diff options
Diffstat (limited to 'old/50770-8.txt')
| -rw-r--r-- | old/50770-8.txt | 14411 |
1 files changed, 0 insertions, 14411 deletions
diff --git a/old/50770-8.txt b/old/50770-8.txt deleted file mode 100644 index ebf68ea..0000000 --- a/old/50770-8.txt +++ /dev/null @@ -1,14411 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Wunderwelten, by Friedrich Wilhelm Mader - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - -Title: Wunderwelten - Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten - unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt - entführt wird - -Author: Friedrich Wilhelm Mader - -Illustrator: Willi Egler - -Release Date: December 26, 2015 [EBook #50770] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WUNDERWELTEN *** - - - - -Produced by Jens Sadowski - - - - - - Wunderwelten - - - - - Wunderwelten - - - Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den - Planeten unternimmt und durch einen Kometen - in die Fixsternwelt entführt wird. - - Erzählung - für Deutschlands Söhne und Töchter - von W. Mader - Illustriert von W. Egler - - Verlag für Volkskunst / Rich. Keutel / Stuttgart - - Alle Rechte vorbehalten. - - Kunstdruckerei des Verlags für Volkskunst, Rich. Keutel, Stuttgart. - - - - - Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - Personenverzeichnis VI - Vorwort VII - 1. Ein kühnes Unternehmen 1 - 2. Sannah, das Weltschiff 5 - 3. Eine wunderbare Entdeckung 10 - 4. Die Fahrt ins Leere 13 - 5. Im Weltenraum 20 - 6. Am Mond vorbei 27 - 7. Eine ernste Gefahr 34 - 8. Die großen Astronomen 38 - 9. Der Mars 43 - 10. Eine Landung auf dem Mars 46 - 11. Die Schrecken des Mars 50 - 12. Eine Entdeckungsreise auf dem Mars 56 - 13. Die Marsbewohner 61 - 14. Eine Marskatastrophe 68 - 15. Im Meteorenschwarm 79 - 16. Ein Konzert in der Sannah 88 - 17. Die Asteroiden 93 - 18. Die Planetoideninsel 97 - 19. Der Komet 102 - 20. Die Seeschlange 110 - 21. Jupiter 115 - 22. Ein Besuch auf dem Saturn 120 - 23. Eine unfreiwillige Polarreise 126 - 24. Eine Nacht auf dem Ringplaneten 132 - 25. Eine seltsame Welt 139 - 26. Ein Kampf um die Sannah 146 - 27. Vom Kometen entführt 155 - 28. Die Geheimnisse der äußersten Planeten 162 - 29. Eine Reise ins Unendliche 164 - 30. Schimpansenstreiche 171 - 31. Verloren im Weltraum 176 - 32. Der Riesenkraken 184 - 33. Ohne Luft! 192 - 34. Ein verhängnisvoller Zusammenstoß 195 - 35. Ein Wunder 199 - 36. In der Fixsternwelt 204 - 37. Eine neue Erde 209 - 38. Die Wunder Edens 214 - 39. Sonderbare Naturgesetze 219 - 40. Eine neue Tierwelt 228 - 41. Eine paradiesische Nacht 237 - 42. Höhere Wesen 245 - 43. Im Hause des Gastfreunds 255 - 44. Neue Erkenntnisse 260 - 45. Heliastra 268 - 46. Überirdische Klänge 272 - 47. Im Reiche des Friedens 277 - 48. Eine Reise auf dem Planeten 282 - 49. Münchhausens Fabeln 286 - 50. Abschied 290 - 51. Der Planet des Fremdartigen 295 - 52. Eine Weltkatastrophe 299 - 53. Durch die Sonne 303 - 54. Der Planet Merkur 309 - 55. Zurück zur Erde! 314 - 56. Sannah 318 - Nachweise 329 - - - - - Personenverzeichnis. - - - 1. Lord Charles Flitmore. - 2. Mietje, Lady Flitmore, geborene Rijn, seine Gattin. - 3. Professor Heinrich Schultze. - 4. Kapitän Hugo von Münchhausen. - 5. Heinz Friedung. - 6. John (Johann) Rieger, Flitmores Diener. - Zwei Schimpansen: Dick und Bobs. - - ---- - - 7. Ein alter Marsbewohner. - ---- - 8. Gabokol. - 9. Bleodila, seine Gattin. - 10. Fliorot, sein Sohn. - 11. Glessiblora } seine Töchter. - 12. Heliastra } - - Im Schlußkapitel: - - 13. Doktor Otto Leusohn. - 14. Sannah, geborene Rijn, seine Gattin. - 15. Hendrik Rijn. - 16. Helene, seine Gattin, Doktor Leusohns Schwester. - 17. Tipekitanga, die Zwergprinzessin. - 18. Amina, ein Somalimädchen. - 19. Piet Rijn, Hendriks, Mietjes und Sannahs Vater. - 20. Frans } - 21. Klaas } weitere Söhne Piet Rijns. - 22. Danie } - - - - - Vorwort. - - -Den vollen Gewinn von dieser Erzählung wird nur die schon gereiftere -Jugend haben, die mit Verständnis und gewiß auch mit lebhaftem Interesse -die Wunder der Sternkunde kennen lernen wird. Das ganze Gebiet der -Astronomie soll ihr im Laufe der Erzählung in der Hauptsache erschlossen -werden. - -Nun werden aber auch wohl jüngere Leser, für welche die -wissenschaftlichen Gespräche vielleicht noch zu hoch sind, die seltsamen -Erlebnisse und Entdeckungen der Weltall-Reisenden lesen wollen. Diese -mögen getrost die Stellen überschlagen, die ihnen noch nicht -verständlich erscheinen, namentlich in Kapitel 8, 15, 18, 26, 32 und 48. - -Sollte einem oder dem andern Kritiker einiges über die Grenzen des -Wahrscheinlichen (natürlich nicht des »Möglichen«) hinauszugehen -scheinen, so möge er sich aus den Nachweisen überzeugen, ob nicht die -Wissenschaft selber die Phantasie stützt. - -_Eschelbach_, im Juli 1911. - - Der Verfasser - - - - - 1. Ein kühnes Unternehmen. - - -Professor Dr. Heinrich Schultze lehnte sinnend in seinen Sessel zurück. -Vor ihm auf dem mit Büchern und Papieren bedeckten Schreibtisch lag ein -Brief, der seine Gedanken beschäftigte. - -Da läutete es an der Eingangstüre seiner Wohnung und kurz darauf pochte -es gewaltig an die Studierzimmertüre. - -»Herein!« rief der Professor, sich erhebend. - -Die Türe öffnete sich und es erschien ein ältlicher, doch frisch und -blühend aussehender Mann von stattlicher Leibesfülle. - -»Kapitän Münchhausen!« rief Schultze und eilte überrascht und erfreut, -auf den Mann zu, ihm beide Hände entgegenstreckend. »Welcher günstige -Monsun führt Sie von Australien nach Berlin und just in dieser Stunde? -Ich bin starr! Denken Sie, soeben weilten meine Gedanken bei Ihnen in -Adelaide und ich wünschte mir, Sie herzaubern zu können.« - -»Nun! Der Zauber ist gelungen!« lachte Münchhausen: »da bin ich. Und was -mich herführt? Sie wissen, ich halte das untätige Herumsitzen auf dem -Kulturboden nicht lange aus. Na! habe ich gedacht: schaust einmal nach, -was der olle Schultze macht; vielleicht plant er wieder irgend ein -famoses Unternehmen; da muß ich dabei sein! Und plant er keins, so will -ich ihn aufrütteln und wir planen eines miteinander. He! Wie steht's -damit, Professorchen?« - -»Ich sage Ihnen, Sie kommen wie gerufen. Da, setzen Sie sich her, altes -Haus.« - -Unterdessen drückte der Professor auf den Knopf der elektrischen Klingel -und beauftragte den hierauf erscheinenden Diener, eine Flasche Wein und -zwei Gläser zu bringen und alsdann im Eßzimmer einen kalten Imbiß zu -richten: »Das Feinste, was wir haben,« mahnte er: »Der Kapitän ist -Feinschmecker.« - -»Oho!« lachte dieser: »Habe ich mir nicht Termiten, Raupen und -Rohrratten schmecken lassen, wenn es darauf ankam? Ich nehme alles wie -es kommt.« - -»Jetzt kommt aber etwas Besseres als afrikanische Hungerkost, alter -Freund; und ich weiß, Sie nehmen das Bessere gerner an als das -Schlechtere.« - -»Ein Narr, wer's nicht tut! Aber nun, Professor, was planen Sie?« - -»Ich habe eigentlich gar nichts geplant; aber ein andrer: Sie erinnern -sich wohl noch Lord Flitmores?« - -Münchhausen lachte, daß es dröhnte: »Auf so eine Frage kann doch nur ein -weltfremder Professor verfallen! »Erinnern« ist gut! Wenn man mit einem -Manne, wie der Lord, solche Abenteuer erlebt, solche Kämpfe durchfochten -und solche herrliche Stunden durchkostet hat, wie wir zwei beide, dann -soll man ihn wohl vergessen können? Verzeihen Sie, Professor, aber Ihre -Frage ist ... na, wie soll ich sagen?« - -»Dumm!« ergänzte Schultze, seinerseits lachend: »Sie haben recht, oller -Seebär. Also! Hier habe ich einen Brief von Flitmore erhalten. Er -schreibt, er habe eine kaum glaubliche Entdeckung gemacht.« - -»Kaum glaublich? Hören Sie, dem glaube ich alles, dem traue ich das -Wunderbarste zu nach den Proben seines Erfindergenies, die er uns in -Afrika gegeben.« - -»Das stimmt! Aber hören Sie: er schreibt, seine Entdeckung hebe die -trennenden Räume des Weltalls auf und gestatte Reisen nach dem Mond, -nach den Planeten, vielleicht gar in die Fixsternwelt. Und nun ladet er -mich ein, ihn auf seiner ersten Fahrt zu begleiten. Was halten Sie -davon? Sollte er nicht doch ein wenig übergeschnappt sein?« - -»O, daß Sie Männer der Wissenschaft keine neue, erstaunliche Entdeckung -ohne Zweifel begrüßen können! Wenn die Professoren darüber zu -entscheiden hätten, alle genialen Erfinder kämen ins Irrenhaus! Ich -sagte Ihnen, dem Lord traue ich alles zu. Er ist ein Genie. -Telegraphieren Sie ihm nur gleich, ob er mich mitnimmt? Ha! das gibt -eine Reise! Das ist noch nie dagewesen, außer in der Phantasie kühner -Schriftsteller: Da muß ich mit!« - -»Das ist es ja gerade: Lord Flitmore bittet mich, ihn zu begleiten, da -er weiß, daß ich mich in den letzten Jahren ganz auf die Astronomie -geworfen habe und er meine Veröffentlichungen auf diesem Gebiet mit -Interesse und Beifall verfolgte, wie er schreibt. Dann aber fragt er -nach Ihnen und nach Ihrer Adresse. Er ist voll Bewunderung für das -Automobil, das Sie erfanden, und mit dem wir Australien durchforschten.« - -»Ja, ja, die Lore!« schmunzelte der Kapitän: »Sie war kein übler -Gedanke. Aber nach dem Mond -- ne! Das hätte sie doch nicht geleistet«. - - [Illustration: Kapitän Münchhausen bei Professor Schultze.] - -»Also, bei Ihren technischen Kenntnissen und Ihrer Erfindungsgabe auf -diesem Gebiet glaubt der Lord keinen besseren Ingenieur und Kapitän für -sein Weltschiff finden zu können, als Sie, und wäre höchlichst erfreut, -Sie für das Unternehmen gewinnen zu können.« - -»Topp!« rief Münchhausen begeistert: »Wann reisen wir?« - -»Holla!« lachte Schultze: »Nicht so eilig, alter Freund! Sie sind ein -unüberlegter Jüngling. Bedenken Sie,« fuhr er ernst werdend fort: »Das -Wagnis ist mehr als kühn: es geht auf Tod und Leben. Der Lord verfehlt -nicht, dies ausdrücklich hervorzuheben: kein Mensch kann wissen, welche -Gefahren und welch ungeahnte Katastrophen dem Erdenbürger drohen, der -seinen heimischen Planeten verläßt und sich über die Atmosphäre in die -Leere des Weltenraums erhebt.« - -»Ging es etwa in Afrika und Australien und wo wir sonst noch forschten, -nicht auch auf Tod und Leben? Ahnten wir im voraus die Gefahren, denen -wir entgegengingen?« - -»Wohl! Aber es waren irdische Gefahren.« - -Der Kapitän zuckte die Achseln: »Hören Sie, Sie tifteliger Professor: -Todesgefahr ist Todesgefahr, ob sie nun auf der Erde oder über der Erde -droht, ist meines Erachtens völlig einerlei: mehr als unser Leben können -wir hier oder dort nicht verlieren. Aber wer soll noch sonst mit? Auf -die Reisegesellschaft kommt bei so etwas viel an.« - -»Eine große Gesellschaft wird es nicht werden: zunächst wird die Gattin -des Lords ihn begleiten.« - -»Schau, schau! Mietje! Allen Respekt! Ein beherztes Frauenzimmer ist sie -stets gewesen, das hat sie uns damals in Ophir zur Genüge bewiesen.« - -Schultze aber fuhr fort: »Ferner Flitmores Diener, John Rieger.« - -»Freut mich, freut mich! Eine edle, treue Seele und ein gelungener -Mensch. Er befindet sich also immer noch in des Lords Diensten?« - -»Allerdings, und er hat sich zum tüchtigen Mechaniker ausgebildet, wie -ihn Flitmore als eifriger Automobilfahrer braucht. Endlich will noch -mein junger Freund Heinz Friedung sich uns anschließen. Ich riet ihm -vergebens ab: er ist Feuer und Flamme für die Weltreise.« - -»Hören Sie, Professor, den jungen Mann habe ich in mein Herz geschlossen -seit wir unsre Reise nach den Unnahbaren Bergen mit ihm machten. Das -gibt eine famose Reisegesellschaft! Was treibt denn unser Heinz seither -und wo weilt er?« - -»Er hat sich auf die Sprachwissenschaften geworfen und lebt hier in -Berlin als Privatdozent. Er beginnt, sich einen Namen zu machen und hat, -wie er mir anvertraute, eine epochemachende Entdeckung auf seinem Gebiet -gemacht, doch verrät er noch nichts Näheres davon.« - -Der Diener meldete, daß der Imbiß bereit stehe. - -Die Beiden tranken ihre Gläser leer und begaben sich nach dem -Speisezimmer. - - - - - 2. Sannah, das Weltschiff. - - -Eine Woche später landeten Schultze, Münchhausen und Heinz Friedung in -Brighton und fuhren dann mit der Bahn nach Lord Flitmores Besitzung, die -sich in der Grafschaft Sussex befand. - -Ein prächtiges altes Schloß, von einem ausgedehnten Park umgeben, an den -Felder, Wiesen und Waldungen stießen -- ein ganzes kleines Königreich -- -wurde den Ankömmlingen als des Lords Residenz bezeichnet. - -Von weitem schon konnte man über die Baumwipfel eine Riesenkugel -emporragen sehen, die im Sonnenschein glitzerte. - -»Das ist des Lords Weltschiff!« rief Heinz Friedung. - -Schultze schüttelte den Kopf: »Dies Fahrzeug muß ein fabelhaftes Gewicht -haben,« meinte er: »Wie sich Flitmore damit in die Luft erheben will -oder gar über die Atmosphäre, ist mir rein unerfindlich.« - -Der Kapitän aber entgegnete: »Brauchen Sie auch nicht zu erfinden, -Professor! Seien Sie getrost, das Genie unsres englischen Freundes hat -zweifellos die Aufgabe gelöst, sonst hätte er uns nicht zur Fahrt -eingeladen.« - -Lord Flitmore hatte die Gäste um diese Stunde erwartet und kam ihnen mit -seiner jugendlichen Frau bis an das Parktor entgegen. - -Er war ein hochgewachsener Mann mit rötlichem Backenbart. Eine ernste -Würde verlieh ihm etwas Steifes, echt Englisches; doch das war nur -äußerlich: obgleich er nicht viel Worte machte und seine Begrüßung -ziemlich trocken klang, merkte man doch die warme Herzlichkeit und die -aufrichtige Freude heraus. - -Mietje, seine Gattin, eine geborene Burin aus Südafrika, gab sich -keinerlei Mühe, ihre Gefühle hinter gemessener Würde zu verbergen: sie -kam den Freunden mit strahlendem Lächeln entgegen und schüttelte allen -kräftig die Hand. - -Schultze und Münchhausen waren alte Bekannte des Lords von Afrika her; -an Heinz wandte sich der Engländer mit den Worten: - -»Sie, Herr Friedung, sind mir auch schon lange bekannt und wert, wenn -ich Sie auch persönlich noch nie traf; haben Sie doch in den -Schilderungen der australischen Reise meiner Freunde stets eine -hervorragende und sympathische Rolle gespielt.« - -Für die Ankömmlinge war ein wahres Festmahl gerichtet und sie wurden -fürstlich bewirtet; dann gab es noch gar vieles zu berichten über ihre -Erlebnisse und Arbeiten in der Zeit, da sie den Lord nicht mehr gesehen. -Punkt zehn Uhr jedoch hielt Flitmore seine häusliche Abendandacht, -worauf sich alles zur Ruhe begab. - -Am andern Morgen nach dem Frühstück führte der Lord seine Gäste auf die -weite Wiese, auf der die gewaltige Kugel ruhte, die schon bei ihrer -Ankunft das Erstaunen unsrer Freunde geweckt hatte. - -»Das also ist Ihr Luftschiff?« bemerkte der Professor, als sie -bewundernd an der mächtigen Sphäre hinaufblickten. - -»Weltschiff,« verbesserte Flitmore: »Ein Luftschiff ist an die -Atmosphäre gefesselt, wir aber wollen mit diesem Fahrzeug den Luftraum -verlassen, wenigstens die Lufthülle, die unsern Erdball umgibt; darum -können wir füglich von einem >Luftschiff< nicht mehr reden: Die ganze -Welt, der unendliche Raum steht diesem Vehikel offen.« - -»Sie haben recht,« gab Schultze zu. »Also >Weltschiff<.« - -Der Engländer aber fuhr fort: - -»Ich habe übrigens meiner Kugel einen eigenen Namen gegeben. Der schöne -Gedanke, den Sie hatten, Herr Kapitän, als Sie Ihr Automobil Lore -tauften, hat mir eingeleuchtet, und so gab ich meiner Erfindung den -Namen >Sannah<.« - -»Zu Ehren Ihrer liebenswürdigen Schwägerin, der mutigen Gattin unsres -Freundes Doktor Leusohn in Ostafrika?« fragte Schultze. - -»Gewiß!« fiel Mietje ein: »Wir kamen beide sofort auf den Gedanken, den -Namen meiner fernen Schwester für das Gefährt zu wählen, das uns auf -einer Reise voll unbekannter Gefahren zur Heimat werden soll.« - -»Freut mich!« rief Münchhausen: »Mit Sannah bin ich mit besonderer -Vorliebe gereist, und ich bin überzeugt, diese neue Sannah wird ihrem -Namen Ehre machen, uns Treue beweisen und die Reise so angenehm wie -möglich gestalten.« - -»Aus was für einem Stoff besteht eigentlich Ihr Weltschiff?« fragte nun -Heinz Friedung: »Es glitzert ja wie Glimmer.« - -»Diese schimmernde Hülle ist Flintglas,« erklärte Flitmore; »Wir müssen -damit rechnen, daß wir auf unsrer Fahrt Temperaturen antreffen werden, -die nicht nur unser Leben, sondern auch unser Fahrzeug vernichten -könnten. Gegen die Kälte des Weltraums, die ich übrigens nicht für gar -so schlimm halte, wie man meistens annimmt, schützt uns die elektrische -Heizung. - -Wir können aber auch durch Weltnebel und kosmische Staubwolken mit einer -solchen Geschwindigkeit sausen, daß Sannah in Weißglut geriete, wie die -Meteore, die in unsre Atmosphäre stürzen; das Gleiche wird ihr drohen, -wenn wir uns der Sonne oder einem andern glühenden Weltkörper nähern. -Ich habe daher die Hülle meines Weltschiffes genau so herstellen lassen, -wie die Wandungen der feuerfestesten Kassenschränke und auch diese Hülle -noch mit dem unverbrennlichen Flintglas überkleidet, so daß wir hoffen -dürfen, ohne Schaden auch längere Zeit hindurch uns den höchsten -Temperaturen aussetzen zu dürfen.« - -»Aber die Fenster?« warf Schultze ein. - -»Ich habe allerdings sechs große Fenster, die aus sehr dickem Glas -bestehen und einen Ausblick nach allen Seiten gestatten. Unter jeder -dieser Scheiben befindet sich ein mächtiges Fernrohr, da wir mit bloßem -Auge meist nicht viel zu sehen bekämen. Sobald wir jedoch einer Hitze -ausgesetzt würden, die meinen Fenstern gefährlich werden könnte, genügt -der Druck auf einen Knopf im Innern des Schiffes, um im Augenblick -sämtliche Fenster mit einem Schutzdeckel völlig dicht zu schließen, wie -mit einem Augenlid.« - -»Ungeheure Größenverhältnisse hat Ihr Weltschiff, das muß ich sagen!« -bemerkte der Kapitän bewundernd. - -»Eigentlich sind sie gering«, erwiderte der Engländer: »Ein -Zeppelinsches Luftschiff zum Beispiel hat noch ganz andre Maße. Meine -Kugel hat 45 Meter im Durchmesser; um den Mittelpunkt befindet sich ein -Raum von 15 Metern in der Länge, Breite und Höhe, der somit 3375 -Kubikmeter Rauminhalt hat. Hier sind die Reisevorräte verstaut in -mehreren pyramidenförmigen Abteilungen mit der Spitze nach unten, das -heißt nach dem Mittelpunkte zu. - -Dieser Mittelraum bildet die Grundlage für die einzelnen Zimmer, die von -ihm nach sechs Seiten hin ausstrahlen bis an die Hülle hin. Jedes dieser -Zimmer, 5 Meter breit und etwa 3 Meter hoch, so daß sich allemal 5 -solcher Säle übereinander befinden, deren äußerster als Wohn- und -Beobachtungszimmer dient; leiterartige Treppen führen von einem -Stockwerk zum andern. Die obersten Zimmer sind 15 Meter lang, die andern -werden nach dem Zentrum zu etwas kürzer. - -Abgesehen von den äußersten Gemächern, die sich unmittelbar unter der -Wölbung der Kugelhülle befinden, bietet jede dieser dreißig -Aufenthaltsgelegenheiten einen Raum von 200 bis 225, im ganzen etwas -über 6000 Kubikmetern. Außer den Wohn- und Schlafzimmern habe ich hier -Werkstätten eingerichtet: eine Schreinerei, eine Schmiede, ein -chemisches Laboratorium; die übrigen Räume dienen abwechselnd zum -Aufenthalt, wenn die verbrauchte Luft in den andern erneuert werden muß. - -Die äußersten Kammern unter der Oberfläche sind durch besondere Gänge -miteinander verbunden, die ich Meridiangänge benenne, weil sie gleichsam -als innere Längen- und Breitengrade im Innern der Kugel verlaufen.« - -»Auch außen haben Sie, scheint es, Meridiane angebracht«, bemerkte -Münchhausen. - -»Sie meinen die Rampen?« fragte der Lord: »Diese kleinen Geländer, die -ich für bestimmte Zwecke für vorteilhaft hielt, strahlen allerdings auch -von einem Punkte aus und kreuzen sich wieder im entgegengesetzten -Punkte, stellen also füglich Längengrade dar. - -Den sechs Sälen, die sich unmittelbar unter der äußeren Umhüllung der -Kugel befinden, gab ich aus praktischen Gründen besondere Namen: zu -oberst befindet sich das Zenithzimmer, zu unterst das Antipodenzimmer; -in der Mitte, dem Äquator, wenn Sie wollen, zeigt sich vor uns das -Nordpolzimmer, dem hinten das Südpolzimmer entspricht; rechts das -Ostzimmer, links das Westzimmer. Wie Sie sehen, verfuhr ich etwas -unwissenschaftlich mit diesen Benennungen, da ich Nordpol und Südpol auf -den Äquator verlegte. Aber das ist ja alles bloß Übereinkommen: -betrachten Sie die Linie, die vom Zenithzimmer über das Ost- und -Antipodenzimmer zum Westzimmer läuft als Äquator, so stimmt die Sache -wieder und wir haben zwei einander senkrecht schneidende Äquatorlinien, -aus dem einfachen Grunde, weil meine Kugel nicht in Grade eingeteilt -ist, aus der wir eine andere Bezeichnung für den Längsäquator hernehmen -könnten und weil ich meine Rampenmeridiane vom Zenith- statt von einem -Polzimmer ausgehen ließ.« - -»Mit all den genannten Räumen aber«, warf Schultze ein, »ist der Raum -Ihrer Kugel noch lange nicht ausgenützt.« - -»Gewiß nicht! Mein Weltschiff hat einen Umfang von 141,3 Metern, eine -Oberfläche von 6358,5 Quadratmetern und einen Inhalt von 47688,75 -Kubikmetern. Rechnen wir den Raum der 30 Zimmer, der Vorratskammern und -der Meridiangänge ab, auf die zusammen etwa 10000 Kubikmeter kommen, so -verbleiben noch beinahe 38000 Kubikmeter; von diesen werden etwa 30000 -durch die Stahlkammern ausgefüllt, die gepreßten Sauerstoff enthalten -und ungefähr 8000 sind mit Ozon angefüllt; denn was wir vor allem -brauchen, ist Luft, gesunde, stets erneuerte Luft.« - -»Sie erwähnten vorhin die elektrische Heizung«, nahm der Kapitän wieder -das Wort: »Ich darf wohl annehmen, daß auch Küche, Schmiedewerkstatt und -chemisches Laboratorium nur auf elektrischem Wege geheizt werden, um -jede Rauchentwicklung zu vermeiden.« - -»Ganz richtig«, bestätigte Flitmore. - -»Wie aber beschaffen Sie die elektrische Kraft?« - -Der Lord lachte: »Sie kennen ja meine mächtigen Batterien von Afrika -her, Kapitän. Aber ich gestehe ehrlich, die Hauptsache für die -elektrische Speisung meiner Sannah verdanke ich Ihnen. Sie haben ja kein -Geheimnis aus Ihrer wunderbaren Erfindung gemacht, dem ausgezeichneten -Akkumulator, der Ihre Lore trieb. Nun, solche Akkumulatoren, System -Münchhausen, nehme ich mehrere mit und erzeuge, wie Sie, die nötige -Reibungselektrizität durch eine Maschine hauptsächlich mit Handbetrieb, -so weit meine Batterien nicht dazu ausreichen sollten.« - - - - - 3. Eine wunderbare Entdeckung. - - -Nach diesen Erklärungen lud Flitmore seine Gäste ein, die Innenräume zu -besichtigen, was diese unter seiner Führung mit regstem Interesse taten. - -Sie fanden alles mit größter Zweckmäßigkeit und Behaglichkeit -eingerichtet; was ihnen zunächst auffiel, war, daß sämtliche -Einrichtungsgegenstände als Tische, Stühle, Bettstellen usw. aus -Kautschuk hergestellt waren, wie auch Wände, Decken und Fußböden sich -mit dicken Gummiplatten ausgelegt erwiesen; was aber aus Holz und Metall -bestand: Hobelbank, Amboß, Herd usw. war am Fußboden festgeschraubt. - -»Diese Vorsicht glaubte ich nicht außer acht lassen zu dürfen«, erklärte -der Lord, »da wir nicht wissen können, welchen Erschütterungen unsre -Sannah ausgesetzt sein kann, wenn sie etwa mit einem Meteoriten -zusammenstoßen sollte oder etwas unsanft auf irgend einem Weltkörper zum -Landen käme.« - -Die Besichtigung nahm mehrere Stunden in Anspruch. Als nun alles -eingehend betrachtet und bewundert worden war, nahm Heinz Friedung das -Wort: - -»Verzeihen Sie, Lord Flitmore«, sagte er: »Sie sehen uns alle überzeugt, -daß kein Fahrzeug umsichtiger und zweckmäßiger für eine kosmische Reise -ausgerüstet sein könnte, als Ihre herrliche Sannah; aber welche -Wunderkraft soll sie in den Weltraum schleudern? Das ist das Rätsel, das -ich vergeblich zu lösen versuche. Dürfen wir etwas davon erfahren oder -ist es ein Geheimnis?« - -»Sie haben recht«, erwiderte Flitmore: »Ich bin Ihnen eine Erklärung -schuldig. Es handelt sich hier um eine Entdeckung, die ich zufällig -machte, und die mir erst den Gedanken und die Möglichkeit eines solchen -Unternehmens gab. - -Sie kennen die Schwerkraft und ihre Gesetze und wissen auch, daß die -Wissenschaft keine Ahnung davon hat, was diese Schwerkraft ihrem Wesen -nach eigentlich ist. Die Anziehungskraft der Weltkörper ist ja wohl eine -Erklärung für die Schwerkraft, aber wir wissen eben geradesowenig, was -die Anziehungskraft ist und worauf sie beruht. Würde sie auf der -Umdrehung oder Rotation beruhen, so müßten wir zum Beispiel gegen die -Erdachse angezogen werden, während tatsächlich die Anziehung gegen den -Mittelpunkt der Erde sich richtet: es ist eine Zentripetalkraft. -Möglicherweise hängt diese Kraft mit dem Magnetismus zusammen und dieser -wieder mit der Elektrizität. - -Nun wissen Sie, daß es eine positive und eine negative Elektrizität -gibt: was die eine anzieht, stößt die andre ab; so gibt es einen -positiven und einen negativen Magnetpol, einen Nord- und einen Südpol, -und der Zentripetalkraft entspricht eine Zentrifugalkraft. Mit andern -Worten, außer der Anziehung gibt es auch eine Abstoßung, und letztere -Kraft nenne ich »Fliehkraft«. - -Es ist klar, daß, wenn unsre Erde neben ihrer Anziehungskraft auch eine -abstoßende Kraft besitzt, erstere bei weitem überwiegen muß in Bezug auf -ihre Wirkung auf alle irdischen Körper; denn sämtliche Körper, auf -welche die Abstoßungskraft überwiegend wirken würde, müßten sofort von -der Erde abgestoßen werden, wären also nicht mehr da. Aus diesem -einfachen Grunde bleibt uns diese zweite Kraft verborgen. - -Nun habe ich aber durch zufällige Kombinationen eine Elektrizität oder -einen magnetischen Strom entdeckt, der diese Fliehkraft darstellt. - -Wird der Strom geschlossen, so werden die von ihm durchströmten Körper -von der Erde abgestoßen und das mit um so größerer Kraft, je stärker der -Strom ist. Bei unterbrochenem Strom tritt die Anziehungskraft der Erde -wieder in ihre Rechte. - -Meine »Fliehkraft« ist sozusagen die umgekehrte Schwerkraft, ein -Magnetismus, der vom Erdmagnetismus abgestoßen wird, und der seinerseits -auf diesen abstoßend wirkt. - -Das ist das ganze Geheimnis. Alle Versuche, die ich anstellte, hatten -den gleichen Erfolg; jeder Körper, den ich mit Fliehkraft lud, und wenn -er sonst noch so schwer war, erhob sich in die Luft mit wachsender -Geschwindigkeit und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Sie begreifen, daß -mir diese Entdeckung den Gedanken nahelegen mußte, ein Fahrzeug -herzustellen, das mittelst der Fliehkraft sich dem Bereich der -Anziehungskraft unsres Erdballs entziehen könnte.« - -Mit großer Verwunderung lauschten unsre Freunde diesen überraschenden -Ausführungen und Schultze meinte kopfschüttelnd: »Na, wir werden ja -sehen!« - - - - - 4. Die Fahrt ins Leere. - - -Es war eine helle Nacht, wenngleich der Mond nur die Hälfte seines -beleuchteten Angesichts zeigte, als die kühne Reisegesellschaft ihre -abenteuerliche Fahrt antrat. Flitmore ließ noch einige letzte -Vorratskisten und Gebrauchsgegenstände in der Sannah verstauen. Auch die -von ihm erfundene und in Afrika erprobte Nährmaschine nahm er für alle -Fälle mit. In Kolben und Metallgefäßen verwahrte er die chemischen -Stoffe, aus denen er mittels der Maschine Tabletten von hohem Nährwert -erzeugen konnte. Dies hatte den Vorzug, daß in kleinen Behältern, die -nur sehr wenig Raum einnahmen, die Mittel zur Verköstigung auf viele -Monate mitgenommen werden konnten. Überdies vermochte er mit seiner -Maschine bei einer Landung aus jedem Erdreich, das die für den -Pflanzenwuchs nötigen Bestandteile enthielt, diese Bestandteile -auszusondern und zu verarbeiten, genau wie es die Pflanzen tun, die Mehl -und genießbare Früchte erzeugen. Wozu aber die Halme, Gesträuche und -Bäume Monate oder wenigstens Wochen benötigen, das brachte die -Nährmaschine in wenigen Stunden zuwege. So schloß diese geniale -Erfindung eine Hungersnot aus, auch wenn die reichen Lebensmittelvorräte -erschöpft werden sollten, im Falle die Reise sich über alle Erwartungen -hinaus verlängern würde. - -Besonders wichtig war dem Lord auch sein photographischer Apparat, mit -dem er nach dem neuesten Verfahren Lichtbilder in natürlichen Farben -herzustellen verstand. - -Heinz trug seine geliebte Violine in ihrem Kasten bei sich: er war ein -Meister im Geigenspiel und die Zartheit und Gefühlsinnigkeit seines -Strichs übertraf selbst das, was man von berühmten Virtuosen zu hören -gewohnt ist. Überdies blies er gelegentlich auch Piston mit ebensolch -vollendeter Meisterschaft. - -Flitmore selber war ein begeisterter Kenner und Freund der Musik. Er -spielte nicht weniger als drei Instrumente mit gleicher Fertigkeit, das -Klavier, das Cello und die Posaune. - -Da Lady Flitmore auf dem Klavier Vorzügliches leistete, John Rieger, der -Diener, Flöte blies und selbst Kapitän Münchhausen nicht unmusikalisch -war, konnte man hoffen, in der Sannah Konzerte aufzuführen, die sich -überall hätten hören lassen dürfen. - -Der Lord hatte daher nicht versäumt, für solche willkommene -Veranstaltungen in der Sannah ein eigenes, glänzend ausgestattetes -Musikzimmer einzurichten, das sogar einen Flügel enthielt, dazu Blas- -und Streichinstrumente aller Art, ein ganzes Orchester. Für die nötigen -Noten und Partituren war selbstverständlich reichlich gesorgt: da sollte -keine Langeweile aufkommen! - -Alle waren vor der Eingangspforte der Sannah versammelt, zum Einsteigen -bereit, als Flitmores treuer Diener John noch als Letzter erschien, und -zwar begleitet von zwei kräftigen Affen, die der Lord den erstaunten -Gefährten folgendermaßen vorstellte: - -»Sie sehen hier zwei dienstbare Geister, die Schimpansen Dick und Bobs. -Der erstere verdankt seinen Namen einem schlechten Wortspiel, da er in -der Tat etwas fettleibig ist, also in deutscher Sprache als »Dick« -bezeichnet werden kann; der zweite hat eine auffallende Ähnlichkeit mit -Lord Roberts, dem Feldmarschall, den wir bekanntlich »Bobs« heißen. - -Die Tiere sind äußerst intelligent und gelehrig und sind vorzüglich -eindressiert auf das Treiben der Maschine zur Speisung des elektrischen -Akkumulators. Sie mögen uns ferner von Nutzen sein, wenn das Schicksal -uns auf einen Weltkörper verschlagen sollte, der mit Pflanzenwuchs -gesegnet wäre. Da wir in solchem Fall gewärtig sein müssen, lauter uns -völlig unbekannte Früchte dort vorzufinden, werden uns die Schimpansen -davor bewahren, irgend etwas Giftiges oder Schädliches zu genießen; denn -darin ist ihr Instinkt untrüglich.« - -Mit vor Erwartung klopfenden Herzen betraten unsre Freunde die unterste -Kammer der Sannah, die eher ein Saal zu nennen war, wie alle ihre Räume. -Nun mußte es sich bald zeigen, ob eine Erhebung in den unendlichen Raum -möglich sei. Und wenn es geschah, -- was würden ihrer für -Überraschungen, für Gefahren dort warten? - -»Charles«, sagte Mietje zu ihrem Gatten: »Ich will mich in das oberste -Stockwerk begeben und unsre Annäherung an den Mond beobachten.« - -»Vortrefflich«, stimmte Flitmore ihr zu: »Wollen Sie vielleicht so -freundlich sein, meine Frau zu begleiten, Heinz? Wir wollen unterdessen -betrachten, wie die Erde aussieht, während wir uns von ihr entfernen. -Wenn da nichts mehr zu sehen ist, kommen wir auch nach oben, und das -wird bald der Fall sein; denn nach meinen Berechnungen werden wir -schnell die Geschwindigkeit des Lichts erreichen, 300000 Kilometer in -der Sekunde.« - -»Na, na!« rief der Professor zweifelnd. - -»Steigen Sie die Treppe hinauf, Sie alter Zweifler«, sagte der Lord; -»wie Sie sehen, befindet sich Okular und Spiegel des Teleskops dort oben -in der Nähe der Decke. Es ist dies freilich etwas unbequem für den -Beobachter, aber was wollte ich machen, wo es gilt nach unten Ausschau -zu halten.« - -»Wissen Sie auch, was oben und unten ist?« rief Heinz, der eben durch -die obere Luke in der Decke das Gemach verließ, dem Lord herab. - -Niemand begriff, was er damit meinte; aber der Gedanke, der dem jungen -Gelehrten soeben aufgeblitzt war und ihn zu dieser merkwürdigen Frage -gebracht hatte, hatte seine volle Berechtigung, wie die Zurückbleibenden -binnen Kurzem erfahren sollten. - -Heinz hatte inzwischen die Luke hinter sich verschlossen und stieg mit -Lady Flitmore weiter hinan von Stockwerk zu Stockwerk, bis die 14 drei -Meter hohen Treppen überwunden waren und sie im obersten Saal anlangten. - -Flitmore verschloß während dieser Zeit den Eingang zum untersten Raume -hermetisch und überzeugte sich, ob alles in Ordnung und nichts vergessen -worden sei. - -Der Professor saß bereits auf dem obersten Absatz der Stiege am Okular -des Fernrohrs. - -»Nun denn, in Gottes Namen und im Vertrauen auf des Allmächtigen -Schutz!« rief der Lord feierlich: »Meine Herren, ich schließe den -Strom.« - -Da geschah etwas völlig Unerwartetes. - -Mietje und Heinz vernahmen in diesem Augenblick ein dumpfes Geräusch, -das sich durch das ganze Fahrzeug fortpflanzte. - -»Was bedeutet das?« fragte die Dame. - -»Es purzelt alles durcheinander«, sagte Heinz lachend: »die Herren -lernen jetzt oben und unten aus praktischer Erfahrung unterscheiden, sie -sind jedenfalls alle herabgestürzt.« - -»Wieso?« frug Mietje erschrocken: »Hat mein Mann den Eingang nicht -rechtzeitig verschlossen? Unmöglich! Sie meinen doch nicht, daß sie -herausgestürzt sind, während die Sannah sich erhob?« - -»Nein, nein! Überhaupt bei der guten Auspolsterung der Räume hat -es keine Gefahr, und was wir vernommen haben, ist nur das -Durcheinanderpoltern der Kisten und Ballen in den unteren -Vorratskammern; denn aus den gummibelegten Sälen kann kein Ton bis zu -uns dringen.« - -Die Lady schüttelte den Kopf; sie begriff nicht recht und dachte nur, -die Abfahrt sei mit einem starken Ruck erfolgt, der dort unten einiges -durcheinandergeworfen habe. Freilich, ganz unerklärlich blieb es dann -immer noch, daß hier oben auch nicht die geringste Erschütterung zu -spüren gewesen war. - -Was war geschehen? - -Die Männer dort unten waren sich selbst nicht klar darüber, während das -Ereignis sich mit einer erschreckenden Plötzlichkeit abspielte. - -Dem Professor auf seinem Sitz am Plafond war es plötzlich, als habe er -einen Purzelbaum gemacht und stehe nun auf dem Kopf; und doch hatte er -sich nicht geregt. - -Im gleichen Augenblick kollerten Lord Flitmore und sein Diener die -Treppe herauf oder vielmehr herunter, wie es nun aussah, und kamen auf -Schultze zu liegen. - -Wie eine Bombe platzte gleichzeitig Münchhausen herab, glücklicherweise -in einiger Entfernung, so daß seine Leibesfülle keinen der andern traf, -sonst hätte es ein Unglück gegeben. - -Dank seinem Fettpolster und dem Guttaperchaüberzug der Decke nahm er bei -dem Sturz aus drei Meter Höhe keinen Schaden. - -Sämtliche Möbel des Zimmers stürzten ebenfalls herab und kamen zum Teil -auf die zappelnden Männer zu liegen und über alles hinweg turnten die -erschreckten Schimpansen. - -»Da hört sich aber doch alle Wissenschaft auf!« grollte Schultze, als -Flitmore und John die glücklicherweise so gummiweichen Sessel von sich -abgewälzt hatten und den Professor von der Last ihrer eigenen Körper -befreiten. - - [Illustration: Besichtigung des Weltschiffs.] - -Alle drei richteten sich auf und Schultze stellte mit Befriedigung fest, -daß keiner verletzt war. - -Dann sah er sich um. - -»Weiß der Kuckuck!« rief er, »wir stehen auf dem Plafond. Wahrhaftig, -die Decke ist zum Fußboden und der Fußboden zur Decke geworden. Schauen -Sie doch: die Treppe hängt verkehrt herab und das Teleskop ist nach oben -gerichtet. Da! Sehen Sie! Die Erde schwebt über uns, ah! herrlich!« - -In der Tat bot die mondbeschienene Erde einen prächtigen Anblick; sie -entfernte sich mit rasender Geschwindigkeit und schon sah man durch das -große Fenster die Umrisse der britischen Inseln wie auf einer Landkarte -sich aus dem weißglänzenden Meer erheben. - -»Na! So helfen Sie doch mir erst auf die Beine«, rief Münchhausen -unwirsch, während er sich vergeblich bemühte, den großen Kautschuktisch -von sich zu wälzen, der seinen Bauch beschwerte. - -Lachend befreiten ihn Schultze und John und richteten ihn dann mit -großer Anstrengung auf. - -»Ich hab's!« rief in diesem Augenblick der Lord. »Nein! daß ich auch das -nicht in Rechnung zog! Wahrhaftig, Heinz Friedung beschämt uns alle. Hat -er uns nicht noch zugerufen: »Wissen Sie auch, was oben und unten ist?« -Er allein hat die Folgen geahnt, die aus der Loslösung von der -Anziehungskraft der Erde sich ergeben mußten.« - -»Schafskopf, der ich bin!« rief Schultze und glaubte im Augenblick -selber an die Richtigkeit seiner Behauptung: »Das ist ja sonnenklar! -Stößt die Erde uns ab, so ist auch die Richtung nach der Erde für uns -nicht mehr unten, sondern oben! Lord, entweder müssen Sie die -Einrichtung Ihrer sämtlichen Zimmer völlig umändern oder Sie müssen -zusehen, ob Sie ihre ganze Sannah zu einer Umdrehung veranlassen können, -sonst stehen Ihre sämtlichen Stiegen auf dem Kopf.« - -»Das ist meine geringste Sorge«, erwiderte Flitmore. »Die Treppen sind -leiterartig und leicht gebaut, bestehen aus Aluminium und lassen sich -aushaken. Wir können sie ohne große Mühe umdrehen; aber ich sorge, ob -Mietje und Heinz keinen Schaden nahmen, und wie wird es in meinem -chemischen Laboratium aussehen! Die Röhren und Gläser alle in Scherben. -Schade! Ein Glück, daß die elektrischen Glühbirnen an den Wänden und -nicht an den Plafonds angebracht waren, sonst ragten sie jetzt aus dem -Fußboden empor und wären durch die stürzenden Möbel zertrümmert worden.« - -Es wurde beschlossen, zunächst nach der Lady und Heinz zu sehen. - -Die Deckenluken waren nun zu Falltüren im Fußboden geworden und die -Treppen, die zu Aufstieg berechnet waren, galt es nun hinabzuklettern. -Hiezu mußten sie erst ausgehängt und umgedreht werden, eine Arbeit, die -zwar Mühe kostete, aber doch gelang. - -Bei dem Abstieg jedoch kamen neue Überraschungen: die Decken und -Fußböden der Zimmer erschienen durchaus nicht eben noch wagrecht: sie -zeigten bedenkliche Neigungen und Steigungen. Als die ersten fünfzehn -Meter überwunden waren, hörte der Abstieg überhaupt auf: von da ab waren -Decke und Fußboden der Zimmer nicht einfach vertauscht, sondern zu -Seitenwänden geworden; die Decken- und Fußbodenluken waren hier einfache -Türen und es bedurfte gar keiner Treppe mehr, um sie zu erreichen. -Anfangs zeigten sich die neuen Fußböden, die bisher Zimmerwand gewesen -waren, nach unten geneigt, im späteren Verlauf jedoch wurden sie mehr -und mehr zu ansteigenden schiefen Ebenen und zuletzt schien auf einmal -wieder alles in Ordnung, man konnte die folgenden Treppen belassen, wie -sie waren, und statt des Abstiegs begann nun ein Aufstieg zu den letzten -fünf Zimmern. -- Kapitän Münchhausen schüttelte den Kopf, während er -keuchend seine Leibesfülle die Treppen emporschleppte: »Ihre Sannah ist -rein verhext, Lord!« rief er: »Ich komme aus diesen Verhältnissen nicht -mehr draus.« - -»Sonderbar, in der Tat, sonderbar«, gestand Flitmore. - -»Nein! Ganz natürlich,« belehrte der Professor überlegen; denn sein -fleißiges Nachdenken hatte ihn des Rätsels Lösung finden lassen. »Unsre -Sannah ist sozusagen selbständig geworden, ein von der Anziehungskraft -der Erde emanzipiertes Frauenzimmer, ganz modern! Sie hat nun ihre -eigene Zentripetalkraft und ihr Mittelpunkt ist für uns fortan jederzeit -unten und ihre Oberfläche überall oben. Sie ist ein Planet für sich oder -sagen wir ein Planetoid; sie ist in die Reihe der Weltkörper -eingetreten, großartig, was?« - -»Sie haben recht, Professor!« stimmte Flitmore zu. »Und, sehen Sie, in -diesen oberen Räumen ist alles in Ordnung geblieben, nur daß sich Decke -und Fußboden gegen den Mittelpunkt neigen. Ein Glück, daß mein -chemisches Laboratorium sich hier befindet. Da ist kein Stück -beschädigt, nur etwas zusammengerutscht sind die Sachen, alles gegen die -Mitte hin. Wir müssen zusehen, wie wir uns mit dieser Lage der Dinge -zurechtfinden und uns so bequem als möglich einrichten. Es ist -wahrhaftig fatal, daß ich diese Folgerungen in meine Berechnungen nicht -einbezogen habe, sonst hätte ich Fußböden und Decken sämtlich als -konzentrische Kugeln angeordnet und so allein wäre unter den obwaltenden -Verhältnissen alles topfeben. Jetzt ist die Sache durch und durch -verpfuscht.« - -»Na, schadet nichts, lieber Lord!« tröstete der Kapitän: »Große -Unannehmlichkeiten entstehen uns daraus nicht, nur einige Arbeit, bis -Sie in Ihrer Schreinerei die Hobelbank vom Plafond abgeschraubt haben -und in der Schmiede den Amboß von der Wand, bis schließlich alles in die -gebührende Lage zurückversetzt ist.« - -Oben angekommen, fanden sie Mietje und Heinz vergnügt beieinander. Heinz -hatte der Lady inzwischen den Vorgang erklärt, wie er sich ihn ganz -richtig bedacht hatte, und beide freuten sich, daß alles ohne Schaden -für die andern abgelaufen war. - - - - - 5. Im Weltenraum. - - -Über den Erklärungen und dem Geplauder, das sich nun lebhaft erhoben -hatte, war die Beobachtung der Weiterfahrt völlig vergessen worden, bis -Mietje daran erinnerte. - -»Paßt auf!« sagte sie: »Wir nähern uns mit rasender Geschwindigkeit dem -Mond.« - -Alle schauten nach oben. - -»Allerdings,« sagte Heinz, »er sieht schon ganz stattlich aus, aber -merkwürdig düster.« - -»Hollah!« rief Schultze: »Das ist ja unsre Erde! Dunkel erscheint sie in -der Tat; aber die Umrisse von Europa und Afrika lassen sich ganz -deutlich unterscheiden.« - -Es war wirklich ein entzückender Anblick! Die Erde erschien als flache -Scheibe, etwa zehnmal so groß als die scheinbare Größe des Vollmonds, -und die mondbeleuchteten Kontinente zeigten sich wie auf einem -Erdglobus: Europa, Afrika und ein Teil von Asien waren ganz zu übersehen -und über Indien und Persien leuchtete schon die Morgensonne, so daß die -Küsten deutlich dem staunenden Auge erschienen. - -»Was ist das wieder für ein Spuk!« polterte der Kapitän: »Ich meine -doch, hier sollten wir den Ausblick direkt auf den Mond haben und die -Erde ließen wir auf der andern Seite! Werter Lord, Sie haben mich -sozusagen als Kapitän und Steuermann Ihrer Sannah angeheuert, aber mit -solch einem vertrackten Fahrzeug weiß ich wahrhaftig nicht umzugehen. -He, Professor! Sie Alleswisser, wie erklären Sie nun wieder diese -Absonderlichkeit?« - -»Herrlich!« erwiderte Schultze begeistert: »Als echter Planet, der sich -seiner Bedeutung im Weltall bewußt ist, dreht sich unsre Sannah um ihre -eigene Achse und das in ungefähr zwei Erdenstunden. Passen Sie auf, in -einer Stunde etwa sehen wir da oben wieder den Vollmond aufleuchten, und -sobald wir außer dem Bereich des Erdschattens sind, wechseln bei uns Tag -und Nacht stündlich; wir brauchen uns aber nur zu rechter Zeit in ein -andres Zimmer unter der Oberfläche unsres Planeten zu begeben, um ewigen -Tag zu genießen und unendliche Nacht, ganz nach Belieben!« - -»Ich muß gestehen,« sagte Flitmore, »das alles kommt mir ganz -überraschend; meine astronomischen Kenntnisse sind nicht weit her und -ich habe diese Umstände nicht in Rechnung gezogen.« - -»In der Tat,« lachte Schultze! »Auch über die -Fortbewegungsgeschwindigkeit Ihrer Sannah täuschten Sie sich. Mit der -Lichtgeschwindigkeit ist es einmal sicher nichts; sonst hätten wir den -Mond schon längst hinter uns.« - -»Halt!« wandte der Lord ein: »Sie vergessen, daß wir uns noch in der -Anfangsgeschwindigkeit befinden, die beständig wächst; überdies habe ich -mit Absicht nur einen ganz schwachen Strom unsre Hülle durchkreisen -lassen, damit wir unsern Nachbarn, den Mond, mit Muße betrachten -können.« - -»Wissen Sie, was uns begegnen wird?« fragte der Professor »Wir werden -als Bewohner eines regelrechten Planeten den Gesetzen der Gravitation -unterworfen werden, das heißt unsere Sannah wird in elliptischer Bahn um -die Sonne kreisen und dann sind wir hilflose Gefangene bis wir nach -Verbrauch unseres Sauerstoffvorrats ein klägliches Ende nehmen.« - -»Sie sind ein unheimlicher Prophet, Herr Professor,« rief Mietje: -»Hoffentlich wird Ihre Voraussage nicht in Erfüllung gehen.« - -Schultze zuckte die Achseln: »Die Gravitationsgesetze erleiden keine -Ausnahme; jeder Weltkörper ist ihnen unterworfen; und da unser -Weltschiff zu solch einem Weltkörper im unendlichen Raume geworden ist, -muß er wohl samt uns allen ein Opfer dieser Gesetze werden.« - -»Was ist denn das, wenn ich mir zu fragen die Erlaubnis herausnehmen -darf,« nahm nun John Rieger, der Diener, das Wort, »diese -verhängnisreiche Kraft, woselbst Sie Gravisionskraft nennen?« - -»Das ist diejenige Kraft,« klärte der Professor den Wißbegierigen auf, -»die alle Planeten, das heißt die Weltkörper, die sich um die Sonne -drehen, in ihren Bahnen erhält. Der unsterbliche Isaak Newton hat als -erster die Gesetze dieser Kraft festgestellt, die im Grunde nichts -anderes ist, als die Schwerkraft: alle Weltkörper ziehen einander an und -je größer ihre Masse ist, desto stärker ist ihre Anziehungskraft.« - -»Dann aber müßte doch sozusagen einer auf den andern fallen,« warf -Rieger ein: »voraussichtlich die kleinen auf die größeren, wie zum -Beispiel der Mond auf die Erde und die Erde auf die Sonnen.« - -»Sehr scharfsinnig bemerkt, mein Sohn!« lobte Schultze; »aber der Mond -wird nicht bloß von der Erde, sondern auch von der Sonne angezogen und -alle Weltkörper ziehen einander gegenseitig an. Dazu bewirkt die -Anziehungskraft die elliptische Bewegung der Planeten um die Sonne und -durch diese Eigenbewegung überwinden sie wieder bis zu einem bestimmten -Grad die Anziehungskraft, so daß es eben diese Kraft ist, die in ihren -Folgen das Weltall im Gleichgewicht erhält. Allerdings kommen auch -Störungen in der regelmäßigen Umlaufbahn vor, wenn zwei Himmelskörper -sich auf ihren Wegen nähern und dadurch eine verstärkte Anziehung -aufeinander ausüben. Dadurch wird die Berechnung sehr verwickelt. - -So hat man berechnet, daß die Erde mindestens elf Bewegungen ausführt: -1. dreht sie sich in 24 Stunden um sich selbst, das nennt man ihre -Rotation; 2. bewegt sie sich um die Sonne mit einer Geschwindigkeit von -29450 Metern, also beinahe 30 Kilometern, in der Sekunde; 3. eilt sie -mit dem ganzen Sonnensystem dem Sternbild des Herkules oder der Leier -zu; 4. schwingt die Erdachse; 5. verändert sich die Form der Erdbahn um -die Sonne, indem sie sich bald der Kreisform nähert, bald wieder der -Form einer langgestreckten Ellipse; 6. dreht sich diese Ellipse selber -in ihrer eigenen Ebene in einer Periode von 21000 Jahren; 7. dreht sich -die Erdachse in 25765 Jahren in einem Kreis; 8. die Anziehungskraft des -Mondes, dem wir auch Ebbe und Flut verdanken, läßt den Pol des Äquators -in 18 Jahren und 8 Monaten eine kleine Ellipse beschreiben, da der Mond -eine Anschwellung der Erdmasse am Äquator hervorruft, die eine Art Ebbe -und Flut auch des festen Landes darstellt; 9. die Lage des Schwerpunktes -unseres Erdballs verändert sich allmonatlich ebenfalls infolge der -Mondanziehung; 10. die Planeten, namentlich Jupiter und Venus, -verursachen Störungen der Erdbahn; 11. der Mittelpunkt der jährlichen -Umdrehung der Erde um die Sonne liegt nicht im Mittelpunkt der -letzteren, sondern ist veränderlich. Es wäre übrigens leicht, noch mehr -Bewegungen auszurechnen.« - -»Du siehst, John,« sagte Flitmore lachend, »wenn du in einem fahrenden -Schnellzug auf und ab spazierst, die Hände schlenkernd und dabei die -Finger bewegend, so machen deine Finger 15 Bewegungen mit und der -Bazillus, der in deinem kreisenden Blute deiner Fingerspitze schwimmt, -gar 17.« - -»Aber was sagen Sie, Lord, zu der Befürchtung unseres Professors, daß -wir nun ewig um die Sonne kreisen werden?« fragte Heinz Friedung. - -»Damit hat es keine Gefahr,« erwiderte Flitmore. »Schultze ließ einen -Hauptumstand außer acht. Ich habe überhaupt eine besondere Ansicht über -die Gravitation; ich glaube, daß zwei Kräfte dabei tätig sind, eine -Anziehungskraft und eine gegenseitige Abstoßungskraft, wie man ja auch -annimmt, daß die Moleküle und Atome eines Körpers einander zwar anziehen -aber doch nicht berühren, weil sie einander auch abstoßen. Der Ausgleich -dieser beiden einander entgegenwirkenden Kräfte bestimmt meiner Ansicht -nach den gegenseitigen Abstand, den die Himmelskörper einhalten; so -erkläre ich mir auch, daß die flüchtigen Stoffe der Kometen bei der -Annäherung an die Sonne bis zu einem gewissen Punkt angezogen, von da ab -aber abgestoßen werden und so die Kometenschweife bilden. - -Für uns aber ist die Hauptsache, daß der Strom, der in der Sannah -kreist, die Anziehungskraft überhaupt aufhebt und nur die Fliehkraft -wirken läßt, so daß kein Weltkörper uns in seinen Bannkreis zwingen -kann, so lange der Strom geschlossen bleibt.« - -»Das ist in der Tat richtig,« gab Schultze zu. »Aber hören Sie, noch -eins erscheint mir rätselhaft: wir befinden uns jedenfalls schon längst -im leeren Raum, außerhalb der irdischen Atmosphäre, deren Höhe auf etwa -180 Kilometer geschätzt wird ...« - -»Erlauben Sie, daß ich Sie hier unterbreche,« bat Flitmore: »Wie stellen -Sie sich unsere irdische Lufthülle überhaupt vor?« - -»Nun,« erwiderte der Professor: »Man ist der Ansicht, als ob es eine -scharfe Abgrenzung der Atmosphäre gegen den Raum überhaupt nicht gebe, -sondern bloß einen allmählichen Übergang durch stets zunehmende -Verdünnung der Luft.« - -»Ganz richtig!« sagte der Lord: »Aber die Astronomen oder Astrophysiker, -die diese schöne Theorie aufstellen, vergessen offenbar, daß die Erde -bei ihrem Dahinsausen durch den Raum ihre Lufthülle mit sich nimmt. Wie -wollen wir uns das erklären, wenn diese Hülle gar keine feste Grenze -hat?« - -»Das stimmt!« meinte Heinz: »Es ist klar, daß die Anziehungskraft der -Erde auf die obersten, dünnsten Luftschichten am schwächsten wirkt; in -einer bestimmten Höhe muß die Attraktion nicht mehr genügen, um die in -den leeren Raum übergehende unendlich verdünnte Luft festzuhalten und -somit muß sie alles zurücklassen, was über diese Grenze hinausgeht; wäre -also die Atmosphäre ursprünglich ohne bestimmte Grenze gewesen, so müßte -sie doch alsbald durch die Fortbewegung der Erde zu einer scharfen -Abgrenzung gelangt sein.« - -»Ganz meine Ansicht,« bestätigte Flitmore: »Ich gehe noch weiter; es -wäre anzunehmen, daß die Erde immer mehr von ihrer Atmosphäre an den -leeren Raum verlöre und die Masse derselben beständig abnehmen müßte.« - -»Das leuchtet mir ein,« meinte Schultze: »Jedenfalls muß die Lufthülle -der Erde gegen den Raum scharf abgegrenzt sein, da sie mit der Erde -durch die Leere saust.« - -»Doch nicht!« widersprach der Lord. - -»Oho!« rief Schultze verwundert: »Wie wollen Sie dann aus der Klemme -kommen?« - -»Sehr einfach,« erklärte der Engländer: »Die Lufthülle der Erde ist nie -und nirgends vom raumerfüllenden Stoff scharf unterschieden, weil eben -dieser Stoff, der den Raum erfüllt, und den man Äther nennt, nichts -anderes ist als Luft.« - -»Da hört sich aber doch alle Wissenschaft auf!« lachte der Professor. -»Damit werden Sie in der wissenschaftlichen Welt schwerlich -durchdringen.« - -»Möglich! Aber das ist meine Überzeugung. Ein ganz allmählicher Übergang -der Atmosphäre in den umgebenden Raum ist nur dann möglich, wenn der -Raum eben die gleichen Stoffe enthält, wie die Luft, freilich in äußerst -dünner Verteilung. So mag die Erde einerseits beständig etwas von ihren -obersten dünnsten Luftschichten an den Raum verlieren, sie wird aber -andererseits auch beständig aus dem durcheilten Raum wieder Ersatz -anziehen.« - -»Bravo!« rief Heinz: »Diese Theorie allein scheint mir genügend zu -erklären, wieso die Erde ihre Lufthülle durch die Jahrtausende in -gleicher Dichte und stets erneuerter Reinheit bewahren kann.« - -»So ist es,« bestätigte der Lord: »Und weiter folgt daraus, daß jeder -Weltkörper entsprechend seiner Masse und Anziehungskraft, sowie seiner -Rotations- und Umlaufgeschwindigkeit sich aus dem Raum eine Atmosphäre -angezogen haben muß, die eben durch seine Attraktion verdichtet und an -seiner Oberfläche am dichtesten geworden ist.« - -»Das hieße also: kein Weltkörper ohne Lufthülle?« fragte Schultze. - -»Das wäre allerdings die notwendige Folge meiner Annahme.« - -»Lassen wir das dahingestellt,« fuhr der Professor kopfschüttelnd fort: -»Das Rätsel, von dem ich reden wollte, ist dies: da wir uns im leeren -Raum, oder, wie Sie wollen, in äußerst verdünnter ätherischer Luft -befinden, muß in unserer Umgebung eine Temperatur herrschen, die dem -absoluten Nullpunkt nahe kommt, das heißt 273 Grad unter Null. Nun mag -die Schutzhülle unserer Sannah noch so vorzüglich sein, ebenso Ihr -Heizungssystem; wir müßten dennoch den Einfluß einer so ungeheuren Kälte -spüren. Ich aber spüre nichts Derartiges, vielmehr ist es stets -gleichmäßig behaglich warm.« - -»Über die Temperaturverhältnisse des Raumes sind wir völlig im -unklaren,« entgegnete der Engländer: »Die beständige Abnahme der -Temperatur ist schon innerhalb der Erdatmosphäre widerlegt, in welcher -bekanntlich die große Inversion stattfindet: die unterste Luftschicht -ist 3 bis 4 Kilometer hoch und befindet sich in steter Unruhe und -Bewegung; über ihr befindet sich eine ruhigere, trockene, kalte -Luftschicht, in der die Temperatur bis zu 85 Grad unter Null abnimmt. In -einer Höhe von 10 Kilometern aber beginnt die dritte, sehr gleichmäßige, -ruhige und trockene Schicht, die wieder wärmer ist und bei 14 Kilometer -Höhe 52 bis 57 Grad unter Null aufweist. Die Theorie der >Strahlung< von -Licht und Wärme halte ich für eine völlig verfehlte: sie müßte zu ganz -unmöglichen Folgerungen führen. Bedenkt man, mit welcher Geschwindigkeit -die Erde durch den Raum eilt, so daß in jedem Augenblick neue, zuvor im -Raum verlorene Sonnenstrahlen sie treffen, so müßte man annehmen, daß -sie überhaupt kein Licht und keine Wärme von der Sonne empfangen könnte, -falls nicht der Raum, den sie durchwandert, erleuchtet und erwärmt wäre. -Meiner Ansicht nach pflanzt sich Licht und Wärme in der Weise fort, daß -die erleuchteten und erwärmten Stoffteile des Raumes sie einander durch -Berührung weitergeben, meinetwegen als Schwingungen. Je dünner die -Materie ist, desto rascher gibt sie die Schwingungen weiter und desto -weniger speichert sie an Licht und Wärme auf; je dichter sie ist, desto -mehr absorbiert oder verschluckt sie, speichert davon in sich auf oder -wirft die Strahlen zurück, wobei es auf die Art des Stoffes ebenfalls -ankommt, auf seine Leitungsfähigkeit, Färbung und so weiter.« - -»Sie haben recht, Lord,« mischte sich nun Kapitän Münchhausen in das -Gespräch: »Auf den höchsten Berggipfeln, die infolge der mangelnden -Erdwärme ewig in Eis und Schnee starren, brennt die Sonne viel heißer -als unten in der dichten Atmosphäre. Warum? Die dünne Luft gibt ihre -Wärme rascher ab, wobei sie sich selber weniger durch Aufspeicherung -erwärmt; der Raum, durch den wir fliegen, ist jedenfalls weit kälter als -die Bergluft, aber durchaus nicht so bodenlos kalt, wie man annimmt, und -bei Tag werden wir es erfahren, daß die Sonnenstrahlen uns tüchtiger -einheizen als irgendwo auf der Erde.« - -»Und da eine Hälfte unserer Sannah stets Sonnenlicht genießen wird,« -fügte Heinz bei, »so denke ich, werden wir nie unter zu starker -Abkühlung zu leiden haben.« - -»Damit rechne auch ich,« schloß Flitmore: »Ich glaube, wir werden, -solange wir uns im Bereiche der Sonnenwärme befinden, überhaupt keiner -Heizung mehr bedürfen; im Gegenteil, die Schutzhülle meines Weltschiffs -wird uns vor unerträglicher Hitze bewahren müssen.« - - - - - 6. Am Mond vorbei. - - -Unsere Freunde richteten nun ihr Augenmerk wieder auf den Mond, der sein -weißes Licht aufs neue durch das große Deckenfenster sandte; denn Sannah -hatte inzwischen eine zweite Umdrehung vollendet. - -Er erschien nun als eine ungeheure Kugel, so nah, wie er durch das -stärkste irdische Fernrohr nicht gesehen werden kann. - -»Wir stürzen geradewegs auf ihn zu!« rief Lady Flitmore nicht ohne -Besorgnis. - -»Beruhige dich, Mietje,« tröstete ihr Gatte: »Die Fliehkraft gestattet -nicht, daß wir an seiner Oberfläche zerschellen, er muß uns abstoßen, -ehe wir ihm nahe kommen. Wenn wir übrigens wollten, könnten wir ihm -einen Besuch abstatten: ich brauchte nur den Strom abzustellen.« - -»Ich stimme nicht dafür,« erklärte Münchhausen: »Er sieht durchaus nicht -einladend aus, dieser Sehnsuchtstraum der Poeten.« - -»Und ob wir dort atmen könnten,« meinte Schultze: »Er soll ja keine -Atmosphäre besitzen.« - -»Was das betrifft,« entgegnete der Lord, »so halte ich vorerst an meiner -vorhin geäußerten Meinung fest, daß jeder Weltkörper seine Lufthülle -besitzt.« - -»Doch hat man nie mit Sicherheit Dämmerungserscheinungen auf ihm -beobachten können,« warf der Professor ein. - -»Das beweist gar nichts,« widersprach Flitmore hartnäckig: »Erstens -wollen mehrere Astronomen Dämmerungserscheinungen auf dem Mond erkannt -haben; zweitens gibt es in reiner Luft, wie Tyndall nachwies, überhaupt -keine Dämmerungserscheinungen, diese rühren vielmehr von kleinen -Partikelchen in der Atmosphäre her; so kennen zum Beispiel auch -tropische Länder auf der Erde keine Dämmerung, und die Luft wollen Sie -ihnen doch nicht absprechen? Daß der Mond keine Wolkenbildungen zeigt, -beweist bloß den Wassermangel auf seiner Oberfläche. Andrerseits -erscheint oft ein Stern vor der Mondscheibe, ehe er hinter derselben -verschwindet, was sich am leichtesten durch die atmosphärische -Lichtbrechung erklären läßt.« - -Einladend sah allerdings die Mondlandschaft nicht gerade aus, wie der -Kapitän sehr richtig bemerkt hatte: alles erschien starr, öde und tot, -ohne eine Spur von Pflanzenwuchs und Wasserläufen. Aber hochinteressant -erschien der Anblick und fesselte denn auch die Augen der Beobachter. - -Die Gebirge erhoben sich zu ungeheurer Höhe über ihre Umgebung und -überall zeigten sich die dem Monde eigentümlichen Ringkrater mit ihren -himmelhohen steilen Rändern. Einzelne Erhebungen mochten eine absolute -Höhe von 10000 Metern erreichen. - -Besondere Aufmerksamkeit wandten der Professor und der Lord dem Krater -Linné zu, der von Lohrmann als ein Schacht von zehn Kilometer -Durchmesser beschrieben und von Beer und Mädler als solcher mit -besonderer Deutlichkeit beobachtet wurde, 1866 aber plötzlich -verschwand. An seiner Stelle erschien später ein kleines Kraterchen, das -auch die beiden Beobachter der Sannah erblickten. - -Gerne hätten sie auch den Doppelkrater Messier betrachtet, der sich -ebenfalls in merkwürdiger Weise verändert haben soll: bei nicht weniger -als 300 Beobachtungen von 1829 bis 1837 waren beide Krater rund und -einander gleich; heutzutage zeigt der eine Krater eine elliptische Form -und die Zwischenwand der beiden Schlünde ist durchbrochen. - -Man glaubt auch hie und da ein wogendes Nebelmeer in diesem Krater -gesehen zu haben, vielleicht Rauchwolken. Für unsere Freunde war der -Messier unsichtbar, weil das Mare foecunditatis, wo er sich befindet, in -dunkle Nacht gehüllt war. - -Von mehreren Kratern sah man helle Strahlen ausgehen. Namentlich zeigte -sich diese merkwürdige Erscheinung an dem großartigsten Ringgebirge des -Mondes, dem Tycho, von welchem mehrere hundert getrennte Streifen bis zu -1200 Kilometer Länge ausstrahlten. - -Schultze glaubte in diesen rätselhaften Gebilden erstarrte Lavaströme zu -erkennen mit glatter glänzender Oberfläche. Dafür spricht der Umstand, -daß sie nur bei voller Beleuchtung durch die Sonne sichtbar sind. - -Flitmore dagegen wies darauf hin, daß die Strahlen meist erst in einiger -Entfernung von den Kraterwällen begannen und dann über Ebenen, Krater, -Berge und Täler ununterbrochen hinwegliefen, um dann plötzlich am Fuße -irgendeiner Erhebung zu enden oder sich allmählich in einer Ebene zu -verlieren. Das stimmte doch nicht recht zu der Theorie der Lavaströme. - -Dagegen erkannten beide Forscher deutlich das Wesen der rätselhaften -Rillen, die teils gerade, teils gekrümmt, bald vereinzelt, bald sich -verzweigend oder einander schneidend, sich in den Ebenen und um die -Berge herum zeigten, manchmal auch einen Berg durchbrechend. Sie -erwiesen sich als mehr oder weniger breite klaffende Sprünge in der -Mondoberfläche. - - [Illustration: Mondandschaft.] - -Mehr als einmal wurden auch Neubildungen auf dem Monde beobachtet, und -unsere Freunde hatten das Glück, eine solche unter ihren Augen entstehen -zu sehen: in der großen Ebene des Mare imbrium tat sich auf einmal der -Boden auf, Rauch und Glut brach hervor und es bildete sich binnen -weniger Minuten ein Krater, von dem aus ein Schlamm- oder Lavastrom sich -in die Umgebung ergoß. - -»Schade, daß die Astronomen auf der Erde den neuen Vulkan nicht sehen -können,« meinte Flitmore bedauernd: »Er ist zu klein für ihre -Instrumente.« - -»Wir haben den Vorgang beobachtet, das genügt!« triumphierte Schultze. - -»Ja,« mischte sich Heinz darein; »Falls wir je wieder die Erde erreichen -und Kunde von diesem Vorgang dorthin bringen können.« - -»Damit wäre ein alter Streit entschieden,« sagte der Professor, »wenn -man uns nämlich Glauben schenkt, was immerhin sehr zweifelhaft bleibt.« - -»Was für merkwürdige Farben!« bemerkte nun Lady Flitmore und wies auf -die Gegend des Oceanus procellarum hin. - -In der Tat zeigten sich dort ausgedehnte Flecken von hellgrüner und -gelblicher Färbung. - -»Sollte da am Ende dennoch Pflanzenwuchs vorhanden sein?« wagte Heinz zu -vermuten. - -»Achtung, meine Herren!« rief jetzt der Lord: »Wir werden nun einen -Anblick bekommen, den kein irdisches Auge noch genossen hat. Bekanntlich -kehrt der Mond der Erde stets nur ein und dieselbe Seite zu, weil er -sich genau in der gleichen Zeit um seine Axe wie um die Erde dreht. Nur -infolge seiner Libration, das heißt seiner geringen Axenschwankung, -sehen wir bald auf der einen, bald auf der andern Seite einen kleinen -Teil der von uns abgekehrten Hälfte. - -Nun ist der Moment gekommen, wo wir am Erdtrabanten vorbeifliegen und -seine rätselhafte Rückseite zu Gesicht bekommen werden, und zwar aus -verhältnismäßiger Nähe; denn wir sind ihm bis auf 10000 Kilometer -nahegekommen, während er 400000 Kilometer von der Erde entfernt ist.« - -Alle waren aufs höchste gespannt auf den Anblick, den die geheimnisvolle -Rückseite des Mondes ihnen gewähren würde, obgleich Schultze meinte, sie -werde nicht viel verschieden sein von dem, was man bisher geschaut. - -Zur Beobachtung mußte ein andres Zimmer aufgesucht werden, da infolge -der Umdrehung der Sannah der Mond für das Zimmer, in welchem sich die -Gesellschaft befand, gerade unterging. - -Der Lord beschloß, sich dem Monde noch weiter zu nähern, damit alle -Einzelheiten der zu erwartenden Erscheinungen mit voller Deutlichkeit -beobachtet werden könnten. Er stellte daher den Zentrifugalstrom ab und -mit rasender Geschwindigkeit stürzte die Sannah dem Monde zu. - -Das nächste, was entdeckt wurde, war die Fortsetzung der farbigen -Flecke, die sich durch das Teleskop nun deutlich als grüne Matten und -dürre Grassteppen erkennen ließen. - -»Was ist das?« rief Lady Flitmore auf einmal erschreckt aus. - -Durch das Fenster fiel ein leuchtender Schein. - -Der Lord sah auf und eilte dann mit einem Satz an die Stromschaltung, um -die Fliehkraft wieder in Tätigkeit zu setzen. - -»Was war's?« fragte Heinz. - -»Wir sind in die Mondatmosphäre eingedrungen,« erklärte der Engländer, -»und bei der Geschwindigkeit unsres Sturzes begannen die Metallränder -der Fenstereinfassung trotz des Flintglasschutzes zu glühen; doch die -Gefahr ist beseitigt; wir erheben uns bereits wieder über die -Atmosphäre.« - -»Sie ist also vorhanden, diese vielbezweifelte Mondluft,« sagte -Schultze. - -»Daran ist nicht mehr zu zweifeln; aber sehen Sie!« erwiderte Flitmore. - -Die Mondoberfläche war kaum noch hundert Kilometer entfernt; so hoch -erhob sich der dichtere Teil ihrer atmosphärischen Hülle. Und nun -zeigten sich Landschaftsbilder von entzückender Pracht. - -Auch hier herrschten die sonderbaren Ringgebirge vor; aber sie waren -bewaldet. - -Die Entfernung gestattete nicht, mit bloßem Auge die Natur dieser Wälder -zu erkennen, das Fernrohr jedoch offenbarte ganz eigentümliche -Baumformen, wie sie auf der Erde kaum zu finden sind. Die meisten dieser -Gewächse glichen ungeheuren Grasbüscheln auf hohen Stämmen, so daß sie -palmenartig aussahen; doch hatten die Bäume nur selten eine eigentliche -Krone; meist waren es wagrechte Äste, die ihr buschiges Ende nach allen -Seiten hin ausstreckten. - -Riesenfarnen und Nadelbäume von demselben eigentümlichen Bau waren an -andern Stellen zu sehen; die Wedel standen wagrecht von den Stämmen ab -und neigten sich zum Teil nach unten, so daß unter dem Stamm kein -Schatten zu finden sein konnte, abgesehen vom spärlichen Schatten des -Stammes selber und seines Astholzes; in ziemlicher Entfernung erst umgab -den Baum ein Kreis von schattigen Stellen. - -In den Ringkratern leuchteten häufig kleinere oder größere Seen; -Wasserfälle und Bäche stürzten die steilen Bergwände herab, größere -Flußläufe und Meere waren jedoch nicht zu sehen: die Bäche ergossen sich -in kleine Binnenseen oder versandeten in der Ebene; vielfach schienen -auch Sümpfe die Niederungen zu bedecken. - -Von lebenden Wesen war nichts zu entdecken und Schultze sprach die -Vermutung aus, daß eine Tier- und Vogelwelt jedenfalls vorhanden sein -dürfte, allein wahrscheinlich nur in einer geringen Anzahl von -Exemplaren von bescheidenster Größe, so daß auf solche Entfernung nichts -davon zu erkennen sei. - -Wolkenbildungen schienen auch auf dieser Seite des Mondes überhaupt -nicht vorzukommen, was bei dem Mangel an bedeutenderen Wasserflächen -nicht gerade verwunderlich war. Dagegen stiegen da und dort -Nebelschleier auf, die dazu dienen mochten, das Land zu befeuchten und -die Quellen zu speisen. - -Leider war der größte Teil der Mondscheibe auf dieser Seite in Nacht -gehüllt, so daß es unbekannt blieb, ob nicht noch unbekannte Wunder, -vielleicht gar Spuren menschenähnlicher Geschöpfe in den verborgenen -Gegenden zu schauen gewesen wären. - -»Einen langen Tag und eine lange Nacht haben die etwaigen Mondbewohner,« -sagte Schultze. »Sie währen 14¾ unsrer Erdentage; um so kürzer ist ihr -Jahr, denn es dauert eben nur einen Tag und eine Nacht, im ganzen 29½ -Erdentage. - -Auf dieser Seite des Mondes wird die Erde niemals geschaut, während sie -auf der andern, jedenfalls unbelebten und unbewohnbaren Seite des Mondes -unbeweglich am Himmel steht, ohne jemals auf- oder unterzugehen oder -ihre Lage zu verändern. Sie erscheint dreizehnmal größer als uns auf -Erden der Mond erscheint und macht innerhalb 24 Stunden alle Mondphasen -durch. Welch herrlichen Anblick und welch strahlendes Licht gewährt sie -dort, wo wahrscheinlich niemand sie zu bewundern vermag!« - -Lord Flitmore beschloß, von nun ab die Fahrt in die Welträume aufs -äußerste zu beschleunigen und stellte den vollen Zentrifugalstrom ein; -dann wurde eine Mahlzeit eingenommen, die John als Allerweltskünstler -inzwischen bereitet hatte. - -Da die Weltallreisenden dringendes Ruhebedürfnis verspürten, wurde -beschlossen, daß sich nun jeder in sein eigenes Schlafgemach -zurückziehen solle, um einige Stunden des Schlafes zu pflegen. - -Bei den zahlreichen Räumen, die Lord Flitmores Sannah enthielt, hatte -nämlich jeder ein besonderes und sehr geräumiges Schlafzimmer zur -Verfügung. - -Zuvor aber wurde der Wachdienst geregelt. - -Es wurde allgemein anerkannt, daß eine ständige Wache unerläßlich sei, -einmal weil bei einer Fahrt von solch rasender Geschwindigkeit, wie sie -jetzt ausgeführt wurde, unbekannte Gefahren jederzeit drohten; sodann -weil besonders interessante Erscheinungen sich bieten konnten, die sich -niemand gerne hätte entgehen lassen mögen. - -Die Schlafzeit wurde auf 8 Stunden festgesetzt, und da Mietje darauf -bestand, ihren Wachdienst gleich den Männern zu versehen, wurde jede -»Nacht«, wenn man die Zeit des Schlafes so nennen wollte, in drei Wachen -eingeteilt, so daß auf jeden alle 48 Stunden eine Wache von etwa 2¾ -Stunden kam; gewiß keine übermäßige Leistung, da er hernach schlafen -konnte, so lange es ihm behagte. - -Der jeweilige Wachhabende hatte die Runde durch alle Beobachtungszimmer -zwei- oder dreimal zu machen, um alle Himmelsrichtungen zu beobachten. -Sah er eine Gefahr oder etwas besonders Merkwürdiges, so war er -verpflichtet, das elektrische Läutwerk erklingen zu lassen, das in allen -Gemächern zugleich ertönte und von jedem Zimmer aus durch den Druck auf -einen Knopf in Tätigkeit gesetzt werden konnte. - - - - - 7. Eine ernste Gefahr. - - -Lord Flitmore übernahm die erste Wache. - -Mit ungeheurer Geschwindigkeit stürzte die Sannah ins Leere. - -An der Abnahme der scheinbaren Größe des Mondes berechnete der Lord, daß -sie etwa 100 Kilometer in der Sekunde zurücklegte. - -»Die Geschwindigkeit wird sich mit der Zeit noch verdoppeln, vielleicht -verdreifachen,« murmelte er; »aber damit wird sie auch ihre höchste Eile -erreicht haben. Im gegenwärtigen Tempo würden wir in neun Tagen die -Marsbahn kreuzen, mit 300 Kilometern in der Sekunde in drei Tagen; dann -würden wir drei Wochen benötigen, um die Jupiterbahn zu erreichen, -weitere 25 Tage, um nach dem Saturn zu gelangen, dann 55 Tage bis zum -Uranus und etwa 62 Tage bis zum Neptun, im ganzen fünfeinhalb Monate. -Das würde elf Monate ausmachen, bis wir wieder zur Erde zurückgelangten, -und so lange kann ich wohl hoffen, daß unsere Luftvorräte ausreichen, -ganz abgesehen von der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, sie auf -irgend einem Planeten erneuern zu können, wodurch wir in Stand gesetzt -würden, noch unbestimmte Zeit auf die Besichtigung und Erforschung der -Planeten zu verwenden, deren Natur unserer Konstitution einen Aufenthalt -auf ihrer Oberfläche gestatten würde. So könnten wir also ohne -besonderes Risiko bis an die Grenzen unseres Sonnensystems reisen.« - -»Prächtig!« rief eine Stimme. - -»Oho, Sie sind's, Professor?« sagte der Lord, sich umwendend. »Sie sind -zu früh dran; erst in einer halben Stunde kommt die Wache an Sie.« - -»Na! Ich habe die zwei Stunden famos geschlafen und fühle mich ganz -munter; so wollte ich Ihnen die letzte Zeit Ihrer Wache Gesellschaft -leisten; aber Sie werden müde sein; legen Sie sich nur gleich, wenn Sie -wollen, ich bin ja auf dem Posten.« - -»Ich fühle nichts von Müdigkeit; ich bin es gewohnt, lange zu wachen.« - -»Also bis zum Neptun können wir reisen, wenn ich Sie recht verstand? Das -ist ja famos!« - -»Für mich bedeutet es vielmehr eine Enttäuschung: ich wünschte die -Welträume jenseits unsres Sonnensystems zu erforschen; aber das scheint -nun ausgeschlossen, denn wir würden bei einer Geschwindigkeit von nur -300 Kilometern in der Sekunde so beiläufig 4500 Jahre brauchen, um den -nächsten Fixstern Alpha Centauri zu erreichen.« - -»Na, wissen Sie, Lord, wenn wir uns hier in der Unendlichkeit bewegen, -außerhalb des Bereichs irdischer Naturgesetze, so ist es ja wohl gar -nicht ausgeschlossen, daß wir einige tausend Jahre alt werden,« scherzte -Schultze. - -»Und auf leibliche Nahrung und Atmung in gesunder Luft dabei verzichten -können,« ergänzte Flitmore. »Kann sein! Denn was ein Professor für -möglich hält, muß sein können. Aber ich fürchte, wir würden an -Langerweile zu Grunde gehen, wenn wir viereinhalb Tausend Jährlein durch -den leeren Raum reisen wollten.« - -»Hören Sie, Lord,« sagte Schultze unvermittelt: »Die Sonne wird -merkwürdig klein!« - -Er hatte einen Blick zum Fenster hinausgeworfen und zu seiner -Verblüffung bemerkt, daß die Sonnenscheibe kaum noch halb so groß -erschien, wie gewöhnlich und auch an Glanz in ähnlichem Verhältnis -abgenommen hatte. - -Bei einer Geschwindigkeit von 360000 Kilometern in der Stunde war diese -Erscheinung ein Rätsel: vier bis fünf Tage von 24 Stunden hätte -normalerweise die Fahrt währen müssen, bis die Sonne in solcher -Entfernung sich zeigte. - -Flitmore wunderte sich zunächst nicht weiter über des Professors -Bemerkung: »Ja,« sagte er, »wir entfernen uns immer mehr von unserm -Zentralgestirn.« - -Dabei blickte auch er zum Fenster empor. - -»Halloh!« rief er nun aber ganz verblüfft: »Was soll das bedeuten?« - -Er griff sich an die Stirn, als zweifle er, ob er wache oder träume. - -»Lord, die Sannah macht nicht 300, sondern 15000 Kilometer in der -Sekunde,« rief Schultze aus: »Auf diese Weise erreichen wir Alpha -Centauri bereits in 90 Jahren; wenn übrigens die Geschwindigkeit Ihres -wunderbaren Weltschiffes im gleichen Tempo noch weiter zunimmt, wie -anzunehmen ist, so können auch 90 Tage daraus werden.« - -»Ausgeschlossen, völlig ausgeschlossen!« sagte nun Flitmore ruhig und -bestimmt, ging hin und unterbrach den Zentrifugalstrom. - -»Was machen Sie da?« frug der Professor. - -»Es war die höchste Zeit, daß wir die Sachlage entdeckten,« erklärte der -Lord: »Wir müssen bereits über die Marsbahn hinausgekommen sein. Hätte -ich mich zur Ruhe gelegt und Sie hätten die Bedeutung der auffallenden -Erscheinung nicht erkannt, so wären wir rettungslos verloren gewesen. -Ja, verloren im unendlichen Raum! Es handelt sich hier nicht um eine -fabelhafte Geschwindigkeit unseres Fahrzeugs, sondern um die rasende -Schnelligkeit, mit der unser Sonnensystem durch das Weltall saust. Da -wir die Anziehungskraft für uns aufgehoben hatten, nahm uns das -Sonnensystem auf seiner Fahrt nicht mit, sondern drohte, uns hinter sich -zurück im Raum zu lassen.«, - -»Erlauben Sie, Lord! Die Sonne soll sich freilich mit ihren Trabanten -auf das Sternbild des Herkules zu bewegen, aber nur mit 16 Kilometern in -der Sekunde, so daß diese Bewegung gegen die 300 Sekundenkilometer der -Sannah kaum in Betracht kommt und keinesfalls unsre rasche Entfernung -von der Sonne erklärt.« - -»Sie haben recht, Professor; aber da ist eine Bewegung, die kein -irdischer Astronom erkennen konnte, die aber geahnt und vermutet worden -ist, und die sich in diesem Augenblick enthüllt hat: Die ganze -Fixsternwelt, innerhalb deren sich die einzelnen Systeme bewegen, wie -etwa unser Sonnensystem nach dem Herkules, bildet wiederum ein großes -System, das offenbar mit 15000 oder noch mehr Sekundenkilometern wie ein -Strom durch die Unendlichkeit des Raums dahinfährt und diese Strömung -ist es, die drohte uns unser Sonnensystem in kurzer Zeit zu entführen, -so daß wir im Leeren zurückgeblieben wären, fern von allen Weltkörpern, -die uns hätten anziehen oder abstoßen können und uns so die Aussicht -gewährt hätten, irgendwo zu landen.« - -»Nanu! So hätten wir eben zuwarten müssen, bis der große Weltenstrom -neue Welten in unsre Nähe geführt hätte.« - -»Ein guter Gedanke; aber wer weiß, wie viele tausend Jahre wir darauf -hätten warten müssen. Jedenfalls zog ich es vor, uns wieder dem Einfluß -der Anziehungskraft zu überlassen, da es zunächst für unsre Sicherheit -notwendig erscheint, unser Sonnensystem nicht zu verlassen. Jetzt werden -wir voraussichtlich in die Attraktionssphäre des Mars geraten und müssen -aufpassen, daß wir nicht unsanft auf ihn herabstürzen. Ich werde mich -daher nicht zur Ruhe begeben, um meine Maßregeln rechtzeitig treffen zu -können.« - - - - - 8. Die großen Astronomen. - - -Unsre Freunde hatten beschlossen, ihre Zeitrechnung nach irdischem -Maßstab einzuteilen, um jeglicher Verwirrung der Begriffe zu entgehen, -und so war es, wie die Uhren der Sannah anzeigten, 8 Uhr morgens, als -sich alle um den Frühstückstisch im Nordpolzimmer versammelten. - -Die Schlafgemächer befanden sich sämtlich in den inneren Räumen, die auf -künstliche Beleuchtung angewiesen waren; die vier Säle, die sich in der -Äquatorlinie der Sannah befanden, hatten stets abwechselnd eine Stunde -Tag und eine Stunde Nacht; im Südpolzimmer dagegen herrschte zur Zeit -beständige Nacht, im Nordpolzimmer unaufhörlich Tag. Aus diesem Grunde -wurde letzteres zum gewöhnlichen Aufenthaltsort gewählt. - -Schultze berichtete eingehend über die Vorkommnisse der vergangenen -Nacht und schloß mit den Worten: »Die Tatsache, daß die Erde mit dem -Mond so rasch aus unserem Gesichtskreis entschwand, sowie daß das ganze -Sonnensystem uns zu entfliehen drohte, ist der erste praktische Beweis -für die Richtigkeit des kopernikanischen Systems.« - -»Wieso?« fragte Heinz Friedung erstaunt: »Ich meinte, nichts von der -Welt stehe so sicher wie dieses System und es sei längst schon als -zweifellos richtig erwiesen!« - -»Da sieht man die Schulweisheit!« lachte der Professor: »Was einer -glaubt, verkündigt er, sei es aus Unwissenheit, sei es aus Einbildung, -gewöhnlich als zweifellose Wahrheit. So werden den Schülern und selbst -den Studenten die anerkannten wissenschaftlichen Vermutungen als -felsenfest stehende Wahrheiten verkündigt. Meist lassen sie sich dadurch -täuschen, und so kommt es, daß die große Menge sowie auch die von ihrer -eigenen Unfehlbarkeit überzeugten Gelehrten glauben, jeden verhöhnen und -als ungebildet und rückständig brandmarken zu dürfen, der ihren Glauben -nicht teilt und an dem zweifeln zu dürfen glaubt, was als modernster -Standpunkt der Wissenschaft gilt. - -Es ist wahr, das kopernikanische System ist überaus einleuchtend und -erklärt am besten alle astronomischen Erscheinungen auf der -Wissensstufe, auf der wir zur Zeit stehen; ja, unser ganzes -Physikalisches Begriffssystem beruht auf der Voraussetzung seiner -Richtigkeit. Aber zweifellos bewiesen ist diese Richtigkeit so wenig, -wie irgend eine andre sogenannte »wissenschaftliche Wahrheit«. Es ist -sehr unwahrscheinlich, aber durchaus nicht undenkbar, daß ein kommendes, -fortgeschritteneres Gechlecht wieder zum ptolomäischen Weltsystem -zurückkehrt. Dann müßte allerdings die gesamte astronomische -Wissenschaft umgearbeitet und eine neue Physik erfunden werden, die sich -auf der ptolomäischen Anschauung aufbauen würde. Wie gesagt, es ist -unwahrscheinlich, daß dies geschehen wird, aber durchaus nicht -unmöglich, denn unsre Wissenschaft baut sich lediglich auf Vermutungen -auf, nicht auf Wissen: Tatsachen sind keine Wissenschaft, sondern erst -die stets unsichern Schlüsse, die wir aus den Tatsachen folgern.« - -»Mit Verlaub, Herr Professor,« begann nun John Rieger, der stets -bestrebt war, seine Bildung zu vermehren: »Was ist das eigentlich, das -polemische und das koperganische Weltsystem, wenn ich mir solche Frage -aus Unbescheidenheit zu stellen gestatten darf?« - -»Gewiß darfst du das, und ich will dich gerne aufklären: Claudius -Ptolomäus war ein berühmter Sternkundiger im zweiten Jahrhundert vor -Christus und lebte in der Stadt Alexandria in Ägypten. Er glaubte, die -Erde bilde den Mittelpunkt der Welt und stehe unbeweglich fest, während -Sonne, Mond und Sterne sich um sie bewegten, wie es ja für uns den -Anschein hat. Diese Meinung nennt man das ptolomäische Weltsystem, an -das man noch 1500 Jahre nach Christus allgemein glaubte. - -Nikolaus Kopernikus war ein polnischer Priester, der ein Buch schrieb, -auf dem unsere jetzigen Anschauungen beruhen, und das im Jahre 1543 -erschien. Hier erklärt er nicht nur, daß die Erde sich um ihre Achse -dreht, woraus Tag und Nacht entstehen, sondern daß sie auch in einem -Jahre sich um die Sonne bewegt, die den stillstehenden Mittelpunkt -unseres Sonnensystems bilde, um den sich auch die andern Planeten oder -Wandelsterne drehen. Ja, er entdeckte auch eine dritte Bewegung der -Erde, die Schwankung ihrer Achse, die er Deklination nannte, durch -welche bewirkt wird, daß das Erdenjahr nicht völlig mit einer -scheinbaren Umdrehung des Himmels zusammenfällt, so daß die Tag- und -Nachtgleichen etwas zu früh eintreten. Die Ansicht des Kopernikus nennt -man das kopernikanische Weltsystem.« - -»Na!« meinte John geringschätzig: »Der Ptolomäus muß ja ein ganz -törichter und ungebildeter Mensch gewesen sein und was der Kopernikus -behauptet hat, ist nichts besonderes: Das weiß ja jedes Kind, daß sich -die Erde um die Sonne dreht!« - -»Weil man es ihm in der Schule sagt, mein Freund. Aber du mußt bedenken, -dem Kopernikus hat es niemand gesagt, der hat es aus sich selbst heraus -gefunden.« - -»Halt, Professor!« widersprach der Lord: »Es ist eine uralte Weisheit -der Ägypter, die Kopernikus aufwärmte, wodurch jedoch sein Verdienst -nicht geschmälert sein soll. Schon in den ältesten Zeiten gab es große -Geister, die auffallend richtige Begriffe über die Erde und unser -Sonnensystem besaßen. Sie scheinen dieselben von den ägyptischen -Priestern überkommen zu haben und diese vielleicht von den Chaldäern. -Aber das Verdienst dieser scharfen Denker ist es, daß sie diese damals -so unglaublichen Wahrheiten als richtig erkannten und auf Grund -derselben wissenschaftliche Großtaten vollbrachten. - -Denken Sie an die Cheopspyramide, die 3000 Jahre vor Christus erbaut -wurde und deren Maße in überraschend genauem Verhältnis zum Umfang der -Erde und zu einigen erst in neuester Zeit wieder entdeckten -astronomischen Entfernungsmaßen stehen. Ihre Kanten sind nach den vier -Himmelsrichtungen gerichtet, und in der königlichen Leichenkammer -befindet sich ein Spiegel, der durch einen langen, geneigten Tunnel -unaufhörlich nach dem Polarstern blickt. Wer solche Berechnungen -auszuführen vermochte, besaß Fähigkeiten und wissenschaftliche -Kenntnisse, eine Beobachtungsgabe und eine Denkkraft, die auch von den -ersten Größen unserer modernen Astronomie Kopernikus, Keppler, Galilei -und Isaak Newton nicht übertroffen wurde.« - -»Sie haben recht«, gab Schultze zu: »Die Alten hatten gewaltige Geister, -die ohne unsre modernen Hilfsmittel, ohne Teleskop und Spektralanalyse, -beinahe so viel erreichten, wie unsre modernsten wissenschaftlichen -Größen mit all den Vorteilen der Riesenarbeit ihrer Vorgänger und der -vollkommensten Instrumente. - -Schon der griechische Weltweise Bion lehrte 500 Jahre vor Christus die -Kugelgestalt der Erde und behauptete, es müsse auf unsrer Erde Gegenden -geben, auf denen es sechs Monate lang Tag und sechs Monate Nacht sei. -Eratosthenes von Alexandria rechnete den Umfang der Erde mit -verblüffendem Scharfsinn und erstaunlicher Genauigkeit aus, wobei er zu -annähernd demselben Ergebnis kam, wie lange vor ihm die Chaldäer. - -Der Geograph Strabo ahnte Amerika, da er sagte, es könne noch zwei oder -mehrere unbekannte Kontinente auf der Erdkugel geben. Aristarch wagte -es, die Entfernung und Größe des Mondes und der Sonne zu berechnen, -wobei er die Größe des Mondes und die Entfernung der Sonne fast genau so -angab, wie wir sie heute erforscht haben: das waren Maßstäbe, die für -jene Zeiten geradezu ungeheuerlich erscheinen mußten. Posidonius -lieferte eine wahrhaft wunderbare Berechnung der Erdatmosphäre und der -Lichtbrechung, und ebenso erstaunlich ist seine Berechnung der Größe der -Sonne: wir ahnen nicht, mit welchen Mitteln er solche verblüffende -Ergebnisse erreichte. - -Auch Apollonius von Pergä war ein solcher Geistesriese, der den Begriff -der Parallaxe entdeckt haben soll, das heißt die Methode zur Berechnung -der Entfernung der Gestirne. Hipparch berechnete den Schattenkegel des -Mondes mit großer Genauigkeit und schloß daraus auf die Entfernung von -Sonne und Mond. - -Pythagoras lehrte die Bewegung der Erde als Ursache der scheinbaren -Bewegung der Gestirne; Aristarch erkannte, daß die Erde sich um die -Sonne drehe und daß die Fixsterne sich in ungeheurer Entfernung von uns -befinden. Dies alles scheint übrigens Demokrit schon 400 Jahre vor -Christus erkannt zu haben. - -Archimedes hatte schon die ersten Ideen von der Gravitation. Aber all -diese kühnen Fortschritte lagen hernach jahrhundertelang brach und -vergessen, bis Kopernikus sein großes Werk schrieb, zu dessen Prophet -sich der unglückliche Giordano Bruno aufwarf. - -Dann kam Tycho Brahe, der große Beobachter, dem Kepler so viel -verdankte. Johann Kepler stellte die berühmten Gesetze der -Planetenbewegung auf, ihre elliptische Bahn um die Sonne, das Gesetz -ihrer Bewegungsgeschwindigkeit im Verhältnis zu ihrer Bahn und das -Gesetz des Verhältnisses ihrer Umlaufzeit zu ihrer mittleren Entfernung -zur Sonne. - -Galilei benutzte als erster das Fernrohr, entdeckte die Monde des -Jupiter und die Mondphasen der Venus; Cassini berechnete die Entfernung -der Sonne aus ihrer Parallaxe beim Durchgang des Mars; Römer und -Leverrier maßen die Geschwindigkeit des Lichts, Newton stellte die -Gesetze der Gravitation auf; Kant und Laplace brachten das Weltall mit -seinen Bewegungsgesetzen in ein großartiges System und erklärten seine -Entstehung, Entwicklung und seine Zukunft. Endlich entdeckte Herschel -den Planeten Uranus, Piazzi, Gauß und Olbers die Planetoiden, wiederum -Herschel die Eigenbewegung der Fixsterne und das Vorhandensein von -Doppelsternen; er war es auch, der die Nebelflecke studierte. - -Als nun noch im Jahre 1838 die erste Fixsternparallaxe berechnet wurde, -was uns in den Stand setzte die Entfernung und Größe der Himmelskörper -außerhalb unsres Sonnensystems zu berechnen, waren die großen -astronomischen Entdeckungen zu Ende, wenn wir absehen von den -wunderbaren Enthüllungen durch die Spektralanalyse.« - -»Danke, weisester aller Professoren!« sagte Münchhausen lachend: »Sie -haben uns da einen Vortrag gehalten, der wahrhaftig ein Abriß der -Geschichte der Astronomie in den letzten 10000 Jahren genannt werden -darf. Aber in einem Punkte irren Sie: Sie haben sozusagen die großen -astronomischen Entdeckungen für abgeschlossen erklärt, und vergessen, -daß sie eben jetzt erst recht anfangen, seit wir ausgezogen sind, das -Weltall persönlich zu erforschen.« - -»Und jetzt haben wir die beste Gelegenheit zu solchen Entdeckungen,« -sagte Mietje, die soeben eingetreten war. Sie hatte einen Rundgang durch -die Beobachtungszimmer gemacht, wie er abwechselnd jede halbe Stunde -ausgeführt wurde, um vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein. - -»Was gibt's?