
-und Shawls umgeworfen, in die Grotte ein.</p>
-
-<p>Die ersten fünfzig Schritte boten nichts Bemerkenswertes,
-und schon wollten wir unserer kühlen Stimmung
-recht geben, da horch &ndash; verlorenes Wasserrauschen &ndash;
-da sieh &ndash; eine weite Halle über uns und herrlich hereinflutend
-eine Garbe elektrischen Lichts. Wir selber stehen
-hoch auf einer Felsengalerie über einem Höhlenabgrund,
-in dem mit flimmernden Wellen der unterirdische Fluß
-durchs Halbdunkel zieht.</p>
-
-<p>Es geht allen Besuchern gleich. Sie sind bezaubert
-vom Anblick des »großen Doms«, der gewaltigen Halle,
-mit welcher die Adelsberger Grotte kaum 30 Meter vom
-Eingang überrascht. Und doch muß das Auge sich erst
-an die Kontrastlichter gewöhnen, in denen Höhlendunkel<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-und elektrische Flamme sich widerstreiten, ehe es die gewaltige
-Deckenspaltung und die Höhe des weiten Raums ermißt.
-Mögen die Führer in ihren ledernen Erklärungen jene zu
-45, diese zu 28 Meter angeben, auch in der dürftigsten
-Seele ist die Phantasie machtvoll erwacht, und den Meterstab
-bei Seite setzend, mißt sie den Naturdom nur mit
-ihrer bewundernden Andacht aus.</p>
-
-<p>Etwas unendlich Geheimnisvolles, Düsterschönes, liegt
-in dem weltabgeschiedenen Raum. So mag die ahnende
-Seele des Griechen sich die Ufer der Lethe und den
-Totenfluß selber vorgestellt haben, wie hier die Poik zwischen
-feuchten Felsensäumen strömt.</p>
-
-<p>Die Wände und das Gewölbe des großen Domes
-sind zwar arm an jenen wundersamen Tropfsteingebilden,
-welche die Zierde anderer Grottenteile bilden; aber gerade
-durch dieses Zurücktreten der Einzelformen wirken die
-gewaltigen Ausdehnungen hinreißend auf die Phantasie.</p>
-
-<p>Im Innersten erregt, schreiten wir die Stufen der
-westlichen Wand zu einer Naturbrücke hinab, unter welcher
-die Poik rauschend aus dem Höhlengestein quillt, um ihre
-im Licht erzitternden Wasser nach doppelt gekrümmtem
-Laufe bei den Ostfelsen des unterirdischen Münsters wieder
-in unerforschte Höhlenschachte einzusargen.</p>
-
-<p>In den verborgenen Wasseradern und in den Tümpeln
-der Grotte lebt ein seltsames Tier, ein spannenlanger,
-aalähnlicher Lurch von farblosem oder hübsch rosa angehauchtem
-Leib, mit vier zierlichen Beinchen und noch
-viel zierlichern, roten Kiemenbüscheln, der Olm. Der
-lichtscheue, kleine Geselle kommt nur etwa nach langem<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-Regenwetter und am häufigsten in der mit der Adelsberger
-in Verbindung stehenden Magdalenengrotte zum
-Vorschein, hat aber den Gelehrten schon viel zu reden
-gegeben; denn er ist einer der Hauptzeugen für die Darwinsche
-und Häckelsche Anpassungstheorie. Sie haben ihn
-mit dem Namen des Proteus belegt, da er wie dieser sich
-verwandeln kann. Je nachdem er in tiefem oder seichtem
-Wasser lebt, ist er Kiemen- oder Lungenatmer, gewissermaßen
-also Fisch oder Vogel. Ein Führer, der uns in
-einer Wasserflasche ein solches Tierchen zeigte, behauptete,
-daß es jahrelang ohne Nahrung lebe.</p>
-
-<p>Jenseits der Naturbrücke, welche über die Poik führt,
-steht, damit wir ja nicht vergessen, daß wir, wenn auch im
-Berginnern, doch immer noch im loyalen Österreich sind, ein
-Denkmal, das in den devotesten Ausdrücken der Untertanenehrfurcht
-die Erinnerung an Franz <em class="antiqua">I.</em> feiert, der den großen
-Dom im Jahre 1816 besucht hat, und wandern wir auf
-einer künstlich in die Felswand eingesprengten Galerie
-dem Hintergrunde der Halle zu, wo bei einem zweiten
-Monument die Ferdinandsgrotte anhebt, so stehen wir
-gar vor dem Polsterwagen einer Schiebbahn, mit der bequeme
-Grottengäste von den Wächtern etwas mehr als anderthalb
-Kilometer weit bergeinwärts gestoßen werden können.</p>
-
-<p>Man kann darüber, wie weit die Technik, ohne den
-guten Geschmack zu verletzen, ein Naturschönes zu Bequemlichkeitszwecken
-antasten darf, verschiedener Meinung
-sein. Man mag die hübsch geebneten Wege, welche die
-frühern Treppen und holperigen Steige der Grotte ersetzen,
-das herrliche elektrische Bogenlicht an Stelle einer unruhigen<span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span>
-Fackelbeleuchtung über alles Lob angenehm finden,
-ohne zugleich diese Schiebbahn, die denn doch nur einem
-winzigen Teil der Adelsberger Gäste wirkliches Bedürfnis
-ist, für eine glückliche Schöpfung ansehen zu müssen.</p>
-
-<p>Wo sie beginnt, hat man einen hübschen Rückblick auf
-den großen Dom, die gewaltige Vorhalle des übrigen
-Grottensystems. Sie war bis im Anfang des 19. Jahrhunderts
-der einzige bekannte Raum, wurde aber schon
-im 13. Jahrhundert besucht; denn in einer Nebengrotte
-sind noch eingehauene Namen und Jahrzahlen von 1213
-und 1290 erhalten. So sind durch sechs Jahrhunderte
-hindurch die Geschlechter im großen Dom bewundernd
-gestanden, ohne zu ahnen, was für märchenhafte Schönheit
-von Tropfsteingebilden in den Gängen und Hallen
-des tieferen Berginnern prangt. Erst das Jahr 1818
-hat die Entdeckung der weiter zurückliegenden Grottenteile,
-insbesondere der an den großen Dom anschließenden
-Ferdinandsgrotte gebracht. Vorwärts nun!</p>
-
-<p>Bald hat sich der milde weiße Schein der Bogenlampen,
-die den großen Dom erhellen, unserem Blicke entzogen;
-allein nun flammen in den Falten und Nischen, an den
-Erkern und Gesimsen des Höhlenschachtes, der sich hier zum
-Engpaß schließt, dort zur herrlichen Halle weitet, Hunderte
-von Kerzen auf. Es ist ein Gang durch ein Märchenreich:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">»An den Wänden rankt in buntem<br /></span>
-<span class="i0">Formenspiel des grauen Tropfsteins<br /></span>
-<span class="i0">Geisterhaftes Steingeweb,<br /></span>
-<span class="i0">Bald wie Tränen, die der Fels weint,<br /></span>
-<span class="i0">Bald wie reizverschlung'ne Zierat<br /></span>
-<span class="i0">Riesiger Korallenäste.«<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="iaut">(Scheffel.)<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span></p>
-<p>Schlank wie die Palmen des Morgenlandes, dann
-kräftig und knorrig wie deutsche Eichen wachsen die Steinschäfte,
-von Lianen umschlungen, zur Ornamentik der
-Höhlendecke auf.</p>
-
-<p>Da hängt nächst dem Grotteneingang an grauer Tropfsteinwand
-eine »Kanzel.« Allein wer möchte da droben
-stehen und predigen, wo die Steine in ihrer Pracht den
-Menschen überschreien! Da <span id="corr176">steht</span>, damit es dem staunenden
-Wanderer nicht gar zu andächtig ums Herz wird, eine
-»Metzgerbank«, und die »Speckschwarten« hangen drüber
-hin; da ist eine »Diamantengrube«, wo das Licht sich
-tausendfach an blitzenden Kristallen bricht; dort ein feiner
-»Regen« von wunderzarten Tropfsteinröhrchen; jetzt wandeln
-wir durch die reizenden Gebüsche eines »englischen
-Gartens.«</p>
-
-<p>Wie sie nur zu Wege kamen, diese feierlichen Hallen,
-dieser Säulenprunk, diese tolle, andächtig schöne Märchenwelt!</p>
-
-<p>Gewiß wüßte der Höhlenfluß, die Poik, die am Karst
-entspringt, einige Stunden im Sonnenlicht wandert, dann
-sich in die Unterwelt von Adelsberg verkriecht und, durch
-ein Felsentor im Tal von Planina wieder zu Tage tretend,
-Unz heißt, sich aufs neue in ein Gebirge begräbt und
-jenseits desselben als Laibach, Schiffe auf ihrem Rücken
-tragend, der Save zueilt, gewiß wüßte sie das Geheimnis
-der Grotte zu lösen. Allein sie plaudert mit ihren Wellen
-nur in Rätsellauten von dem Schattenreich, das sie durchwandert.</p>
-
-<p>Sonst würde sie uns vielleicht erzählen von uraltem<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-Tagewerk, wie sie einst &ndash; es mögen hunderttausend Jahre
-her sein &ndash; müd der Sonne und der oberflachen Welt,
-bei Adelsberg an die Höhe hinkroch, sich langsam eine
-dunkle, einsame Gruft in den Kalkstein des Gebirges wühlte
-und nagte, bis sie sich einsargen konnte in einen stillen,
-selbstgeschaffenen Hades.</p>
-
-<p>Dieses abgeschiedene Gelände aber war noch öde und
-leer. Da kamen andere Werkmeister, kleine, aber nicht
-verachtungswürdige. Es waren die vom Bergrücken durch
-das Gestein hinunterkriechenden Wassertropfen, ganz gewöhnliche
-Wassertropfen. Einer lief dem andern nach, und
-jeder brachte eine kleine Ladung Kalk auf dem Rücken.