« fragte Flitmore. - -»Wir nähern uns dem Mars mit großer Geschwindigkeit«, erwiderte seine -Gattin. - -Flitmore stand auf: »Lassen Sie uns sehen, meine Herren«, sagte er, und -alle folgten ihm in eines der Äquatorialzimmer, von dem aus die Lady den -Planeten beobachtet hatte. - - - - - 9. Der Mars. - - -Die Sannah, die seit der vergangenen Nacht, wenn man von einer Nacht -reden konnte, nicht mehr von dem Strom der Fliehkraft durchkreist wurde, -befand sich in der Anziehungssphäre des Planeten, der seit lange den -Beobachtungseifer und die Phantasie der Astronomen am meisten angeregt -hat. - -Man war ihm schon so nahe, daß man die größeren Gebilde seiner -Oberfläche deutlich unterscheiden konnte, ohne das Fernrohr zu benutzen. - -»Da hört sich ja alle Wissenschaft auf!« war das erste, was Schultze -überrascht und enttäuscht ausrief: »Soll das wirklich der Mars sein? Wo -sind denn die Kanäle, meine geliebten Kanäle, die ich so fleißig -beobachtet und mit solcher Zärtlichkeit studiert habe, das Wunder, das -Rätsel des Mars?« - -Von Kanälen war in der Tat keine Spur zu sehen. - -Flitmore meinte, zum Professor gewendet: »Ich habe nie recht an jene -merkwürdigen Kanalbildungen glauben können und vermutete, daß es sich um -optische Täuschung handle. Der Mars ist bedeutend kleiner als unsre -Erde, sein Halbmesser beträgt wenig mehr als die Hälfte des ihrigen; -seine Polarregionen sind von ungeheurer Ausdehnung, namentlich im -Winter. Und nun sollen die mutmaßlichen Bewohner des kleinen bewohnbaren -Erdstrichs das Land mit einem gewaltigen Netz ungeheurer Kanäle -durchzogen haben?« - -»Warum nicht?« fragte Schultze eigensinnig: »Wenn es die Bewässerung des -Landes verlangte.« - -»Bei den ausgedehnten Eis- und Schneemassen der Pole, den ungeheuren -Schneefällen im Winter und angesichts der meist äußerst raschen -Schneeschmelze im Frühling kann ich an Wassermangel auf dem Mars nicht -glauben.« - -»Na! Aber die Kanäle sollten doch den Wasserzufluß regeln, ihn über das -ganze Land verteilen und Überschwemmungen verhüten.« - -»Ganz schön, wenn es Kanäle von vernünftigen Größenverhältnissen wären -und von vernünftigem Verhalten. Aber diese angeblichen Kanäle zeigten -eine Breite von 60 bis 300 Kilometern: ich bitte Sie, was soll das? Das -sind ja unsinnige Maße für einen Kanal! Wenn sie nun aber wenigstens -beständig so geblieben wären, aber da wurde ein und derselbe Kanal -einmal breiter, dann wieder schmäler; mit Vorliebe verdoppelte er sich -plötzlich, oft innerhalb 24 Stunden, ebenso rasch konnte die -Verdoppelung wieder verschwinden und hie und da der ursprüngliche Kanal -ebenfalls; dann wieder verschwand ein alter Kanal und zwei neue -erschienen an seiner Stelle.« - -»Ja, ja! das waren eben die Rätsel dieser merkwürdigen Kanäle,« beharrte -der Professor. - -»Und nun ist ihr Rätsel gelöst,« lachte Flitmore: »Sie sind einfach gar -nicht vorhanden, diese famosen Kanäle.« - -»Das muß ich allerdings zugeben«, gestand der Gelehrte zu: »Aber die -Sache ist nur umso rätselhafter.« - -Doch auch ohne diese geheimnisvollen Gebilde erschien die Landschaft -merkwürdig genug: weiß leuchtete der Nordpol mit seinen Eis- und -Schneefeldern; das schneefreie Land gegen den Äquator erschien -rötlichgelb unterbrochen von dunkelgrün bewachsenen Streifen; einige -kleine Meere oder große Seen trennten streckenweise die Kontinente und -breite Flüsse zogen silbergraue Bänder durch die Ebenen. - -Überhaupt erschien fast alles eben. Größere Gebirge waren keinesfalls -vorhanden und kleinere Erhebungen ließen sich aus der Höhe, in welcher -sich die Sannah befand, nur an den Schatten erkennen, die sie warfen; wo -jedoch die Sonne die Täler voll erleuchtete, konnte Berg und Tal -überhaupt nicht unterschieden werden. - -Inzwischen stürzte das Weltschiff mit blitzartiger Schnelle gegen den -Planeten und man sah alles von Sekunde zu Sekunde wachsen. - -Flitmore beeilte sich daher, den Zentrifugalstrom zu schließen; ehe die -Sannah in die atmosphärische Hülle des Planeten gelangte, damit ihre -Außenwandungen nicht etwa durch die ungeheure Reibung in Glut versetzt -würden. - -Der Sturz verlangsamte sich nun zusehends, bis die abstoßende Kraft die -Fallgeschwindigkeit überwand und das Weltschiff zunächst ganz langsam zu -steigen begann. - -»Wollen wir eine Landung auf dem Mars unternehmen?« fragte nun der Lord. - -»Hurrah!« rief Schultze begeistert. - -»O ja, bitte!« schmeichelte Mietje. - -»Ich bin dabei!« sagte Münchhausen: »die Kerkerhaft behagt mir auf die -Dauer nicht, wenn sie auch erst zwölf Stunden währt.« - -»Das wird herrlich!« rief Heinz seinerseits begeistert. - -»Und was sagst du, John?« wandte sich Flitmore an den Diener. - -»Sir, ich habe nichts dareinzureden, was Ihre unmaßgebliche -Entschließungswillkür betrifft; aber was meine Spezialität in dieser -Fragesache betreffen möchte, so wäre es mir besonders genehm, freie Luft -zu schöpfen, obwohl sozusagen die Luft hier innen ausgezeichnet für die -Atmungsorkane ist.« - -»Also, wir landen«, entschied der Lord, »da es einstimmig gewünscht -wird; die Schimpansen können wir ja nicht um ihre Meinung befragen und -so müssen Dick und Bobs sich der Mehrheit fügen.« - -Gleichzeitig unterbrach er wieder die Fliehkraft; sobald ihm jedoch die -Sturzgeschwindigkeit in bedenklichem Maße zuzunehmen schien, schloß er -wieder den Strom auf einige Sekunden. - -Durch dieses abwechselnde Öffnen und Schließen wurde ein langsames -Fallen ermöglicht, das noch durch die Marsatmosphäre gemildert wurde, -sobald man diese erreicht hatte. - - - - - 10. Eine Landung auf dem Mars. - - -Sobald die Anziehungskraft des Mars auf die Sannah wirkte, verlangsamte -sich ihre Umdrehungsgeschwindigkeit und als sie sich zuletzt auf den -Planeten herabsenkte, hörte ihre Eigenbewegung ganz auf und ihr -Schwerpunkt wurde in den Mittelpunkt der Marskugel verlegt; diesmal -hatte Flitmore diese Änderungen vorausgesehen und dafür gesorgt, daß die -Gesellschaft nicht wieder durch einen Sturz gegen die Wände oder gegen -die Decke überrascht wurde. - -Der Stoß, den die Landung verursachte, war im oberen Raume, wo sich alle -zu dieser Zeit aufhielten, kaum spürbar. - -»Wir werden vom Nord- oder Südpolzimmer aus aussteigen müssen«, erklärte -der Lord: »dort liegen die Ausgangspforten neben den Fenstern bei unsrer -jetzigen Lage in wagrechter Linie, das heißt parallel zur -Marsoberfläche, und mittels einer Strickleiter können wir hinabsteigen.« - -»Lassen Sie mich als Ersten die Sannah verlassen«, bat Heinz. - -»Nein, junger Freund!« widersprach Schultze: »Ich werde zuerst -hinausgehen; wir kennen die Zusammensetzung der Marsatmosphäre nicht. -Wer weiß, ob sie nicht auf unsre Lungen eine gefährliche, vielleicht -tödliche Wirkung ausübt.« - -»Eben deswegen will ich ja die erste Probe machen«, sagte Heinz. - -»Nichts da!« polterte Kapitän Münchhausen: »Ich will zuerst hinaus; -meine Lungen sind die verschiedensten Dünste gewöhnt und können am -ehesten etwas aushalten.« - -»Sie?« lachte der Professor: »Seien Sie froh, wenn Sie in normaler Luft -schnaufen können! Überhaupt könnten Sie in der Öffnung stecken bleiben -oder uns durch Ihr Gewicht die Strickleiter ruinieren. Sie kommen -jedenfalls zuletzt daran.« - -»Ich gehe voran!« entschied Flitmore: »Es ist dies sowohl mein Recht als -meine Pflicht, da ich der Unternehmer der Weltfahrt bin.« - -»Unter keinen Umständen darfst du dich einer solchen Gefahr aussetzen, -Charles«, wandte nun Mietje ein: »Ich bitte dich, laß mich den ersten -Versuch machen; ich kann ja gleich wieder zurück, wenn ich spüre, daß da -giftige Gase sind.« - -»Wenn die Herrschaften gütigst zu gestatten belieben wollten,« ließ sich -der biedere John vernehmen, »so ist das alles nicht in der Richtigkeit, -als daß vielmehr meine Person den Anfang zu machen hat, indem daß mein -etwaiger Verlust auch am wenigsten wertvoll wäre.« - -Aber Heinz Friedung machte diesem edlen Wettstreit ein Ende durch -folgende vernünftige Bemerkung: - -»Wir haben ja die beiden Affen, Dick und Bobs; schieben wir die vor: für -sie ist auch am wenigsten Gefahr vorhanden, da ihr Instinkt sie davor -bewahren wird, das Fahrzeug zu verlassen, wenn sie draußen keine gesunde -Luft wittern.« - -»Das ist die beste Lösung,« stimmte der Lord zu: »daran hätten wir auch -gleich denken können! Übrigens bin ich überzeugt, daß die Lufthülle des -Mars sich höchstens in der Dichtigkeit von der irdischen unterscheidet.« - -Die luftdicht schließende Tür des Südpolzimmers, in das man sich begeben -hatte, wurde geöffnet; ein angenehmer frischer Luftzug strich herein. -Vergnügt schwangen sich Dick und Bobs durch die Öffnung und turnten an -den Rampen, die an der äußeren Hülle der Sannah angebracht waren, hinab. - -»Es ist also keine Gefahr,« sagte Flitmore und befestigte mit Johns -Hilfe die Strickleiter, um dann als erster, von seiner treuen Gattin -gefolgt, den Abstieg zu wagen. - -Nach Mietje kam Heinz und dann der Professor. - -Schultze rief dem Kapitän zu: »Daß Sie sich nicht unterstehen, die -Strickleiter zu betreten, ehe wir andern alle den sichern Erdboden -erreicht haben, denn sonst könnte es uns schlimm ergehen, wenn die -Stricke unter Ihrer Last reißen oder die Sprossen krachen und Ihre -beträchtliche Masse auf uns herabstürzt.« - -Aber Flitmore hatte bei Ankauf der Strickleitern Münchhausens Gewicht in -Betracht gezogen. Wohl ächzten die Seile und die Sprossen bogen sich -knarrend, als der Kapitän sie hinter John betrat; aber sie hielten -vorzüglich. - -»Na! Daß Sie nicht in der Türöffnung stecken blieben, nimmt mich -Wunder,« lachte Schultze, als alle glücklich unten waren. - -Flitmore aber erklärte: »Da ich von vornherein auf die Begleitung unsres -werten Kapitäns hoffte, habe ich sämtliche Türenmaße nach seinen -leiblichen Verhältnissen berechnet.« - -»Das war vernünftig und edel von Ihnen, Lord,« erkannte Münchhausen in -gutmütiger Heiterkeit an: »Freilich, unserm bösen Professor hätte es -Spaß gemacht, mich hilflos und elend im Türrahmen stecken bleiben zu -sehen.« - -Inzwischen sah sich die Gesellschaft neugierig auf ihrem neuen -Aufenthaltsort um. - -Als erstes war ihnen aufgefallen, daß der Erdboden merkwürdig weich war: -die Sannah hatte sich ziemlich tief in ihn eingegraben und bei jedem -Schritt sank man ein. - -Die Landschaft erschien sanft gewellt und die Bodenwellen liefen meist -parallel und geradlinig, wurden aber zuweilen von langen Hügelrücken -gekreuzt, die in andrer Richtung verliefen. - -Zwischen den Erhöhungen befanden sich mehr oder weniger breite ebene -Flächen, die versumpft zu sein schienen und mit einem Gewirr von dunkeln -Pflanzen bedeckt waren. Die Hügelrücken waren zum Teil kahl, meist aber -mit Buschwerk und Wäldern bedeckt, vielfach auch mit Präriegras; -nirgends aber sah man frisches Grün: die Gräser, die Blätter der -Pflanzen und Bäume waren durchweg gelb und rot oder rotbraun, so daß -alles ein herbstliches Aussehen hatte, obgleich in diesen Marsbreiten -zur Zeit erst der Frühsommer begann. - -Da sich übrigens der Abend bereits herabsenkte, wurde John beordert, aus -dem Weltschiff Zelte und Eßwaren herbeizuschaffen; denn alle freuten -sich darauf, im Freien zu kampieren. - -Brennholz war reichlich vorhanden; Feuer wurden entzündet zur Bereitung -eines warmen Mahles und zur Abhaltung etwaiger wilder Tiere. - -Alle, auch Mietje, waren mit Gewehren und Dolchmessern bewaffnet und mit -Explosionskugeln versehen. - -Flitmore wies auf die langgestreckten Sümpfe: »Sehen Sie, Professor,« -sagte er: »Diese endlos erscheinenden dunkeln Streifen, die teils neben -einander her laufen, teils einander kreuzen, können sehr wohl bei großer -Entfernung den Eindruck von Kanälen machen.« - - [Illustration: Im Kampf mit den Würmern.] - -»Aber die Veränderlichkeit der beobachteten Gebilde erklären sie nicht,« -wandte Schultze ein. - -»Vielleicht finden wir auch dafür noch eine Lösung,« meinte Heinz. - -»Die Marsluft ist übrigens ganz herrlich,« rühmte der Kapitän -tiefatmend: »Ich schlage vor, daß wir hier einen Luftkurort und eine -Sommerfrische gründen: ausgezeichnete Geschäfte werden wir damit -machen.« - -Mietje erhub nun die Frage: »Wie lange wird die Nacht hier dauern.« - -»Nicht viel länger als eine gewöhnliche Erdennacht,« belehrte sie -Schultze: »Der Mars dreht sich um seine Achse in 24 Stunden, 37 Minuten -und 22½ Sekunden. Dagegen sind die Jahreszeiten dahier verhältnismäßig -lang: ein Marsjahr hat 668 Marstage, was etwa 682 Erdentagen entspricht. -Auf der nördlichen Halbkugel, auf der wir uns befinden, hat der Frühling -191, der Sommer 181, der Herbst 149, der Winter 117 Marstage; auf der -südlichen Halbkugel sind Frühling und Sommer viel kürzer, nämlich 149 -und 147 Tage, aber auch viel heißer, weil der Planet in dieser Zeit der -Sonne am nächsten kommt; der Herbst und Winter mit 191 und 181 Tagen -sind dagegen dort um so kälter, da sie mit der Sonnenferne des Mars -zusammenfallen.« - -Nach eingenommenem Mahl wurden die Nachtwachen verteilt, und dann begab -man sich zur Ruhe. - - - - - 11. Die Schrecken des Mars. - - -Heinz hatte die zweite Nachtwache. - -Ihm war etwas unheimlich zumut auf diesem fremden Weltkörper, der völlig -neue und unbekannte Gefahren bergen mochte. Eigentliche Angst hatte der -junge Mann zwar nicht, dazu besaß er zuviel persönlichen Mut, verbunden -mit körperlicher und geistiger Gesundheit; aber eines eigentümlichen, -beklemmenden Gefühls konnte er sich nicht erwehren. - -Das Lager befand sich auf einem breiten Hügelrücken, auf dem die Sannah -gelandet war und der sich ins Unendliche zu erstrecken schien. Ebenso -unendlich hatte bei Tageslicht der Sumpf ausgesehen, der die etwa 200 -Kilometer breite Vertiefung zwischen dieser und der nächsten Hügelkette -ausfüllte. - -Und diese sumpfige Niederung schien bei Nacht in unheimliche -Lebendigkeit zu geraten. - -Bestimmte Laute konnte der junge Wächter nicht vernehmen, wohl aber ein -dumpfes Gemeng von Tönen, als ob da Tausende von Geschöpfen raschelten -und plätscherten. - -Unwillkürlich kamen dem Aufhorchenden die unsterblichen Verse aus -Schillers Taucher in den Sinn: - - »Da unten aber ist's fürchterlich, - Und der Mensch versuche die Götter nicht - Und begehre nimmer und nimmer zu schauen, - Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.« - -Und weiter: - - »Das Auge mit Schaudern hinunter sah, - Wie's von Salamandern und Molchen und Drachen - Sich regt' in dem furchtbaren Höllenrachen. - Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch, - Zu scheußlichen Klumpen geballt, - Der stachlichte Roche, der Klippenfisch, - Des Hammers greuliche Ungestalt. - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Und schaudernd dacht' ich's, -- da kroch's heran, - Regte hundert Gelenke zugleich ... - -Soweit war Heinz in seinen Gedanken gekommen, da kroch wirklich etwas -heran. Es schien eine Schlange zu sein, an und für sich kein besonders -großes Tier, etwa armsdick und ungefähr drei Meter lang; aber als der -Schein des Feuers den glatten, feuchten, rötlichen Leib erleuchtete, kam -es dem Jüngling doch wie ein grauenerregendes Ungeheuer vor; denn es -glich einem Regenwurm, und für einen solchen war seine Größe doch -geradezu riesenhaft. - -Der spitz zulaufende Kopf zeigte zwei äußerst kleine, blasse Augen, die -kaum als solche zu erkennen waren; der Mund glich nur einem runden Loch -und schien zum Saugen und nicht zum Beißen bestimmt. - -Der widerliche Wurm kroch geradenwegs auf Heinz zu und kümmerte sich -nicht um das Feuer. Hinter ihm tauchte ein zweiter auf und dann ein -dritter, -- ja der ganze Abhang schien sich zu beleben: in Scharen -rückte das Gewürm an, als habe der Sumpf seine Heere ausgesandt, die -unberufenen Eindringlinge auf dem Mars zu vernichten. - -Zunächst sandte Heinz dem vordersten Wurm eine Explosionskugel in den -Leib, die ihm jedoch nur eine kleine Wunde beibrachte, da sie in der -weichen Masse auf keinen Widerstand traf und daher überhaupt nicht zum -Platzen kam. - -Der Wurm krümmte und wand sich, schnellte dann aber plötzlich vor und -ringelte sich um des Schützen Fuß, in raschen Windungen an ihm -hinaufkriechend. - -Von Schauer und Ekel erfaßt, griff der junge Mann nach seinem -Dolchmesser und bearbeitete das Tier mit Stichen und Schnitten; allein -er sah sich auf einmal von allen Seiten angegriffen: da erhob sich ein -schlüpfriges Haupt, dort ein zweites und drittes; und sie wanden sich an -ihm empor, all diese unheimlichen Geschöpfe und so viel Köpfe er -abschnitt, seine eigenen Kleider in der Eile der Abwehr zerfetzend, die -Zahl war zu groß, er konnte nicht mit ihnen fertig werden! - -Ein stechender Schmerz im Nacken ließ ihn nach hinten greifen: er -berührte den kalten schleimigen Leib eines der Würmer, der sich dort -festgesogen hatte und ihm das Blut aussaugte; und schon hing ein andrer -der gräßlichen Köpfe an seiner Wange. - -Heinz warf sich zu Boden und wälzte sich wie wahnsinnig umher; aber er -kam nicht los: nur immer neue schlüpfrige Ringe spürte er sich um seine -Glieder ziehen. - -Flitmore war durch den Schuß geweckt worden und trat aus seinem Zelt. -Mit lautem Hallo weckte er die Genossen und stürzte sich selber mit dem -Messer auf das überall sich ringelnde Gewürm; denn mit dem Gewehr war -hier nichts anzufangen, das sah er gleich. - -Es gelang dem Lord, den jungen Freund frei zu machen; aber er selber war -bereits von einigen der Würmer umschlungen und auch Heinz wurde alsbald -wieder angefallen. - -Laut kreischend stürzte Mietje aus ihrem Zelt: die widerlichen -Sumpftiere waren dort eingedrungen und eines davon hing an ihrem weißen -Arm. - -Aber wie sah es hier draußen aus! Sie schauderte, denn überall trat ihr -Fuß auf ähnliche ekelhafte Geschöpfe, die sich krümmten und an ihr -emporwanden. - -Inzwischen war auch Schultze auf dem Plan aufgetaucht. Die wimmelnden -und sich bäumenden Geschöpfe, die den Boden bedeckten, erregten zunächst -sein wissenschaftliches Interesse. - -»Das sind ja Ringelwürmer von fabelhafter Größe«, rief er aus: -»Lumbriciden oder Regenwürmer, nichts andres! Wirklich kolossale -Geschöpfe! Aber eigentlich nichts Auffallendes: gab es Schalentiere, -Schneckenarten von riesenhaften Formen, warum nicht auch Nacktschnecken -und Würmer? Ich vermute sogar, daß ähnliche Geschöpfe zur Zeit der -Ammoniten auch die Erde bevölkerten; Spuren ihres Daseins konnten sie -natürlich nicht hinterlassen, da sie knochenlose Weichtiere sind.« - -»Helfen Sie uns lieber, Professor«, keuchte Heinz: »Später wollen wir -dann meinetwegen eine wissenschaftliche Unterhaltung über diese -Höllenbrut beginnen, falls wir mit heiler Haut davonkommen.« - -»Sie haben recht«, sagte Schultze: »das scheinen ja in der Tat ganz -verflixte Kumpane zu sein: sie gehen ja geradewegs auf mich los! Aber -meine Hochachtung, junger Freund! Sie kämpfen wahrhaftig nach -Schwabenart. Bravo! Das war wieder ein Schwabenstreich!« - -»Der wackre Schwabe forcht sich nit!« zitierte Münchhausen, der nun -ebenfalls, gleichzeitig mit John, auf der Bildfläche auftauchte: »Zur -Rechten sieht man, wie zur Linken, einen halben Türken hinuntersinken.« - -Heinz hatte wirklich mit einem wohlgezielten Hieb den Leib eines -Ringelwurms in der Mitte durchgetrennt, so daß das Zitat gut paßte. - -»Wenn nur die andern kalter Graus packte«, meinte der junge Held, der -sich am Ende seiner Kräfte fühlte: »Aber da hat es gute Wege!« - -»Hu, hu! Mich packt der kalte Graus!« schrie Münchhausen, dem sich eines -der Tiere um den Hals schlang. Er riß es los und schleuderte es zu -Boden, um es mit der Wucht seiner breiten Füße zu Brei zu zertreten. - -Der Professor und der Diener waren bereits in den wütendsten Kampf -verwickelt: sie hieben wie rasend mit den Messern um sich; allein der -Sumpf mußte Tausende dieser Ungeheuer beherbergen und alle just auf den -Lagerplatz der Unseligen loslassen; der Kampf schien aussichtslos. - -Was waren diese Geschöpfe? Weichtiere, die ein Fußtritt, ein Dolchhieb -unschädlich machte! Sie besaßen keine Tatzen, keine Krallen, kein Gebiß; -sie waren nicht gefährlicher als Blutegel: aber ihre unerschöpfliche -Zahl machte sie unüberwindlich, und unsre Freunde sahen ein gräßliches -Ende vor Augen. Viel lieber hätten sie mit den wildesten Raubtieren, mit -Löwen, Tigern, mit einem Rudel Elefanten oder einer Büffelherde -gekämpft. - -Die Schimpansen Dick und Bobs hausten mörderisch unter den Angreifern: -sie schienen rasend vor Wut. Sie warfen sich auf den Boden und würgten, -zerrissen mit vier Händen zugleich, während sie gleichzeitig mit ihrem -scharfen Gebiß Dutzende der Lumbriciden unschädlich machten. - -Aber was half's? Immer neue Scharen rückten an! - -Münchhausen, der sich ohnehin nur schwerfällig bewegen und nicht leicht -bücken konnte, hatte sofort erkannt, daß seine wirksamste Waffe in -seinem kolossalen Körpergewicht bestand. - -Er führte einen wahren Indianertanz auf, sprang so hoch er nur immer -konnte und zerquetschte unter seinen gewaltigen Fußsohlen alles zu Brei, -was sich unter ihm regte. - -Es wäre ein Anblick zum Totlachen gewesen, wie der dicke Kapitän -umherhopste, als wolle er sich zur Ballettänzerin ausbilden, wenn nicht -das Gefährliche der Lage alle Lust zur Heiterkeit erstickt hätte. - -Münchhausen floß der Schweiß in Strömen herab, und doch war sein Gehüpfe -umsonst: auch er fühlte sich umringelt und umwunden, und nun glitt er -gar auf dem gar zu schlüpfrig gewordenen Boden aus, fiel hin und rollte -mitten unter das blutdürstige Ungeziefer, nicht ohne eine ganze Anzahl -davon plattzudrücken. - -Die Kämpfenden, die alle mehr oder weniger Blut lassen mußten, waren -erschöpft, und noch immer kroch es in dichten Massen den Abhang herauf. -Wenn sie sich nur zu der Strickleiter hätten flüchten und in dem -Weltschiff bergen können! Aber sie hatten ihr Lager wohl hundert Meter -weit davon aufgeschlagen und zwischen ihnen und der Sannah wimmelte es -von dichten schwarzen Massen, die sich über einander zu türmen schienen. - -Da erschollen schrille, heißere Schreie in der Luft; dann dumpfe -Flügelschläge, und gespenstisch rauschten mächtige schwarze Gestalten -herab. - -Im Schein des immer noch hochaufflackernden Feuers ließen sich einige -dieser neuen Geschöpfe, die sich in dessen Nähe niedergelassen hatten, -erkennen. - -Sie boten keinen ermutigenden Anblick, vielmehr erschienen sie selber -als schreckliche Ungeheuer: es waren Vögel, die nichts Vogelähnliches -hatten als die ungeheuren Fledermausflügel. Am ehesten erinnerten sie an -den Pterodaktylus der irdischen Urzeit; ein plumper Kopf mit -tiefeingeschnittenem Rachen und scharfen Zähnen gab ihnen Ähnlichkeit -mit diesem erstaunlichen Vogel. Ihre Größe übertraf die des Adlers um -das Doppelte; das Merkwürdigste jedoch war, daß sie vier Füße besaßen, -die mit gewaltigen Krallen bewehrt waren. - -So unheimlich und gefährlich diese Vögel aussahen, wenn man sie -überhaupt als Vögel bezeichnen konnte, so erschienen sie doch als Retter -in höchster Not; denn sie räumten mit fabelhafter Gewandtheit und -Mordgier unter den Ringelwürmern auf und kamen in solchen Scharen, daß -sie sich auch der wimmelnden Mengen gewachsen zeigten. - -Sie ließen sich namentlich am Rande des Hügels nieder und packten mit -ihren Krallen und Zähnen alles, was da heraufkriechen wollte. Und nun, -da keine neuen Nachschübe kamen, nahm die Zahl der Angreifer auf der -Höhe sichtlich ab und mit neuem Mut ließen unsre Freunde wieder ihre -Messer arbeiten. - -Endlich erhob kein Wurm mehr sein drohendes Haupt, wenn auch die -verstümmelten Leiber am Boden sich ringelten und wanden, zuckten und -schnellten, als ob sie überhaupt nicht völlig tot zu kriegen seien. - -Schultze eilte auf Münchhausen zu, der immer noch auf dem Boden -umherrollte und nicht auf die Beine kommen konnte. Und jetzt, da die -Gefahr beseitigt schien, lachte der Professor aus vollem Halse über den -erheiternden Anblick: Da wälzte sich der runde Kapitän wie eine Tonne -auf stürmischer See; an seinem Haupte hingen zwei Würmer gleich -Schmachtlocken zu beiden Seiten herab und um seinen Hals wand sich ein -allerdings geköpftes Tier wie ein dickes Halstuch. - -Trotz seiner Heiterkeit beeilte sich Schultze doch, den dicken Freund -von seinen Peinigern zu befreien und ihm mit Unterstützung des -inzwischen ebenfalls herbeigeeilten Heinz auf die Beine zu helfen. - -Dann ging es an das Verpflastern und Verbinden der Wunden, die -merkwürdigerweise nur äußerst klein waren. Alle hatten mehr oder weniger -Blut hergeben müssen, Münchhausen aber war entschieden am stärksten -angezapft worden. - -»Tut nichts!« meinte er humorvoll: »Ich habe Vorrat und die Biester -haben bei mir mehr Fett als Blut geholt, wie ich vermute; das kann mir -bloß gut tun. Ich fühle mich geradezu erfrischt und erleichtert.« - -»Aber einen Tanz haben Sie aufgeführt, Kapitän«, lachte Schultze: »Ich -sage Ihnen, eine ägyptische Bauchtänzerin ist nichts dagegen.« - -»Kunststück!« sagte Münchhausen: »Wo hat eine ägyptische Tänzerin auch -solch stattlichen Bauch?« - - - - - 12. Eine Entdeckungsreise auf dem Mars. - - -John übernahm die Wache, während sich die andern wieder zur Ruhe -niederlegten. - -Am Morgen wurden zunächst die Zelte wieder ins Weltschiff gebracht; denn -ein zweitesmal auf dem Mars im Freien zu nächtigen, dazu verspürte -niemand mehr Lust. - -Das Frühstück wurde in der Nähe der Sannah eingenommen fern von den -immer noch zuckenden Leibern der erlegten Lumbriciden auf dem -nächtlichen Schlachtfeld. - -»Ich schlage eine Entdeckungsreise auf dem Mars vor«, begann Schultze, -als der Imbiß vertilgt war. - -Alle waren damit einverstanden. - -»John«, sagte Flitmore, »du bleibst als Wache zurück; man weiß ja nicht, -was hier vorkommt. Am besten begibst du dich auf die oberste Plattform, -wo du nach allen Seiten hin weite Ausschau halten kannst. Erblickst du -etwas Verdächtiges, so läßt du die große Sirene ertönen.« - -Als Rieger sich mit der pneumatisch betriebenen Sirene auf der Höhe der -Kugel befand, marschierte die kleine Gesellschaft ab; Bobs wurde -mitgenommen, während Dick dem Wächter Gesellschaft leistete. - -Drunten im Sumpf sah man nichts von den widerlichen Geschöpfen, die er -beherbergte; aber an den Bewegungen der Pflanzendecke konnte man -deutlich erkennen, daß der Morast von gelenkigen Bewohnern wimmelte. - -Inzwischen ging man auf dem Höhenrücken einem nahen Walde zu, der aus -niedrigen, rotbelaubten Bäumen bestand. - -Diese Bäume erweckten besonders Schultzes lebhaftes Interesse, denn sie -zeigten ganz eigentümliche Formen. Die meisten hatten weder Äste noch -Zweige; die großen Blätter entsproßten an langen, dicken Stielen direkt -dem Stamm, der sich an der Spitze in ein Bündel solcher beblätterter -Stiele auflöste. - -Die Blätter waren meist rund und tellergroß, andre kleeblattförmig, aus -drei vereinigten Rundscheiben bestehend; wieder andre zeigten -dreieckige, viereckige und mehreckige Bildung, boten also einen Anblick, -der Erdbewohnern völlig neu und ungewohnt war. - - [Illustration: Ein dreibeiniges Tier.] - -Einzelne Baumarten, die reich verästelt waren, hatten Doppelblätter, die -sich gleich Austernschalen auf- und zuklappten und offenbar den -Insektenfang betrieben. - -Übrigens war von Insekten nur wenig zu sehen: einige merkwürdige Mücken, -durchsichtig wie Glas, und Käfer ohne Beine, die fliegenden Raupen und -fliegenden Würmern glichen und sich am Boden und an den Bäumen auch -gleich solchen fortbewegten, ja geflügelte Schnecken, die einen -bläulichen Schleim aussonderten, zweibeinige Ameisen und Spinnen, das -waren die Wunder, die Schultze seinen Sammlungen einverleibte. - -Auch Vögel waren nur in wenigen Arten vertreten: sie hatten alle die -Eigentümlichkeit, vierbeinig zu sein, ein Anblick, der den an irdische -Geschöpfe gewöhnten Augen äußerst sonderbar vorkam. Dazu gesellte sich -der Umstand, daß diese Vögel nicht gefiedert waren, sondern einen -behaarten oder mit Schuppen bedeckten Leib hatten, der aber in -wunderbaren bunten Farben von metallischem Glanze strahlte. Die Schnäbel -wiesen meist ein gezahntes Gebiß auf und die Flügel bestanden vorwiegend -aus fächerartig übereinandergreifenden langen und starken Schuppen oder -dünnen Hornscheiben. - -Als die Wanderer eine Lichtung betraten, rauschte es im Gebüsch und das -erste Wild, das sie auf dem Mars erblickten, zeigte sich ihren Augen. - -Es erschien ebenso seltsam wie die Insekten- und Vogelwelt. Groß war es -nicht, kaum größer als ein Esel; aber es hatte ein schreckliches Gebiß, -wie überhaupt der platte, lange Kopf an ein Krokodil erinnerte. Von der -Mitte des Hauptes stieg ein äußerst scharfes Horn senkrecht empor und zu -beiden Seiten über den Ohren ragten zwei kürzere Hörner wagrecht hervor, -die Spitzen nach vorne gebogen. Das Seltsamste aber war: Dieses -gefährlich aussehende Tier war dreibeinig! Es hatte zwei Vorderfüße, -aber nur einen Hinterfuß am Ende des nach hinten sich birnenförmig -zuspitzenden Leibes. - -Späterhin wurden noch verschiedene Tierarten getroffen, alle klein, aber -scharf bewehrt, und alle dreibeinig wie das zuerst geschaute. - -»Da hört sich doch aber alle Wissenschaft auf!« rief der Professor ein -über das anderemal: »Vierbeinige Vögel, dreibeinige Säugetiere und -zweibeinige Insekten! Das glaubt mir ja drunten auf der Erde kein -Mensch, selbst wenn ich die wohlpräparierten Beweisstücke auf den Tisch -der Wissenschaft niederlege!« - -»So seid ihr Professoren!« tadelte Münchhausen: »Wenn ihr so ungefähr -innehabt, wie die Naturprodukte auf eurer kleinen Erde aussehen, so -glaubt ihr, das ganze unendliche Weltall erschöpft zu haben und bildet -euch ein, die unerschöpfliche Natur sei nie und nirgends imstande, etwas -zu schaffen, das nicht aufs Haar mit dem übereinstimmt, was sie euch auf -eurem weltverlorenen kleinen Sandkörnchen vor die Nase zu führen -beliebt.« - -Schultze bedauerte unendlich, daß er nicht den Vögeln und Insekten und -Pflanzenproben, die er sich aneignete, auch ein Exemplar jeder -Tiergattung beifügen konnte. Dafür gelangen dem Lord mehrere -Momentaufnahmen, so daß die eigenartige Tierwelt wenigstens in getreuen -photographischen Abbildungen mitgenommen werden konnte. Ein besonders -merkwürdiges Säugetier, das zum Transport nicht zu schwer schien, -erlegte Heinz auf des Professors Bitte mit einem wohlgezielten Schuß. - -Dieses Wild hatte die Größe eines Ebers, einen schlanken, beweglichen, -doch starknackigen Hals, auf dem sich hoch oben ein rundlicher, -possierlicher Kopf mit einer breiten Schnauze wiegte; es war dreibeinig -wie alle anderen Marssäuger und aus seinem Schädel wuchsen starke -spitzige Hörner wie die Stacheln eines Igels, im ganzen 15 Stück, wie -nach der Erlegung festgestellt wurde. - -»Ich danke! Wenn solch ein Vieh mit gesenktem Kopf auf einen losstürmt!« -sagte Münchhausen. - -»Ja, das würde Ihre geschätzte Leibeswölbung in ein Sieb verwandeln,« -lachte der Professor. - -»Ich bin nur begierig, wie die Marsbewohner aussehen,« fuhr der Kapitän -fort: »Sind die Insekten hier zweibeinig, so vermute ich, daß die -Menschen zum mindesten sechsbeinig sind; denn daß die Natur hier -besonders mit der Zahl der Beine verblüffende Experimente macht, dürfte -nach all dem Gesehenen feststehen.« - -»An die Marsmenschen glaube ich nicht,« sagte Schultze. - -»Hören Sie, Professor, was _Sie_ glauben, ist völlig belanglos, indem -Sie ein Mann der Wissenschaft sind. Haben Sie etwa an vierbeinige Vögel, -dreibeinige Wildsäue und zweibeinige Spinnen geglaubt, ehe Sie solche -hier sahen?« - -»Nee! Das freilich nicht; aber -- -- --« - -»Nichts >aber<! Wenn Sie also an keine sechsbeinigen Marsmenschen -glauben, so spricht das sehr für deren Vorhandensein, und ich gedenke -unter allen Umständen, wenn wir auf die Erde zurückkehren, sehr viel und -sehr Unterhaltendes von diesen Marsmenschen zu erzählen, auch wenn wir -keine zu sehen bekommen, und da hoffe ich, daß Sie mir nie widersprechen -werden, da Sie doch nun deutlich gesehen haben, daß eben das, woran Sie -nicht glauben, der Wirklichkeit entspricht.« - -Inzwischen war das Ende des Waldes erreicht, der nur etwa zwei Kilometer -in der Breite maß. - -An dieser Stelle verband ein von der Seite her kommender Hügelwall die -Anhöhen, auf denen die Wanderer marschierten, mit den parallel laufenden -Hügelstreifen. - -Diese quer laufende Kette war besonders breit und konnte als Hochebene -bezeichnet werden; sie war aber durchaus nicht völlig eben, sondern -zeigte mehrere gebirgsartige Erhebungen, die allerdings nirgends viel -mehr als zwei- bis dreihundert Meter Höhe erreichen mochten. - -Es wurde beschlossen, rechts abzubiegen und das nächstgelegene dieser -kleinen Gebirge näher zu untersuchen. - - - - - 13. Die Marsbewohner. - - -Nach einer halbstündigen Wanderung war der Fuß der Berge erreicht. Nach -einer weiteren halben Stunde die erste Anhöhe erklommen. - -Der Ausblick, der sich hier unseren Freunden bot, überzeugte sie sofort, -daß die Sage von den Marsmenschen keine reine Phantasie der Astronomen -sein konnte; denn vor ihren Blicken öffnete sich ein Hochtal, das von -einer ganzen Anzahl von Bauten erfüllt war, die zweifellos -vernunftbegabten Wesen ihren Ursprung verdankten. - -Auch diese Bauwerke hatten ihre auffallenden Eigentümlichkeiten: zum -ersten waren sie schmal und hoch, turmartig aufgeführt; zum zweiten -erschienen sie alle dreieckig, zum dritten sahen sie wie aus einem Guß -gefertigt aus. - -Der Professor, der für alles eine Erklärung suchte und auch gleich bei -der Hand hatte, ließ sich also vernehmen: - -»Die Marsbewohner bauen offenbar in die Höhe wie die Newyorker, -jedenfalls auch aus demselben Grund: sie müssen an Platz sparen. In der -Tat erreicht die gesamte Oberfläche des Mars noch keine drei Zehntel der -Erdoberfläche; da überdies die schrecklichen breiten Sümpfe einen großen -Teil des Festlandes einzunehmen scheinen, so müssen sie an Bauplatz -sparen. Dreieckig sind die Häuser aufgeführt, um den Orkanen und den -Wasserfluten bei der Schneeschmelze wirksamen Widerstand bieten zu -können; daß sie so glatt und ungegliedert aussehen, weist auf eine -besondere Masse hin, mit der die Baumeister die Gebäude von außen -gleichmäßig bestreichen, auf einen Mörtel, der vielleicht dem Mars -eigentümlich ist.« - -»Scharfsinnig, wie immer, Professor!« lachte der Kapitän. »Aber -gestatten Sie _mir_ diesmal, den Zweifler zu spielen: wir haben auf -unserer ganzen Wanderung weder Dörfer noch Städte, ja nicht einmal -angebautes Land getroffen oder auch nur von ferne erblickt. Also haben -die Marsbewohner noch keinen Mangel an Bauplätzen; zum andern dürfte in -diesem geschützten Tale kaum je ein heftiger Orkan wehen, auch ist es so -hoch gelegen, daß keine Wasserfluten es bedrohen. Abgesehen von diesen -Kleinigkeiten mögen Sie ja immerhin recht haben.« - -»Na!« sagte Schultze: »Sie oller Zweifler! Lassen wir das einstweilen -dahingestellt und untersuchen wir die Häuser. Verlassen oder -ausgestorben scheint ja die Stadt zu sein.« - -Das, was Schultze eine »Stadt« nannte, waren etwa hundert zumeist gleich -geformte Bauwerke von mäßigem Umfang. Sie leuchteten in allen -Regenbogenfarben, eines blau, das andere rot, das dritte grün; einige -schneeweiß, andere schwarz; daneben gelbe, braune, orangerote, violette -Türme in allen Farbenabstufungen. - -Im Innern erwiesen sie sich sämtlich ganz ähnlich angelegt; statt einer -Treppe führte ein gewundener Gang empor, von schmalen Seitenfenstern -erhellt. Ganz oben befand sich ein dreieckiges Gemach, in welchem auf -erhöhten Matten -- Leichen lagen. - -Ja, nur Leichen! - -»Eine Begräbnisstätte, ein Friedhof,« rief Heinz aus. - -»Wenigstens eine Totenstadt,« entgegnete Schultze, »da von Gräbern und -Begräbnis hier nicht die Rede ist.« - -Die Leichen waren alle in lange Gewänder von einem eigentümlichen -glatten und sehr schmiegsamen Stoffe gekleidet, der keine Fäden, kein -Gewebe erkennen ließ. Entweder war dieser auf Erden unbekannte Stoff aus -einer äußerst zähen Gummiart papierdünn gewalzt, wobei der Gummi -jegliche Elastizität verloren hatte, oder er war aus einem nur den -Marsbewohnern bekannten Material gegossen. - -Die Gewänder glänzten auch in den verschiedensten lebhaften Farben. Die -Körper unterschieden sich nicht wesentlich von menschlichen Körpern; sie -waren aber alle sehr klein, schlank und zierlich und jedenfalls wiesen -sie eine Rasseneigentümlichkeit auf, die auf Erden nicht zu finden war. -Diese Eigentümlichkeit bestand im Wesentlichen in einer auffallenden -Schädelform: man hätte meinen können, jedes dieser Häupter trage eine -Kappe; denn über der Stirne eingeschnürt, saß eine zweite mäßig gewölbte -und dichtbehaarte Schädelkammer. - -»Zwei Stockwerke!« rief Münchhausen in ehrlichem Staunen: »Ein -zweistöckiges Gehirn haben diese Marsiten besessen! Nein, müssen die -gescheit gewesen sein!« - -Die rosige Haut des Gesichts und der Hände, so weich und zart sie -aussah, erwies sich nichtsdestoweniger bei der Berührung als ungeheuer -zäh, wie Leder oder wie die Haut eines Elefanten. - -Schultze machte, nicht aus sträflicher Neugier, sondern aus -wissenschaftlichem Interesse, einen Versuch, die Haut einer Hand mit -seinem Dolche zu ritzen; doch als er schließlich auch alle Gewalt -anwendete, es gelang ihm nicht, das Gewebe zu verletzen; das Messer -hinterließ nur eine vertiefte Spur, die bald wieder verschwand. - -»Die waren ausgerüstet für den Kampf ums Dasein!« sagte er: »die -scharfen Hörner der wilden Tiere, die Klauen und Gebisse der Vögel und -die blutsaugerischen Schnauzen des Gewürms konnten ihnen nichts anhaben. -Um so mehr dürfen wir erwarten, bald auf lebende Marsbewohner zu stoßen: -ein solches Geschlecht stirbt nicht aus!« - -Der Professor kannte die Schrecken des Mars noch allzuwenig! - -Flitmore photographierte das Innere der Leichenhalle, sowie einige -besonders charakteristische Mumien. Nach Verlassen der Totenstadt nahm -er auch diese von einer Anhöhe aus auf; dann verließen unsere Freunde -den Ort durch ein gewundenes, bergabführendes Tal. - -Am Ausgange der Schlucht lehnte an der Bergwand ein niedriger, -dreieckiger Bau aus »Gußstein«; denn so hatte Schultze das steinerne -Material, das gleichmäßig glatt war und keine Lücken aufwies, benannt. -Er vermutete, daß die Marsbewohner eine besondere Steinart wie Lava zu -schmelzen verstünden, im flüssigen Zustand färbten und dann ihre Häuser -in einem Block in Erdformen gossen. - -Dafür sprach der Umstand, daß die Bauten in der Totenstadt eine -beschränkte Anzahl von Formen aufwiesen, die in genau den gleichen -Abmessungen immer wiederkehrten. Der Bruch einzelner beschädigter Steine -zeigte, daß die Färbung den ganzen Stein durchdrang und daß tatsächlich -nirgends eine Fuge vorhanden war, sondern alles aus einem Block bestand. - -Vor dem neuentdeckten Hause nun saß ein steinaltes Männlein, dessen -Doppelschädel den Eindruck machte, als trage er eine Mütze aus -Eisbärenfell; denn schneeweis war sein dichtes Pelzhaar, das zottig -herabhing, jedoch nicht länger als es bei einem Tierpelz zu wachsen -pflegt. - -Ein ebenso zottiger kurzer Bart umrahmte sein Gesicht. - -Mit den großen, gescheiten Augen betrachtete er die Ankömmlinge, -offenbar sehr interessiert, aber durchaus nicht mit der Verwunderung -oder gar dem Entsetzen, welche diese sich geschmeichelt hatten, bei dem -ersten Marsbewohner zu erregen, der ihre fremdartige Erscheinung -gewahren würde. - -Als sie sich ihm nahten, erhob er sich langsam. Ein leuchtendes rotes -Gewand umfloß seine schlanken Glieder. - -Und nun zeigte Schultze den unentwegten Professor: er redete den -Marsgreis im elegantesten Latein an, das ihm zur Verfügung stand; denn -er dachte, Latein sei eine Weltsprache, die von gebildeten Wesen überall -verstanden werden müsse. Er bedachte nicht, daß die alten Römer, so -unternehmungslustig sie waren, die Grenzen ihres Reichs doch nicht über -den Erdball ausgedehnt hatten. - -Übrigens war der Marsite stocktaub, wie er durch ein beredtes Berühren -seiner Ohren und sein trüblächelndes Kopfschütteln zu verstehen gab. - -Da er jedoch an Schultzes beweglichen Lippen erkannt hatte, daß dieser -ihn anredete, mochte er meinen, die seltsamen Besucher sprächen die -Marssprache; denn er ließ einige wohllautende Worte vernehmen, merkte -aber bald an des Professors Kopfschütteln, daß man ihn nicht verstand. - -Da deutete er auf die Gruppe, die ihn anstaunte, und erhob den Blick gen -Himmel. Gleichzeitig streckte er den Arm empor und wies auf einen -blassen Stern. - -Das war die Erde! - -Da die Erde dem Mars weit näher steht als die Sonne, und diese ihm -infolge ihrer Entfernung nicht so blendend leuchtet, wie uns, konnte man -die Erde hier bei Tageslicht am Himmel stehen sehen. - -So sehr Lord Flitmore an Selbstbeherrschung gewohnt war, die Gebärde des -Greises brachte ihn doch aus der Fassung. - -»Allmächtiger!« rief er aus: »Sollte man das für möglich halten? Dieser -Marsmensch vermutet, daß wir von der Erde her kommen! Offenbar ist ihm -das Vorhandensein von Menschen dort bekannt und man rechnete hier damit, -eines Tages einen Besuch vom Nachbarsterne her zu erhalten.« - -»Nein! Welche Hilfsmittel müssen diese Marsmenschen besitzen!« meinte -Schultze verwundert. - -»Ich glaube fast, ihre Augen ersetzen ihnen das beste Teleskop,« -bemerkte Heinz: »Sehen Sie doch nur, wie der Mann seine Augen weit -heraustreten läßt, wenn er nach der Erde schaut, und wie tief er sie in -die Höhlen zurückzieht, wenn er uns betrachtet.« - -In der Tat bemerkten jetzt alle dieses seltsame Augenspiel, je nachdem -der Marsite den Blick auf nähere oder entferntere Gegenstände richtete. - - [Illustration: Der Marsgreis.] - -»Fragen Sie doch den Alten, wo wir noch mehr Seinesgleichen treffen -können,« wandte sich Münchhausen ironisch an Schultze, der mit seinem -Latein zu Ende war nach dem ersten vergeblichen und etwas törichten -Verständigungsversuch. - -Heinz Friedung aber bewies, daß er einer solchen Aufgabe gewachsen war: -er unternahm es, die gewünschte Auskunft zu erhalten. - -Das griff der intelligente junge Mann folgendermaßen an: - -Er wies auf die eigene Brust und streckte den Daumen der geschlossenen -linken Hand empor; dann deutete er der Reihe nach auf Flitmore, Mietje, -Schultze und Münchhausen, jedesmal einen weiteren Finger der Linken -ausstreckend. - -Der Marsite folgte aufmerksam diesem Gebärdenspiel, das besagen wollte: -»Wir sind fünf.« - -Als Heinz dann seine Hand wieder schloß, zeigte der Alte, daß er -begriffen habe und des Zählens mächtig sei; denn mit einer Handbewegung -wies er auf die Gruppe und streckte dann fünf Finger aus, als wollte er -sagen: »Das stimmt, ihr seid zu fünft.« - -Jetzt zeigte Hans auf den Marsiten und streckte wieder den Daumen allein -vor. Das hieß: »Du bist nur einer.« Dann sah sich der junge Mann -forschend und fragend nach allen Seiten um mit hilflosen Handbewegungen, -aus denen der Marsbewohner sofort die Frage erriet: »Wo sind die andern -Bewohner des Mars?« - -Da schüttelte er den Kopf und eine tiefe Traurigkeit überzog seine -milden Züge: eindringlich streckte er den einen Daumen empor, berührte -seine Brust, wies dann mit dem Arm im Kreise umher, immer kopfschüttelnd -und zugleich die Hand verneinend schwenkend, als wollte er sagen: »Ich -bin allein da! Sonst ist nirgends mehr jemand vorhanden.« - -Erstaunt glotzten unsere Freunde ihn an; da winkte er ihnen, ihm zu -folgen. - -Er führte sie an den Rand des Hügels und deutete in den Sumpf hinab. - -Da sahen sie schaudernd die Spitzen von Gebäuden aus dem schwarzen -Schlamme emporragen und die traurigen Gebärden des Greises sagten: »Alle -sind verschlungen von den Wassern, alle modern im Sumpf oder dienen den -Sumpfwürmern zum Fraß.« - -Dann raffte sich der Alte auf, deutete auf seine Gäste und dann hinauf -zur Erde, ihnen mit heftigen Handbewegungen begreiflich machend: -»Fliehet, fliehet! Sonst ereilt euch das gleiche Schicksal!« - -Dieses gräßliche Geschick verdeutlichte er noch dadurch, daß er wieder -hinab in den Sumpf zeigte, dann die Handfläche wagrecht über den Boden -hielt und sie ruckweise am eigenen Körper immer höher steigen ließ, bis -er sie hoch über den Kopf hob. - -»Er will andeuten, daß die Gewässer plötzlich steigen und hoch über -unsere Köpfe weggehen können,« erklärte der Lord. - -»Allerdings,« bestätigte Schultze: »Die Astronomen haben des öfteren -derartige Katastrophen auf dem Mars beobachtet: Das Land wird -urplötzlich vom Meere verschlungen, und die Verteilung von Kontinenten -und Meeren nimmt eine ganz neue Gestaltung an.« - -»So werden wir hier nicht mehr viel zu entdecken haben,« meinte -Münchhausen: »Der Mann kennt sich jedenfalls am besten aus auf dem Mars -und wir werden gut tun, seine Warnung nicht in den Wind zu schlagen.« - -In diesem Augenblick dröhnte der Klang der Sirene von der Sannah durch -die Lüfte. - - - - - 14. Eine Marskatastrophe. - - -»Halloh! Das ist ein bedenkliches Zeichen!« rief Flitmore. - -»Was mag da los sein?« fragte Mietje besorgt. - -»Jedenfalls gilt es, schleunigst umzukehren«, mahnte der Kapitän. - -Heinz faßte den Marsiten bei der Hand und wies ihm das in der Ferne hoch -aufragende Weltschiff, ihm bedeutend, er möge mit ihnen flüchten. - -Der Mann aber schüttelte bloß traurig das Haupt und schwenkte die Hand -gegen den Sumpf hinab. Da war nichts zu machen: dort lagen alle seine -Lieben, bei ihnen wollte er sein Grab finden! - -Flitmore unterließ nicht, den letzten Zeugen einer ausgestorbenen -Menschenwelt zu photographieren; dann schieden unsre Freunde bedauernd -von dem Greise und beeilten sich, die Sannah wieder zu erreichen; denn -der Ton der Sirene hatte ihnen verkündigt, daß dort etwas nicht in -Richtigkeit sein mußte. - -Am Waldsaum machten sie Halt, um von den mitgenommenen Vorräten ein -kurzes Mahl zu halten; denn der Hunger hatte sich mächtig eingestellt -und Münchhausen hatte erklärt, mit leerem Magen komme er keinen Schritt -weiter, nachdem er heute Nacht so gründlich angezapft worden sei. - -Bobs, der Schimpanse, pflückte sich die goldgelben pyramidenförmigen -Früchte der Bäume am Waldrand und verzehrte sie mit so sichtlichem -Behagen, daß der Kapitän sich nicht enthalten konnte, auch davon zu -kosten. Er fand sie von solch köstlichem Wohlgeschmack, daß auch die -Übrigen zugriffen und einen großen Vorrat davon mitnahmen. - -In zwanzig Minuten war das Wäldchen durchschritten, da man sich nicht -wieder durch seine Merkwürdigkeiten aufhalten ließ. - -Als John die Heimkehrenden aus dem Walde heraustreten sah, kletterte er -rasch an der Sannah hernieder und ging ihnen entgegen. - -»Was ist's? Was gibt's?« rief ihm Heinz von ferne zu. »Ist etwas -passiert, sahst du eine Gefahr nahen, daß du das Notsignal gabst?« - -»O, meine Herren!« rief Rieger, der keuchend dahertrabte: »Die Sannah -ist sozusagen heil und wohlbehalten, indem ihr nichts passiert ist; aber -es ist ein schreckliches Wunder geschehen, was ich von weitem erblickt -habe, und das ich befürchten mußte, wenn es in der Nähe sich ähnlich -ereignen dürfte, es nicht zum wenigsten unser Weltende herbeizuführen -vermöglich wäre.« - -»Was sahst du denn so Entsetzliches?« forschte der Lord seelenruhig. - -»Dort, weit dort drüben ist ein ganzer Bergzug sozusagen im Boden -verschwunden und dann ist ein andrer aus der Tiefe heraufgestiegen und -das Wasser und Gewürm floß an ihm herab.« - -»Das scheint ein Erdbeben gewesen zu sein!« meinte Schultze. - -»Merkwürdig, daß wir nichts davon spürten«, warf Münchhausen ein. - -»O, die Sannah hat nicht unbeträchtlich gewackelt«, erklärte der Diener. - -»Wenn die Wellenbewegung des Bebens sich senkrecht gegen diese -parallelen Hügelzüge richtete, so ist es nicht auffallend, daß sie bald -so abgeschwächt wurde, daß sie uns nicht mehr erreichte«, erläuterte der -Professor. »Überhaupt zeigen Erdstöße oft eine auffallend scharfe -Abgrenzung: ein Tal, ein Flußbett gebietet ihnen häufig Halt. Es kommt -vor, daß eine Stadt auf der einen Seite eines Flusses einstürzt, während -man im jenseitigen Stadtteil die Erschütterung kaum spürt.« - -»Mag sein! Aber ich stimme dafür, daß wir den Mars schleunigst -verlassen, der bei Tag so unheimlich und gefährlich zu sein scheint, wie -bei Nacht.« - -Dieser Meinung des Kapitäns wurde kein Widerspruch entgegengesetzt; aber -mit der schleunigen Abreise hatte es noch gute oder besser »schlimme« -Wege. - -So weit das Auge sah, schien plötzlich die ganze Marsoberfläche in -Bewegung geraten zu sein. In der Luft dröhnte und donnerte es, der -Erdboden krachte, eine rötliche Staubwolke erfüllte die Luft, so daß -eine Zeitlang nichts mehr zu erkennen war; dann fegte ein plötzlich -daherbrausender Orkan die Wolke hinweg; doch schien sie nur in die -oberen Luftschichten getrieben worden zu sein; denn eine blutig-fahle -Dämmerung lagerte über dem Grunde. - -Ein Schrei des Entsetzens entrang sich unwillkürlich aller Lippen; nur -Flitmore blieb stumm und anscheinend ruhig. - -Dann standen die Erschreckten wie erstarrt. - -Bobs, der Affe, allein sprang in rasenden Sätzen der Sannah zu, die er -erreichte und an der er zu seinem Kameraden Dick emporklomm. - -Unsre Freunde aber sahen gewaltige Wogen auf sich zukommen. - -Anfangs glaubten sie, es seien richtige Wasserwellen, das Meer sei -seinem Bette entstiegen, sie zu verschlingen. - -Bald aber erkannten sie, daß das Land selber mit seinem leichten weichen -Erdboden diese Wellen warf: Hügel verschwanden und neue Hügelketten -tauchten auf, um wieder zu versinken und sich wieder zu erheben. - -Und mit unheimlicher Geschwindigkeit nahten diese Erdwogen. An ein -Erreichen des Weltschiffs, das noch zweihundert Meter entfernt war, war -nicht mehr zu denken. - -Der Boden wankte unter den Füßen der Schreckgelähmten. - -Jetzt ein heftiger Stoß, der alle durcheinander warf; die Erde versank -zu ihren Füßen: sie lagen in der Tiefe; aber der Grund hob sich wieder -und sie mit ihm. Nur Münchhausens rundliche Masse kollerte alsbald -wieder von der Höhe hinab: sein kugelförmiger Körper fand nirgends Halt -und blieb in beständiger rollender Bewegung. - -Noch mehrmals wurden die Daliegenden hilflos gehoben und gesenkt von der -Wellenbewegung der Erde; dann wurde die Erschütterung schwächer und sie -fanden sich in einer breiten Mulde liegend. - -»Hinauf, hinauf!« rief Flitmore, der sich zuerst emporraffte und Mietje -beim Arm faßte, sie mit Hünenkraft den steilen Abhang emporschleifend. - -Es war die höchste Zeit! Brausend kam es die Mulde herauf: ein Strom von -Schlamm, ein dichtes Pflanzengewirr und eine wimmelnde Masse von -zappelnden Würmern mit sich führend. - -Wer von dieser Woge erreicht wurde, der war verloren: aus diesem Chaos -hätte keiner mehr seine Glieder zu befreien vermocht. - -Mit knapper Not entkam der Professor der zähen Flut, die sich -heranwälzte, als er kaum auf halber Höhe des Abhangs angelangt war. Von -dem aufspritzenden Schlamm wurde er über und über bedeckt. - -Heinz und John, unmittelbar vor ihm, reichten ihm hilfreich die Hand. -Der Lord und Mietje befanden sich schon oben in vorläufiger Sicherheit. - -»Wo ist der Kapitän?« rief Flitmore, das Brausen im Grunde -überschreiend. - -»Da liegt er gottlob!« schallte Heinzens Stimme. - -Ja, da lag er zu oberst auf der Bodenwelle. Bei der letzten -Wellenbewegung war es seinen verzweifelten Anstrengungen geglückt, sich -an einem kleinen Erdhügel festzukrallen und so war er zuguterletzt -emporgehoben worden, ohne wieder herabzurollen. Sonst wäre der Unselige -unbedingt verloren gewesen; denn aus dem Grunde der Mulde hätte er sich -nicht so rasch emporarbeiten können wie die andern und da entschieden -Sekunden über Leben und Tod. - -Da lag er nun und bot wiederum einen Anblick, der unter minder -grauenhaften Umständen die größte Heiterkeit entfesselt hätte; denn es -sah zu gelungen aus, wie er noch krampfhaft, beinahe zärtlich das -rettende Erdhügelchen umarmt hielt, als wolle er es nicht wieder von -sich lassen. - -Endlich brachte ihn der Zuspruch und die tätliche Hilfe von Flitmore und -Heinz wieder auf die Beine, wobei John ihn mit kräftigen Armen von -hinten im Gleichgewicht hielt. - -Aber nun war guter Rat teuer für alle: dort drüben ragte die Sannah aus -dem Sumpf, in den sie versenkt worden war. Gähnend öffnete sich die Türe -hart über dem Sumpfspiegel, auf dem die Strickleiter von Morast -überzogen schwamm. - -Ein Glück, daß die Öffnung nicht tiefer zu liegen gekommen war, sonst -wäre der Schlamm ins Innere geflutet und keine Aussicht mehr gewesen, -überhaupt in das Fahrzeug zu gelangen. - -Allerdings schien auch so keine Möglichkeit hiezu vorhanden, so -einladend das Tor herübergähnte: ein Sumpfarm von dreißig Meter Breite -trennte die Gesellschaft von der Sannah und das war ein unüberwindliches -Hindernis. - -»Wenn wir nur die Strickleiter herüberziehen könnten!« meinte Flitmore -nachdenklich; »sie ist fünfzig Meter lang, und wir brauchen sie nur -straff anzuspannen, um hinüberturnen zu können.« - -Alle strengten nun ihre Gehirnkraft an, um ein Mittel zu ersinnen, -dieses Ziel zu erreichen. - -»Wenn die Affen so gescheit wären«, seufzte Mietje nach langem -Stillschweigen: »die könnten uns das Ende der Leiter wohl -herüberschaffen: die Schlammasse ist dick genug und soviele Wurzeln und -verwirrte Pflanzen ragen daraus hervor, daß die Schimpansen bei ihrem -geringen Körpergewicht kaum darin versinken würden.« - -»Ja! Wenn ... wenn ...!« erwiderte der Lord: »Aber wie willst du ihnen -das begreiflich machen? Marsmenschen sind sie noch lange nicht.« - -Immerhin pfiff er den Affen, ohne sich darüber klar zu sein, was es -helfen könne, wenn sie herkamen. - -Die Schimpansen hatten stets mit Neugier herübergeblickt; es schien -ihnen offenbar nicht in der Ordnung, daß sie von ihren Herren völlig -getrennt waren. - -Als nun Flitmores wohlbekannter Pfiff erscholl, dem sie zu folgen -gewohnt waren, kletterten sie an den Rampen herab bis zum Sumpfspiegel. -Hier aber machten sie unschlüssig Halt: der Boden schien ihnen -verdächtig. - -Nochmals pfiff der Lord. - -Nun wagte sich Bobs auf die trügerische Fläche. Er hielt sich mit einer -Hand an der Strickleiter fest und versuchte die ragenden Wurzeln und -Pflanzen als Brücke zu benutzen; dabei schleppte er die Strickleiter bis -zum halben Weg mit sich; da er aber eine Mittelsprosse und nicht das -Ende erfaßt hatte, war nun die Strickleiter straff gespannt und er -konnte nicht weiter, ohne sie loszulassen. - -Ein dritter Pfiff Flitmores hatte nur zur Folge, daß er los ließ und nun -vollends frei herüberturnte, was ihm bei seiner Gewandtheit auch gelang. - -Inzwischen nahte sich auch Dick, der nun an der Strickleiter eine Brücke -bis zur Mitte des Sumpfes fand. Hier verließ auch er sie und kam -vollends glücklich ans Ufer. - -»Nur fünfzehn Meter!« seufzte der Kapitän. - -»Wollen Sie's riskieren?« höhnte Schultze: »Untergehen werden Sie ja -wohl kaum.« - -»Das nicht,« lachte Münchhausen gutmütig, »aber bis zur Mitte meiner -Konstitution einsinken, das ist sicher. Was könnte es Ihnen helfen, wenn -ich als lebendige Kugelboje im Morast schwämme?« - -»Ich muß hinüber, ich bin die Leichteste«, sagte Mietje in plötzlichem -Entschluß. - -»Du?« rief ihr Gatte mit einem Ton der Besorgnis in der Stimme. - -»Ja, ich! Irgendwie müssen wir aus dieser Notlage herauskommen, und das -ist nicht möglich, wenn nicht jemand das Wagnis unternimmt. Das -geringste Körpergewicht gibt die beste Aussicht auf das Gelingen und -somit bin ich die Geeignetste dazu; denn sinke ich unter, so würde das -jedem von euch umso sicherer widerfahren.« - -»Nein, nein! Dieses heldenmütige Opfer können wir nie und nimmer -annehmen«, widersprach der Kapitän. - -»Doch, doch! Bobs wird mich führen, und so gescheit und treu ist er -schon, daß er mich hält, wenn er mich sinken sieht.« - -»Wir müssen dich anseilen«, sagte Flitmore, der einsah, daß etwas gewagt -werden mußte und daß seine mutige Gattin allerdings am ehesten Aussicht -hatte, den Sumpf ohne ernsten Unfall beschreiten zu können. - -»Gut«, sagte Mietje, »so bitte ich die Herren einen Augenblick -wegzusehen.« - -Sie trug unter dem Kleide einen Unterrock aus starker Leinwand. Dieses -entbehrlichen Kleidungsstückes entledigte sie sich rasch und schnitt es -in Streifen mit der Scheere, die sie als praktische Hausfrau in einem -handlichen Nähetui stets bei sich trug. - -Die aneinandergeknüpften Streifen gaben ein Seil, das stark genug war, -sie im Notfall ans Ufer zurückzuziehen. - -Nun ergriff die junge Heldin Bobs Arm und schob den Schimpansen voran -auf den Morast. - -Der Affe zeigte sich verständig und lenksam und schritt gewandt aus, die -haltbarsten Unterlagen geschickt auswählend. - -Mietje, die sich des besseren Haltes wegen ihrer Schuhe und Strümpfe -entledigt hatte, konnte sich nicht wie der Schimpanse mit den Füßen an -den schwankenden Wurzeln und Ranken anklammern: um so fester klammerte -sie sich am Arme ihres Beschützers fest, während die Männer am Ufer das -Seil straff hielten, das ihr unter den Schultern festgebunden worden -war. - -Es war übrigens ein kurioses Schauspiel, die zarte Lady am Arme des -Affen dahinschreiten zu sehen; doch richtete sich die Aufmerksamkeit der -am Ufer Stehenden lediglich auf ihre Tritte. Oft erbebten sie, wenn sie -sahen, daß ihr Fuß einsank; aber die Dame war so behende, daß sie -jedesmal schon den andern Fuß auf irgend einen festeren Punkt gesetzt -hatte und ihr Körpergewicht rasch auf diesen verlegte, ehe der eine Fuß -nur Zeit fand, tiefer einzusinken. - -Ein langsames, zögerndes Ausschreiten wäre ihr Verderben gewesen; durch -dieses flinke Vorwärtshüpfen, das Bobs kaum gewandter zuwege brachte, -gelang es ihr auch sehr zweifelhafte Stützpunkte im Fluge zu benutzen, -sie nur als flüchtiges Sprungbrett für den nächsten Schritt verwertend. - -»Bei allen Feen und Elfen!« konnte der Kapitän sich nicht enthalten, -bewundernd auszurufen: »Lord, ich glaube, ihre Gattin würde mit -ebensolcher Eleganz über das Meer hinweghüpfen: bis ein Fuß einsinken -will, ist er schon ganz wo anders.« - -»Nicht wahr, da staunen Sie, stattlicher Hugo«, spöttelte Schultze: »Sie -möchte ich an Stelle der Lady sehen, wie leichtfüßig Sie durch den -Morast stapfen würden. Daß Sie ja hüpfen können, trotz einem -Ballettmädel, haben Sie uns heut Nacht bewiesen, edler Würmlizertreter.« - -Jetzt atmeten alle auf; Mietje hatte die Strickleiter erreicht und zog -das in den Sumpf gesunkene Ende aus dem Schlamm; aber der hierdurch -veranlaßte Aufenthalt auf dem unsicheren Boden sollte ihr verhängnisvoll -werden. - -Sie stand auf einem dünnen Gewirr verflochtener Lianen und Wurzeln, das -alsbald zu sinken begann, wie sie sich bückte und mühsam die -Strickleiter aus dem Sumpf zog: eine schwere Arbeit, da Pflanzen und -- -o Graus! auch dicke Würmer an den Sprossen hingen. - -Die Männer am Ufer zogen sofort das Seil an, als sie Mietje sinken -sahen; diese aber rief ihnen ein energisches: »Halt, halt!« zu. - -Es wäre eine schlimme Sache für die arme junge Frau gewesen, am Strick -durch diesen Morast mit all seinem Wirrwarr geschleift zu werden, und -sie wäre sicher in bös zerfetztem und zerschundenem Zustand drüben -angekommen. Daran dachte sie jedoch nicht: es war ihr lediglich darum zu -tun, so nahe am Ziel den Erfolg ihres gefährlichen Unternehmens nicht in -Frage zu stellen. - -Bangend sahen ihr die Männer am Ufer zu, bereit, sofort das Seil -anzuziehen, sobald Mietje in dringende Lebensgefahr geriete. Sie stak -schon bis zu halbem Leibe im Schlamm, als sie endlich die Strickleiter -so weit emporgezogen hatte, daß sie bis ans Ufer reichen konnte. - -Aber was war das? Sie band ja das Seil los, das ihr den letzten Halt -geben sollte. - -»Mietje, was tust du? Was fällt dir ein?!« rief Flitmore mit -unverkennbarem Schrecken. - -»Das Gescheiteste!« rief die Lady zurück. - -Sie band rasch das Ende des Stricks an einer Sprosse fest und schrie -dann hinüber: »Jetzt, schnell! Ziehet kräftig an.« - -Mit fieberhafter Eile ließen die Männer das Seil durch ihre Hände -gleiten, bis die Strickleiter sich straffte: sie reichte nun gerade bis -ans Ufer. - -Inzwischen war Mietje bis an den Hals im Schlamm versunken, hielt sich -aber mit emporgestreckten Armen an einer Sprosse fest. - -Als nun die Männer die Leiter zu fassen bekamen und aus allen Kräften -anzogen, wurde die aufopfernde Heldin wieder soweit emporgezogen, daß -sie nur noch bis zur Brust im Moraste stak. - -Dieses Straffen der Strickleiter war ein schweres Stück Arbeit gewesen! - -Nun wurde das Ende der Leiter so fest als möglich an einem starken Busch -angebunden. Zu aller Vorsicht mußte Münchhausen es noch mit seinem -ganzen Körpergewicht beschweren und der Professor sich bereithalten, im -Notfall auch noch zuzugreifen; denn nun turnten der Lord und sein -Diener, sowie Heinz gleichzeitig auf der unsicheren Brücke über den -Sumpf, galt es doch, Mietje aus ihrer schrecklichen Lage zu befreien. - -Schrecklich war ihre Lage in der Tat: sie konnte kaum noch festhalten; -ihre ermüdeten Arme waren schmerzhaft gespannt und die sich krampfenden -Finger wollten sich an einem fort loslösen. Ein Glück war es, daß sie -nicht frei in der Luft hing, sonst hätten ihre Kräfte unbedingt versagt, -ehe Hilfe kam. Der zähe Brei, in dem sie steckte, minderte doch -einigermaßen das Körpergewicht, das an ihren Armen hing und ihr die -Hände aus den Gelenken zu reißen drohte. - -Aber sie fühlte, wie trotz der äußersten Anspannung ihrer Willens- und -Muskelkraft alle Energie sie verließ: tausend Arme schienen sie in den -Sumpf zu ziehen, immer lockender wurde die Versuchung, loszulassen und -sich nicht weiter der schrecklichen Marter auszusetzen, die alle -Todesfurcht einschläferte, so daß Sinken, Ersticken, Einschlafen ihr als -Erlösung erschien. - -Bei alledem gab sie keinen Laut von sich; aber das Blut hämmerte in -ihren Schläfen, es wurde schwarz um sie her, ihre Finger lösten sich: -das war das Ende! - -Dies war ihr letzter dunkler, aber gar nicht schreckhafter Gedanke; dann -hatte sie das Bewußtsein verloren. - -Aber in dem Augenblick, da sie mit schwindendem Bewußtsein die Sprosse -losließ, hatte Flitmore sie erreicht und ihre Handgelenke mit eiserner -Gewalt umklammert. - -Hinter ihm krochen auch schon Heinz und John heran; denn nur kriechend -konnte man sich auf der schwanken Brücke fortbewegen. - -»Ich halte sie«, keuchte der Lord; »jetzt sehet zu, wie wir sie -heraufbringen.« - -Das war keine einfache noch leichte Aufgabe! - -Heinz, der ein äußerst gewandter Turner war, hakte seine Füße in der -Strickleiter ein und ließ sich, den Kopf nach unten, hinab, während er -in den Knieen hing. - -Dann faßte er die Lady mit beiden Händen um die Taille und hob sie mit -unsäglicher Anstrengung aus dem Schlamm. - -»Ich habe sie!« stöhnte er endlich: »Sie können loslassen, Lord.« - -Flitmore ließ die Handgelenke los, die er zwischen zwei Sprossen durch -ergriffen hatte; denn durch den engen Zwischenraum konnte er -selbstverständlich seine Gattin nicht emporziehen. - -Schnell flocht er seine Beine zwischen Sprossen und Stricken fest und -und wies John an, ein Gleiches zu tun. - -Jetzt beugten beide den Oberkörper auf der gleichen Seite hinab und -faßten Mietjes leblosen Körper unter den Armen. Es war höchste Zeit; -denn Heinz hätte ihn in seiner schwierigen Lage keine Minute mehr halten -können. - -Flitmore und Rieger zogen nun die Ohnmächtige auf die Strickleiter, wo -sie dieselbe zunächst ausstreckten, um frische Kräfte zu schöpfen. - -Inzwischen hatte auch Heinz sich wieder heraufgeschwungen. - -Jetzt konnte die Lady, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, vollends zur -Sannah verbracht werden, wo es Flitmores Bemühungen bald gelang, sie -wieder zum Bewußtsein zu bringen. - -Nun durften auch Schultze und Münchhausen die Reise antreten. - -Der Kapitän bewegte sich voran, der Professor schob nach. - -Ersterer hatte es schwer; denn seine runde Wölbung machte ihm das -Kriechen auf der schmalen Leiter beinahe unmöglich. - -Es war ein köstlicher Anblick, diese Körpermasse sich langsam und -schwerfällig auf dem schwankenden Stege vorschieben zu sehen. - -Auf der Mitte angelangt, erklärte der Kapitän mit lauter, aber höchst -kläglicher Stimme: »'s ist aus! Ich bin am Ende meiner Kräfte. Hier -bleibe ich und wenn ich hier übernachten muß und in den Sumpf kollere.« - -»Machen Sie keine schlechten Witze, Kapitän«, mahnte Schultze von -hinten: »Ich schiebe Sie ja aus allen Kräften.« - -»Ach, was richten Sie aus? Das ist, als ob eine Mücke einen Elefanten -schieben wollte! Ich sage Ihnen, ich bin schachmatt.« - -»Sie freuen mich, Allerwertester! Was soll denn aus mir werden? Soll ich -etwa über Sie hinwegturnen? Im Bergkraxeln bin ich ganz und gar nicht -bewandert und zum mindesten müßte ich einen Alpenstock haben, wollte ich -es wagen, diese gefährliche Kletterpartie zu unternehmen.« - -»Ha! Gefühlloser Schurke! Bin ich aus Granitquadern gebaut? Bin ich ein -rauher Felsblock, daß Sie die Eisenspitze eines Gebirgsstockes in meine -Flanken bohren wollen? Das lassen Sie sich beikommen und wie eine Lawine -rolle ich mit Ihnen ins Verderben!« - -»Nee! ein rauher Felsbrocken sind Sie nicht«, lachte der Professor -belustigt: »Rauh sind Sie nur innerlich, oller Seebär; außen sind Sie -nur allzuglatt und wohlgerundet, das ist ja gerade das Fatale; ein -Absturz wäre mir sicher, wollte ich die Kletterei unternehmen. Also, -voran!« - -»Keinen Schritt mehr!« - -»Aber ich kann doch nicht hier übernachten.« - -»So kehren Sie um.« - -»Was? So nahe dem rettenden Hafen soll ich umkehren und mich in der -Nacht mit den blutdürstigen Würmern herumbalgen? Vorwärts, vorwärts! Es -dämmert schon.« - -Flitmore hatte inzwischen John gesandt, der nun den Kapitän erreichte -und anseilte. - -So, gezogen und geschoben, gelangte er endlich in die Sannah zur großen -Erleichterung des Professors, der sich nun auch geborgen sah. - -Alle Anstrengungen, die Strickleiter vom Busch loszureißen, um sie in -das Weltschiff zu ziehen, waren vergeblich. - -»Lassen wir sie zurück«, erklärte der Lord, »ich habe ja noch andre.« - -»Nein!« widersprach Heinz: »Die Brücke, die uns das Leben rettete und um -die Lady Flitmore ihr Leben wagte, an der sie so heldenmütig die -gräßlichsten Folterqualen ertrug, darf nicht im Stiche gelassen werden: -ich mache sie los!« - -Flitmore schüttelte den Kopf: »Und Sie? Sie werden es schwer haben auf -der losen Leiter zurückzukehren.« - -»Lassen Sie mich machen, es wird alles gut gehen!« - -Wirklich kletterte Heinz zurück. - -Er schnitt ein Stück des leinenen Seiles ab, band es an den Teil des -Seiles, der die Leiter mit dem Busch verband und glimmte es an. Dann -kletterte er rasch zurück und erreichte auch wirklich die Sannah, ehe -die weiterglostende Lunte das Seil angesteckt und durchgebrannt hatte. - -Sobald letzteres der Fall war, ließ sich die Strickleiter leicht -einziehen. - -Nun waren alle im Weltschiff wieder beieinander; Bobs hatte sich schon -dorthin gemacht, als Mietje ihn losließ, um die Strickleiter aus dem -Moraste zu ziehen. Dick war über die Brücke als Erster geturnt, sobald -sie hergestellt worden war. - -Inzwischen war es Nacht geworden; beide Marsmonde leuchteten am Himmel: -Phobos, der bei einer Umlaufszeit von nur 7½ Stunden manchmal in einer -Nacht zweimal erscheint, und Deimos, der dem Mars nicht jede Nacht -aufglänzt, da er 30¼ Stunde Umlaufszeit hat. Beide sind dem Planeten -sehr nahe, woraus sich ihre überaus kurze Umlaufszeit erklärt. - -Flitmore schloß die Türe und ließ den Zentrifugalstrom durch das -Weltschiff strömen. - -Die Sannah erhob sich mit wachsender Geschwindigkeit, und, wie unsre -Freunde sahen, gerade zu rechter Zeit; denn unter ihnen geriet das -monderhellte Land auf einmal wieder in Bewegung. Ein besonders heftiger -Erdstoß mußte es erschüttert haben; denn plötzlich kam von ferneher eine -haushohe dunkle Woge: das Meer brauste heran und verschlang das -schwankende Land, so weit man sehen konnte, und mit ihm auch zweifellos -den letzten Bewohner des Mars. - - - - - 15. Im Meteorschwarm. - - -»Schade, daß wir uns so rasch vom Mars entfernen,« sagte Schultze -bedauernd: »Es wäre äußerst interessant und lehrreich gewesen, bei -Tageslicht aus nächster Nähe die Veränderungen zu beobachten, die das -Erdbeben auf der Oberfläche des Planeten hervorgerufen hat.« - -»Wir haben keine Eile,« entgegnete Flitmore, »da wir ja nun in -Sicherheit sind, und es ist uns ein Leichtes, über Nacht in der -Marsatmosphäre zu verweilen. Ich übernehme die erste Nachtwache und -werde den Strom alle zehn Minuten unterbrechen, so daß wir wieder -sinken; Herr Friedung soll es in der zweiten Wache ebenso machen und -Sie, Professor, übernehmen die Morgenwache und vollführen das gleiche -Manöver; nur müssen Heinz und Sie wohl aufpassen, daß Sie den Strom -nicht allzulange unterbrechen, damit uns nicht etwa eine unsanfte, -vielleicht gefährliche Landung begegnet.« - -Die beiden versprachen alle Vorsicht und bewiesen sie hernach auch, so -daß die Sannah beim Anbruch des Morgens sich nur wenige Kilometer über -der Marsoberfläche befand. - -Es war ein überraschendes Bild, das sich nun unsern Freunden bot: der -Meeresgrund hatte sich gehoben und das bisherige Festland, das sich -gesenkt hatte, war vom Meer bedeckt, wenigstens zum größten Teile. - -Nun zeigte sich aber deutlich, daß ähnliche Katastrophen den unseligen -Mars schon früher heimgesucht hatten, denn das neue, dem Meeresgrund -entstiegene Festland war mit Städten und Dörfern aus buntem Gestein -übersät, die aus dem Schlamm hervorleuchteten, der sich in ihren Gassen -und um sie her abgesetzt hatte. - -»Nun begreife ich erst, wie die ganze Marsbevölkerung nach und nach -zugrunde gehen konnte!« sagte Schultze. »Noch eine oder zwei so -gewaltige Verheerungen, und auch das Tierleben wird auf dem Planeten -erloschen sein bis auf das Seegetier und die gräßlichen Sumpfwürmer. -Höchstens die Vögel mögen noch dem Verderben entgehen.« - -Nun wurde die Marsbahn endgültig verlassen und Flitmore schlug vor, nach -dem Jupiter, dem Koloß unter den Planeten, zu fahren und dann dem Saturn -einen Besuch abzustatten, ehe die Rückreise nach der Erde angetreten -werde. - -Damit waren alle einverstanden. - -Zunächst wurde jetzt daran gegangen, die einzelnen Zimmer den -Schwerpunktverhältnissen der Sannah anzupassen, denn ihre Rotation hatte -wieder begonnen und es galt allerlei Möbel und Gerätschaften in den -Zimmern, die auf einen andern Schwerpunkt eingerichtet waren, von den -Wänden oder der Decke zu lösen und sie am Fußboden festzuschrauben. - -Kurz darauf geriet die Sannah in einen Meteorschwarm. - -Flitmore hatte behufs Verlangsamung der Fahrt den Fliehstrom abgestellt, -als ein Gepolter losging; anfangs waren es nur einzelne kleine -Meteoriten, die die Umhüllung des Schiffes trafen, bald aber prasselte -es auf sie hernieder wie ein regelrechtes Hagelwetter. Beschädigt wurde -die solide Hülle nicht, denn die Meteore waren wohl auch nicht größer -als Hagelkörner; um aber jeglicher Gefahr aus dem Wege zu gehen, ließ -der Lord rasch wieder den Strom durch die Sannah kreisen und alsbald -bewährte sich die Wirkung der Fliehkraft, denn die Meteore wichen dem -Weltschiff von ferne aus infolge der abstoßenden Wirkung, die sie auf -alle der Schwerkraft unterworfenen Körper ausübte. - -Flitmore lud die Reisegesellschaft ein, sich in ein auf der Nachtseite -gelegenes Zimmer zu begeben: »Ich denke, daß wir auf der Schattenseite -ein herrliches Schauspiel von leuchtenden Sternschnuppen und Meteoren -genießen werden,« meinte er. - -»Sie vergessen,« warf Schultze ein, »daß die Meteoriten nur beim -Eintritt in die Atmosphäre aufleuchten, infolge der Reibung mit -derselben.« - -Der Lord lächelte: »Ich vergesse nichts: schauen wir leuchtende Meteore, -so ist dies ein neuer Beweis für meine Theorie, daß eben der ganze -Weltraum mit verdünnter Luft erfüllt ist.« - -»Aber müßte dann nicht auch die Erde in Glut geraten?« fragte Heinz. - -»Sie ist geschützt durch ihre atmosphärische Hülle, die sie vor der -Reibung mit den Stoffen des Raums bewahrt, und die Lufthülle selber -bleibt deshalb vor zu starker Reibung bewahrt, weil sie einen Teil der -Weltatmosphäre mit sich fortreißt und diese Bewegung mit der zunehmenden -Höhe nur immer schwächer wird, so daß die Reibung der Erdatmosphäre mit -der Weltatmosphäre an keinem Punkte stark auftreten kann, da jede neue -Schicht nur um sehr wenig geringere Bewegung aufweist als die darunter -liegende.« - - [Illustration: Sannah im Meteorenschwarm.] - -Mochte dem sein, wie ihm wollte, jedenfalls war es Tatsache, daß man -ganze Schwärme von kleineren und größeren Meteoren zu sehen bekam: ein -entzückendes Feuerwerk. - -»Sie haben ja recht behalten, Lord,« gestand Schultze nun ein: »Aber -rätselhaft bleibt es mir, warum, wenn doch offenbar die Reibung an der -dünnen Weltatmosphäre genügt, um die Meteore zu entzünden, die irdischen -Sternschnuppen erst dann zum Leuchten kommen, wenn sie in die -Erdatmosphäre eintreten?« - -»Die Sache ist sehr einfach: weil sie eben zuvor keiner oder doch nur -einer geringen Reibung ausgesetzt sind. Sehen Sie, ich erkläre mir den -Vorgang so: die Meteorschwärme haben ja wohl ihre Eigenbewegung, aber -wahrscheinlich teilt die Weltatmosphäre in ihrer Bahn diese Bewegung, -möglicherweise hat auch jedes noch so kleine Meteor seine eigene -Lufthülle, die es aus der Raumatmosphäre an sich zieht; dadurch wird die -Reibung aufgehoben oder auf ein geringes Maß beschränkt. - -Gerät aber die Erde in einen solchen Meteorschwarm, so läßt die -Anziehungskraft der Erde die Meteore mit rasender Geschwindigkeit -stürzen; beim Eintritt in die dichtere Erdatmosphäre werden sie ihrer -Lufthülle plötzlich beraubt, der Widerstand der Luft streift sie ihnen -gleichsam ab, und nun entsteht die Reibung, die sie in plötzliche Glut -versetzt. - -Wenn wir nun hier leuchtende Meteore sehen, so ist der Fall allerdings -insofern ein anderer, als keine dichtere Atmosphäre das Aufglühen -veranlaßt, jedenfalls aber ein ungemein beschleunigter Sturz. Diese -Meteore müssen in die Anziehungssphäre eines Planeten, vielleicht des -Jupiter, geraten sein und stürzen nun mit solch rasender Geschwindigkeit -durch den Raum ihm zu, daß der Widerstand der verhältnismäßig ruhenden -Weltatmosphäre sie ihrer Lufthülle beraubt, falls wir eine solche -annehmen wollen, jedenfalls aber ihre Reibung an der Weltatmosphäre -stark genug wird, sie in Weißglut zu versetzen.« - -John Rieger lauschte mit offenem Munde diesen großartigen Ausführungen -seines Herrn, die ihm um so mehr Ehrfurcht einflößten, als er nicht das -mindeste davon begriff. - -Aber bildungsdurstig, wie er stets war, wandte er sich an Professor -Schultze, der es besser verstand, sich seinem Verständnis anzupassen. - -»Mit untertänigst gnädigstem Verlaub, Herr Professor,« hub er an: »Sie -reden da so viel äußerst Belehrendes von den Motoren oder Sternschuppen; -aber wenn Sie einmal die gütigste Liebenswürdigkeit hätten, mich -genauestens aufzuklären, was diese leuchtenden Motoren von Grund aus -sind, so wäre ich Ihnen vorzugsweise verbunden.« - -»Sehr gern, mein Freund!« erwiderte der Professor bereitwilligst: »Wie -du ganz richtig bemerkt hast, sind Meteore und Sternschnuppen im Grunde -dasselbe. Es sind kleinere oder größere Körper, die im Weltraum sich -befinden. Wenn nun die Erde in ihre Nähe kommt, werden sie von ihr -angezogen und sie stürzen mit größerer oder kleinerer Geschwindigkeit in -die Lufthülle der Erde. Je rascher sie hereinstürzen, desto mehr -erhitzen sie sich, aber um so mehr verlieren sie auch an Fallkraft, so -daß sie weiter unten nicht schneller stürzen als diejenigen, die von -Anfang an langsamer fielen. - -Die Erhitzung mag mehrere tausend Grad betragen; dabei kommen sie zum -Leuchten und schmilzen an der Oberfläche, wogegen sie im Innern ziemlich -kalt bleiben. Wenn sie die Erde erreichen, sind sie durchaus nicht -besonders heiß, was eben daher kommen mag, daß ihr Sturz je tiefer desto -langsamer wird. - -Die meisten aber kommen gar nicht bis zur Erde herab, weil sie hoch oben -schon so heiß werden, daß sie sich in Gase auflösen: Das sind dann -Sternschnuppen. Gelangen sie jedoch bis zur Erde, so sind es Meteore. So -nennt man sie aber auch, wenn sie besonders groß und hell erscheinen; -übertreffen sie an Glanz die hellsten Sterne, so heißt man sie Boliden; -verbreiten sie einen ganz außerordentlichen, oft taghellen Glanz, so -bezeichnet man sie als Feuerkugeln; solche treten aber nur sehr selten -und immer vereinzelt auf, während Sternschnuppen und Meteore in ganzen -Schwärmen vorkommen. - -Natürlich willst du nun wissen, woher diese Dinger eigentlich stammen. -Manche behaupten, Meteoriten, d. h. kleine Meteore, kämen vom Mond. -Sicher aber ist, daß die Sternschnuppen und Meteorschwärme von Kometen -herrühren. Erstens einmal sind ihre Bahnen denen der Kometen durchaus -ähnlich; zweitens aber hat man schon beobachtet, daß Kometen, die der -Sonne oder dem Jupiter zu nahe kamen, sich in Meteorschwärme aufgelöst -haben. - -Dafür ist besonders der berühmte Bielakomet ein lehrreiches Beispiel. -Dieser kam 1846 dem Jupiter zu nahe und zersprang dadurch in zwei -Stücke, die 1852 zu richtiger Zeit wiederkehrten, aber 1858, als sie -wieder erscheinen sollten, nirgends zu finden waren. Seither hat man ihn -nicht wieder gesehen; als jedoch die Erde 1872 und 1885 seine Bahn -kreuzte, geriet sie in einen Meteorschwarm, der als prächtiger -Sternschnuppenhagel das Auge entzückte. Das waren die Überreste des -stolzen Kometen. Diesen Meteorschwarm nannte man die Leoniden, weil er -aus dem Sternbild des Löwen zu kommen schien; zuletzt ist auch dieser -Meteorschwarm verschwunden.« - -»Das leuchtet mir spezifisch ein,« sagte John befriedigt, »daß die -Motore von den Kometen herkommen; denn man nennt doch die Kometen -»Haarsterne«, weil sie sozusagen eine goldene Mähne haben. Aber aus -solchen goldenen, leuchtenden Haarverhältnissen dürften vermutungsweise -auch goldene, leuchtende Schuppen fallen, und das sind dann die so -richtig benannten Sternschuppen.« - -Alle lächelten über diese gelungene, echt volkstümliche Wortableitung; -der Professor aber sagte lachend: - -»Brav, mein Sohn! Bleibe nur bei dieser Erklärung, so behältst du alles -am besten inne; denn Schuppen oder Schnuppen sind in Grunde Schnuppe und -Schuppen können zwar lästig sein, aber so ein hartnäckiger Schnuppen ist -doch noch weit unangenehmer. Aber noch weißt du nicht, aus was für -Stoffen die Meteore eigentlich bestehen. Sie enthalten allerlei: -Kieselsäure, Magnesia, Eisen, Nickel, Kupfer, Wasserstoff, Sauerstoff, -auch Kohlenstoff und zweifellos organische Bestandteile, das heißt -Spuren von Pflanzen oder lebenden Wesen, die uns Kunde geben, daß auch -andere Welten solche besitzen, wie wir jetzt ja auf dem Mars mit eigenen -Augen sehen; manchmal findet man sogar Diamanten im Innern eines -Meteorsteins. Meistens sind es größere oder kleinere Eisenblöcke.« - -»Ja,« mischte sich der Lord in die Auseinandersetzung: »und drei solche -hat der berühmte Nordpolforscher Peary gestohlen!« - -»Gestohlen?« fragte Heinz erstaunt. - -»Jawohl. Dieser Peary fand bei den Eskimos eiserne Werkzeuge. Überrascht -hievon, erkundigte er sich, woher das Eisen stamme. Man antwortete ihm -stets: »Vom Eisenberg!« Wo sich aber dieser rätselhafte Eisenberg -befand, wußten nur die ältesten Männer des Stammes und diese verrieten -ihr Geheimnis nicht. - -Auf späteren Reisen erwarb sich Peary nach und nach das Vertrauen der -Eskimos in so hohem Grade, daß sie endlich seinem Drängen nachgaben und -ihn zu dem rätselhaften Eisenberg führten, der aus drei gewaltigen -Meteoren bestand. Die Eskimos hatten ihnen Namen gegeben: »Die Zehn«, -»Das Weib« und »Den Hund« nannten sie diese Eisenklötze, die für sie ein -ganz unschätzbares Kleinod waren, das einzige Eisen in den arktischen -Regionen! Aufs gemeinste hat Peary das ihm entgegengebrachte Vertrauen -mißbraucht. Unter großen Schwierigkeiten ließ er die drei Meteore, ja -alle drei! heimlich an Bord schaffen und beraubte so die armen Eskimos, -die wahrhaftig hart genug ums Dasein zu kämpfen haben, ihres kostbarsten -Schatzes, den sie so lange unter strengstem Geheimnis gehütet hatten. In -Newyork erhielt er 200000 Mark für seinen Raub. Ob er wohl das -Sündengeld mit gutem Gewissen eingesackt hat?« - -»Das ist allerdings ein Schurkenstreich erster Güte!« eiferte Schultze -empört: »In meinen Augen hat Peary seinen Ruhm damit aufs schmählichste -befleckt.« - -»Und sehen Sie, so ist unsere europäische und amerikanische -Christenmoral,« fuhr der Lord fort: »Jedermann weiß, was dieser Peary da -verübt, und doch feiert man ihn, ja man bewundert noch die Kühnheit und -List, mit der er die Eskimos hintergangen und bestohlen hat. Hätte er -einem Amerikaner solche Wertgegenstände geraubt, so käme er dafür ins -Zuchthaus.« - -»Ja ja! Aber so arme Eskimos bestehlen, das ist ja wohl etwas anderes, -eine Heldentat!« fügte Schultze grimmig bei. - -Als der Professor seine Empörung über die Schuftigkeit eines berühmten -Mannes einigermaßen überwunden hatte, fühlte er sich bewogen, John noch -eine besonders interessante Mitteilung über die Meteoriten zu machen: - -»Du siehst,« sagte er, »es fallen zu Zeiten recht stattliche Eisenblöcke -vom Himmel; manchmal geht ein ganzer Hagel von Meteoren nieder. Vom Jahr -823 wird berichtet, daß in Sachsen durch einen solchen Meteorhagel -Menschen und Vieh erschlagen und 35 Dörfer vom Feuer verzehrt worden -sind. Der berühmte Arzt und Chemiker Avicenna beschreibt genau -Meteoritenfälle, die um 1010 in Ägypten, Persien und anderwärts -niedergingen. Am 1. Oktober 1304 fielen bei Friedeburg an der Saale -feurige Steine wie Hagel und richteten großen Schaden an. Am 7. November -1492 fiel bei Ensisheim ein 260 Pfund schweres Meteor, von dem ein Stück -noch heute in der dortigen Kirche hängt. Am 4. September 1511 ereignete -sich bei Crema ein ungeheurer Steinregen, der die Sonne verfinsterte. Es -stürzten etwa 1200 Meteore herab, darunter solche von 260 und 120 Pfund; -sie erschlugen Vögel, Vieh und Fische, auch einen Mönch. - -Und ähnliche Fälle kamen noch zu Dutzenden in Deutschland, Frankreich, -Spanien und Italien vor, wobei mehrfach Menschen ums Leben kamen. Eine -ganze Anzahl derselben wurde ausführlich beschrieben, oft von -einwandfreien Gelehrten und Professoren; sogar wissenschaftliche -Kommissionen untersuchten die Aerolithen, und trotzdem wollte die -Wissenschaft nicht daran glauben; ja die französische Akademie der -Wissenschaften erklärte es feierlich für einen Blödsinn, wenn man -behaupte, es könnten Steine vom Himmel fallen. Allerdings wurde sie -durch einen alsbald erfolgenden großartigen Steinregen in Frankreich -gründlich blamiert; aber man sieht daraus, wie zäh die Zweifelsucht -beschränkter Köpfe ist, die sich für Leuchten der Welt halten. Es ist -heute nicht anders, es gibt jetzt noch genug Vertreter dieser -wissenschaftlichen Beschränktheit, die vor den augenfälligsten Tatsachen -wie der Vogel Strauß den weisheitgeschwollenen Kopf in den Sand stecken, -sobald ihnen etwas über den Horizont geht: solche Kleingeister spötteln -heute über die Wünschelrute, das Hellsehen, die Weissagungen der -Propheten und wollen gar die Geschichtlichkeit eines Jesus leugnen, -genau wie jene Akademiker an keine Meteoriten glauben wollten; es ist -die Sorte, die nie ausstirbt und gegen welche Götter selbst vergebens -kämpfen!« - -»Sachte, sachte, Professorchen,« lachte Münchhausen: »Sie sind auch -nicht immer gläubig und haben sich schon manchmal mit Ihren Zweifeln -verrannt.« - -»Gebe ich zu! Aber hernach sehe ich es ehrlich ein und hülle mich nicht -in Eigensinn und überlegenes Lächeln.« - -»Am meisten,« nahm der Lord das Wort, »belustigen mich die Gelehrten, -die aus erhabenem wissenschaftlichen Wirklichkeitssinn jede Möglichkeit -leugnen, ein Mensch könne Zukünftiges vorhersagen. Aus dieser -vorgefaßten Meinung heraus geben sie sich unendliche Mühe, mit einem -fabelhaften Aufwand von Phantasie und Mangel an Logik die prophetischen -Weissagungen der Bibel wegzuerklären, und dann erzittern sie, wenn sie -zu dreizehnt am Tische sitzen, weil das ein kommendes Unglück bedeuten -soll, oder wenn ihnen eine schwarze Katze über den Weg läuft: ja, eine -Zahl und eine Katze halten sie für Propheten und den prophetischen -_Geist_ begreifen sie nicht! Nirgends sieht man es so deutlich bewiesen: -Da sie sich für weise hielten, sind sie zu Narren worden!« - -»So ist es immer,« sagte der Kapitän mit ungewohntem Ernst: »Ich habe es -mein ganzes Leben lang beobachtet: wer die ewigen Wahrheiten nicht -glauben will, verliert die Fähigkeit des klaren Denkens, hält Phantasien -für Beweise und glaubt den kläglichsten Blödsinn.« - -»Allerdings,« sagte Flitmore: »Dabei merkt aber der Ärmste gar nicht, -daß auch seine vermeintliche Weisheit nur Glaube ist, wenn auch ein -unvernünftiger; vielmehr glaubt und behauptet er, auf dem Boden -unfehlbarer wissenschaftlicher Ergebnisse zu stehen.« - -»Wer an »unfehlbare wissenschaftliche Ergebnisse« überhaupt glauben -kann,« schloß Schultze, »dem ist schon nicht zu helfen: er leidet an -einem Verstandes- oder Willensfehler. Ein gebildeter Mensch, der zu -klarem Denken fähig ist, muß einsehen, daß es wohl Ergebnisse der -Beobachtung gibt, aber niemals zweifellose Ergebnisse der Wissenschaft. -Wobei zu bemerken ist, daß auch die reinen Beobachtungsergebnisse, -selbst wenn sie Jahrzehnte hindurch von den verschiedensten Beobachtern -bestätigt werden, durchaus keine Gewähr der Richtigkeit bieten, wie -schon die berühmten Marskanäle beweisen.