-So damals, so vor einer Jahrmyriade, vor einem Jahrtausend,
-vor einem Jahrhundert, so gestern, so heute.
-Einer hat sein Körnchen Kalk hübsch zu dem Körnchen
-seines Vorgängers gelegt, und alle die Dinge wurden, wie
-sie nun sind: die Pforten, die Hallen, die Obelisken, die
-Säulen, die Zacken, die Bäume, die Falten, die Tierfiguren
-und die Menschengestalten.</p>
-
-<p>Fast im Hintergrunde des Höhlenlabyrinthes ist eine
-schauerlich zerklüftete Nebengrotte, der Tartarus. Da sind
-die kleinen Arbeiter noch nicht fertig mit ihrem Werk; da
-sieht man sie noch an der Arbeit. Von der Decke einer
-19 Meter hohen Halle fällt ein Wasserfaden auf einen
-Stalagmitkegel. Aus dem Becken des rötlich glänzenden
-Steines spritzen perlende Wassertropfen heraus und rieseln
-über den Kegel nieder. Durch ihre Kalkablagerungen
-wächst der Tropfbrunnen allmählich zur Decke empor.</p>
-
-<p>Allein der Stein wächst langsam, man sagt in dreizehn<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-Jahren einen Millimeter, in tausend Jahren nicht einmal
-einen Meter. Da die höchste Säule zehn Meter
-über den Höhlengrund steigt, so muß sie also über zehntausend
-Jahre alt sein.</p>
-
-<p>Zehntausend Jahre! Und als vor sechzig Jahren mit
-rauchenden Fackeln und klopfenden Herzen die Menschen
-in das Labyrinth von Adelsberg eindrangen und wenn sie
-heute von ferne her in die Höhle kommen, so halten sie
-verwundert den Atem an. »Hat hier nicht ein unterirdisches
-Volk gelebt und unsere Dinge nachgeahmt?«
-rufen sie verwundert aus. »Steht dort nicht noch der
-Thron, auf dem sein König gesessen? Dort hängt noch
-das Bild der Maria mit dem Kinde in der Nische, vor
-dem sie betend gekniet. Dort ist die Wiege, worin es
-seine Kinder gewiegt; dort stehen die Särge, worin es
-seine Toten gebettet. Auch die Kannen, aus denen es
-getrunken, sind noch da und das Handwerkszeug, mit dem
-es gearbeitet. Noch hangen an den Decken die Felle des
-Gerbers, die Linnen der Waschfrau; hier ist das Zelt,
-unter dem es gerastet, dort die Dorfkirche, in der es den
-Sonntag gefeiert; es fehlt nicht die Orgel und nicht der
-Beichtstuhl; es hat also auch gesündigt, dieses Höhlenvolk!
-Und geliebt wohl auch! Denn was sollten sonst die
-lauschigen Erker, die stillen Wälder! Jene vermummten,
-klagend vorgebeugten Gestalten, sind es nicht die letzten der
-Höhlenbewohner? Vielleicht, wenn man den Stein behutsam
-losschälte von den armen Leuten, wer weiß, fände man
-einen Leib mit warmem Blut, mit einem pochenden Herzen.
-Vielleicht könnte man eine verzauberte Seele erlösen!«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span></p>
-
-<p>Es ist wunderbar, was für geheimnisvolle Bildwerke
-die sickernden Wassertropfen im Schleier ewiger Nacht
-gebaut!</p>
-
-<p>Und Bewohner hat diese Märchenwelt wirklich gehabt.
-Zwar nicht menschliche Troglodyten, aber den plumpen,
-zottigen Höhlenbär. Wo sich die Ferdinandsgrotte zu
-einem hohen gotischen Münster weitet, hat man im Boden
-seine Knochen gefunden. Jetzt dient das Bärenlager der
-Vorzeit als Tanzsaal. Am Pfingstmontag, wenn das
-Grottenfest gefeiert wird, fünftausend Menschen durch die
-Tropfsteinhallen und Gänge wogen, dann ziehen heitere
-Klänge hier brausend, dort fern verklingend durch das stille
-Reich, und in dem weiten Raume reigt junges und altes
-Volk; am Sonntag Trinitatis aber ist hier Gottesdienst.</p>
-
-<p>Ich möchte nicht tanzen in dieser Halle; ich möchte
-darin auch keine Predigt hören; am liebsten würde ich,
-ein stiller Bürger des Hades, einsam und ungestört die
-Tropfsteingewächse entlang schreiten; denn einem einfachen
-Gemüte gehen im Alleinsein die schönsten Erkenntnisse auf.