« - -John Rieger konnte diesen Erörterungen nicht recht folgen; er hatte aber -noch eine Frage betreffend der Meteore auf dem Herzen, die er jetzt -anbrachte, als die Herren schwiegen: »Sie haben so viele Vorkommnisse -von Steinregen benannt, Herr Professor, aber alle aus alter Zeit. -Heutzutage dürfte wohl so etwas überhaupt nicht mehr vorkommen in unserm -aufgeklärten Zeitalter?« - -»Da sehe einmal einer den Zweifler!« polterte Schultze lachend: »Also -auch du bist noch nicht überzeugt, mein Sohn Brutus, daß die Meteorfälle -auf Erden Tatsache sind? Höre: auch heutzutage kommen sie häufig vor. So -ist zum Beispiel bei Mugello in der Nähe von Florenz am 3. Februar 1910 -ein Hagel von Meteoriten in glühendem Zustand niedergegangen, die -Straßen, Felder und Weinberge bedeckten und die Kulturen vielfach -zerstörten. Nach diesem Feuerregen zerriß plötzlich der Dunstschleier -und es zeigte sich ein Komet von strahlendem Glanze.« - -»Und das ist wirklich und wahrhaftig geschehen?« - -»Wirklich und wahrhaftig: es stand in allen Zeitungen und ist so gut -bezeugt, daß ein gebildeter Mensch es glauben muß.« - -»Ja, dann glaube ich es natürlich und selbstverständlich auch,« sagte -Rieger selbstbewußt. - - - - - 16. Ein Konzert in der Sannah. - - -Die Reise war bisher so ergebnisreich verflossen, daß unsere Freunde -noch nicht dazu gekommen waren, ein richtiges Konzert zu veranstalten, -wenn auch hie und da ein halbes Stündchen durch vereinzelte musikalische -Vorträge verklärt worden war. So war John einigemal aufgefordert worden, -seine Flöte hören zu lassen oder hatte der Lord mit seiner Gattin -vierhändig gespielt, -- lauter erhebende Genüsse. Ganz besonders aber -entzückte alle Heinz' wunderbares Geigenspiel. - -Der junge Schwabe liebte es namentlich, im Dunkeln zu spielen, sei es, -daß er aus dem Gedächtnis seine Lieblingsschöpfungen großer Meister -wiedergab, sei es, daß er phantasierte. - -Wie überirdische Musik klang dieses wundersame Phantasieren durch den -dunkeln Raum. - -»Woher haben Sie nur diese Töne?« fragte Lady Flitmore einmal: »Das ist -ja die reinste Sphärenmusik!« - -»Mir ist's auch, als vernähme ich die Harmonie der Sphären,« erwiderte -Heinz nachdenklich: »Hören Sie nichts? Fliegen wir nicht durch den Raum, -der von der wunderbarsten aller Harmonien erfüllt ist? Und mir ist's, -als riefe mir von einem fernen Stern eine melodische Stimme und locke -mich durch ihren bezaubernden Gesang. Das sind Klänge aus höheren -Wunderwelten, die ich vernehme, eine überirdische Musik, aber was ist -dagegen mein schwaches, armseliges Spiel? Wohl ist es beseelt von den -himmlischen Harmonien, doch nimmer ist es imstande, auch nur eine Ahnung -von ihrem Zauber zu vermitteln.« - -»O, Sie geben uns mehr als eine Ahnung davon,« hatte dann der Lord -gesagt; denn ihm, wie allen andern kamen die Töne wahrhaft überirdisch -vor, die der junge Künstler seinem herrlichen Instrumente entlockte. - -Heute nun wurde zum erstenmale ein regelrechtes Konzert veranstaltet, -bei dem alle mitwirken sollten, abgesehen von Schultze, dem jegliche -musikalische Ausbildung mangelte: »Gleich meinen Vettern, den -Schimpansen,« sagte er lachend. - -Wie wir wissen, verstand sich Heinz nicht bloß auf die Violine, sondern -auch aufs Pistonblasen; der Lord betätigte sich außer auf dem Klavier -noch auf dem Cello und der Posaune; Mietje war eine vorzügliche -Pianistin und John ein nicht zu verachtender Flötenbläser: es ließ sich -also je nach Wunsch und Bedarf ein abwechslungsreich gestaltetes -Orchester zusammensetzen. - -Münchhausen behauptete, sehr musikalisch zu sein, erklärte aber: »Um die -Klaviatur zu malträtieren oder die Saiten zu kratzen, fehlt es mir an -der nötigen Beweglichkeit und Gelenkigkeit; Blasinstrumente kann ich -wegen meiner fatalen Kurzatmigkeit nicht pusten, aber das Paukenschlagen -verstehe ich vorzüglich und weiß ein Gefühl, eine Stimmung, eine Melodik -hineinzulegen, daß ich mich anheischig machen wollte, in einem -Paukensolo Ihnen die herrlichsten Schöpfungen unserer größten Meister in -einer Weise vor Ohren zu führen, daß Sie gestehen müßten, kein -Instrument reicht in seiner Wirkungsfähigkeit an die Pauke heran, und -kein anderes ist so geeignet, den feinsten seelischen Stimmungsgehalt -eines Musikwerks wiederzugeben, wie eben dieses Instrument der -Instrumente.« - -»Oho!« lachte der Lord: »Das ist mir wirklich neu! Kapitän, Sie sind ein -musikalisches Genie und eröffnen der Musik ganz neue Bahnen und -Aussichten. Wahrhaftig! ein Paukenvirtuos, wer hat je von einem solchen -gehört? So sei Ihnen denn die Pauke anvertraut, als dem Würdigsten unter -uns.« - -»Münchhausen«, sagte Schultze: »Was wollen Sie überhaupt mit einer -Pauke? Sie reichen ja doch nicht mit ihren kurzen Armen um Ihre -Leibeswölbung herum und können das von Ihnen so gepriesene Instrument -überhaupt nicht treffen: Sie treffen höchstens Ihren eigenen Bauch und -das ist ja auch eine Pauke, die jede künstliche Pauke entbehrlich macht. -Überdies wird es für Sie eine äußerst zuträgliche Massage sein, wenn sie -diese größte und herrlichste aller Pauken schlagen, mit der die Natur -und Ihr guter Appetit Sie begabt hat.« - -»Oho!« protestierte der Kapitän: »Schultze, Sie sind schief gewickelt! -Sie treiben da Ihren Spott mit einem Titanen der Musik, Sie, der Sie von -Musik überhaupt nichts verstehen und bei unserem Konzert einzig und -allein das verständnislose Publikum abzugeben vermögen. Allerdings gebe -ich zu, daß dies ein notwendiger Bestandteil jedes richtigen Konzertes -ist.« -- - -»Nun, nun,« eiferte der Professor: »Wenn ich auch nicht gerade -Sachverständiger auf dem Gebiete des Kontrapunkts und der Harmonielehre -bin, und nicht unterscheiden kann, ob Sie Beethoven oder Wagner pauken -...« - -»Muß jeder feinhörige Mensch sofort an meinem Paukenschlag heraushören!« -unterbrach Münchhausen. - -»Nanu! Wenn ich so fein auch nicht höre, so habe ich doch die größte -Freude an der Musik und werde als verständnisloses Publikum doch ein -dankbarer und begeisterter Hörer sein.« - -»Bravo!« rief Mietje, »als solchen kennen wir Sie, und für Sie wird denn -auch das ganze Konzert gegeben.« - -Unter den Virtuosen, die hier versammelt waren, hatte jeder seine -besondere Vorliebe für diesen oder jenen großen Komponisten. - -Lady Flitmore zog Schubert, Schumann, Mendelssohn und Chopin vor; ihr -Gatte hielt Bach, Beethoven, Händel, Haydn und Weber für die -Bedeutendsten; Heinz neigte mehr zu Wagner, Bruckner, Hugo Wolff und -Grieg; Münchhausen begeisterte sich für Mozart, Brahms und Gluck, -während John für Meyerbeer und Richard Strauß schwärmte. - -Doch waren alle vielseitig und unparteiisch genug, um auch der andern -Größe anzuerkennen und ihnen gern zu huldigen. - -Am meisten bewies das Heinz, der trotz seiner Vorliebe für Wagner doch -auch von Sebastian Bach so eingenommen war, daß er diesen -weltumfassenden Geist durch mehrere kleine Gedichte gepriesen hatte, zu -denen ihn die Töne des Meisters begeisterten. - -Die Choralphantasie über »Komm heil'ger Geist, Herre Gott!« hatte -beispielsweise folgende Verse bei ihm ausgelöst: - - Töne von Bach! - Wie sie rauschen und schwellen - Gleich den Meereswellen! - - Ich denk' ihm nach, - Ob ich's möge erfassen, - Was sie ahnen lassen. - - Was reißt ihn fort - Über irdische Sphären - Zu den Himmelsheeren? - - Heilige Glut, - Von Gott selber entzündet, - Die da Liebe kündet; - - Liebe zu Gott, - Die in seligen Schauern - Sprengt die irdischen Mauern; - - Liebe zu Dir, - O Du Heiland der Seelen, - Die in Schulden sich quälen. - - Töne von Bach, - Sprengt die Ohren der Tauben, - Daß sie weinen und glauben; - - Öffnet und hellt - Doch die Augen der Blinden, - Ihren Heiland zu finden - Und die selige Welt! - -Ein andermal ließ er sich also vernehmen: - - Sebastian Bach! Die Welt versinkt dem Geist, - Der schauernd lauschet deinen mächt'gen Tönen; - Und überwältigt ahnt er, was es heißt, - Zu hören die Vollkommenheit des Schönen. - - O Bach, wie wird uns erst im Himmel sein, - Wenn wir verzückt, von sel'gen Engelchören - Getragen, deine Meisterwerke hören, - So heilig ernst und so vollkommen rein! - -Und die unvergleichlichen Passionsoratorien gaben Heinz die -nachfolgenden Verse ein: - - O heil'ge Wundertöne - Zum heil'gen Gotteswort, - Wie reißet eure Schöne - Die Herzen mit sich fort! - - Der Erdenwelt entrücket, - Knie ich erschauernd da: - Es schaut mein Geist verzücket - Das Kreuz auf Golgatha. - - Und was ich zitternd höre - So herzergreifend schön, - Das sind der Engel Chöre - Aus lichten Himmelshöhn; - - Dazwischen Menschenstimmen - Voll Leidenschaft und Wut, - Die gegen _Den_ ergrimmen, - Der sie erkauft mit Blut. - - Doch unaussprechlich milde - Ertönt durch all den Hohn - Die Stimme durchs Gefilde - Vom ew'gen Gottessohn: - - Das sind nicht ird'sche Sänge! - Wie alles bebt und rauscht! - O Bach, du hast _die_ Klänge, - Dem Himmel abgelauscht! - - Vom heil'gen Geist durchdrungen, - Ins Paradies entrückt, - Hast du uns nachgesungen, - Was Engel dort entzückt! - -So verklärten sich diese Melodien in des jungen Künstlers Geist, wenn er -ihnen als andächtiger Zuhörer lauschte. Wirkte er aber selber mit, wie -heute, so legte er seine ganze Seele in den Ton, versenkt in die -Gefühle, die des Meisters Geist beseelten, da er sein Werk schuf. - -Die Klänge rauschten in harmonischer Fülle durch den Saal und dann -erstarben sie in einem Pianissimo von einer Zartheit, das geradezu -wunderbar wirkte; alle standen unter dem Banne einer heiligen Andacht -und Schultze fühlte sich tief ergriffen und lauschte mit aller -Anspannung, um ja keinen der leisesten Töne sich entgehen zu lassen. - -»Bum!« ein dumpfer Paukenschlag erscholl dröhnend durch das entzückende -Pianissimo; wie eine Bombe zerstörend platzte er herein und -zerschmetterte die klassischen Harmonien. - -Was fiel dem Kapitän in seiner Ecke ein! War er ganz aus dem Konzept -gekommen? Das war ja eine Roheit, ein Verbrechen an Beethovens -unsterblichem Werke! So dachten alle, obgleich sie nicht aufsahen: Der -Fehler war ja gewiß absichtslos, warf aber ein schlimmes Licht auf -Münchhausens Musikverständnis. - -Aber was war das? Noch schwebte das Pianissimo nach der unzeitgemäßen -Störung elfenhaft durch die Räume, als die Pauke plötzlich ein wahres -Kanonenfeuer eröffnete: »Bum, bum, bum-bum-bum!« Mit schwerem Geschütz -wurde das zarte Meisterwerk zusammengeschossen. - -Nun sahen alle empört nach der Ecke. Da lag der Kapitän, in seinen -Sessel zurückgesunken, und rieb sich, aus tiefem Schlaf erwachend die -Augen: auch seine klassische Ruhe war durch den Donner der Pauke -zerstört worden. - -An seinem vielgerühmten Instrument aber stand Dick, ein äußerlich -würdiger Stellvertreter des Entschlummerten, leider aber ein völlig -unfähiger Paukenvirtuos. Dieser heillose Schimpanse hatte den Schlegel -ergriffen, der dem Kapitän entsunken war und bearbeitete nun das -Trommelfell mit wuchtigen, höchst temperamentvollen, aber durchaus -unpassenden Schlägen. - -Der Zauber der Stimmung war rettungslos dahin: ein unwiderstehliches -Gelächter erschütterte den Saal; Münchhausen aber rief, sich ermunternd: - -»Da sieht man's, da hört man's mit Ohren, daß die Pauke in der Tat das -wichtigste Instrument in einem Konzerte ist: wer sie nicht zu handhaben -versteht, ruiniert das erhabenste Meisterwerk mit tötlicher Sicherheit.« -Und er entriß dem verblüfften Schimpansen den mißbrauchten Schlegel. - - - - - 17. Die Asteroiden. - - -Am folgenden Tag, den Tag zu 24 Stunden berechnet, kam die Sannah mitten -unter die Planetoiden. - -»Die Entdeckung dieser Planetoiden oder kleinen Planeten, die man auch -Asteroiden nennt,« belehrte Professor Schultze, »hat wieder einmal -gezeigt, daß die von der Wissenschaft aufgestellten Naturgesetze niemals -als etwas für alle Zeiten Gewisses und Feststehendes gelten können. In -der Tat glaubte man bisher, die Planeten bewegten sich nahezu in der -gleichen Ebene um die Sonne, und hielt dies für eines der großen -Naturgesetze. Da entdeckte man diese Zwergplaneten, deren exzentrische -Bahnen die Hinfälligkeit des angeblichen Gesetzes bewiesen. - -Andererseits war ihre Entdeckung die glänzendste Bestätigung eines -andern Naturgesetzes, das 1772 von Titius aufgestellt und später von -Bode und Wurm genauer bestimmt wurde: es sollte danach zwischen den -Abständen der Planeten von der Sonne ein bestimmtes gesetzmäßiges -Verhältnis bestehen; nun aber zeigte sich zwischen Mars und Jupiter eine -Lücke: nach dem Titiusschen Gesetze hätte sich dort ein Planet finden -sollen. Und wirklich entdeckte Piazzi in Palermo am 1. Januar 1801 den -kleinen Planeten Ceres, der aber bald durch seine Annäherung an die -Sonne den Blicken entschwand. - -Hätte nicht der große Mathematiker Gauß eine geniale Methode erfunden, -durch die aus nur drei Beobachtungen eines Planeten seine Bahn berechnet -werden kann, so hätte niemand gewußt, wo der neue Planet wieder -aufgefunden werden könnte, und auch alle später entdeckten Planetoiden -wären der astronomischen Beobachtung wieder entschlüpft. Allein nach der -Gaußschen Berechnung konnte Olbers am 1. Januar 1802 die Ceres wieder -auffinden und entdeckte im nächsten Jahre noch die Pallas, ebenfalls in -der Lücke zwischen Mars und Jupiter. 1804 und 1805 wurden noch Juno und -Vesta gefunden und 40 Jahre später entdeckte Hencke die Asträa; von da -ab fand man noch mehrere Hundert solcher Wandelsternchen. - -Eine solch verblüffende Bestätigung der Titiusschen Gesetzes schien -dessen unumstößliche Richtigkeit zu beweisen und die Astronomie gewann -dadurch auch bei den Laien ein Ansehen als einer Wissenschaft von -unbezweifelbarer Zuverlässigkeit: ihre mathematischen Gesetze ließen ja -selbst das Unbekannte mit Sicherheit feststellen. - -Leider warf die Entdeckung des Planeten Neptun das ganze schöne Gesetz -über den Haufen, denn die Entfernung dieses unbequemen Gesellen stimmte -einfach nicht dazu. So mußte man einsehen, daß ein Naturgesetz, wenn es -noch so glänzend sich bewährt, doch etwas zweifelhaftes bleibt.« - -»Es wurde doch aber bloß _ein_ Planet zwischen Mars und Jupiter -vermutet,« warf Mietje ein: »wie kommt es, daß man sie zu Hunderten -fand?« - -»Das ist auch so ein Rätsel,« erläuterte der Professor: »Anfangs war man -geneigt, zu glauben, es handle sich um einen großen Planeten, der durch -eine Explosion oder durch den Zusammenstoß mit einem Kometen in kleine -Stücke zertrümmert worden sei. Gegenwärtig findet die Ansicht mehr -Anerkennung, daß der Planet schon bei seiner Entstehung durch die Nähe -des dicken Jupiter in der Entwicklung gehindert worden sei, und an -seiner Stelle gleich eine Menge kleinerer Weltkörper entstanden seien, -oder daß diese eine Art Spritzschaum bei Entstehung des Sonnensystems -darstellen. Sie sind außerordentlich klein und man könnte zum Beispiel -mit einem Eilzug innerhalb zwei Stunden um die ganze Atalanta -herumfahren. Übrigens erschwert ihre Lichtschwäche die Beobachtung von -der Erde aus ungeheuer und man kommt zu keiner sicheren Feststellung -ihrer Massen und Maße.« - -»Umso wertvoller sind unsere Beobachtungen aus nächster Nähe,« sagte -Flitmore: »Schauen Sie, Professor, da kommen wir wieder an einem dieser -Zwerge vorbei.« - -»Ah!« rief Schultze, »das ist interessant: keine Spur von Kugelform! Ein -durch den Raum sausendes Felsgebirge ist's. Es mag 300 Kilometer lang, -50 Kilometer breit und höchstens 4 Kilometer dick sein, abgesehen von -seinen Zacken und Spitzen.« - -»Merken Sie wohl, diese Planetoiden haben keine Rotation, sie drehen -sich nicht um ihre Achse.« - -»Bei solchen formlosen Klumpen,« lachte Münchhausen, »ist eine Achse -überhaupt nicht vorhanden.« - -Eine längere Beobachtung der merkwürdigen Weltkörper ergab tatsächlich, -daß von einer Umdrehung nichts zu bemerken war. Wenn je eine solche -stattfand, so mußte sie ganz außerordentlich langsam vor sich gehen. - -Heinz bemerkte noch: »Alles, was wir hier sehen, weist so regellose -Formen auf, daß ich schon daraus schließen möchte, daß wir es trotz -aller neuesten Ansichten dennoch mit den Splittern eines Planeten zu tun -haben, und schon der Mangel an Kugelformen legt auch den Mangel einer -Rotation nahe.« - -»Nun sehen Sie,« begann der Lord wieder: »Weil diese Planetoiden keine -oder doch nur eine äußerst langsame Umdrehung ausführen, sind sie nicht -imstande, sich mit einer atmosphärischen Hülle zu umgeben; dadurch -entsteht bei ihrem Umlauf um die Sonne ihre starke Reibung an der -Weltatmosphäre, und so kommt es, daß sie glühen und leuchten. Besäßen -sie den Schutz einer Lufthülle, so müßten sie bei ihrem geringen -Durchmesser längst zu Eis erstarrt sein.« - -Das leuchtete ein, um so mehr als späterhin eine ganze Anzahl dunkler -Planetoiden entdeckt wurde, die eine sichtliche rasche Rotation -aufwiesen und auch die Form von meist stark abgeplatteten Kugeln -zeigten. Diese hatten sich offenbar infolge ihrer Umdrehung um die -eigene Achse mit einer atmosphärischen Hülle umgeben, die sie vor der -Reibung im Weltraum schützte, so daß sie erstarren konnten. - -Allein nicht ohne boshaften Triumph machte der Professor bald eine -Entdeckung, die ihn zu dem Ausruf veranlaßte: »Und dennoch, weiser Lord, -geht Ihre geniale Theorie in die Brüche, da sehen Sie hin! Hier ist ein -Planetoid von sphärischer Form, der ganz lustig um seine Achse wirbelt, -also nach Ihnen die Schutzhülle einer Atmosphäre genießt, und dennoch -leuchtet er, wenn auch etwas matt.« - -Flitmore beobachtete den seltsamen Weltkörper. Sphärisch war er kaum zu -nennen, denn er erschien so plattgedrückt, daß er eher einem -Schweizerkäse glich, allerdings einem oben und unten rundlich -aufgewölbten. Die Rotation war unverkennbar, denn man konnte Bergspitzen -am Rande erkennen, die innerhalb einer Viertelstunde merklich ihre Lage -veränderten. Es ließ sich daraus eine Umdrehungszeit von 5 Stunden -ausrechnen. Daß der Planet eigenes Licht besaß, war unzweifelhaft. - -Der Lord schüttelte den Kopf: »Wenn sich dieser Asteroid in Glut -befände, dann allerdings wäre meine Ansicht widerlegt, wenn er nicht -etwa erst vor kurzer Zeit entstanden oder durch einen Zusammenstoß -plötzlich erhitzt sein sollte. Es ist ja gar nicht unwahrscheinlich, daß -mitunter die Anziehungskraft eines solchen rotierenden Körpers bewirkt, -daß ein größerer Brocken, der in seine Nähe kommt, auf ihn stürzt und -sich mit ihm vereinigt, wobei er durch die Heftigkeit des Anpralls -vorübergehend zur Leuchtglut gelangen würde. Ich vermute jedoch eher, -daß dieses Leuchten ein phosphoreszierendes ist oder von leuchtenden -Substanzen, Radium und dergleichen herrührt. Ich meine, die Sache ist es -wert, daß wir uns durch den Augenschein überzeugen und auf dem -Streitobjekt landen.« - -»Lord«, mahnte Schultze: »Sie würden dabei riskieren, daß die Sannah in -Glut gerät und wir alle elendiglich verbrennen.« - -»Sollte es uns zu heiß werden,« lachte Flitmore, »so machen wir uns -einfach aus dem Staube.« - -Da eine rechtzeitige Flucht jede Gefahr ausschließen konnte, -entschlossen sich alle, den Landungsversuch zu unternehmen und der Herr -des Weltschiffs stellte den Zentrifugalstrom ab. - - - - - 18. Die Planetoideninsel. - - -Als die Sannah auf dem Planetoiden landete, begab sich der Lord mit -Schultze in den untersten Raum, dessen Wände auf der Oberfläche des -Weltkörpers aufruhten. Hier wollte er abwarten, ob eine merkliche -Erhitzung der Wandungen stattfinde, ehe der Ausstieg gewagt wurde. - -Der Professor hielt immer wieder die Hand an den Boden; denn er glaubte, -es _müsse_ eine gewaltige Steigerung der Temperatur erfolgen; aber er -konnte nichts dergleichen wahrnehmen und auch das angelegte Thermometer -stieg innerhalb einer halben Stunde um nur einen Grad. - -»Entweder ist die Schutzhülle der Sannah von ganz wunderbarer -Vortrefflichkeit«, sagte Schultze erstaunt, »oder Sie behalten recht, -Lord. Zu Eis erstarrt ist der Planetoid aber keinesfalls; Wärme strahlt -er unter allen Umständen aus; denn die Temperatur steigt, wenn auch kaum -merklich.« - -»Ich denke, wir können es wagen, uns ins Freie zu begeben«, meinte der -Engländer: »Es fragt sich nur noch, wie die Luftverhältnisse sind.« - -Sie erstiegen nun das Nordpolzimmer, in dem die andern ihrer harrten. -Die Lucke wurde vorsichtig geöffnet und Dick gegen den Spalt geschoben. -Der Affe wich nicht zurück, im Gegenteil, er drängte den Kopf gegen die -Öffnung, ein Zeichen, daß keinerlei giftige Gase einströmten. - -Nun öffnete der Lord die Türe weit und Dick und Bobs sprangen vergnügt -hinaus, um alsbald an den Rampen hinabzuklettern. - -Flitmore trat unter die Türe und sah hinaus. Die Seite des Planetoiden, -auf der die Sannah festlag, war von der Sonne abgewendet, das heißt es -herrschte zur Zeit Nacht auf ihr; allein es war durchaus nicht dunkel -dort unten! - -Große dunkle Flächen zeigten sich allerdings, aber sie schwammen wie -Inseln in einem leuchtenden Meer. Taghelle herrschte freilich nicht; -aber ein wunderbares, entzückendes sanftes Schimmern in allen -Farbenabstufungen: hier glänzte alles in grünem Schein, dort glühte es -rot, dort wieder blau und violett; an einzelnen Stellen brach ein -milchweißes Licht hervor, das seine Strahlengarben hoch emporsandte, -gleich einem elektrischen Scheinwerfer. - -Da und dort schwammen buntdurchleuchtete Nebelwolken über dem Boden. Ein -leiser Luftzug trieb sie zuweilen weiter, und je nach der Färbung der -Strahlen, die vom Grunde aufstiegen, über den sie schwebten, wechselte -auch ihre Farbe in zauberschönem Spiel. - -Eine würzige, lauwarme Luft wehte dem Lord entgegen und als er sah, daß -die Schimpansen den Erdboden erreicht hatten und sich ohne irgend ein -Zeichen von Mißbehagen, vielmehr seelenvergnügt auf dem leuchtenden -Boden tummelten, hakte er die Strickleiter ein und ließ sie hinabfallen. - -Dann stieg er als erster in die Tiefe. - -Ein lautes »Ah!« des Entzückens erscholl aus Mietjes Munde, als sie -hinter ihm aus der Türe trat und auch die Nachfolgenden hielten -überraschte Ausrufe der Bewunderung nicht zurück. - -»Alles in bengalischer Beleuchtung zur Feier unserer Ankunft!« rief -Münchhausen, als er mühsam aber mit begierigem Eifer die schwanke -Strickleiter hinabkletterte, die unter seiner Last knirschte und -stöhnte. - -Bald waren alle unten versammelt. Es schien eine Wiese zu sein, die sie -betreten hatten und das Gras leuchtete in grünem Schimmer von innen -heraus; aber auch der Erdboden selber, wo er zwischen den Gräsern -sichtbar wurde, phosphoreszierte in weißem und gelblichem Schimmer: -alles schien durchleuchtet! - -Flitmore brach zuerst das Schweigen. - -»Laßt uns dieser Wunderwelt, dir wir entdeckten und die uns einen neuen -Einblick in die schöpferische Allmacht gewährt, einen Namen geben! -Mietje, nach dir möchte ich den lieblich und herrlich zugleich -erschimmernden Stern benennen.« - -»Nein, mein Lieber!« verwahrte sich Mietje entschieden: »Weder fühle ich -mich würdig einer solch außerordentlichen Pracht meinen Namen leihen zu -lassen, noch ist der schlichte Klang dieses Namens geeignet, diese -herrliche, strahlende Welt zu kennzeichnen: sie bedarf eines klangvollen -Namens.« - -»Nun, so sollst du jedenfalls das Recht haben, den Namen zu wählen,« -sagte ihr Gatte und fügte höflich hinzu: »Falls die Herren nichts -dagegen haben.« - -»Das wäre noch schöner!« rief Schultze: »Wir haben weder ein Recht dazu, -noch wüßten wir eine würdigere Wahl zu treffen.« - -»Nun denn!« ließ sich Mietje vernehmen: »Ich trage im Herzen das Bild -einer stolzen und zugleich anmutigen Prinzessin, einer Heldin, der wir -alle, außer Herrn Friedung, der nicht das Glück hat, sie zu kennen, -unendlich viel verdanken, einer edlen Seele, die wir bewundern, eines -goldnen Herzens, das wir lieben lernten. Wie seh ich ihr leuchtendes -Auge im Geiste mich anblitzen und wie schmeichelt sich mir der Klang -ihres Namens ins Ohr.« - -»Tipekitanga!« rief Münchhausen begeistert. »Brava, brava! Unsre -Tipekitanga verdient wahrhaftig solche Ehre!« - -Wir müssen hier bemerken, daß der Kapitän der italienischen Sprache -mächtig war und daher einer Dame gegenüber nicht das männliche »Bravo!« -gebrauchte, wie es bei Unwissenden üblich ist, sondern das einzig -richtige »Brava«, das einem weiblichen Wesen zukommt, dem man Beifall -spendet. - -Auch der Professor und der Lord waren mit Mietjes Vorschlag -einverstanden und ersterer bemerkte: - -»Es ist überhaupt ein besonders glücklicher Gedanke, diesem Planetoiden -den Namen einer Zwergprinzessin beizulegen, sind doch diese Weltkörper -die Zwerge unter den Planeten und der von uns betretene scheint mir in -seinem leuchtenden Geschmeide eine Prinzessin unter den Asteroiden zu -sein.« - -Nachdem nun diese Frage zu allgemeiner Genugtuung erledigt war, wurde -eine Entdeckungsreise auf dem neugetauften Planeten unternommen. - -»Gehen wir nach Westen,« schlug der Lord vor: »Ich vermute, daß der -Anblick dieser Lichtwelt bei Nacht am reizendsten ist und wir gehen in -dieser Richtung der Sonne aus dem Wege.« - -Auch dieser Vorschlag fand keinen Widerspruch, und so wanderten unsre -Freunde durch die leuchtenden Auen, von einem Entzücken ins andre -geratend. - -Der grünen Wiese schloß sich eine blumige Au an: die roten, gelben und -blauen Blumen strahlten jede ihr eigentümliches Licht aus; man glaubte, -den leuchtenden Saft in den Stengeln emporsteigen und in dem feinen -Geäder der Blütenblätter kreisen zu sehen. - -Das weiße Licht entstrahlte dem Boden an Stellen, die des -Pflanzenwuchses bar waren und die aus leuchtender Kreide oder Kalkstein -zu bestehen schienen. - -Dann kamen Gebüsche und Stauden mit zartviolettem Blattwerk, Bäume, -zwischen deren mattlichten Blättern orangerote und goldgelbe, auch -purpurne und silbergraue Früchte förmlich strahlten und gleich -venezianischen Laternen die Umgegend erhellten. - -Wunderbar erschien vor allem das Silberleuchten der Bäche, die sich -durch die Auen schlängelten und der weißaufblitzende Schaum der -Wasserfälle, die sich von felsigen Hügeln herabstürzten. Diese massiven -Felsen, die sich aus der Ebene erhoben, stellenweise auch als -tafelartige Flächen in der Ebene selber lagen, bildeten die dunkeln -Flecken, die unsern Freunden gleich zu Anfang aufgefallen waren. Sie -erhöhten in ihrem Teil den Reiz des Ganzen und der zauberhafte Eindruck -des farbenbunten Lichtes hätte sicher Einbuße erlitten, wenn nicht die -Schatten es wirksam unterbrochen und gehoben hätten. - -Märchenschön erschienen die Teiche und Seen, deren Gewässer in -verschiedenen Farben vom lichtesten Blau bis zum dunkelsten Violett, vom -zartesten Rosa bis zum düstersten Purpur glühten. Über ihnen schwebten -die beweglichen, durchleuchteten Nebelwolken, die sich, vom Nachthauch -getrieben, in zerflatternden Streifen über Wiesen und Auen hinzogen. - -Die Berge, die stellenweise zu überklettern waren, zeigten sich stets -von mäßiger Höhe und boten keine besonderen Schwierigkeiten. In der -Regel war das Gestein dunkel; doch auch hier waren Schichten -selbstleuchtender Mineralien eingesprengt und einen besonders feenhaften -Anblick gewährte es, wenn man über Geröll dahinwanderte, das aus -lichtsprühenden Steinchen aller Färbungen bestand: es war, als schritte -man über Diamanten Rubine, Saphire und andre Edelsteine hinweg, die im -eigenen Glanze funkelten und bei jedem Tritt bunt durcheinanderrollten -mit melodischem Klingen und wunderbarem Geblitz und Geflimmer. Flitmore -machte fleißig farbige photographische Aufnahmen, die sich späterhin als -von wunderbarer Wirkung erwiesen und ein herrliches und dauerndes -Andenken an die buntleuchtende Pracht der Tipekitanga bildeten. - -Nach fünfstündiger Wanderung, die nur durch eine halbstündige -Frühstücksrast unterbrochen worden war, sahen unsre Freunde die Sonne -hinter sich emporsteigen. - -Wie Flitmore richtig vermutet hatte, löschte ihr Glanz den Hauptreiz des -Wunderplaneten aus. - -Zwar erschienen die leuchtenden Farben auch jetzt noch von einer Pracht, -mit der nichts auf der Erde sich vergleichen ließ und man konnte das -eigene Licht des Erdbodens, des Wassers und der Pflanzen ganz deutlich -unterscheiden. Aber das feenhafte Schauspiel, das sie im nächtlichen -Dunkel boten, war es nun doch nicht mehr. - -Wie in einem Märchentraum waren die Wandrer bisher dahingewandelt, -schwelgend in nie geahnter Seligkeit des Schauens. Jetzt brachte das -altgewohnte Licht des Tagesgestirns das Erwachen, doch konnte es nicht -die Eindrücke verwischen, die sich ihnen unauslöschlich eingeprägt -hatten. - -Aber was war das? Vor ihnen ragte die Sannah aus leuchtenden grünen -Matten! - -Nicht mehr als eine Stunde brauchten sie, um wieder auf dem Platze zu -stehen, von dem aus sie die herrliche Rundreise angetreten hatten. - -In fünf Stunden hatte die Tipekitanga ihre Umdrehung um ihre Achse -vollendet, nicht viel mehr als sechs Stunden hatten die Wandernden -gebraucht, um den Planetoiden im Äquator in seinem ganzen Umfang zu -umschreiten: wahrhaftig eine Zwergprinzessin unter den Planeten! - - - - - 19. Der Komet. - - -Noch einige Stunden ergingen sich unsre Freunde im Tageslicht auf der -paradisischen Tipekitanga. Sie kosteten nun auch die leuchtenden -Früchte, nachdem das Beispiel der Affen, die ganze Massen davon mit Gier -vertilgten, sie versichert hatte, daß keine Gefahr dabei sei. - -Diese Früchte erwiesen sich nicht bloß als erfrischend und saftig, von -köstlichem und sehr verschiedenem Wohlgeschmack, sondern es schien eine -eigentümliche, stärkende und belebende Kraft von ihnen auszugehen: nach -ihrem Genuß fühlte man sich in äußerst gehobener Stimmung, eine -niegekannte Lebensfreudigkeit beseligte die Gemüter und neue Kräfte -schienen die Adern zu schwellen. - -Selbst Münchhausen rühmte: »Ich fühle mich so frisch und leicht, als sei -meine ganze Körperlast geschwunden und ich könnte mich als ätherisches -Wesen in die Lüfte erheben.« - -Alle mußten lachen, wenn sie die Masse des Kapitäns betrachteten und -dabei hörten, daß er sich einem ätherischen Wesen verglich. - -»Na, einen Luftballon könnten Sie ja immerhin vorstellen,« meinte -Schultze: »Tun Sie ihren Gefühlen keinen Zwang an und schweben Sie immer -mal empor, wir alle freuen uns auf den köstlichen Anblick.« - -Mit dem Schweben des Dicken hatte es aber noch gute Wege. Von den -herrlichen Früchten wurden reiche Vorräte in die Sannah geschafft, -obgleich man nicht wissen konnte, wie lange sie sich halten würden. - -Inzwischen waren die kurzen Tagesstunden verflogen und die Wiesen und -Fluren leuchteten wieder in ihrem vollen Zauber. - -Am Himmel aber stieg ein strahlender Komet auf, den zuvor niemand -beobachtet hatte. - -»Er weist uns den Weg zur Weiterfahrt!« sagte Flitmore. - -Alle begaben sich wieder in das Weltschiff, der Strom wurde -eingeschaltet und der bunte Glanz unter ihnen floß zusammen in einem -milden Schimmer. Allmählich wurde die Tipekitanga wieder der still -leuchtende Stern, wie sie ihn zuerst erblickt hatten und flog auf ihrer -Bahn vor aller Augen davon in die dämmernden Fernen. - -Um so prächtiger strahlte der neue Komet, dem sich jetzt die allgemeine -Aufmerksamkeit ungeteilt zuwendete. - -John Rieger, der gebildete Schwabensohn, wandte sich wieder einmal an -den Professor in seinem unstillbaren Durst nach Aufklärung. Bei ihm hieß -es auch: »Zwar weiß ich viel, doch möcht' ich _alles_ wissen.« Und so -begann er denn in seiner gewählten Sprechweise: - -»Hochwertester Herr Professor, falls es Ihnen nicht zu geringwertig -erscheinen dürfte, möchte ich Sie mit Vergnügen ersuchen, ob Sie nicht -geneigt sein wollten, mir einen wissenschaftlichen Vortrag zu halten, -wie Sie es so vorzüglich verstehen, über einige Punkte der -asternomischen Wissenschaft, in denen ich mich noch sozusagen in -verhältnismäßiger Unwissenheit befinde.« - -»Wenn ich dir dienen kann, teuerster Sohn, so bin ich stets bereit,« -erwiderte Schultze: »Laß hören, was für einen Gegenstand du erläutert -haben möchtest.« - -»Nichts andres, als eben die Kometen, was nämlich eigentlich solch ein -Haarstern von Natur ist und wo er her kommen tut und warum er überhaupt -einen Schwanz hat?« - -»Ja, lieber Freund, das sind zum Teil verfängliche Fragen: so ganz -Gewisses weiß man ja darüber überhaupt nicht und die Gelehrten sind noch -lange nicht einig; doch will ich dir gerne kund tun, wie es mit all dem -nach dem heutigen Stande der Wissenschaft steht. - -Wo die Kometen herkommen, ist verhältnismäßig am einfachsten zu -beantworten: einige gehören unserem Sonnensystem an und kehren -regelmäßig wieder, das sind etwa 6000 Stück, von denen allerdings die -wenigsten mit bloßem Auge sichtbar sind. Sie haben eine elliptische -Bahn; aber während die Ellipse, welche die Planeten um die Sonne -beschreiben, beinahe ein Kreis ist, gleicht die Bahn der Kometen einer -Parabel: sie verläuft fast geradlinig bis an ihr Ende, das heißt bis zur -Stelle, wo der Komet sich wendet, um wieder an seinen Ausgangspunkt -zurückzukehren. Die Umlaufzeit dieser Kometen ist zum Teil sehr kurz, -sie können alle drei bis sechs Jahre wiederkehren; sie kann aber auch -sehr lang sein wie beim donatischen Komet, wo sie 1900 oder beim großen -Komet von 1881, wo sie gar 3000 Jahre beträgt. - -»Die Kometen mit kurzer Umlaufzeit sind meist nur mit dem Fernrohr zu -sehen, was daher kommen mag, daß sie durch ihre häufige Annäherung an -die Sonne immer mehr aufgelöst und somit immer lichtschwächer werden. - -»Nun gibt es aber auch Kometen, die aus unermeßlichen oder gar -unendlichen Fernen kommen, gleichsam Boten aus der Fixsternwelt; das -sind diejenigen, deren Bahn eine Parabel oder einen Hyperbelast -beschreibt und sich daher ins Unendliche erstreckt. Die -Parabelbahnkometen kehren in die Gegend zurück, aus der sie gekommen -sind, die Hyperbelbahnkometen in andre Himmelsgegenden. Bei der -Annäherung an die Sonne krümmen sie ihre Bahn sehr stark infolge der -Sonnenanziehung, wenden sich um die Sonne herum und entschwinden dann -wieder auf Nimmerwiedersehen aus unserm Sonnensystem. - -Doch eben die Anziehungskraft der Sonne oder auch eines Planeten, -namentlich des gewaltigen Jupiter, kann einen derart störenden Einfluß -auf die Bahn solcher Kometen ausüben, daß sie aus einer parabolischen -oder hyperbolischen zu einer elliptischen wird. Dann hat unser -Sonnensystem den Weltenbummler sozusagen eingefangen und er muß nun -immer wiederkehren in regelmäßiger Umlaufszeit. - -Aber auch umgekehrt kann die elliptische Bahn eines Kometen in eine -parabolische oder hyperbolische verwandelt werden und dann ist er für -uns verloren. So ist zum Beispiel der Lexellsche Komet, der 1770 von -Messier entdeckt wurde in eine schlimme Balgerei mit dem Jupiter -geraten, dem er allzunahe kam. Lexell berechnete seine Umlaufszeit zu 5½ -Jahren; auch stellte es sich heraus, daß dieser Komet erst 1667 durch -eben den Jupiter für unser Sonnensystem eingefangen worden war. - -Im Jahre 1779 näherte sich der Frechling wiederum dem Jupiter und -entblödete sich nicht, sogar zwischen dessen Monden hindurchzugehen. Der -mit Recht entrüstete Planet warf den Eindringling zum zweitenmal aus -seiner Bahn, so daß er nun eine Umlaufzeit von 27 Jahren hatte. - -Im Frühjahr 1886 machte der Lexellkomet einen neuen Annäherungsversuch -und hielt sich volle acht Monate in der Nähe des großen Planeten auf. -Hiedurch wurde seine Bahn wiederum verändert und er erhielt eine -Umlaufzeit von sieben Jahren. So wurde er 1889 wieder sichtbar: aber es -läßt sich vorausberechnen, daß der unverschämte Geselle den Jupiter -nicht in Ruhe läßt, bis diesem die Geduld reißt und er ihn endgültig -aus unserm Sonnensystem hinausschmeißt wegen wiederholten -Hausfriedensbruches. - -Über die Bahnen der Kometen ist noch zu sagen, daß sie nicht wie die der -Planeten nur mäßig gegen die Erdbahn geneigt sind, sondern die -verschiedensten Neigungswinkel aufweisen. Bei einem Neigungswinkel von 0 -bis 90 Grad zur Erdbahn ist der Komet rechtläufig, das heißt er bewegt -sich in gleicher Richtung wie die Erde um die Sonne. Beträgt aber die -Neigung 90 bis 180 Grad, so bewegt er sich in entgegengesetzter Richtung -zur Erde und wird >rückläufig< genannt.« - -»Ja, aber wie ist es mit den Schweifverhältnissen?« fragte der -wißbegierige John weiter. - -»Ja so! Von Hause aus haben die Kometen keinen Schweif und sind sehr -lichtschwach, obgleich sie zweifellos eigenes Licht ausstrahlen. Erst -wenn sie sich unsrer Sonne nähern, leuchten sie immer heller auf und -senden eine oder mehrere, oft pendelartig schwingende Ausstrahlungen der -Sonne zu, die sich unter starker Verbreiterung zurückbiegen und den -Kometenkern mit einer strahligen Nebelmasse umhüllen, die man >Koma< -nennt. - -Die umgebogenen Ausstrahlungen setzen sich fort in dem der Sonne stets -abgewendeten Schweif, der allein dem bloßen Auge sichtbar ist und oft -eine Länge von vielen Millionen Kilometern erreicht. Bei der Sonnennähe -oder kurz darauf erreicht er seine größte Länge und Helligkeit. Je mehr -sich der Komet von der Sonne entfernt, desto schwächer und kürzer wird -sein Schweif, bis er samt Koma und Ausstrahlungen verschwindet und nur -noch eine matte, runde Nebelmasse, ein leichtes Wölkchen übrig bleibt, -wie vor der Annäherung an die Sonne. - -Kometen, die der Sonne nicht nahe kommen, bilden nur eine runde oder -auch unförmliche Nebelmasse, matt und verwaschen, ohne Schweifbildung. - -Bis jetzt ist noch kein Komet beobachtet worden, dessen Perihel oder -Sonnennähepunkt weiter als die Jupiterbahn von der Erde entfernt wäre; -das beweist nicht, daß es nicht auch solche gibt, sondern nur, daß sie -uns nicht sichtbar werden wegen allzu geringer Leuchtkraft. - -Manche Kometen entwickeln mehrere mehr oder wenig gekrümmte Schweife. So -breitete der Komet von 1744 sechs fächerförmige Schweife aus; er war so -hell, daß man ihn mit bloßem Auge zur Mittagszeit in der Nähe der Sonne -sehen konnte.« - -John war noch nicht befriedigt und fragte weiter: »Wieso aber -eigentlich, falls doch die Kometen von Natur aus schweiflos sind, wächst -ihnen ein solcher, wenn sie zur Sonne gelangen?« - -»Das macht die anziehende Kraft der Sonne, mein Bester. Allerdings -begreift man noch nicht zur Genüge, warum die Ausstrahlungen, die -anfangs der Sonne zustreben, zurückgebogen werden und so den der Sonne -abgewendeten Schweif bilden, dessen Krümmung abhängt von dem Verhältnis -der abstoßenden Kraft zur Bahngeschwindigkeit des Kometen. Vielfach wird -angenommen, das Sonnenlicht übe diese abstoßende Wirkung aus, andre -denken an elektrische Erscheinungen. Es können da viele Kräfte wirksam -sein, die wir noch nicht kennen. Wenn sich zum Beispiel der Schweif in -mehrere auseinandergehende Büschel spaltet, scheinen schwächere, -seitlich wirkende Kräfte wirksam zu sein. Man beobachtet zuweilen auch -im Schweif eine wolkenähnliche Verdichtung, die selber wie ein kleiner -Komet aussieht, der ebenfalls eine Mähne besitzt. Auch plötzliche -Lichtausbrüche kommen vor, seltener eine plötzliche Lichtabnahme.« - -»Meine Fliehkraft erklärt alles,« warf der Lord ein: »Die vom Kometen -ausgestoßenen Stoffe sind mit Zentrifugalkraft geladen und werden daher -von der Sonne abgestoßen.« - -»Mag sein!« sagte Schultze achselzuckend und fuhr dann fort: »Was nun -den Stoff betrifft, aus dem die Kometen bestehen, so scheint er von -äußerst geringer Dichte zu sein; wenigstens der Schweif muß eine äußerst -dünn verteilte Staub- oder Dampfwolke sein; denn die Sterne schimmern -unverdunkelt und ohne Lichtbrechung hindurch. - -Die Spektralanalyse wies Natrium- und Eisenlinien nach, namentlich auch -Kohlenwasserstoff und Kohlenoxyd; es ist also immerhin möglich, daß so -ein Kometenschweif Petroleum enthält und andere Stoffe, auch giftige -Gase, die gefährlich werden könnten, wenn sie in die Erdatmosphäre -eindrängen. Andrerseits scheint ihre geringe Dichtigkeit jede Gefahr -wieder auszuschließen. Jedenfalls hat die Erde im Jahre 1861 den Schweif -des Halley-Kometen durchkreuzt ohne Schaden zu nehmen, ja ohne daß es -nur irgendwer merkte; erst nachträglich wurde die Tatsache bekannt. In -früheren Zeiten freilich glaubte man, die Kometen gingen von irdischen -Dünsten aus und brächten Pest und Seuchen; auch als Kriegsruten, die -großes Blutvergießen und andere schwere Katastrophen anzeigen sollten, -wurden sie angesehen.« - -»Ganz ausgeschlossen ist es trotzdem nicht,« meinte der Lord, »daß unter -ungünstigen Verhältnissen die Luft der Erde durch Kometengase vergiftet -werden könnte, so daß alles Leben in einem Augenblicke zu Grunde ginge. -Was uns vor diesem Schicksal bewahrt, ist meiner Ansicht eben der -Umstand, daß die Fliehkraft die Erde veranlaßt, diese Stoffe von sich -abzustoßen. Sternschnuppenregen und Meteorfälle aber belehren uns, daß -diese abstoßende Kraft auch überwunden werden kann, und dies hängt -wahrscheinlich mit der Geschwindigkeit des Zusammentreffens ab. Begegnet -zum Beispiel die Erde dem Schweife eines sich mit außerordentlicher -Geschwindigkeit bewegenden rückläufigen Kometen, so erfolgt der -Zusammenstoß mit großer Plötzlichkeit, da beide einander entgegensausen -und sich so die Geschwindigkeit der Erde zu der des Kometen addiert. In -diesem Fall dürfte der abstoßenden Kraft die Zeit fehlen, in Wirksamkeit -zu treten.« - -»Wie ist es aber,« fragte nun Mietje, »wenn ein Weltkörper, sagen wir -die Erde, mit dem Kern oder Kopf des Kometen zusammenstößt?« - -»Das ist eine Frage für sich,« erwiderte der Professor. »Im allgemeinen -ist ja die Sache für den Kometen selber am gefährlichsten. Wir sehen ja, -wie die Annäherung an die Sonne einen Teil seines Kerns in flüchtige -Bestandteile auflöst, die beispielsweise beim Kometen von 1843 einen -Schweif von 320 Millionen Kilometern bildete. Ziehen nun die Kometen den -Schweif auch wieder ein, so erleiden sie doch enorme Verluste an Materie -und werden so immer geringer an Masse, bis sie sich schließlich ganz -auflösen. - -Bekanntlich kam der Bielasche Komet 1845/1846 dem Jupiter so nahe, daß -man einen Zusammenstoß erwartete; doch erlitt der große Planet keinen -sichtlichen Schaden, während der Komet in zwei Teile gespalten wurde, -die späterhin ganz verschwanden oder vielmehr einen Meteorschwarm -bildeten, durch den die Erde des öfteren dahinging, bis auch er -schließlich ausblieb. - -Der Septemberkomet von 1882, dessen Vorübergang vor der Sonne Finlay und -Elkin am Kap der Guten Hoffnung am lichten Tage beobachten konnten, ging -durch die Glutatmosphäre der Sonne. Wie erstaunt war man in Amerika, -hernach zu entdecken, daß er nicht weniger als sieben Junge gekriegt -hatte, die ihm folgten, wie die Küchlein der Gluckhenne. - -Andrerseits kann aber nicht geleugnet werden, daß der Zusammenstoß mit -dem Kern eines Kometen auch ernste Gefahren in sich bergen kann. Manche -Kometen bewegen sich mit solch ungeheurer Geschwindigkeit, daß ein -Anprall ihrer festen Masse, wenn sie von irgendwie bedeutender -Ausdehnung ist, den getroffenen Planeten in Glut versetzen müßte. Der -Komet von 1843 vollzog seine Wendung um die Sonne mit solch fabelhafter -Schnelligkeit, daß er binnen weniger Stunden von der einen Seite nach -der andern gelangte. Dagegen ist die Geschwindigkeit unsrer Erde mit 30 -Kilometern in der Sekunde ein Schneckentempo. Welche Geschwindigkeit -erst die Bestandteile seines 320 Millionen Kilometer langen Schweifes an -dessen Ende hiebei entwickeln mußten, übersteigt unsre Fassungskraft.« - -»Ich meine aber,« wandte Heinz ein, »man hält neuerdings auch den Kern -der Kometen für eine nebelartige, gasförmige Masse ohne Festigkeit.« - -»Das ist angesichts der Tatsachen eine ganz unhaltbare Ansicht,« -widersprach Schultze: »Denken Sie doch, daß die Meteore, die auf die -Erde fallen, zum Teil Eisenblöcke von ungeheurem Gewichte sind. Und -diese Brocken scheinen nicht einmal dem Kern, sondern dem Schweif der -Kometen zu entstammen, in dem man oft stark verdichtete Lichtknoten -beobachtet. - -Allerdings glaubt man, daß die Erde 1872 und 1885 mit den beiden Köpfen -des Biela-Kometen zusammenstieß, da der Schweif eine ganz andre -Bewegungsrichtung hatte als die damals niedergehenden Sternschnuppen -oder Meteorschwärme. Sollte das richtig sein, so ist immerhin zu -berücksichtigen, daß es sich hier um einen durch Jupiter zertrümmerten -und in Auflösung begriffenen Kometen handelte. - -Daß es aber überhaupt einem Kometen möglich ist, so nahe am Jupiter -vorbeizukommen oder gar durch die glühende Korona der Sonne zu sausen, -wie es auch vorkommt, ohne völlig in Dunst aufgelöst zu werden, beweist, -daß er äußerst widerstandsfähige feste Bestandteile besitzen muß.« - -»Hiefür kann ich auch einen Beweis beibringen,« bestätigte Flitmore. -»Ich besuchte vor Jahren die sogenannte Teufelsschlucht in Arizona. Das -ist ein ovaler Kraterring, der sich 40 bis 50 Meter über die umgebende -Hochfläche erhebt; sein Durchmesser beträgt 1300 Meter von Ost nach -West, 1200 von Süd nach Nord. Der innere Schlund fällt 200 Meter tief -schroff ab, der Kessel ist also um 150 Meter tiefer als die Ebene rings -umher; früher muß er noch viel tiefer gewesen sein, aber Schutt und -Geröll ist jahrhundertelang hinabgerollt, denn das Gefüge des Gesteins -ist stark aufgelockert. - -Nun haben Bohrungen ergeben, daß unter den Schuttmassen das Gestein -völlig zersprengt und in zelligen Bimsstein verwandelt ist. Der -zerpulverte Sandstein ist mit feinverteiltem Nickeleisen vermengt und in -einer Tiefe von 250 Metern unter der jetzigen Talsohle stieß man auf -feste Eisenmassen, die sich als Meteoreisen herausstellten. - -Rings um den Krater findet man ganze Massen von Meteoreisensteinen, -deren Gewicht von einem Gramm bis zu 460 Kilogramm schwankt und die -außer dem vorwiegenden Nickeleisen Verbindungen von Phosphor, Schwefel, -Kohlenstoff, auch Diamanten enthalten. - -Man ist nun in wissenschaftlichen Kreisen zu der Überzeugung gelangt, -daß hier ein fester Brocken eines Kometen vor Zeiten auf die Erde -niederstürzte und zwar von West-Nord-West in einem Winkel von 70 Grad. -Der Block hatte wahrscheinlich 150 Meter Durchmesser. Er schlug ein 350 -Meter tiefes Loch in die Erde, wobei die entwickelte Hitze von etwa 2000 -Grad Celsius den Sandstein in Bimsstein umschmolz. Die emporspritzenden -Gesteinstrümmer bildeten den Kraterwall um den Kessel.« - -»Da haben wir's!« sagte Schultze: »Ebensogut können Felsblöcke von -mehreren Kilometern Durchmesser in solch einem Kometenkopf enthalten -sein oder noch größere Massen. Der Zusammenprall würde unter Umständen -nicht bloß alles Leben auf dem getroffenen Teil der Erde vernichten, -sondern die Umdrehung unsres Planeten könnte eine Änderung erleiden, -wodurch die Länge von Tag und Nacht eine völlig andre werden müßte; -zudem könnte die Erdachse sich derart verschieben, daß die Meere sich -gegen den neuen Äquator stürzen und das Festland verschlingen würden.« - -»Hoffen wir, daß dies Theorien bleiben,« ließ sich nun Münchhausen -vernehmen. »Jedenfalls aber wollen wir uns inachtnehmen, daß nicht etwa -unsre teure Sannah mit dem Kometen dort drüben in nähere Berührung -kommt.« - -»Davor schützt uns die Fliehkraft,« versicherte Flitmore. Er ahnte nicht -von ferne, daß gerade das Gegenteil der Fall sein sollte. - - - - - 20. Die Seeschlange. - - -Das Gespräch über die Kometen war während des Mittagsmahls geführt -worden; deshalb hatte sich Münchhausen so wenig daran beteiligt, denn -wenn er an der gewaltigen und doch so angenehmen Arbeit war, seinen -Appetit zu stillen, ließ er die andern behaupten, was sie wollten, das -war ihm alles Nebensache. - -John fühlte sich durch die neuen Lichter, die ihm über die Kometen -aufgesteckt worden waren, so erleuchtet, daß er zum Schluß begeistert -äußerte: »Die Asternomie ist doch sozusagen die hochwohllöblichste -Wissenschaft, indem daß sie das höchste Lob verdient, sowohl von wegen -ihres Verstandes der unbekanntesten und schwierigsten Probleme, sowie -von wegen der besonderen Interessantheit und Wichtigkeit ihrer -Entdeckungstatsachen.« - -»Lieber Freund,« widersprach der Kapitän, den letzten Bissen mit einem -Schluck Wein begießend: »Es fehlt der Astronomie nur ein einziger -Buchstabe, um das Lob zu verdienen, das du ihr spendest. Weil ihr aber -dieser Buchstabe fehlt, kommt sie erst in zweiter Linie.« - -»Und was wäre dann, wenn Sie mir gütigst zu fragen gestatten, -hochverehrtester Herr Kapitän, dieser Buchstaben?« fragte John -verwundert. - -»Das G,« erwiderte Münchhausen überzeugt: »Über die Astronomie und alle -andern Wissenschaften geht die Gastronomie.« - -»Die Gasternomie?« wiederholte John, hochaufhorchend. »Verzeihen Sie -bescheidenst, wenn mir das leider vollständig unbekannt zu sein der Fall -ist, daß es auch eine sobenannte Wissenschaft gibt, wo ich doch der -schmeichelhaften Meinung war, alle Wissenschaften zu kennen, aus welchem -Grunde ich Ihnen besonders zu Dankbarkeit verpflichtet wäre, wenn Sie -mich auch diese Wissenschaft lernen wollten.« - -»Die lernt man nicht, die genießt man, mein Sohn; es ist eine -Wissenschaft, die einem angeboren sein muß; sie beschäftigt sich mit dem -Eßbaren und Trinkbaren und lehrt, was gut schmeckt und bekömmlich ist, -sowie was man zu tun hat, um besonders schmackhafte Speisen und Getränke -zu bereiten. Ihr Lehrbuch ist das Kochbuch, das aber ohne angeborenes -Genie geringen Wert hat. Übrigens genügt es, die leiblichen Genüsse -recht zu schätzen und zu genießen, um ein tüchtiger Gastronom zu sein, -wenn man auch ihre Zubereitung nicht selber verstünde. Schau, ohne -Astronomie und alle andern Wissenschaften kann der Mensch leben und -glücklich sein, nicht aber ohne Essen und Trinken; ja, ohne diese -notwendigste aller Beschäftigungen wäre er gar nicht imstande, irgend -einer andern Wissenschaft sich hinzugeben; daher ist die Gastronomie die -Grundlage und Seele aller andern Wissenschaften.« - -»Das dürfte ja wohl sozusagen stimmen,« meinte Rieger nachdenklich: »Und -mit hungrigem Magen bin ich auch nicht für die Wissenschaften -aufgelegt.« - -»Also!« triumphierte Münchhausen: »die wichtigste Frage ist nicht _die_, -wie schnell sich ein Weltkörper bewegt, wie weit er von uns entfernt ist -und was für Stoffe ihn zusammensetzen, sondern ob es auf ihm auch etwas -Gutes zu essen gibt, und das kann uns die Astronomie nicht enthüllen.« - -»Viel wichtiger erscheint mir,« sagte Mietje lachend, »zu wissen, was -für Geschöpfe auf einem Planeten hausen, dem wir einen Besuch abstatten -wollen; denn solchen scheußlichen Ringelwürmern wie auf dem Mars möchte -ich doch nicht wieder begegnen.« - -»Kleinigkeit!« brummte der Kapitän: »Geben Sie mir eine gute Mahlzeit -und ich pfeife auf alle Lumbriciden und andere Ungeheuer.« - -»Na, na!« spöttelte Schultze: »Auf dem Mars ist Ihnen das Pfeifen doch -vergangen; Sie schienen wenigstens bereits aus dem letzten Loch zu -pfeifen, als Sie »unter Larven die einzige fühlende Brust« sich am Boden -wälzten.« - -»Unsinn! Wer wie ich schon die Seeschlange bekämpft und besiegt hat, -sollte sich vor solch harmlosem Gewürm fürchten?« - -»Die Seeschlange? Die echte, fabelhafte Seeschlange?« fragte Heinz -neugierig. - -»Gewiß! Ein Ungeheuer, zwanzig Meter lang und dick wie eine -Hochwaldtanne.« - -»Bitte, erzählen Sie uns doch dieses bemerkliche Abenteuer, wenn ich mir -die Unbescheidenheit erlauben darf,« bat John. - -»Ja, das war eine schlimme Geschichte,« hub der Kapitän schmunzelnd an. -»Also! Wir fuhren auf der Höhe von Kap Horn, als der zweite Steuermann, -Petersen hieß er, auf mich zukommt und sagt: >Kapitän, dort taucht der -Rücken eines Wals aus dem Wasser.< - -Ich schaue hin: >Nee,< sag ich, >das sind Delphine<, denn ich sah fünf -Rücken in einer Reihe hintereinander über dem Meeresspiegel. >Vorhin war -es bloß einer,< versicherte Petersen, >aber jetzt scheint es mir selber, -es sind Delphine.< - -Die Geschöpfe bewegten sich, doch man sah weder Kopf noch Schwanz -auftauchen und plötzlich rufe ich: >Kinder, das sind auch keine -Delphine; das sind die Rückenwölbungen eines einzigen Ungeheuers: es ist -die Seeschlange!< - -Das gab ein Hallo, ein Laufen und Schreien! Die Seeschlange aber, sobald -sie sich erkannt sah, gab ihr Versteckspiel auf und hob den scheußlichen -Kopf über das Wasser. Sie wuchs empor wie ein Riesenmast und bald wiegte -sich ihr Haupt über dem Schiff. Die sonst nicht so furchtsamen Matrosen -stürzten alsbald feige davon und verkrochen sich in den Lucken. Ich -allein blieb auf dem Posten und das entsetzliche Reptil streckte den -Hals nach mir aus, den gewaltigen Rachen aufsperrend.« - -»Natürlich! Ein so fetter Bissen mußte ihr willkommen sein!« lachte -Schultze. - -»Bitte!« verwahrte sich der Kapitän: »Ich war damals noch jugendlich -schlank und äußerst behende, wie Sie bald sehen werden. Sie wählte mich -nur deshalb zum Opfer, weil ich eben der einzige war, der sich noch an -Deck befand. - -Wohl war mir nicht zumute, das gestehe ich, wie dieser mörderische -Rachen mir entgegengähnte. Hoch in den Lüften wölbte sich der dicke Hals -zu einem Bogen, während das Haupt der Schlange sich zu mir herabsenkte. - -Ich springe beiseite; der Kopf fährt mir nach. Ich, in der Verzweiflung, -setze mit gewaltigem Schwung über den Leib des Ungetüms weg, dort wo er -am Bordrand auflag. Die Seeschlange fährt mit ihrem Haupte um ihren -eigenen Leib herum, immer hinter mir her. - -Da, im Momente der äußersten Gefahr, kommt mir ein rettender Gedanke. -Der Oberkörper des Reptils bildete nun einen Ring über dem Verdeck und -mit der Kühnheit der Verzweiflung springe ich durch diesen gräßlichen -Ring hindurch mit gleichen Füßen. Keine Zirkuskünstlerin hätte es besser -machen können. - -Was ich gehofft hatte, trat ein. Die Schlange in ihrer gedankenlosen -Verfolgungswut fährt mir auch diesmal mit dem Kopfe nach, der somit -durch den Ring schlüpft, der durch ihren eigenen Oberleib gebildet -wurde. Das gab eine regelrechte Schleife. - - [Illustration: Der Kapitän und die Seeschlange.] - -Nun renne ich aus Leibeskräften das Verdeck entlang. Das Scheusal will -mich verfolgen; aber nun zieht sich die Schleife zu, es gibt einen -Knoten, der sich eng um den Hals der Seeschlange zusammenzieht. Zu spät -merkt sie diesen fatalen Umstand, es gelingt ihr nicht mehr, den dicken -Kopf zurückzuziehen; ihre wütenden Bewegungen ziehen den Knoten bloß -immer fester an, bis sie schließlich jämmerlich erstickt, von der -Schleife des eigenen Körpers erdrosselt. - -Schlaff hing das widerliche Haupt mit hervorquellenden Augen herab und -mit dumpfem Fall stürzte der Oberkörper des gigantischen Reptils auf das -Schiffsdeck, während der Schweif noch eine Weile krampfhaft das Meer -peitschte. - -Ich rief die zitternden Matrosen herauf und sagte ihnen: »Da, ziehet das -Vieh vollends an Bord, wir wollen es dem ozeanographischen Museum auf -den Falklandsinseln stiften. Wie ihr seht, habe ich die Schlange gut -gefaßt und trotz ihres gewaltigen Sträubens einen Knoten in ihren Hals -geschlungen, daß sie elendiglich ersticken mußte.« - -Ich sage Ihnen, die Matrosen, die den so einfachen und natürlichen -Hergang nicht ahnten, bekamen nun vor mir einen wahrhaft abergläubischen -Respekt, vertrauten und folgten mir blindlings. Das hatte ich meinem -gewandten Sprung und der Unvorsichtigkeit der Seeschlange zu danken.« - -»Er lebe hoch!« rief Schultze lachend und alle stimmten mit ein und -stießen an auf den gewaltigen Helden und Drachentöter, dessen fabelhafte -Geistesgegenwart, wie der Lord schalkhaft bemerkte, die ganze -Reisegesellschaft getrost allen kommenden Gefahren entgegensehen lassen -könne. - - - - - 21. Jupiter. - - -Die Sannah näherte sich dem größten aller Planeten, dem Jupiter, und -Flitmore begünstigte die Annäherung durch zeitweise Unterbrechung des -Zentrifugalstroms. - -»Seien Sie vorsichtig!« warnte Münchhausen: »Ich habe großen Respekt vor -dem obersten aller olympischen Götter und fürchte sehr, er könnte uns -einen Streich spielen, wie dem unseligen Biela-Kometen, wenn wir uns ihm -allzu naseweis nähern. Stellen Sie sich das Unglück vor, wenn sein -gewaltiger Einfluß unsre Sannah in zwei Hälften teilen würde, vielleicht -just während wir uns in unsern verschiedenen Schlafkojen eines sorglosen -Schlummers erfreuen. Dann würde unsre schöne Gesellschaft getrennt und -wir könnten uns vielleicht nie wieder zusammenfinden.« - -»Beruhigen Sie sich,« lachte der Lord: »Ich werde mich hüten, dem -Jupiter Anlaß zu solch grausamer Maßregel zu geben. Wir wollen ihn uns -nur etwas aus der Nähe betrachten.« - -»Wollen wir nicht auch auf ihm landen, wie auf dem Mars und der -reizenden Tipekitanga?« fragte Lady Flitmore eifrig. - -»Das hängt ganz davon ab, wie die Verhältnisse des Planeten sich uns -darstellen.« - -»Hat er überhaupt eine Atmosphäre?« erkundigte sich Heinz. - -»Vermutlich sogar eine sehr dichte,« belehrte Schultze, »denn er zeigt -ein sehr starkes Albedo.« - -»Die Astronomen der Erde sind sogar im Zweifel, ob ihre Teleskope ihnen -überhaupt die Oberfläche des Jupiter zeigen,« mischte sich der Lord ein: -»Sie rechnen mit der Möglichkeit, daß das, was sie sehen, nur -Kondensationsprodukte, das heißt Verdichtungserscheinungen seiner -Lufthülle sind. Jedenfalls läßt sich von ihm keine Karte entwerfen, wie -vom Mars; denn das, was man erblickt, ist äußerst veränderlich. Nur zwei -dunkle Streifen bleiben dauernd sichtbar.« - -John aber hatte vorhin den Professor von einem »Albedo« reden hören, das -war ihm ein völlig unbekanntes Wort, zumal es das Vorhandensein einer -dichten Lufthülle beweisen sollte. Er konnte das nicht hingehen lassen, -er mußte sich auch hierüber belehren und fragte daher: - -»Herr Professor, um keine langwierigen Umschweife zu machen, gestatten -Sie mir wohl, infolge Ihrer unabsehbaren Liebenswürdigkeit, geradeheraus -eine Frage an Sie zu richten, die mir für meine Bildungsvollkommenheit -unabgängig zu sein scheint; weil Sie nämlich soeben sich äußerten, als -habe der Jupiter ein starkes Torpedo, so ist mir das von den -Kriegsschiffen her bekannt aber nicht begreifbar, wieso das mit den -atmosphärischen Verhältnissen wesentlich zu tun habe; das muß wohl eine -ganz andre Art von Torpedo sein.« - -»Ja, mein Sohn!« lachte der Professor: »Es ist eine durchaus andre Art -von Torpedo und schreibt sich Albedo. Albedo ist nämlich das mittlere -Verhältnis der ausgestrahlten Lichtmenge eines Körpers zur -eingestrahlten.« - -»Ach so!« erwiderte John zögernd; offenbar war ihm die Sache sehr -unklar. Er hatte ein sehr schwaches Albedo, denn das Licht, das -Schultzes Weisheit in ihn einstrahlte, strahlte nur sehr unvollkommen -aus seinen Zügen zurück. - -»Ich will dir das näher erläutern,« sagte der praktische Engländer. -»Siehst du, wenn die Sonne auf einen schwarzen Stoff scheint, so saugt -dieser das meiste Licht auf oder absorbiert es, wie die Gelehrten sagen, -damit man sie nicht so leicht verstehen soll. Der schwarze Stoff wirft -nur wenig von dem Licht zurück, das ihn bestrahlt; er hat also ein -schwaches Albedo. Fällt dagegen der gleiche Sonnenstrahl auf einen -Spiegel, so wirft dieser das Licht fast ungeschwächt zurück, er blitzt -so hell, daß du nicht hineinsehen kannst; er hat also ein sehr starkes -Albedo. - -Nun weiß man, wie viel Sonnenlicht den Jupiter oder sonst einen Planeten -trifft und wie hell er uns demnach erscheinen müßte, wenn er das ganze -Licht ungeschwächt auf uns zurückstrahlte. Je geringer nun sein Glanz im -Verhältnis zu diesem eingestrahlten Licht ist, desto geringer ist sein -Albedo und umgekehrt. - -Die Erde hat eine Lufthülle, die so dünn ist, daß sie das meiste Licht -durchläßt und wenig davon zurückwirft; erst der Erdboden wirft das Licht -zurück, das ihn trifft, aber nur einen Teil davon, das meiste -verschluckt er. Darum hat die Erde ein schwaches Albedo. Wäre sie mit -einer Schneedecke bedeckt, dann würde ihr Albedo weit stärker, da der -Schnee das Licht reichlich zurückstrahlt. - -Eine recht dichte, dunstige und wolkige Lufthülle wirft das Licht -ebenfalls stark zurück. Wenn daher ein Planet ein starkes Albedo hat, -das heißt im Verhältnis zu seiner Bestrahlung durch die Sonne recht hell -erscheint, nimmt man an, er habe eine besonders dichte Atmosphäre; dies -ist vor allem bei Venus der Fall. Mars hat ziemlich das gleiche Albedo -wie die Erde, und Merkur ist der einzige Planet, der ein geringeres -Albedo aufweist, also eine dünnere Luft zu haben scheint. - -Allerdings muß man dabei nicht vergessen, daß eine spiegelnde -Oberfläche, eine Schneedecke oder etwa eigenes Licht, das der Planet -noch ausstrahlen könnte, ebensogut das starke Albedo erzeugen können wie -eine dichte Atmosphäre; völlige Sicherheit mangelt also auch diesen -Schlüssen.« - -»Hören Sie, Lord,« bruddelte Schultze, sich höchst ärgerlich stellend: -»Sie haben mich als Astronomen der Expedition angeworben; wenn Sie aber -selber in der Astronomie so gründlich bewandert sind, dann sehe ich -nicht ein, was für einen Zweck ich hier habe!« - -»Beruhigen Sie sich,« lachte Flitmore: »Mit einigen astronomischen -Kenntnissen habe ich mich freilich versehen, da ich in die Sternenwelt -reisen wollte; aber ich bin durchaus nicht auf dem ganzen Gebiete so -beschlagen, wie Sie. Übrigens schadet es bei solcher Fahrt gar nichts, -wenn mehrere oder alle Teilnehmer etwas von dieser Wissenschaft los -haben. He! Münchhausen, entscheiden Sie als Sachverständiger in ganz -ähnlichem Fall. Braucht ein Schiffskapitän vom Steuern eines Schiffes -nichts zu verstehen?« - -»Wo denken Sie hin!« rief der Kapitän: »Einem solchen könnte das -Kommando über ein Schiff nicht anvertraut werden; gründlich muß er's -verstehen und im Notfall selber das Steuerruder führen können.« - -»Ist dann nicht ein Steuermann überflüssig, da der Kapitän ja seine -Arbeit versehen könnte?« - -»Unsinn! Einen ersten und einen zweiten Steuermann sogar braucht er -höchst notwendig.« - -»Da haben Sie's, Professor,« lachte der Engländer: »Das ist hier ein -ganz ähnlicher Fall.« - -Bald näherte man sich dem großen Planeten, der zwölfhundertundsiebzigmal -größer als die Erde ist und fünfmal so weit von der Sonne entfernt als -sie, nämlich 773 Millionen Kilometer. - -In 9 Stunden 55½ Minuten dreht sich dieser Koloß um sich selbst, seine -Tage sind also nicht halb so lang wie die irdischen; dagegen beträgt -seine Umlaufzeit um die Sonne beinahe 12 Erdenjahre, nämlich 11 Jahre, -314 Tage, 20 Stunden und zwei Minuten. - -Seiner schnellen Rotation entspricht die kolossale Abplattung seiner -Pole, die nicht weniger als ein Sechzehntel beträgt. - -Bei der Annäherung spürte man selbst in den geschützten Räumen der -Sannah, daß Jupiter eine starke Wärme ausströmte, weshalb sich Flitmore -nur vorsichtig seiner Anziehungskraft aussetzte und das Weltschiff sich -abwechselnd senken und wieder entfernen ließ. - -Währenddessen konnte man den Planeten genau beobachten. - -Zunächst sah man leuchtendes Gewölk, das von einem rasenden Orkan -dahingetrieben wurde, rascher als Jupiter selber sich um seine Achse -dreht. - -Wo die zerrissenen Wolken Durchblicke gestatteten, zeigte sich ein -wogendes Meer von Glut, zwischen dem sich wenige dunkle Streifen -erstarrten Gesteins hinzogen. - -»Das stimmt,« sagte Schultze, »zu der Berechnung der Dichtigkeit des -Planeten, die sich als ¼ der Erddichte ergab, also nur 1-1/3 die Dichte -des Wassers beträgt, woraus zu schließen war, daß Jupiter sich in -flüssigem Zustande befindet. Ebenso ließ sein helles Strahlen auf -eigenes Licht schließen und der unscharfe, zum Teil durchsichtige Rand -auf eine wechselnde Dunsthülle.« - -»An eine Landung ist hier also nicht zu denken, meine Liebe,« wandte -sich der Lord an seine Gattin. - -»Nun denn auf dem Saturn!« meinte diese. - -»Dort dürfte es auch nicht besser aussehen, Mylady,« wendete der -Professor ein: »Der beringte Planet hat die geringste Dichtigkeit von -allen, nur 1/8 der Erddichte und ¾ der Dichtigkeit des Wassers.« - -»Na,« behauptete Münchhausen heiter, »noch flüssiger als das Wasser soll -er sein? Dann besteht er am Ende aus steifem Grog! Da laßt uns hin!« - -Mit Interesse wurden noch die vier Jupitermonde betrachtet, die nach -Schultzes Belehrung in einem Tag, 18 Stunden und 27 Minuten, 3 Tagen, 13 -Stunden und 13 Minuten, 7 Tagen, 3 Stunden und 42 Minuten und in 16 -Tagen, 16 Stunden und 32 Minuten um den Planeten sich drehen. - -Der erste, innerste, dem Jupiter nächste Mond war von einer starken -Wolkenschicht umgeben; doch sah man an den leuchtend durchschimmernden -Stellen und den dunkeln Flecken, die sich darin zeigten, daß er in der -Erstarrung begriffen war und auf seiner glutflüssigen Oberfläche -Schlackeninseln schwammen. Er ist etwas größer als der Erdenmond. - -Der zweite, bläulichweiß schimmernde Trabant, fast genau so groß wie -unser Mond, zeigte ebenfalls glutflüssige und erstarrte Stellen. - -Der dritte, größte und hellste befand sich in gleichmäßiger Rotglut, die -meist ins Gelbliche spielte. Er war außerordentlich stark abgeplattet -und rotierte sehr schnell. - -Der vierte Jupitermond, der zuweilen als der lichtschwächste erscheint, -zuweilen aber alle andern überstrahlt, war von einer leuchtenden, -scharfbegrenzten Wasserdampfhülle umgeben. - -»Diese Monde,« bemerkte Schultze, »gewähren den kurzen Jupiternächten -eine äußerst zweifelhafte Beleuchtung, da die drei innersten stets vom -Schattenkegel verfinstert werden und auch sonst mit unsrem irdischen -Mondlicht nicht konkurrieren können.« - - - - - 22. Ein Besuch auf dem Saturn. - - -Da die Hitze allmählich unerträglich wurde, mußte die Fliehkraft in -voller Stärke eingeschaltet werden, damit die Sannah möglichst schnell -aus dem Bereiche des ungastlichen Planeten gelangte. - -Als dies erreicht war, verlangsamte Flitmore wieder den Flug. Er wollte -doch auch den Saturn näher in Augenschein nehmen, und da dieser Planet -auf seiner Bahn just ziemlich weit entfernt war, galt es diesmal, das -Sonnensystem sich ein wenig von der Sannah entfernen zu lassen, bis -Saturn sich soweit genähert hatte, daß man sich im Bereich seiner -Anziehungskraft befand. - -Das konnte ein paar Tage dauern, wenn mit Ein- und Ausschalten des -Stroms zielbewußt abgewechselt wurde; und das war notwendig, denn bei -stetig eingeschaltetem Strom wäre das Sonnensystem in kürzester Frist -der Sannah entschwunden, diese wäre nicht bloß über die Saturnbahn, -sondern über die Neptunbahn hinausgeflogen und hätte bald kein Mittel -mehr gehabt, in das Sonnensystem zurückzukehren, weil sie über die -Anziehungssphäre der Sonne und ihrer Planeten hinausgekommen sein würde. - -Wäre dagegen umgekehrt die Fliehkraft dauernd abgestellt worden, so -hätte das Weltschiff der Anziehungskraft der Sonne oder eines Planeten -erliegen müssen, vielleicht auch wäre es den Gravitationsgesetzen gemäß -selber wie ein Planet um die Sonne gekreist. - -Diese Wartezeit wurde zu allerlei Arbeiten in den verschiedenen -Werkstätten benutzt; photographische Aufnahmen wurden entwickelt und -musikalische Unterhaltungen veranstaltet; auch versammelte man sich -fleißig zu gemütlicher Unterhaltung oder las ein Buch aus der -reichhaltigen Bibliothek vor, die der umsichtige Lord mitgenommen hatte. -Vor allem aber mußte Schultze astronomische Vorträge halten, da Mietje, -Münchhausen und Heinz Friedung das Bedürfnis empfanden, ihre Kenntnisse -auf dem Gebiet, das bei dieser Weltfahrt das wichtigste war, zu -ergänzen, ganz abgesehen natürlich von John Rieger, der den Vorträgen -mit besonderer Andacht lauschte und am fleißigsten das von vornherein -verkündigte Recht benutzte, den Redner jederzeit mit Fragen zu -unterbrechen. - -In diesen Tagen wurde Münchhausens Geburtstag mit besonderem Glanze -gefeiert und Küche und Keller mußten das Beste dazu liefern, was sie -besaßen, beziehungsweise was Lady Flitmores und Johns Kochkunst -hervorzuzaubern vermochten. Denn wenngleich der Kapitän auch zu -entbehren, ja zu hungern vermochte, wenn es darauf ankam, so fühlte er -sich doch am aufgeräumtesten bei einer vollbesetzten Tafel mit -auserlesenen Genüssen und köstlichen Weinen. - -Die Krone des Festmahls bildeten aber immer noch die unvergleichlichen -Früchte der Tipekitanga, die auch den Vorzug aufwiesen, sich völlig -frisch zu erhalten. Sie büßten weder ihre Leuchtkraft noch ihre -Nährkraft und ihren Wohlgeschmack ein. - -Endlich kam der Saturn in Sicht und die Sannah wurde seiner -Anziehungskraft überlassen. - -Schultze benutzte die Gelegenheit zu einer kleinen Repetition über das, -was er schon in seinen Vorträgen über den ringumkreisten Planeten gesagt -hatte. - -»Wie gesagt,« führte er dabei aus, »ist Saturn nicht einmal so dicht wie -das Wasser. Er hat zweifellos eine Atmosphäre und ist der zweitgrößte -Planet, 780mal so groß wie die Erde. Seine Rotationsdauer beträgt nur -10¼ Stunden, also hat er wenig mehr als 5 Stunden Tag und 5 Stunden -Nacht bei Tag- und Nachtgleiche am Äquator. Um so länger dauert sein -Jahr, nämlich nach irdischer Rechnung 29 Jahre, 166 Tage, 5 Stunden und -16½ Minuten.« - -»Herrlich!« rief Münchhausen aus: »Da lassen wir uns nieder; bedenken -Sie, wenn da einer hundert Jahre alt wird, so ist das gleich 2900 und -etlichen Erdenjahren. Da kann Methusalah nicht daran hin!« - -»Nur wird es mit dem Niederlassen einige Schwierigkeiten haben,« meinte -der Professor: »Sie könnten sich da in eine schöne Sauce hineinsetzen, -vielleicht in steifen Grog, wie Sie vermuteten; darin würden Sie sich ja -wohl ganz gut konservieren.« - -»Ganz famos!« bestätigte der Kapitän. - -»Nun, wir werden ja bald sehen, wie die Terrainverhältnisse dort sind,« -fuhr Schultze fort: »Sollte die so undichte Masse glutflüssig sein wie -auf dem Jupiter, so werden Sie ja wohl auf eine Niederlassung darin -verzichten.« - -»Unbedingt!« gab Münchhausen zu: »Doch hoffe ich nicht, daß der alte -Saturn mir solch eine Enttäuschung bereiten wird.« - -»Wie gesagt, wir werden das bald sehen«, wiederholte der Professor. »Das -Interessanteste am Saturn sind jedenfalls seine Ringe; auch hat er -bekanntlich nicht weniger als acht Monde; doch weil wir ja eben im -Begriff sind, das alles selber zu schauen, will ich mich nicht weiter -darüber verbreiten, da ich, wenn es je nicht stimmte, was ich darüber zu -sagen weiß, doch nur der Blamierte wäre.« - -Die Sannah war über die Saturnbahn hinausgekommen, als der Planet in -ihre Nähe kam und so senkte sie sich zunächst gegen seine Nachtseite. - -Flitmore hatte erwartet, daß die Saturnringe aus Nebelmasse beständen, -obgleich er es nicht für unmöglich hielt, daß sie auch aus festen -Stoffen gefügt sein könnten oder, wie auch angenommen wird, aus einer -dichten Wolke sehr kleiner Trabanten. - -Er trachtete danach, den innersten der drei Saturnringe, der -verhältnismäßig dunkel ist und verschwommene Umrisse aufweist, zu -erreichen; dies gelang ihm auch. - -Dieser Ring ist trotz seiner Breite der schmälste der drei; er ist nicht -ganz so breit wie der äußere helle Ring und weniger als halb so breit -wie der mittlere. - -Die Sannah fand festen Grund und ruhte auf ihm auf. - -Es war gerade Zeit zur Nachtruhe und alle begaben sich schlafen bis auf -die jeweiligen Wachhabenden. - -Als am andern Morgen alle beim Frühstück versammelt waren, nahm Kapitän -Münchhausen folgendermaßen das Wort: - -»Professor, Sie haben behauptet, die Saturnnacht dauere durchschnittlich -5 Stunden. Warum wird es denn gar nicht Tag? Oder sollten wir den kurzen -Tag verschlafen haben?« - -»Das nicht«, erwiderte Schultze, »aber wir befinden uns auf dem Ring, -auf dem die Verhältnisse wesentlich andre sind. Hier dauert nämlich Tag -und Nacht je ein halbes Saturnjahr, das sind 14¾ Erdenjahre. Während -dieser etwas dauerhaften Nacht ist der Ring auf das schwache Licht der -acht Saturnmonde und auf dasjenige des Saturns selber angewiesen, der -ihm, entsprechend seiner Rotation, periodisch leuchtet.« - -»Hollah!« wetterte der Kapitän: »Und da warten wir nun wohl hier ab, bis -es Tag wird.« - -»Allerdings,« schaltete Flitmore ein: »Aber beruhigen Sie sich, Kapitän, -die Sannah sitzt an einem Punkte des Rings, dem schon in zwei Stunden -die Sonne aufgehen wird, nachdem er sie seit fast 15 Jahren nicht mehr -gesehen.« - -Dies bestätigte sich: zwei Stunden darauf ward es Tag; freilich, die -Sonne leuchtete weit nicht mit dem Glanze, mit dem sie die Erde -bescheint, ist sie doch von Saturn neunmal weiter entfernt als von der -Erde. - -Nun wurde ein Abstieg auf den Ring gewagt. Er zeigte sich aus sehr -leichten schwammigen Stoffen gefügt und wies zahlreiche Löcher und Risse -auf, die durch und durch gingen. - -Ganz entzückend und wahrhaft großartig war die Aussicht auf die -ungeheure Saturnkugel, die mächtige Gebirgszüge aufwies. - -Auch der Ring war durchaus nicht eben, sondern zeigte mannigfaltige -Erhebungen, zum Teil recht stattliche Berge; aber die Wanderung wurde -jäh unterbrochen durch einen Riß, der den Ring in seiner ganzen Breite -durchlief. - -Späterhin beobachteten unsre Freunde, daß alle drei Ringe durch -zahlreiche mehr oder weniger breite Spalten in einzelne Stücke geteilt -waren, die einander nicht berührten, daß aber diese Risse sich mehr und -mehr schlossen unter dem ausdehnenden Einfluß der Sonnenhitze. - -Das ließ sich leicht feststellen, da die Teile des Rings, die schon -längere Zeit Tag hatten, zunehmend schmälere und schließlich gar keine -Lücken mehr aufwiesen, während auf der Nachtseite der Ringe die Klüfte -sich fortschreitend verbreiterten. - -»Herrlich! Großartig! Wunderbar!« rief Schultze einmal über das andre: -»Wie ganz anders vermögen wir doch nun die Dinge dahier zu erkennen, als -die armen erdfernen Astronomen mit ihren besten Instrumenten. Wenn ich -nur bedenke, wie lange es dauerte, bis überhaupt erkannt wurde, daß -Saturn von einem Ring umgeben ist. Zwar hat ihn schon Galilei durch das -erste von einen Astronomen benutzte Fernrohr gesehen, doch glaubte er, -es handle sich um Auswüchse, die mit dem Planeten zusammenhingen. Erst -Huygens, der auch den ersten Satelliten des Saturn entdeckte, nämlich -den sechsten seiner acht Monde, erkannte, daß es ein Ring sei, der frei -um den Planeten schwebe, und Herrschel konnte dann die Rotationsdauer -des Ringes oder vielmehr der Ringe berechnen, die annähernd die gleiche -ist, wie die ihres Zentralkörpers.« - -Da auch in der entgegengesetzten Richtung bald eine Spalte ein weiteres -Vordringen unmöglich machte, auch die Erforschung der Ringe wenig -Interessantes mehr zu bieten schien, wurde beschlossen, sich alsbald auf -den Planeten selber zu begeben. - -Bald sank die Sannah unter die niedre Luftschicht, die um die Ringe -lagerte und nach kurzem, aber ungeheuer raschem Sturz trat sie in die -Saturnatmosphäre ein. - -Hier verlangsamte Flitmore sofort die Fallgeschwindigkeit, und das -Weltschiff schwebte träge zur Oberfläche nieder. - -»Mylord,« fragte währenddessen John seinen Herrn, »warum gehen wir nie -in die untern Zimmer, wenn wir einen Abstieg unternehmen? Da könnten wir -so schön alles aus der Vogelprospektiefe beobachten, wie wir näher und -näher kommen; hier oben aber sehen wir nichts als den Ring, der sich von -uns entfernt.« - -Man sieht, daß John sich seinem Herrn gegenüber keiner so gewählten -Sprache befleißigte, wie wenn er den gelehrten Professor anredete; das -kam aber nicht etwa von einem Mangel an Respekt, sondern weil er aus -langjähriger Erfahrung wußte, daß der Lord viele Redensarten nicht -leiden mochte. - -Flitmore gab seiner treuen Dienerseele folgende Auskunft: »Siehst du, -John, um den Fall der Sannah nicht zum verderblichen Sturz werden zu -lassen, muß ich die Fliehkraft abwechselnd ein- und ausschalten. Dadurch -wird aber jedesmal für die unteren Räume und die Seitenzimmer der -Schwerpunkt verändert: schalte ich die Zentrifugalkraft ein, so werden -wir gegen den Mittelpunkt unsres Fahrzeugs gezogen, schalte ich sie aus, -so zieht uns der Saturn an. Du wirst dich erinnern, was dies zur Folge -hatte, als wir die Erde verließen. Hier wäre es genau so: im untern -Zimmer würden wir abwechselnd von der Decke auf den Fußboden stürzen und -umgekehrt; in den Polzimmern würden wir zwischen der dem Saturn -zugekehrten Seitenwand und dem Fußboden hin- und hergeschleudert. Hier -oben aber liegt der Mittelpunkt der Sannah genau wie der Mittelpunkt des -Planeten zu unsern Füßen und meine Manöver verändern den Schwerpunkt in -keiner Weise. Das ist der Grund, weshalb wir hier wie bei unserm Abstieg -auf den Mars und die Tipekitanga auf die Beobachtung des Geländes, dem -wir uns nähern, verzichten müssen, so schade dies auch ist. - -Du weißt ja, daß ich diesen Umstand beim Bau des Schiffes nicht in -Betracht gezogen habe und selber von der alles auf den Kopf stellenden -Wirkung der Fliehkraft überrascht wurde; sonst hätte ich Vorsorge -getroffen, daß wir wenigstens durch außen angebrachte Spiegel in den -Stand gesetzt worden wären, von diesem unserm Zenithzimmer aus zu -betrachten, was unter uns liegt.« - -Ein sanfter Ruck zeigte an, daß die Saturnoberfläche erreicht war. Die -Sannah ruhte auf. - -Daß diese Oberfläche weder flüssig noch glühend war, hatte man schon vom -Ring aus feststellen können, sonst wäre der Plan einer Landung -selbstverständlich ausgeschlossen gewesen. - -Begierig zu schauen, welche neuen Wunder sich ihnen hier offenbaren -würden, verließen unsere Freunde das Fahrzeug durch das Nordpolzimmer, -nachdem die Lucke geöffnet und die Strickleiter hinabgelassen worden -war. - - - - - 23. Eine unfreiwillige Polarreise. - - -Es war Nacht, als die Gesellschaft auf dem Saturn landete; aber da sich -alle sehnten, ins Freie zu kommen, wurden die Zelte errichtet, diesmal -aber in unmittelbarer Nähe der Sannah, damit ein sofortiger Rückzug -angetreten werden konnte, falls je ein gefährliches Abenteuer drohen -sollte; die schreckliche Nacht auf dem Mars war ja allen noch gar zu -frisch in Erinnerung. - -Holz- und Reisigvorräte barg die Sannah zur Genüge, der Lord hatte sich -für alle Fälle vorgesehen. So brauchte man nicht in der Dunkelheit nach -Brennmaterial zu suchen. - -Ein Feuer wurde entfacht und nach gehaltener Mahlzeit suchten bald alle -die Ruhe auf bis auf Heinz, der die erste Wache übernommen hatte. - -Nach zwei Stunden löste ihn John ab und diesen nach weiteren zwei -Stunden Münchhausen. - -Der Kapitän freute sich kindlich auf den ersten Sonnenaufgang auf dem -Saturn, und daß er der erste sein sollte, der diese neue Welt aus -nächster Nähe bei Tageslicht schauen sollte. - -Aber merkwürdig, es wollte nicht tagen! Als seine zwei Dienststunden zu -Ende waren, war es noch so finster wie zuvor. Er rechnete aus, daß die -Nacht nun schon mehr als acht Stunden währte; da die Rotationsdauer des -Saturn 10¾ Stunden beträgt, hätte es eigentlich schon wieder gegen Abend -gehen sollen. - -Es war ausgemacht worden, daß Münchhausen gleich nach Tagesanbruch alle -wecken sollte, aber der Tag brach nicht an und er wartete noch eine -Stunde; er hatte sich so sehr darauf gefreut, allein als Erster die -Sonne aufleuchten zu sehen. - -Endlich weckte er den Professor. - -»Hören Sie,« fuhr er den Schlaftrunkenen an: »Ich pfeife auf die ganze -astronomische Wissenschaft und auf die Ihrige insbesondere. Es ist -nichts mit den kurzen Saturnnächten. He! wissen Sie, wie lange diese -Nacht schon währt? Neun volle Stunden!« - -Schultze hatte sich ermuntert und sah auf die Uhr. - -»Wahrhaftig!« brummte er, »das stimmt!« Dann schaute er hilflos zum -Himmel, als könnte er doch irgendwo die Sonne entdecken, trotz der hier -unten herrschenden Finsternis. - -»Da hört sich doch alle Wissenschaft auf!« fuhr es ihm heraus. - -»Jawohl, alle Wissenschaft hört auf und blamiert sich angesichts der -Tatsachen,« grollte Münchhausen. »Wissen Sie gewiß, daß auf dem Saturn -die Nacht nicht auch 15 Jahre dauert wie auf seinen Ringen?« - -»Unsinn!« rief der Gelehrte, obgleich er selber nicht mehr wußte, wo er -dran war: »Das trifft ja wohl für die Polarzonen zu, nicht aber für -diese Breiten.« - -Unterdessen hatten sich auch die andern erhoben und wunderten sich, daß -es noch nicht Tag werden wollte. - -Schultze war nachdenklich, während man das Frühstück einnahm: er -repetierte innerlich seine Kenntnisse des Saturn. - -Plötzlich rief er: »Ich habs! Es herrscht hier eine Sonnenfinsternis, -verursacht durch den Ring des Planeten.« - -»Na! dann wird sie ja bald vorübergehen,« sagte Münchhausen aufatmend; -denn die rätselhafte Dunkelheit hatte ihm wirkliche Beklommenheit -verursacht. »Freilich,« fügte er bei, »für heute ist es nun schon nichts -mehr mit dem Sonnenschein; es muß ja bald wieder Nacht werden; aber in -sechs bis sieben Stunden werden wir das Tageslicht wieder schauen.« - -»Wo denken Sie hin!« widersprach Schultze. »Davon kann keine Rede sein: -Diese saturnischen Finsternisse dauern mehrere Erdenjahre. Ich vermute, -wir befinden uns hier etwa unter 23½ Grad Breite und haben dann mit -einer Sonnenfinsternis von zehn Jahren zu rechnen.« - -»Sie freuen mich!« polterte der Kapitän: »Und da sollen wir wohl hier -abwarten, bis der Ringschatten sich gefälligst entfernt oder die Sonne -uns geschwind höhnisch durch eine seiner Lücken anlächelt, um dann -wieder zu verschwinden? Oder sollen wir den vertrackten Weltkörper bei -Fackelbeleuchtung untersuchen?« - -»Nein!« lachte Flitmore: »Wir steigen einfach wieder auf und landen auf -einem günstigeren Breitengrade.« - -»Ein ungastlicher Planet scheint Saturn doch zu sein,« meinte Mietje: -»In manchen Gegenden fast 15 Jahre Nacht, dann noch 10 Jahre -Sonnenfinsternis, das gibt ja 25 Jahre Dunkelheit und nur 5 Jahre -Tageshelle!« - -»Das stimmt allerdings je nach der Zone,« bestätigte Schultze: »Aber -trösten Sie sich, es gibt ja lichtreichere Gegenden, und wir halten uns -nicht gar zu lange hier auf.« - -Die Weiterreise wurde sofort angetreten. - -»Leider,« bemerkte der Lord, als man wieder im Zenithzimmer versammelt -war, »ist die Sannah nicht als lenkbares Luftschiff gebaut. Das erkenne -ich jetzt als verhängnisvollen Fehler an. Mit ein paar Motoren -ausgerüstet, könnte sie ihren Weg in der Atmosphäre nach Belieben -suchen, während wir es so dem Zufall überlassen müssen, wo wir landen. -Sobald ich nämlich die Fliehkraft einschalte, nimmt unser Weltschiff -weder an der Rotation noch an dem Umlauf des Saturn mehr teil. Das -erstere ist ja belanglos, denn durch seine Umdrehung um die Axe kehrt -uns der Planet nur abwechselnd eine andere Seite zu und es macht nichts -aus, ob wir auf dieser oder jener niedergehen. - -Durch seinen Umlauf auf seiner Bahn um die Sonne aber saust der Saturn -unter uns weg, sobald wir durch den Zentrifugalstrom von seiner -Anziehungskraft gelöst sind; es fehlen uns die Mittel, diese Bewegung -genau zu berechnen, und so können wir unsern Landungsort nicht nach -Belieben bestimmen.« - -Das erwies sich denn auch als fatal, denn als sich der Lord nach einiger -Zeit zum Niedergehen entschloß, befand sich die Sannah in der -Nordpolarzone des Saturn. - -Als die Lucke geöffnet wurde, strömte eine so eisig kalte Luft herein, -daß sich alle mit den wärmsten Pelzhüllen versahen, ehe sie ins Freie -hinaustraten. - -Ein herrlicher Anblick blendete ihre Augen, als sie an der Strickleiter -hinabstiegen: unabsehbar dehnte sich eine Eis- und Schneewüste, -unterbrochen von phantastisch gezackten und wildzerklüfteten Eisbergen, -die im Glanze der Sonne in allen Farben flimmerten, je nachdem sich das -Licht im Kristall brach. - -In der Ferne ragte ein ganzes Gebirge empor, das lebhaft an die -Gletscherketten der Alpen erinnerte; kurz, es war eine Landschaft voll -Großartigkeit, die ein Gefühl der Andacht in aller Herzen erweckte. - -Doch hatte ein längerer Aufenthalt hier keinen Zweck: die Eiswüsten des -Saturns gedachten unsere Freunde nicht zu erforschen, so lange sie -hoffen konnten, interessantere Gebiete für ihre Entdeckungen zu finden. -Immerhin mußte die entzückende Polarlandschaft auf einigen -photographischen Platten ihre größten Reize festhalten lassen. - -Plötzlich rief Mietje aus, indem sie verwundert den Himmel betrachtete: -»Wo ist denn der Ring? Er scheint verschwunden zu sein: von einem -Horizont zum andern kann ich keine Spur mehr von ihm entdecken!« - -Alle schauten auf und Münchhausen erklärte: »Das ist ja ein schöner -Reinfall! Da sind wir am Ende auf einen ganz andern Planeten geraten, -wohl gar auf einen vergletscherten Saturnmond. So geht es, wenn man ins -Blaue hineinfährt und nicht einmal Ausschau halten kann, wohin man sich -bewegt und was sich unter einem befindet! Oder ist der Saturngürtel -verhext und kann sich unsichtbar machen mittelst der berühmten -radioelektrischen Strahlen Manfreds von Rothenfels? Heda, Professorchen, -lassen Sie Ihre wissenschaftliche Bogenlampe strahlen, wenn angesichts -dieses rätselhaften Verschwindens bei Ihnen nicht, wie gewöhnlich, alle -Wissenschaft sich aufhört!« - -»I wo denn?« erwiderte Schultze kühl: »Da hört sich die Wissenschaft -doch gar nicht auf, ganz im Gegenteil! Das weiß jeder angehende -Astronom, daß die Saturnringe auf dem größten Teil der Polarzone -überhaupt nicht zu sehen sind, aus dem einfachen Grunde, weil sie unter -dem Horizont stehen. Weiter südlich würden wir nur den äußeren Ring -erblicken und erst beim Überschreiten des Polarkreises würden allmählich -auch die inneren Reifen auftauchen: es ist also alles in Ordnung und war -gar nicht anders zu erwarten.