-Wirklich war ich ein paar Dutzend Schritte hinter der
-Karawane zurückgeblieben, um mich ungestört meinen Betrachtungen
-hinzugeben. Allein ich hatte meine Rechnung
-ohne die Grottenwächter gemacht, die in einiger Entfernung
-der Wandergruppe folgten und die Kerzenlichter auslöschten,
-da immer nur der Teil der Grotte erleuchtet ist, wo sich
-die Grottenkarawane bewegt.</p>
-
-<p>»Vorwärts, vorwärts, junger Herr!« mahnte ein gutmütiger
-Alter. »Sie könnten sich so verirren, daß wir
-selber Sie nicht mehr fänden.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p>
-
-<p>Ich lächelte; aber er hatte recht. Es gibt in der
-Unterwelt von Adelsberg Nebengrotten, die noch nicht
-gangbar gemacht worden, zum Teil noch nicht einmal
-gründlich erforscht sind; wo, geriete ein Wanderer durch
-einen unglücklichen Zufall hinein, vielleicht erst nach Jahren
-ein Wagehals oder ein Forscher die gebleichten Knochen
-des armen Verirrten fände; denn kein Ariadnefaden führt
-aus diesem Labyrinth heraus.</p>
-
-<p>Warum hat man diese nicht wegbar gemacht? Wohl
-aus Kostengründen, wohl auch, um in Zukunft mit ihrer
-Erschließung den Ruf der Grotte wieder neu zu beleben.
-Wer jetzt durch dieselbe geht, wird es nicht bedauern, daß
-ihm einige Räume entzogen bleiben; denn man sieht auf
-der dreistündigen Wanderung so unendlich viel des Schönen,
-Sonderbaren, Fremden und Phantastischen, daß auch das
-Auge des Unersättlichsten satt dieser Steintollnis wird.</p>
-
-<p>Die letzte Halle der Kaiser Ferdinands-Grotte ist das
-»Grab.« Bei einem versteinerten Springbrunnen, einer
-Ruine und einer Hieroglyphensäule stehen die vertropften
-egyptischen Mumien.</p>
-
-<p>Da teilt sich die Grotte in zwei, die Franz-Joseph-
-und Elisabeth-Grotte zur Linken, die Maria-Anna-Grotte
-zur Rechten. Sie treffen sich tiefer im Berginnern wieder.
-Wir schritten durch diejenige zur Linken ein und gingen
-später durch diejenige zur Rechten hinaus.</p>
-
-<p>In der Franz-Joseph- und Elisabeth-Grotte brechen
-viele rosig überhauchte Tropfsteine aus blendend weißen
-Wänden hervor; überraschend schöne Steinfalten hängen
-durchschimmernd an den Decken; in einer diamantenfunkelnden<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-Kammer liegt unter einer Trauerweide eine
-schlafende Jungfrau, und an der Decke hängt über ihr das
-Damoklesschwert.</p>
-
-<p>In der Maria-Anna-Grotte ist der Leuchtturm von
-Triest, der Dom von Mailand und vielleicht das berühmteste
-Stück der ganzen Adelsberger Unterwelt &ndash; der
-Vorhang. Man traut seinen Augen kaum! Drei Meter
-lang und einen Meter breit hängt dieses wunderzarte,
-schimmernde Gebilde von nur acht Millimetern Dicke aus
-der Wand und prangt mit feinem, durchsichtigem Faltenwurf
-und einer braun und rot gestreiften Einfassung von
-überraschender Natürlichkeit, als wäre es eine Stickerei
-von kunstfertiger Frauenhand.</p>
-
-<p>Wo sich die beiden Grotten wieder vereinen, treten wir
-in eine Trauerhalle von schwarzbraunem Gestein, und nun
-führt der Weg an kristallenem und elfenbeinernem Bilderschmuck
-hinauf zum letzten der ungeheuern Dome, hinan
-zum Kalvarienberg.</p>
-
-<p>Was soll ich von ihm sagen? &ndash; 58 Meter hoch und
-200 in der Weite wölbt sich die Halle über einen 41 Meter
-hohen, an die Nordwand anlehnenden Hügel. Über einen
-Bergsturz steigt man an acht wunderlichen Kolossen vorbei
-auf die Spitze, wo die Arche Noah ist. Da übersieht man
-eine kleine Landschaft.</p>
-
-<p>Es ist eine ewig geheimnisvolle Welt von vertropften
-Gebilden. Funkensterne glitzern an Statuen; blau und rote
-Flämmlein zucken zwischen den Bildwerken auf, und kein
-Menschengedanke wird klug aus dem düsterschönen Rätsel.
-Ist's ein versteinerter Wald? Ist's ein mit halbzerstörten,<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span>
-verwitterten Denkmälern übersäter Kirchhof oder der zu
-Stein erstarrte Zug des Volkes auf die Höhe von Golgatha?</p>
-
-<p>Zum Glück hatte ich nicht Zeit, den Faden dieser
-Gedanken weiter zu spinnen. Die Führer mahnten zum
-Aufbruch; sie wußten, daß man die Leute nicht zu lange
-auf die melancholischen Gruppen des Kalvarienberges darf
-schauen lassen. Schneller als wir gekommen, schritten wir
-bergab, bergauf, zurück durch die Grottenhallen.</p>
-
-<p>Es kamen wieder neue Gestalten, neue Bilder; allein
-ich sah sie nur noch halb. Das wohlige Gefühl, mit dem
-ich eingewandert war, hatte mich verlassen; die Traurigkeit
-dieses Schattenreiches hatte es mir angetan; ich dürstete
-nach Sonnenlicht, Himmelblau, Wiesengrün.</p>
-
-<p>Und wieder standen wir über dem Höhlenfluß. Rauschend
-und flimmernd zog er einher; aber vom Grotteneingang
-wehte schon ein warmer, milder Hauch von Tagesluft.
-Noch ein paar Schritte, und der Bann der Unterwelt war
-gebrochen; herzinnig grüßte ich das goldige, sonnige Licht,
-und dankbar schaute ich auf zum blauen Dom des Himmels.</p>
-
-<p>Ich habe die Grotte von Adelsberg beschreiben wollen?</p>
-
-<p>Nicht doch! Wenn tausend Schriftsteller es tun wollten,
-sie bleibt doch ewig unbeschreiblich; denn sie ist wie die
-Gletscher des Hochgebirgs, wie das in Sturmlauten tönende
-Meer eine Naturoffenbarung, deren Schönheit der Mensch
-nie ganz ausbegreift.</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/chap-end.png" alt="" />
-</div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span></p>
-
-<p class="h2">
-Von <em class="gesperrt">J. C. Heer</em> ist bei <em class="gesperrt">Huber &amp; Co.</em><br />
-in Frauenfeld und Leipzig erschienen:
-</p>
-</div>
-
-<p class="h2">
-Streifzüge im Engadin</p>
-<p class="center">
-Gebunden 3 Fr.<br />
-</p>
-
-<div class="abstract">
-
-<p><em class="gesperrt">Inhalt</em>: Vorspiel. &ndash; Über den Flüela. &ndash;
-Schuls-Tarasp. &ndash; Uinatal und Finstermünz. - Von
-Schuls nach Zernetz. &ndash; Von Zernetz nach Samaden.
-&ndash; Samaden. &ndash; Pontresina und Morieratsch. &ndash;
-Die Diavolezzatour. &ndash; St. Moritz. &ndash; Sils-Maria.
-&ndash; Auf dem Maloja. &ndash; Über den Julier.</p></div>
-
-<div class="desc">
-
-<p class="dropt">Ein Dichter und ein Meister kraftvoller
-Schilderung ist Heer. Er weiß nicht nur
-die überreichen Schönheiten des Engadin in
-leuchtenden Farben dem Leser vor Augen
-zu führen; auch die politischen und kulturellen
-Verhältnisse vermag er, ebenso gut
-wie Rückblicke aus der Vergangenheit
-und Betrachtungen zur Gegenwart, einzuflechten.
-Ein Muster in dieser Hinsicht
-ist der Abschnitt Schuls-Tarasp.</p></div>
-
-<p class="right">
-»Münchner Neueste Nachrichten«<br />
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p>
-
-<p class="h2">
-Bücher der Zeit aus dem Verlag von <em class="gesperrt">Huber &amp; Co.</em><br />
-Frauenfeld und Leipzig<br />
-</p>
-
-<p class="h2">
-Aus der Brandung</p>
-<p class="center larger">
-Zeitgedichte von <em class="gesperrt">Robert Faesi</em></p>
-<p class="center">
-Kartoniert Fr. 1.40
-</p>
-
-<div class="desc">
-
-<p class="dropt">Faesis Zeitgedichte sind das erste wirklich bedeutende Kriegsgedichtbuch der
-deutschen Schweiz und eines der edelsten Stücke der deutschen Kriegslyrik
-überhaupt.</p>
-
-<p class="right">
-»Das Literarische Echo«
-</p></div>
-
-<p class="h2">
-Krieg und Frieden</p>
-<p class="center larger">
-Frei nach Aristophanes von <em class="gesperrt">Hugo Blümner</em></p>
-<p class="center">
-Geheftet Fr. 3.&ndash;
-</p>
-
-<div class="desc">
-
-<p class="dropt">Aristophanes-Blümner hat das erste bühnengerechte, dichterisch vollwertige
-Friedensdrama des Weltkriegs geschrieben! Es ist ein einzigartiger Fall,
-daß ein Werk nach zweitausend Jahren noch einmal stärkste Aktualität gewinnt.