« - -Eine merkwürdige Tatsache fiel Heinz hier noch auf, als er einen losen -Eisblock zu heben versuchte: Der stattliche Brocken erwies sich als ganz -unglaublich leicht im Verhältnis zu seiner Masse; da dies weder von -einer geringeren Anziehungskraft des Planeten herrühren konnte, noch das -Eis eine losere Struktur zeigte, als es beim irdischen Eise der Fall -ist, mußte angenommen werden, daß das Eis auf dem Saturn und demnach -wahrscheinlich auch das Wasser dort an und für sich weit weniger Gewicht -oder Dichtigkeit habe als auf der Erde. - -Nachdem sich alle von der seltsamen Leichtigkeit des Blocks überzeugt -und das gleiche auch an andern Eisstücken festgestellt hatten, begaben -sie sich wieder ins Innere ihres Fahrzeugs. - -»Wir dürfen nicht mehr so planlos landen,« erklärte der Engländer: »Wir -müssen ein Mittel ersinnen, das uns aus der Lage befreit, hiebei nur ein -Spielball des Zufalls zu sein. He, Professor! Strengen Sie Ihren großen -Geist an und setzen Sie uns in den Stand, unsere Landungsstelle nach -eigenem Gutdünken auszuwählen!« - -Bevor Schultze recht begonnen hatte, sein Gehirn anzustrengen, trat -Heinz Friedung mit folgendem Vorschlag hervor: - -»Spannen wir ein Netz unmittelbar unter dem Fenster unseres -Antipodenzimmers aus. In dieses Netz kann sich ein Beobachter legen; -wird die Fliehkraft ausgeschaltet, so liegt er eben auf dem Bauch über -dem Fenster, ist der Strom geschlossen, so fällt er auf den Rücken weich -in das Netz zurück. Jedenfalls kann er andauernd die Saturnoberfläche im -Auge behalten und uns im Zenithzimmer durch elektrische Klingelzeichen -verständigen, ob wir steigen, fallen oder uns endgültig niederlassen -sollen. Drei verabredete Zeichen genügen hiefür. Da übrigens außer dem -elektrischen Läutewerk auch ein Telephon in jedem Zimmer vorhanden ist, -kann er, wenn etwas Besonderes zu melden sein sollte, auch telephonische -Nachricht geben.« - -»Ausgezeichnet!« lobte Schultze: »Den Beobachtungsposten will ich -einnehmen.« - -»Nichts da!« protestierte Münchhausen: »Ich freue mich schon lange -darauf, als Erster zu schauen, wie der Saturn aus nächster Nähe -aussieht. Die Sonnenfinsternis hat mich um diese Hoffnung betrogen, -jetzt will ich wenigstens als Beobachter im Mastkorb mein Ziel -erreichen, wozu ich mich als alter Seemann auch am besten eigne.« - -Der Professor schüttelte lachend den Kopf: »Ihr spezifisches Gewicht, -edler Hugo, macht die Sache zu gefährlich; wie Spinnwebe würden die -stärksten Netze reißen, wollten Sie sich ihnen anvertrauen.« - -»O,« sagte Flitmore, »ich habe eine Hängematte an Bord, die aus so -starken Baststricken geflochten ist, daß selbst unseres Kapitäns paar -Zentner sie nicht aus der Fassung bringen können; auch ist sie so groß, -daß sie ihm Raum genug bietet, also gönnen wir ihm das Vergnügen.« - -Der Professor hätte zwar auch gern die ersten Entdeckungen gemacht, doch -wollte er sie dem älteren Freunde nicht streitig machen, und so wurde -denn Münchhausen mit einem Feldstecher bewaffnet im »Mastkorb«, wie er -sich ausdrückte, untergebracht, sobald das Netz an Ort und Stelle -befestigt war. - -Dann wurde die Fliehkraft eingeschaltet und der Kapitän schwebte, auf -dem Rücken liegend, in der Hängematte unmittelbar unter dem Fenster, das -sich von dem eisigen Grunde trennte, auf dem es bis jetzt aufgeruht -hatte. - -So schaute er hinauf in die Eisgefilde, die über ihm zu schweben -schienen und mit ihren Bergen und Schroffen drohend genug aussahen. Es -war ein eigentümlicher, unheimlicher Anblick, diese blitzenden Massen so -über sich herabhängen zu sehen, als müßten sie niederstürzen und alles -zermalmen. Immerhin wußte Münchhausen ja zur Genüge, daß dies alles nur -so schien, weil die Sannah nun ihren eigenen Schwerpunkt in ihrem -Zentrum besaß, und daß der Saturn seine Oberfläche fest genug halten -würde. - - - - - 24. Eine Nacht auf dem Ringplaneten. - - -Münchhausen war eifrig auf seinem Posten, stets die elektrische -Kontaktbirne in der Hand. Gab er ein kurzes Klingelzeichen, so stellte -Flitmore oben die Fliehkraft ab und der Kapitän fiel mit dem dicken -Bauch auf die Fensterscheibe, die glücklicherweise so massiv war, daß -sie noch heftigere Stöße unbeschädigt ausgehalten hätte. - -In solchem Falle machte es Münchhausen den Eindruck, als hätte sich die -Welt mit Blitzgeschwindigkeit umgedreht: der Planet, zu dem er bisher -aufgeschaut hatte, weil er über ihm schwebte, schien nun plötzlich unten -zu sein und es galt, von der über ihm schwebenden Sannah auf ihn -hinabzublicken. - -Gab Münchhausen dann wieder die zwei Klingelzeichen, die das Einschalten -des Stromes bedeuteten, so plumpste er gleich darauf rücklings in die -Hängematte zurück und sah das Fenster und den Saturn urplötzlich wieder -über sich. - -Dieser fortwährende und ganz unvermittelte Wechsel, der jedesmal wieder -verwirrend wirkte und für einen Augenblick alle Orientierung lahmlegte, -hätte einen Unkundigen an aller Wirklichkeit und am eigenen Verstande -verzweifeln lassen können. - -Man stelle sich's vor, was das für ein Gefühl sein muß, wenn die Decke, -zu der man aufschaut, innerhalb einer Sekunde auf einmal zum Fußboden -wird, auf dem man liegt, und dann wird sie eben so plötzlich wieder zur -Decke über einem; und so wechselt es alle paar Minuten, ohne daß man -selber seine Lage verändern würde oder daß der Raum, in dem man sich -befindet, sich drehte: das Weltall scheint jedesmal völlig mit einem -umzukippen, und dabei wird man nur mit einem kleinen Ruck wie ein Ball -auf und ab geschleudert: man fällt jedesmal nach oben und liegt jedesmal -unten! - -Dem Kapitän machte schließlich dieses Zauberspiel einen köstlichen Spaß; -davon merkten die dort im Zenithzimmer rein gar nichts, für sie blieb -der Fußboden unverrückt unten und die Zimmerdecke oben; kein Ruck zeigte -ihnen die Änderung des Schwerpunkts an. - -»Ein Glück, daß ich und nicht der Professor oder sonst eine unerfahrene -Landratte auf diesem Posten liegt«, dachte Münchhausen: »die bekämen die -Seekrankheit im höchsten Grade; mir altem Seebär jedoch bekommt die -Bewegung vorzüglich.« - -Und aus lauter Lust an der Sache gab er die Zeichen viel häufiger als -notwendig gewesen wäre. - -Bald aber machte er eine fatale Entdeckung: Die Sannah blieb stets dem -Nordpol des Planeten zugewendet und konnte unmöglich mehr südlichere -Gegenden des Saturn erreichen. Er hatte das Weltschiff in seiner ganzen -Länge passiert, und sobald der Fliehstrom eingeschaltet wurde, entfernte -er sich auf seiner Bahn, während die Schließung des Stroms nur ein -Stürzen gegen den Pol bewirkte. - -»Wir sollten uns am Südpol befinden,« brummte der Kapitän, »dann würde -der Weltkörper unter uns durchpassieren und wir könnten uns -niederlassen, sobald etwa der Äquatorialgürtel unter uns stünde. Nun -aber ist er bereits völlig unter uns weg und kehrt nicht wieder um; da -sehe ich nicht, was noch zu machen ist.« - -Er teilte diese Beobachtung durch das Telephon dem Lord mit. - -Nun wurde droben beraten und ihm dann das Ergebnis der Beratung -mitgeteilt. - -»Glücklicherweise,« erklärte Schultze durchs Telephon, »ist der Saturn -zur Zeit ganz nahe dem Ende seiner Bahn und muß binnen wenigen Stunden -seine Wendung vollziehen. Da wir nun in der günstigen Lage sind, uns auf -der Innenseite seiner Bahn zu befinden, das heißt zwischen ihm und der -Sonne, so werden wir jetzt den Strom ununterbrochen wirken lassen. So -wird die Sannah in einer Sehne den Bogen abschneiden, den der Planet in -den nächsten Stunden beschreibt, und sich einem Punkte seiner -rückläufigen Bahn nähern, den er bald darauf passieren muß. Dann müssen -Sie scharf aufpassen, wenn der Planet sich uns wieder nähert, damit wir -uns rechtzeitig seiner Anziehungskraft aussetzen und ihn in der Folge -durch geeignetes Öffnen und Schließen des Stroms soweit an uns -vorbeiziehen lassen, bis wir in seinen Äquatorialgegenden landen können. -Kommen Sie jetzt herauf zum Abendessen; Sie können dann ruhig fünf -Stunden schlafen, denn wir werden etwa sieben Stunden brauchen, um den -Scheitel der Ellipse durch einen möglichst kurzen Bogen abzuschneiden.« - -Sechs Stunden später befand sich Münchhausen wieder auf seinem Auslug -und sah nun in der Tat, wie Saturn von der andern Seite heransauste; die -Sannah hatte ihn durch Abschneiden des Scheitelbogens seiner -ellyptischen Bahn überholt. - -Nun galt es zunächst die Fliehkraft auszuschalten, um nicht wieder -zurückgeworfen zu werden durch die abstoßende Kraft in Bezug auf den -nahenden Planeten. - -Dann begann wieder das abwechselnde Schließen und Öffnen des Stromes -entsprechend den Klingelzeichen des Kapitäns und damit das lustige -Ballspiel, das die Sannah mit seinem rundlichen Körper betrieb, ihn -zwischen dem Fenster und der Hängematte hin- und herschleudernd, je -nachdem der Schwerpunkt des Weltschiffes nach innen in dessen -Mittelpunkt, oder nach außen in den Mittelpunkt Saturns verlegt wurde. - -Diese wechselnden Manöver verhüteten einerseits den vorzeitigen Sturz -auf die Oberfläche des Planeten, andrerseits die allzugroße Entfernung -von ihm: man blieb, nachdem die Ringe überholt worden waren, von jetzt -ab innerhalb der Saturnatmosphäre. - -Als die Südpolarzone vorübergeglitten war, erschienen dem beobachtenden -Kapitän die Ringe als schmale Kreise; bei der Annäherung des Äquators -war bald nicht mehr viel weiter als die Kante des innersten Ringes zu -sehen. - -Vor allem aber wurden die Blicke des Kapitäns gefesselt durch die -landschaftlichen Bilder, die vorüberflogen, teils erhabene großartige -Szenerien, teils ungemein liebliche Idyllen: Hochgebirge und Meere, -mächtige Ströme, Flüsse und Seen, sanftgeschwungene Hügelketten, grüne -Ebenen, Wiesen und geschlängelte Bäche; dann wieder schroffe Felsen und -gähnende, nachtschwarze Schluchten. - -Als die Sannah die Äquatorialzone erreichte, gab Münchhausen durch -dreimaliges, langgezogenes Klingeln das Zeichen zur Landung. - -Eine reizende, hügeldurchzogene Ebene war es, in welcher das Weltschiff -sich niederließ; aber wiederum sank die Nacht herein, als die -Gesellschaft die Strickleiter herabließ und den festen Boden betrat. - -Von den acht Monden Saturns, deren Umlaufzzeit entsprechend ihrem -Abstand vom Zentralkörper wächst, und beim innersten nur 22½ Stunden, -beim äußersten aber nicht weniger als 79 Tage beträgt, standen die vier -innersten gleichzeitig am Himmel; doch ihr schwacher Schein genügte -nicht, um den Glanz einer irdischen Vollmondnacht hervorzuzaubern. Die -schmale Kante des Ringes war dunkel; die innerste Kante wird überhaupt -nie von der Sonne erhellt, und die beleuchtete Ringfläche zeigt sich nur -bei Tag, nie aber des Nachts. - -Mietje übernahm diesmal die erste Wache und Münchhausen bestand auf der -zweiten, gegen deren Ende der Anbruch des Morgens erfolgen mußte, da -hier eine Sonnenfinsternis zur Zeit nicht herrschte, wie Schultze -versicherte, und wie man vor der Landung hatte beobachten können, als -noch die Sonne am Himmel stand. - -Man wollte sich diesmal mit einem dreistündigen Schlafe begnügen, um -sich ja nichts von dem kurzen Tage entgehen zu lassen. - -Lady Flitmore, auf die nur noch eine Stunde Schlafes gekommen wäre nach -ihrer zweistündigen Wache und die durchaus nicht gewillt war, den -Saturnmorgen zu verschlafen, beschloß, sich überhaupt nicht zur Ruhe zu -legen, sondern dem Kapitän bei dessen Wachzeit Gesellschaft zu leisten: -sie hatte in Voraussicht dieses Falles vor dem Abstieg einige Stunden -geschlafen und fühlte sich frisch und munter genug, um zehn, und, wenn -es sein sollte, zwanzig Stunden zu wachen, ohne zu ermüden. - -Alles lag im Schlaf; nur Lady Flitmore saß als treue Wächterin in der -Nähe des flackernden Feuers, von Zeit zu Zeit ein Scheit nachlegend. - -Eine kleine Erhöhung des Erdbodens diente ihr als Sitz. Der Grund -bestand hier aus kahlem Felsgestein, das sich merkwürdig warm anfühlte, -so daß Mietje es nicht für nötig gefunden hatte, eine Decke über ihren -Sitz zu breiten, zumal der Fels gar nicht hart erschien: sie glaubte, es -müsse eine Art Bimsstein sein und das bestätigte ihr die auffallende -Leichtigkeit einzelner umherliegender Steine. Ein Block von der Größe -eines Riesenkürbisses, den sie versuchsweise aufnahm, wollte ihr so -leicht wie ein Gummiball erscheinen. - -Es fiel ihr dabei ein, wie merkwürdig leicht auch das Eis am Pol -befunden wurde und sie mußte denken, daß dem ein dem Saturn -eigentümliches Naturgesetz zu Grunde liegen müsse. - -Dann schweiften ihre Blicke umher. Die kahle Stelle war nur von geringer -Ausdehnung; sie wurde von einem mannshohen Dickicht eingesäumt, das aus -Schilf oder Röhricht zu bestehen schien und über welches in der Ferne -ein Wald hochragender Bäume unheimlich finster herüberschaute. - -Sie sah zum Himmel empor: da grüßten sie die bekannten Sternbilder so -traut, daß ihr auf einmal zumute wurde, als befinde sie sich auf der -heimatlichen Erde und die ganze Weltallreise sei bloß ein Traum gewesen. -War sie nicht auch so sonderbar, wie es sonst nur im Träumen vorkommt? - -Aber mitten unter diesen altbekannten Sternbildern teilte ein dunkler -schmaler Bogen das ganze Himmelsgewölbe in zwei ungleiche Teile. Das war -die Kante des Rings, der ihr zweifellos bewies, daß sie sich auf einem -fremden Planeten befand, und das sagten ihr auch die vier Monde, die in -ungleicher Größe und verschiedener Lichtstärke am Himmel hinwandelten, -und deren einer soeben vom Schatten seines Zentralgestirns verdunkelt -wurde. - -Dort strahlte auch der Komet, den sie von der Tipekitanga aus erstmals -erschaut hatte, in beinahe unheimlich blendendem Goldglanz. - -Und siehe! Drunten am Horizont tauchte ein fünfter Mond auf! Ja, es war -eine fremde Welt! Trotz der Sternbilder, die um kein Haar anders -aussahen als am irdischen Himmel, war sie doch von der Erde entsetzlich -weit entfernt! Wie hatte ihr Gatte gesagt? 1260 Millionen Kilometer, -mehr als achtmal so weit als der Abstand der Erde von der Sonne beträgt! - -Sie schauderte, als sie sich diese ungeheure Zahl ins Gedächtnis -zurückrief, und doch, was bedeutete sie gegenüber der Entfernung jener -Fixsterne dort oben? So gut wie nichts! Die schienen weder näher noch -ferner gerückt. - -Aus diesen Gedanken wurde sie durch einen Schatten emporgeschreckt, der -den Schein des Feuers verdunkelte. - -Dort flatterte ein Vogel mit kaum hörbarem Flügelschlag. Er umkreiste -die Flammen, näherte und entfernte sich, flog auf und schwebte wieder -herab. - -»Ein Adler,« dachte die Lady, die ungeheure Spannweite seiner Flügel mit -den Blicken messend. - -Aber merkwürdig genug erschienen diese Fittiche: Das war kein Gefieder, -auch keine Fledermausflügel waren es, diese dünnen, buntgefleckten Segel -mit dem breiten, scharfumrissenen Rand. - -Mietje schüttelte den Kopf: »Wäre nicht seine ungeheure Größe, man -könnte diesen Vogel für eine Motte, einen Nachtfalter halten,« sprach -sie halblaut vor sich hin. - -Da gesellten sich zu dem ersten ein zweiter und ein dritter. Lautlos -umkreisten sie das Feuer, dessen Lohe von dem Luftzug ihres -Flügelschlags gepeitscht, niederduckte, um gleich darauf um so lebhafter -emporzuzüngeln. - -Jetzt kam einer dieser unheimlichen Vögel ganz nahe an der jungen Frau -vorbei. Er hatte einen eigentümlichen dicken Kopf mit einem -Elefantenrüssel von dem Umfang eines Spritzenschlauchs, zwei runde -walnußgroße Glotzaugen, zwischen denen sich zwei Wedel bewegten, gleich -riesigen Fühlern. Der Leib war zylinderförmig und stark behaart; starr -wie Igelstacheln standen die Haare empor, das Merkwürdigste aber waren -die sechs dünnen Beine, die das seltsame Geschöpf an den Leib gezogen -hielt. - -Mietje faßte ein Grauen vor diesen Ungeheuern und sie riß ein brennendes -Scheit aus dem Feuer, um sie abwehren zu können, wenn sie sich ihr -nähern sollten. - -Sie sollte auch alsbald in die Lage kommen, sich gegen einen Angriff zu -verteidigen; denn einer der Vögel flog geradewegs auf sie zu. - -Mit dem brennenden Ende des Prügels schlug sie aus allen Kräften auf den -widerlichen Kopf. Dieser schien keinen Schädel zu besitzen, sondern aus -weicher Masse zu bestehen, denn der Schlag erschütterte die Waffe nicht -und erzeugte auch keinen weiteren Ton als ein dumpfes Aufklatschen. Aber -betäubt sank der Vogel zu Boden und als Mietje ihr Scheit auf seinen -Kopf preßte, wurde derselbe alsbald zu einer formlosen Masse -zerquetscht. - -Jetzt erschien Münchhausen auf der Bildfläche. Es war eigentlich noch -nicht ganz an der Zeit, daß er zur Ablösung kam; doch hatte er in -Erwartung der Entdeckungen, die er als Erster zu machen hoffte, nur -unruhig geschlafen und war frühzeitig erwacht. - -»Was haben Sie denn da für ein Scheusal erlegt, Sie kriegerische -Heldin?« fragte, er erstaunt den zuckenden Leib am Boden betrachtend. -»Fürwahr! da flattert ja noch so eines daher. Ha! das hat es auf meine -Nase abgesehen. Nein, mein Freund, die leuchtet nicht für dich!« und -gleichzeitig schmetterte er das zudringliche Ungetüm mit dem -Flintenkolben zu Boden. - -Der dritte Vogel war inzwischen wieder verschwunden. - -Kopfschüttelnd untersuchte der Kapitän die erlegten Geschöpfe. - -»Eine Art Schmetterlingsflügel,« sagte er, »zwei Fühlhörner, ein Rüssel, -sechs hornumpanzerte Beine und im ganzen Leibe kein Knochen, -- alles -Brei! Lady Flitmore, das sind Nachtfalter; Sie lachen mich aus, aber mit -vollstem Unrecht. Ich glaube ja selber nicht, was ich sage, aber es ist -dennoch so und nicht anders. Motten sind diese Scheusale, ungeheure -Schwärmer! Sie sehen wahrhaft erschrecklich aus und es war mir -keineswegs behaglich zumut, als dieser zweigehörnte Vogel mir nach der -Nase trachtete; aber ich glaube nicht, daß diese Nachtvögel imstande -sind, unsereinem das Geringste anzuhaben. Sehen Sie, sie sind von -Butter; ein schwacher Druck genügt, ihren Leib zu einer unförmlichen -Masse zu zerquetschen.« - -Das war allerdings offensichtlich und Mietje war geneigt, sich ihrer -Furcht zu schämen; aber das Unbekannte erregt stets ein gewisses Grauen, -und der Kapitän selber hatte sich ja von den Riesenfaltern einen nicht -geringen Schrecken einjagen lassen. - -»Sehen Sie,« erklärte er, »das ist ganz menschlich; das Niegesehene -erschreckt zunächst jeden; denn wer kann wissen, was einem von ihm -droht. Das, was man daheim schon kannte, heimelt einen an; was aber der -Heimat fremd ist, erscheint unheimlich. So zeigt uns schon die -Entwicklung des Sprachgebrauchs, daß wir einem allgemein und uralt -menschlichen Gefühl erlagen, dessen wir uns nicht zu schämen brauchen, -wenn wir nachträglich erkannten, daß der unheimliche Spuck im Grunde -recht harmlos war und daß wir einen Heldenkampf auf Leben und Tod mit -wehrlosen Nachtfaltern geführt haben. - -Aber nun begeben Sie sich zur Ruhe auf diesen Schrecken hin, meine Wache -beginnt.« - -»Fällt mir nicht ein, mich jetzt zu legen,« lachte Mietje. »Ich leiste -Ihnen Gesellschaft; ich bin begierig, den ersten Morgen auf diesem -Planeten tagen zu sehen.« - -»Um so angenehmer für mich,« meinte Münchhausen; »aber wollen wir uns -nicht setzen?« und damit ließ er sich auf seine Fettpolster plumpsen. - - - - - 25. Eine seltsame Welt. - - -Der Tag begann zu grauen. Rosige Wölkchen schwebten über dem Horizont -und bald darauf leuchteten die fernen Berggipfel auf, vom flüssigen Gold -der ersten Sonnenstrahlen umrandet. - -Münchhausen und Mietje schauten umher. - -Welch eine sonderbare Landschaft! Berg und Tal, Hügel und Ebenen, -Wasserfälle und Bäche, -- nun, das mutete nicht besonders fremdartig an, -obgleich ein kleiner Wasserfall, der im nahen Hintergrund über einen -niedern Felsblock herabschäumte, bereits ein Rätsel aufgab. - -Das Wasser spritzte nämlich so hoch auf und dichte Schaumflocken -schwammen gleichsam in der Luft, daß man dieses Schauspiel wohl -begriffen hätte, wenn sich das Wasser aus hundert Meter Höhe -herabgestürzt hätte, nicht aber, wo es sich um höchstens drei oder vier -Meter handeln konnte. - -»Nanu!« sagte Münchhausen verblüfft: »Dieser Zwerg von einem Wasserfall -gebärdet sich ja wahrhaftig, als wollte er mit dem Niagara oder -Mosi-oa-tunia, den Viktoriafällen des Sambesi in unlautern Wettbewerb -treten.« - -Weit befremdlicher aber noch erschien die Pflanzenwelt: was bei Nacht -als mannshohes Schilf erschienen war, erwies sich nun bei Tageshelle als -Gras. Da ragten grüne Büschel von zwei Meter Höhe, darüber wiegten sich -Halme mit mächtigen Samenrispen; die Gräser waren mehr als handbreit, -die Halme mehr als daumendick und der Hochwald dahinter schien aus -krautartigen Gewächsen zu bestehen mit ungeheuren saftigen Stengeln und -Blättern, deren geringste die Bananenblätter weit an Größe übertrafen. -Dazwischen schossen Blumen empor, die sich wie Sonnenschirme -ausbreiteten oder wie Kirchenglocken herabhingen. - -Nirgends aber war ein Gewächs zu sehen, das einem Baume glich; die -höchsten Waldriesen, die bis zu sechzig Meter emporstreben mochten, -waren knotige Rohre von oft mehreren Metern im Umfang, mit Wedeln und -Kolben gekrönt, oder Schachtelhalme und Farnkräuter mit gigantischen -Fiederblättern. - -Aber schön und überwältigend großartig erschienen diese Büsche von Gras -und diese Wälder von Kraut mit ihrer farbenleuchtenden Blütenpracht. - -»Wir müssen die Schläfer wecken!« mahnte die Lady, nachdem sie von ihrer -ersten staunenden Bewunderung zu sich zurückkam. - -»Ich hätte weit lieber zunächst eine Entdeckungsreise auf eigene Faust -gemacht,« brummte Münchhausen; »aber erstens wäre dies ein -heimtückischer Verrat an den Genossen, und zweitens, was das -Ausschlaggebende ist, ohne ein ordentliches Frühstück im Leibe bin ich -zu einer weltberühmten Forschungsexpedition leiblich unfähig.« - -So weckten sie denn die ganze Gesellschaft, die bald, sich die Augen -reibend, vor den Zelten erschien. - -»Hurrah!« rief Schultze, als er sich umsah: »Das ist wieder etwas ganz -Neues, ganz Überirdisches, diese wogenden Fluren, diese fabelhaften -Wälder! Da müssen wir vor allem andern einen Spaziergang hinein machen.« - -»Nichts da!« protestierte der Kapitän: »Alles in der Ordnung! Zuerst ein -kräftiges Frühstück, dann bin ich zu allem bereit.« - -»Sie haben recht,« stimmte Flitmore bei: »Es ist besser, wir erledigen -zunächst die leiblichen Bedürfnisse; dann können wir den Tag, der ja -kurz genug ist, ununterbrochen ausnützen. Das erste Bedürfnis wird -übrigens eine erfrischende Waschung sein; dort plätschert ja ein -prächtiges Bächlein ganz in unsrer Nähe.« - -Das leuchtete allen ein und sie eilten dem nahen Bache zu, um Gesicht -und Oberkörper und Glieder darin abzuspülen. - -»Nein, wie merkwürdig weich doch dieses Wasser ist, beinahe wie Öl,« -bemerkte Mietje zuerst. - -»Es ist wahr, es scheint viel flüssiger zu sein als irdisches Wasser,« -bestätigte Heinz: »Es fließt einem durch die Finger wie Nebel und rinnt -wie Spinnenfaden so dünn an der Haut hinab.« - -»Und es bildet gar keine rechten Tropfen,« fügte Schultze hinzu, »nur so -feine Sprühstäubchen, wie der Sprühregen im Nebel.« - -John rannte die paar Schritte zum Lagerplatz zurück, ergriff ein dünnes -Holzscheit, mit dem er wieder angesprungen kam und das er klatschend in -den Bach warf. - -Wie ein Springbrunnen spritzte das Wasser in feinverteiltem Staub wohl -drei Meter hoch empor. Alle staunten sprachlos dies neue Wunder an. -Rieger aber rief: - -»Das ist ja gar kein Wasser!« und er wies auf das Holzstück, das wie ein -Stück Blei auf den Grund des Baches gesunken war, wo es liegen blieb. - -»Da hört sich aber doch endgültig alle Wissenschaft auf!« rief Schultze: -»Das ist frisches, klares Wasser, aber von einer Leichtigkeit, daß es -auf unsern schwerfälligen irdischen Gewässern wie Öl oder Spiritus -schwimmen würde; es scheint entsprechend flüchtig zu sein und sehr rasch -zu verdunsten; das spüre ich schon an dem starken Prickeln, wenn es auf -der Haut trocknet. Lady Flitmore, auf dem Saturn würde Ihre größte -Wäsche in der halben Zeit trocknen, als auf unsrer mangelhaften Erde!« - -Zu Münchhausens Beruhigung schritt man jetzt zur Bereitung des -Frühstücks. - -Es war überraschend, wie schnell das Wasser zum Sieden kam. Der -Professor prüfte seine Wärme mit einem Thermometer: »Dachte ich's doch!« -rief er aus: »Bloß 52 Grad! Das Saturnwasser kocht also schon bei dieser -geringen Temperatur.« - -Hierauf machte er sich an die Untersuchung des Grund und Bodens und -löste das Gestein mit einem Pickel, den John aus der Sannah -herbeischaffen mußte. Die Steinbrocken, die aus dem Boden gehauen -wurden, erinnerten in ihrem Bau an Knochen: sie waren voller -Hohlräume, schwammig, in Zellen eingeteilt, mit dünnen, doch sehr -widerstandsfähigen Wandungen. Die mehr oder minder großen Kammern waren -mit Luft oder Gasen gefüllt, während sich überall durch die größeren -zusammenhängenden Felsmassen Wasseradern zogen. - -Ein Versuch ergab, daß die Mehrzahl der Steine auf dem Wasser des Baches -schwamm, obgleich das Wasser selber schon so leicht war. - -In der Folge fanden sich auch völlig dichte Gesteinsmassen, die im -Wasser untersanken, aber immer noch fabelhaft leicht erschienen. - -»Nun ist das Rätsel der geringen Dichtigkeit dieses Planeten gelöst,« -sagte Flitmore: »Die Dichtigkeit, oder was auf das gleiche herauskommt, -das spezifische Gewicht des Saturn beträgt 1/8 von dem der Erde, ¾ des -Wassers, nämlich des irdischen Wassers. - -Man vermutete daher, er müsse sich in glutflüssigem Zustand befinden, -wodurch freilich so äußerst geringe Dichtigkeit nicht recht begreiflich -wird. Deshalb stellte ja auch unser Kapitän die Theorie auf, der Stoff -der Saturnmasse möchte heißer Grog sein.« - -»Schade, daß dies nicht zutrifft!« meinte Münchhausen lachend. - -»Nun, an Grog soll es Ihnen sobald nicht fehlen,« tröstete der Lord. -»Wir haben nun hier einen festen, widerstandsfähigen Grund entdeckt, -durchaus nicht so weich und elastisch wie die viel dichtere Marserde, -und doch von solcher Leichtigkeit, daß diese alles erklärt. Das Wasser -hat ein entsprechend geringeres Gewicht als auf Erden, und so scheint -auch die Pflanzenwelt aus leichtem Stoff gebaut, der nicht durch seine -starre Masse, sondern durch seine elastische Biegsamkeit und die -Zähigkeit der Fasern den Stürmen trotzt.« - -»Gewiß ist auch die Tierwelt diesen Verhältnissen angepaßt,« vermutete -Schultze. »Brechen wir auf! Ich brenne vor Begier, eine Entdeckungsreise -zu unternehmen.« - -Als unsere Freunde kurz darauf den Graswald und hinter diesem den -Hochwald der Riesenkräuter betraten, fanden sie des Professors Vermutung -voll bestätigt: nirgends begegnete ihnen ein Wirbeltier, das einen -festen Knochenbau aufgewiesen hätte; nur Insekten, Kerbtiere und -Weichtiere waren zu schauen. - -Aber welch entsetzliche Ungeheuer waren dies! - -Obwohl sie in Einzelheiten ihres Baues und ihrer Formen wesentlich von -allen irdischen Arten abwichen, zeigten sie doch im allgemeinen eine in -die Augen springende Ähnlichkeit mit solchen, und nach dieser wurden sie -denn auch bezeichnet. - -Münchhausen erklärte gleich anfangs, man könne dies Geziefer nicht -anders unter einem Sammelnamen begreifen, als unter dem Namen »Drachen«; -denn als solche müßten sie bei ihrer unnatürlichen Größe und ihrem -entsetzenerregenden Anblick gelten. - -Da fanden sich denn Schneckendrachen und Raupendrachen und solche, die -durch Füße am Vorderleib mit Käferlarven Ähnlichkeit hatten, lauter -dicke, plumpe und doch behende Geschöpfe in der Größe von Wieseln, -Katzen und Schafen. Dieser Größenvergleich konnte jedoch bei den beiden -letzteren nur für die Höhe gelten; die Länge betrug das Doppelte und -Dreifache. - -Weit grauenhaftere Kriechtiere waren die Asseln und Tausendfüßler mit -ihren unzähligen Gliedern, wie Krokodile so groß krochen und wanden sie -sich daher und wenn sie sich mit halbem Leibe emporhoben, schwebten ihre -gräulichen Häupter und zappelnden Beine so bedrohlich über den Köpfen -der Wanderer, daß diese durch wohlgezielte Kugeln sich der Ungeheuer -erwehren mußten. - -Ameisen- und Wanzendrachen, unheimliche Spinnen, über mannshoch, -erschienen noch gefährlicher; die wahren Riesen der Tierwelt des Saturns -aber waren die gepanzerten Käfer, die wie Flußpferde, Elefanten und -Nashörner daherstapften und mit ihren Zangen nach den fremden -Eindringlingen griffen. - -Man mußte stets auf der Hut sein; denn diese Tiere kletterten an den -mächtigen Stauden umher, die sich oft unter ihrer wenn auch noch so -leichten Last beugten; doch Lord Flitmores fleißigen Momentaufnahmen -entgingen sie nicht. - -Eine Art Hirschkäfer faßte einmal unversehens den Kapitän mit seinen -fürchterlichen Kiefern mitten um den Leib. Der Lord war so eifrig beim -Photographieren, daß er rasch auch dieses großartige Bild aufnahm, ehe -er dem Bedrohten zu Hilfe kam. Heinz Friedung hatte inzwischen durch -mehrere Schüsse dem Scheusal den Garaus gemacht; aber die Zangen des -toten Tieres mußten erst förmlich abgesäbelt werden, ehe Münchhausen -wieder befreit aufatmen konnte und seinen Humor wiedergewann. - -»Natürlich, gleich den fettesten Bissen mußte sich dieser Schlecker -heraussuchen,« scherzte er, während ihm noch der Angstschweiß auf der -Stirne perlte. - -Besonders in acht nehmen mußte man sich auch vor den Heuschrecken und -Grashüpfern, die wie Känguruhs umherschnellten. - -Auch eine Art riesiger Ohrwürmer machte sich unangenehm. - -In den Lüften summten Mücken, Rüsselfliegen und Bremsen mit -durchsichtigen Flügeln in Spatzen- bis Taubengröße. Weit gewaltiger -waren die Wespen und Hummeln, die geflügelten Ameisen und die -stahlglänzenden Libellenarten. Die Riesen der Vogelwelt aber, wenn hier -von Vögeln geredet werden durfte, waren die Schmetterlinge, die ganz -entzückende Färbungen aufwiesen. - -Jetzt aber kroch ein plattleibiges Ungetüm heran mit langen Armen, an -deren Ende sich zwei gewaltige Zangen aufsperrten, gleichzeitig schwang -es den hoch über seinen Rücken gebogenen vielgliedrigen Schwanz gegen -Lady Flitmore. Am Ende dieses Schwanzes befand sich ein scharfer -Stachel, der über der Spitze stark verdickt war, offenbar eine Giftdrüse -enthaltend. - -»Ein Skorpiondrache!« schrie Münchhausen und legte sein Gewehr an. - -Doch wäre er zu spät gekommen, wenn nicht Mietje selber mit großer -Kaltblütigkeit dem Angreifer eine Kugel direkt in die geblähte Giftdrüse -gesandt hätte, so daß diese platzte, einen gelblichen Saft entleerend, -und der Stachel schlaff herabfiel. - -Mit der einen Zange jedoch packte der Skorpion den Arm der jungen Frau. - -Jetzt kam John zu Hilfe: er war mit einer Axt bewaffnet, um, wo es not -tat, die Wege zu bahnen. Mit einem wohlgezielten Hieb trennte er das -Zangenglied vom Leibe des Riesenskorpions, der nun von weiteren -Angriffen abstand. - -Mit großer Anstrengung gelang es dann dem Lord, die krampfhaft -geschlossene Zange aufzubrechen und den Arm seiner Gattin aus der Klemme -zu befreien. Aber eine schmerzhafte Quetschung trug die mutige Dame als -Andenken von dieser Begegnung davon. - -Die meisten Waldriesen hatten weiche, biegsame, saftige, doch zähe, -elastische Stämme von enormem Umfang, es waren einfach gigantische -Kräuter. - -Es fanden sich aber auch Stauden, Büsche und Gesträuche mit rohrartigen -Zweigen oder von äußerst leichtem Mark erfüllten Stengeln, und -schließlich Riesenfarne und Schachtelhalme. Wirkliches Holz jedoch war -nirgends vorhanden: alles entsprach in seiner leichten, losen Struktur -der geringen Dichte des Planeten. - -Dementsprechend waren die köstlichen, saftigen Riesenfrüchte fast -durchweg Beeren- und Schotenfrüchte, teils mit Steinen, gleich den -Schlehen und Wacholderbeeren, teils den Himbeeren, Brombeeren und -Maulbeeren ähnlich oder auch den Stachelbeeren; viele hingen in saftigen -Trauben herab oder in Büscheln als enorme Bananen und Bohnen; endlich -fanden sich noch haselnußartige Stauden mit hartschaligen, -kokosnußgroßen Nüssen. - - [Illustration: Eine Nacht auf dem Saturn.] - -Selbstverständlich wurden all diesen Herrlichkeiten die Namen nur -vergleichsweise gegeben nach den irdischen Gewächsen, mit denen sie eine -besondere Ähnlichkeit aufwiesen; in Wirklichkeit unterschieden sie sich -nicht nur in der Größe, sondern auch in Form und Geschmack wesentlich -von allen Beeren der Erde, aber durchaus nicht zu ihrem Nachteil. Den -ersten Preis in Bezug auf Aroma und Güte erhielt nach einstimmigem -Urteil eine Art Kaktusfeige ohne Stacheln. - -Die beiden Schimpansen ließen sich's wohl sein und kletterten überall -empor, wo eine Frucht lockte. Sie waren von Flitmore dazu dressiert, auf -Kommando ihre Beute herabzuwerfen, und das kam nun allen zu statten; -denn die meisten Früchte hingen so hoch, daß sie vom Boden aus nicht zu -erreichen waren, und für gewichtige Menschen war das Erklettern der -schwankenden, biegsamen und dabei meist sehr umfangreichen Stengel und -Rohre mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft. - -Auch auf Kämpfe mit den verschiedenen Ungetümen des Urwalds ließen sich -die Affen ein, wobei sie manchen Heuschrecken- und Raupendrachen -erwürgten und Riesenspinnen und Tausendfüßler zerrissen oder totbissen. -Im Handgemenge mit den gepanzerten Käfern aber zogen sie meist den -Kürzeren und trugen allerlei Wunden davon; doch wurden sie jedesmal -durch die Kugeln der Herren oder durch Johns Axt vor dem Erliegen -gerettet. - - - - - 26. Ein Kampf um die Sannah. - - -Der Genuß der aromatischen Beeren, die übrigens mit den leuchtenden -Früchten der Tipekitanga nicht wetteifern konnten, wurde durch die -zahlreichen widerlichen und recht gefährlichen Geschöpfe beeinträchtigt, -die den sonderbaren Wald bevölkerten. - -Aber noch etwas andres zwang unsre Freunde zu schleunigster Umkehr. - -Das war ein wütender Orkan, der sich ganz unvermittelt erhob und unter -dessen Gewalt sich die Krautbäume und Stauden bis zu Boden neigten und -so das Weiterkommen beinahe unmöglich machten, ja die Wandrer in Gefahr -brachten, niedergeschmettert und erdrückt zu werden. - -Das Getier flüchtete sich zum Teil in Erdlöcher, die zahlreich vorhanden -waren und der Tätigkeit der Rieseninsekten selber zuzuschreiben sein -mochten, zum Teil rettete es sich auf die Wipfel, in denen es sich -festkrallte, während der Sturm über sie wegsauste, daß alles wogte, wie -ein Meer. - -Der Rückzug war schwierig und nicht ungefährlich, und obgleich man gar -nicht weit in den Wald eingedrungen war, dauerte es doch lange, bis man -ihm wieder entrann; denn mit größter Vorsicht und unter vielen Umwegen -mußte denjenigen Pflanzen ausgewichen werden, die sich so tief neigten, -daß sie buchstäblich den Boden peitschten. - -So furchtbar der Sturm wütete, so knickten doch nur ganz wenige Stengel -ein, so elastisch paßte sich diese zyklopische Pflanzenwelt den -Verhältnissen an. - -Endlich war der Saum des Graswäldchens erreicht, und aufatmend traten -unsere Freunde auf die kleine Lichtung hinaus, auf welcher die Sannah -vor ihren Blicken emporragte. - -Sie gedachten, sofort im Innern des Fahrzeugs Schutz vor dem Orkane zu -suchen, der jetzt einen feinen, alle Kleider durchdringenden Sprühregen -niederwehte. Dieser Sprühregen, so fein verteilt er war, erfüllte doch -die Luft mit einem undurchdringlichen Nebel, so daß es noch vor -Sonnenuntergang ziemlich düster wurde und man den Eingang ins -Nordpolzimmer zu halber Höhe der Sannah, also 22½ Meter hoch, nicht mehr -erblicken konnte. - -Der Schimpanse Bobs, als der gelenkigste und zugleich naseweiseste und -rücksichtsloseste der ganzen Gesellschaft, turnte als erster an der -Strickleiter empor und war schon im Nebel verschwunden, ehe die andern -noch zur Stelle waren. - -Bald vernahm man aus den verschleierten Höhen ein wütendes Gekreisch. - -»Hollah! Dort oben scheint nicht alles in Ordnung zu sein,« rief -Flitmore: »Es war auch ein unverantwortlicher Leichtsinn von mir, unsre -Sannah ohne männlichen Schutz in der Einsamkeit eines fremden Planeten -zurückzulassen.« - -Gleich darauf kollerte ein großer, doch offenbar nicht besonders -schwerer Körper an der Strickleiter herab. - -»Aha! Da hat sich scheint's ein solch scheußlicher Saturnkäfer dort oben -unnütz gemacht,« sagte der Kapitän: »Nun, Bobs hat ihm das Unverschämte -seines Verhaltens gründlich klar gemacht und ihm den Kopf abgerissen, -daß er nur noch lose mit dem widerlichen Leibe zusammenhängt.« - -»Nennen Sie diese Geschöpfe nicht scheußlich und widerlich,« schalt der -Professor: »Sie sind hochinteressant!« und er betrachtete liebevoll mit -wissenschaftlichen Augen den Mistkäfer, der zu seinen Füßen lag; denn -einem solchen war das Tier von der Größe eines Kalbes am ehesten -vergleichbar. - -Das Gekreisch des Affen hörte inzwischen nicht auf, und bald sah man -Bobs mit kläglicher Miene und blutenden Armen in eiliger Flucht sich an -der Strickleiter herabschwingen. - -»Oho! Da haben Sie's, Professor!« rief Münchhausen: »Von Ihren -hochinteressanten Tieren haben sich scheint's noch mehrere in der Sannah -eingenistet! Ich schlage vor, daß Sie sich sofort hinaufbegeben, da Sie -den Geschöpfen so zärtliche Gefühle entgegenbringen. Da können Sie -Studien machen, ganz ungestört; denn wir werden Ihnen erst folgen, wenn -Sie damit zu Ende sind und die Einbrecher als unschädliche Präparate -Ihrer Käfersammlung einverleibt haben.« - -Schultze machte ein langes Gesicht. Ne! Da traute er sich nicht hinauf, -obgleich er nichts sehen konnte als Nebel, da er emporschaute. Aber wenn -Bobs sich in die Flucht schlagen ließ, dann war die Sache nicht geheuer. - -»Richten wir die Zelte wieder auf, der Sturm läßt nach!« sagte Flitmore -trocken. Der Orkan hatte sämtliche Zelte umgerissen. - -»Das heißt, wir sollen die Sannah zunächst ihrem Schicksal überlassen?« -frug Heinz. - -»Es hat keinen Zweck, sich in diesem Nebel bei sinkender Nacht in eine -unbekannte Gefahr einzulassen und den Kampf mit wütenden Ungeheuern -aufzunehmen,« erwiderte der Lord achselzuckend. - -»Aber gegen diesen Sprühregen schützen keine Zeltwände noch Decken,« gab -der Kapitän zu bedenken: »Wir sind schon bis auf die Haut durchnäßt und -Lady Flitmore könnte sich bei dieser Gelegenheit eine gefährliche -Bronchitis zuziehen.« - -»Wissen Sie denn überhaupt, ob es auf dem Saturn Krankheitsbazillen, -speziell Schnupfenbazillen gibt?« warf Schultze ein. - -»Pah! Erkälten kann man sich überall«, behauptete Münchhausen, »und -davor schützt einen ein trockenes Lager, nicht aber eine gelehrte -Bazillentheorie. Ich meinesteils, als alter Seebär, kann Nässe und kalte -Luft vertragen. Mir ist es nur um Sie und namentlich die zarte Lady.« - -»Zarte Lady!« lachte Mietje: »Haben Sie mich in Afrika als Wachspuppe -kennen gelernt, daß Sie mich meinen in Watte wickeln zu müssen?« - -»Das nicht, aber damals waren Sie ein Burenmädchen, jetzt sind Sie eine -englische Schloßherrin.« - -»Doch nicht verweichlichter als damals: mein Burenblut konnte England -mir nicht rauben.« - -»Dieses Zeugnis kann ich meiner Gattin ausstellen,« bestätigte Flitmore: -»Sorgen Sie sich nicht um sie.« - -»Allein,« beharrte Münchhausen, dem auch das nasse Lager trotz seiner -Seebärennatur, mit der er sich brüstete, höchst unsympathisch erschien: -»Allein, da der Professor doch einmal die Bazillenfrage aufwarf, wer -kann wissen, ob der Saturn nicht viel gefährlichere Bazillen beherbergt -als die Erde? Vielleicht auch ganz riesige!« - -»Beruhigen Sie sich,« sagte Heinz plötzlich, »ich werde das Abenteuer -wagen und hoffe das Ungeziefer dort oben auszurotten.« - -»Seien Sie nicht tollkühn, junger Mann,« warnte der Lord: »Es hat keinen -Zweck. Warten wir bis morgen, bis wir die Sachlage übersehen können; -auch ist zu erwarten, daß die Käfer dann freiwillig den Rückzug -antreten, schon um nach Nahrung zu suchen; denn im Nordpolzimmer finden -sie nichts, und die Zwischentüren zu öffnen wird ihnen doch nicht -gelingen.« - -»Ja, lassen Sie's bleiben, junger Freund,« mahnte nun auch Schultze: -»Bobs wäre nicht geflohen, wenn die Übermacht nicht zu groß wäre.« - -»Ich habe meinen Plan, bei dem ich nichts riskiere,« entgegnete Heinz. -»Tollkühnheit ist mir fremd; sehe ich, daß Gefahr für mich besteht, so -kehre ich um.« - -»Na, na!« drohte Münchhausen: »In Australien haben Sie mehr als einmal -gezeigt, daß Sie keine Todesgefahr scheuen: ich traue Ihrer Vorsicht -nicht so ganz.« - -»Lassen Sie mich nur machen,« rief Heinz von der Strickleiter herab, an -der er bereits gewandt wie eine Katze emporklomm, um weitere -Erörterungen abzuschneiden. - -Ihm folgte der Schimpanse Dick, der eine besondere Freundschaft mit dem -jungen Mann geschlossen hatte, welcher sich stets gerne und fürsorglich -mit dem Affen abgab. - -Aber auch John kletterte empor, indem er Heinz nachrief: »Ich gestatte -mir mit meiner Wenigkeit auch unbedingt Ihre Nachfolge anzutreten, indem -daß wir zu dritt berechnungsweise mehr auszurichten imstande sein -dürften, als wenn Sie mit Dick allein eine Schlacht inokulieren -wollten.« Das sollte nämlich »inaugurieren« heißen, was John als einen -vornehmeren Ausdruck für das schlichte deutsche Wort »beginnen« erkannt -hatte. - -Heinz erreichte die schwarz gähnende Öffnung des Nordpolzimmers. Es war -völlig Nacht geworden und man konnte nichts im Innern des Raumes -erkennen, wohl aber hörte man ein Durcheinanderkrabbeln, Knarren und -Zirpen, das bekundete, daß da drinnen eine ganze Anzahl ungebetener -Gäste sich eingenistet hatte und es nicht geraten gewesen wäre, sich in -Nacht und Finsternis in ihre Nähe zu wagen. - -Dies hatte er auch vorerst nicht im Sinn; vielmehr ergriff er nun eine -der Rampen, die das Weltschiff gleich Meridianen in seinem ganzen Umfang -umgaben und sich in seinen Scheitelpunkten kreuzten. - -Das Emporsteigen an der Rampe auf der glatten, gewölbten Oberfläche der -Kugel war für einen Menschen nicht ungefährlich; allein die Dunkelheit, -die jedes Gefühl des Schwindels ausschloß, begünstigte das Wagnis und -Heinz war ein gewandter Turner. Auch John Rieger fand keine -unüberwindliche Schwierigkeit in der Kletterei, Dick, der Affe, vollends -nicht: dem war es ein Spaß. - -So langten denn alle drei wohlbehalten oben an, wo sie in einer Höhe von -45 Metern über dem Saturnboden auf dem höchsten Punkte der Sannah -standen, also über deren Zenithzimmer. - -Tastend fand Heinz den elektrischen Drücker zu seinen Füßen, der die -Öffnung der Luke von außen ermöglichte und nun stiegen sie auf der hier -mündenden Leitertreppe in den dunkeln Raum hinab, die Lucke hinter sich -wieder schließend. - -Zunächst drehte Heinz das elektrische Licht auf und sagte zu John: »Vor -allem nehmen wir jeder einen der Gummistühle mit, das sollen treffliche -Schutzschilde gegen die Zangen und Kiefer der Unholde sein.« - -»Aber dann dürfte mit Verlaub das Schießen darunter notleidend werden,« -gab der Diener zu bedenken. »Insofern zum wenigsten ich meinesteils das -Schießen mit einem einzigen gebrauchsfähigen Arm fertigzubringen der -unumgänglichen Fähigkeit entbehre.« - -»Wir schießen auch nur im äußersten Notfall, Freund. Es ist so eine -Sache, mit einem weittragenden Gewehr in einem geschlossenen Raum zu -schießen; wenn auch die Kugeln angesichts der dicken Kautschukpolster an -den Wänden nicht zurückprallen dürften, so könnten wir doch -Beschädigungen und Verwüstungen anrichten, die wir besser vermeiden.« - -»Aber da wären doch sozusagen Revolver im Waffenschrank, der sich dahier -befindet.« - -»Ausgezeichnet! Mit denen können wir das Schießen eher wagen. Stecken -wir uns jeder solch ein Ding in den Gürtel; aber zuvor laden! Und jetzt, -unsre Hauptwaffe muß ein Hirschfänger sein; den nehmen wir in die rechte -Hand.« - -»Ich würde mit Ihrer gütigsten Gestattung, sofern Sie nichts -Wesentliches dagegen einzuwenden haben sollten, das Dolchmesser lieber -auch in den Gürtel zu stecken vorziehen und diese Tomashacke, das -indianische Beil, zur Hand nehmen, da allerlei praktische -Waffengerätschaften aus aller Herren Ländern in diesem Kasten sich in -Vereinigung befinden, indem daß ich mit dem Beilhieb besser umzugehen -vermag als mit dem Dolchstoß.« - -»Wie du willst, John, und den Revolver gebrauchen wir nur im Notfall; -mit dem wirst du wohl einhändig schießen können?« - -»Dieses zu bejahen werde ich mir wohl schmeicheln dürfen, indem daß ich -andernfalls mich als einen ganz besonderen Tollpatsch ausweisen würde.« - -»Also! Jetzt in den Gang nach dem Nordpolzimmer! Ich gehe voran, Dick -folgt mir und du schließt die Türe, nachdem du das Licht ausgedreht -hast; inzwischen erleuchte ich den Korridor. Wenn wir in das -Nordpolzimmer kommen, mache ich zuerst Licht dort: das wird die Biester -zunächst so blenden und verblüffen, daß sie uns nicht gleich angreifen -werden.« - -Ehe Heinz die Türe öffnete, die vom Gang in das Nordpolzimmer führte, -löschte er das elektrische Licht im ersteren, so daß alles dunkel war, -als er den Raum betrat. Dies tat er vorsichtig, sich hinter dem -Gummisessel deckend und daran hatte er gut getan; denn hart an der Türe -stand ein Tier, das er erst fortdrängen mußte. Hiezu galt es alle Kraft -einsetzen, denn der Sechsfüßler sperrte sich gewaltig. - -Jetzt drehte der junge Held das elektrische Licht auf und zwar alle -Lampen rasch nacheinander, so daß blendende Helligkeit den Raum -überflutete. - -Rasch übersah er die Sachlage. Ein Dutzend Panzerkäfer von der Größe -halbwüchsiger Kälber hatte sich in der Stube eingenistet; außer ihnen -befanden sich aber auch vier mächtige Asseln im Zimmer, die Heinz wegen -ihrer Gelenkigkeit und Behendigkeit mehr Sorge machten als die Käfer mit -ihren Zangen und Kiefern. - -Dick gab das Zeichen zum Angriff: beherzt sprang er hervor und setzte -auf den Rücken einer Assel die sich unter seinen würgenden Griffen und -reißenden Nägeln und beißenden Zähnen krümmte und wand, ohne ihm jedoch -beikommen zu können: der Schimpanse machte ihr rasch den Garaus. - -Die Käfer standen, wie Heinz richtig vermutet hatte, zunächst geblendet -und regten sich nicht. Wie abwehrend stemmten sie die Vorderbeine und -sperrten die Kiefer auf. - -»Jetzt drauf!« kommandierte der junge Mann und stürzte auf den nächsten -Feind los, ihm den Hirschfänger zwischen die Halsplatten stoßend. - -John schwang indessen sein Tomahawk oder seine Tomashacke, wie er sich -ausdrückte; er hatte den Schild, der ihn behinderte, weggeworfen und -spaltete zunächst einer Assel den weichen Kopf, während Dick, der den -Kampf mit den Asseln einem Angriff auf die panzergeschützten Käfer -vorzuziehen schien, soeben die dritte zu zerfetzen begann. - -Es schien eine völlig gefahrlose Schlacht zu geben, denn schon waren -acht der Ungeheuer kampfunfähig gemacht und ein neuntes war zur Lucke -hinaus entwichen, ohne daß die Helden mehr als ein paar Quetschungen -davongetragen hatten. Außerdem lagen drei Asseln tot und die vierte war -nicht mehr zu sehen. - -»Nur noch drei Feinde!« jubelte Heinz: »Der Sieg ist unser!« - -Allein er frohlockte zu früh, gerade diese letzten Gegner sollten noch -schwere Arbeit machen; ihre Augen hatten sich an das Licht gewöhnt und -sie waren auf ihrer Hut. - -Mit dem einen befand sich Dick in verzweifeltem Kampf. Der Kerl war auf -den Rücken gefallen, aber mit den kräftigen Zangen seiner sechs -zappelnden Beine hielt er den Affen fest, kneipte und zwickte den laut -kreischenden Vierhänder und schnappte mit den Kiefern nach ihm. -Vergeblich suchte der Schimpanse, loszukommen; hätte er sich befreien -können, er hätte nur noch an den Rückzug gedacht, wie zuvor Bobs. Er biß -wütend um sich und zerbrach mit den Vorderhänden dem Scheusal zwei -Beine, aber von hinten wurde er im Schraubstock festgehalten. - -Der zweite Käfer war zum Angriff auf Heinz übergegangen. Dieser hatte -sich in seiner Siegesgewißheit dessen nicht versehen und alle Vorsicht -außer acht gelassen; er hatte bisher so leichtes Spiel gehabt. - -Unglücklicherweise umfaßten die Kiefer des Angreifers gerade seinen -Hals: sie waren wohl nicht imstande, ihn zu durchbeißen, wohl aber, ihn -derart zusammenzupressen, daß der Ärmste erwürgt wurde. »John, John, zu -Hilfe!« konnte er nur noch mit erstickter Stimme stöhnen, dann entfiel -ihm der Hirschfänger, mit dem er seinem Gegner einen schwachen Stich -versetzt hatte. - -Aber John war außerstande, Hilfe zu bringen: auch er befand sich in -einer ekligen, wenn auch zunächst nicht lebensgefährlichen Klemme. Am -rechten Arm gepackt, konnte er sein mörderisches Beil nicht mehr -gebrauchen und tastete mir der Linken krampfhaft nach dem Revolver in -seinem Gürtel. - -In diesem Augenblick höchster Not erschien Flitmore in der Lucke, -gefolgt von Schultze. Die Sorge um Heinz und John hatte ihnen keine Ruhe -gelassen. Im Emporklettern wäre es übrigens dem Lord beinahe schlimm -ergangen, denn er stieß mit dem flüchtenden Käferriesen zusammen, -der ihn fast zu Fall brachte; doch gelang es ihm, das Tier -hinunterzustürzen. - -Ein Blick zeigte ihm nun, daß die Hauptarbeit getan war, daß aber auch -Heinz in dringendster Lebensgefahr schwebte. Er eilte, den Mörder zu -köpfen und dann die Zangen des abgetrennten Kopfes gewaltsam von seines -jungen Freundes Hals zu lösen. Nun stellte er Wiederbelebungsversuche an -dem Ohnmächtigen an. - -Indessen war es John gelungen, durch einige Revolverschüsse auch seinem -Feinde das Lebenslicht auszublasen und dann mit Mühe seinen Arm aus der -Klemme zu befreien. - -Der Professor war inzwischen dem Affen zu Hilfe gekommen, der -schleunigst den unheimlichen Ort verließ, obgleich die Gefahr nun -vorüber war. - -Und doch! sie war es noch nicht ganz: auf einmal erscholl ein Schrei des -Entsetzens aus Schultzes Munde. - -Die vierte der Asseln, die verschwunden schien, war nur an der Wand -hinauf gekrochen und stürzte plötzlich von der Decke herab auf den -Professor; nicht aus böswilliger Absicht, -- sie hatte einfach den Halt -verloren. - -Aber was tat dies zur Sache? Der unglückselige Gelehrte fühlte sich von -einem dicken, ringelnden Leib umwunden, von zahllosen, kribbelnden Füßen -umfaßt und wähnte sein letztes Stündlein gekommen. - -Nun aber kamen John und Flitmore gleichzeitig herbei und machten das -letzte der Scheusale bald unschädlich, dessen zerstückelter Leib sich, -mit den enggereihten Beinen zappelnd, am Boden krümmte. - -Heinz war wieder zur Besinnung gekommen und griff sich an den Hals; er -hatte das Gefühl, als presse eine furchtbare Zange ihn immer noch -zusammen. Da war aber nichts mehr vorhanden, nur die Nachwehen des -Drucks hatten ihm dies vorgetäuscht. Bald atmete er auch wieder leichter -und konnte sich allmählich erheben. - -Da trat Mietje mit gezücktem Dolch durch die Außentüre ein: sie fand zum -Glück keine Arbeit mehr für ihre Waffe. Hinter ihr tauchte Münchhausen -pustend und schweißtriefend auf, so hastig war er emporgeklettert, um -den Freunden auch seinerseits Beistand zu leisten. - -»Nanu, da komme ich ja wohl zu spät,« keuchte er: »Schade, schade, daß -sich niemand in Lebensgefahr befindet, es wäre mir ein Vergnügen und -eine Ehre gewesen, ihn zu retten.« - -»Sie haben jetzt das Recht zu scherzen,« sagte der Lord, »aber unserm -heldenmütigen Freund, Heinz Friedung, ging es diesmal buchstäblich an -den Kragen und um ein Haar, so wäre es um ihn geschehen gewesen.« - -»Wahrhaftig! Sie sind ja ganz blau im Gesicht,« wandte sich der Kapitän -mit lebhafter Teilnahme an den Geretteten, »und Ihr Hals zeigt -Strangulationsspuren. Wir müssen Ihnen schleunigst einen Grog brauen!« - -Die Tierleichen wurden jetzt hinausgeworfen und möglichst alle die -widerlichen Spuren des Kampfes entfernt; dann holte John die Zelte -herein und auch die Affen trauten sich wieder in die Sannah und halfen -beim Transport. - -Die Kämpfer aber wuschen sich und zogen sich um, worauf im Zenithzimmer, -fern vom Schlachtfeld, das Nachtmahl eingenommen wurde. - - - - - 27. Vom Kometen entführt. - - -»Wir wollen eine andre Gegend des großen Planeten aufsuchen,« schlug -Flitmore andern Tags vor. - -»Das ist ein guter Gedanke,« sagte Schultze beifällig: »Ich sehe selber -ein, die Tierwelt hier in den Tropen ist eklig und unangenehm, so -hochinteressant sie auch erscheint. Wohl möglich, daß andre Breiten neue -Wunder und weniger Schrecken offenbaren.« - -Zunächst wurden noch reichlich Früchte, besonders Nüsse eingesammelt und -in die Sannah verbracht, wußte man doch nicht, ob der nächste -Landungsplatz ebenso fruchtbar sein würde. - -Dann wurden einige leere Behälter mit dem Wasser des Bächleins gefüllt, -das sich als herrliches und bekömmliches Trinkwasser erwiesen hatte. In -Eimern wurde es an einem Flaschenzug emporgewunden. - -Auch diese Vorsicht wurde geübt, weil man nicht voraussehen konnte, wie -es mit den Trinkverhältnissen an anderm Orte bestellt sei. - -»Hoffentlich entdecken wir auch die Saturnmenschen, das heißt -vernünftige Wesen gleich uns,« äußerte Mietje: »Ich kann mir doch nicht -denken, daß ein so ungeheuer großer Weltkörper, der alle -Lebensbedingungen für menschliche Wesen bietet, nicht auch von solchen -bewohnt sein sollte!« - -»Wenn diese Menschen wie die Pflanzen- und Tierwelt der Dichtigkeit des -Planeten angepaßt sind,« scherzte Münchhausen, »so müssen sie äußerst -leichtfüßig sein, und dann besteht für uns die Gefahr, daß sie uns als -»lästige Ausländer« ausweisen.« - -»Das würde wenigstens Ihnen drohen, Freund Hugo der Dicke,« meinte -Schultze: »Der lästigste Ausländer sind zweifellos Sie und die -Saturniten könnten es mit Recht als eine schwere Bedrohung ihres -leichten Planeten ansehen, wenn er mit so lästigen Lasten belastet -wird.« - -»Au!« rief Münchhausen: »Solche Kalauer bringt doch nur ein geborener -Berliner fertig. Ganz der Schultze aus dem Kladderadatsch!« - -»Ernstlich geredet,« begann der Professor wieder, »glaube ich nicht an -die Saturniten, da wir bisher auch nicht die Spur von Menschenwerken -entdeckten, auch die langen Winter und Sonnenfinsternisse den Aufenthalt -dahier nicht besonders menschlich gestalten.« - -»Ich neige zu Lady Flitmores Ansicht,« widersprach ihm Heinz: »Die -Menschen könnten ja eben diesen Verhältnissen angepaßt sein, vielleicht -sind auch die langen Winter gar nicht besonders streng. Und was die -menschlichen Spuren anbelangt, so ist ja die Saturnwelt so ungeheuer -groß im Vergleich zu der Erde, daß es rein nichts besagen will, daß -einzelne Gegenden sich als unbewohnt, vielleicht von den Saturniten noch -unerforscht erweisen.« - -»Es steht Ihnen natürlich frei, Ihre eigene Ansicht hierüber zu haben,« -entgegnete Schultze: »Aber mit was wollen Sie dieselbe begründen? Eine -unbegründete Theorie schwebt in der Luft.« - -»O, ich begründe sie genau wie unsre Lady. Darin sind wir ja doch alle -einig, daß diese Wunderwelten mit ihren Pflanzen und lebenden Wesen nur -durch den Willen eines persönlichen und vernünftigen Schöpfers -hervorgerufen worden sein können?« - -»Natürlich! Darüber ist kein Wort zu verlieren,« ereiferte sich -Schultze. »Daß unpersönliche Kräfte Persönlichkeiten hervorzauberten und -die vernünftige Weltordnung das zufällige Erzeugnis der -Vernunftlosigkeit ist, solchen Blödsinn zu glauben wollen wir dem -Halbgebildeten und Denkschwachen überlassen.« - -»Also!« fuhr Heinz fort: »Ein persönlicher, vernünftiger Schöpfer wird -nichts ohne Zweck und Bestimmung schaffen. Der Mars zum Beispiel war von -menschenähnlichen Wesen bewohnt; er scheint seine Bestimmung vorerst -erfüllt zu haben, um auszusterben, vielleicht nur, damit er in späteren -Zeiten unter günstigeren Lebensbedingungen einem neuen Geschlecht eine -Wohnstätte biete. Der Saturn, der fast 3000mal so groß ist wie der Mars -und vernünftigen Wesen weit bessere Lebensbedingungen zu bieten scheint, -kann doch unmöglich bloß als Aufenthalt der Rieseninsekten vom Schöpfer -gedacht worden sein?« - -»Bravo! So meinte ich's,« spendete Mietje ihren Beifall. - -»Erlauben Sie mir, beiden Parteien recht zu geben,« mischte sich der -Lord in den Streit: »Nordamerika war Jahrtausende lang sehr dünn -bevölkert und wies ungeheure unbewohnte Länderstrecken auf, die den -Menschen doch ausgezeichnete Lebensbedingungen boten; heute hat es eine -sehr dichte Bevölkerung, und das war jedenfalls seine Bestimmung. -Dieselbe Bestimmung dürfen wir für Kanada annehmen, das sich erst in -unsern Tagen etwas mehr zu bevölkern beginnt; desgleichen weist -Südamerika noch die herrlichsten Besiedelungsflächen auf, die zur Zeit -völlig oder doch beinahe menschenleer sind.« - -»Daraus sehen wir nur,« fiel Mietje ein, »daß die Bestimmung der -bewohnbaren Länder sich erst im Laufe der Zeiten erfüllt.« - -»Ganz richtig, meine Liebe! Wenn ihr also mit Recht sagt, Saturn ist für -menschenähnliche Wesen bewohnbar und ist also offenbar für solche -bestimmt, so könnt ihr daraus noch lange nicht folgern, daß er zur Zeit -auch schon seine Bestimmung erfüllt, das heißt, daß jetzt solche Wesen -auf ihm leben müssen. Er kann eine Welt sein, die für spätere -Besiedelung vorbehalten ist. Vielleicht werden bald seine Ringe vollends -in Trümmer gehen und auf seine Oberfläche herabstürzen, so daß einmal -die leidigen Sonnenfinsternisse ein Ende haben. Vielleicht wird dadurch -auch seine Umlaufszeit beschleunigt; dann hindert nichts, daß er von der -Erde aus bevölkert wird, nachdem nun die Mittel gefunden sind, binnen -weniger Tage ihn zu erreichen.« - -»Dagegen ist nichts einzuwenden,« meinte Schultze. »Aber, werter Lord, -da wir nun zur Abfahrt bereit sind, um eine andre Gegend des Saturn zu -besuchen, bitte ich, diesmal mir den Beobachtungsposten anzuweisen. Ich -werde mich bemühen, den meistversprechenden Landungsplatz auszuwählen.« - -»Halt, halt, Professorchen!« warnte Münchhausen: »das halten Sie nicht -aus. Ich sage Ihnen, da werden Sie zwischen Plafond und Hängematte hin- -und hergeworfen, daß Ihnen alle Knochen mürbe werden, da Sie mit keinem -so ausgepolsterten, federnden Leib gesegnet sind, wie ich. Sie sind eine -Landratte und werden jämmerlich seekrank, das dürfen Sie mir glauben.« - -»Ach was, Landratte! Glauben Sie denn, ich könne keine schaukelnde -Bewegung vertragen? Bin ich etwa zu Lande nach Amerika, Afrika, Asien -und Australien gereist?« - -»Na! probieren Sie's; aber Sie werden noch an mich denken!« - -So begab sich der Professor in die Hängematte des Antipodenzimmers und -gab das Zeichen zur Abfahrt, worauf er alsbald aus dem Netze flog und -mit der Nase auf das Fenster zu liegen kam. Bei jedem Zeichen, das er -gab, wechselte er seine Lage zwischen Matte und Zimmerdecke; aber -mannhaft ertrug er das Ballspiel, das die Sannah mit seinem Körper -aufführte, und fand die jedesmalige Veränderung der Perspektive -hochinteressant. - -Aber, was war das? Plötzlich verschwand der Saturn wie ein Blitz unter -ihm und war nirgends mehr zu sehen! - -Schultze rieb sich die Augen, er strengte seine ganze Sehkraft an: -entzog ihm nur der plötzliche Einbruch der Nacht den Anblick des -Planeten? Aber die Sannah hatte sich ja beim Aufstieg auf der -Tagesseite, zwischen der Sonne und der Saturnbahn befunden: so lange die -Fliehkraft eingeschaltet war, mußte der Planet dem Weltschiff stets die -sonnbeschienene Seite zukehren, weil er sich unter ihm drehte, ohne daß -es an seiner Rotation teilnahm. - -Bei ständig geschlossenem Strom hätte es immerhin einige Stunden dauern -müssen, bis die Nacht eingetreten wäre. - -Das also konnte es nicht sein, und doch war weit und breit nichts zu -sehen als der dunkle Weltraum; die Sonne leuchtete ja der Sannah auf der -andern Seite, im Antipodenzimmer herrschte tiefste Nacht. - -So verblüfft war der Professor durch dieses völlig unerwartete und -unerklärliche Ereignis, daß er lange Zeit nur seine Augen und sein -Gehirn anstrengte, ohne weder etwas sehen zu können, noch des Rätsels -Lösung zu finden. - -Endlich fiel ihm ein, daß das Vernünftigste wäre, rasch den Strom -unterbrechen zu lassen, damit die Sannah durch die Wirkung der -Anziehungskraft womöglich dem verschollenen Gestirn wieder nahe komme. - -Er gab das entsprechende Zeichen mehrmals: ganz umsonst! Ruhig blieb er -im Netze liegen, der Schwerpunkt der Sannah blieb unverändert im -Mittelpunkt des Fahrzeugs. - -Da mußte etwas nicht in Ordnung sein, vielleicht gelang es dem Lord -nicht, die Fliehkraft abzustellen. - -»Was ist denn los dort unten?« fragte jetzt Flitmores Stimme durch das -Telephon. - -»Ich möchte fragen, was dort oben los ist?« frug Schultze zurück: »Der -Saturn ist verschwunden, völlig weg! Warum unterbrechen Sie den Strom -nicht?« - -»Er ist unterbrochen! Ich stellte ihn ab, gleich bei Ihrem ersten -Zeichen.« - -»Dann funktioniert Ihr Schaltungsapparat nicht mehr!« - -»Doch! Er ist völlig in Ordnung. Da muß etwas andres im Spiele sein; -kommen Sie nur herauf.« - -Kopfschüttelnd stieg der Professor aus der Hängematte und begab sich, -zuerst absteigend, dann vom Zentrum an aufsteigend, in das Zenithzimmer. - - [Illustration: Die Sannah im Kometenschweif.] - -Hier hatten die Reisenden gleich seit Beginn der Abfahrt ein ganz -einzigartiges Schauspiel genossen: trotz des blendenden Sonnenscheins -stand der Komet strahlend am Tageshimmel und bot als ein ungeheurer -Schweifstern einen entzückenden Anblick. - -Flitmore hatte vorgeschlagen, dem Kometen einen Namen zu geben. - -»Die Astronomen auf Erden haben ihn ja zweifellos schon benannt,« sagte -er, »aber wir wissen nicht wie und haben vorerst das Recht, ihm zu -unserm Hausgebrauch einen Privatnamen zu geben.« - -Man kam überein, daß er »Amina« heißen solle, zu Ehren einer treuen -Somalinegerin, mit der man in Afrika so mannigfache Abenteuer bestanden -hatte. - -Merkwürdigerweise schien der Komet immer näher zu kommen und die Sonne -immer ferner zu rücken. Einige leuchtende Körper, gleich Planetoiden, -sausten an der Sannah vorbei. - -Inzwischen gab Schultze wieder einmal ein Zeichen; Flitmore stellte den -Zentrifugalstrom ab. Bald darauf aber ertönte das gleiche Zeichen -wiederholt. - -»Der Professor kennt sich nicht mehr aus mit den Zeichen,« lachte -Münchhausen. - -Und nun kam es zu dem Telephongespräch, infolge dessen Schultze sich -hinaufbegab. - -Als er eingetreten war, wurden seine auffallenden Beobachtungen lebhaft -besprochen, ohne daß man jedoch eine Erklärung fand. - -»Nehmen wir unser Mittagsmahl ein!« schlug Münchhausen vor: »Ein -ordentliches Essen schärft den Verstand.« - -Der Professor beobachtete vor und während der Mahlzeit den merkwürdigen -Kometen; dann begab sich Heinz ins Antipodenzimmer und berichtete durchs -Telephon, daß vom Saturn nichts zu sehen und alles in Dunkel gehüllt -sei. - -»Ich hab's!« rief Schultze: »Wir stecken mitten im Kometenschweif und -werden mit ihm fortgerissen, und zwar mit einer Geschwindigkeit, die -alle menschliche Fassungskraft übersteigt.« - -»Hollah!« rief Flitmore: »Sie mögen recht haben! Beeilen wir uns, die -Fliehkraft wieder einzuschalten, daß wir nicht gar auf den Kern der -Amina stürzen.« - -Und alsbald schloß er den Strom. - -Aber die Wirkung war eine völlig unerklärliche: Die Sannah schien sich -dem Kopf des Kometen noch beträchtlich zu nähern; dann blieb sie -scheinbar unbeweglich an einem Fleck. - -Dies konnte man daraus schließen, daß einige Meteorstücke, die sich nun -ganz in ihrer Nähe befanden, stets die gleiche Entfernung von ihr -beibehielten. - -»Dieser scheinbare Stillstand,« erklärte der Professor, »beweist -lediglich, daß wir samt jenen Meteoriten, die einen Bestandteil des -Kometenschweifes bilden, unaufhaltsam im Schweife der Amina mit -fortgerissen werden.« - -Der Lord machte noch einige Versuche mit Ein- und Ausschalten des -Stroms, aber diese hatten nur geringe Lageveränderungen der Sannah zur -Folge: Der Komet schien sie an einem unsichtbaren Faden festzuhalten. - -Trotz der genauesten Untersuchung war nichts zu entdecken, das darauf -hätte schließen lassen, daß die Fliehkraft irgendwie nicht mehr richtig -in Tätigkeit war. - -Niemand wußte Rat, niemand fand eine Erklärung. - -Schließlich ließ Flitmore den Strom endgültig eingeschaltet, als -sicherstes Mittel, einen Zusammenstoß zu vermeiden und vielleicht, nach -Überwindung des rätselhaften Widerstands, vom Kometen loszukommen. - -»Die Sannah wird vom Kometen regelrecht entführt, daran ist nicht zu -zweifeln!« sagte er. »Ergeben wir uns in unser Schicksal, bis vielleicht -einem von uns eine Erleuchtung kommt oder ein ebenso unbekannter Umstand -uns aus der fatalen Lage befreit.« - -Die Sannah vollendete ihre Rotation und im Zenithzimmer ward es Nacht. - -Nachdem die Wachen verteilt waren, begab man sich mit gemischten -Gefühlen zur Ruhe. - - - - - 28. Die Geheimnisse der äußersten Planeten. - - -Andern Tags kreuzte der Komet Amina, mit der Sannah in seinem Gefolge, -die Bahn des Planeten Uranus, der am 13. März 1781 von Herschel entdeckt -wurde. - -»Uranus ist etwa doppelt so weit von der Sonne entfernt, wie Saturn,« -belehrte Schultze, »nämlich zirka 2850 Millionen Kilometer. Er ist 90mal -so groß wie unsere Erde und wird von der Sonne nur schwach erleuchtet -und erwärmt, da er 400mal weniger Sonnenlicht empfängt als die Erde, was -aber immerhin noch 1500 Vollmonden gleichkommt. Er erscheint -gleichförmig und düster und ist wahrscheinlich heißflüssig und daher -etwas selbstleuchtend. Seine Dichte ist nahezu die des Wassers und die -Schwerkraft beträgt auf ihm ein Zehntel weniger als auf unserm irdischen -Planeten. - -Er besitzt vier äußerst kleine, lichtschwache Monde mit rückläufiger -Bewegung, das heißt, sie drehen sich um ihn von Westen nach Osten. Die -Sonne erscheint ihm 360mal kleiner als der Erde. - -Sein Äquator scheint nahezu senkrecht zu seiner Bahnebene zu stehen, so -daß die Pole in der Bahnebene selber liegen und jeder Punkt auf diesem -Weltkörper das gleiche Klima besäße; allerdings ein Klima, das auch auf -jedem Punkte den außerordentlichsten Schwankungen unterliegt, denn der -längste Tag dauert bei 5 Grad Breite 2-1/3 Erdenjahre und bei 90 Grad -gar 49 Erdenjahre!« - -Die Sannah kam dem Uranus ziemlich nahe, aber vergebens hoffte Flitmore, -bei Abstellung der Zentrifugalkraft durch die Anziehungskraft des -Planeten von der Amina losgerissen zu werden: der Kometenschweif riß das -Weltschiff unentwegt mit sich fort. - -Doch konnte Schultze wenigstens einige neue Entdeckungen machen: er fand -einen Mond des Uranus, und zwar den von Herschel 1787 entdeckten Oberon, -mit einem Ring umgeben, ähnlich dem Saturn, eine völlige Neuheit auf -astronomischem Gebiete; ferner entdeckte er zwei weitere, sehr kleine -dunkle Monde, deren einer zwischen Oberon und Titania, der andre -zwischen Ariel und Umbriel kreiste, den zwei innersten Monden, die -Lassell 1846 entdeckt hatte. - -Nach weiteren zwanzig Stunden schnitt der Komet bereits die Neptunbahn. - -»Neptun,« erläuterte der unermüdliche Professor, »ist weiter von der -Sonne entfernt als Saturn und Uranus zusammengenommen, nämlich an die -4470 Millionen Kilometer. - -Galle in Berlin entdeckte diesen äußersten Planeten unsres Sonnensystems -nach den Berechnungen, die sich aus den Störungen der Uranusbahn -ergaben, und die Adams und Leverrier angestellt hatten. Die Entdeckung -Neptuns machte dem Bodeschen Gesetz von dem Verhältnis der -Planetenentfernungen entgültig ein Ende, obgleich es durch die -Entdeckung der Planetoiden so schön bestätigt worden war. Es half nun -alles nichts: es stimmte einfach nicht mit der Entfernung des neuen -Planeten. - -Neptun scheint nur einen Mond zu besitzen, hat anderthalbfache -Wasserdichte und ist von einer wolkigen Atmosphäre umgeben. Er empfängt -tausendmal weniger Sonnenlicht als die Erde, dafür ist sein Mond, der -sich rückläufig bewegt, größer und heller als die Uranusmonde; er -umläuft den Neptun in 5 Tagen, 21 Stunden und 4 Minuten. Der Planet -selber soll sich in heißflüssigem Zustande befinden.« - -Dem Neptun kam die Sannah nicht so nahe, wie dem Uranus; dennnoch -konnten drei weitere kleine Monde entdeckt werden, von denen zwei sogar -rechtläufig waren: eine neue Gesetzwidrigkeit! - -»Mit Neptun hört unser Sonnensystem auf und auch in 10000facher -Entfernung ist nichts mehr vorhanden als der leere Weltraum, den nur -Kometen und Meteoriten noch durchkreuzen.« - -So lautete Schultzes Schlußbehauptung; aber er hatte sich geirrt: in -anderthalbfacher Neptunentfernung von der Sonne fand sich eine zehnte -Planetenbahn und die Weltreisenden sichteten einen dunklen Planeten, der -wenig größer als die Erde sein mochte und der eine starke Libration -aufwies. - -Getreu der Sitte, die Planeten des Sonnensystems mit römischen -Götternamen zu bezeichnen, nannte Flitmore das neue Gestirn »Vulkan«, -und zwar »wegen seines hinkenden Gangs«, wie er sich ausdrückte. - -Leider konnte der Planet wegen seiner Entfernung und der rasenden -Geschwindigkeit, mit welcher der Kometenschweif die Sannah mit sich -fortriß, nicht näher untersucht werden. - - - - - 29. Eine Reise ins Unendliche. - - -Die Sannah kreiste in unendlicher Finsternis; die Sonne stand nur noch -als kleiner Stern am Himmel, ihre Planeten waren mit dem bloßen Auge -nicht mehr sichtbar. - -Der Komet allein verbreitete Licht und erhellte die ihm jeweils -zugekehrte Seite des Weltschiffs. Seinen Schweif hatte er bald nach -Verlassen des Sonnensystems mehr und mehr wieder an sich gezogen, und -mit ihm die Sannah, die ihn nun als Trabant in geringer Entfernung -umkreiste, und von seinem gewaltigen Kerne außer dem Licht auch mäßige -Wärme empfing. - -»Je weiter sich ein Komet von der Sonne entfernt, desto geringer wird -seine Geschwindigkeit,« begann Schultze eines Tages. »Das ist die Regel, -die ich anfangs auch für die Amina bestätigt fand. Inzwischen ist aber -die Geschwindigkeit unsres Kometen wieder so rasend gewachsen, daß sie -alle Begriffe übersteigt und die des Lichts weit übertrifft.« - -»Bedenken wir, daß die Nägel an unsern Händen und Füßen nur ein -Tausendmillionenstel Millimeter in der Sekunde wachsen, während in der -gleichen Zeit eine Schnecke 15 Tausendstel Millimeter zurückzulegen -pflegt, ein Fußgänger gar 1-1/10 Meter, so sehen wir, daß ein Mensch im -Verhältnis zum Wachstum seiner Nägel viel rascher vorwärtskommt als -unser Komet im Verhältnis zu einem gewöhnlichen Fußgänger,« bemerkte -Flitmore lachend. - -»Überhaupt, was ist Geschwindigkeit?« fragte Münchhausen. »Alles ist nur -verhältnismäßig; ein Floh übertrifft an Behendigkeit die Schnecke wie -die Schwalbe den Kapitän Hugo von Münchhausen.« - -»Da haben Sie recht!« stimmte der Professor lachend zu. »Eins übertrifft -das andre, so ist es auch in der geflügelten Welt: Der Geier legt in der -Sekunde 15 Meter zurück, die Wachtel 17, die Brieftaube 27, der Adler -31, die Fliege 53, die Schwalbe 67, die Seglerschwalbe gar 89 Meter. Die -Elektrizität durchläuft den Kabeldraht mit einer Eile von 4000 -Kilometern pro Sekunde, der Voltastrom leistet das Dreifache und in -einer oberirdischen Telegraphenleitung erreicht die Elektrizität gar die -Geschwindigkeit von 36000 Sekundenkilometern. Das Licht pflanzt sich im -Wasser mit 22500 Kilometern Sekundengeschwindigkeit fort, in der Luft -mit 100000 und im Weltraum mit 300000 Kilometern. Und doch braucht es -vom nächsten Fixstern bis zur Erde 4½ Jahre. - -Nun schätze ich jedoch, daß unser Komet etwa das 50fache der -Lichtgeschwindigkeit erreicht, so daß er uns innerhalb fünf Wochen in -die Fixsternwelt tragen würde! Was bedeutet dagegen der sogenannte -Ausreißerstern mit seinen 300 und der große Stern im Arktur mit seinen -4-500 Sekundenkilometern?« - -»Wenn uns nur die Luft solange vorhält,« meinte Mietje bedenklich. - -»Wenn es richtig ist, was der Professor ausrechnet, daß wir in fünf -Wochen, oder sagen wir auch in zehn, zu den Fixsternen gelangen, so -wird, wenn keine besonderen Umstände eintreten, unser Sauerstoffvorrat -reichen,« beruhigte sie der Lord. »Wenn wir dann nur vom Kometen -loskommen und auf einem wohnlichen Stern mit gesunder Luft zu landen -vermögen.« - -»Hurrah! Es geht zu den Fixsternen!« rief Heinz begeistert. »Das hätte -ich mir doch nie träumen lassen.« - -»Ja, wir reisen in Gottes Wunderwelt,« bemerkte Flitmore nachdenklich. -»Nun denn! Hat uns nicht der Schöpfer seinen Boten aus der Unendlichkeit -gesandt, uns in's Schlepptau zu nehmen? Vertrauen wir ihm, daß er uns -behütet auf einer Fahrt, wie sie noch kein menschliches Wesen gemacht -oder auch nur für denkbar gehalten hat.« - -Schultze entnahm dem Bücherschrank einen dicken Band und sagte: - -»Hier haben Sie ein Werk, edler Lord, das uns wenig Vertrauen zu unsrer -Reise machen dürfte, falls sein Verfasser recht behielte.« - -Flitmore warf einen Blick auf das Buch und zuckte die Achseln: »Die -Weltmaschine von Karl Snyder, ja, ja! Das ist so einer von den kleinen -Geistern mit engbeschränktem Horizont, die da glauben, mit ihrem -Gehirnchen das Weltall zu umfassen. Ich denke aber, wir wollen unser -Vertrauen doch lieber auf Gott setzen und nicht auf Herrn Karl Snyder.« - -»Was behauptet denn dieser Mann der Wissenschaft?« fragte Münchhausen -neugierig. - -»Einen Mann der Wissenschaft wollen wir ihn doch lieber nicht nennen,« -meinte Schultze lachend: »Er schreibt zwar mit gewaltigem Pathos über -die Wissenschaft und prahlt mit ihr, schwebt aber selber doch zu sehr im -Nebel seiner Phantasien, als daß er einen festen wissenschaftlichen -Boden für seine Füße gewänne. Mit einem Wort, er urteilt aus -materialistischer Voreingenommenheit heraus; es steht ihm von vornherein -fest, daß es keinen Schöpfer gibt und die göttliche Offenbarung Fabel -sei, und so versetzt er dem Christenglauben ohne irgendwelchen Anlaß und -vollends ohne irgendwelche stichhaltige Begründung Fußtritt auf -Fußtritt, wie ein ungezogener Knabe.« - -»Erlauben Sie,« unterbrach der Lord den Sprechenden und nahm ihm das -Buch aus der Hand. »Ich will Ihnen so eine bei den Haaren herbeigezogene -Bemerkung vorlesen, die das von unserm Professor Gesagte gut -illustriert.« - -Er blätterte ein wenig und las dann: »Einen Schritt weiter und die -Entdeckungen Galileis, vielleicht auch Keplers und Newtons, konnten -vollendet sein, bevor die römische Herrschaft ihr Pflaster auf -hellenische Kultur gesetzt und bevor das Evangelium eines rächenden -Jehova die Grenzen des kleinen Ländchens Palästina überschritten hat, um -Gotteslästerung mit der Wahrheit zu treiben.« - -»Bemerken Sie«, sagte Schultze, »daß diese plumpe Bemerkung, wie unser -Lord richtig sagte, bei den Haaren herbeigezogen ist: sie hat ja mit den -Entdeckungen, von denen die Rede ist, rein nichts zu tun.« - -»Jedenfalls zeugt sie entweder von grober Unwissenheit oder von einer -Böswilligkeit, die sich um Wahrhaftigkeit rein nicht kümmert«, äußerte -Mietje in tiefster Entrüstung: »denn ein _Evangelium_ eines rächenden -Jehova ist ja einfach Unsinn; das Evangelium verkündigt die Liebe und -Barmherzigkeit eines himmlischen Vaters.« - -»Mit Logik und Wahrheit«, sagte Flitmore, »gibt sich der Materialismus -nicht ab, da wird alles, was von Fanatikern wider den christlichen Geist -der Liebe, wie ihn das Evangelium allein verkündigt, gesündigt wurde, -ohne weiteres der christlichen Religion selber in die Schuhe geschoben. -Da! Auf Seite 146 wird das Christentum ein >verächtlicher, grundloser -Aberglaube< geheißen, der >an Stelle der Kultur der Schönheit und -Aufklärung getreten< sei. Und gleich auf der nächsten Seite: >Nero und -die Scheusale in Purpur gingen St. Augustin und den andern Kirchenvätern -voran. Das kaiserliche Rom war der Halbschatten, das christliche der -Kernschatten<.« - -»Folgerichtigkeit und Vernunft darf man von materialistischer -Voreingenommenheit nicht erwarten,« hub Schultze wieder an. »Es ist ja -schön, wie begeistert Snyder die Genies der astronomischen Wissenschaft -lobt, namentlich Aristarch und Galilei. Etwas prahlerisch redet er -davon, wie herrlich weit die Wissenschaft es gebracht habe und nennt den -Menschengeist das wahre Weltwunder. Dem gegenüber klingt es dann -geradezu lächerlich, wenn er plötzlich die Saiten umstimmt und der -Menschheit mit komischer Salbung predigt, sie solle nicht im Wahne -leben, als ob sie irgend etwas sei oder irgend eine Bedeutung habe!« - -»Hören Sie weiter,« sagte der Lord. »Vom mosaischen System der Schöpfung -sagt Snyder: >Letzteres erhielt sich unter den Völkern Europas nach dem -Niedergange der hellenischen Wissenschaft bis zu den letzten Jahren des -17. Jahrhunderts. Nach dem Zeitalter Cassinis und Newtons vermochte es -nicht länger mehr einen vernünftigen Geist zu befriedigen<.« - -»Das ist nicht mehr bloß Dummheit, das ist schon mehr freche Lüge,« -polterte Münchhausen entrüstet. - -»Vergessen Sie nicht,« berichtigte Schultze, »daß ein Materialist nur -solchen Geistern die Ehre antut, sie vernünftig zu heißen, die sich -ebenso wie er vom mechanistischen Aberglauben blenden lassen.« - -»Nun,« meinte Heinz, »ich kann diese Stelle bei Snyder nicht gar so -schroff ablehnen; überhaupt empfiehlt es sich wohl, sich in seinen -Ausdrücken etwas zu mäßigen, um nicht auf die gleiche Bildungsstufe -herabzusteigen, wie diese Menschenkinder. Aber ist es nicht richtig, daß -der mosaische Schöpfungsbericht mit den Jahrmillionen nicht vereinbar -ist, die von den Geologen für die Entwicklung unsrer Erde ausgerechnet -werden?« - -»Sehen wir klar, junger Freund!« mahnte der Lord: »Zunächst berichtet -das erste Kapitel der Bibel nicht über die Weltschöpfung. Himmel und -Erde sind bereits vor Äonen erschaffen und die Erde war wüste und leer. -Hier setzt der Bericht ein mit der Schöpfung von Licht und Leben -lediglich in Bezug auf die Erde. Wir wollen nun nicht die Frage -aufwerfen, ob die Erde ursprünglich ganz andre Rotationsverhältnisse -hatte oder wie sonst die mosaischen Tage sich deuten lassen; auf den -Buchstaben kommt es wohl keinem von uns an. Aber da hören Sie, was Dr. -Klein in seinen >Kosmologischen Briefen< sagt.« - -Hiebei nahm er ein Büchlein aus dem Regal, aus dem er folgende Stelle -vorlas: »Bekanntlich fehlt den Geologen bezüglich der von ihnen in der -Erdentwicklung unterschiedenen Perioden so gut wie jeder chronologische -Maßstab.« - -»Das stimmt,« fiel der Professor ein; »die Jahrmillionen sind bei Licht -besehen ein Schwindel, das heißt alle diesbezüglichen Berechnungen -beruhen auf völlig unsichern Voraussetzungen. Wenn man solche Zeiträume -nicht zu brauchen glaubte, um die Entwicklungslehre einigermaßen -annehmbar zu machen, so hätte man diese Zahlen nie erfunden. Es ist -allerdings auch nur eine für den Denkenden durchsichtige Täuschung, wenn -man meint, die Entwicklung des Menschen aus der Urzelle dadurch -verständlicher zu machen, daß man sie auf viele Millionen Jahre -verteilt. Die rasche Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling oder -die ganz plötzliche Verwandlung eines Explosionstoffs in flüchtige Gase -wären auch nicht verständlicher, wenn sie erst auf langsamem Wege durch -Jahrmillionen erfolgten.« - -»Ganz richtig«, sagte Flitmore: »Dies sind nun zwar keine Verwandlungen -in ganz andre Arten, aber ob eine Verwandlung sich in einer Sekunde oder -im Laufe von Äonen vollzieht, ist für den klaren Verstand völlig -einerlei; die scheinbare Beseitigung des Unerklärlichen durch die noch -dazu unbewiesene Erfindung ungeheurer Zeiträume ist nur eine Eselsbrücke -zur Befriedigung derer, die nicht weit denken können.« - -»Wie es aber mit den Jahrmillionen steht,« sagte Schultze wieder, -»beweist Ihnen am besten, daß man für die Entstehung der Steinkohle -frischweg etliche Millionen Jahre ansetzte, ebenso für die der -Diamanten; nun hat man entdeckt, daß im Sumpf versinkende Wälder sich -binnen weniger Monate in echte Steinkohle verwandeln und daß für die -Erzeugung von Diamanten der Bruchteil einer Sekunde genügt: da haben wir -die berühmten Jahrmillionen, sie sind eine Phantasie, die zufällig -stimmen kann, wahrscheinlich aber durchaus nicht stimmt.« - -»Hören Sie nur weiter,« sagte der Lord, »es kommt noch schöner: >Der -Begriff eines Schöpfers war einfach -- vielleicht im Dunkel der -anfänglichen Unwissenheit denkbar. Das ist nicht mehr länger richtig. -Unser modernes Wissen hat die Grenzen der Welt ins Unermeßliche gedehnt; -es hat uns die unmeßbar lange Dauer der Zeit enthüllt<.« - -Nun mußten doch alle lachen: die Naivität dieser Behauptungen war ja gar -zu köstlich! - -»Also die Begriffe von Ewigkeit und Unendlichkeit sollen wir erst dem -modernen Wissen verdanken?« sagte Münchhausen: »Und sie sollen gar den -Begriff eines Schöpfers undenkbar machen? O heilige Einfalt!« - -Mietje schüttelte den Kopf: »Solche Verirrungen des menschlichen Geistes -begreife ich einfach nicht,« meinte sie. »Der Schöpferglaube war von -jeher mit den Begriffen von Ewigkeit und Unendlichkeit verknüpft, und -wenn die Wissenschaft Ewigkeit und Unendlichkeit zugeben muß, so stützt -sie damit am allerbesten den Schöpferglauben. Muß man nicht den eigenen -Verstand absichtlich totschlagen, um imstande zu sein, aus solchen -Erkenntnissen gerade das Gegenteil von dem zu folgern, was sie einem -vernünftigerweise nahelegen würden?« - -»Werte Lady,« lachte Schultze, »es gibt Ansichten, gegen welche Götter -selbst vergebens kämpfen und die gerade der großen Menge derer, die -nicht alle werden, am meisten imponieren.« - -Flitmore aber fuhr fort mit Vorlesung folgender Stelle: »Das Fernrohr -hat uns die Planlosigkeit des Weltalls enthüllt; der Kosmos scheint kein -Woher und kein Wohin zu kennen.« - -Jetzt fuhr aber der Professor auf: »Nein! Da hört sich doch aber alle -Wissenschaft auf! Das ist starker Tabak! Der Plan, dessen unendliche -Erhabenheit ein besonders schwächliches Menschenhirnlein nicht verstehen -kann, wird in eitlem Hochmutswahn »Planlosigkeit« genannt? Na! Das ist -doch gottlob nur ein Vereinzelter! Die gescheiten Geister, namentlich -auch unter den Astronomen, hören nicht auf, die Großartigkeit der -Weltordnung zu bewundern.« - -»Da haben Sie wieder recht,« bestätigte der Lord und schlug wieder Dr. -Kleins Kosmologische Briefe auf. »Hier heißt es zum Beispiel: >Trotz -dieser Einseitigkeit aber, (nämlich der Mittel des menschlichen -Forschens), erkennen wir, daß die Anordnung der Welt so ist, als wenn -sie von einer höchsten Intelligenz, die zugleich über ein unermeßliches -Schaffensvermögen gebot, getroffen worden sei. Auch haben die größten -Forscher aller Zeiten, die Begründer unsrer heutigen Naturwissenschaft, -das Vorhandensein einer solchen Intelligenz angenommen. Die Existenz -derselben folgt ebenso unzweifelhaft und notwendig aus dem ganzen -Komplexe der Naturerscheinungen, wie das Vorhandensein einer anziehenden -Kraft in der Sonne aus der Bewegung der Planeten um dieselbe in -geschlossenen Bahnen<.« - -»Und Camille Flammarion,« fuhr Flitmore fort, ein anderes Büchlein -aufschlagend, »sagt in seiner >Urania<: >Was ist das für eine sonderbare -Eitelkeit, für eine einfältige Anmaßung, uns einzubilden, die -Wissenschaft habe ihr letztes Wort gesprochen! ... Die Materie ist -nicht, was sie scheint, und kein über die Fortschritte der positiven -Wissenschaften unterrichteter Mensch könnte sich heute noch für einen -Materialisten ausgeben<.« - -»Bravo!« rief Schultze: »Nur sind leider die Ununterrichteten und -Halbgebildeten, die sich aber selber für hochgebildet halten, in der -Mehrzahl, und darum macht der Aberglaube so große Fortschritte in -unserer Zeit, wie die Monistenbünde beweisen.« - -»Pah!« sagte Heinz: »Der Wille ist alles: diese Leute _wollen_ der -Vernunft nicht glauben, weil sie ihren Trieben unbequem ist, sie -_wollen_ lieber den Widersinn glauben, und nur darum machen sie die -Augen zu vor der Wahrheit und nennen den Wahn Vernunft.« - -»Das mag stimmen,« gab der Professor zu, »zweifellos aber wird die -Gottesleugnung stets der sicherste Beweis einer geringen Intelligenz -sein.« - -Nun nahm John das Wort, der bisher aufmerksam zugehört hatte: »Also -meinen die Herrschaften sozusagen alle, es sei gebildet an die Bibel zu -glauben? Ich dachte immer, es sei unter den heutzutägigen Verhältnissen -gebildeter, an keinen Gott mehr zu glauben, wie man so oft hört; aber so -ganz im Innersten war es mir immer doch so, als wenn dann etwas fehlen -müßte, die Hauptsache um zu verstehen, daß etwas da ist und daß etwas -sein und geschehen kann; und dann sah ich ja auch, daß meine gnädigste -Herrschaft so fromm sind und doch gebildet und vernünftig.« - -»Ja, mein Sohn, die Sache ist so: wenn du an keinen Gott glaubst, so -werden dir die meisten Leute sagen, du seist sehr vernünftig und -hochgebildet; denn die Halbgebildeten sind, wie gesagt, stets in der -großen Mehrzahl. Hältst du aber fest am Schöpferglauben, so wird dich -diese Mehrzahl verhöhnen, aber die wirklich Gescheiten werden dich für -vernünftig und gebildet halten und du wirst es auch sein.« - -»Dann will ich doch lieber glauben, wie Sie!« erklärte der gute Mann. - -Inzwischen sauste die Sannah weiter durch den Raum und es war kein Ende -abzusehen. - - - - - 30. Schimpansenstreiche. - - -Um die elektrische Heizung und Beleuchtung zu ermöglichen, sowie zur -Entwicklung der Fliehkraft, mußte der elektrische Akkumulator täglich -zweimal frisch geladen werden. - -Dies besorgten die Affen so pünktlich und mit so viel Eifer, daß der -Lord sie ohne jede Aufsicht die Arbeit ausführen lassen konnte, die den -Tieren das reinste Vergnügen war. - -Allerdings hatte Flitmore die elektrische Krafterzeugungsanlage auch -genial eingerichtet: er hatte zwei große zylinderförmige Käfige -herstellen lassen, wie diejenigen, die man in kleinerer Ausführung -gefangenen Eichhörnchen zur Verfügung zu stellen pflegt. Wenn dann die -Eichhörnchen an den Stäben emporspringen, dreht sich die Käfigwalze um -ihre Axe und die kleinen Tiere sind unermüdlich in ihrer Beweglichkeit, -mit der sie das Gitter in rasche Drehbewegung versetzen. - -Genau so war es den Schimpansen offensichtlich der höchste Genuß, sich -in ihren Drehkäfigen zu tummeln, ohne daß sie ahnten, daß sie damit eine -verdienstvolle Arbeit verrichteten; denn die sinnreiche Konstruktion -verwendete die rasche Rotation der Käfige zur Erzeugung elektrischer -Energie, die im Akkumulator sich aufspeicherte. - -Eines Tages erschollen aus dem Musikzimmer wunderbare Töne, eigentlich -gräßliche Mißakkorde, wie wenn ein unmündiges Kind auf einem Klavier -herumhämmert, und doch entwickelte der Missetäter eine derartige -Fingergewandtheit, daß man auf einen geübten Pianisten hätte schließen -mögen, den eine tolle Laune oder plötzlich eingetretener Wahnsinn zu -solchen Orgien veranlaßte. - -Unsre Freunde waren im Zenithzimmer versammelt bis auf den Diener, der -einen Rundgang zu machen hatte; sie waren in Bücher vertieft oder -beschäftigten sich mit ihren Gedanken. Bei dieser Katzenmusik aber -horchten alle auf. - -»Sollte sich John auf dem Flügel üben wollen?« rief Mietje: »So hübsch -er Flöte spielt, so fremd ist ihm die Klaviatur; aber wie er ohne alle -Kenntnis solche Griffe unternehmen kann, wobei ihm doch die Mißklänge -die eigenen musikalischen Ohren zerreißen müssen, ist mir ein Rätsel.« - -»Du irrst, meine Liebe,« sagte der Lord, »John ist niemals so keck, daß -er das Instrument berühren würde; du weißt, er hat sich noch nie eine -ungebührliche Freiheit herausgenommen; darin ist er äußerst bescheiden, -beinahe zu ängstlich.« - -»Das ist Geisterspuck,« sagte Münchhausen dumpf, »denn im Musikzimmer -ist es just Mitternacht.« - -»Horch! Da schrillt ja gar die Posaune dazwischen! Es ist ein Duett,« -bemerkte Heinz. - -»Unbegreiflich!« murmelte der Lord. - -»Na! Sehen wir nach,« meinte Schultze, begierig auf die Lösung des -Rätsels. - -»Ach! Wollten Sie nicht lieber zuvor einige scharfsinnige Hypothesen -aufstellen, die geeignet wären, dieses Phänomen wissenschaftlich zu -erklären, bestes Professorchen,« bat Münchhausen ironisch. - -»Damit Sie mich nachher wieder auslachen können mit meiner Wissenschaft, -oller Spötter? Nee, das gibt's nicht! Ich selber stelle den Augenschein -über alle theoretischen Erklärungsversuche.« - -»Na, denn man zu!« rief der Kapitän und ging voran, während alle ihm -folgten. - -Jetzt erscholl ein wahrer Höllenlärm aus dem Musiksaal. - -»Da spielt einer mindestens sechshändig!« lachte Heinz. - -»Nein! Und die Posaune! Das sind ja unerhörte Töne!« rief die Lady und -hielt sich die Ohren zu. - -Im Musikzimmer leuchtete eine elektrische Glühbirne, bei deren Schein -man Bobs vom Flügel aufspringen sah, während es Dick just gelang, die -mißhandelte Posaune vollends ganz auseinander zu reißen. - -Bobs war es diesmal in seinem Drehkäfig langweilig geworden, und dem -Schlaukopf war es gelungen, die Türe von außen zu öffnen, indem er -zwischen den Gitterstäben hindurch über die hölzerne Seitenwand -hinabtastete, bis er den Riegel fand, den er zurückschob. - -Als er sich in Freiheit sah, öffnete er auch Dicks Gefängnis, und zu -allen Schandtaten aufgelegt, begab er sich mit seinem gleichgesinnten -Gefährten in das weiter unten gelegene Musikzimmer. Das Öffnen der -Verbindungstüren war den intelligenten Affen längst kein Geheimnis mehr. - -Hier nun faßten die beiden Verschwörer den schwarzen Plan, einmal selber -eine musikalische Unterhaltung zu veranstalten, statt immer bloß als -untätige Hörer Professor Schultze Konkurrenz zu machen. - -Bobs öffnete den Flügel ohne Schwierigkeit; er versäumte auch nicht, ein -Notenheft auf die Pultleiste zu stellen, freilich waren es Noten fürs -Cello, doch das berührte ihn nicht, zumal er das Heft verkehrt -aufstellte. - -Dann hockte er sich auf den Klavierstuhl nieder und begann die Tasten -mit einer Virtuosität zu bearbeiten, die seiner ihm natürlich eigenen -affenartigen Geschwindigkeit alle Ehre machte. - -Dick öffnete inzwischen bedächtig den Instrumentenkasten; das hatte er -dem Lord trefflich abgeguckt. Er betrachtete sich die verschiedenen -Musikerzeuger und griff dann nach der Posaune, deren Metallglanz ihm in -die Augen stach. - -O, er wußte genau, wo man das Ding in den Mund nehmen mußte und daß der -untere Teil möglichst geschwind auf- und abgeschoben werden mußte, und -es gelang ihm richtig durch heftiges Prusten einige entsetzliche Töne -hervorzuzaubern, wobei er das Mundstück zu schanden biß. - -Als nun aber die ganze Gesellschaft im Zimmer erschien, ahnten die Affen -eine Art des Beifalls, die ihnen höchst unsympathisch war; sie nahmen -daher schleunigst Reißaus und flüchteten in das anstoßende chemische -Laboratorium, wo sie die Regale erkletterten, nicht ohne einige Kolben -mit ätzenden Flüssigkeiten herabzustoßen. - -Münchhausen folgte ihnen auf dem Fuß und drohte mit einem Stock zu Bobs -hinauf, der die Zähne fletschte und höhnisch grinste, als wollte er -sagen: »Na, Dicker! Du drohst umsonst: bei deiner Leibesfülle wirst du's -wohl bleiben lassen, mir nachklettern zu wollen.« - -Dieser sichtliche Hohn mußte natürlich den Kapitän ärgern. - -»Warte, du Spötter!« rief er und ergriff das Gestell eines -Spiritusbrenners, daß er mit solcher Gewandtheit emporschleuderte, daß -die drei Eisenfüße sich schmerzhaft in des Schimpansen schutzlosen Leib -einbohrten. Es gab zwar keine Wunde, aber es tat weh! - -Bobs kreischte laut auf; er fand das rücksichtslos und anmaßend von -einem Menschen, der gar nicht sein Herr war und weder Klavier noch -Posaune spielte. Er sann auf Rache. - -Da stand ein großer Kolben neben ihm. Er hätte ihn auf den Attentäter -werfen können; aber so plump handelte Bobs auch nicht in berechtigter -Erregung. Er riß den Glasstöpsel heraus, erfaßte die dicke Flasche und -goß ihren Inhalt auf den Untenstehenden herab, der sich eben -niederbeugte, um ein neues Wurfgeschoß aufzulesen. - -»Zu Hilfe, zu Hilfe! Das Untier mordet mich! Bobs überschüttet mich mit -Vitriol; er verbrennt mir meinen schutzlosen Schädel!« schrie der -Begossene. - -Erschreckt eilte Heinz herbei: er glaubte schon den Kapitän in -jämmerlich verbranntem Zustand zu finden, vielleicht des Augenlichts -beraubt, denn es befanden sich tatsächlich mehrere Kolben mit -Schwefelsäure auf den Regalen. - -Ein Blick auf Münchhausens triefenden Schädel jedoch beruhigte ihn -sofort; auch sagte ihm seine für chemische Dünste geschärfte Nase -alsbald, daß es sich lediglich um Weingeist handelte, der allerdings auf -der Kopfhaut ordentlich brennen mochte, namentlich auch infolge seiner -starken Verdunstung ein Kältegefühl erzeugend, das, zumal wenn noch -Schreck und Einbildung dazu kamen, als fürchterliche Verbrennung -empfunden werden konnte. - -»Beruhigen Sie sich, Kapitän,« rief Heinz dem Geängstigten zu: »es ist -glücklicherweise bloß Spiritus.« - -»Ich pfeife auf Ihren Spiritus! Vitriol ist's oder irgend eine andre -Säure, die mich meines kostbaren Haarschmucks vollends beraubt, falls -sie mir nicht den ganzen Skalp vom Schädel wegätzt.« - -»Ich garantiere Ihnen, daß nichts dergleichen passiert; aber Sie triefen -wie eine Wasserratte! Hier ist ein Handtuch, trocknen Sie sich ab und -dann werden Sie sich wohl den Kopf waschen und die Kleider wechseln -müssen.« - -Das war allerdings notwendig. Münchhausen entfernte sich wie ein -begossener Pudel und Schultze rief ihm noch lachend den Trost nach: -»Bobs meinte es gut mit Ihnen, Weingeist stärkt ja wohl die Kopfhaut und -befördert einen üppigen Haarwuchs.« - -»Jetzt haben Sie gut lachen,« sagte Heinz zum Professor, als Münchhausen -das Gemach verlassen hatte: »Aber ich sage Ihnen, mir ist der kalte -Schrecken in die Glieder gefahren, als ich den Ärmsten so jammern hörte. -Sehen Sie, da steht Schwefelsäure, Salzsäure, Karbolsäure und eine Menge -andrer gefährlicher Flüssigkeiten. Künftig muß ich das Laboratorium -stets abschließen und den Schlüssel zu mir nehmen; die Affen hätten da -ein furchtbares Unglück anrichten können.« - -»Können sie immer noch,« meinte Schultze und sah zu den beiden -Schimpansen empor, die zu oberst zwischen den Kolben kauerten. - -Nun aber rief Flitmore die beiden Missetäter und sie kamen alsbald ganz -demütig und zahm herab, gewohnt, ihrem Herrn aufs Wort zu folgen. - -Strafe mußte sein, das erforderten des Lords Erziehungsgrundsätze; und -so wurden die sichtlich zerknirschten Sünder auf zwölf Stunden in -Einzelhaft gesteckt. Sie kannten die dunkeln, engen Kästen gar wohl und -wußten, daß die Einsperrung wohlverdiente Strafe war; denn sie sprangen -freiwillig hinein mit zerknirschten Mienen, duckten sich nieder und -ließen sich ohne Widerstreben einschließen. - -Als man wieder im Wohnzimmer versammelt war, erschien bald auch -Münchhausen in trockener Kleidung. Er blieb dabei, daß die Flüssigkeit, -die so brannte, Vitriol gewesen sei: »Glücklicherweise hat sich meine -Haut als säurefest erwiesen,« fügte er bei, »und auch meine Kleider -haben weiter keinen Schaden erlitten; ein ganz vorzüglicher Stoff, sage -ich Ihnen!« - - - - - 31. Verloren im Weltraum. - - -Tage- und wochenlang raste die Sannah mit dem Kometen dahin und diese -Fahrt durch die anscheinende Leere begann immer mehr etwas Beklemmendes -und Beängstigendes auf die Gemüter auszuüben. - -Wo war man? Wohin eilte man? Im Unendlichen! Ins Endlose! - -Niemand verhehlte sich die furchtbare Gefahr, in der alle schwebten, das -schreckliche Schicksal, das ihnen drohte. - -Vorerst gelang es ja immer noch mittelst der reichen Vorräte an -gepreßtem Sauerstoff und Ozon eine gesunde Luft in den Zimmern zu -erhalten. Aber niemand konnte wissen, wie lange diese Fahrt noch dauern -werde und ob sie überhaupt zu einem Ziele führe. - -Ja, nach menschlicher Voraussicht schien es höchst unwahrscheinlich, daß -in absehbarer Zeit ein Weltkörper erreicht werden könne, der -menschlichen Wesen die notwendigsten Lebensbedingungen gewähren würde. -Wer wußte denn überhaupt, ob es solche in der Fixsternwelt gebe, der man -zueilte? - -Nur das Vertrauen, daß sie unter höherem Schutze standen, und daß ein -Gott sie lenke, der auch in der Unendlichkeit Wege weiß, hielt die -Ärmsten noch aufrecht, die sich wie Gefangene in den Räumen ihres -Fahrzeugs vorkamen. - -Wer konnte wissen, ob es nicht eine lebenslängliche Haft werden sollte, -die allerdings nicht lange dauern konnte, da binnen weniger Wochen ihr -Leben verlöschen mußte, wenn keine Erlösung kam. - -Dann sah wohl eins das andre sterben, ohne ihm helfen zu können, und -zuletzt war alles still und tot! Eine kleine Kugel mit menschlichen -Leichnamen irrte dann durch das Weltall, um schließlich vielleicht in -eine ferne Sonne zu stürzen und in einem Augenblick in glühende Gase -aufgelöst zu werden mit allem, was sie enthielt! - - [Illustration: Schimpansenstreiche.] - -John allein blieb im Innersten ganz ruhig und vergnügt, weil er nicht so -klar sah und meinte, sein Herr wisse wohl, wo er hinfahre und wo er -landen werde. - -Inzwischen sparte Flitmore die Sauerstoffvorräte so viel als möglich, um -die Endkatastrophe so weit hinauszuschieben, als es nur immer anging. -Die Folge davon bekamen alle zu spüren: es war eine schlechte, -sauerstoffarme Luft, die ihre Lungen bedrückte und auch der Stimmung -sehr wenig zuträglich war. - -Wahrhaftig! So mußte es den Unseligen zumute sein, die in einem -Unterseeboot eingeschlossen waren, durch einen Unfall verhindert, an die -Meeresoberfläche zurückzusteigen und dem langsamen Erstickungstod ins -Auge sehend! - -Mit allerlei Arbeiten, mit Unterhaltung, Konzerten und Lesen guter -Bücher wurde die Zeit verbracht; aber immer wieder schweiften die -Gedanken ab, gefangen von der bangen Frage: was wird aus uns werden? - -Schultze beobachtete immer wieder den Sternhimmel und stellte -Berechnungen an, eine Arbeit, die ihm, wenn auch wenig Trost, so doch -einige Ablenkung gewährte. - -»Wir fahren auf das Sternbild des Centauren zu,« sagte er eines Tages -nach Abschluß einiger Beobachtungen und Berechnungen, »und zwar direkt -auf den Stern Alpha Centauri, der dem irdischen Sonnensystem, so viel -man bis jetzt weiß, der nächste ist. Die Annäherung läßt sich schon mit -bloßem Auge wahrnehmen: Alpha Centauri ist deutlich als Doppelstern -erkennbar; mehrere Sternbilder sehen schon wesentlich anders aus, als -sie sich von der Erde aus ausnehmen, und einige Sterne gewinnen an Größe -und Lichtstärke ganz sichtlich.« - -»Es ist für uns von großem Interesse, wenigstens die Richtung unserer -Fahrt kennen zu lernen,« meinte Flitmore: »Aber haben Sie auch die -Aberration in Betracht gezogen?« - -»Ich habe daran gedacht, aber in diesem Falle kann eine Aberration gar -nicht stattfinden, da die Sannah sich direkt nach dem Sterne Alpha -bewegt.« - -»Was ist denn das, wenn ich mir zu fragen die Erlaubnis herausnehmen -darf, die Aperition?« frug John. - -»Da die Erde sich mit ungeheurer Geschwindigkeit durch den Weltraum -bewegt,« erklärte der Professor, »so ändert sich der Standpunkt des -Beobachters mit der Erde fortwährend. Richtet man nun ein Fernrohr auf -einen Stern, so braucht der Lichtstrahl, der das äußerste Ende des -Teleskops, das Objektiv, trifft, einige Zeit, um bis zum untern Ende, -dem Okular, zu gelangen. - -Diese Zeit ist zwar sehr kurz, aber doch ist die Erde inzwischen -weitergeeilt und die Richtung des Fernrohrs hat sich verschoben. Um -daher den Stern überhaupt durch das Fernrohr sehen zu können und ihn -dauernd zu beobachten, muß man dem Rohr eine andere Richtung geben, als -die Strahlen des Sternes eigentlich verfolgen: das Okular muß in der -Richtung der Erdbewegung um so viel zurückliegen, als sich die Erde -vorwärts bewegt in der Zeit, die das Licht braucht, um den Weg vom -Objektiv bis zum Okular zurückzulegen. Dadurch tritt eine scheinbare -Verschiebung des Sternes ein, das heißt, man sieht ihn nicht genau an -der Stelle des Himmels, wo er sich eigentlich befindet, oder vielmehr -befand, als das Licht von ihm ausging, das jetzt unser Auge trifft. - -Wenn sich nun der Beobachter geradewegs auf den Stern zu bewegt, so -findet keine Aberration statt; am größten ist diese, wenn man sich in -senkrechter Linie zu den von ihm ausgehenden Strahlen fortbewegt.« - -»Wir reisen also nun zu solch einem Stern?« fragte John weiter: »Können -wir bald dort sein?« - -Schultze lächelte achselzuckend: »Was heißt bald? Weißt du, wie weit -diese Fixsterne von der Erde entfernt sind? Alpha Centauri soll ihr am -nächsten stehen, und doch berechnet man seine Entfernung auf 4½, -mindestens aber 3½ Lichtjahre.« - -»Was ist das, wenn Sie gestatten, ein Lichtjahr?« - -»Das ist der Weg, den das Licht in einem Jahre zurücklegt, nämlich die -Kleinigkeit von 9463 Milliarden Kilometern.« - -»Und das nennen Sie dann eine Kleinigkeit? Das tun Sie wohl sozusagen -aus Spaßhaftigkeit?« - -»Ja, ja, mein Sohn; denn solche Zahlen sind so ungeheuerlich, daß man -seinem Humor etwas aufhelfen muß, wenn man von ihnen redet, sonst steht -einem der Verstand still. Oder willst du dir etwa eine Vorstellung davon -machen, was das bedeutet: Alpha Centauri ist 30000 bis 40000 Milliarden -Kilometer von der Erde entfernt?« - -John schüttelte hilflos den Kopf: »Und das sollte sozusagen unser -nächster Fixstern sein?« - -»Jawohl! Es kann ja welche geben, die dem Sonnensystem näher stehen, -doch man hat bis jetzt keinen entdeckt, das heißt keine geringere -Entfernung durch Messungen festgestellt. Alpha Centauri ist 9000mal -weiter von der Erde entfernt als Neptun, also 277000mal so weit wie die -Sonne. Ein Expreßzug würde 1250000 Jahre brauchen, um ihn zu erreichen.« - -Rieger machte große Augen. »Eine Million Jahre?« stammelte er: »Und da -sollen wir hin?« - -»Warum denn nicht? Nur daß wir einige Millionen mal schneller reisen als -ein Expreßzug. Die Amina, unser Komet, ist ein flinkeres -Beförderungsmittel, wie du siehst. Wenn ich übrigens vorhin von -Kleinigkeiten redete, so ist das nicht bloß Spaß gewesen, denn Sirius, -der helle Hundsstern, ist acht bis neun Lichtjahre von der Erde -entfernt, 1300mal so hell und 40000 bis 50000mal so groß wie unsere -Sonne; der Polarstern ist 40 Lichtjahre, Canopus, der hellste Stern am -südlichen Himmel, gar 269 Lichtjahre entfernt, er leuchtet 10000 bis -15000mal so hell als die Sonne und ist 1½ Millionen mal so groß; das ist -das mindeste: er kann auch hundert-, tausend- oder millionenmal größer -sein; das entzieht sich unserer Berechnung. Deneb im Schwan kann ebenso -groß oder noch größer sein als Canopus, und das gilt auch von Rigel, dem -hellsten Stern im Sternbild des Orion, an seiner untern Ecke rechter -Hand. - -Dieser prachtvolle Stern von rein weißem Licht mag 500 Lichtjahre -entfernt sein, also 30 Millionen mal so weit als die Sonne, die er -20000mal an Lichtstärke übertrifft. Wenn wir auf einem Blatt Papier die -Entfernung von der Erde zur Sonne mit 1 Millimeter bezeichneten, so -brauchten wir einen Bogen von 30 Kilometer Länge, um den Abstand Rigels -im gleichen Verhältnis einzuzeichnen. Begreifst du nun, daß die -Entfernung von Alpha Centauri eine Kleinigkeit ist?« - -»Allerdings, sozusagen nach der Verhältnismäßigkeit betrachtet.« - -»Nun gibt es aber möglicherweise unter den Fixsternen riesige Sonnen, -gegen die auch diese unausdenklichen Kolosse nur Sonnenstäubchen sind; -denn von den 100 Millionen Fixsternen, die vorhanden sein mögen, sind -uns nur etwa von 60 die Parallaxen bekannt.« - -John, der begierig jedes ihm unbekannte Wort aufschnappte und nach -seiner Weise verketzerte, fragte wißbegierig: »Und was dürfte dann unter -dieser benannten >Polaraxe< zu verstehen sein?« - -»Ja, wie soll ich dir das jetzt klar machen? Siehst du den Punkt hier -mitten an der Decke? Also von einem Ende dieses Saales richte ich ein -Fernrohr dorthin, du eines vom andern Ende aus. Diese Fernrohre sind -gegen einander geneigt in einem Winkel, dessen Spitze der beobachtete -Punkt ist. Nun, dieser Winkel, den die Linien bilden, die von dem Punkte -durch unsere beiden Fernrohre gehen, im Verhältnis zu der Entfernung -dieser von einander, ist die Parallaxe des Punktes. Wir können also -ebenso sagen, seine Parallaxe ist der Neigungswinkel, den unsere beiden -auf den Punkt gerichteten Teleskope zusammen bilden im Verhältnis zu -ihrer Entfernung von einander. - -Wenn wir nun die Entfernung von einem Ende des Saales bis zum andern -kennen und die Winkel, die unsere Fernrohre mit dem ebenen Fußboden -bilden, messen, so können wir die Höhe des Dreiecks berechnen, das der -Punkt an der Decke mit den beiden Punkten bildet, an denen die durch -unsere Teleskope gehenden Strahlen des beobachteten Punktes den Fußboden -treffen. Wir können also ausrechnen, wie weit der betreffende Punkt vom -Fußboden entfernt ist. - -Nun siehst du wohl, mein Freund, daß wenn wir statt des Punktes an der -Decke durch unsere Fernrohre einen Stern betrachten, der Tausende von -Millionen Kilometer entfernt ist, die Neigung unserer Rohre gegen -einander so unendlich klein wird, daß sie gleich Null erscheint. Wir -können also für den Stern keine Parallaxe finden. - -Je weiter wir jedoch von einander entfernt sind, desto mehr werden sich -die Teleskope gegen einander neigen, wenn wir sie auf denselben Punkt -richten. Man könnte also hoffen, die Parallaxe eines Sterns zu finden, -wenn man ihn in der gleichen Sekunde auf zwei weit von einander -entfernten Punkten der Erde beobachtet, deren gegenseitiger Abstand -bekannt ist, und wenn beide Beobachter den Winkel messen, den die -Richtung ihrer Teleskope mit der Ebene bildet. Ebensogut kann man dies -erreichen, wenn ein einzelner Beobachter von demselben Ort aus den Stern -zu verschiedener Nachtzeit beobachtet, wenn die Umdrehung der Erde -seinen Standpunkt um etliche tausend Kilometer verschoben hat. - -Aber solche Entfernungen erwiesen sich zu klein, es war keine meßbare -Neigung der Beobachtungsrichtungen zu einander festzustellen; also die -Fixsterne zeigten keine merkliche Parallaxe. - -Nun wählte man eine weit größere Grundlinie des Dreiecks: man -beobachtete die Sterne in Zwischenräumen eines halben Jahres. Bei der -ersten Beobachtung befand sich dann der Beobachter am einen Ende der -Erdbahn, bei der zweiten am andern; das bedeutete einen Abstand von 300 -Millionen Kilometern der beiden Beobachtungspunkte von einander. - -Groß war die Verblüffung, als auch da keine meßbare Parallaxe der -Fixsterne zu finden war! Erst mittelst äußerst verfeinerter Instrumente -gelang es Struve 1836 und Bessel 1839 die erste Fixsternparallaxe zu -messen. Man fand für den Stern 61 im Schwan auf diese Weise eine -Entfernung von 9½ Lichtjahren. Bessel dankte seinen Erfolg dem von -Fraunhofer hergestellten vorzüglichen Heliometer. Das ist derselbe -Fraunhofer, dem wir vorzüglich auch die Fortschritte der Spektralanalyse -verdanken.« - -John schnappte auch dieses Wort sofort auf und sagte bescheiden: - -»Wenn es Ihnen nicht zuviel sein dürfte, Herr Professor, meine Wenigkeit -auch über diesen mir noch dunkeln Punkt aufzuklären, so wäre ich -besonders dankbar, was ich schon lange wünschte, zu erfahren, was es mit -dieser Speck-Strahl-Anna-Liese für eine Bewandernis hat.« - -»Auch das sollst du wissen,« lachte Schultze: »Schau, wenn man einen -Lichtstrahl durch geschliffenes Glas gehen läßt, so löst er sich auf in -farbige Bänder und Streifen. Das nennt man nun ein Spektrum. Je schmäler -der Lichtstrahl ist, desto deutlicher ist sein Spektrum und da -beobachtet man zwischen den farbigen Bändern mehr oder weniger breite -dunkle Linien, die sogenannten »Fraunhoferschen Linien«, benannt nach -ihrem Entdecker. Ferner unterbrechen auch helle und farbige Linien das -Spektrum, und Kirchhoff und Bunsen wiesen nach, daß man aus diesen -Streifen, Linien und Bändern genau die Stoffe erkennen kann, die sich -als glühende Gase in einer Lichtquelle befinden; sogar nach Menge und -Mischung können sie erkannt werden. - -Auf diese Weise weiß man die Stoffe, welche in der Sonne und den Sternen -enthalten sind: Das Spektroskop verrät sie uns. - -Aber noch mehr hat es uns verraten. Wenn eine Lichtquelle sich rasch -bewegt, so verschieben sich die Spektrallinien gegen das violette Ende -des Farbenspektrums, wenn sich die Lichtquelle nähert, gegen das rote -Ende, wenn sie sich entfernt. Daraus hat man bei den Fixsternen, die -sich auf die Erde zu oder von ihr weg bewegen, sogar die Schnelligkeit -der Bewegung berechnen können.« - -»Ich meinte aber, die Fixsterne bewegen sich nicht,« wandte John ein. - -»Das glaubte man wohl früher; jetzt aber weiß man, daß sie ihre -Eigenbewegung haben. Diese läßt sich auch durch das Teleskop beobachten, -wenn sie senkrecht zur Gesichtslinie gerichtet ist. Da gibt es Sterne, -die schon in 200 Jahren um eine Vollmondsbreite am Himmel vorrücken, was -in Wirklichkeit Millionen und aber Millionen Kilometer bedeutet, -angesichts ihrer großen Entfernung. So scheint Arcturus zum Beispiel mit -670 Kilometern in der Sekunde hinzurasen, was tausendmal schneller ist -als das schnellste Geschoß; auch Alpha Centauri hat eine große -Eigenbewegung.« - -»Aha!« rief John verklärt: »Jetzt verstehe ich, warum man sie Fixsterne -heißt: weil sie wohl so fix dahinsausen.« - -Alle lachten über diese großartige Entdeckung. John aber ließ sich nicht -drausbringen. - -»Wie sieht es denn aber wohl aus auf dem Alphasaurus, zu dem wir -hinfliegen?« fragte er jetzt. - -»Dieser Stern ist der dritthellste am Firmament, aber nur von der -südlichen Erdhalbkugel aus zu sehen. Er gleicht unserer Sonne an -Helligkeit, Größe und Hitze.« - -»Dann müssen wir ja aber verbrennen,« rief John entsetzt. - -»Allerdings, wenn wir ihm zu nahe kämen,« mischte sich nun Flitmore in -die Verhandlung; »allein wir wollen hoffen, daß dies nicht der Fall sein -wird. Auf ein paar Millionen Kilometer kann ja der Professor unsere -Richtung nicht so genau bemessen. Da ist es immerhin möglich, daß wir -auf einem dunkeln Sterne landen.« - -»Wieso? Dunkle Sterne gibt es sozusagen auch?« rief John, aufs neue -überrascht. - -»Gewiß!« bestätigte der Lord: »Unsere Erde ist ein solcher Stern, ebenso -die Planeten, soweit sie kein eigenes Licht mehr ausstrahlen. Der Erde -leuchten sie ja sehr hell, oft heller als die strahlendsten Fixsterne; -aber das kommt nur daher, daß sie der Erde verhältnismäßig nahe sind und -ihr im Glanze des Sonnenscheins erscheinen, der sie erhellt. - -Aus der Entfernung, in der wir uns jetzt befinden, sehen wir keinen -einzigen der Planeten unseres Sonnensystems mehr; ebensowenig sehen wir -von der Erde aus die dunkeln Weltkörper der Fixsternwelt, die kein -eigenes Licht mehr haben.« - -»Ja, aber wie kann man in diesem vorausgesetzten Falle wissen, daß ihr -Vorhandensein eine Existenz hat?« - -Flitmore wollte antworten, aber Münchhausen unterbrach ihn: »Nehmen Sie -es nicht übel, Lord, aber das Mittagessen dampft auf dem Tisch und die -Lady möchte es schmerzen, wenn wir ihr Kunstwerk erkalten ließen, ehe -wir ihm die gebührende Ehre angetan haben.« - -»Ihnen wäre dies gewiß auch sehr schmerzlich!« lachte der Lord, »aber -Sie haben recht; alles hat seine Zeit. Also, John, gedulde dich, nach -dem Essen will ich dir auseinandersetzen, woher man weiß, daß es dunkle -Sterne gibt, auch wenn man sie nicht sehen kann.« - - - - - 32. Der Riesenkraken. - - -Johns Wißbegier wurde aber diesmal nicht so pünktlich befriedigt, wie er -es von seines Herrn Zuverlässigkeit hätte erwarten dürfen. - -Das war aber nur einem außerordentlichen Umstand, einem -unvorhergesehenen Ereignis zuzuschreiben, das für die Sannah und ihre -Insassen leicht hätte verhängnisvoll werden können. - -Gegen Ende der Mahlzeit nämlich ließ sich plötzlich ein heftiges -Geprassel vernehmen, unterbrochen von donnernden Schlägen, die das -Weltschiff in seinen Grundfesten erschütterten. Es war offenbar ein -Hagel von Meteoriten, der auf die Sannah niederging. - -Glücklicherweise waren die ersten Steine, die auf die Umhüllung sausten, -klein, und der Lord konnte durch einen Druck auf den entsprechenden -elektrischen Knopf die metallenen Schutzplatten oder Augendeckel über -sämtlichen Fensterlinsen schließen, so daß eine Zertrümmerung oder -Beschädigung derselben verhütet wurde. - -Bald aber prallten so ansehnliche Brocken auf die Oberfläche des -Fahrzeugs auf, daß man das Schlimmste befürchten mußte und selbst -Münchhausen seine gastronomische Tätigkeit unterbrach. - -Als das Gepolter und Gedonner aufhörte, machte der Lord mit John, Heinz -und dem Professor einen Rundgang durch die Sannah, um genau zu -untersuchen, ob die Decke nirgends beschädigt und durchschlagen worden -sei. Zu seiner großen Beruhigung und Befriedigung fand er, daß die -treffliche Metallhülle dem wuchtigen Hagel durchweg standgehalten hatte -und keinerlei Verletzung erkennen ließ. Außen hatte sie ja gewiß Beulen, -Schrammen und Schrunden davongetragen, danach konnte man zur Zeit nicht -sehen, denn dort draußen gähnte der leere Raum. Die Hauptsache aber -blieb, daß der Mantel nirgends durchlöchert war und so die kostbare Luft -nicht entweichen konnte. - -Als die Männer von ihrem Rundgang zurückkehrten, hatte Münchhausen auch -seine Mahlzeit beendet, die er nach Überwindung des ersten Schreckens -fortgesetzt hatte. - -»Ihre Ruhe ist beneidenswert,« sagte Schultze kopfschüttelnd: »Während -wir, von der Sorge um unser Leben getrieben, nachsehen, ob die Sannah -kein verhängnisvolles Loch davongetragen habe, lassen Sie sich's ruhig -schmecken, als sei nichts geschehen und nichts zu befürchten.« - -»Sie halten das ja wohl für sträflichen Leichtsinn und tadelnswerte -Gefräßigkeit,« erwiderte der Kapitän: »In Wahrheit jedoch ist es -vernünftige Philosophie und Überlegung. Denn, sagen Sie selber: wenn Sie -zu viert ausziehen, nach einem etwaigen Schaden zu sehen, wozu soll ich -als fünftes Rad am Wagen mittrotteln? Und schließlich, entweder die -Sannah hat eine gefährliche Verletzung davongetragen oder nicht. Ist sie -unbeschädigt, so wäre die Unterbrechung meiner Mahlzeit zum mindesten -überflüssig gewesen, wäre jedoch ein gefährliches Leck vorgefunden -worden, so hätte sie auch da rein gar nichts helfen können; im -Gegenteil, mit leerem Magen steht man einer Gefahr viel hilfloser und -schwächlicher gegenüber als mit dem Gefühl der Sättigung, das einen zu -ruhigerer Überlegung befähigt.« - -»Na! Allenfalls hätten Sie mit wohlgefülltem Wanst unter Umständen auch -ein großes Loch mit Ihrer werten Persönlichkeit verstopfen können, bis -wir es kalfatert hätten, um den Luftaustritt zu verhindern,« höhnte -Schultze. - -»Spotten Sie nicht,« mahnte der Kapitän würdig, »zu solcher Aufopferung -wäre ich stets bereit gewesen und auf ähnliche Art habe ich sogar schon -einmal ein großes Schiff vor dem sichern Untergang gerettet.« - -»Oho! Erzählen Sie!« rief Flitmore, sich in einen Sessel werfend. - -»Gerne!« erklärte Münchhausen bereitwillig. »Es ist gar nicht so lange -her: meine zunehmende Leibesfülle erschwerte mir bereits meinen Dienst -als Schiffskapitän, als mein stattliches Schiff eines Tages auf ein -unterseeisches Riff aufstieß, das auf keiner Seekarte verzeichnet war. -Wir bekamen ein Leck von solcher Größe, daß trotz allen Pumpens der -untere Schiffsraum sich fabelhaft rasch mit Wasser anfüllte. Unser -Untergang schien unvermeidlich, denn eine Küste, wo wir hätten landen -können, war nicht in Sicht. Die Felsspitze, die uns so verhängnisvoll -geworden war, mußte einer einsamen unterseeischen Insel angehören. - -Ich begab mich mit dem Schiffszimmermann und zwei Matrosen hinunter, um -zu sehen, ob dem Leck denn gar nicht beizukommen sei; doch es befand -sich schon völlig unter Wasser. Auf einem schmalen Balken turnte ich -über dem gurgelnden Naß gegen die Schiffswand, als ich plötzlich ein -schlangenähnliches Wesen da unten herumplätschern zu sehen vermeinte. -Bald tauchten drei, vier solcher Schlangen von etwa sechs Meter Länge -auf. Kein Zweifel! Ein Riesenkraken, auch Polyp oder Tintenfisch -genannt, streckte seine schrecklichen Fangarme durch das Leck ins -Schiffsinnere; sein Leib, so weich und elastisch er war, konnte wegen -seiner kolossalen Dicke nicht eindringen. - -Plötzlich schnellte so ein Riesenarm auf mich zu, und wie ich erschreckt -ausweichen will, verliere ich das Gleichgewicht und stürze ins Wasser. - -Sofort umklammert mich das Seeungeheuer mit seinen sämtlichen Fangarmen -und sucht mich zu sich hinauszuziehen. Glücklicherweise war nun wiederum -ich zu dick. Mein Bauch wurde gegen das Loch gepreßt, das er völlig -verstopfte, während ich den Kopf noch über Wasser halten konnte. - -Meine Begleiter sprangen alsbald ins Wasser mir zu Hilfe: sie wollten -mit ihren Messern die Fangarme des Polypen durchschneiden und mich so -aus der erstickenden Umarmung befreien. Ich aber hatte sofort erkannt, -daß uns hier der einzige Weg zur Rettung des Schiffes gewiesen war, und -ich bedachte mich keinen Augenblick, mein Leben zu opfern, wenn es sein -sollte, um Fahrzeug und Mannschaft zu retten. - -Ich rief daher den Matrosen zu, sie sollten ihre Messer in Ruhe lassen, -dagegen starke Taue an die einzelnen Glieder des Kraken binden. Sie -wußten nicht recht, was das sollte, doch, gewohnt, mir blindlings zu -folgen, führten sie die schwierige und nicht ungefährliche Arbeit aus. - -»Nun ziehet die Leinen straff an,« rief ich, als die Sache soweit war, -»und knüpft sie an einem Längsbalken fest, daß die Fangarme gestreckt -werden!« Mit Hilfe einiger weiterer herbeigeeilter Mannschaften wurde -dies ausgeführt und der Tintenfisch mußte mich aus der Umklammerung frei -geben, als seine Glieder mit aller Gewalt angezogen und gestrafft -wurden. - -Halbtot fischte man mich aus dem Wasser und ich verlor das Bewußtsein, -während man mich an Deck trug, wozu nicht weniger als sechs Mann -erforderlich waren. - -Der Polyp aber saß fest und sein weicher, kolossaler Leib war durch die -strammgezogenen Seile derart in das Leck gezwängt, daß es völlig -verstopft wurde und kein Tropfen Wasser mehr eindringen konnte. - -Bis ich aus meiner Ohnmacht erwachte, war das Wasser schon soweit -ausgepumpt, daß der Zimmermann an die beschädigte Stelle gelangen und -sie kalfatern konnte, wobei gemäß dem Fortschreiten der Arbeit dem -Kraken die Arme einzeln abgetrennt wurden, bis er mit Verlust seiner -Glieder das Weite suchen konnte und die letzte Lücke hinter ihm -vernagelt wurde. Nun war das Schiff gerettet, und meiner Leibesfülle war -dies in letzter Linie zu danken; denn wäre ich so schlank gewesen, wie -Sie, meine Herren, so hätte mich das widrige Scheusal mit Leichtigkeit -durch das Loch hinausgezogen, ich wäre eines elenden Todes gestorben und -mein Schiff mitsamt der Mannschaft wäre rettungslos zugrunde gegangen.« - -»Ein Hoch auf Ihren segensreichen Körperumfang!« rief Schultze, sein -Glas füllend und erhebend. - -»Und auf Ihre edle Opferfreudigkeit,« fügte Flitmore hinzu, ebenfalls -mit dem schmunzelnden Kapitän anstoßend und in die allgemeine Heiterkeit -einstimmend. - -»Das war sozusagen ein großartig zu nennendes Abenteuer,« meinte John, -»aber wenn ich mir nun erlauben darf, Mylord, Sie daran zu erinnern, so -haben Sie mir versprochen, zu erklären, wie man wissen kann, daß außer -den leuchtenden Sonnensternen auch noch dunkle Sterne vorhanden sein -dürften, trotzdem man sie nicht sehen kann.« - -Flitmore gab bereitwilligst Auskunft, indem er begann: »Zunächst kann -man es vermuten, denn die Fixsterne sind doch lauter leuchtende, -glühende Sonnen, meist viel größer als unsre irdische Sonne. Wenn nun um -diese mehrere dunkle Planeten kreisen, warum nicht auch um die Millionen -andrer Sonnen im Weltraum? - -Sodann unterscheidet man drei Klassen von Fixsternen je nach ihrer -Lichtstärke. Die erste Klasse umfaßt die weißleuchtenden Sterne, die -sich noch in höchster Glut befinden, also wohl die jüngsten sind. Zu -diesen gehören Regulus im Löwen, Sirius im großen Hund, Wega in der -Leier. Auch die blauen Sterne gehören hierher. - -Die zweite Klasse umfaßt die gelben Sterne, ähnlich unsrer Sonne, die -schon von niedererer Temperatur und Helligkeit sind. In die dritte -Klasse rechnet man die rotglühenden Sterne und die orangeroten. - -Zwischen diesen Klassen und in denselben gibt es aber alle möglichen -Zwischenstufen und Übergänge, und manche Astronomen unterscheiden noch -eine vierte Klasse der blutroten Sterne von geringer Helligkeit und eine -fünfte, die nur einige wenige Sterne umfaßt, die das Spektrum des -Wasserstoffs geben. - -Die erste Klasse umfaßt die meisten Fixsterne, die zweite etwa die -Hälfte der ersten, die dritte ungefähr den achten Teil. Daraus schließt -man, daß ein Stern doppelt so lang im ersten als im zweiten Zustand -bleibt und in diesem viermal so lang als im dritten. Diese Ansicht -übersieht jedoch völlig, daß uns die hellsten Sterne aus einer -Entfernung sichtbar sein können, aus der das Licht weniger heller -Weltsonnen gar nicht mehr bis zu uns dringt, daß wir also auch so -rechnen können: aus der entferntesten Region des sichtbaren Weltalls -leuchten uns nur die Sterne erster Klasse, die andern sehen wir nicht; -aus der mittleren Region werden uns auch die Sterne zweiter Klasse noch -sichtbar und nur aus der uns nächsten Region auch noch schwächer -leuchtende. Natürlich kommt dabei auch noch die Größe der Sterne in -Betracht, da wir einen Stern zweiter Klasse vielleicht noch aus einer -Entfernung erkennen können, aus der uns ein millionenmal kleinerer Stern -erster Klasse nicht mehr zu Gesichte kommt. - -Das kommt daher, daß das Licht im Raum nicht ungeschwächt vordringt, -sondern mit der Entfernung zunehmend an Glanz einbüßt: der im Raum -enthaltene Stoff schluckt etwas von dem ihn durcheilenden Lichte an; das -nennt man Absorption. Und gerade diese Lichtabsorption, für die man -verschiedene Beweise hat, gibt uns die Gewißheit, daß der Raum nicht -leer ist, sondern von einem Stoff erfüllt, der Licht aufzusaugen vermag. - -Es ist nun klar, daß auf eine bestimmte Entfernung hin das Licht eines -Sternes schließlich völlig aufgesogen sein muß, und so nimmt man an, daß -Sterne, die über 16000 Lichtjahre von uns entfernt sind, überhaupt kein -Licht mehr so weit zu bringen vermögen und uns daher ewig unsichtbar -bleiben. - -Was also über diese Lichtgrenze unsrer Welt hinausgeht, bleibt uns -unbekannt; kein Fernrohr, und wäre es millionenmal stärker als wir sie -bauen, vermöchte den Schleier zu lüften, keine photographische Platte -wäre dazu imstande, und wenn sie millionenmal empfindlicher wäre als die -Platten, die uns jetzt schon Sterne nachweisen, die man mit dem besten -Teleskop nicht zu finden vermag. - -Nun aber zurück zu den dunkeln Welten: sehen wir, daß die Fixsterne sich -in den verschiedensten Stufen der Glut befinden, manche schon im -Erlöschen begriffen, was liegt näher, als daß auch Millionen schon -längst erloschener Weltkörper im Raume sich bewegen, die uns das -schwache Licht, das sie von ihren Sonnen empfangen, nicht zu Gesicht -bringen können? Dazu kommt noch unser Glaube an des Schöpfers Weisheit -und Güte: sollte er Millionen Sonnen erschaffen haben ohne einen Zweck? -Oder sollten sie nicht vielmehr dienen, Welten zu erleuchten und zu -erwärmen, die von den Wundern Gottes überfließen, und wo lebendige Wesen -sich ihres Daseins freuen? - -Einige Astronomen nehmen an, daß das Weltall Tausende von Millionen -Sonnen und Hunderttausende von Millionen dunkler Welten besitze und zwar -solche von ungeheurer Größe. Sie glauben auch nicht, daß der Raum von -drei- bis viereinhalb Lichtjahren, der unser Sonnensystem von der -Fixsternwelt trennt, eine weltenleere Einöde sein könne, sondern daß -einige Millionen dunkler Körper sich darin finden könnten, so große -sogar, daß unser Sonnensystem sich um sie drehe. Denn nichts beweist -uns, daß sich leuchtende und nichtleuchtende Weltkörper nicht auch um -ein erloschenes dunkles Gestirn drehen können, sofern es groß genug ist. - -Dies alles sind ja zunächst nur Vermutungen, wenn auch solche, die die -größte Wahrscheinlichkeit für sich haben. Aber wir haben auch Beweise -für das Vorhandensein solcher dunkler Weltkörper. - -Wenn ein dunkler Trabant zwischen uns und seiner Sonne vorübergeht, so -werden wir ja für gewöhnlich davon nichts merken können, weil bei der -ungeheuren Entfernung die Verfinsterung allzu gering ist, sobald er -wesentlich kleiner ist als seine Sonne, was wir ja gewiß als das -Gewöhnliche annehmen müssen. Dennoch gibt es Fixsterne, die uns erkennen -lassen, daß ein dunkler Trabant sie umkreist; das sind die sogenannten -veränderlichen Sterne, aber das soll dir der Professor erklären, ich -habe es nicht so im Kopf.« - -»Gerne!« erklärte Schultze bereitwillig. »Veränderliche Sterne heißt man -diejenigen, deren Helligkeit zu Zeiten abnimmt, um dann aber wieder -zuzunehmen. Man unterscheidet da den Miratypus, den Lyratypus und den -Algoltypus.« - -»O, wie fein das klingt!« unterbrach John: »Miratyphus, Liratyphus und -Alkoholtyphus.« - -Das herzliche Gelächter, das seine Repetition der melodischen Namen -erweckte, nahm er gewohntermaßen nicht übel. - -Der Professor aber machte weiter: »Der Stern Mira, das heißt >Der -Wunderbare<, im Walfisch strahlt gelegentlich als Stern erster oder -zweiter Größe, aber nur wenige Wochen lang. 70 Tage später ist er schon -so lichtschwach, daß er nur noch im Fernrohr sichtbar ist, noch weiter -an Glanz abnehmend. Späterhin nimmt sein Licht wieder zu und zwar viel -rascher, als es zuvor abgenommen. Nachdem er dem bloßen Auge wieder -sichtbar geworden, erreicht er in 40 Tagen seinen höchsten Glanz. Diese -Perioden dauern durchschnittlich 333 Tage von einem Höhepunkt zum -andern, sind aber nicht ganz regelmäßig, auch der Glanz des Sterns -erreicht nicht immer die gleiche Höhe. - -Man nimmt daher an, Mira sei eine erlöschende Sonne, die sich wie unsre -Sonne periodisch mit vielen Flecken überzieht, nur noch mit viel mehr. -Wenn unsre Sonne einmal so weit kommt, muß alles Leben auf Erden zu -Grunde gehen. Auch die Spektralanalyse beweist die Ähnlichkeit dieses -Wundersterns mit der Sonne. - -Heute kennt man hunderte von veränderlichen Sternen vom Miratypus, die -meist in Perioden von 300 bis 400 Tagen ihr Licht wechseln. Manche aber -sind völlig unregelmäßig, bleiben jahrelang unveränderlich oder leuchten -binnen weniger Stunden mit großer Schnelligkeit hell auf. Das scheint -auf gewaltige Umwälzungen hinzuweisen, die sich dort abspielen. - -Der Stern Beta in der Leier zeigt den sogenannten Lyratypus; der -Lichtwechsel geht ziemlich pünktlich vor sich, seine Stärke aber nimmt -nicht gleichmäßig zu, sondern geht zwischenhinein wieder herunter. Man -nimmt an, daß wir es hier mit halberstarrten Sonnen zu tun haben, die -uns abwechselnd ihre erkalteten und ihre unregelmäßig verteilten -glutflüssigen Oberflächenteile zuwenden. - -Zwischen diesen beiden Typen gibt es noch allerlei merkwürdige -Abweichungen, wie zum Beispiel der besonders wundersame Stern S im -Schwan, der 2 Monate lang unverändert bleibt, dann rasch um das 12 bis -14fache an Glanz zunimmt, einmal 5, das andremal 10 Tage lang so hell -bleibt, um darauf nach einer Woche wieder so schwach zu leuchten wie -zuvor. Aber das geschieht nicht regelmäßig, sondern öfters zeigt er -wieder andre Perioden. - -Ein andrer Stern wechselt in der fabelhaft kurzen Periode von 4 Stunden -und 13 Sekunden, was darauf hindeutet, daß er sich in dieser Zeit um -seine Achse dreht oder von einem andern Stern mit solch ungeheurer -Geschwindigkeit umkreist wird. - -Dies führt uns zur dritten Klasse der veränderlichen Sterne, derer vom -Algoltypus. Diese zeigen ein rein weißes Licht, können also keine -erlöschenden Sonnen sein, auch sind ihre Perioden von genauester -Pünktlichkeit. - -Algol im Perseus bleibt 2½ Tage unverändert als Stern zweiter Größe -gleich dem Polarstern; dann nimmt seine Leuchtkraft erst langsam, dann -immer schneller ab; nach 4½ Stunden ist er nur noch ein Sternchen -dritter bis vierter Größe, nimmt aber sofort wieder zu und ist nach -weiteren 4½ Stunden so hell wie zuvor. - -Hiefür gibt es nur _eine_ Erklärung: Algol wird uns verfinstert durch -einen dunklen Weltkörper, der ihn in 2 Tagen, 20 Stunden, 48 Minuten und -55 Sekunden umläuft, denn so viel beträgt die Periode. - -Dieser dunkle Begleiter muß seiner Sonne sehr nahe sein und beinahe so -groß wie sie, sonst könnte er uns, wie schon gesagt, seine Sonne auf -solch ungeheure Entfernung hin nicht verfinstern; natürlich muß auch -seine Bahn unsere Gesichtslinie kreuzen, daher ist es erklärlich, daß -man nur etwa 20 veränderliche Sterne vom Algoltypus kennt. Bei allen -sind die Perioden sehr kurz, zwischen 20 Stunden und 9½ Tagen. - -Störungen weisen darauf hin, daß Algol mehr als einen Trabanten hat, und -wir dürfen hier ganze Sonnensysteme vermuten, aber auch dort, wo kein -dunkler Begleiter sich uns durch seine Größe und geringe Entfernung von -seiner Fixsternsonne verrät. - -Schließlich verrät uns auch das Spektroskop dunkle Trabanten der -Fixsterne dadurch, daß die Linien ihres Spektrums genau innerhalb der -Lichtwechselperiode sich verschieben.« - -»Aus alledem,« sagte Flitmore, »siehst du, daß dunkle und wohl auch -bewohnbare Weltkörper zur Genüge vorhanden sein müssen. Gott gebe nur, -daß wir zu rechter Zeit einen solchen auffinden und glücklich dort zu -landen vermögen.« - - - - - 33. Ohne Luft! - - -Fünf Monate dauerte schon die unheimliche Reise der Sannah mit dem -Kometen und noch war Alpha Centauri so weit entfernt, daß sich nicht -sagen ließ, wann man in seine Nähe kommen werde. Nun wurde öfters des -Lords Nährmaschine in Tätigkeit gesetzt, damit die zusammenschmelzenden -Lebensmittelvorräte gespart werden konnten. Sie lieferte denn auch eine -sehr nahrhafte, stärkende und auch schmackhafte Kost, die freilich auf -die Dauer die natürlich entstandenen Nahrungsmittel nicht vollwertig -hätte ersetzen können. - -»Leider erweist sich Ihre Vermutung über die Geschwindigkeit Aminas als -unrichtig,« sagte Flitmore eines Tages zu Schultze. - -»In der Tat,« erwiderte der Professor, »ich habe sie bedeutend -überschätzt. Wenn man keine sichern Unterlagen für eine Berechnung -besitzt, kann man sich leicht um das zehn- und hundertfache verrechnen -bei solch fabelhaften Zahlen.« - -»Ein schlechter Trost,« seufzte der Lord; »was aber noch bedenklicher -ist, auch ich habe zu optimistisch gerechnet, wenn ich glaubte, meine -Sauerstoffvorräte würden elf Monate ausreichen: wir sind nicht viel mehr -als halb so lange unterwegs, und bis auf eine kleine Kammer sind schon -alle geleert; Ozon haben wir überhaupt keines mehr.« - -»Wie lange kann uns die Luft noch reichen?« fragte Münchhausen. - -Der Lord zuckte die Achseln: »Bei äußerster Sparsamkeit, und zwar bei -alleräußerster, drei Wochen; dann ist es aus mit uns.« - -»Sparen wir!« sagte der Kapitän trocken. - -»Das werden wir tun; aber es wird eine böse Zeit werden und wer weiß, ob -es uns etwas hilft!« - -Von jetzt ab wurde der geringe Rest an Sauerstoff so ängstlich zu Rate -gehalten, daß die Luft in der Sannah für die Lungen kaum noch brauchbar -war. - -Die Folgen zeigten sich auch bald bei allen: an mehr als die -notwendigste Tätigkeit war nicht mehr zu denken, da eine furchtbare -Mattigkeit und Erschlaffung sich der Ärmsten bemächtigte. Röchelnd und -nach Luft schnappend lagen sie umher und überließen sich so viel als -möglich der bleiernen Schläfrigkeit, die sie gefangen hielt; denn im -Schlaf verbrauchten sie am wenigsten von der kostbaren Luft. - -Je mehr sich der Hunger nach Luft steigerte, desto weniger wollte ihnen -Essen und Trinken mehr schmecken. Bleich und eingefallen, Gespenstern -gleich, schlichen sie durch die Räume, wenn sie sich vom Lager erhoben, -suchend, ob nicht irgendwo bessere Luft zu finden sei; aber sie war -überall verbraucht und vergiftet. - -Nicht mehr von Tag zu Tag, nein, von Stunde zu Stunde steigerten sich -jetzt die Qualen, und die Wächter hatten die schwere Pflicht, mit -äußerster Willensanspannung den Schlaf zu überwinden, um die -erstickenden Genossen rechtzeitig wecken zu können: sonst wäre -schließlich niemand mehr aufgewacht! - -»Erfinden Sie etwas, um künstlichen Sauerstoff herzustellen oder um die -verbrauchte Luft wieder für die Atmung tauglich zu machen,« keuchte der -Kapitän: »Mit mir geht's zu Ende, Lord!« - -Flitmore lächelte schwach und wehmütig und sah nach Mietje, die mit -geschlossenen Augen krampfhaft zuckend im Sessel lehnte. »Ja, wenn ich -das zu erfinden vermöchte! Hilft uns Gott nicht, so sind wir alle -verloren. Aber _bald_ muß die Hilfe kommen: ich habe ja berechnet, daß -uns der Sauerstoff bei dem gegenwärtigen Verbrauch noch vier Tage -reichen kann; aber ich sehe ein, so geht es nicht weiter, wir brauchen -unbedingt bessere Luft, es ist die höchste Zeit. Und so muß die -Sparsamkeit ein Ende haben; ich bin entschlossen, den ganzen Rest unsres -Vorrats auf die nächsten 24 Stunden zu verteilen. Dann leben wir noch -einmal auf, ein letztesmal. Was dann weiter kommt, steht in des -Allmächtigen Hand!« - -Mit diesen Worten schlich sich der Lord weg, um die Ventile zu öffnen, -die den gepreßten Sauerstoff in das einzige noch bewohnte Zimmer strömen -lassen sollten. - -Die Lady erhob sich wie im Traum und verließ mühsam das Gemach. - -Heinz, dem nichts Gutes ahnte, folgte ihr. Er fand sie in einer Stube, -in der die beiden Schimpansen erstickend am Boden lagen: man hatte die -Affen, so leid es einem tat, entfernen müssen, daß sie nicht auch noch -halfen, ihren menschlichen Leidensgefährten das letzte bißchen Luft -wegzuatmen. - -»Was haben Sie im Sinn?« fragte Heinz die Lady. - -Diese sah ihn müde an: »Was liegt an mir? Es kommt vor allem darauf an, -die Männer am Leben zu erhalten, bis Gott ihnen Rettung sendet. Ich will -ihnen nicht die letzten Aussichten nehmen.« - -»Sie wollen hier ersticken?« rief Heinz entsetzt. - -»Hier oder dort, das ist doch einerlei,« sagte die Lady lächelnd. - -»Aber hier ist es in einer Stunde aus mit Ihnen; dort können Sie noch 24 -Stunden aushalten, und zwar in verhältnismäßig guter Luft, da der Lord -die Luft gründlich verbessern will.« - -»Gehen Sie, vielleicht wird dadurch Ihr Leben verlängert bis die Hilfe -kommt, und die wird nicht ausbleiben, dessen bin ich sicher.« - -»Nein, Lady! Ein solches Opfer können wir nicht annehmen, auch ist es -zwecklos.« - -»Wer weiß?« - -»Nun, so bleibe ich auch da; dann ....« - -Weiter kam er nicht, ein furchtbarer Stoß erschütterte die Sannah, ein -Krachen und Knistern erscholl und pflanzte sich wie rollender Donner -durch die Metallhülle weiter. Alle Räume erbebten. Dann wurde es still. - - - - - 34. Ein verhängnisvoller Zusammenstoß. - - -»Gott sei uns gnädig! Was war das?« schrie Lady Flitmore. - -»Wenn nur kein Unglück die andern betroffen hat!« rief Heinz. - -Und so schnell ihre schwachen Kräfte es ihnen erlaubten, eilten sie -zurück in das Zenithzimmer. - -»Was ist geschehen?« rief ihnen hier Münchhausen entgegen. - -»Das wollten wir Sie fragen,« gab Heinz zurück. - -»Wo ist mein Gatte?« forschte Mietje besorgt. - -»Da kommt er!« sagte Schultze aufatmend. - -Der Lord trat ein. Todesblässe bedeckte sein Antlitz. - -»Gottlob! Dir ist nichts passiert!« rief die Lady, alles andre -vergessend. - -»Wir wollen uns auf unser Ende vorbereiten,« erwiderte Flitmore dumpf: -»Es ist keine Hoffnung mehr für uns, mit dem Leben davonzukommen, die -nächsten Stunden bringen den Tod.« - -»Kein Sauerstoff mehr da?« fragte der Kapitän. - -»Ein großes Meteor hat die Sannah gestreift und ihre Umhüllung -zertrümmert und zwar mußte es gerade unsre letzte Sauerstoffkammer sein, -deren Decke durchlöchert wurde. Natürlich ist alles in den leeren Raum -entwichen. Als ich die Ventile öffnen wollte, erfolgte gerade der Krach. -Ich ahnte, was geschehen und blickte durch das Seitenwandfenster in den -Raum, der durch das Licht des Kometen erhellt wurde, das durch die -zertrümmerte Decke eindringt.« - -Eine tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigte sich aller. Nur John -entfernte sich stillschweigend. Er wußte eigentlich selber nicht, warum; -doch gedachte er, sich den Schaden zu besehen und einen Rundgang durch -das Weltschiff zu machen, um festzustellen, ob sonst alles in Ordnung -sei. - -In Ordnung! Ja, wenn nur Luft dagewesen wäre! Es war eine mühsame -Wanderung durch die sauerstoffleeren Räume und oft drohten dem Diener -die Kräfte zu versagen; doch heldenmütig schleppte er sich weiter. - -Im Nordpolzimmer sah er die beiden Schimpansen sterbend am Boden liegen. -Sie dauerten ihn. - -Er richtete die treuen Tiere auf, die sich krampfhaft an ihn -festklammerten. - -»Ihr sollt nicht so lange leiden müssen,« sagte er: »Wir wollen alle -drei hinaussteigen, wo gar keine Luft ist, dann sind wir gleich tot!« - -Gleichzeitig begab er sich zur Lucke, um sich mit den Affen in den -leeren Raum zu stürzen, denn er war der Meinung, sie würden hinabfallen; -die Anziehungskraft des Mittelpunktes der Sannah, die ihn an der -Oberfläche der Umhüllung festhalten würde, hatte er nicht begriffen. - -Es waren durchaus keine Selbstmordgedanken, die John zu diesem -anscheinend so verzweifelten Schritte trieben; klare Gedanken vermochte -er überhaupt nicht mehr zu fassen, da das Blut dumpf in seinen Schläfen -hämmerte, seine Lunge keuchte und röchelte, und seine Kiefer umsonst -nach Luft schnappten. Ein dunkler Nebel umfing seine Sinne. Aber der -gleiche Gedanke, der Mietje bewogen hatte, sich opfern zu wollen, -dämmerte auch im Hintergrunde von Johns Seele, als er zur Lucke -hinaufkletterte: er wollte von dem letzten Restchen Luft seinem Herrn -nichts mehr wegatmen. Und dann war es noch das Mitleid mit Dick und -Bobs, die ein rasches Ende finden sollten. - -Unterdessen sahen die andern im Zenithzimmer einem langsamen, -schrecklichen Ende entgegen. Immerhin konnte es nicht lange mehr dauern, -so würde eine wohltätige Bewußtlosigkeit eintreten und ihnen das Gefühl -der letzten Qualen ersparen. - -Lord Flitmore war gefaßt und in den göttlichen Willen ergeben. - -Heinz und Mietje zeigten sich ebenfalls ruhig: schwer wurde ihnen nur, -daß sie sich nicht für die andern opfern konnten, das hatte jetzt keinen -Zweck mehr. - -Der Kapitän war der Unruhigste: ihm paßte das Ersticken durchaus nicht -und er sehnte sich nach einer frischen Seebrise. So murmelte er denn hie -und da etwas vor sich hin, das nicht danach klang, als habe er mit der -schnöden Welt bereits abgeschlossen. Doch er war kein Hasenfuß und kein -Zweifler; gewiß fand er sich auch noch in sein Schicksal, er mußte nur -zuvor noch einiges überwinden. - -Im Stillen bewunderte er Professor Schultze: der schien auf einmal alles -vergessen zu haben und so schwer auch er mit dem Luftmangel kämpfte, -in den letzten Viertelstunden seines Lebens noch ganz von -wissenschaftlichem Eifer beseelt zu sein. - -Der Zusammenstoß hatte seine Wißbegierde erregt und er forschte -angestrengt nach dessen Gründen. - -»Es ist klar,« sagte er endlich mit schwacher Stimme: »Ein neuer Komet -ist die Ursache des Verhängnisses, dieser neue Komet ist durch den -Schweif der Amina gefahren und ein fester Bestandteil seines eignen -Schweifes hat unsre Sannah getroffen. - -Auch sind wir vom Kopfe unsres Kometen viel weiter entfernt als bisher: -es scheint zwischen den beiden Haarsternen ein heftiger Kampf um unsre -Wenigkeit entbrannt zu sein: der neue Komet will uns mit sich -fortreißen, die Amina will uns nicht freigeben! Es wäre wirklich -interessant, zu erleben, welcher von beiden es gewinnt: kommt die Sannah -los vom Kometen Amina, so führt sie der andre Komet wahrscheinlich -zurück nach unserm irdischen Sonnensystem.« - -»Wirklich hochinteressant,« sagte der Kapitän spottend. »Nur schade, daß -wir das Ende des Kampfes nicht erleben und daß die Rückfahrt in unser -Sonnensystem uns ziemlich einerlei sein kann; denn was kümmert's uns, wo -unser großer Sarg landet. Ja, wenn Sie uns verkünden könnten, daß irgend -in der Nähe ein Hoffnungsstern uns leuchtet, daß wir innerhalb einer -halben Stunde irgendwo landen können, das ließe ich mir gefallen, da -hätten Ihre Beobachtungen doch einen vernünftigen Zweck.« - -In abgebrochenen Sätzen, oft unterbrochen durch das vergebliche Suchen -nach mehr Luft, hatte Münchhausen diese Rede hervorgestoßen. Schultze -aber erwiderte etwas kleinlaut: - -»In letzterer Beziehung allerdings sieht es schlimm aus: Alpha Centauri -ist uns zwar verhältnismäßig sehr nahe gekommen, es lassen sich sogar -schon leuchtende Trabanten seines Sonnensystems unterscheiden; doch -einige Tage brauchten wir noch mindestens, um einen davon zu erreichen, -selbst wenn wir nicht jetzt auch noch dadurch aufgehalten würden, daß -zwei Kometen sich um uns balgen.« - -»Also aussichtslos!« brummte Münchhausen; und nun ward es wieder stille -im Zimmer. Man hörte nur noch Stöhnen und Röcheln. - -Flitmore beugte sich über seine Gattin. Sie hatte das Bewußtsein -verloren und würde es wohl auch nicht wieder erlangen. Es wäre zwecklos -und grausam gewesen, sie wieder zur Besinnung zurückrufen zu wollen. - -Heinz schaute mit erlöschenden Blicken umher; er vermißte John: »Rieger -fehlt!« hauchte er. - -Niemand erwiderte hierauf etwas. - -Schultze blickte immer noch zum Fenster hinaus. - -Plötzlich verdunkelte sich dieses; ein Schatten fiel darauf und nun -wurde der Professor auf einmal lebendig, durch das höchste Erstaunen -aufgeregt. - -»Da hört sich doch aber alle Wissenschaft auf!« keuchte er: »Da steht ja -John Rieger, die treue Dienerseele! Mitten im luftleeren Raum! Ja, er -lebt noch, er bewegt sich, er scheint ganz munter! Das ist ja die -reinste Unmöglichkeit.« - -Inzwischen war John außen auf die dicke Scheibe niedergekniet, winkte -und klopfte aus Leibeskräften. - -»Er tut ganz verzweifelt! Natürlich, er hält es keine Minute mehr aus -ohne Luft. Wie er aber auch da hinauskommt und warum?« machte Schultze -kopfschüttelnd weiter. »Soll ich ihn einlassen?« - -»Natürlich!« sagte Flitmore. - -»Meinetwegen!« stimmte der Kapitän bei: »Obgleich uns die letzte Luft -entweichen wird, wenn wir die Lucke öffnen.« - -»Da ist ja auch Bobs! Nein, der tanzt ja ordentlich und schlägt -Purzelbäume!« rief Heinz verwundert, während der Professor sich -anschickte, eiligst die Lucke zu öffnen, um John einzulassen, den er im -Todeskampfe wähnte. - -Doch noch ehe Schultze geöffnet, hatte Rieger sich besonnen, daß ja die -Türen auch von außen aufgemacht werden konnten. - -Es eilte ihm offenbar ungeheuer und er konnte es nicht abwarten, bis die -da drinnen ihm den Zugang frei legten; er drückte auf den Knopf und -langsam drehte sich die dicke Metallplatte in ihren Scharnieren. - -Nun mußte die Luft vollends in den leeren Raum entweichen, aber was -machte das schließlich aus, sie war ja Gift und ein rasches Ende konnte -nur willkommener sein als ein langwieriger Todeskampf. - -Aber da geschah ein Wunder! - - - - - 35. Ein Wunder. - - -Schultze, der der Öffnung ganz nahe stand, spürte einen frischen Luftzug -hereinwehen! - -Obgleich sich da selbstverständlich alle und jede Wissenschaft aufhörte, -sprach er doch kein Wort, sondern sperrte Mund und Nase auf, um die -köstliche, belebende Luft in seine Lungen aufzunehmen. - -»Nein! Herrscht bei Ihnen eine abscheuliche Stickluft,« rief John -herein, indem er den Kopf in die Lucke steckte: »Kommen Sie doch schnell -alle heraus.« - -»Kannst du denn schnaufen im luftleeren Raum?« rief der Kapitän von -unten: er war empört, denn es schien ihm, als treibe der Diener einen -höchst unangebrachten Scherz mit ihnen. Vielleicht hatte er den Verstand -verloren, der arme John! Oder war er schon ein Verstorbener, ein Geist, -der keiner Luft bedarf? Münchhausen jedenfalls brauchte noch Luft zum -Leben, das spürte er nur zu sehr! - -John aber rief herab: »Es herrschen ja sozusagen die herrlichsten -atemsphärischen Verhältnisse hier draußen! Wirklich, werter Herr -Kapitän, eine köstliche Atemsphäre, und das Merkwürdigste ist, man fällt -gar nicht herunter von der Sannah: ich bin vom Nordpolfenster bis hier -heraufgestiegen, wie ich der Meinung nach gesagt haben würde, aber in -Wirklichkeit konnte ich von einer Steigung nichts verspüren: überall war -ich oben und wenn ich dann meinte, ich müsse mit größter Vorsichtigkeit -an der Rampe hinunterklettern, weil es überall rund hinunter ging, so -war das auch wieder gar nicht so und keinerlei Redensart von einem -vorhandenen Abstieg, sondern immer nur oben. Die Affen springen um die -ganze Sannah rings herum, daß man meint, jetzt fallen sie, jetzt stürzen -sie ganz ins Weite; aber sie bleiben unentwegtermaßen in vollster -Aufrichtigkeit ihrer leiblichen Haltung.« - -Den letzten Teil seiner sprudelnden Rede hielt John an Professor -Schultze hin, der inzwischen hinausgeklettert war und nur atmete, -atmete. - -Jetzt nahm er endlich das Wort: »Daß man um die ganze Sannahkugel -herumlaufen kann, ohne in den Weltraum zu fallen, das hat seine -Richtigkeit und selbstverständlich befinden wir uns an ihrer Oberfläche -überall oben. Aber daß im luftleeren Weltraum eine so tadellose Luft -vorhanden ist, das kann absolut nicht stimmen und geht nicht mit rechten -Dingen zu: Da hört sich ja einfach alle Wissenschaft auf!« - -Nun war es heraus! - -Jetzt aber wandte er sich zurück und rief in die Stube hinab: - -»Was wollt Ihr denn dort unten noch länger mit der Atemnot kämpfen? -Macht, daß ihr herauskommt: tatsächlich ist hier draußen eine Luft, die -lebendig und gesund macht! Es ist zwar selbstverständlich ein -unmöglicher Umstand und die reinste Torheit, es zu glauben, aber ich -versichere euch, es ist doch so, tatsächlich so!« - -Unterdessen hatte der frische Luftzug von oben seinen Weg nach unten -gemacht und war auch Flitmore, Heinz und Münchhausen in die Nasen -gedrungen. - -Da raffte sich der Kapitän auf und bewegte seine Leibesmasse -schwerfällig empor, um die köstliche Atmosphäre aus erster Hand zu -genießen. - -Als er mit Kopf und Brust aus der Lucke emporgetaucht war, blieb er -atemlos stehen und stützte sich mit den Armen auf den Türrahmen. Und -jetzt atmete und pustete er wie eine Dampfmaschine. - -»He!« mahnte Schultze: »Machen Sie, daß Sie vollends herauskommen!« - -Münchhausen schüttelte den Kopf: »Muten Sie mir keine übermenschlichen -Anstrengungen zu. Hier will ich verschnaufen. Ah, herrlich, köstlich!« - -»Aber Mensch! Wenn Sie mit Ihrem Bauch die ganze Lucke verstopfen, -müssen ja die dort unten elendiglich umkommen! Haben Sie denn gar kein -Mitleid mit Ihren Nebenmenschen?« - -»Ja so!« stammelte der Kapitän beschämt: »Da dachte ich ja gar nicht -daran vor lauter Lebensluft, die mir zuströmt.« Und nun krabbelte er -vollends heraus. - -Jetzt kamen der Lord und Heinz nach, die Mietje an die freie Luft -emportrugen. - -Die Lady war noch immer ohnmächtig, als sie aber draußen in die -sauerstoff- und ozonreiche Luft gebettet wurde, kam sie bald zu sich und -fühlte sich nach kurzer Zeit so gekräftigt, daß sie sich zu erheben -vermochte. - -Nun wurde ein Spaziergang rings um das Weltschiff gemacht, ein -köstlicher Spaziergang! Dabei wurden sämtliche irgend vorhandenen Lucken -geöffnet, um die verdorbene Luft entweichen und die frische Atmosphäre -einströmen zu lassen. - -»Und sagen, daß wir um ein Haar allesamt elend erstickt wären, da uns -die Lebensluft doch rings umgab!« sagte Münchhausen. »Gestorben wären -wir, nur weil wir nicht wußten, daß es eigentlich gar keine Not hatte! -Hätte John nicht zufällig, oder besser durch göttliche Fügung, den Gang -ins Freie angetreten, unsre Unwissenheit hätte uns das Leben gekostet.« - -»Es ist aber auch rein unerklärlich, wie wir in einen mit Luft erfüllten -Winkel des Weltraums geraten konnten,« meinte der Professor. »Es war -gewiß niemand zuzumuten, daß er auf diesen himmelfern liegenden Gedanken -käme.« - -»Doch!« widersprach Flitmore nachdenklich: »Eigentlich hätte ich daran -denken, ja es bestimmt wissen sollen. Sie haben da wieder ein Beispiel -dafür, Professor, wie wir Menschen, die wir uns so gar gescheit dünken, -mit Blindheit geschlagen sind, und oft nicht einmal die nächstliegenden -vernünftigen Folgerungen zu ziehen vermögen aus dem, was wir bereits -erkannten.« - -»Wieso denn?« - -»Nun, ich setzte Ihnen doch auseinander, daß meiner Ansicht nach der -Stoff, der den Weltraum erfüllt, nichts andres sein kann als verdünnte -Luft und daß jeder Planet oder vielmehr jeder rotierende Körper durch -eine Umdrehung und Anziehungskraft die Luft um sich her verdichtet und -sich so mit einer Lufthülle umgeben muß. - -Welcher Schluß lag nun näher, als daß dies auch bei unsrer Sannah der -Fall sein müsse? Warum sollte sie sich nicht auch mit einer Atmosphäre -umgeben, die sie aus dem Weltraum an sich riß?« - -»Nein!« rief Schultze, sich an die Stirn schlagend: »Solch ein alter -Esel, wie ich bin! Und solch einen Menschen tituliert man Professor! Die -Sache ist ja sonnenklar! Bei unsern Landungen merkten wir natürlich -nichts davon, weil wir die Sannah erst verließen, wenn sie sich in der -Atmosphäre eines Weltkörpers befand. Aber hätten wir in der Zwischenzeit -nur auch ein einzigesmal eine Lucke ein klein wenig geöffnet, so wäre -uns frische Luft entgegengeströmt!« - -»Natürlich,« sagte der Lord wieder, »das wagten wir nicht, daran dachten -wir überhaupt nicht, weil wir stets im Wahne befangen waren, dort außen -gebe es keine Luft, die wir atmen könnten, vielmehr umlaure uns Tod und -Verderben und lediglich der luftdichte Abschluß aller Lucken, der das -Entweichen der Innenluft verhindre, schütze uns vor dem Erstickungstod.« - -»Ich konnte das ja natürlich nicht ahnen,« sagte Münchhausen, »aber daß -unser Lord und vor allem Sie, allerweisester unter den Professoren, -nicht so weit dachten, das ist eine Schmach für die ganze Menschheit. -Was? Da halten Sie uns eingeschlossen wie in einem Bergwerk oder in -einem Unterseeboot, bis wir beinahe erstickt sind, statt zu sagen: Na, -Kinder! Machen wir die Pforten auf, spazieren wir hinaus, ein wenig -frische Luft schöpfen? Heinrich Schultze, Sie reden immer vom Aufhören -aller Wissenschaft, wenn Sie nur erst einmal des Wissens Anfänge inne -hätten!« - -»Wenn ich mir erlauben darf, richtig verstanden zu haben«, mischte sich -John jetzt in die Unterhaltung, »so schiene mir aus Ihren respekttiefen -Reden ersichtlich zu sein, als ob diese Luft auch sonst früher vorhanden -gewesen sein müßte.« - -»Gewiß,« sagte Flitmore, »seit unsrer Abfahrt von der Erde besitzt unsre -Sannah eine regelrechte Atmosphäre, die sich unaufhörlich aus dem -Raumstoff ergänzt und erneuert.« - -»Ah!« rief Lady Flitmore: »Da hätten wir ja schon öfters solche -prächtige Spaziergänge im Freien machen können. Schade, daß wir's nicht -wußten; aber jetzt wollen wir's nicht wieder versäumen.« - -»Nein, meine Liebe,« sagte der Lord. »Vor allem aber wollen wir Gott -danken, daß er uns das, was uns zuvor nur als eine Annehmlichkeit -erschienen wäre, im Augenblick der äußersten Not erkennen lehrte, da es -unser aller Leben rettete!« - -Entzückend war der Wandel im Freien wahrhaftig zu nennen; nicht nur -wegen der gesunden Luft, die begreiflicherweise anfangs allen das -Wichtigste war, sondern auch wegen der wechselnden Aussicht, die man auf -den Sternhimmel genoß. - -Die Oberfläche der Kugel mit ihren etwas mehr als 63½ Ar bot Raum genug, -sich zu ergehen; der Umfang von 141,3 Metern gestattete, in zwei Minuten -die ganze Sannah in beliebiger Richtung völlig zu umwandeln. - -So konnte man den gesamten Sternhimmel bewundern. - -Am nächsten standen der Sannah noch die beiden Kometen; doch schien es, -als ob beide sich nach entgegengesetzten Richtungen hin von ihr -entfernten: somit wäre das Weltschiff aus der gezwungenen Gefolgschaft -der Amina befreit worden, offenbar dadurch, daß der neue Komet die -Sannah ebenfalls angezogen hatte, ohne sie jedoch ganz mit sich -fortreißen zu können, da die Anziehungskraft des ersten sie noch -genügend zurückhielt. - -Die meisten Sternbilder am nördlichen und südlichen Himmel erschienen -durchaus nicht viel anders, als von der Erde aus gesehen; die Entfernung -dieser Gestirne war so groß, daß die 3½ Lichtjahre, die man ihnen näher, -bezw. ferner gekommen war, gar nicht in Betracht kamen. - -Diejenigen Sternbilder jedoch, denen man sich wesentlich genähert hatte, -(das heißt eigentlich nur einzelnen ihrer Sterne), erschienen ziemlich -verändert oder stark verschoben. - -Man befand sich hier im Reiche der Fixsterne, und doch eigentlich wieder -nur in der Nähe eines fremden Sonnensystems, von dem die Fixsternwelt -ebenso fern schien wie von der Erde aus. - -Schultze gab dieser Beobachtung folgendermaßen Ausdruck: - -»Wir sind dem Sonnensystem Alpha Centauri ganz nahe und doch weit -entfernt, etwa im Sternbild des Centauren uns zu befinden, wie es sich -der Erde darstellt; denn die andern Sterne dieses Sternbildes sind uns -meist himmelfern und scheinen von hier aus auch einer abgelegenen -Fixsternwelt anzugehören.« - -»Von der Erde aus betrachtet, sind wir hier unter den Fixsternen; von -hier aus betrachtet aber sind uns die Fixsterne ebenso entlegen wie der -Erde, wogegen uns die irdische Sonne einen Bestandteil des -Fixsternhimmels auszumachen scheint.« - - - - - 36. In der Fixsternwelt. - - -Die frische Luft regte den Appetit mächtig an und Münchhausen war der -erste, der dies bemerkte. - -»Wie wäre es,« sagte er, »wenn wir für heute unsern Luftwandel -einstellten und zunächst eine ausgiebige Stärkung zu uns nähmen? Mir -ist, als hätte ich seit acht Tagen nichts gegessen.« - -»Unsre Mahlzeiten sind in letzter Zeit allerdings etwas zu kurz -gekommen,« lachte Flitmore; »der Mangel an Lebensluft und Stoffwechsel -ließ keinen rechten Hunger aufkommen.« - -»Nicht einmal bei mir,« bestätigte der Kapitän. - -»Was viel sagen will!« spottete Schultze. - -»Komm, John!« gebot Lady Flitmore: »Eilen wir in die Küche, ein Festmahl -zu bereiten, so rasch wir eines zustande bringen; wir müssen heut unser -aller Geburtstag feiern.« - -»Brava!« rief Münchhausen; »brava, Mylady, das ist ein genialer Gedanke. -In der Tat sind wir heute alle zu neuem Leben wiedergeboren.« - -Mietje begab sich mit John hinab und die andern folgten. - -Während erstere sich in die Küche begaben, blieben letztere im -Zenithzimmer. - -»Ich glaube,« sagte hier Flitmore, »ich habe nun auch eine Erklärung -dafür gefunden, warum der Komet Amina uns entführt hat: - -Sie wissen, meine Herrn, daß nach meiner Ansicht alle Körper mit -Anziehungskraft und Fliehkraft ausgestattet sind und sich demnach -gleichzeitig anziehen und abstoßen, so daß sie sich einander bis zu der -Entfernung nähern, wo Anziehung und Abstoßung sich ausgleichen und -einander aufheben. - -Nun scheint mir in der Kometenmaterie die Fliehkraft zu überwiegen. -Daher kommt es, daß die durch die Sonnennähe aufgelösten Massen dieses -Stoffes mit solcher Wucht von der Sonne abgestoßen werden, daß sie einen -Schweif von vielen Millionen Kilometern bilden.« - -»Das würde auch erklären,« fügte Schultze bei, »warum ein Komet, wenn -er, durch die Geschwindigkeit seines Laufes die Zentrifugalkraft bis zu -einem gewissen Grade unwirksam machend, dem Jupiter sehr nahe kommt oder -gar die Korona der Sonne durchsaust, zwar zertrümmert und aufgelöst -werden kann, niemals aber auf diese Weltkörper fällt.« - -»Auch das!« stimmte der Lord zu. »Nun aber zieht Fliehkraft die -Fliehkraft an: nur so ist es begreiflich, daß ein Komet seinen -ungeheuren Schweif mit sich führen und späterhin wieder einziehen kann, -während die Weltkörper, die etwa diesen Schweif kreuzen, nichts davon -mitnehmen, eben weil die Fliehkraft in ihm vorherrscht.« - -»Aber die Sternschnuppenregen und Meteorsteinfälle?« wandte Heinz ein. -»Tatsächlich werden eben doch Teile eines Kometen oder seines Schweifes -von der Erde angezogen.« - -»Gewiß!« gab Flitmore zu: »Wir müssen uns eben vorstellen, daß zwar die -Fliehkraft in den Kometen überwiegt, einzelne Bestandteile aber doch -positiv magnetisch sind: gerade das könnte die lockere Schweifbildung -erklären, da sich dann Bestandteile darin finden würden, die einander -bis zu einem gewissen Grade abstoßen müßten. Jedenfalls wäre klar, warum -der Komet unsre mit Fliehkraft geladene Sannah anziehen und mit sich -fortreißen mußte.« - -»Ich begreife,« sagte der Professor: »Und teils die rasende -Geschwindigkeit der Fahrt, teils das Vorhandensein anziehender Elemente -im Schweife verhinderte es, daß wir durch Ausschalten des Stroms -freikommen konnten.« - -»So stelle ich es mir allerdings vor,« sagte der Lord. »Nun hat uns der -andre Komet aus dem Anziehungsbereich der Amina fortgerissen, ohne uns -jedoch festhalten zu können, weil die mit einander streitenden Kräfte -unsre Sannah schließlich an die Grenze der Anziehungssphäre beider -Kometen brachten. Und nun werde ich mich beeilen, den Zentrifugalstrom -auszuschalten, damit wir von dem Sonnensystem Alpha Centauri angezogen -werden und, wenn wir einen günstigen Planeten entdecken, dort landen -können.« - -Da dies allgemein für das Beste gehalten wurde, stellte Flitmore alsbald -die Fliehkraft ab. - -Dem Festmahl, das nun aufgetragen wurde, sprachen alle wacker zu und es -entwickelte sich eine behagliche und heitere Stimmung, die nach den -ausgestandenen Leiden und Todesängsten doppelt erquickte. - -Dann ergab man sich einem köstlichen Schlaf, wie man ihn schon lange -nicht mehr genossen hatte. - -Als unsre Freunde am andern Morgen im Zenithzimmer zum Frühstück sich -vereinigten, flutete heller Sonnenschein durchs Fenster, ein Wunder, das -mit größter Überraschung und einem wahren Jubelausbruch begrüßt wurde; -denn seit dem Verlassen des irdischen Sonnensystems war das blasse Licht -des Kometen und der Schein der elektrischen Glühbirnen der Sannah das -einzige Licht gewesen, das man gekannt. - -Sofort nach beendigtem Mahl eilten alle ins Freie, um das neue -Schauspiel zu genießen. - -Die Oberfläche der Sannah strahlte im hellsten Sonnenglanz. Ihre -Flintglasbekleidung verhinderte jedoch eine allzugroße Erhitzung. Es war -wie der plötzliche Einzug warmen, sonnigen Frühlings nach langer, -frostiger Winternacht! - -»Da sind ja sozusagen zwei Sonnen!« rief John aufs höchste überrascht, -»wenn ich mir erlauben darf, mich nicht wesentlich zu täuschen, was -nicht der Fall sein dürfte.« - -Alle sahen empor nach den blendenden Tagesgestirnen, die allerdings zu -zweit, anscheinend dicht neben einander am Himmel leuchteten. - -So merkwürdig dies aussah, lange konnte man nicht hinblicken: die Augen -hielten den Glanz nicht aus. - -»Das stimmt,« sagte Schultze: »Alpha Centauri ist ein Doppelstern.« Und -alsbald hielt er einen Vortrag über Doppelsterne, der hier ganz am -Platze war. - -»Das Vorhandensein solcher Doppelsterne,« sagte er, »ist erst seit -einigen Jahrzehnten bekannt. Allerdings hatte das Fernrohr den -Astronomen schon lange enthüllt, daß da, wo man mit bloßem Auge einen -einzigen Stern zu sehen vermeint, in Wirklichkeit zwei oder gar mehrere -sein können, und der neblige Schimmer der Milchstraße löste sich unter -dem Teleskop in dichte Massen zahlloser Sterne auf, so daß Herschel -anfangs vermutete, alle Sternnebel müßten sich in genügend starken -Instrumenten als solche Sternenhäufungen erweisen. Aber alle diese -Sterne erscheinen nur wegen ihrer perspektivischen Lage und unendlichen -Entfernung einander so nahe zu sein, daß sie für das bloße Auge zu einem -zusammenhängenden Gebilde werden. In Wirklichkeit sind sie durch -Himmelweiten von einander getrennt und sind durchaus nicht das, was man -Doppelsterne und mehrfache Systeme nennt. - -Die wirklichen Doppelsterne sind zwei Sonnen eines Sonnensystems, deren -eine die andere umkreist. Bessel war der erste, der im Jahre 1847 -verkündigte, Sirius im großen Hunde, sowie Procyon im kleinen Hunde -müßten dunkle Begleiter haben. - -Zwanzig Jahre später wurde der Begleiter des Sirius, den Bessel durch -bloße Berechnung erraten hatte, von Alvon Clark entdeckt. Er schien halb -so groß wie Sirius, also 12 bis 15 mal so groß wie unsere Sonne, aber -10000mal lichtschwächer, immerhin noch selbstleuchtend, sonst wäre er -unsichtbar geblieben. Seine Entfernung von Sirius ist gleich der des -Uranus von unserer Sonne. - -Bessel hatte aus den ganz eigentümlichen Bewegungen des Sirius die -Umlaufzeit seines Begleiters auf 50 Jahre berechnet; sie wurde denn auch -neuerdings mit 50,38 Jahren bestimmt. - -Die Doppelsterne« umkreisen einander meist in sehr langgestreckten -Ellipsen. Die Umlaufzeit der Doppelsterne, die durch die sichtbare -Veränderung ihrer Lage bestimmt werden konnte, beträgt im Mindestmaß 5,7 -Jahre. Doppelsterne mit noch kürzerer Umlaufzeit stehen einander zu -nahe, um auch mit den besten Teleskopen noch getrennt gesehen werden zu -können. - -Hier hat uns denn das Spektroskop neue Enthüllungen gebracht; man sah in -den Spektren einiger Sterne periodische Doppellinien auftreten, die mit -Sicherheit offenbarten, daß uns hier zwei Körper Licht sandten, von -denen sich einer auf uns zu, der andere von uns weg bewegte. Aus der -Verschiebung dieser Linien konnte man die Umlaufszeit nach -Sekundenkilometern berechnen, selbst ohne die Entfernung der -betreffenden Himmelskörper zu kennen. - -Alle spektroskopisch entdeckten Doppelsterne haben sehr kurze -Umlaufzeiten von einem Tag bis zu 3 Jahren. - -So wurde der Polarstern als Doppelstern mit viertägiger Periode und bloß -3 Kilometer Sekundengeschwindigkeit erkannt, sein Begleiter muß ihm also -äußerst nahe sein. - -Man hat Tausende solcher Doppelsterne entdeckt und kann getrost sagen, -sie scheinen die Regel zu bilden und ein Sonnensystem, wie das irdische, -mit einer einfachen Sonne, ist eine Ausnahme. Diese Sterne gehören -sozusagen dem Algoltypus an, oder wie Freund John sagt, dem -Alkoholtyphus, nur daß ihre Begleiter nicht dunkel sind, sondern -selbstleuchtende Sonnen, manche allerdings schon im Erlöschen begriffen, -wie bei Sirius. - -Es gibt aber nicht bloß Doppelsterne, sondern auch vielfache Systeme, -wie auch schon die Nebelflecke ein bis vier Zentralkerne aufweisen. Man -hat bis zu neunfachen Systemen entdeckt und wenn diese mehrfachen -Systeme verhältnismäßig selten erscheinen, so können sie -nichtsdestoweniger sehr zahlreich sein, da die kleineren Sonnen, so -leuchtend sie sein mögen, uns in solcher Entfernung nicht mehr sichtbar -werden können. - -Ein dreifacher Stern, Gamma in der Andromeda, ist ein funkelnder -Edelstein, der zu den herrlichsten des Himmels gehört. Schon kleine -Fernrohre offenbaren uns seine ganze Schönheit: sein Hauptstern leuchtet -in goldgelbem Lichte wie ein Topas, sein Nebenstern, der wieder doppelt -ist, strahlt in wundervollem blauem Glanz, ein blitzender Saphir. - -Auch das Spektroskop hat uns solche vielfache Systeme enthüllt: man -findet, daß periodisch sich verdoppelnde Linien sich in weiteren -Perioden nochmals spalten und so vierfache Systeme verraten. - -Was nun die Doppelsonne anbelangt, die wir hier vor Augen haben, so -scheinen uns die beiden Gestirne von hier aus recht nahe bei einander; -in Wirklichkeit sind sie 25mal weiter von einander entfernt als unsere -Erde von ihrer Sonne, also beinahe so weit als unser äußerster Planet -Neptun von der Erde entfernt ist, da er 29 Sonnenentfernungen von dieser -hat. - -Während Neptun sich in 165 Jahren um die Sonne bewegt, braucht die -Nebensonne unseres Alpha Centauri 81 Jahre, um ihr Zentralgestirn zu -umkreisen, welches etwa die doppelte Größe der irdischen Sonne hat.« - -»Und nun,« sagte Flitmore, »möge dieses Doppelsonnensystem der -Fixsternwelt uns seine Gotteswunder offenbaren!« - - [Illustration: Im Hochtale Edens.] - - - - - 37. Eine neue Erde. - - -Die Sannah stürzte auf Alpha Centauri zu. Je näher sie den beiden Sonnen -kam, desto größer erschienen diese und desto weiter ihr Abstand von -einander. - -Auf dem Wege zu ihnen aber befand sich ein weiß leuchtender Stern, den -Schultze durch das Fernrohr als einen dunkeln Planeten erkannte, der im -Lichte seiner beiden Zentralsonnen erstrahlte und Phasen zeigte wie der -Mond. Der Professor berechnete seinen Umfang auf das Doppelte des -Erdumfangs und seine Umdrehungszeit auf 50 Stunden. - -»Das soll unser nächstes Ziel sein,« erklärte Flitmore: »Wir haben nach -dieser ungeheuerlichen Reise wohl alle das Bedürfnis, einen Ruhepunkt im -Weltall zu suchen, und wenn wir finden, daß dieser verheißungsvolle -Planet uns die notwendigsten Lebensbedingungen bietet, so soll er für -die nächste Zeit unser Aufenthaltsort sein; dann sind wir vorerst -geborgen.« - -»Ja,« ergänzte Münchhausen, »und können uns den Kopf zerbrechen, wie wir -es anstellen sollen, den Weg zu unserer armseligen Erde zurückzufinden! -Mich beschleicht wenigstens öfters ein stilles, wehmütiges Heimweh nach -unserem fernen Planeten; aber Gott allein weiß, ob wir ihn jemals -wiedersehen werden! Offen gestanden, mir täte es leid, wenn er uns ewig -entrückt bleiben sollte.« - -»Schade wäre es,« gab Schultze zu, »schon deshalb, weil wir das Wissen -der staunenden Menschheit dann nicht durch den Bericht unserer -großartigen Entdeckungen bereichern könnten; auch könnte es dann -Jahrhunderte dauern, bis wieder einer auf unseres Lords großartige -Erfindung käme und der Verkehr zwischen der Erde und den Planeten ihres -Sonnensystems angebahnt würde. Andererseits eilt es mir jedoch durchaus -nicht mit der Heimkehr, denn ich ahne, daß uns noch die wunderbarsten -Entdeckungen bevorstehen.« - -»Glauben Sie, daß der Planet, dem wir uns nähern, bewohnt sein könnte?« -fragte Mietje, der es am meisten Freude gemacht hätte, wieder mit Wesen -menschlicher Art zusammenzutreffen und die mit einem Gefühl des Grauens -an den Saturn zurückdachte und nicht minder an den Mars, wo nur -Ungeheuer und widerliche Scheusale eine sonst öde Welt bevölkerten. - -»Möglich ist alles,« entgegnete der Professor bestimmt. »Selbst Snyder, -der nur an die allmächtige tote Natur und an die Allweisheit ihrer -Unvernunft glaubt, kann nicht umhin, zu erklären: »Nur ein Tor könnte -glauben, daß im unendlichen Raume die schrankenlos schaffenden Gewalten -des Weltalls zur Bildung einer einzigen bewohnten, von einer Sonne -erleuchteten Welt geführt hätten.« Der große Geometer Lambert ging noch -weiter und sagte, da uns das Mikroskop offenbare, daß auf der Erde alles -bewohnt sei, müsse auch im Weltall alles irgendwie Bewohnbare bewohnt -sein.« - -»Ja, das Bewohnbare!« warf Heinz ein: »Das haben wir ja auf dem Mars und -Saturn selber gesehen, obgleich auf ersterem die vernünftigen Wesen -ausgestorben scheinen, auf letzterem noch nicht vorhanden sein dürften. -Aber wir werden doch annehmen müssen, daß auch in den Verhältnissen der -unzähligen Planeten unendliche Verschiedenheit herrscht: auf dem einen -mag unerträgliche Hitze, auf dem andern unmenschliche Kälte das Leben -unmöglich machen; einer kann allzuschroffe klimatische Unterschiede, ein -anderer eine ungünstig beschaffene Atmosphäre haben und was dergleichen -mehr ist.« - -»Gewiß! Das geben wir alles zu,« meinte Schultze: »Das alles schließt -aber das Leben nicht aus, nicht einmal das Vorkommen vernünftiger Wesen. -Denken Sie doch daran, wie es schon auf Erden Lebewesen gibt, die -ungeheure Kälte- oder Hitzegrade unbeschädigt zu ertragen vermögen. -Früher war man der Ansicht, das Vorkommen von Lebewesen in größeren -Meerestiefen sei schon infolge des ungeheuren Wasserdrucks unbedingt -ausgeschlossen. Heute weiß man, daß ein sehr mannigfaltiges Leben auf -dem Meeresgrunde herrscht, und daß die Tiefseegeschöpfe eben in -wunderbarer Weise den Bedingungen angepaßt sind, unter denen sich ihr -Leben abspielt. So sagt denn auch der eben genannte Lambert, die -lebenden Wesen auf den verschiedensten Weltkörpern werden eben auch den -dort herrschenden Verhältnissen entsprechend gebaut und eingerichtet -sein, und dagegen läßt sich einfach nichts einwenden.« - -»Immerhin hat Lambert eine kühne Phantasie entwickelt,« sagte Flitmore: -»Ich will ja gewiß nichts dawider sagen, auch die kühnsten Phantasien -können mit der Wirklichkeit zusammentreffen. Er scheint sich etwa -gedacht zu haben, daß die Menschen nach dem Tode mit einem Leibe -versehen würden, der ihnen das Fortleben auf andern Weltkörpern -gestatte, und daß sie dann eben dahin kämen, wo der für sie geeignetste -Ort sei. So meinte er zum Beispiel, die Kometen wären der geeignetste -Aufenthaltsort für Astronomen und Jahrhunderte müßten ihnen dort sein -wie uns kurze Stunden.« - -»Unrecht kann ich ihm nicht geben,« erwiderte der Professor: »Verdanken -wir es nicht einem Kometen, daß wir bis in die Fixsternwelt vordringen -konnten? Welch ein erhebender Gedanke für einen Sternkundigen, mit einem -Kometen die unergründlichen Tiefen des Welltalls in nie endender Fahrt -zu durchreisen und immer neue Entdeckungen machen zu können, oft aus -nächster Nähe zu schauen, was er auf Erden kaum ahnen konnte! - -Gauß wies sogar den Gedanken nicht von der Hand, man könne sich mit den -Mondbewohnern in Verkehr setzen, dadurch, daß man durch die Bodenkultur -auf einer größeren Ebene der Erde die Figur des pythagoräischen -Lehrsatzes darstelle, indem durch breite Streifen hellgelber Kornfelder -schwarze Waldvierecke eingerahmt würden. Ja, man vermutete schon im -Ernst, die Marsbewohner bemühten sich, uns ähnliche Zeichen zu geben. - -Nüchterner zeigt sich Klein, wenn er sagt, wahrscheinlich sei nur eine -verhältnismäßig geringe Anzahl von Planeten mit vernünftigen Wesen -bevölkert; da aber die Zahl der Planeten nach Hunderten von Millionen -zählen dürfte, könne dies immerhin eine ganz bedeutende Zahl sein. Er -sagt ferner: >Viele darunter mögen von Wesen bewohnt sein, die uns -selbst in geistiger Beziehung weit überragen. Hier dürfen wir unserer -Phantasie frei die Zügel schießen lassen und überzeugt sein, daß die -Wissenschaft keinerlei Beweis weder für noch gegen die Richtigkeit eines -ihrer Gebilde liefern werde<.« - -»Und dabei ist zu berücksichtigen,« schaltete Flitmore ein, »daß Klein -lediglich solche Weltkörper in Betracht zieht, die menschlichen Wesen -wie uns ohne besondere Anpassung die nötigen Lebensbedingungen gewähren -würden.« - -»Für uns kommen zunächst auch nur solche in Betracht,« sagte Schultze: -»Jedenfalls können wir zur Zeit keinem Planeten einen Besuch abstatten, -auf dem wir nicht leben und atmen können, und mag er mit noch so -wunderbar angepaßten Lebewesen bevölkert sein, für uns ist es -ausgeschlossen, sie kennen zu lernen, so lange es uns an der notwendigen -Anpassung fehlt.« - -»Höchstens von der Sannah aus könnten wir sie beobachten,« meinte Heinz. - -»Kein übler Gedanke,« war des Professors beifällige Erwiderung. -»Jedenfalls glaubten viele große Astronomen an die Bewohntheit der -Planeten sogar im irdischen Sonnensystem: Huyghens, Littrow und viele -andere halten sie für sehr wahrscheinlich und heute noch kann nichts -Entscheidendes dagegen vorgebracht werden.