-Kriegs- und Friedensparteien, Hetzer und Verständigungspolitiker,
-ehrliche Patrioten und Gesinnungslumpen, stehen sich gegenüber wie heute.</p></div>
-
-<p class="h2">
-Der starke Mann</p>
-<p class="center larger">
-Eine schweizerische Offiziersgeschichte von <em class="gesperrt">Paul Ilg</em></p>
-<p class="center">
-Broschiert Fr. 4.&ndash;&nbsp;&nbsp;&nbsp;Gebunden Fr. 5.&ndash;
-</p>
-
-<div class="desc">
-<p class="dropt">Der Roman sprüht und glüht von einer Jugendkraft, um die Paul Ilg zu
-beneiden ist.</p>
-
-<p class="right">
-»Neue Zürcher Zeitung«
-</p>
-
-<p>Es konnte nicht anders sein: Staub hat das Buch viel aufgewirbelt. …
-Mit unheimlichen Kräften geladen, sorgsam in aller Knappheit durchgeführt,
-fesselt die Handlung bis zuletzt.</p>
-
-<p class="right">
-»Kunstwart«
-</p></div>
-
-<p class="h2">
-In diesen Zeiten</p>
-<p class="center larger">
-Erzählungen von <em class="gesperrt">Robert Wehrlin</em></p>
-<p class="center">
-Gebunden Fr. 2.&ndash;
-</p>
-
-<div class="desc">
-
-<p class="dropt">Turmhoch über das Geschreibsel so vieler Kriegsbücher erhebt sich das
-Werkchen dieses Schweizer Schriftstellers. Jede der fünf Geschichten ist
-ein Kunstwerk und bereitet reinen Genuß.</p>
-
-<p class="right">
-»Hamburger Fremdenblatt«
-</p></div>
-
-<p class="h2">
-In tiefster russischer Provinz</p>
-<p class="center larger">
-Zwei Erzählungen von <em class="gesperrt">L. Haller</em></p>
-<p class="center">
-Gebunden Fr. 4.50
-</p>
-
-<div class="desc">
-<p class="dropt">Wäre dieses prächtig erzählte Buch nicht einige Monate vor dem Krieg
-sondern während des Kriege erschienen, es hätte bereits Massenauflagen
-erlebt. Wer die Seele des russischen Volkes mit ihren tiefen Wundern und
-Unfaßlichkeiten, ihren chaotischen und dumpfen Leidenschaften und ihrem
-gutmütig-tölpelhaftem Humor in der Spiegelung eines scharfen, neutral beobachtenden
-Auges sehen will, muß Hallers Schilderungen lesen.</p></div>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter"></div>
-<div class="transnote" id="tnextra">
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Unterschiedliche Schreibweisen wurden beibehalten.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-
-<div class="corr">
-<p>
-S. VII: Sloveneu → Slovenen<br />
-Italiener und <a href="#corr_vii">Slovenen</a></p>
-<p>
-S. VIII: Dee → Die<br />
-<a href="#corr_viii">Die</a> Geschichte der Grotte</p>
-<p>
-S. 2: Aufenhaltes → Aufenthaltes<br />
-dritten Tag meines dortigen <a href="#corr002">Aufenthaltes</a></p>
-<p>
-S. 10: etwes → etwas<br />
-dann liegt wirklich <a href="#corr010">etwas</a> exzentrisch Schönes</p>
-<p>
-S. 20: Selsamer → Seltsamer<br />
-<a href="#corr020">Seltsamer</a> Weise melden die mittelalterlichen Schriften</p>
-<p>
-S. 37: zu Mutter → Mutter zu<br />
-in den Schoß einer guten, großen <a href="#corr037">Mutter zu</a> legen</p>
-<p>
-S. 41: ihrer → Ihrer<br />
-die mir an <a href="#corr041">Ihrer</a> Seite beschieden war</p>
-<p>
-S. 42: Ausang → Ausgang<br />
-Am <a href="#corr042a">Ausgang</a> dieses Tieflandwinkels</p>
-<p>
-S. 42: west römischen → weströmischen<br />
-vom <a href="#corr042b">weströmischen</a> Kaiserthrone verjagt</p>
-<p>
-S. 46: Kelter → Kelten<br />
-die <a href="#corr046">Kelten</a> und Illyrier sahen aus achtungsvoller</p>
-<p>
-S. 48: zusamengewürfelt → zusammengewürfelt<br />
-der damaligen Welt <a href="#corr048">zusammengewürfelt</a> war</p>
-<p>
-S. 49: ein → eine<br />
-<a href="#corr049">eine</a> Belagerung glücklich bestand</p>
-<p>
-S. 57: Rönierin → Römerin<br />
-goldenen Geschmeid der <a href="#corr057">Römerin</a></p>
-<p>
-S. 77: pläschert → plätschert<br />
-die Lagunenwelle im Röhricht <a href="#corr077">plätschert</a></p>
-<p>
-S. 98: Siebenzehnzährige → Siebenzehnjährige<br />
-sie eine kaum <a href="#corr098">Siebenzehnjährige</a></p>
-<p>
-S. 105: Leuchturm → Leuchtturm<br />
-der <a href="#corr105">Leuchtturm</a> spielt mit</p>
-<p>
-S. 109: innen → ihnen<br />
-Häuserfronten zwischen <a href="#corr109">ihnen</a> fesselten</p>
-<p>
-S. 122: Tag → Tage<br />
-In einem elf <a href="#corr122">Tage</a> andauernden Sturme</p>
-<p>
-S. 123: die → der<br />
-Als wir auf <a href="#corr123">der</a> Steuermannsbrücke</p>
-<p>
-S. 128: habe → haben<br />
-viereckige Türme <a href="#corr128">haben</a> es zu Kriegszeiten</p>
-<p>
-S. 134: nouva → nuova<br />
-weder in Umago noch in Citta <a href="#corr134">nuova</a></p>
-<p>
-S. 135: als als → als<br />
-sich <a href="#corr135">als</a> ein Mann von Welt</p>
-<p>
-S. 146: egypische → egyptische<br />
-marokkanische und <a href="#corr146">egyptische</a> Wimpel</p>
-<p>
-S. 157: sömmerlich → sommerlich<br />
-eine lichtvolle <a href="#corr157">sommerlich</a> warme Nacht</p>
-<p>
-S. 165: bizzarren → bizarren<br />
-im einzelnen ebenso <a href="#corr165">bizarren</a></p>
-<p>
-S. 176: sieht → steht<br />
-Da <a href="#corr176">steht</a>, damit es dem staunenden Wanderer</p>
-</div>
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Ferien an der Adria, by Jakob Christoph Heer
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FERIEN AN DER ADRIA ***
-
-***** This file should be named 50888-h.htm or 50888-h.zip *****
-This and all associated files of various formats will be found in:
- http://www.gutenberg.org/5/0/8/8/50888/
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net (This book was produced from scanned
-images of public domain material from the Google Books
-project.)
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions will
-be renamed.
-
-Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
-law means that no one owns a United States copyright in these works,
-so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
-States without permission and without paying copyright
-royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
-of this license, apply to copying and distributing Project
-Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
-concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
-and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
-specific permission. If you do not charge anything for copies of this
-eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
-for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
-performances and research. They may be modified and printed and given
-away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
-not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
-trademark license, especially commercial redistribution.
-
-START: FULL LICENSE
-
-THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
-PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
-
-To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
-distribution of electronic works, by using or distributing this work
-(or any other work associated in any way with the phrase "Project
-Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
-Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
-www.gutenberg.org/license.
-
-Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
-Gutenberg-tm electronic works
-
-1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
-electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
-and accept all the terms of this license and intellectual property
-(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
-the terms of this agreement, you must cease using and return or
-destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
-possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
-Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
-by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
-person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
-1.E.8.
-
-1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
-agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
-electronic works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
-Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
-of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
-works in the collection are in the public domain in the United
-States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
-United States and you are located in the United States, we do not
-claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
-displaying or creating derivative works based on the work as long as
-all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
-that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
-free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
-works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
-Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
-comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
-same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
-you share it without charge with others.
-
-1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
-what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
-in a constant state of change. If you are outside the United States,
-check the laws of your country in addition to the terms of this
-agreement before downloading, copying, displaying, performing,
-distributing or creating derivative works based on this work or any
-other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
-representations concerning the copyright status of any work in any
-country outside the United States.
-
-1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
-
-1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
-immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
-prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
-on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
-phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
-performed, viewed, copied or distributed:
-
- This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
- most other parts of the world at no cost and with almost no
- restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
- under the terms of the Project Gutenberg License included with this
- eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
- United States, you'll have to check the laws of the country where you
- are located before using this ebook.