« - -Anderntags war man dem neuen Planeten so nahe gekommen, daß man schon an -den Schattenflecken und an den Zacken seines Randes die Gebirge erkennen -konnte, die sich teilweise zu ganz ungeheuren Höhen erhoben; weite -blitzende Flächen verrieten die Meere, und gegen Abend nach irdischer -Zeitrechnung entdeckte man die Färbung des bewachsenen Landes und -erschaute spiegelnde Seen und silberglänzende Flußläufe. - -Flitmore erkannte die Notwendigkeit, durch zeitweise Unterbrechung des -Zentrifugalstroms die Annäherung, die mit wachsender Geschwindigkeit -erfolgte, zu verzögern. - -Er gönnte sich nur kurze Ruhe, während welcher Heinz das Weltschiff -abwechselnd sinken und steigen ließ. Dann löste der Lord den jungen Mann -in seinem Wächteramt ab und übernahm selber die letzten Maßregeln, um -eine sanfte, gefahrlose Landung zu sichern. - -Als Flitmore annehmen konnte, daß die Sannah schon ziemlich tief in die -Atmosphäre des Planeten gesunken sei, schaltete er den Fliehstrom ein -und begab sich nach außen. Bei ausgeschaltetem Strom wäre das -Hinausgehen gefährlich gewesen, weil nicht mehr der Mittelpunkt der -Sannah, sondern derjenige des Planeten die Schwerkraft durch seine -Anziehung beeinflußt hätte, und somit ein Absturz vom Weltschiff dem -Unvorsichtigen hätte drohen können. - -Als der Lord hinaustrat, stieg die Sannah unter dem Einfluß der -Zentrifugalkraft zunächst noch mit mäßiger Geschwindigkeit empor. - -Es war eine köstliche Luft, die da draußen wehte, ja sie schien Flitmore -etwas ganz besonders Einschmeichelndes und Belebendes zu besitzen, wie -keine Luft, die seine Lungen bisher geatmet hatten. Ein -unbeschreibliches Wohlgefühl erfüllte ihn, als er diesen balsamischen -Äther einsog, der von fremden, wunderbar wonnevollen Wohlgerüchen -durchdrungen schien. - -Da war kein Zweifel, das war nicht mehr die gewöhnliche Lufthülle der -Sannah, das war eine ganz neue, unbekannte Atmosphäre, der man sich -jedoch ohne alle Bedenken anvertrauen durfte. - -Nachdem der Lord dies festgestellt, eilte er wieder zurück, so gerne er -länger draußen geweilt hätte. Es galt jetzt, rasch und umsichtig die -Landung zu vollziehen, dann konnte man ja diesen köstlichen Äther zur -Genüge genießen. - -Flitmore weckte Schultze. - -»Ich möchte Sie bitten, Herr Professor,« sagte er, »nach den -Klingelzeichen, die ich Ihnen geben werde, den Strom ein- und -auszuschalten; ich will mich in das Antipodenzimmer ins Beobachtungsnetz -begeben, von wo ich die Landschaft unter uns überschauen kann. So kann -ich dafür sorgen, daß wir an einem günstigen Platze landen.« - -Als der Lord sich auf seinen Posten begeben hatte, sah er, daß das -Weltschiff über einem Hochgebirge schwebte, dessen Kamm schon so nahe -war, daß man über seine Ränder hinweg die umgebende Landschaft nicht -mehr zu erschauen vermochte: nur in weiten Fernen erblickte man -hügeldurchzogene Ebenen und ausgedehnte Meere, ohne weitere Einzelheiten -erkennen zu können. - -Er besann sich, ob er nicht wieder aufsteigen wollte, bis die Rotation -des Planeten ebenes Land unter die Sannah gebracht hätte; doch war es -schließlich nicht einerlei, wo man landete? Und unter ihm lachte ein so -himmlisch entzückender See, umgeben von märchenschönen Ufern in -leuchtender Blütenpracht, daß er dachte, es könne wohl kaum einen -schöneren Fleck geben als eben den, welchen der Schöpfer ihm hier vor -Augen führte. - -So gab er denn die Zeichen zum Einschalten der Fliehkraft nur so weit es -notwendig war, um den Absturz zu mildern, und nach wenigen Minuten sank -die Sannah sanft nieder auf eine blumenreiche Aue am Ufer des Sees. - -Das Fenster des Antipodenzimmers berührte den Boden; Flitmore konnte -nichts mehr sehen, eine kaum merkbare Erschütterung zeigte die -glattvollzogene Landung an: das Weltschiff hatte festen Fuß gefaßt und -ruhte sicher auf dem fremden Planeten. - -Nun begab sich Flitmore hinauf und fand die ganze Gesellschaft ermuntert -und voll Begier, zu schauen, was sich ihr nun offenbaren würde. - - - - - 38. Die Wunder Edens. - - -»Ah! Herrlich! Köstlich! Wunderbar!« klang es in Verzückung von aller -Lippen, als die Luft voll herber Frische und gleichzeitig erfüllt von -beinahe betäubenden aromatischen Düften durch die geöffnete Türe -hereinflutete. - -Die ganze Gesellschaft eilte hinaus, die Strickleiter hinabzuklimmen und -die Landschaft, die sie von unten her anlachte, übte einen solchen -Zauber auf sie aus, daß sie wirklich nicht wußten, ob das ein Traumbild -sei oder Wirklichkeit seine könne. - -Übrigens überkam alle das seltsame Gefühl, als ob der Abstieg einen ganz -außerordentlichen Kraftaufwand erfordere und wirklich eine Kletterpartie -darstelle, die mühsam und ermüdend hätte sein müssen, wenn der -ozonreiche Äther, den sie atmeten, sie nicht mit solcher morgenfrischer -Jugendkraft und überschwellender Lust, die neuen Kräfte zu betätigen, -erfüllt hätte, daß ihnen jede Anstrengung ein wahres Wonnegefühl -verursachte und von Ermattung keine Rede sein konnte. - -Münchhausen, der letzte beim Abstieg, empfand diese fremdartigen, -erhebenden Gefühle am deutlichsten, wie es bei seinen schwerfälligen -Körperverhältnissen begreiflich war. - -»Ich schwebe!« rief er wonnetrunken aus: »Ich fühle mich leichter als -eine Feder! In meiner zartesten Jugend fühlte ich mich nie so frisch. -Ich bin mehr als verjüngt, wirklich neugeboren: so wenig Gewicht spüre -ich mehr, daß ich kaum herabkomme; es ist mir, als könnte ich fliegen!« - -Man mußte lachen, wenn man seine wuchtige, massige Gestalt ansah und ihn -so von Leichtigkeit und Flugfähigkeit reden hörte und Schultze rief ihm -zu: - -»Na! Eine Kugel, wie Sie, Kapitän, sich schwebend vorzustellen, ist ein -unbezahlbarer Gedanke! Verzeihen Sie mir meine unhöfliche Heiterkeit, -aber ich kann nichts dawider. Nein! Wenn uns Lady Flitmore entschwebte, -so wäre dies höchst bedauerlich und schmerzlich für uns, doch nicht so -gar erstaunlich bei der Leichtigkeit, die wir hier, wie es scheint, alle -verspüren; aber Ihr Entschweben macht uns noch keine grauen Haare.« - -»Na, na!« bruddelte Münchhausen in komischer Entrüstung, als er jetzt -den Boden betrat: »Sie bleiben doch stets unvernünftig, einsichtslos und -zweifelsüchtig, oller Professor! Warten Sie nur ab, ob Sie nicht noch zu -Ihrer Beschämung oder zu Ihrem Entsetzen das Wunder erleben, daß Kapitän -Hugo von Münchhausen Ihren Blicken entschwebt gleich einer luftigen -Sylphide, so gerne Sie ihn zurückhalten möchten.« - -Der Kapitän als luftige Sylphide! Dieser Vergleich war gar zu köstlich, -um nicht ein allgemeines schallendes Gelächter zu erwecken. - -Münchhausen stimmte zwar mit ein, protestierte aber doch weiter: »Wegen -meiner etwas kugeligen Gestalt trauen Sie mir das Fliegen nicht zu? Da -sieht man wieder, wie wenig Logik die Menschen haben! Was ist denn -runder, voller, kugeliger als ein Luftballon? Kann der etwa deshalb -nicht steigen und schweben, he?« - -»Ja, Kapitän,« entgegnete Heinz: »Aber Sie sind doch nicht durch -Wasserstoff zu solcher Fülle gebläht?« - -»Viel mehr als luftiges Gas wird meine Leibeshülle zur Zeit nicht -enthalten,« behauptete der Schalk: »Wenigstens fühle ich mich ganz leer -und ausgehungert, obgleich es eine Schande ist, dies zu gestehen -angesichts dieser paradiesischen Landschaft. Jedenfalls werde ich ihren -ganzen Zauber erst dann voll zu würdigen verstehen, wenn ein -ordentliches Frühstück mir den nötigen Halt gegeben haben wird. He, -John! Du hast doch die Eßvorräte nicht vergessen.« - -»Nein, wertester Herr von Kapitän,« beeilte sich dieser zu versichern: -»Wie könnte ich mir gestatten dürfen, solcher Pflichtvergessenheit mich -schuldig machen zu können: schon habe ich allbereits den Semaphor -angesteckt.« - -Dabei wies er auf den dickbauchigen Samowar, die russische -Teekochmaschine. - -»Semaphor ist wieder gut!« lachte Schultze: »Du bist doch ein -urgelungener Kerl, John. Ein Semaphor ist nämlich ein Zeichentelegraph -und ein Samowar nicht ganz genau dasselbe.« - -»Ach, Herr Professor,« entschuldigte sich Rieger: »Diese chinesischen -Ausdrücke kann ich sozusagen nicht genau behalten, weil die chinesische -Sprache in meiner Schule nicht gelernt wurde und Sie verstehen ja schon, -ob ich nun Semaphor oder Samopher sage, was ja ziemlich einerlei -klingt.« - -Der gebildete Diener wußte nämlich, daß der Tee aus China stammt und -glaubte daher, der fremdartige Name der Teemaschine müsse chinesisch -sein. - -»Er hat gar nicht so unrecht mit dem Semaphor,« nahm ihn der Kapitän in -Schutz: »Die aufsteigenden Dämpfe des biedern Kessels sind wahrhaftig -telegraphische Zeichen, die von ferne einen köstlichen Labetrank -ankündigen.« - -Bald saßen alle mit dampfenden Teetassen und kräftiger Zuspeise zur Hand -da, obgleich sie außer dem Kapitän vor lauter Entzücken über die Wunder -ihrer Umgebung kaum ein leibliches Bedürfnis verspürten. - -Das Auge mußte aber auch trunken sein von der Pracht und Lieblichkeit, -die ihm hier in unendlicher Mannigfaltigkeit entgegenstrahlte. - -Da war zunächst die Flur, auf deren weichem Teppich man lagerte. - -»Ein weicher Teppich,« das war hier keine bloße Redensart: tatsächlich -waren diese fein gefiederten Gräser in ihrem durchsichtig leuchtenden -Grün so weich wie Flaum und Daunen. - -Und die Blumen dieser herrlichen Wiesen! In allen Farben leuchteten sie; -doch was ihnen den ganz besondern Reiz gab, war ihre unendliche -Zartheit, die selbst die Frühlingsblüten der Erde in Schatten stellte. -Wie ein Lichthauch, wie ein körperloser Duft, so wiegten sich diese -Sterne und Kelche in der balsamischen Luft, die von ihren tausend -Wohlgerüchen erfüllt war. - -So durchsichtig zeigten sich die Blütenblätter, daß man tatsächlich wie -durch feinstes buntes Glas den Hintergrund deutlich durchschimmern sehen -konnte; je nachdem aber das Licht auffiel, wurde es in den zartesten -Farben zurückgeworfen, so daß farbige Strahlenbündel von den Blüten -auszugehen schienen, obgleich sie nichts von eigener Leuchtkraft besaßen -und sich hiedurch von den Wunderblumen der Tipekitanga wesentlich -unterschieden; dennoch erschienen sie, wenigstens bei Tag, unendlich -reizvoller als diese. - -Diese fremdartige und doch so über die Maßen entzückende -Durchsichtigkeit schien überhaupt der Pflanzenwelt des paradiesischen -Planeten ihre besondere Eigenart zu verleihen. Dort erhoben sich Büsche -mit großen, prächtigen Blumen, gleich Glocken herniederhängend, gleich -Tellern und Schalen schwebend, gleich kleinen Ballons oder Seifenblasen -in runden, ovalen, zylindrischen oder zusammengesetzten Formen -emporstrebend; im Hintergrunde ragten Wälder von früchtebeladenen Bäumen -empor, teils schlanke, teils knorrige Stämme mit Zweigen voll Anmut im -Schwunge der Linien, mit Blättern gleich durchbrochenen Spitzen in allen -erdenklichen Musterungen; und das alles blinkte und glitzerte, wo es das -Licht zurückwarf, während es vollkommen durchsichtig erschien, wo die -Strahlen hindurchdrangen. - -Dabei wirkten diese durchsichtigen Formen vielfach wie Kristalle und -Prismen, brachen tausendfach die Lichter in allen Regenbogenfarben, -wodurch je nach der eigenen Färbung des Gegenstands und der Farbe der -durchscheinenden Strahlen die wundersamsten Tönungen und zartesten -Mischungen zustande kamen, so daß selbst die tiefsten Schatten das Auge -durch ihren Farbenreichtum erfreuten. - -Und nun erst der See, dieses lachende Himmelsauge! Ein Blau von einer -auf Erden nie zu schauenden Tönung, ein Hauch, ein Duft von Saphir -schien seine Grundfarbe auszumachen und hart am Ufer war er so -durchsichtig, daß die bunten Sandkörner am Grunde einzeln zu sehen -waren; wo sich aber die Farbenstrahlen, die sich rings in der Luft -kreuzten und mischten, in seinen Wassern spiegelten, da entstanden -Flächen von verschiedenster Färbung und das Auge irrte umher und wußte -nicht, wo es am schönsten sei, und dann wurde es wieder gefesselt von -dem Goldglanz, von dem Silberschimmer, von dem Rosenhauch da und dort, -als ob es sich nicht mehr loszureißen vermöchte von dem märchenschönen -Anblick. - -Aber es mußte wieder los: die Inseln und Inselchen, der wunderbare -Linienschwung der Ufer, die Buchten und Landzungen, die fernen -jenseitigen Küsten, die Hügelränder und die erhabenen Felsenmauern mit -ihren zackigen Kämmen und seltsamen Formen, -- das alles heischte sein -Recht und nötigte zu immer neuen Ausrufen des Staunens. - -In jedem Augenblick glaubte irgend wer in der Gesellschaft etwas Neues -entdeckt zu haben, das alles bisher Geschaute in Schatten stellte, und -man machte einander aufmerksam darauf und Augen und Seelen feierten -einen ununterbrochenen Festtag beseligenden Genießens. - -»Eden, Eden!« rief Flitmore aus, der völlig aus seiner gewohnten -kaltblütigen Ruhe gerissen war. »Welch andre Benennung könnten wir -finden, um diesem Paradiese seinen gebührenden Namen zu geben? Und wäre -der ganze Planet sonst eine trostlose, abschreckende Wüste, dieser eine -Fleck rechtfertigt es, daß wir ihn mit dem Namen des Landes bezeichnen, -das den Garten des Paradieses umschloß.« - -»Recht haben Sie,« rief der Professor seinerseits: »Eden soll dieser -neue Planet heißen!« - -Stunden vergingen, ehe der Bann des Schauens und Bewunderns soweit -gebrochen war, daß Heinz den Vorschlag machen konnte, nun endlich eine -Entdeckungswanderung zu unternehmen, da man lange genug der Ruhe -gepflogen habe. - -Alle waren damit einverstanden, denn eine jugendliche Unternehmungslust, -gepaart mit neugierigem Forschungstrieb, beseelte selbst die älteren -Herren. Nur der Kapitän erhob wieder Einspruch, indem er die Uhr zog. - -»Wir sitzen nun hier geschlagene vier Stunden,« sagte er: »Die Zeit ist -uns freilich wie im Fluge vorbeigegangen, da wir genug zu schauen und zu -genießen hatten. Nur an meinem Magen ging sie nicht spurlos vorüber. Es -ist lange her seit dem Frühstück und ich stimme für ein Mittagsmahl.« - -»Sie unverbesserlicher Genießer!« schalt der Professor. Flitmore aber -sagte: »Unser Freund hat recht, erledigen wir zuvor dieses leibliche -Bedürfnis, dann können wir unsre Entdeckungsreise um so länger -ausdehnen. Es wäre schade, wenn eintretender Hunger uns frühzeitig zu -deren Unterbrechung oder gar zur Rückkehr nötigte.« - -So wurde denn zuvor das Mittagsmahl bereitet und getafelt unter steter -Heiterkeit und in dauernd gehobener Stimmung, eine Wirkung, welche der -wunderbaren Luft und der herrlichen Landschaft wohl mit Recht -zugeschrieben werden konnte. - - - - - 39. Sonderbare Naturgesetze. - - -John war zuerst mit Stillung seines Appetits fertig, während der Kapitän -noch mit vollen Backen kaute. - -»Es wäre mir doch eine interessant zu prüfende Frage,« hub der Diener -des Lords an, »ob hier das Holz von unserer Erde im Wasser ebenso -untersinkt, wie auf dem Saturn der Fall sich augenscheinlich ereignete.« - -Damit warf er ein Holzscheitchen weit hinaus in den Bach, der den Abfluß -des Sees zu bilden schien, denn man befand sich hier am äußersten Ende -des letzteren. - -Alle sahen dem Scheite nach. Aber höchstes Erstaunen spiegelte sich in -ihren Mienen und Schultze sprang auf die Beine mit dem Rufe: »Da hört -sich doch aber alle Wissenschaft auf!« - -Das Holz war nicht etwa untergesunken, aber es schwamm auf dem Bach -zurück, geradewegs in den See hinein; das heißt es schwamm bergauf! - -»Sollte eine solche Sinnestäuschung möglich sein?« fragte Heinz: »Der -Bach scheint doch ein ziemliches Gefäll zu besitzen und nun erweist er -sich als ein Zufluß zum See und nicht als ein Abfluß: das Gelände muß -also dorthinzu ansteigen und nicht abwärts gehen, wie es doch aussieht.« - -Der Professor war hart an den Bachrand getreten. - -»Von Sinnestäuschung kann keine Rede sein,« sagte er kopfschüttelnd. -»Wir stehen hier vor einem Rätsel: Der Bach hat zweifellos Gefäll und -zwar ziemlich starkes Gefäll nach dem Talausgang zu; aber sein Wasser -fließt tatsächlich in den See, er bildet keinen Abfluß, sondern einen -Zufluß zum See, und zwar einen Zufluß von unten her; mit andern Worten, -er strömt bergan. Das ist einfach allen Naturgesetzen zuwider, aber -Tatsache ist es doch!« - -Die andern traten näher und überzeugten sich von der Richtigkeit dessen, -was Schultze behauptete: man sah, wie der Grund sich gegen den -Talausgang bedeutend senkte und konnte doch deutlich die Strömung des -Wassers erkennen, die in entgegengesetzter Richtung lief. Auch weitere -Versuche mit Blättern und Zweigen, die in den Bach geworfen wurden, -bestätigten dies. - -»Das ist um den Verstand zu verlieren!« grollte der Professor, der sich -nicht beruhigen konnte: »Wie soll man so etwas erklären?« - -»Verzichten wir vorerst auf eine Erklärung,« meinte Flitmore: »Gewöhnen -wir uns vielmehr gleich an den Gedanken, daß die Naturgesetze unserer -kleinen Erdenwelt nicht auf allen Welten gleiche Gültigkeit haben.« - -Münchhausen allein war sitzen geblieben; er konnte die Reste seines -Mahles nicht im Stiche lassen, weil zufällig einmal das Wasser aufwärts -floß, was ja weiter nicht gefährlich sein konnte und ihn daher ziemlich -kalt ließ. - -Schultze in seiner ratlosen Aufregung über das haarsträubende Wunder, -das seiner Ansicht nach jedermann alles andere hätte vergessen lassen -sollen, empörte sich heillos über Münchhausens bodenlose -Gleichgültigkeit. - -Er schrie daher den Kapitän etwas unwirsch an: »Und Sie können dabei -noch so ruhig sitzen bleiben und weiter essen, als ob es sich um die -natürlichste Sache der Welt handle? Wenn Sie Ihren Leib mit solchen -Massen anfüllen, können Sie zuletzt mit der Last Ihres vollen Magens -keinen Schritt mehr gehen.« - -»O,« erwiderte Münchhausen seelenruhig und erhob sich; »nicht mehr -gehen, meinen Sie? Hüpfen kann ich, tanzen, springen, wenn Sie wollen, -das Essen hat mich rein gar nicht beschwert, wie es ja bei meiner -Mäßigkeit auch nicht anders denkbar ist; im Gegenteil, ich fühle mich -noch leichter als zuvor, seit ich wieder etwas im Magen habe. Da, sehen -Sie!« - -Und, um zu beweisen, wie leicht er sich fühle, machte der Dicke einen -für seine Körperverhältnisse sehr gewagten Luftsprung. - -Schultze blickte starr vor Entsetzen, Flitmore sah mit ernster Würde -drein, aber Heinz, Mietje und John brachen in ein krampfhaftes Gelächter -aus; denn solch ein Anblick überbot doch alles, was sie je Komisches -gesehen. - -Münchhausen schnellte nämlich wohl drei Meter hoch in die Luft: Der -Luftballon war fertig! Majestätisch schwebte sie in der Höhe, diese -menschliche Kugel und langsam senkte sie sich wieder herab. - -Da gestattete sich Flitmore, ohne eine Miene zu verziehen, ein -Scherzwort: »Sie sind die reinste Seifenblase geworden, Kapitän,« rief -er, »wenn Sie uns nur nicht zerplatzen!« - -Münchhausen aber langte sprachlos wieder auf der Erde an; er sah sich -nach allen Seiten um, rieb sich die Augen und war offenbar der Meinung, -sich in einem Traumzustand zu befinden, da der Traum schon öfters sogar -seine Körperschwere aufgehoben und ihm den holden Wahn vorgetäuscht -hatte, er fliege frei und leicht durch die Lüfte. - -»Ich hab's!« rief Heinz: »Haben Sie nicht auch Jules Vernes Buch »Hektor -Servadac« gelesen, Herr Professor? Da wird ja eine ganz ähnliche -Erscheinung geschildert, die ganz einfach aus der geringeren -Anziehungskraft zu erklären ist. Offenbar hat der Planet »Eden« eine -sehr geringe Anziehungskraft, weshalb die Schwerkraft wesentlich -verringert, beinahe aufgehoben wird. Daraus ließe sich dann auch das -rätselhafte Verhalten des Baches einigermaßen erklären.« - -»Junger Freund,« sagte Schultze, »auf dieser Erklärung werden Sie selber -nicht beharren, wenn Sie ein wenig überlegen: mag Anziehungskraft und -Schwerkraft noch so gering sein, so wird das Wasser doch nimmermehr -bergauf fließen. Übrigens kann die Anziehungskraft unseres Planeten -überhaupt keine so geringe sein: seiner Masse nach zu urteilen, müßte -sie sogar größer sein als die irdische, obgleich ich zugeben will, daß -wir über das Wesen der Schwerkraft eigentlich so gut wie nichts wissen, -also auf die Richtigkeit solcher Schlüsse trotz vieler Scheinbeweise -nicht bauen können; dennoch will ich eher glauben, daß wir sämtlich -durch unseren langen Aufenthalt in der Sannah so stark mit Fliehkraft -geladen sind, daß unsere Schwere dadurch beinahe überwunden wird.« - -Natürlich glaubte der gute Professor selber nicht an eine solche -Möglichkeit, die überdies das Verhalten des Baches um nichts -verständlicher machte; aber irgend einen Erklärungsversuch mußte er als -Mann der Wissenschaft doch beitragen, und wenn in solchem Falle kein -gewichtiger zur Hand ist, so muß vorerst auch der schwächste genügen, um -das wissenschaftliche Gewissen zu beschwichtigen, das, wenn irgend -möglich, nichts Unerklärliches gelten lassen will. - -In diesem Augenblick erschienen Dick und Bobs, die bisher auf eigene -Faust in der Umgegend Entdeckungen gemacht und sich an den herrlichen -Früchten der Wälder Edens gelabt hatten. - -Und siehe da! Die Schimpansen kamen sozusagen durch die Luft geflogen, -denn sie machten fünf bis sechs Meter hohe Sätze und mochten mit jedem -dieser Sprünge ihre 25 Meter zurücklegen. - -»Hollah! das ist ja fidel!« rief Heinz übermütig: »Sind wir alle mit -derselben Fliehkraft geladen wie die Schimpansen und der Kapitän, so -können wir ja einen fabelhaften Indianertanz aufführen!« Und -gleichzeitig machte er einen Satz, der ihn drei Meter hoch durch die -Luft über die Köpfe der andern wegführte. - -Das war ungemein lustig anzusehen, so verblüffend und unglaublich es -erschien; es war aber auch gar zu verführerisch, an sich selbst zu -erproben, ob man mit der gleichen wunderbaren Flugfähigkeit begabt sei, -und so machten auch John und Schultze den Versuch, und selbst Lady -Flitmore konnte nicht widerstehen, raffte ihr Kleid zusammen und sprang. - -»Nein, wie herrlich!« rief sie. - -In der Tat konnte es ein wonnigeres Gefühl kaum geben, als dieses -leichte, mühelose Emporsteigen in die balsamischen Lüfte und dann dieses -sanfte Herabschweben. Alle körperliche Schwere schien abgestreift und -wie ein freier, beseligter Geist kam man sich vor. - -Der Lord allein stand da und schaute, doch mit sichtlichem Vergnügen, -den gelungenen Flugversuchen seiner Genossen und seiner Gattin zu; -dazwischen setzte er den photographischen Apparat in Tätigkeit und -machte eine Momentaufnahme um die andere. - -Auch Münchhausen beteiligte sich mit Eifer an dem heiteren Gehüpfe, -nachdem er sich überzeugt hatte, daß es kein Traum war, sondern daß er -wirklich gleich allen andern eine neue, reizvolle Fähigkeit besaß. -Besonders ergötzlich erschien sie den Gefährten gerade an ihm, und oft -blieben sie stehen, um den fidelen Anblick der fliegenden Tonne zu -genießen, wobei ihnen der biedere Kapitän ihr herzliches aber nie -spöttisches oder böse gemeintes Gelächter durchaus nicht übel nahm. - -Als nun alle eine Pause machten, rief Münchhausen: - -»He, würdiger Lord! Halten Sie allein es unter Ihrer Würde, an solchem -großartigen Ballett sich zu beteiligen? Das gibt es nicht! Herunter von -dem Piedestal Ihrer Erhabenheit und hinauf mit Ihnen ins paradiesische -Luftrevier! Eine geschlagene Viertelstunde bieten wir Ihnen zum Ergötzen -und zur Erheiterung das niegesehenste Schauspiel, jetzt wollen wir -unsererseits uns an Ihren Sprüngen weiden.« - -»Ja, Lieber!« sagte Mietje: »Versuche es doch auch einmal, ich sage dir, -ein herrlicheres Gefühl kann es nicht geben.« - -Flitmore war bei all seiner Würde nicht der Pedant oder Geck, sich nicht -auch in belustigenden Darbietungen zeigen zu können. Er ließ sich nicht -lange auffordern, sondern führte eine Reihe so wunderbarer Bockssprünge -aus, daß begeisterter, wenn auch sehr heiterer Beifall der Zuschauer ihn -belohnte. - -»Jetzt aber,« mahnte diesmal Münchhausen zuerst, »nach diesen für die -Verdauung äußerst wohltätigen Übungen, wollen wir doch wohl die geplante -Entdeckungsreise antreten.« - -John mußte zur Vorsicht, in Erinnerung an das fatale Vorkommnis auf dem -Saturn, die Türe des Polzimmers schließen, durch das man die Sannah -verlassen hatte. Einen Wächter zurückzulassen hielt man nicht für nötig: -Keiner sollte von der vermutlich so interessanten Wanderung -ausgeschlossen sein. - -Nun ging es zunächst dem engen Taleingang zu, durch den sich der Bach -heraufwand. - -Jeder der Wanderer hatte eine Tasche umhängen, welche außer -Lebensmitteln auch ein zusammengerolltes Zelttuch und die -auseinandergenommenen Aluminiumzeltstangen enthielt. - -Als der Bach durchschritten war, dehnte sich vor den Augen der Wanderer -eine entzückende Fernsicht aus. - -Zur Rechten setzte sich das Gebirge noch fort in langer Kette von kahlen -Felsen und bewachsenen Hängen und Gipfeln, allmählich in weiter Ferne zu -niedrigen Hügelketten herabsinkend, deren Ende in den Horizont verlief. - -Von dieser Seite her kam der Bach in sanfter Steigung herauf. - -Geradeaus fiel das Hochgebirge in steilen Stufen ab, die jedoch bei -einiger Vorsicht den Abstieg gestatteten. - -Zur Linken stürzten die Felswände großenteils senkrecht in bodenlose -Tiefe. - -Schultze schätzte die Höhe, auf der man sich befand, auf 6000 bis 7000 -Meter. - -»Ich bezweifle,« sagte er, »ob wir in drei Tagemärschen das Tiefland -erreichen können.« - -»Wir haben durchaus keine Eile,« erwiderte Flitmore. - -»Gewiß nicht, wenn uns die Lebensmittel nicht ausgehen,« gab der -Professor zu. - -»Solche haben wir allerdings bloß auf vier Tage mitgenommen,« sagte der -Lord: »Doch zweifle ich nicht, daß die Wälder, die da und dort auf -unserem Wege liegen, uns genießbare Speise in Hülle und Fülle bieten -werden.« - -»Das ist allerdings anzunehmen, und wir werden uns ja bald genug davon -überzeugen können, ob dem so ist,« gab Schultze zu: »Andrerseits -befürchte ich, daß wir dort unten einer ganz unerträglichen Hitze -ausgesetzt sein werden, da die Temperatur auf diesen Höhen so milde ist, -während man sie unter ewigem Eis und Schnee begraben erwarten dürfte.« - -»Das werden wir ja auch sehen,« versetzte Mietje: »Vorerst werden solche -Erwägungen uns nicht abhalten dürfen, den Abstieg zu unternehmen.« - -Inzwischen ließen die Wanderer ihre Blicke weithin schweifen; zunächst -aber erregte eine Erscheinung in verhältnismäßiger Nähe Heinz' -Aufmerksamkeit und Verwunderung. - -»Über die Felswände dort drüben,« sagte er und wies zur Linken, »stürzt -sich ein mächtiger Wasserfall herab: ich meine doch, die Wasser Edens -fließen bergauf?« - -»Wirklich!« rief Schultze: »Das Gewässer tobt und rast, schäumt und -schießt in die Tiefe, ganz wie auf der Erde! Da hört sich doch alle -Wissenschaft auf!« - -Münchhausen lachte herzlich: »Da haben wir's einmal wieder!« sagte er: -»Vor kaum einer Stunde gebärdete sich der Professor wie rasend, weil -einmal ein Bach bergauf fließt, und jetzt erscheint es ihm bereits -unbegreiflich, wieso einer bergab fließen könne!« - -»Ja,« sagte Schultze gekränkt, »das gebietet doch die Vernunft: sind -hier einmal die Naturgesetze auf den Kopf gestellt, so muß das doch auch -für alle Fälle gelten, aber einmal so, einmal anders, das ist -wissenschaftlich einfach unzulässig.« - -»Nanu! Hier soll eben Ihre Wissenschaft vollends gründlich zu Schanden -werden,« lachte der Kapitän. - -In der fernen Ebene konnte man Hügel und Täler, Flüsse und Seen -erkennen. Unter anderem auch einen sehr großen See mit mehreren Inseln. - -Zur Linken war die Meeresküste nicht sehr fern: mit teils steilen, teils -sanft geneigten, stellenweise auch ganz flachen Ufern zog sie sich bis -zum Horizont hin, durch Buchten und Fjorde, Landzungen und Vorgebirge, -in wunderbarer Schönheit gezeichnet, gezackt und geschwungen und öfters -scharf eingeschnitten. - -Auch mehrere Inseln tauchten aus den Fluten des Ozeans auf, darunter -sehr ausgedehnte und manche mit Gebirgsmassen von erstaunlicher Höhe, -die wie dunkle Riesen drohend emporragten. - -Schneegipfel waren nirgends zu erkennen. - -Die Hügelketten und Berge des Flachlandes schienen meist bewaldet oder -mit saftiggrünen Matten bedeckt zu sein. Durch das Fernglas konnte man -Waldungen und Wiesenflächen, oft weite Prärien auch in der Ebene -unterscheiden. Große Strecken machten den Eindruck bebauten Landes; doch -konnte dies auf so weite Entfernung nicht mit Sicherheit festgestellt -werden. - -Spuren von menschlichen Ansiedelungen waren nicht zu entdecken; wohl -aber merkwürdige Felsbildungen in den Tälern und Ebenen, wie auch auf -einzelnen Höhen: Blöcke, Türme, Zacken und Schroffen, die vereinzelt -aufstrebten, aber meist so dicht beieinander standen, daß sie den -Eindruck von Dörfern und Städten dem unbewaffneten Auge leicht -vortäuschten. - -Soweit orientiert, begannen unsere Freunde den Abstieg in gerader -Richtung, da sich rechts die Höhenzüge unabsehbar hinzogen, links aber -senkrecht standen. - -Hier, geradeaus, war es möglich hinunterzukommen; doch Vorsicht mußte -geübt werden, da es an jähen Abstürzen nicht mangelte. - -Als sie mit dem Abwärtsklettern begannen, hatten sie wieder das gleiche -Gefühl, wie am Morgen, als sie auf der Strickleiter die Sannah -verließen: es schien ihnen, als koste jeder Schritt eine besondere -Anstrengung, als gälte es ein unsichtbares Hindernis zu überwinden, ja, -als gehe es nicht eigentlich bergab, sondern sehr steil aufwärts; aber -die Anstrengungen ermüdeten nicht, sondern erregten vielmehr ein -besonderes Vergnügen, als tue hier dem ausgeruhten Körper die Mühe so -wohl, wie sonst die Ruhe dem erschöpften Leibe tut. - -»Kapitän, nehmen Sie sich in acht!« rief plötzlich Schultze besorgt: -»Sie werden noch abstürzen mit Ihrer Tollkühnheit, Ihr Bauch kriegt das -Übergewicht!« - -»Pah!« rief Münchhausen zurück, der hart am Rande einer Felswand stand, -die beinahe überhängend an die 50 Meter abstürzte. »Ich spüre keinen -Hauch von Schwindel, obgleich ich sonst durchaus nicht schwindelfrei -bin, seit ich an Alter und Umfang zunehme. Schwindel ist ja eigentlich -eine Schande für einen alten Seebär, und ich freue mich ordentlich, ihn -hier los zu sein. Übrigens kriegt mein Bauch niemals das Übergewicht, er -ist ja so leicht wie ein Luftballon, wie Sie jetzt wissen dürften.« - -Dabei machte der Unvorsichtige eine ungeschickte Bewegung, die an solch -ausgesetzter Stelle lebensgefährlich war, und tatsächlich, er glitt aus -und stürzte ins Leere. - -Ein Schrei des Entsetzens entfuhr aller Munde, nur der Lord blieb stumm; -aber die Leichenblässe, die sein Antlitz überflog, verriet, daß er nicht -minder erschrocken war als die andern. - -Der Sturz ins Leere war übrigens nur der unwillkürliche Gedanke, der den -erschreckten Zuschauern hatte kommen müssen: in Wahrheit erfolgte gar -kein Sturz, sondern Münchhausen, der selber erbleichte, als er den Boden -unter den Füßen verlor, schwebte sanft hinab und landete nach etwa 10 -Sekunden am Fuße des Felsens, ohne auch nur mit den Füßen hart -aufzustoßen. - -Flitmore fand zuerst seine Fassung wieder: »Wie schwer können wir uns -doch von alt eingewurzelten Vorstellungen losmachen!« sagte er. »Haben -wir es nicht selber erst vor Kurzem zur Genüge erprobt, wie leicht die -Luft hier unsere Körper trägt, wie schnell wir emporkommen und wie -gemächlich das Niedersinken erfolgt? Und doch konnten wir die -Folgerungen daraus nicht ziehen.« - -»Ja, das ist doch etwas anderes,« meinte seine Gattin: »Vom ebenen Boden -aufspringen erscheint gefahrlos, nicht aber von einer Anhöhe in einen -Abgrund setzen.« - -»Und doch ist es nichts anderes, da wir ja so hoch sprangen, daß unter -irdischen Bedingungen der Sturz auf den Erdboden zurück verhängnisvoll -hätte werden müssen,« entgegnete der Lord. - -»Ja, Toren sind wir!« bestätigte Schultze: »Da plagen wir uns mit einem -beschwerlichen Abstieg, der zwar nicht ermüdet, aber äußerst langwierig -werden muß, und könnten doch wissen, wie leicht wir hier schwebend hinab -können. Nun aber man los!« - -Aber der Professor mußte nun an sich selber erfahren, daß Lady Flitmore -doch nicht so unrecht gehabt hatte mit ihrer Bemerkung; denn als er den -weniger schroffen Seitenhang verließ und an den Rand der jähen Felsmauer -trat, wagte er doch nicht den Sprung ins Leere: die neue Erkenntnis -konnte nicht so schnell die Scheu vor solchem Wagnis überwinden. - -Da trat Flitmore vor und ohne zu zögern machte er den entscheidenden -Schritt. Und siehe da! er schwebte so gelinde hinab wie der Kapitän. - -Natürlich! Das mußte doch so sein! - -Mietje folgte ihrem Gatten auf dem Fuße, wie sie es auch getan hätte, -wenn es sich um eine weniger unbedenkliche Sache gehandelt hätte. - -Da schämte sich Schultze seiner Schwäche und hüpfte hinaus, noch ehe -Heinz und John mit Dick und Bobs heran waren. - -Bald waren alle um Münchhausen versammelt und schüttelten ihm -anerkennend die Hand, als ob es Absicht und Wagemut gewesen wäre, die -ihn veranlaßt hätten, ihnen das dankenswerte Beispiel zu geben. - - - - - 40. Eine neue Tierwelt. - - -Nun ging der Abstieg rasch von statten, weil er nur noch in Luftsprüngen -vollzogen wurde und bei steilen Absätzen in einem Hinabschweben, das dem -Fluge gleich kam. - -Diese Art der Fortbewegung hatte überdies etwas so ungemein Reizendes -und Wohliges, daß die Stimmung so angeregt und heiter war, wie kaum je -die glänzendste Feststimmung auf der alten Erde. - -Man war schon ziemlich weit unten, als die erste Rast gemacht wurde, -nicht etwa um auszuruhen, denn von Ermattung spürte niemand etwas, -sondern weil der Kapitän erklärte, es sei wieder hohe Zeit zu einem -Imbiß. - -Außerdem verlangte auch Schultze einen Aufenthalt, da man den ersten -Wald erreicht hatte, dessen Pflanzen- und Tierwelt er näher in -Augenschein nehmen wollte; denn der liebliche Vogelgesang und sonstige -Laute, die aus dem Walde ertönten, bewiesen, daß hier Leben zu treffen -sei, während das paradiesische Tal auf der Höhe trotz seiner wunderbaren -Schönheit kein lebendes Wesen zu beherbergen schien, wenigstens hatte -sich keines blicken lassen. - -Die Baumstämme, die der Professor beim Betreten des Waldes zunächst -untersuchte, zeigten ein festes und zähes Gefüge; ob man aber den Stoff, -aus dem sie sich aufbauten, Holz nennen sollte, erschien sehr -zweifelhaft, denn es war ein durchsichtiger Stoff wie Harz oder -Bernstein, das heißt eben nur seiner Durchsichtigkeit nach; sonst war er -faserig wie Holz und ließ sogar Schichtungen gleich Jahresringen -erkennen, die Rinde jedoch bestand nur aus einer dünnen, zähen Haut, die -völlig transparent war. - -Die Färbung dieser Stämme ging vom Goldgelben bis zum Dunkelbraunen, vom -Kristallklaren bis zum Silberweißen. - -Die Blätter waren meist grün in den verschiedensten Abstufungen, auch -gelb oder rötlich und unterschieden sich in der Färbung nicht wesentlich -von den irdischen; nur waren sie eben auch durchsichtig und dann von den -verschiedensten anmutigen Formen, vielfach gehäkelten Spitzen ähnlich. - -An Schatten fehlte es nicht, trotz der Durchsichtigkeit des Laubes und -der Stämme: Die Dichtigkeit der Kronen schwächte das Licht an vielen -Stellen derart, daß nur ein schwacher Farbenschimmer auf dem Boden -spielte, der im Vergleich zu den lichteren Stellen als tiefer aber -bunter Schatten erschien. - -Auch Nadelbäume fanden sich, und diese waren von ganz besonderem Reiz, -weil ihre feinen Nadeln, die wie von Glas aussahen, je nach der Art alle -Regenbogenfarben aufwiesen. So konnte man von roten, gelben, -rosafarbenen, orangeroten, violetten, goldenen, silbernen, himmelblauen -und dunkelblauen Tannen und Fichten reden, wenn man diese irdischen -Namen auf die Nadelhölzer Edens übertragen wollte. - -Kein Baum war ohne eßbare Früchte; auch diese waren alle durchsichtig -und völlig genießbar, wie die Schimpansen bewiesen, die alle samt den -Kernen verzehrten. - -Die Früchte waren von verschiedenster Größe und Färbung; vom Umfang -eines Riesenkürbisses bis zu dem einer Pflaume waren alle Zwischenstufen -vertreten. Bei den größten glich oft der Kern schon einer Kokosnuß. -Diese Kerne waren meist mehlreich und sehr nahrhaft; sie konnten -Zwieback und Brot vollständig ersetzen und schmeckten weit kräftiger und -angenehmer als diese. - -Das Fruchtfleisch war meist sehr saftig und genügte, jedes Durstgefühl -zugleich mit dem Hunger zu stillen; bei etlichen Arten war es zuckersüß, -bei andern ohne Süßigkeit, stets aber aromatisch und von entzückendem -Wohlgeschmack; die Nadelbäume trugen eßbare Zapfen von ziemlicher -Trockenheit, die teilweise an Schokolade, teilweise zu ihrem unbedingten -Vorteil an nichts Irdisches erinnerten. - -Schließlich entdeckten unsre Freunde noch, daß auch die Zweige und -Blätter der Bäume und Büsche eßbar waren. Auch dies wurde ihnen durch -das Behagen verraten, mit dem Dick und Bobs sie zerknabberten. - -Gewöhnlich entsprach ihr Geschmack so ziemlich dem der Frucht, doch eine -angenehme Säure gab ihm eine willkommene Abwechslung. - -Ganz besonders begeistert war Münchhausen von der Entdeckung einer oder -vielmehr einiger Arten von Früchten, die er alsbald »Grogfrüchte« -benannte, und die er fortan mit wunderbarem botanischen Scharfblick -sofort überall herauserkannte. Es waren dies eigentlich Beeren, aber -Riesenbeeren von Orangengröße, die an niederen Stauden wuchsen. Schon -Stengel und Blätter dieser Büsche fühlten sich warm, beinahe heiß an; -die Beeren enthielten einen wirklich heißen, würzigen Saft von -unterschiedlichem Aroma, der sehr stark roch und schmeckte, als sei es -tatsächlich Grog oder Punschbowle; er stieg jedoch nicht zu Kopf, übte -dagegen eine ungemein belebende und kraftschwellende Wirkung aus. - -Der Kapitän unterschied zwischen steifen und weniger steifen -Grogfrüchten; den ersteren gab er bei weitem den Vorzug. - -Natürlich lernten unsre Freunde nicht alle diese Genüsse auf einmal -kennen: die Menge und Mannigfaltigkeit war zu groß; aber es dauerte -verhältnismäßig kurze Zeit, bis sie alles durchgekostet hatten und nun -nach Lust und Belieben ihre Wahl treffen konnten; denn sie dachten nicht -mehr daran, irgend welche andre Nahrung zu sich zu nehmen, als die, -welche ihnen Edens Wälder und Gefilde boten und die durch nichts weder -an Güte noch Bekömmlichkeit zu übertreffen schien. - -Giftpflanzen oder irgendwie schädliche Gewächse gab es auf diesem -gesegneten Planeten anscheinend überhaupt nicht. - -Gleich beim Eintritt in den Wald machten sie auch Bekanntschaft mit -dessen Insekten- und Vogelwelt. - -Erstere zeigte nichts Widerliches oder Schreckliches, es waren harmlose -Käfer und Kriechtiere, Mücken und Schmetterlinge, die sich sowohl durch -schöne Formen wie durch prächtige Farben auszeichneten und als besondere -Merkwürdigkeit eine ähnliche Transparenz zeigten wie die Pflanzen und -Blüten. Sie glitzerten, schimmerten und schillerten, blitzten, -flimmerten und flirrten wie leuchtende Edelsteine. - -Die Vögel hatten kein Gefieder, sondern bloß ein buntes Flaumkleid, das -aber lebhaft gefärbt und wunderbar schön gezeichnet war; auch ihre -Flügel waren federlos und konnten im Bau am ehesten mit -Schmetterlingsflügeln verglichen werden, nur daß sie ebenfalls mit Flaum -behaart und im Ruhezustand nicht emporgerichtet, sondern an den Leib -angelegt waren, auch die entsprechende Wölbung zeigten. - -Wo Menschen beinahe fliegen konnten, mußten sich diese Vögel auch mit so -einfachen Flugwerkzeugen bis in die höchsten Höhen erheben können. - -Alles in allem, eigentümlich war auch die Vogel- und Insektenwelt Edens; -aber so ganz fremdartig erschien sie den Erdenbewohnern doch nicht, und -vor allem, sie hatte nichts Abstoßendes, Unheimliches oder Gefährliches, -im Gegenteil hervorragende Reize, die Auge und Herz erfreuten. - -Ganz besonders galt das letztere, das Herzerfreuende, von dem ungemein -lieblichen Gesang der Vögel, mit dem weder die Nachtigall noch sonst ein -gefiederter Sänger der Erde wetteifern konnte. Das waren richtige -Melodien, die da ertönten, und zwar erhebende und einschmeichelnde -Weisen! Man hätte wohl kaum die Arten nach ihren melodischen Motiven -unterscheiden können, höchstens an der Klangfarbe ihres Organs, denn -keine Art war an besondere Tonfolgen gebunden: es war ein wirklich -individuelles Konzert; jeder war Komponist und beherrschte die ganze -Tonleiter und brachte immer neue, einfache, aber doch bezaubernde Weisen -hervor, und nie tönten diese von verschiedenen Seiten störend -durcheinander; es schien, als werde der jeweilige Einzelsänger -respektiert und die andern begleiteten ihn nur mit harmonischen -Untertönen. - - [Illustration: Löwe auf Mietjes Schoß.] - -Noch nicht lange hatten unsre Freunde diesen Zauberflöten gelauscht, -sich gleichzeitig an den ersten köstlichen Früchten erlabend und die -lebendigen Edelsteine bewundernd, die im durchsichtigen Moose -umherkrochen und hüpften, oder von Blume zu Blume schwirrten, als -plötzlich Mietje einen leisen Schrei ausstieß. - -Alle wandten sich nach ihr hin, denn bisher hatte jeder seine eigenen -Beobachtungen angestellt. - -Aber was sahen sie nun! - -Ein großer Vierfüßler, am ehesten einem riesigen Löwen vergleichbar, war -lautlos in die Lichtung getreten und hatte ohne weiteres sein mächtiges, -mähnenumwalltes Haupt auf ihren Schoß gelegt! - -Und Lady Flitmore? Sie streichelte ihn! - -Der erste Schrecken, den das Erscheinen des gewaltigen Tieres natürlich -in ihr erwecken mußte, hatte ihr den leichten Ausruf entlockt; sie hatte -den Löwen, wie ihn später unsre Freunde der Ähnlichkeit halber nannten, -aber erst bemerkt, als er unmittelbar von der Seite her an sie herantrat -und ehe sie noch aufspringen oder sich irgend besinnen konnte, hatte das -Tier sich schon niedergelegt, den Kopf in ihren Schoß schmiegend. - -Wie es nun mit den großen, klugen und so sanften, harmlosen Augen zu ihr -aufblickte, war eine solche Ruhe über sie gekommen und zugleich ein -solches Wohlgefallen an dem schönen, stolzen und anscheinend so -gutmütigen Geschöpf, daß sie unwillkürlich begann, dies anschmiegende -königliche Haupt zu streicheln und zu liebkosen. - -Flitmore, besonnen, wie er meist auch in den gefährlichsten Augenblicken -war, erhob sich ganz langsam, um das Tier nicht zu erschrecken, dessen -vermutlich wilde Natur ja immer noch zum Ausbruch kommen konnte. - -Er zog für alle Fälle den Revolver und ging sachte auf seine Gattin zu; -der Löwe erhob das Haupt. - -»Laß ihn!« bat Mietje den Gatten. - -»Ich tue ihm nichts, wenn er nicht gefährlich wird,« beruhigte sie der -Lord. - -Dabei legte er dem Löwen die Linke auf das Haupt. - -Das Tier sah ihn nur an. - -Jetzt griff ihm der Lord unter den Kiefer, stets bereit, ihm eine Kugel -ins Auge zu jagen, sobald er böse Absichten zeigen würde. - -Das Tier aber zeigte sich verständig und lenksam. Ein leiser Druck -genügte, es sich erheben zu lassen, und ein schwacher Schub von der -Seite her veranlaßte es, ganz gemütlich umzukehren und wieder im Walde -zu verschwinden. - -»Ach!« sagte Mietje. »Ich bin ganz froh!« - -»Das glaube ich, Lady,« fiel Schultze ein, »wahrhaftig, das glaube ich, -daß Sie froh sind, dieses gefährliche Raubtier auf so gute Art los -geworden zu sein; wir alle haben für Sie gezittert und gebebt.« - -»Nein!« sagte Mietje: »Sie mißverstehen mich, Herr Professor; dieses -gutmütige Geschöpf flößte mir nur im ersten Augenblick einen kleinen -Schrecken ein, ehe ich seine Harmlosigkeit aus seinen Augen erkannte. -Nein, nein also! Ich wollte sagen, ich bin so froh, daß auch die -Säugetiere auf diesem, Planeten denen auf der Erde gar nicht so -unähnlich zu sein scheinen. Ich weiß nicht, aber auf dem Mars und dem -Saturn kam mir die Welt ganz unheimlich vor, und das war doch noch in -unserm Sonnensystem. Da war ich schon darauf gefaßt, wenngleich ohne -mich darauf zu freuen, daß es in der entfernten Fixsternwelt noch weit -seltsamer und grauenvoller aussehen werde.« - -»Ein Glück,« meinte Münchhausen, »daß, sofern wir aus dem Geschauten -weitere Schlüsse ziehen dürfen, diese Tierwelt Edens wenigstens an -Raubgier, Blutdurst und damit an Gefährlichkeit der irdischen -Raubtierwelt bei weitem nachzustehen scheint.« - -»Lassen wir die Vorsicht nicht aus den Augen,« mahnte Flitmore. »Diesmal -lief es gut ab; doch niemand kann uns gewährleisten, daß wir nicht -bedenklichere Begegnungen erleben.« - -»Vor den Löwen Edens fürchte ich mich schon nicht mehr,« meinte die Lady -zuversichtlich. »Das wäre ja schnöder Undank und verwerfliches -Mißtrauen!« - -Beim Weiterwandern durch den Wald wurden noch zahlreiche Vertreter der -Säugetierwelt angetroffen; doch zunächst lauter harmlos aussehende -Geschöpfe, die sich alle durch auffallende Schönheit und Lieblichkeit -auszeichneten. Das verstand sich aber nicht bloß von der Färbung und -prächtigen Zeichnung der Felle und der Anmut und Eleganz der Glieder, -sondern namentlich von den Gesichtszügen, deren kluger Ausdruck und -ungemein freundlicher Blick sofort für sie einnahm. Da waren Tiere, die -an den Hirsch, das Reh, das Zebra, die Antilope, die Giraffe, das Pferd, -an Hunde, Katzen und Eber erinnerten oder an andere irdische Arten; aber -alle übertrafen ihre Erdenvettern durch die Vollkommenheit ihrer Formen, -den Reiz ihres Haarkleides und die Schönheit ihrer sanften Angesichter. -Irgendwelche Scheu schien ihnen völlig unbekannt. - -Plötzlich blieb John starr und regungslos stehen. - -Vor ihm bäumte sich eine große Schlange mit wunderbar schillerndem -bunten Leibe empor. Er war auf sie getreten und erwartete nun jeden -Augenblick den Biß des Reptils, das sich krümmte und wand und den mit -scharfen Zähnen bewehrten Rachen schmerzvoll aufsperrte: - -In der Betäubung des Schreckens dachte er gar nicht daran, wegzutreten, -um das Tier von seiner Last zu befreien und vielleicht seiner Rache zu -entgehen. - -Nun wand sich der leuchtend gestreifte Leib an seinen Beinen empor und -wieder hinab; aber die Schlange biß nicht, sondern stöhnte nur. - -Ein Zuruf Flitmores brachte John endlich zur Besinnung; er sprang zur -Seite, und das Reptil, vom Gewicht seines schweren Fußes befreit, glitt -lautlos an ihm hinab und kroch langsam davon. - -»Wahrhaftig, hier scheint auch das giftigste Geschöpf seine Schrecken -verloren zu haben,« rief Schultze: »So hättest du einer irdischen -Schlange mal kommen sollen, Johann! Da wärest du nicht ohne Schaden -davongekommen.« - -Nun trat die Gesellschaft hinaus in die glitzernde Savannah, aber -erstaunt, erschrocken und zugleich entzückt hemmten sie den Fuß. - -Was für kolossale Tiere weideten da! Mammutähnliche Elefanten, -Einhörner, den Fabelwesen alter Sagen gleich, Büffel und Giraffen, -Kamele, Riesenbären, gefleckte und gestreifte Tigerkatzen, Panther und -Leoparden, Löwen und Wölfe, Schafe und Ziegen wanderten da umher, -miteinander und durcheinander, und weideten friedlich und gemütlich die -durchsichtigen Halme ab oder langten sich Früchte von den hohen Stauden -und den Bäumen am Waldsaume. - -Das war eine unabsehbare bunte Herde, die sich hier tummelte und labte, -in der weiten Ebene zerstreut! - -Wohlgemerkt, diese Geschöpfe zeigten eine so in die Augen fallende -Ähnlichkeit mit den genannten irdischen Arten, daß unsre Freunde nicht -in Verlegenheit kamen, ihnen sofort die entsprechenden Namen -beizulegen; andrerseits aber wiesen sie doch wieder wesentliche -Unterscheidungsmerkmale auf, namentlich auch wieder dadurch, daß sie -eine höhere, edlere Stufe darzustellen schienen, oder, wie Mietje sich -ausdrückte, es war die Tierwelt der Erde, zum Teil mit ihren -ausgestorbenen Arten, in idealisierter, vollkommenerer Form. - - [Illustration: John tritt auf eine Schlange.] - -»Wagen wir uns wohl da mitten durch?« fragte Münchhausen. - -»Voran!« kommandierte der Lord: »Von diesen Geschöpfen droht uns keine -Gefahr.« - -Heinz aber bemerkte: »Immer mehr rechtfertigt dieser Planet den Namen, -den wir ihm beim ersten Anblick beilegten. Ist das nicht das Paradies, -wie die kühnste Phantasie es nur träumen kann und wie es der Prophet -Jesaja so wunderlieblich beschreibt?« - -»Allerdings! Jesaja im elften Kapitel, im sechsten bis neunten Vers, -sowie im letzten Verse des fünfundsechzigsten Kapitels wird uns das Bild -beschrieben, das wir hier schauen,« bestätigte der bibelfeste Lord. - -»Und wie sagt der 114. Psalm?« fügte seine nicht minder beschlagene -Gattin hinzu: »Die Berge hüpfeten wie die Lämmer, die Hügel wie die -jungen Schafe. Mir machte diese Stelle stets den Eindruck des -Allzuunwahrscheinlichen, aber meint man hier nicht wahrhaftig, Berge und -Hügel hüpfen zu sehen?« - -Wenn man sah, welche meterhohen Sätze die Mammute und andre Riesentiere -mit spielender Leichtigkeit ausführten, und mit welch offenbarer Lust -sie sich von Zeit zu Zeit an diesen seltsamen Luftsprüngen ergötzten, so -mußte man Mietje recht geben: das waren tanzende Berge und hüpfende -Hügel! Und dieses sonderbare Schauspiel gab dem so herzerhebenden Bilde -friedlicher Eintracht sein erheiterndes Gepräge. Aber der Humor wirkte -hier durchaus nicht als Herabwürdigung des Erhabenen, sondern nur als -Verklärung des beseligenden Gefühles, das die paradiesische Szene in den -Herzen der Wanderer erweckte. - - - - - 41. Eine paradiesische Nacht. - - -Wie ein Märchentraum erschien die Wanderung durch diesen blütenreichen -Edengarten unsern Freunden. - -Sie scheuten sich bald nicht im mindesten, selbst die gewaltigsten und -raubtierähnlichsten der Tiere zu berühren und zu streicheln, was diese -verständnisvoll und mit einer gewissen Zärtlichkeit erwiderten, sei es, -daß sie die liebkosenden Hände sanft leckten, sei es, daß sie mit Haupt -oder Rüssel sich herabneigend den fremden Freunden anschmiegend ihr -Wohlwollen zu erkennen gaben; und dabei mäßigten sich auch die -behendesten, muskelkräftigsten und massigsten dieser Geschöpfe so -rücksichtsvoll in ihren Bewegungen, daß man daraus die bewußte Sorgfalt -erkennen konnte, ja keinen Schaden zuzufügen. - -Hätte etwa so ein Mammut mit seinem Rüssel eine etwas temperamentvolle -Liebesbezeugung ausführen wollen, wie er es seinen Kameraden oder -Familiengliedern gegenüber tat, so wäre selbst Münchhausens solide Masse -zu Boden geschleudert worden. - -Aber alle diese Tiere wußten das richtige Maß einzuhalten. - -Die zweite Sonne neigte sich ihrem Untergange zu, -- die erste war schon -vor einer Stunde hinter dem Horizont verschwunden, -- als unsre Freunde -endlich daran dachten, ihr Lager aufzuschlagen. - -Die Früchte des Waldes hatten Hunger und Durst so nachhaltig gestillt, -daß selbst der Kapitän während der stundenlangen, meist sprungweise -ausgeführten Wanderung, kein einzigesmal die Notwendigkeit einer -Mahlzeit betont hatte. Und dabei war er einer der eifrigsten im Hüpfen, -wobei es ihm ganz besonderen Spaß machte, über den hohen und breiten -Rücken der größten Kolosse hinwegzusegeln. - -Auch während des Aufschlagens der Zelte zeigte er sich noch unermüdlich -in Ausübung dieses erheiternden Sports; denn um den Lagerplatz herum -weideten just einige riesige Pelzelefanten. - -John und Heinz pflöckten die Zelte ein, während die übrigen der -Zirkusvorstellung zuschauten, die Münchhausen gab, mehr zu seinem -eigenen Vergnügen, als um seine Gefährten zu belustigen. - -Lautes Bravo und stürmisches Beifallsklatschen belohnten seine -gelungensten Sprünge. - -Die Glanznummer der Vorstellung aber bildete ein Kunststück, das er zum -Schlusse noch vorführte, und zwar ganz gegen seine Absicht, es stand -durchaus nicht in seinem Programm! - -Er hatte sich hinter einem gewaltigen Mammutbullen aufgestellt und -schnellte empor, um den Riesen in seiner ganzen Länge zu überspringen. - -Nun fiel es aber im selben Augenblick dem Mammut ein, seinerseits einen -Luftsprung zu machen, und so kam es, daß Münchhausen mitten in seiner -Luftreise auf den Rücken des emporsegelnden Tieres zu stehen kam. - -Eine Sekunde lang ritt er so als echter Kunstreiter stehend durch die -Luft; doch hatten seine Füße keinen festen Halt, er schwankte und wäre -kopfüber hinabgestürzt, hätte er nicht die Geistesgegenwart gehabt, die -kurzen Beine auszuspreizen, sodaß er alsbald rittlings auf dem seltenen -Reittier saß. - -Es war ein großartiges Bild! Der Lord versäumte nicht, es auf einer -photographischen Platte zu verewigen. - -»Ein Koloß auf dem andern!« jubelte Schultze. - -John und Heinz hielten in der Arbeit inne, um das unvergleichliche -Schauspiel mitzugenießen. - -Stolz um sich blickend, als habe er einen Drachen gebändigt und mit -kühner Absicht zu einer Luftfahrt bestiegen, so saß der Kapitän oben auf -dem kolossalen Dickhäuter, einer Kugel gleich, die kurzen Beine wagrecht -ausgestreckt, da er mit ihnen den breiten Rücken des Ungetüms nicht -umklammern konnte. - -Jetzt landete Freund Mammut und mit einer Gewandtheit, die ihm niemand -zugetraut hätte, sprang Münchhausen auf die Beine und setzte mit -elegantem Schwunge von der Höhe herab auf den Erdboden. Jubel und Lachen -und nicht endenwollendes Beifallklatschen empfingen ihn nach solchem -Bravourstück, so daß das Mammut sich verwundert umsah und die Mähne -schüttelte, es mochte denken: »Bei denen ist es auch nicht mehr ganz -richtig im Oberstübchen!« - -Nun half Mietje John und Heinz Früchte einsammeln für das Nachtessen, -denn an solchen fehlte es nicht in der Nähe, und die verschiedenen -Grogfrüchte sollten den warmen Tee vorteilhaft ersetzen. - -Es dämmerte, als man sich zum Imbiß lagerte. - -»Nun,« sagte Münchhausen, »Sie meinten, wir würden drei Tage brauchen, -um die Ebene zu erreichen, verehrtes Professorchen! Wir haben sie nicht -nur erreicht, sondern schon ein gutes Stück durchwandert am ersten -Marschtage.« - -»Kunststück!« meinte Schultze. »Ich dachte an eine irdische -Fußwanderung, Schritt für Schritt; nachdem aber Sie, erfindungsreicher -Seebär, uns als lebendiger Luftballon die geniale Kunst der Hüpf- und -Schwebereise vorgemacht und beigebracht haben, hätten wir noch viel -weiter kommen können, wenn wir uns nicht so viel unterwegs aufgehalten -hätten. Auch ist die Länge des Tags in Betracht zu ziehen, der, wie ich -hiemit feststelle, vom Aufgang der ersten bis zum Untergang der zweiten -Sonne volle 27 Stunden gedauert hat!« - -»Merkwürdig, daß wir uns so gar nicht müde fühlen,« bemerkte Mietje, -»nach einem so langen und ereignisreichen Tag. Ich wenigstens fühle -keine Spur von Ruhe- oder Schlafbedürfnis.« - -»So scheint es uns allen zu gehen,« meinte der Lord. »Ich glaube, wir -haben uns eben schon der Eigentümlichkeit des Planeten angepaßt; dazu -mag uns die köstliche Luft und die erfrischende, belebende Kraft der -Früchte geholfen haben; wir werden wohl hier dauernd weit -leistungsfähiger sein als auf der Erde, entsprechend den doppelt so -langen Tagen.« - -»Brauchen wir gar nicht,« warf der Kapitän ein, »wozu solch' kolossale -Leistungsfähigkeit, da einen hier alles so gar nicht anstrengt noch -ermüdet?« - -»Ich habe nur eine Sorge,« sagte Heinz. »Wie werden wir die lange Nacht -herumbringen, die doch von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang 23 Stunden -währt, wenn wir so gar nicht müde sind?« - -»Wir legen uns eben erst schlafen, wenn wir das Bedürfnis dazu fühlen,« -schlug Mietje vor. - -»Einverstanden!« stimmte der Professor zu. »Wir pflegen der Unterhaltung -und studieren die Wunder der Nächte Edens, bis es uns Zeit scheint zur -Ruhe zu gehen.« - -»Wertester Herr Professor,« fragte nun John, »welche Jahreszeit dürften -wir hier wohl haben? Nach den Blüten sieht es wie Frühling aus, sonst -aber wie Sommer; andrerseits aber, falls ich mir diese nicht unhöfliche -Bemerkung zu erlauben mir gestatten darf, ist es hier in der Ebene nicht -so furchtbar heiß, wie Sie die Vermutung aussprachen, als wir noch oben -waren.« - -»Offen gestanden, über die Jahreszeit vermag ich noch keinen sicheren -Aufschluß zu geben,« entgegnete Schultze. »Ich vermute, wir stehen zu -Beginn des Frühlings, jedenfalls aber haben wir nahezu Tag- und -Nachtgleiche.« - -»Entschuldigen der Herr Professor, aber ich bitte, noch einmal nicht -unhöflich sein zu dürfen, wenn ich verstanden zu haben glaubte, der Tag -sei heute vier Stunden länger als die Nacht.« - -»Allerdings, mein Sohn; aber nur deshalb, weil wir hier zwei Sonnen -haben, die gegenwärtig in Opposition zu einander stehen, das heißt am -weitesten von einander entfernt sind auf ihrer Bahn, so daß stets mehr -als die Hälfte des Planeten erleuchtet ist und die zweite Sonne noch -fast zwei Stunden scheint, wenn die erste schon untergegangen ist. -Stehen die Sonnen in Konjunktion, also einander am nächsten, wobei die -eine vorübergehend die andere verdecken kann, so gehen sie uns -gleichzeitig auf und unter; vielleicht wird es dann auch viel heißer. -Über den Verlauf der Jahreszeiten Edens können wir aber noch nichts -wissen, kennen wir ja nicht einmal die Länge des Jahrs, das vielleicht -nur sechs, vielleicht bis zu tausend Erdenmonate dauert. Eines aber -scheint mir gewiß, große Unterschiede in der Temperatur herrschen hier -nirgends; denn wenn bei 6000 Meter Höhendifferenz so gut wie gar nichts -davon zu merken ist, wenn in solcher Höhe dort oben eine so herrliche -Pflanzenwelt vorkommt, dann kann auch Winterkälte und Sommerhitze kein -Übermaß entwickeln, sonst hätten wir droben irgendwelche Gletscherspuren -sehen müssen, hier unten aber fände sich keine so mannigfaltige Tierwelt -in einer Gegend, die den Polen näher steht als dem Äquator.« - -Inzwischen hatte die Dämmerung eingesetzt. - -»Ah!« rief Mietje plötzlich, »die Natur sorgt uns für -Abendunterhaltung!« - -»Prächtig!« schmunzelte der Kapitän. - -»Hochinteressant!« rühmte der Professor. »In der Tat, nicht uneben!« - - [Illustration: Die Riesentiere.] - -Und als nun auch Heinz sein »Großartig!« beigesteuert hatte, fühlte sich -John verpflichtet auch seinen Beifall zu äußern, indem er ausrief: -»Wirklich important!« - -Imposant war allerdings das Feuerwerk, das sich in der Dämmerstunde -entwickelte: kleinere und größere Feuerfliegen und Leuchtkäfer erhoben -sich in die Luft; da sah man Funken, Sterne und Flammen teils aufblitzen -und verschwinden, teils ununterbrochen flimmern. - -Das Neue und besonders Herrliche aber war das Farbenspiel dieser -lebendigen Meteore und Sternschnuppen; denn gelbes, rotes, blaues und -grünes Licht ging je nach ihrer Art von ihnen aus. - -Auch auf dem Boden wurde es lebendig und hell: da krochen die Funken und -Laternchen der Glühwürmer und leuchtenden Schnecken und Ameisen -durcheinander, als rollten und rieselten selbstleuchtende Edelsteine, -Topase, Rubinen, Smaragde, Amethyste und Saphire dahin. - -»Es ist mir unbegreiflich,« bemerkte Münchhausen, dem höchst poetisch -zumute wurde, »wie es Schriftsteller, ja solche, die Dichter sein wollen -und zu sein glauben, heutzutage fertig bringen, >der Dämmer< zu sagen, -statt >die Dämmerung<. Der Dämmer! Welch ein Wort! Ohr, Gemüt und -Vernunft wird gleicherweise dadurch beleidigt und die traute Stimmung -und Vorstellung der zarten Dämmerung geht dabei völlig verloren, wird -sozusagen totgeschlagen mit einem groben Knüppel in der Faust eines -Tölpels. Sehen Sie doch diese weichen Schleier, die von unsichtbaren -Elfenhänden in der dunkelnden Luft ausgebreitet werden; wie dämpft -dieses schleiernde Weben die farbigen Lichtstrahlen unsrer nächtlichen -Feuerwerker! Und nun soll man sich dieses zartwebende, sachthändige, -leisschwebende und schleierumwallte Wesen als eine männliche -Persönlichkeit vorstellen? Nein! ich bitte Sie, was ist das für eine -Geschmacklosigkeit, Stilwidrigkeit, ja für ein Blödsinn! He, -Professorchen! Können Sie sich etwa die liebliche, einschmeichelnde -Dämmerung durch einen Mann verkörpert denken, den Dämmer?« - -»Ne, Kapitän, wenn ich mir denken sollte, Hugo von Münchhausen, so -elegant er zu schweben versteht, senke sich von Schleiern umwogt -hernieder und wollte mich mit ruhespendenden Elfenhänden liebkosen als -schmeichelnde Dämmerung, ich wäre aus allen Märchenträumen gerissen.« - -»Münchhausen als Fee der geheimnisvollen Dämmerung ist gut! -Ausgezeichnet! Diese Vorstellung stimmt mich heiter!« sagte Flitmore -lachend. - -Heinz aber meinte: »Wer es zuwege bringt, diesen neumodischen Ausdruck ->der Dämmer< zu gebrauchen, beweist damit ohne weiteres, daß ihm nicht -nur jegliches Sprachgefühl, sondern auch aller Sinn für Poesie abgeht, -was allerdings für die große Mehrzahl unsrer Versemacher zutrifft; denn -zu keiner Zeit gab es so viele Dichter und so wenig Poeten wie -heutzutage.« - -»Darum verhöhnen sie auch die Poesie als hohles Pathos, weil sie die -Göttin nicht ehren dürfen, deren Gunst, Geist und hoher Flug ihnen -versagt blieb, falls sie nicht ihre eigene Wertlosigkeit einsehen und -eingestehen wollen!« fügte Münchhausen noch hinzu. - -»O, meine Herrschaften, ein Nordlicht!« rief plötzlich John und wies -nicht nach Norden, wohl aber nach Osten. - -»Das ist ja ein Mond!« berichtigte der Professor. »Wahrhaftig, ein -würdiger Mond für eine Nacht im Paradiese!« - -Der Mond, der über die Berge tauchte, hatte eine unbeschreiblich -liebliche und duftige Rosafärbung. Nur die zartesten unter den wilden -Rosenblüten oder der blühende Hauch, der ein luftiges Wölkchen vor -Sonnenaufgang über dem Meere der italienischen Riviera in rosigen -Schimmer taucht, hätte zum Vergleich herangezogen werden können. - -Bald schwebte der Mond, der etwa doppelt so groß erschien, wie der -Trabant der Erde, frei am tiefdunkeln Himmel zwischen den blitzenden -Sternen. Und nun ergoß er sein entzückendes Rosenlicht über die ganze -Landschaft. - -Auf einmal schien ein neues Leben zu erwachen, nachdem es sich kaum ein -Stündchen über die Zeit der Dämmerung zur Ruhe gelegt hatte: Vögel -durchschwirrten die Luft und ließen wundervolle sanfte Weisen ertönen, -Grillen zirpten in melodischen, einschmeichelnden Weisen; kleinere -Tiere, den Hasen, Wieseln und Igeln ähnlich, letztere mit bunten -durchsichtigen Stacheln, tummelten sich lustig umher, spielend und sich -balgend, hüpfend und tanzend und seltsame Purzelbäume schießend. - -Kurz, es gab wieder genug zu sehen, zu hören und zu bewundern, wenn -nicht schon der Zauber der magischen, bengalischen Mondbeleuchtung -genügt hätte, um alle wach zu halten: wer hätte eine solche feenhafte, -ja wahrhaft paradiesische Nacht stumpfsinnig verschlafen mögen. - -Aber auch neue Blumen erschlossen ihre Kelche, äußerst zarte, -feingeformte Gebilde, meist leuchtend weiß mit goldgelben Staubfäden, -doch vom Mondlicht rosig überhaucht; auch hellblaue und hellrote Winden, -silberschimmernde Kapuzinerkresse und andere Blüten öffneten sich dem -Rosenmond und hauchten Düfte aus, deren Süßigkeit alle Wohlgerüche des -Tages weit zu überbieten schienen. - -Acht Stunden leuchtete der rosa Mond; kaum aber war er untergegangen, so -stieg ein etwas kleinerer Mond von lichtblauer Farbe am -entgegengesetzten Horizonte auf. - -Sein mildes Licht wirkte ungemein beruhigend. Es wurde überall still; -die Tierwelt begann zu schlafen und auch die Kelche der Nachtblumen -schlossen sich. - -Aber wieder sprangen neue Blüten auf, große Dolden, bunte Mohnhäupter, -und ein einschläfernder Wohlgeruch gesellte sich zum einschläfernden -Lichte. - -Auch unsere Freunde wurden still und fühlten schließlich das Verlangen -nach Schlaf. - -Schultze leitete mit folgenden Worten den allgemeinen Rückzug in die -Zelte ein: »Wenn die beiden Monde sich jede Nacht so pünktlich ablösen, -wie heute, so hat dieses Paradies stets zwei Nächte, von denen die erste -für das Vergnügen und die höchste Beseligung, die zweite erst für den -Schlaf bestimmt zu sein scheint. Nun haben wir auch die blaue Nacht vier -Stunden lang bewundert; legen wir uns zur Ruhe, wir haben noch zehn -Stunden bis Sonnenaufgang.« - -»Danken wir dem allgütigen Gott,« sagte der Lord, »der uns diese neuen -Wunder seiner Allmacht zu schauen würdigte; vor allem aber wollen wir -ihn preisen, daß er uns auf einer so lieblichen Friedenswelt landen -ließ, die keine Schrecken noch Gefahren zu bergen scheint. Trotzdem -wollen wir bei allem Gottvertrauen nicht lässig und leichtfertig sein -und nicht versäumen, die Wachen zu halten, wie die Vorsicht es uns -gebietet; denn es ist eben doch ein unbekannter Planet, auf dem wir uns -befinden und der außer dem Guten und Schönen, das wir kennen lernten, -noch viel des Unbekannten bergen wird, von dem wir noch nicht wissen, -wie es sich uns darstellen mag.« - -»Lassen Sie mich die erste Wache übernehmen,« bat Heinz, »ich fühle noch -gar kein Schlafbedürfnis.« - -»Gut! Nach drei Stunden wecken Sie mich, die mittlere Wache will ich -selber übernehmen,« sagte Flitmore. - -»Und die Morgenwache bitte ich mir aus,« erklärte der Professor, »schon -der astronomischen Beobachtungen wegen, die für uns von Wert sein -können.« - -Dabei blieb es, und alle, bis auf Heinz Friedung, zogen sich zurück. - -Nach anderthalb Stunden seiner Wache sollte der jugendliche Wächter -entdecken, daß der Planet Eden nicht bloß zwei Nächte besaß, wie -Schultze festgestellt hatte, sondern deren drei! - -Der blaue Mond neigte sich nämlich zur Rüste, als ein neuer Mond -aufging, diesmal ein dunkelgrün gefärbter. Er war wesentlich kleiner als -die beiden andern, etwa gerade so groß wie der Mond unserer Erde, der -scheinbaren Größe nach. - -Eine halbe Stunde lang standen beide Monde gleichzeitig am Himmel; dann -leuchtete nur noch der grüne Mond mit geheimnisvoll mattem Licht. -Offenbar war diese dritte, die grüne Nacht, erst die rechte Nacht des -tiefen Schlafes; die blaue Nacht war sozusagen der Spätabend, der den -ersten Schlaf auf die Lider senkte. - -Alles blieb still, wie ausgestorben, kaum ein Lüftchen wehte den -Dufthauch aus den zahllosen Blüten herüber. - -Heinz wurde ordentlich schläfrig und ließ sich nach drei Stunden, von -denen nur eine ganz in die grüne Nacht gefallen war, gar nicht ungern -durch Flitmore ablösen, dem während seiner Wache nur der dunkelgrüne -Satellit Edens leuchtete. - -Drei Stunden später kam der Professor an die Reihe. Noch drei weitere -Stunden stand der dritte Mond am Himmel; als er hinter dem Horizont -verschwand, trat die Morgendämmerung ein. - -Schultze vermerkte also: Erster Sonnenaufgang (Alpha Centauri) als erste -Stunde gesetzt; zweiter Sonnenaufgang nach zwei Stunden (Begleitsonne); -erster Sonnenuntergang zu Ende der 25. Stunde (Alpha Centauri geht -unter); mit Ende der 27. Stunde geht die Begleitsonne unter (25 Stunden -nach ihrem Aufgang); folgt eine Stunde Dämmerung; zu Beginn der 29. -Stunde geht der rosa Mond auf, der acht Stunden leuchtet, bis zum Ende -der 36. Stunde, worauf sofort, zu Beginn der 37. Stunde, der blaue Mond -erscheint, der sechs Stunden am Himmel steht; nach 41½ Stunden taucht -der grüne Mond auf, eine halbe Stunde vor Untergang des blauen, und -braucht 7½ Stunden, um das Firmament zu durchmessen. Zu Ende der 49. -Stunde endlich geht auch er unter, worauf eine einstündige -Morgendämmerung eintritt, bis nach Verfluß der 50. Stunde Alpha Centauri -als erste Sonne wieder aufgeht. - -Dies war der Verlauf, wie er sich zu dieser Jahreszeit abspielte unter -der Breite des Planeten Eden, wo sich unsre Freunde in der ersten, -wundersamen Nacht ihres dortigen Aufenthalts befanden. - - - - - 42. Höhere Wesen. - - -In der Morgendämmerung fühlte sich Schultze schläfrig werden; ein Wunder -war das nicht, hatte er doch gestern an die 40 Stunden gewacht und -hernach nur 6 Stunden des Schlafs gepflogen. - -Da hatte er eine wunderliebliche Erscheinung, ein märchenschönes -Traumbild, das ihn umgaukelte. - -Es war ihm, als sehe er durch die Wimpern seiner fast geschlossenen -Augenlider eine Elfe heranschweben. - -Zuerst tauchte ein herziges Gesichtchen zwischen dem glitzernden -Blattwerk des nahen Gebüsches auf, halb schelmisch, halb scheu -vorlugend. - -Dann teilte sich das Blattwerk mit kaum hörbarem Rascheln und die ganze -Gestalt schlüpfte heraus, sich über der Erde wiegend, ohne sie je zu -berühren. - -Die Erscheinung glich nach Größe, Gestalt und jugendlichem Aussehen -einem sechzehnjährigen Mädchen, aber von einer Zartheit der Formen und -Durchsichtigkeit der Haut, die das vollkommenste irdische Geschöpf plump -und grob erscheinen lassen mußten. - -Das Gesicht war von unbeschreiblicher Anmut und Vollkommenheit, und die -großen Augen leuchteten in einem Blau, das auf Erden seinesgleichen -nicht hatte. - -Der duftige Hauch des rosigen Mondes schien die weiße Blütenhaut zu -durchschimmern, und die durchsichtigen Blättchen der Heidenrose -erreichten diese lebensvolle Zartheit der Färbung nicht. - -Goldleuchtendes Haar, feiner als Seide, wallte von dem blühenden Haupte -herab und rahmte das feine Oval des Gesichtchens ein. - -Ein luftiges, anschmiegendes Gewand, wie aus Nebel gewoben, floß von den -Schultern hernieder und umwogte die zierliche Gestalt in wunderbar -grünem Schimmer. - -Langsam näherte sich dieses Feenkind eines Märchentraumes, wich öfters -wieder zurück, wie ein schüchternes Mägdlein wohl tut; zuletzt aber -schwebte es ganz heran und beugte sich über den Professor herab, dem -ganz wunderlich zumute wurde. - -Er riß die Augen plötzlich weit auf. Da erschrak das reizende Elfchen -und flog ins Gebüsch zurück gleich einem Meteor so geschwind. - -Und die Zweige rauschten und klirrten und Vögel schwirrten auf. - -Schultze sprang auf und rieb sich die Augen; wie ein Nebelstreif vom -Winde entführt verschwand die lichte Erscheinung; aber er wachte doch! -War das wirklich ein Traumbild gewesen? - -»Na, mein Lieber, was starren Sie egal ins Gebüsch?« fragte der Kapitän, -der sich bereits aufgetakelt hatte. »Sehen Sie eine Schlange oder ein -Gespenst?« - -»Ich sehe nichts,« erwiderte der Professor, sich dem Freunde zuwendend, -»wohl aber habe ich etwas gesehen; gespenstisch sah es nicht aus, eher -eine kleine Schlange, aber eine ganz reizende, sage ich Ihnen!« - -»Was will das heißen unter den Wundern Edens,« lachte Münchhausen; »Sie -tun gerade, als hätten wir noch nichts Wunderbares und Reizendes -erblickt!« - -Schultze schwieg; er war doch zu unsicher, ob er nicht alles geträumt -habe. Das würde sich ja wohl noch zeigen. - -Bald war alles munter. Rasch nahm man ein Frühstück ein von den -köstlichen Früchten Edens; alle brannten vor Begierde, die -Entdeckungsreise fortzusetzen und vielleicht noch größere Wunder, etwa -gar menschliche Spuren zu entdecken, das heißt Zeugnisse für das -Vorhandensein vernünftiger Wesen; denn wie sollte ein solches Paradies -seine Bestimmung erfüllen, wenn es nicht von solchen bewohnt war? - -Jeder hängte seine Tasche um, die sein Zelt mit den zerlegbaren -Aluminiumstäben und einige Vorräte und nützliche Gegenstände enthielt, -und nun wurde das Gebüsch durchschritten, das den Lagerplatz umsäumte -und in dem die liebliche Erscheinung verschwunden war, die den Professor -beglückt hatte, von der er aber kein Wörtlein mehr verriet. - -Als das Gebüsch durchschritten war, sahen die Wanderer, daß sie sich auf -einer Hochebene befanden, deren Rande sie sich näherten. - -Was aber ihre Schritte hemmte und ihre Blicke fesselte, war der Anblick -zweier menschlicher Wesen, die sich in emsiger Tätigkeit befanden. - - [Illustration: Gabokol und Fliorot schmiedend.] - -Der eine war ein erwachsener Mann mit braunen Locken, die auf die -Schultern herabfielen, und einem dunklen Vollbart. Ein weißes, faltiges -Gewand umwallte seinen Leib gleich einer Toga bis zu den Knöcheln herab; -sein Antlitz hatte etwas Durchgeistigtes, Verklärtes, Friedestrahlendes, -so daß es ein Gefühl des Vertrauens, ja der unwillkürlichen Zuneigung -erwecken mußte, selbst wenn die edelgeschnittenen Züge nicht von so -außerordentlicher, echt männlicher Schönheit gewesen wären. - -Zarter, aber nicht minder schön und herzgewinnend erschien der Jüngling -an seiner Seite: was waren gegen eine solch herrliche Gestalt die -Antinous- oder Adonisideale menschlicher Kunst? - -Ein blaues Gewand umhüllte die prächtigen Glieder, sich ihren Formen -anschmiegend. - -Die beiden wendeten alle ihre Aufmerksamkeit ihrer Arbeit zu, die eine -Art Schmiedekunst zu sein schien: von einer Felsplatte stieg eine -goldgelbe Flamme empor, deren Natur nicht zu erkennen war. Holz, Kohlen -oder sonst ein Feuerungsmaterial war nirgends zu sehen; die Flamme -schien aus dem Felsen selber hervorzubrechen. - -In diese Stichflamme hielt der Jüngling metallene Stäbe und Barren, bis -sie weißglühend erschienen, was in sehr kurzer Zeit der Fall war. Dann -übergab er sie dem Manne, der wohl sein Vater war, und der nun das -weiche Metall teils freihändig, teils mit allerlei merkwürdigen -Instrumenten, Zangen und Hämmern nach Belieben formte. - -»Diese Leute sind leichtsinnig, sie gehen höchst unvorsichtig mit dem -Feuer um, das doch eine ungeheure Hitze entwickeln muß,« flüsterte der -Professor, »man muß es ihnen sagen!« - -»So sagen Sie's ihnen,« entgegnete Münchhausen ironisch, »vielleicht in -Ihrer Allerweltssprache, dem Lateinischen, wie seinerzeit auf dem Mars.« - -Schultze schwieg. Der Kapitän hatte recht; wie sollte er sich mit diesen -Bewohnern einer fremden Welt verständigen? - -»Übrigens, sehen Sie!« bemerkte Mietje, »die beiden kommen jeden -Augenblick mit dem Saum und den Falten ihrer strahlenden Gewänder in die -Flammen hinein. Darauf scheinen sie gar nicht zu achten, und der Stoff -fängt auch nicht Feuer, wird nicht einmal angesengt.« - -»Wenn ich mir eine Meinung gestatten darf,« warf nun John ein, »so ist -dies sozusagen alles Hokus-pokus, ein Blendungswerk und gar kein -brennbares Feuer; denn, wie Sie sehen, greift der Alte in das -weißglühende Eisen mit den Händen, als sei es kalt anzufassen.« - -»Aber er biegt es und formt es,« entgegnete Heinz; »es muß also doch bis -gegen den Schmelzpunkt erhitzt sein.« - -»Diese Edeniten,« erklärte Flitmore, »scheinen ein Schutzmittel zu -kennen, das die Stoffe unverbrennlich und die Haut unempfindlich gegen -die Hitze macht.« - -Bei einer Wendung, die er machte, gewahrte der Schmied die Ankömmlinge. -Langsam ließ er das Eisen sinken, das er in der Hand hielt und legte es -dann weg. - -Er schien überrascht, so seltsame, niegeschaute Wesen zu erblicken, die -doch ihm und seinen Artgenossen nach Bau der Glieder und des Gesichtes -glichen, dagegen aus weit gröberem Stoff geschaffen zu sein schienen und -der Vollkommenheit ermangelten, die seine und seines Sohnes Schönheit -erreicht hatte. - -Es war ja aber auch möglich, daß andere Edeniten auch weniger schön und -zart gebaut waren als eben diese beiden; jedenfalls geriet der Mann in -kein maßloses Erstaunen, wie man es hätte erwarten können, namentlich -zeigte er keine Spur von Schrecken, vielmehr schien seine Überraschung -eine freudige zu sein. - -»Fliorot!« rief er seinem Sohne zu, der nun ebenfalls aufblickte und -ebenso angenehm erstaunt schien; ja der Jüngling klatschte vor Lust in -die Hände. - -Wie der Anblick dieser Menschen etwas Überirdisches darbot, so übertraf -ihre Stimme an Wohlklang alles, was die Erde an herrlichen Tönen kennt; -Glocken- oder Orgelklang schien zu schallen, als der wundersame Mann das -eine Wort »Fliorot« ausrief; und die helle Jubelstimme des Knaben mochte -am ehesten mit der klingenden Orgelpfeife verglichen werden, die man -^Voxhumana^, Menschenstimme, heißt, aber »Engelsstimme« nennen dürfte. - -»Jammerschade, daß wir uns mit diesen herrlichen Menschen, wie wir sie -wohl nennen dürfen, nicht verständigen können!« bedauerte Schultze. - -»Wie hat sich denn Kolumbus mit den Indianern zurechtgeholfen?« fragte -der Kapitän. - -»Das ist wahr,« sagte Flitmore. »Die Entdecker der verschiedenen Küsten -Amerikas kamen nie in ernste Verlegenheit, wenn es galt, sich mit den -Eingeborenen in Verkehr zu setzen, und sehr rasch lernten sie deren -Sprachen; wenigstens fanden sich alsbald begabte Sprachgenies, die als -Dolmetscher dienen konnten.« - -»Sollten wir nicht so viel zu Wege bringen, wie jene?« fragte Mietje. - -»Na, wie wär's Professorchen,« spöttelte Münchhausen, »wenn Sie's -wiederum mit Ihrem alten Latein versuchten?« - -»Ne, ne!« wehrte dieser lachend ab, »wir haben ja einen jungen -Sprachgelehrten unter uns; Heinz Friedung mag sein Heil probieren!« - -»Sehr gerne!« sagte Heinz ernst, ohne mit einer Wimper zu zucken. - -Schultze sah ihn groß an. »Na! Ich mache nur Spaß, natürlich! Sie -glauben doch nicht im Ernst, mit einer irdischen Sprache hier -anzukommen? Und wenn Sie alle Dialekte der Erde kennen würden und der -Reihe nach probierten, 40 Billionen Kilometer von der Erde entfernt wird -nicht ein einziger davon verstanden, dafür garantiere ich Ihnen.« - -»Herumprobieren wäre freilich zwecklos,« erwiderte Heinz, »aber es gibt -Naturgesetze, die Ihnen nicht bekannt sind, Herr Professor.« - -»Um so mehr wohl Ihnen, junger Freund?« lachte Schultze etwas ironisch. -Bildete sich der sonst so bescheidene Heinz gar ein, gelehrter zu sein -als der vielgereiste und hochstudierte Professor Heinrich Schultze aus -Berlin? - -Inzwischen waren die beiden Edeniten mit leichtschwebendem Gang, kaum -die Erde mit den bloßen Füßen berührend, herangekommen. - -Heinz Friedung redete sie an. - -»We nom tu?« fragte er kühn. - -Schultze lächelte belustigt über diese offenbar von Heinz selber -erfundene, improvisierte Sprache. Und das sollten die Bewohner der -Fixsternwelt gar kapieren? - -Aber der Edenite sah Heinz überrascht, doch sichtlich unsicher an. - -Sein Sohn dagegen brach in einen Jubelruf aus; ihm schien ein -plötzliches Verständnis aufzuleuchten und, wie um seinem Vater zu -erklären, was Heinz hatte sagen wollen, rief er jenem zu: »Wai nuomi -itu?« - -»Nuoma Gabokol,« sagte jetzt der Mann. - -»Ud itu?« wandte sich Heinz jetzt an den Jüngling. Der Vater aber -verbesserte: »Onde itu.« - -»Fliorot!« erwiderte der Gefragte. - -»Pa?« frug Heinz den Alteren weiter. - -»Migu Pa,« sagte der, auf sich weisend: »Seit failo-mig.« - -Vollständig verblüfft lauschten die Erdenbewohner, wie dieser grüne -junge Mann Heinz offenbar eine Unterhaltung mit Wesen angeknüpft hatte, -deren Sprache kein Mensch verstehen konnte. - -Schultze rief wahrhaft entsetzt: »Da hört sich doch aber alle und jede -Wissenschaft auf! Wenn einer auf Erden etliche Tausend Kilometer weit -reist, so darf er darauf schwören, daß er auch nicht ein -Sterbenswörtchen der Sprache versteht, die von den Eingeborenen des von -ihm erreichten fremden Landes geredet wird, es sei denn, er habe die -Sprache mühsam erlernt; und Sie wollen sich mir nichts dir nichts mit -Leuten verständigen, die 40 Billionen Kilometer von unserem Planeten -entfernt leben?« - -Münchhausen schüttelte sich vor Lachen: »Ein köstlicher Scherz!« rief -er. »Merken Sie nicht, Professorchen, daß dieser Erzschalk von Friedung -uns zu Narren hält und nur so tut, als ob er täte?« - -»Aber dann würden ihm diese Leute doch nicht ernsthaft Rede und Antwort -stehen!« warf Mietje ein. - -»Die Sache ist ganz in Ordnung,« sagte Heinz. »Ich habe zwar -selbstverständlich die Sprache dieser Edenbewohner nie gehört noch -gelernt, daher kann ich sie auch nicht richtig treffen. Doch kann ich -sie immerhin so annähernd reden, um mich verständlich zu machen. Ich -sagte >we< und es heißt >wai<; ich sagte >nom< und es heißt >nuomi<, in -der ersten Person >nuoma<; ich sagte >tu< und es heißt >itu<; ebenso muß -es >onde< heißen statt >ud<, wie ich sagte. Doch traf ich in der Regel -die Konsonanten richtig, so daß ein intelligenter Edenite mich verstehen -muß, und bereits lernte ich außer den genannten berichtigten Formen -einige neue Wörter: >migu< heißt >ich<, >seit< heißt >dieser<, >failo< -aber >Sohn< und >mig< >mein<. Wenn ich mit drei Sätzen schon so weit -kam, so darf ich hoffen, in wenigen Tagen schon ein wissenschaftliches -Gespräch in der klangvollen Sprache Edens mit genügendem Verständnis -führen zu können.« - -»Na! Was wollen Sie denn nun von diesen Herren erfahren haben?« fragte -der Kapitän, noch stark zweifelnd. - -»O, nicht viel, aber immerhin das, was ich zunächst erfragte. Wir haben -vor uns Vater und Sohn, >Pa onde failo<; der Vater heißt >Gabokol<, was -so viel wie >offenes Auge< bedeuten dürfte; der Sohn heißt >Fliorot<, -was ich mit >fliegendes oder flüchtiges Rad< erklären möchte. Dies ist -vorerst alles!« - -»Aber wie zum Kuckuck wollen Sie uns dieses Wunder erklären?« rief -Schultze. »Ich habe große Wunder erlebt, aber dies scheint mir doch das -seltsamste von allen! Vierzig Billionen Kilometer, ich sage Ihnen, -vierzig Billionen Kilometer trennen die Erde von Eden, und Sie kommen -jung und grün von der Erde und reden ohne weiteres die Edeniten an, und -Sie werden verstanden und Sie verstehen! Das übersteigt meine -Fassungskraft!« - -»Na, so grün, wie Sie vermuten, bin ich eben doch nicht, Herr -Professor,« lachte Heinz. »Sehen Sie, die ganze Sache ist die: ich habe -das Geheimnis der Entstehung der menschlichen Sprache entdeckt, und nach -und nach gelang es mir, alle Lautgesetze zu finden, auf denen die -Wortbildungen beruhen. Da es sich um Naturgesetze handelt und nicht um -willkürliche Wortbildungen, konnte ich mir sagen, daß überall, wo Wesen -sich finden, die ähnlich gebaut sind wie wir Menschen, sie auch ihre -Sprache ganz von selber nach den gleichen Gesetzen bilden mußten wie wir -Menschen. - -Nun redete ich die Edeniten sozusagen in der Ursprache an; ich bildete -die Worte aus den Lauten, die für den Begriff bezeichnend sind, den sie -bedeuten sollen. Wenn nun die Sprache Edens sich nicht gar zu künstelnd -von der Urform entfernte, so mußte ich verstanden werden, und letzteres -war denn auch der Fall. Passen Sie auf! Wenn ich sage >We nom tu?< so -begreifen Sie vielleicht nicht gleich, daß >nom< bedeuten soll >heißt<; -denken Sie aber an das französische >^nommer^< oder an >Name<, so -leuchtet es Ihnen wohl ein, daß >We nom tu?< besagen soll: >Wie heißt -du?< Die Edeniten sagen nun: >Wai nuomi itu?< Aber, wie gesagt, die -entscheidenden Laute sind ihnen bekannt, so daß sie auch meine -mangelhafte Frage begriffen. >W< ist einmal der Fragelaut: wer, wie, wo, -was, wann und so weiter; auf englisch ^where^, ^why^, ^who^ und so fort; -im Lateinischen und Französischen tritt qu an die Stelle. D oder T, -zuweilen S, ist der deutende Laut, also auch der Laut für >du, dich< und -so weiter, er bezeichnet den, die oder das, auf die ich deute; und so -könnte ich Ihnen für jeden beliebigen Begriff sagen, welcher Laut dem -Menschen ganz unwillkürlich, mit Naturnotwendigkeit in den Mund kommen -mußte, wenn er den betreffenden Begriff durch einen Laut ausdrücken -wollte. Dies ergibt die Gesetze der Entstehung der Sprache, die ich -entdeckte, und nach denen ich die Worte bildete, die von den fremdesten -Wesen leicht begriffen werden müssen, falls sie eine menschenähnliche -Sprache reden.« - -»Ein genialer Gedanke bleibt es immerhin, daß Sie gleich darauf kamen, -diese irdischen Kenntnisse in dieser Weise hier auf die Probe zu -stellen,« lobte Flitmore. - -Die Edeniten hatten aufmerksam gelauscht, doch sicher nichts oder nur -gar wenige Worte verstanden; es gehören einfachere Sätze her, als sie -dieses Gespräch enthielt, um eine wildfremde Sprache lediglich durchs -Gehör kennen zu lernen. - -Nun nahm Gabokol das Wort, sich an Heinz wendend. - -»Er ladet uns ein, ihm zu folgen,« erklärte der junge Mann. - -»Angenommen!« sagte Flitmore, und die Gesellschaft vertraute sich der -Führung der neuen Bekannten an. - -Diese atmeten tief ein und erhoben sich in die Luft, durch die sie nun -schwebten, ohne wieder den Boden zu berühren. - -Unsre Freunde konnten wohl kolossale Luftsprünge machen, aber sich -dauernd in der Schwebe zu erhalten, gelang ihnen nicht. - -Als die Edeniten dies merkten, ließen sie sich herab und Gabokol fragte -in seiner Sprache Heinz: »Warum wollt ihr nicht fliegen?« - -»Wir können es nicht!« - -Der Mann schien höchlichst überrascht; aber fortan begnügten er und sein -Sohn sich höflich damit, die Gäste springend zu begleiten. - -Fliorot interessierte sich sehr für die beiden Schimpansen und fragte, -ob das die kleinen Söhne der Lady seien. - -Mietje stieß einen Schrei des Entsetzens aus, als ihr Heinz diese Frage -übersetzte. Dieser aber klärte Fliorot auf, daß die Affen Tiere und -keine Menschen seien, auch nicht reden könnten. - -Hierauf untersuchten die beiden Edeniten die Schimpansen mit größter -Verwunderung. - -»Na!« meinte Münchhausen: »Diese Edenmenschen stammen offenbar von -keinen Affen ab, da solche hier gar nicht bekannt sind. Professor Häckel -darf froh sein, daß er nie auf den Lehrstuhl einer hiesigen Universität -berufen wird; hier fielen seine Phantasien vollends in sich zusammen, -auch fände er zu intelligente Zuhörer, um mit seiner Weisheit Anklang zu -finden.« - -Man war an den Rand der Hochebene gelangt. - -Unten dehnte sich ein liebliches Flußtal, und zu beiden Seiten des -Flusses ragten vereinzelte Felsblöcke von verschiedener Form, Größe und -Höhe zu Hunderten empor. - -Unsre Freunde erkannten bald, daß sie es mit künstlichen Gebilden zu tun -hatten, und zwar mit den Wohnhäusern der Edeniten. Die Felsen zeigten -Fenster, Galerien und Balkone; oben hatten sie meist flache Dächer, die -jedoch von Türmen, Säulen und Zacken überragt oder eingefaßt wurden. - -Breite Straßen und engere Gassen zogen sich zwischen den Häusergruppen -hindurch. - -Heinz erkundigte sich nach dem Grund solcher Bauweise und zeichnete auf -einen Marmorblock einige Wohnhäuser, wie sie auf Erden gebaut zu werden -pflegten. - -Gabokol erklärte, das komme ihm sehr gekünstelt vor. Sie nähmen sich die -Baukunst des Schöpfers in der Natur zum Vorbild. - -Alle mußten gestehen, daß diese rauhen, zackigen Bauten mit ihren -Galerien, Bogen und Türmen ein ganz hervorragend schönes, -abwechslungsreiches und großartiges Stadtbild ergaben. - -Die Stadt glich einem Bienenkorbe; über den Dächern, durch die Straßen, -zu den Fenstern aus und ein flogen und schwebten Menschen in leuchtenden -farbigen Gewändern, wie aus Duft gewoben, Männer und Frauen, Knaben und -Mädchen, auch kleine Kinder. - -Man konnte sich nicht satt sehen an diesem farbenfrohen Bilde, an diesen -anmutigen Bewegungen. - -Als unsre Freunde später diese Stadtbewohner aus der Nähe sahen, -entdeckten sie, daß Gabokol und Fliorot durchaus nicht ausnahmsweis -schöne Exemplare ihrer Rasse waren, sondern daß vollkommene Schönheit, -Anmut und Grazie, dazu Adel der Gesinnung, der sich in den Zügen -spiegelte, die allgemeinen Merkmale aller Edeniten waren. - -Dabei zeigten sie sich nicht etwa besonders ähnlich, sondern die -persönliche Verschiedenheit der Gestalten und Gesichter schien eher noch -mannigfaltiger als auf der Erde; und doch konnte man hier niemand in das -liebliche Antlitz oder gar in die sonnigen Augen sehen, ohne ihn auf den -ersten Blick liebgewinnen zu müssen. - - - - - 43. Im Hause des Gastfreunds. - - -Für heute wurde nicht in die Stadt hinabgestiegen oder vielmehr -geschwebt; denn Gabokols Wohnung war gleichsam ein Landhaus, das auf -einer Stufe des Bergrandes sich erhob, der sich ins Tal hinabsenkte. - -Das Haus stand in einem Garten von unerhörter Pracht und Lieblichkeit. -Jetzt erst sahen unsre Freunde den ganzen Reichtum an Formen und Farben, -den die Blumen, Gesträuche und Schlingpflanzen Edens aufwiesen. - -Auch die fremdartigen Gemüse hielten sie anfangs für Zierpflanzen, bis -ihnen späterhin die Hausfrau alles erklärte. - -Ganz entzückend war der Geflügelhof; denn Fasanen, Pfauen und Perlhühner -reichten mit ihren Farben und Zeichnungen weit nicht heran an die -verschiedenen Arten eierlegender Haushühner, Enten und Gänse, die hier -wimmelten. Auch die Eier dieser Vögel Edens übertrafen an Wohlgeschmack -weit diejenigen ihrer irdischen Basen und erschienen überdies gefärbt -wie leuchtende Ostereier oder gesprenkelt wie die schönsten Eier der -Singvögel auf Erden. - -Heinz, der immer rascher und tiefer in die eigentümlichen Geheimnisse -der Sprache Edens eindrang, machte stets den Dolmetscher; aber schon -begannen auch die andern alle dies und jenes zu verstehen, nachdem sie -einmal darauf aufmerksam gemacht worden waren, daß die natürliche -Lautverwandtschaft den besten Schlüssel liefere. Merkwürdigerweise war -es John, der bei weitem am raschesten auffaßte, jedenfalls weil er sich -am unbefangensten dem angeborenen Sprachinstinkt überließ. - -Gabokol versicherte einmal über das andre, wie er sich freue und die -Seinigen sich freuen würden, die lieben Gäste aus einer andern Welt -beherbergen zu dürfen. Er werde jedem ein eigenes Zimmer anweisen; denn -hier sei man so sehr gewohnt, Gäste zu beherbergen, je öfter und je mehr -desto lieber, -- so daß jedes Haus zu drei Vierteilen aus Gastzimmern zu -bestehen pflege. - -Eine Haustüre war nicht vorhanden; man stieg, wie bei allen Häusern -Edens, durch das Dach ein; da die Villa einstöckig war, gelang allen der -etwas hohe Sprung. Gabokol und Fliorot schwebten voran. - -»Ma!« rief Gabokol, als sie das Innere der Wohnung betraten. - -Alsbald erschien eine Lichtgestalt, ein Wesen von einem Zauber der -Anmut, Jugendfrische und Schönheit, wie niemand bisher ähnliches -geschaut, abgesehen von Schultze, der sich von seiner Morgenwache her -einer noch weit lieblicheren Erscheinung erinnerte. - -Aber schon die Hausfrau, die unsern Freunden entgegenschwebte, bewies, -daß auch auf Eden das weibliche Geschlecht das schönere war, so -vollkommen sich auch die männliche Schönheit darstellen mochte. - -»Bleodila«, stellte Gabokol seine Gattin vor, mit Betonung des O des -klangvollen Namens, den Heinz als »die Blühende« übersetzte, entschieden -ein Name, der dieser Frauenblume angemessen war. - -Bleodila war sehr erfreut, fremde Gäste bei sich zu schauen, und führte -sie in die Wohnstube, deren Wände aus Bergkristall bestanden und mit -Edelsteinen in künstlerischen Blumenmustern verziert waren. - -Hier wurden unsre Freunde eingeladen, in bequemen Sesseln aus buntem, -durchsichtigen Binsengeflecht sich niederzulassen. - -Für das Gewicht plumper Erdenmenschen waren diese zarten Geflechte zwar -nicht berechnet; doch erwiesen sie sich als so zäh, daß sie sogar -Münchhausens Last aushielten, ohne zusammenzubrechen. - -Der Kapitän benützte in der Folge immer den gleichen Sessel, den größten -und stärksten natürlich. Die kugelige Form, die selbige Sitzgelegenheit -infolgedessen annahm und die von ihrer ursprünglichen und allen auf Eden -üblichen Formen seltsam abwich, machte den Lehnstuhl seinen Besitzern zu -einem dauernden Andenken an den Besuch des dicken Kapitäns. - -Als die Gäste Platz genommen, rief die jugendfrische Hausmutter ihre -älteste Tochter herein; es herrschte die Sitte in Eden, die Hausgenossen -nicht schockweise, sondern einzeln, in angemessenen Pausen den Gästen -vorzustellen. - -Die kleine Fee, die nun erschien und die zwanzig Jahre zählte, war von -einem blaßrosa Kleide umflort und ihr braunes Haar ringelte sich in -seidenen Wellen über den Rücken hinab. - - [Illustration: Elfenerscheinung.] - -Unsre Freunde fragten sich bei ihrem Anblick, ob es denn möglich sei, -daß sich immer noch größere Schönheit und zartere Lieblichkeit -offenbare, denn zuvor hatten sie gemeint, die Frau des Hauses stelle den -Höhepunkt aller überhaupt möglichen Reize dar; nun aber fanden sie -dieselbe durch ihre Tochter noch weit übertroffen. - -Nur Schultze wußte, daß es auf diesem Planeten noch entzückendere -Lieblichkeit gab, als sogar Glessiblora sie offenbarte. - -Den Namen dieses taufrischen Mädchens, Glessiblora, mit dem Ton auf dem -I der zweiten Silbe, dolmetschte Heinz mit »Glanzblume«. - -Erst eine Viertelstunde später wurde auch Heliastra, die Jüngste, -gerufen. - -»Sie ist erst siebzehn und ein kleiner Schelm, ein lustiger Kobold,« -erklärte der Vater, ehe sie erschien, und Heinz übersetzte ihren Namen -mit »Flimmersternchen«, wörtlich »Hellstern« - -Von ferne vernahm man schon das silberne Lachen der Nahenden; denn mit -nichts konnte der Wohllaut dieser hellen Stimme füglich verglichen -werden, wenn nicht mit dem Klang silberner Glöckchen. - -Und nun erschien Heliastra in der Öffnung, welche die Tür vertrat; denn -eigentliche, verschließbare Türen gab es in Eden nicht. - -Unter dem Eingang hemmte sie den schwebenden Schritt, und wie sie so -dastand, umwallt von goldglänzendem Haar, im dunklen Türrahmen, da -erschien sie wahrlich wie ein heller, flimmernder Stern. - -Unsre Freunde schauten alle nach der siebzehnjährigen Elfe hin: solch -ein wunderliebliches Gesichtchen, solch ein Blau der lieben, lustigen -Augen, solch durchsichtige Blütenweiße der Haut, von duftigem -Rosenschimmer durchhaucht, kurz, einen solchen Schmelz der Schönheit, -Anmut und Jugend hatten sie nicht nur niemals erschaut, sondern wären -auch nie imstande gewesen, sich derart vollkommene Reize in der -Phantasie auszumalen. - -Nur allein wieder Schultze hatte schon ähnliches gesehen, ja nicht nur -ähnliches: er erkannte in Heliastra sofort die holdselige Erscheinung, -die ihn bei seiner Morgenwache begrüßte, als er halb eingenickt war und -nicht recht wußte, ob er schlief oder wachte. - -Die Kleine hatte ihn ebenfalls erkannt. Nachdem sie die fremden Gäste -ohne Befangenheit gemustert und besonders Heinz Friedungs bewundernde -Blicke durch ein bezauberndes Lächeln und freundliches Zunicken erwidert -hatte, schwebte sie direkt auf den Professor zu und machte vor ihm eine -tiefe Verbeugung, dann lachte sie ihm hell ins Gesicht. - -»Heliastra!« rief Bleodila mit sanfter Zurechtweisung ihrer Jüngsten zu. - -»O Ma,« erwiderte diese: »Wir kennen uns schon; als ich heute Morgen Pa -und Fliorot zur Schmiede begleitete, flog ich ein wenig umher und fand -das Lager der Fremden; dieser würdige Herr hielt Wache davor; ich -glaubte aber, er schlafe und wollte mich nähern, da sah er mich so groß -an, daß ich erschrak und forthuschte, allein ich glaube, er war noch -viel mehr erschrocken.« Und sie lachte wieder ihr herzerquickendes -Lachen. - -Als Heliastra merkte, daß Heinz ihre Sprache verstand, begann sie eine -lebhafte Unterhaltung mit ihm und fragte ihn neugierig aus über die -Welt, von der die Fremdlinge kamen. Wenn der junge Mann dann wieder ein -Wort recht verketzerte, lachte sie mit einer Unwiderstehlichkeit, die -auf die ganze Gesellschaft ansteckend wirkte. - -»Ich kann mir nicht helfen,« sagte sie, wie sich entschuldigend, zu -Heinz. »Es macht mir gar zu großes Vergnügen, welch sonderbare Worte du -oft gebrauchst oder wie seltsam du andere aussprichst und veränderst. Es -ist ja erstaunlich, wie du unsere Sprache reden kannst, die du heute zum -erstenmal hörst, so gescheite Männer gibt es bei uns gar nicht; aber ich -bitte dich, lerne nur ja nicht ganz richtig sprechen, du würdest mich um -ein gar zu großes Vergnügen bringen.« - -Heinz mußte nun auf Gabokols Bitte erklären, wie er überhaupt dazu -gekommen war, sich mit den Edeniten verständigen zu können. - -Selbst die Mädchen folgten mit gespanntem Interesse und völligem -Verständnis seinen Auseinandersetzungen über die Gesetze der Entstehung -der menschlichen Sprache. - -Gabokol drückte ihm zum Schluß seine hohe Bewunderung aus und bat ihn, -einen Vortrag über diesen Gegenstand in der Hauptstadt zu halten. »Du -wirst dadurch bei uns ein berühmter Mann werden, denn unsre Gelehrten -haben wohl herausgefunden, daß alle Sprachen unsres Planeten -ursprünglich miteinander verwandt sind, aber über die Anfänge der -Sprache überhaupt haben sie sich vergeblich den Kopf zerbrochen und sind -zu der Ansicht gekommen, das sei ein für den menschlichen Verstand -unlösbares Rätsel. - -Nun denke dir, welches Licht deine neue Erkenntnis verbreiten wird, -welchen Dienst du unsrer Wissenschaft leistest und welchen neuen Anstoß -du ihr gibst. Und einen großen Respekt wird man hier bekommen vor dem so -viel größeren Scharfsinn der Erdenbewohner.« - -Heinz lächelte, versprach aber, den Vortrag zu halten, sobald er die -Sprache des Landes genügend beherrsche. - -Nun trugen die Töchter des Hauses das Mittagsmahl auf, zur großen -Befriedigung des Kapitäns. - -Unsre Freunde lernten hiebei neue, ungeahnte Genüsse kennen, nämlich die -herrlichen Gemüse Edens und die ganz vorzüglichen Mehlspeisen und -Backwaren, die verrieten, daß die Edeniten Getreidesorten besaßen, die -verschiedenartige Mehle lieferten und zwar ungleich köstlichere als die -Erde sie kennt. - -Fleischgenuß war hier unbekannt: niemals wäre jemand auch nur der -Gedanke gekommen, ein Tier gewaltsam zu töten oder gar einen Tierleib zu -verzehren. Allerdings, bei der unerschöpflichen Auswahl an auserlesenen -Speisen wäre es Torheit gewesen, noch Fleischkost einzuführen, die -wahrscheinlich den Edeniten gar nicht zuträglich gewesen wäre, -keinesfalls aber zur Verbesserung des Speisezettels hätte beitragen -können. - -Keiner unserer Freunde vermißte Fisch, Geflügel und Braten, so viel -wohlschmeckender erschienen allen die Gerichte Edens in ihrer -unendlichen Abwechslung. - -Eier, Milch, Butter, Käse und Honig waren die einzigen Speisen, die dem -Tierreich entnommen wurden, und auch sie übertrafen alles Irdische; -namentlich gab es die verschiedensten Arten von Eiern, von Honig und von -Milch, und aus den verschiedenen köstlichen Milcharten wurden auch die -verschiedensten Arten von Butter und Käsen hergestellt, von denen jede -ihre besonderen unnachahmlichen Vorzüge aufwies. - -Die Getränke bestanden teils aus Wasser, das auch in verschiedenen -Zusammensetzungen dem Erdboden entsprudelte, teils aus süßen und herben -Fruchtsäften, die nichts Berauschendes an sich hatten und doch die -Gemüter erhoben und die Stimmung verklärten, die Phantasie anregten und -belebten, weit mehr als die alkoholischen Getränke der Erde. - -Die Folge auch des reichlichsten Genusses dieser Edenweine war niemals -eine ungute, im Gegenteil, Kraft und Körperfrische sowie die geistige -Regsamkeit wurden stets durch sie gehoben. - - - - - 44. Neue Erkenntnisse. - - -Heinz erlernte fabelhaft schnell die Sprache der Edeniten. Er konnte -sich jetzt schon ganz fließend unterhalten. Schwierigkeiten machten nur -die Begriffe, die entweder der irdischen oder der Welt Edens fremd -waren. Aber durch Umschreibungen und Erläuterungen gelang es, auch -solche mit der Zeit begreiflich zu machen. - -Gabokol und die Seinen zeigten dabei einen hervorragenden Scharfsinn und -nahmen bald mit vollstem Verständnis eine ganze Reihe von »Fremdwörtern« -auf, mit denen Heinz ihre Sprache bereicherte, weil es dieser an den -entsprechenden Ausdrücken fehlte. Dabei handelte es sich lediglich um -Dinge, die den Erdenmenschen geläufig, den Edeniten aber völlig -unbekannt waren, nicht zum Schaden der letzteren. - -So hielt es zu Anfang schwer, den Gastfreunden verständlich zu machen, -was unter Gift, Vergiftung, Verwundung, Krankheit, Schmerzen, Haß, -Bosheit und anderen Leiden und Lastern zu verstehen sei. - -Und doch war es notwendig, solche Dinge zu berühren, wollte man sich -über die Verhältnisse Edens belehren oder über diejenigen der Erde -Auskunft geben. Es waren daher größtenteils Fremdwörter von recht übler -Bedeutung, die von den Edeniten gelernt und schmerzlich staunend -begriffen werden mußten, wenn sie sich mit der fremden Welt, aus der -ihre Gäste kamen, vertraut machen wollten und ihnen andererseits klar -machten, inwiefern sich Eden von jener unterschied. - -Auch die andern machten rasche Fortschritte in der Sprache Edens, und -Flitmore sprach den Wunsch aus, einen Besuch in der Stadt so lange -hinauszuschieben, bis sie so weit wären, das Notwendigste zu verstehen -und sich selber verständlich zu machen. - -Es wurden daher in den nächsten Tagen nur Ausflüge auf die nahe -Hochebene unternommen und auch einige Aussichtspunkte besucht, von denen -aus man weit ins Land schauen konnte. - -Eine der ersten Fragen, die Schultze an Gabokol richtete, war die, wie -es komme, daß das Wasser hier zum Teil bergauf, zum Teil aber bergab -fließe. - -»Bei uns steigt immer das Leichtere nach oben,« erwiderte der Mann -verwundert, »und das Schwere strebt hinab; ist das nicht so auf der -Erde?« - -»Im allgemeinen wohl,« erwiderte der Professor. »So wird zum Beispiel -Öl, auf den Grund eines Baches gebracht, an die Oberfläche des Wassers -steigen; dann aber fließt es nicht den Bach hinauf, sondern hinab, -ebenso fließt sowohl Öl als Wasser auf festem Grund, falls dieser -geneigt ist, bergab.« - -»Auch wenn es leichter ist als der feste Grund?« fragte Fliorot -erstaunt. - -»Ja! Es befindet sich eben dann in einem andern Mittel, in der Luft, und -weil es schwerer ist als diese, drängt es zur Tiefe.« - -Gabokol schüttelte den Kopf. »Das ist merkwürdig und widerspricht den -Naturgesetzen, wie wir sie kennen. Wir haben dichtes Wasser, das -schwerer ist als Erd- und Felsboden: das sinkt hinab. Wird es aber durch -Wärme und Verlust aufgelöster fester Bestandteile leichter als der feste -Untergrund, so strebt es so hoch als nur möglich empor und fließt auch -selbstverständlich bergauf. Die Meere haben schweres Salzwasser: die -bleiben immer in der Tiefe. - -Unser Planet hat auch eine sehr schwere Luft und geringe magnetische -Kraft; auf unsern Monden ist das ganz anders, da fühlt man sich schwer -an den Boden gefesselt; möglich, daß dort auch das Wasser niemals -bergauf fließen könnte, wenn es dort überhaupt Wasser gäbe.« - -»Könnt ihr bis zu euren Monden fliegen?« erkundigte sich Mietje. - -»Wir können es wohl, tun es aber nicht ohne Not; denn zu einem -Aufenthalt für Lebende sind sie nicht geeignet. Es fehlt ihnen an -Pflanzen und an Wasser, sie gleichen leuchtenden Edelsteinen, sind aber -tot und nur ein Platz für die Toten. Auch macht ihre starke -Anziehungskraft das Wandern und Fliegen dort sehr beschwerlich.« - -»Wie macht ihr es überhaupt, daß ihr fliegen könnt?« wandte sich -Münchhausen an Fliorot. - -»Wir atmen die Luft in unsere Fluglunge ein,« erwiderte dieser. -»Probiere es doch einmal: sobald sie mit Luft gefüllt ist, schwebt man -von selber empor und sinkt erst wieder, wenn man die Klappe öffnet. Wir -können das schon als kleine Kinder, warum macht ihr's nicht ebenso?« - -»Aus dem einfachen Grunde, weil wir eine so praktische zweite Lunge -nicht besitzen,« entgegnete der Kapitän. - -»Das dachte ich mir,« fiel nun Bleodila, die Hausfrau, ein. »Bei uns ist -diese innere Einrichtung ein Vorzug, den wir vor den Tieren haben, die -nur springen können oder Flügel besitzen müssen um zu fliegen.« - -»Und durch die Anfüllung euerer Ballonlunge werdet ihr so leicht, daß -ihr bis zu den Monden fliegen könnet?« fragte Mietje weiter. - -»Nein, das nicht!« antwortete ihr der Hausvater anstelle seiner Gattin: -»Weiter oben wird die Luft so dünn und leicht, daß sie uns nicht mehr -trägt; wollen wir höher gelangen, so müssen wir Fahrzeuge benutzen, die -durch die abstoßende Kraft emporgetrieben werden, bis wir die Kraft -abstellen und, von dem Monde angezogen, auf seine Oberfläche gelangen.« - -»Aha! Meine Fliehkraft!« rief Flitmore. »Und weiter als bis zu euren -Monden reist ihr mit derselben nicht?« - -»Das können wir nicht: Die Zwischenluft bis zum grünen Mond, der uns der -nächste ist, genügt kaum mehr zum atmen; den blauen haben nur wenige -kühne und ausdauernde Fahrer erreicht; den rosa Mond aber, der doppelt -so weit entfernt ist, konnte noch keiner erreichen: Die Luft wird zuvor -so dünn, daß man umkehren muß, sonst müßte man sterben.« - -»Wenn ihr aber in einem verschlossenen Behälter voller Luft aufsteigen -würdet?« meinte der Lord. - -Gabokol sann nach: »Das wäre ein Gedanke! Das hat noch niemand -versucht,« sagte er: »Seid ihr so bis zu uns gekommen?« - -»Ja!« bestätigte Flitmore kurz. - -»Ein weiter Weg!« meinte Fliorot und sah zum Himmel empor. - -»Unsere Erde kannst du nicht sehen!« lachte Schultze, der der Richtung -seiner Blicke folgte und nicht umhin konnte, sich höchlichst zu -verwundern, daß der Knabe wenigstens genau zu wissen schien, wo er die -Erde am Firmament zu suchen hätte, falls sie sichtbar gewesen wäre. Aber -freilich, mit dem stärksten Teleskop hätte man diesen kleinen dunklen -Planeten von hier aus niemals entdecken können. - -Fliorot aber erwiderte: »O doch, ich sehe sie ganz genau. Ich kenne die -Lage eueres Sonnensystems gut. Ihr habt nur eine Sonne. Zuerst kommen -zwei kleine Planeten ...« - -»Merkur und Venus,« sagte Heinz. - -»Dann kommt euere Erde, wie ihr sie nennt,« fuhr Fliorot fort, »ich sehe -sogar ihren Mond.« - -»Ja, Fliorot hat scharfe Augen,« bestätigte Gabokol: »Ich selber kann -bei Tageslicht den Mond eurer Erde nicht erkennen, nur bei Nacht.« - -»Da hört sich aber doch alle Wissenschaft auf!« rief Schultze, der -staunend beobachtete, wie die Augen des Knaben ein wenig vorgetreten -waren und sich in weite Ferne richteten. »Das ist ja eine Sehkraft, die -unsere stärksten Fernrohre weit in den Schatten stellt und gegen die -auch diejenige des letzten Marsbewohners nichts besagen will! Ist dieser -Jüngling imstande, Erde und Mond als zwei getrennte Körper zu -unterscheiden, so ist das eine Augenparallaxe, die über das Märchenhafte -hinausgeht. Seine Augen müssen es vermögen, die Neigung zweier Linien zu -einander zu unterscheiden, die auf einen Kilometer nur 9 Millimeter -beträgt!« - -Gabokol führte nun unsere Freunde zu seiner Schmiede und erklärte ihnen, -wie die Flamme aus der Vereinigung zweier Gase entstand, die er durch -Mischung von Metallen und Säuren im Erdboden erzeugte. - -Er hatte ein Luftschiff in Arbeit, das aus äußerst leichten Metallen -gebaut wurde und das allgemeine Verkehrsmittel auf dem Planeten bildete, -wie er erklärte, wenn es sich darum handelte, rascher vorwärts zu -kommen, als durch persönlichen Flug, oder auch Lasten zu befördern. - -Als Triebkraft diente ein Magnetismus, den er Parallelkraft nannte, weil -er die damit geladenen Fahrzeuge in wagrechter Richtung über der -Oberfläche des Planeten hintrieb. - -Fliorot interessierte sich sehr für Heinz' Revolver. Als der Freund ihn -ernstlich mahnte, vorsichtig mit der gefährlichen Schußwaffe umzugehen, -lachte er; und ehe es jemand hindern konnte, schoß er sich eine Kugel -mitten durch den Arm. - -Den Schreckensruf unserer Freunde begriffen die Edeniten nicht. Der Arm -war allerdings durchbohrt, auch der Knochen durchschlagen. Doch schloß -sich die Wunde so augenblicklich ohne irgend welche Blutung, daß keine -Spur mehr zu sehen war. Auch die Knochen waren offenbar so elastisch, -daß sie ohne Schaden durchbohrt werden konnten. Ein Schmerzgefühl war -den Edeniten unbekannt, und selbst völlig abgetrennte Glieder wuchsen, -wie Bleodila versicherte, augenblicklich wieder fest, wenn man die -Schnittflächen aneinander legte. - -Doch kamen solche Verwundungen bei den elastischen Gliedmaßen und der -äußerst widerstandsfähigen, wenn auch noch so zart aussehenden Haut -äußerst selten vor. - -»Krankheiten kennt ihr auch nicht?« wandte sich Mietje an Glessiblora: -»Gifte gibt es hier keine, wie ihr sagt, und das stärkste Feuer vermag -eure Haut nicht anzugreifen, gibt es denn da bei euch überhaupt einen -Tod?« - -»Ja,« erwiderte das Mädchen, »sterben müssen wir alle. Ein Jahr dauert -bei uns etwa zehn eurer Erdenjahre und 300 bis 500 unserer Jahre ist die -gewöhnliche Lebensgrenze.« - -»Also 3000 bis 5000 Jahre!« rief Münchhausen. - -»Selten stirbt jemand in zarterem Alter,« bestätigte Heliastra. »Man ist -dann alt und müde und sehnt sich nach dem höheren, vollkommeneren Leben, -das Gott uns nach dem Tode verheißen hat.« - -»Fühlen wir unser Ende herannahen,« fügte Bleodila hinzu, »so treten wir -gewöhnlich alsbald die Reise nach dem grünen Mond an, dem Reich der -Toten. Dort schläft man nach wenigen Tagen ein, ohne wieder aufzuwachen. -Entschlummert aber einer schon hier, ehe er an die letzte Reise dachte, -was sehr selten vorkommt, so bringen wir seinen Leib hinauf, wo er dann -bald austrocknet und zu Staub zerfällt.« - -»Ihr glaubt also, wie wir, an ein ewiges Leben?« fragte Flitmore. - -Gabokol sah ihn verwundert an: »Natürlich!« sagte er: »Was hätte es für -einen Sinn, wenn das Leben mit dem Tode aus wäre?« - -»Nun, ihr habt doch sicher auch in diesem Leben eine Aufgabe zu -erfüllen,« meinte Schultze. - -»Gewiß! Sehr viele! Arbeit gibt es genug an uns und andern, für uns und -für andere; denn wir müssen doch immer besser werden und unsern Planeten -immer besser machen. Wollten wir zum Beispiel an der Verbesserung -unserer Weltkugel nicht ernstlich und fleißig arbeiten, so müßten unsere -Nachkommen bald zum Teil verhungern: bis jetzt ist nämlich nur ein -Streifen rings um den Planeten fruchtbar und bewohnt; alles andere ist -Wüste, es fehlt an Pflanzen und Erde. - -Unsere Hauptarbeit besteht nun darin, das nackte Gestein zu zermahlen, -es mit pflanzlichen Stoffen und chemischen Bestandteilen zu mengen und -so eine gute Erde herzustellen, mit der wir kahle Flächen bedecken, die -dann eingesät werden und Urwälder und Prärien bilden, welche zunächst -von der Tierwelt in Beschlag genommen werden können, bis sich später die -Bevölkerung ausdehnt. - -Nächst unseren häuslichen Arbeiten, der Herstellung von Verkehrsmitteln -und dem Landbau, beteiligt sich jedermann auch an dieser Riesenarbeit, -künftigen Geschlechtern ihre Wohnsitze zu schaffen.« - -»Nun also,« sagte der Professor: »So könntet ihr ja sagen, das ist der -Zweck unseres Lebens, unsern Nachkommen den Boden zu bereiten, und in -ihnen leben wir fort. Ähnlich sprechen so manche auf Erden, die an kein -Fortleben nach dem Tode glauben wollen.« - -»Und diese Nachkommen?« fragte Bleodila: »Sie würden auch einige hundert -Jahre sich des Errungenen erfreuen und ihrerseits für die Kommenden -vorarbeiten, um dann ins ewige Nichts zu versinken, und so ginge es -fort, bis der Planet tot wäre mit allen, die je auf ihm gestrebt und -gewirkt? Und dann? Dann wäre es völlig einerlei, ob je hier vernünftige -Wesen gelebt und gearbeitet haben oder nicht!« - -»Ja,« stimmte die kleine Heliastra der Mutter bei. »Wenn mit dem Tode -alles aus wäre, so wäre zuletzt unser ganzes Leben zwecklos und sinnlos, -wir wären das Puppenspiel eines unverständigen Schöpfers; aber gottlob, -die Macht, die uns erschaffen hat und erhält, ist Weisheit und Liebe; -darum allein können wir uns des Lebens freuen und auch dem Ende getrost -und fröhlich entgegensehen.« - -»Und was erhofft ihr vom Ende?« fragte Heinz. - -Heliastras Augen leuchteten: »Das Leben ist schön bei uns, wunderschön! -Aber welche Schranken sind uns überall gesteckt, wie viel möchten wir -wohl ausführen und können es nicht! Wer treu gewesen ist im Wirken -seines endlichen Lebens, dem werden höhere Aufgaben und Kräfte -anvertraut, wie wir glauben: ja, ein neueres, höheres und schöneres -Leben wird diesem mangelhaften Leben folgen, das glauben und hoffen -wir!« - -»Unser Glaube ist der,« fügte Gabokol hinzu: »Wer sich bewährt hat, dem -wird Gott eine seiner unzähligen Welten überweisen und ihm sagen: nun -magst du nach eigenen Gedanken und nach eigener Lust schaffen. Ich gebe -dir ein Maß von Schöpferkraft, wie es deinen Bedürfnissen entspricht; -ich ordne dir andere Geister bei, denen noch keine so hohe Macht -anvertraut werden kann, die dir aber treu und willig zu Diensten sein -werden. Nun schaffe dir eine Welt nach deinen Gedanken, Pflanzen, Tiere, -vernünftige Wesen, wie deine Phantasie solche erfindet, stelle -Naturgesetze auf, wie du sie für zweckmäßig hältst und wenn du des Rats -bedarfst, so darfst du ihn jederzeit bei mir holen. Ja, wir glauben, daß -die Natur und Lebewelt auf unserem Planeten und wir selbst auf diese -Weise geschaffen worden sind von einem großen, seligen Geist, dem Gott -hier sein Schöpfungsgebiet angewiesen hat; denn vollkommene Geschöpfe, -wie Gott selber sie erschaffen hätte, sind wir noch nicht. Aber im neuen -Leben wird er selbst uns zur Vollkommenheit vollenden, wie der Meister -des Schülers Arbeit verbessert und zur Vollendung bringt.« - -»Ihr glaubt also alle an einen Gott, von dem in letzter Linie die ganze -sichtbare Schöpfung ausgeht?« fragte Mietje. - -Bleodila sah sie verständnislos an: »Ja, was sollten wir denn sonst -glauben?« fragte sie. »Etwa, diese ganze Welt mit ihren wunderbaren -Geschöpfen und uns selbst, sei von selber entstanden?« und sie brach in -ein herzliches Gelächter aus, in das ihre beiden Töchter einstimmten, so -daß es wie der Klang eines Glockenspiels durch die zitternden Lüfte -schallte. - -»Ihr habt recht, daß ihr lacht,« sagte Mietje; »niemand macht sich so -lächerlich, wie der Zweifler am Dasein Gottes.« - -»Nichts ist wahrer als dies,« stimmte der Lord bei: »Die Gottesleugnung -wird stets der sicherste Beweis geringer Verstandesgaben sein und der -Unfähigkeit, vernünftig zu denken. Allerdings entstammt der plumpe -Aberglaube an die ewige, allmächtige Natur und ihren aus dem Nichts -gezauberten Gesetzen dem unlautern Willen und nie der wissenschaftlichen -Überlegung. Aber diese Leute, die das Opfer ihres Verstandes bringen, -weil sie nicht glauben wollen, die Geist und Sinne absichtlich -verschließen, um der allein vernünftigen Erkenntnis den Eingang zu -verwehren, sind um so bejammernswertere Toren und tun sehr Unrecht -daran, den Vogel Strauß zu belächeln, der den Kopf in den Sand steckt, -meinend, nun sei auch das nicht da, was er nicht mehr sieht, nicht sehen -will.« - -»Unsere Philosophen,« sagte Gabokol, »haben auch schon über das -Welträtsel nachgedacht. So beschränkt war freilich keiner, am Dasein -eines Schöpfers zu zweifeln. Aber die Frage nach der Ewigkeit des -Sichtbaren warfen sie auf. Da kamen sie denn zu folgenden Erkenntnissen: -entweder das Sichtbare war immer da, das heißt von jeher vom ewigen -Schöpfer hervorgebracht; dann wird es auch immer sein, und die -Vergänglichkeit ist nur etwas Scheinbares, als ein Übergang in andere, -zweifellos, höhere Daseinsformen; das wäre eine beständige Entwicklung, -ein ewiger Fortschritt.« - -»Wenn aber das Sichtbare einen zeitlichen Anfang hätte?« warf Schultze -ein. - -»Dann könnte es ja wohl auch ein Ende haben,« erwiderte der Edenite; -»allein es ist klar, daß wenn _einmal_ ein Anfang war, auch späterhin -immer wieder ein neuer Anfang möglich ist; ja es wäre unsinnig zu -glauben, daß es in der Ewigkeit der Zeiten nur einmal zu einem einzigen -Anfang gekommen wäre und dann für alle Zeiten Ende und Tod. Wir -schließen daraus, daß auch das Einzelne nie ein endgültiges Ende nehmen -kann, sondern daß ihm ein neuer Anfang sicher ist. Der Anfang des -Sichtbaren setzt also nicht sein Ende voraus, sondern vielmehr seine -ewige Erneuerung.« - - - - - 45. Heliastra. - - -Es war wunderbar, wie die Lebensluft Edens Körper und Geist frisch -erhielt, stärkte und belebte! - -Was ließ sich doch alles an _einem_ Tage ausführen, kam doch zum -siebenundzwanzigstündigen Sonnentag nach einer Dämmerstunde die -achtstündige Rosennacht, in der noch keine Müdigkeit oder Schläfrigkeit -aufkam! - -Man ging zur Ruhe, wenn der blaue Mond bereits einige Stunden geleuchtet -hatte; man erhob sich gestärkt und munter, ehe der grüne Mond sich zum -Untergang neigte: acht bis neun Stunden Schlafs genügten allen -Bedürfnissen, so daß der Tag, das heißt die Zeit des Wachens, mehr als -40 Stunden währte. - -Was man bei der hier so gesteigerten Auffassungsfähigkeit in wenigen -Tagen lernen konnte, merkten unsre Freunde besonders daran, daß sie bald -die Sprache Edens verstanden und redeten, als sei sie ihnen von Kind auf -bekannt gewesen. Freilich wäre dies nicht möglich gewesen, wenn nicht -eben die Verwandtschaft mit der irdischen und namentlich mit der -deutschen Sprache, die der menschlichen Ursprache so besonders nahe -steht, gewesen wäre. - -Eines Abends, als der Rosenmond sein märchenschönes Licht über die -Landschaft ergoß, saß die nun so vertraute Gesellschaft auf dem Dache -des Hauses. - -Gabokol führte mit Schultze und Flitmore ein ernstes Gespräch, dem John -andächtig lauschte, sich hier und da eine seiner wohlgesetzten Fragen -gestattend. - -Mietje unterhielt sich mit Bleodila und der gesetzten Glessiblora über -das Leben und Treiben der Frauenwelt Edens. - -Fliorot lauschte den fabelhaften Erzählungen des Kapitäns Münchhausen, -der an dem Knaben einen eifrigen Zuhörer gefunden hatte. - -Etwas abseits saßen Heinz und Heliastra und betrachteten den leuchtenden -Sternhimmel, der freilich den Augen der Jungfrau einer höheren Welt noch -viel reichere Wunder offenbarte als dem Jüngling der irdischen Fernen. - -»Ich liebe die Sterne so sehr!« sagte die kleine Elfe: »Wie viel -leuchtende Sonnen hat doch Gott erschaffen und wie unzählig mögen die -Wesen sein, die ihres Glanzes sich freuen! Den helleren Sternen haben -wir Namen gegeben und ebenso den Bildern, die durch verschiedene -einander scheinbar nahestehende Sterne entstehen, wenn man sie vereint -betrachtet.« - -»Genau so haben auch wir auf der Erde es gemacht,« erwiderte Heinz -lächelnd. - -»Nein! wie merkwürdig!« rief Heliastra erfreut: »Sieh einmal, dort am -Horizont stehen vier Sterne, die einen viereckigen Leib bilden, von dem -ein langer Hals emporstrebt; wir nennen das Sternbild, das wohl das -deutlichste am Himmel ist, Ligela, nach dem langhalsigen Tier, das ihr -Giraffe nennt, wie heißet denn ihr's?« - -Heliastra hatte sich von Heinz fleißig in seiner Sprache unterweisen -lassen und wußte schon alle Namen derjenigen irdischen Geschöpfe, die -mit denen Edens einige Ähnlichkeit hatten. - -»Wir nennen dies Sternbild den Wagen oder den Großen Bären,« erklärte -der Jüngling: »Es gehört auch bei uns zu den bekanntesten.« - -Heliastra schüttelte das Goldköpfchen: »Ligela klingt schöner,« meinte -sie; »aber schau, dort drüben sind drei Sterne in einer Reihe und zwei -darunter; dieses Bild nennen wir den Thron, Sissal, und den hellen Stern -rechts unten Helor.« - -»Wir heißen den letzteren Rigel, nehmen aber zum Sternbild noch jene -beiden oberen Sterne, links Beteigeuze, rechts Bellatrix, und heißen das -ganze Gebilde Orion.« - -»Orion! Nein, welch schöner, klangvoller Name!« rief das Mädchen. »Aber -paß auf: die beiden Sterne, die ihr Beteigeuze und Bellatrix benennt, -wir aber Fluir und Saila, rechnen wir zum langgestreckten Bild der -Schlange, Slipilil; ihr Kopf ist dort links das strahlende Gestirn -Glorhel.« - -»Das ist Sirius im großen Hund,« erläuterte Heinz. - -»Und das Schwanzende,« fuhr Heliastra fort, »ist dort rechts der helle -Stern, an den sich mehrere kleinere in schönem Schwung anschließen; -ersteren heißen wir Glizil.« - -»Das ist Aldebaran im Stier und die kleine Gruppe die Hyaden.« - -Noch eine ganze Reihe von Stern- und Sternbildernamen erklärten sich die -beiden gegenseitig, wobei es sich freilich erwies, daß die Astronomen -Edens meist andre Gruppierungen festgestellt hatten, als die irdischen. -Genau übereinstimmend erfanden sich außer dem großen Bären nur die -besonders scharf begrenzten Bilder der Kassiopeia, die ein großes -lateinisches W bildet und der Wage; diese beiden nannte Heliastra -»Doppeldreieck« und »Amboß« oder Dutri und Kolgor. - -Immer wieder mußte Heinz dann von der Erde und den Menschen erzählen, -und Heliastra lauschte seinen Berichten wie Wundermären aus einer fernen -Märchenwelt. - -Und wenn er von den Leiden, Fehlern und Leidenschaften der irdischen -Geschöpfe berichtete, von den Schrecken und Gefahren, von Unglück und -Verbrechen, die den Frieden und das Glück der Erdenbewohner trübten, da -offenbarte sich ihm das tiefe Gemüt, das sich hinter dieses Sonnenkindes -schelmischem Wesen barg. - -Denn die Liebliche empfand ein so tiefes Mitleid mit ihren fernen -Brüdern und Schwestern, daß ihre Himmelsaugen in Tränen schwammen; und -die Sünde und Verworfenheit kam ihr noch als das allerbemitleidendste -Elend vor, unter dem die armen Geschöpfe zu leiden hätten. - -»O,« rief sie aus: »Wie viel höhere und edlere Aufgaben, Arbeit und -Tätigkeit ist doch euch zugewiesen, die ihr Schmerzen zu lindern, Übel -zu bekämpfen und Schlechtes zu überwinden habt! Wir streben ja auch der -Veredlung und Vollkommenheit zu, aber die Schwierigkeiten, mit denen ihr -zu rechnen habt, sind uns unbekannt: bei euch muß das Leben ein wahres -Heldentum sein. Nur einmal möchte ich auch hineinversetzt werden in all -dies bejammernswerte Elend, um mit euch kämpfen und siegen zu können.« - -»O, wünsche das nicht!« sagte Heinz, das zarte Geschöpf in seiner -verklärten Begeisterung wehmütig betrachtend: »Wie viel glücklicher seid -doch ihr!« - -»Meinst du? Ich fühlte mich wohl wunschlos glücklich, so lange ich -nichts ahnte von Leiden, wie du sie zu schildern weißt. Nun aber ist ein -heißer Wunsch, ein brennendes Verlangen in meiner Seele erwacht: ist es -nicht das höchste Glück, trösten, lindern, helfen zu dürfen, wo das -Elend zum Himmel schreit?« - -»Und dann Undank ernten und von denen, mit denen man es so gut meinte, -verhöhnt und gequält zu werden, wie es unserm Heiland ging?« - -»Glaubst du nicht, es sei das Schönste, auch Unrecht zu leiden, nach dem -Vorbild des Gottessohns, von dem du so himmlisch Großes und Herrliches -zu erzählen weißt? Und dann weiß ich doch, du und deine Freunde, ihr -würdet nicht spotten und mir mit Undank vergelten; ihr wäret meine -treuen Mithelfer und Mitdulder. O, Freund, es müßte wahrhaft schön -sein!« - -Heinz betrachtete voll Bewunderung dieses ätherische Wesen, das sein -beneidenswertes Glück mit Freuden geopfert hätte, um Lichtstrahlen zu -spenden denen, die ihre Finsternis mehr liebten als das Licht! - -Ja, wer an der Seite solch einer Seele hätte arbeiten können an der -Beglückung der Gequälten und Verirrten! - -Heinz hatte schon den Wunsch empfunden, für immer in dieser neuen Welt -des Friedens zu weilen und nie wieder in das Elend der Erde -zurückzukehren. Aber die hochherzige Gesinnung dieses Mädchens ließ ihn -sich seiner eigennützigen Fluchtgedanken schämen: nein! er mußte -zurückkehren auf die Erde als ein Kämpfer für Licht und Glück! - - - - - 46. Überirdische Klänge. - - -Es fand sich, daß die Photographie den Edeniten nicht unbekannt war. - -In Gabokols Wohnung waren die Wände vielfach mit Bildern geschmückt, -teils Porträts, teils Landschaftsbilder oder belebte Szenen aus Welt und -Leben. All diese Darstellungen erschienen so überaus lebendig und -naturwahr, so zart und leuchtend in den feinsten Farbenabstufungen, daß -unsre Freunde sich nicht genug wundern konnten über die hohe Stufe, -welche die Kunst der Maler hier erreicht habe. - -Bald erfuhren sie jedoch, daß es sich nur zum geringsten Teil um Gemälde -handelte, daß vielmehr die meisten dieser Kunstwerke nichts andres waren -als Lichtbilder in natürlichen Farben. - -Gabokol selber besaß einen photographischen Apparat, den er Flitmore -bereitwilligst erläuterte. Die Linse war durchaus dem menschlichen Auge -nachgebildet und wurde auch wie dieses eingestellt, wobei sie Bilder von -unnachahmlicher Schärfe lieferte. Die Platten bestanden aus -durchsichtiger Baumrinde und waren mit einem licht- und -farbenempfindlichen Stoffe überzogen, der ebenfalls genau dem -entsprechenden Stoff im Auge des Menschen nachgeahmt war. So entstand -schon auf der Platte ein farbiges Bild, das durch ein verblüffend -einfaches Verfahren festgehalten wurde. Von dieser ersten Platte konnten -dann beliebig viele Vervielfältigungen ausgeführt werden, wobei man -stets dieselben dünnen Platten benutzte: ein besonderes Material für die -Abzüge war durchaus entbehrlich. - -Gabokol schenkte dem Lord einen solchen Apparat und Flitmore war nun -imstande, die Wunder Edens in einer Weise festzubannen, wie es keine -irdische Kunst vermocht hätte. - -Heinz durfte die Wunderkamera benutzen so oft er wollte; während aber -der Lord vorzugsweise Landschaften, Tier- und Pflanzenbilder aufnahm, -bevorzugte der Jüngling Porträtaufnahmen. Namentlich wurde er nicht -müde, Heliastra allein oder mit ihrer anmutigen Schwester in immer neuen -Stellungen zu photographieren und die Mädchen kamen ihm hiebei mit -freundlichster Geduld entgegen. - -Musik war den Edeniten ein Lebensbedürfnis; sie besaßen eigenartige -Instrumente von unbeschreiblichem Wohlklang und einer Mannigfaltigkeit -der Tonfarben, die ganz wunderbare Effekte ermöglichte. Das -durchsichtige Holz der Bäume und Rohre, aus dem hauptsächlich die -Instrumente gefertigt wurden, schien für diesen Zweck weit geeigneter -als alle irdischen Holz- oder Metallarten; auch der stärkste metallische -Klang, Orgel- und Glockentöne, war gewissen Holzarten eigen. - -John war außer sich vor Freude über eine Flöte, die ihm Fliorot -verehrte, und aus welcher der musikalische Diener Weisen hervorzuzaubern -vermochte, die ihm alles Irdische zu übertreffen schienen. - -Völlig in himmlische Sphären versetzt fühlten sich aber unsre Freunde, -wenn Gabokol und Fliorot mit Bleodila, Glessiblora und Heliastra ihre -herrlichen Gesänge erschallen ließen: das waren Stimmen, die den Traum -einer Sphärenmusik tatsächlich verwirklichten; es war zu wenig gesagt, -wenn man den Baß der Männer mit Orgelklängen vergleichen wollte und die -Reinheit der Mädchenstimmen mit Silberglocken: jeder irdische Vergleich -mußte hier verblassen und man konnte nur an die unbekannten Chöre der -himmlischen Heerscharen denken. Und der Umfang dieser Stimmen war -geradezu unglaublich: kein menschlicher Baß und kein irdischer Tenor -konnte in solche Tiefen hinab, in solche Höhen hinaufsteigen; und die -weiblichen Stimmen schienen in unendliche Räume entschweben zu können, -wo sie zu ätherischen Klängen sich verflüchtigten. - -Und welch fremdartige Melodien! Seltsam und niegehört den Erdenbewohnern -und doch so heimatlich vertraut, als ob die in Träume des Entzückens -gewiegte Seele die Lieder eines verlorenen Paradieses vernehme, das -einst ihre selige Heimat war. - -Merkwürdigerweise besaßen die Edeniten keinerlei Saiteninstrumente und -so war ihnen Heinz' Geige etwas völlig Neues. - -Immer wieder wurde der Jüngling gebeten, ihnen irdische Weisen -vorzuspielen. Anfangs sträubte er sich, denn ihm schien auch das -Höchste, was Erdenkunst erreicht hat, kaum wert, sich hören zu lassen -vor Ohren, die eine Sphärenmusik gewohnt waren; so glaubte er, sein -Spiel müsse den Gastfreunden minderwertig erscheinen, und nur aus -Höflichkeit bäten sie ihn, sein schwaches Talent ihnen vorzuführen. - -[Illustration: Heinz photographiert Heliastra und Glessiblora.] - -Bald aber merkte er, daß er sich darin irrte; höfliche Verstellung und -Schmeichelei war diesen Menschen fremd und sie hielten mit ihrem Urteil -nicht zurück, wenn ihnen ein Musikstück nicht gefiel. - -Aber das Violinspiel an und für sich und die wunderbare Vortragsweise -des jungen Künstlers übte einen mächtigen Zauber auf sie aus, und Heinz -mußte außerdem erkennen, daß die unsterblichen Tondichtungen irdischer -Meister sich durchaus nicht zu scheuen brauchten, auch in höheren Welten -zu Gehör gebracht zu werden, daß sie vielmehr hier ein noch höheres -Verständnis fanden und entsprechenden Genuß vermittelten. - -Heliastra besonders konnte sich an diesen Klängen einer fernen Welt -nicht satthören. - -»Unsre Musik ist schön,« sagte sie, »und wir haben große Tonmeister -gehabt und besitzen deren noch solche. Ihre Schöpfungen heiligen unsre -Andacht und geben unserm Jubel Flügel; aber unsrer Musik fehlt etwas: -ja, ihr mangelt der Reiz, der mich an der euren so völlig gefangen -nimmt, die Wehmut, der Schmerz, die himmlische Sehnsucht, die geben -euren Tonschöpfungen eine Seele, eine Wärme und Tiefe des Gefühls und -Ausdrucks, daß ich glaube, selbst die Engel und Verklärten im Himmel -könnten sich ihrem Banne nicht entziehen, noch ihnen ohne Bewegung und -innerste Erschütterung lauschen. O, was muß das für eine Welt sein, wo -der Schmerz sich in solchen Tönen verklärt und die Sehnsucht so -ergreifenden Ausdruck findet!« - -Gabokol begeisterte sich so sehr für die Violine, daß er beschloß, den -Versuch zu machen, ein ähnliches Instrument herzustellen. - -Er wählte das Holz eines Baumes, dessen Klangfarbe ihm zu diesem Zweck -am passendsten erschien, und als Saiten zog er Pflanzenfasern auf, die -sich vorzüglich hiezu eigneten. Im Bau ahmte er die Geige seines jungen -Freundes aufs genaueste nach. - -Er kam rasch mit der Arbeit zustande und nun erwies es sich, daß sowohl -Holz als Saiten ungeahnte Vorzüge vor den irdischen Materialien -aufwiesen. - -Heinz versuchte sich sofort auf dem neuen Instrument: es war eine -richtige Violine, aber sie ermöglichte eine solche Zartheit und wiederum -eine solche Kraft des Tones und war von einem Zauber der Klangfarbe und -Reinheit, daß keine Stradivari, Guarneri oder Amati sich entfernt mit -ihr hätte vergleichen können. - -Auch die Edeniten erkannten sofort, daß dies neue Instrument dem schon -bisher so bewunderten Spiel ihres Freundes noch erhöhte Kraft und -Schönheit, vertiefte Wärme und Innigkeit verlieh. - -Daher bot Gabokol sein so überraschend gelungenes Kunstwerk Heinz zum -Geschenk an, eine Gunst, die mit Jubel und Dankbarkeit angenommen wurde. - -In der Folge baute Gabokol noch mehrere Violinen, die alle die gleichen -trefflichen Eigenschaften besaßen, obgleich es sich auch hier zeigte, -daß jedes neue Instrument seine besondere Eigenart in der Klangfärbung -aufwies. - -Dieser Erfolg bewog unsre Freunde, ihren Gastgeber auch in die -besonderen Geheimnisse andrer Saiteninstrumente einzuweihen und so -entstanden Cellos, Gitarren, Mandolinen, Zithern, Harfen und sogar ein -Saitenklavier. - - - - - 47. Im Reiche des Friedens. - - -»Heute ist der siebte Tag,« sagte Gabokol eines Morgens. »Wollt ihr -nicht heute mit uns zum erstenmal die Stadt besuchen? Es ist bei uns von -jeher eine Vorschrift, daß wir uns am siebten Tage versammeln, um Gott -zu loben, ihn anzubeten und von seinem Willen und unsrer ewigen -Bestimmung zu hören, was der Priester des Ewigen uns verkündigt. Wir -lassen an diesem Tage alle Arbeit ruhen und sind fröhlich miteinander.« - -»Ja, es ist der schönste Tag,« fügte Bleodila hinzu. - -»Merkwürdig!« rief Mietje: »Auch wir pflegen den siebten Tag als Gottes -heiligen Tag zu feiern.« - -»Das ist herrlich!« meinte Bleodila. »Und wir sehen daraus wieder, daß -ihr unsern Gott als den euren erkennt.« - -So begaben sich alle einträchtig hinab in das Tal. - -Der Versammlungsraum befand sich am äußersten Ende der Stadt, das heißt, -es war das nächste Gebäude und war vor allen andern durch seine Höhe, -Ausdehnung und Herrlichkeit ausgezeichnet. Statt der rauhen Felswände, -wie die meisten Wohngebäude sie aufwiesen, sah man hier glänzend -polierten Marmor und Säulen von durchsichtigen Edelsteinen, die meist -von den Monden Edens herabgeholt worden waren, wie Gabokol erklärte. - -Die ganze Einwohnerschaft der Stadt versammelte sich hier: würdige -Greise mit edlen Zügen, trotz ihres oft vielhundertjährigen Alters -runzellos und von vollendeter Schönheit, Männer, Frauen, Jünglinge, -Jungfrauen, Knaben und Mädchen, ja ganz kleine Kinder schwebten herein -und alle leuchteten in verklärter Freude. - -Das Erscheinen der Fremdlinge von einem entfernten Planeten erregte -Aufsehen, namentlich bei der Jugend; doch selbst die kleinsten Kinder -zeigten keine aufdringliche Neugier. - -Immerhin waren zu Anfang Tausende von Blicken auf die Ankömmlinge -gerichtet; denn alle hatten zwar schon von den seltsamen Gästen gehört, -aber nur ganz wenige hatten sie geschaut bei zufälligen Begegnungen auf -deren einsamen Spaziergängen, und Besuche im Hause Gabokols hatte man -aus zarter Rücksicht in den letzten Tagen absichtlich vermieden, um -abzuwarten, bis die irdischen Besucher selber den Anfang machten, sich -unter den Leuten zu zeigen. - -Sobald jedoch der Priester in den Altar trat, erfüllte ungeteilte -Andacht alle Gemüter und nun erscholl tausendstimmiger Gesang von einer -Reinheit und Musik, daß es unsren Freunden war, als hörten sie das Lob -der himmlischen Heerscharen. - -Dann wurde ein gemeinsames Gebet gesprochen, worauf der Priester von der -Herrlichkeit und Güte des Schöpfers redete und von dem Dank und den -Pflichten seiner Geschöpfe. - -Noch mehrmals erscholl der Orgel- und Glockenton der überwältigenden -Gesänge. - -Heinz konnte sich nicht versagen, ein Loblied, das ihm besonders gefiel, -in deutschen Versen niederzuschreiben. Seine allerdings schwache -Übersetzung, die in unserer viel ärmeren Sprache weder der Gedankenkraft -noch der Klangfülle des Urtextes gerecht werden konnte, lautete -folgendermaßen: - - Gott, Du Herr der Ewigkeiten, - Wer mag Deinen Ruhm verbreiten? - Wer mag preisen Deine Stärke, - Wer kann fassen Deine Werke? - Wunder schufst Du allerorten - Mit des Geistes Lebensworten, - Und vor Deiner Allmacht Zeugen - Muß der kühnste Geist sich beugen. - - Was Du willst, das muß entstehen, - Was Du schiltst, das muß vergehen; - Aus dem Nichts riefst Du das Leben, - Hast dem Staube Geist gegeben; - Und Du hältest in den Gleisen - Welten, die um Welten kreisen: - Aus den unbegrenzten Fernen - Leuchtet uns ein Meer von Sternen. - - Licht aus unerschöpftem Lichte - Strahlt von Deinem Angesichte, - Leuchtet aus der Sonnen Gluten, - Fleußt aus ungehemmten Fluten - Auf die Werke Deiner Liebe, - Weckt des Lebens reiche Triebe: - In dem All ist keine Stätte, - Die nicht ihre Wunder hätte. - - O, daß ich in neuen Weisen - Deine Größe könnte preisen! - O, daß all mein Reden wäre - Nur ein Lob zu Deiner Ehre! - Meine Werke von Dir zeugten, - Meine Sinne Dir sich beugten! - Mach mich frei von eitlen Dingen, - Nur von Dir allein zu singen! - -Als der erhebende Gottesdienst zu Ende war, trat der greise Priester -geradewegs auf unsre Freunde zu und sprach: - -»Wir haben gehört, daß ihr Fremdlinge einer fernen Gotteswelt den ewigen -Schöpfer kennt und anbetet gleich uns. Das ist uns eine hohe Freude! Nun -wäre es dieser ganzen Gemeinde ein besonderes Fest und gewiß dem -Allgütigen angenehm, wenn in diesem Heiligtum zum erstenmale in fremder -Zunge von Gottesgeschöpfen eines weltfernen Planeten Gottes Lob -erklänge; darum, wenn ihr uns erfreuen wollt, eines eurer frommen Lieder -zu singen, so wären wir euch dankbar.« - -»Ein feste Burg!« sagte Flitmore kurz zu seinen Begleitern. - -Und ohne sich zu besinnen stimmten sie den Choral an. Es schien ihnen, -als seien ihre Stimmen zu Strömen gewachsen, so brauste das Lied aus -wenigen Kehlen durch die Hallen dahin, und der Gesang bewährte seinen -heiligen Zauber auch in dieser höheren Welt, denn unter lautloser Stille -lauschten ihm die Tausende mit Andacht und sichtlicher Ergriffenheit. - -Als nun die ganze Gemeinde das Gotteshaus verließ, machten unsre Freunde -in Begleitung ihrer Wirte Besuche bei mehreren den letztern befreundeten -Familien und folgten zuletzt der Einladung des Provinzfürsten zum -Mittagsmahl. - -Hierauf machten sie einen Ausflug vor die Stadt und bewunderten die -prächtigen Kulturen: die wogenden Getreidefelder mit ihren -durchsichtigen Goldähren, die Gemüse- und Nutzpflanzungen, die -Viehweiden. - -In Scharen schwebten die festlich gekleideten Edeniten in der Umgegend -umher und es war ein himmlischer Anblick, sie so leicht dahingleiten zu -sehen, umflossen von ihren spinnwebzarten Gewändern, die in allen -Regenbogenfarben leuchteten. Noch höheren Genuß bereitete es, diese -vollkommenen Gestalten und diese von Schönheit, Anmut und -Herzensfreundlichkeit strahlenden Gesichter zu bewundern. Und doch mußte -sich Heinz sagen, so reizende Mädchen und Jungfrauen sich darunter -befanden, das heißt solche von besonders hervorragender Anmut und -Schönheit, denn reizend waren eigentlich alle Edeniten zu nennen, so -fand sich doch keine, die Heliastra an bezaubernder Lieblichkeit gleich -gekommen wäre, sie blieb die Perle Edens. - -Da und dort spielte die Jugend unter Silberlachen und Scherzen; das war -ein Wirbeln und Hüpfen, Fliehen und Haschen auf der Erde und in den -Lüften, und die Spiele waren alle so sinnig und voll der spannendsten -Zwischenfälle, daß man stundenlang mit dem lebhaftesten Interesse dem -bunten Treiben zusehen konnte. - -Als dann abends der Rosenmond aufglänzte, wurde in einem großen, -herrlichen Parke vor der Stadt ein Fest zu Ehren der fremden Gäste -gehalten. - -Die ganze Stadt, jung und alt, beteiligte sich daran. - -Während des köstlichen Gastmahls hielt der Fürst eine Ansprache, in -welcher er die Bedeutung des Ereignisses hervorhob, daß zum erstenmale -ein Verkehr und freundschaftliche Beziehungen zwischen den Bewohnern -entfernter Planeten angebahnt worden seien. Er rühmte das Genie dieser -Erdenbürger, die solches zustande gebracht, ihren Mut, der das Unerhörte -gewagt habe, und die göttliche Güte, die sie beschützte und geleitete -auf einer Fahrt durch unendliche Welträume. - -Heinz, als derjenige, der allein die Sprache Edens bereits vollkommen -beherrschte, erwiderte in glänzender Rede, und Gabokol und die Seinen, -vor allem Heliastra, bewunderten die Gewandtheit seiner Ausführungen und -den Glanz seiner Bilder, sowie den edlen Flug seiner Phantasie und den -Geist seiner Gedanken. - -Sie waren ordentlich stolz auf ihre Gäste, und als jubelnder Beifall den -jungen Redner lohnte, erhob sich Heliastra begeistert und mit -tränenschimmernden Augen und drückte einen Kuß ihrer Rosenlippen auf des -Freundes Mund, das höchste Zeichen der Anerkennung, das ein Edenite zu -spenden vermochte. - -Der erneute Beifall und Jubel, der dieser Tat folgte, zeigte deutlich, -daß das ganze Volk sich dieser Huldigung anschloß. - -Heinz fühlte sich wie im Traum, umflossen von rosigem Mondlicht, geehrt -und beglückt durch die Anerkennung von Wesen, die er mit Recht für hoch -über sich stehend ansah, vor allem aber durch die verwirrende -Gunstbezeugung des holdseligsten aller Geschöpfe, saß er da, wie -verklärt. - -Heliastra las ihm die Gedanken aus den Augen und nahm ihn bei der Hand. - -»Komm!« sagte sie, »wir wollen eine Weile die Einsamkeit aufsuchen, ich -sehe, deine Seele verlangt nach Stille.« - -Heinz ließ sich von ihr führen. - -Sie traten durch ein Gebüsch an die Ufer eines stillen Sees, der im -rosigen Schein der Mondnacht magisch leuchtete. - -Bunte Schwäne, Enten und Wildgänse plätscherten in seinen friedlichen -Fluten; Reiher, Flamingos, Ibisse, Pfauen und Pelikane belebten in ihrem -strahlenden Flaumkleide die Ufer, lauter Vögel, die zwar den -entsprechenden irdischen Arten ähnlich waren, doch in Formen und Farben -weit vollkommener und entzückender erschienen als diese. - -Riesenechsen, eine Art Krokodile, mit perlmutterschimmernden Schuppen -lagen am Strand oder lugten aus dem rosenschimmernden Spiegel. - -Heinz folgte dem Beispiel seiner Gefährtin, die diese prächtigen -Eidechsen zärtlich streichelte; hier hatten auch diese gewaltigen -Amphibien nichts Feindseliges noch Schreckhaftes; man sah es ihren -sanften Augen schon an, wie fromm und friedlich sie waren. - -Der rosa Mond versank hinter dem Horizont und sein blauer Gefährte löste -ihn ab. - -Da schlang Heliastra den zarten Arm um ihres Gefährten Hals und sagte: -»Komm, laß uns nun wieder zu den Freunden zurückkehren; die Stunde der -Heimkehr naht, und morgen wollen wir ja die große Reise nach der -Hauptstadt des Landes antreten.« - -Sie kehrten in den Kreis der festlichen Menge zurück und bald darauf -erfolgte der allgemeine Aufbruch unter herzlichen Abschiedszurufen. - - - - - 48. Eine Reise auf dem Planeten. - - -Am folgenden Tag wurde die geplante Reise unternommen, auf der unsere -Freunde einen Teil des großen Planeten kennen lernen und Heinz in der -Hauptstadt seinen Vortrag über die Entstehung der Sprache halten sollte. - -Der König des Landes und die Lehrer an der Universität waren durch -ausgesandte Schallwellen von dem bevorstehenden Besuch verständigt -worden. - -Als Fahrzeug diente das gewöhnliche Beförderungsmittel der Edeniten, -eine Art großen Bootes mit verdeckten Schlafräumen und offenem Verdeck, -das, durch die sogenannte Parallelkraft getrieben, in geringer Höhe über -dem Erdboden durch die Luft flog. - -Die Fluggeschwindigkeit, die sich bis auf 500 Stundenkilometer steigern -ließ, so daß der ganze Planet in 160 Stunden umkreist werden konnte, -wurde auf 100 Kilometer ermäßigt, damit die Reisenden alles bequem zu -schauen vermöchten. - -Die ganze Familie Gabokol gab ihnen das Geleite, ebenso der -Provinzfürst, der es sich zur Pflicht und Ehre anrechnete, sie -persönlich dem König vorzustellen. - -»Unser Land ist das größte und bedeutendste des Planeten,« erklärte der -Fürst während der Fahrt. »Die Könige der andern Länder haben sich -freiwillig unter die Oberhoheit unsres Königs gestellt, so daß dieser -der oberste Herr über die zweihundert Millionen Einwohner unserer -Weltkugel ist. Freilich gibt es da nicht viel zu regieren, da er den -andern Herrschern volle Freiheit läßt und nie Grund hat, einzuschreiten; -auch in den andern Ländern denkt nie ein Bürger daran, seine Pflichten -zu vernachlässigen; so kommt die höchste Gewalt eigentlich nur für die -einheitliche Leitung der gemeinsamen Arbeiten in Betracht, und da ist es -freilich notwendig, zielbewußt und nach dem gleichen Plane zu wirken, -damit die bewohnbare Zone unseres Planeten gleichmäßig verbreitert werde -und die wachsende Bevölkerung stets Platz finde, sich auszudehnen. - -Abgesehen von den zahlreichen Dialekten, haben wir nur vier eigentliche -Sprachen, die auffallend von einander verschieden sind. Die Hauptstadt -unseres Landes liegt auf der nördlichen Halbkugel, jenseits des -Äquators, etwa 20 Flüge von hier entfernt, was nach euren Maßen 6000 -Kilometer ausmachen dürfte.« - -Die Edeniten rechneten nach »Flügen«, das heißt nach der Strecke, welche -sie gewöhnlich ohne Rast in einem Zuge zurücklegen konnten, und die 300 -Kilometer nach Erdenmaß betrug. - -Das Luftboot flog über Landschaften von wunderbarem Reize hinweg; Täler -und Ebenen, Flüsse und Ströme, Hügel, Felsen und Hochgebirge, große -Städte und idyllische Dörfer wurden überflogen, und als nach -vierzigstündigem Flug der rosa Mond unterging, landete die -Reisegesellschaft am Ufer eines brausenden, herrlichen Meeres. - -Dieses wurde am folgenden Tage in 20stündiger Fahrt überflogen und am -jenseitigen Ufer ragte die Landeshauptstadt hart an der Küste empor, -eine Großstadt von anderthalb Millionen Einwohnern. - -Der Rest des Tages, sowie die beiden folgenden Tage wurden der -Besichtigung der hochinteressanten Ansiedelung gewidmet. - -Noch am Tage ihrer Ankunft wurden unsere Freunde dem Könige auf dessen -Wunsch vorgestellt. - -Er empfing sie mit der gleichen Herzlichkeit und Einfachheit, wie es -jeder Bürger des Landes tat. - -Besonders erfreut waren die Gelehrten der Hochschule, die Erdenbewohner -kennen zu lernen, und unsere Freunde hatten tausend Fragen zu -beantworten, wobei ihnen stets versichert wurde, welchen Dank man ihnen -schulde, da sie die Wissenschaft der Edeniten in ungeahntem Maße -bereicherten. - -Als Heinz seinen Vortrag hielt, konnte der größte Raum der Hauptstadt -die Zuhörer nicht fassen, und er mußte seine Ausführungen noch dreimal -wiederholen, um nach und nach die Mehrzahl der Wißbegierigen zu -befriedigen. - -Die Gelehrten versicherten, daß ihnen ein neues Licht für ihre -Sprachforschungen aufgegangen sei, und Schultze mußte bei sich denken, -daß hier oben neue Wahrheiten offenbar nicht unter dem Hohn und -leidenschaftlichen Widerspruch von Fachgelehrten zu leiden hatten, deren -Eitelkeit nicht zugeben will, daß ihre bisherigen Forschungsergebnisse -falsch waren. - -Besonders interessant war unsern Freunden ein Besuch der Sternwarte. Die -Edeniten besaßen auch Fernrohre, die jedoch auf ganz anderen Prinzipien -beruhten als die irdischen und ihnen eine ungleich bessere Kenntnis der -Sternenwelt ermöglichten. - -Freilich verdankten sie letzteres hauptsächlich der wunderbaren -Einrichtung ihrer Augen, konnten sie doch schon mit bloßem Auge Welten -erkennen, die unsern Fernrohren und selbst der photographischen Platte -ewig verborgen bleiben. - -Die Astronomen waren höchlichst erstaunt, zu vernehmen, daß die -Erdenmenschen kaum 2000 Sterne mit unbewaffnetem Auge zu erkennen -vermochten und daß der Sternkatalog, den Hipparch vor 2100 Jahren -entwarf, nur 1080 Sterne enthielt, obgleich er alle einigermaßen hellen -Sterne verzeichnete. - -Schultze berichtete ihnen weiter, daß Argelander mittels des Fernrohrs -etwa 360000 Sterne bestimmte und in seinem Katalog verzeichnete, eine -Arbeit, der er fast sein ganzes langes Leben widmete, und daß man -gegenwärtig an der Arbeit sei, auf photographischem Wege eine Mappierung -der Sterne vorzunehmen, die noch etwa hundert Erdenjahre in Anspruch -nehmen dürfte und die über 20 Millionen Sterne enthalten werde, von -denen drei Millionen ihrer Lage nach auf den Platten ausgemessen werden -sollen. - -Die Gelehrten zeigten Schultze einen Sternkatalog mit genauen Karten, -der über 500 Millionen Sterne enthielt, unter diesen auch das irdische -Sonnensystem mit sämtlichen Planeten und ihren Monden. - -Ihre langen Nächte und ihr langes Leben gestatteten ihnen eben auch -neben der Vorzüglichkeit ihrer Sehwerkzeuge, Aufgaben zu lösen, die den -Menschen unmöglich wären. - -Während die irdischen Astronomen nur durch die Spektralanalyse mit -Sicherheit festzustellen vermögen, ob ein Nebelfleck, der auch durch das -stärkste Fernrohr als solcher erscheint, in Wirklichkeit ein Sternnebel -sei, oder aber ein Sternhaufe, eine große Zahl Sterne, die durch ihre -scheinbare Nähe infolge der großen Entfernung nicht mehr als einzelne -Sterne von einander unterschieden werden, konnten die Sternkundigen -Edens mittelst ihrer Fernrohre Nebel und Sternhaufen deutlich -unterscheiden. - -Auch sie waren der Ansicht, daß die meist spiralförmigen Nebel die -Werkstätte des Schöpfers seien, in der durch Verdichtung des -weltenbildenden Stoffs neue Sterne, ja ganze Sonnensysteme gebildet -würden, die sich aus dem häufig erkennbaren Zentralkern und den vielfach -beobachteten anderweitigen Lichtknoten in der Nebelmasse herausbilden. - -Schultze hielt auf Wunsch den Astronomen einen öffentlichen Vortrag über -den Stand und die Errungenschaften der irdischen Astronomie; dabei -führte er auch an, was David Gill in seiner berühmten Rede über die -Bewegung und Verteilung der Sterne im Raume sagt: »Wir haben die -Milchstraße als zwei majestätische Sternströme erkennen gelernt, die -nach entgegengesetzten Richtungen wandern; der eine dieser Ströme führt -das irdische Sonnensystem mit sich in unendliche Weiten, der andere -wandert der Erde entgegen. Die Milchstraße löst sich im Fernrohr in -Haufen unzähliger Sterne auf, die zum Teil in dichten Schwärmen -beieinander stehen und mit geballten Nebelflecken erfüllt sind, zum Teil -von dunkeln, gewundenen Kanälen unterbrochen erscheinen.« - -»Eure Hauptsonne,« fuhr der Professor fort, »wandert im Sternenstrom mit -einer Schnelligkeit von 184 Kilometern in der Sekunde; unsere Erde mit -ihrem ganzen Sonnensystem bewegt sich auf das Sternbild des Herkules -oder der Lyra zu mit einer Geschwindigkeit von wahrscheinlich ebensoviel -als die Umdrehungsgeschwindigkeit unsrer Erdkugel um die Sonne beträgt, -nämlich 29450 Meter in der Sekunde oder etwa 30 Kilometer, den zehnten -Teil eines >Fluges< nach eurer Rechnung im Zeitraum >Zwei<, wie ihr -unsere Sekunden benennt. - -Die Spektralanalyse, wie David Gill in seiner angeführten Rede sagt, hat -uns die Sterne enthüllt als gewaltige Schmelztiegel des Schöpfers, in -denen er den Stoff unter den Bedingungen des Drucks, der Hitze und -Umgebung gestaltet in einer Mannigfaltigkeit und einem Größenmaßstabe, -die alle Begriffe seiner Geschöpfe übersteigen.« - -Drei Wochen dauerte der Aufenthalt in der Hauptstadt, dann wurde die -Rückreise auf einem andern Wege angetreten, wobei unsere Freunde auch -die ungeheuren Felsenwüsten Edens zu Gesicht bekamen, die keine Erde und -daher auch keinen Pflanzenwuchs hatten, und an deren Bedeckung mit Erde -emsig gearbeitet wurde. - - - - - 49. Münchhausens Fabeln. - - -Immer inniger schlossen sich unsere Freunde an die Familie Gabokol an; -die Zuneigung war eine gegenseitige und erstreckte sich auf alle -Glieder; dennoch fühlten sich die einzelnen wieder zu einzelnen -besonders hingezogen. - -So verkehrte Lord Flitmore am liebsten mit Gabokol. Die beiden bauten -gemeinsam photographische Apparate und Musikinstrumente, machten -Ausflüge, um die reizenden Landschaftsbilder und merkwürdigsten Tiere zu -photographieren und unterhielten sich über die Kunst Edens und der Erde. - -Mietje war mit Bleodila ein Herz und eine Seele; sie steckten -beieinander in Küche, Haus und Garten und tauschten vornehmlich ihre -Hausfrauenerfahrungen aus. - -Professor Schultze hatte in Glessiblora die andächtigste Zuhörerin, die -sich für die Fortschritte und Eigenart irdischer Wissenschaften am -lebhaftesten interessierte. - -Heinz und Heliastra fühlten sich wiederum besonders zu einander -hingezogen, hatten ihre kleinen Geheimnisse miteinander und gingen oft -gemeinsam ihre eigenen Wege, sich für alles Reine, Hohe und Edle -begeisternd, das ihre Gespräche verklärte. - -Kapitän Münchhausen aber hatte Fliorot zum gewöhnlichen Gesellschafter -erwählt, denn der Knabe lauschte mit Andacht und Begierde auf die -fabelhaften Berichte und Schilderungen, die der alte Seebär von seiner -irdischen Heimat mitzuteilen verstand. - -Saß man beieinander, so ergaben sich die Gruppen von selber nach den -eben enthüllten besonderen Zuneigungen. John allein pendelte zwischen -zwei Extremen hin und her, einmal mit Glessiblora Bildung und Belehrung -beim Professor suchend, das andremal neben Fliorot sich an des Kapitäns -Abenteuern ergötzend. - -Verstummte einmal die Unterhaltung der andern, so horchte man allgemein -auf den Kapitän, der unerschöpflich war und nie verstummte, abgesehen -natürlich von den Mahlzeiten, wo er im Gegenteil unergründlich, das -heißt unersättlich schien. - -Diese Bemerkung hatte Professor Schultze gemacht, indem er sagte: -»Münchhausen, Sie sind beim Essen ein Danaidenfaß, welches bekanntlich -bodenlos war und nie voll wurde, so viel man hineinschöpfte; beim -Erzählen aber sind Sie die reine Charybdis, von der Schiller sagt: Und -will sich nimmer erschöpfen noch leeren.« - -»Na, was sind denn Sie dann, Professor?« erwiderte Münchhausen. »Die -Scylla! Denn wer meinem immerhin unterhaltenden Redeschwall entrinnen -will, der wird kopfüber von Ihren langweiligen und ebenso endlosen -wissenschaftlichen Strudeln verschlungen.« - -Hierauf fuhr der Kapitän in seinem Berichte fort, den er just dem -wißbegierigen Fliorot erstattete. - -»Also, wie ich dir erzählte, ermöglichte ich unsere Reise zu euch -dadurch, daß ich unser Weltschiff vom Kometen Amina ins Schlepptau -nehmen ließ. - -Die Kometen sind eigentlich besonders zu diesem Zweck erschaffen und -stellen sozusagen die Weltpostverbindungen zwischen den einzelnen -Sonnensystemen dar; ich war früher Kapitän zur See, als ich aber das -Umherreisen auf den beschränkten irdischen Meeren satt hatte, nahm ich -eine Stelle als Weltkapitän an und habe öfters Reisen mit Kometen -gemacht, so daß ich mich vorzüglich auf ihre Steuerung verstehe. Jeder -Komet hat nämlich ein Steuer, in welchem seine sogenannte -Gravitationskraft liegt. Man braucht diese nur zu verrücken, so nimmt -der Komet eine andere Fahrtrichtung. - -Die Astronomen auf Erden haben sich oft gewundert, daß ein Komet -plötzlich eine ganz andere Richtung einschlug, als sie berechnet hatten. -Sie schrieben dies dann dem Einfluß des Jupiter zu. Dieser Jupiter war -in Wirklichkeit ich, da ich dem Kometen durch eine Wendung des Steuers -oder der Gravitationskraft eine neue Bahn anwies, um das Reiseziel zu -erreichen, dem ich zustrebte. - -Die Fahrt mit einem solchen Kometen ist äußerst praktisch, wenn man in -die weit entfernten Sonnensysteme reisen will, denn diese Weltenbummler -entwickeln eine unerhörte Geschwindigkeit. - -Zusammenstöße und Unfälle sind dabei freilich nicht zu vermeiden und es -ist auch mir vorgekommen, daß ein von mir kommandierter Komet bei -solcher Gelegenheit in mehrere Stücke zerschellt wurde; dann blieb mir -nichts übrig, als eben auf einem der Bruchteile weiterzureisen, denn ein -Untergehen wie im Meer ist dabei ausgeschlossen; Stürme und Wogen und -ersäufende Wassermassen gibt es ja im Raum nicht, so daß schließlich die -Gefahren nicht so groß sind wie bei der Meeresschiffahrt, außer man -würde in das Flammenmeer einer Sonne stürzen, was aber bei richtiger -Steuerung leicht zu vermeiden ist, wenn man nur eine gute Sternkarte -besitzt. - -Als mir nun Lord Flitmore das Kommando über sein Weltschiff -Sannah anvertraute, beschloß ich sofort, es am Schweife eines -geeigneten Kometen festzubinden, da ich vermöge meiner Kenntnisse -der Weltraumverhältnisse einsah, daß wir bei der geringen -Fortbewegungsgeschwindigkeit unseres Fahrzeugs Jahrhunderte gebraucht -hätten, um euren Planeten zu erreichen, dem unser Besuch gelten sollte. - -Es gelang mir denn auch, mit dem Kometen Amina zusammenzutreffen und ihn -zu entern. Mit einer langen Leine band ich die Sannah an seinem Schweife -fest und bestieg dann den Kometen selber, um ihn hierherzusteuern. Erst -als wir im Bereich eures Sonnensystems angelangt waren, kappte ich das -Tau und ließ den Kometen führerlos weiterziehen, während wir hier -landeten.« - -Fliorot lachte; er kannte ja Natur und Bahnen der Kometen zu gut, um -nicht zu verstehen, daß Münchhausen scherzte; aber er hatte Gefallen an -diesen abenteuerlichen Späßen, wenn sie auch nicht immer besonders -geistreich waren. - -»Du versprachst mir aber von den wunderbaren Tieren eurer Erde zu -erzählen,« mahnte er jetzt. - -»Ja so! Nun denn, so höre. Eure Tiere hier oben sind ja ganz behende -Wesen, aber an die Tierwelt unsrer Erde reichen sie noch lange nicht -heran. - -Schau, da haben wir Tiere mit langen Rüsseln wie eure Mammuts, sie haben -sechs Beine und können an glatten, senkrechten Wänden hinaufklettern -ohne je zu fallen, ja wenn sie an einer überhängenden Wand mit den -Beinen nach oben und dem Kopf nach unten stehen, fallen sie nicht -herunter. Sie haben auch durchsichtige Flügel wie eure Vögel und fliegen -in ganzen Schaaren in der Luft herum. - -Auch flügellose Rüsseltiere besitzen wir, die noch ganz andere Sprünge -machen als eure hüpfenden Kolosse; denn diese springen höchstens dreimal -so hoch als sie selber sind, die unsrigen aber sechzig- bis hundertmal -so hoch.« - - [Illustration: Heinz und Heliastra am See.] - -Fliorot riß die Augen weit auf. Hier, wo es sich um Geschöpfe handelte, -die ihm unbekannt waren, konnte er nicht beurteilen, ob der Kapitän im -Scherz oder im Ernst redete und glaubte deshalb von ihm erwarten zu -dürfen, daß er die lautere Wahrheit sage; denn Späße, die jedermann als -solche durchschaute, galten den Edeniten als harmlos und wurden oft zur -Erheiterung erfunden, aber jemandes Unkenntnis oder Leichtgläubigkeit -auszubeuten, um ihm einen Bären aufzubinden, wäre bei diesem -wahrheitsliebenden Volke unerhört gewesen. - -Fliorot zweifelte daher diesesmal nicht an der Zuverlässigkeit von -Münchhausens Berichten und rief aus: - -»Nein! Diese wunderbaren Geschöpfe möchte ich einmal sehen!« - -»Schämen Sie sich, Kapitän,« sagte Schultze. »Wenn Sie uns Ihre -seltsamen Geschichten erzählen, so ist das ja ganz spaßhaft, da wir in -der Lage sind, Wahrheit und Schwindel zu unterscheiden. Daß Sie aber -diesen jungen Mann, dem die irdischen Dinge unbekannt sind, derart -anschwindeln, halte ich weder für schön noch zweckmäßig. Sie werden ihn -ebensogut in Erstaunen versetzen können, wenn Sie ihm unsere Tierwelt -naturgetreu schildern.« - -»Oho!« rief Münchhausen. »Ich selber würde es für töricht und unschön -halten, meinem jungen Freund unnötigerweise falsche Anschauungen -beizubringen, wo es sich um Dinge handelt, die ihm fremd sind. Mit dem -Kometen war ja das anders, da wußte er selber Bescheid, aber wenn ich -ihm von der Erde erzähle, halte ich mich grundsätzlich streng an die -Wahrheit.« - -»Fabelhafte Behauptung! Das also nennen Sie Wahrheit, wenn sie die -hüpfenden Mammuts dieses Planeten dadurch überbieten wollen, daß sie von -irdischen Rüsseltieren mit sechs Beinen und mit Flügeln erzählen, -Tieren, die mit dem Kopf nach unten an einer überhängenden Felswand -festzusitzen vermögen? Und von solchen, die sechzig- bis hundertmal so -hoch springen als ihre Körperhöhe beträgt?« - -»Sie setzen mich wahrhaftig in Erstaunen, Professor,« erwiderte -Münchhausen mit geheuchelter Verwunderung. »Ich meine, Sie sind Doktor -der Naturwissenschaften und Professor der Zoologie? Ist es wirklich -möglich, daß Sie trotzdem so unwissend auf diesen Gebieten sind, daß -Ihnen nicht einmal die alltäglichsten Geschöpfe bekannt sind, die sonst -jedes Kind auf Erden kennt, während sie hier auf Eden ihresgleichen -nicht haben? Sollte man es glauben? Professor Schultze weiß nichts von -Schnaken und Flöhen!« - -Jetzt hatte der Kapitän die Lacher auf seiner Seite und Schultze -bekannte kleinlaut: »Na, oller Witzbold, mit Ihnen ist schlecht -anbinden; diesmal haben Sie mich eklig hereingelegt.« - - - - - 50. Abschied. - - -Es war eine schöne, ja eine selige Zeit, die unsere Freunde auf Eden -verbrachten. - -Immer besser lernten sie die verklärten Menschen dort oben kennen, immer -höher sie schätzen, und im Umgang mit diesen durch und durch edlen Wesen -schien es ihnen, als streiften sie selber alle irdischen Mängel mehr und -mehr ab. - -Auch rein körperlich hatten sie dieses Gefühl; denn so gesund, wohl und -frisch, so geistig angeregt und lebendig hatten sie sich in ihrem Leben -nie gefühlt, wie in den Wochen und Monaten, die sie hier zubrachten. - -Noch mehrere Reisen unternahmen sie und wurden mit den schönsten -landschaftlichen Reizen, mit der Tier- und Pflanzenwelt vertraut. - -Eines Tages aber erklärte Flitmore, es sei nun Zeit, an den Abschied zu -denken, und, da man keinen Kometen zur Heimreise benützen könne, müsse -man sich darauf gefaßt machen, daß diese mehrere Jahre dauern könne. - -Gabokol, Bleodila, Fliorot und Glessiblora suchten vergeblich unsere -Freunde zu überreden, länger zu verweilen, oder, noch besser, ihren -Aufenthalt dauernd nach Eden zu verlegen. - -»Wenn Gott will, ist dies nicht unser letzter Besuch hier,« sagte -Flitmore: »das nächstemal bringen wir euch dann allerlei irdische Dinge -mit, die euch zwar nicht bereichern aber doch interessieren können. Nun -aber ruft uns die Pflicht: unsere Entdeckungen, namentlich die -Möglichkeit eines Verkehrs mit fernen Welten, sind für unsere Brüder auf -Erden von größter Wichtigkeit: wir dürfen ihnen das nicht verloren gehen -lassen.« - -Alle, besonders aber Heinz, wunderten sich, daß Heliastra allein keinen -Versuch machte, sie zum Dableiben zu bewegen; ja, den jungen Friedung -berührte dieser Umstand besonders schmerzlich: er hatte doch so gute -Freundschaft mit dem Mädchen geschlossen, so daß der Gedanke an die -Trennung ihm beinahe das Herz brechen wollte. - -Als Gabokol nun sah, daß die Abreise seiner Gäste beschlossene Sache -sei, sagte er: - -»Wie ihr erzähltet, hat ein Komet euch hierher geführt. Ich habe ja dein -Weltschiff genau angesehen und kennen gelernt, Freund Flitmore, aber es -hat einen bedenklichen Mangel: Durch die Fliehkraft wird es von den -Weltkörpern abgestoßen, ihr besitzt aber kein Mittel, die Fahrt zu -lenken und müßtet es daher dem Zufall überlassen, ob ihr in euer -Sonnensystem zurückkehren werdet oder euch noch weiter von ihm entfernt. - -Ich will dein Fahrzeug mit der Parallelkraft ausrüsten; die Einrichtung -nimmt höchstens acht Tage in Anspruch. Die Parallelkraft hat für euch -ganz bedeutende Vorzüge: erstens könnt ihr im Raum die Geschwindigkeit -eurer Fahrt mit ihrer Hilfe wesentlich steigern, zweitens widerstrebt -sie weder der Fliehkraft noch der Anziehungskraft, sie kann also -ausgenützt werden sowohl so lange dein Strom eingeschaltet, als auch -wenn er abgestellt ist. Der dritte und wichtigste Vorteil aber ist, daß -du deiner Sannah eine beliebige Fahrtrichtung geben, also geradewegs auf -euer Sonnensystem zusteuern kannst. Gott kann euch ja selbstverständlich -auch ohne diese Naturkraft so schnell und sicher heimführen, wie er euch -hierherlenkte; aber er will, daß wir die Mittel benutzen, die seine Güte -uns gab und erkennen lehrte.« - -»Du nimmst eine schwere Sorge von meinem Herzen,« erwiderte Flitmore; -»ich verhehlte mir nicht, welche vielleicht unüberwindlichen -Schwierigkeiten der Mangel an Lenkbarkeit meines Fahrzeuges uns auf der -Rückfahrt bereiten werde. Nun lernte ich ja bei euch die wunderbaren -Eigenschaften der Parallelkraft kennen und verstehe jetzt auch damit -umzugehen. Wenn du als erfahrener Mann die Einrichtung übernehmen -willst, so steigerst du noch die Dankbarkeit, die wir dir und euch allen -schulden. - -Und dann habe ich noch eine Bitte: wie du weißt, enthält meine Sannah -sehr große Räume. Auf der Hinfahrt dienten sie vor allem der -Aufspeicherung großer Sauerstoffvorräte behufs Erneuerung der Luft. - -Nun haben wir ja die Erfahrung gemacht, daß das Weltschiff sich im Raum -mit einer eigenen Lufthülle umgibt, die sich selbständig erneuert. -Dagegen müssen wir für reichliche Speisevorräte sorgen, da unter -Umständen die Rückfahrt mehrere Jahre in Anspruch nehmen kann ....« - -»Seid ohne Sorge!« unterbrach ihn Bleodila: »Allen Frauen der Stadt wird -es eine Freude sein, eure Vorratsräume mit Mehl, Gemüse- und -Obstkonserven, sowie mit Milch, Butter, Käse und Eiern anzufüllen, daß -ihr zehn Jahre daran zu zehren habt; ihr wißt, daß wir Verfahren kennen, -durch welche selbst Eier und Milch sich jahrelang frisch erhalten.« - -»Auch Honig und Holz sollt ihr haben, da unser Baumholz ja so -schmackhaft und nahrhaft ist, wie die Früchte und sich auch ohne -besondere Behandlung hält und sein köstlicher Saft euch einen -unerschöpflichen Trank bietet,« setzte Fliorot hinzu. - -»Nun, dann sind wir wohl geborgen, wenn Gottes Gnade uns begleitet, wie -ich nicht zweifle,« sagte Mietje mit feurigem Dank. - -Jetzt trat Heliastra vor: »Auch ich habe eine Bitte auf dem Herzen,« -sagte sie, während eine holde Röte ihr Antlitz durchleuchtete: »eine -Bitte an euch, liebe Freunde: nehmt mich mit auf eure Erde!« - -Alle standen starr. Auch Gabokol und Bleodila, Fliorot und Glessiblora -waren völlig aus der Fassung. - -Heinz aber durchflutete es wie ein unausdenkbares Glück; doch gleich -darauf dachte er, es sei ja zu schön, um wahr zu werden, und weder -dürften sie das liebliche Mädchen seinem glücklichen Planeten entführen, -noch würden seine Eltern es je von ihren Herzen reißen können. - -Mietje war die erste, die es aussprach: »Kind, liebes Kind, wie dürften -wir es wagen, dich ins Ungewisse mitzunehmen und aus deinem Paradies in -das Elend unserer Erde zu entführen.« - -Heliastra lächelte: »Wißt ihr nicht, daß Gott überall ist? Wo ist da das -Ungewisse? Und sehet, das ist meine Sehnsucht, der brennende Wunsch -meines Herzens, euer Schicksal zu teilen und euch zu helfen, das Leid -eurer Erde zu mildern.« - -»Es ist ein edles Ziel, das meine Tochter sich setzt,« sagte Gabokol -nachdenklich: »Es muß Gott wohlgefällig sein.« - -»Nein, nein!« rief Heinz schmerzlich: »Gott weiß, wie mir das Herz -blutet, wenn ich von dir scheiden soll; aber hier bist du glücklich und -glücklich sollst du bleiben und nie in die Welt der Leiden kommen. Gerne -will ich mich mein Leben lang in Sehnsucht nach Dir verzehren, wenn ich -dich nur glücklich weiß!« - -»So sehr hast du mich lieb?« fragte Heliastra und ihre Himmelsaugen -leuchteten ihn an. - -»Ja, über alles bist du mir wert: nie werde ich dich vergessen!« - -»Und meinst du, ich werde noch glücklich sein, wenn du nicht mehr bei -mir bist? Mein Glück ist fortan auf eurer Erde, dort laßt es mich -finden. Oder ist es unmöglich, daß ich deine Gattin werden könnte?« - -»Du! Meine Gattin? Du wolltest aus deinen Sternenhöhen herabsteigen, -mich armseligen Erdensohn unaussprechlich glücklich zu machen? Aber -nein! Es darf ja nicht sein!« - -»Ich sehe wohl, wie es steht,« sagte nun Gabokol wieder, »und ich sehe, -was Gottes Wille ist. Ja, Gott fordert von uns ein Opfer, das er noch -von keinem auf unserem Planeten gefordert hat. Heliastra, du willst uns -den Schmerz fühlen lehren, der uns bisher unbekannt gewesen! Aber sollte -Gott nicht alles von uns fordern dürfen, dem wir alles verdanken? Die -sich lieben, sollen mit einander verbunden bleiben, das ist der höchste -Gotteswille. Und wenn es uns auch schmerzt, wie wollten wir solch -unerhörten Frevel begehen, wider Gottes Willen zu handeln?« - -»Gabokol hat recht,« sagte Bleodila mit Tränen in den Augen. »Eure -Ankunft und euer Hiersein war uns Freude; euer Scheiden bringt uns -Schmerz, größeren als wir je geahnt! Wußten wir denn, was Schmerz ist, -denen auch das Scheiden im Tod nur ein Vorausgehen in die höhere -Seligkeit bedeutet? Nun, so sei uns Heliastra, so jung sie ist, als eine -in die Seligkeit Vorangegangene. Willst du sie haben zu deinem Weib, -junger Freund, so dürfen wir sie nicht zurückhalten.« - -Heinz wußte nicht, wie ihm war, als er seine Arme ausbreitete und die -leichte Elfengestalt sich an ihn schmiegte. - -»So willst du immer bei mir bleiben?« flüsterte er, sie zaghaft küssend. - -»Immer bei dir!« sagte sie mit heller Glockenstimme und strahlte ihn -warm an. - -Während der nächsten Tage richtete Gabokol die Sannah, die Flitmore -herabgelenkt hatte, für die Parallelkraft ein, flickte auch das Loch, -das ihr der Meteorit beigebracht hatte. Die Bewohner der Stadt zogen -inzwischen unaufhörlich in Scharen herbei, um die Innenräume mit -unerschöpflichen Vorräten zu füllen, namentlich auch mit allerlei -Sämereien für die Erde, obgleich Schultze stark bezweifelte, daß dort -die Wunderpflanzen Edens gedeihen könnten. - -Dann wurde die feierliche Hochzeit von Heinz Friedung mit Heliastra -gefeiert und der greise Priester der Stadt gab das Paar im Namen des -allmächtigen Gottes zusammen und segnete es ein. - -Die ganze Stadt nahm Teil an dieser außerordentlichen Feier und zwar -nicht nur äußerlich, sondern mit liebenden und fürbittenden Herzen. Alle -bewunderten Heliastras Entschluß und wünschten ihr Gottes reichsten -Segen dazu. - -Dann wurde ein Freudenfest gefeiert, wie es bei solchen Anlässen üblich -war. Zum Schlusse, als der Rosenmond dem blauen Monde Platz machte, nahm -die rosige Gattin Abschied von ihren Freundinnen und Bekannten. - -Am andern Morgen verabschiedete sie sich auch von den Ihrigen, deren -Gottvertrauen und Fügsamkeit in den göttlichen Willen ihnen half, den -Trennungsschmerz getrost zu überwinden. - -Auch unsere Freunde nahmen herzlichen, dankbaren und gerührten Abschied. - -Heliastra aber war voll strahlender Freudigkeit, als sie mit ihrem -Gatten das Fahrzeug betrat, das sie führen sollte in die Welt ihrer -Sehnsucht, die Welt, wo es Schmerzen zu lindern und Tränen zu trocknen -gibt. - -»Gott sei mit euch und lasse euch wiederkehren!« riefen die -Zurückbleibenden den Scheidenden nach, als die Sannah, von der -Fliehkraft getrieben, emporschoß, und Heinz und Heliastra aus der -offenen Lucke ein letztesmal herniederwinkten. - - - - - 51. Der Planet des Fremdartigen. - - -Es war Abend, als die Sannah emporstieg. - -Zum letztenmal grüßte das rosige Licht des schönsten der Monde unsere -Freunde und die engelschöne Frau, die von Kind auf in seinem -Rosenschimmer fröhlich gewesen war. - -Rasch, mit wachsender Geschwindigkeit entfernte sich das Weltschiff, -getrieben durch die doppelte Kraft der Abstoßung und des -Vorwärtstriebes. - -Bald entschwand das Sonnensystem Alpha Centauri den Blicken der -Reisenden, das heißt, seine Planeten begannen nur noch als Sterne am -Nachthimmel zu flimmern. - -Nur Heliastra mit ihren Sonnenaugen vermochte noch alles groß und -deutlich zu sehen und sogar den blauen Mond zu erkennen, der nun dort -unten, oder dort oben, wie es hier jetzt schien, aufgegangen war. - -Sie allein war es aber auch, die vom entgegengesetzten Zimmer aus genau -angeben konnte, welcher winzige Stern die irdische Sonne sei, so daß -Flitmore gleich von Anfang an der Sannah die rechte Fahrtrichtung geben -konnte. - -Dann begaben sich alle zur Ruhe bis auf John, der die erste Wache hatte. - -Münchhausen übernahm nach drei Stunden die mittlere Wache und -schließlich der Professor die dritte und letzte. - -Gegen Morgen sah er, wie die Sannah sich einem mächtigen dunklen -Weltkörper näherte, wenn von einer Annäherung bei einer Entfernung von -immerhin einigen Millionen Kilometern die Rede sein konnte. - -Auch »Morgen« und »Tag« waren bloße Zeitbegriffe geworden, seit die -Doppelsonne Alpha Centauri wieder zu zwei Fixsternen geworden war, die -nach und nach für das Auge zu einem einzigen verschmolzen. Da nicht, wie -auf dem Hinweg, wenigstens ein schwachschimmernder Komet einiges Licht -von außen gab, mußte das Weltschiff seine ganze, vielleicht Jahre -dauernde Reise nach dem irdischen Sonnensystem in beständiger Nacht -ausführen: Tageshelle oder gar Sonnenschein war ausgeschlossen. - -Das war keine angenehme Aussicht! - -Es war Zeit, die andern zu wecken, soweit diese überhaupt sich das -Wecken ausgebeten hatten und nicht von selber zur bestimmten Zeit -aufwachten. - -Der Professor drückte auf die verschiedenen Kontaktknöpfe, die in den -entsprechenden Schlafräumen die elektrische Klingel ertönen ließen. - -Flitmore erschien zuerst. - -»Lord,« sagte Schultze: »es befindet sich hier in unserer Bahn ein -dunkler Weltkörper, also ein Gestirn, das der Erde näher steht als Alpha -Centauri. Wollen wir ihm nicht nahen, um zu schauen, wie es dort -aussieht?« - -»Lang aufhalten unterwegs wollen wir uns nicht,« sagte Flitmore lachend: -»Unsere Heimfahrt dürfte so wie so lang genug werden! Andererseits kommt -es bei einer Fahrt, die voraussichtlich Jahre dauert, auf ein paar Tage -mehr oder weniger nicht an.« - -Heinz war inzwischen mit Heliastra erschienen und fügte hinzu: - -»Da überdies unsere Reise, so viel wir wissen, durch eine trostlose Öde -geht, auf der wir bis zum irdischen Planetensystem nicht darauf rechnen -dürfen, irgend etwas anzutreffen, so sollten wir uns diese -voraussichtlich letzte Gelegenheit, etwas Neues zu schauen, nicht -entgehen lassen.« - -»Das ist wahr!« sagte der Lord: »Also stellen Sie die Fliehkraft ab, -Herr Professor.