-
-1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
-derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
-contain a notice indicating that it is posted with permission of the
-copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
-the United States without paying any fees or charges. If you are
-redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
-Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
-either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
-obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
-trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
-additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
-will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
-posted with the permission of the copyright holder found at the
-beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
-License terms from this work, or any files containing a part of this
-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
-
-1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
-
-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
-any word processing or hypertext form. However, if you provide access
-to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
-other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
-version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
-(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
-to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
-of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
-Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
-full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
-provided that
-
-* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
- to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
- agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
- within 60 days following each date on which you prepare (or are
- legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
- payments should be clearly marked as such and sent to the Project
- Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
- Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
- Literary Archive Foundation."
-
-* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
- you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
- does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
- License. You must require such a user to return or destroy all
- copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
- all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
- works.
-
-* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
- any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
- electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
- receipt of the work.
-
-* You comply with all other terms of this agreement for free
- distribution of Project Gutenberg-tm works.
-
-1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
-Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
-are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
-from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
-Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
-trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.
-
-1.F.
-
-1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
-effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
-works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
-Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
-electronic works, and the medium on which they may be stored, may
-contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
-or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
-intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
-other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
-cannot be read by your equipment.
-
-1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
-of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
-Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
-Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
-liability to you for damages, costs and expenses, including legal
-fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
-LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
-PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
-TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
-LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
-INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
-DAMAGE.
-
-1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
-defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
-receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
-written explanation to the person you received the work from. If you
-received the work on a physical medium, you must return the medium
-with your written explanation. The person or entity that provided you
-with the defective work may elect to provide a replacement copy in
-lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
-or entity providing it to you may choose to give you a second
-opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
-without further opportunities to fix the problem.
-
-1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
-
-1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
-
-1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause.
-
-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.
-
-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
-
-For additional contact information:
-
- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
-
-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.
-
-The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit www.gutenberg.org/donate
-
-While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.
-
-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
-
-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
-
-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
-
-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.
-
-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.
-
-Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org
-
-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
-
-
-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
diff --git a/old/50888-h/images/chap-end.png b/old/50888-h/images/chap-end.png
deleted file mode 100644
index 14b09ad..0000000
--- a/old/50888-h/images/chap-end.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/cover.jpg b/old/50888-h/images/cover.jpg
deleted file mode 100644
index bf610f3..0000000
--- a/old/50888-h/images/cover.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/drop-a.png b/old/50888-h/images/drop-a.png
deleted file mode 100644
index e998eff..0000000
--- a/old/50888-h/images/drop-a.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/drop-d.png b/old/50888-h/images/drop-d.png
deleted file mode 100644
index 05fbdd9..0000000
--- a/old/50888-h/images/drop-d.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/drop-e.png b/old/50888-h/images/drop-e.png
deleted file mode 100644
index be5e21b..0000000
--- a/old/50888-h/images/drop-e.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/drop-i.png b/old/50888-h/images/drop-i.png
deleted file mode 100644
index 6babd7a..0000000
--- a/old/50888-h/images/drop-i.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/drop-v.png b/old/50888-h/images/drop-v.png
deleted file mode 100644
index ee6e3ea..0000000
--- a/old/50888-h/images/drop-v.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/drop-w.png b/old/50888-h/images/drop-w.png
deleted file mode 100644
index 23024b8..0000000
--- a/old/50888-h/images/drop-w.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/illu-001.png b/old/50888-h/images/illu-001.png
deleted file mode 100644
index fdb38ff..0000000
--- a/old/50888-h/images/illu-001.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/illu-027.png b/old/50888-h/images/illu-027.png
deleted file mode 100644
index 529cf69..0000000
--- a/old/50888-h/images/illu-027.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/illu-045.png b/old/50888-h/images/illu-045.png
deleted file mode 100644
index 03d90a3..0000000
--- a/old/50888-h/images/illu-045.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/illu-073.png b/old/50888-h/images/illu-073.png
deleted file mode 100644
index 3f17354..0000000
--- a/old/50888-h/images/illu-073.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/illu-087.png b/old/50888-h/images/illu-087.png
deleted file mode 100644
index efb0ce8..0000000
--- a/old/50888-h/images/illu-087.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/illu-106.png b/old/50888-h/images/illu-106.png
deleted file mode 100644
index 20bcf7b..0000000
--- a/old/50888-h/images/illu-106.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/illu-125.png b/old/50888-h/images/illu-125.png
deleted file mode 100644
index bf1b8c6..0000000
--- a/old/50888-h/images/illu-125.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/illu-143.png b/old/50888-h/images/illu-143.png
deleted file mode 100644
index 6ff365f..0000000
--- a/old/50888-h/images/illu-143.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/50888-h/images/illu-163.png b/old/50888-h/images/illu-163.png
deleted file mode 100644
index 3e8c19f..0000000
--- a/old/50888-h/images/illu-163.png
+++ /dev/null
Binary files differ