« - -Auch die anderen waren nun eingetreten, und das Frühstück wurde -eingenommen, während die Sannah, von dem dunkeln Weltkörper angezogen, -auf ihn zustürzte. - -Als sie der Oberfläche des geheimnisvollen Gestirns nahe gekommen war, -ließ Flitmore einen ganz schwachen Zentrifugalstrom durch ihre -Metallhülle kreisen, welcher der Anziehungskraft der Kugel genau die -Wage hielt, so daß die Sannah in der Schwebe gehalten wurde und sich -stets im gleichen Abstand oder in der gleichen Höhe halten mußte. - -Hierauf wurde die Parallelkraft, ebenfalls in bescheidenem Maße, in -Tätigkeit gesetzt, und das Weltschiff fuhr mit der geringen -Geschwindigkeit von 50 Kilometern in der Stunde über der Oberfläche des -neuen Planeten dahin. - -Alle begaben sich in das Antipodenzimmer, um von dort aus die Landschaft -zu ihren Füßen beobachten zu können. - -Sie sah finster und düster aus: keine Sonne, kein Mond leuchtete diesem -Weltkörper; nur ein blutiger, nordlichtartiger Schimmer drang aus seiner -Atmosphäre herab, offenbar ausgehend von selbstleuchtenden Stoffen oder -Bakterien, die sich in der Luft befanden. - -Bei dieser Beleuchtung war wenig zu erkennen; aber was zu sehen war, -machte einen widerlichen, unheimlichen Eindruck. - -Das Land schien ziemlich eben zu sein und durchweg einen morastigen -Charakter zu tragen. - -An einzelnen Stellen stiegen leuchtende Dämpfe oder Nebel aus dem Sumpfe -auf, die einen leichenfahlen, schwefelgelben Schimmer verbreiteten; -dazwischen schossen bläuliche und grünliche Stichflammen empor, durch -welche die nächste Umgebung ebenfalls mit einem matten Schein erhellt -wurde, der etwas Grausiges an sich hatte, als seien es höllische -Fackeln, die eine Welt des Entsetzens beleuchteten. - -Ja, eine Welt des Entsetzens! Was waren das für Bäume und Pflanzen! Alle -schienen lebendig und zugleich abscheuerregend: Gräser, die sich wie -ekles Gewürm am Boden hinwanden, krümmten und schlängelten in -krampfhaften Zuckungen, als strebten sie vergebens, sich von der -moderigen Erde zu lösen, in der sie wurzelten! Vielverzweigte Bäume, -deren kahle, blattlose Äste sich ringelten wie Riesenschlangen oder -Polypenarme, in beständiger Bewegung, sich lang ausstreckend, sich -zurückziehend, Wellen, Bogen, Ringe und Schleifen bildend, sich -verwirrend und verschlingend, als befänden sich die lebendigen Zweige -jedes Baumes in mörderischem Kampfe miteinander. - -Und unten im Sumpf wimmelte es von scheußlichem Getier: weißliche Maden, -größer als Elefanten, sperrten zahnbewehrte Kiefer auf; Riesenspinnen, -deren plumper, kugeliger Leib oben und unten und an den Seiten mit -langen, dünnen, haarigen Beinen besetzt war, so daß sie sich beständig -um sich selbst drehen konnten und stets mit einer Anzahl Füße krochen, -die andern zappelnd empor oder rings von sich streckend; grünliche -Kröten, groß wie Büffel, die ihre häßlichen Augen auf dünnen, -wurmartigen Stielen weit hinausstreckten; dünnbeinige Stechmücken von -Giraffenhöhe, die mit ihren langen, durchsichtigen Rüsselröhren den -andern Tieren das Leben aussaugten oder von diesen geschnappt und -zerquetscht wurden. - -Alles kroch durcheinander, alles kämpfte miteinander: nicht nur Tier mit -Tier, sondern auch Pflanzen und Tiere befanden sich in unaufhörlichem -mörderischem Kampfgemenge. - -Da biß ein Riesenwurm mit Krokodilsrachen einem Baume die Äste ab und -diese Äste schnellten und zuckten und wanden sich in Krämpfen am Boden, -während aus dem sich wie im gräßlichsten Schmerz verkrümmenden Stumpfe -ein dicker, grünlichschwarzer Saft hervorquoll. - -Dort war eines der Riesentiere von den zahllosen Armen eines Baumes -erfaßt worden und suchte vergebens, in verzweifeltem Ringen, sich aus -der tödlichen Umarmung zu befreien: es wurde erdrückt, erstickt und zu -einer unförmlichen Masse zerquetscht. - -Und dann schossen wieder dünne Würmer wie Pfeile aus dem Morast, fuhren -durch die Luft und bohrten sich in den Leib eines nicht minder -widerlichen Tieres, um schließlich ganz in seiner Masse zu verschwinden -und in seinem Innern ihr gräßliches, mörderisches Zerstörungswerk zu -beginnen. - -Schauerlich war es anzusehen, wenn so ein Riesentier, das selber -grauenhaft aussah, in rasendem Schmerz emporsprang, wie wahnsinnig -umherkreiselte und zuletzt im Todeskampf zusammenbrach, während -plötzlich sein unförmlich angeschwellter Leib sich überall öffnete und -ein Gewimmel schlangenartiger Würmer enthüllte, die es bei lebendigem -Leibe von innen heraus verzehrten. - -Und dann schlängelten sich wieder fahle Flammen durch die drängenden -Massen, versengten und verzehrten die Leiber, die vergebens suchten, -sich zu flüchten: auch diese höllischen Feuerschlangen schienen lebendig -zu sein und ihre Opfer mit Mordgier zu verfolgen. - -Heliastra war totenbleich und voller Entsetzen: »Sieht es so auf der -Erde aus?« fragte sie beklommen. - -»Nein,« tröstete sie Heinz: »Solch ein gräßliches Schauspiel erfüllt -auch uns Menschen mit Entsetzen.« - -»Ja!« bestätigte der Professor: »Selbst wissenschaftliche Forschung -erlahmt dahier und wendet sich ab von diesen Greueln. Das ist ein Reich -der Finsternis im vollsten Sinne des Wortes und ich schlage vor, ihm den -Namen »Scheol« zu geben, wie die Hebräer ihr Höllenreich nannten.« - -»Es ist genug,« sagte Flitmore: »Lieber durch die ewige Nacht des öden -Raums, als solch ein Schauspiel länger mit ansehen!« Und er schaltete -die volle Fliehkraft ein. - - - - - 52. Eine Weltkatastrophe. - - -»Wenn ich mir erlauben darf, auch eine Beobachtung meinerseits gemacht -zu haben,« begann John, als die Sannah sich vom Planeten des Grauens -entfernte, »so sehe ich dort einen andern schwarzen Erdball daherkommen, -sozusagen herabstürzen.« - -»Das könnte uns gefährlich werden,« rief Schultze, in der von John -bezeichneten Richtung hinaussehend: »Es scheint in der Tat ein -Zusammenstoß zweier gewaltiger Körper bevorzustehen. Ich schätze Scheol -auf die zehnfache Größe der Erde, und der mit rasender Geschwindigkeit -auf ihn herabstürzende Weltkörper scheint nahezu ebensogroß.« - -Der Lord sprach kein Wort, schaltete aber die Parallelkraft in vollster -Stärke ein und die Sannah entfernte sich mit Lichtgeschwindigkeit von -der bedrohlichen Stelle. - -Auf einmal wurde es hell; ein Licht, wie von zehn Sonnen auf einmal, -erfüllte den Raum mit blendendem Glanze: Die beiden Weltkugeln waren auf -einandergeprallt und in weniger als einer Sekunde hatten sie sich zu -einer weißglühenden Masse vereinigt, von der flammende Stücke nach allen -Richtungen hinausgeschleudert wurden und Stichflammen von Millionen -Kilometer Höhe emporschlugen. - -Alles Leben mit seinem grausigen Kampf mußte auf dem Scheol in einem -Augenblick vernichtet worden sein; aber den Insassen der Sannah drohte -das gleiche Schicksal: das Weltschiff war in glühende Gase gehüllt, eine -Stichflamme hatte es erreicht; gleichzeitig aber wurde es, wie von dem -Druck einer ungeheuerlichen Explosion emporgeschleudert mit einer -Geschwindigkeit, die alles übertraf, was sie bisher geleistet. - -Durch und durch wurde das Fahrzeug erschüttert und eine Zeitlang lagen -alle, plötzlich zu Boden geschleudert, durcheinander. Nur Heliastra -schwebte in ihrer Leichtigkeit über dem Boden und half nun den -Gestürzten auf die Beine. - -Jetzt erst ließ sich ein fürchterliches Krachen, Rollen und Donnern -vernehmen. Noch einmal erbebte die Sannah in allen Fugen, vom -erschütterten Weltstoff geschüttelt. Eine furchtbare Hitze entwickelte -sich in dem Antipodenzimmer und alle flüchteten auf Tod und Leben in die -innersten Räume des Fahrzeugs. - -Hier war es noch auszuhalten, und die unausdenkbare Wucht, mit der das -Weltschiff von den zusammengeprallten Planeten fortgeschleudert wurde, -brachte es in kürzester Zeit aus dem Bereiche der Stichflamme, so daß es -sich allmählich wieder abkühlte, ohne ernstlichen Schaden genommen zu -haben. - -»Wir haben eine Weltkatastrophe erlebt,« sagte nun Flitmore, »wie sie -gar nichts so Seltenes ist.« - -»Allerdings,« bestätigte der Professor: »Seit uns der Fixsternhimmel -näher bekannt ist und man gelernt hat, auf derartige Erscheinungen zu -achten, hat man das Aufleuchten neuer Sterne öfters beobachten können. - -Charakteristisch für diese Erscheinungen ist die Nova Persei, das heißt -der neue Stern, der im Jahre 1901 im Sternbild des Perseus aufleuchtete. -Er erschien zunächst als Stern 12. Größe, wurde innerhalb dreier Tage zu -einem Stern erster Größe, dem hellsten am ganzen Firmament außer Sirius: -sein Licht hatte um das 250000fache zugenommen, nahm aber dann ab, bis -es wieder so schwach war, daß der Stern als zwölfter bis dreizehnter -Größe erschien. Er muß mindestens 100 Lichtjahre von der Erde entfernt -gewesen sein und umgab sich nach dem Ausbruch mit einer Nebelhülle, die -wenigstens das 1400fache des Erdbahndurchmessers umfaßte und -Verdichtungsstreifen und Lichtknoten aufwies, die sich, gering -geschätzt, mit mehr als 3000 Sekundenkilometern Geschwindigkeit -fortbewegten.« - -»Diese neuen Sterne entstehen also durch das Aufleuchten zweier dunkler -Weltkörper, wenn sie sich durch einen Zusammenstoß erhitzen?« fragte -Heinz. - -»Eigentlich glaubt man das weniger,« entgegnete Schultze, »da dann das -rasche Erkalten und Erblassen innerhalb weniger Wochen oder Monate -unerklärlich wäre.« - -»Wie erklärt man dann diese Vorfälle?« mischte sich nun Mietje in die -Erörterung. - -»Sehr verschieden!« sagte Schultze. »Die einen meinen, es handle sich um -erloschene Sonnen, die für uns unsichtbar wurden, nachdem sie sich mit -einer Erstarrungskruste umgaben, plötzlich aber wieder aufleuchten, wenn -die innere Glut die Kruste vorübergehend durchbricht. Auch das -Einstürzen eines großen Meteors könnte das plötzliche Aufleuchten -verursachen. - -Wilsing nimmt an, daß die sehr große Annäherung zweier ungefähr -gleichgroßer Sterne eine Flutwelle in der Atmosphäre und dem -feurigflüssigen Innern des einen hervorrufe. Dadurch würde ein Teil -seiner Oberfläche fast von seiner ganzen Lufthülle entblößt, und die -innern Glutmassen würden die dünne Erstarrungsdecke durchbrechen. - -Seeliger im Gegenteil glaubt, daß ein erkalteter Weltkörper, in eine -Wolke kosmischen Staubes eindringend, durch die Reibung an seiner -Oberfläche in Glut gerade. Diese Vermutung stimmt allerdings nicht zu -unsern Erfahrungen, nach welchen jedes Gestirn seine Lufthülle besitzt, -die es vor solcher Reibung schützt. - -Übrigens haben wir ja nun beobachten können, wie ein oder vielmehr zwei -Weltkörper durch Zusammenstoß aufleuchten können; auf der Erde wird man -am 12. Mai 1913 die Erscheinung des neuen Sterns gewahren, und dann -wollen wir ja sehen, welche Erklärungen die irdischen Astronomen diesem -Phänomen zu geben belieben.« - -»Gestatten mir gütigst der Herr Professor eine Fragestellung in aller -Rücksicht der Bescheidenheit,« bat John. - -»Nur zu, mein Sohn! Was quält dich für ein Schmerz?« - -»Der Herr Professor haben sich doch zu äußern beliebt, wie ich schon -mehrfach hören konnte, daß sich neue fixe Sterne in den komischen Nebeln -bilden?« - -»Ganz richtig, guter Freund! Aber nicht in den komischen, sondern in den -kosmischen Nebeln. Siehst du, man nennt auf griechisch die Welt ->Kosmos<, und da ein gebildeter Deutscher Griechisch, Lateinisch und -Französisch redet, nur kein Deutsch, so spricht er von kosmischen -Nebeln, wo er ebensogut Weltnebel sagen könnte. Wie du also ganz richtig -bemerkt hast, aus diesen Weltnebeln bilden sich Fixsterne.« - -»Und die leuchten dann aber doch lange Zeit?« - -»Gewiß! Tausende, Hunderttausende, vielleicht Millionen von Jahren.« - -»Nun denn, Sie sagen, alle neuen Sterne verlieren sozusagen sehr schnell -ihr starkes Licht; aber es sollten doch auch neue Sterne aus den Nebeln -entstehen, die man vorher nicht gesehen hat, und die dann immer leuchten -als Fixsterne?« - -»Ja, weißt du, diese Bildung neuer Sterne aus Nebeln braucht jedenfalls -Hunderttausende von Jahren.« - -Hier fiel Flitmore ein: »Und doch hat John recht; warum soll gerade in -unserer Zeit keine derartige Sternbildung zur Vollendung kommen? Niemals -noch ist ein uns bekannter Fixstern erloschen, niemals noch ein neuer -erschienen. Herrscht wirklich das beständige Werden und Vergehen im -Weltall, wie man es annimmt, so ist diese Tatsache unerklärlich. -Jedenfalls glaube ich, die Zeit der großen Sonnenschöpfungen ist -vorüber.« - -»Das ist eine sehr anfechtbare Ansicht,« widersprach der Professor, »es -vollzieht sich eben nur alles so langsam, daß für uns nichts davon zu -merken ist.« - - - - - 53. Durch die Sonne. - - -Die furchtbare Explosion, welche der Zusammenstoß der beiden dunklen -Weltkörper zur Folge hatte, schleuderte die Sannah, wie wir hörten, mit -unheimlicher Gewalt in den Weltraum. - -Dies erwies sich als ein ungeahntes Glück; denn das Weltschiff behielt -diese Geschwindigkeit tagelang bei mit nur langsamer Abnahme, und so -legte es in wenigen Tagen einen Weg zurück, zu dem es sonst ebensoviel -Jahre gebraucht hätte. - -Man konnte dies an der rasenden Geschwindigkeit beobachten, mit der man -sich dem irdischen Sonnensystem näherte. - -Noch keine vier Wochen waren verflossen, seit unsre Freunde Eden -verlassen hatten, als sie bereits die Neptunbahn kreuzten. - -Nun aber zeigte sich eine neue Gefahr. - -»Wir stürzen geradewegs auf die Sonne zu,« sagte Flitmore. - -»Und die Fliehkraft?« fragte Schultze. - -»Ich fürchte sehr, daß sie uns nichts hilft,« erwiderte der Lord. »Die -Gewalt, mit der die Sannah in ihrer Bahn dahingeschleudert wird, ist -stärker als die stärkste Zentrifugalkraft, die wir entwickeln können.« - -»Nun, dann wird sie auch stärker sein als die Anziehungskraft der -Sonne,« meinte der Professor. - -»Das gebe Gott!« sagte Flitmore, »denn sonst sind wir verloren.« - -Die Sonne kam näher und näher; schon war die Uranus- und Saturnbahn -durchschnitten, ohne daß man diese Planeten zu Gesichte bekam, da sie -sich an entfernten Stellen ihrer Bahn befanden. Jupiter sah man nur von -ferne, von den Planetoiden, Mars und der Erde, war nichts zu sehen, als -man ihre Bahnen kreuzte; dagegen kam die Sannah der Venus sehr nahe, dem -hellen Morgen- und Abendstern, der, wenn er sich von der Sonne entfernt, -der Erde heller leuchtet als alle andern Gestirne und selbst bei Tage -gesehen werden kann, wenn man seine Lage am Himmel genau kennt; der -einzige Stern, der bemerkbare Schatten wirft, wenn der Mond nicht stört. - -Schultze konnte seine bisher unbekannte Umdrehungszeit feststellen. -Bekanntlich herrscht hierüber eine solche Unklarheit unter den irdischen -Astronomen, daß man sie teils zu 24 Stunden, teils zu ebensoviel Tagen, -ja bis zu 225 Erdentagen annahm. - -Der Professor fand nun eine Rotationszeit der Venus von etwa 700 Stunden -oder 30 Erdentagen. - -Ihr Jahresumlauf beträgt 224 Erdentage. - -Es erwies sich, daß ihre eine Hälfte ewigen Tag, die andere ewige Nacht -hat, und die Nachtseite zeigte eine matte Erleuchtung. Ihre Atmosphäre -war sehr dicht und vielfach stark bewölkt; ihre Oberfläche bildete eine -vollkommene Wüste, eine trostlose Einöde von gleichmäßigem weißen Glanz. - -»An Größe und Masse,« sagte der Professor, »ist dieser Planet unsrer -Erde sehr ähnlich, empfängt aber doppelt so viel Sonnenlicht als diese. -Ihre Bahn ist nahezu kreisförmig; sie hat das stärkste Albedo, das -heißt, von allen Planeten strahlt sie das meiste von all dem Licht -zurück, das sie empfängt; vielleicht hat sie noch etwas eigenes Licht. -Der Erde zeigt sie Phasen wie der Mond.« - -»Schmerzlich ist es, daß wir von hier aus die Erde nicht erreichen -können,« seufzte Heinz. »Wir sind ihr doch so nah: 40 Millionen -Kilometer! Was will das heißen?« - -»Ja, ja!« sagte Schultze: »Da hilft uns alles Bedauern nichts, wir -werden fortgerissen ohne Erbarmen!« - -Die Sannah kreuzte die Merkurbahn. - -Die Sonne erschien wie ein ungeheurer Feuerball. - -Flitmore schützte die Fenster der Sannah durch geschwärzte Scheiben, so -daß man mit dem bloßen Auge in die Gluten schauen konnte. So gelang es, -die Sonnenflecken als ungeheure Schlackeninseln zu erkennen, die in -einem Meer von Glut schwammen, das sie zeitenweise wieder auflöst. - -Hoch empor stiegen die glühenden Massen der sogenannten Sonnenfackeln -und die flammenartigen Protuberanzen oder Sonnenflammen, die aus -brennenden Gasen, meist glühendem Wasserstoff bestehen. Teilweise -zeigten sie auch die Form von Feuersäulen und Glutwolken. - -Ein wogendes Meer von Gluten und Flammen, wie von Orkanen gepeitscht, so -stellte sich die Sonne dar. Ungeheure Explosionen und Eruptionen oder -Ausbrüche ereigneten sich von Zeit zu Zeit; dann wurden Feuergarben und -Flammenstrahlen in wenigen Minuten bis zu einer Höhe von 75000 -Kilometern emporgeschleudert mit einer Geschwindigkeit von 173 -Kilometern in der Sekunde. - -Und auf dieses wildtobende Feuermeer stürzte die Sannah unaufhaltsam zu -mit rasender Geschwindigkeit! - -Aber auch in diesen Augenblicken des Schreckens, da aller Gemüter von -der Sorge eines drohenden Untergangs erfüllt waren, abgesehen von -Heliastra, die mit kindlicher Neugier das schauerlich schöne Schauspiel -bewunderte; auch in diesen bangen Augenblicken zeigte Schultze den -kühlen Gelehrten, denn, wahrhaftig! er hielt einen wissenschaftlichen -Vortrag über die Sonne. - -»Dieses Gestirn,« sagte er, »das unsrer Erde Licht, Leben und Wärme -spendet, ist 300000mal heller als der Vollmond; doch kommt der Erde nur -der 2735millionenste Teil ihres Lichts und ihrer Wärme zugute. Ihr -Äquatorialdurchmesser beträgt 1390300 Kilometer gegen 12755 Kilometer -des irdischen Durchmessers. In der Sonne hätten 1300000 Erdkugeln Platz, -dennoch wiegt sie nur so viel wie 324400 Erden, denn sie ist nicht viel -dichter als Wasser. - -In der Sonne kommen fast die gleichen Stoffe vor wie auf der Erde, das -hat uns das Spektroskop geoffenbart. - -Die äußerste Umgebung des Sonnenballs oder vielmehr seiner Atmosphäre -bildet die Korona, sie besteht, wie wir deutlich sehen können, aus -breiten Strahlenbüscheln, die sich zum Teil mehr als einen -Sonnendurchmesser weit in den Raum erstrecken und oft eigentümlich -gekrümmt erscheinen. - -Diese Korona kann man von der Erde aus am besten bei Sonnenfinsternissen -beobachten, sie bildet dann einen schmalen Lichtring von blendender -Helligkeit rings um die verfinsternde Mondscheibe; diesen Ring umgibt -ein zwölfmal so breites Band von perlmutterartigem Glanz, aus dem weit -hinaus in den Weltraum jene Strahlen schießen, die übrigens auf den -Photographien gar nicht oder kaum erscheinen; dieses Band wird von einer -noch breiteren Lichtzone umschlossen, die sich mit schnell abnehmender -Helligkeit ohne sichtbare Begrenzung im Himmelsraum verliert. - -Unter der Korona sehen wir die sogenannte Chromosphäre, einen -rosafarbenen Ring, der aus den leichtesten uns bekannten Gasen, dem -Wasserstoff und dem Helium gebildet wird. - -Die innerste atmosphärische Hülle der Sonne endlich ist die Photosphäre, -die aus glühenden Metalldämpfen besteht und die eigentliche -Lichtspenderin ist. Diese sehen wir überzogen mit einem Netzwerk, das -aus einer Unzahl feiner Poren und Linien besteht, die sich fortwährend -verändern. Sie scheinen eine Art Schäfchen- oder Cirruswölkchen, deren -kleinstes freilich die Größe eines irdischen Weltteils besitzt; man -nennt diese Erscheinung >die Granulation< der Sonnenoberfläche.« - -»Hören Sie, Professor!« sagte Münchhausen unwirsch: »Was soll uns jetzt -diese hochinteressante Belehrung. Ich meine, es wird hier innen schon -abscheulich heiß und wir werden in kurzem zu Staub verbrennen. Wissen -Sie ein Mittel dagegen, das wäre besser als Ihre gesamte sonstige -Weisheit.« - -»Die Hitze der Sonne ist nicht so groß als man sich gewöhnlich -einbildet,« erwiderte Schultze kühl. »Sie dürfte etwa 7000 Centigrad -betragen, also das Doppelte der Hitze der Kohlenspitzen einer -elektrischen Bogenlampe.« - -»Heiß genug, um uns in Asche zu verwandeln!« brummte der Kapitän. - -Der Professor zuckte die Achseln. »Alles, was ich Ihnen zum Troste sagen -kann, ist, daß der große Komet von 1843 die glühende Korona der Sonne -durchraste, 5 Millionen Kilometer in drei Stunden, also 570 Kilometer in -der Sekunde zurücklegend. Er kam dabei der Sonne bis auf den zehnten -Teil ihres Durchmessers nahe.« - -»Und stürzte nicht hinein?« fragte Heinz. - -»Nein! Davor bewahrte ihn die Gewalt seines Schwungs. Ähnlich ging es -mit den Kometen von 1882 und 1883. Sie entwickelten dabei alle eine -enorme Helligkeit, ja man sah sie bei Tage dicht neben der Sonne, und -der Komet von 1882 verschwand, als er vor die Sonne trat; er war also -genau so hell wie sie. Dabei entwickelten jene Kometen Eisendämpfe, ein -Beweis, daß auch ein Teil ihrer festen Bestandteile sich unter der -Einwirkung der Hitze der Korona in glühende Gase auflöste. Endlich -zersprang der Komet von 1882 beim Passieren der Korona in mehrere -Stücke.« - -»Ein schöner Trost, den Sie uns da geben!« knurrte der Kapitän. - -»Sind der Herr Professor der unmaßgeblichen Ansicht, daß wir in diesen -furchtbar anzusehenden Flammenofen trotz der geschwärzten Scheiben -mitten hinein plumpsen dürften?« fragte Rieger ängstlich. - -»Nein!« erwiderte Schultze bestimmt. »Das glaube ich keinesfalls; denn -unsre Geschwindigkeit übertrifft die des Kometen von 1843 um weit mehr -als das Hundertfache.« - -»Aber daß die Sannah in Weißglut gerät oder sich in glühende Dämpfe -auflöst, zum mindesten samt uns allen in Stücke zerspringt, das glauben -Sie?« polterte Münchhausen. - -»Da unser Weltschiff keine feste, dichte Masse bildet,« entgegnete der -Professor, »scheint es am wahrscheinlichsten, daß es sich in ein -Dampfwölkchen auflöst. Offen gestanden, ich halte unsre letzte Stunde -für gekommen; doch dürfen Sie mir glauben, wir werden nichts davon -spüren, in weniger als einer Sekunde wird alles vorüber sein.« - -Flitmore drückte auf einen Knopf und augenblicklich schlossen sich -sämtliche Augendeckel der Sannah, das heißt die dicken Schutzplatten -legten sich von außen dicht über die Fenster. Gleichzeitig ließ der Lord -die elektrische Beleuchtung aufstrahlen und sagte: »Begeben wir uns in -den allerinnersten Raum, in den Mittelpunkt der Sannah, in zehn Minuten -haben wir die Glutatmosphäre der Sonne erreicht und jagen durch Feuer -und Flammen. Dann gnade uns Gott!« - -In Eile stürzten alle in den innersten Vorratsraum, den eine einzige -elektrische Glühbirne erhellte. Alle Lucken wurden geschlossen, nachdem -sie passiert waren. - -Hier sprach der Lord ein kurzes, markiges Gebet, eine Bitte um Rettung, -zugleich aber auch den Ausdruck der Ergebung in den göttlichen Willen, -falls ihr Ende beschlossen sein sollte; das Vertrauen auf die göttliche -Barmherzigkeit und die Aufnahme aller in das himmlische Reich trug er -mit solcher Einfachheit und Glaubensfreudigkeit vor, daß sich alle über -die Schrecken des Todes erhoben fühlten und keinerlei Angst mehr -empfanden vor dem, was ihnen drohte. Mietje stimmte die beiden letzten -Verse des herrlichen Liedes »O Haupt, voll Blut und Wunden« an, und die -andern sangen ergriffen mit. Dann trat Stille ein. - -John setzte sich zu Füßen seines Herrn nieder, als wollte er damit zum -Ausdruck bringen, wie er als getreuer Diener ihm in den Tod folgen -wolle. Mietje lehnte ihr Haupt an ihres Gatten Schulter, Münchhausen -faßte kräftig Schultzes Rechte und hielt sie fest. Heliastra schmiegte -sich in Heinz' Arme und fühlte sich geborgen, während ihr junger Gemahl -bereit war, mit ihr die Reise in ein besseres Leben anzutreten. - -Die beiden Schimpansen Dick und Bobs kauerten in einer Ecke und wußten -von nichts; doch verhielten sie sich, ganz gegen ihre Gewohnheit, so -regungslos, als ahnten sie doch etwas Außerordentliches. - -Auf einmal wurde es furchtbar heiß; die Luft schien zu glühen und -erstickend legte es sich auf aller Brust. - -Da stand Flitmore auf und sprach ein warmes Dankgebet für die Errettung -aus furchtbarer Todesgefahr. - - - - - 54. Der Planet Merkur. - - -Die andern wußten es sich nicht zu erklären, wie der Lord dazu kam, ein -Dankgebet zu sprechen, während sie sich mitten im Flammenofen der Sonne -wähnten; denn erst jetzt begann die Hitze beinahe unerträglich zu -werden. - -Nur Professor Schultze sah so klar wie Flitmore. - -»Wir sind unversehrt hindurchgekommen!« sagte er aufatmend; »aber wie -mag die Sannah aussehen?« - -»Sind wir denn schon außer Gefahr?« fragte Mietje ungläubig. - -»Gewiß, meine Liebe,« sagte der Lord, »die Lebensgefahr bestand darin, -daß sich unser Fahrzeug infolge der ungeheuren Hitze sofort in Dampf -aufgelöst hätte. Die Wärme, die wir nun aber spüren und die allerdings -sehr lästig ist und auf die Dauer nicht auszuhalten wäre, beweist uns, -daß wir die Korona der Sonne bereits durchflogen und hinter uns haben. -Wäre die Katastrophe eingetreten, so hätten wir gar nichts gespürt, so -plötzlich wäre alles gekommen; diese allmählich sich steigernde Hitze -jedoch weist darauf hin, daß die Sannah an ihrer Oberfläche sehr heiß -wurde, ohne jedoch wesentlich Schaden gelitten zu haben. Durch die -feuerfeste Umhüllung und die dicke Guttaperchaauspolsterung aller Räume, -sowie die in diesen enthaltene Luft ist die Temperatur in diesen -untersten Gelassen nur langsam und verhältnismäßig wenig gestiegen.« - -»Das glaube ich«, sagte Münchhausen: »Sind doch nach allen Seiten hin -nicht weniger als 7 Zimmer oder Stockwerke von je drei Meter Höhe -zwischen uns und der äußeren Umhüllung, 7 Säle mit gummibelegten -Decken und Fußböden, so daß uns 14 Schichten von geringster -Wärmedurchlässigkeit beschützen, getrennt durch 7 drei Meter hohe -Lufträume, ganz abgesehen von der starken Außenhülle.« - -»Aber ist es nicht möglich, daß wir uns noch in den Flammen befinden?« -fragte nun Heliastra: »Dann würde die Hitze ganz allmählich steigen, -aber wir würden sie bald nicht mehr aushalten.« - -»Ganz ausgeschlossen!« sagte Schultze. »Bei der rasenden Eile unsrer -Fahrt mußten wir schon längst wieder aus der Sonnenkorona ausgetreten -sein, ehe die Temperaturerhöhung in ihrem allmählichen Fortschreiten -sich hier unten bemerkbar machte.« - -»Dann aber möchte ich ganz ergebenst die bescheidene Bemerkung -aussprechen,« sagte John, »daß wir nach oben gehen in die frische Luft, -denn ich schwitze, wenn es zu sagen gestattet sein sollte, wie ein -sogenannter Magister!« - -»Geduld, Geduld, mein Sohn!« lachte Schultze. »Das müssen wir nun schon -eine Weile aushalten. Zum ersten sind wir der Sonne noch so nahe, daß -ein Spaziergang ins Freie vorerst ganz ausgeschlossen ist, wenn wir -nicht braten sollen; zum zweiten ist die Hitze in den oberen Gemächern -zweifellos weit schlimmer als hier im untersten; sie müßte wachsen, je -höher wir steigen. Wir müssen erst eine gründliche Abkühlung abwarten.« - -»Da werden wir wohl noch lange Geduld haben müssen,« meinte Heinz, »denn -die Sonne dürfte bei ihrer Nähe derart auf die Sannah brennen, daß von -einer Abkühlung vorerst überhaupt keine Rede sein wird.« - -»In zwei Stunden,« sagte der Lord, »können wir ohne Sorge den Aufstieg -wagen. Erstens muß eine verhältnismäßige Abkühlung selbstverständlich -eintreten, da der Temperaturunterschied doch ein ganz gewaltiger ist -zwischen der Korona selber und ihrer bloßen Nähe; zweitens entfernen wir -uns mehr als blitzschnell von der Sonne; drittens dreht sich ja unsre -Sannah um sich selbst und kehrt stets nur eine Seite der Sonne zu; die -von der Sonne abgekehrte Seite wird sich aber sehr rasch und stark -abkühlen. Endlich übt die bloße Bestrahlung durch die Sonne, wenn diese -auch noch sehr nahe ist, ihre Einwirkung nur in sehr geringem Maße bis -in die Innenräume aus.« - -Es zeigte sich, daß der Lord recht hatte; die furchtbare Hitze nahm -verhältnismäßig rasch ab und nach zwei Stunden konnten unsre Freunde -bereits ins Zenithzimmer hinaufsteigen, das gerade von der Sonne -abgewendet war und Nacht hatte. - -Allerdings herrschte dort noch eine gelinde Backofenhitze, aber dadurch, -daß sämtliche Verbindungstüren der Innenräume geöffnet wurden, konnte -ein starker kühlender Luftzug erzeugt werden; überdies konnte man auf -der Nachtseite auch die Außenlucken öffnen und es strömte eine zwar mehr -als laue, aber doch frische Luft ein, die nach der ausgestandenen Hitze -den Eindruck wohltuender Kühle machte. - -Durch die Lucke des Zenithzimmers stieg Flitmore ins Freie hinaus, um zu -sehen, was die Umhüllung der Sannah bei der Fahrt durch die -Glutatmosphäre der Sonne gelitten habe. - -Er fand, daß der Flintglasbelag fast vollständig abgesprungen war; die -äußerste Metallumhüllung war geschmolzen, aber fast beinahe überall noch -dicht, da sie nach Verlassen der Sonnenkorona rasch wieder erstarrt war; -an einzelnen Stellen freilich zeigten sich Löcher, da war die Umhüllung -in ihrer ganzen Dicke durchgeschmolzen. Doch das wollte nun nicht viel -besagen, denn einer ähnlichen Hitze würde man ja wohl nicht wieder -standzuhalten haben. - -Als der Lord ins Zimmer zurückkehrte, sagte Mietje: »Mir ist es immer -noch ein Rätsel, wie wir so unbeschädigt durch die flammende -Sonnenatmosphäre kommen konnten.« - -»Ein Wunder göttlicher Bewahrung ist es gewiß!« sagte ihr Gatte. »Aber -das natürliche Mittel, durch das er uns hindurchhalf, ist die ungeheure -Geschwindigkeit, mit der er unser gebrechliches Fahrzeug seine Bahn -durcheilen ließ. Du hast ja wohl selber schon probiert, meine Liebe, wie -du deinen Finger unbeschädigt, ja ohne nur auch eine Wärmeempfindung zu -verspüren, durch die Flamme eines Lichtes bringen kannst, wenn du es -schnell genug ausführst. Ganz so kurz verweilten wir nun freilich nicht -in den Sonnenflammen, aber doch auch gewiß nicht mehr als zwei Minuten, -und für diese kurze Zeit genügte unsre Schutzhülle, um den Gluten stand -zu halten, die schon einige Zeit brauchten, um nur die Flintglashülle zu -sprengen. Daß die Hitze im Innern nicht unerträglich wurde, obgleich das -Metall an der Außenfläche angeschmelzt wurde, darf uns nicht -wundernehmen, wenn wir uns erinnern, daß dies auch bei Meteoren der Fall -ist.« - -In blendendem Glanze strahlte der Planet Merkur durch das offene Fenster -des Zenithzimmers. Die Sannah mußte ganz in seiner Nähe vorbei und er -schien mit ungeheurer Schnelligkeit sich zu nahen. - -Dieser Planet, der zu 3/8 ewige Nacht und zu 3/8 ewigen Tag hat, während -der vierte Teil seiner Oberfläche allein den Wechsel von Tag und Nacht -kennt, die im Durchschnitt 44 Erdentage währen, kehrte beinahe seine -volle erleuchtete Seite der Nachtseite der Sannah zu. - -Um ihn dauernd beobachten zu können, sowie um sich nicht der Sonnenhitze -auszusetzen, begaben sich unsre Freunde, entsprechend der Umdrehung der -Sannah, jedesmal in dasjenige Zimmer, das gerade Mitternacht hatte. Jede -halbe Stunde mußte ein solcher Zimmerwechsel vorgenommen werden. - -Schultze fühlte sich veranlaßt, einige Belehrungen über den Merkur -loszulassen: - -»Die große Sonnennähe dieses Planeten,« sagte er, »hat seiner -Beobachtung von der Erde aus die größten Schwierigkeiten -entgegengesetzt. Aus den Veränderungen, die Schröter an den Spitzen der -Merkursichel, den sogenannten Hörnern, wahrzunehmen glaubte, berechnete -Bessel seine Umdrehungsdauer zu 24 Stunden. Dagegen schloß Schiaparelli -1883 aus Flecken und Streifen, die er wahrnahm, auf eine Rotationsdauer -von 88 Tagen; das heißt, Merkur würde der Sonne stets dieselbe Seite -zukehren, wie der Mond der Erde, und würde sich in der gleichen Zeit um -sich selbst drehen, wie um die Sonne. - -Allein es wurde nachgewiesen, daß jede Kugel mit glatter, gleichmäßig -gefärbter Oberfläche bei unvollständiger Beleuchtung dunkle Streifen -zeigt, die auf einer notwendig eintretenden Sinnestäuschung beruhen, so -daß Schiaparellis Berechnungen fragwürdig erscheinen, weil sie auf die -Beobachtung eben dieser Streifen sich aufbauten. - -Merkur zeigt der Erde wechselnde Lichtgestalten oder Phasen wie der -Mond, aber wie Venus zeigt er sich vollbeleuchtet, wenn er der Erde am -entferntesten steht, und erscheint daher am hellsten, wenn er, nur halb -beleuchtet, der Erde näher tritt. Aber auch dann ist er nur einem guten -Auge sichtbar infolge seiner Kleinheit und Sonnennähe; doch wurde er im -Altertum und im Mittelalter von unsern helläugigen Vorfahren gut -beobachtet. - -Die Lichtgrenze seiner Oberfläche zeigt sich sehr verwaschen, was auf -eine ziemlich dichte Atmosphäre hinweist. Seine Bahn ist die -exzentrischste aller Planetenbahnen, das heißt, sie entfernt sich am -meisten von der Kreisform und erscheint oval. - -Seine Dichtigkeit ist anderthalbmal so groß als die der Erde, so daß man -ihn als eine Kugel von Gußeisen ansehen könnte. Seine Oberfläche beträgt -etwa das Dreifache des gesamten russischen Kaiserreichs. Seine Masse ist -nur 1/12 der Erdmasse, die Schwerkraft auf ihm beträgt nur 3/5 -derjenigen der Erde. Er empfängt siebenmal mehr Sonnenlicht als diese -und dürfte wohl unter unerträglicher Hitze auf der Sonnenseite und -grauenhafter Kälte auf der Nachtseite leiden. Venus leuchtet ihm bei -ihrer größten Nähe 600mal schwächer als unser Vollmond.« - -So viel wußte Schultze in aller Kürze zu sagen. Was nun von der Sannah -aus von der Oberfläche des Planeten gesehen wurde, war hochinteressant: -er erschien als glatte Scheibe, durchaus nicht ohne Hügel und Berge, -aber auch diese waren gleich glatten, wenig hervorragenden Halbkugeln, -die keinen Schatten warfen, weil das Licht durch die spiegelnden Flächen -tausendfach zurückgeworfen wurde und alles erleuchtete. - -Auch Pflanzenwuchs, ja Hochwälder waren zu sehen, aber Stämme, Zweige -und Blätter glitzten und spiegelten dermaßen, daß sie auf größere -Entfernung völlig in dem Meer von weißem Licht verschwanden. - -»Wenn da Tiere und Menschen leben,« meinte Schultze, »so sind sie -jedenfalls ebensolche spiegelnde Wesen und diese Eigenschaft schützt sie -dann wohl vor der schädlichen Einwirkung allzuhoher und allzuniedriger -Temperaturen.« - -Rasch entfernte man sich von dem Planeten, der mit größerer -Geschwindigkeit als alle andern seine Bahn um die Sonne durchläuft; die -Sannah näherte sich wieder der Venusbahn, doch die Venus war fern: die -Sonne stand zur Zeit zwischen ihr und dem Weltschiff. - - - - - 55. Zurück zur Erde! - - -Lord Flitmore stellte die Fliehkraft und Parallelkraft vollständig ab. - -Die Eigengeschwindigkeit der Sannah war noch so ungeheuer, daß die -Anziehungskraft der nahen Sonne nicht genügte, um sie in ihrem Laufe -aufzuhalten, noch weniger natürlich die Anziehungskraft Merkurs. - -Es war daher zu befürchten, daß das Weltschiff das irdische Sonnensystem -wieder verlassen könnte; doch hoffte der Lord, dadurch, daß er alle -Triebkräfte abstellte, so viel zu erreichen, daß die Anziehung durch die -Sonne und das ganze Planetensystem die Fahrgeschwindigkeit derart hemme, -daß sie bei Kreuzung der Erdbahn soweit verringert sein könnte, um ein -Sinken der Sannah auf die Erde zu ermöglichen. - -Leider war dies jedoch nicht der Fall; auch war die Erde auf ihrer Bahn -viel zu weit von der Stelle entfernt, wo unsre Freunde diese Bahn -durchschnitten, um eine Einwirkung auf das Fahrzeug ausüben zu können. - -Erst die Nähe des Mars zeigte die gewünschte Wirkung: die Fahrt -verlangsamte sich merklich. - -Dennoch ging es auch über die Marsbahn hinaus dem Jupiter zu. - -Als Flitmore merkte, daß nun die Eigengeschwindigkeit der Sannah so weit -geschwächt war, daß dieser mächtigste der Planeten sie anzog, stellte er -die Fliehkraft wieder ein mit dem Erfolg, daß das Weltschiff nun, von -Jupiter abgestoßen, zurückgeschleudert wurde. - -Wieder ging es am Mars vorbei und auch hier wirkte die Fliehkraft in der -Weise, daß die Sannah im Bogen an dem Planeten vorbeieilte und sich -wieder der Erdbahn näherte. Diesmal trat auch der günstige Umstand ein, -daß die Erde in Verfolgung ihrer Bahn auf die Stelle zueilte, an welcher -unsre Freunde diese schneiden mußten. - -»Jetzt oder nie!« sagte Flitmore und unterbrach aufs neue den -Zentrifugalstrom, damit die Erde womöglich das Weltschiff zu sich -herabzwingen möchte. - -Heliastra betrachtete mit freudiger Neugier die im Sonnenglanze -leuchtende Weltkugel, das Land ihrer Sehnsucht, ihrer erbarmenden Liebe. - -In schräger Richtung stürzte die Sannah abwärts, der heimatlichen Erde -zu, und man konnte bereits mit bloßem Auge die Meere und Küsten, Gebirge -und größeren Flüsse unterscheiden. - -Heinz begab sich mit seiner holden Gattin auf die Oberfläche des -Fahrzeugs hinaus und sie sahen auf die Kugel hinab, die sich zu ihren -Füßen ausdehnte. Um besser Ausschau halten zu können, stiegen sie, sich -an der Rampe festhaltend, hinab und setzten sich in eine Art -Beobachtungskorb, den Flitmore neuerdings für solche Zwecke neben dem -Eingang zum Südpolzimmer angebracht hatte. - -»Was sind das für hohe Berge?« fragte Heliastra. »Und wie kommt es, daß -ihre Gipfel so weiß erscheinen wie Milch und blitzen wie Diamanten?« - -»Das ist das Himalayagebirge, die höchste Bergkette unsrer Erde; seine -Spitzen sind bedeckt mit ewigem Schnee und Eis, denn in solchen Höhen -ist es bei uns sehr kalt, so daß das Wasser und die Niederschläge fest -werden und diese dir unbekannten Kristalle bilden, die wir Eis und -Schnee nennen.« - -»O, wie schön blau leuchten eure Meere!« rief Heliastra entzückt. »Ganz -wie bei uns! Und wie wunderbar grün sind alle diese Länder. Habt ihr -keine so schrecklichen Wüsten wie unser Planet?« - -»Wüsten haben wir auch; siehst du diese rötlichen und grauen Flecken -rechts und links hinter den Gebirgszügen? Das sind die mongolische Wüste -im großen Chinesischen Reich und die Steppen des Sirdarja im -südwestlichen Sibirien. Und dort hinten in weiter Ferne könntest du die -Eiswüsten der Nordpolarländer glitzern sehen, wenn wir uns auf der -andern Seite befänden. Aber allerdings besteht euer Weltkörper, bis auf -den paradiesischen mittleren Gürtel, aus einer einzigen öden, kahlen -Felswüste, die ausgedehnter ist als die ganze Oberfläche unserer Erde. -Darin haben wir doch etwas vor euch voraus, unsere Wüsten erstrecken -sich auf verhältnismäßig kleine Gebiete.« - -»Da arbeitet ihr gewiß auch emsig an ihrer Fruchtbarmachung wie wir?« - -»Durch Erbohrung von Quellen wird allerdings einiges in dieser Richtung -versucht, doch sind wir weit davon entfernt, so Gewaltiges zu leisten, -wie deine Brüder dort oben.« - -Heliastra sah nach dem südlichen Himmel. - -»Ich sehe meine Heimat!« sagte sie. »Ein kleiner Stern. Ich sehe auch -ihren Rosenmond, ein winziges Pünktchen! Wenn du meine Augen hättest, -könntest du sie auch erblicken. Wie weit, wie weit sind wir von dort. -Aber Gottes Welt umfaßt unsere Erde, die ihr Eden nanntet, wie die eure; -es ist doch ein einziges großes Gottesreich und da reist man von einem -Land zum andern.« - -»Hast du kein Heimweh?« fragte Heinz teilnahmvoll. - -»Heimweh bei dir?« frug das Elfenkind zurück, und lachend strahlten ihn -die Blauaugen an. »Nein! Bei dir wird immer meine Heimat sein, und wie -freue ich mich doch auf die Welt, wo ich soviel mehr tun kann in -helfender und tröstender Liebe, als es in unserm schmerzlosen Lande -möglich wäre.« - -»Du bist ein Engel!« rief Heinz und küßte die Anschmiegende beseligt. - -»Was ist dort für eine große Insel?« fragte die Holde nun wieder. - -»Das ist Australien,« erklärte ihr Gatte. »Siehst du, auch dort kannst -du eine ausgedehnte Wüste erkennen; da wäre ich selbst einmal beinahe -verdurstet und elend ums Leben gekommen, wenn mich nicht Gott im letzten -Augenblick zum rettenden Wasser hätte gelangen lassen.« - -»Du Ärmster,« sagte Heliastra und ihre Augen leuchteten ihn an voll -himmlischen Mitleids. - -»Und das große Land dort drüben ist Afrika,« fuhr Heinz fort. »Dort -leben meine Brüder und meine Schwester Sannah. Aber schau, vor uns -tauchen die Eisgebirge des Südpols auf! Wir kommen der Erde immer näher. -Ich fürchte, wir landen im Eismeer!« - -Das war allerdings zu besorgen; denn dorthin führte ihr schräger Sturz -die Sannah. - -»Herein!« rief Flitmore durch die Lucke den beiden zu. »Der Aufenthalt -dort draußen wird gefährlich. Ich muß von jetzt ab abwechselnd meinen -Fliehstrom ein- und ausschalten, auch mit der Parallelkraft arbeiten, -damit wir uns einen günstigen Landungsplatz aussuchen können, und da -könntet ihr einmal aus eurem Mastkorb geschleudert werden.« - -Gehorsam begab sich das junge Ehepaar hinein ins Südpolzimmer und die -Lucke wurde geschlossen. - -Auf der Erde wurde es Abend. Die Heimkehrenden nahmen eine letzte -Nachtmahlzeit in der Sannah zu sich, dann beorderte sie Flitmore zur -Ruhe. - -Er selber wollte diese Nacht wachen und die Landung bei günstiger -Gelegenheit bewerkstelligen. Er hatte dabei einen besonderen Plan, eine -Überraschung für alle; wie er hoffte, eine freudige Überraschung auch -für andere Erdenwesen, die ihm lieb waren. - - - - - 56. Sannah. - - -In der Stille der Nacht lenkte der Lord sein getreues Weltschiff in -rascher Fahrt über Flüsse, Gebirge und Seen. Der Vollmond beleuchtete -die Landschaft und Flitmore kannte sich darin aus. - -Endlich hatte er seinen Landungsplatz gefunden und die Sannah senkte -sich auf eine grüne Wiese herab. - -Der Engländer sah auf die Uhr. - -»Noch vier Stunden bis Sonnenaufgang,« murmelte er. »So will ich denn -auch noch einen Schlaf tun, um recht frisch zu sein, wenn uns ein -schöner Morgen aufleuchtet.« - -Er weckte John. »Halte du diese Nacht vollends Wache. Wir befinden uns -bereits auf festem Erdboden und es wird nichts vorkommen. Sobald die -Sonne aufgeht, weckst du zuerst mich, dann die andern.« So sprechend -legte er sich zur Ruhe. - -John öffnete die Lucke des Südpolzimmers und sah hinaus. Er war doch -neugierig, wo man sich befand. Seinen Herrn hatte er nicht fragen mögen, -da dieser von selber nichts gesagt hatte. - -Was war das für eine Landschaft? Merkwürdig bekannt kam sie Rieger vor. -Aber England war das nicht, noch weniger Deutschland; es konnte nichts -andres als Afrika sein! - -Da wiegten schlanke Palmen ihre Wedel in der Vollmondnacht, dort -dämmerten dichte Bananenhaine und nicht ferne glitzerte der Spiegel -eines Sees, an dessen linkem Ufer im Osten eine Hochgebirgslandschaft -aufragte. - -»Das ist sozusagen nichts andres als der Albert-Edward-Njansa,« sprach -John zu sich selbst, »und dieses Dach in der Nähe zwischen den -Baumwipfeln dürfte die Farm des alten Herrn Piet Rijn sein. Nein! Das -wäre sozusagen eine Überraschung für meine Lady Mietje und auch für den -Herrn Professor und dann erst für die Familie des Herrn Rijn und -Fräulein Helene -- ach nein! Frau Rijn muß man ja jetzt sagen, Frau -Hendrik Rijn! Und für ihren Herrn Gemahl, den lieben Herrn Hendrik! Wenn -das wäre! Und die tapfere Zwergprinzessin ist ja wohl auch bei ihnen. -Nein! Wie ich mich freuen würde, die kleine schöne Tipekitanga wieder -einmal zu sehen!« - -Er mußte sich überzeugen und begab sich in das nächste Gemach, das jetzt -nordwärts schaute. Richtig! Da ragte die Gletscherkuppe des Ruwenzori -gewaltig empor und glänzte im Mondlicht. - -Kein Zweifel! Man befand sich unmittelbar in der Besitzung des Buren -Piet Rijn an den Ufern des Albert-Edward-Sees! John lächelte vor sich -hin; das war ein feiner Gedanke seines Herrn, seinen Schwiegervater -aufzusuchen. - -In der Farm Piet Rijns regte es sich zu derselben Zeit. Eine junge -blühende Frau hatte sich von ihrem Lager erhoben und schaute zum Fenster -hinaus. - -Sie rieb sich die Augen: was war das für eine ungeheure Kugel, die über -die Baumwipfel im Osten emporragte? Wie glitzerte die gewölbte -Oberfläche im Mondschein? - -Die junge Dame war Sannah, die Tochter des Farmers Piet Rijn, die zur -Zeit mit ihrem Gemahl, Doktor Otto Leusohn, einem deutschen Arzt, der -sich in Ostafrika niedergelassen hatte, zu Besuch auf der väterlichen -Farm weilte. - -Sie huschte an das Bett ihres Gatten und weckte ihn mit einem Kuß. - -»Otto,« sagte sie, »ich hatte einen so merkwürdigen Traum, als ob eine -große, große Kugel durch die Luft daherkäme, und, denke dir, wer -herausstieg?« - -»Nun?« - -»Meine Schwester Mietje und unser Schwager Charles Flitmore!« - -»Ein schöner Traum in der Tat,« sagte Leusohn lachend, da er gleich -völlig munter geworden war, wie es sich für einen Arzt ziemt. »Und nun -glaubst du wohl, er werde sich noch diese Nacht erfüllen?« - -»Ich weiß nicht! Aber wie ich zum Fenster hinausschaue, sehe ich die -Kugel meines Traumes über die Baumwipfel ragen.« - -»Das wäre!« rief Leusohn erstaunt und sprang aus dem Bett. Ein Blick -durch das Fenster überzeugte ihn, daß da allerdings etwas Fremdes und -Merkwürdiges ganz in der Nähe lagerte. - -»Wollen wir hingehen und sehen, was es ist?« fragte Sannah. - -»Ich bin dabei!« erwiderte ihr Mann. - -Während seine junge Frau sich eiligst ankleidete, klopfte er an die -dünne Bretterwand, die das Schlafgemach vom Nachbarzimmer trennte. - -»Was ist los?« fragte dort eine schlaftrunkene Stimme. - -»Ich weiß nicht,« antwortete Leusohn; »aber jedenfalls hat sich etwas -ganz Seltsames zugetragen. Sannah und ich wollen der Sache auf den Grund -gehen, willst du uns nicht begleiten, Hendrik.« - -»Selbstverständlich!« rief dieser zurück. »Ich mache mich gleich -fertig.« - -»Und ich gehe natürlich auch mit euch,« rief eine helle Frauenstimme aus -dem Nebengemach. Das war Leusohns Schwester Helene, die Gemahlin Hendrik -Rijns. - -Als Hendrik und Helene vollständig angekleidet waren und ihr -Schlafzimmer verließen, kam ihnen im Vorgemach eine schlanke -Mädchengestalt entgegen. - -Es war eine auffallend hübsche, wohlgewachsene kleine Negerin von -lichter Hautfarbe und mit prächtigen blitzenden Augen. In Wahrheit war -sie kein kleines Mädchen mehr, wie es auf den ersten Blick scheinen -mochte, sondern eine ausgewachsene Dame, aber aus dem Geschlecht der -Zwerge. Trotz ihrer vornehmen Geburt, denn sie war eine königliche -Prinzessin, diente sie Helene als getreue Kammerzofe und Mädchen für -alles, namentlich auch als Begleiterin auf Jagdausflügen; gab es doch -keine so treffliche Jägerin mehr in ganz Afrika wie das liebliche -Zwergfräulein. - -»Ihr wollt in die Nacht hinaus?« fragte die Kleine. »Tipekitanga wird -mit euch gehen.« - -»Das ist recht, du treue Seele,« lobte Helene Rijn und streichelte ihr -die zarte Wange. - -Jetzt erschien auch Doktor Leusohn mit seiner Gattin, die von ihrer -Dienerin Amina, einer auffallend hübschen Somalinegerin, begleitet -wurde. - -Sannah begrüßte ihren Bruder Hendrik und ihre Schwägerin Helene mit -einem Kuß; auch Otto Leusohn küßte seine liebe Schwester und seinen -Schwager herzlich, dann erzählte er den Traum seiner Frau und die -wunderbare Erscheinung, die man vom Fenster aus beobachten konnte. - -Währenddessen hatten sie sich schon ins Freie begeben und eilten in der -Richtung dahin, in der man zu der rätselhaften Kugel gelangen mußte. - -Als sie aus dem Ölpalmenwäldchen hinaustraten auf die freie Grassteppe, -standen sie staunend still; vor ihnen ragte der dunkle Koloß, eine -ungeheure schwarze Kugel. Der Mond war untergegangen und so sah die -dunkle Masse finster und drohend aus, als könnte sie im nächsten -Augenblick daherrollen und die Menschlein zu ihren Füßen zermalmen. - -»Die Kugel meines Traumes!« rief Sannah. - -»Deinem Traume nach müßte sich aber Mietje in ihrem Innern befinden,« -sagte Leusohn. - -»Da oben schaut ja ein Mann heraus,« rief nun Helene. - -Die dunkle Gestalt, die sich aus einer Lucke der Sphäre herausbeugte, -ließ nun auch ihre Stimme vernehmen: - -»Wenn ich mir gestatten darf, Sie an Ihrer mir immer noch wohlbekannter -Weise in lieblichster Erinnerung befindlichen Stimme erkennen zu dürfen -und Sie mir dieses nicht für übel aufzunehmen belieben, so wären ja -dieses Sie, Fräulein Helene oder vielmehr, weil ich mich darin immer -wieder verspreche, Frau Rijn und Herr Hendrik, sowie Fräulein Sannah -oder sozusagen jetzt Frau Doktor Leusohn mit ihrem wertesten Herrn -Gemahl?« - -Helene lachte hell auf. »Nein! Solche Redensarten führt kein Mensch auf -der Welt,« sagte sie, »als einzig und allein Johann Rieger, Lord -Flitmores edler Diener.« - -»Oho!« rief Leusohn. »Dann hast du doch wohl einen prophetischen Traum -gehabt, liebe Sannah! Wenn John da Auslug hält, dann dürften Schwager -Charles und Mietje auch nicht ferne sein.« - -»Nein, diese Freude!« jubelte John. »Aber entschuldigen Sie, wenn ich -meine bescheidene Persönlichkeit für einen Augenblick zurückzuziehen in -die Lage mich versetzt fühlen muß, indem daß die Sonne bereits ihren -Aufgang hält, wo ich verpflichtet bin, meinen gnädigen Lord zu wecken.« - -John verschwand und drunten plauderten die jungen Menschen ganz -aufgeregt und glücklich durcheinander: was war das für ein wunderbarer -Bau, und wie konnte Flitmore mit ihm von England nach Afrika reisen? -Aber die Hauptsache war: er war gekommen und Mietje mit ihm, ein -unerwarteter und gar so lieber Besuch! - -Zehn Minuten später beleuchtete schon die aufgehende Sonne das -Weltschiff, als Flitmore und Mietje in der Lucke erschienen. - -»Hurrah!« rief Leusohn: »Da sind sie ja!« - -»Hurrah!« antwortete der Lord: »Und ihr habt uns entdeckt? Willkommen, -Schwager Otto, willkommen, Schwager Hendrik! Willkommen, meine lieben -Schwägerinnen Helene und Sannah: die große Sannah kam, euch zu grüßen.« - -»Nein, daß ihr auch gerade hier seid, Sannah und Otto!« jubelte Mietje -herab: »Das ist gar zu schön! Und da ist ja auch unsre Zwergprinzessin -und die treue Amina!« - -»Jambo, jambo!« riefen die beiden Negermädchen frohlockend hinauf. - -Inzwischen hatte John die Strickleiter befestigt und der Lord und seine -Gattin beeilten sich hinabzusteigen. Gleich hinter ihnen erschien -Professor Schultze. - -Mietje und Sannah flogen einander in die Arme; Flitmore küßte herzlich -seine Schwäger und Schwägerinnen und sogar die kleine Zwergprinzessin, -die solcher Ehre wohl wert war. Ebenso innig begrüßte Lady Flitmore, als -sie sich aus der Schwester Armen herausgefunden, ihren Bruder Hendrik -und dessen Gattin, sowie den Doktor, ihren Schwager, und alsdann -Tipekitanga und Amina. - -Inzwischen hatte auch der Professor sich der Gruppe genähert und wurde -mit kräftigem Händeschütteln von den alten lieben Bekannten begrüßt, mit -denen er einst auf afrikanischem Boden so manches Abenteuer erlebt -hatte. - -Heinz und Heliastra waren mittlerweile ebenfalls der Sannah entstiegen. - -Sie waren hier noch unbekannt und blieben etwas abseits stehen; doch -wurden sie bald bemerkt und hohes Staunen erfüllte Hendrik und Leusohn -und deren Gattinnen, als sie die wunderliebliche Gestalt und das in -überirdischer Schönheit strahlende Gesicht des fremden Mädchens -erschauten. - -Sie verstummten und fühlten sich von einem seltsamen Zauber gefangen -genommen, der von dem engelgleichen Wesen ausging, das von einem -schneeweißen, zarten Gewebe umflossen vor ihnen stand. Sie bewunderten -diese blendende Erscheinung mit wahrer Andacht und frommer Scheu: sie -erschien wie ein Geschöpf aus einer andern vollkommeneren Welt, denn wie -konnte die Erde solche himmlische Reize hervorbringen? Und sie hatten -recht mit dieser Ahnung: Heliastra kam ja wirklich aus höheren Sphären. - -Aber neben diesem Gefühl ehrfürchtiger Bewunderung wallte zugleich in -aller Herzen eine beseligende Liebe zu der Fremden auf: sie fühlten sich -ganz wunderbar zu ihr hingezogen. Die Reinheit, Milde und herzgewinnende -Freundlichkeit, die aus diesem lieblichen, rosenschimmernden Antlitz -lachte, vor allem aber aus den großen Augen, deren zartes Blau auf Erden -nicht seinesgleichen hatte, mußten ja alle Seelen gefangen nehmen. - -Heliastra ihrerseits schaute mit liebendem Wohlgefallen auf die Gruppe, -ihr Herzchen klopfte vor freudiger Aufregung und wogte besonders ihren -neuen irdischen Schwestern entgegen. Wie schön und wie lieb sahen sie -aus, wenn sie auch nicht so ätherisch waren wie Glessiblora und die -andern Mädchen Edens! Selbst ihre dunkelfarbigen Erdenschwestern, die -feingliederige Tipekitanga und die rundliche Amina kamen ihr reizend -vor. - -»Wer ist dies himmlische Geschöpf?« stammelte endlich Sannah mit -fliegenden Pulsen. - -»In Wahrheit ein himmlisches Geschöpf!« sagte Mietje: »Denn wir haben -sie aus der himmlischen Welt der Fixsterne geholt. Und wie lieb und edel -sie ist, werdet ihr bald selber erfahren.« - -»Aus der himmlischen Welt der Fixsterne?« rief Helene ratlos. Was -sollten diese rätselhaften Worte bedeuten? Und doch! sie fühlte, daß ein -überirdisches Geheimnis allein der Wahrheit entsprechen konnte; denn daß -auf ein irdisches Wesen eine solche Anmut ausgegossen sein könnte, -schien ihr je länger je mehr völlig undenkbar. - -»Es ist so,« bestätigte der Lord: »Heliastra ist ein Gast aus den -himmelweiten Fernen der Fixsternwelt. Wie das alles zusammenhängt, -werden wir euch hernach erklären. Nun aber will sie unsre arme Erde als -ihre Heimat betrachten: eine edle Sehnsucht zog sie zu uns herab und die -Liebe ihres Herzens zu unserm edlen Freund Heinz Friedung, der ein Los -gezogen hat, wie es noch keinem Sterblichen zuteil wurde, außer etwa -mir, der ich eine Mietje Rijn zur Gattin gewann.« - -»Frevler!« rief Lady Flitmore und legte ihre kleine Hand auf des Lords -Mund: »Wie kannst du es wagen, mich mit einer Heliastra zu vergleichen!« - -»Das ist Heinz Friedung, der mit Ihnen Australien bereiste?« wandte sich -nun Doktor Leusohn an Schultze. - -»Gewiß! Eine Seele von einem Menschen und ein Held! Niemand hätte ich -ein solch goldenes Glück so freudig gegönnt, wie gerade ihm.« - -»Herzlich willkommen!« rief Leusohn und umarmte den jungen Mann, der ihm -aus des Professors Briefen längst bekannt und lieb war; ebenso stürmisch -begrüßte Hendrik den neuen Freund, worauf auch Sannah und Helene ihm die -Hand schüttelten. - -Dann eilten die jungen Frauen auf Heliastra zu; doch hielt sie immer -noch eine andächtige Scheu zurück, der Holden eine Zärtlichkeit zu -erweisen, zu der sie ihr Herz trieb. Sie fühlten sich unwürdig so hoher -Gunst und streckten ihr zaghaft die Hand entgegen. - -Heliastra aber schlang lächelnd ihre Elfenarme nach einander um Sannahs -und Helenes Hals und drückte warm ihre feinen Rosenlippen auf ihren -Mund. »Seid ihr nicht meine lieben Schwestern?« fragte sie dann -errötend. - -»Wenn wir es sein dürfen, mit Stolz und Freude!« erwiderte Helene und -Sannah fügte hinzu: »Ich glaube, ich werde niemand so lieb haben können, -wie dich, ausgenommen natürlich meinen lieben Mann.« - -»Ja, mein lieber Heinz geht auch bei mir allen andern vor,« sagte -Heliastra mit einem zärtlichen Blick auf ihren Gatten: »Aber dann sollt -gleich ihr kommen. O, ich habe so viel Liebe, es reicht für euch und die -ganze Welt!« - -Das ganze Gespräch wurde auf deutsch geführt, das Heliastra bereits -fließend sprach, und das aus ihrem Munde wie himmlische Musik und -Glockengeläute klang. - -Dann ging sie leichtfüßig auf Tipekitanga und Amina zu, die scheu -bewundernd beiseite standen, umarmte und küßte auch sie und sprach: »Ihr -seid doch auch meine lieben Schwestern von der Erde?« - -Amina war ganz stumm vor Glück und großer Verlegenheit, zugleich aber -hob sich ihr Herz in seligem Stolz. - -Tipekitanga aber sah die himmlische Schwester mit einem strahlenden -Blicke an und flüsterte nur: »O, liebe, liebe Herrin!« - -Hierauf reichte Heliastra Hendrik und Leusohn das durchsichtige Händchen -mit warmer Herzlichkeit; die Männer aber wagten nicht, fest zuzugreifen, -so zart erschien ihnen diese Elfenhand, auf die sie einen ehrerbietigen -Kuß drückten. - -Da aber plötzlich wurde es in der Höhe laut und der Zauberbann, den -Heliastras Erscheinung ausübte, wurde für eine Weile gebrochen. - -»O, schnöde Erde! O, jämmerliche, erbärmliche Menschheit!« grollte es -herab. »Also da sind wir wieder gelandet auf dem armseligsten aller -Planeten? Und da unten begrüßen sie sich und kein Mensch denkt an mich, -Kapitän Hugo von Münchhausen, den berühmten Abu Baten, Pascha seiner -Königlichen Hoheit des Khedive von Ägypten! Mich, mich lassen sie die -Begrüßungsszene verschlafen! Mich, die gewichtigste Persönlichkeit von -allen, behandeln sie als eine zu vernachlässigende Größe? Komm, -Heliastra, du Engelskind aus einer bessern Welt! Laß uns mit einander -diesen undankbaren Erdboden wieder verlassen und zurückkehren in die -seligen Sphären!« - -»Halloh! Münchhausen, unser herrlicher Kapitän, der schreckliche Abu -Baten!« rief es unten durcheinander. - -Dieser stürmische Jubel versöhnte den zürnenden Koloß und er turnte mit -erheiternder Gewandtheit die Strickleiter herab. - -Als er keuchend den Erdboden erreichte, umringten ihn die Freunde und -Freundinnen und grüßten ihn mit solch herzlicher Freude, daß er -erklärte: »Na Kinder! Wenn ihr mich denn doch so gern habt, so will ich -mich, wenn auch schweren Herzens, entschließen, wieder diesen heillosen -Planeten zu bevölkern!« - -Nun erst kam auch der bescheidene John herab, gefolgt von den -Schimpansen Dick und Bobs, und auch er wurde aufs freundlichste -willkommen geheißen. - -»Ah! Da steht ja auch unsre herrliche Zwergprinzessin!« rief -Münchhausen: »Komm an mein Herz, liebes Mädchen, fliege in meine Arme, -reizende Tipekitanga! Dein alter Onkel sehnt sich danach, dich an seine -treue Brust zu drücken!« - -»Halt, halt!« lachte Leusohn, als der Kapitän wirklich Miene machte, die -zarte Gestalt zu umarmen: »Sie würden ja unsre kleine Heldin erdrücken -und erwürgen. Für solch zerbrechliche Wesen sind Ihre Liebkosungen denn -doch zu gefährlich.« - -»Sie haben recht, wie immer, weiser Doktor,« sagte Münchhausen und ließ -die Arme wieder sinken. »Na, dann gib mir dein Patschhändchen, -vortrefflichstes aller Prinzeßchen!« Und er drückte ihr vorsichtig die -kleine Hand. - -Nun erschien auf einmal Piet Rijn, der greise Bure, auf der Bildfläche, -gefolgt von seinen übrigen Söhnen Frans, Klaas und Danie. - -Frans hatte von der Farm aus das Weltschiff in der Morgensonne strahlen -sehen, und da bald bemerkt wurde, daß Hendrik und Leusohn mit ihren -Frauen und deren Dienerinnen ausgeflogen waren, beschloß der würdige -Alte, nachzusehen, was dort drüben los sei. - -Hocherfreut umarmte er seine Tochter Mietje und seinen Schwiegersohn, -den Lord, begrüßte herzlich den Professor und ebenso Heinz und -Münchhausen, die Flitmore ihm vorstellte. Von letzterem besonders hatte -er ja durch seine Söhne, sowie Sannah, Helene und Leusohn des Rühmlichen -genug erfahren. Ebenso freudig bewegt begrüßten die Brüder Mietje, den -Lord und dessen Gefährten. Auch John wurde nicht vergessen. - -Mit hoher Bewunderung wurde auch die Perle der Gesellschaft, Heliastra, -willkommen geheißen, dann begab man sich gemeinsam nach dem Wohnhause -der Familie Rijn. - -Unterwegs schimpfte Münchhausen: »Nein, es ist doch ein wahres Elend auf -dieser Erde! Wie leichtfüßig war ich doch auf dem Planeten Eden! Ach! -Wenn ich an dieses Hüpfen und Schweben denke! Und jetzt? Eine Schinderei -ist es, solch einen stattlichen Leib, wie ich ihn besitze, schwerfällig -über den Erdboden zu schleppen!« - -Auch Heliastra hatte bemerkt, daß es sich auf Erden nicht so leicht -wandelte, wie in ihrer heimischen Welt. Sie machte einen Versuch, sich -wie dort in die Lüfte zu erheben, aber damit war es hier nichts! Mit -einer leisen, bedauernden Enttäuschung in der Stimme sagte sie zu ihrem -Gatten: »Heinz, hier kann ich nicht mehr fliegen!« - -»Wenn nur unsere Seelen fliegen!« erwiderte er tröstend. - -Doch Heliastras heiteres Gemüt überwand rasch die Enttäuschung. Zu was -wollte sie fliegen, wenn es ihrem Heinz doch versagt war? Und sie -schwebte so leichtfüßig über den Erdboden, dahin, wie kein Menschenkind -es vermochte. - -»Wie eine Elfe!« dachte Sannah. - -Helene und Sannah eilten nun voraus in die Farm, um mit Aminas und -Tipekitangas Hilfe einen tüchtigen Morgenimbiß zu bereiten, zu dem John -noch Früchte und Konserven von Eden aus der Sannah holen mußte, die -hohes Staunen erregten und den unkundigen Erdenkindern einen nie -geahnten Genuß bereiteten. - -Inzwischen wurde lebhaft geplaudert und zunächst in aller Kürze von der -wundersamen Weltfahrt berichtet. - -Wie ein Märchen klangen diese Berichte, und Leusohn meinte: »Wenn uns -Kapitän Münchhausen das alles erzählte, so wüßte ich ja, wo ich daran -bin; so aber kenne ich mich wahrhaftig nicht mehr aus! Und das alles -soll wirkliche, selbsterlebte Wahrheit sein und kein wunderbarer Traum?« - -»Hast du schon solche Früchte und Baumzweige gesehen und gekostet?« -fragte Helene ihren zweifelnden Bruder. »Gibt es Milch und Honig, Butter -und Fruchtsäfte auf der weiten Erde, wie diese paradiesischen Genüsse, -die uns aus einer fernen Welt gebracht und aufgetischt worden sind?« - -»Und vor allem,« fügte Sannah hinzu, als ihr Gatte seiner Schwester -daraufhin nichts zu erwidern wußte, »ist dieses engelgleiche Wesen, -Heliastra, nicht ein augenscheinlicher Beweis für die Wahrheit alles -dessen, was unsere staunenden Ohren vernehmen?« - -»Ihr habt recht, meine Lieben,« gab nun der Doktor zu, »und wenn ich -mich überzeugt habe, daß ich das alles nicht selber träume, dann muß ich -es ja schließlich glauben. In der Tat zweifle ich lebhaft, ob nicht -selbst unseres Kapitäns großartige Phantasie zu schwach wäre, solche -Wunder auszudenken.« - -»Oho!« verwahrte sich Münchhausen. »Warten Sie ab, bis _ich_ zu erzählen -beginne, etwa von den sechsbeinigen Marsmenschen und dergleichen!« - -»Und mir zu Ehren hast du dein märchenhaftes Fahrzeug »Sannah« -geheißen?« fragte Leusohns Gattin ihren Schwager Flitmore. - -»Gewiß! Und sie hat dir Ehre gemacht; sie hat sich treu und zuverlässig -erwiesen,« lautete die Antwort. - -Tipekitanga aber strahlte vor Stolz und Glück, als sie erfuhr, daß auch -sie einer so außerordentlichen Ehrung gewürdigt worden war, und daß ein -kleiner, aber an Wundern und zauberischen Reizen reicher Weltkörper -ihren Namen erhalten hatte. Ebenso stolz war Amina, daß ein Komet nach -ihr benannt worden war. - -Mehrere Wochen blieben unsere Freunde auf Piet Rijns Farm, glücklich -inmitten ihrer Lieben, dann nahmen sie Abschied, doch nicht auf immer. - -Sie bestiegen noch einmal die Sannah; Münchhausen wurde in Adelaide -abgesetzt; Professor Schultze, Heinz und Heliastra verließen endgültig -das Weltschiff, als es Berlin erreichte. - -Kurz darauf landete Lord Flitmore mit Mietje und John nebst den treuen -Schimpansen vor seinem Schloß in England, um zunächst hier zu verweilen, -später aber die Sannah zu einer neuen Weltfahrt praktischer auszurüsten -unter Benutzung aller Erfahrungen, die auf ihrer ersten Reise gemacht -worden waren, die er nur als eine Probefahrt ansah. - -Ein nochmaliger Besuch des Planeten Eden war für den Lord und Mietje vor -allem eine ausgemachte Sache; dies waren sie schon Heinz und Heliastra -schuldig, denen sie versprochen hatten, sie in ein paar Jahren dorthin -mitzunehmen, damit die Tochter Edens ihren Eltern und Geschwistern -berichten könne von dem segensreichen Wirken ihrer erbarmenden Liebe auf -der fernen Erdenwelt. - -Im übrigen war Lord Flitmore entschlossen, noch mehrere Weltschiffe nach -dem Muster der Sannah zu bauen, um einen regen Verkehr der Erde mit den -Planeten und der Fixsternwelt anzubahnen. - -Bei der nächsten Reise würde also vermutlich gleich eine wohlbemannte -Flotte von der Erde in den Weltraum sich erheben, und das schönste und -am vollkommensten ausgestattete dieser Weltschiffe sollte auch den -schönsten und würdigsten Namen tragen, den Namen »_Heliastra_«. - - - - - Nachweise. - - -Als Quellen für die astronomischen Tatsachen, die in die Erzählung -verflochten sind, dienten mir hauptsächlich: - -1. Einige Artikel aus Zeitungen und wissenschaftlichen Zeitschriften. - -2. Carl Snyder. »Die Weltmaschine«. Erster Teil: Der Mechanismus des -Weltalls. Autoris. deutsche Übersetzung von Dr. Hans Kleinpeter. Leipzig -1908. J. A. Barth. 451 S. - -3. Dr. Hermann J. Klein. Kosmologische Briefe über die Vergangenheit, -Gegenwart und Zukunft des Weltbaues. Für Gebildete. 3. Aufl. 1891. -Leipzig. Ed. H. Mayer. 308 S. - -4. Prof. Dr. Walter F. Wislicenus. Prof. an der Universität Straßburg. -Astrophysik. 2. Aufl. Leipzig. G. J. Göschen. 1903. 152 S. - -5. A. F. Möbius. Astronomie. 8. Aufl. bearbeitet von Prof. H. Cranz. -Stuttg. G. J. Göschen. 1894. 148 S. - -6. Prof. Dr. Zech. Himmel und Erde. Eine gemeinfaßliche Beschreibung des -Weltalls. München. R. Oldenbourg. 1870. 293 S. - -7. Dr. M. Wilh. Meyer. Sonne und Sterne. Stuttgart. Kosmos, Franckh. -1907. 106 S. - -8. Hermann J. Klein. Das Sonnensystem. 2. Aufl. Braunschweig. Vieweg. -1871. Bd. I 351 S. Bd. II 371 S. - -9. J. J. von Littrow. Die Wunder des Himmels. 5. Aufl. Stuttg. Gustav -Weise. 1866. 1024 S. - -10. Camille Flammarion. Urania. Übers. v. Karl Wenzel. Pforzheim. O. -Riecker. 1894. 234 S. - - * * * * * - -In folgendem bezeichne ich der Kürze halber Quelle 2 mit Sn. (Snyder), 3 -mit K. B. (Kosmologische Briefe), 4 mit W. (Wislicenus), 5 mit M. -(Möbius), 6 mit Z. (Zech), 7 mit Me. (Meyer), 8 mit K. (Klein), 9 mit L. -(Littrow), 10 mit F. (Flammarion). - -Kapitel 4. Geschwindigkeit des Lichts Sn. 29. 273. 275-76. Me. 87. Z. -46. M. 89-92 usw. - -Kapitel 5. Anziehungskraft, Schwerkraft, Gravitation M. 94-100. L. -677-700. Z. 140-144. Sn. 243-251. Erdbewegungen Sn. 224, 277, 307-308. -F. 191-195. Höhe der Atmosphäre M. 28. Absoluter Nullpunkt (-273°) K. B. -225. Große Inversion: »Daheim« Nr. 9, Jahrg. 1909 (28. Nov. 1908) -Sammlerdaheim. Kälte im Weltraum K. B. 224-225.[1] Theorie über die -Gravitation aus Anziehung und Abstoßung, über die Erfüllung des -Weltraums mit verdünnter Luft und über die Strahlung -- vom Verfasser -aufgestellt. - -[Fußnote 1: »Zur Guten Stunde« 1909, Heft 21, S. 500-502. (Felix Linke: -»Vom Luftmeer der Erde.«)] - -Kapitel 6. Lufthülle des Monds L. 464-465. W. 87-88. -Dämmerungserscheinungen K. B. 214 (Tyndall), 213-219. Sterne vor der -Mondscheibe L. 465. Wasserlosigkeit K. I 122-123. L. 464-465. -Allgemeines über den Mond und seine Ringgebirge K. I. 100-134. W. -63-105. L. 450-483. K. B. 197-235. Z. 167-183. M. 53-68. Gebirge bis zu -10000 Meter Z. 171. Veränderungen (Krater Linné und Messier) K. I -119-120. K. B. 204-206. 209-212. W. 94. Strahlenerscheinungen W. 81-82. -Rillen W. 80-81. Neubildungen W. 96-97. Farben und Pflanzenwuchs K. B. -216-223. 225. W. 97-98. Libration Z. 172. L. 468. Entfernung des Mondes -von der Erde Sn. 29. 337 usw. Rückseite des Mondes L. 457-458. - -Kapitel 8. Richtige Begriffe über die Erde und die Planeten im Altertum -Sn. 61. Aristarch Sn. 86-90. 107. Bion Sn. 66-69. Apollonius von Pergä -Sn. 90-91. Hipparch Sn. 90-91. Pythagoras Sn. 99. Eratosthenes Sn. -74-78. Archimedes Sn. 120-122. Strabo Sn. 78-79. Posidonius Sn. 92-94. -Demokrit Sn. 126-138. Cheopspyramide Sn. 70. Kopernikus Sn. 163. L. -164-168. Giordano Bruno Sn. 176. Möglichkeit der Unrichtigkeit des -Kopernikanischen Systems Sn. 161 (Anmerkg. des Herausgebers). Keppler -und seine Gesetze Sn. 180-184. L. 179-202. M. 79-80. Galilei Sn. -190-202. Newton Sn. 245. 249 (243-251). M. 94-100. L. 677-700. Z. -140-144. Cassini Sn. 221-223. Römer und Leverrier Sn. 223. Herschel Sn. -307-311. 290-291. Laplace Sn. 283-288. Bessel Sn. 318-319. - -Kapitel 9. Nichtexistenz der Marskanäle entdeckt von Prof. Hale (amerik. -Astronom). Sitzung der engl. Astron. Gesellsch. Staats-Anz. f. Württ., -Nr. 2, 4. Jan. 1910. Deutsche Reichspost, Nr. 3, 5. Jan. 1910. »Wie es -auf dem Mars aussieht« (Bewohnbarkeit) nach Prof. Edward S. Morse im -»World Magazine« (Das Neue Blatt, Berlin, 1906, Nr. 52, S. 822). -Entfernung des Mars Sn. 337. Mars K. B. 249-263 (Atmosph., Umlaufzeit, -Halbmesser, Dichtigkeit, Rotation, Jahreszeiten, Schneefälle, Bewölkung, -rote Farbe, Kanäle und ihre Veränderungen). W. 119-127. Z. 154-155. M. -108-110. K. I. 135-140. L. 150. 384-388. - -Kapitel 10. Tage und Jahreszeiten auf dem Mars K. B. 250-251. - -Kapitel 11. Riesige Regenwürmer der Vorwelt sind sehr wahrscheinlich. -Heute noch finden sich auf der Insel Kwidscheri im Kiwusee Regenwürmer -von mehr als 40 cm Länge und reichlich Daumendicke (^Benhamia spec.^). -Siehe: Adolf Friedrich Herzog zu Mecklenburg: »Ins innerste Afrika«, S. -184-185. - -Kapitel 14. Marsmonde M. 93-94 usw. - -Kapitel 15. Sternschnuppen und Meteore K. B. 149-180. W. 139-140. Z. -93-106. M. 125-130. K. I. 246-249. L. 706-709. Kometenähnliche Bahnen -der Meteorschwärme Sn. 256. Auflösung des Bielakometen Sn. 266 (siehe -auch Kapitel 18). Meteoriten innen kalt bei geschmolzener Oberfläche Sn. -421. K. B. 149-151. Boliden und Feuerkugeln K. B. 154. Meteore scheinen -aufgelöste Kometen K. B. 168. Meteoriten können vom Monde stammen, -Sternschnuppen nur von Kometen K. B. 175-178. Stoffe der Meteore K. B. -178-180. Geschichtliche Meteorfälle K. I. 263-344. Peary raubt den -Eskimos ihre Meteoreisensteine. General-Anzeiger Pforzheim, 22. Febr. -1910, Nr. 44. Unterhaltungsbeilage zur Deutschen Reichspost, 2. März -1910, Nr. 50. Diamanten in Meteorsteinen. General-Anzeiger Pforzheim, -22. Febr. 1910, Nr. 44. Meteoritenregen in Mugello. Deutsche Reichspost, -7. Febr. 1910, Nr. 30. - -Kapitel 16. Asteroïden oder Planetoïden Z. 156-160. M. 82-87. K. I. -141-154. L. 388-412. K. B. 264-266. W. 111-113. Sn. 292-295. Lufthülle -und nichtrotierende Brocken, eigene Theorie des Verfassers. Atalanta. K. -B. 265. Die Entdeckung der Planetoïden Z. 156-159. M. 82-83. Sn. -292-293. K. I. 141-142. L. 390-405. Gauß L. 391-392. Sn. 292-293. - -Kapitel 18. Kometenbahnen K. B. 109-110. Schweif: »Kometen und der -Halleysche Komet« von J. Franz, Breslau (Deutsche Revue, herausgegeben -von Richard Fleischer. Stuttg., Leipzig. Deutsche Verlags-Anstalt. -Januar 1910). Diesem Aufsatz sind auch über alle nachfolgenden Punkte -Einzelheiten entnommen. Schweif, ferner: Gen.-Anz. Pforzh., 1. Beiblatt -zu Nr. 27, 2. Febr. 1910 (auch Abstoßung). K. B. 122 (auch elektr. -Abstoßung). M. 119. K. I. 239-242. L. 496-502. Masse: D. Revue und Pf. -Gen.-Anz. wie oben. K. B. 114. 117. 124-125. M. 135-137. K. I. -245-246. L. 303-305. Kern: D. Revue und Pf. Gen.-Anz. wie oben, -Unterhaltungsbeil. z. D. Reichspost, 9. Febr. 1910, Nr. 32 usw. -Zusammenstoß mit einem Kometen: D. Revue und D. Reichspost wie oben. -Laplace. L. 532-534 usw. Frühere Kometenerscheinungen: Unterh.-Beil. z. -D. Reichspost, Nr. 303, 28. Dez. 1909. Halley-Komet: D. Revue wie oben. -M. 123. K. I. 257-259. L. 510-523. Bielakomet: M. 124. K. I. 252-255. L. -525-532. Septemberkomet 1882: M. 123. K. B. 139-140. Balgerei mit dem -Jupiter und Lexell-Komet: M. 123. Z. 88-89. K. B. 133-134. -Geschwindigkeit der Kometen: Sn. 262 usw. Kometen ferner: Z. 87-92. M. -116-118. K. I. 189-239. L. 493-570. W. 134-139. Leipziger Illustr. -Zeitg., Nr. 3456, 23. Sept. 1909 (Halley-Komet). Sn. 257-268. -Teufelsschlucht in Arizona: Unterh.-Beil. z. D. Reichspost, 12. Febr. -1910, Nr. 35. - -Kapitel 19. Jupiter: Sn. 338. K. B. 266-288. W. 128-129. Z. 160-161. M. -111. K. I. 155-160. L. 413-422. Jupitermonde: W. 130. M. 88-94. K. I. -160-166. Albedo: W. 85. 110-111. - -Kapitel 20-22. Saturn: W. 131-133. K. B. 289-296. K. I. 167-179. L. -422-438. Z. 162-164. M. 114-115. Dichtigkeit = spezif. Gewicht: W. 8. -Saturnmonde und ihre Entdeckung: Sn. 235. M. 92-93. K. I. 175-179. - -Kapitel 26. Uranus: Sn. 289-290. K. B. 297-300. W. 134. Z. 164. M. 116. -K. I. 180-182. L. 438-439. 4 Uranusmonde: W. 134. K. I. 182-184. M. 93. -L. 439-440. Neptun: Sn. 291-294. 299-300. 28-29. K. B. 301-302. W. 134. -Z. 164. M. 116. K. I. 185-187. L. 441-443. 752-772. Neptunmond: W. 134. -M. 93. K. I. 187-188. - -Kapitel 27. Die wörtlich angeführten Stellen siehe: Sn. 146-147. 115. -349. 350. 447. 381. 383. K. B. 182. 27-28. F. 77. 115. Verschiedene -Geschwindigkeiten: Zeitungsnotiz. Sn. 325. Z. 46. - -Kapitel 28. Aberration: Z. 44-55. Sn. 277. Z. 48-50. L. 121-136. Zahl -der Fixsterne: Me. 59-61 usw. Parallaxe: Sn. 317-319. Z. 36-44. Me. -8-10. K. II. 146-158. L. 100-110. Entfernungen der Fixsterne und -nächster Fixstern: Sn. 29. 319-320. 338. 353. M. 136. Sirius, Arktur, -Canopus, Rigel, Deneb: Sn. 321-323. Rigel: Pforzh. Beobachter, Beiblatt -zu Nr. 56, 7. März 1895. Spektralanalyse: Sn. 245. 330-331. W. 9-11. -29-36. Z. 22-30. K. II. 322-371. L. 292-299. Me. 77-79. Einteilung der -Fixsterne: Sn. 332. K. B. 9-16. W. 140-142. Me. 65. K. II. 18-36. -339-354. Eigenbewegung der Fixsterne: Sn. 333-334. M. 145-148. K. II. -111-145. L. 586-590. Me. 74-80. Dunkle Sterne: Sn. 177. 343-344. 352. -364. 369. Me. 73. M. 141. Lichtabsorption: Me. 63. K. II. 319-321. L. -583-584. K. B. 16. Veränderliche Sterne: Me. 66-68 (Miratypus). 68-69 -(Lyratypus). 70-72 (Algoltypus). M. 139-140. K. II. 74-99. 345 -(Miratypus). 352 (Algol). L. 573-574. 624-635. (Mira 627-628. Algol -628-629.) Unendlichkeit jenseits unsrer Erkenntnis: Me. 103-106. - -Kapitel 32. Doppelsterne: Sn. 351. 352-354. 355-356. Me. 73-82. M. -141-143. K. II. 47-51. 159-227. L. 590-623. Vielfache Systeme: Sn. 357. -Me. 73-82. M. 143. - -Kapitel 33. Bewohnbarkeit der Planeten: Sn. 176-177. K. B. 112-113. -207-209 (Korrespondenz mit den Mondbewohnern). 397. L. 443-449. - -Kapitel 35. Edison: »Wie unwissend sind wir! Wir wissen nicht, was -Schwere ist; auch kennen wir nicht die Natur der Wärme, des Lichts und -der Elektrizität .....« (Pforzh. Gen.-Anz., 14. Jan. 1910, Nr. 11.) - -Kapitel 38. Die Gesetze der Entstehung der menschl. Sprache hat der -Verfasser entdeckt. - -Kapitel 43. David Gill: »Rede über die Bewegung und Verteilung der -Sterne im Raum.« Jahrbuch der Naturkunde. 1909. (Leipzig, Karl -Prochaska.) Mappierung der Sterne: Me. 61. Sternnebel: W. 149-152. Z. -61-67. Me. 92-97. M. 144-145. K. II. 232-294. 354-361. L. 635-664. Zahl -der Sterne: Me. 59-61 usw. Milchstraße: Me. 98-103. K. II. 295-302. L. -581-582 usw. - -Kapitel 46. Neue Sterne: Sn. 362. K. B. 16-19. W. 146-149. Me. 84-91. M. -140. K. II. 100-110. - -Kapitel 47. Venus: Württemberger Zeitung, 9. Sept. 1909, Nr. 211, S. 17, -»Der Glanz der Venus«. Sn. 225. 337. K. B. 245-248. W. 111. 118-119. Z. -152. 154. M. 106-107. K. I. 62-74. L. 150. 360-384. Die Sonne: -Entfernung: Sn. 28. 29. 338. M. 46. Me. 10. Flecken: K. B. 60-80. W. -15-20. 51-52. Me. 25-34. 48-49. K. I. 10-17. 19-27. L. 306-326. Fackeln: -K. B. 80-82. W. 20-22. Me. 25-34. K. I. 17-18. L. 306. 326. Eruptionen: -K. B. 95-96. Protuberanzen: K. B. 82-83. 90-91. W. 23-26. Me. 25-34. K. -I. 36-39. L. 338-343. Photosphäre: Me. 24. K. I. 19-22. L. 306. 327-328. -Chromosphäre: K. B. 85-90. W. 23-26. Me. 24. 38. Korona: W. 26-27. Me. -25. 34-36. K. I. 31-36. L. 337-343. Helligkeit: W. 37. Wärme: Me. 15. -Granulation: Me. 23. Stoffe der Sonne: Me. 37-38. Größe, Dichte, Gewicht -usw.: Me. 22. - -Kapitel 48. Meteore innen kalt, wenn auch außen geschmolzen: Sn. 421. K. -B. 149-151. Merkur: K. B. 240. M. 106-107. W. 117-118. Z. 152-153. K. I. -56-61. L. 149. 351-360. - -Kapitel 50. Die hier neu auftretenden Personen sind den Lesern der -Erzählungen »Im Lande der Zwerge«, »Nach den Mondbergen« und »Ophir« -schon bekannt. - - * * * * * - -Zu dem Grundproblem meiner Erzählung finde ich nachträglich noch eine -Rechtfertigung in »Hans Dominik: Die Technik des zwanzigsten -Jahrhunderts«, wo wir auf Seite 74 lesen: »Kennen wir aber erst das -Wesen der Schwerkraft, so werden wir sie auch bald zu beherrschen -wissen. Und dann können wir den Blick von unserm Planeten fortwenden, -können als Beherrscher der Schwerkraft und im Besitze neuer, -unermeßlicher Energiequellen an die Eroberung unsers Sonnensystems, an -die Besiedlung andrer Planeten denken. Was vor kurzem noch eine -Ausgeburt der Phantasie erschien, kann über Nacht Realität gewinnen.« -Dem füge ich bei, daß die Beherrschung und Überwindung der Schwerkraft -gelingen kann, auch ohne daß wir zuvor ihr Wesen erkennen, beherrschen -wir doch die elektrische Kraft usw., ohne über ihr Wesen sichere -Kenntnis zu besitzen. - - * * * * * - - - - - - - Im Lande der Zwerge - - Abenteuer und Kämpfe unter den Zwergvölkern des innersten - Afrikas. -- Erzählung für Deutschlands Söhne und Töchter von - Wilhelm Mader. Mit zahlreichen Illustrationen. - - Preis Mark 4.50. - - Auf Grund wissenschaftlicher Forschungsergebnisse führt uns der - Verfasser die Pracht der afrikanischen Tropenwelt mit Wesen und - Sitten der schwarzen und weißen Bewohner vor Augen, namentlich - der hochinteressanten Zwergvölker Innerafrikas. Das alles - erfahren wir in lebendigem Erleben, teilnehmend an den - Jagdabenteuern und merkwürdigen Schicksalen einer Gesellschaft - von Forschungsreisenden, deren männliche und weibliche Mitglieder - der Leser liebgewinnen muß. Die erstaunlichen Rätsel, die uns auf - Schritt und Tritt begegnen und die Spannung aufs höchste - steigern, finden ihre zum Teil nicht minder erstaunlichen, stets - aber einleuchtenden und wissenschaftlich wohl begründeten - Lösungen. -- Obgleich das Buch eine abgeschlossene Erzählung - bildet, wird gewiß jeder Leser begierig sein, die ferneren - Schicksale der sympathischen Helden zu erfahren, wie sie in den - anschließenden Büchern »Nach den Mondbergen« und »Ophir« in - beständiger Steigerung geschildert werden, wo namentlich die - edelmütige, heldenhafte kleine Zwergprinzessin Tipekitanga - eine glänzende Rolle spielt. - - Verlag für Volkskunst, Richard Keutel, Stuttgart - - - Nach den Mondbergen - - Eine abenteuerliche Reise nach den rätselhaften Quellen des Nils. - -- Erzählung für Deutschlands Söhne und Töchter von Wilhelm - Mader. Mit zahlreichen Illustrationen. - - Preis Mark 4.50. - - Nicht etwa um eine Fahrt nach dem Mond handelt es sich, sondern - um eine Reise nach den rätselhaften Nilquellen, die den - geheimnisvollen »Mondbergen« der Alten entspringen. Den - Albert-Edward-See entlang, durch Ruanda, über die - Virunga-Vulkane, den Kiwu und Tanganjika zieht sich die Reise bis - zum Lokinga-Gebirge und macht den Leser mit Land und Leuten nach - den neuesten Forschungen gründlich vertraut, aber stets in - lebendig unterhaltender und anschaulicher Weise. Reich an - fesselnden und spannenden Ereignissen, erreicht die Erzählung - ihren Höhepunkt in den Schlußkapiteln, die dem Leser die - Geheimnisse der Nilquellen enthüllen, ihre überwältigenden Wunder - vor Augen führen und die Rätselfragen, die seine Erwartung spannten, - in großartiger Weise zur Lösung bringen. Erheiternd wirkt - zwischenhinein namentlich die mit köstlichem Humor gezeichnete - Gestalt Kaschwallas, des schwarzen Falstaff. - - Die Erzählung ist in sich abgeschlossen, bildet aber die Fortsetzung - zu »Im Lande der Zwerge« und wird selber fortgesetzt und - abgeschlossen durch »Ophir«, das dem Leser die ferneren Abenteuer - der ihm liebgewordenen Afrikaforscher schildert. - - Verlag für Volkskunst, Richard Keutel, Stuttgart - - - »Ophir« - - Abenteuer und Kämpfe auf einer Reise in das Sambesigebiet und - durch das fabelhafte Goldland Ophir. Erzählung für Deutschlands - Söhne und Töchter von Wilhelm Mader. Mit zahlreichen - Illustrationen. - - Preis Mark 4.50. - - Diese dritte und letzte der Erzählungen des Verfassers, die uns in - gediegenster Weise mit den Wundern Zentralafrikas vertraut machen, - ist, wie die andern, als selbständige, abgeschlossene Erzählung - gegeben; doch bildet sie zugleich die Fortsetzung und den - Abschluß der vorhergehenden (»Im Lande der Zwerge« und »Nach den - Mondbergen«). -- Umfangreicher als die beiden andern, läßt auch - sie den Leser vom ersten bis zum letzten Kapitel nicht los: all - die Rätsel des alten biblischen Ophir, südlich vom Sambesi, die - Irrfahrten, Abenteuer und wundersamen Erlebnisse der - heldenmütigen Forscher fesseln und steigern die Erwartung von - einer Episode zur andern. Das Buch enthält ganz großartige - Schilderungen, wie beispielsweise: die Überlistung der - Sklavenjäger, die Fahrt durch die Stromschnellen des Sambesi und - namentlich die mit staunenswerter Phantasie geschilderten - »springenden Wasser« mit den Geheimnissen, die sie beschützen: - das sind Wirkungen von ganz einzigartiger Gewalt! Der schwarze - Kaschwalla und der dicke Kapitän Hugo von Münchhausen sorgen - dafür, daß der Leser über dem Staunen und Ergriffensein das - Lachen nicht verlernt, während die Taten der Zwergprinzessin zur - Bewunderung hinreißen. Wer die Stunden, die er dem Lesen von - »Ophir« widmete, nicht zu den genußreichsten seines Lebens zählt, - dem ist nicht mehr zu helfen! Dem Genuß aber hält der Gewinn, den - der Leser daraus schöpft, die Wage. - - Verlag für Volkskunst, Richard Keutel, Stuttgart - - Preßstimmen über die Jugenderzählungen von W. Mader - - Ein vorzügliches Buch für die reifere Jugend, das in glücklichster - Weise Phantasie und Wirklichkeit verbindet, belehrend, - aufklärend, fesselnd von Anfang bis zu Ende. Der Bilderschmuck - ist ausgezeichnet. Wir stellen es neben den Robinson und über den - Lederstrumpf. - - (Christlicher Bücherschatz.) - - Der Verfasser führt in Gebiete, die noch in keiner Jugendschrift - beschrieben worden und die auch dem Gebildeten nahezu unbekannt - sind. Namentlich aber um seines sittlichen Gehalts willen ist das - Buch christlichen Eltern für ihre Söhne warm zu empfehlen. - - (Quellwasser fürs deutsche Haus.) - - Mader vereinigt ein ganz erstaunlich ausgebreitetes und sicheres - Wissen mit einer geradezu bewundernswerten Einbildungskraft .... - Wie Mader beides zu befriedigen sucht, den Wissensdurst und den - Hunger der Einbildungskraft der Jugend, das verdient sicher ernste - Beachtung. Und wenn unsereiner im Alter auch noch gerne solche - Bücher für Knaben liest, so braucht er sich darum nicht zu - schämen. - - (Evangelisches Kirchenblatt für Württemberg.) - - -- -- So ergibt sich wieder ein durch und durch spannendes Buch, ein - Buch, das der Naturwissenschaft gleichsam vorauseilt und sich - doch von ihr nicht so berückt zeigt, um dadurch religiöse und - sittliche Werte in den Schatten stellen zu lassen. Die Freunde des - El Dorado werden das neue Buch Maders ihren Kindern gewiß wieder - gerne auf den Weihnachtstisch legen; ja es wird wahrscheinlich - noch eine größere Verbreitung finden. - - (Kirchlicher Anzeiger für Württemberg.) - - -- -- Das Ganze ist in packender, spannender Weise geschildert. Die - Spannung wächst von Kapitel zu Kapitel und man legt das Buch - nicht eher aus der Hand, bis das letzte Kapitel zu Ende ist. W. - Mader besitzt die Gabe zu schildern, seine Feder zeichnet ein - wunderbares Bild nach dem andern, ferne fremde Welten mit all dem - geheimnisvollen Zauber, der sie umgibt, tun sich dem Lesenden auf - und nehmen sein ganzes Interesse gefangen .... Für die Knabenwelt - kann neben El Dorado kaum ein passenderer Lesestoff für den - Weihnachtstisch empfohlen werden. - - (Generalanzeiger Reutlingen.) - - -- -- Auch wissenschaftlich ist das Buch von hohem Wert. Der - Verfasser stellt darin ganz neue, einfach großartige technische - Probleme auf, die er mit überzeugender Einfachheit löst. Durch - eine Art Münchhausenscher Abenteuer, die mit köstlichem Humor - dargestellt sind, werden die vielen Begebenheiten der Erzählung - angenehm gewürzt .... - - (Deutschlands Jugend, Berlin.) - - -- -- Die mannigfaltigen und unerklärlichen Abenteuer und - Erlebnisse, die das Leben der kleinen Gesellschaft täglich - ausfüllen und die sie bekannt machen mit dem Leben im australischen - Busch, sind ungemein spannend geschildert und dabei so lebendig, daß - der Leser die Begebenheiten mitzuerleben vermeint. - - (Ulmer Tagblatt.) - - - - -Anmerkungen zur Transkription - -Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Hervorhebungen, die im -Original g e s p e r r t sind, wurden mit Unterstrichen wie _hier_ -gekennzeichnet. Textstellen, die im Original in Antiqua gesetzt sind, -wurden ^so^ markiert. - -Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt -(vorher/nachher): - - [S. 4]: - ... nicht, dies ausdrücklich hervorzuheben: kein Mench kann - wissen, welche ... - ... nicht, dies ausdrücklich hervorzuheben: kein Mensch kann - wissen, welche ... - - [S. 13]: - ... Kolben und Metallgefässen verwahrte er die chemischen Stoffe, - aus denen ... - ... Kolben und Metallgefäßen verwahrte er die chemischen Stoffe, - aus denen ... - - [S. 36]: - ... der Sannah kaum in Betracht kommt und keinesfalls unsre - rasche Entferung ... - ... der Sannah kaum in Betracht kommt und keinesfalls unsre - rasche Entfernung ... - - [S. 46]: - ... weiß, ob sie nicht auf unsre Lungen eine gefährliche, - vielleicht tötliche ... - ... weiß, ob sie nicht auf unsre Lungen eine gefährliche, - vielleicht tödliche ... - - [S. 81]: - ... »Sie haben ja recht behalten, Lord,« gestand Schultzte nun - ein: »Aber rätselhaft ... - ... »Sie haben ja recht behalten, Lord,« gestand Schultze nun - ein: »Aber rätselhaft ... - - [S. 82]: - ... zu, daß der Widerstand der verhälnismäßig ruhenden - Weltatmosphäre sie ihrer ... - ... zu, daß der Widerstand der verhältnismäßig ruhenden - Weltatmosphäre sie ihrer ... - - [S. 95]: - ... athmospärischen Hülle umgeben, die sie vor der Reibung im - Weltraum ... - ... atmosphärischen Hülle umgeben, die sie vor der Reibung im - Weltraum ... - - [S. 117]: - ... nimmt man an, er habe eine besonders dichte Atmospöre; dies - ist ... - ... nimmt man an, er habe eine besonders dichte Atmosphäre; dies - ist ... - - [S. 144]: - ... das Zangenglied vom Leibe des Riesenskorpions, das nun von - weiteren ... - ... das Zangenglied vom Leibe des Riesenskorpions, der nun von - weiteren ... - - [S. 153]: - ... schleunigst den umheimlichen Ort verließ, obgleich die Gefahr - nun vorüber ... - ... schleunigst den unheimlichen Ort verließ, obgleich die Gefahr - nun vorüber ... - - [S. 167]: - ... wie begeistert Snyder die Genies der astronomischen - Wissenschaft lobt, nament- ... - ... wie begeistert Snyder die Genies der astronomischen - Wissenschaft lobt, namentlich ... - - [S. 240]: - ... wenn in solcher Höhe dort oben eine so herrliche Pflanzenwelt - fortkommt, ... - ... wenn in solcher Höhe dort oben eine so herrliche Pflanzenwelt - vorkommt, ... - - [S. 243]: - ... schloßen sich. ... - ... schlossen sich. ... - - [S. 256]: - ... Edens, durch das Dach ein; da die Villa einstockig war, - gelang allen der ... - ... Edens, durch das Dach ein; da die Villa einstöckig war, - gelang allen der ... - - [S. 289]: - ... erwarten zu dürfen, daß er die lautere Wahrheit sage; denn - Spässe, die ... - ... erwarten zu dürfen, daß er die lautere Wahrheit sage; denn - Späße, die ... - - [S. 312]: - ... Nacht kennt, die im Durchschniit 44 Erdentage währen, kehrte - beinahe ... - ... Nacht kennt, die im Durchschnitt 44 Erdentage währen, kehrte - beinahe ... - - [S. 330]: - ... Kapitel 6. Lufthülle des Monds L. 464-465. W. 87-88. - Dämmerungserscheinuungen ... - ... Kapitel 6. Lufthülle des Monds L. 464-465. W. 87-88. - Dämmerungserscheinungen ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Wunderwelten, by Friedrich Wilhelm Mader - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK WUNDERWELTEN *** - -***** This file should be named 50770-8.txt or 50770-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/7/7/50770/ - -Produced by Jens Sadowski - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - |
